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Janne Amedi
Heinz Nagler
Christoph Wessling
Essay
Die Bedeutung der Erneuerung der Altstadt
für die Entwicklung von Großkairo
Impressum
Essay
Die Bedeutung der Erneuerung der Altstadt für die Entwicklung von Großkairo
von Janne Amedi, Heinz Nagler, Christoph Wessling
Herausgeber:
Prof. Dipl.-Ing. Heinz Nagler
Lehrstuhl Städtebau und Entwerfen
Brandenburgische Technische Universität Cottbus
Konrad-Wachsmann-Allee 4
03046 Cottbus
Layout:
Christoph Wessling
Stefanie Wladika
Erstveröffentlichung in:
Altrock, Uwe et.al., Jahrbuch Stadterneuerung 2009, Schwerpunkt „Megacities und
Stadterneuerung“, Berlin 2009
Cottbus, 2010
2
Inhaltsangabe
Einleitung
5
Kristallisationspunkt Altstadt
6
Altstadt Kairo - Vergessen auf dem Weg zur Megacity
9
Die Altstadt heute
13
Der Al-Azhar-Park und die Sanierung in Darb Al-Ahmar
15
Gemeinschaftsaufgabe Stadterneuerung
19
Literatur
21
3
4
”We are losing our identity and history. Leaving Cairo in this current situation is no less tragic than the theft of
lraqi heritage during the American attack in 2003” (Serageldin, 2007). Dieser dramatische Vergleich untermauert
die Grundthese, dass die Altstadt ihre
wichtige Rolle für Großkairo verliert.
Die islamische Altstadt von Kairo, deren Ursprung auf die Dynastie der Umayyaden im 7. Jahrhundert und die Dynastie der Abbasiden im 8. Jahrhundert
nach Christi zurückgeht und die im 10.
Jahrhundert (969-1171) mit der Eroberung durch die Fatimiden zu Al-Qahira
zusammengefasst wurden, ist heute in
einem dramatisch schlechtem Zustand.
Außer der Sanierung der bedeutenden
Monumente wie der Al-Azhar Moschee
oder der Hussein-Moschee sowie erfolgreicher Sanierungs- und Erneuerungsmaßnahmen im Quartier Darb
Al-Ahmar durch den Aga Khan Trust
for Culture sind weitgehende Bereiche
der islamischen Altstadt durch Verfall der Bausubstanz, teilweise unbefestigte öffentliche Räume, eine sehr
hohe Bevölkerungs- und Belegungsdichte vorwiegend sozial schwacher
Schichten und informeller gewerblicher
Strukturen gekennzeichnet. Auch die
Altstadt des 19. Jahrhunderts, das so
genannte Khedivien-Kairo, weist heute
in Folge sozialer Segregation, extremer
verkehrlicher Belastungen und einer
fehlgeleiteten lmmobilienpolitik einen
teilweise desolaten und stark vernachlässigten Zustand auf.
Die gesamte Altstadt von Kairo, hier
definiert als die islamische Altstadt
innerhalb der fatimidischen und ayyubidischen Stadtmauern, sowie das moderne Kairo des 19. Jahrhunderts sind
kein homogenes Gefüge. Die Stadtentwicklung während der verschiedenen Epochen hat zu Überlagerungen,
Transformationen, Brüchen und Verwebungen in der Stadtstruktur geführt. ln
Kairo ist die Stadtentwicklung des 19.
Jahrhunderts unmittelbar angrenzend
und verwoben mit der islamischen
Altstadt angelegt worden. Zahlreiche
Straßendurchbrüche mit neuer begleitender Bebauung wurden durch die
Altstadt gelegt (Scharabi, 1989:54ff.).
Trotz der Verwebungen und Transformationen der unterschiedlichen archi-
tektonischen und städtebaulichen
Entwicklungsstrukturen der Altstadt
ist diese ein einmaliges und kulturell
unglaublich wertvolles Stadtensemble, welches, je tiefer man eindringt,
umso mehr fasziniert. Mohamed
Scharabi schreibt hierzu: „Das heutige
vielfältige, vielförmige und vieldeutige Erscheinungsbild von Kairo ist
das Resultat eines außergewöhnlichen
Zusammenstoßes des Orient mit dem
Okzident [...] wie konnte aus diesem
Zusammenstoß etwas entstehen, was
wir trotz aller Veränderungen noch
Kairo, die unverwechselbare Stadt AlQahira (=die Siegreiche), nennen können?“ (Scharabi, 1989:11) Und diese
Altstadt ist heute trotz erster Erfolge
der Stadterneuerung in ihrer Substanz und in ihrer Bedeutung als ein
wichtiger Kern des Großraumes Kairo
höchst gefährdet.
Ziele des vorliegenden Beitrags sind
die Herausarbeitung der dramatischen
Gefährdung der Kairener Altstadt im
gesamtstädtischen
Zusammenhang
Abb. 1: Grundstruktur der islamischen arabischen Altstadt und der Altstadt des
19. Jahrhunderts (Scharabi, 1989:
137)
Einleitung
5
und das Aufzeigen von Handlungsansätzen zur Erneuerung der Altstadt,
aufbauend auf den besonderen örtlichen Bedingungen und Erfahrungen in
laufenden Projekten. Besonders wichtig erscheinen die Leitfragen: Welche
Rolle kann und sollte die Entwicklung
der Altstadt im Zusammenhang mit
der Entwicklung des Großraumes Kairo einnehmen? Mit welchen Strategien
kann die Altstadt von Kairo sowohl als
bedeutender Kulturort als auch als alltäglicher Stadtraum für alle Kairener
erneuert werden? Welche Handlungsbereiche und Maßnahmen sind hierfür
von vorrangiger Bedeutung?
Kristallisationspunkt Altstadt
Die Geschichte Kairos mit verschiedenen Gründungskernen und mit heute im Großraum Kairo aufgegangenen
Satellitenstädten und New Towns
sowie mit den umfangreichen informellen Siedlungsentwicklungen seit
den 1950er Jahren hat eine polyzentrale Stadtstruktur mit relativ starken Eigencharakteristiken der verschiedenen
Stadtteile und Siedlungsbereiche hervorgebracht. ldentitätsträger von Kairo
ist heute nicht nur die Altstadt, ebenso bedeutend erscheinen besondere
Stadtlagen am Nil, die Pyramiden von
Gizeh oder mit Einschränkungen auch
die verschiedenen Stadtteilzentren der
Stadtteile des zwanzigsten Jahrhunderts, wie der Gründungskern von Heliopolis oder auch das neue Zentrum
„Star Center“ der größten Mall Ägyptens im selben Stadtteil.
Zum besseren Verständnis der Situation
der Altstadt werden im Folgenden zuerst
die verschiedenen Entwicklungsphasen
und Baustrukturen der Stadt Kairo dargestellt und darauf folgend die wichtigsten Daten des Stadtwachstums zu
einer Megacity zusammengefasst. Die
gesamtstädtische Struktur von Kairo
kann in drei Bereiche gegliedert werden:
erstens die Altstadt östlich des
Nils mit ihren heute kernstädtischen,
konzentrisch
angelegten
Erweiterungen zwischen Mitte des 19. bis
Mitte des 20. Jahrhunderts, die auch
die Nilinseln und die innerstädtischen
6
Kristallisationspunkt Altstadt
Stadtteile westlich des Nils umfassen;
zweitens, ein Ring von hochverdichteten, informellen Siedlungen um
die Innenstadt, der zum größten Teil
auf fruchtbarem Ackerland des Niltals
und -deltas seit den 1960er Jahren errichtet wurde, und
drittens die seit Beginn des 20.
Jahrhunderts formell geplanten und gebauten Vororte, GroßsiedIungen, Satellitenstädte und New Towns, die überwiegend in östlicher und westlicher
Richtung der Innenstadt in unfruchtbaren Wüstenbereichen liegen.
Die Struktur der islamischen Altstadt
folgt der hierarchischen Ordnung islamisch arabischer Altstädte mit einer
klaren Abstufung zwischen öffentlichen und privaten Bereichen und einer
klaren Funktionstrennung. Die wichtigsten öffentlichen Räume und Orte
sind die Stadttore und der zentrale Moscheebereich sowie die Straßenzüge,
die diese mit den Basarbereichen verbinden. Zwischen diesen Achsen liegen
die einzelnen Quartiere, die wiederum
ihr eigenes Zentrum mit Moschee- und
Basarbereich haben. Über Sackgassen
sind die einzelnen Wohnquartiere und
Nachbarschaften erschlossen, die zum
Teil bis heute eine geschützte private
Atmosphäre aufweisen. Die Kairener
Altstadt wurde jedoch nicht planmäßig angelegt. Die islamische Altstadt
ist aus älteren Siedlungskernen hervorgegangen, die durch die Fatimiden
(969-1171) ausgebaut wurden. Unter
ayyubidischer Herrschaft (1171-1250)
erfolgte eine umfangreiche Erweiterung dieser Altstadt. Innerhalb der
schrittweisen Entwicklung der Altstadt
ist die oben genannte Grundstruktur
enthalten, wurde jedoch durch die Straßendurchbrüche mit der Stadterneuerung und -erweiterung, beginnend im
Anfang des 19. Jahrhunderts unter dem
Pasha Mohammad Ali zum Teil überformt. Ebenso haben zahlreiche Gebäudeaufstockungen und Ersatzbaumaßnahmen der letzten Jahrzehnte zu
erheblichen Überformungen geführt.
Westlich der islamischen Altstadt erfolgten die bereits erwähnten Stadterweiterungen des 19. Jahrhunderts, die
durch einen weitgehend orthogonalen,
an europäischen Stadtstrukturen des
19. Jahrhunderts angelehnten, rationalem Stadtgrundriss gebildet werden.
Die prägende Baustruktur ist eine hochverdichtete, weitgehend geschlossene,
zumeist 25 bis 30 m hohe Bebauung
mit repräsentativen Stadthäusern.
In der Regierungszeit von Ismail Pasha (1863-1879) wurden große Teile
der heutigen Innenstadt sowie in einer
weitgehend offenen Baustruktur die
damaligen Villenstadtteile Zamalek auf
der nördlichen Nilinsel sowie Muhandisin westlich des Nils durch europäische
Architekten angelegt. Mit Beginn des
20. Jahrhunderts erfolgte die Errichtung des Villenquartiers Garden-City
am östlichen Nilufer. Ebenso wurden
in dieser Zeit die weiter vom Zentrum
entfernten Vororte wie Heliopolis oder
Maadi/ Helwan gegründet. Analog zur
europäischen Städtebaugeschichte zogen diese neuen Siedlungsbereiche die
wohlhabenderen und mittleren Einkommensgruppen der Bevölkerung an (Ifa,
2006:36).
Mit den 1950er Jahren und der Gründung der Republik Ägypten 1952
setzte das bis heute anhaltende starke
Bevölkerungswachstum von Kairo infolge natürlichen Bevölkerungswachstums sowie starker Landflucht ein.
Unter der sozialistischen Regierung
des Präsidenten Nasser (1954-1970)
wurden umfangreiche soziale Wohnungsbauprogramme gestartet, die
überwiegend östlich der Innenstadt
angesiedelt sind und als Wohnstätte
im Geschosswohnungsbau errichtet
wurden. Diese Stadtentwicklungsphase
von 1952 bis zum Sechstagekrieg mit
Israel war die erste Stadterweiterungsphase nach der Unabhängigkeit. Mit
der forcierten Industrialisierung und
der zunehmenden Landflucht nach der
Unabhängigkeit setzte auch die informelle Siedlungstätigkeit ein, die aufgrund des Wohnungsmangels in den
1960er Jahren stark zunahm und mit
den Flüchtlingsströmen vom Sinai und
aus Suez nach dem Sechstagekrieg eine
weitere starke Zunahme erfuhr. Mit den
1970er Jahren begann eine umfangreiche Verdichtung der bestehenden Innenstadtquartiere (Kenawy, 2005:11).
Aus ehemaligen Villenvororten wurden hochverdichtete Stadtquartiere.
Fortwährender Wohnungsmangel und
anhaltende Landflucht sorgen für eine
weitere Ausbreitung und Verdichtung
der informellen Siedlungen. 80 % der
Wohneinheiten, die zwischen 1970 und
1990 errichtet wurden, liegen in informellen Siedlungen. Gleichzeitig wurde
durch die Anlage von Satellitenstädten
in einem Radius von 90 bis 35 km um
die Innenstadt von Kairo im Rahmen
von Dezentralisierungsstrategien versucht, der zunehmenden Verdichtung
und Ausdehnung von Kairo entgegenzuwirken. Von diesen New Towns wurden von der Bevölkerung bis heute jedoch nur die angenommen, die einen
Bezug zur Kernstadt aufweisen und
heute Bestandteil des Siedlungskörpers
von Großkairo sind, wie 6th of October
im Westen oder 15th of May im Süden.
Mitte der 1990er Jahre setzte mit der
Planung von New Cairo City im Osten
und der umfangreichen Erweiterung
von 6th of October eine zweite Stadterweiterungsphase ein. Die Bauprojekte
dieser Anlagen waren an der Marktnachfrage ausgerichtet und umfassten
Gated Communities für wohlhabende
Bevölkerungsgruppen, Appartementanlagen für die Mittelschicht sowie
größere Büroansiedlungen, Shopping
Areale und ähnliches. Eine zusammenhängende Bebauungsstruktur besteht
zwischen diesen verschiedenen Be-
Abb. 2: Ausdehnung der Stadtfläche von Kairo
von 1800-1947 (eigene Darstellung)
Kristallisationspunkt Altstadt
7
reichen nicht. Für eine weitere Annäherung an die Herausforderungen zur
Erneuerung der Altstadt von Kairo ist
es erforderlich, wesentliche Daten der
gesellschaftlichen Entwicklung zu betrachten. Die genaue Einwohneranzahl
von Großkairo heute ist nicht bekannt,
die Angaben für die Megacity schwanken zwischen 15 und über 20 Millionen
Einwohnern, wobei ca. acht Mio. in der
Kernstadt und weitere ca. 8 Mio. Einwohner in der weiteren Agglomeration
leben. Mit etwa 16 Mio. Einwohnern in
Kairo leben hier ca. ein Viertel der Gesamtbevölkerung Ägyptens mit ca. 80
Mio. Einwohnern. Die Einwohnerdichte
in Kairo ist mit ca. 35.000 Ew./km² eine
Abb. 3: 8
Kristallisationspunkt Altstadt
Ausdehnung der informellen Siedlungen von 1952-2000 (eigene Darstellung)
der höchsten weltweit. Hierbei wird zugrunde gelegt, dass die Kernstadt 210
km² umfasst und acht Mio. Einwohner
hat. Das jährliche Bevölkerungswachstum von ca. 4 % liegt deutlich höher als
das demographische Wachstum von
2,6 %,was auf die anhaltend hohe Landflucht zurückzuführen ist. Bis 2025
prognostiziert das Ministry of Planning
ein weiteres Bevölkerungswachstum
für das gesamte Nildelta auf 35 Mio.
Einwohner (Ministry of Planning u. a.,
2004:4). Ägypten ist mit einem mittleren Pro-Kopf-Einkommen von knapp
1.300 US-Dollar pro Jahr (CIA, 2007) ein
Entwicklungsland. Die Verteilung des
gesamten Nationaleinkommens auf die
verschiedenen Bevölkerungsgruppen
zeigt, dass die ägyptische Gesellschaft
eine „zweistöckige“ Gesellschaft ist, wobei 86 % der Bevölkerung arm sind und
lediglich 14 % der Bevölkerung über
75 % des Nationaleinkommens verfügen (Habashi, 1996:14). Innerhalb Kairos offenbart sich das soziale Gefälle
der Zweiklassengesellschaft ebenfalls.
Hier sind rund 30 % der Stadtbewohner
wohlsituiert, und 70 % der Einwohner
Kairos gehören dem ärmeren Bevölkerungsanteil an. Von diesen leben weitere 30 % von lediglich jeweils gut 50
Euro/Jahr (Stand 2006). Diese Gruppe
unterschreitet deutlich die von der
Weltbank eingeführte Armutsgrenze
von 80 Cent/Tag.
Neben politischen Spannungen sind
Bevölkerungswachstum, Überbevölkerung der fruchtbaren Landesteile und
damit verbundener Verbrauch der natürlichen Ressourcen, wirtschaftliche
Schwäche sowie Bildungsarmut die
größten Probleme Ägyptens. In Kairo
kommen insbesondere noch die starke
Luftverschmutzung, der tägliche Verkehrskollaps in der Innenstadt sowie
das marode Abwassersystem und der
angestiegene Grundwasserstand in
der Altstadt hinzu. Betrachtet man in
diesem Zusammenhang das extreme
Wachstum Kairos seit den 1950er Jahren, wird deutlich, vor welchen Herausforderungen die Stadt steht. Während
Ende des 19. Jahrhunderts in Kairo ca.
630.000 Einwohner lebten, waren es
1945 bereits 1,9 Mio. Einwohner auf einer Fläche von 80 km². Heute leben im
Raum Großkairo auf einer Fläche von
500 km² ca. 16 Mio. Einwohner.
Altstadt Kairo – Vergessen auf
dem Weg zur Megacity
Die Bedingungen und Ursachen, die
zu der desolaten Situation der Altstadt
geführt haben, umfassen im Wesentlichen die Bereiche soziale Segregation,
Mietpreispolitik und Vernachlässigung
von Instandhaltungs- und Sanierungsarbeiten, informelle Siedlungstätigkeit, Verkehrsentwicklung sowie einen
generellen Machtverlust der Stadtentwicklungspolitik. Neben dem desolaten
baulichen Zustand weiterer Bereiche
der Altstadt stellt der zunehmende
Bedeutungsverlust der Altstadt eine
alarmierende
Entwicklungstendenz
dar. Dies betrifft auch die Altstadt des
19. Jahrhunderts und drückt sich hier
u. a. durch den vermehrten Wegzug
etablierter Institutionen aus. Hierzu
gehören das Behördenzentrum Mugamma am Tahrir Platz das Ägyptische
Museum, die Deutsche Botschaft oder
auch die American University of Cairo,
die beispielsweise nach New Cairo City
verlagert wird, wo bereits die German
University of Cairo angesiedelt ist. Die
seit den 1980er Jahren bestehende Entscheidung, das Ägyptische Museum in
den Bereich der Pyramiden von Gizeh
zu verlagern, folgt zwar logistischen
und Platzgründen und ist nicht auf
den Abstieg der Altstadt zurückzuführen, nichtsdestoweniger wird dieser
dadurch weiter beschleunigt. Ferner
liegen alle aktuellen wesentlichen lmmobilieninvestitionen außerhalb des
Altstadtbereiches. Neue Hotels werden
in den besser erreichbaren Vororten
angesiedelt, wie das neue JW Marriot
Hotel Cairo, das in Heliopolis errichtet
wurde.
Eine der Ursachen dieser Entwicklungstendenzen ist soziale Segregation.
Während die Abwanderung der wohlhabenden und einflussreicheren Bevölkerung aus der islamischen Altstadt,
die bereits im 19. Jahrhundert begann,
setzte mit dem Bau der ersten Vororte
im beginnenden 20. Jahrhundert auch
die soziale Segregation in den Quartieren des 19. Jahrhunderts und eine
extreme Suburbanisierungswelle der
wohlhabenden Kairener Gesellschaft
ein, die aus der Innenstadt in die neu
gebauten Vorstädte Maadi, Garden City,
Zamalek und Heliopolis zog. Gleichzeitig fand eine Land-Stadt-Migration
statt. Die zugewanderte Landbevölkerung zog in die mittelalterliche Stadt.
Die Folge war soziale Segregation, wobei die islamische Altstadt ein Wohnort für die einkommensschwachen
Bevölkerungsgruppen wurde (Mayer,
2001:1001). Die schlechten Wohnbedingungen und ein maroder Zustand
der Gebäude kennzeichneten schon damals diesen Stadtbereich, und die Kluft
zwischen der ärmeren Bevölkerung und
der privilegierten Oberschicht wurde
zunehmend größer.
Mit der Gründung der Republik Ägypten und der sozialistischen Politik unter Präsident Nasser veränderte sich
die Stadtentwicklungspolitik durch
die forcierte Industrialisierung, eine
Agrar- und Landreform und durch umfangreichen sozialen Wohnungsbau
sowie die Einführung einer restriktiven Mietpreisbindung grundlegend.
Durch die Mietpreisbindung wurden
die Altbaumieten auf dem Niveau der
1950er Jahre eingefroren. Ebenso wurden bei Neubauwohnungen restriktive
Mietobergrenzen eingeführt. Die Mieten wurden staatlicherseits so niedrig
gehalten, dass für die Eigentümer ein
Gebäudeunterhalt nicht mehr rentierlich war und es zu einem schnellen Verfall zahlreicher Gebäude kam (Meyer,
1996:97). Diese Mietbindungsgesetze
gelten bis heute und führen zu paradoxen Missständen am Wohnungsmarkt. So ist die Miete für eine Wohnung nach den Marktgesetzen 50 bis
150 mal höher als die gebundene Miete
für eine vergleichbare Wohnung (Stand
1998). Zusätzlich zur Miete fordern Vermieter heute ein so genanntes „Schlüsselgeld“, oder die Wohnungen werden
gleich zum Verkauf angeboten. Mit
der Mietpreisbindung wurde auch ein
gesetzlicher Kündigungsschutz eingeführt, was für Eigentümer eine spätere
Eigennutzung unmöglich macht. Konsequenz dieser lmmobilienpolitik ist einerseits, dass sich viele „Wohlhabende“
einen „Vorrat“ an Wohnungen für einen
späteren Bedarf oder zur Spekulation
anlegen, welche jedoch jahrelang leer
stehen (Meyer, 1996:102) und andererseits, dass sich die ärmeren Bevölkerungsgruppen auf dem formellen WohAltstadt Kairo - Vergessen auf dem Weg zur Megacity
9
nungsmarkt keine Wohnungen leisten
können. Ende der 1990er Jahre standen
in Großkairo ca. 1,8 Mio. Wohnungen
leer, obwohl gleichzeitig Wohnungsnot
herrschte und viele arme Familien unter sehr schlechten und beengten Bedingungen lebten (Habashi, 1996:14).
„Stadt ohne Wohnungen, Wohnungen
ohne Bewohner“ (Meyer, 1996:97) – damit sind zwei wesentliche Probleme der
Stadtentwicklungspolitik identifiziert:
erstens der Verfall der Altbausubstanz
durch mangelnde Wartung, Instandsetzung und Sanierung sowie zweitens die
umfangreiche Entwicklung informeller
Siedlungen auf Ackerland.
Für die zuziehende Landbevölkerung
sind die informellen Siedlungsbereiche
zumeist die einzige Möglichkeit eine
Unterkunft zu finden. Baulich sind die
informellen Siedlungen mittlerweile
Abb. 4: 10
höchst verdichtet. Die typische Baustruktur weist Parzellengrößen von 60
bis 140 m² auf, die fünfgeschossig, im
Extremfall auch zehn bis fünfzehngeschossig mit Stahlbetonskelettbauten
mit roher Ziegelausfachung in einfachster Art bebaut sind, wobei die
Überbauung der Grundstücke 100 %
beträgt und die Erschließungsgassen
nur zwei bis vier Meter breit sind. Heute machen die informellen Siedlungen
einen Großteil der Siedlungsbereiche
des ersten Stadterweiterungsgürtels
aus, und ca. die Hälfte der Bevölkerung
von Großkairo lebt hier. Die Bevölkerungsdichte der informellen Siedlungen
von Kairo ist extrem hoch und liegt zumeist über 50.000 Ew./km², zum Teil
auch deutlich über 100.000 Ew./km²,
in Einzelfällen bis zu 220.000 Ew./km²
(Sims, 2003:21). Bis in die 1980er Jahre
wurden die informellen Siedlungen von
Ausdehnung der Stadtfläche von Kairo 1800-2000 (eigene Darstellung)
Altstadt Kairo - Vergessen auf dem Weg zur Megacity
der offiziellen Stadtentwicklungspolitik
ignoriert. Befürchtungen vor politischer
Radikalisierung in den informellen Siedlungen haben ab 1993 die Initiierung
von Aufwertungsstrategien bewirkt.
Diese konzentrieren sich zum Großteil
auf die stadttechnische Versorgung.
Die Lebensbedingungen in den informellen Siedlungen sind jedoch bis heute höchst ärmlich und prekär, was sich
auch im Mangel von medizinischen, sozialen und bildungsbezogenen Einrichtungen ausdrückt (Ministry of Planning
u. a., 2004:11f).
Dauerstau und dichter Verkehrssmog
bestimmen die alltägliche Verkehrssituation in weiten Teilen der gesamten
Innenstadt von Kairo und sind eine weitere Ursache für den Bedeutungsverlust
der Altstadt. Neben der Bevölkerungszunahme haben auch der Anteil von
Pkw je Haushalt, die Anzahl der Fahrten
je Einwohner und die zurückzulegenden
Strecken sowie die benötigten Fahrtzeiten in den 1970er und 1980er Jahren erheblich zugenommen (Weltbank,
2000:5). Der Modal Split des Verkehrs
in Kairo hat sich im gleichen Zeitraum
deutlich zugunsten der Privat-Pkw, der
Taxen und der Mikrobusse (Steigerung von 22 auf 61 bei einem entsprechenden Rückgang des ÖPNV-Anteils
trotz Bau zweier U-Bahn-Linien, allerdings bei grober Vernachlässigung des
Bus- und Straßenbahnsystems). Trotz
eines Ausbaus der Hauptverkehrsstraßen mittels neuer Straßendurchbrüche
und dem Bau von 45 Hochstraßen hat
sich die Verkehrssituation nicht verbessert, jedoch sind die Straßen und
Platzräume, über die diese Hochstraßen führen, in ihrer städtebaulichen
Qualität so stark beeinträchtigt oder
zerstört, dass ein Aufenthalt hier
schnell unerträglich wird. Die extrem
schwierige verkehrliche Situation ist
heute auch die Hauptursache dafür,
dass wichtige Institutionen die Altstadt
verlassen, da ihre Erreichbarkeit nicht
mehr zuverlässig gewährleistet ist. Die
Stadtentwicklungspolitik wurde seit
den 1980er Jahren auf einen Stopp der
informellen Siedlungsentwicklung auf
Agrarland, eine Steuerung der Stadterweiterungen auf die New Towns in
Wüstengebieten sowie eine Verbesserung der Lebensbedingungen in armen
und unterentwickelten Stadtbereichen
beschränkt (Ministry of Planning u. a.,
2004:4). Dass die Altstadterneuerung
und die Innenstadtentwicklung keine
Priorität in der Stadtentwicklungspolitik einnimmt, ist höchst kritisch. Es
kann jedoch insgesamt ein Machtverlust der Stadtentwicklungspolitik festgestellt werden. Seit den 1990er Jahren
erfolgt die zweite Stadterweiterungsphase, mit der die großen Stadterweiterungsgebiete von 6th of October im
Westen ausgebaut und zu der die weit
reichenden Neubaugebiete von New
Cairo City im Osten der Stadt zählen,
von denen bis heute erst ein erster Teil
realisiert wurde. Die Masterplanung für
New Cairo City konzentriert sich auf
Abb. 5: Typologien der informellen Siedlungen
(eigene Darstellung)
Altstadt Kairo - Vergessen auf dem Weg zur Megacity
11
12
Abb. 6:
Ausdehnung der formellen Stadterweiterungen (eigene Darstellung)
Abb. 7: Siedlungsstruktur Großkairo (eigene Darstellung)
Altstadt Kairo - Vergessen auf dem Weg zur Megacity
die Definition des Hauptstraßennetzes
mit einer Maschenweite von ein bis
zwei Kilometern und der generellen
Bodennutzung. Die Baufelder innerhalb
dieses Hauptstraßennetzes von New
Cairo City werden zum Großteil an private lmmobilienentwickler veräußert,
die hier dann unterschiedliche Wohnanlagen für die Mittel- und Oberschicht
realisieren. Größere Arbeitsstätten- und
Industrieansiedlungen sind trotz der
erheblichen Größe des Stadtteils nicht
vorgesehen. Mit der Einrichtung der Polizeiakademie oder der German University in Cairo sowie zahlreichen weiteren
privaten Schulen und Hochschulen erscheint New Cairo City als bevorzugter
Standort für Bildungseinrichtungen.
New Cairo City, 350 Meter über NN
in der Wüste gelegen und mit gemäßigtem Klima gegenüber der Kernstadt
im Niltal, soll bis 2050 für insgesamt
2,5 Mio. Einwohner ausgebaut werden.
Öffentlicher Personennahverkehr ist
bisher nicht vorgesehen.
Für die gesamtstädtische Entwicklung
Kairos kann eine zunehmende Polarisierung festgestellt werden. Die Altstadt
verliert zunehmend bedeutende Institutionen und fortschreitende bauliche
Vernachlässigung verstärkt die seit
Jahrzehnten laufende soziale Segregation. Gleichzeitig wurden die umfangreichen informellen Siedlungen möglichst innenstadtnah an die bestehende
Stadt- und Infrastruktur angegliedert,
während die formellen Stadterweiterungen innenstadtfern in den westlich
und östlich der Innenstadt gelegenen
Wüstengebieten angesiedelt wurden. Da
in den informellen Siedlungsbereichen
arme Bevölkerungsschichten und in den
formellen Siedlungsbereichen überwiegend Bevölkerungsschichten mittlerer
und hoher Einkommen wohnen, verstärkt dies die weiteren sozialen und
wirtschaftlichen Abstiegstendenzen in
Altstadt und Innenstadt, die ihre Rolle
als gesamtstädtisch integrierte Kernbereiche verlieren.
Die Altstadt heute
Die bauliche Situation der Kairener
Altstadt ist insgesamt sehr schlecht,
jedoch stellt sich dies für die unterschiedlichen Bereiche analog zu deren
jeweiligen siedlungsstrukturellen Bedingungen und der jeweiligen räumlichen Einbindung sehr differenziert
dar. Grob teilt sich die Altstadt in den
mittelalterlichen Teil der islamisch arabisch geprägten Stadtquartiere sowie
in den nach europäischem Vorbild erbauten Bereich des 19. Jahrhunderts.
In der islamisch arabischen Altstadt
haben bautechnische Probleme durch
einen gestiegenen Grundwasserspiegel
und das Eindringen von Schadstoffen
aus dem großteils verrotteten Abwassersystem in die Fundamente sowie
die hohen Schadstoffbelastungen der
Luft, die bei hoher Luftfeuchtigkeit
und hohen Temperaturen Gestein und
Mauerwerk besonders angreifen, der
Bausubstanz in den vergangenen Dekaden schwer zugesetzt. Jedoch sind die
besonderen historischen Monumente,
die Stadttore, die bedeutenden Moscheen und Medressen sowie der am
südöstlichen Rand der mittelalterlichen
Altstadt gelegene Zitadellenbereich
und weitere bedeutende Sonderbauten
zum Großteil instandgehalten oder saniert. Entsprechend der altstädtischen
Struktur liegen zwischen diesen besonderen Einrichtungen und Bauten die
Hauptwege der islamisch arabischen
Altstadt, an denen auch die Basarbereiche liegen. Diese Hauptwege der
Altstadt sind überwiegend in mäßigem
Zustand. Während die zentralen öffentlichen Räume an diesen Hauptwegen,
wie der Midan Al Hussein zwischen der
Hussein- und der Al-Azhar Moschee,
weitgehend erneuert sind, sind diese
wichtigen historischen Achsen in ihrem weiteren Verlauf teilweise nur mit
einfachem Asphalt befestigt und in
einzelnen Bereichen auch unbefestigt.
Besucher der mittelalterlichen Altstadt
kommen beinahe ausschließlich zu den
zentralen Bereichen der Altstadt sowie
in die Hauptachsen. Die hier angesiedelten Basarbereiche und Händler bieten alltägliche Güter einfachen Standards sowie touristisch interessante
Produkte an. Die Gebäude entlang dieser Achsen sind ebenso in mäßigem bis
schlechtem Zustand. Dies gilt auch für
die Nord-Süd-Hauptachse der Altstadt,
für die Sharia El-Muizz Li-Din Allah vom
Bab El-Futuh im Norden zum Bab EsDie Altstadt heute
13
Suweia im Süden. Besonders prekär ist
die Situation jedoch in den jeweiligen
Wohnquartieren abseits der Hauptachsen. Teilweise unbefestigte Gassen,
Gebäudeleerstand und -verfall sowie
erhebliche bauliche Überformungen
durch einfache Neubauten, die zumeist
mit fünf und mehr Geschossen die historischen Strukturen brechen, prägen
die heutige Situation dieser Altstadtbereiche. Die Bevölkerung hier ist sehr
arm. Im Beitrag von David Sims zum
UN-Habitat Report on Human Settlements werden diese Bereiche teilwei-
Abb. 8: Islamisch arabische Altstadt (WARNER,
2005), gelb: Quartier Darb Al-Ahmar
14
Die Altstadt heute
se als informelle Siedlungen des Typs
„Deteriorated Historic Core“ behandelt
(Sims, 2003:6). Aufgrund der engen
Gassen, der Undurchlässigkeit des traditionellen Sackgassensystems und der
Armut der Bevölkerung besteht nur
wenig motorisierter Verkehr innerhalb
dieser Altstadtbereiche. Im Gegensatz
dazu sind die Straßendurchbrüche
durch die mittelalterliche Altstadt ganz
besonders vom motorisierten Verkehr
belastet. Extrem ist die Situation in der
Sharia Al-Azhal, die den Bereich zwischen Hussein- und Al-Azhar-Moschee
sowie die gesamte mittelalterliche Altstadt in Ost-West-Richtung zerschneidet und nur wenige Kreuzungsmöglichkeiten für Fußgänger und andere
Verkehrsteilnehmer bietet. Der Straßendurchbruch der Sharia Al-Azhar ist
jedoch auch eine der wenigen und die
wichtigste Ost-West-Straßenverbindung
in diesem Innenstadtbereich.
Während die Vernachlässigung der islamisch arabischen Altstadt bereits mit
der Stadterweiterung des 19. Jahrhunderts einsetzte, beginnt der Niedergang
dieser heutigen Altstadt des 19. Jahrhunderts erst mit der ägyptischen Unabhängigkeit der 1950er Jahre. Heute ist
ein Großteil der prächtigen Wohn- und
Geschäftsgebäude des 19. Jahrhunderts
infolge vernachlässigter Instandsetzung und Sanierung in schlechtem
Zustand. Die Baublöcke sind teilweise
von Gebäudeleerstand sowie von erheblichen baulichen Überformungen
durch gesichtslose Neubauten, häufig
mit fünfzehn Stockwerken und mehr,
gekennzeichnet. Besondere Gebäudeensembles nehmen keinen herausragenden Stellenwert in der Altstadt des
19. Jahrhunderts ein. Einzelne Gebäude und Ensemble wurden saniert, wie
das Kaufhaus Umar Efendi an der Sharia Rushdi Pasa, jedoch sind diese eine
Ausnahme. Besonders mangelhaft ist
der Zustand der öffentlichen Räume
durch die verkehrliche Überlastung.
Hier treten starke Konflikte auf, die
nicht nur durch den alltäglichen Dauerstau und den extremen Smog zum Ausdruck kommen, sondern auch durch
die Einzäunung von Fußgängerwegen
gegenüber den Fahrbahnen den Kampf
um öffentliche Flächen darstellen. Fußgängerüberwege sind hierbei, wie am
Ramses-Platz vor dem Hauptbahnhof,
mit Ketten gesichert, die jeweils von
der Polizei geöffnet werden, wenn die
Fußgängerampel auf Grün schaltet. Besonders betroffen sind die öffentlichen
Plätze, die ihren Schmuck- und Aufenthaltscharakter durch den Ausbau der
Hauptverkehrsstraßen durch Überbauung mit Hochstraßen sowie durch Fußgängerbrücken weitgehend verloren
haben.
Die Rolle der Kairener Altstadt für die
gesamte Megacity Kairo definiert sich
heute vorwiegend über die besonderen
historischen Ensembles innerhalb der
mittelalterlichen islamisch arabischen
Altstadt sowie über den „DowntownCharakter“ der Altstadt des 19. Jahrhunderts mit einigen bedeutenden Institutionen, immer noch bestehenden,
jedoch heute wenigen besonderen gastronomischen und kommerziellen Einrichtungen und mit Einschränkungen
über den Hauptbahnhof und dessen
Umfeld als wichtiger Verkehrsknoten.
Eine besondere Rolle im gesamtstädtischen Gefüge nimmt seit dessen Fertigstellung 2004 auch der östlich der
islamisch arabischen Altstadt angelegte
Al-Azhar-Park ein. Weiterhin bestehen
in der Altstadt des 19. Jahrhunderts
wichtige Institutionen wie der Abdin-Palast, heute Palast der Republik, das Museum für Islamische Kunst am AhmadMaher-Platz, welches die bedeutendste
Sammlung dieser Art aufweist, oder der
Esbekija-Garten am Opera-Platz. Nach
wie vor bestehen in der Downtown-Altstadt auch besondere gastronomische
Einrichtungen, wie das Cafe Riche oder
das alte Kaffeehaus Groppi, das früher
häufig von Nagib Machfus besucht wurde. Auf die Größe der Stadt bezogen
und im Vergleich zu weiteren Stadtteilen ist die Anzahl besonderer Cafes,
Bars und Restaurants jedoch sehr
spärlich. Die Altstadt des 19. Jahrhunderts ist bis heute auch ein wichtiges
Geschäftszentrum, jedoch beschränkt
sich der Standard der Geschäfte zum
größten Teil auf billige Produktionen.
Auch liegen bis heute zahlreiche Hotels in Downtown, doch auch hierbei
überwiegt heute die Anzahl der Hotels
sehr niedrigen bis mittleren Standards,
während die teureren Hotels außerhalb
der Altstadt, beispielsweise am Nilufer,
liegen und neue „First-Class-Hotels“
heute außerhalb der Innenstadt gebaut
werden. Der Verkehrsknotenpunkt des
Ramses-Hauptbahnhofes ist zwar bis
heute verkehrstechnisch wichtig, infolge mangelnder Bestandserhaltung
und Übernutzung sowie der städtebaulichen Überformung des großen
Ramses-Platzes vor dem Bahnhof durch
Hochstraßen und Fußgängerbrücken
weist dieser Bereich heute jedoch keine städtebaulichen Qualitäten mehr
auf. Mit der Errichtung des Al-AzharParks durch den Aga Khan Trust for
Culture hat die Kairener Altstadt aber
einen neuen, gesamtstädtisch bedeutenden Anziehungspunkt erhalten,
der innerhalb der Altstadtentwicklung
der letzen Jahrzehnte eine bemerkenswerte Ausnahme darstellt. Die hiermit verknüpfte Entwicklung, die auch
die Restaurierung der ayyubidischen
Stadtmauer und einen intensiven Erneuerungsprozess des angrenzenden
Darb Al-Ahmar-Quartiers betrifft, wird
als besonderer Erfahrungshintergrund
für
weitere
Stadterneuerungsmaßnahmen im Folgenden nachgegangen.
Der Al-Azhar-Park und die
Sanierung in Darb Al-Ahmar
Aufgrund der mangelnden Freiflächen
in Kairo versprach der Aga Khan auf
der Konferenz „The Expanding Metropolis: Coping with the Urban Growth
of Cairo” im November 1984, den Bürgern der Stadt Kairo eine Parkanlage zu
schenken. Sein Aga Khan Development
Network (AKDN) widmet sich bereits
seit 1967 einer lokal aufgebauten Entwicklungshilfe und ist die Dachorganisation des Aga Khan Trust for Culture (AKTC), welcher der Träger des
Darb-Al-Ahmar-Entwicklungsprojektes
ist. Leitideen und Grundprinzipien für
die Projekte des AKDN sind die drei
Grundprinzipien Ausrichtung auf eine
langfristige ökonomische Entwicklung,
Bewahrung oder Förderung eines sozialen Gleichgewichts sowie eine generelle Verbesserung der Lebensbedingungen, unabhängig von der Herkunft
und Religion der betroffenen und beteiligten Personen. Alle Projekte sind
mit lokalen Gruppen verbunden, und
stets wird versucht, weitere OrganisaDer Al-Azhar-Park und die Sanierung in Darb Al-Ahmar
15
tionen an den Projekten zu beteiligen,
um eine kritische Masse herzustellen,
die eine langfristige Projektverbundenheit gewährleistet. Innerhalb des
AKDN besetzt der AGTC den Schwerpunkt der physischen, sozialen, kulturellen und ökonomischen Revitalisierung von Dörfern und Stadtquartieren
in der islamischen Welt (AKDN, 2008).
Die Programme des AKTC umfassen
insbesondere den seit über 25 Jahren
bestehenden Aga Khan Award for Architecture und das Aga Khan Historic
Cities Programme, mit dem auch die
Erneuerung des Darb-Al-Ahmar-Quartiers gefördert wird. Das Historic Cities
Programme ist auf die Förderung der
Restaurierung und Erneuerung historischer Bauten und öffentlicher Räume
unter Wahrung des historischen Erbes
ausgerichtet, wobei eine soziale, ökonomische und kulturelle Entwicklung
integrierter Bestandteil sein muss.
Die Projekte des AKTC in der Kairener
Altstadt umfassen die Anlage des AlAzhar-Stadtparks, die Sanierung von
1,5 Kilometern der ayyubidischen
Stadtmauer in diesem Bereich sowie
die Erneuerung des angrenzenden Altstadtquartiers Darb Al-Ahmar. Diese
drei miteinander vernetzten Projekte
begannen Mitte der 1990er Jahre mit
der Anlage der 30 ha großen Parkanlage auf einem über Jahrzehnte brachliegenden Müllberg östlich der islamisch
arabischen Altstadt. Mit den Erdarbeiten auf dem ehemaligen Müllberg
wurde die ayyubidische Stadtmauer
in diesem Bereich freigelegt und deren Wiederherstellung und Sanierung
in das Projekt einbezogen. Die Diskussionen und Planungen zur Sanierung der Stadtmauer führten zu dem
Entschluss, das unmittelbar angrenzende Darb Al-Ahmar Quartier in die
Projektarbeit einzugliedern. Neben
diesen Projektbausteinen ist für das
Jahr 2014 der Bau eines „Urban Plaza“
nördlich des Parks vorgesehen. Mit
diesem stärker kommerziell ausgerichteten Projektbaustein soll langfristig der Unterhalt der Parkanlage und
der angrenzenden öffentlichen Räume
sichergestellt werden (El-Mikawi u. a.,
2007). Von den zuvor genannten einzelnen Sanierungs- und Erneuerungsprojekten verschiedener bedeutender
Monumente und einzelner Infrastruk16
Der Al-Azhar-Park und die Sanierung in Darb Al-Ahmar
turen in der Kairener Altstadt heben
sich die Erneuerungsprojekte des AKTC
deutlich ab, was im Besonderen für das
Darb-Al-Ahmar-Erneuerungsprojekt zutrifft und auf den komplexen und integrativen Entwicklungsansatz zurückzuführen ist.
Die Parkanlage ist aufgrund des extremen Mangels an öffentlichen Freiflächen in Kairo von besonderer Bedeutung. Das Gelände des Al-Azhar-Parks
liegt westlich der fatimidischen Altstadt
und des Wohngebiets Darb-Al-Ahmar.
Die ayyubidische Stadtmauer liegt in
diesem Bereich auf dem Standort der
vormaligen fatimidischen Stadtmauer.
Im Süden grenzt die neue Parkanlage
an die Sultan-Hassan-Moschee und die
Zitadelle. Östlich des Parks befindet
sich die „Stadt der Toten“, ein dicht
besiedelter Friedhof. Nach der Entmüllung wurde 1997 mit den Planungsarbeiten begonnen. Der öffentliche Park
wurde am 25. März 2005 offiziell eröffnet (Ifa, 2006:65). Die auf der östlichen
Parkseite freigeräumte ayyubidische
Stadtmauer bildet die physische Grenze zwischen dem Al-Azhar-Park und
dem Darb-Al-Ahmar-Quartier. Da die
unter Salah ed Din ab 1176 errichtete
Mauer unmittelbar mit der noch mittelalterlichen Bebauungsstruktur des
Darb-Al-Ahmar-Quartiers
verbunden
ist, musste mit der Sanierung der Mauer eine geeignete Umgangsform mit der
anschließenden Bebauung gefunden
werden. Die ägyptischen Gesetze zum
Umgang mit archäologischen Bauwerken schreiben jedoch vor, dass historische Monumente mit einem Abstand
von 30 Metern von weiterer Bebauung
freizuhalten sind. Dies widersprach jedoch dem Ansatz des Aga-Khan-Trusts,
das historische Erbe zu bewahren, da
die Mauer von jeher mit der angrenzende Bebauung verbunden war, zu
der auch historisch bedeutende Gebäudeensembles wie der Khayer-Bek-Komplex gehörten, dessen Sanierung auch
später erfolgte und in dem heute u. a.
ein „Mother and Child Health Center“
untergebracht ist. So wurde das Projekt
der Erneuerung des Darb-Al-AhmarQuartiers initiiert. Mit der Konzeption
dieses Altstadterneuerungsprojektes
konnten auch Kairener Archäologen
und Denkmalschützer davon überzeugt
werden, dass eine Freistellung der ay-
yubidischen Stadtmauer hier nicht angemessen ist (Bianca, 2003).
Das Quartier Darb Al-Ahmar gehört
mit ca. 90.000 Bewohnern zu den am
dichtesten besiedelten Gebieten Kairos. Die Mehrzahl der Bewohner ist
arm. Das durchschnittliche monatliche
Haushaltseinkommen einer fünfköpfigen Familie lag im Jahr 2003 bei 500
Ägyptischen Lira (LE), was 81 US-Dollar
entsprach. Die durchschnittlichen monatlichen Ausgaben für die Wohnung
machten lediglich 3 % des Haushaltseinkommens aus und lagen bei einer
fünfköpfigen Familie bei 16,2 LE oder
2,6 US-Dollar (AKCS-E, 2003). Die Wirtschaftsstruktur des Quartiers ist weitgehend informell und weist verschiedenste einfachste Handwerksbetriebe
und ähnliches auf (Ifa, 2006:65). Allein
im Darb-Al-Ahmar-Quartier wurden 65
historische Gebäude und mehr als hundert architektonisch wertvolle Wohnhäuser registriert (Siravo, 2001:40).
Wesentlich für das Erneuerungsprojekt
ist auch, dass 39 % der Haushalte des
Quartiers seit 10 Jahren oder länger in
ihren Wohnungen ansässig sind; 31 %
sind in ihren Wohnungen seit 21 bis
40 Jahren und lediglich 15 % sind in
ihren Wohnungen erst seit bis zu zehn
Jahren ansässig. Diese starke Bindung
zum Quartier wird auch dadurch ausgedrückt, dass 84 % der Bewohner von
Darb Al-Ahmar angeben, dass sie weiterhin im Quartier wohnen möchten
(AKCS-E, 2003).
In Kooperation mit dem Egyptian Swiss
Fund for Development, der Ford Foundation, der deutschen Kreditanstalt für
Wiederaufbau und der World Monument
Watch wurde das Stadterneuerungsprojekt für Darb Al-Ahmar gestartet.
Hierbei wurde versucht, ein Maximum
an Einbindung der zuständigen staatlichen ägyptischen Verwaltungen (Ciro
Governorate, Supreme Council of Antiquities, The Awqaf Department) zu
erreichen und gleichzeitig mit lokalen
Nichtregierungsorganisationen
und
den Bewohnern eng zu kooperieren.
Während sich die Zusammenarbeit
mit den ägyptischen Verwaltungen als
schwierig erwiesen hat, sich diese Zusammenarbeit bisher lediglich auf die
erforderliche Genehmigung der Projekte beschränkt und die angestrebte
langfristige Übernahme der Verantwortung für das Projekt durch die lokalen
ägyptischen Verwaltungen zur Zeit unrealistisch ist, bildet die Zusammenarbeit mit den verschiedenen örtlichen
Gruppen und den Anwohnern eine wesentliche Grundlage der Projektarbeit
(El-Mikawi u. a., 2007).
Das Darb-Al-Ahmar-Projekt umfasst die
Restaurierung besonderer historischer
Gebäude, die Instandhaltung und Sanierung von Wohnhäusern, den Ausbau
und die Sanierung der technischen Infrastruktur, die Einrichtungen von medizinischen und sozialen Angeboten,
Mikrokredite für Selbsthilfeprojekte
und für die Erhaltung und Sanierung
selbstgenutzter Gebäude, die Organisation der Müllbeseitigung sowie die
Einrichtung von Aus- und Fortbildungsstätten für die Bewohner des Quartiers.
Um eine ständige Einbeziehung der
Einwohner des Quartiers herzustellen,
ist die Aufstellung von entsprechenden
Selbsthilfe-Programmen einer der wesentlichen Aspekte des Projektes.
Hierzu gehören auch Projekte und
Maßnahmen zur Stärkung der sozialen
Gemeinschaft, wie Kinder- und Kulturarbeit, Ausbildungs- und Alphabethisierungsprogramme sowie die Einrichtung
eines Nachbarschaftszentrums.
Bis 2004 wurden bereits ein Gesundheitszentrum fertig gestellt, ein
altes Schulgebäude restauriert und
zwei Minarette rekonstruiert (AKTC,
2005:32ff). Ohne weiter reichende Eingriffe in die soziale und bauliche Struktur des historischen Quartiers wurden
die stadttechnische und verkehrliche
Infrastruktur verbessert. Kleine Nachbarschaftsplätze werden unter Beteiligung der Anwohner neu gestaltet, nicht
zuletzt um das soziale Leben im Quartier zu stärken (Schlösser, 2006:34).
Durch einen ständigen Abstimmungsprozess mit den Bewohnern wurden
die Bedürfnisse der Einwohner in die
Planungsprozesse integriert. Auch bei
der Sanierung der Wohnhäuser bildet
die jeweils spezifische Situation der
Bewohner eine wesentliche Grundlage
für die Organisation der erforderlichen
Arbeiten (Ifa, 2006:65). Bis 2005 konnten vor allem im Rahmen des Mikrokredit-Programms 19 Häuser für ca. 70
Haushalte renoviert werden. Bis 2008
Der Al-Azhar-Park und die Sanierung in Darb Al-Ahmar
17
sollten 200 Häuser saniert werden. Für
die Umsetzung der Sanierungsarbeiten
wurden auch die kleinteiligen Familienbetriebe (Schreinereien, Fliesenmacher, Tischler und Lederhersteller)
des Quartiers eingebunden. Insgesamt
wurden bis Ende 2004 mehr als 3,3
Mio. US-Dollar für die Entwicklung des
Quartiers vonseiten der Förderer investiert (Ifa, 2006:66). Derzeitiges Ziel des
Aga-Khan-Trusts ist es, die Sanierung
einer „kritischen Masse von 25 % der
Bausubstanz“ zu erreichen, verbunden mit der Erwartung, dass damit ein
selbstlaufender
Erneuerungsprozess
entsteht (El-Mikawi u. a., 2007).
Wesentliche Erfolge der dargestellten
Projekte des Aga Khan Trust for Culture in Kairo haben sich durch die Verknüpfung der verschiedenen Projekte
eingestellt. Mit dem Bau des Al-AzharParks hat der Bereich wieder eine gesamtstädtische Bedeutung und einen
Anziehungspunkt erhalten. Gleichzeitig mit dieser Attraktivitätssteigerung
des Stadtbereiches konnte auch in dem
angrenzenden Altstadtquartier Darb
Al-Ahmar eine Aufbruchsstimmung
erzeugt werden, die auch dadurch befördert wurde, dass an den Bauarbeiten zur Parkanlage ca. 400 Arbeiter,
die überwiegend aus Darb Al-Ahmar
kommen, beteiligt waren und heute
von den ca. 250 Personen, die im Park
mit seinen zwei großen Restaurantbetrieben beschäftigt sind, 35 % aus
den angrenzenden Quartieren kommen. Ebenso hat die Sanierung der
ayyubidischen Stadtmauer sowie die
Sanierung wichtiger weiterer baulicher
Monumente, wie der Umm-As-SultanShaaban-Moschee und des Khayer-BekKomplexes wesentliche Impulse für
die Beschäftigung und Ausbildung der
Bevölkerung hervorgebracht. Bei den
Restaurierungsmaßnahmen der ayyubidischen Stadtmauer sind ca. 200 Personen aus dem Quartier beschäftigt.
Aber nicht nur diese großen Vorzeigeoder Impulsprojekte tragen den Erfolg
der Erneuerungsmaßnahmen. Genauso
wichtig sind die in der Tiefe der Stadtfelder gelegenen kleinen Erneuerungsprojekte privater Wohnhäuser und der
Nachbarschaftsplätze. Gerade diese
zeigen, dass die Maßnahmen der infrastrukturellen Verbesserung und die
Projekte zur Stärkung der sozialen Gemeinschaft sowie die ernsthafte Beteiligung der Anwohner zu einer Annahme
der Entwicklungstätigkeit durch die lokalen Akteure geführt hat. Bereits heute wird im Quartier eine Verbesserung
der Lebensbedingungen der Bewohner
und eine Produktivitätssteigerung der
lokalen Betriebe festgestellt (Schlösser, 2006:36). Auch wenn diese Erneuerungsprojekte in Kairo nur einen
kleineren Teil der islamischen Altstadt,
Abb. 9: Downtown Kairo, Sharia Al-Azhar (eigenes Foto)
18
Der Al-Azhar-Park und die Sanierung in Darb Al-Ahmar
nicht aber die großen Altstadtbereiche
des Khedivien-Kairo umfassen, sind
sie für die Erneuerung der Altstadt insgesamt ein bedeutender Impuls. Hier
wird gezeigt, welche bauliche und sozioökonomische Qualität Erneuerungsmaßnahmen entfalten können und in
welcher Weise bestehende soziale und
wirtschaftliche Strukturen genutzt und
entwickelt werden können, um eine integrierte Entwicklung herbeizuführen.
Gemeinschaftsaufgabe
Stadterneuerung
Trotz des Bedeutungsverlustes und des
schlechten baulichen Zustandes der Altstadt ist diese der einzige Stadtbereich
von Großkairo, der für alle Bevölkerungsteile sowohl hinsichtlich des alltäglichen Lebens als auch bezogen auf
besondere Ereignisse einen besonderen
Bezugsort darstellt. Die fortschreitende
Polarisierung der Stadtentwicklung mit
einer Konzentration ärmerer Bevölkerungsschichten in der Innenstadt und
der angrenzenden informellen Siedlungen gefährdet diese bedeutende
Rolle der Altstadt jedoch zusehends.
Verschiedene Initiativen und Projekte
der letzten Dekaden zeigen, dass die
Gefahr eines Verlustes des Weltkulturerbes der islamisch arabischen Altstadt
und des Khedivien-Kairos des modernen Ägyptens des 19. Jahrhunderts
erkannt wurde. Genannt sei hier das
Konzept zur Sanierung der gesamten
Altstadt im Rahmen des „United Nations
Development Program“ 1997, welches
Grundlage für ein seit dem Jahr 2000
verfolgtes Programm des ägyptischen
Kulturministeriums wurde, nach dem
mehr als 80 Einzelbauwerke saniert und
für Besucher zugänglich gemacht werden sollten (Mayer, 2001:1001). Auch
zahlreiche nationale und internationale
Institutionen setzen sich für den Erhalt
und die Sanierung der Baudenkmäler in
Kairo ein. „[...] save the Cairo‘s magnificent buildings and its downtown architectural glory from further decay“ war
eine Schwerpunktforderung der vom
British Council am 23. Mai 2007 veranstalteten Versammlung zur Entwicklung von Downtown Cairo (Serageldin,
2007). Ein durchgreifendes Konzept
zur Erneuerung der gesamten Altstadt,
nicht nur im Sinne des bauhistorischen
Wertes, sondern auch als lebendiger
Stadtraum für Kairener und Besucher,
ist bisher jedoch nicht erkennbar.
Das Beispiel der Entwicklungs- und Erneuerungsprojekte des Aga Khan Trust
for Culture zeigt jedoch, in welche
Richtung eine Erneuerungsstrategie
Abb. 10: Al-Azhar Park Ayyubidische Stadtmauer und Darb AI-Ahmar Quartier (eigenes Foto)
Gemeinschaftsaufgabe Stadterneuerung
19
für die Altstadt gehen kann. Aus der
integrativen Vorgehensweise innerhalb
des Projektverbundes der Anlage des
Al-Azhar-Parks, der Restaurierung der
ayyubidischen Stadtmauer und der Erneuerung des Darb-Al-Ahmar-Quartiers
kann ein Entwicklungsansatz abgeleitet
werden, indem punktuelle, objektbezogene Investitions- und Impulsprojekte
über die Erneuerung wichtiger verbindender öffentlicher Räume miteinander verbunden werden. Ausgehend
von solchen „Konzentrationsachsen“
könnte sodann die Stadterneuerung in
die Fläche der Stadtfelder und damit
in die eher alltäglichen Quartiere oder
Baubereiche ausgedehnt werden. Mit
anderen Worten: Orte mit besonderer
Bedeutung und die Verbindungen zwischen diesen Orten als Initial erneuern
und gleichzeitig für die angrenzenden
Bereiche Programme starten, um an der
initiierten Entwicklung teilzuhaben und
diese auch für die Entwicklung der eigenen Nachbarschaft zu nutzen und anzueignen – eine solche Strategie kann
jedoch nur aufgehen, wenn diese auf
viele Beine gestellt wird. Dies ist auch
aus dem Grunde erforderlich, dass die
Kairener Stadtverwaltung bisher nicht
in der Lage war, einen integrierten
und komplexen Erneuerungsprozess
durchzuführen – d. h. nationale und internationale Institutionen sowie lokale
Initiativen, Interessens- und Bewohnergruppen sollten beteiligt werden. Dabei
sollte die Entwicklungstätigkeit nicht
auf bauliche Maßnahmen beschränkt
werden, sondern auch kulturelle, soziale und ökonomische Entwicklungstätigkeiten umfassen.
In der Stadtentwicklung nimmt die ägyptische Stadt und die Kairener Stadtverwaltung eine immer weniger wichtige
Rolle ein. Die Bevölkerung ist jedoch
trainiert darauf, ihr Schicksal selbst in
die Hand zu nehmen. Dieses Potential
der Selbstorganisation kann auch gezielt für die Stadterneuerung aktiviert
werden. Lehrreich hierfür können auch
die Erfahrungen mit der Aufwertung
der informellen Siedlungen in Kairo
sein. Auch hier wird in verschiedenen
Projekten eine Aufwertung der miserablen Lebensbedingungen durch die
Einbindung und Aktivierung der Bewohner und Gewerbetreibenden initiiert.
Gerade in den informellen Siedlungen
20
Gemeinschaftsaufgabe Stadterneuerung
ist die Mentalität der Selbstorganisation die Basis jeder Entwicklung. Die
Aktivierung und Nutzung bestehender
sozialer und ökonomischer Netzwerke
für die Entwicklung der Altstadt ist eine
der großen Herausforderungen für die
Stadterneuerung. Dies befreit den Staat
jedoch nicht von der großen Aufgabe,
die Infrastruktur und die öffentlichen
Räume zu erneuern und die dramatischen Verkehrsprobleme besser in
den Griff zu bekommen. Der „bottom
up“- Entwicklungsansatz, wie er mit Einschränkungen in Darb Al-Ahmar praktiziert wird, wird nicht ausreichen, um
die Altstadt als Gesamtensemble und
wichtigen Bezugsort aller gesellschaftlichen Gruppen der Megacity Großkairo
zu erneuern. Wichtig ist auch, dass die
nationale und die Kairener Politik die
Erneuerung der Altstadt als eine Priorität der Stadtentwicklung erkennen und
entsprechende Rahmenbedingungen
schaffen.
Die gewaltige Dimension der Aufgabe, die Altstadt von Kairo zu erneuern,
übersteigt die lokalen und nationalen
Möglichkeiten. Hier sollte sich auch
die internationale Gemeinschaft mehr
als bisher mit verantwortlich zeigen,
erstens, da hier einmalige historische
Werte liegen, zweitens, da die sozioökonomischen und baulichen Strukturen
hier ein Zusammengehen von Orient
und Okzident repräsentieren und drittens, da eine weitere soziale und kulturelle Polarisierung der verschiedenen
Bevölkerungsgruppen in Kairo eine
weitere Gefahr für den sozialen Frieden
in Kairo und Ägypten beinhaltet. Die Erneuerung der Altstadt von Kairo könnte
ein Beispiel für einen Austausch und
ein gemeinsames Miteinander einer
höchst heterogenen Stadtgesellschaft
und damit auch eines gemeinsamen
Identifikations- und Repräsentationsortes sein. Nicht nur soziale, politische
und bauliche Gründe erfordern eine Erneuerung der Altstadt, auch wirtschaftliche Aspekte sprechen in einem Land,
das erheblich vom internationalen Tourismus abhängig ist, und einer Hauptstadt, die wesentliches Gewicht in der
Region hat, für eine angemessene Erhaltung und Erneuerung der kulturhistorisch so wertvollen Altstadt.
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