LIEBES

Transcription

LIEBES
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Es gibt nur einen Mann fürs Leben.
Was aber, wenn es zwei Leben gäbe?
Aus dem Amerikanischen von Monika Schmalz.
592 Seiten. Gebunden € 19.95
Der Roman erscheint am 12. März
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lionel shriver
liebes
paarungen
roman
aus dem amerikanischen
vo n m o n i k a s c h m a l z
leseprobe
piper
münchen zürich
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Was als Zufall begonnen hatte, war zur Tradition geworden: Am sechsten Juli sollten sie mit Ramsey Acton an seinem
Geburtstag essen gehen.
Fünf Jahre zuvor hatte Irina zusammen mit Ramseys
damaliger Frau, Jude Hartford, an einem Kinderbuch gearbeitet. Jude hatte das Treffen angeregt. Sie schien unbedingt
einen Abend zu viert ausmachen zu wollen, um ihrer Illustratorin ihren Mann Ramsey vorzustellen. Oder, nein – »meinen
Mann, Ramsey Acton«, hatte sie gesagt. Irina vermutete, dass
Jude auf jene ermüdend feministische Weise stolz darauf war,
nicht den Namen ihres Mannes angenommen zu haben.
Aber es ist nun mal schwierig, Ignoranten zu beeindrucken. Als sie mit Lawrence damals im Jahr ’92 das bevorstehende Abendessen besprach, wusste Irina zu wenig, um zu
erwähnen: »Ob du’s glaubst oder nicht, Jude ist mit Ramsey
Acton verheiratet.« In dem Fall hätte sich Lawrence vielleicht
ausnahmsweise auf seinen Economist-Kalender gestürzt, anstatt zu nörgeln, dass sie diesen Pflichttermin doch dann wenigstens in die frühen Abendstunden legen könne, damit er
rechtzeitig zu Hause sein würde, um NYPD Blue zu gucken.
Ohne zu ahnen, dass sie im Besitz zweier Zauberworte war,
mit denen sich seine prinzipielle Abneigung gegen Geselligkeiten überwinden ließe, hatte Irina stattdessen zu Lawrence
gesagt: »Jude will mir ihren Mann vorstellen, Raymond, oder
so ähnlich.«
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Als sich aber das Datum, das sie vorschlug, als der Geburtstag jenes »Raymond oder so ähnlich« entpuppte, beharrte Jude darauf, dass der Abend zu mehreren noch viel
lustiger würde. Nach seiner Rückkehr in den Junggesellenstand ließ Ramsey zumindest so viel über seine Ehe durchblicken, dass sich Irina zusammenreimen konnte: Nach ein
paar Jahren waren die beiden nicht mehr in der Lage gewesen, sich fünf Minuten am Stück miteinander zu unterhalten.
Jude hatte die Gelegenheit am Schopf gepackt, ein tristes,
schweigsames Abendessen zu zweit zu umgehen.
Was Irina ein Rätsel war. Ramsey hatte in der Runde immer
einen recht netten Eindruck gemacht, und das eigentümliche
Unbehagen, das Irina selbst jedes Mal in seiner Gegenwart
befiel, würde doch sicherlich nachlassen, wenn man mit dem
Mann verheiratet wäre. Vielleicht hatte Jude es toll gefunden,
ihre Kollegen mit Ramsey zu beeindrucken, war aber selbst
nicht beeindruckt genug.
Zudem hatte Judes erschöpfende Fröhlichkeit immer einen seltsam hysterischen Unterton und kam ohne das ViererGremium nicht recht in Schwung. Dabei lachte sie wirklich
viel, auch über ihre eigenen Bemerkungen. Es war ein zwanghaftes, ablenkendes Lachen, mehr aus Anspannung denn aus
Humor geboren, ein Trick zur Maskierung und somit ein wenig unaufrichtig. Dennoch war ihr Bestreben, einem offenbar
tief empfundenen Leiden tapfer zu trotzen, mitleiderregend.
Ihr kurzatmiger Frohsinn weckte in Irina genau das Gegenteil – das Bedürfnis, nüchtern zu bleiben, mit tiefer, ruhiger
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Stimme zu sprechen, und sei es nur, um unter Beweis zu stellen, dass es durchaus akzeptabel war, ernst zu sein. Wenn
sich Irina also gelegentlich an Judes Benehmen störte, fand
sie sich in deren Gegenwart zumindest selbst nett.
Der Name von Judes Mann hatte Irina zunächst nichts gesagt, zumindest nicht bewusst. Dennoch, als Jude an jenem
ersten Geburtstag in den Savoy Grill stürzte und Ramsey neben ihr herglitt, durchzuckte Irina beim Blick in die graublauen Augen des groß gewachsenen Mannes ein Schlag, wie bei
dem kurzen Kontakt zweier unter Strom stehender Drähte,
was sie damals als ein visuelles Wiedererkennen deutete und
später – sehr viel später – als ein Wiedererkennen einer ganz
anderen Art.
Lawrence Trainer war kein prätentiöser Mann. Er hatte
zwar einen Forschungsauftrag bei einem renommierten Londoner Thinktank, war aber in Las Vegas aufgewachsen und
unerbittlich amerikanisch geblieben. Er war nicht als Erstes
losgelaufen, um in den örtlichen Cricketverein einzutreten.
Aber immerhin war sein Vater Golflehrer; er interessierte sich
also von Haus aus für Sport. Trotz seiner misanthropischen
Ader, die schuld daran war, dass er sich lieber alte Polizeiserien im Fernsehen ansah, als mit wildfremden Leuten essen zu
gehen, war er ein Mensch mit kultureller Neugier.
So hatte Lawrence schon in der Anfangszeit des gemeinsamen Londoner Exils eine Faszination für Snooker entwickelt. Da Irina diesen sehr britischen Zeitvertreib immer für
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eine undurchschaubare Variante von Billard gehalten hatte,
mühte sich Lawrence, ihr klarzumachen, dass Snooker viel
komplizierter und viel eleganter sei als das plumpe Spiel mit
der 8er-Kugel. Neben dem etwa 1,80 mal 3,60 Meter großen
Snookertisch nahm sich ein amerikanischer Billardtisch wie
ein Kinderspielzeug aus. Snooker war eine Sportart, die
nicht nur Geschicklichkeit erforderte, sondern strategisches
Denken, und die frühen Profis hatten gelernt, bis zu einem
Dutzend Stöße im Voraus zu planen und räumliche und geometrische Fertigkeiten zu entwickeln, vor denen jeder Mathematiker den Hut ziehen würde.
Irina hatte Lawrence in seiner Begeisterung für Snookerturniere im Fernsehen nicht gebremst, denn das Spiel strahlte
eine angenehme Ruhe aus. Das gläserne Klackern der Bälle
und das Prasseln höflichen Applauses waren ungleich beruhigender als die Schüsse und Sirenen der Polizeiserien. Die
Kommentatoren sprachen kaum lauter als im Flüsterton und
mit weichem, regionalem Akzent. Ihr Vokabular war voller
Andeutungen, ohne direkt schmutzig zu sein: ein langer Stoß,
sanfte Berührung, eine Rote lochen, an die Schwarze kommen. Obwohl es traditionell ein Sport der Arbeiterklasse war, herrschten beim Snooker Umgangsformen, wie man sie eher mit
dem Adel in Verbindung brachte. Die Spieler trugen Weste
und Fliege. Man fluchte nicht; Wutanfälle konnten den Spieler sogar Punkte kosten. Anders als das rowdyhafte Publikum beim Fußball, ja sogar beim Tennis – einst Tummelplatz
für Snobs, in jüngster Zeit jedoch auf Crash-Derby-Niveau
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gesunken – verhielten sich die Zuschauer eines Snookerspiels
mucksmäuschenstill.
Alles in allem bot Snooker also einen angenehmen Hintergrund, vor dem Irina neue Kinderbuchillustrationen konzipieren oder den Saum der Wohnzimmergardine nähen konnte. Nachdem sie dank ihres geduldigen Nachhilfelehrers
einen gewissen Sinn für das Spiel entwickelt hatte, schaute
Irina gelegentlich hoch, um einen Frame zu verfolgen. Mehr
als ein Jahr, bevor Jude ihren Mann namentlich erwähnte,
war Irina auf einen der Spieler auf dem Bildschirm aufmerksam geworden.
Hätte sie darüber nachgedacht – was sie nicht getan
hatte –, wäre ihr aufgefallen, dass er nie einen Titel geholt
hatte. Dennoch schien sein Gesicht immer wieder in den Endrunden der meisten ausgestrahlten Turniere aufzutauchen. Er
war älter als der Großteil der anderen Spieler, die eher um die
zwanzig waren; mit einigen wenigen strengen Falten in seinem länglichen, facettenreichen Gesicht konnte er aber höchstens knapp über vierzig sein. Selbst für eine Sportart mit so
strikter Etikette war er ein auffallend disziplinierter Spieler,
er hielt sich vollkommen gerade. Denn die Korrektheit der
Spieler war bis zu einem gewissen Grad auch nur aufgesetzt;
vielen Spielern wuchs ein Bierbauch, und schon mit dreißig
sahen ihre Gesichter verbraucht aus. Bei einem Präzisionsspiel wie diesem kam es häufig vor, dass Oberarme schlaff
und Oberschenkel dick wurden. Dieser eine Spieler aber war
schmal gebaut, mit eckigen Schultern und schlanken Hüften.
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Er trug immer das klassische, gestärkte weiße Hemd, eine
schwarze Fliege und eine charakteristische perlmuttfarbene
Weste – sein Markenzeichen vielleicht –, die mit weißer Seide
durchwebt war, eine filigrane Arbeit, die Irina an ihre eigenen
Zeichnungen erinnerte.
Als sie im Savoy Grill miteinander bekannt gemacht wurden, erkannte Irina Ramsey nicht als den Mann aus dem Fernsehen. Er war aus dem Kontext gerissen. Lawrence, der für Namen, Gesichter, Daten und Statistiken ein geniales Gedächtnis
hatte, konnte ihre anhaltende Verwirrung schnell ausräumen.
(»Wieso hast du mir nichts gesagt?«, hatte er gerufen. Es war
einer der seltenen Tage, an denen Lawrence Trainer als Bittsteller auftrat.) Beim Namen »Ramsey Acton« klappte sofort
eine Akte auf über einen Mann, der offenbar eine Ikone des
Spiels war, auch wenn er eine Art Relikt aus der Vorgängergeneration darstellte. Sein Spitzname »Swish« – dem amerikanischen Basketballsport entlehnt – war eine Huldigung an seine Fähigkeit, so sauber einzulochen, dass der Objektball nicht
einmal die Ränder der Tasche berührte. Er war bekannt für
seine Schnelligkeit und Geschmeidigkeit; er war ein impulsiver Spieler. Seit fünfundzwanzig Jahren war er Profi und dadurch berühmt geworden, dass er fünfmal im Finale gespielt
hatte und kein Mal Weltmeister geworden war. (1997 waren es
schon dreißig Jahre und sechs Finalspiele – und immer noch
kein Titel.) In Sekundenschnelle war Lawrence mitsamt seinem Stuhl an Ramseys Seite gerückt, und die beiden verfielen
in ein ausgelassenes Duett, das keinen Dritten duldete.
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Irina beherrschte die Grundregeln: Man musste abwechselnd einen roten Ball und einen bunten Ball versenken. Versenkte rote Bälle blieben versenkt; versenkte Farben kamen
zurück auf den Tisch. Waren alle Roten abgeräumt, mussten
die Bälle in einer vorgeschriebenen Reihenfolge versenkt
werden. Lawrence dagegen kannte die abgelegensten Regeln
des Spiels. Während er also salbungsvoll einige berüchtigte
Respotted Blacks zitierte, verpasste ihm Swish einen eigenen
Spitznamen: Anorak-Man. »Anorak«, im wörtlichen Sinn
eine unmodische Windjacke, war außerdem ein verbreiteter
Ausdruck für Trainspotter, Flugzeugspotter und alle, die die
Namen der ersten zehn Dartspieler der Weltrangliste auswendig lernten, anstatt sich um ein eigenes Leben zu bemühen. Doch die leicht abschätzige Titulierung war eindeutig
liebevoll gemeint. Und zu Lawrences Zufriedenheit sollte es
bei dem Namen bleiben.
Irina hatte sich ausgebootet gefühlt. Lawrence hatte schon
immer eine Tendenz, die Dinge an sich zu reißen. Irina hätte sich als zurückhaltend, ja sogar still bezeichnet, schlimmstenfalls als unscheinbar. Jedenfalls kämpfte sie ungern um
Gehör.
Als Irina und ihre Freundin an diesem Abend einen Blick
austauschten, verdrehte Jude die Augen himmelwärts, eine
Geste, die um eine Spur gehässiger war als ein nachsichtiges So sind sie halt, die Jungs. Jude hatte ihren Mann in den
Achtzigern während ihrer Journalistenphase kennengelernt,
als sie für das Magazin Hello! einen Promotion-Artikel schrei10
ben musste und Ramsey mehr oder minder ein Pin-up-Star
war; bei dem Interview hatten sich die beiden betrunken und
waren im Bett gelandet. Allerdings war aus Judes anfänglich
spärlichem Interesse an Snooker ein Desinteresse an Snooker
geworden, das schließlich in eine regelrechte Aversion mündete.
Lawrence schenkte der Frau, von der er als »seiner Frau«
zu sprechen pflegte, die zu heiraten er sich aber nie die Mühe
gemacht hatte, nicht die geringste Beachtung; Ramsey dagegen war besser erzogen. Er rückte den Stuhl in Irinas Richtung und verwahrte sich für den Rest des Abends gegen jede
weitere Fachsimpelei. Er lobte ihre Illustrationen für Judes
neues Kinderbuch und sagte: »Erste Sahne, deine Bilder. Haben mich echt beeindruckt.« Vor allem weil er mit so leiser
Stimme sprach, war der starke Südlondoner Akzent ein wenig gewöhnungsbedürftig. Er hatte eine Art, Irina anzusehen,
und zwar nur Irina, wie sie es schon lange nicht mehr erlebt
hatte, und, ehrlich gesagt, er machte sie damit nervös, ja verwirrte sie. Für eine erste Begegnung war sein Verhalten etwas
übertrieben, nicht direkt anmaßend, aber irgendwie dann
doch. Im Smalltalk war Ramsey jedenfalls eine Niete. Sobald
sie das Gespräch auf den Parteitag der Demokraten oder John
Major lenkte, verstummte er einfach.
Diskret übernahm Ramsey die Rechnung. Der Wein, und
es war reichlich geflossen, war nicht billig gewesen. Aber
Snookerprofis verdienten nicht schlecht, und Irina beschloss,
kein schlechtes Gewissen zu haben.
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An diesem ersten Geburtstag, seinem zweiundvierzigsten,
hatte er einen wirklich netten Eindruck gemacht. Dennoch
war sie erleichtert gewesen, als der Abend vorbei war.
Irina und Jude arbeiteten zusammen an einem zweiten
Kinderbuch – der unverhohlen manipulative Ton ihres ersten
Projekts, Ich räum so gern mein Zimmer auf!, hatte Eltern begeistert und Kinder entsetzt und für recht gute Verkaufszahlen
gesorgt. Und so etablierte sich die Viererrunde und wurde
mehrmals im Jahr wiederholt – was für Londoner Verhältnisse oft war. Für diese Zusammenkünfte war Lawrence
übrigens immer zu haben, und er benahm sich von Anfang
an, als wenn er Ramsey, von dem er seinen britischen Kollegen gern und oft erzählte, gepachtet hätte. Irina hatte ihre
Snookerkenntnisse zwar geringfügig vertieft, aber mit Lawrences enzyklopädischem Wissen konnte sie nicht mithalten
und versuchte es auch gar nicht erst. Stillschweigend kam
man überein, dass Irina mit Jude und Lawrence mit Ramsey
befreundet sei, wobei Irina sich fragte, ob sie dabei nicht vielleicht den Kürzeren gezogen hatte. Jude ging ihr ein wenig
auf die Nerven.
Auch das Essen, mit dem das zweite Jahr ihrer unbändigen Viererabende begann, fand an Ramseys Geburtstag statt.
Zwei Geburtstage hintereinander genügten, um die Sache
zur Regel zu erheben.
Weil es ihr unangenehm war, dass Ramsey jedes Mal an
seinem eigenen Geburtstag die Rechnung übernahm, hatte
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Irina im vierten Jahr, im Juli ’95, darauf bestanden, ihrerseits
den Abend auszurichten. Sie war in Experimentierlaune gewesen und hatte selbst gemachte Sushi-Platten gereicht – für
die Ramsey, wie sie inzwischen wusste, eine Schwäche hatte.
Anders als bei den kostbaren Restaurantportionen, bestehend aus drei Bissen Thunfisch und einem Blatt Plastikgras
mit Zacken, blieb neben den großzügigen Platten mit Handrolls und Makis auf ihrem Esstisch in Borough kaum noch
Platz für die Teller. Sie stellte sich vor, dass Ramsey sicherlich
andauernd gefeiert wurde, und sorgte sich, dass sie mit ihrem vorsichtigen Vorstoß in die japanische Kochkunst seinen
kulinarischen Gewohnheiten nicht gerecht werden würde.
Stattdessen aber war er von ihren Bemühungen so überwältigt, dass er den ganzen Abend kaum ein Wort herausbrachte. Er war so verlegen, dass es Irina peinlich war, ihn in
Verlegenheit gebracht zu haben, wodurch die Befangenheit,
die ihre wenigen direkten Wortwechsel auszeichnete, noch
schlimmer wurde, und Irina war heilfroh um die beiden anderen als lärmende Pufferzone.
Ja, und dann kam letztes Jahr. Sie und Jude hatten sich richtig gestritten und den Kontakt abgebrochen. Jude und Ramsey hatten sich noch mehr gestritten und die Ehe beendet.
Sieben Jahre waren für eine Ehe zwar nicht lang, bedeuteten
aber für die Betroffenen unglaublich viele gemeinsame Abende, und bestimmt hatten sie es nur deswegen so lange miteinander ausgehalten, weil Ramsey so viel unterwegs war. Wäre
es nach Irina gegangen, hätten sie ihre lose Freundschaft mit
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Ramsey Acton an diesem Punkt versanden lassen können. Sie
hatten sich nichts zu sagen, und sie fühlte sich in seiner Gegenwart nicht wohl.
Aber Lawrence war wild entschlossen, diesen B-Promi aus
dem deprimierenden Kreis derjenigen zu retten, mit denen
man irgendwann einmal befreundet war, inzwischen aber, oft
aus keinem vertretbaren Grund, keinen Kontakt mehr hatte.
Trotz seines Abstiegs in der Weltrangliste gehörte Ramsey
noch immer zu den Snookergrößen. »Außerdem«, sagte Lawrence, »der Mann hat Klasse.«
Da Irina selbst zu schüchtern war, musste Lawrence bei
ihm anrufen, um ihn zum Essen einzuladen. Irina hatte die
Hoffnung, dass Ramsey ablehnen würde. Aber nein, nach
dem Telefonat verkündete Lawrence, dass Ramsey sofort zugesagt habe, und fügte hinzu: »Er scheint wohl gerade etwas
einsam zu sein.«
»Er rechnet doch hoffentlich nicht wieder mit einer SushiPlatte«, sagte Irina besorgt. »Ich will ja nicht knauserig wirken, nachdem er uns so oft eingeladen hat. Aber die hat viel
Arbeit gemacht, und ich wiederhole mich ungern.« Irina war
eine stolze und passionierte Köchin, die sich niemals zu Salatherzen aus der Tüte hätte hinreißen lassen.
»Nein, er hat betont, dass du dir nicht so viel Arbeit machen sollst. Und denk auch an mich«, sagte Lawrence, der
den Abwasch besorgte. »Letztes Jahr war die Küche ein
Schlachtfeld.«
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Insofern fiel die Kost für Irinas Begriffe eher schlicht aus:
geschnetzeltes Wild in Rotweinsoße mit Shiitakepilzen und
Wacholderbeeren, ein bewährtes Gericht für Notfälle. Ramsey aber war genauso überwältigt wie im Jahr zuvor. Diesmal
fragte sich Irina allerdings, ob es wirklich nur das Essen war,
das den Gast in solche Begeisterung versetzte. Sie hatte, vielleicht um einer Mahlzeit, die sie schon mehrere Male gekocht
hatte, eine neue Note zu verleihen, ein ärmelloses Kleid aus
dem Schrank gezogen, das sie schon seit Jahren nicht mehr
angehabt hatte. Das Teil war wohl ganz hinten im Schrank
gelandet, weil die Träger – wie sie jetzt wieder feststellte –
etwas zu lang waren und ihr ständig herunterrutschten. Die
weiche blassblaue Baumwolle mit Latexanteil schmiegte sich
über ihre Hüften; der Saum war so hoch, dass sie ihn sich
jedes Mal beim Hinsetzen über die Oberschenkel ziehen
musste. Sie hatte keine Ahnung, was in sie gefahren war, in
derart provokanter Aufmachung vor einem frisch geschiedenen Mann herumzuspringen. Das Reh war es jedenfalls nicht,
das den ganzen Abend Ramseys Blicke auf sich zog.
Zum Glück hatte Lawrence offenbar nichts davon mitbekommen. Was ihm dagegen auffiel, war, dass Ramsey nicht
nach Hause gehen wollte. Selbst bei Snookerikonen war Lawrences Lust auf Geselligkeit begrenzt, und als es zwei Uhr
schlug, hatte Ramsey sie reichlich überstrapaziert. Schwungvoll räumte er den Tisch ab und spülte am anderen Ende des
Flurs unter Poltern das Geschirr. Vorwurfsvoll krachten die
Töpfe aus Richtung der Küche, und Irina saß mit Ramsey
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alleine da und suchte panisch nach Gesprächsstoff. Jedes
Mal, wenn im Wohnzimmer endlich der Ball ins Rollen kam,
spazierte Lawrence munteren Schrittes herein, um den Tisch
abzuwischen und Kerzenwachs abzukratzen, ohne Ramsey
eines Blickes zu würdigen. Ramsey sah geflissentlich über das
unhöfliche Benehmen seines Gastgebers hinweg und schenkte noch einmal Wein nach. Erst nach drei Uhr morgens, und
auch nur widerwillig, nahm er seinen Queuekoffer und ging.
Daher hatten sich die drei das ganze letzte Jahr kein einziges Mal getroffen, fast als hätten Irina und Lawrence so lange
gebraucht, um sich von jenem Abend zu erholen. Aber Lawrence hegte keinen Groll und stimmte Irina zu, dass Ramsey
zwar sehr elegant Snooker spiele, in gesellschaftlichen Dingen aber eher unbeholfen sei. Überdies war Lawrence durch
Freikarten zu sämtlichen Turnieren der folgenden Spielsaison
für den versäumten Schlaf mehr als ausreichend entschädigt
worden.
Es war wieder Juli. Aber dieses Jahr war alles anders.
Vor wenigen Tagen hatte Lawrence aus Sarajewo angerufen, um sie an Ramseys bevorstehenden Geburtstag zu erinnern. »Ach so, ja«, hatte sie gesagt. »Stimmt. Hatte ich ganz
vergessen.«
Irina ärgerte sich über sich selbst. Sie hatte den Geburtstag keineswegs vergessen, und es war albern, so zu tun als
ob. Schon bei den kleinsten Abweichungen von der Wahrheit Lawrence gegenüber fühlte sie sich betrübt, entfremdet,
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ja sogar ängstlich. Lieber würde sie sich beim Lügen erwischen lassen, als mit einer Lüge davonzukommen und mit
der schrecklichen Vorstellung leben zu müssen, dass Lügen
möglich war.
»Und, meldest du dich bei ihm?«, fragte er.
Seitdem sie wusste, dass Lawrence zu einer Konferenz
zum Thema Nationenbildung nach Bosnien fahren und erst
am Abend des siebten Juli zurückkommen würde, zerbrach
sich Irina in dieser Sache den Kopf. »Ich weiß nicht«, sagte
sie. »Du bist doch der, der sich mit Ramsey so gut versteht.«
»Ach, ich glaube schon, dass er dich nett findet.« Lawrences Tonfall suggerierte Mäßigkeit, ja sogar Vorbehalte, im
Sinne von »ganz nett, aber nicht mehr«.
»Aber er ist immer so komisch. Ich habe keine Ahnung,
worüber wir uns unterhalten sollten.«
»Vielleicht über die mögliche Abschaffung der Vorschrift,
dass die Spieler bei Snookerturnieren Fliege tragen müssen?
Wirklich, Irina, du solltest ihn anrufen, und sei es nur, um
abzusagen. Wie viele Jahre haben wir –«
»Fünf«, sagte sie betrübt. Sie hatte mitgezählt.
»Am Ende ist er gekränkt. Vor meiner Abreise hab ich ihm
auf die Mailbox gesprochen und ihm gesagt, dass ich dieses
Jahr in Sarajewo bin. Aber ich hab erwähnt, dass du in London
bist. Wenn du unbedingt willst, könnte ich ihn von hier aus
anrufen und sagen, dass du doch noch mitgekommen bist.«
»Nein, tu’s nicht. Wegen solcher Kleinigkeiten zu lügen
finde ich schrecklich. Ich ruf ihn an.«
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Sie rief ihn nicht an. Stattdessen rief sie Betsy Philpot an,
die für Random House das Kinderbuch von Jude und Irina
lektoriert hatte und auch Ramsey ein wenig kannte. Seit einigen Jahren ohne gemeinsames Projekt, hatten sich Betsy und
Irina von Kolleginnen zu Vertrauten entwickelt. »Sag mir,
dass du und Leo am Sechsten Zeit habt.«
»Wir haben am Sechsten keine Zeit«, sagte Betsy, die keine
Freundin überflüssiger Worte war.
»Verdammt.«
»Und weswegen?«
»Ach, wegen Ramseys Geburtstag, da haben wir doch immer was zusammen gemacht. Aber Jude ist inzwischen Geschichte, und Lawrence ist in Sarajewo. Nur ich bin hier.«
»Na und?«
»Ich weiß, das klingt jetzt eitel, und es könnte auch alles
nur Einbildung sein. Aber ich frage mich schon seit Längerem, ob Ramsey nicht – ob er nicht ein Auge auf mich geworfen hat.« Sie hatte es noch nie ausgesprochen.
»Er kommt mir eigentlich nicht vor wie ein reißender
Wolf. Nichts, womit du überfordert wärst. Aber wenn du
nicht willst, dann lass es halt.«
Für Betsy, ebenfalls Amerikanerin, war alles immer ganz
einfach. Tatsächlich hatte es etwas eigentümlich Grausames,
mit welcher Ruhe und Geradlinigkeit sie Dinge anging, die
anderen Mühe machten. Nachdem sich Jude und Irina überworfen hatten, hatte sie ihr mit kurzem, gehässigem Schulter-
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zucken geraten: »Wenn du mich fragst, hast du sie ohnehin
nie gemocht. Leg die Sache zu den Akten.«
Irina war keineswegs stolz darauf, wie sie mit ihrem Dilemma umging, nämlich gar nicht. Während des Countdowns
zum sechsten Juli versprach sie sich jeden Morgen, Ramsey
am Nachmittag anzurufen, und jeden Nachmittag, ihn am
Abend anzurufen. Doch selbst bei Nachteulen muss man
gewisse Anstandsregeln einhalten, und nach elf Uhr abends
warf Irina kopfschüttelnd einen Blick auf ihre Armbanduhr
und nahm sich vor, am nächsten Tag gleich als Erstes anzurufen. Aber er war sicherlich Langschläfer, überlegte sie beim
Aufstehen, und das ganze Spiel ging wieder von vorne los.
Der Sechste war ein Samstag, und am Freitag erkannte sie,
dass er mit nur einem Tag Vorlauf so offensichtlich schon
verplant wäre, dass ein Anruf in letzter Minute vielleicht unhöflicher wirken würde, als die Sache ganz unter den Tisch
fallen zu lassen. Auch gut. Auf diese Weise würde sie Ramsey
Acton nicht alleine anschweigen müssen. Einer Welle der Erleichterung folgte ein Rinnsal Trauer.
Freitag kurz vor Mitternacht klingelte das Telefon. Um
diese Uhrzeit konnte es nur Lawrence sein, sodass sie den
Hörer abnahm und sagte: »Sdrawstwui, milyj!«
Nichts. Kein »Sdrawstwui, milaja moja!«. Es war nicht Lawrence.
»… Tut mir leid«, sagte jemand mit unklarem britischem
Akzent nach einem kurzen Moment der Verlegenheit. »Ich
wollte eigentlich mit Irina McGovern sprechen.«
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»Nein, tut mir leid«, sagte sie. »Ich bin’s, Irina. Ich dachte
nur, es wäre Lawrence.«
»… Heißt das, ihr beiden schnattert zu Hause auf – was
war’n das, Russisch?«
»Na ja, Lawrence spricht grauenhaft Russisch, er kriegt gerade genug zusammen, um … in Moskau käme er nie allein
zurecht, aber zu Hause sprechen wir ein bisschen, na ja, als
eine Art Geheimsprache … für Zärtlichkeiten«, fuhr sie aufs
Geratewohl fort. »Oder für kleine Witze.«
»… Mann, das ist ja süß.« Er hatte sich noch immer nicht
zu erkennen gegeben. Inzwischen war es zu peinlich, nachzufragen, wer eigentlich dran sei.
»Lawrence und ich haben uns nämlich kennengelernt,
weil ich ihm damals in New York Russischstunden gegeben
habe«, warf Irina hastig ein, dann zögerte sie. »Er war an der
Columbia und arbeitete an seiner Doktorarbeit zum Thema
Rüstungskontrolle. Damals hieß das, dass man zumindest ein
bisschen Russisch können musste. Heute wäre das ja eher Koreanisch … Aber Lawrence ist überhaupt nicht sprachbegabt.
Er war der schlechteste Schüler, den ich je hatte.« Bla-bla-bla.
Wer war das überhaupt? Obwohl, sie hatte eine Theorie.
Leises Glucksen. »Auch süß … irgendwie.«
»Also«, sagte Irina und trat zwecks Entlarvung des Anrufers die Flucht nach vorne an. »Wie geht’s dir?«
»… Na ja, kommt ganz drauf an. Ob du morgen Abend
was vorhast oder nicht.«
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»Wie könnte ich«, sagte sie kühn. »Ist doch dein Geburtstag.«
Wieder ein leises Glucksen. »Du warst dir nicht sicher, wer
dran ist, stimmt’s? Bis gerade eben.«
»Wieso auch? Komisch, eigentlich – aber ich glaube, ich
habe in all den Jahren kein einziges Mal mit dir telefoniert.«
»… Stimmt«, sagte er verwundert.
»Wir haben uns immer über Jude verabredet. Und dann,
nachdem ihr getrennt wart, über Lawrence.«
Nichts. Ramseys Sprechrhythmus am Telefon war synkopisch, und als Irina fortfuhr, redeten plötzlich beide gleichzeitig. Sie verstummten. Wenn ein einfaches Telefonat schon
eine solche Tortur war, wie sollten sie dann jemals einen
Abend überstehen?
»Ich bin deine Stimme am Telefon nicht gewohnt«, sagte
sie. »Du hörst dich an, als wärst du am Nordpol. Mit so einem
selbst gebastelten Spielzeug aus Pappbechern und Drachenschnur.«
»… Du hast ’ne schöne Stimme«, sagte er. »So tief. Vor allem, wenn du russisch sprichst. Sag doch mal was. Auf Russisch. Egal was.«
Natürlich hätte sie irgendeinen Satz abspulen können; sie
war zweisprachig aufgewachsen. Doch die Bitte machte sie
nervös, und sie musste an Telefonsex denken, ein Pfund pro
Minute – Wichsnummern, wie Lawrence immer sagte.
»Kogda my s wami rasgowariwajem, mne kashetsja tschto ja
golaja«, sagte sie und presste mit dem freien Arm ihre Brüste
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zusammen. Zum Glück lernte niemand mehr Russisch heutzutage.
»Und, was heißt das?«
»Du hast gesagt, das sei egal.«
»Sag’s mir trotzdem.«
»Ich habe dich gefragt, was du denn morgen Abend machen willst.«
»Hm. Ich glaub, du willst mich hochnehmen.«
Aber was war denn nun wirklich mit morgen Abend? Sollte sie ihn einladen, weil er sich doch so gern von ihr bekochen ließ? Schon bei dem Gedanken, alleine mit Ramsey in
der Wohnung zu sitzen, wurde sie hysterisch.
»Soll ich«, schlug sie verzweifelt vor, »für dich kochen?«
Er sagte: »Lieb von dir. Ich würd aber lieber mit dir ausgehen.«
Irina war so erleichtert, dass sie sich in ihren Sessel plumpsen ließ. Dabei riss sie an der Telefonschnur, und der Apparat
krachte zu Boden.
»Was ist’n das für’n Lärm?«
»Mir ist das Telefon runtergefallen.«
Er lachte, etwas lauter und runder diesmal, und zum ersten Mal im Verlauf dieses stockenden Telefonats empfand
sie sein Lachen als befreiend. »Heißt das ja oder nein?«
»Es heißt, ich bin ungeschickt.«
»Ich hab dich noch nie ungeschickt gesehen.«
»Du siehst mich ja auch nicht oft.«
»Ich seh dich nicht oft genug.«
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Diesmal blieb Irina stumm.
»Ist schon ein ganzes Jahr her«, fuhr er fort.
»Lawrence kann aber leider nicht mitkommen.« Das
wusste Ramsey, aber sie hatte das Bedürfnis, seinen Namen
ins Spiel zu bringen.
»Sollen wir’s lieber verschieben, damit Lawrence mitkann?«
Er bot ihr die Möglichkeit auszusteigen – sie sollte sie ergreifen. »Das wäre nicht besonders feierlich.«
»Hab gehofft, dass du’s auch so siehst. Um acht bin ich
da.«
Die Leute nahmen Paare meist hin, wie sie sie vorfanden:
Man war eins, oder man war irgendwann eben keins mehr.
Natürlich hatte jeder eine Meinung, ob man gut zusammenpasse oder sich wohl ständig streite.
Es gab Freunde, die Irina und Lawrence als ähnlich unverrückbare Tatsache betrachteten wie das Land Frankreich.
Andere verließen sich auf das Paar als den Beweis schlechthin, dass es möglich war, glücklich zu sein – eine belastende
Rolle. Irina hatte ein paar Bekannte, die wenig Geduld mit
Lawrence hatten und ihn für anmaßend oder schroff hielten,
für ein notwendiges Übel. Wie auch immer, es kümmerte sie
nicht.
Da ihr die Liebe weder früh noch leichtfüßig begegnet war,
hatte Irina damit leben gelernt, dass sich ihre kleinen Beiträge
zur Gesellschaft wohl nicht auf dem Gebiet der Partnersuche
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abspielen würden. Niemand hätte die friedliche, einträchtige
Verbindung einer Kinderbuchillustratorin mit einem Politikwissenschaftler als Allianz betrachtet, die Raketen ins All befördert oder Nationen entzweit. Kein moderner Shakespeare
hätte seine Dichtkunst an dieses ganz normale Glück – wenn
es denn so etwas gibt – verschwendet, das in den Neunzigerjahren in einer bescheidenen Wohnung im Londoner Stadtteil
Borough seinen Lauf nahm.
Dennoch kam Irina diese Beziehung wie ein Wunder vor.
Lawrence war ein hingebungsvoller, witziger und intelligenter Mann, und er liebte sie. Feministinnen konnten noch so
sehr behaupten, man bräuchte keinen Mann; sie brauchte
sehr wohl einen Mann, mehr als alles andere auf der Welt.
Wenn Lawrence verreist war, ging ein leerer Hall durch die
Wohnung. Es gab viele einsame Abende, an denen sie bis
spät in die Nacht hätte arbeiten können, doch sie ließ diese
Chancen verstreichen. Sie lief von einem Zimmer ins andere.
Sie schenkte sich ein Glas Wein ein und ließ es stehen. Sie
besprühte das rostfreie Abtropfbrett mit Kalkentferner, doch
dann fehlte ihr die Kraft, das Zeug wieder abzuwischen. Sie
ging ins Bett, und am Morgen stank die ganze Küche nach
Chemikalien.
Ob beschämend oder nicht: Einen Mann zu haben, den sie
liebte und der sie ebenfalls liebte, war für Irina das Wichtigste
überhaupt. Nicht, dass sie nicht auch starke untergeordnete
Gefühle der Zuneigung gehabt hätte, denn Irina war weitaus geselliger als Lawrence und hatte viel mehr Mühe in den
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Aufbau eines neuen Freundeskreises investiert, als sie 1990
nach London gezogen waren. Aber es gab nun mal bestimmte
Gelüste, die Freunde nicht befriedigen konnten, und schon
mit der kleinsten Andeutung in diese Richtung schlug man
die Leute in die Flucht. Und es war auch nicht so, dass sie
ihrer »Kunst« gleichgültig gegenüberstand, auch wenn sie als
Kind von in Film und Ballett engagierten Eltern gelernt hatte,
das Wort in säuerliche Anführungsstriche zu setzen. Wenn es
gut lief, waren die Zeichnungen eine Freude. Aber die Freude war noch größer, wenn sie beim Zeichnen war und sich
Lawrence von hinten heranschlich, um ihr leise ins Ohr zu
quengeln, dass es ruhig bald etwas zu essen geben könne.
Die Monogamie hatte sie keine Mühe gekostet. In den
ganzen neun Jahren hatte sich Irina genau eine halbe Stunde
lang zu einem Kollegen von Lawrence am Blue Sky Institute
hingezogen gefühlt – bis er sich von seinem Platz erhob, um
noch eine Runde Drinks zu holen, und sie sein birnenförmiges Hinterteil bemerkte. Und das war’s, wie ein Kratzen im
Hals, bei dem man dann doch keine Erkältung bekommt.
Während Lawrences Aufenthalt in Sarajewo war die Isolationshaft weniger quälend gewesen als üblich, wobei es in
der Natur der Abwesenheit von Schmerz liegt, dass man das
Fehlen nicht wahrnimmt. Obwohl sie normalerweise klaglos
und aufwendig für Lawrence kochte, war es eine Wonne,
einmal auf die Vollwertkost zu verzichten. Wenn Irina allein
war, neigte sie dazu, das Essen ganz ausfallen zu lassen und
abends lieber zu arbeiten. Gegen zehn verleibte sie sich dann,
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halb verhungert und angenehm erschöpft, ein dickes klebriges Stück Schoko-Cappuccino-Kuchen aus dem Supermarkt
ein. Später legte sie die sentimentale Musik auf, die Lawrence
hasste – Shawn Colvin, Alanis Morissette, Tori Amos, diese
neumodischen, singenden Mädchen, die mit schrillem Vibrato in düsteren Stimmungen schwelgten oder den Männern
rundheraus abschworen, was garantiert gelogen war. Unbehelligt von Lawrences kritischem Blick – seine Mutter war
Alkoholikerin –, hatte sie sich jeden Abend vor dem Schlafengehen einen kleinen Drink eingeschenkt. Mehr als ein Glas
Cognac im Monat hätte Lawrence niemals durchgehen lassen. Aber vielleicht hätten ihn die warmen Gedanken gefreut,
die den Brandydämpfen entstiegen und sich darum drehten,
wie glücklich sie war, ihn gefunden zu haben, und wie ungeduldig sie seiner Rückkehr entgegensah.
Alles in allem war die Woche beschaulich verlaufen. Unbeobachtet wie sie war, hatte sie sich die eine oder andere kleine
Freude gegönnt, etwa den sukzessiven und kontemplativen
Konsum einer Schachtel Zigaretten. Aber sie war mit ihren
Zeichnungen vorangekommen, und eine zierliche Frau wie
Irina konnte ruhig ein paar Stückchen Kuchen vertragen.
Als Irina jedoch am Samstag erwachte, stellte sie verwundert fest, dass ihre selbstzufriedene Beschaulichkeit angeschlagen war wie ein Ei. Es war lächerlich spät, nach elf,
während sie normalerweise schon um acht auf den Beinen
war. Noch immer müde, gelang es ihr mit Mühe, zu rekonstruieren, dass sie nach dem beunruhigenden Telefonat mit
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Ramsey nicht, wie es hätte sein sollen, den Hörer aufgelegt
und zur Zahnseide gegriffen hatte. Ach ja, es hatte ein zweites Glas Cognac gegeben. In der Küche war der Schoko-Cappuccino-Kuchen dezimiert worden, bis er weg war. Und sie
hatte, o weh, Little Earthquakes so laut aufgedreht, dass einer
der Mieter von unten im Bademantel an der Wohnungstür
geklingelt und sich beschwert hatte. Wenn Lawrence davon
Wind bekäme, wäre die Hölle los. Erst im vergangenen Monat hatte er ein Stockwerk tiefer an die Tür gehämmert, um
die Leute zu bitten, endlich das »Gedudel« leiser zu stellen.
Verwirrt setzte Irina die große Espressokanne auf. Mit ihrer zweiten Tasse Kaffee bewaffnet, brachte sie in ihrem Arbeitszimmer nicht mehr zuwege, als ihre halbfertige Zeichnung anzustarren. Arbeiten war undenkbar. Offenbar besaß
ihr Reservetank in Lawrences Abwesenheit nur ein Fassungsvermögen von genau acht Tagen. Sie sah sich schon, einen
vollen einsamen Tag, eine Nacht und noch einen Tag lang
kettenrauchend im Cognacnebel versumpfen.
Als sie sich wie jeden Samstag zum Borough Market aufmachte, knallte sie energisch die Tür hinter sich zu.
Auf dem geschäftigen überdachten Markt nahe der London Bridge wimmelte es wie immer von Leuten mit amerikanischem Akzent. Natürlich war es irrational, sich gegen
die Gegenwart der eigenen Landsleute aufzulehnen, doch
Amerikaner liefen sich offenbar in fremden Ländern grundsätzlich ungern über den Weg. Vielleicht war es der Spiegel,
den man sich vorhielt, und der ein lautes, aggressives und
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übergewichtiges Bild zurückwarf. Irina selbst hatte kein Problem damit, Amerikanerin zu sein (den Geburtsort kann man
sich schließlich nicht aussuchen), wobei sie als Tochter einer
Russin immer ein Hintertürchen zu haben glaubte. Kann
sein, dass sie ein wenig zusammenzuckte bei den vertrauten,
breiten Klängen, die aus Monmouths Kaffeeladen drangen
(»Lä-ä-ä-rry, koffeinfrei ist gerade aus!«), denn im Ausland
zu sein sagte ihr zu.
Als sie zufällig mitbekam, wie sich ein US-Amerikaner
in drei betonten Silben nach der Lage der South-wark Street
erkundigte, fiel es ihr schwer, sich nicht stellvertretend für
dessen Unwissenheit zu schämen.
Andererseits betrieb Irina, immer wenn sie Lawrences
Einflusssphäre entkam, eine Sache, die sie »Freundlichkeit in
Gedanken« nannte. Als Frau, die einst von ihren Mitschülern
nicht immer gut behandelt worden war, hatte sie eine chronische Angst davor entwickelt, andere schlecht zu behandeln.
Es ging nicht darum, was Irina sagte, sondern ausschließlich
um das, was in ihrem Kopf vorging. Es sprach nämlich einiges dafür, in Gedanken freundlich zu sein – einen Amerikaner
Southwark falsch aussprechen zu hören und sich ausdrücklich
zu sagen: Warum können diese Briten nicht ein bisschen Nachsicht mit uns üben? Kein Amerikaner würde von einem Londoner
verlangen, dass er weiß, dass man Housten in Texas »Hjusten«,
in Manhattan aber »Hausten« ausspricht. Natürlich konnte
man in Gedanken Mitleid haben oder sich die Seele aus dem
Leib schimpfen, und den Leuten wäre damit weder der Tag
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versüßt noch versaut. Dennoch war Irina überzeugt, dass es
wichtig war, was in ihrem Kopf vor sich ging, und aus diesem
Grund tauchte sie Fremde aus Prinzip in so mildes Licht wie
möglich.
»Freundlichkeit in Gedanken« war nichts, was sie mit Lawrence teilte, der eher zur Diffamierung in Gedanken tendierte.
Er war unglaublich ungnädig, vor allem bei Leuten, die er für
geistig minderbemittelt hielt. Sein Lieblingswort war »Armleuchter«. Diese Ungnädigkeit konnte ansteckend sein – Irina
musste sich davor hüten. Wobei ihre »Freundlichkeit in Gedanken« vor allem bei Lawrence selbst angezeigt war.
Zum einen behielt Lawrence gern den Überblick: Er beschränkte sich in seinem Leben auf wenige gute Freunde
und hauptsächlich auf Irina. Da man unmöglich die ganze
Bandbreite seiner Bekannten vom Gemüsehändler bis zum
Klempner zum Tee einladen konnte, brauchte man einen Filter. Der Filter, den Lawrence benutzte, war eben zufällig aus
besonders feinmaschigem Draht.
Zum anderen war Lawrence ein waschechtes Beispiel für
das, was früher in den USA Standard war, sich in letzter Zeit
aber zu einer vom Aussterben bedrohten Spezies entwickelt
hatte: den Selfmademan. Seine Arroganz kam daher, dass
er sich mit Zähnen und Klauen an den geistigen Höhen eines vornehmen britischen Thinktanks festhielt. Er stammte
durchaus nicht aus intellektuellen Verhältnissen. Seine Eltern
hatten beide nur einen Highschool-Abschluss, und in Las
Vegas aufzuwachsen war nicht gerade die beste Vorausset29
zung für einen Doktortitel in Internationalen Beziehungen an
einer Eliteuni. Eine Kindheit zwischen billigen Casinos hatte
ihm die Angst eingepflanzt, zurückgesogen zu werden in eine
Welt, in der man ewig über die Qualität der Frühstückseier
im Bellagio diskutierte. Also fällte er oft vernichtende Urteile
und musste manchmal aufgefordert werden, nachsichtiger
zu sein und den Leuten ihre Fehler zu verzeihen.
Bei Marktverkäufern, die sie vom Sehen kannten und gern
mit ihr flirteten, erwarb sie italienischen Grünkohl, geräucherten Wildschweinschinken und eine Handvoll maliziöser
Chilischoten. Da ihr allzu bewusst war, dass ihre schlendernden Schritte über den Markt ausschließlich dazu dienten,
einen Klacks Normalität auf einen bedenklich instabilen Untergrund zu klatschen, nahm Irina auch noch einen Armvoll
Rhabarber mit, um sich nachher zu Hause sinnvoll die Zeit
zu vertreiben.
Zurück in der Wohnung, begab sie sich mit Feuereifer ans
Backen zweier Rhabarbersahnetorten, eine für den Gefrierschrank und eine für Lawrence zur Feier seiner Heimkehr.
Den Muskatnussanteil nahm sie mal fünf. Bei dekorativen
Tätigkeiten wie dem Würzen von Speisen zeigte Irina, eine
äußerlich zurückhaltende, in ihren Neigungen maßvolle
Frau, einen heimtückischen Hang zum Extremen, und kaum
jemand von ihren Gästen ahnte, dass ihr Talent in der Küche
größtenteils auf eine überdurchschnittliche Beherrschung
des kleinen Einmaleins zurückzuführen war. Zum Glück verlangten die kniffligen Gitter Konzentration, denn ihr Geist
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drohte ähnlich wie die zarten Teigstreifen ständig auseinanderzufallen. Ihre Hände zitterten zwar nicht, aber sie zuckten
wie unter einem Stroboskop. (Oder hatte es etwa ein drittes
Glas Cognac gegeben?) Höchste Zeit, dass Lawrence nach
Hause kam! Sie mochte sich manchmal dagegen sträuben,
aber vielleicht brauchte sie sein strenges Regiment und seinen
Ordnungssinn. Ohne Lawrence wäre Irina offensichtlich im
Nu zu einer kettenrauchenden, kuchensüchtigen, cognacbenebelten alten Hexe verkommen.
Die Torten gelangen perfekt, Eier und Zucker blubberten
durch das Gitter in die knusprig gebräunten Hütchen, der
prickelnde Rhabarberduft zog durch die Wohnung, doch das
Backwerk beschäftigte sie nur bis kurz vor fünf. Während die
Torten im Ofen waren, widmete sie sich einer Tätigkeit, zu
der sie in den letzten Jahren, seit Lawrence zumindest, nur
noch selten gekommen war, und während die Torten abkühlten, kam sie ein zweites Mal dazu.
Sechs Uhr abends. Irina hatte nicht die Angewohnheit,
lange über ihr Äußeres nachzudenken. Sie besaß größtenteils
unkonventionelle Secondhand-Teile aus diversen OxfamLäden, denn seit sie hier wohnten, war London offiziell auf
Platz 1 der teuersten Städte der Welt vorgerückt. Normalerweise war eine Viertelstunde zum Anziehen mehr als genug.
Zwei Stunden waren grotesk.
An diesem Abend aber waren zwei Stunden fast ein bisschen knapp.
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Auf dem Bett häuften sich die verschmähten Blusen. Irina
zog dieses und jenes Kleid über, riss es sich wieder vom Leib
und musste dabei an ein hübsches Projekt vor einigen Jahren
denken, ein Buch mit dem Titel Ich hab nichts zum Anziehen!.
Es handelte von einem kleinen Mädchen, das eines Morgens
wie ein Wirbelsturm durch ihre gesamte Garderobe fegt und
ein Kleidungsstück nach dem anderen aus der Kommode
reißt. Einige Zeilen daraus fielen ihr wieder ein: »Ich mag die
roten Knöpfe nicht! Den Kragen find ich hässlich! Gleich krieg
ich einen Wutanfall! Das Pünktchenkleid ist grässlich!« Von
der Handlung her war die Geschichte zwar berechenbar (große Überraschung: am Ende beschließt das kleine Mädchen,
das anzuziehen, was es zu Anfang anhatte), aber die herumfliegenden Kleider entfalteten eine futuristische Kraft, und die
zeichnerischen Möglichkeiten waren phantastisch gewesen.
Doch entgegen dem weiblichen Brauch legte es Irina
mit jeder neuen Aufmachung vor dem Ganzkörperspiegel
im Schlafzimmer darauf an, so unelegant wie nur möglich
auszusehen. Zu Beginn der Schlacht hatte sie mit dem Gedanken gespielt, das blassblaue ärmellose Kleid anzuziehen,
das Ramsey letztes Jahr fast bis zum Frühstück hatte bleiben
lassen, doch sie hatte die Idee sofort wieder verworfen. War
sie verrückt geworden? Stattdessen kramte sie in den niederen Regionen des Kleiderschranks nach den längsten Röcken,
der schlechtesten Passform, den unmöglichsten Farben. Leider besaß Irina nicht allzu viele hässliche Kleider, ein Mangel,
den sie jetzt zum ersten Mal bedauerte.
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Die sinnwidrige Übung war reine Zeitverschwendung.
Sicherlich würde Ramsey ein nobles Restaurant wählen, wo
ihre auffälligeren Kleidungsstücke nicht deplatziert wirken
würden. Lawrence kleidete sich aus Prinzip so schlampig,
wie es ging, und bei den wenigen Anlässen, zu denen sie
etwas Hübscheres anzuziehen wagte, wurde er nervös und
sagte: »Ist doch nur eine Cocktailparty. Mach doch nicht so
einen Aufwand.«
Die Klingel setzte dieser kleidungstechnischen Reise nach
Jerusalem ein summendes Ende. Wie sich ein Vorschulkind
auf den nächstbesten freien Stuhl wirft, musste sie anbehalten, was sie anhatte: einen gerade geschnittenen, dunkelblauen Rock, der zwar fast knielang, aber wegen des allgegenwärtigen Latex um die Hüften herum beklagenswert eng war.
Wenigstens brachte das kurzärmlige weiße Oberteil keine
nackten Schultern zur Geltung; häufiges Waschen hatte zudem ein kleines Loch in den Kragen gefressen, wodurch die
Gesamterscheinung erfreulich schäbig ausfiel. Streng genommen sah sie insgesamt sogar unfassbar fade aus. Blau mit Weiß
ließ an geschlechtslose Matrosenanzüge oder HighschoolMannschaftsfarben denken, und sie band ihr dunkles Haar
zu einem hastigen Pferdeschwanz zusammen, ohne es vorher
zu kämmen. Beim Hineinschlüpfen in die einzig möglichen
Schuhe stellte sie jedoch verärgert fest, dass die hochhackigen
weißen Sandalen – die ausgelatscht und mindestens zehn Jahre alt waren – ihre Wadenmuskeln und die schlanken Fesseln
betonten. Mist, sagte sie sich. Hosen wären besser gewesen.
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Fest entschlossen, ihn nicht auf einen Drink hochzubitten,
packte sie den Hörer, brüllte: »Bin gleich unten!« und polterte
aus der Tür.
Vor dem Haus stand Ramsey gegen seinen metallicgrünen Jaguar XKE gelehnt und rauchte eine Zigarette. Natürlich lag es Irina fern, irgendjemanden zum Rauchen zu animieren, aber zu ihm passte es. Am Telefon zogen sich seine
Pausen hin, nun dagegen konnte er sie mit nachdenklichem
Rauchausblasen füllen. Angelehnt, aber dennoch vollkommen aufrecht, ähnelte Ramsey einem ans Auto gelehnten
Snookerqueue. Schweigend – was war eigentlich los mit diesem Mann? – sah er ihr zu, wie sie die Stufen vor dem Haus
herunterging, und inhalierte das Bild zusammen mit seinem
letzten Zug. Er schnippte die halb gerauchte Zigarette in den
Rinnstein, trat wortlos an ihre Seite und geleitete sie zum Beifahrersitz. Seine Hand schwebte vor ihrem unteren Rücken,
ohne jedoch ein einziges Mal ihre Taille zu berühren, ähnlich
wie Eltern den Arm ausstrecken, wenn ein wankendes Kleinkind ohne Hilfe einen Raum durchqueren will.
Wenn Sie weiterlesen wollen: Der Roman von Lionel Shriver
»Liebespaarungen« ist ab 12. März überall erhältlich, wo es
Bücher gibt.
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© Jerry Bauer
Lionel Shriver, 1957 in North Carolina als Margaret Ann Shriver geboren, schrieb mit ihrem in 25 Sprachen übersetzten Roman »Wir
müssen über Kevin reden«, für den sie mit dem Orange Prize ausgezeichnet wurde, einen der erfolgreichsten Romane unserer Zeit.
Lionel Shriver lebt zusammen mit ihrem Mann, dem Jazzmusiker Jeff
Williams, in London.
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l ion e l sh r i ve r
l iebes
paa ru ngen
»Ein Buch mit doppeltem Boden, voller
Ironie und unvorhersehbaren menschlichen
Komplikationen.« Entertainment Weekly
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Best.Nr. 978-3-492-93056-7
»Lionel Shriver wird jeden faszinieren,
der schon einmal darüber nachgedacht
hat, was geschehen wäre, wenn er eine
lebenswich­tige Entscheidung anders gefällt
hätte.« People