Bücher am Sonntag / 31. August 2008

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Bücher am Sonntag / 31. August 2008
Nr. 8 | 31. August 2008
Max Frisch Zwei Reden in New York | Ingeborg Bachmann – Paul Celan
Herzzeit: der Briefwechsel | Robert Kagan Die Demokratie und ihre Feinde
Franz Hohler über Peter von Matts Abschiedsvorlesung | Ruth Klüger
Unterwegs verloren | Rezensionen zu Kurt Marti, Jacques Chessex,
Nelly Mann, Paul Collier und anderen | Charles Lewinsky Zitatenlese
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Inhalt
Vorlesungen
in New York
und Zürich
Max Frisch
(Seiten 4/5).
Illustration von
André Carrilho
Max Frisch (1911–1991) war einer der Grossen der Schweizer und der
deutschsprachigen Literatur des letzten Jahrhunderts. Nun, 17 Jahre
nach seinem Tod, werden erstmals zwei Vorlesungen veröffentlicht, die
er 1981 an der New York City University gehalten hat. «Ich bin nicht
Schriftsteller geworden aus Verantwortung gegenüber der
Gesellschaft», sagt er dort und grenzt sich schroff ab vom politisch
engagierten Literaten. Mit Witz und Koketterie «vergnügt und belehrt»,
ja erheitert er das amerikanische Publikum. Den schwierigen Frisch,
den sperrigen, jenen, der sich entzieht – den kennen wir. Weniger
jedoch den unterhaltsamen und amüsanten Autor, als den ihn unser
Rezensent Adolf Muschg in der Besprechung von «Schwarzes Quadrat»
vorstellt (Seiten 4/5).
Ebenfalls um eine kurzweilige Vorlesung, allerdings in Zürich, geht es
im neuen Buch von Franz Hohler, «Das Ende eines ganz normalen
Tages», das nächste Woche herauskommt. Wir drucken daraus das
Kapitel, in dem der Solothurner Kabarettist die Abschiedsvorstellung
des Germanisten Peter von Matt beschreibt (Seiten 14/15).
Mit diesem Appetizer und dreissig weiteren Rezensionen über neue
Werke dieses Sommers – solche aus der schönen Literatur wie auch aus
der Welt des Sachbuchs – wünschen wir Ihnen viele anregende und
interessante Stunden. Urs Rauber
Belletristik
Kurzkritiken Sachbuch
4
13 Michael Schroeder: Sappho von Lesbos
Nr. 8 | 31. August 2008
! Zwei Reden in New York | $ Herzzeit: der Briefwechsel | Die Demokratie und ihre Feinde
# über Peter von Matts Abschiedsvorlesung | %
Unterwegs verloren | Rezensionen zu !
" und anderen | " Zitatenlese
Max Frisch: Schwarzes Quadrat.
Zwei Poetikvorlesungen
Von Adolf Muschg
6
7
8
Christiane Hoffmann: Hinter den Schleiern
Irans
Von Paul Jandl
Von Geneviève Lüscher
Richard Stark: Fragen Sie den Papagei
Christoph Dejung: Widerspruch
Von Bruno Steiger
Von Urs Rauber
Ruth Klüger: unterwegs verloren
Dietmar Grieser: Die guten Geister
Von Angelika Overath
Von Urs Rauber
Von Michael Braun
9
Jacques Chessex: Der Vampir von Ropraz
Jacques Chessex: Pardon mère
Von Urs Rauber
Von Geneviève Lüscher
Jewgenij Grischkowez: Das Hemd
Ingeborg Bachmann − Paul Celan: Herzzeit.
Der Briefwechsel
18 Rochus Misch: Der letzte Zeuge. «Ich war
Hitlers Telefonist, Kurier und Leibwächter»
19 Kurt Marti: Ein Topf voll Zeit
Von Klara Obermüller
Thomas Goetz: Poetik des Nachrufs
Von Stefan Hauser
20 Kirsten Jüngling: «Ich bin doch nicht nur
schlecht». Nelly Mann
Von Catherine Newmark
Lamya Kaddor, Rabeya Müller: Der Koran
Von Monika Jung-Mounib
Essay
21 Dieter Thomä: Väter.
14 Spracherheller und Wortprophet
22 Arnold Hottinger: Die Länder des Islam
Von Mathias Ninck
Von Franz Hohler
Von Jürg Bischoff
Von Stefan Zweifel
Lillian Birnbaum: Transition
Von Gerhard Mack
10 Susan Choi: Reue
Von Nina Toepfer
Martha Grimes: Inspektor Jury lässt die
Puppen tanzen
23 Gernot Böhme: Ethik leiblicher Existenz
Sachbuch
Von Manfred Koch
16 Robert Kagan: Die Demokratie und ihre
Feinde
Von Jost Auf der Maur
Heinz Horat: Seelust
24 Paul Collier: Die unterste Milliarde.
Warum die ärmsten Länder scheitern
Von Dieter Ruloff
Von Peter Durtschi
Von Pia Horlacher
Ulrich Fellmeth: Pecunia non olet
Von Geneviève Lüscher
11 Ursula Krechel: Shanghai fern von wo
Von Stefana Sabin
25 Hans Sahl: Memoiren eines Moralisten.
Das Exil im Exil
Von Urs Bitterli
Kurzkritiken Belletristik
26 Michel Cullin, Primavera Driessen Gruber:
Douce France?
12 Gerhard Polt: Drecksbagage. Bühnenmonologe
Von Fritz Trümpi
Von Manfred Papst
Das amerikanische Buch: Meredith
M. Brown über den «Frontiersman»
Daniel Boone
Heinz Janisch: Der König und das Meer
Von Regula Freuler
Von Andreas Mink
Heidi. Nach Johanna Spyri, erzählt von
Peter Stamm
Von Regula Freuler
Agenda
Federico Garcia Lorca: Die Gedichte
MEDIACOLORS
Von Manfred Papst
Kolumne
13 Charles Lewinsky
Das Zitat von Ernst Rowohlt
Die USA und der Westen sind herausgefordert durch die
aufstrebenden Mächte Russland und China.
27 China. Vergangenheit − Gegenwart − Zukunft
Von Manfred Papst
Bestseller August 2008
Belletristik und Sachbuch
Agenda September 2008
Veranstaltungshinweise
Chefredaktion Felix E. Müller (fem.) Redaktion Urs Rauber (ura.), Regula Freuler (ruf.), Geneviève Lüscher (glü.), Kathrin Meier-Rust (kmr.), Manfred Papst (pap.)
Ständige Mitarbeit Urs Altermatt, Urs Bitterli, Andreas Isenschmid, Manfred Koch, Judith Kuckart, Gunhild Kübler, Charles Lewinsky, Beatrix Mesmer, Klara Obermüller, Angelika Overath,
Stefan Zweifel Produktion Eveline Roth, Hans Peter Hösli (Art-Director), Patrizia Trebbi (Bildredaktion), Joëlle Prochazka (Layout), Ingrid Essig, Rita Pescatore, Benno Ziegler (Korrektorat)
Adresse NZZ am Sonntag, «Bücher am Sonntag», Postfach, 8021 Zürich. Telefon 044 258 11 11, Fax 044 261 70 70, E-Mail: [email protected]
31. August 2008 XNZZ am Sonntag X3
Belletristik
Poetik Zwei Vorlesungen, die Max Frisch 1981 in
New York gehalten hat, erscheinen erstmals in Buchform.
Ein dialektisches Kammerspiel, in dem man die
Stimme Frischs lebendig wie zum ersten Mal hört
Max Frisch: Schwarzes Quadrat.
Zwei Poetikvorlesungen. Suhrkamp,
Frankfurt a. M. 2008. 80 Seiten, Fr. 25.90.
Von Adolf Muschg
Frisch-Leser wissen es aus der «Skizze
eines Unglücks». Es gibt eine Frage, die
keine Frau ihrem Partner stellen darf:
Bist du sicher? 1981 hatte Frisch mit seiner zweiten Ehe auch die Westberliner
Adresse verlassen und lebte in Lower
Manhattan mit einer Partnerin, in der
man Lynn aus «Montauk» erkennen
wollte; daraus war doch «eine Geschichte» geworden. «Dies ist ein wahrhaftiges
Buch, Leser», hatte er Montaigne zitiert.
Dann erschien «Blaubart», das Selbstverhör eines Autors: Was heisst «Wahrheit», in einem Kriminalfall, aber auch
im Fall der Kunst? Ist es überhaupt ihre
Sache, Antworten zu geben, oder kommt
sie ihrem Stoff, dem Menschen, nur mit
immer besseren Fragen bei?
Max Frisch
Wie tot ist Max Frisch? Sehr tot, sagen
jene Lehrer, die ihn nur knurrend im
Unterrichtsplan führen. Sehr fern, ist
vielleicht von den Anhängern des Antipoden Dürrenmatt zu hören. Andere
aber vermissen den 1911 in Zürich geborenen und 1991 dort verstorbenen Max
Frisch dringend als politische Stimme.
Die beiden nun erstmals veröffentlichten Vorlesungen aus dem Jahr 1981 sind
eine Reise durch sein Werk und gleichzeitig eine Selbstbefragung.
4X NZZ am Sonntag X 31. August 2008
Darüber versuchte sich Frisch im November 1981 Rechenschaft zu geben, in
zwei Vorlesungen an der New York City
University. Sie sind ein Gastgeschenk; in
Europa hätte er sich dies wohl nicht
mehr angetan, unter Titeln wie «The
Writers Journey from Impulse to Inspiration» oder «The Function of Literature in Society» die Prämissen seiner
Arbeit auszubreiten, als spräche sie
nicht für sich selbst. Explizieren heisst
banalisieren; aber es gehörte zum Aberglauben jener Jahre, dass Sätze der Literatur verbindlicher würden, wenn man
ihre Verbindung mit einem literarischen
Kontext zerrisse.
Schroffer als in New York hat sich
Frisch nirgends gegen das sogenannte
«Engagement» ausgesprochen: «Ich bin
nicht Schriftsteller geworden aus Verantwortung gegenüber der Gesellschaft.»
Damit rennt er bei einem nichteuropäischen Publikum offene Türen ein,
darum ist er es sich schuldig, diese Barrikade mit historischem Respekt nachzubauen. Denn für andere welke Evergreens, die er bei Amerikanern vermutet, hat er noch weniger übrig, etwa für
Seminarkonstruktionen von Literatur,
die Suche nach ihrem Positiven oder gar
die Erwartung von Tipps für ihre erfolgreiche Herstellung. «Um es sofort zu
sagen: Ich habe keine Theorie.»
Damit hat er sich erst mal Luft verschafft – und Raum geschaffen für eine
Bühne, auf der sich seine Inkompetenzbehauptung als Komödie inszenieren
lässt. Das beginnt bei der Schwierigkeit,
die er mit dem Amerikanischen hat. «Es
wird anstrengend für Sie», warnte er
seine Hörer. Sein Akzent tut scheinbar
nichts zur Sache, in Wirklichkeit beleuchtet er sie schärfer und gewinnt das
MAX FRISCH-ARCHIV ZÜRICH
«Es wird
anstrengend
für Sie»
erheiterte Publikum für den wichtigsten
Punkt der Rede: Literatur ist Fremdsprache. Da die älteren Frisch-Zitate, mit
denen er operiert, von einem Native
Speaker «in perfekter Aussprache» geliefert werden, «damit wir uns hin und
wieder erholen können», verwenden die
Vorträge für ihren tieferen Sinn die
Didaktik des Witzes. Was so geläufig daherkommt, kann schon darum nicht
mehr stimmen. Jetzt blickt man in die
Werkstatt des Autors. Quasimühsam
arbeitet er an Passagen weiter, die längst
gelungen genug sind. Jetzt müssen sie
sich das Licht später Einsicht gefallen
lassen und erscheinen darin lebendiger
denn je. So «vergnügt und belehrt» der
Redner gleichzeitig – und gehört auch zu
den seltenen Kunstrichtern, die (so
Hebbel über Schiller) das Gesetz, das
sie geben, gleich schon im Geben erfüllen. Nur: Frisch, der Meister, weigert
sich auch noch, ein Gesetz zu geben, er
erfüllt es nur als Demonstrant gegen jede
Perfektion.
rin, «aber es würde sehen, dass es noch
etwas anderes gibt als die Gesellschaft
und den Staat.» Es ist dieses Andere, für
das sich Frisch am Ende «engagiert», mit
der humoristisch klingenden Begründung: «Wenn man nicht gleichgültig ist,
aber wirr, so hat man das natürliche
Bedürfnis, ein Manifest zu liefern.» In
diesem erst deutsch, dann englisch gelesenen Manifest stehen Sätze wie: «Die
Poesie ist zweckfrei (schon das macht
sie zur Irritation)» und «Die Poesie ist
da oder manchmal auch nicht».
Es sind kunstgerechte Sätze, allen
übrigen Vorstellungen von Gerechtigkeit können sie nicht dienen; nur insofern sind sie wahr. Und doch ist Frischs
«Schwarzes Quadrat» kein Schwarzes
Loch, in dem jede weltbürgerliche Hoffnung spurlos verschwindet. Sein Schwarz
ist vielmehr die Summe aller Farben, in
denen die Widersprüche des Menschen
spielen; und die Kunst ist eine Black Box,
die sie aufhebt, umfassend, aber unbeschriftet.
Alles ist an Bilder gebunden
Und so erst, in der Überzeugungskraft des Offenlassens, im Vorstellungsvermögen für das Offenbleibende, kommuniziert Frisch auch mit den klassischen Objekten des Engagements:
dem sozialen Elend, der politischen
Hoffnung. Aber die Kunst dient keinem von beiden als Werkzeug; nur wer
ihre Autonomie recht begriffen hat,
begegnet in ihr auch jenem Bild des
Menschen, nach dem er niemals nur als
Mittel für andere und anderes, immer
zuerst und zuletzt als Zweck seiner
selbst begriffen wird.
Frisch «at his best»
Frisch inszeniert sein dialektisches
Kammerspiel in der Tonart: «Sie wollen
wissen, wie ich heute dazu denke? Das
möchte ich auch wissen.» Was ebenso
redlich wie kokett klingt, ist zugleich
amüsant und glaubwürdig, Frisch «at his
best». Auch er selbst streut, an affektiv
hoch besetzter Stelle seiner Rede, englische Brocken ein: «ein Buch, that I
like very much», «ein anderes Buch,
that I love» (es ist «Alice in Wonderland»). Natürlich: Frisch «at his best»
ist immer auch Frisch «at his most
desperate». «Meine Literatur, ich gebe
es zu, ist meistens traurig.» Hinter dem
unterhaltsamen, doch radikalen Prozess sokratischer Ent-Täuschung, welche die Kunst jeder Erwartung bereiten
muss, steht die Erfahrung, dass einem
Geschöpf, das so viel Kunst brauchen
muss, eigentlich nicht zu helfen ist. Ist
es ein Trost, dass die Kunst mit aller
Eigentlichkeit nichts zu schaffen hat und
dass sie nicht trotzdem gelingen kann,
sondern darum?
Das «Schwarze Quadrat», Fluchtpunkt der zwei Reden, ist ein Bild des
russischen Abstrakten Malewitsch und
war 1981 noch im Keller der Leningrader
Ermitage versteckt. Denn würde es gezeigt, zeigte sich zugleich seine Explosivkraft. «Das Volk könnte nicht verstehen, wozu dieses schwarze Quadrat»,
zitiert Frisch eine sowjetische Kurato-
Max Frisch (1911–
1991) während seines
Aufenthalts in New
York, 1981.
Am dritten Tag seines Auftritts stösst
Frisch beim Aufräumen seiner literarischen Person an eine kritische Grenze.
Seit «Stiller» für sein Bildnisverbot notorisch, hat er in New York gerade vorgeführt, dass alles, was er mit heiligem
Respekt «Erfahrung» nennt, an Bilder
gebunden bleibt. Und nun entschlüpft
ihm in der Kollegendiskussion der Satz:
«Es ist nicht ganz weit weg von einem
religiösen Glauben.» Ein Wort zu viel;
in einem geschriebenen Text hätte er es
nicht stehen lassen. Aber nun bleibt es
hängen und stimmt nicht nur zu Frischs
fast letzten Satz: «Kunst als solche ist
transzendent.» Es stimmt auch zu der
Abdankung, die sich Frisch zehn Jahre
später in der Zürcher Peterskirche verschrieben hat, zwar ohne Pfarrer, aber in
jeder Hinsicht «so und nicht ungefähr».
Dass es von Max Frisch kein Grab gibt,
stimmt auch dazu.
Dafür hört man seine Stimme in der
Erstausgabe dieser «Poetikvorlesungen»
lebendig wie zum ersten Mal – und spürt
zugleich, wie sehr man sie vermisst.
Peter Bichsel bringt im Nachwort eines
Freundes diesen leer gewordenen Raum
intensiv zum Schwingen. An die Umstände von Frischs Gastspiel am City College
erinnert sich einer der Veranstalter,
Mark Jay Mirsky; Herausgeber sind Walter Obschlager, der langjährige Leiter
des Frisch-Archivs an der ETH, und
Daniel de Vin von der Freien Universität
Brüssel. Unermüdlich begleitet er seit
vielen Jahren akademisch die neuere
Schweizer Literatur; dafür sei ihm nachgesehen, dass sein Vorwort für die Wiedergabe des Spektrums Max Frisch
reichlich Regenbogenfarbe verwendet.
Er bemüht sich um einen Frisch zum
Anfassen. Der Text selbst zeigt einen
Frisch, der sich entzieht. Dieser wird
bleiben. L
Adolf Muschg lebt als Schriftsteller
und Literaturwissenschafter in Männedorf und Berlin. Am 15. 9. erscheint
sein neuer Roman «Kinderhochzeit»
(Suhrkamp).
31. August 2008 XNZZ am Sonntag X5
Belletristik
Début Ein Liebesroman wie ein Road-Movie, das einen ganzen Planeten der Melancholie
durchmisst und dennoch nicht vom Fleck kommt
Durch die Bars von Moskau
Aus dem Russischen von Beate Rausch.
Ammann, Zürich 2008. 267 S., Fr. 35.90.
Von Paul Jandl
Wenn Jewgenij Walerjewitsch Grischkowez auf den Bühnen des Theaters mit
verknautschter Miene seine Geschichten
zum Besten gibt, dann will man ihm alle
Qualen glauben, von denen die Rede ist,
und jede Freude. Eine Autobiografie der
vielen Leben hat sich der im sibirischen
Kemerewo geborene Künstler erfunden.
Dass nach seinen berühmten Performances auch sein jetzt ins Deutsche
übertragenes Roman-Début «Das Hemd»
dazugehört, steht ausser Zweifel.
«Das Hemd» ist ein vertrackter, in
Moskau spielender Liebesroman. Es ist
das Buch einer Stadt, deren Lichter nicht
so glamourös blinken wie die in New
York oder Paris. Staubig ist der Schnee,
durch den die Taxifahrer ihre fragwürdigen Karossen lenken – manchmal mitten ins Unglück hinein. Der Roman, der
mit einer nächtlichen Massenkarambolage endet, hat wie im Schlaf begonnen.
Seinen Freund Max, der aus der gleichen
russischen Provinzstadt stammt wie er,
holt der Erzähler, ein nur mässig erfolgreicher Architekt namens Sascha, frühmorgens vom Flughafen ab. Schon auf
dem Weg dorthin kann er an nichts
anderes denken als an jene Frau, in die
er sich vor kurzem verliebt hat. Ein Tag
hebt an, der lange dauern soll, ein Tag,
an dem ein Mann durch Moskau irrt wie
Odysseus übers Meer. Schwankend sind
die Planken der zahllosen Bars, in die
dieser Held einkehrt, ein schwacher
Trost die starken Getränke. Unsicher ist
die Heimkehr des Helden, und während
seine Penelope, die überdies Angestellte
eines Tourismusbüros ist, nur telefonisch im Roman auftritt, wird die
Freundschaft mit Max vertieft.
Grischkowez’ «Hemd» ist «Ulysses»
auf Russisch, ein Road-Movie, das auf
den Strassen der grossen Stadt kaum
vom Fleck kommt. Mit seinem Freund
Max diskutiert Sascha über die ernsten
Dinge der Welt. Ein geniesserisches
Gespräch über Zigarren, das der Roman
im O-Ton wiedergibt, kann sich hinziehen, während man bei Frauen, für diesmal, zurückhaltend bleiben will.
Den «Ernest», mit dem die beiden
schon beachtliche Erfolge gefeiert haben,
werden sie diesmal nicht machen. Zu
Ehren des grossen Hemingway geben sie
sich bei diesem von ihnen ersonnenen
Nicht so glamourös
wie in New York oder
Paris: Einkehren in
Moskauer Nachtclubs.
THOMAS PETER/REUTERS
Jewgenij Grischkowez: Das Hemd.
Spiel wie dessen Helden: unnahbar, souverän. Zwei einsam schwadronierende
Herren mittleren Alters trennen sich
und finden wieder zusammen, sie klagen einander ihr Leid und trinken auf
die Liebe. Da ist dann noch die Sache
mit der roten Aktentasche, die Max,
wenn er sie nicht gerade wieder verloren hat, bei sich trägt, und der dunkle
Mercedes, der den Erzähler verfolgt. Ist
es ein Detektiv, der ihn im Namen der
geliebten Frau beschattet, oder ein Eifersüchtiger? Weil der Realismus eines
Grischkowez eher das Unglaubliche für
wahrscheinlich hält als das Wahrscheinliche für glaubwürdig, können diese
Dinge alles bedeuten oder nichts.
Es ist ein subtiler Roman über die Vergeblichkeit. Wie der Held sich treiben
lässt, hoffend und wartend, die Geliebte
wenigstens am Telefon zu hören, um
dann selbst das Hoffen und Warten wieder zu vergessen, das hat etwas Schwermütiges. Die Schwermut aber durch Witz
zu erleichtern, gelingt Grischkowez, weil
er vom Pathos nichts wissen will. Am
Ende einer langen Nacht, nach all den
Gesprächen in den Bars und am Telefon,
nach den Sorgen um Max, der sich sinnlos besäuft, und nach einem glücklich
überlebten Unfall ist der Erzähler im
Morgengrauen dort angekommen, wo
seine Fahrt begann: zu Hause. Sein weisses Hemd zieht er aus und hängt es über
die Stuhllehne. Dass es ihm für diesen
einen Tag eine zweite Haut war, erfüllt
ihn mit zärtlicher Trauer. Grischkowez’
Roman ist das vorerst letzte Bekenntnis
zu träumerischen Gewissheiten der russischen Literatur: «‹Und welcher Teil
von dir ist müde?› fragte ich mich. ‹Die
Seele, Euer Wohlgeboren! Die Seele!›
liess sich die Antwort vernehmen.» L
Kriminalroman Ohne Vornamen, Biografie und Moral: der Berufsverbrecher Parker in Aktion
Eine Menschenjagd läuft aus dem Ruder
Richard Stark: Fragen Sie den Papagei.
Aus dem Englischen von Dirk van
Gunsteren. Zsolnay, Wien 2008.
336 Seiten, Fr. 30.90.
Von Bruno Steiger
Smith nennt sich der wortkarge Fremde,
der sich irgendwo in Massachusetts dem
Suchtrupp anschliesst. Dieser macht auf
der Jagd nach einem Bankräuber die
Gegend unsicher. Smiths richtiger Name
ist Parker, und dass die Suche ihm selbst
gilt, weiss ausser ihm nur der Besitzer
jenes Papageis, der die leere Mitte von
Richard Starks exzellentem Krimi bildet. Eher Inkarnation eines blinden
Flecks denn Dreh- und Angelpunkt, hat
der in seinem Käfig von einem Bein aufs
6X NZZ am Sonntag X 31. August 2008
andere tretende Vogel «alles im Griff,
was er im Griff haben musste». Dass die
Menschenjagd unter der Regie des
Gejagten aus dem Ruder läuft, hat auch
für ihn denkbar missliche Folgen.
Eine von intelligentem Witz und absurder Logik auf die Spitze getriebene
Erfindungslust kennzeichnet alle Romane um den Berufsverbrecher Parker. Ihr
Autor ist der heute 75-jährige Amerikaner Donald E. Westlake. Unter dem
Pseudonym Richard Stark lancierte er
Parker 1962 im Roman «The Hunter».
Das Buch wurde fünf Jahre darauf unter
dem Titel «Point Blank» von John Boorman verfilmt. Bis 1974 erschienen rund 20
Parker-Titel; nach einer längeren Pause
nahm Westlake/Stark gegen Ende der
neunziger Jahre die Serie wieder auf. «Fragen Sie den Papagei» ist der bisher letzte
Titel der neuen Folge und soll gemäss
Verlagsankündigung den Anfang einer
umfassenden Parker-Edition bilden.
Parker, ohne Vorname, ohne Biografie, ohne Gefühle und ausserhalb aller
Moral, zählt zu den eindrücklichsten
Gestalten der Kriminalliteratur. Als
einen «Mann, der seinen Job macht»,
charakterisiert ihn sein Erfinder. Sich
dem Geschnapptwerden zu entziehen,
ist seine Aufgabe im vorliegenden
Roman. Ein Nebenjob besteht darin,
einem alten Mann beim Überfall auf das
Wettbüro einer Pferderennbahn mit Rat
und Tat zur Seite zu stehen. Die Coolness, mit der Parker die Sache erledigt,
ist gnadenlos zielgerichtet und von derselben grandiosen Sinnlosigkeit geprägt,
die all seinen Unternehmungen zugrunde liegt. L
Erinnerungen Mit der Fortsetzung ihrer Autobiografie ist Ruth Klüger ein mutiges Buch gelungen
Kurze Ärmel in der Sonne
Ruth Klüger: unterwegs verloren.
Zsolnay, Wien 2008. 238 Seiten, Fr. 38.90.
Ruth Klüger, 76,
kann Privates und
Öffentliches in ihrem
Leben nicht trennen.
Von Angelika Overath
Martin Walser lobte: «Sobald etwas
genau genug ist, hört der Streit auf. Man
nickt dann. Schweren Herzens.» Das
Buch «weiter leben. Eine Jugend» (1992)
der renommierten Literaturwissenschafterin über ihre jüdische Kindheit in Wien
bis zur Ausreise in die USA wurde zu
einem Welterfolg. Ruth Klüger konnte
ihre Alltagserfahrungen aus dem Unvorstellbaren anschaulich, «genau genug»,
vermitteln, weil es ihr gelang, eine ganz
eigene Sprache, besser: eine Vielschichtigkeit der Stimmen, zu entwickeln. In
wienerischem Duktus plaudert sie, oft
stellvertretend für das «Mäderl», das sie
war, staunend, auch trotzig lakonisch
vom Nicht-Sagbaren, und dann kommentiert sie als erfahrene Essayistin das
Erzählte. Schliesslich tritt sie als Person
zurück und setzt als Lyrikerin ein
Gedicht, das da zu sprechen beginnt, wo
das Argumentieren aufhören muss.
Diese Literatur erfindet keinen Plot,
aber sie ist hochkomplexe erfundene
Form. Sie erreicht eine Spannung, ja
einen Sog, der den Leser mitnimmt in
ein Erleben und Nachdenken. Nun ist,
immerhin sechzehn Jahre später, die
Fortsetzung erschienen: «unterwegs
verloren». Während Ruth Klüger «weiter leben» als Sechzigjährige schrieb,
die, zwischen Göttingen und Kalifornien
pendelnd, noch mitten in den universitären Verpflichtungen stand, verfasste
sie den zweiten Teil der Memoiren als
emeritierte Professorin, vierfache Grossmutter und berühmte Autorin.
Nun geht es auch um eine Lebensbilanz. Über ihre Auschwitz-Tätowierung,
die man der 12-Jährigen in die Haut
stach, stellt sie zu Beginn quälend subtil
die Frage nach der schuldlosen Schuld
der überlebenden Opfer. Sie habe die
Nummer als ein Totengedenken getragen, nun im Alter aber beschlossen, das
blaue Mal in einer kalifornischen Laserklinik entfernen zu lassen: «Doch als
Provokation hatte ich die Nummer auf
meinem Arm nie verstanden, auch nicht
als Entblössung. Erst als ich sie nicht
mehr hatte, fiel mir auf, wie sehr sie
beides gewesen war. Eine Selbstverständlichkeit, wie alles am eigenen Körper, auch die Narben oder etwas Missgestaltetes. Doch für andere ein Anstoss,
etwas Anstössiges, das man dem, der’s
hat, übelnimmt. Und die Kehrseite ist
Entblössung. Eigentlich sollte es nur die
Entblössung der Naziverbrechen sein.
Aber es funktioniert eben anders. Weil
es am Körper ist.»
Die gelöschte Nummer wird zum Pars
pro Toto für die alte jüdische Frau, die
den Holocaust überlebte, heiratete, Kinder bekam, eine Scheidung durchlitt und
ISOLDE OHLBAUM
Auschwitz-Tätowierung
dann doch noch, in sehr kleinen Schritten, als alleinerziehende Mutter und
gegen immensen machistischen, auch
judenfeindlichen Widerstand eine Universitätskarriere machte, die sich selbst
aber immer wieder in einem unverdienten Spagat zwischen Provokation
und Entblössung erleben musste.
Harte und heitere Momente
Denn für die, die hätten sterben sollen,
aber nicht gestorben sind, war die «Stunde null» ein Mythos. Das Morden ging
weiter, weil die Toten fehlten. Das Erinnern hielt sie wach wie Wunden. Die
Tätowierung, als Totengedenken ins
Intime überhöht, blieb äusserlich zugleich Markierung, «herdenmässige
Herabsetzung», ein fortgesetztes Stechen. «Das reichte mir. Nicht länger
wollte ich wie die Opfer in Kafkas ‹Strafkolonie› das ungerechte, das absolute,
das unverständliche und der Vernunft
nicht zugängliche Gesetz eingeritzt im
Körper haben. Die Nummer hat immer
nur mit mir und den Ermordeten zu tun
gehabt, und ich wünschte mir ein paar
Jahre mit kurzen Ärmeln in der Sonne.»
Ruth Klüger hat ein sehr mutiges
Buch geschrieben, in dem sie zeigt, wie
sich Privates und Öffentliches in ihrem
Leben nicht trennen liessen. Ihre
Schwierigkeiten in Princeton, wo sie
sechs Jahre als Professorin unterrichtete, waren getränkt von Ressentiments
gegen Juden, gegen Frauen, gegen
geschiedene Mütter. Und noch wenn sie
in bewundernswerter Ehrlichkeit über
ihre Kinder und die nachgetragene Liebe
zu ihnen schreibt, schliesst sie mit der
offenen Frage, ob nicht ihre Prägung
durch den Nationalsozialismus selbst
dieses Verhältnis belastet hat.
Nach Auschwitz war nichts mehr, wie
es hätte werden können. Das Buch ist ein
unverzichtbares Dokument zur Zeit- und
Wissenschaftsgeschichte. Und es enthält
wunderbare glasklare, harte und heitere
Momente von scharf beobachteter
Menschlichkeit. Dass ihr Kritiker wegen
mancher Passagen Überempfindlichkeit,
ja Ressentiments vorwerfen werden,
nimmt sie selbstironisch in Kauf: Zwei
Kapitel heissen «Göttinger Neurosen»
und «Wiener Neurosen». Und doch bemüht sie sich schmerzhaft um Fairness.
Ihre Memoiren sind mit diesem Buch abgeschlossen. Jetzt sollte sich die Lyrikerin
Ruth Klüger endlich selber das Wort
geben. L
31. August 2008 XNZZ am Sonntag X7
Belletristik
Briefwechsel Die intime Korrespondenz zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan war bisher
das bestgehütete Briefgeheimnis der jüngeren Literaturgeschichte
Geschichte einer Liebesvergiftung
Ingeborg Bachmann – Paul Celan:
Herzzeit. Der Briefwechsel. Mit den
Briefwechseln zwischen Paul Celan und
Max Frisch sowie zwischen Ingeborg
Bachmann und Gisèle Celan-Lestrange.
Hrsg. u. kommentiert v. Bertrand
Badiou, Hans Höller, Andrea Stoll u.
Barbara Wiedemann. Suhrkamp,
Frankfurt a. M. 2008. 400 S., Fr. 44.90.
Es ist die unheilvollste Liebesgeschichte
in der deutschsprachigen Literatur des
20. Jahrhunderts; die Geschichte zweier
Liebender, die an ihrer unerfüllten Sehnsucht zerbrachen und sich dabei oft die
schlimmsten Feinde waren. Was Ingeborg Bachmann und Paul Celan jenseits
der subtilen poetischen Korrespondenzen innerhalb ihres Werks miteinander verband, verbarg bisher das bestgehütete Briefgeheimnis der jüngeren
Literaturgeschichte. Am 16. Mai 1948
hatte die österreichische Philosophiestudentin und aufstrebende Poetin Ingeborg Bachmann den Dichter und staatenlosen Juden Paul Celan kennengelernt, der nach einer strapaziösen Flucht
aus Bukarest im Dezember 1947 nach
Wien gekommen war. Was nach ihrem
ersten Zusammentreffen in Wien geschah, lieferte viele Jahre lang den raunenden Orakeln der Philologie Stoff für
Spekulationen. Denn der Briefwechsel
des Dichterpaars war mit einer Sperrfrist bis ins Jahr 2025 belegt. Bereits in
den vergangenen Jahren waren die
Rechteinhaber der Werke Bachmanns
und Celans aber von ihrer strikten Linie
abgerückt und hatten erste Einblicke in
die Hinterlassenschaften der beiden
Autoren ermöglicht.
Heillos verstrickt
Nun ist ein elementares Kernstück für
die Literaturgeschichte der Nachkriegszeit vollständig freigelegt worden. Unter
dem Titel «Herzzeit», der das erste
Wort aus einem Widmungsgedicht an
Ingeborg Bachmann aufnimmt, liegt der
komplette Briefwechsel zwischen beiden Autoren in einer mustergültig kommentierten Ausgabe vor, ergänzt um die
Korrespondenz Celans mit Max Frisch
und um die Briefe, die sich die LiebesRivalinnen Ingeborg Bachmann und
Gisèle Celan-Lestrange (Celans Ehefrau) geschrieben haben.
Was auch immer gegen die Veröffentlichung und Kommentierung so intimer
Briefe vorgebracht werden mag: Es handelt sich um ein dramatisches und tief
erschütterndes Lebenszeugnis, das keinen Leser unberührt lassen wird. Wohl
gegenüber keinem anderen Briefpartner
haben sich die beiden Autoren in ihrer
emotionalen Zerrissenheit und Schutzlosigkeit so preisgegeben. Es sind in
ihrer Mehrzahl verzweifelte Briefe, ein
ständiges Flehen um Aufmerksamkeit
8X NZZ am Sonntag X 31. August 2008
PRIVATNACHLASS INGEBORG BACHMANN
Von Michael Braun
Ingeborg Bachmann
und Paul Celan (r.),
1952 an einer Tagung
der Gruppe 47 in
Niendorf.
und Zuwendung, das in fataler Regelmässigkeit enttäuscht wird. Zwei Unerlöste wissen um die Heillosigkeit ihrer
Liebe und hoffen doch auf ein Zeichen
der existenziellen Verbundenheit.
Das Liebespaar, das sich nach wenigen Wochen des Glücks trennen muss,
als Celan im Juli 1948 in seine neue
Wahlheimat Paris reist, war sich seiner
Randposition im geschichtsvergessenen
Literaturbetrieb bewusst. Mit Celan,
dessen Eltern von den Nazis in Konzentrationslagern in der Ukraine ermordet
worden waren, teilte Bachmann, die
Tochter eines ehemaligen NSDAP-Mitglieds, die Überzeugung, dass moderne
Dichtung ohne die poetische Referenz
auf die Vernichtungsgeschichte des Holocaust nicht mehr möglich ist. Als nach
1959 die haltlosen Plagiatsvorwürfe
Claire Golls und die dadurch losgetretene Pressekampagne Celan immer mehr
zusetzen, springt Bachmann dem Dichter zur Seite und weist die infamen Attacken öffentlich zurück. Zu diesem Zeitpunkt ist die Liebesbeziehung zwischen
den beiden schon längst zerbrochen.
Gegenseitige Zermürbung
Bereits im September 1950 war Bachmann, die damals von einer unglücklichen Liaison in die nächste stolperte,
nach einem Nervenkollaps zusammengebrochen. In ihren Briefen aus dieser Zeit
spricht eine nahezu unfassbare Geduld
und Leidensbereitschaft, die sich gegenüber dem schweigenden Geliebten bis
zur Selbstdemütigung steigern kann. «Ich
bin verloren, verzweifelt und verbittert»,
schreibt sie an Celan in diesen Monaten
der grossen Krise – aber das grausame
Exerzitium gegenseitiger Zermürbung ist
nicht aufzuhalten: «Ich bedaure dich, weil
Du, um eine Enttäuschung zu verwinden,
den anderen, der Dir diese Enttäuschung
gebracht hat, so sehr vor Dir und den
anderen zerstören musst.» Celan seinerseits schwankt zwischen euphorischen
Liebesbekundungen und tiefem Misstrauen. Mit dem Gedicht «In Ägypten»,
das den neuen Liebesbund in einer Reflexion auf den Tod jüdischer Frauen spiegelt, hatte er im Juni 1948 den Briefwechsel eröffnet. Solche Innigkeit der Zuwendung wird er später nur noch einmal
aufbringen, in den Monaten nach der
Wiederaufnahme der Liebesbeziehung
im Oktober 1957. Seine «Liebste Ingeborg», der er fünf Jahre zuvor in aller
Härte das «unrettbar Verlorene» ihrer
Liebe erklärt hat, überschüttet er nun binnen weniger Wochen mit anrührenden
Liebesgedichten und pathetischen Bekenntnissen: «Du bist der Lebensgrund,
auch deshalb, weil du die Rechtfertigung
meines Sprechens bist und bleibst.»
Aber bereits im Februar 1958 verdunkelt die Goll-Affäre die neue «Herzzeit»
des unglücklichen Paars. Als sich Bachmann im Sommer 1958 in Max Frisch
verliebt, ist das der Auftakt zur endgültigen Vergiftung allen Vertrauens. In
einem nicht abgeschickten Brief resümiert Ingeborg Bachmann die tiefen
Verletzungen, die ihr Celan zugefügt
hat – Wunden, die nie mehr verheilten.
In ihrer Erzählung «Drei Wege zum
See» (1972) hat Bachmann später in
verschlüsselter Form das Ausweglose
ihrer «grossen Liebe» festgehalten. Ihr
weiterer Lebensweg bis zum tödlichen
Brandunfall im September 1973 wird
hier auf unheimliche Weise antizipiert.
Der Geliebte, heisst es da, habe als ein
«Exilierter und Verlorener» auch seine
Geliebte «in eine Exilierte» verwandelt,
«weil er sie, erst nach seinem Tod, langsam mit sich zog in den Untergang». L
Roman Jacques Chessex, 1973 Gewinner des «Prix Goncourt», kehrt zurück
Die Sprache knirscht so schön
wie das Gebälk der Angst
Jacques Chessex: Der Vampir von Ropraz.
Aus dem Französischen von Elisabeth
Edl. Nagel & Kimche, Zürich 2008.
96 Seiten, Fr. 23.90.
Jacques Chessex: Pardon mère. Editions
Grasset, Paris 2008. 218 Seiten, Fr. 36.10.
Von Stefan Zweifel
Natürlich kann man das Bücherregal
nach Farben ordnen, und doch halten
sich die meisten Leute brav ans Autoren-Abc. Dabei gibt es Übersetzer, die so
bedeutsam sind, dass man sie zwischen
die Schriftstellernamen stellen müsste.
So gesehen sollten unter «E» Stendhal,
Julien Green und auch Jacques Chessex
stehen. Denn Elisabeth Edl hat all diese
Autoren übersetzt. Sie befreite die verschmockte Version von Stendhals «Rot
und Schwarz» mit handkantenhartem
Deutsch, raschen Brüchen und Wechseln, kurz: Edl hat Stendhal eingedeutscht. Oder besser: das Deutsche
stendhalisiert. Und jetzt also ein kleiner
Roman von Jacques Chessex.
Weshalb, fragt man sich zunächst,
diese simple Geschichte rund um einen
Vampir, der 1903 in einem Dorf im Jura
sein Unwesen trieb? Wie unzeitgemäss
diese wahre Geschichte von CharlesAugustin Favez, dem «Vampir von
Ropraz». Weshalb wählte Edl dieses
Buch? Sicher nicht, weil es ein überraschender Erfolg in Frankreich war, mit
80 000 verkauften Exemplaren, sondern
weil die Sprache so schön knirscht wie
das Gebälk der Angst, wie das Ächzen
der Vorurteile in einem kleinen Dorf,
wie die unter dem weissen Kreuz verborgene Gewalt in der Schweiz, die ausbricht gegen Aussenseiter und Randständige, wobei sich in einer seltsamen
Dialektik die Gefühle von Hass und
Liebe, Gemeinschaft und Ausschluss,
Normalität und Isolation entladen.
Der Vampir streift und schweift durch
die Wälder des Juras. Il «rôde» – ein
Lieblingswort von Chessex. Dieses
Schweifen der Lust schlägt jäh um in ein
Jagen der Angst, die auch die blanken
Knochen der Legenden «abnagt». So
spielt der Autor mit Worten und Klängen, ja wenn man den Text selbst laut
liest, beginnt die Sprache zu dröhnen,
der Kiefer mahlt und hackt der jungfräulichen Sprache die Konsonanten hart in
den vokalischen Leib, wie die spitzen
Zähne eines Vampirs eben, der Blut saugt
und der Grammatik das Rückgrat bricht,
genau zwischen Busen und Kopf.
Chessex selbst hat einen solchen Kieferknochen-Kopf, wie er ihn einmal im
Buch «Les têtes» beim Entrecôte fressenden Fletschen von Georges Bataille
beschrieb. Jacques Chessex ist von Bataille fasziniert, der das Sexuelle und Tödliche, Eros und Thanatos zusammenbrachte: Bataille erschreckte mit dem
inzestuösen Roman «Ma Mère», jetzt
antwortet Chessex darauf mit seinen
Erinnerungen an seine Mutter, «Pardon
mère». Ein zaghaft zarter, herzspaltender
Text, denn Chessex braucht nun ein ganzes Buch, um jenen einzigen einsamen
Satz wettzumachen, den er nie über die
Lippen brachte: «Ich liebe dich, Mutter.»
Mit diesen beiden Büchern hat sich
Jacques Chessex zurückgeschrieben in
die Aktualität. Hat auch seine Bilder
ausgestellt, die den Minotaurus zeigen,
die mythische Stiergestalt, umtanzt und
umsphinxt von nackten Frauen. Minotaurus, Vampir – den Totentanz des sexuellen Exzesses inszeniert Chessex bestechend, doch nie wirklich rauschhaft,
immer etwas verstockt und verhockt,
wie es sich für die Schweiz gehört. Es ist
eine verdrängte Lust, die aus dem Vampir herausbricht, das Dorf ansteckt, die
Phantasie der Bewohner entflammt,
ihren Rachedurst. Und dank Edl auch
dem Deutsch das Blut aussaugt, bis nur
noch der blanke Knochen ausgekocht
vor uns liegt. Gelustmordete Sprache.
Dabei inszeniert sich Chessex selbst
als Opfer: Der Vampir und Mädchenmörder ist sein «Double», sein «Bruder». Er
flieht mit ihm in den Wahn der damaligen
Irrenanstalt, er flieht hinaus in den Ersten
Weltkrieg, wo der vampirische Mädchenmörder an der Seite von Blaise Cendrars
kämpfte und die Figur abgab für Cendrars’
Moravagine, jenen global agierenden
Lustmörder. Doch Chessex’ Held aus der
dörflichen Enge wütet im Verborgenen
weiter, er fiel auf dem Schlachtfeld für
Frankreich und liegt heute – so die Schlusswendung – als «soldat inconnu» unter
dem Arc de Triomphe in Paris. Eine ewige
Flamme leuchtet als blasphemische Kerze
für seine Seele. Und Edls Sprache leuchtet
als vokaler Widerschein und vampirischer
Wiedergänger. L
Stefan Zweifel lebt als Publizist, Übersetzer und Journalist in Zürich. Er ist
Mitglied des «Literaturclubs» von SF.
Frühlingserwachen Zwischen Kindheit und Jugend
Es ist heiss, Adah und ihre Freundinnen treffen sich
in ihrer Freizeit am See. Ein wunderbares Vergnügen,
im Wasser Schwere und Leichtigkeit zu erleben. Die
Mädchen sind ganz bei sich, und doch ist da mehr,
wenn Adah sich am Steg aufrichtet und den Blick zur
Fotografin hebt. Lillian Birnbaum hat die Mädchen
über mehrere Jahre begleitet. Die 1959 geborene
Mode- und Porträtfotografin kennt die Wirkung von
Gesten und Blicken. Klischees sind schnell parat.
Wie sie im Gespräch mit Doris von Drahten erzählt,
war sie bei diesen Bildern aber nicht so sehr vom
Bewusstsein der Sexualität fasziniert, das in den
Mädchen erwacht, als vielmehr von den Nuancen, in
denen sie den Übergang von der Kindheit zum Erwachsenwerden ausdrücken. Zwischen dem Selbstbewusstsein der 8-Jährigen und der Fragilität der 13-Jährigen
liegen fragende Blicke in den Spiegel, ersäufte
Puppen im Plastikbeutel und Umarmungen der Freundinnen. «Transition» ist eine behutsame Annäherung
an Augenblicke vor dem Erwachen. Gerhard Mack
Lillian Birnbaum: Transition. Hatje Cantz, Ostfildern
2008. 128 Seiten, 76 Abb., Fr. 52.–.
31. August 2008 XNZZ am Sonntag X9
Belletristik
Roman Susan Choi lässt in ihrem dritten Buch eine Paketbombe an einer Universität
detonieren. Spannung gewinnt das Werk dank psychologischen Einsichten
Inszenierungen eines Professors
Susan Choi: Reue. Aus dem Amerikanischen von Annette Hahn. Aufbau,
Berlin 2008. 480 Seiten, Fr. 35.90.
Der Anschlag passiert gleich im ersten
Satz und setzt in Susan Chois neuem
Roman eine einzigartige erzählerische
Spannung frei. Die Bombe, per Post geliefert, tötet den Informatiker und akademischen Shootingstar Rick Hendley.
Die Wucht der Explosion erfasst auch
dessen Büronachbarn Lee und wirft ihn
– zwar unverletzt – zu Boden. Mehr aber
erschüttert Lee ein Gedanke, der ihn
durchzuckt, noch während die Wände
des Instituts wackeln: «Ah, wie gut.»
Die 1969 geborene amerikanische
Schriftstellerin wurde mit ihrem vorherigen Roman, «American Woman», 2004
für den Pulitzerpreis nominiert. Dieser
spielte vor dem Hintergrund der Saga von
Patty Hearst, der entführten Enkelin des
Medientycoons William Randolph Hearst.
In «Reue» ist nun ein Täter unterwegs,
der es auf kluge Köpfe abgesehen hat.
Choi löst den Fall gekonnt, aber das Aufregende an diesem Roman sind ihre psychologischen Ermittlungen im Fall ihres
Protagonisten, des Mathematikers Lee.
Dabei sieht zunächst alles unspektakulär aus. Professor Lee, Mitte sechzig,
schroff gegenüber sich selbst wie gegenüber seinen vielen möglichen Konkurrenten, ist auf Lebzeiten an einer Universität im amerikanischen Mittelwesten angestellt. Nun bringt ihm der
Anschlag zweifelhafte Berühmtheit. Als
wichtiger Zeuge des FBI und weil er sich
weigert, am offiziellen Trauerzeremoni-
SIGRID ESTRADA/CORBIS OUTLINE
Von Nina Toepfer
Susan Choi, geboren
1969, für den Pulitzerpreis 2004 nominiert.
ell teilzunehmen, gerät er auf dem Campus, in der Nachbarschaft und in den
nationalen Medien fast automatisch –
aber zu Unrecht – unter Verdacht.
Das allein böte hinreichend Stoff, Lee
aus der Fassung zu bringen. Nur sind die
schlimmsten Probleme, in die sich Lee
verstrickt, die inneren. Wie sehr trifft
ihn eine andere Schuld? Als unerwartete
Post von einem ehemaligen Freund eintrifft, beginnt Lees Fassade zu bröckeln.
Die Vermutung, er selber stehe im
Fadenkreuz des Attentäters, verdichtet
sich in seinen Gedanken zur Gewissheit:
In einem ausgeklügelten Racheakt soll
sein Leben zerstört werden.
Choi entwirft in wenigen Sätzen ganze
Welten. Sie kümmert sich in oft verschlun-
genen, aber fliessenden Sätzen um die
Details, während sie die Geschichte weitertreibt. So rückt sie ihrem Professor so
nahe wie möglich und benennt mit beeindruckender Sicherheit die Schattierungen
seiner Widersprüche und die Variationen
der Angst. Dabei zielt sie sowohl ins
Innerste der Hauptfigur wie auch auf weiteres Personal (schnell und lebhaft gezeichnet: FBI-Agent Jim Morrison) oder
auf Lees materielle Selbstinszenierungen
und präzise arrangierte Beiläufigkeiten,
etwa wie genau Lee den Türspalt zu seinem Büro bemisst, der zu Sprechstunden
einladen soll, ohne seine Studenten allzu
aufdringlich um Gesellschaft zu bitten.
In Rückblenden blitzt auch Lees Vergangenheit auf. Da ist Lee, der Immigrant aus Asien, der sich unter verschärfter Beobachtung fühlt; da sieht man den
Studenten, dessen Clique sich für genial
oder sonstwie aristokratisch hält; da verfolgt man den zweifach gescheiterten
Ehemann, der mit der ersten Mrs. Lee
nach Jahren noch immer imaginäre Gespräche führt.
Es ist so unterhaltsam wie aufwühlend, der Lösung des Falls zuzusehen
und gleichzeitig Chois Sätzen in die versteckten Winkel von Lees Selbsteinschätzung und -täuschung zu folgen. Zum
Schluss kommt Action auf, ein spektakuläres Aufgebot von Sonderkommandos
geht zur Überführung des Täters in Stellung. Es scheint, als befreie sich Lee sogar
von den Untoten seiner Vergangenheit.
Aber Choi lässt einen höchstens mit dem
Gedanken spielen. Hingegen hat sie mit
der Figur des Professor Lee konkret und
packend den Versuch geschildert, wie
ein Mensch eine Sicht über sich selbst
gewinnt, die Bestand hat. L
Kriminalroman Martha Grimes spielt mit skurrilen Figuren und einem tierischen Inventar
Mord in der Londoner High Society
Martha Grimes: Inspektor Jury lässt die
Puppen tanzen. Aus dem Amerikanischen
von Cornelia C. Walter. Goldmann,
München 2008. 420 Seiten, Fr. 34.90.
Von Pia Horlacher
Falls Sie Martha Grimes noch nicht kennen, lassen Sie sich auf keinen Fall von
den deutschen Titeln abhalten! Denn
seit über zwanzig Jahren garantiert die
Amerikanerin mit ihrer Inspektor-JuryReihe kluge und witzige Krimiunterhaltung. Wie ihre Landsfrau Elizabeth
George, mit der sie den Olymp der englischen Grand Old Ladies of Crime um
Barbara Vine und P. D. James teilt, lässt
sie ihre Romane in England spielen. Sie
erscheinen in jährlichem Rhythmus,
sind alle betitelt nach Namen von real
10X NZZ am Sonntag X 31. August 2008
existierenden Pubs und leben ebenso
von gesellschaftskritischer Zeitgenossenschaft wie von typisch britischem,
schwarzem Humor. Der melancholische
Protagonist Richard Jury wird unterstützt – in durchaus realistischen, manchmal geradezu brutalen Verbrechensfällen – von einem exzentrischen Freundeskreis, der Long Piddleton Clique, die
mit skurrilen Figuren und höchster
Komik glänzt.
Und niemand kann Tiere besser integrieren beziehungsweise britische Tierliebe ironisieren als Grimes, die den
Tierschutz sowohl finanziell wie auch
mit einer soeben begonnenen neuen USKrimiserie unterstützt. So gehören etwa
eine Ziege namens Aghast (deutsch: entgeistert), ein Pferd namens Aggrieved
(gekränkt) und natürlich der aggressive
Kater Cyril, der Jurys eingebildeten Scot-
land-Yard-Chef regelmässig in den Senkel stellt, zum tierischen Inventar.
In Grimes’ vorletztem Krimi, eben
jenem, wo Jury auf den Hund kommt,
gesellte sich der hinreissende Hund
Mungo dazu, der neben Schrödingers
Katze und andern Theorien der Quantenphysik eine Hauptrolle in einem mysteriösen Vermisstenfall spielt. Im letzten
und wieder etwas weniger verspielten
Jury-Roman lässt Grimes weder die
Stringtheorien des Wissenschaftlers
Niels Bohr noch irgendwelche «Puppen
tanzen», dafür wird der Inspektor von
einem Blitzschlag getroffen – in der Person seiner neuen Kollegin Lu Aguilar.
Die leidenschaftliche Begegnung hält
das heimliche Liebespaar allerdings
nicht davon ab, einen Mordfall zu klären,
dessen Hintergründe bis in die Zeit des
Zweiten Weltkrieges zurückreichen. L
Tatsachenroman Ursula Krechel erzählt von jüdischen Emigranten aus Nazi-Deutschland
in Shanghai – ernst, empathisch und humorvoll
Die ferne Stadt, in der sich
Schicksale kreuzten
Ursula Krechel: Shanghai fern von wo.
Jung und Jung, Salzburg 2008.
500 Seiten, Fr. 50.90.
In den zehn Monaten zwischen der Pogromnacht vom 9. November 1938, als in
Deutschland Synagogen und jüdische
Geschäfte angezündet und Juden auf
offener Strasse verprügelt wurden, und
dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs
am 1. September 1939 gab es für die verfolgten Juden kaum noch ein Land, in
dem sie Zuflucht fanden. In Europa war
der politische Druck des Deutschen
Reiches zu gegenwärtig, als dass sie aufgenommen worden wären; England und
die USA behielten auch angesichts der
Verfolgung ihre restriktive Einwanderungspolitik bei.
Ein Ort, wohin die Juden fliehen
konnten, war Shanghai, die chinesische
Hafenmetropole, die unter internationaler Verwaltung stand und kein Visum
verlangte. Die Juden, die sich die Reichsfluchtsteuer, die Judenabgabe und dann
auch noch die Eisenbahnfahrkarte und
die Schiffspassage leisten konnten,
nutzten diese eine Chance und flohen
nach Shanghai. Etwa 19 000 Juden aus
Deutschland und den angeschlossenen
Gebieten kamen bis 1941 dort an. In
grösster Armut, unter ungewohnten klimatischen Bedingungen und trotz
zunehmenden Schikanen seitens der
nazideutschen Konsularbehörden, die
über ihre japanischen Verbündeten
Zugriff auf die geflohenen Juden zu
bekommen versuchten, blieben diese
schliesslich von der systematischen Verfolgung und Ermordung verschont.
Shanghai steht für ein Kapitel jüdischer Leidensgeschichte, das auch in
der überbordenden Holocaust-Literatur
nur selten zur Sprache kommt und dementsprechend wenig bekannt ist. Der
neue Roman von Ursula Krechel schliesst
also eine Lücke – und erschliesst in
einem kunstvollen dokumentarischdramatischen Gewebe eine Welt, die
fern und vertraut zugleich ist.
Die Shanghailänder
«Nach Shanghai.» «Was? So weit?»
«Weit von wo?» – Diesem Dialog zwischen zwei Juden beim Aufbruch in die
Emigration, den Salcia Landmann als
beispielhaft für den melancholischen
jüdischen Humor zitiert und damit
berühmt, ja sprichwörtlich gemacht hat,
hat Krechel den Titel ihres Romans entnommen: «Shanghai fern von wo». Der
Roman fusst auf einem gleichnamigen
Hörspiel von 1998, das seinerseits auf
die Hörfolge «Fluchtpunkte» von 1996
EUGENE HOSHIKO/AP
Von Stefana Sabin
Juden feiern in der
Ohel Rachel Synagoge
in Shanghai die erste
jüdische Hochzeit
nach 60 Jahren, März
2008.
zurückgeht. Es ist ein Tatsachenroman,
der also auf tatsächlichen Ereignissen
beruht. Dokumentarisches Material, das
sie in jahrelangen beharrlichen Recherchen in deutschen und israelischen
Archiven gesammelt hat, gestaltet Krechel zu einem grossen Panorama der
Emigrantenwelt von Shanghai. Sie
beschreibt, wie die unheimliche Fremde
zur Notheimat aufgerüstet wurde; wie
eine Hausfrau aus Wien in einem chinesischen Restaurant Apfelstrudel backt,
wie ein Buchhändler aus Berlin europäische Zeitungen vertreibt; wie ein Handschuhmacher aus Nürnberg einen kleinen Lederwarenladen betreibt; wie ein
Kunsthistoriker aus Berlin mit chinesischen Aquarellen handelt.
«Ein Klein-Deutschland war entstanden mit Werkstätten, Lebensmittelläden
und Cafés», heisst es in dem Buch, in
welchem sich Bericht, Kommentar und
Erzählung souverän abwechseln. Dabei
bleibt der Ton immer angemessen: ernst,
aber nie belehrend, emphatisch, aber nie
bemitleidend, humorvoll, aber nie ironisch. Historische Reflexionen und narrative Episoden ergänzen sich gegenseitig, und allgemeine Weltgeschichte wird
als singuläre Lebensgeschichte nachvollziehbar. Vor dem Hintergrund eines
grossangelegten Sozialgemäldes nimmt
Krechel einzelne Lebensfäden auf und
verfolgt und verknotet sie, so dass
Shanghai eine Stadt wird, in der sich
Schicksale kreuzen: aus Berlinern,
Frankfurtern, Breslauern, Wienern wer-
den «Shanghailänder». «Es hatten sich
wohl nur Grossstädter getraut, nach
Shanghai zu reisen, um der provinziellen Erschütterung und Erbitterung der
Nazis zu entgehen, das war (...) eine niederschmetternde Erfahrung.»
Überlebensgeschichten
Mit psychologischer Sorgfalt, doch ohne
Psychologismus zeigt Krechel das Emigrantendasein in seinem ständigen
Gefühl der Vorläufigkeit und der Gefährdung und macht existenzielle Hoffnungslosigkeit begreifbar. «Die schlechten
Nachrichten waren in der guten Nachricht verborgen, kleine Minen, die später explodierten. Jede Nachricht war
zunächst vornehmlich eine gute; gut
war, dass sie kam, und weil sie kam, war
sie willkommen. Liess man sie lange
genug auf sich wirken, verwandelte sich
jede Nachricht in eine schlechte, bis die
nächste gut erscheinende Nachricht
kam, die sich bei genauerem Hinsehen
vielleicht wieder in eine schlechte Nachricht verwandelte.»
Krechel erzählt Lebensgeschichten
als Überlebensgeschichten, und es ist
die kontrollierte Einfachheit ihrer Erzählung, die den Schrecken des Berichteten
erträglich macht. Ihr Tatsachenroman
ist von einem Ernst durchdrungen, dem
die Geduld der Sache gegenüber ebenso
anzumerken ist wie der Wille zur Form.
Krechel zeigt, wie historisches Einfühlungsvermögen und dichterische Kraft
sich gegenseitig steigern können. L
31. August 2008 XNZZ am Sonntag X11
Belletristik
Kurzkritiken Belletristik
Das
Buchereignis
des Jahres
Gerhard Polt: Drecksbagage. BühnenMonologe. Illustrationen von Reiner Zimnik.
Kein & Aber, Zürich 2008. 119 Seiten, Fr. 23.90.
Heinz Janisch: Der König und das Meer.
21 Kürzestgeschichten. Illustrationen v. Wolf
Erlbruch. Sanssouci, 2008. Unpag., Fr. 19.50.
Eigentlich muss man den bayrischen
Kabarettisten Gerhard Polt sehen und
hören. Seine «Anwürfe, Unterstellungen, aber auch Ehrabschneidungen» –
so der Untertitel seiner neuesten Sammlung von Bühnen-Monologen – sind
indes selbst in gedruckter Form ein helles Vergnügen. Einmal mehr schlüpft
Polt in verschiedene Rollen und entlarvt
die Überzeugungen seiner Figuren, indem er sie mit Nachdruck vertritt. So
beschaut er bei einem Obatztn, einer frischen Brezn und einem Weissbier die
schneebedeckten Berge und grünen
Matten seiner Heimat, hört die Kuh- und
Kirchenglocken, betrachtet den weissblauen Himmel und kommt zum Schluss:
«Ein Neger passt da einfach nicht hinein! Dass wir uns nicht missverstehen!
Ich mein’s, wie ich’s gesagt hab. Rein
farblich. Von der Farbkomposition her.
Wir Bayern, wir sind ein äusserst kunstsinniger Menschenschlag.»
Manfred Papst
Eher für das höhere Alter ist dieses
bezaubernde Buch des österreichischen
Kinderbuch-Autors Heinz Janisch und
des vielfach preisgekrönten Illustrators
Wolf Erlbruch. 21 Mal trifft der kleine
König auf Naturkräfte, Tiere und Dinge,
die sich von seinen menschlichen Machtansprüchen nicht beeindrucken lassen,
weder das Meer noch der Hund noch
die Vögel in der Baumkrone noch die
Trompete noch das Fischernetz. Ohne
den moralischen Zeigefinger zu heben,
sind diese kleinen Sinn- (und vielleicht
auch Unsinn-)Dialoge unaufdringliche
Denkanregungen. «Wie geht es dir?»,
fragt der König zum Beispiel einmal das
Buch. «Das frage ich dich schon die
ganze Zeit», kommt es prompt zurück.
Erlbruchs reduzierte Illustrationen sind
dabei kleine Bildphilosophien für sich,
die im Gleichtakt mit dem zurückhaltenden Ton der Sprache schwingen. Was
für ein beglückendes Büchlein.
Regula Freuler
Heidi. Nach Johanna Spyri. Erzählt von
Peter Stamm. Mit Bildern von Hannes Binder.
Nagel & Kimche, Zürich 2008. 48 S., Fr. 29.90.
Federico Garcia Lorca: Die Gedichte.
Span./Deutsch, ausgewählt von Enrique Beck.
Wallstein, 2008. 2 Bände. 748 Seiten, Fr. 82.90.
«Ein grosses, kräftig aussehendes Mädchen» sei diese 5-Jährige, die, in mehrere
Kleiderschichten eingehüllt, an der Hand
ihrer Tante den Berg hinaufstapft. Auf
seiner «sonnverbrannten, völlig braunen Haut» glühen rote Wangen. Kaum
mehr verrät Johanna Spyri über das Äussere der kleinen Heldin, dieses Wunders
an Naturverbundenheit und Reinseeligkeit. Stilbildend für Film- und andere
Adaptionen waren bis heute meistens
die frühen Illustrationen, die einen dunklen Lockenkopf zeigen. So auch für den
Zürcher Illustrator Hannes Binder, der
zur Nacherzählung des Schriftstellers
Peter Stamm keine wirklich neuen Bilder, vielmehr eine neue optische Atmosphäre hinzufügt. Die dunkel stimmende
Schabkartontechnik wird mit dezent
gehaltenen Farben ergänzt. Stamm verknappt stark, leider ohne Gewinn, für
«Heidi»-Frischlinge, wohl aber ohne
Verlust. Alle anderen halten sich länger
und lieber bei den Bildern auf.
Regula Freuler
Die Garcia-Lorca-Übersetzungen des
Hannoveraner Werbefachmanns Heinrich (Enrique) Beck (1904–1974), der
1934 als Jude vor den Nationalsozialisten
nach Spanien floh und später in Basel
lebte, waren lange Zeit ohne Alternative,
da Beck sich die Übersetzungsrechte
von den Erben des Dichters hatte absichern lassen. Seine Übertragungen sind
zwar skrupulös und genau, aber auch auf
einen hohen, romantisch-pathetischen
Ton gestimmt. Über ihren Rang lässt
sich deshalb trefflich streiten. Eine solide Basis dazu liefert der Wallstein-Verlag mit der vorliegenden Edition. Sie
präsentiert Becks Übersetzungen erstmals in einer zweisprachigen Ausgabe.
Wo der Übersetzer sich vom Originaltext entfernt, wird dies in Fussnoten vermerkt. Nachwort, Anmerkungen, Glossar und Register sind enorme Lesehilfen.
Ein Rätsel bleibt indes, weshalb die Edition «Die Gedichte» heisst, obwohl es
sich um eine Auswahl handelt.
Manfred Papst
Vom Autor des
Bestsellers
»Der Medicus«
Deutsch von Klaus Berr
496 Seiten | sFr 34,90
Auch als Hörbuch bei Random House Audio.
Gelesen von Christian Brückner.
Eine mitreißende Mischung
aus Spannungsroman,
Familiengeschichte,
Liebesdrama
und Historienepos.
12X NZZ am Sonntag X 31. August 2008
Kolumne
GAËTAN BALLY / KEYSTONE
Charles Lewinskys Zitatenlese
Charles Lewinsky, 62,
ist Schriftsteller,
Radio- und TV-Autor
und lebt in Frankreich.
Sein neues Buch
«Zehnundeine Nacht»
ist gerade bei Nagel &
Kimche erschienen.
Wundere dich nicht,
wenn sich dein Autor in
den Tagen des Erscheinens seines Buches wie
eine schwangere Frau benimmt und
der Meinung ist, dass mit dem Stichtag
des Erscheinens seines Buches eine
neue Zeitrechnung beginnt.
Kurzkritiken Sachbuch
Michael Schroeder: Sappho von Lesbos.
Biografie. Artemis & Winkler, Düsseldorf
2008. 200 Seiten, Fr. 34.90.
Christiane Hoffmann: Hinter den
Schleiern Irans. Dumont, Köln 2008.
320 Seiten, Fr. 35.90.
«Ist es nicht vermessen, rekonstruieren
zu wollen, was ein anderer Mensch in
einer anderen Zeit (...) erlebt, getan und
gedacht hat?» Nein, vermessen wäre es
nicht, würde man dem Produkt die korrekte Bezeichnung verpassen: vielleicht
Romanbiografie. Michael Schroeder
allerdings bezeichnet sein Buch kurz als
Biografie und weckt damit falsche
Erwartungen. Eine Biografie der Sappho
von Lesbos kann es kaum geben, weil
von Leben und Werk dieser Dichterin
fast nichts bekannt ist. Schroeder muss
also die mageren Fakten mit viel Erfundenem garnieren. Dass er keine Zeitreise antreten konnte, um seiner Dichterin
näherzukommen, sei ihm verziehen.
Dass er es aber nicht für nötig hielt,
wenigstens den Schauplatz ihres Lebens,
die Insel Lesbos, zu bereisen, um den
«genius loci» zu erspüren, um zu erfahren, was Sappho sehen und wahrnehmen
konnte, bleibt unverständlich.
Geneviève Lüscher
Christiane Hoffmann lebte von 1999 bis
2004 als Journalistin und Frau des
schweizerischen Botschafters in Teheran. Sie lernte in dieser Zeit Persisch,
gebar zwei Töchter und besiegte eine
heimtückische Krankheit. In ihrem Buch
schildert sie die zunehmende Verunsicherung einer westlichen Frau in einem
muslimischen Land, ihre Versuche, sich
anzupassen und gleichzeitig die herrschenden Zwänge, zum Beispiel in der
Kleiderfrage, zu unterwandern. Sie beschreibt, wie sich beispielsweise ihr
Schamgefühl verändert und sie die europäische «Nacktheit» zunehmend als
Provokation empfindet. Letztlich geht
es ihr immer um die Frage, «wie man
zugleich die Universalität bestimmter
Prinzipien aufrechterhalten und die
unterschiedlichen Welt- und Menschenbilder der Kulturen respektieren kann».
Ein sehr einfühlsames und eindrückliches Buch.
Geneviève Lüscher
Christoph Dejung: Widerspruch.
Auch eine Schweizer Geschichte seit 1945.
Huber, Frauenfeld 2008. 272 Seiten, Fr. 39.80.
Dietmar Grieser: Die guten Geister.
Sie dienten den Grossen: Köchin, Butler, Sekretär. Amalthea, Wien 2008. 272 S., Fr. 36.–.
Ein pensionierter Zürcher Gymnasiallehrer, der sich mit Ketzerei und Provokationen befasst, schriftstellerisch ambitioniert ist und 1400 Diensttage auf dem
Buckel hat – das ist Christoph Dejung
(65), vom Verlag als «unbequemer Historiker aus den Bündner Bergen» präsentiert. Sein Versuch, die Schweizer
Geschichte seit 1945 umzudeuten, wirkt
über weite Strecken originell und eröffnet durch kühne Gedankensprünge neue
Einsichten und Zusammenhänge. Immer
wieder aber versteigt sich der Polemiker
zu zynischen Auslassungen über vermeintliche Hinterwäldler und politische
Gegner, schnitzert auch mal bei den Fakten (wenn er die Ermordung des «sowjetrussischen Ministers Morowski» statt
des Diplomaten Worowsky erwähnt),
und sein Urteil trieft oft von Kulturpessimismus. Als Einstiegslektüre in die Nachkriegsgeschichte ist das Buch kaum
geeignet, als Ergänzung zu einer konventionellen Darstellung jedoch anregend.
Urs Rauber
Es ist ein Buch in der Art von «100
Schauplätze der Weltliteratur»: das Material aus Biografien zusammengetragen, mit Anekdoten angereichert und
leichthändig verfasst. Der österreichische Spurensucher Dietmar Grieser,
Autor mehrerer solcher Werke, stellt
hier 30 vorwiegend weibliche «Perlen»
im Dienst von Prominenten vor:
Köchinnen, Butler, Zofen und Faktoten,
die den Berühmtheiten das Leben erleichterten. Nicht alle waren froh darüber: Beethoven schimpfte sein Hauspersonal «Bestien», und Goethe behandelte
sein Dienstmädchen schäbig. Wohingegen Dostojewski und Alfred Polgar
von ihren Sekretärinnen schwärmten.
Und amüsiert liest man, dass die Haushälterin von Papst Pius XII., «La Tedesca», derart herrschsüchtig war, dass es
selbst dem Heiligen Vater manchmal zu
bunt wurde. Die hübschen Miniaturen
bilden eine kleine Soziologie des Dienstpersonals der Grossen der Welt.
Urs Rauber
Ernst Rowohlt
Können Sie mir helfen, Herr Doktor?
Ich dachte, ich sei geheilt, und überhaupt, das letzte war ein so dickes Buch,
und da ist es doch begreiflich, dass man
einige leichtere Symptome ... Okay,
schwere Symptome. Wenn das in
meiner Krankenakte so steht, wird es
wohl stimmen.
Aber ich dachte wirklich, es sei vorbei. Nach einem so schweren Anfall
wie beim letzten Mal müsste man doch
eigentlich immun werden, habe ich
gemeint. Aber jetzt hat es wieder angefangen. Genau so heftig wie damals.
Oder sogar noch schlimmer.
Die Symptome? Dieses Kribbeln und
natürlich der unwiderstehliche Zwang,
durch wildfremde Buchhandlungen zu
streifen und ganz unauffällig nachzusehen, ob das Buch schon ausliegt.
Kann man da wirklich nichts dagegen
machen, Herr Doktor?
Eine Erkältung habe ich mir auch
geholt. Doch, Herr Doktor, das hat
schon etwas damit zu tun. Weil es doch
so kalt war und geregnet hat, als ich
morgens um vier im Pyjama vor dem
Briefkasten stand und auf den Zeitungsausträger wartete. Er kam aber
erst um halb sechs. Und eine Besprechung war dann auch nicht im Blatt.
Was soll das heissen: «zu früh»?
Man kann doch wohl erwarten, dass
die Zeitung schon um vier Uhr ... Ah,
Sie meinen: «zu früh für eine Kritik»?
Weil mein neues Buch doch noch gar
nicht richtig erschienen ist? Also, das
finde ich überhaupt nicht. Wenn der
Verlag die Leseexemplare per Express
verschickt hat, und wenn der Kritiker
das Buch sofort aus dem Umschlag
genommen und noch am selben Tag
gelesen und dann auch gleich seine
Kritik geschrieben hat ... Wieso unrealistisch? So lang kann es doch nicht
dauern, ein paar Adjektive wie «wunderbar», «einmalig» oder «meisterhaft» in den Computer zu tippen. Man
kann doch wohl erwarten, dass ...
Ach so, Herr Doktor, Sie meinen,
das sei schon wieder so ein Symptom.
Wie der Zwang, alle Viertelstunden
beim Verlag anzurufen und darum zu
bitten, dass man die ganze erste Auflage einstampft und neu druckt, weil
mir gerade für Seite 112 eine viel bessere Formulierung eingefallen ist. Oder
die Manie, alle zehn Minuten den eigenen Namen zu googeln.
Ja, mit Baldrian habe ich es probiert.
Ohne Erfolg. Ich habe sogar versucht,
meine Nerven mit grossen Mengen Schokolade zu beruhigen.
Jetzt habe ich auch
noch Verstopfung.
31. August 2008 XNZZ am Sonntag X13
Essay
Die Vorlesungen von Peter von Matt waren
Ereignisse. Jung und Alt strömte in die Hörsäle
der Uni Zürich, um den Schlüsselherrn der
Bücherschatzkammer zu hören, erinnert sich
Franz Hohler
Spracherheller
und
Wortprophet
Als sich die Türen der Aula öffnen und die ersten Studenten der Vorlesung über das Völkerrecht herauskommen, sind sie in keiner Weise
auf den Auflauf im Gang vorbereitet. Zu den
Türen herein flutet nämlich, ohne jeden Respekt
vor denen, die noch hinaus möchten, ein Volk
von Ergrauten, Anständigen, Gepflegten, Mappen- und Handtäschchentragenden, welches
nun die Stühle des Saales besetzt, bevor sie
noch ganz geräumt sind.
Gilt dieser Auflauf tatsächlich E. T. A. Hoffmann, dem Vater der phantastischen Literatur?
Nein, er gilt dem Professor der Germanistik,
dem Wortmächtigen, dem Spracherheller, dem
KEYSTONE
Franz Hohler
Der in Olten aufgewachsene Franz Hohler, geb.
1943, tritt seit den sechziger Jahren als MusikKabarettist im In- und Ausland auf. Für seine
Gedichte, Theaterstücke und belletristischen
Bücher erhielt er zahlreiche Preise, zuletzt den
Salzburger Stier für sein Lebenswerk. Sein
Roman «Es klopft» stand monatelang auf der
Bestsellerliste. Franz Hohler lebt als Schriftsteller, Kabarettist und Liedermacher in Zürich
Oerlikon. – Sein neues Buch, «Das Ende eines
ganz normalen Tages» (Luchterhand, 140 Seiten,
Fr. 31.90), enthält amüsante und nachdenkliche
Geschichten, u. a. den Essay über Peter von Matt,
den wir hier als Vorabdruck publizieren. Das
Buch ist ab 4. September im Buchhandel.
14X NZZ am Sonntag X 31. August 2008
Zusammenhangsmagier, den nun die Pensionierung eingeholt hat und der heute zum letzten Mal vor seiner Anhängerschaft in der Aula
der Universität auftritt.
Die grosse Leinwand ist heruntergelassen,
über den Prokischreiber wird darauf die Nachricht projiziert, dass die Vorlesung auch in den
Hörsaal 108 übertragen wird, sogar mit Video,
und abwechselnd ermahnen Assistentinnen die
Menschen, die bereits keinen Platz mehr haben
und die Fluchtwege zu überschwemmen beginnen, doch bitte ins andere Auditorium zu gehen,
und nach einer Weile trifft die Botschaft ein,
auch das andere Auditorium sei nun voll und es
sei zusätzlich eine Übertragungsmöglichkeit in
den Hörsaal 121 geschaffen worden.
Trotzdem ziehen es viele vor, dem Meister
stehend zu lauschen, an eine Wand gelehnt
oder auf einem Sims sitzend oder, wie vor allem
die jungen Leute, die noch wirklich studieren,
auf dem Boden hockend. Käme jetzt jemand
von der Feuerpolizei, die Veranstaltung fände
nicht statt.
Aber stattdessen betritt von Matt den Saal, in
blauem Jackett und weissem Hemd, aber ohne
Krawatte, und wird mit Applaus empfangen,
und als er leichten Schrittes die marmorne
Pultkanzel ersteigt, seinen Lehrstuhl sozusagen,
wird hinter ihm die Leinwand hochgezogen,
und es erscheint ein riesiges Fresko, das junge
Frauen in togaähnlichen Gewändern zeigt, die
sich zusammen mit halbnackten Burschen in
einer Waldlichtung versammeln, als hätten
auch sie keinen Sitzplatz in der Vorlesung gefunden.
Und wenn nun von Matt zu sprechen anhebt
und leicht vorgebeugt ins Mikrofon spricht,
wirkt er fast gnomenhaft vor den überlebensgrossen allegorischen Figuren in seinem
Rücken, aber er verfügt über eine Schatzkammer, über die Schatzkammer der Literatur, und
er klimpert zunächst mit den Schlüsseln, spricht
über das Gehen und dass es in der Literatur
immer etwas bedeutet, wie jemand geht, sei es
ein Stifterscher Wanderer oder ein Walserscher
Spaziergänger oder seien es Gerhard Meiers
Baur und Bindschädler, und fragt dann unver-
Der Literaturwissenschafter und Germanist Peter von
Matt hält am 1. Juli 2002 seine letzte Vorlesung in der
Aula der Universität Zürich.
mutet, was das mit E. T. A. Hoffmann zu tun
habe. Danach springt er das Thema seiner Vorlesung regelrecht an, indem er darauf hinweist,
dass die Protagonisten Hoffmanns nie gehen,
sondern immer rennen, hüpfen, Haken schlagen, stolpern, herumhühnern. Während er das
sagt, fallen mir über den Türen die beiden rennenden grünen Männlein auf dem Notausgangssignet auf.
Und nun lädt uns von Matt zu einem Rundgang durch die Schatzkammer ein, und wenn er
die Vorräte darin schildert, ist eine unglaubliche Verheissung in seiner Stimme; Freunde,
scheint er uns zuzurufen, da drin gibt’s etwas
zu holen, wer Augen hat zu sehen, dem werden
sie übergehen von all dem Schimmern und Glitzern des menschlichen Geistes, und er erzählt
uns, was Herder über den Unterschied des
Menschen zum Affen geschrieben hat, wie er
den Menschen als den ersten Freigelassenen
der Schöpfung bezeichnete und was Newtons
physikalische Erkenntnisse für das menschliche
Denken wirklich bedeuteten und wie auf dem
Höhepunkt der endlich gewonnenen Klarheit
über das Planetensystem und das Wirken der
WALTER BIERI/KEYSTONE
physikalischen Kräfte, der Entzauberung der
Natur somit, auf einmal der phantastische
Roman auftaucht, als Gegengewicht, als Nachruf auf das eben Begrabene, als plötzliche
Sekunde des Zweifels, und wie in Newtons ausgeleuchtetes Weltbild schwarze Sonnen hineinzuscheinen beginnen, aus dem, was Jean Paul
das innere Afrika des Menschen nannte, und
wir sitzen, stehen oder kauern und schicken
unsere Gedanken ihm nach, wir stützen die
«Auch die in Bronze
gegossenen Köpfe auf den
Marmorkonsolen an den
Wänden hören zu, hat nicht
sogar Otto Nägeli den Kopf
etwas gedreht?»
Köpfe in die Hände, wir halten den Zeigefinger
an die Nasenwurzel, wir drücken die Finger vor
die Stirn oder pressen die ganze Stirn in die flache Hand, dass es uns die Frisuren nach hinten
sträubt, wir umrahmen die Lippen mit einem
Daumen und einem Zeigefinger, wir halten
einen Ellbogen mit einem Arm, wir richten
unsere Ohrmuscheln mit der Hand nach vorn,
damit uns kein Wort entgeht, und wir schreiben
Sätze mit, Zitate, Formulierungen, die wir festhalten möchten, auf Papier, das bereits gelocht
ist, damit es sofort einem Ordner anvertraut
werden kann, auf linierte und unlinierte A4Blätter, auf kleine, gehäuselte Notizblöcke, auf
die Rückseite von ausgedruckten Zugsverbindungen, denn wir möchten ja etwas mit nach
Hause nehmen von der Schatzkammer des
menschlichen Geistes, dessen Kustos uns durch
seine Brillengläser immer wieder so anschaut,
als seien wir persönlich gemeint, denn er meint
es gut mit uns, er öffnet uns die Türen, er heisst
uns eintreten in das funkelnde Geisteshaus, und
wir neigen die Köpfe, noch etwas unentschlossen, in unsern Anzügen, in unsern Deux-Pièces
und in unsern T-Shirts, auf denen «Festival»
steht oder «Sex Pistols», und wenn wir nicht
alle gleichzeitig eintreten können, dann hören
wir doch zu, auch die in Bronze gegossenen
Köpfe auf den Marmorkonsolen an den Wänden hören zu, hat nicht sogar Otto Nägeli den
Kopf etwas gedreht, als von Matt vom Kapellmeister Hoffmann und seiner Zeichnung des
Geigers Kreisler sprach, und hat nicht Lorenz
Oken die Augenbrauen angehoben, als von
Newton die Rede war, und hat nicht Karl Moser
genickt, als von Matt die Metropolen erwähnte
und ihre grosse Bedeutung in der französischen
und englischen und ihre geringe Bedeutung in
der deutschen Literatur?
Die vordersten beiden Konsolen sind noch
leer, eine davon sollten wir für ihn reservieren, in
der Hoffnung, sie werde noch lange leer bleiben,
denn er hat uns alle verzaubert, der Schatzmeister aus der Innerschweiz, der Wortprophet vom
Stanserhorn mit seinen literarischen Lockrufen.
Und irgendeinmal, als er von den unwahrscheinlichen Begebenheiten spricht, schaue ich
zur Decke und sehe hoch über ihm den dicken,
schweren Lautsprecher hängen, und ich bin
froh, dass die Newtonschen Gesetze so lange in
Kraft bleiben, bis er am Schluss mit den Worten
«Das wär’s de gsi» sein Manuskript in die
Mappe packt, sich verbeugt, die Hände für den
entgegenbrandenden Applaus ausbreitet wie
ein Schauspieler und dann federnd die Kanzeltreppen hinabsteigt und den grossen Blumenstrauss mitzunehmen vergisst, der die
ganze Zeit für ihn auf dem Pult lag und ihn halb
verdeckte und den er, ergriffen und gepackt von
der Schilderung seiner Schätze, gar nicht gesehen hat. L
31. August 2008 XNZZ am Sonntag X15
Sachbuch
Neue Weltordnung Der amerikanische Politologe Robert Kagan sieht
in den aufstrebenden Staaten Russland und China die gefährlichsten
Herausforderungen für den Westen. Hunger und Klimawandel sind
dagegen kein Thema im Buch des Neokonservativen
Weltpolitik
als grosses Spiel
Robert Kagan: Die Demokratie und ihre
Feinde. Wer gestaltet die neue
Weltordnung? Siedler, München 2008.
127 Seiten, Fr. 30.90.
Von Dieter Ruloff
Robert Kagan gilt als einer der einflussreichsten strategischen Denker der USA.
Zusammen mit William Kristol gründete
Kagan 1997 das Project for the New
American Century (PNAC), ein Netzwerk von Neokonservativen, die nach
der Wahl George W. Bushs zum US-Präsidenten grossen Einfluss auf dessen
Aussenpolitik gewannen, namentlich
über Mitstreiter Kagans wie den vormaligen US-Verteidigungsminister Donald
Rumsfeld.
Das neueste Werk Kagans liegt nun
auch in deutscher Sprache vor, wobei
der Verlag den Originaltitel «Return of
History and the End of Dreams» in «Die
Demokratie und ihre Feinde» geändert
hat. Die Übersetzung hat ihre Logik,
denn die Adressaten der Analyse sind
Europäer nichtenglischer Sprache. Kagan
will sie von einer politischen Illusion
heilen und gleichzeitig für eine grosse
Idee begeistern – das Ganze etwas à
contrecœur, weil Kagan den Europäern
üblicherweise selbstverschuldete Irrelevanz attestiert. Nun brauchen die USA
aber Europa – eine neuere Einsicht der
Neokonservativen, nachdem deren Thesen vom unipolaren, quasi amerikanischen Zeitalter und von den grossen,
unilateralen Handlungsspielräumen der
USA mit dem Irak-Debakel an Plausibilität verloren haben.
Kagan beginnt mit einem Rückblick
auf die 1990er Jahre und dem, was zu
deren Beginn als bevorstehendes «Ende
der Geschichte» (Francis Fukuyama)
propagiert wurde: Schluss mit den grossen ideologischen Konfrontationen, zuletzt jener zwischen Ost und West;
Triumph von Markt und Demokratie;
wirtschaftlicher Wettbewerb auf globalisierten Märkten, dank «unsichtbarer
Hand» zum Wohle aller; wachsender
Wohlstand statt militärischer Rivalität.
16X NZZ am Sonntag X 31. August 2008
Der Weltfrieden schien in greifbarer
Nähe, so wie ihn sich Kant im «Traktat
über den ewigen Frieden» vorstellte:
«Denn es ist der Handelsgeist, der mit
dem Kriege nicht zusammen bestehen
kann.»
Alles blauäugige Illusion der Europäer, so Kagan. Aber diese stammen
nach einem oft zitierten Ausspruch des
Autors ja ohnehin von der «Venus», während die USA als Macht vom «Mars» mit
den notwendigen militärischen Mitteln
Sicherheit auch für die Europäer schaffen. Wie sagte damals Georgi Arbatow,
der Berater Gorbatschews in den Zeiten
des Umbruchs: «Wir werden euch, dem
Westen, das Schlimmste antun, das man
einem Gegner antun kann: Wir werden
euch euren Feind nehmen.»
Diese Zeiten sind vorüber, wir haben
wieder Feinde, so Kagan, und was für
welche! Es sind im Wesentlichen die
«Autokratien» in Russland und China,
mit denen sich die Demokratien in
einem Wettbewerb befinden, darüber
hinaus natürlich Iran, Nordkorea und
der radikale Islam. Letzterem gibt Kagan
aber keine Chance auf Erfolg. Ein Iran
mit Nuklearwaffen hingegen würde die
Machtgleichung im Nahen Osten komplett verändern.
Konventionelle Analyse
Das eigentliche Problem für Kagan sind
aber nicht Nordkorea, der Iran und die
Weiterverbreitung von Nuklearwaffen,
sondern die vermeintliche Herausforderung des Westens durch Russland und
China. Einstweilen vermag die amerikanische Hegemonie dem Machtstreben
dieser «Autokratien» noch Paroli zu
bieten; auf längere Sicht jedoch brauche
es mehr, und zwar eine Liga der Demokratien, um der wachsenden Macht der
Feinde von Freiheit und Demokratie Einhalt zu gebieten – eine Idee, die Kagan
als Berater dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten McCain bereits
schmackhaft hat machen können.
Insgesamt bietet Kagan eine sehr
konventionelle,
klassisch-realistische
Analyse der aktuellen Lage, ganz im
Stile des grossen realistischen Denkers
Die USA setzen auf
den Triumph von
Markt und Demokratie: Kinder im
«American Dream
Park» in Schanghai.
Hans Morgenthau, für den «internationale Politik … wie alle Politik ein Kampf
um die Macht» bleibt. Vorwärts in die
Vergangenheit heisst Kagans Devise,
wobei das 20. Jahrhundert schlicht übersprungen wird und der Leser sich analytisch im 19. Jahrhundert wiederfindet.
Diesen Eindruck bestätigt Kagan dann
auch explizit, wenn er in der aktuellen
Mächtekonstellation «eine Wiederbelebung des neunzehnten Jahrhunderts»
sieht. Geschichte ist hier Staatsaktion,
Erklärungen verlaufen nach dem «alten
Modell nationaler Ambitionen». Viscount Palmerstone, britischer Premier
aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, wird
mit seinem Ausspruch zitiert, Staaten
hätten keine Freunde, sondern bloss
Interessen, und diese seien unbeirrbar
zu verfolgen.
Die Mächte dieser Welt sind gemäss
Kagan wieder mit dem beschäftigt, was
die Briten im 19. Jahrhundert als great
game, Grosses Spiel, bezeichneten, dem
Anhäufen militärischer Macht, dem
Schachern um Ländereien, Rohstoffe,
Einfluss, Kontrolle von Meerengen und
Verbündeten: Der Feind meines Feindes
ist mein Freund!
MARTIN PARR/MAGNUM PHOTOS
Weltpolitik ist ökonomisiert
Funktioniert die Welt des beginnenden
21. Jahrhunderts wirklich in dieser Weise?
Haben wir es mit einem neuen Grossen
Spiel zu tun, einer Rückkehr des 19. Jahrhunderts? Wohl kaum. Weltpolitik hat
auch heute ihre grossen Risiken, aber
sie funktioniert über weite Strecken
doch anders. Russland und China sind
keine Demokratien, und selbstverständlich betreiben sie Interessenpolitik, wie
gegenwärtig im Kaukasus zu sehen.
Aber die Regierenden dieser Länder
können auch nicht tun und lassen, was
sie wollen. Wie Louis-Philippe I. einst die
Bürger Frankreichs mit dem «Enrichezvous» bei Laune hielt und damit fern
von der Politik, so stehen und fallen die
Regimes in Russland und China mit dem
wirtschaftlichen Erfolg ihrer Politik.
Weltpolitik ist heute ökonomisiert,
die Globalisierung hat hier ganze Arbeit
geleistet. Und so weiss man auch in Russland und China, dass wir alle im selben
Boot sitzen. Staaten wie Nordkorea und
der Iran sind sicherlich in der Lage,
dieses zum Schaukeln zu bringen. Am
Ende überwiegt aber wohl das Interesse
der Staatengemeinschaft insgesamt, das
Boot nicht kippen zu lassen. Russland
und China sind ebenso wenig an einem
nuklearen Iran interessiert wie die übrigen Staaten der Region, die Europäer und
die USA. Darüber hinaus sind es globale
Probleme ganz anderer Art und Dimension, die heute Sorgen bereiten: Energieversorgung, Hunger, Klimawandel und
Weltkonjunktur – alles Fragen, die man
in Kagans Buch vergeblich sucht. Mehr
Zusammenarbeit der Demokratien in
diesen Fragen wäre sinnvoll. Aber hier
müssten zunächst einmal die USA mit
gutem Beispiel vorangehen. L
Dieter Ruloff ist Professor für
internationale Beziehungen und Leiter
des Instituts für Politikwissenschaft der
Universität Zürich.
31. August 2008 XNZZ am Sonntag X17
Sachbuch
Zweiter Weltkrieg Die Geschichte von Hitlers Leibwächter Rochus Misch ist ein faszinierendes
Dokument von Nähe und Schrecken
Greuel in seltsamer Ferne
bis zum 2. Mai 1945: das Leben im Bunker unter der Reichskanzlei, der beim
Bezug noch nicht ausgetrocknet war
(«Es stank ziemlich da unten»). Den
«Turnhallenmief». Hitlers körperlichen
Verfall. Die depressive Stimmung, Verzweiflung, Orientierungslosigkeit und
Angst – eher aus Hitlers Umgebung als
vom Führer selbst. «Das Furchtbarste»
jedoch, was er in dieser Zeit hautnah
miterlebte, war die Tötung der sechs
Goebbels-Kinder durch deren Mutter
Magda am 1. Mai. Diese Entsetzlichkeit
hat den einfachen Wachmann mehr
erschüttert als der Selbstmord von Hitler und Eva Braun am Tag zuvor. Am
2. Mai wurde Rochus Misch als letzter
Soldat von Goebbels entlassen. Und er
zog, bevor er den Bunker verliess, noch
alle Stecker heraus.
Rochus Misch: Der letzte Zeuge.
«Ich war Hitlers Telefonist, Kurier und
Leibwächter». Unter Mitarbeit von
Sandra Zarrinbal und Burkhard Nachtigall. Mit einem Vorwort von Ralph
Giordano. Pendo, Zürich 2008.
335 Seiten, Fr. 35.90.
Von Urs Rauber
Was für ein irritierendes Buch. Seine
Lektüre löst Faszination, aber auch
Ratlosigkeit aus. Wie liest man die Chronik einer Person, die fünf Jahre an der
Seite Hitlers gelebt, diesen beschützt,
bedient und umsorgt hat und dennoch
nichts von seinen Verbrechen, von den
KZ und der Judenvernichtung erfahren
haben will? Und der den unglaublichen,
dennoch wahren Satz schreibt: «Ich
kenne Hitler nur als Mensch, der mein
Chef und dem mein Wohlergehen wichtig war.»
Solche Sätze schmerzen. Vor allem
die Nachkommen der Opfer. Und dennoch anerkennt der deutsche Publizist
Ralph Giordano, ein Holocaust-Überlebender, die Aufrichtigkeit des unpolitischen Wehrmachtsoldaten Misch, der
nie Mitglied der NSDAP war und nach
einer Kriegsverletzung ins Zentrum der
Macht kam, zur Leibstandarte des Führers. Dort leistete der 1,85 Meter grosse
Mann ab Mai 1940 Dienst als Kurier,
Leibwächter und Telefonist von Adolf
Hitler. Bis zum Untergang im Führerbunker. Trotzdem, schreibt Giordano in
seinem Vorwort, würde er diesem Mann,
sollte er ihm begegnen, «ohne Zögern
die Hand geben».
Wie ein Doku-Thriller
Der 1917 geborene Rochus Misch erzählt
die Geschichte der letzten fünf Kriegsjahre aus der Perspektive eines Bediensteten – in einfachen, direkten, schnörkellosen Sätzen. «Ich bin ein unbedeutender Mann, aber habe Bedeutendes
erlebt», sagt er. All die grossen Ereignisse – die Wannsee-Konferenz, die Niederlage in Stalingrad, Rudolf Hess’ Englandflug – fanden ihren Niederschlag im
Führerhauptquartier in Form von Telefonaten, Kurierberichten und Lagebesprechungen. Doch der Schrecken des
Krieges, das Sterben an der Front, die
Grausamkeit der Lager – das macht
dieses Buch klar – spielten sich in einer
seltsamen Ferne ab. Man beginnt zu verstehen, warum so viele Deutsche (mit
Ausnahme von Wehrmachtsangehörigen) behaupteten, von den Greueln
nichts mitbekommen zu haben.
Faszination erzeugt die räumliche
Nähe zu einem weltgeschichtlichen Akteur, der im Alltag ein höchst durchschnittlicher Mensch war, kein «Führer», sondern «der einfachste Mensch,
den ich kannte». Rochus Misch begleitete Hitler beim Spaziergang, besorgte
18X NZZ am Sonntag X 31. August 2008
PRIVATARCHIV
Hitler ganz nah
«Ein unbedeutender
Mann», der aber Bedeutendes erlebt hat:
Hitlers Leibwächter
Rochus Misch, 1941
auf dem Berghof.
für ihn Blumen und Geschenke, bot
«Auffüll»-Gäste zum Essen auf, wenn
der Führer Gesellschaft begehrte, telefonierte für ihn in der Welt herum – «das
machte mir Spass». Und er besorgte
dem Chef nachts eine Bettflasche, wenn
der kalte Füsse bekam. Zwischendurch
erlebte er Hitler als traurigen oder einsamsten Mann der Welt – etwa nach
einem heftigen Streit mit dem Wehrmachtskommando im September 1942.
Auf dem Berghof, Hitlers abgeschiedenem Rückzugsquartier in der Nähe
von Salzburg, fühlte sich Misch «wie im
Urlaub». Im Führerhauptquartier Wolfsschanze in Ostpreussen faulenzte Hitlers Begleittross im Sommer 1941 – kurz
nach dem Angriff auf die Sowjetunion –
und spielte Tarock. «Die Meldungen
von der Ostfront waren grandios», erzählt der Telefonist. Mit stupendem Erinnerungsvermögen schildert er die
letzten 13 Tage des Reiches vom 20. April
Es sind diese schieren Gegensätze von
lakonischer Alltagsbeobachtung und
weltpolitischen Grossereignissen, deren
Zusammenhang sich erst dem heutigen
Leser in ganzer Wucht erschliesst.
Gerade weil der Augenzeuge seine
damaligen, nicht die heutigen Empfindungen wiedergibt, nimmt man seinen
Bericht als unverfälscht und glaubwürdig wahr. Das Thema Juden und KZ
– so Rochus Misch – habe es im Gespräch
überhaupt nie gegeben. Von Letzteren
habe man nur gewusst, dass es Arbeitslager gewesen seien (was sie zu Beginn
auch waren). Der Zeitzeugenbericht
verdeutlicht, was schon Daniel Goldhagen, Götz Aly und andere festgestellt
haben: dass Hitlers Volksstaat die
Zustimmung von Millionen Menschen
erhielt, weil er ihnen ökonomische und
soziale Versorgungsleistungen bescherte und sie den Krieg als notwendiges
Übel in Kauf nahmen, während ihnen
gleichzeitig die planmässige Vernichtung in den KZ verborgen blieb.
Dennoch fragt sich der heute 91-Jährige, der nach Kriegsende in russische
Gefangenschaft geriet und neun Jahre
im Gulag verbrachte, warum die Untaten
ein so gut gehütetes Geheimnis bleiben
konnten. Hitlers Leibwächter schämt
sich seiner damaligen Pflichterfüllung
nicht, doch es stimmt ihn heute nachdenklich, «dass mir das so selbstverständlich war». Man spürt die Berührungsängste der beiden Biografen, der
Juristin Sandra Zarrinbal und des Filmemachers Burkhard Nachtigall, beim
behutsamen Aufzeichnen dieser Chronik. Das gut geschriebene Buch mit vielen unbekannten Fotos, teils von Misch
selbst geknipst, und einem Namensregister stellt ein einzigartiges Zeitzeugendokument dar und liest sich wie ein
Doku-Thriller. Es erstaunt nicht, dass es
nach seinem Erscheinen im Juni sogleich
den Sprung in die «Spiegel»-Bestsellerliste schaffte und dort seither auf den
ersten Plätzen rangiert. L
Erinnerungen Der Berner Schriftsteller und Theologe
Kurt Marti beschreibt seinen Weg zum Erwachsenen
Kurt Marti: Ein Topf voll Zeit. 1928–1948.
Nagel & Kimche, Zürich 2008.
240 Seiten, Fr. 38.90.
Von Klara Obermüller
Die Skepsis ist unverkennbar, die ironische Distanz offensichtlich. Anders
hätte dieses Erinnerungsbuch wohl
kaum geschrieben werden können. Hinter dem Spott über die unter Rentnerinnen und Rentnern grassierende Epidemie namens «Memoiritis» ist die
Scheu dessen zu spüren, der sich mitteilen und dabei doch nicht allzu viel von
sich selbst preisgeben möchte.
Im Unterschied zum Tagebuch «Unruhe und Ordnung» (1984) versteckt der
Autor diesmal sein Ich hinter der dritten
Person Einzahl. Er spricht bald vom
Buben, bald vom Jüngling oder Studenten und vergrössert so die Distanz,
um noch einmal über sich und die wichtigen Stationen seiner Entwicklung zu
sprechen. Was den Autor als Heranwachsenden prägte, ist klar zu erkennen:
Es ist das politisch und sozial turbulente
Klima der Zwischenkriegszeit mit all
seinen ideologischen und weltanschaulichen Kontroversen. Es sind die langen,
zermürbenden Wochen im Aktivdienst
bei der Fliegerabwehr. Und es ist das
Studium der Theologie, auf das er sich
nach einem kurzen Gastspiel bei den
Juristen einlässt.
Auffallend ist ein schon frühes, tiefes
Misstrauen gegenüber Pathos, Frömmelei und falschen Gefühlen, das ihn gegen
die Verführungen seiner Zeit weitgehend
immun gemacht zu haben scheint. Es
half ihm, ideologische Irrtümer ebenso
zu durchschauen wie religiöse Phrasendrescherei. Es wirkte gegen den gestelzten Ernst höherer Offiziere ebenso wie
gegen die «symbolische Tiefgründelei»
gewisser modischer Dichter und Denker.
Und, wie’s aussieht, ist dieses «intellektuelle Immunsystem» bis heute intakt.
Wann immer Kurt Marti merkt, dass
auch nur eine Spur von Sentimentalität
in seiner Erzählung aufzukommen droht,
bricht er diese mit einer trockenen Bemerkung oder einem gezielt eingesetzten
Dialektausdruck.
Dadurch erhalten die Schilderungen
seiner militärischen Einsätze etwas
wohltuend Nüchternes. Die erotischen
Erinnerungen kommen leicht und ohne
einen Anflug von Schwüle daher. Auch
der Werdegang des angehenden Pfarrers
erscheint aus dem Blickwinkel ironischer Distanz plausibel. Es war Wissbegier, nicht irgendeine Form religiöser
Erweckung, die den jungen Mann auf
der Suche nach seinem Platz in der
Gesellschaft das Theologiestudium ergreifen liess. Was ihn antrieb, waren Fragen nach dem Sinn des Leidens und dem
Wirken Gottes in dieser von allen guten
Geistern verlassenen Welt. In Karl Barth,
Albert Schädelin und Walter Lüthi fand
er Lehrer, die ihn nicht mit vorschnellen
Antworten abspeisten.
Von der ersten Ahnung des Buben,
«dass die Welt ein Geheimnis birgt», bis
zur Einsicht des Studenten, dass Gott
«unendlich mehr ist als ein Objekt
menschlichen Denkens, nämlich dessen
Ursprung und Voraussetzung», war es
ALESSANDRO DELLA VALLE/KEYSTONE
Werdegang
eines Pfarrers
Kurt Marti erinnert
sich: nüchtern und
unsentimental.
ein langer Weg. Im Rückblick erscheint
er folgerichtig. Noch ist hier das meiste
in Frageform formuliert. Doch in den
Grundzügen lässt sich schon Kurt Martis späteres Denken erkennen: seine
Abneigung gegenüber einem Glauben,
der keinen Zweifel zulässt, sein Misstrauen gegenüber einer Theologie, die
auch in Leid und Krieg das Wirken Gottes zu erkennen vermeint, und schliesslich das stete Bemühen, «jedes Geschehen und alle Geschichte aus der Perspektive der Opfer zu beurteilen».
Endgültige Antworten gibt es in der
Welt des jungen Kurt Marti keine,
Ahnungen und Spekulationen indes
schon. Zum Beispiel solche über die
Weiblichkeit Gottes, die ihn im Strudel
amouröser Aktivitäten zu beschäftigen
beginnt. Unausgegoren, unreif sei das
alles gewesen, schreibt er, und nicht in
klare Gedanken zu fassen. «Dennoch
leuchtete fortan in ihm, was er nicht
mitzuteilen wusste.» Später hat der
Dichter Kurt Marti eine Sprache gefunden, um der «Passion des Wortes Gott»
Ausdruck zu verleihen. Doch davon ist
in diesem Band noch nicht die Rede. L
Nachrufe Seit der Antike bis heute gelten für Totenreden rhetorische Traditionen
Der Nekrolog als Schlüsselszene
Thomas Goetz: Poetik des Nachrufs.
Zur Kultur der Nekrologie und zur
Nachrufszene auf dem Theater.
Böhlau, Köln 2008. 281 Seiten, Fr. 65.90.
Von Stefan Hauser
Der Tod vermag zwar den Sterbenden
die Sprache zu rauben, dafür veranlasst
er die Nachlebenden zum Reden.
Der Literaturwissenschafter Thomas
Goetz geht der Frage nach, wie in der
abendländischen Kultur über Verstorbene geredet und geschrieben wird. Dabei
kommen zunächst Nachrufe zur Sprache,
die sich aus Anlass eines aktuellen Todesfalls einer realen Person an eine Öffentlichkeit richten. Es zeigt sich, dass die
rhetorische Tradition seit der Antike bestimmte Strukturen festlegt, die bis heute
nachweisbar sind (Verlustklage, Darstellung und Würdigung des Lebens des Verstorbenen, Trost der Hinterbliebenen).
Auffallend ist, dass sich über Jahrhunderte hinweg nur wenig verändert hat.
Illustriert wird dies an zahlreichen Beispielen, etwa an Grillparzers Rede am
Grab Beethovens, an Clintons Totenrede
auf Yitzhak Rabin oder an Nachrufen anlässlich des Todes von Lady Diana.
In der Literatur hingegen äussert sich
das Reden über Verstorbene in einem ungleich grösseren Formenreichtum. Wie
aus den vielfältigen Belegen aus unterschiedlichen Epochen hervorgeht, gibt es
eine faszinierende literarische Tradition,
die zwar an die Regeln und Verfahren des
Totendiskurses anknüpft, diese aber auch
hinterfragt, umdeutet und für eigene Darstellungszwecke umformt. Das besondere
Interesse des Verfassers gilt dabei den
dramatischen Genres, die den Tod des
Helden in Szene setzen. Dabei zeigt sich,
dass kaum ein Drama, das mit dem Tod
eines Protagonisten endet, auf eine mehr
oder weniger ausgebaute Szene verzichtet, die den Abschied der Hinterbliebenen dramaturgisch effektvoll darstellt.
Nebst der Todesszene erhält auch die
Rede auf den toten Helden einen prominenten Ort. Dass diese aber nicht nur ein
Schlüssel zur Bedeutung eines Stückes
ist, sondern gleichzeitig auch auf historische und gesellschaftliche Begebenheiten
verweist, geht aus dieser kenntnisreichen
Darstellung anschaulich hervor. L
31. August 2008 XNZZ am Sonntag X19
Sachbuch
Biografie Nelly Kröger-Mann – neu gewürdigt
Kirsten Jüngling: «Ich bin doch nicht nur
schlecht». Nelly Mann. Die Biografie.
Propyläen, Berlin 2008. 238 S., Fr. 41.50.
Von Catherine Newmark
Sie war der Inbegriff dessen, was man in
der Familie Mann eine «Heinrichbraut»
nannte: eine üppige Blonde, grobsinnlich – und nicht ganz «comme il faut». In
den grossen Darstellungen der MannFamilie taucht sie nur am Rande auf, als
tragische oder auch nur peinliche Witzfigur; und selbst in spezialisierten Heinrich-Mann-Biografien erfährt man oft
nur wenig über sie: Nelly Kröger, von
1928/29 bis zu ihrem Tod 1944 Heinrich
Manns Lebensgefährtin, seit 1939 seine
zweite Frau. Von den intellektuellen Zirkeln der französischen und amerikanischen Emigration verspottet, war sie eine
Belastung für Heinrichs Bruder Thomas
Mann, der sie unerträglich vulgär fand.
Sie war eine unglückliche Frau, auch zeit
ihres Lebens zu Depressionen neigend,
Alkoholikerin unter zunehmendem Kontrollverlust, die zuletzt nach zahlreichen
Versuchen endgültig Suizid beging. Aber
doch, immerhin, die Schicksalsgefährtin
Heinrich Manns, seine letzte grosse
Liebe, die blonde, hellhäutige, von ihm in
der Figur der Gabrielle d’Estrées in seinem späten Meisterwerk «Henri IV» verewigt.
Kirsten Jüngling gelingt es in bewundernswerter Weise, sich von den vielen
abwertenden Urteilen, den Schichten
von Tadel, Unverständnis und Spott, die
auf Nelly Mann lagern, freizumachen,
ohne darob in psychologisierende Einfühlsamkeit zu zerfallen. Sie schreibt
vielmehr elegant, knapp und sachlich
und oft ein bisschen ironisch, stellt ab
und an eine Vermutung in den Raum,
aber lässt die Interpretation bei aller
Sympathie für ihren Gegenstand doch
auch angenehm offen.
Schwierigkeiten bereitet der biografischen Annäherung an Nelly Kröger
vor allem die Tatsache, dass über ihr
Leben vor der Verbindung mit Heinrich
Mann wenig bekannt ist. Geboren als
uneheliches Kind in der Nähe von
Lübeck; eine bescheidene, nicht unglückliche Kindheit und Jugend auf dem Land,
eine Schneiderlehre. Dann eine erste
Ehe mit einem Berliner namens Schmidt,
vielleicht ein Kind, bald die Scheidung.
Arbeit als Bar- und Animierdame im
fröhlichen Berlin der zwanziger Jahre,
daselbst Treffen mit dem alternden
Erotiker Heinrich Mann, dem sie bald
den gemeinsamen Haushalt führt.
Daneben gibt es längere Zeit, anscheinend zur allseitigen Zufriedenheit, einen
Liebhaber, Rudi Carius mit Namen, auch
er Kommunist. Mit ihm flieht Nelly 1933
über die Ostsee und Dänemark schliesslich nach Südfrankreich zu Heinrich,
nachdem sie noch dessen Berliner Angelegenheiten und Wohnung abgewickelt
hat. Hier bleibt das Paar – Carius zieht
schon bald weiter in den Spanischen
Bürgerkrieg –, bis die Deutschen 1940 in
Frankreich einmarschieren und sie nach
einer abenteuerlichen Flucht über die
Pyrenäen in Amerika landen. Dort wird
keiner von ihnen mehr richtig heimisch.
Als Schriftsteller verfiel Heinrich Mann
THOMAS MANN-ARCHIV/KEYSTONE
Bardame wird
Literatengattin
Nelly Kröger und ihr
späterer Gatte
Heinrich Mann, 1938.
zunehmend dem Vergessen, seine Frau
ihrer Alkoholsucht.
Aber Nelly Mann war nicht nur eine
Belastung und Bürde für ihren Mann, wie
es ihr ungewogene Zeitgenossen gerne
darstellten, sondern sie trug über die
Jahre durchaus das Ihre zum Funktionieren des Paaralltags bei. Sei es, dass sie in
den verschiedenen Exilstationen Wohnungen besorgte und einrichtete, den
Haushalt führte oder auch mit harter körperlicher Arbeit für das ewig unter Geldnöten lebende Paar mitverdiente. Eine
effiziente Literatengattin wurde sie nie,
dazu fehlte es ihr an allem, nicht zuletzt
an Bildung. Aber einfach nur schlecht,
das zeigt Jünglings gekonnte Auffächerung der vielen Facetten der Nelly Mann,
war sie auf jeden Fall nicht. L
Koran Das heilige Buch der Muslime in einer gut lesbaren Ausgabe für Kinder und Erwachsene
Kunstvolles Gewebe von Geschichten
Lamya Kaddor, Rabeya Müller: Der Koran.
Für Kinder und Erwachsene.
C. H. Beck, München 2008. 234 Seiten
mit Abbildungen, Fr. 34.90.
Von Monika Jung-Mounib
Das Buch hält, was der Titel verspricht.
Tatsächlich unterscheidet sich dieser
Koran «für Kinder und Erwachsene» in
einem grundlegenden Punkt von anderen Übersetzungen und kommentierten
Ausgaben: Er ist klar, verständlich und
gut lesbar. Die beiden Autorinnen, die
Professorin für islamische Religionspädagogik Lamya Kaddor und die Islamwissenschafterin Rabeya Müller, wollen
der verbreiteten Unkenntnis über das
heilige Buch der Muslime entgegenwir20X NZZ am Sonntag X 31. August 2008
ken. Gleichzeitig möchten sie Interessierten mit dieser zum Teil sinngemässen statt wortgetreuen Übersetzung den
Weg zum Original ebnen.
Das Buch, das den Text des Korans
auch in arabischer Sprache wiedergibt,
ordnet die Suren in zwölf Kapitel nach
zentralen Themen wie Gott, Erschaffung
der Welt, der Rolle der Frauen und der
Bedeutung von Propheten wie Mohammed, Mose und Abraham. Jedes Kapitel
endet mit einem Kurzkommentar und
Erläuterungen. Ein sinnvolles Vorgehen,
da der Koran ein kunstvolles Gewebe
mit vielen Geschichten und Lehren ist,
die nicht chronologisch erzählt werden.
Für Nicht-Muslime sind wohl vor
allem jene Geschichten interessant, die
einige ihnen vertraute Gestalten betreffen: den Propheten Musa (Moses) etwa
oder Isa (Jesus), den Sohn Maryams
(Maria). Der Koran sieht ihn zwar nicht
als Sohn Gottes, aber als Propheten, und
seine Geburt ist auch aus muslimischer
Sicht ein Wunder. Auch hier bringt der
Engel Gabriel seiner Mutter die Botschaft von der Schwangerschaft. Hingegen bleibt Maryam bei der Geburt ganz
auf sich allein gestellt, nur Gott kommt
ihr in dieser schweren Lage zu Hilfe.
Wissen und Weisheit werden im
Koran immer als Einheit beschrieben.
Für Menschen mit spirituellen Interessen kann die Lektüre dieses ansonsten
oft verschrienen Werkes deshalb eine
berührende Erfahrung sein. Zudem wird
beim Lesen klar, dass Muslime, Christen
und Juden zwar andere Werte haben,
dahinter aber die gleichen Bedürfnisse
stecken. L
Familie Der deutsche Philosoph Dieter Thomä sieht moderne Väter als Lebenshelfer und Vorbild
Väterbeschwörung
Dieter Thomä: Väter. Eine moderne
Heldengeschichte. Hanser, München
2008. 320 Seiten, Fr. 48.−.
Endlich! Endlich kommt ein wenig Licht
in die Vaterschaft. Man ist ja schon ganz
irr geworden ob all den Büchern und
Zeitungsartikeln, die andauernd zum
Thema publiziert werden, ob all den
ausgerufenen und widerrufenen Megatrends: «Schluss mit der Brut», titelt die
«Zeit» und prophezeit die Auflösung
der Familie; die NZZ schreibt von der
«reproduktionsfaulen Gesellschaft», und
auch gemäss «Magazin» stecken die
«Männer in der Sackgasse». Andere wiederum stellen eine «Sehnsucht nach Altbewährtem» fest («Beobachter») oder
beschreiben eine Entwicklung «vom
Patriarchen zum Papa» (eine Dokumentation auf Arte). Und erst in der Erziehungsdebatte! Während die Politik
als Folge feministischer Anstrengung
Familien- und Berufsleben besser aufeinander abstimmt, geht jetzt wie ein kalter
Platzregen die neokonservative Rede
von «mehr Erziehung», «Disziplin»,
vom «Wiederfinden des guten Patriarchats» auf uns nieder. Was nun, sind die
Männer noch familienwillig? Oder nicht?
Braucht es wieder stärkere Väter?
Väter im Berufsexil
Es ist Zeit für Dieter Thomä. Der deutsche Philosoph, 49-jährig, Vater zweier
erwachsener Kinder, Professor in St. Gallen, legt ein Buch vor, auf das wir – ohne
es zu wissen – gewartet haben. Thomä
geht von der Frage aus, warum es heute
viele Männer dankend ablehnen, eine
Familie zu gründen und Vater zu werden,
schlägt aber einen weiten Bogen um die
hysterischen Debatten in den Medien.
Er beleuchtet vielmehr die historischen
Umstände der Vaterschaft. Mit grosser
Gelassenheit besichtigt er die Väter der
letzten dreihundert Jahre, Berühmtheiten aus Politik und Wirtschaft, Normalbürger, Romanfiguren, erkundet und
analysiert dabei die Wechselwirkung
zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und privatem Leben.
So begegnet er zunächst den Patriarchen des 18. Jahrhunderts, die gottähnlich und tyrannisch über Frau und Kinder herrschen; nach der Französischen
Revolution sind es dann vor allem Väter,
die zwischen barscher Autorität und
Sentimentalität schwanken, solche, die
hin und her gerissen sind zwischen dem
Bedürfnis nach Nähe und dem Dogma der
Distanz. Da gibt es auch viele, die ziemlich verkümmert sind, verlegene Väter,
die in ihrer Sprach- und Beziehungslosigkeit gefangen sind. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert stellt der Autor
ein unproduktives Schwanken zwischen
der aufdringlichen Anwesenheit und der
anstössigen Abwesenheit der Väter fest,
oftmals verkörpert in ein und derselben
PLAINPICTURE
Von Mathias Ninck
«Vaterschaft ist ein
Tanz»: zwischen
hingerissen und
standhaft sein.
Person. Nach der Entmachtung der Patriarchen gelingt es offensichtlich nicht,
die Neuordnung des privaten Lebens ins
Lot zu bringen. Weit verbreitet bis in die
Gegenwart ist die Vaterlosigkeit jener
Familien, in denen der Vater das Exil
in die Berufswelt antritt; in der Familie
geistert er nur herum, wird zur Randfigur. Die Söhne suchen dann, traurig und
wütend, nach den Vätern, die sie im Alltag vermisst haben.
Wohltuender Kontrapunkt
Dass viele Männer heute bei der Kinderfrage ins Schwanken geraten, ist also
das Resultat einer jahrhundertealten
Verunsicherung – Thomä zeichnet sie
anschaulich und leichtfüssig nach. Diese
glänzend geschriebene Väterbesichtigung ist zwar über weite Strecken eine
recht traurige Geschichte, der Autor aber
bleibt immer hoffnungsfroh: Er sitzt wie
ein Reporter auf der Tribüne und kommentiert freudig den Wettstreit der verschiedenen Lebensformen. Wer gewinnt,
ist offen, bei wem seine Sympathien sind,
wen er innerlich anfeuert – daran lässt
Dieter Thomä keinen Zweifel.
Sein Buch ist im Grunde eine Väterbeschwörung, eine Ermutigung für alle, die
Vater sind oder es einmal werden. Beim
Streifzug durch die Geschichte begegnet
Thomä nämlich nebst all den Figuren, die
in der Sackgasse enden, auch manchem
Vater, der wie ein Vorbote einer fernen
Zeit Charakterzüge aufweist, die durchaus kinderfreundlich sind. Aus dem his-
torischen Ozean der Ideen, wie zu leben
sei, fischt Thomä schliesslich die brauchbaren heraus und montiert sie zu einer
Haltung, die für moderne Väter adäquat
sein könnte. So sieht er den modernen
Vater in erster Linie als Lebenshelfer,
wobei diesem Vater «die Anleitung zum
Leben» nur gelingt, wenn «er das Leben
seiner Kinder aus der Nähe kennt». Ein
Vater soll davon träumen, dass seinen
Kindern, die von inneren und äusseren
Hemmnissen und Verlockungen umringt
sind, ihr Wünschen gelinge. Er soll sie
mit anderen Worten zum Wollen erziehen. Ein Vorbild sein. «Vaterschaft ist ein
Tanz, bei dem zwei Bewegungen aufeinander abgestimmt werden müssen: Hingerissen geht der Vater auf das Kind zu,
standhaft zieht er es zu sich hin.»
Dieter Thomäs Gelassenheit angesichts der ideologischen Minenfelder
in der Politik, sein unverfrorener Überschwang bezüglich Familie sind ein wohltuender Kontrapunkt in der heutigen
Zeit, wo sich eine «Kultur des Zögerns»
ausbreitet, ein Sich-nicht-festlegen-Wollen, weil man etwas verpassen könnte. L
31. August 2008 XNZZ am Sonntag X21
Sachbuch
Naher Osten Arnold Hottinger liefert einen profunden Überblick über die islamischen Staaten
Der Islam ist kein
monolithischer Block
Arnold Hottinger: Die Länder des Islam.
Geschichte, Traditionen und der
Einbruch der Moderne. NZZ Libro,
Zürich 2008. 379 Seiten, Fr. 48.–.
Als Korrespondent der «Neuen Zürcher
Zeitung» hat sich Arnold Hottinger in
30 Jahren den Ruf als kompetenter
Beobachter und verständlicher Erklärer
orientalischer Verhältnisse erworben.
Diesem Ruf ist er auch treu geblieben,
seit er in den Ruhestand getreten ist
und sich nicht mehr mit der täglichen
Berichterstattung abmühen muss. Denn
Hottinger hat das Beobachten, das Nachdenken und das Erklären nicht aufgegeben. Auf geführten Reisen, in Vorträgen, Interviews und Büchern kommt
er damit dem stetig wachsenden Bedürfnis der Öffentlichkeit entgegen, Gesellschaft, Kultur und Politik der Araber
und der Muslime zu verstehen.
Hottingers aktuelles Buch «Die Länder des Islam» bietet erneut einen guten
Überblick über die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen im Nahen
und Mittleren Osten bis in die unmittelbare Gegenwart. Die Darstellung folgt
dabei einer räumlichen und einer zeitlichen Dimension. Den geographischen
Raum teilt der Verfasser einerseits in die
«Kernländer des Islam» (vom Niltal
über Syrien und Mesopotamien zum iranischen Plateau) und deren «Umfeld»
(Zentralasien und Pakistan, Jemen, Nordafrika, Kleinasien), andererseits in die
drei Landschaftsformen Flusstal, Wüste
und trockene, dank Bewässerung jedoch
fruchtbare «Übergangsländer».
Dominanz des Westens
Hottingers erste Botschaft ist, dass es
«den Islam» schlechthin gar nicht gibt.
In den Muslimen, die ihre Religion
leben, und in den Ländern, in denen
diese sich festgesetzt hat, hat der Islam
unterschiedliche und sich dauernd wandelnde Formen angenommen.
Die Korrektur des im Westen Angst
einflössenden Bildes vom Islam als
einem monolithischen Block, der auf
die äusseren Herausforderungen mit
blinder Gewalt antwortet, enthebt den
Autor freilich nicht der Aufgabe, die
extremistischen politisch-religiösen
Strömungen zu erklären, die den zeitgenössischen Islam durchziehen. Er erklärt diese im Wesentlichen als Produkt
der Auseinandersetzung mit der seit
zwei Jahrhunderten wachsenden politischen, kulturellen und technologischen
Dominanz des Westens. Der zentrale
Teil des Buches zeichnet nach, wie die
muslimischen Länder mit diesem Einbruch des Fremden umgegangen sind,
22X NZZ am Sonntag X 31. August 2008
ESPEN EICHHOEFER/OSTKREUZ
Von Jürg Bischoff
Der Islam bleibt
nach der Dominanz
durch westliche Technologien und Werte
das einzig «Eigene»
in den Ländern des
Nahen und Mittleren
Ostens.
wie sie versucht haben, das Wissen und
die Techniken der Europäer zu erwerben und sich gleichzeitig gegen deren
politische Herrschaft zu wehren.
Im abschliessenden Teil des Buches
analysiert Hottinger diese Auseinandersetzung mit der Moderne im Militär, in
der Erziehung, in der Wirtschaft und in
der Religion. Er vermittelt dabei wertvolle Einsichten, zum Beispiel bei seiner
Darstellung der Klientelsysteme, die in
zahlreichen Ländern das politische Leben prägen. Auch die Entwicklungen im
religiösen Denken sind, wie Hottinger
zeigt, nur als Frucht der Auseinandersetzung mit dem aus Europa einströmenden
Gedankengut zu erklären. Die Überlegenheit rationalen Denkens, das sich in der
technischen und politischen Überlegenheit des Westens manifestiert, hat Reformbewegungen ausgelöst, die den
Islam von Mystik, Heiligenverehrung und
anderen «abergläubischen» Elementen
reinigen wollten, damit aber auch Intoleranz, Dogmatismus und Fundamentalismus förderten.
Wertvolle Interpretationen
Den Aufstieg des Islamismus zur vorherrschenden politischen Ideologie erklärt Hottinger, im Einklang mit der
Meinung der meisten Experten, mit dem
Scheitern des Nationalismus und anderer aus dem Westen importierten Weltanschauungen. Dass gerade die Religion
als Basis der politischen Aktion über-
nommen wurde, schreibt er dem Umstand zu, dass der Islam das einzig
«Eigene» ist, das den Muslimen nach
der Eroberung ihrer Welt durch die
westlichen Armeen, Technologien und
Werte geblieben ist.
Der Grundwiderspruch scheint für
Hottinger weder politisch noch gesellschaftlich, sondern kulturell zu sein,
nämlich der zwischen überlieferter Weltanschauung und aufgezwungenen Werten, eigener Tradition und fremden
Techniken, deren Kenntnis und Anwendung für eine erfolgreiche Entwicklung
aber unabdingbar sind. Ein Ende des
Konflikts könne nicht mit Gewalt erreicht werden, sagt Hottinger, sondern
nur, indem die «Moderne» nicht mehr
als etwas Fremdes, sondern als etwas
Eigenes empfunden werden kann.
So bietet das Buch, trotz Hottingers
didaktischer, etwas hölzerner Sprache,
eine wertvolle Quelle für Informationen
und Interpretationen zu den muslimischen Ländern. Ärgerlich ist die Unterteilung in kleine Kapitel, die oft kaum
eine halbe Seite lang sind, den Text zerstückeln, den Lesefluss stören und oft
willkürlich zusammengesetzt erscheinen. An einer Stelle sind sogar zwei Abschnitte irrtümlich vertauscht worden.
Offensichtlich hat der Verlag seine Aufgabe vernachlässigt, den Text einem
sorgfältigen Lektorat zu unterziehen.
Hottinger und seine Leser hätten es verdient. L
Biotechnologie Der Philosoph Gernot Böhme plädiert für eine Heimkehr in den Körper – der
so zu akzeptieren sei, wie er ist
Vom Menschen zum Artefakt
Gernot Böhme: Ethik leiblicher Existenz.
Über unseren moralischen Umgang mit
der eigenen Natur. Suhrkamp,
Frankfurt a. M. 2008. 253 Seiten, Fr. 18.90.
Von Manfred Koch
Der Mensch ist dasjenige Naturwesen,
das sich so lange neu erfindet, bis
es sich eines Tages abgeschafft haben
wird. Der Darmstädter Philosoph Gernot Böhme zeigt in seinem jüngsten
Buch, wie das «Projekt der menschlichen Selbstgestaltung» durch die
moderne Biotechnologie in absehbarer
Zukunft dazu führen könnte, dass es
so etwas wie eine «Gattung Mensch»
nicht mehr gibt. Dank In-vitro-Fertilisation und Pränataldiagnostik hat die
Reproduktionsmedizin den Weg zum
hergestellten Kind eingeschlagen; sollte
es zum Klonen und zur extrauterinen
Aufzucht von Föten kommen, werden
die Geschlechter Mann und Frau überflüssig.
Wenn die Transplantationsmedizin
irgendwann nicht mehr lebende Organe
einsetzt, sondern Herzmaschinen und
Neurochips, könnten realiter «alte
Damen» wie Dürrenmatts Claire Zachanassian die Szene betreten, die durch
permanenten Austausch von Ersatzteilen tendenziell unsterblich sind (sprich:
unvorstellbare Laufzeiten erhalten). Die
Gentechnik schliesslich würde durch
Konstruktion des Erbmaterials die
Züchtung beliebiger Menschen-Exemplare ermöglichen: «Da kein Menschheitskonsens über wünschenswerte
Entwicklungsrichtungen und auszubildende Funktionen des Menschen zu
erwarten ist, kann es langfristig zur
Auflösung der einen Gattung Mensch
kommen.»
Ethik hat unter diesen Vorzeichen
Konjunktur, allerorten werden Kommissionen gebildet, die klären sollen,
ob die sich abzeichnende Verwandlung des Menschen in ein Artefakt mit
dem herkömmlichen Verständnis von
Menschenwürde vereinbar ist. Hier
sind es meist die Philosophen, die
gegen die «harten» Naturwissenschafter dafür plädieren, die entfesselte Biotechnik moralisch zu bändigen, am
alten Typus des durch zufällige Zeugung entstandenen, fehlbaren, hinfälligen – eben natürlichen – Menschen
festzuhalten. Aber die philosophische
Ethik hat, wie Böhme in seinem gut verständlichen Buch zeigt, selbst beträchtlichen Anteil an der westlichen Tradition der Naturverachtung, auch und
gerade an der Verachtung unserer eigenen Leib-Natur.
Der Mensch wurde als «animal rational» definiert, als Mischwesen aus
Tier und Geist, der «animalische»
Anteil war dabei aber fast immer derjenige, wovon er sich durch Selbstbe-
herrschung, Erziehung, Bildung absetzen sollte. Kant hat immerhin von
«Pflichten des Menschen gegen sich
selbst» gesprochen und darunter auch
die Sorge für den eigenen Körper gezählt.
Bezeichnend ist jedoch seine Begründung: Ohne leibliches Wohlergehen
kann sich die vernünftige Persönlichkeit
nicht ausreichend entfalten. Wird das
Ross nicht gepflegt, kommt auch der
Reiter nicht weit. Bis heute, so Böhme,
wird unter Achtung der Menschenwürde vor allem die Respektierung der
selbstbewussten, sprachfähigen Person
verstanden. Die grundlegende Anerkennung jener Natur, die wir alle als leibliche Wesen sind, die einfach nur atmen,
schlafen, essen, trinken und lieben wollen, stehe in der Menschenrechtsdiskussion noch aus.
Böhme befasst sich erfreulicherweise auch ausführlich mit der «Leibvergessenheit» im Alltag. Gerade die aktuelle
Körperkultur ist ja ein drastischer Beleg
für den Willen, den eigenen Leib zu
instrumentalisieren, ihn zum blossen
Mittel der Selbstinszenierung (Schönheitschirurgie, Fitnessindustrie) oder
entfremdeter
Leistungsdarbietungen
(Doping, Viagra) zu machen.
Heerscharen von Ernährungsberatern, Ärzten, Physiotherapeuten und
Konditionstrainern geben Anleitungen,
wie wir mit unseren Körpern zu verfahren haben. Offenbar spüren wir sie nicht
mehr genug, um selber zu wissen, was
nottut. Wir müssen, schliesst Böhme,
wieder lernen, in unserem Leib, der
ja unser Leben ist, zu wohnen, durchaus mit Hilfe von regelrechten Leibesübungen (wie Yoga oder Feldenkrais),
vor allem aber durch die Entwicklung
einer Daseinshaltung, die souverän
auch die negativen Erfahrungen –
Schmerz, Krankheit, Schwäche – hinzunehmen erlaubt. Die medizinisch gewartete, störungsfreie Körpermaschine ist
ein widersinniges Lebensideal. L
Seelust Am Gestade zum Bade
Das gesellschaftliche Leben in der Schweiz kommt
die meiste Zeit ohne institutionelles öffentliches
Baden aus. Und falls es einigen unbotmässigen
Knaben einfällt, sich zu mehreren nackt und «gut
sichtbar!» in den Vierwaldstättersee zu stürzen,
werden sie vom Luzerner Stadtpfarrer Thaddäus
Müller verpetzt. Da dem Drang zum Bade aber gegen
Ende des vorletzten Jahrhunderts kein Einhalt
mehr geboten werden kann, muss die Badeanstalt
erfunden werden. Mit Holzwänden, Kabinen und
strikter Trennung der Geschlechter. Der Dresscode:
«angethan mit sogenannten Schwimmhosen oder
einem Schamtuche». Aber 1919 kommt es zur im
ganzen Land eifrig kommentierten Revolution: In
Weggis wird das erste offene Strandbad der Schweiz
eröffnet, Männer und Frauen dürfen gemeinsam
baden! Der Kulturgeschichte des Seebadens und der
Badeanstalten gewidmet ist das Buch «Seelust».
Ein heiteres Werk, appetitlich geschrieben und illustriert, eine gediegene Sehlust. Die grosse Freude an
der neu eroberten Freiheit im öffentlichen Raum ist
überall spürbar. Jost Auf der Maur
Heinz Horat: Seelust. Badefreuden in Luzern.
Verlag hier + jetzt, Baden 2008. 162 Seiten, Fr. 38.–.
31. August 2008 XNZZ am Sonntag X23
Sachbuch
Globalisierung Nur gezielte Unterstützung durch die
Industrienationen hilft den Ärmsten der Welt aus der
Entwicklungsfalle
Paul Collier: Die unterste Milliarde.
Warum die ärmsten Länder scheitern
und was man dagegen tun kann.
C. H. Beck, München 2008. 256 Seiten,
Fr. 34.90.
Von Peter Durtschi
Wir leben in einer Welt, in der eine Milliarde Menschen relativen Wohlstand geniesst. Vier Milliarden halten sich in Ländern auf, die wirtschaftlich mit grosser
Geschwindigkeit aufholen. Eine weitere
Milliarde lebt in rund fünfzig wirtschaftlich stagnierenden Staaten. Dieser
«untersten Milliarde» widmet der britische Ökonom Paul Collier sein Buch.
Laut Collier, der an der Oxford University lehrt, stecken diese Staaten in einer
oder mehreren von vier Entwicklungsfallen fest: Sie werden erstens von bewaffneten Konflikten heimgesucht, oder
– zweitens – ihr Ressourcenreichtum erweist sich als Fluch, weil Rohstoffausfuhren die Wettbewerbsfähigkeit der
anderen Exportgüter dieses Landes
beeinträchtigen. Sie haben drittens keinen direkten Zugang zum Meer, weshalb
sie von ihren Nachbarn an der Küste
abhängig sind. Und viertens leiden etliche unter ihnen an einer schlechten
Regierungsführung.
Der Globalisierungszug sei für diese
Staaten abgefahren, schreibt Paul Collier, der in Oxford auch das Centre for
the Study of African Economies leitet.
China und Indien haben Schlüsselpositionen besetzt. Schlimmer noch: Die unterste Milliarde und die übrigen fünf
Sechstel der Weltbevölkerung driften
immer weiter auseinander.
Nun diagnostiziert Collier nicht nur
die Probleme. Er schlägt eine breite
Palette von Massnahmen zur Abhilfe vor.
Zuerst einmal gelte es, die Entwicklungshilfe noch stärker als bisher auf die Länder der untersten Milliarde zu konzentrieren. Dort hat die Hilfe in den letzten
30 Jahren etwa ein Prozent zum jährlichen Wachstum beigetragen; eindrücklich wird diese Zahl erst angesichts der
Tatsache, dass das Wachstum in diesen
Staaten nahe bei null lag und somit den
Unterschied zwischen Stagnation und
schwerer kumulativer Rezession ausmachte. «Die Entwicklungshilfe war ein
Rückzugsgefecht, das verhinderte, dass
alles zusammenbrach», folgert Collier.
Er fordert Aktionen, die bisher nicht
zum Arsenal der klassischen Entwicklungshilfe gehört haben: Durch einen
Abbau der Handelsschranken seitens
der reichen und der ärmsten Länder
sowie durch einen zeitlich befristeten
Schutz vor asiatischen Staaten soll die
unterste Milliarde in die Weltwirtschaft
eingebunden werden. «Wachstum ist
kein Allheilmittel, aber fehlendes Wachstum zerstört alles. Dieses Scheitern des
Wachstumsprozesses ist das gewaltige
Problem, das wir lösen müssen», schreibt
Collier. Daneben gelte es, auch in Sicherheitsfragen aktiver zu werden – gerade in
PHOTOTHEK
Aktionen für die
Zurückgebliebenen
Ausbildung fördert
den Wachstumsprozess in den ärmsten
Ländern der Welt.
Postkonfliktsituationen geben Regimes
viele Mittel für die Armee aus. Die reichen Staaten müssten dauerhaftere
Sicherheitsgarantien abgeben, verlangt
Collier. Er gibt gleichzeitig zu, dass die
längere Präsenz ausländischer Armeen
nach dem Irakkrieg zu einer noch heikleren Angelegenheit geworden ist als
früher. Zur Überwindung der Ressourcenfalle schlägt er unter anderem Transparenzinitiativen für Einnahmen aus
natürlichen Ressourcen vor; was der
Kimberley-Prozess für die Regulierung
des Diamantenhandels bewirkt, könnten
internationale Chartas beispielsweise
für die Ölförderung leisten.
Gefordert sind somit die Regierungen;
insbesondere die wichtigsten Industrienationen, die in der G-8 zusammengefasst sind, müssten besser aufeinander
abgestimmte Instrumente anbieten. Und
vor allem ernsthaft helfen, folgert
Collier. Letztlich ist er Moralist: Es sei
untragbar, dass eine Milliarde Menschen
abgenabelt werde; nicht zuletzt wäre
eine solche Welt auch eine unsichere
Welt, mahnt Paul Collier. L
Wirtschaft im Altertum Neue Perspektiven auf das ökonomische Denken der Antike
Anfänge wirtschaftlicher Verhaltensweisen
Ulrich Fellmeth: Pecunia non olet.
Die Wirtschaft der antiken Welt. WBG,
Darmstadt 2008. 192 Seiten, Fr. 67.90.
Von Geneviève Lüscher
Bis anhin begann – gemäss Ulrich Fellmeth – jede wirtschaftshistorische Darstellung mit dem Verdikt, Wirtschaft sei
in der Antike kein eigenständiger Bereich menschlichen Denkens und Verhaltens gewesen. Dieser offenbar weit
verbreiteten Ansicht tritt der Autor,
Dozent an der Universität Stuttgart, vehement entgegen. Auch wenn es damals
weder Grossindustrie noch Wertpapiere
oder Aktien, ja nicht einmal Papiergeld
gab, so existierte gemäss Fellmeth
durchaus ein «funktionierender Wirtschaftsprozess», der nicht einfach nur
24X NZZ am Sonntag X 31. August 2008
ein sich selbst regulierendes System
war, sondern von den Menschen rational geplant und gesteuert worden sei.
Allerdings, räumt der Verfasser ein, gab
es keine Wirtschaftstheorie, welche das
Denken und Handeln regelte und gezielt
beeinflusste, wohl aber eine «eigene und
tradierte Erfahrung,» die zu planvollem
wirtschaftlichem Handeln verhalf.
Anhand von Fallbeispielen führt der
Autor – leider in einem etwas trockenen
Stil und wenig gegliederten Text – die
Leserschaft durch die antike Welt vom
8. vorchristlichen bis ins 4. nachchristliche Jahrhundert. Er kann zeigen, dass die
Wirtschaft einen nicht unbedeutenden
Bereich der alltäglichen Lebenspraxis
darstellte und sich im Verlaufe der Jahrhunderte auch strukturell entwickelte.
Im Schlusskapitel stellt Fellmeth dann
die Frage, inwieweit die Beschäftigung
mit der antiken Wirtschaft einen aktuellen Nutzen haben könnte. Er glaubt,
dass «am einfach strukturierten Modell
die Grundkonstanten wirtschaftlicher
Entwicklungen und die elementaren
wirtschaftlichen Verhaltensweisen studiert werden können». So hätten wir
uns angewöhnt, das Primat der Ökonomie und wirtschaftlicher Interessen in
fast allen Bereichen des menschlichen
Daseins zu akzeptieren. Das sei in der
Antike nicht so gewesen. Sie biete «Beispiele für Gesellschaften, in denen Menschen (...) einen breiteren Horizont hatten als die vom ökonomischen Denken
überwucherten heutigen Industriegesellschaften». Die Beschäftigung mit der
Antike liefert Denkanstösse zum Thema,
ob das menschliche Dasein mehr sein
könne als die blosse Funktion von ökonomischen Mechanismen. L
Zwischenkriegsliteratur Der Schriftsteller Hans Sahl liefert einen reichen Einblick
in die Berliner Kultur der Weimarer Republik
Pointierte Porträts,
hübsche Anekdoten
Hans Sahl: Memoiren eines Moralisten.
Das Exil im Exil. Luchterhand Literatur-
verlag, München 2008. 511 Seiten,
Fr. 38.90.
Unter den deutschen Schriftstellern, die
Hitler in die Emigration trieb, ist Hans
Sahl einer der weniger bekannten. Erst
in hohem Alter fand er den Weg zurück
nach Deutschland, und sein episches
und lyrisches Werk wirkt seltsam fremd
innerhalb der deutschen Nachkriegsliteratur. Sahl wurde 1902 in Dresden
geboren, verbrachte einen grossen Teil
seines Lebens als Journalist und Übersetzer in New York und starb 1993 in
Tübingen. Seine Memoiren, die nun im
Luchterhand Literaturverlag neu aufgelegt worden sind, verfasste er im letzten
Lebensjahrzehnt.
Die schwindende Sehkraft zwang ihn,
aufs Tonband zu sprechen, und wenn er
auch in flüssigem Parlando formuliert,
ist sein Bericht doch zuweilen sprunghaft und nicht frei von Wiederholungen.
So besitzen diese Erinnerungen nicht
den Rang der klassischen Werke dieses
Genres, wie wir sie Stefan Zweig, Elias
Canetti, Manès Sperber oder Carl Zuckmayer verdanken. Dennoch möchte man
das Zeugnis Hans Sahls nicht missen. Es
vermittelt Einblick in die verwirrend
reiche Berliner Kultur der Weimarer
Republik, und die verhaltene Trauer des
Chronisten, der seine Heimat verlor und
nie wirklich wieder fand, klingt lange im
Leser nach.
Berlin der zwanziger Jahre
Die Erinnerungen von Hans Sahl sind in
zwei Teilen erschienen. Der erste Teil
trägt den Titel «Memoiren eines Moralisten» und erfasst die Zeit vor der
Flucht aus Deutschland. Sahl entstammte dem wohlhabenden, assimilierten jüdischen Bürgertum und verlebte seine
Kindheit in Dresden und Berlin. Er studierte in München, Leipzig und Breslau
Literatur, Kunstgeschichte und Philosophie und arbeitete nach der Promotion als Film- und Theaterkritiker
für den «Montag-Morgen», das «TageBuch» und den «Berliner Börsen-Courier». Politisch stand er, wie viele Intellektuelle seines Herkommens, auf der
Seite der marxistischen Linken: «Wir
glaubten nicht an Demokratie», schreibt
er, «wir wussten nicht, was das war. Niemand hatte es uns erklärt.»
Für Sahls Erinnerungen ist charakteristisch, dass der Autor sich selbst
bescheiden zurücknimmt und vor allem
von andern berichtet. Darin sieht er
auch das Hauptmotiv zur Niederschrift
HORST TAPPE/ULLSTEIN
Von Urs Bitterli
Hans Sahl (1902–
1993), Autor des
sozialkritischen Chorwerks «Jemand»,
kehrte 1989 aus der
USA-Emigration nach
Deutschland zurück.
seiner Memoiren; er wolle, bemerkt er
einleitend, die Toten aus «ihrer Vergangenheit befreien» und ihnen «ihre Identität zurückgeben». Dem Leser werden
zahlreiche Persönlichkeiten der damaligen Berliner Kulturszene vorgeführt,
längst vergessene und solche, die es
geschafft haben, ins Inventar der geschichtlichen Erinnerung aufgenommen
zu werden. Wir begegnen politischen
Publizisten wie Ossietzky, Tucholsky
und Schwarzschild; Regisseuren und
Schauspielern wie Leopold Jessner, Max
Reinhardt und Erwin Piscator; Schriftstellern wie Brecht, Döblin und Glaeser;
Leuten vom Film wie Fritz Lang, Sergei
Eisenstein, Peter Lorre und Asta Nielsen. Sahl gelingen pointierte Porträts
und hübsche Anekdoten, welche unser
Bild vom geistigen Berlin der zwanziger
Jahre um eine eigene Nuance bereichern.
Uraufführung in Zürich
Der zweite Teil von Sahls Memoiren
trägt den Titel «Das Exil im Exil». Nach
der Übertragung der Macht an Hitler
floh Hans Sahl über Prag nach Zürich
und von hier nach Paris. In Zürich
stieg er in der Pension Bickel an der
Plattenstrasse ab und hatte engen Kon-
takt mit den Emigranten am Schauspielhaus, mit Kurt Hirschfeld, Ernst Ginsberg, Teo Otto, Leonard Steckel und
anderen, die, wie er schreibt, «sich
anzupassen suchten an eine Idylle, die
ihnen nicht recht zu Gesicht stand, die
doch probiert, auswendig gelernt und
zu Ende gespielt werden musste».
In der Schweiz durfte Sahl nicht bleiben: «Man verfuhr», urteilt er mit jener
Altersmilde, die seinen Bericht kennzeichnet, «ein wenig unsanft mit Flüchtlingen, die keine Aufenthaltserlaubnis
hatten.» Und doch wurde Zürich zum
Schauplatz von Sahls grösstem literarischem Erfolg. Hier wurde sein gesellschaftskritisches Chorwerk «Jemand»,
mit der Musik von Tibor Kasics, Heinrich Gretler als Sprecher und einigen
hundert Sängern, uraufgeführt – ein
Höhepunkt in der Geschichte des
Schweizer Arbeitertheaters.
Die Emigration in die USA gelang mit
Hilfe des amerikanischen Fluchthelfers
Varian Fry, dessen Komitee in Marseille
tätig war und auch andern Schriftstellern wie Franz Werfel, Lion Feuchtwanger und Heinrich Mann die Ausreise aus
Frankreich ermöglichte. Der Titel des
zweiten Teiles von Sahls Memoiren
spielt auf die doppelte Isolation an, welcher der Autor in den USA ausgesetzt
war: Er verlor nicht nur seine Heimat,
sondern auch, da er sich vom Kommunismus losgesagt hatte, den Kontakt zu
den emigrierten Genossen. Hinzu kam
die materielle Not; Übersetzungsarbeiten sicherten ein prekäres Überleben.
Später arbeitete er als Kulturkorrespondent für deutschsprachige Zeitungen in
Europa, darunter auch für die «Neue
Zürcher Zeitung», und übersetzte Werke der amerikanischen Schriftsteller
Tennessee Williams, Arthur Miller und
Thornton Wilder, dem er persönlich
besonders nahe stand.
Auch in den USA pflegte Sahl die Verbindung mit zahlreichen Intellektuellen,
und die Seiten, die er Erich von Kahler
und Paul Tillich, Hermann Broch und
Erich Maria Remarque, Thornton Wilder und Edmund Wilson widmet, sind
aufschlussreich und zuweilen amüsant.
Im Jahre 1989, mit 87 Jahren, kehrte Sahl
endgültig nach Deutschland zurück.
Dem nun vorliegenden Band von
Sahls Erinnerungen will der Luchterhand Literaturverlag weitere Werke des
Schriftstellers, insbesondere den 1959
erschienenen Emigrantenroman «Die
Wenigen und die Vielen» folgen lassen.
Im Nachkriegsdeutschland mochte man
solche Bücher nicht lesen. Vielleicht
findet Sahls Werk heute die Leser, die es
verdient. L
Urs Bitterli war bis 2001 Professor für
neuere Geschichte an der Uni Zürich.
31. August 2008 XNZZ am Sonntag X25
Sachbuch
Exil Für viele Musiker war Frankreich ein Transitland – zur Freiheit oder in die Deportation
Flucht aus dem Vorhof der Hölle
Michel Cullin, Primavera Driessen Gruber
(Hrsg.): Douce France? Musik-Exil in
Frankreich 1933–1945. Böhlau, Wien
2008. 544 Seiten, Fr. 82.90.
Von Fritz Trümpi
Auch Frankreich war kein sicherer Hafen:
Wer vor den Nazis fliehen musste, fand
dort zunächst zwar oft Aufnahme, war
dadurch aber weder vor einer sich fortsetzenden Flucht noch vor der Deportation ins Konzentrationslager gefeit. Der
vorliegende Band über exilierte Musiker
und Musikerinnen aus Deutschland und
Österreich zeichnet in seinen zahlreichen
Darstellungen persönlicher Lebenswege
Betroffener ein drastisches Bild.
Aus ihrem Heimatland vertrieben, wurden sie als «Staatsangehörige feindlicher
Staaten» oftmals in Internierungslager gesteckt, kaum hatten sie die Landesgrenze
überschritten: Zwischen 1939 und 1946
dürften sich rund 600 000 Internierte auf
etwa 200 französische Lager verteilt
haben. Angesichts der NS-Todesfabriken
beschrieben Überlebende diese Lager
zwar gerne als «5-Sterne-Lager», aber
wer aus ihnen nicht entweichen konnte,
lief Gefahr, früher oder später nach Osten
deportiert zu werden, so die Historikerin
Dominique Lassaigne.
Auch die Herausgeberin des doppelsprachig erschienenen Buches stellt den
Transitcharakter Frankreichs ins Zentrum und zeigt dies in zwei biografischen
Studien mit unterschiedlichen, aber typischen Ausgängen. Dem Wiener Musiker Erwin Weiss gelang von Frankreich
aus die Flucht nach Grossbritannien,
während der aus Lodz stammende Kan-
tor Samuel Taube nach Frankreich
emigrierte, von wo er 1943 nach Auschwitz deportiert wurde. Taube überlebte,
weil er einem SS-Offizier mit dem Singen von «Dein ist mein ganzes Herz»
imponierte. Wahnwitzige Geschichten,
die jedoch exemplarisch sind, auch für
das französische Exil.
Der französische Schriftsteller André
Gide, der die neu angekommenen
Künstler 1933 noch damit begrüsste, für
Begabung gebe es keinen Einfuhrzoll,
stand wenige Jahre später auf verlorenem Posten, als die ersten «Lager für
unerwünschte Ausländer» eingerichtet
wurden. Einmal mehr erwies sich aber
die transatlantische Differenz als wirksam: US-amerikanische Initiativen
machten sich daran, möglichst vielen
Personen mit Erfolg die Flucht aus dem
Vorhof der Hölle zu ermöglichen. L
Das amerikanische Buch Daniel Boone – Pionier und Mythos der USA
Es erstaunt, dass bislang keine deutschsprachige Lebensgeschichte des Grenzers Daniel Boone existiert, obwohl
dieser als Vorbild für James Fenimore
Coopers «Lederstrumpf» unsere Vorstellung über die Frühgeschichte der
USA prägt. «Frontiersman» leistet Pionierarbeit, indem Brown das Leben
seines Protagonisten in die politische,
kulturelle und nicht zuletzt rechtliche
Landschaft seiner Zeit einordnet. Dabei dient der Titel als Leitfaden. Brown
zufolge lebte Boone nicht nur in einer
dynamischen, geografischen Grenzzone, die sich von seiner Geburt 1734
bis zu seinem Tod 1820 von der Atlantikküste bis tief hinein nach Missouri
bewegt hat. Als Führer einer Pioniersippe und Adoptiv-Indianer «Grosse
Schildkröte», als Bodenspekulant,
Politiker und Soldat unter britischer,
spanischer und amerikanischer Flagge
hat der Sohn einer Quäkerfamilie auch
einen sozio-kulturellen Grenzraum
mitgestaltet, in dem die politischen
Rahmenbedingungen und Loyalitäten
ebenso fliessend waren wie die Identitäten der handelnden Figuren. Brown
26X NZZ am Sonntag X 31. August 2008
Er prägt das Bild der
Frühgeschichte der
USA: Daniel Boone
(1734–1820), hier in
Kentucky (Zweiter
von links).
Autor Meredith M.
Brown (unten).
PHOTO RESEARCHERS/KEYSTONE
Mit 13 Jahren war er schon ein ausgezeichneter Schütze und ging in Pennsylvania lieber auf die Hirschjagd,
als die Schulbank zu drücken. Aber als
Daniel Boone 1767 über das Appalachen-Gebirge in «die dunklen und blutigen Gründe» von Kentucky vorstiess,
las er seinen Gefährten aus «Gullivers
Reisen» vor. Das erzählt Meredith M.
Brown in Frontiersman. Daniel Boone
and the Making of America (Louisiana
State University Press, 416 Seiten),
einer höchst aufschlussreichen, ebenso
sorgfältig recherchierten wie unterhaltsamen Biografie des Pioniers. Brown
hat an der Harvard University amerikanische Geschichte studiert und danach
in New York als Anwalt gearbeitet.
arbeitet heraus, wie die Indianer in dieser Grenzzone operierten und sich als
Mitspieler im Pelzhandel den Europäern annäherten, während gerade Boone
ihre Wesenszüge annahm.
Gleichzeitig wurde Boone schon um
1780 eine mythische Figur. Er taucht in
populären Romanen und den Reden
amerikanischer Politiker auf. Diese missbrauchten ihn als Symbol der «schicksalhaften Bestimmung» der USA, den
Kontinent bis zum Pazifik zu unterwerfen. Die Indianer wurden dabei als
blutrünstige Wilde gezeichnet, für
Brown eine Mischung aus «schlechtem
Gewissen und Rechtfertigung für deren
Vertreibung und Vernichtung». «Frontiersman» hebt dagegen auf den «homo
oeconomicus» Boone ab und erklärt,
dass dieser sich zwar exzellent auf die
Jagd verstanden hat und Zeit seines
Lebens kein Interesse an Ackerbau und
Viehzucht empfand. Aber der listen-
reiche, mit enormer Ausdauer und
körperlicher Kraft gesegnete Waldläufer war kein romantischer Abenteurer, sondern Zulieferer eines
lukrativen transatlantischen Handels.
Dabei erkannte Boone, dass seine
rücksichtslosen Jagdzüge die Grundlage seiner Existenz zerstörten. Er
tröstete sich stets mit den unberührten
Wildbeständen weiter im Westen.
Nach der Ausrottung der Pelztiere und
der Austreibung der Indianer wurde
das Land selbst zum Gegenstand ungezügelter Gier. Als Vater von zehn
Kindern stets auf der Suche nach Einnahmequellen, hat sich Boone in Kentucky als Landvermesser betätigt.
Aber er war zu ungeschliffen, um seine
Ansprüche gegen Politiker und Juristen
durchzusetzen. So war er bis zu seinem
Lebensende in Prozesse verwickelt,
die ihn finanziell ruiniert haben. L
Von Andreas Mink
Agenda
China Milliardenvolk zwischen Tradition und Moderne
Agenda September 08
Basel
Dienstag, 9. September, 19 Uhr
Lotta Suter: Kein Frieden mehr. Lesung
und Gespräch, Fr. 15.–. Literaturhaus,
Barfüssergasse 3, Tel. 061 261 29 50.
Donnerstag, 11. September, 19 Uhr
Donnerstag, 18. September,
19 Uhr
AP
Hansjörg Schertenleib: Das Regenorchester. Buchpremiere und Lesung,
Fr. 15.–. Literaturhaus (s. oben).
Gilles Leroy: Alabama
Song. Lesung, Fr. 15.–.
Literaturhaus (s. oben).
Dienstag, 23. September, 19 Uhr
Adolf Muschg: Kinderhochzeit.
Lesung und Gespräch, Fr. 15.–.
Literaturhaus (s. oben).
Bern
Montag, 8. September, 20 Uhr
Franz Hohler: Das Ende eines ganz
normalen Tages. Lesung, Fr. 12.–. Thalia
Bücher, im Loeb, Tel. 031 320 20 20.
Kasachische Hirten sehen einer Tänzerin zu, die
anlässlich einer Beschneidungszeremonie im AltaiGebirge auftritt. Dieses Bild des Fotografen Reza ist
1996 in Xinjiang Uigur entstanden. Es gehört zu einem
reichhaltigen Bild- und Textband, der ein China der
extremen Gegensätze zeigt: Ethnische Minderheiten
mit ihren archaischen Gebräuchen gehören ebenso
zu ihm wie boomende Städte, gewaltige Industriepro-
jekte und eine hedonistische Jugend. Klassische
Aufnahmen von Henri Cartier-Bresson und Marc
Riboud werden kontrastiert mit Meistern der Gegenwart wie Michael Wolf und Tony Law. Kluge Texte
von sechs China-Experten ergänzen den sorgsam gestalteten Band. Manfred Papst
China. Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft. Terra Magica/F. A. Herbig, München 2008. 272 Seiten, Fr. 70.–.
Mittwoch, 10. September, 20 Uhr
Guido & Ueli Schmezer: Ein Berner
namens ... Vernissage mit Lesung, Gespräch, Musik, Fr. 12.–. Thalia (s. oben).
Freitag, 12. September, 20 Uhr
Gunhild Kübler: Noch Wünsche?
Lesung, Fr. 15.–. RAUM, Militärstrasse
60. Anmeldung: Tel. 031 332 13 46.
Zürich
Bestseller August 2008
Mittwoch, 10. September, 20 Uhr
Cecelia Ahern: Ich hab dich im Gefühl.
1 Krüger. 416 Seiten, Fr. 29.90.
2 Zsolnay. 608 Seiten, Fr. 48.–.
3 Dumont. 219 Seiten, Fr. 27.50.
4 Heyne. 464 Seiten, Fr. 34.90.
5
Diogenes. 384 Seiten, Fr. 38.90.
6 Diogenes. 352 Seiten, Fr. 38.90.
7 Diogenes. 272 Seiten, Fr. 35.90.
8 Heyne. 384 Seiten, Fr. 34.90.
9 Hoffmann und Campe. 120 Seiten, Fr. 28.50.
10
Bloomsbury. 381 Seiten, Fr. 39.90.
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John Grisham: Berufung.
Donna Leon: Lasset die Kinder zu mir
kommen.
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Martin Suter: Der letzte Weynfeldt.
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Siegfried Lenz: Schweigeminute.
Khaled Hosseini: Tausend strahlende
Sonnen.
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Rhonda Byrne: The Secret. Das Geheimnis.
1 Goldmann. 237 Seiten, Fr. 30.90.
2 Brockhaus. 1216 Seiten, Fr. 38.80.
3 Malik. 346 Seiten, Fr. 35.40.
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5
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9 Omega. 136 Seiten, Fr. 19.50.
10 Heyne. 207 Seiten, Fr. 34.90.
Der Duden: Die deutsche Rechtschreibung.
Hape Kerkeling: Ich bin dann mal weg.
Richard David Precht: Wer bin ich – und wenn
ja, wie viele?
Rüdiger Schache: Das Geheimnis der Herzmagneten.
Samstag, 13. September, 14–19 Uhr
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Nagel & Kimche. Lesungen und Gespräche, Fr. 20.–. Kaufleuten, Klubsaal,
Tel. 044 225 33 77.
Dienstag, 16. September,
20 Uhr
Adalet Agaoglu: Sich
hinlegen und sterben.
Lesung, Fr. 15.– inkl.
Apéro. Zunfthaus zur
Schmiden (s. oben).
Bernhard Moestl: Shaolin.
Michael Winterhoff: Warum Kinder Tyrannen
werden.
Dienstag, 16. September, 20 Uhr
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Mythos und Leben. Lesung, Fr. 35.–.
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erscheint am 28. 9. 2008
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31. August 2008 XNZZ am Sonntag X27
SAGNAK
Belletristik
Franz Hohler und Charles Lewinsky:
Gegenseitige Präsentierung der neuen
Bücher. Fr. 15.– inkl. Apéro. Zunfthaus
zur Schmiden, Marktgasse 20.
Literaturhaus, Tel. 044 254 50 00.