Als wir wieder auf die Straße treten, beschleicht ihn ein

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Als wir wieder auf die Straße treten, beschleicht ihn ein
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Als wir wieder auf die Straße treten, beschleicht ihn ein
merkwürdiges Gefühl
Unterwegs in Sachsen: Andreas Wenderoth erlebt, wie sein Vater die Orte seiner
Vergangenheit besucht - und lernt ein paar grundlegende Wahrheiten (nicht nur über
sein Leben)
Andreas Wenderoth, SZ-Magazin, 17.09.2010
Mein Vater ist 50, noch bester Gesundheit, als er eines Abends mit Hang zur
dramatischen Geste, in abgehackten Bewegungen, ungelenk wie ein Greis über das
Stabparkett des Wohnzimmers schlurft, uns mit aufgerissenen Augen anschaut und mit
dünner Stimme sagt: „Erschreckend, nicht wahr?“ Er will schon mal klarmachen, was
auf uns zukommen wird, später. Wenn es soweit ist.
Zum Glück kam es anders.
34 Jahre danach. Er sitzt im Auto und steuert auf seinen Heimatort Langebrück im
Norden Dresdens zu. Auf dem Sitz neben ihm, Beifahrer seines Lebens: Ich. Er sagt:
„Dass wir dazu 45 Jahre brauchen würden!“ Natürlich schäme ich mich ein bisschen,
dass der Anstoß für diese Reise von außen kam. Dass ich mich der Heimat meines
Vaters nicht eher mit gebührendem Interesse genähert habe. Zugleich freue ich mich,
dass dieser Ausflug in seine Vergangenheit eine späte Chance gibt, nachzuholen, was
ich bisher versäumt habe. Wir freuen uns beide.
„Aber bitte keine Psychoanalyse!“, sagt er. „Du liest es ja sowieso“, beruhige ich ihn.
Er liest alle meine Manuskripte. Es wird schwer sein, ihm ausgerechnet dieses
vorzuenthalten. Ich weiß nicht, wer wem damit den größeren Gefallen tut, aber sicher
ist, dass er es auch deshalb gern macht, weil er sich in diesen Momenten wieder als
Journalist fühlen darf, der er seit seiner Pensionierung nicht mehr ist. Weil er seinem
Sohn so auf bestimmte Weise noch näher ist, sozusagen als Kollege. So haben wir beide
etwas davon. Ich seinen in der Regel immer noch scharfen Blick. Er das Gefühl
gebraucht zu werden und den Nachhall eines Berufs, in dem er glücklich war.
Mein Vater trägt eine khakifarbene Weste, eine Hose ebensolcher Farbe und die
weißen Haare sehr kurz. Das Hörgerät ist justiert, er ist bester Laune, aufgekratzt wie
immer, wenn er die Nebel seiner Jugenderinnerungen lüften darf. „Jetzt fällt mir wieder
was ein!“ Je weiter die Geschichten zurückliegen, desto treffsicherer wird er. Bringt er
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im aktuellen Leben schon mal etwas durcheinander, seinem Langzeitgedächtnis macht
niemand was vor. Seitdem vier Bypässe frisches Blut durch sein Herz pumpen, kann
sich sein Sohn nicht daran erinnern, ihn überhaupt schon einmal gähnen gesehen zu
haben. Umgekehrt ist das anders. Er hat nie ganz verstanden, wieso ich mir keine
Geschichtsdaten merken kann. „Du weißt nicht, wann die erste Schlacht bei Tannenberg
war?“ Und so freut er sich auch heute wie ein kleines Kind, wenn er scheinbar
Verschüttetes wieder aufdeckt. Eine Art Rückversicherung: Die Zahnräder greifen, die
Maschine läuft noch.
Eigentlich fahre ich nicht so gern mit ihm Auto. Er sagt, als Autofahrer könne man
ihm nichts vormachen. Ich glaube, er überschätzt sich. Alle zaghaften Versuche, ihn
über meine Mutter zum Aufhören zu bewegen, sind gescheitert. „Das Auto lasse ich mir
nicht nehmen“, beharrt er. Nicht, dass er aggressiv fahren würde, eher ist es so, das er
die anderen in die Aggressivität treibt. „Also, ich fahr gemütlich, kein Rennen.“ In der
Regel kommt es mir so vor, fährt er so langsam, dass er den Hintermann zu riskanten
Überholmanövern verleitet. Manchmal empfinde ich auch die Abstände zu den
Seitenspiegeln als deutlich zu gering. Und, dass er es zuweilen nicht so genau mit der
Spur nimmt. Ich habe den Eindruck, er fährt gern zwischen den Spuren. „Was verstehst
du vom Autofahren?“, sagt er, wenn ich zu leiser Kritik anhebe.
Dagegen kann ich wenig einwenden: Ich habe das Autofahren vor etwa zehn Jahren
aufgegeben - aus Mangel an Talent und Routine. Das letzte Mal, als ich am Lenkrad
saß, habe ich in Hamburg mit einem Leihwagen eine rote Fußgängerampel übersehen.
Gut, ich hab noch abbremsen können, aber etwa zwei Dutzend Menschen waren
berechtigterweise aufgebracht und machten mit den Händen allerlei Zeichen, die ich als
eher unhanseatisch empfand.
Er hält das Lenkrad fest in der Hand, als er sagt: „Ich sehe keinerlei Probleme in
unserer Beziehung.“ Mein Hang zur Unordnung, nun gut. „Das hast du weder von mir
noch von deiner Mutter!“ Bis heute notiert er sich, welche Bücher oder CD´s er mir
wann geliehen hat. Hin und wieder treffen auch Mahnschreiben ein. „Und, dass du
immer noch keine Frau hast.“ Eigentlich will er sagen: Er keine Enkel. Auf eine kleine
Schwäche seines Sohnes anspielend: „Ob dir deine Hifi-Anlage auf Dauer genügt...“ Ich
konfrontiere ihn mit einem Satz, der von ihm stammt, mich nachhaltig geprägt hat und
von dem er jetzt meint, er würde ihn so nicht mehr aufrecht erhalten. Als ich vielleicht
zwölf Jahre alt war und noch wenig über die Welt der Erwachsenen wusste, hatte er
mich, wer weiß in welcher Stimmung, beiseite genommen und gesagt: „Junge, die Ehe
ist keine zeitgemäße Institution!“
Das hat er nun davon.
„Jetzt wollen wir zum Spaß mal das Navi anwerfen.“ Das Toyota-Navigationsgerät ist
seit langem die größte technische Herausforderung im Spätherbst seines Lebens. Vier
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Jahre war es ungenutzt im Wagen, jeder Sichtkontakt eine Demütigung, mein Vater mit
der Bedienung heillos überfordert. Heute überraschend: „Ich beherrsche das Navi jetzt!“
Die computerisierte Frauen-Stimme, von der er sich freilich immer noch nicht so recht
erklären kann, wie sie in das Gerät kommt, weist an: „Biegen Sie in 400 Metern rechts
ab!“ „Ich denke gar nicht daran!“, beharrt mein Vater. „Ich erlaube mir da
selbstverständlich Abweichungen.“ Die Stimme insistiert, mein Vater fährt trotzdem
geradeaus. „Das weiß ich besser, Kindchen!“ Nun naht die Autobahnauffahrt, ein
Umstand, der seine volle Konzentration verlangt. In solchen Fällen ermahnt er mich
stets, das Gespräch auszusetzen. „Gequatsche ist da nicht so gut!“
Ich bin sicher, dass mein Vater aufgrund seiner Belesenheit und eines sehr
entwickelten freigeistigen Denkens das Zeug zum Weltbürger gehabt hätte. Wenn er es
nicht wurde, so liegt es mit hoher Wahrscheinlichkeit daran, dass ihn das Reisen nie
besonders interessiert hat. „Mir war die nähere Umgebung immer lieber.“ Vor vielen
Jahren sein einziger großer Trip durch Asien mit einem Containerschiff, der ihm als
beschwerlich in Erinnerung blieb, vor allem wegen der Seekrankheit. Auch habe er in
der Hitze jener tropischen Nächte oft jenes seltsame Gefühl gehabt, „nicht mehr ich
selbst zu sein.“ Seitdem machte er nur wenige nennenswerte Versuche, über Franken
oder den Bayerischen Wald hinaus seine Urlaube zu verbringen. Mein Vater beißt in die
Käsestulle und sagt einen Satz, für dessen Souveränität ich ihn liebe: „Man kann nur
beschämt feststellen, dass man eigentlich ein Provinzler ist.“
Wie alle Moden ist ihm auch Sushi zuwider. Er schätzt helles bayerisches Bier und
einfache Gasthöfe, in denen man einen guten Schweinsbraten bekommt. Ich war mit
meinen Eltern als Kind etwa zehnmal in Grafenau. Die Welt hat mir mein Vater nicht
gezeigt und eine Weile habe ich ihm dies, zumindest im Stillen, auch vorgeworfen. Das
Reisen habe ich mir später angeeignet, als ich anfing, für Reportagemagazine zu
schreiben. Ein „großer Reisender“ bin ich deshalb wohl trotzdem nicht geworden.
Grundsätzlich lehne ich Aufträge in Krisengebiete, Malariazonen, Länder, die mir zu
heiß oder zu kalt erscheinen oder solche, in denen man mich nötigt, in einem Zelt oder
mit anderen in einem Raum zu schlafen, beherzt ab. Die Auswahl engt sich dadurch
naturgemäß etwas ein.
Wir sind uns recht ähnlich, doch.
Frappierend die Gesichtszüge auf älteren Fotos. Die Liebe zum Schreiben. Zuweilen
jene Art von Zögerlichkeit, die Menschen zwar sympathisch machen kann, aber kühne
Lebensentwürfe eher verhindert. Der Hang zur Selbstironie. Die Verachtung
karrieristischen Denkens, die in der Familie liegt. Mein Großvater, der vor dem Krieg
einen Dienstwagen mit Chauffeur ausschlug, weil er zwei Stunden eher hätte aufstehen
müssen und ihm ein geregelter Büroalltag zuwider war. Mein Vater, der nie die
Abteilungsleitung anstrebte, weil er Konferenzen nicht mochte und mittags lieber
schwimmen ging. Wir sind beide nicht stressresistent und haben einen gewissen Hang
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zur Hypochondrie. Wir hören dieselbe Musik. Mein Vater hat mich zum Jazz gebracht.
Und zur Klassik. Wenn auch mit einem Jazz-Argument: „Bach swingt!“
Lange hat mein Vater die Beschäftigung seines Sohnes mit spirituellen Dingen als
eher befremdlich wahrgenommen. Seit seiner Herzoperation hat sich das geändert, ein
Foto des Chirurgen Professor Konertz steht als Ausdruck seiner Dankbarkeit im Regal
seines Arbeitszimmers. Außerdem betet er wieder regelmäßig. Ich selbst sitze seit
einigen Jahren, um einer inneren Unordnung Herr zu werden, täglich auf einem
Bänkchen und schaue eine Weile auf eine weiße Wand. In der Zen-Meditation heißt es,
dass das intentionale Handeln den Menschen begrenzt. Ich selbst habe nie irgendeine
Stellung angestrebt, habe, zur Sorge meines Vaters, konsequent alle Redakteursposten,
die man mir anbot, abgelehnt, und war gelegentlichen Durststrecken zum Trotz,
eigentlich dennoch immer ganz gut beschäftigt. Mein Vater stammt aus einer anderen
Generation der Arbeitswelt: Wurde seinerzeit auf Lebenszeit beim RIAS eingestellt.
Kannte weder Mobbing noch Konkurrenzdruck oder Angst um den Arbeitsplatz. Eine
gesegnete Zeit.
Am Nachmittag kommen wir im einzigen Hotel Langebrücks an. „Keine große
Küche“, hatte mein Vater bereits vorgewarnt, aber deshalb sind wir ja auch nicht hier.
Nach einer kleinen Mittagsruhe der erste Spaziergang. „Wunderst du dich nicht, dass
ich ohne Stock laufe?“ Es war mir nicht gleich aufgefallen. „Ich gehe besser zur Zeit,
weiß nicht, woran es liegt, soll mir aber recht sein...“ Zur Sicherheit nimmt er den Stock
trotzdem mit. Auch weil man damit so gut zeigen kann.
Dort drüben etwa auf die Mauer, über die er einmal hatte springen müssen, weil der
Ehemann seiner Geliebten verfrüht erschienen war. Gegenüber von Dr. Ulrich, dem
Hausarzt der Familie, damals ein ganzes Haus voller schöner Schwestern, von denen
bekannt war, dass einige als Prostituierte arbeiteten. Das alte Bahnhofshotel, seit
Jahrzehnten leer stehend, in dem er zuweilen die Nachmittage mit seinen Freunden
beim Billard verbrachte. Die Ecke, an der der betrunkene Postbote in der
Weihnachtszeit einmal nach Gutdünken und ohne Rücksicht auf die Adresse Westpakete
verteilte – und dafür gekündigt wurde. Mein Vater spricht die Kellnerin vom
Fleischerimbiss an, weil er sich nicht erklären kann, wieso nebenan, in seinem alten
Blumenladen, jetzt ein Fahrradgeschäft ist: „Wissen Sie, da hab ich doch immer die
Blumen fürs Grab der Eltern geholt. Kann ihnen ja schlecht ´n Fahrrad da hinlegen...“
Waldspaziergang in der Dresdner Heide.
„Nein, ich habe nicht viel an dir rum erzogen“, sagt er. Sei ja den ganzen Tag nicht da
gewesen. „Zu 90 Prozent hat´s die Mama gemacht.“ Viel Unfug habe er mir
beigebracht, das schon. In der Kirschzeit steckte er sich manchmal Kirschen ins Ohr,
lenkte mich kurz ab, um dann den Kern aus dem Mund zu holen. Ich mühte mich
Stunden ab und versuchte es ihm zur Empörung meiner Mutter und mit rot getränkten
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Ohren gleich zu tun. Märchen wandelte mein Vater stets gern etwas ab, „mit
Vorstellungen ganz persönlicher Art.“
Er habe nachgedacht und die wichtigsten Ereignisse in seinem Leben resümiert, gibt
er beim Frühstück am nächsten Morgen bekannt. „Bin da zu ganz bündigen Resultaten
gekommen: Erstens, alles aufzubieten, um nicht zur Wehrmacht eingezogen zu
werden.“ Dreimal entgeht er dem, indem er vor der Musterung im
Wehrbezirkskommando Dresden auf Anraten eines Freundes auf nüchternen Magen
eine Zigarre raucht und dann ein ganzes Fläschchen Herztropfen „Essentia aurea“
schluckt. Zweitens. „Die Entscheidung Langebrück zu verlassen.“ Sein Vater sagt ihm:
„Geh in den Westen, dort ist die Zukunft!“ Aber dort lauern auch Rückschläge: Als er
an seiner Promotion über Friedrich von Gentz sitzt, spricht ihn eines Tages der
Bibliothekar an: „Wissen Sie schon, dass zu Ihrem Promotionsthema ein neues Buch
erschienen ist?“ „So, von wem denn?“ „Golo Mann!“ Mein Vater liest das Buch in
einem Zug durch, klappt entmutigt seine Promotionsarbeit zu und beginnt sie nie
wieder. Er besitzt noch zwei Briefe von Mann, in dem dieser seine Entscheidung
bedauert: „Sie hätten das sicher ganz anders gemacht!“
Drittens. „Dass ich deine Mutter kennen gelernt habe.“ Auf dem Kurfürstendamm.
Nachdem er die Dame im maisgelben Kostüm, Fremdsprachensekretärin und
Mannequin, bereits eine ganze Weile verfolgt hat, will sie ihm entrinnen und versucht
unvermittelt, die dicht befahrene Straße zu überqueren. Es ist mein Vater, der herbei
springt und sie am Arm zurückhält: „Aber Madame, sie werden doch nicht ihr zartes
junges Leben beenden wollen!“ Heute sind sie 50 Jahre verheiratet und haben das, was
beide als „innige Altersliebe“ bezeichnen.
Mein Vater geht voraus und sucht jetzt die alte Rodelbahn hinter der Schule. „Du
kannst hier nicht laufen. Du bist grad im Gemüsegarten“, sage ich. Er entgegnet: „Das
macht nichts, ich war hier schon, als es den noch gar nicht gab!“ Als er die Rodelbahn
schließlich findet, kommt sie ihm viel weniger steil als in seiner Erinnerung vor. Der
hohe Holzgiebel des Hauses, das seine Mutter für wenige Ostmark zwangsverkaufen
musste, als sie nach West-Berlin übersiedelte, ist von hier zu erkennen. Die Mutter
winkte immer mit dem Taschentuch, wenn er zum Essen heimkommen sollte.
Wie groß die Rhododendren unter der Veranda geworden sind! Die Blutbuche steht
nicht mehr da, einige der alten Obstbäume sind verschwunden und auch die
Jauchegrube. Dafür gibt es jetzt eine Solaranlage auf dem Dach und an der Glasveranda
einen neuen Anbau. Im so genannten Mädchenzimmer im ersten Stock wohnten früher
die Dienstmädchen, erklärt mein Vater, „Else und Lisbeth und wie sie alle hießen.“ Die
oberste Etage war stets vermietet, lange an eine pensionierte Lehrerin, die meinem Vater
zuweilen Nachhilfe gab und zu Weihnachten, wie er sagt, „stets ein sinnvolles Buch
schenkte.“ Eine Eigenschaft, die er im Hinblick auf mich beibehalten hat.
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Wir klingeln an der Tür. Als niemand öffnet, treten wir ein. Hinten im Garten treffen
wir auf Herrn Fendrich (Name geändert), der in eine Blechkanne Blaubeeren pflückt
und über eine schmale Brille den unangekündigten Besuch mit deutlich gedämpfter
Begeisterung mustert. „Wollt meinem Sohn nur mal zeigen, wo wir wohnten“, sagt
mein Vater und schafft es immerhin, Herrn Fendrich zu einem Gartenrundgang zu
bewegen. Im Sommer 1943 hat mein Vater hier oft im Liegestuhl gelegen und in weiter
Ferne studiert, was ihm wie silberne Fischchen vorkam - amerikanische B-17 Bomber
in großer Höhe. Er hat ihren ästhetischen Anblick wahrgenommen, nicht das
Todbringende an Ihnen. Es war eine glückliche Fügung, dass seine Zeit als Flakhelfer
längst zu Ende war, als Dresden bombardiert wurde. Als tiefes Grollen wie ferner
Gewitterdonner die Luft erfüllte, rieselte hier, zwölf Kilometer entfernt, der DeckenPutz auf die Möbel. „Jetzt geht die Stadt unter“, hat sein Vater damals gesagt. Und das
tat sie ja dann auch.
Es ist ein merkwürdiges Gespräch. Herr Fendrich, dem, vom Schicksal meiner
Großmutter begünstigt, eine Villa in den Schoß fiel, die heute wohl fast ein
Millionenobjekt ist, redet allgemein über den Garten, notwendige Veränderungen in ihm
und seine persönlichen Verdienste daran, für die er, wie es scheint, gelobt werden
möchte. Mein Vater tut ihm den Gefallen, scheinbar, und sagt, obwohl er davon
überzeugt ist, der Garten habe sich zu seinem Nachteil verändert, mit feiner Ironie: „Na,
Sie sind ja´n Tausendsassa!“
Herr Fendrich, der einen nie anschaut, wenn er mit einem redet, sagt, dass er uns das
Haus gern auch von innen gezeigt hätte, aber leider fehle ihm dafür jetzt die Zeit.
Beides glauben wir ihm nicht ganz, aber das spielt natürlich keine Rolle. Dann erwähnt
er noch eine Resthypothek, auf die er damals vergleichsweise hohe Zinsen habe zahlen
müssen. So als müssten wir ihn nachträglich bedauern, dabei ist er es ja, der uns das
Haus nahm. Nun, vielleicht nicht er persönlich, sondern eher das System DDR, das
mein Vater sein ganzes Leben lang gehasst hat. „Den kollektiven Scheißdreck“, der ihm
schon bei den Nazis verhasst war, die Uniformen, das Verordnete. Hitler hatte seinem
Vater, dem Kaffeehändler, durch den Krieg die Existenz zerstört, die DDR verhinderte,
dass er wieder auf die Beine kam. Dass sich einige DDR-Bekannte meines Vaters (und
sogar Verwandte) als Stasi-Mitarbeiter erwiesen, hat seine Abneigung nicht gerade
vermindert.
Als wir wieder auf die Straße treten, beschleicht ihn ein merkwürdiges Gefühl: „Dem
gehört jetzt meine Vergangenheit, gewissermaßen.“ Es hätte anders kommen können:
Mein Vater hat die Frist, in der er Restitutionsansprüche hätte geltend machen können,
schlicht verschlafen. Weil er deshalb ein schlechtes Gewissen hat, möchte er eigentlich
nicht daran erinnert werden. Da ich selbst weder mit Geld noch mit Fristen besonders
gut umgehen kann, fällt es mir schwer, ihm daraus einen Vorwurf zu machen.
Hier also hat mein Vater seine glückliche Kindheit verbracht, aber auch seinen
krebskranken Vater erlebt. Nachts die gellenden Schreie, „eine traumatische
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Erinnerung“, wie er sagt, die ihn vielleicht auch zu dem zögerlichen, mitunter etwas
ängstlichen Menschen werden ließ, der er wurde. Er habe keine Angst vor dem Tod als
solchen, wird er später im Hotelrestaurant sagen, nur vor dessen Art: „Er kann sanft und
fürchterlich holen.“ Er hoffe auf Milde.
Am nächsten Morgen ins Waldschwimmbad. Tiefe Stille. Holzkabinen von 1912, das
Wasser ungechlort, außer uns sieben Gäste, ein Bademeister, der Lust auf ein
Pläuschchen hat. „Das schätz ich am Sachsen“, sagt mein Vater am Beckenrand. Ob er
im Rückblick zufrieden mit seinem Leben sei? „Mehr als das, ich kann es nur preisen.
Es war eine glückliche Zeit.“ Natürlich sagt er, neigt man dazu, die Realität in der
Erinnerung zu vergolden. „Aber das ist ja nicht schlecht.“
Wir fahren beschwingt zurück.