Eine haarige Angelegenheit

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Eine haarige Angelegenheit
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STIL LEBENSART 29
Rheinischer Merkur · Nr. 9 / 2009
Eine haarige Angelegenheit
PELZ Lange waren Felle in der Mode verpönt. Diese Zeiten sind vorbei. Heute entdecken immer mehr Designer Fuchs und Nerz neu.
Und so manches Model mit einstmals grünem Gewissen behängt sich mittlerweile öffentlich erneut mit totem Tier
Von Susanne Balthasar
V
ielleicht sind die kratzigen
Kunstfellzotteln schuld. Oder
das viele Geld der letzten Jahre.
Der Hang zu Luxus und Natur
könnte die Ursache sein, die Sehnsucht
nach Geborgenheit. Oder es war einfach
mal wieder Zeit für etwas ganz Verrücktes: das Comeback des Pelzes. In diesem
Spätwinter sind sie alle wieder da, die
Persianer, Waschbären, Lämmer und
Nerze. Die Füchse, die Iltisse, die Hermeline. Da greifen nicht nur Zahnarztgattinnen und Direktorenwitwen zu, nein, jetzt
stolzieren die Fashionistas in den mondänen Mäntelchen und Mützen über die
Straßen. Die Russifizierung der Wintermode scheint überall zu sein: Fendi, Valentino, ja selbst Avantgarde-Designer
wie Rick Owens oder Julien McDonald
zeigen die teuren Echthaarklamotten,
mit denen sich dann Stars wie Madonna
und Sharon Stone ungeniert behängen.
Früher hätten ihnen die Fans dafür einen
Farbbeutel ins Mäntelchen geklatscht.
Die letzten zwanzig Jahre waren die
Fronten klar gesteckt: Pelzträger sind böse. Die Oma im Persianer, die Mutti im
Nerz und die Moskaumützentypen auch.
Weil Ozelot und Schneeleopard wegen
ihres schönen Fells fast ausgerottet und
Chinchillas auf Farmen gequält worden
sind. Für den gesellschaftlichen Bann des
Pelzes haben die Tierschutzkampagnen
seit den Achtzigerjahren gesorgt.
FOTO: FRANK MAY/DPA
Und wozu das? Damit die Designer den Tieren
wieder das Fell über die Ohren ziehen. Um
elf Prozent ist der weltweite Umsatz mit
Pelz im Jahr 2007 gestiegen, das entspricht nach den Zahlen der International
Fur Trade Federation (IFTF) einem Verkaufswert von 15 Milliarden US-Dollar.
Es ist, als wäre nie etwas gewesen. Cindy
Crawford modelt für die US-Pelzfirma
Blackglama. 1994 war das Supermodel
noch in der Peta-Kampagne „Lieber
nackt als im Pelz“ zu sehen. Giorgio Armani, der kürzlich zusagte, keine Pelze
mehr zu verarbeiten, hat es sich diese Saison anders überlegt. Sogar Baby-Schneeanzüge mit Echtfellbesatz haben die Tierschützer von „People for the Ethical
Treatment of Animals“ (Peta) ausgemacht und sind mit Armani-PinocchioPlakaten vor seinem Mailänder Stammhaus aufmarschiert.
Es sind nicht nur die gesetzten Designer und Promi-Damen, die auf dicke Jacke machen. Wandelnde Trendbarometer
wie die 22-jährigen Zwillinge Mary-Kate
und Ashley Olsen sind quasi nicht mehr
ohne tote Tiere am Hals zu sehen. Die
Reichen, na klar, die müssen ja bei jedem
Luxustrend mitziehen. Die Armen aber
auch. Wer in diesen kalten Tagen durch
Berlin-Mitte läuft, sieht überall Studentinnen und Modemädchen in SecondhandPelzen, meistens mit einem breiten Gürtel um die Taille. Wer als Kind nicht mit
der Pelzmama gesehen werden wollte,
lässt sich heute Muttis Mantel kürzen.
Kann es denn schlecht sein, alte Sachen
aufzutragen?
Vielleicht ist das auch gar nicht mehr
so wichtig. Der Trend zum guten Gewissen beschert Steaks von glücklichen
Schweinen schließlich steigende Absatzzahlen, aber gleichzeitig haben die Bioladen-Leute kein Problem damit, in die
Ferien zu fliegen. Erlaubt ist, was bequem
ist. Oder schön macht. Dass man mit Pelz
heute besser denn je aussieht, glaubt
Schutzfunktion: Zuchtpelze von Tierfarmen schonen den Wildbestand und helfen, die Wilderei in der freien Natur einzudämmen. Sie sind außerdem von besserer Qualität.
Lamm würde ich nicht verarbeiten.“
Die politische Korrektheit hat die
Pelzmode erfasst. Pelz-Lobbyisten und
Designer arbeiten daran, das TierquälerImage abzustreifen.
Da ist zuallererst einmal Nikolas
Gleber mit seinem Label „Friendly Fur –
Happy Nature“. Das ist kein Witz, sondern politisch korrekte Pelzmode aus
Berlin. Sagt jedenfalls Gleber, der weder
gelernter Kürschner noch Designer
ist, sondern sich als Konzeptkünstler
bezeichnet.
In seinem Büro in der Zuckerbäckerstil-Magistrale Karl-Marx-Allee hängen
büschelweise tote Tiere über der KleiderBianca-Maria Keil, Assistenz-Designerin stange. Alles Vulpes vulpes, deutscher
bei Laurèl: „Es hat sich unheimlich viel Rotfuchs. Mal in der Form der Handbei der Verarbeitung getan. Es gibt jetzt tasche Danger-Clutch mit abnehmbaren
geschorene Pelze mit kurzen Haaren, die Pfötchen als Henkel, mal als Champaganz leicht und weich sind. Insgesamt gner-Bottle-Bag für St. Moritz, als flaurückt der Pelz immer mehr an den Stoff schiges Nackenkissen für den Flieger
heran. Es gibt heute zum Beispiel Pelz- oder als klassischer Kragen mit Schwanz
blousons in bunten Farben.“ Seit Keil und Kopf. Full-Body-Concept heißt das
2007 in Mailand den Remix-Preis der bei Gleber: „Wir lassen nichts verkomPelzindustrie für ein weißes Eggshape- men, selbst aus dem kleinsten Fellfitzel
Cape aus weißem Swakara-Persianer ge- machen wir noch einen Schlüsselanhänwonnen hat, arbeitet sie immer wieder ger.“ Nachhaltige Dekadenz aus heimit dem Material. Pelz ja oder nein, sagt mischen Wäldern. „Der Vulpes vulpes
Bianca-Maria Keil, die Frage stellt sie sich hat so einen bodenständigen Glamour“,
so nicht: „Wenn ich weiß, dass die Tiere schwärmt Nikolas Gleber, und seiner ist
von einer guten Farm kommen, habe ich auch noch grün. Unübersehbar klemmen
kein Problem damit. Ein asiatisches neongrüne Etiketten in den glänzenden
Die Pelzindustrie
gibt sich Mühe, das moralisch
verwerfliche Produkt
durch strenge
Herkunftsnachweise wieder
kaufbar zu machen.
Rotfuchshaaren, manche groß wie Riesenbuttons. Die Botschaft des Trägers ist
deutlich: Ich trage einen guten Pelz, für
mich musste kein Tier sterben.
Gleber sagt, dass er Füchse aufkauft,
die von Jägern und Förstern erlegt wurden, um die Population stabil zu halten.
Wildware ist der Fachbegriff, davon gibt
es in Deutschland jedes Jahr eine halbe
Million allein unter den Füchsen. Mit seinen Öko-Pelzen hat der Förstersohn Nikolas Gleber in den letzten Monaten, gutem Marketing sei Dank, ziemlich viel
Aufmerksamkeit bekommen. Tatsächlich
setzt der alteingesessene Münchner Pelzhändler Loringhoven schon seit Jahren
auf Felle von glücklichen Tieren. Darunter Possums und Rotfüchse, die sich, irgendwann mal in Australien eingeschleppt, dort zu einer Landplage entwickelt haben und nun gejagt werden.
Beim neuseeländischen Curly Lamb gibt
die Website sogar an, dass nur natürlich
gestorbene Tiere verarbeitet werden.
Auch die Pelzindustrie gibt sich Mühe,
das moralisch verwerfliche Produkt wieder kaufbar zu machen. Seit zwei Jahren
gibt die IFTF das OA, das Origin-Assured-Label, heraus. Das sagt dem Käufer,
ob das Produkt aus einem Land stammt,
das sich an die Tierschutzverordnungen
hält. François Poncet, Dozent für Design
an der Berliner Modeschule Esmod, hat
FÜNFPROZENTHÜRDE
Dieser Tage hat mir ein Freund erzählt,
dass er kürzlich zu einem Chardonnay
aus dem Burgund eingeladen war, von
dem die Flasche beim Händler um die
50 Euro kostet, und der unter Kennern
gleichwohl als echtes Schnäppchen gilt.
Mein Freund trinkt durchaus gerne
und leidenschaftlich, aber – wie sehr
viele – kaum einmal einen Wein, der
beim Winzer mehr als 30 Euro kostet.
Den Chardonnay fand er „sehr beeindruckend“, aber, so sein Einwand, „ich
weiß nicht, ob ich den Unterschied zu
einer halb so teuren Flasche wirklich
zu würdigen weiß“. Tatsächlich ist das
Trinken großer Weine auch eine Sache
der Erfahrung.
Ich vergleiche das gerne mit dem
Hören von Musik. Auch da braucht es,
bis man die anspruchsvollen Werke zu
schätzen lernt und ihnen nicht die verführerischen Schmeichler oder wuchtigen Säbelrassler vorzieht. Anders gesagt: Bartok oder Bach haben einfach
mehr Ecken und Kanten als Mozart
oder Wagner. Aber gerade das kann
man mit der Zeit kennen und verstehen und dann meistens ganz besonders
CYAN
MAGENTA
zudem beobachtet, dass die Felle von
Nutztieren wie Kaninchen, Kuh und
Lamm zunehmend die Frauen behängen.
Tatsächlich werden nach Angaben der
IFTF jährlich 647 000 Tonnen Überreste
der Fleisch- und Fischindustrie der EU
verwertet. Solche Produkte sind günstiger für Geldbeutel und Gewissen, meint
François Poncet: „Es geniert weniger,
wenn man Tiere trägt, die man isst.“ Und
nachhaltig ist das ja auch noch. Grünes
Licht also für Pelzliebhaberinnen?
Vonseiten der Tierschützer nicht.
Magnus Herrmann vom Naturschutzbund findet es zwar in Ordnung, wenn
im Rahmen des Forstmanagements geschossene Tiere verwertet werden. Aber
auf der Straße sollte man sie deshalb
noch lange nicht zeigen. Die Argumentation: Schicke Pelze finden Nachahmer,
und wenn die Nachfrage steigt, dann sind
auch bald wieder die Wilderer unterwegs.
çois Poncet die Wildware nicht empfehlen: „Die Qualität ist nicht so gut. Oder
warum tragen die Schafherden für Armani-Felle wohl Mäntelchen im Regen?“
Am Ende ist das Thema Pelz komplexer, aber nicht einfacher geworden. Ein
junges deutsches Label, dessen PR-Mitarbeiterin erst davon geschwärmt hat,
dass die Firma nur Pelze von artgerechten Farmen verwendet, lässt wissen, dass
die Designer zum Thema Pelz lieber
nichts sagen möchten. Vielleicht hat sich
die Sache 2010 ohnehin erledigt.
Dann war der Pelzboom im Winter
2008/09 nur der letzte Gipfel der Dekadenz vor der Wirtschaftskrise, und im
nächsten Jahr kommen karierte Wolle
oder Steppjacken wieder groß heraus.
Zwar gibt es genug Theoretiker, die gerade in dürren Zeiten die Kundinnen opulent gekleidet sehen wollen. Oder wie Nikolas Gleber den Pelzkauf für die Ewigkeit propagieren, weil das auf lange Sicht
Und auch unter den Farmern gibt es weltweit günstiger ist. Wem das trotzdem zu teuer
noch so viele schwarze Schafe, dass Magnus ist, der kann es wie die Kollegin von BianHerrmann zu dem Fazit kommt: „Natür- ca-Maria Keil machen und sich ein Stück
lich ist alles geregelt, aber das ist für die Kaninchenfell in die Büroschublade leVerbraucher nicht nachvollziehbar. Die gen. Zum Streicheln, wenn’s stressig
Rahmenbedingungen sind zu schwierig, wird. Aber am Ende ist und bleibt ein
als dass man in Deutschland guten Ge- Pelz doch Luxus. Vor allem, wenn man
wissens Pelz tragen könnte.“ Neben der ihn mit gutem Gewissen kaufen
Gewissensperspektive gibt es noch die äs- will. Denn das ist natürlich noch ein
thetische. Von der aus kann auch Fran- bisschen teurer.
LÖFFELSTIL
die schonend und durchschätzen lernen: große
gegoren ausgebaut werKomplexität,
Differenden und lange auf der
ziertheit, auch EigenwilHefe lagern, alle Zeit, die
ligkeit – in der Musik ganz
sie brauchen, um herangenauso wie beim Wein.
zureifen.
Allen, die wie mein
Das aktuelle ParadebeiFreund dahin unterwegs,
spiel ist für mich der
aber vielleicht noch nicht
2005er Weiler Schlipf Piangekommen sind, will
not noir, der erst kurz vor
ich heute einen ganz ausWeihnachten letzten Jahgezeichneten
Etappen- Fritz Keller, Weingut,
res auf die Flasche kam.
wein empfehlen. Er Weinhandel, Restaurant
Bestimmt nicht Everykommt, was für mich „Schwarzer Adler“,
body‘s Darling, ein Roter
durchaus eine Über- Oberbergen.
für Fortgeschrittene, der
raschung war, aus Weil
am Rhein, das im äußersten Südwesten neben einer komplexen Struktur und
des Markgräflerlandes direkt an der der sehr, sehr schönen Mineralität auch
ein wunderbares Säurespiel besitzt.
Schweizer Grenze bei Basel liegt.
Dort hat er von den warmen Win- Dass er – nach meiner Einschätzung –
den profitiert, die durch die Burgun- mindestens doppelt so viel wert ist wie
dische Pforte aus Frankreich herüber- die 20 Euro, die er auf dem Weingut
wehen, und von dem relativ unge- kostet, verkleinert den Reiz auch nicht
wöhnlichen Untergrund der Süd-Süd- unbedingt.
west-Steillage Weiler Schlipf. Schwere,
kalkhaltige Lehmböden sorgen bei den 2005er Pinot noir, Weiler Schlipf des
Weinen von dort für eine ausgeprägte Weinguts Schneider, Weil am Rhein.
Mineralität. Dazu geben Claus und Preis: 20 Euro. Bezug: Weinhandel
Susanne Schneider ihren Weinen, Schneider, Tel. 07621/728 17.
Nummer: 09, Seite: 29
„Und warum dürfen wir nicht
›Geschwisterchen‹ zu dem Kleinen sagen?“
„Weil ihr mir mit
dieser Verniedlichung
nur vorgaukeln
wollt, es würde sich
um etwas Harmloses
handeln.“
YELLOW
BLACK