ücherbriefe neue wiener

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ücherbriefe neue wiener
neue wiener
ücherbriefe
1/2008
Die Rezensionszeitschrift der Büchereien Wien
„Poetisch, humorvoll, erzählerisch dicht und zutiefst berührend
schildert die Autorin die Geschichte einer späten Einsicht“
weltbild.at
„Der japanische Romancier und Drehbuchautor Taichi Yamada zaubert
einen weiteren faszinierenden Roman aus seiner Schublade, der auf
sehr plausible, wenn auch ungewöhnliche Art und Weise die
Grenzbereiche zwischen Verlangen, Liebessehnsucht und
Einsamkeit moderner Großstadtmenschen auslotet“
Florian Hunger, Jüdische Zeitung
Editorial ..........................................2
Belletristik .......................................3
Kinder- und Jugendbuch ..............20
Sachbuch ......................................34
2
Unüberschaubares wird überschaubar
Editorial
Dass das Angebot an Informationen in unserer gegenwärtigen Welt riesig ist, ja unüberschaubar, ist eine längst anerkannte
Aussage, und wer möchte daran zweifeln? Wir als Büchereien stehen mitten drin in diesem Strom, bieten selber ein Maß an
Botschaften, das man ruhig riesig nennen kann – aber nicht unüberschaubar. Und eben das ist die Qualität, auf Grund derer
wir uns weiterhin für, nun ja, unverzichtbar halten: so etwas wie eine Linie zu halten bei aller Offenheit, einen Begriff von
Qualität zu haben.
Im Internet steht Wahres neben Erfundenem, die weise Aussage neben der dümmsten völlig gleichberechtigt, seltsame Mythen
können sich unwidersprochen entfalten, apokalyptische Botschaften ebenso wie plumpe Verleumdungen von Personen – neben einem unschätzbaren Angebot an Wissen und Fakten, wie er früher nicht möglich gewesen wäre. Eine ordnende Hand im
Netz widerspräche aber auch in gewisser Weise dessen Grundidee.
Und deshalb bleibt und Aufgabe der Bibliotheken unübersehbar, zwar vieles anzubieten, fast alles – aber eben nicht alles und
jedes. Und so sehen wir auch der Zeit der e-books und anderer Dinge, die da anstehen, mit Interesse und Aufgeschlossenheit
entgegen und werden uns – so ist der Verfasser jedenfalls überzeugt – entsprechend zu positionieren wissen.
Erich Schirhuber
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BelletristikLiteratur aus Österreich
Anderle, Helga: A schene Leich.
Mordgeschichten
Wien: Milena 2008. 174 S., € 14,50
Helga Anderle, Wienerin, Redakteurin und
Verfasserin zahlreicher Kurzkrimis, legt
hier eine Sammlung von Mordgeschichten
vor, die vor „schwarzem Humor“ nur so
strotzen: 15 kurze Geschichten und drei
wiederkehrende Gedichte – makaber,
spannend und nahezu unglaublich. Die
Erzählungen beginnen alle ganz harmlos
und alltäglich, werden aber im Laufe des
Geschehens „rabenschwarz“, bitterböse
und enden tödlich.
Es sind durchwegs Frauen die Protagonistinnen, alle haben mit dem anderen Geschlecht eine Rechnung zu begleichen, sie
wollen sich für vielerlei rächen, wobei die
Männer in Folge einer nach dem anderen
zu „Schaden“ kommen, sprich: mehr oder
weniger beabsichtigt oder „zufällig“ sterben oder ermordet werden. Ob nun im
„Tod und das Mädchen“ der gehasste Partner bei Geigenmusik das Zeitliche segnet,
ob der „Rosenkavalier“ über den Balkonkasten abstürzt oder ob eine unglückliche
Ehe mit einem Schlag eine Frau wieder
glücklich macht – alle Mordgeschichten
vermitteln realistisch erzählte, spannende
Unterhaltung.
Die Männer stehen im Abseits und die
Frauen entwickeln ungeahnte Kräfte und
Ideen, um letztlich explosionsartig eine
Beziehung zu Ende zu bringen.
Anderles Geschichtensammlung hat
durchaus das Niveau eines spannenden
Romans, zumal die einzelnen Episoden
perfekt aufgebaut sind und an jedem Klischee vorbei auf ein dramatisches Ende
zusteuern.
Gabriele Saul
Grill, Evelyn: Das römische Licht
St. Pölten: Residenz 2008. 240 S., € 19,90
Xenia ist Malerin und erhält ein Stipendium
für Rom. Bald nach ihrer Ankunft erhält sie
einen Anruf ihrer älteren Schwester Lisa aus
Österreich mit der dringlichen Bitte um
Rückkehr: Die Mutter, eine gefeierte und bekannte Schriftstellerin, sei bei einer Lesung
zusammengebrochen und liege seither im
Koma. Doch Xenia, die ihre Chance nutzen
will, als Künstlerin aus dem Schatten ihrer
Mutter zu treten und sich dieser gegenüber
Geltung zu verschaffen, verweigert die
Rückkehr ans Krankenbett der Mutter – hat
diese doch selbst die Familie und Töchter
der Kunst geopfert. Außerdem ist da noch ihre Schwärmerei für ihre Mitbewohnerin
Alma, eine schöne Fotografin aus Wien,
welche jedoch plötzlich verschwindet;
Xenia wird abermals verlassen ...
Das mütterliche Schweigen und die eigene Distanz zwingen die jüngere Schwester Xenia zu einer Auseinandersetzung mit
dem mütterlichen Egoismus, ihrer eigenen
Kunst und nicht zuletzt mit ihrem Egoismus.
Während die ältere Tochter Lisa trotz eigener Familie die Mutter täglich im Krankenhaus besucht, möchte Xenia ihre Karriere als
Malerin fördern, zumal sie ihrer Mutter das
Zurückgelassen-Werden in der väterlichen
Familie nie verziehen hat. Letztlich führt jedoch der Tod der Mutter zu einer teilweisen
Aussöhnung, und Xenias Bedauern über die
nicht gemeinsam verbrachte Zeit wird deutlich spürbar.
In knappen, verstörenden Bildern entwirft die gebürtige Österreicherin Evelyn
Grill ein Psychogramm einer komplizierten
Mutter-Tochter-Beziehung, die nicht zuletzt
an der Sprach- und Verständnislosigkeit der
Protagonistinnen scheitert. Mit sachlichnüchternem Blick seziert Grill das Innenleben ihrer Figuren und zeigt in Rückblenden
Xenias Unfähigkeit auf, selbst enge Beziehungen zu ihren Mitmenschen aufzubauen – einzig in ihren Bildern vermag sie anderen ihre Gefühle mitzuteilen.
Dagmar Feltl
Groschup, Sabine: Teufels Küche
Wien: Czernin 2008. 247 S., € 20,40
Dem Krimierstling der Autorin merkt man nicht an, dass er erst die literarische Zweitgeburt der Filmemacherin und Installationskünstlerin Sabine Groschup ist. Spannend und mit überraschenden Wendungen werden Handlungsstränge verflochten.
Die Geschichte ist in der Gegenwart angesetzt, mit Rückblenden werden Ereignisse aus dem nicht friktionsfreien Privatleben
der Wiener Kriminalpolizistin Merle geschildert. Sie wäre beinahe selbst Mordopfer geworden, pikanterweise war der Täter
auch ihr Liebhaber. Mit dem kurz vor der Pensionierung stehenden Arbeitskollegen Serenius verbindet sie ein freundschaftliches Vertrauensverhältnis, das wegen Merles Spontanität und Unkonventionalität bis zur Neige strapaziert wird. Der letzte Kriminalfall, in den er, Merles wegen, nicht
ganz freiwillig einbezogen wird, gerät zu einer Belastungsprobe mit vielen Rätseln und Ungereimtheiten. Immer wieder führen Spuren in Merles Vergangenheit.
Die Recherchen führen Merle nach Innsbruck. Auf dem Flug nach Innsbruck verliebt sie sich in
den charmanten Flugpiloten Giorgio, dessen Schwester als psychiatrische Gutachterin noch eine
Rolle spielen wird. Die Ermittlungsspuren weisen auf ein früheres, bisher nie geklärtes Verbrechen an einer Prostituierten hin. Aktuell gibt es immer wieder Hinweise auf Foltermethoden, die
einem mittelalterlichen Rechtskodex folgen und wofür die erforderlichen Geräte gefertigt werden.
Allmählich verdichten sich die Indizien, die zur Lösung des Falles führen.
Die Geschichte ist bis zuletzt spannend erzählt und lange unklar ob ihres Ausgangs. Merle erlebt
die erfolgreiche Auflösung des Falles, aber auch eine persönliche Niederlage ...
Christa Mayer
Literatur aus Österreich Belletristik
4
Lercher, Lisa: Besser tot als nie.
13 Mordgeschichten
Wien: Milena 2008. 117 S., € 13,50
Dieser vom Milena Verlag herausgegebene
Erzählband versammelt bereits in der Vergangenheit verstreut erschienene Erzählungen der in Österreich keineswegs unbekannten Krimi-Autorin Lisa Lercher. 13
Mordgeschichten, die sich teilweise im
fiktionalen Erzählrahmen abspielen, teilweise nur im Kopf der Autorin und ihrer Figuren entfalten. Manchmal eindeutig,
manchmal nur so angedeutet, dass viele
Fragen offen bleiben.
Alle 13 Geschichten haben als tragende Figuren Frauen, die im Netz der Alltäglichkeiten verstrickt und gefangen sind.
Nicht, dass sie unbedingt ausbrechen
wollten, aber irgendwann geht das Fass
dann doch über, und so geschieht, was für
eine Mordgeschichte unausweichlich ist.
Auch wenn die eine und andere Episode
einen gewissen Reiz versprüht, hier eine
Bösartigkeit zu Tage fördert, die unterhaltend ist, dort einige Pointen überraschende
Wendungen mit sich bringen, so leiden
fast alle Geschichten daran, dass sie mit
ihren alltäglichen Inhalten an die Kronenzeitung und deren Leserschaft erinnern.
Nie rührt Lercher an irgendwelchen
Grenzen herkömmlicher Moral. Sogar das
Morden wirkt irgendwie nett und vertraut
und so gar nicht abwegig, beinahe gewöhnlich. Wird es philosophisch, geht
Lercher über Binsenweisheiten nicht hinaus, und wenn sie eingeflochten werden,
dann immer mit erhobenem Zeigefinger.
Der Stil wechselt zwischen handwerklicher Präzision und schnoddriger Beiläufigkeit. Letzteres lockert das Ganze durchaus
auf, aber alles in allem bleibt das Buch
Unterhaltung auf bescheidenem Niveau.
Irene Minainyo
Pluhar, Erika: Er
Salzburg: Residenz 2008. 231 S., € 17,90
Erika Pluhar, die 40 Jahre lang ständiges
Mitglied des Wiener Burgtheaters war,
wurde als Schauspielerin berühmt. Mit
dem Beginn der Direktion Peymann 1999
endete ihre Bühnenkarriere und ihre
Laufbahn als Sängerin begann. Ihre Liedtexte schrieb sie bald selbst und dies war
auch der Beginn ihrer Arbeit als erfolgrei-
che Autorin. Seit ihrer Erstveröffentlichung
im Jahr 1980 ist von Erika Pluhar eine erkleckliche Anzahl von Büchern – zumeist
Romane – am Markt erschienen. Manche
wurden von der Kritik ziemlich verrissen,
was dem Verkaufserfolg aber keinen Abbruch tat.
Erika Pluhar ist eine versierte Menschenbeobachterin. Die großen Lebensfragen wie Liebe, Tod, Krankheit und unser
Umgang damit bestimmen ihre Romane.
Auch in Er geht es um große Gefühle. „Er“
heißt Emil Windhacker und ist ein Mann in
den „besten Jahren”: mittlerer Angestellter,
gutaussehend, sportlich und ungebunden,
jedoch mit schöner Freundin, die ihn in
die besten Kreise der Gesellschaft einführt.
Aus der Bahn wirft diesen Mann ein
Laborbefund, der auf Blutkrebs lautet.
Außer sich unternimmt er einen Spaziergang, bei dem er einer Frau begegnet, die
ihm auffällt. Die zweite zufällige Begegnung mit dieser Unbekannten findet am
selben Abend statt, nachdem er mit seiner
Freundin einer Essenseinladung bei Bekannten nachgekommen ist. Die Unbekannte sitzt neben ihm und stellt sich als
die Schauspielerin Marie Liebner vor. Emil
ist fasziniert von der zurückgenommenen
Herbheit dieser Frau. Bei Tisch überfällt
ihn eine Ohnmacht. Als Marie ihn am
nächsten Tag anruft, erzählt er ihr von seiner Krankheit. Er erfährt, dass auch Marie
an Leukämie leidet. Zwischen den beiden
beginnt ein Spiel von Anziehung und Abneigung.
Als Emil seinen Arzt aufsucht, um mit
diesem seine Diagnose zu besprechen,
stellt sich heraus, dass der Befund vertauscht wurde. Emil ist gesund. Er verspürt
ungeheure Erleichterung und eigentlich
könnte nun sein Leben weitergehen wie
bisher. Wieder begegnet er zufällig Marie
und erlebt ihre stille Verzweiflung. Soll er
gehen, soll er bleiben? Emil ist zutiefst verunsichert. Sein selbstzufriedener, egoistischer Panzer hat Sprünge bekommen.
Erika Pluhar erzählt diese Beziehungsgeschichte in leichtem Ton, diesmal aus
männlicher Sicht. Sensibel, poetisch und
berührend in der Sprache wird ihr neues
Buch die vor allem weibliche Leserschaft
der Autorin wieder zufrieden stellen.
Maria Hammerschmid
Mühlbauer, Britta: Lebenslänglich
Wien: Deuticke 2008. 412 S., € 22,10
Die Ärztin Inga Göth erfährt, das ihr Mann sie betrügt. Um sich von diesem
Schock zu erholen, flüchet sie in eine nahe gelegene Therme. An diesem Tag zerstört ein Erdrutsch die Therme und das angrenzende Wellness-Hotel. Mit allen
anderen, die bei der Katastrophe anwesend waren, findet sich Inga in einer Art
Zwischenwelt wieder, aus der es kein Entkommen gibt. Was tun? Die Fitnesstrainer und Anti-Aging-Spezialisten empfehlen: Sport und gesunde Ernährung.
Also trainieren sie hart, betreiben nordic walking und essen Müsli, doch nichts
ändert sich. Jede Nacht erleben sie ihre Todesängste von Neuem und doch versammeln sich die Gäste immer wieder zu weiteren Übungen.
Inga, die die Patientendaten führt, muss diese ständig neu anlegen: Über Nacht
verschwinden die Aufzeichnungen ebenso wie
die körperlichen Veränderungen bei den Kurgästen. Als ein Ernährungswissenschaftler mit besonders ungesunden kulinarischen Vorlieben aber
anzusprechen wagt, dass sie wohl in einem seltsamen Zwischenreich gefangen sind, schlägt ihm
blanker Hass entgegen. Nur Inga fühlt, dass er
mehr verstanden hat als alle anderen.
Erfrischend unbekümmert erhebt Britta Mühlbauer den Arztroman zur literarischen Gattung
und beschert uns eine Satire über Gesundheitswahn und Jugendkult und eine melancholische Liebesgeschichte mit ungewissem Ausgang.
Friederike Rittberg
Belletristik Literatur aus Österreich
Rossmann, Eva: Russen kommen
Ein Mira-Valensky-Krimi
Wien/Bozen: Folio 2008. 277 S., € 19,50
Auf einer Schihütte am Arlberg genießt
Mira Valensky nach einem anstrengenden
Schitag ihr wohlverdientes Glas Wein, als
die am Nebentisch sitzenden russischen
Urlauber plötzlich überstürzt das Lokal
verlassen. Es wäre nicht Mira Valensky,
wenn sie nicht beginnen würde, sich für
die Angelegenheit zu interessieren, zumal
sie für das „Magazin“ gerade eine Story
über Russen in Österreich recherchiert.
Zurück in Wien entdeckt sie auf der
Dachterrasse eines entfernten Bekannten
eine Leiche – gefoltert und an einen Liegestuhl gefesselt. Ist es der bekannte russische Oligarch Dolochow? Welche Zusammenhänge gibt es mit mysteriösen Investitionen, die nicht nur die Hoteliers vom Arlberg reihenweise in den finanziellen Ruin
treiben? Und wohin ist die junge russische
Dolmetscherin Sonja verschwunden, die
vielleicht weiß, wer der Mörder ist?
Obwohl ihr mannigfache Hindernisse
in den Weg gelegt werden – ihr neuer
Chefredakteur lehnt ihre Story ab, auf Vesnas Detektivbüro wird ein Sprengstoffanschlag verübt, und Mira selbst schlittert in
eine ernsthafte Beziehungskrise – gibt die
detektivisch veranlagte Journalistin nicht
auf. Sie sucht und findet Sonja in Moskau,
und langsam lichten sich die Nebel ...
Der neue Roman von Eva Rossmann ist
nach dem gleichen Muster geschrieben
wie auch die anderen Mira-Valensky-Kri-
5
mis: Mira überwindet allerlei Hindernisse
und gerät dabei auch selbst in Gefahr –
diesmal, ihren Ehemann zu verlieren.
Allen Fährnissen zum Trotz wird zwischendurch aber immer wieder gut gekocht und genussvoll gegessen. Natürlich
klärt Mira Valensky auch dieses Verbrechen auf locker-amüsante Art, tatkräftig
unterstützt von ihrer ehemaligen Putzfrau
Vesna. Ein leicht lesbarer, turbulenter Krimi mit bewährten Zutaten.
Karin Claudi
Pucher Robert: Krokodilstränen
Graz: Leykam 2008. 325 S., € 19,40
In der Donau schwimmt die Alligatorin Monja und entdeckt, dass Menschen gut
schmecken und satt machen. Wie erfreulich, dass ab und zu ein Schwimmer vorbeikommt! Weniger erfreulich ist das für die Polizei, die das spurlose Verschwinden von Badegästen aufklären muss. Und das, wo gerade ein brutaler Serienmörder in Wien sein Unwesen treibt, der es offensichtlich ausschließlich auf Versicherungsvertreter abgesehen hat, die er auf bestialische Weise zu Tode bringt.
Bis jetzt hat er schon drei davon auf dem Gewissen und das bewährte (schon aus
früheren Pucher-Romanen bekannte) Ermittlertrio der Polizei alle Hände voll zu
tun. Gerade als die Polizei einen ersten Verdächtigen findet, nämlich den Bruder
des ersten Opfers, der nicht nur dessen Kundenstock, sondern auch dessen Frau
nahtlos übernommen hat, wird Ermittler Kleist von dem Fall abgezogen.
Währenddessen setzt der Mörder zum finalen Schlag an ...
Ein flott geschriebener Krimi mit Klamauk-Elementen im Gefolge des legendären Inspektors
Kottan, mit seinem originellen Dreiergespann, in
dem jeder seine Eigenheiten kultiviert und deren
Arbeitsmethoden an Originalität nichts zu wünschen übrig lassen. Der Krimi spielt an realen
Orten in Wien und ist bevölkert von einem ganzen Universum typischer Wiener Gestalten und
skurriler Typen. Alltägliches wird in satirischer
Überspitzung aufs Korn genommen. Der dritte
Roman von Robert Pucher bietet Vergnügliches
für KrimileserInnen, denen das Lachen wichtiger
ist als die Spannung.
Karin Claudi
Literarisches
Binding,Tim: Cliffhanger
Aus dem Englischen übers.
Hamburg: Marebuch 2008. 350 S., € 20,50
Al Greenwood ist Taxifahrer in einer winzigen Ortschaft am Meer. Er liebt sein
Auto, seinen Wohnwagen (sein Rückzugsort) und seine zwei Karpfen: Dean und
Torvill. Weiters hat er eine außereheliche
Tochter (welche er vor seiner Frau verheimlicht) als freundschaftlichen Ge sprächspartner – und er hat eine Frau, die
er gerne los werden möchte. Dafür hat er
auch schon einen Plan.
An einem verregneten Tag provoziert er
einen Streit, wohl wissend, dass Audrey,
seine Frau, ihren Lieblingsplatz auf den
Klippen (ihr Rückzugsort) aufsuchen wird.
Dort erwartet er sie und stößt sie mit leichter Hand von hinten von den Klippen. Als
Al wieder nach Hause kommt, lässt sich
Audrey vor dem Kamin trocknen. Wen hat
Al an ihrer Stelle von der Klippe geschubst?
Wieso wird seine Tochter vermisst?
Statt eines ruhigen und bequemen
Lebens als Taxifahrer hat Al Greenwood
plötzlich einen Schippel Probleme am
Hals, nicht zuletzt einen Erpresser, wel-
cher zur Unterstreichung seiner Forderung
seine geliebten Karpfen ermordet.
In lakonischem Erzählton spult Tim
Binding gekonnt eine Geschichte ab, welche geradezu nach einer Verfilmung
schreit, derart plakativ rollt sie vor dem inneren Auge des Lesers ab. Mehrere überraschende Wendungen, eine Reihe skurriler
Charaktere und eine gut dosierte Portion
schwarzen Humors machen den Roman
des in Deutschland geborenen Erfolgsautors zu einem kurzweiligen, amüsanten
Lesevergnügen.
Hermann Gamauf
Literarisches Belletristik
6
Hornby, Nick: Slam
Aus dem Engl. übers.
Köln: Kiepenheuer & Witsch 2008.
300 S., € 18,40
Sam ist 15 und leidenschaftlicher Skater. Er
lebt mit seiner Mutter in London, verbringt
die Freizeit auf Skateboardbahnen und
verehrt den Skateboardprofi Tony Hawk,
dessen Poster die Kinderzimmerwand
ziert. Da Sam nicht viele Freunde hat, unterhält er sich manchmal mit diesem Poster
– und erfährt allerhand Wissenswertes.
Im Grunde lebt Sam ein ganz normales
Teenagerleben, bis er eines Tages Alicia
kennen lernt. Trotz Alicias anfänglichem
Desinteresse werden die beiden bald ein
Liebespaar. Und nur wenig später kommt
die Hiobsbotschaft: Alicia ist schwanger ...
Das Skaten ist in Slam lediglich der Rahmen für Themen wie Jugendliebe und
–schwangerschaft, die vom britischen Kultautor Nick Hornby auf gewohnt lockere
und gut lesbare Art und Weise dargeboten
werden. Sams Geschichte wirkt authentisch: Er ist ein typischer Vertreter seiner Generation am Beginn des 21. Jahrhunderts,
mit allen Vor- und Nachteilen und Problemen, wie sie viele andere auch haben. Vieles muss er durchstehen: Nicht nur, dass er
selbst Vater wird, auch seine Mutter hat einen neuen Freund und ist ebenfalls schwanger. Um der neuen Patchworkfamilie zu
entkommen, zieht Sam zu Alicias Eltern,
was auf Dauer auch nicht gut gehen kann ...
Das alles wird mit Humor und viel
Einfühlungsvermögen geschildert. Hornby
versteht es ausgezeichnet, sich in die Welt
der Teenager zu versetzen und aus deren
Perspektive zu erzählen. Die Geschichte
entwickelt bereits nach wenigen Seiten ein
rasantes Tempo und bietet eine gelungene
Melange aus Unterhaltung und Tiefgang.
Thomas Geldner
Iweala, Uzodinma: Du sollst
Bestie sein!
Zürich: Ammann 2008. 156 S., € 19,50
Du sollst Bestie sein ist der beeindruckende
Erstlingsroman des 26-jährigen, aus Nigeria
stammenden Uzodinma Iweala. Agu erzählt vom Krieg, der ihm seine Kindheit ge-
raubt hat. Als er fliehen will, läuft er in die
Arme des Kommandanten, der ihm befiehlt,
Soldat zu sein und Bestie zu werden. Agu
kann nicht anders – entweder er oder die
anderen – so lernt er zu töten, zu schänden
und zu plündern, um sein eigenes Leben zu
retten. Er sieht Leichenberge, wird vom
Kommandanten mehrmals vergewaltigt, erschießt Kinder und Frauen. Sein einziger
Freund ist Strika, ein Junge, der nicht
spricht, ihm jedoch immer zur Seite steht.
Auch ihn muss er sterben sehen, nachdem
die Soldaten den Kommandanten getötet
haben, um vor dem Krieg zu fliehen.
Nicht nur das Thema lässt den Leser
atemlos zurück, es ist vor allem die Sprache, mit der Iweala Agu sein Schicksal in
der Ich-Form erzählen lässt. Es ist die einfache und suggestive Sprache eines Kindes, die das Geschehen jedoch sehr bildhaft und zum Greifen nahe schildert. Für
Du sollst Bestie sein erhielt der junge Autor
bereits zahlreiche Preise. Will man Salman
Rushdie glauben, so wird man von Iweala
noch sehr viel hören und lesen – und man
kann ihm glauben.
Katharina M. Bergmayr
Coetzee, J. M.: Tagebuch eines schlimmen Jahres
Aus dem Engl. übers.
Frankfurt a. M.: Fischer 2008. 233 S., € 20,50
Der Erzähler dieses Romans hat viel mit dem Autor selbst gemeinsam: Er ist ein in Australien lebender südafrikanischer Schriftsteller. Er ist Vegetarier. Er genießt einen „bescheidenem Ruhm“
(Coetzee selbst ist Nobelpreisträger), und er fungiert als ein „Kulturschaffender“, der bei „öffentlichen Kontroversen gelegentlich um seine Meinung gefragt und dann wieder im Regal verstaut
wird“. Juan, wie er genannt wird – Coetzees Name ist John – wurde um Beiträge zu einem Buch,
das “Strong Opinions” heißen soll, gefragt und schreibt pflichtschuldigst mehrere Polemiken über
das ewig gespannte Verhältnis von Staat und Individuum. Juans Meinungen sind klarsichtig und
wohlüberlegt, wie zum Beispiel über Tony Blair, den Idealisten, der sich blind zeigte gegenüber
Folter und Mord, aber sie ähneln oft etwas zu sehr Leitartikeln. Vielfach ist es auch grantige Altherren-Prosa auf hohem Niveau, wenn Juan/Coetzee den Verfall der akademischen Sitten beklagt oder sich über den Musikgeschmack junger Leute entsetzt – durchaus berechtigt, wenn auch sehr didaktisch und ziemlich humorfrei.
Für die im üblichen Sinn romanhafteren Passagen erschafft Coetzee die Gestalt von Anya, einer hübschen jungen Filipina, die
der alternde, von seiner Parkinson-Erkrankung zunehmend geplagte Juan als Schreibkraft einstellt. Was ihr an Erfahrung und
Qualitäten als Sekretärin fehlt, macht sie wett durch ihre Jugend und Schönheit, die ihn in ihren Bann ziehen, und durch ihren
lakonischen Blick auf die Welt, der ihn dazu bringt, plötzlich im Vogelgesang mehr zu entdecken als ein biologisches Phänomen. Anyas Gedanken und Kommentare enthalten den Humor, der Coetzees bisherigem Werk abgeht; sie ist die erfrischende
junge Frau, die nicht als ausgebeutete Immigrantin, sondern ironisch distanziert über ihren eigenen entzückenden Hintern, der es
ihrem Arbeitgeber angetan hat, räsonieren kann.
Als optische Konsequenz dieser Teilung der Stimmen ist auch jede Seite des Buches geteilt – man kann sie also abwechselnd linear lesen oder der jeweiligen Erzählstimme von Seite zu Seite folgen. Anya hat aber auch einen zwielichtigen Freund, der mit
ihrer Hilfe versucht, Juans Vermögen an sich zu bringen – womit der Erzählung ein Spannungselement hinzugefügt wird.
Aus diesen miteinander in Konflikt liegenden Perspektiven, der hohen Rhetorik und der niederen Absichten entsteht ein nicht
immer leicht zu lesendes, aber doch brilliantes (und ausgezeichnet übersetztes!) Werk.
Friederike Rittberg
BelletristikLiterarisches
Kaminer, Wladimir: Salve Papa!
Ill. v. Vitali Konstantinov
München: Manhattan 2008. 223 S., € 18,50
Das Familienleben, die Kinder und ihre Erfahrungen und Probleme in der Schule,
das alltägliche Zusammenleben mit Haustieren oder auch mit den Nachbarn – mit
solchen und ähnlichen Alltagsthemen beschäftigt sich Wladimir Kaminer in seinen
42 Kurzgeschichten. Peinliche Ereignisse
in der Videothek ums Eck kommen ebenso
zur Sprache wie kulturelle Missverständnisse in der Berliner „Multi-Kulti“-Gesellschaft. Daneben erinnert sich der in
Moskau geborene Autor an die Zeit in der
damaligen Sowjetunion. Die eigene Jugend bekommt durch die Gegenüberstellung zum Leben seiner Kinder in Berlin
eine beinahe unglaubwürdige Aura. Während Kaminer als Kind auf der Müllhalde
neben einem Sumpf Verstecken spielte, beschäftigen seine Kinder heute Fragen der
Handy-Bedienung oder der Versteigerung
von Süßigkeiten in der Schulpause.
Wenn der Autor sein Erstaunen über allerlei fragwürdige Erscheinungen des gegenwärtigen Lebens ausdrückt, dann nie
mit Verbitterung, Ärger oder Ablehnung,
sondern mit einer großen Portion Humor.
Kaminer schöpft aus der vollen Skurrilität
des Alltags und regt dabei zum Lachen,
aber auch zum Nachdenken an. Die Geschichten sind witzig, urban, kurzweilig
und gut erzählt – kaum zu glauben, dass
Kaminer nicht in seiner Muttersprache
Russisch schreibt. Doch wie schreibt er
selbst über „die sogenannten literarischen
Qualitäten“: „Sie werden im Allgemeinen
überschätzt. Egal, wie gut die Sprache ist,
die literarischen Qualitäten allein können
kein Buch retten, wenn die Geschichte
nicht stimmt.“ Bei Kaminer stimmen auch
die Geschichten.
Katharina Zucker
Lappert, Rolf: Nach Hause
schwimmen
München: Hanser 2008. 543 S., € 22,10
„Heute ist der Tag an dem ich sterbe“. Mit
diesem Statement beginnt Rolf Lapperts
umfangreicher Roman, dessen Hauptheld
Wilbur in der Ich-Form erzählt. Einander
abwechselnd folgen Szenen, die sich unmittelbar nach dem eben verübten Selbstmordversuch Wilburs (er wollte sich er-
7
tränken) im Krankenhaus abspielen und
Rückblenden auf sein Leben, beginnend
ebenfalls mit einem Tod, nämlich jenem
der Mutter bei seiner Geburt.
Nicht nur Wilburs gesamtes Leben
wird im Rückblick erzählt, auch die Lebenswege seiner irischen Verwandten werden nachgezeichnet. Überhaupt gelingt es
Lappert schon durch kurze Passagen, die
verschiedenen Charaktere sehr anschaulich darzustellen – jeder und jede von ihnen trägt ihr eigenes „Paket“ an Sorgen
und Nöten mit sich herum und das alles
prägt auch den jungen Wilbur. Geboren
wird er zwar in Amerika, doch schon bald
holen ihn seine Großeltern mütterlicherseits in die ursprüngliche Heimat seiner
Mutter, nach Irland, zurück. Nach anfänglichem Familienglück ist Wilbur aber erneut dem Verlust ausgesetzt und scheint
ein Verlierer zu bleiben. Erst als abermals
eine Frau, Aimee, in sein Leben tritt,
scheint er in der Lage, sein Schicksal ändern zu können.
Am Ende vereinen sich nicht nur die
Gegenwart und die Rückblenden, sondern
auch Wilbur selbst schafft es, sich doch
noch in sein Leben zu integrieren. Symbolisch dafür steht die Überwindung seiner
den Text immer wieder prägenden Aquaphobie, das titelgebende Schwimmen: „Ich
schwimme wie ein Hund, eher schlechter.
Aber ich schwimme.“
Sehr gut gelungen sind dem gebürtigen
Schweizer Autor, der nun in Irland lebt
und arbeitet, die Schilderungen der Handlungsorte. Lapperts lakonischer Stil passt
zudem wunderbar zu dieser teils skurrilen
Geschichte an den mehr oder weniger
trostlosen Orten. Die über 500 Seiten lesen sich leicht, was nicht heißt, dass sich
nicht doch einige eigentlich vermeidbare
Längen darin finden.
Lisa Kollmer
Kureishi, Hanif: Das sag ich dir
Aus dem Engl. übers.
Frankfurt a. M.: Fischer 2008. 508 S., € 20,50
Jamal hat pakistanische Wurzeln und liebt das vielbevölkerte London. Es ist ihm
gelungen, eine Nische im Umfeld der Neureichen zu finden, wo er sein Geld als
Psychoanalytiker verdient. Einige Freunde mit den geeigneten Verbindungen verschaffen ihm Einladungen zu schicken Parties, wo es alles gibt, was Spaß macht
und verboten oder wenigstens schräg ist. Hinter ihm liegt eine Ehe, noch weiter
zurück eine unvergessene Jugendliebe und die Verantwortung für den Tod eines
Menschen. Hauptsächlich ist er damit beschäftigt, auf dem Laufenden zu bleiben, was die richtigen sozialen Codes betrifft. Als akzeptierter, publizierender
Intellektueller hat er kaum Berührungsängste, nicht einmal mit der eigenen
Unterschichtsvergangenheit. Die Rituale von SM-Clubs sind ihm ebenso geläufig
wie die kleinkriminelle Ökonomie einiger Stadtteile, der Smalltalk auf einem Empfang bei Mick Jagger oder die hipste Cover-Version mythologisch erhöhter Popsongs. Als Jamal schon glaubt, sein Lebensinhalt bestünde nur mehr darin, einem
Zwangshedonisten beim Altwerden zuzusehen,
holt ihn die Vergangenheit ein ...
Kureishi ist ein geschickter Erzähler, dem etliche Wendungen und Metaphern gut gelingen
und der seinen Figuren mit wenigen Strichen
drehbuchtaugliche Profile gibt. Die Dialoge
sind witzig, wenn auch sehr auf Gags konzentriert. Seine Kommentare geben sich intellektuell, wollen mit ihrem Namedropping und
Seitenhieben auf die Blair-Administration aber
hauptsächlich cool sein. Der Roman ist Mainstream für LeserInnen mit höherer Schulbildung
und passt nahtlos in die Scheinwelt der Fernsehunterhaltung.
Ernst Simanek
LiterarischesBelletristik
8
Lahiri, Jhumpa: Einmal im Leben
Aus dem Engl. übers.
Reinbek: Rowohlt 2008. 174 S., € 17,40
Während Jhumpa Lahiri in den USA als literarischer Shootingstar gefeiert wird, ist
die Autorin indischer Abstammung hierzulande noch eher ein Insidertipp. Dabei
kann die Pulitzer-Preisträgerin bereits auf
eine erstaunliche Karriere blicken.
Unaccustomed Earth, so der Titel ihres
letztens Romans im englischen Original,
ist eine Sammlung von acht getrennt erschienenen Kurzgeschichten, von denen
drei thematisch zusammenhängen. Diese
drei Geschichten sind jetzt unter dem Titel
Einmal im Leben zusammen aufgelegt worden. Sie kreisen um die Lebens- und Liebesgeschichte von Hema und Kaushnik,
den Kindern von bengalischen Einwanderern, die sich in den 1970er-Jahren in Massachusetts kennen lernen.
Die erste Geschichte wird aus der Sicht
von Hema erzählt. Hema schwärmt auf
kindliche Art für Kaushnik. Dieser kann jedoch nur wenig mit dem jungen Mädchen
anfangen – zu sehr ist er mit dem Aufarbeiten der neuen Umgebung und des American Way of Life beschäftigt. In der zweiten
Geschichte wird Kaushik zum Erzähler.
Einige Jahre sind vergangen und Kaushik
muss den Krebstod seiner Mutter und neue
familiäre Herausforderungen verkraften.
Erst im dritten Teil finden Hema und
Kaushik zueinander. Nach 20 Jahren laufen sich die beiden in Italien über den
Weg. Kaushik ist mittlerweile ein bekannter Fotojournalist, Hema ist Altphilologin
und unterwegs nach Indien, um eine von
den Eltern arrangierte Vernunftehe einzugehen. Sie beginnen eine leidenschaftliche
Affäre, die ihr bisheriges Leben noch einmal gründlich durcheinanderwirbelt …
Einmal im Leben ist eine wunderschöne Liebesgeschichte von zwei Menschen,
die auf der Suche nach ihren eigenen
Wurzeln sind. In einer klaren und präzisen
Sprache, die sich durch eine besondere
Beobachtungskunst auszeichnet, erzählt
Jhumpa Lahiri von einem Leben in zwei
Kulturen. Dabei wird deutlich, dass es
trotz aller Schwierigkeiten nicht ein
Nachteil sein muss, in zwei verschiedenen
Welten aufzuwachsen, vorausgesetzt, der
kulturelle Reichtum wird als solcher wahrgenommen und darf auch gelebt werden.
Thomas Geldner
Niemi, Mikael: Der Mann, der starb
wie ein Lachs
Aus dem Schwedischen übers.
München: btb, 2008. 351 S., € 20,60
Wie sein Erstling Populärmusik aus Vittula,
der Mikael Niemi schlagartig bekannt
machte, spielt auch sein dritter Roman in
Pajala in Nordschweden. Im Gegensatz zu
den eher Genre sprengenden Vorgängern ist
Der Mann, der starb wie ein Lachs ein dezidierter Kriminalroman. Als Basis des Plots
dient auch hier Niemis bevorzugtes Thema
der Bilingualität im Nordosten Schwedens
und die damit verbundenen Konflikte.
Ein alter Mann wird auf brutale, aber
dennoch eigentümliche Weise ermordet. Er
wird mit einer Fischgabel aufgespießt und
ausgeweidet – wie ein Lachs. Ein seltener
Ausbruch von Gewalt in einer ländlichen
Region, in der offene Türen und Gast-
freundlichkeit auch Fremden gegenüber
die Regel sind.
Die junge Stockholmer Polizistin Therese Fossnes ist nicht begeistert, als sie beauftragt wird, diesen Fall zu übernehmen.
Obwohl sie selbst aus der Region stammt,
kommen ihr die Menschen hier seltsam
vor, deren Dialekt ihr seit ihrer Kindheit
unverständlich geblieben ist. Sie beginnt
eine Beziehung mit dem Hauptverdächtigen, einem kauzigen Eigenbrötler, der abgeschieden in der Einöde lebt. Fossnes
selbst löst den Fall nicht; die LeserInnen
erwartet ein überraschender Knalleffekt als
krönender Abschluss des grotesken Falles.
Niemis Bücher leben von eigensinnigen, skurrilen Gestalten vor karger Landschaft und schrägem Humor – in diesem
Krimi ergänzt durch die originelle Sprache
und gut dosierte Spannung bis zum Ende.
Hermann Gamauf
Schami, Rafik: Das Geheimnis des Kalligraphen
München: Hanser 2008. 458 S., € 25,60
Thema des vorliegenden Buches ist die arabische Schrift und ihre lange, vielfältige Tradition. Meister dieser Kunst ist der in den 50er-Jahren in Damaskus lebende
Kalligraph Hamid Farsi, der die Mitbürger begeistert, die sich von ihm Lobsprüche, Bittschriften oder auch Liebesbriefe verfassen lassen. Er kann in Verbindung
mit Form und Inhalt dem Gelesenen den erwünschten Sinn verleihen, obwohl es
ihm persönlich nur auf die Schönheit der Zeichen ankommt.
Seine Ehe mit der Schneiderin Nura verliert sich in Gleichgültigkeit und Hass, da
er mit der Planung einer Kalligraphenschule und der Reform der Schrift beschäftigt ist und Frauen in seinem Weltbild den untersten Platz einnehmen. Als diese
mit dem christlichen Laufburschen ihres Mannes eine Liebesaffäre beginnt und
mit ihm flüchtet, glaubt der Verlassene, dass Nassri Abbani, der stadtbekannte
Frauenheld, hinter Nuras Verschwinden steckt. Er tötet ihn und wird zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt. Sein Unglück aber verdankt er seinem Plan,
die arabische Schrift zu reformieren und wird dadurch zum Mittelpunkt einer politischen Verschwörung.
Am Beginn der Geschehnisse werden die handelnden Personen ausführlich dargestellt, ihre Vergangenheit, ihr soziales Umfeld
und ihre Charaktereigenschaften werden detailliert abgehandelt, sodass viele Erzählebenen entstehen, die zu einem Gesamtbild der Ereignisse
führen. Der Autor führt die LeserInnen in bildhafter Erzählweise durch seine Geburtsstadt Damaskus, die er als junger Mensch verlassen musste
und die er bis heute nicht wiedergesehen hat. Er
erzählt vom Alltagsleben der christlichen und
muslimischen Einwohner, von ihren gegenseitigen Abneigungen und Vorlieben, von ihren Wünschen und Sehnsüchten und entwickelt ein fantasievolles Panorama orientalischer Lebenskunst.
Renate Zeller
BelletristikLiterarisches
Sundaresan, Indu: Die Tochter
des Rajas
Aus dem Amerikanischen übers.
Frankfurt a. M.: Krüger 2008. 460 S., € 19,90
Fünf Tage nach dem Tode ihres Vaters erhält
die 21-jährige Olivia ein Paket aus Indien.
Neben exotischem Schmuck, bunten Saris
und vergilbten Fotos enthält es den Brief eines unbekannten Absenders, dessen Inhalt
sie zuerst zutiefst verstört, aber dann in
zunehmenden Maße fesselt: Parallel zum
Schicksal jenes Teils ihrer Familie, über die
ihr Vater stets Stillschweigen bewahrte,
entfaltet sich wie ein bunter Bilderbogen
ein Teil indischer Kolonialgeschichte.
Olivia erfährt vom Leben ihrer Mutter
Mila, der wohlbehüteten Tochter eines hohen Regierungsbeamten, deren sorgloses,
glückliches Leben mit dem Ausbruch des
Zweiten Weltkrieges abrupt endet. Mila
verliebt sich unsterblich einen schönen,
geheimnisvollen amerikanischen Offizier
und muss sich zwischen Herz und Tradition entscheiden.
Was sich nach der Inhaltsangabe wie
ein kitschiges „Bollywood-Drama“ anhört,
ist der ernsthafte Versuch, die Geschichte
Indiens auf den Weg in die Unabhängigkeit in schillernden Farben zu schildern.
Leider ist es ihr nicht allzu gut gelungen.
Trotz einer interessanten, wenn auch nicht
ungewöhnlichen Erzähltechnik (Handlung
auf zwei Zeitebenen, literarische Betrachtungen von Zeitzeugen, die den einzelnen
Kapiteln vorangestellt werden) bleiben die
Gestalten seltsam blass und nicht wirklich
9
Nach einem beruflich bedingten Wohnortwechsel erlebt der 48-jährige Taura fernab
von seiner Familie, die ihm ohnehin fremd
geworden ist, eine ausgeprägte Midlifecrisis. Als er nach einem Beinbruch im
Krankenhaus landet, kommt es zu einer Begegnung mit einer geheimnisvollen Frau
namens Mutsuko. Er kann sie nicht sehen,
denn mitten im Raum steht ein Paravent.
Dennoch entwickelt sich ein Gespräch
zwischen den beiden. Die anfangs zögerliche Unterhaltung wird zusehends intensiver und mündet schließlich in Verbalsex.
Am nächsten Morgen dann das böse Erwachen: Die Schwester schiebt die Trennwand beiseite und Taura muss feststellen,
dass neben ihm eine alte, grauhaarige Frau
liegt, die so gar nicht seinen Vorstellungen
von der leidenschaftlichen Gesprächspartnerin der letzten Nacht entspricht.
Doch das ist erst der Beginn eines grotesken Alptraums: Mutsuko meldet sich
nach einigen Monaten wieder und Taura ist
nicht wenig verblüfft, als ihm plötzlich eine
etwa 40-jährige Frau gegenüber steht. Zu-
nächst glaubt er an eine Verwechslung
– was ihn aber nicht daran hindert, sich
Hals über Kopf in die äußerst attraktive
Dame zu verlieben. Doch spätestens
nach dem nächsten Treffen zweifelt
Taura endgültig an seiner geistigen Gesundheit, denn Mutsuko wird von Mal
zu Mal jünger.
Lange habe ich nicht vom Fliegen
geträumt ist eine surreale Liebesgeschichte, die neben tiefen Einblicken in
die Abgründe der menschlichen Seele
auch die Einsamkeit moderner GroßstadtbewohnerInnen thematisiert. Die
ProtagonistInnen bewegen sich in einer
kalten und feindseligen Umgebung mit
kafkaesken Zügen; sie stehen mitten im
Leben und verlieren auf unerklärliche
Weise ihren sozialen und psychischen
Halt. Alles scheint von einer unheimlichen Macht beherrscht, die Grenzen
zwischen Realität und Wahnsinn verschwimmen. Taura erlebt eine emotionale Achterbahnfahrt: Sein anfangs
harmloser Seitensprung wird zu einem
obsessiven erotischen Verhältnis, das
schließlich in eine bizarre Lolita-Beziehung mündet. Dabei ist bis zum Schluss
nicht wirklich klar, ob die Verjüngung
von Matsuko tatsächlich oder nur im
kranken Gehirn von Taura stattfindet.
Ein ungewöhnlicher und durchaus
spannender (Schauer-)Roman, der an
den Vorgänger Sommer mit Fremden
zwar nicht heranreicht, aber dennoch
seine Stärken hat.
Thomas Geldner
„Rashomon“ von Akira Kurosawa, lässt er
die einzelnen ProtagonistInnen ihre subjektive Sichtweise auf die Ereignisse schildern.
Da ist zunächst der Schüler Teng, der
sich in die Geschichtslehrerin Shi, die vermeintliche Leiche, verliebt, später die Tat
gesteht und hingerichtet wird. Er berichtet
von seiner Besessenheit und der Ausdauer,
mit der er die junge Frau verfolgt. Von Shis
Mutter wiederum erfahren wir etwas über
den Vater der jungen Frau, einen Europäer,
mit dem sie ein kurzes Verhältnis hatte und
der von der Existenz der Tochter keine Ahnung hatte – bis diese ihn aufspürt und
von einem Tag auf den anderen mit nach
Europa geht, von wo sie 20 Jahre später
wieder nach Peking zurückkehrt. Weiters
zu Wort kommen der ermittelnde Kriminalbeamte, der Richter und schließlich
Shi selbst. Aber auch sie bringt nicht alles
ans Tageslicht, was damals wirklich passiert
ist und wer die eigentliche Leiche war.
Zurück bleiben die LeserInnen mit unbefriedigender Ungewissheit. Zu angedeutet und nebulös sind die einzelnen Episoden, als dass man sich wirklich ein Bild
von den Ereignissen machen könnte. Die
einzelnen Personen bleiben blass und
auch ein Spannungsaufbau geht diesem
Buch ab.
Liesbeth Mansbart
fesselnd, im Gegensatz zu den farbenprächtigen Landschaftsschilderungen, die
zu den ausgesprochenen Stärken des
Romans zählen.
Thomas Jürgens
Yamada, Taichi: Lange habe ich
nicht vom Fliegen geträumt
Aus dem Japanischen übers.
München: Goldmann 2008. 222 S., € 18,50
Spannung
Amann, Jürg: Pekinger Passion
Zürich: Arche 2008. 125 S., € 16,50
Nach 20 Jahren Abwesenheit taucht in Peking eine vermeintlich Ermordete wieder
auf. Damals hat man in einem Park eine
verstümmelte Leiche gefunden. Sie wurde
von ihrer Mutter identifiziert und auch der
Mörder hat gestanden und wurde hingerichtet. Rund um diesen mysteriösen Kriminalfall, obwohl recht zeitlos wirkend,
dürfte er im ausgehenden 20. Jahrhundert
spielen, hat der Schweizer Autor Jürg
Amann seine „Kriminalnovelle“ angesiedelt. Er bedient sich dabei verschiedener
Erzählstränge. Ganz wie im Filmklassiker
SpannungBelletristik
10
Cotterill, Colin: Dr. Siri und seine
Toten
München: Goldmann 2008. 317 S.,
€ 18,50
Doktor Siri Paiboun hat seine beste Zeit als
Arzt schon hinter sich, doch nun wird er
mit 72 Jahren zum einzigen Leichenbeschauer von ganz Laos ernannt. Ausgestattet mit zwei französischen Lehrbüchern
aus den 50er-Jahren und unter der Mithilfe
einer neugierigen Krankenschwester und
eines an Down-Syndrom leidenden spitzfindigen Helfers beginnt er gemächlich seine neue Arbeit.
Abgesehen vom fortwährenden Mangel an allem Notwendigen und einer liebeskranken Sandwich-Verkäuferin, die ihn
ständig mit Köstlichkeiten versorgt, wäre
sein Leben in der laotischen Hauptstadt
durchaus zufriedenstellend, würde da
nicht plötzlich eine Leiche auftauchen, die
im wahrsten Sinne des Wortes nach großen Schwierigkeiten riecht. Denn auch im
verschlafenen Laos vermag die Vergiftung
einer Partei-Bonzin hektische Aktivitäten
auszulösen. Als die Leiche auch noch
spurlos verschwindet, ahnt Siri, dass er in
größere Schwierigkeiten geraten könnte.
Mit viel Geschick umschifft er jedoch alle
von der überforderten kommunistischen
Staatssicherheit gestellten Fallen und entdeckt seine Liebe zu forensischer Detailarbeit. Am Ende entlarvt er ein übles internationales Komplott und versucht sein altes
Leben wieder aufzunehmen.
Die Mischung aus apokalyptischem
Chaos, Improvisationsgabe und kommunistischer Unflexibilität in Laos beschreibt
Cotterill in lockerem Plauderton – und sie
verleiht der Geschichte eine besondere
Stimmungsdichte. Gewürzt wird das Ganze mit der Art von Humor, das das scheinbar Unabwendbare erträglich macht.
Thomas Buraner
Dahl, Arne: Ungeschoren
Aus dem Schwedischen übers.
München: Piper 2008. 413 S., € 20.50
Wer noch keinen von Arne Dahls Krimis
rund um die sogenannte A-Gruppe gelesen
hat, wird am Anfang dieses Romans wohl
etwas ratlos ob des komplizierten Beziehungsgeflechts zwischen den einzelnen
Mitgliedern der Ermittlungseinheit sein.
Außerdem gibt es diverse personelle Umbesetzungen und Neustrukturierungen.
Doch nach anfänglichen Schwierigkeiten
sollten auch NeueinsteigerInnen Gefallen
an Dahls eigenwilligem und unkonventionellem Stil finden.
Nur langsam fügt sich alles zusammen
– und die Verwirrung wird eingeläutet von
vier Morden, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Eine junge kurdische
Frau, die aus Angst vor Repressalien durch
ihre Familie eine neue Identität angenommen hat, wird von ihrem Bruder enttarnt.
Als sie sich mit ihm treffen will, findet sie
ihn tot auf. Bald darauf wird ein Fernsehmacher, der für sogenanntes „Unterschichtenfernsehen“ in Form von menschenver-
achtenden Realitysoaps zuständig ist, ermordet. Ähnlich wie beim Kurdenmord
wird am Tatort eine bewaffnete Person angetroffen, womit zunächst alles klar zu
sein scheint. Aber zwei weitere Morde folgen und es gibt eine Verbindung zwischen
den vier Opfern: Jedes Opfer hat eine kleine Tätowierung ...
Zugegebenermaßen ist Dahls sechster
Roman rund um die A-Gruppe am Anfang
etwas zäh, doch mit Fortlauf der Geschichte, die von scharfsinnigen Analysen
und Betrachtungen der heutigen schwedischen Gesellschaft und ihren Brüchen
durchzogen ist, kommt Spannung in die
Geschichte.
Peter Hörschelmann
French, Nicci: Bis zum bitteren Ende
Aus dem Englischen übers.
München: Bertelsmann 2008. 414 S., € 20,60
Mit dem Thriller Bis zum bitteren Ende hat das Erfolgsduo Nicci Gerard und
Sean French nun seinen zehnten Spannungs-Roman veröffentlicht.
Astrid lebt in London und jobbt als Fahrradkurier. Was sie eigentlich vorhat in ihrem Leben weiß sie noch nicht so recht. Sie treibt locker und lässig dahin, wie
die meisten ihrer sechs Mitbewohner in der Wohngemeinschaft, in der sie lebt.
Als Fahrradbotin in einer Großstadt ist man extrem unfallgefährdet und auch Astrid erwischt es. Fast vor ihrer Haustür öffnet eine Nachbarin die Autotür und
Astrid knallt in voller Fahrt dagegen. Für sie verläuft die Sache relativ glimpflich.
Am nächsten Tag aber findet man die Nachbarin ermordet auf. Die Polizei ermittelt auch in Astrids WG. Kaum hat sich die Aufregung etwas gelegt, wird die
nächste Tote gefunden – und wieder ist Astrid unmittelbar involviert. Sie ist es
nämlich, die die Leiche findet. Nun beginnt es in der WG zu brodeln. Misstrauen und Angst breiten sich aus. Zudem will der Hauseigentümer, dass die
Mieter ausziehen, da er vorhat, das Haus zusammen mit seiner Freundin zu sanieren. Der nächste Mord passiert in der WG selbst. Nun beginn sich die Lage
zuzuspitzen ...
Im zweiten Teil des Buches findet ein Perspektivenwechsel statt. Der vorerst
noch unbekannte Täter erzählt die Geschichte
aus seiner Sicht – eine psychologisch interessante Wendung, in der sich eine krankhafte
Persönlichkeit selbst erklärt.
Bereits der erste Teil des Buches – die Beschreibung eines WG-Lebens mit einer bunt zusammen gewürfelten Gruppe Individualisten – ist
zügig und spannend zu lesen. Gut geschildert
ist vor allem der Prozess, in dem Angst und
Misstrauen die schrittweise Zersetzung der
Gemeinschaft bewirken. Auch im übrigen gestaltet sich Bis zum bitteren Ende als kurzweiliger und spannender Thriller, der ganz nach
dem Geschmack der ansehnlichen Fangemeinde von Nicci/French ausgefallen sein dürfte.
Maria Hammerschmid
BelletristikSpannung
Grimes, Martha: Inspektor Jury
lässt die Puppen tanzen
Aus dem Englischen übers.
München: Goldmann 2008. 381 S., € 20,60
Superintendent Jury ist verliebt, und zwar
in die Polizeipathologin Phyllis Nancy.
Mehr durch Zufall stolpert er in die
Ermittlungen eines neuen Mordfalls: Bill
Maples, ein exzentrischer Kunstsammler,
wird in einem vornehmen Restaurant tot
aufgefunden. Am Tatort erwartet Jury bereits eine neue Kollegin, die, wie könnte es
anders sein, äußerst attraktive Brasilianerin
Lu Aguilar. Die gemeinsamen Recherchen
führen Jury und Aguilar nicht nur auf die
richtige Fährte, sondern auch direkt in eine
heiße Affäre, die auf alle Beteiligten ansteckend wirkt.
Pikant sind auch die Entdeckungen, die
der Inspektor macht: Billy Marple scheint
ein Doppelleben geführt zu haben. Zum einen lebte er abgeschieden im Wohnhaus
des Dichters Henry James, zum anderen
tauchte er immer wieder in der Londoner
Schickeria auf. Die Freundschaft zu einem
dubiosen Deutschen, der als Privatsekretär
Maples fungierte, und Maples Faszination
für den Zweiten Weltkrieg bringen Jury und
Aguilar schließlich auf die richtige Fährte –
ins Berlin der 40er-Jahre ...
Martha Grimes gilt als Meisterin des
klassisch-britischen Kriminalromans – und
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das als Amerikanerin. Sie hat mit Inspektor
Jury einen mittlerweile legendären Ermittler geschaffen. Ihr neuer Roman zeigt den
eingefleischten Junggesellen nun von einer
neuen Seite: zwischen Liebe und Leidenschaft. Auch wenn der Schluss Fragen offenlässt, ist es ein Vergnügen, das von witzigen Dialogen und einem gelungenen
Spannungsbogen getragene Buch zu lesen.
Thomas Pöltl
Hammesfahr, Petra: Erinnerung an
einen Mörder
Reinbek: Wunderlich 2008. 441 S., € 20,50
Eine wohlbehütete Kindheit gesteht Petra
Hammesfahr ihrem Protagonisten Felix in
ihrem neuesten Roman wirklich nicht zu.
In Erinnerung an einen Mörder hat er es
mit einer sadistischen Mutter und einem
wahren Drachen von Großmutter zu tun.
Die Mutter ist hochgradig frustriert über
die ungewollte Schwangerschaft in jungen
Jahren, die Großmutter voll des Hasses auf
das Kind Felix und dessen Vater, welche ihrer Ansicht nach die alleinige Schuld daran
tragen, dass die begabte Tochter, statt eine
gute Ausbildung und eine ebensolche Partie zu machen, als Ehefrau eines Gelegenheitsarbeiters endet.
Jahre der Vernachlässigung und der
Misshandlungen machen Felix und seine
beiden Schwestern durch, schikaniert und
gedemütigt von der Großmutter, geprügelt
von der Mutter – ohne Unterstützung des
augenscheinlich ahnungslosen Vaters, der
seiner zänkischen Ehefrau gegenüber ohnehin hilflos ist. Besonders schlimm trifft
es das dritte Kind, Baby Annika, das von
der Mutter täglich allein gelassen wird, sobald der Vater aus dem Haus ist. Als die
mütterlichen Misshandlungen dem Baby
schweren Schaden zufügen, rastet der Vater aus und richtet das an, was in den Zeitungen dann eine „blutige Familientragödie“ genannt wird.
Der achtjährige Felix überlebt, war sogar noch im Haus, erinnert sich aber nicht
daran, was er dort gesehen hat. Scheint
sein von einer liebenden Tante umsorgtes
Leben endlich friedlich zu werden, brechen während der Pubertät Erinnerungen
auf. Sein Versuch, endlich Klarheit über
das Schicksal seiner Familie zu erlangen,
bringt – je nach Gesprächspartner – so viele verschiedene Geschichten zu Tage, dass
es noch Jahre dauert, bis Felix Gewissheit
über die Geschehnisse während der „blutigen Familientragödie“ hat.
Fesselnd und mit tiefen Einblicken in
seelische Abgründe, die Hammesfahr-Fans
ahnen es schon, ist Erinnung an einen Mörder eine klare Empfehlung für LeserInnen
mit Interesse an psychologischen Krimis.
Isolde Grabner
Evanovich, Janet: Kalt erwischt
Aus dem Englischen übers.
München: Manhattan 2008. 303 S., € 17,50
Sie ist frech, sexy, chaotisch und hat einen Hang zu prekären Situationen: Stephanie Plum, ihres Zeichens Kopfgeldjägerin und
dank Bestsellerautorin Janet Evanovich bereits zum zwölften Mal im deutschsprachigen Serien-Einsatz. Chronisch pleite, versucht
sich die ehemalige Dessousverkäuferin mit der Jagd auf Verbrecher über Wasser zu halten – ein Unterfangen, das zur Freude der
zahlreichen Stephanie-Plum-Fans mehr schlecht als recht gelingt und beträchtlichen Unterhaltungswert bietet. Humoreske
Verwicklungen und jede Menge erotisches Beiwerk machen sichtlich Lust auf einen Plot, der rasch
umrissen ist: Stephanie Plum wird von einer Frau verfolgt, die sich als Gattin des bereits serienerprobten und unwiderstehlichen Rangers ausgibt. Dumm nur, dass eben jene Dame kurz nach dieser überraschenden Offenbahrung ermordet aufgefunden wird und Stephanies sexy Latino-Ranger nicht nur
zum Hauptverdächtigen wird, sondern auch noch die Entführung seiner zehnjährigen Tochter verkraften muss. Bei so viel Leid kann nur eines helfen: Stephanie muss auf eigene Faust ermitteln – im
Wettlauf gegen die Zeit und die Polizei, dafür aber mit umso erstaunlicheren Ergebnissen.
Janet Evanovich zeigt mit dem Krimi Kalt erwischt einmal mehr ihr Talent für packende Geschichten
mit jeder Menge Situationskomik. Witzige Dialoge und spannende Handlungsbögen treiben das
Geschehen voran und garantieren leicht konsumierbares Lesefutter für Krimifans. Die ausführlichen
Beschreibungen der durchtrainierten Männerkörper rund um die Protagonistin dürften allerdings auf
ein vorwiegend weibliches Leserinnenpublikum abzielen.
Martina Rényi
SpannungBelletristik
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Indridason, Arnaldur: Todesrosen
Bergisch Gladbach: Lübbe 2008. 300 S.,
€ 19,50
Ausgerechnet auf dem Ehrengrab des
isländischen Freiheitskämpfers und Nationalhelden Jon Sigurdsson wird die Leiche
eines jungen Mädchens gefunden. Ist es Zufall oder ein politisches Statement, das der
Mörder abgeben wollte? Kommissar Erlendurs Recherchen führen in dubiose Wirtschaftsmachenschaften und in die schwierigen Lebensverhältnisse der isländischen
Landbevölkerung in all ihrer hoffnungslosen Einsamkeit. Anhand eines Einzelschicksals versucht Indridason auch die soziale
und gesellschaftspolitische Entwicklung Islands aufzuzeigen.
Die isländische Autorin Arnaldur Indridason hat neben Hakan Nesser und Henning Mankell einen fixen Platz in der nordeuropäischen Krimi-Szene erobert. Ihre Romane zeichnen sich durch sorgfältig recherchierte Hintergründe und authentisch gezeichnetes Lokalkolorit aus: ungewohnt
sonnige Sommernächte und Schlaflosigkeit,
Reykjaviker Stadtleben, einsame Fjorde,
karges Landleben. Neben den stimmig
dichten Atmosphären bestechen die markaten, starken Charaktere. Besonders die Figur
des grantigen Kommissars Erlendur, der nun
bereits im siebten Fall ermittelt, ist vielschichtig und interessant gestaltet. Meist reichen die Wurzeln eines Verbrechens tief in
die Vergangenheit zurück, akribisch gräbt
Indridason Stück für Stück die Wahrheit
aus, bis vor dem Publikum ein (meist tragisches) Schicksal bloß liegt.
Kurz Susanne
Khadra, Yasmina: Die Sirenen von
Bagdad
Aus dem Französischen übers.
München: Nagel & Kimche 2008. 314 S.,
€ 20,50
In Rückblenden erzählt der namenlose, 21jährige Ich-Erzähler seinen Werdegang
vom friedlichen und sensiblen jungen Iraker zum hasserfüllten, potentiellen Vollstrecker des größten und zerstörerischsten
Attentats in der Geschichte. Ein Virus, in
jahrelanger Arbeit entwickelt, soll 9/11 bei
weitem in den Schatten stellen.
Bei einer Razzia amerikanischer GIs in
seinem Heimatdorf wird die Beduinen-
familie durch das brutale Vorgehen der Soldaten zutiefst gedemütigt.
Seiner Ehre beraubt verlässt der junge
Mann sein Dorf und begibt sich nach Bagdad, wo er in die Fänge radikaler Fundamentalisten gerät. Um die Ehre seiner Familie wiederherzustellen schließt er sich
dem Widerstand im Irak an. Er kommt als
Nachtwächter in einem Elektro-Laden unter, der aber nur Tarnung für Bomben bastelnde Extremisten ist. Weiters macht er die
Bekanntschaft des Dr. Jalal, einem einst
vom Westen geschätzten Kritiker der Extremisten, der aber längst die Seiten gewechselt hat und selbst an der Spirale des Hasses
dreht.
Yasmina Khadra ist das Pseudonym von
Mohammed Moulesshoul, einem ehemaligen ranghohen Offizier der algerischen Armee, der 2000 ins französische Exil ging.
Seine mehrfach ausgezeichneten Romane
wurden in 17 Sprachen übersetzt und über
drei Millionen mal verkauft. Mit Todesrosen präsentiert er einen hoch aktuellen
Thriller mit manchen Längen in der Handlung und fallweise bemühten Dialogen.
Günther Badstuber
Mankell, Henning: Der Chinese
Aus dem Schwedischen übers.
Wien: Zsolnay 2008. 603 S., € 24,90
Henning Mankell legt mit Der Chinese ein
weiteres Meisterstück seiner Erzählkunst
mit Sogwirkung vor: Was als konventioneller Kriminalroman beginnt, entwickelt sich
schnell zu einer vielschichtigen Story, die
ihren Bogen von der Geschichte versklavter Chinesen im amerikanischen Eisenbahnbau bis in das heutige Peking spannt.
In einem kleinen Dorf kommt es zu einem Massaker, fast die ganze Dorfbevölkerung, mehr oder weniger miteinander verwandt, wird abgeschlachtet. Die Polizei
tappt im Dunkeln, die Richterin Roslin entdeckt ihre Adoptiveltern unter den Opfern
und beginnt sich für den Fall zu interessieren. Bald gibt es einen Verdächtigen, der geständig ist und sich kurz danach selbst richtet. Rosalin ist die Lösung zu glatt, sie findet
Parallelen zu einem Massenmord in den
USA, bei dem auch entfernte Verwandte
von ihr untern den Mordopfern waren ...
Der Roman ist eine scharfsichtige Analyse des Umbruchs in der chinesischen
Gesellschaft und ein unangenehmer Blick
auf einen künftigen neuen Imperialismus
am afrikanischen Kontinent. Mankell recherchiert sehr genau und das merkt man
dem Buch auf jeder Seite an.
Peter Hörschelmann
Nabb, Magdalen: Vita Nuova
Zürich: Diogenes 2008. 321 S., € 20,50
Als das toskanische Gegenstück zu Donna
Leons Commissario Brunetti gilt seit langem der aus einfachen Verhältnissen stammende, in Florenz tätige Commissario
Guarnaccia. In diesem vierzehnten, von
der kürzlich verstorbenen Magdalen Nabb
verfassten Roman, bekommt er es mit
Menschenhandel und Sexsklaverei zu tun.
Vorerst sieht alles nach einem Mordfall
aus. Eine junge Frau wird in einem toskanischen Landgut erschossen aufgefunden.
Der Hausherr und Vater der jungen Frau
befindet sich gerade im Krankenhaus; es
gibt noch eine Schwester und ein Kind der
Ermordeten, von dem nicht bekannt ist,
wer der Vater ist. Der naheliegenden Erklärung, dass es sich um einen Raubmord
handle, kann Guarnaccia nichts abgewinnen. Junge osteuropäische Frauen betreuen den Haushalt in der Villa und es stellt
sich heraus, dass der Hausherr Paoletti im
früheren Leben seinen Reichtum mit Zuhälterei verdient hat. Der Commissario erfährt auf Umwegen, dass noch immer junge Frauen aus dem Osten nach Florenz geschleust werden, welche dann in einem
Sex-Etablissement oder in besagtem Haushalt landen. Er muss sich auch persönlich
in einen Nachtclub auf Recherche begeben, was schwerwiegende Folgen nach
sich zieht. Dabei hätte er in diesen Tagen
doch auf Wohnungssuche für sich und seine Familie gehen sollen. Erwartungsgemäß
gelingt es ihm nach vielen Verwicklungen,
den Fall zu lösen, eine neue Wohnung hat
der im Privatleben eher ungeschickte
Guarnaccia aber noch nicht gefunden.
Die Autorin vermittelt ein ungeschminktes Gesicht der Touristenhochburg
Florenz. Sie versteht es, die Probleme Italiens – Schattenwirtschaft, Korruption und
Xenophobie – an einem konkreten Fall exemplarisch darzustellen und die LeserInnen zugleich durch eine spannende Handlung und einen menschelnden Kommissar
bei der Stange zu halten.
Johanna Mitterhofer
BelletristikSpannung
Mistretta, Roberto: Der kalte Blick
der Rache
Aus dem Italienischen übers.
Bergisch Gladbach: Lübbe 2008. 347 S.,
€ 19,50
Maresciallo Bonnanos Vergnügen an diffizilen intellektuellen Herausforderungen ist
von Sherlock Holmes’ Spitzfindigkeit mindestens so weit entfernt wie Sizilien von
Großbritannien. Dennoch – vormachen
lässt sich der cholerische Carabiniere
nichts, weder von spitzfindigen Anwälten
noch von skrupellosen Menschenhändlern. Und wenn auch nicht mit der feinen
Klinge, so löst er seine Fälle doch ...
Roberto Mistretta beginnt seinen mittlerweile dritten Kriminalroman mit zwei
Handlungssträngen, die zuerst nichts miteinander zu tun haben. Während sich
Bonnano in Sizilien mit einem Eifersuchtsdrama, Korruption und vergifteten Hunden
herumschlägt, beginnt die zweite Geschichte im Kosovo während der ethnischen Säuberungen, inmitten von Kriegsgräueln, Vergewaltigungen, Morden.
Mistretta gibt seinem Maresciallo einen „volkstümlichen“ Charakter und eine
archetypisch sizilianische Umgebung.
Bonnano liebt gutes Essen und einen starken Espresso, er lebt mit Mutter und
Tochter, wobei sich die Mutter mehr als es
ihm lieb ist, immer wieder in seine Angelegenheiten einmischt. Dass zu Mistrettas
Vorbildern Andrea Camilleri gehört, verwundert nicht und lässt sich auch nicht
leugnen; er hat allerdings seinen eigenen
Stil und vor allem seine eigenen Ideen, die
Der kalte Blick der Rache aus dem Üblichen herausheben.
Isolde Grabner
Preston, Douglas: Credo. Das letzte
Geheimnis
Aus dem Amerikanischen übers.
München: Droemer Knaur 2008. 586 S.,
€ 17,50
In einem abgelegenen Labor irgendwo in
einem Navajo-Reservat erforscht eine
Gruppe von Wissenschaftlern eine neuartige Energiequelle: einen Teilchenbeschleuniger namens „Isabella“, der, „falls er funktioniert, den Urknall, die Entstehung der
Welt, nachahmen soll“. Doch der Versuch
misslingt und gerät außer Kontrolle: Ein
schwarzes Loch, das rasant größer wird,
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eröffnet sich und auf dem Bildschirm erscheint eine mysteriöse Grußbotschaft
„Seid gegrüßt“.
Wird „Isabella“, wie einige befürchten,
die Erde in das schwarze Loch saugen?
Oder läutet die spektakuläre Panne nur die
Stunde des donnernden Fernsehpredigers
Spates ein, der vermeint, dass der Versuch
nur dazu diene, die Schöpfungsgeschichte
zu widerlegen und Gott auf seinem Thron
herauszufordern? Die Sache ist jedenfalls
heikel genug, dass Wyman Ford, ein früherer Mönch und nun Sonderbeauftragter
der US-Regierung eingeschleust wird, um
den Dingen auf den Grund gehen.
Das von Preston Douglas ersonnene
Szenario ist durchwegs spannend und
widmet sich neben den ungelösten Problemen der modernen Wissenschaft auch den
Aktivitäten jener in Amerika sehr aktiven
christlichen Rechten, die sich als religiöse
Fundamentalisten im Namen des Herrn
unangenehm stark in die Gesellschaft einmischen. Dabei werden Religion und Wissenschaft einander gegenüber gestellt,
ohne eine davon ins Recht zu setzen: Die
abgeschotteten Wissenschaftler und die bigotten Gläubigen sind gleichermaßen
Spiegelbild einer erschreckenden Realität.
Willi Saar
Nesser, Håkan: Mensch ohne Hund
Aus dem Schwedischen übers.
München: btb 2007. 541 S., € 20,60
Es hätte ein pompöses Fest werden sollen, die Doppelpensionierung des Pädagogen-Ehepaares Hermansson und der gemeinsame runde Geburtstag von Vater
und Tochter wenige Tage vor Weihnachten. Doch dann verursachte der einzige
Sohn Walter einen TV-Skandal und die Veranstaltung schrumpft auf ein einfaches
Familientreffen zusammen.
Die Feier wird also im intimen Rahmen des bereits verkauften Elternhauses stattfinden. Der dominante Vater findet den Fehltritt seines Sohnes derart entwürdigend, dass er gemeinsam mit seiner Frau nach Spanien auswandern will. Was
noch niemand ahnt: Es wird die letzte Zusammenkunft der gesamten Familie sein.
Schon am Vorabend der Feier verschwindet Walter spurlos. Zunächst macht sich
niemand ernsthafte Sorgen; war er doch von jeher das Problemkind der Familie.
Als jedoch in der gleichen Woche auch der halbwüchsige Enkel Hendrik über
Nacht verschwindet, wendet sich die verzweifelte Familie endlich an die Polizei.
Inspektor Gunnar Barbarotti beginnt zu ermitteln. Die wenigen Ansatzpunkte verlaufen sehr schnell im Sand und monatelang scheint der Fall ungeklärt zu bleiben. Zufälle und Hartnäckigkeit führen letztlich zur Lösung der rätselhaften Vorkommnisse.
Der bekannte schwedische Autor Håkan Nesser führt nach seinem Kommissar Van
Veeteren einen neuen Protagonisten ein. Inspektor Gunnar Barbarotti ist geschieden, Vater von drei Kindern und steht in ständigem Zwiegespräch mit Gott. Wie in
Nessers übrigen Romanen erweisen sich die
Handelnden als Personen mit Ecken und Kanten.
Die Fassade der nach außen hin so perfekten Familie zerbröselt sehr rasch und die Polizeiarbeit
ist in erster Linie mühsame Alltagsroutine. Der
Autor lässt die LeserInnen an der Gedankenwelt
der ProtagonistInnen teilhaben. So ist man dem
Inspektor im Wissen um Ungereimtheiten meist
ein wenig voraus; maßgebliche Details bleiben
jedoch geschickt verborgen. Die entscheidende
Frage nach dem Täter beantwortet sich bald und
man beobachtet vorwiegend, wie sich die
einzelnen Familienmitglieder mit der neuen
Situation arrangieren.
Elisabeth Schögler
SpannungBelletristik
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Vlugt van der, Simone: Finsternis
München: Diana 2008. 365 S., € 20,60
Der holländische Archäologe Bogaards
macht im ägyptischen Karnak eine sensationelle Entdeckung. Er findet den Beweis,
dass der Menschheit schon weit früher als
angenommen Elektrizität zur Verfügung
stand und diese in der sogenannten Bundeslade gespeichert wurde. Die ganze Geschichte des Abendlandes müsste daher
neu geschrieben und interpretiert werden.
Als er kurz darauf spurlos verschwindet, begibt sich sein Sohn auf die Suche
nach ihm und lernt dabei eine Maklerin
kennen, die ihn unterstützt. Gemeinsam
reisen sie nach Ägypten, ohne zu ahnen,
dass bereits ein Auftragskiller auf sie angesetzt wurde. Als wenig später eine Vertraute des Archäologen ermordet wird, erkennen sie erst, in welcher Gefahr sie tatsächlich schweben ...
Van der Vlugt versuchte sich mit Finsternis auf den Spuren Dan Browns und
scheiterte größtenteils. Neben einer sehr
verworrenen Grundidee reiht sich eine obskure Theorie nach der anderen. Die Rahmenhandlung, eine mehr als klischeehafte
Liebesgeschichte mit entsprechend schablonisierten Akteuren, rundet das Bild ab.
Thomas Buraner
Vandenberg, Philipp: Die achte
Sünde
Bergisch Gladbach: Lübbe 2008. 462 S.,
€ 20,60
Lukas Malberg, ein Münchner Antiquar,
trifft nach Jahren seine frühere Schulkollegin Marlene wieder und verliebt sich ein
bisschen in die gutaussehende Frau. Sie verspricht, ihm ein Geschäft zu vermitteln,
doch als Malberg in Rom ankommt und seine Freundin treffen will, findet er sie tot in
der Badewanne und wird selbst zum Gejagten. Auf der Suche nach dem Schuldigen
ereignen sich äußerst mysteriöse Dinge – so
ist die Wohnung, in der Malberg die tote
Marlene gefunden hat, nicht mehr auffindbar und am Begräbnis der jungen Frau nehmen auffallend viele in Schwarz gekleidete
Männer teil, die äußerst fotoscheu sind ...
In diesem routiniert geschriebenen
Thriller mixt Vandenberg all seine Zutaten
(wie geheimnisvolle Bruderschaften, Reliquien, wertvolle Bücher etc.) zu einem flotten Spannungsroman. Dass die Liebe nicht
zu kurz kommt, ist einerseits kein Fehler,
anderseits Anlass zu allerlei stereotypen
Wendungen. Ein wirklicher Wermutstropfen ist schließlich das ziemlich abrupte, geradezu lieblos wirkende Ende.
Elisabeth Ghanim
Historisches
Follett, Ken: Die Tore der Welt
Bergisch Gladbach: Lübbe 2008. 1296 S.,
€ 25,70
Nach 18 Jahren ist sie endlich da – die
Fortsetzung von Die Säulen der Erde. Allerdings macht es sich Ken Follett nicht allzu
leicht. Er knüpft nicht einfach dort an, wo
die Geschichte des fiktiven Orts Kingsbridge, seiner Kathedrale und deren BewohnerInnen aufgehört hat. Nein, Follett „überspringt“ praktisch 200 Jahre, siedelt den
Roman aber erneut in Kingsbridge an. Die
Tore der Welt beginnt damit, dass sich die
Kinder Merthin, dessen Bruder Ralf und
die beiden Mädchen Caris und Gwenda in
den nahen Wald schleichen, um dort den
selbstgebastelten Bogen von Merthin auszuprobieren. Hier werden sie Zeugen eines brutalen Kampfes, bei dem ein Ritter
zwei Männer der Königin tötet ...
Grautöne in der Charakterzeichnung
sind von Follet nicht vorgesehen. So tötet
Ralph gleich auf den ersten Seiten des Romans das geliebte Hündchen von Gwenda
– nur so zum Spaß. Damit ist den LeserInnen der Charakter von Ralph klar: Er ist
und bleibt abgrundtief böse.
Follets Figuren werden von einem
Schicksalsschlag zum nächsten gepeitscht.
Außerdem enthalten diese Schicksale so
ziemlich alles, was das Mittelalter klischeehalber zu bieten hat: Hexenprozesse,
Seuchen, handfeste Intrigen, brutale Vergewaltigungen, Mord und Verschwörung.
Dennoch hält einen das umfangreiche
Werk, das mit viel Liebe zum Detail geschrieben wurde und mit einer stets spannenden, wenngleich teilweise voraussehbaren Handlung aufwarten kann, schon
nach wenigen Seiten gefangen.
Elisabeth Ghanim
Klee, Elisabeth: Die Ketzerbibel
Reinbek: Wunderlich 2008. 478 S., € 17,40
Das Frauenleben im Mittelalter hatte im
wesentlichen nur zwei Lebensformen zu
bieten: entweder Ehe und Familie oder ein
Dasein als Nonne bzw. Eintritt in ein Kloster. Die Beginengemeinschaft war dazu
eine Alternative. Hier konnten Frauen außerhalb von patriarchalen Familiengemeinschaften und von Klostermauern ein
Leben in Selbstständigkeit und wirtschaftlicher Unabhängigkeit führen.
Sie waren dadurch imstande, die sozial
auferlegten Rollen Ehe und Mutterschaft
zu verweigern und ihre Gemeinschaften
selbst zu organisieren. Durch ihr Nichteinordnen in hierarchische Strukturen wurden
sie von der römisch-katholischen Kirche
zum Teil als Häretikerinnen abgestempelt
und von der Inquisition verfolgt.
Der Roman von Elisabeth Klee spielt
zu Beginn des 14. Jahrhunderts in einem
Beginenkonvent in der Provence, als eine
halbverhungerte Bettlerin im südfranzösischen Pertuis auftaucht und von den dort
ansässigen Beginen aufgenommen wird.
Danielle, so der Name der Frau, hat offenbar schreckliche Erlebnisse hinter sich und
ihr Gedächtnis verloren. Nach und nach
allerdings fügt sie sich in die Gemeinschaft
ein und wird durch ihre Kenntnisse in der
Heilkunde schnell anerkannt. Doch die
Verfolgung durch die Inquisition sorgt für
ständige Unsicherheit und Gefährdung –
sodass Danielle wieder fliehen muss. Ihr
Leben hängt in der Folge davon ab, ob sie
das Geheimnis um ihre Vergangenheit lösen kann ...
Die Protagonistin vereinigt in sich verschiedene Aspekte mittelalterlicher Medizingeschichte. Frauen waren an den medizinischen Fakultäten des Mittelalters und
der Neuzeit nicht zugelassen, nur die
Schule von Salerno war die einzige Lehranstalt, in der Frauen im Fach Medizin unterrichtet wurden.
Die Autorin erzählt eine spannungsreich angelegte Geschichte vor dem Hintergrund historischer Geschehnisse, welche Einblick in die Lebensformen und das
soziale Umfeld der Menschen im Mittelalter geben. Sie verbindet eine fiktive
Handlung mit geschichtlichen Tatsachen,
die einen großen LeserInnenkreis ansprechen dürfte.
Renate Zeller
BelletristikHistorisches
Thomas, Charlotte: Die Lagune des
Löwen
Bergisch Gladbach: Lübbe 2008. 956 S.,
€ 20,60.
Charlotte Thomas ist eine vielseitige Autorin, die unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlicht. Am bekanntesten sind
ihre Beziehungskomödien, die sie unter
dem Namen Eva Völler geschrieben hat
und die teilweise auch verfilmt wurden.
Den historischen Hintergrund von Die
Lagune des Löwen bildet das 16. Jahrhundert, eine geschehnisreiche und faszinierende Epoche, in der die italienische Renaissance ihren kulturellen Höhepunkt erreicht und Venedig seine Stellung im europäischen Machtgefüge langsam verliert.
Das Erstarken der neuen Kolonialmächte
Spanien und Portugal, das Zusammenbre-
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chen des Gewürzmonopols sowie die regelmäßig auftretende, durch die Pest ausgelöste Seuchengefahr tragen zur Schwächung der Lagunenstadt bei.
Die vier ProtagonistInnen dieser Geschichte müssen ihr Leben als Straßenkinder fristen und sind vielen Gefahren ausgesetzt, die sie für immer verbinden. Die
Handlung geschieht auf mehreren Erzählebenen, die den Lebensweg der Hauptfiguren schildert, ihr Streben nach Glück
und Sicherheit, um nie wieder in Armut leben zu müssen und übermächtigen Gegnern ausgeliefert zu sein.
Laura, die Diebin, wird Apothekerin
und Antonio, ebenfalls Dieb, ein kompetenter Kaufmann und ihr Ehemann. Valeria, die spätere Kurtisane, findet in Carlo,
dem ehemaligen afrikanischen Sklaven,
dem die Lagunenstadt zur Heimat wird,
Essex, Karen: Leonardo und die Principessa
Aus dem Englischen übers.
Bergisch Gladbach: Ehrenwirth 2008. 398 S., € 17,95
Mit dem historischen Roman Leonardo und die Principessa, der bereits mit
dem Literaturpreis „Premio Roma“ ausgezeichnet wurde, gelang der jungen
amerikanischen Autorin Karin Essex endgültig der literarische Durchbruch. Sie
zeichnet ein durchaus akkurates und historisch stimmiges Bild der schwesterlichen Rivalität zwischen Isabella und Beatrice d’Este. Dabei ist der Autorin das
Kunststück gelungen sowohl das gesellschaftliche Leben, als auch die unterschiedlichen politischen Entwicklungen im Italien der Renaissance eindringlich zu schildern, ohne jemals in Kitsch oder eine seichte Liebesgeschichte abzudriften. Eine der weiteren Hauptpersonen des Romans ist Leonardo da Vinci
und dessen Beziehung zu seinem Auftraggeber Ludovico Sforza. Immer wieder streut die Autorin an passenden Stellen Auszüge aus den Tage- und Notizbüchern des großen Künstlers ein, was sicherlich nicht unwesentlich zum Reiz
des Romans beiträgt. So schildert Essex
unter anderem auf vergnügliche Weise
den ewigen Kampf Ludovico Sforzas mit
dem genialen Universalkünstler, der unbedingt die Bronzestatue eines Pferdes gießen möchte und dadurch einfach nicht
und nicht dazu kommt die gewünschten
Porträts von Beatrice und Isabella zu malen.
Leonardo und die Principessa ist sicherlich kein Roman für LeserInnen, die nur
seicht unterhalten werden und über erotische Verwicklungen im historischen Gewand lesen möchten. Wer aber einen historisch wirklich gut recherchierten Roman sucht, ist mit dem vorliegenden Buch
außerordentlich gut bedient.
Elisabeth Ghanim
den ruhenden Pol ihres unsteten Lebens.
Durch das ausgezeichnet recherchierte
Material, das historische Ereignisse mit
dem sozialen, geistigen und wirtschaftlichen Umfeld von Menschen mit fiktiven
Schicksalen verbindet, ist der Autorin ein
spannend zu lesender und einfallsreich gestalteter Roman gelungen, der trotz seines
einschüchternden Umfangs einen größeren LeserInnenkreis ansprechen dürfte.
Renate Zeller
Seyfried, Gerhard: Gelber Wind
oder Der Aufstand der Boxer
Frankfurt a. M.: Eichborn 2008. 500 S.,
€ 30,80
Peking im Jahr 1900. Im „verbotenen Palast“ herrscht die Kaiserinwitwe oder genauer: Sie lässt sich beherrschen. Mal von
Prinzen, die die „weißen Teufel“ Europa
und Japan hassen und diese mit Hilfe der
aufständischen Boxer, einer stetig wachsenden Geheimgesellschaft, vertreiben
wollen. Mal von ihrer Angst vor all jenen,
die sich Stücke aus ihrem Reich herausgeschnitten haben und eigene Hoheitsrechte
beanspruchen. Der technische Fortschritt
des Westens gilt den Chinesen als Übergriff in ihre so viel ältere, aus ihrer Sicht
höher stehende Kultur. Die „weißen Teufel“ sind jedoch überzeugt, dass sie den
Fortschritt für sich gepachtet haben und
Chinesen nur „gelbes Gesindel“ sind.
Die Boxer bündeln den Zorn der Einheimischen, formen daraus eine mächtige
Terrorgruppe. Ein Attentat gegen den deutschen Botschafter ist das Signal zum Aufstand, zur Eroberung Pekings – und zum
Einmarsch der Marinesoldaten. Kirchen
gehen in Flammen auf, Missionare, chinesische Christen und „fremde Teufel“ werden massakriert. Das chinesische Kaiserhaus gibt sich entsetzt, scheint aber im Geheimen mit den Aufständischen zu paktieren – und tut nichts.
Unter den Belagerten befindet sich
auch die gerade frisch in China eingetroffene Familie des deutschen Kaufmanns
Lenck. Dessen Sohn ist vor wenigen Tagen
bei einem Ausflug zur chinesischen Mauer
verschwunden – wahrscheinlich entführt.
55 Tage müssen die Belagerten unter immer dramatischeren Umständen ausharren
und um ihr Leben fürchten ...
Herbert Spötta
Belletristik
Historisches
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Weigand, Sabine: Die Seelen im Feuer
Frankfurt a. M.: Krüger 2008. 528 S., € 20,50
Seit Jahren liegt der Schatten des großen Krieges um
Herrschaft und Glaube über dem Land, den man
später den 30-jährigen Krieg nennen wird. Die wohlhabende Bischofsstadt Bamberg wurde noch nicht
von Söldnerheeren heimgesucht, zum Schauplatz eines nicht minder grausigen Gemetzels ist sie aber
schon geworden – dem Kampf gegen Satan und seinen irdischen Helfershelfern, Hexen und Zauberern.
Jeder kann verdächtigt werden – und fast jeder wird
es auch. So wird irregeleiteter Aberglaube zum tödlichen politischen Werkzeug: Hexenwahn, Neid und Missgunst lassen willkürliche
Denunziationen ins Absurde ansteigen, grausame Folter liefert die Geständnisse:
Zu Hunderten werden Menschen gequält und ermordet, ganze Familien, von jenen der einfachen Bürger bis zu jenen der aufmüpfigen Stadthonoratioren, brennen auf den Scheiterhaufen vor der Stadt.
Auch die junge Apothekerstochter Johanna gerät mit ihrer ganzen Familie in den
Strudel aus Hexenwahn und machtpolitischer Ranküne. Ihr Schicksal verflicht
sich mit jenem des Stadtschreibers, der im ehernen Glauben an die Unfehlbarkeit
der Kirche die „Buchführung“ des Folterns und Brennens übernommen hat, als
auch mit dem des jungen Arztes Cornelius, der mit Gleichgesinnten den aussichtslos scheinenden Kampf gegen die Willkürherrschaft aufnimmt.
Der Historikerin und Ausstellungsmacherin Sabine Weigand gelingt es vortrefflich,
Die Seelen im Feuer nicht in jenen klebrigen Kitsch abgleiten zu lassen, wo sich
viele Hervorbringungen des Genres „historischer Roman“ so bequem räkeln. Die
Autorin nutzt die Schicksalslinien ihrer ProtagonistInnen als verbindende Klammer für das, was sie an historisch Verbürgtem schonungslos offenlegt: einen wahrhaft bedrückenden Blick zurück in eine Welt, die auch einmal Europa war. Eine
Welt, die ihre Menschen in grausame Abhängigkeit zwang – gleichermaßen gegenüber einer willkürlich herrschenden Obrigkeit und den Ängsten und Zwängen
der eigenen, beschränkten Weltsicht zwischen Glaube und Aberglaube.
Isolde Grabner
Unterhaltung
Adams, Carrie: Stieftöchter und andere Katastrophen
Berlin: Ullstein 2008. 444 S., € 20,50
Carrie Adams erzählt in anrührender Weise vom „Zusammenraufen“ einer Patchworkfamilie: dem schwierigen Alltag und
dem ständigen Drahtseilakt aller Familienmitglieder, ohne ständige gegenseitige
Vorwürfe miteinander zu kommunizieren.
Besonders authentisch und lebensnah wird
die Geschichte durch die wechselnden Erzählperspektiven der beiden Hauptfiguren.
Da ist Bea, perfekte Mutter dreier reizender Töchter, die nach der Scheidung erkennt, dass sie ihren Mann noch immer
liebt, und die Karrierefrau Tessa, die sich
mit Mitte 30 unsterblich in den charmanten James verliebt und nun alles versucht,
um auch von dessen Töchtern akzeptiert
zu werden. Die beiden kleineren Mädchen machen es Tessa leicht; doch Amber,
wunderschön, talentiert und mit 14 Jahren
gerade mitten in der Pubertät, versteht es
wunderbar, ihren Vater zu manipulieren
und seine neue Freundin stets als „böse
Stiefmutter“ darzustellen. Während Tessa
also verzweifelt um Anerkennung kämpft
und teilweise an James zweifelt, gerät Bea
in eine verhängnisvolle Spirale von Diätwahn und Alkoholsucht, die letztendlich
in einem Zusammenbruch gipfelt.
Der Autorin ist es gelungen, eine eindringliche Geschichte zu erzählen, teils
recht witzig und doch niemals seicht, wie
es Umschlag und Klappentext vermuten
lassen könnten.
Gabi Stolba
Haran, Elizabeth: Im Schatten des
Teebaums
Aus dem austral. Englisch übers.
Bergisch Gladbach: Lübbe 2008. 557 S.,
€ 17,50
Auf den ersten Blick wirkt die Handlung
verheißungsvoll: Die junge Reporterin
Eliza ist um 1900 in Australien einer spannenden Story auf der Spur. Die Recherchen führen sie in einen Ort, wo angeblich
ein Tiger gesichtet wurde, der wiederholt
die Schafe der Farmer reißt. Eliza verstrickt
sich im Zuge der Nachforschungen immer
mehr in ihre eigene Familiengeschichte,
denn in besagtem Ort wohnt auch ihre
Tante Matilda, die jeden Kontakt zu Elizas
Familie abgebrochen hat.
Erst am Ende des mehr als 500-seitigen
Romans wird das verhängnisvolle Geheimnis gelüftet, das die Familie entzweit
hatte.
Als junge Frau von ihrer eigenen
Schwester vor eine Kutsche gestoßen, trug
Matilda schwere Verletzungen und lebenslange Entstellungen davon. Aus Angst vor
Zurückweisung hatte Matilda ihren Verlobten Richard verlassen, der später die
Schwester heiratete.
Auf diese „Entdeckung“ werden die LeserInnen allerdings von Beginn der Erzählung an vorbereitet. Wenig Überraschendes bieten auch die Pärchenkonstellationen, die das „happy end“ ausmachen: Matilda und ihr ehemaliger Verlobter Richard
lieben einander noch immer; Richards
Ehefrau Henrietta hat praktischerweise ohnehin seit jeher ein Verhältnis mit ihrem
ehemaligen Jugendfreund.
Die Hauptfigur Eliza schließlich entdeckt nach einigen recht konstruierten Verwicklungen und trotz ihrer Tierliebe ihre
Gefühle für den Großwildjäger Brodie, der
den Tiger hätte erschießen sollen. In der
Aufregung all dieser Verliebtheiten verkommen die Ereignisse rund um den Tiger
und die geheimnisvollen Schafdiebstähle
zu Nebenhandlungen. Die schwarz-weiß
gezeichneten Figuren agieren höchst berechenbar in einem vorhersehbaren Handlungsrahmen.
Der Roman ist bestenfalls LeserInnen
zu empfehlen, die gern an der Hand genommen und auf jede nachfolgende Wendung vorbereitet werden und eine Vorliebe
für Romane mit australischem Flair haben.
Katharina Zucker
Belletristik
Unterhaltung
Jones, Kelly: Das Mysterium der
Madonna
Aus dem Amerikanischen übers.
München: Page & Turner 2008. 415 S.,
€ 20,60.
Florenz, die Stadt der Renaissance, ist der
wichtigste Ort im Leben von Suzanne
Cunningham, einer Kunstprofessorin aus
Idaho, die als junges Mädchen die Hochwasserkatastrophe von 1966 miterlebt, als
der Arno weite Teile der Stadt überschwemmt. Viele junge Leute aus aller
Welt, die sich zu diesem Zeitpunkt in der
Stadt aufhalten, helfen mit, die schon beschädigten Kunstschätze in Sicherheit zu
bringen. Die junge Amerikanerin verliebt
sich in den Kunstrestaurateur Stefano, der
aber verheiratet ist. Gemeinsam retten sie
ein Madonnenbild aus den Uffizien.
30 Jahre später liest Suzanne in einem
Artikel, dass dieses Gemälde damals zerstört wurde. Aufgeregt über diese Unwahrheit nimmt sie sofort das Angebot einer
Professur in Florenz an, um sich auf Spurensuche zu begeben. Ihr geht es nicht nur
um das verschollene Bild, sondern auch
um ihren Sohn, den sie damals zur Adoption freigeben musste. Das neue Leben er-
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möglicht ihr, mit den vergangenen Geschehnissen abzuschließen und sich zukünftigen Lebensperspektiven zu öffnen.
Vor dem Hintergrund der beeindruckenden Sehenswürdigkeiten der toskanischen Metropole erzählt die Autorin von
vergangenen und gegenwärtigen Ereignissen, die sie zu einer abenteuerlichen Geschichte vermengt. Ein umsichtig gestalteter und gut lesbarer Roman.
Renate Zeller
Trollope, Joanna: Immer freitagabends
Berlin: Bloomsbury 2008. 349 S., € 20,50
Immer freitagabends treffen sich sechs
Frauen in der Londoner Fulham Road in
der Wohnung der ältesten von ihnen,
Eleanor. Es sind Frauen von unterschiedlichem Alter, Charakter und Lebensstil. So
verschieden sie sind, sie halten zusammen, und das Ritual der wöchentlichen
Begegnung bestätigt und bestärkt ihre
Freundschaft.
Das stabile Gefüge gerät ins Wanken,
als eine der Frauen, Paula, einen Mann
kennen lernt. Die Treffen bei Eleanor wer-
den seltener. Dennoch bleibt sie das Zentrum der Gruppe, denn die Frauen wissen,
dass sie jederzeit bei ihr vorbeikommen
können. Davon machen sie auch ausgiebig Gebrauch, als es im Leben einer jeden
zu Veränderungen und Krisen kommt.
Im Mittelpunkt des Romans steht die
Bedeutung funktionierender Freundschaften für Frauen in jedem Lebensabschnitt,
besonders, wenn sie mit Job und Kindern
ziemlich viel um die Ohren haben. Der
Mann, in den Paula sich verliebt, stellt eine
existenzielle Bedrohung für dieses Gefüge
dar, bleibt als Figur aber blass und verschwindet auf ebenso unauffällige Weise,
wie er sich das ganze Buch hindurch verhalten hat.
Auch die Geschehnisse, die für einige
der Frauen kurzfristig dramatische Folgen
haben, schildert Trollope relativ unaufgeregt. Die Geschichte plätschert geruhsam
dahin, man folgt den Gedankenströmen
und Dialogen der Frauen und ist mit ihnen
erleichtert, wenn nach einer unsicheren
Zeit wieder Stabilität und Ordnung einkehren. Wichtig ist der Autorin die Bedeutung weiblicher Berufstätigkeit als Grundlage ökonomischer Unabhängigkeit.
Georgia Latzke
Freud, Esther: Liebe fällt
Aus dem Englischen übers.
Berlin: Bloomsbury 2008. 286 S., € 20,50
Die Überraschung ist groß, als der englische Literaturprofessor seiner halbwüchsigen Tochter einen gemeinsamen Urlaub in der
Toskana vorschlägt. Die fast 17-jährige Lara ist das Produkt einer kurzen leidenschaftlichen Beziehung mit einer ehemaligen
Studentin. Bei ihrer Mutter aufgewachsen, ist ihr der meist ferne Vater fremd geblieben. Nun also reist sie drei lange Wochen
mit ihm nach Italien. Es wird eine Zeit der Annäherung, des Reifens, des Abschiednehmens.
Während sich London auf die bevorstehende „Hochzeit des Jahres“ von Kronprinz Charles und Lady Di vorbereitet, bemüht
sich Lara, in der für sie ungewohnten Umgebung heimisch zu werden. Vaters Freunde sind eine
mondäne Gesellschaft durch alle Altersgruppen. Das junge Mädchen versucht sich in der Gruppe
zu behaupten und verliebt sich dabei prompt in den meistbegehrten Junggesellen der Region.
Langsam erkennt sie auch dunkle familiäre Schatten der Vergangenheit, die weit in die
Gegenwart zu reichen scheinen. In Rückblenden erschließt sich den LeserInnen Laras Kindheit
und bruchstückhaft auch die Vergangenheit des Vaters. Schließlich aber verlässt die junge
Engländerin Italien nach für sie und ihren Vater einschneidenden Erlebnissen als selbstbewusste
junge Frau.
Esther Freud, eine Urenkelin von Sigmund Freud, hat bereits mehrere Romane veröffentlicht. Die
einzigartigen Erfahrungen des jungen Mädchens, die sie in Liebe fällt vor dem malerischen
Hintergrund des italienischen Sommers und der weltweit stattfindenden Berichterstattung über die
„Märchenhochzeit“ des englischen Thronfolgers beschreibt, gestalten sich als kurzweilige Lektüre.
Die in einen stimmigen Handlungsrahmen gekleideten Gefühlsschwankungen der jugendlichen
Protagonistin schließlich bleiben in jedem Moment nachvollziehbar.
Elisabeth Schögler
Belletristik
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Schicksale
Archer, Jeffrey: Der gefälschte
König
Dahl, Sophie: Die Spiele der
Erwachsenen
Aus dem Englischen übers.
München: Scherz 2008. 239 S., € 18,40
Aus dem Englischen übers.
Berlin: Bloomsbery 2008. 299 S., € 20,50
Jeffrey Archer, vom Beginn seiner Karriere
an von der Literaturkritik verrissen, von
seiner in die Millionen gehenden Fangemeinde nichtsdestotrotz unbeirrbar als
einer der weltbesten Geschichtenschreiber
verehrt, hat einmal mehr seine Steherqualitäten unter Beweis gestellt und einen
zweijährigen Gefängnisaufenthalt zu einem neuerlich veritablen und wohl höchst
einträglichen Erfolg umgemünzt.
Die Kurzgeschichtensammlung basiert
nach seiner eigenen Aussage auf Erzählungen von Mitgefangenen. Jede einzelne der
insgesamt neun Geschichten soll, wenn
auch frei ausgeschmückt, auf Fakten beruhen. Das zu glauben, fällt einem bei der einen oder anderen Story schwer, was aber
daran liegen mag, dass es einem unbescholtenen Bürger für gewöhnlich an krimineller Fantasie mangelt. Gerade davon wiederum scheinen Archers Häfenbrüder mehr
besessen zu haben, als die Polizei erlaubt.
Daher dürfen sie sich nun über die literarische Würdigung ihrer Gerissenheit durch
den Gerissensten unter ihnen freuen.
Einige der solchermaßen Geadelten
haben mit ihren ausgefeilten Plänen zumindest vorübergehend Erfolg, andere setzen von vornherein aufs falsche Pferd.
Dass auch der genialste Mordplan schiefgehen kann, zeigt die Geschichte vom
schlauen Manager, der seine Angetraute
mit gesundheitlich bedenklichem St. Petersburger Leitungswasser ins Jenseits zu
befördern trachtet. Seinem Ruf als weltbester lebender Kurzgeschichten-Schreiber
wird Archer mit diesen Stories nicht gerecht. Sie sind originell, aber ihre literarische Qualität ist fragwürdig. Die treue LeserInnenschaft des bunten Hundes Jeffrey
Archer wird dagegen wohl von einem weiteren großen Wurf des Meisters schwärmen. Und was Literaturkritik meint, ist
Lord Archer sowieso egal. Er sieht sich als
Neid-Opfer und beantwortet die zum Teil
hämische Kritik an seinen literarischen
Ambitionen mit großzügigen Spenden für
wohltätige Zwecke. Ein Schelm, wer dahinter ein schlechtes Gewissen vermutet.
Franz Plöckinger
Marina, eine überaus schöne Frau, ist erst
16, als sie ihre Tochter Kitty zur Welt
bringt. Kittys Vater, ein reicher, aber verheirateter Mann, versorgt Mutter und Tochter
mit viel Geld. Kitty bekommt ihn nie zu sehen und wächst bei den Eltern ihrer Mutter
auf, bis sie zwölf Jahre alt ist. Dann folgt
eine Katastrophe der anderen: Marina verfällt einem Guru und gibt Kitty ins Internat.
Später nimmt sie sie zu sich und dem Guru
in die USA, der die beiden bald zurückschickt. In England entfremdet sich Kitty
immer mehr von ihrer Mutter, gerät in
Kontakt mit Alkohol und Rauschgift, nächtelange Besuche in Lokalen häufen sich.
Mit 15 geht sie zum ersten Mal mit einem
Jungen ins Bett. Marina verliert allen Einfluss auf Kitty, ist selbst drogensüchtig. Da
begreift Kitty, dass sie weg muss ...
Jahre später lebt sie verheiratet in New
York und erwartet ein Baby. Da erfährt sie,
Marina sei nach einem Selbstmordversuch
in eine Nervenklinik eingeliefert worden.
Kitty trifft die Mutter am Krankenbett, erkennt ihre Liebe und verzeiht ihr. Statt eigentlicher Handlung gibt es eher drastische Milieuschilderungen; kein angenehm
zu lesendes Buch.
Dorothea Schadauer
Fatah, Sherko: Das dunkle Schiff
Salzburg: Jung u. Jung 2008. 440 S., € 22
Das dunkle Schiff erzählt die Geschichte
des jungen Kurden Kerim aus dem Nordirak, dessen alevitische Familie eine Gaststätte betreibt. Als sein Vater durch einen
absichtlich herbeigeführten Verkehrsunfall
getötet wird – die Kurden leiden nicht nur
unter dem Regime von Saddam, sondern
sind auch untereinander religiös zerstritten
– muss er die Verantwortung für den Familienbetrieb übernehmen. Bei einer Versorgungsfahrt werden der junge Mann und
sein Auto von einer militanten Gruppe entführt, bei der er sich vom Gefangenen zum
Gefolgsmann wandelt. Er möchte aber weder zum brutalen Mörder noch zum
Selbstmordattentäter werden. Daher flieht
er und entkommt als blinder Passagier auf
einem „dunklen Schiff“ zu seinem Onkel
nach Deutschland. Dort muss sich Kerim
in einer fremden Kultur zurechtfinden und
sich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen, die als erlebtes Trauma schubweise
wiederkehrt. Er driftet in eine Parallelgesellschaft ab, wo er seinem Schicksal nicht
entkommen kann.
Am Beispiel einer Lebensgeschichte
zeigt der Autor verschiedenen Formen von
Extremismus auf, wie er verführt und wie
man ihm ausgeliefert bleibt. Ein fundiert
politischer und mit abenteuerlichen Elementen gespickter Roman, der sich überzeugend auf die reflektierende Perspektive
des Protagonisten stützt.
Renate Zeller
Rasker, Maya: Wenn du eine
Landschaft wärst
Aus dem Niederländischen übers.
München: Luchterhand 2008. 283 S.,
€ 20,60
Der Amsterdamer Geologe Abel lebt auf
einem Berg in den spanischen Pyrenäen.
Hier fühlt er sich frei und ungebunden.
Seine wissenschaftliche Karriere hat er
aufgegeben. Hin und wieder kommen
Gruppen von Studenten, die er durch die
Landschaft führt. In so einer Gruppe begegnet er der jungen Geologin Xenia. Abel
fühlt sich von der herben Frau angezogen.
Xenia bleibt bei ihm in seinem abgelegenen Haus auf dem Berg. Da überrascht die
beiden ein Wetterumschwung. Mit knapper Not und schwer verletzt entkommen
sie einer Lawine und erreichen getrennt
das Tal. Jahre später begegnen sie sich in
Amsterdam zufällig wieder. Ihre Beziehung flammt erneut auf. Abel erfährt von
der Existenz seines Sohnes Max. Das stürzt
ihn in eine tiefe Krise ...
Wenn du eine Landschaft wärst ist ein
vielschichtiger Roman mit sorgfältig gezeichneten Charakteren. Die Autorin erzählt in klarer, eindringlicher Sprache.
Endgültige Antworten zu den großen Lebensthemen gibt es nicht. Hier steht am
Ende ein schönes Zusammenfinden. Beeindruckend sind die Schilderungen der
herben Landschaft der Pyrenäen und seiner Bewohner.
Maria Hammerschmid
Belletristik
Schicksale
Sendker, Jan-Philipp: Das Flüstern
der Schatten
München: Karl Blessing 2007. 446 S.,
€ 20,60
Der 50-jährige Deutsch-Amerikaner Paul
lebt seit mehr als 30 Jahren in China. Nach
dem Tod seines Sohnes Justin und der
nachfolgenden Scheidung von seiner Ehefrau zieht er sich aus der Gesellschaft zurück. Er vertauscht die schillernde Kulisse
von Hongkong mit einer beschaulichen
Insel, wo er sich dem Gärtnern, Meditieren
und den Erinnerungen an Justin hingibt.
Nur zwei Menschen gelingt es, sein
Eremitendasein zu durchbrechen: Christine Wu, eine schöne und intelligente Frau,
deren Annäherungsversuche er nur zögernd erwidert, und Kommissar David
Zhang, ein scheuer Mann, der ein Bündel
Erinnerungen aus seiner Jugendzeit in der
Roten Armee mit sich schleppt. Pauls beschauliches Leben findet ein Ende, als eine
reiche Amerikanerin ihn bittet, ihr bei der
Suche nach ihrem verschwundenen Sohn
zu helfen. Paul gerät so in einen scheinbar
aussichtslosen Kampf gegen brutale Mafiabosse und korrupte Polizisten. Obgleich er
den letzten Halt zu verlieren droht, öffnet
sich ihm auch das Tor zu einem neuen,
selbstbestimmten Leben.
Dem Autor, der jahrelang als Asien-
19
korrespondent tätig war, gelingt es dank
seiner Chinaerfahrung, das Alltagsleben
Chinas und Hongkongs detailgetreu zu
vermitteln. Daneben schildert er, eingebunden in einen Kriminalfall, das psychologisch feinsinnig dargelegte Schicksal
dreier Menschen, die einander auf vielfältige Weise verbunden und an einem Wendepunkt ihres Lebens abgekommen sind.
Irene Minainyo
Winton, Tim: Atem
Aus dem austral. Englisch übers.
München: Luchterhand 2008. 235 S.,
€ 17,50
Tim Winton gehört zu den erfolgreichsten
und produktivsten Schriftstellern Australiens. Für seine Arbeit als Autor von Romanen, Kurzgeschichten und Essays, fürs
Fernsehen und Bühne adaptierten Romanversionen sowie Kinderbüchern wurde er
mehrfach ausgezeichnet.
In Atem wählt er einen sehr offenen,
nicht wertenden Zugang zu einem „Problem-Thema“. Die beiden Freunde Bruce
und Loonie waren schon als Kinder die
schwarzen Schafe ihres kleinen Ortes in
Westaustralien. Das ändert sich auch
nicht, als die beiden Halbwüchsigen das
Surfen als Ventil für ihre überschüssigen
Energien entdecken.
Waren es zuerst nur kleine Wetten,
zum Beispiel wer länger unter Wasser die
Luft anhalten konnte, so kommt mit dem
Wellenreiten ein neuer Faktor zum eh
schon wetteifernden Jugendverhalten dazu
– der Kick. Mit dem Surfen finden die beiden auch die Passion ihres Lebens; hier
können sie ihre Sucht nach Grenzen erweiternden Gefahrensituationen und der
süchtig machenden Hormonausschüttung
des Kleinhirnes umfassend befriedigen.
Der Sport bzw. ihr Konkurrenzverhalten macht die Freunde allerdings langsam
zu erbitterten Feinden und das „off board“.
Auslöser ist der Kampf um die Gunst eines
älteren Surfers, welcher zuerst beide unter
seine Fittiche nehmen will, dann aber nur
einen der beiden fördert. Als nur Loonie
protegiert wird und mit dem Surf-Guru um
die Welt reist, beginnt Bruce mit dessen
Frau ein Verhältnis, welches das Ende einer
Ära für alle Beteiligten einläutet.
Überzeugend schildert Winton, wie
man als anfälliger Charakter in ein Abhängigkeitsverhältnis rutschen kann – und
wie die „Coolness“ einer alternativen Lebensplanung irgendwann auch die Niederungen des betreffenden Lebensstils – Surftrips werden durch Drogenschmuggel finanziert – berührt.
Hermann Gamauf
Hansen, Erik Fosnes: Das Löwenmädchen
Köln: Kiepenheuer & Witsch 2008. 395 S., € 20,60
Mit Das Löwenmädchen führt der in New York geborene Norweger Erik Fosnes Hansen auf drastische Weise vor Augen, wie
unsere Gesellschaft mit Außenseitern umgeht. In einer kalten Dezembernacht im Jahre 1912 kommt in einem Dorf in
Norwegen ein Kind zu Welt. Die Mutter stirbt bei der Geburt und der Vater möchte anfangs nichts mit dem Säugling zu tun
haben, zumal das Mädchen über und über mit hellem, seidigem Haar bedeckt ist. Ein seltener Gendefekt ist Schuld an Evas
Behaarung. Sie wird Zeit ihres Lebens damit leben müssen. Hausarzt und Apothekersgattin
helfen dem verbitterten Witwer. Doch vor der Öffentlichkeit wird das Kind versteckt – was
natürlich zu Spekulationen im Ort führt.
Abgeschottet von der Außenwelt erschafft sich das kleine Mädchen seine eigene Phantasiewelt. Evas einziger Vertrauter ist ein Funker, der ihr das Morsen beibringt und sie dadurch
aus der Enge ihres Zimmers befreit.
Mit dem Eintritt in die Schule verändert sich Evas Leben, die anderen Kinder stoßen und
verspotten sie, für die Wissenschaft ist sie ein interessantes Schauobjekt, das schamlos ausgenützt wird. Als heranwachsende junge Frau hat sie Gefühle wie jeder Teenager. Doch es
kommt der Zeitpunkt, da muss sich Eva entscheiden, ob sie ihr Leben als Außenseiterin in
der Dorfgemeinschaft weiter führen oder sich einer Truppe anschließen will, die „menschliche Kuriositäten“ zur Schau stellt ...
Ein kluger und trauriger Roman über „Normalität“ und „Abartigkeit“ – in schönen Bildern
erzählt.
Gabi Stolba
20
Kinder- und Jugendliteratur
Kinderbuch
Baccalario, Pierdomenico: Die Tür
zur Zeit
Ill. v. Iacopo Bruno
Münster: Coppenrath 2008. 201 S., € 13,30
Das Buch beginnt damit, dass ein Mitarbeiter des Verlags in einer E-Mail ans Lektorat darüber berichtet, wie er an die geheimnisvollen Manuskripte für das vorliegende Buch gekommen ist – womit die LeserInnen auch schon mitten in der Geschichte um das Geheimnis von Ulysses
Moore stecken.
Moore war der Besitzer der mysteriösen Villa, welche die Familie Convenant zu
beziehen im Begriff ist. In Abwesenheit der
Eltern erkunden deren Zwillinge Julia und
Jason mit einem Nachbarjungen die Umgebung. Zufällig stoßen sie dabei auf ein
Kästchen mit Tonkugeln und ein Pergament, welches sie mit einem Rätsel konfrontiert. Beim Versuch, das Rätsel zu lösen, stoßen sie auf einen Abholschein für
ein Paket, dessen Inhalt ihnen ein unglaubliches Abenteuer eröffnet.
Schnell gelingt es dem Autor, die LeserInnen an seine Hauptfiguren, die mit
viel Intelligenz und Scharfsinn die zahlreichen Rätsel lösen, heranzuführen. Stimmige und lebendige Dialoge sorgen für einen
entspannten Lesefluss und treiben die
Handlung zügig voran. Lediglich das abrupte Ende könnte die mitfiebernden LeserInnen zunächst etwas verwundern.
Doch dies ist nur der erste Band einer
Abenteuerreihe, deren Basis und Rahmen
hier etabliert wird.
Besondere Erwähnung verdienen die
grandiosen Illustrationen von Iacopo Bruno, die die Geschichte noch spannender
machen und den Dokumentationscharakter der Rahmenhandlung unterstreichen.
Ab 9 Jahren
Eva Oberleitner
Baltscheit, Martin: Keine
Kuscheltiere für Johanna
Ill. v. Marion Goedelt
Berlin: Tulipan 2008. 41 S., € 8,20
Johanna hat viele Kuscheltiere und Spielsachen. An sich eine feine Sache; das
Problem ist nur, dass sie morgen sieben
Jahre alt wird und mit Kuscheltierzuwachs
rechnen darf. Was tun? Wohin mit den Tie-
ren? Wen entbehren? Wer geht freiwillig?
„Ich nicht! Ich nicht!“ rufen Gummienten,
Flummis, Barbiepuppen. Die Idee, ein
paar Kuschelfreundinnen an Cousine Cornelia abzugeben, löst Panik aus. Hat diese
doch einige in der Klomuschel gewaschen
und beinahe versenkt. Eine gemütliche Kiste im Keller? Auch dieser Vorschlag trifft
auf wenig Gegenliebe. Da – die zündende Idee: Afrika. Das Land, in dem viele
Kinder kein Spielzeug haben und jedes
Tier die Möglichkeit bekommt, das Lieblingsspielzeug zu werden. Dass nun aber
alle auswandern wollen, begeistert Johanna wenig ...
Die Erstlesebücher des Tulipan Verlages heben sich angenehm von der Massenware ab. Ein Problem, das der Verlag noch
lösen muss, ist der fehlende Flattersatz, der
Lesen lernenden Kindern diese Aufgabe erleichtert. Dennoch: Man kann zu dieser
Reihe nur gratulieren, in der namhafte
preisgekrönte AutorInnen – wie Martin
Baltscheit mit diesem lustigen, Fantasie anregenden Buch – für Qualität bürgen.
Ab 7 Jahren
Martina Adelsberger
Frey, Jana: Fridolin XXL
Wien: Ueberreuter 2008. 144 S., € 9,95
Mister Speck, Monster-ET, Fettkugel – das
sind nur die harmloseren Namen, mit denen Fridolin sich abfinden muss. Dazu
kommt, dass er, soeben umgezogen, nicht
einen einzigen Freund in seiner neuen
Klasse hat. Fridos Glück ist, dass er in einer
liebevollen, ein wenig chaotischen, zudem
leider durchwegs übergewichtigen Familie
lebt. Aber da gibt es noch eine Außenseiterin in seiner Klasse, die rothaarige, zaundürre, ein wenig seltsame Tiffany. Es gelingt
ihr, den verschüchterten Buben ein wenig
aus der Reserve zu locken. Aber sie scheint
ein Geheimnis mit sich herum zu tragen,
das sich allerdings mit gesünderem Essen
und mehr Bewegung nicht lösen lässt. Die
beiden freunden sich an, ergänzen einander und können gemeinsam ohne Zutun
der Erwachsenen ihre Probleme lösen.
Jana Frey erzählt von einer Kindheit, in
der sich die Rollen mitunter umkehren und
Eltern von ihren Kindern „erzogen” werden. Ohne pädagogischen Impetus schickt
sie einen sympathischen Hauptdarsteller
ins Geschehen, aus dessen Sicht wir der
Erzählung folgen. Erlebte Rede und Ich-Erzählung lassen uns teilhaben an einer Entwicklung, an deren offenem Ende Frido
sein Schneckenhaus verlassen hat, aktiv
und selbstständig handelt, dabei ganz nebenbei auch noch ein paar Kilo verliert.
Obwohl das Buch um problemlastige
Themen kreist – Mobbing, Ausgrenzung,
Trennung der Eltern, Einsamkeit, kindliche
Überforderung u. a. – bleibt die Autorin
bei ihren jugendlichen LeserInnen, indem
sie kindliche Solidarität der einigermaßen
unheilen Welt gegenüberstellt. Entlastend
wirkt der Humor, denn es ist ein lustiges
Buch mit originellen Figuren. Fridolin XXL
bietet weit mehr als eine gelungene Auseinandersetzung mit dem bei Kindern bedauerlicher Weise sehr aktuellen Thema
Essstörung.
Viktoria Zwicker
Oram, Hiawyn: Hilfe, meine Hexe
lernt Ballett!
Ill v. Sarah Wartburton
München: arsEdition 2008. 96 S., € 7,95
Der Hexenkater Rumblewick ruft um
Hilfe: Seine Hexe Sisina legt nämlich ein
total „unhexisches Verhalten“ an den Tag;
und jetzt möchte sie plötzlich auch noch
Balletttanzen lernen. Das Problem dabei
ist, dass Kater „Rumble“ vertraglich an seine Hexe gebunden ist und es zu seinen
Aufgaben gehört, dafür zu sorgen, dass
„Sissi“ eine echte Hexe wird.
All dies erfahren wir durch die Tagebuchaufzeichnungen des Katers, welche
die Hexe ihm entwendet und an den Verlag geschickt hat.
Witzig gestaltet, wird uns hier eine originelle Geschichte präsentiert. Das Layout
– eine tagebuchähnliche Gestaltung des
Textes – soll Authentizität vermitteln. Die
Verwendung verschiedener Schriftgrößen
und die originellen Schwarz-weiß-Zeichnungen tragen dazu bei, die temporeiche
Erzählung und die chaotische Situation in
der sich der Hexenkater befindet, lebendig
zu übermitteln. Am Ende des Buches findet
sich noch ein Glossar über ballettbezogene Fachausdrücke und ein Guide über
richtiges Hexenverhalten.
Ab 8 Jahren
Angelika Weiß
Kinder- und Jugendliteratur
21
Kinderbuch
Prinzessin gesucht! Die schönsten
Feen-, Elfen- und Prinzessinnengeschichten
Ill. v. Tizia Hula
Wien: G & G 2007. 111 S., € 19,95
Ein Sammelband, auf dessen Einband sich
so namhafte AutorInnen wie Friedl Hofbauer, Heinz Janisch, Käthe Recheis, Edith
Schreiber-Wicke und Martin Auer tummeln, setzt die Latte bereits hoch an –
umso mehr überrascht es, dass Prinzessin
gesucht diese noch übertreffen kann.
Vor allem die originellen Ideen, die den
insgesamt 22 Geschichten bzw. Gedichten
zugrunde liegen, lassen Prinzessin gesucht!
aus der Masse an Büchern zum Thema herausstechen. So zum Beispiel die Geschichte von zwei Prinzessinnen, die in der Ho-
sentasche eines kleinen Jungen leben und
dort einen ziemlichen Kampf gegen Krümel, Taschentuchreste etc. ausfechten müssen, bevor ihr „Palast” glanzvoll genug für
den von ihnen geplanten Hofball ist.
Auch die Kombination von klassischen
Märchenelementen und dem Alltag heutiger Kinder sorgt für reichlich Abwechslung
im Reich der Prinzessinnen. Ebenso spannend und unterhaltsam sind aber auch
Geschichten von faulen, Schluckauf-geplagten oder auch mal zornig vor sich hin
schimpfenden Elfen und Feen – mit denen
sich kleine Kinder leichter identifizieren
können als mit den zauberhaften und tadellosen Fabelwesen von einst.
Zum Leben erwecken all diese Geschichten die farbenfrohen Illustrationen
von Tizia Hula, die sich – von klein bis sei-
tenfüllend – auf beinahe jedem Blatt finden. Sie geben den ganz eigenen Zauber
der kleinen Phantasiegestalten wieder und
vermitteln eine ebenso fröhliche wie märchenhafte Atmosphäre.
Geübtere LeserInnen werden mit der
großen Schrift, der einfachen Sprache und
den kurzen, gut überschaubaren Geschichten keine großen Schwierigkeiten
haben, wegen seines Bilderreichtums ist
das Buch aber auch zum Vorlesen bestens
geeignet. Die tolle Aufmachung und die
leicht zu lesenden Geschichten tun sicher
ein übriges, damit das Buch kein Regalhüter wird.
Ab 4 Jahren
Angelika Wimmer
Rusch, Regina: Nicht mit Timo!
München: Omnibus 2007. 187 S., € 6,20
Hof, Marjolijn: Tote Maus für Papas Leben
Aus dem Niederländischen übers.
Berlin: Berlin-Verlag 2008. 103 S., € 10,20
Kikis Vater ist Arzt. Immer wieder geht er in die Krisengebiete dieser Welt, um
den Menschen vor Ort zu helfen. Seine Familie hat große Angst um ihn, da helfen auch seine beschwichtigenden Geschichten nichts. Viel mehr kann Kiki da
den Erklärungen der Mutter abgewinnen, dass alles im Leben von Wahrscheinlichkeiten abhängt. Kiki kennt nur ein Kind, dessen Vater gestorben ist. Sie kennt
einige Kinder, die den Verlust von Haustieren zu beklagen haben – und sie
kennt kein Kind, das schon ein Tier und den Vater verloren hat. Also wünscht
sich Kiki eine Maus. Allerdings begeht sie den Fehler, der Maus einen Namen zu
geben und „Piep“ wächst ihr im Laufe weniger Tage ans Herz. 2. Versuch: Sie besorgt sich in der Zoohandlung eine kranke Maus. Kaum ein paar Stunden alt,
stirbt die Maus tatsächlich. Kiki beerdigt die Maus mit ihrer Freundin Marie im
Garten. „Ich traute mich nicht zu erzählen, dass ich froh war. Froh, dass ich nun
ein Mädchen mit einer toten Maus war. Es gab jede Menge Mädchen mit toten
Mäusen. Aber es gab wenige Mädchen mit einer toten Maus und einem toten
Vater. Ich hatte die Wahrscheinlichkeit etwas kleiner gemacht.“ Als der Vater im
Kriegsgebiet vermisst wird, reift in Kiki die Überzeugung, dass nun auch noch
ein toter Hund her muss, um die Wahrscheinlichkeit noch weiter zu ihren Gunsten zu verschieben. Also muss der altersschwache
Hund der Familie herhalten und wird fast zum Opfer
von Kikis „Wahrscheinlichkeits-Wahn“ …
Konsequent aus Kikis Sicht und in einfacher, jedoch
eindringlicher Sprache erzählt Marjolijn Hof in ihrem
mehrfach preisgekrönten Buch eine Geschichte, die
nahe geht, ohne jemals kitschig zu werden. Wir werden ZeugInnen einer haarsträubend knappen Situation, die Kikis Verzweiflung angesichts ihrer lähmenden Ohnmacht überdeutlich macht. Ohne zu verharmlosen, führt Hof die Geschichte schließlich sogar zu einem versöhnlichen und erleichternden Ende.
Ab 9 Jahren
Beate Wegerer
Eigentlich sind „Neue“ in einer Klasse
meist schüchtern und kleinlaut. Doch Artur, der Neue in Timos Klasse, ist ganz anders. Er schlägt gleich zu, wenn ihm etwas
nicht passt, droht permanent mit Gewalt,
beleidigt und demütigt seine Mitschüler
und lügt Lehrern und Eltern unverschämt
ins Gesicht. Leider hat er gerade Timo als
Hauptopfer auserkoren. Timo fühlt sich
hilflos, denn weder seine Mutter, noch das
Lehrerteam stehen auf seiner Seite. Erst mit
Hilfe des neuen Sportlehrers und seinen
Freunden Mona und Basti gelingt es Timo,
aus der Spirale von Angst und Gewalt
auszubrechen. Er begreift langsam, dass er
selbst Grenzen setzen muss. Dabei findet
Timo heraus, dass Artur eigentlich der
Leidende ist. Artur hat einen gewalttätigen,
überstrengen Vater und ist durch die vielen
berufsbedingten Umzüge total frustriert.
Regina Rusch, die bereits in Johanna,
wir sind stark! das Thema Gewalt verarbeitet hat, beschreibt in diesem packenden Jugendroman das Phänomen verhaltensauffälliger Außenseiter, die ihre Umgebung
tyrannisieren, weil sie selbst Opfer ihrer
Lebensumstände sind.
Da Gewalt immer mehr den Schulalltag bestimmt, können Bücher wie dieses
einen wertvollen Beitrag zu einer differenzierten Auseinandersetzung mit dem Thema leisten – und daher auch LehrerInnen
als Klassenlektüre empfohlen werden.
Ab 10 Jahren
Katharina Landrichter
22
Schirneck Hubert: Die grüne
Nudelsuppe spielt Geige. Die
sonderbaren Erlebnisse des Langen
und seiner Freunde
Ill. v. Helga Bansch
Wien: Jungbrunnen 2008. 88 S., € 12,90
In 12 kurzen Geschichten wird flott von
dem Freundeskleeblatt und ihren täglichen
Problemen berichtet. Ständig passiert dem
„Langen“ etwas und er braucht dann dringend die Hilfe seiner Freunde. Zuerst ruft er
den Kurzen an, der gibt dann dem Breiten
Bescheid, der wiederum dem Schmalen
und der Schmale seinem Häschen. Schließlich treffen dann alle außer dem Häschen
zusammen und versuchen gemeinsam, das
anstehende Problem zu lösen. Einmal ist es
die ganz plötzlich verschwundene gute
Laune des Langen, dann ist es der Wunderdünger, der einen Dschungel aus dem Garten des Langen macht – und die häufige
Langeweile aller Freunde wird durch den
Bau einer Langeweilevertreibungsmaschine ad absurdum geführt.
Die Sprache dieses von Helga Bansch
ansprechend illustrierten Buches ist bestens
für LeseanfängerInnen geeignet: kurze Sätze, viel direkte Rede. Jede Geschichte hat
Dynamik, Spaß, Witz und immer wieder
überraschende Wendungen. Die grüne Nudelsuppe spielt Geige entstand ursprünglich für die deutsche Radiosendereihe
„Ohrenbär“ und eignet sich zum Selberlesen ebenso wie zum Vorlesen. Auch bei
Gruppenanimationen sind die kurzen Geschichten gut einsetzbar.
Karin Kiraly
Wendt, Albert: Betti Kettenhemd
Wien: Jungbrunnen 2008. 120 S., € 13,90
Dieses Buch erzählt von einem ganz und
gar wilden Mädchen. Doch was heißt wild?
Sie lebt für sich, ist nicht eingebettet in ein
familiäres Umfeld, nur begleitet von ihren
treuesten Freunden, einem riesigen Hund
und einem Rebhuhn. Sie unterwirft sich
keiner wie immer gearteten Ordnung oder
Konvention, sprengt jedes „normale“ Leben. Eines Tages hat sie wirklich Fesseln gesprengt, sie hat ihren Hund von seiner
schweren Kette befreit, die er nach seinem
Ausbruch als Kettenhund mit sich herumgeschleift hat. Damals hat sie ihre bodenlose Angst vor dem Hund und überhaupt vor
allem überwunden, seither trägt sie die Ket-
Kinderbuch
te wie ein Symbol der Befreiung und des
Schutzes um ihren Körper gewickelt.
Rund um dieses unbezähmbare Mädchen sind verschiedene Figuren gruppiert,
die aus Bettis demonstrativer Freiheit Freude für sich selbst schöpfen oder an der vermeintlichen Unordnung verzweifeln. Auch
der Erzähler der Geschichte ist ein Beobachter aus Bettis unmittelbarer Umgebung. Seine wunderbare ungewöhnliche
Sprache, die mit Klängen, neuen Worten,
unkonventionellen Formulierungen und
eingestreuten Gedichten arbeitet, macht
die Ungewöhnlichkeit des Mädchens sichtund greifbar, obwohl die Geschichte kaum
eine zielgerichtete Handlung erzählt. Nein,
es passiert doch etwas: Bettis Hund wird
durch einen Duft verführt und gerät in Ge-
Kinder- und Jugendliteratur
fahr. Aber wie das Glück auf Umwegen
wieder zurückkommt, erzählt mehr über
das Leben als jede konkrete, realistische
Erzählung. In ihrer Sprache und ihrem Inhalt ist diese Geschichte ein wenig verrückt, ein wenig phantastisch und besingt
den zarten, humorvollen Umgang aller
Geschöpfe miteinander. Auch äußerlich
bieten neben den Text hineinkomponierte
Schwarzweißillustrationen ein abwechslungsreiches und ungewohntes Bild.
Eine ungewöhnliche Erzählung mit
Lust am Spiel mit der Sprache, die nicht
schwierig, aber ungewohnt ist und beim
Lesen sowohl Phantasie verlangt als auch
in hohem Maße freisetzt.
Ab 10 Jahren
Veronika Freytag
Tan, Shaun: Geschichten aus der Vorstadt des Universums
Aus dem Englischen übers.
Hamburg: Carlsen 2008. 92 S., € 20,50
„Als ich noch klein war, lebte auf dem leeren Grundstück am Ende unserer Straße, dem mit dem Gras, das nie gemäht wurde, ein großer Wasserbüffel. Meistens
schlief er und ignorierte jeden, der vorbeiging, außer wenn wir mal stehen blieben und ihn um Rat fragten.“ Mit diesen Sätzen entführt Shaun Tan seine LeserInnen in eine phantastische Welt, die gebündelt unter dem Titel Geschichten aus
der Vorstadt des Universums zweifelsohne zum Besten zählt, was die Saison zu
bieten hat. 15 verschiedene Geschichten erzählen von den kleinen und großen
Wundern der Phantasie und des Lebens: Da begegnet man kleinen Außerirdischen mit Wohlfühlcharakter, einem der seltensten Säugetiere, dem Dugong,
phantastischen Monstern, bunt bemalten Interkontinentalraketen oder einer
Dienstagslesegruppe, die sich jede Bibliothek nur wünschen kann – und um jede
dieser facettenreich dargestellten Figuren entspinnt sich eine Geschichte, die poetisch und leichtfüßig den Zauber von Literatur einfängt. Aber nicht nur sprachlich
– auch formal besticht der in jeder Hinsicht außergewöhnliche Geschichtenband.
Shaun Tan erzählt in Worten und Bildern, jongliert mit Textpassagen und reinen
Bildelementen, beherrscht die Klaviatur des Schreibens und Illustrierens perfekt.
Da reihen sich farbintensive Doppelseiten an düstere Radierungen, Kurz- und
Kürzestgeschichten an epische Textpassagen, surrealistische Bilder an skizzenhafte
Sequenzen.
Geschichten aus der Vorstadt des Universums
nimmt einen mit auf eine faszinierende Reise,
die sich bereits über das haptisch ansprechend
geprägte Hardcover ankündigt, am akribisch detailreich gestalteten Vorsatzpapier ihren Fortgang
nimmt und im kreativ gestalteten Inhaltsverzeichnis ihren ersten Höhepunkt findet.
Ein wunderbares Buch, das sich nicht kategorisieren lässt und gerade deshalb ein unverwechselbares, ein magisches, ein spannendes
Leseerlebnis garantiert.
Ab 9 Jahren
Martina Rényi
Kinder- und Jugendliteratur
23
Jugendbuch
Babendererde, Antje: Die verborgene Seite des Mondes
Blackman Malorie: Himmel und
Hölle
Würzburg: Arena 2007. 311 S., € 15,40
Aus dem Englischen übers.
Köln: Boje 2008. 509 S., € 20,50
Als die 15-jährige Julia ihren von einem
betrunkenen Autofahrer getöten Vater verliert, bleibt für das verzweifelte Mädchen
nur eines: die Bilder von der Ranch in Nevada, wo ihr Vater aufgewachsen ist und
die er immer voller Sehnsucht gemalt hat.
Ihre indianischen Großeltern kennt Julia
nur aus seinen Erzählungen, denn sie haben sich jahrelang geweigert, ihre deutsche Schwiegertochter und ihre Enkelin
kennen zu lernen. Aber nun sollen Julia
und ihre Mutter doch zur Verabschiedungszeremonie in die USA reisen. Was
die Besucherinnen aus Europa jedoch erwartet ist nicht ein idyllisches Ranchhaus,
sondern halbverfallene Hütten ohne Wasser und Strom und Schrotthaufen auf einem unwirtlichen, ausgedorrten Land und
glühendheißer Wüste. Repressionen gegen
die indianische Bevölkerung stehen an der
Tagesordnung.
Während Julia von ihrem tauben Großvater freundlich empfangen wird, ist die
Großmutter unhöflich und abweisend. Außerdem gibt es noch die erste Frau von Julias Vater mit ihren beiden Kindern, Julias
Halbgeschwistern, die Julia die Schuld geben, dass ihr Vater sie verlassen hat. Julias
Cousin Tommy ist wegen der vielen Atomtests in Nevada schwer behindert zur Welt
gekommen und lebt, von seiner Mutter verstoßen, bei den Großeltern. Aber Julia lernt
auch den Rancharbeiter Simon kennen, einen schweigsamen, menschenscheuen
jungen Mann, und die Liebesgeschichte
von Julias Vater John und ihrer Mutter
Hannah scheint sich zu wiederholen.
Die verborgene Seite des Mondes ist
bereits das 5. Jugendbuch der deutschen
Autorin, deren Interesse besonders dem Leben und der Situation der amerikanischen
UreinwohnerInnen gilt. Ihre einfühlsamen
Romane basieren auf intensiven Recherchen und Reisen in die USA. Ihre Geschichten verbinden auf ungewöhnliche Weise
deutsches Leben mit dem der Indianer, um
sich von einschlägigen Verklärungen und
Lagerfeuerromantik zu verabschieden und
zu zeigen, wie die US-Regierung mit den
Ureinwohnern ihres Landes umgeht.
Birgit Sajn
Himmel und Hölle ist eine dramatische
Liebesgeschichte wie Romeo und Julia
zum Thema Rassismus. Die Handlung ist
in einer utopischen Gesellschaft angesiedelt. Es gibt die herrschende Gruppe der
mächtigen und reichen Alphas und die
Gruppe der unterdrückten und armen Zeros. Persephone und Callum werden im
gleichen Haushalt groß und kennen einander vom Kleinkindalter an. Persephone ist
eine Alpha – die Tochter eines einflussreichen und mächtigen Politikers und
schwarz. Callum ist nur wenig älter und
der Sohn des Kindermädchens von Sephy
und weiß. Sephy und Callum haben nie
aufgehört, einander zu treffen und freundschaftlich miteinander umzugehen, egal
wie die Umwelt reagiert hat. Die Schule
wird zum Prüfstein für Callum, die Ereignisse überschlagen sich, eine Welle von
Gewalt und Schicksalsschlägen schwappt
über Sephy und Callum, die Freundschaft
zwischen den beiden wird schließlich zur
Liebe und mündet in einem tragischen Finale.
Für Spannung und individuelle Färbung sorgt der in jedem Kapitel dieses
leicht und flott lesbaren Buches stattfindende Wechsel der Ich-Erzählperspektive
zwischen Sephy und Callum.
Karin Kiraly
Bauer, Michael Gerard: Nennt mich nicht Ismael!
München: Hanser 2008. 300 S., € 13,30
Eltern sind oft ein Problem für ihre heranwachsenden Kinder. Besonders schlimm
ist es aber in einem Fall wie diesem: Da beide Elternteile Melville-Fans sind und
seine Mutter hochschwanger aussah wie ein Wal, nannten sie ihren Sohn Ismael.
Damit nicht genug: Sie halten die Geschichte nicht geheim, sondern erzählen sie
bei jeder sich bietenden Gelegenheit, auch Menschen, die gar nicht daran interessiert sind.
Mitschüler sind auch oft ein Problem für Heranwachsende, vor allem solche, die
ihre blöden Witze über die Namen anderer reißen und im Fall, dass das seine
Wirkung verfehlt, auch noch ihre körperliche Überlegenheit ausnützen.
Ismael hat mit beiden Problemen zu kämpfen – und seine Taktik besteht darin,
sich unsichtbar zu machen. Da kommt ein neuer Schüler in seine Klasse, der das
geborene Opfer für die Klassenrowdys zu sein scheint. Doch dem ist nicht so. Obwohl mit allen Ticks gestraft, die man sich nur vorstellen kann, verschafft sich James Scobie Respekt. Er hat nämlich nach einer Gehirnoperation die Fähigkeit
Angst zu haben verloren. Und er wird Ismael ein guter Freund. Als James ihm vorschlägt, gemeinsam einem Debattierclub beizutreten und gegen andere Schulen
um die Wette zu debattieren, möchte Ismael lieber nicht, denn er ist zu schüchtern, um öffentlich zu sprechen. Schließlich aber
lässt er sich überreden und entdeckt, dass die
Macht der Worte ihm neue Wege eröffnet, und
dass er dadurch sogar mit seinen ärgsten Feinden
in der Schule besser zurechtkommt.
Auch wenn zu befürchten bleibt, dass geschliffene Sprache gegen Rowdys aller Art im Leben
nicht immer ein wirksames Mittel ist, so ist dieses
Buch jedenfalls ein Lesevergnügen für alle, die
Gefallen an Wortwitz haben. Was man allerdings
tut, wenn man klein oder schiach oder blad und
schmähstad ist, bleibt sowieso offen.
Ab 12 Jahren
Gerlinde Böhm
24
Budhos Marina: Es gibt uns doch!
Aus dem Amerikanischen
München: dtv. 2008. 201 S., € 6,20
„Mein Name ist Aisha Hossain. Ich bin
eine illegale Einwanderin.“ So beginnt die
Abschlussrede einer jungen Frau aus Bangladesh, die ob ihres ausgezeichneten schulischen Erfolgs, aber vor allem wegen ihrer
charismatischen Persönlichkeit auserwählt
wurde, die Collegeabgänger als Rednerin
zu vertreten. Mit einem Touristenvisum ist
ihre Familie in die USA eingereist und
dann einfach geblieben. Aisha ist sehr
„amerikanisch“ geworden. Sie plant die
Universität zu besuchen und hat eine
Menge Freunde und Förderer auf dem
College. Dann kommt der 11. September
und das Attentat verändert schlagartig die
Situation der „Unsichtbaren“. Durch die
verschärften Kontrollen fliehen viele der
Einwanderer nach Kanada und erhoffen
sich dort Asyl.
Mit der Autofahrt der Familie an die kanadische Grenze beginnt der Roman. Die
dramatische Wende tritt an der Grenze
ein, als der Vater verhaftet wird, die Mutter
vor Ort wartet und die Töchter alleine zurück nach New York fahren ...
Ein spannend geschriebener Roman,
der die Lebenssituation von MigrantInnen
sehr drastisch schildert und schonungslos
mitfühlen lässt, wie Betroffene Autorität
und Macht auf der einen, Hilflosigkeit und
Angst auf der anderen Seite erleben.
Ab 12 Jahren
Karin Kiraly
Fombelle, Timothée de: Ein Leben
in der Schwebe
Ill. v. François Place
Hildesheim: Gerstenberg 2008. 377 S.,
€ 16,40
Die Welt im Miniaturformat hat Saison. In
den Kinos sind es die Hus, die in einem
Staubkorn leben; im französischen Fantasy-Roman Ein Leben in der Schwebe sind
es die nur wenige Millimeter großen Menschen, die in einem Baum leben und sich
gar nicht vorstellen können, dass es außerhalb ihres Mikrokosmos noch eine andere
Welt geben könnte. Das heißt einer ist sich
sicher, dass es da draußen noch Artverwandte gibt: Der Wissenschaftler Sim Lolness. Zunächst wird er einfach nicht ernst
genommen, als er aber die Energiequelle
Jugendbuch
des Baumes entdeckt und auch herausfindet, wie sie für alltägliche Erleichterungen eingesetzt werden könnte, wird der
skrupellose Geschäftsmann Jo Mitch auf
ihn aufmerksam. Er aber ist entschlossen,
nur für das Wohl des Baumes zu forschen
und wird daher zunächst verbannt, dann
in Kerkerhaft genommen und zum Tode
verurteilt. Das selbe Los trifft seine Familie
– das sind seine Frau und der 13-jährige
Tobie Lolness.
Aus Tobies Perspektive wird die ganze
Geschichte erzählt, die mitten in der Verfolgungsjagd einsetzt, welche auf die Verhaftung seiner Eltern folgt. Der ganze
Baum, so scheint es, will den Verräter Tobie
fassen und so dauert es 200 Seiten, bis die
LeserInnen erklärt bekommen, was der ei-
Kinder- und Jugendliteratur
gentliche Grund seiner Flucht ist und warum keiner ihm helfen will.
Fombelle wechselt zwischen temporeichen Action-Szenen und der detailreichen,
durch die Illustrationen von François Place
bereicherten Schilderung des Lebens im
Baum. Es geht im Buch auch um Zivilcourage und ökologische Verantwortung – und
zwar stets innerhalb des Verständnishorizonts eines aufgeweckten Jugendlichen –,
die wesentlich zum Erhalt des Spannungsbogens beträgt. Ein Leben in der Schwebe
ist ein gelungener Abenteuerroman in
einem fantastischen Setting, in dem Grundfragen um Identität, Freundschaft und erste
Liebe ansprechend behandelt werden.
Ab 12 Jahren
Josef Mitschan
Hä?? Jugendsprache unplugged: Deutsch - Englisch - Spanisch Französisch - Italienisch
Berlin: Langenscheidt 2008. 144 S., € 3,10
Wer zufällig ein Gespräch unter Jugendlichen mithört, fragt sich zuweilen, ob das
überhaupt noch dieselbe Sprache ist, die er/sie selbst damals in der Schule gelernt
hat und nun als selbstverständlich ansieht und täglich ohne Probleme benutzt. Auf
jeden Fall verwundert es wenig, dass diese Frage dann meistens von einem verständnislosen „Hä??“ begleitet ist.
Dankenswerterweise hat Langenscheidt nun ein Wörterbuch herausgebracht, das
mehr als 450 Begriffe und Redewendungen des Jugend-Jargons von heute beinhaltet, im richtigen Zusammenhang erklärt und praktischerweise auch gleich ins
Hochdeutsche und vier weitere „Fremd“-Sprachen übersetzt. Die Ausdrücke wurden im Zuge eines groß angelegten (Internet-)Projektes von Schulklassen oder einzelnen Jugendlichen, also durchaus versierten Leuten vom „Fach“, gesammelt,
übersetzt und in der Praxis getestet. Herausgekommen ist ein nicht nur brauchbares, sondern auch durchwegs amüsantes Nachschlagewerk, bei dem man noch so
Einiges lernen kann. Wer von uns weiß schon, was man unter einem „Kreidekratzer“, einem „Fruppie“ oder einem „Geilomat“ versteht?
Manches sollte dabei nicht zu Ernst genommen werden, klingt es doch eher nach
einer lustigen Spontanerfindung als nach tatsächlich benutzem Jugend-Jargon. Die
meisten Wortbildungen allerdings zeugen von einem bemerkenswert kreativen Sprachempfinden
und linguistischer Fantasie.
Erstaunlicherweise stößt man beim Durchblättern
des 144-seitigen Werkes letztlich dann doch noch
auf ein paar auch bei Erwachsenen durchaus gebräuchliche Ausdrücke (z. B. „Krampfaderngeschwader“, „vorglühen“, „leimen“ etc.), wenn
auch häufig in einem etwas anderen Kontext.
Aber darüber ließe sich an anderer Stelle „nietzschen“. Righty right? Wer die Jugend also wirklich verstehen will, sollte sich dieses Buch schleunigst besorgen. Es lohnt sich, weil's „king“ ist.
Martina Lammel
Kinder- und Jugendliteratur
Jugendbuch
Mowll, Joshua. Operation Red
Jericho
Noonan, Michael: The December
Boys
Aus dem Englischen übers.
Hamburg: Cecilie Dressler Verlag 2008.
288 S., € 20,50
Frankfurt: Baumhaus 2007. 250 S., € 15,40
Mit Operation Red Jericho gelingt Joshua
Mowll gleich in seinem Debüt ein ganz
großer Wurf. Eine abenteuerliche Geschichte, die nicht nur durch das Abenteuer selbst, sondern auch durch die Details, die erörterten Erfindungen und die
Beweggründe der Beteiligten besticht.
Rebecca und Douglas MacKenzie,
Schwester und Bruder, gelangen 1920 von
Amerika kommend nach Schanghai zu ihrem Onkel. Die Eltern sind beide vermisst.
Der Onkel will ihnen zwar weiterhelfen,
doch muss er vieles, das zur Erklärung für
die Kinder dienen würde, im Verborgenen
halten, was wiederum die Kinder herausfordert, eigenständig und detektivisch zu
handeln. So entwickelt sich nicht nur ein
Katz- und Mausspiel zwischen den dreien;
auch die Geschichte selbst nimmt dadurch
Fahrt auf, die Geschwister stoßen auf immer neue Dinge, die ihnen zeigen, dass
ihre Eltern hinter einer Fassade noch ein
ganz anderes Leben führen ...
Was das Buch im Besonderen auszeichnet, ist seine Aufmachung: Eingeschobene Schiffspläne, Kurzbiographien,
Erklärungen von Erfindungen und ähnliches wirken so authentisch, dass man als
LeserIn nie sicher sein kann, inwieweit das
Berichtete Wirklichkeit oder Fiktion ist.
Geschickt operiert Mowll auf verschiedenen Ebenen – z. B. dient als Grundlage ein
Tagebuch Rebeccas, welches deren Enkel
nun der Öffentlichkeit zukommen lässt;
eine Fotografie dieses Tagebuchs ist im
Buch abgebildet. Das Tagebuch selbst befindet sich in einem Archiv und auch davon gibt es eine Fotografie. Was daran ist
nun wahr, was Fiktion? Wo hört die
Wirklichkeit auf? Wo fängt die Fiktion an?
Auch dramaturgisch und sprachlich gelingt dem Autor Einiges. Handlungsabläufe
sind atemberauend spannend in Szene gesetzt und mit wenigen Strichen lässt Mowll
fern aller Klischeebilder ein China von vor
90 Jahren erstehen. Unaufdringlich dient
es als Hintergrund, und ist dennoch immer
greif- und fühlbar.
Ein fulminantes Debüt – nicht nur für
junge Leserinnen und Leser.
Ab 12 Jahren
Thomas Jürgens
1. Eigentlich sollte die Beichte das Herz
oder die Seele erleichtern. 2. Eigentlich
hätten es nur schöne Sommerferien für ein
paar Knaben aus dem Waisenhaus sein sollen. Beides ist nicht eingetroffen.
Ad 1: Die Beichte führt dazu, dass Choker sich noch mieser fühlt. Ad 2: Es sind
schöne Sommerferien, aber genießen kann
sie keiner so richtig.
Die December Boys sind fünf Buben
aus dem Waisenhaus: Sparks, Fido, Misty,
Maps und Choker, aus dessen Perspektive
die Geschichte erzählt wird. Sie sind Jungen aus einem Waisenhaus, die die Sommerferien in einer Kleinstadt an der australischen Küste verbringen dürfen. Alles ist
fein, ein kleines Dorf, schrullige, aber
freundliche Dorfbewohner, und dann ist da
noch Teresa. Teresa, die Rad schlägt und ihnen die Schultern mit Sonnenschutz ein-
25
cremt. Teresa, die den tollsten Kerl der Welt
zum Mann hat und außerdem ist da auch
noch Sonne und Meer – bis zu dem Moment, als Choker ein Gespräch belauscht,
aus dem hervorgeht, dass das tollste Paar
(Teresa und der Furchtlose) in der Stadt und
überhaupt einen von ihnen vielleicht adoptieren würde.
Ein Priester legt Choker als Buße auf,
seine Freunde einzuweihen. Es entspinnt
sich ein Konkurrenzkampf zwischen den
Buben. Wer von ihnen schafft es, Teresa so
zu gefallen, dass ... ?
Diese Geschichte über die Korrumpierbarkeit und Verführbarkeit wird von Michael Noonan erbarmungslos, aber humorvoll bis ins letzte Detail ausgesponnen.
Auch wenn der Roman bereits 1963 erschienen ist und das Flair der 60er-Jahre
mitschwingt, hat die Geschichte nichts an
Aktualität und schon gar nichts an Charme
verloren.
Ab 12 Jahren
Gerlinde Böhm
Nelson, Blake: Paranoid Park
Weinheim: Beltz & Gelberg 2008. 178 S., € 13,30
„Paranoid Park. Da hat’s angefangen. Der Paranoid Park ist ein Skater Park im
Zentrum von Portland ... Da kommen die besten Skater hin ... Es gibt einen Haufen Gerüchte, zum Beispiel soll da mal ein Skinhead abgestochen worden sein
und so was. Daher sagen alle Paranoid Park.“
Der Ich-Erzähler, genannt „Skater“, geht mit einem Freund zum ersten Mal hin. Er
findet den illegalen Street-Park immens faszinierend, sodass er ein zweites Mal allein hingeht. Es ist ganz o. k. dort, auch die Straßenkinder sind freundlich; so
nimmt „Skater“ das Angebot an, auf einen Zug aufzuspringen. Er genießt diesen
Ausbruch aus seiner kleinen bürgerlichen Welt so lange, bis ein Wachmann auftaucht und versucht, sie vom Zug herunter zu holen. Als der Wachmann mit seinem
Schlagstock auf seinen neuen Freund „Schramme“ einprügelt, schlägt „Skater“ ihn
mit dem Skateboard nieder. Der Wachmann bleibt mit seiner Jacke an einem der
Waggons hängen und wird von den Rädern zerteilt. Wortlos flüchten sie. Doch für
„Skater“ beginnt der Albtraum erst. Hin und her gerissen zwischen Angst und
Schuldgefühlen zieht er sich immer mehr zurück. Nach
Monaten der Selbstzerfleischung folgt er dem Rat einer
Freundin und schreibt über das Geschehene in Briefen,
die er niemals abschicken wird.
Paranoid Park – inzwischen von Gus van Sant verfilmt –
beschreibt eindringlich, wie ein einziger Moment, eine
einzige Handlung ein Leben für immer verändert.
„Skater“, der eigentlich nur – wenn auch falsch – reagiert, gerät in eine Situation, der er nicht gewachsen ist.
Der Schluss bleibt offen – ob das Verbrechen, der Unfall aufgeklärt wird, ist sekundär.
Ab 13 Jahren
Gerlinde Böhm
26
Rahlens, Holly-Jane: Mein kleines
großes Leben
Reinbek: Rowohlt 2008. 272 S., € 12,95
New York City, Anfang der 60er-Jahre. Im
Vorwort warnt die Erzählerin, dass sie die
Wahrheit beim Erzählen ihrer Zeit als 13Jährige nicht mehr ganz zu treffen vermag.
Mögen die Details nicht stimmen, die
Empfindungen und das damalige Lebensgefühl waren genau so. Susie B. Sheinwald
schreibt im Jahr 2008 ihre Erinnerungen an
ihre Teenagerzeit auf: für ihre Tochter, die
derzeit 13 ist, ihre Schwester – obwohl
diese findet, dass das gar keine Memoiren
Jugendbuch
Kinder- und Jugendliteratur
sind, da die meisten Fakten nicht zutreffen
– und für sich selbst.
Pop, Pettycoat, Pompons, Cheerleadertum, beste Freundinnen und natürlich
Jungs – darum dreht sich fast alles in Susies
jungem Leben. Aber nur fast, denn da sind
noch die immer bedrohlicher werdenden
Unstimmigkeiten zwischen Susies Eltern
oder die Pfändungsklage oder der Klumpfuß, den sie in grässlich aussehende Schuhe zwängt. Dennoch verliert Susie zwei
Ziele nicht aus den Augen: Mitglied der
Basketball-Cheerleader-Mannschaft zu
werden und trotz aller Hindernisse den begehrtesten Jungen der Schule zu erobern.
Doch meistens kommt es anders – und ist
dann doch nicht schlimm.
Mein kleines, großes Leben kann zwar
Holly-Jane Rahlens bislang bestem Buch
Maximilian Minsky und ich nicht das Wasser reichen. Es ist aber dennoch ein kurzweiliges und spannendes Buch. Rahlens
rutscht mit ihrem sehr locker fabulierten
Text nicht ins Flapsige oder Schlampige
ab. Sie kratzt die Kurve, bevor es kitschig,
trivial oder oberflächlich wird. Sie hält bei
Laune, sodass man Susie am Ende des
Buch gern noch ein wenig begleitet hätte.
Ab 12 Jahren
Martina Adelsberger
Gefürchtet. Die Wahrheit über
berühmte & berüchtigte Menschen
Hough, Rich: Rette die Erde. Kleine
Taten – große Wirkung
Freiburg: Velber 2008. 108 S., € 14,30
Stuttgart: Kosmos 2008. 176 S., € 13,40
Die Reihe „Treff – Schülerwissen“ des Velber Verlages gibt es seit einigen Jahren und
ihre Themen sind vielfältig: ein Band über
Traumberufe, ein anderer über die Urzeit
oder etliche Tierbände.
Der aktuelle Band widmet sich Menschen, die aufgrund besonderer Taten oder
Ideen berühmt, berüchtigt oder gefürchtet
waren. Nach Kapiteln gegliedert präsentiert Gefürchtet Eroberer, Gangster und
Ganoven, Piraten und politische Attentäter.
Ein weiteres Kapitel beschreibt unter
dem Titel „Licht & Schatten“ ganz unterschiedliche Charaktere wie Alfred Nobel,
Rasputin und Heinrich VIII. Weiter geht es
mit Revolverhelden und Herrschern. Mit
Mördern, Betrügern, Fälschern und Spionen beschäftigen sich schließlich die letzten
zwei Kapitel.
Die Texte sind kurz und leicht verständlich und werden von einer großen Zahl farbiger Illustrationen und Fotografien hervorragend ergänzt. So entsteht eine ganz eigene Dynamik, die dazu beiträgt, lebendig
und spannend zu erklären, welche Taten
diese Menschen begangen, welche Ideen
sie entwickelt haben und was ihre Beweggründe dafür waren. Ein interessantes
Buch, das auch als Einstiegslektüre zum
Thema Geschichte geeignet ist.
Von 8 bis 10 Jahren
Ingrid Sieger
Rette die Erde motiviert in geschickter und
anregender Form zu umweltverträglichem
Handeln. Mit zahlreichen, großformatigen
Fotos und knappen und präzisen Erläuterungstexten sensibilisiert es für nahezu jeden Bereich des (jugendlichen) Alltagslebens – sei es das zu lange Duschen oder
gar ein exzessives Wannenbad, die übermäßige Nutzung der heute unvermeidlichen Unterhaltungselektronik mit ihren
verflixten Standby-Funktionen oder die
elektronische Nabelschnur, das inzwischen
beinahe zum Körperteil mutierte Handy.
Darüber hinaus werden auch Themen
wie Nahrungsmittelproduktion – verbunden mit den dadurch entstehenden gewaltigen Mengen an Transportenergie und
Schädlingsbekämpfungsmitteln, Energieerzeugung generell – Wohnungsbeheizung
oder Freizeitgestaltung und Fortbewegung
ohne allzu deutlich erhobenem Zeigefinger, aber doch nicht ohne die gebotene
Eindringlichkeit und Stringenz der Gedankenführung thematisiert.
Grundgedanke dieses Buches ist, dass
im Prinzip niemand zu jung ist, um die
Erde zu retten – oder zumindest einen
kleinen Beitrag zu leisten. Einen Wandel
im Bewusstsein vieler junger ErdenbürgerInnen können Bücher wie dieses allemal leisten.
Ab 10 Jahren
Erich Snobr
Kindersachbuch
Franco, Cathy: Wilder Westen
Ill. v. Baldanzi
Aus dem Französischen übers.
Köln: Fleurus 2008. 27 S., € 10,20
Mit vielen spannenden Szenebildern illustriert, gibt dieser Band vor allem visuell
Einblicke in die Geschichte Amerikas und
der Konflikte zwischen Indianern und den
europäischen Einwanderern, die zunächst
als Trapper an der Ostküste friedlich und in
Eintracht zusammenlebten. Erst nachdem
der Osten zu dicht besiedelt war und viele
in den „Wilden Westen“ zogen, kam es zu
den bekannten Konflikten und Kämpfen.
Das Buch berichtet von der Besiedlung
Amerikas durch Europäer zu Beginn des
16. Jahrhunderts und schließlich von der
Gründung der Vereinigten Staaten.
Neben der Bedeutung des Goldes und
dem Aufkommen des Kapitalismus im 19.
Jahrhundert wird auch das Zurückdrängen
der Urbevölkerung in Reservate und das
teilweise Ausrotten der Naturvölker beleuchtet, die vermutlich schon vor 30.000
Jahren aus Asien über die Beringstraße
vom Norden kommend Amerika nach und
nach bevölkerten.
Wenn auch inhaltlich nicht so genau
und ausführlich wie andere Bände über
den „Wilden Westen“, erschließt dieses
mit interessantem Bild und Kartenmaterial
ausgestattete Buch spannende Aspekte –
nicht zuletzt im Hinblick auf die „Alte
Welt“ sowie unsere heutige Zeit.
Ab 11 Jahren
Elisabeth Heisnar
Kinder- und Jugendliteratur
Kindersachbuch
Rettl, Christine: Mein großes
Naturbuch aus Österreich
Ill. v. Susanne Riha
Wien: G & G 2008. 48 S., € 16,80
Christine Rettls Naturbuch bietet einen kurzen, zielgruppengerechten Einblick in verschiedene heimische Lebensräume mit deren jeweiliger Flora (und in weitaus geringerem Maße auch deren Fauna). Die Autorin stellt dabei die Lebensräume Mischwald und Park, Wiese und Feld, Garten,
den Lebensraum unter und unmittelbar auf
dem Erdboden sowie das Blühen und Gedeihen „am, aus und mit dem Wasser“ dar.
Neben der Vielfalt der in Österreich
vorkommenden Nutzpflanzen enthält das
Buch kindgerechte Anleitungen zu Bastelarbeiten mit Materialien, welche in der Natur im Überfluss zu finden sind (Kastanien,
Eicheln, Hagebutten, Stroh, Gänseblümchen, Mohnkapseln etc.). Auch als Elternteil wird man angeregt, mit offeneren Augen mit seinen Kindern auf Spaziergängen
die vielen von der Natur angebotenen
Möglichkeiten zur kreativen Freizeitgestaltung zu erkennen und auch zu nutzen.
Die übersichtliche Gestaltung des
Buches wird ergänzt durch die ansprechenden, altersgerechten Illustrationen
und kleine Gedichte, Redewendungen
und Rätsel. Von nebensächlichen Ungenauigkeiten abgesehen, ein äußerst gelungenes, anregendes Buch.
Ab 7 Jahren
Erich Snobr
Smith, Justine: Wie werde ich
Geheimagent in nur 7 Tagen?
Ill. v. Jan Lewis
Aus dem Englischen übers.
Nürnberg: Tessloff 2008. 32 S., € 13,40
Neben Lokführer, Räuberhauptmann und
Weltraumpilot gehört sicher der Beruf des
Geheimagenten zu den erstrebenswertesten Tätigkeiten, die sich ein Heranwachsender vorstellen kann. Wie die dazu
nötigen Fertigkeiten zu erwerben sind, erfährt man in Justine Smiths humorvoll aufbereitetem Sachbilderbuch.
Tag 1 in der Geheimagenten-Schule
stellt zunächst einmal das Lehrpersonal
vor, um gleich darauf mit einer Prüfliste die
Eignung der AnwärterInnen zu testen und
Tipps für die Installierung eines Haupt-
quartiers zu geben.
Tag 2 beschäftigt sich mit Fragen der
Tarnung und Täuschung. Das Trainingsprogramm der nächsten Tage gibt genaue
Anleitungen zu weiteren unerlässlichen
Themen (Beschattung, Übermittlung geheimer Botschaften etc.). Abschließend
werden die Agentenlehrlinge noch mit den
wichtigsten Grundregeln vertraut gemacht:
Fragen, Beobachten und Zuhören!
Ein wirklich sehr witziges, von flotten,
amüsanten Illustrationen begleitetes Buch.
Die Bastelanleitungen sind einfach und die
benötigten Materialien sicher in jedem
Haushalt oder in der Kindergruppe zu finden sein.
Ab 5 Jahren
Reinhard Stöger
Straaß, Veronika: Wer kuschelt mit
den Krabbeltieren?
Frankfurt a. M.: Baumhaus 2007. 48 S.,
€ 10,20
Die bei Kindern gleichermaßen wie bei
Erwachsenen beliebte Wissens-Fernsehserie „Willi wills wissen“ rund um den Reporter und Kinderliebling Willi Weitzel ist
ein Quotenhit wie mittlerweile auch Bücher zur Fernsehshow. Ergänzt wird das
Angebot durch eine Lernsoftware und eine
Spezialausgabe der Zeitschrift PM. Ein be-
27
merkenswertes Beispiel für die totale Vermarktung einer zwar nicht mehr ganz neuen, aber immer noch guten Idee. Was soll’s:
Willi flimmert von jedem Kinderzimmerbildschirm auf allen möglichen Kanälen.
Der Band Wer kuschelt mit den Krabbeltieren, verfasst von der renommierten
Kindersachbuchautorin Veronika Straaß,
die schon mehrere Bände dieser Serie gestaltet hat, beschäftigt sich mit all den
Tieren, die vielen nicht so ganz geheuer
sind. Reptilien, Frösche, Spinnen und Skorpione bevölkern diesen optisch sehr gut gestalteten Band. Auf witzige und anschauliche Art erklärt Willi die wichtigsten Fakten
über die krabbelnden und auch furchteinflößenden Wesen, die man aus Zoos oder
Terrarien kennt. Im Augenblick scheinen
Reptilien, Spinnen und Co. bei Jung und Alt
ja ziemlich angesagt zu sein und nicht wenige halten sich eine Schildkröte, einen
Frosch oder sogar eine Schlange zu Hause.
Willi spricht auch mit einem auf Reptilien und Lurche spezialisierten Tierarzt
über artgerechte Tierhaltung und befasst
sich mit den unschönen Aspekten der Modetierhaltung, z. B. was verantwortungslose TierhalterInnen mit den nicht mehr geliebten Haustieren machen – Stichwort
Krokodil im Baggersee.
Ab 6 Jahren
Peter Hörschelmann
Spurensuche am Tatort. So arbeiten Kriminalisten
Aus dem Englischen übers.
München: Dorling Kindersley 2007. 72 S., € 10,30
Während sich die Eltern im Fernsehen CSI-Serien ansehen, kann sich der Nachwuchs hier im Kommissar-Handwerk betätigen und lernen, wie man knifflige
Fälle löst, was es mit Tatortanalyse, Forensik, Dokumentation eines Verbrechens
usw. auf sich hat. Geübt werden kann anhand von vier Fällen: ein Kunstraub mit
vier Verdächtigen, eine Brandstiftung im Lager eines Textilherstellers, eine Banknotenfälschung und schließlich ein Mord mit unbekanntem Opfer.
Je nach Fall wird geschildert, wie man Täterprofile
erstellt, Geheimbotschaften sichtbar macht,
Leichen analysiert, Feuerwaffen identifiziert etc.
Das Buch ist nicht nur mit vielen interessanten Informationen bestückt, sondern auch sehr aufwändig illustriert. Die Fälle wiederum sind gar nicht
leicht zu lösen, doch am Ende des Buches finden
sich die Auflösungen. Ein garantierter Erfolg bei
Kindern, die sich für Kriminologie interessieren.
Ab 10 Jahren
Doris Wanner
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Warum laufen Läufer links herum?
Verblüffende Antworten über Sport
und Olympia
Freiburg: Velber 2008. 44 S., € 10,90
Aus der Reihe „Was Kinder wissen wollen“
Mit Antworten auf Fragen wie „Frieren Pinguine an den Füßen?“ oder „Können
Fische rülpsen?“ hat diese Reihe schon so
manchem Elternteil aus peinlicher Verlegenheit geholfen. Im jüngsten Band geht es
um den Sport – im Speziellen um Fragen,
die sich im Zusammenhang mit Olympischen Spielen auftun können.
Bei einigen Fragen kann man sich allerdings des Eindrucks nicht erwehren,
dass sie so niemals aus Kindermund zu hören sein werden. So ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass einem Volksschulkind auffällt, dass im Stadion immer linksherum gelaufen wird. Sei’s drum: Das
Buch gibt Antwort. Plausibler sind da
schon Fragen wie „Warum riecht das
Schwimmbad nach Schwimmbad?“ oder
„Was bedeuten die Olympischen Ringe?“.
16 Fragen und Antworten mit passen-
Kindersachbuch
der Zusatzinformation, ein paar Illustrationen und zu jedem Thema ein ganzseitiges Farbfoto – für die angepeilte Zielgruppe gerade richtig in Umfang und Inhalt.
Übrigens: Den Rekord im Fußball-Jonglieren halten nicht Pele, Maradona, Christiano Ronaldo, Hans Krankl oder Toni Polster, sondern die 10-jährige Chloe Hegland – mit 155 Ballkontakten innerhalb
von 30 Sekunden …
Ab 7 Jahren
Franz Plöckinger
Wines, Jacquie: Ich rette die Welt!
Clevere Tipps für Klima-Helden
Ill. v. Sarah Horne
Frankfurt a. M.: Fischer 2008. 160 S., € 7,20
Jacquie Wines’ Jugendbuch-Debüt ist ein
Ratgeber für ein umwelt- und klimafreundlicheres Alltagsleben. Es beginnt mit einem
Überblick über den aktuellen Stand des
Klimawandels und eine Aufzählung von
Belegen für seine Folgen, verbunden mit
Kinder- und Jugendliteratur
einem Appell an die jugendlichen LeserInnen, Verantwortung zu übernehmen.
Wie sie das tun können, wird anschließend in sieben Kapiteln zu den Themen
Treibhauseffekt, Aufzucht und Pflege von
Pflanzen, umweltgerechtes Einkaufen, Recycling und Mülltrennung, angewandter
Umweltschutz, Artenschutz und Umweltprojekte behandelt. Begleitend zu den 110
Tipps gibt es (eher nichtssagende) Illustrationen und Check-Listen für den Umgang
mit Energieverbrauch oder Müllaufkommen und -entsorgung. Was der Öko-Fußabdruck ist und wie man ihn für sich berechnen kann, lernt man ebenso wie die
Möglichkeit, eigene Putzmittel herzustellen
oder einen eigenen Gartenteich oder Komposthaufen anzulegen.
Die Intention dieses Buches geht klar
dahin, dass Kinder in ihren Familien und
deren Umfeld zu Klimawächtern werden
sollen. Das kann für Eltern freilich auch anstrengend werden und zu Enttäuschungen
bei den jungen „WeltretterInnen“ führen.
Ab 10 Jahren
Günther Badstuber
Bilderbuch
Child, Lauren: Mir geht’s so richtig gar nicht gut!
Aus dem Englischen übers.
Frankfurt a. M.: Fischer 2008. 18 Bl., € 10,20
Wer kennt sie noch nicht? Charlie und Lola, das eloquente Geschwisterpärchen aus der Feder von Lauren Child. Seit Jahren begeistern die unterhaltsamen Geschichten Kinder via Buch und Fernsehen, geben die aus dem Lebensalltag der jungen LeserInnen gegriffenen Abenteuer doch Raum für Identifikation und fantasievolles Weitererzählen. Auch mit dem Band Mir geht’s so richtig gar nicht
gut! gelingt Lauren Child eine überaus unterhaltsame Geschichte, die den von PädagogInnen und Eltern oft verlangten Themenkreis
„Krankheit“ schon für kleine Kinder mit dem nötigen Augenzwinkern zugänglich macht.
Eine Erkältung fesselt Lola ans Bett und macht deren Lieblingsgetränk wie -speise ungenießbar, Riechen unmöglich und Singen zur
Tortur. Bei so viel Leid kann nur Charlie helfen, der seine Rolle als großer, tröstender Bruder überaus ernst nimmt und jedem Alleinunterhalter das Wasser reichen kann ... bis die Tücken der Tröpfcheninfektion und eine überaus besorgte kleine Schwester erbarmungslos zuschlagen.
So wie die gelungene Schlusspointe überzeugen auch diesmal wieder Lauren Childs vielfältige Illustrationen, die, wie bereits gewohnt, optisch Einiges zu bieten haben: Zahlreiche
Collagen, gespeist aus Fotoelementen, Stoffresten oder Naturmaterialien, geben den Bildern
Tiefe; die farblich immer wieder neu aufgeteilten Buchseiten und der in Schriftgröße und
Form dynamisch gesetzte Text treiben die Geschichte, trotz der statisch ans Bett gefesselten
Lola, rasant voran.
Wer also immer schon einmal wissen wollte, wie böse Erkältungsbazillen tatsächlich aussehen und was Geschwisterliebe wirklich heißt, sollte sich auch diesen Band der Serie nicht
entgehen lassen.
Ab 4 Jahren
Martina Rényi
Kinder- und Jugendliteratur
Bilderbuch
Dückers, Tanja: Jonas und die
Nachtgespenster
Ill. v. Nina Spranger
München: cbj 2008. 32 S., € 13,40
Wenn Jonas nachts im Bett liegt, erwachen
Gespenster in seinem Zimmer. Dinge, die
tagsüber völlig harmlos waren, verwandeln sich dann furchterregend. Der Stuhl
neben seinem Bett ist plötzlich eine Riesenspinne mit langen, dünnen Beinen und
fliegende Gespenster gleiten vor einem
Regalmonster durch die Luft, welches zornig seinen wilden Blätterkopf zu schütteln
beginnt.
Jonas schläft mit seinem älteren Bruder
Paul in einem Zimmer. Der scheint sich nie
zu fürchten. Eines Nachts treiben es die
Geister und Monster besonders arg. Jonas
fürchtet sich wie noch nie. Da hört er ein
Husten. Paul ist aufgewacht. Jonas erzählt
Paul von seiner Angst und die beiden beginnen ein Gespräch. Paul meint, dass die
anwesenden Geister nichts Böses im Sinn
hätten. Dass darunter auch lustige oder
schusselige, wahrscheinlich auch ein paar
trottelige Exemplare zu finden seien. Gute,
ängstliche Gespenster? Diese Sichtweise ist
für Jonas ganz neu – und auf einmal sind
die beiden Jungen von vielen bunten, seltsamen Kreaturen umgeben ...
Im Tanja Dünckers’ Bilderbuch werden
Kinderängste sehr ernst genommen und
fantasievoll beantwortet. Die Existenz von
Geistern wird nicht abgestritten, sondern
der ältere, daher mit mehr Erfahrung ausgestattete Bruder verwandelt diese in lustige, beschützende Wesen. Die Illustratorin
Nina Spranger schafft dazu stimmige Bilder: Aus zuerst flächigen, diffusen Formen
entstehen im Fortlauf des Gesprächs lustige, farbenprächtige Gestalten.
Ab 5 Jahren
Maria Hammerschmid
Freitag, Thomas (Hg.): Ein
Rübenschwein fliegt um die Welt.
Gedichte für große und kleine Kinder
Ill. v. Barbara Korthues
Esslingen: Esslinger 2008. 181 S., € 25,60
„Gedichte sind universelle Spielzeuge, ein
Vorrat mit langer Lebensdauer“, sagt der
Herausgeber in seinem Nachwort. Das
Motto „Lange Lebensdauer“ war sicher leitend bei der Zusammenstellung dieses
29
Familienbuches, denn es versammelt einen traditionellen Gedichteschatz von
Martin Luther bis heute. Traditionell ist hier
aber im besten Sinne gemeint. Wir finden
natürlich die für Lyrik-Anthologien unverzichtbaren Namen wie Johann Wolfgang
von Goethe, Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz und unter den moderneren Autoren Ernst Jandl, Robert Gernhardt
und Fredrik Vahle. Aber obwohl viele bekannte Namen unter den AutorInnen sind,
gibt es viele nicht so bekannte Gedichte zu
entdecken.
Mehr als in herkömmlichen Anthologien üblich sind auch AutorInnen der
„Zweiten Reihe“ aus dem 19. und frühen
20. Jahrhundert vertreten. Man spürt die
Absicht, im literarischen Fundus Überraschendes zu Tage zu fördern – Haupt-
sache gereimt und lyrisch. Der Herausgeber ist Musikpädagoge und so finden sich
auch viele Texte, die ins allgemeine Kinderlied-Repertoire eingegangen sind.
Die Gedichte sind um thematische
Mottos gruppiert und umfassen so ziemlich alles zwischen Jahreszeiten, kleinen
und fantastischen Tieren, Zauberei und
Nonsens, Reisen, Kinderleben, Schlafen
und Weihnachten. Eine Fülle von humorvollen Zeichnungen bilden nicht nur einen
bunten Rahmen, sondern schöne Seitengestaltungen mit verbindenden Elementen.
Sorgfältig editiert mit Leinenrücken, Quellen-, Gedicht- und AutorenInnenverzeichnissen kann dieses Buch lange eine Fundgrube für das tägliche Vorlesen sein.
Ab 5 Jahren
Veronika Freytag
Grossmann, Bill: Mariechen fraß ´nen Hasen auf
Ill. v. Dorota Wünsch. Deutsche Verse v. Ebi Naumann
Wuppertal: Hammer 2008. 28 S., € 13,30
„Mariechen fraß ´nen Hasen auf / Jetzt nimmt die Sache ihren Lauf / und sie wird
kotzen, dachen wir, / und zwar total und jetzt und hier. – Tat sie aber nicht.“
Mit diesen Reimen beginnt eine wahre Fressorgie, die sich hier zugunsten mathematischer Grundkenntnisse anbahnt. Denn mit 1 Hasen hat Mariechen nicht genug, es folgen 2 Schlangen (von den ganz besonders langen), 4 „Piratten“ („die
an den Füßen Stiefel hatten“), 5 Fledermäuschen und noch anderes gruseliges
Getier wie Ameisen, graue Mäuse, Frösche, Würmer und Echsen. Das Allergruseligste kommt am Schluss: „Mariechen aß 10 Erbsen dann. / Ob sie die wohl
vertragen kann – / so grün und rund, total gesund??“ Für Mariechen endet die
Geschichte nun doch wie anfangs befürchtet, aber alle, die Mitleid mit den Tieren
haben, können aufatmen.
Diese freche Zählgeschichte, im amerikanischen Original bereits 1966 erschienen,
wirkt immer noch erstaunlich frisch. Nicht immer konnten die Reime bei der Übertragung ganz harmonisch aufgelöst werden; aber das große Plus sind die für diese
Ausgabe neu gestalteten Illustrationen von Dorota Wünsch. Sie präsentiert Mariechen als freche Göre mit rosa Herzerlpulli und zerrissenen Hochwasserhosen. Ihr
sehr dynamischer Stil vereint klare, mit Kohlestift gezeichnete Umrisslinien mit einer interessanten Raumperspektive, welche die jeweils gleiche Raumecke immer
neu in Szene rückt. Die sehr „sprechend“ gemalten Tiere liefern sich mit Mariechen ein verrücktes Match, das immer mehr Relikte der Gefressenen im Bildraum
zurücklässt. Die etwaige Gemüseunlust von
Kindern wird hier auf sehr vergnügliche Weise
auf die Schaufel genommen, während der pädagogische Anteil sich aufs Zählen konzentriert.
Das Buch verbindet das Zählen von 1 – 10 mit
einer vergnüglichen Reimgeschichte, deren
Protagonistin sich lieber von allerlei Getier als
von Karotten und Erbsen ernährt.
Ab 4 Jahren
Veronika Freytag
Kinder- und Jugendliteratur
Bilderbuch
30
Heitz, Bruno: Was ist da passiert?
Aus dem Französischen übers.
Hildesheim: Gerstenberg 2008. 32 S.,
€ 13,30
Bei einem gemütlichen Gartenkartenspiel
belauschen wir diverse Tiere. Katze, Stute,
Stier, Maulwurf, Chamäleon und Hamsterbär lassen es sich bei Saft und Keksen wohl
sein. Das Chamäleon ist fast taub, dafür
sieht der Maulwurf nur Hell und Dunkel
und der Stier schummelt ein bisschen.
Über die Mauer schaut ein bleiches Gesicht und dann plötzlich: Bumm Badabumm! Was ist passiert? Alle Tiere erschrecken ob des furchtbaren Lärms, aber
der mutige Kater nimmt sich ein Herz und
schaut nach – und dann die Stute und der
Stier, der Maulwurf und zu guter Letzt das
Chamäleon. Und – oh Wunder – alle sehen etwas Anderes und etwas anders.
Jedes Tier hat sein eigenes Gesichtsfeld
und nimmt unterschiedliche Farben wahr,
ja das Chamäleon kann sogar die beiden
Augen unabhängig voneinander bewegen
und fast alles sehen. Daher löst es auch
das Rätsel des Lärms auf: Ein Zirkus ist in
der Stadt! Und der Clown, der eigentlich
Plakate kleben sollte, aber neugierig über
die Mauer schaute, hatte das Gleichgewicht auf seiner Leiter verloren ...
In diesem interessanten Buch über eine
etwas andere Art der Andersartigkeit werden bereits 5-jährige Kinder in einfacher,
lustiger, aber nicht diskriminierender Form
mit wissenschaftlichen Erkenntnissen konfrontiert. Und schließlich ist es auch ein
Buch für VorleserInnen, die ihre eigene
Freude daran haben und sogar das eine
oder andere daraus lernen können.
Ab 5 Jahren
Erwin Wögenstein
Hübner, Marie: Ich kauf mir einen
neuen Bruder
Ravensburg: Ravensburger 2008. 28 S.,
€ 12,30
„Du Blödmann! Du bist total faul und
denkst nur an Fußball und Computer!“
schreit Frida ihren großen Bruder Jannis an
– es muss doch irgendwo bessere große
Brüder zu kaufen geben. Vielleicht kann
sie ja einen der Brüder ihrer Freundinnen
kaufen? So macht sich Frida bewaffnet mit
ihrem Schwein und einem Notizblock auf
den Weg.
Die zwei Brüder ihrer besten Freundinnen sind nicht kleinlich, wenn sie von ihren Heldentaten erzählen. Sie würden immer ganz von allein aufräumen und seien
immer sehr nett zu ihren Schwestern, versichern beide eifrig, und Frida kommt gar
nicht mit dem Notieren der positiven Eigenschaften nach. Aber wen von den beiden soll sie jetzt bloß nehmen und reicht
ihr Taschengeld dafür überhaupt aus?
Marie Hübner, bekannt geworden vor
allem durch Prinzessin Murks, präsentiert
mit Ich kauf mir einen neuen Bruder ein
spritziges Buch mit witzigen Illustrationen,
bei denen es immer Neues zu entdecken
gibt. Besonders bemerkenswert sind zum
einen die Bilder, auf denen die „SuperBrüder“ von ihren Leistungen berichten, es
jedoch leicht zu erkennen ist, dass die
Wahrheit dabei etwas zu kurz kommt;
zum anderen Fridas Sparschwein, das mit
seiner Mimik recht direkt ausdrückt, was
es von den Ersatz-Brüdern hält.
Marie Hübner arbeitet das altbekannte
Motiv Geschwisterstreit gekonnt auf und
zeigt zum Schluss, dass man nicht alles mit
Geld kaufen kann. Denn als Frida am
Abend allein im Bett liegt, vermisst sie all
die lustigen Geschichten, die ihr Jannis immer erzählt hat – Geschichten von früher,
als sie noch ganz klein war. Ob die ihr
neuer Bruder auch kennt? Aber wie soll
das gehen – der war doch damals gar nicht
dabei! Da schlüpft Frida zu Jannis ins Bett,
so wie jede Nacht, denn wenn man es genau nimmt: So ein schlechter Bruder ist er
ja gar nicht ...
Angelika Wimmer
Holtei, Christa / Jakobs, Günther: Willkommen im Schloss. Eine Schlossbesichtigung für Kinder
Stuttgart: Thienemann 2008. 24 S., € 13,30
Dieses Sachbilderbuch gehört in die Kategorie Glücksfälle. Es spannt einen wunderbaren Bogen über den Tagesablauf zweier
kleiner Hochwohlgeborener und veranschaulicht mittels der beiden aufgeweckten Königskinder den Alltag und die Aufgaben
von SchlossbewohnerInnen – vom Königspaar bis zum Koch.
Der formale Aufbau ist einfach und funktioniert wunderbar. Zu Beginn wird eine Schlossanlage aus dem 18. Jahrhundert gezeigt und die wichtigsten Gebäudeteile namentlich angeführt. Dann kommen die Königskinder, Prinz Felix und Prinzessin
Leonie, ins Spiel. Sie wachen früh auf und freuen sich auf den Besuch der Braut von Onkel Max. Und schon geht es los! Auf jeweils einer Doppelseite folgen wir den zwei fröhlich-lebendigen Kindern durch das Schloss.
Dabei lernen wir die Schlossanlage und die darin lebenden Menschen kennen. Auf jeder Seite
gibt ein (im Stil eines Pergamentbogens gestalteter) Kasten Auskunft über Personen, Räume
oder Besonderheiten der Zeit.
Mit diesem geglückten Handlungsbogen haben alle LeserInnen einen aufregenden Tag und einen guten Einblick in das Leben auf dem königlichen Hof um 1750 er- und verlebt.
Die freundlichen, großformatigen Illustrationen haben noch einen sehr netten Zusatz eingebaut: Auf jeder Doppelseite ist auch ein Märchen versteckt. Alle Lösungen werden auf der letzten Seite verraten. Besonders liebenswert ist zum Beispiel das Kapitel über Gästewohnungen in
einem Schloss. Vor einem Fenster baumelt der Rapunzelzopf!
Eine außerordentlich gelungenes, sympathisches Sachbilderbuch.
Ab 5 Jahren
Werner Kantner
Kinder- und Jugendliteratur
Bilderbuch
Kuik, Erna: Zwei lange, lange Ohren
Zürich: Atlantis 2008. 32 S., € 13,90
Bastian Hase sitzt am Tisch und liest seine
holländische Zeitung zum x-ten Mal. Ihm
ist fad und selbst im Haus spürt er die Kälte
an den Ohren. Beim Zerreißen der Zeitung
hat er plötzlich einen Einfall: Rasch holt er
Spiegel, Pinsel und Farbe und beginnt, sich
zu zeichnen. Selbst seine Freunde schaffen
es nicht, ihn abzulenken oder zum Versteckenspielen nach Draußen zu locken –
also umlagern und beobachten sie ihn.
Als das Bild an der Wand hängt, fehlt
ihm genau das, was beim Versteckspiel oft
stört: die langen Ohren. Die sieht man
nicht im Spiegel und so malt sie Bastian so,
wie er sie spürt. Seine Fantasie geht mit
ihm durch – bis schließlich die ganze
Wohnung mit Selbstporträts samt Ohren in
allen Farben bemalt ist ...
Erna Kuik zeichnet und erzählt in ihrem geglückten Buch den kreativen Reigen
Bastians, der mit Zeichnen und Basteln aus
einer zunächst langweiligen Situation einen Tag voll spannend entfalteter Fantasie
macht. Ansteckend ist diese Kreativität
nicht nur für Bastians Hasenfreunde. Auch
die BetrachterInnen des Buches werden
durch die gut komponierte Geschichte und
die großflächigen Bilder dazu angeregt,
aus den langweiligsten Situationen spannendende Abenteuer wachsen zu lassen.
Ab 4 Jahren
Martina Adelsberger
Lestrade, Agnés de: Der liebste
Wolf der Welt
Ill. v. Constanza Bravo
München: Hanser 2008. 32 S., € 13,30
Dieses Buch hieße wohl besser: Rotkäppchen und der vegetarische Wolf. Es ist eine
neuzeitliche Variante des weltberühmten
Grimm-Märchens und beginnt doppelt interessant: Auf der ersten Doppelseite probt
der Wolf Posen und probiert Verkleidungen
sowie verschiedene Gesichtsmasken. Dann
erfahren wir, dass er einen Riesenhunger
hat: „Heute gehe ich in die Stadt und fresse ein Kind.“
Das Mädchen, das der Wolf zu seiner
Ernährung auserwählt, ist rotzfrech, redet
den Wolf in Grund und Boden, spricht von
Blutfettwerten und davon, dass Fleischkonsum das Fell matt werden lässt. Zu sei-
31
ner Verwirrung bietet sie ihm noch an, ihn
zu seiner Großmutter mitzunehmen, damit
er bei dieser endlich die vegetarische Küche kennen lernt. Doch die erhoffte Bekehrung zum Vegetarier verläuft anders und
vor allem turbulenter als erwartet.
Ganz wesentlich für diese amüsante
Geschichte sind die frechen, frischen und
detailreichen Bilder von Constanza Bravo,
die nicht eins zu eins illustrierend sind.
Die Figuren sind meist disproportioniert.
Bunte, gekritzelte Bleistiftspuren und dicke
rote Pfeile betonen die Eindringlichkeit
und gleichzeitige Leichtigkeit. Eine geniale
Mischung aus Text und Bild – und ein kräftiges, vitaminreiches, vegetarisches Märchen, das Lust auf Selbstständigkeit macht!
Ab 4 Jahren
Werner Kantner
Lukas, Patryk: Nachts im Zirkus
Zürich: Bohem Press 2008. 32 S., € 13,30
Die Geschichte dieses fein illustrierten
Zählbuches ist schnell erzählt: Alfred, das
Zirkuspferd, hat Geburtstag und die Tiere
im Zirkus bereiten ein Fest für ihren beliebten Kollegen vor: Ein Schwein studiert
ein Gedicht ein, zwei Pinguine trainieren
Pingpong, drei Hunde balancieren auf
dem Kunstrad etc. – bis man Alfred am
Ende im Kreis seiner Kollegen sieht, staunend und gerührt von dem liebevoll gestalteten Geburtstagsfest.
Jeder Zahl von 1 bis 10 ist jeweils eine
Doppelseite gewidmet, die zum längeren
Betrachten einlädt. Durch die Kürze des
Textes und die originellen und ansprechenden Illustrationen verweilt man bei jedem Bild gerne und lang. Damit erfüllt das
Buch seine didaktische Intention, Kindern
im Vorschulalter einen Begriff von Zahlen
zu vermitteln, der nicht durch mechanisches Abzählen entsteht.
Die collageartigen Bilder zeigen vor einem meist einfärbigen Hintergrund wenige
Gegenstände und Figuren auf verschiedenen Ebenen, wodurch ein die Fantasie
der BetrachterInnen anregender Bildraum
entsteht. Die liebenswerten und witzigen
Figuren zeigen, wie die gesamte Illustration, großen Variantenreichtum. Trotz der
Vermischung verschiedener Gestaltungselemente und Techniken ist der Stil des
Buches einheitlich. Ein unterhaltsames Bilderbuch mit künstlerischem Anspruch.
Sonja Rabl
Lindenbaum, Pija: Paul und die Puppen
Aus dem Schwedischen übers.
Weinheim: Beltz & Gelberg 2008. 32 S., € 13.30
Mit Paul und die Puppen greift die vielfach ausgezeichnete schwedische Bilderbuch-Künstlerin ein Thema auf, das auch im 21. Jahrhundert noch manche
(Klein-)Geister bewegt: Paul, dessen Fußball-besessener Vater ihn täglich zum
Spiel mit dem Ball drängt, hat eines Tages die Nase voll von klassischen Jungenspielen. Statt zu kämpfen, zu raufen oder Tore zu schießen, möchte er lieber mit
den Mädchen Puppenspielen. Was gar nicht so einfach ist, da ihm als Jungen der
Zugang zu dieser Domäne anfangs verweigert wird. Aber Paul gibt nicht auf und
sucht mit seiner Barbie so lange Anschluss an die Mädchen, bis diese es mit ihm
versuchen – und siehe da: Paul entpuppt sich als ausgesprochen talentierter
Puppenspieler und Prinzessinnenröcke-Träger.
Mit viel Feingefühl für den Alltag ihrer Zielgruppe
und die Überforderung der Kinder durch die
Anforderungen der Eltern erzählt Lindenbaum ihre
Emanzipationsgeschichte. Während der Text die
vordergründige Realität erzählt, sprechen ihre
Bilder von den inneren Sehnsüchten und
Bedürfnissen des kleinen Paul. So angenehm unaufgeregt der Text ist, so augenzwinkernd verschmitzt
sind diese Illustrationen.
Ab 5 Jahren
Andrea Hirn
32
Mewburn, Kyle: Kein Platz im Haus
für eine Maus
Ill. v. Freya Blackwood
Stuttgart: Urachhaus 2008. 32 S., € 15,00
Im diesem fantastischen Bilderbuch schafft
es ein kleiner Junge, seiner Mutter klar zu
machen, dass es wichtig ist, das Leben zu
genießen. Zu Beginn sieht es nach einem
recht öden Leben in einer Kleinstfamilie
aus. Am Ende der Geschichte ist das Haus
voller Leben, denn Christopher lernt im
Park und an anderen öffentlichen Orten
Leute kennen, die ihr Zuhause verloren
haben und lädt sie kurzerhand ein, in sein
Haus zu ziehen ...
Mewburns Geschichte regt einerseits
zu weitschweifenden psychologischen Interpretationen an, andererseits macht sie
einfach Spaß – und das nicht nur wegen
der wunderschön aquarellierten Zeichnungen, die alle fantastischen Erlebnisse
mit ruhigen, warmen Farben wie die alltäglichsten Dinge darstellen. Bei jedem
Mal Umblättern erhält die Geschichte eine
neue unwahrscheinliche Wendung, wobei
sich Text- und Bildebene genial ergänzen
und, am Höhepunkt der Erzählung in eine
Art Wimmelbild münden, das einen Ausschnitt des überbevölkerten Hauses über
mehrere Stockwerke zeigt.
Auch wenn das Titelbild nicht sehr attraktiv wirkt – in diesem empfehlenswerten Buch spielt sich eben alles zwischen
diesen vielen kleinen Figuren und zwischen den Zeilen ab.
Ab 5 Jahren
Josef Mitschan
Mueller, Dagmar H.: Opa sagt, er
ist jetzt Ritter. Vom Leben mit
Parkinson
Ill. v. Verena Ballhaus
Wien: Betz 2008. 25 S., € 12,95
In diesem siebten Band einer Reihe zu den
Themen Gelähmt-Sein, Blindheit, Gehörlosigkeit, Alzheimer, Integrationsunterricht
und Adoption steht nun die Parkinson-Erkrankung im Mittelpunkt. Aufbereitet wird
das schwierige Thema anhand der Geschichte von Jonathan und seinem Großvater, die zusammen am liebsten Ritter gespielt haben. Und das ist auch der bildliche
Vergleich für die Krankheit, der sich durch
das ganze Buch zieht: Die Ritterrüstung des
Bilderbuch
Großvaters ist so schwer, dass sie ihn in seinem Alltagsleben oft behindert, er sich
nicht mehr so gut bewegen kann, nicht
mehr so verständlich sprechen kann und
sich manchmal einsam und gefangen fühlt
in diesem dicken Panzer.
In einfachen, prägnanten und lebendigen Sätzen lässt Mueller ihren Ich-Erzähler
von den Begegnungen, Gedanken und Gefühlen zwischen ihm und dem Opa erzälen. Ballhaus’ treffsicherere Illustrationen,
begleiten den Text unaufdringlich und verdeutlichen auf ihre typische, expressive Art
die Gefühle der Protagonisten.
Ein ausgesprochen gelungenes Buch,
das nichts verschweigt, das Angst nimmt
und Verständnis für Betroffene schafft.
Ab 5 Jahren
Andrea Hirn
Niemann, Christoph: Der kleine
Drache. Eine Geschichte von Freundschaft und chinesischen Schriftzeichen
Berlin: Jacoby & Stuart 2008. 32 S., € 13,30
Eines Tages bekommt Lin einen kleinen
Drachen geschenkt. Sie ist sehr glücklich
Kinder- und Jugendliteratur
darüber. Die beiden sind unzertrennlich
und haben viel Spaß miteinander – bis
unglücklicherweise eine kostbare Vase zu
Bruch geht. Lins Vater ist sehr ärgerlich
und sperrt den kleinen Drachen in einen
Käfig. Am nächsten Morgen ist der Käfig
leer! Verzweifelt macht sich das kleine
Mädchen auf die Suche nach ihrem Drachen. Ihre abenteuerliche Suche führt sie
immer weiter fort, bis sie ihren mittlerweile groß gewordenen Drachen findet und
sich von ihm zurück nach Hause bringen
lässt. Da der Vater überglücklich ist, seine
Tochter wiederzuhaben, hat er auch nichts
dagegen, dass die beiden Freunde in Zukunft zusammen spielen.
Christoph Niemann versteht es ausgezeichnet, die in seinem Buch vorgestellten
Schriftzeichen in die Bilder einzufügen. So
entsteht mit Fortschreiten der Geschichte
ein „kleines Vokabelheft“, das am Schluss
33 chinesische Schriftzeichen umfasst.
Seine fantasievolle Geschichte über
Freundschaft gibt auch schon jüngeren
Kindern einen ersten Einblick in eine andere Kultur und Tradition.
Ab 5 Jahren
Brigitte Strohschein
Nordqvist, Sven: Wo ist meine Schwester?
Aus dem Schwedischen übers.
Hamburg: Oetinger 2008. 16 Bl., € 20,50
Er gilt in seiner Heimat Schweden und im deutschsprachigen Raum als einer der beliebtesten Kinderbuchillustratoren: Sven Nordqvist – Verkaufsgarant
und geistiger Vater von Figurenlieblingen wie Petersson und Findus.
Mit Wo ist meine Schwester? hat sich der 2003 mit dem schwedischen AstridLindgren-Preis ausgezeichnete Autor und Illustrator einen lang gehegten Wunsch
erfüllt: Eine detailreich gestaltete Endlos-Reise, die in fantastische Welten führt
und ganz im Sinne eines Leporellos dort schließt, wo sie begonnen wurde. Bild
für Bild kann man im Großformat einem kleinen Mäuserich folgen, der seine
Schwester sucht und immer tiefer in absurd-bizarre Welten gerät: mit Riesen und
Zwergen, Schluchten und Bergen, schmalen Brücken und tiefen Meeren, gefinkelten Konstruktionen und archaischen Landschaften. Eineinhalb Jahre hat Nordqvist
an dieser Bildgewalt gearbeitet, eigene Figuren wie Mama Muh und Pettersson zitiert, Anleihen bei großen Meistern wie Dalí genommen und immer wieder neue
Details geschaffen. Ein beeindruckender Bilderreigen, der zum immer wieder
Neuentdecken einlädt. Ein Suchbilderbuch, das viele überraschende Details birgt,
ein Geschichtenmeer, das zum Selberfabulieren einlädt und Lust auf mehr macht.
Kurzum, solide – in Schweden bereits mit dem August-(Strindberg)-Preis ausgezeichnete – Handarbeit von einem Mann, der weiß, was er tut.
Ab 4 Jahren
Martina Rényi
Kinder- und Jugendliteratur
Bilderbuch
Pfister, Marcus: Ab ins Bett, Nils!
Zürich: NordSüd 2008. 24 S., € 13,20
Abendessen? Nein, das will das kleine
Flusspferd Nils auf gar keinen Fall, denn
nach dem Abendessen ist es immer bald
Zeit zum Schlafengehen. Warum kann er
nicht einfach noch etwas mit seiner Eisenbahn spielen – oder besser noch mit seinem Papa …
Das immer gleiche Prozedere beim ZuBett-Gehen dürfte dem Großteil aller Eltern
bekannt sein. Da werden plötzlich die uninteressantesten Dinge ganz wichtig und
alle Spiele müssen noch mal ausprobiert
und Geschichten zum hundertsten Mal erzählt werden, nur um noch die eine oder
andere Minute länger wach bleiben zu dürfen. Der 1960 in Bern geborene Künstler
und Bilderbuchillustrator Marcus Pfister,
bekannt durch seinen Bestseller Der Regenbogenfisch, schafft es spielerisch, dieses
allgegenwärtige Thema witzig aufzubereiten – was hauptsächlich der kecken und
mit viel Liebe zum Detail gezeichneten
Titelfigur Nils zuzuschreiben ist.
Positiv hervorzuheben ist schließlich,
dass Nils von seinem Papa ins Bett gebracht wird – und am Ende ist es auch der
Papa, dem vom aufregenden Spielen zuerst die Augen zufallen.
Angelika Wimmer
Stavaric, Michael: BieBu. Mein
Bienen- und Blümchenbuch
Ill. v. Renate Habinger
St.Pölten: Residenz 2008. 36 S., € 14,90
BieBu ist das originellste Sachbilderbuch
zum Thema Bienen, das der Kinderbuchmarkt zu bieten hat. Verpackt in eine aberwitzige Erzählhandlung rund um das erkrankte Bienenvolk von Königin Hannah
Honey, die diverse InsektenkollegInnen
um Hilfe beim Pollen-Sammeln bittet, erfahren große und kleine LeserInnen Wissenswertes über Bienen.
Auf den vier Seiten des Vor- bzw. Nachsatzpapiers gibt es in bei Kindern beliebter
Frageform „Wusstest du, dass ...“ Zahlen
und Fakten. Auf jeder Doppelseite versucht
eines der um Hilfe gebetenen Tiere dem
krank darnieder liegenden Bienenvolk zu
helfen, die Blüten rechtzeitig zu bestäuben,
damit die Tiere und Menschen nicht Hunger leiden müssen.
33
Eine von vielen Besonderheiten dieses
Buches sind die zahlreichen klitzekleinen
und wunderbar skurrilen Nebenhandlungen und Nebenschauplätze, die Renate
Habinger mit untrüglichem Gespür für
Michael Stavaric’ hintersinnigen Humor
extravagant, fantasievoll und künstlerisch
höchst innovativ ins Bild setzt. Da kommt
es schon mal vor, dass die Zeilen des
Erzähltextes sich über die gesamte Doppelseite erstrecken, quer liegen oder auf
dem Kopf stehen, was das Vorlesen zu einer anregenden Herausforderung macht
und zum gemeinsamen Entdecken einlädt.
Ab 4 Jahren
Andrea Hirn
Vanden Heede, Sylvia: Ich will
Kuchen, sagt Fuchs
Ill. v. Thé Tjong-Khing
Aus dem Niederländischen übers.
Frankfurt a. M.: Moritz 2007. 8 Bl., € 13,30
Kochen ist in. Ob im kulinarischen Krimi
oder als Kochsendung im Fernsehen. Auch
unsere Jüngsten können sich diesem Trend
nicht entziehen. So dreht sich in diesem
Bilderbuch alles ums Kochen und Essen.
Vor allem darum, dass Fuchs Kuchen will
und sich auf die Suche macht. Hase und
Eule können ihm dabei nicht helfen. So
sucht er in Kasten und Kühlschrank, in Küche und Garten und schließlich im Wald.
Einen Kuchen aber kann er nicht finden.
Dass er auf seiner Suche allen Zutaten für
einen Kuchen begegnet, fällt ihm nicht auf.
Als Fuchs allerdings aus dem Wald zurückkommt, riecht er schon an der Tür, was sein
Herz begehrt. Hase und Eule haben alles
gekocht, was im aufgeschlagenen Kochbuch „Flotte Hasenküche“ steht. Auf Freunde kann man sich eben verlassen.
Das große Format und die dicken Seiten, die großflächigen, sich jeweils über
zwei Seiten erstreckenden bunten und zum
Suchen einladenden Bilder und die in
knappen Sätzen erzählte einfache Geschichte sind ideal für unsere ganz Kleinen.
Ab 4 Jahren
Martina Adelsberger
Reynolds, Peter H.: Der Punkt. Kunst kann jeder
Hildesheim: Gerstenberg 2008. 32 S., € 10,20
„Kunst kann jeder“ verrät schon der Untertitel des Bilderbuches, das mit wenigen
Worten und einfachen Illustrationen das Thema im wahrsten Sinne des Wortes auf
den Punkt bringt. Es geht um Ina, die verärgert vor einem weißen Blatt Papier sitzt
und wütend darüber ist, nichts zeichnen zu können. Als sie von ihrer Kunstlehrerin aufgefordert wird, einfach irgendetwas zu zeichnen, nimmt sie einen Stift
zur Hand und knallt ihn mit voller Wucht wütend aufs Papier. Die Lehrerin beobachtet das Ganze unverdrossen und bittet Ina schließlich ungerührt, ihren Namen
darunter zu setzen. Verwundert kommt Ina der Bitte nach, aber nur um eine
Woche später noch überraschter festzustellen, dass die Lehrerin den achtlos hingeknallten Punkt wie ein Gemälde aufgehängt hat. Ina reagiert mit Trotz und entwickelt einen Feuereifer in Sachen Punkten. Um zu beweisen, dass sie viel schönere Punkte malen kann, zeichnet sie Punkte in verschiedenen Farben und Größen, experimentiert mit Mustern und Techniken, bis sie schließlich so viele ungewöhnliche Punkte produziert hat, dass diese im Rahmen einer Kunstausstellung
für großes Aufsehen sorgen. Als Ina von einem kleinen Jungen angesprochen
wird, der von sich behauptet, keinen geraden Strich zeichnen zu können, nimmt
sie sich seiner an und die Geschichte beginnt von vorne.
Das kleinformatige Bilderbuch vermittelt witzig und
pointiert, wie einfach es sein kann, kreativ zu sein.
Dabei kann es auch mut- und motivationslose Kinder
anregen, etwas aufs Papier zu bringen. Die Zeichnungen im Buch sind sehr einfach gehalten und wirken fast karikatur-ähnlich. Ein Bilderbuch zum Thema
Kunst und Vertrauen in eigene Fähigkeiten.
Ab 4 Jahren
Barbara Eichinger
Sachbuch
34
Politisches
Flüchtlinge schützen. UNHCR-Filme
für Schule und Weiterbildung
Genf u.a.: UNHCR 2007. 1 DVD, 202 Min.
UNHCR wurde 1951 von der UN-Generalversammlung gegründet, um Millionen
von europäischen Flüchtlingen in der Folge des Zweiten Weltkriegs zu helfen. Heute stehen knapp 21 Mio. Menschen unter
dem Schutz von UNHCR, dessen wichtigste Aufgabe internationaler Schutz ist.
Die Organisation soll sicherstellen,
dass die Menschenrechte von Flüchtlingen
respektiert werden, dass sie das Recht haben, Asyl zu suchen und dass kein Flüchtling zur Rückkehr in ein Land gezwungen
wird, wo er oder sie Verfolgung befürchten
muss. UNHCR stellt in vielen Ländern
auch materielle Hilfe für Flüchtlinge zur
Verfügung. Die zweite zentrale Aufgabe
von UNHCR ist die Suche nach dauerhaften Lösungen für die Probleme von
Flüchtlingen. Wenn deren Rückkehr nicht
möglich ist, hilft UNHCR ihnen dabei, sich
ein neues Leben aufzubauen.
Die Beschreibung von UNHCR, die
hier sehr trocken wirkt, wird durch die vorliegende DVD anhand von ganz konkreten
Einsätzen und Personen überaus lebendigvermittelt. Der Überblick über die Einsätze
von UNHCR in der ganzen Welt umfasst
kurze Reportagen aus den Schwerpunktländer Irak, Tschad, Jemen, Kolumbien
und Libanon. In vier kurzen Filmen wer-
Bude, Heinz: Die Ausgeschlossenen.
Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft
den Fragen des internationalen Flüchtlingsschutzes behandelt; ein Beitrag befasst sich mit Flüchtlingsfrauen; ein weiterer mit Problemen im vom Krieg zerstörten
Afghanistan; einer mit den Schwierigkeiten
einer Familie aus Tansania bei der Neuansiedlung in Norwegen.
Außerdem beinhaltet die DVD auch
drei Filme für den Unterricht: lauter gut
gemachte, informative, berührende Kurzfilme, die einerseits die Arbeit des UNHCR
sehr gut vermitteln, andererseits den
Flüchtlingen „ein Gesicht geben“ und daher in den unterschiedlichsten, auch
schulischen Zusammenhängen brauchbar
sein können.
Beate Wegerer
Koch, Egmont R.: Die CIA-Lüge.
Folter im Namen der Demokratie
Berlin: Aufbau-Verlag 2008. 224 S., € 20,60
München: Hanser 2008. 144 S., € 15,40
In zehn Kapiteln entwirft der deutsche Soziologe und Marktforscher Heinz Bude
ein düsteres Bild der künftigen deutschen Gesellschaft, welches in Abstrichen
auch auf Österreich anwendbar ist. Im Zentrum seiner Untersuchung stehen die
sogenannten „Exkludierten“, also MindestrentnerInnen, BewohnerInnen von Sozialsiedlungen der Neubaugebiete, bildungsschwache Jugendliche aus Einwandererfamilien, aber auch ehemals erfolgreiche Berufstätige, welche nach Verlust
ihres Arbeitsplatzes infolge persönlicher Umstände in die Armut abgerutscht sind.
Laut Bude bedeutet „soziale Exklusion“ aber nicht nur soziale Ungerechtigkeit
und finanzielle Armut, sondern vor allem Ausschluss von der Teilnahme am
gesellschaftlichen Leben. Kritisch beleuchtet Bude auch den Wandel des Wohlfahrtsstaates von einem reinen Versorgungsstaat zu einem „fordernden Sozialstaat“, welcher von seinen mündigen BürgerInnen Mobilität und Flexibilität erwartet – und im Gegenzug Frühpensionen aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung abgeschafft hat.
Dies hat wirtschaftliche Folgen auf das Leben und Konsumverhalten jedes/r
Einzelnen: Die steigende Anzahl von Billiglohnjobs und Teilzeitstellen führt zur
Verarmung ganzer Bevölkerungsgruppen und zur Zunahme von SozialhilfeempfängerInnen, aber auch AlleinerzieherInnen mit Studienabschluss müssen zunehmend um ihr finanzielles Überleben kämpfen.
Im Bildungsbereich zeigt die PISA-Studie eindrucksvoll
den Zusammenhang zwischen Herkunftsfamilie und
Bildungsniveau auf: Die kulturelle Praxis der Familie
hat demnach unmittelbare Auswirkungen auf Leseund Lernniveau der Kinder, wobei themenbezogene
Diskussionen wichtiger sind als die berufliche Position
der Eltern.
Bude erläutert seine Theorie von der gesellschaftlichen
Spaltung aufgrund sozialer und wirtschaftlicher Faktoren. Das Buch bleibt allerdings problemorientiert und
lässt konkrete Lösungsansätze vermissen.
Dagmar Feltl
Guantanamo und Abu Ghraib sind nur
zwei Namen, die für Vorwürfe an die USRegierung wegen unfassbarer Menschenrechtsverletzungen stehen. In seinem
schockierenden Report entlarvt der bekannte deutsche Fernsehjournalist und
Buchautor die Doppelmoral, mit der die
USA gegen den weltweiten Terrorismus
Krieg führen.
Koch belegt unter anderem, dass NaziVerbrecher, darunter Ärzte und Techniker,
nach dem 2. Weltkrieg in den USA als Berater zur Weiterentwicklung von Folterstrategien Karriere machten. So lassen sich die
brutalen Verhörmethoden der CIA nachweislich bis zu Erkenntnissen aus Menschenversuchen des Dritten Reichs zurückverfolgen. Bis in die 60er-Jahre hinein
perfektionierte der amerikanische Geheimdienst die grausame Verhörpraxis der
Nationalsozialisten und schrieb sie in einem Folter-Handbuch fest, das heute leider wieder verstärkt Anwendung findet.
Etliche Schwarzweiß-Abbildungen ergänzen und veranschaulichen den aufwändig recherchierten Text.
Ein umfangreicher Anhang bietet neben Anmerkungen und Bildnachweisen
auch einen Überblick über die historische
Entwicklung von Foltertechniken und das
„Biderman-Konzept“.
Claudia Barton
SachbuchIn der Welt des Verbrechens
Edelbacher, Max: Polizei inside.
Was läuft falsch?
Wien: Amalthea 2008. 231 S., € 22,90
Die österreichische Bundespolizei stand in
den vergangenen Monaten mehr durch negative Schlagzeilen um die Top-Kriminalisten Horngacher, Geiger und Frühwirth als
durch eine hohe Aufklärungsquote bei der
Verbrechensbekämpfung im Licht der Öffentlichkeit.
Der Autor, selbst langjähriger Vorstand
des Wiener Sicherheitsbüros, analysiert
kritisch die Ursachen und Hintergründe
dieser besorgniserregenden Entwicklung
und liefert außerdem einen historischen
Überblick der Geschichte der österreichischen Kriminalolizei. Im ersten Teil des
Buches schildert der Polizeijurist die spektakulärsten Kriminalfälle seiner langjährigen Karriere – darunter die „Mordschwestern von Lainz“, deren Haftentlassung unmittelbar bevorsteht, die Ergreifung des Serienmörders Jack Unterweger, die Entführung der Saliera aus dem Kunsthistorischen
Museum oder den Fall Kampusch.
Detailliert schildert Edelbacher im
zweiten Teil des Buches die Ziele der letzten Polizeireformen und die fragwürdigen
Maßnahmen unter Innenminister Strasser.
Für Laien verständlich erläutert Edelbacher
moderne polizeiliche Ermittlungsmethoden wie Daktyloskopie, Profiling, DNAAnalyse und informiert über die internationale Zusammenarbeit von Polizeibehörden, was das Buch auch für Krimi-AutorInnen zu einer lesenswerten Lektüre macht.
Dagmar Feltl
Leake, John: Der Mann aus dem
Fegefeuer. Das Doppelleben des
Jack Unterweger
Salzburg: Residenz 2008. 455 S., € 24,90
Der Ex-Kellner, Hilfsarbeiter und DJ Jack
Unterweger, der 1974 wegen Mordes an
einer Frau verurteilt wurde, avancierte im
Gefängnis zum Schriftsteller, aufgrund einer Petition von 700 Intellektuellen entlässt man ihn vorzeitig. Als Shootingstar
der Literaturszene gefeiert, gerät er kurze
Zeit darauf wiederum in Mordverdacht –
die Tatorte sind Graz, Prag, Bregenz, Los
Angeles und Wien. Auf der Flucht verhaftet ihn das FBI in Miami. Noch in der
Nacht des Urteils beteuert er seine Unschuld und erhängt sich kurz darauf in seiner Zelle. Der Fall schrieb österreichische
Kriminalgeschichte als erster Fall, in dem
entscheidende Beweise mittels DNA-Analyse erbracht werden konnten.
John Leake hat diesen Fall aufgegriffen
und vier Jahre intensiv recherchiert. Herausgekommen ist eine solide True-CrimeStory, die auch erzählerisch Einiges hergibt.
Peter Sagerschnig
Sedivy, Roland: Der Detektiv mit
dem Mikroskop. Alltagsgeschichten eines Pathologen
Wien: Ueberreuter 2008. 205 S., € 19,95
Der aus Wien stammende und in Wien arbeitende Arzt, Wissenschaftler, Forscher
und Autor Roland Sedivy hat sich mit dem
vorliegenden Buch die Aufgabe gestellt,
die Pathologie aus dem Eck des Todes herauszuholen. Es ist ihm besonders wichtig
festzuhalten, dass der Pathologe heutzutage eher ein diagnostischer Arzt wie der
Röntgenologe ist und kaum Berührungspunkte mit den in den Krimis gezeigten
Leichenöffnern bestehen. Er ist Hauptansprechpartner für die Chirurgie genauso
wie derjenige, der Virenbefall, AIDS, Erbkrankheiten etc. untersucht.
Eine Obduktion wird nur dann durchgeführt, wenn sie angeordnet wird – weil
die Todesursache nicht klar ist, der Verdacht auf Erbkrankheiten, Fremdverschulden, Behandlungsfehler usw. besteht.
Grundsätzlich müssen Pathologen technisch talentiert, genau und ausdauernd,
sowie Gerüchen und Gewebskonsistenzen
gegenüber unempfindlich sein. Frauen ergreifen dieses Spezialgebiet oft deshalb,
weil kaum Nachtdienste zu leisten sind
und die Arbeitszeit sich mit dem Familienleben besser in Einklang bringen lässt.
Das vorliegende Buch ist offensichtlich
eine Zusammenstellung und Überarbeitung des Vortragsmaterials, das der Autor
über die Jahre gesammelt hat. Es ist daher
manchmal launig oder auch tragisch, mit
Fallbeispielen aus der Praxis untermauert,
etwas „wienernd“ und manchmal – offensichtlich ursprünglich an ein anderes
Publikum gerichtet – sehr informativ, lehrreich, technisch und medizinisch ins Detail gehend. Trotz dieser Uneinheitlichkeit
35
kann man beiden Vermittlungsebenen etwas abgewinnen und lernen.
Elisabeth Duchkowitsch
Summerscale, Kate: Der Verdacht
des Mr. Whicher oder Der Mord von
Road Hill House
Aus dem Englischen übers.
Berlin: Berlin Verlag 2008. 431 S., € 20,50
Sommer 1860: In einem englischen Landhaus wird ein grauenhafter Mord am dreijährigem Sohn von Samuel Kent verübt.
Schnell ist klar, dass der Schuldige nicht
von außen kommt, sondern von innen; Familie und Personal sind dementsprechend
verdächtig ...
Anhand umfangreicher Recherchen
zeichnet die Kate Summerscale nicht nur
den Fall minutiös nach, sondern zeigt auch
die Reaktionen der „Außenwelt“ auf diesen unerhörten Vorfall – ein Ereignis, das
die damals heilige Privatsphäre eines Herrenhauses (die Bourgeoisie galt als Expertin in Sachen Verschwiegenheit) ins grelle
Licht der Öffentlichkeit zerrte. Die Schattenseiten der viktorianischen Familie, mit
ehelicher Untreue, emotionaler Grausamkeit, Eifersucht, Einsamkeit, ungeratenen
Kindern und intrigierenden Dienstboten
kommen zu Tage.
Dieses Zeitalter der Häuslichkeit war
jedoch gleichzeitig ein Zeitalter der Information, der nachrichtenhungrigen Presse.
In den Berichten der ständig wachsenden
Zahl an Tageszeitungen und in Leserbriefen wird die Causa lebhaft diskutiert. Briefe an die Polizei und die Richter oder gar
den Innenminister mit der „Lösung“ des
Falles diverser Hobbydetektive sind an der
Tagesordnung.
Im 19. Jahrhundert, der Zeit des Glaubens an die wissenschaftliche Methode,
soll mit Hilfe von neuen Techniken der Kriminalpolizei abweichendes Verhalten erfolgreich bekämpft werden. Auf die (englische) Literatur war der Einfluss dieses
Mordfalls immens. Dickens beschäftigte
sich ausführlich mit dem Fall und auch
A. C. Doyle und Henry James wurden beeinflusst. Mord in einem einsamen Landhaus ist ja beinahe ein Archetyp bei Kriminalgeschichten. Das Buch ist „spannend
wie ein Krimi“ und dazu noch informativ.
Martin Jäger
Sachbuch
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Kluge Köpfe
Erlinger, Rainer: Gewissensfragen.
Streitfälle der Alltagsmoral
München: Goldmann 2007. 271 S., € 8,20
Seit fünf Jahren führt Rainer Erlinger in der
SZ die Kolumne „Gewissensfrage“, wo er
Auskunft über Recht und Unrecht im Alltag gibt. Inzwischen hat sich so viel Material angesammelt, dass der Verfasser einen
repräsentativen Überblick über die moralischen Anliegen seiner LeserInnen geben
kann.
Da fragt zum Beispiel ein 14-Jähriger,
ob es falsch war, ein unangenehm riechendes Geschirrspülmittel einfach wegzuschütten, wo doch Verschwendung und
Umwelt ... Oder eine Schreiberin will wissen, ob sie den Seitensprung der besten
Freundin wirklich decken muss. Rechtsverständnis und Gesetzestext klaffen oft weit
auseinander. Und es gibt die Dilemmata
der Loyalitätskonflikte. Meistens suchen
die LeserInnen einfach einen Ausweg aus
einem verunsichernden Gefühl von Unrecht, das sie nicht wirklich fassen können,
dessen sie sich aber entledigen möchten.
Grundsätzlich richtet sich Erlingers
„Rechtsprechung“ nach Kants Kategorischem Imperativ, wonach das recht sei,
was zum allgemeinen Gesetz erhoben
werden könne. Bei weniger gewichtigen
Sachverhalten verwendet er die goldene
Regel: „Behandle andere so, wie du von
ihnen behandelt werden willst“ oder die
utilitaristische Idee des insgesamt größten
Nutzens. Erlinger versucht, jeder seiner
Stellungnahmen auch Unterhaltungswert
zu geben. Im besten Fall erreicht er das
durch ein passendes Bild, welches das
Problem mit einem Schlag erhellt, manchmal begnügt er sich mit einer vertraulichen
Anspielung auf seine eigene allzu menschliche Seite.
Ernst Simanek
Godin, Christian: Die Geschichte der Philosophie für Dummies
Aus dem amerik. Englisch übers.
Weinheim: Wiley-VCH 2008. 544 S., € 25,70
Wahr ist, dass Philosophiegeschichten ganze Bibliotheken füllen. Nicht immer ist
wahr, was in diesen Büchern geschrieben ist. Beides Gründe – ob wahr oder
nicht – können die Lesenden dazu veranlassen, selbst darüber nachzudenken.
Dieser Herausforderung hat sich auch Christian Godin gestellt.
Erschienen ist seine Geschichte der Philosophie in der beliebten „... für Dummies“-Reihe. Godin geht klassisch chronologisch vor, indem er die „wirkmächtigsten“ Denker und deren Probleme umreißt, die uns auch heute noch in Atem
halten. Godin gelingt es, klassische Problemstellungen auf aktuelle Fragen zu beziehen. Das Durchlaufen der Philosophiegeschichte verfolgt den Zweck, eine
Zugangsweise zum philosophischen Fragen zu eröffnen, wobei Fachtermini erläutert werden, ohne an Qualität zu verlieren.
Das Buch ist in sechs Teile gegliedert, beginnend mit den Vorsokratikern bis zur
Gegenwart, die naturgemäß die Fragen nach dem „Wohin, Warum?“ stellt. Hier
steht die Philosophie in einer noch nicht erschlossenen Offenheit. Ein Philosoph
des 19. Jahrhunderts schrieb: „Darum ist die Geschichte der Philosophie das
wahre Organon [das Werkzeug] der Philosophie, aber
nicht die Philosophie selbst.“ Diesen Spruch nimmt
Godin neu auf, wenn er am Ende dazu aufruft, das
Denken aufzunehmen, nicht zu resignieren vor Absurditäten und Brutalitäten, seien sie politischen, sozialen oder wirtschaftlichen Ursprungs – ein ermunternder Abschluss eines gelungenes Buchs, das Denktraditionen vorstellt, um zum Nachdenken zu animieren und sehr treffend mit Illustrationen, grafischen
Hinweisen und Cartoons aufgemacht ist.
Andreas Agreiter
Höffe, Otfried: Lebenskunst und
Moral oder Macht Tugend glücklich?
München: Beck 2007. 391 S., € 25,60
Der Philosophie-Professor Otfried Höffe
hat bereits mehrere Bücher über Moralphilosophie und Erkenntnistheorie veröffentlicht; zu den wichtigsten Philosophen
zählen für ihn Aristoteles und Kant.
Eine entsprechende Ausrichtung lässt
sich schon am Aufbau seines neuen Buches erkennen: Nach einem ersten Teil
„Ethik plus Handlungstheorie“, der in die
Problematik einführt, verrät bereits der
Titel „Prinzip Glück“ den aristotelischen
Schwerpunkt, während der abschließende
Teil „Prinzip Freiheit: Autonomie“ den Bezug zu Kant deutlich macht.
Georg Trakl behauptete einmal: „Nur
wer das Glück verachtet, dem wird Erkenntnis.“ Höffe möchte dagegen plausibel machen, dass Moral und Glück einander keineswegs widersprechen.
Gerade das grenzenlose Streben nach
Glück braucht Grenzen, d. h. moralische
Grundsätze. Umgekehrt wäre ein moralisches Leben ohne Glück zu arm. Indem
Höffe die Positionen von Aristoteles und
Kant zu vermitteln sucht, beschreibt er
Möglichkeiten eines geglückten Lebens,
das sich aber dennoch an Maximen der
Moral orientiert.
Die Arbeit setzt sich mit einer Fülle
von Themen überaus sachkundig und klar
auseinander. Das gilt auch für ebenso aktuelle wie prinzipielle Problembereiche,
etwa die Alternative „Freiheit oder Determinismus“ oder die Herausforderung
durch die Erkenntnisse der modernen
Hirnforschung. Ein ausführliches Literaturverzeichnis, ein Namens- und ein sehr gut
aufbereitetes Sachregister beschließen das
umfangreiche Buch.
Dessen ungeachtet stellt es große Ansprüche an LeserInnen und kommt wohl
nur für ein Fachpublikum in Frage, vor allem für PhilosophInnen und für Angehörige jener Wissenschaften, die von sich
behaupten, philosophisch mitreden zu
können. Gerade sie sollten aber Höffes Argumente genau studieren, um allfällige eigene, allzu naive Ansichten ein wenig korrigieren zu können. Schon dieser Gewinn
würde die Lektüre lohnen.
Johanna Vetter
Sachbuch
Kluge Köpfe
Nagel, Thomas: Letzte Fragen.
Mortal Questions
Hamburg: Europäische Verlagsanstalt
2008. 410 S., € 17,40
Der in Belgrad geborene amerikanische
Philosoph gehört zu den heute wohl meist
diskutierten Vertretern seines Fachs; der
biographischen Notiz des Anhanges zufolge versteht sich Nagel als „Ethiker, Metaphysiker und politischer Philosoph“. Die
vorliegende Ausgabe ist bereits 1979 im
Original und 1984 in erweiterter deutscher
Fassung erschienen.
Thomas Nagel geht in dieser Abhandlung der Frage nach, wie überhaupt Erlebnistatsachen zugänglich sein können. Er
macht plausibel, dass dies allein auf dem
Weg einer Beschreibung ihrer physischen
Funktionsweise nicht möglich ist, weshalb
die Erklärung subjektiver Phänomene, zu
denen auch das Bewusstsein zählt, mit
Hilfe naturwissenschaftlicher Erkenntnisse
an eine prinzipielle Grenze stößt.
Der erste Aufsatz widmet sich der
Frage: „Warum ist es eigentlich schlimm
zu sterben, wenn der Tod doch das Ende
unserer Existenz ist, unwiderruflich und in
alle Ewigkeit?“ Wird dieses Ende als Abbruch einer allgemeinen Zeitspanne aufgefasst, dann wäre der Tod ebenso wenig beängstigend wie die Tatsache, dass wir vor
unserer Geburt nicht da waren. Trotzdem
wird er als Verlust von Möglichkeiten erfahren, entscheidend dafür ist die Richtung
der Zeit.
37
Nagel ist immer wieder von der Frage
nach der Realität der Wirklichkeit bewegt,
daher auch die Konkretheit seiner Themen:
sexuelle Perversion, Massenmord, Krieg
oder die Rücksichtslosigkeit im öffentlichen Leben.
Im Aufsatz „Das objektive Selbst“ meint
Nagel, dass Irritationen zur Philosophie gehören, ja sogar das Wichtigste an ihr sind.
Dass er dieser Erkenntnis selbst konsequent
folgt, zeigt dieses Buch auf hervorragende
Weise und in einer vorbildlich klaren Sprache. Editorisch scheint es allerdings nicht
besonders gelungen: Die Schrifttypen sind
zu klein und ein Sachregister wäre auch
kein Unglück gewesen.
Johanna Vetter
„Der Mensch ist das nicht festgestellte
Tier.“ Dieser Satz Nietzsches hat auch heute noch Gewicht. Die traditionelle Abgrenzung des Menschen vom Tier äußert sich
in Prädikaten wie „vernünftig“, „sprachbegabt“ oder „sozial“. Vor allem das Phänomen des Geistigen sollte die Vorrangstellung des Menschen Tieren gegenüber
sichern. Die Naturwissenschaft aber rückt
der Philosophie wie auch der Theologie
mit neueren Erkenntnissen zu Leibe; vor
allem die Frage nach einer Art Geistigkeit
von Tieren wird neu gestellt, sodass das
Verhältnis zwischen den kognitiven Fähig-
keiten der Tiere und der Vormachtstellung
des Menschen neu oder anders formuliert
werden kann.
Der Berliner Philosoph mit dem treffenden Namen Markus Wild widmet sich
diesen Fragen. Er konfrontiert wissenschaftsgeschichtlich untermauerte mentale
Leistungen der Tiere mit menschlicher
Geistigkeit.
Sorgfältig vermeidet Wild hier die
Gleichstellung von Mensch und Tier, die
weder dem Tier noch dem Menschen gerecht wird. Der Mensch teilt mit Tieren –
vornehmlich mit Säugetieren – bestimmte
Verhaltensweisen, deren Parallelität auf
„Gleichgestimmtheit“ schließen lässt.
Doch gibt es sichtlich Differenzen, diese
treten beim Menschen durch Denken,
Bewusstsein und geplantes, auf die Zukunft gerichtetes Handeln hervor.
Bevor Wild die aktuelle Debatte um
das Mensch-Tier-Problem in Angriff
nimmt, gibt er einen Rückblick über bisherige Forschungen und Ansichten. Nicht zuletzt hält der Autor die LeserInnen mit einer Diskussion um Sprachfähigkeit und
Mentalität der Tiere in Atem. Dazu bezieht
er keine geringeren Denker als Heidegger
und Derrida mit ein.
Wilds Buch ist bei weitem kein Resümee einer etablierten Forschungsdisziplin; diese ist erst im Entstehen. Vor allem
Artenschutz, Tierschutz, die Ökologiebewegung und natürlich auch die Wirtschaft
sollten sich dieses Denkens besinnen.
Andreas Agreiter
Dan Ariely ist Professor für das noch
junge Fach der Verhaltensökonomie und
stellt seine Beobachtung vom „vorhersagbaren irrationalen Verhalten“ nun einem
breiten Publikum vor.
Wohldurchdachte Überlegungen fallen
bestimmten Erwartungen, Vorurteilen und
Trugschlüssen zum Opfer. Diese aufschlussreichen Erkenntnisse hat der Autor
aus zahlreichen Experimenten mit Studierenden gewonnen. Die Ergebnisse brachten Erstaunliches zu Tage.
So ist es ein wesentlicher Unterschied,
ob wir auf der sozialen oder der geschäftsmäßigen Ebene agieren: Ein und
dieselbe Handlung wird völlig unter-
schiedlich bewertet. Entscheidend ist, ob
es sich um eine bezahlte Tätigkeit oder
um einen unentgeltlichen Freundschaftsdienst handelt. Entscheidungen, die in gelassen-kühlem Zustand getroffen werden,
verlieren jegliche Grundlage, wenn uns
Emotionen beherrschen.
Dan Ariely will seinen LeserInnen mit
diesem Buch ein Instrument in die Hand
geben, mit dem das eigene Verhalten auf
den Prüfstand gestellt und Handlungen bei
Bedarf hinterfragt werden können. Zahlreiche Experimente sind in den einzelnen
Kapiteln aufgelistet und unterstreichen die
Thesen des Autors mitunter recht amüsant.
Elisabeth Schögler
Wild, Markus: Tierphilosophie
zur Einführung
Hamburg: Junius 2008. 232 S., € 14,90
Seelenwelten
Ariely, Dan: Denken hilft zwar,
nützt aber nichts. Warum wir immer
wieder unvernünftige Entscheidungen
treffen
München: Droemer Knaur 2008. 315 S.,
€ 20,60
Welchen Einflüssen sind Menschen ausgesetzt, wenn sie eine Entscheidung treffen?
Und was hindert sie daran, einen einmal
gefällten Entschluss konsequent weiterzuverfolgen? Warum wird das Einhalten von
guten Vorsätzen immer wieder auf einen
späteren Zeitpunkt verschoben? Wieso ist
es so einfach, uns Menschen zu manipulieren?
Sachbuch
Seelenwelten
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Deutsch, Dorette: Lebensträume
kennen kein Alter. Neue Ideen für das
Zusammenwohnen in der Zukunft
Frankfurt: Fischer 2007. 174 S., € 15,40
Die Autorin spürt den Beweggründen jener
Menschen nach, die sich für neue Formen
des Wohnens im Alter interessieren und
engagieren. Vorbehaltlos weist sie auf
Fallen und Hürden hin, die es für gemeinschaftliche Wohnprojekte gibt. Bei allen
beschriebenen Modellen werden die
Grundvoraussetzungen des Wohnkonzepts
benannt. Die Vorteile finden ebenso Erwähnung wie absehbare Nachteile oder
Hürden.
In der Regel profitieren alle Beteiligten
von der gemeinsamen Anstrengung, ein
neues Projekt zu initiieren: die VolontärInnen ebenso wie die AuftragnehmerInnen,
die Ökologie und die Kommune durch
neue Akzente im Stadtbild. Als günstige
Voraussetzungen erweisen sich eine Gruppengröße von 15 bis 25 Personen, ein klar
umrissener Gemeinsschaftsgedanke sowie
eine Führung des Gruppenprozesses und
der Zielsetzung durch erfahrende ModeratorInnen. Außerdem sollten genügend Vorlaufzeit eingeplant und Rechtsverbindlichkeiten geschaffen werden. Ein Buch, das
zur Diskussion anregt, um neue Formen
der Versorgungssicherheit im Alter.
Christa Mayer
Huainigg, Franz-Joseph: Auch
Schildkröten brauchen Flügel! Ein
herausforderndes Leben
Wien: Ueberreuter 2008. 256 S., € 21,95
Der Autor ist seit einer Impfung im Säuglingsalter gelähmt und muss beatmet werden. Das hindert ihn aber nicht, ein vielfältiges Leben zu führen, wohl ein vielfältigeres als die meisten seiner nicht behinderten Mitmenschen. Er schreibt Kinder- und
Erwachsenenbücher, war schon als Kabarettist tätig, ist Abgeordneter zum Nationalrat und hat zahlreiche Initiativen gegen
die Behinderungen im Leben von Behinderten initiiert und durchgeführt.
In diesem Buch versucht er einerseits so
etwas wie eine Biographie zu schreiben
und andererseits jenes tägliche Leben, das
für einen an den Rollstuhl Gefesselten und
auf die Hilfe anderer Menschen Angewiesenen ein tägliches Abenteuer ist, so darzustellen, dass gar nicht erst der Gedanke auf-
kommen kann, ein Dasein im Rollstuhl bedeute, das Leben sei vorbei. Alltägliche Situationen kippen ins Groteske und komplizierte Vorhaben erscheinen durch Witz und
Einfallsreichtum plötzlich ganz einfach lösbar zu werden: Der Autor führt vor, dass Behinderte weder Mitleid noch Herablassung
brauchen, dass es einfach genügt, wenn die
Integration in die Gesellschaft zur Selbstverständlichkeit wird. Eine Selbstverständlichkeit, die es gerade in Österreich noch bei
weitem nicht gibt. Hier bewusstseinsbildend tätig zu sein und gesetzliche Rahmenbedingungen mitzugestalten, ist ihm ebenso wichtig wie mit Hilfe seiner Kinderbücher bereits Kinder für eine integrative Haltung zu sensibilisieren.
Wolfgang Kauders
Kneissl, Reinhard: Feinde, die wir
brauchen
Kreuzlingen: Hugendubel 2007. 180 S.,
€ 16,95
Es gibt Feindbilder, die sich hartnäckig halten, andere entstehen neu und wieder andere verschwinden nach angemessener
Zeit. Der Soziologe Reinhard Kneissl
durchleuchtet Dynamik und Funktion von
Feindbildern. Ein solcherart sezierter Feind
bleibt letztlich substanzlos zurück. Der
Autor hat eine größere Auswahl an aktuellen „Feinden“ getroffen und sie in einzelnen Kapiteln untergebracht. Er bekennt
sich zu Subjektivität und Unvollständigkeit
bei dieser Auswahl und bietet bei Bedarf
eine virtuelle Klagemauer im Internet an.
Für den sofortigen und persönlichen Gebrauch verfügt das Brevier über drei leere
Blätter, auf dem eigene Feinde notiert werden können.
Amüsant und unterhaltsam gestaltet
sich die Lektüre des Buches. Nach einem
kurzen Prolog, in dem der Autor launig
über das Entstehen und den Nutzen von
Feindbildern und die Arbeit an seinem
Werk plaudert, werden die LeserInnen in
die einzelnen „Abteilungen“ entlassen. Da
Feindbilder stets mit passenden Gegenstücken aufwarten, gibt es viele Verweise
zwischen den einzelnen Kapiteln. Ein kluges und witziges Buch zu einem soziologisch ebenso interessanten wie problematischen Thema.
Elisabeth Schögler
Levine, Stephen: Hör auf deinen Kummer
Aus dem amerikan. Englisch übers.
Freiburg: Herder 2007. 223 S., 17,40
Der Meditationslehrer Stephen Levine beschäftigte sich
mit Überlebenden von Konzentrationslagern, VietnamVeteranen und Opfern sexuellen Missbrauchs. Er kam
dabei zu dem Ergebnis, dass nicht verarbeiteter Verlust
ins Unterbewusstsein gedrängt wird, nur um bei allen
möglichen Gelegenheiten an die Oberfläche gespült zu
werden. Depression, Lebensüberdruss oder auffällige
Störungen im alltäglichen Verhalten sind die Folge des
unbewältigten Schmerzes.
Levine empfiehlt, die überwältigenden Gefühle zu „umarmen“. Damit ist ein liebevoller, nachsichtiger Umgang mit dem eigenen Selbst gemeint. Die zurzeit von
der europäischen Psychotherapie neu entdeckte buddhistische Achtsamkeitsmeditation soll aufmerksam machen und gleichzeitig beobachtende Distanz schaffen.
Die kurze Zeitspanne der Gegenwart soll bewusst erlebt und gelebt werden.
Vereinzelte Fallbeispiele unterstreichen die Thesen des Autors.
Das Zulassen des Schmerzes, so Levine, sei der Beginn des Heilungsprozesses.
Leider geht er bei seinen Ausführungen zu selbstverständlich davon aus, dass seine LeserInnen entsprechendes Vorwissen haben; auch gibt es keine genauen
Anleitungen zu den empfohlenen Übungen. Lediglich im Vorwort von Luise
Reddemann ist ein Hinweis darauf zu finden, dass es besser sei, den empfohlenen
Pfad bei benötigter Hilfe nicht ohne professionelle Begleitung zu betreten.
Elisabeth Schögler
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SachbuchDas Spiel der Mächtigen
Benz, Wolfgang: Völkermorde im
20. Jahrhundert
Wien: Picus 2008. 60 S., € 7,90
Der Historiker Wolfgang Benz untersucht
die Geschichte der Völkermorde, indem er
einen Bogen von der Kolonialzeit bis in
unsere Gegenwart spannt. So ehrenwert
die Wiener Vorlesungen im Rathaus sind,
aus denen die Publikation hervorgangen
ist, bleibt der Wissenschafter leider nur an
der Oberfläche. Ein tieferes Verständnis für
diese sozialen Katastrophen wird so nicht
möglich. Zweifellos ist der umfassende
Ansatz des Autors, sämtliche Genozide der
letzten 200 Jahre zu betrachten, sinnvoll.
Doch bleiben viele Mordaktionen in den
Kolonien unberücksichtigt.
Geht man davon aus, dass für viele
Menschen heute die Tatsache unbegreiflich und nicht nachvollziehbar ist, dass
Personen aufgrund eines Merkmals umgebracht werden, muss der gegenwärtige
Stand der Genozidforschung als ein
Umkreisen des „unbegreifbaren“ Phänomens Völkermord betrachtet werden. Wir
können und müssen heute die „Gestalt“
des Genozids beschreiben, auch wenn es
ein sehr zerbrechliches Bild über uns
Menschen zeichnet.
Robert Aigner
Craveri, Benedetta: Königinnen
und Mätressen
Aus dem Italienischen übers.
München: Hanser 2008. 473 S., € 25,60
Unglücklich verheiratete Königspaare gab
es zu allen Zeiten, und auch Liebschaften
sind seit Ewigkeiten Teil der Geschichte
von Herrschenden. Was sich im Laufe der
Jahrhunderte allerdings änderte, war der
Status der Geliebten, denn dieser wurde
ab dem Hochmittelalter immer mehr zu einem halboffiziellen. Ab dem 16. Jahrhundert wurde das Konkubinat nach und nach
zur Normalität und brachte ungeschriebene Rechte und Pflichten mit sich.
Alle in Craveris Buch porträtierten Frauen lebten in diesem Zeitraum: Caterina de’
Medici, nur Bankierstochter aus Italien,
aber mit einer beeindruckenden Mitgift
ausgestattet, Königin Margot, Dichterin
und frühe Kämpferin für die Rechte der
Frauen, Maria de’ Medici, die die blutige
Bartholomäusnacht zu verantworten hat,
oder die Habsburgerin Marie Antoinette,
die erst königlich auftritt, als sie keine Königin mehr ist. Je nach Charakter gingen die
Damen unterschiedlich mit ihrem Schicksal um. Manche flüchteten sich in echte
Frömmigkeit, andere nahmen eifersüchtig
Zuflucht zur Intrige, einige wurden hochmütig und raffgierig und ein paar wenige
haben sich gar zu Mord hinreißen lassen.
Diese hervorragend recherchierten und
brillant erzählten bewegenden Lebens geschichten lassen leicht vergessen, dass
es sich um ein historisches Sachbuch und
nicht um einen Roman handelt. Gleichzeitig liefert die Autorin eine äußerst spannende und abenteuerliche Kultur- und Sittengeschichte des französischen Hofes, die
so manchen historischen Roman in den
Schatten stellt.
Ingrid Sieger
Dox, Georg: Kampf um den Kreml
Salzburg: Ecowin 2008. 213 S., € 19,95
Der ORF-Korrespondent Georg Dox betrachtet im vorliegenden Buch die politische Entwicklung Russlands seit dem Ende
der Ära Boris Jelzin bis zu den Parlamentswahlen 2007. Gekennzeichnet ist diese
Zeit durch den Aufstieg des ehemaligen
Geheimdienstmannes Wladimir Putin, der
es schaffte, Russland einen Teil seiner aus
der Sowjetzeit stammenden Bedeutung
wiederzugeben. Zumeist verbindlich im
Ton, jedoch hart in der Sache verstand es
der Kreml-Chef als globaler Mitspieler im
Kreis der Weltmächte, der russischen
Stimme Gehör zu verschaffen.
Zahlreiche Zwischenfälle zeigen deutlich, dass es in Russland eine Reihe von
„nicht politischen Gegenspielern“ gibt, die
aus den Kreisen des Militärs und der Geheimdienste stammen und sich der erstarkten russischen Wirtschaft als Waffe bedienen. Die diversen russischen Geheimdienste sind dabei im Hintergrund aktiv, mal
miteinander, mal gegeneinander. Und im
Zentrum dieser brutalen Machtkämpfe
steht immer ein Name: Wladimir Putin.
Kampf um den Kreml ist ein spannend
geschriebenes, für politisch interessierte
LeserInnen höchst interessantes Zeitdokument.
Fritz Hartl
Krawagna-Pfeifer, Katharina /
Thurnher, Armin: Die Wege entstehen
im Gehen. Alfred Gusenbauer im
Gespräch
Wien: Czernin 2008. 213 S., € 24,80
Bundeskanzler werden ist nicht schwer ...
Dieser pointierte Schluss drängt sich einem
unweigerlich auf, wenn man die geradlinige politische Karriere Alfred Gusenbauers
anhand seiner eigenen biografischen Aussagen betrachtet. Dass er Staatsmann werden würde, war für ihn immer klar. Konsequent ist er seinen Weg gegangen.
Die Journalistin und ehemalige SPÖKommunikationschefin Katharina Krawagna-Pfeifer und Falter-Chefredakteur Armin Thurnher haben den Kanzler über Monate hinweg in Einzelgesprächen zu seiner
Herkunft, seinem Bildungsweg, seiner politischen Sozialisation, zu den brennenden
Fragen des Sozialstaates Österreich, zur
Zukunft Europas und vielen weiteren Themen politischer wie auch privater Natur
befragt. Herausgekommen ist ein Interview-Buch, das klarerweise noch kein politisches Resümee liefern kann und will,
das aber jedenfalls eine weit reichende
Standortbestimmung darstellt; ein Buch,
das Klischees und öffentliche Vorurteile
auflöst und das sehr persönliche Porträt eines Menschen zeichnet, für den das Private von Beginn an nicht vom Politischen
zu trennen war.
Wenn man liest, dass es nur der heftigen Intervention eines cholerischen Lehrers bei seinen Eltern zu verdanken ist,
dass Gusenbauer das Gymnasium besuchen konnte, versteht man, warum das Bildungsthema für ihn eine so zentrale Rolle
spielt. Gusenbauers Belesenheit und politische Bildung sind im Buch eindrucksvoll
unter Beweis gestellt.
Es ist insbesondere all jenen politisch
interessierten LeserInnen zu empfehlen,
die sich gegen das verbreitete „Gesudere“
ein eigenständiges Bild von Österreichs
letztem Kanzler machen wollen. Einige
großformatige Fotos zeigen ihn privat, am
Arbeitsplatz, im Gespräch. Im Übrigen
klärt Gusenbauer auch selbst auf, was es
mit der Geschichte um die Sandkiste auf
sich hat, in der er angeblich schon als Kind
das Kanzleramt als sein Lebensziel gesehen haben soll …
Franz Plöckinger
Sachbuch
Das Spiel der Mächtigen
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Unterreiner, Katrin: Kronprinz
Rudolf. „Ich bin andere Bahnen
gegangen“
Wien: Styria 2008. 255 S., € 24,95
Seit geraumer Zeit drängen sich die Geschichte der Habsburger im Allgemeinen
und die bewegenden Schicksale ihrer bekanntesten Sprösslinge – Kaiserin Sisi, Kaiser Franz Joseph und Kronprinz Rudolf – im
Speziellen HistorikerInnen und AutorInnen
als Themen für Biographien, Anthologien,
Dokumentationen und Romane auf.
Betrachtet man die Unmenge an bisher
erschienenen Publikationen, meint man,
dass eigentlich schon alles gesagt sein
müsste. Doch Katrin Unterreiner belehrt
die LeserInnen eines Besseren. In ihrem
neuesten Werk nimmt sie das kurze Leben
des einzigen männlichen Nachkommen
des Herrscherpaares unter die Lupe.
Die Legenden, die sich um die bis heute ungeklärten Umstände des Todes Rudolfs und seiner Geliebten in Mayerling
ranken, sind sattsam bekannt und können
auch von der Verfasserin nicht berichtigt
werden, denn dieser Skandal wurde vom
Wiener Hof zu gründlich vertuscht.
Basierend auf zahlreichen, bisher unbekannten Quellen aus privatem Besitz bietet
die Autorin neue Einblicke in die tragische
Lebensgeschichte Rudolfs. Zum Vorschein
kommt eine feinfühlige, vielschichtige und
hochbegabte Persönlichkeit, die an der Unsensibilität, Starrheit und Intoleranz seiner
höfischen Umwelt gescheitert ist.
Eine große Fülle an Bildmaterial ergänzt dieses auf gründlicher Recherche
basierende Buch auf eindrucksvolle Weise.
Unterreiner schreibt mit viel Einfühlungsvermögen, bleibt aber immer objektiv. So
ist ihr ein engagiertes, gut verständliches
Werk gelungen, das leider einige Druckfehler aufweist.
Ingrid Sieger
Hinweis auf die erwähnten VorgängerBände der Reihe auf der Rückenklappe,
der so klein gehalten ist, dass man die Titel
auf den abgebildeten Umschlägen nicht
lesen kann. Vom Residenz-Verlag ist man
Professionalität gewohnt. Aber das war
wohl einmal – damals in Salzburg …
Franz Plöckinger
Holde Heimat
Bahnmüller, Wilfried: Burgen und
Schlösser. Steiermark & Burgenland
St. Pölten: Residenz 2008. 255 S.,
€ 19,90
Nach Niederösterreich, Tirol, Südtirol und
Vorarlberg hat der bayerische Autor und
Fotograf nun auch die Steiermark und das
Burgenland nach Burgen und Schlössern
durchstreift und in einem handlichen Band
die interessantesten und besuchenswertesten zusammengestellt. Das Hauptkriterium für die Auswahl der mehr als 80 Objekte war die öffentliche Zugänglichkeit.
Zu Recht weggelassen wurden Ruinen, bei
denen nicht mehr viel zu sehen ist oder
deren baulicher Zustand einen Besuch zu
einem Risiko machen könnte.
Den Einzelbeschreibungen vorangestellt findet man einen kurzen Überblick
über die geschichtliche Entwicklung der
benachbarten Länder. Es folgt eine Beschreibung der wichtigsten Elemente einer
Burg und ihrer Funktionen. Die Objekte
selbst werden jeweils nach dem gleichen
Schema vorgestellt: Allgemeine Information, Geschichte der Anlage, Sehenswürdigkeiten im Objekt und seiner näheren
Umgebung, Service-Kästchen mit Hinweisen zu Öffnungszeiten, Anfahrtsweg, Gastronomie und Kontaktadressen.
Der Band ist mit vielen einladenden
Farbfotos ausgestattet, deren Reproduktionsqualität allerdings zu wünschen übrig
lässt. Ein Literatur- und ein Stichwortverzeichnis runden den unterm Strich guten
Gesamteindruck ab. Wenig Sinn macht der
Bürkl, Anni: Böhmisches Wien. Von Lepschi bis Kolatsche
Wien: metro 2008. 128 S., € 9,90
Wien ist über die Jahrhunderte von der nahen Nachbarschaft zu Tschechien, Böhmen und der Slowakei geprägt worden. Erste tschechische Einwanderer fanden sich
im 13. Jahrhundert in Wien ein. Ab dem 17. Jahrhundert übersiedelten auch Ämter
und Archive der böhmischen Verwaltung nach Wien und mit ihnen kamen Beamte,
später auch Handwerker, Kaufleute und Gewerbetreibende. In der industriellen
Gründerzeit des 19. Jahrhunderts wurde die Residenzstadt Wien zum Schmelztiegel der Nationen. Tschechische Dienstmädchen, Köchinnen und Ammen machten um die Jahrhundertwende ungefähr zehn Prozent der ZuwandererInnen aus.
Der Einfluss der tschechischen Köchinnen auf das Essen in Österreich ist bekannt.
Das seinerzeit berühmte Kochbuch Domácí kucharka der tschechischen Autorin
Magdalena Dobromila Rettigova durfte damals in keinem Haushalt fehlen.
„Die Ringstraße ham uns die Behm baut“, hieß ein geflügeltes Wort in Wien um
1900. Die Arbeits- und Lebensbedingungen dieser Menschen waren unsäglich.
Heute schätzt man, dass mehr als ein Drittel aller Wiener Vorfahren in Tschechien, Böhmen und der Slowakei
hat. Viele Österreicher nehmen die tschechische Kultur
in Wien heute kaum noch wahr.
Anni Bürkl nimmt uns mit auf eine Reise zu den
Spuren, die Tschechen im Laufe der Jahrhunderte in
Wien hinterlassen haben – und immer noch hinterlassen. So erfährt man unter anderem, dass es im „Theater
Brett“ tschechische Theaterstücke (in deutscher Sprache)
zu sehen gibt, wo man in tschechischen Büchern
schmökern oder die Köstlichkeiten der „Böhmischen
Kuchl“ genießen kann.
Eva Oberleitner
Sachbuch
Holde Heimat
Dmytrasz, Barbara: Die Ringstraße.
Eine europäische Bauidee
Wien: Amalthea 2008. 240 S., € 29,90
Ähnlich wie Baron Haussmanns Champs
Elyseés verdankt die Wiener Ringstraße
ihre Entstehung ursprünglich militärischen
Erwägungen: Aufmarschstraße für militärische Einheiten, einst von Kasernen flankiert, mit viel freier Schussbahn, dabei ungeeignet zum Barrikadenbau durch revolutionäre Bourgeoisie und das Proletariat.
Barbara Dmytrasz legt mit Die Ringstraße zum 150. Jahrestag des Beginns dieser
fundamentalen städtebaulichen Veränderung ein 1,7 kg schweres, recht unhandliches Werk vor. Es handelt sich allerdings
um die fundierteste und genaueste Gesamtdarstellung dieses Bauprojekts, welches die
Residenzstadt aus der mittelalterlichen Enge herauskatapultiert hat. Dabei wertet sie
nicht den historischen Kitsch, der für die
Wiener Ringstraßenbauten so charakteristisch ist und der unter dem Begriff des Historizismus subsummiert wird, sondern interessiert sich für Entstehungsgeschichte
und architektonische Details.
Dabei geht sie mit der Entstehungsgeschichte dieses Prachtboulevards durchaus
kritisch ins Gericht, eben was den militärpolitischen Aspekt, die unmenschliche Situation der Bauarbeiter, oder die üblen
Machenschaften des Wiener Ziegelbarons
Heinrich Drasche anbelangt.
Dringende Fragen wie die, warum ausgerechnet die Mölkerbastei nicht der
Schleifung anheimgefallen ist, werden allerdings auch hier nicht beantwortet.
Rudi Hieblinger
Egghardt, Hanne: Auf den Spuren
Prinz Eugens. Barocke Pracht in und
um Wien
Wien: Kremayr & Scheriau 2008. 48 S.,
€ 6,90
Der kleine Führer zu verschiedenen Orten
in Wien und Niederösterreich, die in Beziehung zu Prinz Eugen und seinem Leben
stehen, ist eine ausgezeichnete Ergänzung
zu der von Hanne Egghardt 2007 publizierten Biographie des Prinzen.
Route eins führt zu den Kunstschätzen
Eugens – zu Gemälden aus seiner Sammlung im Kunsthistorischen Museum, Möbeln aus seinen Schlössern im Hofmobiliendepot, dem Denkmal am Heldenplatz,
41
seiner umfangreichen Bibliothek im Prunksaal der Nationalbibliothek etc.
Route zwei macht bekannt mit Orten
in Wien, die in Bezug zu Prinz Eugens Biographie stehen wie unter anderen Kahlenberg und Leopoldberg, wo er seine Militärlaufbahn begann. Route drei stellt die
Schlösser und Parkanlagen des Prinzen in
Niederösterreich vor.
Abschließend zeigt die Autorin in einem kurzen Schlenker, wo Eugen von Savoyen in Ungarn und Kroatien Besitzungen hatte und wo man dort heute noch seine Spuren finden kann. Ergänzt wird der
Führer durch farblich abgesetzte Tipps und
durch Hinweise auf mögliche kulinarische
Genüsse im Umfeld der Marchfelder
Schlösser. Orientierungskarten finden sich
in den beiden Buchklappen.
Ein knapp gehaltener, aber brauchbarer Führer auf den Spuren Prinz Eugens.
Eva Fritschen
Frenzel, Monika: Innsbruck. Der
Stadtführer
Innsbruck: Tyrolia 2008. 144 S., € 8,90
Die Landeshauptstadt Innsbruck gilt in der
internationalen Tourismusbranche ob der
idealen Lage für Sommer- und Wintergäste
als Magnet ersten Ranges: Natur und Kultur werden hier in besonderem Maße auf
engstem Raum vereint. Um die Vielzahl
der Angebote in übersichtlicher Form darzustellen, wurde mit der Kunsthistorikerin
Monika Frenzel eine kompetente und erfahrene Autorin engagiert. Herausgekommen ist ein Büchlein, welches TouristInnen
und Einheimischen so manche interessante Information bieten kann und wohl aus
diesem Grund auch zeitgleich in Englisch,
Spanisch, Italienisch und Französisch erschienen ist.
Die sieben Kapitel konzentrieren sich
auf je einen speziellen Themenbereich:
Nach einem kurzen und prägnanten Überblick über die geschichtliche Entwicklung
Innsbrucks respektive Gesamttirols werden
die interessantesten Sehenswürdigkeiten
der Stadt anhand von sechs Routen gestreift. Ein eigenes Kapitel widmet sich
Museen und moderner Architektur, daneben gibt es Tipps für Ausflüge in die nähere Umgebung Innsbrucks oder Naturwanderungen im Karwendelgebiet. Ein umfangreicher Serviceteil mit Wissenswertem
von A–Z schließt den reich illustrierten
Reiseführer ab. Die etwas eigentümliche
Gliederung erweist sich nach kurzem Einlesen als günstig, da rasch und problemlos
nach den auf individuelle Interessen zugeschnittenen Informationen geblättert werden kann. Ein Plan inklusive Legende an
den beiden Innendeckeln ermöglicht zudem ein schnelles und einfaches Auffinden
gesuchter Örtlichkeiten, welche in einem
Ortsregister am Ende mit den jeweiligen
Koordinaten im Plan versehen sind.
Sissy Schiener
Hewson, Elisabeth: Prater
G’schichten
Wien: Pichler 2008. 204 S., € 24,95
Bücher über den Prater und seine Funktion
als Vergnügungs- und Erholungsort wurden
schon viele geschrieben. Eine ernstzunehmende Sammlung von Geschichten und
Berichten um und über die bedeutendsten
Typen und Schauplätze des urwienerischen
"Wurstelpraters" fehlte bis dato. So haben
sich der Historiker Heinz Jankowsky und
die gebürtige Wiener Journalistin Elisabeth
Hewson entschlossen, die lustigsten, grauslichsten, interessantesten, verkommensten
und schrägsten Geschichten und Biographien zu einem Panoptikum dieses Wiener
Wahrzeichens zusammenzutragen.
Herausgekommen ist ein spannend
und unterhaltsam zu lesendes Büchlein
mit vielen Detailinformationen, kontroversiellen und abgründigen Szenerien und Pikanterien aus dem Alltag dieses Vergnügungsviertels: Wer weiß schon, woher Jesuitenwiese oder das Schweizerhaus ihre
Namen haben? Was verbindet den Dichter
Peter Altenberg, Buffalo Bill, den Hanswurst und die Wiener Unterwelt? All diese
Fragen und vor allem die historisch mehr
oder minder bedeutenden Persönlichkeiten des Praters und ihre Nachfolgegenerationen werden in einem Panoptikum von kunterbunten, teils mit Originalzitaten, Gedichten und Biographien, teils
mit historischen Ansichten und Illustrationen untermauerten Geschichten anschaulich, humorvoll und kurzweilig dargestellt.
Penibel recherchiert und mit interessantem Bildmaterial aus Archiven, Museen
und Privatsammlungen ergänzt, gibt das
Buch einen spannenden und nicht nur für
Laien aufschlussreichen Überblick über
zwei Jahrhunderte Wiener Geschichte.
Sissy Schiener
Sachbuch
Holde Heimat
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Hofer, Veronika / Benesch, Alfred:
Himmelsgrün. Die schönsten Gärten
im Klösterreich
St. Pölten: Residenz 2008. 159 S., € 24,90
Im Himmelsgrün der Klöster spiegelt sich
das Suchen nach der paradiesischen Gartenform. Es ist ein stetes Forschen und Suchen und rhythmisches Schaffen, wie Leben, Arbeiten und Existenz sein können,
wenn auf Gottes Wort gehört wird.
Gegenwärtig werden Klöster wieder
entdeckt, nicht zuletzt wegen der Klostergartenkultur, die aus alten Bildern herrührt.
Bildern von in sich ruhenden, himmlisch
grünen Orten, die scheinbar zeitenlos sind.
Seit den frühen 1990er-Jahren nimmt die
Alltags-Gartenkultur einen großen Aufschwung. Damit wird auch die Basis jeg-
licher Gartenkultur, im kulturgeschichtlichen Sinne die der Klöster, wieder freigelegt. Da Klöster als Bildungsmacht und
Grundherrschaften europaweit agierten,
waren sie ästhetisch und gartenkulturell ein
Vorbild. So wurden Klöster zur Wiege der
europäischen Gartenkunst, zu Bebauern
und Bewahrern des Himmelsgrüns.
Veronika Hofer und Alfred Benesch
durchwandern auf den Spuren der europäischen Gartenkultur den Osten Österreichs. Dabei bekommt neben der Charakteristik der Klostergärten und deren architektonischen Grundlagen vor allem auch
das regional Spezielle seinen Raum.
Im Anhang des Buches finden sich neben den übersichtlich geführten Kontaktadressen auch Anreisepläne. Der sehr geschmackvoll gestaltete Bildband lädt ein,
Franz, Wolfgang: Wien 1908.
Ein Zeitreiseführer ins Wien der Jahrhundertwende
Wien: metro 2008. 175 S., € 16,90
Wir befinden uns im Monat Juni, der in diesem Jahr sehr heiß ist. Noch ist kein
Weltkrieg in Sicht und 1908 ist auch kein Jahr der großen politischen Entscheidungen. So steigen wir mitten in den Alltag ein und lernen die wichtigsten Bereiche des Lebens kennen – etwa welchen Stellenwert damals Sommerfrische und
Fremdenverkehr hatten. Menschen mit kleiner Brieftasche bewarben sich in der
„Zentralauskunftsstelle für Sommerwohnungen“ um eine hübsche kleine Sommerwohnung in Hütteldorf.
Im Kapitel „Krankheit & Tod“ kann man nachlesen, dass die damals verbreitete
Lungetuberkulose auch Wiener Krankheit genannt wurde und die meisten Erkrankten in Ottakring lebten. Wer sich 1908 einäschern lassen will, muss übrigens
ins Ausland reisen.
Weitere Kapitel widmen sich den Themen Wohnen, dem Sport mit Schwerpunkt
Fußball, dem Kino, Kriminalität und Polizei, Militär, Bildung, Geld und Arbeit,
Verkehr, natürlich auch der Liebe, sowie Kirche, Glauben und Politik. Am 26. Juni
gibt es eine Parlamentsschlägerei. Im Reichsrat sind zehn Sprachen zugelassen,
aber leider kein Dolmetscher. Der Antisemitismus ist in Wien salonfähig und das
Schlagwort bei Wahlen lautet „Wien darf nicht Jerusalem werden“.
Jedem Kapitel sind Besuchtipps für Museen und
passende Hinweise beigefügt. Die angegebenen
Preise sind sowohl in der damaligen Kronen- wie
auch in der heutigen Eurowährung nachzulesen.
Wien 1908 ist ein Buch, das zum kurzweiligen
Schmökern einlädt. Interessante, manchmal auch
skurrile Geschichten aus dem Alltagsleben stehen
neben viel Wissenswertem. Der Autor besitzt
zweifelsohne auch einigen Sinn für Humor.
Hinweise auf bestehende Museen und Institutionen stellen einen Bezug zur Gegenwart her.
Positiv erwähnen muss man auch die gute und
übersichtliche Gliederung der Themenbereiche.
Maria Hammerschmid
sich der Kontaktadressen zu bedienen, um
den einen oder anderen Ort aufzusuchen.
Im Mindesten ist es eine Möglichkeit, um
sich Anregungen für den eigenen Garten
zu beschaffen.
Gabriele Egger-Malina
Leitner, Carola / Burstein, Fabian:
Wiener Plätze und Nebenschauplätze
Wien: metro 2008. 166 S., € 16,90
Diese Zusammenstellung von Wiener Plätzen ist ein gelungener Streifzug durch die
wechselhafte Geschichte Wiens. Wie oft
sind Plätze umbenannt worden! Wobei
nicht nur die k.u.k.-Aristokratie vieler
Platzbenennungen verlustig wurde, auch
das Erbe der NS-Ära bot Anlass zu zahlreichen Neuwidmungen. Eine speziell wienerische Lösung gab es beim Schlesingerplatz, der zunächst nach einem k.u.k.Hochschulprofessor benannt wurde; als
dessen Antisemitismus bekannt wurde,
wurde der Platzname belassen und kurzerhand einer Namensvetterin übertragen:
Therese Schlesinger, einer jüdischen Frauenrechtlerin und Schriftstellerin.
Der Band ist nach Bezirken geordnet
und eignet sich nicht nur zum Nachschlagen, sondern auch zum Lesen in einem
Durchgang. Dabei kann man sich bei diesen Spaziergängen geistig von Platz zu
Platz bewegen und erhält dabei Informationen zur Geschichte der vielfach schicksalsbeladenen Räume.
Ein durchaus gelungenes Wienbuch
also, dessen einzelne Beiträge keineswegs
blutarm formuliert sind, vor allem, wenn
man die Kürze der Texte – drei Plätze pro
Seite – betrachtet. Man bekommt bei der
Lektüre dieses Wienlexikons nicht nur Begriffserklärungen und Namensherleitungen
geboten, sondern auch einen kurzen Abriss der jeweiligen Stadtfläche, wobei gerade in den letzten Jahren viele Verkehrswüsten so umgebaut wurden, dass die Platzstrukturen wieder sichtbar werden konnten. Originell auch der „(noch) Namenloser Platz“ bei der Kirchengasse. Egal, ob
Rooseveltplatz, Schlickplatz (kommt nicht
vom Schlamm, sondern ehrt einen General
der Kavallerie), Zimmermannplatz oder
wie immer sie auch heißen mögen: In jedem Fall gilt es Neues zu entdecken, wobei auch mit so manchen Halbwahrheiten
aufgeräumt wird.
Mike Stappen
Sachbuch
Holde Heimat
Lindner, Anna: Wiener
Literaturschauplätze
Wien: metro 2008. 125 S., € 9,90
Aus der Reihe „Wienfacetten“
Die Reihe „Wienfacetten“ umfasst bereits
20 Bände, in denen die vielfältigen Möglichkeiten, sich in dieser Stadt zu vergnügen ebenso kurz und übersichtlich präsentiert werden wie geschichtsträchtige Bauten und die Beziehung der WienerInnen
zu Tieren. Im jüngsten Band findet man
eine Zusammenstellung der bekanntesten
Literaten und Orte, an denen sie häufig anzutreffen waren, sich inspirieren ließen
oder die umgekehrt dadurch geprägt und
bekannt wurden: Peter Altenberg und das
Cafe Central, Felix Salten und der Wurstelprater, Frederic Mortons Ewigkeitsgasse
oder ein Kapitel über die Hauptbücherei
der Büchereien Wien, der „Pyramide über
Pissoir“. Auf jeweils zwei Seiten werden
die Schauplätze, Personen und Ereignisse
vorgestellt, in kleinen Merktafeln wird auf
die heutige Situation eingegangen. Anschließend erleichtert ein Orts- sowie ein
Personenregister die Suche.
Birgit Hartl-Klasna
Mystisches Oberösterreich.
Dämonisches, Dunkles, Denkwürdiges
Wien: Edition Oberösterreich 2008.
165 S., € 29,90
Nicht nur das mystische und geheimnisumwitterte Waldviertel, auch sein Nachbar
Oberösterreich bietet den Suchenden eine
Vielzahl an interessanten Orten und denkwürdigen wundersamen Kraftplätzen, welche der unkundige Laie kaum vermuten
möchte. Der Autor Peter Pfarl, profunder
Kenner und Erforscher alter und heiliger
Kultstätten, hat nun gemeinsam mit dem
bekannten Fotoreporter Toni Anzenberger
ein überaus interessantes und ansprechendes Buch über jene magischen Örtlichkeiten herausgebracht.
Da wimmelt es bei genauerem Hinsehen überall von dämonischen Gestalten,
Mystikern, Hexen und Teufelsbündlern,
von Felszeichnungen, Erdställen, magischen Schalen und heiligen Orten mit seltsamen Geschichten, die sich oft jeglicher
Deutung entziehen. So ist zum Beispiel
der „Luftg`selchte Pfarrer“ in der Gruft von
St. Thomas am Blasenstein längst zu einer
volkstümlichen Pilgerstätte für Wunder-
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gläubige geworden; rechts- und linksdrehende Wässer, alte Heilquellen oder sogenannte „Schlupflöcher“ gelten noch immer
als „Geheimtipps“ für Heilungsuchende.
Solche und viele andere Mären vereint
Pfarl in seinem penibel recherchierten und
optisch äußerst ansprechenden Büchlein
zu einer interessanten Kultur- und Volkstumsgeschichte Oberösterreichs. Allein die
exzellenten Fotos geben einen stimmungsvollen Einblick und machen durchaus neugierig auf diese geheimnisumwitterte Landschaft. Eine bravourös gelungene Mischung
aus historischen Fakten und volkskundlichem Aberglauben in einem Land, das aktuell vorzugsweise als Kulturträger im musischen Bereich und als zukünftiges Umland der "Kulturhauptstadt Linz" respektive
der Industrie bekannt geworden ist.
Sissy Schiener
Plitzka, Elisabeth: Die Gärten
Niederösterreichs
Salzburg: Residenz 2008. 255 S., € 19,90
Nicht nur öffentliche Parks und Gärten,
auch private Grünanlagen und Oasen der
Gartenkunst bieten BesucherInnen in jüngster Zeit immer öfter kostenlosen Zutritt
und die Gelegenheit zum Schauen, Staunen und Nachmachen. Zwei profunde
Gartenexpertinnen haben diesen Boom
zum Anlass genommen und im Laufe der
letzten Jahre mehr als 120 Gärten aus dem
Wiener Umland besucht und dabei auch
so manche Kleinodien und vor allem viel
Neues entdeckt.
Ausgehend von der diesjährigen Gartenbaumesse „Die Garten Tulln“ werden
von der Wachau über Wald- und Weinviertel bis hin in den Süden Niederösterreichs über 125 Stadt-, Schloss-, Stifts- und
private Gärten in ihrer Geschichte, Entwicklung, Gestaltung, Eigentümlichkeit
und Besonderheit dargestellt. Auch deren
Gestalter und Betreuer kommen zu Wort
und definieren ihre Auffassung von Gartenkunst und ihren Ideen, die hinter den
Schau-, Erlebnis- und Lehrgärten stehen.
Neben Infos zu den einzelnen Gärten mit
Anreiseplan, Adressen, Öffnungszeiten
und Kurzinformationen zur näheren Umgebung vermittelt eine Fülle von farbigen
Illustrationen einen ersten Einblick und
Anreiz. Im Serviceteil des Buches finden
sich zahlreiche Adressen zu Gärtnereien
und Firmen mit Spezialgebiet Garten -
gestaltung und Teichbau, sozialtherapeutischen Einrichtungen, Möglichkeiten der
Ausbildung zum Gartenspezialisten etc.
Eine zusätzlich beigefügte Übersichtskarte
bietet eine handliche Unterlage zum Mitnehmen und zur Orientierung vor Ort.
Der Gartenführer ist optisch übersichtlich und ansprechend gestaltet, gibt interessante und kompetente Auskunft und eignet sich auch bestens als Begleiter zum
Mitnehmen auf einen Wochenendausflug.
Einziger Negativpunkt ist das Fehlen eines
Sach- oder Ortsregisters, was die Suche
nicht gerade erleichtert.
Sissy Schiener
Posch, Erich M.: Alles, was Sie über
Österreich wissen müssen
Wien: Ueberreuter 2008. 173 S., € 14,95
Schon wieder ein Buch zum Thema Österreich! So der erste Gedanke zu diesem zunächst als Deutschkurs für Zuwanderer gedachten Band. Daraus ist aber ein vielseitiges Lesebuch geworden, das auch für alle
ÖsterreicherInnen interessant sein sollte.
Zunächst fällt die übersichtliche Kapitelgestaltung angenehm auf: Den systematisch zitierten Versen der Bundeshymne
entlang wird die Landesgeographie erörtert. Man erfährt beispielsweise, dass es im
„Land der Äcker“ 220.000 bäuerliche und
landwirtschaftliche Betriebe gibt, dass im
Burgenland drei Viertel im Nebenerwerb
bewirtschaftet werden oder was alles angebaut wird.
Die knappe, in leicht fasslicher Sprache gehaltene Art zeichnet das Buch aus,
denn hier wurde nicht nur Vieles zusammengetragen, hier besticht die übersichtliche und unaufdringliche Information, bei
der sich Altes mit Neuem vermischt – etwa
wenn ein Beitrag über die UNO-City auf
einen Text über den Wildschweintunnel
stößt.
So ist das Buch durchaus breit einsetzbar: vom österreichischen Lesebuch bis
hin zum Lehrbehelf für die Volksschule,
vom Nachschlagewerk für Referatsarbeiten
bis hin zur Unterlage für Deutschkurse für
Erwachsene. Darüber hinaus lockert Posch
die Lektüre mit durchaus erheiternden
Textpassagen auf. Von umfassender Information kann hier freilich keine Rede sein;
es ist die gezielte Auswahl an Wissenswertem, die dieses Buch lesenswert macht.
Mike Stappen
Sachbuch
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Sport oder nicht Sport
Huber, Hans / Prohaska, Herbert:
Toor! Österreichs größte Fußball-Stars
Wien: Ueberreuter 2008. 176 S., € 24,95
Hans Huber, Sportchef des ORF, und
die Fußballlegende Herbert Prohaska haben gemeinsam ein Buch geschrieben.
Das heißt: Huber hat geschrieben und Prohaska persönliche Kommentare geliefert.
Die Auswahl erfolgte nach subjektiven
Kriterien. Dennoch ist das Buch mit seinen
65 Porträts ein repräsentativer Querschnitt
durch Österreichs Fußballgeschichte. Man
erfährt neben Fakten und Karrierestationen
der Fußball-Stars auch Episoden aus dem
Leben der Kicker, etwa, dass Karl Sesta neben seiner fußballerischen Tätigkeit auch
als Wienerliedsänger populär war und dem
englischen König nach dessen Gratulation
zur Leistung im legendären Match an der
Stamford Bridge entgegnete: „Aber auch
Sie, Majestät, haben keine schlechte
Hack´n.“ Anton Pfeffer wiederum, kein
Sprücheklopfer, eher der ernste, fleißige Arbeiter, verewigte sich auch mit einem
Spruch. In der Pause des Spiels Spanien :
Österreich (5:0 Pausenstand für Spanien)
meinte er im Interview trocken: „Hoch
werden wir wohl nicht mehr gewinnen.“
Die Karriere von Teamchef Hickersberger nachzulesen ist ebenso interessant wie
beinahe vergessenen Namen aus der österreichischen Fußballgeschichte wieder zu
begegnen: Wer weiß schon, dass „Pepi“
Hamerl nach seiner Arbeit in der Pensionsversicherungsanstalt mit der Bim ins Stadion fuhr, um beim legendären 7:0 des
Wiener Sportklub gegen Juventus vier Tore
zu schießen? Sportgeschichte verbindet
sich mit Sportgeschichterln zu einem Ensemble vergnüglichen Wissenserwerbs.
Christian Jahl
Franzobel: Franzobels großer Fußballtest
Ill. v. Gerhard Haderer
Wien: Picus 2008. 238 S., € 16,90
Stefan Griebl kann es nicht lassen: Wie schon nach der Fußball-WM 2002 und
vor der WM 2006 durfte natürlich auch anlässlich der „Heim-Europameisterschaft“ ein Beitrag nicht fehlen. Stefan Griebl, noch nie gehört? Um einiges bekannter ist der Autor wohl unter dem Künstlernamen Franzobel (das Pseudonym
entstand aus dem Ergebnis des Matchs Frankreich gegen Belgien: Fran 2:0 Bel).
Beim dritten Franzobel-Fußballbuch handelt es im Wesentlichen wieder um eine
Kolumnensammlung – ergänzt um andere Texte, darunter ein Filmszenario, dem
der Band seinen Titel verdankt und in dem sich Franzobel treffend als „Schriftstellerdribblanski“ bezeichnet. Seinem Ruf als schlampiges Genie der österreichischen Literatur wird der Autor hier insofern gerecht, als das Buch vor Redundanzen strotzt. Abgesehen davon sind etliche Anmerkungen zum Fußball durchaus
witzig und geistreich. Die Beobachtung, dass der griechische Nationaltrainer
Otto Rehhagel „wie ein nicht Rockstar gewordener Mick Jagger“ aussieht, ist
ebenso überzeugend wie der Vergleich von literarischen und fußballerischen
Eigenheiten des Landes. Am Ende des Buches wird es dann fast noch ernst: „Ich
träume vom totalen Fußball-Overkill, der dann wieder
Raum für wesentlichere Dinge schafft.“
Wenn Franzobel spricht, dann aus dem Blickwinkel
des liebenden, aber enttäuschten Verehrers, des kenntnisreichen Zynikers und typischen Stammtischphilosophen, der sich in diesen menschlichen „Niederungen”
die Lufthoheit erobert. Der Verzicht auf „politische
Korrektheit” erfrischt dabei ebenso wie die boshaft karikierenden Blei- und Farbstiftzeichnungen von
Gerhard Haderer, der hier ein weiteres Mal in der kleinen Form der hingeworfen wirkenden Skizze glänzt.
Thomas Pöltl
Nagiller, Rudolf: No Sports!
Wien: Orac 2008. 159 S., € 19,90
Rudolf Nagiller, bekannter ORF-Radiound Fernsehjournalist, hat gemeinsam mit
Wim Luijpers die Bestseller Gentle Running und Gentle Moving publiziert. Im
jüngsten Nachfolgeband fasst er seine
Erfahrungen mit über zehn Jahren sanftem
Laufen zusammen und möchte seinen LeserInnen vermitteln wieviel Freude und
Wohlbefinden regelmäßige Bewegung in
den Alltag bringt und wie sehr sie die Lebensqualität verbessern kann.
Dabei differenziert Nagiller sehr genau
Sport von Bewegung: Im Sport geht es um
„Leistung und um Leistungsvergleiche mit
anderen oder mit sich selbst; es geht um
das Höher, Weiter und Schneller, um Meter und Sekunden oder vielleicht auch nur
ums Durchhalten. Das kann sehr bereichernd sein. Aber es ist eine Art von Kulturluxus: Viele Generationen sind ohne diesen ausgekommen. Anders ist es mit der
Bewegung: Die braucht jeder (...) sie ist lebenswichtig.“
Rudolf Nagiller redet dem Laufen,
Nordic Walken, dem Walken und dem
Radfahren ohne Leistungsdruck das Wort.
Es wird gezeigt wie regelmäßige Bewegung
Körper und Geist positiv beeinflusst, aber
auch, wie man sich erfolgreich selbst boykottieren, regelmäßige Bewegung und ihre
positiven Folgen für das eigene Wohlbefinden vermeiden kann. In komprimierter
Form und ergänzt durch die in den letzten
zehn Jahren vom Autor selbst gemachten
Erfahrungen beim Training wird die tägliche sanfte Bewegung propagiert. Es wird
versucht, die LeserInnen des Ratgebers
nachhaltig zu motivieren, sich im Alltag
mehr zu bewegen, im Hinblick auf mehr
Wohlbefinden zumindest tausend Schritte
täglich zu tun. Eine ganze Reihe von interessanten Ideen zum richtigen Atmen und
zum dynamischen Sitzen, zum Trinken und
zur Ernährung regen dazu an, eigene Verhaltensweisen, aber auch die unterschiedlichen Vorgaben diverser Fitness- und Ernährungsgurus kritisch zu betrachten.
Ein alltagstauglicher, zum eigenen
Denken und kritischen Ausprobieren von
Vorschlägen des Autors anregender, sehr
brauchbarer Ratgeber.
Eva Fritschen
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SachbuchLänder
Bingham, Hiram: Machu Picchu.
Die legendäre Entdeckungsreise im
Land der Inka
München: Federking & Thaler 2007.
342 S., € 13,40
Der Name des US-amerikanischen Forschungsreisenden Hiram Bingham bleibt
mit den atemberaubenden Inka-Ausgrabungen auf Machu Picchu verbunden, obwohl er einerseits nicht der wahre Entdecker war, andererseits anfangs gar nicht
richtig wahrnahm, welche bedeutende Entdeckung er am 24. Juli 1911 machte.
Irreführend ist der Titel seines Buchs allerdings insofern, als Machu Picchu selbst
nur von einem kleinen Teil des Textes behandelt wird. Aber auch Binghams Darstellungen seiner Erstbesteigung des Coropunas, die Tiefenmessung des nur 1,4 m
tiefen Parinacocha-Sees oder seine Erkundung des höchsten schiffbaren Sees der
Welt, dem Titicaca-See sind kurzweilig
und spannend zu lesen. Zusätzlich erfährt
man Einiges über die letzte Periode der Inka-Geschichte: die Vertreibung durch die
Spanier. Wenige, aber gute Originalaufnahmen verstärken das Gefühl, Bingham
bei seinen Entdeckungen über die Schulter
zu blicken. Der Forscher hielt seine Erkundungsreise erst sieben Jahre nach der letzten Expedition, 1922, in Buchform fest. Er
hielt sich leider nicht an die Chronologie
seiner Entdeckungen und fügte auch etliche Details ein, von welchen er zur Zeit
der Reise noch keine Kenntnis hatte.
Das Buch ist nicht nur für historisch Interessierte zu empfehlen, sondern auch für
UrlauberInnen, die bereits in Peru waren
oder eine Reise in dieses beeindruckende
Land planen.
Katharina M. Bergmayr
Boll, Klaus: Kulturschock Mexiko
Bielefeld: Rump 2008. 264 S., € 15,40
Mexiko ist das größte lateinamerikanische
Land Mittelamerikas und zugleich eines
der größte Länder der Erde. Mit Mexiko
verbindet die ÖsterreicherInnen zweierlei:
Zum einen wurde es im 19. Jahrhundert
für kurze Zeit vom Habsburger Maximilian
regiert; zweitens war Mexiko das einzige
Land, das scharfen Protest gegen den Einmarsch von Nazi-Deutschland erhob und
zahlreichen EmigrantInnen aus Österreich
Zuflucht gewährte. Als Ferienparadies
lockt Mexiko nicht nur mit seinen Traumstränden, sondern auch und vor allem mit
den Kulturstätten der Azteken und Maya
erkunden sowie zahlreichen modernen
Architekturbauten, die von der lebendigen
sozi-kulturelles Entwicklung in der Zeit
nach dem 2.Weltkrieg zeugen.
Die Gesellschaft Mexikos ist geprägt
von den alten Kulturvölkern Lateinamerikas ebenso wie von den Nachfahren der
spanischen Kolonialisten und der geografischen Nähe des (über)mächtigen Nachbarn im Norden, den USA. Neben den Naturreligionen der indogenen Völker, ist der
Katholizismus ein bestimmender Faktor in
der mexikanischen Gesellschaft. Wie in allen lateinamerikanischen Staaten gibt es
ein riesiges soziales Stadt-Land-Gefälle
und einen von Korruption und Bestechung
gezeichneten Behördenapparat.
Die von Mitteleuropa krass abweichenden Lebensumstände hat Klaus Boll
hervorragend herausgearbeitet – mit ein
Grund, sein Buch allen Mexiko-Reisenden
nachdrücklich zu empfehlen. Respekt und
Toleranz, aber auch das Umgehen von
“Fettnäpfchen” und Missverständnissen,
sowie das Einhalten von gesellschaftlichsozialen Regeln dienen der Sicherheit der
Reisenden und erleichtern allen Beteiligten das Leben.
Fritz Peter Hartl
Remus, Joscha: Rumänien und
Republik Moldau
Bielefeld: Rump 2008. 816 S., € 25,70
Aus der Reihe „Reise Know-How“
Seitdem der für Individualreisende unentbehrliche „Lonely Planet“-Reiseführer auf
auf Deutsch erscheint, ist der „Reise KnowHow“-Reihe ernsthafte Konkurrenz erwachsen. Dennoch bieten diese Reiseführer neben fast ebenso knapper und vielfältiger Information noch mehr an Fakten und
Anekdoten über Sehenswürdigkeiten, Geschichte und Soziales. Es gibt mehr Farbfotos zum Gustieren und eingestreute Tipps
zu besonderen Sehenswürdigkeiten oder
Festivitäten. Sogenannte „Exkurse“ bringen
den Reisenden verschiedene Kapitel aus
der Geschichte, dem sozialen Leben oder
den Kultureigenarten des Landes näher.
Leider halten einige Beschreibungen im
Fall des Rumänienführers der Prüfung vor
Ort nicht stand. Zudem enthält er eine
Fehlinformation, derzufolge Österreich
seine Gefängnisse nach Rumänien ausgelagert haben soll.
Davon abgesehen aber handelt es sich
um einen soliden, auf Individualreisende
zurecht geschnittenen Reiseführer.
Kurz Susanne
Rohrer, Josef: Sisi in Meran. Kleine
Fluchten einer Kaiserin
Wien/Bozen: Folio 2008. 112 S., € 15,80
Als Elisabeth im Oktober 1870 zum ersten
Mal Meran besucht, wird sie von der wartenden Menge nicht erkannt, da sie auf
Prunk und Symbole der Macht verzichtet
hat. Es geht ihr ein Ruf außergewöhnlicher
Schönheit voraus, aber nur die wenigsten
wissen, wie sie wirklich aussieht. In Tirol
war sie bis dahin noch nie. Aber selbst in
Wien pflegte sie in unauffälliger Kleidung
mit ihrem Hund spazieren zu gehen. Die
Bilder der Kaiserin waren rar, sie galt als
extrem bilderscheu. Ihre erste Reise nach
Meran war demnach eher überstürzt und
fluchtartig, als von langer Hand geplant.
Sie hatte sich, entgegen dem höfischen Zeremoniell, eine eigenständige Wahl ihrer
Umgebung ausbedungen.
Viele Bildbände und zahlreiche Biografien illustrieren bereits das Leben der
unsterblichen Kaiserin von Österreich.
Zum ersten Mal allerdings liegt ein Buch
vor, daß sich detailliert um Sissis Reisen
nach Tirol bemüht. Was hat sie auf ihren
zahlreichen Reisen auf den „Südbalkon
der Monarchie“ erlebt? Der touristische
Aufschwung Merans im letzten Drittel des
19. Jahrhunderts ist ohne ihre Aufenthalte
kaum denkbar.
Dieses Buch verdankt sein Entstehen
dem ungebrochenen Sisi-Kult, der die
Stadtväter von Meran veranlasste, das Projekt zu fördern und voranzutreiben – kommen viele Besucher doch eigens wegen
Elisabeth nach Meran. Sisi in Meran ist ein
Mosaik von historischen Zeitungsartikeln
aus Wiener Archiven, sowie teils unveröffentlichten Briefen, die Elisabeth, Franz
Joseph und engste Vertraute von und nach
Tirol schrieben.
Gabriele Egger-Malina
Sachbuch
Länder
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Schaber, Susanne: Großes Welttheater auf kleiner Bühne. Logenplätze
in Friaul und Triest
Wien: Picus 2008. 132 S., € 13,90
Aus der Reihe „Picus Lesereisen“
Susanne Schaber führt uns in ihrer gut eingeführten Reihe diesmal in einen Landstrich, den viele kennen und doch nicht
kennen: Friaul – jene nördliche Region
Italiens, die man schnellstmöglich durchquert, um an die beliebten Badestrände an
der Adria zu gelangen.
Die Einflüsse der slawischen und österreichischen Kultur sind hier stark verwurzelt und haben nicht nur zu eigenen Ausprägungen in der Mentalität der Menschen
geführt, sondern sie sind auch in der Kunst
und der Küche manifest. Auch die historische Entwicklung als Grenzregion mit
wechselnden Zugehörigkeiten, einmal als
Tor zur Welt, dann wieder als Bollwerk
oder Kriegsschauplatz, haben ihre Spuren
hinterlassen. Rilke hat sich in Duino zu
seinen Elegien inspirieren lassen, in Triest
kann man James Joyce nachspüren und
Pier Paolo Pasolini hatte es mit seiner Mutter in die Kleinstadt Casares verschlagen.
All dies und noch viel mehr erfährt
man in den dreizehn kleinen Geschichten
und Reportagen zu dieser Region, die viel
Abwechslung und versteckte Schönheiten
bieten kann.
Susanne Schleif
Schmidt, Christian Y.: Allein unter
1,3 Milliarden. Wine chinesische Reise
von Shanghai bis Kathmandu
Berlin: Rowolt 2008. 315 S., € 20,50
Ein Jahr vor den Olympischen Spielen
macht sich ein 50-jähriger Deutscher auf,
China von Ost nach West zu durchqueren,
nicht so wie andere Touristen, sondern mit
Bus, Schiff etc., als werdender Chinese unter Chinesen. Sein Startvorteil: Er ist mit einer Chinesin verheiratet und wohnt seit
Jahren in Peking. Seine Chinesisch-Kenntnisse sind nicht besonders gut, die Schrift
hat er nicht erlernt.
Der Beginn der 5000 km langen Reise
gestaltet sich schwierig: Wo, bitte, fährt der
Autobus von Shanghai in die nächste westlich liegende Stadt? Ähnliche Rätsel sind
auf den ersten 1000 km öfter zu lösen. Als
LeserIn tut man sich schwer, dem Autor die
Naivität abzunehmen, mit der er die Fahrt
beginnt, wo er doch schon jahrelang in
China lebt. Zwischen Tempeln, sintflutartigen Regenfällen und schlechten Quartieren mit zudringlichen Chinesinnen kommt
er langsam vorwärts. Er betrachtet das
Land mit den Augen des unbedarften Europäers, hat immer wieder das Gefühl, von
den Chinesen übers Ohr gehauen zu werden und staunt über die Abgründe der chinesischen Wirklichkeit.
Nach abenteuerlicher Fahrt erreicht er
Lhasa. Sein nüchterner Blick auf die Touristenflut kommt nach den üblichen verzückten Reiseberichten über diese Stadt
der Wahrheit sehr nahe. Humorvoll beschreibt der Autor seine Abenteuer, seine
Gefühle und die Menschen um ihn herum
und vermittelt eine lebhafte Ahnung von
den wahren Verhältnissen in China gibt.
Johanna Mitterhofer
Schön leben
Obstkuchen: Einfach & gut!
Graz: Stocker 2008. 79 S., € 7,95
Nach einem alphabetischen Register und
einem Vorwort beginnt der Rezeptteil, der
der nach einheimischen und exotischen
Obstsorten sowei Beeren in Kapitel eingeteilt ist. Jede Backanweisung nähert sich
über die Beschreibung der Zutaten der
Vorbereitung an.
Viele der Anleitungen sind nicht nur
von einem appetitlichen Foto der fertigen
Backware flankiert, sondern auch von ein
bis zwei hilfreichen Abbildungen der jeweiligen Arbeitsschritte.
Wo deutsche und österreichische Ausdrücke oder Bezeichnungen
nicht übereinanderstimmen,
werden beide nebeneinander
angeführt. So findet man in der
Zutatenliste oft Angaben wie
die folgende: 125 g Puder/Staubzucker, 500 g Quark/
Topfen, ¼ l Sahne/Obers, 1 Eigelb/Dotter etc.
Manche Rezepte benötigen
nur eine halbe Seite, andere eine ganze
oder sogar eine Doppelseite. Nicht bei jedem Kuchen gibt es eine Anleitung für den
Teig. So wird z. B. bei Plunderteig, Strudelteig oder Blätterteig auf Tiefkühlware verwiesen.
Alles in allem ist dem Grazer Leopold
Stocker Verlag ein wunderbares Kochbuch
gelungen, das Lust zum Backen macht.
Eva-Maria Baumgartner
Phillips, Barty: Wohnen maximal.
500 Ideen für kleine Räume
München: Callwey 2008. 143 S., € 20,60
Wer in beengten Wohnverhältnissen lebt,
ist gezwungen, seine
vorhandenen Raumressourcen optimal
zu nutzen. Viele
neue, mehr oder weniger geniale Ideen
dazu liefert die Autorin in diesem Band.
Nach der erforderlichen Ergründung
der eigenen Bedürfnisse wird die Raumsituation analysiert und gegebenenfalls ungenutzte Ecken ausfindig gemacht: Nischen, Keller oder Dachböden etwa sind
nützliche Staufläche, auch der Raum unter
einer Treppe kann vielseitig genutzt werden. Nun gilt es, den entrümpelten Raum
optimal auszunutzen. Für jeden ProblemWohnbereich, egal ob ob Bad, Küche,
Arbeitsraum oder Wohnzimmer, finden
sich Lösungen, unabhängig von Stil und
Geldbeutel. Ein eigenes Kapitel widmet
sich der Stauraum-Problematik: Was lässt
sich wo am Besten unterbringen? Auch wie
man im äußersten Fall wenigstens optisch
die Enge vertreibt wird gezeigt: Raumillusion mit Hilfe von Spiegeln,
Farben etc. erzeugt Weite, wo
keine ist.
Die Verbesserungsvorschläge eignen sich für Singles, Paare, Familien oder WGs. Ergänzt
werden die nützlichen Anregungen durch geschmackvolle
Fotos.
Ilse Weber
Sachbuch
Schön leben
Ploberger, Karl: Balkone und
Terrassen naturnah gestalten
Wien: Österreichischer Agrarverlag 2008.
79 S., € 9,90
Der Biogärtner Karl Ploberger ist Herr über
2500 m² Garten, weiß aber aus eigener Erfahrung, dass auch auf dem kleinsten Balkon ein grünes Paradies geschaffen werden
kann. Über geeignete Pflanzgefäße, die
richtige Erde, die Versorgung mit Nährstoffen und Wasser wird gleich zu Beginn
informiert, wie auch über Recht und Sicherheit auf dem Balkon. Anschließend einige Pflanzbeispiele nach Farben sortiert,
ein Balkon für Schatten, einer für windige
Ecken, und einer mit Wildpflanzen.
Ein Balkon mit Kübelpflanzen sorgt für
mediterrane Stimmung, und auch Nahrhaftes lässt sich auf kleinem Raum anpflanzen. Etliche Obst- und Gemüsesorten
werden speziell für die Bepflanzung von
Kästen und Kübeln gezüchtet; für Kräuter
reicht sogar das Fensterbrett. Etwas mehr
Platz brauchen da schon Bäume und
Sträucher, aber bei der richtigen Auswahl
und spezieller Pflege ist auch ein kleiner
Wald auf dem Balkon zu verwirklichen.
Mit einem Kapitel über biologischen Pflanzenschutz und einigen Adressen von Bezugsquellen wird der Band abgeschlossen.
Ein Buch vor allem für Balkonpflanzen-Neulinge – nicht zu ausführlich, mit
handfesten Tipps und praxisorientiert.
Ilse Weber
Thinschmidt, Alice / Böswirth, Daniel: Hanggärten. Naturnah gestalten
Wien: Österreichischer Agrarverlag 2008.
80 S., € 9,90
Bereits vor der Auswahl eines Grundstücks
wollen die Vor- und Nachteile einer Geländeneigung sowie die Lage – zum Haus hin
oder davon weg – planerisch gut überlegt
sein. Vor allem bei stärkerer Neigung, vielleicht noch bergab zum Haus, ist unbedingt professionelle Hilfe angeraten. Zu
groß sind die meist später auftretenden Probleme wie feuchtes Mauerwerk durch Bodenerosion. Weniger schwierig sind bergab
verlaufende Gärten. Sie bieten schöne
Ausblicke und weniger Risiko. Auf jeden
Fall aber muss mit höherem Budget gerechnet werden.
Die oftmals als nachteilig empfundenen Anlagen können allerdings durch kre-
47
ative Lösungen neue und interessante Perspektiven eröffnen. Bachläufe und Teiche
können in das Gelände integriert werden,
Trockenmauern aus Natursteinen werden
mit blühenden Sträuchern bepflanzt, auch
Kräuter und Gemüse sind möglich. Bei aller Freude ist bei echten Hanggärten die
mühsame Rasen -und Wiesenpflege im
Alter jedoch nicht zu unterschätzen.
Ein Ratgeber, der viele nützliche Tipps
zur Überlegung, Planung und Ausführung
nicht alltäglicher Gartenanlagen bietet.
Renate Zeller
Bischoff, Stephan: Vitalküche für
Genießer
München: Gräfe und Unzer 2008. 176 S.,
€ 17,40
Vitalküche für Genießer will seinen
LeserInnen zeigen, dass man mit gesunder
Ernährung sein Wohlbefinden positiv beeinflussen kann. Einleitend führt eine Reise
durch den Körper und zeigt die Zusammenhänge zwischen Ernährung und Gesundheit. Mit den richtigen Nährstoffen
kann man nicht nur länger jung bleiben,
sondern auch die Leistungsfähigkeit erhö-
hen, die Haut vor schädlichen Umwelteinflüssen schützen und vieles mehr.
Nach einer gründlichen, auch für den
Laien verständlichen Einführung in die
Funktionen unseres Körpers wie Haut, Verdauungssystem, Hormone, Muskulatur,
Herz, Kreislauf, Immunsystem, Gehirn und
Nerven, Knochen und Gelenke, folgt der
nach Jahreszeiten gegliederte Rezeptteil.
Die meisten „Genussrezepte“ finden
auf einer Doppelseite samt Farbfoto Platz.
Der Frühling bietet vitalisierend und aufbauende Rezepte, der Sommer leichte und
erfrischende, der Herbst gesunde und stärkende, der Winter wärmende und kräftigende Genussrezepte. Die meisten Zutaten sind im gut sortierten Lebensmittelgeschäft erhältlich, den Rest bekommt man
im Reformhaus oder Bioladen.
Das Besondere an den Rezepten ist der
jeweilige Abschnitt „das sagt die Medizin“,
wo die Wirkung der verwendeten Nahrungsmittel auf den Körper erklärt wird.
Dieser Ratgeber vereint Gesundheitsratgeber und Kochbuch auf hervorragende
Weise und zeigt uns anhand schnell und
einfach realisierbarer Rezepte, dass gesund essen auch gut schmecken kann.
Erika Fröschl
Wittler, Tine: Pralle Prinzessinnen. Styling für starke Frauen
Frankfurt: Eichborn 2008. 143 S., € 15,40
Wer von der Natur mit üppigen Formen ausgestattet wurde, hat es im Umgang
mit Mode nicht leicht, und oft ist das Ergebnis einer Einkaufstour nicht die erhoffte raffinierte neue Verpackung, sondern Frust.
Am Anfang einer solchen Tour sollten laut Tine Wittler daher Selbsterkenntnis und
gnadenloses Ausmisten des Kleiderschrankes stehen. Nur Dinge, die wirklich gut
sitzen und die eigene Person vorteilhaft zur Geltung bringen haben ein Bleiberecht. Für den folgenden Einkauf liefert ein Survivalguide praktische Hinweise mit
Checklisten und moralischer Unterstützung. Nützliche Änderungstipps verraten,
wie (noch) nicht ganz perfekt sitzende Kleider umgeschneidert werden können.
Doch bevor der Einkaufsmarathon gestartet
wird, sollten noch die Kapitel studiert werden, die anhand netter Zeichnungen zeigen,
welche Kleidungsstücke die Vorzüge der
prallen Prinzessinnen – je nach Figurtyp –
betonen und welche weniger vorteilhaft wirken: günstige Schnitte, Farben und Materialien und viele kleine Tricks, die das Leben
erleichtern.
Tine Wittler zeigt auf amüsante Weise, wie
frau ihre üppigen Rundungen perfekt in
Szene setzt, anstatt sie zu verstecken.
Ilse Weber
Sachbuch
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Über Bücher und Poeten
„Ausgewanderte Wörter“. Eine
Auswahl der interessantesten Beiträge
zur internationalen Ausschreibung
Reinbek: Rowohlt 2007. 141 S., € 7,95
Wenn wir es eilig haben, droht „Zeitnot“;
dann sucht uns der „Katzenjammer“ heim,
weshalb wir uns dem „Weltschmerz“ ergeben. Diese Wörter sind uns allen geläufig, sie gehören zum Alltag. Doch auch
Anderssprechende erlauben es sich, beim
Deutschen Anleihen zu nehmen. So ist in
Finnland jemand, der über alles Bescheid
weiß, ein „besservisseri“, Freunde der heimischen Blasmusik hören in Australien die
„Oom Pah Pah“-Music, die sich im Deutschen als „Humtata“ wiederfindet; in Israel
wiederum wird statt eines Mittagsschlafes
eine „Schlafstunde“ eingelegt.
Auch abseits des Englischen, dem sich
fast niemand entziehen kann, gibt es einen
regen Austausch von Begriffen, die Sprachbarrieren überwinden. Das ist zum einen
politisch und wirtschaftlich beeinflusst, andererseits trägt auch die Literatur oder das
Migrantentum dazu bei.
Jutta Limbach, die Herausgeberin von
„Ausgewanderte Wörter“ präsentiert eine
Sammlung von deutschen Begriffen, die
Eingang in Sprachen gefunden haben, welche mit Deutsch nichts gemeinsam haben,
z. B. Hebräisch, Arabisch oder Finnisch.
Der Aufbau des Bandes entspricht ungefähr dem eines Wörterbuches, Kommentare sind den einzelnen Kapiteln vorangestellt. Damit ergibt sich eine interessante,
amüsante, auch lehrreiche Lektüre.
Andreas Agreiter
Axmann, David: Friedrich Torberg.
Die Biographie
München: Langen-Müller 2008. 319 S.,
€ 20,50
Am 16. September 1908 erblickte Friedrich Ephraim Kantor, der sich später Torberg nennen wird, das Licht der Welt.
Seine Kindheit verbrachte er in Wien,
1921 übersiedelte die Familie nach Prag,
nach dem „Anschluss“ flüchtete Friedrich
in die USA. Von dort kehrte er 1951 nach
Wien zurück, wo er 1979 verstarb.
David Axmann hat den 100. Geburtstag dieser literarischen Ausnahmeerscheinung zum Anlass genommen, die erste um-
fassende Torberg-Biographie zu schreiben.
Das schriftstellerische Multitalent Friedrich Torberg, von Marcel Reich-Ranicki als
„Wiener Institution, österreichisches Wunder und deutsches Ärgernis“ bezeichnet,
prägte das literarische und kulturpolitische
Leben Österreichs und Deutschlands im
20. Jahrhundert ganz entscheidend. Und
zwar nicht nur durch die beeindruckende
Bandbreite seines Schaffens, welches Gedichte, Romane, Kritiken, Essays und Texte
fürs Kabarett ebenso umfasst, wie Anekdotensammlungen, Filmdrehbücher, Reiseund Sportberichte sowie politische Kommentare. Torberg fungierte auch als engagierter Herausgeber, gestaltete Fernsehund Rundfunksendungen und übersetzte
Kishons Satiren ins Deutsche. Außerdem
war Torberg ein fleißiger Briefschreiber. Zu
seinen zahlreichen KorrespondenzpartnerInnen gehörte unter anderen Alma
Mahler–Werfel.
Schwungvoll, mit viel Liebe zum Detail und trotzdem um wissenschaftliche
Genauigkeit bemüht, zeichnet Axmann
das Lebensbild dieser außergewöhnlichen
Persönlichkeit nach, die sich allen möglichen Gattungen mit voller Aufmerksamkeit und Energie widmete und der Nachwelt eine Vielzahl (kritischer) Texte voller
Leidenschaft und Scharfsinn hinterließ.
Ingrid Sieger
Deckert, Renatus (Hrsg.): Das erste
Buch. Schriftsteller über ihr literarisches Debüt
Frankfurt: Suhrkamp 2007. 357 S., € 10,30
Einen Text verfassen ist eine Sache; sich
später – in manchen Fällen mehrere Jahrzehnte nach dem Erscheinen – erneut mit
ihm zu beschäftigen eine andere. Was für
die RezipientInnen einerseits bereichernd
sein mag, ist für die Schreibenden andererseits oft eher schmerzhaft.
Über 90 AutorInnen, allesamt deutschsprachig, jedoch unterschiedlichen Generationen zugehörig und mehr oder weniger prominent, versammelt der Herausgeber chronologisch in diesem Band, um ein
buntes Mosaik der Literaturlandschaft von
den Nachkriegsjahren bis heute zu gestalten. Es ist aber auch ein Zeitbild – und das
ist der besondere Wert dieses Buches,
auch veränderte Auseinandersetzung mit
den jeweiligen Werken aufzuzeigen. Es ist
bemerkenswert, auf welche Weise die einzelnen SchriftstellerInnen an dieses heikle
Unterfangen herangehen und zu erfahren,
mit welcher Motivaton sie zu Schreiben
begannen, unter wessen Einfluss sie standen oder welche Erwartungen sie hegten.
Manche der Debüttexte sind bereits in
Vergessenheit geraten und der eigentliche
Erfolg begann mit den späteren Werken.
Das erste Buch vermittelt einen nachhaltigen Eindruck über literarische Lebenswege
und darf als absolute Empfehlung gelten.
Sabine Baumann
Höller, Hans: Peter Handke
Reinbek: Rowohlt 2007. 155 S., € 9,30
Peter Handke ist einer der letzten „Großschriftsteller“ im deutschsprachigen Raum
– und zweifelsfrei auch einer der bedeutendsten. Wie wenige andere hat er bereits
zu Lebzeiten eine Art Klassikerstatus erreicht. Anlässlich von Handkes 65-jährigem Geburtstag hat der Rowohlt-Verlag in
der gewohnt knappen und übersichtlichen
Form seiner bewährten MonographienReihe eine fundierte Einführung in Leben
und Werk des Autors herausgebracht.
Hans Höller erzählt vom kometenhaften Aufstieg des Autors, der in den 1960er
Jahren als „Literaturbeatle“ Furore machte
und vor allem durch seine Stücke – „Kaspar“, „Publikumsbeschimpfung“ etc. – bekannt wurde.
Besonders den frühen Jahren im Leben
Handkes hat sich Höller ausführlich gewidmet, um zu zeigen, wie prägend die
Kindheitsjahre und der multilinguale Background für die literarische Entwicklung des
Autors waren. In der Folge setzt sich Höller
intensiv mit Handkes Texten auseinander
und zeigt einen Menschen, dessen Leben
darin besteht, auf alles, was ihm zustößt,
sofort mit Sprache zu reagieren. In diesem
Sinn ist der vorliegende Band keine klassische Biographie, sondern vielmehr eine
Vorstellung der grundlegenden Themen
des Handkeschen Werkes.
Ein Anliegen Höllers ist es schließlich
auch, Handke vor dem Hintergrund seiner
von den Medien zum Teil heftig attakierten
Wortmeldungen zum Jugoslawienkrieg Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Thomas Geldner
Sachbuch
Über Bücher und Poeten
Murakami, Haruki: Wovon ich
rede, wenn ich vom Laufen rede
Köln: Dumont 2008. 164 S., € 17,40
Der Mann weiß, wovon er redet! Murakami, in den letzten Jahren der japanische
Bestsellerautor schlechthin, beschäftigt sich
in diesem autobiographischen Band mit
dem Laufen – also mit sich selbst. Er offenbart spielerisch die Bedeutung, die dieser
Sport für ihn hat und weit mehr als eine
körperliche Betätigung ist. Sie gehört zu
ihm wie seine zweite Leidenschaft, das
Schreiben – einerseits als Ausgleich zur sitzenden Tätigkeit, andererseits als meditative Methode um den Gedanken freie Entfaltung zu gewähren. Er beschreibt seine
Laufstrecken, seine Qualen bei verschiedenen Wettbewerben und die „Urstrecke“
von Athen nach Marathon.
Murakami entdeckt seine eigenen
Grenzen, die sowohl geistigen als auch
körperlichen Veränderungen. Und macht
daraus einen spannenden Text, der einen
in seinen Bann zieht und durch seine Ehrlichkeit fasziniert.
Sabine Baumann
Schappert, Christoph: Das kleine
Literaturlexikon
Stuttgart: Oldenbourg 2007. 143 S., € 10,30
Wer bei seinen SchülerInnen das Interesse
an Literatur wecken will, hat derzeit eine
gute Auswahl an aktuellen Publikationen –
wie zum Beispiel der von Manfred Mai
herausgegebene Literaturkanon Das große
Lesebuch der Weltliteratur. Ist das Interesse
dann einmal geweckt, soll der Nachwuchs
auch über Literatur reden und schreiben
lernen. Dafür benötigt es Handwerkszeug
und Vokabular – und genau das bietet das
Kleine Literaturlexikon.
In annähernd 270 Einträgen werden
die wichtigsten Begriffe von „Abenteuerroman“ bis „Zeitung“ knapp, aber erschöpfend erklärt. Interessant ist, dass auch Journalismus zahlreiche Einträge aufweist, und
sehr gelungen ist die doppelte Verweisstruktur. Einmal gibt es Querverweise, die
weitere Einträge im Sinnzusammenhang
aufzeigen. Dann geben Direktverweise
darüber Auskunft, welcher Eintrag zum jeweiligen Stichwort gesucht werden muss.
Die jeweiligen Definitionen sind so einfach geschrieben, dass dem Verlagstext zu-
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zustimmen ist, der das Buch auch schon
für die Unterstufe empfiehlt. Dafür spricht
auch die Erläuterung von Fachausdrücken
aus Metrik und Rhetorik anhand von Beispieltexten. Werke von Walther von der
Vogelweide bis Robert Gernhardt zeigen
anschaulich, was z. B. mit „Minnesang“
gemeint ist.
Das schmale Buch ist mit einem farbenfroh aber relativ nichtssagend gestalteten Umschlag versehen. So erfährt nur, wer
sich ans Durchblättern macht, welche
Fülle an Material es bietet.
Josef Mitschan
Strigl, Daniela: „Wahrscheinlich
bin ich verrückt...“ Marlen Haushofer –
die Biographie
Berlin: List 2007. 406 S., € 10,30
Wahrscheinlich bin ich verrückt ist keine
Biographie, mit der man sich schnell und
einfach über Marlen Haushofers Leben
und Werk informieren kann – keine bloße
Aneinanderreihung von Daten, Fakten und
Jahreszahlen. Vielmehr werden Begeben-
heiten aus Marlens Kindheit eindringlich
geschildert, die Beziehung zu Eltern und
ihrem Bruder psychologisch hinterfragt
und literarisch interpretiert. Die Schul- und
Studienzeit während des Nationalsozialismus wird genau behandelt und darüber
hinaus Marlens Persönlichkeit und ihr literarisches Schaffen kritisch analysiert.
Die Germanistin und Literaturkritikerin
Daniela Strigl hat ein äußerst eindrucksvolles, fabelhaft recherchiertes und ebenso
komplexes Werk über eine der interessantesten Autorinnen des 20. Jahrhunderts
verfasst, das sich nicht einfach so nebenbei
lesen lässt. Besonders tragisch wirken die
Textstellen über Krankheit, Schmerz und
Tod, die Marlen bereits in jungen Jahren
verfasst hat und dabei viel von ihrem eigenem späteren Leidensweg vorweggenommen und literarisch verarbeitet hat.
Eine sehr gut geschriebene, mit persönlichen Fotografien illustrierte Biographie,
in der leider die vielen Zitate und Interpretationen, detaillierten Anmerkungen und
Quellenverweise den Lesefluss stören.
Martina Lammel
Tosches, Nick: Muddy Waters isst selten Fisch
Aus dem amerikan. Englisch übers.
München: Liebeskind 2007. 202 S., € 19,50
Nick Tosches ist in unseren Breitengraden vielleicht nicht so bekannt wie in seiner Heimat USA. MusikliebhaberInnen und FreundInnen der scharfen Zunge ist
er aber längst ein Begriff. Er ist neben Hunter S. Thompson wahrscheinlich der
bekannteste Vertreter des „Gonzo-Journalismus“ und von Skeptikern eher zur
Literatur als zum Journalismus gerechnet.
Seine Themen und Fragen bohren tief in den puritanisch-amerikanischen Eingeweiden – zum Beispiel in seinem Vergleich von Edgar Hoover und William Burroughs über homosexuelle (Macht-)Neigungen; oder über das Beinhaarzupfen bei
Deborah Harry („Blondie“) als triviales Nebenprodukt. In „Miles Davis: Ein
Mann, ein Hut“ arbeitet Tosches typische postmoderne Strömungen der Nachkriegsjahre heraus, die sich im Kult um Miles Davis bündeln: „cool“ steht im
Mittelpunkt, die Kunst, die Musik sind Nebenprodukte geworden. Attitüden werden vorangestellt, diese lassen sich besser verkaufen als die Kunst per se.
Sein Stil ist witzig, scharf und wohl durchdacht, wie ein
naturgemäß gelungenes Veggie Chili, wo zuerst vordergründig Chilis den Namen verteidigen und dann langsam aber nachhaltig Avocado- und Olivenaromen am
Gaumen zu wirken beginnen, sich mit Hülsenfrüchten
und Kapern im reifen Saft passierter Tomaten vereinen,
um schlussendlich einen runden beachtenswerten
Abgang zu bescheren. Ein Abgang, den nur Biertrinker
verstehen und nur Weinliebhaber in Worte fassen können. Nick Tosches ist das aber egal, bei ihm haben beide
nichts zu lachen.
Rudolf Kraus
Sachbuch
50
Geht’s der Wirtschaft gut ...
Fürweger, Wolfgang: Die Red-BullStory
Wien: Ueberreuter 2008. 191 S., € 22,95
Jeder liest gerne die Geschichte „Vom Tellerwäscher zum Millionär“. Nun, die wird
hier nicht gegeben. Dietrich Mateschitz
startete als Marketingdirektor der internationalen Division der Unilever-Tochter
Blendax (mit einem Jahresgehalt von
143.000 Euro) in die Selbständigkeit und –
er ist längst Milliardär.
Trotzdem gehört die Schilderung des
Sprungs in die Selbständigkeit, die Geschichte der Entdeckung seines Getränks in
Thailand, die Kämpfe mit den Zulassungsbehörden und um eine Marketinglinie eindeutig zu den Stärken des Buches das, da
von Dietrich Mateschitz nicht authorisiert,
auf Recherchen und Gesprächen mit ExMateschitz-MitarbeiterInnen basiert.
Weniger stark ist die seitenlange Aufzählung der Unternehmensbereiche des
Dosen-Chefs, zumal seine vielfachen Aktivitäten neben der Energydrink-Produktion
(falsch: Mateschitz produziert nicht, er distribuiert und macht das Marketing) ohnedies umfangreich dargestellt werden. Man
liest natürlich auch gerne über die Persönlichkeit derartig erfolgreicher Unternehmensführer – der Autor schildert Mateschitz als leger, sportlich, dankbar und mit
Handschlagqualität, aber auch als nachtragend gegenüber kritischen Medien und
bemüht, sein Privatleben nicht in der Öffentlichkeit breit getreten zu sehen.
Das Buch zeichnet eine erstaunliche
(für Österreich atypische) Karriere nach.
Leider wirkt es durch die Berichterstattung
aus zweiter Hand und durch den Stil des
Autors ein wenig saft- und kraftlos.
Christian Jahl
Harrison, Fred: Wirtschaft Krise 2010. Wie die Immobilienblase die
Wirtschaft in die Krise stürzt
Weinheim: Wiley-VCH 2008. 299 S., € 25,60
Fred Harrison, ehemals Berater der russischen Duma, gilt als einer der führenden
Analysten für marktwirtschaftliche Systeme. Im Jahr 2005 erschien die 1. Auflage
seiner nun neu bearbeiteten Publikation im englischen Original. Darin weist Harrison bereits nachdrücklich auf die Gefahren der sich abzeichnenden Hypothekarkrise im angloamerikanischen Raum mit verheerenden Folgen für die gesamte
Weltwirtschaft hin. Beinahe prophetisch lesen sich die Analysen in der nun vorliegenden deutschsprachigen Ausgabe. Basierend auf der Analyse einer rund 300
Jahre umfassenden Datensammlung der englisch-amerikanischen Immobilienmärkte kommt der Autor zum Schluss, dass alle 18 Jahre die Weltwirtschaft in
eine Rezession gleitet – ausgehend von Krisen im Hypothekargeschäft der Banken.
Die aktuelle Krise nahm 2006 ihren Anfang in den USA und Großbritannien. Die
(Investment-) Banken vergaben zunehmend Hypothekarkredite an finanzschwache Interessenten und versicherten dieses erhöhte Risiko bei anderen Finanzinstituten. Um den Kreislauf aufrecht zu erhalten, wurden Immobilien höher bewertet
um den Kreditrahmen ausweiten zu können. Als die Kreditnehmer ihre Verpflichtungen nicht mehr wahrnehmen konnten stürzten
die Preise in den Keller. Die Kreditausfälle nahmen
so rasant zu, dass gleichzeitig die Papiere auf Investmentfonds einbrachen. Diese riesige Geldvernichtung raste wie ein Dominospiel immer weiter und
führte zum Zusammenbruch einstiger Branchenriesen in der Investmentbranche.
Nach Harrisons Analysen wird der Höhepunkt der
gegenwärtigen wirtschaftlichen Rezession 2010 erreicht sein. Erst danach kann mit einer Erholung der
Weltwirtschaft gerechnet werden.
Fritz Hartl
Heuser, Uwe Jean: Humanomics.
Die Entdeckung des Menschen in der
Wirtschaft
Frankfurt: Campus 2008. 276 S., € 20,50
Langsam scheint sich auch unter den Wirtschaftsjournalisten herumzusprechen, dass
das Konzept des „homo oeconomicus“,
welches einer überwiegenden Anzahl an
wirtschaftlichen Ansätzen und Modellen
zugrunde liegt, mit der Lebenswirklichkeit
nur bedingt etwas zu tun hat. Für den
„Zeit“-Journalisten Uwe Jean Heuser ist es
daher an der Zeit, sich mit dem Thema
nicht nur zu beschäftigen, sondern auch
einen neuen Entwurf des Menschen und
seiner Ökonomie zu entwickeln.
Er glaubt mit einer Minderheit von
Ökonomen, die er „Umstürzler“ nennt,
entdeckt zu haben, dass der Mensch in seinem wirtschaftlichen Verhalten sich nicht
ausschließlich am Eigennutz orientiert,
sondern auch andere Faktoren eine entscheidende, wenn nicht die entscheidende
Rolle spielen. Katagorien wie Fairness, der
Wille zur Kooperation und ethische Maximen hätten, so Heuser, immer eine Bedeutung gehabt – und sie haben es heute umso mehr, als die Wertschöpfung nicht mehr
in der unmittelbaren Produktion stattfindet, sondern als Produkt von Intellekt und
sozialer Vernetzung in Erscheinung tritt.
Von diesem etwas abgestandenen Gedankengang ist der Weg nicht weit zur entsprechenden Wortschöpfung: „Humanomics“ – jene Ökonomie, in der sich die
Akteure als „Homo reciprocans“ in einer
Vielfalt von wechselnden Verhaltensmustern bewegen, deren allgemeine Tendenz
in die Richtung des Miteinander geht und
einen Traum vom Glück in sich birgt. Der
kalte Kapitalist wird abgelöst vom Kapitalisten mit menschlichem Antlitz sozusagen.
Der Autor versteht es auf recht unterhaltsame Weise, Erkenntnisse aus den verschiedensten Wissenschaftsgebieten herbeizuschaffen und dabei den Eindruck zu
erwecken, es begänne jetzt der ganzheitliche Mensch sich in einer ganzheitlichen
Wirtschaft dem allgemeinen Glück zu nähern. Das klingt beruhigend, scheint aber
mit den in den täglichen Wirtschaftsnachrichten wiedergegebenen Tatsachen nicht
ganz kompatibel zu sein.
Wolfgang Kauders
Sachbuch
Geht’s der Wirtschaft gut ...
Napoleoni, Loretta: Die Zuhälter
der Globalisierung
Aus dem Englischen übers.
München: Riemann 2008. 382 S., € 19,60
Die Italienerin Loretta Napoleoni, die in
London für Unternehmen und im speziellen für Banken lange Zeit als Consultant
arbeitete, meint, dass diese Jahre „verglichen mit Heute ruhige Zeiten“ waren. In
ihrem Buch betrachtet sie die Vernetzung
von legalen und illegalen Geschäften, das
Verschwimmen der Grenzen zwischen legal-staatlicher Machtausübung und kriminellen Machenschaften.
Schon längst hätten Drogenkartelle,
Waffen- und Mädchenhändler ihre kriminellen Aktivitäten unter dem Deckmantel
anerkannter Unternehmungen versteckt,
sodass auch staatliche Amtsträger zu „freiwillig-erzwungenen“ Mitarbeitern der organisierten Kriminalität würden: „Ich nenne das Kontaminierung, das ist viel mehr
als nur Einfluss zu nehmen, denn es gibt
keine Regeln mehr.“ Die „freie Marktwirtschaft“ bzw. der Kapitalismus seien im
letzten Jahrzehnt zu einem Eldorado für
kriminelle Glücksritter und skrupellose
Geschäftemacher geworden.
Die US-Immobilienkrise, und die damit verbundenen Investment-Banken-Zusammenbrüche samt der damit verbundenen Auswirkungen auf die europäische
Wirtschaft, sind für Napoleoni die ersten
gravierenden Anzeichen für das Zusam-
menbrechen des westlichen Wirtschaftssystems, das sich sämtlicher ethischer Werte
entledigt hat. Es ist ein Faktum, dass die
„Islamische Wirtschaft“ weltweit die einzige ist, die von den genannten Faktoren völlig unbeeindruckt blieb.
Die westliche Gesellschaft wird von einem massiven Umbruch bedroht; die Chancen auf eine Umkehr beurteilt Napoleoni
pessimistisch. Ihr Buch liest sich über weite Strecken wie ein Finanzthriller. Unbekannte, unglaublich riskante Vorgänge in
den Finanzkreisen denen man Seriosität
zubilligen würde, gehen Hand in Hand
mit der Schilderung von kriminellen Wirtschaftspraktiken, sodass sich die LeserInnen schaudernd fragen werden, wieso der
Zusammenbruch nicht schon längst stattgefunden hat.
Fritz Hartl
51
Die Autorinnen des vorliegenden Bändchens nehmen einen bundesdeutschen
Durchschnittshaushalt unter die Lupe, um
das Konsumverhalten auf seine Umweltverträglichkeit hin zu überprüfen. Wie ist
das mit dem „Bio-Siegel“? Ist wirklich
„bio“ drinnen, wenn „bio“ darauf steht?
In fünf Kapiteln machen Pöppelmann
und Goldmann einen Rundgang durch
Wohnung, Haus und Garten, inspizieren
Küche, Garderoben-, Kosmetik- und Putzschränke. Jedem Abschnitt sind Expertentipps und Checklisten zugeordnet, sodass
sich die LeserInnen ihre eigene „Umweltverträglichkeit“ bestimmen können. Die
Empfehlungen können zum überwiegenden Teil österreichische Verhältnisse umgelegt werden. Anders hingegen sieht es bei
den zahlreichen „Öko-Siegeln“ aus, die in
den Regalen heimischer Verbrauchermärkte nicht zu finden sind.
Drei Abschnitte des Buches verdienen
eine besondere Erwähnung: „Wissenswertes zu Umweltmanagement“ liefert eine
Kurzbeschreibung des EU-Verfahrens, das
Unternehmensaktivitäten auf ihre Umweltverträglichkeit hin überprüft. „Worauf man
beim Kauf von Putzmitteln achten muss“
enthält eine Checkliste für gängige Chemikalien und Wirkstoffe, die in Wohnungen
und Häusern in Verwendung sind. „Worauf sollte man beim Kleiderkauf achten?“
schließlich listet Stoffe, Herstellungsverfahren etc., welche den Kauf von Mode(kleidung) ohne schlechtes Umweltgewissen zulässt.
Nicht zuletzt erfahren die KonsumentInnen in diesem Buch, welche Umweltbelastungen durch Herstellung, Transport
und Entsorgung von Produkten entstehen
und welche Produkte verwendet werden
können, ohne die Umwelt noch mehr zu
belasten.
Fritz Hartl
im Laufe der Jahrzehnte entstandenen unterschiedlichsten Theorien vorstellt, auf ihre Stichhaltigkeit hin abklopft und allfällige Ungereimtheiten aufzeigt.
Dank seiner bemerkenswerten Fähigkeiten als Graphiker gelingt es dem Verfasser, der erstaunlicherweise (zumindest im
rein akademischen Sinne) kein einschlägiger Experte ist, anhand detaillierter, ganz
hervorragend gestalteter Schaubilder,
grundlegende Forschungserkenntnisse –
wie zum Beispiel den Aufbau einer „modernen“ Vogelfeder, das Prinzip des Auftriebs oder die uns Säugetiere vor Neid erblassen lassende haushoch überlegene
Technik der Vogelatmung – auch dem Laien verständlich zu erklären. Dabei führt
Bollen uns überblicksmäßig durch die gesamte paläontologische Wissenschaft.
Wie auch der Evolutionsbiologe Richard Dawkins in seinem faszinierenden
Buch Gipfel des Unwahrscheinlichen ausführt, sind es nicht zuletzt physikalische
Faktoren, in erster Linie das Gewicht, welche die Überwindung der Schwerkraft ermöglichen. So kommt auch Bollen zu dem
für uns Menschen wenig schmeichelhaften
Schluss, dass eigentlich die Vögel als „Krone der Schöpfung“ zu betrachten wären.
Ein faszinierendes, spannendes, wunderschön gestaltetes Buch, an dem naturwissenschaftlich Interessierte große Freude
haben dürften.
Erich Snobr
Pöppelmann, Christa / Goldmann,
Melanie: Umweltgerecht einkaufen
Berlin: Beuth 2008. 114 S., € 15,30
Schützenfisch & Co.
Bollen, Ludger: Der Flug des
Archaeopteryx. Auf der Suche nach
dem Ursprung der Vögel
Wiebelsheim: Quelle & Meyer 2008.
272 S., € 25,70
Nicht so sehr der Titel, sondern vielmehr
der Untertitel dieses Buches weist auf die
Intention des Verfassers hin. Ludger Bollen
Mitarbeiter der Grafikredaktion des deutschen Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, geht darin dem Rätsel der Vogelwerdung bzw. der Frage nach, wie die Evolution quasi auf die Idee kam, mit einigen
ihrer Geschöpfe den Luftraum zu erobern.
Er entwirft dabei ein nahezu kriminalistisch anmutendes Szenario, in dem er die
Sachbuch
Schützenfisch & Co.
52
Bennemann, Markus: Im
Fadenkreuz des Schützenfischs
Frankfurt: Eichborn 2008. 256 S., € 20,60
Um tierische Mordmethoden der ungewöhnlichen Art, geht es in diesem Buch.
Etwa um die südamerikanische Bolaspinne, die ihre Opfer mit dem Parfum fremder
Frauen anlockt und sie dann mit einem
Lasso fängt. Um den südamerikanischen
Schützenfisch, der mit seiner eigenen
Spritzpistole jede Grille von Uferpflanzen
schießt. Um den griechischen Steinadler,
der mit einer ganz eigenen Strategie der
unbezwingbaren griechischen Landschildkröte begegnet. Um tierische Mörderbanden, Serienmörder und Psychokiller, um
heimliche und sogar um missverstandene
Mörder.
Dabei ist das Wort „Mord“ wie der Autor zu erkennen gibt, bei Tieren wohl nicht
angebracht, handelt es sich doch um Lebewesen, die nicht wie wir Menschen zwischen Gut und Böse unterscheiden. Dennoch sind die in diesem Buch geschilderten Tötungen, so planvoll und mit Bedacht
geführt, dass sich das Wort „Mord“ geradezu aufdrängt. Und wenn man – so wie der
Autor – etwas großzügiger damit umgeht,
ergeben sich die erstaunlichsten Parallelen
zur Welt der Kriminalverbrechen.
Der Autor, offenkundig ein Darwinist,
hat sein Buch nach dem bewährten TäterOpfer-Tatort-Schema aufgebaut. Die Schilderungen sind sachlich und ob des ungewöhnlichen Themas, bisweilen auch faszinierend. Farbabbildungen geben Zeugnis
von der Ungewöhnlichkeit der Tötungswerkzeuge. Ein ebenso spannendes wie
auch lehrreiches Buch.
Gabriele Egger-Malina
Kulenkampff, Merle: Alles nur aus
Liebe. Mein Leben für die Tiere
Wien: Almalthea 2008. 199 S., € 19,90
Merle Kulenkampff – die Tochter von „Kuli“, dem verstorbenen Show- und Quizmasters Hans-Joachim Kulenkampff – erzählt
von ihrem Leben mit Tieren und für Tiere.
Aufgezeichnet wurden ihre Erinnerungen
von der etablierten Journalisten Senta
Ziegler. Die Zusammenarbeit der beiden
Frauen sorgt für eine leichte und flotte
Sprache und gute Lesbarkeit.
Merle wuchs in einem wohlhabenden
Haushalt auf und hatte immer die Möglichkeit, ihren unkonventionellen Neigungen entsprechend zu leben. Ihre künstlerische Ader lebt sie in der Töpferei und ihre
Tierliebe in der ständig wachsenden Menagerie von hilfsbedürftigen Tieren aus. Sie
selbst lebst äußerst bedürfnislos, arbeitet
körperlich schwer und es mangelt ihr an finanziellem Organisationstalent.
Begonnen hat für Merle Kulenkampff
alles mit ihrer Liebe zu Pferden und der
Reiterei. Heute, nach Jahrzehnten, blickt
sie auf eine reiche Erfahrung als engagierte
Tierschützerin mit der Hinwendung zu allen Kreaturen, egal ob Haustier, Nutztier
oder so genanntem Schädling, zurück. Sie
bezeichnet sich selbst als „Animal-Whisperin“. Mit Artenschutz hat ihr Anwesen
wenig zu tun; viel hingegen mit der übergroßen, uneigennützigen Tierliebe einer
Frau, die sich nicht besonders gut verkaufen kann.
Elisabeth Duchkowitsch
Soury, Gérard: Wale. Sanfte Riesen
der Meere
Bielefeld: Delius Klasing 2008. 255 S.,
€ 37,00
Trotz des nicht unbedingt günstigen Preises verdient dieses Buch eine Empfehlung.
Es ist in vier Kapitel unterteilt, welche den
Bogen von den Anfängen der Wale über
die vier „wichtigsten“ Familien mit ihren
unterschiedlichen Arten, der schwierigen
Beziehung zwischen Wal und Mensch (mit
einem etwas kurz geratenen Abriss zur Geschichte des Walfangs) bis hin zu umfangreichen Beobachtungen des Autors und
Fotografen Soury an den verschiedensten
Plätzen der Welt spannt.
Der Stil des vierten, etwas ausufernden
Kapitels erinnert an Tagebucheintragungen
und ist teilweise zu „reißerisch“ im Ton
ausgefallen. Doch für jene LeserInnen, die
das Glück hatten, an einem
der beschriebenen Orte schon
einmal „whalewatchen“ gewesen zu sein, gibt
es hervorragend
die Gefühle wider, die man bei
der Beobachtung eines so beeindruckenden Tieres empfinden kann.
Teilweise großartige Farbfotos sind über
das ganze Buch hindurch sehr gut in den
Text integriert, etliche Karten verweisen auf
das genaue Vorkommen der Säugetiere.
Ein ausführliches Register (welches auch
die lateinischen Bezeichnungen der einzelnen Arten anführt) und Literaturhinweise
runden den gelungenen Band ab.
Katharina M. Bergmayr
Zintz, Klaus:
Prima Klima!
Umdenken, mitmachen und dabei noch sparen
Stuttgart: Kosmos
2008. 189 S.,
€ 15,40
Nach dem Motto:
„Kleine Tipps – große Wirkung“ beschreibt der Wirtschaftsjournalist Klaus
Zintz, wie man selbst etwas gegen den Klimawandel tun kann. Zwar sind immer
mehr Menschen grundsätzlich für die Verminderung des CO2-Ausstoßes und begrüßen entsprechende Gesetze. Hingegen
wird die Bereitschaft umso geringer, je
konkreter die Maßnahmen werden und je
mehr sie eine freiwillige persönliche Einschränkungen verlangen.
Die Erörterungen beginnen nach einem historischen Überblick mit dem Kapitel „Energie in Haus und Wohnung” und
setzen mit „Richtig heizen heißt Energie
sparen” fort. Weitere Abschnitte umfassen
die Themen Verkehr, Lebensmittel, das persönliche Klimabudget sowie eine Darstellung der „Energieträger der Zukunft”. Bereits in der Einleitung wird klargelegt: Es
gibt einen nachweisbaren, vom Menschen
verursachten Klimawandel, dessen Kosten
sehr hoch sein werden und dessen Auswirkungen bereits spürbar sind.
Mit gekonnt einfach formulierten Erklärungen, die sowohl Sachkompetenz als
auch sprachliche Präzision zeigen, werden
komplexe Themen von bemerkenswert
großer Bandbreite aufbereitet und verständlich gemacht. Das Fazit des Buches:
„Taten statt Lippenbekenntnisse auch im
eigenen Bereich.“
Beatrix Albrecht-Kammerer
SachbuchRein technisch
Adler, Almut: Das weibliche Auge.
Anders sehen, anders fotografieren
München: Addison-Wesley 2008. 287 S.,
€ 30,80
Almut Adler leitet Fotokurse und organisiert Fotoworkshops – viele davon nur für
Frauen. Daher kommt auch der sicherlich
interessante Ansatz zu diesem Buch, das
sich vom Aufbau her auf den ersten Blick
gar nicht so sehr von geschlechtsneutralen
Fotobüchern unterscheidet. Inhalt und Text
aber belehren einen eines Besseren. Als
Schwer- und Mittelpunkt wählt die Autorin
„Kreative Bildgestaltung“. Es ist nicht entscheidend ob man analog oder digital fotografiert, wichtiger ist, den eigenen
Fototyp zu erkennen – dann ergibt sich die
Antwort nahezu von selbst. Und: dies
wäre auch Männern sehr zu empfehlen.
Natürlich bleibt einem auch bei einem
Fotokurs für Frauen das Grundlegende der
Fotografie nicht erspart: Aufnahmetechnik,
Zusammenspiel von Blende und Zeit, Tiefenschärfe etc. In diesem Buch sind diese
Dinge aber nicht die beherrschenden Themen. Zentral sind vielmehr Bildaufbau,
Licht, Motive, Nachtaufnahmen, also die
für kreatives Fotografien wesentlichen Kategorien. Hier gibt es eine Fülle von Anregungen, Tipps und Beispielen.
Adlers Buch ist ein anregend gestalteter Fotokurs. Es vermittelt knapp das Wesentliche der Fotografie und gibt den Bildern breiten Raum. Auf jeden Fall macht es
Spaß auf Fotografie und vor allem auf unkonventionelle Fotos – und das für Frauen
und Männer.
Wolfgang Binder
Bartel, Raimund: Blogs für alle. Das
Weblog-Kompendium
Kilchberg: Smart Books 2008. 220 S.,
€ 20,60
Web Logs, also Logbücher im Web, von
Web-2.0-Usern kurz und bündig Blogs genannt, sind bereits seit mehreren Jahren
„in“. Es wird über alles mögliche, in jeder
Situation und in verschiedensten Interessensgruppen, „geblogt“. Und die Zahl der
Blogs steigt weiterhin. Bei so viel Auswahl
fällt es den Blog-BesucherInnen allerdings
schwer, eine passende Auswahl zu treffen.
Da die SchreiberInnen von Tagebü-
chern beispielsweise möchten, dass ihre
„Ergüsse“ auch gelesen werden, gibt der
Autor nicht nur eine Anleitung zum richtigen Verfassen der Texte, sondern auch eine
Übersicht über die Software (Wordpress
oder blogger.com) und eine Erläuterung
darüber, auf welche Seite sie gestellt werden und wie sie vernetzt werden müssen,
um lesendes Publikum zu bekommen und
zu behalten. Auch Begriffe wie Trackback,
Feeds, Asides oder Blogrolls bekommen
interessierte LeserInnen erklärt.
Blogs können aber auch eine Gefahr
für ihre VerfasserInnen darstellen. Immer
öfters suchen Arbeitgeber nach Daten und
Persönlichkeitsmerkmalen ihrer Angestellten oder der StellensucherInnen. Sehr oft
werden sie im Internet fündig. Darüber
hinaus gibt es Firmen, die sich auf die
entsprechende Internetrecherche spezialisiert haben und den Unternehmen ihre
Dienste anbieten – ein lukratives Geschäft.
Deshalb sollte man mit den Informationen,
die man via Internet über sich preisgibt,
sehr vorsichtig sein.
Blogs für alle ein leicht zu lesendes,
verständliches und übersichtliches Buch.
Andreas Schleif
Caplin, Steve: Fotomontagen mit
Photoshop CS3
Aus dem Englischen übers.
Heidelberg: Spektrum 2008. 408 S. + 1
DVD-ROM, € 20,60
Was macht Humphrey Bogart am Cover
eines Photoshop Ratgebers? Dreht man
das Buch um, bekommt man die Antwort:
Als Übungsbeispiel steht der Leinwandstar
leider nicht zu Verfügung, doch werden an
angegebener Stelle im Buch die bei der
Bildbearbeitung verwendeten Techniken
kurz vorgestellt.
In Steve Caplins Handbuch erfahren
kreative BenutzerInnen Tipps und Tricks,
die das Arbeiten mit dem Programm erleichtern und interessanter machen. Die
Arbeitsgänge sind jeweils auf einer Doppelseite abgebildet. Am rechten Seitenrand
findet man zusätzliche Tipps wie z. B. die
verwendeten Tastaturkürzel zu MAC und
WIN oder Symbole wie die Filmrolle,
welche auf eine Quick-Time-Filmsequenz
auf der beiliegenden DVD hinweist. Am
Ende des Buches gibt es Aufgaben, mit de-
53
nen man das zuvor Erlernte überprüfen
kann.
Dass sich dieses Handbuch, wie vom
Herausgeber behauptet wird, an Einsteiger
und ambitionierte AmateurfotografInnen
richtet, ist allerdings zu relativieren. Bereits in den ersten vier Kapiteln, in denen
unabdingbare Grundkenntnisse vermittelt
werden, werden Vorkenntnisse vorausgesetzt, deren Fehlen es reinen EinsteigerInnen mühsam und demotivierend machen
dürfte, mit diesem Buch zu arbeiten.
Erika Fröschl
Jeni, Kurt: Umbauen, Anbauen, Aufstocken. Zeitlos, modern, individuell
Taunusstein: Blottner 2008. 125 S., € 40,90
Kurt Jenis Buch ist keine Heimwerkeranleitung, sondern eine Beispielsammlung gelungener Renovierungsarbeiten. Anhand
von 25 Beispielen zeigt der Autor, was man
mit alten Häusern alles anstellen kann, um
sie einem zeitgemäßen Standard anzupassen und dass es sich durchaus lohnt, alte
Bausubstanz zu retten, anstatt die Objekte
einfach abzureißen. Die Beispielhäuser
sind aus verschiedenen Baujahren: von
richtig alt bis zu 70er-Jahre-Bauten des
jüngst vergangenen Jahrhunderts.
Einleitend werden jeweils kurz die Geschichte des Bauwerks und seiner neuen
BesitzerInnen geschildert, Mängel und/
oder Vorteile des Hauses aufgelistet und
die Renovierungshistorie erzählt. Mit exakten Grundrissen und anschaulichen Vorher-Nachher-Fotos werden die Umbauten
bestens dokumentiert. Meistens sind es
umfassende Arbeiten, welche die alten
Häuser neu erblühen lassen: ein Stockwerk dazu, ein halbes Haus in Glas vorne
dran, fast vollständiges Entfernen der alten
Innenmauern etc. Das Resultat sind helle,
großzügige, sonnendurchflutete Wohnräume. Die manchmal sehr beachtlichen Gesamtkosten für die Renovierungsarbeiten
werden nicht verschwiegen. Doch es gibt
viele Tipps für Finanzierungshilfen (die leider auf Deutschland beschränkt sind),
Materialien und Vorgangsweisen.
Wer mit dem Gedanken liebäugelt, ein
altes Haus zu kaufen und Anregungen für
den Umbau sucht, ist hier bestens beraten.
Susanne Kurz
Sachbuch
Rein technisch
54
Langford, Michael / Andrews,
Philip: Fotografie für Einsteiger
Heidelberg: Spektrum 2008. 385 S.,
€ 30,80
Michael Langford hat sich bis zu seinem
Tod im Jahr 2000 immer der Gesamtheit
der Fotografie verschrieben und würde
auch heute keine Trennung zwischen analoger und digitaler Fotografie zulassen. Oft
scheint es, als wäre die Fotografie mit der
digitalen Fotografie neu erfunden worden
– dem ist natürlich nicht so.
Fotografie für Einsteiger ist wohl das
umfassendste Buch zum Thema Fotografie
und gleichzeitig auch für Amateure leicht
lesbar. Langford und Andrews befassen
sich mit allem, was für gute Fotos notwendig ist. Das „fotografische Sehen“, die
wichtigste Fertigkeit aller guten FotografInnen, ist bei Langford das zentrale Thema.
Von hier aus geht er erst weiter zu Bildaufbau und -komposition, zu Licht und Farbe,
ehe der technische Teil beginnt, der auch
keine Wünsche offen lässt.
Neben der Arbeit am PC mit Bildbearbeitungsprogrammen – inklusive Scannen,
Drucken und Präsentieren – erörtert das
Buch in Form eines guten Überblicks auch
die analoge Dunkelkammertechnik.
In seinem kompakten und gleichzeitig
umfassenden Ansatz ist Fotografie für Einsteiger wohl das zur Zeit beste FotografieBuch, das auch nicht so rasch altern wird.
Wolfgang Binder
Mies, Daniel: Webseiten erstellen
für Einsteiger. Einführung in HTML,
CSS, Suchmaschinenoptimierung
und jQuery
Berlin: Galileo Press 2008. 354 S. + 1 CDROM, € 20,50
Das Ziel der perfekten Erstellung eigener
Webseiten vor Augen, gliedert der Autor
sein Buch in drei große Abschnitte. Teil
eins vermittelt dem Einsteiger die nötigen
Grundlagen von HTML und CSS. Im zweiten und größten Kapitel wird der Praxisteil
in Angriff genommen: HTML-Strukturen,
CSS-Gestaltung, jQuery-Animation, letzte
Schliffe bei der Seitengestaltung und, last
but not least: die Optimierung für Suchmaschinen, ohne welche die Seite von den
wenigsten Internet-Usern gefunden wird.
Nach dem learning-by-doing-Prinzip
kann man die erworbenen Fähigkeiten
auch sofort auszuprobieren.
Daniel Mies’ unterscheidet sich in einigen Punkten von der Unzahl ähnlicher
Einsteiger-Bücher. In flüssiger Sprache verfasst und aufgelockert durch Screenshots,
kommt der Autor den AnfängerInnen ungewöhnlich leicht verständlich entgegen.
Einen besonderen Touch erhält das Ganze
durch die netten cartoonartigen Illustrationen von „Jojo“ Kretschmar.
Andreas Schleif
Obermayr, Karl: Adobe Camera
Raw. Raw Daten entwickeln
Poing: Franzis 2008. 153 S., € 20,50
Wer mit dem Wort RAW-Format etwas anfangen kann oder sogar in diesem Format
fotografiert, weiß, dass Fotografie mehr ist
als Urlaubsbilder knipsen. Das RAW-Format ist die Königsklasse der digitalen Fotografie, daher bieten die einfachen Kompaktkameras dieses Format gar nicht an.
Im RAW-Format werden die Rohdaten des
Bildes gespeichert und lassen nun jede
weitere Verarbeitung am PC zu. Der Nachteil darf allerdings auch nicht verschwiegen werden: Das RAW-Format generiert
sehr große Dateien und verlangt ein profundes Wissen über Fotografie und Bildbearbeitung.
Karl Obermayr, bekannt als Autor eini-
ger Foto- und PC-Bücher, befasst sich in
diesem Buch mit dem Adobe Camera Raw,
dem kleinen Bruder von Photoshop. Sein
Buch bietet eine leicht fassbare Anleitung
zu Import und Bearbeitung eines Formats,
dessen Handhabung letztlich jedoch Minderheitenprogramm bleiben wird.
Wolfgang Binder
Spona, Helma: Digitale Makrofotografie
Heidelberg: mitp 2008. 223 S., € 36,00
Edition ProfiFoto
Egal über welches Equipment man verfügt,
irgendwann wird jede/jeder einmal versuchen, eine Blüte oder eine Biene so nah
und so groß wie möglich aufzunehmen.
Bei vielen wird dann ein Hobby daraus
und sie verfallen der Makrofotografie.
Sponas Buch trägt dem Rechnung, ist
jedoch ein Fachbuch für Profis oder solche, die es werden wollen. Es ist ein gut
gestaltetes Kompendium, das von Beginn
an voll in die Materie reingeht und gute
Kenntnisse in Kameratechnik und Fotografie verlangt. Ambitionierte FotografInnen dürften allerdings die reinste Freude
haben, wenn seitenlang in Schärfentiefeproblemen geschwelgt oder den Vorzügen
von Telekonvertern gegangen wird.
Wolfgang Binder
Männer & Frauen
Holler, Christiane: Die kleine
Liebesapotheke
Wien: Orac 2008. 160 S., € 16,90
Der Anfang, die Gewöhnungsphase, der
Alltag – alle Stadien der Liebe, egal ob von
diesen oder jenen Gefühlen begleitet, bereiten Probleme. Und „Holly Holunder“
hilft: Die E-Mails oder Leserbriefe, die sie
täglich bekommt, zeugen eindeutig vom
Bedürfnis nach dem Rat einer Expertin.
Was diese nun so rät, ist beispielsweise: sich wieder abzukühlen und klar denkend an die Sache heranzugehen; entweder jetzt zuzugreifen oder alt zu werden
und immer daran zu denken, was gewesen
wäre, wenn ...
Die Autorin bringt Klarheit in das Wirr-
warr der Gefühle – sei es einen neuen Anfang zu machen, etwas zu ändern oder etwas zu beenden, um in jedem Fall über die
schmerzliche Zeit hinwegzukommen.
Zwischen Problem-Aufzeichnungen
ihrer SchreiberInnen lässt Holler ihren eigenen Gedanken freien Lauf – beispielsweise über die praktischen Lebenseinstellungen, mit denen es sich nicht immer einfach, letztlich aber ganz gut leben lässt.
Oder: die eigenen Erwartungen etwas runterschrauben … und es geht schon wieder!
Die kleine Liebesapotheke ist ein heterer „Lebensratgeber“ in Liebesdingen, kurz
und prägnant in seinen Vorschlägen, die
zwar nicht immer gut ankommen, aber
doch menschlich und verständlich sind.
Ursula Steinermann
Sachbuch
Männer & Frauen
Hollstein, Walter: Was vom Manne
übrig blieb
Berlin: Aufbau 2008. 304 S., € 20,60
Die Umschlaggestaltung von Andreas
Heilmann, die einen strammen Gockel
darstellt, täuscht: Nicht ironisch, sondern
todernst geht Walter Hollstein sein Thema
an. Es lautet: Männlichkeit in der Krise und
Feindinnen ringsum. Ausnahmen bestätigen die Regel. Feministische Ideologie, im
deutschsprachigen Raum vor allem durch
die angeblich männerhassende Gottseibeiuns Alice Schwarzer repräsentiert, hat auf
allen Ebenen gesiegt – und was ist dabei
herausgekommen?
Gedemütigt durch erzwungenes Sitzpinkeln, mutieren Buben unweigerlich zu
glatzköpfigen Neonazis; die Kultur der
Männer, die laut Hollstein gegen die Natur
der Frauen entstanden ist, versumpft in
ebendieser. 115 männliche Totgeburten
kommen auf nur 100 weibliche, auch der
55
plötzliche Kindstod ist dank des Sieges des
Feminismus mehr Männer- denn Frauensache. Und schauen wir uns erst die unterschiedlichen Lebenserwartungen an ...
Aber Unversöhnlichkeit ist Walter
Hollsteins Sache nicht: Ohne Frauen geht
halt nichts weiter, es braucht allerdings,
um sich den Frauen wieder annähern zu
können – und zwar ohne Angst, von diesen verschlungen, zerstückelt oder um die
männliche Identität gebracht zu werden –
wieder ausgewiesene männliche Initiationsriten als Grundbedingung.
Von Frauenwitzen gepeinigt, gelangt
Hollstein zum Befund bzw. lässt er befinden (denn seine Literaturliste ist elendslang), dass feministische Ideologie ursächlich für den Anstieg pädophiler Neigungen
bei Männern verantwortlich ist. In seiner
Literaturliste fehlt anstandshalber Eva Hermans „Eva-Prinzip“ – wie auch in seiner
Auflistung weiblicher Schreckgestalten
Maggie Thatcher nicht vorkommt.
Kreutzer, Mary / Milborn, Corinna: Ware Frau.
Auf den Spuren moderner Sklaverei von Afrika nach Europa
Salzburg: Ecowin 2008. 234 S., € 20,50
Ein heikles Thema: Frauenhandel und all seine Konsequenzen wie sexueller
Missbrauch, Prostitution, Korruption, menschenverachtende Gesetze und Missachtung von Menschenrechten. Der Schwerpunkt von Ware Frau liegt auf
Frauenhandel zwischen dem afrikanischen Kontinent und Europa. Die Recherchen führten Kreutzer und Milborn nach Nigeria und brachten sie mit Opfern
des Frauenhandels in Kontakt. Anhand von Interviews mit den Betroffenen wird
das Thema von verschiedenen Seiten beleuchtet. So geht es in einem Kapitel um
die Situation im Heimatland, die junge Frauen zu leichter Beute von Frauhändlern macht beziehungsweise ihnen keine andere Wahl lässt, als sich auf den
Weg in eine scheinbar bessere Zukunft zu machen.
Das Netz der Menschenhändler ist kompliziert verwoben und nicht immer eindeutig. Die Frauen sind durch viele Zwänge an ihre Peiniger gebunden und
müssen fürchten, dass ein Verrat zu Lasten ihrer Familien in der Heimat geht.
Die ZuhälterInnen sind meist Frauen, die Madames, bei denen die Frauen ihre
Schulden für den Weg nach Europa abbezahlen müssen. Sehr bedenklich ist das
Kapitel über die Mitschuld der Politik und der Behörden in Europa, wie das österreichische Beispiel
des Visahandels zeigt. Die Polizei erweist sich selten
als hilfreich für die Opfer, wenn nicht sogar als Gefahr. Die häufigste Konsequenz eines Kontaktes der
Opfer mit den Behörden ist eine Abschiebung. Auch
der Umgang mit Prostitution in unserer patriarchalisch geprägten Gesellschaft ist ein Nährboden für
Frauenhandel.
Ein erschütterndes, aber wichtiges Buch, das das
Problem anschaulich darstellt und begreiflich macht.
Verena Brunner
Dem brisanten Thema Sorgerecht nach
Ehescheidungen, sowie der Tatsache, dass
Frauen in der Regel noch immer weniger
Geld für gleichwertige Arbeit bekommen,
wird vergleichsweise wenig Raum gegeben. Alles in allem aber ist das Buch ein
interessantes Zeitdokument zum Zustand
verunsicherter, völlig aus dem Lot geratener Akademiker zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu tun.
Rudi Hieblinger
Saillo, Ouarda: Die Spur der
Tränen. Mein Leben in der Fremde
Bergisch Gladbach: Lübbe 2008. 333 S.,
€ 18.50
In ihrem ersten Buch Tränenmond verfasste die Marokkanerin Ouardo Saillo eine
vielbeachtete Biografie über ihre trostlose
Kindheit, in der ihr Vater die Mutter ermordete, und über die schrecklichen Jahre bei
Verwandten, von denen sie grausam misshandelt wurde. Der zweite Teil setzt nun
dort an, wo sie als junge Frau einen wesentlich älteren Mann, Walter, kennenlernte, der sie mit nach Deutschland nehmen sollte.
Walter entpuppt sich als Glücksgriff: Er
bringt ihr Deutsch bei, kauft ihr neue Kleider und heiratet sie. Als er sie jedoch immer mehr als seinen Besitz betrachtet,
trennt sie sich von ihm. Schnell lernt sie einen neuen Mann kennen und als es
Schwierigkeiten mit dem Aufenthaltsrecht
gibt, bekommt sie ein Kind und kann damit nicht mehr abgeschoben werden.
Nach dem Tod ihres Vaters fährt Saillo
wieder in ihre Heimat, wo sie die verhassten Verwandten wiedersieht. Diese Reise
wird zum innerlichen Abschied von Marokko und der streng islamischen Welt.
Im folgenden Teil beschreibt Saillo vor
allem die unerträglichen Umstände unter
denen Frauen in Marokko leben müssen:
Vergewaltigungen und Vertreibungen sind
alltäglich, bestraft werden in dieser streng
patriachalen Gesellschaft die Opfer und
nicht die Täter. Kinder, die als Hausangestellte arbeiten, sind der Willkür und
Mädchen massiver sexueller Gewalt ausgeliefert.
Die Autorin gründete mit den Geldern
von Tränenmond und Spendeneinnahmen
einen Verein, der ein Frauenhaus betreibt
und Mädchen in verzweifelten Lagen hilft.
Birgit Hartl-Klasna
Sachbuch
Rein technisch
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Zschirnt, Christiane: Wir Schönheits-Junkies. Plädoyer für eine gelassene Weiblichkeit
München: Goldmann 2008. 255 S., € 18,50
Christiane Zschirnt wendet sich, nach etlichen Publikationen zu literarischen Themen, nun einem Gegenstand zu, welcher
sie offensichtlich auch selbst sehr beschäftigt. Ihrem wissenschaftlichen Recherchezugang zum Trotz legt sie ein Sachbuch
vor, in dem die Ich-Form dominiert, ihre
Familie und ihr Freundeskreis so eine große Rolle spielen, dass sie neben der kriti-
schen Beurteilung der Attraktivitätsforschung und Feynmanns Begriff der „CargoCult-Wissenschaft“ stehen.
Um zu ihrem „Plädoyer für eine gelassene Weiblichkeit“ zu gelangen, benötigt
die Autorin sieben Kapitel – von „Emanzipation“ über „Sexy“ und „Dünn“ bis zu „Älter“. Historische Daten, Untersuchungen,
Fallbeispiele, persönliche Erfahrungen, Beispiele aus Werbung, Film und Printmedien
werden präsentiert und kritisch hinterfragt.
Typische Auswüchse der Schönheits-Welle
bzw. des Schönheits-Wahns“ – Magersucht, Schönheitsoperationen bei einer im-
mer jüngeren Klientel (und zunehmend
auch Männern), das Ideal der ewigen Jugendlichkeit und Sexyness – stehen hinter
dem fragwürdigen Bild der perfekten Frau.
Das Versprechen des Klappentextes,
Möglichkeiten zur Befreiung von der Tyrannei dieses falschen Schönheitsbegriffs
zu zeigen, löst das Buch nicht ein. Wohl
aber enthält es weniger werbewirksame
und auch nicht gerade neue, deswegen
aber um nichts weniger aufschlussreiche
Informationen über den relativen und
wandelbaren Begriff „Schönheit“.
Elisabeth Duchkowitsch
Fellner, Sabine / Unterreiner, Katrin:
Morphium, Cannabis und Cocain.
Medizin und Rezepte des Kaiserhauses
Lauveng, Arnhild: Morgen bin ich
ein Löwe. Wie ich die Schizophrenie
besiegte
Wien: Amalthea 2008. 192 S., € 19,90
Aus dem Norwegischen übers.
München: btb 2008. 221 S., 18,50 €
Gesund?
Ehgartner, Bert: Lob der Krankheit
Bergisch Gladbach: Lübbe 2008. 382 S.,
€ 17,50
Bert Ehgartner zeigt die Manipulation der
Pharmaindustrie auf, die mit Hilfe von Medienkampagnen zu Massenpanik vor Masern und ähnlichen Krankheiten in der Bevölkerung führt. Ziel der Industrie ist eine
erhöhte Impfbereitschaft und die daraus
folgende Gewinnoptimierung. Durch das
Verhindern von Kinderkrankheiten wird
dem Immunsystem die Möglichkeit genommen, mit diversen Erregern fertig zu
werden. Die steigende Häufigkeit von Allergien, chronischen Erkrankungen und
auch Krebs sind laut wissenschaftlichen
Untersuchungen auf die intensive Anwendung von Antibiotika und Impfstoffen zurückzuführen.
Der Autor plädiert für einen vernünftigen Umgang mit Krankheiten: Fieber zulassen, statt fiebersenkende Mittel verwenden,
Kontakte mit anderen Kindern und Tieren
zulassen. Es werden auch Informationen zu
Infektionskrankheiten, wie Pocken, Polio,
Windpocken, Masern usw. gegeben und
die Vor- und Nachteile von Massenimpfungen unter die Lupe genommen.
Hinter dem etwas provozierenden
Buchtitel verbergen sich eine seriöse Impfkritik und plausible Überlegungen zu den
Auswirkungen der Unterdrückung von
Krankheiten. Ehgartner gelingt es, komplizierte Zusammenhänge kritisch zu hinterfragen, gut verständlich darzustellen und
Eltern brauchbare Ratschläge zu erteilen.
Gabriela Wieri
Schon wieder ein Buch über die Habsburger, möchte man seufzen. Sabine Fellner
dient das Kaiserhaus allerdings nur als Aufhänger, um einen allgemeinen Einblick in
die damaligen gesundheitlichen, hygienischen und medizinischen Verhältnisse sowie Moralvorstellungen zu geben.
Zunächst führen die Autorinnen in die
Gesellschaftsverhältnisse um 1900 ein und
erörtern den fragwürdigen Umgang mit Sexualität und den daraus resultierenden gesundheitlichen Problemen. Danach illustrieren sie anhand von fünf Personen des
Kaiserhauses und deren jeweiligen Leiden
bestimmte Krankheiten sowie die Versuche,
sie (unter anderem mit Wirkstoffen, die
heute als Drogen gelten) medizinisch zu
behandeln und (vielleicht sogar) zu heilen.
Am Ende der einzelnen Kapitel findet man
detaillierte Aufstellungen der Rezepte.
Das Buch beinhaltet viele Zitate aus
zeitgenössischen Quellen, was das Lesen
kurzweilig und abwechslungsreich macht.
Die Sprache der Autorinnen ist einfach,
verständlich und ohne termini technici,
ohne zu einer oberflächlichen Betrachtung
des spannenden Gegenstands zu führen.
Warum sachlich wichtige Grundlagen wie
die im Glossar detailliert besprochenen
Krankheiten und Medikamente bzw. Drogen nicht direkt in den Text eingearbeitet
wurden, bleibt allerdings unklar.
Sonja Rabl
Noch vor dem Inhaltsverzeichnis werden
die LeserInnen mit einem beeindruckenden Gedicht der Autorin konfrontiert, das
dem Buch offensichtlich den Titel gab. Es
endet mit dem Satz: „Früher verbrachte ich
meine Tage als Schaf. Aber morgen bin ich
ein Löwe.“
Arnhild Lauveng war früher selbst schizophren, und da Betroffene immer wieder
zu hören bekommen, dass diese Krankheit
unheilbar ist und man lernen muss, damit
zu leben, möchte sie aufzeigen, dass das
nicht stimmen muss. In drei großen Abschnitten erzählt sie über ihr Leben mit der
Schizophrenie und deren Heilung.
Anfangs waren es „nur“ Sinnestäuschungen, dann wurde sie immer „verwirrter“, hatte Angst, nicht zu existieren, dass
die Gedanken in ihrem Kopf nicht ihre eigenen wären. Später waren da auch noch
die bedrohlichen Wölfe, die nur sie sah,
und der Kapitän in ihrem Kopf, der ihr
Befehle gab, ihr vorschrieb, wie viel sie zu
essen und zu schlafen hätte und ihr auch
immer öfter befahl, sich selbst zu verletzen. Lauveng beschreibt weiters die Aufenthalte in verschiedenen Anstalten und
schließlich ihren Weg zur Genesung.
Ein ungewöhnliche und aufschlussreiche Autobiographie – locker, flüssig und in
leicht verständlicher Sprache geschrieben.
Eva-Maria Baumgartner
Sachbuch
Gesund?
Tallack, Peter: Wie ein Baby entsteht
Aus dem amerikan. Englisch übers.
München: Nymphenburger 2008. 159 S.,
€ 25,60
Neu ist die Idee ja nicht, den Schwangerschaftsverlauf sozusagen aus dem Inneren
der Gebärmutter zu dokumentieren. Doch
der Wissenschaftsjournalist Peter Tallack
57
fährt in seinem Buch mit neuem, revolutionärem Bildmaterial auf. Anhand von lebensnahen Wachsmodellen, 3-D-Ultraschallbildern sowie computergenerierten
Illustrationen lässt er die LeserInnen an der
unvergleichlichen Welt in der Gebärmutter
teilhaben. Anschaulich schildert er die großen und kleinen Veränderungen, die der
Körper des Fetus durchläuft.
Wie ein Baby entsteht basiert auf einer
TV-Dokumentation, die mit großem Erfolg
in den USA und in Großbritannien ausgestrahlt wurde. Begleitet werden die unvergleichlichen Bilder von fundierten Textpassagen. Die wissenschaftlichen Informationen sind auf dem neuesten Stand, die Texte, für Laien aber problemlos zu verstehen.
Bettina Raab
Himmelfahrten
Berger, Klaus: Die Urchristen.
Gründerjahre einer Weltreligion
München: Pattloch 2008. 368 S., € 20,50
Der streitbare und wortgewaltige Theologe
Klaus Berger besticht – wie zuletzt mit seinem Buch Jesus – als brillanter Autor, der
immer wieder die öffentliche Kontroverse
sucht. Die Urchristen ist gewissermaßen
die Fortsetzung von Jesus und erörtert die
Entstehung der ersten christlichen Gemeinden und damit auch der „Urkirche“.
Als „Gründerjahre“ definiert Berger die 50
Jahre bis zum Tod der ersten Generation
nach Jesus.
Seine Thesen zum „Erfolgmodell“ der
Urchristen bieten neben dem theologischen Ansatz auch einen Einblick in die
Gesellschaft, in der das Christentum entstand, ausgehend von der Sehnsucht nach
einer Leitfigur über die Einstellung zur Rolle der Frau bis hin zum Umgang mit Sklaverei. Berger untermauert seine Überlegungen mit Zitaten aus der Bibel, Ausführungen aus der Kunstgeschichte, Archäologie, Theologie und Soziologie.
Obwohl der Verfasser viele Fremdwörter in einer beigefügten Klammer erklärt, stellen seine Gedankengänge doch
eine ziemliche Herausforderung dar. LeserInnen mit kirchengeschichtlichem Interesse und theologischem Hintergrundwissen bietet das Werk jedoch eine spanngende Auseinandersetzung mit den Keimzellen der christlichen Kirche.
Claudia Barton
Kirchmayr, Alfred / Scharmitzer, Dietmar: Opus Dei. Das Irrenhaus Gottes?
Klosterneuburg: Va Bene 2008. 256 S., € 19,80
Es wurde bereits viel geschrieben und spekuliert über Opus Dei, der mächtigen
katholischen Organisation, die oft mit der Mafia oder einer großen Armee verglichen wird. Selbst ihr Gründer Josemaria Escrivá bezeichnet Opus Dei als Irrenhaus, meint dies aber wohl eher im übertragenen Sinne, wenn er sagt: „Antworte
entschieden, dass du Gott für die Ehre dankst, diesem «Irrenhaus» anzugehören.“
Die beiden Autoren versuchen Antworten auf Fragen zu geben, die noch immer
unbeantwortet sind: Wozu braucht Opus Dei seine Macht und welcher Geist soll
mit seinen Mitteln verbreitet werden? Anders als der
Theologe und Psychoanalytiker Kirchmayer war Scharmitzer selbst neun Jahre lang Angehöriger der fundamentalistischen Organisation und konnte sich ihrer
nur mühsam entledigen.
Das aufrüttelnde Buch beginnt mit einem aufschlussreichen Briefwechsel zwischen Kirchmayr und den
Kardinälen König und Schönborn – wobei letzterer
ein offenes Gespräch über Opus Dei anscheinend vermieden hat. Darum ist das Buch auch Kardinal Schönborn gewidmet, in der Hoffnung, dass er einem solchen Gespräch doch noch zustimmt.
Jacqueline Kebza
Bey, Essad: Mohammed. Biographie
Köln: Komet 2007. 445 S., € 10,30
Der Titel Mohammed. Biographie ruft bei
konservativen LeserInnen vielleicht negative Assoziationen hervor – wird der Islam
bzw. seine ins Politische gekehrte Form
doch wiederholt für globalen Unfrieden
und Terroranschläge verantwortlich gemacht. Tatsächlich führt die Kombination
von Religion und Staat allzu oft zu einer
gefährlichen Allianz, was das Judentum
oder Christentum jedoch gleichermaßen
betrifft wie den Islam. Eine Staatsreligion
ist per se allerdings immer areligiös.
Essad Bey wurde 1905 als Sohn eines
jüdischen Unternehmers in Georgien geboren und nahm als Jugendlicher in Berlin,
den islamischen Glauben und den arabischen Namen Essad Bey an. Dass Bey den
Islam für sich neu entdeckt hat, drückt sich
in der Lektüre seiner bereits 1932 erstmals
publizierten Biografie über Mohammed
aus. Als eifriger Moslem bemüht er sich,
das Leben des Propheten detailreich zu
schildern. Die Biografie trägt romanhafte
Züge, wie man sie eher aus heutigen Werken dieser Art kennt.
Der damalige Erfolg des Buches verdankt sich der Offenheit des Autors und
zugleich der weitgehenden Unwissenheit
damaligen Leserschaft. Der erzählerische
Duktus, der im Rückblick ungewöhnlich
erscheinen mag, erlaubt es dem Autor,
eine Art von Kulturgeschichte zu entfalten,
die auch für unsere gegenwärtige Betrachtung des Islam höchst relevante Themen
zum Gegenstand hat, auch wenn Beys
Darstellungen manchmal überholt und
überzogen erscheinen. Abhilfe schafft hier
die Barbara Frischmuth, die als gelernte
Orientalistin das Vorwort verfasst hat und
auf die Aktualität des Themas fokussiert.
Andreas Agreiter