BERLINISCHE GALERIE

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BERLINISCHE GALERIE
BERLINISCHE GALERIE
LANDESMUSEUM FÜR MODERNE
KUNST, FOTOGRAFIE UND ARCHITEKTUR
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Berlin, 16. April 2013
Geschichte der Berlinischen Galerie
Das Landesmuseum, das sich der in Berlin entstandenen Kunst, Fotografie
und Architektur der Moderne widmet, ist eines der jüngsten Museen der
Stadt und kann dennoch auf eine recht abenteuerliche Geschichte
zurückblicken. 1975 als privater Verein gegründet, lange Zeit ohne eigenes
Domizil – zwischendurch sogar sieben Jahre lang obdachlos – eröffnete die
Berlinische Galerie im Oktober 2004 ihr eigenes Haus in der Alten
Jakobstraße in Berlin-Kreuzberg.
1975
wurde die Berlinische Galerie als privater Verein gegründet. Initiator war der
Kunsthistoriker Eberhard Roters. Weitblickend hatte er in der damaligen Berliner
Museumsszene eine folgenschwere Lücke erkannt: keine Institution widmete
sich gezielt der in Berlin entstandenen Kunst. Es gab einerseits die
Nationalgalerie, die moderne Kunst sammelte, aber auf internationalem Niveau
und ohne spezifischen Berlin-Bezug; das Berlin Museum andererseits befasste
sich zwar mit berlinischen Themen, aber wiederum nicht speziell mit bildender
Kunst. Roters scharte mit Überzeugungskraft und Charme eine verschworene
Gemeinde kunstbegeisterter Gleichgesinnter um sich, die am 21. November
1975 in einer Art mäzenatischer Bürgerinitiative die Berlinische Galerie
gründeten.
Foto: André Kirchner
1977
bezieht die Berlinische Galerie erstmals ein
Quartier mit eigenen Ausstellungsflächen. In einer
kleinen Galerie in der Jebensstraße nahe dem
Bahnhof Zoo (heute befindet sich dort die HelmutNewton-Stiftung) stehen drei Räume zur
Verfügung, um die inzwischen gesammelten
Kunstwerke zu präsentieren. Die ersten kleinen,
aber feinen Ausstellungen lassen auch den bis dahin noch skeptischsten
Beobachter ahnen, was sich hinter Roters’ scheinbar schlichter Idee verbirgt.
Seit Erfindung der Moderne hatte die Stadt immer wieder die Protagonisten des
Foto: Nina Straβgütl
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internationalen künstlerischen Geschehens angezogen, die im Getriebe der
Metropole Inspiration wie auch Publikum fanden. Gerade die klassische
Moderne, von Impressionismus, Expressionismus, Dada, Neuer Sachlichkeit bis
hin zur russischen Avantgarde, erfuhr hier Impulse und Wandlungen, aus denen
sich eine spezifisch berlinische Kunstgeschichte entwickelte.
Bei Erwerbungen wurde das Museum von privaten Mäzenen und sehr
verlässlich immer wieder von der Stiftung Deutsche Klassenlotterie unterstützt.
Dem Spürsinn und Kunstverstand von Roters kam aber auch entgegen, dass
viele der Künstler vor allem aus der Zwischenkriegszeit damals tatsächlich
weitgehend vergessen und allenfalls einem kleinen Kreis von Eingeweihten
bekannt waren: Bilder, die heute kaum noch bezahlbar wären, erhielt Roters
sehr preiswert oder sogar als Schenkung für das Museum.
Die Geschichte der Berlinischen Galerie ist auch eine Geschichte der
Wiederentdeckung verlorener, verschütteter Schätze. Heute bekannte und
bedeutende Namen wie Felix Nussbaum, Otto Freundlich, Conrad Felixmüller,
Ludwig Meidner, Arthur Segal, Erwin Blumenfeld, Erich Salomon, erst recht die
ohnehin immer allzuleicht übersehenen Künstlerinnen wie etwa Jeanne
Mammen oder sogar Hannah Höch und viele, viele andere würden uns vielleicht
noch immer nicht viel sagen, wenn nicht Roters sie dem Vergessen entrissen
und ihre Werke für die Berlinische Galerie (und damit für Berlin!) gerettet hätte.
1986
erhält die Berlinische Galerie das 1. Obergeschoss des Martin-Gropius-Baus als
„langfristig vorläufigen Standort“. Die Sammlung, die aus den kleinen Räumen
in der Jebensstraße längst herausgewachsen ist, bekommt damit ein überaus
repräsentatives Domizil – aber mit einem Pferdefuß: Es gehört ihr nicht alleine.
Während der 12 Jahre, die das Museum hier residiert, wird es regelmäßig seine
Schätze wegräumen müssen, um für große Sonderausstellungen Platz zu
machen, mit denen immer wieder einmal das ganze Haus bespielt wird.
Zunächst aber ist die Freude groß, und als Krönung des Triumphs gelingt dem
Direktor Eberhard Roters ein ganz besonderes Kunststück. Pünktlich zum
Einzug in den Gropius-Bau kann er, wiederum mit Hilfe der Lotto-Stiftung und
des Bundesinnenministeriums, das millionenteure Meisterwerk eines der
bekanntesten mit Berlin verbundenen Künstler erwerben: Otto Dix’ Porträt des
Dichters Ivar von Lücken. Damit hat die Berlinische Galerie zur prachtvollen
Residenz auch gleich ihr erstes international renommiertes
Sammlungsglanzstück vorzuweisen.
OTTO DIX
Der Dichter Iwar von Lücken, 1926
Erworben aus Mitteln der Stiftung
DKLB, des Bundesminister des Inneren
und des Museumsfonds des Senators
für Kulturelle Angelegenheiten Berlin,
1988
Vor solchem Hintergrund fällt es Roters nicht mehr sehr schwer, für seine
legendäre Ausstellung „Ich und die Stadt“ 1987 eine Vielzahl kostbarster
Leihgaben aus aller Welt zusammenzutragen: Dix, Beckmann, Kirchner, Nolde,
Puni, Schmidt-Rottluff, Schad, Schlichter... Zwischen deren hochkarätigen
Meisterwerken hängen geschwisterlich die Bilder damals noch eher
unbekannter Maler aus der Sammlung der Berlinischen Galerie und zeigen in
dieser Gesellschaft eindrucksvoll ihre bislang übersehenen Qualitäten.
Auch unter dem Nachfolger von Roters, Jörn Merkert, der 1987 das Amt des
Direktors antritt, konnten weitere Werke ersten Ranges für die Bestände des
stetig wachsenden Museums gewonnen werden. Von Naum Gabo etwa besitzt
es nach der Tate Gallery die weltweit zweitgrößte Sammlung, und der
„Synthetische Musiker“ von Iwan Puni ist geradezu Markenzeichen der
Berlinischen Galerie geworden. Mehr und mehr zeigt sich der reiche Gehalt des
Konzeptes „Kunst, die in Berlin entstand“.
IWAN PUNI
Synthetischer Musiker, 1921
Erworben aus Mitteln der
Senatsverwaltung für Kulturelle
Angelegenheiten Berlin und
Spendenmitteln, 1991
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Auch weiterhin wird – neben der ständigen Sammlungspräsentation – in
aufsehenerregenden Wechselausstellungen wie „Stationen der Moderne“
(1988) oder „Berlin-Moskau/Moskau-Berlin“ (1995) dokumentiert, wie sehr das
Kunstgeschehen in der Stadt stets mit den internationalen künstlerischen
Entwicklungen in Tuchfühlung und Austausch verbunden war und heute noch
ist.
Am Grundproblem des Standorts freilich ändert sich nichts. Das „langfristig
vorläufige“ Domizil Martin-Gropius-Bau ist kein wirklich eigenes Haus. Eine
durchgehende Präsenz der Sammlung in der Öffentlichkeit ist damit unmöglich.
Jewgeni Jewtuschenko und Eberhard
Diepgen bei der Eröffnung von
„Berlin/Moskau“ 1995
1990
hört man bis in die Ausstellungsräume des Martin-Gropius-Baus, der direkt
neben der Mauer steht, das Hämmern der „Mauerspechte“ – hunderttausende
Souvenirjäger sichern sich ihr Bröckchen des in Beton gegossenen Symbols der
deutschen Teilung, die endlich überwunden ist.
So wie der Gropius-Bau auf einmal im Zentrum der wiedervereinigten Stadt
stand, rückte auch die Berlinische Galerie über Nacht in eine neue Position in
der Berliner Museenlandschaft. Denn zum einen war sie ja nie als
„Westberlinische“ Galerie konzipiert gewesen, sondern hatte lediglich aufgrund
der politischen Situation ihr Wirken auf diesen Teil der Stadt beschränken
müssen; zum anderen gab es so etwas wie eine „Ostberlinische“ Galerie nicht,
mit der man sich jetzt hätte zusammentun können. Für die Berlinische Galerie
verdoppelte sich also schlicht der Zuständigkeitsbereich. Alles, was bisher im
Westen aufgebaut worden war – gerade auch beim Sammeln und Fördern
zeitgenössischer Kunst – musste nun für den Ostteil der Stadt nachgeholt
werden.
Das geschah recht zügig. Vom Verband Bildender Künstler der DDR zum
Beispiel, der sich auflöste, wurde dem Museum schon 1991 die einzigartige
Sammlung zur Fotografiegeschichte der DDR übergeben. Überhaupt nahmen
die Ostberliner Künstler sehr schnell die Berlinische Galerie als ihre Heimat
wahr.
Auch das Land Berlin selbst musste nicht lange suchen, als es etwa darum
ging, im Lauf der folgenden Jahre die zahlreichen Architekturwettbewerbe zur
Neugestaltung der Innenstadt zu archivieren: die Modelle und Unterlagen der
eingereichten Entwürfe, zum Beispiel zum Reichstag oder zum Lehrter Bahnhof,
waren in der Architektursammlung der Berlinischen Galerie gut aufgehoben und
werden bis heute regelmäßig ins Ausstellungsprogramm integriert.
Sir Norman Fosters Entwurf für den
Umbau des Reichstags – vielleicht das
prominenteste Beispiel für die zahllosen
Architekturwettbewerbe, deren
Entwürfe und Modelle die BG verwahrt.
1995
gelingt ein wichtiger Schritt: die Berlinische Galerie, bis dahin immer noch ein
privater Verein, wird in eine Stiftung öffentlichen Rechts umgewandelt. Ein
Landesmuseum: das entspricht dem längst nicht mehr wegzudenkenden
Beitrag des Museums zur kulturellen Identitätsfindung Berlins, das seine
wechselvolle Geschichte im 20. Jahrhundert, seine Brüche, Katastrophen und
Neuanfänge in den Kunstwerken der Sammlung widergespiegelt finden kann.
Auch das Standortproblem wird inzwischen auf höchster politischer Ebene im
Senat ernstgenommen. Als Wunschlösung ist das Postfuhramt in der
Oranienburger Straße in Berlin-Mitte im Gespräch. Die Verhandlungen mit dem
Eigentümer ziehen sich jahrelang. Mal scheint die Einigung bevorzustehen,
dann wieder rückt das Ziel in weite Ferne. Direktor Jörn Merkert und seine
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Kolleginnen und Kollegen geben alles, um mit phantasievollen Mitteln dem
Glück nachzuhelfen: sie sammeln Unterschriften, organisieren
Unterstützungsschreiben von namhaften Museen der Welt, werben nicht
zuletzt Sponsoren ein, die bei der Instandsetzung des Postfuhramts helfen
würden. Aber allen Bemühungen zum Trotz verlaufen die Verhandlungen im
Sand. Noch ist das abzusehende Scheitern nicht in den Köpfen angekommen –
eben hat die Berlinische Galerie noch mit einem kleinen „Probeauftritt“ zur
Langen Nacht der Museen über 10.000 Besucher in das leerstehende
Postfuhramt gelockt – da erhält die Belegschaft eine ganz neue
Hiobsbotschaft.
1997
beschließt der Senat, den Martin-Gropius-Bau zu sanieren, um ihn für eine
zukünftige Nutzung als große Ausstellungshalle des Bundes herzurichten. Das
bedeutet für die Berlinische Galerie zweierlei. Erstens, dass sie wegen der
Sanierungsarbeiten Ende 1997 Hals über Kopf ausziehen muss. Zweitens, dass
sie nach deren Abschluss nicht wieder einziehen kann, weil das Haus bereits
anderweitig verplant ist. Das hatte man beim Senat ganz vergessen.
Obdachlos! Ins Depot eingelagert! Eine Katastrophe für ein Museum, das ja auf
die Präsentation seiner Sammlung angewiesen ist – erst recht, wenn es um
Sympathie für sein Anliegen werben muss. Nach dem ersten Schock besinnt
sich das Team um Jörn Merkert auf das, was es notgedrungen schon längst
gelernt hat: improvisieren und nicht aufgeben!
Während provisorische Büros und Depoträume in der ehemaligen SchultheissBrauerei in der Methfesselstraße am Kreuzberg eingerichtet werden, stellen die
Kuratoren aus rund 200 Meisterwerken der Sammlung eine Ausstellung
zusammen, die unter dem Titel „100 Jahre Kunst im Aufbruch“ zwei Jahre
lang durch Europa reist. Als „kultureller Botschafter Berlins“ erregt sie überall
großes Aufsehen und soll damit natürlich auch auf die öffentliche Meinung in
Berlin selbst zurückstrahlen.
In der Schultheiss-Brauerei bietet sich jedoch schon bald eine unerwartete
Möglichkeit an. Unter der Brauerei gibt es riesige Gewölbehallen – frühere
Eiskeller – die sich, nach entsprechendem Ausbau, als Museumsräume
hervorragend eignen würden. Mit den Investoren, die das gesamte Areal
erschließen wollen, ist man schnell einig, und auch die Finanzierung durch das
Land Berlin ist nach harten Verhandlungen mit der damaligen Finanzsenatorin
Annette Fugmann-Heesing letztendlich gesichert.
Mit dem ihnen eigenen Optimismus machen sich die Mitarbeiter des Museums
an die Planungsarbeit. Die Raumaufteilung wird entworfen, eine akribische
Arbeit, bei der nichts vergessen werden darf – von der Ausstellungshalle bis zu
Anlieferungswegen, Teeküchen und Toiletten – und es beginnen schon erste
Isolierungsarbeiten am alten Mauerwerk...
Der Traum, schon zum Greifen nah, zerplatzt im letzten Moment. Völlig
unvorhersehbar beantragt die Investorengesellschaft des Areals 2001
Insolvenz. Auch das neue Domizil der Berlinischen Galerie ist damit über Nacht
beerdigt, die Arbeit von über zwei Jahren landet im Papierkorb.
2004
kommt es dann doch noch zum Happy End, mit dem schon niemand mehr
gerechnet hatte. Selbst der krisenerprobte Mitarbeiterstab der Berlinischen
Galerie war nach dem Zusammenbruch des Schultheiss-Projekts mit seinem
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Latein am Ende – nach all der Kraft, die man in die bisherigen, gescheiterten
Visionen gesteckt hatte, war kaum noch abzusehen, wo man noch einmal
einen Hoffnungsschimmer hernehmen sollte. Zumal im Lauf der jahrelangen
Suche nach geeigneten Standorten eigentlich schon alles geprüft und aus den
verschiedensten Gründen verworfen worden war, was auch nur einigermaßen
in Frage kam.
Aber das Museum hat Glück im Unglück, und zwar in zweierlei Gestalt. Erstens
können die vom Senat bewilligten und bereitgestellten Mittel für das
Schultheiss-Projekt aus dem Konkurs der Investoren gerettet werden, da sie
von der Bank verbürgt sind. Sie stehen also in gleicher Höhe für ein neues
Bauobjekt zur Verfügung, so sich denn eines findet. Zweitens wird von der
Münchner Baufirma DIBAG, mit der man vorher schon wegen anderer
Standorte erfolglos im Gespräch gewesen war, ein allerletzter Vorschlag
eingereicht, an den man bei der DIBAG selbst kaum zu glauben wagt.
Eine leerstehende riesige Lagerhalle in der Alten Jakobstraße, die 1966
während des Kalten Krieges vom Senat zur Vorratslagerung von Glasscheiben
errichtet worden war und jetzt natürlich nicht mehr gebraucht wird. Sechzig
mal sechzig Meter im Grundriss, zwölf Meter hoch, mit einem separaten
Bürogebäude an der Seite. Jörn Merkert und sein Team sind auf Anhieb
begeistert, als sie die Halle zum erstenmal betreten und sich sofort vorstellen
können, wie man sie museumsgerecht ausbauen kann: eine Zwischendecke
einziehen, wodurch zwei Etagen mit viel Ausstellungsfläche bei immer noch
großzügigen Deckenhöhen entstehen, die Kellerräume unter dem Gebäude als
Depot herrichten...
Aufs neue beginnen die Planungsarbeiten, und es gelingt ein Wunder, wie es in
Berlin bei öffentlichen Bauten sonst selten vorkommt. Das gesamte
Bauvorhaben wird streng auf die zur Verfügung stehende Summe gedeckelt
und kostet am Ende tatsächlich keinen einzigen Cent mehr als geplant. Das
gelingt natürlich nur mit größter Sparsamkeit und Verzicht auf jeden unnötigen
Luxus.
Hierbei bewähren sich einmal mehr der Einfallsreichtum der Mitarbeiter und das
Geschick, die Unterstützung privater Mäzene und Sponsoren zu finden, das
man im Lauf der entbehrungsreichen Jahre entwickelt hat. Nur ein Beispiel:
zwar deckt die Bausumme die Einrichtung eines Veranstaltungssaals
(Auditorium), aber für die Bestuhlung reicht das Geld nicht. Was tun? Eine
„Stuhl-Spendenaktion“ unter den Mitgliedern des Fördervereins erbringt mit
über 40.000 Euro sogar weit mehr als die erforderliche Anzahl von 240
Stühlen, von denen jeder einzelne nun auf einem kleinen Schildchen den
Spendernamen trägt...
2006
Die neue Ausstellung der Sammlung der Berlinischen Galerie zeigt nicht nur
neue, noch nie vorgestellte bzw. neu erworbene Kunstwerke, sondern
präsentiert sich auch in neu gestalteten Räumen. Hin und zurück springt die
Zeit. Im „flic flac“ überkreuzen sich Stile und Kunstsprachen. Um alldem
dennoch eine Ordnung zu geben, sind die einzelnen Sektionen thematisch
sortiert. Die gesamte Ausstellung folgt drei Hauptthemen, die zu den zentralen
Fragestellungen und Errungenschaften des 20. Jahrhunderts gehören:
Realismen – Fragmentierungen – Entgrenzungen.
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Als deutlicher Publikumsliebling erwies sich die Ausstellung um den
provokanten und zugleich mythisch aufgeladenen Pirelli-Kalender. In 120
Motiven von 27 international renommierten Fotografen wurde in dieser
Ausstellung die Geschichte des legendären Pirelli-Kalenders „The Cal“
nachgezeichnet. Die Geschichte begann 1964 mit der Ausgabe von Robert
Freemann, dem Porträtisten der Beatles, und spannte sich über mehr als 40
Jahre zu den provokanten Bildern von Mert Alas und Marcus Piggot, den
Fotografen der Ausgabe 2006. Um Frauen zum Mitnehmen - Woman to go handelte es sich gewissermaßen auch bei der aktuellen Arbeit der
niederländischen Künstlerin Mathilde ter Heijne. Der Besucher konnte zwischen
320 Postkarten wählen und einige Exemplare mit nach Hause nehmen. Die
kritisch ironische Arbeit warf die Frage auf, warum Frauen trotz großer
Leistungen in der Geschichtsschreibung keinen angemessenen Platz gefunden
haben, außer den z.B. an der Wand hängendenden.
Als nach dem Fall der Mauer 1989 die Einheit immer lauter beschworen wurde,
begann der Berliner Fotograf Michael Schmidt eine neue Arbeit. Er fotografierte
zwischen 1991 und 1994 Architektur, Landschaften und Interieurs, machte
Porträts und Sachaufnahmen und reproduzierte aus allerlei Zeitungen, Büchern
und anderen Druckerzeugnissen, was ihm wichtig erschien. Seine Arbeiten
zeigten wir in der Ausstellung „Ein-Heit“.
In „The Gartenhaus Project #2“ trafen die "Metamorphosen" Ovids auf
spießige Kleingärtneridylle bei Hannah Doughertys Konglomerat aus
Installation, Malerei, Collage und Zeichnung. Gedacht als friedlicher
Rückzugsort für den gestressten Großstädter funktionierte Dougherty zwei
Gartenhäuschen zum Ausstellungsraum um, in denen die Sehnsucht nach
Natur und die Künstlichkeit unserer Träume phantasievoll aufeinandertrafen.
In diesem Jahr hat die Jury der Fred Thieler Stiftung den mit 15.500 €
dotierten Preis dem Berliner Künstler Bernd Koberling zugesprochen. Die
Berlinische Galerie war erstmals Ausstellungsort für 10 junge Künstler, die von
einer jährlich wechselnden Fach-Jury für das Arbeitsstipendium des Landes
Berlin auf dem Gebiet der Bildenden Kunst ausgewählt wurden. Sabine Hornig
zeigte im Rahmen der Künstlerinnenförderung der Senatsverwaltung für
Wissenschaft, Forschung und Kultur eine Installation aus Skulptur und
Fotografie und präsentierte ihre erste Werkmonografie.
2007
riefen wir beherzt „Aller Anfang ist Dada!“ und widmeten uns der
bedeutendsten deutschen Künstlerin der Klassischen Moderne Hannah Höch.
Mit rund 160 Arbeiten aus allen Werkperioden bewiesen wir die
außerordentliche Vielgestaltigkeit des künstlerischen, immer aktuellen
Schaffens von Hannah Höch. Ähnlich kühn und mit vollem Körpereinsatz
tauchte der Besucher förmlich in die spektakuläre Raumskulptur aus
orangefarbener Kunstfaser ein, die als eine Art Schutzraum einen Ausschnitt
bisher geplanter und realisierter Arbeiten des Berliner Architekturbüros magma
architecture beherbergte. Gerwald Rockenschaub erhielt in diesem Jahr den
Fred Thieler Preis für Malerei, dessen signethafte Malerei mit einfachen
Formen, Piktogrammen und klarer Farbigkeit in der Ausstellung „New Season
Beauty“ zu sehen war.
Seit Eröffnung des neuen Hauses im Oktober 2004 war es eines der
wichtigsten Ziele des Museums, die eigenen Bestände zu sichten, zu bewerten
und nach überraschenden Präsentationsformen zu befragen. So wurden in
diesem Jahr nach spielerischer Erprobung der neuen räumlichen Möglichkeiten
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Werke der Bildenden Kunst mit Fotografien und Architekturexponaten in einen
geistigen Zusammenhang gestellt, um mit dem Besucher in rege Zwiesprache
zu treten. Endlich Gelegenheit, eine Auswahl des 15 000 Blatt umfassenden
Bestandes an Arbeiten auf Papier, die selten oder noch nie gezeigt wurden,
kennen zu lernen! Erstmals zeigten wir auch eine repräsentative, 150 Werke
umfassende Auswahl aus dem Gesamtbestand von 650 Gemälden, Skulpturen
und Druckgrafiken der privaten Kunstsammlung Hartwig und Maria-Theresia
Piepenbrock. Besonders freuten wir uns auch über die Schenkung Carl-Heinz
Kliemanns und einer seltenen Mappe mit sieben Farbholzschnitten von 1947
und 1948. Gleichzeitig konnten wir nun endlich die Neuerwerbungen der
letzten zwei Jahre aus den Bereichen Malerei, Fotografie und Grafik in
angemessener Form präsentieren. Dazu gehörten u.a. „Das KörperkörperProblem“ von Clemens Krauss, „Wendy“ von Cornelia Renz, „In the Street“
von Boris Mikhailov, „Im Garten“ von Heidi Specker, Fotografien von Stephen
Wilks und Collageelemente von Brigitte Waldach.
2008
Ehrte die Venedig-Biennale den im letzten Jahr den 2006 verstorbenen Künstler
Emilio Vedova, der seit 1948 regelmäßig auf der Biennale vertreten war, mit
einer Hommage im venezianischen Pavillon. Das Zentrum der Ausstellung
bildeten sechs neue großformatige Gemälde von Georg Baselitz. Baselitz schuf
die erstmals auf der Biennale präsentierten Bilder eigens als Hommage an den
großen italienischen Maler. Der Berlinischen Galerie ist es nun kurzfristig
gelungen, die bereits an ausländische Sammler verkauften Arbeiten von
Baselitz nach Berlin zu holen und im Rahmen der Vedova-Retrospektive
erstmals in Deutschland zu zeigen.
Spektakulär präsentierten wir mit dem Niederländer Ronald de Bloeme, der
2007 mit dem Vattenfall Kunstpreis Energie ausgezeichnet wurde, eine
Leuchtkräftige Farbgewalt auf riesigen Formaten. Grelle Farbigkeit und extreme
Querformate sind de Bloemes Markenzeichen in der Ausstellung „Piracy“. Auf
Piratenart eignet er sich Produktverpackungen genau so an wie Videospiele
oder Layouts aus der Werbewelt, um sie verfremdet in eine neue Bildsprache
zu übersetzen. Ähnlich rebellisch wirkte die Ausstellung „Blicke und Begehren.
Der Fotograf Herbert Tobias“ auf die Besucher, die mit 200 Exponaten die
Retrospektive des Enfants terrible der deutschen Fotografenszene der späten
fünfziger Jahre erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.
Als zentraler Ort des Festivals des Europäischen Monats der Fotografie ist die
Berlinische Galerie mit der von allen sieben teilnehmenden europäischen
Hauptstädten kuratierten Ausstellung „Mutations II“ gewählt worden. Das
Angebot konzentrierte sich 30 Tage lang auf das Medium Fotografie, bot dem
Publikum neue und außergewöhnliche Einblicke und der internationalen
Fotoszene eine Plattform für Gespräche. Um die Fotografie drehte es sich auch
in der Einzelausstellung „Die Riess. Fotografisches Atelier und Salon in Berlin
1918-1932“ des Verborgenen Museums in der Berlinischen Galerie oder in der
Ausstellung um Hans Robertson und die Berliner Jahre zwischen 1926 und
1933, in der man einen der bedeutendsten Berliner Fotografen aus der
Weimarer Republik wiederentdecken konnte.
2009
blickt die Berlinische Galerie auf fünf Jahre im eigenen Haus mit einer halben
Million Gästen aus aller Welt zurück. Jetzt kann sie in der ständigen
Sammlungspräsentation endlich umfassend und dauerhaft zeigen, welche
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EMILIO VEDOVA
Kostbarkeiten ihre Sammlungen beherbergen – dazu gelingen regelmäßig
Wechselausstellungen von bundesweiter und internationaler Ausstrahlung.
So etwa „Brücke - die Geburt des deutschen Expressionismus“, eine
Kooperation mit dem Brücke-Museum und dem Museo Thyssen-Bornemisza in
Madrid, die den Höhepunkt des Brücke-Jubiläumsjahres 2005 bildete. Oder die
Retrospektive „Emilio Vedova 1919-2006“ in enger Zusammenarbeit mit der
Galleria Nazionale d’Arte Moderna in Rom, die den Hauptvertreter des
italienischen abstrakten Expressionismus erstmals in Deutschland umfassend
zeigte und damit eine Schenkung des Künstlers an die Berlinische Galerie im
Wert von viereinhalb Millionen Euro besiegelte. Oder letztes Jahr „Soweit kein
Auge reicht“, eine Ausstellung von bisher nie gesehenen Stadtpanoramen aus
der Nachkriegszeit, die nicht nur zehntausende Berliner zum Staunen brachte.
Von all der Unterstützung, die der Berlinischen Galerie von seinen Freunden im
Förderverein, den zahllosen Mäzenen und Sponsoren in schwierigen Zeiten
zuteil wurde, gibt sie nun in umgekehrter Richtung etwas weiter: Das gilt vor
allem für die Förderung zeitgenössischer, junger Künstler, für die Berlin seit der
Wiedervereinigung aufs neue eine ungeheure Attraktivität gewonnen hat – in
Ausstellungen wie „Neue Heimat“ (2007) oder der aktuellen Schau „Berlin
89/09“ richtet die Berlinische Galerie ihnen immer wieder ein prominentes
Forum ein.
Auch mit der Vergabe hochrangiger Kunstpreise fördert das Landesmuseum,
meist in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit anderen Institutionen, Kunst
und Künstler. So stiftete der Altmeister des Informel Fred Thieler einen mit
10.000 Euro dotierten Preis für herausragende Positionen zeitgenössischer
Malerei, der alle zwei Jahre ausgelobt wird. Ebenfalls im Zwei-JahresRhythmus werden zu Ehren des Gründungsdirektors abwechselnd der Friedlieb
Ferdinand Runge-Preis für unkonventionelle Kunstvermittlung mit einer Dotation
von 10.000 Euro und das mit 15.500 Euro Preisgeld ausgestattete Eberhard
Roters-Stipendium für Junge Kunst ausgeschrieben, die beide einer
Partnerschaft zwischen dem Landesmuseum und der Stiftung Preußische
Seehandlung entspringen. Die Berlinische Galerie richtet den von der
Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur gestellten HannahHöch-Preis aus und ist Gastgeber für den GASAG Kunstpreis und die
Ausstellung der Preisträger des Vattenfall Kunstpreises Energie.
2010
verabschiedete sich Prof. Jörn Merkert nach 23 Jahren Museumsleitung Ende
August in den wohlverdienten Ruhestand.
Am 1. September 2010 übernahm Dr. Thomas Köhler die Leitung des Berliner
Landesmuseums. Der promovierte Kunsthistoriker war zuvor zwei Jahre
stellvertretender Direktor der Berlinischen Galerie.
Auch in diesem Jahr unterstreicht die große Presse- und Besucherresonanz den
hohen Stellenwert der Fotografie an unserem Haus wie zum Beispiel mit der
Ausstellung der Fotografischen Sammlung „Nan Goldin. Berlin Work.
Fotografien 1984-2009“, kuratiert von Dr. Thomas Köhler.
Das Jahresprogramm 2010 war entsprechender Weise ganz auf den „Monat
der Fotografie“ hin ausgerichtet. Neu war in diesem Jahr, dass unser Haus das
erklärte Zentrum des gesamten Festivals war, in dem unsere eigenen und die
von den Organisatoren des „Monat der Fotografie“ kuratierten Ausstellungen
„Mutations III“ und „Menschen, Dinge, Menschenwerk - Emil Otto Hoppé.
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Fotografien 1925-1929“ gezeigt wurden und zahlreiche Veranstaltungen
stattfanden. Unser Beitrag für dieses Festival war die Ausstellung für den
Hannah-Höch-Preisträgers 2010, Arno Fischer. Da der Monat der Fotografie
2010 schon am 15. Oktober eröffnet wurde, war zu diesem Zeitpunkt auch
noch die Marianne Breslauer-Retrospektive und die damit zusammenhängende
Ausstellungserweiterung über die Fotografinnen der Moderne zu sehen.
Aber auch im Bereich der bildenden Kunst gab es viel zu entdecken: Der
Vattenfall Contemporary ist eine Neukonzeption des traditionsreichen Vattenfall
Kunstpreis Energie, der seit 1992 jährlich vergeben wurde. Durch die
mehrfache Kooperation mit Vattenfall bei Ausstellungen der Preisträger konnte
die Firma überzeugt werden, den Preis ganz nach Berlin zu verlagern und die
kommenden Preisträger-Ausstellungen in der Berlinischen Galerie
durchzuführen. Der Preis wird zukünftig über Malerei und Zeichnung hinaus
auch für Medienkunst, Performance und Skulptur an international renommierte
Künstler verliehen, die in Berlin leben und arbeiten. Ein perfektes
Zusammenspiel lieferte auch die Ausstellung Berlin Transfer. Junge Kunst
Berlinischen Galerie und der GASAG, die Neuerwerbungen der Berlinischen
Galerie und ein umfangreiches Konvolut von Arbeiten aus der Sammlung
„Kunst im Bau“ der GASAG gemeinsam präsentiert und einen
doppeltgerichteten Fokus auf die aktuelle Berliner Produktion wirft. Die
Ausstellung wurde durch eine Folge von lebendigen Künstlergesprächen mit
Henrik Schrat, Ester Neumann, Ronald de Bloeme und Markus Strieder
begleitet.
Schwungvoll ging es bei uns auch vom 11.6. 2010 bis zum 27.9.2010 zu, als
im Zeit-Raum der Berlinischen Galerie die Ausstellung „Karl Arnold. Hoppla, wir
leben! Berliner Bilder aus den 1920er Jahren“ gezeigt wurde. Für die
Realisierung der Ausstellung, d.h. Konzeption, Organisation, Gestaltung etc.,
war die Grafische Sammlung verantwortlich.
Nach Umhängungen und Neubespielung des Bereichs „Das Neue Berlin“
wurden Grafiken, Fotografien und Modelle von u.a. David Chipperfield, Daniel
Libeskind, Kurt Schwitters gezeigt sowie Archivalien und Fotografien zu Bauten
im Nationalsozialismus oder Arbeiten von unbekannten Künstlern aus dem
Konvolut Karstadt Hermannplatz um 1930, und dem Konvolut Alexanderplatz
um 1970 präsentiert.
Die Berlinische Galerie macht Schule und die Kurt-Schwitters-Oberschule legt
ihre Reifeprüfung im Rahmen der erstmaligen Kooperation der Partner
Kunst/Kultur (BG) und Bildung/Jugend in unserem Auditorium ab. Die
anschließende Ausstellung, die einen breiten Querschnitt an schülerischen
Leistungen der künstlerisch ausgerichteten Oberschule zeigte, bot einen
gelungenen Schul-Abschluss mit fulminantem Erfolg.
Auch die ganz Jungen kommen nicht zu kurz: Im Atelier Bunter Jakob können
Kinder und Jugendliche im direkten Gegenüber mit den Kunstwerken ihre
ersten Abenteuer mit künstlerischen Arbeitsweisen erleben.
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