Bericht zur Tour

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Bericht zur Tour
Eine Reise nach Japan Skilanglaufen im Land, in dem alles andersherum geht
Skilanglaufen in Japan. Das klingt zugegebenermaßen total abgehoben. Wie kommt man
dazu, zum Skilanglaufen nach Japan zu fahren?
Um diese Frage zu beantworten, muss man ein wenig weiter ausholen. Bereits mehrmals
haben wir auf dieser Seite von Skilanglaufwettbewerben der WORLDLOPPET SKI
FEDERATION berichtet. Worldloppet, was ist das? So nennt sich ein Verbund von weltweit
20 (bis 2013 waren es 15) verschiedenen Volksskilangläufen (www.worldloppet.com), wobei
jedes Land nur einen Lauf stellen darf. Das Wort „Loppet“ kommt aus dem Schwedischen
und bedeutet ins Deutsche übersetzt nichts anderes als Lauf. Schweden ist das
Ursprungsland der Skilanglauf-Tradition (Fast jeder von uns kennt den berühmten
Vasaloppet – Wasalauf, der nun schon seit über 90 Jahren durchgeführt wird.) und dort
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wurde auch die Worldloppet-Organisation 1978 gegründet. Wenn man zehn dieser Läufe
absolviert hat, dann darf man sich stolz Worldloppet Master nennen. Es gibt weder zeitliche
Begrenzungen, in denen man diese zehn Läufe absolviert haben muss, noch übertriebene
Zeitlimits für die einzelnen Läufe. Im Prinzip bedeutet Teilnahme (fast) alles. Mittlerweile
haben einige Mitglieder unserer Sektion bereits 12 Läufe dieser Serie absolviert. In Europa
fehlt nur noch der Tartu Maraton (Estland), wo wir 2014 vergeblich anreisten, weil der Lauf
wegen Schneemangel ausfallen musste. In Übersee haben wir bereits am Gatineauloppet
(Kanada) und American Birkebeiner (USA) teilgenommen. Da wir die Teilnahme an den
Volksskiläufen nicht nur als sportliches Ereignis betrachten, sondern immer auch Land und
Leute kennenlernen wollen, haben wir – Ute, Wolfram, Antje und ich - darüber nachgedacht,
welcher der noch „fehlenden“ Läufe uns auch kulturell neue Horizonte erschließen könnte.
Unser Blick fiel auf den Sapporo International Ski Marathon in Japan.Kaum ein Land wirkt so
exotisch und doch auch so vertraut wie Japan. Japan ist eine Welt für sich. Es ist ein Land
mit tausenden Tempeln und Schreinen, Bädern, die aus heißen Quellen gespeist werden
(Onsen), von herausragenden technischen Errungenschaften und ein
Feinschmeckerparadies. Seine Küche ist schon für sich genommen Grund genug, dieses
Land zu bereisen. Das Land brachte eine einzigartige Zivilisation hervor und ist voller
Kontraste. Darüber wollten wir hautnah mehr erfahren. Daher ließen wir uns auch nicht von
einem Reisebüro im "Wohlfühl"-Paket durchs Land karren, sondern reisten auf eigene Faust
und organisierten alles selbst. Um es vorwegzunehmen, es hat alles wunderbar funktioniert.
Besser, als wir auf Grund der für uns völlig unverständlichen Schrift erwarten durften, denn in
Japan ist alles bestens organisiert. Und wenn wir doch mal ein kleines Problem hatten, dann
stand uns immer ein freundlicher Japaner helfend zur Seite. Aber alles der Reihe nach.
Wir flogen zunächst nach Sapporo, das die meisten von Euch sicherlich als Austragungsort
der Olympischen
Winterspiele von 1972
kennen. Fast
mannshohe
Schneemauern türmten
sich überall in der
Millionenstadt auf den
Bordsteinkanten
zwischen Straße und
Fußweg auf (siehe
auch Bild). Parks und
das Umland lagen
unter einer mehr als ein
Meter starken
Schneedecke. Wir
ließen uns sagen, dass
dies hier den
Winternormalzustand
darstellt und Schnee in Sapporo garantiert ist. Die Zeit vor dem Lauf wollten wir natürlich
nutzen, um uns skiläuferisch zu akklimatisieren. Die Wettkampstrecken am Sapporo Dome,
ein überdachtes Stadion, das für die Fußballweltmeisterschaft 2002 erbaut wurde und an ein
außerirdisches silberfarbenes UFO erinnert, werden erst zwei Tage vor dem Wettkampf
präpariert. Aber es gibt ein Skilanglaufzentrum im Takino Snow Park mit einem perfekt
ausgeschilderten Loipennetz und einem Skiers Salon (zu Deutsch: Umkleideraum) mit
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Schließfächern und Getränkeautomat.
Nebenbei bemerkt ist Japan das Land
der Getränkeautomaten. Man findet
sie quasi überall, an jeder zweiten
Straßenecke, in Hotels, auf Bahnhöfen
und Airports, in Bädern etc. Sie
offerieren sowohl gekühlte als auch
erwärmte Getränke (Kaffee, Kakao).
Hier im Takino Snow Park drehten wir
die ersten Runden auf japanischem
Schnee. Langläuferherz wat willste
mehr.
Am Tag vor dem Wettkampf fuhren wir
dann mit Bus und U-Bahn zum Sapporo Dome um unsere
Startnummern abzuholen und ein paar Kilometer auf den
Wettkampfloipen zu absolvieren. Aufgrund der Entfernung nach
Europa und auch Amerika sind relativ wenig Nichtjapaner am
Start. Wir staunten daher nicht schlecht, als wir mit Monika und
Jörg uns zwei bekannte Skiläufer vom Skiclub Saxonia trafen.
Große Freude! Wir wurden von all den freundlichen Menschen
des Veranstalters hofiert, dass es einem schon fast peinlich war.
Nach dem wir bei strahlendem Sonnenschein die Loipen auf
einer ca. 15 km langen
Runde getestet und für
sehr gut befunden
hatten, schauten wir
uns von einer
Aussichtsplattform das
Innere dieser riesigen
Sporthalle an und
waren beeindruckt.
Anschließend nahmen
wir am offiziellen
Empfang der
Worldloppetteilnehmer
teil, bei dem einige
Reden (auch in
Englisch) gehalten
wurden und es auch
einen Imbiss mit japanischen kulinarischen Leckerbissen gab. Wir plauderten nett mit
anderen Laufteilnehmern und lernten einen Japaner kennen, der perfekt deutsch sprach,
weil er einige Jahre in Düsseldorf an der Uni gearbeitet hatte. Außerdem trafen wir hier nun
persönlich mit Minoru zusammen, einem leidenschaftlichen Skilangläufer, der bereits mehr
als 100 Worldloppets absolviert hat. Mit Minoru hatten wir bereits im Vorfeld unserer Reise
Email-Kontakt, weil er uns von befreundeten Skilangläufern als jemand empfohlen worden
war, der es sich auf die Fahnen geschrieben hat, ausländischen Gästen den Sapporo
International Skimarathon nahe zu bringen. Und so war es auch.
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Der Lauftag begann dann damit, dass Minoru uns mit seinem Kleinbus vom Hotel abholte, so
dass uns die zeitaufwändige (ca. 1,5 Std.) Anreise mit Bus und U-Bahn erspart blieb. Vor
und nach dem Start stand er uns als persönlicher Betreuer ständig zur Seite. Zwischendurch
absolvierte er selbst schnell mal den 25-km-Lauf.
Und dann war es auch schon so weit. Noch ein schnelles Foto mit Minoru fürs Fotoalbum
und der lang ersehnte Startschuss ertönte.
Antje lief den 25-km-Lauf und
Wolfram und Siegfried
absolvierten den 50-er. Aber
wir alle haben den Lauf
ähnlich erlebt wie
nachfolgend beschrieben.
Das Wetter begann zunächst
so, wie es gestern geendet
hatte: mit Sonnenschein.
Aber das sollte sich gründlich
ändern. Es dauerte nicht
lange, bis wir erkannten dass
dieser Freistillauf nicht mit
dem Engadin Skimarathon zu vergleichen ist, bei dem man
besser klassisch laufen kann (wir liefen alle im klassischen
Stil), als bei den meisten Klassik-Läufen, weil die bestens
präparierten Loipen fast leer sind. Hier wurden die
durchaus ebenfalls vorhandenen klassischen Loipen leider
zu großen Teilen von den Skatern zerfahren. In den
meisten Fällen unterstellen wir hier keine Absicht. Es lag
schlicht und ergreifend an den relativ schmalen Wegen.
Hinzu kam, dass sich während des Laufes das Wetter
zusehends verschlechterte und es teilweise heftig zu
schneien begann. Der Neuschnee machte auch die noch vorhandenen Loipen total stumpf.
Dazu kam ein fast orkanartiger Sturm, der einen auf freien Flächen fast umwarf. Außerdem
war der Schnee rieselig
(Mini-Eiskörner) und damit
sehr schwer. Alles das
spiegelt sich dann auch in
unseren Laufzeiten wider:
3:40 Std. für 25 km und 6:50
Std. für 50 km. So etwas
hatte es noch nicht gegeben.
Ihr könnt Euch gar nicht
vorstellen, wie wir Minorus
schnellen Bustransfer ins
Hotel genossen, um uns
dann im warmen Wasser des
typisch japanischen
Sitzbades in unserem Hotel
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zu entspannen. Bei der herzlichen Verabschiedung von Minoru übergaben wir als Erinnerung
und kleine Aufmerksamkeit einen englischsprachigen Bildband über Jena.
Auch wenn wir diesen Lauf Klassikläufern nicht empfehlen können, so waren wir trotzdem
stolz und glücklich, es geschafft zu haben und möchten den Sapporo International Ski
Marathon nicht in unserer Sammlung missen. Außerdem waren wir ja, wie eingangs bereits
erwähnt, nicht nur wegen des Laufes hier. Nun begann nämlich der kulturelle Teil unserer
Reise.
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Zunächst blieben wir noch einige Tage in Sapporo und besuchten verschiedene
Sehenswürdigkeiten der Stadt, wie den Clock Tower (ältester Teil der Stadt und
Hauptgebäude der Landwirtschaftsschule, die der Ursprung der noch sehr jungen Stadt – ca.
150 Jahre – ist), das Wintersportmuseum (mit Olympia 1972), das Sapporo Snow Festival,
den ehemaligen Regierungssitz der Insel Hokkaido etc. Wir wandelten auf den Spuren der
Ureinwohner Japans – den Ainus und besuchten im berühmten Badeort Noboribetsu einen
klassischen japanischen Onsen (bei uns würde man es Thermalbad nennen).
Dann verließen wir das winterliche Japan und flogen gen „Süden“. Nun darf man sich das
nicht etwa mediterran oder vergleichbar vorstellen, aber die Temperaturen waren doch ca.
15 bis 20 °C höher und es erwarteten uns Orangen an den Bäumen und blühende Kamelien.
Unser nächstes Ziel war Kyoto. Über lange Zeiten seiner Geschichte war Kyoto Japan an
sich. Selbst heute noch ist die Stadt der Ort, den man besuchen muss, um Japan richtig
kennenzulernen. Hier gibt es alles, was man mit dem Land der aufgehenden Sonne
verbindet: antike Tempel, farbenprächtige Schreine und elegante Gärten. Kyoto ist die
Schatztruhe der traditionellen Kultur Japans und der Ort, den auch die Japaner selbst
besuchen, wenn sie etwas darüber erfahren wollen. Mit 17 UNESCO-Welterbestätten, 1.600
buddhistischen Tempeln, 400 Shinto-Schreinen etc. ist Kyoto eine der kulturell reichsten
Städte der Welt. Daneben locken außerdem faszinierende Gaishatänze, geheimnisvolle
Kabukivorstellungen etc. Neben Paris, London und Rom zählt Kyoto zu den Orten, die man
mindestens einmal im Leben gesehen haben muss.
Mit dem berühmten Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen (500 km in 2:15 Std.) rasten wir vorbei am imposanten und wunderbar freiliegenden Fujiyama - nach Tokyo.
Tokyo bietet ein wahres Feuerwerk für die Sinne. Wie man an den futuristischen Straßen voll
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blinkender Neonlichter und riesiger Wolkenkratzer sieht, richtet die Stadt den Blick stets in
die Zukunft. Tokyo ist eine Stadt der Superlative: Sie besitzt z.B. den größten Fischmarkt,
den höchsten Fernsehturm und das größte Rathaus der Welt. Doch auch die Vergangenheit
ist allgegenwärtig. Das kulturelle Erbe zeigt sich in prächtigen Tempeln, Schreinen, Gärten
und Museen. Nicht zuletzt ist Tokyo ein Shopping-Paradies (bzw. je nach Sicht ein Graus)
und hat die größte Auswahl an Geschäften weltweit.
Es würde den Rahmen sprengen, unsere Reise hier in aller Ausführlichkeit zu beschreiben.
Insgesamt war es eine sehr beeindruckende Reise, auf der wir aus unserer Sicht zwar viel
über Japan erfahren und viele Eindrücke mitnehmen konnten, uns aber gleichzeitig natürlich
nur ein klitzekleiner Einblick in Japans Kultur gelang.
Im Online-Fotoalbum erhält man eine gute Vorstellung davon, was wir alles erlebt haben.
Eines möchte ich hier abschließend aber noch erklären. Was bedeutet: „Land, in dem alles
andersherum geht“? Diesen Satz findet man in keinem Reiseführer oder auch ansonsten
nirgends in der Literatur. Den haben wir selbst geprägt auf unserer Reise, weil uns so explizit
aufgefallen ist, dass wirklich vieles andersherum ist, als wir es gewohnt sind: z.B.
Linksverkehr, Bücher werden von hinten nach vorn gelesen (so erscheint es uns jedenfalls),
Schrift von rechts nach links, Türschlösser auf: nach rechts, Türschlösser zu: nach links.
Möglicherweise würde der Satz auch für andere Länder gelten, aber die haben wir eben
noch nicht bereist.
Ski heil
Siegfried
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