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15. Stadt und Performanz
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Ilse Helbrecht und Peter Dirksmeier
1. Einleitung
Die Stadt ist ein Untersuchungsgegenstand, der an
Komplexität kaum zu überbieten ist (Wirth 1938).
So verändert sich die Perspektive auf die Reichhaltigkeit des Objekts je nachdem, welche theoretische
Grundhaltung man zu ihm einnimmt. Es rücken unterschiedliche Dimensionen, Fragestellungen und
Phänomene von Stadtleben, städtischen Räumen,
Urbanität oder Urbanisierung inden Mittelpunkt, je
nachdem ob wir aus einer handlungstheoretischen,
polit-ökonomischen, poststrukturalistischen oder
systemtheoretischen Blickrichtung schauen. Während die eben genannten theoretischen Haltungen
zur Stadt in der Literatur der damit befassten Dis­zi­
plinen, von der Stadtsoziologie über die Stadtgeografie bis zur Ethnologie, gründlich diskutiert sind,
trifft dies auf die performanztheoretische Perspektive bisher nicht zu (Ash/Graham 1997; Ash/Thrift
2002). Zu jung sind einerseits gerade im deutschsprachigen Raum die Debatten um das Verhältnis
von Stadt und Performanz. Andererseits ist so etwas
wie »die Performanztheorie« ebenso wenig am Horizont der Literatur auszumachen (Schechner 2006)
wie es »den Forschungsgegenstand Stadt« gibt.
Dieser Beitrag erläutert Grundzüge des Wechselverhältnisses von Stadt und Performanz und regt
Diskussionen dazu an, was es bedeuten könnte, Stadt
aus performanztheoretischer Perspektive zu denken.
Die Erkenntnis von Erving Goffman, dass zwar
nicht die ganze Welt eine Bühne ist, es dennoch
schwerfällt zu identifizieren, wo der Bühnencharakter der sozialen Welt letztlich aufhört, liefert hierzu
eine Grundrichtung. Was bedeutet es, wenn sich die
soziale Welt mit der Metapher der Bühne beschreiben ließe und die Sozialwissenschaften dem Vollzug
von Handlungen vor Publikum mehr analytische
Aufmerksamkeit schenkten? Wie verändert sich unser Blick auf Interaktionen, wenn wir alle Darsteller
von sozialen Rollenwären, die erst durch unsere
Aufführungen Realität würden und damit im Pro-
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zess der Darstellung selbst quasi definiert und verändert würden (Goffman 2008)? Was wäre, wenn das
soziale, städtische Leben und vor allem die direkte
Interaktion von Menschen unter der Bedingung von
physischer Kopräsenz sich nach den Regeln des Theaters bzw. der Aufführung vollzögen? Das Leben als
eine Performanz – oder auch mit dem englischen
Terminus Performance– zu denken, erzeugt einen
ganz eigenen, originellen und nachdenkenswerten
Blick auf die soziale Welt. Den Ursprung der angesprochenen performativen Wende in den Geistesund Kulturwissenschaften lokalisiert die Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte (2004) in den
1950er Jahren, als Performances vermehrt zu einer
Ausdrucks- und Kunstform wurden. Gleichzeitig,
im Jahr 1955, schuf der Amerikanische Philosoph
John L. Austin im Rahmen seiner Vorlesungen an
der Harvard University den Begriff »performativ«als
Neuschöpfung in der Sprachphilosophie. »Er leitete
den Ausdruck vom Verb ›toperform‹, ›vollziehen‹
ab: »man ›vollzieht‹ Handlungen«« (Fischer-Lichte
2004, 31; Austin zit. nach Fischer-Lichte 2004, 31).
In diesem Beitrag wird deutlich, dass gerade
Städte sich in besonderem Maße dafür eignen, als
Bühnen von Performanzen gedeutet zu werden. Die
große Dichte der Bevölkerung auf engem Raum und
das dadurch bedingte wechselseitige Darstellenunterschiedlichster Rollen bei einem gleichzeitigen Publikumsstatus eines jeden Urbaniten, erhöhen den
dramaturgischen und theatralischen Charakter der
urbanen Lebenswelt. Was wäre also, wenn zwar
nicht die ganze Welt eine Bühne wäre, aber doch die
Stadt und der Charakter des Städtischen ohne Eingedenken der Bühnenhaftigkeiten urbanen Lebensnicht zu verstehen wären?
Mit der Metapher der Bühne ist angedeutet, dass
es Elemente des Theaters und damit verbunden der
Aufführungen, des Ausdrucks und der Inszenierungensind, die der Forschung helfen, Funktionsweisen
des Städtischen zu verstehen und auf den Begriff zu
bringen. Der Blick richtet sich also auf den Auffüh-
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rungscharakter der sozialen Welt und somit auf die
Performanzen, die wir in Städten beobachten können. Die Stadt als Bühne zu denken, führt die Stadtforschung ein Stück näher an die heutige alltägliche
Wirklichkeit städtischen Lebens heran. Dies erscheint umso notwendiger angesichts seit Jahrzehnten währender Trends in der Stadtentwicklung, die
durch die Zunahme von Theatrikalität, Festivalisierungen, Selbstdarstellungen, expressivem Verhalten
und Inszenierungen charakterisiert sind (Thrift
2011). Es sind diese gesellschaftlichen Veränderungen, die Performanzen, Theater und Bühneneffekte
in der sozialwissenschaftlichen Theoriedebatteaktuell machen. Die Zunahme von Performanzen und
Performativität – zu den Begriffen siehe Abschnitt
1 – ist sowohl auf der Ebene der Festivalisierung
städtischer Politik wie auch der Inszenierungen privater Lebensstile zu beobachten.
2. Performanz und
­Performativität
Wie verändert sich unser Blick auf die Stadt, wenn
wir sie unter der Perspektive der Performanz wahrnehmen? Und wie lassen sich überhaupt Performanzen und Performativität verstehen? Erving Goffman
(2008) hat mit seinem 1959 in englischer Originalfassung erschienen Werk Wir alle spielen Theater.
Die Selbstdarstellung im Alltag die Grundlagen gelegt
für die Entwicklungen der Performanz-Theorie. Er
hat schon in den 1950er Jahren für eine Auffassung
der sozialen Welt plädiert, die unser Verhalten dar­in
vergleicht mit den Auftritten und Darstellungen
im Theater, mit Rollen, Bühnenbildern, Kostümen,
­Dialogen, Selbstdarstellungen und unwiederholbaren Aufführungen aufgrund spontaner Praktiken.
Goffman (2008) hat die Metapher des Theaters benutzt, um eine Sprache zu entwickeln, die den Zusammenhang von Handlungen, Darstellern, Rollen,
En­sem­bles, Requisiten und Bühnen als Performance
gedanklich konsistent verbindet. Demnach sind sowohl Individuen als Darsteller wie auch Gruppen als
En­sem­ble dar­auf angewiesen, ihre sozialen Rollen
als z. B. Arzt, Hochschullehrerin, Koch oder Zimmermädchen in der Gesellschaft explizit darzustellen. »Eine ›Darstellung‹ (performance) kann als die
Gesamttätigkeit eines bestimmten Teilnehmers an
einer bestimmten Situation definiert werden, die
dazu dient, die anderen Teilnehmer in irgendeiner
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Weise zu beeinflussen« (Goffman 2008, 18; Herv. i.
Orig.). Um soziale Rollen erfolgreich auszufüllen
und für sich zu reklamieren, muss darstellendes Verhalten vor Publikum durch Mittel der Ausdruckskontrolle, der dramatischen Gestaltung, des Einbezugs eines En­sem­bles (zum Beispiel der Chef und
seine Mitarbeiter) inszeniert werden. Nur durch
Performanzen können nach Goffman letztlich sozialer Status und gesellschaftliche Stellungen gesichert
und ausgefüllt werden. »Ein Status, eine Stellung,
eine soziale Position ist nicht etwas Materielles, das
in Besitz genommen und dann zur Schau gestellt
werden kann; es ist ein Modell kohärenten, ausgeschmückten und klar artikulierten Verhaltens. Ob es
nun geschickt oder ungeschickt, bewusst oder unbewusst, trügerisch oder guten Glaubens dargestellt
wird, auf jeden Fall ist es etwas, das gespielt und dargestellt werden, etwas, das realisiert werden muß«
(Goffman 2008, 70).
Gerade der letztgenannte Aspekt, dass soziale
Rollen und sozialer Status »realisiert werden« müssen, verweist dar­auf, dass Performanzen nicht nur
als Aufführungen repetitiv sind im Sinne vermeintlich wiederkehrender, unveränderbarer, vorhandener Rollenmuster. Vielmehr entstehen die sozialen
Rollen selbst erst im dem und durch den Moment
der Aufführung und damit durch das Ereignis des
darstellenden Handelns, also im Augenblicke ihrer
Performanz. Dies ist ein entscheidender, konzeptioneller Anker der Performanztheorie. Das darstellende Handeln realisiert soziale Rollen, das aber
heißt, die Performanzen konstruieren Wirklichkeit
durch die Art der Darstellung, der Dramaturgie der
Darstellenden usw. sowie die Weise der Interaktion
mit dem Publikum. Komplexe soziale Situationen
entstehen in der räumlichen Situation physischer
Kopräsenz der Akteure. Die sich vollziehenden Ereignisse im Strom der Performanzen gebären und
gestalten soziale Wirklichkeit. Gerade die Anerkennung der Kraft des Augenblicks, des Ereignischarakters von Performanzen, ist eine besondere Qualität
dieser Art der Konzeptionalisierung sozialen Handelns (Dirksmeier 2009, 242). Durch die Betrachtung der Ereignishaftigkeit der sozialen Welt werden
Zeit und Raum in der Peformanztheorie auf besondere Weise gedeutet und Wert geschätzt.
Somit steht bei Performanz-Ansätzen zum einen
eine Zeitlichkeit des Augenblicks, des Plötzlichen,
des Unvorhersagbaren, des radikalen Jetzt im Mittelpunkt der Betrachtung. Die Momenthaftigkeit sozialer Prozesse ist bedeutend, weil sie Spielraum lässt
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2. Performanz und ­Performativität
für die Wandelbarkeit sozialer Rollen und Verhältnisse in oder durch Situationen. Erika FischerLichte, Grande Dame der deutschen Performanz­
theorie, eröffnet eine Monographie zur Ästhetik des
Performativen mit dem Gedicht von Rainer Maria
Rilke »Wolle die Wandlung …« (Fischer-Lichte
2004, 7). Damit ist ausgedrückt, dass Performanzen
Verwandlungen ermöglichen.Sie haben transformativen Charakter. Durch liminale Erfahrungen in Momenten der Aufführung bei Darstellern, Zuschauern
und En­sem­blemitgliedern werden Grenzen verrückt
oder überschritten. Das bedeutet auch, dass körperliche Handlungen performativ sind, als sie Sinn und
Identität von sozialen Welten und Verhältnissen
nicht nur darstellen, »vielmehr bringen sie Identität
als ihre Bedeutung allererst hervor« (Fischer-Lichte
2004, 37). Erst in der Performanz entsteht eine so­
ziale Situation und wandelt sich zugleich mit den
Rollendarstellungen der Akteure. Entscheidende soziale Grundkategorien wie zum Beispiel Geschlecht,
dar­auf hat die Amerikanische Philosophin Judith
Butler in ihrem Buch Körper von Gewicht (1997) eindringlich hingewiesen, werden performativ hergestellt. Anstatt von ontologisch fixierten (Geschlechts)­
Identitäten auszugehen, wird die soziale und kulturelle Konstruktionsleistung durch Performanzen als
»darstellerischer Realisierung« (Butler 1997, 139)
zum Beispiel von Geschlecht her­ausgearbeitet. Geschlecht ist nichts Natürliches, sondern erst durch
die wiederholte Stilisierung des Körpers, durch iterative Handlungen der Aufführung von Geschlecht,
die dramatisch sind und Bedeutung konstruieren,
wird Geschlecht im Rahmen von Diskursen aufgeführt, definiert und verändert (Goebel 2006, 486).
Erst die Aufführung des Mannseins macht den
Mann zum Mann. Erst die Darstellung von Weiblichkeit lässt eine Frau entstehen. Der Begriff des
Dramatischen ist hierfür wichtig, denn er »zielt auf
diesen Prozeß der Erzeugung« (Fischer-Lichte 2004,
37). Die performative Herstellung sozialer Wirk­
lichkeit wird möglich durch eine Betonung des Ereignisses im Jetzt. Performanzen sind Produktionsmomente darstellenden Handelns, und alles was
performativ ist, ist also immer auch »›wirklichkeitskonstituierend‹ und ›selbstreferentiell‹« (FischerLichte 2004, 38).
Zum anderen ist die Räumlichkeit der Situation
entscheidend für das Verständnis der Funktionsweisen von Performanzen. Schon die ursprüngliche Goffman ’ sche Theatermetaphorik verdeutlicht, dass
der Raum als Bühne mit seinen Möglichkeiten
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der Requisiten, Positionierung, symbolischen Aufladung und Bildkraft für Darstellungeneine große
Rolle spielt. Soziale Interaktionen als Aufführungen
sind nicht denkbar ohne Einbezug der Körperlichkeit der Akteure und der Räumlichkeit der sozialen
Welt. Performatives Handeln ist stets körperliches
Handeln unter Zuhilfenahme räumlicher Situationen. Dabei spielt die subjektive Wahrnehmung der
Darsteller von ihrer eigenen Leiblichkeit, die Empfindungen bei der Wahrnehmung der Räumlichkeit,
eine große Rolle. Der Geograf Jürgen Hasse betont
unter Rückbezug auf phänomenologische Positionen und Begriffsbildungen u. a. von Hei­deg­ger und
Merleau-Ponty: »performative Räume sind leibliche
Erlebnisräume« (Hasse 2010, 70). Die Räumlichkeit
von Situationen wird von Darstellern zur Verstärkung des eigenen Ausdrucks und Unterstützung der
Rollegenutzt. Zugleich wird die Räumlichkeit als
Zuschauer, Akteur, En­sem­ble emphatisch erfahren,
affektiv verstanden und körperlich rezipiert wie inszeniert. Für jede soziale Interaktion macht die bewusst hergestellte oder genutzte Räumlichkeit, sei es
der Gastraum eines italienischen Restaurants, der
Marktplatz vor dem Osnabrücker Dom, die Prinzessinnengärten in Berlin oder das Arrangement von
Schreibtisch, Stuhl und Besprechungstisch im Büro
des Chefs einen Unterschied. Aus performanztheoretischer Sicht ist nicht der euklidisch-vermessbare
Raum hierbei interessant, sondern der performativ
hergestellte. »Im Unterschied zum architektonischen
Raum, den wir als statisch und stabil denken, meint
der Begriff des performativen Raumes einen Raum,
der erst durch die Bewegung von Menschen, Tieren,
Objekten, Licht, dem Erklingen von Sprache, Musik,
Lauten entsteht und sich mit jeder Bewegung, jedem
Laut, der in ihm erklingt, und verhallt, ändert. Der
performative Raum ist entsprechend dynamisch und
instabil« (Fischer-Lichte 2004, 218).
Beide Dimensionen, die besondere Zeitlichkeit
und Räumlichkeit von Performanzen, sind analytisch kaum zu trennen in ihrer Bedeutung für das
darstellende Handeln. Letztlich gehört die Zeitlichkeit des Jetzt mit der dynamischen Räumlichkeit der
Performanzen zusammen und kann aufgehen im
Begriff der Situation. »Insbesondere im Erleben von
Situationen des Plötzlichen wird deutlich, dass ›gelebte Zeit‹ (Minkowski) und ›gelebter Raum‹
(Dürckheim) verschmelzen« (Hasse 2010, 69). Gerade weil die Performanztheorie somit Räumlichkeit
und Zeitlichkeit besonders Wert schätzt in ihren
Folgen für soziales Handeln, ist sie ein interessantes
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Theorieangebot für die Stadtforschung. Die Leistungsfähigkeit des Performance-Ansatzes aus Sicht
der Stadtforschung liegt in mindestens vier zentralen Aspekten begründet.
Erstens verbindet der Performance-Ansatz die
Bedeutung der Individualität des Einzelnen mit der
gesellschaftlichen Rahmung und Kontextualität.
Schon Goffman (2008, 221) stellte fest, dass es
­darum gehen müsse, die vermeintlich drei unterschiedlichen Bereiche »der individuellen Persönlichkeit, der sozialen Interaktion und der Gesellschaft« in eine gemeinsame Perspektive einzuord­
nen. Dies gelingt zu Teilen mit dem Modell der
Performance. Hier werden Individuen einerseits als
konkrete Menschengesehen, die in den Möglichkeiten des Augenblicks mit ihren Körpern, ihren Herzen, ihrem Geist, ihrer Seele handeln – also als Individuum. Zugleich verhalten sich Akteure in der Performance im Augenblick getreu den Diskursen, in
denen sie sich bewegen und den hegemonialen Mustern, die die Gesellschaft aufoktroyiert (vgl. Butler
2000). Durch die Körperlichkeit der Performance
kommt das Individuum mit seinem Intimsten ins
Spiel. Zugleich ist die Performance als Aufführung
vor Anderen, als soziales Handeln mit Anderen in
Interaktion ebenso gesellschaftlich durch Rollengeprägt, die der Einzelne manchmal wählt, stets aber
auch als Rollenträger überindividuell ausfüllt. Es
kann also mit dem Performance-Ansatz sowohl die
Bedeutung individuellen Handelns von Akteuren in
der Stadt als auch deren soziale Rolle in der Politik,
im Stadtteil usw. untersucht werden – und gerade die
Zusammenhänge zwischen diesen Konzepten.
Zweitens hilft der Performance-Ansatz, die Bedeutung von Umwelten für soziales Handeln zu thematisieren. Ebenso wie auf der Bühne im Theater
Text und Bühnenbild, Körpersprache und Rolle, Publikum und Performance aufs Engste mitein­ander
verbunden sind, kann man in der sozialen Welt
Praktiken als Actions, als untrennbare Einheiten von
Körper und Geist, von sozialem Handeln und materieller Umwelt auffassen. Wenn jede einzelne soziale
Handlung als Performance gedacht wird, dann ist
diese ohne eine Bühne, ein Bühnenbild und die damit vorhandene Körperlichkeit der sozialen Welt
nicht vorstellbar: »the many communicative registers of the body and the minutiae of spatial development« werden in der Performance-Theorie zuein­
ander in Beziehung gesetzt (Thrift 2003, 2020). David Crouch (2003) entwickelt den Begriff des
»spacing«, um eine ganz spezifische Form der
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15. Stadt und Performanz
Raumkonstitution in der Performance zu beschreiben. »Spacing is the constitutive part of performativity in the relation to surroundings« (Crouch 2003,
1953). Die umgebende Welt und die expressive Beziehung der Individuen zu ihr werden durch spacing
ausgedrückt. Gerade für ein Verständnis räumlicher,
städtischer Praktiken ist der Performance-Ansatz
hilfreich.
Drittens erlaubt der Performance-Ansatz, die
Kreativität sozialen Handelns und stete Veränderbarkeit bzw. Nicht-Vorhersehbarkeit von Entwicklungen zu konzeptionalisieren. Dies ist gerade für
die oft überraschenden, ungeplanten Ereignisse in
der Stadtentwicklung eine interessante sozialwissenschaftliche Perspektive. Die Performance-Theorie
sieht Menschen und Subjekte erst in Momentenentstehen, die aus Kontexten geboren werden und in
Netzwerkverbindungen stehen (vgl. Schechner 2006;
Dirksmeier 2009). Unsicherheiten und stets mögliche Abweichungen im Verhalten spielen eine große
Rolle, weil es das entscheidende Moment jeder Aufführung, jeder Performance ist, im Letzten gerade
nicht ganz vorhersagbar und steuerbar zu sein. Somit liegt in der Unsicherheit über den Ausgang einer
Handlung und in der Möglichkeit einer überraschenden Entwicklung der sozialen Praxis aus dem
Augenblick her­aus ein wesentliches Momentum des
Verständnisses der sozialen Welt als Performance.
»The current emphasis on creativity is, I think, a response to a by now banal realisation that the world is
not a reflection but a continuous composition«
(Thrift 2003, 2021).
Eine einzelne soziale Handlung vor Anderen ist
eine Performance. Die Tatsache, dass jede Performance in sich die Offenheit des Ausgangs birgt, wird
als Performativitätbezeichnet. Für Judith Butler ist
die Performativität sozialer Prozesse dabei charakterisiert als eine Aufführung kultureller Rituale: »I am,
I believe, more concerned to rethink performativity
as cultural ritual, as the reiteration of cultural norms,
as the habitus of the body in which structures and
social dimensions of meaning are not finally seperable« (Butler 2000, 29). Jede Aufführung beinhaltet
die Möglichkeit der Abweichung und kreativen Veränderung, die aus der Kraft des Augenblicksgeboren
ist. Performativität verweist somit auf die Dimension des ›Werdens‹ in der sozialen Welt. Jede Performance enthält ein Stück Transformation und Verwandlung (vgl. Crouch 2003, 1947). Individuen,
Werte, Rollen, soziale Situationen, Gemeinschaften,
Konflikte oder Identitäten sind im Blick der Perfor-
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3. Urbanität, Urban Theory, Stadtentwicklung und ­Performanz
mance-Theorie nichts Fixes. Vielmehr ist ihr Charakter in der Performance stets den Prozessen und
Logiken des Werdens übergeben. »The radical potential of performance is located precisely in its transitory nature: it cannot be accurately recorded or repreated« (Pratt 2000, 649). Damit sind Möglichkeitsräume, Alternativen, Varianten der Handlung stets
denkbar – ja geradezu eingebaut – in der Performance-Theorie. Die soziale Welt wird als Werdende
konzeptionalisiert. Das Potential der Möglichkeiten
im Augenblick, die Unvorhersehbarkeit von all dem,
was passieren könnte in einem gegebenen Augenblick, gestaltet das Erleben und Beobachten desselben mit (vgl. Dewsbury 2000, 481).
Viertens erweitert die Perspektive der Performanz
das Spektrum sozialwissenschaftlicher Betrachtungen um Aspekte der leiblichen, affektiven, emotionalen und situationsbezogenen wissenschaftlichen
Beobachtung der sozialen Welt. Goffman interessierte sich nicht für das Theater als Selbstzweck, sondern rein als Metapher und Gerüst, um soziale Verhältnisse zu beschreiben. Ihm ging es um die »Struktur sozialer Beziehungen ( …), die entstehen, wann
immer Personen anderen Personen unmittelbar
physisch gegenwärtig werden« (Goffman 2008, 223).
Offensichtlich sind diese körperlichen, darstellenden Handlungen vor Publikum weitaus situativer,
leiblicher und affektiver, als es bisher in den Sozialwissenschaften mit gängigen Theorien beschrieben
werden konnte. Insgesamt sind die Auswirkungen
einer performanztheoretischen Grundorientierung
für die Stadtforschung enorm. Dies wird im Folgenden beispielhaft an drei Feldern der Stadtforschung
beschrieben.
3. Urbanität, Urban Theory,
Stadtentwicklung und
­Performanz
Performanzen stehen im Zentrum der Reflexionen
über das Städtische. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts haben Begründer der sozialwissenschaftlichen Stadtforschung wie etwa Georg Simmel, Louis
Wirth oder Lewis Mumford als Urbanismus bzw.
Urbanität gerade solche Qualitäten des Städtischen
definiert, die entschieden mit dem darstellenden
Verhalten der Stadtbevölkerung zusammenhängen.
Dar­an anknüpfend entwickelte in der deutschspra-
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chigen Stadtforschung der 1960er Jahre Hans Paul
Bahrdt einen Begriff von Urbanität in der modernen
Großstadt, der leicht als Resultat von Performanzen
zu lesen ist. Um den Zusammenhang von Stadt und
Performanzen zu betrachten, werden deshalb zunächst die Klassiker der Stadtforschung auf ihre performanztheoretische Anschlussfähigkeit befragt (3.1).
Anschließend werden aktuelle Debatten zu Urbanität, Citizenship und Zuwanderung performanztheoretisch beleuchtet (3.2). Schließlich wird ein performanztheoretischer Blick auf aktuelle Tendenzen der
Stadtpolitik geworfen (3.3).
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Die Klassiker:
Vordenker des Performativen
Die Stadt ist ein Ort der Begegnung. Diese Begegnungsqualität in Städten entsteht überhaupt erst
durch Performanzen. Dies hat Georg Simmel (2006)
in seinem Nachdenken über »Die Großstädte und
das Geistesleben« angedeutet. Simmels Essay hat zu
Beginn des 20. Jahrhunderts das Fundament für eine
theoretische Betrachtung des Stadtlebens und Urbanitätsbegriffes gelegt (Lindner 2004). Er reflektiert
im Zuge des Nachdenkens über die Großstadt ein
Grundpro­
blem des Lebens in modernen Gesellschaften: Es ist der »Anspruch des Individuums« auf
»Selbständigkeit und Eigenart des Daseins« in einer
modernisierten, technisierten Massengesellschaft
(Simmel 2006, 7). Während sich die Gesellschaft im
Äußeren durch Wettbewerb, Leistungsprinzip und
Konkurrenzkampf aufgrund des Vorherrschens der
Geldwirtschaft stetig flexibilisiert und nivelliert,
sind die Menschen auf ihrer Innenseite, in ihrem
seelischen und persönlichen Leben ungemein gefordert, Schritt zu halten und zugleich souverän zu bleiben. Dieses generelle Pro­blem des Lebens in der modernen Gesellschaft sieht Simmel in der Betrachtung
der mentalen Verhältnisse und Gemütszustände in
Großstädten kondensiert. Die Her­ausforderung des
Individuums, Subjekt zu bleiben im (Gegen-)Strom
der Masse, versinnbildlicht für Simmel die Situation
des Straßenlebens der modernen Großstadt. Hier ist
der Einzelne auf den dichten Bürgersteigen, auf den
weiträumigen Plätzen, in Bahnhöfen, Straßenbahnen usw. einem Gewirr an Situationen und Begegnungen mit Fremden ausgesetzt. Diese Situationen
im Straßenleben, die städtische Lebensumwelt fordert den Wahrnehmungsapparat des Einzelnen her­
aus und fördert zugleich die individuelle Freiheit
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und Extravaganz. »Die psychologische Grundlage,
auf der der Typus großstädtischer Individualitäten
sich erhebt, ist die Steigerung des Nervenlebens, die
aus dem raschen und ununterbrochenen Wechsel
äußerer und innerer Eindrücke hervorgeht« (Simmel 2006, 8 f., Herv. i. Orig.). Als Schutzmechanismus gegen die überflutenden Sinneseindrücke entwickele der Großstädter eine bestimmte Haltung:
eine intellektualistische Blasé-Attitude. Verstandesgemäß, nüchtern und distanziert steuert das Individuum seinen Weg durch die an­onyme Moderne.
Dies versinnbildlicht sich in dem bunten Treiben des
Straßengewirrs der Großstadt. Somit gebe es einen
»Typus des Großstädters« (Simmel 2006, 11), dessen
urbanes Verhalten sich an der Oberfläche des Kontakts, im menschlichen Umgang mitein­ander vor allem in der Blasiertheit äußere. Unterhalb der Oberfläche, auf der Innenseite des Gemüts von Persönlichkeit und seelischer Entwicklung, leistet die
Großstadt für die Entwicklung moderner Gesellschaften vor allem eines: sie treibt Prozesse der Individualisierung voran, indem sowohl »die indivi­
duelle Unabhängigkeit und die Ausbildung persönlicher Sonderart« (Simmel 2006, 42) durch die
Urbanität der Großstadtgestärkt wird.
Simmels berühmte Dia­gnose zur Blasé-Attitude
ist – ohne je Begriffe der Performanz, des Theaters
oder der Aufführung zu verwenden –durchtränkt
von der Idee, dass Menschen in Städten eine bestimmte Fassade aufbauen, sie diese nach außen aufrecht erhalten; und sie nur durch diese Fassade und
die Darstellung einer bestimmten Blasé-Attitude sowohl psychologisch wie sozial lebensfähig in Städten
sind. Damit sind es, schon am Anbeginn des sozialwissenschaftlichen Nachdenkens über das Phänomen Stadt, die spezifischen Verhaltensweisen, die
Städter mitein­ander und vorein­ander zur Aufführung bringen, die die Stadt erst zur Stadt machen.
Der Begriff Performanz ist hilfreich, um das von
Simmel Gesagte ausdrücklicher zu verstehen und
mit einer modernen Theorieperspektive zu reinterpretieren. Die Mühen des Großstädters sich sowohl
als Subjekt auf der persönlichen Innenseite des Gefühlslebens selbst zu erfahren, zu suchen, zu entwerfen oder treu zu bleiben als auch die sozialen Rollen
einer modernen, geldgetriebenen Gesellschaft überzeugend dazustellen, sind wunderbar beschreibbar
als Spannungsverhältnis zwischen dem Darsteller als
Akteur und seiner Rolle. Erving Goffman hat auf
diesen Konflikt hingewiesen, in dem der Einzelne
insbesondere bei der Aufführung von Schauspielen
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15. Stadt und Performanz
steht, an die er oder sie selbst nicht glaubt: »Hinter
vielen Masken und vielen Rollen trägt jeder Darsteller den gleichen Ausdruck, den nackten, ungeselligen der Konzentration, den eines Menschen, der privat mit einer schweren, verräterischen Aufgabe beschäftigt ist« (Goffman 2008, 213 f.). Gerade das
spezifische, aus Simmels Perspektive großstädtische
Verhalten ist solch eine Performanz, eine Darstellung einer Attitude, die nicht unbedingt geglaubt
oder gewollt wird, aber aus der Sicht des frühen
20. Jahrhunderts offensichtlich notwendig schien,
um mit den Her­ausforderungen städtischer Lebenswirklichkeit zurechtzukommen. Performanztheoretisch wäre mit Goffman daraus sogar zu schließen,
dass Gefühle des Misstrauens und der Entfremdung
in solchen Umgebungen gegenüber dem Nächsten
besonders groß sind: »In dem Grade aber, in dem
der Einzelne vor anderen ein Schauspiel durchhält,
an das er selbst nicht glaubt, kann er eine besondere
Art der Selbstentfremdung und des Mißtrauens gegen andere empfinden« (Goffman 2008, 214).
Frisby (1985) hat Simmel einen der ersten Soziologen der Moderne genannt, weil dieser grundlegende gesellschaftliche Phänomene der Moderne
treffend als städtische charakterisierte – und so die
Großstädte exem­plarisch als Orte moderner Verhältnisse ansah. Seit den Arbeiten Georg Simmels ist
deshalb ein Verständnis der wechselseitigen Durchdringung von Stadt- und Gesellschaftsentwicklung
für Debatten um den Untersuchungsgegenstand
Stadt ebenso wie zum Urbanitätsbegriff prägend.
Diese Einsicht, dass eine Analyse urbaner Verhältnisse nur als Analyse moderner Verhältnisse, also
mit einem gesellschaftstheoretisch informierten
Blick auf Urbanität und Stadt möglich ist, wurde im
Anschluss an Simmel durch die Chicagoer Schule
der Sozialökologie konsequent fortgesetzt. Und auch
hier, in dieser klassischen Schule der Stadtforschung
finden sich seit den 1920er Jahren vielfältige Bezüge
zu einem performanztheoretischen Denken.
Den wohl bekanntesten Beitrag der Sozialökologie zur Urbanitätstheorie lieferte der im Hunsrück
geborene und später in Chicago lehrende Soziologe
Louis Wirth (1938) mit seinem Artikel »Urbanism
as a Way of Life«. Er unterscheidet dar­in zwischen
Verstädterung als rein quantitativem Prozess des
Anwachsens der Stadtbevölkerung und den Qualitäten der Urbanisierung als Ausbreitung spezifisch
städtischer, sozialer Lebensformen. So geht er davon
aus, dass man idealtypisch (und nicht wirklichkeitsgetreu) einerseits zwischen einem Gemeinschaftsle-
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3. Urbanität, Urban Theory, Stadtentwicklung und ­Performanz
ben in städtisch-industrieller Form und andererseits
einem ländlichen, volkstümlich orientierten Lebensstil unterscheiden kann. Da sowohl Menschen mit
städtischer Herkunft auf dem Land leben als auch
­viceversa, also Dorfbewohner in die Stadt wie Städter in die Dörfer wandern, sei keine strenge räumliche Trennung von städtischen und ländlichen Lebensstilen vorfindbar: »Hence we should not expect
to find abrupt and discontinuous variation between
urban and rural types of personality« (Wirth 1938,
3). Es gebe Urbanität als spezifischen way of life – jedoch nicht nur in Städten. Diese vermeintliche Paradoxie gehört zu den weitsichtigsten Argumenten
Louis Wirths. Er erkennt, dass keine Isomorphie von
Raum und Kultur oder Gebiet und Lebensstil besteht. Damit formuliert Wirth als erster Vertreter das
bis heute weit verbreitete Argument (Häußermann/
Siebel 1987), wonach Urbanität nicht mehr an die
Stadt als abgrenzbarer Siedlungseinheit gebunden
ist: »the city is everywhere and in everything«
(Amin/Thrift 2002, 1). Urbanismus als Lebensweise
greift in modernen Gesellschaften weit über die
Städte hin­aus. Dennoch sind es die Städte, so behauptet Louis Wirth, die als Innovationszentren urbaner Lebensstile wirken und von denen ausgehend
sich Urbanität verbreitet.
In dem Versuch, Urbanität bzw. Urbanismus zu
definieren greift Wirth ähnlich wie Simmel auf die
Vorstellung einer ganz bestimmten, städtischen Sozialform zurück. Diese führt er auf drei distinkte
Charakteristiska der Städte zurück: Größe, Dichte
und Heterogenität (Wirth 1938, 8 ff.). Jeder dieser
ökologischen Faktoren hat je eigene Effekte und kreiert in Wechselwirkung mit den jeweils anderen beiden zusammen die urbane Lebensform. So würde
die Größe der Stadt formale Formen der Kontrolle
erfordern und persönliche Verbindungen erodieren,
wie sie auf dem Land noch lebbar seien. Die Dichte
des Siedlungsgebiets Stadt verstärke die Differenzierung, Spezialisierung und Komplexität der sozialen
Organisation. Zugleich erhöhe sich hierdurch die
soziale Distanz. Die Heterogenität der Bevölkerungszusammensetzung in der Stadt würde die Unsicherheit im Umgang mitein­ander, zugleich aber
auch die Fluidität und Veränderungsbereitschaft erhöhen (Wirth 1938, 11 ff.). Insgesamt seien städtische Sozialformen gekennzeichnet durch oberflächliche, unpersönliche, segmentierte, utilitaristische
und vorübergehende Sozialkontakte. Ähnlich wie
bei Simmel wird die Blasiertheit im Umgang beklagt.
Zugleich verweist Wirth dar­auf, wie ausgesprochen
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nützlich diese spezifischen Werte und Lebensformen sind für die Einbindung der Individuen in die
kapitalistische Wirtschaftsweise. Die Stadt entpersonalisiert das Sozialleben und bereitet den Einzelnen
auf ein distanziertes, nüchternes Erwerbsleben vor.
Sie fördert zugleich Kosmopolitanismus, Offenheit,
Wandlungsfähigkeit und soziale Mobilität der Bewohner (a. a. O., 16 ff.). Urbanism als Lebensweg findet in den Städten ihren privilegierten Ort, weil die
sozialökologischen Bedingungen der Stadt (Größe,
Dichte, Heterogenität) dieses provozieren und
produzieren. In ähnlicher Richtung argumentiert
­
Claude S. Fischer (1975; 1995). Auch er sieht insbesondere aus der Größe und Dichte der Stadt notwendige Folgerungen für die wachsende innere Differenzierung und Ausbildung intensiver Subkulturen.
Städte seien als urbane Orte dadurch gekennzeichnet, dass sie Unkonventionalität erlauben. Die De­
vianz von der Norm wird respektiert. Quantität
schlägt um in Qualität: Die kritische Masse großer
Städte erlaube eine Ausdifferenzierung unterschiedlichere normativer, kultureller, sexueller und religiöser Subkulturen. Unter Subkultur versteht er dabei:
»a large set of people who share a defining trait, associate with one another, are members of in­stitutions
associated with their defining trait, adhere to a distinct set of values, share a set of cultural tools […]
and take part in a common way of life« (Fischer
1995, 544).
Die Vorstellungen von Urbanismus bei Wirth
ebenso wie bei Fischer gehen somit zurück auf spezifische Formen des Sozialverhaltens. Diese würden in
Städten durch die spezifischen Interaktionsbedingungen entstehen, die die großen, dichten und heterogenen Räume als städtische Bühnen für die Akteure bereiten. Dar­an anknüpfend hat Hans Paul
Bahrdt (2006) formuliert, dass Urbanität dort entsteht, wo sich eine Polarität zwischen Öffentlichkeit
und Privatheit her­ausbilden kann. Nur Städte würden öffentliche Räume herstellen, in denen Fremde
sich als Fremde begegnen. Die gewaltfreie Begegnung Fremder wiederum sei nur möglich und würde
voraussetzen, dass eine bestimmte Form des stilisierten sozialen Verhaltens sich her­ausbildet. Auf
dem Marktplatz könnten Martkfrau und Kunde, an
der S-Bahnstation ankommende Personen und Wartende, an der Straßenecke vor einem Kiosk sich begegnende Fremde nur deshalb mitein­ander zweckgerichtet und konfliktfrei umgehen, weil sie im
­Moment der Begegnung die Spielregeln des distanzierten und stilisierten Verhaltens in öffentlichen
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Räumen beherrschen. Zu dieser Stilisierung gehört
nach Bahrdt, systematisch persönliche Aspekte des
Daseins zu verbergen und stattdessen demonstrativ
und repräsentativ bestimmte gesellschaftliche Codes
der Statusrepräsentation, der Interaktion und Kommunikation zu betonen. Bahrdt spricht hier ausdrücklich von darstellendem Verhalten: »Die äußerlich erkennbare Erscheinungsform des Verhaltens ist
deshalb weniger ein natürlich hervorwachsender
Ausdruck eines Innern, sondern vielmehr ein ›Sichgeben‹, ein Auftreten, ein Sich-darstellen« (Bahrdt
2006, 90). Auf jedem Wochenmarkt, in jeder Vorstadt, Geschäftsstraße, beim Restaurantbesuch oder
auch im Park sei ein Großteil städtischen Alltagslebens durch dieses darstellende Verhalten der Städter
charakterisiert. Ohne dass Bahrdt diesen Begriff
kannte, verwendete oder verwenden wollte ist die
von ihm beschriebene Stilisierung des Verhaltens im
Angesicht und Umgang mit Fremden nichts anderes
als eine Performanz, ein darstellendes Verhalten vor
Fremden als Publikum. Ähnlich wie Simmel hat er
sich gefragt, was die Alltäglichkeit der Begegnungen
auf den Straßen und Plätzen der Städte, sei es im
Zentrum oder am Stadtrand, für das Verständnis des
Städtischen bedeutet. »Kehren wir zum Leben und
Treiben auf städtischen Straßen zurück! Es genügt
z. B. nicht, im Straßengewühl auf einen anderen nur
einfach Rücksicht zu nehmen. Man muß ihm dies
auch verständlich machen. Man begnügt sich also
nicht damit, den anderen zuerst durch einen engen
Torweg gehen zu lassen, sondern tritt ausdrücklich
zurück und unterstreicht dieses Zurücktreten mit einer Geste. Das Verhalten läuft nicht nur ab, sondern
stellt sich selbst noch einmal dar. Auf diese Ausdrücklichkeit kommt es an. Darstellung ist mehr als
bloßer Ausdruck. Sie ist nicht das Hervorwachsen
eines Tuns oder Seins zur Sichtbarkeit. Darstellung
ist ein vollzogener Akt, der freilich habituell werden
kann« (Bahrdt 2006, 90).
Die Performanzen im Stadtraum prägen nach
Bahrdt nicht nur den Charakter städtischen Lebens
und den Umgang der Bewohner mitein­ander als
spezifischer Stadtkultur. Vielmehr konstituiert und
damit auch definiert sich die Stadt als besonderer
Siedlungstypus gerade durch ihre Bühnenhaftigkeit
als Ort der Aufführung und Performanzen. Das ergibt sich aus seiner weiteren Analyse der Stadt als
Öffentlichkeit und damit Aufführungsraum. Bahrdt
(2006, Kap. 2) nutzt entschieden den Begriff der Öffentlichkeit für die Präzisierung (s)eines modernen
Verständnisses von Urbanität. Demnach sind Urba-
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15. Stadt und Performanz
nität und Öffentlichkeit konstitutiv fürein­ander. Die
Stadt selbst ist für ihn stadtsoziologisch definiert als
ein Ort der starken Wechselbeziehung und Polarität
von Öffentlichkeit und Privatheit: »Eine Stadt ist
eine Ansiedlung, in der das gesamte, also auch das
alltägliche Leben die Tendenz zeigt, sich zu polarisieren, d. h. entweder im sozialen Aggregatzustand
der Öffentlichkeit oder in dem der Privatheit stattzufinden. Es bilden sich eine öffentliche und eine
private Sphäre, die in engem Wechselverhältnis stehen, ohne dass die Polarität verlorengeht. Die Lebensbereiche, die weder als ›öffentlich‹ noch als ›privat‹ charakterisiert werden können, verlieren hingegen an Bedeutung« (Bahrdt 2006, 83). Beobachtbares
städtisches Verhalten ist ein Verhalten in Öffentlichkeit unter den Spielregeln der Darstellung und Aufführung.
Betrachten wir klassische Positionen der Stadttheorie zusammenfassend, so wird deutlich, dass
von Beginn an in der Stadtforschung über das Städtische als Aufführungsort darstellendes Verhaltens
nachgedacht wurde. Es gibt somit keine städtische
Sozialform, die nicht in ihrem Wesenskern bei den
Klassikern der Stadtforschung zurückgeführt wird
auf ein darstellendes Verhalten von Menschen unter
den Bedingungen von Publikum, Rollenzwang und
spezifischen Bühnenbedingungen (zum Beispiel
moderne Großstadt, Größe, Dichte und Heterogenität). Insgesamt lässt sich beobachten, dass schon
die Klassiker der Stadtforschung quasi in Embryonalform ein performatives Wechselverhältnis von
Räumlichkeit und Soziabilität bzw. Gesellschaft artikulieren. Die frühe Andeutung der Rolle von Performanzen für die Produktion des Städtischen geschieht bei den genannten Autoren in mindestens
zweifacher Hinsicht. Hierbei wird jedoch – das sei
eindeutig vermerkt – das volle Potential einer performativen konzeptuellen Sichtweise auf Stadt noch
nicht ausgeschöpft. Erstens erkennen die klassischen Autoren, dass die Interaktions- und Sozialformen der Stadtbewohner erst durch das Mitein­
ander der Akteure hergestellt werden. Der performative Charakter von Städten klingt an, indem
durch die Aufführung des Stadt-Seins im alltäglichen Vollzug der Bewohner und damit durch das
Leben unter den Kontextbedingungen von Größe,
Dichte und Heterogenität das Städtische erst hervorgebracht wird. Performanz als Herstellung von
Wirklichkeit wird somit adressiert. Zweitens wird
von Simmel über Wirth und Fischer bis zu Bahrdt
der Blick bei der Suche nach dem spezifisch Städti-
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3. Urbanität, Urban Theory, Stadtentwicklung und ­Performanz
schen oftmals auf die öffentlichen Räume, die Herstellung von Öffentlichkeit und die besonderen Formen des Umgangs mitein­ander in der Öffentlichkeit gerichtet. Damit ist performatives Handeln als
darstellendes Handeln vor Publikum per se adressiert. Die Stadt wird quer durch alle Ansätze hindurch definiert als ein besonderer gesellschaftlich
produzierter Raum, der durch den Aufführungscharakter sozialen Handelns und damit den Bühnencharakter des Ortes geprägt ist.
Rückblickend sind die Klassiker der Stadtforschung deshalb zu Recht als Klassiker zu bezeichnen, weil sie Wegweisendes erkannt haben. Sie sind
Vorläufer und Grundsteinleger. Klassiker zeichnet
aus, dass sie zu ihrer Zeit Aussagen treffen, die als
Forschungspro­bleme durch die Zeit weiterbestehen,
sei es als Desiderat oder als offene Forschungsfrage
(Luhmann 1992, 19). Denn die Klassiker der Stadtforschung haben früh Aspekte städtischen Lebens
analysiert und beschrieben, die zu Teilen erst Jahrzehnte später von der nachfolgenden Forschung präziser gefasst bzw. angegriffen werden können. Dies
trifft auch auf das Verhältnis von Performanz und
Stadt zu. So ist performanztheoretisches Gedankengut in den genannten Ansätzen deutlich erkennbar.
Zugleicht gibt es vier große performanztheoretische
Defizite, die aus heutiger Sicht die klassischen Analysen zum Wechselverhältnis von Stadt, Raum und
Verhalten als unbefriedigend erscheinen lassen.
Erstens wird zwar der darstellende Charakter des
Verhaltens in öffentlichen Räumen der Stadt deutlich, jedoch fehlt ein Blick auf die Veränderbarkeit
sozialer Welten durch Performanzen. Es wird also
nicht über Performativität und die Kraft des Augenblicks reflektiert. Auch der Ereignischarakter von
Performanzen in all seinen Folgerungen fehlt noch
im klassischen Sujet.
Zweitens erscheint das Raumverständnis bei den
zitierten Autoren zu Teilen als Containerraum. Es
wird zwar der Aufführungs- und damit Bühnencharakter unterschiedlichster Orte in der Stadt betont.
Die Feinheiten performativer Räume fehlen, die erst
im Augenblick des Handlungsvollzugs diese flüchtigen Räume konstituieren, wie zum Beispiel das Rufen einer Mutter nach ihrem Kind auf dem Platz und
damit durch den Klang einer Stimme, dem kräftigen
Ausschreiten eines Fußgängers beim Überqueren einer Straße oder dem Geräusch von Trommeln, Musik und Applaus im Karneval der Kulturen an einem
lauen Frühlingstag im Mai in Berlin-Kreuzberg. Performative Räume und das Verschmelzen von sozia-
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len und physischen Charakteristika des Ortes im
Moment der Aufführung wurden von den Klassikern noch nicht gedacht.
Drittens werden die große Bedeutung der Materialität und Körperlichkeit von darstellendem Verhalten wie auch das Nutzen von Requisiten nur unzureichend berücksichtigt. Bei Bahrdt taucht im Rahmen des darstellenden Verhaltens die Überbetonung
von Gesten als ein Aspekt auf. Dies spricht wieder
für die Anschlussfähigkeit eines Klassikers. Jedoch
wird die Bedeutung der Körperlichkeit von Performanzen generell für das Sozialverhalten abseits exaltierter Gesten unterschätzt. Dass Analysen und Deutungen von Performanzen immer auch körperliche
bzw. leibliche Elemente berücksichtigen müssen,
war gerade den Stadtsoziologen lange fremd.
Viertens liefern die Klassiker zwar große theoretische Betrachtungen des Wechselverhältnisses von
Stadt und Städter, Urbanität und Sieldungsform,
Verhalten und Darstellung, Öffentlichkeit und Privatheit. Jedoch die genaue Wirkungsweise der Performanzen der Städter bleibt in den Betrachtungen
weitgehend unberührt. Es wird kein empirisch operationalisierbarer Blick auf das Städtische gerichtet.
Vielmehr wird in großen Zügen über Stadt und Gesellschaft sowie wechselseitige Einflussnahmen räsoniert. Gerade aber der Versuch, Performanzen in
ihrer Augenblickshaftigkeit und damit auch zeiträumlichen Kleinteiligkeit zu beobachten bzw. zu
deuten, ist ein Inter­esse gegenwärtiger performanztheoretisch inspirierter Stadtforschung. Die neuere
Literatur schließt somit zuteilen an und grenzt sich
zugleich ab von den klassischen Betrachtungen darstellenden Verhaltens in Städten.
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und Begegnungsqualitäten
Performanztheoretisch inspirierte Betrachtungen
des Städtischen haben in den letzten ca. zehn Jahren
einen großen Aufschwung genommen. Denn obwohl – wie oben her­ausgearbeitet – die Klassiker der
Stadtforschung entscheidende Grundlagen für die
Betrachtung von Performanzen gelegt hatten, ist ein
Großteil der Stadtforschung sowohl in der Stadtsoziologie wie in der Stadtgeografie von den 1970er bis
weit in die 1990er Jahren zumeist andere Wege gegangen. Die ebenfalls aus der Chicagoer Schule entstammende Segregationsforschung hat lange Zeit
zentrale Fragen und Arbeitsbereiche der Stadtfor-
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schung dominiert. Somit standen quantitative Analysen von räumlichen Entwicklungen ebenso wie
strukturelle und zu Teilen statische Betrachtungen
von Stadtmodellen im Vordergrund. Wichtige Stichworte hierzu wie die fragmentierte Stadt, die polarisierte Stadt, die gentrifizierte Stadt, die Global City
usw. signalisieren, dass es in der Stadtforschung
lange um Strukturen und Prozesse ging. Performanzen wurden kaum in den Blick genommen.
Eine solche, performanzlose Perspektive schien
zugleich durch die Bedürfnisse der Praxis von Stadtplanung und Stadtentwicklungspolitik gerechtfertigt, die dar­auf verwiesen, dass zur Steuerung von
Städten ein systematisches Wissen über Pro­blem­
quartiere, Interventionsmöglichkeiten, zirkuläre
Ent­wicklungsprozesse und dergleichen mehr notwendig sei. Dementsprechend ist gerade in der
deutschsprachigen Stadtforschung eine Thematisierung von Performanzen und Performanztheorie
lange nicht möglich gewesen – obwohl die historischen Vorläufer der Klassiker der Stadttheorien
hierzu durchaus Türe und Wege geöffnet haben.
Die Einsicht, den Blick (erneut) auf Performanzen zu lenken, entstand Ende der 1990er Jahre durch
eine kritische Reflexion des erreichten Standes der
Stadtforschung. Das immer gleiche Set an Städten
wie zum Beispiel London, Tokio oder New York, das
sowohl als Untersuchungsfeld für Fragen der Gentrification wie Fragmentierung, der Global City wie
der Zitadellenökonomie diente, schien durch den
Versuch einer Theoriebildung für alle Städte privilegiert zu werden. Stimmen wurden laut für eine
Theo­riebildung in der Stadtforschung, die mit mehr
Vielfalt rechnet. Der Aufsatz von Ash Amin und
Steve Graham zu »Ordinary City« markiert einen
Wendepunkt. Hier wird ein performatives Verständnis der sozialen Handlungen der Stadtbewohner artikuliert, die Stadt in kontingenten Prozessen herstellen: »The contemporary city is a variegated and
multiplex entity– a juxtaposition of contradictions
and diversities, the theatre of life itself« (Ash/Graham 1997, 418). Die Theatermetapher kehrt zurück
auf die akademische Bühne, um die Wandelbarkeit,
Heterogenität, Ereignishaftigkeit und auch Artistik
lebensweltlicher städtischer Phänomene besser zu
fassen. Mit einem veränderten Handlungsbegriff, der
Handlungen als relationalen und performativen Pro­
zess versteht, soll es gelingen, näher an die Lebenswelten der Stadtbewohner und alltäglichen Erscheinungen städtischen Lebens auf den öffentlichen
Plätzen heran zu rücken (Ash/Graham 1997, 420).
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15. Stadt und Performanz
Die Unzufriedenheit mit den Ergebnissen und
Einschränkungen der bisherigen Stadtforschung
wird zudem durch die performative Wende in den
Kulturwissenschaftenbestärkt. Gerade ab den 1990er
Jahren beginnt die interdis­zi­plinäre Stadtforschung
wesentliche Impulse von den Kulturwissenschaften
zu erhalten. Letztere hatten bis in die 1980er Jahre
Kultur noch unter der Metapher »Kultur als Text«
subsumiert; ebenso wie in der Stadtforschung eine
fruchtbare Debatte um die Stadt als Text herrschte,
etwa in Arbeiten zur Lesbarkeit der Stadt am Beispiel von Graffiti (Ley/Cybriwsky 1974; Ferrell 1995;
Dickens 2008). In den 1990er Jahren bahnt sich ein
Perspektivwechsel an: »Die Metapher von ›Kultur als
Performance‹ begann ihren Aufstieg« (FischerLichte 2004, 36). Damit musste das Performative
nach Austin reformuliert werden, um das Körperliche mit einzubeziehen. Der Begriff der Aufführung
wurde durchdacht. Dies hat in der Folge für die
Stadtforschung große Konsequenzen. Aufführung
wird nicht als Repräsentation eines Skriptes gesehen,
sondern »als eine genuine Konstitutionsleistung«
(Fischer-Lichte 2004, 55). Das bedeutet gleichzeitig,
der Kontingenz von städtischen Performanzen
große Räume zuzugestehen. Städte sind nicht nur
makroperspektivisch durch die Analyse immer gleicher Strukturen oder Prozesse zu begreifen (Bridge
2008, 1581). Vielmehr entstehen Städte, städtische
Lebensweisen und städtische Räume genauso performativ. Dieses neue Denken eröffnet Möglichkeitsräume für neue Fragen der Stadtforschung, basierend auf der Einsicht: »Die Stadt erweist sich als
Brutraum des Performativen« (Hasse 2010, 74 f.).
Zugleich schärft sich der Blick dafür, dass städtische
Räume durch Performanzproduziert werden (Thrift
2006).
Im Prinzip kann eine performanztheoretische
Brille bei nahezu alle Themen der Stadtforschung
verwendet werden. Sowohl Performanzen der Inklusion oder Exklusion von Bewohnern, Immobilienbesitzern oder Geschäftsinhabern in Stadtteilen, die
Identitätskonstruktionen und Lebenswelten von
Stadtbewohnern, die Performanzen von Stadtpolitik
und Planung bei dem Entwurf oder der Umwetzung
politischer Programme oder Entscheidungsprozesse
der Standortwahl und Interaktionsmuster von
Dienstleistungsunternehmen sind denkbare Themen einer solchen Forschung. Die Performanztheorie bietet eine konzeptuelle Linse, um jede Form darstellerischen Handelns, sei es von Laien oder Experten, sei es im Bereich der Lebenswelt, der Wirtschaft,
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3. Urbanität, Urban Theory, Stadtentwicklung und ­Performanz
der Politik oder der Kultur zu erforschen. Viele Studien wenden sich dabei in der Stadtforschung vor allem den Konstruktionweisen von Rasse, Ethnie und
Identität durch öffentliche Aufführungen zu. So ist
zum Beispiel die Rassensegregation in den USA der
1960er Jahre nur möglich gewesen, weil es zur Stützung der Rassengesetzgebung vor allem im Süden
der USA Rituale und Performanzen gab, die öffentlich die Rassenpolitik nicht nur bestärkt, sondern
ebenso produziert haben. Steven Hoelscher untersucht dies am Beispiel der Nathez Pilgrimage. Er
kommt zu dem Ergebnis: »The culture of segregation that mobilized such memories, and the forgetting that inevitably accompanied them, relied on
performance – ritualized choreographies of race and
place, and gender and class, in which participants
knew their roles and acted them out for each other
and for visitors« (Hoelscher 2003, 677). Ebenso sind
performative Konstruktionen sexueller Identitäten
wie zum Beispiel die Sydney 2002 Gay Games aus
performanztheoretischer Perspektive untersucht
worden (Waitt 2006; Goebel 2006). Was diese Studien zu Rasse, Ethnie und Identität unter dem Blickwinkel der Performanztheorie eint ist, dass stets eine
wechselseitige Konstruktion der Kategorien (z. B.
Ethnie) durch Performanzen und performative urbane Räume analysiert wird. Durch die feinteilige
Analyse einzelner öffentlicher Events, Rituale oder
kleinräumiger Begegnungen werden größere Fragen
der Definition von Identität verhandelt. Das verweist dar­auf, dass Makro- und Mikroperspektive in
der Performanzforschung letztlich eng zusammen
gehören.
Gerade um die Voraussetzungen und Funktionsweisen des Makrokosmos Stadt zu verstehen, ist es
hilfreich, den Mikrokosmos alltäglicher Performanzen auf den Straßen und Plätzen, in den Nachbarschaftscafés, Geschäften oder Büroarbeitsplätzen zu
betrachten. Deshalb erreichen performanztheoretische Perspektiven derzeit eine besondere Tragweite
und analytische Tiefenschärfe in der Betrachtung
­öffentlicher Räume. So untersucht die britische Geografin Gill Valentine (2008) die Formen des Zusammenlebens in Städten unter den Bedingungen wachsender sozialer Ungleichheit und kultureller Diffe­
renz aus performanztheoretischer Perspektive. Sie
fragt in ihrem wegweisenden Aufsatz »Living with
difference« danach, welche Bedeutung Praktiken
und Performanzen der Begegnung von Fremden in
öffentlichen Räumen der Stadt für das Leben mit alltäglichen Differenzen aufweisen. Denn unter den
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Bedingungen der Weltgesellschaft ist davon auszugehen, dass die Differenzen der Bevölkerung in den
Städten stark zunehmen und das Leben mit diesen
Unterschieden eine der wesentlichsten kommenden
sozialen Her­ausforderungen in naher Zukunft darstellen wird (Hall 1993). Der Sozialanthropologe
Steven Vertovec diagnostiziert für Verhältnisse in
britischen Städten eine neue Form der super-diversity. Die alten einfachen Beschreibungen von Diversität reichen nicht mehr: »obversing ethnicity or
country of origin (the two often, and confusingly,
being used interchangeably) provides a misleading,
one-dimensional appreciation of contemporary diversity« (Vertovec 2007, 1025). Diversität ist diversifiziert worden: »Such additional variables inlcude
differential immigration statuses and their concomitant entitlements and restrictions to rights, divergent
labour market experiences, discrete gender and age
profiles, patterns of spatial distribution, and mixed
local area responses by service providers and residents« (Vertovec 2007, 1025). Es entstehen also neue
komplexe, soziodemografische und kulturelle Bedingungen in Städten durch die Versammlung vieler,
oft auch kleiner Gruppen von Menschen mit mehrfacher Herkunft, die transnational verbunden und
sozioökonomisch hoch differenziert sind.
Die Zunahme der Differenz bis zur Her­
aus­
bildung einer super-diversity in Städten hat manche
Stadtforscher bewogen, auf einen cosmopolitan turn
in Städten zu hoffen. Auch unter dem Begriff der
new urban citizenship wird die optimistische Frage
verhandelt, ob es neue Formen der In­te­gration von
Fremden auf der Basis städtischer Teilhabe und des
Austausches in urbanen öffentlichen Räumen im
21. Jahrhundert geben kann – und vor allem wie. Es
gibt demnach wachsende Debatten um die Voraussetzungen und Möglichkeiten einer an Toleranz bzw.
Respekt orientierten Begegnungskultur in Städten.
Gerade hier aber sind performanztheoretisch angeleitete Studien hilfreich und notwendig, um empirisch präzise das Zusammenleben zunehmend differenzierter Bevölkerungsgruppen zu untersuchen.
Gil Valentine warnt davor, zu optimistisch zu sein.
Sie trifft die wertvolle Unterscheidung zwischen einer hohen Rate an Begegnungen von Fremden im
öffentlichen Raum einerseits und wirklich bedeutungsvollen Begegnungen von Fremden im öffentlichen Raum andererseits, die tatsächlich zu wechselseitiger Anerkennung und Respekt beitragen. Wann
schlägt also eine flüchtige Begegnung zweier Fremder an einer Straßenecke in einen bedeutungsvollen
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Kontakt um, der die beiden Interaktionspartner
menschlich, sozial oder kulturell ein Stück näher
bringt? Valentine begreift nur letztgenannte Inter­
aktion als bedeutungsvollen Kontakt, als »›meaningful contact‹. By this I mean contact that actually
changes values and translates beyond the specifics of
the individual moment into a more general positive
respect for – rather than mere tolerance of – others«
(Valentine 2008, 325). Die positivistisch orientierte
sozialpsychologische Kontakttheorie im Anschluss
an Gordon Allport (1954) sieht sogar nur in Intergruppenfreundschaften das Potential, Vorurteile
und Stereotype über Mitglieder der jeweils anderen
Gruppe in Kontaktsituationen dauerhaft zu mindern
(Pettigrew u. a. 2007). Die positive Wirkung von
Kontakten im Sinne eines produktiven, konfliktfreien Lebens mit Differenzen ist mit dieser Feststellung letztlich äußerst voraussetzungsvoll.
So hat sich inzwischen eine reichhaltige Debatte
um eine neue Forschungsrichtung der geographies of
encounter entwickelt, die dar­auf zielt, diese Begegnungen zwischen Fremden aus der Perspektive von
Performanzen und als Situation zu deuten (Laurier/
Philo 2006; Clayton 2009; Dirksmeier/Helbrecht
2010; Gibson 2010; Andersson u. a. 2011; Leitner
2011; Matejskova/Leitner 2011; Wilson 2011; Valentine/Waite 2012). Genau hier kann auch eine performanztheoretische Bereicherung der Stadtforschung
große Früchte tragen. Denn die situative Auffassung
von Begegnungen als Performanzen und damit die
Offenheit und Anerkennung der Bedeutung vermeintlich flüchtiger Begegnungen im öffentlichen
Raum für das städtische (Zusammen)Leben bildet
eine notwendige Ergänzung der langen Tradition in
der Stadtforschung, die vor allem die langfristigen
Begegnungsformen bzw. Kontaktvermeidungsstrategien in Städten, wie z. B. die residenzielle Segregation von ethnischen Gruppen (Johnston/Poulsen/
Forrest 2007) oder Gentrification und sozialräum­
liche Mischung (Lees 2008; Helbrecht 2009) untersucht. Dauerhafte Wohnstandorte, persistente Muster der Begegnung und daraus resultierende Exklusionsprozesse standen bisher immer im Mittelpunkt
dieser Forschung. Aus der Perspektive der Performanztheorie wird nun eine neue Stadtforschung der
Begegnung möglich, die eine umfassende Analyse
des urbanen Lebens durch eine verstärkte Hinwendung zu den bisher wenig erforschten alltäglichen
und situativen Begegnungen in zu Teilen öffentlichen Räumen leisten kann, die einen bedeutenden
Teil des Lebens in Städten ausmachen (Domosh
Buch HB_Stadt.indb 294
15. Stadt und Performanz
1998). Solche Performanzstudien zu städtischen Begegnungen zielen auf »the vital work of urban life as
a series of transactions productive of myriad socialities: those under-researched, mundane moments of
togetherness that pattern everyday life« (Bell 2007,
19).
Bedeutend ist hierbei, dass entsprechend der performanztheoretischen Grundannahmen zum Beispiel soziale Positionierungen, Identitäten oder
Gruppenzugehörigkeiten erst als ein in der Situation
der Begegnung ausgehandeltes Gut erscheinen. Die
Mikrophänomene von Begegnungen als körperliche,
raum-zeitliche Ereignisse mit wirklichkeitskonstituierendem Charakter werden detailliert anhand einzelner Begegnungen im Café, an der Straßenbahnhaltestelle usw. untersucht (Dirksmeier/Mackrodt/
Helbrecht 2011). Doreen Massey hat die große Bedeutung dieser fast alltäglichen Situationen flüchtiger Begegnungen im Stadtraum einmal als »thrown
togetherness of place« bezeichnet (Massey 2005,
141). Dieses ›Zusammengeworfensein‹ der situativen Begegnungen erfordert einen genauen, detailorientierten Blick um zu untersuchen, ob es Praktiken der Inklusion, Transgression, Aggression usw.
sind, die in öffentlichen Räumen einer Stadt vorherrschen. So weist zum Beispiel Mona Domosh in
einer großartigen historischen Untersuchung der
Performanzen auf den Straßen New Yorks des
19. Jahrhunderts nach, dass die damaligen öffentlichen Räume weder pauschal als eine perfekte Urbanität im Sinne von Zugänglichkeit zu beschreiben
sind noch eine komplette Exklusionsituation von
zum Beispiel Frauen darstellen. Die Wahrheit liegt in
den Nuancen der Realität, dem Dazwischen: »But
what we can say is that these images point to how the
public streets of nineteenth-century New York were
neither the ›demoratic‹ spaces of an authentic urbanity nor completely manipulated and exclusionary.
A more nuanced analysis suggests that the metaphor
of theater might be more appropriate, but a theater
where scripts could be manipulated« (Domosh 1998,
223). Domosh zeigt mit ihrer feinteiligen, performanzinspirierten Analyse, dass grobe Theorien öffentlicher Räume der Stadtforschung die Sicht auf
die minutiösen Taktiken von Performanzen im öffentlichen Raumverstellen, die den selben überhaupt
erst herstellen und gestalten. »If we know how and
where to look, it seems we will find similar ›polite‹
politics being enacted everyday in our ›theme parks‹
that we now call our cities. […] But our theories of
public space and oppositional politics blind us to
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3. Urbanität, Urban Theory, Stadtentwicklung und ­Performanz
their potential force. Broadening our definitions of
politics to include a ›micropolitics‹ of complex and
contextual agency should direct our attention to the
›tactics‹ that many of us, who cannot afford the emotional and spatial distance required of an oppositional politics, embody in our everyday transgressions«
(Domosh 1998, 223 f.).
Erst der performanztheoretisch informierte, sozialwissenschaftliche Blick kommt zu einer realistischen Einschätzung der Begegnungsqualitäten öffentlicher Räume. Durch diese konzeptionelle Perspekive erlangen das Wechselspiel von darstellendem
Verhalten und der Räumlichkeit der Situation, die
kurzfristigen Gesten und Blicke, mitunter affektive
Reaktionen auf die Performanzen des Gegenübers
usw. ihre Bedeutung als eine Grundlage der Urbanität in der Weltgesellschaft (Thrift 2004, 74). Wir haben diese Art von Urbanität, die entsteht durch die
Performanzen im Stadtraum, »performative Urbanität« genannt (Helbrecht/Dirksmeier 2009, 71–72;
2011).
Öffentliche Räume in Städten sind in ihrer Nutzung, Lebendigkeit und Offenheit entschieden abhängig von der situativen Ausgestaltung und damit
den Performanzen der jeweils anwesenden Akteure.
Der Marienplatz in München ist ein anderer, ob zur
Zeit des Oktoberfestes oberbayerische Trachtenkleidungen die Oberhand gewinnen oder des Nächtens
im April eine versprengte Gruppe Jugendlicher den
Marienbrunnen als Treffpunkt mit Gitarre nutzt. Es
spricht viel für die These, dass eben nur jene Orte
wirklich als städtische Orte interessant sind, die über
eine performative Urbanität verfügen, also über eine
hohe Wandelbarkeit in ihrer Nutzung, ihrem Am­
biente, ihrem Publikum und ihrer Ausstrahlungskraft. Dieses zutheoretisieren und zu einem Verständnis von Urbanität zu gelangen, das mit der
Wandelbarkeit städtischer öffentlicher Räume und
Plätze rechnet, ist eine lohnende Zukunftsaufgabe
der Performanzforschung in der Stadt. Denn der
Kosmopolitanismus der Städte entscheidet sich auf
der Straße. Performanzinformierte Ansätze sind
hilfreich, um zu verstehen, wie performative MikroRäume öffentlicher Begegnungen hergestellt werden
und funktionieren. Ein Verständnis der Performanzen öffentlicher Begegnungen ist zwingende Voraussetzung für eine Stadtpolitik die dar­auf zielt, das Leben mit Differenz und super-diversity zu ermöglichen.
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3.3 Stadtpolitik und Performanzen
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Neben den Performanzen von Begegnungen im öffentlichen Raum und den sich daraus ergebenden
weitereichenden Folgerungen für In­te­grations- und
Identitätsfragen der Stadt und ihrer Bewohner, ist
ein zweites großes Feld der Performanzforschung in
Städten auf Fragen der Stadtpolitik fokussiert. Nigel
Thrift (2011, 11) beschreibt die gegenwärtige Ära als
dominiert durch einen Komplex der Sicherheitsund Unterhaltungsindustrie, der den fordistischen
militärisch-industriellen Komplex abgelöst hat. Eine
professionelle Vergnügungsindustrie von der Filmüber die Game- und Entertainment- bis zur Eventindustrie produziert Erfahrungen, Emotionen und Ereignisse für diverse Zielgruppen gerade in Städten.
Die alltägliche Lebenswelt wird durch eine professionelle, in­strumentell hergestellte Phänomenologie
umhüllt: »This is Lifeworld, Inc.« (Thrift 2011, 15).
Die professionelle Herstellung von Ereignissen impliziert, dass die Metapher des Theaters heute stärker gesellschaftliche Entwicklungen charakterisiert
als dieses zu Goffmans Zeiten der Fall war. »One
possibility is to argue that what we have arrived at is
a society characterized by a generalized theatricality« (Thrift 2011, 11). Auch wenn man argumentieren kann, dass wir generell einen Gesellschaftszustand erreicht haben, der von großer Theatrikalität
geprägt ist, so wird eben diese auch neu formatiert
durch Akteure wie Game-Designer oder Veranstalter großer Stadienshows usw. Die Vorstellungen von
Theater, Darstellung, Bühnencharakter und Aufführung haben sich in den letzten ca. 50 Jahren verändert.
In mindestens drei Feldern lässt sich eine neue
Theatrikalität politischer urbaner Diskurse identifizieren. Erstens ist im Bereich der Stadtplanung und
Stadtentwicklung eine neue Theatrikalität als »Festivalisierung« erstmals in den frühen 1990er Jahren
diagnostiziert worden (Häußermann/Siebel 1993).
Damals ging es vor allem um Großereignisse wie
etwa Weltausstellungen und Olympiaden, die von
Städten gezielt als In­strument der Stadtentwicklung
genutzt wurden. Diese Festivalisierung hat in den
letzten Jahren durch die Zunahme von Creative City
Politics noch einmal deutlich an Fahrt aufgenommen (Peck 2011). Denn nun stehen Städte vermeintlich weltweit unter dem Erfolgsdruck, sich als attraktive Orte für die Bedürfnisse der »kreativen Klasse«
attraktiv zu machen. Andreas Reckwitz (2009)
spricht in diesem Zusammenhang von einer »Selbst-
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kulturalisierung der Stadt«. Dar­unter versteht er:
»Die Städte – und das heißt, ihre dominanten Bewohnermilieus, ihre politischen Instanzen, ihre ökonomischen Organisationen und ihre medialen Inszenatoren – verstehen sich zunehmend selbst in
terms von ›Kultur‹, als ein Phänomen des Kulturellen« (Reckwitz 2009, 3).
Zweitens haben urbane Widerstands- und Protestbewegungen das Mittel von Performanzen zunehmend für sich entdeckt, um gesellschaftliche
Aufmerksamkeit, aber genauso Gemeinschaftserlebnisse zur Produktion von Solidarität innerhalb der
Protestierenden zu erzeugen. Juris (2008, 65) zeigt
am Beispiel diverser Gegengipfel in Barcelona und
Prag im Jahr 2000 und 2002, wie Protestformen als
inszenierte, emotionale Ereignisse Solidarität und
Gruppenidentität stärken. Protestbewegungen sind
zutiefst angewiesen auf die Herstellung körperlicher
Erfahrungen, Erlebnisse und Empfindungen der
Protestierenden, zum Beispiel während eines Protestmarsches. Gerade die Schaffung von Emotionen
wird von den Veranstaltern bewusst genutzt, um Aktivitäten, Teilhabe und Motivation zu stärken. Politischer Protest wird deshalb zunehmend als Performanzen in Städten aufgeführt, wo es zu direkten
Kontakten zwischen Protestierenden und deren Publikum kommt, die wiederum in beide Gruppen zurückwirken (Chatterton 2006).
Drittens sind künstlerische Performances und
Kunstfestivals zunehmend zu wesentlichen Bestandteilen urbaner Diskurse geworden (Quinn 2005).
Denn die Stadt als Lebensraum und Untersuchungsgegenstand lässt sich ehedem nicht allein durch die
Perspektive einer Dis­zi­plin begreifen. Experimentelle Explorationen des Städtischen, bei denen
Künstler, Aktivisten und Wissenschaftler zu Teilen
kooperieren, tragen zunehmend zu einer Bereicherung des Verständnisses von urbaner Kultur bei
(Pinder 2005, 387). Gerade die performativen
Künste helfen durch ihre Interventionen in Form
von Theaterstücken, Inszenierungen oder Graffiti,
Stimmungen im Alltagsleben von Städten und deren
Straßenleben zu erkunden und zu verändern. Dies
trifft ebenfalls auf höchst konfliktive räumliche
­Situationen zu. So zeigt Reid (2005) am Beispiel Belfast, wie eine Stadt, die aufgrund der politischen
Lage räumlich sektiert und segregiert ist, durch eine
künstlerische, performative Intervention geöffnet
werden kann. Eine andere Verhandlung von Raum
wird hier durch die Interventionen von Performance- Künstlern im Stadtraumsichtbar und mög-
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15. Stadt und Performanz
lich. Straßenkünstler provozieren verschiedene
Emotionen und Affekte wie Lachen und Empathie
im öffentlichen Raum, die sich im zufällig versammelnden Publikum zeigen. Straßenkünstler generieren mit ihren Performanzen somit erst bestimmte
zeitlich befristet existierende Gruppen und Stimmungen, die sich auf Räume und die Wahrnehmung
von Places auswirken (Simpson 2011).
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Fazit
Performanztheorien sind einerseits hochgradig anschlussfähig an klassische Positionen der Stadtforschung wie sie zum Beispiel Georg Simmel, Louis
Wirth oder Hans Paul Bahrdt entwickelt haben. Die
Betrachtung städtischer Lebensweisen als darstellendes Verhalten hat eine lange Theorietradition im
europäisch-amerikanischen Diskurs. Gleichzeitig
sind performanztheoretisch informierte Ansätze in
der Gegenwartsgesellschaft aufgrund der Zunahme
von Inszenierungen, Aufführen und Festivalisierungen sowohl im Alltagsleben urbaner Lebensstile wie
auf der Bühne städtischer Politiken ausgesprochen
hilfreich als analytischer Deutungsrahmen. Performanzen und Stadt zusammen zu denken, findet deshalb zunehmend Verbreitung in der Stadtforschung.
Zukünftig interessant und offen bleibt die Frage,
inwieweit ein performanztheoretisches Denken die
Sozialwissenschaften methodologisch und methodisch verändern wird. Dies betrifft zum einen den
Bedeutungsgewinn ebensolcher wissenschaftlicher
Methoden, mit denen sich Performanzen gut beobachten und interpretieren lassen. Hierzu gehört zum
Beispiel die Videoanalyse. Diese erlaubt durch das
Einfangen des Augenblicks, die Beobachtung der Sequentialität von Handlungen und die präzise Erfassung von Körpersprache und physischen Umgebungen ein neues Verständnis von sozialer Interaktion
(Heath 1997; Heath/Hindmarsh/Luff 2010). Reak­
tionen von Publika auf unterschiedlichste Performanzen können so auf Dauer gestellt werden. Die
bewegten Bilder lassen sich als Zeugen für unterschiedlichste Formen von Wissen, Verhalten, inkorporierten Praktiken oder Affekten und Emotionen
befragen, die bei den in der Stadtforschung herkömmlich verwendeten quantitativen und qualitativen Methoden empirischer Sozialforschung im Verborgenen bleiben (Lorimer 2010). Als zusätzlicher
Gewinn der videografischen Analyse von Perfor-
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4. Fazit
manzen in öffentlichen Räumen firmiert die Möglichkeit der Manipulation von Zeit auf dem Film.
Hier können Stunden zu Minuten werden, Tage zu
Stunden und diese Zeitkompression erlaubt anschließend die Analyse von Rhythmen der Orte und
Places unterschiedlichster Performanzen (Garrett
2011). Zum anderen ermöglichen performative Ansätze in der Forschung durch die Verwendung von
Performanzen, Mitteln der visuellen Kunst oder Musik durch den Forscher andere Umgangsweisen mit
dem Untersuchungsgegenstand sowie auch andere
Möglichkeiten der Präsentation von Forschungsergebnissen (Pratt 2004; Redwood 2008). So können
beispielsweise verschiedene affektive Reaktionen auf
unterschiedliche Street Performances als Atmosphären von Orten und Plätzen gedeutet werden (Anderson 2009), oder die zufällige körperliche Koinzidenz
der anwesenden Zuschauer provoziert bedeutungsvolle Begegnungen und Interaktionen zwischen
Fremden, die das urbane Moment prägen. Performanzen in der Stadt sind somit ein zentrales und
­lebendiges Forschungsfeld der Stadtforschung, das
diese selbst auch methodisch und methodologisch
in Bewegung bringt.
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08.07.13 09:02