Magazin Nr. 93

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Magazin Nr. 93
Web
www.heulermagazin.de
Heft No. 93 | kostenlos
Das Studentenmagazin der Uni Rostock
FLEISCH FETZT,
GEMÜSE ROCKT
Unfair 07
Dozenten-Willkür an der
Medizinischen Fakultät
Unverantwortlich 22
Mitarbeiter des Volkstheaters
im Stich gelassen
Ungezähmt 31
Sven Regener von Element
Of Crime im Interview
#
02
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Editorial
Das ist seit
dem letzten
Heft passiert
RÜCKR
SPIEPS
GELLEG
Zurückgetreten: Im letzten heuler berichteten wir von verhärteten Fronten zwischen dem Vorsitzenden des Allgemeinen
Studierendenausschusses (AStA) Christian Berntsen und dem Stu-
Gesa
Änne
W
inter und Tiefkühlkost sind out – frisch und knackig
ist in! Im Ressort Studentenleben nehmen wir deshalb studentische Essgewohnheiten und den Trend
zur umwelt- und tierfreundlichen Ernährung unter
dentINNenrat (StuRa). Der angekündigte Rücktritt Berntsens entpuppte sich als Schnellschuss und wurde schon kurze Zeit später
in Gesprächen relativiert. Der StuRa entschied, das Rücktrittsgesuch des Vorsitzenden nicht anzunehmen, und beteuerte formal
vor der Presse, dass er ihm sein »uneingeschränktes« Vertrauen
aussprechen und für eine bessere Zusammenarbeit eintreten wolle. Hierzu verabschiedete das Parlament ein »Selbstbekenntnis«,
in dem neben organisatorischen Dingen (der StuRa tagt nun alle
die Lupe. Im Dienste der Wissenschaft und des heulers untersuch-
zwei Wochen statt nur einmal im Monat) auch selbstverständli-
ten Johannes, Max, Yvonne und Mareike die Folgen des Fastens für
che Umgangsformen geregelt werden. So möchten die Mitglie-
Körper und Seele, während Andreas unter Einsatz seines Lebens
für euch Rostocks berüchtigtste Imbissbuden testete.
Auf dem Spiel steht seit Februar auch das Überleben des Volkstheaters: Die Schließung des Großen Hauses in der Doberaner Straße
war ein herber Rückschlag für die Rostocker Kulturlandschaft.
der des Gremiums beispielsweise persönliche Differenzen nicht
mehr in die Debatten hineintragen. Dies scheint jedoch nicht gelungen. Wer sich also die moderne Fassung von »Kabale und
Liebe« ansehen möchte, sollte dem StuRa beizeiten einen Besuch
abstatten. Infos zu den Terminen findet ihr auf www.asta.unirostock.de.
Unsere Autoren Paul und Steffie widmen sich im Ressort Politisches
Kulturwoche: Nach den Debatten über eine Abschaffung
den lokalpolitischen Hintergründen und eröffnen einen Blick ins
der Kulturwoche vor einem halben Jahr bereichern jetzt doch
Innenleben des Volkstheaters und der Menschen, die mit und von
der Kunst leben.
Weitaus positiver haben sich die Online-Bestrebungen des heulers
entwickelt: Mit Erscheinen dieser Ausgabe steht unser Online­
Auftritt unter www.heulermagazin.de zur Begutachtung bereit. Unter
Leitung von Elisabeth schreibt und illustriert die jüngst gegründete
Online-Redaktion bereits voller Tatendrang und sucht Mitstreiter. In
den altbekannten vier Ressorts und einer zusätzlichen Rubrik, die
sich Satirischem und Extravagantem widmet, berichten die Autoren
wieder altbekannte und neue Veranstaltungen den Studienalltag. Gut besucht war unter anderem der neu ins Programm aufgenommene Kunst- und Handwerksmarkt am 1. Mai. Studenten
verkauften günstig selbstgemachte Poster, Taschen, Buttons und
vieles mehr. Großer Andrang und leer gekaufte Stände legen
eine Wiederholung der Veranstaltung nahe. Kritik ernteten die
eingeführten Eintrittspreise für ehemals kostenlose Kult-Events
wie den Poetry Slam – zwar nicht viel, aber Kleinvieh macht
auch Mist.
Top-Heft: Beim diesjährigen Pro Campus-Presse Award belegte
der heuler den dritten Platz. Als Gewinn gab es neben einem
ab sofort aktuell und nah am Geschehen über alles, was Studenten
Sachpreis eine professionelle Heftkritik von Katharina Skibowski,
bewegt. Dort habt ihr außerdem die Möglichkeit, eure Meinungen
Chefredakteurin der Insight. Die erhaltene Kritik und die daraus
und Kommentare loszuwerden – schaut vorbei und macht mit!
folgenden Ideen und Anregungen versuchen wir nun umzusetzen.
Falls bei euch noch Wünsche offen bleiben, meldet euch bei uns:
[email protected]. Viel Spaß beim Stöbern!
Mail
[email protected]
[email protected]
3
INHALTSVERZEICHNIS
4
STUDENTENLEBEN
Universität
Titelthema
Gesund durch Fasten?
Medizinerleiden
Das Märchen von der
Prüfungsordnung
15
Fremde Federn
Interview mit Sven Regener
von Element Of Crime
08
Aufnahme?
09
Pizza danach
16
Vegane Woche
17
Imbisse in HRO
18
Mensa-Alternative oder
No-go-Area?
Pro/Contra
19
Volkstheater in
Aufruhr
Uni und Politik
28
Keine Werbung
28
Kommentar zur Arbeit des
StuRa-Wahlausschusses
Neues Wahlsystem in
der Diskussion
Demenzforschung an der
Uni Rostock
Deutschlandstipedium
Reine Elitenförderung?
10
25
Bericht aus dem Inneren
Niedrige Quote
Serie Wissenschaft
33
07
Achilles Verse
Wer schafft es an die HMT?
KULTUR
POLITISCHES
29
PSA-News
30
Politische Bildung
30
11
Roadtrip
Die Westküste der
Vereinigten Staaten entlang
20
Comic-Kultur
34
FiSH-Festival
36
Q-Tipps!
36
Das Leid in der
Kunst
37
Rezensionen
38
Literatur, Musik und mehr
Öko? Logisch!
Thea Riebe (Grüne Hochschulgruppe) im Interview
31
Postskriptum
42
Comic
42
Rätselseite
43
Illustration: Björn Giesecke und Annika Riepe
Foto: Michael Schultz
UNIVERSITÄT
6
Web
www.heulermagazin.de/uni
Von Medizinerleiden und Demenzforschung
D
Gesa, Ressortleitung
ie Medizin ist ein großes Feld, daher widmen wir ihr in diesem Heft gleich zwei Artikel:
Professor Jens Pahnke bringt uns auf den neuesten Stand der Forschung im Bereich der
Demenzerkrankungen. Der Fachschaftsrat Medizin forscht dagegen zurzeit an Ursachen und
Lösungen für das Problem von wahllosen Prüfungen. Wem bei so viel Forschung schon schwindelig
wird, findet vielleicht in unserem Artikel zur Hochschule für Musik und Theater einen Ausgleich.
Elite ohne Ordnung
Nase voll, Testatkarte leer: Nicht bestandene Prüfungen stellen zahlreiche Medizinstudenten
vor allem dann vor Probleme, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen. Wehren können
sie sich kaum – es gibt keine Prüfungsordnung. Abgelegte Prüfungen im Vorklinikum sind
damit bis vor den Widerspruchsausschuss der Universität anfechtbar.
Text
P
Gesa Römer und Michael Schultz
ia* hat es an diesem Nachmittag etwas eilig.
Es ist kurz vor 14 Uhr und die Medizinstudentin steht vor einer wichtigen Prüfung. Sie wiederholt
diese bereits zum zweiten Mal. Fällt sie durch, will
sie ihr Studium in Rostock nicht weiterführen. »Das
ist nicht mehr zu schaffen«, sagt Pia. Sie ist eine von
zahlreichen Studenten, die im Gebäude der Anatomie bis in den zweiten Stock die Treppe blockieren.
Wenn sich die Türen zum Prüfungsraum öffnen,
riecht es nach Formalin.
Pia studiert derzeit das zweite und vierte Semester
des Medizinstudiums parallel, denn einige Prüfungen muss sie wiederholen. Warum sie durchgefallen
ist, weiß Pia meist nicht. »Es gibt keine Auswertung.
Du weißt einfach nicht, was du falsch gemacht hast
– wenn du nicht gerade einen Blackout hattest und
es dir selbst erklären kannst.«
Knapp 30 Studenten aus dem Vorklinikum, dem ersten Abschnitt des Medizinstudiums, müssen ihre Prüfungen wiederholen. Die meisten von ihnen geben
dafür jedoch nicht einer schlechten Vorbereitung
die Schuld, sondern ihren Dozenten. Insbesondere
der stellvertretende Institutsdirektor der Anatomie,
Professor Norbert Ulfig, wird scharf kritisiert. »Ulfig
ist ein harter Hund«, sagt Pia. »Doch das ist nicht
das Problem. Mir ist klar, dass ich meine Leistung
bringen muss. Aber es kann nicht sein, dass sich ein
Dozent derartig über die Studenten stellt.«
Pias Prüfung zu den Eingeweiden, das Situs-Testat,
dauerte kaum fünf Minuten und endete mit der
Aussage Professor Ulfigs, er habe das heute schon
besser gehört, die Geprüfte möge doch bitte nach
Hause gehen. Für dieses Resultat hatte die Studentin zuvor drei Wochen in der Bibliothek verbracht.
Von morgens um 9 Uhr bis abends um 23 oder 24
Uhr. Zwischendurch mal ein Kaffee, eine Zigarette.
Die Willkür des Prüfers ist für sie blanker Hohn.
Pia weiß, dass sich eine Studentin gewehrt hat. Diese forderte nach einer nicht bestandenen Prüfung,
dass man ihr sagen müsse, warum sie trotz richtiger
Antworten durchgefallen war. Professor Ulfig ließ
sie die Prüfung wiederholen. Pia weiß jedoch auch,
dass sie selbst nicht die Kraft hat, für ihr Recht zu
kämpfen. »Ehrlich gesagt, bin ich nach einer derartig
ungerechten Prüfung einfach nur noch verzweifelt.«
Professor Ulfig sei ein »schwieriger Mensch. Entweder er mag dich, oder er macht es dir schwer«.
Beweisen können Pia und etliche andere Betroffene
die Vorwürfe nicht. Es gibt bei ihren Prüfungen keinen Beisitzer, kein Protokoll. Nur eine Notiz in ihrer
Testatkarte gibt Auskunft darüber, dass sie überhaupt
eine Prüfung abgelegt haben. »Diese Prüfungen
heißen bei uns offiziell Orientierungsgespräche«,
sagt Pia. Offenbar ist man sich am Institut bewusst,
dass ein Einzelgespräch mit einem Dozenten in keiner Weise den Vorstellungen von einer offiziellen
Prüfung an einer Universität entspricht. Dabei se-
» Bisher geleistete
Testate sind nicht
rechtsgültig «
Ben Pleban, AStA-Referent für Studium und Lehre
hen die Approbations- und Studienordnungen – die
Grundlage für das Medizinstudium – durchaus Beisitzer und Protokolle vor. Eine Universität, die ihren
Medizinstudiengang als besonders hervorragend
herausstellt, darf sich so etwas nicht leisten.
Fraglich ist auch, ob ein ironisch lächelnder Dozent,
der nach einer gescheiterten Prüfung mitteilt, dass
der erste Härtefallantrag nichts Schlimmes sei, weiterhin von einer nicht existenten Prüfungsordnung
gedeckt wird. Auch das musste Pia bei Professor
Ulfig erleben: »Ich dachte wirklich, das kann doch
nicht sein, dass dir nach einer Prüfung so etwas gesagt wird.« Protokolle und Beisitzer würden derartige Entgleisungen unmöglich machen und außerdem für Gerechtigkeit sorgen. Bevorteilungen und
Benachteiligungen wären nicht mehr möglich. >
7
Das Märchen von der gültigen
Testatordnung
Die Studienordnung für Humanmedizin
regelt unter anderem Prüfungsmodalitäten.
Dazu zählt, dass in mündlichen benoteten
Prüfungen ein vorgeschriebenes Protokollformular ausgefüllt werden muss. Um das Physikum, eine erste Abschlussprüfung innerhalb
des Medizinstudiums, antreten zu können,
sind Vorleistungen zu erbringen – der Student
muss seine Testatkarte mit bestandenen
Prüfungen füllen. Die Vorleistungen sind
bestenfalls schwammig in einer sogenannten
Testatordnung geregelt: Willkürlichen Prüfungen, besonders in der Anatomie, sind damit
Tür und Tor geöffnet. Der Fachschaftsrat der
Mediziner fordert eine rechtlich abgesicherte
Prüfungsordnung, die auch die Prüfungen vor
dem Physikum beinhaltet. Einen ersten Entwurf gibt es bereits vom Institut für Anatomie.
Dieser regelt jedoch weder den genauen Prüfungsablauf noch die Anwesenheit von Beisitzern oder Protokollanten. Die Testatordnung
ist derweilen nicht vom Senat der Universität
bestätigt und damit nicht rechtsverbindlich.
*Name von der Redaktion geändert
8
Der Fachschaftsrat der Medizinstudenten ist sich der
Problematik bewusst. Die schwierigen Prüfungsmodalitäten und unfaire Dozenten haben viele Studierende dort selbst erlebt. Versuche, gegen die
Testatordnung vorzugehen, scheiterten bislang am
Widerstand der Fakultät. »Wir kennen die Probleme
aus dem Vorklinikum. Gerne bieten wir den Studenten unsere Hilfe an, nur leider kommt niemand zu
uns«, heißt es aus den Kreisen des Fachschaftsrates.
Unterstützung erhalten Betroffene zumindest indirekt, denn auch hier äußert man deutliche Kritik an
Professor Ulfig. So heißt es, er prüfe »wahllos, zufällig und zum Teil sinnlos«. Dennoch scheint nicht nur
Professor Ulfig ein Dozent mit Makeln zu sein. So
komme es bei Dr. Christian Andressen auf die Tagesform an, welche Chancen Studenten hätten, ihre
Prüfung zu bestehen. Dem Institutsdirektor Professor Andreas Wree wird nachgesagt, er bevorzuge
insbesondere attraktive Frauen. Aktenkundig ist das
alles nicht und bestimmt kein Problem, dass es nur
bei den Medizinern gibt. Es wird aber dann prekär,
wenn niemand dagegen vorgehen kann.
Pia ist nicht zum Fachschaftsrat gegangen. Stattdessen wandte sie sich an den Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA). Der Referent für Studium und
Lehre, Ben Pleban, ging den üblichen Weg in einer
solchen Situation. Er informierte das Studiendekanat und sprach auch mit Professor Ulfig. Dieser gibt
sich studentenfreundlich, man könne jederzeit zu
ihm kommen. »Die Problematik mit der Prüfungsordnung scheint Professor Ulfig nicht so ernst zu
nehmen, wie es wünschenswert wäre«, fasst Ben
das Gespräch zusammen. Kapazitäten für Beisitzer
Prof. Ulfig gibt sich
studentenfreundlich
gebe es am Institut nicht, Prüfungsprotokolle könnten die Studenten selbst schreiben – soweit Ulfigs
Vorstellungen.
Dabei wäre eine Lösung denkbar einfach. Bis eine
Prüfungsordnung das Verfahren der Testate regelt,
könnten Studenten aus dem Klinikum den Beisitz
und das Protokoll bei Vorklinik-Prüfungen übernehmen. An der Universität Greifswald, wo es ebenfalls
keine Prüfungsordnung gibt, werden zumindest immer zwei Studenten gleichzeitig geprüft. Beschwerden über Dozenten-Willkür gibt es dort kaum.
Aber wollen die Rostocker Dozenten den Status quo
überhaupt ändern? Das würde wohl auch den Arbeitsaufwand mit den Prüflingen erhöhen, weil allerhand abenteuerliche Prüfungsmodalitäten dann
nicht mehr möglich wären. Derzeit gibt es bei Professor Ulfig sogar Anwandlungen von Quizshows:
Eine Gruppe von Studenten erhält drei Runden lang
Fragen. Wer nicht antworten kann, fliegt raus. Im
ACHIL
L
ES VER
SE
Probleme mit dem
Fachschaftsimage
Vor allem Medizinstudenten wissen nicht,
was ihre Fachschaft eigentlich macht oder gar,
Liebe Dozenten!
dass es sie überhaupt gibt. Höchstens als PartyOrganisatoren sind sie bekannt. Dabei werden
die legendären Mediziner-Partys nicht einmal
von der Fachschaft organisiert.
Die Fachschaft selbst sieht ihr Aufgabenfeld
in hochschulpolitischen Angelegenheiten,
der Kommunikation mit Dozenten und der
Unterstützung von Studierenden mit Problemen
oder Beschwerden. So wird es in diesem Jahr
beispielsweise einen »Tag des Dialoges« geben,
an dem der Austausch zwischen Studierenden
und Dozenten gefördert werden soll.
Web
www.fachschaft.med.uni-rostock.de
»günstigsten« Fall hat sich die Prüfung gleich mehrerer Studenten für den Prüfer so mit einer Frage
erledigt.
Auch Pias Freundin, die neben ihr steht, hat ihre
Wiederholungsprüfung einem solchen Quiz zu verdanken. Für jedes nicht bestandene Testat gibt es
einen Eintrag. »Professor Ulfig entscheidet offenbar
auch nach den Testateinträgen«, offenbart Ben Pleban. So äußerte der Mediziner ihm gegenüber, er
lasse die Leute lieber durchfallen, da sie den Stoff
sowieso nicht aufholen könnten. »Es ist wohl kaum
die Aufgabe eines Dozenten, über Konstitution und
Privatleben der Studenten zu mutmaßen«, so der
AStA-Referent.
Die Diskussion um die fehlende Prüfungsordnung
und ungültige Testat-Prüfungen könnte für die Medizinische Fakultät weitreichende Folgen haben. »Bisher geleistete Testate sind nicht rechtsgültig«, weiß
Ben Pleban. Würden Studenten der Medizin den
Beschwerdeweg gehen, müsste spätestens der Widerspruchsausschuss der Universität alle geleisteten
Prüfungen für ungültig erklären.
Pia hat ihr Testat erst einmal bestanden. Bis nach
17 Uhr hat sie gewartet, mehr als drei Stunden. Ihr
Prüfer war diesmal nicht Professor Ulfig. <
Nach dem Abi hörte ich immer
wieder Sprüche wie: »Die Stützräder an euren
Fahrrädern sind ab, ihr müsst von nun an alleine fahren.« Oder der Klassiker: »In der Uni
wird alles anders.« Endlich lernen, was mich
interessiert, selbst entscheiden. Mittlerweile bin
ich im sechsten Semester – und was ist? Ich
fühle mich wie in der 12. Klasse. Halten mich
denn hier alle für doof? Oder liegt es daran,
dass einige es wirklich sind? Wir sind nicht
mehr in der Schule, wo jeder Lehrer darauf
achten muss, dass alle seine 30 Schäfchen die
Prüfungen bestehen, sondern an der höchsten
Bildungseinrichtung. Da darf man doch wohl
auch verlangen, dass im Hauptstudium kein
Grundlagenwissen mehr beigebracht wird.
Und wer im Vertiefungsseminar Pädagogik
noch nicht weiß, was ein Gruppenpuzzle oder
Mind-Maps sind, der gehört eben einfach
nicht an eine Uni! Wir sind schon groß – und
wenn wir mit dem Fahrrad umfallen, müssen
wir auch alleine wieder aufstehen.
Sicherlich kann es passieren, dass weniger
Studenten in euren Seminaren sitzen, wenn ihr
das Niveau in den Bereich des universitären
Wissens erhebt – aber jene, die bleiben, sind
dann auch wirklich interessiert. Das heißt
nicht, dass ihr euch an naturwissenschaftlichen
Kollegen orientieren und die Vorlesungen
von nun an so mit Wissen vollstopfen sollt,
dass man es sich gar nicht leisten kann zu
fehlen. Wenn dagegen die Seminare einfach interessant und in angemessener Weise
anspruchsvoll wären, bräuchte niemand von
euch mehr Angst vor der »Abschaffung« der
Anwesenheitspflicht zu haben – dann würden
wir nämlich von alleine (und gerne!) zu euch
kommen. Danke! Eure Gesa <
Die Achilles Verse müssen nicht die Meinung der
Redaktion widerspiegeln. Schildert uns euer Problem
und wir veröffentlichen es – auch anonym.
Mail
[email protected]
Wer schafft es
ins Kloster?
Zum Semesterstart an der Hochschule für Musik und Theater heißt es
auch in diesem Jahr wieder für die Bewerber hoffen und bangen.
Text
A
Luisa Uchtenhagen und Mareike Götz
n unserer Universität kann man
sich für viele Lehramtsstudiengänge einschreiben: von Arbeit-Wirtschaft-Technik über Philosophie bis hin
zu Physik. Wer allerdings Musik unterrichten möchte, muss einen anderen
Weg einschlagen. Da reicht keine
einfache Bewerbung, nein, die angehenden Lehrer(innen) müssen sich
zunächst einer Eignungsprüfung an
der Hochschule für Musik und Theater
(HMT) unterziehen. Einer der Bewerber für das Sommersemester 2011
war Michael Nehmiz aus Hamburg.
Wir trafen ihn am zweiten Tag der
Aufnahmeprüfungen, als er gerade
mit den anderen Kandidaten in einer
kleinen, familiär wirkenden Runde
frühstückte. Anders als ein paar seiner Mitbewerber hatte er bereits all
seine Prüfungen hinter sich gebracht
und so fiel langsam auch die Anspannung der vergangenen Tage von
seinen Schultern. Am Vortag hatte er
die schriftliche und die mündliche
Musiktheorieprüfung überstanden.
Bereits hier hatten einige andere nicht
überzeugen können und ihre Taschen
packen müssen. »Das ist ein bisschen
wie DSDS hier«, stellte Michael fest,
»man fragt sich die ganze Zeit: Ist
man weiter oder nicht?« Wer jedoch
wie der Hamburger beides gut überstanden hatte, durfte sich gleich am
selben Abend noch in einer Gruppenleiterprüfung behaupten. Erst am
darauffolgenden Tag ging es dann
ans Eingemachte, als die praktischen
Prüfungen anstanden. Jeweils eine
im Hauptfach und in zwei gewählten
Nebenfächern.
Die Bewerbungen erreichen aber
nicht nur das Institut für Schulmusik,
sondern auch das Institut für Schauspiel und jenes für Musik. Dort fällt
besonders die hohe Dichte an ausländischen Studenten auf. Auch zu diesem Sommersemester bewarben sich
wieder doppelt so viele ausländische
Bewerber am Institut für Musik wie inländische. Unsere junge Hochschule
lockt mittlerweile Studenten aus über
50 Ländern an. »Deutschland gilt unter allen europäischen und internationalen Ländern als das Musikland«,
erklärt Professor Petersen, Institutssprecher. Deswegen sei der Anteil der
ausländischen Studienbewerber an
allen 26 deutschen Musikhochschulen ebenso hoch.
Wir verdanken also Bach, Beethoven und Händel diesen anhaltenden
Ruhm. Aber auch sonst hat die HMT
einige Vorzüge gegenüber den anderen Hochschulen. »Der Hochschulruf
setzt sich aus mehreren Komponenten zusammen. Einerseits aus dem
­ erbleib der Absolventen, andererV
seits aus dem Ruf des Lehrkörpers«,
informiert Petersen. So wurden nicht
nur die erste Staatskapelle in Weimar
und der Konzertmeisterposten der
Wiener Philharmoniker mit Rostocker
Absolventen besetzt, auch die Berliner
Staatskapelle bezieht ehemalige Studenten. Neben den hervorgebrachten
Namen punktet zudem der Standort:
Es fallen keine Studiengebühren an,
das liebliche Gekreische der Möwen
entzückt täglich und auch die Räumlichkeiten der Hochschule überzeugen.
Die ausländischen Bewerber unternehmen vermehrt einen Bewerbungsmarathon. Viele bereisen Deutschland
für mehrere Wochen, nehmen vor den
Prüfungen Sprachunterricht und fahren anschließend die einzelnen Prüfungstermine an. In Rostock wird erst
im Hauptfach geprüft: Wenn dieses
bestanden ist, folgen Prüfungen in
Tonsatz, Gehörbildung und im Pflichtfach Klavier. An den zweiten Teil ist
auch eine Deutschprüfung gebunden,
sofern die Prüfer dies als nötig erachten.
Es lässt sich also erahnen, welcher
Druck auf den Schultern der Bewerber lastet. Eine schnelle Antwort ist
in jedem Fall erwünscht. Michael
bekam bereits zwei Tage nach seiner
Bewerbung den Bescheid, dass er
angenommen wurde. Seine einzige
Sorge war nur noch, ob sein Abiturdurchschnitt reichen würde, um an
der Philosophischen Fakultät der Universität Rostock angenommen zu werden. Bisher hätten es allerdings immer
alle Bewerber geschafft, einen Platz in
den Lehramtsstudiengängen zu bekommen, erzählte Margitta Grimmel,
Leiterin des Studentensekretariats.
»Es gibt eine Sonderquotenregelung
für die HMT«, verriet sie. So müssen
gesetzlich vorgeschrieben rund 25
Studienplätze in den Lehramtsstudiengängen für Bewerber der Hochschule
freigehalten werden. Falls sich zu viele
Studenten bewerben würden, wäre
außerdem nicht die Abiturnote das
entscheidende Kriterium, sondern die
Leistung in der Zulassungsprüfung der
HMT. Diese Situation sei jedoch noch
nie eingetreten, so Grimmel. Wer also
die anspruchsvolle Prüfung der Hochschule für Musik und Theater besteht,
dem steht die Uni nicht im Weg. <
2001 zog die HMT in die ehemaligen
Klosterräume des Katharinenstiftes.
Foto: Mareike Götz
9
Serie
Wissenschaft an der Uni
Demenz betrifft alle
Neben den zunehmenden Naturkatastrophen und Atom­
unfällen steht die Menschheit vor einer weiteren sozioökonomischen und medizinischen Herausforderung: Demenz.
Text
10
Grafik: Caroline Heinzel
I
1–4: Amyloid-Plaques (braun) in einer
»95-jährigen« Maus (300 Tage alt)
5: Amyloid-Plaques (rot) werden von
Fresszellen angegriffen (braune Strukturen)
Fotos: Jens Pahnke
PROF. JENS PAHNKE
n der westlichen Welt wächst die Anzahl von
Demenzpatienten stetig. Im Jahre 2050 wird
sie die derzeit unvorstellbare Summe von bis
zu 360 Million Patienten erreichen. Allein in
Deutschland wird dann die Hälfte der Einwohner
älter als 60 Jahre sein. Dazu zählen auch die
heutigen Studenten.
Demenzerkrankungen gehören zur Gruppe der
degenerativen Hirnerkrankungen und treten schon
ab einem Alter von 50 Jahren auf. Die häufigste
Demenzerkrankung, von der etwa zwei Drittel der
Patienten betroffen sind, ist die Alzheimer-Demenz
mit Amyloidablagerungen, gefolgt von der LewyKörperchen-Demenz mit Lewy-Körperchen (20
Prozent) und der vaskulären Demenz mit gefäßbedingten Hirnveränderungen. Oft treten aber auch
Mischformen dieser Erkrankungen auf.
Neben den weitläufig bekannten Störungen der
Gedächtnisleistung hat Demenz vor allem Koordinationsprobleme, Sprach- und Sprechprobleme,
Schwierigkeiten beim Ausführen komplexer Handlungen sowie des Tag-/Nachtrhythmus zur Folge,
was zu weitreichenden Komplikationen mit den betreuenden Angehörigen oder Pflegediensten führt.
Trotz umfangreicher Forschungen in den letzten
25 Jahren ist die Ursache nur bei weniger als
1 Prozent aller Alzheimer-Patienten bekannt – den
erblichen oder familiären Arten. Bei den restlichen
99 Prozent der Erkrankten, die an der sogenannten
sporadischen Form leiden, konnten bisher keine
genetischen Veränderungen in den Alzheimer-Genen APP, PS1und PS2 gefunden werden. Das Forschungslabor für Neurodegenerative Erkrankungen
der Klinik für Neurologie in Gehlsdorf beschäftigt
sich intensiv mit der Erforschung der Ursachen und
der Behandlung dieser Art der Demenz. Bei Alzheimer-Patienten finden sich Ablagerungen eines 40
bis 42 Aminosäuren großen Peptids als Aggregate
im Gehirn, sogenannte Alzheimer-Plaques. Diese
Plaques und deren Vorstufen stören zuerst nur die
Funktion der Nervenzellen, führen jedoch durch
langsame, aber kontinuierliche Zunahme zum
Nervenzelltod und zur Ausbildung der klinischen
Symptomatik.
Aktuelle Ergebnisse des momentan 21-köpfigen
Teams konnten erstmalig zeigen, dass die BlutHirnschranke eine enorm wichtige Funktion für den
Abtransport und die Ausschleusung des toxischen
Amyloids aus dem Gehirn spielt. Die an ihr vorhandenen Transportmoleküle können durch spezifische,
medikamentöse Aktivierung in Mausmodellen die
Bildung der Alzheimer-Plaques verzögern oder sogar verhindern. Ein neu entdecktes Transportmolekül mit der bisher größten Transportkapazität für das
Amyloid spielt hierbei eine entscheidende Rolle, da
dieses bei Funktionsverlust zu einer bis zu 14-fachen
Menge von Amyloid im Gehirn von Mäusen führt.
Dieser Transporter ist aber von der Energieproduktion in den Mitochondrien der Hirnzellen direkt abhängig. Bekanntermaßen nimmt die Leistung der
Mitochondrien aufgrund der Ansammlung von Mutationen mit zunehmendem Alter stetig ab und wird
deshalb als ursächlich für altersbedingte Erkrankungen betrachtet. Mittels neuer Mausmodelle konnte
kürzlich die Verbindung von Alterung, mitochondrialer Funktion, Aktivität von Transportmolekülen
und den Fresszellen des Gehirns, der Regenerationsbeeinträchtigung von Hirnstammzellen und der
nachfolgenden Ausbildung einer Alzheimer-Demenz
nachgewiesen werden. Da die derzeit verfügbaren
Medikamente nur bei der Hälfte der Patienten für
maximal sechs Monate eine positive Wirkung zeigen, besteht ein weiteres innovatives Forschungsfeld in der Suche nach neuen Wirkstoffen. Hierzu
werden weltweit Pflanzen gesucht, denen durch
die lokale Bevölkerung eine Demenz-reduzierende
Wirkung zugesprochen wird. Aus diesen Pflanzen
(Blüten, Blätter, Stängel oder Wurzeln) werden mittels verschiedener Auszugsmittel Trockenextrakte
erzeugt und an den Alzheimer-Mausmodellen im
Labor durch Gedächtnistests evaluiert. Aktuell stehen verschiedene Sideritis-Spezien aus den Bergen
Griechenlands im Fokus der genauen funktionellen
Evaluation, da diese wesentliche Verbesserungen
der Gedächtnisleistung in mehreren Experimenten
zeigten.
Wichtig ist jedoch die frühe Erkennung der alzheimerschen Erkrankung, da bei fortgeschrittenem
Nervenzelltod mit nur eingeschränkter Wirkung
von vorbeugend einsetzbaren Stoffen gerechnet
werden kann. Deshalb wird in einem weiteren
Projekt an der Entwicklung von Bio- und Detektionsmarkern zur Frühdiagnostik von Demenzen
gearbeitet. Hierbei spielt auch die Bildgebung von
Amyloid-Ablagerungen durch den Schädelknochen
hindurch eine zentrale Rolle, die zukünftig mittels
Spezialfarbstoffen und Hand-Detektor invasionsfrei
die Amyloid-Menge im Gehirn bestimmen soll.
Alle diese Arbeiten sind nur in enger internationaler Kooperation mit verschiedenen Fachgebieten (Neurowissenschaften, Molekularbiologie und
Informatik) möglich. So herrscht ein reger personeller und intellektueller Austausch mit dem Yerkes Primate Research Institut in Atlanta (USA), dem
Center for High-throughput Biology in Vancouver
(Kanada), dem Center for Molecular Biology and
Neuroscience in Oslo (Norwegen) und dem Karolinska Institut in Stockholm (Schweden). <
Prof. Jens Pahnke, European Fellow in Neuropathology, ist Leiter des Neurodegeneration
Research Laboratory an der Klinik für Neurologie und der Biomarker- und Autopsiestudien
des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative
Erkrankungen an der Universität Rostock. Gemeinsam mit seinen 20 Mitarbeitern erforscht er
Ursachen und neue Behandlungsstrategien der
Alzheimer-Demenz.
Web
www.nrl.uni-rostock.de
Deutschlandstipendium –
Ein Konzept geht
nach hinten los
Das sogenannte Deutschlandstipendium wird ab
Sommer eine neue Stipendienstruktur begründen, so
auch an der Uni Rostock. An Konzept und Ausführung
gibt es jedoch einiges zu bemängeln.
Text
FABIAN NEHRING
Frau Schavan auf halb acht: Das Konzept des
Deutschlandstipendiums scheint bei genauerer
Betrachtung nicht ganz durchdacht.
Foto: BMBF/Chaperon
A
b kommendem Semester sollen an der
Universität Rostock die sogenannten
Deutschlandstipendien eingeführt werden,
mithilfe derer bundesweit Studierende mit monatlich 300 Euro gefördert werden. Insgesamt
68 Stipendien stehen an unserer Universität
zur Verfügung. Die Fördersumme kommt dabei je zur Hälfte von privaten Geldgebern und
aus den Kassen des Bundesministeriums für
Bildung und Forschung
(BMBF). Letzteres legt
die Anzahl der zu vergebenden Stipendien jedes
Jahr neu fest, perspektivisch soll sie auf insgesamt
8 Prozent aller Studierenden ausgedehnt werden. Bei
circa 15.000 Rostocker Studierenden wären das 1.200 Deutschlandstipendien, die die Universität
vergeben könnte. Aus Mangel an Mitteln
für das Programm wurde für das Jahr 2011
allerdings zunächst eine deutschlandweite Förderobergrenze von 0,45 Prozent festgelegt. Um
dies ausweiten zu können, wird es unter anderem Änderungen im BAföG geben. So wird etwa
der Teilerlass des Ausbildungsdarlehens für die
besten Absolventen gestrichen.
Das ursprünglich von Annette Schavan als Eliteförderkonzept geplante Deutschlandstipendium
ist nach Interventionen des Bundesrates in seinen Förderzielen nun etwas weiter gefasst als
ursprünglich geplant. Auswahlkriterien sind laut
Stipendiengesetz noch immer »Begabung und
Leistung«, aber auch »gesellschaftliches Engagement, die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, oder besondere soziale, familiäre oder >
11
InkoNsequentes
UND UNGERECHTES
SYSTEM
D
as Deutschlandstipendium ist das, was
es nach dem Willen der Bundesregie-
rung sein soll: ein Elitenförderkonzept. Dass
auch soziale Kriterien Teil der Vergabeauswahl sein sollen, ändert daran im Grunde
genommen nichts. Das Stipendium kann prinzipiell jeder bekommen, auch derjenige, der
es eigentlich gar nicht benötigt, weil er selbst
12
über genügend Geld verfügt. Sollte es dagegen
tatsächlich mal an jemanden gehen, der das
Geld braucht, weil er kein BAföG bekommt
und keine reichen Eltern hat, dem genügen
auch 300 Euro bei Weitem nicht zum Leben.
Auch die immer größer werdende Nähe
zwischen Wirtschaft und Universität missfällt
mir, schon jetzt sind die Konsequenzen
ersichtlich: Gefördert wird, was Geld bringt.
Gerade die Geisteswissenschaften stehen da
hintenan. Dass das Bundesministerium für
Bildung und Forschung selbst nicht wirklich
vom eigenen Konzept überzeugt ist, sieht
man an den geringen Mitteln, die zur Verfügung gestellt wurden. Was vom Deutschlandstipendium bleibt, ist
der hohe Verwaltungsaufwand für
ein inkonsequentes
und ungerechtes
Stipendiensystem.
Text
FLORIAN FRÖHLICH, 4. Semester Politik
Illustrationen: Caroline Heinzel
persönliche Umstände, die sich beispielsweise aus
der familiären Herkunft oder einem Migrationshintergrund ergeben«. Eine genaue Gewichtung der
einzelnen Punkte ist nicht festgelegt, hier können die
Universitäten selbst gestalterisch tätig werden. Für
den Verwaltungsaufwand, den die Vergabe der Stipendien mit sich bringt, erhalten sie zusätzlich eine
Pauschalzahlung vom BMBF. Allerdings ist diese mit
circa 94 Euro pro Stipendiat und Jahr vermutlich
nicht kostendeckend, denn gerade soziale Kriterien
sind schwierig zu prüfen und erfordern eine genaue
Beschäftigung mit den Bewerbern, die die Universitätsverwaltung nur schwer leisten kann. Auch die
bisher geringe Anzahl der ausgeschriebenen Stipendien trägt nicht zur Effizienz der Vergabe bei, zumal
mit einem sehr hohen Andrang von Antragstellern
zu rechnen ist.
Hinter vorgehaltener Hand wird innerhalb der Universitätsgremien außerdem die geringe fachliche
Qualität bemängelt, mit der das Ministerium die Vergaberegelungen erstellt hat. So sollen beispielsweise
erlangte Leistungspunkte nach dem European Credit
Transfer and Accumulation System, also sogenannte ECTS-Punkte, als Indikator für eine besondere
Eignung zur Förderung gelten. Das schließt an der
Universität Rostock den hohen Anteil an Studierenden
generell aus, die keine Credit-Points erhalten, so etwa
sämtliche Lehramts-Studierende. Auch sind die ECTSPunkte nur schwerlich geeignet, um herausragende
Leistungen zu bescheinigen, da man sie unabhängig
von den erzielten Noten schlicht für abgeleistete Module bekommt. Laut Regelung des Bildungsministeriums sollen also diejenigen Studierenden bevorzugt
ein Stipendium erhalten, die bereits am meisten Prüfungen abgelegt haben – und nicht jene, die dabei
die besten Ergebnisse erzielen konnten.
Insgesamt gibt es am Deutschlandstipendium noch
einiges mehr zu kritisieren. So ist es trotz aller Beteuerungen aufgrund seiner Auswahlkriterien noch immer
ein Elitenförderprogramm. Damit widerspricht es dem
im Rahmen des Bildungsstreiks 2009 beschlossenen
Forderungskatalog der Rostocker Studierendenschaft. Weiterhin ist noch nicht geklärt, ob die 300
Euro Mehreinkommen eines Stipendiaten Einfluss
auf seinen Berechtigungsstatus zum BAföG-Empfang
haben. Momentan versucht die Universitätsleitung in
dieser Frage Rechtssicherheit zu schaffen, eine endgültige Klärung gab es aber bei Redaktionsschluss nicht.
Letztlich ist das Deutschlandstipendium nicht einmal
besonders attraktiv für die vielzitierte »Elite«, gibt es für
diese doch wesentlich höhere Stipendiatenprogramme hauptsächlich von privaten Förderern.
In Anbetracht des hohen Aufwands in der Verwaltung
bei nur wenigen zu vergebenden Stipendien, angesichts der Unklarheiten bezüglich der Beeinträchtigung von BAföG-Zahlungen und der Ablehnung
der Studierendenschaft gegenüber Eliteförderpro-
EINE GUTE
ALTERNATIVE
I
ch finde, das Deutschlandstipendium hat
viele positive Seiten. Nicht jeder kann
es sich leisten zu studieren oder bekommt
BAföG. Für diejenigen ist das Deutschlandstipendium eine gute Alternative, da es unabhängig von den Eltern gezahlt wird. Auch
dass dabei nicht nur die Elite gefördert wird,
sondern auch soziale Themen und persönliches
Engagement zählen, ist wichtig und richtig.
Und ich halte es für gut, wenn mit 150 Euro
auch die Wirtschaft einen Beitrag zu gut
ausgebildeten Fachkräften leistet und Verantwortung übernimmt. Gute Beispiele dafür,
dass Stipendiatenprogramme funktionieren
können, sind etwa die USA oder Japan. Von
daher glaube ich, dass sich das Konzept auch
in Deutschland durchsetzen wird. Natürlich ist
eine Förderquote von 0,45 Prozent nicht gerade
hoch, aber ich sehe das eher als einen Einstieg,
um das System zu testen. Am Anfang gibt es
oft Startprobleme bei neuen Konzepten, aber
ich denke, dass es durchaus
möglich ist, insgesamt für
8 Prozent der Studierenden bundesweit Stipendien zu stiften. Insgesamt
eine gute Idee, die
unterstützenswert ist.
Text
Jasmin Holst, 6. Semester Germanistik
grammen wäre es vielleicht zweckmäßig gewesen,
vorläufig auf die Einführung des Deutschlandstipendiums an der Universität Rostock zu verzichten.
Zumindest hätte man so lange warten können, bis
eine größere Anzahl von ausgeschriebenen Stipendien die damit verbundene Arbeit rechtfertigt oder
wenigstens die fachlichen Fehler der Stipendienverordnung durch das BMFB behoben wurden. Das
Rektorat wollte die Einführung und Vergabe jedoch
schnellstmöglich forcieren, um damit nicht hintenanzustehen. Es bleibt abzuwarten, wie sich das Ganze
weiterentwickelt. <
Web
www.deutschland-stipendium.de
Foto: Paul Fleischer
STUDENTENLEBEN
14
Web
www.heulermagazin.de/studentenleben
Prost Mahlzeit!
B
Änne, Ressortleitung
ewusste, umwelt- und tierfreundliche Ernährung ist im Mainstream angekommen. Der
heuler ist dem Trend einen Schritt voraus und geht »back to the roots« – mit einem
Imbissbuden-Test. Da auch das Fasten mittlerweile Hochkonjunktur hat, haben einige
unserer Autoren verschiedene Fasten-Philosophien im Dienste der Wissenschaft und des heulers
ausprobiert. Das Prinzip ist jedoch immer dasselbe: bewusst auf etwas zu verzichten.
Schnapsideen – meist nehmen sie kein gutes
Ende. Bei uns führte eine solche allerdings
zu zwei beziehungsweise vier Zentimetern
weniger Bauchumfang und über einem Kilo
Körpermasseverlust. Wie wir in nur sechs Tagen
zu diesem erstaunlichen Resultat kamen, wie wir
uns dabei fühlten und was Kaugummikauen damit
zu tun hat, erfahrt ihr hier.
Text
H
MAXIMILIAN BERTHOLD UND JOHANNES KRAUSE
eilfasten, das bedeutete in unserem Fall: Verzicht auf feste Nahrung sowie Tabak, Alkohol,
Süßigkeiten und Milch. Übrig blieben damit lediglich Saft, Brühe, Tee und Wasser. Zur Erprobung
unserer Selbstdisziplin wider die Überflussgesellschaft hatten wir uns für diese drastische Form der
Entbehrung entschieden. Neben dem Test unserer
mentalen Stärke waren aber auch die Auswirkungen auf Körper und Geist von Interesse. Um eine
möglichst umfangreiche Bilanz unserer Entwicklung
ziehen zu können, wogen wir uns während des Fastens zwei Mal täglich und
notierten sorgsam alle
konsumierten Kalorien.
Außerdem wurden diverse Körperstellen-Umfänge vermessen und Fitnesstests absolviert. Als
es also endlich begann,
lehnten wir uns zurück,
ließen den Körper Körper sein und befreiten
uns von jeglichen Verpflichtungen in Sachen Nahrungsaufnahme und Verdauung.
Zugegebenermaßen plagten uns beide schlimmste
Befürchtungen zum Verlauf des Hungerns: Würden
uns hinterhältige Fantasien heimsuchen, würde gar
der Kühlschrank zu uns sprechen? Da wir jedoch
noch frischen Geistes und voller Energie waren,
ging der erste Tag gut vorüber. Der zweite sah da
schon ganz anders aus ... Aufstehen mit
einem leicht knurrenden Magen und das
Warten bis zum offiziellen Wiege-Termin hoben nicht gerade unsere Laune. Zwar konnte dann
mit einem »ausführlichen« Frühstück, bestehend aus
Saft und Brühe, das erste Hungergefühl beseitigt
werden, doch der Zahn des Darbens nagte weiter.
Um am Ende der Woche nicht komplett aller Muskeln beraubt zu sein, hatten wir uns vorgenommen,
jeden Tag einige Übungen zu machen, die den
katabolischen Kräften unseres Körpers entgegenwirken sollten. Tatsächlich
klappte das anfangs auch
ganz gut und machte sich
sogar an unserem Gewicht
bemerkbar – was sich wiederum sehr positiv auf unsere Motivation auswirkte.
Ab dem fünften und damit
vorletzten Tag der Fasterei wurde das Verlangen,
etwas Kaubares zwischen
die Kiefer zu bekommen, jedoch immer stärker.
Zum Glück waren wir in einem Punkt vorgewarnt:
Kaugummikauen wäre nämlich nur eine kurzsichtige Lösung gewesen, da durch die ausbleibende
Nahrung im Magen der Hunger umso größer
wird. Es half also nur das sprichwörtliche ZähneZusammenbeißen. Immer schlapper fieberten wir
der Stunde unserer Erlösung entgegen.
Würden uns hinterhältige Fantasien
heimsuchen, würde
gar der Kühlschrank
zu uns sprechen?
Illustration: Hannes Falke
Sechs Tage
Flüssignahrung
Dann war es so weit: Am sechsten Tag durften wir
endlich mit unserer Selbstgeißelung brechen. Die
Bilanz konnte sich wirklich sehen lassen: Max, der
durchschnittlich 330 Kilokalorien pro Tag zu sich
genommen hatte, brachte 2,1 Kilogramm weniger
auf die Waage als zuvor, hatte aber seine Aktivitäten auch weitestgehend eingeschränkt. Johannes
verlor bei täglich 1.000 Kilokalorien nur 1,4 Kilogramm, hatte aber während des Fastens auch
zwei Trainingsläufe absolviert und leichten morgendlichen Frühsport praktiziert. Die vier Zentimeter weniger am Bauch waren ein zusätzlicher Trost
und sportlich waren wir beide ohnehin am Ende
genauso leistungsfähig wie zu Beginn.
Die folgende Woche, während der unsere Ernährung wieder jener eines Durchschnittsstudenten
entsprach, sorgte dann für eine jähe Rückkehr
der trägen Masse. So waren wir alles in allem zwar
um den verbreiteten Irrtum leichter, Fasten allein
stelle eine effiziente Abnehmmethode dar, hatten jedoch gleichzeitig die Erfahrung gewonnen,
dass die erste Mahlzeit nach der Entbehrung nicht
automatisch sämtliche Geschmacksknospen zur
Ekstase bringt. Unser Fazit: Damit uns bloß nicht
so schnell die Schnapsideen ausgehen, füllen wir
die verbleibenden paar Gramm lieber schnell mit
feinstem Rostocker Pils auf. Prost! <
15
Egal, welche Hintergründe das Fasten für das jeweilige Individuum besitzt,
die Prozesse, die dabei im menschlichen Körper ablaufen, sind weitestgehend
für alle gleich. Doch was passiert wirklich im Organismus, wenn man ihn
absichtlich in den Hungerzustand versetzt?
V
16
orweg sei gesagt: Für den Stoffwechsel ei-
tivität) unterschiedlich. Der damit einhergehen-
nes Menschen existiert kein Unterschied
de Gewichtsverlust kann in den ersten Tagen bis
zwischen einer längeren Phase des (ungewollten)
zu 1 Kilogramm betragen, pendelt sich danach
Hungers und des Fastens. Wird dem Körper
aber bei circa 500 Gramm pro Tag ein.
nicht mehr ausreichend Energie in Form von
Dieser Stoffwechselweg ist für den Körper
Nahrung zugeführt, stellt sich der Stoffwechsel
jedoch keineswegs der optimale. So treten zahl-
verstärkt auf Katabolismus um, schaltet also
reiche unerwünschte Nebenerscheinungen wie
quasi auf Sparflamme und greift gleichzeitig auf
ein Absinken des pH-Wertes des Bluts auf, der
vorhandene Reserven zurück. Dies geschieht au-
Körper beginnt also zu übersäuern. Weiterhin
tomatisch, wenn die durch Nahrung zugeführte
senkt sich der Energieverbrauch der Organe
Energie nicht mehr ausreicht, um alle Körper-
(beim Gehirn auf 30 Prozent des Ausgangs-
funktionen aufrechtzuerhalten und somit den
wertes) und der Kreislauf wird herabreguliert.
Ruheumsatz des Organismus zu decken. Was
Daher sollten generell nur Menschen fasten, die
folgt, ist die sogenannte Hungeradaption.
körperlich fit und gesund sind. Es eignet sich
Anfangs kann dabei die benötigte Energie noch
außerdem nicht als Methode zur Gewichtsre-
aus den Glykogenreserven der Leber und der
duktion, da der Körper nach dem Fastenbrechen
Muskeln gewonnen werden. Doch schon nach
sofort beginnt, die verlorenen Reserven wieder
einem Tag sind diese verbraucht und es müssen
aufzubauen, und dabei unter Umständen sogar
neue Energiequellen benutzt werden. Dafür
mehr einlagert als vorher (Jo-Jo-Effekt). Gene-
stehen dem Organismus zwei Möglichkeiten zur
rell helfen umsichtige Ernährung und regelmä-
Verfügung: Entweder greift er auf das Muskel-
ßige körperliche Ertüchtigung deutlich besser,
gewebe oder auf Fettreserven zurück. In wel-
um ein gesundes Körpergewicht zu halten.
chem Maße dabei die einzelnen Gewebe abgebaut
Wenn überhaupt, sollte man sich also aus ande-
werden, ist von Person zu Person (und deren Ak-
ren Beweggründen zum Fasten entscheiden.
Text
MAXIMILIAN BERTHOLD
Die Pizza
danach
Nach drei Wochen verschiedenster
Zurückhaltungen, gebunden an wiederum
verschiedenste Bedingungen, gelange
ich zu einem Fazit, das die moderne
Wissenschaft verblüffen wird.
Text
MAREIKE GÖTZ
V
or nunmehr vier Wochen begann ich, mich dem
renaissanceartigen Fasten unterzuordnen, und
lief den Lemmingen gespannt hinterher: Was wird
geschehen? Was werden drei Wochen Fasten mit
Körper und Seele anstellen? Um die Thematik noch
spannender zu gestalten, stellte ich dieser Periode
meines Lebens folgende Leitfrage voran: Verbessern
der Verzicht auf Grundnahrungsmittel, eine gesunde
und ausgewogene Ernährung sowie regelmäßiger
Sport die Sehkraft?
Woche eins: Die tägliche Hauptmahlzeit besteht aus
Salat. Ich vermeide Nudeln und Reis und sporte drei
Mal pro Woche.
Woche zwei: Wieder esse ich täglich Salat, vermeide
Nudeln, Reis und nun auch Pizza, baue zusätzlich
Illustration: Hannes Falke
EINE WISSENSCHAFT FÜR SICH
drei Obstmahlzeiten in meinen Tagesfutterplan ein
und behalte mein Sportpensum bei.
Woche drei: Es bleibt bei Salat und Obst – Nudeln,
Reis, Pizza, sämtliches Fleisch und Schokolade fallen
raus. Gesportet wird weiterhin.
Die ersten beiden Wochen verliefen ohne Zwischenfälle. Mein Körper konnte sich gut mit den neuen
Herausforderungen arrangieren und neue Rezepte wurden ausprobiert. Auch die Sehtests, die ich
freundlicherweise beim Optiker Fielmann kostenlos
durchführen durfte, blieben in ihren Ergebnissen
konstant. Ich fühlte mich gut und bekam mehr und
mehr das Gefühl, dass ich mit dieser Ernährungsart
hundertprozentig konform gehe. Dann begann die
dritte Woche.
Da ich selten Fleisch konsumiere, nur ab und an
im Salat gerne eine Putenbrust begrüße, war dieses
Verbot für mich nur minder hart. Aber allein bei der
Vorstellung, keine Schokolade vertilgen zu können,
wurde mir beinahe schwarz vor Augen. Kalte Hände
und bitterer Appetit auf die bereits in den Regalen
liegenden Nougateier machten mich wahnsinnig.
Dennoch, eine Frau – eine Mission: Ich würde es
auch ohne schaffen. Schließlich gibt es ja genügend,
ach was, Millionen von Kindern, die Schokolade gar
nicht kennen. – Zwei Tage vor dem Ende meines
Projektes notierte ich Folgendes in meinen Kalender:
»Ich WILL Nutellapizza mit Käse überbacken!!!«
Inzwischen ist der letzte Tag geschafft und abgesehen von meinem Heißhunger ging es mir bis zuletzt körperlich sehr gut. Ich verlor drei Zentimeter
Bauchumfang, fühlte mich fitter denn je und ging
voller Erwartungen wieder pünktlich um 17 Uhr zu
Fielmann. Der Ausgang dieses abschließenden Sehtests: Meine Werte hatten sich verschlechtert! Natürlich entsprachen die Kontrollen nicht den Gütekriterien und laut Fielfrau könne die Sehkraft eh immer
etwas schwanken, aber ich glaube ja, die fehlende
Schokolade trug ihren Teil dazu bei. <
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Veganerin zu sein, schien für mich immer
fast unmöglich. Ich halte mich nicht
für den größten Fleischfresser unter
der Sonne, aber abwechslungsreiche
Ernährung finde ich wahnsinnig wichtig.
Doch eben weil ich mir ein veganes
Leben kaum vorstellen konnte, zogen
für eine Woche sämtliche Sojaprodukte,
vegane Brotaufstriche und viel Gemüse
in meinen Kühlschrank ein und Eier,
Fleisch und Milchprodukte flogen raus.
Ich wollte das vegane Experiment wagen.
Text
D
YVONNE HEIN
iverse Internetforen und verschiedene Webseiten halfen mir bei der veganen Umstellung
ungemein. Doch ist sich die virtuelle »Fachwelt«
auch oft uneinig: Während die einen die Lätta-Margarine als vegan auszeichnen, halten die anderen es
für möglich,
dass darin auch
Inhalte tierischen
Ursprungs enthalten
sind.
Schnell lernte ich,
dass es offenbar strenge und
weniger strenge
Veganer
gibt.
Wirklich vegan zu leben, heißt nicht nur, seine Ernährung umzustellen, sondern auch keine Produkte zu kaufen, die
vom Tier stammen: also nichts aus Wolle oder Leder zum Beispiel. Ich erfuhr auch, dass Wein und
einige Säfte nicht vegan sind und dass Fanta inzwischen vegan geworden ist. Doch Genussmittelchen
gibt es auch in »erlaubter« Form: Gummibärchen
ohne Gelatine, Eis aus Soja und Schokolade auf
Reismilchbasis – die schmeckt sogar wie normale
Vollmilchschokolade!
Anfangs dachte ich, es wäre eine große Herausforderung vegan zu backen, doch Keksrezepte ohne
Ei gibt es viele und anstelle von Butter nimmt man
eben rein pflanzliche Margarine. Da ich mich nicht
nur von Süßkram ernähren wollte, war ich außerdem hocherfreut über das vielfältige Angebot der
Mensa: Neben den herkömmlichen Beilagen und
Illustrationen: Hannes Falke
Eine Woche
vegan
Gemüsesorten bietet sie allerhand vegane Spezialitäten, die vom Auberginenschnitzel bis zur CurryOrangen-Pastasoße reichen.
Zunächst fiel mir das »Vegane« trotzdem wahnsinnig schwer. Hinter dem Lebensmittelchinesisch der
Inhaltsangaben verbergen sich oft unerwartet Tierprodukte, sodass ich im Supermarkt ewig mit dem
Studieren von Zusatzstoffen und Co. beschäftigt
war, bevor es was zu beißen gab. Das, was am
Ende auf meinen Teller wanderte, war dann aber
eine interessante Geschmackserfahrung und auf
gar keinen Fall eklig, so wie es eine weitverbreitete Meinung zu sein scheint – eher im Gegenteil.
Nur an Kaffee mit Sojamilch konnte ich mich nicht
gewöhnen …
Den gesundheitlichen Aspekt der veganen Ernährung stelle ich jedoch in Frage. Da Fleisch, Eier
und Milchprodukte als wichtige Nährstofflieferanten wegfallen, muss ein Veganer seine Ernährungspyramide schon sehr verschieben, um Mangelerscheinungen vorzubeugen. Bestimmte Mineralien
sollten außerdem am besten durch tierische Nahrungsmittel aufgenommen werden. Ob vitaminund mineralienangereicherte Produkte wirklich
gesund sind, ist nämlich auch unter Medizinern ein
strittiger Punkt.
Alles in allem halte ich die vegane Woche aber
für eine empfehlenswerte Erfahrung, die nicht nur
wegen einer ungewohnten Küche spannend für
den Gaumen ist, sondern auch eine interessante
Aus­einandersetzung mit den Inhaltsstoffen der gewöhnlichen Lebensmittel mit sich bringt. <
17
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Imbisse in Rostock
Mensa-Alternative oder No-go-Area?
Text
ANDREAS LUßKY
Snack-Bar »Flirt«
W
18
as als ethisch korrekt,
»sittsam« oder gut betrachtet wird, ändert sich stetig.
Dinge, die heute normal sind,
waren vor Jahren verpönt und
geächtet. Imbisse haben sich
demzufolge vom Nahrungsversorger für die Massen zu den
Pforten der Hölle entwickelt: alle
Sünden der Neuzeit in einen
kleinen Container gepfercht.
Fragwürdig wie abschreckend
sind oftmals sowohl die Kundschaft, die Herkunft der Nahrungsmittel als auch die hygienischen Zustände, die wohl schon
im Mittelalter Ekel erregt hätten.
Oder ignorieren wir eine echte
Alternative zur Mensa? Ganz
ohne die Scheuklappen der Biound Leistungsgesellschaft haben
wir einige mehr oder weniger
stadtbekannten Imbissbuden
einen Besuch abgestattet.
Nach den Tests kann ich ein
durchwachsenes Resümee
ziehen: Von sehr empfehlenswert bis grenzwertig war alles
dabei. Brechen musste aber
doch nur der Gepäckträger
meines heuler-Kollegen. Unter
dem Eindruck gesammelter
Erfahrungen unterhalten wir uns
über vegetarische Alternativen
und Ineffizienz der Viehhaltung
– und ich komme mir dabei
ein bisschen vor wie auf einem
Beichtstuhl. Ja, ich habe gesündigt, habe von den »verbotenen
Früchten« anscheinend längst
vergangener Esskultur gekostet.
Aber ich werde gleich Buße tun
und mindestens drei Dinkelburger verspeisen ... vielleicht. <
2,20 €
Äußerer Eindruck: Abgesehen von
der gewöhnungsbedürftigen Farbwahl
durchaus annehmbar. Positiv: echter
Teller und echtes Besteck. Die farbliche
Gestaltung findet sich auch innen wieder,
was aber – wie auch der Name – seinen
ganz eigenen Charme versprüht.
Schmeckt’s?: Überraschend angenehm. Ich erwarte von einem panierten
Schweineschnitzel naturgemäß keine
Geschmacksexplosion, aber es wirkt im
Mund weder künstlich, noch ist es zu
trocken. Der Tatsache, dass das Schnitzel
geschmacklich eher als neutral zu
beschreiben ist, wird gelungen durch die
Gurke und die zwei Soßen entgegengewirkt. Nur das immerhin vorgeschnittene
Beilagenbrötchen ist etwas klein, aber
dass bei der Bezeichnung »Schnitzel«
überhaupt so viel extra auf dem Teller
landet, ist positiv hervorzuheben. Fazit:
gut, günstig, klein. Studententauglich
ist auch die große Auswahl, die durch
Tagesangebote erweitert wird – wie zum
Beispiel gefüllte Paprikaschoten.
Wo?
Am Saarplatz – direkt drauf.
Imbiss
»Der Klopstocker«
1,20 €
Äußerer Eindruck: Den Imbissstand
kann man entgegen aller Vermutungen
und eventueller bisheriger Erfahrungen
als extrem sauber bezeichnen. Es blitzt
und blinkt und sogar die Pommes-Pikser
sind unter Folie abgedeckt. HygieneBedenken trüben hier schon einmal nicht
den Genuss.
Schmeckt’s?: Leider können die Pommes nicht ganz halten, was der äußere
Eindruck erwarten lässt. Sie sind etwas
zu fettig und die Mayonnaise ist teilweise
eher fest als cremig. Positiv finde ich, dass
nicht zu sehr nachgewürzt wurde, was bei
Pommes ja keine Seltenheit ist. Dafür wird
lustig im »Ditsche-Stil« über den (Arbeits-)
Alltag konversiert und es gibt neben den
imbisstypischen Gerichten auch noch
ungewöhnlichere, wie Salat oder Gyros.
Wo?
Schmeckt’s?: Leider überwiegt der Geschmack der Wurst. Da war selbst die »unplanmäßige« Currysauce zum Schnitzel im
»Flirt« besser. Wenn die Wurst dann auch
noch eher unappetitlich daherkommt, ist
quasi das Schnitzel paniert – aber besser
woanders. Positiv erwähnen möchte ich
noch die Bedienung/Köchin/Mutter, die –
ihr Baby jonglierend – mit einem Lächeln
um Freundlichkeit ehrlich bemüht war.
Wo?
Margaretenstraße 28.
Kiosk »Am
Rosengarten«
Klopstockstraße, Ecke
Goetheplatz.
1,50 €
Kiosk »Iß was«
1,40 €
Äußerer Eindruck: Auch hier stimmt der
Eindruck des Essens mit dem des Gebäudes überein, nur muss man dieses Mal ein
»leider« ergänzen. Der Sperrmüllstapel,
die verbogene Satellitenschüssel auf dem
Dach, der Zustand der »Hütte« – was man
bekommt, spiegelt diese bedauernswerten
Details wider. Die Wurst, die nur noch
entfernte Ähnlichkeit mit einer Bratwurst
aufweist, wurde einfach in der Mitte geteilt,
mit etwas Curry und ähnlicher Soße versehen und mit einer Scheibe ungetoastetem
Weißbrot abgedeckt. Konsistenz und Farbe
und die leicht schrumpelige Außenhaut
lassen auf ein Herstellungsdatum schließen, das weit in der Vergangenheit liegt.
Äußerer Eindruck: Auf halbem Weg
zwischen Bebelturm und »Pornobrunnen«
drückt sich der kleine Kiosk an eine Ecke
des Rosengartens. Statt des üblichen
Containerflairs erfreuen bunte Malereien
an den Außenwänden das Auge. Das
Essen ist zunächst unspektakulär: eine
halbe Rostocker Bratwurst mit Currysoße
und eine halbierte Toastscheibe.
Schmeckt’s?: Offenbar kommen viele
Kunden extra wegen der Soße – eine
Spezialität und Eigenkreation des Hauses.
Auch mir hat’s geschmeckt: eine gute
Mischung aus Süße und Schärfe. Was
mir bei der Wurst positiv aufgefallen ist,
nämlich dass sie äußerlich trocken und
nicht so fettig ist, wertet den dazugehörigen Toast leider etwas ab, denn der sollte
gerade nicht trocken sein. Aber insgesamt
empfehlenswert.
Wo?
Am Rosengarten. Immer
der Nase nach.
Fotos: Maximilian Berthold
PRO
Ein aufgeklärter Geist könnte argumentieren, alle Mitarbeiter, Lernende und
CONTRA
Campus ohne Bier? Sektempfang ohne Sekt? Seminar-
Lehrende einer Universität seien alt und verantwor-
Adventstreffen ohne Glühwein? Wozu sollte das gut
tungsbewusst genug, um ihren Alkoholgenuss zu
sein? Seien wir ehrlich: Ich kenne keinen Vorlesungs-
kontrollieren. Jene aufgeklärten Geister gelangen
besucher, der sich die Vorträge des Professors durch
jedoch irgendwo zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Caipirinha versüßt, sich vor einem Referat die Zunge
– wie so oft – in die Bredouille. Laut Statistik trinkt
durch Tequila lockert oder gar seine Kommilitonen
jeder Deutsche pro Jahr rund zehn Liter REINEN
dazu aufruft, es ihm gleich zu tun. Mir ist also nicht
Alkohol; das sind ungefähr 300 Flaschen Bier, also
klar, wo in der Uni das Trinken von Alkohol derartige
fast eine pro Tag. Da die studentische Klientel Bier zu
Dimensionen erreicht hätte, dass es aus Suchtschutz-
den Grundnahrungsmitteln zählt und viele Dozenten
Bedenken komplett untersagt werden müsste. Viel-
Alkohol­­
verbot
ohne die obligatorische Flasche Rotwein keine einzige
mehr erinnert die Argumentation von Verbots-Befür-
Hausarbeit korrigieren können, dürfte die Uni Rostock
wortern an Moralisten der amerikanischen Prohibition.
den Durchschnitt zusätzlich kräftig heben.
Noch dazu zeigt die Erfahrung, dass solche Einschrän-
Aber hier geht es nicht nur um den Konsum von
kungen nur zu einer Verlagerung des Alkoholkonsums
Alkoholischem auf dem Unigelände, es geht mir
führen. Das wird durch englische Schnapsleichen nach
Einige Hochschulgremien
debattieren derzeit hitzig
über ein striktes Alkoholverbot auf dem gesamten
Universitätsgelände. Macht
das Sinn?
besonders um dessen Weitertransport durch Blutbahn
der Sperrstunde und Alkohol-Einkaufsexzesse schwe-
und Atem. Von mir aus können sich Dozenten und
discher Tagestouristen in deutschen Supermärkten
Studenten auf dem Campus die Kante geben, bis sie
deutlich. Weniger verkaterte Studierende säßen durch
umfallen, solange sie zu Hause und nicht als mein
ein Verbot also noch lange nicht in den Hörsälen. Nur
Nachbar in der Vorlesung ihren Kater ausnüchtern.
das studentische Lebensgefühl wäre irgendwie ange-
Ich plädiere für ein Katerverbot in der Uni!
knackst und der freie Raum der Universität um einiges
PRO&
CONTRA
19
unfreier geworden.
Text
ÄNNE CORDES
Text
Elisabeth Woldt
Grafik: Michael Schultz/Dana Beveridge
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G
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Vampire,
Indianer
und Captain
Moroni
WASHINGTON
Ein Mietwagen, 6.000 Kilometer, 23 Tage –
ein Roadtrip entlang der Westküste der USA.
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Die Westküste
Grafik: M
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Schultz
Da sie ebenfalls an den Pazifik grenzen, gehören zur Westküste neben
Washington, Oregon und Kalifornien auch noch Hawaii und Alaska. Da uns
das ein wenig zu weit war, nahmen wir in unsere Roadtrip-Route auch Staaten
des mittleren Westens auf: Nevada, Arizona, Utah und Idaho. Wegen der
diversen Zeitzonen, der Umstellung auf Sommerzeit und die unterschiedlichen
Regelungen in den Indianerreservaten, waren wir nie so ganz sicher, wie spät
es gerade war.
Web
www.lonelyplanet.de (Westcoast-Reiseführer)
Gig Harbor
5.832 km
im Mietwagen
zurückgelegte Strecke
In 23 Tagen durchquerten
wir Schnee und Eis in der
Sierra Nevada, Regenwald in
Washington, Wüste in Arizona
und Hochgebirge in Utah.
»Twilight-Tour«
Auf der Fahrt durch die undurchdringlichen Regenwälder der Olympic Peninsula stießen wir auf Weißkopfseeadler und – selbst in den
abgelegensten Kaffs wie Forks oder
Port Angeles – gesprächige und gastfreundliche Einheimische aus Hawaii.
Diese klärten uns belustigt darüber
auf, dass keine verdammte Szene
der »Twilight«-Filme in ihren hässlichen Kuhdörfern gedreht worden sei.
Was die Leute dort allerdings wirklich
wurmt, ist die Tatsache, dass nicht sie
selbst, sondern findige Kalifornier auf
die Idee gekommen sind, hirnrissige
Vampir-Souvenirs zu verkaufen und
damit ein Vermögen zu machen.
Seattle
Eine Enttäuschung
Zwar erwischten wir einen von geschätzten drei Sonnentagen im Jahr,
doch konnte auch dieser der Stadt
kein Flair verleihen. In der Heimatstadt
von Nirvana, Microsoft und Co. stellte
der erste Starbucks der Welt das größte
Highlight dar. Selbst die Penner rennen
in Seattle übrigens mit einem Becher
der Kaffeehauskette herum.
Portland
- 86 m
tiefster Punkt der Reise
Das Death Valley in Kalifornien
und Nevada ist mit 86 m unter NN
nicht nur der tiefste Punkt unserer
Reise, sondern der ganzen Welt.
Die höchste gemessene Temperatur
betrug dort 1913 rund 57 °C.
Folk-Konzert im
Porno-Kino
Wie uns ein aufgebrachter Tankstellenwart auf dem Weg in die Stadt
wild gestikulierend klarmachte, ist
es in Oregon tatsächlich verboten,
selbst das Auto zu betanken.
Unsere erste Station als Couchsurfer
stellte sich als etwas unkonventionell
heraus: Unser Gastgeber Jim (65)
hatte nämlich gar keine Couch. Er
führte uns in Powell’s City of Books,
den größten Buchladen der USA,
der einen ganzen Häuserblock auf
drei Etagen umfasst. Außerdem lud
Jim uns zu einem Folk-Konzert in
einer etwas zwielichtigen Location
ein: Das Aladdin fungierte 40 Jahre
lang als Porno-Kino, in dem nur ein
einziger Film namens »Deep Throat«
in Endlosschleife gezeigt wurde. Offenbar ein Klassiker. Außerdem aßen
wir auf Einladung unseres Gastgebers in der Oyster Bar, dem ältesten
Familienrestaurant Portlands, unsere
ersten Austern. Mäßig lecker.
21
3.314 m
höchster Punkt
der Reise
Die Berge der Sierra Nevada
grenzen direkt an das Death Valley,
sodass wir innerhalb von zwei Tagen
an meterhohen Schneewehen vorbei
und durch Wüstensand fuhren.
Redwoods
Fotos (4): Paul Fleischer
Highway 1
Auf der Fahrt auf dem Highway 1, der in Serpentinen an der Kalifornischen
Küste vorbeizieht, fuhren wir immer wieder durch Wolken aus Marihuana-Geruch, obwohl weit und breit keine Menschenseele zu sehen war. Später erklärte
man uns, dass in den Wäldern abgehalfterte und zivilisationsunfähige VietnamVeteranen leben und Gras anbauen würden. Gruselige Vorstellung und ich bin
mir bis heute nicht ganz sicher, ob unser Gastgeber Nate das ernst meinte. >
Crescent City
Ort des Geschehens und mussten
konsterniert feststellen, dass die feinen Herrschaften offenbar noch nie
selbst einen Grill angefasst hatten. Die
glorreiche Idee, eine Tiefkühlpizza hineinzupacken, ging erwartungsgemäß
schwer nach hinten los und auch die
von den Hilton-Köchen eigens präparierten Rippchen wurden Opfer der
Flammen.
Las Vegas
Ranzige Motels
im Tsunami
Obwohl sich die Tsunami-Warnungen
für die Küste Oregons infolge des Erdbebens in Japan glücklicherweise als
blinder Alarm herausgestellt hatten,
erzählte uns der zahnlose Motelbesitzer in Crescent City eine andere
Geschichte: Am Vorabend unserer
Ankunft sei sein Etablissement evakuiert und der Hafen vom Tsunami völlig
zerstört worden. Boote seien gekentert, die Ponton-Stege weggerissen
und an den Strand gespült worden.
Das Motel war der letzte Dreck, ganz
wie man sich das so vorstellt.
San Francisco
22
Champus satt
»Hey, was wollt ihr trinken? Wir
haben Wasser und Champagner.«
Nates Empfang in seiner StudentenWG war einer der bewusstseinserweiterndsten unserer Reise. Unser
Glück mit dem Wetter in Seattle
wandte sich in San Francisco gegen
uns, an zwei von vier Tagen schüttete
es wie aus Eimern. Noch schockierender als das miese Wetter war für
mich allerdings ein Einkauf in ChinaTown: Weil ich es gewohnt bin, mein
Hühnchen schön sauber abgepackt
im Supermarkt zu kaufen, geriet ich
ein wenig aus der Fassung, als hier
ganz öffentlich an der Fleischtheke
auf die Viecher eingehackt wurde.
Foto: Änne Cordes
Grand Canyon
Die künstlichste
Stadt der Welt
Auf dem Weg nach Sin City fuhren wir
den Karren wortwörtlich in den Dreck,
oder besser: in den Wüstensand. Die
vielen Autospuren abseits der Schotterpiste hatten uns dazu verleitet, die
Straße ebenfalls zu verlassen. Nachdem wir anschließend etwa zwei Stunden lang versucht hatten, das Auto
freizubuddeln, und ungefähr 3,5 Meter vorwärtsgekommen waren, ging
die Sonne unter. Meine bisher latente
Panik nahm überhand und wir stapften, ausgestattet mit Wasserflaschen
und dicken Jacken – ich sehe einfach
zu viele Filme –, in Richtung der Trailer,
an denen wir unterwegs vorbeigefahren waren. Etliche amerikanische Horrorfilme im Hinterkopf rechnete ich mit
allem: Mutanten. Aliens. Schießwütige
Rednecks. Doch selbst in der Wüste
Nevadas trafen wir nur auf ganz normale Leute mit riesigen Autos, deren
Allradantrieb es zu verdanken ist, dass
wir nicht immer noch zwischen Klapperschlangen, Riesenspinnen und Kojoten hocken.
Angekommen in Las Vegas nahm uns
unser Gastgeber Richi, eigentlich Richard Manhattan, der in Berkeley Jura
studiert hat, mit zu einem Meeting der
American Bar Association. Da geht’s
nicht um Kellner, sondern um JuraStudenten! Dort saßen wir gepflegt
zwischen Harvard- und PrincetonAbsolventen und stopften mit Hummer
gefüllte Ravioli in uns rein. Ein weiteres
kulinarisches Highlight war später das
Barbecue im Hilton, zu dem eine der
Teilnehmerinnen eingeladen hatte.
Voller Euphorie auf ein echtes amerikanisches Barbecue eilten wir an den
nen Zeitzonen, die wir passierten, gab
es noch die Umstellung auf Sommerzeit, die aber nicht alle Bundesstaaten
durchziehen. Und selbst wenn: Dann
gibt es immer noch überall Indianerreservate, die grundsätzlich das Gegenteil praktizieren. Es lebe der Föderalismus! Nach einer Nacht in der
Wüste starteten wir bei Sonnenaufgang diszipliniert, durchgefroren und
verspannt den Motor, um die charakteristischen roten Felsformationen des
Monument Valley zu fotografieren.
Alles für die Kunst.
Salt Lake City
Hauptstadt der
Mormonen
Schnee und Steine
Eindeutig ein Must-see in den USA.
Aber mehr auch nicht. Unser Zwischenstopp im Nationalpark dauerte keine
zwei Stunden, war die Fahrt aber wert.
Selbst von Höhenangst unbelasteten
Besuchern wird bei der Aussicht in ein
1,6 Kilometer tiefes Loch mulmig im
Bauch. Was einem außerdem keiner
sagt: Auf den Wanderwegen am Rande
des Canyons liegt überall Schnee!
Monument Valley
Unendliche Weiten
Wir redeten uns zwar ein, auf dieser
Reise unabhängig von Raum und Zeit
zu sein, Tatsache ist aber: Seit wir
Nevada verlassen hatten, hatten wir
keine Ahnung mehr, wie spät es war.
Mal abgesehen von den verschiede-
Salt Lake City ist Hauptstadt und religiöses Zentrum der Mormonen. Man
könnte auch sagen, die Stadt gehört
ihnen. Wie unser Gastgeber Derek
uns erzählte, ist das Verhältnis zwischen Mormonen und Andersgläubigen gut und die Durchmischung im
Freundeskreis normal. Mormonen
haben halt schräge Ansichten und
die Apokalypse fest im Terminkalender stehen – na und? Beruhend
auf der Fantasie eines 14-jährigen
Bengels, dem im Wald sowohl Gott
als auch Jesus UND der Engel Moroni erschienen sind, um Aufklärung
zu betreiben, glaubten Mormonen
zunächst an die Polygamie. Als diese jedoch dem Anschluss an die
­Union der Amerikanischen Staaten
im Wege stand, tauchte das göttliche
Federvieh erneut auf und erlaubte die
Abkehr von der Vielehe. Das muss
ein harter Schlag gewesen sein und
einige Glaubenskrisen ausgelöst haben ... Den Engel gibt’s im Museum
übrigens als Action-Figur zu kaufen,
nennt sich dann »Captain Moroni«,
das klingt zeitgemäßer. Mit nach
Hause genommen haben wir ihn
dann aber trotzdem nicht. <
Fotos (3): Paul Fleischer
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Die GoCard –
Vision und
Wirklichkeit
Der junge und dynamische Student hat
stets den Finger am Puls der Zeit und
verfügt über die neuesten Technik-Gadgets.
In der Bibliothek twittert er vor sich hin,
während er Münzen in den Kopierer steckt,
weil er die Kopierkarte vergessen hat. Ein
Straßenbahn-Kontrolleur unterbricht ihn
dabei, seinen Facebook-Status zu posten,
und zwingt ihn, in seinem Portemonnaie
nach einem Papierausweis zu fischen. In
der Schlange vor der Mensakasse findet
er EC-, Krankenkassen-, Rechenzentrumsund Bibliotheksausweis – alles, nur nicht
die Mensacard. Es könnte so einfach sein.
Eine Karte, alle Funktionen. Quasi eine
»GoCard«. Müsste das nicht drin sein?
Text
E
ANDREAS LußKY
rste Station: Studentenwerk. Die Mensacard ist
keine Neuheit und wird von ungefähr der Hälfte der Studenten genutzt. Dr. Stoll, Leiter des Studentenwerks, würde selbst eine Multifunktionskarte
begrüßen, aber auch die Mensacard kann schon
mehr als gedacht. So können beispielsweise Studenten der Hochschule für Musik und Theater (HMT) sie
auch als Kopierkarte nutzen – kurzen Verwaltungswegen an der HMT sei Dank. Problematisch ist aus
Sicht des Studentenwerks die Frage
der Personaldaten. Deren Sicherung müsste logischerweise die Uni
übernehmen. Die Vorteile der »GoCard« stellte Dr. Stoll unter anderem
bei einem Besuch am chinesischen
»Higher Education Megacentre«
auf der Insel Guangzhou fest, wo es für zwölf Universitäten mit circa 400.000 Studenten (!) eine Karte
für alles gibt – etwa für die Bezahlung in Läden, den
Zimmerzugang, die Mensa und die Bahn.
Man muss aber nicht nach China reisen, um eine funktionierende Multifunktionskarte vorgeführt zu bekommen. Dazu reicht ein Blick nach Wismar oder Warnemünde. Denn Studenten der Seefahrtsstudiengänge
aus Wismar besuchen dort Vorlesungen und nutzen
ihre Studentenausweiskarte wie selbstverständlich
auch für den Rostocker Nahverkehr. Die RSAG und
auch der Verkehrsverbund Warnow sprechen sich
allein aus Fälschungssicherheitsgründen für eine
solche Karte aus. In Wismar gibt es die bereits in
der dritten Generation, sie wird als Ausweis und
Zugangskarte für Studierende und Mitarbeiter, als
Semesterticket, als Bibliotheks- und Mensakarte genutzt. Betreut wird das System vom Rechenzentrum
und dem Dezernat für Studienangelegenheiten. Eine
Gebühr für die Karte wird einmalig bei Erstimmatrikulation bezahlt.
Mit diesen Informationen also zurück zur Uni Rostock: Woran scheitert die Einführung einer solchen
Karte? Frau Dr. Radloff, Leiterin vom IT- und Medienzentrum, erklärt, dass es zur Umsetzung einer größeren organisatorischen und finanziellen Anstrengung
bedürfe und die Kapazitäten des Rechenzentrums
dafür nicht ausreichen würden. Schon 2002 habe
es eine Arbeitsgruppe gegeben, die sich genau mit
dieser Problematik beschäftigt habe. Sie sei zu dem
Ergebnis gekommen, dass Personalaufwand und
Kosten zu hoch und außerdem die notwendige Technik noch nicht ausgereift wären. Realität ist dagegen
seit 2001 das sogenannte Identity ManagementSystem, welches beispielsweise eine Änderung der
persönlichen Daten im Internet erlaubt und dessen
»Abfallprodukt« die Mitarbeiterkarten des Rechenzentrums sind. Diese Karten sind nicht mehr als bedrucktes Plastik – das Integrieren zum Beispiel einer
Zahlfunktion würde einen großen Aufwand und die
Beantwortung vieler offener Fragen bedeuten: Was
passiert bei Verlust oder Defekt der Karte? Wer übernimmt das Clearing und die Verrechnung?
Eine Chance für die Einführung der »GoCard« in
Rostock bietet sich mit der Umstellung der IT der
gesamten Uni auf das System »HIS in One«, die bis
2014 abgeschlossen sein soll. Der lange Zeitraum
erklärt sich durch den enormen Umfang des Projekts.
Da im Rahmen dieser Umstellung viele Abläufe
rund um das Datenmanagement verbessert werden
sollen, wäre es möglich, auch die »Ausweissituation« neu zu gestalten. Eine
Nutzung der Karte auch für
das Kopieren würde durch das
Outsourcing dieser Dienstleistung erschwert. Aber der dazugehörige Vertrag läuft aus und
bei einer Neuvergabe könnte
man die Planungen für eine Multifunktionskarte miteinbeziehen. Mit einem Konzept ist allerdings nicht
vor Ende des Jahres zu rechnen. In der nächsten
Woche werden Fachgruppen gebildet und Treffen mit
der Hochschul-Informations-System GmbH organisiert. Es ist also noch ein langer Weg zur »GoCard«,
aber Interesse und Wille aller Beteiligten sind vorhanden. <
Kapazitäten des
Rechenzentrums
reichen nicht aus
23
Foto: Maximilian Berthold
POLITISCHES
24
Web
www.heulermagazin.de/politisches
Rostock – so unsexy ...
A
Elisabeth, Ressortleitung
rm, aber sexy – so der Slogan von Klaus Wowereit für unsere Bundeshauptstadt. Nun
gut: Dass es um Rostocks Haushalt auch nicht besonders gut steht, ist allgemein
bekannt. Aber wie sexy ist eine Stadt, die nicht mal in der Lage ist, in ihrem Theater
Inszenierungen unter rechtsgültigen Brandschutzbedingungen zu gewährleisten? Ja, es gibt
tatsächlich Mängel, die nicht durch Strand und »Mee(h)r« zu kompensieren sind. »Rostock: arm
und kulturell unsexy« – nicht sehr werbewirksam, aber ein Grund, sich in dieser heuler -Ausgabe
einmal intensiver mit der Theater-Problematik auseinanderzusetzen.
Zeiten des Aufruhrs
Theater ohne Publikum? Schon seit Februar bleiben die Türen des Großen
Hauses für Besucher geschlossen. Und eine Lösung der Probleme des
­Rostocker Volkstheaters ist weiterhin ungewiss. Der heuler blickte hinter die
Kulissen eines Kulturbetriebs auf Sparflamme.
Text
P
STEFANIE KRAUß, PAUL FLEISCHER UND ELISABETH WOLDT
er SMS während einer Probenpause erfuhr Schauspielerin
Sandra-­Uma Schmitz von der Schließung des Großen Hauses. Sieben
Spielzeiten ist sie bereits beim Rostocker Volkstheater dabei, zwei Intendanten hat sie gehen sehen und
nebenbei die Umwandlung des
Betriebs in eine GmbH erlebt. Und
nun das. Den restlichen Mitarbeitern erging es nicht anders. Etliche
Stunden vergingen, bis endlich eine
offizielle Hausmitteilung existierte. In
der Besucherabteilung in der Doberaner Straße standen die Angestellten
stundenlang Hunderten von Anrufern
und Besuchern gegenüber, denen sie
uninformiert wie hilflos ausgeliefert
waren. Der anfängliche Schock wich
oft einer Fassungslosigkeit und Wut
darüber, wie die Stadt mit ihrem Theater und deren Mitarbeitern umgeht.
Doch the show must go on. Der
Theater­betrieb läuft einfach so gut
wie möglich weiter. Es wird wie üblich
geprobt und in den noch verbliebenen Spielstätten – dem Theater im
Stadthafen und der Kleinen Komödie in Warnemünde – ohne Unterbrechung weitergespielt. Nur die
Tanztheater-Produktion »1st Dancework with Orchestra« kam durch
die Schließung nicht mehr über die
Generalprobe hinaus. Die Premiere
des Stückes »Effi Briest« jedoch wurde allen widrigen Umständen zum
Trotz einfach via Internetstream für
das Publikum zugänglich gemacht.
Zwar spielten die Schauspieler vor
leeren Rängen und Kameras, doch
die Tatsache, dass mindestens 3.000
Zuschauer die Übertragung der Aufführung verfolgten, machte die Premiere dennoch zu einem verqueren
Erfolg.
Gleichwohl ist seit der Schließung des
Großen Hauses ein Besucherrückgang zu verzeichnen. Zeitgleich steigt
der Kostendruck: Allein zusätzliche
Ausgaben wie die Anmietung von Ersatzspielorten oder der Transport der
Bühnenbilder führen laut Intendant
Peter Leonhard zu Mehrbelastungen
im fünfstelligen Bereich.
Die Probleme des Rostocker Volkstheaters sind allerdings schon weitaus älter als die aktuelle Diskussion.
Schmitz kritisiert vor allem den stetigen Abbau der Arbeitsplätze und
die Kürzungen in allen Abteilungen.
Bisher besetzte Stellen fielen häufig
mit Eintritt der Mitarbeiter ins Rentenalter oder nach Auslaufen der
Verträge einfach weg. So wird in
vielen Abteilungen mittlerweile mit
günstigeren Aushilfen gearbeitet,
die verantwortungsvolle Aufgaben
wie Soufflage oder Inspizienz übernehmen, für die sonst erfahreneres
Personal eingestellt wurde. Auch die
hohe Fluktuation aufgrund von miserablen Arbeitsbedingungen behindert
ein Ensemble, das sich immer wieder
neu zusammenfinden muss. Das ist
natürlich dem finanziellen Engpass
des Theaters geschuldet und bedeutet zwangsläufig, dass in allen Abteilungen mehr Arbeit von weniger
Angestellten geleistet werden muss.
Parallel zu den Kürzungen sollen >
40 Mio. €
würde ein Neubau
des Theaters kosten
Nötige Renovierungsarbeiten
werden mit rund 2,7 Millionen Euro
veranschlagt. Die Stadt ist mit 180
Millionen Euro verschuldet.
25
8 Mio. €
erhält das Theater
jährlich vom Land
Weitere 7 Millionen Euro finanziert
die Hansestadt Rostock. Die
Personalkosten des Theaters
betragen allein 14 Millionen Euro.
Das Große Haus in der Doberaner
Straße wird vom Volkstheater derzeit
nur noch für Proben genutzt.
Foto: Paul Fleischer
Die Damen aus dem Kostümfundus arbeiten bereits seit 30 Jahren am Volkstheater. Foto: Paul Fleischer
26
die Zuschauerzahlen gesteigert werden. Im Einzelnen bedeutet dies, dass ein Schauspieler schon mal
in sieben von insgesamt 14 neuen Schauspielproduktionen beschäftigt ist und so immer weniger Zeit
für eine Produktion vorhanden ist. Dass das auch
auf Kosten von Gesundheit und Qualität geht, ist
keine Überraschung.
Auch die GmbH-Gründung im letzten Jahr, die
eigentlich eine Verbesserung der finanziellen Bedingungen erwirken sollte, brachte keine Erleichterung. Die Ungewissheit über den Arbeitsplatz blieb
ebenfalls. »Was passiert mit den Mitarbeitern nach
Ablauf der Übergangsfrist?«, fragt Schmitz. Mit
noch weniger Gage, wie es jüngst der Intendant
in einem Presseartikel forderte, um mehr Geld zu
sparen, könne sie mal eben Arbeitslosengeld II beantragen.
Die Entscheidungsprozesse
erfolgen seither außerdem
– auch aufgrund der finanziellen Unsicherheit – noch
langsamer. Das Ziel einer Einnahmensteigerung
führte mit dem ehemaligen
Geschäftsführer Kay-Uwe
Nissen in die falsche Richtung. Statt das Theater
für jedermann bezahlbar zu machen, gingen die
Ermäßigungen für Rentner verloren und auch die
Eintrittspreise wurden erhöht. Nissen wurde letztlich
durch erhebliche Mängel in der Geschäftsführung
gefeuert. Zwischenzeitlich drohte gar die Insolvenz
des Volkstheaters. Ein neuer Geschäftsführer ist bis-
her noch immer nicht gefunden und auch der Posten des Leiters der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
wurde noch nicht neu besetzt.
Doch gerade neue Ideen und Konzepte sind hier
dringend nötig, um das Theater der Rostocker Öffentlichkeit wieder etwas näherzubringen. Das meint
auch Michael Ruchter, der im Gegensatz zu Schmitz
noch neu im Rostocker Ensemble ist und erst im letzten Jahr seinen Abschluss an der Schauspielschule
Chemnitz machte. Als einen »feigen Kompromiss«
bezeichnet er die Präsentation des Theaters in der
Stadt. Wenig offen und selbstbewusst. Getreu dem
Motto: »Hallo, wir sind auch noch da, aber wir wollen auch nicht stören!« Schmitz und Ruchter sind
sich einig, dass die ­Rostocker ein attraktives Theater wollen, mit dem sie sich auch identifizieren können, und kein Theater, das
sich schämt, eines zu sein.
Dabei gibt es doch auch Hoffnung am Theaterhimmel:­
Die Vorstellungen in der
Kleinen Komödie, besonders jene der Literaturadaption »Gut gegen Nordwind«,
sind fast immer ausverkauft.
Schüler und Studenten sind zudem begeistert von
Stücken wie »Die Räuber«, »Der Schimmelreiter«
oder »Die fetten Jahre sind vorbei«. Dennoch sitzen
für eine Universitätsstadt noch immer viel zu wenig
Studenten in den Vorstellungen. Ein Marketingversäumnis? Das »Theater für die Allerkleinsten«
(derzeitig in der Bühne 602) könnte man dagegen
»Die Präsentation
des Theaters in der
Stadt ist ein feiger
Kompromiss«
fast schon als Marktlücke bezeichnen. Und auch
nach Schulstücken wie »Das ist Esther«, welches
sich mit der Judenverfolgung auseinandersetzt, ist
die Nachfrage in den Schulen ungebrochen. So
geht das Theater in die richtige Richtung – indem
es dem Bildungsauftrag nachkommt und aktuelle
Themen aufgreift, reflektiert auf die Bühne bringt
und so zum Denken anregt.
Was kann man also persönlich tun, um das Theater zu retten? »Auf jeden Fall ins Theater gehen.
Aber natürlich auch die eigene Meinung öffentlich
äußern, vor allem den Vertretern der Stadt einmal
geschlossen auf die Füße treten. Knallhart Kritik
üben und auch dem Intendanten einmal mitteilen,
was man gerne sehen will«, so die Vorschläge von
Schmitz. Und den von Peter Leonard vorgeschlagenen »Gassenhauern« den Kampf ansagen. Da solle
man doch lieber nach Hamburg fahren und sich
»Der König der Löwen« ansehen, meint Michael
Ruchter. Den Rostocker Zuschauer zu unterschätzen, sei auf jeden Fall der falsche Ansatz. »Theater
darf kein Kompromiss sein, sondern muss immer
ein Extrem bilden«, erklärt der Jungschauspieler.
Solange Schauspiel, Tanz und Musik handwerklich
gut gemacht und an Inhalten orientiert sind, werden sie, seiner Meinung nach, auch Jung und Alt
begeistern.
2 Mio. €
Sonderzuschüsse wurden 2010
und 2011 benötigt
Andernfalls wäre das Theater insolvent gewesen.
Ziel der ganzen Diskussion um das Volkstheater
und der anstehenden politischen Entscheidungen
muss es sein, dass das Theater bald nicht mehr
mit seinen Defiziten, sondern auch wieder mit seinen Leistungen in die Schlagzeilen gerät. Nicht nur
Sandra-­Uma Schmitz macht die Beschneidung ihrer künstlerischen Tätigkeit traurig. Doch noch ist
der letzte Vorhang nicht gefallen. <
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Die politische Universität
Am 4. September wird in Mecklenburg-Vorpommern ein neuer
Landtag gewählt. Wie politisch neutral verhält sich die Uni
Rostock in der Wahlkampfphase?
ANDRÉ OLBRICH
Text
A
m 18. April richtete die Universität Rostock gemeinsam mit der
SPD-Landtagsfraktion eine Fachtagung
zum Thema »Finanzpolitik in Mecklenburg-Vorpommern 1998–2010« aus.
Nicht wenige warfen der Hochschule
an dieser Stelle mangelnde Neutralität vor und befürchteten eine Bevorzugung der SPD, was im Vorfeld der
Landtagswahlen im September besonders brisant erscheint. Die Universität
verwies im Zuge der Kritik darauf,
dass die Veranstaltung mit der Land-
tagsfraktion organisiert wurde und
nicht mit der Partei selbst. Dass dies
nicht der gleiche Sachverhalt ist, mag
einleuchten. Allerdings kann eine Verbindung zwischen beiden auch nicht
geleugnet werden. Über allem thronen letztlich die drei Buchstaben SPD.
Grundsätzlich ist die Rostocker Universität ein relativ parteifreier Raum. Aus
ihrer Hausordnung geht beispielsweise hervor, dass parteipolitische Betätigungen auf ihrem Grundstück nicht
erwünscht sind. Auch aus dem Vertrag
mit der Werbeagentur novus Marketing, die die Hoheit über die Verteilung
von Flyern und das Aushängen von
Plakaten auf dem Uni-Gelände innehat, wird ersichtlich, dass Werbung für
politische Parteien ausgeschlossen ist.
Veranstaltungen mit Parteipolitikern
sind dagegen durchaus üblich und
wurden schon diverse Male organisiert. Gesetzlich ist die Universität
Rostock auch nicht verpflichtet, dort
Einschränkungen vorzunehmen. Die
Hochschulen in Mecklenburg-Vorpommern regeln dies im Rahmen ihrer Autonomie selbst. Lediglich Schulen unterliegen einer Verwaltungsvorschrift,
die beispielsweise Informationsbesuche von Mandatsträgern regelt. Unter anderem ist dort auch festgelegt,
dass Vertreter von Parteien im Zeitraum von sechs Wochen vor einer
Wahl generell von einem Besuch an der Schule absehen
sollten.
Auch der Rektor möchte
sich an eine Frist halten, die solche Kooperationen mit Parteien im
direkten Vorfeld der Landtagswahl
untersagt. Für die restliche Zeit hat die
Universität nun zwei Möglichkeiten:
Entweder sorgt sie für eine angemessene Neutralität, die sie als öffentliche
Institution ohnehin einhalten sollte,
und deckt ein breiteres politisches
Spektrum ab oder sie verwehrt sich in
Zukunft generell gegen Veranstaltungen mit Parteivertretern und behandelt
somit alle gleich. Auf diese Weise
kann der Vorwurf, Wahlkampfhilfe für
eine bestimmte Gruppierung zu leisten, gar nicht erst aufkommen. <
Grafik: Michael Schultz
28
Ahnungslos, planlos, wahllos?
Der Wahlausschuss wird alljährlich vom
StudentINNenrat mit der Durchführung
und Bewerbung der anstehenden Wahlen
zum Studierendenparlament beauftragt. In
diesem Jahr fühlten sich Andreas Presch
(Vorsitz), Michael Mundt (stellvertretender
Vorsitz), Paul Wutschke und Karolin
Buchholz berufen. Letztere gab inzwischen
desillusioniert auf.
keine Informationen über das Wie und Warum einer
Kandidatur zu finden. Die Plakate, die zur Teilnahme aufrufen, wurden Ende April angebracht. Die
2.500 Broschüren, die von Fachschaften und StuRaMitgliedern in ihrem persönlichen Umfeld zur Kandidatensuche verteilt werden sollen, kamen am 27.
April inklusive zahlreicher Tipp- und Rechtschreib-
»Wir müssen hier die
Scheiße ausbaden,
die der StuRa das
ganze Jahr verzapft!«
Michael Mundt, Mitglied im Wahlausschuss
fehler aus der Druckerei. »Wer Fehler findet, darf sie
aufgehängt wurden. Flyer wurden einhellig als sinn-
behalten«, sagte Andreas Presch dazu nonchalant auf
los bezeichnet. »Die liegen doch nur rum«, meint
der StuRa-Sitzung. Monatelang – der Wahlausschuss
Andreas Presch. Die Kandidatensuche im sozialen
konstituierte sich bereits am 20. Dezember 2010 – war
Umfeld von StuRa und Fachschaften bringe sowieso
nichts geschehen, um die Wahl bekannt zu machen
die geeignetsten Bewerber hervor. Bleibt zu hoffen,
und möglichst viele Kandidaten zu finden.
dass auch engagierte Studenten, die zufällig nicht
Im vergangenen Jahr blieben 23 von 55 Sitzen im
mit Gremien-Mitgliedern befreundet sind, von der
om 26. April bis zum 9. Mai konnten sich
StudentINNenrat unbesetzt, bei einer Wahlbeteili-
Wahl mitbekommen und die Chance zur Mitbe-
die Rostocker Studierenden um ein Mandat
gung von rund 8 Prozent bleibt die Legitimation des
stimmung wahrgenommen haben. An alle anderen,
im StudentINNenrat (StuRa) bewerben. Zu vergeben
Gremiums zu gering. Umso mehr Aufmerksamkeit
die noch nichts von der Wahl gesehen oder gehört
sind 55 Sitze, aufgeteilt auf die neun Fakultäten der
hätte mit der diesjährigen Wahlkampagne generiert
haben: Vom 1. bis 15. Juni könnt ihr wählen und
Uni. Die Zahl der Bewerber stand zum Redaktions-
werden müssen – im Marketing macht Masse oft
mitbestimmen. <
schluss noch nicht fest. Noch am Vorabend der Frist
Klasse! Stattdessen diskutierte der Wahlausschuss
waren auf der Webseite des Wahlausschusses jedoch
endlos die Motive von Plakaten, die viel zu spät
Kommentar
V
ÄNNE CORDES
Web
www.wahlen.stura.uni-rostock.de
Illustrationen: Caroline Heinzel
Verlorene Wählerschaft
Wählerschaft abgeschafft? Über 80
Prozent der Studierenden bleiben den
Wahlurnen fern, wenn es darum geht, über
ihre Repräsentanten im StudentINNenrat
abzustimmen. Doch liegt das tatsächlich am
fehlenden Interesse an den eigenen Gremien
oder auch am Wahlsystem selbst?
Text
S
JOHANNES KRAUSE, STURA-PRÄSIDENT
eit seiner Gründung kämpft der StudentINNenrat (StuRa) mit ­niedriger
Wahlbeteiligung – die noch nie über
20 Prozent lag – und mit der Frage,
ob eine solche Beteiligung überhaupt
ausreicht, um ihn als Vertretung der
Studierendenschaft zu legitimieren.
Die Meinungs- und Willensbildung
der Studierenden ist die Aufgabe des
StuRa – doch wie gut kann dieser
beim derzeitigen Zustandekommen
nachgekommen werden?
Zurzeit findet die Wahl zum Studierendenparlament auf Fakultätsebene
statt. Das heißt, dass jeder Fakultät
eine bestimmte Anzahl von Sitzen
zugewiesen wird, die der Menge der
bei ihr eingeschriebenen Studierenden entspricht. Ist die
Kandidatenzahl gleich
oder niedriger als die
Anzahl der verfügbaren Sitze,
so ist gewählt, wer
die Hälfte der Stimmen auf sich vereint, was in solchen Fällen praktisch
immer erfüllt wird. Gibt es andererseits mehr Kandidaten als Sitze, ziehen nur die stimmstärksten Bewerber
ein. Allerdings verlieren damit jene
Wählerstimmen an Wirkung, welche
auf erfolglose Kandidaten entfallen.
Diese spielen erst als Nachrücker
eine Rolle. Bei den Wahlen 2009
wurden dadurch circa 33 Prozent der
Stimmen »wirkungslos« vergeben. Tritt
andererseits kein Kandidat an, so ist
den studentischen Fakultätsmitgliedern jegliche Einflussnahme auf die
Sitzvergabe verwehrt. So passierte
es bei den Agrar- und Umweltwissenschaftlern im Jahr 2006, bei den
Theologen zusätzlich 2008 und bei
den Maschinenbauern gar von 2006
bis 2008.
Eine weitere Problematik der Wahlen
besteht in der Anonymität der Kandidaten für die Wählerschaft, wodurch
laut einer Umfrage aus dem Januar
2009 etwa 66 Prozent der Nichtwähler einen Grund zum Ignorieren der
Wahl sehen. Schließlich werden Personen gewählt – inhaltliche Wahlen
sind kaum möglich beziehungsweise
für den Einzug der wenigen Kandidaten unerheblich. Welche Lösungsmöglichkeiten bieten sich, um zumindest die Wahlbeteiligung und damit
womöglich auch das Interesse an der
Arbeit des Studierendenparlaments
zu steigern?
In der StuRa-Sitzung vom 12. Januar
wurden mögliche Wege aus dieser
Misere vorgestellt. Einerseits könnten
die Wahlkreise verkleinert werden
(zum Beispiel auf Fachschaftsebene): Der Bezug von Kandidaten zur
Wählerschaft würde damit gestärkt
und die Quote der Wahlbeteiligung
stiege vermutlich an. Problematisch
hierbei ist jedoch, dass nicht jeder
Studierende eindeutig einer Fachschaft und damit einem Wahlkreis
zugeordnet werden kann.
Als Zweites bestünde die Möglichkeit
einer uniweiten Listenwahl, wodurch
die von den Listen vertretenen Inhalte in
den Vordergrund rücken würden – die
Personen darauf wären zweitrangig.
Die oft geäußerte Befürchtung einer
Politisierung des StuRa träfe dabei sicherlich zu, aber wäre es für ein Gremium, welches hochschulpolitische
Fragen behandelt, nicht wünschenswert, den Wählerwillen tatsächlich
widerzuspiegeln und Entscheidungen
auf dessen Grundlage zu fällen? Würde ein konservativer StuRa beispielsweise den kostenlosen Kinderteller
des Studentenwerks befürworten?
Das Verfallen von Stimmen, wie es
eingangs beschrieben wurde, wäre
jedenfalls minimiert, da jede Stimme
für die Mandatszahl einer Liste wirken
würde.
Als Kompromiss könnte letztlich auch
das Prinzip der Bundestagswahlen
herhalten. So würden nach wie vor
listenlose Direktkandidaten in den
StuRa gewählt, während uniweite
Listen für eine Profilierung des Parlaments und damit eine authentischere
Abbildung des Wählerwillens Sorge
tragen könnten.
Für welche Option sich der
StudentINNen­rat letztlich entscheidet, hängt von der Frage ab, ob die
Vertretung aller Fakultäten im Fokus
stehen soll und man damit gewisse
Parallelen zur Fachschaftsrätekonferenz
und zu den Fakultätsräten eingeht oder
ob das Parlament die aktiven Wähler der gesamten Studierendenschaft
­repräsen­­tieren will. <
29
PSA-News
Politische Bildung
Gemeinsame Rettung
gestrandeter
Studenten
POLITIK OHNE ÖFFENTLICHKEIT
E
Liebe Mitstudentin, lieber Mitstudent,
30
auch an einer Universität gehen manchmal Dinge
schief. In der Agrar- und Umweltwissenschaftlichen
Fakultät (AUF) haben wir gerade gar einen kleinen
Schiffbruch erlitten. Der alte Master »Landeskultur und
Umweltschutz« muss geschlossen werden – der neue
Master »Umweltingenieurwesen« ist leider noch nicht
da und wird zum Wintersemester auch nicht mehr
kommen. Die Studierenden haben zu Recht protestiert, das Studierendenparlament, der Allgemeine
Studierendenausschuss und die studentischen Senatoren haben sich eingeschaltet, ein Prodekan der
AUF ist aus Protest sogar zurückgetreten. Und trotzdem liegt in jeder Krise auch eine Chance.
Gemeinsam mit allen Beteiligten – den Studierenden und Lehrenden der Fakultät, ihrem Prüfungsausschuss, dem Rektorat, den Juristen und dem BAföGAmt – ist es uns gelungen, einen guten Ausweg zu
finden. Die Studierenden werden unkonventionell
weiterstudieren können, indem sie sich in einen anderen Master immatrikulieren, dort von den Prüfungen befreit werden und nur an jenen Veranstaltungen teilnehmen und jene Prüfungen ablegen, die sie
im kommenden Master brauchen. Nächstes Jahr werden sie dann in den neuen Master wechseln und dort
einfach im fortgeschrittenen Semester weitermachen,
als wären sie nie woanders gewesen. Sorgfältige Vorbereitung und viele Absprachen machen das möglich
und zeigen, dass (fast) nichts unmöglich ist, wenn alle
an einem Strang ziehen. Sogar BAföG wird es für die
Studierenden weiterhin geben – der engen Kooperation zwischen Universität und BAföG-Amt sei Dank.
Es zeigt aber auch, dass Engagement sich lohnt.
Ohne den wort- und schriftgewaltigen Einsatz der
Fachschaft und einzelner Professoren, die auch schon
mal im Rektorat auflaufen, um ihren Standpunkt deutlich zu machen, wäre es vermutlich nicht so schnell
zu einer Lösung gekommen. Ich freue mich, dass es
gelungen ist, aus dem Problem erst eine Herausforderung und anschließend eine Lösung zu machen –
und dass ich Teil davon sein darf. Euer Heiko
Heiko Marski ist Prorektor für Studentische Angelegenheiten (PSA) und kümmert sich im
Rektorat um die Belange der Studierenden.
Mail
[email protected]
lf Studenten saßen am
Abend des 26. April bei einer vom AStA organisierten Diskussionsveranstaltung den bildungspolitischen Sprechern der
SPD, der Linken und der Grünen
gegenüber. Mathias Brodkorb
(SPD) nahm die leeren Reihen
mit Humor: »Vielleicht sollten wir
Studiengebühren einführen, um
die Studierendenschaft zu mobilisieren.« Aber geht es uns wirklich einfach zu gut, als dass es
noch eine Notwendigkeit gäbe,
sich mit Bildungspolitik im Land
auseinanderzusetzen? Oder ist
diese Diskussionsrunde nicht nur
ein weiterer Beweis dafür, dass
schlicht die Kommunikations­
wege an der Uni nicht funktionieren, wenn es um Möglichkeiten
zu politischer Partizipation und
Bildung geht? Denn wenn durch
nahezu fehlende Werbung selbst
politisch interessierte und engagierte Studierende und nicht ein-
mal die lokalen Medien wissen,
dass irgendwo in der Südstadt
eine Veranstaltung dieser Art
stattfindet, wer hat dann überhaupt die Chance, sich eine realitätsgetreue politische Meinung
zu bilden? Politik ohne Öffentlichkeit schafft sich selbst ab. <
Text
ELISABETH WOLDT
Termine
Ägypten – Revolte und dann …?
Mubarak ist weg. Doch damit ist die Revolte im Land am Nil noch lange nicht zu Ende. Um
ein besseres Verständnis des ägyptischen Aufstands zu ermöglichen, wird Dr. Salua Nour,
Privatdozentin der Freien Universität Berlin, auf einer Veranstaltung des AStA, der GEW-Hochschulgruppe und des Bildungskellers in die Vorgeschichte der sozialen Auseinandersetzungen
im Land einführen.
Termin
10. Mai 2011, 19:30 Uhr, Ulmenstr. 69, Raum 323
Schwatzen mit Ströbele
Auf Einladung der Grünen Hochschulgruppe wird am 30. Mai das grüne Urgestein Christian
Ströbele in der Uni zu Gast sein. Dort soll er über die Entwicklung seiner Partei sowie über
die Libyen- und Afghanistanpolitik der Bundesrepublik sprechen. Weitere Informationen
werden zeitnah bekannt gegeben.
Termin
30. Mai 2011, Ulmenstr. 69
Web
www.ghg-rostock.de
Wahlweisheiten zum Mitnehmen II
Schon im März trafen sich erstmals ambitionierte Nachwuchsjournalisten in Stralsund, um eine
Zeitung für junge Wähler zu planen – die Wahlweise, die zur Landtagswahl am 4. September in
einer Auflage von 40.000 Exemplaren im ganzen Bundesland verteilt werden wird. Im Juni geht
es nun zum Zentrum der Landespolitik nach Schwerin. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, sich an der Wahlweise zu beteiligen.
Termin
16. bis 18. Juni, Schwerin, 20/30 Euro
inklusive Verpflegung und Übernachtung
Web
www.jmmv.de
heuler: Euer Logo zeigt die typische »grüne«
Sonnenblume. Wie viel habt ihr als Grüne Hochschulgruppe (GHG) mit der Partei
Bündnis 90/Die Grünen zu tun?
Thea Riebe: Wir fühlen uns den Zielen und Werten
der Grünen verbunden, allerdings sind wir nicht mit
allen Entscheidungen der Partei einverstanden und
distanzieren uns von der Tagespolitik. Trotzdem ist
die Vernetzung mit den Grünen in Rostock zum Beispiel sehr gut, einige GHG-Mitglieder sind auch
bei den Grünen Mitglied.
Aber ist es nicht ein bisschen scheinheilig,
vom Namen und Zuspruch der Grünen zu
profitieren, aber den Rest nicht mitzutragen?
Nein, das ist es nicht. Wir sind eine eigenständige
Organisation mit eigenem Personal und profitieren über unsere Mitarbeit vom Netzwerk der Grünen. Aber auch die Grünen profitieren von unserer
hochschulpolitischen Arbeit: Da wir in den Gremien
vertreten sind, kennen wir uns in dem Bereich besser aus und können unser Wissen einbringen.
Was sind das für Entscheidungen der Grünen, die du nicht mittragen willst?
Der »Green New Deal« ist zum Beispiel nicht konsequent zu Ende gedacht. Es bringt nichts, wenn
man einfach alles nur noch öko macht! Ein gutes
Leben ist nicht nur öko. Und mit der Abkehr vom
bedingungslosen Grundeinkommen gehe ich auch
nicht d’accord.
»Ein gutes
Leben ist nicht
nur öko«
Thea Riebe ist Mitglied der Partei
Bündnis 90/Die Grünen und
Sprecherin der Grünen Hochschulgruppe (GHG). Mit dem
heuler sprach sie über studen­
tisches Engagement in der
Hochschul­politik und die Abgrenzung der GHG zu den Grünen.
Interview
ÄNNE CORDES
Was die Änderung der StuRa-Wahlordnung
angeht, seid ihr euch ja recht einig. Du selbst
sitzt im Wahlausschuss. Ganz kurz: Warum
wollt ihr die Listenwahl?
Mal ganz abgesehen davon, dass unser jetziges
Wahlsystem gar keins ist … Weil Kandidaten fehlen
und viele Stimmen einfach in den Müll wandern, wollen wir hin zu einem Themen-Wahlkampf. Das geht
am besten mit Listen, weil man die Kandidaten oft
gar nicht kennt und kein Entscheidungskriterium hat.
Ein Gegenargument ist, dass Einzelkandidaten – außer über Direktmandate – bei der
Listenwahl nicht kandidieren könnten.
Mal ehrlich: Jeder findet für seine Themen noch
drei andere Leute, um eine Liste aufzumachen. Warum soll man jemanden wählen, der keine Themen
hat? Man kriegt zu jedem Topic eine Liste zusammen, und wenn sie »Freibier für alle« heißt.
Warum ist die GHG von allen Rostocker
Hochschulgruppen eine der präsentesten
und aktivsten?
Ich glaube, dass das ein selbstverstärkender Effekt ist:
Unsere Mitglieder sind alle sehr engagiert und aktiv
und immer darauf aus, neue Leute für unsere Themen zu begeistern. Diese Aktivität wird wahrgenommen und zieht mehr Leute an, die von Anfang an in
die Arbeit mit eingebunden und motiviert werden.
Euer Grundsatzprogramm fordert eine
soziale, ökologische, eine kritische und
unabhängige sowie eine studierbare und
demokratische Uni. Was unterscheidet euch
von anderen Hochschulgruppen?
Ich glaube, der Flow ist wichtig. Dass man die
Leute mag, mit denen man zusammenarbeitet.
Wir teilen bestimmte Werte, ohne Konformität zu
erwarten, und bleiben pluralistisch. Unsere Organisations- und Personalstruktur ist anders als in anderen Gruppen. Wir haben keine Hierarchien und
Vorsitze, wir haben zwei gleichberechtigte Sprecher,
die die Meinung aller nach außen vertreten. Jede
Meinung wird ernst genommen. Und wir setzen uns
für Gleichberechtigung ein.
Im StudentINNenrat (StuRa) der Uni seid ihr
eine der zahlenmäßig stärksten »Fraktionen«. Wie kommt das?
Wir werben ganz gezielt dafür, sich bei den StuRaWahlen aufstellen zu lassen, und haben langfristig
auch das Ziel, GHG-Mitglieder in die verschiedenen Ausschüsse zu verteilen. Man muss eben da
sein, wo die Entscheidungen gefällt werden. Auf
unseren Sitzungen sprechen wir meist die geplante
Tagesordnung der anstehenden Sitzungen durch,
diskutieren die Themen und positionieren uns. So
was wie »Fraktionszwang« gibt’s natürlich nicht, jeder soll seine eigene Meinung haben.
Wie viel Einfluss haben Hochschulgruppen
tatsächlich auf Entscheidungen der Uni?
Unser Vorteil ist das Netzwerk. Wir arbeiten viel mit
anderen Hochschulgruppen wie den JuSos und den
Hochschul-Piraten zusammen, die auch Mitglieder
in StuRa und Senat haben. So können wir schnell
Krach schlagen, wenn für Studenten ungünstige
Entscheidungen getroffen werden. Dass es im letzten Semester keine Verlängerungen für Hausarbeiten mehr gab, wäre ohne die GHG kaum öffentlich
geworden. Manchmal scheint es aber auch egal
zu sein, ob man aufstampft, dann ist ein Vertrag
schon geschlossen geworden, wie der mit novus
Marketing.
Vielen Dank, dass du dir für das Interview
Zeit genommen hast.
Kein Problem, ich finde, die studentische Beteiligung an der Hochschulpolitik ist ein sehr wichtiges
Thema. Mir macht das sehr viel Spaß und ich freue
mich, dass ich im heuler davon erzählen darf. <
Foto: Paul Fleischer
Web
www.ghg-rostock.de
31
Illustration: Björn Giesecke
KULTUR
32
Web
www.heulermagazin.de/kultur
Und dann kam Sven ...
D
Karo, Ressortleiterin
a saß ich nun und vor mir Sven Regener. »Wer jetzt noch schläft ist tot«? Schlafen
konnte ich schon zwei Tage vorher nicht mehr. Meine panikartigen Ängste, meine
musik-journalistische Karriere schon im Klo herunterzuspülen, bevor sie überhaupt
angefangen hatte, griffen lautstark und vehement über. Schweißausbrüche, Haareraufen, nichts
blieb aus. Meine Nerven lagen blank, mein Kopf war leer und dann kam ...
»Wenn der liebe Gott gewollt hätte, dass
englische Texte Sinn ergeben, hätte es
wohl nicht Bob Dylan gegeben«
Ein Interview mit Element Of Crime-Sänger Sven Regener im Februar 2011
Wie kann man dieses »Besondere« aus
einer Band herauskitzeln?
Um dieses Besondere wirklich herauszuarbeiten,
gibt es zwei Möglichkeiten: Man versucht entweder, so zu sein wie alle anderen, weil man denkt,
damit hätte man bessere Chancen. Oder, was
man meiner Meinung nach machen sollte, man
versucht, das herauszuarbeiten, was man selber
gar nicht mag: »Meine Stimme klingt so komisch«
oder »Meine Gitarre kratzt so sehr« ... Das ist
genau richtig, so spielt nämlich sonst kein anderer.
Meiner Meinung nach ist das bei Künstlern das
einzige Kapital, das sie haben. Da versuchst du,
die Moorleiche immer wegzudrücken, und im
Endeffekt kommt sie hinten immer wieder hervor.
Interview
KAROLIN BUCHHOLZ
Web
www.element-of-crime.de
CD
Element of Crime – Fremde Federn.
Wo wir schon einmal bei
dem besonderen Stil
sind: Was hältst du denn
von Casting-Shows und
ihrem Musikideal?
Ich denke, an Casting-Shows kann
man erkennen, dass die Popmusik-Szene
in der Krise ist. Erst das, was tot ist, kann als
Zombie zurückkommen. Und ich meine, Popmusik muss schon sehr tot sein, dass so etwas
relevant wird.
cke
rn G
iese
Bjö
War es für euch seltsam, nach einer Weile plötzlich wieder auf Deutsch zu spielen?
Es war schwierig, weil die Sache sehr direkt
reingeht. Dieser halbdurchsichtige Vorhang, den
eine Fremdsprache bringt, ist dann plötzlich weg.
Man singt es eins zu eins und alles wird in diesem
Moment genauso verstanden. Letztendlich war es
aber auch eine große Erleichterung, es mangelt
Vertigo Berlin (Universal). 17,95 Euro
on:
Nun zu dem neuen Album »Fremde
Federn«, das komplett aus Coversongs besteht. Wie identifizierst du dich mit den Liedern? Liegen sie dir sehr stark am Herzen?
Ich glaube nicht, dass man sich als Sänger oder
auch als Band nur mit Songs identifizieren kann,
die man selber geschrieben hat. Da muss man
schon sehr vernagelt sein. Auch die anderen
schreiben schöne Lieder. Musiker sind da relativ
wenig heikel. Schriftsteller sind untereinander
viel zerstrittener, da gibt es auch viel Neid. Bei
Musikern trifft das selten zu, weil man immer die
Möglichkeit hat, gemeinsam zu musizieren. Für
Schriftsteller sind eher die Alkoholiker?
Ja, dann aber eher auf die feinere Art, bei Rotwein
oder so.
ja schließlich nicht an Spießern, die einem andauernd erzählen, dass man einen deutschen Akzent
hätte. Das andere war auch, dass, wenn man
irgendetwas Seltsames dachte, etwas Ausgefallenes, dass die ganzen Schlaumeier um die Ecke
kamen und meinten: »Das ergibt ja überhaupt keinen Sinn, da hast du wohl kein richtiges Englisch
gekonnt.« Wo ich mir denke: Wenn der liebe Gott
gewollt hätte, dass englische Texte Sinn ergeben,
hätte es wohl nicht Bob Dylan gegeben. Wenn
man dann auf Deutsch solche Sachen schreibt
wie »Die Hose, die du mir gehäkelt hast«, dann
kommt mir keiner mehr blöde und sagt: »Aber Hosen häkelt man doch nicht. Hosen kann man nicht
mal stricken. Du hast ja wohl deine Vokabeln nicht
beieinander.« Da kann ich dann einfach sagen:
»Ja, ich bin bescheuert!« – und das ist natürlich
viel angenehmer. <
trati
In den hinteren Reihen sind aber heute
Stühle aufgestellt worden.
Ganz hinten? Ich kann mir nicht vorstellen,
dass da irgendjemand sitzen will. Was soll das
bringen? Erstens sitzen wir ja auch nicht und
zweitens ist es so gezwungen. Du sitzt dann so in
der Mitte, du darfst nicht aufstehen und musst die
Klappe halten, alle schweigen, das ist ja auch so
einschüchternd. Es ist kein Wunder, dass, als der
Rock ’n’ Roll aufkam, bei Konzerten das Publikum
die kompletten Kinosäle zertrümmert hat. Das
lag eigentlich nur daran, dass diese Säle bestuhlt
waren. Die Leute wollten tanzen, sich bewegen,
und dann stehen da Platzanweiser, die dir sagen,
du müsstest auf Platz 17D sitzen bleiben. Das ist
eigentlich Rock ’n’ Roll-feindlich. Das können die
Jungs vom Schlager machen, aber wir nicht.
Schriftsteller ist es schwieriger, sich zusammenzufinden. Da läuft es meistens alles übers Saufen,
glaube ich.
Illus
heuler: Wie findet ihr es, in Stadthallen zu
spielen?
Sven Regener: Stadthallen sind schon schwierig,
die sind für andere Arten von Veranstaltungen
ausgerichtet worden. Aber letztendlich, wenn
nachts die Lichter ausgehen, sind wir verantwortlich dafür, wie es ist. Da kann man es nicht auf
die Halle schieben. Dann ist es nämlich dunkel,
alle Katzen sind grau und wir machen das Licht
und den Sound. Das Einzige, was wirklich kritisch
ist, ist die Bestuhlung. Wir spielen nicht gerne in
Hallen mit Bestuhlung.
33
Geliebt und belächelt
Superman, Spiderman, Batman – allesamt Vertreter der
Gerechtigkeit. Zwar sind Helden wie sie in unseren Tagen
verstärkt im Fernsehen zu bewundern, doch erleb(t)en sie
ihre Geburtsstunde meist woanders: im Comic.
Text
CARSTEN GRAMATZKI
Comic
E
in Comic-Heft lässt sich als
sequenzielle Kunst verstehen,
die sich einer narrativen Bildund Zeichendarstellung bedient. Manch einer meint
jedoch, ein Comic sei gar
keine Kunst, sondern lediglich »etwas für Kinder«. Diese
Borniertheit skizziert in seinen
ersten Zügen den in der Historie
geführten und auch weiterhin zu
führenden Kampf des Mediums und
dessen Streben nach Anerkennung und Akzeptanz.
34
Sein kommerzieller Publikationsursprung liegt Anfang der 30er-Jahre in den USA. Hier zunächst
nur für Werbezwecke der lokalen Verlagshäuser
konzipiert, wurde der Comic schnell zum festen Bestandteil der amerikanischen Zeitungsstruktur und
erlangte daraufhin einen hohen Stellenwert bei der
Leserschaft. Die wachsende Beliebtheit lässt sich
unter anderem damit begründen, dass im klassischen amerikanischen Heft die Figuren vorrangig
die Mittelschicht, dessen Bedürfnisse, Ideale und
HANNES FALKE
Normvorstellungen sowie den traditionellen
»Way of Life« repräsentieren. Dadurch wurde
eine hohe Identifikationsbereitschaft mit dem
Printmedium bewirkt. Dies könnte dazu beigetragen haben, dass Comics auch abseits
der täglichen Morgenzeitung integraler Bestandteil der amerikanischen Kultur wurden
und heute noch sind. Besonders zur Zeit des
Zweiten Weltkriegs erlebte die Szene in den
USA einen Aufschwung und bekannte Helden
wie Captain America zierten im Kampf gegen die Nazis zahlreiche Cover. In der
Nachkriegszeit importierten GIs vereinzelte
Hefte nach Europa, wodurch dem Medium
auch dort mehr Aufmerksamkeit zukam.
Die Entwicklung europäischer Eigenproduktionen vollzog sich dagegen
anders als in den Staaten. In Frankreich waren Comics vom Beginn an
von der Tagespresse losgelöst und wurden
zunächst ausschließlich von Kindern in speziellen
Zeitschriften gelesen. Erst durch die Umgestaltung
in Bezug auf Format und Qualität etablierten sich
Comics und konnten erstmalig ihr Publikum um
eine erwachsene Leserschaft erweitern.
Vor allem die populäre Reihe »Asterix« hat
mit geschichtlichen und politischen Inhalten eine ältere Klientel für sich gewinnen
können und maßgeblich zur Befreiung des
Mediums von der Etikettierung als Kinderunterhaltung beigetragen. Dem in den
USA und Frankreich florierenden Markt
standen deutsche Kritiker misstrauisch
gegenüber, weshalb sich die Akzeptanz
hier erst später entwickeln konnte. Der
Comic wurde weiterhin vorrangig als
Kinder- und Jugendlektüre angesehen
und schaffte es lange Zeit nicht, diesen >
Makel abzulegen. Rezensenten vertraten
die Auffassung, dass die massenhafte Verbreitung aus Übersee ein Angriff auf die
Künste sei. Denn Produkte, die für ein
Massenpublikum produziert wurden,
besaßen ihrer Meinung nach kein Niveau und somit musste der Comic als
ein Übergriff auf (Bildungs-)Privilegien,
die Kunst und die Literatur verstanden
werden. Aufgrund dieses Verständnisses
wurden die Hefte mit dem Label Trivialkunst gebrandmarkt, weshalb es sich
als schwierig erwies, ihren Anspruch als
ernsthafte und anspruchsvolle Kunstform
geltend zu machen.
Erst Mitte der 70er-Jahre zeichnete sich ein Bruch
im Denken der Kritiker ab. Besonders der Franzose
Francis Laccasin trug 1971 durch sein Engagement
entscheidend zum Umdenken bei. Indem er einen
Eintrag in die französische Enzyklopädie erwirkte,
erreichte Laccasin, den Comic als sogenannte
Neunte Kunst international durchzusetzen. Ebenfalls gelang es Roy Lichtenstein mit dem Pop-ArtStil und dem darauffolgenden Erscheinen von
Pop-Comics eine Verbindung zwischen Comic, Kunst und Kultur
zu schaffen. Auch der
zunächst stark kritisierte Comic »Maus«
von Art Spiegelman
verhalf zum Bruch
mit den alten Vorstellungen. In seiner
zweiteiligen Geschichte berichtet der Autor
unter anderem von den Erlebnissen seines Vaters
in Auschwitz und erhielt für sein Werk im Jahr 1992
den Pulitzerpreis, wodurch die Grenzen zwischen
Unterhaltung, Literatur und autobiografischer Erzählung stärker verschwammen. Zuvor lautstarke
Kritiker verstummten von jetzt auf gleich, woraufhin der Comic auch bei ihnen einen
kulturellen Aufschwung erfuhr.
Allmählich reifte ein Bewusstsein, das
Comics nicht von vornherein dem Anspruch bedeutungsvoller Inhalte und
künstlerischer Qualität beraubte,
sodass sich gesellschaftliche Teilbereiche zunehmend gegenüber
dem Medium öffneten. So wurden
Comic-Hefte begleitend in den Schul-
unterricht eingebunden und auch immer mehr von
wissenschaftlichen Disziplinen fokussiert. Comics
wurden somit, wenn auch verspätet, als Bestandteil
sozialer Kommunikation begriffen, welcher Teile der
Gesellschaft widerzuspiegeln vermag, andererseits
aber auch von eben diesen reflektiert wird. Ersteres
lässt sich anhand der Kultfigur Popeye verdeutlichen. Hier thematisierte der Autor den Jargon früherer Matrosen, denn den Begriff Spinat verwendeten sie ambivalent für Marihuana. Als Reaktion
auf einen gesellschaftlichen Umbruch, nämlich der
Anti-Raucher-Bewegung, musste beispielsweise der
damals kettenrauchende Cowboy Lucky Luke einen
Zwangsentzug machen. Ab sofort hieß es Grashalm
statt Kippe, um dem sozial
gewünschten Trend gerecht
zu werden. An diesen zwei
Beispielen ist zu erkennen,
wie Gesellschaft auch auf
die Inhalte in Comics Einfluss nehmen kann.
Durch den geglückten Einzug in wissenschaftliche
Diskurse scheint der Comic endgültig seine historischen Hürden überwunden und in vielen
Gesellschaften allgemeine
Der Comic wurde verspätet
als Bestandteil sozialer
Kommunikation begriffen
Akzeptanz erlangt zu haben. Auch bei der deutschen
Bevölkerung tritt er allmählich aus seinem klischeebehafteten Schatten und avanciert zum anerkannten
Kulturgut. Doch trotz dieser positiven Trendentwicklung gleicht Deutschland weiterhin einer Dritte-WeltComiclandschaft. Entwicklungshilfe betreibt der
Gratis-Comic-Tag, wobei dieses Projekt hauptsächlich der Annäherung zwischen Medium und Szenefremden dienen soll. Am 14. Mai dieses Jahres
nehmen wieder zahlreiche Händler deutschlandweit
teil, auch hier in Rostock. Interessierten stehen dabei
die Läden »Sequentiell Art« und »Fantastische Welten – Der Spieleladen« zur Seite. Also keine falsche
Scheu, lasst euch entführen in eine wunderbare
Welt der Sprechblasen. <
Web
www.gratiscomictag.de
35
Grafik: Andreas Ehrig
Das Volkstheater Rostock führt vor:
»Adams Äpfel«
FiSH –
Festival
im StadtHafen
Ab Mai setzt das Rostocker Volkstheater eine Aufführung
um, die auf dem 2005 erschienenen dänischen Film »Adams
æbler« basiert. Behandelt werden Gott und die Welt, Gut
und Böse und zu guter Letzt auch Nazi versus Pfarrer. Ob
nun der gute alte Apfelbaum jedoch tatsächlich zur Pointe
des Stückes beiträgt – seht selbst!
S
36
STEFFEN EGGEBRECHT
alzige Luft weht am Rostocker Hafen,
obendrein kreischen Möwen. Was
würde besser dazu passen als eine gute
Portion »FiSH«? Alljährlich pilgern Tausende Kinofans an die Kaikante, um sich
beim »Festival im StadtHafen« ihre Portion
Filmgenuss abzuholen. Vom 13. bis zum
15. Mai verspricht die nunmehr achte
Ausgabe cineastischen Hochgenuss.
Unter dem Titel »JUNGER FILM« läuft
einer der bedeutendsten deutschen Wettbewerbe für Nachwuchsregisseure. »408
Kurzfilme wurden in diesem Jahr eingereicht, 29 davon zeigen wir im MAU
Club«, sagt Juryleiter Matthias Spehr. »Auf
kaum einem anderen Festival nimmt der
Zuschauer so intensiv an den Fachgesprächen teil.« Nach jedem Filmblock
diskutiert die Jury auf der Bühne über
die Werke. Als einziger Beitrag aus MV
schaffte es der Kurzfilm »Minus acht
Grad« der Videogruppe »New X-iT« in
den Bundeswettbewerb. Der Besuch des
Rostocker Weihnachtsmarktes fungiert in
dem Werk als Parabel für die Phasen einer Beziehung.
Im Programmfenster »SehSterne« zeigt das
»FiSH« 19 Filme aus und über Mecklenburg-Vorpommern. Eines der kuriosesten
Werke ist »Surviving the suburb – Das
träge Leben in Type EW58/08«. In der
Dokumentation bauen Chinesen ein
Einfamilienhaus des Typs EW58/08 im
mecklenburgischen Dorf Wendorf ab,
verfrachten es in einen Container und
lassen es von ostdeutschen Arbeitern
im niederländischen Almere wieder
aufbauen.
Im »FiSHspezial« bietet das Formatfenster
»OFFSvergie« einen Blick auf die Arbeiten junger Regisseure aus dem diesjährigen Gastland Schweden. »Die elf Filme
zeichnen sich durch skurrilen Humor und
rebellische Tendenzen aus«, erklärt Festivalleiterin Henrike Hübner. Und auch die
Musik habe ihren Platz auf dem »FiSH«:
»Beim Netzwerktreffen Filmmusik können
sich Regisseure, Autoren und Interessierte
mit Musikern über die Zukunft von Film
und Musik im Land austauschen.«
Weitere klangvolle Höhepunkte bilden
die Partys am 13. und 14. Mai, welche
die jeweiligen Festivaltage des »FiSH« im
MAU Club und dem Zirkuszelt Fantasia
abrunden werden. Zudem eröffnet die
norddeutsche Band »NORA&LEO« mit
ihrem leichtfüßigen Pop den Wettbewerb
»JUNGER FILM«. <
Termin
13. bis 15. Mai 2011
Termin
am 14., 19. und 27. Mai 2011, Theater am Stadthafen
Web
www.volkstheater-rostock.de
Die Rostocker Kunsthalle präsentiert:
»Otto Niemeyer-Holstein«
Eine Mischung aus alten und neuen Malereien sollen im Mai
in der Rostocker Kunsthalle »das Typische der Malerei Otto
Niemeyer-Holsteins« deutlich machen. Geboten werden bekanntere Landschaftsmalereien, aber auch seltene Arbeiten.
Wenn es also im Sommer einmal ausgiebig regnet, bewegt
euch in die Kunsthalle und genießt ein wenig Kunst!
Termin
14. Mai bis 14. August 2011, Kunsthalle Rostock
Web
www.kunsthalle-rostock.de
Foto: Martin Terber/flickr.com
Im Rostocker Stadthafen bietet das »FiSH« Jahr für Jahr film­­
ische Höhepunkte. In drei Programmfenstern zeigt das Festival Kurzfilme von jungen deutschen Regisseuren, Beiträge
über und aus Mecklenburg-Vorpommern und wirft einen Blick
in die schwedische Filmszene.
Text
Q-Tipps!
Der Zwischenbau zeigt:
»Willkommen bei Sascha Funke«
Auch wenn es kaum zu glauben ist, wird Sascha Funke im
Mai im Rostocker Zwischenbau seine neuesten, ältesten
und bekanntesten Werke auflegen. Für den unglaublichen
Preis von 5 Euro im Vorverkauf könnt ihr euch jetzt schon
ausgiebig mit Tickets versorgen. Bekannt durch seine
Kooperation im „Berlin Calling“-Soundtrack, werden seine
Ost-Berliner Techno-Rhythmen den Frühling in Rostock um
eine schlaflose Nacht bereichern.
Termin
28. Mai 2011 im Zwischenbau
Web
www.zwischenbau.com
Illustration: Alfonso Maestro/Foto: boyfriendrobotique.blogspot.com
des Börsenbrokers, aber auch den des Callboys. Auf
dem Programm seiner strengen Diät standen weiche
wie harte Drogen und grob geschätzt alle Prostituierten Sohos. Das Kunstwerk Horsley war irgendwann
so ausgereift, dass er nur noch in Zitaten von Oscar
Wilde oder Charles Baudelaire sprach. Er musste
mit Jimmy Boyle, dem gewalttätigsten Verbrecher
Schottlands, schlafen (seine Freundin übrigens auch)
» Ich habe für meine
Kunst gelitten. Nun
seid ihr dran «
Sebastian Horsley
Der heilige Narr
Er starb, weil es gerade »gut zum Mobiliar passte«, und hielt
seinen eigenen Vornamen für das schönste Wort in englischer
Sprache. Wer war dieser bunte Nichtsnutz? Ein Featurette mit
Sebastian Horsley, Kunstmärtyrer und Dandy.
Text
U
ALFONSO MAESTRO
nd mit der Geburt presst uns das Leben einen
Stempel auf die Stirn: »Versuch es« – wir versuchen es. Von Will Smith und Aristoteles haben wir es
schwarz auf weiß: Wir streben nach Glück und sehen andere streben, bis wir sterben (und die anderen
hoffentlich auch). Eigentlich sollte es »Streben nach
Glück und Ruhm« heißen, denn insgeheim wollen
alle Stars sein, It-Boys und It-Girls. »It« bedeutet auf
Englisch »geil«. Als Kind ist es noch relativ machbar,
»it« zu sein: »Gucke mal, Mama, ich fahre freihändig!« Später, im Erwachsenenalter wird es diffizil –
da muss man schon im Dschungelcamp Würmer
schlucken, um B-Prominenter zu werden. Leiden,
um zu werden, lautet die Devise.
Aber die Rechnung geht nicht immer auf, nur wenige werden zu echten Stars. Genau da trennt sich der
Vernunftsmensch vom Dandy, der den Traum auch
nach der Postpubertät nicht aufgibt. Der Dandy wartet nicht, bis ihn ein Dritter zum Star kürt, nein, sein
dekadentes und egozentrisches Weltbild lässt ohnehin
keine Erwartungen zu. Sein Talent besteht darin, die
erbärmlichsten Lebenslagen zu zelebrieren, für ihn ist
Weisheit die »Kunst, das Unglück in ein Fest zu verwandeln«. Sein eiserner Glaube ist es, der ihn siegreich hervorgehen lässt. »Er« heißt Sebastian Horsley
und hat genau ein Kunstwerk erschaffen: sein Leben.
Der exzentrische Brite dachte immer, er sei schon irgendwie berühmt und wurde dafür … berühmt. Doch
bis zur Überwindung dieser Paradoxie war es eine
Ochsentour: Der Mann opferte sein Leben der Studie eines groß angelegten Performance-Kunstwerks,
das genau ein Leben maß und andere Größen­
wahnsinnige wie James Cameron oder Christo und
Jean-Claude wie eine petitesse aussehen lässt. Sein
Training umfasste unterschiedliche Berufe, etwa den
und sich zu Beethovens Neunter mit seinen eigenen
Exkrementen abpeelen. Er modelte für Comme des
Garçons und war Feuilletonist für britische Wochenzeitungen wie dem Observer und dem New Statesman. Mit dem Internetvideo »Sebastian Horsley’s
Guide to Whoring« wurde er zum Jamie Oliver
der Unterwelt und setzte einen Kontrapunkt zum
bürgerlich-nachhaltigen YouTube-Service der frutarischen Rezepte, Basteleien und sonstigen legalen,
aber fragwürdigen Neigungen wie Liebemachen
mit Obst, Lichtnahrung und Jazz.
Hätte er nicht den Namen des Märtyrers St. Sebastian getragen, Schutzpatron von Malta und
Palma und von allen »Athleten und Schwuchteln«,
wäre ihm seine härteste Probe im Jahr 2000 erspart geblieben. Als erster Okzidentaler ließ sich
der Millionärssohn auf den Philippinen kreuzigen,
selbstverständlich nur zur Einstimmung auf eine
Reihe von Malereien mit Kreuzmotiv. Hätte Jesus
sich nicht »wie Horsley« kreuzigen lassen, wäre er
ein Niemand geblieben, erklärt der Künstler. »Was
hätte das Christentum davon gehabt, wenn er 15
Jahre gekriegt hätte, mit vorzeitiger Entlassung wegen guter Führung?«
Die Selbstdarstellung, die sinnstiftende Pose eines
solchen Narziss und Poeten des letzten Wortes
zu erfassen, überfordert die Sprache. Diesen Artikel hätte eigentlich nur Horsley selbst schreiben
können, aber er ist tot. Das Klischee vom posthumen Ruhm – siehe Vincent van Gogh – bereitete
dem verschuldeten Dandy große Kopfschmerzen.
Er wusste, solange er lebt, ist seine Kunst nichts
wert. Für einen Mann, dessen eigenes Leben das
einzige Kunstwerk ist, bedeutet dies ein Lose-loseSzenario: Ist er tot, ist es das Kunstwerk auch. Aber
es ist mehr wert. Als er sich vergangenen Sommer
den »goldenen Schuss« setzte, war das also pures
Marketing. Letztendlich verwundert es nicht, dass
ein Mann ohne Moral tatsächlich alles tut, um sich
gegenüber seinen lebenden Kollegen einen monetären Vorsprung zu verschaffen. <
37
BÜCHER,
CDs,SPIELE,
Theater,
FILME,WEB!
Rezensionen
Buch
38
Martin Wehrle
Ich arbeite in
­einem Irrenhaus
Einmal mehr blickt der Karriereberater Martin Wehrle hinter die
Fassaden deutscher Großbüroräume und offenbart den ganz alltäglichen Wahnsinn in seinem Werk
»Ich arbeite in einem Irrenhaus.
Vom ganz normalen Büroalltag«.
Mit reichlich Augenzwinkern, aber
auch kräftigen Verbalschlägen holt
er gegen meetinggeile Chefetagen
und gefühlsknauserige Insassen der
deutschen Firmenlandschaft aus.
Das Ergebnis umfasst 280 Seiten,
die eine Mischung aus Ratgeber­
weisheiten, sachlicher Informationsbereitstellung und Enter­
tainmenteinlagen bieten. Zu den
Einschüben mit Unterhaltungswert
gehört neben dem reichen Angebot
an Wortspielen auch »der große
Irrenhaustest«, mit dem das Buch
wirbt. Doch bevor es zu diesem
kommt, plaudert Wehrle aus dem
Nähkästchen und verrät, wie der
»Käfig voller Narren« gestrickt ist.
Und beim Lesen der Erfahrungsberichte seiner Klienten bekommt man
wehrlich das Kopfschüttelsyndrom.
Es ist nicht verwunderlich, dass sich
der Autor dazu hinreißen ließ, eine
»Irrenhaus-Ordnung« zu verfassen – der bürokratische Wahnsinn
soll schließlich gewahrt werden.
Der charmante, augenzwinkernde
Schreibstil, wie man ihn aus Wehrles »Am liebsten hasse ich Kollegen.
Wie man den Büroalltag überlebt«
noch kennt, wird auch in seiner Beschreibung des Irrsinns fortgesetzt.
So ähneln sich im Übrigen auch die
Verfahrensmuster – ein Slapstick als
Aufhänger, der gnadenlos ausgeschlachtet, am Ende jedoch wieder
relativiert wird. Genau darin gipfelt
das Augenzwinkern des Autors.
Allerdings dürfte der Grundton
seiner Worte den Führungsriegen
deutscher Firmen wohl zu denken
geben, denn Wehrle verteilt reichlich Kopf(an)stöße, die er scharf und
konsequent formuliert. Doch bei
allem kurzweiligen Lesevergnügen
(für die Arbeitnehmer), welches sich
bei Metaphern wie »Quartalszahlen­
säufer« einstellt, stecken auch
Botschaften und Tipps zwischen
den Zeilen, die nicht erst am Ende
des Buches explizit angesprochen
werden. Man lernt letztlich sicher
nicht, »was die Welt im Innersten
zusammenhält«, doch zumindest weiß
man nach dem Lesen des Buches,
wie ein Irrenhaus von innen aussieht.
Dumm nur, wenn man erkennt, dass
man mitten in einem steckt. Aber für
diesen Fall gibt es ja immer noch
einen Karriereberater. Martin Fietze
> Martin Wehrle – »Ich arbeite in
einem Irrenhaus«
Ullstein Buchverlage, Berlin 2011
ISBN: 978 3 430200974
288 Seiten, 14,99 Euro
Buch
Michael Am
Der Staatswahn
Der Anwalt und Autor Michael Am
brachte vor einigen Wochen sein
Buch »Der Staatswahn« im Selbstverlag auf den Markt. In diesem
knapp 650-seitigen Schinken
skizziert er unter anderem, wie sich
das »caesarische Herrscherprinzip«
über die Jahrhunderte hinweg in der
abendländischen Kultur und Religion
festgesetzt habe und uns seitdem
wie Marionetten den täglich fremdbestimmten Tanz der Unterwürfigkeit
aufführen lasse. Dieser Blick ist
jedoch keineswegs neu. Der Autor
nimmt auch selbst immer wieder
Bezug auf die Studien Francesco
Carottas, der beweisen wollte,
dass das uns überlieferte Wirken
Jesus Christus eine Umdeutung
des Lebens und Todes des großen
Julius Caesar sei. Diese Deutungstradition will Am nun rehabilitieren
und holt zu einem Schlag gegen
das christliche Selbstverständnis
aus, indem er die Ungereimtheiten
der neutestamentarischen Erzählungen zu einem Strick aufzufädeln
versucht: »Es ist kein Gesalbter,
weder ein Hohepriester noch ein
jüdischer Maschiach, ein Messias,
der den Christen in ihrer Kirche und
in ihrem Staat vorsteht, wohl aber
ein römischer pontifex maximus als
caesarischer pater patriae, als Papa,
als der Papst, und ein ererbter Caesar […].« Zwar betont der Autor, dass
Staat und Religion nicht zu trennen
seien, jedoch verliert sich die Intention des Titels »Der Staatswahn« in
eigenen Auslegungen von Dekalog
und Heiliger Schrift. Immerhin bieten
diese dann einen interessanten
Standpunkt, der mit Termini wie
»Daseinleben«, »Daseinwerden«
oder »MenschenMenschen« belebt
wird. Eklatant ist bei aller Gutmütigkeit allerdings das Verhalten im
Umgang mit Quellennachweisen.
Von einem fehlenden Literaturverzeichnis einmal abgesehen haben
Wikipedia-Quellen in einem Werk,
dem man einen wissenschaftlichen
Anspruch ablesen kann, nichts zu
suchen. Über ähnliche Fußnotenverfehlungen stolpert bekanntlich
nicht nur der Blick findiger Journalisten und Professoren, sondern
auch die Reputation von Politikern.
Seinen Außenseiterthesen hat
Michael Am damit keinen Gefallen
getan. Es bleibt daher ein bitterer
Beigeschmack, der sich während
der Lektüre ansammelt. Am besten
wäre es da doch, die Tatsache
der fehlenden wissenschaftlichen
Anerkennung von Carottas Thesen
unter den Tisch fallen zu lassen.
Oder zumindest in eine Fußnote zu
stecken. Martin Fietze
> Michael Am – »Der Staatswahn«
M.AM Verlag, Görlitz 2010
ISBN: 978 3 000304798
650 Seiten, 39,95 Euro
Film
»Minus acht
Grad«
Spiel
Mit dem Autoscooter prallt
das junge Paar erstmalig
aufeinander. In diesem
Chartmusik dudelnden
Gefilde vermutet der Filmfreund zunächst einmal
keinen Ausgangspunkt für
eine Liebesgeschichte.
Kartenspiel
Phase 10
Vielleicht habt ihr es schon bemerkt:
Ich liebe Kartenspiele, die man zum
einen überall mit hinnehmen kann
und mit denen einem zum zweiten
auch nach mehrfachem Spielen
nicht langweilig wird. Phase 10 ist
genau so ein Spiel. Handlich, mit
leichten Regeln und auch nach dem
hundertsten Anlauf noch abwechslungsreich und interessant. Umso
erstaunlicher, dass viele Leute dieses
Spiel, das ich schon auf der Abi-Fahrt
gespielt habe, nicht kennen.
Ziel ist es, zehn unterschiedliche
Phasen zu bewältigen, in denen
man vorgeschriebene Kartenkombinationen sammeln und nach und
nach alle Startkarten von der Hand
ab- und anlegen muss – und das
alles möglichst als Erster. Beendet
ein Mitspieler seine Phase, werden
Punkte gezählt und notiert. Wer zum
Schluss die wenigsten Punkte, aber
die meisten Phasen hat, gewinnt.
Logisch, oder?
In jeder Spielrunde beginnen alle von
vorne: Karten sammeln, ablegen,
Punkte zählen. Doch wer lange führt,
hat noch lange nicht gewonnen.
Denn jede Phase kann zum Stolperstein werden! Außerdem lässt das
Spiel viel Raum für »Hausregeln«,
die beispielsweise die Reihenfolge
der zehn Phasen oder das Aufnehmen von neuen Karten anders regeln
können. Der Kreativität sind also
keine Grenzen gesetzt. Wer gerne
mit vielen Sonderkarten spielt, dem
sei Phase 10 Master empfohlen. Diese
Version bietet zahlreiche Möglichkeiten, um das eigene Blatt aufzuwerten
Anschließend streifen die beiden
Teenager wortlos und im tiefsten
Winter über den Rostocker Weihnachtsmarkt. Begegnen, verlieben, streiten, versöhnen – diesen
beziehungstechnischen Schlingerkurs spiegeln die Filmemacher von »New X-iT« mithilfe des
Rummels und der Fahrgeschäfte
in ihrem Kurzfilm wider. Wahrhaftig lassen die jungen Regisseure
einen Jahrmarkt der Gefühle
entstehen. Der erste Blickkontakt
ist so heftig wie ein Zusammenstoß beim Autoscooter. Die ersten
Annäherungsversuche gleichen
dem verklemmten Gewehrlauf
an der Schießbude. Eine mit­
reißende Fahrt in der Achterbahn
versinnbildlicht die darauffolgenden Höhen und Tiefen. Und
süß wie Zuckerwatte schmeckt
die anschließende Versöhnung.
Obwohl der Treuetester endloses
Glück verspricht, erfüllt sich diese
Prophezeiung nicht.
Den »New X-iT«-Machern gelingt
eine kurzweilige und durchdachte
Parabel auf das Auf und Ab der
Liebe. Mit schnellen Bildern erzählen sie eine liebliche Geschichte,
in der sich die eigenen Erfahrungen von Bauchgefühl und Herzzerreißen wiederfinden lassen. Es
gelingt ihnen dadurch, der jedes
Jahr erneut nervtötenden Weihnachtskirmes einige romantische
Aspekte abzuringen.
Der knapp neunminütige Kurzfilm
»Minus acht Grad« nimmt am
Bundeswettbewerb »JUNGER
FILM« teil, der im Rahmen des
Festivals im Rostocker Stadthafen
»FiSH« vom 13. bis 15. Mai stattfindet. STEFFEN EGGEBRECHT
39
oder die Mitspieler auf andere Weise
am Sieg zu hindern. Insgesamt wird
das Spiel durch Extrakarten schneller,
die einzelnen Phasen leichter – was
dem Spiel aber auch ein wenig an
Spannung nimmt. GESA RÖMER
>
»Phase 10«
Ravensburger
2–6 Spieler, ab 10 Jahren
Dauer: 45–90 Minuten
8,99 Euro
CD
Singer-Songwriter
Stefan Johansson –
Finding Home
Stefan Johansson ist das, was man
einen musikalischen Weltenbummler
nennt. Auftritte in Japan, Thailand
und Neuseeland hat der gebürtige
Schwede schon hinter sich, aber den
Weg nach Hause hat er dann doch
immer wieder gefunden. Glück für
uns, denn mit seinem Debütalbum
»Finding Home« gibt er uns die
Möglichkeit, an seinen Erfahrungen
»On the Road« teilzuhaben. Während
das melancholische Moment, das
sich durch jeden Akkord zieht, den
Songs einen einzigartigen Klang
verleiht, liefern die Folkwurzeln stets
die nötige Bodenständigkeit. Die
braucht es auch bei so starken Tracks
wie »The Creek« oder »Peaceful«,
ehe uns »Why« an die Grenze der
Schwerelosigkeit befördert. Viel Herz,
viel Ehrlichkeit hat der Sänger in die
Platte gesteckt, was man auch beim
Hören spürt. »Finding Home« lädt
uns ein, ein Stück unseres Lebensweges mit dem »Peaceful Warrior« Stefan Johansson gemeinsam zu gehen
– und das lohnt sich, denn am Ende
haben beide Seiten etwas gewonnen
und dazugelernt. Martin Fietze
> Stefan Johansson – »Finding Home«
erhältlich für 17 Euro direkt beim
Künstler: www.stefan-johansson.de
vergangenen Jahr konnten sie ihr
fünfjähriges Bestehen sogar mit dem
Einzug ins Ostdeutschland-Finale
beim »Emergenza« küren. Ja, die Herren sind schon länger im Geschäft.
Allerdings war es bis heute nur möglich, sie bei einem ihrer Liveauftritte zu
hören, nicht dagegen in den eigenen
vier Wänden. Um dies zu ändern,
schloss sich die Band – mit Gitarre,
Bass und Schlagzeug bewaffnet –
monatelang weg und kredenzt uns
nun auf ihrer ersten Platte mit dem
Titel »New Beginnings« eine schmackhafte Mischung aus harmonischer
Stimme und kraftvoller Instrumentalakrobatik. Die knapp 20-minütige EP
überzeugt dabei durch energiegeladene und mitreißende Songs wie den
Eröffnungstrack »What does it take«,
welcher Einflüsse von internationalen
Künstlern wie Taking Back Sunday oder
auch Fightstar widerspiegelt. Unter
anderem die Stimme des KyuchuSängers verleiht den Liedern eine
individuelle Note. Mit dem Song »As
long as I can breathe in« schlägt das
Album zusätzlich sanftere und gefühlvollere Klänge an, um das im Sessel
wild gewordene Publikum wieder zu
beruhigen. In diesem Sinne: Support
your locals and keep on rockin‘.
CARSTEN GRAMATZKI
> Kyuchu – »New Beginnings«
CD
erhältlich für 4,95 Euro (iTunes)
40
CD, Progressive Rock
CD
Kyuchu – New
Beginnings
»Einmal Kyuchu, bitte!« – Was zunächst wie die abendliche Bestellung
beim Asia-Imbiss deines Vertrauens
klingt, ist zwar ebenso köstlich, aber
nichts zum Essen. Vielmehr verbergen
sich hinter diesem exotischen Namen
die drei Rostocker Thomas Nabrich,
Benjamin Müller und Michael Heck.
Seit 2005 rocken sie zusammen durch
ganz Mecklenburg-Vorpommern, im
CD, Indie-Rock
The Strokes – Angles
Das Versprechen auf der Verpackung wird gehalten: The Strokes in
3-D, zehn Songs wie eine Menschenpyramide, von allen Winkeln
aus cool. Die krude Realität: zehn
Songs nach fünf Jahren – es ist eben
eine Stippvisite vom coolen Onkel
aus Übersee. Erstmals komponierte
Julian Casablancas nicht alle Stücke
allein, die Strokes schrieben zusammen. Seltsam nur, dass das Resultat
dadurch mehr nach der Solomusik
des Sängers klingt als nach der
Band der ersten drei LPs. Divide et
impera!
Als Label der New Yorker Fünf
bleiben die schönen Blondie-Licks
von Nick Valensi erhalten. Seine
dreigestrichenen Indie-Küken zwitschern wieder das Gegengewicht zu
Casablancas weltmüden Texten (»Living in an empty world«). Doch das
Wie des vierten Albums steckt voller
Überraschungen. Julians Stimme
bewegt sich jetzt in einem merkwürdigen, klagenden, höheren Register,
was seine Emoticons »bin gelangweilt« und »bin wütend« um ein
weiteres ergänzt: »nasty«. Geboten
werden zudem Tarzan/Bowie-Vibratos (»Machu Picchu«), Falsettspagate
CD
CD, Indie-Rock
Minitimer Katzenposter –
Pläne für gestern
Manchmal ist es wohl doch so,
dass es ist, einfach so! Auf der
Bühne haben ja schon so einige
Rostocker die Band mit dem Nonsens-Namen lieb gewonnen. Das
charmant geführte Blog über den
Werdegang der Musiker findet bereits Dutzende regelmäßige Leser
und nun werden auch die ersten
Studio-Aufnahmen von M
­ initimer
Katzenposter die Fans nicht
enttäuschen. Denn »Pläne für
gestern« überzeugt. Die Rostocker
Studenten Arne Koevel (Gesang,
Akustik-Gitarre), Stephan Holtz
(Gitarre, Zweitstimme), Thomas
Müller (Gitarre), André Rüdiger
(Bass) und Hannes Vopel (Schlagzeug) kreierten mit ihrer Mélange
aus liebevoll gemachten Texten,
klassisch arrangierten Gitarren
und ihrer gewohnt sympathischen
Ausstrahlung – die auch über den
Tonträger nicht verloren geht –
weit mehr als nur eine Variation
der Hamburger Schule aus Rostock: Sie zeigen, dass das Leben
tatsächlich die besten Geschichten
schreibt, und haben es geschafft,
fünf davon auf einer EP mit dem
Hörer zusammen musikalisch zu
zelebrieren.
Release-Termin für das Debüt
»Pläne für gestern« ist der 24.
Juni. Von da an wird es auf allen
Konzerten, über minitimerkatzenposter.wordpress.com und
bestimmt auch bald bei den allgemein bekannten Musikvertrieben
erhältlich sein. ELISABETH WOLDT
(»Under Cover of Darkness«) und
sogar Bandchöre (»Gratisfaction«).
Das mysteriöse Neuland heißt
»Games«, ausgeführt vom Synthesizer und – wirklich – nur einer Gitarre. Diese süße MGMT-Tristesse! Das
Flutlicht, Sony Music – ich hofft’,
ich verdient’ es nicht! Auch Sound
und Arrangement driften etwas ab
von der Meat & Potatoes-Ideologie
zugunsten einer neu(klingend)en
nachdenklichen Leere, mit Federhall
und viel Headroom. Bleibt ein Windbeutel von einem Album hängen.
Geil, in fünf, sechs Jahren kommt
schon das nächste! »And I’ll wait for
you«. ALFONSO MAESTRO
> The Strokes – Angles
Rca Int. (Sony Music)
14,99 Euro
Oper
Oper
My Fairy Queen
Wer glaubt, die Oper sei nichts für
ihn, sollte an jenen Wendepunkt
in der persönlichen Betrachtung
denken, der unvermittelt während
des Schauens von »Black Swan«
eintrat: Gerade in einem speziellen
Metier verstecken sich die schönsten Geschichten. Zudem sei allen
Single-Männern gesagt: Geht in die
Oper! Das ist sehen und gesehen
werden auf hohem Niveau. Junge
Damen in ihren schönsten Kleidern.
Dazu der Barocksaal als Kulisse, das
Ambiente wahrlich aristokratisch.
Ein bisschen wie eine Zeitreise, wie
damals, zu Hofe. Allein die Beleuchtung verblendet den Genuss. In
der Mitte des Saals steht die Bühne
wie ein Laufsteg. Diese Anordnung
ermöglicht zugleich den Blick in die
Gesichter des Publikums. Eine Sicht,
die sonst nur den Akteuren vorbehalten ist.
Zu Beginn entert eine Armee in Weiß
den Saal, welche sich im weiteren
Verlauf als Chor offenbart. Dessen
erster Einsatz ist ein Überraschungsmoment, kommt sehr abrupt, dafür
umso imposanter. Die Kostüme, vor
allem das des Elfenkönigs Oberon,
sind eine Augenweide. Der Dirigent
der Norddeutschen Philharmonie
fiedelt wie im Wahn – am Ende ist
er schweißgebadet. Den besten
Gesang liefern zum einen Jea Sung
An (Student an der Hochschule für
Musik und Theater), der den Saal
mit seiner stimmlichen Präsenz füllt,
zum anderen die Sopranistin Iris
Marie Kotzian, welche am Ende
des Stücks mit ihrer »Klage« fast zu
Tränen rührt.
Das ewige Thema, die unendliche
Geschichte. Über die Liebe wurde
schon so viel gesagt, und doch findet sich kein Ende. Wer aber denkt,
in einem über 300 Jahre alten Stück
stecke kein wahres Leben mehr, der
irrt. Die Liebe ist zeitlos und damit
unsterblich. Bei aller Liebe folgt in
»The Fairy Queen« am Ende doch
das Drama. Die erste Geige transportiert gekonnt tiefe Melancholie
in die Gemüter der Gäste. Und so
geht man dann nach Hause, den
Tränen nah. Bezaubernd schön. Im
Schmerz liegt auch viel Wahrheit.
Was bleibt, ist die Erkenntnis: »So
long a man can breathe or eyes can
see, so long lives this and gives life
to thee.« PAUL FLEISCHER
> The Fairy Queen
24. Mai, 1. und 3. Juni 2011 im
Barocksaal, Regie: Alexander
Herrmann, musikalische Leitung:
Manfred Hermann Lehner
Videotipp
Webtipp
Stop-Motion-Kurzfilm
Coin
»Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des
Talers nicht wert« – diese Volksweisheit
hat es auch nach Großbritannien
geschafft, wenn auch in abgewandelter Form. Dort hat Olly Newport,
16-jähriger Teenager aus Brighton,
Partei für Pennys und Pences ergriffen
und fordert dazu auf, über die
Münzen nachzudenken, die Tag für
Tag unbeachtet liegen gelassen und
ignoriert werden. Newport beweist:
Auch Pennies haben ein Leben!
Er folgt mit seinem Video »Coin« dem
Stop-Motion-Trend und lässt seine
Protagonisten in anderthalb Minuten
durch verschiedene Alltagsszena­
rien wandern. Dabei werden Mäuse
verjagt und Gegenstände entwendet.
Die kupferplatierten Stahlmünzen des
englischen Königreiches beherrschen selbstverständlich auch den
Nationalsport und beweisen sich
dabei zumindest am Tischkicker.
Wunderschöne Nahaufnahmen und
malerische Musik (die allerdings nicht
von Newport selbst stammt) runden
das Erlebnis ab: Stop-MotionFans kommen voll auf ihre Kosten.
Außerdem weiß »Coin« auch mit
einem Happy End zu überzeugen:
Jede Münze weiß, wo sie hingehört.
Virtuelle Fotogalerie
ausgangs.punkt
MICHAEL SCHULTZ
Kunst lebt von der Reduktion. Das
sei an dieser Stelle behauptet, denn
dies funktioniert auf www.ausgangs.
tk bestens. Fotos pur, kein aufwendiges Drumherum, keine Bewertungs­
funktion, kein Blingbling. Als gemeinsames Fotoprojekt gestartet, zeigt
»ausgangs.punkt« vor allem analoge
Fotografie, die aus allen künstlerischen Bereichen und technischen
Möglichkeiten schöpft. Von Lomo über
Mittelformat bis zur Kleinbildaufnahme
tummeln sich mittlerweile fast 250
Fotos in der Galerie. Motiv-Tags wie
»Assilook«, »PIKACHU« und »Teebeutel« geben einen Eindruck über das
Motivspektrum. Auch Rostock ist künstlerisch vertreten: Fotokünstler Björn
Giesecke, der nebenbei für den heuler
tätig ist, zeigt seine Werke ebenfalls auf
ausgangs.tk.­Anschauen und inspirieren lassen! MICHAEL SCHULTZ
> http://vimeo.com/22940529
> www.ausgangs.tk
41
POSTSKRIPTUM
42
W
er hätte gedacht, dass ich mal in
einer Band landen würde, die zu 60
Prozent aus Vegetariern besteht?
Backstage gibt es oftmals nur noch fleischloses
Essen. So weit, so unspektakulär. Schlimm ist
bloß die zunehmende Tendenz der Vegetarier, belehren und mir ein schlechtes Gewissen
machen zu wollen. Doch dass ich Fleisch esse,
macht mich nicht zwangsläufig zu einem
schlechten Menschen, der allen anderen am
Tisch allein durch seine Speisewahl mutwillig die Mahlzeit verdirbt! Trotzdem schadet
Fleischverzehr offensichtlich dem Appetit
mancher Mitmenschen schon während des
Essens. Nachdem es die Nichtraucher erreicht
hatten, sich zu Recht vor dem Passivqualm
zu schützen, galt es, den Raucher als Feindbild und bösen (Un-)Menschen zu etablieren.
Mit Erfolg. Doch nun braucht es einen neuen
Gegner und da kommt in Zeiten der gesunden Lebensweise und der Nahrungsethik
der Fleischfresser gerade passend. Bald gibt
es auf dem Bahnhof ein extra Carré für sie,
Selbsthilfevideos wie »Fleischlos: Ich habe es
geschafft!« und zum Schluss getrennte Räume
in Restaurants. Man kann ja die »Fleischarier«
zu den Rauchern schicken, dann ist das Böse
versammelt und eingesperrt. Am schlimmsten
sind diejenigen, die sagen: »Inzwischen habe
ich nur noch gelegentlich Appetit auf Fleisch
und den habe ich gut unter Kontrolle.« Können wir denn Fleisch nicht einfach als Genussmittel betrachten? Inzwischen ist unser Bassist
übrigens kein Vegetarier mehr und das
Verhältnis zugunsten der Menschen
mit Fleischhintergrund gekippt.
Böse Band.
Text
STEPHAN HOLTZ
Hundestrom!
Comic
HANNES FALKE
IMPRESSUM
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Telefon: 0381 498 5604
Telefax: 0381 498 5603
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No. 93 | Mai 2011
Ressortleiter:
Gesa Römer (Universität)
Änne Cordes (Studentenleben)
Elisabeth Woldt (Politisches)
Karolin Buchholz (Kultur)
Herausgeber:
Studierendenschaft der ­
Universität Rostock
Grafik und Layout:
Michael Schultz
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Redaktionsleitung:
Änne Cordes (V.i.S.d.P.)
Gesa Römer
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Lektorat:
Annika Riepe; Mitarbeit: Gesa
Römer, Sandra Schramm,
Christoph Treskow
Redaktionelle Mitarbeit:
Maximilian Berthold, Marieke
Bohne, Karolin Buchholz,
Steffen Eggebrecht, Hannes
Falke, Martin Fietze, Paul
Fleischer, Fabian Fröhlich,
Björn Giesecke, Mareike Götz,
Carsten Gramatzki, Yvonne
Hein, Caroline Heinzel, Stephan
Holtz, Jasmin Holst, Johannes
Krause, Stefanie Krauß, Andreas
Lußky, Alfonso Maestro, Fabian
Nehring, André Olbrich, Annika
Riepe, Michael Schultz, Luisa
Uchtenhagen, Elisabeth Woldt
Druck: Stadtdruckerei
Weidner, Carl-Hopp-Str. 15,
18069 Rostock
Auflage/Erscheinungsweise:
4.000/vierteljährlich
Titelbild Heft 93: Björn
Giesecke und Annika Riepe
Redaktionsschluss für das Heft
93 war der 20. April 2011.
Der nächste heuler erscheint
voraussichtlich im Juli 2011.
Es gilt die Anzeigenpreisliste
Nr. 01/2011.
RÄTSEL!
Rätsel
MARIEKE BOHNE UND ANNIKA RIEPE
nachgelaufen
Akademische Gefahr:
Wer greift denn hier den
Burgherrn an?
nachgeplappert
Der Jugend auf ’s Maul
geschaut: Bitte übersetzen!
nachgeblättert – Rallye durchs
Heft
Antworten auf folgende Fragen:
Addiere beziehungsweise subtrahiere die
des Fastens täglich zu sich?
Wie viele Kilokalorien nahm Max während
schlandstipendiaten monatlich?
Deut
ten
erhal
– Wie viel Förderung (in Euro)
April eine AStA-Diskussionsveranstaltung?
+ Wie viele Studenten besuchten am 26.
nposter« auf der neuen EP?
– Wie viele Lieder hat »Minitimer Katze
Mietauto freizubuddeln?
+ Wie viele Stunden versuchte Änne, das
Insel Guangzhou?
– Wie viele Universitäten gibt es auf der
?
n Parteivertreter keine Schulen besuchen
+ Wie viele Wochen vor einer Wahl dürfe
jetzt zur Seite mit der Zahl deines
Hast du ein Ergebnis? Dann gehe
lächelt denn da so schön?
Resultats und beantworte uns: Wer
Des Rätsels Lösung: Schicke deine Antworten bis zum 20. Mai 2011 per E-Mail
an [email protected] und du
sgewinnst mit etwas Glück einen der fanta
chein
Guts
ein
sen:
tischen Preise. Wir verlo
»Ben
für
n
Karte
zwei
Heft von Mr. Coupon,
Hur« in der Compagnie de Comédie am
25. Mai, zwei Karten für »Adams Äpfel« am
27. Mai im Theater am Stadthafen, einen
Gutschein im Wert von 10 Euro für den
viv BioFrischeMarkt und Tickets für »The
Sounds« am 10. Juni im MAU.
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