Infobroschüre Auslandstierschutz

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Infobroschüre Auslandstierschutz
Oktober 2011
Auslands - Tierschutz
RECHT
bmt stellt Gutachten für die
Verbringung von Hunden
nach Deutschland vor
RUMÄNIEN
Hoffnung für Straßenhunde
von Brasov
UNGARN
Ein Welpenhaus für das
Tierheim Pecs
bund gegen missbrauch der tiere e.v.
IM BRENNPUNKT
Tierschutz oder Tierhandel?
Dr. Konstantin Leondarakis im Interview
Dr. jur. Konstantin Leondarakis LL.M. ist einer der wenigen Anwälte Deutschlands, die sich auf das Tierschutzrecht
spezialisiert hat. Nachdem Tierschutzorganisationen sich immer häufiger für ihren aktiven Tierschutz im Ausland
rechtfertigen und vor Behörden den Vorwurf des gewerblichen Hundehandels widerlegen müssen, wandten sich der
bmt, ETN (Europäischer Tier- und Naturschutz) und Tasso an den in Göttingen ansässigen Anwalt und gaben ein
juristisches Gutachten zu dieser neuen Problematik in Auftrag. Das Gutachten mit dem Titel: „Die Verbringung von
Hunden nach Deutschland – Tierschutz und gewerblicher Handel“ wurde im August 2011 fertig gestellt.
RdT: Herr Dr. Leondarakis, warum wurde dieses Gutachten nötig?
Dr. Konstantin Leondarakis: Anfang 2010 hatten wir die ersten Beratungsanfragen – und mittlerweile sind es
viele Mandate – mit der Problematik, dass verschiedene Behörden plötzlich von Tierschutzeinrichtungen verlangten,
eine gesonderte Erlaubnis für die gewerbliche Verbringung von Hunden nach Deutschland zu beantragen.
Das Vorgehen der zuständigen Veterinärbehörden war und ist dabei immer ähnlich: Es wurde von Seiten der Behörde so getan, als sei es rechtlich zwingend erforderlich, dass die jeweilige Tierschutzorganisation eine gewerbliche
Erlaubnis für das Verbringen der Tiere benötige, weil sie Hunde aus dem EU-Ausland hole. Entsprechend müsste eine
Erlaubnis nach § 11 Abs.1 Nr.3b) TierSchG für einen gewerblichen Handel mit Wirbeltieren gestellt werden.
Würde diese Erlaubnis von den jeweiligen Tierschutzeinrichtungen nicht eingeholt, drohten die Veterinärämter mit
ganz unterschiedlichen Folgen: Zum Beispiel mit der Entziehung bestehender Genehmigungen, einer Anordnung auf
Beantragung der Erlaubnis oder mit einem Bußgeld.
Kamen die Tierschützer der von den Behörden geforderten „freiwilligen Beantragung“ nicht nach, erließen die Behörden ganz unterschiedliche Schreiben, mal als rechtsmittelfähigen Verwaltungsakt, mal nicht oder es passierte gar
nichts mehr…
Insgesamt erscheint mir das Vorgehen der Behörden nicht nur rechtswidrig, sondern auch höchst bedenklich. Die der Exekutive eingeräumten rechtsstaatlichen
Mittel werden bei einem derartigen Vorgehen missbraucht.
RdT: Können Sie sich die Gründe für dieses Vorgehen der Behörden erklären?
Dr. Konstantin Leondarakis: Nein, da kann ich nur mutmaßen. Mein
persönlicher Eindruck ist, dass der Auslandstierschutz in Deutschland restriktiv
eingegrenzt oder gar verhindert werden soll.
RdT: Haben die Forderungen der Behörden Folgen für die Tierschutzeinrichtungen?
Dr. Konstantin Leondarakis: Der Druck, den die Behörden ausüben, scheint
ernorm. Tierschutzorganisationen, Tierheime und alle weiteren Betroffenen fühlen sich nach meinem Eindruck sehr unsicher und wissen nicht, ob und wie es
mit ihrer Tierschutzarbeit weitergeht.
Die Behörden verlangen die Beantragung einer Erlaubnis für den gewerblichen
Handel mit Tieren nach § 11 Abs.1 Ziffer 3b) TierSchG – aber diese Erlaubnis
entspricht überhaupt nicht der Realität vor Ort, was den Behörden auch bekannt
sein muss.
RdT: Sie halten das amtliche Vorgehen in dieser Angelegenheit für rechtswidrig.
Welche Begründungen liefern die Behörden selbst?
Dr. Konstantin Leondarakis: Mir wurde bislang keine schlüssige, nachvollziehbare Begründung vorgelegt, was
nach meiner Auffassung rechtmäßig gegenwärtig ja auch gar nicht möglich ist.
Ich vermute aber aufgrund der mir vorliegenden behördlichen Ausführungen, dass eine Begründung unter der EGVerordnung Nr. 388/2010 erfolgt. Sie schreibt vor, dass im Falle eines Transports von fünf oder mehr Tieren innerhalb der EU die Voraussetzungen über das Verbringen von Tieren zu Handelszwecken Anwendung finden.
Es würde mich allerdings wundern, wenn die Behörden fälschlicherweise nur diese Verordnung als Rechtsgrundlage
angesehen hätten. Denn es ist für jeden Laien einleuchtend, dass man keinen gewerblichen Tierhandel betreibt (und
daher auch nicht die entsprechende Erlaubnis nach § 11 TierSchG benötigt), nur weil man für einen Transport ab
fünf Tieren zusätzliche Voraussetzungen erfüllen muss.
Scheinbar tun aber genau dies die Behörden. Sie behandeln die Tierschutzorganisationen so, als ginge es ihnen bei
dem Verbringen der Tiere um einen ausschließlich gewerblichen Zweck. Das entspricht nicht Sinn und Zweck der
europäischen Verordnung und vor allem nicht der Realität.
RdT: Sie führen aus, dass die europäische Verordnung Nr. 388/2010 von den Behörden fehlerhaft verstanden und
angewendet wird. Welchen Sinn hat die EU-Verordnung denn überhaupt?
Dr. Konstantin Leondarakis: Im Wesentlichen geht es darum, den Seuchenschutz einzuhalten und die Verbreitung von Seuchen durch die (erlaubnisfreie) Einfuhr von Tieren zu verhindern. Gleichfalls soll der betrügerische Handel mit Tieren – der also nur unter dem Deckmantel des Tierschutzes erfolgt – unterbunden werden.
In keinem Fall kann die Verordnung so verstanden werden, dass grundsätzlich ein gewerblicher Handel vorliegt,
wenn fünf und mehr Tiere in einen anderen Mitgliedsstaat der EU transportiert werden. Es ist mir wirklich ein Rätsel,
wie die Behörden ernsthaft auf diese Auslegung kommen und vehement daran festhalten!
Mein Rat wäre, dass die Behörden wesentlich kooperativer mit den Tierschutzeinrichtungen zusammen arbeiten
sollten. Denn natürlich gibt es auch beim Auslandstierschutz, wie in allen anderen Tätigkeitsbereichen, Missbrauch.
Ein sehr ernstzunehmendes Tierschutzproblem ist der profitbetriebene, rechtswidrige Welpenhandel (besonders aus
Osteuropa), der in den letzten Jahren erheblich zugenommen hat.
Politik und Verwaltung haben dieses Problem bislang weitgehend ignoriert und versuchen scheinbar jetzt mit dem
erschreckend undifferenzierten und rechtswidrigen Vorgehen mit der „Rasenmähermethode“ die Versäumnisse der
Vergangenheit aufzuholen.
Dabei ist die Unterscheidung zwischen einer tatsächlichen Tierschutzeinrichtung und vermeintlichen Tierschutzeinrichtungen ganz einfach: Erstere holen Mischlinge aller Altersgruppen, oft unabhängig vom Gesundheitszustand und
Geschlecht nach Deutschland, um ihnen die Chance auf ein neues Zuhause zu bieten. Letztere sind ausschließlich an
Welpen und Junghunden interessiert, mit denen sich Profit machen lässt – dass den Behörden hier eine Unterscheidung nicht möglich sein soll, ist unglaubwürdig und erweckt den Anschein grober Fahrlässigkeit oder gar bedingten
Vorsatzes.
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IM BRENNPUNKT
Dr. Konstantin Leondarakis
im Interview
RdT: An welche rechtlichen Vorgaben müssen sich
Tierschützer halten, wenn sie Hunde aus dem Ausland
holen?
Dr. Konstantin Leondarakis: Das Verbringen von
Tieren ist durch internationale und nationale Vorgaben
geregelt. Die einschlägigen internationalen Regelungen
sind mit den auf nationaler Ebene geltenden Rechtsnormen (Gesetzen, Verordnungen, Satzungen) verzahnt.
RdT: Beginnen wir mit dem internationalen Recht. Welche Unterscheidungen macht das europäische Regelwerk bei
dem Transport von Tieren?
Dr. Konstantin Leondarakis: Es wird zwischen dem Verbringen von Tieren zu Handelszwecken und zu Nichthandelszwecken unterschieden. Weiter trennen die europäischen Regelungen noch einmal bei dem Transport zu Nichthandelszwecken nach der Anzahl der Tiere, nämlich, wenn es mehr als fünf sind.
RdT: Bitte erklären Sie uns: Wann liegt ein „Verbringen zu Nichthandelszwecken“ vor und welche Voraussetzungen
sind dabei zu erfüllen?
Dr. Konstantin Leondarakis: Zur ersten Frage: In der EG-Verordnung (EG) Nr. 998/2003 wird der Begriff „Heimtier“ definiert. Sie regelt auch die Voraussetzungen für das Verbringen zu Nichthandelszwecken. Ein Heimtier im
Sinne der Verordnung ist ein Tier, das nicht dazu bestimmt ist, Gegenstand eines Verkaufs oder einer Eigentumsübertragung zu sein. In dem Fall liegt ein Verbringen zu Nichthandelszwecken vor, so dass keine Erlaubnis erforderlich ist.
Wer einen solchen nicht gewerblichen Transport durchführen möchte, muss laut EG-Verordnung die Hunde mit
einem elektronischen Kennzeichen, einem Transponder, versehen und für jedes Tier einen gültigen Heimtierausweis
(mit der Bestätigung der gültigen Tollwutimpfung) dabei haben.
RdT: …und wenn die Zahl der transportierten Tiere fünf übersteigt?
Dr. Konstantin Leondarakis: Die EG-Verordnung Nr. 388/2010 besagt, dass in diesem Fall die Voraussetzungen
für ein Verbringen zu Handelszwecken anwendbar seien. Diese wiederum werden durch die europäische Richtlinie
92/65/EWG bestimmt, die durch die Binnenmarkt-Tierseuchenschutzverordnung in das nationale Recht umgesetzt
worden ist. Kurz zusammengefasst: Das Verbringen von mehr als fünf Tieren ist natürlich ebenfalls ohne eine Genehmigung möglich, wenn auch die weiteren Voraussetzungen vorliegen.
Das sind einerseits die oben genannten Bedingungen für einen
nicht gewerblichen Tiertransport. Die Tiere müssen weiter frei
von sichtbaren Krankheitszeichen und transportfähig sein. Dafür
ist eine Untersuchung notwendig, die mindestens 24 Stunden
vor dem Transport durchgeführt und im jeweiligen Heimtierausweis dokumentiert werden muss. Außerdem kommen noch
weitere formelle Voraussetzungen der Binnenmarkt-Tierseuchenschutzverordnung und gegebenenfalls Anforderungen an einen
Transport nach der Tierschutztransportverordnung dazu.
Welpen dürfen ohne Impfung verbracht werden, wenn sie vom
Muttertier begleitet werden oder eine schriftliche Erklärung des
Verfügungsberechtigten vorliegt. Diese muss bestätigen, dass
der Welpe ausschließlich am Ort seiner Geburt gehalten wurde
und nicht mit wild lebenden Tieren in Berührung gekommen ist.
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RdT: Welchen Stellenwert hat nun das
deutsche Tierschutzgesetz inmitten dieser europäischen Voraussetzungen?
Dr. Konstantin Leondarakis: Das
Tierschutzgesetz verlangt unter anderem
für das Halten von Tieren in einem Tierheim oder einer ähnlichen Einrichtung
eine Erlaubnis nach § 11 Abs.1 Nr.2
TierSchG. Weiter schreibt diese Norm
auch eine Erlaubnis für den gewerbsmäßigen Handel mit Wirbeltieren nach §
11 Abs.1 Nr.3b) TierSchG vor.
Die Frage ist nun, ob die Tierheime, die Hunde aus dem EU-Ausland vermitteln, eine Erlaubnis gemäß des §11
Abs. 1 Nr. 3b) für einen gewerblichen Handel benötigen? Das gilt besonders dann, wenn mehr als fünf Hunde nach
Deutschland eingeführt werden und damit wiederum die Anforderungen für ein Verbringen zu Handelszwecken Anwendung finden.
Es muss also geklärt werden, ob und wann bei den Tierschutzeinrichtungen ein gewerblicher Handel vorliegt. Dies ist
nur dann zu bejahen, wenn die Tierschutzeinrichtungen Hunde mit einer Gewinnerzielungsabsicht vermitteln würden.
RdT: Bei Tiervermittlungen erheben die Tierheime eine Schutzgebühr. Kann dieser Umstand schon dazu beitragen,
dass gewerblicher Handel unterstellt wird?
Dr. Konstantin Leondarakis: Hier sind wir an einem äußerst wichtigen Punkt angekommen. Die Tierheime mögen zwar eine Schutzgebühr bei erfolgreicher Vermittlung erhalten. Aber die Gebühr ist so niedrig, dass damit nach
meiner Einschätzung keine Gewinne erzielt werden können. Auf Seiten der Tierheime und Tierschutzorganisationen
besteht demnach keine Gewinnerzielungsabsicht, ja gar nicht einmal die Möglichkeit der Gewinnerzielung. Das ist
sogar für jeden Außenstehenden oder Laien auch sofort erkennbar.
Denn der durchschnittlichen „Schutzgebühr“ von ca. 200-250 Euro stehen erhebliche Ausgaben gegenüber: Der
Transport nach und in Deutschland, die oben genannten medizinischen Voraussetzungen und weitere kostenintensive
Faktoren, wie Operationen, Kastrations- und medizinische Versorgungskosten, Medikamente und Futter. Da kann
man keinen Gewinn erzielen, im Gegenteil.
RdT: Bitte noch einmal abschließend: Was bedeutet Ihr Gutachten konkret für Tierschutzorganisationen, die im Ausland tätig sind?
Dr. Konstantin Leondarakis: Nach meinen Erkenntnissen benötigen Tierschutzeinrichtungen keine Erlaubnis nach
§ 11 Abs. 1 Nr. 3b) TierSchG, weil sie mit der Verbringung von Hunden nach Deutschland auch keinem gewerbsmäßigen Handel nachgehen.
Bekommen Tierschutzorganisationen rechtswidrig eine solche Pflicht auferlegt, sollten sie ihre Rechtsschutzmöglichkeiten ausschöpfen, also Widerspruch einlegen oder Klage erheben. Da die Behörden dabei unterschiedlich vorgehen, würde ich dringend empfehlen, einen Anwalt zu konsultieren.
Abschließend kann ich dazu ermutigend sagen, dass wir bislang in keinem Gerichtsverfahren unterlegen waren.
Gleichzeitig gibt es zu dieser Problematik noch keine höchstrichterliche Rechtssprechung, so dass ich weiter von
einem rechtswidrigen Verhalten einiger Behörden bis zu einer höchstrichterlichen Klärung ausgehe.
RdT: Herr Dr. Leondarakis, wir bedanken uns für das Gespräch.
Interview: Claudia Lotz
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TITELTHEMA
Brasov im Aufbruch
Zu den größten Erfolgen im praktischen Auslandstierschutz des bmt gehört sicherlich diese Nachricht: Ende Dezember wird in Brasov die berüchtigte Tötungsstation Stupin, in der Zehntausende
Hunde ihr Leben ließen, geschlossen. Zahlreiche Gespräche von Cristina Lapis (Millions of Friends)
mit regionalen Politikern – oft unterstützt durch die Auslandskoordinatorin und bmt-Vorsitzende
Petra Zipp – Aufrufe und Appelle an die Bevölkerung und Behörden haben dazu geführt, dass der
Bürgermeister von Brasov sich klar von den grausigen Praktiken gegen Straßenhunde der vergangenen Jahre distanziert und öffentlich eine humane Lösung des Streunerproblems befürwortet.
Doch so wunderbar die Nachricht, so schwierig die Logistik: Denn in der Tötungsstation sitzen mehr
als 300 Hunde, manche krank, verletzt, die meisten hochgradig verängstigt. Viele Hündinnen führen Welpen mit sich – und sie alle müssen in wenigen Tagen ins Tierheim Brasov überführt werden,
um von dort (auch nach Deutschland) vermittelt zu werden.
Im August trafen sich Petra Zipp, Philipp Mc Creight (Tasso) und Stefan Kirchhoff (bmt-Tierheimleiter
Stuhr) mit den rumänischen Tierschützern um Cristina Lapis in Brasov, um die weiteren Schritte zu
besprechen. Stefan Kirchhoff schildert Ihnen seine Eindrücke der fünftägigen Fahrt.
Seit elf Jahren arbeite ich für den bmt, habe zwei Jahre an einem Streunerprojekt in Italien für Günther Bloch mitgearbeitet – aber „echte“ Straßenhunde habe ich zum ersten Mal in Rumänien gesehen.
So begegnen uns auf dem Weg vom Flughafen Bukarest nach Brasov zahlreiche Hunde an der befahrenen Straße.
Mir fällt auf, dass es überwiegend einzelne Hunde in relativ gutem Zustand sind und keine verwahrlosten Rudel, die
die Gegend unsicher machen. Allerdings wird dieser vordergründig positive Eindruck immer wieder von toten Hunden auf der Straße zunichte gemacht.
Straßenhund in Brasov
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Katzenszene in der Stadt
Anlage in Stupin
RUMÄNIEN
Am nächsten Tag fahren wir direkt nach Stupin, zum städtischen Hundelager, das für unzählige Lebewesen zur Endstation ihres Lebens wurde. Trotz der mir bekannten Umstände rechne ich mit einem einigermaßen intakten Gebäude, aber diese schrecklichen Haltungsbedingungen hatte ich selbst in Rumänien nicht erwartet.
In einer abrisswürdigen ehemaligen Schweinemastanstalt werden zurzeit 329 Hunde gehalten. Zu Höchstzeiten
waren dort über 350. Es gibt kein künstliches Licht, im Winter keine Heizung; einige Hunde sitzen ausschließlich im
dunklen Innenbereich. Die Maschen der Gitter sind so groß, dass sich die Hunde durch die Gitter beißen und selbst
tödlich verletzen können. Der Boden gleicht einem betonierten Kiesfeld. Selbst wenn man wollte, könnte man hier
nicht für hygienische Verhältnisse sorgen. Viele Hunde liegen in Urinpfützen, der Geruch in den Verschlägen nach
Blut, Ausscheidungen und Todesfurcht ist kaum zu ertragen.
In der Vergangenheit kam es vor, dass die einzige Wasserpumpe defekt war, dann gab es natürlich auch kein Wasser für die Hunde, die Restbestände in den Trinknäpfen waren grün und faulig. Am Wochenende blieben die Tiere
grundsätzlich unversorgt. Um die Gruppenstruktur, die wichtigste Voraussetzung zur Haltung mehrerer Hunde in einem Zwinger, kümmerte sich niemand – und so wurden täglich über viele Jahre hinweg Hunde jämmerlich von ihren
Artgenossen zu Tode gebissen.
Ich erlebe bei meinem ersten Besuch hier die „guten Zeiten“, das heißt, es gibt trockene Körbchen, Eimer mit frischem Wasser und Trockenfutter aus sauberen Fressnäpfen. Dafür sorgen die Mitarbeiter des Tierheims Brasov, unter
der Leitung von Millions of Friends, und Ehrenamtliche einer kleinen Tierschutzorganisation vor Ort.
Meine Aufgabe ist es, an diesem Tag die Hunde zu fotografieren und zu katalogisieren. Mehrere Stunden fotografierte ich im Innenbereich und obwohl mittlerweile auch für eine bessere Be- und Entlüftung gesorgt ist, stinkt es erbärmlich. Fast alle Hunde schauen misstrauisch und einige geraten in Panik, weil sie von mir, einem Mann, mit einer
Kamera fixiert werden. Ich mache meine Arbeit so schnell wie möglich, um die Tiere nicht noch mehr zu stressen. Die
Erinnerung an die Betäubungspistolen der Hundefänger sitzt tief.
Die Luft, die Atmosphäre aus Furcht und Aggression sind so unerträglich im Inneren der Anlage, dass ich mich geradezu auf das Fotografieren vor den Außen-Zwingern freue. Doch diese Erleichterung vergeht schnell, als ich erfahre,
dass manche Hunde bereits seit über einem Jahr hier ausharren. Kaum ein Hund läuft noch freudig auf mich zu, um
ein wenig Zuwendung zu bekommen. Die Blicke – voller Trauer und Hoffnungslosigkeit – erfassen mich zutiefst. Sie
werden mich auch die kommenden Tage nicht loslassen.
Den Nachmittag verbringen wir im Tierheim Brasov, das gemessen an dem eben Erlebten geradezu gute Haltungsbedingungen bietet. Viele Hunde, die in Stupin scheu und ängstlich reagiert haben, blühen hier wieder auf. Allein
ihre Blicke gehen nicht mehr ins Leere, in der Hoffnung nicht beachtet und verschont zu werden. Sie freuen sich oder
schlagen an, weil ich fremd bin, diese Tiere verhalten sich wieder wie Hunde, die leben möchten.
Natürlich sind trotz allem noch scheue oder zurückhaltende Hunde dabei. Diese ehemaligen Straßenhunde wollen
sehr wohl etwas mit uns Menschen zu tun haben. Die Behauptung, Hunde aus dem Ausland seien nicht (mehr) integrierbar, bestätigt sich definitiv nicht.
Hund in Tötung
C. Lapis, P. Zipp, P. Mc Creight
Fütterung in Stupin
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BRASOV IM AUFBRUCH
Verblüffend viele Hunde leben hier in Brasov mit ihrer Familie im Haushalt, und die Besitzer gehen auch mit ihnen
spazieren. Das erklärt, warum wir in unseren bmt-Tierheimen, Hunde aus Rumänien so gut vermitteln können – es
sind oft ursprünglich gut sozialisierte Tiere, die aus verschiedenen Gründen (soziale Not der Besitzer, Krankheit, Tod,
ungewollter Nachwuchs unkastrierter Tiere) plötzlich ein Leben auf der Straße führen mussten und später zum Opfer
von Hundefängern wurden.
Allerdings fällt mir auf, dass die Hundehaltung generell lockerer gesehen wird. Viele Hunde haben jederzeit die
Möglichkeit, das Grundstück zu verlassen, und entsprechend sieht man auch in den Städten (vermutlich unkastrierte)
Hunde völlig unbeaufsichtigt durch die Straßen laufen.
Ich merke nach den fünf Tagen in Brasov, dass man nichts „über einen Kamm scheren“ kann. Die Strassenhundproblematiken in den jeweiligen Ländern können sehr unterschiedlich sein, und daraus müssen dann auch unterschiedliche Lösungen resultieren. Kein Mensch, keine Behörde oder Organisation kann das Problem der über Jahrzehnte
hinweg entstandenen Überpopulation der Hunde alleine bewältigen.
Tierschützer, Hundebesitzer und Politiker müssen eng zusammenarbeiten, wenn es eine befriedigende und dauerhafte Lösung geben soll. Um so viel Menschen wie möglich zu überzeugen, braucht es Zeit und diplomatisches Geschick. Und plötzlich weiß ich: Unsere Bemühungen werden fruchten, und es wird die Zeit kommen, in der kein Hund
mehr um sein Leben fürchten muss. Gut dass wir hier sind.
Bürgermeister George Scripcaru hält Wort!
Die bmt-Vorsitzende Petra Zipp hat oft einen verzweifelten Kampf in Rumänien geführt: Hoffnung
wechselte mit niederschmetternden Nachrichten über erneute Tötungsaktionen von Straßenhunden,
Politiker machten das Schicksal der herrenlosen Tiere zum Spielball ihrer Interessen. Doch nun wird
es mit dem Bürgermeister von Brasov einen wirklichen Aufbruch geben.
Petra Zipp fasst für Sie die aktuelle Entwicklung in der ehemaligen Kronstadt Brasov zusammen.
Keinen Krieg mehr gegen Straßenhunde in Brasov – wir können es
kaum glauben.
Während im rumänischen Parlament derzeit weiter und wieder über die
Wiedereinführung der Tötung von Straßenhunden diskutiert wird, überträgt der Bürgermeister einer der größten rumänischen Städte endlich
die Verantwortung für die Straßenhunde auf eine Tierschutzorganisation, auf Millions of Friends von Cristina Lapis und indirekt auch auf den
bmt, weil wir unsere Partner in dieser hoffnungsvollen, zukunftsweisenden Situation mit allen Kräften unterstützen werden. Wir bauen dabei
ganz fest auf Ihre Hilfe!
Was soll in Brasov mit den Hunden geschehen?
George Scripcaru akzeptiert im Stadtkern kein Wiederaussetzen von kastrierten Hunden, was auf Grund des starken
Verkehrs für Mensch und Tier tatsächlich auch zu gefährlich wäre. Er ist aber willens, alles Notwendige zu unternehmen, um das Hundeproblem in seiner Stadt human zu lösen. Schließlich hat er selbst zwei Hunde, die er jetzt
kastrieren ließ.
Dementsprechend hat der Stadtrat Brasov eine Verordnung verabschiedet, nach der alle Besitzerhunde mit Mikrochip
zu kennzeichnen, zu registrieren und zu kastrieren sind.
Wer sein Tier nicht kastrieren möchte, muss in Zukunft Hundesteuer zahlen – eine wirksame „Abschreckung“ für die
Hundehalter, ihre Tiere weiter unkastriert auf die Straße zu schicken.
Die Hundefänger, nun arbeitslos geworden, gehen ab sofort von Haustür zu Haustür, um die Hunde zu erfassen. Das
Ziel: Den Zustrom von Hunden auf die Straße zu stoppen und die aufgefundenen Hunde dank Chip und Registrierung schnell als Besitzer- oder Straßenhund zu identifizieren.
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Cristina Lapis hat mit Unterstützung des bmt zugesagt, dass ihr Verein die Hunde bedürftiger Tierbesitzer kostenfrei
kastrieren und chippen wird. Das Tasso - Haustierregister stellt dabei sein rumänisches Register und sein jahrelanges
Knowhow zur Verfügung.
So erfreulich die jüngsten Ereignisse, so gewaltig die Aufgabe, der sich die Tierschützer aus Brasov in den kommenden Wochen stellen müssen:
1. Sie müssen (ohne zusätzliche Hilfe) schnellstmöglich die 329 Hunde aus der städtischen Anlage übernehmen, ihre
medizinische Versorgung und Kastration sicherstellen und die Integration der fremden Hunde in das ohnehin
schon volle Tierheim Brasov bewerkstelligen.
2. Alle aufgefundenen Tiere kommen nun direkt ins Tierheim Brasov. Allerdings werden es nicht wie zuvor wahllos
eingefangene Besitzer- und Straßenhunde sein, sondern – aufgrund obiger Anordnungen – tatsächlich herrenlose
Hunde. Ein Tierheimmitarbeiter wird den Ablauf kontrollieren.
3. Es werden dringend weitere erfahrene Tierärzte benötigt: Im Tierheim Brasov arbeiten nur zwei Tiermediziner, die
schon bei der jetzigen Besatzungsdichte mit Operationen, Kastrationen und sonstiger medizinischer Versorgung
hart an ihrem Limit arbeiten.
Millions of Friends, unter Vorsitz von Cristina Lapis, hat eine Übergangsfrist von fünf Monaten, in denen sie beweisen
muss, dass ihr Verein in der Lage ist, sich um die Hunde in der Stadt zu kümmern. Erst danach wird ein dauerhafter
Vertrag (ab dem 1. Januar 2012) ausgehandelt.
Jetzt müssen wir, die wir Cristina Lapis bei ihren Anstrengungen unterstützen, beweisen, dass wir es schaffen. Geht
nicht, gibt es nicht! Geht nicht akzeptiert kein Tierschützer! Wir müssen diese einmalige Chance im Sinne der Hunde
ergreifen. Wenn es dem Tierschutz in Brasov gelingt, die Hunde von der Straße zu holen, wird die Stadt Vorbildcharakter für andere rumänische Städte und Gemeinden bekommen, das ist unsere Hoffnung.
Doch nach wie vor ist auch Wachsamkeit angebracht, denn die Hundefängermafia spekuliert nun auf die Städte im
Umland. Sie erinnern sich sicher an frühere Berichte von uns, in denen von Kopfgeldern pro gefangenem Hund die
Rede war und die Profiteure in den Städten und Gemeinden saßen. Erst wenn wir die Situation in Brasov beherrschen
und die Tötungsanlage Stupin leer (und endlich funktionslos geworden) ist, können wir weiter vorgehen.
Wie können Sie in der aktuellen Situation helfen?
Sie können jetzt sehr viel für die Straßenhunde tun
• Spenden Sie für die tierärztliche Betreuung und für Kastrationen
• Übernehmen Sie eine Patenschaft für das Tierheim Brasov
(Personal, Futter, Umbauten, neue Gehege etc.)
• Bieten Sie Ihre Unterstützung vor Ort an, wenn Sie ein OPerfahrener Tierarzt sind und unter einfachsten Bedingungen arbeiten können
• Adoptieren Sie einen rumänischen Hund aus unseren bmtTierheimen, der dann wieder Platz für einen weiteren Vierbeiner macht
• Machen Sie Werbung für unser Projekt. Wenn es gelingt, wird es Modellcharakter haben für ein
Rumänien, das derzeit noch über Tötungen diskutiert.
Die Zukunft der Straßenhunde liegt erstmalig in unseren Händen. Lassen Sie uns diese
Chance nicht entgehen. Für ein Rumänien, in dem nicht mehr gelitten und gestorben wird.
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UNGARN
Im Tierheim Pecs entsteht
ein Welpenhaus
Ein Interview mit Karin Stumpf
Karin Stumpf ist Vorstandsmitglied und verantwortlich
für das bmt-Auslandsprojekt in Pecs. Seit zehn Jahren
fährt die Assistentin der Geschäftsführung von KölnKongress
an ihren Wochenenden und freien Tagen in das im Süden
Ungarns gelegene Tierheim, um die befreundeten Tierschützer
mit Hilfslieferungen zu unterstützen – und Vermittlungskandidaten mit nach Deutschland zu nehmen.
„Mein erster Besuch 2001 war ein Schock“, erinnert sich
die 52jährige noch heute, „so viele Hunde auf engstem
Raum hatte ich noch nie gesehen.“
Welche Fortschritte das ungarische Tierheim in einem Jahrzehnt gemacht hat und wo nach wie vor
dringender Handlungsbedarf besteht, erklärt die Kölnerin im Interview. Derzeit das größte Problem: Die hohe Anzahl von Welpen und Junghunden. Lesen Sie, wie Karin Stumpf und Tierheimleiter
Kasten Plücker aus Kassel die Unterbringung für Welpen verbessern wollen.
RdT: Wie lange engagiert sich der bmt in Ungarn, und wie sieht seine Hilfe aus?
Karin Stumpf: Der bmt engagiert sich seit 1996 in Pecs, in erster Linie durch finanzielle Hilfe.
Von unserer festen monatlichen Zahlung in Höhe von 4500 Euro werden Tierarzt, Medikamente, Futter und auch
ein Tierpfleger finanziert. Zusätzlich übernimmt der bmt die Kosten für die Mikrochips, denn in Ungarn besteht seit
einiger Zeit die Pflicht, Tierheimhunde zu chippen. Züchter bzw. Zuchthunde unterliegen dieser Pflicht übrigens nicht.
Mehrere bmt-Mitarbeiter und ich fahren regelmäßig ins Pecser Tierheim, damit wir uns immer wieder ein genaues
Bild von der Situation vor Ort machen können. Bei jeder Tour nehmen wir Hilfsgüter in Form von Futter, Käfigen
und Arbeitsmaterialien wie Werkzeug und Reinigungsmittel etc. mit und oft auch Kleidung für die Tierpfleger, die in
Ungarn sehr wenig verdienen.
Auf dem Rückweg nach Deutschland begleiten uns Hunde, die wir dann über unsere Tierheime in liebevolle Hände
vermitteln. Die Auswahl der Kandidaten fällt uns jedes Mal ungeheuer schwer; wir gehen nach Vermittlungschance
und Gesundheitszustand. Wenn wir erkennen, dass bestimmte Verletzungen oder Erkrankungen im Pecser Tierheim
nicht versorgt werden können, nehmen wir diese Patienten mit und lassen sie von unseren Tierärzten medizinisch
versorgen.
In erster Linie kommen Hündinnen und „kompatible“
Familienhunde mit uns nach Deutschland, die sehr gute
Aussichten auf eine Vermittlung haben. In unseren deutschen Tierheimen sitzen hauptsächlich Rüden, großrahmige, oft schlecht sozialisierte Tiere, für die wir meist schwer
neue Besitzer finden. Insofern schließen die – in der Regel
äußerst verträglichen und anpassungsfähigen – Ungarnhunde diese „Versorgungslücke“.
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In diesem Zusammenhang möchte ich noch mal betonen: Kein ungarischer Hund nimmt einem heimischen Hund
einen Platz im Tierheim weg – und unser Engagement im Ausland heißt nicht, dass wir an Notfällen in Deutschland
vorbeisehen. Wer Tierschutz leistet, weiß, dass Tierschutz nicht an den Grenzen endet und nicht enden darf, weil
jedes leidende Lebewesen unseren Schutz und unsere Hilfe verdient. Selbstverständlich wissen wir vom bmt, dass wir
nicht überall auf der Welt helfen können, daher haben wir unser Auslandsengagement auf wenige, von uns stetig
begleitete Projekte in Ungarn und Rumänien beschränkt.
RdT: Hat Ungarn Fortschritte in Sachen Tierschutz erzielt? Was konnten Sie beobachten?
Karin Stumpf: Ich selber war 2001 das erste Mal im Tierheim in Pecs. Seit dieser Zeit haben sich einige Umstände
in der Tierhaltung verändert, vielleicht sogar verbessert, aber bei weitem nicht genug, um von zufriedenstellenden
Bedingungen sprechen zu können.
Vor zehn Jahren lagen fast alle Hunde, die wir auf unserer Fahrt durch Ungarn sehen konnten, ausschließlich an der
Kette – und das seit Welpenalter! Dass Hunde als „Alarmanlage“ fungieren und funktionieren müssen, ist auch heute
noch so, aber mittlerweile laufen bereits viele Hunde frei in den umzäunten Gärten herum. Und in der Stadt werden
immer mehr kleine Hunde, die in Familie und in Wohnung gehalten werden, an der Leine spazieren geführt – vor
einem Jahrzehnt ein undenkbares Bild!
Dieses langsame Umdenken hinsichtlich eines weniger funktionalen Umgangs mit dem Tier lässt sich auch an den
Vermittlungszahlen des Tierheims ablesen. Während vor Jahren kaum ein Tierheimhund jemals einen Interessenten
im eigenen Land gefunden hätte, werden heute bis zu 1000 Hunde im Jahr aus dem Tierheim aufgenommen. Großen Anteil an dieser Entwicklung hat der Träger des Pecser Tierheims, der ungarische Misina Tier- und Naturschutzverein. Er hat durch Aufklärung und Information viel dazu beigetragen, dass sich das Verhältnis der Ungarn zu ihren
Haustieren stetig verbessert hat.
Schwerpunkt im Tierheim ist der Kinder- und Jugendtierschutz. Diesen halte ich für einen ganz wichtigen Tätigkeitsbereich, der unsere Unterstützung verdient. Denn die Lebensbedingungen für Tiere werden sich – wie bei uns auch –
nur dann nachhaltig verbessern können, wenn Aufklärung schon unter den Jüngsten betrieben wird.
So organisiert Misina mehrfach im Jahr Veranstaltungen und Führungen durch das Tierheim für Schüler aller Altersgruppen. In Sommercamps lernen Kinder den artgerechten Umgang mit Hunden und anderen Tieren. Neben
Hunden und Katzen versorgt das Tierheim in Pecs Schafe, Ziegen, Esel, Pferde, Kleintiere und Vögel und kümmert
sich um verletzte oder kranke Wildtiere – für Schulklassen ein optimaler Anschauungsunterricht. Darüber hinaus gibt
es Reitunterricht und für Privatpersonen bzw. künftige Hundehalter eine Hundeschule.
RdT: Was fiel Ihnen bei Ihrem Besuch im Sommer 2011 auf? Mit welchen Problemen hat das Tierheim Pecs im Augenblick besonders zu kämpfen?
Karin Stumpf: Es gibt mehrere problematische Umstände: Seit kurzem verlangt das ungarische Tierschutzgesetz,
dass ein im Tierheim aufgenommener Hund erst nach 14 Tagen die Tollwutimpfung bekommen darf und dann noch
einmal drei Wochen Frist vergehen müssen, bis er vermittelt werden kann. Für das Tierheim eine zusätzliche Belastung, denn nun müssen mindestens fünf Wochen verstreichen, bevor überhaupt an eine Vermittlung gedacht werden
kann.
Für die Hundefänger hingegen eine Kostenersparnis: Sie brauchen innerhalb der 14tägigen Frist, die die aufgegriffenen Hunde in den Hundefängeranlagen verbringen müssen, nicht mehr zu impfen. Nach diesen zwei Wochen dürfen
die Hunde legal, wenn sich kein Besitzer gemeldet hat, getötet werden – die Hundefänger haben also in jedem Fall
die Impfausgaben gespart.
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UNGARN
Zurück zum Tierheim: Es ist augenblicklich mit 350 bis 400 Hunden besetzt, viele Tiere werden krank und verletzt
gefunden oder abgegeben. Fast 80% der Hunde sind Rüden – Sie können sich vorstellen, wie explosiv die Stimmung
in den mit fünf bis sieben Tieren übervollen Zwingern ist. Und das nächste Problem ist die hohe Anzahl an Welpen
und Junghunden…
RdT: Warum gibt es plötzlich so viele Welpen im Tierheim, und wo kommen die Kleinen her? Werden sie mutterlos
aufgefunden, als vollständiger Wurf ausgesetzt oder die hochträchtige Hündin einfach abgeschoben?
Karin Stumpf: Alle Fälle hatten wir schon: Meist kommen die Hündinnen mit ihren Welpen über den Hundefänger, Privatleute oder werden ausgesetzt. Oft finden Passanten die Hundebabys im Wald, Feld oder an der Straße
oder Mitarbeiter den Karton vor dem Tierheimtor. Viele Welpen sind – zu früh von der Mutter getrennt – geschwächt,
krank, dehydriert und stark unterernährt. Bei unserem Besuch im Juli haben wir über 70 Welpen im Alter von vier bis
zwölf Wochen gezählt.
Die Sterberate unter den Kleinen ist hoch – aber auch deswegen, weil das Tierheimteam aus Platzmangel die Welpen mit kranken und verletzten Hunden gemeinsam unterbringt. Durch die notorische Überbelegung der Innen- und
Außenboxen ist eine Säuberung der Zwinger mit Hochdruckreiniger leider nur möglich, während die Welpen im
Zwinger sind. Dies ist eine fürchterliche Situation für die ohnehin geschwächten Tiere, außerdem ist so eine intensive
Reinigung ist kaum möglich.
Zu der Flut von Welpen im Tierheim tragen übrigens die Wochenmärkte bei, auf denen u.a. auch Hunde verkauft
werden. Von Händlern und Privatleuten, die die unverkauften Tiere nicht mehr behalten wollen und einfach ihrem
Schicksal überlassen.
RdT: Wie ist die Nachfrage nach Welpen und Junghunden aus dem Tierheim?
Karin Stumpf: Wie schon ausgeführt hat sich die Vermittlungsquote auf relativ hohem Niveau eingependelt, das gilt
besonders auch für Junghunde und Welpen. Absolut chancenlos sind jedoch alte und kranke Hunde, das ist völlig anders
als in Deutschland. Bei uns gibt es viele Tierfreunde, die
gerade alten und/oder kranken Hunden noch schöne Jahre
bieten möchten und voller Freude erleben, dass der Hund mit
der vermeintlich kurzen Lebenserwartung noch mal alle Kräfte
mobilisiert…
RdT: Sie waren mit Tierheimleiter Karsten Plücker unterwegs,
der in Kiskunhalas selbst ein Tierheim unterhält. Herr Plücker
hat, wie Sie, viele Jahre Erfahrung im Tierschutz in Ungarn
gesammelt – und so war für Sie beide das Wichtigste, das
vorrangigste Problem im Tierheim Pecs anzugehen und für die
Welpen bessere Unterbringungsmöglichkeiten zu schaffen.
Was genau haben Sie sich überlegt?
Karin Stumpf: Um die hohe Sterberate unter den Welpen zu
minimieren, müssen sie dringend von den erkrankten, erwachsenen Tieren getrennt werden. Das heißt: Oberste Priorität
muss eine separate Unterbringung der Kleinen haben. Als wir
im Juli im Tierheim waren, teilten sich unzählige Welpen einen
Raum, andere waren aus Platzmangel in Kaninchenställen
untergebracht, um sie zumindest so separieren zu können.
Wir haben dann mit dem Tierheimleiter Farkas Tamas das
Gelände besichtet und einen geeigneten Platz zum Bau eines
Welpenhauses gefunden. Dieses Haus, ausschließlich für Welpen, soll zehn Zwinger bekommen und wird direkt hinter der
jetzigen Quarantäne errichtet.
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monatliche Kosten des Tierheims Pecs
(Stand. September 2011)
Lohn- und Lohnnebenkosten Mitarbeiter
Hundefutter
Futter für alle anderen Tiere
Tierarzt inkl. Medikamente
Strom
Abwasser
Wasser
: 2.340.000 Ft / ca. 8.070,00 Euro*
: min. 400.000 Ft / ca. 1.380,00 Euro
: min. 600.000 Ft / ca. 2.070,00 Euro
: 550.000 Ft / ca. 1.900 Euro
: 420.000 Ft / ca. 1.450,00 Euro
: 100.000 Ft / ca. 345,00 Euro
: kostenlos durch Brunnennutzung**
* 1 Euro = ca. 290 Forint / Umrechnungen gerundet
** Brunnenbewässerung problematisch in Perioden großer Trockenheit;
Ökosee in Planung und Förderung vom Land bei der Kommune beantragt
Während in Deutschland bei einer Vermittlung Schutzgebühren erhoben werden, gibt es diese
Gebühr in Ungarn nicht. Das Tierheim Pecs erbittet bei Vermitltlung eine freiwillige Spende. Mein Kollege Karsten Plücker, der ein eigenes Tierheim im ungarischen Kiskunhalas unterhält, hat mit solch einem
Welpenhaus auf seinem Gelände sehr gute Erfahrungen gemacht und ermöglicht den Kleinen so einen weitgehend
guten, gesunden Start ins Leben.
RdT: Wie wollen Sie das Projekt Welpenhaus finanzieren?
Karin Stumpf: Ich muss es ganz klar sagen: Eine Finanzierung des Welpenhauses ist nur durch die Hilfe und Spenden der bmt-Mitglieder möglich und darum bitte ich an dieser Stelle herzlich!
Ich baue meine Hoffnungen dabei auf alle Menschen, die ein Tier aus unseren acht bmt-Tierheimen aufgenommen
haben. Und dabei noch mal auf jene, die schon einen Hund aus Pecs haben und damit dem Tierheim auf spezielle
Weise verbunden sind. Wir benötigen für dieses Projekt dringend finanzielle Unterstützung, denn die Gesamtkosten
belaufen sich auf ca. 20.000 Euro.
Wir wollen das Welpenhaus unbedingt noch vor dem Winter fertig stellen. Eine Betonplatte wurde bereits gegossen
– und nun folgt der Aufbau der Zwinger durch Karsten Plücker und ehrenamtlicher Helfer. Es entstehen aber noch
weitere Kosten für die Hundehütten und Paletten, die ebenfalls für das Haus benötigt werden.
RdT: Was braucht das Tierheim Pecs am nötigsten?
Karin Stumpf: Das Tierheim benötigt grundsätzlich Futter und „banale Dinge“ wie Näpfe, Halsbänder, Leinen und
Kunststoffpaletten (ANMERKUNG: Keine Decken, Körbe etc.).
RdT: Wäre es hilfreich, wenn Tierärzte ehrenamtliche Arbeitseinsätze im Tierheim durchführen würden, um Hunde
und Katzen zu kastrieren und medizinisch zu versorgen?
Jeder ehrenamtliche Einsatz eines erfahrenen Tierarztes wäre eine unschätzbare Hilfe! Denn das Tierheim hat nur
einen (vom bmt bezahlten) Tierarzt, der – auf sich gestellt – Hunde und Katzen kastriert, chippt und anderweitig
medizinisch versorgt.
RdT: Wie viele Tiere werden im Moment im Tierheim versorgt, wie viel Personal gibt es? Vergleichen Sie bitte mit
einem bmt-Tierheim, damit wir uns die Verhältnisse besser vorstellen können.
Karin Stumpf: Wie gesagt der Hundebestand liegt bei fast 400 Tieren, dazu kommen zahlreiche Katzen. Im
Tierheim Pecs arbeiten sechs Tierpfleger, im Einsatz sind jeweils aber immer nur drei Kräfte durch freie Tage, Urlaub
oder Krankheit. 25 Hunde kann ein Tierpfleger, so ist es in Deutschland grob festgelegt, pro Tag versorgen – in
unserem Partnertierheim in Ungarn kümmert sich ein Pfleger um mindestens 120 Hunde, außerdem noch um die
Katzen. Das sind die Verhältnisse, die wir uns kaum vorstellen können…
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UNGARN
RdT: Was bedeutet es für Sie persönlich in Ungarn zu helfen?
Karin Stumpf: Meine erste Fahrt, ich erwähnte es ja schon, fand 2001 statt. Ich wollte einfach nur „mitfahren“ und
daraus sind jetzt schon über zehn 10 Jahre des „Mitfahrens“ geworden. Mein erster Besuch war ein Schock, so viele
Hunde auf engstem Raum hatte ich noch nie gesehen – und sie alle hatten keine Aussicht auf ein anderes Leben!
Ich habe damals eine kleine Hündin aus einer Gruppe großer Hunde gefischt. Die haben wir mitgenommen, und
kurze Zeit später zog sie bei uns zu Hause ein, obwohl mein Mann und ich absolute „Schäferhundfans“ sind. Lilly
hatte noch neun schöne Jahre bei uns, während sie lebte und dann kamen auch später wieder Schäferhunde zu
uns, u.a. der Rumäne Ben und die dreibeinige Anna aus Spanien.
Mir ist es ein Herzensanliegen, im Tierheim Pecs zu helfen und die Situation der Hunde vor Ort zu verbessern, ihnen
die Umstände erträglicher zu gestalten. Aber ich stehe auch dazu, dass ich gerne Hunde mit nach Deutschland nehme und ihren weiteren Weg in ein neues Zuhause verfolge. Das sind immer Glücksmomente für mich!
RdT: Wie schaffen Sie die Vereinbahrung von Vollzeit-Beruf, Vorstandsamt und der Projektleitung für den Tierschutz
in Ungarn?
Karin Stumpf: Ich mache alle drei Bereiche gerne und dann klappt es auch, zumal mein Ehemann mein Engagement im Tierschutz mit trägt und unterstützt. Dennoch könnte der Tag manchmal mehr als 24 Stunden haben…
RdT: Was wünschen Sie sich für die Tierheimtiere in Ungarn?
Karin Stumpf: Entspanntere Haltungsbedingungen, keine überfüllten Zwinger, keine (tödlichen) Beißereien, Sauberkeit, genügend Futter, viele Interessenten, öffentliches Interesse für die Lage der Tierheimhunde in Ungarn – und
für alle ein schönes Zuhause, nicht an der Kette, sondern mit Familienanschluss.
RdT: Wie kann jeder einzelne Tierfreund helfen?
Karin Stumpf: Helfen kann man nachhaltig durch Patenschaften für einen Tierheimhund aus Pecs. Mit 15 Euro
monatlich ist die Versorgung eines Hundes sichergestellt. Spenden sind natürlich immer wichtig; sie werden in erster
Linie für das Futter benötigt.
Interview: Claudia Lotz
Kontakt:
Karin Stumpf
Tierheim Köln - Dellbrück
Iddelsfelder Hardt
51069 Köln
Telefon:
0221 / 950 51 55 (privat)
Telefax:
0221 / 950 51 57
Email:
[email protected]
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Werden Sie Pate!
Mit 15 Euro im Monat sichern Sie das Überleben eines Hundes in den Tierheimen von Brasov und Pecs. Es ist weitaus weniger, als ein Hund gemessen an
seinen Futterkosten in Deutschland braucht, aber so viel für einen Vierbeiner
im Ausland: Denn es sichert seinen Unterhalt im Tierheim - und gibt ihm damit
die Chance, eines Tages gesund in eine neue Familie vermittelt zu werden.
Regelmäßige Patenschaften sind die Basis der bmt-Tierschutzarbeit. Durch
feste monatliche Zahlungen ist es möglich, Futter und Medikamente in Rumänien und Ungarn zu kaufen. Anders als in Deutschland gibt es dort kaum
Menschen, die Patenschaften übernehmen oder das Tierheim mit finanziellen
Zuwendungen unterstützen können oder wollen.
Sie helfen den dortigen Tierheimen sehr, wenn Sie Pate von einem Hund werden oder zweckgebunden spenden für:
• die tierärztliche Betreuung und den Kauf von Impfstoffen
und Medikamenten
• den Kauf von geeignetem Trockenfutter
• die Bezahlung des Pflegepersonals
• notwendige Sanierungsmaßnahmen
Mehr Informationen zu Patenschaften unter www.bmt-tierschutz.de
Ansprechpartner
Wenn Sie Fragen zu unserer Arbeit in Rumänien und Ungarn haben, wenden Sie sich bitte an unsere Auslandstierschutzkoordinatorin Petra Zipp.
bmt e.V. Tierschutzzentrum Pfullingen
Auslandstierschutz
Gönninger Straße 201
72793 Pfullingen
Telefon:
07121 / 820 17 - 0 (Zentrale)
07121 / 820 17 - 23 (Durchwahl)
Fax:
07121 / 820 17 -18
Email:
[email protected]
Unterstützen Sie uns mit einer Spende und helfen
somit den notleidenden Tieren!
bmt Auslandsspenden - Sonderkonto
Stichwort: Brasov (Rumänien) ODER Pecs (Ungarn)
Konto-Nr. 847275
Frankfurter Sparkasse
BLZ 500 502 01
IBAN:
DE79 5005 0201 0000 8472 75
SWIFT-BIC.: HELADEF1822
Impressum
Sonderdruck Auslandstierschutz September/2011. Herausgeber: Bund gegen Missbrauch der Tiere e.V., Viktor-Scheffel-Straße 15,
80803 München, Deutschland, Email: [email protected]; Redaktion i.S.d.P.: Petra Zipp, Tel:(07121/820 17-0), Claudia Lotz,
Stefan Kirchhoff, Fotos: Stefan Kirchhoff; Gestaltung: Ulrike Schiffner; Auflage: 5000 Exemplare. Übernahme von Artikeln, auch
auszugsweise, nur mit Quellenangabe gestattet.
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„Unser Leuchtturm ist gewachsen!“
Peter Maffay hat im Juli 2011 das „Fundatia Tabaluga“ in Siebenbürgen eröffnet und damit das dritte Refugium für traumatisierte Kinder in Europa. Peter Maffay, 1949 im rumänischen Brasov geboren, setzt sich mit seiner gleichnamigen Stiftung international für die
Schwächsten in der Gesellschaft ein. Neben den Kindern sind das für ihn auch die Tiere,
besonders jedoch die der Willkür der Menschen ausgesetzten Straßenhunde in seiner ehemaligen Heimat. Mit seiner Ehefrau Tanja informierte er sich vor Ort in Brasov über die
Arbeit von Cristina Lapis (Millions of Friends) und dem bmt. Er begrüßt die Entscheidung
der Stadt Brasov, auf Tötungen in Zukunft zu verzichten und in Zusammenarbeit mit dem
Tierschutz das Straßenhundproblem human anzugehen. Tanja und Peter Maffay bitten
alle Tierfreunde um Unterstützung, damit dieses Projekt gelingen wird.
www.bmt-auslandstierschutz.de