Lyrik Übersicht

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Basiswissen | Aufgaben und Lösungen
◮ Gattungen | Lyrik | Liebeslyrik – Neue Sachlichkeit
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Lyrik
Liebeslyrik – Neue Sachlichkeit
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1 Neue Sachlichkeit
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2 Sprache und Form
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3 Beispiel für die Liebeslyrik der Neuen Sachlichkeit
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4 Fazit
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Karlsruhe 2014 | SchulLV | Felix Uhl
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1 Neue Sachlichkeit
Unter der Neuen Sachlichkeit versteht man die Zeit zwischen 1924 und 1932. Die Autoren,
welche sich der Neuen Sachlichkeit verbunden sahen, nahmen den Realismus als Vorbild ihrer Kunst, wobei sie radikaler, nüchterner und analytischer sein wollten als Autoren wie
Theodor Fontane. Sie waren Sozialisten und sahen die Kritik an der bestehenden Gesellschaft als Kernthema ihrer Kunst. Kunst sollte zu etwas nützlich sein, man sollte sie „gebrauchen“ können – unter diesem Gesichtspunkt prägte Bertolt Brecht (1898-1956) den
Begriff der Gebrauchslyrik, die nicht nur subjektiver Gefühlsausdruck sein sollte wie etwa
die Gedichte Rainer Maria Rilkes. Auch sollte die Lyrik nicht so metaphorisch-realitätsfremd
sein wie einige expressionistische Werke. Die Autoren der Neuen Sachlichkeit kritisierten die
Tendenz früherer und aktueller Autoren, das Gefühl in den Mittelpunkt der Kunst zu stellen.
Um eine Gesellschaft, die im Wandel begriffen war, zu verändern, blickten diese Autoren
sachlich und genau auf die bestehenden Verhältnisse und das Leben der Menschen um sie
herum.
Das heißt nicht, dass das Gefühl aus der Literatur verschwindet, tatsächlich gibt es einige
Liebesgedichte aus dieser Epoche. Diese sind aber nicht stark subjektiv, sondern behandeln Themen wie das Altern, das Scheitern von Beziehungen, die Vergänglichkeit der Liebe
und des Lebens, welche allesamt auch gesellschaftlich relevant sind. Sowohl subjektive als
auch gesellschaftliche Erfahrungen flossen in die Liebesgedichte ein. Auch sie sollten vom
Leser gebraucht werden und ihm zum Denken anregen.
2 Sprache und Form
Die Neue Sachlichkeit wollte nicht das formale und sprachliche Gefüge aufbrechen wie der
Expressionismus. Zwar suchten auch die Autoren dieser Zeit nach Möglichkeiten, ihr Botschaft besser zu vermitteln, doch als Ende dieser Suche galt ihnen ein Stil, der dem Leser
leicht zugänglich ist. Viele Gedichte aus der Neuen Sachlichkeit sind daher klar strukturiert: So schrieb Bertolt Brecht eine Vielzahl an Sonetten, der Vierzeiler war die häufigste
Strophenform. Die Form sollte nicht gebrochen werden, sondern als Gerüst dienen, um eine
Verständlichkeit und einen logischen Aufbau der Gedichte zu ermöglichen.
Durch den Bezug auf gesellschaftliche und politische Problematiken verwendeten die Autoren der Neuen Sachlichkeit einen nüchternen, beobachtenden Stil. Es ging ihnen nicht
um die Darstellung eines subjektiven Erlebnisses, sondern um die Analyse eines größeren
Sachverhalts. Auch die Liebesgedichte folgen diesem Prinzip zumeist. Statt dem Pathos
etwa Else Lasker-Schülers findet sich die genaue Beobachtung und sachliche Schilderung
des Geschehens in den Gedichten. Verständlich und direkt sollte die Sprache sein, unverständliche Metaphern und Neologismen, die bewusst ungewöhnlich waren, fanden keine
Verwendung. Zwar gibt es aus dieser Zeit auch einige Gedichte von Brecht, die subjektiv und emotional sind, doch benutzt Brecht selbst in diesen eine klare, zum Sachlichen
tendierenden Sprache. Auch diese Gedichte sollen vom Leser benutzt werden.
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3 Beispiel für die Liebeslyrik der Neuen Sachlichkeit
Des Morgens nüchterner Abschied, eine Frau
Kühl zwischen Tür und Angel, kühl besehn.
Da sah ich: eine Strähn in ihrem Haar war grau
Ich konnt mich nicht entschließen mehr zu gehn.
Stumm nahm ich ihre Brust, und als sie fragte
Warum ich, Nachtgast, nach Verlauf der Nacht
Nicht gehen wolle, denn so war’s gedacht
Sah ich sie unumwunden an und sagte:
Ist’s nur noch eine Nacht, will ich noch bleiben
Doch nütze deine Zeit; das ist das Schlimme
Daß du so zwischen Tür und Angel stehst
Und laß uns die Gespräche rascher treiben
Denn wir vergaßen ganz, daß du vergehst.
Und es verschlug Begierde mir die Stimme.
(Entdeckung an einer jungen Frau von Bertolt Brecht (s.o.))
Brechts Sonett thematisiert das Verhältnis von Liebe, Vergänglichkeit und Leidenschaft. Dem lyrischen Ich wird beim Abschied von seiner Geliebten gewahr, dass diese
altert. Anstatt deswegen zu erschrecken, verstärkt die Vergänglichkeit die Begierde des lyrischen Ichs und bindet dieses stärker an die Geliebte: Statt zu gehen, wie es geplant war,
bleibt es, es möchte die gemeinsame Zeit intensiver nutzen. Die Betonung liegt hier stark
auf der erotischen Komponente der Liebe (orange markiert), welche nüchtern beschrieben wird. Wie selbstverständlich nimmt das lyrische Ich die Brust der Geliebten in die Hand,
in Anbetracht der Vergänglichkeit entwickelt es in erster Linie (sexuelle) Begierde.
Nur scheinbar ist dieses Gedicht die rein subjektive Äußerung des lyrischen Ichs. Auch dieses Sonett soll vom Leser gebraucht werden. So ist die Sprache trotz der Thematik sehr
sachlich, klar und direkt. Brecht beschreibt eine moderne Beziehung, in der die Körperlichkeit eine große, wenn nicht sogar die größte Rolle spielt. Der Abschied am Anfang verläuft zunächst „nüchtern“und „kühl“, ein Hinweis auf die gefühlskalte Gesellschaft (grau
markiert) der Weimarer Republik, die zu dieser Zeit einen wirtschaftlichen Aufschwung und
eine immer schneller vonstatten gehende Technisierung erlebte. Direkt ist auch die Antwort
des lyrischen Ichs an seine Geliebte, dass sie „vergeht“. Die Position zwischen Tür und Angel ist das einzige Symbol, das er verwendet. Es verdeutlicht den Übergang von der Jugend
zum Alter sowie die Unentschlossenheit in Bezug auf die Beziehung des lyrischen Ichs und
der Frau. Diese Situation, das einzig Schmerzensreiche (rot markiert) an der Beziehung,
soll überwunden werden. Brecht plädiert also in diesem Gedicht für eine größere Leidenschaft in Anbetracht der Vergänglichkeit. In der begrenzten Zeit, so die Aussage des
Sonetts, soll intensiv gelebt werden.
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4 Fazit
Die Dichter der Neuen Sachlichkeit entfernen sich bewusst von der Mehrdeutigkeit und der
verschlungenen Symbolik des Expressionismus. Sie sehen sich in der Tradition der Realisten, nur wollen sie noch sachlicher und direkter sein als diese. An die Stelle der komplizierten Metaphern treten der klare Ausdruck und die feste Form, die einen Gebrauch der
Lyrik ermöglichen sollen. Themen sind die Probleme der Gesellschaft und deren Wirklichkeit: Trennung, Vergänglichkeit, Leidenschaft, Lust, die moderne Beziehung, Gefühllosigkeit.
Zwar behandeln die meisten Werke der Neuen Sachlichkeit im Besonderen den Aufbau der
Gesellschaft, doch sind oben genannte Themen auch gesellschaftlich bedeutsam.
Die bedeutendsten Lyriker dieser Zeit sind Bertolt Brecht (s.o.), Erich Kästner (18991974) und Kurt Tucholsky (1890-1935). Bertolt Brecht nimmt aber eine Sonderrolle ein: Er
verwendete oftmals eine reiche Natursymbolik (die jedoch stets leicht verständlich bleibt)
und verfasste auch viele sehr persönliche Gedichte, die sich nicht in die Strömung der Neuen Sachlichkeit einordnen lassen. Vor allem in der Zeit seines Exils (1933-1948) schrieb
er viele Gedichte, die sich mit seiner derzeitigen Lebenssituation befassen. Die Betonung
der Erotik und des starken Mannes in seinen früheren Gedichten wandelte sich hin zu einer
Lyrik über die Verletzlichkeit und den Halt, den die Frauen Brecht in seiner heiklen Lage
gaben.
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