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L i t e rat u r
aus der
Buchhandlung
Schwarz
B u c h h a n d l u n g S c h wa r z
Von Bettina Schulte
Der fiktive Name befremdet. Man
meint, eine andere Stimme durch
ihn hindurch zu hören. Leopold
Auberg, der Ich-Erzähler, ein 17jähriger Rumäniendeutscher, der
im Januar 1945 in ein Lager in der
Ukraine deportiert wird, ist gleich
Oskar Pastior, dem genau das widerfuhr.
D
er Lyriker war einer der
80.000 Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben, die
nach der Kapitulation und der Kriegserklärung Rumäniens an das vorher
mit ihm verbündete Nazideutschland
fünf Jahre lang Zwangsarbeit für den
„Wiederaufbau“ der Sowjetunion leisten mussten. Die Gleichung ist jedoch
prekär. Herta Müller, die 1953 in der
Ceauşescu-Diktatur geboren wurde und
der die offiziell tabuisierten Lager nur
im bedrückenden (kollektiven) Schweigen ihrer ebenfalls deportierten Mutter
präsent waren, hat mit Atemschaukel
einen Roman geschrieben – und hätte
ihn doch niemals schreiben können
ohne die Gespräche mit dem Dichter. Es
sollte ein gemeinsames Buch werden.
Die Schriftstellerin, deren Texte mit unerbittlichem, zugleich poetisch verdichtetem Ton die ungreifbar bedrohliche,
gewalttätige Atmosphäre allgegenwärtiger Überwachung im Mangelreich des
rumänischen
Nachkriegspotentaten
sinnlich erfahrbar gemacht haben, hatte
in Pastior – bei einem Gespräch in Lana
über Tannen – zufällig den Zeitzeugen
gefunden, der im Gegensatz zu allen,
die sie zuvor befragt hatte, in der Lage
war zu erzählen, wie es gewesen war.
Vier Notizhefte hatte sie mit seinen Erinnerungen vollgeschrieben, als er im
Oktober 2006 kurz vor der Verleihung
des Büchner-Preises in Frankfurt plötzlich starb.
Man muss dieses Buch auch als Gedenkbuch für den Freund lesen; als sein Vermächtnis von fremder Hand – so paradox es klingen mag. Es ist Herta Müller
hoch anzurechnen, dass sie nach langem Zögern das Wagnis auf sich genommen hat, die zu zweit begonnene Arbeit
allein zu vollenden. Welchen Anteil
daran der Dichter hat, ist naturgemäß
nicht auszumachen – letztlich hat allein
Herta Müller den Stoff in Literatur verwandelt. Sicher aber ist: Die den Roman
prägende, ihn auszeichnende eigentümliche Metaphorik, seine für sogenannte
Lagerliteratur höchst ungewöhnliche,
gewagte Bildsprache, die Iris Radisch in
der „Zeit“ als gestrig und kitschig gegeißelt hat, ist keineswegs allein der Autorin zuzuschreiben. Der „Hungerengel“
– das zentrale Motiv des aus 64 zum
Teil sehr kurzen Abschnitten gebauten
Romans – ist die Erfindung Oskar Pastiors. Das entnimmt man auch dem aufschlussreichen Hörfunkfeature Hungerengel von Ulrike Jansen und Norbert
Buchhandlung
Schwarz
© Annette Po
hnert / Carl
Immer in der
Hautundknochenzeit
Buchhandlung
Schwarz
Hanser Verla
g
Lesezeit 16 | Herbst 2009 | gratis
Wehr. Es kann als von den Stimmen
Müllers und Pastiors getragene Begleitmusik des Romans gelten.
Im Hungerengel verdichtet sich die
alles übertönende, die alles überwältigende Erfahrung des Lagers: „Immer
ist der Hunger da. Weil er da ist, kommt
er, wann er will und wie er will. Das
kausale Prinzip ist das Machwerk des
Hungerengels. Wenn er kommt, dann
kommt er stark. Die Klarheit ist groß:
1 Schaufelhub = 1 Gramm Brot.“ Der
Hungerengel weicht den Zwangsarbeitern in der Ewigkeit der „Hautundknochenzeit“ nicht von der Seite. Er ist kein
tröstlicher Begleiter. Er ist, mit Rilke zu
sprechen, schrecklich. Eine Gewalt. Man
wird ihn nie mehr los. Wie man das Lager nie mehr loswird. „Seit dem Hungerengel“, heißt es am Ende, „erlaube ich
niemandem mehr mich zu besitzen.“
Der Hungerengel macht aus Menschen
keine Menschen mehr. Er bringt den
Advokaten Paul Gast dazu, seiner Frau
aus dem Essgeschirr die Suppe zu steh-
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Lesezeit 16 | Herbst 2009
Fortsetzung:
Immer in der Hautundknochenzeit
len, „bis sie nicht mehr aufstand und
starb“. Er bringt Karli Halmen dazu,
Albert Gion, dem Schicht-Kollegen des
Ich-Erzählers, die gesparte Brotration
unter dem Kopfkissen zu stehlen, und
die anderen dazu, ihm für diesen Brotdiebstahl die Zähne auszuschlagen und
ins Gesicht zu pissen. Man nennt es mit
dem Hungerengel: die Brotgerechtigkeit.
Noch heute ist für den Ich-Erzähler Essen „eine große Erregung“. Er isst – das
bezeugen auch die, die Oskar Pastior
gekannt haben, und das sagt Herta Müller von ihrer dem Kind unheimlichen,
gierig schlingenden Mutter – „mit allen
Poren“: „Ich esse seit meiner Heimkehr
aus dem Lager, seit sechzig Jahren, gegen das Verhungern.“
Es sind die einem (späteren) Lyriker
zugemessenen bildhaften Wörter, in
denen sich der Alltag in der Lagerhölle
offenbart, eher beiläufig als spektakulär:
„Meldekraut“, „Herzschaufel“, „Tageslichtvergiftung“, „Blechkuss“, „Hasoweh“, „Kartoffelmensch“, „Eigenbrot
und Wangenbrot“, „Eintropfenzuvielglück“, „Atemschaukel“, „Mundglück“.
Es ist der Versuch der Autorin, dem herkömmlichen Sprechen durch Sprachschöpfung zu entrinnen: eine kühne
Gratwanderung, die den Schrecken des
Zivilisationsverlusts, die Demütigung,
die Entwürdigung und die Scham darüber in der Momentaufnahme, im sprechenden Detail festzuhalten sucht – wie
Pastior sich verblüffend gut an lauter
Einzelheiten erinnerte, die ein Gesamtbild kaum ergeben konnten.
Deshalb ist der Roman, der einem in
Herta
Müller
der Wiederholung der bildhaften Wendungen fast wie eine Sammlung von
Prosagedichten entgegenkommt, nichts
weniger als eine Chronik des Lagers
Nowo-Gorlowka. Es gibt keinen Standpunkt, von dem aus sich das System der
Entmenschung überschauen ließe. Nur
Episoden, bestürzende und groteske,
widerwärtige und widersinnige, ja sogar
glückliche, aus einer Welt, die dem, der
nie dort war, unvorstellbar bleibt. Und
Begegnungen: mit dem Zement und der
Schlacke im Keller, wo jede Schicht aus
Trotz zum Kunstwerk wird, dem brettharten Boden im Winter und der steinigen Hitze im Sommer, den Schlackoblocksteinen, dem versteinerten Pech im
Kokswerk. Begegnungen mit dem Bösen
– wenn ein so pathetischer Begriff zulässig ist – in Gestalt des Lagerkapos Tur
Prikulitsch und seiner Geliebten Bea
Zakel. Begegnungen mit dem Tod, der
den Insassen ins Totenäffchengesicht
geschrieben steht. „Wenn der Tote kein
persönlicher Bekannter ist, sieht man
nur den Gewinn. Abräumen ist nichts
Böses, im umgekehrten Fall würde der
Leichnam mit einem dasselbe tun, und
man würde es ihm gönnen. Das Lager
ist eine praktische Welt. Die Scham und
das Gruseln kann man sich nicht leisten.
Man handelt in stabiler Gleichgültigkeit,
vielleicht in mutloser Zufriedenheit.“
So abgründig können sich die Maßstäbe verkehren, dass das Lager zur Heimat und die Heimat zur Fremde wird.
„Wieso zwinge ich das Lager, mir zu
gehören“, fragt sich der Ich-Erzähler 60
Jahre später. „Heimweh. Als ob ich es
bräuchte.“ Als Herta Müller mit Pastior
den Ort seiner Deportation besuchte,
wurde er nicht depressiv, sondern euphorisch. Es war für ihn wie Heimkommen.
Das letzte Kapitel heißt „Von den Schätzen“. Gemeint sind die mentalen Hinterlassenschaften des Lagers. Die schwerste
ist der Arbeitszwang, die Umkehr der
Zwangsarbeit: ein „Rettungstausch“.
Auch wenn davon mit keinem Wort die
Rede ist: Von daher allein erklärt sich
Pastiors Schreiben.
Dass der, der dort war, das Lager für immer in sich trägt: Auch diese Erkenntnis
verdankt sich Herta Müllers verstörendem, großem Roman, der über das
individuelle Schicksal hinaus die rumäniendeutschen Zwangsarbeiter aus
dem Schatten der Geschichte rückt. Der
Bann, der aus den Rückkehrern „Nichtrührer“ machte, ist endlich gebrochen.
Herta Müller: Atemschaukel.
Roman. Hanser Verlag. 19,90 €
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Lesezeit 16 | Herbst 2009
Claus
Stephani
Von Werwölfen
und anderen Menschen
Von Diethelm Blecking
Ein altmodisches Buch ist anzuzeigen und zur Lektüre zu empfehlen: Ein Roman, dessen Schauplatz
der längst verschwundene „Gürtel
der vermischten Völker“ (Hannah
Arendt) weit im Osten ist, wo die
Flüsse Tscheremosch und Pruth
heißen und bis heute Wölfe und
Braunbären in großer Zahl leben.
I
n dieser abgelegenen „Wildnis“
zwischen Timişoara (Temeschwar)
und Iaşi (Jassy) lebte eine deutsche
Minderheit, deren aufrechte und dissidente Vertreter schrecklich unter der
rumänischen Spielart des Stalinismus,
unter dem Despoten Nicolae Ceauşescu
und seiner brutalen Prätorianergarde,
der Securitate, zu leiden hatten. Viele
wohnen heute in Deutschland und
erzählen sprachmächtig und zäh vom
Trauma des Ausgeliefertseins an die
Knechte der Macht, das schon in der
Zeit des Faschismus seine Wurzeln
hat. Einer von ihnen, ein Stiller, den
Märchen, den kleinen Leuten und ihrer
Geschichte zugewandt, ist Claus Stephani aus Braşov (Kronstadt) in Siebenbürgen. Der heute in München lebende
Autor erzählt in seinem ersten Roman
von einem Völkergewirr aus Rumänen, Juden, Ruthenen, Polen, Ungarn,
Deutschen und Zigeunern in der Zeit
zwischen den großen Kriegen bis zur
Vernichtung der Juden im Osten.
Im Mittelpunkt steht die Geschichte
der rumänischen Jüdin Beila, deren
Mann von rumänischen Judenhassern
erschlagen wird. Sie bringt nach dieser
Katastrophe von einem anderen Mann
ein uneheliches Kind zur Welt, ein
„Blumenkind“ eben, und wird Opfer
von Vergewaltigungen, die in der patriarchalischen, bäuerlichen Welt für
allein lebende Frauen zum Schicksal
gehören: „Eine junge Frau ohne Mann
gehört niemandem oder manchmal
auch allen.“ Am Ende einer langen
Odyssee mit ihrem Kind durch die
Wirren des Krieges und am Ende eines
langen einsamen Leidensweges wird
Beila durch einen schrecklichen Zufall
von ungarischen Faschisten ermordet.
Ihr Kind Maria, das dem Horror der
ethnischen „Säuberungen“ nach Westen ins Nachkriegsdeutschland und in
die USA entkommt, wird durch einen
weiteren schrecklichen Zufall bei einem
späteren Besuch in Rumänien Akteurin
und Opfer zugleich in einer ödipalen
Tragödie, die tödlich endet. Diese Geschichte soll hier nicht erzählt werden.
Sie wirkt konstruiert, so wie die uralte
griechische Tragödie des Königsohns,
der mit seiner Mutter schläft, konstruiert wirkt, und das kann man diesem Roman sicher vorwerfen. Kritisieren kann
man auch, dass Stephani sehr freigiebig
mit den Kenntnissen des gelernten Ethnologen umgeht und viele Märchenfiguren, Geister und Dämonen aus der
Volkskunde einführt. Aber man ist froh,
den „Prikulitsch“, den Werwolf, und die
Pădureanca, die Waldmutter, kennengelernt zu haben. Dieses Buch enthält
eine der traurigsten und trostlosesten
Erzählungen der letzten Zeit und doch
gibt es Passagen des Glücks im Erfahren
der körperlichen Liebe, der Zuneigung
und des Geborgenseins. Sie erzählen
von jener Zeit als Beila, auf ihrer Flucht
zur Ruhe gekommen, in zeitweiliger
Sicherheit bei den Zipser Deutschen
in Nordsiebenbürgen lebt. Ohne Angst,
anders sein zu können, das erfährt die
Gehetzte und Ausgestoßene nur bei den
Angehörigen dieser Minderheit.
Nach der Lektüre dieses Romans schaut
man, das mögen Tierfreunde beklagen,
Wölfe anders an, es könnten getarnte
Menschen, also sehr gefährliche Tiere
sein, und wer will ausschließen, dass
der Rabbi Mendel noch ein andermal
Recht behält und seine Prophezeiung
nicht nur für diese schreckliche Epoche
gilt: „dass das Gesicht des Zeitalters
bald dem Gesicht eines Wolfes gleichen
wird, und die Wahrheit wird vermisst
werden.“
Claus Stephani: Blumenkind.
Roman. SchirmerGraf. 19,80 €
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Lesezeit 16 | Herbst 2009
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Peter
Das Bröckeln Henning
Andreas
Maier
der Fassaden
Von Markus Bundi
Johanna Jansen ist 78 Jahre alt, und
sie hat sich entschieden, das Haus
zu verlassen und in ein Altersheim
überzusiedeln. Noch einmal soll
die Familie bei ihr in Hanau zusammenfinden, denn sie will die
Neuigkeit nicht jedem einzeln am
Telefon mitteilen.
D
as scheinen nicht gerade spektakuläre Aussichten zu sein
für einen Roman, der beinahe fünfhundert Seiten umfasst. Doch
Schriftsteller Peter Henning hat die Zeichen in seinem Roman Die Ängstlichen
von Anfang an auf Sturm gesetzt. Zum
einen gehen sintflutartige Regenfälle
über Taunus und Rhön nieder, zum andern ist Janek, Johannas Lebenspartner,
verschwunden. Janek hat sich verzockt,
hat Spielschulden in Höhe von 90.000
Euro, wovon allerdings wiederum nur
Benjamin, Johannas Enkel weiß. Zu den
Hauptfiguren gehören auch die Kinder
Johannas: Helmut, Benjamins Vater, der
aber nie in der Lage war, sich um seinen
Sohn zu kümmern; Ulrike, die mit Rainer verheiratet ist und von diesem bei
jeder sich bietenden Gelegenheit betrogen wird; und der psychisch kranke Konrad, dessen Leben sich hauptsächlich in
Kliniken abspielt. Es sind die Archetypen des 21. Jahrhunderts, die Henning nicht nur skizziert, sondern präzise beschreibt, in ihren oft zwanghaften
Handlungen schildert, wie sie sich alle
– zumindest in der eigenen Wahrnehoder üben sich im Verdrängen – und sie
mung – mehr oder minder vom Leben
flüchten sich in die je eigene Sucht: Sei es
betrogen fühlen, einem Ideal nachjagen,
das Spiel, sei es der Alkohol oder seien es
das doch nie einzuholen sein wird.
Tabletten. Wahlweise betrügen sie sich
Keiner, und das dürfte der Kern von
selbst oder instrumentalisieren andere,
Hennings berührendem Familienroman
denn eines gilt es immer aufrecht zu ersein, hat sich je seiner Angst gestellt,
halten: die eigene Fassade. Hennings Rogeschweige denn diese zu überwinden
man ist so inszeniert, dass die jeweilige
versucht. Den Weg, wie ihn schon Sören
Hauptfigur mit jedem Kapitel wechselt:
Kierkegaard, der erste große Experte in
Wir sind bei Helmut, als dieser Blut im
Sachen Angst, Mitte des 19. JahrhunUrin entdeckt und über sich selbst das
derts vorzeichnete, will von der Familie
Todesurteil verhängt; wir erfahren von
Jansen niemand auf sich nehmen: „Man
Benjamins Panikattacken und auch, wie
findet den Begriff Angst kaum jemals
er seine neue Freundin darum bittet, die
in der Psychologie behandelt, ich muss
90.000 Euro für Janek zu beschaffen;
deshalb darauf aufmerksam machen,
wir erleben Rainers Flucht vor Ulrike,
dass er gänzlich verals sein Lügengebäude
Es sind die
schieden ist von Furcht
endgültig einzustürzen
und ähnlichen Begrifdroht; und wir sind bei
Archetypen des
fen, die sich auf etwas
Konrad, als dieser seine
Bestimmtes beziehen,
Medikamente absetzt
21. Jahrhunderts,
während Angst die
und eine weitere Flucht
die Henning nicht
Wirklichkeit der Freiaus der Klinik plant.
heit als Möglichkeit für
Die Raffinesse bei dienur skizziert,
die Möglichkeit ist“, so
ser Konstruktion wird
sondern präzise
einst Kirkegaard. Das
immer dann deutlich,
klingt zwar nicht nur
wenn Henning Eigenbeschreibt.
philosophisch, sondern
und Fremdwahrnehauch
einigermaßen
mung
aufeinanderabstrakt, sagt aber doch nichts anderes
prallen lässt, zum Beispiel in einem
aus, als dass nur im ernsthaften UmRainer-Kapitel zur Sprache kommt, was
gang mit der eigenen Angst so etwas wie
der Schwiegersohn über Johanna denkt,
Freiheit überhaupt zu erlangen ist, und
dass diese nämlich eine „unersättliche
das wiederum heißt: Es eröffnen sich in
Tyrannin“ sei, „die es blendend verder Auseinandersetzung mit sich selbst
stand, ihre Selbstsucht als Altruismus
echte Möglichkeiten als Alternativen
(für Rainer die gefräßigste Form von
zum ansonsten zwanghaften Verhalten.
Egoismus) zu tarnen und andere für sich
Die Jansens aber haben andere Strateeinzuspannen, indem sie geschickt mit
gien entwickelt, sie pflegen die Ignoranz
deren Schuldgefühlen operierte und sie
Lesezeit 16 | Herbst 2009
ben, das als solches eben kein Spezialfall
ist, sondern sich so oder so ähnlich in
unserer Gesellschaft in jedem zweiten
Haus findet. Das Bröckeln der Fassaden
ist allgegenwärtig, und dass jenes Familientreffen in Hanau, auf das der Roman
wie auch seine von Angst zerfressenen
Figuren zusteuern, nicht ein Happy End
sein wird, ahnt der Leser schon früh.
Kein Stoff für Hollywood also, dafür ein
großer Roman.
Peter Henning: Die Ängstlichen.
Roman. Aufbau Verlag. 22,95 €
somit geschickt an sich band“. Wechselweise erweist sich der eine als brillanter
Analytiker des andern, und bleibt doch,
was den eigenen Seelenhaushalt betrifft,
ein verblendeter Klotz, der sich nicht
traut, Schwäche zu zeigen – ein Gefangener seiner selbst mit all den inwendig
brodelnden Ängsten. Geht es um die
Familie als Ganzes, so bringt Helmut
ihre Wesensart auf den Punkt: „Im Fall
der Jansens hatte einer dem andern bloß
mehr oder weniger tatenlos beim Untergang zugesehen.“
Obwohl es sich bei den Protagonisten
in Peter Hennings Roman nicht gerade um Sympathieträger handelt, die
einzelnen Figuren vielmehr zwischen
Selbstmitleid und Größenwahn hin und
her pendeln, in ihrer Egozentrik vereinsamen oder zum Amoklauf ansetzen,
so „verrät“ der 50-jährige Schriftsteller
dennoch keine, zeichnet vielmehr jeden
Charakter mit großer Empathie und
erweckt so ein Familiengefüge zum Le-
Bekenntnis
Von Michael Schwarz
Ich bin ein Andreas-Maier-Leser! Sie wissen nicht, wen ich meine? Sie erin-nern
sich nicht an Wäldchestag, seinen ersten Roman, der nur im Konjunktiv geschrieben ist? Sind Sie denn überhaupt
Kunde der Buchhandlung Schwarz? Ich
nerve Sie doch schon seit Eröffnung
mit diesem Autor. Vier Mal war Andreas
Maier bereits Gast der Buchhandlung.
Zuletzt im Januar. Da hat er aus seinem
Roman Sanssouci gelesen. Nein? Sie
waren nicht bei der Lesung und kennen das Buch auch nicht? Ich soll Ihnen kurz erzählen, um was es da geht?
Mmh! Stellen Sie sich Sanssouci als
eine literarische Folge der Lindenstraße
vor, und die Folge selbst ist wieder eine
Folge ... Der Roman könnte also endlos
weitergehen. Schauplatz ist natürlich
nicht München, sondern Potsdam und
alle Stadtbewohner – ein Michael
Schwarz tritt auch auf – dürfen mitspielen und vor allem mitreden. Das
führt zu einem unendlichen Stimmengewirr und keiner versteht das, was der
andere sagt.
„Dort schrien die einen dies, die anderen
das; denn in der Versammlung herrschte
ein großes Durcheinander, und die meisten wußten gar nicht, weshalb man überhaupt zusammen gekommen war.“
P.S.: Ich kann Sie trösten. Andreas Maier wird, wie er selbst angekündigt hat,
nur noch ein letztes Buch schreiben. Er
wird dieses Buch beginnen und einfach
nie mehr aufhören damit, bis an sein
Lebensende. Daraus wird er dann auch
wieder in der Buchhandlung Schwarz
lesen.
Andreas Maier: Sanssouci.
Roman. Suhrkamp Verlag. 19,80 €
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Lesezeit 16 | Herbst 2009
UrsWidmer
Ungebrochene Fabulierund Lebenslust
Von Markus Bundi
Er ist ein Meister des Surrealen,
keine Groteske ist ihm fremd, und
er hat sich eine Leichtigkeit im
Erzählen bewahrt, die immer wieder zu faszinieren vermag. Kurz:
Der Schweizer Schriftsteller Urs
Widmer, mittlerweile 71-jährig,
ist längst mit allen Wassern gewaschen und weiß doch stets, neue
Quellen zu erschließen.
I
n seinem neuen Roman Herr Adamson stößt Widmer kurzerhand das
Tor zur Totenwelt auf, bewegt sich
sowohl im Jahr 1946 wie auch 2032,
spricht zuweilen griechisch oder unterhält sich mit einem toten Häuptling der
Navajos in dessen Sprache. Er? – Also
sein Ich-Erzähler, Widmers nächster
Verwandter. Er ist „Rasender Hirsch“
oder „Never Mind“, einmal stellt er sich
auch als Horst vor – und er feiert gerade
in Basel, inzwischen stolzer Urgroßvater der Zwillinge Bimbo und Bembo,
seinen 94. Geburtstag. Ein guter Zeitpunkt, das eigene Leben in einem guten
Anzug mit Feder im spärlichen Haar
und Mammutknochen in der Hand
Revue passieren zu lassen. Genau das
tut dieser Ich-Erzähler am Folgetag, und
zwar in jenem fremden Garten, wo er
zum ersten Mal Herrn Adamson begegnet ist. Knut Adamson ist nämlich sein
Vorgänger. Das heißt: Der Mann ist exakt in jenem Augenblick gestorben, als
der Ich-Erzähler (und Widmer selbst)
am 21. Mai 1938 geboren wurde. Nur
deswegen konnte der achtjährige Junge
damals den alten Mann im Garten sehen. Und, so lautet die nächste Regel,
Adamson wird der Begleiter des Ich-Erzählers sein, wenn dessen letzte Stunde
schlägt.
Nicht ganz zufällig kommt der Ich-Erzähler auch einmal auf Scheherazade
zu sprechen, die über Tausendundeine
Nacht erzählend ihr Leben zu retten
versucht. Doch was im Märchen gelingt,
schließt der Ich-Erzähler im Jahr 2032
aus, denn seine Geschichte „ist keine Erzählung aus dem Morgenland und kann
mich also nicht retten“. Gleichwohl
schafft Widmer einen neuen Mythos,
erklärt sich und den Lesern Werden und
Vergehen, stemmt sich so mit aller Fabuliermacht jener menschlichen Urangst
entgegen, dass nach dem Tod womöglich nichts sein könnte.
Wer sich damit abgefunden hat, dass
unsere Welt den physikalischen Gesetzen gehorcht und also kausal geschlossen ist, der ist bei Widmer an der
falschen Adresse, denn dieser Schriftsteller schreibt mit aller Wucht aller
Wahrscheinlichkeit entgegen. WidmerKennern hingegen sei versichert: Herr
Adamson erweist sich als mindestens
so verrückt wie beispielsweise Der Kongreß der Paläolepidopterologen (1989)
und als genauso poetisch wie Der blaue
Siphon (1992). – Das ist mitnichten nur
immer lustig. Was Widmer verhandelt,
ist die menschliche Tragödie schlechthin, meint den Tod, der alle früher oder
später ereilt, und mit ihm das schlechte
Gewissen, das schon die Söhne Adams
plagte, sprich Versäumtes nicht mehr
ausbessern zu können. So pendelt auch
der Ich-Erzähler zwischen Fremdbestimmung und Verwirklichung des eigenen Willens hin und her und erlebt die
spektakulärsten Abenteuer aufgrund
von Unerledigtem seines Vorgängers.
Obschon das in die Sphären des Kitsches
abgedriftet scheint: Der Ich-Erzähler
erfährt, welche Kraft die Liebe in sich
birgt, einerseits gegen den Tod, für die
Seinen andererseits. Nietzsche sprach
einst von „amor fati“, von der Schicksalsliebe, als der einzigen sinnvollen
Lebensform, und dieser spricht auch
Widmers Herr Adamson das Wort. Ein
Roman, der sich auch nur als unterhaltsames Abenteuer lesen lässt, der aber
zugleich philosophische Tiefen auslotet
für all jene, die nach jenem Text suchen,
der nicht geschrieben steht. – Und wäre
es tatsächlich nur ein Spiel, so müsste
auf der Verpackung stehen: Für wache
Mitspielerinnen und Mitspieler zwischen 8 und 94 Jahren.
Urs Widmer: Herr Adamson.
Roman. Diogenes Verlag. 18,90 €
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Lesezeit 16 | Herbst 2009
Jochen
Schimmang
Der Schuppen
der Utopie
ihn nicht voran, Entscheidungen fallen
ihm eher zu, wie das meiste in seinem
Leben. Das Provisorium der Bonner
Ein Wochenendhaus am SilvesterRepublik entspricht seiner zaudernden
abend 1989. Die Mauer ist gefalNatur, die sich nicht festlegen mag, sich
len, die deutsche Einheit noch nicht
auch nicht mit politischen Verhältnissen
vollzogen. Gregor Korff, Berater
identifizieren kann. „Wir sind Ironiker.
eines hochrangigen Politikers, verWir begnügen uns damit, alles zu durchfolgt misstrauisch die Neujahrsanschauen und spöttisch den Mund zu
sprache des Kanzlers im Fernsehen,
verziehen.“ Dieses ironische Verhältnis
im Wissen, dass die Bonner Repuzum Leben wird im Roman in den Jublik, seine Republik, Vergangenheit
genderinnerungen Gregors aufgehoben,
ist.
stellvertretend im Bild des abgelegenen
Schuppens am Waldrand, den die heries ist die Ausgangssituation
umstreunenden Jungen eines Tages entdes neuen, bemerkenswerten
decken und in Besitz nehmen. Hier wird
Romans von Jochen SchimBeckett rezitiert, heimlich die eine oder
mang. Das Beste, was wir hatten hat er
andere Zigarette geraucht und so manihn betitelt, und er erweist sich denn
ches Mädchen überredet. „Das war doch
auch als eine Erinnerungsschrift. Gregor
das Beste, was wir je gehabt haben!“, so
Korff ist ein Protagonist der 68er-Bewelautet das Resümee dieser von Rückzug
gung, er flieht die norddeutsche Provinz,
und Isolation geprägten Zeit. Gregors
um im Berlin der
Weg vom Privaten
„Wir sind Ironiker.
Studentenbewegung
über den Umweg
ein Politikstudium
Wir begnügen uns damit, der Opposition mitzu absolvieren, liebten ins Zentrum der
äugelt mit dem Mao- alles zu durchschauen politischen Macht
ismus und schließt
findet da ein Ende,
und spöttisch den Mund
sich verschiedenen
wo die neue Berliner
zu
verziehen
.
“
K-Gruppen an. Nach
Republik sich zum
zwei Jahren ist der
Ziel der Geschichte
Spuk linker Politisierung vorbei. Gregor
erklärt. Dieses Pathos ist ihm, der histosagt sich los und nimmt nach einigen
rische Prozesse als Übergänge begreift,
Jahren der Lehrtätigkeit an verschiefremd, und als Sonja, seine große Liebe,
denen Universitäten das Angebot einer
als Stasi-Spitzel enttarnt wird, ist er in
Referententätigkeit eines einflussreichen
seiner beruflichen Position nicht mehr
CDU-Politikers an. So idealtypisch
zu halten. Zudem wird ein ehemaliger
dieser Marsch durch die Institutionen
Gesinnungsgenosse in Vorbereitung
auch konstruiert sein mag, Gregor treibt
eines Anschlags auf ein deutsch-patrio-
Von Felix Gollinger
D
tisches Denkmal festgenommen und verurteilt. Gregor und seine gleichgesinnten
Freunde, inzwischen Staatsschützer und
Juristen, sind sich einig: Es muss gehandelt werden. Was nun beginnt, ist ein
politisches Possenspiel, eine Rebellion,
die zu spät kommt.
Schimmangs Roman lässt sich als Studie der 68er-Generation lesen, er spürt
ihren Beweggründen nach und begleitet
sie auf ihrem bisweilen auch grotesken
Weg in die deutsche Gesellschaft. Melancholisch, humorvoll und in einer wohltuend sachlichen Sprache. Der Schluss
des Romans bleibt offen und hält doch
an einem utopischen Gedanken fest:
Jede geschichtliche Epoche birgt ihr kritisches Potential schon in sich.
Jochen Schimmang: Das Beste,
was wir hatten. Roman. Edition
Nautilus. 19,90 €
• l esun g •
Jochen Schimmang ist
Gast der Buchhandlung jos fritz
am 25. November, 20 Uhr.
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Lesezeit 16 | Herbst 2009
In der
Wunderkammer
Von Heiko Fischer
Als sich David Foster Wallace im
September letzten Jahres das Leben
nahm, um der Qual seiner schweren Depressionen ein Ende zu machen, war ich persönlich getroffen.
DFW war für mich ein Autor gewesen, den man nicht nur liest, sondern entdeckt.
I
ch wurde nicht müde, die schillernden, aber durchaus sperrigen
Texte weiterzuempfehlen. Doch
der einzige Freund, bei dem ich den Eindruck hatte, dass er (selber Autor) die
Texte mit der gebotenen Aufmerksamkeit gelesen hatte, reagierte mit prompter und unverhohlener Ablehnung. Als
ich zur Verteidigung DFWs Talent ins
Feld führte, das man ja wohl nicht leugnen könne, erwiderte Jason: „Yes, but
it’s nothing BUT a display of talent.“ Ein
interessanter Einwand, an den ich noch
öfter bei der Lektüre denken musste.
Das Werk, das DFW hinterlässt, ist mit
zwei Romanen, drei Kurzgeschichtensammlungen und ein paar Dutzend
Essays und Reportagen durchaus überschaubar. Trotzdem ist es gehaltvoll
genug, um ihm einen Platz unter den
wichtigsten amerikanischen Schriftstellern seiner Generation zu sichern. Wenn
man ihn hierzulande dem literarischen
Underground zurechnet, wie es immer
wieder getan wird, mag das daran liegen, dass die Stimme des Autors hinter
der Bandbreite verwendeter Stilmittel
unter anderem auch Jonathan Franzen,
und literarischer Haltungen zu verden eine enge Freundschaft mit Wallace
schwinden scheint. Doch in DFWs postverband.
moderner Wunderkammer werden jene
Nun ist es also da, das Buch, auf das
menschlichen Grunderfahrungen verwahrscheinlich auch jene Nicht-Muthandelt, denen sich die Literatur schon
tersprachler gewartet haben, die es
immer gewidmet hat – Einsamkeit, Spigewohnt sind, amerikanische Romane
ritualität, Liebe, Tod. Sein Werk hat daim Original zu lesen. Denn die Fülle an
mit vielleicht mehr mit den klassischen
Fachsprachen, Expeditionen in sprachAutoren gemein als mit der Avantgarde,
liche Hinterländer, Subkulturen und Erdie sich die Erforschung formaler Grenzählhaltungen, dürfte auch die Sprachzen zur Aufgabe gemacht hatte. DFWs
kenntnisse versierter Amerikanisten auf
Stilmittel entsprechen lediglich der zeitdie Probe stellen. (Ulrich Blumenbach
genössischen Wirklichkeitserfahrung
dankt in einem Nachwort einem ganzen
und sind am ehesten geeignet, diese
Stab von Übersetabzubilden.
zerkollegen, die einNach sechs Jahren
Betritt man den
zelne Fachbereiche
Übersetzungsar Roman,
bearbeitet haben.)
beit erscheint nun
Doch um mit der
DFWs Opus Mastösst man
Beschreibung dieses
gnum auf Deutsch,
auf einen
monströsen Gestaltwas seiner Rezepwandlers eines Rotion im deutschÜBERWÄLTIGENDEN
mans irgendwo anzusprachigen Raum
sprachlichen
setzen, hier ein paar
neue Impulse geben
Worte zur Handlung.
dürfte. Unendlicher
Reichtum und eine
Die HandlungsstränSpaß bringt es auf
glasklare,
ge des Romans ver1.547 Seiten und
laufen in einer nahen
der Auftritt der
schneidende
Zukunft durch ein
weißen, ziegelsteinIntelligenz.
nordamerikanisches
ähnlichen Ausgabe
Staatengefüge
nawurde schon im
mens O.N.A.N. Zwei weitere wichtige
Vorfeld von Verlag und Feuilleton enttopographische Pole sind einerseits
sprechend vorbereitet. So erschien
eine Elite-Akademie für zukünftige
schon vor Monaten ein (übrigens sehr
Tennisprofis, andererseits eine Drogenlesenswerter) Band mit „Bonusmateentzugsklinik in unmittelbarer Nachrial“, in dem nicht nur der Übersetzer
barschaft (autobiografische Elemente
Ulrich Blumenbach zu Wort kommt
DFWs, der eine Erfolg verheißende Karund exemplarisch übersetzerische Proriere als Profi-Tennisspieler zu Gunsten
bleme und Lösungen schildert, sondern
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Lesezeit 16 | Herbst 2009
David Foster
Wallace
des Schreibens aufgab). Titelgebend
dankenwelten ein, stößt man auf einen
für den Roman ist jedoch ein gleichnaüberwältigenden sprachlichen Reichmiger Film, den Quebecer Separatisten
tum und eine glasklare, schneidende Inin ihren Besitz bekommen wollen.
telligenz. Außerdem gibt es diese großUnendlicher Spaß stellt die ultimative
artigen satirischen Passagen, die DFWs
Form der Unterhaltung dar und jeder,
Ruf als einen der wichtigsten zeitgeder den Film anfängt anzusehen, stellt
nössischen Satiriker begründet haben.
das WiedergabegeVor dem Horizont
rät
unweigerlich
einzelner Kapitel
Das atemberaubende
auf Wiederholung
ist der Roman auch
und vergisst über
durchaus leicht und
Werk von David Foster
dem seligen Konunterhaltend zu leWallace sei jedem ans
sum des glücklich
sen. Es empfiehlt
machenden Clips
sich also, sich bei
Herz gelegt, der sich
alle körperlichen
der Lektüre mit
für die Möglichkeiten
Bedürfnisse, was
dem
jeweiligen
schließlich und unBerg zu beschäfzeitgenössischer
weigerlich zum Tod
tigen und das GeLiteratur interessiert.
führt. Die Quebecer
birge erstmal zu
Terrorzelle plant
vergessen.
den Film ins natiDFW liebt es zweionale Fernsehnetz einzuspeisen, um
fellos, sein Können vorzuführen. Der
so der verhassten Staatsmacht den ToRoman erscheint in dieser Hinsicht
desstoß zu versetzen. Darüber hinaus
tatsächlich wie eine Bühne, auf der algibt es noch ein Heer von Nebenfiguren
lerhand atemberaubende Kunststücke
und Handlungsverläufen, die zum Teil
aufgeführt werden. Doch die kühle Iroschnell wieder verschwinden, nachdem
nie, mit der DFW seine Fähigkeiten präsie eingeführt wurden, beziehungsweisentiert, sollte nie darüber hinwegtäuse abrupt abbrechen.
schen, wie ernst und zutiefst moralisch
Diese Mischung aus Tennis, Terror, Droseine eigentlichen Anliegen sind. Es
gen und Unterhaltung mag etwas krude
geht in Unendlicher Spaß vor allem um
erscheinen und die Frage aufwerfen,
die Besessenheit von Erfolg und darum,
warum man sich dieses monströse Buch
jedes erdenkliche „Potenzial“ aufzuspüantun sollte. Doch sind die oben aufgeren und „zu verwirklichen“. Die großen
führten Koordinaten nicht mehr als
Sedative, die diesen Verwundungen geEckdaten und man sollte die Landkarte
genübergestellt sind, sind einerseits
nicht mit der Landschaft verwechseln.
pharmakologischer, andererseits kultuBetritt man nämlich den Roman und
reller Natur, aber eine geradezu zwinlässt sich auf DFWs Sprach- und Gegende Konsequenz in der Welt, die DFW
zeichnet.
Das atemberaubende Werk von David Foster Wallace sei jedem ans Herz
gelegt, der sich für die Möglichkeiten
zeitgenössischer Literatur interessiert.
Denn Neuentdeckungen, wie Schreiben
(auch) verstanden und ausgeführt werden kann, gibt es gerade in Unendlicher
Spaß jede Menge zu machen. Und auch
wenn man der unterkühlten Präsentation des Autors der eigenen Fertigkeiten
eher reserviert gegenüberstehen mag,
so lohnt es sich, das eine oder andere
Kunststück aufmerksam zu verfolgen.
Es könnte nämlich sein, dass es sich als
grandioser Witz entpuppt.
David Foster Wallace: Unendlicher
Spaß. Roman. Aus dem Englischen
von Ulrich Blumenbach. Kiepenheuer
& Witsch. 39,95€
• l esun g •
Ulrich Blumenbach stellt seine
Übersetzung am 23. Oktober um
20 Uhr im Alten Wiehrebahnhof, Urachstr. 40, vor.
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Lesezeit 16 | Herbst 2009
Antonio
Fian
Das perfekte
Nachttischbuch
Von Markus Bundi
Ein Torhüter verliert bei einer
mirakulösen Parade die Unterhose (nicht aber die Trikothose),
Schriftsteller Robert Menasse ist
Bundespräsident von Österreich
geworden und ein Kind tötet mit
einem großen Amethyst einen jungen Delphin im Aquarium.
W
er das Tor zur Traumwelt
aufstößt, betritt ein Spielfeld, auf dem so ziemlich
alles möglich ist, ein Terrain also, das
jedem Schriftsteller liegen müsste, auf
dem er sich endlich einmal nach Lust
und Laune austoben und der Fantasie
freien Lauf lassen kann. Dennoch ist
das Nacherzählen von Träumen bis
heute nicht das vorzügliche Metier
der Schriftsteller. Wohl weniger, weil
sich deswegen der Autor gleich in der
Psychoanalyse wähnte, sondern vielmehr, weil ein grenzenloser Raum das
Schreiben von Geschichten nachgerade
erschwert im sich gegenseitigen Überbieten des Surrealen. Gleichförmigkeit,
gar Langeweile droht – denn wo alles
verrückt ist, ist alles auch schon wieder
normal.
Was das Erzählen von Geschichten im
Kern ausmacht, nämlich das Anschreiben gegen Grenzen jedweder Art, wird
in der Traumwelt auf eine harte Probe
gestellt. Antonio Fian ist sich dieser
Schwierigkeiten fraglos bewusst, ist
diesen nun aber nicht ausgewichen,
sondern legt mit seinem Band Im Schlaf
über sechzig Traumgeschichten vor,
kurze und kürzeste Erzählungen, die
nie nur lustig sind, die vielmehr durch
ihre Doppelbödigkeit überzeugen. Das
Groteske ist dem 53-jährigen Schriftsteller nie Mittel zum Zweck, die Überzeichnungen oder Verzerrungen sind
mit Bedacht und zuweilen unmerklich
angesetzt. Und ist das Absurde schlagartig gegeben, so erzählt Fian mit einer lakonischen Nüchternheit, einer
Selbstverständlichkeit, dass dem Leser
der Atem stockt. Insbesondere wenn es
um Leben und Tod geht, was in diesen
Traumgeschichten keine Seltenheit ist.
Da leistet eine Frau nach einem Verkehrsunfall erste Hilfe, versucht einen
Teil des Kotflügels, der sich durch den
Leib des Fahrers gebohrt hat, wieder
herauszuziehen, und obwohl die Widerhakeln – ja, die Widerhaken – bei
jedem Versuch tiefer in die Genitalien
des Opfers getrieben werden, wird die
Frau in ihrem Tun vom Gepeinigten
noch angefeuert.
Weniger schmerzhaft, doch ebenso grotesk das Auftreten von Elfriede Jelinek
in einem anderen Traum. Sie gewährt
dem Ich-Erzähler großzügig einen
Wunsch. Dieser wünscht sich sodann
die Nobelpreisträgerin nackt, worauf
die Jelinek ohne Zögern zum Striptease
ansetzt. Freilich verfügt Fian über genügend Raffinesse, auch dieser Geschichte
noch einen ganz andern Dreh zu geben.
Und wenn es nicht mehr auszuhalten
ist, dann drückt der Ich-Erzähler im
Aufzug aufs E, fürs Erdgeschoss oder
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Lesezeit 16 | Herbst 2009
Wolf
Haas
Höher hinauf
geht's nicht mehr
Von Markus Orths
eben: fürs Erwachen. Und auch wenn
das nun widersprüchlich klingen mag:
Fians neuer Band Im Schlaf ist auch das
perfekte Nachttischbuch, für angeregte
Träume nach der Lektüre – auch wenn
Schriftsteller und Verlag dafür wohl jede
Haftung ablehnen.
Antonio Fian: Im Schlaf.
Erzählungen nach Träumen.
Droschl Verlag. 16,00 €
Leseprobe:
Neugier
Wie es dazu gekommen war, weiß ich
nicht, aber ich war mit Peter Handke in
einem Doppelzimmer einquartiert. Ich
wagte nicht, ihn anzusprechen, und er
beachtete mich nicht, sondern schrieb
immerzu in ein Notizheft. Ich wollte gern
sehen, was, vor allem wie er notierte, und
umschlich ihn, immer näher kommend,
so auffällig, dass ich selbst verwundert
war, dass er nichts bemerkte oder, falls er
etwas bemerkte, nicht reagierte. Einmal
gelang es mir, Einblick zu nehmen:
Zwischen wenige, in unleserlicher Schrift
geschriebene Sätze zeichnete er Schiffe.
Jetzt war er also angekommen.
Beim lieben Gott. Nicht der Brenner, sondern der sonder- und wunderbare Erzähler, der sämtliche
Brenner-Kriminalromane mit seiner Lakonie und seinem Witz „rein
vom ding her“ so schelmisch und
pointiert und ganz nebenbei hinschnoddert.
W
ar also gestorben am
Schluss des letzten Brenner-Romans mit dem Titel
Das ewige Leben. Man hat also gedacht:
Stille. Aber „pass auf“: Er ist wieder
da. Konnte nur schlecht den StandardErsten-Satz, also den in jedem der fünf
Brenner-Fortsetzungen identischen ersten Satz „Jetzt ist schon wieder was
passiert“ anbringen, sondern muss sein
Wiederauftauchen aus dem Reich der
Toten erst mal erklären: „Meine Großmutter hat immer zu mir gesagt, wenn
du einmal stirbst, muss man das Maul
extra erschlagen.“
Der Brenner, anfangs heißt er noch Herr
Simon, nach seinem Vornamen, hat
einen neuen Job als Chauffeur des Baulöwen Kressdorf. Der hat gerade einen
Mordsauftrag: Das Riesenland. Seine
Frau ist Chefin einer Abtreibungsklinik.
Und Brenners Aufgabe als Chauffeur besteht hauptsächlich darin, deren zweijährige Tochter Helena herumzukutschieren: „Die junge Gattin in Wien, der
KREBA-Firmensitz in München, dann
ein zweijähriges Kind, treffen sie sich
am einfachsten in der Mitte, sprich Kitzbühel. Weil in Kitzbühel natürlich die
Geschäfte, die Kontakte, ja was glaubst
du.“ Der Brenner kann sich nun beim
Tanken nicht für eine Tafel Schokolade
entscheiden, die er der kleinen Helena
mitbringen will, er kommt zurück zum
abgeschlossen geglaubten Wagen, Helena ist verschwunden, sprich entführt.
Verdächtige gibt es genug. Die ProlebenGegner der Abtreibungsklinik, Banker,
der Obersenatsrat, alle, die irgendwas
mit dem Riesenbauauftrag zu tun haben. Und am Schluss, also nach ein paar
Tagen, zählt man sage und schreibe sieben Tote.
Sicher, wie jeder Krimi ist das gnadenlos
konstruiert. Aber warum es nicht konstruiert wirkt, liegt einzig und allein an
der Erzählerstimme. Wolf Haas gelingt
das große Kunststück, die Krimihandlung nebenbei erzählen zu lassen. Man
hat das Gefühl, in einer Kneipe zu sitzen
und dem Erzähler, der einen ständig anspricht, zuzuhören. Imaginierte Mündlichkeit des Erzählens: ein alter Trick,
beispielsweise in The Web of Earth von
Thomas Wolfe, wo eine alte Frau während einer Zugfahrt ihrem Enkel eine
Geschichte erzählt bzw. erzählen will
und immer wieder vom Hundertsten
aufs Tausendste kommt. Bei Haas ist es
ein wenig anders. Hier deutet der Erzähler oft die Dinge nur an, umkreist sie,
beginnt mit dem Ergebnis dessen, was
geschehen ist, ehe das, was zu diesem
Ergebnis geführt hat, Scheibchen für
Scheibchen nachgereicht wird.
Es ist dieser Gestus des Nebenbei, dieses
Lakonische, was aus den Brenner-Krimis Literatur macht; es ist der Humor,
der den gesamten Text trägt („Im alkoholfreien Bier ist ja auch ein kleines bisschen Alkohol, und es heißt, wenn man
sechsunddreißig trinkt, Vollrausch.“);
es sind die scheinbaren, im Grunde irre
komischen Weisheiten, die der Erzähler
von sich gibt („Aber wenn du als Chauffeur ohne Auto im Regen stehst, ist das
natürlich subjektiv der Moment, wo du
begreifst, dass du eine Krise hast.“); es
ist der Duktus der Mündlichkeit und
dieses geschickte Ineinanderverweben
von Handlung und Handlungsfetzen,
von Betrachtungen und Kommentaren
und Leseransprachen. Und die Szene, in
welcher der Brenner endlich dem lieben
Gott begegnet, ist grandios, so viel sei
verraten.
Wolf Haas: Der Brenner und der
liebe Gott. Roman. Hoffmann und
Campe. 18,99 €
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Rainer
Malkowski
In Schwindel
erregender Kürze
fachen Versen sprechen sie von komplexen Zusammenhängen“.
Für Rainer Malkowski selbst waren
Rainer Malkowski, 1939 in BerGedichte unter anderem „jene Art von
lin geboren, wäre in diesem Jahr
Genauigkeit, die die Ungenauigkeit, mit
siebzig geworden. Er arbeitete anund in der wir leben, bewußt macht“.
fangs etliche Jahre für WerbeagenDie Poesie fing für ihn dort an, wo
turen und war von 1968 bis 1971
sich das Substanzielle vom bloß InterGeschäftsführer und Teilhaber
essanten unterscheidet, die Wahrnehder damals größten der BRD. Seit
mung als Ereignis stattfindet. Wenn Ge1972 lebte er als freier Autor und
dichte glücken, erzählen sie, laut ihm,
schrieb seit seinem Debüt 1975,
in Schwindel erregender Kürze eine
Was für ein Morgen, fast ausunendliche Geschichte.
schließlich Gedichte.
Die schönste Definition des Einfachen,
die ich kenne, stammt von ihm: Das
eitweilig vom Erblinden beEinfache, sagt er, sei nur der unverstelldroht, ist er 2003 nach längete Zugang zum Komplexen.
rer Krankheit in Brannenburg
Und mit diesem Anspruch, aus diesem
am Inn gestorben. Postum erschienen
Blickwinkel, aus dieser Haltung heraus,
2004 im Hanser Verschrieb er seine Ge„Das
Einfache
lag unter dem Titel Die
dichte, die sich am Stoff
Herkunft der Uhr seine
entzünden, in denen
ist nur
letzten Gedichte, die er
kein Wort zu viel gesagt
der unverstellte
noch zum großen Teil
wird, nichts ÜberflüsZugang
selbst zusammenstellen
siges, nichts Banales
zum Komplexen.“
konnte, oder die, in gesteht, in denen die Verse
sprochener Form, als
immer durch das eigene
Texte „vom letzten Band“ festgehalten
Leben gedeckt sind. Gedichte, deren
wurden.
„Dinghaftigkeit“ äußerste Verdichtung
In seinem Nachruf formulierte der
voraussetzt, und in denen für ihn kaum
Karlsruher Dichterfreund Walter Helzu unterscheiden ist, „ob genaues Semut Fritz: „Die zurückhaltenden,
hen noch bloßes Sehen ist oder schon
alles Plakative meidenden Gedichte
ein Gedanke“.
Rainer Malkowskis überzeugen durch
Und da über ein Gedicht zu reden imihre Skepsis, ihre Illusionslosigkeit,
mer schwächer ist als das Gedicht selbst,
ihr Formbewusstsein. Sie zielen auf
soll der Dichter, soll das Gedicht zu
Erkenntnis durch Vergegenwärtigung
Wort kommen mit diesen wunderbaren
von Augenblicken intensiver WahrnehZeilen – die in sich, wie nebenbei, auch
mung. Rhetorik ist ihnen fremd. In eineine Art von Poetik mitformulieren:
Von Walle Sayer
Z
All die nichtssagenden Fotos,
in die wir unsere Liebe hineinlesen,
unsere Erinnerungen an Augenblicke,
die nicht auf dem Bild sind.
Ihr Armen,
was tut ihr, wenn wir sterben,
unter Menschen, dir nur sehen,
was ihr zeigt?
Reduziert
auf das Sichtbare:
wer könnte so leben.
Rainer Malkowski: Die Herkunft
der Uhr. Gedichte.
Mit einem Nachwort von Albert von
Schirnding. Hanser Verlag. 14,90 €
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Angelika
Overath
Messias der Meere
Von Gabriele Michel
Flughafenfische ist der neue Roman
von Angelika Overath überschrieben – er könnte ebenso gut Zärtliche Seepferdchen heißen. Der sachliche, auch ein wenig rätselhafte
Titel verweist auf den passageren
Raum, in dem die Protagonisten
über Flugziele und Fluchtorte, Aufbrüche und Abschiede entscheiden.
A
nmutig und fragil wie die „zärtlichen Seepferdchen“, die bei
dieser Entscheidung keine geringe Rolle spielen, ist auch der sprachliche Gestus, mit dem die Autorin ihren
Figuren Leben einhaucht. Vor allen den
Dreien, deren Wege sich an einem langen
Nachmittag in den fensterlosen Fluchten
des Flight Connection Centers kreuzen:
Tobias Winter, dem „stillen Messias der
Meere“, der Fotografin Ellis und einem
anonymen Geschäftsmann.
Tobias Winter lebt nahezu ausschließlich
für das riesige Aquarium, das er selbst in
diesem Flughafen aufgebaut hat. Er ist
ein Sammler von Menschen, Szenen,
und „instabilen Metamorphosen“, ein
Schlafloser und Beobachter, der alles
über seine Fische weiß und auch, dass
es „sehr oft die nebensächlichen Dinge
(sind), die die großen bestimmen.“ Tobias Winters kundiger Blick führt den Leser in die komplex organisierte Gemeinschaft der Fische ein, die sich mit ihren
Eigentümlichkeiten und Raffinessen als
Spiegel des menschlichen Zusammenle-
bens erweist. „Der Krebs war blind, die
Grundel hingegen sah gut und konnte
drohende Gefahr erkennen. In fragiler
Transparenz, ein Hauch von Tier, war sie
doch sein Sicherheitssystem, mit ihren
langen Fühlern blieb sie in Körperkontakt mit seinem Krustenpanzer, seinen
festen Zangen. Unter ihrer Aufmerksamkeit überlebte er und arbeitete für sie,
grub Futter aus, bereitete die Höhle neu.
Sie haben sich über ihre Schwächen gefunden, dachte Tobias. ... Kaum einer von
den Reisenden beachtete dieses winzige,
glückliche Drama im körnigen Korallensand.“
Tobias Winter ist ein introvertiert und
fantasiebegabt Sehender. Er sieht nicht
einfach etwas oder jemanden, er sieht
immer Geschichten. Damit bestimmt er
den Grundton des Romans. Sein behutsam nachdenklicher Blick verleiht den
Figuren Kontur und den Begegnungen
in den verzweigten Gängen des Flughafengebäudes jene vitale Bedeutung, die
sie „im wahren Leben“ hätten. In schwerelosen, mal assoziativ versponnenen,
mal hellsichtig analysierenden Sätzen
verdichtet die Autorin die inneren
Dramen und Sehnsüchte der Figuren zu
eigenwilligen Schicksalen, die einen unmerklich in ihren Bann ziehen. Selbst Tobias, der Einzelgänger, bleibt nicht ewig
allein. Auf dem Weg von einem Einsatz
zum nächsten strandet Ellis, Fotografin
für Hochglanzmagazine, neben seinem
Aquarium. Sie bringt die Pracht und
Rätselhaftigkeit exotisch fremder Räume
mit ins Spiel. Zwischen dem sesshaften
Beobachter und der weitgereisten Beob-
achterin entspinnt sich ein Kontakt, dem
Overath fern von Klischees eine feine,
traumwandlerische Dynamik verleiht.
Verglichen mit Tobias und Ellis, die neugierig und intuitiv sind und für Überraschungen sorgen, ist der Dritte im Bunde
– ein namenloser Businessclass-Man,
der sich im einsamen Whiskeyrausch
das Scheitern seiner Ehe in Erinnerung
ruft – vorherseh- und verzichtbar. Statt
seiner mäandernden Wehklage hätte
man lieber noch mehr jener feinsinnigen
Reflexionen gelesen, in denen Overath
sich als inspirierte Essayistin erweist:
Exkurse über unterschiedliche Formen
von Müdigkeit, den Verzehr von Austern
oder das Sterben einer Elefantenkuh.
Sie bilden das zweite Zentrum dieses
in seiner Ereignislosigkeit verblüffend
fesselnden Romans und bewirken durch
ihre poetische und sinnliche Schönheit,
dass man beim Lesen nicht selten einfach glücklich ist.
Angelika Overath: Flughafenfische.
Roman. Luchterhand Verlag. 17,95 €
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China – ein Streifzug
Von Mathias Heybrock
Bei einer Veranstaltung im Vorfeld
der Buchmesse protestierte die chinesische Delegation scharf dagegen, dass entgegen der Absprache
auch zwei Dissidenten teilnehmen
durften, die Missstände und Menschenrechtsverletzungen ansprechen wollten.
D
eutsche Medien reagierten
einhellig empört: Einmal
mehr stellte China also unter
Beweis, dass es kritische Stimmen konsequent unterdrückt! Ganz so einfach
ist es aber wohl nicht. Als offizielles
Mitglied der Delegation war etwa auch
der 1955 geborene, international renommierte Schriftsteller Mo Yan angereist, dessen Buch Rotes Kornfeld 1987
von Zhang Yimou verfilmt wurde.
Mo Yan ist ein Pseudonym, das ungefähr mit „sagt nichts“ übersetzt werden
kann. Von selbst verordneter Sprachlosigkeit freilich ist der Autor weit
entfernt, wie auch sein jüngstes Werk
Der Überdruss wieder belegt – ein 800
Seiten starkes Epos, das die letzten fünfzig Jahre der chinesischen Geschichte
anhand der Geschehnisse in einem kleinen ostchinesischen Dorf erzählt (eine
Gegend, aus der Mo Yan selbst stammt).
1950 sperrt sich dort ein rechtschaffener Bauer gegen die von den Kommunisten angeordnete Kollektivierung
des Landes – und wird daraufhin vom
lokalen Rädelsführer der KP, die ihre
Macht gerade erst zu sichern beginnt,
Das großartige Buch schildert große,
kaltblütig erschossen. In den Augen der
manchmal komplett verrückte Dramen;
Partei ist es eine gerechte Tat – soll der
angerichtet durch menschliche Not,
Reaktionär doch in der Hölle schmoren!
Dummheit oder Gier: den mörderiTatsächlich beginnt Mo Yan seinen Beschen Hunger zur Zeit des „Großen
richt mit der detailreichen Schilderung,
Sprungs nach Vorn“, die systematische
wie der arme Mann vom Höllenfürsten
Entmenschlichung der Gesellschaft
zwei Jahre gefoltert und zum krönenden
während der Kulturrevolution. Es ist
Abschluss „knusprig frittiert“ wird.
ein „magischer“ und gleichzeitig vollDas setzt den Ton für ein ungezügeltes
kommen ungeschönter Realismus, der
und durchaus auch etwas ungehobeltes
sich auch in einer weiteren NeuerscheiWerk, das der Autor
nung zur Buchmesse
Eine
in nur 52 Tagen
finden lässt: Dem
vergleichbare
heruntergeschrieRoman Brüder des
ben hat. Eine ver1960 geborenen You
Sprache
gleichbare Sprache
Hub, von dem Zhang
ist in der
ist in der deutschen
Yimou (Leben) ebendeutschen
Gegenwartsliterafalls ein frühes Werk
Gegenwartsliteratur verfilmte. Wie Der
tur kaum zu finkaum
den. Eher schon in
Überdruss ist auch
Grimmelshausens
Brüder eine groß anzu finden.
barockem Simplicisgelegte Gesellschaftssimus, der in China interessanterweise
chronik, verfasst in einem fantastischen,
ein Bestseller ist. Der Überdruss ist ein
verrückten Stil.
drastisch gestalteter Schelmenroman,
In einem etwas bescheideneren Rahmen
in dem der Bauer nun vom Höllenversuchen sich auch jüngere Autoren
fürst überraschend das Recht auf eine
an solchen Gesellschaftspanoramen.
Wiedergeburt gewährt bekommt – alEtwa die 1972 geborene Yiyun Li (ihr A
lerdings als Esel, wie er bestürzt festThousand Years of Good Prayers wurde
stellen muss. Später wird er als Stier,
von Wayne Wang verfilmt), die mit Die
als Zuchteber und schließlich als Affe
Sterblichen eine Geschichte erzählt, die
wiederkehren – und die gewaltigen
kurz nach der Kulturrevolution ihren
gesellschaftlichen Umwälzungen seiAnfang nimmt. Eine junge Frau, einst
ner Heimat aus diesen Perspektiven
fanatische Rotgardistin, wird wegen der
erleben. Erst ganz zum Schluss darf er
von ihr begangenen Verbrechen hingeerneut menschliche Gestalt annehmen.
richtet. Doch mit dieser weiteren GeZu diesem Zeitpunkt freilich hat auch
walttat lässt sich die Vergangenheit nicht
das kommunistische China seine Gesühnen und schon gar nicht bewältigen.
stalt längst gründlich gewandelt.
Es ist ein eindringliches Buch, doch im
men einbettet, so künden die nervösen
Stil grundverschieden von den Werken
Reflexionen Zhu Wens vom modernen
der in Peking lebenden Autoren Mo Yan
China: Korruption, Umweltverschmutund Yu Hua. Yiyun Li, die seit 1996 in
zung, die verheerenden Folgen einer im
den USA lebt und ihr Buch auf Englisch
Schnelldurchlauf vollzogenen Moderniverfasste, ist durch die amerikanische
sierung.
Creative-Writing-Schule gegangen. Sie
„Die Aufgabe der chinesischen Literatur
schreibt klarer, strukturierter, weniger
ist es, Missstände und Tabuthemen auf„verrückt“ und damit vielleicht für uns
zugreifen“, sagte Mo Yan in Frankfurt.
auch etwas zugänglicher. Gleichzeitig
Und nicht immer reagiert das offizielle
jedoch geht so der „typisch“ chinesische
China darauf mit Druck und Zensur. So
Sound irgendwie verloren.
wurde Yu Hua zwar zunächst dringend
Der findet sich wieder bei I Love Dollars,
nahe gelegt, sein Manuskript Brüder zu
einer Sammlung von Kurzgeschichten,
entschärfen. Doch als er sich weigerte,
des 1967 geborenen Zhu Wen. Seine
konnte das Buch auch so erscheinen
Stories fallen mit der Tür ins Haus, di– und wurde ein
rekt ins Geschehen,
Bestseller. Auf der
das dann in einem laWie »Der
anderen Seite steht
konischen, manchmal
Überdruss« ist
der rigide Umgang
sarkastischen, immer
auch
»Brüder«
eine
mit der in Frankfurt
frappierend präzisen
anwesenden DissiStil vor sich hin mäangross angelegte
dert, bis es an ein ab- Gesellschaftschronik, dentin Dai Quing, die
den Drei-Schluchtenruptes Ende kommt:
verfasst in einem
Staudamm
scharf
Ein Reisender auf dem
fantastischen,
kritisierte. Die VerYangtse, der am liebsverrückten Stil.
hältnisse sind komten allein wäre – aber
pliziert und widervon einem obskuren
sprüchlich – bis ins Machtzentrum der
Objekt nach dem anderen um Ruhe und
KP hinein, die keineswegs nur mit einer
Schlaf gebracht wird. Ein Fabrikarbeiter,
Stimme spricht. Die reflexartige Empöder die kafkaesken Zustände in einem
rung westlicher Medien über das diktachinesischen Kernkraftwerk schildert.
torische China wird der Wahrnehmung
Es sind kurze, gut verdichtete Szenen,
solcher Wirklichkeiten freilich kaum
denen man anmerkt, dass Zhu Wen auch
gerecht.
als Regisseur arbeitet. Wenn die ältere
Autoren-Generation die Verfehlungen
der Vergangenheit in gewaltige Panora-
Mo Yan: Der Überdruss. Aus dem
Chinesischen von Martina Hasse.
Horlemann Verlag. 29,90 €
Von Mo Yan erschien außerdem soeben:
Die Sandelholzstrafe. Aus dem Chinesischen von Karin Betz. Insel Verlag.
29,80 €
Yu Hua: Brüder. Aus dem Chinesischen von Ulrich Kautz. Fischer
Verlag. 24,95 €
Yiyun Li: Die Sterblichen. Aus dem
Englischen von Anette Grube. Hanser
Verlag. 21,50 €
Zhu Wen: I Love Dollars und andere
Geschichten aus China. Aus dem Chinesischen von Frank Meinshausen.
A1 Verlag. 19,80 €
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Thomas
Glavinic
Das Leben, das
Sterben, der Tod
Von Martin Gülich
Am Anfang steht eine Begegnung.
Jonas, 35 Jahre, verheiratet mit Helen, zwei Söhne, verstrickt in eine
Affäre mit Marie, trifft im Park auf
einen sonderbaren Mann, der nicht
nur über sein Liebesleben, sondern
auch über alles andere in seinem
Leben Bescheid zu wissen scheint.
A
ber nicht nur das: Der Mann,
weiß gekleidet, mit Goldkettchen und Bierfahne, gibt vor,
Jonas drei Wünsche erfüllen zu können, und leichte Zweifel machen sich
im Leser breit, ob derlei erzählerisch
wohl gutgehen mag. Immerhin schließt
sich an diese Feen-Sequenz ein gut 300
Seiten starker Roman an, und mit einer solchen Eröffnung kann ein Autor,
man glaubt es zu wissen, prächtig auf
die Nase fallen. Dieser hier tut es nicht,
denn dieser heißt Thomas Glavinic. Ein
Autor, dem es schon in der Vergangenheit immer wieder gelungen ist, aus
einer ungewöhnlichen, ja gewagten Erzählkonstruktion literarischen Gewinn
zu ziehen. So geschehen in seinem
Roman Die Arbeit der Nacht, in dem er
seinen Protagonisten als letzten Überlebenden durch die Straßen einer materiell unversehrten Welt laufen lässt, so
geschehen auch in Der Kameramörder,
wo das Glavinicsche Konstrukt in der
Sprache selbst liegt, und auch seine
selbstironische Vorführung der eigenen
Autorenexistenz Das bin doch ich, die
es im letzten Jahr auf die Shortlist des
Deutschen Buchpreises geschafft hat,
scheut das Wagnis nicht.
Das Leben der Wünsche heißt der nun
vorliegende neue Roman von Thomas
Glavinic, und was es mit dem sonderbaren Mann im Park auf sich hat, mit
dem er ihn eröffnet, wird Jonas (und
mit ihm der Leser) nie erfahren. Doch
obwohl der Mann im gesamten Buch
kein zweites Mal auftaucht, ist er im
Kopf des Lesers jederzeit anwesend.
Alles was fortan geschieht versucht
man unweigerlich mit dem abzugleichen, was Jonas, nach anfänglichem
Zögern, auf seine Wunschliste diktiert
hat. So will er zum Beispiel wissen, ob
das Leben einen Sinn hat, das Sterben,
der Tod. Er möchte wissen, wie es sich
anfühlt, um Haaresbreite einer Katastrophe zu entgehen, will in die Zukunft
und in die Vergangenheit schauen können, und überhaupt wäre er gerne ein
wenig aktiver, neugieriger, lebendiger.
Es bleibt also nicht bei drei Wünschen,
aber erst, als es Jonas mit dem alten
Trick versucht, sich mehr Wünsche
zu wünschen, beendet der Mann das
Gespräch. Hier nun beginnt sich die
eigentliche Geschichte des Romans zu
entwickeln, die Geschichte eines mäßig
erfolgreichen Werbetexters zwischen
Familienalltag und Geliebter, einer Frau,
die sich wie er vor den Konsequenzen
ihrer Liebe fürchtet. Dann, völlig unerwartet, stirbt Helen, Jonas‘ Frau, und
sämtliche Koordinaten in seinem Leben
müssen neu justiert werden. Weitere
Ereignisse folgen: Tatsächlich entgeht
Kurz und bündig
Jonas knapp einer Katastrophe, sein von
Kleinwuchs bedrohter Sohn erfährt einen rätselhaften Wachstumsschub, die
Schemen zweier Männer verfolgen eine
Frau und erschlagen sie, ohne dass Jonas
eingreifen kann. Überhaupt mischen
sich Jonas‘ reale Erlebnisse zunehmend
mit solchen, die nicht mehr von den ihm
bekannten Gesetzen der Wahrnehmung
gedeckt sind.
Eine der großen Stärken von Thomas
Glavinics Romans ist, dass sich diese
Verunsicherung der Jonasschen Welt
komplett auf den Leser überträgt. Nichts
kann der sich noch sicher sein, und –
konsequent wie Glavinic nun einmal ist
– wird man vom Autor mit genau dieser
Unsicherheit irgendwann auch aus dem
Roman entlassen. „Erzähler erzählen
Geschichten“, schrieb Ulrich Weinzierl
einmal, „Erzähler von Rang wie Thomas
Glavinic erschaffen Welten, in denen wir
uns verlieren.“ Wie wahr.
Thomas Glavinic: Das Leben der
Wünsche. Roman. Hanser Verlag.
21,50 €
Paradies
von Michael Schwarz
Geheimnis-Schwestern. Schiffbrüchige
Schwestern. Vietkong-Schwestern. So
nennen sich die ungleichen Frankie und
Kate selbst. Sie leben zusammen mit ihrer Mutter und Ah Bing, einer auf Mao
und die Kulturrevolution schimpfenden
chinesischen Haushälterin, in Hongkong. Der Vater ist Kriegsfotograf und
meist in Vietnam unterwegs. Die Mutter, Künstlerin, blendet den Krieg und
die aufkommenden politischen Unruhen in Hongkong aus, versteckt die Zeitungen vor Frankie und Kate und glaubt
sie so beschützen zu können. Besonders
für Frankie ist die explosive politische
Situation vor einer exotischen Kulisse
Aufforderung zu gefährlichen Exkursionen. Während eines Ausflugs mit
ihrer Haushälterin zu Ah Bings Tempel
büxen sie aus und geraten in die Fänge
von zwei chinesischen Revolutionären.
Was als abenteuerliches Spiel beginnt,
wird zu einem traumatischen Erlebnis.
Es bedeutet das Ende ihrer Kindheit.
Aus der Erinnerungsperspektive erzählt,
spürt der Leser von Anfang an das sich
anbahnende Unheil. Die sinnliche, subtropisch-fruchtbare Umgebung wird immer mehr durchdrungen vom Geruch
nach Fäulnis und Tod. Einer Schlingpflanze gleich umschließt der Text den
Leser. Es gibt kein Entrinnen und der
Leser ist den erzählten Ereignissen genauso schutzlos ausgeliefert wie Frankie
und Kate.
Alice Greenway: Weiße Geister.
Roman. Aus dem Englischen von UweMichael Gutzschhahn. Marebuchverlag.
19,90 €
Rache
Von Michael Schwarz
Im Norden von Maine kündigt sich der
lange Winter mit einem kalten Wind
aus Kanada an. Dort, in dieser abgeschiedenen, erbarmungslosen Landschaft,
lebt Julius Winsome zusammen mit seinem Hund Hobbes in einer Blockhütte,
die sein Großvater gebaut hat. „Es ist
einsam hier oben, nicht nur im Herbst
und im Winter, sondern immer.“ Julius
Winsome sitzt neben seinem Ofen und
liest Tschechow, als er einen Schuss
hört. Nichts Ungewöhnliches, wird doch
in den Wäldern rund um die Hütte viel
gejagt. Was ihn irritiert ist die Lautstärke des Schusses und dass Hobbes nach
mehrmaligem Rufen nicht auftaucht. Er
beschließt, ihn zu suchen und findet ihn
blutüberströmt, kaum noch atmend auf
einer Lichtung.
Der Tod von Hobbes setzt die Handlung
von Gerard Donovans' Roman Winter in
Maine in Gang. Julius Winsome ist ein
besonnener Mann, aber sein verletztes
Herz lässt ihn unberechenbar werden.
Die Grenzen zwischen Kummer und
Rache verschwimmen. Er überlegt, wer
seinen Hund getötet haben könnte und
fängt an, mit dem Gewehr seines Großvaters die vermeintlichen Täter zu erschießen. Auch die Erinnerung an seine
kurze Liebesgeschichte mit Claire vor
vier Jahren bringt ihn nicht von seinem
Rachefeldzug ab. Im Gegenteil: Er verdächtig sogar sie, mit dem Mord an Hobbes etwas zu tun zu haben. Immer enger
werden die Kreise, die er um den tatsächlichen Täter zieht, während gleichzeitig
die Polizei beginnt, ihn einzukreisen.
Erzählt ist der Roman in einem ruhigen
Ton, der der Stille der Wälder entspricht.
Die Sprache dämpft die geschilderte
Gewalt, als würde Julius Winsome uns
seine Geschichte zuflüstern – mit der
verstörenden Wirkung, dass wir zu Winsomes Komplizen werden.
Gerard Donovan: Winter in Maine.
Aus dem Englischen von Thomas Gunkel. Luchterhand Verlag. 17,95 €
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Roberto
Bolaño
Unser Fluch
und unser Spiegel
Naziliteratur in Amerika und auch der
verschwundene Autor von 2666, Benno von Archimboldo, hat in Die wilden
Wenn Autoren in Roberto Bolaños
Detektive bereits einen Namensvetter.
Romanen einmal nicht über VersIn diesem Roman erzählt Auxilio Lamaße aus dem 6. vorchristlichen
couture, wie sie 1968 auf der Toilette
Jahrhundert diskutieren, gehen
der UNAM von der Besetzung des Misie gerne der Welt verloren. Dann
litärs überrascht wurde und dort auswerden sie von anderen Autoren
harrte, bis der Spuk nach Tagen vorbei
gesucht, manchmal auch von Litewar. Ihre Geschichte wurde zu einer Art
raturwissenschaftlern.
urbanen Legende, die sie selbst in immer anderen Varianten hörte. Ein wenig
as war in Bolaños 1998 ververhält es sich so mit dem Autor selbst;
öffentlichten Roman Die wilmag die Ruhelosigkeit vieler seiner Roden Detektive so und so ist es
manfiguren mit Bolaños eigener Jugend
auch in seinem jetzt auf Deutsch vorliezu tun haben. Nachzulesen in seinem
genden Werk 2666. Der knapp 1100
Roman Die wilden Detektive, für den
Seiten starke Roman
er mit dem Premio
ist ein eigentümRómulo
Gallegos
„UND WO ZUM TEUFEL
liches Werk, das nach
ausgezeichnet wursteckt Apollo,
Absolutheit strebt, oft
de. Geboren wurde
die alte Schwuchtel?
eine Zumutung. Erer 1953 in Chile,
Apollo ist krank,
schienen ist es 2004,
wuchs jedoch in
kurz nach Bolaños
Mexiko auf. Für kurschwerkrank.“
Tod. Er selbst wollte
ze Zeit soll er nach
aus: Der unerträgliche Gaucho
es in fünf Teilen verChile zurückgekehrt
öffentlicht sehen, der
sein, er entkam den
Verlag hat sich anders entschieden. Aus
Gefängnissen Pinochets nur mit Glück.
guten Gründen, denn 2666 verträgt die
Es folgte eine unstete Zeit, in der er
Zersplitterung nicht. Und vieles deutet
unter anderem als Campingwächter
darauf hin, dass der Roman, der Bolajobbte. Seit 1977 lebte er in Europa,
ños letzter geworden ist, auch der ist,
seit 1993 in der Nähe von Barcelona.
auf den sein Gesamtwerk zusteuerte.
Zu seinem Exilleben hatte er ein eher
Bolaño gehört zu jenen großen Romanunsentimentales Verhältnis, die Spraautoren, die eine ausufernde Fiktion
che und die Literatur war ihm Heimat
entworfen haben und nicht so schnell
genug.
mit ihren Protagonisten fertig waren.
Arturo Belano, sein Alter Ego in Die
Nebenfiguren wie etwa der General Euwilden Detektive, führt wie sein bester
genio Entrescu, finden sich schon in Die
Freund Ulises Lima das Leben eines
Von Annette Hoffmann
D
Bohemiens: Sex, Drugs und viszeraler
Realismus. Als sie gezwungen sind aus
Mexiko-Stadt zu fliehen, machen sie
sich zu viert auf die Suche nach der
Dichterin Cesárea Tinajero, die sich vor
Jahrzehnten in die Wüste von Sonara
zurückzog. Es gehört zur burlesken Komik, aber auch zu der inneren Tragik
des Romans, dass sie die Begründerin
der Realviszeralisten gleichzeitig finden
und töten. Der Rest: eine Odyssee. Sein
letzter Roman 2666 wird in großen Teilen in dieser Landschaft spielen, von der
es in Die wilden Detektive heißt: „einer
imaginären oder wirklichen Region, jedenfalls von der Sonne versengt und in
einer längst vergangenen Zeit, vergessen
und zumindest hier, im Paris der siebziger Jahre, ohne jede Bedeutung. Eine
Geschichte von den Randbereichen der
Zivilisation.“ Damals wusste Bolaño
schon von der Mordserie an Frauen und
Mädchen, die hier an der Grenze zu den
USA in Juárez seit Mitte der 1990er
Jahre geschah. Viele der Opfer arbeiteten
in den riesigen Fabriken der Freihandelszone. In einem Interview mit dem
mexikanischen Playboy nur wenige Tage
vor seinem Tod antwortet er auf die Frage, wie er sich die Hölle vorstelle. „Wie
Ciudad Juárez, unser Fluch und unser
Spiegel, der beunruhigende Spiegel unserer Frustrationen, unserer infamen
Interpretation der Freiheit und unserer
Sehnsüchte.“
Tatsächlich sind die Morde, mehrere
Hundert an der Zahl, das eigentliche
Kernstück des Romans. Sie sind der
Stein, der im Wasser Kreise zieht. Die
Lesezeit 16 | Herbst 2009
anderen Teile, die unter anderem von
der Suche von vier Literaturwissenschaftlern nach Benno von Archimboldi
erzählen, der im letzten Teil wirklich
nach Santa Teresa reist, gruppieren sich
um ihn. 108 Opfern gibt der Erzähler
einen Namen, er beschreibt, wo und
wie sie aufgefunden wurden. Immer
wieder vermerkt der Erzähler, wie die
Frauen umkamen: vaginal und anal
vergewaltigt, dann erwürgt, als ließe
sich mit diesem hässlichen Vers ein
Reim auf die Welt machen. War in Die
wilden Detektive noch die (lateinamerikanische) Diktatur die Folie, geht Bolaño in 2666 weiter. Er führt nicht nur
in die „Randbereiche der Zivilisation“,
sondern geht durch sie hindurch. Der
Roman erzählt von Rassentrennung,
dem Russlandfeldzug, an dem Benno
von Archimboldi als Soldat teilnimmt,
Massenerschießungen von Juden im
Generalgouvernement und einem enthemmten Kapitalismus, der Frauen in
einer von Drogenkartellen und Korruption in Politik und Polizei beherrschten
Stadt zur Ware macht. 2666 porträtiert
das 20. und 21. Jahrhundert als das
außer Rand und Band geratene Dionysische. Insofern diese Zeit monströs ist,
ist 2666 ein monströser Roman – ein
Jahrhundertroman im doppelten Sinne.
Der Erzähler jedoch klaubt die geschundenen Körper auf und gibt ihnen eine
Geschichte. So gesehen ist Roberto Bolaños Roman ein zutiefst moralisches
Buch. Er ist aber auch ein Roman über
den Roman, der danach strebt, eine Totalität von Welt abzubilden und schrei-
bend die Möglichkeiten von Literatur
auszuloten. Derart wurden die Grenzen
der Gattung lange nicht mehr erweitert.
Eigentliches Thema in 2666 ist der Tod
und die Einsamkeit. Oft träumen seine
Protagonisten von leeren Räumen und
Spiegeln, in denen sie sich nicht erkennen (und auch Bolaños Leser werden
nicht gut schlafen). Wiederum ist es Auxilio Lacouture, die einen Hinweis auf
die mögliche Bedeutung des Romannamens gibt, der in 2666 selbst an keiner
Stelle aufgegriffen wird. In dem Roman
Amuleto heißt es: „Die Avenida ähnelte um diese Stunde vor allem einem
Friedhof, aber weder einem Friedhof
von 1974 noch einem von 1968 oder
1975, sondern einem Friedhof im Jahre
2666, einem Friedhof, vergessen hinter
einem toten oder ungeborenen Augenlid, dem wässrigen Rest eines Auges,
das, weil es vergessen möchte, am Ende
alles vergessen hat.“ Santa Teresa ist
dieser Friedhof, dessen Ausdünstungen
sich auf den Zähnen ablagern, so hartnäckig, dass auch mehrfaches Putzen
nicht hilft. In 2666 ist er Mittelpunkt
der Welt.
Roberto Bolaño: Der unerträgliche
Gaucho. Aus dem Spanischen von Hanna Grzimek. Antje Kunstmann Verlag,
2006. 16,90 €
Roberto Bolaño: Die wilden Detektive. Roman. Aus dem Spanischen von
Heinrich von Berenberg. Hanser Verlag,
2002. 29,90 € (dtv Taschenbuch,
2004. 12,90 €)
Roberto Bolaño: 2666. Roman. Aus
dem Spanischen von Christian Hansen.
Hanser Verlag, 2009. 29,90 €
• l esun g •
Roberto Bolaño: Exil im Niemandsland. Aus dem Spanischen von Kirsten
Brandt und Heinrich von Berenberg.
Berenberg Verlag, 2008. 19,00 €
Bolaño-Abend mit Heinrich von
Berenberg am 20. November
um 20 Uhr in der Buchhandlung
Schwarz.