"Das Denken umkrempeln": Drei Fragen an den Geiger Igor Ozim

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"Das Denken umkrempeln": Drei Fragen an den Geiger Igor Ozim
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Igor Ozim unterrichtet zum 15. Mal bei den Weimarer Meisterkursen | Foto: Maik Schuck
"Das Denken umkrempeln": Drei Fragen an den Geiger Igor Ozim,
langjähriger Gastprofessor der Weimarer Meisterkurse
Sein Ruf als Pädagoge ist legendär: Die Weimarer Meisterkurse des slowenischen Violinisten Igor Ozim sind
heiß begehrt. Seit 20 Jahren gibt er bei den Weimarer Meisterkursen seinen Erfahrungsschatz an die
nächste Geiger-Generation weiter.
Herr Prof. Ozim, Sie geben seit genau 20 Jahren Meisterkurse in Weimar, in diesem Jahr zum
inzwischen 15. Mal. Was gefällt Ihnen an den Kursen?
Weimar hat eine gewisse Atmosphäre. Ich wusste, dass ich schon sehr lange zum Unterrichten herkomme.
Dass es doch schon so lange ist, das war mir gar nicht bewusst. An meinen ersten Meisterkurs kann ich
mich leider nicht mehr erinnern. Aber es war immer eine sehr, sehr nette Atmosphäre. Es hängt viel von den
Menschen, dem Organisationsteam ab, weshalb ich mich hier sehr wohl fühle. Und das Niveau der
Teilnehmer ist hervorragend, in diesem Jahr ist es sogar ausgesprochen hoch.
Unterscheidet sich die heutige junge Geiger-Generation von der vor 20 Jahren?
Ich merke, dass die jungen Leute viel besser Geige spielen, aber viel weniger von Musik verstehen. Es
werden heute sehr hohe technische Anforderungen gestellt, und die muss man erfüllen, sonst ist man weg
Unterscheidet sich die heutige junge Geiger-Generation von der vor 20 Jahren?
Ich merke, dass die jungen Leute viel besser Geige spielen, aber viel weniger von Musik verstehen. Es
werden heute sehr hohe technische Anforderungen gestellt, und die muss man erfüllen, sonst ist man weg
vom Fenster. Aber die Technik darf nicht den ersten Rang einnehmen. Ich muss heute viel mehr als früher
erklären, dass das Technische eigentlich nur einen Zweck hat: schöne Musik zu machen. Die neuen
Aufnahmetechniken symbolisieren für mich diese Entwicklung. Die heutigen Kinder hören Musik mehr auf
CDs oder im Internet, als dass sie in Konzerte gehen. Und ich glaube, das ist ein Verlust! Denn man
verpasst etwas an Atmosphäre, das nur ein lebendiges, tatsächliches Konzert geben kann, auch wenn es
ein paar falsche Töne gibt. Wir erwarten Perfektion und zahlen einen sehr hohen Preis dafür.
Haben Sie sich selbst als Geiger und Pädagoge in den vergangenen 20 Jahren verändert?
In den letzten 20 Jahren glaube ich nicht, aber in den letzten 40 Jahren sicher. Wir können heute sehr viel
mehr Literatur über die Zeit von Bach und Mozart lesen als vor 50 Jahren. Und oft muss man den Mut
haben, das Falsche, das man über Jahre lieb gewonnen hat, über Bord zu werfen. Mir ist das mit Bach
passiert. Als ich bei einem Wettbewerb in Prag zurück zum Hotel gegangen bin, spielte jemand in der
Altstadt eine Bach-Solosonate - auf der Laute! Ich hatte anschließend eine schlaflose Nacht und habe
danach mein ganzes Denken umgekrempelt. Eine Zeit, die für uns schon so lange zurückliegt wie der
Barock, spielt sich nicht auf dem Instrument ab, sondern im Kopf. Und da muss man hin und wieder Ordnung
machen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Die Fragen stellte Ina Schwanse
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