"ubuntu" Ausgabe 7 - SOS

Transcription

"ubuntu" Ausgabe 7 - SOS
07-2013
Es reicht nicht, öfter „Bitte!“ zu sagen.
Gewaltfreie Kommunikation
im Selbsttest S. 12
Die Gandhis Palästinas: Auf der Suche
nach dem friedlichen Widerstand S. 26
Drama in Schoko und Vanille:
Eisunfälle des Sommers S. 42
DAS MAGAZIN FÜR KINDHEIT UND kulturen
SCHWERPUNKT: Gewaltfreiheit
Lieber
glücklich
sein als
Recht haben.
Eine
Anleitung
Wie es weiterging: Ehemalige aus dem
SOS-Kinderdorf Nairobi erzählen. S. 54
Das Kind Jane Goodall Interview S. 66
Deutschlands größtes Charity-Auktionsportal
Auktionen für Kinder in Not
United Charity versteigert exklusive Dinge und einmalige Erlebnisse, die man für gewöhnlich nicht kaufen
kann. Alle über www.unitedcharity.de erzielten Erlöse leitet Deutschlands größtes Charity-Auktionsportal zu
100 Prozent an verschiedene Kinderhilfsprojekte weiter – so auch die SOS Kinderdörfer. Insgesamt hat United
Charity mit Auktionen für den guten Zweck die stolze Summe von über 2,2 Millionen Euro erreicht.
Das und vieles mehr wurde bereits ersteigert:
Streng limitier
te DFB-Uhr vo
n IWC
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t Michelle Hunzike
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Signierte Trik
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Klicken Sie rein, bieten Sie mit und tun Sie gleichzeitig Gutes!
www.unitedcharity.de
r Bundesliga
-3ubuntu Inhalt
Editorial / Contributors
Impressum
Orte der Kindheit
Kurzgeschichten
Schwerpunkt: Gewaltfreiheit
Recht haben oder glücklich sein
Auch die Kinder Palästinas demonstrieren
Woche für Woche gegen die israelische Beset­
zung. Dass der Widerstand gewaltfrei
sein kann, zeigt sich überall im Land. Seite 26
4
4
6
8
12
Im Familiencamp für Gewaltfreie Kommunikation hat Simone Kosog mit ihrer
Familie nach Wegen gesucht, um friedlich miteinander umzugehen.
Frieden im Busch
Der Psychologe Peter Gray hat erforscht, wie Kinder in Jäger-und-Sammler-
22
Die Ghandis Palästinas
26
Kulturen aufwachsen. Er glaubt, dass wir viel von ihnen lernen können.
Auf der Suche nach einer Lichtgestalt des gewaltfreien Widerstands in Palästina
fand ubuntu-Autorin Julia Prosinger nicht einen, sondern viele Vertreter.
So wertvoll können 31 Euro sein
Geschichten, wie sie nur eine Südafrikanerin erzählen kann
35
36
Dinah Lefakane: Old Man River. Literatur
ubuntu-Spendenprojekt: das SOS-Kinderdorf Jaffna
38
Im Norden Sri Lankas bekommen Bürgerkriegswaisen ein Zuhause.
Eine Frage geht um die Welt
Eiskalt erwischt!
40
42
Nicht wirklich gefährlich, aber dramatisch genug: die Eisunfälle des Sommers
Klitzekleinkunst: Zu den Aufgaben im „Fami­
liencamp für Gewaltfreie Kommunikation“
gehört es auch, gemeinsam als Familie Natur­
materialien kreativ zu verarbeiten. Nicht die
einzige Herausforderung! Seite 12
Fragen an Ulrich Sommer: der Elternratgeber
Meine Welt von morgen
SOS aus dem All
46
47
48
Foto Titel: Michela Morosini; Fotos diese Seite: Eloïse Bollack, Michela Morosini
Satellitenbilder helfen den SOS-Kinderdörfern, neue Standorte zu planen.
Meine Wahrheit – deine Wahrheit
50
Neue Rubrik: Zwei Sichtweisen auf dieselbe Situation. Diesmal: Mutter und
Sohn über den Tag, an dem die Eltern erfuhren, dass ihr Sohn schwul ist.
Wie es weiterging
54
Ehemalige des SOS-Kinderdorfs Nairobi sprechen über ihre Kindheit und
ihr heutiges Leben. SOS-Reportage
In der neuen Rubrik „Meine Wahrheit –
deine Wahrheit“ lesen Sie, wie unterschied­
lich zwei Menschen dieselbe Situation
wahrnehmen können. Diesmal: Mutter und Sohn
über das Coming Out des Sohnes. Seite 50
Hilfe darf nicht nur den Mangel sehen! Essay
Einer kommt – einer geht
Vorsicht vor der Landlebenhysterie! Glosse
Wissen
Wie waren Sie als Kind, Jane Goodall?
61
62
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65
66
-4ubuntu Editorial/Contributors
Von links nach rechts:
Simone Kosog, Ingrid Famula,
Andrea Seifert
Nächste Ausgabe
November 2013
Beigelegt in
Tagesspiegel, sowie Teil­aus­
gaben der Rheinischen Post,
der Süddeutschen Zeitung und
der ZEIT.
Liebe Leserinnen und Leser,
Impressum
kennen Sie irgendeine Medaille, die nur eine
Seite hat? Wir nicht! Deshalb sehen wir es als
unsere Aufgabe an, die Dinge und Geschehnisse aus allen Winkeln zu betrachten. Wenn man
so will, kann man nahezu alle Geschichten des
aktuellen Heftes unter diesem Motto betrachten:
Über Gewalt in Palästina wird viel und intensiv
geschrieben, aber fast nie über friedvolle Proteste.
Bei der Gewaltfreien Kommunikation ist es essentiell, auch hören zu können, was für den anderen
wichtig ist – statt ihn zu erwürgen. Wir haben
sogar eine neue Rubrik zum Thema: Meine Wahrheit – deine Wahrheit.
Das heißt nun aber gar nicht, dass alles beliebig
ist, sondern, dass wir die Welt realistisch und
differenziert wahrnehmen und schildern möchten.
Weder schwarz, noch weiß, sondern im besten
Fall bunt.
Chefredaktion
Ingrid Famula, Simone Kosog
Ihre ubuntu-Chefredaktion
Bildredaktion
Andrea Seifert
Schlussredaktion
Adelheid Miller
Mitarbeiter dieser Ausgabe
Anja Bengelstorff, Petra Bartoli
y Eckert, Angelika Dietrich, Hubert
Filser, Susanne Frömel, Paul
Hahn, Martina Koch, Diana Laarz,
Julia Prosinger, Claudia Singer,
Ulrich Sommer
Kaufmännischer Bereich
Ingrid Famula, Andrea Seifert
Gestaltung
ANZINGER | WÜSCHNER | RASP
München
Lithografie
MXM, München
Leserservice
Tel. 089/17 914-140 oder
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Herausgeber
SOS-Kinderdörfer weltweit –
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Dr. Wilfried Vyslozil
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Großmann.Kommunikation
Gabriele Großmann
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Druck
Appl – Echter Druck
Delpstr. 15, 97084 Würzburg
Anja Bengelstorff
Julia Prosinger
Cécile Burban
Anja Bengelstorff arbeitet als
Bei ihren Recherchen in Paläs-
Die Fotografin Cécile Burban
unter anderem die schmackhaf-
sehens in eine Tränengaswolke.
SOS-Projekt „Villages enchantés“
Journalistin in Kenia, wo sie
ten „Samosas“ zu schätzen
gelernt hat: mit Fleisch oder Gemüse gefüllte Teigtaschen. Ihre
Recherchen brachten sie nun
mit der Köchin Patricia Obara
zusammen, die im Kinderdorf
Nairobi aufgewachsen ist, und
Anja Bengelstorff zeigte, wie
sie die Teigtaschen zubereitet –
ein ganz schöner Aufwand.
Seitdem isst die Journalistin ihre
Samosas mit besonderer Ehrfurcht. (S. 54)
tina geriet Julia Prosinger unverHals, Haut und Augen brannten
noch Stunden später. Die Kin-
der um sie herum steckten den
Schmerz besser weg. Erleichtert
war Prosinger, als sich ihr Pro­
tagonist mit seiner Schwester
über die mitgebrachten Süßig-
keiten stritt, oder als zwei Nach­
barsjungen als Bienen verklei-
det auf dem Bürgersteig tobten –
auch diese Kinder können ganz
normale Kinder sein. (S. 26)
hat nicht nur die Fotos zu dem
gemacht, sondern ist selbst
absolut begeistert von dem Projekt, für das sie sich persönlich
engagiert. Sie schwärmt von
den Kinoabenden in Burkina
Faso: „Es war ein großer Mo-
ment für das Team und die Kinder, auch dank der Gastfreundschaft des SOS-Kinderdorfs vor
Ort, ganz fabelhaft!“ (S. 6)
Die Zeitschrift ubuntu und alle
darin veröffentlichten Beiträge und
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ausgebers. Eine Vermietung oder ein
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Leserbriefe an:
SOS-Kinderdörfer weltweit –
ubuntu
Ridlerstraße 55
80339 München
Fotos: Michela Morosini, Gathoni Kinyanjui, Eloïse Bollack, Matias Indjic
Verantwortlich für den
redaktionellen Inhalt:
Ingrid Famula (Adresse s. Herausgeber)
SOS
KINDERDÖRFER
Schalom und herzlich willkommen in Israel! Willkommen in den SOS-Kinderdörfern! Entdecken Sie auf einer aussergewöhnlichen Rundreise das Heilige Land, dessen raue Schönheit und kulturelle Schätze Sie begeistern werden.
Tauchen Sie ein in den Alltag der Menschen und treffen Sie in SOS-Einrichtungen Persönlichkeiten, die mit großem
Engagement die Idee Hermann Gmeiners fortsetzen. Für Frieden, Menschlichkeit und Versöhnung.
Elftägige Rundreise mit den SOS-Kinderdörfern weltweit
vom 7.-17. November 2013 inkl. Besuch der SOS-Kinderdörfer Megadim
und Neradim (Israel) sowie Bethlehem (Palästinensisches Autonomiegebiet)
Ausführliche Informationen zur Reise erhalten Sie unter:
www.sos-kinderdoerfer.de/Reise
-7ubuntu Orte der Kindheit
Großes Kino
Foto Cécile Burban
Unter dem afrikanischen Sternenhimmel
sitzen gut 80 Kinder mäuschenstill auf dem Lehmboden. Grillen zirpen, Bäume rauschen. Ein Pro­
jektor wirft surrend eine Lichtsäule auf die 10 Meter
breite Leinwand – Open-Air-Kino in Burkina Faso.
Heute wird der Film „Cirage“ gezeigt, der von einem
jungen Schuhputzer handelt. Viele der Zuschauer
kennen so ein Leben aus eigener Erfahrung, aber
heute haben sie es leichter. Sie gehen zur Schule,
haben ein Zuhause bei einer Mutter und Geschwistern: Es sind Kinder des SOS-Kinderdorfs Bobo-
Dioulasso in Burkina Faso. Jetzt lachen sie über eine
Flirt-Szene, und als ein Dieb den Jungen bestehlen
will, scharren sie mit den Füßen. „Wenn die Kinder
nicht ins Kino kommen können, muss das Kino zu
den Kindern kommen“, erklärt Alain Chabat, Grün-
der von „Toiles enchantées“, seinem Projekt. Er zeigt
die Filme auch in Krankenhäusern. Im Repertoire
hat er auch Disney-Filme oder Klassiker wie Charlie
Chaplins „Das Pfandleihhaus“.
Als der Film zu Ende ist, klatschen die Kinder,
lachen, klopfen sich den Staub von den Kleidern.
Es war schön. Ein Happy End.
-8ubuntu Kurzgeschichten
„Wir müssen das einzelne
Kind im Auge behalten!“
Herr Kaul, Sie sind seit einem Jahr
im Amt als Präsident der SOS-Kinderdörfer. Wie sieht Ihr Resümee aus?
Ich wusste, dass es schwer werden würde,
aber nicht, dass es so schwer wird. Die SOS-
Meine ganz persönliche Herausforderung ist
es sicherzustellen, dass unsere Jugendlichen
den Übergang ins Erwachsenen- und Be-
rufsleben gut schaffen. Weltweit sind knapp
100 Millionen Jugendliche ohne Beschäf­
tigung. Kein Land ist davon ausgenommen
und das bereitet uns große Sorgen. Unsere
Jugendlichen haben bereits belastende Schick-
Kinderdörfer befinden sich in einer Um-
sale im Gepäck und in wirtschaftlich schlech-
mittlerweile Schwellenländer. Das heißt,
für sie. Wir werden noch härter daran ar-
bruchphase: Viele Dritte-Welt-Länder sind
die Preise dort steigen rapide – und damit
auch die Unterhaltskosten für unsere Pro-
jekte. Natürlich müssen wir auch die Mitarbeitergehälter anpassen. Hinzu kommt
die Finanzkrise, die unser Fundraising spür-
ten Zeiten ist die Situation noch schlimmer
beiten müssen, Wege zu finden, die Jugend-
lichen in die Selbstständigkeit zu begleiten.
Wo verbringen Sie die meiste Zeit? In Ihrer
Heimat Neu Delhi, Indien oder in der SOSZentrale in Innsbruck, Österreich?
bar beeinflusst. Aktuell führen wir neue
Als Präsident bin ich viel in der Welt unter-
bei allen Kollegen Freude hervorruft. Mo­ti­
arbeite in Innsbruck. Das ist nicht einfach,
Strukturen in der Organisation ein, was nicht
vation, Erklärung ist auch ein Großteil
meiner Aufgabe.
Welche Vision haben Sie für das SOS-
Kinderdorf der Zukunft?
Wir brauchen aufgrund der weltweiten
wegs. Meine Familie lebt noch in Delhi, ich
aber ich bin es gewohnt. Zudem ist Inns-
bruck eine kleine, zauberhafte Stadt. Allein
Vorlesen aus
Bilderbuch-Apps
Jede siebte Familie nutzt
Bilder- und Kinderbuch-Apps,
ergab eine Studie von ZEIT, Stiftung Lesen und der Deutschen
Bahn. 90 Prozent gaben an, dass
die Apps nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zu klassischen
Bilderbüchern betrachtet werden.
Dabei gaben 40 Prozent der befragten Väter den elektronischen Medien den Vorzug und nur 23 Prozent den Büchern. Bei Müttern
ist es nahezu umgekehrt.
Für die Studie waren 500 Eltern
befragt worden, die mindestens
ein Kind im Alter zwischen zwei
und acht Jahren haben.
Delhi hat ja schon doppelt so viel Einwohner wie ganz Österreich.
Präsenz verbindliche Richtlinien für alle Länder. Qualitätsstandards müssen überall
Kinderdorf ständig an die gegenwärtigen
Bedürfnisse anpassen. In 20 Jahren sehen wir
vielleicht ganz anders aus. Gleichzeitig
dürfen wir uns nicht in Zahlen und Bürokratie verheddern, sondern müssen das ein­
zelne Kind und seine Bedürfnisse im Auge
behalten. Auch die politische Durchsetzung
von Kinderrechten ist eine große Aufgabe.
Neulich …
Wenn die schönsten
geschichten das
leben schreibt, dann
gilt das auch für
die ganz kleinen. zum
beispiel diese.
Erste Heldin des
Staates
Die Mutter erklärt ihrer
Tochter, dass die Frau,
die sie da auf dem Bild
in der Zeitung sehe,
Angela Merkel heiße und
die wichtigste Frau in
Deutschland sei. Mit leuch­
tenden Augen fragt die
Tochter: „Hat sie sogar
Drachen getötet?“
Für dumm verkauft
Siddhartha Kaul ist seit Juni
2012 Präsident von SOS-Kinder­
dorf International.
Elvira fragt: „Darf ich
fernsehen?“ Die Mutter
antwortet: „Nein, Fern­
sehen macht dumm.“
Elvira darauf: „Warum
kaufst du mir dann
DVDs?“
Hochqualifiziert
Selbstverrat
Kevin, 8, und Adrian, 6,
sitzen im Auto. Adrian:
„Wenn ich groß bin, lerne
ich auch Autofahren!“
Kevin: „Da musst du aber
vorher viel anderes ler­
nen: Chinesisch, Eng­
lisch, Türkisch …“ Er zählt
23 Sprachen auf. Adrian:
„Das schaffe ich schon!“
Kevin: „Und Evangelisch
brauchst du natürlich
auch!“
Eine Studentin bittet
ihre Mitbewohnerin, sie
am nächsten Morgen
zu wecken, weil sie einen
dringenden Arzttermin
hat. Zwar hat sie den
Wecker gestellt, aber das
heißt bei ihr wenig.
Viel zu spät wacht die Stu­
dentin am nächsten
Morgen auf – und macht
der Mitbewohnerin
Vorwürfe. Die schaut sie
verzweifelt an und sagt:
„Ich hab dich geweckt!
Aber du hast behauptet,
dass dein Arzt angerufen und den Termin ver­
schoben hat.“
sprachverwirrung
Die Mutter und ihre
fünfjährige Tochter unter­
halten sich über Mut­ter­
spra­c hen. Nach einiger
Überlegung fragt die
Tochter: „Haben dann
Männer eine Vater­
sprache?“
VolltreffeR
Die kleine Schwester
ist stolz auf die Fußball­
künste ihres Bruders.
Bewundernd erzählt sie:
„Der Paul hat ins Tor
geschissen!“
Foto: Alexander Gabriel
gewährleistet sein. Dabei muss sich SOS-
-9ubuntu Kurzgeschichten
Lieblingskinder
Viele Eltern bevorzugen eines ihrer
Neue Schule in Haiti eröffnet
Kinder. Dies ist das Ergebnis einer bri­
tischen Studie, über die die Zeitung „The
Telegraph“ berichtete. Demnach behan-
deln 62 Prozent der britischen Eltern ihre
Kinder unterschiedlich. Acht Prozent
haben sogar ein Lieblingskind. In einem
Viertel der Fälle waren die älteren Kinder
die besonderen Lieblinge. Begründung der
Eltern: Sie könnten mit diesem Kind
mehr machen.
Von den Eltern, die zugaben, dass sie
einem Kind mehr Aufmerksamkeit widmeten als den anderen, begründeten dies
45 Prozent damit, dass die Kinder unterschiedliche Bedürfnisse haben.
Insgesamt waren 1.237 Eltern befragt wor-
den, die mindestens zwei Kinder über drei
Jahren haben.
Die Ergebnisse bestätigen eine Studie, die
bereits 2009 in Bristol mit 14.000 Familien
durchgeführt wurde. Demnach bekommen
jüngere Kinder weniger Aufmerksam-
keit als die älteren Geschwister. Mit jedem
folgenden Geschwisterkind nimmt die
Zuwendung weiter ab.
In Haiti wird es bald eine
weitere Hermann-GmeinerSchule geben. Exakt drei Jahre
nach dem schlimmen Erdbeben
wurde in Les Cayes der Grundstein gelegt. Bereits im Herbst
sollen dort 500 Schüler unterrichtet werden. Die Schule wird
mit zwölf Klassenzimmern,
einem Computerraum, einer BibEndlich wieder Schule: Viele
Kinder in Haiti wissen sehr genau,
liothek, einem naturwissenwelche Chance sich durch
schaftlichen Raum und zwei LehBildung für sie eröffnen kann.
rerzimmern ausgestattet. Dies
ist die zweite Schule, die die SOSKinderdörfer nach dem Erdbeben in Haiti eröffnen. Bereits im
Herbst 2012 war in Santo eine Schule eingeweiht worden. Außerdem
haben die SOS-Kinderdörfer fünf Gemeindeschulen wieder aufgebaut. Mario Brusa, Leiter der SOS-Kinderdörfer in Haiti, sagt: „Fast
die Hälfte der Haitianer ist unter 18 Jahre alt. Sie brauchen Bildung, Kompetenz und Visionen. Deshalb investieren wir das Geld
der Spender außer in Nothilfe und Stärkung armer Familien in
die Zukunft des Landes – die Ausbildung der Kinder. Nur durch eine
gute Ausbildung kann es die kommende Generation schaffen, dem
Elend zu entkommen.“
Buch- und
Brieffreundschaft
Lesen verbindet – im Idealfall sogar
Generationen. In der Stadt Bartlett im US-
Bundesstaat Illinois hat die Bibliothek eine
Initiative gestartet, die Kinder und Alte
zusammenbringen soll. „Pages across the
ages“ heißt die Idee: Bewohner der Senio-
renresidenz Clare Oaks schließen Brieffreundschaften mit Kindern und tauschen sich
regelmäßig über Bücher mit ihnen aus, meldet das Portal „readingworldwide“. Pro
Monat sollen die sechs- bis zwölfjährigen
Kinder sowie ihre Briefpartner ein Buch
Fotos: Sophie Preisch, Katerina Ilievska
lesen und sich dann gegenseitig dazu einen
Brief schreiben. Damit niemand ohne Post
da steht, gibt es einen genauen Plan: Jeden
letzten Dienstag im Monat müssen die
Briefe in den großen blauen Briefkasten in
der Bibliothek gesteckt werden – jeden ers-
ten Donners­tag im Monat werden sie verteilt.
Aktuell ist die Nachfrage so groß, dass es
Lesen ist der erste Teil des Projekts „Pages
across the ages“. Der zweite: ein Briefwechsel über
die Bücher zwischen Kindern und Senioren.
für interessierte Kinder eine Warteliste gibt.
Auch andere Bibliotheken möchten das
Projekt übernehmen.
-10ubuntu Kurzgeschichten
Bitte nachmachen!
Freundegalerie
aus Kronkorken
In der kleinen Galerie kannst du
deinen Freunden, Familienmitgliedern
oder auch Haustieren eine Platz geben.
Material: Ein Bogen Tonpapier DIN A5,
Fotos oder Papier, Kronkorken, dazu
Schere, Kleber und Stifte.
Anleitung: Sammle Fotos deiner Freunde und schneide sie auf die Größe der
Kronkorken zu oder schneide weiße Papierkreise aus und bemale sie mit den
entsprechenden Gesichtern. Klebe die
Bilder anschließend in die Kronkorken,
positioniere diese nach Belieben auf dem
Tonpapier und klebe sie fest. Wenn du
willst, kannst du die Galerie auf einem
selbstgemalten Baum anordnen. Du
kannst dir aber auch etwas ganz anderes
einfallen lassen und deine Freunde zum
Beispiel aus den Fenstern eines Hauses
gucken lassen oder auf die Blätter einer
Blume stellen.
Schwierigkeitsgrad: leicht
Alter: ab fünf Jahren
Die kleine Galerie
ist leicht zu basteln.
Ob die Bilder wie
Früchte am Baum angeordnet werden oder
ganz anders, entscheidet jeder selbst.
Dieser Basteltipp ist dem Grundschul-
Magazin „Zuhause“ der SOS-Kinderdörfer weltweit entnommen.
Das Magazin gibt es kostenlos unter:
Goldmedaille für
SOS-Lehrer
Der Chemielehrer Tesfatsion Abra-
ham, der an der Hermann-Gmeiner-Schule
Harar in Äthiopien unterrichtet, ist für
seine innovativen Lehrmethoden ausgezeichnet worden. Er baute Laborgeräte aus Mate-
rialien, die vor Ort erhältlich sind und sparte dadurch eine Menge Geld. Vom äthio­
pischen Ministerpräsidenten erhielt er dafür
eine Goldmedaille. Aus Materialien wie
Seidenpapier und Kleber hat Abraham unter
anderem Atommodelle geschaffen. Zudem
erstellte er ein Chemie-Handbuch samt
Lösungen, mit dem sich die Studenten für
die Aufnahmeprüfungen an den Univer­
sitäten vorbereiten können.
Mit einfachen Mitteln baut der äthio­
pische Chemielehrer Tesfatsion Abraham
seine Geräte selbst. Dafür ist er jetzt
ausgezeichnet worden.
GroSSzügige Zahnfee
Mit der Wirtschaft geht
es bergauf – das glaubt die Aktiengesellschaft Visa Inc. am Verhalten der amerikanischen „Zahnfee“
zu erkennen. In den USA ist es
üblich, dass Kinder für jeden verlorenen Milchzahn Geld unters
Kopfkissen gelegt bekommen. Diese Summe ist 2012 im Vergleich
zum Vorjahr um 15 Prozent
gestiegen. Durchschnittlich drei
US-Dollar pro Zahn bekamen
die Kinder, meldet der Branchendienst PR newswire. Im Jahr
2011 waren es noch 2,60 Dollar.
Für die Umfrage waren 2.000
Haushalte befragt worden.
Fotos: F. Abera, F. Valdescu, P. Wittmann, C. Martinelli, M. Mägi, K. Ilievska, S. Posingis, SOS-Archiv
[email protected]
-11ubuntu Kurzgeschichten
„Den Schülern
mehr zutrauen!“
2007 haben sich Freiburger Jugend­
liche von der Schule abgemeldet und in
Eigenregie aufs Abitur vorbereitet. In ihrem
Verein „methodos“ haben seitdem 25 Schü-
Alia Ciobanu
beschreibt in ihrem
Buch ihre Erfahrun­
gen mit dem Verein
„methodos“, in dem
sich Schüler selbst­
ständig aufs Abitur
vorbereiten.
ler ihr Abi gemacht, auch Alia Ciobanu, die
Aber es macht Spaß! Man trägt große
Und dafür lohnt es sich, nach zehn, elf
Müssen Schüler für methodos besonders
Verantwortung, das motiviert sehr.
schlau oder gut strukturiert sein?
Ja, weil es der eigene Weg ist. Man lernt,
Man muss bereit sein, sich zu engagieren
Schule zu organisieren: Gelder zu beschaf-
man als externer Abiturient viel mehr Prü-
aufzustellen. Und natürlich zu entscheiden, wann und wie man lernt.
Klingt anstrengend!
Eines der Hauptprobleme an traditionellen
Schulen ist die Haltung. Die Lehrer üben
Ihr Buch vermittelt das Gefühl, dass viel
Zwang mehr da, kein Druck. Es war gar
fen, Lehrer anzustellen und Stundenpläne
von methodos abschauen?
en, dass sie wissen, was wichtig ist.
dass ich mich unglaublich gefreut habe,
mit Freiheit umzugehen – und eine ganze
Was können sich traditionelle Schulen
antwortung zugestehen und ihnen zutrau-
Schon nach kurzer Zeit habe ich gemerkt,
Schuljahren alles umzukrempeln?
aber am Ende hatte jeder sein Abi.
Schulen müssten den Schülern mehr Ver-
Was ist das Besondere an methodos?
nicht mehr wie Schule.
besonders diszipliniert oder strukturiert,
Druck aus und die Schüler sind passiv. Die
darüber ein Buch geschrieben hat.
da jeden Tag hinzugehen. Es war kein
gemischte Gruppe und sicher nicht alle
und auf ein Abenteuer einzulassen, weil
fungen ablegen muss. Ein Lehrer prophe-
zeite mir vorher ein schlechteres Abitur. Ich
denke nicht, dass er Recht hatte. Mein
Abischnitt liegt bei 1,7. Wir waren eine sehr
Energie darauf verwendet wird, herauszufinden, wie man lernen will.
Das habe ich als unglaublich wertvoll
empfunden. Ich selbst zum Beispiel lerne
viel in Gesprächen und durch Austausch.
Wie geht es Ihnen jetzt an der Uni?
Ich habe mit dem Studium begonnen, weil
ich wirklich lernen wollte. Inzwischen bin
ich wieder in die passive Haltung zurück
gefallen. Leider gibt es auch viele Professoren, die den Studenten nichts zutrauen.
Da müsste sich ebenfalls einiges ändern.
Anzeige
ubuntu — Der Circus
geht ab 21. Juni zum 19. Mal auf Tournee
durch Schleswig-Holstein, Hamburg
und Niedersachsen! Der vielleicht schönste
Circus der Welt zeigt sein neues
Programm „Eine Frage des Herzens″ —
wir freuen uns auf Ihren Besuch!
„Ich bin weil wir sind
und wir sind weil ich bin!“
Nach diesem Motto — es ist unsere
Übersetzung des Zulu-Wortes ubuntu —
arbeiten und leben wir zusammen!
Für Kinder und Jugendliche zwischen
11 und 17 Jahren, die familiären oder
schulischen Belastungen ausgesetzt sind,
die der Freude am Leben und Lernen
massiv entgegenstehen, gibt es seit über
10 Jahren unsere Circusschule.
ubuntu — Circusjahr
Fragen zur Tournee oder zur Schule gerne an:
Soziale Projekte e. V. — ubuntu
An der Heide 1 – 3 • 25358 Horst (Holstein)
Fon 04126–39 55 10 • Fax 04126–39 55 11
www.ubuntu.de • [email protected]
-12ubuntu Gewaltfreiheit
Familienkunst:
Erst wurden die Materialien gesammelt,
dann auf dem Bazar
hart verhandelt
und schließlich kreativ verbaut – bis
zum nächsten Regen.
Recht haben
oder glücklich
sein
Das wär’s doch: wenn wir alle friedlich miteinander umgehen
würden. Um herauszufinden, wie das geht, hat Simone Kosog
Für Ubuntu am Familiencamp für Gewaltfreie Kommunikation teil­
genommen – und ihre Familie genötigt mitzukommen.
Fotos Michela Morosini Text Simone Kosog
-14ubuntu Gewaltfreiheit
Um es vorweg zu nehmen: Es wird in
schreien, weinen oder bocken, ich mische
Taschentücher werden verbraucht werden.
impulsiv und übertrieben. Ein schöner Fa-
dieser Geschichte um Gefühle gehen, viele
Wenn das jemand nicht aushält, verstehe
ich es gut, denn mir ging es genauso.
Deutlich zu spät waren wir in München aus
unserem vollen Alltag ins Auto gestürzt. Der
Weg zum Familienhotel in Bad Aussee im
Salzburger Land, wo wir uns für eine Woche
in ein Familycamp für Gewaltfreie Kommunikation begeben würden, zieht sich. Als wir
mich ein, wiederum sauer auf Alex, motze –
milienstreit, der bei uns zu Hause den Rang
eines Klassikers hat. Die Vorstellung, aus die-
ser Art der Kommunikation die Gewalt her-
ausnehmen zu können, hätte tatsächlich
etwas Verlockendes!
Genau um solche Konflikte zu lösen, hat der
dend ist die innere Haltung, das echte Be-
senberg Anfang der 60 er Jahre die Gewalt-
seinen Bedürfnissen zu sehen. Mitzufühlen.
amerikanische Psychologe Marshall B. Ro-
in den Seminarraum kommen, hocken alle
freie Kommunikation, kurz GFK, entwi-
Im Kennenlernspiel soll jeder vier Dinge
solche zu verändern. Rosenberg hat trauma-
anderen schon auf dem Boden und malen:
über sich aufzeichnen, drei Wahrheiten,
eine Lüge. Fremdelnd und noch lahm von
der Autofahrt malen wir wenig inspiriert:
Jemand von uns hatte gestern Geburtstag
(richtig, unsere Tochter Rosa ist sieben ge-
worden), wir haben einen Hund (richtig, er
liegt neben uns), es gehört noch jemand zur
Familie (richtig, der 16-jährige Sohn meines
Mannes), wir haben ein Kaninchen (falsch).
Dann tauschen wir uns mit den anderen
aus. Eine Familie hat kleine Herzen in große
Herzen gemalt als Zeichen ihrer Patchwork-
Verbundenheit. Außerdem behaupten sie,
dass sie Käsefondue lieben und gerne mal
eine Flugreise nach Hawaii machen wollen.
ckelt – und um darüber hinaus die Welt als
tisierten Kriegsopfern in Ruanda geholfen,
mit einer Straßengang in St.Louis gearbei-
tet, mit Polizisten und Straftätern, mit Kindern, die geschlagen wurden, und Eltern,
Die vier Schritte
zur Gewaltfreiheit:
1. Beobachtung,
2. Gefühle,
3. Bedürfnisse, 4. Bitte
Letzteres ist gelogen. „Wir achten auf die
die geschlagen haben. Überall auf der Welt
klären sie. „Ökos“, flüstert mir Paul, unser
thode an, die an sich denkbar einfach ist. Es
Umwelt und vermeiden es zu fliegen“, er10-jähriger, vorpubertierender Sohn zu. Sein
Gesicht ist ernst, noch am Morgen hat er
mir Vorhaltungen gemacht: dass ich ihn
und seine Schwester gar nicht richtig gefragt hätte, ob sie da hin wollen.
Es kommt noch schlimmer. Jeder erzählt,
was er sich von der Woche erwartet. „Wei-
ter!“, sagt mein Sohn, als er an der Reihe ist.
Die 16-jährige Marie, Tochter der Seminarleiter, sagt: „Ich bin hier um zu kuscheln!“
Mein erster Gedanke: Das schreibe ich auf
keinen Fall, sonst liest kein Mensch weiter!
Mein zweiter: Irgendwie werden wir hier
schon durchkommen!
Immerhin Alex, mein Mann, scheint entspannt und offen zu sein. Er sei hier, um „Lö-
sungen für Grenzsituationen“ zu finden,
erklärt er und erntet Zustimmung, vor al-
lem von den Frauen. Er meint damit Situa­
tionen wie diese: Eins der Kinder tut etwas,
das Alex nicht passt, spielt also Ball in der
Wohnung, trödelt, lärmt oder schmatzt,
Alex regt sich auf – impulsiv und übertrie-
ben, wie wir anderen finden. Die Kinder
Der Praxistest: Wie gut gelingt
es den Familien, gemeinsam
Aufgaben zu lösen? Und hält der
Friede, wenn das ganze
Team blind von einem Kind in
die Grube geführt wird?
wenden Menschen inzwischen seine Me-
geht nur darum, zwei Fragen zu beantworten: 1. Beobachte dich selbst: Was ist leben-
dig in dir? 2. Wodurch würde sich deine
Lebensqualität verbessern, was würde dein
Leben bereichern? Aufgabe ist es, die Antworten ehrlich und ohne Kritik mitzuteilen.
Weil das in der Praxis doch kniffeliger ist,
hat Rosenberg vier Schritte entwickelt, die
dabei helfen sollen: 1. Beobachtung, 2. Gefühle, 3. Bedürfnisse, 4. Bitte.
Ein Beispiel: Nehmen wir an, eine Freundin
sagt eine Verabredung ab. Dann könnte ich
sagen: „Du bist so unzuverlässig, dauernd
versetzt du mich!“ Was bewertend wäre. In
GFK-Sprache könnte es heißen: „Du hast unsere letzten drei Verabredungen abgesagt!“
Dann kommen die Gefühle dazu: „Das är-
gert mich …“ Und die Bedürfnisse: „… weil
ich möchte, dass du mich wertschätzt.“
Und schließlich die Bitte: „Bitte sag mir, ob
du bereit bist, unsere nächste Verabredung
einzuhalten.“ Dabei liegt der Schlüssel we-
der in der Methode, noch geht es darum, die
Inhalte in nette Worte zu packen. Entschei-
mühen, sich selbst und den anderen mit
Am ersten Morgen nach der Ankunft soll es
genau darum gehen: sich empathisch verbinden. Hinter den Fenstern des Seminarraums stehen die Berge so nah und hoch,
dass man dicht an die Scheibe gehen muss,
um ihre Gipfel sehen zu können. Die Teilnehmer sind aufgefordert, einen Satz in die
Runde zu werfen, der in ihnen etwas aus-
löst. Ruths Satz lautet: „Mama, ich hab
Kopfschmerzen!“ Sie ist mit Mann und drei
Kindern hierher gereist. Wenn ihr Sohn die-
sen Satz sagt, wackelt für sie das Universum: Wenn er bloß nicht den gleichen Weg
nimmt wie sein Vater, der unter Migräne
leidet, seit er 17 ist. Der auch in diesem Augenblick krank im abgedunkelten Hotelzim-
mer liegt und keine Verantwortung übernehmen kann. Und wieder ist sie es, Ruth,
die allein für die Kinder da sein muss. Und
sie hatte ja schon in den letzten Tagen gesehen, dass er zuviel gearbeitet und seine Gesundheit riskiert hatte. Und merkt er denn
überhaupt, was mit seinem Sohn los ist?
Ihre Wut behält Ruth im richtigen Leben oft
für sich, erzählt sie. Jetzt, im Rollenspiel,
einem Alfons gegenüber, der von einer der
Teilnehmerinnen dargestellt wird, lässt sie
sie raus. „Gewaltfrei“ heißt laut Rosenberg
nicht, die Wut zu schlucken, sondern sie im
Gegenteil vollständig auszudrücken und zu
schauen, was dahintersteckt, sprich: welche Bedürfnisse nicht zum Zuge kommen.
Ruth hat ein junges Gesicht, das viel darü-
ber verrät, was in ihr „lebendig“ ist. Jetzt
springen ihr Tränen in die Augen, sie rauft
sich die grauen Haare, dass eine Strähne für
eine Weile senkrecht nach oben steht. Dann
übernimmt Seminarleiterin Gundi Gaschler
die Rolle des Alfons und wechselt in die
„Giraffensprache“: Rosenberg gebraucht die-
sen Begriff – im Gegensatz zur Wolfssprache – für die gewaltfreie Art der Begegnung,
benannt nach dem Landtier mit dem größ-
ten Herzen. Die Giraffe ist DAS Symbol der
GFK-Bewegung. Im Raum hängt ein Poster,
-17ubuntu Gewaltfreiheit
Im Laufe der Tage entwickelt sich eine eigene
Atmosphäre. Der Raum
wird weit, Gemeinschaft
entsteht.
Kann man alles machen, aber will man das
haben, wenn meine Eltern einen Mittags-
re Wege. Manche sind schon lange in GFK-
unserem Vater dafür bekamen. Juttas Fra-
wirklich? Die Teilnehmer hier suchen ande-
Übungsgruppen, andere steigen neu ein. Da
ist Angelika, die mit ihrer jugendlichen
Pflegetochter hier ist; die beiden haben es
auf dem mit breiten Lippen eine Giraffenmutter ihr Junges auf den Kopf küsst. Es ha-
be mal Taschentücher in Giraffenmusterverpackung gegeben, erzählt jemand. Die seien
unter GFK-Trainern der Renner gewesen.
Der „giraffische“ Alfons begegnet seiner
Frau mit viel Mitgefühl, spiegelt ihre Worte
wieder. Das tut gut und ist heilsam, auch,
wenn dies nur eine Übung ist. Ruths Gesicht wird weich, sie probiert ein zögerli-
ches Lächeln – wir alle atmen erleichtert
auf. Dramatisch war das, bewegend und vor
allem war es: echt. Und genau das packt
mich! Nach erzählerischen Gesichtspunkten würde man einen solchen Sinneswandel
besser an den Schluss eines Textes stellen,
aber tatsächlich reicht ein einziger Vormittag, um meine Vorbehalte verschwinden zu
lassen. Die Erkenntnis: Dies hier ist nicht
kitschig, nicht aufgesetzt, sondern relevant,
bewegend und offenbar wirkungsvoll.
Die Frage, die somit dran ist: Was ist in mir
lebendig? Verbundenheit mit Ruth, die ich
gestern noch gar nicht kannte. Der Gedan-
nicht immer leicht miteinander. Luba, die
noch mit ihrem Mann zusammen wohnt,
der beiden Söhne wegen, aber eigentlich
schon von ihm getrennt ist. Da sind Rolf
und Annette, die manchmal keine gemein-
same Sprache finden. Sie haben ihre zwei
kleinen Töchter dabei. Farina und Dominik
mit drei Kindern, die als Patchwork-Familie
weiter zusammenwachsen wollen.
Natürlich haben auch die Kinder Namen,
sie heißen Rahim, Leon, Marlene, Dome­
nika, Naima oder Adrian, aber es sollte sich
schnell zeigen, dass es vor allem die Eltern
sind, die einen ganz schönen Ballast mit
sich tragen und die Knoten ins Familienle-
ben bringen. Jetzt ist die Chance, ein paar
davon zu entwirren.
Die „Schandtaten-Übung“ ist eine Möglichkeit. Trainer Jochen Hiester bietet sie gerne
an, weil sie einfach ist und oft Erstaunliches
zutage bringt. Der Koblenzer GFK-Trainer
hat lockige Haare und wache blaue Augen.
Sein rheinischer Dialekt ist so unverstellt
wie sein ganzes Wesen. Die Übung geht so:
ke, wie es sein wird, Alfons, dem echten,
nach diesem Vormittag zu begegnen. Außerdem sind da: Neugier und Lust, die Gewalt-
freie Kommunikation intensiver zu erproben.
Zehn GFK-Trainer sind für 35 Teilnehmer
da, eine komfortable Situation. Die Gewalt,
von der man sich gemeinsam lösen will, ist
nicht unbedingt offensichtlich. Gewalt muss
„Willst du Recht
haben oder glücklich
sein? Beides zusammen geht nicht.“
Jeder Teilnehmer erzählt einem anderen von
ja, sogar, wenn wir loben, da wir uns auch
hat und für die er vielleicht Ärger gekriegt
dann zu Meistern über Richtig und Falsch
erheben – anstatt in Verbindung mit unse-
rem Gegenüber zu gehen.
Und schon sind wir mittendrin. Die Wölfe
fletschen die Zähne, gehen aufeinander los:
Die Kundin stöhnt über die lahme Verkäuferin, die Verkäuferin macht extra langsam,
der Chef mäkelt an seinen Angestellten
herum, die Angestellten lassen sich krank
schreiben, der Lehrer macht zynische Bemerkungen über die trägen Schüler, die Schüler
halten sich für doof und hassen den Lehrer.
das Gefühl, leise zu sein! Haben uns ja bemüht, nicht zu stören! Für mich ist das eine
echte Überraschung, das hatte ich nicht
mehr gewusst.
Auch andere Teilnehmer sind verblüfft
von den Ergebnissen. Luba ist erschüttert,
weint, entblättert Schicht um Schicht: Als
Jugendliche hatte sie versucht, mit ein paar
Jungen die Schule anzuzünden. Man kann
sich das vorstellen, denn auch heute braucht
es nicht viel, bis Lubas wilde, burschikose
Seite hervorkommt. Jetzt ist viel Druck hin-
ter ihren Worten: Sie habe damals Spaß haben wollen, lebendig und unkontrolliert sein
wollen. Mit diesen Jungs konnte sie das. Mit
ihrem Bruder ging das nicht, denn er war
taub geboren und Luba hatte schon als kleines Kind Rücksicht nehmen müssen. Und
natürlich half sie der Mutter, aber gefragt
wurde sie nie. Und sie musste ihren Bruder
lieben, aber konnte es nicht. Luba nimmt
dankbar eins der Taschentücher, die ihr
gleich von zwei Seiten gereicht werden. Dann
wird sie ruhig. Leise sagt sie: „Ich hätte viel
mehr geben können, wenn ich es hätte freiwillig tun können.“
Seminarleiter Jochen Hiester fragt, was es
che Fragen gestellt bekommen hätten. „Es
hätte mein Leben verändert“, sagt jemand.
Diese Dimension sehe ich auch.
Dass Kinder gute Gründe haben, heißt nun
aber nicht, dass ihr Handeln immer angemessen ist – und die Schule dann eben bren-
nen muss. Stattdessen würde in so einem
Gespräch als nächstes der Erwachsene dem
sein. Laut Rosenberg ist sie da, wenn wir ta-
deln, bestrafen, urteilen, Druck ausüben,
gen führen zum Kern: Aha – wir hatten ja
wohl bewirkt hätte, wenn wir als Kind sol-
nichts mit Fäusten zu tun haben, sondern
kann fein versteckt und um so tückischer
schlaf hielten, und regelmäßig Ärger mit
einer „Schandtat“, die er als Kind begangen
hat. Der andere soll durch empathisches
Nachfragen herausfinden, was der Grund
dafür war. Ich höre Jutta zu, die als Jugendliche zu spät von der Nachhilfe nach Hause
kam. Als ihre mitfühlende Mutter finde ich
heraus: Sie hatte ein wahnsinnig aufregen-
des Treffen mit einem Jungen, dass sie dafür
sogar den Streit mit der Mutter in Kauf genommen hat. Viel lieber wäre es ihr aber ge-
wesen, die Mutter hätte ihr generell mehr
Freiraum zugestanden. Und Jutta hört mir zu:
Wie meine Schwester und ich laut getobt
Kind, sofern es zustimmt, darlegen, warum
er mit diesem Verhalten nicht einverstanden ist. Jetzt kommen seine Gefühle und Be-
dürfnisse ins Spiel. Auch dies wird in der
Übung spürbar: Wenn man nicht gegeneinander ankämpft, sondern sich gegenseitig
mit seinen Beweggründen sehen kann, wird
es oft leicht, eine Lösung zu finden. „Willst
du Recht haben oder glücklich sein?“, fragt
Marschall Rosenberg. „Beides zusammen
geht nicht.“
Alex, mein Mann, kommt aus einem anderen Seminar, auch er mit neuen Erkenntnis-
sen: „Das sind ja alles Wertungen, die ich
Paul um den Kopf schleudere, wenn wir
streiten – anstatt ihm meine Bedürfnisse
Es gibt kein Mindestalter für
die Gewaltfreie Kommunika­
tion, sagt Begründer Marschall
Rosenberg. Er findet: Gerade
die jüngeren Kinder können
ihre Bedürfnisse erstaunlich
klar mitteilen.
-19ubuntu Gewaltfreiheit
Versteckte Muster hinter
den üblichen Streitereien
zu finden, darum geht es
in der Anliegenarbeit. Die
Idee: Wenn man sich selbst
auf die Schliche kommt,
hat man die Chance, anders
zu reagieren.
-21ubuntu Gewaltfreiheit
Wenn jeder den anderen mit
seinen Bedürfnissen ernst
nimmt, fühlen sich Kinder wie
Erwachsene wohl.
Für die Erwachsenen stellt sich während-
tisch das klingt, so sehr wühlt es uns auf, so
vor allem auch in der Anliegenarbeit, in der,
Aber die Erkenntnis ist verheißungsvoll. In
dessen die Frage, wie tief sie gehen wollen,
wer möchte, gemeinsam mit den Trainern
seine ganz speziellen Themen anschauen
mitzuteilen.“ Ich ahne, dass wir aus dieser
Woche etwas mitnehmen können.
Am Abend, an jedem Abend, wird „gefeiert“
und „bedauert“, das hört sich so an: Ich feiere das Tischtennisturnier von heute Nachmittag. Ich feiere, dass Janniko neben mir
sitzt. Ich finde schade, dass ich schlecht ge-
schlafen habe. Und Marie sagt: Ich feiere,
dass ich heute kuscheln konnte. Da ist es
wieder! Sie und ihre Schwester Elia, Töchter
der Seminarleiter Gundi und Frank Gaschler,
fallen auf. Die beiden, 13 und 16 Jahre alt,
sind in genau dem Umfeld aufgewachsen,
das die meisten hier erst als Erwachsene für
sich entdecken. Schon als Kind hat Elia ihrer Schwester solche Briefe geschrieben:
„Liebe Marie …, ich will, dass du bitte hochkommst, damit wir beide uns wieder mö-
gen. Wenn du nicht kommen willst, finde
ich es schade. Falls ich dann weine, ist das
keine Erpressung, sondern ich bin traurig.“
Beide Mädchen sind auf angenehme Art
selbstbewusst, kommen blitzschnell in Kontakt mit Kindern wie Erwachsenen, ganz
offensichtlich teilen sie erst gar nicht in diese Kategorien ein.
Im Laufe der Tage entwickelt sich eine ei­
gene Atmosphäre. Wenn jeder versucht, den
anderen und auch sich selbst wirklich zu
hören und die Bewertungen rauszunehmen, wird der Raum weit. Das tut jedem gut,
auch den Kindern. An einem Abend ist Paul
mit seinem iPod zugange und fragt Gabi,
eine der Trainerinnen, ob sie auch mal spie-
len wolle. Die Reaktionen, die er häufig erntet: Man kann doch so viele andere Sachen
machen. Oder: Guck mal, draußen scheint
die Sonne. Gabi, Mutter bereits erwachse-
ner Kinder und ganz bestimmt nicht cool im
klassischen Sinne, sagt: Ja! Sie lässt sich das
Spiel erklären, stellt sich ungeschickt an.
Paul lacht. Später spielen sie noch Tischten-
nis zusammen, aber sein Herz hat sie am
iPod erobert.
Und Rosa erklärt jeden Morgen, dass sie
nicht in die Kindergruppe gehen will. Und
jedes Mal versichern wir ihr, dass das in
Ordnung sei. Sobald sie spürt, dass sie wirk-
lich selbst entscheiden darf, erklärt sie, dass
sie doch teilnimmt – und hat Spaß.
kann.
Luba arbeitet. Sie will wissen, wo sie hingehört, was ihr Weg ist. Immer wieder sieht
man sie weinen, ausbrechen in dieser Woche. Sie habe das zugelassen, weil sie sich
geschützt fühlte, sagt sie später.
Ruth und Alfons arbeiten. Nach vier Tagen
im abgedunkelten Zimmer sieht Alfons
blass und zerbrechlich aus. Viel kommt zur
Sprache: der fordernde Job als Lehrer an der
Waldorfschule und wie schwer es ist, Nein
zu sagen, gerade für ihn, der immer helfen
will, aber es dann nicht schafft, für die Familie da zu sein. Und seine 100 Prozent rei-
chen nie. Die Erkenntnis, die die beiden
mitnehmen: Alfons möchte präsenter sein
für die Familie. Ruth will mehr auf ihre eigenen Bedürfnisse achten.
Wir arbeiten auch. Sitzen mit der ganzen Fa-
milie sowie den Trainern Jochen und Gabi
am äußersten Eck des Hotelparkplatzes,
weil dort die Sonne hinkommt, aber sonst
kaum jemand. „Keiner von euch MUSS hier
mitmachen“, erklärt Jochen zu Beginn. Rosa
geht. Paul sagt, er finde, dass der Papa oft
übertreibe. Kurz darauf verabschiedet auch
er sich. Bleiben wir Eltern und unser Thema,
zur Erinnerung: Eins der Kinder verstößt
gegen Regeln, Alex reagiert ungehalten, ich
reagiere ungehalten auf Alex. Wir suchen
nach den Mustern, die uns daran hindern,
friedlich miteinander umzugehen. Wir finden: den kleinen Alex, der mit einer liebe-
vollen Mutter aufwächst. Regeln sind zwischen den beiden bindend. Weil der Vater
nicht da ist, sagt Alex häufig, wo’s langgeht. Bei den seltenen Treffen mit dem Va-
ter wiederum kann er nie sicher sein, ob
dieser die Absprachen einhält. Wenn nun
viele Taschentücher brauchen auch wir.
dem Moment, wo wir uns selbst auf die
Schliche kommen, so die Idee, sind wir wie-
der handlungsfähig und können anders, neu
reagieren. Gabi fällt spontan eine Möglichkeit ein, die wir alle so einfach wie amüsant
finden: Statt mit den Kindern zu schimp-
fen, könnte Alex mich doch bitten, ihn in
den Arm zu nehmen.
Was würde Bestand haben? Mit vielen guten
Wünschen und dieser Frage verlassen wir
nach einer Woche die ganz spezielle GFK-
Aura. Wenige Stunden nach unserer Ankunft in München: Paul verkündet, einen
Flummi im Hausflur hüpfen zu lassen. „Mal
gucken, ob der ganz bis unten springt.“ Alex
kommt zu mir. „Nimmst du mich in den
Arm?“ Wir grinsen. Zwei Wochen später ge-
nießen wir immer noch eine neue Leichtigkeit. Zwar gab es schon Rückfälle, aber bis-
lang haben wir die Muster dahinter schnell
entlarvt. Paul sagt: „Seit wir in dem Camp
waren, ist der Papa so cool!“
Auch bei Ruth und Alfons hat sich was ge-
tan. Alfons arbeitet tatsächlich weniger; die
Kollegen sind nicht begeistert, aber es entlastet die Familie. Mit seinem Sohn hatte er
ein sehr besonderes Gespräch, es könnte ein
Schritt auf einem neuen Weg sein.
Luba hat sich entschieden, ihre Söhne bei
ihrem Mann zu lassen. Sie ist traurig, wenn
sie an den Abschied denkt, aber froh über
die Aussicht, sich endlich auf ihren eigenen
Weg konzentrieren zu können.
Irgendwann später sprechen wir in der Fa-
milie auch über Marie, ihre Schwester und
das Kuscheln. Und sind uns einig, dass die
beiden tolle Menschen sind. Eine Menge
würde sich ändern, wenn wir das alle könn-
ten: zu sagen, was wir brauchen, damit es
uns gut geht.
der erwachsene Alex wütend wird, weil ei-
nes unserer Kinder eine Regel verletzt, gerät
er in dieses Gefühlsgemenge …
… und stößt auf die kleine Simone, die einen
Vater hatte, der es bestimmt gut meinte,
aber häufig ungehalten und laut reagiert
hat, und eine liebevolle Mutter, die dem
wenig entgegensetzen konnte. Heute, als erwachsene Frau, will ich meinen Kindern
unbedingt eine starke Mutter sein – und sie
davor bewahren, dass sie Ähnliches erleben.
Und dann knallt’s in der Familie. So analy-
Zum Üben und Weiterlesen
Infos über GFK-Familienseminare und Übungs­
gruppen findet man unter www.gewaltfrei.de
Zum Weiterlesen: Marshall B. Rosenberg:
„Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache
des Lebens.“ Junfermann Verlag, 21,90 Euro
Frank und Gundi Gaschler: „Ich will verstehen,
was du wirklich brauchst. Gewaltfreie Kommu­
nikation mit Kindern.“ Kösel Verlag, 14,95 Euro
Die Kinder der
Batek (beide Fotos)
können tun, was
sie wollen. Im Laufe
der Zeit geht ihr
Spiel in reale Tätigkeiten über.
Frieden im Busch
Wie wachsen Kinder in Jäger-und-Sammler-Kulturen auf? Um dies
herauszufinden, hat der Psychologe Peter Gray Informationen zu zehn
Völkern gesammelt. Ubuntu stellt das Originalmaterial zu den Batek,
!Kung und Agta vor – von denen wir laut GraY eine Menge lernen können.
Fotos Karen und Kirk Endicott
-23ubuntu Gewaltfreiheit
„Eltern treten bei
den Batek nicht als
Autoritäten auf!“
Wissenschaftler: Karen und Kirk
Endicott, Anthropologen
Wieviel freie Zeit hatten die Kinder zum Spielen?
Nahezu die gesamte Zeit. Bis zum späten Teenageralter erwartete
niemand von ihnen, dass sie ernsthaft arbeiten.
Haben die Kinder ihre Zeit im Allgemeinen mit Gleichaltrigen
In welcher Form haben sich die Erwachsenen sonst noch um die Kinder gekümmert?
Väter haben die Kinder getragen, getröstet und gepflegt. Sie fertigten kleine Spielzeuge an, indem sie zum Beispiel einen Käfer an
verbracht oder in altersgemischten Gruppen?
einer Schnur befestigten, oder halfen, Rattanleitern zu bauen, mit
eiferten häufig größeren nach.
haben ihren Kindern Lieder vorgesungen, ihnen Kopfschmuck aus
Meist haben sich die Altersgruppen gemischt. Kleine Kinder
Welche Spielzeuge verwendeten die Kinder am häufigsten?
Sie spielten vorwiegend mit Gegenständen aus der natürlichen
Umgebung sowie mit Werkzeugen: Stöcken zum Graben, Blasrohren,
Messern, Schleudern.
Was spielten die Kinder am häufigsten?
Oft dienten die Jagd oder das Kochen als Spielgrundlage. Die Kinder
versuchten, Vögel und Eichhörnchen zu schießen. Je besser sie wurden, desto häufiger gelang es ihnen, tatsächlich welche zu töten.
Sogar kleine Kinder spielten Kochen. Im Alter von etwa 10 Jahren
konnten sie richtiges Essen kochen. So wie bei anderen wirtschaft­
lichen Aktivitäten führte das spielerische Kochen im Laufe der Zeit
zum richtigen Kochen. Außerdem bauten sie Häuser aus Stöcken
oder spielten, dass sie ihr Lager verlegen. Sie ahmten also generell
die Tätigkeiten der Erwachsene nach.
Wie oft haben Sie Wettbewerbsspiele beobachtet?
Niemals.Die Gemeinschaft der Batek zeichnet sich dadurch aus,
dass kein Wettbewerb stattfindet, das spiegelt sich auch in den
Spielen der Kinder wider.
Haben die Kinder auch mit Waffen gespielt?
Sie haben Waffen nie gegen andere Menschen gerichtet. Es kam
aber vor, dass Kinder Schmutzkugeln gegen Kinder schossen, die
im Spiel vorgaben Affen zu sein.
Wie unterscheidet sich das Spiel von Mädchen und Jungen?
Bis zum Alter von etwa 10 Jahren mischten sich die Geschlechter.
Danach verbrachten die Jungen mehr Zeit damit, ihre Jagdfähig­
keiten zu üben, während die Mädchen verstärkt Beschäftigungen
der Frauen nachgingen: sammeln, nach Bambusratten graben,
angeln, Unterstände bauen, Körbe flechten.
Haben die Erwachsenen die Kinder beim Lernen angeleitet?
Sie haben die Kinder nie dazu gezwungen, innerhalb eines
deren Hilfe die Kinder „Bienen ausräuchern“ spielten. Mütter
Blumen oder ebenfalls kleine Spielzeuge gemacht. Sie haben die
Kinder geküsst und gekitzelt. Wir haben eine Mutter beobachtet, die
für ihre 18 Monate alte Tochter ein kleines Messer geschnitzt hat.
Die Eltern erlaubten schon kleinen Kindern große Macheten zu benutzen. Sie schritten nur ein, wenn die Kinder sie in den Mund
nahmen.
Wie reagierten die Erwachsenen auf Streitereien unter den Kindern?
Eine der auffälligsten Eigenschaften der Batek-Gesellschaft ist
die Abwesenheit von Aggression und Gewalt. Bereits im Alter von
ein oder zwei Jahren wurden Kinder nach diesen Werten erzogen.
Wenn zum Beispiel zwei Kinder aufeinander losgingen, wurden sie
von ihren Müttern oder anderen Erwachsenen ohne großen Kom-
mentar getrennt. Meist versuchten die Erwachsenen, die Kinder anschließend für etwas anderes zu interessieren. Die Eltern haben
ihre Kinder für ihr aggressives Verhalten in der Regel nicht bestraft,
sehr selten haben sie die Kinder angewiesen, sich nicht gegenseitig
zu schlagen.
Wie lässt sich das Verhältnis zwischen Kindern und Erwach­
senen generell beschreiben?
Kinder und Erwachsene begegneten sich mit Zuneigung und
gegenseitigem Respekt. Die Eltern waren für die Kinder da, wenn
nötig, und boten ihnen Schutz und Geborgenheit. Gleichzeitig
ließen sie ihnen die Freiheit, zu tun, was sie wollten. Die Eltern
beeinflussten das Verhalten ihrer Kinder, indem sie ihnen selbst
ein Vorbild waren, Ratschläge gaben oder spontan auf das Verhalten der Kinder reagierten, aber sie traten nicht als Autoritäten
auf. Eltern akzeptierten auch, dass die Kinder, wenn sie dies nicht
wollten, ihnen nicht gehorchten.
festen Zeitplans bestimmte Fähigkeiten zu erlernen. Männer haben
den Jungen im Teenageralter das Jagen aktiv beigebracht und
Frauen den Mädchen das Flechten von Körben und Schlafmatten
aus Pandanuss.
Die Batek,
Jäger und Sammler, leben als Nomaden auf der Halbinsel Malaysia.
Beobachtungszeitraum: 1975 – 76, 1990
-24ubuntu Gewaltfreiheit
„!Kung-Kinder
hatten fast ausschließ­
lich Freizeit.“
„Gewalt wurde
bei den Agta generell
nicht akzeptiert!“
Wissenschaftler: Nancy Howell, Soziologin
Patricia Draper, Anthropologin
Wissenschaftler: P. Bion Griffin, Anthropologe
Agnes Estioko-Griffin, Anthropologin
Wieviel freie Zeit hatten die Kinder zum Spielen?
Wie viel freie Zeit hatten die Kinder zum Spielen?
!Kung-Kinder, die nomadisch lebten, hatten fast ausschließlich
Jungen und Mädchen konnten die meiste Zeit frei spielen. Erst,
gefordert, Aufgaben zu erledigen. Insbesondere kleineren Jungen
Mädchen spielten auch häufiger mit jüngeren Geschwistern.
Freizeit. Kinder aus sesshaften Gruppen wurden eher dazu auf­
wurde aufgetragen, Tiere von den Weiden in die Dörfer zu treiben.
als sie älter wurden, wurde das Spiel für die Jungen zur Arbeit.
Haben die Kinder ihre Zeit im Allgemeinen mit Gleichaltrigen
Haben die Kinder ihre Zeit im Allgemeinen mit Gleichaltrigen
verbracht oder in altersgemischten Gruppen?
Die Spiele der !Kung waren im Allgemeinen nicht altersspezifisch.
Jungen im Alter von etwa 10 bis 14 Jahren gemeinsam auf die Jagd
verbracht oder in altersgemischten Gruppen?
Jedes Kind, das über ausreichenden Antrieb und kognitive Reife
verfügte, konnte sich an jedem Spiel beteiligen.
Welche Spielzeuge verwendeten die Kinder am häufigsten?
Einfache Gegenstände wurden phantasievoll genutzt. Eigentliches
Spielzeug im westlichen Sinne war eher selten.
Wie unterscheidet sich das Spiel von Mädchen und Jungen?
Mit Ausnahme der Jagd und dem Puppenspiel gab es keine Unterschiede. Jungen und Mädchen spielten zusammen.
Haben die Erwachsenen die Kinder beim Lernen angeleitet?
Es gab selten Situationen, in denen bewusst unterrichtet wurde.
Die meisten Eltern vertrauten darauf, dass ihre Kinder durch
In wenigen Fällen gab es eine vage Trennung nach Alter: Wenn
gingen, während die Mädchen dazu weniger Gelegenheit hatten.
Meistens spielten die Kinder aber in altersgemischten Gruppen.
Wie unterscheidet sich das Spiel von Mädchen und Jungen?
Wie auch bei den Erwachsenen spielt das Geschlecht eine geringe
Rolle. Der Umgang zwischen den Geschlechtern aber auch zwischen
den Individuen war in der Regel liebevoll oder zumindest tolerant.
Wie reagierten die Eltern auf Streitereien?
Gewalt oder Feindseligkeit wurden generell nicht akzeptiert.
Wie haben sich die Erwachsenen um die Kinder gekümmert?
Väter spielten Dinge mit den Kindern, die mit dem reellen Leben zu
tun hatten. Bei den Aktivitäten der Mütter ging es mehr um die Pfle-
Beobachtung lernen.
ge. Sie spielten auch typische Babyspiele mit den kleinen Kindern.
gekümmert?
Kinder lernten durch Imitation, Teilnahme und Üben. Die Erwach-
In welcher Form haben sich die Erwachsenen um die Kinder In der !Kung-Gesellschaft sind die Eltern selten mit ihren Kindern
allein. Väter beteiligten sich an den Aktivitäten der Kinder, aber sie
spielten nicht wirklich engagiert mit. Mütter machten Spielzeug
für die Kinder und waren sehr tolerant. Wenn sie sich selbst an einem
Spiel wie dem Melonenwerfen beteiligten, dann als individuelle
Spielerinnen und nicht in der Rolle der Mutter.
Was spielten die Kinder am häufigsten?
Ich kann mich nicht erinnern, dass sie Kochen gespielt haben, statt-
Haben die Erwachsenen die Kinder beim Lernen angeleitet?
senen gaben etwas Unterstützung, beispielsweise halfen sie, eine
Pfeilspitze herzustellen.
Welche Spielzeuge verwendeten die Kinder am häufigsten?
Manchmal wurden für die kleinen Kinder einfache Spielzeuge angefertigt, ansonsten machten sie sie selber. Kinder haben nicht
mit Puppen gespielt. Stattdessen trugen sie, sobald sie in der Lage
waren, kleinere Geschwister herum.
Was spielten die Kinder am häufigsten?
dessen haben schon kleine Mädchen wie Jungen ganz reell gekocht.
Bis zum Alter von 13 Jahren spielten Jungen wie Mädchen das Jagen,
ten Nüsse am Feuer. Häufig diente auch die Jagd als Spielgrundlage.
Häufig vermischten sich Spiel und Realität. Zum Beispiel spielten
Sie nahmen Essen aus einem Topf, erwärmten es, rösteten und knack-
Die Eltern schätzten ihren Beitrag zum Essen. Beide Geschlechter
spielten viel mit Puppen, die sie selbst oder die Erwachsenen aus
Ton und Stoff hergestellt hatten. Häufig haben sie auch gebaut: Figuren aus Ton, Häuser aus Stöcken oder nicht weit von ihrem eigenen
Dorf entfernt ein kleines Dorf mit Hütten aus Gras.
Die !Kung
leben in der Halbwüste Kalahari in Botswana.
Beobachtungszeitraum: Juni 1967 – Juli 1969, Besuch im Jahr 1992
(Howell)
danach gingen sie richtig auf die Jagd. Das passierte übergangslos.
beide Geschlechter Kochen und brieten dabei tatsächlich einen
kleinen Vogel, den sie gefangen hatten. Beide Geschlechter bauten
sehr viel: Spielboote, Bogen, Tiere oder Häuser. Die Agta erzählen
auch gerne Geschichten und albern viel herum. Das Gespräch ist
für sie eine zentrale Beschäftigung.
Das Volk der Agta
lebt als Jäger und Sammler auf den Philippinen.
Beobachtungszeitraum: kurze Besuche in 1972, 1973, Februar 1974,
1976, 1978
-25ubuntu Gewaltfreiheit
Männerberufe.“ „Wenn wir Gewaltspiele verbieten, werden die
Kinder friedfertiger und die Gesellschaft wird besser.“ Nichts davon
ist bewiesen!
Ich glaube, es ist umgekehrt: Das Spiel der Kinder ist ein Spiegel
der Gesellschaft und dient dazu, die Wirklichkeit zu verarbeiten.
Dass die Kinder der Jäger und Sammler sich nicht in Wettbewerben
miteinander messen und respektvoll und freundlich miteinander
umgehen, liegt daran, dass die Erwachsenen ihnen dies vorleben.
In meinem neuen Buch „Free to learn“ gibt es ein Kapitel über das
Spielen im Holocaust. Jüdische Kinder spielten im Konzentrationslager viele grausame Szenen nach – ganz offensichtlich diente dies
nicht als Flucht aus der Wirklichkeit, sondern, um diese begreifbar
zu machen und die Geschehnisse zu verarbeiten.
Als unsere Vorfahren begannen, sesshaft zu werden, änderte sich
auch ihr Wertesystem und damit das Heranwachsen der Kinder.
Kinder brauchen
Freiheit zum Lernen!
Der Psychologe Peter Gray ist überzeugt, dass sich
Kinder aus eigenem Antrieb alles beibringen, was
nötig ist – so, wie es schon bei unseren Vorfahren,
den Jägern und Sammlern, war.
Der Alltag der Jäger-und-Sammler-Kulturen unterscheidet
sich erheblich von dem schnellen und komplexen Leben, das wir
heute führen. Dennoch können wir Wichtiges von ihnen lernen,
denn unser aller Vorfahren lebten die weitaus längste Zeit genau
Während die Jäger und Sammler Eigentum als Belastung empfanden,
machte es die Landwirtschaft nötig, Dinge zu besitzen. Man baute
Häuser, hatte Äcker, die ersten Statussymbole entstanden. Zu teilen
war nicht mehr zwingend nötig, sondern minderte das eigene
Hab und Gut. Dennoch glaube ich, dass es heute möglich ist, den
Weg der Jäger und Sammler wieder aufzunehmen – bis zu einem
gewissen Grad passiert das schon: Menschen leben in Gemeinschaften zusammen, Wirtschaftsbetriebe organisieren sich demokra-
tisch. Und weltweit entstehen neue Schulen, die den Kindern die
Freiheit bieten, aus sich selbst heraus zu lernen. Orte, an denen
sie beständig mit den Werkzeugen ihrer Gesellschaft spielen können: Bücher, Computer, Musikinstrumente, Forschungslabore.
Die Erwachsenen unterstützen sie dabei, indem sie ihre Erfahrung,
ihr Wissen und ihre Werte einbringen. Zwingen oder umgarnen
müssen sie die jungen Menschen nicht – genauso wenig wie die Jäger
und Sammler ihre Kinder zum Kochen oder Jagen gedrängt haben.
so: als herumziehende Jäger und Sammler. Wir tragen die Eigen-
schaften, die sich über lange Zeit entwickelt haben, auch heute
noch in uns.
Damals hatten die Kinder Zugang zum ganzen Reichtum ihrer
Kultur und waren in Kontakt mit allen Altersgruppen und beiden
Geschlechtern. Sie lernten durch Beobachtung und Nachahmung.
Wenn wir sehen, dass sie sich aus eigenem Antrieb und ohne
Zwang alles das aneigneten, was für ihr Leben nötig war, ist das ein
Schlüssel, um die Situation der Kinder heute zu verstehen. Es
erklärt, warum unser Schulsystem nicht funktionieren kann und
warum die Schüler immer wieder daran scheitern, auch, wenn
wir uns noch so sehr bemühen, sie dafür passend zu machen. Sie
sind von ihren biologisch angelegten Strategien abgeschnitten.
Sicher stellt das Leben des 21.Jahrhunderts andere Anforderungen,
aber man darf die Vielschichtigkeit des Jäger- und Sammlerlebens
auch nicht unterschätzten. Auch damals war es nötig, emotionale
und soziale Kompetenzen, handwerkliche Fähigkeiten oder ab­
straktes Denken zu erlernen. Aber natürlich: Die Kinder mussten
weder lesen, noch schreiben können oder Arithmetik beherrschen.
Protokoll: Simone Kosog
Viele Menschen glauben, dass Kinder heutzutage zumindest ermutigt, wenn nicht gezwungen werden müssen, um solche Dinge zu
lernen. Eltern glauben, ihre Kinder überwachen zu müssen, damit
diese bestehen können. Zuviel Freiheit macht ihnen Angst. Sie
denken, dass sie, wenn sie die Beschäftigungen und Spiele der Kinder lenken, die Zukunft beeinflussen können: „Wenn wir Mädchen
auch Autos zum Spielen geben, ergreifen sie später eher typische
Auch heute noch leben die !Kung in Botswana,
die Batek auf der Halbinsel Malaysia und das
Volk der Agta auf den Philippinen. Allerdings
werden sie zunehmend von modernen Kulturen
beeinflusst.
Peter Gray
ist Professor für Psychologie in Boston,
USA. Sein englischsprachiger Blog ist unter
www.psychologytoday.com zu lesen.
Aktuell erschienen: Peter Gray: „Free to
learn“, Basic Books, 18,36 Dollar
Die
Gandhis
Palästinas
Man hört wenig von ihnen und doch leisten sie täglich
gewaltfreien Widerstand. Manche demonstrieren unter Lebensgefahr,
andere bleiben wohnen, wo es unerträglich ist.
Ein Besuch in Palästina.
Fotos Eloïse Bollack Text Julia Prosinger
-27ubuntu Gewaltfreiheit
Die Ruhe vor dem
Protest: Jeden Freitag
demonstrieren die
Bewohner Nabi Salehs
gegen die israelische
Besetzung. Auch Kinder
sind mit dabei.
-28ubuntu Gewaltfreiheit
einstöckiges Sandsteingebäude in der Form eines „L“. In den drei
Räumen der längeren Seite wohnt er mit seinen Eltern, der Groß-
mutter, Tanten, Bruder, Schwestern. In der kurzen Seite, in zwei
kleinen Räumen, wohnen seit vier Jahren orthodoxe Siedler.
„Free Palestine“, „Justice“ hat Mohammed an die kleine Mauer um
Mohammed Al Kurd ist 14 Jahre alt und Widerstandskämpfer.
Er kämpft, wenn er seiner Großmutter abends ihre Medikamente
gibt, wenn er seine Hausaufgaben macht, sein Bett bezieht. Er
kämpft, wenn er Lady Gagas Musik hört.
Mohammed widersteht, indem er wohnt. Denn der Konflikt zwischen Israel und Palästina zieht sich mitten durch sein Elternhaus.
In einem Teil wohnt seine Familie, im anderen wohnen religiöse jü-
dische Siedler. Mohammed wehrt sich – so wie viele in der Region –
gewaltfrei. Sie demonstrieren jede Woche für ein besseres Leben –
oder leben als Demonstration dort, wo es unerträglich ist. Man hört
selten von ihnen. Viel besser kennt man die Bilder von Gewalt. Dieser Text ist eine Suche nach einem palästinensischen Gandhi – wer
durch Palästina reist, findet ihn schnell.
Die Suche beginnt in Sheikh Jarrah, Ostjerusalem, einst reichstes
arabisches Viertel der Heiligen Stadt. Mohammeds Zuhause ist ein
Als Zeichen ihrer Beset­
zung haben jüdische Sied­
ler den Davidstern auf­
gesprüht. Viele Nachbarn
haben Angst, dass ihr
Haus das nächste ist, das
besetzt wird.
den Vorgarten gesprüht, aber es ist nicht mehr gut zu lesen. Jemand
hat Davidsterne und Parolen darüber gemalt. „Death to Arabs“ ist
eine davon. Ihre Fenster haben die ungewollten Nachbarn mit isra­
elischen Flaggen verhängt, ihre Hintertür hat Mohammeds Familie
mit Sofas, Sesseln, Planen verbarrikadiert – der Nahostkonflikt im
Kleinen.
Wie es dazu kam, erzählt Mohammed in flüssigem Englisch, seine
Hände, noch zu groß für seinen schlaksigen Körper, helfen, wenn
ihm doch mal ein Begriff fehlt. Seine Geschichte ist so schwer zu
erzählen, dass er manchmal unwillkürlich stöhnt, dabei verspricht
sie auf den ersten Blick nicht einmal eine Sensation. Gerade deshalb
hat die Organisation „Just Vision“ einen Film darüber gedreht. Seine
Macher glauben, dass der Einzelne sichtbar gemacht werden muss,
weil er es ist, der im friedlichen Widerstand zählt. Sie haben Mohammed mitgenommen nach Brüssel und New York und den Film
„My Neighbourhood“ vorgestellt. Neulich lief er im palästinensi-
Oben: Mohammed und
seine Familie bleiben woh­
nen – auch, wenn ein Teil
ihres Hauses von jüdischen
Siedlern besetzt worden ist.
Links: Die Frauen von Nabi
Saleh haben ge­meinsam mit
israelischen Aktivisten ihre
Quelle zurückerobert. Wenn
auch nur für kurze Zeit.
schen Fernsehen, man kann ihn auch im Internet sehen. Moham-
med gibt nicht damit an, er ist ohnehin kein lauter Junge. Nach der
Schule malt er Bilder, helle Farben, abstrakte Formen, und dichtet
Lieder, Lady Gaga im Sinn. „Ich habe ein Haus ohne Tür und eine
Seele voll Frieden“, heißt es im Refrain.
Mohammeds Großmutter wurde im Krieg 1948 aus Haifa vertrieben. In den 50 er Jahren tauschte sie ihren Flüchtlingsstatus ein gegen jene Parzelle Land in Jerusalem, auf der nun ihr Haus steht. Das
regelten damals die jordanische Regierung und die UN. Seit 1972 erheben Siedler Ansprüche auf dieses Land. Nach 2008 haben zwölf
Familien in der Nachbarschaft ihr Zuhause verloren. Kinder schla-
fen in Autos, Eltern bauen Zelte in den Vorgärten anderer Familien
Links: Maha hat Angst
vor den Siedlern, seit
diese ihr Babybett ver­
brannt haben. Unten:
Darauf sind viele Solda­
ten nicht vorbereitet:
die weiße Rose als Zeichen
friedlicher Proteste.
auf. Je nach Grundstück berufen sich die Siedler auf andere Gesetze.
Laut einer UN-Studie sind mehrere hundert palästinensische Familien in Ostjerusalem von diesen Entscheidungen bedroht.
Mohammeds Vater hatte sich jahrelang um eine Genehmigung für
einen Anbau, den kurzen Teil des „L“s, bemüht. Palästinenser finden nur schwer eine Wohnung in Jerusalem, er wollte, dass seine
Kinder irgendwo unterkommen. Vergeblich. Schließlich baute er
illegal. Er richtete sich ein, kaufte plüschige Sofas, dicke Decken
und ein rosa Kinderbett. Einziehen durfte Mohammeds Familie nie.
Zunächst verordnete ein Gericht Strafe. Mehrere tausend Euro – viel
Geld für einen Fahrer wie Mohammeds Vater. Dann ließen die Rich-
ter den Anbau versiegeln. 2009 zogen die Siedler ein. „Für sie ist der
Anbau legal, für uns illegal“, sagt Mohammed. Der Anbau hat keine
Küche, keinen Strom, kein Wasser – trotzdem bleiben die neuen
Nachbarn, Jungs im Studentenalter. Sie leben darin wie auf einem
Campingplatz. Mohammed glaubt, dass sie jemand dafür bezahlt.
Er führt jetzt durch seinen Garten und deutet auf einen Plastikbeu-
tel mit benutzten Windeln, die vorhin aus Richtung der jüdischen
Pilgerstätte gleich hinter dem Haus herübergeflogen sind.
Seit die Siedler in seinem Haus leben, sind seine Schulnoten schlech-
ter geworden. Nachts muss sich seine große Familie auf mehrere
Wohnungen verteilen.
Einige Minuten später läuft Mohammeds Schwester Maha, fünf
Jahre, in pinkfarbenem Jogginganzug durch den Vorgarten. Einer
der Siedler steht vor dem Haus. Maha kneift die Augen zusammen
von den anderen zu unterscheiden, die ihm helfen wollen. So wie
med, hätten sie Mahas rosa Babybett im Garten verbrannt. Seitdem
„Für ein Israel, das hätte sein können, für eines, das noch werden
und stößt das Kinn vor. Als die Siedler einzogen, erzählt Moham-
macht sie manchmal in die Hose, wenn sie einen von ihnen sieht.
Sie hat auch Angst vor dem Hund, der jetzt in einem Teil ihres Hauses lebt – Palästinenser halten keine Haustiere.
Der Siedler geht zwei Schritte auf das Mädchen zu, grinst breit und
stampft mit dem Fuß auf, wie, um eine streunende Katze zu ver-
scheuchen, zischt ein paar Schimpfworte. „Manchmal machen sie
auch Bewegungen“, sagt Mohammed und kaut auf einem Grashalm
aus dem Garten. „Sexuelle Bewegungen.“
Manchmal, davon gibt es Videos, steht eine ganze Busgruppe in
Mohammeds Garten, und ein jüdischer Fremdenführer erklärt, dass
seine Familie dieses Haus einst besessen habe. Eine Straße weiter
liegt das Grab von Simon dem Gerechten, lange schon jüdische Pilgerstätte. Aber Mohammeds Haus gibt es erst seit den 50 ern. „Man
kann mit denen nicht reden. Sie glauben, sie wohnen hier, auf hei-
ligem Land, auf ihrem Land“, sagt er. Manchmal feiern hundert
religiöse Studenten in Mohammeds Vorgarten, laut, die ganze
Nacht. Manchmal bedrohen Siedler Mohammed mit Waffen, doch
wenn er die Polizei ruft, kommt niemand.
Mohammed hasst diese Nachbarn. „Aber nicht alle Juden.“ Er musste erst lernen, die einen, die seine Schwester zum Weinen bringen,
Sara Benninga, die heute, wie jeden Freitag mit ihm demonstriert.
kann“, sagt sie mit leiser, heiserer Stimme.
Sara, 30, besonnen, sie promoviert in Kunstgeschichte über Rubens,
kommt aus einer Familie, die den Holocaust überlebt hat. Unkritisch,
unpolitisch ist sie im reichen Westjerusalem aufgewachsen. „Irgend-
wann war da dieses Schuldgefühl“, sagt sie. Seitdem war sie mehrmals im Gefängnis, mal wegen unerlaubten Demonstrierens, mal
wegen verbotenen Gebrauchs des Megaphons, mal aus anderen Grün-
den, fünf Klagen laufen noch. Ihre Mutter kommt zu den Demos,
aus Angst, der Tochter könne etwas zustoßen. „Ich bin schockiert,
wie unser Staat, in den wir aus den USA gekommen sind, um ein
neues Leben anzufangen, mit meinen Kindern umgeht“, sagt sie.
Im Internet wird Sara mit „Hitler“ beschimpft, weil sie Dinge sagt
wie: „Israels Recht diskriminiert. Juden können Häuser zurückverlangen, Palästinenser nicht“. Oder, dass Israel mit seiner Siedlungs-
politik, wie hier in Sheikh Jarrah, eine Zwei-Staaten-Lösung verhin-
dert. Sie kann laut werden, wenn sie gegen ihren eigenen Staat
anbrüllt, gegen seine Waffen, seine Gewalt.
„Manchmal bedeutet Widerstand schon, an einem Ort zu sein, an
dem man nicht sein sollte“, sagt Sara heute auf der Demonstration
vor Mohammeds Haus. Vor einigen Jahren kamen hier hunderte
-30ubuntu Gewaltfreiheit
Aktivisten. Mohammeds Eltern luden sie ein, in ihrem Vorgarten zu
wohnen, sie bauten ein Zelt auf, kochten in der Küche seiner Fami-
lie, benutzten das Bad. Mohammed hat jetzt Freunde in Korea und
Chile. Mit den Jahren versickerte die Aufmerksamkeit. „Wir Israelis
können helfen – es muss aber der Protest der Palästinenser bleiben“,
sagt Sara. Sie kann abends zurückgehen in ihr sauberes Viertel in
Westjerusalem, zu den Galerien und Cafés. Mohammed bleibt. An
seiner Situation hat sich nichts verändert. Dass seine Familie nicht
wie andere ins Ausland zieht, ist gewaltfreier Widerstand.
Eine Straße weiter fürchtet die nächste Familie den Räumungs­
befehl. Sara glaubt, dass bald noch mehr ausziehen müssen. Dann
könnte auch der Protest wieder erstarken. „Anderswo ist es schlim-
mer“, sagt Mohammed dennoch. Sein Finger zeigt gen Osten. Eine
Aufforderung, dort nach einem Gandhi zu suchen, im Westjordanland, das Israel im Krieg 1967 annektiert hat.
Studien, beispielsweise eine des norwegischen Instituts Fafo, zei-
gen, dass die Mehrheit der Palästinenser eine gewaltfreie Lösung
will – die Mehrheit der Israelis auch. Den gewaltfreien Widerstand
haben die Palästinenser lange geübt. Während der ersten Intifada
beispielsweise, dem Aufstand 1987 bis 1993, waren viele Demonstra­
tionen friedlich.
Die Reise ins Westjordanland geht über den Checkpoint Kalandia.
Jeden Morgen warten hier Palästinenser auf dem Weg zur Arbeit
nach Jerusalem, oft stundenlang. Eine Gruppe israelischer Frauen
wartet mit ihnen, um zu verhindern, dass Soldaten die Palästinenser
demütigen, bedrohen, beschimpfen. Ein wenig Gandhi aus Israel.
Andere Israelis verteilen hier, zwischen den verfeindeten Völkern,
Ganz oben: Die Israelin Sara Benninga
(Mitte) protestiert jeden Freitag an
der Seite der Palästinenser. Oben: Junge
Palästinenser vor der Mauer, die 2003
von den Israeli gebaut wurde.
zwischen den Welten, Bücher über gewaltfreien Widerstand an Taxifahrer, die sie an Kunden weiterreichen sollen.
Ein paar Schritte hinter dem Checkpoint demonstrieren jeden Frei-
tag Palästinenser und Israelis gegen die Besetzung und gegen die
Mauer, deren Bau Israel 2003, nach der zweiten Intifada, begonnen
hat. Sicherheitszaun, sagen die Israelis, Apartheidmauer die Palästinenser, rechtswidrig, sagt der Internationale Gerichtshof.
Auf der Suche nach Palästinas Gandhi hört man schnell von Ahed
Unten: Ahed (links) und ihre Freun­
dinnen genießen das Zusammensein
am Brunnen. Wie alles andere, ist
auch dieser unbeschwerte Nachmittag
zugleich ein politisches Statement.
Tamini. Ahed ist 12 und hat gerade den türkischen Friedenspreis
„Handala“ gewonnen. Für ihren besonderen Mut, und vielleicht
auch ein wenig für ihre ungewöhnlich blonden Locken, die blauen
Augen, die glockenhelle Stimme.
Wenn Kinder in Europa freitags vergnügt ins Wochenende starten,
geht für Ahed die Konfrontation los. Sonnenverbrannt, wutrot im
Gesicht und mit wirrem blondem Haar stellt sie sich wieder und
wieder den Soldaten entgegen, die ihre Mutter abführen wollen.
Umklammert sie schreiend, bis die Soldaten sie ihr entreißen. Un-
angemeldetes Demonstrieren – und eine Erlaubnis gibt es selten –
ist eine Straftat nach israelischem Militärrecht, das in diesem Teil
des Westjordanlandes gilt. Einmal hat sich Ahed bei ihrem Einsatz
das Handgelenk gebrochen. Angst hat sie längst keine mehr. Sie
riecht auch das faulige Schmutzwasser nicht mehr, mit dem Soldaten Häuser und Demonstranten beschießen. Sie hat sich daran ge-
wöhnt, dass Soldaten freitags das große gelbe Tor zum Dorf ver­
riegeln, Jeeps aufstellen. Niemand kann raus, nicht zu Hochzeiten,
Beerdigungen, Verletzte nicht, Kranke nicht.
-31ubuntu Gewaltfreiheit
An schlimmen Freitagen sieht sie, wie Soldaten in ihr Haus eindrin-
gen, Computer durchsuchen, die Eltern abführen. Vierzig Prozent
aller palästinensischen Männer im Westjordanland waren schon
einmal inhaftiert. 125 der Einwohner Nabi Salehs sind in den letzten
vier Jahren festgenommen worden, auch Minderjährige. Viele der
Rückkehrer sind traumatisiert.
Es gibt Freitage, da wünscht sich Ahed, die winzige Ahed mit den
einst versorgte. Heute müssen ihre Eltern den Israelis das Wasser –
und Siedler sterben. An anderen ist sie so traurig, dass sie ihr Bett
Einmal im Jahr erobert Ahed mit anderen Mädchen und Frauen den
silbernen Ketten und den rosafarbenen T-Shirts, dass alle Soldaten
nicht verlässt. „Sie ist zu erwachsen für ihr Alter“, sagt Bassem Ta-
ihr Wasser – abkaufen.
Brunnen zurück. Oft lassen die Soldaten sie gewähren – weil sie
mimi, ihr Vater. Gern würde er Ahed mal ans Meer schicken, nach
sehen, dass von den Frauen keine Gefahr ausgeht. Ahed springt
Stattdessen läuft sie jetzt die Straße entlang, auf der sie freitags de-
tinensische Volkslieder. Ein kleiner Erfolg.
Frankreich vielleicht, wo sie ein normales Kind sein könnte.
monstriert. Tränengasbehälter baumeln an Schnüren wie Tro­
phäen. Es ist die mildeste Waffe der Soldaten, jede Woche atmet
Ahed es ein: das berüchtigt scharfe Tränengas. Würgt, weil ihre
Luftröhre zuschwillt, Tränen und Rotz fließen unkontrollierbar. Die
Haut brennt minutenlang. Im Sommer brennt das trockene Gras.
Auf einer Wiese spielen Kinder, Ahed beachtet sie nicht. „Demons­
tranten gegen Soldaten“ heißt ihr Spiel, bei dem auch Steine fliegen. Ahed demonstriert friedlich.
An ganz schlimmen Freitagen sieht sie Menschen sterben. Ihr Onkel ist im Dezember bei einer Demonstration erschossen worden,
einen anderen traf 2011 ein Tränengaskanister tödlich ins Gesicht.
Ein israelischer Kommandeur erklärte diese Unfälle so: „We don’t do
Gandhi very well“ – wir sind nicht besonders gut in Gandhi. Das
Zitat ging durch die Medien.
Von ihrem Haus blickt Ahed auf die jüdische Siedlung Halamish, die
in den 70 ern entstanden ist. Ahed spielt gern Fußball mit den Jungs
aus dem Dorf, sie ist eine gute Taktikerin, und wenn sie könnte,
dann um den Brunnen, isst das Fladenbrot ihrer Mutter, singt paläsFür einen großen Erfolg muss man einige Kilometer weiter fahren,
vorbei an der kleinen Stadt Ni’lin, wo sie in den letzten Jahren welt-
weit Spenden gesammelt haben, um neue Olivenbäume zu pflan-
zen. Wo man Tel Aviv sieht, das Meer, die startenden Flugzeuge. Wo
hinter den Türen Jungen sitzen, die dieses Meer noch nie gerochen
haben, die nicht reisen können und auch keine Post empfangen. Die
keine Arbeit finden werden, hier nicht, weil die Mauer ihr Land ver-
schlungen hat, und in Israel schon gar nicht, weil junge Männer
dort selten eine Arbeitserlaubnis bekommen. Vorbei an Hirten, die
ihre Schafe weiden, Bauern, die ihre Felder bestellen. Manchmal
begleitet von Aktivisten – auch das ist Widerstand. Wer vier Jahre
sein Land nicht bewirtet, sagt das Osmanische Recht, das Israel anwendet, verliert es an den Staat.
Vorbei an Baggern, die neue Siedlungen bauen, 3.400 Einheiten hat
der israelische Premier Netanjahu versprochen. Vorbei an Bushaltestellen, wo Siedler stehen, die mit ihren Nachbarn nicht sprechen.
„Willkommen in Budrus“, sagt Abu Ahmed, „Ahmeds Vater“, wie
würde sie drüben in Halamish ein Fußballstadion errichten und das
man ihn hier nennt, und lächelt Wärme in den windigen Tag. Sein
kann nicht einmal mehr hinüber zu der Quelle gehen, die das Dorf
derstand. Er selbst, 57, ein kleiner, dürrer Mann, hat es dazu gemacht.
palästinensische Team anfeuern. Aber sie darf dort nicht hin. Sie
Rechts: Auch junge
Palästinenser kennen die
Bedeutung der Bäume
in ihrer Kultur: Sie sind
Zeichen des Lebens und
tragen die Namen paläs­
tinensischer Mütter.
Dorf, 1.600 Einwohner, ist legendär, ein Symbol für friedlichen Wi-
-32ubuntu Gewaltfreiheit
Wenn Kinder in Europa
freitags vergnügt ins
Wochenende starten, geht
in Nabi Saleh für Ahed
(vorne links) und ihre
Freundinnen die Konfrontation los. Gemeinsam
mit den Erwachsenen demonstrieren sie gegen
die israelische Besetzung.
-34ubuntu Gewaltfreiheit
Rechts: Ahed Tamini hat
für ihre gewaltfreien
Proteste einen Friedens­
preis bekommen. „Sie ist
zu erwachsen für ihr
Alter“, findet ihr Vater.
Einst glaubte er an Waffengewalt. Dann wurde er zum Architekten
des gewaltfreien Widerstands. Den Zunamen Gandhi weist er bescheiden zurück.
Links: Abu Ahmed und
sein Dorf Budrus haben
sich den Soldaten un­
erschrocken in den Weg
gestellt – und ihre
Olivenfelder gerettet.
Abu Ahmed geht voraus zu den Feldern, die er gerettet hat, an den
Rand des Dorfes. Auf Terrassen stehen hier tausende Olivenbäume
zwischen blühendem Klatschmohn. Die Palästinenser benennen
die Bäume nach ihren Müttern, weil sie auf dieser trockenen Erde
Leben bedeuten. Da ist ein Baum namens „Asmaa“, andere heißen
„Zaynab“ oder „Sabah“.
Die israelische Mauer hätte diese Bäume vernichtet. Abu Ahmed
wollte das nicht zulassen. Sonntags, nachts, mehrmals am Tag,
wann immer die israelischen Bagger begannen seine Bäume aus­
zureißen, rannte er zur Moschee. Atemlos telefonierte er unterwegs
alle zusammen: Die Führer der Parteien, Fatah und Hamas, den
Schuldirektor, die Medien. Durch die Lautsprecher der Moschee erreichte er sein Dorf. Jeder wusste, was zu tun war. Kinder und Frau-
en stellten sich in die erste Reihe, hielten sich an den Händen und
besetzten ihre Felder. „Auch israelische Soldaten haben ein Herz.
Diese Frauen, die keine Terroristen sind, passen nicht in das Bild,
das sie in ihrer Ausbildung bekommen“, sagt Abu Ahmed. Seine
eigene Tochter hielt den ersten Bagger auf und 2003, 10 Monate
Widerstand, 55 Demonstrationen, Ausgangssperren, hunderte Verletzte später, gewinnt Budrus: Die Mauer wird weiter hinten ge-
baut. Statt 3.000 Olivenbäume verlieren sie 280. Schule und Friedhof bleiben Teil des Dorfes.
„Wir haben die Gewaltfreiheit nicht gewählt, weil wir das höflichste
aller Völker sind, sie erfüllt unsere Interessen“, sagt Abu Ahmed
nüchtern. Wie könnten sie auch gegen das starke Israel gewinnen?
Abu Ahmed träumt von einer großen Bewegung, in der seine Lands-
SOS-Kinderdörfer in Palästina und Israel
Sowohl in Israel als auch in den palästinen­
sischen Gebieten gibt es zwei SOS-Kinderdörfer
und verschiedene Programme, um Jungen
und Mädchen in Not zu unterstützen.
leute friedlich auf die Checkpoints und die Mauer zulaufen – Mo-
hammed aus Sheikh Jarrah, Ahed aus Nabi Saleh und viele andere.
„Sie können uns ja nicht alle erschießen“, sagt er.
Es gibt ihn nicht, den einen palästinensischen Gandhi.
Es gibt viele.
-35ubuntu Preisvergleich
31
Euro kosten
500 gramm
Kaffee in Nespressokapseln
Foto: Andrea Seifert
Quelle: FOCUS-MONEY
*Für 31 Euro im Monat werden Sie SOS-Pate unter
www.sos-kinderdoerfer.de
-36ubuntu Literatur
Geschichten, wie sie nur
eine Südafrikanerin erzählen
kann – Old Man River
Text Dinah Lefakane (gekürzte Fassung) Illustration Saskia Hölle, Sophie Hölle Ich wuchs im Glauben heran, dass mein Vater „nutzlos“ sei.
Wann genau und wie ich zu diesem Schluss gekommen war, das
weiß ich nicht. Vielleicht hatte ich diese Idee aus den Gesprächen
der älteren Menschen in und um das Haus herum übernommen.
Vielleicht steckte auch der schwere und oft ernste Blick meiner Mut-
ter dahinter, der nahezu an Verzweiflung grenzte; ganz als sei sie
eine Gefangene, aber doch auch wieder nicht so, dass man sie für
vollkommen hilflos gehalten hätte. Ich konnte sogar selber darauf
gekommen sein. Hatte ich nicht Ohren und Augen
ten sich die Eltern selten, wenn überhaupt je, mit ihren Kindern
zusammen, um mit ihnen etwas zu besprechen, außer wenn es um
Befehle oder Strafen ging.
„Dudu, hast du mich nicht gehört? Ngithe geza izitsha. Das Geschirr steht seit heute Morgen hier herum.“
„Umsindo! Warum so ein Lärm?“, wann immer wir miteinander
plauderten und lachten.
„Hlala kahle maan awusiyo indoda!“ Ein Mädchen musste fühlen
lernen, dass es anders war. Es musste sich vor­
und ein eher gut entwickeltes inneres Gespür? Heu-
sichtig hinsetzen, um nicht sein Höschen zu ent-
te nennen wir das „Strahlungen“. Erst jetzt, als Er-
blößen.
wachsene, wenn ich zurückblicke und die vielen
Das war die Art Gespräche, die man führte – Befeh-
schwierigen Umstände meines Lebens überdenke,
le, Befehle und immer mehr Befehle, Forderungen
bin ich von der Erkenntnis wie vor den Kopf gesto-
und Aufträge. Es war eine Einbahnstraße an Kom-
ßen, dass mein Vater in Wirklichkeit ein wunder-
munikation. Ich will nur zu gerne glauben, dass
bar starker, aber empfindsamer Mensch war. Er war
diese Dinge heute anders sind. Wir sprechen zu un-
ganz entschieden alles andere als nutzlos.
seren Kindern. Sie sprechen zu uns und wir versu-
Erst jetzt ist mir auch bewusst, wie sehr er zu leiden
chen, einander zu verstehen.
bereit war, sobald er fühlte, dass er in seinen Über-
Die scheinbare Schwäche meines Vaters machte
zeugungen beeinträchtigt werden sollte. Immer
meiner Mutter Sorgen, und ich konnte damals wie
wieder zog er es vor, seine Arbeitsstelle zu verlassen
heute sehen, wie sie durch all die Jahre alle ihre
und der Entlassung entgegenzusehen, wenn man
seine menschliche Würde antastete oder sie in ir-
Kräfte zusammennehmen musste, um uns durchzubringen.
gendeiner Weise untergrub.
Auf eine stumpfe Weise und mit einem eher dumpfen, klopfenden
Mann und als Afrikaner abtreten“, hörte ich ihn einmal im Streit
ich so zu der Auffassung, dass irgendetwas grundverkehrt war mit
„An niemanden werde ich mein Recht auf Achtung, als Mensch, als
mit meinem Onkel sagen.
„Wer denkt denn Havemann, dass er ist?“
„Wer denkt denn Havemann, dass ich bin?“
„Mali! Bring Khumalo se file hierso jong!“
„Ich lasse mich nicht von ihm anschreien, dass ich ihm die Akten
bringen soll. Er muss mich ordentlich anreden. Ich bin genauso ein
Mann, wie er einer ist.“
Es war deshalb nur logisch, dass er nie imstande war, eine Arbeits-
stelle länger zu behalten, besonders in dieser Zeit. Da wir den Grund
nicht verstanden, schlossen wir alle einfach daraus, dass er nutzlos, ungeschickt und wahrscheinlich faul sei. Niemand sprach je
direkt zu mir über meinen Vater. – „Dein Vater hat wieder einmal
seine Arbeit verloren …“ – Ich wusste es bloß jedes Mal. Damals setz-
Schmerz in der Magengrube litt auch ich darunter. Allmählich kam
dem Mann. Sicher, ich liebte ihn, aber ich empfand ihm gegenüber
nicht denselben Respekt und dasselbe Vertrauen wie gegenüber
meiner Mutter.
Für mich gab es keinen Zweifel, dass meine Bitte auch erfüllt wur-
de, wenn meine Mutter „Ja“ gesagt hatte. Ich lernte, meinen Vater
weniger ernst zu nehmen, denn er sagte gewöhnlich „Ja“, hielt
sein Versprechen dann aber nicht.
Heute frage ich mich, wieweit dies ein Ergebnis der besonderen Umstände war, unter denen afrikanische Menschen leben. Inwieweit
waren meine Eltern Opfer der harten Haltung, die auch heute noch
vorherrscht? Welcher Vater auf diesem Planeten würde denn vor-
sätzlich nicht für die wertvollen Früchte seiner Lenden sorgen oder
sie enttäuschen?
-37ubuntu Literatur
ein Krankenhauszimmer gesehen. Als ich zu mir kam, wusste ich,
dass das eines war. Ich blickte aufwärts, ich schaute seitwärts und
alles war weiß; weiße Wände, weiße Decke, weißes Bett, weißes
Leintuch, weiße Überdecke; nur die Krankenschwestern waren Afrikanerinnen. Ich bin sicher, dass ich aus dem Fenster gesprungen
wäre, nach diesem Überfall, wären sie nicht schwarz gewesen. Spä-
ter, am Abend, kam meine Familie mich besuchen. „Ma, warum
kommt es mir so vor, als könnte ich meine Beine nicht bewegen?“,
fragte ich schwach. Mein Großvater antwortete: „Sengathi ulimele
ntornbi, kodwa uzophola.“ Sie alle stimmten mit ein: „Ja, du wirst
bald wieder gesund.“
Ich sah die traurigen Augen meiner Mutter. Der feurige, wütende
Blick meines Vaters machte mir Angst. „Wird er mich wieder verdre-
schen?“, fragte ich mich. Am nächsten Tag kam mein Vater mich
besuchen. Er war allein. An diesem Tag stand keine Wut mehr in
seinem Gesicht. Ich las nur Liebe und Mitleid in seinen Zügen. Das
beruhigte mich sehr – mein Vater konnte einem die Haut gerben,
wie die Engländer sagen. Waye ngaku bolisa.
Er setzte sich neben mein Bett, nahm meine Hand, küsste mich auf
Seine Überzeugung, dass er ein Recht darauf habe, mit Respekt behandelt zu werden, machte das Leben sehr schwer für ihn, aber
auch für uns. (…)
Das war in jenen Tagen, als man, wenn eine weiße Person auf einen
zukam, als Afrikaner vom Gehsteig heruntersteigen und im Rinnstein weitergehen musste. Wenn man das nicht tat, hatte man es
entweder später zu bereuen, dass man nicht ausgewichen war, oder
aber man wurde nur noch entschlossener, nie wieder einem Weißen
aus dem Weg zu gehen. Da gab es nur zwei Möglichkeiten.
Die Schule, die ich damals besuchte, lag ungefähr acht Meilen von
zu Hause entfernt auf der Ostseite der Stadt. Um zur Schule zu kommen, mussten wir durch die Vorortgegend, in der die weißen Leute
wohnten, in das Zentrum der Stadt hineinfahren und dann wieder
aus der Stadt heraus, bis wir die Schule erreichten.
Sobald man aus der Stadtmitte heraus war, bedeutete es jedes Mal
ein großes Vergnügen, auf den gleichmäßig gepflasterten Bürger-
steigen zu fahren. Das lief wie geschmiert; man freute sich an dem
„Tsa tsa“ der Räder auf dem Beton und man musste dem motorisierten Verkehr nicht ausweichen.
Eines Tages fuhr ich so zufrieden auf dem Gehsteig nach Hause,
als ich unversehens auf eine Gruppe von vier weißen Jungen stieß,
die an der Ecke standen. Schnell trat ich in die Bremsen. Ich wollte
sicher sein, dass ich rechtzeitig zum Halten kam, deshalb zog ich
meinen nackten Fuß das Trottoir entlang, um so den Schwung noch
zu bremsen. Genau ein paar Zentimeter vor ihnen hielt ich an. Ich
hatte Angst, denn beinahe hätte ich dem Klein-Baas wehgetan.
Der brennende Schmerz an meiner Fußsohle zählte da nicht. Solange ich nur den Baas nicht angerempelt hatte! Ich stahl mich schnell
vom Gehsteig herunter, doch als ich gerade dachte, ich wäre, mit
dem Vorderrad im Rinnstein, sicher an ihnen vorbeigekommen,
die Stirn und sagte: „Kunjani, Miss D, wie geht es dir?“ Wenn alles
in Ordnung war, hieß ich Miss D. Wenn ich etwas ausgefressen hatte, war ich Dudu! Scharf und schwer wie Metall.
Krank, wie ich war, konnte ich nur verstummen bei dieser Wärme,
dieser Liebesbezeigung seitens meines Vaters. Das Zeigen von Gefühlen war bei uns nie üblich gewesen. Man wusste nur instinktiv,
ja geradezu reflexiv, dass man geliebt wurde; aber man spürte nie
die Wärme der Liebe und sie wurde nie in Worte gefasst. Jedes Mal,
wenn in späteren Jahren „Ich liebe dich“ zu mir gesagt wurde, hätte
ich vor Verlegenheit aufspringen und weglaufen können.
„Weißt du was, Miss D“, beteuerte mein Vater, „so ist es in unserem
ganzen Land. Nicht nur hier tun weiße Menschen Afrikanern so
etwas an. Es ist nur noch viel schlimmer, wenn es kleinen Mädchen
wie dir angetan wird. Du weißt, die hätten dich umbringen können, aber Unkulunkulu mkhulu, nakhu uyaphila, Gott ist tatsächlich groß, und du lebst. Ein Glück, dass der Lastwagenfahrer, der
unsere Kohle liefert, um diese Zeit dort vorbeifuhr. Wenn du gesund
wirst, möchte ich, dass du dir eines für immer merkst.“ Was mein
Vater dann sagte, werde ich niemals vergessen.
„Wir brauchen Wasser zum Trinken und um unsere Gärten zu be-
wässern, damit wir leben können. Wir brauchen Öl, um Geräte zu
schmieren, wie die Kette deines Fahrrads, und um solche Dinge
wie Autos instand zu halten. Aber die zwei lassen sich nie und nim-
mer mischen. Wenn du das versuchst, wirst du weder reines Wasser
noch reines Öl haben. Deshalb wird dir gar nichts bleiben. Außerdem wirst du dann auch keinen Topf mehr haben, in dem du dein
Wasser des Lebens aufbewahren kannst.“
Ich nehme nicht an, dass er die Saat des Hasses in mir säen
wollte. Doch ich denke, er wollte, dass ich weiß, dass ich eine
Afrikanerin bin.
fühlte ich scharfe Schläge im Genick. Etwas Stählernes traf meinen
Kopf. Ich muss einen fahren gelassen haben, als ein Stock auf meinem Rückgrat landete. Ich weiß nicht, ob ich schrie oder nicht; aber
eines ist sicher: Da war zu viel Schmerz. Ich ließ die Lenkstange
los. Verschwommen sah ich noch, wie das Fahrrad in die Mitte der
Straße raste, und ich erinnere mich noch daran, wie meine Knie
nachgaben und ich als hilfloses Bündel von einem zwölf Jahre alten
Mädchen zusammensackte.
Bisher hatte ich nur ein einziges Mal auf einem Plakat in der Schule
Aus: Südafrika: Mythen, Märchen und
andere Geschichten
© 2013, David Fermer (Hrsg.)
216 Seiten mit ca. 25 Schwarz-Weiß-Illustrationen
ISBN: 978-3-942194-04-4
19,95 Euro (D), 20,50 Euro (A), 28,50 CHF (CH)
www.grubbemedia.de
-38ubuntu Spendenprojekt
Helfen Sie
den Kindern
in Sri Lanka!
In Jaffna entsteht ein neues SOS-Kinderdorf, in dem
120 Kriegswaisen ein Zuhause bekommen sollen. Kinder wie
Arjuna, dessen Geschichte wir Ihnen hier erzählen.
Fotos Dominic Sansoni, SOS-Archiv Text Claudia Singer, Wolfgang Kehl
Das SOS-Nothilfe­
zentrum in Cheddikulam war für viele
Kriegswaisen der erste
Platz, an dem sie
wieder ruhig schlafen
und miteinander spielen konnten.
-39ubuntu Spendenprojekt
Links: Nach 25 Jahren Bür­
gerkrieg blieben viele Kinder
völlig alleine zurück.
Arjunas Leben war schon schwer genug, bevor die Bombe ein-
schlug. Er war das fünfte Kind seiner Eltern, das fünfte Kind, das
ernährt, behütet und umsorgt werden wollte. Ganz normale Wünsche, nur war in Sri Lanka, Arjunas Heimat, zu dieser Zeit gar nichts
normal. Es herrschte Bürgerkrieg zwischen tamilischen Rebellen
und der Regierung Sri Lankas, viele Menschen waren traumatisiert,
zutiefst verunsichert, arm und lebten in Angst. Obwohl sie taten,
was sie konnten, hatten auch Arjunas Eltern zu wenig zu geben.
Arjuna war 4 Jahre alt, als sie ihn in ein Kinderheim brachten, wo
Jungen und Mädchen aus dem Kriegsgebiet betreut wurden. Immerhin konnte Arjuna seine Familie in den Ferien besuchen und im­
merhin hatte er die Hoffnung, irgendwann wieder zurückkehren zu
können. Bis zu jenem Luftangriff. Arjuna war sieben und wollte
sich zu Ferienbeginn auf den Weg zu seiner Familie machen, als er
erfuhr, dass seine Eltern und alle vier Geschwister durch eine Bombe
ums Leben gekommen waren.
Begreifen kann man sowas nicht. Wenn er sich heute zurück erinnert, sagt Arjuna: „Plötzlich war ich ganz alleine auf der Welt. Ich
wusste nicht, wie ich überhaupt überleben sollte.“
Kämpfe, Gefechte, Bombenangriffe gingen weiter, hier, in Pud­
dukudiruppum im Norden Sri Lankas. Kein Ort war wirklich sicher
und so wurde Arjuna zusammen mit anderen elternlosen Kindern
in den nächsten Monaten von Heim zu Heim gebracht.
Endlich, nach mehr als 25 Jahren, endete 2009 der Krieg. Wann im-
mer möglich, versuchte man, Eltern und ihre Kinder, die sich in den
Kriegswirren verloren hatten, wieder zusammenzuführen. Zurück
blieben Waisen wie Arjuna. Der Junge erinnert sich: „Wieder wurden wir von Ort zu Ort gebracht. Mir war alles zu viel.“
Oben: Das gemeinsame Essen in der Kinderdorf-Familie
hilft nicht nur gegen Hunger. Es schafft auch Geborgenheit.
Unten: Sie sind schon als Familie zusammengewachsen,
jetzt warten sie auf den Umzug ins neue SOS-Kinderdorf.
Auch das Nothilfezentrum der SOS-Kinderdörfer in Cheddikulam
sollte nicht seine letzte Station sein, aber zumindest begann hier
wieder ein Alltag für ihn und die anderen Kinder. Sie konnten wie-
der zur Schule gehen, bekamen einen Raum zum Spielen. Währenddessen machte die Organisation Pläne: In der Stadt Jaffna sollten
vorübergehend Häuser angemietet werden, in denen die Kriegswaisen möglichst schnell wieder ein Zuhause bei einer SOS-Kinderdorf-
Mutter und Geschwistern bekommen würden. Gleichzeitig sollte
hier ein neues SOS-Kinderdorf gebaut werden.
Jetzt, im Juni 2013, ist das neue Dorf so gut wie fertig. In den nächs-
ten Monaten soll auch Arjuna hier einziehen. Es ist der erste Umzug, der ihm keine Angst macht, denn er bedeutet keinen Abschied.
Arjuna wird zusammen mit seiner neuen Familie ins Dorf ziehen,
seiner Kinderdorfmutter, die für ihn sorgt und ihn beschützt, und
seinen neuen Geschwistern und Freunden, von denen viele seine
Vorliebe für Cricket teilen.
120 Kinder sollen bald im SOS-Kinderdorf Jaffna wohnen, auch ihre
Geschichten hätten hier stehen können. Um ihnen dauerhaft ein
stabiles Zuhause zu bieten, brauchen die SOS-Kinderdörfer dringend Unterstützung! Tragen auch Sie Ihren Teil dazu bei, dass die
Geschichten der Kinder eine gute Wendung nehmen.
Unterstützen Sie
die Arbeit der
SOS-Kinderdörfer
in Sri Lanka:
SOS-Kinderdörfer weltweit
Spendenkonto 2 222 200 000
(fünfmal die Zwei und fünfmal die Null)
BLZ 430 609 67
GLS Gemeinschaftsbank
Stichwort: ubuntu Sri Lanka
-40ubuntu Eine Frage geht um die Welt
Was ist
ein typischer
Satz von dir?
Auch in Botswana redet man „nicht
um den heiSSen brei herum“, und in
Usbekistan kommt für manche Kinder
„erst die Arbeit und dann …“
Zyra , 11
„Was du nicht willst, das man
dir tut, das füg auch keinem anderen zu.“
Lipa, Philippinen
Jean-Marie, 14
„Mit Geduld und Zeit kommt man
weit!“ Wenn dich jemand provoziert, besser nicht gleich reagieren.
Lieber Zeit lassen und nach einer
passenden Antwort suchen.
„Wo ein Wille ist, da ist auch
ein Weg!“ Das ist mein Satz,
wenn ich Erfolg haben möchte.
Paul, 12
Abidjan, Elfenbeinküste
„Ohne Fleiß kein Preis.“ Der
Satz trifft wirklich auf mich zu,
denn mir fällt leider nichts in
den Schoß.
Douala, Kamerun
Marie, 14
Beau Bassin, Mauritius
„Lerne von gestern, lebe heute
und hoffe auf morgen.“
Parami, 16
Nuwara Eliya, Sri Lanka
Wenn ich mich mit Erwachsenen
oder anderen Kindern unterhalte,
sage ich immer: „Ja, natürlich!“
Ganz egal, um was es geht. In unserer Kultur gilt man als gut erzogen, wenn man so spricht.
Kenthia, 10
Gitega, Burundi
„Ich? Ich war es nicht.“
Lorena, 11
Florida, Uruguay
Mein Motto ist: „Dein Leben liegt
in deiner Hand, und es liegt nur
an dir, was du daraus machst.“
Melina, 13
„Lächle alle an, sei jemands
Freund, liebe nur einen und sage
niemandem deine Geheimnisse.“
Wenn ich mir selbst Mut zuspreche und sage:„Komm schon
Mathieu, du schaffst das!“, dann
treibt mich das an und macht
mich stark und mutig, das zu tun,
was ich tun muss.
Janar, 10
René Mathieu, 15
„Nicht um den heißen Brei herumreden.“
„Erst die Arbeit, dann das
Vergnügen.“
Mein Lieblingsspruch lautet:
„Nicht für die Schule, sondern fürs
Leben lernen wir.“ Die Schule
macht keinen Spaß, wir müssen
früh aufstehen und Hausaufgaben
machen. Aber wenn wir irgendwann aus der Schule kommen und
eine Arbeit haben, werden wir
merken, wie schön das Leben ist.
Keemenao, 16
Kristina, 11
Olga, 12
Etaferahu, 15
Awassa, Äthiopien
Bischkek, Kirgistan
Tlokweng, Botswana
„Um erfolgreich im Leben zu sein,
vergiss vergangene Probleme.
Aber vergiss nie die Lehren, die
du daraus gezogen hast.“
Dil, 14
Bharatpur, Nepal
Beau Bassin, Mauritius
Taschkent, Usbekistan
Temirtau, Kasachstan
Abidjan, Elfenbeinküste
„Ich hab dich lieb!“ Das sage
und höre ich gerne.
Jessica, 8
Luque, Paraguay
Illustration: Tania Seifert
Mein Lebensprinzip: „Lebe das
Leben in vollen Zügen.“
50 er Jahre
60 er Jahre
Herzlichen Gluckwunsch!
SOS-Ferienlager Caldonazzo!
Vor 60 Jahren hat Hermann Gmeiner am Caldonazzo See in Oberitalien
das SOS-Ferienlager Caldonazzo gegründet. Seit den Anfängen ist es ständig gewachsen:
Im Sommer verleben jedes Jahr über 1.400 SOS-Kinder aus 14 bis 16 europäischen
Ländern unbeschwerte Wochen am See. Ausflüge, Sport und viele gemeinsame Aktivitäten
sorgen für ein multikulturelles Miteinander. Die SOS-Mütter haben in dieser Zeit
frei und tanken Kraft für ihre Aufgaben.
heute
Fotos: Anikka Bauer, Bettina Theuerkauf
-43ubuntu Blitzlicht
Eiskalt
erwischt!
Sie sind nicht wirklich gefährlich, aber
doch dramatisch genug: die Eisunfälle des Sommers.
Hilft nur ruhig bleiben und Haltung bewahren.
-44ubuntu Blitzlicht
Oben: Mit Geduld und
Stöckchen noch zu retten!
Unten: Immerhin Vanil­
leeis! Viele Eltern kaufen
es bevorzugt für ihre
Kinder wegen seiner fle­
ckenfreundlichen Farbe.
-45ubuntu Blitzlicht
Links: Sieht aus wie
Michel aus Lönneberga
und wird diesem großen Namen gerecht. Die
Frage ist nur: Was
oder wer befindet sich
unter dem Rinnsal?
Ganz unten: Die beste
Kleidung für Eisunfälle: keine.
Eis von gestern
In seinen Anfängen wurde Speiseeis von besorgten Müttern wie
Ärzten wegen seiner Temperatur äußerst kritisch betrachtet.
So wurde 1759 der zehnjährige Goethe von seiner Mutter ausgebremst,
nachdem er von einem Gast eine Portion Eis geschenkt bekommen
hatte. In „Dichtung und Wahrheit“ schreibt Goethe: „Daß die Mutter uns
höchlich betrübete, indem sie das Gefrorene, das man uns von der
Tafel sendete, weggoß, weil es ihr unmöglich vorkam, daß der Magen
ein wahrhaftes Eis, wenn es auch noch so durchzuckert sei, vertragen
könne.“
Mehr als zwei Jahrhunderte später haben Kinder in unzähligen Selbst­
versuchen bewiesen: „Alles kein Problem!“
-46ubuntu Ratgeber
„Wie kann ich als Lehrerin auch den Kindern
herzlich begegnen, die ich nicht so mag?“
Hallo, Herr Sommer, als Lehrerin an
lichen Funken erkennen. In den allermeis-
verschiedenen Charakteren zu tun. Obwohl
operation und in den ehrlichen Austausch,
einer Hauptschule habe ich es mit vielen
ich versuche, allen Kindern gerecht zu
werden, muss ich gestehen, dass mir eini-
ge von ihnen sympathisch sind, andere
weniger. Meine Frage: Wie kann ich auch
den Kindern, die ich nicht so mag, die
Herzlichkeit und Offenheit entgegenbrin-
gen, die für ein gutes Lehrer-Schüler-Verhältnis meiner Meinung nach nötig sind?
Kerstin A., Köln
Wozu raten Sie mir?
wenn es um Fragen der Pädagogik,
Eltern-Kind-Konflikte und
ihre Lösung geht, haben die SOSKinderdörfer eine Menge zu
sagen! 60 Jahre intensive Arbeit
mit Kindern sind die Basis
dafür. Ulrich Sommer, Psychothe­
rapeut für Kinder und Jugend­
liche, gibt Rat!
Ich gebe Ihnen hundertprozentig
Recht, dass Herzlichkeit und Offenheit für
ein gutes Lehrer-Schüler-Verhältnis absolut
nötig sind. Aber nicht alle Kinder haben
diese kindliche Ausstrahlung, die unsere
Herzen öffnet. Manche verhalten sich sogar
richtig unausstehlich. Ein kluger Mensch
hat einmal gesagt: „Ein Pädagoge ist ein Spezialist für das Entwickeln einer guten Be­
ziehung auch zu Menschen, die den Zugang
nicht gerade erleichtern!“
Was ist das spezielle Handwerkszeug, das
man dazu braucht?
In meinen Augen gilt es, das menschliche
Wesen hinter dem Verhalten zu erkennen
und zu verstehen. Ich persönlich bin zutiefst
davon überzeugt, dass jeder Mensch und
insbesondere jedes Kind Teil einer Gemeinschaft sein und friedlich mit seinen Mit-
menschen auskommen möchte. Dass es den
Wunsch hat, mit anderen Menschen ge-
meinsam etwas zu schaffen. Ich nenne dies
den göttlichen Funken. Leider ist er bei
manchen Menschen durch verschiedenste
Lebensumstände verschüttet oder kaum
wahrnehmbar.
Ich versuche, bei solchen Kindern immer
ihre Lebensgeschichte und ihre soziales
Umfeld kennenzulernen, sie bewusst im
Kontakt wahrzunehmen und ernst zu nehmen. Meistens steckt ein Schrei nach Auf-
merksamkeit und Zuwendung dahinter.
Manchmal auch Angst, die Kontrolle zu verlieren. All das sind Hinweise auf innere seelische Verletzungen.
Nur über das Wahrnehmen und Verstehen
der Bedürfnisse kann offene, ehrliche Kom-
munikation und authentische Begegnung
stattfinden. Nur dann können wir den gött-
ten Fällen gehen die Kinder mit uns in Ko-
wenn sie sich wahrgenommen und verstanden fühlen. Manchmal machen es ihnen
aber auch ihre Geschichte und damit ver-
bundene erlernte Verhaltensmuster schwer.
Sie müssen langsam Vertrauen fassen und
umlernen. Dafür brauchen sie von uns immer wieder erneutes Verstehen, Verzeihen,
Unterstützung und positive Zuwendung.
Andere wiederum brauchen liebevolle und
wertschätzende, aber sehr klare Grenzen.
In der Schule mit vielen Schülern und Bedürfnissen gleichzeitig ist es natürlich
schwierig, jedem Kind das notwendige Maß
an Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.
Grundsätzlich halte ich es aber in erster Linie für eine Frage der Haltung. Habe ich ein
aufrichtiges Interesse an den Kindern? Bin
ich in dem Moment, wo ich mich einem
Kind zuwende, ganz bei ihm? Ich habe die
Erfahrung gemacht, dass die Offenheit und
Herzlichkeit meist wie von alleine kommt,
wenn wirkliches Verstehen einsetzt.
Bei Kindern, denen die Zuwendung schein-
bar nie genug sein kann, steckt meist die
Angst dahinter, zu kurz zu kommen. Wenn
sie in einem längeren Prozess erfahren, dass
jemand sich verlässlich Zeit für sie nimmt,
ohne dass sie das einfordern müssen, kön-
nen sie die Sicherheit erlangen, die sie ruhi-
ger macht. Oft geht es in diesen Fällen weniger um die Aufmerksamkeit der Lehrer als
der Eltern. Dann ist möglicherweise auch ein
aufklärendes Gespräch mit ihnen sinnvoll.
Auch dafür braucht es eine Vertrauensbasis
und es ist sicher nicht sinnvoll, aus der Leh-
rerposition gute Ratschläge zu geben, die
bei den Eltern Widerstand erzeugen. Aber
das ist wieder ein eigenes Thema.
Ulrich Sommer
ist Psychotherapeut für Kinder und Jugend­
liche und Pädagogischer Leiter des Diagnoseund Therapiezentrums „Bienenhaus“ der
SOS-Kinderdörfer in Hinterbrühl, Österreich.
Kindern und Jugendlichen mit massiven Pro­
blemen wird dort stationär geholfen.
Haben auch Sie eine Frage an Ulrich Sommer?
Dann schreiben Sie an:
Redaktion ubuntu, SOS-Kinderdörfer
weltweit, Ridlerstr. 55, 80339 München
oder [email protected]
Illustration: Uli Knörzer
Fragen an
Ulrich Sommer
-47ubuntu Ansichten
Meine Welt von morgen
Als Anton Bertelsmann (13) aus Berlin die
japanische Papierfalttechnik Origami für sich
entdeckte, kam er aus dem Staunen nicht heraus.
„Es ist faszinierend, was man mit einem Blatt
Papier machen kann“, sagt er. Vor einem Jahr
hat er angefangen, Kraniche zu falten. Als er las,
dass man einen Wunsch frei hat, wenn man
1.000 Kraniche fertig hat, legte er los. Nach einigen Monaten waren 500 Glücksbringer fertig –
doch der Schreck war groß, als er bemerkte, dass
er sich am Kranichhals verfaltet hatte. Das Glück
schien in Gefahr, aber Anton konnte den falschen
Falz korrigieren. Längst sind 1.000 Vögel ge-
schafft, teilweise kaum einen Zentimeter groß.
Der Wunsch des Jungen reicht in die Zukunft.
„Darf ich aber nicht verraten!“ Mit den Kranichen
jedenfalls scheint Anton sein Lebensthema ge-
funden zu haben: Flugobjekte. „Ich möchte Luftund Raumfahrtingenieur werden und Fluggeräte
Foto: Paul Hahn
konstruieren“, sagt er selbstbewusst. „Mit Papier
ist das einfach, aber später wird es bestimmt
viel komplizierter!“
-48ubuntu Fortschritt
SOS aus
dem All
Satellitenbilder helfen den SOS-Kinder­
dörfern, neue Standorte zu planen, den Bau­
fortschritt zu kontrollieren und spender
zu informieren. Das öffentlich geförderte
Modellprojekt ist für Die hilfsOrganisation kostenlos.
Text Hubert Filser
Bäume sind selten in Dschibuti und
daher wertvoll. Drei Exemplare stehen zu Beginn der Bauarbeiten am Rand des Grund-
stücks, auf dem in Sichtweite zum Strand
von Tadjoura das neue Haupthaus eines
SOS-Kinderdorfes entstehen soll. Klar sind
sie auf den Satellitenbildern vom März 2012
zu erkennen. Die Bauarbeiten in der 22.000-
ben werden. Alles wird fast in Echtzeit im
Bereich. Pflanzen beispielsweise lassen sich
dem Horn Afrikas haben eben begonnen.
tionen ist das wichtig, weil so alle Abläufe
Wellenlängen im niedrigen Mikrometer-
Einwohner-Stadt im Nordosten Afrikas nahe
Doch dann, im April, sind es plötzlich nur
noch zwei. Entgegen aller Absprachen war
ein Baum gefällt worden. Die SOS-Verant-
wortlichen haben die Information nicht
etwa von den lokalen Partnern erhalten,
sondern aufgrund von Satellitendaten, die
die österreichische Firma GeoVille aus Inns-
bruck im Auftrag der Europäischen Raum-
fahrtagentur ESA auswertet – ein Spezialist
für Geographische Informationssysteme. Das
öffentlich geförderte Pilotprojekt für Nicht-
Internet dokumentiert. „Für Hilfsorganisatransparent sind“, sagt Spuller.
Möglich sind solche Projekte, da die Satelli-
tentechnik in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht hat. Die Auflösung
der Bilder liegt bei bis zu 35 Zentimetern,
hier lassen sich sogar Umrisse von Personen
auf den Bildern erkennen, Gebäude, Schatten, Straßen, Fahrzeuge und Bäume sowieso. Spionagesatelliten erreichen sogar eine
Auflösung von weniger als zehn Zentimetern, sagt GeoVille-Geschäftsführer Chris­
staatliche Organisationen kommt in diesem
tian Hoffmann. Manchen Menschen macht
diese moderne Art der Baubegleitung keine
wachung fürchten. Doch am Beispiel der
Fall den SOS-Kinderdörfern zugute, die für
Spendengelder aufbringen müssen.
Für Michael Spuller, den für Bauprojekte
verantwortlichen Leiter bei SOS-Kinderdorf
International, liefert etwa die Dokumen­
tation des großen Hauptgebäudes via Satellit objektive Kriterien des Baufortschritts.
Diese können auch an Spender weitergege-
so etwas Angst, weil sie grenzenlose Über-
SOS-Kinderdörfer sieht man gut, dass die
Technik, richtig eingesetzt, gute Zwecke er-
füllen kann. Eine ganze Reihe von Satelliten wie QuickBird, GeoEye, Envisat oder
Ikonos vermisst und fotografiert derzeit die
Erde aus dem Orbit in unterschiedlichen
Wellenlängen, also nicht nur im sichtbaren
im Infra­rotlicht gut erkennen, also bei
Bereich. Die Anwendungen sind enorm (sie-
he Kasten), von der Stadtplanung bis hin
zur großflächigen Überwachung der Regenwälder am Amazonas. Auf Anfrage von Fir-
men wie GeoVille lassen sich die Satelliten
beim Überflug gezielt auf bestimmte Objekte ausrichten. Rund 70 Unternehmen dieser
Art gibt es weltweit.
Etwa 3.000 Euro würde eine eigens beauftragte Aufnahme kosten, rund 12.000 Euro
ein Projekt wie das in Djibouti. GeoVille wer-
tet die Daten aus den Bodenstationen der
Satelliten aus, wenn es sein muss, innerhalb weniger Stunden. SOS erhält die wich-
tigen aufbereiteten Informationen im Rahmen des ESA-Pilotprojekts kostenlos. Neben
der Bauüberwachung gebe es noch drei weitere Anwendungsgebiete der Satellitenfern­
erkundung für Hilfsorganisationen wie SOS,
sagt Christian Hoffmann. Die Satelliten kön-
nen zum Beispiel über längere Zeiträume
-49ubuntu Fortschritt
machen. Im Abstand von 90 Minuten nimmt
Links: Das SOS-Kinderdorf
Bhuj in Indien wurde nach
einem Erdbeben 2001 gebaut.
Mit ak­tu­eller Satellitentechnik lassen sich sogar einzelne
Bäume erkennen.
der Satellit bei jedem Überflug eine Serie
von Bildern auf und rast dabei mit 27.000
Stundenkilometern um die Erde.
Die Späher aus dem All helfen ebenso, den
besten Standort für neue Bauprojekte zu fin-
den. Auch hier profitiert SOS. In Prey Veng
in Kambodscha soll ein neues Dorf entste-
hen, die Stadt liegt in unmittelbarer Nähe
des Flusses Mekong, der regelmäßig über
beobachten, ob sich aufgrund eines SOS-
Dorfes etwa die Infrastruktur verändert und
ganze Viertel aufgewertet werden. Zudem
helfen die Bilder aus dem All auch dabei,
wenn Planer ein optimales Grundstück für
den Neubau eines SOS-Kinderdorfes suchen.
Auch Hilfen im Katastrophen- oder Kriegs-
fall lassen sich mit den Satellitenaufnahmen besser koordinieren. „Nach dem Erdbeben in Haiti wäre das sehr hilfreich
gewesen“, sagt Michael Spuller. Aktuell sind
die Satellitenbilder aus Syrien wichtig, um
die Gefährdungssituation etwa des Kinderdorfes bei Aleppo einzuschätzen. Die Bilder
geben Hinweise auf eine möglicherweise
näher rückende Front. Das Dorf ist bereits
vorsorglich evakuiert worden. Auch bei Erd­
beben oder Naturkatastrophen wie einem
Hangrutsch nach starken Regenfällen, wenn
oft die klassische Infrastruktur zusammen-
bricht, kann man sich mit Hilfe der Satelli-
tendaten ein großräumiges Bild der Schäden
Was sich sonst noch
per Satellit beobachten lässt:
die Ufer tritt. Die klassische Bauweise auf
Stelzen, in der viele Häuser in Prey Veng errichtet sind, würde bei einer Jahrhundertflut nicht mehr helfen. Innerhalb kurzer
Zeit wären die Häuser zerstört – und gleich-
zeitig die Investitionen aus Spendengeldern
vernichtet. Die Forscher haben im Rahmen
des Projekts mehrere Standorte untersucht.
Das kürzlich von der Stadtverwaltung Prey
Veng angebotene, zentral gelegene Grund-
stück erhielt das Urteil „unbedingt empfehlenswert“. Natürlich könnten auch erfahre-
ne Experten vor Ort Daten sammeln und die
Grundstücke begutachten. Doch oft bliebe,
so Spuller, nur wenig Zeit für eine Entschei-
dung. Zudem können die Forscher verschie-
dene Datenbanken miteinander verlinken
und so Informationen aus Jahrzehnten zu-
gänglich machen. Die Echtzeitdokumenta-
tion aus dem All könnte also auch künftig
die Arbeit der SOS-Verantwortlichen leich-
ter machen, egal, ob man dabei Bäume betrachtet oder eine nahende Flut.
Erfassung von Talreliefs lassen sich Gefährdungszonen für mögliche Lawinenabgänge benennen.
Landwirtschaft: Via Satellit lassen sich Wachstumsfaktoren
Naturkatastrophen: Nach Erdbeben oder einem Tsunami lässt
sich das Ausmaß der Zerstörungen aus der Luft gut beobachten.
Der Überblick hilft, schnell Entscheidungen zu treffen. Am Bo-
den herrscht oft großes Chaos, Wege in die Katastrophengebiete
sind zerstört.
Unfälle mit weiträumigen Auswirkungen: GeoVille hat Bilder
des Ölteppichs geliefert, der aus der Plattform Deep Water Horizon
im Golf von Mexiko auslief. So ließen sich mögliche Gefahren
für Küstenregionen voraussagen.
Waldmonitoring: In Zeiten des Klimawandels ist es wichtig zu
wissen, wie groß und von welcher Art die Wälder der Welt sind.
Aus dem All lassen sich nicht nur illegale Rodungen schnell erFoto: GeoVille
kennen, es ist auch möglich, jede Waldfläche nach Baumart zu
kartieren und einzelne Bäume gezielt für die Fällung zu wählen – ohne gleich die ganze Fläche kahl zu schlagen.
Lawinenschutz: Mit Hilfe von Satellitenbildern und einer 3-D-
wie Bodenfeuchtigkeit beobachten und Auswirkungen von Dürreoder Regenperioden langfristig erfassen. Zudem lässt sich der
Flächenverbrauch pro Pflanze exakt bestimmen, etwa die Ausdehnung von Palmölplantagen oder Reisfeldern.
Ölfeldanalyse: Ölfelder heben und senken sich im Millimeter­
bereich. Radarsignale aus dem All können so exakt abtasten,
wie die Ölfelder „atmen“ und welche Restvorkommen in der Tiefe
noch verborgen sind.
Fracking: Aktuell werden große Waldflächen in Kanada für
Fracking geopfert – bislang noch weitgehend unbeachtet von der
Weltöffentlichkeit. Mit der Methode lassen sich Öl oder Erdgas
aus tieferen Gesteinsschichten lösen. Satellitenfernerkundung
ist hier ein gutes Beobachtungstool.
Hochwassergefahr: Entlang sämtlicher Flüsse lassen sich mit
Hilfe von Satellitenbildern und Datenbanken Zonen definieren,
die aufgrund von Hochwassergefahren besser nicht bebaut
werden sollten.
-51ubuntu Meinung
Meine
Wahrheit ...
Dass er schwul ist, hat Hannes Warcup lange
für sich behalten. Am schwierigsten Fand er es,
mit seinen Eltern zu sprechen.
Fotos Michela Morosini Text Simone Kosog
dings konnte ich meinen Eltern schlecht vorgaukeln, den ganzen
Tag im Museum verbracht zu haben. Als meine Mutter fragte, wo
ich gewesen sei, sagte ich: „Auf dem Christopher Street Day.“ Und
sie: „Warum das denn?“ – Ich: „Warum wohl?“ Ziemlich genau so,
das hat sich fest bei mir eingebrannt. Danach haben wir stundenlang geredet, später kam auch mein Vater dazu.
Meine Mutter stellte immer wieder dieselben Fragen. Sie war offen
und interessiert, gleichzeitig aber irritiert und vielleicht auch scho-
ckiert. Anstrengend wurde es dann in den zwei, drei Monaten, die
folgten. Christine hat mir gefühlt 50 Mal am Tag gesagt, wie schwie-
Hannes Warcup: „Wenn ich als Mutter solche
Ängste habe, kann ich sie verdammt nochmal
mit mir selbst ausmachen!“
Ich hatte nie ein moralisches Problem damit, dass ich schwul
bin, aber tierische Angst vor den Reaktionen der Umwelt. Deshalb
habe ich erst darüber gesprochen, als ich 18 war, obwohl mir schon
mit 13, 14 klar wurde, was los war. In der Schule ging es mir zuvor
überhaupt nicht gut, niemals hätte ich meinen Mitschülern davon
erzählen können. Ebenso wenig hatte ich das Gefühl, dass meine
Eltern gut reagieren würden – obwohl sie scheinbar die Parade-Eltern
für ein leichtes Outing waren: Grünen-Wähler, Bioladen-Einkäufer,
liberal, akademisch … Einmal hat mich meine Mutter relativ konkret gefragt, ob ich vielleicht lieber Jungen mag, aber das hat mich
eher vor den Kopf gestoßen und ich habe abgeblockt. Ich glaube, ihr
war das ganz recht.
Das erste Outing – inzwischen hatte ich zum Glück die Schule ge-
wechselt – entstand dann aus der Situation heraus: Eine Freundin
löcherte mich und wollte unbedingt wissen, auf welches Mädchen
aus der Klasse ich stehe. Irgendwann ist mir die Geduld gerissen:
„Auf keins! Ich stehe auf den Typen in der Stufe über uns …“ Das war
für sie völlig unerwartet. Nach und nach habe ich es dann auch anderen erzählt und bald wusste es die ganze Klasse. Die Reaktionen
waren großartig, niemand hatte ein Problem damit. Wenn jetzt ein
Spruch fiel wie: „Französisch war heute aber wieder schwul!“, kam
schnell ein: „Oh, sorry, Hannes!“ hinterher.
Anderthalb Jahre später hatte ich es meinen Eltern immer noch
nicht gesagt, als sich endlich eine Gelegenheit bot. Ich hatte mich
zum Stammtisch einer schwulen Jugendgruppe bei uns in Lands-
berg gewagt und die Leute waren so lieb, mich früh am nächsten
Tag mit nach München zu nehmen, wo sie den Christopher Street
Day feiern wollten. Der Tag war wunderbar, ich war zum ersten Mal
in einem schwulen Kontext in der Öffentlichkeit unterwegs. Aller-
rig das alles für sie sei und dass sie ein Problem damit habe. Sie war
wenig einfühlsam und kam mit jedem beschissenen Klischee: HIV,
keine Enkelkinder und im Alter würden Schwule ja oft einsam. Als
gäbe es keine einsamen Heterosexuellen!
Ich konnte verstehen, dass sie sich nicht von jetzt auf gleich an die
Nachricht gewöhnte, hätte mir aber einen weniger egozentrischen
Blick gewünscht. Wenn ich als Mutter solche Ängste habe, kann ich
sie verdammt nochmal mit mir selbst ausmachen, anstatt meinen
Sohn, der sich ohnehin gerade in einer etwas schwierigen Phase befindet, damit zu belästigen!
Mein Vater hatte eine andere, kuriose Art gewählt, damit umzugehen: Obwohl wir noch zusammen wohnten, schrieb er mir Briefe.
Einerseits fand ich es bizarr, dass ihm das Thema offenbar zu heikel
war, um mich direkt darauf anzusprechen. Andererseits konnte ich
so in Ruhe verfolgen, wie er sich mit seiner eigenen Homophobie
beschäftigte, was einen halbwegs friedlichen Umgangston zuließ.
Bei meiner Mutter war das nicht der Fall, weshalb wir uns dauernd
in den Haaren hatten.
Ich kann nach wie vor kaum nachvollziehen, dass sich meine Eltern
mit einem so relevanten Thema nie wirklich auseinandergesetzt
hatten – obwohl es Berührungspunkte gab: Meine Mutter hatte zum
Beispiel engen Kontakt zu einem schwulen Schüler und mein Vater
hat einen schwulen Neffen. Ich finde es inkonsequent, oberfläch-
lich Toleranz zu heucheln, ohne die eigene Einstellung ernsthaft zu
reflektieren.
Inzwischen, viereinhalb Jahre später, ist das Thema für uns zum
Glück längst kein Problem mehr. Auch wenn ich meinen Eltern gegenüber kritisch bin, muss ich sagen: Ich finde es gut, dass sie sich
der Kritik gestellt haben und inzwischen viel bewusster mit dem
Thema Homosexualität umgehen, und ich kann im Vergleich zu vie-
len anderen Schwulen und Lesben noch von Glück reden. Das ist
aber eben der Skandal: dass man im 21. Jahrhundert immer noch
sagen muss, man hat Glück gehabt, wenn das Coming Out nicht allzu schrecklich verlief.
-52ubuntu Meinung
... deine
Wahrheit
Christine Hartmann-Warcup hat sich
für sehr tolerant gehalten – bis sie von ihrem
Sohn erfuhr, dass er auf Männer steht.
habe. Er hat so vehement abgewiegelt, dass ich das Nein gerne als
Nein genommen habe. Das wundert mich heute noch.
An dem besagten Abend jedenfalls gab er mir zum ersten Mal seit
vier Jahren wieder klare, deutliche Antworten, das war herrlich.
Dann kam mein Mann hinzu und ich konnte in seinem Gesicht ähnliche „Schock“-Reaktionen beobachten.
In den nächsten Wochen hatten wir Eltern einiges zu verarbeiten!
Immer wieder kam bei mir die Frage hoch, was ich als Mutter falsch
gemacht habe, wo ich versagt habe. Hätte ich verhindern können,
dass mein Sohn schwul wird? Offenbar sind dies Gedanken, die ganz
Christine Hartmann-Warcup: „Immer wieder kam
bei mir die frage hoch, was ich als mutter falsch
gemacht habe.“
Als Hannes mir sagte, dass er schwul ist, hatte ich in drei Se-
kunden fünf Schocks:
Erstens: Mein Sohn ist jetzt erwachsen und ich habe keine Aktien
mehr drin! Zweitens: Ich weiß nichts über mein Kind! Drittens: Ich
bin gar nicht tolerant! Viertens und fünftens fallen mir jetzt nicht
mehr ein. Am schlimmsten war für mich drittens! Ich weiß noch,
dass ich ein paar Tage vorher gedacht hatte: Uns kann nichts erschüttern, egal ob Hannes mit einer Freundin aus einem anderen
Land kommen würde oder mit einer anderen Hautfarbe. Wir sind ja
sooo tolerant!
So kann man sich täuschen!
Hannes war an diesem Tag ungewöhnlich früh aufgestanden und
hatte uns einen Zettel hinterlassen: „Bin in München.“ Ich hatte
das Gefühl: Der verheimlicht uns was. Am Abend fragte ich ihn, wo
er gewesen sei. „Auf dem Christopher Street Day“ , sagte er , und da
habe ich so doof geguckt wie selten in meinem Leben, woraufhin
Hannes leicht patzig sagte: „Ja! Ich steh auf Männer!“
Zu diesem Zeitpunkt wussten es schon seine Klassenkameraden und
Hannes hatte die Gefahr gesehen, dass wir es von außen erfahren
könnten und das wollte er auf keinen Fall. Ich rechne ihm das hoch
an. In der nächsten Stunde habe ich ihm tausend Fragen gestellt.
Seit er in die Pubertät gekommen war, fand ich ihn manchmal ziemlich schwierig und zeitweise habe ich kaum noch Informationen
von ihm bekommen. Ich war früher Lehrerin und hatte einen Schüler, der mich, als er Ende 20 war, einmal besuchte und mir unter
anderem erzählte, wie schwierig es für ihn gewesen war, mit der
späten Erkenntnis seiner Homosexualität (Mitte 20) klarzukommen.
Manchmal erinnerte mich Hannes an diesen Schüler, weshalb ich
ihn, als er 14 war, fragte, ob er auch Tendenzen in diese Richtung
viele Eltern in so einer Situation quälen. Am Abend seines Outings
kam mir nachts um zwölf plötzlich der Gedanke: „Keine Enkelkinder!“ Ich wurde zu meinem Erstaunen sehr traurig, denn ich hatte
bis dahin nie den Wunsch verspürt, Oma zu werden. Das muss archetypisch sein.
Ich fand es auch sehr schade, dass unser Sohn offenbar nicht das
Vertrauen hatte, uns schon eher davon zu erzählen, wenngleich ich
es verstehen konnte: Mein Mann und ich hatten eine Krise durch-
lebt und erst als unsere Beziehung wieder stabiler war, hat Hannes
sich uns offenbart. Immerhin gab es andere Menschen, mit denen
er reden konnte.
Hannes Vorwurf, wir hätten uns schon vorher mehr mit dem Thema
auseinandersetzen sollen, kann ich aus seiner Sicht zwar verstehen,
habe da aber eine andere Position: Wir hatten einfach wenig Berührungspunkte damit. Was ich schlimmer finde: Vor lauter eigenem
„Damit-Klarkommen“ habe ich Hannes mit seinen Schwierigkeiten
ein bisschen aus den Augen verloren. Ich war es einfach gewohnt,
dass er seine Sachen mit sich selbst ausmacht, aber das tut mir heu-
te noch leid. Irgendwann, als ich zu ihm sagte, dass ich das wirk-
lich nicht einfach fände, platzte es aus ihm heraus: „Glaubst du, für
mich ist es einfach?“ Da bin ich aus meinem Schockzustand herausgekommen, wenn auch nicht dauerhaft. Wir haben uns in dieser
Zeit häufig in die Wolle gekriegt.
Inzwischen hat die Entwicklung einen guten Verlauf genommen.
Hannes hat schon mal einen Freund mitgebracht, der allerdings
mehr in ihn verliebt war als umgekehrt. Hätten sie sich geküsst –
ich glaube, ich hätte damit kein Problem gehabt.
Glücklicherweise zeigt mir die Realität immer wieder: Hannes findet seinen Weg! Trotzdem wünschte ich manchmal, Hannes wäre
nicht schwul. Er ist in so vielen Dingen „anders“: Er war auf der
Waldorfschule, gilt als hochbegabt. Ist schwul. Die Wahrscheinlichkeit, auf Menschen zu treffen, die auf seiner Wellenlänge sind,
erscheint mir so gering. Das ist manchmal meine Sorge. Man möchte
ja, dass es den Menschen, die man liebt, gut geht!
Wie es
weiterging
Das Grün ist üppiger geworden
seit der Gründung des SOS-Kinderdorfs Nairobi. Die Lust der
Kinder am Rennen und Rumtoben
ist die gleiche geblieben.
-55ubuntu Reportage
Natürlich wollen die SOS-Kinderdörfer das
beste, aber erreichen sie es auch?
Fünf Ehemalige Aus dem SOS-Kinderdorf Nairobi
erzählen ihre Geschichte.
Fotos Mariantonietta Peru Text Anja Bengelstorff
Die Bäume sind in vierzig Jahren kräf-
tig gewachsen und die üppigen, frischgrünen Hecken waren damals noch gar nicht
gepflanzt. Die Häuser kommen nicht mehr
in weiß, sondern in warmem Orange daher.
Ebenfalls heute spürbar: Die Geschichten
vieler Kinder, Mütter und Mitarbeiter, die es
bei seiner Gründung 1973 alle noch nicht gegeben hat.
515 Jungen und Mädchen sind seitdem hier
aufgewachsen. Kinder, deren Eltern gestor-
ben sind oder die aus anderen Gründen
nicht für sie sorgen konnten. Kinder wie
Patricia, Isaac, Teresia, Francis und Evans,
die auf den nächsten Seiten das Wort haben.
Sie und alle anderen haben im SOS-Kin­
derdorf Nairobi wieder eine Familie bekom-
men, eine SOS-Mutter und Geschwister.
Wie in allen SOS-Kinderdörfern der Welt
war und ist es auch in Nairobi erklärtes Ziel,
den Kindern eine Umgebung zu bieten, in
der sie geliebt und behütet aufwachsen und
das Rüstzeug dafür bekommen, als junge
Menschen selbstbewusst in ein eigenstän­
diges Leben zu gehen.
Die Frage, wie gut dies gelingt, stellen sich
die Verantwortlichen der SOS-Kinderdörfer
immer wieder. Wenn sie Stellen finden, wo
es hakt, versuchen sie zu ändern, zu verbessern, nachzusteuern.
Wie damals werden die jungen Leute auch
heute weiter begleitet, wenn sie das Kin­
derdorf verlassen. Als ersten Schritt in die
Selbst­ständigkeit ziehen sie in SOS-Jugend-
häuser ein, wo sie in einer Art Wohngemeinschaft leben. Auch bei den ersten be-
ruflichen Schritten werden die Kinder
unterstützt. Neu ist in Kenia ein Mentorenprogramm für Jugendliche, das die SOS-
Mitarbeiterin Mercy Chege koordiniert. Sie
sagt: „Gut die Hälfte unserer Ehemaligen
hat eine Berufsausbildung abgeschlossen.
35 haben sogar einen Universitätsabschluss.“
Dennoch habe man festgestellt, dass viele
der Jugend­lichen nicht stark und verant-
wortungsvoll genug seien. Mentoren aus
der Wirtschaft sollen die Kinder dabei unterstützen, Ei­genschaften wie Sozialkompetenz, Entscheidungsfähigkeit und Führungskompetenz zu entwickeln.
Patricia, Isaac, Teresia, Francis und Evans
betrifft das nicht mehr. Sie führen längst
ihr eigenes Leben. Wo sie heute stehen und
wie sie die Zeit im Kinderdorf Nairobi erlebt
haben, erzählen sie auf den folgenden Seiten. Fünf Ehemalige – fünf Geschichten.
-56ubuntu Reportage
Patricia Obara,
31, Küchenchefin
Dies ist mein fünftes Jahr als Küchen-
chefin. Ich habe drei Mitarbeiterinnen unter mir. Kochen ist meine Berufung, das
war schon als Kind so. Meine SOS-Mutter
hat mich damals immer wieder ermahnt.
Oben: Patricia fühlte
sich wohl im Kinder­
dorf. Noch häufiger als
draußen sah man sie
allerdings schon damals
in der Küche.
Sie fand, dass auch die anderen Kinder mal
am Herd stehen sollten, aber es war einfach
meine Leidenschaft.
Mama ist die beste Mutter, die es gibt: Bis
heute rufe ich sie jeden Tag an, und oft passt
sie auf meine kleine Tochter Lucy auf, die
3 Jahre alt ist. Ihr Vater und ich standen kurz
vor der Hochzeit, als er einen Job in Dubai
Oben: Patricia Obara ist
heute Küchenchefin. Ihr
Wunsch ist es, einmal ihr
eigenes Restaurant zu
haben.
Unten: Ihre Küche ist viel­
seitig. Bald möchte sie
für einige Zeit nach Dubai
gehen, um weitere Rezepte
zu erlernen.
angenommen hat. Seitdem habe ich nie wieder von ihm gehört.
Im SOS-Kinderdorf wuchs ich mit meinem
älteren Bruder und meinen beiden Schwestern im selben Haus auf. Unsere Eltern wa-
ren früh gestorben. Unsere SOS-Mutter ist
so stolz darauf, dass aus uns allen etwas ge-
worden ist. Einen Vater habe ich gar nicht
vermisst.
In den üblichen Kinderheimen ist man auf
sich allein gestellt, sobald man 18 wird. Bei
SOS war das anders: Die Organisation half
mir damals, eine Praktikumsstelle in einem
Hotel zu finden. So konnte ich entscheiden,
ob dieser Beruf wirklich etwas für mich ist.
Nach der Ausbildung habe ich in einer gro-
ßen, internationalen Hotelkette gearbeitet
und viel dazugelernt. Inzwischen bilde ich
selbst junge Mädchen aus.
Ich würde gerne möglichst bald für drei oder
vier Jahre nach Dubai gehen, dort arbeiten,
neue Rezepte kennenlernen und Geld spa-
ren. Ich hatte bereits ein Vorstellungsge-
spräch, das sehr gut gelaufen ist. Jetzt warte
ich nur noch auf den Anruf der Agentur.
Mein großer Traum ist es, Familie zu haben
und ein eigenes Restaurant in Kenia zu füh-
ren, mit internationaler Küche. Das ist es,
was ich immer wollte.
-57ubuntu Reportage
Oben: Isaac in Schuluniform.
Heute bedauert er, dass
der Wert von Bildung damals
noch nicht deutlich genug
erkannt wurde.
Links: Trotz all seiner
Ak­tivitäten gelingt es Isaac
Irungu, pünktlich am Nach­
mittag nach Hause zu kommen,
um Zeit mit seiner Familie
zu verbringen.
Rechts: Isaacs erstes eigenes
Firmenauto. Müllsammlung
war damals in Kenia ein völ­
lig neuer Geschäftszweig.
Isaac „Izo“ Irungu,
43, Besitzer einer
privaten Müllabfuhr
In der Grundschule fragte mich ein
relang bei meiner Mutter im Gefängnis.
brett in die Selbstständigkeit.
Das war das erste Mal, dass ich von verschie-
Kind! Dass ich bin, wo ich jetzt bin, ist si-
schwister heute von niedrigen Arbeiten. Un-
Lehrer: Bist du ein Kikuyu aus Murang’a?
denen Ethnien hörte. Im SOS-Kinderdorf
sind wir alle wie Brüder und Schwestern
aufgewachsen, haben dieselbe Sprache gesprochen. Auch außerhalb des Dorfes war
die Herkunft damals eher nebensächlich,
es gab auch viele gemischte Paare. Das än-
derte sich mit den Gewaltausbrüchen anlässlich der Wahlen 2007. Zwei Monate des
Hasses zerstörten so viel – viele Paare trennten sich. Zum Glück schaffen es wir SOSKinder, weiter zusammenzuhalten.
Bevor ich ins Kinderdorf kam, lebte ich jah-
Ganz sicher nicht der richtige Platz für ein
cher Glück, aber auch Teil meines Charakters: Wenn sich eine Chance bietet, ergreife
ich sie. Als ich vor zwanzig Jahren mit zwei
SOS-Brüdern die Idee entwickelte, Müll zu
sammeln, zögerten wir nicht lange. Damals
war das ein völlig neues Geschäft, das für
uns äußerst erfolgreich wurde. Inzwischen
gehört mir die Firma allein, einer meiner
damaligen Mitstreiter, Evans, ist mittlerweile Leiter des SOS-Kinderdorfs Mombasa.
Über die Jahre haben 30 SOS-Alumni für
mich gearbeitet. Für viele war es ein Sprung-
Dennoch leben die meisten meiner SOS-Gesere Mutter hat den Wert von Bildung nie
hochgehalten, das mag auch an der damali-
gen Zeit gelegen haben. Ich selbst habe die
Schule mit 16 verlassen.
Aber es ist ja gut gegangen. Meine Energie
scheint nie zu versiegen: Ich spiele in der
Kirche Keyboard, unterstütze Straßenkinder oder experimentiere mit Tomatenplantagen. Für ehemalige SOS-Kinder habe ich
den „SOS Clan Fonds“ ins Leben gerufen.
Wenn jemand stirbt, unterstützen wir die
Hinterbliebenen.
-58ubuntu Reportage
Oben: Teresia hatte nie ein
anderes Zuhause als das SOSKinderdorf Nairobi. Ihre
Mutter starb bei der Geburt.
Unten: Teresia Njeri hofft,
mit dem Verkauf von Pommes
soviel Geld zu verdienen,
dass sie den Slum bald ver­
lassen kann.
Oben: Teresia Njeri ver­
sucht, das Leben mit einem
Lächeln zu meistern. Das
fällt ihr nicht immer leicht.
Teresia Njeri,
34, Pommesverkäuferin
im Slum „City-Carton“
Vor vier Monaten habe ich meine Kom-
lich: Es ist laut, überall Betrunkene, und
ne Tochter. Ich selbst mochte die Schule
zogen. Das war sicher nicht mein Traum,
wisse Dienste an. Die Versuchung ist da, vor
gen, das war mein größter Fehler. Ständig
fortzone verlassen und bin in den Slum ge-
aber ich wollte auf eigenen Füßen stehen.
Bis dahin hatte ich zusammen mit meiner
16-jährigen Tochter bei meiner KinderdorfMutter gewohnt. Sie ist inzwischen pensio-
niert und hat ihre eigene Wohnung. Ich
musste mich um nichts kümmern.
Meine Mutter bedeutet mir alles, auch für
sie wollte ich endlich aus meinem Leben
etwas machen. Jetzt verkaufe ich hier im
Slum „City Carton“ Pommes Frites, vor allem an Kinder, die mittags aus der Schule
kommen, 10 Cent für eine Handvoll. End-
lich verdiene ich mein eigenes Geld. Aber abgesehen davon, ist das Leben hier schreck-
manchmal bieten mir Männer Geld für ge-
allem, wenn ich die 12 Euro Miete für mein
Wellblech-Zimmer nicht aufbringen kann.
Ich war ein Jahr und drei Monate alt, als ich
ins SOS-Kinderdorf kam, direkt aus dem
Krankenhaus, in dem ich geboren wurde
und in dem meine Mutter nach meiner Geburt gestorben ist. Im Dorf habe ich eine
Familie gefunden, mütterliche Liebe. Meine
leiblichen Geschwister will ich nicht sehen:
Sie betteln dauernd um meine Hilfe und
weil ich im Kinderdorf aufgewachsen bin,
glauben sie mir nicht, wenn ich sage, dass
ich selbst nichts habe. Aktuell zahlen meine
SOS-Geschwister die Schulgebühren für mei-
nicht und bin nach acht Jahren abgeganbeschwöre ich meine Tochter heute, die
Schule ernst zu nehmen.
Ich habe damals eine Ausbildung zur Hotel-
managerin gemacht und jahrelang als Be-
dienung gearbeitet, aber solche Jobs sind
nie langfristig. Gerne würde ich mich wei-
terbilden und in einem Büro arbeiten. Dann
könnten meine beiden Kinder bei mir le-
ben – mein elfjähriger Sohn wächst bei seinem Vater auf und ich sehe ihn kaum.
Ich versuche, ein fröhliches Gesicht zu ma-
chen! Gott will, dass ich aus meinem Leben
etwas mache. Und dann ziehe ich weg aus
dem Slum.
-59ubuntu Reportage
Francis Mwangi,
43, Bodybuilder, Türsteher,
Fitnesstrainer, Wachmann,
Immobilienentwickler
Meine SOS-Mutter hatte die Hoffnung
schon fast aufgegeben, dass ich ihr einmal
Enkel bescheren würde. Ich hatte ja nicht
einmal die richtige Frau gefunden. Aber
dann erschien ich zu einem Familientreffen
mit einer Dame an meiner Seite. 15 frühere
SOS-Kinder samt Familien waren da, um
die 40 Leute, und ich stellte meiner Familie
die Frau vor, die ich heiraten wollte. Mama
gab ihren Segen von Herzen!
Unsere Tochter ist jetzt fast drei Jahre alt.
Rechts: Francis
Mwangi ist zufrie­
den: Mit seinen
Ersparnissen baut er
gerade sein eigenes
Haus (unten).
Gern hätten wir noch ein zweites Kind.
Meine leibliche Mutter war gelähmt und
konnte nicht für mich sorgen. Auch meine
Verwandten waren sehr arm und hätten
mich nicht aufnehmen können. Ich habe
die Zustände gesehen, in denen sie leben.
Wäre ich dort aufgewachsen, wäre ich nicht
der Mann, der ich heute bin.
So kam ich mit drei Jahren ins SOS-Kinder-
dorf. Später, als junger Mann, habe ich viel
Zeit mit Bodybuilding verbracht. Ich wollte
wie Arnold Schwarzenegger aussehen, und
habe es auch geschafft! Ich habe acht Pokale gewonnen. Damals habe ich auch als Tür-
steher und Fitnesstrainer gearbeitet und
dadurch mit 23 Jahren einen Job in SaudiArabien bekommen: Ich habe dort als Wach-
mann für einen Scheich gearbeitet. Er war
zum Glück weltoffen, hat uns Christen zu
Weihnachten sogar Geschenke gemacht.
Wie ich waren die meisten seiner Wach­
leute Kenianer: Der Scheich hatte zu Ausländern mehr Vertrauen.
In Saudi-Arabien lebt man wie in einem Gefängnis, aber ich nutzte die Zeit, um Geld zu
sparen. Als ich nach 18 Jahren nach Kenia
zurückkehrte, hatte ich soviel zusammen,
dass ich mir ein Stück Land kaufen konnte,
auf dem ich jetzt kleine Appartments baue.
Das allerwichtigste für mich bleibt aber
meine Familie, da kann kein Reichtum eines Scheichs mithalten. Ich wünschte nur,
ich hätte früher geheiratet.
Rechts: Als Junge hatte
Francis viele Träume.
Tatsächlich gelang es ihm
später, sie zu verwirk­
lichen.
-60ubuntu Reportage
Links: Die Kinder
mögen ihn – und Evans
Mutiso mag die Kinder.
Da er selbst im Kinder­
dorf aufgewachsen ist,
kann er sich gut in ihre
Situation hineinfühlen.
Unten: Evans (2. von
rechts) mit seiner dama­
ligen SOS-Familie.
Evans „Msoso“ Mutiso,
46, Direktor des SOSKinderdorfs Mombasa
Ich hatte meine frühe Kindheit lange
men „Msoso“ oder Vater, Baba – ich mag alle
mich ins Kinderdorf gebracht? Warum hat
über den Kindern zu thronen, sondern für
nicht verarbeitet: Warum hat meine Mutter
mich nie jemand besucht? Wo ist mein Va-
ter? Erst letztes Jahr habe ich endlich einen
Therapeuten besucht. Er hat mich ermu-
tigt, Antworten bei meinen leiblichen Verwandten zu suchen. Also habe ich meine
Cousins zusammengerufen, und gemeinsam richten wir nun den Hof meiner ver-
storbenen Großmutter her. Er soll ein Treff-
punkt für die ganze Familie werden. Für
mich fühlt sich das gut an: Ich bin wieder in
Kontakt mit meinen Wurzeln.
Auslöser für diesen Schritt war auch meine
Erfahrung als Direktor des SOS-Kinderdorfes Mombasa. Ich beobachte immer wieder,
dass sich Kinder in ihrer SOS-Familie zuhause fühlen, aber gleichzeitig guten Kontakt zu
ihren leiblichen Familien halten können.
Jedes Jahr sind sie über Weihnachten bei ih-
ren Verwandten. Sie reden gern über diese
Besuche, sind stolz auf ihre Herkunft. Zu
meiner Zeit wurde das noch nicht gefördert.
Im Dorf ruft man mich bei meinem Spitzna-
Namen gleich. Ich bin stolz darauf, nicht
sie zugänglich zu sein. Vieles von dem, was
ich ihnen weitergebe, habe ich selbst bei
Tony Hernnegger, dem damaligen Leiter des
SOS-Kinderdorfs Nairobi, gelernt: Verantwortungsbewusstsein und Ehrlichkeit ge-
hören dazu. Im Kinderdorf habe ich gelernt,
was diese Werte bedeuten. Ohne sie ist es
kein Leben.
Als Kinderdorfleiter ist mir heute wichtig,
den Jungen und Mädchen die Bedeutung von
Bildung zu vermitteln. Ich lege auch Wert
darauf, das sie sich in die Welt außerhalb
des Dorfes integrieren und habe vor allem
die traumatisierten Kinder im Blick. Sie
zu unterstützen, auch mit therapeutischer
Hilfe, liegt mir sehr am Herzen.
Weil ich die Erfahrung der Ehemaligen sehr
schätze, setze ich sie immer wieder als Mentoren ein. Mit Erfolg. Letzte Woche wurde
Mombasa zum am besten geführten SOSKinderdorf Kenias gewählt.
In Kenia
gibt es derzeit fünf SOS-Kinderdörfer, sowie
fünf Kindergärten, drei Schulen, zwei Klini­
ken, fünf Sozialzentren und zwei Ausbildungs­
zentren. Die SOS-Familienhilfe unterstützt da­
rüber hinaus Familien, die in Not geraten sind,
wieder ein eigenständiges Leben zu führen.
-61ubuntu Essay
stark wie das von Haiti. Auch hier stellte
eine Kommission fest, dass es sich um eine
von Menschen gemachte Katastrophe handelte, deren Ausmaß durch Schlamperei
Hilfe darf nicht
nur den Mangel
sehen!
geradezu provoziert worden war.
Nur gut, dass stets eine riesige Hilfsin­
Sea-A bekommt sogar noch einen günstigen
Zeit jeden beliebigen Katastrophenort er-
und Zollerleichterungen. Ausgerechnet diese
dustrie bereit steht und innerhalb kürzester
reicht. Erst zur Rettung, dann zur Nothilfe
und schließlich für den Wiederaufbau.
Für ein Kinderhilfswerk gehört Hilfe nach
einer Katastrophe eigentlich nicht zu den
Hauptaufgaben und doch sind wir mehr und
mehr gezwungen, sie zu leisten. Die meis-
ten unserer über 500 Dörfer befinden sich in
armen und für Katastrophen jeder Art an-
fälligen Ländern. Die Opfer stehen dann einfach vor unserer Tür. In Haiti hatte unser
heimischem Personal, sahen sie uns nicht
als westliche Eindringlinge, sondern zu-
sie uns immer wieder aufs Neue. Als vor
zwei Jahren in Ostafrika Hunderttausende
hungerten und wahrscheinlich Zehntau-
sende starben, war das absehbar. Man wusste, wie lange es nicht mehr geregnet hatte.
Man wusste auch, dass es nicht einfach sein
würde, die Hungernden zu betreuen, weil
in Somalia Bürgerkrieg herrschte. Und trotzdem kam es dann ganz plötzlich. Die Men-
schen standen einfach da, in Mogadischu,
auch vor den Toren unseres dortigen SOSKinderdorfes und unserer Klinik.
Als in Haiti vor drei Jahren die Erde bebte,
war jedem, der das Land auch nur ein bisschen kannte, hinterher klar, dass es so
hatte kommen müssen. Die Hauptstadt Portau-Prince war schon vorher in einem so be-
dauernswerten Zustand, dass jedes extreme
Naturereignis Zerstörung und massenhaf-
Foto: Andreas Friedle
ten Tod bringen musste.
Das Erdbeben, das ein gutes Jahr später Japan
erschütterte und einen Tsunami und die
Atomkatastrophe auslöste, war vier Mal so
Land noch niedrigere Löhne locken.
Wie kann es zu so etwas kommen? Ganz
einfach: Die USA wollten schnelle Ergeb­
nisse vorzeigen. Die Pläne für den Industriepark lagen schon lange in der Schublade,
nur hatte sich kein Investor gefunden. Der
koreanische Konzern schlug erst zu, als
gestellten Mittel auch abfließen. Nur
schon zwanzig Jahre vor Ort sind, mit ein-
nie unerwartet und trotzdem überraschen
einpackt und geht, wenn in einem anderen
wir fast das einzige Hilfswerk, das von der
al-Shabaab-Miliz geduldet wurde. Weil wir
Katastrophen kommen so gut wie
für bekannt, dass sie sofort ihre Maschinen
er ein echtes Schnäppchen machen konnte –
damals Mogadischu kontrollierenden
Firma ist in Guatemala und Nicaragua da-
Dorf am Rand von Port-au-Prince das Erdbeben heil überstanden, in Somalia waren
Essay: Dr. Wilfried Vyslozil
Vorstand
SOS-Kinderdörfer weltweit
Kredit für die Anschaffung der Maschinen
recht als Teil von Somalia.
Wir haben inzwischen Übung darin, schnell
auf Notlagen zu reagieren. Aber wir sind
uns nicht sicher, ob wir immer alles richtig
machen. In Haiti etwa haben wir nach
dem Beben zu den 16 kleinen Gemeindezentren, die wir zusammen mit der dortigen
Bevölkerung betreiben, zehn weitere eröffnet und 23.000 Menschen mit Essen ver-
sorgt. Der Reis – das wichtigste Grundnahrungsmittel des Landes – kam aus den USA.
Haben wir damit am Ende den einheimi-
schen Reisbauern ihren wichtigsten Markt
weggenommen?
Im Norden, wo die fruchtbarsten Böden
des Landes sind, hatte das Erdbeben keinen
Schaden angerichtet. Eben dort können
wir heute beobachten, wie Hilfe auf keinen
Fall aussehen darf. In der Gemeinde Caracol
entsteht derzeit der größte Industriepark
des Landes – finanziert mit einem Teil der
zehn Milliarden US-Dollar, die Haiti von
der internationalen Gemeinschaft für Nothilfe und Wiederaufbau versprochen wor-
den waren. Felder sind verschwunden für
Fabrikhallen, in denen bis zu 20.000 Arbeiter Kleider zusammen nähen sollen – für
einen Lohn von knapp drei Euro am Tag. Die
koreanische Firma Sea-A ist der einzige Pro-
fiteur dieses „Wiederaufbaus“. Die gesamte
Infrastuktur des Parks samt Kraftwerk
und Fabrikhallen bezahlen die USA und die
Interamerikanische Entwicklungsbank.
und die Geldgeber sind froh, dass die bereitdie Menschen in Haiti hat niemand gefragt!
Das Beispiel mag extrem sein, die Ausnah-
me ist es nicht. Hilfe wird immer dann geleistet, wenn man beim zu Helfenden einen
Mangel feststellt. Oft ist es, wie in Soma-
lia, der Mangel an Nahrung. In Caracol geht
es um den Mangel an Arbeitsplätzen und
Wirtschaftsleistung. In unseren Hilfswerken
und Entwicklungsorganisationen fehlt es
nicht an Experten, die Programme entwerfen und umsetzen können, um solche De­
fizite zu beheben, und meistens werden sie
auch dankend angenommen. Doch das ist
nur sinnvoll, wenn die Menschen, um die
es geht, auch gehört werden.
Wir sollten uns nicht so sehr auf das kon-
zentrieren, was fehlt, sondern viel mehr das
suchen, was vorhanden ist. Das, was wach-
sen kann und sich entwickelt, wenn wir es
nur ein wenig unterstützen. Solche Hilfe
macht vielleicht Umwege nötig und bringt
nicht unbedingt schnelle Ergebnisse. Aber
sie ist erfolgsversprechend und nachhaltig,
weil sie dort ermuntert, wo Engagement
und Wille schon da sind. Und sie ist menschlich – humanitär –, weil sie die Menschen
in ihrer Not ernst nimmt.
Die Nothilfe der SOS-Kinderdörfer
Die SOS-Hilfsaktionen gehen immer von den
bestehenden SOS-Kinderdörfern im Land aus.
Dies ermöglicht schnelle, effiziente und
nachhaltige Hilfe: Einheimische SOS-Mitarbei­
ter sind häufig unter den ersten Helfern. Sie
kennen Land und Leute, stimmen ihre Aktionen
mit den Behörden ab und arbeiten mit an­
deren Hilfsorganisationen zusammen. Oftmals
geht die Soforthilfe in langfristige Aufbauund Entwicklungsprojekte über.
www.sos-kinderdoerfer.de
-62ubuntu Portrait aus Syrien
Einer kommt
Mohammed wächst in einem Flüchtlingslager in Jordanien Auf.
Seine Eltern sind aus Syrien geflohen und können
ihm wenig bieten auSSer Sonne, Staub und viel Aufmerksamkeit.
Fotos Sascha Montag Text Diana Laarz
Es gibt zwei Gefühlszustände,
Die junge Mutter hat das schüchterne
danien allgegenwärtig sind: Wut und
zählt mit leiser, kaum wahrnehmba-
die im Flüchtlingslager Saatari in Jor-
Lächeln eines kleinen Mädchens, er-
Angst. Wut auf den syrischen Präsi-
rer Stimme. Vorsichtig schlägt sie das
denten Baschar al-Assad, vor dessen Ra-
Tuch zurück und zieht Mohammeds
keten sie geflüchtet sind. Angst davor,
Mütze gerade. „Für uns ist es hier
dass die Anhänger eben dieses Assads
schon zu heiß, wie muss es dann erst
sie aufspüren und dafür bestrafen,
für ein kleines Baby sein?“, sagt sie.
dass sie ihre Geschichte erzählen. We-
Islam, Mohammed und der Vater woh-
gen dieser Angst tauchen die Personen
nen in einem Zelt. Sie haben zwei Mat-
in diesem Text nur mit Vornamen auf.
ratzen, zwei Decken und die Taschen
Und die 17-jährige Islam, die ihren Sohn
mit Kleidung, die sie auf der Flucht
Mohammed auf dem Arm hält, ver-
tragen konnten.
birgt beim Fotografieren die Hälfte ih-
Islam sagt, sie möchte Mohammed
res Gesichts.
alle Liebe schenken, die sie hat. „Ich
Wenn Islam in den vergangenen ein-
möchte ihn zu einem aufrechten Mann
einhalb Monaten eines gelernt hat,
erziehen.“ Aber größer als ihre Zu-
dann ist es Warten. Warten auf neue
kunftsträume sind ihre Sorgen. „Wir
Lebensmittelkarten, warten auf Was-
sind auf der Flucht, unser Land liegt in
ser, warten darauf, dass irgendetwas
Trümmern. Wie kann ich meinem
passiert. Islam hockt im Schatten eines
Sohn unter diesen Umständen Wissen
weißen Containers auf einem Treppen-
und Bildung vermitteln?“ Islam stellt
absatz. Ein paar Meter entfernt steht
oft Fragen, Antworten findet sie keine.
eine dicht gedrängte Menschenmenge
Die Schwangerschaft war nicht ge-
in der glühenden Mittagssonne. Islams
plant, Mohammed wurde trotzdem
Tante hat sich angestellt, um für Mo-
hammed Babykleidung zu ergattern. Islam
hat ihren Sohn in ein rosafarbenes Tuch ge-
wickelt, ein Zipfel verdeckt seinen Kopf. Ab
und zu lässt sich ein leises Husten aus dem
rosa Bündel vernehmen. Mohammed kam
vor 40 Tagen auf die Welt. Ein Neugeborenes
freudig erwartet. Er ist das erste Enkel-
Mohammed ist ein
sehr ruhiges Kind. Er
schreit fast nie.
im Flüchtlingslager, wo der Staub die ehe-
mals weißen Zelte längst gelb gefärbt hat.
werden etwa 1.500 Neuankömmlinge regis-
Wieder eine Schlange, in der sie warten wird.
Islam und ihre Familie darunter, ihr Ehe-
Saatari ist das Lager der Vereinten Nationen
für syrische Flüchtlinge im Norden Jordani-
ens. Längst haben die Offiziellen den Überblick darüber verloren, wie viele Menschen
in den Zelten untergekommen sind, wahrscheinlich sind es um die 100.000, mehr als
die Hälfte von ihnen sind Kinder. Jeden Tag
Menschen kümmern und sorgen sich um
ihn. Mohammed ist ein sehr ruhiges Kind,
er schreit fast nie. Es ist fast so, als ob er ver-
standen hätte, dass seine Familie ihm im
Moment nicht mehr bieten kann als Sonne,
Staub und viel Aufmerksamkeit.
Mohammed hat Atembeschwerden, Islam
will heute noch mit ihm ins Krankenhaus.
kind für die Familien seiner Eltern. Viele
triert. Vor eineinhalb Monaten waren auch
mann, ihre Tanten, die Schwiegermutter,
ein paar Cousins. Zwei schwere Massaker
hatte es in ihrer Heimatstadt gegeben, da
entschloss sich die Familie zur Flucht. Islam
war da schon hochschwanger, ihren Sohn
brachte sie wenig später in einem jordanischen Krankenhaus zur Welt.
Die junge Mutter
Islam hat Sorgen um ihr
eigenes Leben und das
ihres Sohnes. Ihr Gesicht
zeigt sie lieber nicht.
-63ubuntu Portrait aus Syrien
Einer geht
Mohammed Moussah galt als mutig und herzensgut.
er träumte von einem freien syrien –
und starb durch die kugel eines Scharfschützen.
Im März 2011 traf Mohammed
erzählt ihr manchmal von ihrem Vater.
dung. Es war der Monat, in dem mit
tig war, herzensgut zu seinen Freun-
Moussah eine folgenschwere Entschei-
Dass er im Himmel ist und dass er mu-
Protesten in seiner Heimatstadt Dar’a
den. „Er war immer bereit, abzugeben.“
der syrische Bürgerkrieg begann. Mo-
Mohammed Moussah hatte außerdem
hammed Moussah war von Anfang da-
eine großen Traum. Er träumte von ei-
bei. An einem der ersten Abende kehr-
nem freien Syrien.
te er mit einer Schnittverletzung an der
An den Tag seines Todes erinnert sich
Hand zurück. Seine Frau bat ihn, zu
Ola Moussah in allen Einzelheiten. „Er
Hause zu bleiben. Seine Mutter sagte:
verabschiedete sich lange von mir, von
„Du sollst nicht kämpfen.“ Mohammed
unseren Töchtern, er betete zwei Mal,
Moussah antwortete: „Ich opfere mich
er verließ das Haus etwa gegen Mitter-
selbst für Gott und die Freiheit.“ Er
nacht.“ Um zwei Uhr traf der Scharf-
wurde der Anführer der ersten Brigade
schütze Mohammed Moussah, um fünf
der Freien Syrischen Armee in Dar’a.
Uhr wurde er für tot erklärt, um sieben
Im Dezember 2011 starb er, 26 Jahre alt.
Uhr weckte Mohammeds Mutter Ola,
Ein Scharfschütze traf ihn zwei Mal.
um ihr die Todesnachricht zu über-
Eine Kugel blieb in der Hüfte stecken,
bringen. Ola Moussah ist 22 Jahre alt
die andere zerfetzte die Hauptschlag-
und Witwe.
ader in der Brust.
Die letzten Aufnahmen, die es von
Die Menschen, die von Mohammed
Mohammed Moussah gibt, sind ganz
Moussah erzählen – seine Witwe, seine
anders, als das Bild des optimistisch
Eltern, seine Geschwister, eine Schar
lächelnden Mannes an der Wand. Mo-
von Cousins und Cousinen – sind auf
hammeds Schwester hat sie auf ihrem
der Flucht. Die Großfamilie ist in ei-
Handy gespeichert. Mohammed liegt
nem kargen Appartment in der jorda-
nischen Kleinstadt Ramtha untergekommen. Vier Söhne haben die alten Moussahs.
Der Erste, Mohammed, ist tot, der Zweite
wird in Syrien vermisst, der Dritte wurde von
der syrischen Armee festgenommen und
seitdem nicht wieder gesehen. Der Vierte
liegt auf einer Matratze im Appartment, er
erholt sich von einer Kampfverletzung an
auf weißen Tüchern, die Kamera fährt
„Er hatte das, was einen
richtigen Mann aus­
macht“, sagt sein Vater.
„Ein gutes Herz.“
der Hüfte. Es gibt in diesem Raum nur Mat-
vier Jahren. Damals fuhren die beiden an
gerahmte Foto von Mohammed Moussah.
picknickten im Grünen. Mohammed arbei-
ratzen, Decken, ein paar Kissen – und das
Es hängt in der rechten oberen Ecke neben
dem Fenster. Darauf eine weiße Aufschrift:
Es ist schwer, getrennt zu sein. „Er hatte das,
was einen echten Mann ausmacht“, sagt
sein Vater Achmed. „Ein gutes Herz.“
Das Foto zeigt Mohammed Moussah kurz
nach der Hochzeit mit seiner Frau Ola vor
über seinen nackten Oberkörper, sie stoppt
kurz über den Einschusslöchern und zoomt
schließlich auf das Gesicht. Die Augen sind
halb geschlossen, es ist nur noch das Weiß
der Augäpfel zu sehen. Es sind die letzten
Minuten im Leben des Mohammed Moussah. Im Hintergrund des Videos singt eine
Stimme: „Er ist für unser Land gestorben.“
den Wochenenden oft raus aufs Land und
tete an einem Straßenimbiss, er bereitete
Hühnchenfleisch zu. Er und Ola waren sich
zufällig in der Stadt begegnet, sie mochten
sich sofort. Kurze Zeit später hielt Mohammed Moussah bei Olas Eltern um ihre Hand
an. Zwei Töchter wurden geboren, Rain und
Hala. Die Älteste ist knapp vier Jahr alt. Ola
Ola, 22-jährige Witwe,
erzählt ihren kleinen
Töchtern manchmal von
ihrem Vater.
-64ubuntu Glosse
Vorsicht vor
der Landleben­
hysterie!
Text Susanne Frömel Kürzlich erzählte mir meine Freundin
Natalie, dass sie aufs Land ziehen wolle. Der
Kinder wegen, sagte sie, „die Kinder brauchen frische Luft, Wiesen, Käfer, Kontakt
zur Natur!“ Ich machte eine Bemerkung in
die Richtung, dass Natalie das letzte Mal,
als sie Kontakt zur Natur hatte, kreischend
auf einem Stuhl stand und mit Schuhen um
reiste, sagten sie meistens: „Ihr habt es
papp“, rief sie, „für die Kinder ist es einfach
dieser Gestank, nee, das wär nix für mich.
sich warf. Wegen eines Käfers. „Papperla-
hört man die Städter sprechen. Gemurmel
Das machte uns weniger zu schaffen, als die
Spielplätzen breit, gerade so, als wäre das
kurz vorher so leichthin zu Freunden ge-
vom eigenen Acker macht sich auf den
Stadtleben nur etwas für solche, die zu
schlapp sind, sich morgens Schlamm von
den Schuhen zu klopfen. Es ist eine solche
Landlebenhysterie ausgebrochen, dass die
Städte in spätestens drei Jahren entvölkert
sein dürften.
Ich habe mal auf dem Land gelebt. Was
Schlamm angeht, macht mir so schnell nie-
mand was vor. Irgendwann haben wir die
Sache japanisch gehandhabt: Schuhe für
draußen, Schuhe fürs Wohnzimmer, Schuhe fürs Bad, das war die praktischste Art der
Schlammprävention. Zwischendrin wechselten wir die Paare in kleinen Hüpfern, was
sehr schwierig war, weil wir alle höllische
Mücken im Sommer. Dabei hatte ich noch
sagt: „Wieso stellt ihr euch so an? Zelten
im schwedischen Sommer ist doch klasse!
Und die paar Mücken machen doch nichts.“
So spricht nur jemand, der bis vor kurzem in
der Sicherheit einer städtischen Vier-Zimmer-Wohnung gehaust hat. Wir waren im
Mai eingezogen. Im Juni waren die Nächte
„Erst später erfuhren
wir, was die
Nachbarn über uns
erzählt hatten.“
Schmerzen hatten von den Arbeiten, die der
Garten uns abverlangte. Sonntags, wenn wir
bereits von Sirren durchwoben, im Juli und
Leitung des Tierarztes vor der Kirche, was
lichsten Tinnitus aller Zeiten, außer, dass
seltsam für Brandenburg war, denn Kirche
besuchen war hier nicht üblich. Sie sahen
uns fast wertfrei an, während wir an ihnen
vorüber gingen, aber ich bin sicher, dass der
Arzt während der dreimonatlichen Paradontosebehandlung unseres Hundes eine unchristliche Heftigkeit zeigte.
chen langweilig auf Dauer.“
Im Sommer war es okay, aber im Winter
wurden die Tage lang. Brandenburg hat
nicht die landschaftlichen Reize anderer
Landstriche. Es war in unserer Gegend, von
ein paar Erhebungen abgesehen, flach wie
ein Pfannkuchen. Wir spazierten und spiel-
ten Gesellschaftsspiele, und jeden Sonntag
gingen wir zum Brunch. Während andere
für das Landleben wie geschaffen schienen,
gaben wir nach zwei erfolgreichen Ernten
von Butternut-Kürbissen auf und zogen in
die Stadt zurück. Erst später erfuhren wir,
was die Nachbarn über uns erzählt hatten.
Offenbar waren wir in halbkriminelle Ma-
chenschaften verwickelt, die wir sonntags
beim Brunch absprachen mit Großstädtern,
die uns regelmäßig besuchen kamen.
„Ich habe nie verstanden, warum ihr wieder
zum Brunchen in den Gasthof gingen,
scharte sich eine kleine Gruppe unter der
Und, ganz ehrlich: mir wäre das ein biss-
August war es, als hätte ich den entsetz-
einen dieser hier an den Wangen kitzelte
und die Oberarme zum Jucken brachte.
Von den Mücken und dem sehr landwirt-
schaftlichen Geruch in unserem kleinen
Dörfchen abgesehen, war es herrlich und da-
rum bekamen wir sehr viel Besuch. Wenn
der Besuch nach zwei Wochen wieder ab-
zurückgekommen seid“, sagte Natalie. „Ich
stelle mir das so herrlich vor. Das Grün, die
Luft und dann erst der direkte Nachbarkontakt! Da spürt man doch erst wieder, wofür
man Mensch ist!“ Ich sagte nichts weiter,
denn manche Erfahrungen muss man einfach selber machen.
Illustration: Tina Berning
viel besser, da kann ich mich anpassen.“ So
wirklich super hier. Aber die Mücken und
-65ubuntu Wissen
Schulessen für alle Religionen
Späte Geburt schadet
Kindern langfristig nicht
Die Professorin für
schen 35 und 44 Jahre alt, sind ihre Kinder
von der Hochschule Osna-
Kinder von jüngeren Müttern. Bisher nahm
Elisabeth Leicht-Eckardt
als Erwachsene nicht häufiger krank, als
brück hat in ihrem Buch
man an, dass Kinder Spätgebärender als
„Inklusion durch Schulver-
Erwachsene häufiger krank sind, weil der
pflegung“ Mensaessen
Körper der Mutter zum Zeitpunkt der Ge-
unter religiösen Gesichts-
burt schon abgebaut habe. Eine Studie vom
punkten erforscht.
Max-Planck-Institut für demografische
Forschung in Rostock aber zeigte jetzt, dass
Mensaessen für verschie-
für die spätere Gesundheit der Kinder die
dene Religionen – da muss
man als erstes den Schwei-
Bildung der Mutter und die Jahre, die sie mit
nebraten streichen, oder?
eine bestimmte Philosophie.
man rein vegetarisches Es-
fen, wenn genau ausgezeich-
zwischen Lebensmitteln, die
sätzlich zweimal die Woche
Es würde schon weiterhelnet wäre, welche Zutaten
im jeweiligen Gericht sind.
Viele Gerichte tragen Phan-
tasienamen wie „Frühlingsauflauf“ oder „Schnitzel
Jamaica“ und das Personal
weiß nicht, was da drin
Muslime unterscheiden
„halal“, also erlaubt, oder
„ud haram“, verboten, sind.
Eine verbotene Zutat wie
Alkohol darf dabei auch nicht
in Spülmitteln oder Aromastoffen enthalten sein.
Allein die koschere Küche
steckt. Also essen es viele
der Juden erfordert großen
Sie betonen, dass nicht müssen Milch und Fleisch
Kinder besser nicht.
nur entscheidend ist, wel-
che Produkte verwendet
werden, sondern, dass es
auch für Lagerung oder
Transport unterschiedliche
religiöse Vorschriften gibt.
Hinter jeder Religion steckt
logistischen Aufwand. So
streng getrennt aufbewahrt
und zubereitet werden. Ist
eine Schulversorgung, die
allen religiösen Gruppen
gerecht wird, überhaupt
umsetzbar?
In einfacher Form ja: Wenn
zufriedene
Montessori-Schüler
sen anbieten würde und zuFleisch frisch in der Schulküche zubereitet oder angeliefert würde. Dann bräuchte
man nur gesonderte Pfannen
seldorf haben die Lernbedingungen an
Montessori-Schulen untersucht. 643 Schüler
zwischen 14 und 19 Jahren wurden zu
Schulqualität, Wertevermittlung und Lern­
erfahrungen befragt. Dann verglichen die
Forscher die Ergebnisse mit Aussagen von
Schülern an Regelschulen. Dabei zeigte
sich: Montessori-Schüler fühlen sich besser
individuell gefördert, haben ein besseres
Verhältnis zu ihren Lehrern und leiden seltener unter Schul- und Prüfungsangst. Die
Forscher führen das auf den hohen Anteil
an selbstständigem Lernen und Arbeiten zurück. Allerdings beklagt fast die Hälfte der
Schüler, dass es während der Freiarbeit unruhig sei. In Deutschland gibt es 225 Montessori-Grund- und 156 Sekundarschulen.
ihrem Kind gemeinsam erlebt, entschei-
dend sind. Für die Studie waren 18.000 Amerikaner befragt worden.
Unbestritten aber ist, dass Spätgebärende
ein höheres Risiko haben, eine Fehlgeburt
zu erleiden oder ein Kind mit Down-Syndrom zu bekommen.
für das Fleisch. Das wäre
Essen à la „halal-style“ oder
„kosher-style“. Auch Hin-
dus und Buddhisten wären
mit vegetarischen Gerichten
glücklich.
Was hat Sie am meisten
überrascht?
Die fehlende Kommuni­
kation. Es muss dringend
abgefragt werden, welche
Wünsche die einzelnen Religionen haben.
Urknall oder Gottes Schöpfung
Bildungs- und Erziehungswissen-
schaftler der Universitäten Bonn und Düs-
Fotos: Pattrick Wittmann, Senad Gubelic
Ist eine Mutter bei der Geburt zwi-
Haushaltswissenschaften
In einer Untersuchung
der Uni Hildesheim wur­
den 24 Kinder gefragt,
wie sie sich die Entste­
hung der Erde vorstellen.
Alle Zweitklässler waren
sicher, dass Gott seine
Hände im Spiel hatte.
Dagegen führte die Hälfte
der Viertklässler natur­
wissenschaftliche Erklä­
rungen an und bezog
sich auf den „Urknall“.
nicht zu Früh aufstehen
Wer vor acht Uhr in der
Schule sein muss, ist nicht ausgeschlafen. Das fanden Psychologen der Universität Basel heraus.
Wie auch in Deutschland beginnt
der Unterricht in der Schweiz
an einigen Schulen bereits um
7.40 Uhr oder noch früher. Die Wissenschaftler haben 2.700 Schüler
zu ihrem Schlafverhalten befragt.
Ergebnis: Die Schüler, die erst um
acht Uhr anfangen, sind wacher
und schlafen insgesamt 15 Minuten länger. Diese Viertelstunde
wirkt sich bereits positiv auf die
Jugendlichen aus.
-66ubuntu Interview
Wie waren Sie
als Kind …
Jane Goodall
Nein, den gründeten meine Freundin Sally
und ich. Judy durfte vielleicht mal bei Aktionen mitmachen.
Klingt so, als hätten Sie sich nicht so gut
Interview Martina Koch
Viele Jahre haben Sie im Gombe-
Nationalpark in Tansania das Verhalten
der Schimpansen erforscht. Was ist Ihre
wichtigste Erkenntnis in Bezug auf die
Mutter-Kind-Bindung bei den Primaten?
Die beste Mutter ist warmherzig und ver-
spielt. Sie ist tolerant, kann aber auch streng
Oh, ja, mehrmals und hintereinander. Ich
besitze es immer noch. Ich war in Tarzan
verliebt. Er war der König des Dschungels
und führte das Leben, das ich gern führen
wollte. Dummerweise war er mit der falschen Jane liiert.
sein. Sie beschützt ihr Kind ohne zur Glu-
cke zu werden, und vor allem: sie wirkt unterstützend! Deshalb war meine Mutter die
perfekte Schimpansen-Mutter.
Inwiefern?
Während mich alle anderen auslachten,
hat sie zum Beispiel von Anfang an meinen
Traum unterstützt, einmal nach Afrika zu
„Johnny Weissmüller
war einfach nicht
der Tarzan meiner
Phantasie.“
Sie waren eifersüchtig.
und konnten uns nicht mal ein Fahrrad
lich. Sie fürchtete sich vor Sachen, vor denen
leisten. Noch dazu war ich ein zehnjähriges
kleines Mädchen. Meine Mutter sagte im-
mer: Wenn du etwas Bestimmtes erreichen
willst, dann arbeite dafür so hart du kannst –
nur nicht aufgeben, es wird schon.
… das beherzigten Sie offenbar schon
als Fünfjährige. Da wollten Sie unbedingt
wissen, wie ein Huhn ein Ei legt. Also
kauerten Sie stundenlang still im Hühnerstall Ihrer Großmutter, bis Sie das end-
lich zu sehen bekamen. Als Sie nach Hause
zurückkehrten, hatte Ihre Mutter schon
die Polizei angerufen.
Diese spezielle Geduld und mein Interesse
für Tiere kam aus mir selbst, das ist in meiner Persönlichkeit so angelegt. Bei uns
in der Familie gab es keine großartigen Tierliebhaber.
Sicher haben Sie als Kind auch „Tarzan
bei den Affen“ von Edgar Rice Burroughs
gelesen, oder?
Jahre jünger als ich, wir sind uns nie rich-
tig nah gekommen. Das änderte sich erst
später, im Alter.
Der Alligator-Club verkaufte Muscheln
und Steine, um von dem Geld alte Pferde
vor der Schlachtbank zu bewahren. Das
projektes „Roots & Shoots“.
Der Alligator-Club ähnelte „Roots & Shoots“,
aber uns ging es damals nur um Pflanzen
und Tiere, und gar nicht um die Umwelt.
„Umweltschutz“ – das Wort gab es noch gar
nicht, weil wir es nicht brauchten.
Sie haben einen Sohn. Wer von Ihnen beiden hatte die schönere Kindheit?
waren rationiert. Wir wohnten bei meiner
Großmutter in Bournemouth, Südengland,
Katze miteinander gekämpft. Sie war vier
wirkt wie eine Vorwegnahme Ihres Jugend-
gehen. Damals, 1944, war Afrika weit weg:
Der Zweite Weltkrieg tobte, Lebensmittel
Die meiste Zeit haben wir wie Hund und
Klar, aber ich hielt sie auch für jämmer-
ich mich nicht fürchtete. Aber dann wurde
Tarzan verfilmt und meine Euphorie durch
einen Kinobesuch gebremst: Nach zehn Mi-
nuten mussten wir den Saal verlassen, weil
ich so geweint habe. Johnny Weissmüller
war einfach nicht der Tarzan meiner Phantasie. Sowas könnte heutigen Kindern
nicht mehr passieren.
Wie meinen Sie das?
Während wir damals Bücher gelesen haben,
Ab dem Zeitpunkt, als er mit neun Jahren
in England zur Schule ging, verlief unser
Leben ähnlich. Vorher aber unterschieden
sich unsere Kindheiten sehr voneinander.
Er hatte alles, was ich geliebt hätte: Er hat
seine ersten Jahre am Strand in Tansania
verbracht, fischend mit seinen Freunden.
Er hatte Hausunterricht. Meine Kindheit
dagegen ist durch die Tatsache, dass wir wenig Geld hatten, zu einer guten Kindheit
geworden. Wir waren nicht bettelarm, aber
es war immer ein Riesenvergnügen, wenn
wir mal etwas außer der Reihe bekamen.
die unsere Vorstellungskraft aktivierten,
setzt das Fernsehen den Kindern heute fertige Helden vor. Früher entstanden die Hel-
den in unseren Köpfen. Zum Lesen verzog
ich mich nach Möglichkeit auf meinen
Lieblingsbaum im Garten meiner Großmutter. Zur Schule ging ich nicht so gern, ich
wollte lieber draußen sein.
Mit Ihrer Schwester Judy haben Sie den
Alligator-Club gegründet, eine Art Naturforscher-Club.
Jane Goodall, 79
ist die berühmteste und wohl umtriebigste
Verhaltensforscherin der Welt und eine
Vorreiterin in Sachen Umweltschutz. Bereits
in den 1970 er Jahren gründete sie das
Jane-Goodall-Institut – eine Tier- und Umwelt­
schutzorganisation (www.janegoodall.de).
Zudem ist sie Initiatorin des Kinder- und
Jugendprogramms „Roots & Shoots“
(www.rootsandshoots.org).
Foto: M. Neugebauer/Jane Goodall Institute
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SOS-Kinderdörfer weltweit, Hermann-Gmeiner-Fonds Deutschland e.V., Ridlerstraße 55, 80339 München | Fax: 089 179 14 100
Falls Sie noch Fragen haben: Tel. 0800 50 30 300 (gebührenfrei)
Beleg/Quittung für den Auftraggeber
www.sos-kinderdoerfer.de
Überweisung/Zahlschein
Den Vordruck bitte nicht
beschädigen, knicken,
bestempeln oder beschmutzen.
Konto-Nr. des Auftraggebers
Name und Sitz des überweisenden Kreditinstituts
SOS Kinderdörfer weltweit
Hermann Gmeiner Fonds Deutschland e.V.
Ridlerstraße 55, 80339 München
Konto-Nr. des Empfängers
22222 00000 GLS Gemeinschaftsbank
EURO
Auftraggeber / Einzahler (genaue Anschrift)
SOS-Kinderdörfer weltweit
Konto-Nr. des Begünstigten
Bankleitzahl
2 2 2 2 2 0 0 0 0 0
4 3 0 6 0 9 6 7
Spende für die
SOS
KINDERDÖRFER
WELTWEIT
EUR
Betrag: Euro, Cent
Spenden-/Mitgliedsnummer oder Name des Spenders: (max. 27 Stellen)
ggf. Stichwort
A C 3 6 2 3 1 3
PLZ und Straße des Spenders: (max. 27 Stellen)
Kontoinhaber/Einzahler: Name, Vorname, Ort (max. 27 Stellen)
Konto-Nr. des Kontoinhabers
19
Datum
Zuwendungsbestätigung umseitig
(Quittung des Kreditinstituts)
Bitte geben Sie für die
Zuwendungsbestätigung Ihre
Spenden-/Mitgliedsnummer
oder Ihren Namen und
Ihre Anschrift an.
Datum, Unterschrift
SPENDE
Empfänger
Spende zur
Förderung
der SOSKinderdörfer
weltweit
Bankleitzahl
Begünstigter: (max. 27 Stellen)
entstehen nach dem Tsunami in
Pondicherry und Nagapattinam
zwei SOS-Kinderdörfer für Waisen.
2012
wurde der Inder Siddhartha
Kaul (59) zum neuen Präsidenten
der Dach­organisation SOS-Kinderdorf International und Nachfolger von Helmut Kutin gewählt.
In Raipur
entstand vor zehn Jahren vor
allem aus recyceltem Material
ein SOS-Kinderdorf, das für
seine solide und bescheidene Architektur mit dem ArchiDesign
Award ausgezeichnet wurde.
SOS-Kinderdörfer weltweit
Hermann-Gmeiner-Fonds Deutschland e.V.
Ridlerstraße 55 · 80339 München
2004
In Faridabad
gibt es eine SOS-Mütterschule,
in der mehr als 100 Frauen aus
ganz Indien eine zweijährige
theoretische und praktische Ausbildung absolvieren.
Es wird bestätigt, dass die Zuwendung nur zur Förderung mildtätiger sowie folgender gemeinnütziger
Zwecke: Förderung der Wissenschaft und Forschung § 52 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 AO, Förderung des öffentlichen Gesundheitswesens § 52 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 AO, Förderung der Jugendhilfe § 52 Abs. 2 Satz 1 Nr. 4
AO, Förderung der Erziehung, der Volks- und Berufsbildung einschl. der Studentenhilfe (§ 52 Abs. 2 Satz 1
Nr.(n) 7 AO) sowie Förderung der Entwicklungszusammenarbeit § 52 Abs. 2 Satz 1 Nr. 15 AO verwendet wird.
wird der nationale SOS-Verein
Indien gegründet.
Wir sind wegen Förderung mildtätiger sowie folgender gemeinnütziger Zwecke: Förderung der Wissenschaft und Forschung § 52 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 AO, Förderung des öffentlichen Gesundheitswesens § 52
Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 AO, Förderung der Jugendhilfe § 52 Abs. 2 Satz 1 Nr. 4 AO, Förderung der Erziehung,
der Volks- und Berufsbildung einschl. der Studentenhilfe (§ 52 Abs. 2 Satz 1 Nr.(n) 7 AO) sowie Förderung
der Entwicklungszusammenarbeit § 52 Abs. 2 Satz 1 Nr. 15 AO nach dem letzten uns zugegangenen Freistellungsbescheid bzw. nach der Anlage zum Körperschaftsteuerbescheid des Finanzamtes München für
Körperschaften, StNr. 143/216/80527 vom 27. März 2012 nach § 5 Abs. 1 Nr. 9 des Körperschaftsteuergesetzes von der Körperschaftsteuer und nach § 3 Nr. 6 des Gewerbesteuergesetzes von der Gewerbesteuer befreit.
1964
In Cochin
bauten Jugendliche für ihr Kinderdorf eine Biogasanlage, mit
der die Energie zum Kochen um
die Hälfte reduziert wurde.
Gilt nur in Verbindung mit Ihrem Bareinzahlungsbeleg oder der Buchungsbestätigung des Kreditinstituts.
Indien
Zuwendungsbestätigung für Spenden bis 200,00 EURO
– zur Vorlage beim Finanzamt –
Gerne können Sie sich auch telefonisch
informieren unter: 0800 50 30 300 (gebührenfrei)
oder besuchen Sie uns auf unserer Website
unter www.sos-kinderdoerfer.de
41
SOS-Kinderdörfer gibt es in
Indien, das kinderdorfreichste
Land weltweit.
18.000
Kinder und Jugendliche haben
dort ein Zuhause.
3,60
Euro kostet ein Moskitonetz
und schützt ein Kind vor Malaria.
www.sos-kinderdoerfer.de/
hilfspakete
SOS-KD_Zahlschein_4c_Dez12-GLS 10.12.1