„Die nazistischen Sünden der Dornacher“?

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„Die nazistischen Sünden der Dornacher“?
Ansgar Martins (Frankfurt a.M.):
„Die nazistischen Sünden der Dornacher“?
Hans Büchenbacher, seine „Erinnerungen 1933-1949“
und die Vorstände der Anthroposophischen
Gesellschaft(en) in der Nazizeit1
Manuskript zu einem Vortrag am 1. März 2014
Rudolf Steiner-Forschungstage, Basel
Mit besonderem Dank an Jann Schweitzer, Nico Bobka und Hans-Jürgen Bracker
1
Mehr Material zu allen im Manuskript geschilderten Um- und Zuständen wird es geben in: Hans
Büchenbacher: Erinnerungen 1933-1949. Zugleich eine Studie zur Geschichte der Anthroposophie im
Nationalsozialismus, mit 5 Anhängen hg. v. Ansgar Martins, Info3-Verlag, Frankfurt a.M. 2014 (im Druck). Siehe
dort auch für hier nicht näher nachgewiesene Informationen.
Gliederung
1. Hans Büchenbachers „Erinnerungen“
2. Marie Steiner-von Sivers, Guenther Wachsmuth und der „Judenstall“ am Goetheanum
3. Albert Steffen, Roman Boos und der „Menschheitsimpuls“ des „deutschen Geistes“
4. Die Ablehnung des Nationalsozialismus durch die deutsche Anthroposophische
Gesellschaft 1933
5. Hanns Raschers Zugriff
6. „Ich finde das ganz unbegreiflich“: Ita Wegmans und Elisabeth Vreedes Protest
7. „Versagen“? Büchenbachers Christologie und der Nationalsozialismus in der
Anthroposophie
Hans Büchenbachers (1887-1977) Leben war lang und nicht gerade ruhig.2 Ich würde gern heute über
einen der mutmaßlich geistreichsten anthroposophischen Denker seiner Generation sprechen, der
lange vor einem Herbert Witzenmann oder diversen heutigen Bestrebungen (etwa im Umfeld der
Alanus-Hochschule) für eine streng methodisch basierte, philosophische Deutung Steiners eintrat. Ich
könnte über einen flammenden Redner in Sachen „Dreigliederung des Sozialen Organismus“
sprechen, der seinen Glaubensgenossen kurz darauf (und immer wieder ab 1922) Sektiererei und
Dogmatismus vorwarf. Ich könnte aber auch über einen unwilligen Jurastudenten sprechen, der viel
lieber Dirigent geworden wäre und sich gegen die Jura-Wünsche seines Vaters Sigmund (1861-19323,
selbst Jurist) erst der Philosophie, dann freistudentischem Anarchismus und schließlich aufs innigste
Rudolf Steiner zuwandte. Sprechen werde ich über denselben, 1931 von Albert Steffen zum
Vorstandsvorsitzenden der deutschen AG berufenen Büchenbacher, der 1934 zurücktrat – weil der
erwähnte Vater Jude war. Tatsächlich konvertierte Sigmund Büchenbacher zum Christentum,
wahrscheinlich zu seiner Hochzeit mit Katharina Haubrich (1863-19413), einer passionierten
Katholikin, die auch den Kurs der religiösen Erziehung beider Kinder bestimmte. Aber trotzdem
wurde Hans Büchenbacher freilich als „Halbjude“ angegriffen, nachdem 1933 die NSDAP an die
Macht gewählt und bald darauf kein Verein mehr frei war von den Nöten der „Volksgemeinschaft“,
fanatischem Antisemitismus, stolzen „Ariern“ und solchen, die es werden wollten.
1. Hans Büchenbachers „Erinnerungen“
Vermutlich kurz nach 1970 hat Büchenbacher, der nie sonderlich gern und selten viel geschrieben
hat, die im Titel erwähnten „Erinnerungen“ zu Papier gebracht.4 Er schrieb über die Jahre 1933-1945,
und dazu unter anderem, „dass ungefähr 2/3 der Mitglieder mehr oder weniger positiv zum
Nationalsozialismus sich orientierten“. Diese Anschuldigungen hätten viele Anthroposophen in den
70ern freilich schwer getroffen. Nicht zuletzt, weil viele der persönlich Kritisierten noch lebten.
Neben der diffusen Rede von 2/3 der Anthroposophen, die „mehr oder weniger“ positiv zum
Nationalsozialismus gestanden hätten, nennt Büchenbacher überdies eine ganze Reihe von
prominenten Steinerschülern, was die sendungsbewusste historische Selbstwahrnehmung der
meisten Anthroposophen tief erschüttert hätte. Personen wie seinen Vorstandskollegen Hermann
Poppelbaum, die Steiner-Stenographin Helene Finkh, die treue Steinerschülerin Johanna Mücke und
vor allem Guenther Wachsmuth und Marie Steiner-von Sivers werden aus verschiedenen Gründen
als „pronazistisch“ bezeichnet. Büchenbacher betont im Text aber auch, „dass ich nicht daran dachte,
die nazistischen Sünden der Dornacher in der Gesellschaft oder in der Oeffentlichkeit
bekanntzugeben.“ Sieben Jahre später ist er gestorben, ohne dass er den Text veröffentlicht hätte,
dieser hat auch offenbar keine finale Form sondern bleibt weitestgehend anekdotisch.
2
Vgl. zum hier Aufgelisteten Hans Buser: Ansprache bei der Bestattungsfeier von Hans Büchenbacher, in:
Büchenbacher: Erfahrung und Denken in den vier Schichten der Wirklichkeit, Basel 1978, S. 51ff.; Heinz
Zimmermann: Hans Büchenbacher, in: Bodo von (Hg.): Anthroposophie im 20. Jahrhundert. Ein Kulturimpuls in
biografischen Porträts, Dornach 2003, S. 116f.; Büchenbacher: Lebenslauf, in: ders.: Über
Gegenstandsforderungen der Musik. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der hohen
philosophischen Fakultät der Friedrich-Alexanders-Universität Erlangen, München 1911, S. 24; die
Anmerkungen der Herausgeber in: Karl Korsch: Briefe 1908-1939, Gesamtausgabe, Bd. 8., hg. v. Michael
Buckmiller u.a., Amsterdam 2001, S. 122, 182; Schmuel Hugo Bergman an Escha Bergman, 21. August 1953, in:
Schmuel Hugo Bergman: Tagebücher und Briefe, Bd. 2, hg. v. Miriam Sambursky, Königstein 1985, S. 149.
Zahlreiche Briefe und Dokumente sind im Archiv der Anthroposophischen Gesellschaft am Goetheanum,
Dornach, erhalten.
3
Lebensdaten nach Sophie Fetthauer: Anna Büchenbacher, LexM,
http://www.lexm.unihamburg.de/object/lexm_lexmperson_00001684 (Abruf am 21.12.2013).
4
Ein Teilabdruck findet sich in Info3 4/1999.
Nichtsdestominder enthalten die „Erinnerungen“ – neben allerlei obskuren esoterischen
Spekulationen über „okkulte Logen“ und dämonische Mächte auf der Hinterbühne des
Weltgeschehens – interessante Hinweise und Beobachtungen, auch für die historische Forschung zur
Anthroposophie.
Büchenbachers merkwürdige Agenda, das Erinnerte zwar zu fixieren, aber geheim zu halten, ist
aufgegangen. Erst zwei Jahrzehnte später wurde angesichts Steiner-begeisterter Alt- und Neonazis
wie Werner Georg Haverbeck die Frage nach dem Verhalten von Anthroposophen in der Zeit der
nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gestellt.5 Seitdem ist viel Schund zum Thema erschienen,
aber auch einige außerordentlich sorgfältige Studien – ich nenne nur die Forschungen von Arfst
Wagner, Uwe Werner, Peter Selg, Karen Priestman, Ida Oberman und Peter Staudenmaier.6 Für die
hier untersuchten Vorgänge bleibt allerdings die Studie von Werner die zentrale Referenz. In der
bisherigen Debatte hat man sich aber vor allem um einzelne Praxisfelder gestritten: Zurecht, da um
nur ein Beispiel zu nennen, die biodynamische Landwirtschaft unter Rudolf Hess, Richard Walter
Darré (und vielen anderen hochrangigen Nazis) zur wohl erfolgreichsten „alternativen“
Anbaumethode des „Dritten Reichs“ aufstieg – und die Bemühungen einiger Nazis um eine erklärt
biologisch-germanische Landwirtschaft in engster geistiger und räumlicher Nähe zur „Eroberung“
neuen „Lebensraums“ im Osten und zum Massenmord in den Konzentrationslagern standen.7
Dagegen sind fast alle der führenden Anthroposophen jener Jahre noch unerforscht, von einzelnen
Zweigen ganz zu schweigen. Und vor allem ersteren widmen sich die „Erinnerungen“ Büchenbachers.
1934 trat dieser nämlich vom deutschen Vorstandsvorsitz zurück – laut „Erinnerungen“ auf den
Druck von Guenther Wachsmuths Mitarbeiter Paul Eugen Schiller.
5
Vgl. Ansgar Martins: Rassismus und Geschichtsmetaphysik. Esoterischer Darwinismus und
Freiheitsphilosophie bei Rudolf Steiner, Frankfurt a.M. 2012, S. 12f.
6
Vgl. Arfst Wagner: Anthroposophen und Nationalsozialismus. Probleme der Vergangenheit und der
Gegenwart, in: Flensburger Hefte, 3/1991; Wagner: Dokumente und Briefe zur Geschichte der
anthroposophischen Bewegung und Gesellschaft in der Zeit des Nationalsozialismus, 5 Bde., Rendsburg 1991ff.;
Werner: Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus, München 1999; Werner: Rudolf Steiner zu
Individuum und Rasse, Dornach 2011, S. 83-139; Peter Selg: Geistiger Widerstand und Überwindung. Ita
Wegman 1933-1935, Dornach 2005; Karen Priestman: Illusion of Coexistence. The Waldorf Schools in the Third
Reich, 1933-1941, Diss., Wilfried Lauer University 2009; Ida Oberman: The Waldorf Movement in Education
from European cradle to American crucible, 1919-2008, Lewiston/Queenston 2008, S. 72-171; Peter
Staudenmaier: Between Occultism and Fascism: Anthroposophy and the politics of Race and Nation in Germany
and Italy, 1900-1945, Diss., Cornell University 2010; Staudenmaier: Anthroposophy in Fascist Italy, in:
Versluis/Irwin/ Phillips (Hg.): Esotericism, Religion, and Politics, Lansing 2012, S. 83-106; Staudenmaier: Der
deutsche Geist am Scheideweg. Anthroposophen in Auseinandersetzung mit völkischer Bewegung und
Nationalsozialismus, in: Uwe Puschner/Clemens Vollnhals (Hg.): Die völkisch-religiöse Bewegung im
Nationalsozialismus. Eine Beziehungs- und Konfliktgeschichte, Göttingen 2012.
7
Vgl. zur Debatte vor allem die eben angeführten Publikationen von Wagner, Werner und Staudenmaier und
darüber hinaus nur exemplarisch Janet Biehl/Peter Staudenmaier: Ecofascism Revisited. Lessons From The
German Experience, Porsgrunn (Norway) 2011, S. 89-132; Christoph Kopke: Kompost und Konzentrationslager.
Alwin Seifert und die „Plantage“ im KZ Dachau, in: Arnett Schulze/Thorsten Schäfer: Zur Re-Biologisierung der
Gesellschaft. Menschenfeindliche Konstruktionen im Ökologischen und im Sozialen, Aschaffenburg 2012, S.
185-207; Anna Bramwell: Blood and Soil. Richard Walther Darré and Hitler’s “Green Party”, Bourne End 1985;
Bramwell: Ecology in the 20th Century. A History, New Haven 1989, S. 195-208, dazu kritisch Piers Stephens:
Blood, Not Soil: Anna Bramwell and the Myth of ‚Hitler’s Green Party’, in: Organization & Environment 14/
2001, S. 173-87; Gesine Gerhard: Richard Walther Darré. Naturschützer oder „Rassenzüchter“?, in: Joachim
Radkau/ Frank Uekötter (Hg.): Naturschutz und Nationalsozialismus, Frankfurt a.M. 2003, S. 257-271; Christian
Jacobeit/ Wolfgang Kopke: Die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise im KZ. Die Güter der Deutschen
Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung des SS von 1939 bis 1945, Berlin 1999.
„Aber“, sagte ich zu Schiller, „der Dornacher Vorstand ist mein Chef, und wenn Sie jetzt den Austritt
wünschen, so trete ich aus, aber die Verantwortung hat jetzt natürlich der Dornacher Vorstand.“
Schiller: „Das können Sie nicht sagen; Sie treten selbstverständlich ganz freiwillig aus.“ Ich: „Das ist
natürlich eine Phrase, aber wenn Sie jetzt weiterfahren nach München ins Braune Haus, können Sie
melden, dass ich ausgetreten bin.“
Den 1923/24 von Rudolf Steiner eingesetzten Vorstand der „Allgemeinen Anthroposophischen
Gesellschaft“, bestehend aus Albert Steffen, Marie Steiner-von Sivers und Guenther Wachsmuth8
beschuldigt Büchenbacher, dem Nationalsozialismus nicht nur anbiedernd, sondern sympathisierend
gegenüberzustehen. Man merkt am Ton durchaus, wie tief Büchenbacher verletzt war9, vor allem
auch, weil die Dornacher Führungsebene die Anthroposophische Gesellschaft allzu bereitwillig von
jüdischen Mitgliedern ‚bereinigte‘.10
2. Marie Steiner-von Sivers, Guenther Wachsmuth und der „Judenstall“ am Goetheanum
Das lässt sich an Büchenbacher selbst demonstrieren. Bereits Anfang März 1933 hatte Rudolf
Steiners Witwe und Nachlassverwalterin Marie Steiner-von Sivers vertraulich der schwedischen
Generalsekretärin Anna Gunnarsson Waager mitgeteilt, man müsse Büchenbacher, der als Jude der
deutschen Anthroposophie schade, so bald wie möglich und am besten nach Schweden (dem
Herkunftsland seiner Frau Lilian) umquartieren. „Ohne Opfer“, so Steiner-von Sivers, die in dem Brief
kein kritisches Wort zum Nationalsozialismus verlor, „geht es ja nicht.“11 Nun war Hans über Lilian
Büchenbacher persönlich mit Gunnarsson befreundet, demonstrativ emigrierte er (1936) nach
Dornach, obwohl er nach dem Bericht der „Erinnerungen“ auch und gerade dort von
Anthroposophen antisemitisch angefeindet worden sei. Monatelang hielt er sich bis 1939 jedes Jahr
in Skandinavien und der Tschechoslowakei auf.
Nach dem Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft am 1. November 1935 schrieb der Dornacher
Vorstand an Hitler, der mit „ew. Exzellenz“ angesprochen wurde, man habe „zu irgendwelchen
freimaurerischen, jüdischen, pazifistischen Kreisen irgendwelche Beziehungen oder auch nur
Berührungspunkte nicht gehabt.“12 Dies entsprach freilich der historischen Realität in keiner Weise,
allerdings waren Wachsmuth und Steiner-von Sivers bemüht, das für die Gegenwart zu ändern.
Letztere brach etwa den Kontakt zu Büchenbacher (und ihrem langjährigen Mitarbeiter Adolf
Arenson) strikt ab.13 Wachsmuth insistierte auch wiederholt in Briefen, mit Juden habe die
Anthroposophische Gesellschaft überhaupt nichts zu schaffen, gegenteilige Behauptungen seien
8
Elisabeth Vreede und Ita Wegman waren zu diesem Zeitpunkt faktisch bereits außen vor.
Vgl. Helmut Zander: Anthroposophie und Nationalsozialismus. Zwei neuere Veröffentlichungen, in: Neue
Zürcher Zeitung, 22. Juli 1999.
10
Die von Zander (Anthroposophie in Deutschland, Göttingen 2007, S. 375) und Staudenmaier (Between
Occultism and Fascism, S. 182) aufgestellte Behauptung, es habe kaum jüdische Mitglieder der
Anthroposophischen Gesellschaft gegeben, kommt m.E. einer Verdrängung gleich.
11
Marie Steiner an Anna Gunnarsson, 4. März 1933, Rudolf Steiner Archiv, Dornach.
12
Brief des Vorstands der Anthroposophischen Gesellschaft (unterzeichnet von Steffen, Steiner-von Sivers und
Wachsmuth) an Adolf Hitler, in: Wagner: Band 1, S. 42ff.
13
Als Marie Steiner-von Sivers 1943 das für die Anthroposophie turbulente Jahr 1923 schilderte, kam der
eigentlich rastlos aktive Büchenbacher darin nur am Rande als „ein Vertreter der Jugendbewegung“ vor. Vgl.
Marie Steiner-von Sivers: Ein Rückblick auf das Jahr 1923 und die ihm vorausgegangenen Ereignisse (1943), in:
Steiner: Das Schicksalsjahr 1923, GA 259, S. 34. Erst Ende 1948 ist es wieder zu engerem Kontakt zwischen
beiden gekommen – der selbstbewusste Büchenbacher war (wieso auch immer) der Meinung, er könne die
inzwischen (durch Roman Boos) aufgekommenen Konflikte zwischen Steiner-von Sivers und Albert Steffen
schlichten.
9
„absurd“.14 Als der ehemalige dänische Vorsitzende Johannes Hohlenberg den Nationalsozialismus in
seiner Zeitschrift „Vidar“ wiederholt kritisierte, entzogen sie ihm die Unterstützung und die Erlaubnis,
Vorträge Rudolf Steiners abzudrucken.15 Allerdings haben und hätten beide wohl niemals die volle
Schärfe des nationalsozialistischen Erlösungsantisemitismus bejaht oder in diese Richtung agitiert.
Steiner-von Sivers sollte etwa der Familie Arthur Spechts, dessen Hauslehrer Steiner Anfang der
1880er gewesen war, zur Flucht aus Deutschland helfen.16 Wachsmuth derweil wollte, so zitiert ihn
jedenfalls Büchenbacher, „keinen Judenstall“ am Goetheanum haben.
Er hatte am 6. Juni 1933 in einem Interview mit der dänischen Zeitung Ekstrabladet mitgeteilt, „dass
wir mit Sympathie auf das schauen, was z.Zt. in Deutschland geschieht … die tapfere und mutige
Weise wie die Führer des neuen Deutschlands sich der Probleme bemächtigen, kann, meiner
Meinung nach, nur Bewunderung erzwingen. Es wird sicher etwas Gutes dadurch entstehen…“17
Nach Dornach zurückgekehrt, schrieb Wachsmuth im Juni 1933 im anthroposophischen
„Nachrichtenblatt“: „Es ist gut, dass unter den Mitgliedern nicht jene Elemente überwiegen, die …
den komplizierten Ereignissen der Gegenwart nur lehrhaft nörgelnd und jammernd gegenüberstehen
können … Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und Ihr könnt sagen Ihr
seid dabei gewesen. Es ist ermutigend, dass diejenigen, die ‚dabei‘ sein wollen, auch in unseren
Reihen überwiegen.“18
Zu diesem Zeitpunkt war der nationalsozialistische Kampf gegen politische Gegner bereits weit
fortgeschritten. Auch hatten alte Steinergegner wie Erich Ludendorff und Gregor SchwartzBostunitsch versucht, die Anthroposophie als undeutsch und jüdisch zu denunzieren. Marie Steinervon Sivers gab die Beleidigung als „jüdisch“ an die die Ludendorffs zurück und beschimpfte sie als
„Anhänger des alten Jahwe-Prinzips“. 19 Sie sah in den „Schmähschriften“ „etwas unwiderruflich
Beweisendes … für sein [Steiners] Höher-Stehen als andere Menschen.“ Sie vermutete hinter den
rechten Angriffen auf Steiner Lügen, „die zuerst von der jüdischen Linkspresse“ in die Welt gesetzt
und von dämonischen Mächten inspiriert worden seien.20
14
Vgl. für eine besonders scharfe Abgrenzung Guenther Wachsmuth an Hanns Rascher, 18. Juni 1934, Archiv
am Goetheanum (A 01.001.013).
15
Vgl. Marie Steiner an Johannes Hohlenberg, 24. April 1933, Rudolf Steiner Archiv, Dornach; Marie Steiner an
Johannes Hohlenberg, 29. April 1936, Rudolf Steiner Archiv, Dornach; vgl. Johannes Kiersch: Steiners
individualisierte Esoterik einst und jetzt, Dornach 2012, S. 180; Werner: Anthroposophen in der Zeit des
Nationalsozialismus, S. 37.
16
Arthur Specht an Marie Steiner-von Sivers, 29. Juli 1939, in: Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe,
112/113, Dornach 1994, S. 96; Marie Steiner an Herrn Spaini, 30. Januar 1940, ebd., S. 98.
17
D. Rank: Anthroposophen und Nazi Arm in Arm, Ekstrabladet, Kopenhagen, 6.6.1933, in: Arfst Wagner (Hg.):
Dokumente und Briefe, Bd. 1, Rendsburg 1991, S. 40f.
18
18
Guenther Wachsmuth, in: Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht, 26/1933, S. 102f. …“ In
einem Brief an Alfred Reebstein präzisierte er: „Es ist doch auch für die Mitglieder wichtig und schön zu wissen,
dass man uns von dieser [der nationalsozialistischen, AM] Seite so freundlich entgegengekommen ist, und es ist
ja auch wesentlich, sich klarzumachen, dass wir früher von anderen offiziellen Seiten keinerlei
Entgegenkommen und Interesse gefunden haben, während man uns heute dankenswerter Weise
entgegenkommt.“, zit n. Werner: Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus, S. 37.
19
Marie Steiner-von Sivers: Der Kampf um Christus. Einleitende Worte, in: Rudolf Steiner, Der Christus-Impuls
und die Entwickelung des Ich-Bewußtseins, Dornach 1933, S. VI. Das Vorwort fehlt in der heutigen Ausgabe. Im
Hintergrund steht Steiners Annahme: „Und innerhalb dieser Kriegskatastrophe [1914-18] sind die Völker alle
zurückgefallen in die Jahve-Religion. Nur sind so und so viele Jahves dagewesen. Jedes Volk hat einen Gott
verehrt, der eigentlich ganz im Charakter des Jahve gehalten war." Steiner, Vortrag vom 13. März 1921, in:
ders.: Die Verantwortung des Menschen für die Weltentwickelung, Dornach 1989, S. 269.
20
Marie Steiner an Dr. Friedrich Doldinger, 27. Juni 1933, Rudolf Steiner Archiv, Dornach.
3. Albert Steffen, Roman Boos und der „Menschheitsimpuls“ des „deutschen Geistes“
Albert Steffen, 1. Vorsitzender der „Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft“ in Dornach,
erkannte dagegen, aus welcher Ecke die Verleumdungen tatsächlich kamen. Auf hunderten von
Tagebuchseiten hat er mit Entsetzen Hitler und die nationalsozialistische Gewaltherrschaft
kommentiert und als widermenschlich und antichristlich bezeichnet.21 Dabei prangerte er den
Antisemitismus und die Euthanasie an – er heiratete in dieser Zeit die Witwe eines verstorbenen
(jüdischen) Freundes, Stanislaus Stückgold, wodurch deren Tochter Felicitas – halb gelähmt und
epileptisch – einen Schweizer Pass erhielt. Er selbst sah dies auch als Protest gegen Euthanasie und
Antisemitismus. Anfangs hatte Steffen von einer „Gegenrevolution“ geschrieben, die bald wieder
abflauen werde, noch 1933 deutete er den Aufstieg der Nazis als Sieg des Bösen mit gewalttätigen, ja
apokalyptischen Aussichten: „Satan stärker als Michael? Der gefallene Archon stärker als der
Erzengel, der treu blieb? Wenn Michael unterliegt, dann muss Christus selber gegen den Antichrist
kämpfen.“ Er führte im selben Jahr sein Drama „Der Sturz des Antichrist“ – es geht tasächlich um
einen satanischen Diktator – zum ersten Mal auf. Der Komponist Viktor Ullmann, einer der engsten
Freunde Büchenbachers übrigens, hat das Stück vertont und später im Konzentrationslager
Theresienstadt zur Oper „Der Kaiser von Atlantis“ fortgeschrieben.22 Zur Uraufführung des
„Antichrist“ schrieb Steffen am 30. April in sein Tagebuch, der „Menschheitsimpuls“ des „deutschen
Geistes“ sei damit am Goetheanum präsent, „während sich in Deutschland das Gegenteil zeigte. Es
ist ein Sieg errungen. Aber unsere Leute haben ihn verschlafen.“ 1944 stimmte er Nietzsche zu, der
„alle Antisemiten erschießen wollte“.
Steffens Bedenken blieben jedoch auf den Tagebuchseiten. Er ließ nichts davon in die
Stellungnahmen des Dornacher Vorstands gegenüber nationalsozialistischen Behörden einfließen,
die immer den „arischen“ Steiner betonten, der im Geiste Goethes gegen Sozialismus und
„undeutsche“ Theosophie aufgetreten sei und niemals etwas mit Juden zu tun gehabt habe. Dies
zeigt m.E. auch, dass Steffens Ablehnung der Nazis nicht bedeutete, dass er von deutschnationalen
und antijüdischen Positionen frei war – beides findet sich im Gegenteil auch in seinen Tagebüchern.
Die Weltanschauungspolitik des Vorstands gegenüber dem Nationalsozialismus solltejedoch nicht
der Hitler klar ablehnende Vorstandsvoritzende der „Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft“
bestimmen.
Indessen hatte sich nämlich der Leiter der „Sozialwissenschaftlichen Arbeitsgruppe am
Goetheanum“, Roman Boos, eingeschaltet.23 Der gehörte zu den wichtigsten Pionieren der
Dreigliederungsbewegung und der Schweizer Anthroposophie, war zeitweiliger persönlicher
Assistent Steiners, ein enthusiastischer Gegner Ita Wegmans und enger Vertrauter Marie Steiners.
Schon bei seinem Lehrer Otto von Gierke hatte Boos eine völkische Entgegensetzung von
21
Vgl. Hinweise und Studien zum Lebenswerk von Albert Steffen, hg. v. d. Albert-Steffen-Stiftung, Dornach,
4/1988, 8-9/1990, 18-19/2003 – darin sind jedenfalls ausführliche Auszüge der Tagebücher veröffentlicht.
Detaillierte Belege in der angekündigten Publikation, vgl. Fußnote 1.
22
Vgl. Jan Dontal: Stoffverwandtschaften in den Opern „Der Kaiser von Atlantis“ und „Der Sturz des Antichrist“,
in: Hans-Günter Klein (Hg.): „…Es wird der Tod zum Dichter“. Die Referate des Kolloquiums zur Oper „Der Kaiser
von Atlantis“ von Viktor Ullmann in Berlin am 4./5. November 1995, Hamburg 1997, S. 29-37.
23
Vgl zur Person Andreas Dollfus: Roman Boos, in: Bodo von Plato (Hg.): Anthroposophie im 20. Jahrhundert.
Ein Kulturimpuls in biografi schen Porträts, Dornach 2003, S. 104f.; Dollfus: Wer war Roman Boos? Eine
biographische Notiz, in: Roman Boos: Reichsgeist und Schweizer Geist, S. 58ff.; Erdmuth Johannes Grosse: Das
Rätsel des Urvorstandes. Blicke auf die Konflikte nach Rudolf Steiners Tod. Eine karmisch-psychologische
Betrachtung, Dornach 2007, S. 255-300. Diese Publikationen zeichnen sich aber insgesamt durch eine
Vernachlässigung von Boos‘ Rolle in der Nazizeit aus.
germanischer „Rechtlichkeit“ und abstrakt-dekadentem römischem Recht kennengelernt. 1927 hatte
er mit Blick auf Mussolinis Italien „Toleranz dem Fascismus“ gefordert, der dem wahren Willen des
italienischen Volkes entspreche.24 1933 erkannte er im Nationalsozialismus die „Neugeburt des
deutschen Rechts“ wieder. Er schlug Marie Steiner-von Sivers ein Buchprojekt vor, in dem Texte
Steiners zum Thema „Deutschtum“ publiziert würden – um endlich „das Lebenswerk Rudolf Steiners
mit einem großen Ruck in den Brennpunkt des Zeitschicksals zu stellen.“ Er bot das Manuskript, das
den Titel „Rudolf Steiner während des Weltkriegs“ bekam, dem deutschen Verlag Duncker &
Humblot an. Guenther Wachsmuth, der das Projekt gemeinsam mit Boos, Steiner-von Sivers, Otto
Lerchenfeld und Carlo Septimus Picht offiziell betreute (auch Steffen wurde einbezogen), wandte sich
an den Felix Meiner-Verlag, allerdings erfolglos. 25
Steiners Werk war für Boos vor allem eines: deutsch. Es gehöre „gerade der unmittelbaren
Gegenwart – der Gegenwart von 1933. Ein gewaltiger Ruck durchschüttert sie.“ Die Weltherrschaft
des kalten „homo oeconomicus“ müsse weggefegt werden: „Aus Blut und Leben lehnt man sich
gegen den ökonomischen ‚Geist‘ auf. In seiner liberalistisch-kapitalistischen und in seiner marxistischkommunistischen Gestalt schlägt man ihn nieder“, hieß es im Vorwort zu „Rudolf Steiner während
des Weltkriegs“.26 Das Buch erschien im September. Boos‘ Einfluss auf den Vorstand war 1933 und
1934 (1935 zog er sich in einem manisch-depressiven Schub zurück) enorm, er hat etwa das gesamte
Tagungsprogramm der Anthroposophischen Gesellschaft geprägt, die Veranstaltungen teils bis ins
Detail konzipiert – was eine Reihe von Anthroposophen aber auch störte. Boos sah sich selbst, wie er
zumindest dem Dornacher Vorstand gegenüber versicherte, keineswegs als Nazi, sondern wollte
freien Dialog unter „aufrichtigen“ Deutschen fördern und führen.27 In dieser Mission war er 1933/34
unermüdlich auf Vortragsreisen durch die anthroposophischen Zweige ganz Deutschlands gereist, um
ebendas zu verkünden und die Verleumdungen durch nationalsozialistische Anthroposophie- und
Esoterikgegner zu bekämpfen. Ironischerweise lenkte er damit wohl auch die Aufmerksamkeit
nationalsozialistischer Okkultismusgegner auf sich (beispielsweise Walter Buchs, Leiter des obersten
Parteigerichts28) und trug so indirekt zum Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft 1935 bei.
Andererseits brachte er es auch zu positiver Resonanz durch den „Völkischen Beobachter“.29
4. Die Ablehnung des Nationalsozialismus durch die deutsche Anthroposophische
Gesellschaft 1933
Büchenbacher hat davon nichts geschrieben und war zwar über das Buch-Projekt, nicht aber über die
Details informiert. Er schreibt jedoch, als er im Herbst 1933 von einer Skandinavienreise
zurückgekehrt sei, hätten ihn seine deutschen Vorstandskollegen informiert, „dass Dr. Wachsmuth
und Frau Dr. Steiner ganz pronazistisch seien“, während Steffen „aus Protest“ in Paris weile. Nach
Büchenbachers „Erinnerungen“ lehnte der Vorstand der deutschen Anthroposophischen Gesellschaft
24
Vgl. Roman Boos: Toleranz dem Fascismus, in: Ders. (Hg.): Phänomene und Symptome, 9/1927, S. 1
Roman Boos an Marie Steiner, 26. März 1933, Rudolf Steiner Archiv, Dornach.
26
Roman Boos: Rudolf Steiner während des Weltkriegs. Beiträge Rudolf Steiners zur Bewältigung der Aufgaben
die durch den Krieg der Welt gestellt wurden, Dornach 1933, S. III f.
27
Roman Boos: Memorandum betreffend die geplante Veranstaltung in Berlin, Münchenstein, 8. Juli 1933,
gesendet an den Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft [Steffen, Wachsmuth, Steinervon Sivers], Archiv am Goetheanum (A 01.001.013).
28
Vgl. Walter Buch an den SS-Sicherheitsdienst München, 18. Januar 1934, zit. n. Werner: Anthroposophen in
der Zeit des Nationalsozialismus, S. 52.
29
Vgl. Die Marneschlacht – ein Freimaurer-Verrat?, in: Völkischer Beobachter, 25. Januar 1934; Deutsche
Rechtlichkeit. Ein Vortrag im Goethe-Saal, in: Völkischer Beobachter, 24. Januar 1934.
25
den Nationalsozialismus Anfang 1933 dezidiert ab, „aber diese Haltung änderte sich mit der Zeit
mehr und mehr.“ Im Herbst 1933 reiste jedenfalls eine Delegation des deutschen Vorstands,
bestehend aus Büchenbacher, Martin Münch und Moritz Bartsch nach Dornach, wo sie sich mit
Wachsmuth und Steiner-von Sivers traf. Büchenbacher trug, so formuliert er es rückblickend, vor,
„dass der deutsche Vorstand keine unanthroposophischen Kompromisse mit den Nazi
machen, sondern, wie damals manche verantwortungsvollen Vereinigungen getan hatten, die
Gesellschaft freiwillig schliessen würde. Dr. Wachsmuth explodierte: „Das ist ja reizend, Herr
Dr. Büchenbacher. Dann werden wir also gnädigst hören im Vorstand hier, dass Herr Dr.
Büchenbacher die Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland geschlossen hat.“
Büchenbachers zynisches Lächeln über die Begeisterung der Dornacher für Boos kommentierte
Steiner-von Sivers nach dessen Zeugnis einmal mehr antisemitisch: „Das sind die Wogen des Blutes“.
Weder Wachsmuth noch Steiner-von Sivers konnten am Nationalsozialismus, jedenfalls zu diesem
Zeitpunkt, viel Verwerfliches finden. Boos hatte immerhin auch teilweise Tag für Tag an beide
geschrieben, wie großartig Steiner zur sog. „deutschen Erneuerung“ passe, ja sie erst inkubiere.
Die Delegation reiste ab und versuchte ihr Glück in einem Brief an den offenbar schon als nazikritisch
bekannten Albert Steffen, der zum Zeitpunkt der Besprechung tatsächlich in Paris gewesen war, aber
um den Nachlass seines verstorbenen (jüdischen) Freundes Stanislas Stückgold aufzulösen. Im
Schreiben liest man:
„Seitens des ‚NSDAP Kampfbund für deutsche Kultur‘ sind für alle Vereine rein schematische
Gleichschaltungsbestimmungen ergangen. Obwohl bisher nur in drei kleineren Orten in diesem Sinne
an unsere Zweige herangetreten worden ist, müssen wir uns darüber klar sein, dass nun eine
grundsätzliche Regelung des Modus vivendi unserer Gesellschaft in Deutschland notwendig wird.
Zwei Punkte, die hierbei in Frage kommen können, sind nach unserer Ansicht unannehmbar, weil
dadurch die von Herrn Dr. Steiner gegebenen Prinzipien verletzt werden: 1. Dass jeder Zweig einen
Nationalsozialisten als Vorsitzenden bekommen müsste, 2. Die Anwendung des Arier-Paragraphen
auf die Mitgliedschaft.“ Beides sei abzulehnen, wahrscheinlich auch im Vertrauen auf ein Herzstück
der Steinerschen „Dreigliederung“, deren Ontologie des „Sozialen Organismus“ die wesenhafte
Trennung von Staat („Rechtsleben“) und „freiem Geistesleben“ vorsah. Doch hoffte der Vorstand
(aus welchen Gründen auch immer), dass dies den Anthroposophen leichthin zugestanden werde:
„Wir sind der Überzeugung, dass wir am besten weiter kommen werden, wenn die
Anthroposophische Sache überall ganz rein und kompromisslos vertreten wird.“ Schlimmstenfalls,
spekulierten die vier Autoren, werde ein nationalsozialistischer Vertreter die Arbeit der
Anthroposophischen Gesellschaft überwachen: Das solle dann ein gewisser Hanns Rascher machen.30
Der deutsche Vorstand war offensichtlich außerordentlich optimistisch – er unterschätzte in fataler
Weise, wie ernst den Nazis ihre Anliegen waren und wie total letztere sich durchsetzen würden.
Ähnliches ließe sich von Wachsmuth sagen. Viel realistischer schätzte Roman Boos die Gefahren ein,
der deshalb gezielt gegen nationalsozialistische Steinergegner arbeitete, auch in Zusammenarbeit mit
dem gerade erwähnten Hanns Rascher.
30
Hans Büchenbacher, Martin Münch, Hermann Poppelbaum und Ernst Stegemann an Albert Steffen
(Durchschlag, undatiert), Archiv am Goetheanum, Dornach (A 01.001.013).
5. Hanns Raschers Zugriff
Der Münchener Rascher (1880-1952), Vater des Himmler-Günstlings und sadistischen Dachauer KZArztes Sigmund Rascher, war einer der bekannteren anthroposophischen Mediziner und seit 1917
Büchenbachers behandelnder Arzt. Er war Homöpath, Spiritist, Theosoph, schließlich Anthroposoph
und stand in herzlichem Kontakt zu dem völkischen Esoteriker Rudolf Glauer, der sich selbst zum
„Freiherrn von Sebottendorf“ geadelt hatte – was ich erwähne, weil über Rascher auch
Büchenbacher Glauers krude Phantasieprodukte über vermeintliche okkulte Geheimgesellschaften
kennengelernt hat, denen er noch 1970 vollen Glauben schenkte.31 1928 wurde Rascher auf die
NSDAP aufmerksam, die er als „Erneuerungsbewegung mit Tolaritätsanspruch“ begrüßte. 1931
wurde er Parteimitglied, ab 1932 arbeitete er für den SD, sein Vorgesetzter war ein SSHauptsturmbannführer Hauschild.32 Rascher bekannte später, dass er Steiners „Geisteswissenschaft
… eine tiefgehende Ablehnung des Marxismus und der liberalistischen Parteien verdanke“, während
er „ein tiefes Verständnis für das Germanentum und insbesondere für die Mission Deutschlands
bekam.“ Er sei daher so sehr Anthroposoph wie Nationalsozialist.33 „Er stellte sich vor, wie auch
andere später noch zu erwähnende Mitglieder, dass der Nationalsozialismus ganz Wunderbares für
Deutschland leisten würde, wenn er eben noch aus der Anthroposophie Einiges aufnehmen würde,
und dass eine sehr gute Zusammenarbeit möglich wäre. Ich bezweifelte das“, schreibt Büchenbacher.
Auch Hanns‘ Bruder Fritz Rascher gehörte als Mitglied des (20 Mitglieder umfassenden) AristotelesZweigs in Hamburg zu denen, die 1933 als erste eine von „Nicht-Ariern“ gereinigte, nazitreue
Anthroposophische Gesellschaft forderten – erfolglos übrigens, auch hier hielt der deutsche Vorstand
seine anfangs strikt naziskeptische Position durch.34 Nichtsdestominder wandten sich sowohl der
deutsche als auch der Goetheanum-Vorstand nach Hitlers Wahlsieg umgehend Rascher zu, der über
und in Zusammenarbeit mit seinem SS-Vorgesetzten Hauschild versuchte, der Anthroposophie im
Nazistaat sicheren Halt zu verschaffen.
Rascher stand, wohl nicht zufällig, in engstem Austausch mit Roman Boos und schließlich auch mit
den Dornachern. Er war auch intensiv in die Vorarbeiten zu „Rudolf Steiner während des Weltkriegs“
involviert.35 Hauschild lud auf seine Veranlassung nicht nur Büchenbacher ein (mit einer
ausführlichen retrospektiven Schilderung des Treffens beginnen die „Erinnerungen“), er besuchte als
Zuständiger in der Münchener Zentrale der NSDAP auf Raschers Vermittlung den Dornacher
Vorstand, der daraufhin – Steffen eingeschlossen – eine ausführliche Stellungnahme und
deutschtümelnde Selbstapologie gegenüber dem Nationalsozialismus verfasste. 36 1934 starb
31
Freilich unterscheiden sich Sebottendorf und Büchenbacher in zentraler Hinsicht: Sebottendorf versuchte,
die von ihm gegründete „Thulegesellschaft“ zur bedeutenden Vorinstitution des Nationalsozialismus zu
erklären, Büchenbacher hielt beide dagegen für schwarzmagische, dem Bösen gewidmete Phänomene, vgl. zu
diesen und ähnlichen Verschwörungstheorien kritisch Nicholas Goodrick-Clarke: Im Schatten der Schwarzen
Sonne. Arische Kulte, Esoterischer Nationalsozialismus und die Politik der Abgrenzung, Wiesbaden 2009, S. 220271, weit früher als die historische Esoterikforschung hat übrigens der Anthroposoph Christoph Lindenberg
Sebottendorfs Behauptungen vernichtend kritisiert, vgl Lindenberg: Die Technik des Bösen. Zur Vorgeschichte
und Geschichte des Nationalsozialismus, Stuttgart 1987, S. 15-24.
32
Vgl. Werner: Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus, S. 32.
33
Hanns Rascher an den Beauftragten des Führers für die geistige und weltanschauliche Erziehung der NSDAP,
28. April 1935, Faksimile in: Arfst Wagner: Dokumente und Briefe zur Geschichte der anthroposophischen
Bewegung und Gesellschaft in der Zeit des Nationalsozialismus, Bd. III, Rendsburg 1991, S. 103f.
34
Vgl. Werner: Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus, S. 29.
35
Vgl. etwa Roman Boos an Hanns Rascher, 5. Juli 1933, Rudolf Steiner Archiv, Dornach.
36
Vgl. den Abdruck bei Werner: Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus, S. 367ff.
Hauschild nach einem Autounfall, was für den Erhalt der Anthroposophie mutmaßlich fatal war. Am
vielleicht intensivsten (obwohl von näherer inhaltlicher Auseinandersetzung keine Rede sein kann)
beschäftigte sich nun Reinhard Heydrich mit der Anthroposophischen Gesellschaft, der sie für ein
großes, volksschädliches Übel, „orientalische Zersetzung“, jüdisch, pazifistisch und
internationalistisch hielt und ihr Verbot vorantrieb und besiegelte.37 Gegen die
Anthroposophiegegner in der Nazielite war Rascher machtlos.
Unterdessen setzten sich die nationalsozialistischen Förderer einiger anthroposophischer Teilgebiete
eben kaum für die „Anthroposophische Gesellschaft“, sondern in erster Linie für die Praxisfelder
Medizin und Landwirtschaft, in geringerem Maße auch die Waldorfpädagogik ein. Selbst die
Anthroposophen, die im Nationalsozialismus Karriere machten, wie Georg Halbe (Unternehmer des
„Blut und Boden-Verlags“) und Hans Merkel („Führer beim Stab des Rasse- und
Siedlungshauptamts“), arbeiteten unter der schützenden Hand von Hess und Darré vor allem als
Protegées der biodynamischen Landwirtschaft. 38 Die Anthroposophische Gesellschaft selbst galt als
„gegnerische Organisation“, sich für sie einzusetzen war durchaus riskant.39 Zu ihren dezidierten
Gegnern gehörten Heydrich, Bormann, Goebbels oder Rosenberg. Hitler hatte die Anthroposophie
bereits 1921 zu den „jüdischen Methoden zur Zerstörung der normalen Geistesverfassung der
Völker“ gezählt.40 So wenig man die Kooperationen von Nationalsozialisten und Anthroposophen
marginalisieren sollte, so wenig darf man die langjährige und agitatorische Feindschaft rechter
Gruppen und Ideologen gegenüber Steiner übersehen.41 Bereits 1922 hatte just Büchenbacher einen
deutschnationalen Anschlag auf Steiner in München verhindern können.42
Aber nicht alle Versuche zur Etablierung der Anthroposophie im Nationalsozialismus waren gänzlich
erfolg- und resonanzlos. Rascher, um bei diesem zentralen Akteur zu bleiben, knüpfte etwa Kontakt
zu Hitlers langjährigem Rechtsanwalt Hans Frank, der zu diesem Zeitpunkt eine zentrale Rolle für die
„Gleichschaltung“ spielte und im Zweiten Weltkrieg als Generalgouverneur Polens schnell makabere
Beinamen wie „Schlächter von Polen“ oder „Judenschlächter von Krakau“ erhielt.43 Auf Raschers
Empfehlung versuchte Boos (als Schweizer im Namen der „gesamtdeutschen
Schicksalsverbundenheit“) den Kontakt zu Frank. Er unterzeichnete „in ausgezeichneter Hochachtung
und im Vertrauen auf die bestehende Freundschaft der vom deutschen Geist Berührten.“ Eine
37
Vgl. Schreiben der Preussischen Geheimen Staatspolizei (gez. Heydrich) – Auflösungsbescheid der
Anthroposophischen Gesellschaft v. 1. November 1935, in: Wagner (Hg.): Dokumente und Briefe, Bd. I, S. 13.
38
Vgl. u.a. zu Georg Halbe, Hans Merkel, Carl Grund und Nicolaus Remer Staudenmaier: Der deutsche Geist am
Scheideweg, S. 479; Biehl/Staudenmaier: Ecofascism revisited, S. 89-125.
39
Vgl. Zander: Anthroposophie in Deutschland, S. 250.
40
Adolf Hitler: Staatsmänner oder Nationalverbrecher? (15. März 1921), in: Ders.: Sämtliche Aufzeichnungen
1905-1924, München 1980, S. 350.
41
Vgl. für zahlreiche Belege die bedauerlicherweise hemmungslos tendenziöse Publikation von Lorenzo Ravagli:
Unter Hammer und Hakenkreuz, Stuttgart 2004, die sich neben einer ganzen Reihe von Nachweisen rechter
Anti-Steiner-Polemiken durch einige interessante Recherchen zu Guido von List auszeichnet. Die ebenso
zahlreichen Schulterschlüsse und konstruktiven Auseinandersetzungen von Völkischen und Anthroposophen
unterschlägt Ravagli mit nur einer einzigen Ausnahme – Karl Heise, dessen völkisch-rassenantisemitische
Pamphlete er zum Gegenteil und für unbedenklich (v)erklärt. So dokumentiert und bestärkt Ravagli (wohl
unfreiwillig) die ungebrochene Salonfähigkeit völkisch-anthroposophischer Synthesen bis ins 21. Jahrhundert.
42
Der deutschnationale Hintergrund der Saalschlacht am 15. Mai 1922 im Hotel „Vier Jahreszeiten“ nach einem
Steiner-Vortrag, ist in der bisherigen Sekundärliteratur eher unterstellt als nachgewiesen worden, lässt sich
aber durch die im Rudolf Steiner Archiv, Dornach, erhaltenen Quellen m.E. schlüssig belegen.
43
Vgl. zur Biographie Dieter Schenk: Hans Frank. Hitlers Kronjurist und Generalgouverneur, Frankfurt am Main
2006.
Abschrift ging an Steffen und Wachsmuth.44 Steffen war schockiert, was wiederum Boos aufbrachte,
der betonte, er handle stets altruistisch.45
Der von Frank gegründeten „Akademie für deutsches Recht“ widmete Boos sein 1934 erschienenes
Buch „Neugeburt des deutschen Rechts“, das er ihm zukommen lies. Frank zeigte sich durchaus
interessiert an Boos, an dem Buch, das einen „wichtigen und lesenswerten Inhalt“ habe46, und an der
Anthroposophie. Er lies seine Kinder in der anthroposophischen Arztpraxis Wilhelm zur Lindens
behandeln47 und intervenierte 1936, als eine Reihe von Anthroposophen, vor allem Alfred
Heidenreich (Christengemeinschaft), Erhard Bartsch (Vorsitzender der biodynamischen Landwirte)
und Elisabeth Klein (Waldorfpädagogin) versuchten, eine Wiederzulassung bzw. Neugründung der
Anthroposophischen Gesellschaft zu erreichen. Frank vermittelte Kontakt zu dem Ministerialrat Lotar
Eickhoff im Innenministerium, der (letzten Endes erfolglos) versuchte, die Zuständigkeit Heydrich und
Himmler zu entziehen.48
Das Lob von Frank sandte Boos an Steffen weiter (mit dem Kommentar: „Jetzt habe ich endlich was
ich suchte“ 49). Steffen hielt Boos für einen Schwätzer. „Der Mann redet nur. Aber er hört nie zu. Und
so alle seine Leute. Alle schwadronieren nur drauf los. Eine organisierte Psychose.“50. Mit Rascher
dagegen stand Steffen auf gutem Fuß.51 Ebenso wie der deutsche Vorstand. Büchenbacher hatte den
mit ihm seit langem befreundeten Mediziner gleich 1933 kontaktiert.
Als er ein Jahr später der Anweisung folgte, sich „freiwillig“ aus dem Vorstand zurückzuziehen,
übernahm Hermann Poppelbaum das Amt des Vorsitzenden. Schon Mitte 1934 konnte Poppelbaum
behaupten, die deutsche anthroposophische Führungsebene sei rein „arischer Abstammung“. Er
beschwor die anthroposophischen „Beziehungen zum völkischen Gedankengut“ und wies auf Karl
Heises verschwörungstheoretisches und antisemitisches Machwerk „Entente-Freimaurerei und der
Weltkrieg“ hin, dessen Ideen, wie er betonte, angeblich von Steiner stammten (der hatte 1918
zumindest einen großen Teil der Druckkosten und ein Vorwort beigesteuert).52 Gegen diesen Kurs
protestierte einmal mehr und einmal mehr erfolglos der ehemalige dänische Vorsitzende und Leiter
der Zeitschrift „Vidar“, Johannes Hohlenberg. Er beschwerte sich bei Steffen über Poppelbaums Kurs,
aber es kam keine Antwort.53
Mit der Neuregelung der Positionen 1934 stieg Rascher zum „dauernden Mitarbeiter“ und
kooptierten Mitglied des deutschen Vorstands auf. 54 Alfred Reebstein, der das Sekretariat der
Gesellschaft in Karlsruhe leitete, wandte sich mehrfach an ihn mit der Bitte um Unterstützung: „wir“
44
Roman Boos an Reichsjustizkommissar Dr. Frank, 21. Juni 1933, Archiv am Goetheanum (A 01.001.013)
Albert Steffen an Roman Boos, 22. Juli 1933, Archiv am Goetheanum (A 01.001.013), Roman Boos an Albert
Steffen, 23. Juli 1933, Archiv am Goetheanum (A 01.001.013).
46
Hans Frank an Roman Boos, 15. Dezember 1933, Archiv am Goetheanum (A 01.001.013).
47
Vgl. Staudenmaier: Between Occultism and Fascism, S. 222f.
48
Vgl. Werner: Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus, S. 147, 185, 214ff.
49
Roman Boos an Albert Steffen, 23. Dezember 1933, Archiv am Goetheanum (A 01.001.013).
50
Albert Steffen, Tagebuchnotiz vom 26. Mai 1934, in: Albert Steffen-Stiftung (Hg.): Hinweise und Studien,
18/19, S. 100.
51
Albert Steffen an Hanns Rascher, 2. Mai 1933, Archiv am Goetheanum, Dornach (A 01.001.013).
52
Hermann Poppelbaum an Heinrich Himmler, 9. Juni 1934, zit. n. Staudenmaier: Between Occultism and
Fascism, S. 194.
53
Vgl. Johannes Kiersch: Steiners individualistierte Esoterik einst und jetzt, S. 180.
54
An die Gruppen und Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft (Durchschlag, undatiert [Anfang 1934]),
Archiv am Goetheanum, Dornach (Nachlass Büchenbacher).
45
seien „ganz auf Ihre Hilfe angewiesen.“55 Rascher gab teilweise bis in die Einzelheiten an, wie
vorzugehen sei – er empfahl etwa im November 1933 die Verteilung von Boos‘ „Rudolf Steiner
während des Weltkriegs“ und teilte Inhalte aus seinen Absprachen mit Edwin Froböse und Steinervon Sivers betreffend die ideenpolitische Präsentation der Eurythmie mit.56 Raschers Tonfall war
keineswegs imperativisch, vielmehr erteilte er Ratschläge („es wäre gut…“), die bereitwillig
übernommen wurden. „Ich werde nach Ihrem Rat handeln“, antwortete Reebstein. Eine führende
Rolle spielte Rascher auch für die Koordination der anthroposophischen Medizin der Naziära. Auch
ein Erhard Bartsch57 oder Friedrich Rittelmeyer58 suchten seine Hilfe, er versuchte sich bei Angriffen
auf die Anthroposophische Gesellschaft immer wieder als Mediator einzuschalten.
6. „Ich finde das unbegreiflich“: Ita Wegmans und Elisabeth Vreedes Protest
Neben Büchenbacher und Hohlenberg hat eine weitere Beobachterin aus der anthroposophischen
Prominenz den Kollaborationskurs der Anthroposophischen Gesellschaft(en) mit dem
Nationalsozialismus realisiert: Ita Wegman. „Die Goetheanumleitung wird sich doch immer mehr und
mehr identisch erklären mit dem Nationalsozialismus … Der Dr. Rascher, der gute Beziehungen hat zu
dieser Richtung, wird jetzt funktionieren als derjenige, der nun in Deutschland die Dinge zu tun hat …
Da geht schon die Richtung der Machthaber in Deutschland und der Leitung hier in der gleichen Linie.
Das sind schwerwiegende Dinge.“59 Ihr dagegen gesetztes Ziel: „eine internationale Organisation
schaffen, um auch geistig gegen dieses Ungeistige der jetzigen nationalistischen Regierung …
entgegenzutreten.“60 Sie hoffte, „dass von England aus, wo der Freiheitsgeist am stärksten ist, noch
etwas entstehen kann, ein Sichwehren. Aber ich glaube, das kann nur geschehen, wenn wir
Anthroposophen uns tüchtig dahintersetzen.“61 Ähnliche Vorstellungen sollte 1937 Steffen hegen. 62
„Das Traurige aber ist doch“, so Wegman, „dass viele Anthroposophen sich durch den Nationalismus
verführen lassen und mitmachen … Ich finde das unbegreiflich. Man sieht daran, wie viele Menschen
in eine Wolke hineingeraten.“63 Wegman und Elisabeth Vreede haben sich nicht nur um die Rettung
von Juden aus Deutschland bemüht.64 Ita Wegmans Orientierung in Richtung der niederländischen
und englischen Anthroposophen ist offensichtlich nicht ganz zuletzt als Abwendung vom nazi-affinen
Kurs in Dornach und sukzessive auch des deutschen Vorstands zu sehen.65 Dass Roman Boos von
Anfang an als entschiedener Gegner Wegmans aufgetreten ist, dürfte für ihren Streit mit Marie
Steiner-von Sivers bei Boos‘ Machtstellung keine unwichtige Rolle bei alledem gespielt haben. Auch
Elisabeth Vreede, die zu den pazifistischen Anthroposophen gehörte, hat Boos verachtet (und
umgekehrt). Vreede schrieb 1935, der Grund ihres Schweigens zu Boos sei der gewesen, dass „es ja
55
Alfred Reebstein an Hanns Rascher, 25. November 1933, Archiv am Goetheanum, Dornach (A 01.001.013).
Hanns Rascher an Alfred Reebstein, 22. November 1933, Archiv am Goetheanum, Dornach (A 01.001.013).
57
Erhard Bartsch (?), Bad Saarow, unterzeichnet: „Mit deutschem Gruß, Heil Hitler!“ an Hanns Rascher, 22.
November 1933, Archiv am Goetheanum, Dornach (A 01.001.013);
58
Vgl. Werner: Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus, S. 144.
59
Ita Wegman an Fried Geuter und Michael Wilson, 14. Oktober 1933, zit. n. Selg: Geistiger Widerstand, S. 227.
60
Ita Wegman an Fried Geuter und Michael Wilson, 28. April 1933, zit. n. ebd., S. 26.
61
Ita Wegman an George Adams Kaufmann, 29. April 1922, zit. n. ebd., S. 27, vgl. Kaufmanns Antwort auf S.
210.
62
Tagebucheintrag vom 10. Dezember 1936, in: Hinweise und Studien, Heft 8-9, S. 36.
63
Ita Wegman an Karl Nunhöfer, 21. Juni 1933, zit. n. Selg: Geistiger Widerstand, S. 22.
64
Vgl. Renatus Ziegler: Elisabeth Vreede, in: Plato: Anthroposophie im 20. Jahrhundert, S. 880; Selg: Geistiger
Widerstand, S. 26, S. 47; ders.: Elisabeth Vreede 1879-1943, Arlesheim 2009, S. 220.
65
Vgl. dazu aus anthroposophischer Perspektive Udi Levy: Ein Mikrokosmos des 20. Jahrhunderts, in: Das
Goetheanum, 50/2005, S. 14; Robin Schmidt: Anthroposophie. Eine Übersicht zu ihrer Geschichte von 1900 bis
2000, in: Rahel Uhlenhoff (Hg.): Anthroposophie in Geschichte und Gegenwart, Berlin 2011, S. 367.
56
eh nicht mehr darauf ankam, was man sagte.“66 Mir scheint, Vreede war – in ihrer von Dornach aus
immunisierten Position – eine der wenigen Ausnahmen innerhalb der anthroposophischen
Atmosphäre von „Mitteleuropäertum“, „deutschem Geist“ und seiner Weltmission67 – man könnte
sonst fast von einem Konsens in der Anthroposophie vor 1945 sprechen.
7. „Versagen“? Büchenbachers
Anthroposophie
Christologie
und
der
Nationalsozialismus
in
der
Wegmans eben angeführte, passivische Formulierung, dass Anthroposophen „verführt“ worden
seien vom Nationalsozialismus, unterschätzt, wie enthusiastisch und mit welch großem Einfluss Boos
und Rascher auftraten. Marie Steiner-von Sivers, obwohl sie ein Exemplar von „Mein Kampf“ besaß,
interessierte sich nicht nennenswert für den Nationalsozialismus, sondern beinahe ausschließlich für
die Verteidigung Steiners. An Kontaktversuchen von Elisabeth Klein – der Nazi-Schulleiterin der von
Hess persönlich unterstützten Waldorfschule Dresden –
zeigte Marie Steiner-von Sivers
beispielsweise (soweit sich das aus den erhaltenen Briefen rekonstruieren lässt), m.E. völliges
Desinteresse. Sie hat sich, ebenso wie Wachsmuth, im Zweiten Weltkrieg durchaus und öffentlich
von Nazideutschland distanziert.68 Boos und Rascher dagegen intendierten, praktizierten und
etablierten, um eine Formulierung Emmanuel Fayes abzuwandeln69, nichts anderes als die
willentliche Einführung des Nationalsozialismus in die Organisation und geistigen Grundlagen der
Anthroposophie. Boos, der 1942 gerade zum Zankapfel zwischen Steiner-von Sivers, Wachsmuth und
Steffen (die beiden letzteren wiesen ihn ab) geworden war, war noch 1943 wie elektrisiert. Er
deutete die schwarz-weiß-rote Flagge Nazideutschlands spirituell. Hitler, „jener Maler, der dann
seinen Beruf wechselte und zum Herrn über Krieg und Frieden Europas und der Welt wurde“, habe
„höchst-persönlich und eigenhändig für seine junge Bewegung die Fahne“ entworfen, „die heute
rings um unser Land herum in den Stürmen des Krieges weht…“.70 1945 distanzierte er sich und sah
er im „Dritten Reich“ eines „der Etzel- und Hunnen-Gespenster, die aus der wilden Jagd über
katalaunische Felder in lebendige Menschen fahren.“71 Dass Boos den Nationalsozialismus nicht
Deutschland, sondern unter Anspielung auf das Nibelungenlied den „Hunnen“ zuschrieb, ist vor dem
Hintergrund der anthroposophischen „Kulturepochen“- und Rassenlehre durchaus aufschlussreich.
Mit Blick auf die deutsche und wohl auch Schweizer Geschichte insbesondere seit 1933 ist es
selbstredend allerorten geradezu unvermeidlich, auf Nazis zu stoßen. Die Frage ist nicht, ob es unter
Anthroposophen ebensolche gab, sondern vielmehr, wer das im Einzelnen war und wie sich die
nationalsozialistische Ära in die Geschichte der Anthroposophie einfügt (Stichwort: Dornacher
Konflikte) und umgekehrt. Kein Offizieller der Anthroposophischen Gesellschaft ist dagegen
aufgetreten, obwohl es im internen Kreis durchaus Kritik gab, wie längst nicht nur Steffen, Vreede,
Wegman und Büchenbacher demonstrieren. Germanophile und verschwörungstheoretische
66
Elisabeth Vreede: Zur Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft seit der Weihnachstagung 1923,
Arlesheim 1935, S. 30.
67
Vgl. auch Adelyde Content: Aus Dornach. Die Eröffnung der französischen Woche, in: Was in der
Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht, 30/1929, S. 156.
68
Marie Steiner-von Sivers: Zu Fräulein J. Mückes 80. Geburtstag (Was in der Anthroposophischen Gesellschaft
vorgeht, Oktober 1944), abgedruckt bei Hella Wiesberger: Marie-Steiner von Sivers. Ein Leben für die
Anthroposophie. Eine biographische Dokumentation, Dornach 1988, S. 420.
69
Vgl. Emmanuel Faye: Heidegger. Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie, Berlin 2009, S. 13.
70
Roman Boos: Kunst, Krieg und Frieden, Elgg 1943, S. 62ff.
71
Boos: Reichsgeist und Schweizergeist. Eine Betrachtung zur Idee der Schweiz in Europa (1945), Schaffhausen
1992, S. 31f.
Überzeugungen, die beinahe alle Beteiligten (m.E. mit Ausnahme von Vreede) lange vor 1933 und
hierin Steiner folgend, teilten, taten das ihre. Dies zeigt einmal mehr, dass „niemand Nazi werden
musste, um sich anzupassen und nicht seine gesellschaftliche Stellung, wohl aber die moralischen
Überzeugungen, die einst mit ihr einhergingen, gleichsam über Nacht zu vergessen“, wie Hannah
Arendt bemerkt hat.72
Büchenbacher konstatierte 1970 das „Versagen“ der Anthroposophie im „okkulten“ Sinne. Er zitierte
Steiner mit den Worten: „Sie dürfen sich also nicht vorstellen, es müsste dasjenige, was zur
Weihnachtstagung veranlagt wurde, wenn es durch die Nicht-Ausführung der Impulse verduftet,
irgendwo anders auf der Erde erscheinen. Das ist nicht nötig. Es kann in ganz anderen Welten seinen
weiteren Zufluchtsort suchen.“ 73 Büchenbacher meinte, genau dies sei bereits (oder werde
zumindest auf absehbare Zeit) geschehen. Die spirituelle Mission der Anthroposophischen
Gesellschaft sei bis auf weiteres gescheitert. Nur das „durchchristete“ Ich, heißt es in den
„Erinnerungen“, könne die Tragweite dessen durchschauen. Hier steht Büchenbachers esoterische
Philosophie im Hintergrund, von der man freilich halten kann, was man will, ohne die aber die
Darstellungen seiner Memoiren unverständlich bleiben.
Bereits 1935 hatte er geschrieben, dass der von Steiner geschilderte Christus-Impuls, den er als
„Liebesimpuls“ verstand, „im Ich nicht wirksam ist.“74 Den ersten Schritt zur Verwirklichung müsse
die Menschheit in einem spontanen Akt, der Verwirklichung der „Liebe“ am Anderen tun, was er als
Umkehrung der Fichteschen Setzung von identischem Ich und nichtidentischem Nicht-Ich beschrieb.
Dies implizierte für ihn zweierlei: die Umkehrung bedeutete 1. Liebe (auch im Sinne von
Anerkennung) meines Gegenübers wie jedes menschlichen Gegenübers, die als geistiges Selbstopfer
an die Welt (1946 sprach Büchenbacher vom „Menschenreich“) gelesen wurde, 2. und im selben
Maße bedeutete das eine Haltung der Zärtlichkeit (auch im Sinne von Eingedenken) gegenüber dem
epistemologischen Objekt im Subjekt.75 1946 ergänzte der Dreigliederer: „Kein Gott kann der
Menschheit diese Aufgabe abnehmen … Die Lösung dieser Aufgabe ist die Lösung der sozialen
Frage.“ Darin werde Christus manifest. Sonst gehe „dieses Zeitalter“ „mit Notwendigkeit dem Tode,
dem Untergang und der Finsternis des Chaos entgegen.“ 76 Denn: „Gleiche Ursachen werden auch in
Zukunft gleiche Wirkungen erzeugen.“77 Büchenbacher hielt das Scheitern der
„Menschheitsgeschichte“ für den „Fehler“ der Anthroposophen, die sich spätestens für Steiners zu
erwartende Reinkarnation am Ende des 20. Jahrhunderts in kosmischem Maßstab bessern müssten.
Es steht außer Frage, dass dies eine historisch und gesellschaftlich außerordentlich unsinnige
Behauptung ist. Sieht man allerdings nicht die Geschichte anthroposophisch, sondern das
Geschichtliche in der Anthroposophie an, können und sollten seine „Erinnerungen 1933-1949“
72
Hannah Arendt: Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik, hg. v. Jerome Kohn, München/Zürich
2006, S. 15f.
73
Rudolf Steiner: Die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und der Freien
Hochschule für Geisteswissenschaft. Der Wiederaufbau des Goetheanum 1924-1925, GA 260a, Dornach 1987,
S. 92.
74
Hans Büchenbacher: Der Christus-Impuls und das Ich. Eine erkenntnistheoretische Betrachtung, Breslau
1935, S. 14.
75
Überlegungen in diese Richtung finden sich in Andeutungen bei Steiner, ausgearbeitet aber in der vom
Vereinigungsgedanken her entworfenen Religionsphilosophie des jungen Hegel und Fichtes „Anweisung zum
seligen Leben“.
76
Hans Büchenbacher: Natur und Geist. Grundzüge einer christlichen Naturphilosophie, Bern 1946, S. 43f.
77
Ebd., S. 11.
trotzdem ein Anstoß für eine genauere und kritischere Geschichtsschreibung der Anthroposophie in
den Jahren 1933-1945 sein – die erst in Anfängen geleistet ist.78
78
Ich nenne nur Bereiche wie Heilpädagogik, Eurythmie, Architektur und Medizin, die Situation in allen
anderen Ländern als Deutschland und Italien sind noch praktisch unerforscht, ganz zu schweigen von der
Situation in einzelnen Zweigen oder einer mehr als auszugsweisen Analyse von Briefwechseln und Nachlässen
anthroposophischer Persönlichkeiten.