Zur Doppelperfektkonstruktion aus alemannischer Sicht

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Zur Doppelperfektkonstruktion aus alemannischer Sicht
IGDD 2012 Kiel
Zur Syntax und Semantik des doppelten Perfekt
aus alemannischer Sicht
§
(3)
Ja, nun begreif' ich's freilich, warum meine Kameraden das Wildtun müde
geworden sind, nachdem sie haben geheiratet gehabt. (Otto Ludwig, Die Heiterethei
oder ihr Widerspiel, 1857, aus Litvinov (1969: 18))
1.1.2
In anderen Sprachen
Ellen Brandner (Konstanz), Martin Salzmann (Leipzig), Gerhard Schaden (Lille)
[email protected]; [email protected];
[email protected]
§
–
–
–
–
–
–
1
§
(1) a.
1.2
Einführung
(4) a.
kein dialektales Phänomen im Sinne von klar umrissener arealer Verbreitung – obwohl
weitere Verbreitung im süddeutschen Raum (Präteritumsschwund)
nicht nur Kompensation des Präteritumsschwunds und damit einhergehender Verlust
der Prät.-formen des Auxiliars, s. Rödel (2007), Buchwald-Wargenau (2010), Hundt
(2011)
Annahme: es gibt keine wirkliche Redundanz in natürlicher Sprache à Funktionen des
DPF identifizieren und temporalsemantisch bzw. aspektuell in bestehende Theorien
integrieren
1.1
Verbreitung des doppelten Perfekts
1.1.1
Im Deutschen
§
(2)
§
–
–
Wo
als
s
Anni der ëérscht Walzer gmacht ghaa
hed, isch em schlächt wòorde.
das A
den ersten Walzer gemacht gehabt hat ist ihm schlecht geworden
(Zug, cf. Bossard (1962: 94))
Wu-si
Als sie
Wulgà
Wolken
s
Hái ufglaadá ghaa
hán,
hed‘s zmools
üs allená
das Heu aufgeladen gehabt haben (=hatten), hat es auf einmal aus allen
gschidded
geschüttet
(Kaiserstuhl, Noth (1993: 321))
§
–
Superperfekt (auch: two-way action (Thieroff (1992)), reversed result (Squartini (1999)))
hier wird ein Ereignis nicht im Hinblick auf ein anderes vergangenes Ereignis/einen
Zustand situiert, sondern bezieht sich direkt auf den Äußerungszeitpunkt
zusätzlich wird ausgedrückt, dass der aus dem Ereignis resultierende Zustand nicht
mehr anhält (man findet die Seite nicht mehr; man kann sich wieder erinnern):
(5) a.
Ich such’ ‘ne bestimmte Seite, ich hab’ se eben noch gesehen gehabt.
Litvinov and Radcenko (1998: 237)
b.
des hob i
jetz komplett fagäassa ghet!
das hab ich jetzt völlig
vergessen gehabt
Vorarlberg-Alemannisch, cf. Schaden (2007)
§
Zumindest in der Umgangssprache finden sich auch scheinbar redundante/inflationäre
Verwendungen (so wie es womöglich auch redundante Verwendungen des Pqpfs gibt) –
man würde hier ein einfaches Perfekt erwarten (in alemannischen Dialekten wäre hier
normalerweise kein DPF möglich), cf. Ammann (2007: 194)
in dt. Dialekten sehr verbreitet (Luzerndeutsch, Fischer (1960: 367f.))
findet sich häufig im gesprochenen Deutsch, ist aber keineswegs auf die
Umgangssprache beschränkt, cf. Hundt (2011)
Litvinov and Radcenko (1998: 123) zeigen, dass das DPF beim Konjunktiv II in gewissen
Fällen nötig ist, nämlich wenn sich die Irrealität auf einen Zeitpunkt in der
Vergangenheit bezieht à das DPF ist also wohl auch Teil der Standardsprache
Anterior
beschreibt ein Ereignis in der Vergangenheit als abgeschlossen/vorzeitig zu einem
Referenzzeitpunkt in der Vergangenheit; entspricht einer der wesentlichen Funktionen
des Plusquamperfekts im Standarddeutschen:
b.
–
Won er s
Zmettaag
abegschlëtzt
ghaa
hëëd, escht er uuf ond devòò.
als er das Mittagessen runtergeschlungen gehabt hat
ist
er auf und davon
§
Nicht auf das Deutsche beschränkt, cf. Ammann (2007):
häufig in Mitteleuropa (Französisch, Italienisch, niederländische Dialekte), aber auch im
Serbokroatischen, Ungarischen
belegt auch fürs Koreanische und Baskische
Die Lesarten des DPF
Ich habe das Buch gelesen gehabt.
–
–
–
ein einfaches Perfekt wird durch ein weiteres Partizip des Auxiliars gehabt/gewesen
erweitert:
Er ist schon gestorben gewesen.
–
§
–
Abstract
Frage nach der Funktion des DPF
2 Hauptlesarten: Anterior vs. Superperfekt
DPF operiert auf der perfect time span (= Perfektzeitintervall), wobei die Position der RB
zentral ist
Diskussion von Tripling-Daten (gesse ghabt ghet)
aus interpretatorischen Gründen ist es naheliegend, das DPF als Kopula-Struktur zu
modellieren à man erwartet Partizip = Adjektiv
Evidenz aus alemannischen Dialekten (Wortstellungsrestriktionen, Flexion am Partizip in
gewissen Dialekten) für den adjektivischen Status
b.
auch in der Literatursprache gut belegt:
(6)
“Diese Zeit war meine Tochter bei meiner Mutter, am ersten Tag, wo der Unfall passierte,
sie passte da auf, weil ich weggehen wollte, zum Arzt nächsten Tag, und sie war auch da
gewesen. Und dann ist mein Ehemann zu mir zurückgekommen und hat zu mir gesagt
gehabt, ob ich nicht zu ihm zurückkommen wollte”
2
Brandner/Salzmann/Schaden: Das doppelte Perfekt aus alemannischer Sicht
§
–
(7)
Der Sprachvergleich zeigt, dass die beiden Lesarten unabhängig sind, d.h. es gibt auch
Sprachen, in denen das DPF entweder nur die Anterior- oder die Superperfekt-Lesart
aufweist, cf. Barbiers et al. (in preparation)
In anderen Sprachen sind zum Teil andere Lesarten salienter, so z.B. unspezifische,
meist weit zurückliegende Vergangenheit (so im Französischen und Okzitanischen);
solche Verwendungen scheinen im Deutschen in gewissen Fällen auch möglich zu sein,
vgl. sog. absolute Verwendungen (Beim Besuch einer Fahrradwerkstadt, nachdem man
einige Stunden zuvor angerufen hatte, ob eine Reparatur vorgenommen werden könne,
sagt der Mechaniker):
IGDD 2012 Kiel
2.2
2.2.1
Si händ aagglüütte ghaa?
sie haben angerufen gehabt
(Zürichdeutsch, Hörbeleg)
‘Sie hatten angerufen?’
(vgl. Standarddeutsch: Ich hatte einen Tisch reserviert)
§
–
–
–
2
Im Folgenden konzentrieren wir uns auf Anterior und Superperfekt und versuchen
folgende Fragen zu beantworten:
Wie kann man diese beiden Lesarten temporalsemantisch charakterisieren?
Was sind die Implikationen für die syntaktische Struktur?
Gibt es einen Ansatzpunkt zur Erklärung für die weiteren Lesarten?
Zu den Funktionen
Vorab: das Perfekt im Deutschen lässt zwei Interpretationen zu:1
a. es bezieht sich auf ein Ereignis, das vor dem Sprechzeitpunkt liegt
b. es bezieht sich auf eine Zeitspanne, die das Ereignis sowie den daraus resultierenden
Zustand umfasst (perfect time span = PTS); die rechte Grenze (Right Boundary, RB)
markiert dabei das Ende der PTS
§
Ein Present Perfect im Englischen wird so interpretiert, dass die PTS bis zum
Sprechzeitpunkt (der beim present perfect auch zugleich Referenzzeit ist) anhält.
PTS
RB (Right Boundary)
(9)
E(reigniszeit)
(10) a.
Funktionen des DPF
§
§
§
–
–
2.1
traditionell: das DPF ersetzt das Plusquamperfekt in den oberdeutschen Dialekten, die
aufgrund des Präteritumsschwunds kein Past-Auxiliar mehr haben
das DPF fügt eine aspektuelle Komponente hinzu, Rödel (2007), auch Hundt (2011)
à Abgeschlossenheit
2 Aspekte:
als diachrones kausales Szenario ist Ersteres nicht ausreichend, allerdings realisiert das
DPF sehr häufig Funktionen des Plusquamperfekts im Standarddeutschen
DPF und Plusquamperfekt sind allerdings nicht ganz deckungsgleich bezüglich der
Semantik
–
(8) a.
S(prechzeit),R(eferenzzeit)
Englisch:
*Peter has arrived yesterday
Deutsch:
Maria ist gestern angekommen à kompatibel mit einer spezifischen Zeitangabe!
§
Im Deutschen: dynamische PTS, d.h. die Zeitspanne kann nur das Ereignis umfassen
oder bis zur S;R reichen (oder bis zu einem Punkt zwischen E und R); Ersteres macht es
möglich, dass das Perfekt (die Form) präteritale Funktion übernehmen kann (und
spezifische Temporaladverbien möglich sind):
(11)
E
cf. Rödel (2007), Buchwald-Wargenau (2010), Hundt (2011)
es gibt Belege für das DPF im Mittel- und Niederdeutschen aus dem 14.–16. Jh. (somit
aus einer Zeit, wo der Präteritumsschwund im Oberdeutschen erst begann)
die Existenz des Doppelplusquamperfekts in verschiedenen Registern zeigt die
Unabhängigkeit vom Präteritumsschwund (Squartini (1999: 61f.)):
Als Bressand seine Operntexte schrieb, hatte Herzog Anton Ulrich am Schlosse das 1688
vollendete Opernhaus gebaut und Musiker und Sänger berufen gehabt (T. Thone,
Wolfenbüttel, die Musenstadt, 1960).
b.
In dem Augenblick fühlte er sich am linken Arm ergriffen und zugleich einen sehr
heftigen Schmerz. Mignon hatte sich versteckt gehabt, hatte ihn angefasst und ihn in den
Arm gebissen. (Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, 1796)
–
Das DPF findet sich auch außerhalb des Germanischen auch in Sprachen, die noch über
ein stabiles Präteritum verfügen (z.B. Okzitanisch), cf. Ammann (2007)
3
à nicht kompatibel mit einer spezifischen Zeitangabe!
b.
Zum diachronen Szenario
§
–
Zur Einführung: Perfekt und Plusquamperfekt
§
§
S,R
Eine dynamische PTS gibt es nicht nur im Deutschen – im Plusquamperfekt ist sie auch
im Englischen vorhanden (temporales Adverb ist möglich: John had arrived yesterday):
(12)
E
1
R
S
Die folgende Darstellung basiert auf Rothstein (2008). Zur Interpretation des deutschen Perfekts, s. vor
allem Klein (1992), Pancheva and von Stechow (2004), zur Perfect Time Span, Iatridou et al. (2001).
4
Brandner/Salzmann/Schaden: Das doppelte Perfekt aus alemannischer Sicht
2.2.2
§
IGDD 2012 Kiel
Die Semantik des doppelten Perfekts
§
Vorschlag für DPF (Superperfect-Lesart):
im Falle von (16a) fällt die RB mit (dem letzten Subintervall von) E zusammen:
(17)
RB
RB (gehabt)
(13)
E
–
–
–
–
(14) a.
E
S,R
Die PTS umfasst eine Zeitspanne, die länger ist als lediglich E, aber vor S,R endet. Dieser
Endpunkt ist jedoch nicht als R spezifiziert, d.h. der Zustand endet vor R, cf. (5)
Annahme: gehabt lexikalisiert (macht explizit) die RB der PTS
In diesem Sinne hat das DPF also die Funktion, anzuzeigen, dass ein Zustand in der
Vergangenheit nur für eine bestimmte Zeitspanne Gültigkeit hatte.
Dass die Superperfect-Interpretation tatsächlich nicht nur an der Abgeschlossenheit des
Ereignisses festgemacht werden kann, sondern durch die RB der PTS determiniert wird,
kann man daran sehen, dass auch im einfachen Plusquamperfekt ‘reversed result’
Interpretationen auftreten können, weil ja auch im Plusquamperfekt eine dynamische
PTS gibt s. Beispiel b):
Nachdem ich meine Brille verloren hatte, musste ich ganz schnell zum Optiker
(Anterior)
b.
Ich hatte meine Brille verloren – habe sie aber wieder gefunden.
–
Interessant ist, dass das Doppelplusquamperfekt nicht notwendigerweise eine weitere
temporale Verschiebung auslöst, sondern bei entsprechender Verblexik eine
Superperfekt-Interpretation aufweist:
(15)
–
(16) a.
RB
E
de Peter isch am Ziischtig it gi schaffe gange.
Er het am Mäntig kündigt #gha
der Peter ist am Dienstag n. PRT arbeiten gegangen er hat am Montag gekündigt
(Bodensee-Alemannisch)
–
Der Satz (16b) ist nicht wirklich ungrammatisch, doch er entspricht nicht genau dem
standarddeutschen Beispiel (16b): es wird impliziert, dass die Kündigung schon vor dem
Montag stattgefunden hat, d.h. am Montag galt schon der Zustand, dass gekündigt
worden ist. Es geht wiederum also nicht um das Ereignis selbst und seine (temporale)
Lokalisation, sondern der Nachzustand ist fokussiert (d.h. das Adverb bezieht sich auf
die Referenzzeit, nicht die Ereigniszeit). Damit kommen wieder die PTS und die RB ins
Spiel.
5
R1
R2
S
(16b): R1 = Montag; R2 = Dienstag
2.2.3
Vom Superperfekt zu den anderen Lesarten des DPF
2.2.3.1 Anterior-Lesarten
§
§
§
(19)
Während ein Resultatszustand in den Superperfektfällen offensichtlich ist, ist dies in den
Anterior-Fällen weit weniger der Fall.
Die Bedeutung scheint näher bei Abgeschlossenheit eines Ereignisses zu einem
bestimmten Referenzzeitpunktes
Allerdings ist es so, dass bestimmte Tests, die in der Literatur üblicherweise verwendet
werden, um Zustände zu diagnostizieren, auch auf Anterior-Fälle angewendet werden
können, so z.B. der wie lange-Test, der nur mit Aktivitäten und Zuständen funktioniert
(im Präteritum); die Kompatibilität mit einem achievement oder accomplishment-Verb im
DPF zeigt dann, dass dieses eine statische Komponente aufweisen muss (cf. Rothstein
(2008: 41ff.))
Wie lang hät de Einstein d Formle (dootsmaal) scho bewise ghaa, wo du …?
wie lange hat der Einstein die Formel damals
schon bewiesen gehabt als du
‘Wie lange hatte Einstein die Formel (damals) bereits bewiesen, als du …?’
–
Peter ist am Dienstag nicht zur Arbeit erscheinen. Er hatte am Montag gekündigt.
b.
Bei (16b), der Anterior-Lesart, reicht die PTS bis zu R (i.e. berührt R):2
(18)
(Superperfekt)
Zur Anterior-Lesart
Entspricht einer der zentralen Funktion des Plusquamperfekts; das Pqpf lässt zusätzlich
eine Lesart zu, wo sich spezifische Positionsadverbien auf die Ereigniszeit beziehen
können; im DPF ist dies nicht möglich, cf. Squartini (1999):
S,R
(16a): E = Montag, S = Dienstag, S = jetzt
Ich hatte damals/im Urlaub meine Brille verloren gehabt.
(i) – #Und sie nie wieder gefunden
(ii) – habe sie zum Glück aber wieder gefunden
§
–
R
Das Bsp. fragt nach der Zeitspanne, über die sich die PTS erstreckt seit dem Ereignis bis
zu einem Referenzzeitpunkt (damals) à die PTS enthält also neben dem Ereignis auch
einen (resultativen) Zustand
Diese Analyse hilft womöglich zu verstehen, warum das DPF bei nicht-telischen Verben relativ selten
vorkommt und häufig dispräferiert wird (obwohl es ja nach der aspektuellen Hypothese
‘Abgeschlossenheit’ anzeigt, cf. Hundt (2011)). gehabt ist aber keine Aspekt-Realisierung, sondern operiert
auf der PTS, indem es die RB markiert. Der interpretatorische Effekt überlappt sich natürlich teilweise
mit ‘Abgeschlossenheit’, da die RB Abgeschlossenheit von E voraussetzt. Aber in unserem Ansatz könnte
die reduzierte Akzeptabilität von ib/c damit erklärt werden, dass es nicht ganz so leicht ist, sich einen
Resultatszustand dazuzudenken, der aber bei der PTS des DPF gemäß unseren Annahmen (resp. denen
Rothsteins) notwendigerweise dazugehört.
(i) a. won i
s
Buech uusgläse
ghaa
han, bin i
in
Garte ggange
als ich das Buch ausgelesen gehabt habe bin ich in.den Garten gegangen
b.?? ich han im Buech gläse
ghaa,
aber dänn is mer langwiilig gworde
und …
ich habe im Buch gelesen gehabt aber dann ist mir langweilig geworden und
c. ? won i
gnueg drüber naatänkt
ghaa han, han i
mini
Lösig
uufgschribe
als ich genug darüber nachgedacht gehabt habe habe ich meine Lösung aufgeschrieben
2
6
Brandner/Salzmann/Schaden: Das doppelte Perfekt aus alemannischer Sicht
–
–
§
–
–
§
–
IGDD 2012 Kiel
In diesem Sinne sind Anterior-Lesarten dem Superperfekt ähnlich genug, um auf dieselbe
Art und Weise kodiert zu werden
Da das Pqpf auch Lesarten mit stat. Komponente hat (cf. Übersetzung von (19)), ist es
nicht erstaunlich, dass das DPF ein Substitut für viele Verwendungsweisen des Pqpfs ist
–
–
–
Wie kann man ausschließen, dass das DPF mit punktuellen Adverbien (spezifischen
Positionsadverbien) kombiniert wird, die sich auf die Ereigniszeit beziehen (vgl. (16b))?
Die Annahme, dass gehabt/gewesen die RB lexikalisiert, bedeutet, dass sie sich vom
Ereignis unterscheidet und (gemäß Rothstein (2008)) die PTS im DPF damit immer eine
statische Komponente aufweist.
PTS kommt mit der semantischen Anforderung, dass E an irgendeinem Punkt innerhalb
von PTS sein kann. Wenn nun aber die PTS bis zu R heranreicht (berührt), dann ergibt
sich ein Clash, wenn ein Adverb mit der Zeit von R inkompatibel ist. Da R in (16b) =
Dienstag ist, kann Montag nicht = E sein; dies würde konfligierende Anforderungen an
die PTS stellen, Montag kann daher nur einen weiteren R etablieren
eine einheitliche Erklärung für Superperfekt/Anterior könnte folgendermaßen aussehen:
Wenn beide Lesarten zum Ausdruck bringen, dass ein E in einem Zustand resultiert, der
bis zu einem R in der Vergangenheit anhält (also eine PTS wie in (18), aber nur mit einem
R), dann könnte man die reversed-result-Interpretation im Superperfekt pragmatisch
erklären (Gricesche Quantitätsmaxime): Hätte man ausdrücken wollen, dass ein Zustand
noch zum Sprechzeitpunkt anhält, dann hätte man stattdessen das einfache Perfekt
gewählt; die markiertere Form muss etwas Zusätzliches bedeuten à Uminterpretation
–
–
2.2.4
–
auch wenn solche Beispiele in traditionellen Darstellungen fehlen, lassen sie sich in
Befragungen (Syn-ALM) elizitieren und auch mit google-Recherchen relativ leicht finden
womöglich sind diese Beispiele auch vergleichbar mit sog. redundanten Verwendungen
des Plusquamperfekts, cf. Ammann (2007)
Anstatt solche Beispiele einfach als Performanzfehler einzuordnen, ist es womöglich
angemessener, sie aus einer Grammatikalisierungsperspektive zu betrachten: gemäß
Squartini (1999) ist die Entwicklung des Plusquamperfekts von einem absolut-relativen
Tempus zu einem unspezifischen remote past unmarkiert;
ein ähnlicher Entwicklungspfad für das DPF würde angesichts der sonstigen
Ähnlichkeiten nicht erstaunen; inwieweit das DPF bei solchen Sprechern auch in past in
the past-Kontexten wie (16a) möglich ist, bleibt zu untersuchen
Spekulation: in Sprachen, die vom Präteritumsschwund betroffen sind, erweitert sich die
Verwendungsdomäne des DPF sowohl im Hinblick auf weitere Plusquamperfektkontexte
(mit spezifischen Adverbien, die auf E Bezug nehmen) als auch im Hinblick auf absolute
Kontexte
Doppeltes Plusquamperfekt und Tripling
DPF ist auch mit Plusquamperfekt möglich, cf. (15). Eine Superperfekt-Lesart ist
naheligend, da der temporale Beitrag schon durch das Plusquamperfekt geliefert wird. In
einer Sprache, die eine temporale Interpretation auch/nur über doppeltes Perfekt
ausdrückt (Anterior), ist zu erwarten, dass das doppelte Plusquamperfekt durch ein
dreifaches Perfekt realisiert wird (eines für Anterior (≈ Plusquamperfekt) und eines für
Superperfekt). Genau solche Beispiele wurden gefunden:
2.2.3.2 Absolute Lesarten
§
§
§
–
–
Hier ist kein klarer Referenzpunkt erkennbar
Eine Kombination mit spezifischen Positionsadverbien scheint eher nicht möglich zu sein
Ob eine statische/resultative Komponente vorliegt, lässt sich nicht so leicht testen
Wenn man annimmt, dass eine PTS wie in (18) (aber nur mit einem R) vorliegt, könnte
man die Interpretation evtl. erfassen, wenn man Folgendes annimmt: ein Sprecher, der
eine Form verwendet, die einen Referenzpunkt voraussetzt, ohne diesen explizit
anzugeben, lädt den Hörer zur Inferenz ein, dass das Ereignis als vom Sprechzeitpunkt
distanziert anzusehen zu ist
womöglich besteht auch eine Verbindung zur nächsten Lesart:
2.2.3.3 Episodische/deiktische/Verwendung (auch: past temporal frames)
§
–
–
(20)
Squartini (1999) erwähnt, dass es im Zürichdeutschen eine Tendenz zu deiktischer
Verwendung des DPF gebe (die aber als inkorrekt betrachtet werde von Sprachpflegern),
d.h. einer Verwendung, die vergleichbar ist mit remote-past-Verwendungen des
Plusquamperfekts in anderen Sprachen, wobei nicht mehr Anteriorität zu einem
Referenzzeitpunkt in der Vergangenheit ausgedrückt wird (relativ-absolutes Tempus),
sondern einfach Anteriorität bezüglich des Sprechzeitpunkts
in diesen Verwendungen ist DPF auch kompatibel mit spezifischen Positionsadverbien:
ich bin au die ganz Wuche chrank dehei gsi. Ha mega Halsweh, Huste, Schnupfe usw.
Ich ha ihm Arzt am Mittwoch aglüte gha will ich mir au Sorge wägen Chline gemacht ha.
Er het gseit mehr müessti mehreri Täg hochs Fieber ha, denn müesst mehr zum Arzt go.
‘Ich habe den Arzt am Mittwoch angerufen gehabt, weil ich mir auch Sorgen machte
wegen des Kleinen.’
hon’
habe
s
es
ganz
ganz
vergesse
ghabt
vergessen gehabt
ich
ich
(22)
Oh mei - dia hot's scho. Abr i ignorierse bis zom Mede (am Migda honne da Urlaub
gwasi zwengara Todelinie au ondrbrocha ghabt ghett). Abr heid ned. Heid hanne Luse
ond dua Brod bacha ond omanandleasa ond an Dengs beim Bildrgruschdla schdera.
‘Am Mittwoch habe ich den Urlaub quasi wegen einer Deadline auch unterbrochen
gehabt gehabt.’
http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=%22ghabt%20ghett%22&source=web&cd=2&cad=rja&ved=0CC0QFjA
B&url=http%3A%2F%2Fdict.leo.org%2Fforum%2FviewGeneraldiscussion.php%3FidThread%3D1021664%26lp
%3Dende%26lang%3Dde&ei=bcgsUKyiEs3Msgbmg4CIDg&usg=AFQjCNGXd_YdHXHcRabwnsxEx2PTjXT3iQ
–
Dies ist nur möglich in Dialekten, die zwei verschiedene Formen von gehabt zur
Verfügung haben. Im Fall der schwäbischen Beispielen oben sieht es so aus, als ob die
Form ghabt aus dem Standarddeutschen entlehnt ist (Laut SSA gibt es nur die Form
ghet). Auch im Bodensee-Alemannischen sind Fälle wie in (21) möglich: hier tritt eine
Kombination aus gha (Bodensee-Alemannisch) und ghet (Schwäbisch) auf. Die
Akzeptanz/Verbreitung dieser Konstruktion ist Gegenstand zukünftiger Forschung.
§
–
–
Zusammenfassung:
gehabt ist die Lexikalisierung der RB einer PTS à keine genuine aspektuelle Markierung
die Funktionalität des Plusquamperfekts wird durch DPF nur annäherungsweise erreicht
(de facto jedoch in den meisten Fällen Funktionsgleichheit)
damit ist auch verständlich, warum das ‘einfache’ diachrone Szenario (hat gehabt ersetzt
schlicht hatte) empirisch nicht haltbar ist
–
http://www.babycenter.ch/thread/31319/januarlis-2013---wir-sind-schwanger--?startIndex=500, gefunden
am 10.9.2012
7
ghet
gehabt
(21)
8
Brandner/Salzmann/Schaden: Das doppelte Perfekt aus alemannischer Sicht
2.3
§
–
–
–
§
(23) a.
Strukturen
–
Der Abschnitt zu den Interpretationen des DPF hat gezeigt, dass es zwingend eine RB
und damit einen Nachzustand eines Ereignisses/ein Resultat involviert
strukturell entsprechen Resultate/Zustände häufig adjektivischen Strukturen, das DPF
kann man daher als Kopula-Struktur modellieren
Angesichts der sprachgeschichtlichen Entwicklung des Perfekts aus einem possessiven
Verb + statischen Partizip scheint dies naheliegend
dabei drückt das lexikalische Partizip den Zustand/das Resultat aus, gehabt/gewesen
fungiert als Kopula und das finite haben/sein ist ein reguläres Auxiliar.
DPFs scheinen somit einen Zwischenstatus einzunehmen, indem alle Argumente, auch
das externe, in der Struktur vorhanden sind, es sich aber trotzdem um eine
Kopulakonstruktion handelt (was gut zur Modellierung als PTS passt, die E +
Nachzustand enthält)
§
–
Evidenz für die VP-Struktur
bei DPFs können Adverbien auftreten, die sich auf das Subjekt beziehen (und damit
Agentivität voraussetzen):
Ich habe die Haare gefärbt gehabt.
c.
Der Adler ist verschwunden gewesen.
Der Adler ist verschwunden.
–
alle Beispiele sind ambig
Interpretation:
–
die a-Bsp. können sowohl bedeuten, dass die Haare vom Friseur gefärbt wurden (und
man die Haare nun gefärbt trägt: statisch) als auch dass man sie selbst gefärbt hat
(eventiv). Bei b) zeigt die lexikalische Alternanz, dass das Partizip die Adjektivstelle
besetzen kann. C) kann ausdrücken, dass ein Verschwinden des Adlers stattgefunden
hat (eventiv) oder dass ein Zustand des Verschwundenseins eines Adlers vorliegt
(statisch).
Das Problem reduziert sich also auf das allgemeine Problem, wie die Argumentvererbung
bei Partizipien abläuft, s. z.B. Rapp (1997):
das interne Argument wird immer vererbt, ist also syntaktisch vorhanden. Dies ist
kompatibel mit einer rein statischen Lesart à Kopulakonstruktion. Da Verben, die ihr
Perfekt mit sein bilden (unakkusativische Verben), in aller Regel nur über ein internes
Argument verfügen (außer Bewegungsverben), erklärt sich, dass die sein-Verben eher
dazu tendieren, eine adjektivische Interpretation zu bekommen, s. Hundt (2011): DPFs
mit sein sind Kopula-Strukturen, die mit haben sind DPFs.
Die Beispiele zeigen aber, dass die Grenze nicht zwischen sein und haben verläuft,
sondern zwischen einer reinen Adjektiv-Kopulakonstruktion (die auch mit haben-Verben
möglich ist) und einer “erweiterten Adjektivstruktur”, in der alle Argumente zugänglich
sind und die daher eine VP enthält:
b.
ich ha
s
Fenschter dreimal uffg'macht gha
ich habe das Fenster dreimal aufgemacht gehabt
(Bodensee-Alemannisch)
c.
(25) a.
ebenso kann ein Adverb wie mehrmals/dreimal auftreten, das auf den eventiven
Charakter hinweist:
Ich habe die Haare gefärbt.
Ich habe das Fenster geöffnet/offen.
–
–
(und immer wieder het s ebber zueg'macht)
und immer wieder hat es jemand zugemacht
b.
–
Ich ha
s
Fenschter extra/absichtlich ggöffnet gha,
demit …
ich habe das Fenster extra/absichtlich geöffnet gehabt damit
(27)
Ich habe das Fenster geöffnet/offen gehabt.
–
(26)
Vom Doppelperfekt ist allerdings eine weitere Kopula-Struktur zu unterscheiden, die sich
im Perfekt wie im Doppelperfekt findet:
b.
(24) a.
IGDD 2012 Kiel
–
(28)
zwischen
einer rein
statischen und
[VP ich1 [VP __1 [AP Fenster geöffnet] gehabt] habe]
statisch
[VP ich1 [VP __1 [AP [PRO1 Fenster geöffnet]] gehabt] habe]
eventiv
9
einer
Folgendes DPF-Beispiel mit sein wird präferiert eventiv gelesen
Kontrollier mal ob bide Türe unde no alli Gummis druf sind, sind quasi hinter de
Alulistli. Min Gummi isch bide Bifahrertüre usegheit gsi, hanen denn neu akläbt und
jetzt hebet er wider.
‘Mein Gummi ist bei der Beifahrertüre rausgefallen gewesen, habe ihn dann neu
angeklebt und jetzt hält er wieder.’
http://www.tuningforum.ch/print.php?threadid=16339&page=1&sid=5e11f8866ae4b25a4b708448e360468
2
eventiven
§
Es handelt sich beim DPF also um eine ‘Mischkonstruktion’, indem eine komplette VP
(mit ihren Argumenten) syntaktisch zugänglich ist, aber unter einem adjektivischen Kopf
eingebettet ist. Demnach wäre zu erwarten, dass morphosyntaktische Evidenz für den
Adjektivstatus zu finden ist. In Hinblick auf die Diskussion von oben sollte es jedoch
morphosyntaktisch keinen Unterschied geben zwischen Anterior und Superperfekt
Interpretation (in beiden Fällen lexikalisiert gehabt die RB).
10
Brandner/Salzmann/Schaden: Das doppelte Perfekt aus alemannischer Sicht
3
Evidenz aus dem Alemannischen
3.1
Wortstellungsevidenz für Adjektivstatus
3.1.1
Das Partizip im Niederländischen als Adjektiv: Wortstellung
§
–
(29) a.
b.
IGDD 2012 Kiel
Koeneman et al. (to appear), basierend auf Barbiers and Bennis (2010):
Wortstellungsevidenz im Niederländischen
Das lexikalische Partizip verhält sich nicht-verbal: es kann nicht am Ende eines
Verbclusters stehen (was sonst im Niederländischen grundsätzlich möglich ist):
dat iemand Jan zijn fiets
moet1 heben2 gestolen3
dass jemand Jan sein Fahrrad muss haben gestohlen
‘dass jemand Jans Fahrrad gestohlen haben muss’
dat Jan een
dass Jan ein
(123)
(30)
(i) * heeft1 gehad2 gestolen3
hat
gehabt gestohlen
(123)
(ii) gestolen3 gehad2 heeft1
(iii) gestolen3 heeft1 gehad2
(321)
(312)
(31) a.
b.
Klare Evidenz für Adjektivstatus?
Nur beschränkt, weil 3-V-Cluster mit V3 = Partizip nie eine 123-Abfolge zulassen, nicht
einmal im Berndeutschen, cf. Kolmer (2011) (wo eine generelle Präferenz für die 132Abfolge berichtet wird): Mod-Aux-Part (muss haben verauft), Aux-werden-Part (ist worden
verkauft), Mod-werden-Part (muss werden verkauft), Fut-sein-Part (wird sein verkauft)
à die Daten sind kompatibel mit einer Adjektivanalyse, aber nicht gänzlich konklusiv
gsi,
wi me‘ s no
nie het1 gseh3
gha2
gewesen wie man es noch nie hat gesehen gehabt
(132)
Hodler (1969: 494f.)
Flektierte Partizipien im DPS als Evidenz für Adjektivstatus?
3.2.1
Partizipien = adjektivisch?
(32)
In einigen alemannischen Varietäten (Berner Oberland, Wallis) werden auch prädikative
Adjektive noch flektiert, cf. e.g. folgende Bsp. aus dem Dialekt von Visperterminen,
Bucheli (2005: 150)
a. Är
er
ischt alt-e
ist
alt-M.SG
b. Schi
sie
ischt
ist
mied-i.
müde-F.SG
§
Flexion findet sich auch bei Partizipien, und auch beim doppelten Perfekt
§
Gemäß Hodler (1969: 346, 494) und Dauwalder (1992) ist das lexikalische Partizip im
doppelten Perfekt obligatorisch flektiert (es kongruiert mit dem zugrundeliegenden
Thema, also = Objekt mit haben, = Subjekt mit sein, bei nichtergativischen Verben und
transitiven ohne Objekt erscheint die neutrale Endung -s)
(33) a.
Win er der
wie er den
Namen
Namen
Gottes het1 usgsprochn-a3
Gottes hat ausgesprochen-M.SG
ghabe2
gehabt
Das Partizip im Alemannischen als Adjektiv? – Wortstellung
b.
Alemannisch ist hier relevant, weil ansteigende Verbcluster möglich sind, z.B. 12 im
Berndeutschen, cf. Hodler (1969: 688):
Wo wir Zmorge
gchochet-s3
u
g'ässe-s3
hei1
gchaa2
als wir Frühstück gekocht -NTR.SG und gegessen-NTR.SG haben gehabt
c.
won
als
we der Att
als der Onkel
§
Also Partizipien = Adjektive? – nicht alle!
§
Problem1: es ist nicht klar, ob sich Flexion auch in anderen Dreiverbclustern findet (also
z.B. mit muss haben gelesen, weder positive noch negative Evidenz)
Problem 2: Partizipien beim Vorgangspassiv
Scheinbare zusätzliche Evidenz: im Gegensatz zum Niederländischen lässt das CHDeutsche beim Passiv keine 12- (oder 123-)Abfolgen zu. Passivpartizipien sind in diesen
Dialekten ebenfalls flektiert, cf. Wipf (1910: 145) für den Dialekt von Visperterminen und
Fuchs (1993) für den Dialekt von Steg (a/b = Vorgangspassive, c = Zustandspassiv):
i es Ross ha1 gchouft2
ich ein Pferd habe gekauft
(Berndeutsch)
§
§
–
§
à als Adjektiv wird das Partizip statisch interpretiert, was eine Resultatsinterpretation
zur Folge hat; das non-finite Auxiliar wird dann als Kopula analysiert
à die im NL vorherrschende reversed-result-Lesart ergibt sich als Implikatur aus der
Kombination lexikalisches haben + funktionales haben (cf. ich habe viele Bücher gehabt)
§
Es isch es Läbe
es ist
ein Leben
3.2
fiets
Fahrrad
à es verhält sich also wie ein nicht-verbales Element à wenn man es als Adjektiv
analysiert, ergeben sich die Wortstellungsrestriktionen automatisch, da Adjektive nicht
im Nachfeld stehen können
3.1.2
c.
Interessanterweise lässt das doppelte Perfekt (selbst im Berndeutschen) keine 123Abfolge zu, es finden sich bloß folgende Abfolgen: 321, 312, 132 (213 und 231 sind
generell ausgeschlossen), cf. Hodler (1969: 684f.)
§
–
Es het is nid rächt gfalle, dass ihri Tochter am Tag vorhär verreiset3 isch1 gsi2.
es hat uns nicht recht gefallen dass ihre Tochter am Tag vorher verreist ist gewesen
312 Marti (1985: 170)
Wenn me de
ds Gschirr use
gruumt3 gha2
het1,
wenn man dann das Geschirr hinaus geräumt gehabt hat
so
hei
d
Chinder d
Ufgabe
dann haben die Kinder die Aufgaben
11
gmacht
gemacht
(34) a.
(321)
b.
isch1 i ds Chötteli
gschloffn-a3
gsii2
ist
in das Kittelchen geschlüpft-MSC.SG gewesen
Wie chund daas
wie wird
das
gmacht-s?
gemacht-NTR.SG
der chunnt dernaa va denä Gsellu im Regierigssaal gidreet-ä
und chesslut-ä.
der wird
danach von diesen Typen im R.
gedreht-MSG und eingekreist-M.SG
12
Brandner/Salzmann/Schaden: Das doppelte Perfekt aus alemannischer Sicht
c.
Da
da
§
–
Aber: Problem:
wenn man das Passivpartizip als Adjektiv analysiert, ergeben sich Probleme bei der
Interpretation: Adjektive sind statisch, was unproblematisch ist beim Zustandspassiv,
aber inkompatibel ist mit eventiven Passiven wie in (34a/b), wo keine statische
Komponente eruiert werden kann
3.2.2
§
(35) a.
b.
§
–
(36) a.
–
(37)
ist
ist
IGDD 2012 Kiel
en Hund aambundn-a
gsi.
ein Hund angebunden-MSC.SG gewesen (Berner Oberland, Hodler (1969: 346))
§
–
Andere Aussagen sind dagegen nicht so klar, tendieren eher hin zu Abgeschlossenheit
Dauwalder (1992: 50): Haslital: Flexion beim einfachen Perfekt nur dann, wenn
ausgedrückt werden soll dass “eine Handlung, eine Arbeit vollständig beendet worden
ist”; Flexion beim doppelten Perfekt scheinbar obligatorisch
§
Hodler (1969: 345f.): “wie die Umschreibung mit sy kann auch die mit ha einfach
präterital sein oder einen in der Gegenwart erreichten (Zustand) (echtes Perfekt)
ausdrücken. Das letztere war jedenfalls das, was die Verbindung mit flektiertem Ptz. von
derjenigen mit unflektiertem, die ja ebenso ursprünglich und als nebenform wohl im
ganzen Gebiet vorhanden war, unterschied.”
Hodler (1969: 345f.): “Der in der Vergangenheit erreichte Zustand wird nun jedenfalls
durch das Plusquamperfekt ausgedrückt. Daher ist es kein Zufall, dass für die
Umschreibung des Plusquamperfekt das flektierte Partizip obligatorisch ist im
Oberländischen”
Flektierte Partizipien als Evidenz für Resultativität?
–
aber: Flexion = Zeichen für Resultativität? à die klassische Erklärung, cf. Bucheli
(2005)); Kongruenz nur bei einem resultativen Perfekt, nicht aber wenn einfach ein
Ereignis in der Vergangenheit ausgedrückt werden soll (perfektive Interpretation)
ds rächt Bei het är üüsgschtreckt
das rechte Bein hat er ausgestreckt
‘Er hat das rechte Bein ausgestreckt.’
Ereignis
ds rächt Bei het är üüsgschtreckt-s
das rechte Bein hat er ausgestreckt-NTR.SG
‘Er hält das rechte Bein ausgestreckt.’
Resultat
(38)
Darmid han i ggässe-s
Damit habe ich gegessen-NTR
‘damit habe ich gegessen’ (= davon bin ich satt geworden)
–
–
in der traditionellen Literatur finden sich viele Hinweise, wonach die Flexion einen
Resultatszustand ausdrückt und nicht bloß Abgeschlossenheit:
Stucki (1917: 288) (Jaun, Freiburg): “Kongruenz des Ptc. Praet. mit dem Objekt ist Regel
als Ausdruck des prasentischen bezw. präteritalen Zustandes”
§
ər hæk kxüra:tə-s
er hat geheiratet-NTR
‘er ist verheiratet’
§
b. ər hæt ts suntək kxüra:tə
er hat des Sonntag geheiratet
Clauss (1929: 186) (Uri): “In den mit haben zusammengesetzten Verbalformen wird das
Ptc. anscheinend nur dann flektiert, wenn der aus der Aktion hervorgegangene Zustand
bezeichnet werden soll. Unflektiert ist das Ptc. hingegen, wenn der Abschluss der
Handlung schlechthin ausgedrückt wird”
mər hent
ts
§
3.3
pro:k kæssə-s
§
–
Henzen (1927: 204) (Freiburg): “Kongruenz des Part. Praet. mit dem Subjekt oder Objekt
drückt präsentischen (bzw. präteritalen) Zustand aus”
–
–
–
–
Hotzenköcherle (1934: 407) (Mutten): “Das mit haben zusammengesetzte Ptc. Praet.
kennt die Kongruenz nur dann, wenn der Resultatszustand als solcher (nicht die
abgeschlossene Handlung) bezeichnet werden soll. Doch ist die Kongruenz auch in diesen
Fällen selten und durchaus nicht zwingend”
Szadrowsky (1936: 457) (Walsermundarten): “In den mundarten zeigt solches part. prät.
mit han die übereinstimmung nur dann, wenn das ergebnis, der zustand bezeichnet wird,
nicht die abgeschlossene handlung”
In vielen der Beispiele ist ein Resultatszustand nicht Teil der lexikalischen Bedeutung
eines Verbs ist (nur bei solchen mit sog. target state, z.B. verbs of creation); sie sind aber
insofern resultativ als zu einer PTS ein Nachzustand dazugehört, der meist kontextuell
inferiert werden kann (essen à satt sein; heiraten à verheiratet sein)
die Tatsache, dass sich im DPF immer Flexion findet, suggeriert, dass es eine allen
Beispielen zugrunde liegende Gemeinsamkeit gibt, und diese wird durch die Annahme,
dass das DPF eine PTS bezeichnet, die bis zu einem R in der Vergangenheit anhält, direkt
erfasst
Weshalb sich auch beim Vorgangspassiv Flexion findet, bleibt zu untersuchen
Weitere Adjektivtests
wir haben das Brot gegessen-NTR
‘wir haben das Brot gegessen’ (es ist keines mehr im Hause)
–
Hodler (1969: 493): “Im Maa. des BO. zeigt die Flexion des Partizips nach sy und ha die
perfektive Bedeutung der Umschreibung an.”
Hodler (1969: 494): “In den maa. des O. wird der perfektische Sinn des
zusammengesetzten Präteritums durch Flexion des Ptz. markiert und so auch die
abgeschlossene Handlung des Pqpf. in ihrem Verhältnis zum Hauptsatz”
(39) a.
Auf den ersten Blick scheint es auch so zu sein, dass das doppelte Perfekt typische
Adjektivtests wie in Gese et al. (2009) erfüllt (in der Umgangssprache wie in Dialekten):
das DPF ist kompatibel mit dem un-Präfix
das Partizip kann gesteigert werden
das Partizip kann mit einem eindeutigen Adjektiv koordiniert werden
Ich
Ich
ha
s
Feischter hüüfig
habe das Fenster häufig
b.
Mer isch doozmal
man ist
damals
c.
Ich ha
Ich habe
s
das
unggöffnet
ungeöffnet
ghaa.
gehabt
eifach
immer abglänkt-er
einfach immer abgelenkter
Feischter putzt
und offe
Fenster geputzt und offen
gsii.
gewesen
ghaa.
gehabt
(Zürichdeutsch)
13
14
Brandner/Salzmann/Schaden: Das doppelte Perfekt aus alemannischer Sicht
§
–
–
–
(40)
IGDD 2012 Kiel
Aber: die Bsp. in (39) sind keine echten DPF-Konstruktionen, sondern rein statische
Kopulakonstruktionen, cf. Abschnitt 2.3
das Agens des Öffnens in (39a) muss nicht mit dem Subjekt identisch sein (was beim
DPF aber zwingend ist)
beim DPF ist immer ein Ereignis impliziert, während die Bsp. in (39) rein statisch sind
die unterschiedlichen Lesarten (eventiv vs. statisch) lassen sich mit Adverbien triggern, je
nachdem muss das Agens identisch sein oder nicht:
Ich ha
s
Feischter scho/immer no
ggöffnet ghaa.
Ich habe das Fenster schon/immer noch geöffnet gehabt
‘Ich hatte das Fenster schon geöffnet/immer noch in geöffnetem Zustand.’
–
(41)
Sobald man eine Anterior-Lesart erzwingt in (39c) mittels des Adverbs sälber ‘selber’, ist
die Koordination nicht mehr möglich:
* Ich ha
s
Feischter sälber putzt
und offe
ghaa.
Ich habe das Fenster selber geputzt und geöffnet gehabt
(Zürichdeutsch)
à diese Fakten zeigen vor allem, dass die rein-statische Kopulakonstruktion rein
adjektivisch ist
4
Zusammenfassung
§
§
§
das
DPF
drückt
keinen
aspektuellen
Wert
aus,
sondern
operiert
auf
temporalsemantischen Größen wie PTS und RB, wobei gehabt/gewesen eine overte
Realisierung für die RB ist
Das DPF markiert in der restriktiven Variante eine PTS mit Resultatszustand, was die
Superperfektlesart erklärt sowie (mit gewissen Modifikationen) die Anterior-Lesart;
darüber hinaus aber finden sich Erweiterungen hin zu absoluter und
episodischer/deiktischer Verwendung
Wortstellung und Adjektivflexion im Alemannischen liefern unabhängige Evidenz für den
adjektivischen Status des Partizips in diesen Konstruktionen
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