Referat von Deniz Yakit: Lessings Nathan, der Weise 1 - RPI

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Referat von Deniz Yakit: Lessings Nathan, der Weise 1 - RPI
Seminar: „BrückenbauerInnen zwischen den Religionen“
Referat von Deniz Yakit: Lessings Nathan, der Weise
1. Gotthold Ephraim Lessing
Biografie:
!
der wichtigste deutsche Dichter der Aufklärung
!
geboren: 22. Januar 1729 in Kamenz (Sachsen), gestorben: 15. Februar 1781 in Braunschweig
!
geboren als drittes Kind des Kamenzer Archidiakons Johann Gottfried Lessing und seiner Frau
Justina Salome (geb. Feller)
!
geprägt in einem theologischen Umfeld wuchs er in einer Familie heran, welche in der
lutherischen Orthodoxie verhaftet war.
!
wurde in frühester Jugend von seinem Vater geprägt.
"
Dieser war ein typischer Vertreter der lutherischen Orthodoxie; in Glaubensfragen patriarchalisch
starr und exegetisch streitbar
!
der Vater war es auch, der Gotthold Ephraim seine erste Bildung zukommen ließ.
!
von 1737 bis 1741 besuchte Lessing die Lateinschule seiner Heimatstadt.
!
am 22. Juni 1741 wechselt er an die Fürstenschule St. Afra in Meißen.
"
dort erwarb er sich die Reife um ein Hochschulstudium beginnen zu können.
"
Lessing entschied sich, an der Universität Leipzig ein Studium aufzunehmen und immatrikulierte
sich nach dem Wunsch seines Vaters am 20. September 1746 an der Leipziger Hochschule, um
Theologie zu studieren.
"
1748 wechselte er zum Medizinstudium und begab sich am 20. August desselben Jahres zu
weiteren Studien an die Universität Wittenberg.
"
im November desselben Jahres zog er in die brandenburgische Residenzstadt Berlin.
rezensierte die Berlinerische Privilegierte Zeitung.
wurde 1750 Mitarbeiter bei den Critischen Nachrichten aus dem Reiche der Gelehrsamkeit und
begegnete unter anderem 1750 Voltaire.
!
Ab 1751 konzentrierte sich Lessing weiter auf sein Studium in Wittenberg.
"
verfolgte ein Studium an der philosophischen Fakultät.
Vorlesungen in Poetik, Ethik, Geschichte, Griechischer Sprache und Literatur, Philosophie,
Mathematik, Physik und Rhetorik.
am 29. April 1752 die Promotion zum Magister der Sieben Freien Künste
!
kehrt im November 1752 nach Berlin zurück.
!
Oktober 1755 kehrte er nach Leipzig zurück.
!
1776 begann er eine auf mehrere Jahre angelegte Bildungsreise durch die Niederlande, England
und Frankreich als Begleiter von Johann Gottfried Winkler, die er jedoch wegen des Siebenjährigen
Krieges bereits in Amsterdam abbrechen musste.
!
1758 zog Lessing erneut nach Berlin, wo er mit Friedrich Nicolai und Moses Mendelssohn
zusammen die Briefe, die neuste Literatur betreffend veröffentlichte.
!
Von 1760 bis 1765 war er in Breslau als Sekretär beim General Tauentzien beschäftigt.
!
1765 kehrte er zurück nach Berlin, um dann 1767 für drei Jahre als Dramaturg und Berater an
das Hamburger Nationaltheater zu gehen, welches aber bereits 1769 aus finanziellen Gründen
wieder geschlossen wurde.
!
In Wolfenbüttel wurde er am 7. Mai 1770 Bibliothekar in der Herzog August Bibliothek
!
Am 14. Oktober 1771 wurde Lessing in die Freimaurerloge Zu den drei Rosen in Hamburg
aufgenommen, in einer abgewandelten Zeremonie in der Wohnung des Logenmeisters von
Rosenberg, und in alle drei Grade eingeführt.
"
Er war zwar bis 1780 Mitglied, besuchte die Loge aber nie wieder. Er schätzte die Freimaurerei
hoch, wie an seinem 1778 und 1780 erschienenen Werk Ernst und Falk zu sehen, nicht aber die
reale Freimaurerei, wie sie sich damals zeigte.
!
1771 verlobte er sich mit Eva König.
!
1775 wurde seine Arbeit in der Bibliothek unterbrochen durch mehrere Reisen zu Eva Königs
jeweiligem Aufenthaltsort, nach Wien über Leipzig, Berlin, Dresden und Prag und einer Audienz bei
Kaiser Joseph II.
!
Als Begleiter des Braunschweiger Prinzen Leopold reiste er nach Italien mit Aufenthalten in
Mailand, Venedig, Florenz, Genua, Turin, Rom, Neapel und auf Korsika.
!
am 8. Oktober 1776 heirateten er und Eva König in Jork bei Hamburg.
!
Am Weihnachtsabend 1777 gebar sie einen Sohn (Traugott), der aber am folgenden Tag starb.
!
Am 10. Januar 1778 starb auch Eva Lessing an Kindbettfieber.
!
1779 verschlechterte sich Lessings Gesundheitszustand.
1
"
Am 15. Februar 1781 starb Lessing an Brustwassersucht (Lungenödem).
Wirken:
!
In
seinen
religionsphilosophischen
Schriften
argumentierte
Lessing
gegen
die
Offenbarungsgläubigkeit und das Festhalten am „Buchstaben“ der Bibel durch die herrschende
orthodoxe Lehrmeinung
!
Dem gegenüber vertraute er als Kind der Aufklärung auf ein „Christentum der Vernunft“, das sich
am Geist der Religion orientierte.
"
Er glaubte, dass die menschliche Vernunft (angestoßen durch Kritik und Widerspruch)
sich auch ohne die Hilfe einer göttlichen Offenbarung entwickeln würde.
"
Um eine öffentliche Diskussion gegen die orthodoxe „Buchstabenhörigkeit“ anzuregen,
veröffentlichte er 1774-1778 sieben Fragmente eines Ungenannten, was zum so
genannten Fragmentenstreit führte.
Sein Hauptgegner in diesem Streit war der Hamburger Hauptpastor Johann
Melchior Goeze, gegen den Lessing unter anderem als Anti-Goeze benannte
Schriften von Hermann Samuel Reimarus herausgab.
!
Außerdem trat er in den zahlreichen Auseinandersetzungen mit den Vertretern der herrschenden
Lehrmeinung (z.B. in den Anti-Goeze) für Toleranz gegenüber den anderen Weltreligionen ein.
"
diese Haltung setzte er auch dramatisch um (im Nathan der Weise), als ihm weitere
theoretische Veröffentlichungen verboten wurden.
2. Nathan der Weise:
Charaktere:
Nathan:
<
ist die Hauptfigur, bei der die Handlungsstränge zusammenlaufen und die alle Fäden zu einem
Ganzen verknüpft.
<
wird als reicher Kaufmann aus Jerusalem vorgestellt der von seinen Geschäftsreisen immer viel
Geld und Luxusgüter mitbringt.
<
möchte nicht die leeren Staatskassen Saladins füllen, obwohl er dadurch seinen Reichtum
vermehren könnte.
- durch dieses Verhalten entkräftet Nathan das Vorurteil, dass Juden nur nach Reichtum
streben.
<
Auf die indirekte Bitte des Sultans, ihm Geld zu leihen, reagiert er aber trotz der ihm gestellten
Falle entgegenkommend.
<
Nathan wird vom Volk und von allen Menschen vor allem wegen seiner Güte und seines
Großmuts gelobt.
<
In Nathans Person bilden „bürgerliche Tüchtigkeit“ und „Tugend“ eine in sich geschlossene
Einheit.
<
Saladin und der Tempelherr sehen in Nathan allerdings zuerst den Juden, dem man aus dem
Weg gehen bzw. den man ausnutzen sollte.
<
Recha ist zwar nur Nathans Adoptivtochter, doch er nennt sie ganz selbstverständlich „meine
Recha“ und „mein liebes Kind“.
Nathan ist für Recha der perfekte Vater, obgleich er nicht ihr leiblicher Vater ist („Das
Blut allein macht noch nicht den Vater aus.“)
<
Nathan hat sich vom orthodoxen Judentum gelöst und ist anderen Religionen gegenüber tolerant
eingestellt („Jud' und Christ und Muselmann und Parsi ( = Zarathustra-Anhänger), alles ist Ihm
eins“)
-Für ihn ist es wichtig, „Mensch“ zu sein, und zwar im Sinne eines „blossen Menschen“ und nicht
eines „solchen Menschen.“
-Bei ihm finden Glaube und Vernunft Einklang
- Deshalb lehnt er konsequent den „vernunftwidrigen“ Wunderglauben ab.
<
Nathan gilt als Sprachrohr Lessings im Stück.
Saladin:
<
Sultan Saladins Palast ist der Mittelpunkt der politischen Macht in Jerusalem und Schauplatz der
letzten Szene
<
Während eines Angriffes auf Tebnin nehmen Saladins Männer 20 Tempelritter als Gefangene.
-Nur einen dieser Tempelritter lässt Saladin am Leben, weil er seinem
verschollenen Bruder Assad ähnlich sieht.
<
Saladin ist von muslimischer Abstammung und von Grund auf recht großzügig, was Geschenke
2
<
und Gaben an bestimmte Personen angeht.
-Dies treibt ihn schließlich in den wirtschaftlichen Ruin
die Begegnung mit Nathan und der „Ringparabel“ wird zum Schlüsselerlebnis für Saladin.
Der junge Tempelherr:
<
Der Tempelherr (Leu von Filnek) ist Christ und Mitglied des Templerordens
-als Christ hat er auch die damals üblichen Vorurteile gegenüber Juden.
<
durch sein beherztes Eingreifen rettet er Recha aus den Flammen des brennenden Hauses
-für diese Tat möchte er aber keinen Dank und keine Anerkennung, weil es für
ihn selbstverständlich ist, zu helfen
<
nach einiger Zeit, in der er Daja, Recha und Nathan aus dem Weg geht, merkt er, dass er sich in
Recha verliebt hat
<
zu Nathan kann der Tempelherr eine Freundschaft aufbauen und sein gesamtes Bewusstsein
verändern
<
er ist gleicher Ansicht wie Nathan und Saladin, was die Religionen und das optimal menschliche
Verhalten betrifft, jedoch fällt er wieder in religiöse Intoleranz zurück als er erfährt, dass Recha
eine Christin ist.
In der Schlussszene stellt sich heraus, dass der Tempelherr und Recha Geschwister sind.
Der Patriarch:
<
der autoritäre Politiker ist der Gegenspieler Saladins und Nathans.
<
ist intolerant und glaubt an seine eigene Unfehlbarkeit.
<
sogar vor Mord würde er nicht zurückschrecken
<
Der Patriarch steht für den absolut unaufgeklärten Menschen.
-Pastor Melchior Goeze soll für diese Figur Modell gestanden haben
<
Wegen seiner intoleranten Einstellung gegenüber anderen Religionen fehlt er in der
Schlussszene, die alle Figuren vereint, die die Ideale der Aufklärung verinnerlicht haben, bzw.,
die im Laufe der Handlung des Dramas immer toleranter wurden.
Der Klosterbruder:
<
steht in Diensten des Patriarchen und muss für ihn Botengänge erledigen.
<
zum Tempelherren soll er mit der Nachricht, dieser solle sich, wenn er der Christenheit einen
Dienst erweisen wolle, bei Spionage im Sultanspalast und außerdem an einem Anschlag auf
Saladin beteiligen.
- dieser lehnt entschieden ab, was den Klosterbruder erfreut, denn auch er
verabscheut die unehrenhaften Machenschaften des Patriarchen.
<
früher stand er in den Diensten von Assad, Saladins Bruder, der damals den Namen 'Wolf von
Filnek' trug.
<
zeigte Nächstenliebe, als er das Waisenkind Blanda von Filnek (Recha) zu Nathan, unabhängig
von Nathans Religionszugehörigkeit, brachte.
Daja:
<
überzeugte Christin
<
verschließt sich den Lehren Nathans über die Toleranz, deshalb fehlt sie auch in der letzten
Szene des Dramas
<
ist die Witwe eines während eines Kreuzzuges zusammen mit Kaiser Barbarossa ertrunkenen
Kreuzfahrers
Recha:
<
Geburtsname: Blanda von Filnek
<
wurde erst von Nathan Recha genannt
<
ist ein lernfähiger Mensch, wirkt aber in Folge des Einflusses Dajas anfangs etwas naiv, da sie
(wie Daja) die Asozialität der Schwärmerei und des Wunderglaubens nicht erkennt
<
im Prinzip verwendet Recha aber ihren Verstand (trotz permanenter Verunsicherung durch Daja)
so, wie es Nathan sie gelehrt hat
<
anfangs glaubt sie noch an eine Rettung durch einen Engel, schämt sich aber anschließend dafür
<
setzt sich für Nathan ein, obwohl er nicht ihr leiblicher Vater ist
<
hat sich in den Tempelherrn verliebt, erfährt aber erst später, dass er ihr Bruder ist
Sittah:
<
Schwester Saladins
<
gibt ihrem Bruder Kredite, ohne dass dieser etwas davon weiß
<
hat einen besseren Bezug zur Realität und erkennt die tatsächliche politische Lage
- bezeichnet die heiratspolitischen Pläne, eine Beziehung zwischen Muslime und Christen
herzustellen, als Traum.
3
Al-Hafi:
<
Bettelmönch (auch als Derwisch bezeichnet)
<
Schachfreund Nathans
<
wird Schatzmeister des Sultans.
<
muss mit schlechten Mitteln Gutes tun, denn er soll Nathan überreden, dem Sultan Geld zu
leihen.
<
sein Gelübde steht im Widerspruch zu seiner amtlichen Pflicht
<
wurde durch die Übernahme des Amtes von Saladin geschmeichelt und hoffte im Dienst und
Auftrag Saladins, Armut und Not erfolgreich zu bekämpfen
<
Al-Hafi verabschiedet sich als „klassischer Aussteiger“ von Nathan an den Ganges, wo er sein
alternatives Leben als Bettelmönch in seiner parsischen Glaubensgemeinschaft, den Ghebern
leben will
-fordert Nathan auf, ihn dorthin zu begleiten.
<
repräsentiert als Anhänger der Lehre des Zarathustra eine weitere Religion in diesem Drama
Handlung:
Der Jude Nathan kommt von einer Geschäftsreise zurück und erfährt, dass seine Pflegetochter Recha
von einem christlichen Tempelherrn aus dem Feuer gerettet worden ist. Der Ordensritter verdankt sein
Leben der Begnadigung durch den muslimischen Herrscher, Sultan Saladin. Dieser hat ihn als einzigen
von zwanzig Gefangenen begnadigt, weil er Saladins verschollenem Bruder Assad ähnlich sah. Trotz der
Unwahrscheinlichkeit der Ereigniskette ist Nathan nicht bereit, hierin ein Wunder zu sehen, und er
überzeugt auch Recha davon, dass es schädlich sei, an das Wirken von Engeln und an Wunder zu
glauben.
Durch geschickte Rede überzeugt Nathan den Tempelherrn, dass es sinnvoll sei, ihn, Nathan, zu
besuchen, um den Dank seiner Tochter entgegenzunehmen.
Derweilen hat Saladin Geldsorgen, weswegen er Nathan zu sich bringen lässt. Er gibt dazu vor, Nathans
bekannte Weisheit zu testen und fragt nach der „wahren Religion“. Nathan antwortet mit der Ringparabel.
Saladin versteht schnell die Botschaft von der Gleichberechtigung der drei monotheistischen Religionen.
Davon tief beeindruckt, bittet er, Nathans Freund sein zu dürfen. Noch erfreuter zeigt er sich, als er von
Nathan ein Darlehensangebot erhält, ohne danach gefragt zu haben.
Der Tempelherr hat sich unterdessen in Recha verliebt und möchte sie heiraten. Als er durch Information
von Nathans Gesellschafterin Daja, einer Christin, herausfindet, dass Recha adoptiert ist und ihre
leiblichen Eltern Christen waren, wendet er sich an den Patriarchen von Jerusalem, auch weil Nathans
Reaktion auf die Idee einer Heirat sehr zurückhaltend ausgefallen ist. Der Tempelherr erzählt so, als
handele es sich um einen hypothetischen Fall, doch das Kirchenoberhaupt Jerusalems möchte sofort
„diesen Juden“ suchen und ihn wegen Apostasie auf den Scheiterhaufen bringen lassen.
Durch ein Verzeichnis eines Klosterbruders stellt sich schließlich heraus, dass die von einem Juden
erzogene Recha und der christliche Tempelherr Geschwister und zugleich die Kinder von Assad sind, der
wiederum Saladins Bruder und Christ war. Somit sind sie auch noch Nichte und Neffe des Muslims
Saladin, womit die enge Verwandtschaft der Religionen nochmals verdeutlicht wird. Nathan wird als Vater
im Sinne der Seelenverwandtschaft und Adoption anerkannt.
Die Ringparabel:
NATHAN.
Vor grauen Jahren lebt' ein
Mann in Osten,
Der
einen
Ring
von
unschätzbarem Wert
Aus lieber Hand besaß. Der
Stein war ein
Opal, der hundert schöne
Farben spielte,
Und hatte die geheime Kraft,
vor Gott
Und Menschen angenehm zu
machen, wer
In dieser Zuversicht ihn trug.
Was Wunder,
Dass ihn der Mann in Osten
darum nie
Vom Finger ließ; und die
Verfügung traf,
Auf ewig ihn bei seinem
Hause zu erhalten?
Nämlich so.
Er ließ den Ring
Von seinen Söhnen dem
geliebtesten;
Und setzte fest, dass dieser
wiederum
Den Ring von seinen Söhnen
dem vermache,
Der ihm der liebste sei; und
stets der liebste,
Ohn' Ansehn der Geburt, in
Kraft allein
Des Rings, das Haupt, der
Fürst des Hauses werde. Versteh mich, Sultan.
SALADIN. Ich versteh dich.
Weiter!
NATHAN.
So kam nun dieser Ring, von
Sohn zu Sohn,
Auf einen Vater endlich von
drei Söhnen;
Die alle drei ihm gleich
4
gehorsam waren,
Die alle drei er folglich gleich
zu lieben
Sich nicht entbrechen konnte.
Nur von Zeit
Zu Zeit schien ihm bald der,
bald dieser, bald
Der dritte, - sowie jeder sich
mit ihm
Allein befand, und sein
ergießend Herz'
Die andern zwei nicht teilten,
- würdiger
Des Ringes; den er denn
auch einem jeden
Die fromme Schwachheit
hatte, zu versprechen.
Das ging nun so, solang es
ging. - Allein
Es kam
zum Sterben, und der gute
Vater
Kömmt in Verlegenheit. Es
schmerzt ihn, zwei
Von seinen Söhnen, die sich
auf sein Wort
Verlassen, so zu kränken. Was zu tun? Er sendet in geheim zu
einem Künstler,
Bei dem er, nach dem Muster
seines Ringes,
Zwei andere bestellt, und
weder Kosten
Noch Mühe sparen heißt, sie
jenem gleich,
Vollkommen
gleich
zu
machen. Das gelingt
Dem Künstler. Da er ihm die
Ringe bringt,
Kann selbst
der Vater seinen Musterring
Nicht unterscheiden. Froh
und freudig ruft
Er seine Söhne, jeden
insbesondre;
Gibt
jedem
insbesondre
seinen Segen, Und seinen Ring, - und stirbt.
- Du hörst doch, Sultan?
SALADIN (der sich betroffen
von ihm gewandt).
Ich hör, ich höre! - Komm mit
deinem Märchen
Nur bald zu Ende. - Wird's?
NATHAN.
Ich bin zu Ende.
Denn was noch folgt, versteht
sich ja von selbst. Kaum war der Vater tot, so
kömmt ein jeder
Mit seinem Ring, und jeder
will der Fürst
Des Hauses
sein. Man untersucht, man
zankt,
Man klagt. Umsonst; der
rechte Ring war nicht
Erweislich; (nach einer Pause, in welcher
er
des
Sultans
Antwort
erwartet)
Fast so unerweislich, als
Uns itzt - der rechte Glaube.
SALADIN.
Wie? das soll die Antwort sein
auf meine Frage? .
NATHAN.
Soll mich bloß entschuldigen,
wenn ich die Ringe
Mir
nicht
getrau
zu
unterscheiden, die
Der Vater in der Absicht
machen ließ,
Damit
sie
nicht
zu
unterscheiden wären.
SALADIN. Die Ringe! - Spiele
nicht mit mir! - Ich dächte,
Dass die Religionen, die ich
dir
Genannt, doch wohl zu
unterscheiden wären.
Bis auf die Kleidung, bis auf
Speis' und Trank!
NATHAN. Und nur von Seiten
ihrer Gründe nicht. Denn gründen alle sich nicht
auf Geschichte?
Geschrieben oder überliefert!
- Und
Geschichte muss doch wohl
allein auf Treu
Und Glauben
angenommen werden? - Nicht?
Nun, wessen Treu und
Glauben zieht man denn
Am wenigsten in Zweifel?
Doch der Seinen?
Doch
deren Blut wir sind? doch
deren, die
Von Kindheit an uns Proben
ihrer Liebe
Gegeben? die uns nie
getäuscht, als wo
Getäuscht zu werden uns
heilsamer war? Wie kann ich meinen Vätern
weniger
Als du den deinen glauben?
Oder umgekehrt. Kann ich von dir verlangen,
dass du deine
Vorfahren Lügen strafst, um
meinen nicht
Zu widersprechen? Oder
umgekehrt.
Das nämliche gilt von den
Christen. Nicht?
SALADIN.
(Bei dem Lebendigen!
Mann hat recht.
Ich muss verstummen.)
Der
NATHAN.
Lass auf unsre Ring' uns
wieder kommen. Wie gesagt:
die Söhne
Verklagten sich; und jeder
schwur dem Richter,
Unmittelbar
aus
seines
Vaters Hand
Den Ring zu haben. - Wie
auch wahr! - Nachdem
Er von ihm lange das
Versprechen schon
Gehabt, des Ringes Vorrecht
einmal zu
Genießen. - Wie nicht minder
wahr! - Der Vater,
Beteu'rte jeder, könne gegen
ihn
Nicht falsch gewesen sein; und
eh' er dieses
Von ihm, von einem solchen
lieben Vater,
Argwohnen lass': eh' müss' er
seine Brüder,
So gern er sonst von ihnen
nur das Beste
Bereit zu glauben sei, des
falschen Spiels
Bezeihen; und er wolle die
Verräter
Schon auszufinden wissen;
sich schon rächen.
SALADIN.
Und nun, der Richter? - Mich
verlangt zu hören,
Was du den Richter sagen
lässest. Sprich!
NATHAN.
Der Richter sprach: Wenn ihr
mir nun den Vater
Nicht bald zur Stelle schafft,
so weis ich euch
Von meinem Stuhle. Denkt
ihr, dass ich Rätsel
Zu lösen da bin? Oder harret
ihr,
Bis dass der rechte Ring den
Mund eröffne? Doch halt! Ich höre ja, der
rechte Ring
Besitzt
die
Wunderkraft
beliebt zu machen;
5
Vor Gott und Menschen
angenehm. Das muss
Entscheiden!
Denn
die
falschen Ringe werden
Doch das nicht können! Nun; wen lieben zwei
Von Euch am meisten? Macht, sagt an! Ihr schweigt?
Die Ringe wirken nur zurück?
und nicht
Nach außen? Jeder liebt sich
selber nur
Am meisten? - Oh, so seid ihr
alle drei
Betrogene Betrüger! Eure
Ringe
Sind alle drei nicht echt. Der
echte Ring
Vermutlich ging verloren. Den
Verlust
Zu bergen, zu ersetzen, ließ
der Vater
Die drei für einen machen.
SALADIN. Herrlich! herrlich!
NATHAN.
Und also, fuhr der Richter fort,
wenn ihr
Nicht meinen Rat, statt
meines Spruches, wollt:
Geht nur! - Mein Rat ist aber
der: ihr nehmt
Die Sache völlig wie sie liegt.
Hat von
Euch jeder seinen Ring von
seinem Vater:
So glaube jeder sicher seinen
Ring
Den echten. - Möglich; dass
der Vater nun
Die Tyrannei des einen Rings
nicht länger
In seinem Hause dulden
wollen! - Und gewiss;
Dass er euch alle drei geliebt,
und gleich
Geliebt: indem er zwei nicht
drücken mögen,
Um einen zu begünstigen. Wohlan!
Es
eifre
jeder
seiner
unbestochnen
Von Vorurteilen freien Liebe
nach!
Es strebe von euch jeder um
die Wette,
Die Kraft des Steins in
seinem Ring' an Tag
Zu legen! komme dieser Kraft
mit Sanftmut,
Mit herzlicher
Verträglichkeit, mit Wohltun,
Mit innigster Ergebenheit in
Gott zu Hilf'! Und wenn sich
dann der Steine Kräfte
Bei
euern
KindesKindeskindern äußern:
So lad ich über tausend
tausend Jahre sie wiederum
vor diesen Stuhl. Da wird
Ein weisrer Mann auf diesem
Stuhle sitzen
Als ich; und sprechen. Geht!
So sagte der
bescheidne Richter.
Interpretation:
Die Parabel ist dahingehend zu entschlüsseln, dass der Vater für Gott, die drei Ringe für die drei
monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam), die drei Söhne für deren Anhänger
und der Richter vielleicht für Nathan selbst steht. Eine Aussage der Parabel wäre demnach, dass Gott
die Menschen gleichermaßen liebe, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit, da alle drei
Religionen sein Werk und alle Menschen seine Kinder seien.
Wichtig sei es, dass die Menschen sich nicht darauf versteifen, die „einzig wahre Religion“ zu
„besitzen“, da sie das fanatisch und wenig liebenswert mache. Zudem sei es eine Zumutung, von
Menschen zu verlangen, dass sie ihren Eltern vorwerfen, diese hätten sie zu einem „Irrglauben“
erzogen. Also soll jeder seinen Glauben für den richtigen halten, dies aber nicht anderen gegenüber
geltend machen, da jede authentische Religion letztlich ihren Ursprung in Gott hat.
Die Frage, welcher Ring der echte sei, müsse zurückgestellt werden, da keine der drei Religionen die
Menschen so veredele, wie es der Fall sein müsste, wenn der echte Ring (die echte Religion) nicht
verloren gegangen wäre, was nach Aussagen des Richters als Möglichkeit in Betracht gezogen
werden müsse. Mit seiner Antwort weist also Nathan Saladins Frage nach der „einzig wahren
Religion“ zurück.
Wie für eine Parabel typisch, gehen auch im dritten Akt des Nathan Realität und Fiktion ineinander
über. Die Geschichte Nathans, welche er dem Sultan Saladin erzählt, soll die Frage Saladins auf eine
indirekte Weise beantworten und die Frage zugleich zurückweisen, da nach Nathan (Lessing) jeder
Mensch seinen eigenen Glauben finden und anerkennen müsse, ohne die Richtigkeit anderer
Religionen in Frage zu stellen. Völlig gebannt von der ihm vorgetragenen fiktiven Geschichte, schickt
Saladin den weisen Nathan weg, um über die Lektion, welche ihm Nathan soeben erteilt hat,
nachzudenken. Dass ein Mensch seines Charakters die Lehre der Parabel annimmt, ist ein wichtiges
Gattungsmerkmal; dieses Verhalten soll der Zuschauer des Stückes nachahmen.
TU-DO/WS 08-09/Yakit_Nathan-Referat, 16.01.09
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