2013-09-29 Bericht Beat Schmutz

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2013-09-29 Bericht Beat Schmutz
Etappen 1 – 5 von Müstair bis Zernez
2. - 6. September 2013
Erlebnisbericht von Beat Schmutz, Düdingen FR
"Vamos caminando - gehen wir auf den Weg", sagte eine Gruppe aktiver Jakobswanderer
der Kirchgemeinden Thusis und Masein am Ziel ihrer eindrücklichen Pilgerreise in Santiago
de Compostela und suchte nach der Rückkehr die Spuren des vergessenen Jakobswegs in
Graubünden.
Der Verein mit Sitz in Thusis besteht seit Mai 2004. Vereinszweck ist die Erschliessung eines
Jakobswegs durch Graubünden und die Vermittlung seiner historisch-kulturellen und
aktuellen Bedeutung. Im November 2008 wurden zwei Ziele erreicht: der Weg ist von Müstair
bis zum Anschluss an die Via Jacobi (Seelisberg UR) ausgeschildert und ein Wegführer mit
touristischen, spirituellen und kulturellen Informationen ist vom Terra Grischuna Verlag
herausgegeben worden.
Kaum ein Abschnitt auf dem ganzen europäischen Netz der Jakobswege bietet eine so
grosse landschaftliche Vielfalt und Abwechslung wie die Via Son Giachen. Querschnitte
durch die Geologie der Alpen, Passquerungen mit Wasserscheiden zu verschiedenen
Weltmeeren, imposante Schluchten, Flussauen, Naturwälder über alle Höhenstufen – vom
Arvenwald bis zu den Buchen-Mischwäldern –, gepflegte Alpen und Blumenwiesen sind
einige Höhepunkte dieser faszinierenden Fernwanderung.
Die Beherrschung der Alpenpässe war lange Zeit erklärtes Ziel fremder Mächte. Auf
Säumerpfaden bewegten sich ebenso Händler, Marktfahrer, Touristen, Künstler; sie waren
zudem die Wege der zugewanderten Walser. Davon sind die Bündner Regionen auch heute
noch stark geprägt. Die kulturelle Vielfalt zeigt sich in den Sprachen und Bräuchen, in den
Siedlungsformen, in der Landnutzung, in den sakralen und profanen Baudenkmälern von
teilweise internationalem Wert.
Im Kanton Graubünden finden sich zahlreiche Spuren der mittelalterlichen Wallfahrt nach
Santiago de Compostela. Diesen Spuren entlang ist der Jakobsweg Graubünden konzipiert
worden und bildet einen kleinen Abschnitt im weitläufigen, europäischen Wegnetz (aus dem
Internet).
In der Tat umfasst der Jakobsweg Graubünden 19 Etappen, von der schweizerisch/
italienischen Grenze bei Müstair bis nach Amsteg im urnerischen Reusstal. Dabei werden
hohe Pässe überschritten, als höchster der Scalettapass auf 2’606 Metern zwischen dem
Unterengadin und Davos.
Das Ehepaar Edi und Bernadette Lehmann-Fasel aus Düdingen organisiert ein weiteres
Mal die Begehung einer Teilstrecke des Jakobsweges, diesmal von Müstair im östlichsten
Teil der Schweiz nach Zernez im Unterengadin. Dies entspricht den Etappen 1 – 5 des
Jakobswegs Graubünden.
Sie haben auch dieses Jahr die Strecke rekognosziert, die Hotels reserviert und ideale
Positionen für die Halte des Begleitbusses in den Landeskarten 1:25'000 eingezeichnet. An
der Wanderung selbst betätigt sich Bernadette als Einkäuferin, Verpflegerin und Pfarrerin.
Edi betätigt sich als fachkundiger, nicht aus der Ruhe zu bringender Wanderleiter. Das
fünftägige prächtige Wanderwetter trägt dazu bei, dass die Fusswallfahrt allen
Teilnehmenden in unvergesslicher Erinnerung bleiben wird.
Als weitere Ehepaare nehmen teil: Beatrice und Marius Bächler, Dora und Alfons Burri,
Marianne und Beat Fasel, Ursi und Beat Haymoz, Agnes und Reinhold Piller, Marie-Theres
und Albert Raetzo, Ursula und Franz Ruch sowie die Einzelpersonen Ursula BrülhartSchwaller, Brigitte Fasel, Hermann Fasel, Silvia Jörg, Emmy Kolly, Emily Kurzo, Bruno
Perler, Therese Schumacher, Bernadette Waeber, Beat Schmutz und als zuverlässiger
Kleinbusfahrer Josef (Josi) Ackermann; insgesamt 27 Personen.
Montag, 2. September 2013
Besammlung auf dem Bahnhofplatz in Düdingen um 5.45 Uhr. Herzliche Begrüssung, viele
kennen sich schon von den Jakobsweg-Fusswallfahrten der vergangenen Jahre. Verladen
der Koffer, Rucksäcke und Wanderstöcke in den Begleitbus.
Düdingen ab 06h17, Bern an 06h44 / ab 07h02, Zürich an 7h58. Im Eiltempo die Geleise
wechseln, kaum eingestiegen Weiterfahrt um 8h07 dem Zürichsee und Walensee entlang
über Sargans nach Landquart, 9h11 an. Weiter um 9h20 mit dem Regio-Express der
Rhätischen Bahn (RhB) durchs Prättigau, in Klosters Selfranga durch den 19 km langen
Vereinatunnel nach Sagliains und weiter bis Zernez, 10h29 an. Drei Minuten später bereits
weiter mit dem Postauto durch den Schweizerischen Nationalpark und über den Ofenpass
nach Müstair. Der aufgestellte Buschauffeur verbreitet eine fröhliche Stimmung. Er erklärt
der 25-köpfigen Senslergruppe die Berge, macht auf den 3’905m hohen Ortler als höchsten
Berg Südtirols aufmerksam, erklärt die Landschaften (Strassentunnel nach Livigno), zeigt
uns das Wohnhaus von Dario Colognas Eltern in Tschierv und das Ferienhaus von Sandra
Studer und erzählt Begebenheiten aus der Region, wie etwa den aktuellen Jagdbeginn. In
Valchava hat er bei der Durchfahrt des Dorfes beidseits einen linealbreiten Abstand, in
Glurns im Vinschgau sollen es beidseits nur noch 5 cm sein, denn das Postauto fährt ohne
uns weiter bis Mals! Ankunft in Müstair auf 1’247m Höhe um 11h37. Was früher einen
ganzen Tag gedauert hätte, wird mit SBB, RhB und Postauto in etwas mehr als fünf Stunden
zurückgelegt. Fast gleichzeitig trifft der Begleitbus mit Fahrer Josi und Beifahrer Bruno samt
dem Gepäck auf dem Parkplatz ein.
Die Reisenden sind hungrig und durstig, das Picknick-Tischchen wird auf die Beine gestellt,
Bernadette und die anderen Frauen beginnen zu hantieren. Nach wenigen Minuten stehen
Schwarzbrot, Wurst, Käse, Eier, Tomaten und allerlei Getränke bereit. Danach auch noch
Kaffee und Biscuits, was sich dann jeden Tag mit regionalen Produkten wiederholt.
Kloster Müstair
Valchava – enge Durchfahrt
Hauswurzen-Bord
Anschliessend besuchen wir das Benediktinerinnenkloster St. Johann in Müstair. In einer
halbstündigen Führung erklärt uns Frau Conrad die Geschichte dieser sehr gut erhaltenen
mittelalterlichen Kloster-Anlage aus der Karolingerzeit mit den vielen Fresken. Das Kloster
wurde 1983 von der UNESCO in die Weltkulturerbe-Liste aufgenommen. Zur Zeit sollen
noch 12 Nonnen dort wohnen. Beat und Emmy holen am Kiosk noch den Pilgerstempel vom
Startort.
Um 13h15 marschiert die 26 Personen umfassende Schlange los. Durch enge Strassen an
schönen blumengeschmückten Häusern vorbei steigt’s gleich bergan, vorbei an einem
schönen Bord mit Hauswurzen. Der Jakobsweg ist mit der grünen Nummer 43 „Via Son
Giachen“ überall gut markiert. Es geht entlang von Getreide- und Maisfeldern,
Kartoffeläckern, Wiesen. Viele Vogelbeerbäume und Herbstzeitlosen säumen den Weg. Der
Panoramaweg verläuft weit oberhalb der Hauptstrasse. Es ist sonnig mit leichter Bewölkung,
ideales Wanderwetter. Kurze Pause nach einer Stunde in Santa Maria Val Müstair, so der
offizielle Name, denn das Romanische soll nicht verlorengehen. Weiter geht’s nach
Valchava, nun in evangelischem Gebiet seit der Reformation 1537/38. Auch dieses Jahr
haben Bernadette und Edi ein 32-seitiges Pilgerbüchlein mit Liedern und Texten für alle
vorbereitet. Das von Ursula Brülhart getextete Wanderlied nach der Melodie „Mein Vater war
ein Wandersmann“ wird erstmals gesungen.
Bernadette als Frau Pfarrerin hält die Andacht und erteilt uns den Wallfahrtssegen für den
Weitermarsch. Äpfel und Getränke stehen im Begleitbus für die Mitnahme bereit. Vorbei an
Gerstenfeldern (Gerste mit den langen Grannen) geht’s vorerst auf einer Teerstrasse
gemächlich aufwärts, nach Überquerung eines Bachs weiter auf Naturstrassen. Mit dem Ruf
„Halleluja“ der Pfarrerin herrscht nun für die nächste Viertelstunde Stille beim Wandern. Die
Gespräche brechen ab, die Natur wird noch intensiver beobachtet oder die Leute sind in
Gedanken versunken. Plötzlich ein Bär, ein Braunbär. Es ist aber keiner der M-Bären (M12
und M14 wurden im Südtirol von Autos überfahren, M13 abgeschossen). Vielmehr ist es eine
Holzskulptur einer Bärenmutter mit ihrem Jungen. Auf Naturwegen weiter nach Fuldera in die
evangelische Kirche St. Rochus, in der Bernadette erneut eine Andacht hält. Diese
Viertelstunde tut Leib und Seele gut. Wir passieren nun viele Esel in einem Gehege, den
Düdinger Maskottchen! Nach der Wanderung dem Rombach (Il Rom) entlang kommen wir
um 17h45 in Tschierv auf 1’680 m Höhe an. Vor dem Hotel heisst es aber noch:
Gymnastikübungen machen mit Ursula.
Rast in Valchava
Dario Cologna
Hotel Staila Tschierv
Die Zimmerzuteilung im empfehlenswerten Parc-Hotel STAILA erfolgt rasch und
unkompliziert. In den heimeligen Zimmern wird noch vor dem Auspacken geduscht und die
Sockenrandallergie mit Salbe behandelt. Dann ist man oder frau ein neuer Mensch. Das
Hotel hat wohl nur wegen des fehlenden Lifts 3 statt 4 Sterne, denn das Nachtessen ist sehr
schmackhaft:
Gemischter Salat – Gemüsesuppe - Kalbsgeschnetzeltes, Kartoffelstock, gratinierte Tomate
- Panna cotta mit Waldbeeren. Dazu ein Calanda Bier oder Wein und zuletzt noch Kaffee.
Als karges Pilgermenü kann man das nicht bezeichnen. Im Hotel gibt’s zudem den einzigen
speziellen Jakobsweg-Stempel auf der ganzen Strecke.
3½ Stunden Marschzeit, 1 Stunde Pausen zwischen 13.15h und 17.45h, Steigungen 413m,
Gefälle unbedeutend.
Dienstag, 3. September 2013
Morgens Blick aus dem Fenster. Die Sonne beleuchtet die ersten Bergspitzen, wolkenloser
Himmel. Das Frühstück um 8 Uhr in der heimeligen Arvenholz-Gaststube mit vielen BioProdukten schmeckt sehr gut. Vor dem Hotel wartet eine ältere Biker-Gruppe auf das letzte
Mitglied bevor es ins Livigno geht. Durch den Tunnel gehe es nur auf der Rückfahrt, im
Shuttle-Bus. Der uns bevorstehende Pass da Costainas kann mit Fahrzeugen nicht befahren
werden, darum fassen wir das Picknick bereits jetzt. Ein strenger Tag steht bevor.
Abmarsch beim Hotel um 9 Uhr, zuerst talwärts auf der Via Dario Cologna, benannt nach
dem grandiosen Skilangläufer sowie Schweizer des Jahres 2012. Als Olympiasieger,
Weltmeister und je dreimaliger Weltcupsieger und Tour-de-Ski-Sieger war das
höchstverdient. Zudem trägt ein Zug der RhB seinen Namen. Seine Eltern wohnen im Dorf
Tschierv, er selber nun in Davos.
Dann verlassen wir die Talsohle und es geht lange bergauf, ein Stück weit auf Teerstrasse.
Ganze Felder sind voll mit den schönen aber giftigen Herbstzeitlosen. Auf der alten Strasse,
nunmehr als Naturweg steigen wir immer höher. Kurze Pause beim Waldausgang. Um
10h10 kommen wir auf der Sonnenterrasse Lü auf 1’920m an. Für einige eher langsam
Marschierende hatte es im Kleinbus noch Platz bis Lü. Bernadette hält Andacht in der
evangelischen Kirche. Beat erklärt dann den Zuhörenden noch, was es mit dem Dorf mit
dem kurzen Namen Spezielles auf sich hat:
Schweizweit kam Lü 1992 ins Gerede, als die 50 Stimmberechtigten den Beitritt zum EWR
mit 100% der Stimmen ablehnten. Die Wirtin des Dorfes sagt dazu, sie seien nicht
konservativ sondern hätten bloss einen gesunden Menschenverstand. Christoph Blocher,
nachmaliger Bundesrat von 2003-2007, wollte das Dorf kennenlernen und finanzierte das
neue Schindeldach der Kirche, was ihm den Titel eines Ehrenbürgers einbrachte! Lü war bis
Ende 2008 eine politische Gemeinde mit 65 Einwohnern und gehört seit 2009 zur grossen
Gemeinde Val Müstair. Bei der ersten Abstimmung waren die Gemeindebürger mit 18:17
Stimmen gegen, die Talgemeinden mit 85% der Stimmen für die Fusion. Erst bei der
neuerlichen Gemeindeversammlung stimmten die Bürger mit 30 zu null Stimmen zu! Damit
verlor Lü halt auch den inoffiziellen Titel als höchstgelegene Gemeinde Europas. Die
höchstgelegene ganzjährig bewohnte Siedlung in der Schweiz ist ja bekanntlich Juf im
Averstal auf 2’126m mit ca. 30 Einwohnern aus sechs Walser-Familien.
Kirche Lü mit Schindeldach!
Mutterkühe mit Kälbern
Über den Costainaspass
Um 10h30 geht’s auf Naturstrassen durch die wunderschöne Landschaft, gemächlich
ansteigend. Nach der Abzweigung zur Alp Champatsch plötzlich ein heftiger Anstieg, mit
über 25 Steigungsprozenten. Marschiert wird in kleinen Schrittchen. Oben angelangt geht’s
dann aber fast ebenwegs zum Übergang des Pass da Costainas auf 2’251m, wo die Letzten
der langgezogenen Gruppe um 12h15 eintreffen. Mittags-Picknick diesmal aus dem
Rucksack. Im Plastik-Säcklein finden sich zwei dicke Scheiben Schwarzbrot, ein grosses
Stück Käse und eine Cervelat. Das schmeckt wunderbar. Viele Biker überqueren die
Passhöhe zwischen dem Val S-charl und dem Val Müstair. Kurz vor 13 Uhr geht’s bergab,
zwischen einer Herde von Mutterkühen mit ihren Kälbern hindurch. Nach der Alp Astras eine
Stundenpause, dann durch wunderschöne Föhren- und Lärchenwälder. Bei ganz klarer Sicht
ist die Aufnahme dutzender schöner Bilder keine Kunst. Am rechten Hang (Tamangur) sollen
die höchsten Arvenwälder Europas stehen. Pause am Bergbach, wo weiter? Rechts die
Naturstrasse, der heissen Sonne ausgesetzt, links ein Wanderweg über Stock und Stein,
aber im Schatten. Wir wählen die schattige Seite, die einigen aber arg zusetzt. Bisher waren
keine Wildtiere zu sehen, nur das Pfeifen eines weit entfernten Murmeltiers war zu hören.
Endlich ein Holzsteg über den Bach, dann auf der breiten Naturstrasse hinab nach S-charl.
Um 16h15 Ankunft beim Hotel Crusch Alba. Zuerst wird aber die Gartenwirtschaft im
Schatten aufgesucht. Das Calanda Bier schmeckt einfach gut.
Der Kleinbus darf ausnahmsweise ins Dorfzentrum fahren um das Gepäck abzuladen. Der
Parkplatz ist etwa 500 Meter weiter unten installiert. Dort hat es dafür Handy-Empfang für die
heimatlichen Telefongespräche. Die Wanderer werden auf verschiedene Gebäude verteilt.
Ich bleibe im Haupthaus und bekomme ein Einzelzimmer mit fliessendem Wasser. Dusche
und WC sind auf der Etage. Ich fühle mich wohl, trotz oder wegen fehlender Radio- und
Fernsehgeräte.
Das Nachtessen um 19 Uhr ist erneut eine feine Angelegenheit: Gerstensuppe - Salat vom
Buffet - Tuortun d’Ardez (Hackfleischschnitten), Pizzokels (eine Art Spätzle), gefüllte Tomate
– Käseplatte - Engadiner Nusstorte mit Baumnusseis und Caramelsauce. Ein Wandertag,
nein ein Wundertag geht zu Ende.
Nach dem Nachtessen wird wieder gejasst für alle die mögen. Das Leiter-Ehepaar wird in
einer Pension einquartiert. Dumm ist nur dass die Türe nicht nur verschlossen sondern
zusätzlich noch „de Saare fürtaa cho ìsch“, dass der Riegel geschoben wurde. Kurz vor
Mitternacht müssen die beiden einen tollen Klamauk veranstalten um gehört zu werden!
6 Stunden Marschzeit, 1¼ Stunden Pausen zwischen 9.00h und 16.15h, Steigungen 591m,
Gefälle 441m.
Mittwoch, 4. September 2013
Der Zimmerboden knarrt beim Aufstehen, es windet draussen auf 1’810m Höhe. Blick aus
dem Fenster. Erste Sonnenstrahlen beleuchten im Westen zuerst die Spitzen des Piz
Mingèr, ab 6.45 Uhr von Minute zu Minute immer tiefer hinunter. Die Bündner- und
Schweizerfahne flattern. Das Frühstück ist prima und reichlich mit Biobrot, Gipfeli, Butter,
Käse, Konfi, Fleisch, Ei, Müesli, Kaffee, Tee, Orangensaft. Vor dem Abmarsch geht ein
Jäger mit einem angehängten geschossenen Reh vorbei. Die Temperatur sei in der Nacht
bis auf 5 Grad C gefallen, meint der Wirt.
Kirche in S-charl
Unterwegs! Mmmh
In der Clemgia-Schlucht
Andacht in der Kirche mit Pfarrerin Bernadette. 9 Uhr Abmarsch in S-charl talwärts. Viele
Herbstzeitlosen auf den Wiesen. Vorbei an der Schmelzra mit den Mauerresten der alten
Schmelzöfen. Nach einer Viertelstunde teilt sich die Gruppe in zwei Hälften auf. Die eine
nimmt die Fahrstrasse, die andere den etwas heiklen Wanderweg. Beim Zufluss des Bachs
aus dem Val Mingèr schliesst die Elite-Gruppe nach einer Viertelstunde wieder auf. Um
10h00 geht’s weiter, abseits der Fahrstrasse steigt’s leicht bergan, vorbei an Heidelbeer- und
Preiselbeerstauden, an abgestorbenen Ästen und ganzen Bäumen. Weiter über ein
Hängebrüggli, durchs Moos, an sumpfigen Stellen vorbei. Pilze, Tannenzapfen, frische Luft,
hoch über der Fahrstrasse. Es ist derart schön, dass einige zu singen beginnen. Nach einer
halben Stunde hinunter zur Fahrstrasse und dieser entlang. Überall sind Erosionen des
offensichtlich brüchigeren Bündner Kalks zu sehen, dann ein schmaler Durchgang. Würde
dieser nicht ständig ausgebaggert gäbe es in Kürze einen weiteren Stausee im Bündnerland.
Einige Erdpyramiden wie in Euseigne im Eringertal, eine wie ein Zeigefinger Gottes
aussehend, sind zu erblicken. Beim Strassentunnel aussen herum, weiter vorne steigt Rauch
empor. Er stammt von der Grillstelle am Strassenrand. Welche Überraschung! Chauffeur
Josi hat sie mit dem vorhandenen Brennholz vorbereitet. Bratwürste und Cervelats werden
gebrätelt. Das gibt zusammen mit dem täglich frischen Brot, Rüebli und Äpfeln ein
Festessen. Kaffee und Süssigkeiten runden das feine Mahl ab.
Ein Wanderpaar kommt das Tal hoch. Die beiden werden ebenfalls eingeladen. Sie
verbringen seit 1997 sowohl ihre Sommer- wie ihre Winterferien in Guarda im Unterengadin.
Falls wir mal ins Erzgebirge fahren sollten (Freiberg oder Annaberg-Buchholz), würde er uns
eine Führung anbieten, sagt der Mann! Ideal sei das zweite Wochenende im Dezember.
Als er von unserer Herkunft Deutschfreiburg erfährt kommt er auf Frau Erika Pohl-Ströher zu
sprechen. Die deutsch-schweizerische Chemikerin, Biologin und Unternehmerin (ihre
Grosseltern gründeten 1880 die Kosmetikfirma Wella, die 2003 an Procter & Gamble
verkauft wurde) habe bis 2004 in Ferpicloz bei Freiburg gewohnt. Ihr nicht unbedeutendes
Vermögen habe sie im Lauf der Jahre in eine Mineraliensammlung gesteckt und eine
gleichnamige Stiftung gegründet. Schliesslich stehe sie heute im 95. Lebensjahr. Danach
habe es sie wieder in ihre Heimat gezogen, ins sächsische Erzgebirge. Nach der Sanierung
des Schlosses Freudenstein in Freiberg/Sachsen seien nun seit 2008 die über 80'000(!)
Exponate der Sammlung an der weltweit grössten Mineralienausstellung „terra mineralia“
öffentlich zugänglich.
Erika Pohl-Ströher ist im Internet nochmals erwähnt mit folgendem Text: „In der "Hauptstadt
des Erzgebirges", im Herzen von Annaberg-Buchholz, erwartet Sie seit dem 29. Oktober
2010 ein einzigartiger Schatz. Ein Schatz, der Träume Wirklichkeit werden lässt. Ein Schatz,
der zum Aufspüren, Entdecken und Staunen einlädt: Die Manufaktur der Träume Sammlung Erika Pohl-Ströher. Diese Manufaktur ist ein Erlebnismuseum der besonderen
Art. Was es hier zu erleben gibt? Die einzigartige Volkskunst des Erzgebirges, repräsentiert
in einer der grössten und beachtlichsten Privatsammlungen weltweit. Über 1’000 Objekte aus
vier Jahrhunderten, liebevoll zusammengetragen von Dr. Erika Pohl-Ströher“.
Wie später im Internet gefunden, handelt es sich bei den Wandernden um den 73jährigen
deutschen Mineralogen und Historiker an der Technischen Universität Chemnitz in Sachsen,
Prof. Dr. Friedrich Naumann mit Ehefrau.
Das Gespräch ist so interessant, dass ich sogar Kaffee und Süssigkeiten verpasse. Nach 1¼
Stunden geht’s weiter der Strasse entlang. Plötzlich fährt ein Pickup vorbei, mit zwei
geschossenen prächtigen Hirschen auf der Pritsche. Glücklicherweise waren es nicht die
Steinböcke Gian und Giachen, wir würden sie in der TV-Werbung für Graubünden sehr
vermissen! Am anderen Ufer der Clemgia ist das östliche Ende des Nationalparks, wo sie
sich in Sicherheit hätten bringen können.
Dann geht’s weg von der Strasse, hinunter in die Clemgia-Schlucht. Phantastische Bilder
lösen sich ab, Fotoaufnahmen noch und noch vom tief in den Fels eingefressenen Fluss.
Getöse der Clemgia, über ein Brüggli, viertelstündige Pause in der Schlucht. Der Weg ist gut
gesichert und gefahrlos zu begehen. Ein ockerbrauner Felsstreifen zieht sich von hoch oben
bis zum Fluss hinunter.
Um 14.30 erreichen wir das Sportgelände Gurlaina in Scuol (Schuls) am Inn auf 1’197m
Höhe als tiefsten Punkt der gesamten Wanderung. ¾ Stunden Pause, wir sind zu früh dran
und schauen den Vorbereitungen des „Gore-Tex Transalpine-Run“ für Donnerstag zu. „500
Teilnehmer aus 25 Nationen, 261 Kilometer, 15’900 Höhenmeter durch vier Länder in acht
Tagen. Von 31. August bis 07. September 2013 sind die Alpen wieder Schauplatz einer
extrem spannenden, spektakulären Laufveranstaltung (in Zweiergruppen)“, steht im Internet.
Dies also nicht etwa mit dem Bike sondern zu Fuss. Der Startort ist in Oberstdorf im Allgäu
und der Zielort in Latsch im Vinschgau/Südtirol. An diesem Mittwoch hatten die Teilnehmer
einen fast als „Ruhetag“ empfundenen Bergsprint von Scuol auf die Motta Naluns mit 6,2 km
Länge und 935 m Steigung zu bestreiten. Die Bergläufe am Vortag und am folgenden Tag
entsprechen beide punkto Länge und Höhendifferenz in etwa dem ältesten europäischen
Berglauf Sierre – Zinal. Mit seinen 31 km, 2’200m Aufstieg und 800m Abstieg ja auch nicht
der leichteste! Der Gore-Tex Transalpine-Run gilt als einer der abenteuerlichsten Laufevents
und bietet seinen Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein unvergessliches Erlebnis vor einer
einzigartigen Bergkulisse. Wer nächstes Jahr bei der 10. Austragung mitmachen möchte,
findet die Angaben unter: www.transalpine-run.com.
Haus in Schuls
Apéro am 1. Abend
Es funktioniert noch
In 25 Minuten erreichen wir das Hotel Quellenhof, die Koffer werden entladen und die
Zimmer bezogen. Nach dem Duschen auf die Terrasse zum Calanda Bier. Warum schmeckt
das immer so gut? Vielleicht weil man es nur in Ferienstimmung trinkt. Danach machen
einige mit Agnes und Noldi, die Scuol kennen, einen Dorfrundgang zu den Brunnen mit
Mineralwasser, durchs Dorf und zum Thermalbad. Ein Zürcher Automobilist füllt an einem
Brunnen seinen ganzen Kofferraum mit in Flaschen abgefülltem Mineralwasser. Dieses ist
für mich allerdings etwas ungewöhnlich, nicht gerade nach dem alten Bad Bonn (Schwefel)
schmeckend, aber doch sehr gewöhnungsbedürftig.
Ein Apéro wird von der Gerantin des Hotels Quellenhof offeriert. In wessen Besitz das Hotel
ist war nicht zu erfahren. Es ist im Jugendstil erbaut und war sehr mondän in seiner Blütezeit
um die vorletzte Jahrhundertwende! So sehen auch die Zimmer aus, vom Doppel- bis zum
Sechsbettenzimmer. In jedem Zimmer unserer Leute hat es noch freie Betten. Ein Radiator
der Heizung in unserem Zimmer ist so feurig anzufassen und verkalkt, dass er nicht
zurückgedreht werden kann. In den etwa 3,50m hohen Zimmern steigt die Wärme aber
glücklicherweise nach oben! Schade, dass alles verfallen gelassen wurde. Die Armaturen
der Wasserhähnen wären als über 100jährige Antiquität bei der Einfuhr zollfrei. Die
quicklebendige Wirtin und ihre zwei jungen Helferinnen tun ihr Möglichstes. Unterdessen
stimmt Marianne Lieder an. Um 19h30 ist es dann soweit: Salat vom Buffet – Rahmschnitzel
mit Champignons, Gemüse, Trockenreis – Dessert mit verschiedenen Variationen.
Nach dem Auszug der jungen Sportler am Morgen verbleibt nur noch ein zusätzlicher Gast
im Hotel, Urs aus Zürich. Er isst mit uns und ist auf der Via Engiadina unterwegs, heute vom
Kurhaus Val Sinestra her. Während des Wartens auf das Essen wird gesungen. Auch nach
dem Essen wird weiter gesungen. Die Wirtin aus dem Misox ist so begeistert dass sie
mitsingt und dirigiert und bekräftigt: „Ich liebe Ihnen alle!“. Zudem spendiert sie allen den
Kaffee!
4½ Stunden Marschzeit, 2¼ Stunden Pausen zwischen 9.00h und 15.45h, Steigungen 46 m,
Gefälle 613 m.
Donnerstag, 5. September 2013
Morgens früh, wieder keine Wolke am Himmel. Die ersten Sonnenstrahlen treffen auf die
Gipfel auf der anderen Talseite, noch leicht schneebedeckt. Frühstück im grossräumigen,
sehr hohen Saal mit den prachtvollen Leuchtern. Für den anstrengenden Tag steht alles
bereit auf dem Zmorgetisch.
Wir erfahren am Morgen die bestürzende Nachricht, dass Hugo Schaller aus Wünnewil,
Jahrgang 1942, beim Abstieg von der Spitzflue im Schwarzseegebiet tödlich verunglückt sei.
8h30 Abmarsch beim Hotel im Wanderhemd, es ist warm genug. Zuerst entlang der Strecke
der Luftseilbahn auf Motta Naluns, die um 9 Uhr ihren Betrieb aufnimmt. Die erste Anhöhe
wird nach ¾ Stunden erreicht. Wohlverdiente Pause mit wunderschöner Aussicht auf das
Schloss Tarasp. In Ftan kommen wir um 10h15 an. Obwohl der Begleitbus auch da ist wird
im Café Scuntrada („Begegnung“) eingekehrt. Und alle Getränke sind gratis. Das Rätsel löst
sich bald auf: Ursula Brülhart-Schwallers Sohn und die Tochter der Wirtin sind verheiratet,
wohnen in Chur und haben zwei Kinder. Wir bedanken uns bei Ursula und der Wirtin und
verabschieden uns um 11 Uhr. Es geht kurz hinunter zur Muglin (Mühle) von Ftan und ist für
die Jahreszeit sehr warm. Weiter entlang eines Weizenfeldes, dies auf ca. 1’600m Höhe.
Überall lüden Bänke mit der Aufschrift „Salüds da Ftan“ zur Rast ein. Dann an der Ruine
Chanoua vorbei. Sie muss ein stattliches Gebäude gewesen sein, die Überreste einer alten
Sust an der Via Imperiala Como – Tirol und hat wohl als Umschlagsplatz für Transportgüter
wie als Herberge gedient. Ardez wird weit unten sichtbar mit seiner Burg auf einem Felsen.
Mit meinen Fotoaufnahmen und fortlaufenden Notizen laufe ich vielfach der Gruppe
hinterher. Ardez Plaz wird um 12h45 erreicht. Der von Josi gespendete Weisswein im
Brunnen ist gekühlt und wird serviert. Zur üblichen Mittagsverpflegung werden noch eine
feine Engadiner Nusstorte von Emmy und der Cake vom Café Scuntrada in Ftan genossen.
Die Andacht in der Kirche fällt weg, das Gotteshaus ist eine einzige Baustelle. Im Dorf Ardez
sollen laut Bericht in der „Schweizer Familie“ mehr Schafe als Menschen leben (435
Einwohner, 600 – 1'000 Schafe).
Wohin des Wegs?
Hinüber nach Ftan
wo sind die Wurzeln?
Nach dem Dorf Ardez steiler Anstieg auf der Teerstrasse. Schweisstreibend, Backofenhitze,
mehrere Kurzpausen im Schatten sind angesagt. Schöne Kugeldisteln säumen den Weg.
Endlich oben in Bos-cha. Auf einem Panorama-Wanderweg geht’s weiter auf 1’650m Höhe.
Viele Ameisen krabbeln auf den Waldwegen herum. Dann zur Strassenabzweigung, die auf
die Alp Valmala hinaufführt, ein Nadelbaum auf einem riesigen Felsblock wird fotografiert,
kurze Pause. Danach am sich im Bau befindlichen Kleinwasserkraftwerk Tasnan vorbei.
Dieses wird ab Oktober 2014 19 Mio KWh für 4’400 Haushalte erzeugen bei Investitionen
von 25 Mio Franken. Weiter geht’s abwechslungsweise in offenem Gelände bei heissen
Temperaturen oder im schattigen Wald. Blick auf Guarda, angeblich das schönste aller
Unterengadiner Dörfer. Um 15.30 Uhr treffen wir dort ein. Es hat wirklich schöne mit Graffiti
verzierte und mit Blumen geschmückte Engadiner-Häuser. Nicht umsonst wurde Guarda
bereits 1975 der Wakkerpreis verliehen. Vielleicht half auch die schöne Lage des Dorfes
noch mit. Mit diesem Preis werden seit 1972 politische Gemeinden vom Schweizer
Heimatschutz für beispielhaften Ortsbildschutz ausgezeichnet. Die Andacht fällt auch hier
wegen einer Total-Baustelle in der Kirche ins Wasser. Nun denn, man kann Gott auch
unterwegs in dieser schönen Landschaft loben. So wandern wir in Guarda nur durch.
Zwischen Ftan und Ardez
Der Chef in Ardez
Kugeldisteln in Guarda
Nun geht’s hinab auf den Talboden des Inn. In Resgia wird eine viertelstündige Rast am
Bach gemacht. Die Unterengadiner Berge sind bis auf Schneereste in kleinen Gräben
praktisch aper. Die Bauern fahren das gut riechende Emd ein bei diesem Bilderbuchwetter.
Lavin im Tal wird um 16.30h erreicht, 8 Stunden nach dem Start in Scuol. Weil Edi in Lavin
nicht genügend Schlafplätze gefunden hat, fahren wir mit der RhB um 16h56 nach Scuol
zurück mit Ankunft um 17h15. Vom hoch oben gelegenen Endbahnhof der RhB geht’s eine
gute Viertelstunde zurück ins Hotel Quellenhof. Nach dem Duschen ins Dorf, schliesslich
möchte ich noch eine Engadiner Nusstorte nach Hause bringen.
Das Nachtessen wird pünktlich um 19 Uhr serviert. Heute gibt’s: Tomaten-Mozzarella-Salat Rindsgeschnetzeltes, Polenta - Cassata mit Rahm. Weil die Wirtin kein Rechengenie ist,
nimmt Edi kurzerhand die Kassenzettel für Wein, Bier und Mineralwasser, addiert diese und
begleicht sie später mit der Gesamtrechnung.
Es ist bereits der vierte und letzte Abend, den die Gruppe gemeinsam verbringt. Ursula
Brülhart-Schwaller dankt im Namen aller Teilnehmenden Edi und Bernadette von ganzem
Herzen für die Idee, die Vorbereitung mit Wanderbüchern und Landkarten, die Gestaltung
des Führers mit Liedern und Gebetstexten, die viertägige Rekognoszierung an Ort und Stelle
und die tadellose Durchführung. Dies alles hat sie in Gedichtform verfasst und als Gesang
vorgetragen!
Edi dankt seinerseits dem Kleinbusfahrer Josi Ackermann und den Wandernden für die
Teilnahme und die immer herzliche Stimmung, die sie verbreiteten. Er dankt zudem Josi für
den Wein, Emmy für den grossen Käselaib und die Engadiner Nusstorte und Marianne Fasel
für den Inhalt des Flachmanns.
Edi verspricht für den 8. Dezember 2013 (Sonntag) wieder ein grosses Abschlussessen.
Dann wird Beat Schmutz auch seinen umfangreichen, mit Fotos illustrierten Wanderbericht
den Teilnehmenden abgeben. Zudem soll es im 2014 auf einer Alp auch wieder ein
Fondueessen geben. Die Anwesenden freuen sich schon im Voraus auf diese
Zusammenkünfte.
5½ Stunden Marschzeit, 2½ Stunden Pausen zwischen 8.30h und 16.30h, Steigungen 668
m, Gefälle 469 m.
Freitag, 6. September 2013
Auch am Vorabend wurde wieder gejasst. Vom Intermezzo mit einer Dame des schwarzen
Kontinents bekam der Schreibende nichts mit. Er musste in seinem Zimmer die Notizen
nachtragen. Sie hatten mit ihren Avancen bei den Männern der Pilgergruppe aber keinen
Erfolg!
Der Koffer ist nach zwei Nächten wieder gepackt. Das Frühstück ist reichlich. Ohne Mithilfe
der Frauen hätte die Vorbereitung allerdings lange gedauert. Edi kämpft mit der Wirtin um
Zahlen fürs Zahlen. Sie wollte unbedingt weniger Geld, so beispielsweise nur für eine
Übernachtung statt für zwei! Einige junge Sportler sollen davon profitiert haben. Unseren
Wanderleiter kann sie aber nicht mit Hunderten von Franken beschenken. Das hätten auch
die Teilnehmenden nicht gewollt. Was wohl aus diesem Hotel wird, fragten sich die meisten.
Es ist derart revisionsbedürftig, dass es wohl nur noch auf einen Käufer wartet und dann
abgerissen wird. Eigentlich schade, es liegt mitten in Scuol. Hoffen wir dass die Wirtin und
ihre beiden Helferinnen bis dann eine andere Stelle gefunden haben werden.
Um 9 Uhr wandern wir zum Bahnhof Scuol hinauf um den Zug um 9h34 nach Lavin zu
besteigen. Wir fahren bis zur Staziun Lavin auf 1'432 m (Ankunft 9h53) und setzen die
Wanderung dort fort, wo wir sie gestern beendet haben. Es ist erstmals bewölkt, der
Westwind geht leicht. Um 10 Uhr geht’s los, zum Inn hinunter und über eine Holzbrücke auf
die andere Seite. Ständig heisst es Bikern auszuweichen, welche kaum das Tempo drosseln.
Vor Susch kommen plötzlich fünf Reiter auf ihren Pferden entgegen. Die Kirchenuhr schlägt
11 Uhr. Andacht in der Baselgia San Jon, seit der Reformaziun 1537/38 evangelisch.
Ebenso besinnlich ist jeweils auch die von der Pfarrerin täglich verordnete Stille unterwegs.
Für die Mittagsverpflegung ist es noch zu früh, wir nehmen deshalb nur einen Apfel und
Getränke vom Begleitbus. Wie überall hat es auch hier schöne Dorfbrunnen, deren Wasser
man bedenkenlos geniessen kann. 10 Motorradfahrer aus Gütersloh in Westfalen mit ihren
imponierenden Maschinen machen Pause. Um 11h45 geht’s über eine Holzbrücke dem
grünen Inn entlang aufwärts. Es ist schwül, der Tatzelwurm bewegt sich nur laaangsaaam
vorwärts. Ich falle oft zurück, fotografiere, mache Notizen um dann im eigenen Rhythmus
wieder aufzuschliessen. Ab und zu geht’s im Schatten dem Inn entlang mit vielen Birken.
Reiter von Susch her
Am Inn
Kurz vor Zernez
Der Inn fliesst ruhig dahin. Gelegentlich fährt ein roter Zug der RhB auf der anderen
Flussseite vorbei. Immer wieder diese Herbstzeitlosen. Im gemähten Gras liegen sie
haufenweise. Offensichtlich schaden sie den Kühen nicht. Fuorchla auf 1’447m wird passiert.
Letzte Gruppenfotos mit dem Inn im Hintergrund. Pause im Wald. Wir erreichen das Dorf
Zernez und durchschreiten es bis zur Staziun auf 1’474m Höhe, Ankunft um 13h30. Nun ist
das Picknick wohlverdient. Es wird gierig zugegriffen. Viele waschen ihre Füsse im Brunnen
am Bahnhofsgebäude. Das letzte Dankesgebet findet auf der Rampe beim Güterschuppen
statt. Dann zieht es alle auf die Terrasse der Ustaria da Staziun, dem Bahnhofsrestaurant.
Brigitte und ich möchten die Pilgerwoche aber feierlicher beenden und besuchen noch die
wunderschöne katholische Kirche im sonst evangelischen Unterengadin.
Um 15h24 beginnt die Rückreise auf gleicher Strecke wie auf der Hinfahrt. Umsteigen in
Landquart und Zürich. Ab Zürich sind nur noch Sitzplätze auf den Treppen vorhanden, die
übrigen sind besetzt von Fans mit roten Leibchen der Schweizer Fussball-Nati. Diese spielt
in Bern gegen Island um die WM-Qualifikation für Brasilien 2014. Wir erreichen Düdingen um
19.39 Uhr, müssen aber ¾ Stunden auf den Bus mit dem Gepäck warten, der zwischen
Schönbühl und dem Stade de Suisse in einen Stau geraten ist. Dann geht’s heimwärts. Die
verspätete Heimkehr erlaubt nur noch, die Isländer in Aktion zu sehen, vom 4:1 zum 4:4. Die
Schweizer waren in Gedanken wohl schon in Brasilien.
2½ Stunden Marschzeit, 1 Stunde Pausen zwischen 10.00h und 13.30h, Steigungen 89 m,
Gefälle 58 m.
Damit haben wir bei 22 Marschstunden und 1'850 m Steigungen etwa 90 Leistungskilometer
erbracht. Dies alles ohne jeglichen Zwischenfall mit 26 Personen und dem Busfahrer mit
dem Kleinbus (adp automobile bruno probst ag, Murten, Tel. 026 672 97 29).
Viele (darunter auch ich) haben eine neue Region der Schweiz kennengelernt, das Val
Müstair, das Val S-charl und das Unterengadin von Scuol bis Zernez.
Den Jakobsweg Graubünden kann man allerdings nur in den Sommermonaten begehen. Als
höchste Übergänge sind der Costainaspass (2’251m), der Scalettapass (2’606m), der
Strelapass (2’352m) und der Chrüzlipass ins Urnerland (2’347m) zu meistern.
Statistik
Montag, 2. September
Dienstag, 3. September
Mittwoch, 4. September
Donnerstag, 5. September
Freitag, 6. September
Total
Wanderung
3½ h
6
h
4½ h
5 ½h
2 ½h
22 h
Pausen
1
1¼
2¼
2½
1
8
h
h
h
h
h
h
Steigungen
Gefälle
456 m
591 m
46 m
668 m
89 m
1’850 m
23 m
461 m
613 m
469 m
58 m
1’624 m
Dieser Bericht entspricht meiner persönlichen subjektiven Meinung. Ich denke aber, dass er
die Empfindungen aller Teilnehmer in etwa widerspiegelt. Eine Wallfahrtswoche wurde zur
Wohlfühlwoche mit vielen bereichernden Gesprächen, Stille zum Nachdenken, häufigem
Beisammensein und auch Kontakten mit Einheimischen und Feriengästen im Bündnerland.
Edi und Bernadette haben alles souverän gemeistert. Die Vorarbeiten waren riesig und
kostenintensiv. Die beiden haben vom Aufhören gesprochen. Dies wäre einerseits zu
respektieren, würde aber andererseits nach 13 Jakobsweg-Wochen mit grossem Bedauern
zur Kenntnis genommen. Einen Abschluss mit einer schöneren Wanderwoche als dieser
kann es allerdings nicht mehr geben. Beim Abschied in Düdingen bedanken sich alle
nochmals sehr herzlich beim Wanderleiter-Ehepaar.
Beat Schmutz, Düdingen / [email protected]