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Der Morgen Danach
Falko Michael Kötter
Der Morgen Danach 1.0
c 2013
Falko Michael Kötter
http://www.relegatia.com
Vorrede
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Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, das Turnier... Sicherlich weiÿt du Bescheid,
geneigter Leser, aber es schadet wohl nicht, das Gedächtnis ein wenig aufzufrischen.
Nun ist die letzte Gelegenheit, umzukehren, falls du den Weg selbst gehen möchtest.
Lies dazu Der Weg nach Titania - Veridian und Das Turnier von Titania. Andere Geschichten mögen mit dieser verwoben sein, aber, geneigter Leser, das ist ein Labyrinth,
das du selbst entwirren musst.
Noch hier? Wunderbar!
Fassen wir also noch einmal zusammen: Das Imperium des Karn rüstet für einen neuen
Krieg, doch was nach Jahren des Friedens fehlt, sind fähige Anführer. Und so müssen
die Statthalter der Kolonien einen würdigen Generalsanwärter suchen und in die Hauptstadt Karnapolis schicken. So auch Zelphar, der Herr von Titania und Karns Statthalter.
Fähige Kämpfer hat er zwar genug, aber das reicht ihm nicht. Er will nichts weniger als
einen Helden schicken. Um den zu bekommen, beschlieÿt er, ein Schwertkampfturnier
abzuhalten, um dort eine Legende zu erschaen.
Gesagt, getan. Nicht weniger als tausend Krieger suchen ihr Glück in dem alten Stadion
der Stadt, Glücksritter, Schaukämpfer, naive Bauernsöhne. Aber solch ein Wettkampf
bringt auch weniger wohlwollende Kräfte auf den Plan. In der seit Generationen besetzten
Stadt lodert immer noch der Widerstand gegen die Herrschaft des Imperiums. Angeführt
von der Blauen Königin wagen sich auch Rebellen in die Arena, um die imperiale Armee
zu inltrieren.
Ihnen gegenüber steht Zerbas, der Hauptmann der Wache, strafversetzt aus der Hauptstadt, nachdem er auf der wichtigsten Mission, die ihm Karn jemals gegeben hatte, versagte. Ein Mann der Ehre, ein Mann der Ordnung, ein Idealist, dem der pragmatische
Statthalter zuwider ist. Nichts sehnlicher wünscht er sich, als seinen Generalsposten und,
was noch wichtiger ist, den Respekt des Imperators, zurückzugewinnen. Da kommt ihm
das Turnier gerade recht.
Einen gänzlich anderen Mann hat es ebenfalls nach Titania verschlagen. Veridian, ein
Müllerssohn, dem einst auf der Mühle der Windgeist Hallia erschien. Gebannt von dem
Gesicht im Wind verfolgte Veridian die Erscheinung quer über den Kontinent, bis es ihm
nach vielen Jahren schlieÿlich gelang, Hallia auf einem Berggipfel zu stellen. Zufrieden
mit dem Mann, der er durch seine Suche geworden war, verband sie ihre Seele mit der
seinen. So erfuhr er von den Jahrhunderten, die sie durchlebt hatte und von ihrem letzten
Herrn, der in einer Schlacht mit den Göttern in den Tod stürzte. Sie war zu schwach,
seinen Fall zu bremsen, eine Schuld, die sie noch immer verfolgt.
Nun sind Hallias und Veridians Schicksal miteinander verochten. Sie ruht unsichtbar
in seinem Körper und teilt seine Gedanken, wenn sie es müde ist, ihre eigene Form zu
tragen. Gemeinsam suchen die beiden nach einer Bestimmung und nden schlieÿlich das
Turnier.
Das also sind sie, unsere beiden Kämpfer, Zerbas und Veridian, zwei von vielen. Glück
hat das Turnier ihnen nicht gebracht, denn beide wurden sie besiegt von zwei anderen
Männern, denen, die sich im Finale in einem Feuerring gegenüberstanden. Held und
Schurke, ihre Namen tun wirklich nichts zur Sache, denn dies ist nicht ihre Geschichte.
Was zählt, ist, dass der Held, den Statthalter Zelphar schaen wollte, unterlag, und der
Schurke als General nach Titania geht. Keine gute Geschichte.
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Zu allem Überuss eskaliert in der Nacht vor dem Finale der Kampf mit dem Widerstand. Hauptmann Zerbas unterliegt der Blauen Königin. Nicht fähig, die Anführerin der
Rebbelen zu fangen, aber auch nicht fähig, das Imperium um ihretwillen zu verraten,
erfährt er die gröÿte Schmach: die Blaue Königin lässt ihn am Leben.
Dies ist der Moment, an dem unsere Geschichte beginnt, keine Geschichte der Sieger, keine Geschichte der Ehre. Dies ist der Morgen danach. Dies ist die Geschichte der
Verlierer, derer, die übrig sind.
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Erster Akt
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Hoch über den Dächern blickte Veridian hinunter in die Straÿen und fragte sich, wo
der Windgeist gerade war.
Hallia, verbesserte er sich gedanklich. Seit das körperlose Wesen sich an ihn gebunden
hatte, war es ihm schwergefallen, die bedingungslose Nähe zwischen ihnen zu beschreiben.
Jahrelang hatten sie sich gejagt, bis sie sich schlieÿlich vereinigt hatten. Sie war sein
Schicksal und er war das ihre.
Schwere Gedanken? , wisperte es in seinem Ohr und als er herumfuhr, wäre er schier
vom Sims gefallen. Hinter ihm schwebte Hallia, schwerelos aus bläulichen Wolken. Schicksal oder sowas. , schätzte sie und lächelte breit. Sie hatte die Gestalt des Mädchens gewählt, wie sie es oft tat, wenn sie allein unterwegs war. Nicht, dass sie überhaupt einer
Gestalt bedurfte.
Nicht jeder hat so federleichte Gedanken wie du. , erklärte er und bot ihr die Hand,
damit sie den Dialog in Gedanken fortsetzen konnten.
Der Windgeist fuhr in Veridians Körper und augenblicklich überutete ihn ein Sturm
von Bildern. Er sah Titania, wie er es noch nie gesehen hatte. Hoch über den Wolken
hatte Hallia die ganze Stadt überschaut. Von dort raste sie mit Windeseile über die
Straÿen, bis sie schlieÿlich eine Seitengasse erreichte und innehielt.
Was ist dort? , dachte er atemlos und sie zeigte es ihm. In einer zertrümmerten Kiste
lag eine Leiche, in der Brust eine Wunde, wie sie unmöglich von einer gewöhnlichen Wae
stammen konnte. Für einen Augenblick war er von der Intensität des grausamen Bildes
überwältigt. Hallia lieÿ es verblassen und selbst ohne ein Wort konnte er ihre Besorgnis
spüren.
Es geht schon. , dachte er. Er hatte in den letzten Tagen wahrlich genug Tote gesehen.
Aber das Turnier von Titania war vorüber und dieser Mann war keinen ehrenvollen Tod
gestorben.
Ehrenvoller Tod? , echote der Schutzgeist spöttisch, Das macht einen Unterschied?
Er seufzte. Seine Gefährtin verabscheute den Tod in all seinen Facetten und selbst auf
dem Turnier hatte sie ihm verboten, ein anderes Leben zu nehmen. Nicht, dass er es
vorgehabt hätte...
Ohne Vorwarnung brachte sie das Bild des Toten zurück. Mord. , sprach er, Ohne
jeden Zweifel.
Ein Bild ackerte in seinem Geist auf, ein Bild, das Hallia ihm nicht zeigen wollte,
aber es unwillkürlich tat. Mantis, ihr letzter Herr, wie er in den Tod stürzte und sie, die
ihn nicht aufhalten konnte.
Veridian sagte kein Wort, aber was er dachte, erfuhr sie trotzdem. Es muss dir nicht
leid tun. , sprach sie in seinen Gedanken und dann so tief in ihrer Seele, dass er es kaum
vernahm. Ich habe ihn nicht fangen können.
Ein wenig verlegen fuhr sich Veridian über den kahlrasierten Schädel. Wer auch immer
den Mann getötet hat, hat keine Gnade walten lassen. Hallia verlieÿ seinen Körper und
blickte in die Straÿenschluchten, wo das Volk von Titania ungerührt seinem Tagwerk
nachging. Wer ihn wohl vermisst? , wisperte der Schutzgeist, Niemand scheint Notiz
von ihm zu nehmen.
Dann ist es wohl unsere Aufgabe. , sprach Veridian bestimmt, Gerechtigkeit zu
üben. Unser Schicksal. , echote Hallia, kehrte in seinen Geist zurück und fügte ihre
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Entschlossenheit der seinen hinzu.
Obwohl wieder die Sonne schien, war der Boden des Stadions vom Regen der letzten
Nacht noch immer aufgeweicht.
Zerbas rieb sich die Schläfen, als er durch den Torbogen in die Arena trat. Der Zauber,
den die Blaue Königin auf ihn gesprochen hatte, setzte ihm auch jetzt noch schlimmer
zu als eine Flasche Drachenfeuer. Dennoch kämpfte er den dumpfen Schmerz hinunter
und richtete sich zu voller Gröÿe auf. Seine Niederlage hatte unter den Männern schon
die Runde gemacht und obwohl es gut sein konnte, dass er im Laufe der Tage von seinem
heldenhaften Kampf gegen den Widerstand erzählen musste, so war es doch wahrscheinlicher, dass seine Soldaten nach diesem schmachvollen Versagen auch den letzten Respekt
vor ihm verloren hatten.
Er erreichte den Graben, den man vor dem Finale des Turniers geschaufelt hatte. Das
Feuer war erloschen, doch der Teer darin stank noch immer. Ein Schauer lief über Zerbas
Rücken, als er daran dachte, wie der Krieger Arden im letzten Kampf hineingestürzt war.
Irgendwo in all der Schwärze mussten noch seine Überreste liegen. Auch er würde nicht
nach Karnapolis gehen.
Hauptmann. , sprach einer der Soldaten und salutierte. Vier seiner Männer hatten
den schwarzen Peter gezogen und mussten heute die Arena aufräumen, doch er zählte
nur drei. Wo ist euer Kamerad? , fragte er schärfer, als er es vorgehabt hatte. Er mochte
bei seinen Leuten an Autorität eingebüÿt haben, doch ihnen das, was er noch hatte, unter
die Nase zu reiben, war nicht der Weg, sie zurückzugewinnen.
Ist heute Morgen nicht aufgetaucht. , antwortete der vorderste Soldat, Hat gestern
wohl einen über den Durst getrunken. Zerbas verdrehte die Augen. Dann müssen wir
wohl ohne ihn anfangen. Er wies mit einem Nicken auf die Schaufeln, die die drei in den
Händen hielten.
Was ist mit dem, der da noch drinliegt? , fragte einer der Soldaten und blickte mit
sichtlichem Unbehagen hinunter in den Graben. Zerbas nickte. Gut zu wissen, dass er
nicht der einzige war, der noch ein wenig Anstand hatte. Statthalter Zelphar hat befohlen, ihn da drin zu lassen. , erklärte er und lieÿ den Teil aus, in dem der Statthalter ihm
mit aller Deutlichkeit erklärt hatte, dass ihn der Tote einen feuchten Kehricht interessierte. Aber er wird ihm ein Denkmal bauen.
Die drei Soldaten sahen einander an und begannen, zu schaufeln. Das hat er nun
davon. , murmelte einer, General werden, pah.
Zerbas wandte sich ab und machte sich daran, hinauf auf die Zuschauerränge zu steigen.
Er benutzte die Leiter, die noch immer verloren an der Wand der Arena lehnte und als
er an den verlassenen Reihen der Kämpfer entlangschritt, da packte ihn eine gewisse
Wehmut. Hier hatten sie gesessen und was vielleicht noch wichtiger war, hier hatte er
gesessen. Es war eine einmalige Gelegenheit gewesen, ein General zu werden und in Ehre
nach Karnapolis zurückzukehren. Er hatte sie vergeudet. Aber zumindest hatte ihn das
Turnier nicht das Leben gekostet.
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Das Publikum hatte schlimm gewütet und überall lagen verstreute Abfälle herum. Auf
einem Rang lag eine Fahne aus groben Leinen, auf die mit ungelenken Buchstaben der
Name Kalandros geschrieben stand. Auch der würde zweifellos sein Denkmal erhalten.
Zerbas fegte sie von der steinernen Bank und sah versonnen hinunter in die Arena, auf
die Stelle, wo der Tod seinen Tribut gefordert hatte.
Hauptmann. , sprach eine Stimme und riss ihn aus seinen Gedanken. Was ist? ,
fragte er ungehalten und wandte sich um. Vor ihm salutierte ein Soldat, den er noch nie
gesehen hatte. Trotz des muskulösen Körpers konnte man ihm noch den Knaben ansehen,
der er einmal gewesen war. Wohl einer, der nach einer Niederlage im Turnier angeheuert
hatte. Rühren. , befahl er dem aufgeregten Rekruten, Was gibt es?
Wir haben auf einer Patrouille etwas gefunden, das ihr euch ansehen solltet ...
Ein widerlicher Geruch lag in der Gasse, aber Veridian war sich nicht sicher, dass er nur
von der Leiche stammte.
Der Boden war von grünen Glasscherben übersät, halbversunken im Dreck. Vielleicht
die Spuren eines Kampfes, aber wenn es so war, dann war er lange vorbei. Schmierereien
verunzierten die Häuserwände, teils Unätiges, teils Politisches, doch alle Pinselstriche
verblassten neben des Streifen Blut, der quer die Wand hinunterlief und in einem einzigen
Handabdruck endete. Zweifellos hatte hier ein Kampf stattgefunden.
Veridian fand nicht einmal in Gedanken Worte für das, was er empfand, aber als er
einen weiteren Schritt auf den Toten zumachte, überwältigte ihn ein Bild des Windgeistes.
Für einen Herzschlag teilte er ihren Schmerz, die Gasse verschwand und machte einem
ähnlich schrecklichen Bild Platz. Ein gefallener Krieger, die Knochen gebrochen und das
Licht aus den Augen gewichen. Mantis.
Hallia! , dachte er und die Vision verlieÿ ihn. Der Windgeist schwieg. Veridian schluckte und trat vor die Kiste. Zwar hatte er gewusst, was ihn erwartete, aber es nun in Persona
zu sehen, war etwas völlig anderes. Die Brust des Mannes war wie gespalten, darunter
ein schreckliches Gewirr aus Eingeweiden. Der Körper war vom Regen aufgedunsen und
sah ihn aus toten Augen klagend an.
Veridian konnte den Anblick nicht ertragen, wandte sich ab und sah sich einem Soldaten
gegenüber, der ihm mit gezücktem Schwert gegenüberstand. Wage es nicht, auch nur
einen Finger zu rühren! , sprach der Neuankömmling drohend und hob ihm die Wae an
den Hals. Starr vor Schreck sah Veridian dem Mann in die Augen. Glaubte der Imperiale,
dass er diesen scheuÿlichen Mord begangen hatte?
Noch bevor er sich verteidigen konnte, schoss Hallia aus seinem Körper, warf sich gegen
den Soldaten und brachte ihn so zu Fall. Ungläubig starrte der Krieger das Windwesen
an, das sich drohend zwischen ihn und seinen Herrn gestellt hatte. In respektvollem
Abstand rappelte er sich auf, überlegte einen Augenblick, seine Wae zu heben, aber er
besann sich eines Besseren. Beim Gott der Ordnung ... , murmelte er, Was für Kräfte
stehen euch zu Gebote? Veridian wusste nicht recht, was er tun sollte, denn er wollte
keinen Ärger mit dem Imperium. Hallia hier ist ein Relikt aus alten Zeiten. , erklärte
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er ausweichend, Und sie mag es nicht, wenn man uns droht.
Der Soldat verstand den Wink, steckte sein Schwert in den Gürtel und trat an den
beiden vorbei auf den Toten zu. Wart ihr das? , fragte er, mehr, um sich zu vergewissern,
als um wirklich einen Verdacht zu äuÿern.
Windgeist und Mensch schüttelten beide den Kopf. Wir haben ihn nur gefunden. ,
sprach Veridian, Und gehot, herauszunden, wer die Schuld an dieser schrecklichen Tat
trägt. Der Soldat hob eine Augenbraue. Was schert es euch?
Eine gewisse Bitterkeit klang in seiner Stimme mit und Veridian entging es nicht,
wie müde er aussah. Wen könnte solch ein Unrecht nicht kümmern? , antwortete Hallia.
Konsterniert sah ihr Gegenüber den Windgeist an. Sie war ihm oenkundig nicht geheuer,
aber er tat sein bestes, es nicht zu zeigen.
Gut zu wissen, dass es noch Menschen mit Anstand gibt. , sprach er und ging in die
Hocke, um den Toten näher zu betrachten. Ich bin zwar kein Mensch. , antwortete ihm
Hallia, Aber ich weiÿ eure Worte zu schätzen.
Für einen Augenblick senkte sich Schweigen über die drei und es war, als fordere der
Tote die Stille ein.
Der Angreifer war kleiner als sein Opfer. , schloss der Imperiale schlieÿlich und wies
auf die Wunde. Veridian nickte. Aber wie konnte er dann so etwas tun? Hallia schwebte
zwischen die beiden und sah sich das grausame Bild an. Magie. , vermutete sie.
Das wird ein langer Tag. , seufzte der Imperiale und machte sich daran, die Leiche zu
durchsuchen.
Ich heiÿe übrigens Zerbas. , sprach der Soldat. Veridian. , antwortete sein Gegenüber
und der Windgeist hauchte: Hallia .
Gemeinsam hatten sie die dunkle Gasse durchsucht, aber wenig von Interesse gefunden. Der Tote selbst hingegen war aufschlussreicher. In seiner Hand war eine Flasche
billiger Wein, die Tinte auf dem Etikett vom Regen schier fortgewaschen. Titania Sonnentrunk... , las Veridian skeptisch. Trinken meine Männer immer. , meinte der Imperiale, Wenn der Sold knapp wird. Billiger Fusel. Es sah so aus, als sei der Tote kein
reicher Mann gewesen und falls doch, einer mit einem ausgesucht schlechten Geschmack.
Er hatte seine Geldbörse noch immer bei sich und da er nicht gerade reich war, konnte
man wohl ausschlieÿen, dass er einem Raub zum Opfer gefallen war. Doch unter den
Münzen war eine, die zu mehr gut war als zum Bezahlen.
Veridian zog sie aus dem Stapel und zeigte sie Zerbas. Schon einmal so etwas gesehen?
Der Imperiale nickte, in seinen Augen ein Glanz, der so gar nicht zu seiner stoischen Miene
passen wollte. Eine Teilnahmemarke für das Turnier. Veridian nickte. Sieht so aus, als
sei unser Freund hier ein Glücksritter.
Damit bekommen wir zumindest einen Namen. , sprach Zerbas, Bis dahin werden
meine Leute sich um den Leichnam kümmern. Mit diesen Worten nahm er Veridian die
Münze aus der Hand und wandte sich zum Gehen.
Veridian starrte für einen Augenblick in seine leere Hand, dann sah er auf. He! , rief er
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aufgebracht. Der Soldat warf ihm über die Schulter wortlos einen Blick zu. Hallia wirbelte
um ihn herum und hinderte ihn so am Gehen. Du hast vergessen, zu sagen, was unser
Teil ist.
Wieder war das Unbehagen im Gesicht des Soldaten zu sehen, aber er hielt dem Blick
des Schutzgeistes stand. Dies ist jetzt eine Sache des Imperiums. , antwortete er, Danke
für eure Hilfe.
Er machte Anstalten zu gehen, aber Hallia lieÿ es zu. Ich mag zwar aus Luft sein. ,
üsterte sie in sein Ohr, Aber ich mag es dennoch nicht, wenn man mich wie welche
behandelt. Veridian setzte den beiden nach. Wir wollen helfen. , sprach er. Zweifelnd
blickte Zerbas zwischen den ungleichen Gefährten hin und her. Also gut.
Veridian und Hallia hatten das Nordtor passiert, als sie nach Titania gekommen waren.
Damals waren die Vorbereitungen für das Turnier in vollem Gang gewesen und hunderte
Kämpfer, Krämer und Scharlatane hatten vor der Stadt ihr Lager aufgeschlagen. Nun
war nur noch ein trauriger Abglanz des bunten Treibens übrig. Die meisten Händler
hatten ihre Zelte abgeschlagen und nichts als Unrat zurückgelassen. Der Regen hatte
den zertrampelten Boden aufgeweicht und obwohl die Sonne zwischen den Wolken die
riesigen Pfützen zum Glänzen brachte, fröstelte es Veridian.
Nur noch die Verlierer sind da. , sprach Zerbas düster und stapfte neben ihm durch
den Schlamm. Tatsächlich waren noch ein paar verstreute Krieger übrig und kauerten
vor ihren nassen Zelten wie Soldaten einer geschlagenen Armee. Wie ein Schlachtfeld. ,
murmelte Veridian, stieg über ein zerbrochenes Wagenrad und steuerte auf eine Feuerstelle zu, an der ein gutes Dutzend Männer saÿen und mit düsterer Miene in die Glut
starrten.
Misstrauisch sahen sie den beiden herannahenden Gestalten entgegen und als der
Hauptmann in ihre Mitte trat, verstummten alle Gespräche. Wollt ihr uns verscheuchen? , fragte ein Glatzkopf mit einer Weinasche in der Hand. Titania Sonnentrunk.
Zerbas schüttelte den Kopf. Nicht, bevor mein Herr es beehlt. Die Männer tuschelten
untereinander, dann ergri ein anderer das Wort: Was machste dann hier? Sag nicht,
du willst uns anheuern. War zehn Jahre Fuÿsoldat, ist genug, dass selbst ein Gott die
Schnauze vollkriegt. Die Männer lachten rau, aber ihre Feindseligkeit schien nicht zu
verschwinden.
Wenn's beliebt, geh uns aus der Sonne. , sprach der Glatzkopf, Weder sind wir in
deiner Stadt, noch wollen wir etwas mit deinesgleichen zu schaen haben. Er stand auf
und obwohl er leicht torkelte, hätte er dem Hauptmann ohne Mühe auf den Kopf spucken
können. Auch ein paar andere grien nach ihren Waen.
Das wird ein böses Ende nehmen. , üsterte Hallia in Veridians Geist. Er teilte ihre
Meinung und trat kurzerhand an seinen Kameraden vorbei. Wir haben uns die letzte
Woche genug geprügelt. , sprach er, Ich für meinen Teil zumindest.
Zu Zerbas Überraschung zog er eine Münze hervor und zeigte sie den Umstehenden.
Auch ich habe im Turnier gekämpft. Er seufzte und setzte sich ungefragt neben einen
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der Trinker. Und verloren.
Sein Nebenmann klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter. Was haste dann mit
dem da zu schaen? Veridian bedeutete seinem Freund mit einem Wink, die Münze
herauszuziehen, die sie gefunden hatten.
Ich mag diese Uniform tragen. , sprach Zerbas, Aber auch ich habe in der Arena
gekämpft. Er zog eine Münze heraus, doch es war nicht die des Toten.
Das ist mal ein Überraschung. , hauchte Hallia und Veridian pichtete ihr in Gedanken
bei. Wer hätte gedacht, dass ihr imperialer Freund wie ein gewöhnlicher Glücksritter
versucht hatte, den Rang des Generals zu erringen?
Auch der Hauptmann setzte sich nun zu den Männern. Ein Imperialer beim Turnier. ,
sprach der Glatzkopf und reichte ihm die Weinasche. Klingt wie 'ne verdammt gute
Geschichte.
Da gibt es nicht viel zu erzählen. , sprach Zerbas nach einem Schluck Wein, Ich war
nicht immer Hauptmann der Wache. Das Feuer spiegelte sich in seinen Augen. Ich habe
am Hof in Karnapolis gedient. Veridian hob eine Augenbraue. Hallia bat ihn, zu fragen,
was passiert war und er tat es.
Ich habe einen Auftrag nicht erfüllt. , sprach der Imperiale voller Bedauern, Und
ich habe dabei etwas verloren, was dem Imperator unersetzlich ist. Er blickte in die
umstehenden Krieger. Was? , fragte der Glatzkopf. Mein Eid verbietet mir, mehr zu
sagen. Ein Murmeln ging durch die Krieger. Dein Eid macht eine lausige Geschichte. ,
sagte einer spöttisch.
Ich wurde degradiert. , murmelte der Hauptmann unbeirrt von dem Einwurf, Und
nun diene ich diesem vermaledeiten Statthalter. Er gab seinem Nebensitzer den Wein
zurück. Und deswegen habe ich gekämpft. , schloss er, Um in die Heimat zurückkehren
zu können.
Der Wein ging weiter an Veridian. Und du? Der Krieger setzte die Flasche an die
Lippen. Das Übliche. , erklärte er einsilbig, Ruhm und Ehre. Wofür hatte er gekämpft?
Er hatte geglaubt, dass es sein Schicksal war, doch Hallia und er hatten begrien, dass
sie keine Krieger waren.
Ein paar der Männer nickten. Und jetzt sitzen wir hier und wissen nicht wohin. ,
schloss einer und Schweigen senkte sich über die Runde.
Die beiden Neuankömmlinge fassten einander in die Augen, Zerbas voller Misstrauen
und Veridian voller Neugierde. Ich frage mich, was er angestellt hat. , sprach Hallia in
seinen Gedanken, Muss etwas schlimmes sein, wenn er hierher verbannt wird. Veridian
seufzte. Es steht uns nicht an, ihn danach zu fragen. , antwortete er, Aber seine Treue
steht ihm wohl zu Gesicht. Hätte Hallia gerade eine feste Form gehabt, hätte sie wohl
nun die Nase gerümpft. Für unbedingte Treue bin ich zu unbeständig. , erklärte sie,
Warum zu einem Herrn zurückkehren, der mich fallengelassen hat? Veridian schüttelte
den Kopf, was ihm ein paar interessierte Blicke einbrachte. Genug davon. , dachte er.
Wir sind nicht nur gekommen, um eure Gastfreundschaft zu teilen. , sprach er in die
Runde, Auch wenn wir sie dankbar annehmen. Ein paar der Männer sahen auf. Wir
sind hier, weil wir jemanden suchen. Er nickte Hauptmann Zerbas zu, der nun die zweite
Münze zückte.
Kämpfer Nummer 325, ein Hüne von einem Kerl, Glatze, braune Augen. , sprach der
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Imperiale, worauf einer der Umsitzenden aufhorchte. Hat er was angestellt? , fragte er
misstrauisch.
Der Imperiale schüttelt den Kopf. Er ist tot. Ein Funkeln lief durch die Augen des
Kämpfers, aber selbst wenn diese Nachricht ihn überraschte, so vermochte sie es nicht,
ihn aus seiner Apathie zu erwecken. Ich habe mit ihm gekämpft. In der zweiten Runde. ,
erzählte er, Bolthan hieÿ er. Guter Krieger. Wir haben trotzdem verloren. Er bekam
die Flasche und nahm einen Schluck auf seinen toten Kameraden. Wie ist er zu Tode
gekommen?
Ermordet. , antwortete Zerbas einsilbig, In einer Gasse. Der Krieger lachte rau.
Da musste der Räuber wohl den Tag hungern. Beide Neuankömmlinge schüttelten
den Kopf. Sein Geld war noch da. , erklärte der Hauptmann, Irgendeine Ahnung, wer
ihn niedergestreckt haben könnte? Vielleicht eine Fehde mit einem anderen Krieger?
Schulden?
Sieh uns an, Herr. , sprach der gebrochene Krieger, ohne aufzublicken, Hier sitzen
wir, ohne ein Tagwerk und ohne ein Ziel vor Augen. Er sah in die Runde. Er war
einer von uns. Nicht besser und nicht schlechter. Er blickte die Weinasche an. Streit?
Vielleicht. Schulden? Bestimmt. Er nahm einen tiefen Zug. Aber wer sollte sich schon
die Mühe machen, einen wie ihn umzubringen? Er gab die Flasche weiter. Zur falschen
Zeit am falschen Ort. , schloss er, Nicht, dass es für uns einen richtigen Ort gäbe.
Die Worte verdammten den Hauptmann zum Schweigen. Er schien zu begreifen, dass
er nicht in diese Runde gehörte. Suchen wir woanders. , schloss Veridian, stand auf und
nickte den Kriegern zu. Habt Dank für Wein und Feuer.
Auch der Hauptmann erhob sich, klopfte den Staub von der Hose, sah noch einmal in
die Runde und wandte sich ohne ein Wort zum Gehen. Taugenichtse und Gesindel. ,
urteilte er abfällig, als sie das Nordtor durchschritten.
Sie suchen ihren Platz in der Welt. , sprach Veridian, Das kann ich gut nachfühlen.
Der Hauptmann sah ihn an. Du? , fragte er ungläubig, Mit deinem Zauberwesen? Du
weiÿt nicht, wo dein Platz ist?
Wie ein heraufziehender Sturm schoss Hallia aus ihrem Herrn hervor, fuhr dem Imperialen durch das Haar und manifestierte sich an seiner Seite. Warum werde ich das
Gefühl nicht los, dass du mich nicht leiden kannst?
Der Hauptmann sah sie an, dann senkte er den Blick. Ihr seid ein wenig gewöhnungsbedürftig. , sagte er diplomatisch. Sie verschwamm zu einer Wolke und wurde zu seinem
Ebenbild. Ihr auch. , erwiderte sie spitz, während sie ihren neuen Körper musterte.
Schweigend kehrten sie ins Zentrum der Stadt zurück, bis sie sich auf dem Vorplatz
des Stadions wiederfanden. Wo gestern noch hunderte Schausteller um die Gunst der
Zuschauer gebuhlt hatten, war nun nach dem Ende des Turniers kein einziger mehr zu
sehen. Nur die Wirte der umliegenden Schenken hatte die Stellung gehalten, aber auch
sie schienen heute kein gutes Geschäft zu machen.
Was nun? , fragte Veridian den Imperialen, während er zum verlassenen Stadion hinaufblickte. Wir können weiter nach unserem Toten fragen. , antwortete Zerbas wenig
optimistisch, In den Spelunken nahe der Gasse. Er wies in Richtung des Orts, wo sie
ihn gefunden hatten. Aber nicht heute , fuhr er fort, denn mir obliegt es noch, das
Stadion zu reinigen.
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Sein Gegenüber hob eine Augenbraue. Das klingt nicht nach einer Aufgabe für einen
Hauptmann.
Nein. , räumte Zerbas tonlos ein, Das klingt es nicht. Er reichte ihm zum Abschied
die Hand. Tret mich morgen früh bei Tagesanbruch hier. Dann sehen wir weiter.
Veridian schlug ein und der Imperiale verschwand, um sich seinen Aufgaben im Stadion
zu widmen.
Kein Wunder, dass er so dringend zurück nach Karnapolis möchte. , sprach Hallia
in Veridians Geist. Er hat seinen Weg gefunden. , antwortete er, Aber er ist davon
abgekommen.
Über Nacht war der Regen zurückgekehrt, nicht wie der Wolkenbruch am Abend des
Finales, sondern als ein kaltes Nieseln, was dafür sorgte, dass auf den Straÿen der Stadt
nur missmutige Gesichter zu sehen waren.
Kannst du die Wolken nicht einfach fortwehen? , fragte Veridian seine Gefährtin,
worauf sie seinen Geist mit glockenhellem Gelächter füllte. Ihr Menschen. , dachte sie,
Jammert immer über das Wetter, ob Sonnenschein, ob Regen oder Sturm...
Dass Stürme dir gefallen, verwundert mich nicht. , sagte er laut, worauf einige Passanten ihn ansahen, als sei er verrückt. Den Regen mag ich auch. , antwortete sie in Gedanken, Ich kannte mal einen Wassergeist namens Aquaria...
Sie erreichten den groÿen Platz vor dem Stadion und sie hielt inne. Unser Freund ist
schon da.
Tatsächlich stand der Hauptmann in einem Torbogen des Stadions und blickte mit
Adleraugen über den Platz.
Die sprichwörtliche Pünktlichkeit der Soldaten. , dachte Veridian, trat auf ihn zu und
wünschte ihm einen guten Morgen.
Wir haben noch eine Leiche. , sprach Zerbas, ohne ihn anzusehen. Scheiÿe. , murmelte Veridian nur und schluckte. Scheiÿe. , bestätigte der Imperiale bissig und sah ihn
an. Es hat in dieser Stadt wahrlich genug Tod gegeben. Veridian nickte. Ein Grund
mehr, den Mörder zu nden.
Dann sehen wir uns den Leichnam an. , sprach Zerbas und setzte sich in Bewegung.
Gemeinsam machten die beiden Männer sich auf den Weg zum Totenhaus von Titania.
Schon von weitem konnte man den süÿlichen Geruch des Todes riechen und den Rauch
am Himmel sehen. Wie so viele alte Teile der Stadt war das Totenhaus zunächst am
Rand gebaut worden, nur um vom expandierenden Häusermeer im Lauf der Jahrzehnte
umwuchert zu werden. Es war ein Teil Titanias, in dem niemand wohnte, der eine andere
Wahl hatte, denn neben dem Totenhaus hatten sich noch andere Geschäfte hier angesiedelt, die man nicht gerne in der Nachbarschaft hatte. Sie passierten eine Gerberei und
eine Schmiede, aus denen zu gleichen Teilen Lärm und Gestank drangen.
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Traurige Gegend. , meinte Veridian, als sie in eine weitere trostlose Gasse einbogen.
Sein Begleiter schüttelte den Kopf. Notwendige Gegend. , erwiderte er, Und in gewissem
Sinne das Herz der Stadt.
Schlieÿlich erreichten sie ihr Ziel, ein ruÿgeschwärztes Haus mit qualmendem Schornstein, vor dem gerade ein weiÿes Bündel von einem Handkarren abgeladen wurde. Sowohl
Veridian als auch sein Schutzgeist spürten ein gewisses Grauen, als sie die steinernen
Stufen hinaufstiegen und das Haus betraten.
Sie fanden sich in einer weiÿ getünchten Halle wieder, trostlos wie ein Blatt Papier.
Vor ihnen standen die beiden Leichenträger mit ihrer Bahre und unterhielten sich mit
einer schwarzgewandeten Gestalt. Sie wies auf eine von zwei Flügeltüren und die beiden verschwanden. Welch schrecklicher Raum. , dachte Hallia und da Veridian gerade
unaufmerksam war, sprach er ihren Gedanken prompt aus.
Eine Notwendigkeit. , erklärte der Mann in Schwarz mit ruhiger Stimme, In der
Hauptstadt gibt es einen ganzen Stadtteil, in dem man Abschied von den Toten nehmen
kann. In Titania quellen die Friedhöfe über. Er wies auf die Halle vor sich. Gräber gibt
es für die Reichen. Den Armen bleibt der Schornstein. Er wandte sich an Zerbas. Ich
nehme an, ihr seid hier, um die Tote zu sehen. Er sprach die Worte, als redete er von
etwas Alltäglichem. Aus seiner Sicht tat er das wohl auch.
Zerbas nickte und der Mann wies den beiden mit einer Geste den Weg durch die
Flügeltüren.
Der Raum dahinter hätte zu der weiÿen Halle gar nicht unterschiedlicher sein können.
Schwarz vom Ruÿ waren die Ziegel in der Wand, in denen Dutzende Einbuchtungen
waren, jede von ihnen gerade groÿ genug für einen Sarg. Es lag eine Hitze in der Kammer,
die trotz der nassen Kälte, die drauÿen herrschte, schwer zu ertragen war. Notwendig
oder nicht. , dachte Hallia, Mir gefällt dieser Ort nicht.
Hier entlang. , bat der Bestatter und führte sie quer durch den Lagerraum zu einer
Rampe, die ins Untergeschoss führte. Wie von weitem konnte man ein Feuer zischen
hören.
Kommt ihr oft hierher? , fragte Veridian seinen Kameraden, während die drei Männer
in den dämmrigen Keller hinabstiegen. Öfter, als mir lieb ist. , antwortete der Imperiale.
Der süÿliche Geruch war stärker geworden, doch hier unten mischte er sich mit dem
von Ruÿ und Asche. Sie erreichten ein weitläuges Gewölbe, an dessen Rückwand ein
gewaltiger Ofen stand, aus dessen Klappe gierig die Flammen schlugen und den Raum
mit ackerndem Licht füllten. Daneben stapelweise Brennholz.
Doch das war es nicht, was hauptsächlich verbrannt wurde. Vor dem Ofen war nämlich
eine stählerne Bahre, bereit, in die hungrigen Flammen geschoben zu werden. Drauf lag
der Tote, den sie ankommen gesehen hatten. Ein bleicher, blonder Junge stocherte mit
einem langen Schürhaken in der Glut herum und sah kaum auf, als die drei Männer zu
ihm herunterkamen.
Ecfer! , rief der Bestatter dem Heizer zu, die Ruhe in seiner Stimme wie verschwunden.
Wo ist das Mädchen? Der Junge wies mit einer Hand auf einen Tisch am anderen Ende
des Raums, dann schob er ungerührt die Bahre mit dem Toten in den Ofen, streckte eine
Hand aus und schickte ihm einen Feuerstoÿ hinterher, der ihn lichterloh in Brand steckte.
Feuermagier. , erklärte der Bestatter entschuldigend und wies den beiden den Weg.
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Wir haben ihn angeheuert, um mit den Kriegern des Turniers fertig zu werden. Unhöflich, aber ezient.
Die beiden Gefährten tauschten einen Blick. Dies war die letzte Station des Turniers.
Sie erreichten den Tisch, den der Magier ihnen gewiesen hatte. Ein weiÿes Tuch war
darüber gebreitet, das die Umrisse des Körpers darunter erahnen lieÿ, doch an einigen
Stellen war es mit Blut durchtränkt.
Wortlos deckte der Bestatter die Tote auf und lieÿ die beiden Männer allein. Es war
ein grausiger Anblick, schlimmer noch als der des Toten in der Gasse. Vor ihnen lag ein
junges Mädchen, der Brustkorb gespalten wie von einem Pock. Man hatte ihr die Augen
geschlossen. Dennoch war ihr Gesicht ein Bild des Schreckens.
Zweifellos dieselbe Wae. , urteilte Zerbas tonlos. Seine zu Fäusten geballten Hände
zitterten vor Wut. Er nahm das Tuch und deckte den Leichnam wieder zu. Sein Begleiter
hatte sich derweil abgewandt und sah zu Boden. Alles in ihm, selbst der Schutzgeist,
drängte, den Raum zu verlassen. Er riss sich zusammen und mahnte Hallia zur Stärke.
Ist euch etwas aufgefallen? , fragte er den Bestatter, der wie ein stummer Wächter in
den Schatten wartete. Abgesehen von der einen Wunde ist sie unberührt. Der Mann in
Schwarz hielt kurz inne. Sie trug ihre Habe noch bei sich. Veridian nickte. Also waren
es keine Räuber. Der Bestatter schwieg, als interessierten ihn die Belange der Lebenden
nicht, nur die der Toten.
Zerbas dankte ihm mit einem Nicken und wollte sich schon zum Gehen wenden, als der
Ofenmagier plötzlich etwas sagte. Wir hatten schon einmal einen wie sie. Der Hauptmann horchte auf. Wie sie? , wiederholte er, Sprich weiter, Junge.
Der blonde Krieger blickte ins Feuer. Es war mein erster Tag. , erklärte er, Der Mann
kam vom Turnier. Der Junge sah auf. Die gleiche Wunde. Ein einziger Hieb.
Das Turnier? Veridian und Zerbas tauschten einen Blick. Die Auskunft ist uns eine
groÿe Hilfe. , dankte der Hauptmann dem blonden Jungen und wandte sich zum Gehen.
Sie hatten einiges zu besprechen.
Ein Krieger des Turniers. , sprach Veridian, Das ist doch ein Anfang.
Vermaledeite Glücksritter. , uchte Zerbas, Bedeuten nur Ärger. Hallia tauchte zwischen ihnen auf. Dir ist bewusst , fragte sie, dass auch du solch ein Glücksritter bist?
Der Hauptmann schnaubte verächtlich. Treib nur deine Scherze, Windgeist. Was verstehst du schon vom Tod?
Sie bauschte sich zu einer Sturmböe auf, wirbelte um ihn herum und sah ihm unmittelbar in die Augen. Ich mag euer Schicksal nicht teilen, Mensch, aber es dauert mich
mehr, als du ermessen kannst.
Wir waren beim Turnier. , warf Veridian ein, um die beiden von ihrer Streiterei abzubringen, Gibt es einen Krieger, der dort so etwas getan hat?
Der Hauptmann dachte nach. Es gibt zwei, denen ich es zutraue. , sprach er schlieÿlich,
Doch einer davon ist tot und der andere ist nun in Karnapolis. Er spielte auf den Sieger
des Turniers an, einen dunklen Söldner, der sich am letzten Tag gegen den Favoriten
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des Volks durchgesetzt hatte. Nein. , wiederholte Zerbas bitter, So gerne ich diesen
Abschaum in das tiefste Loch geworfen hätte, er kann es nicht sein.
Veridian seufzte. Also eine Sackgasse. , murmelte er. Was ich nicht begreifen kann ,
sprach Zerbas, ist nicht das Wie, sondern das Warum. Sie bogen in eine Seitengasse.
Es ergibt keinen Sinn. , fuhr er fort, Erst ein Krieger und dann ein junges Mädchen.
Er hielt an. Hier haben meine Männer sie gefunden.
Sie befanden sich in einer Gasse, der, in der sie den letzten Toten gefunden hatten,
nicht unähnlich. Das Paster glänzte vom Regen, doch er hatte das Blut noch nicht
vollends fortgewaschen. An einer Hauswand waren ein paar Fässer aufgestapelt, in einem
davon klate ein Spalt. Ringsherum war das Holz von blassem Rot durchtränkt. Blut.
Oder Wein?
Hier ist sie gelegen. , erklärte Zerbas, beugte sich zu dem durchlöcherten Fass hinunter
und musterte es. Eine Spitze. , erklärte er, Zweifellos.
Veridian nickte. Vielleicht eine Lanze. , sprach er ruhiger, als er es eigentlich war. Das
Gesicht des toten Mädchens wollte ihm nicht aus dem Kopf gehen.
Hallia löste sich aus seinem Körper und sah die beiden Männer an. Ich verschae mir
einen Überblick. , hauchte sie und schoss als Windböe gen Himmel. Veridian ahnte, was
in dem uralten Wesen vorging. Es wollte in diesem Moment alleine sein.
Er sah sich im Rest der Gasse um. Ein Weidenkorb stand verloren neben den Fässern,
darin ein paar Bündel Kräuter und ein aufgeweichter Laib Brot. Als Veridian dieses
stumme Mahnmal sah, kam ihm ein schrecklicher Gedanke. Was , fragte er, wenn sie
einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort war?
Die beiden Männer schwiegen, bis der Windgeist von seinem Erkundungsug zurückkehrte.
Wie ein Sturm fuhr Hallia zu ihnen hinab, schüttelte aber den Kopf. Nichts. , erklärte
sie, Auÿer, dass wir keine drei Straÿen von dem Ort des letzten Mordes entfernt sind.
Zerbas nickte. Das hatte ich schon befürchtet.
Der Mörder scheint ein Revier zu haben. , vermutete Veridian. Der Imperiale schüttelte den Kopf. Er hat kein Revier. , sprach er mit bebender Stimme, Er wildert in
meinem.
Die Eltern hatten die schlimme Nachricht bereits gehört und während die Mutter im
Hintergrund weinte, stand der Vater wie eine Statue hinter dem Tresen seiner Schenke.
Nur seine Hände polierten unablässig die Innenseite ein und desselben Bierkrugs, ein
winziges Echo des Sturms, der in ihm tobte.
Mein Beileid für euren Verlust. , sprach der Hauptmann und neigte sein Haupt tief,
wohlwissend, dass weder Worte noch Geste den Schmerz der beiden zu lindern vermochte.
Ich verstehe es nicht, Herr. , sprach der Wirt und starrte an die Wand, Haben wir
nicht alles getan, was unsere Bürgerpicht verlangt? Er polierte unablässig weiter. Die
Steuern gezahlt, den Gesetzen gehorcht und schlechte Gesellschaft gemieden. Er sah die
Uniform des Hauptmanns an, auf der der Doppelkreis des Imperiums prangte. Das Im-
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perium spricht stets von Ordnung. Doch nun... Seine Stimme versagte. Zerbas streckte
die Hand aus, wie um sie ihm auf die Schulter zu legen, aber er besann sich eines Besseren. Es wäre respektlos gewesen. Das Imperium wird alles tun, damit eurer Tochter
Gerechtigkeit widerfährt. , versprach er, wohlwissend, was für ein schwacher Trost das
war.
Gerechtigkeit... , murmelte er, Ins Leben zurückbringen wird sie das nicht. Die Hand
mit dem Lappen wurde schneller. Das Imperium garantiert ... , setzte Zerbas an, aber
der andere schnitt ihm das Wort ab. Das Imperium hat versagt. , urteilte er tonlos.
Abseits standen Veridian und Hallia und hörten stumm zu. Beide beneideten ihren
Kameraden nicht um das, was er zu tun hatte. Auch Zerbas war wütend, aber dennoch
musste er sich in Demut üben.
Das Imperium hat versagt. , gestand Zerbas und ballte die Fäuste so fest, dass seine
Fingernägel sich weiÿ verfärbten. Dennoch muss ich den Mörder nden. , fuhr er fort,
Damit das, was eurer Tochter widerfahren ist, nicht noch einmal geschieht.
Mit einem Seufzen stellte sein Gegenüber das Glas auf den Tisch. So stellt eure Fragen. , sprach er leise und blickte hinüber zu seiner Frau, Aber nur mir.
Der Hauptmann nickte. Aus welchem Grund war eure Tochter in der Stadt? , fragte
er ruhig. Der Wirt schluckte. Sie wollte nur ein paar Besorgungen erledigen, Brot, Wein,
ein paar Heilkräuter... Die Stimme versagte ihm für einen Augenblick. Nun kommt sie
nicht wieder.
Eine Stille senkte sich auf den Raum wie ein eisiger Frost. Es gab noch weitere Fragen
zu stellen, aber Zerbas tat sich schwer, im Schmerz des Vaters herumzuwühlen. Sein
Begleiter beschloss, ihm zur Hilfe zu eilen. Hatte sie Scherereien? , fragte er, Eine
Fehde mit einem Gast vielleicht, oder ein Gläubiger?
Der Mann schüttelte den Kopf und legte die Hand neben das Glas, das noch immer auf
dem Tresen stand. Nein. , versicherte er, Das Geschäft geht gut. Wir haben niemandem
einen Grund zum Anstoÿ gegeben. Und selbst wenn, glaubt ihr, dass ... Der Hauptmann
schüttelte den Kopf. Ihr seid nicht unter Anklage. , sprach er ruhig, Doch manchmal
bahnt ein kleines Unrecht den Weg zu einem groÿen...
Oder auch nur etwas, das als Unrecht empfunden wird. , fügte Veridian hinzu. Nun... ,
machte der Wirt und gri endgültig nach seinem Glas, Wir sind anständige Leute.
Die beiden tauschten einen Blick. Eine weitere Sackgasse. Was ist mit einem Mann? ,
üsterte Hallia in den Gedanken ihres Herrn. Veridian musterte den Vater, der nun wieder
begonnen hatte, das Glas zu polieren. Tiefe Schatten waren unter seinen geröteten Augen.
Auch er hatte geweint, doch er hatte es wohl im Verborgenen getan. Ungeheuerlich, sich
solch einen Verlust vorzustellen. Ich werde nicht fragen. , dachte er und die Gedanken
des Windgeists wurden still.
Statt ihm tat es Zerbas und wie erwartet erreichte er nicht viel mehr, als den trauernden
Wirt zu kränken.
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Meine Tochter war ein anständiges Mädchen. , so hatte der Vater gesprochen, kurz bevor
er sie mit deutlichen Worten aus der Tür geschoben hatte. Selbst auf der Straÿe hatte
Zerbas ihn noch mit Fragen gelöchert, doch alles, was sie hörten, bot keinen weiteren
Hinweis, warum gerade seine Tochter Opfer des Mörders geworden war.
Sackgassen. , uchte der Hauptmann, Wohin wir uns wenden! Er schlug mit der
Faust in die nackte Hand. Keine Verdächtigen, keine Spuren, keine Zeugen, nichts. Eilig
ging er die Straÿe hinab, sodass Veridian Mühe hatte, mit ihm Schritt zu halten. Warte! ,
forderte er seinen Kameraden auf und hielt ihn an der Schulter fest. Beinahe trotzig
wischte Zerbas die Hand beiseite und wandte sich um. Wir müssen Geduld haben. ,
sprach Veridian, aber sein Gegenüber schüttelte den Kopf. Sollen wir auf die nächste
Leiche warten? , fragte er bissig, Wir müssen etwas unternehmen.
Aber was? , fragte Veridian. Der Hauptmann önete den Mund, wie um etwas zu
sagen, aber ihm wollte nichts einfallen. Er lieÿ den Kopf sinken. Uns sind die Orte zum
Suchen ausgegangen.
Veridian wollte etwas erwidern, aber bevor er es tun konnte, löste sich Hallia aus
seinem Körper und schoss in einer Böe zwischen die Männer. Wenn wir nicht mehr
jagen können , schlug sie vor, müssen wir die Beute zu uns kommen lassen.
Die beiden Männer sahen sie verständnislos an. Wie wollen wir das bewerkstelligen? ,
fragte der Hauptmann, worauf Hallia sich wortlos in einen Wirbel auöste, unter seinen
Mantel fuhr und ihn davon befreite. Solcherart entkleidet konnte der kahle Krieger nur
zusehen, wie seine Gefährtin das Kleidungsstück durch die Luft wabern lieÿ und sich
darunter zu einer Gestalt verfestigte.
Gespenstisch. , murmelte Zerbas, als er das Phantom musterte, das nun vor ihnen
stand. Hallia hatte den Mantel fest um sich gehüllt und die Kapuze tief ins Gesicht
gezogen. Niemals hätte der Hauptmann erraten, dass sich darunter buchstäblich nur
heiÿe Luft befand. Ungläubig stach er mit einem Finger in den Sto, der widerstandslos
nachgab.
He. , protestierte der Schutzgeist mit einem glockenhellen Lachen, Das kitzelt. Zerbas errötete und murmelte eine Entschuldigung, was Hallia nur noch mehr zu erheitern
schien. Ein guter Köder. , urteilte der Imperiale ernst. Der Schutzgeist lieÿ den Sto attern und bildete darunter eine verheiÿungsvolle Silhouette. Veridian nickte. Nun musst
du nur noch zur falschen Zeit am falschen Ort sein. , erklärte er dem Schutzgeist, Oder
vielmehr zur richtigen.
Hallia blickte auf, das hellblaue Gesicht unter der Robe wie aus Glas. Sagen wir
einfach, wenn er mir begegnet, ist dieses Scheusal zur falschen Zeit am falschen Ort.
Aus dem Schatten des Torbogens beobachteten die beiden Männer die nstere Gasse,
in der der Windgeist auf- und abschwebte. Obwohl er schon vieles mit Hallia erlebt
hatte, kam Veridian nicht umhin, ihr Geschick im Nachbilden der menschlichen Form zu
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bewundern. Der Mantel hob und senkte sich, als ob sie atmete und wenn sie über das
Paster schritt vermeinte man, sehen zu können, wie sich darunter ihre Knie hoben.
Unheimlich. , sprach Zerbas neben ihm und beobachtete den Windgeist mit unruhigen
Augen. Veridian lächelte. Man gewöhnt sich daran. Sein Gegenüber schüttelte den Kopf.
Ich meinte nicht nur sie. , sprach er, Dass ihr jeden Gedanken teilt...
Sie hat auch ihre Geheimnisse. , meinte Veridian ungeachtet der Beleidigung, die ihm
der Hauptmann an den Kopf geworfen hatte. Nur die Dinge, die sie mir sagen will
und ihre Gefühle, die erfahre ich, als wären sie meine eigenen. Ein beinahe verklärter
Ausdruck trat auf sein Gesicht. Gefühle. , wiederholte Zerbas, Hegt ihr vielleicht...
Veridian lachte schallend, biss sich dann aber auf die Zunge, als er begri, dass sie sich
versteckt halten mussten. Auch wenn sie bisweilen menschliche Gestalt annimmt, vergiss
niemals, dass dies nur eine ihrer Launen ist. Der Hauptmann sah hinaus ins Dunkel, wo
der Windgeist noch immer seine Runden drehte und ihn schauderte. Ich verstehe...
Er verschränkte die Arme und begann, unruhig mit einem Fuÿ auf dem Paster herumzutrommeln. Wird eine lange Nacht. , meinte Veridian und der andere nickte nur.
Du kannst mit derweil erzählen, wie du an Hallia geraten bist.
Der glatzköpge Krieger lächelte. Nun, eigentlich ist sie an mich geraten. Nach einem
Seitenblick auf seine Gefährtin, mit dem er sich versicherte, dass sie auÿer Hörweite war,
fuhr er fort.
Ich weiÿ noch genau, wie ich ihr damals das erste Mal begegnete. , begann er, Mein
Vater war Müller und ich wollte keiner sein. Also saÿ ich auf dem Dach der Mühle, sah
hinauf zu den Sternen und träumte die Träume, die ein junger Mann nun einmal träumt.
Er lächelte nostalgisch. Ein Held wollte ich sein, ein Feldherr, alles, nur nicht auf dem
Lande versauern.
Ein Klappern in der Gasse lieÿ die beiden aufschrecken, aber es war nur eine Katze,
die einer Maus hinterherjagte. Eines Nachts kam ein Sturm und brachte das Mühlrad
in Bewegung, langsam zuerst, doch alsbald schneller, als ich es jemals gesehen hatte. Ich
fürchtete mich und bat, dass der Wind aufhörte, wie ein Kind es tut, wenn es Angst hat.
Der Hauptmann hob eine Augenbraue, als wolle er sagen, dass er so etwas als Kind
niemals getan hatte. Das erstaunliche war, der Wind legte sich tatsächlich. , fuhr Veridian fort, Und als ich aufblickte, da schwebte sie vor mir, neugierig, verspielt. Als ich
die Hand nach ihr ausstreckte, da verschwand sie.
Ich glaubte, meinen Augen nicht trauen zu können, aber als ich mich abwandte, da
ng das Mühlrad von neuem an. Er vollzog mit dem Zeigenger einen Kreis. Als ich
hinsah, da hörte es wie von Geisterhand auf. Er lächelte. Das Spielchen wiederholte
sich noch ein paar Mal und alsbald spielte ich mit Hallia regelrecht fangen.
Doch der Wind zog weiter und damit auch sie. , sprach er leise, Und ich begann, sie
zu jagen. Er blickte hinauf zum Nachthimmel. Jahrelang habe ich Hallia verfolgt und
sie hat es immer wieder verstanden, sich mir im letzten Augenblick zu entziehen.
Warum hast du sie gesucht? , fragte der Hauptmann skeptisch. Hattest du als Kind
keine Träume? , fragte Veridian. Der andere schnaubte. Am Hofe des Imperators zu
dienen. , antwortete er, Aber du siehst ja, wo ich jetzt bin. Er wies auf das klamme
Gestein, das sie umgab. Veridian musterte den Hauptmann. Hallia hatte Recht gehabt.
Er war tatsächlich vom Weg abgekommen. Es legte sich ein ungutes Schweigen über sie.
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Wie ist eure Geschichte ausgegangen? , fragte Zerbas schlieÿlich, nachdem sie eine
Weile lang hinaus in die Nacht gestarrt hatten. Ich habe sie auf den Gipfel eines Berges
gejagt. , sprach Veridian, ohne die Augen von dem Windgeist zu wenden, Es war nicht
einfach, aber schlieÿlich hatte ich sie gefangen. Er seufzte. Wir wurden eins, aber das
kannst du nicht verstehen...
Was ich nicht verstehe, ist, warum sie vor dir geohen ist. Sein Gegenüber zögerte
einen Augenblick und fuhr sich mit der Hand über den kahlen Schädel. Nur durch die
Suche wurde ich ein Mann, der es wert war, sie zu nden.
Zerbas schnaubte. Und nun? , fragte er. Sie ist mein Schicksal und ich bin das ihre. ,
antwortete sein Gegenüber, Der Rest wird sich nden. Zerbas sah ihm in die Augen.
Deine Zuversicht möchte ich haben.
Er wandte sich ab und folgte mit unruhigen Augen dem Windgeist, der abermals an
ihnen vorüberschritt. Dass ihr Mörder bisher noch nicht angebissen hatte, machte ihn
sichtlich böse. Oder vielleicht war es auch nur Veridians Geschichte gewesen.
Was ist mit dir? , fragte Veridian nach einer Weile. Was soll sein? , fragte der Hauptmann. Ein Imperialer beim Turnier, um seinen Platz im Heer zurückzugewinnen. , erklärte Veridian, Warum strebst du, denen zu gefallen, die dich fallengelassen haben?
Der Imperator hat mich nicht fallengelassen! , fuhr der andere ihn an, legte die Hand
an sein Schwert und lehnte sich wieder an die Mauer. Verzeih. , sprach er, Es waren
schlechte Tage. Veridian zuckte mit den Schultern. Solange du unseren Mörder nicht
verscheuchst. Zerbas lachte trocken. Bei meinem Glück hat er längst woanders zugeschlagen.
Veridian streckte den Kopf aus dem Torbogen und sah sich um. Totenstille. , meinte
er, Vielleicht sollte ich mich mal umsehen... Er machte Anstalten, hinaus auf die Straÿe
zu treten, aber plötzlich riss ihn sein Begleiter zurück und drückte ihn mit beiden Armen
gegen die Wand. Hiergeblieben! , befahl er unwirsch, doch bevor er weiter kommen
konnte, fegte ein Sturmwind über ihn hinweg und riss ihn von den Füÿen. Noch während
Veridian überrascht nach Luft schnappte, manifestierte sich Hallia über dem gefallenen
Hauptmann und setzte ihm eine Klinge aus gefrorenem Wind an den Hals. Krümme
ihm nur ein Haar und ich werde... , sprach sie drohend, aber bevor sie weiter kommen
konnte, trat ihr Gefährte neben sie und wies sie mit einer Geste an, die Wae zu senken.
Was zum Henker ...? , fragte er die beiden entgeistert.
Er glaubt, du bist der Mörder. , antwortete der Windgeist, Deshalb wollte er uns
heute Nacht im Auge behalten. Zerbas versuchte, sich aufzurappeln. Ist das wahr? ,
fragte ihn der andere. Zerbas nickte nur beschämt. Ich hatte einen Verdacht. , sprach
er, Die einzige Sackgasse, in die ich noch nicht gelaufen war.
Der Imperiale rappelte sich auf und sah seine beiden Gefährten stur an. Bevor der
Morgen dämmert werde ich euch nicht aus den Augen lassen. Hallia blies sich verächtlich
eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Du siehst mich nur, weil ich es dir erlaube. Sie
verschwamm vor seinen Augen, wirbelte um ihn herum und setzte sich nur eine Handbreit
von ihm entfernt wieder zusammen. Du bist unbeständiger als ich, Hauptmann. , sprach
sie, Und das will was heiÿen.
Der Imperiale hielt ihrem Blick stand, die Furchen in seinem Gesicht noch tiefer als
sonst. Ich muss diesen Mörder nden. , sprach er streng, Koste es, was es wolle! Er
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wich nicht zurück, als Hallia noch näher kam. Du gehst weiter, als es die Picht eines
Soldaten gebietet. , stellte sie kühl fest, Und das ist nicht das einzige Maÿ, das du
aus den Augen verlierst. Zerbas knurrte frustriert. Du hast leicht reden, Windgeist. ,
sprach er, Was versteht ein solch atterhaftes Wesen von Ehre und Loyalität? Sie fegte
ihn geradezu beiläug von den Füÿen. Wir sind dir beigestanden Hauptmann, doch
allmählich verliere ich die Lust!
Abermals kämpfte der Imperiale sich auf die Füÿe und starrte den Schutzgeist geradezu
verbissen an. Sein kantiges Gesicht schien noch härter geworden zu sein. Veridian blickte
zwischen den beiden Streitenden hin und her, dann stellte er sich zwischen sie. Genug! ,
befahl er eindringlich und brachte die beiden dazu, zurückzuweichen. Du redest von
Ehre und Loyalität, Hauptmann. , fuhr er fort, Aber hast uns gegenüber beides nicht
gerade unter Beweis gestellt.
Der Mann zuckte unter den Worten zusammen wie unter Peitschenhieben. Ich irrte
mich. , gestand er, Und wenn diese Kränkung zu viel ist, dann verstehe ich, wenn ihr mir
den Rücken kehrt. Hallia legte den Kopf schief. Das ist eine lausige Entschuldigung... ,
setzte sie an, aber ein einziger Blick ihres Gefährten brachte sie zum Schweigen. Der
Hauptmann sollte ausreden können.
Ihr habt gehört, was ich den Kriegern vor dem Stadttor erzählt habe. , fuhr er fort
und es war klar, dass er über solcherlei Dinge nicht gerne sprach, Ich habe gedient, am
Hof des Imperators. Er seufzte. Nicht des Geldes wegen, nicht des Ruhms oder der
Ehre, sondern weil ich an Karns Plan glaube.
Plan? , fragte der Schutzgeist spöttisch, aber der Imperiale sah nicht auf. Unser Herr
hat erkannt, dass von Anbeginn der Zeit zwei Mächte miteinander ringen, das Chaos und
die Ordnung. Er sprach das letzte Wort mit einer gewissen Ehrerbietung auf. Klingt
nach einem Märchen. , warf Veridian ein. Der andere schüttelte den Kopf. Ich spreche
hier weder von Drachen, noch von Göttern und Legenden. Er sah nicht aus, wie ein
Mann, der solcherlei Dingen groÿe Bedeutung beimaÿ. Ich spreche vom Leben. , fuhr er
fort, Von einer Entscheidung, die jeder von uns zu treen hat.
Ordnung oder Chaos. , schloss Veridian. Der andere nickte. Manche Menschen sind
Schafe, manche sind Wölfe. Ich bin ein Hirte. Er trat in den Torbogen und blickte
hinaus in die Gasse. Und ich habe versagt, die Wölfe aufzuhalten. Er blickte hinaus in
die Nacht, als könne er seine Gegenspieler sehen.
Wölfe... , murmelte der Windgeist und schwebte neben ihn, Ist nicht jeder Mensch
von Zeit zu Zeit ein Wolf ? Hauptmann Zerbas lächelte ein raues Lächeln. Vielleicht
verstehst du mehr vom Wesen der Menschen, als ich dachte. Er wurde wieder still.
Ich wollte zurück nach Karnapolis. , murmelte er nach einer Weile, Nicht um meinetwillen, sondern um etwas bewegen zu können. Er schüttelte den Kopf. Doch vielleicht
hat Karn mich zurecht hierher geschickt.
Was ist geschehen? , fragte Veridian. Der andere zögerte. Es gibt Krieger, die das
Reich mit mehr als ihrem Leben verteidigen, unsere Oberhirten. , sprach er, Und es gibt
gewisse Mittel, sie vom sicheren Tod ins Leben zurückzubringen.
Die aber sind selten und schwer zu beschaen. Es war meine Aufgabe, die sichere
Ankunft eines Vorrats in Titania zu gewährleisten, doch ich lieÿ die Wölfe das Elixier
stehlen. Er knirschte mit den Zähnen. Und wenn nun einer der Hirten stirbt, so klebt
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sein Blut an meinen Händen.
Du gehst hart mit dir ins Gericht. , sprach der Mann an seiner Seite. Nicht härter,
als ich es verdiene. , urteilte der Imperiale verbissen, Meine Schande führte mich in die
Kolonien und ich dachte an nichts anderes, als zurückzukehren.
Er zog sein Schwert und betrachtete es im Mondlicht. Und ich kämpfte und ich siegte
und ich sah um mich herum gute Menschen sterben. Er betrachtete seine Reexion in
der Klinge. Und ich habe nichts getan, bis es an mir war, dem Tod ins Auge zu sehen.
Hast du deinen Kampf beim Turnier aufgegeben? , fragte er den glatzköpgen Krieger.
Der tauschte einen Blick mit seinem Windgeist. So in etwa. , antwortete er. Zerbas
nickte. Ich auch. Nicht einmal zu sterben war ich bereit. , sprach er voller Abscheu,
Nicht einmal das.
Du gehst zu hart mit dir ins Gesicht. , sprach nun Hallia und wehte um den Soldaten
herum, sodass sie ihm in die Augen sehen konnte. Er blickte sie trotzig an. Meine gröÿte
Schmach habe ich euch noch nicht berichtet. , gestand er, Kennt ihr die Blaue Königin?
Ich habe einmal mit ihr Karten gespielt, in dieser Stadt ... , hauchte Hallia, aber
verebbte abrupt. Lange Geschichte. , sprach sie, Ewig her. Der Imperiale hob eine
Augenbraue. Nun spielt sie nicht mit Karten, sondern mit Menschen. , fuhr er fort, Die
Spinne im Zentrum der Audständigen. Sie hält alle Fäden in der Hand. Der Windgeist
schaute verdutzt. Sie war hier. , fuhr Zerbas fort, Die Wurzel des Übels, zum Greifen
nah. Er schloss seine Hand zur Faust. Und ich habe sie ungeschoren davonkommen
lassen!
Du hast sie nicht fangen können. , stellte Hallia traurig fest. Er nickte. Ich hätte
das Chaos mit Stumpf und Stiel ausrotten können, doch stattdessen bat ich um mein
Leben. Er fuhr sich mit der Hand über die Schläfen. Nun wisst ihr, warum ich ihn
fangen muss, diesen Bastard, der sich in meiner Stadt herumtreibt. Er zögerte. Nicht
um meinetwillen, sondern, weil die Ordnung zumindest dieses eine Mal über das Chaos
triumphieren muss.
Er schwieg, ein wenig erschrocken vielleicht über die Gröÿe seiner Worte. Er hatte wohl
mehr gesagt, als er hätte sagen wollen.
Der Windgeist lächelte und legte ihm eine geisterhafte Hand auf die Wange. Du
enttäuscht mich, Hauptmann. , sprach Hallia, Du bist ein guter Mann. Ich hätte dich
viel lieber weiterhin für einen Stinkstiefel gehalten.
Trotz ihrer nächtlichen Wache fanden die drei Gefährten niemanden, der ihren Köder
schlucken wollte, sah man einmal von einem betrunkenen Glücksritter ab, der dem
Schutzgeist ein wenig zu aufdringlich wurde.
Am Morgen standen die beiden Männer noch immer in dem Torbogen, übermüdet und
ein wenig griesgrämig vielleicht, aber mit einer stummen Entschlossenheit, die sie zuvor
noch nicht geteilt hatten. Hallia hatte Veridian inzwischen den Mantel zurückgegeben
und es schien, als sei selbst sie ein wenig abgeaut. Mit einem Gähnen, wie es wohl nur
ein Wesen aus Wind vermochte, löste sie sich in Luft auf und verschwand in Veridians
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Körper.
Vermaledeit. , murmelte der und gähnte ebenfalls herzhaft, Müdigkeit ist ansteckend. Zerbas hob einen Mundwinkel, was bei ihm wohl gerade mehr bedeutete als
bei einem anderen ein schallendes Lachen, dann löste er sich von der Wand und trat
hinaus in die aufgehende Sonne.
Auf den Straÿen war noch nicht sonderlich viel los, nur ein paar Stadtbewohner, die
frühe Besorgungen erledigten und ein Krämer, der sich mit einem Ochsenkarren auf den
Weg zum Markt machte.
Nichts. , sprach der Hauptmann ruhig, Die ganze Nacht rein gar nichts. Als habe er
mit diesen Worten das Schicksal herausgefordert, bog in diesem Augenblick ein Trio von
gehetzten Soldaten um die Ecke. Kaum wurden sie seiner gewahr, nahmen sie Haltung
an und eilten auf ihn zu.
Hauptmann. , sprach der erste auÿer Atem und stand stramm. Was gibt es? , fragte
Zerbas mit geübter Befehlsgewalt. Hätte Veridian es nicht besser gewusst, so hätte er
geglaubt, sein Kamerad hätte eine ruhige Nacht in einem weichen Bett verbracht. Seine
Müdigkeit wirkte wie fortgewischt. Er musste wohl Stärke vor seinen Männern zeigen.
Wir haben eine Meldung zu machen. , sprach der Soldat und schluckte, Bei Sonnenaufgang wurde ein Leichnam bei der neuen Brücke angeschwemmt. Die Augen des
Hauptmanns weiteten sich. Ein Leichnam? , wiederholte er, Opfer eines Verbrechens?
Ertrunken ist er nicht. , antwortete der Soldat, Er starb durch eine Klinge, ohne
Zweifel. Zerbas bleckte die Zähne. Bring mich sofort dorthin. , sprach er und wies auf
die anderen beiden Soldaten. Ihr erstattet dem Statthalter Bericht!
Mit einem Nicken wies er auf Veridian, der das Geschehen aus der Seitengasse beobachtet hatte. Los!
Der Soldat führte sie quer durch die Stadt, bis sie einen Kanal erreichten, in den ein
einstmals reiÿender Fluss eingepfercht worden war. Rasend schoss das Wasser durch sein
begradigtes Bett, geradewegs zu auf ein gutes Dutzend Säulen, das in einer Reihe aus
den Fluten ragte. Sie sollten wohl einmal das Fundament einer Brücke werden. In den
letzten Tagen hatten sie einem anderen Zweck gedient. Statthalter Zelphar hatte dort
einige Kämpfe des Turniers austragen lassen und auch wenn Zerbas nicht dabeigewesen
war, so hatte er doch von den Beschwerden der Baumeister gehört, nachdem einer der
Krieger eine Säule zu Fall gebracht hatte.
Doch nun spielte das keine Rolle, denn ringsum hatte sich eine Traube von Menschen
gebildet, die allesamt hinaus auf den Fluss starrten. Geschieht ihm recht. , murmelte
einervon ihnen, aber er verstummte, als er das Wappen auf der Brust der Soldaten sah.
Zerbas bahnte sich mit einem einzigen Blick einen Weg durch die Menge und trat an das
Ufer.
Auf der mittleren Plattform lag ein verdrehter Körper, tropfnass, bleich und ausgeblutet. Die Wunde in der Brust lieÿ keinen Zweifel zu.
Scheiÿe. , murmelte der Hauptmann und stieg auf die erste Säule. Die Bestie wird
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schlauer. , dachte Hallia in Veridians Geist, als der ans Ufer des Flusses trat. Was ist
passiert? , fragte der Krieger einen nebenstehenden Schaulustigen. Eine Waschfrau hat
ihn dort gefunden. , erklärte der alte Mann und zog an seiner Pfeife, Das arme Ding hat
sich schier die Lungen aus dem Leib geschrien. Er blies teilnahmslos einen Rauchring
in die Luft. Wirklich? , staunte Veridian und stellte sich dumm. Der Alte wies mit dem
Mundstück seiner Pfeife auf den Toten. Den Kerl kennt man hier, ein Geldverleiher und
Zinswucherer. , sprach er, Ist nicht schade drum. Veridian nickte und blickte hinüber zu
seinem Gefährten, der gerade die Taschen des Toten durchsuchte. Sie waren voller Geld.
Davon kann er sich jetzt auch nix mehr kaufen. , urteilte der Alte mit einer gewissen
Genugtuung.
Ein Glücksritter, ein junges Mädchen und nun ein reicher Geschäftsmann. Es gab keinen Zweifel mehr, dass der Mörder seine Opfer wahllos heraussuchte. Doch warum beging
er diese Morde? Was hatte er davon, zufällige Fremde auf oener Straÿe niederzustechen,
wenn er nicht einmal ihre Besitztümer raubte?
Was schert es den Wolf, ob das Schaf, das er frisst, schwarz oder weiÿ ist. , antwortete
Hallia in seinen Gedanken, dann löste sie sich unsichtbar von ihm und wehte ussaufwärts.
Es war zwar nicht wahrscheinlich, etwas zu nden, aber dennoch suchte sie nach dem
Ursprung der Leiche.
Inzwischen hatte Zerbas seine Suche beendet und kehrte über die Säulen zu seinem
Kameraden zurück. Und? , fragte Veridian. Der Hauptmann reichte ihm wortlos einen
Stapel nasses Papier. Veridian blätterte ihn durch und überog, was auf ihnen mit ordentlichen Lettern geschrieben stand. Schuldscheine. , schloss er. Zerbas nickte. Sieh
dir an, wann sie fällig sind. Fein säuberlich war auf den Papieren vermerkt, was wann
und von wem zu zahlen war. Alle gestern. , meinte der Krieger und gab sie dem Soldaten
zurück. Er war wohl auf dem Weg, sie einzutreiben. , meinte Zerbas, Und dabei hat
ihn das Schicksal heimgesucht.
Er blätterte die Schuldscheine durch. Ein Gastwirt, ein Schmied, eine Winzerei, sogar
ein imperialer Beamter. , murmelte er, Mit einer Karte können wir eingrenzen, wo er
gestern hinwollte. Sie nickten einander grimmig zu, dann wandte der Hauptmann sich
an seine Untergebenen. Bringt den Toten weg. , befahl er, Und sorgt dafür, dass die
Menge ihrem Tagwerk nachgeht. Das letzte, was wir brauchen, sind dunkle Gerüchte.
Zu Befehl, Herr. , antwortete einer der Soldaten, Doch da ist noch etwas. Zerbas hob
eine Augenbraue. Wir haben dem Statthalter berichtet , fuhr der Soldat fort, und er
wünscht, euch zu sehen. Der Hauptmann nickte, salutierte und schritt langsam aus der
Menschentraube heraus. Auch das noch. , murmelte er, als sie auÿer Hörweite waren.
Makellos weiÿ ragte die Residenz des Statthalters hinter dem schwarzen Gitter auf, doch
so schön sie auch sein mochte, Zerbas schien der Anblick keine Freude zu machen. Wartet
hier. , befahl er, als zwei Wachen ihm das schmiedeeiserne Tor öneten und man konnte
ihm ansehen, dass er diesen Gang lieber nicht gemacht hätte. Veridian sah ihm besorgt
nach, während er zielsicher durch den Park auf das Anwesen zuschritt.
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Schön hat es der Statthalter. , meinte Hallia schnippisch, Lässt es sich an nichts
fehlen. Veridian lachte trocken und sah durch die Gitterstäbe in den penibel gepegten Garten. Zerbas fürchtet ihn. , sprach er, aber der Schutzgeist in seinen Gedanken
stimmte nicht zu. Er verachtet ihn. , erwiderte sie, Trotzdem muss er ihm gehorchen.
Inzwischen hatte der Hauptmann die Residenz erreicht, hielt kurz inne, um an der Fassade hinaufzublicken und trat dann durch das Portal. Da würde ich zu gern Mäuschen
spielen. , murmelte Veridian, worauf ihm und Hallia derselbe Gedanke kam. Mit einem
sachten Hauch schoss sie aus seinen Fingerspitzen und gerann in seiner oenen Hand
zu einer kleinen, blauen Maus. Frech richtete sie sich auf und quietschte ihren Herren
an. Niedlich. , erklärte der und rollte mit den Augen, Aber das meinte ich nicht. Sie
verwandelte sich in eine Miniatur ihrer Mädchengestalt. Es schickt sich nicht, zu lauschen. , erwiderte sie keck. Dann sollte es dir doch eine diebische Freude machen. Sie
streckte ihm ihre bläuliche Zunge heraus, dann erhob sie sich in die Lüfte. Ich hoe nur,
unser Kamerad bekommt nicht noch mehr Ärger. Er verdient ihn nicht.
Veridian sah ihr hinterher und das Lächeln wich langsam von seinen Lippen. Sie hatten
kein Wort mehr über das verloren, was der Hauptmann ihnen in der Nacht oenbart
hatte. Doch er hatte spüren können, dass, obwohl der atterhafte Schutzgeist und der
unnachgiebige Hauptmann verschiedener nicht hätten sein können, sie doch den gleichen
Schmerz teilten. Sie hatte Recht. Ihr Kamerad verdiente wahrlich keinen Ärger mehr.
Hallia schoss indes durch die Stäbe des eisernen Zauns, brachte im Vorüberiegen die
Blätter der Bäume zum Rauschen und steuerte zielsicher auf das Hauptportal zu, das
noch immer einen Spalt weit oen stand. In ihrer Eile schoss sie ein wenig über das Ziel
heraus und riss aus Versehen die Türügel mit, die mit einem gewaltigen Krachen ins
Schloss elen.
Augenblicklich waren alle Augen im Raum auf sie gerichtet, nur, dass es nichts zu sehen
gab. Hallia aute ab und sah sich erst einmal um. Im Zentrum der Halle führte eine marmorne Freitreppe hinauf ins zweite Stockwerk. Oben auf den Stufen stand der Statthalter
und sah missbilligend hinunter auf seinen Hauptmann, der am Fuÿ der Treppe kniete.
Der Statthalter mochte ergraut sein, aber sein Blick war ungebrochen. An seiner Seite
standen zwei Wachen, beide darauf bedacht, den knienden Soldaten nicht anzusehen. Der
dramatische Auftritt des Windgeistes hatte die beiden nur kurz abgelenkt, nun wandten
sie sich wieder ihrer Unterhaltung zu.
Dein Toter war nicht irgendwer. , sprach der Statthalter missbilligend, Ich verlange,
dass du den Mörder ndest. Zerbas sah auf. Herr. , erwiderte er, Seit Tagen wildert
dieser Mann in eurer Stadt. Ich bin auf seiner Fährte.
Pah. , machte Zelphar verächtlich, So wie du auf der Fährte der Blauen Königin
warst? Er wies mit einem Nicken auf eine Tür. Da wo du jetzt kniest hat sie dich
niedergestreckt. Er machte einen Schritt auf seinen Untergebenen zu. Du hattest sie
vor deiner Nase und was tust du? Lässt sie entkommen!
Ich... , setzte Zerbas an, aber er schwieg. Statt deine Arbeit zu tun, gehst du auf
das Turnier. General möchtest du wieder sein! Der Statthalter schlug wütend mit einer
Faust in die Handäche, dass seine beiden Leibwächter nur so zusammenzuckten. Lass
dir eines gesagt sein, von einem ehemaligen General zum anderen. , fuhr er drohend fort
und trat die Stufen zu seinem knienden Diener hinunter, Eher kehre ich auf meine alten
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Tage zum Heer zurück als dass du jemals wieder eine Hundertschaft befehligst.
Zerbas bleckte die Zähne, wagte es aber nicht, Widerworte zu geben.
Hallia nutzte die unangenehme Stille, um sich in dem Saal umzusehen. Amüsiert betrachtete sie die Wandteppiche, auf denen tatsächlich ein leibhaftiger Drache abgebildet
war. Sogar ein paar von Ihresgleichen konnte man in seinem Schlepptau erkennen...
Ich werde diesen Mörder fangen. , versprach der Hauptmann von unten und der
Schutzgeist fuhr in einem Windhauch herum. So, so. , machte der Statthalter und winkte
mit zwei Fingern, worauf eine weiÿgekleidete Frau ans Geländer der Galerie trat. Und
warum sollte ich dir diese Sache anvertrauen und nicht Marlea? Der Soldat tauschte
einen Blick mit der Frau an der Brüstung, die entschuldigend mit den Schultern zuckte,
als wolle sie sagen, dass sie die Einschätzung ihres Herren nicht teilte.
Bei allem Respekt. , sprach Zerbas und wagte es, aufzublicken, Marlea ist eure Leibwächterin. Noch bin ich der Hauptmann der Wache. Mir obliegt es, Ordnung in der Stadt
zu halten.
Noch. , wiederholte Statthalter Zelphar und versuchte vergeblich, ihn niederzustarren,
Ich will, dass diese Angelegenheit aus der Welt geschat wird, noch bevor es weitere Tote
gibt. Er legte eine Hand an sein Schwert. Das Turnier ist vorüber und so unerfreulich
es für uns alle war, ich will, dass wieder Ruhe in Titania einkehrt!
Sowohl Zerbas als auch Marlea nickten. Dann lasst mich die Reserven mobilisieren. ,
bat der Hauptmann. Die Soldaten des Imperators? , fragte der Statthalter, Die sind
nur für den Kriegsfall. Du hast deine Wachen.
Nein. , erwiderte der Hauptmann ruhig und schüttelte den Kopf. Der Widerspruch
lieÿ seinen Herrn zusammenzucken. Wenn ihr wollt, dass ich den Mörder fange, werde
ich jeden einzelnen Mann brauchen.
Wenn der Imperator davon erfährt... , setzte Zelphar an, Nicht vorzustellen. Es war,
als hätte der andere ein Loch in seine Rüstung geschlagen. Wenn es das ist, worum ihr
euch sorgt, Herr , entgegnete der Hauptmann mit einem Hauch von Verachtung, dann
wird euer Ruf so rein bleiben, wie es das Blut an euren Händen erlaubt.
Abermals mussten die Umstehenden schlucken, Hallia eingeschlossen. Schneid zu haben, war eine Sache, aber was der Hauptmann gesagt hatte, war wie ein Schlag ins Gesicht
gewesen. Hätte sie gerade eine feste Form gehabt, hätte sie wohl gelächelt. Dieser tumbe
Granitkopf war doch mehr als nur ein Befehlsempfänger.
Sei es. , sprach der Statthalter schlieÿlich und seufzte. Mit einem Mal sah man ihm
sein wahres Alter an. Aber du nimmst Marlea mit. Sie wird mir berichten. Es war
oenkundig, dass dieser Einwand nur dazu diente, sich einen Rest Autorität zu bewahren.
Ruhig erhob sich Zerbas und sah den alten Mann an, nun mit ihm auf Augenhöhe.
Er hatte einen Sieg errungen. Dieses Mal werde ich euch nicht enttäuschen. , versprach
er. Sein Gegenüber bleckte die Zähne. Das rate ich dir auch nicht. Ich habe ein paar
Posten, auf denen du Wache schieben kannst, bist du verstaubst!
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Hallia. , sprach der Hauptmann, während er durch den Garten des Anwesens ging. Es
war keine Frage, sondern vielmehr eine Feststellung. Sie manifestierte sich an seiner Seite.
Verdammte Tür. , murmelte sie schmollend. Er warf ihr keinen Blick zu. Lauscher an
der Wand... , setzte er an. Sie wehte einmal um ihn herum. Die Hand, die einen füttert
... , entgegnete sie.
Er lachte trocken. Der Alte ist ein Realist. , erklärte er, Deswegen hat er sich so
lange auf seinem Posten gehalten. Sie grinste. Und du bist wohl ein Idealist. , folgerte
sie. Und du trotz deines Alters ziemlich unreif. , erwiderte er. Sie klimperte mit den
Wimpern. Er nahm es erstaunlich gut auf, dass sie ihn belauscht hatte. Gut gemacht,
übrigens. , lobte sie.
Der Statthalter dient als erstes dem Statthalter. , fuhr der Hauptmann unbeirrt fort,
Man muss ihn nur überzeugen, dass das, was man will auch in seinem Interesse ist.
Und den Mörder in seiner Stadt zu fangen ist es nicht? , fragte Hallia. Er schnaubte.
Die Kriegstruppen zu mobilisieren, davon wird Imperator Karn erfahren. , erklärte er,
Und auch wenn der Statthalter es tun darf, wird es dennoch nicht gerade für Wohlwollen
sorgen.
Den hast du gerade auch nicht errungen. , meinte sie. Er zuckte mit den Schultern
und man sah, dass er darin nicht sonderlich geübt war. Du hast ihn gehört. , sprach er,
Ich werde nicht in die Hauptstadt zurückkehren. Er verzog den Mund. Und wenn ich
schon hier meinen Dienst fristen muss, dann werde ich tun, was ich kann, koste es, was
es wolle.
Sie hatten den Park durchquert und das Tor erreicht, hinter dem Veridian schon ungeduldig wartete. Als er seinen Schutzgeist neben dem Soldaten schweben sah, zuckte er
sichtlich zusammen. Du... , sagte Zerbas nur, dann ging er an den beiden vorüber.
Hat er dich erwischt? , fragte Veridian, während er sich an seinen Kameraden dranhängte. Sie imitierte sein ungelenkes Schulterzucken, dann verschwand sie in seinem
Körper. Ah. , macht er nur, als sie ihm in einem Augenblick mitteilte, was geschehen
war. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg, um ihre Armee zu mobilisieren.
Trotz des Dunkels der Nacht herrschte auf den Straÿen von Titania rege Betriebsamkeit. Und all das sind deine Leute? , fragte Veridian, als er seinen Blick über die bunten
Menschenmassen gleiten lieÿ.
Imperiales Heer. , antwortete der Hauptmann, Aus dem Haus des Krieges. Er legte
eine Hand an das Schwert, das er unter dem Mantel verbarg. Normalerweise sind sie
kaserniert. , erklärte er, Jetzt sind sie von der Kette.
Sein Nebenmann schüttelte den Kopf. Zerbas hatte einen Mann an jeder Straÿenecke
und hätte Veridian es nicht besser gewusst, so hätte er keinen einzigen von ihnen für einen
Soldaten gehalten. Die Schlinge zieht sich zu. , sprach er voll grimmiger Befriedigung.
Der Jäger wird zum Gejagten. , antwortete Hauptmann Zerbas mit einem Nicken. Wo
ist eigentlich Hallia?
Immer da, wo ich gebraucht werde. , klang es wie aus dem Nichts an sein Ohr, Ich bin
eure Augen und Ohren. Eine Ahnung ihrer Form erschien zwischen den beiden. Und du
könntest mir mal dieses seltsame Gewand erklären. Sie wehte spielerisch seinen grauen
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Umhang beiseite, unter dem sich ein bunt gestricktes Wams verbarg.
Ich trage nicht oft zivil. , verteidigte er sich und zurrte seinen Mantel wieder zurecht.
Sie lieÿ ein glockenhelles Lachen erklingen und erhob sich in die Lüfte. Veridian hob eine
Augenbraue, aber als sein Kamerad ihn ansah, verkni er sich jegliches spitze Wort, das
ihm auf den Lippen lag.
Anstatt sich über eitlen Tand zu ereifern, erkläre mir lieber, wie du damit kämpfen
willst. , fragte er und wies auf den langen Stab in Veridians Gürtel.
Hallia erlaubt mir keine Klinge. , antwortete der ruhig, Und das ist auch besser so.
Ich habe nicht vor, zu töten. Der Soldat schnaubte. Dann hoe ich, dass dir heute
Nacht die Wahl bleibt.
Sie bogen um eine Ecke und wurden schier von Marlea über den Haufen gerannt. Die
korpulente Magierin hatte sich ebenfalls in Schale geworfen und sah den Hauptmann mit
hochrotem Gesicht an. Am Flussufer sind alle soweit. , meldete sie, Bisher keine Spur
von dem Dreckskerl. Sie räusperte sich. Wer ist der?
Veridian war beim Turnier. , antwortete der Hauptmann, sichtlich unwillig, sich vor
Zelphars Leibwächterin zu rechtfertigen, Er unterstützt uns.
Beim Turnier? , fragte sie und klopfte Veridian derart fest auf die Schulter, dass
es ihn schier zu Boden riss. Da sind wir ja schon zu dritt. Für eine Aufpasserin des
Statthalters schien sie ganz in Ordnung zu sein. Hatte auch kein Glück. , erzählte sie,
Wär schier Hops gegangen. Aber ist alles gut ausgegangen. Der Statthalter hat mich
zur Leibwächterin gemacht.
Genug der Höichkeiten. , befahl Zerbas barsch, Wir haben Arbeit. Sie hatten indes
eine Abzweigung erreicht und der Hauptmann wies sie mit einem Nicken an, verschiedene Wege zu wählen. Marlea kehrte zum Ufer des Kanals zurück, Zerbas blieb auf der
Hauptstraÿe und Veridian verschlug es in das Gewirr aus Gassen, in dem sie damals den
ersten Toten gefunden hatten. Auch dort patrouillierten ein paar Soldaten, dazwischen
waren nstere Gestalten, die sicherlich nicht im Dienst des Imperiums standen. Laternen
gab es hier keine und so blieb Veridian nur das Mondlicht. Mit zusammengeknienen
Augen suchte er die Vorübergehenden nach Waen ab, doch im Dunkel hätten sie wohl
sogar ein Breitschwert an ihm vorbeischmuggeln können.
Ein warmer Lichtschein zog ihn um eine Ecke, wo sich der Ausgang einer Kneipe befand, aus dem ein süÿer Geruch von Wein und Erbrochenem kroch. Lautstarkes Gegröle
drang von innen auf die Straÿe und er hätte nicht sagen können, ob der bierselige Gesang
fröhlich oder wütend war. Neugierig wischte Veridian den Dunst von einer der Scheiben
und blickte ins Innere. Dort saÿen rund um einen Tisch ein halbes Dutzend grobschlächtige Gestalten, die für Gold Messer zwischen ihren Fingern tanzen lieÿen. Üble Kerle
zweifellos, doch ob der Mörder darunter war? Für einen Moment erwägte er, einzutreten
und nach einem Schwert Ausschau zu halten, als das Geräusch von Schritten über das
Paster klang. Instinktiv zog er nach seinem Stab und fuhr herum. Nichts.
Eilig ging er in die Hocke, drückte sich an die Wand und harrte der Dinge, die da
kommen mochten. Doch da war nichts auÿer dem wilden Schlagen seines Herzens. Ich
habe ein ganz schlechtes Gefühl. , murmelte er, stand auf und setzte seinen Weg fort. Mit
einem Seufzen blickte er hinauf zum Himmel, wo Hallia wohl gerade ihre Kreise zog. Es
war nicht lange her, seit sie sich gefunden hatten. Jetzt, als er so allein durch die Nacht
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marschierte, da war es ihm, als ob ein Teil von ihm fehlte.
Wieder und wieder drehte er sich um, aber es blieb dabei. Er war allein. Schlieÿlich
führte sein Weg in zu dem Ort, an dem der tote Krieger gelegen hatte. Unberührt lag
dort die zertrümmerte Kiste und obwohl es dunkel war vermeinte er, noch immer das
Blut daran glitzern zu sehen.
Er schluckte und bog in die Gasse. Wie hieÿ es so schön in den Schauergeschichten, die
man sich erzählte... Der Mörder ist verucht, zum Ort der Sünde zurückzukehren. Doch
da war nichts, sah man von Schmutz und Unrat ab.
Er mahnte sich zur Ruhe, als abermals Schritte ertönten. Wieder sah er sich um und
dieses Mal war es zu seiner Erleichterung nur einer der Soldaten, der an der Mündung
der Gasse vorbeischritt. Mit einem tiefen Seufzer warf Veridian einen letzten Blick auf
das Gerümpel in der Gasse. Zeit, woanders zu suchen.
Als er aufsah, el sein Blick auf ein Schild, das er beim letzten Mal nicht bemerkt hatte.
Die weiÿen Lettern mochten verblasst und von Rissen durchzogen sein, im Mondlicht
leuchteten sie wie Silber. Winzerei zur Sonne stand dort geschrieben und als Veridian es
sah, da war es, als hätte jemand ein Tuch hinfortgezogen. Es war so oensichtlich und
doch hatten sie es die ganze Zeit übersehen.
Noch ehe er den Gedanken auch nur zu Ende denken konnte, hörte er über ihm ein
Knacken und als er aufsah, hätte er beinahe aufgeschrien. Oben vom Dach stürzte eine
dunkle Gestalt auf ihn hinab, in den Händen eine Klinge, mit der sie einen Ochsen hätte
spalten können. Zu perplex, um auszuweichen, sah Veridian schon sein Ende gekommen,
als ein Sturmwind ihn von den Füÿen riss und beiseite schleuderte. Hallia!
Sie verband sich für einen Herzschlag mit seinem Geist, um sicherzugehen, dass er
unverletzt war, dann stürzte sie sich wie ein Pfeil auf den Mörder. Hastig rappelte Veridian sich auf, zog seinen Stab und machte sich ein Bild von der Lage. Zu spät hatte er
begrien, dass sie keinen Wolf jagten, sondern eine Spinne, die geduldig in ihrem Nest
auf Beute gewartet hatte. Der Trunkenbold, die junge Maid und der Geldverleiher, alle
drei waren sie zur Winzerei gekommen.
Wie eine Spinne sah die ausgemergelte Gestalt auch aus, mit dürren Armen und Beinen
und Augen, die wie geronnenes Blut funkelten. In einem Wirbel ging Hallia auf den
Mörder nieder, riss ihm die Beine unter den Füÿen weg und verdichtete sich über ihm zu
einer Gestalt.
Obwohl es einem Mann von solch schmaler Statur hätte unmöglich sein sollen, riss
ihr Gegner das breite Schwert mit einer Hand in die Höhe und schlug damit nach dem
Windgeist. Unbeeindruckt lieÿ sie einen Teil von sich verschwimmen, doch als die Klinge
durch sie hindurchglitt, da geschah etwas Unerwartetes. Blaues Feuer glitzerte an der
Schneide auf wie ein Faden aus Eis und obwohl Hallia keine feste Form hatte, fraÿ sich
die Wae tief in sie hinein. Es gab ein hässliches Geräusch, wie wenn der Wind durch
eine Schlucht heulte und obwohl er nicht mit ihr verbunden war, wusste Veridian, dass
sie schrie.
Voll grimmiger Befriedigung lieÿ der dürre Mörder die Wae in dem erstarrten Windgeist stecken und machte Anstalten, ihn vollends zu durchtrennen. Veridian spürte den
Schmerz seiner Gefährtin, als sei es sein eigener und mit einem Schrei stürzte er auf ihren
Peiniger zu. Mit geballter Kraft lieÿ er den hölzernen Stab auf die skelettartigen Finger
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krachen, die das Heft des Schwertes umklammerten. Der andere verzog keine Miene und
drückte die Wae unablässig weiter. Nein! , brüllte Veridian und schlug wieder und wieder auf den Arm ein. Jedem noch so starken Krieger hätte er inzwischen grün und blau
geschlagen, die dürre Gestalt hingegen schien nicht einmal Schmerz zu spüren.
Die starren Augen richteten sich wie mechanisch auf Veridian und darin ackerte eine
Gier auf, die ihn an den Ofen im Krematorium erinnerte. Der Mörder leckte sich die
gesprungenen Lippen, dann lieÿ er von Hallia ab und kam in Sekundenschnelle auf die
Beine.
Scheiÿe. , murmelte Veridian nur noch, als die Gestalt sich wie eine Vogelscheuche
vor ihm aufbaute. Er hatte in seinem Leben schon allerhand gesehen, doch noch niemals
so etwas wie diesen Gegner.
Sein Gegenüber lieÿ ihm kaum Zeit zum Denken, denn schon raste seine Klinge wie ein
Fallbeil auf ihn hinab. Dieses Mal war er schnell genug und brachte sich in Sicherheit,
worauf das Schwert auf das Paster traf und dort Funken schlug. Er setzte zum Gegenangri mit dem Stab an. Es hätte ihn beinahe das Leben gekostet. Mit einem Ruck riss
der Mörder seine schwere Wae herum und zielte auf seine Knie.
Um Haaresbreite glitt die scharfe Wae unter seinen Fuÿsohlen hinweg, doch im Zenit
seines Sprungs stieÿ ihm der drahtige Gegner die Schulter in die Brust. Trotz seiner dürren
Statur war es Veridian, als ramme ihm ein wilder Eber und ehe er es sich versah, wurde
er gegen die nächste Wand geschleudert. Schmerz durchzuckte ihn wie ein blendender
Lichtstrahl, als seine Schulter gegen die Steine traf. Er hatte Glück. Seine Knochen
hielten stand.
Benommen blickte er auf, nur um den Mörder mit hocherhobenem Schwert über ihm
stehen zu sehen.
Mit zitternden Händen hob Veridian den Stab, doch selbst wenn seine Arme dem Aufprall standhielten, so würde es das Holz wohl kaum tun. Mit gierigen Augen schickte sein
stummer Widersacher die Klinge auf ihren Weg. Schon sah Veridian sein Ende gekommen, als wie aus dem Nichts ein zweites Schwert zwischen ihn und die fallende Wae
schoss. Verstärkung!
Mit einem hässlichen Klirren trafen die beiden Klingen aufeinander und obwohl der
Neuankömmling das Breitschwert nicht aufhalten konnte, genügte die Verzögerung Veridian, um sich in Sicherheit zu bringen. Gestützt auf seinen Stab kam er auf die Beine
und wandte sich seinem Retter zu. Es war einer der Soldaten, ein wahrer Riese. Wie
ein Wetterhahn im Wind wandte sich der Mörder zu seinem neuen Gegner um und hob
beinahe genüsslich sein Schwert.
Der Soldat wechselte das Schwert zwischen den Händen und wischte sich die schweiÿnassen Hände ab. Obwohl ihm sein Gegner an Statur unterlegen war, hatte er schon mit
dem ersten Hieb begrien, dass dies kein einfacher Kampf werden konnte.
Veridian nutzte den kurzen Augenblick, um sich wieder einen Überblick über die Lage
zu verschaen. Sah man von den beiden Kontrahenten ab, war in der Gasse keine Menschenseele zu sehen. Blau ackerte die Nachtluft vor ihm auf, aber als Hallia erschien,
war sie nur noch ein schwacher Abglanz ihrer selbst. Hallia... , murmelte er. Es geht
schon. , hauchte sie, Ich wusste nicht, dass Stahl mich verletzen kann. Behutsam bot
er ihr die Hand und sie verschwand darin. Ihr Schmerz mischte sich mit seinem. Mehr
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noch aber fühlte er ihren Zorn.
Kaum hatte sie sich mit ihm vereinigt, verstrich der Moment der Stille mit dem Zusammenkrachen beider Schwerter. Der junge Soldat hatte zuerst zugeschlagen, aber sein
Angri war nicht von Erfolg gekrönt. Ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, hatte
sein Kontrahent das Schwert gen Erde gedreht und damit die Klinge abgewehrt. Seine
Faust war auf Augenhöhe des Neuankömmlings und ehe der begri, wie ihm geschah,
rammte ihm der Mörder den Schwertknauf ins Gesicht.
Während der Soldat mit gebrochener Nase zurücktaumelte, sah Veridian die Gelegenheit zum Angri gekommen. Als wolle er einen Hasen keulen, holte er aus und zielte mit
dem Stab auf das Genick seines Widersachers. Fast erwartete er, dass Hallia Einspruch
erhob, aber in seinen Gedanken blieb es still. Mit einem hässlichen Geräusch prallte seine
Wae auf den Nacken des dunklen Mörders, der von der Wucht des Aufpralls ins Taumeln
geriet. Doch anstatt zu Boden zu gehen, warf er einen Blick über die Schulter, packte
den Stab mit der freien Hand und brach ihn mit einem Ruck an seinem eigenen Hals
entzwei. Während Veridian fassungslos den zerbrochenen Stumpf sinken lieÿ, etschte
sein Widersacher die Zähne, holte aus und schleuderte ihm die andere Hälfte des Stabs
entgegen. So rasend schnell das Geschoss war, schneller als der Wind war es nicht. Hallia
erschien und war ihm abermals ein Engel, indem sie es mit einer einzigen Böe beiseite
wischte.
Unterdessen hatte der Soldat die Ablenkung genutzt, um abermals anzugreifen. Mit
einem grimmigen Schrei hob er das Schwert über den Kopf und zog es dem hageren
Mörder quer über die Brust. Die Wae seines Kontrahenten schlug zurück wie eine Kobra,
doch das konnte ihn nicht schrecken. Schnell wie der Windgeist mochte er nicht sein, aber
dennoch gelang es ihm, sich unter der scharfen Klinge hinwegzuducken. Während sein
Gegner noch den Schwung beendete, riss der Soldat das Schwert zurück nach oben und
verpasste der dürren Gestalt einen weiteren Schnitt über die Brust. Dann wich er zurück,
sicher, den entscheidenden Treer gelandet zu haben.
Doch kein Laut des Schmerzes ging über die Lippen des Dunklen, vielmehr verzerrte
sich sein ausgemergeltes Gesicht zu einem Lachen, das aussah, als hätte man Haut auf
einen Schädel gespannt. Fassungslos blickte der Soldat an ihm herunter und auch Veridian
hielt den Atem an. Unter dem zerlumpten Gewand der Gestalt war eine Rüstung, darauf
ein wohlvertrautes Zeichen. Zwei ineinanderliegende Kreise, das Siegel des Imperiums.
Auch der Mörder war ein Soldat.
Zumindest mal gewesen. , verbesserte Hallia ihren Gefährten in Gedanken. Wenn
Zerbas das wüsste. , murmelte der und ballte die Hände zu Fäusten. Ein Wolf unter den
Hirten.
Gnadenlos hatte der Mörder sein Schwert gehoben und schlug damit auf seinen ehemaligen Kameraden ein. So perplex der auch war, er besaÿ die Geistesgegenwart, beiseite
zu weichen, sodass die Klinge statt seinem Fleisch nur eines der Fässer fand. Der Dunkle
stieÿ ein tiefes Grollen aus, dann wirbelte er seine Klinge frei und tauchte den Soldaten
in einem Regen von Holzsplittern.
Wir müssen ihm zur Hilfe kommen! , dachte Veridian, aber als er einen Schritt machen
wollte, hielt der Schutzgeist ihn zurück. Nein. , sprach Hallia besorgt, Du bist unbewanet, was willst du ausrichten? Er schüttelte den Kopf und suchte im Dunkeln nach
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einem Holzscheit, einem Knüppel, irgendetwas, um nicht wie ein Zuschauer im Turnier
diesem Kampf zusehen zu müssen. Nichts...
Während er tatenlos wichtige Sekunden vergeudete, kämpfte der junge Soldat um sein
Leben. Die hagere Gestalt war wütend geworden und schlug mit schier übermenschlicher
Gewalt um sich wie ein Wahnsinniger nach einer Fliege. Gleich einem Hammer schoss
das Breitschwert dem Boden entgegen, wieder und wieder und mit jedem Schlag war es
Veridian, als bebe die Erde.
Ich muss etwas tun! , dachte er abermals und auch wenn er die Furcht des Schutzgeistes fühlte, so lieÿ er sich davon nicht beirren. Er nahm Anlauf und stürzte sich auf
die schwarze Gestalt, um sie von den Füÿen zu reiÿen. Zu spät sah sie ihn kommen, doch
als er in vollem Lauf gegen sie prallte war ihm, als ging ein Donnerschlag durch seinen
Körper. Genauso gut hätte er gegen einen Baumstamm laufen können. Wie eine Fliege
wischte einer der spinnengleichen Arme ihn beiseite, während der andere einen Hieb des
tapferen Soldaten parierte. Es war nur Hallias Umsicht geschuldet, dass er sich im Fall
nicht alle Knochen brach. Veridian blickte auf und was er sah, lieÿ ihm das Blut in den
Adern gefrieren. Wie ein Henker stand der Mörder über seinem ehemaligen Kameraden,
dessen Schwert zerbrochen vor seinen Füÿen lag. Vergebens hielt dieser die Hände vor
das Gesicht. Von dem Monstrum war keine Gnade zu erwarten. Wie ein Fallbeil raste die
breite Klinge hinab und fand das Herz.
Veridian steckte die Hand aus, als könne er den tödlichen Hieb ungeschehen machen,
aber es war nicht mehr als eine leere Geste. Hallia... , ehte er, während er sich vergebens
aufrappelte. Sie verlieÿ seinen Körper und stellte sich schützend vor ihn. Anzugreifen
wagte sie nicht. Glitzernder Sternenstaub perlte von ihr herab wie Tränen. Er begri,
wie schwer sie verwundet war.
Noch hatte der Mörder sich nicht umgewandt. Das Schwert steckte noch immer in dem
gefallenen Soldaten. Plötzlich leuchtete es kalt auf und der schwarze Krieger wurde von
blauem Licht eingehüllt wie von einem Schleier. Es war, als hätte der letzte Atemzug
seines Opfer feste Form angenommen. Mit kaltem Grauen beobachteten Schutzgeist und
Herr, wie das Leuchten über den bleichen Krieger hinwegging und jegliche Spur des
Kampfes fortwischte.
Welche schwarze Magie ist hier am Werk... , murmelte Veridian mit einem Fluch und
begann, langsam rückwärts zu gehen. Keine Magie. , antworte Hallia starr, Etwas viel
Dunkleres...
Mit einem grausigen Seufzen trat der Mörder aus dem Licht und richtete seinen Blick
auf Veridian. Langsam leckte er sich die blutleeren Lippen. Sein Appetit war geweckt.
Scheiÿe. , murmelten Herr und Schutzgeist im selben Atemzug und zogen sich weiter
zurück vor dem hungrigen Wolf.
Mit rasenden Schritten setzte der hagere Mörder ihnen nach, schneller, als die dürren
Beine es ihr hätten erlauben sollen. Hallia warf sich ihm entgegen, entging todesmutig
einem Schwerthieb und angelte nach seinen Beinen. In vollem Lauf wischte sie ihn von
den Füÿen und wie ein einstürzender Turm ging er zu Boden. Scheppernd schlitterte
das breite Schwert über das Paster und blieb unmittelbar vor Veridians Füÿen liegen.
Noch immer ging ein bläuliches Leuchten davon aus. Welch dunkler Fluch auch auf dieser
Klinge liegen mochte, sie war das einzige, was zwischen ihm und dem Giganten stand.
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Seine Finger schlossen sich um das eiskalte Metall und für einem Augenblick war ihm,
als wäre er nicht allein in seinem Geist. Aber es war nicht Hallia und auch kein anderer
Schutzgeist, sondern ein Echo, ein unsagbar zorniges und ängstliches Echo. Geübt von
den Wortgefechten mit seiner Gefährtin drängte er den fremden Einuss zurück und als
er ihn vertrieb, spürte er einen Stich in seiner Hand. Mit einem Schmerzensschrei lieÿ
er das Schwert fallen, dessen Gri blau auammte. Vermaledeit. , murmelte er, doch
noch bevor er die verbrannten Finger mustern konnte, schoss ein Schatten auf ihn zu und
schubste ihn achtlos beiseite.
Wie ein Ertrinkender nach dem rettenden Land gri der Mörder nach seinem Schwert,
in den blutroten Augen ein irres Funkeln. Veridian hob den Kopf und sah Hallia hinter
ihm schweben. Ehe er ein Wort der Warnung sprechen konnte, fuhr ihr Gegner von
neuerlicher Mordlust ergrien herum und schlug nach ihr.
Schnell wich sie ihm aus. Nicht schnell genug. Die Klinge streifte dennoch ihren bläulichen Leib. Mit einem lauten Heulen löste sie sich auf, um dem schlimmsten zu entgehen
und kehrte zu ihrem Herren zurück, hinter ihr eine Spur aus silbrigem Sternenstaub.
Falls Veridian gedacht hatte, dass seine Knochen schmerzen, so hatte er nicht damit
gerechnet, was geschah, als Hallia sich mit ihm verband. Gleiÿende Pein füllte ihn, von
einem Wesen, das seit Jahrzehnten nicht mehr verwundet worden war. Der zweite Schnitt
hatte ihr Zentrum getroen und es war schlimm um sie bestellt. Hallia... , dachte er und
hätte er es gekonnt, so hätte er sie in den Arm genommen. Sie versuchte, das Ausmaÿ
ihrer Verletzung zu verbergen, doch zwischen ihnen gab es keine Geheimnisse mehr.
Veridian önete die Augen und sah einen Stiefel vor seinem Gesicht zu Boden gehen.
Der Tod war hier. Mühsam versuchte er, sich aufzurichten, aber er schien bei seinem
letzten Sturz etwas abbekommen zu haben, denn ihm war, als drehte sich die nstere
Gasse. Kalt blitzte das Schwert des Mörders auf und er hatte nur noch einen Gedanken.
Hallia... , bat er, Flieh! Du bist nicht an meinen Körper gebunden...
Nein. , tönte seine Gefährtin und es klang, als würde sie die Zähne zusammenbeiÿen,
Ich lasse dich nicht allein! Komme, was wolle. In einer letzten Anstrengung schoss
ein Teil von ihr aus seiner ausgestreckten Hand und peitschte dem Mörder ins Gesicht.
Vergebens.
Das Schwert schoss auf ihn zu und im letzten Augenblick warf er sich zur Seite, so
dass es funkenschlagend zwischen die Pastersteine fuhr. So endet unser Weg also... ,
dachte er, während der dunkle Krieger unbeirrt ein weiteres Mal ausholte. Höher und
höher stieg die Klinge, bis sich fahl das Mondlicht darin spiegelte.
Ein Strom aus Feuer schoss durch die düstere Gasse und hüllte den Mörder fauchend
ein. Veridian hielt es zuerst für einen Traum, doch die Hitze war intensiver als ein Sommertag. Gehüllt in eine Wolke aus Flammen taumelte die spinnengleiche Gestalt nach
hinten und lieÿ das Schwert sinken. Das Monstrum war also nicht unverwundbar. Geblendet von dem gleiÿenden Feuerschein hörte Veridian Schritte und Stimmen. Die Verstärkung war endlich eingetroen!
Stahl prallte auf Stahl, abermals fauchte das Feuer und als sein Augenlicht schlieÿlich
zurückkehrte, sah Veridian Zerbas und drei seiner Soldaten im Kampf mit dem Ungetüm.
Über ihn beugte sich Marlea, die Magierin des Statthalters. Nicht bewegen. , sprach sie
ruhig, aber grob, Sonst wird es schmerzhaft. Heilend legte die die Hände auf ihn und
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er konnte spüren, wie ihre magischen Energien die Wunde auf seiner Stirn schlossen und
den Nebel in seinem Kopf lichteten. Doch egal wie sehr sie ihm half, Hallias Schmerz
verschwand nicht. Ich werde dich tragen. , versprach er ihr und rappelte sich mühsam
auf. Kannst du stehen? , fragte die blonde Magierin. Er nickte und augenblicklich eilte
sie den Soldaten zur Hilfe.
Obwohl es fünf gegen einen stand, konnte die schwarze Gestalt den Angreifern standhalten. Das Feuer hatte ihren Mantel verbrannt und die Haut mit hässlichen Brandmalen
überzogen. An sich hätte der Mörder verbluten müssen. Er sah aus, als sei er aus dem
Ofen im Krematorium gekrochen.
Veridian! , rief Zerbas zwischen zwei Hieben, zog einen Dolch und warf ihn vor seine
Füÿe. Zeit, zurückzuschlagen. Einwände? , fragte er Hallia, als er die Wae aufhob. Ihr
Schmerz und ihre Wut brannten wie eine Fackel. Mach ihn fertig. , sprach sie bitter.
Von neuer Kraft beseelt stürzte Veridian sich ins Getümmel. Während die Soldaten die
Hiebe des Mörders parierten, webte die Magierin eine Lanze aus sternenhellem Licht und
wartete auf den richtigen Augenblick, sie zu schleudern. Das Licht warf tiefe Schatten in
ihr stämmiges Gesicht und obwohl ihr solche Kräfte zu Gebote standen, hatte sie sichtlich
Angst.
In einem weitem Bogen näherte sich Veridian der dürren Gestalt, um ihr eine Ablenkung zu verschaen. Der Mörder stank nach verbranntem Fleisch und für einen Augenblick kehrte die Übelkeit zurück. Er schluckte, wog den Dolch in der Hand und stürmte
auf das verbrannte Monstrum zu. Erst einen Schritt, dann zwei, dann drei und noch
immer bemerkte ihr Gegner ihn nicht. Er zielte auf den Nacken, dort wo die Rüstung
endete und als er ausholte, spürte er beinahe so etwas wie Euphorie.
Der Mörder hob die freie Hand und verpasste ihm einen Fausthieb, der seinen Kiefer
schier explodieren lieÿ. Ihm wurde schwarz vor Augen und er ging abermals zu Boden.
Du bist ein lausiger Krieger. , dachte Hallia und biss sich im selben Augenblick auf ihre
imaginäre Zunge. Schon gut. , dachte Veridian zurück und rappelte sich auf. Im selben
Augenblick schleuderte Marlea ihr magisches Geschoss. Licht explodierte in der Gasse
wie ein Sonnenaufgang, als die Lanze auf den Brustpanzer de Mörders schlug. Ein Schrei
wich von seinen Lippen, nicht wie von einem Menschen, sondern von etwas anderem,
etwas, das für gewöhnlich Alpträume bewohnte.
Das Leuchten verebbte und machte einem hässlichen Bild Platz. Mitten in der Rüstung
des Mörders klate ein Loch, darunter eine hässliche Wunde, nicht unähnlich denen, die
er seinen Opfern beigebracht hatte. Auf ihn! , befahl Zerbas und in perfekter Einheit
stürmten die vier Soldaten auf die taumelnde Gestalt zu.
Sie können es schaen! , dachte Veridian und sah grimmig zu, wie vier Schwerter auf
den spinnengleichen Mörder zuschossen. Noch war seine Wae gesenkt und das Loch
in seiner Rüstung war groÿ genug, um ihm eine tödliche Wunde beizubringen. Doch so
sollte es nicht kommen. Wie ein Derwisch wirbelte die dunkle Gestalt das Schwert um
sich herum und webte so einen Wall aus dem kalten Feuer, das er aus dem sterbenden
Soldaten gezogen hatte. Ob von der Klinge oder von den Flammen aufgehalten, die
Waen der Angreifer konnten ihr Ziel nicht nden. Der Mörder indes schien begrien
zu haben, dass er dieser Übermacht trotz seiner Kräfte nicht standhalten konnte. Wie
eine verwundete Fledermaus stürzte er durch die fahlen Flammen und oh durch einen
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Torbogen ins Innere der Winzerei.
Während der blaue Feuerwall ihnen den Weg versperrte, hatten die Imperialen Zeit,
wieder zu Atem zu kommen. Umstellt das Haus! , befahl der Hauptmann seinen drei
Männern, Und holt Verstärkung! Dieses Ungeheuer hat einen der Unseren getötet. Die
Soldaten nickten ihm zu und machten sich daran, seine Befehle umzusetzen.
Kaum hatten sie die dunkle Gasse verlassen, wandte Zerbas sich zu seinen beiden
Gefährten um. Er blutete aus einem Schnitt in der Schulter, aber er schien es gar nicht
zu bemerken. Was tun wir nun? , fragte Veridian, obwohl er die Antwort schon ahnen
konnte. Wir gehen hinein! , erklärte der Hauptmann und trat vor das dunkle Portal.
Mit einem widerwilligen Seufzen trat Marlea neben ihn und heilte beiläug seine Wunde. Kolossale Scheiÿe! , uchte sie, Hab schon mal gegen so einen gekämpft und fast
den Löel abgegeben.
Kerberos. , murmelte Zerbas wie einen Fluch, Aber er ist gefallen... Veridian trat
neben die beiden und wusste nicht so recht, wo er den Dolch in seinen Händen hinstrecken
sollte. Es ist einer von deinen Leuten , erklärte er und zeigte auf das Symbol auf der
Rüstung des Hauptmanns. Und er trägt Kerberos' Schwert. , fügte Marlea hinzu.
Zerbas Augenbrauen senkten sich. Dann muss Kerberos' Wahnsinn ihn angesteckt
haben. Es geel ihm oenkundig nicht, dass ein imperialer Soldat für all das hier verantwortlich war. Wenn es sein Schwert ist, dann lastet ein Fluch darauf , sprach die
blonde Magierin, entkorkte mit den Zähnen eine grüne Phiole und stürzte den Inhalt
hinunter.
Hä? , dachte Hallia und Veridian sprach es aus. Kerberos. , erklärte Marlea, Übler
Bursche beim Turnier. Ein Mörder wie der hier. Das selbe Schwert, dasselbe blaue Feuer.
Hätte mich schier getötet. Jetzt ist er selbst tot Alles klar? Veridian nickte verdutzt,
auch wenn er noch tausend Fragen hatte. Marleas Tonfall hatte klargemacht, dass sie
weder Zeit noch Lust für Erklärungen hatten. Sie gefällt mir. , dachte Hallia mit einem
matten Lächeln.
Setzen wir dem ein Ende! , versprach Zerbas und hob sein Schwert. Ein für alle Mal.
Mit diesen Worten trat er dicht gefolgt von Marlea ins Innere der Winzerei.
Veridian wollte den beiden in nichts nachstehen, doch als er den Fuÿ über die Schwelle
setzte, beschwerte sich sein Schutzgeist. Äh, Selbstmord? , warf Hallia ein, doch Veridian
gab nichts darauf. Dies ist unser Pfad. , sprach er, Deiner und meiner. Du warst bereit,
mit mir zu sterben und wenn es das ist, was es braucht... Sie verdrehte innerlich die
Augen. Du bist ein schlimmerer Granitschädel als unser imperialer Freund. , maulte sie
aber hinter ihren Worten, konnte er fühlen, wie auch sie nach Gerechtigkeit dürstete.
Ein fauliger Geruch drang ihnen entgegen, aber es war zu spät, um umzukehren. Der
Boden der düsteren Kammer klebte, als Veridian in das Innere der Winzerei schritt.
Mochte es drauÿen auch düster gewesen sein, hier drinnen vermochte er nicht einmal, die
Hand vor Augen zu sehen. Selbstmord. , wiederholte Hallia in seinen Gedanken, als vor
ihnen ein Poltern ertönte. Verdammich ... , uchte Marlea und kurz darauf glomm ein
Flamme vor ihnen auf, die den Raum in lange Schatten tauchte. Veridian hätte schier
geschrien, als er das Chaos sah, das sich vor ihnen auftat. Wände und Boden waren
blutrot und er stand mitten in einer Lache. Aus dem widerlichen Meer ragten Lumpen und
Holztrümmer wie die Überreste eines zerstörten Schis. Hier drin war schlimm gewütet
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worden.
Wein. , urteilte Marlea und löste verärgert einen Fuÿ vom klebrigen Boden. Nicht
alles. , erwiderte Zerbas, der an einer Wand der Halle stand, wo sich Dutzende zertrümmerte Fässer stapelten. Darin lag kopfüber ein Toter, hingerichtet wie all die anderen.
Auf einem Deckel neben ihm stand in schwarzen Lettern Sonnentrunk , darüber ein
Schwall von getrocknetem Blut. Zerbas hob eine Augenbraue und wandte sich zu seinem
Kameraden um. Veridian nickte. Es war all die Zeit vor unseren Augen. Der Hauptmann
knirschte mit den Zähnen. Hätten wir sie nur besser geönet... Veridian wollte etwas
sagen, aber Hallia hielt ihn zurück. Worte werden seine Schuldgefühle nicht lindern.
Schweigend gingen die drei Gefährten durch die zerstörte Winzerei und im Licht der
Fackel schien der dunkle Mörder in jedem Schatten zu lauern. Sie passierten einen Karren
mit schimmelnden Trauben, in dem schon das Ungeziefer summte. Eine Ratte kreuzte
ihren Weg und quiekte sie widerspenstig an, als wolle sie ihr Revier verteidigen.
Wo zum Henker hat er sich verkrochen? , fragte Veridian und blickte sich hektisch
nach allen Seiten um. Dem dürren Ungeheuer hätte er zugetraut, wie eine Spinne an
der Decke zu lauern. Ruhe bewahren. , antwortete der Hauptmann und stocherte mit
seinem Schwert in einem Haufen Leinensäcke herum, Der einzige Weg hier heraus führt
über unsere Leichen.
Als hätte der Verfolgte diese Herausforderung gehört, schoss er plötzlich aus einem leeren Fass hervor und zielte mit dem veruchten Schwert auf Zerbas' Nacken. Scheiÿe! ,
durchfuhr es Veridian nur noch, als er den Schemen an ihm vorbeirasen sah, aber zum
Glück war Marlea geistesgegenwärtiger. Kurzerhand schleuderte sie ihre magische Lichtquelle auf den Angreifer. Es war, als verschöbe sich die ganze Welt, während das Licht
die Schatten in der dunklen Kammer wandern lieÿ. Zu spät sah der blutgierige Mörder
den Angri kommen, doch als er das unverkennbare Fauchen hörte, hielt er mitten im
Schlag inne und wandte sich um. Rot in rot spiegelte sich das Feuer in seinen Augen,
kurz bevor es sein Ziel fand. Mit einem hässlichen Geräusch zerplatzte das Geschoss auf
seinem Gesicht, wo es in glühende Funken zerel, die zu Boden sanken und verloschen.
Für einen Augenblick war es stocknster, doch Marlea entzündete augenblicklich ein
neues Leuchtfeuer, nur um zu sehen, dass der verwundete Mörder verschwunden war.
Danke. , sprach der Hauptmann und nickte ihr zu. Sie hatte ihm den Hals gerettet. Ist
er an dir vorbei? , fragte er Veridian.
Sein Kamerad konnte diese Frage beim besten Willen nicht beantworten. An seiner
statt erschien Hallia. Ich hätte ihn gespürt. , erklärte sie, Und auÿerdem hätte er sich
diesen freien Schlag nicht entgehen lassen. Sie umriss kurz, wie der Tod des Soldaten
ihren Gegner geheilt hatte.
Marlea nahm das plötzliche Auftauchen des Windgeistes erstaunlich gelassen hin. Ich
habe gehört, dass man blaue Elefanten sieht, aber das hier ... Sie streckte die Hand aus,
in der keine Flamme brannte. Marlea. Der Schutzgeist umwehte sie mit einem sachten
Hauch. Hallia.
Genug der Freundlichkeiten! , unterbrach Zerbas sie ungehalten, Wir benden uns
in der Schlacht! Er wies auf Hallia, die ihm ein wenig matt die blaue Zunge rausstreckte.
Mach dich nützlich und suche ihn. Sie legte den Kopf schief und löste sich dann in Luft
auf, nicht, ohne dem Imperialen rau durch die Haare zu fahren.
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Schnell wie der Wind. , sprach Veridian und sah sich ein wenig unschlüssig in der verlassenen Winzerei um. Sie hatten ihren Gegner verwundet, ja sogar zurückgedrängt, aber
das machte ihn nicht unbedingt weniger gefährlich. Auch die beiden anderen versuchten,
sich einen Überblick über das Gerümpel zu verschaen, doch da war nicht viel mehr, als
sie zu Beginn gesehen hatten.
Mit düsterer Miene musterte Zerbas den Toten. Zweifellos noch einer, den er auf die
Liste seiner persönlichen Fehlschläge setzte. Ich hätte es ahnen müssen... , sprach er
unvermittelt, so leise, dass nur Veridian es hören konnte. Was? , fragte sein Kamerad.
Dieses Ding , fuhr der andere fort, das wir bekämpfen, war einer meiner Männer.
Seine Augen waren wie aus Stahl. Er ist nicht zum Dienst erschienen, am Tag nach dem
Turnier. Noch immer starrte er wie gebannt auf den Toten. War beliebt bei meinen
Männern, hat immer billig Wein besorgt. Veridian folgte seinem Blick. Weil er den
Winzer kannte. , schloss er. Ich glaube fast, er war sogar sein Vater. , sprach Veridian
tonlos.
Schweigend standen sie dort, bis schlieÿlich Hallia mit einem Windhauch zurückkehrte.
Furcht war das erste, was er spürte, als sie sich mit ihm verband, dann sah er, was sie
gesehen hatte. Unter dieser Halle war eine zweite, ein Gewölbe, in dem der Wein sich
stapelte. Dort in der Finsternis wartete der Mörder, das einzige Licht das kalte Feuer
seines Schwertes. Doch das war nicht das Grauenhafte, denn als Hallia sich ihm genähert
hatte, da hatte er die blutroten Augen geönet und direkt in ihre Augen gesehen. Er
wusste, dass ich dort war. , schloss der Schutzgeist schaudernd. Veridian schickte ihr
einen beruhigenden Gedanken, dann erzählte er den beiden anderen, was sie gesehen
hatte.
Wir gehen hinunter. , schloss Zerbas. Die anderen beiden nickten. Gemeinsam traten sie durch die Weinlache auf den Treppenschacht zu, der hinter einem Stapel Fässer
verborgen war. Windgeister, veruchte Schwerter und nun auch noch ein dunkles Gewölbe. , uchte Marlea, Dafür bezahlt der Statthalter viel zu schlecht.
Die beiden Männer tauschten einen Blick. Auch keine Idealistin. , dachte Hallia. Als
hätte sie es gehört, wandte die korpulente Magierin sich um und hob grinsend eine Augenbraue. Worauf warten wir noch? Veridian grinste. Wir lassen der Dame den Vortritt. ,
sprach er nach, was Hallia ihm einüsterte. Marlea verdrehte die Augen, dann lieÿ sie
ihre Flamme ins Dunkel hinuntergleiten und trat hinter eines der Fässer, das vor den
Stufen stand.
Wir lassen dem Fass den Vortritt. , erklärte sie verschwörerisch und stemmte sich
dagegen. Ihre Kraft genügte nicht ganz, es ins Rollen zu bringen, aber als die beiden
Kameraden ihr zur Hilfe eilten, schaten sie es schlieÿlich.
Gluckernd setzte sich das Weinfass in Bewegung und polterte die steinernen Stufen
hinunter, die drei Kämpfer dicht auf den Fersen. Plötzlich vernahmen sie ein ohrenbetäubendes Krachen, dicht gefolgt von einem Ächzen. Es sah aus, als hätte das Geschoss sein
Ziel gefunden. Mit beiden Händen entzündete Marlea Lichter und warf eines in die Finsternis unter ihnen. In seinem Schein sahen sie das steinerne Gewölbe, das von Dutzenden
Säulen getragen wurde.
Vor ihnen war das Fass zum Liegen gekommen, daneben ihr Gegner, im ackernden
Feuerschein wie ein Leichnam, der aus dem groÿen Ofen zurückgekehrt war. Ein gewöhnli-
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cher Sterblicher wäre diesen Wunden längst erlegen, doch selbst seiner Selbstheilungskraft
schienen Grenzen gesetzt zu sein.
Mit einem wütenden Hieb zerteilte er das Fass über ihm und entfesselte so eine Welle
aus Wein, die über ihn hinwegschwappte. Ächzend versuchte er, auf die Füÿe zu kommen,
aber da waren die drei Jäger schon über ihm.
Mit einem gnadenlosen Funkeln in den Augen holte Zerbas aus und zielte auf das
Loch in der Rüstung seines ehemaligen Untergebenen. Einst hatte dort der Doppelkreis
des Imperiums geprangt, nun war dort nur noch versengtes Fleisch. Beinahe hätte seine
Klinge ihr Ziel gefunden, doch mit schier übermenschlicher Kraft rammte der Mörder die
Finger der freien Hand in die Ritzen des Bodens und zog sich beiseite.
Kreischend kratzte die Wae des Hauptmanns über kalten Stein. Aber der Mörder
hatte das Schlimmste noch nicht überstanden, denn kaum war er ausgewichen, og ein
weiteres Feuergeschoss von Marlea auf ihn zu. Wie eine Decke zog er das breite Schwert
über sich, an dem die Flamme wirkungslos verpute.
Nun war nur noch Veridian übrig, der mit seinem Dolch auf die verkrallte Hand im
Paster zielte. Mochte der Halbtote auch noch so schnell sein, diesem Angri wich er
nicht aus. Knirschend fuhr die gebogene Klinge in seinen Handrücken und spieÿte ihn
förmlich auf.
Der Mörder stieÿ einen Schrei aus wie ein sterbendes Dreyhorn, dann hob er das noch
glühende Schwert und schlug damit nach dem Angreifer. Veridian sah den Hieb aus den
Augenwinkeln kommen, doch die eine Schrecksekunde war es, die ihn zu langsam machte.
Hallia war schneller, schoss aus seinem Körper und warf sich in den Weg der Klinge.
Nein! , dachte er nur noch, aber da hatte sie ihren Körper schon verlassen. Unnachgiebig
schoss das vermaledeite Schwert auf sie zu und mochte sie auch kein Fleisch und Blut
haben, dieser Hieb bedeutete zweifellos ihr Ende.
Blaues Licht blitze auf und füllte selbst den hintersten Winkel des Gewölbes. Das
Schwert des Mörders traf auf Widerstand. Mit einem hasserfüllten Knurren drückte er
noch fester zu, doch so sehr er sich auch mühte, seine Wae bewegte sich kein Haarbreit.
Hallias Opfer war von Erfolg gekrönt gewesen. Veridian wagte es, aufzusehen, doch da
war seine Gefährtin mit gekreuzten Armen, unversehrt. Nicht blöde glotzen, weg da! ,
brüllte Marlea den beiden zu. In ihren Händen war dasselbe helle Funkeln, das auch
zwischen dem Schwert und dem Schutzgeist war. Veridian begri augenblicklich und
sprang gemeinsam mit Hallia beiseite. Die Magierin hatte einen Schutzschild gewebt.
Kaum waren sie fort, ackerte das Licht und das Schwert des Mörders fuhr mit einem
Klirren auf das Paster. Augenblicklich war der Hauptmann wieder über ihm und stach
ihm die Spitze seiner Wae tief in die Schulter. Doch selbst das genügte nicht, denn
anstatt sich vor Schmerz zu krümmen, fuhr der Mörder herum und hätte ihm so schier
das Heft aus der Hand gerissen. Zurück! , befahl er seinen Gefährten, die sich nicht
zweimal bitten lieÿen.
Steif wie ein Brett erhob sich der Mörder, verbrannt, besudelt von Wein und Blut, wie
etwas, das niemals hätte das Licht der Welt erblicken sollen und doch geboren worden
war. Als wäre sie ihm fremd, önete und schloss er die verwundete Hand ein paar Mal,
bis er sie an sein Schwert legte.
Veridian hätte frustriert geseufzt, hätte er nicht die Zähne zusammengebissen, damit
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sie nicht klapperten. Wie oft war er dem Tod jetzt schon von der Schippe gesprungen?
Was tun wir nun? , dachte er zu Hallia. Sie blickte sich in dem steinernen Gewölbe um,
das auÿer Spinnweben und Weinfässern nichts weiter zu enthalten schien. Als Wesen des
Windes war sie nicht gerne unter der Erde. Er blickte zu seinen beiden Gefährten, Zerbas
mit abwehrbereit erhobenem Schwert und Marlea mit Flammen in der Hand.
Auf meinen Befehl! , rief Zerbas. Schweiÿperlen glänzten auf seiner Stirn, als der
Mörder sich in Bewegung setzte und unnachgiebig auf sie zustapfte. Noch nicht ... ,
murmelte er. Ihr Gegner hatte sie nun fast erreicht. Noch nicht ... Er leckte sich die
gesprungenen Lippen und holte aus.
Jetzt! , brüllte Zerbas und im selben Augenblick entfesselte die Magierin an seiner
Seite ein Inferno. Wie aus den Mäulern zweier Drachen schossen Flammen aus ihren
Händen und füllten das Gewölbe mit taghellem Licht. Gleichzeitig preschte der Hauptmann nach vorne, zog im Ausholen sein Schwert durch den Feuerschweif und zielte damit
auf das Haupt ihres Widersachers. Worauf wartest du? , mahnte Hallia ihren Herrn und
auch er hetzte mit gezücktem Dolch dem Feuer hinterher.
Zischend schlugen die Strahlen auf den Brustpanzer des gefallenen Soldaten, umossen
den Stahl und hüllten die dunkle Gestalt in eine ammende Aura. Unbeirrt setzte das
spinnengleiche Monstrum seinen Weg fort und erst, als Zerbas Klinge heranraste, senkte
es das Schwert. Der Hauptmann sah die Parade kommen, duckte sich unter dem Breitschwert weg und zog seinem Gegner im Vorüberrennen die glühende Klinge quer über die
Beine. Doch selbst das genügte nicht, um das Ungeheuer zu Fall zu bringen. Erstaunlich
behände rammte es dem vorübereilenden Hauptmann den Ellbogen in die Schläfe, senkte vollends die Wae und blockierte mit der Schneide die Feuerstrahlen. Veridian hatte
schon ausgeholt, aber ein einziger Blick des Mörders lieÿ ihn den Angri abbrechen. Was
konnte er schon ausrichten?
Schritt um Schritt taumelte ihr Gegner auf Marlea zu, die in ihrer Verzweiung immer
gröÿere Feuerstrahlen auf ihn schleuderte. Als sei er in der Esse geboren, watete der
Mörder durch das Feuer, bis er schlieÿlich unmittelbar vor der Magierin stand. Nicht
schon wieder. , murmelte sie voller Furcht, lieÿ die Flammen versiegen und beschwor
einen Schutzschild, auf den keinen Herzschlag später die schwere Klinge ihres Gegners
prallte. Das magische Geecht ackerte, doch noch hielt es stand.
Wir müssen ihr helfen! , dachte Veridian, stürmte los und obwohl er wusste, dass
sein Dolch wohl kaum etwas bewirken konnte, wirbelte er ihn vor sich her als sei er ein
Schwertmeister. Ohne von der Magierin abzulassen, wendete ihr Kontrahent den Hals
und starrte ihm unmittelbar in die Augen. Was willst du eigentlich tun, wenn du ihn
erreicht hast? , dachte Hallia, während sie durch das düstere Gewölbe hechteten. Das
ist erst der nächste Teil des Plans. , dachte Veridian atemlos zurück.
Noch drei Schritte, dann hatte er den Riesen erreicht, der keinerlei Anstalten machte,
sich zu verteidigen. Noch zwei Schritte und Marleas Schild ackerte abermals und tauchte
den Keller für einen Wimpernschlag in Finsternis. Nur die Rüstung des Mörders strahlte
noch ein warmes Glühen aus.
Nun hatte Veridian ihn erreicht und tatsächlich riss die dunkle Gestalt ihr Schwert
herum und schte ihn damit aus der Luft. Er hatte mehr Glück als Verstand, denn der
hektische Schlag seines Gegners sorgte dafür, dass er ihn nur mit der breiten Seite seiner
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Wae traf und nicht mit der Schneide. Dennoch war ihm, als hätte ihn ein Bulle gerammt,
als er zu Fall kam und Kopf voran über das Paster schrammte.
Ein Gutes jedoch hatte sein törichter Angri, denn er hatte Marlea genug Zeit gegeben,
Abstand zwischen sich und die schwarze Gestalt zu bringen. Als der Mörder sich wieder
umwandte war sie fort und mit einem frustrierten Schrei rammte er seine Wae in die
Wand des Gewölbes.
Mörtel und Trümmer wirbelten auf und mit einem bedrohlichen Knirschen brach eine
Säule neben ihm in sich zusammen. Nur noch das glühende Eisen der Rüstung war durch
die Staubwolke zu sehen, aus der sich langsam die ausgemergelten Umrisse des Mörders
schälten.
Benommen hob Veridian den Kopf vom kalten Paster. Weiter hinten im Dunkel lag
Zerbas, das Schwert von sich gestreckt. Dahinter lehnte an einer Säule Marlea, die aus
einer Wunde an der Stirn blutete. Der Weg für ihren Gegner war frei, und trotz seiner
grässlichen Wunden steuerte er nicht auf die Treppe zu. Weiÿ und rot glänzten seine
blutigen Zähne unter der geschwärzten Haut, als er sie zu einem schrecklichen Lächeln
etschte. Gier lag in seinen Augen, grenzenlose Gier und ein Hass, der heiÿer brannte als
das Feuer es getan hatte. Er wollte nicht iehen, denn noch hatte er eine Rechnung mit
ihnen oen.
Mit zusammengebissenen Zähnen schate Veridian es zumindest, wieder auf die Knie
zu kommen. Aber es war nicht er, auf den der Mörder es abgesehen hatte. Stattdessen
schritt er mit erhobenem Schwert auf die Magierin zu, die verzweifelt etwas in ihrer Tasche
suchte. Hallia. , beschwor Veridian seine Gefährtin, die nur zögerlich seinen Körper
verlieÿ, noch immer geschwächt von den Wunden, die das veruchte Schwert ihr gerissen
hatte.
Wie ein Pug wirbelte sie den Staub beiseite und warf sich auf die dunkle Gestalt.
Für einen Moment glaubte Veridian, sie könne ihren Gegner zu Fall bringen, doch der
taumelte nur, wandte sich um und hackte mit seinem Schwert durch die Luft, als sei
er von einem Bienenschwarm umgeben. Hallia hatte ihre Lektion gelernt und zog sich
augenblicklich zurück.
Unterdessen hatte Marlea gefunden, was sie gesucht hatte, ein weiteres Fläschchen mit
grüner Essenz, die im Halbdunkel fahl leuchtete. Hastig stürzte sie es herunter, während
der Mörder schon das Schwert hob. Mit einer verzweifelten Anstrengung kam Veridian auf
die Beine und wollte abermals losrennen, um sie zu schützen, aber da ging das Schwert
auch schon auf sie nieder. Dieses Mal lieÿ der Mörder sich nicht beirren und zielte auf
ihren ungeschützten Hals.
Grell blitzte das Licht ihrer Magie auf, als der Schild sich wie üssiges Glas über
ihr zusammensetzte. Es war ein verzweifeltes Wettrennen, zwischen dem Licht und der
dunklen Klinge, das sich innerhalb eines Herzschlags entschied. Tief war das veruchte
Schwert gesunken, doch als das magische Leuchten es umng, wurde sein Vormarsch
gebremst. Mit einem frustrierten Brüllen legte der Mörder die zweite Hand an die Klinge,
die mit einem hässlichen Zischen auf den Schutzschild drückte. Marlea stand der Schweiÿ
im Gesicht, aber befeuert durch den Magietrank hielt sie dem Angri stand. Warum... ,
murmelte sie, stand auf und drückte den Schild gegen sein Schwert. Stirbst .... Wenn
ihr verkohlter Gegner noch so etwas wie Angst empnden konnte, dann mochte es wohl
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das sein, was nun in seinen Augen glitzerte. Du.... Nun standen sich beide gegenüber,
Magierin und gefallener Soldat, jeder nur auf eines bedacht, die Wae ans Ziel zu bringen.
Nicht... , grollte Marlea und lieÿ ihren Schild um das Schwert herumieÿen. Dutzende
Dornen aus strahlendem Licht suchten sich langsam aber sicher ihren Weg. Endlich! ,
brüllte die Magierin und ein gleiÿend weiÿer Puls schoss durch das magische Netz, mit
dem hunderte Spitzen das Gesicht des Mörders erreichten.
Einer der Dornen zielte auf sein Auge, so nah, dass Veridian schon vom Hinsehen
ganz übel wurde. Doch der Triumph sollte ihnen verwehrt bleiben, denn mit einem Mal
ammte das dunkle Schwert in blauem Feuer auf und befreite sich aus der Umarmung
der magischen Energien. Wütend kappte der Mörder die magischen Spitzen und zog sich
schwer atmend zurück.
Es kostet ihn viel, das Feuer zu rufen. , schloss Hallia in Veridians Geist. Er ist
hungrig. , antwortete ihr Gefährte und eilte zu Marlea. Beschäftige ihn. , befahl die
blonde Magierin und eilte fort. Perplex streckte Veridian dem Mörder den Dolch entgegen,
doch der machte keine Anstalten, ihn anzugreifen. Wie ein lauernder Tiger funkelte er
ihn an, ohne auch nur eine Wimper zu bewegen.
Derweil beugte Marlea sich zu ihrem Hauptmann hinunter, begutachtete die Wunde
an seiner Stirn und sprach kurzerhand einen Heilzauber. Benommen rieb Zerbas sich die
Schläfen, dann begri er, wo er war, packte sein Schwert und sprang zitternd auf die
Beine.
Wie stehen wir? , fragte er benommen, trat neben Veridian und blickte den reglosen
Mörder an. Noch leben wir. , antwortete sein Gefährte, Noch. Marlea trat neben die
beiden. Und ich habe gerade meinen letzten Trank getrunken. , sprach sie, Lange halte
ich nicht mehr durch. Der Hauptmann nickte und sah seinem ehemaligen Untergebenen
in die blutroten Augen. Und er? , fragte er. Steht, bis wir ihm alle Knochen brechen. ,
vermutete Marlea, Er ist stärker, als der letzte Träger des Schwertes es war.
Zerbas ballte die Faust um seine Wae, dass seine Knöchel nur so knackten. Wir
werden sehen. , grollte er und trat an seinen beiden Gefährten vorbei. Er wird doch
nicht... , murmelte Marlea und wollte ihn aufhalten. Veridian hielt sie zurück. Er muss
das austragen.
Voll tödlicher Entschlossenheit ging der Hauptmann auf den wartenden Mörder zu
und kaum holte er aus, da erwachte die dunkle Gestalt zum Leben. Mühelos wehrte sie
den ersten Hieb ihres ehemaligen Hauptmanns ab, doch der hatte gerade erst begonnen.
Mit einem Ausfallschritt wich er dem Gegenangri aus und während das Schwert des
Mörders wie ein Hammer zu Boden ging, verpasste er der dürren Gestalt einen Tritt in
die Magengrube. Sein Gegner wankte nicht. Ohne sich davon beirren zu lassen, setzte
Zerbas einen weiteren Hieb nach, die Klinge beügelt von kalter Wut. Aber der Angri
ging ins Leere. Du hast dem Imperium einen Eid geschworen! , brüllte er und holte
abermals aus, nur um seine Klinge gegen die des Mörders zu schlagen. Und nun?! Er
rammte der dunklen Gestalt über die gekreuzten Klingen den Schädel in die Nase, riss
das Schwert zurück und stach zu, nur, um die Rüstung zu treen. Er kämpft wie ein
Derwisch. , murmelte Veridian, als sein Gefährte wieder und wieder zustach, jedes Mal
mit gröÿerer Wut, aber dennoch vergeblich. Er kämpft wie ein Todgeweihter. , erwiderte
Marlea.
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Sie mochte Recht haben, denn der Mörder wehrte trotz der schwereren Wae die
schnelleren Schläge mühelos ab, was Zerbas nur noch mehr in Rage versetzte. Immer
rasender prasselten die Hiebe auf den Mörder ein und selbst, wenn sie seine Haut streiften,
Zerbas hätte genauso gut auf einen Sack Fleisch einprügeln können. Schlieÿlich machte
der Hauptmann einen Fehler, das breite Schwert des Mörders wischte seines beiseite und
prallte donnernd auf seinen den Brustpanzer. Mit einem Kreischen wie aus dem Maul
einer Harpyie schleifte die Klinge über den Stahl und schickte Zerbas gegen die nächste
Säule. Während er noch nach Luft schnappte, setzte der Mörder ihm nach.
Ob er sich was beweisen muss, oder nicht. , murmelte Marlea, Ich seh mir das nicht
mit an!
Eilig beschwor sie eine Feuerkugel und schleuderte sie zwischen die beiden Kämpfer.
Schon hatte der Mörder ausgeholt und zielte auf Zerbas' Kehle, doch als sein Schwert
nach vorne schoss kreuzte sein Weg das magische Geschoss und wurde abgelenkt, gerade
weit genug, dass es neben dem Schädel des Hauptmanns ins Gestein schoss.
Worauf wartest du noch? , fragte Hallia ihren Herrn, der ein wenig perplex den Dolch
in seiner Hand ansah. Wer-fen. , setzte sie ungeduldig nach und er begri. Zwar war er
sich nicht sicher, dass er sein Ziel treen würde, aber was sonst konnte er ausrichten?
Die Gelegenheit war günstig, denn die Klinge des Mörders steckte tief in der Säule. Also
gut. , dachte er zurück, holte aus und zielte zwischen die feuerroten Augen ihres Gegners.
Es war ein erbärmlicher Wurf, ohne Kraft und weit daneben, doch kaum hatte das
Messer seine Hand verlassen, da folgte ihm ein Wind, der es wie auf einer unsichtbaren
Straÿe zum Ziel hinführte. Der Mörder sah es wohl kommen, aber er war nicht willens,
seine Wae loszulassen. Zur gleichen Zeit hatte Zerbas sein Schwert gehoben und drohte,
zuzuschlagen.
Wir haben ihn! , dachte Veridian triumphierend, als sein Geschoss nur noch eine
Handbreit von seinem Ziel entfernt war. Doch er sollte sich irren. Anstatt das Schwert
herauszuziehen, warf der Mörder sich mit aller Kraft dagegen, drücke es im letzten Augenblick durch die zerbröselnde Säule und entging so dem Messer, das seinen Nacken nur
um Haaresbreite verfehlte.
Schutt und Scherben stieben zu allen Seiten, als die Säule unter dem Druck der beiden
Männer nachgab. Zerbas ächzte auf, als er zu Boden ging und der Mörder über ihm zu
liegen kam. Das Schwert war ihm aus der Hand gefallen, doch seine Hände fanden einen
Ziegelstein, den er dem Monstrum über den Schädel zog, noch bevor sich der Staub gelegt
hatte. Es brauchte drei Schläge, bis das Ungeheuer schlieÿlich von ihm herunterrollte und
sich aufrichtete, als hinge es an unsichtbaren Fäden.
Unnachgiebig kämpfte sich der Hauptmann auf die Beine, das Gesicht grau und rot
von Blut und Staub. Vor ihm im Schutt steckte das Schwert des Mörders, wie ein Stachel
in einer Wunde. Noch war sein Gegner nicht auf den Beinen. Zerbas gri nach dem Heft
der veruchten Klinge, doch er zögerte, sie vollends zu ergreifen. Atemlos folgte Veridian
seiner Hand. In ihm schrie der Schutzgeist eine Warnung, aber er war zu gebannt, um
ihr eine Stimme zu verleihen.
Hinter dir! , brüllte Marlea und ein weiterer Feuerball ammte auf, nur um zwischen
Hauptmann und Schwert hindurchzurasen und am Brustpanzer des Mörders zu zerschellen. Zerbas sah seine Faust aus den Augenwinkeln kommen, aber es war schon zu spät.
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Mit einem gewaltigen Kinnhaken schleuderte der Mörder ihn beiseite und gri nach dem
Heft seines Schwerts wie ein Ertrinkender nach festem Land. Zerbas ging unsanft zu
Boden, doch noch im Fall schrie er einen Befehl. Jetzt, Marlea!
Er hatte Recht, ihr Gegner zerrte an seiner Wae wie ein Wahnsinniger und bot so
ein leichtes Ziel. Veridian wünschte sich, er hätte noch einen Dolch. Die Magierin lieÿ
sich nicht zweimal bitten, beschwor in ihren zitternden Fingern silbernes Licht und webte
damit eine weitere Lanze. Beinahe schon hatte sie das Geschoss vollendet, als es plötzlich
zu ackern begann und sich schlieÿlich in tausende Funken auöste, die sich glimmend in
dem dunklen Keller verteilten. Vermaledeit! , uchte Marlea, als sich ihr letzter Trumpf
in Sternenstaub auöste. Ihre magischen Energien waren versiegt.
Verzweiung legte sich über Veridian und seinen Schutzgeist gleichermaÿen. Wir müssen iehen , ehte Hallia, bevor er das Schwert aus dem Stein zieht! Die Wae knirschte
unter den unablässigen Anstrengungen des Mörders, doch er hatte sie mit solcher Macht
in den Boden getrieben, dass ihnen noch ein paar Sekunden blieben. Rückzug! , rief
Veridian und wandte sich um, aber eine wütende Stimme hielt ihn zurück. Niemals! ,
bellte Zerbas, der schwer atmend an einer Säule lehnte, blutüberströmt von seinem Sturz
durch die Trümmer. Nicht dieses Mal!
Marlea blickte zwischen den beiden Männern hin und her, in ihr kämpften zweifellos
Loyalität und Überlebenswillen. Wir können nichts ausrichten! , brüllte Veridian zurück,
aber der Hauptmann wollte es nicht hören. Ächzend hob er einen Stein auf und warf ihn
nach dem Mörder, der ihn wie eine lästige Fliege beiseitewischte. Da brauchen wir schon
einen gröÿeren Stein. , dachte Hallia und während sie Herrn weiter zur Flucht drängte,
brachte ihr Gedanke in seinem Geist reiche Frucht. Steine. , murmelte er und blickte zur
Decke des Gewölbes, von der noch immer der Staub rieselte. Hallia schüttelte in seinem
Geist den Kopf. Nein... , murmelte sie, Das ist...
Wahnsinn. , sprach Veridian laut, worauf seine beiden Gefährten sich umwandten.
Sag ihnen Bescheid. , befahl er dem Schutzgeist. Die Gelegenheit war schnell verstrichen
und Worte waren zu langsam. Auÿerdem verrieten sie die Absicht ihrem stummen Feind.
Ich habe keinen festen Körper. , warnte der Windgeist ihn, während er seinen Körper
verlieÿ, Ganz im Gegensatz zu euch Menschen!
Ein Knirschen füllte den Keller, gefolgt von einem triumphalen Schrei. Ihr Gegner
hatte seine schreckliche Wae gelöst. Im selben Moment erreichte Hallia die Magierin. In
einen fremden Geist einzudringen war eine Erfahrung, die ein Mensch wohl nur verstehen
konnte, wenn er zum Gott gekürt wurde. Für den Auÿenstehenden mochten nur Sekunden
vergehen, doch zwischen Schutzgeist und Wirt verstrichen mit jedem Herzschlag Tage.
Hallia spürte, dass sie nicht willkommen war, aber die Dringlichkeit ihrer Nachricht lieÿ
ihr keine Zeit für Höichkeiten. Dennoch war es nicht zu vermeiden, von Marleas Leben
zu kosten.
Da war die Kindheit, weit im Westen, in einem Land, dessen Namen sie schier vergessen
hatte. Die Kindheit war leider nicht von Dauer, denn da war ein Turm, in dem all das ein
Ende gefunden hatte. Viel zu früh auf sich allein gestellt, hatte das Leben die Magierin
hart gemacht und auch wenn sie ihre Schwächen zu verbergen gedachte, so zeichnete ihre
Seele doch eine bewegte Geschichte.
Gossenmagierin war sie gewesen, bis sie ihr verschlungener Weg nach Titania geführt
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hatte. Und trotz des harten Schicksals war da eine Wärme in ihrem Herzen, eine grimmige
Zuversicht, wie Hallia sie seit Jahrhunderten nicht mehr gespürt hatte. Sie hatte sich an
Veridian gebunden, doch dies war eine Seele, in der sie auch hätte wohnen können.
Raus aus meinem Kopf. , befahl Marlea und das Bild des Mörders, der gerade das
Schwert hob, füllte ihre Gedanken. Die Wae füllte das Herz der jungen Frau mit einer
Furcht, die sie seit dem dunklen Turm nicht mehr gefühlt hatte. Schon einmal hatte
der Träger dieses Schwertes ihr um ein Haar das Leben genommen. Wir können ihn
schlagen! , versprach Hallia, Wenn du tust, was ich dir sage.
Sie spürte Marleas Misstrauen und konnte es ihr nicht verdenken. Als sie jedoch den
Plan erklärte, da stimmten sie einander zu.
Es war schwer, sich von Marleas Geist zu lösen, schwerer, als es manchen Menschen el,
die Lippen vom Weinglas zu lösen. Aber dies war keine Zeit, um einander kennenzulernen.
Ihr Gegner hatte seine Wae indes hoch über den Kopf gehoben und es war nur noch
eine Frage von Sekunden, bis er den nächsten Angri begann. Dann war alles zu spät.
In Windeseile wehte Hallia zu ihrem anderen Gefährten, dem Hauptmann Zerbas. Zwar
widerstrebte es ihr, die innersten Gedanken mit ihm zu teilen, aber immerhin würde sie
erfahren, was in seinem Granitschädel vorging.
Sich mit seinem Geist zu verbinden, war gänzlich anders. Ordnung, das war der Grundpfeiler, auf den Zerbas sein Leben gebaut hatte, wofür er kämpfte und woran er glaubte.
Die Straÿen von Karnapolis waren sein Zuhause gewesen und jeden Abend hatte er aufgesehen zu dem makellosen Palast des Imperators, dem Mann, der all das verkörperte,
woran er glaubte. Das Imperium hatte seinem Vater Lohn und Brot gegeben und als
Karns Engel ihm das Leben retteten, da war sich Zerbas gewiss, dass er an ihrer Seite
kämpfen oder sterben würde. Ordnungsliebe war ein hartes Los, aber er hatte es ohne
zu klagen getragen und obwohl Hallia seine Sturheit nicht verstehen konnte, so kam sie
nicht umhin, ihn zu bewundern.
Doch ein dunkler Schatten lag über seinem Opfer, die dreifache Niederlage, im Wald
von Vivana, beim Turnier und schlieÿlich gegen die Blaue Königin. In einem Herzschlag
fühlte der Windgeist jede von ihnen nach und so sehr sie sich wehren wollte, sein Eifer
steckte sie an. Tief darunter allerdings, tiefer, als er selbst jemals zu schauen gewagt
hätte, da waren andere Dinge, Gefühle, die er sich selbst niemals eingestanden hätte...
Hallia. , stellte er trocken fest, als er ihre Gegenwart bemerkte. Schön hast du es
hier. , gab sie spitz zurück und es war, als hätte sie einen Stein ins Wasser geworfen. Der
Hauptmann wusste, seine Geheimnisse zu verbergen. Wir haben keine Zeit für Spiele. ,
erklärte er wütend und in seinem Geist erschien der Mörder. Groÿ und schrecklich war er
auch vor Zerbas innerem Auge, aber was sie überraschte, war, dass seine Züge denen des
Hauptmanns ähnlicher waren, als sie es hätten sein dürften. Veridian hat eine Idee. ,
begann sie, Aber wir müssen alle gleichzeitig handeln. Er war bereit, sich jeden Plan
anzuhören und auch wenn er an ihrem zweifelte, musste er zugeben, dass er keinen
besseren hatte.
Halb aus eigener Kraft und halb vertrieben löste sie sich aus seinen Gedanken und
kehrte in ihre körperliche Form zurück. Das Schwert ihres dunklen Gegners hatte indes
sein Zenit erreicht und er peilte Veridian als sein nächstes Opfer an.
Jetzt! , donnerte Hallia und stürzte auf die nächste Säule des Gewölbes zu. Vier
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Pfeiler umgaben den Mörder, der in den Überresten des fünften stand. Wenn sie elen,
dann brach alles zusammen, doch wenn auch nur einer der vier Gefährten versagte, dann
wurde vielleicht auch er unter den Trümmern begraben.
Wie ein Orkan nahm der Windgeist an Fahrt auf, riss Staub und Trümmer mit sich
und fuhr mit solcher Macht in die Säule, dass der Stein nur so barst. Neben ihr rammte
Hauptmann Zerbas die gepanzerte Schulter in die porösen Ziegel und schate es tatsächlich, den morschen Stein zu durchbrechen. Marlea kratzte indes ihre letzten magischen
Energien zusammen, ballte sie zu einem wütenden Feuerstoÿ und fegte damit ihre Säule
beiseite. Blieb nur noch Veridian, der Anlauf genommen hatte und mit zwei gestreckten
Beinen gegen den letzten Pfeiler sprang. Ob es Glück war oder der Schaden, den seine
Kameraden zur gleichen Zeit anrichteten, auch bei ihm gaben die Steine nach.
Ein höllisches Krachen ging durch die Decke, als trampele über ihnen eine Horde
Dreyhörner einen Urwald nieder. Wie ein Blitz mit dem Donner schoss zur gleichen Zeit
ein Riss durch das Gewölbe und noch ehe ihr dunkler Gegner wusste, wie ihm geschah,
brach ein Regen von Felsen über ihn herein. Staub schoss wie ein Ring auf die vier
Abenteurer zu und während Zerbas noch Raus! , brüllte, hüllte die Finsternis sie ein.
Rasend schnell donnerten weitere Felsen zu Boden und als Veridian sich hustend aufrappelte, brach neben ihm ein hölzerner Pfeiler durch die Decke und stürzte wie ein
Hammer an den Ort, an dem er gerade noch gelegen hatte. Blind eilte er in die Richtung,
in der er den Treppenaufgang vermutete, während um ihn herum das Haus zusammenstürzte. Unmittelbar vor ihm stürzte eine Lawine von Trümmern durch ein Loch in der
Decke und hätte ihn schier begraben.
Mit klingelnden Ohren wich er zurück, unsicher, in welche Richtung, er weitergehen
sollte. Schon glaubte er sich verloren, als durch den Staub Zerbas auf ihn zustolperte. Er
wollte ihm etwas zubrüllen, doch das Getöse verschluckte seine Worte. Also riss er ihn
kurzerhand mit sich und stürzte durch den Steinregen. Der Staub wurde immer dichter
und mehrere Male verfehlten sie fallende Trümmer nur um Haaresbreite. Es war ein
tödlicher Wettlauf und mit jedem Schritt, den sie taten, drohte das Glück sie im Stich
zu lassen.
Ein Schemen stolperte ihnen aus der Finsternis entgegen, Marlea, mit blutüberströmtem Gesicht. Noch ehe die beiden sie auangen konnten, el sie vor ihnen zu Boden. Und
obwohl um sie herum die Welt unterging, war keiner der beiden Freunde bereit, sie dort
liegen zu lassen. Gemeinsam zogen sie sie auf die Beine, aber die winzige Verzögerung
genügte, damit die Lawine sie einholte. Über ihnen splitterte ein Balken, doch im Getöse
sahen sie die Felsen erst herannahen, als es zu spät war. Instinktiv hob Veridian die Arme
vor den Kopf und ebenso instinktiv schirmte Zerbas Marlea mit seinem Körper ab. Doch
gegen die Tonnen von Schutt, die auf sie herabrasten, waren diese Gesten nutzlos.
Schon glaubten sie, ihr Ende sei gekommen, als sich mit einem Mal ein Wind um sie
erhob und den schwarzen Staub beiseitewischte. Wie Donnerschläge prallten die Trümmer
über ihnen ineinander, aber es war, als seien sie von einer unsichtbaren Kugel umgeben.
Hallia... , hustete Veridian, worauf die Luft um sie herum wie zur Antwort bläulich
aueuchtete. Mit einer weiteren Böe riss sie eine Kluft in die Wolkenwand, an deren
Ende sich der rettende Ausgang befand.
Die drei Gefährten lieÿen sich nicht zweimal bitten, rappelten sich auf und hasteten
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Schulter an Schulter durch das zusammenbrechende Gewölbe. Hätte der Windgeist nicht
inmitten des Getöses seine schützende Hand über sie gehalten, sie wären zweifellos von
den Trümmern erschlagen worden. Mit letzter Kraft erklommen sie die Treppe und kaum
hatten sie das Erdgeschoss erreicht, da brach der Keller mit einem letzten Donnern
vollends in sich zusammen.
Zum Tor! , brüllte Zerbas, doch das war einfacher gesagt, als getan, denn die Felsen,
die das Gewölbe gefüllt hatten stammten aus den oberen Stockwerken. Eine Seitenwand
war eingestürzt und zwischen ihnen und der Freiheit lag ein Labyrinth aus klaenden
Rissen, Trümmerhaufen und gestürzten Balken. Über ihnen grollte der Dachstuhl und es
war wohl nur eine Frage der Zeit, bis das Haus über seinem zertrümmerten Fundament
zusammenbrach.
Aber so gefährlich der Weg auch sein mochte, jedes Zögern brachte den sicheren Tod
mit sich. Unter Führung von Zerbas wagten die drei sich in das Trümmerfeld, balancierten
über eine Mauer, an deren Seiten gähnende Löcher klaten, wichen einem Schauer herabfallender Ziegel aus, nutzten einen gefallenen Balken als Brücke und erreichten atemlos
das Tor der Winzerei.
Dicht gefolgt von einer Staublawine gelangten die drei ins Freie und wie in einem
letzten Aufbäumen brach hinter ihnen die Wand entzwei und das Gebäude sank mit
einem letzten ohrenbetäubenden Donnern in sich zusammen. Die Schockwelle riss die
drei Flüchtigen von ihren Füÿen, aber sie waren bereits in Sicherheit. Wie ein böser Geist
erhob sich eine schwarze Staubwolke aus dem zusammenbrechenden Gebäude, dunkler
noch als der Nachthimmel. Für einen Herzschlag verdeckte sie die Sterne, dann erhob
sich ein triumphaler Wind und zerstreute sie.
Fassungslos starrten die drei Gefährten einander an. Sie hatten tatsächlich überlebt.
Toller Plan. , murmelte Marlea grimmig, wischte sich das Blut von der Stirn und setzte
sich auf. Um sie herum standen zwei Dutzend imperiale Soldaten, die das Spektakel mit
ungläubigem Staunen betrachtet hatten. Hilf mir mal jemand hoch? , fragte Marlea
ungehalten, worauf ihr augenblicklich zwei der Männer zur Hilfe eilten.
Auch die beiden anderen versuchten, auf die Beine zu kommen. Seid ihr in Ordnung,
Hauptmann? , fragte einer der Soldaten und reichte Zerbas die Hand. Der schüttelte
nur den Kopf, richtete sich aus eigener Kraft auf und blickte in die Ruine. Ist auÿer
uns irgendjemand herausgekommen? , fragte er. Sein Untergebener schüttelte den Kopf.
Dann habe ich mich nie besser gefühlt. , meinte darauf der Hauptmann mit einem
matten Lächeln.
Er trat zu Veridian, der immer noch schwer atmend auf dem Paster lag und half
ihm auf. Wortlos nickten sie einander zu und sahen auf das Chaos, das sie angerichtet
hatten. Nach all dem Tumult lag nun eine schier überirdische Stille über dem Schlachtfeld. Zufrieden wischte Zerbas sich das Blut aus dem Mundwinkel. Sein Freund konnte
gut nachspüren, was in ihm vorging. Nach all den Niederlagen war der Gerechtigkeit
wenigstens dieses Mal Genüge getan.
Ein sanfter Wind ging durch die nächtliche Gasse und lieÿ den Staub vor ihren Füÿen
tanzen. Hallia? , fragte der Hauptmann und Veridian wusste nicht, ob er seine Gefährtin
oder ihn meinte. Sie ist nicht bei mir. , erklärte er, Unser Gegner hat nicht nur uns
übel zugesetzt... Alle Freude über den Sieg war wie weggewischt. Vielleicht war das
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letzte Opfer, das sie gebracht hat, zu groÿ... , murmelte der Hauptmann.
Das würde dir so passen. , hauchte da der Wind an seinem Ohr, Dass ich so einfach
abtrete. Vor den Augen der Kameraden erschien ihr Bild wie die letzten Strahlen des
verlöschenden Lichts. Bist du...? , fragte Veridian voller Sorge und bot seiner Gefährtin
die Hand. Dankbar kehrte sie in seinen Körper zurück und augenblicklich war ihm, als
seien sein Schmerz und seine Müdigkeit verzehnfacht worden. Sie ist schwer verwundet. ,
begann er, doch der Schutzgeist schnitt ihm buchstäblich mit seiner eigenen Zunge das
Wort ab. Ich trete noch nicht ab. , erklärte sie durch ihn, Aber ich will schlafen und
wenn du so freundlich wärst, könntest du einen halben Ochsen verspeisen, so für den
Anfang? Zerbas lächelte. Erhole dich gut, Windgeist. , sprach er, Dann unterhalten
wir uns darüber, was du in meinem Kopf zu suchen hattest. Veridian lächelte in Einheit mit seiner Kameradin. Sie sagt, sie wird deine Geheimnisse wahren, zumindest die
schmutzigsten. , erklärte er schalkhaft, Auÿerdem kann sie nicht erwarten, zu hören, wie
du das hier deinem Statthalter erklärst.
Veridians Gesichtszüge wurden hart, aber er rang sich ein trockenes Lachen ab. Das
wüsste ich auch gerne.
Ein Geruch von Rost und Staub wehte Veridian entgegen, als der alte Wächter ihm das
Tor zum Zeughaus önete. Nur zu. , sprach der grimmige Soldat, Ich habe nicht den
ganzen Tag Zeit.
Wetten, dass das eine Lüge war? , spottete Hallia in Veridians Kopf, als er das Portal
durchschritt. Im Inneren reihten sich Dutzende von Regalen in langen Reihen. Auf ihnen
lag alles, was das Kriegerherz sich nur ersehen konnte: Rüstzeug, Schwerter, Pfeile und
Schilde türmten sich auf den staubigen Brettern, dazwischen Kisten, Kästen und Säcke,
die wohl allerlei Wunderdinge enthalten mochten.
Folgt mir. , befahl der Wächter barsch und bog in einen der Gänge ein. All der
Krimskrams. , dachte Hallia, Ihr Menschen seid schon seltsam. Veridian grinste, was
den Soldaten dazu veranlasste, eine Augenbraue zu heben. Wenn du weiter so frech bist ,
erwiderte Veridian in Gedanken, dann sperre ich dich in eine Flasche. Er zeigte auf ein
Regalbrett, wo ein Dutzend bunter Glasgefäÿe standen. Sie formte vor seinem inneren
Auge eine entschuldigende Verbeugung, was ihn nun endgültig zum Lachen brachte.
Immer schicken sie mir die Idioten. , murmelte der alte Soldat kaum hörbar und bog
ab. Sie passierten weitere Regale. Veridian kam nicht umhin, seiner Gefährtin zuzustimmen. Was hier lag, war tatsächlich nur Plunder. Da reihte sich ein Glas mit verbogenen
Nägeln an einen Stapel zerlumpter Tücher, dazwischen allerlei Unnützes von guten Dutzend Korkenziehern bis hin zu einer silbernen Schnupftabakdose. Wie lange das Zeug
wohl schon hier lag, Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte vielleicht? In diesen dunklen Gängen wurde ihm zum ersten Mal das Ausmaÿ des Imperiums begreiich. Solch ein Reich
hatte einen langen Atem, der den Einzelnen lang überdauerte. Vielleicht war es das, was
seinen Freund dazu brachte, Karn zu dienen.
Dort vorne ist der Hauptmann. Die Stimme seiner Begleiterin riss Veridian aus seinen
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Gedanken. Sie waren ins Herz des Arsenals vorgedrungen, einem Ort verloren in dem Meer
aus Gängen. Auf einem steinernen Sockel stand eine Vitrine und hinter dem Glas das
dunkle Schwert des Mörders. Es schien das Licht der Fackel einfach zu schlucken, als sei
es nicht wirklich da, sondern nur ein Loch, an dem etwas anderes fehlte.
Habt ihr es also ausgegraben. , sprach Veridian düster und trat neben Zerbas, der vor
dem Glas stand und die Wae mit festen Augen musterte. Niemand hat sie angefasst. ,
erklärte er, Wie wir es besprochen haben. Veridian nickte zufrieden. Dann hat der
Wahnsinn hier ein Ende.
Hallia löste sich von ihm und erschien, was dem alten Wächter glatt die Pfeife aus dem
Mund fallen lieÿ. Warum bewahrt ihr sie dann auf ? , fragte sie, Als Andenken?
Auf diese Worte hin maÿ der Hauptmann sie mit einem strengen Blick, doch konnte er
die Wiedersehensfreude dahinter nicht ganz verbergen. Mir wäre es lieber gewesen, sie
ins tiefste Meer zu werfen. , sprach er, Doch der Statthalter will sie aufbewahren. Der
Windgeist rollte mit den Augen. Töricht...
Zerbas nickte. Karn wird davon erfahren. , versprach er, Vielleicht weiÿ er, was es
mit dem Schwert auf sich hat. Hallia umoss die Vitrine wie um sicherzugehen, dass
sie sich nicht önen lieÿ. Die vierzehn Götter. , sprach sie zu sich selbst. Zerbas nickte.
Das würde zu ihnen passen. Ein Relikt aus dem Krieg der Götter vielleicht.
Nur schwer konnte sie sich losreiÿen, dann aber wandte sie sich um und gerann vor dem
Imperialen in einer Gestalt, die Veridian unbekannt war. Die Blaue Königin. , erklärte
Zerbas tonlos, Lustig.
Ich bin nur neugierig... , erklärte der Windgeist unschuldig und wechselte wieder seine
Gestalt, Wie deine Geschichte ausgegangen ist. Veridian nickte. Das bin ich allerdings
auch.
Ich bleibe in Titania. , antwortete der Hauptmann, Und diene dort, wo der Imperator
mich haben will. Er bleckte die Zähne zu einem grimmigen Lächeln. Ich könnte Hilfe
gebrauchen.
Hallia tauschte einen Blick mit ihrem Herrn. Danke. , antwortete Veridian. Aber nein
danke. , schloss Hallia.
Zu schade. , meinte Zerbas, Krieger von eurem Schlag ndet man nicht alle Tage.
Mit einem Kichern maÿ der Windgeist Veridian, dem das gar nicht geel. Krieger... ,
hauchte sie. Hey! , beschwerte er sich. Der Hauptmann schüttelte amüsiert den Kopf.
Marlea bestellt übrigens ihre Grüÿe. , sprach er, Sagt, ich soll einem von euch danken
und dem anderen eine Kopfnuss verpassen.
Versuchs nur. , erwiderte Hallia spitz, dann hielt sie mit gespielter Verwirrung inne
und zeigte auf ihren Kameraden. Er ist nicht so durchlässig wie ich. Zerbas ballte
scherzhaft eine Hand zur Faust, dann besann er sich eines Besseren. Gut für euch, das
Marlea keine Befehlsgewalt über mich hat.
Er warf einen letzten Blick auf das dunkle Schwert und wandte sich mit einem Schaudern ab. Genug von diesem dunklen Ort. , erklärte er, Wir haben einen groÿen Sieg
errungen. Das muss gebührend gefeiert werden. Er wandte sich an den Wächter. Niemand darf diese Wae an sich nehmen. , befahl er, Unter keinen Umständen!
Der alte Soldat nickte geissentlich und sah unschlüssig in die Vitrine. Es war besser,
wenn er nicht wusste, was genau es war, das er bewachte.
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Die drei Freunde wandten sich indes zum Gehen. Eines muss man euch Imperialen lassen. , sprach Hallia spöttisch, Ihr habt einen guten Sinn für Ordnung. Der Hauptmann
nickte. Ordnung ist das Fundament, auf dem das Imperium gebaut ist. , sprach er ohne
jede Ironie, Und ich versichere euch, es ist stabiler als das einer gewissen Winzerei.
Hoen wir es. , meinte Veridian grinsend, Wo wir gerade von Wein sprechen, als
Hauptmann bekommst du doch sicherlich einen schönen Sold. Der Imperiale wiegte
zweifelnd mit dem Kopf. Für ein paar Becher Wein wird es noch reichen.
Das wollte ich hören. , meinte sein Nebenmann zufrieden, So lange es nur kein Titania
Sonnentrunk ist.
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Intermedium
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In einer Wolke aus blauem Feuer erschien der Gott des Todes über der Ruine. Rastlos
lieÿ er seinen Blick über die Trümmer schweifen. Zu spät, wie so oft. Der Tod war bereits
hiergewesen. Mit einem einzigen Gedanken teleportierte er auf einen zerbrochen Balken
und suchte in den Trümmern nach einer Spur des Schwerts.
Doch er wusste ohnehin schon, dass es vergebens war. Azaroyd war nicht hier, denn in
solch einer Nähe hätte er die Klinge gespürt, dieses dunkle Verlangen, sich wiederzuvereinigen mit dem Stück seiner Seele, das noch immer im Stahl gefangen war. Asdanams
Seele, korrigierte er sich in Gedanken, aber was bedeutete das schon? Er trug die andere
Hälfte der Seele in sich und so spürte er ihr Verlangen.
Unsterblichkeit vermochte das Schwert zu verleihen, doch die hatte ihren Preis. Ein
Menschenleben für jeden einzelnen Tag. Schloss man von der Verwüstung, die ihn umgab,
so war wohl jemand bereit gewesen, zu zahlen.
Er blickte über die Trümmer hinweg. Mehr Zeit. Letzten Endes war es auch das, was er
suchte. Athariel zog eine goldene Kette aus dem schwarzen Wams und lieÿ sie abwesend
durch seine Finger gleiten. Was scherte ihn die Ewigkeit? Es war nur eine Minute die er
brauchte, einen Augenblick am rechten Ort, im Moment ihres Todes. Obwohl er schneller
war, als Wind und Blitz es vermochten, war er doch zu spät gewesen.
Er hob das Amulett an seine Stirn, als könne das kühle Metall ihm Linderung verschaffen. Kaum schloss er die Augen, da sah er sie wieder dort liegen, am Fuÿ der Treppe, wie
eine zerbrochene Puppe. Ich kann dich nicht heilen ... Das waren die letzten Worte gewesen, die er dem geliebten Mädchen gesagt hatte und sie hatten sich in ihn eingebrannt,
wie kein Eisen es je hätte vermögen können. Er küsste das Schmuckstück und verstaute
es in seiner Tasche.
Ich werde dich fangen. , üsterte er wie einen Eid, dann teleportierte er auf einen
Mauerrest. Obwohl er wusste, dass es vergebens war, wischte er mit einem Windzauber
den Staub beiseite. Nichts, auÿer Trümmern und Gerümpel. Vermaledeit.
Er schloss die Augen, um sich eines Ortes zu entsinnen, an dem er seine Suche fortsetzen
konnte. Der ganze Planet war nur einen Gedanken entfernt und doch wusste er nicht,
wohin. Du hättest auch mich heilen können. , hörte er da eine Stimme aus dem Dunkel
seiner Gedanken, wohlvertraut wie die erste und nicht mit weniger Schmerz verbunden.
Ithymia, die Göttin der Liebe. Wie viele Jahre war es her? Wenn Lorzhan das Schwert
geraubt hatte, dann wusste sie vielleicht davon. Er dachte nicht gerne an sie, zu viel
war gesagt worden und zu vieles nicht. Nein. Er wollte ihr nicht gegenübertreten. Noch
nicht...
Wenn Lorzhan tatsächlich das Schwert hatte, dann gab es einen Ort, an den er zweifellos zurückkehren würde, um Rache zu nehmen. Das blaue Feuer verschlang den Gott
und kaum war es erloschen, da war er verschwunden.
Weit fort von der verlassenen Ruine önete Athariel die Augen. Es regnete...
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Zweiter Akt
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Der Winter war über Titania eingebrochen und hatte die Stadt unter einer weiÿen
Decke aus Neuschnee begraben. Ganz im Gegensatz zu Veridian schien Hallia die Kälte
regelrecht zu genieÿen und liebte es, mit den Nordwinden Fangen zu spielen.
Ein Windgeist. , murmelte Veridian und zog sich fröstelnd den Mantel um die Schultern, Hätte ich nicht einen Feuergeist nden können? Das Segel über ihm aute ab und
ein scharfer Wind hätte ihn schier über Bord des kleinen Kahns geworfen. Das habe
ich gehört. , verkündete Hallia und gerann neben ihm zu einer frostblauen Gestalt. Sei
froh, es gibt auch Schutzgeister, die aus Eis bestehen.
Er klapperte zur Antwort mit den Zähnen, dann wies er auf den Kanal vor ihnen, an
dessen Rändern sich schon Eisschollen bildeten. Hoentlich friert das Fahrwasser nicht
zu. Sie sandte einen Windstoÿ in den Fluss, der die Wellen aufwirbelte und die Eisschicht
zertrümmerte. Wasser friert nicht so leicht, wenn es ieÿt. , meinte sie, Und das kann
ich bewerkstelligen. Er nickte zufrieden, dann wies er auf das Segel. Weiter geht's. Sie
wechselte ihre Form und erschien nun als grotesk muskulöser Kerl. Immer muss ich die
Arbeit machen. , grollte sie, tat aber dann, wie ihr geheiÿen. Die weiÿen Leinen ballten
sich und das Boot nahm wieder an Fahrt auf. Keine Angst. , meinte Veridian, gri nach
einem Paddel und machte sich wieder ans Rudern. Ich erledige schon meinen Teil.
Sie bogen in eine Häuserschlucht, deren Dächer eng über den Kanal hineinragten.
Beinahe hätte ihr Mast eine Wäscheleine mitgenommen, doch die Bewohner der Stadt
hatten sie in weiser Voraussicht gerade hoch genug gehängt. Der Kanal war an dieser
Stelle so eng, dass Veridian die Häuserwände hätte berühren können, hätte er nur die
Hände ausgestreckt. Mit dem Paddel hielt er das lange Boot in der Mitte des Fahrwassers,
bis sie die Engstelle passiert hatten.
Nun steuerten sie auf ihr Ziel zu, die halbfertige Brücke, an deren Pfeiler sie damals
den Toten gefunden hatten. Trotz der kalten Witterung waren die Brückenbauer eiÿig
an der Arbeit. Emsig, emsig. , spöttelte Hallia, als sie in seinen Geist zurückkehrte,
Typisch Imperium.
Und wir bringen das Holz. , erwiderte ihr Kamerad. Sie lieÿ ein glockenhelles Lachen
vernehmen. Was Zerbas wohl sagen würde...
Die Brücke kam in Sichtweite und zwischen den Bauleuten stand ein ihnen wohlbekannter Soldat. Es sieht so aus, als werden wir das gleich erfahren. Er sprang an Land
und vertäute das Boot.
Du bist unter die Seefahrer gegangen. , stellte Zerbas fest und nickte ihm von der
Brücke zu. Wie stets trug er die Rüstung des Imperiums, doch im Gegensatz zu früher
war noch ein weiteres Schwert dazu gekommen. Sah aus, als hätte er seine Lektion in
Sachen Vorsicht gelernt. Und du unter die Baumeister. , gab Veridian zurück und nickte
auf die halbfertige Brücke. Der Soldat schüttelte den Kopf, stieg die Brücke hinunter und
trat ans Ufer des Kanals. Ich bin wegen euch hier. , erklärte er knapp, dann nickte er in
Richtung einer Seitenstraÿe. Geh ein Stück mit mir, während dein Boot entladen wird.
Die düstere Laune des Hauptmanns entging weder Veridian noch dem Schutzgeist,
doch gerade deswegen kamen sie seiner Bitte ohne Zögern nach. Du scheinst ein gutes
Auskommen zu haben. , begann Zerbas. Es war oenkundig, dass er diese Art seichter
Konversation nicht oft führte.
Ich habe stets den Wind im Rücken. , antwortete Veridian, önete die Hand und lieÿ
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Hallia frei, die sich zwischen den beiden zu ihrer Mädchengestalt verfestigte. Hallia. ,
begrüÿte der Imperiale sie höich, worauf sie ihn mit einem Windstoÿ umschwärmte.
Zerbas! , sprach sie keck, Griesgrämig wie immer.
Die beiden Männer sahen sich an und der Hauptmann stieÿ ein resigniertes Seufzen
aus. Es gibt jeden Grund, griesgrämig zu sein, Windgeist. , antwortete er. Lass mich
raten. , meinte sie, aber Veridian bedeutete ihr mit einer Geste, zu schweigen. Sie gingen
ein paar Schritte, dann blieb Zerbas stehen und blickte in das eiskalte Wasser. Das
Schwert ist fort.
Was?! Veridian war es, als wäre sein Herz stehengeblieben. Er hatte Alpträume gehabt, von der Winzerei und dem Ungeheuer, das dort im Dunkel sein Grab gefunden
hatte. Aber wie kann das... Zerbas knirschte mit den Zähnen. Ich habe an Wachen
nicht gespart. , erklärte er, Aber eines Morgens war es fort.
Und deine Männer? , fragte Hallia. Unversehrt. , antwortete Zerbas, Es ist ein Rätsel. Veridian seufzte, beugte sich für einen Augenblick nach vorne und rappelte sich
dann wieder auf. Aber er war tot. , sprach er fassungslos, Habt ihr seinen Leichnam
nicht ausgegraben? Der Hauptmann nickte. Das, was noch übrig war.
Veridian fuhr sich mit der Hand über den kahlen Schädel. Das konnte nicht wahr
sein. Es durfte nicht wahr sein. Hat es... , setzte er an. Sein Freund schwieg für einen
Augenblick, ein Schatten der Schuld und Reue über ihm, den Hallia am Grunde seines
Herzens gekostet hatte. Sieh es dir selbst an. , sprach der Soldat bitter und wandte sich
zum Gehen.
Nicht schon wieder. , seufzte der Windgeist und blickte zwischen den beiden Männern
hin und her. Ich bin kein Krieger... , üsterte Veridian. Sie legte ihm die federleichten
Arme auf die Schulter und sah ihm in die Augen. Ich weiÿ, dass du dies nicht willst. ,
hauchte sie sanft, Doch er ist ein Freund. Und dies ist unser Schicksal.
Der Hauptmann hatte inzwischen gemerkt, dass die beiden ihm nicht folgten und
wandte sich noch einmal um. Veridian... , begann er. Sein Kamerad wandte sich um.
Ich brauche eure Hilfe. , gestand Zerbas und senkte das Haupt. Bitte.
Hallia oss um ihren Meister herum. Schon einmal hast du Mut bewiesen. , beschwor
sie ihn und zwang ihn, aufzusehen, Du bist mein Schicksal und ich bin das deine. Er
seufzte. Mochte er sich auch fürchten, schlimmer war der Gedanke, dass solch ein Mörder
wie der letzte die Stadt unsicher machte.
Er sah Hallia an. Sie hatte Recht, dieser Weg mochte ihm nicht gefallen, aber es war
doch seiner. Freund. , wiederholte er Hallias Wort mit einem matten Lächeln, Das
werde ich ihm sagen.
Untersteh dich! , protestierte sie, schwebte ihm hinterher und schloss zu Hauptmann
Zerbas auf. Und du... , fuhr sie wütend fort und zeigte auf den Imperialen, Wir hätten
das Schwert vernichten sollen, als wir noch die Gelegenheit dazu hatten!
Der Soldat fuhr zurück, als sich das Windwesen vor ihm aufbäumte und für einen Augenblick jegliche Menschlichkeit ablegte. Es war leicht, zu vergessen, dass sich unter dem
bläulichen Mädchengesicht ein Wesen befand, das seit Anbeginn der Welt existierte. Es
war nicht meine Entscheidung, es zu verwahren. , verteidigte er sich. Hallia schnaubte,
was sich in einer Windböe äuÿerte, die den beiden Männern schier den Mantel vom Leib
riss. Befehle... , donnerte sie, Ich habe dich für einen mutigeren Mann gehalten, als
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dass du dich dahinter versteckst.
Hallia! , rief Veridian scharf, aber sein Kamerad winkte ab. Dein Windgeist hat
recht. , gestand er, Was nun geschieht, lastet auch auf meinen Schultern. Er ballte
die Hände zu Fäusten. Dieses Mal werde ich es vernichten. , versprach er voller Reue,
Gleich, was der Statthalter beelt.
Kaum hatte er die Worte gesprochen, da schrumpfte Hallia wieder in sich zusammen
und kehrte in ihre unschuldige Gestalt zurück. Wir. , ergänzte sie, Wir werden dir
helfen. Sie schwebte zu Veridian zurück. Gibt noch Honung für den Granitschädel. ,
üsterte sie und band sich wieder an ihren Herren.
Von neuer Zuversicht erfüllt schluckte Veridian, dann schloss er zu seinem Kameraden
auf. Bringen wir es hinter uns. , sprach er. Zerbas nickte entschlossen. Machen wir dem
Alptraum ein Ende.
Der Geruch des Krematoriums war noch widerlicher als beim letzten Mal. Sie betraten
die weiÿe Halle, in der der Mann in Schwarz schon auf sie wartete. Hauptmann Zerbas. ,
sprach er mit ruhiger Stimme. Er war nicht im Geringsten überrascht, sie wiederzusehen.
Das verhieÿ nichts Gutes, genauso wenig, wie dass er den Hauptmann beim Namen
nannte.
Wenn ich sterbe, lass nicht zu, dass man mich hierherbringt. , dachte Veridian. Die
Worte weckten ein Bild in seiner Gefährtin, von einer Totenwache, die länger gedauert
hatte, als manch einer lebte. Ich werde deine Asche in alle Winde zerstreuen. , versprach
sie und er wusste nicht, ob es tröstend oder scherzhaft gemeint sein sollte. Besser, seine
Gedanken auf etwas anderes zu richten. Wortlos verlieÿen sie den makellosen Raum und
durchquerten die ruÿige Welt hinter den Kulissen. Auch heute waren die Nischen gut
gefüllt.
Schwarzer Rauch waberte ihnen entgegen, als sie die Rampe zum Ofen hinabstiegen.
Unser Kamin will heute nicht so recht. , erklärte der Totengräber entschuldigend und
hielt sich ein Taschentuch vor das Gesicht, während die beiden Kameraden zu husten
begannen. Hallia. , dachte Veridian wie selbstverständlich. Jetzt bist du wieder froh,
dass ich ein Windgeist bin. , erwiderte sie schnippisch und machte sich beinahe unsichtbar
daran, den Qualm von ihnen fernzuhalten.
Hitze waberte ihnen entgegen und so schrecklich es war, daran zu denken, was sie
verursachte, so konnte Veridian sich doch nicht einer gewissen Wohligkeit erwehren. Eine
Gänsehaut hatte er dennoch.
Vor dem Ofen stand ein bleicher, blonder Junge und sandte von Zeit zu Zeit einen
Feuerstoÿ hinein, der die Kammer mit grotesken Schatten überzog. Die dunklen Schemen
weckten Erinnerungen, mehr noch als die Flammen. Es stank nach verbranntem Fleisch
und Verwesung, genauso wie der Mörder nach Marleas Angri gerochen hatte. Veridian
konnte spüren, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich. Sein Kamerad bemerkte es wohl
und legte ihm wortlos eine Hand auf die Schulter.
Wir haben inzwischen drei von der Sorte, die ihr sucht. , erklärte der dunkle Mann
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schlieÿlich, als wolle er ihnen Kartoeln verkaufen. Gestern waren es noch zwei. , sprach
Zerbas, als sie an die Tische traten. Drei Schemen lagen darauf, über jeden ein weiÿes
Tuch gebettet.
Nacheinander deckte der Mann in Schwarz die Toten auf und faltete bei jedem behutsam das Laken über die Beine. Es waren drei Männer, verschrobene Gestalten und
wenn sie eine Gemeinsamkeit hatten, dann war es Zwielichtigkeit. Doch Veridian war
nicht hier, um über die Toten ein Urteil zu fällen, das hatte bereits ein anderer getan.
Er zwang sich, die Wunden anzusehen, die in allen drei Brustkörben klaten. Es ist
erstaunlich. , sprach der Totengräber und folgte seinem Blick, Diese Präzision... anders
als die, die wir damals in den Ofen sandten.
Zerbas sah auf die drei Toten hinab, in seinen Augen kein Mitleid, sondern nur kalte
Wut. Der hier ist nicht vorgegangen wie ein Wolf, sondern schlau und präzise wie eine
Schlange.
Veridian blickte auf. Du meinst... Der Hauptmann nickte. Diese drei hat nicht der
Zufall gewählt. Er wies auf den ersten, einen linkischen Kerl mit lzigem Bart. Ein
Taschendieb. , sprach er, Hätten wir ihn ergrien, wäre er in Ketten gelegt worden. Er
hier hat Silias gedient, einem zwielichtigen Geldverleiher und wer weiÿ was noch.
Er trat vor den zweiten Toten. Der hier war nicht besser, ebenfalls einer von Silias
Leuten. Schlieÿlich deutete auf den dritten. Von dem hier weiÿ ich nichts, doch er wird
wohl auch keine reine Weste haben.
Auf einen Befehl hin reichte der Totengräber ihm die Habe des Mannes. Siehe da. ,
sprach Zerbas und schüttelte den Inhalt der Geldbörse in seine Hand, Gold und gezinkte
Würfel.
Ein Richter. , dachte Hallia und Veridian sprach es aus. Ein Mörder. , erwiderte der
Hauptmann und schüttelte den Kopf.
Die Kälte wischte die Erinnerung an den immer hungrigen Ofen fort, als sie hinaus in die
verschneite Gasse traten. Grau war der Schnee hier, verschmutzt von Ruÿ und Staub.
Veridian fröstelte. Ich hasse diesen Ort. , sprach er. Sein Kamerad nickte. Dann lass
uns dafür sorgen, dass du ihn nie wieder betreten musst.
Zerbas marschierte los und legte einen schnellen Schritt vor, so dass es seinem Freund
gar nicht so einfach el, mit ihm mitzuhalten. Für einen, der er nicht weiÿ, wo er hingeht,
hast du es aber eilig. , spottete Hallia und erschien zwischen den beiden. Ich kenne mein
Ziel. , erwiderte der Hauptmann knapp. Und hast du vor, uns einzuweihen? , fragte der
Windgeist schnippisch.
Es gibt einen Mann, der weiÿ, was hier gespielt wird. , sprach der Hauptmann, Oder
der es zumindest wissen will. Hallia schwebte zwischen die beiden. Der mysteriöse
Silias. , schloss sie. Zerbas nickte. Er ist ein Geschäftsmann. Er sprach das letzte Wort
mit solch einer Verachtung, dass klar war, was er wirklich meinte. Und er hat nur einen
Konkurrenten in seinem Metier: Dragor.
Klingt furchterregend. , sprach Hallia mit einem Hauch von Spott in der Stimme. Der
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Hauptmann seufzte und hielt inne, damit Veridian aufholen konnte. Fällt sie einem stets
so gerne ins Wort? , fragte er matt. Sein Kamerad schüttelte den Kopf. Nur dir. Der
Soldat winkte ab und stapfte weiter.
Wie dem auch sei. , fuhr er schlieÿlich fort und bedachte den Windgeist mit einem
herausfordernden Blick, Sie teilen sich das, was es in Titania an dunklen Geschäften
gibt. Schmuggel, Glücksspiel und so weiter.
Wenn du ihre Namen kennst , fragte Veridian verwirrt, warum sind sie dann noch
auf freiem Fuÿ? Der Hauptmann knirschte mit den Zähnen. Wäre ich Statthalter,
wären sie das nicht. , erklärte er resolut. Zelphar. , folgerte Hallia. Ihr Gegenüber nickte.
Er glaubt, zweierlei Unrecht hält sich die Waage. , sprach Zerbas, So lange beide sich
gegenseitig klein halten, haben wir Order, sie stillschweigend zu dulden. Er spuckte
auf den Boden. Wir greifen nur ein, wenn sie über die Stränge schlagen, die Bürger
belästigen, das Imperium bestehlen, oder morden...
So wie jetzt. , schloss Veridian. Sein Kamerad schüttelte den Kopf. Was sie sich
gegenseitig antun, ist ihre Sache. Es schien der einzige Teil dieses Kompromisses zu
sein, der ihm wenigstens etwas zusagte.
Und dennoch willst du den Mörder nun aufhalten. , hauchte Hallia. Er ballte die
Hände zu Fäusten, aber dann lächelte er ein grimmiges Lächeln. Ich bin nun mal ein
Idealist. , sprach er, Und wer weiÿ, vielleicht gelingt es mir nun, Zelphar zu überzeugen,
das Unkraut mit Stumpf und Stiel auszurotten.
Diese Honung sollte sich nicht bewahrheiten, denn der Statthalter lehnte seine Bitte ab.
Ohnehin wegen des Verschwindens seiner Gefährtin schon schlecht gelaunt, war Zelphar
gelinde gesagt nicht erfreut über den Vorschlag, ein weiteres Mal Kriegstruppen zu mobilisieren, erst recht, da er wie die Gerüchte behaupteten vom Imperator schon für das
letzte Mal gehörig zusammengestaucht worden war.
Das Schwert will er natürlich trotzdem wiederhaben. , schloss der Hauptmann seinen
Bericht. Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. , kommentierte Hallia und
rollte mit den himmelblauen Augen, Wie glaubt er, dass du das bewerkstelligst?
Zerbas schnaubte. Er schickt mich in die Höhle des Löwen. Veridian hob eine Augenbraue. Unter die Gesetzlosen? Sein Freund nickte. Zu Silias.
Der dir selbstverständlich bereitwillig Auskunft geben wird. , schloss Hallia. Der
Hauptmann lachte dunkel. Ein ehrenwerter Geschäftsmann wie er wird selbstverständlich mit mir reden. , erklärte er, Sagen wird er indes nichts.
Es sind doch seine Leute, die ihr Leben verlieren... , fragte Veridian verständnislos.
Der Soldat und der Windgeist tauschten einen verständigen Blick, der Veridian einen
winzigen Stich Eifersucht fühlen lieÿ. Gesetzlose regeln solche Dinge unter sich. , erklärte Zerbas, Sie werden es zu verhindern wissen, dass das Imperium seine Nase in ihre
Angelegenheiten steckt.
Sein Kamerad nickte. Ich bin kein Imperialer. , erklärte er. Hallia wehte zu ihm hinüber. Ich auch nicht. Hauptmann Zerbas besah sich die beiden skeptisch. Ihr wollt
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euch in die Unterwelt wagen?
Hallia berührte sacht die Hand ihres Herrn und für einen Augenblick waren sie in einen
wortlosen Diskurs verstrickt.
Ja. , sprachen sie schlieÿlich einstimmig.
Spione und Ränke. Eigentlich hielt Zerbas solche Methoden des Imperiums unwürdig,
doch in diesem Fall konnte er sich seine Einwände nicht leisten. Es war ohnehin ein
kleiner Preis dafür, endlich einen Schlag in das verdorbene Herz des Untergrunds führen
zu dürfen.
Die drei Gefährten verbrachten den Tag damit, einen Plan zu schmieden, denn die
Gauner wurden erst am Abend wach.
Nimm es mir nicht übel. , urteilte Hallia, Aber den Halunken kauft dir keiner ab.
Veridian hob entrüstet eine Augenbraue, aber ein beinahe mitleidiges Nicken des Hauptmanns brachte ihn zum Schweigen. Verbrecher vermuten, dass jedes Herz so schwarz
wie das ihre ist. , erklärte er, Sie werden dir nicht ohne Weiteres trauen. Er musterte
Hallia, die wie eine Ahnung zwischen ihnen schwebte, Und was dich angeht...
Der Windgeist verschwand. Unsichtbar, ich weiÿ. , wisperte sie in sein Ohr und fuhr
ihm mit einem kalten Hauch durch die Rüstung.
Sie berieten noch eine Weile hin und her und hatten schlieÿlich einen Plan zurechtgelegt, mit dem sowohl Zerbas Ehrgefühl als auch Veridians Unbehagen Genüge getan
waren.
Es war keine gute Gegend, das musste jedem klar sein, der in die Gasse mit den windschiefen Häusern einbog. Veridian schluckte, als er den abgeschlagenen Eberkopf über
dem Eingang der Schenke sah. In der Stirn des ausgestopften Tiers steckte noch immer
ein langer, mit Widerhaken versehener Speer wie eine Warnung für die, die dumm genug
waren, die Spelunke zu betreten. Im Mondlicht schienen die toten Augen des Tiers die
beiden Kameraden geradezu bösartig anzufunkeln.
Anheimelnd. , sprach Veridian Hallias Gedanken aus. Der Soldat an seiner Seite richtete sich zu voller Gröÿe auf, wie um ihm zu sagen, er solle seinen Mut sammeln. Die
Schenke zum gespaltenen Schädel ist ein neutraler Ort. , erklärte er, Und niemand wird
dir etwas tun. Er senkte die Augenbrauen. Zumindest, solange du zu einer der beiden
Banden gehörst.
Dann sollte ich mich damit beeilen. , sprach Veridian und schluckte. Auf der gegenüberliegenden Seite lagen ein paar zertrümmerte Fässer wie von einem Kampf und vor
der Kneipe war das Paster aufgewühlt, als sei ein Pug hineingefahren. Ich meine,
wie oft gibt es hier schon Ärger? , fragte er scherzhaft, wie um sich selbst zu ermutigen.
Du meinst pro Nacht? , erwiderte Zerbas trocken und es dauerte einen Augenblick des
Schreckens, bis Hallia und ihr Herr begrien, dass er einen Scherz gemacht hatte.
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Also gut. , murmelte Veridian und trat aus der Seitengasse, Unser Plan ist gut und
da kann gar nichts schiefgehen. Ein Wind erhob sich und ein Abglanz des Windgeistes
erschien. Und auÿerdem bist du nicht allein. Hauptmann Zerbas nickte. Nicht allein. ,
wiederholte er, um auch seinen Beistand zu versichern. Sein Kamerad nickte ihm ein
letztes Mal zu und machte sich auf den Weg in die Höhle des Löwen. Oder des Ebers,
wie Hallia ihn sogleich verbesserte.
Was macht das für einen Unterschied? , fragte er. Beide sind gefährlich, wenn sie
hungrig sind. , dozierte der Windgeist, Ein Eber indes hat meist den gröÿeren Hunger.
Ihr Gefährte verdrehte die Augen, dann trat er über das zerfurchte Paster in die Tür
der Kneipe.
Das Erste, was er wahrnahm, war der Geruch, süÿ und säuerlich wie Wein und das,
was daraus wird, wenn man zu viel davon genieÿt. Dazwischen lag ein kupferner Geruch,
von Blut und von Waen und dazwischen das unverkennbare Aroma von Mottenpulver
und alten Tierhäuten. Als er aufsah, wusste er warum. Der gespaltene Schädel machte
seinem Namen alle Ehre. Ringsum starrten ihm von den Wänden hunderte von Glasaugen
entgegen, die allerlei bedauernswerten Geschöpfen gehörten oder vielmehr dem, was von
ihnen übrig war. Er sah Hirsche, Hasen, Stiere, sogar einen Kodiakbären und am anderen
Ende des Raumes das Prunkstück der Sammlung, ein mächtiges Dreyhorn.
Ihr Menschen... , setzte Hallia angewidert an, aber Veridian schnitt ihr mit einem
Gedanken das Wort ab.
Es waren nämlich nicht nur tote Augen auf ihn gerichtet. Von Dutzenden Tischen starrten ihn allerlei Galgenvögel und zwielichtige Gestalten an, als sei er einer der Vierzehn
höchstpersönlich.
Tür zu, es zieht! , rief der Wirt ungehalten vom Tresen und Veridian gehorchte augenblicklich, obwohl die Tür zuvor schon oen gewesen war. Kaum war sie ins Schloss
gefallen, da war ihm, als sei jegliches Licht aus dem Raum gewichen. Was durch die trüben Fenster el, konnte man beim besten Willen nur als Zwielicht bezeichnen. Veridian
schluckte und machte einen Schritt durch die dämmrige Schankstube, noch immer alle
Augen auf ihn gerichtet. So viel zum unauällig bleiben. , dachte der Windgeist, als
sie gemeinsam auf den Tresen zusteuerten. Dahinter stand eine Gestalt, die aussah, als
hätte sie höchstpersönlich all die Bestien an den Wänden niedergerungen. Der graue Bart
war zerzaust wie eine Straÿentaube, dahinter ein schmaler Mund, in der eine Stange Lakritztabak steckte. Der Sud davon hatte den Bart ringsum in klebriges Schwarz gefärbt,
was den Mann allerdings nicht im Geringsten zu stören schien. Wohl verlaufen, was? ,
fragte er, ohne den Stab aus dem Mund zu nehmen. Veridian fasste sich ein Herz und
sah auf. Sein gegerbtes Gesicht hatte nur noch ein heiles Auge, das ihn herausfordernd
anfunkelte. Das andere war hinter einer zerfransten Augenklappe verborgen. Los, sag
was! , forderte Hallia. Was? , fragte er panisch zurück. Na, was wohl? , erwiderte sie
spitz.
Gibt es hier Schnaps oder nicht? , fragte ihr Herr nun mit einer Forschheit, die sein
wild schlagendes Herz Lügen strafte. Schnaps gibt's für Gold. , erwiderte der Wirt und
zog eine Flasche hervor, auf deren vergilbten Etikett ein schwarzer Drache abgebildet
war. Wortlos zog Veridian einen Taler aus der Tasche und legte ihn auf den Tresen. Der
Wirt biss darauf, wie um zu prüfen, ob er echt war, dann goss er ihm wortlos ein Glas
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ein.
Es war ein teuisches Gebräu, stark und widerborstiger als jeder Trunk, den Veridian
je gekostet hatte. Er kämpfte die Tränen nieder, hämmerte das Glas auf den Tresen und
wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab.
Schnaps haste gehabt, jetzt kannste gehen. , forderte der Wirt forsch und ein Blick
über die Schulter verriet Veridian, dass noch immer alle Augen auf ihn gerichtet waren.
Es roch nach Schlägerei. Zeit, Zerbas Plan zu versuchen. Ich habe gehört , üsterte er
verschwörerisch, dass es Traditionen von Titania gibt, die hier noch gewürdigt werden.
Sein Gegenüber verzog keine Miene. Traditionen, die das Imperium nicht mehr gutheiÿt.
Redet nicht um den heiÿen Brei. , sprach der Wirt, nahm sein Glas und stellte es
wieder zu den sauberen. Sauber... , murmelte Hallia.
Ich spreche vom Würfeln... , sprach Veridian unbeirrt weiter, Man sagt, ein glückliches Händchen kann damit ein hübsches Sümmchen verdienen.
Glücksspiel? , fragte sein Gegenüber entrüstet, Das wäre gegen das Gesetz. Er wies
auf die Wand über sich, wo wie zum Spott die Flagge des Imperiums hing, zerlumpt und
ausgebleicht. Vier Messer hielten sie an Ort und Stelle, zweifellos eine Warnung an allzu
neugierige Soldaten.
Hmmm. , machte Veridian und wandte sich um, als ihm prompt zwei zwielichtige
Gestalten die Arme um die Schultern legten. Haste Geld? , fragte einer von ihnen geschmeidig wie ein Krämer. Er nickte perplex. Heute ist dein Glückstag. , sprach der
andere und bugsierte ihn an einen Tisch unter dem ausgestopften Kodiakbären. Vor ihm
stand ein Becher mit zwei abgewetzten Würfeln, ebenso wie vor den beiden Halunken.
Wie heiÿt das Spiel? , fragte Veridian mit geheuchelter Begeisterung und legte sein
prallgefüllte Geldbörse auf den Tisch. Zerbas letzter Sold, wie Hallia mit einer gewissen
Schadenfreude bemerkte.
Wir spielen Vierzehn und Drachen. , antwortete der gröÿere der beiden Gauner, Ist
ganz einfach. Jeder setzt, wer am höchsten würfelt, gewinnt.
Aufregend. , murmelte Veridian und machte Anstalten, zu würfeln. Jedoch. , sprach
der Kumpan des Gauners und legte eine Hand auf Veridians Becher. Zweimal die Eins
sind Drachenaugen.
Die niedrigste Zahl. , fuhr der andere fort und drehte wie zur Verdeutlichung beide
Würfel zurecht. Eine sichere Niederlage, es sei denn, man riskiert das Doppelte. Er wies
auf Veridians Börse.
Was ist dann? , fragte der mit gespielter Naivität. Zerbas hatte ihm die üblichen
Spiele und den üblichen Beschiss bereits erklärt. Dann müssen alle mit und danach... ,
sprach der Gauner, darf man nochmal würfeln und behält die beiden Augen, die man
vorher hatte. Zwei Sechser und du hast...
Die Vierzehn! , schloss Veridian und klatschte aufgeregt in die Hände. Die beiden
nickten eifrig, wohl froh, einen Dummen gefunden zu haben.
Kann losgehen? , fragten sie. Kann losgehen. , bestätigte Veridian mit einem Nicken.
Kann losgehen. , echote Hallia voller Schabernack in seinen Gedanken.
Ihr Kamerad lächelte, warf die Würfel in den Becher und schmetterte ihn auf den
Tisch. Nicht so schnell. , mahnte der Gauner, klopfte auf das Holz und legte dann einen
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Goldtaler vor sich. Sein Kumpan tat es ihm gleich und auch Veridian machte seinen
Einsatz.
Nun konnte endlich gewürfelt werden und wie erwartet strich Veridian den ersten
Gewinn ein. Sie wiegen dich in Sicherheit. , dachte Hallia, während er lachend das Gold
zu sich zog. Er grinste. Wollen mal sehen, wie lange.
Tatsächlich dauerte es vier Spiele, bis er das erste Mal verlor. Jetzt kommt ihr auf
meine Dörfer. , sprach der gröÿere der beiden Gauner, worauf der andere die gelben
Zähne bleckte. Mir egal. Miese mach ich so oder so. Die nächste Runde ging wieder an
Veridian.
Sie haben Gewichte in den Würfeln. , berichtete Hallia, als sie mit einem sachten
Windhauch in seinen Körper zurückkehrte. Ich bin entrüstet. , dachte Veridian tonlos
zurück. Er strich seinen Gewinn ein und setzte abermals. Kannst du sie mit meinen
tauschen?
Der Windgeist hob vor seinem inneren Auge eine Braue, was ihn schier zum Lächeln
gebracht hätte. Das nicht. , dachte sie, Aber ich kann sie ein wenig stupsen.
Nu, würfel! , herrschte ihn einer der Gauner an und er tat, wie ihm geheiÿen ward.
Wie erwartet verlor er. Gräme dich nicht. , dachte Hallia spitzbübisch, Ist nur Zerbas
Geld.
Nochmal. , forderte ihr Gefährte und klatschte einen Taler auf den Tisch, dass es nur
so klimperte. Seine linkischen Mitspieler tauschten einen verstohlenen Blick. Sie wähnten
den Fisch am Haken und gedachten nun, ihn langsam einzuholen.
Abermals verlor er das Spiel, trotz einer Elf. Das war das Ende seiner vermeintlichen
Glückssträhne, denn von nun an schrumpfte seine Börse kontinuierlich und selbst wenn
er mal ein Spiel gewann, so war das nur ein kurzes Lockern der Leine, damit der Fisch
nicht vom Haken ging.
Schlieÿlich hatte er nur noch gut zwanzig Goldtaler übrig. Immer noch nicht wenig,
aber wenig genug, um Hallia ein schadenfrohes Lachen zu entlocken. Du musst dich
gar nicht so diebisch freuen. , murmelte Veridian, worauf der Gauner, der gerade einen
Gewinn verbucht hatte, mit gehobener Augenbraue aufsah.
Nur die Ruhe. , kommentierte Hallia, Läuft doch alles nach Plan. Veridian knirschte
mit den Zähnen, um den Anschein des Ärgers noch zu erhöhen. Glaubst du, ich rede
mit dir? , dachte er schnippisch zurück.
Ppfh. , machte der Schutzgeist melodramatisch und verlieÿ ihn. Alles streng nach
Plan.
Wenn das so weiter geht, verlasse ich euch als armer Mann. , sprach er zermürbt.
Der Wortführer der beiden Spieler rang sich ein falsches Lächeln ab. Pech im Spiel... ,
begann er die wohl älteste Binsenweisheit der Welt.
Veridian winkte ab. Noch bin ich nicht drauÿen. , sprach er, Wie wär's, wir machen
das Spiel ein wenig aufregender? Es war gar nicht seine Art, so zu sprechen, aber die
beiden schluckten den Köder bereitwillig. Mal sehen, wer nun an wessen Angel hing.
Aufregender? , fragten sie beide. Veridian nickte und zählte wortlos zehn Goldtaler
in die Mitte des Tisches. Mit jeder Münze wurden die Augen seiner Gegenspieler gröÿer.
Der eine verpasste dem anderen einen aufgeregten Stoÿ in die Rippen, dann taten beide
es ihrem mutigen Gegenüber gleich.
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Dreiÿig Taler. , johlte der eine und warf die Würfel in den Becher, Die könnte ich
gut gebrauchen. Sie Kumpane kicherte wie eine betrunkene Maid und lieÿ ebenfalls die
Würfel klackern.
Hallia. , dachte Veridian und schloss für einen Augenblick die Augen, wohlwissend,
dass seine Kameradin ihn unsichtbar umgab.
Dann los! , forderte er laut und knallte seinen Becher auf den Tisch, dicht gefolgt
von seinen beiden Mitspielern. Ein kurzes Klappern, dann herrschte Stille. Wie lauernde
Füchse sahen die drei einander an, die Hände noch immer auf den abgeschabten Lederbechern.
Du Fuchs. , üsterte plötzlich ein wohlvertraute Stimme in Veridians Ohr, Willst
verlieren und würfelst noch eine Zwölf. Er wollte etwas zurückdenken, wurde sich aber
bewusst, dass sie sich nicht mit seinem Geist verbunden hatte. Es geel ihr wohl, ihn
zappeln zu lassen.
Zeig an! , sprach einer der Gauner zu seinem Spieÿgesellen, der nach einer kurzen
Pause den Becher hob. Ein Fünf. Nun du. , forderte Veridian den anderen auf. Er
gehorchte. Es war eine Elf, was ihn siegessicher die Zähne etschen lieÿ. Zwölf oder
Drachenaugen. , sprach er und streckte schon eine Hand nach dem Gold aus.
Nicht so voreilig. , warnte Veridian und trommelte mit den Fingerspitzen auf seinen
Becher. Es wäre ihm wesentlicher wohler gewesen, hätte er gewusst, was Hallia darunter
getrieben hatte. Doch der Schutzgeist schwieg, um ihm ein wenig echten Schweiÿ ins
Gesicht zu treiben. Also gut. , sprach er zu sich selbst und entblöÿte seine Würfel. Eine
Sechs, wie erwartet und eine Vier.
Zehn. , erklärte der Gauner mit der Elf, Knapp, knapp, knapp. Er leckte sich die
Lippen und zog den Goldberg mit beiden Armen zu sich.
Tja. , tönte der Schutzgeist in Veridians Ohr, Jetzt geht's wohl um Wurst und Pelle.
Wie recht sie hatte. Alles bis hierher war nur Vorgeplänkel gewesen, ein Köder für die,
die ihn hatten ködern wollen. Er indes war auf der Jagd nach einem weitaus gröÿeren
Fisch. Hoentlich war Zerbas Plan so gut, wie der Hauptmann es dachte. Immerhin war
er es, der die Räuber gut kannte.
Vermaledeit! , uchte Veridian also und schlug mit der Faust auf den Tisch, dass die
Würfel nur so auseinanderschoben. Er schnaubte, tat für einen Augenblick, als ringe er
mit sich selbst, dann schob er mit einem frustrierten Seufzen seine Börse in die Mitte des
Tisches. Zeit für das letzte Spiel.
Alles? , fragte der Gauner, der das letzte Spiel gewonnen hatte. Wüsste Veridian es
nicht besser, hätte er es fast als Skrupel aufgefasst. Alles. , bestätigte er also mit der
Art von falschen Siegessicherheit, wie sie jeder verzweifelte Spieler zu haben vorgibt.
Sein Gegenspieler gab ein kehliges Lachen von sich und türmte einen Haufen Gold neben
Veridians Einsatz. Auch der dritte Gauner setzte, wenn auch zögerlicher als der andere.
Die Leine war fast eingeholt und ihr Fisch fast im Trockenen. Zumindest glaubten sie
das.
Jetzt? , hauchte der Windgeist und Veridian nickte unmerklich. Wie aus Aberglauben
heraus pustete er in den Becher, legte die Hand darauf und lieÿ die Würfel klappern.
Hallia. , dachte er, auch wenn er wusste, dass der Schutzgeist ihn nicht hören konnte,
Jetzt kommt es darauf an. .
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Er holte noch einmal tief Luft, dann lieÿ er den Becher niederschnellen. Die Würfel
knallten förmlich auf den Holztisch, rappelten ein wenig und kamen dann zur Ruhe.
Da will es einer wissen. , kommentierte der reichere seiner Widersacher und würfelte
ebenfalls. Auch sein Kumpan machte seinen Wurf.
Ihr zuerst. , forderte Veridian und wischte sich den Schweiÿ vom kahlrasierten Schädel. Die Spieler taten, wie ihnen geheiÿen. Zuerst der ärmere von beiden, der wie erwartet
keine hohen Zahlen aufzuweisen hatte: Ein Dreierpasch und damit nur eine Sechs. Veridian rang sich ein siegessicheres Lächeln ab, wohlwissend, dass der Wurf nichts zur Sache
tat. Mit einem Gesicht wie aus Eis hob der zweite Widersacher seinen Becher. Auch er
hatte einen Pasch, nur waren es insgesamt zwölf Augen, die ihm von den abschabten
Würfeln entgegenblickten. Nun du. , forderte er siegessicher.
Obwohl Veridian wusste, was unter seinem Becher wartete, hielt er dennoch den Atem
an, als er ihn lüftete. Ein seidenzarter Windhauch umschwebte seine Hand, wie um ihm
Zuversicht zu versichern. Er holte tief Luft und sah hinab auf die Würfel. Auch er hatte
einen Pasch: Drachenaugen.
Schlag mich doch... , murmelte der zweite Gauner und seine kühle Fassade bröckelte.
Du kennst die Regeln. , sprach sein Kumpan hart, Verdoppeln oder aussteigen.
Der ärmere Gauner blickte auf seine Dreier und dann auf die Zwölf des anderen Gauners. Ich bin raus. , sprach er, da er keine Aussichten mehr auf den Sieg hatte.
Veridian schluckte, während sein verbliebener Gegenspieler in aller Seelenruhe zehn
Goldtaler abzählte und in die Mitte schob.
Ich habe kein Geld mehr. , uchte Veridian lauter, als er es musste. Sein Gegenüber
bleckte die Zähne und es war, als hätte er plötzlich die Krallen ausgefahren. Jede Spur
von Geselligkeit war verschwunden. Dann gib dich geschlagen. , verlangte er ruhig.
Hmmm. , machte Veridian, Von den Drachenaugen zu den Vierzehn ist es nicht
weit...
Was ist nu? , fragte der Gauner und legte eine Hand auf das Gold in der Mitte des
Tisches. Für einen Sekundenbruchteil glitten seine Augen auf einen Tisch im entlegensten
Winkel des Raums, von dem sich auch prompt eine hochgewachsene Gestalt erhob, die
sie anscheinend schon eine Weile lang beobachtet hatte.
Während der Mann durch den Schankraum schritt, nutzte Veridian die Gelegenheit,
ihn zu mustern. Er trug rotes Haar, unter dem ein bleiches Gesicht wie ein fahler Mond
glänzte. Zweifellos ein Mann, der nicht viel Sonnenlicht abbekam. Er war dürr, aber
nicht schmächtig und sein grauer Mantel sah aus, als hätte er darunter lange Messer
verborgen. Seine Augen waren überall hin gerichtet, nur nicht auf die Spieler. Man hätte
ihn für nervös halten können, aber was er tat, war nur, eine Beiläugkeit vorzutäuschen,
die Veridian ihm abgekauft hätte, wenn er nicht genau gewusst hätte, wer er war.
Der berühmt-berüchtigte Silias. , üsterte Hallia in sein Ohr, Sieht aus wie ein Krämer für abgehalfterte Gäule. Veridian verkni sich ein Kichern.
Ich kam nicht umhin, euer Spiel zu beobachten. , sprach der Neuankömmling und
setzte sich wie beiläug an den Tisch, Drachenaugen gegen eine Zwölf. Ein Jammer,
dass du nicht setzen kannst. Seine Finger fuhren über den Tisch wie eine Spinne. Ein
verdammter Jammer. , antwortete Veridian mit wild schlagendem Herzen. Es sah aus,
als könnte ihr Plan Erfolg haben. Hätte ich nur noch zehn Goldtaler...
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Silias lächelte, aber es glich mehr einem Zähneetschen. Du bist ein Spieler, nicht
wahr? , fragte er. Veridian nickte. Wie wäre es dann mit einer kleinen Wette? , fragte
der Neuankömmling und fuhr sich durch das feuerrote Haar. Ich leihe dir den Einsatz,
freilich nur, bis du gewinnst. Er zückte eine prallgefüllte Geldbörse und lieÿ sie neben
Veridians Ohren klimpern. He! , protestierte er Gegenspieler vom anderen Ende des
Tisches, Das ist gegen die Regeln! Sein Ärger wäre fast überzeugend gewesen, hätte er
nicht, als Silias sich umwandte, gewohnheitsmäÿig den Blick gesenkt.
Angst? , fragte Silias mit einem Hauch von Spott in der Stimme. Der Spieler schüttelte
den Kopf. Lass ihn ruhig würfeln.
Silias nahm die Würfel mit den Drachenaugen, warf sie in den Becher und schob ihn
Veridian hin. Dann zählte er zehn Goldtaler auf den Tisch. Was, wenn ich euer Geld
verspiele? , fragte Veridian skeptisch. Ach... , machte Silias jovial, Wettschulden sind
Ehrenschulden. Du wirst es mir schon beizeiten zurückzahlen. Er klapperte mit den
Würfeln. Mit Zinsen versteht sich.
Ich bin keine Rechenkünstlerin. , üsterte Hallia in das Ohr ihres Herren, Aber das
scheint mir eine schlechte Wette. Warte... Veridian seufzte und gri vorsichtshalber
schon mal nach dem Becher. Drei im Sinn. , rechnete Hallia weiter, Da habe ich doch
glatt vergessen, den Schutzgeist hinzuzurechnen.
Los geht's. , knurrte Veridian und schüttelte die Würfel, was Hallia dazu bewegte,
sich eilig mit in den Becher zu quetschen.
Das lob ich mir! , rief Silias und klopfte im begeistert auf den Rücken.
Veridian erwiderte sein falsches Lächeln und machte seinen Wurf. Sein Gegenspieler
folgte jeder seiner Bewegungen, ohne die Hände von dem Gold zu lassen. Er würde sich
noch wundern.
Nach einer Sekunde der Stille zog Veridian den Becher weg und die beiden Gauner
staunten nicht schlecht. Drachenaugen! , uchte sein Kontrahent, Das zweite Mal in
Folge.
Doppelt oder nichts. , stellte Veridian fest und blickte dann zu Silias. Ich möchte
eure Börse nicht über Gebühr beanspruchen.
Ob dem dünnlippigen Gauner der Wurf geel oder nicht war ihm beim besten Willen
nicht anzusehen. Ich leihe es dir. , sprach er schlieÿlich und kramte zwei Zehntalermünzen aus seiner Börse, Aber bedenke, dass ich es in jedem Fall zurückfordern werde.
Darum mache ich mir Sorgen, wenn ich verliere. , erwiderte Veridian und warf die
beiden Münzen auf den Haufen. Dem Gauner war es nicht allzu recht, aber ein kurzer
Blick seines Herrn brachte ihn dazu, abermals zu setzen. Der Fisch war im Netz, aber
noch immer hatten sie nicht genug.
Achtzig Taler. , sprach der dritte Spieler, der ausgestiegen war, Hübsches Sümmchen
für eine Zwölf.
Mit einem Seufzer strich Veridian die beiden Würfel abermals in den Becher. Auf ein
Neues!
Vier Augenpaare waren auf den Würfelbecher gerichtet und Veridian beschloss, sie für
einen Augenblick schmoren zu lassen, bis er schlieÿlich seinen Wurf entblöÿte. Was sie
sahen, trieb allen dreien den Schweiÿ ins Gesicht: Der dritte Einserpasch in Folge.
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Das geht doch nicht mit rechten... , entfuhr es seinem Gegenspieler, der nun eindeutig
besorgt zu Silias hinübersah. Der rothaarige Gauner schwieg lange und für einen Augenblick glaubte Veridian, er würde ein Messer unter seinem grauen Mantel hervorziehen.
Mir ist schwindelig. , hörte er eine vertraute Stimme jammern und für einen Herzschlag verband sich der Schutzgeist mit ihm, um ein wenig von dem Unwohlsein an ihn
abzutreten. Du machst das gut. , dachte Veridian, worauf sie als grinsende Miniatur vor
seinem inneren Auge erschien. Ich weiÿ. , dachte sie amüsiert zurück und verlieÿ ihn
wieder.
Inzwischen hatte Silias seine Entscheidung getroen. Völlig ruhig schien er, sah man
einmal von seinen Augen ab. Ein Spiel für die Götter. , kommentierte er knapp, Zu
schade, um es am Einsatz scheitern zu lassen. Er zog vier weitere Münzen und hielt
sie Veridian hin. Der nickte, worauf das Geld in seine Hand el. Herausfordernd schob
er es in die Mitte des Tisches. Im Leben würfelst du keine Vierzehn! , entgegnete sein
Kontrahent und zählte mit inken Fingern vierzig Goldtaler in die Mitte. Der Einsatz
war nun fast so groÿ wie das, was er noch übrig hatte.
Veridian nickte zufrieden und schickte sich an, abermals zu Würfeln. Halt! , sprach
da sein Gegenüber und hielt seine Hand fest. Würe damit. Mit diesen Worten schob
er ihm den Würfelbecher des dritten Spielers hin. Veridian zögerte einen Moment, dann
stellte er die eigenen Würfel beiseite. Angst, dass ich betrüge? , fragte er herausfordernd
und biss sich augenblicklich auf die Zunge. Kein Grund, den anderen zu provozieren.
Spielst du ehrlich, sollten dir die Würfel gleich sein. , erwiderte der andere, was ihm
ein zufriedenes Nicken seines Herren einbrachte. Sind sie mir. , erklärte Veridian und
wartete einen Moment, nur um sicherzugehen, dass seine Kameradin in den richtigen
Becher geschlüpft war. Dann machte er seinen Wurf.
Drachenaugen!
Scheiÿ mir... , uchte der Gauner und lieÿ eine Faust auf den Tisch krachen. Silias
war wie aus Stein gemeiÿelt. Herausfordernd blickte Veridian zwischen den beiden hin
und her. Achtzig Taler? , fragte er, wobei nicht ganz klar war, wen er meinte.
Eine Menge Geld. , sprach Silias und strich sich mit der Hand durch die Haare, Wer
sagt mir, dass du deine Schuld bezahlrn kannst? Veridian hob beide Arme. Es ist nichts
in meinen Ärmeln, Herr. , antwortete er, Kein Dolch und ein Würfel schon gar nicht.
Er tat, als ringe er für einen Augenblick mit sich selbst. Ich habe ein Boot, das im Kanal
vor Anker liegt. Das mögt ihr als Pfand haben.
Silias schluckte den Köder und lächelte. In diesem Fall... , sprach er aalglatt und
zählte acht diamantenbesetzte Münzen auf den Tisch, Viel Glück. Widerwillig warf
sein Gegenspieler Münze für Münze das Gold in die Mitte, bis vor seinem Becher nur
noch ein kläglicher Haufen lag.
Mehr als dreihundert Goldtaler, das war eine stolze Summe, nicht nur für einen armen
Wanderer wie Veridian, sondern auch für einen Schurken wie Silias.
Wortlos nahm er Würfel um Würfel, warf sie in den Becher und pustete wie aus
Aberglauben hinein. He, das kitzelt. , protestierte Hallia, dann folgte sie den beiden
Würfeln.
Alles oder nichts, das galt es nun und trotz der Anspannung lag Siegessicherheit in
jedem der drei Gesichter. Zwei von ihnen sollten sich irren. Mit provozierender Gemäch-
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lichkeit schüttelte Veridian den Becher, hierhin, dorthin, bis er in schlieÿlich zum letzten
Mal auf den grobgezimmerten Tisch hämmerte. Um ihn war es so still, dass er jedes einzelne Klappern der Würfel hören konnte, die sich vom Wind geleitet ihren Platz suchten
und schlieÿlich zu liegen kamen.
Ruckartig entblöÿte er den Wurf. Hallia hatte ihn auch dieses Mal nicht enttäuscht, es
war eine Zwölf. Zusammen mit den Drachenaugen bedeutete das die Vierzehn und damit
den Sieg.
Erst geschah für eine atemlose Sekunde gar nichts, dann brachen die Flüche los. Die
beiden Gauner am Tisch benutzten Ausdrücke, die selbst einer Hure die Schamesröte
ins Gesicht getrieben hätten, dann langten sie unter den Tisch, wie um ihre Waen zu
ziehen. Aber sie taten es nicht, denn noch war der vierte Mann am Tisch still.
Sieg. , sprach er schlieÿlich mit einem kalten Lächeln, Meine Glückwünsche. Er
wies auf den Haufen in der Mitte. Doch uns beiden gehört nur die Hälfte. Ein Jammer,
eigentlich. Beinahe zögerlich nahm er seinem Untergebenen den Würfelbecher aus der
Hand. Für gewöhnlich spiele ich nicht. , fuhr er fort, Aber bevor wir das Geld mühsam
auseinanderklamüsern, mache ich gerne eine Ausnahme.
Er sah Veridian an wie eine Schlange, die auf ihre Beute hinuntersieht. Teils schienen
seine berechnenden Augen ihn zu locken, teils, ihm zu drohen. Riecht nach Ärger. , verkündete der frischzurückgekehrte Windgeist in Veridians Geist. Er wird spielen, bis wir
wieder pleite sind. , dachte Veridian, Und wehe uns, wenn wir aufstehen. Sie kicherte.
Ja, wehe uns. Er nickte zustimmend. Zwei Dumme, ein Gedanke.
Also setzte er ein feistes Lächeln auf und schüttelte den Kopf. Für heute ist's genug. ,
sprach er und gri nach dem Gold in der Mitte des Tisches. Wie bedauerlich. , erwiderte Silias mit zusammengebissenen Zähnen, Mit deinem Glück... Ein letztes Mal hielt
er ihm den Würfelbecher hin, nun eindeutig drohend. Seine beiden Kumpane machten
sich zum Sprung bereit, zweifellos Dolche in den Händen. Man sollte sein Glück nicht
überstrapazieren. , sprach Veridian, als ahnte er nicht, welches Spiel hier gespielt wurde.
Ironisch. , antwortete der rothaarige Ganove und zog ein Messer aus dem Ärmel, Du
hast es soeben getan. Im selben Augenblick, in dem die drei auf ihn lossprangen, fuhr
Hallia unter den Tisch und kippte ihn über die zwei Gegenspieler hinweg. Gold spritzte
wie Wasser in alle Richtungen und augenblicklich waren sie von einer wütenden Meute
gieriger Zecher umgeben.
Währenddessen hastete Veridian aus der Bahn von Silias herannahender Klinge, stolperte rücklings über einen Schemel und prallte mit voller Wucht gegen den Nachbartisch,
wo er sämtliche Bierkrüge zum Umfallen brachte. Es war, als sei ein Funken in ein Pulverfass gefahren. Drohend erhoben sich die Besitzer, hoben wütend Stühle und stürzten
sich ins Getümmel.
Indes rappelten die zwei Gegenspieler sich auf, um Silias zu unterstützen, taumelten
aber dank Hallia ebenfalls in einen der prallgefüllten Tische. Veridian indes hatte sich
quer über den Tisch gerollt und suchte sein Heil in der Flucht, Silias ihm dicht auf den
Fersen.
Um des Goldes, der verletzten Ehre und des verschütteten Bieres willen brach ringsum
eine Schlägerei los, die sich vor den Kriegen des Imperiums nicht zu verstecken brauchte.
Beügelt von Alkohol und Langeweile schlugen die zwielichtigen Gäste aufeinander ein
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und die Gewalt schoss wie ein Laueuer durch den diesigen Schankraum.
Duck dich. , hauchte es in Veridians Ohr und er tat es gerade rechtzeitig, um einem
tieiegenden Stuhl zu entgehen. Noch war er allerdings nicht aus der Gefahr, denn vor
ihm rangen zwei breitschultrige Gauner miteinander, auf die er geradewegs zusteuerte.
Das wird böse enden. , dachte er nur noch, als er gegen die beiden Kolosse taumelte,
aber er hatte Glück. Verkeilt in einen Kampf, der nur deswegen nicht tödlich endete, weil
die beiden sich kaum noch auf den Beinen halten konnten, nahmen die Zecher Veridians
Aufprall nur als weiteres Schwanken, das es auszugleichen gab.
Während sie in den Tresen krachten, gewann Veridian sein Gleichgewicht zurück und
schlug einen Haken, gerade noch rechtzeitig, um einem weiteren Dolchhieb zu entgehen.
Noch bevor Silias ein weiteres Mal ausholen konnte, war Veridian schon weitergestolpert,
geradewegs in einen sanften Wind, der sich augenblicklich mit ihm verband. Hallia. ,
dachte er freudig. Guten Tag. , gab sie verspielt zurück, Wo drückt der Schuh? Er
verdrehte die inneren Augen. Wie wäre es zu Anfang mit dem Messerstecher auf meinen
Fersen? Ihr Bildnis in seinem Geist grinste ihn feist an. Einfach. , erklärte sie, Puste
ihm die Lichter aus. Sie ballte eine ihrer bläulichen Hände zu einer Faust. Ist das nicht
eher dein Metier? , gab er skeptisch zurück. Du wirst schon sehen.
Kaum eine Sekunde war vergangen, seit sie ihre Konversation begonnen hatten und
so fuhr Veridian ungelenk herum und stellte sich dem mordlustigen Silias entgegen. Der
hatte schon zum nächsten Stich angesetzt, stutzte aber, als sein Gegner innehielt. Es
war nur ein Atemzug, aber der Gemeinschaft aus Mann und Schutzgeist genügte das.
Veridian tat, wie Hallia ihm geheiÿen, machte eine Faust und schlug zu. Silias hob noch
eine Augenbraue, verblüt von der Frechheit des Verfolgten, aber als der Schlag ihn traf,
da war die Arroganz fortgewischt. Wie von unsichtbaren Fäden gezogen og er nur so
durch die Schenke, prallte hart gegen den Tresen und sackte dort in sich zusammen.
Verblüt starrte Veridian auf seine Finger, bis er begri, was gerade geschehen war.
Die prügelnden Trunkenbolde um ihn herum schienen nicht weniger beeindruckt, denn
einige davon hatten innegehalten und starrten ihn mit oenem Mund an. Warte nur! ,
tönte es hinter ihm und noch bevor er sich umwandte, konnte er förmlich spüren, wie sich
die zwei Spieler auf ihn stürzten. Gern geschehen. , hauchte eine wohlvertraute Stimme
in sein Ohr, er spürte ein sachtes Sausen und hörte kurz darauf ein hässliches Krachen.
Hinter ihm waren die zwei Gauner abermals über die eigenen Füÿe gestolpert und
begannen, lautstark aufeinander einzuschimpfen, während sie sich aufrappelten. Veridian
biss die Zähne zusammen, gri nach der nächstbesten Flasche und verwandelte sich mit
einem Schlag gegen die Tischkante in eine scharfkantige Wae. Zumindest beim zweiten
Versuch, als die Flasche tatsächlich zerbrach.
Genug! Die Stimme hallte durch den düsteren Raum wie ein Donnerschlag. Auch der
betrunkenste Gauner zuckte zusammen und nahm, so gut er konnte, Habachtstellung an.
Ohne seine improvisierte Keule fallen zu lassen, blickte Veridian sich um. Der Befehl
stammte von einem breitschultrigen Mann, der im Schatten unter dem ausgestopften
Dreyhornkopf gesessen war. Er selbst hatte etwas von einer Bestie, das wilde schwarze
Haar in reichverzierte Zöpfe geochten, die Augen gesäumt von buschigen Brauen, die
tiefe Schatten warfen, die silberverstärkten Zähne gebleckt. Über seinen Schultern lag ein
stählerner Schulterschutz, darunter quer ein Ledergurt, in dem Dutzende Wurfklingen
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steckten. Als sei das nicht genug, baumelten an seinem Gürtel zwei Schwerter. Er sah
nicht glücklich aus und was noch schlimmer war, er sah Veridian direkt in die Augen.
Dragor. , dachte Veridian im Tonfall von schlechten Neuigkeiten. Vorsicht. , mahnte
Hallia, In den Stiefeln hat er bestimmt auch noch Messer.
Ich hatte nicht vor, mich mit ihm anzulegen. , gab ihr Herr zurück. Es reicht, wenn
er sich mit dir anlegen will. Und genau danach sah es aus, denn der schwerbewanete
Gauner stapfte durch die schreckstarre Menge direkt auf sie zu. Das war ein blöder
Plan. , dachte Veridian voller Zweifel. Ruhe bewahren. , gab Hallia zurück. Du hast
gut reden, wo du dich doch in Windeseile davonmachen kannst.
Aber dazu sollte es nicht kommen, denn Dragor hatte sie erreicht. Die einzige Regung
in seinem zerfurchten Gesicht war Ruhe. Er musterte Veridian wie einen Schüler, dann
machte er nur ein Geräusch. Ha! Veridian wagte es weder zu atmen, noch ihm in die
Augen zu sehen. War das ein gutes oder ein schlechtes Ha? , dachte er panisch. Wohl ein
gutes. , erwiderte Hallia. Sie hatte Recht, denn sah man sich um, konnte man beobachten,
dass einige der Umstehenden oenkundig beruhigt waren.
Silias indes hatte sich mit Hilfe seiner beiden Kumpane aufgerappelt und rieb sich
das Kinn. Er warf Veridian einen Blick zu, der nichts Gutes verhieÿ. Dann allerdings
wandte Dragor sich um und stapfte ruhig auf seinen Rivalen zu. Er überragte Silias um
Haupteslänge und hätte er gewollt, so hätte er ihm mit einem Gri das Genick brechen
können. Dennoch lieÿ der andere keine Spur von Angst zeigen. Das zeugte von Mut, oder
vielleicht von Wahnsinn.
Du kennst die Regeln. , polterte Dragor dunkel, worauf der Wirt hinter dem Tresen
zustimmend nickte. Silias sagte nichts und wies nur auf Veridian. Er... Sein Gegenüber
umfasste seinen dürren Arm und bog ihn ohne Mühe hinunter. Scheiÿegal. , knurrte er,
Der hat keinen Eid geschworen. Trotzig wie ein Kind riss Silias sich los und rieb sich
den Arm. Scheiÿ auf dich und deinen Eid. , uchte er, worauf Dragor in aller Seelenruhe
die Hände auf seine Schwerter legte. Scheiÿ auf dich. , erwiderte er, Und deine Mutter,
die Hure. Er nahm ein Schwert samt Scheide und zog damit eine Linie zwischen den
beiden. Das hier ist neutraler Boden. , erklärte er, Aber wenn du auch nur einen Fuÿ
über diese Linie setzt, scheiÿe ich auch darauf. Die Worte gingen durch den Raum und
ein geschultes Auge konnte sehen, wie sich auf jeder Seite der Linie einige zum Kampf
bereit machten. Gewalt lag in der Luft, nicht nur eine Kneipenschlägerei, sondern etwas
weitaus Ernsteres.
Gebannt starrte Veridian auf Silias, den Mann, der die Wahl zwischen Krieg und
Frieden hatte. Soll ich ihn über die Linie schubsen? , fragte Hallia schelmisch. Hand
aufs Herz. , erwiderte ihr Kamerad, Wie viele Kriege hast du schon verschuldet? Pf. ,
machte seine Gefährtin, Nur, weil man mal ein paar Leute die Treppe... Sie hielt inne,
denn es sah so aus, als hätte Silias eine Entscheidung getroen.
Neutraler Boden. , wiederholte er ruhig, wich einen Schritt zurück und fuhr sich durch
das rote Haar. Er deutete eine Verbeugung an und ging rückwärts auf den Eingang der
Kneipe zu. Hier indes... Er trat über die Schwelle, ...endet dein Refugium. Mit einem
Schwung seines Mantels wandte er sich um und verschwand gefolgt von seinen beiden
Lakaien.
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Drauÿen vor der Kneipe gönnte Hauptmann Zerbas sich ein schadenfrohes Lächeln. Durch
die trübe Scheibe hatte er beobachtet, wie sein Kamerad ihren Plan durchgeführt hatte. Nun, da Silias sich zum Gehen wandte, hatte Veridian jede Gelegenheit, Dragors
Vertrauen zu erschleichen. Und was ihn anging, auch er hatte einen Teil zu spielen.
Mit wehendem Mantel stürmte Silias durch die Tür und hätte den Imperialen schier
über den Haufen gerannt. Seine Lakaien sahen die imperiale Uniform und grien augenblicklich nach ihren Messern, aber eine geistesgegenwärtige Geste ihres Anführers
hinderte sie daran, sie zu ziehen. Zerbas bemerkte es mit einem Hauch grimmiger Genugtuung. Dies hier war noch immer imperialer Boden, und die Verbrecher mussten vor
ihm den Schwanz einziehen, wie sie es vor Dragor getan hatten.
Hauptmann Zerbas. , sprach Silias und versuchte dabei, seinen Zorn über die soeben
erlittene Schmach zu verbergen. Es gelang ihm kein Stück. Was führt euch hierher?
Der Hauptmann musterte ihn von oben bis unten. Dasselbe wie immer, Silias. , antwortete er ruhig, Ordnung bewahren.
Mit diesen Worten warf er einen Seitenblick in die Schankstube, als wolle er sich vergewissern, dass die Schlägerei wirklich aufgehört hatte.
Nur ein Missverständnis unter Ehrenmännern. , erklärte Silias aalglatt, wohlwissend,
dass der andere seine Lüge nicht schlucken würde. Es war ein Spiel, das die beiden schon
lange spielten. Zu lange. Zerbas konnte es kaum erwarten, bis er dem rothaarigen Bastard
etwas nachweisen konnte.
Hmmm. , machte der Imperiale also nur und fasste die beiden geprügelten Lakaien
ins Auge. Auÿerdem... , fuhr Silias hastig fort und versperrte ihm den Blick, scheinen
euch die Männer zu fehlen, um dort drinnen durchzugreifen.
Zerbas beschloss, die Provokation zu übergehen. An jedem anderen Tag hätte er Silias
so viel Ärger bereitet, wie das Gesetz es erlaubt hätte, aber nicht heute. Das? , fragte
er und zeigte auf die Gauner hinter dem Glas, Das könnte ich mir den ganzen Tag
ansehen.
Sein Gegenüber dankte ihm die Worte mit einem wenig amüsierten Lächeln. Genug
geplaudert. , sprach er, So sehr ich dieses Geplänkel mit euch schätze. Zerbas hob eine
Augenbraue. Zeit ist Geld. , fuhr Silias fort, Was also wollt ihr?
Wortlos warf der Hauptmann ihm zwei Würfel zu. Erstaunlich behände ng der Gauner
sie auf und drehte sie in den Händen. Zwar versuchte er, eine ruhige Miene zu bewahren,
aber nur für einen Herzschlag ackerte die nackte Bestürzung in seinen Augen auf. Was
soll ich damit? , fragte er patzig.
Was könnt ihr mir über diese Würfel sagen? , fragte Zerbas und legte eine Hand an
sein Schwert. Silias lieÿ die abgewetzten Würfel in den Händen kreisen. Bittet ihr mich
um einen Gefallen, Hauptmann? , fragte er spöttisch. In seinen Augen loderte es noch
immer. Kein Zweifel, dass er die Würfel seines toten Untergebenen erkannt hatte.
Zerbas sagte nichts, sondern blickte sein Gegenüber nur unablässig an. Die Würfel
haben Gewichte. , erklärte Silias schlieÿlich, Beliebt so etwas, im Ostland zum Beispiel,
wo das Glücksspiel noch erlaubt ist. Zerbas nickte. Und hier? , hakte er nach.
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Es war ein oenes Geheimnis, dass das Glücksspiel selbst nach dem Verbot des Imperators seine Anhängerschaft in Titania nicht verloren hatte. Selbst Zerbas Männer hatten
schon mit Silias Gaunern gespielt. Die, die er erwischt hatte, schoben Nachtwache, bis
sie zu müde waren, den Sold zu verprassen. Trotz alledem war Silias nicht so dumm,
irgendetwas oen zuzugeben.
Manche skrupellosen Elemente widersetzen sich dem Verbot des Imperators. , erklärte
er also schlieÿlich, Narren, wenn ihr mich fragt. Mit ehrlichen Geschäften lässt sich viel
mehr Geld verdienen.
So wie Veridian ihm das Fell über die Ohren gezogen hatte, war das wohl noch nicht
einmal eine Lüge. Diese Würfel gehörten einem eurer Leute. , sprach Zerbas, Was sagt
ihr dazu?
Viele Männer stehen bei mir in Lohn und Brot. , erklärte Silias, Da mag der ein
oder andere dabei sein, der mal ein Gesetz bricht. Er lächelte ein Lächeln, als wolle er
Katzengold verkaufen. Ich gebe jedem Arbeit, der eiÿige Hände hat. Das ist wohl kein
Verbrechen.
Der Hauptmann knirschte mit den Zähnen und rang für einen Atemzug mit dem Drang,
dem Lump die Fresse zu polieren. Solch dreiste Lügen von einem wie ihm...
Schwachsinn! , sprach er also und machte einen Schritt auf Silias zu, was augenblicklich die beiden Leibwächter auf den Plan rief. Der Hauptmann lieÿ sich nicht einschüchtern und zog sein Schwert, nur soweit, um klarzumachen, dass er es ernst meinte. Hör
zu. , knurrte er, Irgendjemand oder irgendetwas wildert in meiner Stadt und tötet deine Männer. Er wies auf die Würfel. Stück für Stück. Silias schluckte. Du hast zwei
Möglichkeiten. , sprach Zerbas weiter, Entweder, wir nden den Mörder, oder... Er
bleckte die Zähne. Ich sehe in aller Ruhe zu, wie dein ehrenwertes Unternehmen in sich
zusammenbricht.
Silias wich zurück. Es ist euch also nicht entgangen... , murmelte er, nur, um sogleich
wieder in seinen geschäftigen Ton zurückzunden. Tatsächlich sind ein paar meiner
Leute verschütt gegangen. , sprach er, Ich habe es auf die allgemeine Aufruhr nach dem
Turnier geschoben.
Pah. , machte Zerbas. Da hätte ich fast geglaubt, ein ehrliches Wort hätte deinen
Mund verlassen.
Verärgert rieb Silias das Kinn. Also gut, Klugscheiÿer. , räumte er ein, Jemand führt
Krieg gegen mich. Er knirschte mit den Zähnen. Und dieser Jemand sitzt dort drin und
spricht über Frieden.
Zerbas nickte wenig beeindruckt. Ehre unter Gaunern. Fast hätte er gelacht, hätten
nicht so viele ehrliche Bürger unter diesen beiden zu leiden. Dragor. , sprach er also,
Der Schluss liegt nahe.
Ich werde ihm ein Feuer unter dem Arsch entfachen, dass er niemals wieder sitzen
kann. , uchte Silias, Willst du mir helfen, Hauptmann, so tue es.
Nicht um deinetwillen.
Der rothaarige Gauner zuckte mit den Schultern. Könnte mir gar nicht egaler sein. ,
sprach er jovial und legte dem Hauptmann einen Arm um die Schulter. Partner.
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Der Wein ist gepanscht und die Frauen sind schlecht! Aber hab ich nur Gold ist mir
alles recht!
Das trunkene Lied der Räuber hallte hinaus ins Gebälk, wo man Veridian eine Nische
zugewiesen hatte.
Rauch füllte das windschiefe Gebäude, den der schläfrige Windgeist von Zeit zu Zeit
verstreute, um ihm ein wenig frische Luft zu verschaen. Der Winter war gekommen und
unter Stroh und Lumpen wurde es trotz dem Feuer dort unten ein wenig kalt. Dennoch
lächelte Veridian. Die Räuberhöhle hatte eine gewisse Romantik inne, wie er sie seit seiner
langen Suche nach Hallia nicht mehr empfunden hatte.
Jetzt werde nicht nostalgisch. , murmelte der Windgeist. Wenn sie beide müde waren,
verschwamm die Grenze zwischen ihren Gedanken und Erinnerungen und Gefühle liefen
ineinander wie schmelzendes Eis. Manchmal teilten sie sogar Träume. Du kannst dich
wohl kaum beschweren. , dachte er zurück, Schlieÿlich hast du mich durch die halbe
Welt laufen lassen. Hallia rümpfte die imaginäre Nase. Wer hat hier wen gejagt? , gab
sie spitz zurück, Auÿerdem war das nur so lange, bist du würdig warst, mich zu fangen.
Er dachte eine Verbeugung. Danke auch für die Reise.
Beide lachten leise, während der Räuberchor unten die nächste Strophe ansetzte. Der
Wein ist so süÿ und die Frauen adrett, aber hab ich kein Gold... Der Windgeist ächzte
und eine Böe wirbelte den Staub von den Balken. Gebt ihnen ein paar Groschen, dass
sie aufhören. , murmelte sie griesgrämig.
Veridian grinste und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Zwar war er müde und
in gewissem Sinne zufrieden, aber in seinem Hinterkopf war auch ein wenig Angst. Es war
ein guter Tag gewesen, so gut zumindest, wie ein Tag sein konnte, an dem man herausgefunden hatte, dass der Alptraum noch nicht vorüber war. Der gefürchtete Dragor hatte
sich sehr beeindruckt gezeigt, dass jemand seinem Erzfeind nicht nur eine Menge Gold
abknüpfen, sondern ihm dann auch noch das Kinn polieren konnte. Nachdem Veridian
ein paar Schnäpse mit ihm getrunken und über ein paar seiner rauen Witze gelacht hatte,
war er oziell Teil der Räuberbande geworden. Zumindest so oziell, wie das bei einer
Räuberbande ablief.
He, Neuer! , tönte es plötzlich und Veridian schreckte auf, was ihn schier sein Gleichgewicht gekostet hätte. Während sein Strohsack hinunter zu den Räubern el, rappelte
er sich auf und blickte ins Halbdunkel. Dort saÿ rau lachend ein Schemen auf einem der
Balken und musterte ihn aus eingefallenen Augen. Hoppla. , meinte er nur und blickte
dem Strohsack hinterher, An deiner Wachsamkeit musste noch feilen.
Hallia bot ihrem Kamerad an, den Räuber aus Trotz vom Balken zu stoÿen, aber er
gebot ihr Einhalt, wohlwissend, dass sie es nicht ernst meinte. War ein langer Tag. ,
murmelte er entschuldigend. Der andere winkte ab. Schönheitsschlaf kannste wann anders halten, so nötig du ihn hast. Er stand auf und reichte ihm die Hand. Tag wird
nämlich noch länger.
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Zerbas begann zu denken, dass diese Allianz eine schlechte Idee war. Nein, um genau zu
sein, er hatte noch niemals gedacht, dass sie eine gute Idee war. Aber welche Wahl blieb
ihm?
Ist die Augenbinde wirklich notwendig? Er hörte Silias leise lachen. Ein Mann muss
seine Geheimnisse eifersüchtiger bewachen als seine Frau.
Eure Geheimnisse. , echote der Hauptmann spöttisch, Wohl eher die Leichen in eurem Keller.
Das ist wahrer als ihr denkt. , sprach Silias düster. Zerbas Fuÿ gri ins Leere. Ach
ja. , fuhr sein Feind fort, Vorsicht, Stufe.
Schweigend stiegen sie hinab und der blinde Hauptmann zählte die Stufen, bis sie
fünfzig hinter sich gelassen hatten. Der Weg führte sie tief in den Untergrund. Seine
Hände fühlten nassen, rauen Stein und ein Geruch von Moder drang ihm in die Nase. Es
war kalt hier unten und von weitem hörte man unablässiges Tropfen.
Wo sind wir? , murmelte Zerbas. Ihr scheint den Zweck der Augenbinde wirklich
nicht zu begreifen, was? , spottete Silias, der diese Situation sichtlich auskostete. Was,
wenn er den Imperialen einfach in einen bodenlosen Abgrund führte oder noch schlimmer
in ein Verlieÿ, um ihn auszuhorchen?
Nein, das war wirklich keine gute Idee gewesen. Aber Zerbas hatte keine bessere gehabt,
um den Mann hinter dem Schwert zu nden.
Sie hatten den Grund erreicht und setzten ihren Weg gebückt fort. Selbst durch den
Sto um seine Augen war die Finsternis oenkundig. Lediglich die Fackel in Silias Händen
sandte von Zeit für Zeit ein Flackern greller Wärme. Ein anderer Geruch mischte sich in
den Moder, ein Geruch, wie ihn der Hauptmann nur viel zu gut kannte. Der Geruch des
Todes.
Wir sind hier. , sprach der Gauner schlieÿlich und sein Begleiter streifte die Augenbinde ab. Sie befanden sich in einem gemauerten Gewölbe, dessen Wände von Feuchtigkeit
und Algen grünlich glitzerten. Das war es aber nicht, was seine Augen in den Bann zog.
Tote. Drei Stück. Zerbas verzog keine Miene, als er die aufgespaltenen Leiber musterte,
blutbesudelt und alle im Begri der Verwesung. Drei mehr, die das Schwert genommen
hatte. Drei mehr, die letzten Endes auf seinem Gewissen lasteten. Drei. Nur eine Zahl,
kein Wort, um dem, was er empfand, gerecht zu werden. Es waren wohl schlechte Männer,
die hier lagen, Männer, denen er vielleicht unter anderen Umständen den Tod gewünscht
hätte. Aber als er sie nun hier liegen sah, konnte er keine Gerechtigkeit darin nden, nur
Zorn und Schuld.
Wortlos senkte er den Blick. Das sind nur die, die wir gefunden haben. , sprach Silias.
Wenn er Mitleid empfand, so konnte er es gut verbergen. Alles, was aus seiner Stimme
klang war Ärger über eine vergeudete Investition.
Wo? , fragte Zerbas und beugte sich zu den Toten hinab. Dort, wo man nachts für
gewöhnlich Geschäfte macht. , erklärte Silias, In einem Hinterhof, im Kanal und der
letzte... Er zögerte und der Hauptmann blickte auf. Geschäftsgeheimnis. , schloss er,
worauf Zerbas hochfuhr und ihn am Kragen packte. Augenblicklich hatten Silias zwei
Kumpane ihre Messer gezogen.
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Wo? , fragte der Imperiale unbeirrt der Übermacht. Silias versuchte vergeblich, sich
loszureiÿen. Es tut nichts zur Sache. , beteuerte er.
Widerwillig lieÿ Zerbas los. Und niemand hat etwas gesehen. Der Gauner seufzte.
Einer meiner Männer erzählte wirres Zeug von lebendigen Schatten und blauem Feuer.
Zerbas war, als schlösse sich eine Faust um seinen Magen. Blaues Feuer. , murmelte er.
Ein Trunkenbold. , wiegelte Silias ab, Nichts weiter.
Pah! , machte Zerbas und beugte sich wieder hinunter zu den Leichen. Ich habe gegen
den Träger dieser Wae gekämpft. Er deutete auf die schlimme Wunde im Brustkorb
des Mannes zu seinen Füÿen, Ein Mensch war er nicht. Zumindest nicht mehr. Aus
den Augenwinkeln konnte er sehen, wie das Grausen den sonst so abgebrühten Schurken
überkam. Gut. Langsam begri er den Ernst der Lage.
Nur, dass ich mich nicht irre. , sprach Silias, während der Hauptmann die Taschen
der Toten durchsuchte, Dieses veruchte Schwert, von dem ihr berichtet habt. Ihr habt
seinen Träger getötet und es konsziert.
Wir haben ein Haus über ihm einstürzen lassen. , erklärte Zerbas, ohne aufzublicken.
Wie im Militär galt hier auch, den anderen nur genau so viel wissen zu lassen, wie er
wissen musste. Das Schwert wurde gestohlen.
Gestohlen... Silias verschränkte die Arme. Das sähe Dragor ähnlich. Zerbas hob
eine Augenbraue. Und euch nicht?
Silias lachte tonlos. Euren Groll in allen Ehren, Hauptmann. , antwortete er, Aber
mit dem Imperium und dem Widerstand lege ich mich nicht an. Genauso gut könnte ich
meine Hand in ein Wespennest stecken.
Der Widerstand. Zerbas drängte den Gedanken an die Blaue Königin zurück, die ihm
eine schmachvolle Niederlage beigebracht hatte. Stattdessen suchte er noch einmal die
Toten ab. Aha. , machte er schlieÿlich und zog etwas unter einem Leichnam hervor. Es
war ein Fetzen Sto, der wohl in der Hand des toten Gauners gesteckt hatte.
Was ist das? , fragte Silias, noch immer nicht bereit, sich die Finger schmutzig zu
machen. Wortlos faltete der Hauptmann sein Fundstück auf. Es war ein Stück von einem
Wams, darauf in roter Tinte der Kopf eines Dreyhorns. Dragor. , uchte Silias.
Zerbas nickte und dachte an seinen Kameraden, der gerade in der Höhle des Löwen
war.
Wie lange müssen wir hier noch sitzen? , fragte Veridian und blickte über die Kante des
Dachs hinunter auf die Straÿe. So lange, wie es dauert. , antwortete sein Kamerad, den
er inzwischen als Janos kennengelernt hatte. Auÿerdem sitzen wir nicht, wir liegen auf
der Lauer. , fügte er hinzu.
Veridian kannte den Räuber inzwischen gut genug, um zu wissen, dass das ein Witz
sein sollte. Auf Dragors Befehl hin hatten die beiden den Auftrag bekommen, Schmiere zu
stehen (oder zu liegen), damit eine geheime Lieferung vom Kanal bis zu Dragors Versteck
gelangen konnte. Wo auch immer das lag, denn darin hatte man ihn als Neuling noch
nicht eingeweiht.
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Janos war nicht gerade begeistert davon, sich hier drauÿen die Nacht um die Ohren zu
schlagen. Arschkarte. , hatte er nur gemurmelt und es dabei belassen.
Hätte nicht gedacht, dass das Räuberdasein so langweilig ist... , murmelte Veridian, als
unten eine streunende Katze durch die Dunkelheit huschte. Langweilig... , wiederholte
Janos, Räuberdasein kann viel schlimmeres sein als langweilig. Er streckte einen Arm
von sich und lieÿ die Gelenke knacken. Langweilig bricht keine Knochen. Langweilig
macht dich nicht tot. Veridian lachte trocken. Langweilig bringt auch kein Gold.
Wahr, wahr. , antwortete der Räuber, Gold ist bei dir aber genug. Er zog einen
Würfel. Oder hat man mir Scheiÿe erzählt? Er streckte Veridian den Würfel hin, als
wolle er ihn auordern, sein Kunststück zu wiederholen. Zu schade nur, dass Hallia nicht
da war. Hast das mit Silias gehört? , fragte er also nur.
Janos spuckte über die Brüstung. Silias. , uchte er, Gut, dass du ihm die Fresse
poliert hast. Veridian nickte. Hat mir meinen Platz hier eingebracht. , erklärte er,
Dragor kann ihn wohl so gut ab wie Krätze.
Schritte tönten über das Paster und er hielt inne. Nur ein verirrter Trinker, nichts
weiter. Hallia hätte ihn ohnehin vorgewarnt, wenn irgendeine Gefahr sich näherte. Der
nächtliche Wanderer torkelte vorbei und beide Männer sahen ihm schweigend hinterher.
Ist 'ne lange Geschichte mit Dragor und Silias. , murmelte Janos schlieÿlich, Manche sagen ist nur Geschäft, manche sagen ist persönlich. Manche reden von einer Frau,
aber das ist Mumpitz. Veridian sah auf. Vielleicht wusste sein Kamerad ja, was Dragor
gegen seinen Erzfeind geplant hatte und damit, wo sich das Schwert befand. Ein wenig
Neugierde konnte nicht schaden. Und was redest du? , fragte er also.
Janos kratzte das strubblige Haar hinter seinem Ohr. Sooft er ihn auch zur Ruhe
gemahnt hatte, er selbst war den ganzen Abend unruhig gewesen. Geschäft, mehr nicht. ,
riet der Räuber, Haben sich die Stadt geteilt wie ein Huhn. Er zuckte mit den Schultern.
Frieden bröckelt aber. Haste ja selbst gesehen.
Veridian antwortete: Von mir aus könnten wir Silias in Flammen stecken. Er knirschte
mit den Zähnen. Sein Gegenüber sah auf. Dein Schmackes hat Dragor gut gefallen. ,
sprach er, Könnte sein, dass du Silias in nächster Zeit ein paar Knüppel zwischen die
Beine werfen kannst.
Hmm. , machte Veridian und zwang sich, ein wenig zu warten, obwohl ihm das Herz
bis zum Halse schlug, Was hat Dragor vor?
Geduld hast du. , sagte Janos ruhig, Wirst du schon noch rechtzeitig erfahren.
Gut, gut. , murmelte Veridian, Sorgen wir erst mal dafür, dass diese Lieferung ihren
Weg nach Hause ndet. Er beschloss, noch eine weitere Frage zu stellen. Was genau ist
das eigentlich, was wir bekommen?
Janos hob eine Augenbraue. Neugierde. , murmelte er, Gefährlich, das.
P... , macht Veridian, Dann sag's mir halt nicht.
Der Räuber lachte leise. Kann dich gut verstehen. Neuer muss seine Augen und Ohren
oenhalten, will er's zu was bringen.
Ja. , bestätigte Veridian. Obwohl der andere freundschaftlich tat, lag doch ein gewisser
Argwohn in seinen Worten, den er aber tunlichst zu verbergen suchte.
Gut, also. , sprach Janos schlieÿlich verschwörerisch, Sollte es dir nicht sagen, aber
ist wohl nur gerecht, wenn du weiÿt, wofür du Kragen und Kopf riskierst. Er legte
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eine Pause ein, halb dramatisch und halb vielleicht, weil er zögerte, Dragors Befehl zu
missachten. Wir bekommen Nachschub. Weiÿer Lotus.
Weiÿer Lotus? , fragte Veridian.
Ein Gift, das Träume beschert, Rausch, Euphorie. , erklärte der Räuber abschätzig,
Nie davon gehört?
Veridian schüttelte den Kopf, obwohl ihm auf seiner Reise mancherlei solche Dinge
begegnet waren, vom Feuertabak der Nhubi'Reg bis zum guten alten Starkbier.
Hat nur einen Haken, das Zeug. , sprach Janos weiter, Nach einer Weile kannst du
ohne nicht mehr träumen. Nichtmal schlafen.
Also müssen die Leute immer weiterkaufen. , schloss Veridian. Gift unter die Leute
bringen, das war ein schlimmes Verbrechen. Wäre Zerbas hier an seiner Stelle, hätte er
den Räuber sicherlich hinunter auf die Straÿe geschleudert.
Gefällt dir nicht, was? , fragte Janos, ohne ihn anzusehen. Mir auch nicht, aber so
ist es halt. Wenn wir's nicht machen, macht es Silias. Lass nur du die Finger davon.
Veridian tat sein Möglichstes, um sich seinen Abscheu nicht ansehen zu lassen. Janos
war ohnehin das falsche Ziel dafür. Der Räuber wich seinem Blick aus. Vielleicht war es
das, was ihnen diesen Abend so nervös machte. Der Rest von einem Gewissen.
Danach sagte er eine ganze Weile lang nichts mehr. Die Lieferung lieÿ auf sich warten.
Genauso wie Hallia, die oben am Nachthimmel ihre Runden zog. Veridian vermisste sie.
Ohne den Schutzgeist war es einsam in seinem Kopf und hier, unter Räubern, konnte er
die Einsamkeit schlecht ertragen. Vielleicht war sie für ihn ein bisschen wie weiÿer Lotus.
Der Mond war schon wieder am Sinken, als sich Janos ruckartig aufsetzte. Sag an,
Veridian, haste Familie? Überrascht blickte sein Gegenüber auf. Was sollte diese Frage?
Vater und Mutter sind Müllersleute. , sprach er, nachdem er beschlossen hatte, bei
der Wahrheit zu bleiben, Jenseits der Wüste.
Hmm. , machte Janos, Niemanden hier im Norden? Sein Ton war beiläug, aber
dennoch war Veridian nicht sicher, ob er nur Konversation machte. Es konnte gut sein,
dass Dragor ihm aufgetragen hatte, ihn auszuhorchen. Nein. , antwortete er also, Bin
nur für das Turnier nach Titania gekommen.
Dafür? , fragte Janos lachend, Hätt dich nicht für so dumm gehalten. Er schien erst,
nachdem seine Worte verklangen waren zu begreifen, dass sie eine Beleidigung waren.
Oder für so mutig.
Veridian schwieg.
Wie weit haste es geschat? , fragte Janos.
Erste Runde. , antwortete Veridian, Hatte das Glück, gegen Arden gelost zu werden.
Den Namen kannte der Räuber. Immerhin hatte Arden es bis ins Finale geschat.
Tröste dich. , sagte Janos, Nun ist er tot und du noch am Leben. Hab gut Geld gewonnen. Auf seinen Gegner gesetzt. Er schwieg für einen Moment, dann fügte er hinzu:
Des einen Tod, des andern Brot.
Noch immer kein Fuhrwerk.
Ich hab Familie. , sagte Janos unvermittelt, Zwei Kinder.
Veridian nickte höich, wie man es tat, wenn man solche Dinge hörte.
Janos räusperte sich. Erzähl dir das nicht so aus Tollerei und Jux. , sagte er, Hab
noch was zu erledigen.
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Jetzt? , fragte Veridian mit groÿen Augen.
Zwei Straÿen von hier. , erklärte Janos. Deswegen war es also so unruhig gewesen.
Deine Frau. , fragte Veridian.
Eine von ihnen, zumindest. , antwortete Janos und kratzte sich am Hinterkopf. Jaja,
muss toll sein. Wenn du wüsstest.
Oh. , machte sein Gegenüber nur, dann besann er sich der Rolle, die er zu spielen
hatte. Du Gauner! Er verpasste dem Räuber einen kameradschaftlichen Knu. Sag ja,
sie wissen nichts voneinander.
Pssst. , machte Janos, sowohl wegen seines Geheimnisses als auch wegen ihres Auftrags.
Veridian legte sich hin und blickte hinunter auf die Straÿe. Geh. , sprach er, froh,
eine Besinnungspause zu bekommen, Glaube eh nicht, dass heut Nacht noch irgendwas
passiert. Er machte eine kurze Pause. Zumindest nicht hier.
Mit einem denkbaren Nicken verschwand Janos in die Nacht. Kaum war er fort, senkte
sich ein kühler Abendwind über Veridian.
Endlich. , ging es ihm durch den Kopf und er önete die Hand, um Hallia willkommen
zu heiÿen.
Hast du mich vermisst? , fragte sie spöttisch, als sie seine Erleichterung bemerkte. Ihr
Herr verdrehte die Augen. Ja. , antwortete er, Auch wenn ich mich nun frage, warum.
Ist dir dein neuer Räuberfreund lieber? , fragte sie spitz. Veridian zuckte mit den
Schultern. Scheint ein guter Mann zu sein, für einen Räuber. Hallia lachte ein glockenhelles Lachen. Die Frauen scheinen ihn zu mögen... , ötete sie, Da kann man glatt
neidisch werden.
Veridian war es nicht, zumindest wollte er es nicht. Die Menschen und die Liebe. ,
sprach sie. Er verdrehte die Augen. Da stehst du als Schutzgeist sicherlich drüber. Sie
grinste vor seinem inneren Auge, aber er konnte sehen, dass dahinter noch etwas anderes
lag. So etwas endet immer in Feuer und Tränen.
Sie rieb sich das bläuliche Kinn. Andererseits, wenn ich an unseren starrköpgen
Freund denke...
Veridian lachte lauthals los, aber legte sich sogleich eine Hand auf den Mund. Tzz,
tzz. , üsterte Hallia, Du willst doch nicht, dass euer kleiner Schmuggel auiegt.
Wenn das passiert, wird Dragor uns so schnell wieder aus seinem Dienst entlassen,
wie er uns aufgenommen hat.
Nicht nur das. , erklärte sie lehrerhaft, Wenn das passiert, dann wird er das, was von
dir übrigbleibt, an seinen Gürtel hängen.
Er schnaubte. Schön, dass du mir Mut machst, Hallia.
Sie nahm körperliche Form an und tätschelte seine Stirn. Keine Angst, denn was du
weiÿt, ist, dass die Kutsche, die gleich um die Ecke kommt, genau das enthält, aus dem
auch ich bestehe. Sie pustete ihm ins Gesicht. Veridians Augen weiteten sich. Eine
Falle? , fragte er ungläubig.
Eine Prüfung. , antwortete sie ruhig, Deiner Loyalität.
Das Klappern der Räder ertönte und die Kutsche fuhr unter ihnen hindurch. Das heiÿt,
Janos hat mich absichtlich alleingelassen. , schloss Veridian. Hallia nickte. Wartet unten
im Hinterhof. , erklärte sie selbstzufrieden.
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Dann warten wir also einfach ab und tun nichts. , schloss ihr Kamerad. Der Schutzgeist nickte. Das bekommen selbst wir hin. , sprach sie fröhlich. Veridian lachte leise.
Mit Misstrauen der Räuber war zu rechnen gewesen, aber nun, da ihre Falle umschit
war, wuchs seine Zuversicht. Es war, als sei ein schwerer Stein von seiner Seele genommen.
Du hast vorhin was von Tränen und Flammen gesagt. , fragte er beiläug. Sie blickte hinauf zum Sternenhimmel. Es gab einmal eine von uns, die war wie ich, nur aus
Feuer... , begann sie zu erzählen.
Die erste Probe war bestanden.
Setzt euch, Hauptmann, setzt euch. , sprach Silias jovial und bot Zerbas einen Stuhl.
Zerbas blickte über dem Tisch, auf dem sich allerlei Köstlichkeiten häuften, eine teurer
und seltener als die andere. Er fragte sich, was der Gauner mit dieser geradezu obszönen
Zurschaustellung von Völlerei bezwecken wollte. Was auch immer es war, er würde keinen
Teil daran haben. Also verschränkte er die Arme und blieb stehen.
Ihr solltet die getrockneten Kugellibellen probieren. , sprach Silias und biss genüsslich
die Flügel von einem Insekt. Oder steht euch der Sinn nach Norländer Schokolade?
Spart euch das. , gab der Hauptmann rau zurück, Mir steht der Sinn nach Gerechtigkeit.
Der hagere Räuber blickte über den Tisch. Zu schade, meine Magd hat keine gedeckt.
Er sah auf, als erwartete er, dass Zerbas über diesen Witz lachte.
Wie dem auch sei, vielleicht kann ich euch trotzdem damit dienen.
Ihr könnt mir erst einmal damit dienen, mir zu verraten, warum ihr so gute Laune
habt.
Silias bleckte die Zähne, zwischen denen noch Reste der Kugellibelle hingen. Zum
einen natürlich eure geschätzte Gesellschaft. , erklärte er, Zum anderen habe ich durchzählen lassen und festgestellt, dass alle meine Männer gesund und wohlbehalten sind.
Hmm. , machte der Soldat. Er bezweifelte, dass der Träger des Schwertes einfach so
aufhören würde, aber wer weiÿ, vielleicht hatte das Schicksal auch ohne sein Zutun das
Nötige getan.
Was schlieÿt ihr daraus? , fragte Silias und goss sich ein Glas Kirschsaft ein.
Nichts vorerst. , antwortete Zerbas, Das Schwert bleibt verschwunden.
Sein Gegenüber nahm einen Schluck Saft und lieÿ ihn geräuschvoll durch die Zahnlücken wandern. Seht ihr, Hauptmann, das verstehe ich nicht. Gestern wart ihr Feuer
und Flamme, Dragor den Allerwertesten aufzureiÿen. Er leckte sich die Lippen. Und
heute lasst ihr diesen Elan vermissen.
Der Imperiale knirschte mit den Zähnen. Abermals war er bei Zelphar vorstellig geworden, der seine Hand schützend über das Versteck des Verbrechers gehalten hatte.
Das letzte, was ich brauche, ist ein Räuberkrieg in den Straÿen Titanias. Ihr mögt eure
Verbannung hierher schätzen, aber wenn ich mir noch etwas zuschulden kommen lasse,
dann wird der Imperator auch mich versetzen. An den Nordpol vielleicht, oder in die
Wüste, wenn ich Glück habe. Das waren die Worte des Statthalters gewesen. Und wie
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schon beim letzten Mal hatte er dennoch darauf bestanden, dass er das verschwundene
Schwert fand. Aber all das brauchte Silias nicht zu wissen.
Lasst mich raten. Zelphar lässt euch nicht von seiner Kette. Der Gauner hatte ins
Schwarze getroen und Zerbas fürchtete, dass er es ihm ansehen konnte.
Wollt ihr oenen Krieg mit Dragor? , fragte er stattdessen. Silias gri sich seelenruhig
ein Brötchen. Wie konnte er so fressen und doch so dürr sein? Krieg? , fragte er und
stach sein Messer in ein Marmeladenglas. Krieg ist schlecht fürs Geschäft, zumindest,
wenn man ihn selbst führt. Er sparte nicht mit der Marmelade. Aber wenn es keine
andere Wahl gibt, so werde ich wohl müssen. Er hob sein Messer, das rot glänzte wie
von Blut.
Zerbas Magen gab ein Knurren von sich, das er mit gewissem Ärger und der Gauner
mit gewisser Freude vernahmen.
Aber dazu muss es nicht kommen. , sprach er und bot Zerbas noch einmal den Stuhl,
Ein Spatz hat mir nämlich heute Morgen etwas sehr Interessantes gezwitschert.
Und das wäre? , fragte Zerbas. Um der Vierzehn willen, jetzt setzt euch und esst
etwas, bevor euch die Augen aus dem Kopf fallen!
Der Hauptmann zögerte, dann kam er der Einladung nach. Silias sah es mit sichtlichem
Wohlgefallen, der nur durch Gastfreundschaft nicht zu erklären war. Erzählt. , sprach
der Hauptmann und gri widerwillig nach einer Scheibe Brot.
Gegen ein geringes Entgelt habe ich erfahren, dass Dragors Leute heute einen Fischzug
planen.
Der Hauptmann sah auf. Ein Gauner, der den anderen verriet. Vielleicht war heute
doch kein so schlechter Tag.
Ha. , machte die Wache, nahm noch einen Schluck Wein und strich sich die Goldtaler
in die Tasche. Schon wieder gewonnen!
Zähneknirschend zauberte Veridian noch einen Goldtaler hervor und legte ihn auf
den Tisch. Dein Glück wird sich noch wenden , sprach er, trank aus der Flasche mit
Traubensaft und nahm den Würfelbecher. Was ist?
Es ist dein Geld... , meinte der imperiale Soldat und machte ebenfalls seinen Einsatz.
Gib mir eine Elf, dann bleibt es spannend. , dachte Veridian, worauf Hallia durch die
Hand seinen Körper verlieÿ und ihren Tanz mit den Würfeln begann.
Wie ich gesagt habe. , sprach Veridian, als er die gewünschte Augenzahl erzielte, Das
Glück wendet sich.
Wir werden sehen. Der vom Wein beseelte Wächter wischte schier die Würfel vom
Tisch, schate es dann aber doch, seinen Wurf zu gewinnen.
Heute ist mein Glückstag! , rief er überschwänglich und schnappte sich mit glänzenden
Augen seinen Gewinn.
Wenn du es sagst. , sagte Veridian und blickte dem Soldaten über die Schulter. Dort
stand Janos, der ihm mit einem Nicken signalisierte, dass das Lager leergeräumt war.
Zeit also, sich zu verdrücken.
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Spielen wir nochmal! , sprach er also und gri in seine Tasche. Oh. , machte er und
zog die leere Hand heraus, Ich bin wohl pleite.
Tja. , machte der betrunkene Wächter selbstzufrieden, Pech im Spiel, Glück in der
Liebe.
Jaja. , grummelte Veridian und machte, dass er davonkam. Noch wusste sein Gegenüber nicht, dass er gerade ausgeraubt worden war. Besser, weit weg zu sein, wenn er es
herausfand.
Erzähl Zerbas bloÿ nicht, wie viel Spaÿ mir diese Gaunereien machen. , dachte er, als
Hallia in seinen Körper zurückkehrte.
In sicherer Entfernung trafen sie Janos, der gerade die letzte Kiste auf ein Fuhrwerk
lud, das sich augenblicklich in Bewegung setzte.
Nichts wie weg! , forderte Veridian, aber sein Kamerad schüttelte den Kopf. Ganz
ruhig und langsam. , üsterte er, Wir haben doch nichts Verdächtiges getan.
Sie begannen zu schlendern. Und du hast keine Angst? , fragte Veridian die Räuber
skeptisch, Ich habe gehört, das Imperium mag es gar nicht, bestohlen zu werden.
Imperium? , antwortete Janos ungläubig, Hältst du uns für lebensmüde? Zeug hat
einem alten Kerl namens Dalion gehört. Er beugte sich verschwörerisch zu ihm hinüber.
Guter Rat. , sprach er, Klau niemals vom Imperium, wenn dir etwas an deiner Haut
liegt.
Werd ich mir merken. , antwortete Veridian. Das ergab keinen Sinn, denn schlieÿlich
hatten Dragors Männer das veruchte Schwert aus einem imperialen Lagerhaus gestohlen.
Nun, vielleicht wusste Janos nichts davon. Vielleicht allerdings wollte er es auch einem
Neuling wie ihm nicht unter die Nase binden.
Noch bevor er allerdings weiter fragen konnte, ertönte hinter ihnen ein unverkennbares
Geräusch: Stiefel auf Kopfsteinpaster.
Nicht umdrehen. , zischte Janos augenblicklich seinem aufgeschreckten Kameraden
zu und ging weiter, als sei nichts. Und obwohl Veridian wusste, dass ihm im Falle ihrer
Ergreifung wohl kaum etwas Schlimmes zustoÿen würde, kostete es all seine Willenskraft,
sich weder umzudrehen, noch loszurennen.
Nur die Ruhe. , dachte Hallia, verlieÿ seinen Körper und machte sich daran die Lage
auszukundschaften. Sie hatte gut reden.
Sie haben uns am Arsch. , murmelte Veridian. Die Träger der Stiefel waren kaum
noch einen Steinwurf weit entfernt. Ruhe bewahren... , forderte Janos mit verbissener
Überzeugung. Veridian sah den Räuber an. Er wirkte völlig ruhig, sah man davon ab,
dass seine Kiefer so angespannt waren, dass sein Wunder war, dass seine Zähne nicht zu
Staub zerelen.
Ihre Verfolger mussten wohl doppelt so schnell sein wie sie selbst. Zwei Soldaten. ,
verkündete Hallia, die mit einer Böe in seinen Verstand zurückkehrte, Ein Dutzend, das
den Wagen umstellt hat. Zerbas ist auch dort. .
Scheiÿe. , murmelte Veridian. Selbst wenn Zerbas ihn wieder auf freien Fuÿ setzte,
war seine Tarnung zweifellos aufgeogen.
Was machen wir jetzt? , fragte Veridian atemlos. Wollte das vermeiden. , sprach sein
Kamerad, Aber führt wohl kein Weg dran vorbei. Mit diesen Worten zog er Veridian
in einen Hauseingang, knapp, bevor die Imperialen sie erreichten.
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Was zum? , fragte der perplex. Wir besuchen meine Liebste. , erklärte Janos.
Mit grimmiger Zufriedenheit musterte Zerbas die gestohlenen Kisten, die seine Männer
aus dem Fuhrwerk herausholten.
Silias Hinweis hatte sich als wahr erwiesen. Der Gedanke an den rothaarigen Gauner
wischte ihm das Lächeln vom Gesicht. Er hatte zwar der Ordnung gedient, aber letzten
Endes war es Silias, für den er gehandelt hatte. Ein Kompromiss, der ihm trotz allem
nicht geel.
Dennoch, der Fang war es wert gewesen. Er zwang sich, seine eigenen Bendlichkeiten
zurückzustellen und seine Aufmerksamkeit auf das zu richten, was nun zu tun war. Ein
paar Diebe in Ketten zu schlagen war nicht schlecht, aber das war nicht der Grund,
warum er hier war.
Er musterte die drei Männer, die vor ihm knieten. Zwei hatten den Blick zu Boden
gerichtet, der dritte sah ihm trotzig ins Gesicht. Der Hauptmann sah zurück und musterte
ihn. Die Kleidung war von guter Qualität, allerdings verschlissen und verblichen. Der
Körper darunter ebenfalls, bleich und von Narben gezeichnet wölbten sich Muskeln wie
die knorrigen Wurzeln eine alten Baums, die widerwillig gegen das Schicksal kämpften.
Das Gesicht des Schurken hingegen war unrasiert, ungewaschen, aber ungebrochen. Es
war ein tauglicher Mann, der dort kniete, einer, aus dem man etwas hätte machen können,
hätte man nur zur rechten Zeit eingegrien.
Zerbas starrte weiter, gnadenlos, bis der andere den Blick zu Boden richtete. Der
Triumph bereitete ihm keine Freude. Dieser hier würde nichts verraten, gleich, was man
ihm tat.
Raub. , sprach er ungerührt, Wisst ihr, was darauf steht?
Ich kann nicht lesen. , murmelte der widerspenstige der drei Männer und funkelte ihn
herausfordernd an. Ein Tritt in die Magengrube brachte ihn zum Schweigen.
Zerbas knirschte mit den Zähnen. Witzig. , urteilte er, dann trat er vor die beiden
anderen, die sich schon instinktiv krümmten. Diese waren keine Männer vom Kaliber des
anderen, linkisch und hager.
Ich vergrabe euch in dem tiefsten Loch, das Titania zu bieten hat. , versprach er, So
lange, bis euch Haar und Zähne ausgefallen sind.
Einer der Männer begann zu zittern, worauf sich der Hauptmann zu ihm hinunterbeugte. Aber, aber... , sprach er mit gespielter Sanftheit, Hartgesottene Burschen wie
ihr sollten doch den Kerker nicht fürchten.
Er stand wieder auf und kratzte sich am Kinn. Wenn ich's allerdings recht bedenke,
seid ihr nicht annähernd schlau genug, solch einen Raubzug ohne Hilfe durchzuführen.
Der widerspenstige Räuber ballte auf diese Beleidigung seine Hände zu Fäusten, aber
ein scharfer Blick von Zerbas lieÿ ihn die Arme senken. Er hatte begrien, wo sein Platz
war.
Kleine Fische. , sprach er weiter, Kaum meine Mühe wert. Er nickte seinen beiden
Männern zu. Locht sie ein, alle drei. , befahl er, Und dann ruft unsere anderen Truppen
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zurück und räumt dieses Chaos auf.
Aber... , warf einer seiner Männer ein, Wir haben noch nicht alle...
Zerbas seufzte. Er war sich wohl bewusst, was der Soldat einzuwerfen hatte. Sie hatten
noch nicht alle Räuber gefangen. Aber das Schwert war nicht hier und er konnte nicht
riskieren, Veridians Position unter Dragors Leuten zu gefährden.
Wir verschwenden unsere Zeit. , bellte er also, Einpacken! Abtreten!
Der Soldat gehorchte ohne weitere Widerworte. Schlau und gehorsam. Veridian würde
ihn für eine Beförderung vorschlagen.
Aber... , protestierte einer der linkischen Räuber, als er emporgezogen wurde. Aber
was? , fragte Zerbas missmutig. Das hier hatte sich als gefährliche Zeitverschwendung erwiesen, aber vielleicht konnte sich das Blatt noch wenden. Ich will nicht in den Kerker. ,
murmelte der Räuber wie ein trotziges Kind.
Dann hättest du niemanden ausrauben sollen. , sprach Zerbas mitleidlos.
Der Mann war den Tränen nahe. Wie jämmerlich. Können wir uns nicht entgegenkommen?
Zerbas nickte. Das hatte er schon oft gehört, nur herausgekommen war dabei selten
etwas. Andererseits konnte ihm dieser rückgratlose Wurm vielleicht auch nützlich sein,
ohne, dass er etwas erzählte. Lasst den hier bei mir. , befahl er also, Und führt die
anderen ab.
Verräter! , brüllte der starke von ihnen, Du wirst dir noch wünschen, den Kerker
gewählt zu haben.
Räubergeschwätz. , sprach Zerbas ruhig, während die beiden davongeschleift wurden,
Weniger Wert als Liebesschwüre einer Hure.
Der Räuber lachte und ng sich einen Fausthieb. Was ich damit sagen will , fuhr
Zerbas fort, ist, dass du lieber mich fürchten solltest, Abschaum. Der andere spuckte
ein wenig Blut auf das Paster, was dem Imperialen als Antwort genügte.
Das Ganze ist einfach. , sprach Zerbas weiter, Erzähle mir etwas, das mich interessiert, dann überlege ich mir, dich laufen zu lassen.
Dragor... , stotterte der Räuber, Dragor hat uns den Auftrag gegeben.
Zerbas gähnte, was sein Gegenüber in nackte Angst versetzte. Er verkauft das Zeug,
wir bekommen einen Anteil. , sprach er, So läuft das.
Weiter. , folgerte Zerbas.
Was weiter? , fragte der Räuber panisch, Mehr weiÿ ich nicht. Ist einfach verdientes
Gold.
Ich sollte dich zu deinen beiden Freunden sperren. , überlegte Zerbas kurz, Vielleicht
lockern die deine Zunge.
Die schneiden sie mir heraus, Hauptmann. , wimmerte der Räuber, Bitte, ich weiÿ
nicht mehr...
Zerbas glaubte ihm, denn ein Feigling wie er hätte seinen Herren nur zu gerne verraten,
um den eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Ehre unter Räubern. Daran hatte er
nie so recht geglaubt, aber sie schien diese Tage noch seltener zu werden.
Bringt ihn weg. , befahl Zerbas den letzten Soldaten, In eine Einzelzelle unter der
Residenz. So würden seine Kameraden glauben, er hätte sie verraten und wäre freige-
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lassen worden. Zerbas hote, dass das Veridians Leben wenigstens ein bisschen einfacher
machte.
Also, welche von beiden ist es? , üsterte Veridian. Die Mutter von meinem Sohn. ,
antwortete Janos verstohlen, Die Streitsüchtige.
Beide Räuber fuhren auseinander, als die stämmige Frau aus der Küche kam und einen
Kessel mit Eintopf auf den Tisch stellte. Lasst es euch schmecken, ihr beiden! , polterte
sie und füllte ihre Teller mit groÿzügigen Portionen.
Veridian hatte auf seinen Reisen nicht gerade wie ein König gespeist, aber das, was da
auf seinem Teller schwamm, war schlimmer als eine Mahlzeit aus der Wildnis. Er tat sein
bestes, keine Grimasse zu schneiden und lieÿ den Löel sinken. Schmeckt's dir nicht? ,
fragte Janos' Frau und beugte sich mit verschränkten Armen und drohend erhobener
Kelle vor.
Du solltest essen. , riet Hallia schadenfroh in seinem Kopf. Iss! , zischte Janos neben
ihm.
Unter den argwöhnischen Blicken der Gastgeberin begann Veridian die Suppe, die sie
ihm eingebrockt hatte, auszulöeln.
Die Tür splitterte, als ein kräftiger Stoÿ sie aus den Angeln warf.
Augenblicklich sprangen Silias Leibwächter aus den Schatten, aber eine Geste ihres
Herrn lieÿ sie die Messer wegstecken.
Durch den Türrahmen stieg wutschnaubend der Hauptmann, der rasierte Schädel rot
wie ein Feuerhummer. Silias! , grollte er, trat an die festlich gedeckte Abendtafel und
warf sie kurzerhand um. Tischtuch, Kerzen und Geschirr purzelten wild durcheinander
und lieÿen den verdutzten Räuberhauptmann in dem Trümmermeer sitzen wie bestellt
und nicht abgeholt.
Davon lieÿ der sich aber nicht aus der Ruhe bringen, sondern hob das Glas in seiner
Hand, unter dem sich eben noch ein Tisch befunden hatte, seelenruhig an die Lippen.
Ihr seid ein toter Mann, Zerbas. , sprach er, Zumindest wäret ihr das, wenn ich euch
nicht so schätzen würde.
Verdutzt wandte Zerbas sich um und musterte die beiden Männer, die hinter der Tür
standen. Er versuchte seinen Zorn, der ihn schier ins Grab geführt hatte, hinunterschlucken. Es gelang ihm nur leidlich.
Spielt keine Spiele! , brüllte er und schlug dem anderen das Glas aus der Hand, Erst
recht nicht mit mir!
Aber, aber. , machte Silias und sah hinauf zu dem wütenden Soldaten vor seinem
Stuhl, Was versetzt euch so in Rage, mein Freund?
Das werde ich euch erzählen! Der Händler Dalion ist äuÿerst dankbar, dass wir ihm die
Hälfte des Diebsguts zurückgebracht haben, das heute aus seinen Lagerhäusern gestohlen
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wurde.
Nur die Hälfte? , fragte Silias aalglatt, Dabei habe ich euch doch so einen guten
Ratschlag gegeben.
Der Hauptmann legte eine Hand an sein Schwert, was die beiden Leibwächter dazu veranlasste, dasselbe zu tun. Ein äuÿerst guter Rat. , sprach Zerbas, Schickt die Wachen
zum Raubzug eures Feindes und ihr habt alle Zeit der Welt, euren eigenen durchzuführen. Er knirschte mit den Zähnen. Und das Beste ist, dass jeder Dragor verdächtigen
wird, der schon den ersten begangen hat.
Eine interessante Theorie. , gestand Silias, Zu schade, dass ihr dafür keinerlei Beweise
habt.
Der Hauptmann setzte ihm einen Stiefel an die Stuhlkante, genau zwischen die Beine.
Ich bin keine Figur auf deinem Brett, Abschaum. , erklärte er, Unsere Allianz hat einen
Zweck, das Schwert zu nden und nur so lange wird sie halten.
Silias maÿ ihn von oben bis unten. Euer veruchtes Schwert, genau. , sprach er und
schnippte mit den Fingern. Habt ihr kein Glück damit gehabt?
Der Hauptmann schnaubte. Alles, was ich gefangen habe, sind kleine Fische.
Kleinvieh macht auch Mist. , erklärte Silias zähneetschend, Und Dragor weiÿ seine
groÿen Fische gut vor unseren Augen zu verbergen.
Ihr klingt, als hättet ihr damit verdammt viel Erfahrung. , sprach Zerbas und rückte
von ihm ab. Geschäft war Geschäft. Es gab keinen Grund, einen Groll zu hegen. Zumindest keinen, den dieser prinzipienlose Mann verstanden hätte.
Erfahrung. , wiederholte der rothaarige Räuberhauptmann und setzte die Fingerspitzen aneinander, Nur so viele, wie man als ehrlicher Geschäftsmann bedauerlicherweise
sammeln muss. Er hüstelte. Ihr steht für Recht und Ordnung, Hauptmann. , sprach
er, Wie wäre es, wenn ich euch einfach ein paar gute Hinweise gebe und das Imperium
schat dieses Problem aus der Welt? Für redliche Bürger wie ich es einer bin?
Zerbas lachte. Das täte euch gefallen. , sprach Zerbas, Hätte der Statthalter mir
nicht befohlen, den öentlichen Frieden zu wahren, würde ich euch beide an den höchsten
Balken knüpfen.
Ich wünsche euch von Herzen, dass ihr das eines Tages noch erleben könnt. , sprach
Silias heuchlerisch, dann wies er auf den einzigen Stuhl, der nach der Attacke des Hauptmanns noch stand. Aber genug gespielt, setzt euch und wir reden Krieg. Zerbas tat es.
Zu essen kann ich euch leider nichts anbieten.
Der Imperiale lachte trocken. Ich will dieses Schwert. , sprach er, Wie können wir es
Dragor abnehmen?
Nun. , sprach Silias, Niemand stiehlt von Dragor. Zumindest nicht nach dem, was er
mit dem letzten Verräter getan hat.
Zerbas dachte an den feigen Räuber, den er heute ausgefragt hatte. Ein Kerl um den
es nicht schade war. Und ihr? , fragte er, Stehlt ihr von Dragor?
Silias schüttelte den Kopf. Wenn ich wüsste, wo er es hätte, dann vielleicht. , sprach
er, Aber um es auf gut Glück zu versuchen, bräuchte ich eine Armee.
Und die habt ihr nicht?
Meine Leute sind nicht wie ihr, Hauptmann. , antwortete der Räuber, Keine Idealisten, die für eine Idee bereitwillig in den Tod rennen würden. Er schüttelte ob dieses
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absurden Gedankens den Kopf. Nein, es sind Spieler, die ihr Leben auf einen Plan setzen, wenn er nur genug Gold verspricht. Er blickte zu seinen beiden Leibwächtern. He,
Jungs, marschiert ihr mit mir auf Dragors Quartier? Die beiden Kolosse sahen sich
dumpf an, dann schüttelten sie den Kopf. So viel Gold kannst du gar nicht haben.
Silias nickte. Wie ihr seht, ist das keine Option.
Nicht, dass der Hauptmann etwas anderes erwartet hätte. Wenn wir nicht zu ihnen
gehen können, dann müssen wir auf sie warten. , schloss er.
In dem Fall hättet ihr gut daran getan, das Essen nicht umzuwerfen. , sprach Silias,
Aber ich bin euch weit voraus: Meine Männer sind in Dreiergruppen unterwegs, von
denen sie sich nicht einmal zum Scheiÿen entfernen.
Das ist ein Anfang. , sprach der Hauptmann. Das letzte Mal waren sie auch zu dritt
gewesen - zu viert, wenn man Hallia zählte - und dennoch waren sie kaum mit dem Leben
davongekommen. Ich fürchte nur, dass drei in eurem Fall nicht reichen.
Was? , fragte Silias verwirrt.
Ihr habt einen neuen Leibwächter, bis diese Situation vorüber ist. , erklärte der Hauptmann. Das einzige, was ihm an dem Gedanken behagte war, dass es Silias noch zehnmal
weniger schmecken dürfte als ihm.
Und das sagt ihr mir, nachdem ihr den Wein verschüttet habt? , murmelte der Räuberhauptmann nur.
Zerbas lächelte.
Unter einer Bedingung. , sagte Silias schlieÿlich, Was deine kleinen Fische angeht,
wirf sie zurück ins Meer.
Der Hauptmann hob eine Augenbraue. Ich soll die Männer eures Feindes freilassen? ,
fragte er ungläubig.
Ich habe ein Herz voller Gnade. , sprach Silias ruhig, Und auÿerdem würde ich zu
gerne wissen, wo sie hinschwimmen.
Dragor tobte.
Drei Leute! , polterte er, Und das jetzt, wo wir uns keine Verluste erlauben können!
Er rammte seine Faust auf den Tisch, dass die Bierkrüge nur so tanzten. Scheiÿe!
Veridian und Janos blickten zu Boden. Auch wenn der eine neu und der andere erfahren
sein mochten, beide ahnten, dass es am besten wäre, das Gewitter schweigend zu ertragen.
Von der Beute ganz zu schweigen! , grollte der Räuberhauptmann weiter, Wir hatten
Käufer! Vor denen stehe ich wie vor mit 'nem Schlappen vor 'ner Hure.
Aber, aber. , sprach Hallia mit der Stimme einer feinen Dame, Was für eine Ausdrucksweise. Veridian biss sich auf die Zunge. Ist dein Ziel, dass er mir die Kehle
aufschneidet, dann bringe mich bloÿ zum Lachen. , dachte er zurück und sah zu Boden.
Dragor zog eines seiner Schwerter und zertrümmerte damit einen Bierkrug.
Scheiÿe, das. , sprach Janos vorsichtig, Wähnten die Sache schon in trockenen Tüchern.
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Der Räuberhauptmann knirschte mit den silbernen Zähnen und Veridian war, als ob
Funken dazwischen stieben. Die Tücher waren nass wie bei einem Hosenscheiÿer! , brüllte Dragor, dass Janos nur so der Geifer um die Ohren og. Und obwohl Janos nur die
Hälfte wiegen mochte, unbewanet war und um Haupteslänge überragt wurde, hielt er
dem Blick seines Herrn stand. Wahr, das. , sprach er, War, als wüssten sie, dass wir
kommen. Haben gewartet, bis alles schön eindeutig war, dann haben sie zugeschnappt.
Er zögerte, bevor er die nächsten Worte aussprach und warf einen verstohlenen Blick zu
Veridian. Sind verraten worden. Ist die einzige Möglichkeit.
Verrat? , fragte Dragor, lieÿ sich auf seinen Stuhl nieder und gri nach seinem Bierhumpen, nur um festzustellen, dass der in tausend Trümmern lag. Stattdessen nahm er
kurzerhand die beiden seiner Gegenüber und leerte sie mit zwei Zügen. Niemand widersprach.
Janos. , murmelte er, nun wie verwandelt, Du dienst mir schon seit ein paar Jahren.
Wie ein netter Onkel. , spottete Hallia über den neuen Tonfall. Veridian dachte zurück, dass er keine Falschheit darin vermutete.
Ewig. , antwortete Janos, In Räuberjahren gemessen. 0
Dragor lachte donnernd. Dann weiÿt du, dass dieses Wort gefährlich ist. Er beugte
sich vor und senkte die Stimme. Verrat.
Veridian schluckte und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Du siehst aus wie
einer, der versucht, sich nichts anmerken zu lassen. , warnte Hallia. Also versuchte Veridian, sich nicht anmerken zu lassen, dass er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
Zum Henker. , dachte er und beschloss, einfach nur zuzuhören.
Wenn wir genug Misstrauen säen, ernten wir noch mehr Tote. sprach Dragor, Also
raus damit: Hast du einen Verdacht? Dragor sah kurz zu Veridian hinüber, als wolle er
ihn als möglichen Kandidaten vorschlagen. Noch mehr Tote? , fragte Veridian, um dem
Entsetzen in seinen Augen eine plausible Erklärung zu geben. Gehört zum Geschäft. ,
erklärte Dragor beiläug, dann wandte er sich wieder an Janos: Also, kack oder geh vom
Balken.
Janos Hände tanzten auf seinen Knien einen Tanz. Er nicht. , sprach er und wies auf
Veridian, Hatte mehr Schiss, geschnappt zu werden, als alle andern.
Hey! , protestierte Veridian, beschloss dann aber, es sei besser, zu schweigen. Aber,
aber. , tröstete ihn sein Schutzgeist Gab bestimmt jemanden, der noch mehr Schiss
hatte als du.
Bleibt noch ich. , fuhr Janos fort, Und die drei im Kerker, sonst hat's keiner gewusst.
Dragor nickte. Sonst hat's keiner wissen müssen. Er schnaubte. Hat sich also mit
Verrat.
Kaum hatte er die Worte gesprochen, önete sich die Tür zum Hinterzimmer und zwei
Männer kamen hereingestürmt, voran ein muskulöser Kerl mit zornigen Augen, hintenan
eine linkische Gestalt. Veridian erkannte sofort zwei der Kumpane von ihrem Raubzug.
Und die Spannung steigt. , kommentierte Hallia, fuhr aus ihm heraus und knallte hinter
den beiden die Türe ins Schloss.
Wenn man von der Schwiegermutter spricht... , murmelte Janos und Dragor sprang
auf. Kurzer Kerkeraufenthalt, Männer. , polterte er, Setzt euch, trinkt, sprecht! Er
nahm die beiden übrigen Krüge und füllte sie an einem Fass, was die beiden Weitgereisten
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mit Freude zur Kenntnis nahmen, während sie sich setzten. Schlimmer Anschiss? , fragte
der linkische von ihnen Janos. Der zuckte mit den Schultern. Kommt auf eure Geschichte
an.
Dragor setzte sich und behielt die Krüge in der Hand. Sind eure Zungen im Arsch des
Statthalters steckengeblieben? , fragte er, Los!
Der Scheiÿ-Hauptmann hat uns erwischt. , sprach der gröÿere von ihnen, Hat versprochen, uns freizulassen, wenn wir zwitschern. Übliche Imperialenscheiÿe. Er leckte
sich über die gesprungenen Lippen. Hat ihm nicht gefallen, als ich ihm gesagt habe,
wohin er seine Worte stecken kann. Dragor verzog keine Miene und begann, zu trinken.
Derjenige der Neuankömmlinge, der nicht sprach, glotzte ihn an wie ein Hund, dem die
Zunge aus dem Maul hing.
Wir ham dichtgehalten, Dragor. , sprach der andere weiter, Das kannste glauben...
Euer Freund aber nicht. , schloss Dragor, nachdem er den Krug abgesetzt hatte. Das
Bier tropfte aus seinem Bart. Aber warum, Klugscheiÿer, sitzt ihr dann hier und er
nicht?
Ham uns freigelassen. , sprach der linkische, Ihn wohl auch. Irgendeine imperiale
Paragraphenreiterei.
Dragor stand auf. Und ihr spaziert mirnichts, dirnichts hierher? , fragte er, dann
brüllte er unvermittelt los: Ihr seid noch dümmer, als ihr hässlich seid!
Er nickte den beiden anderen zu. Mit so dummen Kumpanen konnte euer Raubzug
gar nicht klappen!
Dragor! , sprach der gröÿere Räuber und stand auf. Mutig. Wir sind nicht dumm.
War klar eine Falle. Drei ham uns verfolgt, die ham wir in einen Hinterhalt gelockt,
gefesselt und geknebelt.
Der Räuberhauptmann lieÿ die Waen sinken. Ihr gegen drei Soldaten?
Sein Gegenüber zog etwas aus der Tasche und warf es auf den Tisch. Es waren drei
Gürtelschnallen mit dem Doppelkreis des Imperiums darauf. Ham sie ausgehorcht. ,
fuhr er in die entstandene Stille fort. Ham gesagt, unser Freund hat geplaudert. Dein
Name ist gefallen und jetzt bekommt er eine Freifahrt nach Karnapolis als Dank für seine
Mühe.
Veridian musterte die drei Gürtelschnallen. Sie waren zweifellos echt. Hoentlich war
weder Zerbas noch seinen Männern etwas zugestoÿen. Obwohl der Gedanke schon ganz
lustig ist, dass er die Hose jetzt mit der Hand halten muss. , dachte Hallia.
Mit einem tödlichen Funkeln in den Augen schob Dragor den beiden Neuankömmlingen
die halbvollen Bierkrüge zu. Trinkt schnell. , sprach er, Wir haben einen Verräter zu
fangen.
Mit wir meint er doch nicht uns? , üsterte Veridian. Oh doch. , meinte Janos, Denk
dran, wegen dem Kerl hast du die Suppe meiner lieben Frau essen müssen.
Das war wohl unter Räubern Grund genug, einander den Tod zu wünschen. Erinnere
mich nicht daran. , murmelte Veridian also und fasste sich an den Bauch, Ich hab das
Gefühl, manches davon wird noch in meinem Magen sein, wenn ich schon lang unter der
Erde bin.
Janos lachte. Pass auf, Kamerad. , sprach er, Könnte früher sein, als du denkst, das.
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Veridian stimmte in sein Lachen mit ein, auch wenn ihm gar nicht danach zumute war.
Vor dem Verräter hatte er keine Angst, aber was den Träger des veruchten Schwertes
anging...
Und? , fragte Silias zufrieden, als er aus den Schatten trat.
Ihr schuldet mir einen Gürtel. , antwortete Zerbas tonlos, ohne auf die beiden Gauner
zu achten, die neben ihm gefesselt im Dreck saÿen. Dass sie imperiale Uniformen trugen,
war schon Schande genug. Er wollte gar nicht wissen, wo Silias die herhatte, auch wenn
er ihm glaubte, dass sie nicht gestohlen waren. Der Schnitt war ein wenig älter als der,
der dieser Tage gebräuchlich war.
Meinen kann ich nicht erübrigen. , sprach die dürre Gestalt und steckte einen Daumen
in den Hosenbund, um diesen Punkt zu untermauern. Dann erst ging Silias zu seinen
Männern und schnitt sie los. Ehe der Hauptmann auch nur halb begrien hatte, was
geschehen war, war Silias Messer auch schon wieder in seinem Mantel verschwunden.
Zerbas merkte sich das Versteck, nur für alle Fälle.
Um die Uniformen indes ist es schade. , sprach Silias, Andererseits könnten die geraubten Andenken unseren beiden Flüchtlingen wohl das Leben retten. Zerbas hob fragend eine Augenbraue.
Dragor ist solch ein aufbrausender Mann. , erklärte der rothaarige Räuber, Fast so
wie ihr.7
Der Hauptmann überging die Spitze und blickte in die Richtung, in die die beiden
Männer geohen waren. Imperiale Gefangene freizusetzen. Das war ungesetzlich. Und
wenn es stimmte was Silias sagte, dann hatte er vielleicht ein Todesurteil gesprochen.
Wollen wir ihnen nicht folgen? , fragte einer der beiden grobschlächtigen Leibwächter
und hielt sich mit der Hand die schlecht sitzenden Hose. Beide Männer, Räuber und
Imperialer, schüttelten den Kopf. Die sind nur der Köder. , sprach Silias, Der erste
zumindest. Fragende Blicke. Ich habe ihnen erzählt, wo sie den dritten im Bunde nden
können und, dass er sie verraten hat.
Und selbst so dumm, wie Dragors Leute sind, werden sie eins und eins zusammenzählen können.
Also gehen wir los und bringen den letzten Gefangenen als zweiten Köder aus. ,
schloss Zerbas. Halb hote er, halb fürchtete er, dass Dragor das Schwert mitbrachte.
Silias falsche Soldaten würden ihm nicht helfen, den Räuber hinter Gitter zu bringen,
ganz zu schweigen von dem Statthalter, der keinen Kampf um die Nachfolgerschaft in
seiner Kolonie haben wollte, aber was, wenn der Räuberhauptmann einfach unter den
Messern seines Rivalen starb? Der Krieg, den Silias damit vom Zaun brach, musste ihn
nicht kümmern.
Er hielt inne, weil der Gang seiner Gedanken ihn erschreckte. Hatte dieses Ränkespiel
ihn schon so weit geführt? Wichtig war nicht, dass hier Menschen starben, wichtig war,
dass Gerechtigkeit siegte. Wenn Räuber sich auf oener Straÿe ermordeten, ohne, dass
irgendjemand eingri, dann konnte Karns Traum ebenso gut zu Ende sein.
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Inzwischen hatten sie sich in Bewegung gesetzt, dicht aneinander wie eine Herde Schafe,
die den Wolf fürchtete. Oder besser, wie eine Rotte Wölfe auf der Suche nach dem
nächsten Schaf.
Ein guter Plan. , sprach Silias unvermittelt, Um Dragor aus der Reserve zu locken.
Zerbas sah ihn an. Ihr würdet ihn zu gerne töten, was? Silias schüttelte den Kopf. Ihr
missversteht mich, Hauptmann. , sagte er, Ich habe einen Eid geschworen. Es herrscht
Frieden zwischen uns.
Zerbas sah ihn an, um zu sehen, ob er scherzte, aber das traf es nicht ganz. Er begri
das Wesen dieses Räuberfriedens. Es war nur ein Werkzeug, so wie Schlieÿzeug, Würfel
und Dolche. Krieg war nicht lukrativ, aber was die Räuber Frieden nannten, war keine
harte Linie, sondern etwas viel Verschwommeneres, bei dem man austeilen konnte, solange
man tunlichst darauf achtete, den Bogen nicht zu überspannen. Und Zerbas war, obwohl
er nicht den Räubern, sondern Karn den Eid geschworen hatte, der Dritte im Bunde.
Ebenso wie sie darauf bedacht, den Schein zu wahren, die Menschen zufrieden zu halten
und ja keinen Krieg zu riskieren.
Für einen friedlichen Mann schmiedet ihr viele Pläne. , sprach Zerbas. Und für einen
Mann des Imperiums habt ihr erstaunliche Weggefährten. , gab Silias mit einem zufriedenen Lächeln zurück.
Nicht mehr lange. , dachte Zerbas bei sich, Nicht mehr lange.
Plan hin oder her, das gefällt mir nicht.
Veridian schob Hallias Protest beiseite und folgte der Räuberschar um eine Ecke. Sie
waren eilig aufgebrochen, hatten das Hinterzimmer der Kneipe verlassen und waren nun
schnurstracks auf dem Weg durch die Stadt.
Mir gefällt es ebenso wenig. , antwortete Veridian in Gedanken, Erst recht, da noch
immer keine Spur von dem Schwert ist. Ein Gedanke durchzuckte ihn, wie die veruchte
Wae durch ihren Körper glitt. Ich bezweie allmählich, dass unser netter Onkel das
Ding überhaupt hat.
Sie erreichten den Kanal, unweit von dort, wo noch immer sein Schi vertäut lag. Ob
er's hat oder nicht, er wird es wohl kaum selbst führen. , dachte er, Nicht nach der
Bestie zu schlieÿen, die aus dem letzten geworden ist.
Hallia seufzte, dann verlieÿ sie ihn, vermutlich, um sich einen Überblick über die nächtlichen Straÿen zu schaen.
Brrr. , machte Janos neben Veridian, Scheiÿkalt, die Nacht.
Hmmm. , machte Veridian und sah ihn auf, Bei dem Tempo sollte einem doch heiÿer
werden. Janos nickte. Nacht wird noch heiÿer, wenn wir den Verräter schnappen.
Sie erreichten eine Brücke, über die sie den Kanal kreuzten, vorneheraus Dragor mit
den beiden Räubern, die den Weg kannten, in der Nachhut Veridian und Janos. Was,
wenn da Imperiale sind? , fragte Veridian auÿer Atem. Wachen? , fragte Janos, Werden
für einen Verräter nicht den Kopf hinhalten. Er wies auf die beiden Männer vor ihnen.
Auÿerdem scheinen die beiden gut mit Imperialen klarzukommen.
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Veridian seufzte. Immerhin hatten sie die letzten Soldaten, die ihnen über den Weg
gelaufen waren, nicht getötet. Dragor hatte sie ganz entgegen seiner Art dafür gelobt. So
eine Demütigung konnte man unterm Deckel halten. Drei tote Soldaten und selbst der
Statthalter wäre im Zugzwang gewesen.
Ist den Imperialen vielleicht sogar ganz recht, wenn wir das unter uns klären. , meinte
er. Janos hielt kurz inne, rückte seine Stiefel zurecht und sah ihn an. Recht? Egal wohl
eher. Sie hasteten weiter. Das Imperium ist nicht für uns Räuber gemacht.
Sein Kamerad schüttelte mit dem Kopf. Das war es wirklich nicht. Aber trotzdem
kamen beide erstaunlich gut miteinander aus.
Sie bogen um eine Ecke und ein entgegenkommender Windstoÿ brachte Hallia zu ihm
zurück. Da vorne. , sprach sie, Unser humorloser Freund liegt dorten im Hinterhalt.
Psst. , zischte es von vorne und Veridian wäre schier in Dragor hineingerannt. Der
Räuberhauptmann hatte ein Schwert gezogen und wies auf den verlassenen Marktplatz,
der vor ihnen lag. Die Stände waren leer bis auf die Holzgerüste und dazwischen waren ein
paar Karren geparkt, deren Deichseln im Mondlicht einen wahren Hinderniskurs bildeten.
Die Straÿe dazwischen war frei, da keiner der Krämer besonderen Wert darauf legte,
seinen Karren zerlegt, oder, noch schlimmer, konsziert zu bekommen.
Verloren zwischen den Ständen saÿ eine Gestalt in den Schatten, deren Nervosität
jegliche Tarnung zunichtemachte. Klack, klack, klack, hörte man den zitternden Stiefel
auf dem Paster, als ob ein Specht sich entschieden hätte, hier in der Stadt eine Nachtschicht einzulegen. Veridian blickte hinter den Wartenden und sah das Haus, auf dessen
Dach Zerbas lauerte. Selbst mit Hallias Fingerzeig konnte er keine Spur seines Freundes
entdecken. Davon hätten sich die Räuber mal eine Scheibe abschneiden können.
Auf mein Kommando. , üsterte Dragor und bekam als Antwort den leisen Gesang
der Klingen, die gezogen wurden.
Nein, das gefällt mir ganz und gar nicht. , dachte Hallia.
Da kamen sie.
Zerbas lugte vom Dachrst hinunter zu dem Räuber, der auf seine Kutsche wartete,
die jeden Augenblick kommen musste . Eine Lüge, die ihm nicht leicht über die Lippen
gegangen war, fast so schwer, wie den Beutel mit Gold zu übergeben, den er von Silias
hatte. Ihr müsst ein paar Fingerzeige geben, damit Dragor Anlass hat, das zu glauben,
was er so gerne glauben will. , hatte Dragor ihm wie einen Idioten erklärt, Wart ihr
noch nie verliebt, Hauptmann?
Noch immer ärgerte dieser Seitenhieb ihn genug, dass er Silias am liebsten vom Dach
geschubst hätte. Was verstand einer wie er schon von...
In das Grüppchen der Neuankömmlinge kam Bewegung. Flink wie Mäuse huschten zwei
von ihnen an der Wand entlang und schlichen sich in einem Bogen durch den Marktplatz,
um den nichtsahnenden Räuber in die Finger zu bekommen. Zerbas hielt die Luft an und
warf einen Seitenblick zu den drei Räubern, die das ganze sichtlich gelassener nahmen.
Das brachte die Erfahrung wohl mit sich.
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Nun strichen auch die anderen drei Schatten los, zwei ankierten den dritten, der
schnurstracks auf den Wartenden zuging. Der hatte inzwischen den Braten gerochen,
aber das half ihm auch nichts mehr. Kaum hatte er sich aufgerappelt und vor den drei
Frontalangreifern Ausriss genommen, wurde er bereits von den anderen beiden gepackt
und wieder zu Boden gestoÿen.
Dachtest wohl, du siehst uns nicht wieder, Verräter! , tönte einer der Angreifer, wurde
aber von einem wütenden Zischen zum Schweigen gebracht.
Zerbas lugte über die Kante und sah unten seine drei Gefangenen, der Verräter von
den anderen beiden zu Boden gehalten. Daneben noch ein Räuber und Veridian. Gut zu
sehen, dass sein Freund noch wohlbehalten war. Gemessenen Schrittes trat ein weiterer
in ihren Kreis, eine Gestalt mit wildem schwarzen Haar und Zähnen, die im Mondlicht
wie Eis glitzerten. Dragor. Endlich hatte er ihn genau dort, wo er ihn schon immer hatte
haben wollen. Wenn er sich jetzt selbst die Hände schmutzig machte...
Eine Sache indes fehlte. Das Schwert. Zerbas lieÿ noch einmal den Blick über die fünf
Männer gleiten, aber da war keine Spur. Und eine solche Wae trug man nicht unter
dem Mantel. Er tauschte einen Blick mit Silias, der ein Stück weiter lag und den Kopf
schüttelte. Kein Schwert, sollte das wohl heiÿen.
Wenn einer eine Reise tut , kam es von unten, dann kann er was erleben. Ein
dumpfes Geräusch, dann ein Ächzen. Dragor hatte dem Verräter einen Tritt in die Nieren
verpasst.
Dragor. , kam es ächzend aus gesprungenen Lippen, Ich habe nichts... Ein weiterer
Tritt. Scheiÿdreck. , sprach Dragor grollend, Dass du geredet hast, wissen wir. Was du
gesagt hast, könnte entscheiden, ob du weiterlebst.
Der gemarterte Räuber begann zu weinen, ein Geräusch, das Zerbas mit einer Mischung aus Mitleid und Abscheu erfüllte. Für gewöhnlich hätte er eingegrien, aber für
gewöhnlich lag er auch nicht mit drei Räubern im Dunkeln.
Ich weiÿ doch gar nichts. , ehte der Verräter, Siehst du die Wunden in meinem
Gesicht? Die haben mich doch auch verprügelt, weil ich nicht mehr wusste.
Ein Stampfen, das ihn zum Verstummen brachte, wohl dicht neben seinem Gesicht.
Meinen Namen wusstest du. , grollte der Räuberhauptmann.
Dragor... Nur noch ein Wimmern. Zerbas riskierte noch einen Blick, nur, um zu
sehen, wie Dragor sich abwandte. Verschnürt ihn und nehmt ihn mit. , befahl er. Die
Räuber taten, wie ihnen geheiÿen war.
Zerbas beschloss, das Getrappel zu nutzen, um Silias einen Befehl zuzuüstern: Schnappen wir ihn uns.
Der rothaarige Räuber schüttelte den Kopf. Das Schwert fehlt.
Sie tauschten einen Blick wie eine Willensprobe, aber die Härte des Hauptmanns, mit
der er schon viele niedergestarrt hatte, verlor sich in Silias wahnsinnigen Augen.
Dann gehe ich alleine. , zischte Zerbas. Er machte Anstalten, es tatsächlich zu tun,
aber noch bevor er nur die Nasenspitze aus der Deckung stecken konnte, zogen ihn die
Arme der Räuber zurück auf das Dach.
Sachte. , zischte Silias und hielt ihm einen Dolch an die Seite. Der Hauptmann dachte
für einen Augenblick daran, ihn zu entwanen, aber das hätte nicht funktioniert. Also
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beschränkte er sich darauf, die Hände zu Fäusten zu ballen und mit den Zähnen zu
knirschen.
Derweil hatten Dragors Männer ihr Paket verschnürt und machten sich an den Aufbruch. Machtlos sah Zerbas ihnen dabei zu, wie sie den Gefangen schulterten und davontrugen. Den Gefangenen, den er für nichts und wieder nichts aus seiner Obhut entlassen
hatte.
Euer verdammter Räuberfrieden... , setzte er an, worauf Silias nur seelenruhig das
Messer wegsteckte. Ihr solltet mir danken, Hauptmann, denn ohne mich müsste man
jetzt ein aches Grab für euch ausheben.
Wir hatten ihn auf dem Servierteller. , zischte der Hauptmann, Im Begri, ein Verbrechen zu begehen. Die Beweise...
Silias blickte Dragors Trupp hinterher, der den Platz schon fast verlassen hatte. Hauptmann. , tadelte er ihn, Ihr seid nicht unter Soldaten. Wenn ihr ihn euch jetzt schnappt,
gelte ich als der Mann, der ihn verpen hat. Das wäre unklug.
Zerbas ging in die Hocke und ballte die Faust in der Handäche. Das schlimme war,
dass er den Räuberhauptmann in gewisser Hinsicht verstehen konnte.
Gut, Silias. , sprach er verbissen, Spielen wir nach deinen Regeln. Was nun? Der linkische Räuber winkte seinen beiden Kumpanen, die sich sogleich an den Abstieg machten.
Die Spinne hat ihre Beute. , sprach er ruhig, Nun folgen wir ihr bis zu ihrem Nest.
Veridian staunte nicht schlecht, denn der Weg, den die Räuber wählten, ähnelte verdächtig dem zur Residenz des Statthalters. Feine Gegend. , murmelte er, eigentlich zu
Hallia, aber stattdessen antwortete ihm Janos. Wirst 'ne Überraschung erleben. , sprach
er, Residenz von Dragor lässt dir die Augen aus dem Kopf fallen.
Sie erreichten eine Seitengasse zwischen zwei Anwesen, die von hohen Mauern umgeben
waren. Kein Drecksloch, wie das, in dem sie damals den ersten Toten gefunden hatten,
sondern ein steriler Gang, in dem nicht das kleinste bisschen Unrat lag. Dragor wandte
sich um und musterte die vier Räuber, die ihm folgten. Ihr zwei. , befahl er den beiden
Kerlen, die den Verräter trugen, Absetzen!
Sie taten es nicht sonderlich sanft, aber dank des Knebels konnte der gefesselte Räuber
nur gedämpft protestieren. Der Räuberhauptmann sah sich die beiden noch einmal von
oben bis unten an, dann befahl er ihnen, das Weite zu suchen. Begierig, diesem langen
Tag ein Ende zu setzen wandten sie sich um. Eine Sache noch. , sprach Dragor ruhig,
Wenn nochmal so'ne Scheiÿe passiert, seid ihr auf euch gestellt.
Die beiden nickten eifrig und Veridian kam nicht umhin, ein wenig Mitleid mit ihnen
zu haben. Ooooh. , machte Hallia in seinem Kopf, Dass sie auch so viel Pech beim
Rauben und Morden haben müssen.
Veridian ignorierte sie und wandte sich an Dragor. Was nun? , fragte er. Was wohl? ,
gab Dragor zurück, Hauruck und an die Arbeit. Janos tauschte einen Blick mit seinem
Kameraden, dann schulterten sie den Verräter und folgten Dragor.
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Fühl dich geehrt. , sprach Janos. Warum? , fragte Veridian. Andere sind fort, denn
Dragor traut ihnen nicht. Dir schon.
Hmm. , machte Veridian nur.
Wunderst dich, warum wir 'nen verschnürten Kerl durch diese piekfeine Gegend tragen? , fragte Janos nach einer Weile, Weitab von all den Orten, wo sich das Gesindel
herumtreibt?
Der Gedanke kam mir. , gab Veridian zu, Bei den Reichen wimmelt es für gewöhnlich
von Wachen.
Baah. , machte Janos, Wachen, die nur Reichtümer bewachen. Stech einen armen
Kerl ab und es kratzt sie nur, wenn sein Blut über die Schwelle ihrer Meister läuft.
Hmm. , wiederholte Veridian und dachte an den Hauptmann, der sich - ganz im
Gegensatz zu seinem Herrn - um Gerechtigkeit scherte, gleich wem sie zu verschaen
war. Aber Janos hatte schon Recht. Das war eine Ausnahme.
Sie schwiegen für eine Weile und suchten sich ihren Weg durch das Geecht an Gassen, das abseits der groÿen Prunkstraÿen Gesindehäuser und dergleichen mit den Villen
verband.
Es wundert mich noch immer. , sprach Veridian nach einer Weile, die eigener Neugierde verstärkt durch die des Schutzgeistes.
Bevor er antwortete, rückte Janos den verschnürten Räuber zurecht. Schon einmal
vom Wolf unter den Schafen gehört?
Sie hatten es beide. Der Wolf im Schafspelz?
Janos nickte. Wolf ist Dragor. Schafspelz wirst du gleich sehen.
Hallia und Veridian versuchten, aus diesen Worten schlau zu werden, aber es gelang ihnen nicht, bevor sie ihr Ziel erreichten. Nach ein paar Biegungen machte Dragor nämlich
vor einem Tor aus schwarzem Ebenholz halt, das in eine fahlweiÿe Marmorwand eingelassen war. Dahinter ragte der Turm eines Anwesens auf, das im Vergleich zur schmucklosen
Absperrung geradezu ein Übermaÿ an Charakter besaÿ. Es war ein schiefes Gebilde aus
den verschiedensten Steinen gemauert, unter dessen rotverziegeltem Dach eine silberne
Glocke im Mondlicht glänzte. Schön. , dachte Veridian nur, dann hinterfragte er, warum
sie Halt gemacht hatten. Hallias Bewunderung war anders, spöttischer, wie stets, wenn
sie von Menschenhand Gemachtes betrachtete, aber mit einer gewissen verspielten Zuneigung. Ich hätte nicht übel Lust, diese Glocke zu läuten. , wisperte sie. Das wäre
unsere Totenglocke. , gab Veridian spitz zurück.
Aber noch bevor der Streit zwischen Mann und Schutzgeist in Fahrt geraten konnte,
wurden sie jäh unterbrochen. Genug Löcher in die Luft gestarrt! , bellte Dragor.
Veridian sah auf. Dragor stand in dem schwarzen Torügel, der nun oen war. Komm
schon. , stimmte nun auch Janos mit ein. Der Ruck durch ihren verschnürten Gefangengen gab dann schlieÿlich den Ausschlag und Veridian setzte sich verdutzt in Bewegung.
Sag mir, dass wir nicht hier einbrechen. , murmelte er, eigentlich zu Hallia. Es war
Janos, der ihm antwortete: Angst musst du nicht haben. Wir sind am Ziel.
Sie durchschritten die Mauer und fanden sich in einem Garten wieder, der ebenso exzentrisch war wie das Türmchen. Ordentliche Beete reihten sich an verwildertes Gestrüpp
und der verschlungene Weg zum Haus war halb mit makellos weiÿem Kies bestreut und
halb von Moos und Unkraut überwuchert. Es lag kein Schnee.
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Während ihrem Weg durch dieses Werk eines oenkundig schizophrenen Gärtners erklärte Dragor ihm den Grund für ihr Hiersein. Das Anwesen, auf das sie zugingen gehörte
Jolander vom Blauen Grund, einem einussreichen, aber letztlich mittelmäÿigen Wörterschmied. Hab mal versucht, eine von seinen Kladden zu lesen... , sprach Dragor dazu
und tippte sich an die Stirn, Mehr Scheiÿ geht durch keinen Ochsenarsch. Jolanders
Misserfolg gab Dragor Recht, denn so sehr er sich bemühte, Jolander konnte nie mehr
als ein paar Dutzend seiner Werke verkaufen. Dennoch galt er als erfolgreich und war
ein gerngesehener Gast in den Abendgesellschaften Titanias, solange nur niemand ein
längeres Gespräch mit ihm führen musste. Seine Anwesenheit verlieh eine Aura von Kultiviertheit, die dadurch erhalten blieb, dass man ihm nicht allzu genau zuhörte.
Zu Recht fragte Veridian sich, wie Jolander sich dann solch ein Anwesen leisten konnte.
Da kam Dragor ins Spiel, denn er war Jolanders Mäzen, allerdings weder, weil ihn sein
Geschreibe interessierte, noch, weil er sich damit brüsten wollte. Im Gegenteil, dieser
Akt der Philanthropie war ein wohlgehütetes Geheimnis. Jolander lebte sein sorgenfreies
Leben, schmiedete seine Verse und Dragor hatte einen perfekt getarnten Ort inmitten
von Titania, wo er in Ruhe tun und lassen konnte, was er wollte.
Hohe Kunst und Langeweile halten mehr Menschen fern als tollwütige Hunde und
Mörder. , schloss Dragor seine Erzählung, worauf Veridian ehrlich lachte. Selbst Hallia
stimmte mit ein.
Ist er hier? , fragte er, Jolander, meine ich. Dragor nickte. Zwei Regeln. , befahl
er, Frage nicht nach seinem Namen und, um der Vierzehn Willen, frage nicht nach der
Glocke.
Sonst sind wir morgen früh noch hier. , fügte Janos hinzu und sein Augenrollen verriet,
dass er diese Lektion auf die harte Weise gelernt hatte.
Sie bogen um einen Baum voller süÿlich fauliger Äpfel und fanden sich vor dem Eingang
der Villa wieder. Ein Geländer grinste ihnen rostig in der Finsternis entgegen wie ein
schiefes Gebiss. Die beiden Flügel des Portals waren schwarz und weiÿ bemalt. Veridian
tauschte einen Blick mit Janos, der eine Geste machte, die nur frag bloÿ nicht bedeuten
konnte. Dragor ging schnurstracks das Treppchen herauf und polterte gegen die Tür.
Der alte Nachtvogel ist bestimmt noch wach. , murmelte er und tatsächlich hörte man
alsbald von innen das Klimpern von Schlüsseln und es önete sich der schwarze Torügel.
Dahinter stand ein Mann, der aussah wie eine bizarre Mischung aus Nachtigall und
Krähe, das Haar teils blond, teils blau, die Kleidung geickt, aber anscheinend frisch
gestärkt. Aus blauen Augen musterte er die Neuankömmlinge, dann hob sich einer seiner
Mundwinkel.
Dragor. , sprach der Mann, der nur Jolander vom Blauen Grund sein konnte und
es klang tatsächlich erfreut. Mach Platz. , bellte Dragor zurück und wies seine beiden
Kumpane mit ihrer schweren Last ins Innere.
Es war nicht besser als drauÿen. In der Eingangshalle stapelte sich allerlei, von Kunst
bis Unrat, wahllos durcheinandergemischt bis an die Decke. Veridian machte einen Schritt
nach vorne und trat auf einen Teller, der klirrend zerbrach. Plötzlich entsann er sich des
imperialen Zeughauses, aus dem das Schwert gestohlen war. Da war doch etwas...
Das hier ist ein noch schlimmerer Saustall als dort. , sprach Hallia. Veridian nickte.
Schau dich trotzdem um. Ein bläuliches Grinsen erschien vor seinem inneren Auge. Ich
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hoe nur, dass ich keinen von diesen Stapeln umpuste. Kaum hatte sie es gesprochen,
war sie bereits verschwunden und tatsächlich atterten ein paar lose Blätter auf wie
Fuÿspuren.
Derweil hatten sie Kurs auf eine Kellertür am anderen Ende des vollgestopften Raums
übernommen und obwohl Dragor kein Wort an ihn richtete, umschwirrte Jolander ihn
wie eine Fliege.
Dragor, mein Gönner. , sprach er, Was verschat mir die Ehre zu solch später Stunde? Dragor wies mit einem Nicken auf den Gefangengen. Du kennst unsere Abmachung. , brummte er. Jolander nickte eifrig. Ja, durchaus. , sprach er, An wen sollte
ich euch auch verraten? Die Menschen hören heutzutage einfach nicht mehr zu. So unhöich! Sie umschiten einen Haufen aus allerlei Metallteilen, der sich bereits gefährlich
neigte. Veridian hielt den Atem an. Auÿerdem , plapperte Jolander eifrig weiter, könnt
ihr gar kein schlechter Mann sein. Alles Sein ist Widerspruch, pege ich zu sagen. Und
da ihr mich so edel unterstützt, müsst ihr ein guter Mann sein. Dragor nickte mühsam
beherrscht. Glaubt das weiterhin.
Sie hatten die Kellertür erreicht. Habt ihr bereits die Zeit gefunden, meine neuestes
Werk... , hörte man noch von Jolander, bevor ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen
wurde.
Sie befanden sich auf einer steinernen Treppe. Man hörte ein Zischen und Dragors
Gesicht erschien im Schein einer Fackel. Er rieb sich die Schläfen. Der Dummschwätzer
hat hier untern Hausverbot. , erklärte er und führte sie in ein Gewölbe.
Es war das genaue Gegenteil der Halle darüber. Alles war äuÿerst ordentlich und
edel, aber unprätentiös möbliert. Eine Wand schmückten diverse Trophäen, darunter der
Kopf eines Dreyhorns, das wohl ein Zwilling des Dreyhorns im Gespaltenen Schädel sein
mochte.
Veridian hatte keine Zeit, sich weiter umzusehen, denn sie lieÿen diesen anheimelnden
Raum hinter sich, um noch weiter in die Tiefe zu steigen. Hier war es weitaus unangenehmer, denn Dragor hatte sich hier ein eigenes Verlieÿ gegraben. Wie tief gehen diese
Gänge? , murmelte er voller Ehrfurcht.
Bis zu meiner geheimen Schatzkammer. , sprach Dragor und lachte rau. Veridian
tauschte einen Blick mit Janos, der nur mit den Schultern zuckte. Irgendwo unter uns
gibt es einen Durchgang in die verlassenen Schächte des alten Titania. Sagt man aber,
es gibt Ungeheuer.
Dragor nickte. Nicht gelogen, das. , imitierte er Janos, zückte einen weiteren Schlüssel
an seinem Schlüsselbund und verschate ihnen Eintritt in eine der Zellen.
Obwohl Zelle vielleicht nicht der passende Begri war, denn es handelte sich um einen
Käg, Gitter bis an die steinernen Wände, nur nicht auf dem Boden, durch den man in
einen schwarzen Abgrund sehen konnte. Ein kalter Wind wehte von dort hinauf, aber es
war nicht Hallia. Es stank.
Anheimelnd. , murmelte Veridian, als sie ihre Last absetzten. Während Janos und er
sich die Schulter rieben, zog Dragor eines seiner Messer und entfernte ruppig Augenbinde
und Knebel von dem unglücklichen Räuber.
Die Reise war ihm nicht gut bekommen, seine Augen waren verheult und sein Gesicht
von den Schlägen verquollen. Er japste nach Luft und sah aus, als wolle er schreien, aber
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er wusste es wohl besser. Veridian kam nicht umhin, Mitleid mit ihm zu haben.
Ein treender Ort, nicht? , fragte Dragor ihn und drehte sein Messer in den Händen,
Schlieÿlich gibt es hier unten auch Ratten. Er grinste und sein Opfer tat es gezwungenermaÿen auch. Der Räuber hatte begrien, dass sein Leben in Dragors Händen lag, und
nun heischte er instinktiv nach Sympathie.
Was ist so lustig?! , herrschte der Räuberhauptmann und zog ihm das Messer so fest
unter das Kinn, dass es ihm die Haut ritzte. Was hast du den Imperialen erzählt?
Nichts! Kein Sterbenswörtchen! Niemand glaubte ihm.
Und deswegen spendiert das Imperium dir 'ne Kutsche? Es war eine Frage, die keiner
Antwort bedurfte, erst recht nicht, als Dragor die Börse vom Gürtel des Räubers pickte.
Und was haben wir hier?
Der Gefesselte schluckte. Nun hatte er verspielt.
Noch während Veridian sich fragte, wie er nur in diese Situation gelangt war, kehrte
Hallia zu ihm zurück. Kühle Klarheit umng ihn, während eine Lawine von Sinneseindrücken über ihn einstürzte. Das Schwert? , übertönte er sie in Gedanken. Nein. ,
antwortete sie und innerhalb eines Herzschlags sank ihrer beider Mut. Ich habe aber
Gemälde von Meermädchen gefunden, die denitiv keine Meerjungfrauen mehr sind. ,
verkündete sie verschwörerisch, als seine Gedanken sie innehalten lieÿen. Erst jetzt begri sie, wie ernst die Situation war, in der sie sich befanden.
Ein Haufen Geld für einen, der nichts weiÿ und sagt! , fuhr Dragor fort und riss die
beiden aus ihrer stummen Unterhaltung. Er fuchtelte mit seinem Messer durch die Luft.
Das wird unschön. , üsterte Janos. Wir müssen ihm helfen! , stimmte Hallia stumm
mit ein.
Veridian sagte nichts, sondern starrte nur gebannt auf den Tanz der Klinge. Wenn
er nun eingri, war er der nächste. Aber darum waren sie auch nicht hier. Wenn das
vermaledeite Schwert nicht hier war, wo war es dann? Hast du auch nichts übersehen? ,
dachte er verzweifelt. Ich habe oben alles durchsucht. , gestand Hallia, Aber hier unten
sind die Türen versiegelt. Luftdicht.
Scheiÿe. , entfuhr es Veridian und Dragor wandte sich um. Ganz recht! , polterte er,
Scheiÿe ist es, die dieser Scheiÿer mir hier auftischt und noch erwartet, dass ich sie esse!
Der gefesselte Räuber hatte die Augen geschlossen. Schweiÿ rann ihm nur so in Strömen
durch das Gesicht. Er zitterte
Du hast ihn genug eingeschüchtert. , warf Janos ein, worauf ihm sein Hauptmann
einen scharfen Blick zuwarf. Ich entscheide, wann genug ist! , polterte er und zog sein
zweites Messer. Dragor lächelte und das Silber in seinem Mund glänzte, als hätte er
tausend Reiÿzähne. Jetzt ist es genug.
Er näherte seinen Mund dem Ohr seines Gefangenen. Noch kannst du mit dem Leben
davonkommen. , sprach er versöhnlich, Sage mir einfach, was du verraten hast, und ich
verspreche dir, du wirst dich gleich besser fühlen.
Silias war charmant gewesen, als er Veridian zum Spielen animiert hatte. Ob Dragor
das versuchte oder nicht, vermochte er nicht zu sagen. Eines stand fest: Seine Worte
lieÿen ihm das Blut in den Adern gerinnen.
Was weiÿ ich schon? , jammerte der Räuber, Nur, dass du uns anführst. Und, dass
wir Krieg mit Silias führen. Er wollte wissen, wo deine Verstecke sind, aber ich habe
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nichts gesagt. Seine Lippen bebten. Kenn sie ja nichtmal. Er önete die Augen und
blickte die drei ehentlich an. Vergib mir. , bat er, Aber was hätte ich denn tun sollen?
Einen wie mich schmeiÿt das Imperium ins Loch, bis ich schwarz werde.
Dragor hörte sich das Geständnis ruhig an. Als der Gefesselte fertig war, tätschelte
er ihm das Knie und wandte sich an die beiden Kameraden. Was soll ich mit dem
Hurensohn tun? , fragte er ruhig.
Janos und Veridian blieben mucksmäuschenstill. Sie beide wussten, dass er keine Antwort erwartete. Hallia tat es nicht. Wir müssen eingreifen! , dachte sie an Veridian. Er
wehrte den Gedanken ab. Dann sterben wir auch.
Ein begabter Redner und noch dazu wohlbekannt beim Imperium. , fuhr Silias fort.
Du hast den Beruf verfehlt. Er lachte ohne jeglichen Humor. Du hättest Politiker
werden sollen. Dann wandte er sich ab. Genug geredet!
Hallias Impuls war es, ihn anzugreifen, aber Veridian hielt sie zurück. Er hat seine Messer noch nicht gezogen! , rief er in Gedanken. Hallia verstand ihn sofort. Das Schwert...
Ihr Herr dachte weiter. Er wird ihn der veruchten Wae zum Fraÿ vorwerfen.
Noch ehe sie ihre verochtenen Gedanken zu Ende denken konnten, regte sich Widerstand von unerwarteter Stelle. Umbringen musst du ihn nicht! , sprach Janos und trat
einen Schritt vor.
Der Räuberhauptmann tat es ihm gleich und die beiden Männer starrten einander in
die Augen. Groÿe Worte für einen Halunken, der einen Raubzug in den Sand gesetzt
hat! Er trat noch näher heran, sodass sie sich schier berührten. Du bist hier, weil ich
dir traue, Janos. Und weil du den Scheiÿer hier sterben sehen sollst und den Männern in
deiner ureigenen Art berichten.
Janos schluckte. Dennoch... , warf er ein und blickte um Beistand suchend zu Veridian.
Der tat nichts, obwohl der Schutzgeist in seinem Kopf protestierte. Dennoch...? , fragte
Dragor lauernd. Janos konnte seinem Blick nicht mehr standhalten und wich einen Schritt
zurück.
Der Räuberhauptmann lachte. Da die Einwände ausgeräumt sind, können wir hier
endlich klar Schi machen.
Hallia schrie in Veridians Gedanken, aber er gestattete ihr nicht, diesem Zorn Ausdruck
zu verleihen. Mit gesenktem Blick stand er da, und wiederholte immer nur den einen
Gedanken. Wir müssen das Schwert nden.
Dragor trat an die Wände des Eisenkägs. Selbst ein noch so verruchter Mann hat immer noch einen Nutzen. Veridian sah auf. Das musste es sein. Nun würde er das Schwert
oder vielleicht sogar dessen Träger kommen lassen. Grund genug, abzuwarten. Hallia in
ihm tobte wie ein Sturm. Sie beide wussten, dass das nicht der Grund war. Veridian war
feige, das war die ganze Wahrheit. Er kämpfte sie hinunter wie einen Brechreiz.
Trotz des langen Geredes geschah es ganz plötzlich. Der Räuberhauptmann zog an
einem Hebel und unter dem Unglücklichen teilte sich das Gitter. Mit einem rostigen
Knarren schwangen sie auf und für einen Moment schien es, als ob der Verräter frei in
der Luft schwebte. Dann geschah alles gleichzeitig.
Der Räuber el. Veridians Geist wurde von Bildern solch einer Intensität gefüllt, dass
er den Schutzgeist nicht mehr festhalten konnte. Er sah, wie ihr früherer Herr gefallen
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war und sie ihn nicht hatte fangen können. Nun musste es anders sein! einem Sturm
gleich entwich sie ihm und jagte mit dem Verräter hinab in die Grube.
Der Windgeist fegte Dragor schier mit in das Loch, aber es gelang ihm, sich an den
Stäben des Kägs festzuhalten.
Vermaledeit. , sprach er, als er sich aufrappelte, Was zum Henker... Der Wind verebbte und bald folgte ein hässliches Geräusch. Der Räuber war am Boden angekommen.
Janos sah auf. Katakomben sind verucht, das sagt man. Dragor blickte hinab in den
schwarzen Schlund und spuckte hinein. Der richtige Ort für einen Verräter!
Veridian sagte nichts. Er war allein.
Hauptmann Zerbas war ebenfalls erstaunt von dem Ziel der Räuber. Hätte er es nicht
besser gewusst, so hätte er gedacht, sie planten einen Raubzug gegen einen der Reichen
von Titania.
Vermaledeiter Bastard. , sprach Silias schlieÿlich bewundernd, als die Verfolgten das
Anwesen von Jolander betraten.
Hier wohnt Jolander, der Poet. , murmelte Zerbas, ohne zu verstehen.
Silias nickte.
Wollen sie ihn ausrauben? , fragte der Hauptmann.
Der Räuber schüttelte den Kopf. Was wisst ihr über Jolander vom Blauen Grund?
Zerbas fasste schnell zusammen: Ein Poet. Reich. In gewissen Kreisen gern gesehen.
Er brauchte einen Moment, um das letzte Wort zu nden. Exzentrisch.
Silias Augen funkelten. Habt ihr schon mal eines seiner Bücher gelesen, Hauptmann?
Zerbas sah auf. Nein. Von so einem verquasten Unfug schmerzt mir der Schädel.
Und ich bin mir sicher, Hauptmann, da seid ihr nicht der einzige.
Der Imperiale begri immer noch nicht, weshalb der Räuber es ihm erklärte: Eine
Residenz im Herzen der Stadt, in den höchsten Kreisen verkehren, dafür muss man eine
Menge Bücher verkaufen.
Was er wohl nicht tut. , schloss Zerbas.
Aber das macht gar nichts. , sprach Silias weiter, Da er einen äuÿerst spendablen
Mäzen hat, der ihn nanziert, solange er seiner Räuberhöhle einen legitimen Anstrich
verleiht.
Die Augen des Hauptmanns weiteten sich. Ein Versteck kaum einen Steinwurf von
der Residenz des Statthalters...
Mmh-Hmm. , bestätigte Silias, Dragor hat mehr Mut, als ich dachte.
Zerbas wurde bleich. Welches Licht warf es auf seine Arbeit, wenn solche Dinge quasi
direkt unter seinen Augen geschehen konnten? Mut. , wiederholte er zähneknirschend,
Nein. Er schüttelte den Kopf. Übermut.
Er gri an sein Schwert, aber Silias legte seine Hand auf die des Hauptmanns, bevor
er die Wae ziehen konnte. Wir werden sehen. , sprach er ruhig.
Die beiden Männer starrten einander an und für einen Moment schien es, als würde
der schwelende Konikt endlich an die Oberäche brechen.
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Aber dazu kam es schlieÿlich doch nicht, denn der Imperiale hatte ein Einsehen.
Wir haben den strategischen Vorteil. , sprach er, Wir wissen, wo er sich verbirgt und
er weiÿ nicht, dass wir es wissen.
Silias nickte. Jetzt denkt ihr wie ein Feldherr. Er lächelte diabolisch. ...oder wie ein
Räuber.
Zerbas überging diese neuerliche Beleidigung. Wir sollten uns das aus der Nähe ansehen.
Silias nickte und sie traten verstohlen hinaus auf die Straÿe, um über die Mauer des
Anwesens zu steigen.
Aber so weit kamen sie nicht.
Ehe sie begrien, was geschah, schoss ein schwarzer Schemen aus den Schatten und
streckte einen von Silias Leibwächtern nieder. Zerbas sah nur das Aufgleiÿen blauen
Feuers und zog sein Schwert, noch ehe der durchbohrte Räuber auf das Paster aufschlug.
Es blieb keine Zeit, die dunkle Gestalt zu mustern, das einzige, was zählte, war das
blutgetränkte Schwert, das in fahlem Blau das Blut auf seiner Klinge zeigte wie eine satte
Katze.
Das Monstrum wandte sich ruckartig um und blickt zwischen dem Hauptmann und
den beiden Räubern hin und her, als sei es über diese ungewöhnliche Allianz verwundert.
Es war ein schreckliches Gesicht, bleich und abgehärmt, aber als sich die Augen von
Angreifer und Hauptmann trafen, da sah Zerbas etwas Schreckliches. Der letzte Träger
des Schwertes war eine Bestie gewesen, mit wenig mehr als der Gier eines Raubtiers. Die
rotgeäderten Augen von diesem hier waren anders. In ihnen war Geist.
Er hatte keine Zeit, Schlüsse aus dieser Einsicht zu ziehen, denn die schwarze Gestalt
preschte blitzschnell auf die Räuber zu, schneller, als es eine solche Wae zulassen sollte.
Instinktiv ging Zerbas dazwischen und ng den ersten Hieb des Zweihänders mit seiner
Wae. Ein blauer Blitz erhellte die Nacht, als die beiden Klingen aufeinandertrafen. Dem
Hauptmann war, als würden ihm die Arme aus den Gelenken gerissen, aber er hielt stand.
Still versuchte sein Gegner eine Kraftprobe. Zerbas lieÿ sich nicht darauf ein, sondern
wich mit einer Drehung aus der Bahn der Klinge. Wie erwartet stolperte sein Widersacher
einen Schritt nach vorne und entblöÿte seine Seite. Zerbas stach zu, riss aber nur ein Loch
in den Mantel und traf darunter Stahl. Eine Rüstung.
Ohne ihm weitere Beachtung zu schenken stürmte die dunkle Gestalt weiter auf die
beiden Räuber zu. Silias Leibwächter stellte sich vor seinen Herrn, auch wenn seine Miene
klarmachte, dass ihm seine Bezahlung für solch einen Kampf weitaus zu gering war.
Er schate es tatsächlich, zwei der Hiebe abzuwehren, der dritte jedoch schlug ihm
das Schwert sauber aus den Händen. Unzweifelhaft wäre er gestorben, hätte Zerbas nicht
einen weiteren Angri gewagt. Wohlwissend, dass ihr Gegner gepanzert war, zielte er mit
der Schwertspitze auf den Hinterkopf.
Der Hieb war gut geführt, aber obwohl der andere noch in den Kampf mit dem Leibwächter verwickelt war, sah er ihn kommen. Der Schatten neigte sein Haupt beiseite,
zu spät, um dem Angri völlig zu entgehen. Mit einem hässlichen Geräusch fuhr Zerbas
Klinge an seinem Schädel entlang und schnitt ihm eine tiefe Narbe ins Gesicht.
Noch während Zerbas begri, dass sein Angri danebengegangen war, stieÿ sein Gegner
sich ab und rammte die gepanzerten Schultern in den Imperialen.
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Zerbas letzter Gedanke vor dem Einschlag war, dass er unter allen Umständen sein
Schwert festhalten musste, dann wurde er getroen wie von einem Hammerschlag. Hart
ging er zu Boden, aber das Schwert blieb in seiner Hand. Die dunkle Gestalt schenkte
ihm keine weitere Beachtung, sondern gri abermals Silias Leibwächter an.
Der Räuber war ein geübter Kämpfer, aber je besser er sich wehrte, desto schneller
raste das von blauem Feuer beseelte Schwert auf ihn herab. Es war ein honungsloser
Kampf. Das schien auch Silias zu begreifen, denn er suchte stillschweigend das Weite,
während sein Lakai ihn mit seinem Leben verteidigte.
Verdammter... , murmelte Zerbas, während er sich aufrappelte, dann eilte er dem
Leibwächter zur Hilfe. Räuber oder nicht, keiner hatte es verdient, von solch einer Bestie
getötet zu werden.
Dieses Mal musste die dunkle Gestalt ihn kommen gesehen haben, denn kaum führte
der Hauptmann seinen Hieb, fuhr sie zwischen zwei Hieben herum und wich beiseite. Zerbas bremste ab und für einen Moment trafen sich seine Augen mit denen des Angreifers.
So blutleer und verhärmt sein Gesicht auch war, Zerbas war sich sicher, ihn zu erkennen.
Nur, wo er ihn schon einmal gesehen hatte, das wollte ihm nicht einfallen.
Nicht, dass er Zeit hatte, darüber zu grübeln, denn sein zweiter Angri hatte ihm
die volle Aufmerksamkeit des Angreifers gebracht. Er holte mit der schweren Klinge aus
und schwang sie wie eine Sense, so schnell, dass sie einen blauen Feuerschweif hinter
sich her zog. Zerbas machte Anstalten zu parieren und begri zu spät, dass er diese
Kraftprobe unmöglich gewinnen konnte. Verzweifelt rammte er sein Schwert zwischen die
Pastersteine, in der Honung, dass der zusätzliche Halt genügte, die veruchte Wae
aufzuhalten.
Stahl traf auf Stahl und beide Schwerter sangen wie Glocken. Die Kraft des Hiebes
dröhnte durch Zerbas Körper, aber er hielt stand. Sein Schwert indes tat es nicht. Klirrend
brach es entzwei und der gebremste Hieb traf den Hauptmann in die Seite. Zwar trug
er eine Rüstung, sank aber dennoch von der Wucht des Einschlags in sich zusammen.
Ihm war, als sei ihm ein Knüppelhieb zwischen die Rippen verpasst worden. Er japst und
zwang sich, hinauf zu seinem Angreifer zu sehen, wohlwissend, dass er dem Tod geweiht
war.
Ehe er den Blick heben konnte, traf ihn ein Stiefel in die Schläfe und warf ihn vollends
zu Boden.
Derweil war der Leibwächter wieder zu Atem gekommen und obwohl sein Herr das
Weite gesucht hatte, wagte er sich in den Kampf. Über dem zusammengesunkenen Soldaten tauschte er verzweifelte Hiebe, aber sein besessener Gegner gab sich keine Blöÿe.
Erbarmungslos trieb er den Räuber in die Defensive und schlug so lange zu, bis dessen
Ausdauer unvermeidlich erschöpft war.
Zerbas konnte nichts weiter tun, als nach Luft zu schnappen, während ihr dunkler
Angreifer zum tödlichen Hieb ausholte. Gierig umschlang blaues Feuer die veruchte
Klinge und spiegelte sich in den verängstigten Augen des Räubers.
Hilfe kam aus einer unerwarteten Richtung. Ein Dolch schoss durch das Dunkel und
blieb im Arm der dunklen Gestalt stecken. Das Schwert glitt ihr aus der Hand und el
scheppernd zu Boden. Das blaue Feuer erlosch.
Los! , brüllte Silias und warf noch einen zweiten Dolch. Sein Untergebener lieÿ sich
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nicht zweimal bitten und nahm die Beine in die Hand, während das zweite Wurfgeschoss
wirkungslos auf die Rüstung des Angreifers prallte.
Zerbas hatte sich derweil auf die Knie gekämpft, war aber in keinem Zustand, es seinen
untreuen Kameraden gleichzutun. Während die dunkle Gestalt ungerührt das Messer aus
dem Arm zog wie einen Spreiÿel, begri er, dass er nun sterben würde. Es kostete ihn
alle Willenskraft, sein zweites Schwert zu ziehen. Als er vor der Blauen Königin gekniet
war, hatte er keine Wae mehr gehabt. Schlaf oder Tod, das war seine Wahl gewesen. Der
dunkle Koloss würde ihm keine lassen. Er war selbst schuld, eine Allianz mit Räubern
einzugehen.
Nun war das Schwert über ihm und er war bereit, das blaue Feuer zu empfangen. Nicht
jedoch ohne Widerstand. Schützend hob er seine Klinge vor das Gesicht und blickte über
ihre Kante dem Ungeheuer in die blutroten Augen. Es blickte zurück und abermals war
da diese Ahnung von Geist. Aber das war unmöglich, denn wie konnte ein klarer Gedanke
mit solch monströsem Verhalten einhergehen?
Aber es musste so sein, denn der Koloss hielt inne. Gebannt starrte Zerbas ihn an und
kämpfte das Zittern in seinen Armen nieder, wohlwissend, dass sein Widerstand nicht
vielmehr als eine Geste war. Aber wenn er schon sterben musste, dann wenigstens unter
Wahrung seiner Prinzipien.
Aber er sollte nicht sterben, zumindest nicht in dieser Nacht. Denn es war das bleiche
Ungeheuer, dass zuerst den Blick senkte, sich ruckartig umwandte und dann verschwand.
Ungläubig blickte der Hauptmann der dunklen Gestalt nach. Aber er sollte noch zweite
Überraschung erleben, als sie den Mantel abstreifte und achtlos beiseite warf. Was drunter
war konnte nicht sein und dennoch sah er es mit eigenen Augen.
Hallia war nicht zurückgekehrt. Selbst, nachdem sie die Stufen aus dem Verlies wieder
emporgeklettert waren und nun in Dragors guter Stube saÿen. Die Laune des Räuberhauptmanns hatte sich gebessert, was aber wohl hauptsächlich Fassade war. Er schien zu begreifen, dass sie beide seine Tat nicht guthieÿen. Also gab er sich jovial und
spendierte Schnaps aus einer Flasche, in der zu Veridians Schrecken mehrere Augäpfel
herumschwammen.
Natternwein aus Steinengard. , erklärte er ruhig und schob ihnen die Gläser zu. Ob
der wirklich aus Nattern gemacht wird? , dachte Veridian und erwartete eine schnippische
Antwort, die natürlich nicht kam. Ihm war, als fehlte die Hälfte seines Verstandes.
So läuft der Laden. , sprach Dragor und stürzte sein Glas hinunter. Die anderen
beiden tranken zögerlich. Es war ein starkes Gesö, das ein taubes Gefühl auf der Zunge
hinterlieÿ. Dummheit kann ich dulden, und wenn einer sich mehr nimmt, als ihm zusteht,
gibt's einen Klaps auf die Finger. Dragor schenkte sich ein zweites Glas ein. Aber die
Imperialen, da ist es mit der väterlichen Liebe zu Ende. Veridian hörte kaum zu. Dragor
hatte das Schwert nicht. Der Mann war umsonst gestorben.
Janos, du bist alt genug, um die übelste Zeit miterlebt zu haben, als Räuber an allen
Bäumen der Stadt baumelten. Veridian blickte seinen Kameraden an, der in sein leeres
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Schnapsglas starrte. Das war, bevor Silias in der Stadt war. , antwortete, Als noch oen
ausgefochten wurde, wem welche Straÿe gehörte.
Dragor lieÿ seine silbernen Zähne blitzen. Die gute alte Zeit, wo ein Räuber noch
kein verschissener Politiker sein musste. Er trank einen dritten Schnaps. Und dennoch
können wir vom faulen Frieden alle gut leben, Zelphar, Silias und ich. Er hielt inne, als
ob er begri, dass er zu viel gesagt hatte.
Janos sah hinüber zu Veridian, aber der war noch immer erstarrt.
Genug Kaeeklatsch. , meinte Dragor schlieÿlich, Wir haben noch einen Raubzug zu
planen. Janos ächzte. Nacht ist schon alt. , murmelte er. Dragor knallte sein Glas auf
den Tisch, dass es schier zerbrach. Alle erwarten, dass wir nach dieser Geschichte den
Schwanz zwischen die Beine klemmen! , polterte er, Diese Stadt hat uns sitzenlassen mit
Kavaliersschmerzen aber wir werden das nicht hinnehmen! Er machte Anstalten, sich
einen weiteren Schnaps einzuschenken, aber nahm stattdessen gleich die Flasche. Wir
machen den Raubzug einfach ein zweites Mal!
Janos' Augen weiteten sich. Dort wimmelt es bestimmt noch von Imperialen. , warf er
ein. Dragor schüttelt den Kopf. Die glauben, dass der Blitz nicht zweimal an derselben
Stelle einschlägt. Er nahm einen tiefen Zug und spuckte einen Augapfel in sein Glas.
Und selbst wenn sie dort sind. , sprach er, wir haben einen Abnehmer, der uns den
Arsch aufreiÿt, wenn wir nicht liefern.
Janos schluckte, dann nickte er. Sorge für meine Kinder, wenn ich draufgehe. Dragor
klopfte ihm auf die Schulter. Trommel ein paar Männer zusammen. Janos gab Veridian
einen Wink, aber der rührte sich nicht. Geh schonmal. , brummte Dragor.
Nach einem Moment des Zögerns kam Janos dem Befehl nach. Als er verschwunden
war, ging der Räuberhauptmann hinüber zu Veridian und goss ihm noch einen Schnaps
ein. Trink. , befahl er und wartete, bis Veridian dem Befehl nachgekommen war. Du
hast noch nie einen Mann getötet. Die Gewissheit, mit der er es sprach, lieÿ Veridian
aufblicken. Er dachte an seinen wenig rühmlichen Auftritt beim Turnier. Hallia hatte ihn
zurückgehalten. Nun war sie fort.
Ein Räuber kann sich ein Gewissen nicht leisten. , fuhr Dragor fort, Genieÿ deines,
solange du es noch hast.
Sie wurden unterbrochen von einem Läuten, das das Gemäuer in seinen Grundfesten
erschütterte. Veridian fuhr hoch. Jolander hat seine vermaledeite Glocke geschlagen.
Dragor zog sein Schwert. Das hat niemals etwas Gutes zu bedeuten.
Beide hasteten sie die Treppe hinauf, nur um Jolander in heller Aufregung zu nden.
Warst du das!? , herrschte Dragor ihn an, aber der Dichter blickte nur durch ihn hindurch. Der Tod in Menschengestalt. , murmelte er tonlos, Ich habe ihn im blauen Feuer
gesehen!
Veridian zuckte zusammen. Blaues Feuer! Das konnte nur bedeuten, dass... Aber das
konnte unmöglich sein!
Janos! , brüllte er und rannte los, ungeachtet der einsturzgefährdeten Stapel, die ihn
umgaben. Was zum...? , murmelte Dragor, packte Jolander und schüttelte ihn. Was
wird hier gespielt?
Der Dichter verdrehte die blauen Augen. Der Tod ist das Ende aller Dialektik... , üsterte er, kam aber nicht weiter, denn Dragor verpasste ihm kurzerhand einen Fausthieb,
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der ihn ins Reich der Träume schickte. Dummschwätzer!
Veridian riss das Portal auf und stürmte in den Garten. Dort stand er, unter den
Bäumen, der Schatten, gehüllt in blaues Feuer. Zu seinen Füÿen lag Janos, die Augen
von Schrecken geweitet, das Gesicht blutüberströmt. Mit letzter Kraft reckte er Veridian
eine bebende Hand entgegen, dann durchbohrte ihn das veruchte Schwert.
Das widerlich blaue Leuchten umschlang ihn und weidete sich im Rot seines Bluts.
Zuerst versuchte Veridian, stark zu sein, dann aber überkam ihn unbändige Wut, auf
den Mörder, auf die Räuber, und auf sich selbst. Was er nun tat, war närrisch, aber er tat
es, nicht zuletzt, um die Untätigkeit auszugleichen, die Hallia und ihn entzweit hatten.
Der Mörder sah ihn wohl kommen, aber er machte nicht einmal Anstalten, sein Schwert
aus dem Toten zu ziehen. Auf dem halben Weg zu ihm begri Veridian, dass er nichtmal
eine Wae hatte. Dennoch sprang er die dunkle Gestalt an.
Es war, als prallte er gegen eine Felswand. Der Träger des Schwerts war hager, aber seine dünnen Beine gaben kein Stück nach. Wie ein lästiges Insekt wischte er den Angreifer
beiseite.
Veridian og in einen der Dornenbüsche auf der hässlichen Seite des Gartens. Er bemerkte die Stiche nicht einmal. Keuchend berappelte er sich und blickte hinüber zu
Dragor.
Der Räuber hatte einen Satz Wurfklingen gezogen und schleuderte sie mit gebleckten
Zähnen auf die dunkle Gestalt.
Die zog nun endlich die Wae aus dem toten Kameraden und wehrte damit die Salve
von Geschossen ab. Nur eine Klinge fand ihr Ziel und bohrte sich in die Schwerthand des
Ungeheuers, wo sie steckenblieb.
Nicht ein Muskel im Gesicht des Sschattens regte sich. Stattdessen wandte er sich
wortlos um. Veridian wäre schier wieder gestürzt, als er sah, was sich auf seinem Rücken
befand. Es war ein wohlvertrautes Zeichen, aber ihm war trotzdem, als könne er es nicht
erkennen. Vielmehr wollte er es nicht, denn es ergab keinen Sinn.
Es war das Zeichen von Silias.
Dragor sah es auch, zog seine beiden Schwerter und etschte drohend mit den Zähnen.
Aber er folgte dem Monstrum nicht, das seelenruhig durch den Garten davonschritt.
Veridian machte Anstalten, ihm zu folgen, aber Dragor wies ihm mit gestrecktem
Schwert, zu bleiben.
Nicht heute. , grollte er mit zitternder Stimme.
Veridian nickte und sie warteten wortlos, bis der Schatten von ihnen gegangen war.
Wie zu erwarten kam für Janos jegliche Hilfe zu spät. Dragor und Veridian sahen
sich über seinen Leichnam an. Silias hat den Frieden gebrochen. , sprach Dragor kalt.
Veridian schauderte es. Was geschieht nun? , fragte er.
Krieg.
Was spielte es für eine Rolle, dass es nur eine Rolle war, die Veridian hier spielte? Was
zählte war, dass Janos sein Freund gewesen war und dass er nun hier lag. Das Schwert
musste vernichtet werden, Silias musste aufgehalten werden! Und wenn der einzige Weg
das zu tun war, ein Räuber zu sein, dann zum Henker mit Zerbas imperialen Regeln.
Der Entschluss war gefasst, aber der Mut blieb nicht lange. Hallia fehlte.
108
Es war ein grauer und hässlicher Morgen, die Wolken am Himmel wie Narbengewebe
und tränennasse Augen. Noch weinte er nicht, aber Regen würde kommen und alles
fortwaschen. Bleich blickte Veridian in die Spiegelscherbe an der Wand der Räuberhöhle
und zurrte den ledernen Armschutz zurecht.
Hallia hätte bestimmt einen Heidenspaÿ gemacht, selbst in einem so düsteren Moment
wie diesem. Aber sie war fort, bestrafte ihn für seine Feigheit. Er wusste, dass er es
verdient hatte, aber das machte es nicht leichter. Im Gegenteil, das Bedürfnis, sich mit
ihr zu verbinden, war schier körperlich.
Er zog das Schwert halb aus der Schneide. Ein Schwert machte noch keinen Krieger,
aber alles war besser, als feige zu sein. Feige und allein.
Hallia hatte ihm verboten, ein Schwert zu führen, aber sie war nicht da, um ihn zu
beschützen.
Sie war gestern noch einmal zurückgekehrt, angelockt vom Geläute der Glocke und
hatte ihn mit dem Toten gefunden. Dragor hatte Janos Überreste in den Abgrund werfen wollen, aber Veridian hatte darauf bestanden, ihn zu begraben. Der Boden in dem
verwilderten Garten war weich und schlieÿlich hatte sogar Jolander sich eingefunden und
ihm wortlos graben geholfen. Aber als sie gekommen war, da war der Dichter schon
wieder fortgewesen. Er hatte ihr berichtet, was geschehen war und obwohl er die Hand
ausgestreckt hatte, hatte sie sich nicht wieder mit ihm vereinigt. Worte waren zu wenig.
Ich habe ihn nicht fangen können. Das war alles, was sie von ihrem Sturz in die
Finsternis erzählt hatte. Und auch ohne ihre Verbindung wusste er, welcher Schmerz
hinter diesen Worten stand.
Aber nun war sie nicht hier und er musste allein in den Krieg ziehen. Um ihn herum
herrschte Aufregung, die teils sogar freudig war. Silias war Dragors Leuten lange auf der
Nase herumgetanzt und viele sahen den Krieg längst als überfällig. Und wer Angst hatte,
der war schlau genug, sie den kampfeslüsternen Kumpanen nicht zu zeigen. Hätten sie
gewusst, was er wusste, so hätten viele bestimmt die Flucht ergrien.
Veridian zwang sich, nicht mehr in den Spiegel zu sehen. Die Würfel waren gefallen,
jetzt galt es nur noch, den Becher vom Tisch zu nehmen. Er wusste, dass Hallia ihren
Teil dabei zu spielen hatte. Ohne ihn.
Krieg? , fragte Zerbas und blickte über die reichgedeckte Frühstückstafel. Silias biss in
sein Marmeladenbrot und nickte. Krieg. , bestätigte er mit rotbenetzten Zähnen. Nur
mit eurer Erlaubnis natürlich.
Der Hauptmann lachte tonlos. Ihr wollte den Segen des Imperiums, einen Krieg anzufangen?
Nein. Der Räuber winkte ab. Eure Erlaubnis reicht vollkommen.
Es steht mir nicht zu, solch eine Erlaubnis zu erteilen.
109
Tja. , machte Silias, Es steht euch auch nicht zu, nachts mit einem Räuber durch
die Gassen zu schleichen, aber dennoch habt ihr es getan.
Zerbas knirschte mit den Zähnen. Und hätte dafür schier mit meinem Leben bezahlt.
Aber, aber. Silias nahm einen Schluck Apfelsaft. Ich bin doch zurückgekommen und
habe euch, soweit ich mich erinnere, das Leben gerettet.
Pah. , schnaubte Zerbas, Einen Dolch habt ihr geworfen aus dem Hinterhalt.
Da habt ihr's. Mehr Mut würdet ihr doch von einem wie mir nicht verlangen. , sagte
Silias.
Und doch sprecht ihr von Krieg.
Der Räuberhauptmann nickte. Schlecht für das Geschäft, solange ich ihn selbst führen
muss. Er seufzte theatralisch. Aber besser schlechtes Geschäft, als gar kein Geschäft.
Euer Geschäft schert mich nicht. , erwiderte Zerbas.
Nein, euch scheren edlere Dinge. Die Sicherheit eurer Bürger. Eine veruchte Wae
aus dem Krieg der Götter, die verschwunden ist. Und vor allem Ordnung.
Zerbas hatte schon eine Weile lang die Köstlichkeiten auf dem Tisch gemustert. Nun
gri er langsam einen Lyraapfel und achtelte ihn säuberlich. Und diese Ordnung könnt
ihr für mich schaen. , vermutete der Hauptmann.
Bitte. , sprach Silias abfällig, Eure Ordnung schert mich nicht. Ich bin Geschäftsmann und schlage euch ein Geschäft vor.
Der Hauptmann aÿ einen Apfelschnetz. Ich höre.
Dragor hat das Schwert. Das haben wir gestern sehr bildlich vor Augen geführt bekommen. Ihr wollt das Schwert. Ich beschae euch das Schwert.
Und das nur aus der Güte eures Herzens? , fragte Zerbas zwischen zwei Apfelstücken,
Warum behaltet ihr das Ding nicht selbst?
Ihr wollt das Schwert. Ich will etwas wesentlich einfacheres: Gleichgewicht.
Zerbas hob eine Augenbraue. Welches Gleichgewicht gibt es, wenn ihr den Krieg
gewinnt und Dragors Räuberbande vernichtet?
Silias lächelte und es schien, als hätte er zehn Dutzend Zähne. Wer spricht denn
von vernichten? Kein Räuber kann allein Titania halten. Sogar der dumpfste Imperiale
wüsste, wo er suchen muss. Er genoss das Zähneknirschen, das er für diese Beleidigung
erntete, dann fuhr er fort: Und auÿerdem will sich dann jeder Möchtegern ein Stück vom
Kuchen abschneiden. So wie es jetzt ist, hätte jeder Dritte Angst, zwischen die Fronten
zu geraten.
Das ist das Wesen eures Friedens? , fragte Zerbas ungläubig. Der Räuberhauptmann
verschlang den Rest seines Marmeladenbrots und grinste nur.
Zerbas nahm einen Schluck Wasser. So weit, so gut. Und was ist mein Teil des Geschäfts? , fragte er.
Silias schluckte. Nichts weiter, als dass eure Männer sich fern halten. Wenn es euch
gefällt, so mögt ihr auch die Unschuldigen in Sicherheit bringen.
Zerbas wusste wohl, dass dies ein Spiel auÿerhalb der Regeln war und dass er den
Statthalter hätte einweihen müssen. Obwohl der vermutlich weniger Bedenken gehabt
hätte als er selbst. Aber darum ging es nicht. Nicht mehr. Diese Sache war gröÿer als die
Stadt oder die Kolonie. Karn würde zweifellos hiervon erfahren und Zerbas wahren Wert
110
erkennen. Und dann konnte er endlich nach Karnapolis zurückkehren. Wenn das Spiel
gelang.
Also gut. , sprach er, Machen wir ein Geschäft. Silias nickte zufrieden. Wie es der
Zufall so will, sind meine Räuber schon marschbereit.
Ich dachte, Räuber sind zu feige, um in den Krieg zu ziehen?
Ich war sehr überzeugend. , erklärte Silias ruhig, Und spendabel. Und jetzt brennen
sie darauf, von der Kette gelassen zu werden. Wie lange brauchen eure Soldaten?
Der Hauptmann bleckte die Zähne. Macht euch darum keine Sorgen.
Heute treten wir Silias in den Arsch!
Das waren die letzten Worte von Dragors groÿer Ansprache gewesen, mit denen er seine
Räuber in den Krieg geschickt hatte. Bis in eine Sage würde er es mit solchen Worten
zwar nicht bringen, aber er hatte es verstanden, sein Publikum gut zu unterhalten.
Nun marschierten die Räuber, wobei das wohl kaum das richtige Wort war. Veridian
kamen sie eher wie ein Rudel von Wölfen vor, das sich im Schutz der Nacht zusammengerottet hatte und zu solch einer Masse angeschwollen war, dass es wagte, bei Tag durch
die Stadt zu streifen. Und wie bei Wölfen waren alle, die sie sahen, schlau genug, sich in
die Häuser zu retten.
Der Plan war einfach. Sie marschierten zum Gespaltenen Schädel und ngen von dort
aus an, jedes von Silias Nestern auszuheben. Selbst wenn sie den Feigling nicht fanden,
würde ihn das so schwächen, dass kein Versteck ihm auf kurz oder lang nützte.
Die wilde Meute war zuversichtlich, wähnte sie sich doch in der Übermacht. Veridian
konnte es ihnen nicht verübeln, wussten sie doch nichts von dem veruchten Schwert
und seinem Träger. Das nämlich war der wahre Grund, dass sie bei Tageslicht herummarschierten. Dragor hatte begrien, dass er dem Ungeheuer seine gesamte Streitmacht
entgegenstellen musste. Sonst würde der Schatten sie Stück für Stück heimsuchen, bis
niemand mehr übrig war. Zu seinem Schrecken hatte Veridian erfahren, dass Janos nicht
der erste von Dragors Männern war, der dem veruchten Schwert zum Opfer gefallen
war.
Aber wenn es nach ihm ging, sollte er der letzte bleiben. Veridian schloss die Hand um
seinen Schwertknauf. Sie waren nicht mehr weit vom Stadion entfernt. Zeit, zu kämpfen.
Hätte man es nicht besser gewusst, man hätte Silias Streitmacht für eine Gruppe harmloser Wanderer halten können. Zugegeben, Wanderer mit Bärten und Narben und zu
weiten Mänteln, aber das war nichts, was bei solch einem Wetter ungewöhnlich war.
Donner grollte in der Ferne, ein Zeichen für den kommenden Sturm.
Zerbas glaubte nicht an Omen, aber bis vor kurzem hätte er auch nicht an ein Mädchen
aus Wind geglaubt. Sobald all dies vorbei war, würde er Hallia nach der Bedeutung des
Donners fragen.
111
Wenn es vorbei war.
Er warf einen verstohlenen Blick in eine Seitengasse und sah dort einen seiner Männer
stehen. Es war nicht einmal eine Tarnung notwendig, denn Silias Männer waren über den
Handel informiert. Zumindest glaubten sie, es zu sein.
Der Hauptmann blickte zu Silias, der den Tross anführte. Sein Plan war einfach. Aus einer gut unterrichteten Quelle hatte er gehört, dass Dragors Männer ein krummes Ding im
Stadion planten. Nun wollte er sie davor abfangen. Und wenn das scheiterte, so konnten
sie immer noch auf den Gespaltenen Schädel oder Jolanders Privatresidenz marschieren.
Den Schutz des Imperiums hatten sie ja.
Zerbas lächelte grimmig, als einer der Räuber zu ihnen aufschloss. Hauptmann. ,
begrüÿte der ihn. Zerbas kannte den Mann, brauchte aber einen Moment, um ihn einzuordnen. Es war der gefallene Glücksritter, mit dem sie damals vor den Toren der Stadt
eine Flasche geteilt hatten.
Auch unter die Räuber gegangen? , fragte er den Imperialen.
Zerbas war gar nicht nach Lachen zumute. Er hatte gehot, diese Männer ohne Schicksal hätten ein besseres gefunden. Nein. , sprach er ruhig, Und du hättest es besser auch
nicht getan.
Der Glatzkopf grinste, all die Verzweiung von damals wie fortgewischt. Silias sorgt
für mich, wenn's beliebt. , antwortet er, Und ich lebe besser als ein Soldat.
Und du stirbst früher. , dachte Zerbas bei sich.
Es war nicht gut, diese Räuber ans veruchte Schwert zu liefern, aber besser sie als
seine Männer. Besser als gute Männer. Dennoch war es nicht richtig.
Sie hatten das Stadion schier erreicht und er lieÿ sich ans Ende der Meute zurückfallen.
Sein Zug war gemacht. Zeit, den des Gegners zu sehen.
Es war egal, dass es stürmte, denn Hallias Laune hätte ohnehin ausgereicht, um ein
Unwetter zu entfesseln. Veridian hatte sie an sich gekettet und deswegen waren jetzt
zwei Menschen tot. Sie hatte lange gezögert, sich an ihn zu binden, nach dem was mit
Mantis, ihrem alten Herrn geschehen war. Nun war es wieder passiert. Sie war es satt,
Menschen fallen zu sehen und machtlos zu sein.
Hallia wehte um eine Ecke und lieÿ den Gedanken zurück. So aufbrausend sie auch
sein mochte, es galt, einen kühlen Kopf zu bewahren. Seit Veridian unter die Räuber
gegangen war, hatte sie geheime Nachrichten hin- und hergetragen. Nun war es an der
Zeit, die beiden wieder zusammenzuführen.
Sie verlieÿ ihre feste Form und stieg über die Gassen, um sich einen Überblick zu
verschaen.
Zerbas hatte damals schon ein doppeltes Spiel vorgeschlagen, denn selbst wenn es Silias
Männer waren, die dem Ungeheuer zum Opfer elen, hieÿ das nicht, dass er unschuldig
war. Denn obwohl normalerweise Dragor derjenige war, der Untergebene mit dem Tod
bestrafte, schloss das nicht aus, dass Silias inzwischen auf den Geschmack gekommen
war.
112
Also waren Veridian und sie zum Schein zu Dragor übergelaufen und hatten im selben
Zug Silias und Zerbas zusammengebracht.
Zuerst hatte alles tatsächlich darauf gedeutet, dass Dragor das Schwert hatte, angefangen von Silias totem Gefolgsmann, bei dem Zerbas Dragors Zeichen gefunden hatte.
Er hatte es Hallia erzählt, als sie ihn um Hilfe bei Veridians Feuerprobe gebeten hatte.
Der Hauptmann hatte das Imperium von dem Schmuggel ferngehalten, damit Veridian
sich Dragors Vertrauen verdienen konnte.
Hallia hatte den Platz über dem Stadion erreicht. Die imperialen Bogenschützen waren schon in Position, gut getarnt auf den Dächern. Diese Mal würden sie sich nicht
raushalten.
Sie lächelte grimmig. Silias hatte sich so schlau gewähnt, als er Dragors Pläne für den
Raubzug an Zerbas verraten hatte. Freilich war es auch schlau, wenn auch aus völlig
anderen Gründen. Hätte Zerbas den Raub geschehen lassen, so hätte er Silias Vertrauen
verloren. Hätte er hingegen die Räuber gefangen, so wäre Veridians Tarnung aufgeogen.
Letztendlich war es nur ihrem blitzschnellen Eingreifen geschuldet, dass Zerbas seine
Männer im letzten Moment zurückp und nur die Hälfte der Räuber ng. Sie hatte
dem Hauptmann im letzten Moment Bescheid gesagt und sie hatten zusammen den
Plan entwickelt, einen von Dragors Leuten als Verräter zu brandmarken. Silias hatte die
Zügel in der Hand behalten und Zerbas dazu gebracht, einen Gefangenen als Köder zu
benutzen. Der Mann, der jetzt am Boden einer Höhle verteilt war. Das war ein Teil, den
Hallia Zerbas verschwiegen hatte.
Zu spät hatten sie alle begrien, dass es einen weiteren Spieler in diesem Spiel gab,
einen, der hote, alle Seiten gegeneinander auszuspielen. Niemand Geringeres als der
Träger des Schwertes selbst. Nur hatte er einen Fehler gemacht, als er Silias Gefolge vor
Jolanders Residenz angegrien hatte. Sein Plan war Zerbas oenkundig gewesen, als er
das Zeichen unter dem Mantel gesehen hatte. Das Ungeheuer wollte Dragor angreifen und
es auf Silias schieben. Genauso, wie er Dragors Zeichen bei Silias Gefolgsmann deponiert
hatte.
Hoch über den Wolken sah sie die beiden Räuberbanden aufeinander zumarschieren.
Man könnte meinen, der Schatten hätte Erfolg gehabt. Aber sie hatte die Teile dieses
Mosaiks zusammengetragen und gemeinsam mit ihren beiden Gefährten einen Plan geschmiedet, ohne, dass die ihre Tarnung auiegen lassen mussten. Wäre Hallia nicht so
ärgerlich gewesen, hätte sie sich mehr an ihrer Groÿartigkeit freuen können.
Dragors Trupp hatte bald das Stadion erreicht. Sie konnte sehen, wie Veridian sich
zurückfallen lieÿ. Es ging los.
Der Marktplatz vor dem Stadion war menschenleer. Die Kneipen hatten die Stühle reingeholt und Türen und Fenster verriegelt. Anscheinend hatte man sich auf den kommenden
Sturm vorbereitet.
Verdutzt hielt Dragor inne und wies seinen Männern mit einem Fingerzeig, dasselbe zu
tun. Was zum... , setzte er an. Riecht nach einer Falle. , murmelte einer seiner Männer.
113
Dragor bleckte die silbernen Zähne und blickte sich um. Veridian war fort. Was immer
das hieÿ, es bedeutete auf jeden Fall Scheiÿe. Keine Zeit zu uchen.
Weiter! , brüllte er, aber bevor er nur einen Schritt machen konnte, strömten Silias
Leute aus einer Seitengasse.
Atemlos hastete Veridian die Treppen des Stadions empor. Zerbas hatte ihm über Hallia
den Weg mitgeteilt und die richtigen Abzweigungen mit Kieseln markiert. Ungesehen
war er durch eine Seitentür in das verlassene Gebäude gelangt, die augenblicklich hinter
ihm ins Schloss gefallen war. Er wusste, wem er das zu verdanken hatte und dass sie sich
nicht zeigte, war schlimm.
Schlieÿlich erreichte er eine Falltür und kletterte von dort auf die Auÿenmauer des
Gebäudes. An der Kante stand Zerbas und blickte hinunter auf das Geschehen. Neben
ihm schwebte Hallia, in Mädchengestalt. Zerbas sagte etwas und sie lachte.
Eine schwarze Welle aus Bitterkeit entsprang seinem Bauch und für einen Herzschlag
war ihm danach, den Imperialen von der Mauer zu stoÿen. Er schluckte die Eifersucht
herunter. Ein unwürdiges Gefühl und doch...
Veridian seufzte und machte sich auf dem Weg zu seinen Gefährten. Die Spitze der
Mauer war breit genug, dass zwei Männer darauf gehen konnten, aber es gab weder
Zinnen noch Geländer. Zu seiner rechten erstreckten sich die leeren Zuschauerränge und
die verlassene Arena. Es schien ihm ein ganzes Leben her, dass Hallia und er dort um eine
Münze für das Turnier angestanden waren. Er wandte sich ab und sah hinunter auf den
Vorplatz zu seiner linken. Dragors Leute hatten die Schwerter gezückt, während Silias
Bande sich in Position brachte.
Ein Sturm zieht auf. , sprach Zerbas. Er hatte Veridians Ankunft noch nicht gemerkt.
Hallia umwehte seine Schulter. Der Nordwind ist ein rauer Bursche. , schwärmte sie, Er
fasst mich an, wie eine Dame angefasst werden will.
Zerbas errötete. Das hätte ich nicht hören brauchen.
Veridian räusperte sich und die beiden fuhren herum. Er sah Hallia an, aber sie wich
seinem Blick aus. Gut, dass du hier bist. , sprach Zerbas. Er wies hinunter auf den
Marktplatz, wo sich die beiden Räuberarmeen befanden.
Jetzt heiÿt es warten, ob der Schatten unseren Köder schluckt. , sprach der Hauptmann.
Deine Leute sind bereit. , sprach Hallia und wehte auf seine andere Seite, fort von
ihrem alten Herrn.
Veridian schluckte und trat neben die beiden, setzte an, etwas zu sagen, aber schwieg
dann. Unter ihnen hatten die beiden Räuberarmeen gegenüber einander Stellung bezogen,
wagten es aber trotz gezogener Waen nicht, einander anzugreifen.
Zerbas knirschte mit den Zähnen. Worauf warten sie? , murmelte er.
Worauf nur? , tönte es hinter ihnen. Die knarzende Stimme gehörte nicht Veridian
und ganz sicher nicht Hallia.
114
Die drei Gefährten fuhren herum und dort stand er, als hätte man ein Loch in den
zürnenden Himmel geschnitten. Der Schatten war ein alter Mann in grauem Mantel.
Darunter trug er eine Rüstung, die Zerbas zweifellos als imperiale erkannte. Der Körper
darunter war ausgemergelt, als sei der Schatten schon lange gestorben. Vielleicht war er
das ja, ging es Veridian durch den Kopf. In seiner Hand war das Schwert, viel zu groÿ für
einen Mann seiner Statur. Er hielt es dennoch ohne Mühe. Nur eine Ahnung von blauem
Feuer leckte um die Schneide und um den Schwertarm.
Das schlimmste aber, das war sein Gesicht. Hager wie bei einem Verhungerten, die
roten Augen in ihren Höhlen wie die eines Toten. Und dann das schwarze, drahtige Haar,
viel stärker, als es bei einem Mann in diesem Alter sein sollte. Keine Spur von Grau.
Die beiden zogen ihre Schwerter, Veridian nur unmerklich langsamer als Zerbas.
Der bleiche Mund verzog sich zu einem Lächeln, das gerade in seiner Normalität so
schrecklich war. Dieses beinahe menschliche Gesicht lieÿ nämlich ahnen, dass dieses Monster bei Verstand war.
Aber, aber. Zu ihrer Überraschung war die Stimme des Schattens die eines Lebenden.
Die Schwerter sind nicht vonnöten.
Deins ist es. , schnaubte Veridian.
Zerbas nickte. Gib es uns.
Der Schatten schüttelte den Kopf. Ich hänge daran. , sprach er ruhig. Das blaue Feuer
ackerte auf. Auÿerdem sind wir auf derselben Seite.
Die drei Gefährten sahen einander verblüt an.
Seht dort hinunter. , sprach der Schatten weiter, Auf dieses Pestgeschwür, das unsere
Stadt zerfrisst.
Du bist nicht besser als sie. , erwiderte Zerbas, ohne die Wae zu senken.
Der Schatten hob sein Schwert, nur ein wenig, aber genug, dass das blaue Feuer aufblitzte. Ich bin rechtschaen, Hauptmann. , sprach er, Und wie ihr plane ich, denen
dort unten ein Ende zu machen.
Glaubte er, dass das ihr Plan war? Zerbas hielt kurz den Atem an. Mit diesem Ding
in euren Händen? , fragte er, Ich habe gesehen, was es aus einem Mann macht.
Einem Mann ohne Ziel. , entgegnete der Schatten. Seine Augen leuchteten. Dies ist
ein Geschenk des Lebens und des Todes. Ein Tag Leben für einen Tod.
Hallia erbebte. Das also war es... Veridian hätte sich zu gerne mit ihr verbunden.
Es war so schwer, nicht zu wissen, was sie dachte. Hallia sprach weiter: Azaroyd, das
Schwert des Todes.
Der Schatten nickte. So nennt es sich. Und es hat mich erwählt.
Zerbas Augen weiteten sich, als er den Mann erkannte. Du warst Soldat. , sprach er
tonlos, Du hast das Schwert bewacht.
Der Kopf des Schattens drehte sich, ohne, dass der Körper sich nur im Geringsten
bewegte. Seine Augen xierten den ehemaligen Hauptmann. Nun erkennt ihr mich. ,
sprach er bitter, Und kennt nicht einmal meinen Namen.
Zerbas versuchte verzweifelt, sich zu erinnern, um den Schatten zu widerlegen, aber
der hatte Recht. Also schwieg er.
Zwei Dutzend Jahre habe ich dem Imperium treu gedient. Was war der Dank? Nachtwache mit Tölpeln und Idioten, die anderswo nicht zu gebrauchen sind.
115
Zerbas wollte etwas erwidern, aber ihm el wenig ein. Auch er hatte treu gedient und
wenn er auch nicht so tief gefallen war...
Stattdessen sprach Veridian: Und deshalb verkauft ihr euer Leben an dieses Ding?
Die Haut des Schattens zog sich zurück und gab gebleckte Zähne frei. Ein Lächeln.
Besser dieses Schicksal als keines.
Hallia und Veridian sahen einander an. Du bist mein Schicksal und ich bin das deine.
Diese Worte hatten ihn geleitet, aber nun hatte auch er sein Schicksal verloren. Was der
Schatten getan hatte, mochte schrecklich sein, aber Veridian hätte wohl schrecklichere
Dinge getan, um wieder mit Hallia vereint zu sein.
Genug der Worte. , sprach der gefallene Soldat, Gebt euren Bogenschützen den Befehl. Ich erledige den Rest für euch.
Veridian nickte. Es war an der Zeit. Hallia! , rief er scharf und warf ihr einen Beutel
zu. Der Windgeist folgte seinem Befehl und fuhr in das lederne Behältnis. Mit einem
dumpfen Knall explodierte es in einer Säule aus rotem Sand.
Der Knall war laut genug, um die Räuber auf dem Vorplatz aufzuschrecken. Unter den
beiden lauernden Banden wurde es still. Silias und Dragor blickten gleichzeitig auf und
sahen nach oben. Der rote Sand zog sich in feinen Bahnen über den grauen Himmel und
wies den Weg zu den Bogenschützen, die sich nun auf den Dächern positionierten und
ihre Bögen spannten.
Silias begri, dass seine Verstärkung eingetroen war und lächelte ein dünnes Lächeln.
Das genügte Dragor, um zu begreifen, was hier gespielt wurde. Du Hurensohn bist mit
den Imperialen im Bett!? , uchte er, dann ging er auf ihn los. Seine Bande folgte ihm
auf den Fuÿe und noch bevor der rote Staub zu Boden sinken konnte, war die Schlacht
der Räuber in vollem Gange.
Gut. , sprach der Schatten, Hetzt die Hunde aufeinander! Er leckte sich die Lippen.
Jetzt die Schützen!
Veridian schüttelte den Kopf. Die Bogenschützen sind nicht für die Räuber. , sprach
er ruhig. Während seiner Worte ogen die Pfeile los und folgten den roten Staubspuren,
geradewegs auf den Schatten zu.
Der erste erwischte ihn in der Schulter und lieÿ ihn zurücksacken. Zwei weitere trafen
Oberschenkel und Bauch. Was im Gesicht des Schattens menschlich war, verschwand in
einem abgrundtiefen Schrei. Wie von einem eigenen Willen beseelt schoss das Schwert
empor und riss den Arm förmlich mit sich. Mit Reexen, die selbst für einen weitaus
jüngeren Mann unmöglich sein sollten, wirbelte es durch den Luft und war stets dort, wo
der nächste Pfeil einschlug.
Die erste Salve war verschossen und der Schatten wankte nicht einmal. Mit dem Unterarm brach er die drei Pfeile ab, die in ihm steckten.
116
Ich will nicht gegen euch kämpfen. , sprach der Schatten ruhig.
Dann lass von dem Schwert ab! , forderte Zerbas.
Die Hand der dunklen Gestalt krallte sich um die Wae. Niemals!
Eine Sturmböe schoss kreischend an Zerbas und Veridian vorbei und rammte den
Schatten. Wie ein Schwarm wütender Raben ging Hallia auf ihn nieder. Zerbas und
Veridian eilten ihr zur Hilfe.
Der Schatten schüttelte den Schutzgeist ab wie ein plagendes Insekt, fuhr herum und
parierte den ersten Hieb von Veridian. Ihm war, als würde ihm das Schwert aus der Hand
gerissen. Aber noch ehe ihr Gegner kontern konnte, stach hinter ihm Zerbas zu. Er hatte
auf die Kniekehle des Schattens gezielt und er hätte auch getroen, wäre die dunkle
Gestalt nicht aus dem Stand emporgesprungen. Wie einen Hammer schleuderte sie das
veruchte Schwert himmelwärts, um von dem blauen Feuer mit in die Höhe gerissen zu
werden. Die Wae beschrieb einen Bogen. In ihrem Zenit fuhr der Dunkle in der Luft
herum und schoss auf Zerbas zu. Der war nach seinem gescheiterten Angri noch immer
in der Hocke und sah das Schwert wie ein Fallbeil auf sich zurasen. Veridian schrie, denn
er war sich gewiss, dass der Hieb seinen Freund den Kopf kosten würde.
Mit einem Donnerknall fuhr Hallia aus den Wolken und rammte sich wie eine Faust in
die Magengrube des fallenden Mörders. Er ächzte, als die Wucht ihm die Luft aus den
Lungen drückte. Der unsichtbare Hieb schleuderte ihn quer über die schmale Plattform.
Veridian rollte sich im letzten Augenblick beiseite, bevor der Koloss donnernd auf dem
Mauerwerk aufschlug. Der Mörder überschlug sich und kam auf den Knien auf. Wütend
ballte er eine Faust und rammte sie ins Gestein, dass der Putz nur so spritzte.
Unnachgiebig setzte der Windgeist ihm nach, warf ihn abermals von den Füÿen und
schob ihn gnadenlos zur Kante der Mauer. Veridian blickte auf. Vielleicht gelang es Hallia,
den Schatten in den Tod zu stürzen.
Der Koloss wehrte sich allerdings nach Kräften. Zuerst krallte er sich mit der Faust in
eine Mauerritze, wurde aber vom Wind wieder fortgerissen. Dann stieÿ er sich kurzerhand
vom Boden ab, sodass er für einen Moment frei in der Luft zu schweben schien. Hallia
verdoppelte ihre Bemühungen und angelte ihm die Füÿe weg, sodass er kopfüber auf den
Abgrund zuog. Atemlos sah Veridian ein Lächeln auf dem Gesicht des Mörders aufblitzen. Hallia! , brüllte er, aber das hatte das Ungeheuer schon ausgeholt. Der Windgeist
vernahm seine Stimme und lieÿ nach einem letzten Stoÿ von ihrem Gegner ab.
Der Schatten schleuderte das Breitschwert zu Boden, ohne jedoch am Ende loszulassen.
Es hätte unmöglich sein sollen, aber die Klinge schoss tatsächlich nach unten und bohrte
sich donnernd in einen Steinquader.
Es gab ein hässliches Knacken, als der Schatten von diesem Anker in seinem Flug
gebremst wurde, dann überschlug er sich und kam zu Boden.
Veridian war noch verdutzt, als Zerbas mit erhobenem Schwert an ihm vorbeirannte.
Schützen! , schrie er Hallia zu, während er auf den Schatten zustürmte. Der zerrte
verbissen an seinem Schwert, um es aus dem Stein zu befreien. Veridian schüttelte die
Verblüung ab und eilte seinem Freund zur Hilfe.
Zerbas war über dem gefallenen Soldaten, noch bevor der das Schwert aus dem Stein
gezogen hatte. Die Absicht seines Hiebs war eindeutig. Er wollte dem Ungeheuer den
Kopf abschlagen. Schon sauste die Klinge los. Der Schatten sah sie aus blutroten Augen
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kommen. Veridian war sich sicher, dass alles geschehen würde, nur nicht, dass ihr Gegner
das Schwert loslieÿ.
Zerbas wohl auch nicht, denn er bremste seinen Hieb nicht, als der Schatten genau
das tat. So traf das Schwert des Hauptmanns nur die gepanzerten Arme. Selbst wenn er
einen Spalt in die Rüstung geschlagen hätte, hätte solch eine Wunde den Schatten kaum
aufgehalten.
Der Hauptmann begri seinen Fehler und wich zurück. Nicht schnell genug. Eine wuchtige Kombination von Fäusten traf ihn ins Gesicht. Blut spritzte und er sah für einen
Herzschlag schwarz. Der Schatten holte zu einem Kinnhaken aus. Veridian kam ihm zuvor
und zerrte Zerbas beiseite. Die Faust ging ins Leere.
Der Schatten setzte mit der Linken nach. Es gab ein surren, dann Schlug ein Pfeil
mitten in seinen Unterarm. Hallia hatte den Befehl weitergegeben.
Ungerührt zog der Schatten sich zurück und entging so zwei weiteren Pfeilen. Veridian
wollte ihm nachsetzen, aber Zerbas hielt ihn zurück. Sie würden einem direkten Treer
nicht so gut standhalten wie der Veruchte.
Unter Dauerbeschuss riss ihr Gegner mit dem unverletzten Arm an seinem Schwert.
Fast hatte er es befreit, als ein weiterer Pfeil auf ihn zuschoss, dieses Mal direkt auf
seinen Kopf.
Veridian hielt den Atem an. So viel dieses Ungeheuer einstecken konnte, ihm mussten
Grenzen gesetzt sein.
Der Schatten sah das Geschoss aus den Augenwinkeln kommen. Ohne von der Wae
abzulassen oder auch nur aufzusehen, hob er die Linke und streckte sie dem Pfeil entgegen.
Mit einem satten Geräusch durchschlug die Spitze die Handäche und blieb darin stecken.
Kein Geräusch des Schmerzes ging über die Lippen des Veruchten. Stattdessen verzogen sie sich zu einem schrecklichen Lächeln, als er das Schwert aus dem Stein zog.
Drei weitere Pfeile waren auf dem Weg, doch auch mit einer Hand führte er das veruchte Schwert schnell genug, um sie aus der Luft zu schen.
Zerbas schüttelte die Benommenheit fort und nickte seinem Kameraden zu. Er muss
über die Kante. , sprach er. Dein Wort in die Waagschale. , antwortete Veridian.
Blaues Feuer umng den Schatten, nun, da er mit seinem Schwert wiedervereint war.
Verbissen zerbrach er den Pfeil in seiner Hand und packte sein Schwert. Die Vernunft in
seinen Augen war Instinkt gewichen.
Ungerührt stapfte er auf die beiden Freunde zu, das Schwert schlagbereit über seine
Schulter.
Sie warteten, Zerbas ruhig, Veridian bebend. Jeder einzelne Schritt des Ungeheuers
schien eine Ewigkeit zu dauern.
Dann ging alles schnell. Jetzt. , sprach Zerbas und die beiden preschten nebeneinander
vor. Wenn sie siegen wollten, dann mussten sie den Schatten aus dem Gleichgewicht
bringen, bevor sein Zweihänder sie traf.
Gleichzeitig stachen sie zu, Veridian in den Oberschenkel, Zerbas in die ungeschützte
Achselhöhle.
Wie erwartet wich der Schatten keinen Fingerbreit. Das Schwert raste auf sie hinab
und Zerbas warf sich gegen den Körper des Gegners, während Veridian ihm gegen das
Schienbein trat.
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Das brachte das hinabsausende Schwert aus der Bahn, das zwischen den beiden Angreifern zu Boden raste. Allerdings war Veridians Bein noch im Weg. Eilig warf er sich nach
hinten und entging nur um ein Haarbreit der Klinge, die krachend auf den Fels prallte.
Das Bein des Schattens sackte weiter weg und er el unsanft zu Boden, ein Bein im Abgrund. Zerbas wurde kurzerhand unter ihm begraben. Das Schwert wurde ihm aus der
Hand gerissen und sauste scheppernd über die Kante. Vielleicht erschlug es wenigstens
einen der Räuber.
Ohne Wae blieb ihm nur noch, eine Faust in die Schläfe des Schattens zu rammen.
Zum Dank riss der das Schwert zu sich und verpasste dem Hauptmann einen Hieb mit dem
Knauf. Das verschate dem Schatten genug Zeit, wieder auf die Knie zu kommen. Über
ihn sauste ein gutes Dutzend Pfeile hinweg. Die Soldaten wollten wohl nicht riskieren,
ihren Hauptmann zu treen.
Zerbas rammte ihm das Knie zwischen die Beine, aber die Wirkung blieb aus. Wie eine
Wolke schob sich das Breitschwert vor seine Augen und blendete ihn mit blauem Feuer.
Veridian sah atemlos, wie ihr Widersacher das Schwert über den Kopf seines Freundes
hob. Nein. , murmelte er und rollte sich auf die Füÿe. Sein Schwert in den schweiÿnassen
Händen warf er sich auf das Ungeheuer und zielte auf die Kehle.
Auch wenn der Schatten ihn kommen sah, sein Schwert wies in eine andere Richtung.
Veridian stieÿ seine Klinge daran vorbei und war sich schon sicher, dass er getroen hatte,
als etwas ihn rammte und ihm die Luft aus den Lungen drückte.
Der Schatten hatte die stumpfe Seite der Klinge wie einen Schläger benutzt und ihm
in die Seite gerammt. Für einen schrecklichen Augenblick war es Veridian, als ob er in
der Luft hing, dann schleuderte es ihn geradewegs über die Kante.
Trotz der explodierenden Schmerzen in seiner Seite, hatte er in diesem Moment des
Schwebens völlige Klarheit. Er begri, dass er nun tief fallen würde, tiefer, als dass man
es überleben konnte. Und er begri, dass Zerbas ohne seine Hilfe dem Tod geweiht war.
Alles, was er ihm noch geben konnte, war das Schwert. Also warf er es neben dem Freund
auf die Mauer.
Dann stürzte er.
Wie traurig es war, alleine zu sterben. Ohne Hallia. Aber nicht ohne Schicksal.
Das war zumindest etwas Trost.
Der Himmel um ihn herum brüllte und tobte. Mit einem Knall schoss der Wind auf
ihn zu und umng ihn, noch ehe sein Herz einen Schlag getan hatte. Hallia!
Auch ohne mit ihm verbunden zu sein, spürte er ihre Angst, als sie ihn mit unsichtbaren
Händen umng, um seinen Fall zu bremsen. Ich lasse dich nicht fallen!
Rauschend sah er das Gestein des Stadions an ihm vorbeiziehen. Unmöglich, das zu
überleben, unmöglich, dass sie ihn ng. Du musst nicht... , dachte er. Wenn er schon
starb, dann sollte das keine Bürde sein, die sie mit sich trug. Ihr Herz war ohnehin schon
zu schwer.
Veridian schloss die Augen.
Um ihn herum kreischte der Wind. Er fühlte, wie sie sich in einen Wirbel verwandelte
und ihn ergri. Sie brüllte mit dem Sturm in seinen Ohren, umng ihn immer verzweifelter. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis er aufschlug. Sanft streckte er eine Hand
aus. Hallia, es ist genug.
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Dann, plötzlich, war es still. Zerbas önete die Augen. Die Mauer des Stadions bewegte
sich nicht mehr. Seine Hand berührte das klamme Paster. Und dennoch schwebte er.
Ich habe dich gefangen! Hallia hatte seinen Kopf in ihren Schoss gebettet. Sie strahlte,
als ihre Blicke sich trafen. Es tut mir... , begann er, aber weiter kam er nicht.
Hallia vereinte sich mit ihm und er wusste, dass alles vergeben war. Dann fühlte er ihre
Freude. Wie ein Sonnenstrahl. Wie Kinderlachen. Wie Honigkuchen. Wie ein Sommertag.
Zerbas hatte seinen Freund stürzen sehen. Ein weiterer, der sich auf ihn verlassen hatte.
Keine Zeit für Selbstmitleid. Veridian hatte ihm das Schwert gelassen und nun musste
er es nutzen. Noch bevor es scheppernd zum Stillstand kam, hatte er es bereits in den
Händen.
Der Schatten hatte bereits wieder ausgeholt, also blieb Zerbas nur, zu parieren. Die
veruchte Klinge raste herab wie ein Hammer auf einen Amboss. Funken stieben, aber
Zerbas hielt stand, auch wenn er glaubte, ihm würden die Arme aus den Gelenken gerissen. Der Schatten drückte unnachgiebig weiter.
Zerbas knirschte mit den Zähnen. Solange er am Boden war, konnte er die Kraftprobe
unmöglich gewinnen. Dennoch tat er sein Bestes und blickte seinem Gegner in die toten
Augen. Du hast... , grollte er zwischen ächzenden Atemzügen, ...einen guten ... Mann
getötet.
Sein Gegner hielt inne und der Druck wurde halbwegs erträglich. Ihr habt euch in
meinen Weg gestellt, Hauptmann.
Ich stehe für die Ordnung des Imperiums. , gab Zerbas über die gekreuzten Klingen
zurück.
Das dort unten nennt ihr Ordnung? Der Schatten nahm eine Hand vom Schwert,
packte den Hauptmann am Schlattchen und zerrte ihn an den Abgrund.
Dem Hauptmann wäre schier das Herz stehengeblieben, als er begri, dass sein Gegner
ihn ebenso gut hätte töten können. Dann blickte er hinab und sein Herz machte einen
Sprung. Veridian war unversehrt. Das zählte mehr als die Schlacht der Räuber dahinter.
Der Schatten bemerkte sein Lächeln wohl, deutete es aber falsch. Ihr wolltet das doch
auch. , sprach er triumphal.
Nein. , sprach Zerbas, ohne aufzublicken, Ich wollte, dass du dort unten von Räubern
und Soldaten zereischt wirst.
Der Schatten setzte ihm einen Stiefel ins Genick. Eure Prinzipien schränken euch ein,
Hauptmann. , erklärte er ruhig, Manchmal muss getan werden, was getan werden muss.
Und du bist der Mann dafür? Zerbas versuchte vergebens, sich freizustrampeln.
Ich werde mich opfern. n Der Schatten war sich seiner Sache gewiss. Nur deshalb
habe ich mich an Azaroyd gebunden. Für das Imperium.
Scheiÿdreck. , gab Zerbas zurück, Das Imperium fuÿt auf Ordnung, nicht auf Mord.
Das mag sein. Aber das Imperium ist satt und müde geworden. Es war keinerlei
Mitleid in der Stimme des Veruchten. Räuber gehen durch unsere Straÿen. Die Blaue
Königin hat ihre Männer überall. Das Ostland leckt sich die Finger nach unseren Grenzen.
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Und was tun die Imperialen? Aus den Augenwinkeln sah Zerbas blaues Feuer auodern.
Sie bringen ihre Schäfchen ins Trockene und leisten Lippenbekenntnisse für Karns Idee.
Unser Statthalter lebt im Prunk und lässt dem Chaos freie Hand, solange der schöne
Schein gewahrt bleibt.
Die Worte trafen Zerbas schlimmer als die Hiebe. Der Schatten hatte Recht.
Ihr wart einmal General. , fuhr er fort, Und ihr seid ein guter Mann. Ein Mann mit
Prinzipien. Und was hat es euch gebracht?
Er nahm den Stiefel aus Zerbas Nacken und gab ihm Gelegenheit, sich umzudrehen.
Auf dem ausgemergelten Gesicht war, so unfassbar das schien, Mitleid. Karn hatte guten
Grund, mich zu degradieren. Er keuchte. Die Wölfe waren stärker als ich.
Der Schatten stützte sich auf sein Schwert. Und doch habt ihr gekämpft.
So wie ich es nun tue.
Für das Leben der Wölfe? , fragte der Schatten.
Für meine Prinzipien. , antwortete Zerbas.
Ein Räuber verdient keine Gerechtigkeit.
Zerbas nickte. Das mag sein. , gestand er, Aber er verdient auch nicht den Tod.
Der gefallene Soldat hob sein Schwert wieder. Und das ist es, was ihr nicht begreift,
Hauptmann.
Zerbas stützte sich auf und hob sein Schwert. Sein Nacken fühlte sich an, als bräche
er gleich entzwei.
Der Schatten fuhr fort: Ordnung hat Prinzipien. Das Chaos nicht. Und deswegen wird
es stets gewinnen.
Und wenn ihr eure aufgebt? Seid ihr dann noch ein Mann der Ordnung?
Mein Urteil war in dem Moment gesprochen, als ich den Pakt mit dem Schwert
schloss. , gab der Schatten als Antwort. Man muss Chaos mit Chaos bekämpfen. Mord
mit Mord. Feuer mit Feuer!
Zerbas schüttelte entschieden den Kopf. Zumindest hätte er das ohne den Stifel im
Nacken. Wo soll das enden?
Der Schatten wurde für einen Moment still. Nun war sein wahres Alter oenkundig.
Schlieÿlich antwortete er: Wenn alles Böse getilgt ist, dann mag ich sterben.
Es war keine Lüge, dessen war sich Zerbas gewiss. Auch er hätte sein Leben für das
Imperium gegeben. Der Gedanke lieÿ ihn innehalten. Auch die Blaue Königin hatte ihn
in ihrer Gewalt gehabt und er hatte feige das Leben gewählt. Obwohl er sich seiner Treue
gewiss gewesen war. Bis zu dem Augenblick, in dem sie auf die Probe gestellt war.
Der Schatten reichte ihm die Hand. Gute Männer haben nichts zu befürchten, Hauptmann.
Zerbas sah in die toten Augen. Vielleicht stand er einem Mann gegenüber, der besser
war als er selbst. Einem Mann, der wahrhaft nach seinen Prinzipien leben konnte...
Wiedersehensfreude hin oder her, bald besannen sich Veridian und Hallia der Situation,
in der sie sich befanden. Und die war nicht gerade rosig. Sah man davon ab, dass der
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Schatten vermutlich gerade kurzen Prozess mit Zerbas machte, hatte ihr Fall vom Himmel
die Aufmerksamkeit der Kämpfenden auf sich gezogen.
Nun zog sich ein Kreis aus Räubern um sie, Dragors Leute auf der einen, Silias Leute
auf der anderen Seite.
Veridian du Hurensohn! , polterte Dragor mit gezogenen Messern, Du hast uns den
Imperialen ans Messer geliefert! Silias trat einen Schritt vor. Dieser kleine Pisser? ,
fragte er, Der mich in der Schenke beschissen hat? Er lächelte dünn. Darauf kannst
auch nur du reinfallen, Dragor.
Veridian baute sich drohend vor ihnen auf. Wenn du Glück hast, streiten sie so sehr,
wer dich abmurksen darf, dass sie es beide nicht überleben. Hallias Gedanken waren wie
ein Schluck Wasser nach einer langen Durststrecke. Veridian lachte.
Donner, Arsch und Zwirn! , polterte Dragor, Jetzt lacht er auch noch.
Silias machte einen Schritt auf Veridian zu und alle seine Räuber taten es ihm gleich:
Was wird hier gespielt?
Veridian wurde augenblicklich wieder ernst. Jetzt ging es um sein Leben. Nicht mit
dem Schwert, sondern mit Worten.
Ihr beide wurdet gegeneinander ausgespielt. , sagte er und versuchte, Dragors bohrendem Blick standzuhalten. Der Räuberhauptmann uchte so verbissen, dass Veridian
hätte schwören können, Funken zwischen den falschen Zähnen zu sehen. Vermaledeites
Imperium! , polterte er und wandte sich drohend zu Silias, Du ehrloser Scheiÿer. Silias
lächelte ein provokantes Lächeln. Immerhin wusste ich, dass ich es mit dem Imperium
zu tun habe.
Ruhe!!! Hallias Kräfte bauschten Veridians Wort auf wie einen Sturm. Die beiden
Männer zuckten zusammen.
Nicht nur von uns wurdet ihr betrogen. , fuhr Veridian hastig fort, Denn wir waren
es nicht, die eure Männer getötet haben.
Das vermaledeite Schwert. , murmelte Dragor. Silias Augen weiteten sich. Dein Mann
führt es gegen meine!
Dragor schien nicht übel Lust zu haben, diese Anklage mit Stahl zu beantworten. Tu
nicht dümmer als du bist! , grollte er.
Schön, dass wir das geklärt haben. , sprach Veridian Hallias Gedanken aus. Der wahre
Träger des Schwerts wollte euch gegeneinander aufhetzen, um alle Räuber in Titania zu
töten.
Silias schüttelte den Kopf. Und warum sollten wir nicht glauben, dass ihr Imperialen
dahintersteckt?
Jetzt hielt Hallia es nicht mehr aus. Mit einem Rauschen fuhr sie aus dem Körper ihres
Kameraden. Schaut einfach zur Spitze des Stadions, ihr Holzköpfe! , donnerte sie.
Nur Dragor blieb gefasst, als der Schutzgeist erschien, zumindest äuÿerlich. Dennoch
taten die Räuber, wie ihnen geheiÿen war und blickten empor.
Dort stand der Schatten mit drohend erhobenem Schwert und zu seinen Füÿen lag der
Hauptmann. Blaues Feuer umrahmte die Silhouette der Gestalt wie krakelige Pinselstriche. Es war, als hätten sie ein Loch in den Nachthimmel geschnitten.
Beim schwarzen... , setzte Dragor an, aber weiter kam er nicht, denn der Schutzgeist
wehte drohend zu den beiden Räubern hinüber. Dort oben steht der Mann, der die euren
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getötet hat! , zischte sie, Jetzt könnt ihr euch rächen!
Silias, der ein paar Schritte vor dem Windgeist zurückgewichen war, schüttelte langsam
den Kopf. Ich denke, der Hauptmann schat das alleine.
Dragor sah ihn an und nickte grimmig. Wollen dem imperialen Scheiÿer nicht den
Ruhm stehlen. Silias und er waren anscheinend wieder ein Herz und eine Seele. Und
sollte unser Freund versagen , murmelte Silias, dann sei unbesorgt, Windbeutel, wir
werden ihn schon rächen.
Windbeutel?! , wiederholte Hallia entrüstet.
Das ist nicht der Punkt. , sprach Veridian und machte einen Schritt auf Dragor zu.
Ihr macht einen Fehler. , fuhr er fort, Ihr unterschätzt dieses Ungeheuer!
Dragor setzte ihm eine seiner Klingen an die Kehle. So wie ich dich unterschätzt habe,
Arschloch!?
Veridian schluckte. Ich... Hallia wischte den Arm des Räuberhauptmanns beiseite
und materialisierte sich so nah, dass ihr Gesicht sein Blickfeld füllte. Rühre ihn an und
ich erteile dir eine Lektion im Fliegen. Sie huschte zu Silias. Für dich gilt das gleiche,
Bohnenstange.
Die beiden Anführer tauschten einen vielsagenden Blick. Es war oenkundig, dass sie
es nicht wagten, sich mit dem Windgeist anzulegen.
Derweil hatte Veridian nach ihrem Freund geschaut. Es sah nicht gut aus. Der Schatten
hatte inzwischen sein Schwert an die Kehle des Hauptmanns gesetzt.
Hallia! , rief Veridian alarmiert.
Seine Gefährtin lieÿ von den beiden Schurken ab und folgte seinem Fingerzeig. In Windeseile fuhr sie herum, bedeutete den Räubern mit zwei Fingern, dass sie unter Beobachtung standen und raste mit einem Donnerknall in den Abendhimmel. Die Schockwelle
riss die Umstehenden schier von den Füÿen.
Veridian zog sein Schwert. Ihr habt sie gehört. , sprach er grimmig. Die beiden Räuber
winkten ihren Männern, von denen einige einen Kreis bildeten. Die anderen machten sich
auf den Weg ins Stadion, um die Kämpfenden an der Flucht zu hindern. Mach dir nicht
in die Hose , sprach Silias, sondern genieÿe einfach das Spektakel.
Was ist schon ein Mann, der es nicht vermag, nach seinen eigenen Regeln zu leben?
Hallia hörte den Gedanken und war sich gewiss, dass die Verbindung mit dem Hauptmann geglückt war. Nur ein Granitschädel wie er konnte so einen Unfug denken, während
er eine Klinge am Hals hatte.
Hallia? Seine Gedanken waren plötzlich auf sie gerichtet. Psst. Sie bedeutete ihm
vor seinem inneren Auge, zu schweigen.
In eine schöne Scheiÿe hast du dich da reingeritten. , urteilte sie fachkundig. Das ist
nicht die Zeit für... , gab der Hauptmann zurück.
Hallia lächelte vor seinem inneren Auge. Noch wartet der Schatten auf deine Antwort. , gab sie zurück, Und wir unterhalten uns gedankenschnell.
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Zerbas begri. Was ist mit Veridian? Hallias Freude schwappte zu ihm hinüber und
es waren keine Worte nötig.
Und jetzt bist du hier, um mich zu retten?
Hallia tätschelte ihm vor seinem inneren Auge den Kopf. Es sei denn, du willst lieber
sterben, um etwas zu beweisen.
Zerbas Geist wurde still und vor ihr önete sich ein dunkler Abgrund. Das letzte Mal
hatte er viele seiner Geheimnisse vor ihr verborgen. Dieses Mal war er nicht mehr stark
genug dazu. Oder vielleicht nicht willens genug.
Hallia hätte beinahe ein schlechtes Gewissen gehabt, aber die Neugierde und der Sog
der Finsternis waren stärker. Sie tauchte ein und sah eine Frau, schön und grausam, die
den Hauptmann niedergerungen hatte, so wie er es nun war. Und sie fühlte, was er in
diesem Moment gefühlt hatte. Die Bitterkeit, dass der Imperator ihn verstoÿen hatte.
Den Trotz und die Scham, nun der schlimmsten Agentin des Chaos zu unterliegen. Hallia
sank noch tiefer in die Schwärze, an einen Ort, dessen Existenz Zerbas vor sich selbst
geleugnet hätte. Die Prinzipien des Imperiums waren die Pfeiler, auf die er sein Leben
errichtet hatte. Aber unter dem Fundament waren andere Dinge, Gespinste, die er hier
eingesperrt hatte. Schlaf oder Tod, das war die Wahl gewesen und er hatte den Schlaf
gewählt. Weil er nicht für den Statthalter sterben wollte. Das war ein guter Grund,
um die Gespinste auszusperren. In Wahrheit aber hatte er einfach nicht sterben wollen,
hatte sogar für einen Herzschlag erwägt, in den Dienst der Blauen Königin zu treten.
Nicht seine Prinzipien hatten ihn an dem Verrat gehindert, sondern das Wissen, was sie
mit ihren Leuten tat. Er hatte eine ihrer Kriegerinnen während des Turniers in den Tod
gehen sehen, ein freundliches, lebensfrohes Mädchen. Hallia hörte ihren Namen wie ein
Echo. Thareya.
Sie hatte dem Hauptmann das Leben gerettet, obwohl sie Feinde waren. In ihrem
Gedenken hatte er sich der Blauen Königin verweigert. Und in ihrem Gedenken hatte die
Blaue Königin Gnade gezeigt.
Und während sein Feinde so edel zu ihm gewesen waren, hatte er mit ansehen müssen,
wie Statthalter Zerbas die Stadt vor die Hunde gehen lieÿ, wie gute Männer auf sein
Geheiÿ in der Arena starben und wie schlieÿlich ein Meuchelmörder als General nach
Karnapolis geschickt wurde. Nicht er, der Karn so lange Jahre treu gedient hatte, kein
junger Krieger, der an das Imperium geglaubt hatte, sondern ein Hund, der für Geld
tötete.
Das war die Realität, mit der seine Prinzipien unvereinbar waren und die er infolgedessen tief in sich vergraben hatte.
Hallia sah all das voller Sorge und begri nun, warum die Worte des Schattens so
schwer auf Zerbas lasteten. Vielleicht waren seine Prinzipien im Weg? Vielleicht war die
Vision des Imperators nur umzusetzen, wenn man das Volk wie einen Garten pegte
und das Unkraut mit Stumpf und Stiel ausrottete? Nicht nur die Räuber, sondern auch
Männer wie den Statthalter und seinen Meuchelmörder-General?
Hallia schloss Zerbas' Essenz in ihre Arme. Du sturer Holzkopf. , üsterte sie behutsam, Du siehst einen Widerspruch, wo keiner ist.
Die Gedanken des Hauptmanns verhärteten sich. Wenn ich in meinem langen Leben
eines gelernt habe, dann, dass auch gute Menschen Böses tun und böse Menschen zu
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Gutem fähig sind.
Also glaubst du, ich soll ihn gewähren lassen? , fragte Zerbas.
Hallia lachte ein glockenhelles Lachen. Weiÿt du, wozu Prinzipien gut sind?
Die Stützpfeiler, auf die man sein Leben baut.
Der Windgeist verdrehte die Augen. Keine Stützpfeiler, sondern ein Richtmaÿ. Etwas,
wonach man strebt, und das man nie völlig erreicht.
Sie fühlte, wie sich der Widerstand in seinem Schädel ballte, wie sein ganzes Ich sich
dagegen wehrte, diese Wahrheit zu akzeptieren. Es war, als wolle er schreien, dass er
anders war, besser, dass er seine Prinzipien niemals brechen musste, niemals brechen
durfte...
Das Gedankengewitter verzog sich. Er hatte sich unter Kontrolle. Richtmaÿ. , dachte
er.
Nun nimm es und richte. , gri seine Gefährtin den Gedanken auf.
Zerbas tat es: Er ist ein Mann, der Böses tut. Vielleicht ein guter Mann...
Dann müssen wir ihn wohl daran hindern. , stellte Hallia fest. Ihre Zuversicht leuchtete
wie eine Fackel durch das dunkle Gedankengewölbe des Hauptmanns.
Wie?
Hallia zeigte es ihm. Sie mussten eins werden, auf die Sinne des anderen vertrauen und
ihre Angrie miteinander koordinieren. Es verlange Oenheit, Vertrauen, denn wenn
einer von ihnen einen Fehler machte, dann war es um beide geschehen.
Bereit? , fragte sie. Zerbas nickte und sie kehrten zum Ort des Geschehens zurück.
Der Schatten war noch immer auf sein Schwert gestützt und erwartete ruhig eine Antwort.
Er hatte Hallias Ankunft nicht bemerkt.
Tret eure Wahl. , sprach er dunkel, Leben oder Tod. Er nahm den Fuÿ vom Nacken
der Hauptmanns.
Gemeinsam blickten Zerbas und seine unsichtbare Gefährtin in seine Augen. Hallia
dachte nur ein Wort: Los!
Zerbas tat, wie ihm geheiÿen, sprang auf die Füÿe und riss sein Schwert empor. Gleichzeitig schoss Hallia aus ihm heraus und formte eine Lanze aus Wind.
Der Schatten hatte damit gerechnet, dass Zerbas angri und holte aus, um seinen Hieb
abzuwehren. Das allerdings entblöÿte seinen Rumpf für Hallia, die ihm einen donnernden
Hammerschlag in die Niere versetzte, der eine hässliche Delle in der Rüstung hinterlieÿ.
Übermenschlich oder nicht, das saÿ. Ächzend krümmte sich der Schatten, das veruchte Schwert sank, gerade genug, dass Zerbas Hieb sein Ziel fand. Mit einem hässlichen
Geräusch fuhr die Schneide über das veruchte Gesicht und nahm das rechte Ohr des
Mörders mit.
Hallia, die immer noch mit Zerbas verbunden war, spürte das Aufbäumen des Schattens. Zurück! , befahl sie. Zerbas allerdings hob sein Schwert über den Kopf, versessen,
noch eine weitere Wunde zu schlagen. Damit bot er nun aber selbst eine Blöÿe, die der
Schatten augenblicklich ausnutzte. Als seien die Schmerzen fortgewaschen, preschte er
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mit dem Schwert wie mit gehobener Lanze vorwärts. Hallia spürte es, formte eine Böe
und riss ihren Kameraden damit von den Füÿen.
Der Fall rettete ihm das Leben, denn keine Sekunde später schoss das veruchte
Schwert knapp über ihn hinweg.
Vermaledeit! , dachte Hallia, Vertrauen! Schon vergessen?
Zerbas grunzte und rollte sich beiseite, als das gestreckte Schwert wie ein Fallbeil nach
unten raste.
Rechtes Schienbein! , befahl Hallia, die einen Herzschlag Zeit gehabt hatte, sich umzusehen. Ohne groÿe nachzudenken tat Zerbas, wie ihm geheiÿen war. Zur gleichen Zeit
schlug Hallia mit einer Windlanze gegen das andere Bein und es riss den Schatten von
den Füÿen.
Dumpf prallte er Gesicht voran neben Zerbas auf die Steine. Hoch! , befahl Hallia
und schob den Hauptmann mit einer energischen Böe auf die Füÿe. Derweil rollte sich
der Schatten auf die Seite und schwang das Schwert wie eine Sense. Zerbas, der ihm den
Rücken zugedreht hatte, sah es nicht, wohl aber Hallia.
Sprung! , bellte sie in Gedanken und gemeinsam erhoben sie sich in die Luft, gerade
lang genug, dass die veruchte Klinge unter den Füÿen des Hauptmanns durchrutschte.
Diesmal war es Zerbas, der weiterdachte. Im Zenit des Sprungs packte er sein Schwert
mit beiden Händen und stieÿ es zu Boden, um seinen Widersacher im Fall aufzuspieÿen.
Hallia half ihm, indem sie die Wae des Schattens mit aller Kraft zu Boden wehte.
Der gefallene Soldat drehte sich blitzschnell auf den Rücken, lieÿ mit einer Hand sein
Schwert los und gri damit nach der fallenden Klinge.
Stahl fraÿ sich in Fleisch, als die bleichen Finger sich darum schlossen, aber der Schatten verzog nicht einmal den Mund.
Zerbas war sich dennoch sicher, dem Ungeheuer den Schädel zu durchbohren, aber
plötzlich spürte er einen Ruck. Mit monströsen Kräften warf der Schatten ihn mitsamt
seinem Schwert aus der Bahn und anstatt zu Boden og er nun geradezu auf die Kante
der Mauer zu.
Zerbas! Er hörte den Schrei mit den Ohren wie mit dem Herzen. Dann geschah alles
gleichzeitig: Er kam an der Kante zu Boden, konnte aber sein Gleichgewicht nicht nden
und taumelte über den Abgrund. Der Schatten, dessen Schwertarm nun frei war, hob
seine bläulich funkelnde Wae. Ein Sturm erhob sich in seinem Rücken.
Ausholen! , befahl Hallia ihm im selben Augenblick, in dem er zu kippen begann.
Zerbas Instinkt wäre gewesen, das Schwert nach vorne zu reiÿen, im verzweifelten Versuch,
den Fall umzukehren. Nun auszuholen würde in vollends in den Abgrund schicken. Er
spürte Hallia beben wie sein eigenes Herz.
Ich vertraue dir. , dachte er und riss sein Schwert nach hinten. Tatsächlich war er für
einen widerlichen Augenblick schwerelos, aber kurz bevor seine Stiefelspitzen sich von der
Mauer des Stadions lösen konnten, ergri ihn eine Böe wie ein Dutzend helfender Hände.
Der Windgeist gab ihm einen groben Schubs und er raste dem Schatten entgegen, der
auf ihn wartete wie ein Ballspieler mit einem Knüppel. Das veruchte Schwert schnitt
durch den Abendhimmel und hinterlieÿ eine kalt leuchtende Narbe.
Im Flug passte Zerbas die Bahn der Wae ab und schwang seine eigene dazwischen.
Funken stoben, als beide Klingen aufeinander prallten. Zerbas hörte den Stahl kreischen
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und war sich gewiss, seine Wae oder seine Arme brächen entzwei. Aber ehe er die
Zerreiÿprobe verlieren konnte, wehte Hallia an ihm vorbei und gerann zwischen den
beiden Kämpfern zu einer festen Gestalt. Zerbas hörte noch einen Gedanken. Um alles
in der Welt, halte stand!
Der Schatten sah sie wohl, sein Schwert aber war gebunden. Kuckuck! , rief der Windgeist freudig und fuhr fauchend unter seine Robe. Der Koloss verdoppelte seine Anstrengungen, Zerbas niederzuzwingen und als sich ihre Blicke trafen, da sah der Hauptmann
in seinen Augen zum ersten Mal Verzweiung.
In Windeseile schoss Hallia um ihn herum und löste die Riemen seiner Rüstung. Der
Schatten biss nach ihr, aber genauso gut hätte er versuchen können, einen Sonnenstrahl
in der Hand zu fangen. Sein Brustpanzer glitt auseinander, prallte mit einem blechernen
Geräusch auf die Mauerkante und el in die Tiefe.
Beiseite! , brüllte Hallia ins Ohr des Hauptmanns und warf sich gegen den Schatten.
Die Last des veruchten Schwerts löste sich ein kleines Stück und ihr Kamerad nutzte
die Gelegenheit, um sich in Sicherheit zu bringen.
Der Schatten schlug mit seinem freigewordenen Schwert nach Hallia, aber die hatte
schon von ihm abgelassen und schoss in einer bläulichen Windfontäne in den grauen
Himmel. Knapp verfehlte er ihren Schweif.
Atemlos blickte Zerbas auf und sah gerade noch, wie Hallia sich zu einer Wolke ballte
und schier explodierte. Pfeile!!! Der Himmel selbst schien das Wort zu brüllen.
Zerbas begri, aber so tat es auch der Schatten. Die Bahn zwischen ihm und den
Schützen auf den Dächern war frei und er hatte gerade seinen Schutz verloren. Als die
Pfeile schon zischten, hüllte ihn die Wae in blaues Feuer. Die ersten beiden schte er
aus der Lauft, mit nahezu übermenschlicher Präzision, aber selbst seiner Macht waren
Grenzen gesetzt.
Mit einem hässlichen Geräusch bohrte sich der dritte Pfeil in die Schulter des Schattens.
Er hatte ihn nur knapp verfehlt, aber jetzt war der Damm gebrochen. Innerhalb eines
Wimpernschlags schlugen zwei weitere ein und warfen den gefallenen Soldaten zurück
zur Kante der Mauer.
Das schwere Schwert ward ihm schlieÿlich zum Verhängnis. Der nächste Pfeil bohrte
sich in seinen Schwertarm, die Wae sank in den Abgrund und riss ihn glatt mit. Wie
gelähmt blickte Zerbas ihm hinterher. Konnte es tatsächlich ausgestanden sein?
Vorsicht! Hallia kam vom Himmel hinabgestürzt und riss ihn von den Füÿen. Sekunden später schwirrte ein verirrter Pfeil über sie hinweg. Das ist das Beste, was die
imperiale Armee zu bieten hat? , spottete seine Gefährtin, als sie sich im Fall mit ihm verband. Der Imperiale knirschte innerlich mit den Zähnen, während sie seinen Fall bremste.
Sie haben ihr Handwerk gut gemacht. , murmelte Zerbas und rappelte sich auf.
Nicht gut genug. Die knarrende Stimme lieÿ beiden, Soldat und Schutzgeist, das
Blut in den Adern gefrieren. Langsam, wie aus Angst, dem Schatten durch Anerkennung
seiner Existenz Form zu geben, wandten sie sich um.
Blut tropfte von seiner Hand, die Fingernägel waren abgebrochen. Er hatte sich Im
Fallen in die Mauer gekrallt und war mit bloÿen Händen wieder hinaufgeklettert. Seine
Brust war einziger Tümpel aus Blut und Lumpen, aus dem die Pfeilschäfte noch hervorragten. Mit der freien Hand brach er sie ab, ungeachtet der Spitzen, die noch in seinem
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Fleisch steckten. Mord stand in seinen Augen geschrieben, unverhohlene Zerstörungswut,
eine lüsterne Gier nach Tod.
Zerbas wischte sich den Schweiÿ von der Hand und packte den Schwertgri noch fester.
Die Fassade war fort. Nun war nur noch das Ungeheuer übrig.
Von blauen Flammen umhüllt stapfte der halbtote Krieger auf sie zu, unnachgiebig
wie eine Naturgewalt.
Pfeile! , donnerte Hallia abermals und mit dem Ruf konnte Zerbas ihre Furcht spüren,
als sei es die seine. Alles in ihrer Natur drängte sie, die feste Form aufzugeben, zu iehen
und all dies weit hinter sich zu lassen. Zerbas mahnte sie zur Tapferkeit, wie er es bei
einem seiner Soldaten getan hatte.
Hallia salutierte vor seinem inneren Auge, aber sie waren verbunden und so merkte er,
dass die Entschlossenheit nur Fassade war.
Die Pfeile kamen ein weiteres Mal, aber dieses Mal war das veruchte Schwert schnell
genug. Wie ein Schild hielt der Schatten es über seine Schulter und wehrte so ein Geschoss
nach dem anderen ab.
Scheiÿe. , murmelte Zerbas und stellte sich dem Schatten entgegen.
Der erste Hieb riss ihn schier von der Mauer und wäre sein Schwert nicht dazwischen
gewesen, dann wäre er gewiss entzweigeteilt worden. Der Schatten hob das Schwert über
den Kopf und schlug ein zweites Mal zu. Zerbas sah den Hieb auf sich herabrasen, als
etwas seine Hände ergri und ihm die Wae führte. Wie ein Glockenschlag prallte sein
Schwert auf das des Räubers und das blaue Feuer leckte gierig nach ihm. Dann der Tritt,
dieses Mal zu schnell für ihn.
Der Stiefel traf Zerbas mitten in die Brust und schleuderte ihn in hohem Bogen an den
Mauerrand. Ihm war, als hätte ihn ein Pferd erwischt.
Aber noch bevor er auch nur keuchen konnte, war der Schatten über ihm, ein Alptraum
aus Blut, bleicher Haut und Knochen.
Gierig holte das Monstrum aus, und Zerbas war sich gewiss, dass es das letzte Mal war.
Flieh! , dachte er in Hallias Richtung, aber der Windgeist, dachte nicht im Geringsten
daran.
Granitschädel... , hörte er nur noch, als sie sich von ihm trennte. Blau bäumte sie
Hallia zwischen ihm und dem tödlichen Angri auf, eine vielarmige Gestalt, auf der trotz
allem noch der Mädchenkopf thronte.
Nicht einmal einen Herzschlag vermochte diese ERscheinung den Schatten aufhalten.
Gnadenlos schlug er in das Winddickicht, das auseinanderstob und über ihn herel wie
ein Rudel wilder Katzen.
Hallia schrie, vor Schmerz, vor Wut, vor Verzweiung.
Das Windwesen fügte dem Schatten schreckliche Wunden zu, riss ihm die Haut auf,
brach ihm Rippen und stach ihm schlieÿlich ein Auge aus. Aber Hallia hatte einen hohen
Preis dafür zu zahlen. Das veruchte Schwert fraÿ sich tief in ihren schimmernden Körper
und saugte Licht und Farbe heraus. Stück für Stück wurde sie zurückgedrängt, aber sie
hatte Zerbas genug Zeit verschat, um sich aufzurappeln. Sein Brustkorb fühlte sich
an, als sei ein Hammer hineingerammt worden. Er schluckte den stechenden Schmerz
hinunter und eilte Hallia mit gezücktem Schwert zur Hilfe.
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Ohne auf die eigenen Wunden zu achten, stürmte er an ihr vorbei und rammte die
Schulter in den Schwertarm des Schattens. Die veruchte Klinge glitt aus dem Windgeist
heraus und sie zog sich seufzend zurück. Grau war ihr Körper da geworden, wo er sie
verwundet hatte und sie hatte Schwierigkeiten, ihre Form zurückzugewinnen.
Später.
Zerbas wich aus, als der Schatten ihm den Schwertknauf in die Magengrube treiben
wollte. Er war übel zugerichtet, wie eine Vogelscheuche, vor der die Krähen den Respekt
verloren hatten. Blut lief aus der leeren Augenhöhle, aber der Hass im anderen Auge war
ungebrochen.
Zerbas war hinter den Schatten gewichen und hote, ihn so von Hallia abzulenken. Es
gelang.
Hauptmann. Die Stimme des gefallenen Soldaten rasselte. Er spuckte einen Schwall
Blut in den Wind. Ich habe euren Schutzgeist nicht getötet.
Zerbas quittierte die Worte mit einem grimmigen Lächeln. Dass er reden wollte bewies,
dass er Angst hatte, zu unterliegen. Ich hätte es können.
Statt mit Worten antwortete der Hauptmann mit einem Angri, den der Schatten
allerdings parierte. Verdammt! Trotz allem war er noch so schnell.
Was erwartest du? , fragte Zerbas also, Meinen Dank?
Der Schatten etschte die Zähne und machte einen Schritt auf ihn zu. Ich erwarte,
dass ihr begreift! Sein Lippen rissen bei den Worten. Das ihr dieses Geschenk nicht
wegwerft! Dass ihr das Imperium nicht im Chaos versinken lasst, nur, weil eure Finger
nicht schmutzig werden dürfen!
Der Hieb war schnell, aber Zerbas hatte ihn kommen sehen. Statt sich auf eine Kraftprobe mit dem veruchten Schwert einzulassen, wich er zurück.
Du bist am Ende. , urteilte er, Fluch oder nicht, du wirst verbluten.
Die Antwort war ein trockenes Lachen. Ich muss nur ein Leben nehmen und meines
wird erneuert. , sprach er, Also lasst mich dort hinunter und die gute Arbeit tun.
Hinter ihm rang Hallia damit, ihre Form zurückzugewinnen. Sie war nicht tot, das
stimmte. Und hätte der Schatten sie getötet, so wäre er nun wieder ganz. Auch wenn es
für Zerbas niemals in Frage käme, seinen Widersacher gewähren zu lassen, so schlich sie
nun doch eine Frage in seinen Hinterkopf: Was, wenn?
Der Schatten lieÿ sein Schwert sinken. Bitte. Seine Stimme klang beinahe menschlich.
Ich will so nicht sterben. Er reichte dem Hauptmann die Hand. So sinnlos.
Zerbas schluckte. Konnte er einen Mann töten, der ihm Frieden anbot?
Dennoch blieb sein Schwert, wo es war. Ich will nicht deinen Tod. , sprach er, Aber
wie kann ich dich leben lassen?
Der Schatten schloss das heile Auge. Er war alt, selbst wenn das gestohlene Leben
in seinem Körper es verbarg. Ich bitte euch inständig. Er üsterte. Es wird Krieg
geben, das wissen wir beide. Er hatte recht. Zerbas war sich gewiss, spätestens seit er
der Blauen Königin gegenübergestanden war. Dann lasst ihn kommen. , antwortete er,
Krieg dient dem Frieden. Ein alte Militärweisheit.
Dann lasst mich dem Krieg dienen. Auch der gefallene Soldat kannte die imperiale
Militärphilosophie. Phrase oder nicht, es war nicht von der Hand zu weisen. Im Krieg
blieb keine Hand sauber und die einzige Rechtfertigung war, dass der Krieg dem Frieden
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diente. Und wenn der Schatten dazu bereit war, dann mochte er vielleicht am Leben
bleiben.
Unterwirf dich. , befahl Zerbas, Du bist Soldat.
Sie blickten einander an, ein stummes Kräftemessen. Beide hatte sie dieses Duell an
den Rand des Abgrunds geführt. Nun aber war es der Schatten, der begreifen musste,
dass er unterlegen war. Der blutüberströmte Soldat ging auf die Knie. Wie ihr befehlt,
Hauptmann.
Über seine Schulter sah Zerbas Hallia, die schwer atmend auf dem Mauersitz waberte.
Sie schüttelte entsetzt den Kopf. Er sah sie unnachgiebig an. Sie selbst hatte gesagt, dass
Prinzipien niemals wahrhaft gehalten werden konnten. Wieder dieses Nagen in seinem
Hinterkopf. Er biss die Zähne zusammen.
Wer war er, dem Imperator solch einen Krieger zu verweigern? Nicht, nachdem er in
seinem Dienst versagt hatte. Und wenn er ihn in die Hauptstadt brachte, dann könnte
er diese Schande vielleicht ungeschehen machen.
Karn wird über dich richten. , sprach Zerbas. Der Schatten nickte. Azaroyd ackerte
bläulich auf. Gebt mir die Räuber. , bat er, Als Wegzehrung. Dann mögt ihr mich in
Ketten legen.
Hinter ihm bauschte sich Hallia auf. Zerbas konnte schon hören, was sie sagen wollte
und er war ihrer Meinung. Nein.
Der Schatten hob den Kopf. Ein Tag , sagte er tonlos, Für jeden Tod.
Das war nicht von der Hand zu weisen. Zerbas blickte hinunter auf den Vorplatz, wo die
Räuber in einem stummen Kreis um Veridian herumstanden und zu ihm hochblickten.
Wer, wenn nicht sie?
Gebt mir nur die Anführer. , bat der Schatten, Dann haben wir Zeit, um weitere zu
suchen, die den Tod verdienen.
Silias hatte es verdient, daran bestand kein Zweifel. Und was Dragor anging, so klebte
an seinen Händen sicherlich mehr Blut las an denen des Schattens.
Der Hauptmann zögerte. Keine Mitläufer und Taschendiebe. Monate würden vergehen,
bevor die beiden Banden sich davon erholt hatten. Und alles, was er dafür tun musste,
war, den Befehl zu geben.
Nennt einfach einen Namen, Hauptmann. War die Demut in der Stimme des Schattens echt? Irgendeinen Namen.
Der Hauptmann knirschte mit den Zähnen. Namen gab es genug, aber dennoch ging
ihm keiner über die Lippen
Genug! Wie ein Donnerschlag durchbrach Hallia die Stille. Zerbas blickte auf und ihm
wäre schier das Herz stehengeblieben. Hinter ihnen auf der Mauer saÿ ein Drache, gewaltig
wie in den Sagen, so hoch, dass seine Schwingen sich mit den Donnerwolken verbanden.
Blitze zuckten durch das Wolkenmaul. Hallia hatte sich mit dem Sturm verbunden. Ihr
Grollen lieÿ das Stadion in den Grundfesten erbeben.
Nun erst begri der Hauptmann wirklich, wie alt dieses Wesen war und dass die
Menschlichkeit, die sie gezeigt hatte, nur eine Laune gewesen war. Und ebenfalls begri
er, dass sie den Schatten nicht leben lassen würde.
Der Schatten hatte das auch verstanden, denn noch während der Drache das Maul
önete, sprang er auf und gri an. Ein Kugelblitz sammelte sich im Maul des Drachens
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wie eine neugeborene Sonne und ergoss sich in einem gleiÿenden Blitzstrahl. Geblendet
hob Zerbas den Arm vor die Augen.
Dort, wo das Ungeheuer gekniet hatte, klate jetzt ein schwarzes Loch in der Mauer.
Der Schatten war dem Angri knapp entgangen, hatte sie erreicht und stieÿ die veruchte Klinge in ihren Wolkenleib.
Hallia! Zerbas sprang über die noch rauchende Lücke und setzte ihm nach. Tiefer
und tiefer trieb der Schatten sein Schwert in den Drachen. Es war, als hätte man eine
Nadel in einen Ballon gesteckt. Als Zerbas ihn erreichte, war es zu spät. Hallia war in sich
zusammengesunken und schwebte nun als formloses, wehrloses Etwas vor ihrem Gegner.
Der Tod war nur noch einen Hieb entfernt.
Der Schatten hob seine Wae.
Mit einem Sprung war Zerbas über ihm, rammte ihm den Stiefel in die Kniekehle
und hieb nach seinem emporgereckten Schwertarm. Es gab ein hässliches Knacken, als
der Knochen brach. Das veruchte Schwert glitt aus der Hand und blieb in der Mauer
stecken. Das blaue Feuer ackerte gierig.
Mit dem Knauf seines Schwerts verpasste der Hauptmann seinem Widersacher einen
Hieb in die Schläfe und stieg über ihn hinweg zu seiner verwundeten Gefährtin.
Hallia war nur noch ein diuser Nebelschweif, halb himmelblau, halb grau wie die
Sturmwolken. Zähüssig sackte sie von der Mauer hinab. Zerbas streckte seine Hand aus.
Hallia!
Der Nebelschleier streifte sacht seine Fingerspitzen und sie waren verbunden.
Sie dachte: Er hat mich erwischt. und Du Holzkopf. und Ich werde fallen.
Er dachte: Es tut mir leid. und Ich Holzkopf. und Ich werde dich festhalten.
Vor seinem inneren Auge schüttelte sie den Kopf. Du musst es zu Ende bringen.
Ohne es Worte zu fassen, sandte er ihr seine widersprüchlichen Gedanken, seine Wünsche,
seinen Gehorsam und sein Wissen um das Kommen des Kriegs.
Mit einer zärtlichen Geste brachte sie ihn zum Verstummen. Hattest du es mal mit
einem Säufer zu tun? Er war Hauptmann. Wenn er einen Goldtaler für jeden Soldaten
hatte, den er bei der Nachtwache betrunken aufgefunden hatte.
Hallia nickte vor seinem inneren Auge. Wer an der Flasche hängt, der lügt, der schmeichelt, der wütet, verhandelt, verspricht, sich zu bessern, lügt das Blaue vom Himmel, nur,
damit er eins tun kann: Weiter trinken.
Zerbas wusste, dass sie Recht hatte. Du meinst...
Er wird alles sagen, was er sagen muss, aber er wird das Morden nicht lassen. Weil er
morden will. Weil er muss. Und dieses Verlangen ist stärker als jedes Versprechen.
Das waren alle Worte, die notwendig waren.
Hallia lachte, ein schwaches, melancholisches Lachen.
Was ist so komisch? , dachte er.
Nach all den Jahrhunderten. Nach allen Seelen, denen ich mich anvertraut habe, dass
gerade du es bist, für den ich...
Ihr Gedanke riss ab und er war allein. All das hatte nur einen Augenblick gedauert.
Sie el, sank an der Wand des Stadions hinab. Zerbas blieb allein.
Nicht ganz allein, denn wie eine Marionette hatte sich der Schatten an seinen unsichtbaren Fäden hinaufgezogen. Der gebrochene Schwertarm hing verdreht hinab, aber
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er schien es gar nicht zu bemerken. Was zählte, war das veruchte Schwert in seiner
anderen Hand.
Hauptmann. Die Stimme aus dieser lebenden Leiche hatte ihn lange genug genarrt.
Zerbas sah ihn nun in einer Klarheit jenseits der Worte, einen Schrecken, wie man
ihn nur aus Ammenmärchen kannte, einen Kinderalptraum, eine Monstrosität, die nicht
existieren durfte, gleich wem sie diente.
Er schüttelte den Kopf und hob seine Wae. Es war genug.
Pfeile zischten durch die Luft und spickten den Schatten, der nicht einmal zuckte. Er
wollte zurückweichen, wohlwissend, wie geschwächt er war, aber Zerbas lieÿ es nicht zu.
Mit einem Ausfallschritt stach er ihm in den Bauch und zog sich zurück, als die veruchte
Klinge auf ihn niederging. Genauso gut hätte er eine Vogelscheuche durchbohren können.
Der Schatten setzte ihm mit einem wilden Stich nach, begierig, das Leben des Hauptmanns zu stehlen und seines zu retten. Zerbas schlug den Zweihänder mit dem eigenen
Schwert beiseite und lieÿ den Schatten in seine gestreckte Faust rennen.
Sein Nasenbein brach, aber das bremste ihn nicht im Geringsten. Brüllend wirbelte
er die Klinge herum, um Zerbas von der Mauer zu stoÿen. Zerbas duckte sich unter
dem Hieb weg und rammte dem Schatten das Schwert in den Oberschenkel. Sein Gegner
taumelte.
Gnadenlos zog der Hauptmann das Schwert aus der Wunde und schlug abermals zu.
Das Bein brach. Der Schatten sackte auf die Knie und stocherte blindlinks mit seinem
Schwert nach seinem Widersacher neben ihm. Zerbas wehrte den stümperhaften Schlag
ab, richtete sich auf und brach ihm mit einem aufsteigenden Schwerthieb auch noch den
anderen Arm.
Das Schwert glitt ihm aus der Hand, prallte auf die Mauer und rutschte scheppernd
bis zum Rand. Mit letzter Kraft warf der Schatten sich in einem Hechtsprung hinterher
und begrub es unter sich.
Zerbas setzte ihm mit zwei Schritten nach und zielte auf seinen Nacken. Noch ein
Schlag, dann war es zu Ende. Er holte aus.
Der Schatten bäumte sich auf und warf sich gegen die Beine des Hauptmanns. Zerbas
geriet ins Taumeln, kippte schier über die Kante und musste seine Wae loslassen, um
das Gleichgewicht zurückzugewinnen. Sie el hinunter ins Stadion und polterte klirrend
die Zuschauerränge hinunter.
Verbissen kämpfte der Schatten sich auf die Knie. Zu seinen Füÿen lag Azaroyd. Aus
seinem heilen Auge blickte er Zerbas an, dann gri er mit bebenden Fingern nach dem
Heft des Schwerts. Zerbas setzte einen Fuÿ auf die Klinge.
Auch so hätte der Schatten wohl kaum noch die Kraft besessen, die Wae mit gebrochenen Armen zu führen. Trotzdem lieÿ er sie nicht los. Der Hauptmann ballte eine Hand
zur Faust.
Wir hätten... Ein Hieb in die Schläfe unterbrach den Schatten, aber brachte ihn nicht
zum Schweigen. ...die Welt reinigen können. Zerbas schlug ein weiteres Mal zu.
Das Schwert zu seinen Füÿen leuchtete bläulich auf. Was, wenn er es nahm und dem
gefallenen Soldaten hier und jetzt ein Ende setzte?
Zerbas setzte zu einem weiteren Hieb an, aber zögerte dann.
Nimm mich.
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Nimm es. , üsterte der Schatten, Töte mich. Es war, als seien die Worte nicht seine
eigenen.
Töte ihn.
Der Schatten zerrte an der Wae. Ein letztes Aufbäumen. Nimm es und reinige die
Welt. Blut lief aus seinem Mund. Tu, was getan werden muss. Sei realistisch!
Zerbas blickte zwischen dem Schatten und dem Schwert hin und her. Er dachte an
Hallia.
Nein. , antwortete er, Ich bleibe Idealist!
Er hob den Fuÿ von der Klinge und schickte seinen Widersacher über die Kante.
Voller Sorge und Furcht hatte Veridian den Kampf auf dem Stadion beobachtet, umringt
von Räubern und machtlos, auch nur einen Finger zu rühren.
Als Hallia sich mit den Sturmwolken verband, da ahnte er, dass der Drache nicht viel
mehr als ein Trugbild war. Wenn er schlief, dann konnte er manchmal ihre Träume sehen,
von dem Drachen, der sie einst geboren hatte, als die ersten Menschen Fuÿ auf Relegatia
gesetzt hatten. Die Drachentochter gedachte ihrer Mutter.
Dann durchbohrte der Schatten sie und er sah sie schrumpfen und durch Zerbas Finger
gleiten.
Deine Beschützerin ist fort. , sprach Dragor drohend. Veridian würdigte ihn keines
Blickes.
Hallia el wie ein Seidentuch, das man dem Wind übergeben hatte. Veridian wusste,
was zu tun war. Energisch schob er zwei der Räuber beiseite und rannte am Fuÿ des
Stadions entlang.
Hallia zog einen farblosen Kometenschweif hinter sich her. Sie war schwer verwundet.
Veridian n sie auf und schloss sie in seine Arme.
Du hast mich gefangen. , dachte Hallia matt, als sie in seinem Körper verschwand.
Ihr Gefährte rang sich ein Lächeln ab. Ich habe nur den Gefallen erwidert, mein Schicksal. Ihre Gedanken waren langsam und zäh. Lass mich etwas schlafen... , dachte sie,
Nur einen Augenblick. Dann noch: Mein Schicksal. mit einem Hauch von liebevollem
Spott. Danach wurden ihre Gedanken ruhig und sanken tiefer, als Worte es vermochten.
Als der Schatten stürzte, war niemand da, der ihn aung.
Mit einem hässlichen Geräusch kam er zu Boden, dicht gefolgt von dem veruchten
Schwert, das zwischen den Pastersteinen stecken blieb.
Es war nicht mehr viel von dem gefallenen Soldaten übrig, aber zu Veridians Schrecken
regte er sich noch.
Obwohl jeder Knochen in seinem Körper gebrochen sein musste, begann er zu zittern.
Die Finger seiner Hände gruben sich zwischen die Pastersteine. Unfähig, den Kopf zu
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heben, zog er sich voran, Fingerbreit um Fingerbreit dem veruchten Schwert entgegen.
Seine Nägel brachen, aber er grub die Finger nur noch tiefer in den Boden.
Wie ein Flimmern auf der Netzhaut konnte Veridian zwischen ihm und dem Schwert
Azaroyd eine Verbindung aus blauem Feuer sehen, eine brennende Nabelschnur, die verschwand, wenn man genauer hinsehen wollte.
Er kam nicht weit. Auf Befehl der beiden Anführer zogen die Räuber ihre Waen und
gingen auf ihn los wie eine Horde Hyänen.
Dutzende Klingen waren nötig, bis das letzte gestohlene Leben aus ihm wich.
Was übrig blieb, als die Räuber von ihm ablieÿen, war ein grässlicher Anblick. Veridian
schloss die Augen und horchte auf Hallias ruhiges Atmen tief in seinem Inneren.
Das Geräusch von Stiefeln auf dem Paster lieÿ ihn aufschrecken. Der Kreis der Räuber
teilte sich und Zerbas trat hinein. Atemlos betrachtete er das, was von seinem Widersacher übrig war, dann nickte er und steckte sein Schwert weg.
Nicht so schnell, Meister! Dragor winkte seinen Männern und der Kreis zog sich enger
um die beiden Kameraden. Du imperialer Scheiÿer hast uns als Köder benutzt.
Zerbas stellte sich ihm entgegen. Dragor. , sprach er ruhig, Was tut ein unbescholtener Bürger wie ihr an einem Ort wie diesem?
Der Räuberhauptmann war kurz davor, zuzuschlagen, aber Silias ging dazwischen.
Der Hauptmann hat nur seinen Teil des Handels erfüllt.
Dragor knurrte seinen Rivalen an. Handel?
Ein Geschäftsmann wahrt seine Geheimnisse. , sagte er mit einem Grinsen zum Reinschlagen.
Es reicht. , mischte sich nun Veridian ein und trat vor die beiden Räuber. Mit dir
ist auch noch eine Rechnung oen, Wiesel! , brummte Dragor.
Mag sein. Veridian lieÿ sich nicht einschüchtern. Was zählt, ist, dass wir den Mörder
gefunden haben und eure Leute sicher sind.
Beide Räuber nickten widerwillig. Veridian sprach weiter, mit ein wenig Formulierungshilfe von Hallia: Diese Monstrum hat einen Keil zwischen euch getrieben, damit ihr euch
an die Kehle geht. Und wir haben es zur Strecke gebracht. Dass wir euch beschissen haben, war nicht zu vermeiden.
Silias blickte skeptisch zu Dragor hinauf. Der hob eine Hand, als wolle er sagen, dich
hat er genauso beschissen wie mich.
Ihr solltet uns danken. , warf Zerbas ein und stellte sich neben seinen Kameraden.
Wir sollten sie zu den Fischen schicken. , murmelte Dragor. Silias nickte. Die zwei
wissen zu viel.
Auf einen Wink zog der Kreis der Räuber sich enger. Hallia regte sich, aber Veridian
mahnte sie, sich zu schonen.
Zerbas wich kalkuliert zurück. Ihr vergesst, dass ich noch immer Bogenschützen auf
den Dächern habe.
Silias schüttelte den Kopf. Nicht genug Schützen. , sprach er, Sobald ihr den Befehl
gebt, seid ihr tote Männer.
Zerbas machte noch einen Schritt zurück und fand sich neben dem veruchten Schwert,
das noch immer im Boden steckte. Es leuchtete gierig auf.
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Zwingt mich nicht. , drohte er, eine Finte, denn lieber wäre er gestorben, als das
Schicksal des Schattens zu teilen.
Silias hob beschwichtigend die Hände. Das ist doch die eigentliche Frage, Hauptmann,
wer bekommt die Kriegsbeute? Wer bekommt das Schwert?
Dragor sah zu ihm hinunter. Du sicher nicht, Silias! Er zog die beiden Schwerter.
Silias hielt seine Leibwächter mit einem Fingerzeig zurück. Du sicherlich auch nicht,
Dragor. , erwiderte er und hielt dem Blick des Kolosses stand.
Tja. , sprach Veridian Hallias Gedanken, Was eine Zwickmühle, Jungs. Er zuckte
zusammen. Das letzte Wort hatte seine Gefährtin ihm regelrecht untergeschoben. Er
räusperte sich. Wenn einer von euch es haben will, dann muss er diesen kleinen Krieg
wirklich zu Ende führen. Er lächelte. Und gewinnen natürlich.
Dragor bleckte die silbernen Zähne. Schlau. , urteilte er.
Silias nickte. Ich verstehe allmählich, wie er uns reingelegt hat. Hätte mich auch sehr
gewundert, wenn so ein tumber Imperialer der Verstand hinter diesem Plan gewesen
wäre.
Veridian tat sein Möglichstes, Hallias Schadenfreude über diesen Kommentar und - was
noch köstlicher war - Zerbas Reaktion zu verbergen. Lasst dem Imperium das Schwert. ,
sprach sie durch ihn, Dann wird es zerstört und wir können alle unserer Wege gehen.
Zerbas nickte. Und ich halte euren Räuberfrieden. , bot er an, Zumindest, was diese
Geschichte angeht.
Silias kratzte sich am Kinn. Ein groÿzügiges Angebot, zweifelsohne. Seine Arroganz
vermochte es nicht, seinen Ärger zu verdecken.
Dragor indes sage nichts, er starrte nur auf das Schwert. Ganz so, als ob er sich überlegte, ob er sie mit der Macht des Fluchs alle erledigen konnte.
Denk nicht mal dran. Hallia löste sich für einen Augenblick aus ihrem Kameraden
und umschwärmte den Räuberhauptmann. Du bist nicht schneller als der Wind.
Ihr Auftritt lieÿ die Räuber ringsum zurückweichen. Als sie zurückkehrte, spürte Veridian allerdings, wie viel Kraft sie dieser kleine Ausug gekostet hatte.
Drachen, Arsch und Zwirn! , uchte Dragor, Diese Partie geht an euch. Er wandte
sich an Silias. Abmarsch?
Sein Gegenspieler nickte. Abmarsch.
Beide Armeen zogen ab, nur Silias wartete noch einen Moment. Hauptmann. , sprach
er, Wie ihr uns über den Tisch gezogen habt... Ich hätte es nicht geglaubt, aber für euch
besteht Honung. Er lächelte ein dünnes Lächeln und wandte sich an Veridian: Falls
du jemals eine Arbeit suchst...
Beide Kameraden würdigten diese Abschiedsworte keiner Antwort, sondern warteten
stumm, bis die Räuber in der Nacht verschwunden waren.
Schlieÿlich stieÿ Zerbas einen Seufzer aus, der sich gewaschen hatte. Ich dachte, ihr
beide wäret tot.
Hallia erschien, nur ein winziges Abbild in Veridians Handäche. Da muss schon ein
rauerer Wind wehen.
Der Hauptmann verdrehte die Augen. Genug mit diesen Wind... Wortspielen.
Veridian grinste. Nimm ihr doch nicht den Wind aus den Segeln. Sie hat uns beiden
das Leben gerettet.
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Das hat sie. , sprach Zerbas und beugte sich zu Hallias Miniatur hinunter, Ich stehe
in deiner Schuld. Er zögerte eine Sekunde. Und ich war ein Holzkopf.
Der Windgeist lächelte matt. Nur für einen Moment. Das macht dich nur menschlich.
Veridian wollte ihm auf die Schulter klopfen, lieÿ seine Hand aber einen Moment schweben, bevor er es wagte. Wichtig ist nicht, ob wir wanken, sondern, ob wir fallen.
Stumm erwiderte Zerbas die freundschaftliche Geste, dann wandte er sich zu den Überresten des gefallenen Soldaten. Das veruchte Schwert gab noch immer ein blasses Leuchten von sich.
Ich glaube nicht einmal, dass er ein schlechter Mann war. , murmelte der Hauptmann.
Seine Kameraden traten auch vor das Schwert. Du hast es versprochen. , sagte Hallia.
Zerbas nickte. Wir werden es zerstören. Veridian runzelte die Stirn. Aber wie?
Sie hielten Abstand, als fürchteten sie, das blaue Feuer könnte auf sie übergreifen. Die
drei sahen das Schwert an und verstummten. Plötzlich schienen Worte fehl am Platz.
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Coda
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Schlieÿlich el Schnee auf die schweigenden Gefährten.
Ein Blitz zerriss den wolkenschweren Himmel und lieÿ die drei zusammenzucken. Noch
ehe der Donner kam, explodierte die Luft vor dem Stadion in blauem Feuer.
Aus dem Nichts schälte sich eine Gestalt, gehüllt in blaue Flammen.
Dasselbe Blau wie das des Schwerts. Azaroyd ammte auf, als könne es den Fremden
spüren.
Was zum... , murmelte Veridian, bis Hallia es ihm zeigte.
Die dunkle Gestalt vor ihnen mit den blutroten Augen war niemand Geringeres als der
Gott des Todes selbst.
Die beiden Freunde zogen ihr Schwert.
Wer bist du und was willst du hier? , fragte Zerbas grimmig.
Der bleiche Mann vor ihnen zeigte seine leeren Handächen. Man nennt mich Athariel. , sagte er ruhig, Und ich bin hier, um zurückzuholen, was mir gehört.
Er deutete auf das Schwert.
Der Gott des Todes. , erklärte Veridian, Einer der Vierzehn. Hallia fuhr aus ihm
heraus, gleich wie geschwächt sie war, und gri an. Er hat dieses veruchte Ding geschmiedet! , polterte sie, Er hat Mantis getötet! Er hat all diese Menschen auf dem
Gewissen! Mantis, ihr Herr vor einem halben Jahrtausend. Der Mann, den sie nicht
hatte fangen können. Ehrfürchtig wich Veridian zurück.
Nicht so Athariel, der mit zwei Fingern zu Boden wies und den Schutzgeist so aus der
Luft holte.
Hallia wehrte sich nach Kräften, aber seine Magie drückte sie so fest in den Grund, dass
sich die Pastersteine senkten. Sie wand sich wie unter Schmerzen. Ich werde dich... ,
donnerte sie, aber weiter kam sie nicht.
Das wünscht du dir nicht. , sprach der Gott ruhig. Er blickte auf Zerbas, der sein
Schwert gezogen hatte. Der Mann, der dieses Ding geschaen hat, ist tot. Ich muss
lediglich sein Erbe tragen.
Der Hauptmann schüttelt den Kopf. Dies ist das Imperium. Hier gilt Karns Befehl,
nicht deiner. Wir werden euer Schwert vernichten.
Der Gott hob eine Augenbraue, als sei er überrascht, dass der Imperiale es wirklich
ernst meinte, dann seufzte er.
Lass uns noch einmal beginnen. , sprach er versöhnlich und lockerte den Druck auf
Hallia. Ihr scheint mir gute Menschen... Hallia räusperte sich. und Schutzgeister. ,
fügte der Gott mit einem dünnen Lächeln hinzu. Wüsste ich eure Geschichte, so wäre
ich euch sicherlich zu Dank verpichtet. Er blickte auf die Leiche des Schattens. Dieses
Schwert hätte niemals geschmiedet werden sollen. Ich werde seinen Weg enden.
Zerbas lieÿ seine Wae ein Stück sinken. Der Fremde mit dem rabenschwarzen Haar
hatte rote Augen, so wie beide Träger des Schwerts es hatten. Er zweifelte nicht, dass er
war, wer er behauptete zu sein. Wir haben gesehen, was dieses Ding aus einem Mann
machen kann. Wer sagt uns, dass ihr ihm nicht erliegt?
Athariel nickte. Ein berechtigter Einwand. Ich trage die Erinnerung in mir, wie es ist.
Unsterblichkeit... Er fasste an seine Brust. Das ist es nicht, was ich mir wünsche.
Hallia bäumte sich gegen seine Fesseln auf. Was dann? Sie war ihm nah genug, dass
ihre Nasenspitzen sich berührten. Wer sagt uns, dass du dieses Ding nicht benutzt und
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die Weltherrschaft übernimmst?
Veridian tauschte einen Blick mit Zerbas, als wolle er fragen, ob ein Gott dazu in der
Lage wäre. Der Hauptmann nickte bleich. Ein Gott mit solch einer Wae? , bekräftige
er Hallia, Das können wir nicht zulassen!
Selbst für den Imperator wäre das zu viel Macht. , schloss Veridian.
Athariel blickte zwischen ihnen hin und her. Ihr handelt auf eigene Faust! , schloss er.
Das schien ihm zu gefallen. Ich habe den Weg des Schwerts bis zum Turnier verfolgt. ,
sprach er, Doch dann verlor ich die Spur. Er blickte Zerbas an. Ich hätte das Imperium
um Hilfe bitten können, aber ich fürchtete, ein Mann mit Karns Ambitionen könnte von
solcher Macht versucht werden.
Der Hauptmann hielt seinem Blick stand. Wagt es nicht, so über den Imperator
zu sprechen! Der Gott des Todes lachte düster. Und du fürchtest, ich wolle die Welt
beherrschen?
Wollten deine Vorgänger. , warf Hallia ein.
Athariel seufzte. Das wünsche ich nicht. , wiederholte er.
Wir können euch das nicht glauben. , sagte Zerbas.
Hallia grinste. Es sei denn...?
Ihre beiden Freunde begrien sofort. Du meinst... , murmelte Veridian. Sie nickte und
zwinkerte ihm zu. Sei nicht eifersüchtig.
Nun hatte auch der Gott verstanden. Du willst dich an mich binden? Der Gedanke
schien ihm gar nicht zu behagen.
Hallia setzte ein breites Grinsen auf. Nur, um einen Blick zu riskieren.
Sie musterten einander, Schutzgeist und Gott des Todes. Schlieÿlich löste er seinen
Gri und beide verschmolzen miteinander.
Alles ist so unermesslich groÿ.
Andere Seelen sind ein unbekanntes Land, eine Stadt, ein Welt vielleicht. Diese hier
ist ein Universum.
Ein Vielklang an Stimmen umfängt sie, von den Göttern, die vor Athariel kamen. Zwar
sind sie tot, aber ihre Erinnerung lebt in ihm weiter.
Auch sie ist ungefähr so alt wie diese Erinnerungen, aber sie ist nur eine einzige Seele.
Es ist schwer, in diesem Meer von Stimmen die eigene noch zu hören. Von allen Seiten
stürmen Eindrücke auf sie ein. Sie sieht einen Drachen fallen (ihren Drachen), den Zauber
der Vierzehn und die, die das Erbe trugen. Sie sieht den Tod. Das vielleicht mehr als
alles andere.
Hallia sieht, wie Azaroyd entsteht. Wie der Gott Asdanam einen Teil seiner Seele an
die Wae bindet. Sie sieht das Tor jenseits der Welten. Das Tor, durch das die Seelen
nach dem Tod gehen. Und sie sieht, wie Asdanam diese Seelen der seinen opfert. Wie
er dank der geraubten Seelen wieder jung wird. Dann sieht sie, wie er seine Gefährten
verrät. Wie er am Ende schlieÿlich stirbt. Allein.
Dann Schwärze.
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Vor ihr erscheint ein Gang voller Türen. Barrieren gegen die vergangenen Leben. Neben
ihr steht Athariel. Sie sind allein.
Willkommen. , spricht er.
Hallia weiÿ, dass genau so wie sie seine Seele erforscht, er in die ihre blicken kann. Und,
warum sie so wütend ist auf den Gott des Todes.
Er sieht, wie Mantis stürzt, wie sie verzweifelt versucht, ihn zu fangen. Und er weiÿ,
dass es, wenn schon nicht seine Schuld, sein Erbe ist. Ihr alter Herr ist letzten Endes
wegen des Schwertes gestorben.
Das Bild löst etwas anderes in ihm aus. Thalana, das Mädchen mit dem blauen Haar.
Auch sie ist gefallen. Er hat sie fallen gesehen. Er hat sie nicht heilen können. Er war zu
spät. Nun ist sie tot.
Athariel verbirgt dieses Bild vor ihr.
Azaroyd. , spricht er und zeigt das Schwert. Er beweist Hallia, dass er es halten kann,
ohne sich mit ihm zu verbinden. Sie glaubt ihm.
Er zeigt ihr seine Suche. Wie er gespürt hat, als das Schwert nach Jahrhunderten
erwachte. Wie er es gesucht hat und der Spur der Zerstörung folgte, bis nach Titania.
Wie er es auf dem Turnier gefunden hat und dabei half, den Träger zu töten. Wie Lorzhan,
der Gott der Dunkelheit ihn daran gehindert hat, es zu ergreifen. So muss es wohl in die
falschen Hände geraten sein. Wie er ihnen dicht auf den Fersen war und das Haus fand,
unter dem sie den ersten Mörder begraben hatten. Dann sein Umweg, weil er glaubte,
Lorzhan hätte das Schwert. Beide Männer dachten, der andere will es führen. Sie haben
dieses Missverständnis beigelegt. Da ist noch etwas anders, eine Zwischenstation, die er
vor ihr verbirgt. Eine Lüge, aber keine für sie.
Er glaubt, dass es nichts zur Sache tut.
Hallia bezweifelt das.
Athariel berichtet weiter. Wie er begri, dass, wenn Lorzhan das Schwert nicht hat,
es immer noch in Titania sein muss. Und schlieÿlich, wie er es bei den drei Freunden
gefunden hat.
Hallia nickt. Der Gott des Todes hat alle Fragen beantwortet, nur die eine nicht:
Warum?
Weil es mein Erbe ist. , antwortet er, Weil ich es enden muss. Weil ich den Tod
verabscheue, genau wie du.
Er reicht ihr eine Hand und sie sieht, dass Athariel an diesem Erbe noch immer schwer
trägt. Dass da ein Loch ist für den Teil von Asdanams Seele, der noch immer in dem
Schwert steckt. Es tut mir leid um Mantis. , sagt er, Es tut mir leid um all die anderen.
Er spricht die Wahrheit. Soviel begreift Hallia. Diesem Mensch ist der Tod zuwider,
auch wenn oder vielleicht gerade weil er seinen Namen trägt.
Aber es ist nicht die ganze Wahrheit.
Sie blicken einander an, Rot in Blau. Ein tiefer Schatten liegt auf seinem Gesicht. Sag
mir die ganze Wahrheit. , bittet Hallia sanft.
Der Gott des Todes greift an seine Brust und önet das Medaillon, das dort hängt.
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Was Hallia sieht, ist eine Welt aus Blau.
Blau der Mond. Blau das Gras, das sich unter ihr wogt. Blau der Nachthimmel.
Was sie fühlt - was er aber noch nicht weiÿ - ist, dass die Nacht ein Ende hat.
Blutrot wartet die Morgensonne hinter dem Horizont, um seine Welt in Rot zu tauchen.
Er hat Jahre in der Nacht verbracht, sich nach dem Blau gesehnt, das er noch liebt
und einst verlor.
Er ahnt schon - tief - dass auch das Rot, das sich nach ihm verzehrte, einen Platz in
seinem Herzen hat. Aber man kann nicht Mond und Sonne haben.
Athariel schweigt bedächtig.
Sie begreift, dass er das Blau liebte und verlor und er das Rot verlor und dann erst
lieben lernte. Er ist vor dem Sonnenaufgang geohen, weil er den Mond nicht aufgeben
konnte.
Nun hat ihn die Liebe entzweit - und doch ist es zu spät für beide. Nun ist die Sonne
verloschen. Nun ist Athariels Himmel leer.
Hallia schlieÿt ihn in die Arme und begreift, dass er nicht ewig leben will. Dass die
Jahre der Einsamkeit ihm zur Last geworden sind.
Athariel wäre tausend Tode gestorben, nur, um das geliebte Mädchen noch einmal zu
erblicken.
Also kämpft er gegen das Schicksal, gegen die Endgültigkeit an.
Ein frevelhaftes Unterfangen.
Dafür braucht er das Schwert, denn es hält das Geheimnis, um den Lauf der Gestirne
zu verändern, die Zeit zurückzudrehen und das Blau zu retten.
Was aber mit dem Rot?
Drauÿen im Schneegestöber war nicht viel Zeit vergangen.
Hallia löste sich aus dem Gott und verwandelte sich vor seinen Augen in eine Mädchengestalt.
Athariels Augen weiteten sich. Dies musste seine Sehnsucht sein. Veridian hatte bei
seiner ersten Verbindung mit Hallia ähnliches erlebt.
Voll ungläubigem Staunen machte der Gott einen Schritt auf das Windwesen zu.
Hallia leuchtete auf und das Bild wandelte sich. Sie ammte auf und wurde zu einer
anderen. Behutsam schloss sie Athariel in die Arme.
Nein. Noch ein letzter Gedanke wehte von ihm hinüber. Das wünsche ich mir nicht.
Aber das war ein Lüge, die den Platz einer anderen eingenommen hatte.
Dann riss die Verbindung ab.
Hallia wich von ihm und sank matt in Veridians Arme.
Was hast du herausgefunden? , fragte Zerbas, ohne den Gott aus den Augen zu lassen.
Wenn die Erscheinung ihn gerührt hatte, so lieÿ er es sich nicht anmerken.
Hallia erschien auf Veridians Handäche.
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Ja, er braucht das veruchte Schwert. , sprach sie, Aber er hat auch fest vor, es zu
vernichten.
Der Hauptmann nickte, dann wandte er sich an Athariel. Stimmt das?
Der Gott nickte. Ihr habt mein Wort.
Hallia wandte sich an Zerbas: Sei nicht so ein Granitschädel.
Ihr Kamerad nickte und machte den Weg frei.
Der Gott des Todes trat vor Azaroyd und das blaue Feuer ackerte auf.
Er hob die eigenen Hände, hüllte sie in blaues Feuer und machte Anstalten, das Heft
zu umgreifen.
Als sie sahen, wie er sich sträubte, zerstreuten sich die Zweifel der drei Kameraden.
Viel Glück. , sprach Hallia sanft.
Athariel wandte sich noch einmal um.
Ihr werdet keinen Ruhm ernten für das, was ihr getan habt. , sprach er, Aber dennoch
seid ihr Helden. Er blickte an ihnen vorbei. Gröÿere Helden als in diesem Stadion. Er
wandte sich an Zerbas. Wenn euer Imperator ein Mann ist, dem es sich zu folgen lohnt,
so wird er das begreifen.
Der Hauptmann sah hinüber zu Hallia. Was hast du ihm erzählt? , fragte er scharf.
Der Schutzgeist zuckte peinlich ertappt zusammen. So dies und das...
Athariel lächelte dünn. Bringt sie nach Karnapolis und erzählt eure Geschichte. Dann
werdet ihr wieder ein General sein.
Mit diesen Worten wandte er sich um, packte das Schwert und verschwand in einer
Explosion aus blauem Feuer.
Die drei Freunde blieben allein im Regen stehen, aber keiner beneidete den Gott des
Todes um sein Los. Am wenigsten Hallia. Kaum war das Schwert fort, da war ihnen, als
sei eine schwere Last von ihnen genommen worden.
Ein düsterer Zeitgenosse. , sprach Veridian. Zerbas nickte. Aber er hat recht. Hallia
geel sein Blick gar nicht. Wer sagt dir, dass ich nach Karnapolis möchte?
Der Hauptmann bleckte seine Zähne. Das war wohl seine Variante eines amüsierten
Lächelns. Wer sagt, dass du das nicht zusammen mit dem Gott ausgeheckt hast?
Veridian nickte. Was hast du überhaupt in seinem Herzen gesehen?
Eine wahre Dame weiÿ über solche Dinge zu schweigen. Sie machte einen Schmollmund. Sonst könnte ich die Geschichte von der Küfnerstocher erzählen. Veridian verstummte. Oder die von einer gewissen grün...
Untersteh dich! , el Zerbas ihr ins Wort.
Veridian blickte über den menschenleeren Platz. Also nach Karnapolis? , fragte er.
Hallia nickte. Aber erstmal raus aus dem Sturm. Nicht, dass er mich stört...
Ein Schluck Wein wäre nicht schlecht. , meinte Zerbas. Auf nüchternen Magen möchte ich dieses Chaos nicht dem Statthalter erklären müssen.
Hmmm. , machte Hallia, Wer sagt denn, dass du musst?
Der Hauptmann lachte, ein kehliges, befreites Lachen, das beide Kameraden überraschte. Lass uns das beim Wein besprechen. , sprach er und legte Veridian den Arm um die
Schulter.
Sein Freund tat es ihm gleich. Aber nicht in den gespaltenen Schädel.
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