Cantate! - Singet ihm ein neues Lied! - emk
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Cantate! - Singet ihm ein neues Lied! - emk
Stäfa-Männedorf Predigt Psalm 33, 2+3 - Cantate! - Singet ihm ein neues Lied! Pfarrer Jürg Eschbach, 24.04.2016 Liebe Gemeinde, der dritte Sonntag nach Ostern, trägt im kirchlichen Kalender den Namen ‚Jubilate‘, d.h. ‚Jauchzet (nach Psalm 66, 1 Jauchzet Gott, alle Welt‘) und der vierte Sonntag trägt den Namen ‚Cantate‘, d.h. ‚Singet dem Herrn ein neues Lied!‘ (nach Psalm 98, 1) Die Lieder, die wir zum Eingang des Gottesdienstes gesungen haben, liessen schon erkennen, dass wir uns diese Aufforderungen heute besonders zu Herzen nehmen wollen. Wir wollen das ‘Jauchzet und singet dem Herrn’ heute reichlich praktizieren. Auch die Schriftlesungen haben sich, wie ihr sicher festgestellt habt, in die Thematik dieser beiden Sonntage eingereiht. Und nun entnehmen wir auch den Predigttext der alttestamentlichen Lesung: 2 Danket dem HERRN mit Harfen; lobsinget ihm zum Psalter von zehn Saiten! 3 Singet ihm ein neues Lied; spielt schön auf den Saiten mit fröhlichem Schall! Aber auf Befehl fröhlich singen, - kann man das? Das ist zumindest fragwürdig. Solches Singen tönt gern lustlos und erzwungen. Zum Singen sollte man in der rechten Stimmung sein. - Und nun kommt noch hinzu, dass uns der Psalmist auffordert, ‘ein neues Lied’ zu singen. Aber wenn wir an gewisse ‘neue Lieder’ im Gesangbuch denken, wird die Sangesfreudigkeit eher gedämpft. - Lasst uns die Freude nicht so schnell verderben! Der Psalmist denkt nämlich nicht an diese ‘neuen Lieder’. Doch gehen wir der Reihe nach! I. Man kann aus ganz verschiedenen Gründen singen: z.B. zum Vergnügen; weil man guter Laune ist; weil man sich freut. Stellt Euch ein Fest ohne Singen vor! Da fehlt doch einfach etwas. Man kann auch aus Erleichterung singen: nach der Arbeit; nach einer bestandenen Prüfung; nach einer erhaltenen Zusage. - Ich singe manchmal im Auto, wenn ich allein unterwegs bin – vor allem auf dem Heimweg!. Aber man kann auch singen, wenn man Angst hat. Es gibt Erwachsene und Kinder, die singen, wenn sie in den Keller gehen müssen. Auch Psalm 33 zählt Gründe für das Singen auf. Aber das Singen, zu dem der Psalmist aufruft, geschieht weder zum Vergnügen, noch um irgendeine Angst zu vertreiben. Sein Singen ist Ausdruck des Dankes und Lobes, der Anbetung und Freude und des Vertrauens in Gott. Darum singt der Psalmist, - und darum ist sein Lied ein ‘neues Lied’. Das heisst nicht, dass es nach Text und Melodie ein ‘neues Lied’ und im Gesangbuch eine noch unbekannte Nummer ist. - Sondern: Der Psalmist hat seinen Blick auf Gott gerichtet. Er sieht Gottes Werke und Gaben und erkennt göttliche Führung in seinem Leben. Das erfüllt ihn mit Freude und Glaubenszuversicht. Das macht ihn singen! Er hat neu Gottes Güte erkannt, darum stimmt er den Lobpreis Gottes an. Sein ‘neues Lied’ ist also nicht nur ein ‘modernes’ Lied. Nach Text und Melodie ist es vielleicht sogar ‘aus der Väter Tagen’. Aber es wurde ausgelöst durch eine neue Gotteserfahrung. Es entspringt dem neu erweckten Bedürfnis Gott zu preisen. Ein solches Lied ist nicht einfach Ausdruck menschlicher Begeisterung. Wenn Menschen bloss aus Begeisterung singen, kann es passieren, dass der Gesang in Gejohle ausartet. Nein, der Psalmist hat die grossen und kleinen göttlichen Wunder des Alltags neu erkannt und ist dadurch im Grunde seines Herzens neu froh geworden. Die Wundertaten Gottes sind Grund und Inhalt seines Singens. Das soll auch Grund und Inhalt unseres ‘neuen Liedes’ sein. Predigt Ps 33,2+3 Juerg Eschbach 160424 - Seite 1 / 3 II. Zunächst denkt der Psalmist einfach daran, dass Gott uns Menschen bejaht und uns gut gesinnt ist. Gottes Verhältnis zu uns ist bestimmt von seiner Gerechtigkeit, Gnade und Güte. Mit dieser Erkenntnis steht der Psalmist in grundlegendem Gegensatz zu den Völkern um Israel herum. Diese hatten ganz andere Vorstellungen. Sie dachten sich ihre Götter als Übermenschen mit menschlichen Regungen und Eigenschaften. - Ein alter Grieche meinte einmal: Wenn ein Rind denken könnte, würde es sich Gott als Rind vorstellen. Er wollte damit sagen, dass die Götter der Menschen nichts anderes sind, als gedankliche Abbilder ihrer selbst. Wie ganz anders kennt der Psalmist seinen Gott! Er hat sich seinen Gott nicht bloss gedacht. Ihm ist der lebendige Gott begegnet. Er hat ihn selbst erlebt. Nein, der Gott Israels ist kein Produkt menschlicher Gedanken, Wünsche oder Ängste. Er ist der in seiner Güte zuverlässige Herr. Das Wort der Propheten, die Geschichte Israels und die persönliche Erfahrung des Einzelnen sind beredte Zeugnisse dafür. - Der Gott Israels lebt! Das kann der Psalmist aus eigener Erfahrung bezeugen. Erleben wir Gott auch als den, der lebt? In Jesus Christus und durch ihn ist uns diese Möglichkeit gegeben. Ich erinnere an die Paulusworte, die wir in der neutestamentlichen Schriftlesung gehört haben: Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allerlei geistlichem Segen in himmlischen Gütern durch Christus. Denn in ihm hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, dass wir sollten heilig und unsträflich sein vor ihm. Eph. 1, 3+4 Das sind nicht leere Worte. Sie sind am eigenen Leib und Leben erfahren. Es hat sich erwiesen, dass sein Wort wahrhaftig ist und dass er das, was er zusagt, auch gewiss hält. Wo diese Güte und Liebe Gottes erlebt und erkannt wird, da formt und gestaltet sich als Antwort das ‘neue Lied’ in uns. Wer Gott erlebt muss seiner Freude darüber einfach Luft machen. Ich stelle mir vor, dass Paul Gerhardt nur aus solchem Erleben heraus singen konnte: Mein Herze geht in Sprüngen und kann nicht traurig sein, ist voller Freud und Singen, sieht lauter Sonnenschein. Die Sonne, die mir lachet, ist mein Herr Jesus Christ; und was mich singen machet, ist, was im Himmel ist. Nicht jeder ist ein Paul Gerhardt. Nur wenigen ist es gegeben, solche Lieder zu dichten. Aber das ist auch nicht nötig. - Christliches Singen ist Ausdruck der Freude über die erlebte Güte und Liebe Gottes. Ob wir dazu ganz eigene Worte finden und brauchen, oder ob wir sie bei einem andern, der darin begabter ist als wir, ausleihen, das ist nicht entscheidend. Von Bedeutung ist nur, ob das ‘neue Lied’ aus unserem Herzen heraus klingt oder nicht. III. Ein weiterer Grund, aus dem der Psalmist ein ‘neues Lied’ anstimmt, ist die Erkenntnis der Allmacht Gottes. Wir Menschen sind begrenzte Wesen. Wir haben sogar sehr schnell unsere Grenzen erreicht, - in jeder Beziehung. Wer von uns hätte das nicht schon schmerzlich erlebt? - Trotz unserem immensen Wissen und vielseitigen Können, trotz all den ungeheuren technischen Errungenschaften, werden wir uns dessen immer wieder bewusst, dass wir begrenzt und ohnmächtig sind. Es ist und bleibt trotz allem so, wie schon Martin Luther gesungen hat: Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren. Mir ist ein Sommertag während meiner Lehrzeit in lebhafter Erinnerung. In schnurgeraden Reihen standen die Jungpflanzen auf dem Acker. Über ein Jahr lang war nun schon viel Sorgfalt und Mühe an sie gewandt worden. Nun standen sie da, kräftig und in vollem Saft bis eben an jenem Tag, der gegen Abend ein heftiges Gewitter mit vernichtendem Hagelschlag brachte. Wir standen dabei und sahen zu und kamen uns verzweifelt Predigt Ps 33,2+3 Juerg Eschbach 160424 - Seite 2 / 3 ohnmächtig vor. Dem sonst so unerschütterlichen Obergärtner rannen die Tränen über die Wangen. Dieselbe Ohnmacht erlebt man etwa, wenn man am Bett eines Schwerkranken im Spital sitzt oder hilflos am Sterbebett eines geliebten Menschen steht. Ihr wisst es, in solchen Momenten fällt einem kein ‘neues Lied’ ein. Dann ist es das ‘alte Lied’ des Leides und der Klage, das sich ins Herz schleicht und sich uns auf die Lippen drängt. Der Psalmist kannte solche Situationen auch. Ihm war bekannt, wie schwer es dann fällt, einen Sinn hinter all dem zu erkennen und wie gross dann die Unlust zum Singen ist. - Aber er weiss auch noch etwas anderes. Er kennt die Kraft des Glaubens. Im Glauben weiss er, dass über allem Geschehen Gottes Walten steht, - auch dann, wenn wir es nicht begreifen. Er weiss, dass Gott aus allem Dunkel herauszuheben vermag. Das Vordergründige, das wir erkennen, wird da aufgebrochen und die Erkenntnis bricht sich Bahn, dass Gott alles in seinen Händen hält und nach seinem Plan gut hinausführt. Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Das ist auf seine Art auch ein ‘neues Lied’. Es ist das ’neue Lied des Vertrauens in Gott’. Was mich daran besonders beeindruckt ist, dass das keine am ‘grünen Tisch’ ausgedachte Theorie ist. Das ist echt und kommt von Herzen. Darum ist es so überzeugend. - Die zitierten Sätze stammen von Dietrich Bonhoeffer. Er hat sie an der Wende zum Jahr 1943 aus seiner Zelle geschrieben. Am 9. April 1945 starb er im KZ Flossenbürg durch die Hände der Nazis. IV. Noch ein letztes für heute: Der Psalmist bezeugt, dass Gott auch in uns Neues schenkt. Gott selbst wirkt in uns ‘neues Leben’. Im Psalm heisst es so: Er lenkt ihnen allen das Herz, er gibt acht auf ihre Werke. Siehe, des Herrn Auge achtet auf alle, die ihn fürchten, die auf seine Güte hoffen, V. 13; 15; 18f Dasselbe bezeugt Paulus den Korinthern mit etwas andern Worten: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden. 2.Kor. 5, 17 Also: nicht nur der Menschen Lied wird immer wieder neu. Der Mensch selbst wird durch Gottes Güte neu! Der ‘innerliche Mensch wird von Tag zu Tag erneuert’! (2.Kor. 4, 16) Der Herr schaut vom Himmel und sieht alle Menschenkinder...dass er sie errette vom Tode.... Das ist letztlich der Grund, aus dem das ‘neue Lied’ entspringt. Ganz neu, so dass es nicht mehr veraltet, wird unser Lied freilich erst in der Vollendung des Reiches Gottes sein. Wir lesen davon im Buch der Offenbarung. Dort ist die Rede vom ‘neuen Lied’, das vor dem Thron des Lammes erklingt. Erst dann wird unser Lied zu Ehren des Allerhöchsten vollkommen sein. Dennoch kann unser Lied schon jetzt und hier ‘neu’ werden, wenn wir uns ganz dem Wirken der Gnade und dem Heil Gottes öffnen. Aber das bedingt unsere immer neue Hingabe an den Herrn und erfordert unser ganzes Vertrauen in ihn. Auf diese Weise werden wir in das ‘neue Leben’ in Christus geführt, das wir schon hier mit ihm und aus ihm leben dürfen. Die Folge davon wird sein, dass das ‘neue Lied’ in uns zu klingen anfängt. In diesem Sinn, liebe Gemeinde, sind wir aufgerufen: Freuet euch des HERRN, ihr Gerechten; danket dem HERRN mit Harfen; singet ihm ein neues Lied! Amen. Predigt Ps 33,2+3 Juerg Eschbach 160424 - Seite 3 / 3