Geschichte eines Medienhauses.

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Geschichte eines Medienhauses.
Michael Jungblut
herausforderungen
und Antworten
Die Ganske
Verlagsgruppe
Geschichte
eines Medienhauses
| Hoffmann und Campe |
1. Auflage 2007
Copyright © 2007 by
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg
Inhalt
Erstes Kapitel Schwarzbrot mit Marmelade 9
Von Nieten und Büchern 13
Start-up zu Kaisers Zeiten 15
Es begann vor 300 Jahren 17
Altes Gewerbe neu organisiert 20
Des Hauses Steuerruder ist ein gutes Weib 22
Als die Boten immer kleiner wurden 25
Ein Karren voller Geld 28
Weniger Geld, bessere Geschäfte 30
Der Junior will groß werden 33
Die Eroberung der Hauptstadt 36
Ein Jubiläum ohne Glanz und Gloria 37
Vorwärts in den Abgrund 40
Ein solides Kartenhaus 44
Mit Hut, Weste und Goldkette 47
Aufschwung in den Abgrund 50
Nützliche Packesel des Regimes 52
Zweites Kapitel Zwei Männer, zwei Frauen
und ein geheimer Plan 57
Politisch nicht zuverlässig 61
Kampf der Königinnen 66
Verboten, verbrannt, verschleiert 71
Gesucht: Papier, Farbbänder, Manuskripte 75
Eine Nacht in der Hölle 79
Mit Hammer, Besen und Schaufel 84
Der Geheimplan 90
Ein Hauch von Merian 93
Zwei Schreibmaschinen für den »Endsieg« 97
Drittes Kapitel Der Letzte gibt den Schlüssel ab 107
60 Stunden und noch mehr 111
Am Ende den Anfang bedenken 113
Die Wände stehen noch 116
Noch einmal davongekommen 118
Erst kommt das Fressen … 124
Der Tag, an dem das neue Geld kam 128
Kleine Münzen, großer Gewinn 130
In der Mappe zum Erfolg 136
Abschied vom Gründer 141
Viertes Kapitel Das goldige Bild der Welt 145
Die Stimme der Frau: Für Sie 149
Mit Merian die Welt entdecken 151
Viel Holz vor der Hütte 155
Bericht aus einem unbekannten Land 162
Das goldene Blatt der Stars 164
Missratene Tochter aus gutem Haus 174
Auf der Suche nach dem richtigen Styling 177
Etwas Zeitgeist Für Sie 179
Ausstieg vor dem Einstieg 183
Fünftes Kapitel Der Feind im Wohnzimmer 189
Wieder ein Neuanfang 194
Die dritte Front 197
Treue soll belohnt werden 199
Bücher, Platten, Spiele 202
Der Mann mit den goldenen Stiften 205
Lesen statt kochen 209
Wenn der Kassettenmann kommt 211
Wiederentdeckung eines Erfolgsmodells 213
Das Restaurant im Kühlschrank 214
Weder arm noch alt noch ungebildet 217
Sechstes Kapitel Sein längster Tag 223
Auf Bestseller abonniert 230
Sinnlich und selbstbewusst 235
Ideen rund um Haus und Garten 238
Schöner wohnen – selbstgemacht 243
Man reist nicht nur, um anzukommen 245
Besuch bei den rheinischen Katholiken 250
Der Unbekannte auf dem Flur 252
»Da muss er jetzt durch« 257
Siebentes Kapitel 100 Jahre und kein bisschen müde 265
Als die Mauer fiel 269
Zurück auf Anfang 271
Gute Kunden muss man pflegen 272
Die Firma bekommt etwas zurück 277
Achtes Kapitel Mit Tempo in neue Dimensionen 283
Zeit des Umbaus 288
Zeit des Ausbaus 293
Viel Zeitgeist, wenig Zeitgefühl 297
Von Fehlern leben 298
Mit preiswerten Büchern Akzente setzen 304
Kein wirklich schönes Wochenende 309
Durststrecke inklusive 312
Neuntes Kapitel Die Türen öffnen sich 317
Gemeinsam sind wir stärker 323
Die geheimen Millionäre 331
Spielwiese für Kreative 339
Gut, wenn man von Marketing keine Ahnung hat 343
Bücher für Genießer 346
Hausverbot für den Frevler 349
Erfolg an der langen Leine 355
Ungleiche Schwestern 359
Die Hamburger Prinzen-Garde 360
Lifestyle kombiniert mit Nutzwert 363
Ein Wort zum Schluss 367
Nachbemerkung 371
Personenregister 372
Erstes Kapitel
Schwarzbrot mit
Marmelade
W
er eine Erzählung von Siegfried Lenz liest, den Katalog
von Mail:Order:Kaiser nach günstigen Buchangeboten
durchstöbert, auf der Suche nach den besten Restaurants mit
dem Feinschmecker-Guide in der Hand durch München oder
Frankfurt streift oder im Prinz nachsieht, wo in Köln, Berlin
und anderen deutschen Metropolen »der Bär tobt«, sieht vermutlich keinerlei Zusammenhang zwischen diesen höchst unterschiedlichen Medienangeboten. Wer beim Arzt oder Friseur
in einer der dort ausliegenden Lesemappen petra oder Vital
durchblättert, kommt wohl kaum auf den Gedanken, dass es
außer den Heftklammern noch eine andere Verbindung zwischen den Magazinen und ihrem blauen Umschlag geben
könnte. Und was sollte das Hotel Hohenhaus bei Herleshausen
mit dem BMW Magazin oder dem Verlag Gräfe und ­Unzer zu
tun haben? Auch zwischen iPublish, einem Münchner Unternehmen, das sich der Entwicklung innovativer Navigationssysteme verschrieben hat, dem renommierten Hamburger Verlag
Hoffmann und Campe und dem Leserkreis Daheim wird kaum
jemand eine Verbindung vermuten.
Und in die moderne Medienwelt scheint erst recht kein
Werftarbeiter aus Kiel zu passen, der zu Beginn des vorigen
Jahrhunderts mit dem Niethammer in der Hand das Brot für
Frau und Kinder verdiente.
Es ist noch gar nicht so lange her, dass selbst innerhalb der
Unternehmensgruppe nur wenige Mitarbeiter wussten, dass
der bundesweit vertretene Leserkreis Daheim, der Hamburger
Jahreszeiten Verlag, das Szeneblatt Prinz, der Münchner Rat­
11
geberverlag Gräfe und Unzer, der Spezialbuchversand Frölich
& Kaufmann in Berlin oder der Rhenania BuchVersand unter
einem gemein­samen Dach zu Hause sind. Denn als Mitglieder
der Ganske Verlagsgruppe treten diese und eine Reihe anderer Unternehmen erst seit Juni 2001 gemeinsam auf.
Wann, wie und wo der Grundstein für das komplexe Unternehmensgebäude gelegt wurde, in dem heute zwei attraktive
Töchter leben, die deutlich älter sind als die Mutter, war daher
lange Zeit nur wenigen Insidern bekannt. Und selbst die wussten kaum etwas über die Ursprünge der Mediengruppe, deren
Zentrale – von außen kaum als solche erkennbar – in einer mit
Türmchen und Erkern verzierten Gründerzeit villa an der Ham­
burger Außenalster residiert. Die Anfänge des 1907 gegründeten Unternehmens lagen bisher weitgehend im Dunkeln – auch
als Folge der deutschen Geschichte.
Zeitzeugen leben nicht mehr. Die Geschäftsunterlagen aus
den ersten Jahrzehnten sind im Krieg verlorengegangen, nur
wenige Bilder, Briefe und andere Dokumente sind erhalten geblieben. Auch durch Hörensagen ist über die Gründerjahre
kaum etwas bekannt. Die Enkelkinder haben Richard Ganske,
den Gründer, zwar noch als gütigen alten Herrn und »Bilder­
buch-Großvater« kennen- und lieben gelernt. Thomas Ganske,
der heutige Chef der Gruppe, glaubt sogar zu wissen, dass sein
Großvater Richard »im Herzen ein echter Sozialdemokrat« war.
Er meint auch, dass sein Großvater allein wohl nicht auf den
Gedanken gekommen wäre, sein Unternehmen über die Grenzen von Kiel auszudehnen. Aber die Enkel waren noch zu jung,
um den alten Herrn über die Existenzgründung, seine Geschäftsideen, seine Erfolge und Niederlagen ausfragen zu können. Selbst aus den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts existiert in den Unternehmensarchiven nur noch
wenig Schriftliches. Was nicht im Krieg den Flammen zum Opfer fiel, wurde später als Folge eines Rohrbruchs durch Wasser
zerstört.
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Dass heute so wenig über die Frühgeschichte des Unternehmens bekannt ist, liegt aber auch an der Unzuverlässigkeit
eines Herrn Dr. Carlsson, der sich im November 1942, als alle
Dokumente und Zeitzeugen noch greifbar waren, vertraglich
verpflichtet hatte, eine Geschichte der Branche und des Unternehmens zu Papier zu bringen. Doch abgesehen von der Unterschrift unter den Autorenvertrag floss bis Kriegsende keine
einzige Zeile aus seiner Feder. Auch bei der Einhaltung von
­Besprechungsterminen, der Vermittlung von Kontakten und
selbst bei der korrekten Übermittlung wichtiger Adressen erwies sich Carlsson als äußerst unzuverlässig. So war niemand
wirklich erstaunt, als zu dem für Anfang Januar 1944 vereinbar­
ten Abgabetermin noch keine einzige Seite vorlag. Der Ärger
darüber dürfte sich allerdings schon wenig später in Erleichterung verwandelt haben; denn 1945 wurde in einer Aktennotiz
festgehalten, dass »Dr. Carlsson als Pg. [Parteigenosse] und Angestellter der Reichspressekammer für die Herausgabe […]
nicht mehr tragbar ist«. Neben dem Buch musste allerdings
auch der für die damalige Zeit recht ansehnliche Vorschuss
von 3000 Reichsmark als verloren abgeschrieben werden. Verloren für die Nachwelt sind dadurch jedoch auch viele Daten,
Fakten und persönliche Erinnerungen aus den Gründerjahren, die dem saumseligen Autor damals noch reichlich zur Verfügung gestanden hätten.
Von Nieten und Büchern
Aber immerhin, so viel lässt sich nachweisen: Der am 16. Dezember 1876 als Sohn eines Schmiedes in Nienburg an der
Saale geborene Richard Ganske zog im Januar 1903 gleich
nach der Hochzeit mit seiner Frau Anna auf der Suche nach
Arbeit von Thüringen an die Ostseeküste. Das junge Paar ließ
sich zunächst in Pries nieder, einem späteren Vorort von Kiel.
Dort gab es für jemand, der mit Eisen und Stahl umzuge13
hen verstand, reichlich Arbeit. Kaiser Wilhelm hatte Kiel zum
»Reichskriegshafen« ernannt und ließ an der Ostseeküste einen großen Teil der Kreuzer und Schlachtschiffe bauen, mit
deren Hilfe er seinem Reich die heißersehnte »Weltgeltung«
und einen »Platz an der Sonne« zu verschaffen hoffte.
Doch Richard konnte nicht nur mit dem Niethammer umgehen. Er nahm zum Erstaunen seiner Kollegen auch Bücher
in die Hand. Er begeisterte sich für Mathematik und war gern
bereit, sein Wissen über Algebra an interessierte Kollegen weiterzugeben. Die Schulbildung von Arbeiterkindern war damals
bescheiden. Wer aber auf der Werft nicht zeitlebens als Handlanger schuften mochte, sondern weiterkommen wollte, musste
mit Zahlen umgehen und mehr als nur seinen Namen schreiben können. Um beruflich voranzukommen und seinen Bildungshunger zu stillen, brauchte man Zeitschriften und Bücher. Die aber waren damals für einen gewöhnlichen Arbeiter
fast unerschwinglich teuer. Kollege Richard war gern bereit,
seine Bücher und Zeitschriften zu verleihen. Als immer mehr
daran Interesse zeigten, erhob er eine kleine Gebühr dafür.
Sie erlaubte es ihm, weiteren Lesestoff anzuschaffen.
Seine Arbeitskollegen nutzten offenbar immer öfter die Gelegenheit, leihweise Unterhaltendes und Rat gebende Lektüre
für sich und ihre Familien nach Hause zu bringen. So konnten
sie ihre Frauen und Kinder mit begehrten Blättern wie der
Gartenlaube oder Reclams Universum, dem Häuslichen Ratgeber
oder Dies Blatt gehört der Hausfrau und anderen Postillen für
­Gesundheit, Garten und Haushalt versorgen. Sie waren froh,
dass sie diese Zeitschriften bei ihrem Kollegen Richard gegen
ein geringes Entgelt für eine gewisse Zeit ausleihen konnten.
Den meisten machte es auch nichts aus, wenn sie ein Journal
erst drei oder auch fünf Wochen nach Erscheinen bekamen.
Hauptsache, es kostete nicht so viel. Aktualität spielte damals
noch keine große Rolle. Die Tipps zur Gesundheits- und Kör­
perpflege, die Rezepte zur preiswerten und bekömmlichen
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­Ernährung der in jener Zeit meist vielköpfigen Familien oder
die herzergreifenden Erzählungen einer Hedwig Courths-Mah­
ler waren auch ein paar Wochen nach Erscheinen noch so
nützlich oder rührend wie am ersten Tag.
Wer Anfang des vorigen Jahrhunderts nach Ablenkung, Information und Bildung suchte, brauchte das gedruckte Wort.
Andere Medien gab es noch nicht. Offenbar war der Lese­­
hunger bei vielen Werftarbeitern so groß, dass sich aus dem
­kol­legialen Verleih schrittweise ein kleiner Nebenverdienst ent­
wickelte. Richard Ganske muss bald dahintergekommen sein,
wie man sich die Bücher und Zeitschriften zu günstigen Preisen auch direkt bei den Verlagen besorgen konnte. Wer größere Stück­zahlen abnahm, erhielt Rabatt. Da blieb auch für
den Ver­leiher etwas übrig – besonders dann, wenn die Blätter
anschließend mehrfach ausgeliehen wurden.
Start-up zu Kaisers Zeiten
Was als Liebhaberei begonnen hatte, rechnete sich nun für
Richard Ganske. Das Interesse für Zahlen erleichterte es ihm,
aus dem kollegialen Verleih ein florierendes Gewerbe zu entwickeln. Er führte akkurat Buch über Ausgaben und Einnahmen
und wusste auf diese Weise immer, an wen er seine Zeitschriften
und Bücher verliehen hatte, wann sie zurückkamen und an den
nächsten Kollegen weitergegeben werden konnten. Er kalkulierte genau, wie viel er in der ersten oder fünften Woche jeweils dafür bekommen musste, damit nach Abzug aller Kosten
am Ende auch für ihn noch etwas übrigblieb. Es war offenbar
so viel, dass er bereits vier Jahre nach seiner Ankunft in Kiel
den Niethammer aus der Hand legte und es riskierte, sich ganz
auf den Handel mit Büchern und Zeitschriften zu verlegen.
1907 tat er den entscheidenden Schritt vom Verleiher im Nebenerwerb zum selbständigen Unternehmer: Er gründete eine
Buchhandlung und den »Lesezirkel Daheim Richard Ganske«.
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In den Archiven der Stadt Kiel ist darüber heute nichts
mehr zu finden. Im Adressbuch der Stadt erscheint der Name
Ganske erst im Jahr 1908. Aus dem gleichen Jahr stammen zwei
Zeilen im »Adressbuch des Deutschen Buchhandels«: »Ganske,
Rich., Kiel, Wilhelminenstr. 49, Buchh.« Sie belegen, dass die
Firma zu diesem Zeitpunkt schon existierte. Aber ein Eintrag
im Handelsregister der Stadt Kiel ist für die Jahre 1907 und
1908 weder unter dem Namen Richard Ganske noch unter
dem Stichwort Lesezirkel oder Buchhandel enthalten. Auch in
den Archiven anderer Städte konnte die Wirtschaftshistorikerin Kristina Vogt bei ihren Recherchen nur wenige Spuren finden, die auf die regen Aktivitäten Richard Ganskes und später
seines Sohnes Kurt in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts hindeuten. Und obwohl der Sitz des bis dahin schon
stark gewachsenen Unternehmens 1926 nach Hannover verlegt wurde, lässt sich auch dort erst unter dem 10. November
1930 ein Eintrag im Handelsregister finden.
Doch was auch immer der Grund für die verspätete amtliche Wahrnehmung sein mag – um ein Geisterunternehmen
handelte es sich gewiss nicht. Denn der »Lesezirkel Daheim
Richard Ganske« begann tatsächlich am 1. April 1907 damit,
gewerbsmäßig fortzuführen, was der Werftarbeiter zuvor schon
als Nebenerwerb betrieben hatte: Lesestoff an einen festen Bezieherkreis gegen eine weit unter dem Einzelverkaufspreis liegende Gebühr im Wochen-Rhythmus zu verleihen. Der 1. April
1907 gilt daher auch als das offizielle Gründungsdatum der
heutigen Ganske Verlagsgruppe, die 100 Jahre später in der dritten Generation von Thomas Ganske, einem der Enkel des zum
Unternehmer avancierten Arbeiters, geführt wird.
Es ist nicht überliefert, ob Richard Ganske nach der Unternehmensgründung noch für einige Zeit seinem Arbeitsplatz
auf der Werft treu blieb, ehe er sich ganz auf den Buchhandel
und den Zeitschriftenverleih konzentrierte. Denn obwohl der
Kundenstamm rasch wuchs, war es anfänglich sicher nicht ein16
fach, mit dem Ertrag des Verleihgeschäfts eine Familie zu ernähren. 1904 war Käthe, die erste Tochter, zur Welt gekommen und ein Jahr später, am 14. Januar 1905, sein Sohn Kurt.
Als schließlich 1912 mit Hilde noch ein drittes Kind folgte,
stand der Betrieb schon auf festerem Fundament. Wie hart
aber die ersten Jahre gewesen sein müssen, lässt eine Bemerkung ahnen, die Richard Ganske Ende der fünfziger Jahre gegenüber Werner Hess, dem damaligen Assistenten seines Soh­
nes, machte: »Meine Frau und ich haben uns damals vor allem
von Schwarzbrot mit der billigsten Marmelade ernährt, die im
Konsum-Laden zu finden war.« Ehe Geld für private Zwecke
ausgegeben werden konnte, musste erst einmal die Miete für
den Laden bezahlt und der Kauf von Büchern und Zeitschrif­
ten finanziert werden.
Dass der Lesezirkel zunächst aus einer Buchhandlung he­
raus das Verleihgeschäft aufnahm, war keineswegs ungewöhnlich. Angesichts der niedrigen Einkommen und hohen Buchpreise verkauften die meisten Buchhandlungen damals nicht
nur Periodika und Bücher, sondern betrieben zusätzlich noch
einen Verleih. Bücher erschienen meist in kleinen Auflagen
und wurden handwerklich gefertigt. Ihre Distribution kostete
viel Geld, und die Lagerhaltung band Kapital. Entsprechend
hoch waren die Preise. Nur Gutbetuchte konnten es sich leisten, Bücher zu kaufen und dann als Zeichen ihres Wohlstands
ins Regal zu stellen. In den ärmeren Schichten der Bevölkerung gingen die Bücher und Zeitschriften hingegen von Hand
zu Hand.
Es begann vor 300 Jahren
Die Idee, für die Verbreitung von Zeitungen und Zeitschriften
Lesegesellschaften oder Lesezirkel zu gründen, war im damaligen Deutschen Kaiserreich nicht neu. Im Gegenteil. Das gemeinschaftliche Lesen hatte bereits eine lange Tradition. Der
17
erste urkundlich erwähnte Leserkreis existierte um 1610 im
bayerischen Kitzingen. Bei Recherchen des Hoffmann und
Campe Verlags Anfang der vierziger Jahre wurden Urkunden
entdeckt, die aus den Jahren 1611 und 1618 stammen und sich
auf Lesezirkel in Würzburg und Leipzig beziehen. Doch schon
vorher hatten sich vermutlich an manchen Orten Angehörige
der gebildeten Stände zusammengetan, um den Bezug von Zeitungen gemeinschaftlich zu organisieren und zu finanzieren.
Zunächst waren es handschriftliche Mitteilungsblätter, die gemeinsam bezogen wurden. Der Beitritt zu einer Lesegemeinschaft war ursprünglich ein Luxus, den sich nur des Lesens
mächtige Besserverdiener erlauben konnten. In Kitzingen hatte
die Lesegemeinschaft 17 Mitglieder, darunter sechs Ratsher­ren,
drei Geistliche, zwei Advokaten, den Klosterverwalter und den
Stadtschreiber. Sie bezogen gemeinsam handgeschriebene Zeitungen aus Nürnberg, Frankfurt und Wien, um sich darüber
zu informieren, was in der damals bekannten Welt geschah.
Von einem wohl wenig später entstandenen Journal-Lesezirkel
in Süddeutschland weiß man, dass jedes Mitglied die neu eingetroffenen Zeitungen höchstens eine Stunde behalten durfte,
damit sie möglichst vielen Interessenten zugänglich gemacht
werden konnten.
Bis ins 18. Jahrhundert breiteten sich die Zeitungs-Lesezirkel
immer weiter aus. Auch die Organisation machte Fortschritte.
Die Blätter wurden nicht mehr von Mitglied zu Mitglied weitergereicht, sondern von Boten gebracht und wieder abgeholt. Es
gab festgelegte Lesezeiten, die nicht überschritten werden
durften und meist recht kurz bemessen waren. Anders als dies
später der Fall war, wurde das Blatt aber nicht mit jeder weiteren Ausleihung billiger. Alle Mitglieder zahlten den gleichen
Preis; die Belieferung erfolgte in der Reihenfolge des Beitritts
zur Lesergemeinschaft. Ähnlich wie bei den Getreidemühlen
galt das Prinzip: »Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.« Auch der
Buchhändler August Campe hatte im Jahr 1802 ein Lesekabi18
nett eröffnet, dessen Angebot an periodischen Schriften nach
zeitgenössischen Berichten alle anderen Einrichtungen dieser
Art in der Hansestadt bei weitem übertraf. Dass der »Lesezirkel Daheim Richard Ganske« und der Verlag Hoffmann und
Campe fast 140 Jahre danach zusammentreffen würden, stand
damals noch in den Sternen.
Zwischen 1800 und 1850 verdreifachte sich die Zahl der
Leih- und Leseinstitute, wie einschlägige Untersuchungen aus
jener Zeit belegen. Ob durch Boten zugestellt, in Buchhandlungen zur Abholung bereitgelegt oder in Bibliotheken zur
Lektüre ausliegend, waren die Blätter immer einer Vielzahl
von Lesern zugänglich. Sie wanderten oft monatelang von
Hand zu Hand. Angesichts der hohen Preise für Zeitungen
und Zeitschriften spielten Einzelkäufer gegenüber dem Gemeinschaftsbezug und der Ausleihe lange Zeit kaum eine Rolle.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schossen im damaligen Kaiserreich Lesezirkel und ähnliche Einrichtungen wie Pilze aus dem
Boden. Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, dass es um
die Jahrhundertwende in Deutschland etwa 1200 Lesezirkel
gab. In vielen Fällen handelte es sich dabei um Buchhändler,
die Lesemappen anboten. Meistens wurden sie nach den persönlichen Wünschen der Kunden zusammengestellt.
An diese Tradition knüpften auch die eigenständigen Lesezirkel an, die neben dem Buchhandel entstanden. Sie legten
ihren Kunden eine Liste von Zeitschriften vor, aus denen die
Abonnenten die Titel auswählen konnten, die sie wöchentlich
beziehen wollten. Die so zusammengestellten Mappen ent­hiel­
ten zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Regel sieben bis
zwölf Zeitschriften und wurden zu Preisen ab 20 Pfennig verliehen, wie aus einer 1969 erschienenen Untersuchung des
Verbandes Deutscher Lesezirkel hervorgeht.
Als Richard Ganske 1907 sein Unternehmen gründete, war
er in seiner Region keineswegs konkurrenzlos. Es gab um diese
Zeit allein in Hamburg 25 Lesezirkel. Auch in Kiel und dessen
19
Umland traf Ganske auf Wettbewerber. So hatte Detlev Krumbeck, dessen Nachfolger den Familienbetrieb bis heute führen,
schon 1901 in Altona einen Lesezirkel gegründet und sein Liefergebiet schrittweise auf Schleswig-Holstein ausgedehnt. Die
weit überwiegende Zahl dieser Lesezirkel bestand allerdings
aus Nebenerwerbsbetrieben oder Anhängseln von Buchhandlungen. Auch bei den Krumbecks reichte der Ertrag anfänglich nicht aus, um damit die Familie zu ernähren. Deshalb wurden neben Zeitschriften auch noch Eier und anderes an der
Haustür verkauft.
Altes Gewerbe neu organisiert
War auch die Geschäftsidee nicht neu, so unterschied sich doch
die Art und Weise, in der Richard Ganske sein Gewerbe organisierte, von Anfang an wesentlich von den Methoden der meisten Wettbewerber. Er betrieb das Geschäft nicht nebenher,
sondern nutzte sein mathematisch geschultes Denken, um
eine akkurat geführte Kundenkartei aufzubauen, das Lager zu
organisieren und die Wege zu den Kunden zu planen. Er teilte
die Stadt in Zustellbezirke ein und bemühte sich, optimale Stre­
cken für die Boten festzulegen. Sie sollten auf dem kürzesten
Weg zu ihren jeweiligen Kunden gelangen – sei es zu Fuß, mit
dem Handkarren oder hoch im Sattel der sogenannten Bäckerfahrräder, mit denen damals nicht nur frische Brötchen
durch die Stadt gefahren wurden. Es handelte sich dabei um
dreirädrige Vehikel, an denen vor dem Lenker ein großer
Blechkasten mit Deckel montiert war, in dem die Waren verstaut und so auch vor Regen oder Schnee geschützt wurden.
Entscheidend für den Erfolg aber war, was in den Blechkisten zu den Kunden gebracht wurde. In einer Mitteilung zum
50-jährigen Jubiläum wurde 1957 an die Devise des Gründers
erinnert: »Die Lesemappe muss alle Kreise der Bevölkerung
an­sprechen – den Akademiker genauso wie den Arbeiter.«
20
Richard Ganske machte sich immer wieder Gedanken darüber,
wie er dieses selbstgesteckte Ziel am besten würde erreichen
können. Was war für die Wahlmappe geeignet und beschaffbar? Welche Zeitschriften sollte die feste Mappe enthalten, um
für möglichst viele Abonnenten attraktiv zu sein?
Aus betriebswirtschaftlicher Sicht musste er versuchen, mög­
lichst viele Kunden von den Vorteilen einer festen Mappe zu
überzeugen. Das ersparte nicht nur ein ständiges Umsortieren
der Blätter und vereinfachte die Führung der Kundenkartei.
Es ermöglichte auch den Bezug größerer Stückzahlen bei den
Verlagen und brachte dadurch höhere Rabatte. Es kam also
­darauf an, eine Auswahl an Journalen zusammenzustellen,
die möglichst vielen Lesern zusagte – den ehemaligen Kollegen auf der Werft und ihren Frauen ebenso wie dem Bäcker
und dem Schuster, dem Lehrer und dem Schreiber in einer
Amtsstube. Dass er dabei erfolgreich war und die feste Mappe
zur tragenden Säule seines Lesezirkels machte, unterschied
­Richard Ganske nicht nur von der Mehrzahl der anderen Anbieter. Es bedeutete auch, dass er auf diese Art viel wirtschaftlicher arbeiten konnte.
Um auch anspruchsvolle Leser oder bestimmte Interessentengruppen zu erreichen, mussten neben der Standardmappe
zusätzlich Wahlmappen angeboten werden. Statt dafür wie die
meisten seiner Konkurrenten eine feste Liste vorzugeben, ging
Ganske hier ebenfalls einen etwas anderen Weg. Er versprach,
»sämtliche in- und ausländischen Zeitschriften, Geschenkwer­
ke, Kunstblätter, Fachzeitschriften und Modejournale« zu liefern, wie es im Briefkopf seiner Firma zu lesen war. Das kos­tete
zwar mehr als die feste Mappe, war aber damals wie heute für
die Kunden deutlich günstiger als ein Kauf der Titel beim
Buchhändler oder am Kiosk.
An vielen Orten wetteiferten mehrere Lesezirkel um die
Gunst der Kunden. In Hamburg gab es zum Beispiel 1908
nicht weniger als 25 Lesezirkel, die pro Woche immerhin
21
48 000 Zeitschriften von den Verlagen bezogen, um sie anschließend kaskadenartig an ihre Kundschaft zu verteilen. 1911
wurden in Leipzig 15 Lesezirkel gezählt. Der Wettbewerb spiel­te
sich dabei auf mehreren Ebenen ab. Neben der Auswahl der
Titel unterschieden sich die Zirkel durch den Preis für den
Erstbezug und die Ermäßigung, die bei jeder weiteren Woche
nach Erscheinen gewährt wurde, sowie durch die Anzahl der
Blätter, die jeweils bezogen werden konnten oder mussten.
Vor allem über die Mindestgebühren, die die einzelnen Anbieter für ihre Mappen verlangten, kam es zwischen konkurrierenden Betrieben häufig zu heftigen Streitereien, die auch
dann nicht endeten, als 1908 ein »Verband der Besitzer Deutscher Lesezirkel« gegründet wurde. Obwohl es immer wieder
Versuche gab, den Wettbewerb »in geregelte Bahnen zu lenken« und neben den Bezugspreisen auch die Löhne der Boten
und die Provisionen für Werber zu vereinheitlichen oder die
Zahl der lieferbaren Hefte zu begrenzen, scheiterten selbst regionale Kartellabsprachen meist schon nach kurzer Zeit wieder. 1912 klagte der Verbandsvorstand, dass »das gegenseitige
Abjagen von Kunden« an der Tagesordnung sei. Dabei würden
»die unlautersten Mittel angewandt: Mehrlieferung von Heften, Rabattgewährung, zu niedrige Leihgebühren und dgl.«.
Des Hauses Steuerruder ist ein gutes Weib
Das änderte sich erst Ende der dreißiger Jahre. In der staatlich
gelenkten Wirtschaft des »Dritten Reiches« war »Wildwuchs«
unerwünscht. 1937 wurde von der Reichspressekammer exakt
vorgeschrieben, wie viele Zeitschriften pro Woche in Wahlund Festmappen mindestens und höchstens enthalten sein
mussten beziehungsweise durften und welche Rabattstaffeln
einzuhalten waren. So mussten die Bezieher fester Mappen,
die ihre Blätter direkt nach Erscheinen bekamen, mindestens
45 Prozent des regulären Heftpreises bezahlen, bei Wahlmap22
pen durften 75 Prozent des Ladenpreises nicht unterschritten
werden. Nach einer Woche sank der Mindestsatz auf 36 und
50 Prozent; ab der 13. Woche durften nicht weniger als 8 beziehungsweise 15 Prozent des Einzelverkaufspreises in Rechnung
gestellt werden.
Die Auswahl der Titel, die Richard Ganske in seine aus Hartpappe angefertigten Mappen legen ließ, war auch damals nicht
einfach. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wuchs
die Zahl der Titel von Jahr zu Jahr. 1907, im Gründungsjahr
des Lesezirkels, buhlten allein im Bereich Mode, Hauswirtschaft und Gesundheit schon mehr als 160 Blätter um die
Gunst ihrer meist weiblichen Leserschaft, und jedes Jahr kamen neue Titel hinzu. Ratgeber in Sachen Hauswirtschaft
spielten eine große Rolle, da die Zeit der fertig verpackten Nahrungsmittel und eines ganzjährig reichhaltigen Angebots an
Obst und Gemüse noch lange nicht angebrochen war. Wer für
den Winter vorsorgen wollte, musste Gemüse einwecken, Kartoffeln einlagern, Obst trocknen oder zu Konfitüre verarbeiten. Die gewöhnliche Hausfrau nähte einen großen Teil der
Bekleidung oder der Bettwäsche damals noch selbst zu Hause,
sie strickte Strümpfe und Pullover für die ganze Familie, wusch
alles per Hand, stärkte die Hemden des Mannes, stopfte und
flickte die Socken und Hosen der Kinder. Schließlich mussten
Kleider, Mäntel, Matrosenanzüge oder Schuhe später auch von
den kleineren Geschwistern noch getragen werden.
Da war guter Rat in Sachen Kochen und Backen, Nähen
und Stricken, Putzen und Flicken gefragt. Das galt auch für
die Gartenarbeit, die Kleintierhaltung oder die häusliche
Krankenpflege. Die Leserinnen wollten nicht nur wissen, was
bei Husten und Heiserkeit hilft, sie waren auch an Mittelchen
gegen Fußschweiß oder Asthma interessiert, wie nicht nur die
Artikel, sondern auch die heute skurril anmutenden Anzeigen
in den damaligen Blättern belegen. Dass sich Nutzwertjournalismus damals mindestens so gut wie heute verkaufen ließ, geht
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schon aus den Titeln oder Untertiteln der zeitgenössischen
Postillen hervor: Der Hausfreund und Häuslicher Ratgeber hießen
sie oder verkündeten Dies Blatt gehört der Hausfrau. Zum Kreis
der Familienzeitschriften zählten aber auch Welt und Haus, Die
Deutsche Romanzeitung oder Das Deutsche Familienblatt. Andere
versuchten den Leserinnen mit Untertiteln wie »Des Hauses
Steuerruder ist ein gutes Weib« zu schmeicheln. Aber auch Humor und Satire waren durchaus gefragt, wie die Titel Simplicissimus und Kladderadatsch oder Lustige Blätter zeigen. Periodika
wie Filmwelt, Die Dame oder Elegante Welt lassen leicht erkennen,
welche Zielgruppe ihre Verleger im Auge hatten. Ein beschaulicher Titel wie Die Gartenlaube signalisierte, dass dieses Blatt
seine geneigten Leser vor allem mit Berichten aus der heilen
Welt beglücken wollte. Es pflegte den Patriotismus, unterhielt
mit Novellen und besinnlichen Gedichten und erteilte gern
Ratschläge für den guten Ton in allen Lebenslagen.
Die Mappen enthielten im Durchschnitt sieben bis zehn dieser Blätter und wurden zu Preisen ab 20 Pfennig verliehen. Allerdings waren sie dann schon einige Wochen alt. Wenn es sich
um Auswahlmappen handelte, deren Zusammenstellung die
Bezieher selbst bestimmen konnten, kostete ein Blatt wie die
Berliner Illustrirte Zeitung 15 Pfennig, wenn es direkt nach Erscheinen geliefert wurde, und 3 Pfennig, wenn es erst zehn Wochen danach ins Haus kam. Der Simplicissimus war zu Preisen
zwischen 24 und 5 Pfennig zu haben.
Mit den Titeln, die Richard Ganske aus dem breiten Angebot auswählte, traf er offenbar den Geschmack und die Bedürfnisse seiner Zeitgenossen recht genau, wie die rasch wachsende Kundenzahl zeigte. In den ersten fünf Jahren nach der
Unternehmensgründung überzeugten er und seine Werber
gut 2000 Kunden von den Vorteilen der Zeitschriftenleihe.
Das ist eine Zahl, die man erst dann richtig würdigen kann,
wenn man weiß, dass die große Mehrzahl seiner Konkurrenten
mit wesentlich weniger Abonnenten immer noch ganz gut über
24
die Runden kam. 1913 wagte sich Ganske sogar an die Eröffnung einer Filiale in Hannover, von der aus er schon bald 600
Kunden belieferte. Warum er die fast 300 Kilometer entfernte
niedersächsische Metropole wählte, lässt sich nur vermuten.
Wahrscheinlich war es die zentrale Lage der Stadt im Deutschen Reich. Sollten schon seinerzeit Pläne bestanden haben,
aus dem regional tätigen ein national agierendes Unternehmen zu machen, war das angesichts der damaligen Kommunikationsmöglichkeiten und Verkehrsverbindungen von Kiel aus
nur schwer möglich. Von Hannover aus konnte man dagegen
wie die Spinne im Netz agieren.
Als die Boten immer kleiner wurden
Doch statt Aufbau stand erst einmal Zerstörung auf dem Spielplan der Weltgeschichte. Anfang August 1914, wenige Wochen
nach Beginn des Ersten Weltkrieges, wurde Richard Ganske,
37 Jahre alt, eingezogen und musste die folgenden vier Jahre
dem Kaiser als Soldat dienen. Anna Ganske war wie so viele
­andere Frauen von Unternehmern, Handwerkern oder Ein­
zelhändlern von heute auf morgen auf sich allein gestellt. Sie
musste nun die Firma führen – so gut es eben ging. Überall in
den Betrieben mussten sich Frauen an die Arbeitsplätze stellen, die von den Männern verlassen worden waren, um auf das
»Feld der Ehre« zu ziehen. Auch die Kleinen mussten helfen,
wenn die Großen den Krieg nicht nur spielten. Anstelle der Boten fuhren nun deren Kinder die Mappen aus. Nur Hilde, der
jüngsten Tochter der Ganskes, blieb dies erspart – sie hatte gerade erst laufen gelernt. Aber Kurt und Käthe, die zu Beginn
des Krieges neun und zehn Jahre alt waren, taten, was in ihren
bescheidenen Kräften stand. Sie klebten Zettel mit den Werbeaufdrucken örtlicher Firmen auf die Mappen und tauschten
nach der Schule bei den Kunden alte gegen neue Zeitschriften
aus.
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Ännchen, wie die Unternehmerin wider Willen im Familien­
kreis genannt wurde, schaffte es, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Die Buchhandlung blieb den ganzen Krieg über geöffnet.
Auch wenn die Hefte im Laufe der Jahre dünner und unansehnlicher wurden, versorgte sie die inzwischen 3000 Abonnenten in Kiel weiterhin regelmäßig mit Lektüre – jedenfalls
solange es noch Zeitschriften gab. Die Filiale in Hannover dagegen musste aufgegeben werden. Sie ebenfalls weiterzuführen hätte die Kräfte von Ännchen überfordert. Sie war ohnehin durch die Ereignisse vor eine Aufgabe gestellt worden,
für die sie eigentlich nicht geschaffen war. Ihr Enkel Michael
Ganske hat sie als eine sehr mütterliche, sehr abergläubische
und vor allem stille Frau in Erinnerung, die noch ganz im Geist
einer Zeit erzogen war, in der es die wichtigste Aufgabe der
Frau war, den Mann und die Kinder zu umsorgen. Selbst Entscheidungen zu treffen hatte sie nicht gelernt. In den Kriegsjahren musste sie es.
Wie es damals wohl auch im Hause Ganske aussah, lässt sich
ahnen, wenn man liest, wie der Verband der Lesezirkelbesitzer
in den zwanziger Jahren die Nöte in der Zeit des »unseligen
Krieges« im Rückblick schilderte: »Immer kleiner wurden die
Boten, die uns zur Verfügung standen, immer geringer die
Qualität derselben. Wir mussten zu immer jüngeren Mädchen
als Boten greifen – fast noch Kinder. Mehr und mehr schwand
Ehrlichkeit und Moral unter dem Einfluss des Hungers, immer
größer wurde die Zahl der Zirkel im Reiche, welche den Betrieb einstellen mussten … Herzlich gedankt sei unseren Frau­
en, die überall tatkräftig einsprangen, wo es nötig war, die sogar zur Karre gegriffen haben, um liegengebliebene Touren
zu fahren.«
Das tat auch Sohn Kurt, wenn er von der Schule zurückkam.
Dabei trug er manchmal nicht nur Zeitschriften zu den Kunden. »Der andere Bote bringt immer den Kohleneimer mit
nach oben«, maulte zum Beispiel einmal ein Abonnent, der im
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vierten Stockwerk wohnte. Kurt ließ sich das nicht zweimal sagen. Er machte auf dem Absatz kehrt, holte den Eimer aus dem
Keller und brachte ihn danach immer gleich mit. Weniger gern
erinnerte er sich später daran, dass ihm einmal ein Mädchen
die Tür öffnete, für das er damals schwärmte. »Ach, du trägst
Mappen aus?«, rümpfte das Blondchen die Nase.
Am Ende gab es aber immer weniger auszutragen. In einer
Mitteilung, die der Reclam Verlag per Postkarte am 17. Februar
1918 abschickte, hieß es: »Infolge Kohlemangels und anderer
Kriegsschwierigkeiten muss der ganze Betrieb der unterzeichneten Verlagsbuchhandlung zeitweise geschlossen bleiben. Alle
seit dem 8. Februar eingegangenen Bestellungen … können
erst nach Behebung der derzeitigen Schwierigkeiten Erledigung finden.«
Dennoch schaffte es Ännchen, ihrem Mann einen immer
noch existierenden Betrieb zu übergeben. Als Richard Ganske
vom Schlachtfeld heimkehrte, zumindest körperlich unversehrt, musste er wenigstens nicht fast bei null anfangen wie
später sein Sohn Kurt nach dem Zweiten Weltkrieg. Es war zwar
nicht mehr der florierende Betrieb, den er hinterlassen hatte,
als er in den Krieg gezogen war. Aber er existierte noch. Überdies florierte außer dem Schwarzhandel zu dieser Zeit kaum
noch etwas in Deutschland. Aber immerhin: Der Lesezirkel
hatte nicht nur den Krieg und die zunehmenden Versorgungsengpässe überstanden, sondern auch die Revolution, den totalen Zusammenbruch der staatlichen Ordnung, die schweren
Tage und Wochen, die dem Aufstand der Matrosen und Ar­
beiter in Kiel gefolgt waren, die ausgerechnet im »Reichskriegshafen« des Kaisers den Aufstand gegen ihre verblendete, starrsinnige Führung gewagt und den Kampf gewonnen hatten.
Nicht nur Anna Ganske, sondern auch die ältere Tochter
und der einzige Sohn hatten in diesen schweren Jahren, als die
Familien und Betriebe ohne die Generation der Väter auskommen mussten, »ihren Mann gestanden«. Kurt schaffte es trotz
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der Mithilfe im väterlichen Betrieb und der vielen Stunden,
die er statt mit Schulaufgaben mit dem Sortieren der Zeitschriften, dem Zustellen von Mappen und dem Kassieren von
Abo-Gebühren verbracht hatte, die Schule mit der mittleren
Reife abzuschließen.
Um ihn auf seine zukünftige Aufgabe im Unternehmen vorzubereiten, schickte ihn der Vater anschließend nach Hamburg. Eine kaufmännische Lehre im Im- und Export sollte ihm
das notwendige Rüstzeug verschaffen und ihn im Umgang mit
Zahlen schulen. Kurt Ganske lernte zugleich, wie man in schwie­
rigen Zeiten wirtschaftlich überlebt. Denn im Anschluss an
seine Lehre wurde er als Buchhalter weiterbeschäftigt und
sah so aus nächster Nähe, wie sich eine »galoppierende In­
flation« in den Büchern eines Unternehmens niederschlägt –
vor allem in Nullen. Der schweren Wirtschaftskrise, die durch
die hohen Reparationszahlungen ausgelöst wurde, zu denen
Deutsch­land nach dem verlorenen Krieg von den Siegermächten gezwungen worden war, und der monatelangen Arbeits­
niederlegung, mit der die Arbeiter auf die Besetzung des
­Ruhrgebiets durch französische Truppen antworteten, folgte
schließ­lich eine Inflation, wie sie die Welt bis dahin noch nicht
gesehen hatte.
Ein Karren voller Geld
Um seinen Zahlungsverpflichtungen im Krieg und in der Nachkriegszeit nachkommen zu können, ließ der Staat immer mehr
Geld drucken. Bei Kriegsausbruch 1914 war im Deutschen
Reich Bargeld im Wert von 2,4 Milliarden Mark im Umlauf
­gewesen. Ende Mai 1921 waren es schon 72 Milliarden. Danach
ging die unkontrollierte Geldvermehrung geradezu explosions­
artig weiter. Im Sommer 1923 ließ die Reichsbank in 50 Großdruckereien in Tag- und Nachtschichten Banknoten drucken,
deren »Wert« zudem immer weiter heraufgesetzt wurde. Zum
28
Schluss wurden Geldscheine mit dem unvorstellbar hohen
Nennwert von 100 Billionen Mark in Umlauf gebracht. Ihr tatsächlicher Wert war dagegen mehr als bescheiden. Denn etwa
zur gleichen Zeit musste für einen Dollar ein Wechselkurs von
4,2 Billionen Reichsmark bezahlt werden.
Entsprechend wahnwitzig entwickelten sich auch die Löhne
und vor allem die Preise, die der Einkommensentwicklung
stets vorauseilten. Das machte sich natürlich auch beim Lesezirkel bemerkbar. So kostete beispielsweise das Blatt für die
Hausfrau, das bei Kriegsende noch für 30 Pfennig am Kiosk zu
haben war, im Juli 1923 schon 1100 Mark. Einen Monat später
waren es bereits 20 000 Mark, und im September des gleichen
Jahres mussten gar 135 000 Mark dafür hingeblättert werden.
Wenn Richard Ganske seine Zeitschriften beim Grossisten abholte, musste er schließlich mit einem Lieferwagen voll Geld
vorfahren, um sofort für die Hefte zahlen zu können. Niemand
schrieb damals noch Rechnungen. Selbst wenn sie schon wenige Tage später beglichen wurden, hatte das Geld nur noch
einen Bruchteil seines ursprünglichen Wertes.
Ähnliche Probleme gab es beim Inkasso. Zwar war es bei
­Lesezirkeln üblich, dass bei Lieferung sofort an der Haustür
bezahlt wurde. Doch wenn die Boten am Nachmittag ihre Tages­
einnahmen ablieferten, hatte das Geld bereits weiter an Kauf­
kraft eingebüßt und musste möglichst schnell wieder zum Bezug neuer Ware genutzt werden, damit in der Zwischenzeit die
Preise nicht davonliefen. Aus dem gleichen Grund wurde allen
Mitarbeitern der Lohn täglich ausgezahlt. Sie mussten damit
noch am selben Abend Brot, Milch, Eier und andere dringend
benötigte Waren für die Familie einkaufen. Schon am nächs­
ten Morgen reichte es oft nicht mehr. Auf dem Höhepunkt
der Inflation kamen die Mitarbeiter mit Waschkörben in den
Betrieb, um ihren Lohn, der schließlich aus einem großen
Berg fast wertlosen Papiers bestand, nach Hause schaffen zu
können.
29
In dieser hektischen Zeit mussten auch die Preise für die
Mappen täglich neu kalkuliert werden. 1922 kostete eine Lesemappe, deren Preis in den Jahren zuvor noch in Pfennigen
­berechnet worden war, je nach Neuheit zwischen 50 und
280 Mark. Im Juli 1923 verlangten die Boten vom Erstbezieher
schon 3500 Reichsmark. Wenn die gelieferten Blätter bereits
fünf Wochen lang im Umlauf waren, kosteten sie immer noch
1600 RM. Im August kassierten die Boten 70 000 RM für die aktuelle Mappe und 32 000 RM für eine Mappe mit Zeitschriften
der Klasse 5. Im September lagen die entsprechenden Abo­Gebühren bei 350 000 und 160 000 RM. Neben dem Berg an
Mappen, den die Boten in ihren Karren von Tür zu Tür schoben, mussten sie jetzt auch noch Platz für einen großen Geldsack finden, in den sie die Scheine stopfen konnten.
Im Buchhandel mussten Richard Ganske und seine Kollegen ebenfalls jeden Morgen neu kalkulieren. Die Zeitungen
veröffentlichtentäglich neben anderen Kennzahlen auch einen
»Buchhändlerschlüssel«, mit dem die ursprünglichen Prei­se mul­
tipliziert werden mussten, um den aktuellen Tagespreis eines
Buches zu errechnen. Wer von seinem Tageslohn einen Roman
oder ein Fachbuch erwerben wollte, tat also gut daran, noch
am gleichen Abend in den Laden zu gehen. Schon am nächs­
ten Tag war das begehrte Werk um einige Tausend Mark
teurer.
Weniger Geld, bessere Geschäfte
Im November 1923 bereitete eine radikale Währungsreform
dem Wahnsinn endlich ein Ende. Die Buchhandlung der Gans­
kes und ihr Lesezirkel in Kiel hatten die Inflation ebenso wie
den Weltkrieg und die nachfolgende Wirtschaftskrise überlebt.
Zwar waren während der politischen und wirtschaftlichen Wirren Kunden verlorengegangen und mussten nun mühsam von
Haustür zu Haustür zurückgewonnen werden. Doch mit der
30
zunehmenden Qualität der Zeitschriften, die langsam wieder
an Umfang und Inhalt gewannen, wuchs auch die Leselust
aufs Neue.
Kurt Ganske glaubte wohl, in seinen Hamburger Lehrjahren genug gesehen und gelernt zu haben. Im Alter von 19 Jahren kehrte er 1924 ins väterliche Unternehmen zurück. Was er
dort sah, muss seinen inzwischen im Lesen von Bilanzen geschulten Augen gefallen haben. Ein auch nur halbwegs gut geführter Lesezirkel konnte sich in jenen Jahren zu einer wahren
Goldgrube entwickeln, obwohl es oft nicht leicht war, bei den
Verhandlungen mit den Verlagen günstige Einkaufspreise herauszuschlagen. Die Zeitschriftenverleger lebten damals vor
allem vom Verkaufserlös ihrer Hefte. Ein zusätzlicher Absatz
über die Lesezirkel erhöhte zwar die Auflage, aber jeder weitere Prozentpunkt beim Rabatt schmälerte den Gewinn. An
der heute für die Werbeeinnahmen so wichtigen Reichweite
bei der Leserschaft waren die Verlage damals noch nicht sonderlich interessiert. Angesichts des vergleichsweise geringen
Anteils, den das Anzeigengeschäft zum Gesamtergebnis beitrug, spielte es für sie noch keine große Rolle, wie viele Mitleser
der Käufer einer Zeitschrift hatte. Sie befanden sich in einer
ähnlichen Lage wie heute noch die Buchverleger: Nur der direkte Absatzerfolg war wichtig. Ob ein Buch oder eine Zeitschrift danach weitergegeben wurde, war wirtschaftlich uninteressant. Eine Marktforschung oder Leseranalyse im heutigen
Sinne gab es nicht einmal ansatzweise. Daher hätte auch kein
Lesezirkel mit akkuraten Zahlen belegen können, wie stark
sich die Reichweite eines Blattes durch die Verbreitung über
die Mappen erhöhte. Tatsächlich waren die Zahlen gigantisch
und würden heute jedem Marketingfachmann die Tränen in
die Augen treiben. Da die Mappen zehnmal und öfter ausge­
liehen wurden, hatten sie eine enorme Multiplikatorwirkung
für die darin gelieferten Blätter. Zudem wurden die Zeitschrif­
ten von der ganzen Familie intensiv genutzt, weil es zum ge31
druckten Wort in der damaligen Medienwelt fast keine Alternative gab.
Auch wenn sich viele Verlagsherren beim Gespräch über
­Rabattstaffeln recht zugeknöpft gaben und es außerdem vom
Verhandlungsgeschick des jeweiligen Einkäufers abhing, welche Zugeständnisse er ihnen abhandelte, war der Zeitschriftenverleih ein einträgliches Geschäft. Da die Mappen bei jeder
weiteren Ausleihe unmittelbar Einnahmen generierten, musste
ein etablierter Lesezirkel schon vieles falsch machen, damit
am Ende nicht doch noch eine recht auskömmliche Rendite
übrigblieb.
Daher erholte sich die Branche recht schnell wieder von
den Schäden, die Krieg und Inflation hinterlassen hatten. Ehe
mit dem Zweiten Weltkrieg erneut eine Katastrophe über das
Land hereinbrach, gab es in Deutschland 297 Lesezirkel, die
53 363 Erstmappen zusammenstellten und insgesamt 533 372
feste Kunden belieferten. Das bedeutete, dass jede Mappe im
Durchschnitt zehnmal – wenn auch jedes Mal zu einem etwas
niedrigeren Preis – verkauft wurde. Und es lässt sich leicht
nachrechnen, dass ein Lesezirkel im Durchschnitt nur 180 Erstmappen bestücken musste, um damit innerhalb von zweieinhalb Monaten knapp 1800 feste Kunden der Reihe nach versorgen zu können.
Tatsächlich hatten die meisten Lesezirkel sogar deutlich weniger Kunden. Hinter den Durchschnittszahlen, die der 1908
gegründete Verband veröffentlichte, verbargen sich nämlich
Unternehmen höchst unterschiedlicher Größe. 70 Prozent der
Lesezirkel verteilten 1938 weniger als 100 Erstmappen, ließen
sie dafür aber oft monatelang zirkulieren. Den »Rekord« hielt
damals das Unternehmen Grotjahn in Bremen, das zwar nur
48 Abonnenten für die aktuelle Mappe hatte, sie aber im Durchschnitt mehr als 25-mal weiterreichte und so binnen eines halben Jahres 1219 Kunden damit belieferte. Mancher Leser erhielt daher erst zu Pfingsten die Weihnachtsausgabe seiner
32
Zeitschrift. Die Reichspressekammer, der die Lesezirkel später
zwangsweise angeschlossen wurden, ordnete deshalb an, dass
»die in Lesezirkeln geführten Hefte nicht länger als 25 Wochen
nach Erscheinen in Umlauf gesetzt werden dürfen«.
Mit einem etwa 3000 Abonnenten umfassenden Kundenstamm in Kiel war Richard Ganske daher schon Anfang der
zwanziger Jahre ein kleiner Riese in seiner Branche.
Der Junior will groß werden
Wenn man mit deutlich weniger Abonnenten schon gut über
die Runden kam – um wie viel besser musste es dann einem
Unternehmer gehen, der sich nicht allein mit den Kunden zufriedengab, die er in seinem örtlichen Umfeld von den Vorteilen einer Mitgliedschaft im Lesezirkel überzeugen konnte?
Dem jungen Kurt Ganske, der so viel unternehmerischen Tatendrang in sich verspürte, dass er seinen Wirkungskreis nicht
auf Kiel beschränkt sehen wollte, gelang es offenbar, seinen inzwischen fast 50-jährigen Vater davon zu überzeugen, noch
einmal über die Grenzen von Kiel und Umgebung hinauszu­
gehen. Im gleichen Jahr, in dem der Sohn in die Heimatstadt
zurückkehrte, machte er sich auch schon auf, ganz Deutschland zu erobern – zunächst in östlicher Richtung. Nur wenige
Wochen nach der Währungsreform ging es los. 1924 wurden
Filia­len in Dresden und Chemnitz eröffnet. Schon im Laufe
dieses Jahres wuchs die Zahl der Abonnenten von 3500 auf
stolze 10 000. Im Jahr darauf fand Daheim auch in Stettin,
Frankfurt, Nürnberg und Düsseldorf ein Zuhause.
1926 trat der Sohn offiziell in das väterliche Unternehmen
ein, und noch im Oktober des gleichen Jahres wurde der Sitz
der Firma verlegt. Wieder war es Hannover, die Stadt, in der
Richard Ganske schon einmal versucht hatte, seine in Kiel gesammelten Erfahrungen für eine Expansion zu nutzen. Diesmal war es ohne Zweifel die zentrale Lage, die die Stadt an der
33
Leine gegenüber Kiel auszeichnete. Denn von hier aus waren
nicht nur die bereits bestehenden Filialen besser zu erreichen.
Auch für die weiteren Expansionspläne war der Standort
­Han­nover besser geeignet als Kiel, das inzwischen nicht nur
geographisch am Rande lag, sondern nach dem Ende der von
Wilhelm II. beschworenen »herrlichen Zeiten« auch an wirtschaftlicher Bedeutung eingebüßt hatte.
Ohne Zweifel war der Sohn die treibende Kraft. Während
der Vater wohl eine gemächlichere Gangart bevorzugt hätte
und mit dem zufrieden war, was er in Kiel erreicht hatte, sah
der Junior die Chance, aus einem guten ein glänzendes Geschäft zu machen. Er wollte nicht nur Teilhaber eines der damals schon größten deutschen Lesezirkel sein, sondern der
Chef des Branchenführers werden. Kurt Ganskes Biograph
Emanuel Eckardt hat in seinem Buch »Halte Schritt« alles zusammengetragen, was heute noch durch Zeitzeugen aus den
Jahren um 1926 über den Jungunternehmer in Erinnerung
­geblieben ist: »Er zieht seine Sache durch, planmäßig, Schritt
für Schritt; fährt durchs Reich, ein Gründer, der den Radius
seines Zirkels ständig erweitert, neue Kreise zieht, von Kiel und
dann von Hannover aus. Er sinniert über Landkarten und
Stadtplänen, rechnet Verbindungen aus, Vertriebswege, Lieferbedingungen. Er analysiert potenzielle Leserschaften: wo sie
leben, wie sie leben, was sie lesen. Er wandert durch die Städte,
erkundet ihre Topographie, nimmt Messtischblätter zu Hilfe
und zieht historische Kupferstiche des Matthaeus Merian aus
dem 17. Jahrhundert zu Rate, die er zu sammeln beginnt. Danach sucht er Lager in Bahnhofsnähe, Geschäftsräume, heuert
Leute an. Bevor er eine Stadt besucht, kündigt er sein Kommen an – per Kleinanzeige im Lokalblatt; wo er zu treffen ist
und wann er Sprechstunde hat. Meist wählt er dafür ein Zimmer in einem Gasthof oder Hotel. Meist stehen Schlangen vor
der Tür. Er schaut sich die Leute an, fragt sie aus. Prüft sie,
stellt sie ein oder nicht und erwirbt sich in diesen Gesprächen
34
eine Menschenkenntnis, die ihm später manche Enttäuschung
erspart.«
Dem Vater wird manchmal angst und bange, als er sieht, mit
welchem Tempo Kurt, der inzwischen als Prokurist zeichnet,
das Unternehmen ausbaut, das nur wenige Jahre jünger ist als
der nun 21-jährige Juniorchef. Der bestellt 36 Schreibmaschinen – ein modernes technisches Gerät, das in den zwanziger
Jahren noch längst nicht in allen Büros zu finden ist. Er will
200 bis 300 Autos anschaffen, um noch mehr Kunden noch
schneller beliefern zu können – eine Investition, die dem Vater
fast größenwahnsinnig erschienen sein mag. Ob es über diese
und ähnliche Pläne zu mehr oder weniger heftigen Diskussio­
nen oder gelegentlich gar zum Streit zwischen Vater und Sohn
kam, ist nicht bekannt. Bekannt und von Frau und Enkeln bezeugt ist aber, dass beide bis zum Tod des Firmengründers ein
gutes und enges Verhältnis hatten, sich gegenseitig respektier­
ten und neben der Leidenschaft für das Geschäft noch eine
zweite gemeinsame Passion hatten: die Jagd.
Durch die weitere Entwicklung ist eindeutig belegt, dass sich
der Sohn mit seinen Expansionsplänen immer wieder durch­
setzte. Das lässt sich an dem Tempo ablesen, mit dem sich das
Unternehmen immer weiter im Reich ausdehnte. Schon von
Kiel aus hatte der damals noch Minderjährige 1924 und 1925
die ersten sechs Filialen gegründet. 1926, im Jahr des Umzugs
nach Hannover, verschärfte er das Tempo noch: In Gelsenkirchen, Osnabrück, Mannheim und Kassel entstanden weitere
Filialen, und selbstverständlich wurden auch um den neuen
Firmensitz Hannover herum eifrig Kunden geworben. 1928
wurden weitere Zweigstellen in Augsburg, Breslau, Danzig,
Karlsruhe, Magdeburg und Stuttgart errichtet.
35
Die Eroberung der Hauptstadt
1929 war der Lesezirkel Daheim bereits in 17 großen deutschen
Städten mit Filialen vertreten. Eine 18. kam in diesem Jahr hin­
zu: Berlin. Dieser Schritt war nicht nur deshalb wichtig, weil
damit die Eroberung der deutschen Hauptstadt mit ihren damals über vier Millionen Einwohnern begann. In keiner anderen deutschen Stadt gab es einen auch nur annähernd so gro­
ßen Markt für einen Lesezirkel. Mindes­tens so wichtig war aber,
dass in Berlin viele der großen Verlage saßen, die die Lesezirkel mit ihren Periodika versorgten. In der Hauptstadt der Republik wurden mehr als ein Viertel der über 2600 Zeitschriften
und 114 Tageszeitungen redigiert und gedruckt, die damals in
Deutschland erschienen. Kurt Ganske konnte nun direkt mit
den führenden Vertretern großer Verlage wie Scherl, Mosse
oder Ullstein verhandeln – und zwar nicht als Bittsteller, sondern als ein ernstzunehmender Partner, denn er konnte jetzt
Druck ausüben, wenn es um Rabatte ging. Er sprach nicht
mehr als Vertreter eines kleinen Lesezirkels aus der Provinz.
Daheim war nicht mehr nur einer von insgesamt rund 300 Lesezirkeln in Deutschland, sondern das Unternehmen hatte es
innerhalb von nur fünf Jahren zum unbestrittenen Branchenprimus gebracht. Die Ganskes konnten einer neuen Zeitschrift
am Markt zum Durchbruch verhelfen, wenn sie sie in ihre Mappe aufnahmen – wie es zum Beispiel nach dem Krieg auch
beim Spiegel der Fall war. Und sie konnten ein Blatt ausmustern,
was dann einen schmerzlichen Rückgang der verbreiteten Auflage nach sich zog.
Der erst 24-jährige und schon so erfolgreiche Jungunternehmer Kurt Ganske wollte in Berlin nicht nur mit einer weiteren Filiale des Lesezirkels vertreten sein, er wollte auch anderweitig in der Hauptstadt Präsenz zeigen. Deshalb erwarb er
in der Kurfürstenstraße die angesehene Buchhandlung Unter
den Linden. Er richtete sich zudem neben Hannover in Berlin
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einen zweiten Wohnsitz ein. Er scheute sich auch nicht, seinen
wirtschaftlichen Erfolg nach außen zu zeigen – unter anderem
durch den Kauf eines Cadillac und die Beschäftigung eines
Fahrers, der ihm auch persönlich zur Hand ging, kochte und
Hemden bügelte.
Ein Jubiläum ohne Glanz und Gloria
Man war also schon wer, als am 1. April 1932 das 25-jährige Bestehen des Unternehmens gefeiert werden konnte oder – genauer gesagt – hätte gefeiert werden können. Was bis dahin
schon geschaffen worden war, konnte sich sehen lassen. Schließlich hatte Daheim innerhalb eines Vierteljahrhunderts nicht
nur alle Konkurrenten weit hinter sich gelassen, man verfügte
auch als erster und einziger Lesezirkel über ein weitverzweigtes
Filialnetz. Doch statt eines rauschenden Festes, großer Reden
und einer stolzen Jubiläumsschrift gab es nur einen Brief und
ein paar dürre Worte: »Am 1. April 1932 besteht unsere Firma
25 Jahre«, hieß es in dem zweiseitigen Schreiben aus Hannover,
das drei Tage vor dem Gedenktag an alle Filialen verschickt
wurde. »Bereits auf der Geschäftsführertagung am 3. Januar
ds. Js. ist von unserer Seite darauf hingewiesen worden, dass
wir diesen Tag, den schwierigen Verhältnissen Rechnung tragend, in aller Stille, auch nach außen hin, begehen wollen.«
Trotzdem sollte es kein Tag wie jeder andere sein. Deshalb hieß
es weiter in dem mit der Schreibmaschine verfassten Rundschrei­
ben: »Wir haben uns daher entschlossen, den Mitarbeitern, die
am Jubiläumstage vier Jahre und länger bei uns beschäftigt sind,
eine der augenblicklichen Wirtschaftslage angepasste Anerken­
nung zuteil werden zu lassen.«
Im Anschluss daran wurde präzise angegeben, wer von dem
Geldsegen profitieren sollte – und in welcher Höhe: Die Geschäftsführer von zehn Filialen, die bereits lange genug im Betrieb waren, erhielten je 100 Mark. Das Büropersonal in zwei
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Filialen, nämlich ein Fräulein Hubert und ein Fräulein Kirchgeorg, durften sich über eine Jubiläumsprämie von je 20 Mark
freuen. Unter dem Boten- und Lagerpersonal waren 52 Glückspilze, die dank ihrer mehr als vierjährigen Betriebszugehörigkeit jeweils 10 Mark einheimsen konnten. Auch die anderen
gin­gen nicht völlig leer aus. Wer seit dem 15. Februar 1932 als
Geschäftsführer, Schreibhilfe, Lagerarbeiter oder Bote bei Daheim tätig war, erhielt zumindest das Jubiläumsandenken: Die
Geschäftsführung ließ jedem männlichen Mitarbeiter eine
Brieftasche und allen weiblichen Angestellten eine Geldtasche
überreichen.
Einer von denen, die zwar kein Geld, aber eine Brieftasche
bekamen, muss Gustav Eckardt aus Augsburg gewesen sein,
dem seine Heimatzeitung einen kleinen Artikel widmete, als er
1973 in den Ruhestand ging. Er war schon 1929, kurz nach
Gründung der Filiale Augsburg, eingestellt worden und hielt
dem Unternehmen danach 44 Jahre lang die Treue. Im Diens­te
des Lesezirkels Daheim zog er seinen mit Zeitschriftenmappen
vollgepackten Handkarren mehr als vier Jahrzehnte lang bei
Wind und Wetter durch die ihm zugeteilten Stadtviertel. Auch
später, als die Boten motorisiert wurden, wollte er seine zweirädrige Karre nicht abgeben. Er hatte keine Lust, den Führerschein zu machen.
Rund 114 000 Kilometer hatte der getreue Eckardt so im
Dienst von Daheim zurückgelegt, ehe er sich mit Bedauern in
den Ruhestand verabschiedete. »Ich werde meine Kunden vermissen. Nach so langen Jahren kennt man sich doch recht gut.«
Schließlich belieferten er und seine Kollegen nicht nur Friseu­re,
Rechtsanwälte oder Ärzte, die die Zeitschriften in ihren Wartezimmern auslegten. Die Zahl der privaten Abonnenten, denen
er die Mappen an die Haustür brachte, war sogar noch größer.
»Da sah man die Kinder heranwachsen, heiraten und aus dem
Haus gehen, und von manchem älteren Kunden musste man
für immer Abschied nehmen.« Einmal fand Gustav Eckardt
38
e­ inen Abonnenten, mit dem er bei jedem Besuch ein wenig geplaudert hatte, tot im Hausflur. »Er hatte einen Herzschlag bekommen. Das war ein schlimmer Schock für mich.« Wie viele
seiner Kollegen machte wohl auch Eckardt die Erfahrung, dass
es die großzügigeren Trinkgelder meist nicht bei den »Besserverdienern« gab, die sich die Erstmappen mit den aktuellen
Zeitschriften liefern ließen. Es waren oft die weniger gut betuchten Bezieher, die sich die Blätter erst in der achten oder
zehnten Woche leisten konnten, die regelmäßig noch ein paar
Pfennig für den Boten drauflegten, wenn er die wöchentliche
Leihgebühr kassierte.
Als Gustav Eckardt 1932 die Jubiläumsgabe überreicht wur­
de, wird er wohl die Kolleginnen und Kollegen ein wenig
­beneidet haben, die nicht nur eine Geldbörse als Andenken
­erhielten, sondern in der schlichten Ledertasche mit dem eingestanzten Firmenlogo auch noch ein paar Scheine oder Münzen fanden. Aber er wird dennoch dankbar dafür gewesen sein,
und er hat sich offenbar die Sätze zu Herzen genommen, mit
denen das Jubiläumsschreiben der Unternehmensleitung und
in den Filialen sicher auch die kurze Ansprache zur Feier des
Tages endete: »Wir wollen bei dieser Gelegenheit nicht versäumen, den Wunsch auszusprechen, dass alle Mitarbeiter auch
fernerhin ihre ganze Arbeitskraft dem Geschäft widmen und
wir weiter vorwärtskommen.«
Das alles klingt heute ein wenig komisch. Zum Hintergrund
muss man aber wissen, dass zweieinhalb Jahre zuvor, am 24. Oktober 1929, ein Börsencrash die Welt erschüttert hatte. Er beendete an der Wall Street eine beispiellose Spekulationswelle,
die die Amerikaner jahrelang in ihren Bann gezogen hatte. Ihr
folgte eine ebenso beispiellose Wirtschaftskrise, deren Schockwellen mit einer gewissen Verzögerung schließlich auch Euro­pa
erreichten. Ebenso wie Österreich und andere Nachbarländer
geriet auch Deutschland in den Strudel der weltweiten Finanzkrise. Am 13. Juli 1931 mussten fast alle deutschen Banken ihre
39
Tore schließen, weil sie dem Ansturm der von Panik ergriffe­
nen Sparer nicht mehr standhalten konnten. Die Wirtschaftskrise, die dem Zusammenbruch der Geldwirtschaft folgte, riss
Unternehmer und Selbständige zu Zehntausenden in den Bank­­
rott. Zehn Jahre nach der Hyperinflation geriet das Land in
den Würgegriff einer Deflation.
Die Folge war eine Massenarbeitslosigkeit, der das ohnehin
dünne soziale Netz nicht standhielt. Auf dem Höhepunkt der
Krise, im Winter 1932/33, wurden in Deutschland schließlich
6,2 Millionen Erwerbslose gezählt, von denen viele nicht einmal mehr Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung hatten.
Und wer noch in Lohn und Brot stand, verdiente immer weniger: Die durchschnittlichen Tariflöhne sanken zwischen 1930
und 1933 bei Facharbeitern von 1,03 RM auf 78,5 Pfennig pro
Stunde. Bei Ungelernten fiel der Stundenlohn von 80,7 auf
62,3 Pfennig. In dieser Lage mussten 10 oder 20 Mark, die angesichts eines Jahrestages zusätzlich verteilt wurden, wie ein
Geschenk des Himmels erscheinen. Zehn Jahre nach der Hyper­
inflation litt das Land unter einer Deflation.
Vorwärts in den Abgrund
Wenige Monate nach dem in aller Stille begangenen 25-jährigen Jubiläum schien der von der Geschäftsleitung geäußerte
Wunsch nach besseren Zeiten in Erfüllung zu gehen. 1933 kamen die Nazis in Deutschland an die Macht und begannen damit, das Land auf ihre Art zu stabilisieren. Wirtschaftlich ge­
sehen ging es den meisten Menschen schon bald besser. Die
Unternehmen machten wieder Gewinne, die Zahl der Arbeitsplätze nahm zu. Wer in der privaten Wirtschaft keine Beschäftigung fand, wurde von den neuen Machthabern in den Arbeitsdienst gesteckt. Erst heimlich, dann immer unverhohlener
wurde die Rüstungsindustrie auf Touren gebracht. Das schuf
zwar keine wirklichen Werte, sorgte aber für Beschäftigung
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und dafür, dass Geld unter die Leute kam. Immer mehr Familien konnten sich außer dem Notwendigsten zum Leben auch
wieder etwas zum Lesen leisten.
Dadurch erholte sich auch der Lesezirkel Daheim nach 1933
bald wieder von den Folgen der Depression. Es ging vorwärts.
Nach drei Jahren Zwangspause konnten neue Filialen in Görlitz und Waldenburg eröffnet werden. Zum schnellen Wachstum trug zudem der Kauf bereits etablierter Unternehmen bei.
Mit dem Erwerb des Lesezirkels Grüne Mappe in Hamburg,
der auch in Bremen und Lübeck mit Filialen vertreten war, begann 1934 eine Übernahmewelle, die bis heute anhält. Aus
einem Anfang 1936 für das Firmenarchiv der Stadt Augsburg
ausgefüllten Fragebogen geht hervor, dass zu diesem Zeitpunkt
neben dem Firmensitz in Hannover bereits 23 Filialen in deutschen Städten bestanden.
Dem Fragebogen der Stadt Augsburg folgte zwei Jahre später eine ähnliche statistische Erhebung für die Handelskammer. Den erhalten gebliebenen Dokumenten lassen sich einige
betriebswirtschaftliche Daten entnehmen, die für die Lesezirkel-Filialen in einer mittelgroßen deutschen Stadt typisch gewesen sein dürften: In der Anfang Mai 1928 gegründeten Filiale wurden acht Jahre später in gemieteten Räumen 14 Arbeiter
und Angestellte beschäftigt, die im Durchschnitt 48 Stunden
pro Woche arbeiteten. Der Jahresumsatz lag bei rund 55 000
Mark. Die jährliche Lohnsumme wurde mit 29 867 Mark an­
gegeben. Die Frage »Welche Kohlenarten (zum Beispiel Saaroder Ruhrkohle) verwenden Sie in Ihrem Betrieb?« wurde mit
dem beruhigenden Hinweis beantwortet, dass es sich »nur um
wenige Zentner handelt, die vom Händler gekauft werden«.
Eine Frage und eine Antwort, die heute etwas seltsam anmuten. Doch hinter diesem Informationsbedürfnis verbarg sich
nicht nur der Weg in eine Planwirtschaft, die alle Warenströme
zu kontrollieren versuchte, sondern auch die Vorbereitung auf
eine Kriegswirtschaft. Schon bald wurden alle Rohstoffe be41
vorzugt den Betrieben zugeteilt, die für die Rüstungsindustrie
wichtig waren.
Noch war es nicht so weit. Kurt Ganske konnte seinen friedlichen Eroberungszug im gewohnten Tempo fortsetzen. 1937
erweiterte er das bestehende Netz durch Zweigniederlassungen
in Leipzig, Halle, Halberstadt, Dessau, Plauen und Zwickau. Bis
1938 erhöhte sich damit die Zahl der Filialen im gesamten
Reichsgebiet auf dreißig. Mit seiner Kundenzahl überflügelte
der Lesezirkel Daheim so innerhalb weniger Jahre alle seine
Konkurrenten. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges
wurden wöchentlich 158 274 Abonnenten mit Mappen beliefert, darunter waren 13 195 Erstmappen. Damit hatte sich Ri­
chard Ganskes Unternehmen nicht nur mit weitem Abstand
vor der Konkurrenz zum Branchenführer aufgeschwungen,
son­dern war zugleich auch »Weltmeister« geworden – ein Titel,
den der Leserkreis Daheim bis heute für sich beanspruchen
kann. In keinem anderen Land der Welt spielen Lesezirkel
eine so große Rolle wie in Deutschland.
Dieser Erfolg wäre nicht möglich gewesen, wenn Kurt Ganske die von seinem Vater entwickelte Organisation nicht weiterentwickelt und perfektioniert hätte. Das galt für die Touren­
planung am Ort ebenso wie für die schnelle und rationelle
Belieferung des sich immer weiter ausdehnenden Filialnetzes
mit druckfrischen Zeitschriften. Es betraf die Organisation
des Lagers, die Bestückung der Mappen mit Zeitschriften, Werbebeilagen und Reklame-Aufklebern.
Das Geschäft mit der Werbung war so lukrativ, dass es vor
allem von der örtlichen Presse mit größtem Misstrauen beob­
achtet wurde. Da die meisten Lesezirkel nur regional verbreitet
waren, konkurrierten sie beim Kampf um Reklame-Aufträge
von Einzelhändlern, Kinos, Friseuren oder anderen örtlichen
Anbietern vor allem mit den kleinen Tageszeitungen. Das wurde ihnen 1937 kurzerhand verboten, da das Reichspropagandaministerium der für seine Zwecke wichtigen Lokalpresse ein
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auskömmliches Geschäft sichern wollte. In der Begründung
der Verfügung wurde das ganz ungeniert ausgesprochen: »Das
Bedrucken der Umschläge mit Anzeigen … wuchs sich zu einer
Gefahr für die Heimatpresse aus, weil deren Anzeigenpreise
naturgemäß unterboten und die Auflagen überboten werden
konnten …« Vorbei war es mit den Hinweisen auf die leckere
Wurst von Metzgermeister Schmidt und die günstigen Angebote im Konsum-Laden.
Überregionale Werbung blieb den Lesezirkeln dagegen weiter gestattet. Damit die kleinen Lesezirkel von diesem Kuchen
auch etwas abbekamen und der Staat das Werbegeschäft leichter kontrollieren konnte, wurde die Vermittlung der Lesezirkelwerbung den herkömmlichen Werbeagenturen entzogen.
Das Einsammeln und Verteilen von Anzeigen und Werbebeilagen durfte nur noch von wenigen, darauf spezialisierten Agenturen betrieben werden, die dafür eine staatliche Genehmigung benötigten.
Eines dieser Spezialunternehmen war die 1938 in München
gegründete »Agentur für Lesezirkelwerbung Dr. Hermann
Oschmann«, die später in »Werbemerkur« umfirmierte. Auffällig ist, dass sie von Anfang an eine – zumindest räumlich –
große Nähe zu Daheim hatte. Wo Ganskes Lesezirkel eine Niederlassung betrieb, da war auch ein Büro des Werbemerkur
meist nicht fern. Nach dem Krieg schrumpfte die von Anfang
an kleine Zahl der Spezialagenturen immer weiter zusammen.
»Ein Spezialmittler nach dem anderen gab sein Geschäft auf,
bis alle mit einer Ausnahme durch eine Firma aufgekauft waren«, wurde Mitte der achtziger Jahre in einer Festschrift zum
75-jährigen Bestehen des Lesezirkel-Verbands vermerkt. Wie in
den meisten Fällen wurde auch hier die »eine Firma« nicht
beim Namen genannt. Dabei wusste jeder in der Branche, dass
es Kurt Ganske war, der 1964 den Werbemerkur übernommen
und damit ein Verhältnis besiegelt hatte, das wohl schon vorher recht eng gewesen war. Die andere Firma ist übrigens die
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Daheim-Werbung, die allerdings nur für das eigene Haus
arbeitet.
Inzwischen dient der Werbemerkur der Branche seit über
sechzig Jahren als Agentur für Lesezirkelwerbung. Seit 1992
tritt er als Tochtergesellschaft des Daheim Lieferservice auf,
steht aber als ehrlicher Makler bundesweit allen Lesezirkel-Or­­
ganisationen zu Diensten, so dass Inserenten einen Ansprech­
partner für ihre nationale oder regionale Mediaplanung ­haben.
Allerdings ist er nicht mehr allein auf weiter Flur. Inzwischen
gibt es einschließlich Werbemerkur und Daheim-Werbung wieder neun »Spezialmittler«.
Ein solides Kartenhaus
Ganz besondere Aufmerksamkeit widmete der Junior, wie er
von den Mitarbeitern genannt wurde, der Führung und Organisation des Karteikartensystems, an dem er ständig feilte und
verbesserte. Es wurde so gestaltet, dass alle wichtigen Kundendaten von Eingeweihten sofort zu erfassen waren. Wenn ein
Bote seine Tour an einen anderen übergab, brauchten nicht
viele Worte gewechselt zu werden. Ähnlich wie bei einem Arzt,
der rasch einen Blick auf das Krankenblatt wirft, ehe er sich
dem nächsten Patienten zuwendet, fand der Kollege alle wichtigen Daten auf der Tourenkarte. Sie enthielten in Form eines
ausgeklügelten Codes alle notwendigen Informa­tionen über
die Abonnenten: Name und Adresse, in welcher Woche sie beliefert wurden, ob die Bezieher beim letzten Besuch angetroffen worden waren, ob sie regelmäßig zahlten, ob die Belieferung zeitweise eingestellt werden musste.
Kurt Ganske reichte bei seinen Besuchen in den Filialen
meist ein Blick in die Kartei, um zu erkennen, um welche Kundentypen es sich handelte, wie es um die Zahlungsmoral bestellt war und ob ein Abo häufig unterbrochen wurde. Es war
ersichtlich, wie oft Mappen »steckenblieben«, weil man Kun44
den nicht antraf. Das war immer ärgerlich, weil dadurch die
Zirkulation unterbrochen wurde. Erfahrene Mitarbeiterinnen
in den Filialen, deren Aufgabe es war, den Boten die für jede
Tour benötigten Mappen zuzuteilen, konnten dank des ausgeklügelten Kartensystems recht genau abschätzen, wie viele Ersatzmappen jeder Zusteller zusätzlich benötigte, um steckengebliebene Mappen zu ersetzen. Das war eine knifflige Aufgabe. Es durften nicht zu wenige sein, sonst wären einige Abonnenten nicht pünktlich beliefert worden. Es durften nicht zu
viele Mappen sein – nicht nur aus Kostengründen, sondern
auch, um die Boten nicht in Versuchung zu führen. Denn nicht
benötigte Mappen konnten heimlich »eigenen Kunden« zugesteckt werden. Dass Boten gelegentlich versuchten, sich mit
»Schwarzmappen« einen kleinen Nebenverdienst zu verschaffen, war ein Problem, mit dem alle Lesezirkel zu kämpfen hatten. Wenn Vermerke auf den Karteikarten nicht schlüssig waren und der Verdacht bestand, dass jemand versuchte, in die
eigene Tasche zu wirtschaften, scheuten sich die Filialleiter
nicht, ihm heimlich zu folgen. Wurde ein Bote auf frischer Tat
ertappt, war er seinen Job los.
»Wenn mein Vater oder der Prokurist Gustav Dietzel eine
­Filiale besuchten, galt ihr erster Griff immer den Karteikarten«, erinnert sich Michael Ganske, der älteste Sohn, der bei
Daheim seine ersten beruflichen Erfahrungen sammelte. »Mein
Vater achtete sehr darauf, dass neben dem Geschäftsführer der
Filiale immer eine sehr verlässliche Frau die Führung der Kartei in der Hand hatte. Andere durften sie nicht anrühren.«
Die Karteikarten stellten den Kern des Firmenvermögens
dar. Eine Filiale wäre bei einem Verlust so orientierungslos gewesen wie ein Kapitän, der auf hoher See seinen Kompass verliert. Deshalb gab es die Kartei immer in zweifacher Ausfertigung. Nachts mussten die Karten im Tresor eingeschlossen
werden. Auch die Schreibmaschinen wurden in Schränken
eingeschlossen – nicht nur, weil sie ein wertvoller Teil des In45
ventars waren, sondern auch, damit niemand heimlich etwas
an den Karteikarten verändern konnte. Sie bildeten auch die
Grundlage für die Entlohnung der Boten.
Zu den Erfindungen Kurt Ganskes gehörte die »Sorgfaltswerbung«. Das bedeutete, dass in bestimmten Stadtteilen oder
sogar in einzelnen Straßenabschnitten ganz gezielt nach Kunden für die dritte, sechste oder achte Besetzung einer Mappe
gesucht wurde, denn solange der Umlauf in einem Zustellbezirk nicht lückenlos war, brachten die Mappen nicht den maximalen Ertrag. Zudem wurde die reibungslose Zustellung durch
»Lücken« erschwert. Wenn es mehr Kunden für die sechste als
für die fünfte Besetzung gab, mussten zusätzliche Mappen bereitgestellt werden.
Vater und Sohn achteten stets darauf, dass ihre Mappen
auch den neunten und zehnten Abonnenten noch in tadello­
sem Zustand erreichten. Magazine mit zerrissenen oder befleckten Seiten wurden auch früher schon ausgetauscht. Die
heute durch Plastiktüten verdrängten Mappen wurden in einer eigenen Abteilung sorgfältig restauriert, wenn die Oberfläche verkratzt, Ecken beschädigt oder die schwarzen Bänder
­abgerissen waren, mit denen sie an drei Seiten zugebunden
wurden. »Das waren Künstler, die da saßen und die Mappen
immer wieder in einen tadellosen Zustand brachten«, erinnert
sich Werner Hess, der als Assistent des Chefs in den fünfziger
Jahren die Filialen oft besuchte.
Welche organisatorische und logistische Leistung hinter
der raschen Expansion in den Jahren 1924 bis 1938 stand, wird
erst richtig deutlich, wenn die damaligen Konkurrenten zum
Vergleich herangezogen werden: Von den insgesamt 297 Lesezirkeln, die es zu dieser Zeit gab, lieferten nur zehn mehr als
1000 Erstmappen aus. Der nach Daheim zweitgrößte Lesezirkel brachte es lediglich auf 2072 Erstkunden. Das war gerade
mal ein Sechstel der Primärkunden, die Daheim Ende der dreißiger Jahre im Reichsgebiet versorgte. Auch beim Vergleich der
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durchschnittlichen Besetzung, wie man im Branchenjargon
die Zahl der aufeinanderfolgenden Ausleihungen beziehungsweise der Wochen nennt, in der eine Mappe von Kunde zu
Kunde weitergereicht wird, lag Daheim mit einem Umlauf von
zwölf Wochen an der Spitze der großen Lesezirkel. Das bedeutete, dass die Ganskes den maximalen Ertrag aus ­ ihren Blättern herausholen konnten. Denn je öfter sie dasselbe Blatt ausliehen, desto mehr kam am Ende in die Kasse. Wenn man weiß,
dass eine Zeitschrift heute in der Regel höchstens viermal die
Leser wechselt, ehe sie endgültig aus dem Verkehr gezogen
wird, kann man einschätzen, was ein zwölfmali­ger Umlauf
wirtschaftlich bedeutete.
Mit Hut, Weste und Goldkette
Wie einträglich das Geschäft in den dreißiger Jahren war, lässt
sich auch daran erkennen, dass die Ganskes nicht nur die rasche Expansion ihres Unternehmens mühelos finanzieren konn­
ten. Kurt Ganske verdiente mit dem Zeitschriftenverleih so gut,
dass er es sich leisten konnte, in Nordhessen ein ansehnliches
Rittergut mitsamt ausgedehnten Ländereien zu erwerben. In
den zum Gut Hohenhaus gehörenden Wäldern konnte Richard
Ganske, der inzwischen das tägliche Geschäft weitgehend seinem umtriebigen Sohn überlassen hatte, einer Leidenschaft frö­
nen, der auch der Junior anhing und die später auf die Enkel
und Urenkel übersprang: der Jagd. Überdies erwies sich der
nicht weit von Eisenach gelegene Landsitz im Krieg als eine
­sichere Zuflucht für die Familie. Er diente vielen Mit­ar­beitern
nach dem Stress der Bombennächte als Erholungsheim und
wurde zum Notlager für wertvolle Manuskripte, Dokumente
und Firmenunterlagen. Nach dem Krieg bot das Gutshaus Unterschlupf für ausgebombte Führungskräfte und war nach
dem Zusammenbruch Nazi-Deutschlands die Zentrale, von der
aus der Wiederaufbau des Lesezirkels gesteuert wurde.
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Mit der Zahl der Filialen und Kunden war auch die Mit­
arbeiterzahl sprunghaft gestiegen: Ende der dreißiger Jahre
schafften 1300 Frauen und Männer die Zeitschriften zu den
Zentralen, füllten damit die Mappen, versahen sie mit Werbeaufklebern, brachten den neuen Lesestoff zu den Kunden, kassierten die Abo-Gebühren und sammelten die alten Mappen
ein, um sie gleich anschließend wieder an die Abonnenten der
nächsten Klasse weiterzugeben, ehe sie nach der elften oder
zwölften Ausleihe schließlich entsorgt wurden.
Angesichts der Nähe zum Kunden, die die Boten durch ihre
wöchentlichen Hausbesuche hatten, bot es sich an, den Zeitschriftenverleih auch mit anderen typischen Haustürgeschäften zu verbinden. Ein naheliegender Gedanke war, das Vertrauensverhältnis, das die Austräger im Laufe der Zeit zu ihren
Kunden aufbauten, für den Vertrieb von Versicherungsleistungen zu nutzen. Bei den Boten, die immer gleichzeitig auch Kassierer waren, wurde auf ordentliche Kleidung, Höflichkeit und
seriöses Auftreten größter Wert gelegt. Noch in den fünfziger
Jahren forderte ein Geschäftsführer wie Gustav Dietzel beim
Besuch einer Filiale die Boten auf, sich in einer Reihe aufzustellen und ihm ihre Hände vorzuzeigen. Er prüfte höchstpersönlich, ob seine Austräger saubere und ordentlich geschnittene Fingernägel hatten. »Stalin kommt«, hieß es deshalb, wenn
er sich wieder einmal angekündigt hatte.
Wie groß das Vertrauen vieler Abonnenten zu den Boten
war, zeigt sich auch daran, dass sie zu vielen Wohnungen einen
Schlüssel besaßen oder wussten, wo er versteckt war. Sie tauschten dann die Mappen aus, nahmen den fälligen Betrag aus der
Schatulle oder vom Küchenbord und legten das Wechselgeld
zurück – vielleicht abzüglich eines kleinen Trinkgeldes, wenn
der Bezieher ihnen dies gestattet hatte.
Erst recht waren die zahlreichen Vertreter, die von Haus
zu Haus gingen, um Zeitschriftenleser von den Vorzügen des
­gemeinschaftlichen Bezugs im Rahmen eines Lesezirkels zu
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überzeugen, dafür geeignet, auch andere erklärungsbedürfti­
ge Dienstleistungen zu verkaufen. Es waren keine »Drücker«,
die den Fuß in die Tür klemmten und mit unlauteren Methoden und falschen Versprechungen die Leute in Geschäfte hineinquasselten, die sie oft schon bereuten, ehe die Tinte unter
den Verträgen trocken war. Es waren Herren mit Hut und Anzug, die eine goldene Uhrkette über der Weste und weiße Manschetten trugen. Jeder Werber musste sich schriftlich verpflichten, »in höflicher, taktvoller Form dem zu werbenden Bezieher
die Leistungen und Vorzüge der angebotenen Druckschriften
darzulegen«. Es war untersagt, Wettbewerber herabzusetzen
oder in irgendeiner Hinsicht »einen Zwang oder Druck auszuüben«. Falls der Angesprochene nicht zur Unterschrift zu
bewegen war, durften ihm keine »Nachteile zum Beispiel
­persönlicher, wirtschaftlicher, beruflicher oder sonstiger Art«
­angedroht werden.
Tatsächlich gelang es den seriösen Herren, neben dem Zeitschriften-Abo auch verschiedene Versicherungsdienstleistungen mit Erfolg zu verkaufen. Bezieher des »Lesezirkels Daheim
Richard Ganske« konnten bei ihrem Zeitschriftenlieferanten
eine Sterbegeldversicherung abschließen, wenn sie bei Beginn
des Abonnements das 55. Lebensjahr noch nicht überschritten
hatten. Im Angebot waren weiterhin eine Abonnenten-Unfallversicherung sowie Lebensversicherungs-Policen, die in Zusam­
menarbeit mit der Albingia oder der Hamburg-Mannheimer
Versicherung vertrieben wurden. Allerdings waren das Aktivitäten, die in einer Branche, in der schon immer laut über die
»Auswüchse« des Wettbewerbs geklagt wurde, nicht gern ge­
sehen waren. So heißt es in einer Verbandsgeschichte: »Die
Hauptversammlungen 1926 in Hamburg und 1927 in Berlin
beschäftigten sich u. a. mit der inzwischen mehr und mehr aufkommenden Abonnentenversicherung in Verbindung mit der
Lesemappe und zeigten ihr gegenüber im Allgemeinen eine
oppositionelle Haltung.« Kurt Ganske scheint das Gemecker in
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der Branche allerdings nicht sonderlich gestört zu haben, denn
auch in der Zeit danach verkauften seine Vertreter neben den
Mappen gern auch mal die eine oder andere Police, wie sich an
erhalten gebliebenen Versicherungsausweisen aus den dreißiger Jahren erkennen lässt.
Aufschwung in den Abgrund
Wie die meisten anderen Unternehmen profitierte auch der
Lesezirkel Daheim von der wirtschaftlichen Stabilisierung, von
der ökonomischen Scheinblüte, die das Hitler-Regime dem
von der Weltwirtschaftskrise bis in die Grundfesten erschütter­
ten Land für einige Jahre bescherte. Der Ideologie der Natio­
nal­sozialisten standen die Ganskes allerdings fern. »Unser Vater war nie ein Nazi«, sind seine Söhne Michael und Thomas
zutiefst überzeugt. Obwohl es damals opportun war und den
Geschäften nützte, hielt ihr Vater ebenso wie Großvater Richard
Distanz zu den braunen Genossen. Ein Parteibuch hat Kurt
Ganske nie besessen. Briefe wurden nur dann mit »Heil Hitler«
unterzeichnet, wenn es sich gar nicht vermeiden ließ – bei
Schreiben an Behörden, bei Geschäftspartnern, die man persönlich nicht gut genug kannte, wenn es um Rechtsstreitigkeiten mit Lieferanten ging oder die Mitarbeiter durch Anschläge am Schwarzen Brett über betriebliche Dinge oder
staatliche Anordnungen unterrichtet werden mussten. Auch
später, nachdem sich Kurt Ganske an dem traditionsreichen
Hoffmann und Campe Verlag beteiligt hatte, bei dem braunes
Gedankengut stets verpönt blieb, konnte der Nazi-Gruß nicht
immer umgangen werden. Wenn Bewerbern oder Autoren Absagen erteilt wurden, durfte man ihnen keine Ansatzpunkte
für eventuelle Racheakte liefern.
Kurt Ganske scheute sich nicht, Mitarbeiter einzustellen
und ihnen Verantwortung zu übertragen, die wegen ihrer politischen Einstellung aus dem Staatsdienst entlassen worden wa50
ren. Er hatte auch keine Bedenken, mit einem Ausländer mitten im Krieg gemeinsam ein Unternehmen zu betreiben, wie
er mit seiner Beteiligung am Hoffmann und Campe Verlag
bewies.
Dennoch hinterließ die »Machtergreifung« der Nazis auch
im Unternehmen der Ganskes bald ihre Spuren. Der Eilmarsch
der Deutschen in die Diktatur wirkte sich bei Verlagen, Buchhandlungen, Lesezirkeln und anderen Medienunternehmen
noch schneller und tiefgreifender aus als bei der großen Mehrzahl der deutschen Unternehmen. Denn dafür, wie ein Bettenproduzent seine Matratzen oder ein Fleischer seine Würste
füllte, spielte die herrschende Ideologie keine Rolle. Die Inhalte der Zeitungen und Zeitschriften, das Sortiment der Buchhandlungen und die Füllung der Zeitschriftenmappen dagegen
waren für die braunen Herren von größter Bedeutung. Das
zeigte sich schon innerhalb weniger Monate nach der »Machtergreifung«.
Die Werke missliebiger Autoren wie Joachim Ringelnatz,
Egon Friedell, Kurt Tucholsky, Erich Kästner oder Heinrich
Heine mussten auf Grund amtlicher Anweisungen aus den Regalen entfernt werden. Hetzschriften wie »Mein Kampf« oder
»Der Mythus des 20. Jahrhunderts« und andere Machwerke aus
dem ideologischen Waffenarsenal der Nazis wurden dafür in
den Bücherstuben an bevorzugter Stelle ausgelegt. Noch schnel­
ler wandelten sich die Inhalte, mit denen die Lesemappen gefüllt wurden. Die Titel der Zeitschriften änderten sich zwar
nicht, aber ihre Ausrichtung. Sie wurden – wie die gesamte
Presse – gleichgeschaltet. Die Zeitschriften färbten sich mehr
und mehr braun ein oder verschwanden vom Markt. Was gedruckt werden durfte, bestimmten Joseph Goebbels und sein
Reichspropagandaministerium. Verleger und Journalisten, die
sich widersetzten, wurden in den Ruin getrieben, entlassen
und in vielen Fällen verhaftet. Verlage, die in jüdischem Besitz
waren, wurden rücksichtslos »arisiert«.
51
Für die Betreiber von Lesezirkeln wirkte sich die Herrschaft
der braunen Banditen in anderer Form aus. Ihre Betriebe
­w urden ihnen – sofern sie keine Juden waren – zwar nicht
streitig gemacht. Aber ebenso wie alle anderen Unternehmer
hatten sie einen »Ariernachweis« zu erbringen. Das galt selbst­
verständ­lich auch für die Familie Ganske. Die Industrie- und
Handelskammer Hannover schrieb ihnen unter dem Datum
vom 13. August 1936: »Wir haben uns zu der Frage zu äußern,
ob Ihr Unternehmen als rein deutsch/arisch anzusehen ist,
und bitten Sie, uns bejahendenfalls eidesstattlich versichern zu
wollen, dass der oder die sämtlichen Inhaber Ihres Unternehmens Reichsbürger im Sinne der Nürnberger Gesetzgebung
sind.« Schon zwei Tage später wurde die gewünschte Erklärung zur Post gegeben und bestätigt, dass die Inhaber in Gestalt von Richard Ganske und seiner Kinder Kurt, Käthe und
Hilde Deutsche im Sinne der Rassegesetze seien. Wenig später
wurde der Verband der Lesezirkelbesitzer zwangsweise – aber
auch widerstandslos – in die Reichskulturkammer eingegliedert. Alle Lesezirkel mussten dieser zur Kontrolle und Lenkung des gesamten Kulturbetriebes geschaffenen Institution
1934 beitreten.
Nützliche Packesel des Regimes
Den Lesezirkelbesitzern blieb nur die Wahl, sich zu fügen oder
ihren Betrieb und damit die Existenzgrundlage ihrer Familien
und der Mitarbeiter aufzugeben. Auf den Inhalt der Zeitschrif­
ten hatten sie damals wie heute keinen Einfluss. Das verbot zuvor die Pressefreiheit und später das Propagandaministerium.
Aber immerhin konnten sie vor 1933 den Inhalt ihrer Mappen
dadurch beeinflussen, dass sie bestimmte Blätter in ihr An­
gebot aufnahmen oder aus der Liste strichen. Nun mussten
sie ihr Sortiment an Frauenzeitschriften durch Titel wie die
NS-Frauenwarte ergänzen und ihren Abonnenten die Brennessel
52
und andere braune Blätter zumindest zum Bezug anbieten.
Der Illustrierte Beobachter war Pflichtblatt und musste jeder Lesemappe beigelegt werden.
Während jeder Inhaber vor 1933 selbst entscheiden konnte,
wie er seinen Betrieb organisierte und unter welchen Konditionen er den Kunden seine Leistungen anbot, wurden seine unternehmerischen Freiheiten nach der »Machtergreifung« mehr
und mehr eingeschränkt. Wie schnell sich der braune Ungeist
bis in die letzten Winkel ausbreitete, lässt sich an der DaheimBetriebsordnung aus dem Jahr 1934 ablesen. In ihrer gleichgeschalteten Sprache entsprach sie dem Jargon der Zeit. Bereits
die markige Überschrift ließ erkennen, woher der Wind wehte:
»In meiner Eigenschaft als Führer des Betriebes Lesezirkel
­Daheim Richard Ganske erlasse ich für die gesamte Gefolgschaft des Betriebes folgende Betriebsanordnung.« Im ersten
Abschnitt ist nicht etwa davon die Rede, dass Unternehmer
und Mitarbeiter die Firma gemeinsam aufgebaut hätten und
weiter erfolgreich betreiben wollten. Stattdessen hieß es schwüls­
tig: »Der Betrieb ist ein uns vom deutschen Volke anvertrautes
Gut. Führer und Gefolgschaft haben das gemeinsame Ziel, den
Betrieb gesund und leistungsfähig zu erhalten.« Im Anschluss
werden Rechte und vor allem Pflichten der Gefolgschaft detailliert niedergelegt und festgestellt, dass im Betrieb ebenso wie
im Reich den Anordnungen des Führers gewissenhaft Folge zu
leisten sei. Größere Verstöße gegen die Betriebsordnung konnten vom Führer mit fristloser Entlassung oder einer Geldbuße
in Höhe eines Tagesverdienstes geahndet werden. Bei kleineren
Vergehen waren Geldstrafen bis zu einem halben Tageslohn
möglich. In beiden Fällen waren die einbehaltenen Beträge in
voller Höhe »zum Besten der NS-Volkswohlfahrt zu verwenden«.
Was dem Wohl des Volkes diente oder den »Volkskörper«
krank machte, bestimmte allein die Partei. Lesezirkel zählten
für sie zu den Einrichtungen, die zur Pflege eines gesunden
Geistes geeignet waren. Solange sie die gewünschten Inhalte
53
verbreiteten, waren sie sogar ein höchst nützliches Instrument,
um die Propaganda des Regimes auf Rohstoffe sparende Weise
unter möglichst vielen Lesern zu verbreiten. Bei Kriegsausbruch versorgten die 297 beim Reichspresseamt registrierten
Lesezirkel mit ihren 53 363 Erstmappen einen fast zehnmal so
großen Kundenkreis, der insgesamt über eine halbe Million
Abonnenten umfasste. Einschließlich der mitlesenden Fami­lien­­
angehörigen und der vielen Leser, die bei Ärzten und An­­wäl­
ten, in Frisiersalons, Cafés oder Restaurants die Zeitschrif­ten
zur Hand nahmen, garantierten die Lesezirkel der Propaganda einen noch weit höheren Wirkungsgrad. Je knapper im
­Laufe des Krieges die Papiervorräte wurden, je mehr Engpässe
bei der Belieferung mit Druckerschwärze, Ersatzteilen, Strom
und Kohle auftraten, je mehr Druckereien durch Bomben zerstört wurden, desto wichtiger wurde für das Regime die intensive Nutzung der Blätter, wie sie die Lesezirkel durch ihr Verteilersystem garantierten.
Die Reichspressekammer bedankte sich 1937 auf ihre Art
für die nützlichen Dienste, die die Lesezirkel – ob freiwillig
oder notgedrungen – für das Propagandaministerium leis­
teten. Sie brachte erstmals »Ordnung« in die Branche. Das entsprach nicht nur der Ideologie einer staatlich gelenkten Wirtschaft, es gefiel auch vielen Betreibern kleiner Lesezirkel.
Durch die »Berufsschutzanordnung« wurde ihnen so mancher
langgehegte Herzenswunsch erfüllt. Von Stund an war es vorbei mit dem bei Verbandstagen früher gebetsmühlenartig beklagten »Wildwuchs«. In den »Geschäftsgrundsätzen für Lesezirkel« wurde penibel geregelt, wie viele Zeitschriften eine
Mappe zu enthalten habe, welche Mindestpreise von den Abonnenten verlangt werden mussten und wie Unterbietungen –
man könnte es auch Preiswettbewerb nennen – zu verhindern
seien. Besonders erfreut waren sicherlich viele Lesezirkelbetreiber darüber, dass Konkurrenten jeder Abwerbeversuch bei
Hotels, Gaststätten oder Friseuren ausdrücklich verboten wur­
54
de. Das hinderte leistungsfähige Betriebe wie Daheim daran,
einem weniger gut geführten Lesezirkel diese lukrativen Kunden mit günstigeren Angeboten wegzuschnappen. Zu den vielen Reglementierungen gehörte auch, dass die Lesezirkel verpflichtet wurden, nach höchstens 25 Wochen die Zeitschriften
endgültig aus dem Verkehr zu ziehen und die Blätter zum Einstampfen abzuliefern. Das sicherte ihre Wiederverwertung als
Altpapier – und war eines der vielen kleinen Indizien dafür,
dass für die Rohstoffknappheit, die bei einem künftigen Krieg
zu erwarten war, Vorsorge getroffen wurde, schon lange bevor
das Unglück mit dem Überfall auf Polen seinen Lauf nahm.
Ihre Rolle als nützliche Esel des Regimes bewahrte die Lesezirkel davor, frühzeitig als »kriegsunwichtig« geschlossen zu
werden. Sie gehörten im Gegenteil zu den Letzten, die dem
»Endsieg« geopfert wurden. Bei anderen »kriegsunwichtigen
Betrieben« waren die verbliebenen Mitarbeiter schon längst ab­
gezogen worden, um entweder Kanonen zu produzieren oder
als Kanonenfutter zu dienen. 1901 deutsche Verlage, 6155 Buchhandlungen und 910 Leihbüchereien erhielten ihre Schlie­
ßungsverfügung am 26. August 1944. Das vorläufige Ende für
die Lesezirkel kam vier Wochen später. Da gab es ­ohnehin kaum
noch etwas zu verleihen, weil keine neuen Zeitschriften mehr
produziert wurden. Um auch noch die letzten verfügbaren Kräf­
te für die Rüstungsindustrie zu mobilisieren, erhiel­ten die Zeitschriftenverleiher ihre Stilllegungsverfügung per 30. September
1944, knapp acht ­Monate vor der bedingungs­losen Kapitulation
der Wehrmacht am 8. Mai 1945. Viele der vom Schließungsbefehl erfassten Betriebe lagen zu diesem Zeit­punkt bereits in
Schutt und Asche. Das galt auch für die Zentrale und die meis­
ten der 30 Filialen des Lesezirkels Daheim. Doch bis der vom
Hitler-Regime entfesselte Krieg mit einer totalen Niederlage
endete, waren schwierige Jahre zu überwinden, die den noch
immer jungen Unternehmer Kurt Ganske und seinen Vater vor
manch schwere Entscheidung stellten.
55
Zweites Kapitel
¨
Zwei MAnner,
zwei
Frauen und ein
geheimer Plan
S
iebzehn Jahre lang hatte Kurt Ganske mit wachsendem Erfolg Bücher und vor allem Zeitschriften verkauft und ver­
liehen, die andere konzipiert, geschrieben, redigiert und gedruckt hatten. Mit 36 Jahren wurde er selbst Verleger. Warum?
Wollte er endlich ein eigenes Verlagsprogramm gestalten, Themen aufgreifen oder setzen, Autoren entdecken und fördern?
Das vermutlich auch. Aber es gab noch einenheimlichen Hintergedanken.
Ganske hatte sicher lange nach dem richtigen Objekt gesucht, sich die Programme verschiedener Verlage angesehen,
vielleicht mit dem einen oder anderen Inhaber gesprochen.
Gut möglich, dass er sich dabei Absagen eingehandelt hatte.
Wer einen renommierten, wirtschaftlich gesunden Verlag besitzt, hat meist kein Interesse daran, ihn zu verkaufen oder sich
die »Alleinherrschaft« mit einem Partner zu teilen. Wer ganz
aus dem Geschäft aussteigen will, hat dafür oft Gründe, die einen Investor abschrecken können. Es gibt auch gute Gründe
für den Verkaufswunsch oder die Suche nach einem Partner –
etwa wenn kein geeigneter Nachfolger vorhanden ist oder ein
weiteres Wachstum nicht aus eigener Kraft finanziert werden
kann. Nach 1933 gab es in Deutschland aber auch schlechte
Gründe für einen Verkauf, nämlich Druck, Schikanen und Gewalt von Seiten des Nazi-Staates, wenn ein Verlag in jüdischem
Besitz war.
Mit wem Kurt Ganske vielleicht schon gesprochen hatte, ehe
er seine Entscheidung traf, ist nicht bekannt. Es lässt sich heute
auch nicht mehr mit Sicherheit sagen, warum er sich schließ59
lich für den traditionsreichen Hamburger Verlag Hoffmann
und Campe entschied. Warum dieser und kein anderer? Es gibt
keine Aktennotizen, Tagebucheinträge oder andere Aufzeichnungen, die darüber Auskunft geben. Fest steht nur, dass er
Anfang 1941 eine Beteiligung von zunächst 50 Prozent erwarb.
Auffällig daran ist, dass er sich mitten im Krieg für ein Unternehmen entschied, das von einem Ausländer geführt wurde.
Alleineigentümer war seit 1933 der Däne Martinus Christensen. Bemerkenswert ist zweitens die Geradlinigkeit, die der
Verlag bis dahin bewiesen hatte. Hoffmann und Campe war
seit über 100 Jahren der Verlag Heinrich Heines und anderer
von der Obrigkeit wenig geschätzter Autoren. Seit 1826 erschienen die Bücher des rebellischen Dichters und anderer kritischer Geister bei »HoCa«. Bis Ende der zwanziger Jahre, als
die Buchproduktion wegen der Inflation für einige Zeit eingestellt werden musste, waren Heines Werke dort immer wieder
neu aufgelegt worden. Fünf Jahre später landeten sie auf dem
Scheiterhaufen. Für die Nazis zählte Heine zu den »geis­tigen
Volksschädlingen«. In den mehr als 200 Jahren Verlagsgeschichte haben außer Heinrich Heine auch zahlrei­che andere,
zu ihrer Zeit von der Staatsmacht mit Misstrauen beobachtete
Autoren ihre Schriften bei Hoffmann und Campe publiziert.
Dem seit 1781 existierenden Verlag des »Jungen Deutsch­land«
hatte das mehrfach Schließungsandrohungen, einmal ein Verbot aller seiner Bücher und dem damaligen In­haber Julius
Campe 1855 sogar eine Gefängnisstrafe eingebracht.
Seiner freigeistigen Tradition war der Verlag auch treu geblieben, als nach 1933 erneut die Zensur das literarische Leben zu ersticken drohte. Als der damalige Verlagsleiter Arnold
Fuß vor den Nazis die Flucht ergreifen musste, rückte der Verlag trotzdem nicht verängstigt von seiner programmatischen
Position ab. Statt Blut-und-Boden-Literatur druckte er weiter
Klassiker und publizierte in- und ausländische Autoren, deren
Werke nicht vom braunen Zeitgeist durchweht wurden. Land60
serliteratur hat es nie gegeben. Wenn Frontausgaben produziert wurden, dann waren es Titel wie »Herrlich ist die Welt«,
die ein Gegenbild zum grausamen Alltag an der Front boten.
Statt auf die völkische Linie einzuschwenken, wurde 1937 mit
der Herausgabe einer »Europa-Bibliothek« begonnen und 1939
die broschierte Taschenbuchreihe »Geistiges Europa« begründet. Herausgeber war Albert Erich Brinckmann, ehemals Ordinarius für Kunstgeschichte in Berlin, dem seine Professur
zwei Jahre nach der Machtergreifung aberkannt worden war.
An dieser Linie hatte sich nichts geändert, als Kurt Ganske in
das Unternehmen eintrat. Auch danach gab es nur hin und
wieder minimale Konzessionen.
Ein dritter bemerkenswerter Punkt ist die Person, die er zur
Wahrnehmung seiner Interessen in den Verlag einbrachte. Es
war Harriet Wegener, das Fräulein Doktor, wie Kurt Ganske sie
meist nannte. Das Fräulein war allerdings »eine wunderbare
Frau«, wie sich seine Söhne Thomas und Michael unisono er­
innern, obwohl beide noch recht jung waren, als sie sie kennenlernten. Werner Hess, der ihr Mitte der fünfziger Jahre als
Assistent des Verlegers oft begegnete, beschreibt sie »als eine
ganz großartige Persönlichkeit«. Siegfried Lenz, der sie als
­junger Autor kennengelernt hat, erlebte sie als »eine sehr liebenswürdige alte Dame«. Alle erinnern sich allerdings auch
an den bläulichen Nebel, der die Kettenraucherin ständig umwehte. »Man schaute gebannt zu, wie die Asche an der Spitze
ihrer ­ Zigarette immer länger wurde, und erwartete, dass sie
auf ihr Kleid fallen würde«, schmunzelt Lenz. »Aber es passierte nie.«
Politisch nicht zuverlässig
Alles andere als nebulös war ihre politische Haltung. »Schwein
bleibt Schwein, auch wenn es Perlen frisst«, pflegte sie über
Hitler zu sagen, wenn keine mutmaßlichen Denunzianten in
61
der Nähe waren. Kurz nach Kriegsende schrieb sie in einem
Brief an Gerda Ganske, die Frau des Verlegers: »Ich habe Hitler und seine Leute ja immer für Verbrecher gehalten, aber
dass sie Deutschland so bis in Grund und Boden ruinieren und
dann selbst ein so unrühmliches Ende nehmen würden, hätte
ich doch nicht gedacht. Sie haben Heldenmut wirklich immer
nur von den anderen verlangt. Aber da man das alles nicht ungeschehen machen kann, muss man so bald wie möglich an
den Wiederaufbau gehen. Gott gebe, dass Ihr Mann uns dabei
helfen wird.« Das war zu einem Zeitpunkt, als niemand wusste,
ob und wann Kurt Ganske aus Krieg und Gefangenschaft zurückkehren würde.
Die 1890 in Oberhessen geborene Harriet Wegener hatte in
einer Zeit Geschichte und Nationalökonomie studiert und mit
dem Thema »Frauenarbeit im Kriege« zum Dr. rer. pol. promoviert, als dies für junge Frauen noch keineswegs selbstverständlich war. Sie beherrschte Englisch, Französisch und Italienisch.
Ihr Versuch, sich später zusätzlich die russische Sprache anzueignen, scheiterte, weil ihr Lehrer 1934 fluchtartig das Land
verlassen musste. Sie selbst musste zwar nicht um Leib und Leben fürchten, verlor aber im gleichen Jahr aus politischen
Gründen ihren Arbeitsplatz als Bibliothekarin des Instituts für
auswärtige Politik. Gleichzeitig wurden ihr alle Pensionsansprüche gestrichen. Ihr Verbrechen bestand darin, dass sie vor
1933 Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) gewesen war und sie eine enge Freundschaft mit Hamburgs Ers­
tem Bürgermeister Carl Wilhelm Petersen verband, der ebenfalls kurz nach der »Machtergreifung« aus dem Amt gejagt
worden war. Doch sie hatte auch danach »stets enge Fühlung
mit meinen ­ jüdischen und linksgerichteten Freunden gehalten«, wie sie später in einem Brief schrieb, als man so etwas wieder ohne Gefahr zu Papier bringen konnte.
Wegener war Mitglied des Hamburger Zonta-Clubs, eines
weiblichen Gegenmodells zu den damals nur den Herren der
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Schöpfung vorbehaltenen Rotariern oder Lions. Doch die
selbstbewussten Damen mussten sich bereits 1933, nur ein Jahr
nach Gründung ihres Clubs, wieder aus dem Vereinsregister
streichen lassen. Danach konnten sie sich nur noch heimlich
in privater Umgebung treffen – nicht zuletzt deshalb, weil sie
sich nicht von ihren jüdischen Mitgliedern trennen wollten.
»Ich finde Emanzipation normal«, steht als Zitat unter Harriet
Wegeners Bild in einer Vereinsgeschichte des nach dem Krieg
neu gegründeten Hamburger Zonta-Clubs.
Nach dem Verlust ihres scheinbar sicheren Arbeitsplatzes
war es für jemanden, der als »politisch unzuverlässig« abgestempelt wurde, sehr schwer, den Lebensunterhalt mit einer
angemessenen Tätigkeit zu verdienen. Harriet Wegener fand
aber sowohl bei der Essener Verlagsanstalt als auch bei Hoffmann und Campe Menschen, die bereit waren, sie als freie
­Mitarbeiterin zu beschäftigen. So verdiente sie ihr Geld mit
­Aufsätzen, Gutachten zu eingereichten Manuskripten, Probe­
übersetzungen französischer oder italienischer Autoren und –
wenn deren Bücher daraufhin in das Verlagsprogramm aufgenommen wurden – später mit der kompletten Übersetzung
dieser Werke. Daneben war sie auch als »Themen-Scout« für
die Verlage tätig und machte auf ins Programm passende Neuerscheinungen im Ausland aufmerksam oder gab Hinweise
weiter, die sie von englischen Freunden erhalten hatte. Aus
dem regen Briefwechsel, den Harriet Wegener mit Ilse Tönnies, der in Berlin residierenden Cheflektorin von Hoffmann
und Campe, in den Jahren nach dem Rauswurf führte, geht
hervor, dass das so erzielte Einkommen trotz allen Eifers wohl
in die Kategorie »zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel«
gehörte. Denn für einen Tipp aus Berlin bedankt sie sich mit
den Worten: »Ich habe mich sofort für die Lektorenarbeit gemeldet und danke Ihnen für den Hinweis. Es wäre mir sehr
lieb, solche Nebenarbeit zu bekommen.« Dass die Aufträge oft
spärlich flossen, lässt auch eine Bemerkung von Tönnies vom
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Februar 1940 ahnen, in der sie ihre Freude darüber zum Ausdruck bringt, »dass Sie nun doch wieder eine Übersetzungs­
arbeit haben«. Und sie erkundigt sich besorgt: »Hoffentlich sitzen Sie noch warm?«
Harriet Wegener wird deshalb mehr als erfreut gewesen
sein, als Kurt Ganske ihr 1942 anbot, in seine Dienste zu treten. Da er selbst abwechselnd auf seinem Gut in Hohenhaus
und in Hannover wohnte, wo sich die Zentrale des Lesezirkels
befand, und zudem regelmäßig zwischen seinen 30 Daheim­Filialen pendelte, brauchte er in Hamburg eine Person seines
Vertrauens, die ihm über die Entwicklung im Verlag, die Programmplanung und die Verhandlungen mit den Autoren berichtete. Als er sich nach einer dafür geeigneten Person umsah,
müssen ihn Ilse Tönnies oder Martinus Christensen auf die
freie Mitarbeiterin hingewiesen haben, die damals schon seit
mehr als sieben Jahren alle Aufträge pünktlich und gewissenhaft erledigt und dabei ihre Urteilskraft unter Beweis gestellt
hatte.
Ganske fand an dem damals 52-jährigen »Fräulein Doktor«
offenbar sofort Gefallen. Dennoch stellte er sie nicht als Verlags­
mitarbeiterin ein. Er setzte sie vielmehr auf die Lohnliste seines Lesezirkels. Über die Gründe rätselten selbst sein Partner
Christensen und Ilse Tönnies. Es ärgerte sie sogar, wie erhalten gebliebene Briefe verraten, denn auf diese Art durfte eine
Betriebsfremde in Verlagsangelegenheiten mitreden. Dass beide mit einer direkten Anstellung beim Verlag gerechnet hatten, geht aus einem Brief von Ilse Tönnies hervor, den sie am
11. November 1942 zur Post gab. Die Absage eines Auftrages
verbindet sie nämlich mit dem geheimnisvollen Hinweis, dass
»die Herren des Verlags, soviel ich hörte, eine ganz andere Aufgabe für Sie haben, die ich außerordentlich reizvoll finde und
die Ihnen zweifellos große Freude machen wird. Ich will aber
noch nichts gesagt haben. Sie werden es im Verlag ja dann
selbst hören … Herr Christensen lässt Sie für die nächste Wo64
che um Ihren Besuch bitten.« Es folgt dann noch ein diskreter
Hinweis, wie sie bei den Verhandlungen mit Christensen über
die Abgeltung der bis dahin geleisteten Arbeit taktieren solle.
Dazu »möchte ich Ihnen privat und andeutungsweise die Summe von 100 Mark nennen«.
Auch wenn er sich selbst gegenüber seinem Partner darüber
nicht äußerte, wird Kurt Ganske mindestens zwei gute Gründe
dafür gehabt haben, dass die »außerordentlich reizvolle Aufgabe« erst viele Jahre später zu einer Anstellung bei Hoffmann
und Campe führte. Zum einen war auf diese Weise ganz klar,
wem Harriet Wegeners Loyalität in erster Linie galt. Zum anderen war es weniger auffällig, wenn eine Frau, die politisch
als vorbelastet galt, bei der Grünen Mappe, der Hamburger
Tochter des Lesezirkels, angestellt wurde. Dort konnte sie zwischen vielen anderen »Gefolgsleuten« in der Personalliste verschwinden. Außenstehenden blieb verborgen, ob sie mit dem
Führen von Karteikarten oder dem Sortieren von Zeitschriften
beschäftigt wurde. Ganz anders wäre es gewesen, wenn die
»politisch Unzuverlässige« plötzlich bei einem dem Regime
nicht gerade nahestehenden Verlag aufgetaucht wäre, der weniger als zehn fest angestellte Mitarbeiter hatte – noch dazu als
Vertraute des Verlegers.
Selbst diese konspirative Lösung war nicht ganz unproblematisch. In einer Aktennotiz vom 5. Mai 1942 über eine »Besprechung zwischen Herrn Ganske, Frl. Wegener und Herrn
Nicodemus«, dem Leiter der Hamburger Filiale, wurde festgehalten: »Dr. Wegener wird offiziell von der Hamburger Filiale
Grüne Mappe eingestellt werden, aber für die Zentrale in Hannover und für den Verlag Hoffmann und Campe arbeiten …
Fräulein Wegener ist mit jeder formellen Regelung einverstanden, die Sicherheit dafür gibt, dass der Grünen Mappe dadurch keine neuen Personalschwierigkeiten erwachsen.« Filialleiter Nicodemus erklärte sich bereit, Harriet Wegener den
Betrieb zu zeigen und sie darin einzuweihen, wie ein Lesezir65
kel funktioniert. Das sollte aber möglichst an einem Sonntag
geschehen. Auch im backsteinroten Chilehaus in der Hamburger Innenstadt, in dem die Grüne Mappe damals ihren Sitz
hatte, sollten sich die dort tätigen Mitarbeiter möglichst keine
Gedanken darüber machen, wer die neue Kollegin wohl sei
und welche Aufgaben sie habe.
Diese Lösung hatte allerdings einen Nachteil: Es kostete
Harriet Wegener in der ersten Zeit einige Mühe und viel Nerven, das aufkeimende Misstrauen von Martinus Christensen zu
überwinden. Er hielt zu ihrem Ärger mit Informationen hinter
dem Berg und nahm es ihr übel, wenn sie Fragen stellte. Er zog
daraus den Schluss, dass sie sich ein Recht auf Information anmaßte. Er war der Meinung, dass es sich um einen Gnadenakt
des Verlegers handele, wenn er sein Herrschaftswissen mit Angestellten teilte. Harriet Wegener beklagte sich deshalb in ihren Briefen an Kurt Ganske immer wieder bitter darüber, dass
Christensen sie oft nicht ins Vertrauen ziehe, ihr Briefe vorenthalte oder sie von Besprechungen mit Autoren ausschließe.
»Wahrscheinlich fürchtet er, dass Sie mich eines Tages als ihren Vertreter einsetzen.« Umgekehrt beobachtete Christensen
mit Argwohn, dass sie regelmäßig nach Hohenhaus berichtete,
wie sich die Dinge in Hamburg entwickelten. Bei einer dieser
Auseinandersetzungen verstieg er sich zu dem Vorwurf, es sei
»einmalig in der Wirtschaftsgeschichte«, dass sie Ganske über
Verlagsangelegenheiten informiere.
Kampf der Königinnen
Als der Partner sich wieder einmal in Hamburg sehen ließ, kam
es zur Aussprache. Es wurde vereinbart, dass die für Ganske
bestimmten Berichte nummeriert und Christensen jeweils als
Durchschlag auf den Schreibtisch gelegt werden sollten. So geschah es auch. Was der Däne nicht wusste: Es gab daneben »inoffizielle« Briefe, deren laufende Nummer Harriet Wegener
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auf Vorschlag ihres Chefs mit einem »A« ergänzte. Sie ent­
hielten zusätzliche Informationen, von denen Fräulein Doktor
der Meinung war, dass sie – da sie sich oft auch auf Geschehnisse bei der Grünen Mappe bezogen – weder Christensen
noch Tönnies etwas angingen. Auch ihre »Klagelieder Jeremiae«, die sie später gelegentlich noch anstimmte, wenn es um
das schwierige Dreiecksverhältnis Christensen, Tönnies und
Wegener ging, blieben den A-Briefen vorbehalten. Umgekehrt
»vergaß« aber auch Ilse Tönnies sehr oft, der Hamburger Kollegin – wie vereinbart – Durchschläge ihrer Briefe an Christensen zu schicken. »Meist liest mir Herr Chr. Teile daraus vor«,
berichtete Harriet Wegener nach Hohenhaus. Aber was er weg­
ließ, dürfte sie noch mehr interessiert haben.
Dennoch versicherte Harriet Wegener im vertraulichen Teil
ihrer Berichte immer wieder, dass sie sich alle Mühe gebe, ein
Vertrauensverhältnis zu dem dickschädeligen Dänen aufzubauen. Das gelang ihr zwar im Laufe der Zeit recht gut, es gab
aber immer wieder Rückschläge. Christensen erinnerte sie
dann gern daran, dass Ganske laut Vertrag nur einen »Herrn
mit langjähriger Verlagserfahrung« zu seinem Vertreter im
Verlag ernennen dürfe. Wegener bemühte sich, »ihm möglichst
die Vorstellung zu nehmen, dass ich deshalb, weil ich für Sie
­arbeite, gegen ihn sein muss«, und erklärte die ständigen
Quengeleien Christensens mit der Feststellung: »Irgendwo ist
er ja so etwas wie ein misstrauischer Bauer.« Vertrauensbildende Maßnahmen wurden daher zu einem wichtigen Teil
­ihrer Tätigkeit.
Um für ihre Chefs nicht nur in Fragen der Literatur, sondern auch in anderen Verlagsangelegenheiten eine gleich­
wertige Gesprächspartnerin zu sein, war die 53-Jährige sogar
bereit, neben ihren vielfältigen Aufgaben auch noch eine
Buchhändler- oder Verlagslehre zu absolvieren und wie jeder
andere »Stift« eine Prüfung vor der Industrie- und Handelskammer abzulegen. Doch das führte zu neuen Problemen.
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»Eine Schwierigkeit für meine Anmeldung als Lehrling ist, dass
kein Lehrlingsvertrag vorliegt und ich überhaupt nicht bei
H.u.C. angestellt bin«, berichtete Harriet Wegener über neue
Probleme nach Hohenhaus. »Wenn ich daher in der Richtung
etwas unternehme, wird Herr Christensen es zum Vorwand
nehmen, auf Anstellung beim Verlag zu drängen; und was soll
ich dann sagen?« Irgendwie muss darauf eine Antwort gefunden worden sein, denn selbst in den letzten Wochen vor Kriegs­
ende ließ sich die Akademikerin noch regelmäßig von einer
Buchhändlerin auf die Lehrlingsprüfung vorbereiten, die im
März 1945 stattfinden sollte. Doch in den letzten Kriegsmonaten war daran nicht mehr zu denken. Und später war es nicht
mehr erforderlich.
Auch das Verhältnis zu der in Berlin residierenden Cheflektorin Ilse Tönnies blieb nicht spannungsfrei. Solange Harriet
Wegener fleißig Gutachten geschrieben und Übersetzungen
abgeliefert hatte, war der Ton der Briefe immer herzlich und
über die beruflichen Anliegen hinaus von persönlicher Anteilnahme geprägt. Wenn die zwölf Jahre jüngere Ilse Tönnies in
Hamburg war, besuchte sie die geschätzte Mitarbeiterin gern
in ihrem Haus im Hamburger Vorort Flottbek und bewunderte ihren mit großer Liebe gepflegten Garten. Man tauschte
sich über das Verlagsprogramm aus und sinnierte darüber,
welche Bücher die Menschen wohl lesen wollten, wenn endlich
wieder Frieden sei. Beide erkundigten sich regelmäßig nach
dem Wohlergehen der Familienangehörigen. Der literarische
Gedankenaustausch wurde gelegentlich durch den Austausch
von Kochrezepten ergänzt, mit deren Hilfe man auch in Kriegszeiten schmackhafte Gerichte auf den Tisch zaubern konnte.
Regelmäßig erkundigten sich die beiden Damen, die sich gegenseitig auch nach vielen Jahren der Zusammenarbeit immer
noch mit Fräulein Doktor anredeten, mitfühlend, wie es um
die Gesundheit bestellt sei, ob es ausreichend Kartoffeln gebe
oder ob die andere noch Kohlen im Keller habe.
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Nachdem Harriet Wegener mit ihrer Arbeit im Verlag begonnen hatte, wurde der Ton spitzer. Ilse Tönnies konnte es
nur schwer ertragen, dass ihre ehemalige Mitarbeiterin nun
überall mitreden wollte, sich einmischte, wenn es um Verlags­
angelegenheiten ging. Es störte sie, dass die Kollegin nicht nur
das Ohr des neuen Verlegers besaß, sondern nun auch den
Standortvorteil hatte, dass ihr Schreibtisch in der Nähe des
­alten Verlegers stand. Harriet Wegener bemühte sich immer
wieder um Deeskalation: »Ich bedauere, Ihren Zorn so sehr erregt zu haben, bedauere es umso mehr, als Sie im Augenblick
ja schon Ärger und Mühe genug haben … Es liegt mir vollkommen fern, in Ihre Kompetenzen hinsichtlich der ›Europa-Biblio­
thek‹ eingreifen zu wollen«, schrieb sie Ilse Tönnies.
In ihren Briefen an Kurt Ganske aber klagte sie: »In
der neuen Reihe macht Dr. Tönnies so ziemlich, was sie will.
Herrn Christensens gelegentliche Einwände schiebt sie beiseite,
manch­­mal in einer Form, die mich an seiner Stelle ärgern
­w ürde.« Was sie selbst maßlos ärgerte, weil sie dagegen nur
schwer mit Argumenten ankam, war die Raffinesse, mit der die
Kollegin ihren strategischen Vorteil in Berlin nutzte, um Wegener und manchmal auch Christensen auszutricksen. »Sie
lässt alle Küns­te spielen, um mir die Arbeit unmöglich zu machen, wobei sie den Trumpf, der alles sticht, nämlich die angeblichen Geheiminformationen aus dem Promi [Propagandaministerium] über die Papierbewilligungen in der Hand hat.
Immer hat sie irgendwelche geheimen Quellen, aus denen sie
weiß, dass für die Dinge, die sie gerade plant, Papier da ist etc.
Und für anderes nicht.«
Kurt Ganske hat das offenbar alles nicht so tragisch genommen. Sein Sohn Thomas erinnert sich, dass er später immer
vom »Kampf der Königinnen« sprach, wenn er diese Auseinandersetzungen erwähnte. Im Laufe der Zeit entspannte sich das
Verhältnis zwischen den beiden Damen auch wieder. Ilse Tönnies freute sich auf ein Wiedersehen und bedankte sich artig
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für das Angebot, ihr ein weiteres Päckchen Grieß zu besorgen.
Harriet Wegener ihrerseits bedauert, dass die Kollegin nicht
mit eigenen Augen erleben kann, wie herrlich gerade ihr Garten blüht. Die wachsenden Sorgen und gemeinsamen Nöte
drängten die persönlichen Querelen in den Hintergrund.
Wenn das gegenseitige Vertrauen nicht stärker gewesen wäre
als die Eifersüchteleien, hätte Harriet Wegener in ihren Briefen sicher nicht so riskante Sätze wie diese zu Papier gebracht:
»Es ist die allerhöchste Zeit, dass sich Europa nach einer dauernden Betonung des die einzelnen Länder Trennenden auf
die gemeinsamen geistigen Wurzeln und das gemeinsame geistige Werden besinnt«, schrieb sie im August 1942 nach Berlin.
»Es ist außerdem anzunehmen, dass die seit der Französischen
Revolution andauernde Zuspitzung des Nationalen ins Nationalistische ihren Höhepunkt erreicht hat und bereits jetzt eine
Besinnung auf das gemeinsam-europäische umzuschlagen beginnt«, fuhr sie fast prophetisch fort.
Wie schwierig solche Ideen umzusetzen waren, geht wiederum aus einem Brief hervor, der von Berlin nach Hamburg
ging. Unter Bezug auf die »Europa-Bibliothek« und ähnliche
Projekte schrieb Tönnies ihrer Kollegin im April 1943: »Ich
glaube, dass auch jedes Thema, das mit der Antike zusammenhängt, einen großen Reiz für den immer mehr wachsenden
Kreis von Menschen haben wird, die auf die Grundlagen unserer Kultur zurückgehen wollen. Es ist nur fraglich, ob wir das
jetzt durchbringen können, denn der humanistische Gedanke
ist nach wie vor ein sehr heißes Eisen, und ich muss da sehr vorsichtig sein.«
Auch wenn es immer wieder mal zu heftigen Kontroversen
kam, ging es in der schriftlichen und telefonischen Kommunikation zwischen den beiden Frauen und in den Berichten, die
sie an ihre Verleger schickten, vorwiegend um das Verlagsprogramm, um die Schwierigkeiten mit der Zensur, um Ärger mit
Autoren oder die Sorge um deren Schicksal.
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Obwohl Martinus Christensen sich in Hamburg um die täglichen Geschäfte kümmerte, nahm Kurt Ganske regen Anteil
an den Überlegungen zum Programm. Er ließ sich von Harriet
Wegener die von ihr erarbeiteten Analysen und Gutachten
schicken, entschied von Hannover oder Hohenhaus und später
sogar noch aus der Kaserne heraus mit darüber, welche Manuskripte angenommen oder abgelehnt wurden. Er machte sich
in seinen Antworten Gedanken über den möglichen ­Käuferkreis
eines Italien-Buches, gab Rat beim Erwerb von Rechten. Er
­bewertete eine Rilke-Biographie als »angenehm zu lesen und
ganz interessant geschrieben«, zeigte sich aber gleichzeitig
überzeugt, dass »es früher oder später eine bessere Biographie
über Rilke geben wird«. Er war sich überdies mit Wegener einig, dass Rilke »sicher weder Antisemit noch Anti-Slave gewesen ist. Evtl. könnte man den Autor veranlassen, den Ausführungen hierüber die Schärfe zu nehmen.« Das allerdings war
zu dieser Zeit ein heikles Unterfangen.
Verboten, verbrannt, verschleiert
Trotz sorgfältiger Vorbereitung und geschickter Begründung
scheiterte manche Idee an den staatlichen Zensoren. So berichtete Ilse Tönnies im Mai 1943 aus Berlin, dass zwar das
»Europa-Archiv« bewilligt worden sei, »Europa im Wandel«
habe man dagegen strikt verboten, und zwar »so kategorisch«,
dass nichts zu machen gewesen sei. Tönnies schlug vor, die
Pläne dennoch nicht aufzugeben, sondern der Publikation »einen anderen, unverfänglicheren Titel zu geben« und eine andere Form dafür zu suchen.
Manches ließ sich so mit Geschick und guten Beziehungen
doch durchsetzen. Biographien über Rudolf Virchow, Justus
von Liebig und Alexander von Humboldt zum Beispiel winkten
die Prüfer im Propagandaministerium nach einigem Hin und
Her schließlich durch, wie Harriet Wegener dem in einem Sa71
natorium bei Wien weilenden Martinus Christensen hocherfreut mitteilte. »Sünder und Heiliger« fanden ebenfalls Gnade
vor den Augen der Zensoren. Für die zehn Bände »Geistiges
Europa« wurde das Papier selbst im November 1943 noch genehmigt. Sogar Werke des Franzosen Paul Hazard wie »Krise
des europäischen Geistes« konnten erscheinen, übersetzt von
Harriet Wegener. Allerdings nur auf Papier der Klasse 3, wie
Wegener bedauerte. Das bedeutete stark holzhaltig, schnell
vergilbend, hart, unansehnlich.
Besonders kurios: Für eine 1941 abgelehnte Moltke-Biographie von Hanns Martin Elster gab es zwei Jahre später plötzlich
doch Papier – vielleicht weil Harriet Wegener oder Ilse Tönnies
wieder einmal einen Trick angewendet hatten, der während
des Krieges mehrfach funktionierte: Ein von der »Prüfstelle
zum Schutz der NS-Literatur« oder einer anderen Kontrollstelle abgelehntes Werk wurde mit neuem Titel und einer anderer
Begründung erneut zur Prüfung vorgelegt – und möglichst auf
den Schreibtisch eines anderen Zensors bugsiert.
Im Fall der Moltke-Biographie war die Freude über das gelungene Manöver allerdings nur kurz. Denn als das Buch endlich gesetzt und gedruckt war, verbrannte der gesamte Bestand,
weil das Lager von Bomben getroffen worden war. Wieder
musste mühsam Papier beschafft und eine noch unzerstörte
Druckerei gefunden werden. Dort kam die Biographie des politisch denkenden Strategen in eine Warteschlange, denn verschärfte Druckvorschriften führten dazu, dass der Moltke nur
die Dringlichkeitsstufe III bekam. Es dauerte Monate, bis das
Buch endlich aus der Maschine lief. Und dann wiederholte
sich das Trauerspiel: 1944 fielen die 5000 frisch gedruckten
Exemplare erneut den Flammen zum Opfer. Ein Schicksal, das
im Laufe des Krieges viele Werke ereilte. Solange sie nicht
beim Leser waren, wusste man nie, ob der Kampf mit der
­Zensur, die Mühen der Papierbeschaffung und die schwierige
Suche nach einer noch funktionierenden Druckerei nicht letzt72
lich vergebliche Mühen gewesen waren. Noch beim Spediteur
konnte sich alles in Rauch und Asche auflösen.
Einmal sollte bei Hoffmann und Campe doch Frontliteratur erscheinen. Es ging um die Gedichte eines Offiziers. Es
­waren ernste und schwermütige Gedanken, die Günther von
Stünzner zu Papier gebracht hatte. Eines trug den Titel »Mutter des Gefallenen spricht«. Ilse Tönnies hoffte trotzdem, dass
man es im Propagandaministerium durchsetzen könne. »Es
stimmt ja durchaus nicht, dass man an der Front nur ablenkende und leichte Dinge lesen will, ganz im Gegenteil sogar.
Und in letzter Zeit trägt man von oben her diesem Verlangen
auch Rechnung. Es kann durchaus von Tod und Ernst die Rede
sein.« Überdies könne man im Papierantrag darauf hinweisen,
dass der Dichter Frontkämpfer sei. Sie mahnte bei Christensen
eine rasche Entscheidung an, da sie zusammen mit dem dich­
tenden Soldaten noch einige »Schleifungen« an seinen Versen
vornehmen wollte, Günther von Stünzner aber bald wieder in
den Osten gehe, wo sein einziger Bruder bereits gefallen sei.
»Wir schaden unserem Ansehen mit diesen Sachen auf keinen
Fall«, schrieb sie nach Hamburg und fügte als weiteres Argument hinzu, auch Hoffmann und Campe müsse »einmal einen
Beitrag zur Kriegsliteratur bringen«.
Doch aus dem Beitrag wurde nichts – trotz der trickreichen
Begründung. In einer Aktennotiz vom 11. Mai 1944 wurde festgehalten: »Stünzner-Gedichte sollen für Truppen auf Schallplatte aufgenommen werden. Bewilligt Stünzner zuliebe, obgleich uns Papier abgeschlagen. Wirkung der Platten abwarten,
dann ev. Antrag erneuern.«
Manchmal allerdings waren die staatlichen Stellen auch
entgegenkommender, als es dem Verlag lieb war. So berichtete
Ilse Tönnies während einer Besprechung mit Wegener und
Christensen, zu der sie 1944 aus Berlin angereist war, dass das
Amt zur Betreuung ausländischer Truppen mehrere Werke des
Verlags in deren Sprachen beziehen wolle. Man war sich aber
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einig, dass »Vorsicht geboten« sei. Allenfalls eine begrenzte
Zahl von Werken sei dafür geeignet. Dazu zählten Titel wie
»Erasmus von Rotterdam« oder »Auguste Rodins Vermächtnis«.
Man wollte sich nämlich eine spätere fremdsprachige Ausgabe
nicht »dadurch unmöglich machen, dass wir jetzt Übersetzungen mit stark propagandistischem Zweck vorwegnehmen«.
In der Regel erschien Ilse Tönnies aber nicht als Neinsagerin, sondern als Bittstellerin im Propagandaministerium. Neben ideologisch begründeten Ablehnungen, die sie sich dort
immer wieder einhandelte, war es vor allem der zunehmende
Papiermangel, der dem Verlag in den Kriegsjahren zu schaffen
machte. Selbst eine amtliche Bewilligung war nicht viel wert,
wenn einfach kein Papier aufzutreiben war. Anfänglich halfen
die guten Beziehungen ein wenig, die Martinus Christensen zu
den skandinavischen Ländern hatte. Im Mai 1941 berichtete
er seinem Kompagnon, er habe bei einem Besuch in Kopenhagen je einen Buchdrucker, Buchbinder und Papierlieferanten
gesichert, »die vorzugsweise uns beliefern werden«. Ob das
auch tatsächlich gelinge, hänge allerdings noch von Verhandlungen zwischen den zuständigen staatlichen Stellen beider
Länder ab. »Die Papierfrage hier in Deutschland bleibt nach
wie vor katastrophal, indem einfach alles abgelehnt wird.« Es
sollte noch viel schlimmer kommen.
Im Herbst 1941 ließ Propagandaminister Goebbels ein
Schema für die Zuteilung von Druckpapier entwerfen, bei dem
die »Kriegswichtigkeit« der verschiedenen Produktionen das
entscheidende Kriterium für die Versorgung der Verlage und
Druckereien war. Wer Bücher in größerer Zahl verkaufen woll­
te, musste Mittel und Wege finden, um über die immer spärlichere Zuteilung hinaus an die benötigten Papiermengen zu
kommen. Dafür brauchte man die sogenannten Papierschecks.
Nur über diese Zuteilungsscheine konnte ein Verlag nach der
Genehmigung durch die »Wirtschaftsstelle Buch« in einem
komplizierten bürokratischen Verfahren eine Papierzuteilung
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erhalten. Dazu musste von mehreren staatlichen und militärischen Stellen die »Kriegswichtigkeit« eines Projekts bestätigt
werden. Es konnte mehrere Monate dauern, bis ein Verlag legal an die gewünschte Lieferung kam oder die jeweils genehmigte Menge seinen eigenen Vorräten entnehmen durfte. Wie
bei jedem planwirtschaftlichen System verlockte daher auch
die von Bürokraten gelenkte Kriegs- und Mangelwirtschaft
dazu, die komplizierten Zuteilungsverfahren zu umgehen und
die Behörden auszutricksen.
Von den geringen Mengen, die für die Buchproduktion zur
Verfügung standen, ging auch noch vieles in Flammen auf.
Über die Folgen eines schweren Angriffs auf Leipzig berichtete
Tönnies im Dezember 1943 nach Hamburg, dass außer dem
ebenfalls schwer getroffenen Reclam Verlag alle anderen Verlage total ausgebombt seien, ebenso die Kommissionäre, bei
denen die Bücher lagerten. Vernichtet seien auch sämtliche Papierlager. Die Katastrophe von Leipzig ändere daher vollkommen die Versorgungslage, da »nur noch ganz wenige Firmen
in Deutschland überhaupt Papier zugeteilt bekommen«.
Gesucht: Papier, Farbbänder, Manuskripte
Das wog umso schwerer, als vier Monate vorher Hoffmann und
Campe in Hamburg selbst schwere Verluste erlitten hatte. Die
beiden Spediteure, bei denen Papier gelagert worden war, und
der Buchbinder, bei dem unter anderem »Die Krise« sowie
»Europa und die Welt« auf ihre Fertigstellung warteten, waren
völlig ausgebrannt. Da half es wenig, dass man im Propagandaministerium eine Genehmigung und die notwendigen Papierschecks erhalten hatte – wenn das Papier nicht aufzutreiben
war, wenn es in bedrucktem oder unbedrucktem Zustand verbrannte, waren alle Anstrengungen vergeblich gewesen. »Diese Dampfwalze, die allmählich über alles hinweggeht, ist wirklich schrecklich«, schreibt Wegener an Ganske. »Es wird Zeit
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für Ihr Wunder, finde ich. Es muss bald kommen, sonst nützt
es nichts mehr. Aber wie immer nützt das Klagen nichts. Man
muss neue gute Bücher machen und alte gute nachdrucken,
sobald man irgend kann.«
Neben dem großen Problem Papiermangel gab es eine wach­
sende Zahl kleiner Versorgungsengpässe, die Daheim und den
Verlag ebenso plagten wie alle anderen deutschen Betriebe.
Sie machten die Arbeit nicht unmöglich, aber immer unerfreulicher. Man behalf sich und half sich gegenseitig, so gut es eben
ging. Ilse Tönnies fragte bei ihrem Verleger an, ob er ihr wohl
»etwas Durchschlagpapier« senden könne, weil die Kopien des
hundertfach verwendeten Kohlepapiers kaum noch zu entziffern waren – insbesondere wenn in der Not mit lila Durchschlagpapier auf rosa Seidenpapier geschrieben wurde. Ein
anderes Mal entschuldigte sie sich dafür, dass ihr Brief stellenweise kaum lesbar sei, »aber mein Farbband ist schon recht
schlecht, und ich darf noch kein neues abholen. Vielleicht
könnte ich eins aus Hamburg erhalten?« Diese Bitte zog sie später wieder zurück, da sie »inzwischen mit Hilfe eines uniformierten Bekannten eines aufgetrieben« hatte. Weiterhin teilte
sie stolz mit, dass es ihr gelungen sei, bei der Firma Stolzenberg eine Bestellung über Kartothekkarten, zwei Kästen und
Hefter vormerken zu lassen« – was noch lange nicht heißt, dass
sie das Büromaterial jemals bekommen hat. Ähnliche Bitten
tauchten auch in Wegeners Briefen an den Chef immer wieder
auf. Einmal bat sie ihn um die Beschaffung eines Füllfeder­
halters. In einem anderen Brief hoffte sie, dass er ihr vielleicht
ein paar Ablagemappen zukommen lassen könne, da sie ihre
Briefe, Konzepte, Notizen und die Berichte an ihn gern etwas
ordnen wolle.
Das Problem wurde offenbar gelöst, wie die runenartigen
Zeichen erkennen lassen, mit denen Kurt Ganske die eingehende Post zu verzieren pflegte. Eine Art Z, mit dickem Grünstift über eine Seite oder einzelne Absätze gemalt, bedeutete
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»noch zu erledigen« oder »als Termin eintragen«. War die Sache erledigt, kam ein zweiter Schrägstrich dazu, so dass aus
dem Z so etwas wie ein X wurde. Über der Bitte um Mappen
zum Beispiel prangt ein solches X. Doch damit war nur eines
der kleineren Probleme gelöst. Gegen den zunehmenden Mangel an Brennholz und Kohle, der nicht nur das Leben zu Hause
in den kalten Monaten immer ungemütlicher machte, sondern
auch die Arbeit im Büro erschwerte, konnte man im Laufe der
Kriegsjahre immer weniger ausrichten. Mit klammen Fingern
und Wollhandschuhen ließ sich nicht gut schreiben und redigieren.
Auch im privaten Bereich half man sich gegenseitig aus.
Harriet Wegener, die selbst eine starke Raucherin war, schickte
ihrem Chef immer mal wieder ein paar Zigaretten. Seine Frau
versorgte sie dafür mit Milchkarten, die auf dem Land nicht so
dringend gebraucht wurden wie in der Großstadt. Wurstpakete aus Hohenhaus füllten die leere Speisekammer gelegentlich ein wenig auf und waren angesichts der immer knapperen
Nahrungsmittelzuteilungen stets hochwillkommen.
Selbst der wichtigste Rohstoff eines Verlags, die Manuskripte,
wurde zur Mangelware. Irgendwie lösbar war da noch der Fall
eines Autors, der zwar sein handschriftliches Manuskript fertig­
gestellt hatte, es aber nicht abschreiben lassen konnte, weil er
kein Schreibmaschinenpapier besaß. Ernster zu nehmen war
die Klage von Ilse Tönnies, sie könne kaum noch Mitarbeiter
für wissenschaftliche Veröffentlichungen finden. Neben den
jüngeren Dozenten würden nun auch ältere Professoren eingezogen oder stünden kurz davor. Da hätten sie keine Lust, noch
Aufträge anzunehmen oder auch nur zu besprechen, klagt sie.
Im Dezember 1943 berichtet sie, dass es für sie immer schwerer
werde, ihrer Arbeit als Lektorin nachzugehen, weil sich »jeder
weigert, Manuskripte in luftgefährdete Gebiete zu senden«.
Das galt nicht nur für Berlin, sondern auch für Hamburg.
Angesichts der ständigen Bombenangriffe musste ein Autor
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fürchten, dass die Arbeit von Jahren in einer Nacht vernichtet
werden könnte. Viele besaßen nur ein handschriftliches Exem­
plar. Fotokopien oder andere Speichertechniken waren damals noch nicht verfügbar. Selbst wenn ein Manuskript mit der
Schreibmaschine geschrieben worden war, gab es bestenfalls
eine oder zwei schlecht lesbare Kopien auf dünnem Papier. Die
konnte man bei Alarm mit in den Luftschutzkeller nehmen.
Aber selbst da waren sie gefährdet.
Dass die Furcht vor einem Verlust nicht unbegründet war,
geht aus einem Bericht von Harriet Wegener hervor, der aus
dem gleichen Monat wie der Hilferuf Ilse Tönnies’ stammt.
Das Manuskript zu »Herrlich ist die Erde« sei verbrannt, notiert sie. Möglicherweise habe Tönnies in Berlin ein Duplikat
gehabt, sie könne es aber nicht finden. Ihre einzige Hoffnung
bestehe darin, dass es zusammen mit anderen wichtigen Papieren, Archivmaterial und Manuskripten nach Hohenhaus ausgelagert worden sei. Dorthin wurde aus Hamburg und Hannover während des Krieges kistenweise unersetzliches Material
evakuiert – immer in der Hoffnung, dass es nicht unterwegs im
Postlager oder Zug verbrannte. Im Keller des Gutshauses war
die Chance größer, Manuskripte, Fotos oder deren Negative
über den Krieg zu retten als in den vom Bombenkrieg heimgesuchten Großstädten. Doch es war schwierig, in den hastig zusammengepackten Kartons einzelne Dokumente bei Bedarf
wiederzufinden.
Tönnies selbst hatte Glück im Unglück. Einer Freundin in
Leipzig hatte sie nicht nur Silber und wertvolles Porzellan zur
sicheren Aufbewahrung anvertraut, sondern auch ein noch
unveröffentlichtes Manuskript, an dem sie lange gearbeitet
hatte. Sie hoffte, dass es in Leipzig sicherer aufgehoben sei als
in Berlin. Doch das Haus wurde bei einem Angriff schwer getroffen. Die Freundin und ihre Mutter kamen nur knapp mit
dem Leben davon. Silber und Porzellan waren verloren. Das
Manuskript dagegen blieb unbeschädigt. Die Freundin hatte
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es am Tag vor dem bis dahin schwersten Angriff auf die sächsische Stadt zu Verwandten aufs Land gebracht.
Wie schwierig es geworden war, unter den herrschenden Ver­
hältnissen weiterzuarbeiten, macht auch ein Vorschlag deutlich, den Harriet Wegener ihren Verlegern ein Jahr vor Kriegs­
ende unterbreitete. Sie fragte, »ob wir nicht gewisse Bücher
auch ohne Papierbewilligung setzen und notfalls matern lassen wollen, trotz der Mehrkosten, als Kapitalanlage. Es müssen
natürlich Bücher sein, von denen man annimmt, dass sie auch
nach dem Krieg gut gehen.« Allerdings fielen geeignete Manu­
s­kripte oder bereits gematerte Texte immer wieder Bombenangriffen zum Opfer.
Es verschwanden oder verbrannten nicht nur Manuskripte,
sondern es wurden auch immer weniger Texte zu Papier gebracht. Von Jahr zu Jahr gestaltete sich die Suche nach geeigneten Autoren schwieriger. »Niemand hat mehr die Ruhe und
die Konzentration, und von den Jüngeren werden immer mehr
eingezogen«, klagte Tönnies 1943. Viele der bewährten Autoren kamen auf den Schlachtfeldern um. Andere wurden Opfer
des Bombenkrieges. So machte sich Harriet Wegener wenige
Monate vor Kriegsende große Sorgen um ihren Autor Walter
Erben. Er hatte einen schweren Bombenangriff überlebt, aber
der Staub der zertrümmerten Häuser hatte seine Lungen so
sehr geschädigt, dass er in einem Lazarett an der niederländischen Grenze behandelt und mit Morphium versorgt werden
musste. Seit es dort zu Gefechten gekommen war, hatte man in
Hamburg kein Lebenszeichen mehr von ihm erhalten.
Eine Nacht in der Hölle
Um dennoch neue Autoren zu finden, resignierende zu ermutigen, sich nach dem Stand der Arbeit zu erkundigen und neue
Pläne zu besprechen, machte Ilse Tönnies auch während des
Krieges regelmäßig Rundreisen zu den von ihr betreuten Mit79
arbeitern des Verlags. Selbst im vierten Kriegsjahr verzichtete
sie nicht auf diese Autorenbesuche, obwohl »auf Reisen keine
Dispositionen mehr möglich sind und man von tausend Zufällen und widrigen Umständen abhängig ist«.
Es war ein besonders widriger Zufall, dass Tönnies bei einer
ihrer Motivationstouren im Juli 1943 ausgerechnet in der Nacht
in Köln war, als die Stadt einen Angriff erlebte, der alle vorherigen Bombardements als kleine Vorübungen erscheinen ließ.
Sie hatte in der Domstadt übernachten müssen, weil sie in
Bonn, wo sie einen ihrer Schützlinge hatte treffen wollen, keine
Unterkunft gefunden hatte. Statt in Köln hätte sie allerdings
auch gleich in der Hölle nächtigen können. Über Harriet Wegener erfuhr Kurt Ganske, wie Ilse Tönnies jene Nacht erlebte
und überlebte: »Sie konnte sich aus dem Keller des brennenden
Hotels ›Zur ewigen Lampe‹ eben noch auf den Platz davor retten, wo sie sich von zwei Uhr nachts bis morgens um sieben
Uhr aufhalten musste, weil die Seitenstraßen lichterloh brannten. Ihr ganzes Gepäck ist verbrannt. Sie fuhr ohne Hut und
Gepäck auf dem Dampfer nach Bonn, da die Eisenbahn ausfiel,
und brachte sich bei Prof. Rothacker halbwegs in Ordnung.
Jetzt liegt sie in Berlin im Bett. Ihre Augen waren angegriffen
von den Phosphordämpfen.«
Tönnies blieb nicht lange im Bett, obwohl ihr das Maschineschreiben noch schwerfiel. »Die Schrecknisse dieser schauri­
gen Kölner Nacht können ja nicht spurlos verwischen. Wenn
Ihnen in Hamburg und uns in Berlin noch bevorsteht, was ich
in der Nacht durchgemacht habe, dann wird wohl nicht viel
Brauchbares von uns übrigbleiben«, schrieb sie an Christensen.
Nach dieser hellsichtigen Bemerkung ging sie zum Geschäftlichen über und berichtete dabei auch über die letzte Station
ihrer Reise. Die Fahrt nach Bonn habe sie ihren »erschöpften
Kräften noch abgerungen, denn es hätte mich zu sehr gekränkt, wenn nicht das Wesentlichste meiner Reise erledigt
worden wäre«.
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Obwohl trotz solcher Erlebnisse in Hamburg und Berlin so
gut es ging nach dem Prinzip business as usual verfahren wurde,
litt die Verlagsarbeit immer stärker unter den Folgen des
Krieges. Schon im Mai 1941 hatte Wegener nach Berlin berichtet, dass es einige Nächte lang sehr ungemütlich gewesen sei.
»In der letzten Alarmnacht hat es uns die Haustür herausgerissen und einige Fenster zertrümmert.« Das war sehr zurück­
haltend ausgedrückt. Da das Haus im Papenkamp nicht unterkellert war und Harriet Wegener und ihre alte Mutter sich nur
mit ihren Bettdecken schützen konnten, wenn es in der Nähe
krachte, müssen den beiden die Splitter um die Ohren geflogen sein, als die Scheiben platzten. Wegen Blindgängern im
Garten war der Zugang zum Haus tagelang gesperrt, was das
Leben ebenso erschwerte wie der Mangel an Handwerkern, die
die Schäden am Haus hätten beheben können. Deshalb entschuldigte sich Harriet Wegener dafür, dass sie mit der letzten
Überarbeitung einer deutsch-italienischen Übersetzung nicht
so schnell vorankam, wie sie gehofft hatte.
Nachdem es in den ersten Kriegsjahren noch relativ ruhig
geblieben war, traf der Bombenkrieg 1943 auch die Hansestadt mit voller Wucht. Wenige Tage nach dem Kölner Horror
ging am 24. Juli über Hamburg ein Feuersturm hinweg, wie
ihn kaum jemand in der Stadt für möglich gehalten hatte.
Doch schon zwei Tage später schaffte es Harriet Wegener, ihrem Chef einen ersten Bericht über das Ausmaß der Zerstörungen zu schicken – ungewiss, ob ihn die Nachricht überhaupt erreichen werde: »Wir haben Glück gehabt, wir und das
Haus sind heil, aber Herr Christensen ist völlig ausgebrannt.«
Das galt auch für zwei Mitarbeiter, über deren Schicksal sie
schon etwas in Erfahrung bringen konnte. Um festzustellen,
ob der Verlag und die Grüne Mappe noch standen, war Wegener mit dem Rad in die Innenstadt gefahren, zweimal von
erneutem Bombenalarm unterbrochen. Als sie das Büro erreichte, das damals die Adresse Alsterufer 16 hatte, war schon
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wieder Alarm, die meisten Leute im Keller und die Tür zu den
Büroräumen verschlossen. Aber immerhin existierte das Haus
noch. Sie wollte an diesem Tag eigentlich auch noch zur Grünen Mappe radeln, was aber bei dem andauernden Tages­alarm,
vereinzelten Bombenabwürfen und fortwährendem Flakfeuer
zu viel Zeit gekostet hätte. Wie sich später herausstellte, hielten
sich wie durch ein Wunder auch beim Lesezirkel die Schäden
in Grenzen. Sie bat Ganske um Verständnis, dass sie während
der nächsten zwei Tage »das Experiment einer Fahrt in die Innenstadt« nicht wiederholen wollte. Der etwa zehn Kilometer
lange Weg führte nämlich »mitten durch die übelste Gegend.
Bahrenfeld und Altona. Es gibt da eigentlich nur Trümmer.«
Dennoch war Harriet Wegener schon am nächsten Tag erneut im Verlag. Am 27. Juli schrieb sie ihrem Verleger, von dem
sie nicht wusste, ob, wann und wo er ihre Briefe erhalten würde:
»Ich nehme an, dass Sie schon Verschiedenes über den furchtbaren Angriff auf Hamburg in der Sonnabendnacht gelesen
haben, ein Angriff, der auch in dieser Stunde noch nicht aufgehört hat. Die Verwüstungen sind beispiellos; ein Drittel von
Hamburg-Altona ist ein Trümmerhaufen, und das Bild der Innenstadt ist trostlos. Man muss dort dauernd in einer dicken
Staubwolke gehen.« Gas, Wasser und Elektrizität gab es nur in
Ausnahmefällen. Die meisten Telefonverbindungen waren gekappt, die öffentlichen Verkehrsmittel funktionierten nicht
mehr. Es war kaum möglich, mit Verwandten, Bekannten oder
Kollegen aus der Firma Verbindung aufzunehmen, um zu erfahren, ob sie den Feuersturm überlebt hatten. Deshalb machte
sich Harriet Wegener auch am nächsten und übernächsten
Tag wieder per Fahrrad auf den Weg, um festzustellen, ob vom
Verlag und Lesezirkel nach weiteren schweren Angriffen etwas
übriggeblieben war.
Bis sie ihr Ziel erreicht hatte, musste sie sich jedes Mal durch
dicke Staubwolken und beißenden Qualm kämpfen. Sie musste
ihr Rad über Trümmerberge schieben und Bombenkratern
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ausweichen. Dabei kam sie einmal nur knapp mit dem Leben
davon. Passanten bewahrten sie im letzten Moment durch laute
Warnrufe davor, auf ein am Boden liegendes Starkstromkabel
zu treten. Aber sie schaffte es, bis in die Innenstadt zu kommen, und begann zwei Tage nach dem Inferno zusammen mit
einer Sekretärin und einem Boten, die ebenfalls schon wieder
zum Dienst erschienen waren, mit den Aufräumarbeiten. »Ich
versuche, einige Stunden so gut wie möglich die evtl. vorkommenden wichtigen Aufgaben zu erledigen. So lange die Angriffe andauern – Tag und Nacht gehen die Sirenen –, ist natürlich an einen normalen Geschäftsgang nicht zu denken.«
Sie bat zugleich um Verständnis, wenn sie nicht immer den
ganzen Tag im Büro verbringe, sondern stattdessen »ein wenig
Arbeit« mit nach Hause nehme. Auch dafür, dass sie »einige
der früher besprochenen Dinge zurzeit etwas willkürlich und
langsam in Angriff nehme«, bat sie Ganske um Nachsicht.
Vier Tage später versuchte sie erneut, den Chef über die
Lage in Hamburg zu informieren: »Ich weiß zwar weder, ob Sie
leben, noch ob Sie dieser Brief erreicht, da ja auch in Hannover ein schwerer Angriff war.« Doch sie hatte immerhin ein
paar gute Nachrichten. Nach der dritten großen Angriffswelle
hatte sie es endlich geschafft, bis zur Grünen Mappe vorzudrin­
gen. Obwohl es ringsherum immer noch brannte, ragte das
Chilehaus weitgehend unversehrt aus den Trümmerbergen heraus. Nur die Scheiben waren infolge des enormen Luftdrucks
zerborsten.
Es dauerte oft lange, bis diese Briefe den Adressaten erreich­
ten. Daher wussten Kurt Ganske und Ilse Tönnies, die sich Anfang August in Berlin zu einer Besprechung trafen, zu diesem
Zeitpunkt immer noch nicht, ob ihre Kollegen und der Partner
das Inferno überlebt hatten. »Nach unserer traurigen Unter­
redung … sind nun wieder Tage vergangen und noch immer
keine Spur von Herrn Christensen, noch von den anderen Mitarbeitern des Verlags«, schrieb Tönnies verzweifelt an Ganske.
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Auch von Frl. Dr. Wegener habe sie keine Nachricht. »Wenn Sie
nicht inzwischen etwas von Ihrem Mitarbeiter hörten, der nach
Hamburg ging, entschwindet mir bald die letzte Hoffnung.«
Doch dieser Mitarbeiter konnte ihr in einem Brief vom 6. August immer noch nichts Konkretes über das Schicksal des Verlags und seiner Mitarbeiter berichten. Im Gegensatz zu Harriet Wegener hatte er es nicht geschafft, sich bis zum Alsterufer
durchzukämpfen.
Am 9. August versuchte es Harriet Wegener mit einem Telegramm: »Christensen ausgebombt … wahrscheinlich in Dänemark.« Doch auch diese Nachricht kam nie in Berlin an.
Martinus Christensen hatte sich ebenfalls sofort bemüht,
seinem Partner ein Lebenszeichen zu geben. Da er weder telefonisch durchkam noch ein Telegramm abschicken konnte,
versuchte auch er es mit einem Brief – der aber erst Wochen
später ankam. Noch während des Angriffs, »der zu dieser
Stunde noch nicht aufgehört hat«, teilte er darin mit, »dass das
Alsterufer 16 noch intakt ist«. Er selbst habe seine Wohnung
mit allem, was darin war, verloren. Auch die Mitarbeiter Ketelsen und Fusz seien total bombengeschädigt. Vier Tage später
folgte ein zweiter Brief an Ganske. »Da Hamburg eine Ruinenstadt ist und mit weiteren Großangriffen gerechnet wird, um
noch den Rest der Stadt zu zerstören, verlasse ich heute Hamburg. Ich will versuchen, mit meiner Frau zu meinen Verwandten in Nordschleswig zu kommen. Sobald sich die Lage in Ham­
burg beruhigt hat – ich rechne mit 8 bis 14 Tagen –, werde ich
sofort wieder hier sein.«
Mit Hammer, Besen und Schaufel
Die Hoffnung, dass sich die Lage wieder bessern werde, erfüllte sich nicht. Das Gegenteil war der Fall, wie ein Lagebericht zeigt, den Harriet Wegener Ende August ihrer immer
noch von Angst und Ungewissheit geplagten Kollegin nach
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Berlin schickte. Da man mit den überfüllten öffentlichen Verkehrsmitteln ein paar Stunden brauche, fahre sie nach wie vor
mit dem Fahrrad in den Verlag, was aber sehr anstrengend sei,
schreibt sie. »Besonders die ersten Male (ich war nach jedem
Angriff dort) war es eine ziemliche Tortur, denn vom Stadt­
gürtel an verschwand die Sonne in Staub und Rauchwolken, so
dass man manchmal absteigen musste, weil man seinen Weg
nicht sah. Die Häuser brannten zum Teil noch, die Straße lag
so voll Glas, dass man das Rad häufig tragen musste.« Die fast
unersetzlichen Reifen und Schläuche durften nicht zerschnitten werden. Ständige Tagesalarme zwangen Wegener dazu, in
»irgendwelche grässlichen Keller zu gehen«, und hinderten sie
daran, all das zu erledigen, was sie sich für den Tag vorgenommen hatte. Ihr Weg in die Innenstadt führte sie durch die besonders schlimm getroffenen Stadtteile Bahrenfeld und Altona.
»Durch diesen Gürtel des Grauens musste man sich jedes Mal
durcharbeiten.« Der Anblick erinnerte sie an die Bilder von
Sta­lingrad in der Wochenschau. »Es gibt da eigentlich nur
Trümmer.«
Beim Verlag hatte sie zunächst vor verschlossenen Türen gestanden, da weder Christensen noch sonst jemand anwesend
war. Sie radelte dann weiter zur Grünen Mappe, um auch dort
nach dem Rechten zu schauen. Erst als Wegener nach der dritten großen Angriffswelle abermals in die Stadt fuhr, um nachzusehen, ob der Verlag immer noch existierte, fand sie eine
durch den Luftdruck aufgesprengte Tür und konnte sich in
den Räumen umschauen. In Christensens Büro waren alle
Scheiben zerborsten. Aus den meisten anderen Fenstern war
das Glas ebenfalls herausgeflogen. Und »es war kein Stück
Pappe, kein Hammer, kein Nagel, kein Besen zu finden. Dass
außer Frau Wille niemand mehr da war, wusste ich nicht … Ich
rückte die Schreibtische weg, rollte den Teppich auf, nahm die
weißen Gardinen herunter und ließ das Verdunklungsrollo
herunter, um den Regen abzuhalten. Mehr konnte ich im Au85
genblick nicht tun. Bei einem meiner nächsten Besuche gelang
es mir aber, Verbindung mit Frau Wille zu bekommen. Wir verabredeten uns, haben Ordnung geschafft und alles reingemacht. Vorher hatte ich erreicht, dass von der Grünen Mappe
Leute herüberkamen, welche die Fenster abgedichtet haben.
Außerdem haben wir Bücher, Akten, das Archiv und überhaupt
so viel wie möglich in die Schränke gestopft gegen den infernalischen Staub und Dreck. In Hamburg läuft ja immer noch
kein Wasser, so dass man nach solchen Arbeiten dreckig, wie
man ist, nach Flottbek radeln muss. Außerdem musste man
Schaufel, Besen, Staubtuch und Hammer mitbringen … Frau
Wille hat nach Aufforderung ganz nett geholfen. Im Allgemeinen litt sie aber an der allgemeinen Krankheit, der Stimmung:
Es hat ja doch keinen Zweck, beim nächsten Angriff geht doch
alles entzwei. Es ist eine Stimmung, gegen die ich überall angekämpft habe. Warum das wenige Gerettete auch noch verkommen lassen?«
Der Verlag war ähnlich wie die Grüne Mappe wieder einmal
davongekommen – allerdings bot sich ringsherum ein grauenhaftes Bild. Um ihrer Kollegin Tönnies eine Vorstellung von
der Lage in Hamburg zu geben, nannte Harriet Wegener ihr
Zahlen, die offiziell nicht veröffentlicht werden durften. »Von
dem Maß der Zerstörung machen Sie sich schwerlich einen Begriff. Obdachlose haben wir zwischen 800 000 und einer Million,
Tote zwischen 65 000 und 100 000. Beides sind Schätzungen
aus sehr guter Quelle.« Die Briefkästen seien zwar weiterhin
entleert, die Post aber fast vier Wochen lang nicht zugestellt
worden, schreibt sie. Es gäbe daher keine andere Möglichkeit,
als nach jedem Angriff mit dem Rad durch die Stadt zu fahren,
um persönlich nachzusehen, ob Freunde, Bekannte oder Kollegen noch lebten. »Ich weiß noch heute von vielen Menschen
nicht, wo sie sind. Unzählige suchen ihre Angehörigen.«
Heute wissen wir, dass die Schätzungen »aus guter Quelle«
unter dem Eindruck des Grauens zu hoch gegriffen waren.
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Aber wir wissen auch, dass allein zwischen dem 24. Juli und
dem 3. August 1943 im Rahmen der Operation Gomorrha
­sieben schwere Bombenangriffe stattfanden, bei denen über
32 000 Menschen umkamen und 263 000 Wohnungen zerstört
wurden.
Es gab jedoch auch Positives zu vermelden: »Die Verpflegung
war sehr gut. Milch und Gemüse oder Obst gab es reichlich.«
Wer die Zeit hatte, in der Stadt herumzufahren, konnte sogar
»phantastisch einkaufen. Aber ich gehörte nicht zu den Glücklichen. Nur den relativen Obst- und Gemüsereichtum habe ich
dazu benutzt, noch etwas einzumachen, da ich ja im Winter für
vier bis fünf Personen statt für zwei bis drei sorgen muss.« Das
bezog sich auf die Ausgebombten, die in ihr bis dahin nur wenig beschädigtes Haus eingewiesen wurden. Zur allgemeinen
Stimmung merkte sie an, sie sei »erstaunlich ruhig. Die Ausgebombten, auch die, denen Frau und Kinder in den Armen gestorben sind, gehen ruhig an ihre Arbeit.« Viele seien geflohen,
daneben erlebe man aber immer wieder Beispiele »von außergewöhnlichem Pflichtgefühl«.
Die Sekretärinnen des Verlags zeigten ebenfalls Nerven
und Pflichtgefühl – und was Menschen zu ertragen in der Lage
sind: »Fräulein Fusz und Frau Wille sind noch in dem Zustand,
dass sie jede Nacht bis drei Uhr im Bunker auf Holzbänken sitzen. Sie kommen aber trotzdem regelmäßig morgens brav zur
Arbeit.« Zu Christensens Adresse konnte sie der Kollegin nur
mitteilen, wo er in Dänemark unterkommen wollte. Sie konnte
vor seinem Weggang nicht mehr mit ihm sprechen, und er
hatte ihr auf seinem Schreibtisch auch keine Anweisungen
oder Nachrichten hinterlassen.
Dieser Brief erreichte Ilse Tönnies offenbar ebenso wenig
wie das Telegramm. Deshalb verstand Harriet Wegener zunächst auch nicht, warum drei Wochen nach den Bombardements erneut ein völlig verzweifeltes Schreiben aus Berlin eintraf. »Wir sind doch alle hier seit mehr als einer Woche wieder
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in Arbeit«, antwortete sie, als hätte es sich nur um einen kleinen Zimmerbrand gehandelt. Zwar habe sie sich in den ersten
Tagen vor allem um die Ausgebombten kümmern müssen und
sei dann herumgefahren, um festzustellen, »was an Druckereien und Spediteuren noch heil war«. Aber jetzt lese sie schon
wieder Manuskripte. Tönnies war endlich beruhigt. Sie hatte
schon versucht, sich ein Auto zu beschaffen, um selbst in Hamburg nachzusehen, was aus dem Verlag und den Menschen geworden war, »weil ich mir schon die schlimmsten Bilder vorstellte und kaum noch schlief«.
Kurt Ganske dagegen schaffte es schließlich, nach Hamburg zu kommen. Er ließ sich von Harriet Wegener und Filialleiter Nicodemus, dem Chef der Grünen Mappe, über die noch
bestehenden Arbeitsmöglichkeiten im Verlag und in der Zentrale des Lesezirkels informieren und besuchte die Außenstellen. Mit einem noch brauchbaren Lieferfahrzeug fuhr er am
13. August durch die Ruinenlandschaft, die von der Hansestadt
übriggeblieben war. Er wollte einen Eindruck vom Ausmaß der
Zerstörung gewinnen und prüfen, wie eine Zustellung der
Mappen an die noch bestehenden Adressen organisiert werden
könnte. Harriet Wegener versuchte, ihm Mut zu machen. Das
Bild, das er gewonnen habe, sei wohl schlimmer als die Realität.
»Es werden doch viele, die ausgebombt sind, Leser bleiben.«
Ilse Tönnies wird es nicht schwergefallen sein, sich eine Vorstellung von der Hölle zu machen, durch die die Hamburger
während der tagelangen Angriffe gegangen waren. Sie hatte
nach Köln auch in Berlin schon manchen Angriff erlebt. Erst
war ihre gesamte Hauswäsche in der Waschanstalt verbrannt,
dann das in Leipzig untergestellte Porzellan und Familiensilber vernichtet worden. Ihre Wohnung in Wilmersdorf wurde
zweimal getroffen, ehe sie völlig ausgebombt wurde. Vier Wochen nach den Angriffen auf die Hansestadt musste sie selbst
eine »Bombennacht im Stile Hamburgs« durchstehen. Anders
als dort durfte sie sich aber nicht wenigstens kurzfristig über
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eine »phantastische Versorgung« freuen, sondern lebte mit ihrer Familie tagelang von rohen Haferflocken. Doch fast noch
mehr als um ihre Angehörigen sorgte sie sich um den Fortbestand des Verlags. Sie lebte in der ständigen Angst, dass mit
den Büroräumen auch sein geistiges Vermögen in Flammen
aufgehen könnte. Es trieb sie die Sorge um, dass Manuskripte
und Adressen, die sorgsam aufgebaute Kartothek, wertvolle Fo­
tos und deren Negative, in Kriegszeiten kaum wiederbeschaffbare Bücher und Nachschlagewerke ein Raub der Flammen
werden könnten. Immer wieder beschwor sie Christensen und
Ganske, das Berliner Lektorat ebenso wie den Verlag in Hamburg zu evakuieren. Sie bettelte geradezu darum, Mitarbeiter
und Archive in kleineren und – wie sie meinte – sichereren
­Orten unterzubringen.
Doch Christensen hatte ihre Vorschläge immer wieder
­ab­­gelehnt. »Ich würdige selbstverständlich Ihre Bedenken«,
schrieb er ihr schließlich im September 1943 nach Berlin.
»Aber trotz allem ist an meinem Entschluss, hierzubleiben,
nicht mehr zu rütteln.« Er war zu diesem Zeitpunkt überzeugt,
dass es »keine Gegend in Deutschland gibt, die sicher ist«. Er
verwies auf die vielen Evakuierten, die die Stadt panikartig verlassen hätten, es aber inzwischen bitter bereuten, da sie es
draußen auf dem Land nicht lange aushielten, schlecht versorgt würden und keine Bleibe finden könnten. Bei einer
Flucht müsse man damit rechnen, dass es in den nächsten fünf
bis zehn Jahren keine Chance für eine Rückkehr geben werde.
»Ich will ehrlich bekennen, dass ich nicht die geringste Lust
verspüre, diese Jahre meines Lebens in irgendeinem kleinen,
langweiligen Ort zuzubringen.« Der Ausgebombte, der nach
wenigen Wochen aus dem sicheren Dänemark zurückgekehrt
war, harrte lieber inmitten der Trümmer Hamburgs aus.
Tönnies musste sich fügen – und tat es dennoch nicht. »Es
lässt mir keine Ruhe, dass das gesamte Material des Verlags,
das Hamburger und das Berliner, auf Messers Schneide steht,
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das eine in einer Stadt, die schwerstgeschädigt und noch nicht
aus der Gefahr ist, das andere in einer, die unter der unmittelbarsten und schwersten Bedrohung steht«, schrieb sie schließlich Christensen. »Nach dem totalen Schweigen aus Hamburg,
das Herrn Ganske und mir die größten Sorgen machte, habe
ich das Berliner Material in einem Tempo, bei dem es kaum
Atem und Schlaf gab, zusammengepackt und geordnet.« Einen
Teil hatte sie im Zentrum untergestellt, einen anderen in ihrem neuen Domizil in Berlin-Nikolassee in den Keller geschafft. »Ich arbeite mit dem nötigsten Material aus einem Koffer, den ich jeden Tag sprungbereit halte.« Das hatte sich inzwischen auch Harriet Wegener angewöhnt, die ebenfalls »jeden
Abend einen größeren Koffer packt«.
Ilse Tönnies war froh, eine Möglichkeit gefunden zu haben,
ihren Arbeitsplatz aus der besonders gefährdeten Innenstadt
in einen Vorort zu verlegen, der dem Bombenhagel nicht so
heftig ausgesetzt war. Ein anderer Verlag war dem an alle Einwohner gerichteten Aufruf der Behörden gefolgt, die Stadt so
schnell wie möglich zu verlassen. Der Verlagsleiter hatte ihr
­angeboten, seine Villa in Nikolassee während der Zeit der
schwersten Bedrohung zu beziehen. Das war eine Chance, die
Tönnies sofort ergriff – ohne vorher in Hamburg nachzufragen und ohne zu ahnen, welche Folgen das später für sie haben
sollte.
Der Geheimplan
Trotz der mit Pappe vernagelten Fenster und der ständigen
Angst vor neuen Bombardements wurde in Berlin und Hamburg nicht nur darüber nachgedacht, wie man neue Buchprojekte durch die Zensur bringen, verbrannte Bücher nachdrucken und dafür Papier beschaffen könne oder welche Literatur
wohl für die Zeit nach dem Krieg geeignet sei. Harriet Wegener
hatte daneben auch noch einen »Geheimauftrag«. Auch Ilse
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Tönnies arbeitete daran mit, allerdings ohne genau zu wissen,
worum es dabei wirklich ging.
Kurt Ganske hegte nämlich die Absicht, aus dem Buchverlag Hoffmann und Campe auch einen Zeitschriftenverlag zu
machen. Vielleicht war dies von Anfang an ein Motiv für den
Erwerb der Beteiligung an HoCa gewesen. Möglicherweise war
es sogar das wichtigste Ziel. Denkbar, dass ihm der Gedanke
auch erst später gekommen ist. Seinen Kompagnon Martinus
Christensen jedenfalls weihte er bis Ende des Krieges nicht in
diese Pläne ein. Dafür, dass er sich bei seiner Beteiligung an
Hoffmann und Campe von vorneherein mehr vorgenommen
hatte, als nur Bücher zu produzieren, spricht aber eine Klausel
im Vertrag. Danach war keiner der beiden Partner verpflichtet,
sich an neuen Projekten zu beteiligen, wenn er dazu aus finanziellen oder anderen Gründen nicht bereit oder in der Lage
war. Der Kauf eines Zeitschriftenverlags war ein solcher Fall. Er
hätte die Möglichkeiten von Martinus Christensen bei weitem
überschritten.
Harriet Wegener dagegen wurde schon früh in die Pläne ihres Chefs eingeweiht und dafür eingespannt. Ihr gab er den
Auftrag, sich diskret nach geeigneten Objekten – wie etwa dem
Türmer – umzusehen. Was er ihr mündlich schon gesagt hatte,
schärfte er ihr Anfang September 1943 noch einmal schriftlich ein: »In der Türmer-Angelegenheit bzw. überhaupt in der
Zeitschriftenfrage liegt mir vor allen Dingen daran, dass Lesezirkel- und Zeitschriftenverlegerkreise, die mit Lesezirkeln zu
tun haben, nichts über meine Absichten erfahren. Ich bin mir
darüber klar, dass auf die Dauer keine Sicherheit gegeben ist,
mein Vorhaben zu verheimlichen. Ich bin aber bemüht, mich
so zu verhalten und die eingeweihten Personen zu einem gleichen Verhalten zu veranlassen, dass die interessierten Kreise
nicht informiert werden. Wenn nun also von Ihnen mit Persönlichkeiten über Zeitschriftenvorhaben des Hoffmann und
Campe Verlags gesprochen wird, ohne dass ein Zusammen91
hang mit dem Lesezirkel bzw. mit mir besonders erwähnt wird,
so sehe ich eigentlich keine Bedenken, es sei denn, es handelt
sich bei den Persönlichkeiten um Fachleute, die das Gebiet
und die Zusammenhänge übersehen.«
Im Klartext: Kurt Ganske suchte nach eigenen Zeitschriften
für seine Lesemappe. Er wollte nicht auf Dauer vom Wohlwollen anderer Verleger abhängig sein. Die Sorge, dass sie ihn
­irgendwann nicht mehr beliefern oder ihre Preise so erhöhen
könnten, dass das Geschäftsmodell des Lesezirkels nicht mehr
funktionieren konnte, trieb ihn zeitlebens um. Er wollte natürlich nicht, dass ein verkaufswilliger Zeitschriftenverleger dieses
Motiv von vorneherein durchschaute. Das wäre preistreibend
gewesen. Noch weniger wollte er, dass seine Pläne vorzeitig in
der Branche bekannt wurden. Das hätte sie schnell zunichte
machen können. Denn dass sich bei den Konkurrenten sofort
Widerstand formieren würde, war so sicher wie das Amen in
der Kirche. Sie hätten nicht tatenlos zugesehen, wie die ohnehin überragende Stellung von Daheim weiter ausgebaute
wurde. Eine Intervention bei der dem freien Wettbewerb ohnehin abholden Reichsschrifttumskammer hätte Kurt Ganskes
Bemühungen um mehr Unabhängigkeit und Diversifikation
­sicherlich schon im Keim erstickt.
Trotz aller Geheimhaltung ließ es sich nicht vermeiden, Ilse
Tönnies in die Suche nach geeigneten Objekten einzuschalten.
Berlin war nicht nur die Hauptstadt des Reiches, sondern auch
Mittelpunkt der Zeitschriftenproduktion. Dort war am ehesten
ein geeignetes Objekt zu finden. Da Tönnies aber nicht wirklich eingeweiht wurde und das eigentliche Ziel nicht kannte,
war sie nur halbherzig bei der Sache. Sie suchte eher nach Zeitschriften, die zur literarischen Tradition des Verlags passten
als in die Mappe eines Lesezirkels und entwickelte zum Missfallen von Ganske und Wegener eigene Pläne, mit denen deshalb wenig anzufangen war. Aus diesem Grund wurde Harriet
Wegener Anfang Oktober 1943 etwas deutlicher. Sie erklärte
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der Berliner Kollegin, dass man bei der Zeitschriftenfrage unbedingt weiterkommen müsse, zum einen, »weil Herr Ganske
sie mir als Dringlichstes ans Herz gelegt hat«, zum anderen,
»weil mir eine durch den Lesezirkelabsatz gesicherte Zeitschrift
tatsächlich für den Verlag in den schweren Zeiten, denen wir
entgegengehen, etwas sehr Positives zu sein scheint«. Doch es
half nichts. Ilse Tönnies muss aus Berlin melden, dass ihre Bemühungen auf diesem Gebiet bisher fruchtlos geblieben waren.
Niemand wolle verkaufen. Nach der Katastrophe von Leip­zig
glaubte sie außerdem, dass es nur noch Papier »für Zeitschrif­
ten mit staatlicher Initiative« geben werde, also für Propagandablätter.
Ein Hauch von Merian
Harriet Wegener selbst war auch unschlüssig, welche Blätter
überhaupt in Frage kommen könnten. Eine Zeitschrift wie Der
Goldene Born fand sie für den Geschmack des damaligen Publikums »zu brav, gesinnungstüchtig und innerlich«. Man müsse
es zu einem Mittelding zwischen ihm und der Deutschen Rundschau machen, sinnierte sie. Am Türmer hatte ihr ein Beitrag
über Heine missfallen, »der an unsachlichem Antisemitismus
nichts zu wünschen übrig ließ«. Der Gedanke einer Romanzeitschrift, die aber nicht Schnulzen drucken, sondern zu
einem Blatt wie der Europäischen Literatur ausgebaut würde, in
der Besprechungen erscheinen sollten und die auf junge Au­
toren aufmerksam machen würde, gefiel ihr dagegen sehr.
Doch das war sicher auch nicht das, was Kurt Ganske für seine
Lesezirkel­mappen suchte.
Obwohl der Bombenkrieg kein Ende nahm und bis zur Kapitulation kaum ein Tag verging, an dem die Arbeit oder der
Schlaf nicht mehrfach durch Luftalarm unterbrochen wurde,
schmiedeten Kurt Ganske und Harriet Wegener weiter an Zukunftsplänen. Dabei deutete sich schon an, welche Richtung
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der Verleger einschlagen wollte – und es nach dem Krieg mit
seinem Jahreszeiten Verlag auch tatsächlich tat. Bei Konferenzen in Hohenhaus, in Telefonaten und Briefen wurden bereits Titel genannt, wenn es um die Zeitschriftenpläne ging. In
einer Zeit, in der Millionen Familien Heim und Heimat verloren hatten und täglich weitere Wohnungen in Schutt und
Asche fielen, diskutierten Ganske und Wegener unverdrossen
über einen Titel wie Die Frau und ihr Heim und darüber, wie ein
solches Blatt ein ganz eigenes Gesicht bekommen könnte. Sie
machten sich Gedanken, wie man sich vom genormten Bildmaterial der Agenturen durch die Beschäftigung eigener Fotografen unabhängig machen könne, die zeitnah und in direk­
tem Zusammenhang mit den geplanten Themen nach Motiven
suchen sollten – und zwar »unter dem Gesichtspunkt dessen,
was wir wollen«. Mit einer Fotografin, der sie das zutraute, und
auch mit einer geeigneten Redakteurin war Harriet Wegener
bereits im Gespräch. Die Aspirantin war ehemals Direktorin
der staatlichen Schule für Frauenberufe gewesen und hatte
ebenso wie Wegener 1934 ihren Arbeitsplatz verloren, weil sie
»nach Gesinnung und Konnexionen nicht genehm war«. Wegener wusste natürlich auch, dass sich konkrete Pläne für die
Ausgestaltung der Zeitschrift zu diesem Zeitpunkt noch nicht
machen ließen, »weil man nicht so recht weiß, wie die Wirklichkeit aussieht, in die sie passen soll«.
Im August 1944 war sogar von einer Reisezeitschrift die
Rede. Für deren Redaktion interessierte sich ein kurz zuvor
eingezogener 50-jähriger Leutnant der Reserve. Er hatte ein
erfolgreiches Mittelmeerbuch als Referenz vorzuweisen und
ging davon aus, dass er sich nach dem Krieg ohnehin für einen
neuen Beruf entscheiden müsse. Ein Hauch von Merian wehte
bereits durch die Zeilen, als Wegener mögliche Inhalte des Magazins skizzierte: Neben Landschaft, Architektur, bildender
Kunst und Volkssitten sollte auch die Literatur der betreffen­
den Länder nicht vergessen werden, empfahl sie. Nach so viel
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Elend sollten die Menschen wieder lernen, des Lebens schöne
Seiten zu entdecken.
Gegen Kriegsende gingen Briefe mit derartigen Überlegun­
gen meist nicht mehr nach Hannover oder Hohenhaus. Harriet Wegener und die Filialleiter mussten ihre Berichte an eine
Feldpostnummer oder an die Daheim-Filiale in der Nähe einer
Kaserne adressieren. Denn die Hoffnung, dass Kurt Ganske
wie so viele andere Unternehmer vom Dienst an der Waffe verschont bleiben würde, weil er im Betrieb unentbehrlich war,
hatte sich nicht erfüllt. Im September 1943 wurde er zur Wehrmacht eingezogen. Die Anträge auf Freistellung waren ebenso
fruchtlos geblieben wie zuvor schon bei vielen seiner Führungskräfte, obgleich dabei die höchste Karte ausgespielt worden
war, die man damals in der Hand hatte: »Von Seiten der Reichs­
pressekammer ist wiederholt auf die Anordnung des Führers
hingewiesen worden, dass die gesamten Tageszeitungen gesichert bleiben sollen. Darüber hinaus wird auch immer wieder
auf die Wichtigkeit der Presse in der gegenwärtigen Zeit hingewiesen«, versuchte man den obersten Götzen des Reiches für
sich einzuspannen, um dann die Kurve zum eigenen Betrieb
zu bekommen: »Hieraus ergibt sich, dass auch dem Vertrieb
von Zeitungen und Zeitschriften eine besondere Bedeutung
beizumessen ist.«
Es half alles nichts. Nicht nur die Filialleiter, die noch nicht
deutlich über 50 Jahre alt waren, wurden an die Front geschickt.
Auch der 38-jährige Kurt Ganske wurde schließlich gezwungen, eine Uniform anzuziehen und als Gefreiter zu dienen.
Der Chef von über 1300 Mitarbeitern musste sich plötzlich von
Unteroffizieren und Feldwebeln herumkommandieren lassen,
von denen er manche nicht einmal als Boten oder Lagerarbeiter eingestellt hätte.
In der ersten Zeit konnte Ganske gelegentlich aus einer Telefonzelle vor der Kaserne Rat und Anweisungen geben, sich
über Planungen und – immer häufiger – über Bombenschäden
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informieren lassen. War wieder einmal eine Filiale von Daheim
völlig verwüstet worden, bekam er als Betriebsführer meist ein
paar Tage Sonderurlaub, um einen Notbetrieb zu organisieren. Ansonsten aber musste er sich darauf verlassen, dass die
verbliebenen Mitarbeiter in seinem Sinne handelten. Manchmal blieb ihm während eines Urlaubs die Zeit, um rasch in
Hannover, Hohenhaus oder Hamburg nach dem Rechten zu
sehen, an Besprechungen teilzunehmen, seine Meinung zu geplanten Veröffentlichungen zu sagen oder über seine konspirativen Zeitschriftenpläne zu diskutieren. Manchmal gelang es
jedoch nicht, die Mitarbeiter rechtzeitig von einem solchen
Blitz­besuch zu informieren. Als er es im September 1944 bis
Hamburg-Eidelstedt schaffte, erfuhr Harriet Wegener erst Tage
später durch einen Brief davon. »Wie betrüblich, dass Sie mich
nicht erreichen konnten, ich hätte ja herüberradeln können.
Wie vieles wäre zu besprechen gewesen!« Unter anderem, dass
der Verlag inzwischen geschlossen worden war.
Sie hatte Kurt Ganske auch nicht erreichen können, als die
amtliche Verfügung plötzlich in Hamburg im Briefkasten lag.
Sie musste ihm die traurige Nachricht an seine Feldpostnummer schicken: »Nachdem vorgestern telefonisch aus Hohenhaus die höchst erfreuliche Nachricht kam, dass Sie im Augenblick nicht so gefährdet wären, wurde heute unsere Freude
wieder gedämpft durch die Nachricht von der Schließung des
Verlags.«
Was die Bomben nicht vermocht hatten, sollte nun ein Stück
Papier bewirken: ein abruptes Ende der Verlagsarbeit, das Ende
aller Pläne, den Tod sämtlicher Projekte. »Die totale Mobilisierung erfordert den Einsatz aller Kräfte für den Sieg«, lautete
der erste Satz der Verfügung, mit der der Präsident der Reichsschrifttumskammer am 26. August 1944 die sofortige Schließung anordnete. Das traf allerdings nicht nur Hoffmann und
Campe, sondern mehr als 80 Prozent aller deutschen Verlage.
Was Wegener vier Wochen vorher noch als eine vage Möglich96
keit betrachtet hatte, war plötzlich bittere Realität geworden
und anscheinend unabänderlich. »Beschwerden gegen die­se
Schließungsverfügung sind nicht zulässig und können daher
nicht bearbeitet werden«, hieß es barsch am Ende des kurzen
Schreibens.
Zwei Schreibmaschinen für den »Endsieg«
Martinus Christensen und Harriet Wegener waren dennoch
nicht bereit, sich widerstandslos zu fügen. Sie nutzten die unklaren und zum Teil widersprüchlichen Ausführungsbestimmungen, um die Abwicklung in die Länge zu ziehen.
Christensen wollte versuchen, wenigstens die Bücher fertigzustellen, die bereits in der Herstellung waren. Wegener setzte
darauf, dass sich einige Bürokraten bei aller Linientreue vielleicht einen Rest an Vernunft bewahrt hatten. Denn der Nutzen, den die Rüstungsindustrie aus der Schließung eines renommierten Verlags wie Hoffmann und Campe hätte ziehen
können, war mehr als bescheiden. Wegener zählte offiziell
nicht zu den Angestellten. Der Verleger Kurt Ganske und der
Prokurist Johannes Rohrsen standen bereits im Feld. Christensen, der zweite Verleger, sowie der zweite Prokurist John Ketelsen waren längst ausgemustert. Der Verlagsbote, die Buchhalterin und eine Sekretärin waren zu alt, Ilse Tönnies zu krank,
um noch an der Front oder in der Rüstungsindustrie eingesetzt zu werden. Außer einer Sekretärin und zwei alten Schreibmaschinen konnte der Verlag daher nichts zum »Endsieg«
beitragen.
Selbst für den Fall, dass die Sekretärin abgezogen und der
zu diesem Zeitpunkt noch nicht betroffene Lesezirkel geschlossen werden sollte, hatte Harriet Wegener zusammen mit Christensen eine Rückzugslinie besprochen. Sie wollte sich dann als
Stenotypistin bei Hoffmann und Campe einstellen lassen, da
sie wegen ihres Alters für die Rüstungsindustrie nicht in Frage
97
kam. »Mein Gedanke dabei war, alles irgend mögliche zu tun,
um den Verlag über Wasser zu halten«, schrieb sie per Feldpost
an ihren inzwischen an einem gefährlichen Frontabschnitt im
Osten eingesetzten Chef. »Wie Sie wissen, sind mir Prestigefragen nicht sehr wichtig.« Ilse Tönnies dagegen, die Christensen
gern als freie Mitarbeiterin in der Statistik verstecken wollte,
bestand darauf, in dem Fragebogen, den jeder Verlag ausfüllen musste, als »Lektorin und Sachwalter« des Verlags aufgeführt zu werden.
Obwohl es an sich nicht zulässig war, stellte Christensen zunächst den Antrag, aus Gründen der offensichtlichen Unsinnig­
keit den Schließungsbefehl aufzuheben. Das wurde am 1. Dezember abgelehnt, verbunden mit der Mitteilung, dass über
eine Verlängerung der Abwicklungsfrist erst Mitte des Monats
entschieden werden könne. Damit waren seit Eingang der
­Verordnung immerhin schon fast vier Monate Zeit gewonnen.
Harriet Wegener nutzte sie, um die Kreisverwaltung einzuschalten. Sie wandte sich an einen offensichtlich wohlwollen­
den Beamten, der ihr aus besseren Zeiten bekannt war, wie der
Verzicht auf das sonst obligatorische »Heil Hitler« am Ende
­einer solchen Petition vermuten lässt. Nach der Aufzählung
der minimalen Beiträge, die HoCa im besten Fall zum letzten
Aufgebot des »größten Feldherrn aller Zeiten« leisten könnte,
verwies sie auf die wesentlich höheren materiellen und immateriellen Schäden, die eine Schließung nach sich ziehen wür­
de. In den letzten Monaten des Krieges waren immerhin noch
15 Bücher in der Herstellung und 50 Manuskripte in Arbeit.
Daneben wurden 63 Autoren betreut, und für 11 aktuelle
Werke waren Übersetzungsrechte ins Ausland verkauft worden. Nicht nur die damit verbundenen Aufgaben hätten bei
­einer Schließung nicht mehr erfüllt werden können. Harriet
Wegener scheute sich auch nicht, auf einen weiteren drohen­
den Verlust hinzuweisen: Nach dem Krieg wolle man in einer
»den Tradi­tionen unseres Verlags entsprechenden Art dem
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Wiederaufbau dienen: dem Hamburgs, dem Deutschlands, dem
Europas«.
Dem um Hilfe gebetenen Dr. Lindemann gelang es tatsächlich, eine Verlängerung der Abwicklungsfrist bis zum 31. März
1945 zu erreichen. Wegener freute sich, dass das Gaupropagandaamt sogar bereit war, sich danach für eine weitere Verlängerung einzusetzen. Doch das erübrigte sich: Am 3. Mai
wurde Hamburg von den Briten besetzt. Am 4. Mai meldete
sich Radio Hamburg mit der britischen Nationalhymne und
den Worten: »This is Radio Hamburg, a station of the Allied Military Government.« Jetzt waren andere für Genehmigungen zuständig.
Selbst für diesen Fall hatte sich Harriet Wegener schon Monate vorher Gedanken gemacht. Obwohl sie bei einer Besetzung mit chaotischen Zuständen rechnete, wollte sie die Stadt
nicht verlassen, hatte sie Kurt Ganske schon acht Monate vor
der Kapitulation erklärt. Denn dann sei jede unbewohnte Wohnung vogelfrei. Auch wenn man wegen seiner irdischen Habe
nicht das Leben riskieren dürfe, müsse man nicht nur wissen,
wovor man fliehe, sondern auch, wohin. Da niemand vor seinem Schicksal davonlaufen könne, wolle sie »den Gefahren
schon lieber auf der Schwelle meines Hauses begegnen. Jede
Form von Weglaufen ist eine Beschäftigung, die mir ausgesprochen zuwider ist.« Sie nahm daher in den letzten Monaten des
Krieges auch die wiederholten Einladungen von Gerda Ganske
nicht an, wenigstens für einige Wochen zu ihr aufs Land zu
kommen. »Ich kann mich nicht recht entschließen, hier wegzugehen«, schrieb sie der Frau ihres Verlegers. »Es wird stark
auch mit einer Landung hier gerechnet, und dann muss jemand da sein, der die Entscheidungen trifft.« Kurt Ganske war
dazu nicht in der Lage. Keine der beiden Frauen hatte zu diesem Zeitpunkt Kontakt zu ihm. Sie wussten nicht einmal, wo er
eingesetzt war, ob er noch lebte oder in Gefangenschaft geraten war. Wegener nannte noch einen zweiten triftigen Grund
99
dafür, in Hamburg auszuharren: Es kamen zweimal Bohnen,
die einmal eingeweckt und einmal eingesalzen werden mussten. Das hatte Gewicht in diesen Tagen.
Als die Briten kamen, ging es zur großen Erleichterung der
Bevölkerung doch nicht so chaotisch zu, wie Wegener ursprüng­
lich befürchtet hatte. Im Augenblick der Besetzung habe es
zwar »einige Plünderungen gegeben, vor allem auch seitens
der Fremdarbeiter, mit Ausnahme der Franzosen, die sich tadel­
los benommen haben«, berichtete sie. Aber alles in allem hiel­
ten sich die Übergriffe in Grenzen. So wie vorher das Leben
trotz vieler Bombenangriffe und dem Heulen der Alarmsirenen weitergegangen war, normalisierte es sich auch nach der
Besetzung schnell wieder – so weit dies in einer Stadt möglich
war, in der ganze Wohnviertel als unbewohnbar abgesperrt
worden waren. Im Verlag ging die Arbeit an ausgewählten Auszügen aus der Bibel ebenso weiter wie an Goethe- und HebelAnthologien. Die Korrekturen zu dem nunmehr dritten Versuch, die Moltke-Biographie auf den Markt zu bringen, wurden
fertiggestellt, und die Arbeit an den Hamburger Lebensbildern wurde fortgesetzt.
Allerdings hatten sich die äußerlichen Umstände nicht gerade verbessert. Die Verlagsräume, die bis dahin auf fast wundersame Weise trotz der Zerstörungen ringsum weitgehend intakt geblieben waren, hatten bei einem der letzten großen
An­griffe sehr gelitten. In Christensens Büro war die Innenwand
herausgebrochen. Bei Wegener war der Stuck heruntergekommen. Es bestand die Gefahr, dass die Decke ganz einstürzen
könnte. Die Fenster waren entweder mit Pappe ver­nagelt oder
mit Rollglas, das sie aus ihrem eigenen Haus mitgebracht hatte,
notdürftig gegen Wind und Regen geschützt. Dass das Gebäude trotz dieses vergleichsweise immer noch guten Zustands
nicht wie die meisten anderen Häuser in der Straße beschlagnahmt worden war, verdankte der Verlag wohl nur dem Umstand, dass sich im Erdgeschoss das Schweizer Konsulat befand.
100
Dennoch drohte neues Ungemach. Denn nun brauchte jeder Verlag, der nach dem Ende des braunen Albtraums weiterarbeiten oder neu starten wollte, eine Lizenz der britischen Besatzungsmacht: Die wurde nicht allein vom Verhalten während
des kurzlebigen »Tausendjährigen Reiches« abhängig gemacht.
Eine Zulassung hing auch davon ab, wie viele Verlage angesichts der anhaltenden Papierknappheit überhaupt Bücher pro­
duzieren konnten. Wieder mussten Fragebogen ausgefüllt und
eine Liste der früheren Veröffentlichungen eingereicht werden.
Entnazifizierungsverfahren wurden eingeleitet, das geplante
Ver­lagsprogramm geprüft.
In dieser Lage war Harriet Wegener, die jahrelang im Hintergrund gehalten werden musste, eine große Hilfe. Sie galt
jetzt nicht mehr als politisch vorbelastet, sondern im Gegenteil
als völlig unbelastet. Sie sprach nicht nur fließend Englisch und
konnte daher problemlos mit Vertretern der Besatzungsbehörden verhandeln, sie hatte jetzt auch wieder gute Verbindungen
zu den Spitzen der deutschen Behörden. Mit vielen der einst
Verjagten und Verfemten, die von den Briten wieder in ihre alten Ämter eingesetzt worden waren, war sie aus besseren Zeiten
gut bekannt oder befreundet. Sie selbst wurde Anfang Februar
1944 von der britischen Militärregierung in den »Ernannten
Vertreterrat« berufen, der so lange als vorläufiges Parlament
fungierte, bis wieder eine demokratisch gewählte Hamburger
Bürgerschaft ihre Arbeit aufnehmen konnte.
Obwohl die Mühlen der Bürokratie nur sehr langsam mahlten, hegten Martinus Christensen und Harriet Wegener trotz
gewisser Ängste, wie der Verlag über die ersten Monate kommen sollte, hinsichtlich der weiteren Entwicklung zunächst
­keine allzu großen Bedenken. Große Sorgen bereitete ihnen
hinge­gen das Schicksal Kurt Ganskes. Deshalb war die Erleichterung groß, als er nach einer abenteuerlichen Flucht aus der
Gefangenschaft am 2. Juni 1945 wieder in Hohenhaus eintraf,
halb verhungert und völlig erschöpft, aber gesund. Das erfuh­
101
ren die Hamburger allerdings erst vier Wochen später, als er
sich mit einem ersten Brief in Hamburg meldete. »Der Weg von
Brünn/Budweis nicht ganz einfach in drei Wochen«, berichtete er im Telegrammstil und in maßloser Untertreibung. »Vorher
längere Zeit Front mit sehr viel Glück gesund über­standen.«
Nach einigen Sätzen über das Schicksal seiner Familie übernahm er sogleich das unternehmerische Kommando: Er erwar­
tete wieder Berichte mit breitem Rand für seine Anmerkungen.
Er ordnete an, womit sich die Filialen beschäftigen sollten, solange es noch keine Zeitschriften gab, die man Abonnenten
zustellen konnte. Er bat Wegener um Vermittlung einer Sekretärin, die in Hohenhaus arbeiten sollte.
Kurt Ganske erkundigte sich aber auch, ob es in Hamburg
Zigaretten gäbe, und kündigte an, dass sein Schreiben von
­ei­nem »beherzten Mann« über Hannover nach Hamburg gebracht werden würde. Er veranlasste ebenso, dass eine Reise
nach Hamburg für ihn vorbereitet wurde. Neben einer Unterkunft in den Verlagsräumen (»Christensen vorläufig nicht informieren!«) oder bei Harriet Wegener (»nicht erschrecken!«)
brauchte er Papiere: »Nach Möglichkeit ist eine ausgesprochen
amtliche Bescheinigung über die Dringlichkeit einer längeren
Anwesenheit in Hamburg bzw. Hannover für mich zu beschaffen.« Es dauerte zwei Wochen, bis der beherzte Mann den Brief
in Hamburg zustellen konnte.
In den Wochen danach fand Ganske aber entweder nicht
die Zeit oder sah keine Möglichkeit, seine Reisepläne zu realisieren. Vielleicht blieb auch die gewünschte behördliche Bescheinigung aus. Das führte zu wachsender Unsicherheit und
Sorge in Hamburg, wo man ihn dringend erwartete und die
Gründe für sein Fernbleiben nicht kannte. Wenn nicht alle
­Bemühungen vergeblich gewesen sein sollten, den Verlag über
die finsteren Zeiten zu retten, musste bald etwas unternommen werden. Dabei ging es nicht nur um den Entscheidungsstau bei Hoffmann und Campe oder der Grünen Mappe. Um
102
den Betrieb weiterführen zu können, mussten vor allem so
rasch wie möglich Anträge gestellt und schier endlose Fragebo­
gen ausgefüllt werden. Die Erteilung einer Verlagslizenz hing
davon ab, dass auch der zweite Verleger Kurt Ganske die Flut
der Formulare unterschrieb, mit denen die Militärregierung
jeden überhäufte, der wieder Bücher oder Zeitungen publizieren wollte. Solange dies nicht erledigt wurde, war eine Lizenz
nicht zu bekommen. Die Verhältnisse im Verlag gestalteten
sich daher von Woche zu Woche kritischer, die wirtschaftliche
Situation zunehmend schwieriger.
Deshalb wurde in den Briefen und schließlich Telegrammen aus Hamburg immer dringlicher um einen baldigen Besuch gebeten. Kein Bericht von Harriet Wegener, in dem sie
nicht – zum Schluss fast flehentlich – um sein Kommen bittet.
»Es liegen Zigaretten für Sie bereit«, lockte sie schließlich sogar.
Auch Martinus Christensen schickte Briefe nach Hohenhaus
und Hannover. »Es ist jetzt dringend notwendig geworden,
dass Sie nach Hamburg kommen, da es für mich allmählich
unmöglich ist, wichtige Dispositionen zu treffen, bevor ich nicht
mit Ihnen als meinem Kompagnon eingehende mündliche Besprechungen gepflogen habe«, schrieb Christensen Ende September nach Hohenhaus. »Es handelt sich in erster Linie um
die Übernahme und Herausgabe mehrerer Zeitschriften, die
uns angeboten bzw. von uns geplant sind.« Doch selbst das
wirkte nicht.
Ende Oktober 1945 musste Harriet Wegener ihrem Chef
mitteilen, dass die erhofften Lizenzen noch immer nicht da
seien und schon darüber nachgedacht werde, mit den Angestellten über drastische Gehaltskürzungen zu verhandeln. Sie
begründete die Kürze ihres Grußes mit der »schauderhaften
Kälte. Die Gedanken frieren einem ein, denn der Strom ist uns
so beschränkt, dass wir nicht einmal elektrisch heizen können.« Im letzten Satz ihren Briefes wiederholt sie die schon so
oft gestellte Frage: »Wann kommen Sie?«
103
Große Ungewissheit bestand lange auch über das Schicksal
von Ilse Tönnies. Seit der Schlacht um Berlin hatte man in
Hamburg nichts mehr von ihr gehört. Auch der Bruder, der
sich über Pommern und Dänemark nach Hamburg durchgeschlagen hatte, wusste nicht, ob sie den Granatenhagel und
den grausamen Straßenkampf Haus um Haus überlebt hatte.
Doch dann meldete sie sich zur allgemeinen Erleichterung wieder. Es sah so aus, als ob die gemeinsame Arbeit an der »Eu­
ropa-Bibliothek«, an Werken über Matthias Claudius und die
abendländische Metaphysik sowie den anderen, schon für kommende Friedenszeiten konzipierten Werken da fortgesetzt werden könnte, wo sie in den letzten Kriegstagen brutal unterbrochen worden war.
Doch das blieb ein Traum. Ilse Tönnies war an ihrem Zufluchtsort Berlin-Nikolassee zwar den Bomben entkommen.
Jetzt aber saß sie in einer Mausefalle, die schon bald zuschnappen sollte. Der Teil Berlins, in den es sie verschlagen hatte,
­gehörte zur sowjetisch besetzten Zone. Sie wagte es daher nicht,
ihre in Hohenhaus eingelagerten Materialien und Manuskripte zurückzuholen. Es war nicht sicher, was davon auf der
nun rot statt braun eingefärbten Liste verbotener Schriften
stand. An eine Fahrt nach Hamburg war anfänglich nicht zu
denken. Später traute sie sich nicht, weil sie fürchtete, »dass
eine Reise hierher oder umgekehrt … vorerst oder evtl. für immer nicht mehr möglich ist«. Schließlich wollte sie nicht mehr
in den Westen reisen, weil sie unter dem Eindruck der kommunistischen Propaganda glaubte, der nächste Krieg stehe unmittelbar vor der Tür. Am Ende wurde ihr jede Möglichkeit zu
einem Gespräch mit den Kollegen genommen.
Der Eiserne Vorhang senkte sich und wurde bald so undurchlässig, dass ein Austausch von Gedanken und Manu­
skripten nicht mehr möglich war. Ilse Tönnies besaß kein
Konto mehr. Der Verlag konnte ihr kein Gehalt überweisen.
Sie hatte kein Geld, um ihre Mitarbeiter zu bezahlen oder Au104
toren zu honorieren, die auf ihrer Seite der Grenze lebten.
Kurt Ganske ließ Ilse Tönnies 1948 über einen im Westen Berlins ansässigen Treuhänder heimlich 4000 Mark in bar zukommen – ein Betrag, der nach ihrer Rechnung ausreichte, um die
weitere Arbeit ein Jahr lang zu finanzieren. Doch das blieb ein
Wunsch. Bald danach verliert sich die Spur von Ilse Tönnies in
der Verlagsgeschichte.
Drittes Kapitel
Der Letzte gibt
¨
den SchlUssel
ab
W
as in über drei Jahrzehnten in zäher Kleinarbeit und mit
vielen neuen Ideen aufgebaut worden war, wurde in kurzer Zeit fast komplett wieder zerstört. Zwar konnte der Lese­
zirkel Daheim in den ersten Kriegsjahren noch weitgehend
normal arbeiten, aber wie schon im Ersten Weltkrieg mussten
immer häufiger Frauen die Arbeit der Männer übernehmen.
Je jünger die männlichen Mitglieder der »Gefolgschaft« waren,
desto früher mussten sie an die Front. Je länger der Krieg dauerte und je höher der Blutzoll wurde, umso strenger wurden
die Maßstäbe dafür, ob jemand an der »Heimatfront« wirklich
unentbehrlich war.
Die Reichspressekammer schickte immer wieder Frage­bo­
gen, um zu ermitteln, welche Arbeitskräfte noch abgezogen
werden könnten, um entweder an die Front oder in die Rüs­
tungsindustrie abkommandiert zu werden. Das traf nach den
Männern schließlich auch die jüngeren Frauen. Statt Mappen
mit Lesestoff sollten sie Granaten mit Sprengstoff füllen. Mit
Hilfe eines »roten Fragebogens«, den die Reichspressekammer
neun Monate vor dem Zusammenbruch verschickte, musste
noch einmal genau erfasst werden, welche Aufgaben die noch
verbliebenen Gefolgschaftsmitglieder im Betrieb hatten. Die
Kammer interessierte sich für Alter, Geschlecht und Gesundheitszustand. Sie wollte über geistige und körperliche Gebrechen informiert werden. Vom Betrieb unbedingt benötigte
Kräfte mussten durch ein X gekennzeichnet werden. Boten, de­
ren Einsatz in der Rüstungsindustrie möglich war, durften ein
solches X keinesfalls bekommen. Verschont von der allgemei109
nen Mobilmachung blieben nur Mitarbeiter, die das 65. (Männer) oder das 50. Lebensjahr (Frauen) bereits überschritten
hatten. Jüngere gab es zu diesem Zeitpunkt ohnehin kaum
noch im Betrieb.
Viele der anderen Verleihfirmen hatten daher schon längst
aufgeben oder den Betrieb einschränken müssen. So hatte
»Buck’s Lesezirkel – Braune Mappe«, bis dahin ein Konkurrent
von Daheim, seinen Kunden schon im Mai 1941 per Rundschreiben mitgeteilt: »Die Abgabe von Arbeitskräften im Inte­
resse staatswichtiger Aufgaben zwingt auch auf unserem Gebiet zu Liefereinschränkungen bzw. zu Umstellungen. Wir sind
daher leider nicht in der Lage, unsere Kunden in dem von Ihnen bewohnten Gebiet weiter zu beliefern. Um Ihnen aber die
Lesemappe trotzdem zustellen zu können, haben wir uns entschlossen, das mit Ihnen laufende Abonnement dem Lesezirkel Daheim Richard Ganske … zu übertragen.« Das taten auch
andere kleine Lesezirkel, die es nicht schafften, ihre Organisation den veränderten Verhältnissen anzupassen und immer
wieder Notlösungen zu finden, um trotz Personalmangel, zerstörter Räume, ausgebrannter Fahrzeuge und Treibstoffmangel die Belieferung der Abonnenten dennoch irgendwie zu
sichern.
Das gelang Kurt Ganske dagegen auch dann noch, als sich
das Durchschnittsalter der verbliebenen Mitarbeiter immer
mehr dem Rentenalter näherte, eine Filiale nach der anderen
von Bomben getroffen wurde und schließlich am 9. Oktober
1944 in Hannover auch die Zentrale in der Seelhorststraße in
Flammen aufging. Die Zweigniederlassung in der Celler Straße
arbeitete weiter, aber der Firmensitz wurde für die Dauer des
Krieges nach Hameln an der Weser verlegt, weil es gelungen
war, dort geeignete Räume zu finden.
Das allerdings waren Entscheidungen, die die wenigen erfahrenen Führungskräfte, die aus Altersgründen auf ihren Pos­
ten verblieben waren, oft allein treffen mussten. Kurt Ganske
110
war ebenso wie schon im Ersten Weltkrieg sein Vater zur Armee eingezogen worden. Er erhielt Berichte aus der Zentrale
oder von seinen Filialleitern oft mit großer Verzögerung und
konnte nur mit ihnen sprechen, wenn er außerhalb der Kaserne eine intakte Telefonzelle fand. Seine Frau Gerda schickte
nach jedem größeren Bombenangriff ein Telegramm an seine
Feldpostnummer, wenn sich in der betroffenen Stadt eine Daheim-Filiale befand. Noch im Jahr 2006 nennt sie die Nummer,
ohne eine Sekunde zu zögern: 36116 C. Anfänglich bekam
Ganske auch jedes Mal, wenn wieder eine Filiale ausgebrannt
war, Sonderurlaub, um einen Notbetrieb zu organisieren. Aber
am Ende des Krieges reichte dies als Argument nicht mehr aus,
um den Gefreiten von der Front zurückzuholen.
60 Stunden und noch mehr
Besonders schwer war es, die Belieferung aufrechtzuerhalten,
wenn ein Teil der Zeitschriften oder der schon bestückten Mappen in den Filialen verbrannt war. Ausfälle gab es aber auch,
wenn die Betriebsräume nach einem Angriff noch intakt waren. Denn bei Kunden, deren Häuser und Wohnungen zerstört
worden waren, konnten keine Mappen mehr eingesammelt
werden. Sie waren unwiederbringlich »steckengeblieben«. Das
brachte den Umlauf durcheinander, weil für die nachfolgen­
den Bezieher nicht mehr genügend Mappen zur Verfügung
standen. Ersatz für verlorene Zeitschriften war nur schwer zu
bekommen.
Nur durch ständiges Improvisieren ließ sich unter diesen
Umständen eine einigermaßen pünktliche und regelmäßige
Belieferung der Leser aufrechterhalten. Das war auch deshalb
schwer, weil viele der erfahrenen Filialleiter eingezogen worden waren und an ihrer Stelle ältere Sachbearbeiter, die selbst
aus der Sicht der Reichspressekammer nichts mehr zum »Endsieg« beitragen konnten, die Organisation des Notbetriebs
111
übernehmen mussten. Dazu gehörte auch, dass sie Ersatz für
die eingezogenen oder bei Angriffen umgekommenen Boten
suchen mussten. Je länger der Krieg dauerte, desto älter wurden die Menschen, die die Wagen durch die Straßen schoben –
und umso länger ihr Arbeitstag. Die reguläre wöchentliche
­Arbeitszeit wurde Mitte August 1944 von Amts wegen auf
60 Stunden festgesetzt. Dies sollte einen Ausgleich dafür schaffen, dass die Belegschaften immer weiter ausgedünnt wurden,
reichte aber oft nicht aus, um die Arbeit zu bewältigen.
Das erinnert an die Sorgen und Nöte, mit denen die Lesezirkel schon im Ersten Weltkrieg zu kämpfen hatten. Doch
diesmal kam hinzu, dass alle diese Mühen vergeblich waren,
wenn die Boten unter den angegebenen Adressen niemanden
mehr antrafen, weil die Kunden geflohen oder evakuiert worden waren, oder wenn sie nur noch Ruinen fanden, wo eine
Woche zuvor Häuser gestanden hatten.
Da die Buch- und Zeitschriftenverlage ihre Schließungsverfügung bereits Ende August erhalten hatten und ab 1. Oktober
1944 kein Blatt mehr ausliefern durften, gab es von dem Tag
an auch nichts mehr, um die Erstmappen zu füllen. Die Filialleiter konnten sich an ihren zehn Fingern ausrechnen, wann
Daheim die letzten der noch umlaufenden Mappen abholen
würde – nämlich wenn der zehnte Kunde in der Lieferkette bedient worden war. Daher war es eigentlich nur noch ein Akt der
Bürokra­tie, als Daheim – ebenso wie die anderen Betriebe der
Branche, die bis dahin noch überlebt hatten – per 30. September seine Schließungsverfügung erhielt. Es gab ohnehin nichts
mehr zu tun.
Unter der Überschrift »Maßnahmen zur totalen Mobilisierung – Betriebsschließung« musste die Geschäftsleitung den
Filialen daher mitteilen: »Trotz endloser Bemühungen, die
den ganzen August über dauerten, ist uns der Erfolg, die Branche und damit auch unseren Betrieb zu erhalten, versagt geblieben.« Nun heiße es vor allem »Ruhe bewahren« und die
112
notwendigen Schritte einleiten – aber nicht, um den Betrieb
zu Grabe zu tragen. Bei ihren Richtlinien für die Stilllegung
hatte die Zentrale vielmehr schon die Zeit nach Hitler fest im
Blick. Am Anfang einer langen Liste noch zu erledigender Aufgaben hieß es daher: »Für unseren Wiederaufbau ist es unbedingt notwendig, dass wir das gesamte Adressen-Material der
zurzeit tätigen und einberufenen sowie der früher tätig gewesenen, ausgeschiedenen Gefolgschaftsmitglieder besitzen. Daher müssen die hierfür erforderlichen Unterlagen umgehend
sorgfältig angefertigt werden.«
Am Ende den Anfang bedenken
Damit nach Kriegsende das Geschäft so schnell wie möglich
wieder aufgebaut werden konnte, sollten noch brauchbare
Räume auf keinen Fall gekündigt, sondern allenfalls untervermietet werden – aber mit der Klausel, dass sie sofort nach
Kriegsende wieder geräumt werden müssten. Kraftwagen (»wo
solche noch vorhanden sind«) und Transportfahrzeuge sollten
unbedingt sichergestellt werden: »Kein Fahrzeug darf in einem
offenen Schuppen stehen bleiben.« Es war leicht vorherzusehen, dass es da nicht lange bleiben würde.
Ganz besonderen Wert legte die Geschäftsleitung natürlich
auf die wertvollen Karteikarten, die Liefer-, Boten- und Kündigungskartei. Sie sollte an drei verschiedenen Orten in Sicherheit gebracht werden: in Hohenhaus, in der Zentrale in Hannover und in der jeweiligen Filiale. Die Geschäftsleitung dachte
aber nicht nur an Fahrzeuge, Geschäftsräume und deren Inventar, an die Lagerung der Mappen und die Rettung der Karteikarten. Sie vergaß auch die Mitarbeiter nicht. Da den Boten,
die Akkord- oder Stücklohn bekamen, wegen der in den letzten Arbeitswochen immer kleiner werdenden Touren starke
Einkommenseinbußen drohten, wurde angeordnet, ihnen einen Garantielohn zu zahlen. Die Höhe richtete sich nach dem
113
Verdienst, den sie früher normalerweise gehabt hatten. Geschäftsführer, deren Einkommen vom Umsatz und Gewinn abhängig war, erhielten ein Gehalt, das sich nach dem Durchschnittseinkommen der vergangenen sechs Monate richtete.
Sosehr man sich in der Zentrale auch bemühte, an alles zu
denken, brauchte man angesichts der chaotischen Verhältnisse
und der schwierigen Kommunikation in den letzten Kriegs­
monaten mehr denn je Führungskräfte, die nicht erst auf
­Anweisungen warteten, ehe sie handelten: »Wir müssen uns
in den kommenden Wochen auf die Selbständigkeit unserer
Geschäftsführer voll verlassen können«, hieß es daher im Anschreiben zu den Stilllegungsrichtlinien. Das galt insbesondere für den Umgang mit den Mitarbeitern. Die Verantwort­
lichen in den Filialen sollten alles daransetzen, die Beschäftigten
zusammenzuhalten. Die von der Reichspressekammer den Arbeitsämtern als verfügbar gemeldeten Mitarbeiter sollten nicht
wahllos an irgendwelche Rüstungsbetriebe überstellt werden.
»Diese Aktion muss … möglichst abgestoppt werden«, mahnte
Alfred Hartz, der in der Geschäftsleitung als Prokurist für Organisation und Personal zuständig war. Bei Verhandlungen
mit dem Arbeitsamt sollte besonders betont werden, dass der
größte Teil der Mitarbeiter »infolge körperlicher und geistiger
Fehler nicht für die Wehrmacht und für die Rüstung zu verwenden ist«. Sie hätten sich zwar bei Daheim durch Erziehung
und Geduld durchweg gut eingearbeitet. Es sei von ihnen aber
keine gute Leistung zu erwarten, wenn sie nun überallhin verstreut würden. »Sie verlieren ihren bisherigen Halt und fallen
in ihre alten Fehler zurück«, setzte Hartz seine Argumentations­
hilfe fort.
Die eigenen Leute sollten nicht nur zusammenbleiben, sondern möglichst auch in den Räumen von Daheim beschäftigt
werden – beispielsweise mit »Heimarbeit« für Rüstungsbetrie­be.
Als Beispiel nannte Hartz das Verpacken von Arzneimitteln.
Falls das Arbeitsamt keine Betriebe benennen könne, die sol114
che Arbeiten zu vergeben hätten, sollten die Filialleiter selbst
danach suchen, mahnte er. Dem Arbeitsamt könnte auch der
Vorschlag gemacht werden, die Boten für ein Speditionsunternehmen arbeiten zu lassen, »wofür wir unsere Transportmittel
(Karren und Räder) zur Verfügung stellen. So könnten beispielsweise Zubringerdienste vom Groß- zum Kleinhandel (Lebensmittel, Druckereien usw.) durchgeführt werden.«
Tatsächlich gelang es in einigen Fällen, Mitarbeitergruppen
geschlossen an andere Betriebe zu überstellen – wie etwa in
die Trockenfruchtindustrie, wo einige der Boten per Verpflichtungsbescheid ab Anfang Dezember 1944 als Hilfsarbeiter ein­
gesetzt wurden. In Berlin und Hamburg mutierten die Lese­
zirkel wie erhofft zu Transportunternehmen. Ob es auch in
Bremen und an anderen Orten gelingen würde, per Fahrrad
oder Handkarren Kartoffeln, Ersatzteile oder Frischmilch kreuz
und quer durch die Stadt zu fahren, war Ende 1944 noch ungewiss. Die Hoffnung, in den eigenen Räumen »Rüstungsaufträge« ausführen zu können, erfüllte sich nirgends. Deshalb
erging am 8. November an die Filialen, die nicht ohnehin
schon in Trümmern lagen, eine letzte Stilllegungsrichtlinie.
Die Anordnung, die Mieten für die Räume noch bis Ende
März 1945 weiterzuzahlen, lässt vermuten, dass man sich in der
Daheim-Zentrale seine eigenen Gedanken darüber gemacht
hatte, wie lange der Krieg wohl noch dauern könnte. Tatsächlich verschätzte man sich dabei nur um rund fünf Wochen. Neben der Anweisung, bei allen gummibereiften Fahrzeugen die
Bereifung abzunehmen und sie an geeigneter Stelle hängend
aufzubewahren, noch vorhandene Schreibmaschinen nach Ho­
henhaus zu schicken, Altpapier und verderbliche Waren (wie
Verdünnungsmaterial, Lack) zu verkaufen oder Fernsprechanschlüsse zu kündigen, wurde auch der Hinweis nicht vergessen,
wo der Schlüssel abzugeben sei. Empfohlen wurde eine zuverlässige Person am Ort, vorzugsweise der Geschäftsführer oder
dessen Frau. Andernfalls komme auch die 1. Kontoristin in Be115
tracht, aber »möglichst kein Mann, weil dieser abberufen werden kann«. Der Versand der wertvollen Kartei nach Hannover
und Hohenhaus sollte im Abstand von drei Tagen erfolgen,
»um die Gefahr der gemeinsamen Vernichtung auf dem Transport möglichst auszuschließen«.
Es blieb nun nichts mehr anderes übrig, als den letzten verbliebenen Arbeitskräften zum 30. November zu kündigen – mit
Bedauern und nur auf Anweisung der Reichspressekammer als
vorgesetzter Dienststelle, wie in dem Schreiben betont wurde.
»Wir brauchen Ihnen wohl nicht zu versichern, dass wir … dieser Maßnahme unseren bewährten Mitarbeitern gegenüber
nur schweren Herzens nachkommen«, hieß es in dem Schreiben. »Wir sind aber der Überzeugung, dass durch den Wiederaufbau unseres Betriebes zu dem frühestmöglichen Zeitpunkt
die heutige Kündigung lediglich formellen Charakter trägt.«
Die Wände stehen noch
Zu den drei Filialen, bei denen sechs Monate später noch eine
Tür vorhanden war, die mit einem der sorgsam verwahrten
Schlüssel geöffnet werden konnte, gehörte neben Kiel und
Han­nover die Grüne Mappe in Hamburg. Während die Daheim-­Filiale in Leipzig Ende 1943 den Bomben zum Opfer fiel,
die Räumlichkeiten des Lesezirkels in Düsseldorf gleich zweimal völlig zerstört wurden, die Filiale in Kassel vom Erdboden
verschwand, die Stuttgarter Filiale ebenso wie die Geschäftsräume in München, Frankfurt und in vielen anderen Städten
total ausgebombt wurden und in Hannover neben der Zentrale auch die Wohnung der Familie Ganske in Flammen aufging, war das Chilehaus in Hamburg weitgehend verschont geblieben. Ebenso wie die Verlagsräume von Hoffmann und
Campe überstand das Kontorhaus, mit dessen Bau 1922 begonnen worden war, alle Bombenangriffe. Seit 1983 ist es denkmalgeschützt, und seit 1995 steht es auf der Warteliste der
116
­Unesco als Weltkulturerbe. Obgleich ringsherum alles in Trüm­
mer fiel, zerbarsten in dem hoch aufragenden, dunkelroten
Backsteingebäude auch während der schwersten Angriffe auf
Hamburg nur die Scheiben.
In einem ihrer regelmäßigen Berichte an Kurt Ganske schil­
derte Harriet Wegener, wie es dort nach dem tagelangen Bombardement der Operation Gomorrha aussah, dem Hamburg
im Juli 1943 ausgesetzt war: »Ich war heute nach dem dritten
Angriff in der Grünen Mappe. Das Chilehaus steht, und im
Büro sind nur die Scheiben kaputt. Die ganze Gegend brannte
noch ziemlich. Zunächst habe ich die eine Scheibe so gut wie
möglich mit einer sowieso herausgefallenen Tür verbarrikadiert, die Schreibmaschinen in Nicos [gemeint: Filialleiter Nicodemus] Zimmer getragen, die Lampen auch so verstaut, dass
sie nicht gerade zum Mitnehmen von der Straße einluden.
Dann kamen die Boten, die Lohn haben wollten, und da Nico
nicht erschien, bin ich in der Stadt herumgesaust, um Geld zu
bekommen (ich hatte nur 120 M da). Aber alle befreundeten
Firmen und auch der Verlag waren geschlossen oder ausgebrannt, und auf dem Rathaus verwies man mich an die Katastrophendienststellen. Als ich unverrichteter Sache zurückkam,
kam Nico bald an. (Er hatte die ganze Nacht gelöscht und gerettet.) Er war auch ausgebombt, wohnte in Lauenburg und
wollte so bald wie möglich mit seiner Familie nach Darmstadt.
Er hatte nur den Schlüssel zum Geldschrank, aber nicht zur
Geldkassette. Wir haben diese aufgebrochen und das, was da
war, an Boten gegen Quittung ausgezahlt (runde VorschussSummen, meist 50 Mark). Da an Austragen der Mappen nicht
zu denken ist im Augenblick, haben wir den Leuten gesagt, sie
sollten frühestens in vierzehn Tagen wieder vorfragen. Dann
wollte Nico zurück sein. Vorläufig habe ich 5000 M hierher
und Nico 2000 Mark mitgenommen. In die Kassette haben wir
Quittungen gelegt. Ich habe noch das Portobuch mitgenommen. Für wie viel Briefmarken da sind, habe ich noch nicht
117
­ ezählt. Etwas Kleingeld ist noch in der Kassette. Eigentlich
g
wollte ich es auch mitnehmen, aber Nico war ein bisschen
reichlich in der Stimmung: In den nächsten Tagen wird ja
doch das Chilehaus und alles andere kaputt gemacht, und
dann ist schon alles gleich. Er war daher auch nicht für meine
Wünsche zu haben, die Fenster zu verbarrikadieren und die
Sachen in Hinterzimmern zu verstauen, und da er nun mal
der Leiter ist, hatte ich nicht recht die Energie, es durchzusetzen, zumal ich von 9 bis 5 unterwegs war und eigentlich schon
um 2 zu Hause sein wollte … Ich werde morgen versuchen, den
Blankeneser Lagerleiter zu finden und eventuell mit ihm in die
Stadt fahren, Hammer und Nägel mitnehmen und sehen, was
sich tun lässt.«
Sie schrieb dies nieder, nachdem sie vom Stadtzentrum kilometerweit mit dem Fahrrad durch eine brennende Trümmerlandschaft zurück nach Flottbek gefahren war und ohne zu
wissen, wo der Brief den in Hannover zur gleichen Zeit ausgebombten Kurt Ganske erreichen würde, falls er überhaupt
noch am Leben war. »Harriet war mehr wert als zwei Männer«,
sagte der Verleger seinen Söhnen später, wenn das Gespräch
auf diese Zeit kam, und seine Frau spricht noch ein halbes
Jahrhundert danach von der »Mutter des Verlags«.
Noch einmal davongekommen
Einige Monate später, kurz nach Kriegsende, konnte Harriet
We­gener dem nach seiner Flucht aus russischer Gefangenschaft
gerade in Hohenhaus eingetroffenen Kurt Ganske schon wieder einen wesentlich erfreulicheren Lagebericht senden: »Der
Lesezirkel Grüne Mappe arbeitet mit vollen Touren als Kleintransport-Unternehmen. Wir haben etwa 36 Boten, darunter
einige Handwerker, die Transporte fahren, nur nicht mehr für
die Rüstung, sondern meist für Privatpersonen (Möbeltransporte, wobei die Tischler gut zu brauchen sind) und für das
118
Nahrungsmittelgewerbe. Daneben laufen für uns zwei Pferdewagen, der eine in der Stadt und alle 14 Tage nach Blankenese,
der andere in der Stadt und Richtung Halstenbek, wo er beheimatet ist. Außerdem nimmt das Auto, das zweimal in der Woche Butter aus Schleswig bringt, Rückfrachten für Neumünster, Rendsburg, Schleswig mit … Zurzeit verhandeln wir um
einen Gewerbeschein für Transport und Lagerung. Bisher beruht noch alles auf unserer alten Zulassung für die Rüstungsindustrie … Herr Storr ist inzwischen nach Bremen gefahren
und hat festgestellt, dass das Lokal steht, die Karren geklaut
sind und Schläuche und Decken der Fahrräder auch. Sonst
könnte er da längst Transporte fahren … Lübeck möchte
Transporte fahren, hat aber keine Räder und Karren. Die Fi­
liale Hannover fährt Transporte … Das Lokal der Grünen
Mappe hat bei einem der letzten Angriffe stark gelitten, ist
aber brauchbar. Teile haben wir abgeben müssen, aber das uns
Verbleibende ist nicht von den Engländern beschlagnahmt.«
Hohenhaus dagegen war von US-Truppen requiriert worden. Als Kurt Ganske nach wochenlangen Nachtmärschen dort
eintraf, stellte er fest, dass 200 GIs im Gutshaus einquartiert
worden waren. Er verbrachte deshalb die erste Nacht im Gewächshaus, ehe er am nächsten Tag ins Haus schlich und sich
im Schlafzimmer versteckte. Wenn er ins Bad wollte, trug seine
Frau ein Bügelbrett über den Flur, hinter dem er sich verbergen konnte. Nicht einmal die Kinder durften erfahren, dass es
dem Vater gelungen war, sich einer Gefangennahme durch die
Russen zu entziehen. Die Gefahr, dass sie sich verplappern
könnten, war zu groß. Da die Situation auf die Dauer unhaltbar
war, stellte sich der Rückkehrer nach zwei Tagen den Amerikanern. Schon am Mittag des gleichen Tages war er zurück. Da er
weder Parteigenosse war noch etwas mit der SS zu tun gehabt
hatte, sahen die Amerikaner keinen Grund, ihn festzuhalten.
Der Wiederaufbau des Unternehmens und seiner Filialen
konnte beginnen. Kurt Ganske dirigierte ihn zunächst von Ho119
henhaus aus. Tatkräftig unterstützt wurde er dabei von seinen
Prokuristen Alfred Hartz und Gustav Dietzel. Beide waren
schon seit Anfang der dreißiger Jahre bei Daheim angestellt.
Dietzel war nach dem Krieg vor allem für den Außendienst zuständig, die »rechte Hand« ihres Mannes, wie Gerda Ganske
sich erinnert. Hartz, mit dem Kurt Ganske seit den gemeinsamen Lehrlingstagen in Hamburg befreundet war, kümmerte
sich um die innere Organisation. Auch andere Führungskräfte,
die den Krieg überlebt hatten, sammelten sich nach und nach
in Hohenhaus. »Fünf bis sechs Mitarbeiter waren es, die damals mit Frau und Kindern bei uns im Haus lebten«, berichtet
Gerda Ganske. Auch mit 96 Jahren kann sich die hellwache
alte Dame noch gut an die Einzelheiten erinnern.
Die meisten waren ebenso wie ihr Chef ausgebombt. Gemeinsam mit der Familie Ganske fanden sie nun Unterschlupf
im Gutshaus. In der Küche wurde ein zweiter Herd aufgestellt,
damit alle Frauen eine Möglichkeit fanden, für ihre Familien
die Mahlzeiten zuzubereiten. Milch kam von den Kühen im
Stall, Obst von den Bäumen rings um den Gutshof. Obwohl
­Michael Ganske, der älteste Sohn, 1945 erst sechs Jahre alt war,
erinnert er sich bis heute an viele Details aus den ersten Nachkriegsjahren. Sein Vater suchte in dem Strom der Flüchtlinge
gezielt nach guten Handwerkern und verschaffte ihnen auf
dem Gelände des Gutshofs ebenfalls eine Bleibe. Jeder bekam
eine Parzelle, auf der er für sich und seine Angehörigen Kartoffeln, Bohnen, Tomaten und anderes Gemüse anbauen und
ein paar Hühner halten konnte. Und alle spielten eine wichtige Rolle beim Wiederaufbau der Filialen.
In den zum Rittergut gehörenden Wäldern gab es reichlich
Holz. Kurt Ganske ließ es in der ehemaligen Remise zu Balken
und Brettern verarbeiten. Mit einem klapprigen alten Lastwagen wurde das Baumaterial zu den Filialen gefahren. Die auf
dem Gut angesiedelten Handwerker fuhren gleich mit und unterstützten die Ortskräfte mit ihren Fachkenntnissen beim
120
Wiederaufbau von Werkstätten, Lager- und Büroräumen, der
Reparatur von Maschinen und Fahrzeugen. Es mussten Decken abgestützt, Türen eingesetzt und Fenster abgedichtet werden, meist erst einmal mit »Rollglas«, wie die mit einem lichtdurchlässigen Kunststoff überzogenen Drahtnetze genannt
wurden, die in die leeren Fensterrahmen genagelt wurden. Wo
am alten Standort nichts mehr zu reparieren war, wurde versucht, neue Räume anzumieten und so herzurichten, dass darin wieder notdürftig gearbeitet werden konnte.
Es fehlten zunächst fast alle Utensilien, ohne die ein Lesezirkel nicht auskommt. Ein großer Teil der Mappen war verbrannt. Fahrräder, Karren und motorisierte Fahrzeuge waren
größtenteils vernichtet, gestohlen oder wegen Ersatzteilmangel nicht einsatzfähig. In den zerstörten Filialen gab es keine
brauchbaren Heftmaschinen mehr. Es mangelte sogar an Draht,
Kleister und Klammern. Papierscheren waren ebenso schwer
aufzutreiben wie Schreibmaschinen oder Karteikarten. Im ersten Nachkriegswinter gab es in vielen Arbeitsräumen nicht
einmal einen einfachen Kohle- oder Holzofen. Aber auch der
hätte nichts genützt, weil nirgendwo Kohle oder Brennholz
aufzutreiben war.
Wie stark die Arbeit durch den alltäglichen Mangel behindert wurde, illustriert die Einladung des Lesezirkelverbandes
in Hamburg zu einer Sitzung im Dezember 1946. Um auch weiterhin Eingaben bei Behörden machen, Mitteilungen verschicken und Bescheinigungen ausstellen zu können, bittet der
Vorsitzende am Ende des Schreibens um eine kleine Spende in
Form von Briefpapier: »Bisher habe ich meinen Privatbestand
dazu hergegeben. Der ist jetzt verbraucht. Wenn jeder zur
­Versammlung eine Handvoll Schreibmaschinenpapier (unbedruckt), einen Copierbogen und einige Umschläge mitbringt,
raucht der Schornstein wieder ein Weilchen.«
Um überhaupt mit der Arbeit beginnen zu können, mussten
sich die Filialen bei der Militärregierung registrieren lassen
121
und eine Betriebsgenehmigung beantragen. Die war zwar
leichter zu bekommen als eine Verlagslizenz. Aber auch mit
Genehmigung konnten die Lesezirkel ihre eigentliche Aufgabe, Lesestoff unter die Leute zu bringen, nur schwer erfüllen. Es gab kaum Zeitschriften, die man sortieren, ausliefern
und wieder einsammeln konnte. Deshalb behalf man sich in
vielen Filialen zunächst mit Kleintransporten und anderen
»artfremden« Tätigkeiten. Doch damit konnten nur wenige
Mitarbeiter beschäftigt werden. Je mehr von den ehemaligen
Boten, Vertretern, den Lager- und Büromitarbeiterinnen vom
Land, aus den ehemaligen Rüstungsbetrieben oder aus der Gefangenschaft zurückkamen, desto schwieriger wurde es, ihnen
Arbeit zu geben. Irgendjemand kam Ende 1945 auf die Idee,
die noch vorhandenen Mappen erst einmal mit Büchern statt
mit Magazinen zu füllen.
Das taten auch andere Lesezirkel. Aber wieder einmal war
Kurt Ganske seinen Konkurrenten um eine Nasenlänge voraus.
Bei Hoffmann und Campe waren nicht die gesamten Lagerbestände verbrannt. Außerdem wurden nach Erteilung der Verlagslizenz bereits 1946 schon wieder neue Bücher aufgelegt.
Im Herbstprogramm konnten immerhin 13 Titel angeboten
werden – nicht zuletzt dank der Vorarbeit von Harriet Wegener,
die in den letzten Kriegsmonaten auch ohne Genehmigung
des Propagandaministeriums und ohne Papierbewilligung geeignete Manuskripte setzen und matern ließ.
Zeitschriften hatte Hoffmann und Campe zu dieser Zeit
noch nicht zu bieten, konnte aber immerhin Pakete mit 50 bis
100 Büchern für die Daheim-Filialen liefern. Darunter waren
»Madame de Staël« und »Schiller« von Albert Erich Brinckmann, das »Buch der Lieder« von Heinrich Heine oder eine
»Maritime Weltgeschichte«. Das waren gewiss keine Titel, die
man in normalen Zeiten einem breiten Publikum angeboten
hätte. Aber »in der Not frisst der Teufel Fliegen«. Harriet Wegener hatte sich außerdem während des Krieges im Auftrag
122
von Kurt Ganske darum bemüht, eine Daheim-Werksbibliothek aufzubauen. Sie hatte zwar nur einen Teil der gewünschten Werke auftreiben können, aber jetzt war auch das eine
kleine Hilfe. Selbst bei Kunden wurden Bücher eingesammelt,
wenn sie bereit waren, ein paar Schmöker für den Verleih zur
Verfügung zu stellen.
Auch die Übernahme des Wegweiser Verlags, der aus dem
Volksverband der Bücherfreunde hervorgegangen war, diente
wohl vor allem dem Zweck, der dort noch vorhandenen Bücher­
bestände habhaft zu werden. Sie wanderten 1946 zum Teil in
die Mappen von Daheim, gaben aber auch HoCa die Möglichkeit, dem Buchhandel etwas zukommen zu lassen.
Angereichert wurden die Mappen mit ein paar älteren Zeitschriften, die erhalten geblieben waren. Dazu kamen sporadisch erscheinende Blätter, die wegen des Papiermangels aber
immer nur sehr kleine Auflagen hatten. Die Mitglieder des Lesezirkelverbandes verpflichteten sich daher, diese Zeitschriften
nach einem bestimmten Schlüssel untereinander aufzuteilen.
Alle Betriebe sollten so eine Chance zum Überleben erhalten.
»Mein Vater hat erzählt, dass sogar Halbhefte in die Mappen
gelegt wurden, damit die Bezieher nicht gleich das ganze Blatt
in einer Woche lasen«, erinnert sich sein Sohn Thomas.
Gelegentlich konnten auch aktuelle Zeitschriften aus Österreich beigelegt werden. Dort erschienen schon 1945 wieder regelmäßig mehrere Titel. Deren Export nach Deutschland war
zwar verboten. Es gelang aber schon 1946, eine Waggonladung
davon über die Grenze zu schmuggeln. Wie das geschah, »wird
wohl immer Geheimnis der Beteiligten, insbesondere auch des
Verfassers dieses Aufsatzes, bleiben müssen«, berichtete ein
Verbandsfunktionär später etwas wichtigtuerisch.
Das war nicht der Lesestoff, den Daheim seinen Kunden
früher geboten hatte. Die Mappen konnten zunächst auch
nicht mit der gleichen Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit geliefert werden. Aber es war ein Anfang.
123
Erst kommt das Fressen …
Fast von vorn anfangen musste man auch wieder mit dem Aufbau des Kundenstamms. Einige der Karteien und damit auch
die Kundenadressen waren vernichtet oder entwendet worden.
Die meisten waren jedoch erhalten geblieben. Die Anschriften
stimmten aber in vielen Fällen nicht mehr. Die Häuser waren
zerstört, die Bewohner umgekommen, geflohen oder in anderen Stadtteilen in die noch erhaltenen Wohnungen eingewiesen worden. Viele kamen überhaupt nicht mehr in die frühere
Heimat zurück. Sie blieben da, wohin sie durch Evakuierung,
Flucht oder Vertreibung verschlagen worden waren. Dennoch
gelang, was zunächst schier unmöglich erschien: Bis Ende 1946
konnte etwa die Hälfte der früheren Kunden wieder beliefert
werden. Um allerdings an die Abo-Zahlen heranzukommen,
die vor dem Krieg erreicht worden waren, musste die andere
Hälfte neu geworben werden. Während des Krieges hatte man
sich damit zurückgehalten. Harriet Wegener hatte sich zunächst darüber geärgert, dass bei der Grünen Mappe ihre Hinweise auf potenzielle Kunden scheinbar auf wenig Interesse
stießen. Erst auf Nachfrage erfuhr sie, dass Kurt Ganske dies
so angeordnet hatte. Er wollte nicht, dass ausgebombten Konkurrenten das Wasser abgegraben wurde.
Als alle wieder die gleiche Chance für einen Neubeginn hatten, war es mit der Zurückhaltung allerdings vorbei. Schon
1946 konnten in den drei westlichen Besatzungszonen 15 Filialen wieder in Betrieb genommen werden. Im folgenden Jahr
waren es weitere acht, davon sechs in der sowjetischen Besatzungszone. 1948 kamen zwei weitere Zweigstellen hinzu – und
mit ihnen alte und neue Kunden. Schon 1947, als das 40-jährige Jubiläum der Firma gefeiert wurde – der schweren Zeiten
wegen auch diesmal wieder ohne Pauken und Trompeten –,
kamen erste Erfolgsmeldungen. Noch im Stil der verflossenen
Jahre schickten die Mitarbeiter aus der Daheim-Geburtsstadt
124
ihre Glückwünsche: »Die zur Feier des Geschäftsjubiläums versammelte Gefolgschaft der Filiale Kiel grüßt die Geschäftsleitung und meldet als ersten Erfolg der steten Einsatzbereitschaft
die Erreichung des letzten Kriegskundenstammes.«
Ähnlich erfolgreich und engagiert arbeiteten offenbar auch
die Mitarbeiter in den anderen Filialen, denn der Vorkriegsstand wurde innerhalb der ersten drei Nachkriegsjahre nicht
nur erreicht, sondern sogar deutlich übertroffen. Bis zur Währungsreform stieg die Zahl der alten, der wiedergewonnenen
und der neuen Abonnenten in den drei Westzonen auf insgesamt 170 000, darunter 9000 Bezieher von Erstmappen. In der
sowjetisch besetzten Zone war, gemessen an der Bevölkerungszahl, das Ergebnis noch besser. Dort teilten sich 39 000 Bezieher 2600 Erstmappen. Das bedeutete, dass die alte Rekordzahl
um mehr als ein Viertel übertroffen worden war und die Bücher und Zeitschriften, mit denen die Mappen gefüllt wurden,
in diesen Jahren bis zu 18-mal den Nutzer wechselten. Auch
das war ein Rekord – und ein Indiz dafür, wie groß der Lesehunger war.
Um die Mitarbeiter im Allgemeinen und die Außendienstvertreter im Besonderen anzuspornen, gab es außer Geld auch
gute Worte, der besseren Wirkung wegen gern auch mal in
Form von Liedern und Versen. Um die Mitarbeiter zu motivieren, erinnerten sich einige Filialleiter gelegentlich daran, dass
sie zum Volk der Dichter und Denker gehörten. Davon zeugten
in den dreißiger Jahren das »Daheim-Firmen-Lied« oder das
»Organisatoren-Lied«. Sie wurden auf die Melodie von »Wohlauf, die Luft geht frisch und rein« beziehungsweise »Die Gigerl­
königin« gesungen und enthielten Verse wie diesen: »Was im
Büro zu tun man hat, das wird ein jeder wissen; radieren und
auch Striche ziehn tut niemals wen verdrießen.« Beim »Organisatoren-Lied« lautete der nach jeder Strophe erklingende
Refrain: »Seht, seht, das ist ein Geschäft, das bringt noch was
ein. Ein jeder aber kann es nicht, es muss verstanden sein.« Ge125
schmettert wurden diese Lieder unter anderem anlässlich einer
Geschäftsführer- und Organisatoreninstruktion, zu der man
sich im August 1935 in der Lüneburger Heide traf.
Auch nach dem Krieg ging der eine oder andere Filialleiter
schon mal unter die Dichter, um den Mitarbeitern die richtige
Einstellung zum Beruf zu vermitteln. Eine solche Lehrtafel in
Versform aus den fünfziger Jahren, die ausdrücklich als »Eigen­
tum der Firma Lesezirkel Daheim Richard Ganske« gekennzeichnet ist, hat alle Umzüge und Umorganisationen überstanden. Joachim Herbst, der seit April 1999 zunächst als Referent
des Verlegers in der Ganske-Gruppe gearbeitet hatte und im
Oktober 2001 die Geschäftsführung von Daheim übernahm,
hat diesen Meilenstein in der Geschichte der Mitarbeitermotivation in einer Rumpelkammer entdeckt und gerade noch
rechtzeitig vor der finalen Entsorgung bewahrt.
Auf dem Schaubild wird mit jeweils neun Fotos und den dazugehörenden Versen veranschaulicht, was den guten DaheimVertreter vom »Auch-Vertreter« unterscheidet. Während der
Gute sich abends zu Hause beim Schachspiel entspannt, den
Geist durch Lektüre anregt und sich vor dem Schlafengehen
die Zähne putzt, spielt der Taugenichts Karten, raucht, trinkt
und hat am nächsten Morgen Mundgeruch. Entsprechend gut
oder schlecht führen sich die beiden am nächsten Tag gegen­
über den Kunden auf. Dass der Musterknabe gut verdient (»Das
Tagesziel ist heut erreicht, uns allen fällt der Heimweg leicht«),
während der Hallodri den Tag ohne Auftrag und überdies vorzeitig beendet (»Die Arbeitslust war heut’ nicht groß! Kein Auftrag fiel ihm in den Schoß. Trotzdem den Schritt nach Haus er
lenkt, fragt nicht, was die Kolonne denkt!«), versteht sich von
selbst.
So motiviert sammelten die Vertreter in den fünfziger Jahren Aufträge ein wie nie zuvor. Es hätten sogar noch mehr
Abonnenten sein können, wenn jeder genommen worden wäre,
der gern ein paar Zeitschriften lesen wollte. Aber es gab in den
126
meisten Städten und Regionen, in denen Daheim vertreten
war, Sperrgebiete. Dort war es den Vertretern verboten, Aufträge zu schreiben. An Kunden, die selten oder nie zahlten, war
man verständlicherweise nicht interessiert. In einem Handbuch, in dem Orte von A wie Aachen bis Z wie Zülpich verzeichnet sind, waren die Straßen, Wohngebiete und sogar Gebäude detailliert aufgelistet, die für Werber tabu waren. In
Aachen umfasste die Liste 30 Straßen sowie »alle Bunker«. In
Düsseldorf muss es in den ersten Nachkriegsjahren besonders
viele zahlungsfaule Kunden gegeben haben, denn immerhin
84 Straßen wurden als No-Go-Zonen genannt. So wurden unter anderem keine Abo-Aufträge mit der Adresse Aachener
Stra­ße 172, dem Dietzelweg (Baracke) oder der Katharinenstraße (Ausländerlager) angenommen. Unerwünscht waren
auch Kunden in der Leverkusener Straße (Stahlhelmsiedlung)
oder aus Ledigenheimen. In München mussten die Vertreter
zwar nur um 31 Straßen einen Bogen machen, hatten aber
als generelle Anweisung zu beachten: »Des Weiteren sind alle
offensichtlichen Baracken- und Kasernen-Abonnenten unerwünscht.« In Hannover war die Gemeindeholzstraße 37 (»Jünglingsheim«) ebenso off limits wie die Ludwigstraße (»Bordell«).
Unter Iserlohn findet sich der Hinweis: »Allgemeine Vorsicht
in der Altstadt hinterm dicken Turm.«
Manchmal versteckten sich Filialleiter aber auch hinter dicken Bäumen, um unliebsame Konkurrenten zu beobachten.
Selbst der Prokurist Gustav Dietzel war sich nicht zu fein dafür,
gelegentlich Privatdetektiv zu spielen. Es ging dabei um ehemalige Boten, die in den Wirren der letzten Kriegstage Teile
der Kundenkartei an sich gebracht hatten oder einfach ihr Gedächtnis strapazierten, um ehemalige Daheim-Kunden ausfindig zu machen, deren Belieferung sie nun selbst in die Hand
nehmen wollten. »Das war eigentlich Diebstahl von Firmen­
eigentum«, stellt Hans Löber klar, der 1949 die Leitung der
Filia­le in Düsseldorf übernahm, nachdem er vor den Russen in
127
den Westen geflohen war. Er hat selbst so manchen unlauteren
Konkurrenten ertappt. Er folgte ihm dann unauffällig auf seinem Weg zu den früheren Kunden. »Wir haben sie dann angesprochen und ihnen ein günstigeres Angebot gemacht. Meist
hatten wir sie danach schnell zurück.«
Anders war es, wenn Daheim-Vertreter bei jemandem klingelten, der bereits von einem Branchenkollegen beliefert wurde. Dann galt die strikte Regel, dass man sich mit der Be­
merkung, man wolle bestehende Geschäftsbeziehungen nicht
stören, wieder höflich verabschiedete.
Der Tag, an dem das neue Geld kam
Für den Chef waren andere Hinweise wichtiger. Drei Jahre
nach Kriegsende verdichteten sich die Gerüchte über eine bevorstehende Währungsreform. Ein Mitarbeiter berichtete Kurt
Ganske im Juni 1948 nach Hohenhaus, dass ihm seit seiner Ankunft in Hamburg das ständige Gerede über einen bevorstehenden Geldumtausch auffalle. Er habe »beobachtet, dass es
sich dabei beinahe schon um eine Psychose handelt«. Eine der
Folgen sei, dass »man durch das ganze Gerede auch bei den
Druckereien immer nervöser und damit immer weniger geneigt wird, etwas zu liefern«. Das galt aber nicht nur für die
Druckindustrie. Jeder, der etwas zu verkaufen hatte, wartete ab.
Das änderte sich schlagartig, als die Westalliierten am
18. Juni 1948 das Währungsgesetz bekanntgaben. Fast gleichzei­
tig und ohne Absprache mit den Alliierten verkündete Ludwig
Erhard, der damalige Zonen-Wirtschaftsdirektor und ­spä­tere
Bundeswirtschaftsminister, die Abschaffung der seit Kriegsbeginn geltenden Zwangsbewirtschaftung und setzte diesen radikalen Bruch mit der Vergangenheit auch tatsächlich gegen
den Widerstand der Militärregierung durch.
Am 20. Juni wurde die neue Währung ausgegeben. Die abgewirtschaftete Reichsmark wurde durch die Deutsche Mark
128
ersetzt. Jeder Einwohner der Trizone erhielt zunächst 40 D-Mark
»Kopfgeld«. Schon am Tag danach lagen in den Schaufenstern
Waren, die man seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte. Es
gab Orangen, Schokolade und viele andere Dinge zu kaufen,
die Kinder und Jugendliche nur aus den Erzählungen ihrer Eltern kannten. Die schwarzen Märkte dagegen verschwanden
buchstäblich über Nacht. Gleichzeitig erlosch das Interesse an
Kultur und Unterhaltung. Die Westdeutschen stürzten in die
Geschäfte und gaben das neue Geld für Essen und Trinken,
später für Kleidung und Wohnung aus. Kinos, Konzertsäle, Kabaretts und Museen dagegen blieben nach der Währungsreform leer. Selbst mit radikal gesenkten Preisen ließen sich die
Zuschauer nicht in die notdürftig instandgesetzten Opernhäuser und Theater locken. Zum Erstaunen der Verlagsbranche
galt dies zunächst nicht für Bücher. Die verkauften sich auch
dann noch, als mit harter D-Mark dafür bezahlt werden musste,
wie »warme Semmeln«. Erst Mitte 1949 brach auch hier die
Nachfrage schlagartig ab. Die Lesezirkel dagegen hatte der radikale Wandel der Konsumgewohnheiten sofort und mit voller
Wucht getroffen. War es bis zur Währungsreform schwerer, an
Zeitschriften als an neue Kunden zu kommen, so drehte sich
dies nun wieder um.
Während jeden Monat neue Blätter an die Kioske kamen,
hagelte es bei den Lesezirkeln Abbestellungen. Viele der klei­
neren Betriebe, die den Krieg und die Hungerjahre mit Ach
und Krach durchgestanden hatten, überlebten diesen Schock
nicht. Auch Daheim traf es hart. Der Lesezirkel hatte zwar aus
dem Stand heraus seine überragende Marktstellung zurück­
erobert, verlor aber nach dem Währungsschnitt seine Abonnenten fast ebenso schnell, wie er sie zuvor gewonnen hatte. In
den drei Westzonen kehrte innerhalb kürzester Zeit fast jeder
zweite Bezieher dem Lesezirkel wieder den Rücken. Die Kundenzahl sank innerhalb weniger Monate auf 95 000. Auch im
Osten ging 1948 ein beträchtlicher Teil der in den zwei Jahren
129
zuvor gewonnenen Kunden wieder verloren. Im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands lag es allerdings nicht daran, dass
die Abonnenten durch volle Schaufenster vom Lesen abgelenkt wurden. Es war vielmehr die anhaltende Not, die auch im
Osten zu einer Flut von Abbestellungen führte und in der SBZ
die Zahl der Bezieher auf 33 000 schrumpfen ließ. Das war allerdings nicht der Grund, warum Kurt Ganske seine ostdeutschen Filialen in eine selbständige Kommanditgesellschaft umwandelte – er ahnte wohl, dass bald ganz andere Probleme auf
ihn zukommen würden.
Tatsächlich endete das Engagement im Osten schon 1951
mit einem Totalverlust. Der Welle der Verstaatlichungen fielen
neben zahlreichen anderen Betrieben auch die Lesezirkel zum
Opfer. Die mit großem Einsatz wiederaufgebauten Daheim­Filialen in Leipzig, Dresden, Görlitz, Magdeburg, Chemnitz
und Zwickau wurden enteignet und ihre Verwaltung der Post
übertragen. Das war der Anfang vom Ende. Ebenso wie die anderen Lesezirkel verschwanden auch die Daheim-Filialen in
der späteren DDR bald spurlos von der Bildfläche. Einige der
Mitarbeiter, denen die Flucht gelang, stießen danach im Wes­
ten wieder zu ihrer alten Mannschaft. Andere wurden von Hohenhaus aus noch jahrelang mit Wurstpaketen und anderen
Köstlichkeiten versorgt, die das Arbeiter- und Bauernparadies
ihnen nicht bieten konnte. Es war vor allem Gerda Ganske, die
den Kontakt zu vielen der früheren Mitarbeiter auch dann
nicht abreißen ließ, als sie für Jahrzehnte hinter Mauer und
Stacheldraht verschwanden.
Kleine Münzen, großer Gewinn
Die Menschen im Osten mussten noch fast ein halbes Jahrhundert warten, bis auch für sie die magere Nachkriegszeit endgültig vorbei war. Die 1949 gegründete Bundesrepublik dagegen
ging einem phänomenalen Wirtschaftsaufschwung entgegen,
130
dem deutschen »Wirtschaftswunder«. Verlierer der Reform waren die kleinen Sparer, deren Guthaben bei der Umstellung
stark entwertet wurden. Besitzer von Sachwerten kamen dagegen weitgehend ungeschoren davon. Betriebe, Häuser, Fahrzeuge oder Waren behielten ihren Wert und konnten als Startkapital bei dem nun beginnenden Wettlauf in den Wohlstand
dienen.
Kurt Ganske verschaffte sich noch einen zusätzlichen Startvorteil. Als sich die Gerüchte über eine bevorstehende Währungsreform verdichteten, gab er seinen Boten die zunächst
merkwürdig erscheinende Anweisung, beim Inkasso nur noch
Münzen zu akzeptieren. Und er wies die Filialleiter an, das
Kleingeld nicht zur Bank zu bringen. Er sah voraus, dass es angesichts der Rohstoffknappheit und der begrenzten Kapazitä­
ten in den Münzanstalten am Stichtag zwar die neuen Scheine
geben würde, nicht aber genügend Münzen. »Diese Erfahrung
hatte er aus der Zeit der großen Inflation in den zwanziger Jahren«, weiß sein Sohn Thomas Ganske. »Das war nun eine seiner
Finanzierungsideen in der Zeit des Wiederaufbaus.« Tatsächlich blieben die abgegriffenen Pfennige und Groschen auch
nach Einführung der D-Mark noch längere Zeit als Wechselgeld im Umlauf. Während Banknoten und Kontobestände eins
zu zehn abgewertet wurden, konnten Münzen später zum
Nennwert in DM getauscht werden. Für die meisten Bundesbürger spielte das keine große Rolle. Bei ihnen klimperte nur
eine Handvoll Kleingeld in der Tasche. Kurt Ganske dagegen
hatte es sackweise eingesammelt und tauschte seinen Münzschatz erst ein, als er von den Banken Gutschriften dafür in
der neuen, stabilen Währung bekam.
Der Verlust an Kunden ließ sich nicht so leicht wettmachen.
Doch die vielen neuen Blätter und die wieder zunehmende
Qualität der Zeitschriften ließ zu Anfang der fünfziger Jahre
auch die Leselust wieder wachsen. Angesichts der zunächst
noch sehr geringen Einkommen zeigte der Hinweis der Daheim131
Werber auf den Preisvorteil des Gemeinschaftslesens wieder
seine schon seit 300 Jahren gewohnte Wirkung. Eine aktuelle
Mappe mit zehn Zeitschriften kostete 2,70 DM. Das war schon
eine kräftige Ersparnis gegenüber den Einzelverkaufspreisen
dieser Blätter. Wer sich länger gedulden wollte, bekam die gleichen Blätter noch günstiger. Ein Bestellschein aus dem Jahr
1950, den eine Daheim-Kundin nach Jahrzehnten in ihren Unterlagen fand, zeigt, dass sie damals eine Mappe der Klasse 7
(Lieferung sieben Wochen nach Erscheinen) für eine wöchentliche Leihgebühr von 60 Pfennig erhielt.
Heutigen Lesern erscheint das auf den ersten Blick außerordentlich billig. Das war es auch im Vergleich zu den Einzelverkaufspreisen am Kiosk. Aber die Abo-Preise müssen auch
mit den damaligen Einkommen verglichen werden. In einer
Verkäuferschulung für die Außendienstmitarbeiter wurde 1951
vorgerechnet, dass ein fleißiger und gut organisierter Vertreter
es durch vermehrte Anstrengungen durchaus auf zusätzliche
Provisionen von monatlich 57,80 DM bringen konnte. Wenn
dieser materielle Ansporn allein nicht ausreichte, hielt ein
Schulungsplan, der »Oberreisenden« Anfang 1951 für ihre
­Außendienstler in die Hand gedrückt wurde, aufmunternde
Worte bereit: »Während den einen vor allem die materiellen
Vorteile reizen, wird der andere den höheren Gewinn in der
Stärkung seines Selbstbewusstseins suchen und finden. Er erlebt dann den prickelnden Reiz des Sprichwortes: Der Mut
kommt vom frühen Gelingen!«
Auch diejenigen, die ihre Mitarbeiter auf diese Art moralisch aufrüsten sollten, mussten sich Anfang der fünfziger
Jahre noch mit – aus heutiger Sicht – bescheidenen Einkünften
begnügen. Einem Angestellten im Außendienst mit Kontrollund Leitungsfunktion wurde 1952 im Anstellungsvertrag ein
Bruttogehalt von 275 DM zugesichert. Ein altgedienter Mit­
arbeiter wie Alfred von Wredenhagen, der sich »nach seiner
Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft 1946 tatkräftig für
132
den Wiederaufbau unseres Betriebes … eingesetzt hat«, wie
ihm die Geschäftsleitung bescheinigte, verdiente 1953 als Leiter der Rechtsabteilung und Sonderbeauftragter der Geschäftsleitung 1000 DM brutto. Die beiden Prokuristen, die diesen
Brief unterzeichneten, Gustav Dietzel und Alfred Hartz, bezogen seit 1950 ein Grundgehalt von 1200 DM. Dazu kam allerdings eine Umsatzbeteiligung von einem halben Promille.
Der Ausbau des Vertriebsnetzes im Westen und intensive
Kundenwerbung sorgten dafür, dass die Folgen des schweren
Rückschlags nach der Währungsreform und der Enteignung
im Osten bald überwunden wurden. Im Westen näherte sich
die Zahl der Filialen in großen Schritten dem Vorkriegsstand.
1949 kamen mit Wuppertal, Braunschweig, Dortmund, Duisburg, Essen und Wiesbaden sechs Standorte hinzu. 1950 folg­
ten Filialen in Gießen und Rendsburg. 1953 fand mit der Er­öff­
nung von drei weiteren Zweigniederlassungen in Bremerhaven,
Bochum und Oberhausen der Wiederaufbau seinen Abschluss.
In den nun wieder 30 Filialen belieferten 1700 Mitarbeiter
mehr Kunden als jemals zuvor. Für 1955 konnte Daheim Anzeigenkunden eine notariell beglaubigte Statistik vorlegen, wonach mit 28 825 Erstmappen insgesamt 344 123 Abonnenten
beliefert wurden. In der kleineren Bundesrepublik war die im
letzten Friedensjahr im Deutschen Reich registrierte Zahl von
Kunden damit mehr als verdoppelt worden. Das entsprach zwar
nur einem Marktanteil von gut 14 Prozent. Doch da zur gleichen Zeit rund 800 Lesezirkel um die Gunst der Kunden
kämpften, war Daheim ein einsamer Riese unter vielen Zwergen. Im Durchschnitt bestückten die vom Verband registrierten Verleiher Mitte der fünfziger Jahre gerade mal 250 Erstmappen.
Zugleich wirtschaftete Daheim so rentabel wie noch nie.
Kurt Ganske hatte nach dem Krieg die Wahlmappen abgeschafft und lieferte seinen Kunden nur noch ein festes Sortiment. Das war aus betriebswirtschaftlichen Gründen wesent133
lich vorteilhafter, da es den Einkauf größerer Stückzahlen
erlaubte. Es war logistisch einfacher, weil dadurch ein ständiges Umsortieren der Mappen entfiel. Bei Daheim lagen Mitte
der fünfziger Jahre zehn Zeitschriften in jeder der über 28 000
Erstmappen, die pro Woche gefertigt wurden. Das bedeutete,
dass jede Woche in den Filialen über eine Viertelmillion Hefte
in die damals grau melierten Daheim-Umschläge gelegt, geheftet, mit Werbeaufklebern versehen und schließlich in die
Mappen gelegt werden mussten. Alles in Handarbeit.
Auch in mancher anderen Hinsicht kann man sich heute
nur noch schwer vorstellen, wie der Arbeitsalltag Mitte der
fünfziger Jahre aussah. Nicht nur, dass ein Geschäftsführer
wie Gustav Dietzel die Fingernägel seiner Boten kontrollierte.
Er achtete auch sorgfältig darauf, dass mit den Arbeitsmitteln
äußerst sparsam umgegangen wurde. »In den Filialen gab es
drei Stifte zum Ausfüllen der Karteikarten: Schwarz, Grün
und Rot«, erinnert sich Helmut Brümmer, heute Leiter des
LKD-Bezirks West in Düsseldorf, an Erzählungen seines Vorgängers Hans Löber. »Wenn Ersatz bei der Zentrale angefordert wurde, kam von dort oft die Frage: Wieso, die können
doch erst zur Hälfte abgeschrieben sein?« Da bei den Abonnenten grundsätzlich bar kassiert wurde, waren jeden Abend
große Mengen an Münzgeld zu sortieren. Löber zählte bis zu
seiner Pensionierung im Jahr 1979 höchstpersönlich die Tages­
einnahmen und drehte dann das Kleingeld per Hand zu Geldrollen. Auf die Anschaffung von Zählbrettern wurde aus Kos­
tengründen verzichtet.
Etwas seltsam erscheint heute auch die Haus- und Büroordnung, die in den fünfziger Jahren den Arbeitstag regelte. Er
wurde im wahrsten Sinne des Wortes eingeläutet – nämlich
durch einen Klingelton. Damit wurden auch Anfang und Ende
der Pausen sowie der Feierabend akustisch angekündigt. Wenn
die Klingel schrillte, hatte sich jeder Betriebsangehörige bereits »an seinem Arbeitsplatz zu befinden« und durfte »diesen
134
nicht vor dem für ihn gültigen Schlusszeichen verlassen«. Und
er hatte auch mit dem Einräumen seiner Stifte oder Karteikarten zu warten, bis es klingelte, denn »die Aufräumarbeiten beginnen erst mit dem Schlusszeichen«. Auch ein »Garderobenwechsel vor dem Schlusszeichen ist nicht statthaft«. Ein Blick
auf die eigene Uhr reichte nicht, um sich rechtzeitig an seinen
Platz zu begeben oder den Schreibtisch aufzuräumen. Damit
es gar kein Vertun geben konnte, hieß es streng: »Maßgebend
für die Zeitbestimmung ist die Zeitangabe der Geschäftsuhr.«
Mit der Ausrede, dass die eigene Uhr vor- beziehungsweise
nachgegangen oder gar stehengeblieben sei, konnte da keiner
kommen.
Um jedes unnötige Verlassen des Arbeitsplatzes oder gar
ein Schwätzchen auf dem Flur von vorneherein zu unterbinden, wurde verfügt: »Zur Geschäftsabwicklung innerhalb des
Hau­ses ist weitestgehend das Haustelefon zu benutzen.« Da
sich manche Geschäfte allerdings beim besten Willen nicht am
Schreibtisch erledigen ließen, wurde nicht nur angeordnet,
dass die Toiletten sauber zu halten seien und keine Zigarettenkippen oder sonstige Ge­gen­stän­de in irgendwelche Becken geworfen werden dürften. Es wurde auch darauf hingewiesen,
dass lautes Reden und Türenschlagen sowohl in den Geschäftsräumen als auch in den Fluren nicht statthaft sei. Dass die Zeit
des management by walking noch nicht angebrochen war, geht
aus § 7 der Büroordnung hervor: »Jeder unnötige Aufenthalt
in Räumen außerhalb des Arbeitsplatzes, das Herumstehen
und Herumlaufen sowie Unterhaltungen haben zu unterbleiben. Auch während der Pausen ist der Aufenthalt in anderen
Räumen unerwünscht.«
Die Unterbringung der Garderobe (Mäntel, Hüte, Schirme)
in den dafür vorgesehenen Räumen und Schränken war ebenso penibel geregelt wie das Abstellen von Fahrrädern, das in jedem Fall auf eigene Gefahr geschah. Es blieb auch nicht den
Mitarbeitern überlassen, wo sie Handtaschen, Taschentücher
135
oder Brillenetuis verstauten: »Privatsachen können nur in dem
unteren Fach der rechten Schreibtischseite verwahrt werden.«
Selbst das Abstellen von Kaffeetassen, der Verbleib von Obst­
resten und Milchflaschen war exakt vorgeschrieben. Da überall »auf peinliche Ordnung« zu achten war, blieb es auch nicht
dem Zufall überlassen, wo die Büroutensilien nach Arbeitsschluss zu verstauen waren: »Hefter und Ordner sind an die
bestimmten Plätze in den Registraturschränken zurückzustellen, Schreib­zeuge, Briefkörbe usw. in den Schreibtischen unterzubringen.« Schreibmaschinen durften auf keinen Fall bis
zum nächsten Morgen auf den Tischen bleiben. Sie waren
ebenso wie die Rechenmaschinen »nach Büroschluss in den
Stahlschränken aufzubewahren«.
Richtig modern mutet dagegen folgende Order an: »Das
Rauchen ist in allen Büroräumen, in denen mehrere Personen
arbeiten, sowie in den Warteräumen, der Garderobe und Toilette im Interesse aller Angestellten verboten.« Es ist übrigens
die einzige Vorschrift, deren strikte Einhaltung sich Joachim
Herbst, der ein halbes Jahrhundert später die Geschäftsführung übernahm, auch heute noch wünschen würde.
In der Mappe zum Erfolg
In den fünfziger Jahren galten derartig strikte Regeln als selbstverständlich. Damals wurde von den Kunden auch akzeptiert,
dass der Lesezirkelbetreiber ihre Lektüre bestimmte. Das feste
Programm gefiel offenbar den Lesern, weil die Mappen gut
sortiert waren und jedem in der Familie oder in den Wartezimmern, Restaurants oder Frisierstuben etwas boten. Anders als
zu Kaisers Zeiten legten inzwischen auch die meisten Verleger
großen Wert darauf, dass ihre Blätter von den Lesezirkeln geführt wurden, und waren bereit, sie zu entsprechend günstigen
Preisen zur Verfügung zu stellen – vor allem dann, wenn ein
Lesezirkel eine so große Verbreitung garantierte wie Daheim.
136
Das war besonders für neue Zeitschriften und Magazine interessant, die noch keine Stammleser besaßen und sich ihren
Platz im Blätterwald erst noch erkämpfen mussten.
Deshalb klopfte eines Tages auch ein junger Mann namens
Rudolf Augstein bei Kurt Ganske an. Er hatte am 4. Januar
1947 zusammen mit dem Photographen Roman Stempka und
dem Kaufmann Gerhard R. Barsch als Lizenzträger die von
der britischen Militärverwaltung gegründete Zeitschrift Diese
Woche übernommen und in Der Spiegel umbenannt. Auflage
15 000 Exemplare. Die Redaktion saß damals ebenso wie die
Daheim-Zentrale in Hannover. Da lag es nahe, beim Nachbarn
mal nachzufragen, ob er das freche, junge Magazin nicht in
seine Mappe aufnehmen wolle.
Kurt Ganske stimmte zu und verhalf so dem noch kleinen
Spiegel mit einem Schlag zu einer großen Verbreitung. Zusammen mit den kleineren Lesezirkeln, die nach und nach das
neuartige Nachrichtenmagazin ebenfalls in ihr Angebot aufnahmen, kaufte Daheim Augstein anfänglich den größten Teil
seiner Auflage ab. 1953 verschwanden 70 Prozent der Druckauflage des Spiegel von damals 150 000 Exemplaren in Zeitschriftenmappen. Der weitaus größte Teil davon wurde den
Kunden von Daheim ins Haus gebracht. Dadurch wurde der
Spiegel innerhalb kurzer Zeit einem Millionenheer von Lesern
bekannt. Das Magazin ging nämlich nicht nur in den Familien,
sondern auch bei der öffentlichen Auslage in Wartezimmern
oder Gaststuben durch viele Hände. Zwar blätterten auch in
den im Einzelverkauf abgesetzten Exemplaren 1956 durchschnittlich mehr als zehn Leser. Doch jedes Heft, das über
­Lesezirkel verbreitet wurde, nahmen im Laufe der Zeit 26 Personen in die Hand.
Auch andere Zeitschriften verkauften in der ersten Hälfte
der fünfziger Jahre einen beträchtlichen Teil ihrer Druckauflage an Lesezirkel. Beim stern waren es zum Beispiel 23 Prozent,
bei der Bunten Illustrierten 55 und bei Funk und Familie sogar
137
75 Prozent. Und was bei Daheim in die Mappe kam, kam auch
unter die Leute. Obwohl der stern nur ein knappes Viertel seiner Auflage an die Lesezirkel lieferte, erreichte er auf diesem
Weg fast zwei Drittel seiner insgesamt 9,2 Millionen Leser –
und kein Heft kam je zurück. Von den Exemplaren, die die
Verlage an die Kioske lieferten, blieb dagegen immer ein beträchtlicher Teil in den Regalen liegen und landete schließlich
als Remittenden wieder beim Absender.
Dennoch gab es Zeitschriften, die mit Lesezirkeln nichts zu
tun haben wollten. Sie fürchteten, dass sie am Kiosk umso weniger verkaufen würden, je mehr sie an die Verleiher lieferten.
Eines dieser Blätter war der Feuerreiter. Als die nach Lesestoff
lechzenden Lesezirkel 1948 händeringend um Belieferung ba­
ten, wollte der Verlag nicht. Später wollten die Verleiher ihn
nicht mehr – und noch etwas später verschwand der kühne Reiter von der Bildfläche. Auch einem anderen Magazin, das damals neben dem stern und der Neuen Revue um die Gunst der
­Illustriertenleser kämpfte, bekam der Streit mit den Verleihern
nicht. Als man sich nicht über den Bezugspreis für die Quick
­einigen konnte, verweigerte der Verlag die weitere Belieferung.
Damit verzichtete man zwar auf einen sicheren Absatzmarkt,
aber das Management war sicher, dies durch einen steigenden
Absatz am Kiosk mehr als ausgleichen zu können. Doch das
war ein Irrtum. Die Nachfrage am Kiosk stieg nicht, sie fiel sogar kräftig. Ein Branchenkenner hat dafür eine einfache Erklärung: Die Verbreitung durch Lesezirkel erhöht den Bekanntheitsgrad. Aus Zufallslesern im Café oder Hotel werden
oft Stammleser. Es gibt aber auch Spontankäufe, die durch die
»öffentliche Auslage« ausgelöst werden: Wer beim Friseur einen Beitrag nicht zu Ende lesen kann oder vom Arzt aus dem
Wartezimmer geholt wird, ehe er ein Magazin ganz durchgeblättert hat, geht anschließend oft zum Kiosk und kauft sich
das Blatt. Das alles entfällt, wenn eine Zeitschrift nicht mehr
öffentlich ausliegt.
138
Dass die Lesemappe von der ganzen Familie gelesen wird
und bei der öffentlichen Auslage nicht genau kontrolliert werden kann, wer die Mappe zur Hand nimmt, brachte den Lesezirkeln in den fünfziger Jahren allerdings zeitweise gehörigen
Ärger ein. Immer mehr Zeitschriften entdeckten, dass sich mit
etwas nackter Haut gute Geschäfte machen ließen. Dabei hatten sie ihre Rechnung allerdings ohne die Sittenwächter gemacht, bei denen die Schwelle zwischen leicht bekleideter
Schönheit und Pornographie schnell überschritten war. Überdies war bei manchen Zeitgenossen die Diskrepanz zwischen
dem, was man heimlich las, und dem, worüber man sich öffentlich entrüstete, recht groß. Die Lesezirkel, die für den Inhalt
der Zeitschriften gar nicht verantwortlich waren, gerieten
gleich von drei Seiten unter Beschuss: Kunden beschwerten
sich, weil sie sich in ihrem sittlichen Empfinden verletzt fühlten oder um das Wohl ihrer Kinder fürchteten; der Staat drohte
mit strafrechtlichen Konsequenzen; die Kirchen und Jugendverbände riefen zum Boykott von Lesezirkeln auf, die Schmutz
und Schund verbreiteten.
Als 1953 gar ein Gesetz zur Bekämpfung jugendgefährden­
der Schriften beschlossen wurde, saßen Daheim und die kleine­
ren Lesezirkel erst recht in der Patsche. Wenn eine Zeitschrift
zu viel Busen zeigte und deshalb indiziert wurde, war das für
die Verlage zu verkraften. Bis die Gerichte entschieden hatten,
waren die Blätter längst ausgeliefert und zum größten Teil verkauft. In den Mappen eines Lesezirkels dagegen kursierte die
Zeitschrift noch wochenlang. Der Staatsanwalt verlangte von
den Betrieben, dass sie die inkriminierten Magazine aus den
Mappen entfernten oder von den Kunden zurückholten. Gelegentlich rückte die Polizei an, um die Bestände in den Betrieben zu beschlagnahmen. Zu den Kuriositäten des Gesetzes gehörte nämlich, dass nicht der Täter – also in diesem Fall der
Verleger – bestraft wurde, sondern der Überbringer der schlimmen Texte oder Bilder. Der Verleger musste nur befürchten,
139
dass sein Blatt beschlagnahmt wurde. Kittchen drohte ihm
nicht. Vom Verleiher der Zeitschrift dagegen wurde verlangt,
dass er die Blätter erst prüfte, ehe er sie verteilte. Das war schon
aus zeitlichen Gründen nicht möglich und wäre zudem einer
Vorzensur gleichgekommen. Und woher sollten die Lesezirkelbetreiber wissen, woran später Staatsanwälte und Gerichte
­Anstoß nehmen würden – oder auch nicht? Denn Texte und
Bilder wurden von den verschiedenen Staatsanwälten und Gerichten höchst unterschiedlich bewertet.
Auch mit den Kunden hatten es Daheim und die anderen in
dieser Zeit nicht immer leicht. Typisch der Brief einer Abonnentin: »Hiermit bestelle ich die Lesemappe zum nächstmöglichen Termin ab … Ich bin jeden Donnerstag – nach Eintreffen der neuen Lesemappe – damit beschäftigt, alle Illustrierten,
in denen fast ausschließlich nur mehr von Liebe, Sex, Geburtenregelung etc. die Rede ist, wegzuräumen, damit sie nicht in
die Hände meiner Enkelkinder kommen. Außerdem widern
mich diese Artikel derart an, dass ich die Lesemappe nicht
mehr in meinem Haus sehen will.«
Um die Sexwelle zu kanalisieren, versuchten es die Verleger
und ihre Vertriebspartner zeitweise mit einer Selbstkontrolle.
Als Vertreter von Daheim saß Geschäftsführer Erwin Schmitz
in dem Gremium, das versuchen sollte, den Zeitgeist wieder
einzufangen. Doch sie konnten ihn ebenso wenig wieder zurück in die Flasche sperren wie Pfarrer Stammler, der mit der
von den Lesezirkeln unabhängigen Nachfolgekommission tapfer weiter in den Kampf gegen »Schmutz und Schund« zog. Übrigens ebenso erfolglos.
Um es möglichst allen recht zu machen, boten die Lesezirkel deshalb auch Mappen mit »familiengerechten« Inhalten an.
Sie hatten damit aber herzlich wenig Erfolg. Denn dieselben
Kunden, die sich zuvor bitterlich über sex and crime beschwert
hatten, wollten schon nach kurzer Zeit wieder die Blätter mit
den etwas prickelnderen Inhalten. Die Schriften, die von kirch140
licher Seite empfohlen wurden, waren ihnen schon bald zu
fade. Der damalige Vorsitzende des Lesezirkelverbandes, der
mit gutem Beispiel vorangehen wollte, klagte darüber, dass er
von seiner gereinigten Erstmappe nach sechs Wochen eifrigen
Werbens gerade mal zehn Stück verkauft hatte. Hin und wieder zog die Nachfrage kurzfristig an – zum Beispiel wenn die
Ärztekammer unter dem Druck kirchlicher Kreise zu einer
­Aktion »sauberes Wartezimmer« aufrief. Doch Ärzte oder Friseure, die daraufhin moralisch unbedenkliche Blätter orderten, reute das meist schon nach zwei bis drei Wochen wieder. Sie wollten die Nackedeis zurück. Für ihre Kunden und
Patien­ten. Oder für sich.
Anfang der siebziger Jahre schlief der Kampf gegen Schmutz
und Schund endgültig ein. Die Moralapostel starben aus oder
gaben sich geschlagen.
Abschied vom Gründer
Richard Ganske hatte seinen längst vom Junior zum Chef avancierten Sohn Kurt in den Kriegsjahren zwar gelegentlich vertreten, wenn dieser an der Front, in der Gefangenschaft oder
während der Flucht für seine Mitarbeiter unerreichbar war.
Den erneuten Wiederaufbau des von ihm gegründeten Unternehmens überließ er aber ganz dem Sohn, für den sich bei den
Mitarbeitern immer mehr das Kürzel KG einbürgerte. Er meldete sich nur gelegentlich mit Rat oder Widerspruch zu Wort.
Er beobachtete von seinem Alterssitz in Hohenhaus aus, wie
der Sohn das immer noch als »Lesezirkel Daheim Richard
Ganske« firmierende Unternehmen im zweiten Anlauf erneut
zum unbestrittenen Branchenprimus machte. Er erlebte damit
zugleich den Höhepunkt des Lesezirkelgeschäfts in Deutschland und das all-time high von Daheim: 1700 Beschäftigte in
den 30 westdeutschen Filialen belieferten 330 000 Abonnenten
mit ausgewählten Zeitschriften. Es war ihm aber nicht vergönnt,
141
das 50-jährige Jubiläum seines Lebenswerks noch zu erleben.
Richard Ganske starb am 20. Februar 1956 im Alter von 80 Jahren in Hohenhaus.
Deshalb wurde 1957 zum dritten Mal ein wichtiger Jahrestag in aller Stille begangen. Ein Jahr nach dem Tod des Gründers schienen trotz aller Erfolge laute Feiern unangebracht.
»Wir wollen davon Abstand nehmen, diesen Tag durch Veranstaltungen zu feiern … sondern in stetem Andenken an den
verstorbenen Gründer den weiteren Auf- und Ausbau fördern«,
hieß es in einer Mitteilung an alle Mitarbeiter zum 50-jährigen
Jubiläum. Eine Sonderzuwendung gab es aber auch diesmal
wieder. Und eine kleine Festschrift erschien ebenfalls.
Viertes Kapitel
Das goldige Bild
der Welt
D
en Spiegel legte Kurt Ganske in seine Mappe. Eine andere
Zeitschrift steckte er sich in die Tasche. Was während des
Krieges nicht gelungen war, konnte er kurz danach verwirklichen: die Übernahme eines Zeitschriftenverlags. In Hannover
hatten zwei Frauen und ein Mann von den britischen Militärbehörden 1947 die Lizenz Nr. 199 zur Gründung des Verlags
»Die Stimme der Frau« erhalten. Am 1. Juni 1948 erschien die
erste Ausgabe der gleichnamigen Zeitschrift, auf dem Titel vor
einer Wolke die Statue eines unbekleideten Paares, das gemeinsam den Blick in die Zukunft richtet. 1,50 DM sollten die
Leserinnen für das mit 28 Seiten zumindest äußerlich recht
dünne Blättchen zahlen. Ob ihnen dessen Inhalt gefiel, wissen
wir nicht; sein Preis war ihnen jedoch offensichtlich zu hoch.
Er musste schon bei der zweiten Ausgabe auf eine Mark und
kurze Zeit später auf 80 Pfennig gesenkt werden.
Das Gründer-Trio plagten wohl schon bald arge Zweifel, ob
die Zeitschrift noch lange ihre Stimme im Blätterwald würde
ertönen lassen können. Sie erklärten sich deshalb schon drei
Monate nach dem Start bereit, ihre Anteile an Kurt Ganske zu
übertragen.
Besprochen wurde der Deal bei einem Abendessen, zu dem
Kurt Ganske und die damalige Herausgeberin, die niedersächsische Politikerin Theanolte Bähnisch, wohl nicht ganz zu­fäl­
lig gemeinsam eingeladen worden waren. Vollzogen wurde
der Schritt im März 1949. Wie bei Adoptionen üblich, war
das für die neue Tochter mit einer Namensänderung und
einem Wohnsitzwechsel verbunden. Aus dem Verlag »Stimme
147
der Frau« wurde der Jahreszeiten Verlag. Statt Hannover lautete die neue Adresse nun Hamburg.
Auch den Verleger zog es nach Hamburg. Er folgte der Tochter noch im gleichen Jahr in die Hansestadt. »Meinem Vater
war klar, dass Hannover nicht die Stadt war, wo sich ein großer
Zeitschriftenverlag entwickeln konnte«, weiß Thomas Ganske
aus späteren Gesprächen mit ihm. »Es gab damals eigentlich
nur die Wahl zwischen Hamburg und München, und die Nähe
zu Hoffmann und Campe hat dann für ihn den Ausschlag
gegeben.«
Die bessere Wohnung war es sicher nicht, die ihn an die
Elbe lockte. Der Senat hatte Ganske zwar am Harvestehuder
Weg eine hübsche Gründerzeitvilla in Traumlage zugewiesen,
und der Blick über die Außenalster war damals so schön wie
heute. Aber das Haus war Ende des 19. Jahrhunderts für die
­Familie eines Reeders gebaut worden. Als kombiniertes Wohnund ­ Bürogebäude war die Villa nicht gedacht. Und als Zentrale eines rasch wachsenden Verlagsunternehmens war sie
viel zu klein. Denn nun mussten nicht nur Schreibtische für
Kurt ­Ganske und seine wichtigsten Mitarbeiter aufgestellt werden. Auch der Jahreszeiten Verlag und Hoffmann und Campe
einschließlich der Redaktion von Merian mussten darin unterkommen.
Für die Familie blieb da nicht viel Platz, wie sich die Söhne
erinnern. Hinter dem Arbeitszimmer des Vaters war ein kleiner Raum, in dem die Eltern schliefen. Dahinter befand sich
ein noch kleinerer Raum, der als Küche und Bad zugleich
diente. »Ich habe da nachts auf einem Brett geschlafen, das
über die Badewanne gelegt wurde«, berichtet der damals zehnjährige Michael Ganske und hat noch das Bild vor Augen, wie
die Mutter im gleichen Raum auf einem winzigen Herd die
Mahlzeiten für die Familie zubereitete.
148
Die Stimme der Frau: Für Sie
Der Vater arbeitete unterdessen daran, die Basis für einen vielseitigen Zeitschriftenverlag zu schaffen. Der Adoptivtochter
aus Hannover war zwar kein langes Leben beschieden. Knapp
zehn Jahre nachdem sie zum ersten Mal ertönt war, wurde die
Stimme der Frau 1957 mit dem ebenfalls nur mäßig erfolgreichen
Blatt Frau und Heim zusammengelegt und dem Doppelblatt bei
dieser Gelegenheit gleich noch ein neuer Titel verpasst. Für Sie
lautete von nun das Angebot an die Leserinnen – und die nahmen es an. Deshalb verschwand ein Jahr später Stimme der Frau
auch als Untertitel. Was zu Kaisers Zeiten vielleicht angekommen wäre, passte nicht mehr zum Stil der neuen Zeit. Für Sie
aber blieb und wirbt bis heute erfolgreich um Leserinnen.
Der Traum, eigene Zeitschriften zu produzieren und seine
Daheim-Mappen nicht nur mit den Produkten fremder Verlage füllen zu müssen, wäre für Kurt Ganske allerdings auch
dann in Erfüllung gegangen, wenn er die Stimme der Frau nicht
hätte übernehmen können. Denn noch ehe er mit den Gründern in Hannover handelseinig wurde, waren die Vorbereitungen für zwei eigene Kreationen längst abgeschlossen. Begonnen hatten die Überlegungen schon während des Krieges.
Die Konzepte wurden in den Jahren danach entwickelt. Doch
erst als nach der Währungsreform das neue Geld da war, kamen beide Blätter im Abstand von nur wenigen Monaten auf
den Markt.
Als erste eigene Entwicklung erschien Merian. Er trug zwar
das Erscheinungsdatum 1. Juli 1948. Begonnen wurde mit der
Auslieferung aber bereits am Tag der Währungsumstellung.
Schon vier Monate später folgte der zweite Streich: Im November 1948 lag Film und Frau erstmals am Kiosk.
Den Lizenzantrag für Merian hatten Kurt Ganske und Martinus Christensen gemeinsam gestellt – und dabei die Städteund Landschaftsbilder als »Buchreihe« deklariert, weil Hoff149
mann und Campe zunächst nur als Buchverlag zugelassen
worden war. Vater der Idee war aber allein KG, wie der Verleger
intern und selbst in der Familie inzwischen genannt wurde. Er
hatte schon lange Zeit vorher seine Liebe zu dem Zeichner und
Kupferstecher Matthaeus Merian (1593–1650) entdeckt und da­
mit begonnen, dessen im 17. Jahrhundert geschaffene Städte­
ansichten zu sammeln. Seiner Frau hatte er es zu verdanken,
dass er die wertvollen, in weißes Schweinsleder gebundenen
Folianten nach seiner Rückkehr aus dem Krieg noch vorfand.
Denn nachdem die Amerikaner, die im Mai 1945 im Gutshaus
einquartiert worden waren, bereits ihren Hochzeitsfilm zerschnippelt hatten, weil sie ihn für Propagandamaterial hielten,
wollte Gerda Ganske es nicht riskieren, dass den GIs auch die
300 Jahre alten Bücher in die Hände fielen. Es war nicht auszuschließen, dass sie die Kupferstiche für besonders raffinierte
Machwerke von Joseph Goebbels gehalten und kurzerhand verbrannt hätten. Deshalb lud sie die großformatigen Werke auf
eine Schubkarre und schaffte sie zusammen mit dem sechsjährigen Michael hinunter ins Dorf.
Schon während des Krieges, als ringsum die Städte in Trümmer fielen, hatte Kurt Ganske Harriet Wegener anvertraut,
dass er später gern etwas Ähnliches schaffen wolle wie Merian
nach dem Dreißigjährigen Krieg. Er träumte von einer Bestandsaufnahme dessen, was in Deutschland und Europa der
Orgie der Zerstörungen zum Opfer gefallen war und was von
den steinernen Zeugnissen einer jahrtausendealten Kultur
noch erhalten geblieben war. »Ich möchte es in Form einer
Zeitschrift tun. Dann könnten über die Bestandsaufnahme
hinaus später auch neue Entwicklungen mit einbezogen werden«, überlegte er.
Als endlich die Waffen schwiegen, griff er die Idee wieder
auf. Wegener fand in Professor Heinrich Leippe einen geeigneten Mann, mit dem die Idee umgesetzt werden konnte. Sie
arrangierte ein Treffen mit Kurt Ganske. Zu dritt saßen sie in
150
ihrer Wohnung dicht um den kleinen Kohleofen herum, den
Harriet Wegener kurz nach Kriegsbeginn in weiser Voraussicht
gekauft hatte und der nun dank schwarz beschaffter Kohle ein
wenig Wärme spendete, und stritten über das Konzept. Leippe
schwebte eine Kulturzeitschrift mit stark literarischem Bezug
vor, da er meinte, dass andernfalls nach der Bestandsaufnahme
bald der Stoff für die Zeitschrift ausgehen werde. Ganske bemühte sich, ihm seine Idee plausibel zu machen. Die Gefahr,
dass der Redaktion früher oder später die Themen ausgehen
könnten, sah er nicht, da die Begleitung der Restaurierung, Erneuerung und Weiterentwicklung der Städte und Landschaften
Teil seines Konzepts war. Bei einem zweiten Treffen kam man
sich näher – aber nun war der Titel ein Problem. »Heimat«, der
erste Vorschlag, erschien dem kleinen Kreativteam als zu sentimental und zu eng. Als Leippe fragte: »Warum nicht Merian?«,
zuckte Kurt Ganske zurück: »Diesen Namen würde ich so gern
akzeptieren, dass ich mich für befangen erklären muss. Da­
rüber sollen meine Mitarbeiter entscheiden.« Sie fanden ihn
offenbar gut.
Gut fand Heinrich Leippe schließlich auch die Ideen Kurt
Ganskes. Er konzipierte auf dieser Basis nicht nur die erste
Ausgabe von Merian, sondern wurde Herausgeber und Gestalter der ersten fünf Jahrgänge, die »für Geist und Struktur der
Hefte wegweisend wurden«, wie anlässlich des 25-jährigen Jubi­
läums der Zeitschrift später vermerkt wurde. Es waren die
Jahre, in denen sich die Zeitschrift einem eher klassisch-konservativen Kulturbegriff verpflichtet fühlte.
Mit Merian die Welt entdecken
Die erste Ausgabe von Merian war dem fast völlig zerstörten
Würzburg gewidmet, zeigte aber auf dem Titel, wie glanzvoll
sich die Barockstadt früher einmal dem Betrachter dargeboten hatte – gesehen mit den Augen und gestochen von der
151
Hand des Matthaeus Merian. Da das Heft nicht nur monothematisch der Stadt gewidmet war, sondern auch in Würzburg
gedruckt wurde, trug es den Vermerk »Unter Verwaltung der
amerikanischen Militärregierung«. Für die Autoren und Redakteure, die an den Druckort reisen mussten, um ihre Manu­
skripte abzuliefern, das Heft zu gestalten und Korrektur zu lesen, war der Ausflug alles andere als eine Vergnügungsreise.
»Wir sammelten Lebensmittelmarken im Verlag«, berichtete
Harriet Wegener später, »damit sie sich dort etwas Essbares
­beschaffen konnten.«
Es war nicht das einzige Problem, mit dem man sich herumschlagen musste, ehe die erste Ausgabe vorlag. Es reichte nicht,
wenn der Verlag den Druckereien Manuskripte schickte. Wer
etwas drucken lassen wollte, musste auch die dazu erforderliche Menge an Papier »organisieren«. Die Besatzungsbehörden machten Genehmigungen für Bücher und Zeitschriften
nicht nur vom geplanten Inhalt abhängig, sie verlangten auch,
dass ein ausreichender Papiervorrat nachgewiesen wurde. Mit
Geld allein war Papier jedoch nicht zu beschaffen. Man bekam
es nur, wenn man dem Lieferanten außer der fast wertlosen
Reichsmark noch etwas anderes anbieten konnte – zum Beispiel Altpapier, Pappe oder Holz. Für zehn Raummeter Holz
bekam man im September 1948 mit etwas Glück und guten Beziehungen 2500 Kilo Papier. Wie schon so oft in den zurückliegenden Jahren erwies sich der Erwerb des Rittergutes Hohenhaus auch in dieser Situation als Glücksgriff. Dank der reichen
Waldbestände gelang es den Einkäufern des Verlags deshalb
immer wieder, Papier für Bücher und Zeitschriften zu beschaffen. Dem ging allerdings meist ein zähes Gefeilsche um das
Austauschverhältnis voraus, und nicht immer bekamen sie am
Ende die benötigten Mengen. Denn selbst wenn den Papierherstellern das erforderliche Holz bis vor das Werktor gefahren
wurde, konnten sie oft nicht so viel produzieren, wie die Kunden wünschten. Ein großer Teil der Anlagen war zerstört wor152
den und konnte mangels Ersatzteilen nur langsam wieder in
Betrieb genommen werden.
Selbst wenn das Papier endlich bereitstand, hieß das nicht,
dass der Drucker zufrieden war und sofort mit der Arbeit begann, wie sich aus einer Mitteilung an den Verlag vom 17. Juni
1947 ersehen lässt. Damit der Druckauftrag für das zweite
­Merian-Heft, das der Hansestadt Lübeck gewidmet war, auch
tatsächlich ausgeführt werde, müsse »außer der Papierzuteilung noch ein Buchgeschenk an den dortigen Betriebsleiter
zusammengestellt werden«, hieß es in dem Brief. Der Mann
wusste offenbar ganz genau, was seine Kooperation wert war.
Der Verlagsmitarbeiter bat daher darum, aus den für solche
Zwecke »blockierten Beständen« zehn Titel freizugeben, die
der Betriebsleiter genau benannt hatte.
Der Absatz der ersten Merian-Auflage von 23 000 Exemplaren war dadurch gesichert, dass Kurt Ganske die Hefte in
seine Daheim-Mappen legen ließ. Darauf war man aber bald
nicht mehr angewiesen. Auch andere Lesezirkel und die Buchhändler bestellten die neuartige Zeitschrift, so dass eher die
Zuteilung als der Verkauf das Problem war. Um den Vorrat etwas zu strecken, schlug Christensen deshalb vor, den DaheimMappen nur noch Halb-Hefte beizulegen. So geschah es auch,
wie einige zweigeteilte Hefte beweisen, die im Archiv erhalten
geblieben sind. Erleichtert wurde diese Rationierung dadurch,
dass der Verlag ab Januar 1949 nicht mehr so tun musste, als
handele es sich bei den Heften um Bücher. Denn von da an erschien Merian unter der Zeitschriftenlizenz Nr. 91 des Senats
der Freien und Hansestadt Hamburg. Obwohl es sich nun auch
offiziell nicht mehr um ein »Buch« handelte, kam Merian im
Buchhandel gut an und konnte seinen festen Platz in den Regalen der Sortimenter bis heute behaupten. Anders als sonst
bei Zeitschriften üblich, blieben die älteren Ausgaben von
­Merian von Anfang an in den Läden, wenn die neue Ausgabe
ausgeliefert wurde, weil sie – damit dann doch einem Buch
153
ähnlich – von vielen Kunden erst dann gekauft wurden, wenn
sie in die jeweilige Stadt oder Region reisten.
Besonders erfreulich war, dass sich eine schnell wachsende
Zahl von Lesern und Sammlern entschloss, Merian zu abonnieren, damit ihnen keine Ausgabe entging. In den fünfziger Jahren war »virtuelles Reisen« für die große Mehrzahl der Bundesbürger die einzige Möglichkeit, ihr Fernweh zu lindern. Als
zum ersten Mal 50 000 Hefte gedruckt wurden, hielt die Redaktion das für einen Grund zu feiern. Nicht so Kurt Ganske.
»Nicht auf den Lorbeeren ausruhen«, mahnte er. »Die Auflage
muss auf 75 000 steigen.«
Ob er ein Freudenfest für angebracht hielt, als die Zahl
der Bezieher im Oktober 1956 die Hunderttausend erreichte
und später unter der verlegerischen Verantwortung seines
Sohnes Thomas die Zweihunderttausend überschritt, ist nicht
über­liefert. Einen Grund zum Feiern gab es aber jedenfalls,
als im August 1981 Heft Nr. 400 erschien. Es war Hamburg
­ge­widmet, dem »Heimathafen« des Blattes, das inzwischen in
der ganzen Welt zu Hause war. Über 64 Millionen Exemplare
waren bis zu diesem Zeitpunkt gedruckt und verkauft worden,
so dass theoretisch jeder Bundesbürger eines davon besaß.
Über die Bestandsaufnahme und die melancholische Erinne­rung an untergegangene Schätze war man zu diesem Zeitpunkt aller­dings schon weit hinaus. Merian, die Kulturzeitschrift, hatte längst den Status einer Kultzeitschrift, war für
ihre Lesergemeinde Hausgenosse und Reisebegleiter zugleich
geworden.
Vor allem in seiner Funktion als Reisebegleiter hat Merian
unabhängig von den geschalteten Anzeigen für die beschriebenen Städte, Regionen und Länder auch einen wirtschaftlichen Wert. Denn abgesehen davon, dass die Leser ihr kulturelles, wirtschaftliches und politisches Wissen über ihr Reiseziel
erweitern, geben sie dort auch Geld aus. In einer Untersuchung des Baseler Prognos-Instituts wurde 1979 versucht, diese
154
Effekte am Beispiel eines Finnland-Heftes zu bewerten. Dabei
ergab sich, dass im Zielland neben dem Verkehrsgewerbe, Hotels und Restaurants vor allem besichtigenswerte Gebäude (wie
Schlösser, Kirchen) und Museen von der Berichterstattung
profitierten. Aber auch zusätzliche Ausflüge in Regionen, die
vorher nicht auf dem Reiseplan standen, waren die Folge der
Lektüre. Selbst wenn die Käufer Leser waren, die gar keine
Reise planten, waren positive Effekte für Hersteller von Konsum- und anderen Gütern aus Finnland festzustellen. Entweder waren deren Produkte und Dienstleistungen den Lesern
durch die Berichterstattung erst bekannt geworden, oder sie
wurden mit neuem Interesse betrachtet. Sehr deutlich profitierten aber auch Anbieter im Inland von der Beschäftigung
der rund 850 000 Leser mit Land und Leuten im hohen Norden. Das galt insbesondere für Reiseveranstalter, aber auch für
den Einzelhandel und für Institutionen, die Finnland in der
Bundesrepublik repräsentieren.
Viel Holz vor der Hütte
Martinus Christensen nahm an dieser Entwicklung nicht mehr
teil. Nachdem ihm Kurt Ganske bereits kurz nach dem Krieg
weitere 40 Prozent der Verlagsanteile abgekauft hatte, überließ
er dem Kompagnon 1950 auch die restlichen 10 Prozent und
schied im Alter von 66 Jahren aus dem Verlag aus. Er besaß
nicht die Nerven und die finanziellen Mittel, um bei dem forschen Expansionstempo mitzuhalten. Das Geld hätte sein Partner vielleicht auch nicht gehabt – aber er hatte etwas in der damaligen Zeit viel Wertvolleres: »Nach dem Krieg hat Herr
Ganske mit dem Holz aus seinen Wäldern den Wiederaufbau
der Lesezirkelfilialen finanziert. Und der Lesezirkel hat zunächst auch den Wiederaufbau von Hoffmann und Campe finanziert«, erklärte Harriet Wegener einem Gesprächspartner
1978 die Hintergründe. Anders wäre es Kurt Ganske auch nicht
155
möglich gewesen, schon am Tag der Währungsreform den Start
einer Zeitschrift wie Merian zu riskieren.
Merian war und blieb immer eines seiner Lieblingskinder.
»Da war er mittendrin, bei der Konzeption ebenso wie später
bei der Weiterentwicklung. Mein Vater hätte spielend Chefredakteur von Merian sein können«, urteilt Michael Ganske auch
noch aus der Distanz von Jahrzehnten. Doch KG beschränkte
sich darauf, Chefredakteure zu ernennen. Als sich der Germanist Heinrich Leippe im April 1953 als Blattmacher verabschiedete, berief er Albrecht Bürkle, der zuvor schon vier Jahren
lang als Stellvertreter Erfahrung gesammelt hatte, zum Leiter
der Redaktion. Er gehörte neben Harriet Wegener und Alfred
Hartz zu den wenigen Führungskräften, mit denen Kurt Ganske
persönlich befreundet war, die er nach Hause einlud und von
denen er sich privat einladen ließ.
Bürkle demonstrierte bereits mit dem ersten Heft, für das
er verantwortlich zeichnete, wohin er das Blatt führen wollte.
Hatte sich Merian bis dahin ausschließlich deutschen Städten
und Landschaften gewidmet, so öffnete er nun den Lesern das
Tor zur Welt – lange ehe sie es sich selbst leisten konnten, Reisen in die Ferne zu unternehmen. Das erste internationale
Heft war Paris gewidmet und glänzte nicht nur mit brillanten
Bildern. Es waren auch namhafte Autoren, die er für diese Ausgabe gewonnen hatte. Einer davon war Theodor Heuss, Journalist und Honorar-Professor für politische Wissenschaf­ten,
der drei Monate später zum zweiten Mal zum Bundespräsidenten gewählt wurde. Andere waren Schriftsteller wie Jean
Cocteau, Ernst Jünger oder Stefan Andres. Im Inhaltsverzeichnis standen zudem Colette, Françoise Giroud und Henry de
Montherlant. Aber auch ohne ins Heft zu blicken, war sofort zu
erkennen, dass sich bei Merian etwas verändert hatte: Der Umschlag bestand erstmals aus Hochglanzkarton, den Rücken
zierte ein Leinenfälzel – eine kleine Aufmerksamkeit für Leser,
die sich Merian ins Bücherregal stellten.
156
Die 100. Merian-Ausgabe, die drei Jahre später im Oktober
1956 erschien, war der Kunst- und Kulturstadt Florenz gewidmet und enthielt ein klares Bekenntnis zur »Dokumentation
Gesamteuropas«. Bis allerdings auch Osteuropa in die Gesamtschau der europäischen Kulturlandschaften einbezogen werden konnte, mussten noch fünf weitere Jahre vergehen. Mit
dem im Dezember 1961 erschienenen Prag-Heft konnte zwar
endlich der Eiserne Vorhang überwunden werden, es war aber
auch in anderer Sicht ein Zeitdokument. Es ging als das »Wanzen-Heft« in die Verlagsgeschichte ein – in Erinnerung an die
ständigen Beschattungen und Abhöraktionen während der
einjährigen Recherchen. Glücklicherweise waren diese Überwachungsversuche meist so plump, dass es sich leicht vermeiden ließ, Gesprächspartner durch unbedachte Äußerungen in
Schwierigkeiten zu bringen.
Premieren hatten auch vorher schon gelegentlich zu kleinen Überraschungen geführt. Als im Juni 1958 zum ersten
Mal keine europäische Landschaft und kein historisches Bauwerk auf dem Titelbild zu sehen war, sondern ein hübscher Fischerjunge, wollte die Redaktion den Lesern damit nur Lust
auf das schöne Italien und seine freundlichen Menschen machen. Doch dann klärte einer dieser Leser die Redaktion darüber auf, wer für das Foto Modell gestanden hatte. Es war der
bekann­teste Strichjunge Neapels.
Merian eilte seinen Lesern bei der Eroberung der Welt immer ein wenig voraus. Erst in Europa, dann in Afrika und
­Nahost. Die außereuropäischen Streifzüge begannen im September 1963 mit Marokko, 1965 folgte der Libanon, ein Jahr
spä­ter Äthiopien. Danach war bald kein Ziel mehr zu weit: Mit
Südafrika, Ceylon und Mexiko, Tokio und der Karibik wurde
Merian in den siebziger Jahren zum globalen Reise- und Kulturmagazin und schürte so bei seinen Lesern nicht nur durch den
Untertitel »die Lust am Reisen«. Als Kurt Ganske seinem jüngeren Sohn Thomas 1974 die verlegerische Verantwortung für
157
Merian anvertraute, war man schon bei den Antipoden angelangt. Weiter ging’s nimmer: Australien und damit gleich ein
ganzer Erdteil war das Thema im Mai 1974.
Im Laufe dieser Jahre wurde es für die Redaktion immer
schwieriger und schließlich unmöglich, noch irgendwo vor den
Lesern anzukommen. Die Deutschen waren zum Reiseweltmeis­
ter avanciert. Aber wer nicht nur reist, um aus dem Alltag herauszukommen und braun zu werden, sondern auch etwas über
Land und Leute, über Kultur und Küche erfahren will, nimmt
Merian mit auf die Reise – und ist höchst verwundert, wenn er
einmal zu seinem Reiseziel kein passendes Heft finden kann.
Seit Erscheinen des ersten Würzburg-Heftes haben sich nicht
nur die Welt und die Reisegewohnheiten geändert. Auch das
Magazin selbst hat sich gewandelt. Das Leinenfälzel kam und
ging wieder, ebenso wie die legendären, von Künstlerhand gezeichneten Merian-Karten. Es kam immer mehr Farbe und
Glanz ins Heft. Aus den bescheidenen vier Kunstdruckblättern
der frühen Jahre und den holzhaltigen Textseiten, der Mischung aus Kunst- und Buchdruck, wurde schließlich ein Magazin, das durchgängig in Farbe auf gestrichenem Papier gedruckt wird. Auch Layout, Bildgestaltung und Typographie
wurden immer wieder den sich wandelnden Sehgewohnheiten
angepasst. Merian bot großen Fotografen wie Max Scheeler,
Reinhard Wolf oder Dennis Stock eine Bühne und schaffte es
immer wieder, Autoren von Weltruf zu gewinnen, die neben
den Bildern für die »Grauwerte« sorgten, wie Art Directoren
die Texte gelegentlich respektlos zu bezeichnen pflegen. Namen
großer Schriftsteller zieren wie ein »Who’s Who« des interna­
tionalen Feuilletons die historischen Merian-Ausgaben: Thomas Mann, Norman Mailer, Siegfried Lenz oder Henry Miller,
um nur einige zu nennen.
Einen großen Fang machte Merian mit Willy Fleckhaus, der
Anfang der achtziger Jahre ein modernes, durchgängiges Layout für Merian entwickelte. Er gestaltete den Schriftzug des
158
­Titels neu und verschaffte den Bildern mehr Raum im Heft. Er
sorgte dafür, dass Überschriften einheitlich und nicht mehr in
den unterschiedlichsten Schriften gesetzt wurden und dass
die Bildzeilen nicht mal über, mal unter, mal neben und
manchmal mitten im Bild standen. Gewonnen für diese Aufgabe hatte ihn Ferdinand Ranft, der designierte Chefredakteur. Ein Jahr vor der Verabschiedung des langjährigen, hochverdienten Blattmachers Will Keller in den Ruhestand hatte
Thomas Ganske den Nachfolger bereits ins Haus geholt. Keller
hatte die Zeitschrift von 1960 bis 1979 geführt und damit länger als jeder andere vor oder nach ihm. Nun war es aber Zeit
für einen Neubeginn – und Thomas Ganske, damals Verlagsleiter von Hoffmann und Campe, gab Ranft die erforderliche
Zeit, sich vorzubereiten. »Das war wunderbar, denn dadurch
hatte ich die Möglichkeit, in aller Ruhe über neue Konzepte,
Themen und die notwendigen optischen Veränderungen nachzudenken – eine Chance, die man so nur selten bekommt.«
Thomas Ganske gefiel die neue Optik so gut, dass er Fleckhaus
beauftragte, für die ganze Gruppe eine Corporate Identity zu
entwickeln, ein einheitliches optisches Erscheinungsbild, mit
dem sie sich seither der Öffentlichkeit präsentiert.
Inhaltlich setzte Ranft ebenfalls neue Akzente und sorgte
für mehr Nutzwert. Denn seit die Leser den Reportern nicht
mehr nur in Gedanken in fremde Länder folgten, sondern
selbst dorthin fuhren oder flogen, wollten sie nicht mehr nur
über Land und Leute, Geschichte und Kultur informiert werden. Sie wollten auch etwas über die Ein- und Ausreisebestimmungen erfahren und wissen, welche Kleidung zweckmäßig
und welche Einkäufe günstig waren. Es interessierte sie, wo
man gut essen und preiswert schlafen konnte. Deshalb wurde
auf den hinteren Seiten ein Informationsteil eingerichtet, der
sie über Wetter und optimale Reisezeiten, Festivals, Messen
oder Volksfeste informierte, ein Service, der heute selbstverständlich ist.
159
Das ging allerdings nicht immer ohne heftige Auseinandersetzungen mit einer Redaktion, die es bis dahin für unter ihrer
Würde gehalten hatte, sich mit so profanen Dingen wie Schlafen, Essen und Trinken zu beschäftigen. Auch das neue Erscheinungsbild rief erst einmal Vertreter der Gruppe »Das
­haben wir noch nie so gemacht« auf den Plan. Die für die Herstellung zuständige Kollegin verstieg sich sogar zu der Behauptung, der Betrieb in Würzburg, wo Merian damals immer noch
gesetzt und gedruckt wurde, sei gar nicht in der Lage, die Bildunterschriften so zu setzen, wie Fleckhaus das wollte. Aus seinen Jahren bei der Zeit kannte Ranft aber noch ein paar altgediente Setzer und erkundigte sich bei ihnen, ob das technisch
tat­sächlich nicht möglich sei. Als die nur lachten, bot er seiner
Herstellerin an, dort mal anzurufen. Danach wurde nie mehr
über Probleme dieser Art diskutiert. »Wir haben uns schnell
zusammengerauft, es waren ja alles kluge Leute«, resümiert
Ranft.
Er entdeckte sogar eine Region der Welt, die bis dahin sowohl für Merian als auch für seine Leser noch terra incognita
war: China. Das Reich der Mitte hatte sich jahrzehntelang
­ge­genüber der Welt abgeschottet. Es war nicht interessiert an
reisenden Journalisten und an Touristen, die ihren Spuren
folgten. Doch als das Land sich langsam wieder von den
­Schreckensjahren der »Kulturrevolution« erholte, sah Ferdi­
nand Ranft die Chance, es mit den Augen von Merian neu zu
entdecken. Es fügte sich glücklich, dass Hildegard Hamm-Brücher, die er seit gemeinsamen Zeiten im Sandkasten kannte,
zwischen 1976 und 1982 Staatssekretärin im Bonner Auswärtigen Amt war. Über sie kam ein Kontakt zur chinesischen Botschaft zustande – und Ranft kam erneut ein glücklicher Zufall
zu Hilfe. Denn als er dem zuständigen Attaché erklären wollte,
um welches Blatt es sich handelte, das auf den Spuren Marco
Polos wandeln und wie einst der venezianische Entdecker das
geheimnisvolle Land den Europäern wieder näherbringen
160
wollte, deutete der nur mit dem Daumen hinter sich. Im Regal
stand eine komplette Sammlung von Merian-Heften.
Es folgte eine lange Reise kreuz und quer durch China – natürlich immer in Begleitung eines Dolmetschers und mit einem
Tross von Aufpassern im Schlepptau, die zu Lasten des Redaktionsetats mitreisen mussten. Aber da das damals in China
noch mit einer Pauschale von 100 Mark täglich abgegolten werden konnte, nahm selbst in der stets auf Sparsamkeit bedachten
Hamburger Zentrale niemand ernsthaft daran Anstoß. Als das
Heft erschien, enthielt es neben Reportagen und Bildern, die
das neue China und die Reste des alten zeigten, die die Kulturrevolution überdauert hatten, den Aufsatz einer chinesischen
Autorin. Sie schilderte den Lesern ebenso anschaulich wie
a­uthentisch das mühselige Leben einer chinesischen Durchschnittsfamilie. Das war seinerzeit eine kleine Sensation.
Es gab auch weniger erfreuliche Erlebnisse. Zu den dun­
kelsten Stunden von Merian gehört der gewaltsame Tod eines
Redakteurs, der während einer Recherchereise Opfer eines
Raubmordes wurde. »Ein sehr tüchtiger, erfahrener Journalist«, beschreibt ihn Ranft. Er sollte ein Karibik-Heft vorbereiten. Als die Redaktion erfuhr, dass dem Kollegen in seinem
Hotelzimmer die Kehle durchgeschnitten worden war, standen
alle so unter Schock, dass der Chefredakteur sie erst einmal
nach Hause schicken musste.
Am nächsten Tag setzte man sich zusammen, um zu über­
legen, wie das Heft noch »aus dem Feuer gerissen werden
konnte«. Das war nicht einfach, weil das Prinzip galt, dass jedes
Heft von einem verantwortlichen Redakteur betreut wurde,
der in die Region reiste, dort nach Themen, Autoren und Fotografen suchte und die notwendigen Vereinbarungen traf. Da
die Vorbereitungen sich meistens über einen Zeitraum von
mehr als einem Jahr hinzogen, war es schwer, Ersatz zu finden, wenn der zuständige Kollege plötzlich ausfiel. »Die Manu­
skripte lagen noch längst nicht alle vor, und wir wussten nicht,
161
welche Absprachen er mit Autoren und Fotografen getroffen
hatte. Das ganze Know-how war mit einem Schlag verloren«,
erinnert sich Ranft an diese trüben Tage. Aber das KaribikHeft erschien schließlich doch noch pünktlich.
Merian gehört neben stern und Spiegel zu den wenigen Zeitschriften aus den Gründerjahren der Bundesrepublik, die alle
Veränderungen in der Medienlandschaft überstanden haben.
Ein Jahr nach der Wiedervereinigung ließen sich 130 000 Abon­
nenten diese spezielle Form der Weltanschauung regelmäßig
ins Haus bringen, weitere 100 000 kauften Merian im Buchhandel, ehe sie sich ins Auto oder Flugzeug setzten. Viele nutzen
die Zeitschrift aber nach wie vor auch für virtuelle Reisen, zur
preiswerten und risikofreien Begegnung mit Menschen und
Ländern, die sie persönlich nie besuchen können oder wollen.
Eines der großen Ereignisse der deutschen Geschichte geriet zugleich zu einem Höhepunkt in der Geschichte von ­Merian.
Als Nachfolger von Ferdinand Ranft hatte Verleger Thomas
Ganske 1998 Manfred Bissinger ins Haus geholt, der sich zuvor
in den Chefredaktionen von stern, konkret und Natur einen Namen gemacht hatte. Nun sollte er Merian erneut grundlegend
renovieren und modernisieren. Das war wegen der wachsenden Konkurrenz am Markt der Reisezeitschriften dringend
notwendig geworden. Zudem hatte Gruner + Jahr das monothematische Prinzip von Merian für die Line Extension GEOSpezial kopiert, eine Ableger-Reihe seiner sehr erfolgreichen
Magazin-Neugründung GEO.
Bericht aus einem unbekannten Land
Ein erstes Kräftemessen ging allerdings klar zugunsten von
Merian aus. Als der Wind der Veränderung durch den damaligen Ostblock wehte und deutlich wurde, dass auch die DDR
sich Perestroika und Glasnost nicht verschließen konnte, hatte
Bissinger außerhalb der Reihe ein Extra-Heft zur DDR konzi162
piert, das 1990 anlässlich der Maueröffnung »exklusive Geschichten und aufregende Bilder aus einem unbekannten
Land« versprach. Das Heft wurde ein sensationeller Erfolg. Mit
über 500 000 verkauften Exemplaren hält es bis heute den Auflagenrekord. Es hätten sogar noch mehr Hefte sein können,
wäre Merian-Extra DDR wegen Nachdruckproblemen nicht zwischenzeitlich vergriffen gewesen.
Der Erfolg ließ den Verleger und die Merian-Redaktion
nicht ruhen. Bissinger und zwei Dokumentare konzipierten
über ein langes Wochenende in Generalstabsarbeit fünf weitere Hefte, die die neuen Bundesländer im Osten den Deutschen im Westen näherbringen sollten. Als Autoren gewann er
unter anderen Günter Grass, Erich Loest, Günter de Bruyn,
Wolf Jobst Siedler und Guntram Vesper. Die fünf Hefte kamen
gemeinsam auf den Markt, verpackt in einen Schuber, der
überdies noch eine große Extra-Karte der DDR sowie ein Re­
gister enthielt. Auf insgesamt 750 Seiten wurden die Länder
Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Meck­
lenburg-Vorpommern in ihrer kulturellen, geschichtlichen,
wirtschaftlichen und touristischen Vielfalt vorgestellt.
Die Bestandsaufnahme des deutschen Ostens wurde im
Buchhandel zu einem Schlager des Weihnachtsgeschäftes
1990. Schon nach sechs Wochen waren 250 000 Kassetten verkauft. Große Unternehmen wie Daimler-Benz oder Coca-Cola
verschenkten sie als Jahresgabe an ihre Kunden. Die infolge
der Wiedervereinigung stark ausgelasteten Druckereien hatten erneut Probleme, rasch für ausreichenden Nachschub zu
sorgen. Die Kassette kam aber nicht nur bei den Lesern gut
an, sie fand auch ihren Weg ins Deutsche Historische Museum
und alle großen deutschen Bibliotheken. Noch heute wird
sie dort als Dokument der Zeitgeschichte nachgefragt, wenn
sich jemand über den Zustand und die Befindlichkeit der
­damals neu hinzugekommenen Bundesländer informieren
will.
163
Das Merian-Extra DDR und die Fünf-Länder-Kassette wurden publizistisch wie wirtschaftlich zum größten Erfolg der
Merian-Geschichte. Gekrönt wurde er später noch mit einer
Extra-Ausgabe zur neuen »Hauptstadt Berlin«. Von über hundert Hausfrauen aus dem Ruhrgebiet in Heimarbeit eingeklebt, feierte das Berliner Schloss erstmals für eine Zeitschrift
zumindest als Pop-up eine Wiederauferstehung. Damit wurde
zugleich der Beginn einer Debatte um die neue Mitte Berlins
und einen Wiederaufbau des von Walter Ulbricht gesprengten
Stadtschlosses eingeläutet.
Das goldene Blatt der Stars
Am Tag, als die D-Mark kam, war auch Merian geboren worden.
Als Film und Frau, das zweite eigene Kind des Verlags, das Licht
der Welt erblickte, war die D-Mark erst fünf Monate alt. Das
Blatt, das schon vor beinahe sechs Jahrzehnten den Pfad be­
trat, auf dem heute Gala, Bunte und andere Society-Postillen
wandeln, lag am 11. November 1948 erstmals zum Preis von
60 Pfennig am Kiosk. Das war nur möglich, weil auch in diesem Fall die Vorbereitungen schon lange vorher begonnen hatten. Die beiden HoCa-Verleger Christensen und Ganske hatten bereits 1946 bei der Militärbehörde um die Genehmigung
gebeten, unter dem Titel Kassette eine illustrierte Zeitschrift
auf den Markt bringen zu dürfen. Doch erst im Oktober 1948
kam unter der Nr. 36 endlich die ersehnte Lizenz. Sie ging
auch nicht an Hoffmann und Campe in Hamburg, sondern
nach Hannover an der Verlag »Stimme der Frau«. Sie war außerdem mit der Auflage verbunden, dass der Erscheinungstermin nicht vor dem 11. November liegen dürfe. Zumindest daran hielt man sich. Aber als Titel wählte man Film und Frau,
und der Erscheinungsort wurde zusammen mit dem gesamten
Verlag schon vier Monate später nach Hamburg verlegt. Bereits
im ersten Jahr verdreifachte sich die ursprüngliche Auflage
164
auf 150 000 Exemplare. Das war auch deshalb bemerkenswert,
weil sich in der gleichen Zeit die Zahl der Blätter, die um die
Gunst der Leserinnen buhlten, sprunghaft erhöht hatte. Denn
bis Ende 1949 vergaben die Militärbehörden 20 Lizenzen allein für Frauenzeitschriften.
Dass Film und Frau bei diesem Wettlauf ganz weit vorn lag,
war vor allem das Verdienst eines Chefredakteur-Paares, wie es
vorher und nachher nie wieder im deutschen Blätterwald gesichtet wurde. Es waren Curt und Helga Waldenburger, die in
der Redaktion sowie in Filmstudios, Modeateliers und unter
Starfotografen schon bald als »Thomas« und »Puttchen« zum
Begriff wurden. Auf das erste Titelblatt des Glamourblattes
setzten sie Greta Garbo, die Göttliche. Fünf Jahre später lächelte ein in Deutschland damals noch weithin unbekanntes
Mädchen die Käuferinnen mit Unschuldsblick an. Es war Brigitte Bardot, die bald danach auch in Deutschland mit ihrem
Schmollmund die Männer zum Träumen brachte und die
Frauen eifersüchtig machte. Im Allgemeinen zierten jedoch
Leinwandgrößen das Titelblatt, deren Gesichter den Leserin­
nen sofort etwas sagten, denn für die Umschlagseiten des
Blattes gab es ein ganz einfaches Rezept: Die erste Seite zierte
immer eine schöne und dem Publikum aus dem Kino meist
längst bekannte Frau. Auf dem Rücktitel erfreute ein ebenfalls
gutaussehender Mann das Auge der Betrachterinnen. Beide
Bilder waren ebenso wie die Fotos im Innern der Hefte in
sanften chamoisen Tönen gehalten.
Die beiden Schönen auf der Vorder- und Rückseite kamen
nicht nur gut bei den Käuferinnen an, sie waren auch schön
billig. Die Filmgesellschaften stellten die Fotos ihrer Stars für
diesen Zweck gern und kostenlos zur Verfügung. Das war bei
einem Redaktionsetat, der in den ersten Jahren bei 5000 Mark
je Heft lag, höchst willkommen.
Nicht gespart wurde allerdings bei der Titelgestaltung. Der
Schriftzug Film und Frau erschien ab 1950 auf goldenem Hin165
tergrund in einem als Wappen gestalteten Rahmen. Das Signet
hätte ebenso gut als Etikett auf einer Champagnerflasche prangen können. Gold spielte auch im Innern der Hefte bei der Seitengestaltung eine wichtige Rolle. »Der Golddruck war ebenso
eine Idee meines Vaters wie der Braunton für die Bilder«, stellt
Michael Ganske die Urheberschaft klar. »Er hat lange mit Ri­
chard Gruner, dem Drucker, experimentiert, um ein geeigne­
tes Verfahren zu finden, bei dem sich das Gold nicht wieder
vom Papier löst.« Die Zeitschrift erhielt so ihr unverwechselbares Erscheinungsbild.
Für den Inhalt waren die Waldenburgers zuständig. Das
kinderlose Ehepaar adoptierte Film und Frau sozusagen und
schenkte dem Blatt von Beginn an seine ganze Zeit und Liebe.
Das Rezept für das erste und lange Zeit einzige Glamourblatt
der jungen Bundesrepublik wurde 1948 in einer zweckentfrem­
deten Küche in der Hamburger Warburgstraße entwickelt und
von einem anfänglich fünf Köpfe zählenden Team zu einer
leicht bekömmlichen Kost verfeinert. Die Zutaten hießen Mode,
Kino, Kosmetik, Lebensstil, dezent gewürzt mit Klatsch und
Tratsch und ein wenig Fernweh. Das entsprach dem Lebensgefühl der fünfziger Jahre, als die Deutschen nach der Orgie des
Völkischen und Nationalen und dem totalen Krieg langsam
wieder die große weite Welt und die süßen Seiten des Lebens
entdeckten. Und ob über Wintermode, Cocktailkleider, Abendgarderobe, Badeanzüge oder modische Kopfbedeckung berichtet wurde, für Film und Frau waren weibliche Wesen in jeder
Lebenslage stets Damen.
In einer Zeit, in der Millionen Menschen noch immer zwischen den Trümmern hausten, die von den zwölf Jahren NaziHerrschaft übriggeblieben waren, bot ihnen Film und Frau bereits des Lebens schöne Seiten – zunächst nur auf dem Papier.
Die Umstände, unter denen das Glamourblatt konzipiert
und produziert wurde, entsprachen allerdings zunächst in keiner Weise der Traumwelt, die Film und Frau ihrer fast aus166
schließlich weiblichen Leserschaft alle vierzehn Tage lieferte.
Denn wer die Redaktionsräume im Hamburger Stadtteil Rotherbaum besuchen wollte, um dort Texte oder Fotos abzuliefern, musste sich erst einmal im Flur an den wartenden Patien­
ten eines Kassenarztes vorbeidrängen. Im ersten Stock stand
man dann zunächst vor den Räumen eines dort residie­renden
Jagdverbandes. Erst am Ende des Flurs ließ ein Brief­kasten mit
der Aufschrift Film und Frau erkennen, dass man es bis an die
Schwelle der Redaktion geschafft hatte. Allerdings konnten
die Zeilen darunter Schüchterne abhalten, an die Tür zu klopfen oder sie gar forsch zu öffnen: »Sprechzeiten für die Redaktion nur dienstags und freitags von 13 bis 15 Uhr.« Wer sich davon nicht abschrecken ließ – und das taten die Journalisten,
Fotografen, Models und Schauspielerinnen, die Vertreter von
Bildagenturen oder Modehäusern, Wäscheherstellern oder Par­
fümfabrikanten wohl nur selten –, fand hinter der Tür den
Raum der Redaktion: Neben einem qualmenden Holzofen
und einem Stapel Brennholz standen Schreibtische und Regale. Ein weiterer Raum, etwas größer zwar als die Redak­tions­
stube, aber eigentlich nur ein umfunktioniertes Wohn- oder
Schlafzimmer, beherbergte das Fotoatelier.
Doch das störte die prominenten Besucherinnen offenbar
wenig. Das galt erst recht nach dem Umzug in eine Villa mit
Alsterblick am Harvestehuder Weg. Die größeren Räume waren auch dort nicht der Redaktion, sondern dem Fotostudio
und dem Schneideratelier vorbehalten, in dem die Kleider genäht wurden, die die Stars im Heft vorführten und die jede Leserin mit Hilfe der beiliegenden Schnittmusterbögen nachschneidern konnte. Zu denen, die für Modefotos posierten,
gehörten fast alle Kinogrößen jener Jahre. Es war eine Zeit, in
der das Fernsehen noch keine Rolle spielte, die Deutschen
scharenweise in die Lichtspielhäuser pilgerten und Filme aus
deutscher Produktion Kassenschlager waren. Es waren Publikumslieblinge wie Irene von Meyendorff, Henny Porten, Bar167
bara Rüttgers, Marianne Koch oder Marion Michael, die als
»Liane, das Mädchen aus dem Urwald« zu Filmruhm kam. Michael Ganske erinnert sich, dass die Familie in den fünfziger
Jahren oft in einem Hamburger Hotel zu Abend aß, in dem
viele der damaligen Stars gern nächtigten. »Wenn mein Vater
dann jemand wie Liselotte Pulver oder Johanna von Koczian
an einem der Tische sah, sagte er: Geh doch mal rüber und
frag sie, ob sie auf das Titelblatt von Film und Frau will. Er wollte
sehen, wie sie auf den Vorschlag seines Stöpsels reagierten.«
Meistens lächelten die Schönen – erst über den forschen Knirps
und am nächsten Tag am Harvestehuder Weg in die Kamera.
Auch die Verhandlungen über das Honorar waren in den
fünfziger Jahren kurz und einfach. Die Damen durften das
Kleid, in dem sie posierten und das ihnen von den fleißigen
Näherinnen der Redaktion auf den Leib geschneidert wurde,
mit nach Hause nehmen. Das galt auch für Stars wie Ruth
­Leuwerik oder Romy Schneider. Im Gespräch mit Emanuel
Eckardt, der auf der Suche nach Material für seine Kurt­Ganske-Biographie war, fiel Franz Christian Gundlach ein Erlebnis mit Fiona Campbell ein. Als das schottische Fotomodell
vor seiner Kamera posierte, erzählte Campbell beiläufig, dass
sie anschließend noch zu einem Empfang eingeladen sei und
noch nicht wisse, wie sie sich passend anziehen solle. Sie durfte
sich für den Abend ein geeignetes Kleid aussuchen und sogar
den traumhaften Pelz, in dem sie posiert hatte, mitnehmen –
allerdings nur leihweise, da der Kürschner das teure Stück lediglich für die Aufnahmen zur Verfügung gestellt hatte. Danach war sie nicht mehr darauf angewiesen, sich ihre Garderobe
auszuleihen, denn an jenem Abend lernte sie ihren späteren
Mann kennen, Hans-Heinrich Baron von Thyssen-Bornemisza.
»Heini« verfügte schließlich über das notwendige Kleingeld.
Geschichten wie diese erlebte Franz Christian Gundlach
immer wieder. Der Kriegsheimkehrer war auf der Suche nach
einem Lebensunterhalt 1947 eher zufällig Fotograf geworden.
168
1953 kam der damals 27-Jährige mit den Chefredakteuren Curt
und Helga Waldenburger in Kontakt. In diesen Jahren entwickelte Gundlach einen ganz eigenen Stil der Modefotografie,
der ihn berühmt machte und Film und Frau prägte. Eine der
Ersten, die er vor die Linse bekam, war Ruth Leuwerik. Mit ihr
arbeitete er drei Tage lang – im Atelier, im Treppenhaus des
Redaktionsgebäudes, in einem Park an der Elbe. Dabei entdeckten der Fotograf und sein Modell bald eine Gemeinsamkeit: Sie hatten beide nicht die geringste Ahnung von Mode­
fotografie. Aber vielleicht entstanden gerade deshalb Bilder,
die den Leserinnen ans Herz gingen.
Es dauerte nicht lange, bis der Autodidakt unter dem Namen F. C. Gundlach zu einem der prominentesten Modefotografen der jungen Bundesrepublik wurde. Die Waldenburgers
boten ihm in ihrem Blatt viel Auslauf, wenn er Bilder lieferte,
die er am liebsten außerhalb des Studios vor ungewöhnlichen
Kulissen aufnahm. Er fotografierte seine Stars in verschneiten
Parks, auf der Berliner Avus, dem Deck von Kreuzfahrtschiffen, dem Dach des Verlagsgebäudes oder vor der imposanten
Kulisse von Abu Simbel. Damals gab es den Staudamm noch
nicht, und der Tempel stand noch da, wo ihn der ägyptische
König Ramses II. mehr als 3000 Jahre zuvor hatte errichten lassen. Bei den zweimal jährlich erscheinenden Mode-Sonderheften stellten ihm Thomas und Puttchen »Strecken« von bis zu
vierzig Seiten zur Verfügung, wie er sich dankbar erinnert.
Angesichts des schöpferischen Chaos, in dem Puttchen und
Thomas ihre Zeitschrift produzierten, blieb es für Insider immer ein Rätsel, dass das Blatt trotzdem regelmäßig erschien.
Selbst als die Redaktion in dem 1956 errichteten Verlagsgebäude am Poßmoorweg endlich über genügend Platz verfügte,
behielten sie ihren Arbeitsstil bei. »Die hatten das schönste
Zimmer, im obersten Stock des Hochhauses«, erzählt Michael
Ganske, der später selbst für einige Zeit Chefredakteur von
Film und Frau war. »Aber wenn man ihr Zimmer betrat, dann
169
hatte man stets den Eindruck eines völligen Durcheinanders.
Das gesamte Layout der Zeitschrift war auf dem Fußboden ausgebreitet – und wehe, man rührte daran.« Nicht immer kamen
Bilder und Texte pünktlich zur Setzerei. Gelegentlich mussten
lästige, aber unverzichtbare Elemente wie das Impressum in
letzter Minute »nachgeschoben« werden, weil die beiden sie
schlicht vergessen hatten.
Der älteste Sohn des Verlegers ist sich sicher, dass das Chefredakteurs-Duo nicht nur eine perfekte Traumwelt für ihre
­Leserinnen produzierte. Sie lebten nach seiner Beobachtung
selbst in einer solchen Traumwelt. »Die dachten immer, dass
sie ihr Blatt für die Dame von Welt machten und dass es überall in den eleganten Salons ausliege«, meint Michael Ganske.
»Wenn man den Waldenburgers gesagt hätte, dass ihr Blatt vor
allem von Arbeiterfrauen in der Wohnküche gelesen wurde
und dort neben den Kartoffelschalen auf dem Tisch lag, wären
die aus allen Wolken gefallen. Sie hätten ihren Job gar nicht
weitermachen können.« Da die Leseranalysen noch nicht so
ausgefeilt waren wie heute, blieb es ihnen aber erspart, schwarz
auf weiß in der Statistik lesen zu müssen, dass die Mehrzahl
­ihrer Leserinnen von der schönen Welt, die sie ihnen vorführ­
ten, nur träumen konnte.
Mitte der fünfziger Jahre glänzte Film und Frau nämlich
nicht nur mit Golddruck und hoher Auflage, sondern auch mit
einem ganz eigenen Schreibstil. Zu einem Titelbild, das eine
junge Frau mit Blumenhut zeigte, dichtete der Chefredakteur:
»Solange Frauen einen Hut wie ein ästhetisches Wunderwerk
der Phantasie durch den Abend tragen – goldschimmernd, seidedurchwirkt, fließend im Umriss und transparent wie duftender Rauch –, so lange brauchen Männer keine Angst vor der
Gleichberechtigung zu haben. Für wen umwölken die Schönen so kostspielig Augen und Stirn? Für wen verbergen sie ihre
Tagestüchtigkeit so bereitwillig hinter einer Aufmachung, die
zar­teste Rücksicht, Schutz und Bewunderung heischt?«
170
Solche Zeitschriften-Poesie kam Mitte der fünfziger Jahre
selbst in der Wohnküche an, und das galt auch für das Blatt, in
dem diese und ähnliche Texte standen. Solange Kinobesitzer
selbst in Dörfern und Kleinstädten gut über die Runden kamen, die Lichtspielhäuser jeden Abend gut besucht waren, die
Fernreisen von ein paar Wohlhabenden allenfalls bis Sizilien
führten, die Berliner Mode den Frauen noch völlig ausreichte
und in den Wohnzimmern das Mobiliar aus der Vorkriegszeit
noch nicht ersetzt worden war, stiegen Verbreitung und Umfang. Film und Frau ließ in den fünfziger Jahren alle anderen
Frauenblätter hinter sich und erreichte schon 1956 eine Auflage von 400 000 Exemplaren.
Doch dann kam »der schlimmste Feind der USA«, wie der
stern damals schrieb, nach Deutschland und eroberte auch hier
in Windeseile die Wohnzimmer. Nach einigen kleineren Versuchen begann in der Bundesrepublik am 25. Dezember 1952
die Ausstrahlung eines täglichen Fernsehprogramms. Gesendet wurde aus Hamburg. Zu Beginn hätten die Sprecher eigentlich jeden Zuschauer noch einzeln begrüßen können. Im
Jahr eins der deutschen TV-Geschichte erwarben gerade mal
4000 Bundesbürger ein Fernsehgerät. Doch knapp zwei Jahre
später, am 1. November 1954, begannen die westdeutschen Lan­
desrundfunkanstalten unter dem Dach der ARD mit ihrem
Gemeinschaftsprogramm. Es dauerte danach nicht mehr lange,
bis die Zuschauer nicht mehr nach Tausenden, sondern nach
Millionen gezählt wurden. In den sechziger Jahren setzte unter
dem Druck des neuen Konkurrenten das Kinosterben ein. Es
beschleunigte sich, nachdem Philips und Grundig 1971 die ersten Videokassettenrecorder vorgestellt hatten. Die neuartigen
Speichermöglichkeiten gaben den Zuschauern die Möglichkeit,
sich durch die Aufzeichnung ihrer Lieblingssendungen von
den festen Zeitvorgaben der Fernsehanstalten unabhängig zu
machen oder bespielte Kassetten mit Filmen eigener Wahl einzulegen.
171
Was für den Lesezirkel zu einer ernsten Bedrohung geworden war, ging auch an Film und Frau nicht spurlos vorüber. Das
bisherige Konzept hatte sich überlebt. Seit 1956 stagnierte die
Auflage, ab Anfang der sechziger Jahre ging sie stetig zurück.
Zudem waren Thomas und Puttchen ins Pensionsalter gekommen. 1963 wurde Curt Waldenburger nach 15 Jahren als Chefredakteur abgelöst. Er kümmerte sich mit seiner Frau Helga
zwar noch fünf weitere Jahre um die bereits seit 1952 beziehungsweise 1957 erscheinenden Sonderhefte Mode und Archi­
tektur, aber ihr angeschlagenes Glamourblatt versuchten nun
andere wieder im alten Glanz erstrahlen zu lassen.
Den Nachfolgern gelang es jedoch nicht, die vergoldete
­Illustrierte dem gesellschaftlichen Wandel und der sich rasch
verändernden Medienwelt mit einer ähnlichen Sensibilität für
die Zeitströme anzupassen, wie es einst die Waldenburgs so
meisterhaft verstanden hatten. Man ließ die bisherigen Schwerpunkte »Stars« und »große weite Welt« fallen und setzte stattdessen auf Verbraucherberatung und Lebenshilfe. Doch es
half nichts. Die neuen Kapitäne schafften es nicht, das schlingernde Schiff wieder auf Erfolgskurs zu bringen. Die Generation der Jeansträgerinnen, die sich immer mehr Freiheiten
nahm, den Männern durchaus Angst vor der Gleichberechtigung einjagen wollte und auch nicht mehr daran dachte, »ihre
Tagestüchtigkeit bereitwillig hinter einer Aufmachung, die zarteste Rücksicht, Schutz und Bewunderung heischt«, zu verbergen, wusste mit Film und Frau nichts mehr anzufangen.
Drei Jahre nach dem Abschied von Puttchen und Thomas
erschien das Blatt im September 1966 zum letzten Mal unter
dem in die Jahre gekommenen Titel. Damit wurde zugleich ein
Stück Pressegeschichte beerdigt. Doch Tote leben länger: Film
und Frau wurde wie keine andere Frauenzeitschrift der Nachkriegszeit zum Mythos. Das Blatt mit dem goldenen Wappen
ist – im Gegensatz zu den meisten Konkurrenzprodukten und
auch der Nachfolgerin – bis heute unvergessen.
172
Fortgeführt wurde allerdings ein Ableger des Blattes. Aus
den Sonderheften Architektur wurde Architektur und kultiviertes
Wohnen. Das erste Heft, das im September 1968 erschien, wurde
noch von den Waldenburgers gemacht und hatte den stolzen
Umfang von 208 Seiten, wovon 61 mit Anzeigen belegt waren.
Vom dritten Heft an übernahm Christa von Hantelmann die
Leitung und entwickelte die zunächst zweimal im Jahr er­
scheinende Zeitschrift ab 1969 zeitgemäß weiter. Mit dem Erfolg stieg auch die Zahl der jährlichen Ausgaben, so dass
schließlich ab 1985 alle zwei Monate ein neues Heft erscheinen
konnte.
Der Versuch, das »Mutterschiff« zu retten und die Leserin­
nen durch ein neues Konzept und die Umbenennung in Moderne Frau davon zu überzeugen, dass man jetzt das richtige Angebot für sie habe, scheiterte dagegen. Michael Ganske, der als
Manager der Verlagsgruppe und 1967 zeitweise auch als Chefredakteur maßgeblich für die Neuorientierung zuständig war,
betrachtet heute die Beerdigung von Film und Frau als einen
großen Fehler. Es wurden die falschen Leute entlassen und
nicht die richtigen Leute eingestellt. Es gab keinen führenden
Kopf mehr, dafür aber viele Köpfe, die sich in den Sitzungen
gegenseitig die Verantwortung für Fehlschläge zuschoben.
»Die Veränderungen wurden von der falschen Seite angegangen. Statt vom Konzept, von den Inhalten und von der personellen Besetzung her schrittweise Korrekturen vorzunehmen,
haben wir an den Äußerlichkeiten herumgebastelt. Wir haben
das Signet geändert und den Titel in ein Quadrat gesetzt: Das
galt damals als modern. Man glaubte, man könne die Leserinnen durch eine Titeländerung manipulieren.« Das stellte
sich schnell als Irrtum heraus.
173
Missratene Tochter aus gutem Haus
Um zu retten, was noch zu retten war, wurde die Moderne Frau
mit petra fusioniert und nahm nach der Hochzeit den Doppelnamen petra moderne Frau an. Das bedeutete zunächst allerdings nur, dass zwei Kranke zusammen ins Bett gingen, denn
auch petra war ein Sanierungsfall. Anders als Film und Frau
hatte sie bis dahin aber noch keine glänzende Karriere hinter
sich. Sie war vielmehr schon kurz nach der Geburt von der
Schwindsucht befallen worden.
Das Blatt war eine Kreation von Hans Huffsky, dem ersten
Chefredakteur der Constanze und späteren Redaktionsdirektor
von Brigitte, zwei ebenfalls sehr erfolgreichen Frauenzeitschrif­
ten aus Hamburg. Nachdem er sich 1959 mit seinem Verleger
John Jahr überworfen hatte, entwickelte er in seiner Berliner
Wohnung das Konzept für eine moderne Zeitschrift, der er
ohne übertriebene Bescheidenheit den Titel petra. Die Frauenzeitschrift ohnegleichen verpasste. Ebenso bombastisch wie der
­Titel war die Werbekampagne, die das Erscheinen des Monatsmagazins im September 1964 begleitete. Vorausgegangen war
ihr zudem eine ungewöhnlich aufwendige Marktforschung,
die die Blattmacher in ihrer Überzeugung bestärkt hatte, sie
wüssten nun ganz genau, was Frauen wirklich wünschen.
Der Anfangserfolg schien ihnen recht zu geben. Die mit
600 000 Exemplaren für damalige Verhältnisse sehr mutige
Startauflage war innerhalb weniger Tage restlos ausverkauft.
Die Werbekampagne hatte neugierig gemacht und hohe Erwartungen geweckt. Sie wurden jedoch nicht erfüllt. Die Marktforscher waren wohl doch nicht so richtig dahintergekommen,
was Frauen eigentlich wollen. Der sensationelle Anfangserfolg
ließ sich nicht halten. Entsprechend zurückhaltend reagierten
die Anzeigenkunden. Obwohl der Verlag gegenzusteuern versuchte und mehr Mode und Kosmetik ins Blatt packte, fiel die
verkaufte Auflage mit jeder neuen Ausgabe weiter. Gruner+Jahr
174
hatte schon bald keinen Spaß mehr an der missratenen Tochter und gab sie im Herbst 1969 schließlich zur Adoption frei.
Es war Michael Ganske, der davon hörte und auch davon, dass
Gruner + Jahr an einem Druckvertrag mit dem Jahreszeiten
Verlag interessiert sei. Man war sich bald einig. Ganske kündig­
te den Druckvertrag mit Burda. Das verärgerte zwar den Familienpatriarchen Franz Burda, genannt der Senator, und seinen
Sohn Frieder. Aber Gruner druckte nicht nur billiger, G + J
überließ dem Jahreszeiten Verlag obendrein auch noch die
­petra. »Wir haben sie eigentlich umsonst bekommen«, freut sich
Michael Ganske noch heute.
Beim Jalag, wie die Zeitschriftengruppe intern genannt
wird, fusionierte man die petra im September 1969 sofort mit
der ebenfalls schwächelnden Modernen Frau – und siehe da:
Aus zwei schwindsüchtigen Töchtern wurde ein quicklebendiges, bald wieder an Umfang und Auflage gewinnendes Blatt.
1977 fand die 424 Seiten starke Monatszeitschrift über eine
halbe Million Käuferinnen und hatte damit fast wieder den
»Sensationserfolg« der ersten petra erreicht. Diese Auflage ließ
sich angesichts der zunehmenden Konkurrenz auf dem Markt
der Frauenzeitschriften zwar nicht immer auf dieser Höhe halten. Aber mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Relaunch konnte
der Verlag Ende 1991 erneut vermelden: »petra ist in Deutschland Marktführerin im Segment der gehobenen Frauenzeitschriften. Mit rund 420 000 verkauften Exemplaren pro Ausgabe liegt sie weit vor Cosmopolitan, Elle, Marie-Claire, Vogue und
Harper’s Bazaar.«
Gelungen war petra in den zwei Jahrzehnten auch, was ihre
beiden Vorgängerinnen nicht geschafft hatten, nämlich die
Annäherung an das, was vor allem junge Frauen wollen. »petra
… hat eine deutliche Vorstellung von ihren Kernleserinnen:
junge, gebildete und kaufkräftige Großstadtfrauen zwischen
20 und 39, wobei der Schwerpunkt bei den jüngeren liegt. Diese Opinion-Leaderin unter den deutschen Frauen wird mit
175
großer Konsequenz angesprochen – auf jeder Seite, mit jedem
Text und jedem Foto«, versicherte die Redaktion.
Um nicht wie einst Film und Frau den Anschluss an die Kerngruppe zu verlieren, wurde in diesen beiden Jahrzehnten und
auch später das Erscheinungsbild und Konzept immer wieder
an die sich wandelnden Bedürfnisse und Interessen der Leserinnen angepasst. So wurden nach 1970 die emanzipatorischen
Themen verstärkt und in den achtziger Jahren das Format zweimal geändert und dabei handlicher gemacht. Ende der achtziger Jahre, als die Frauen wieder weiblicher werden wollten,
spiegelte sich das bei petra unter anderem darin, dass eine Nonstop-Strecke von mindestens 50 Seiten zu den Themen Mode
und Kosmetik geschaffen wurde. 1995 gab es erneut einen
­Relaunch und – sehr zum Erstaunen und Ärger der Konkurrenz – erstmals eine Mode-Videokassette zum Heft. 1996 wurden Wohnthemen und »Geschichten über Menschen« verstärkt
ins Blatt genommen. 1997 wurde petra durch den trendigen, in
modischem »Denglisch« gehaltenen Untertitel Mode, Beauty & Lifestyle ergänzt, der allerdings später wieder ver­schwand.
Heute ist petra einfach wieder petra. Obwohl sie mit 43 Jahren inzwischen älter ist als die Hälfte ihrer Leserinnen, hielten
es die verschiedenen Chefredakteure immer mit dem Motto:
»Man ist so jung, wie man sich fühlt.« Sich selbst beschreibt die
Zeitschrift so: »petra ist schön, denn sie steht für Mode und
Trends. Im klassischen, großzügigen Zeitschriftenformat entführt das Magazin seine Leserinnen jeden Monat auf eine elegant-hedonistische Entdeckungsreise durch das Neueste aus
Mode, Beauty und Lifestyle. Stars und Stil, Produkte und Premieren sind das journalistische Kernangebot, das smart und
charmant verpackt Lust aufs Erleben macht.« Aber petra ist
auch frech, denn »ihre Leserinnen sind kritisch, aber lebensfroh. Die Themen daher witzig und provokativ: Mode und
Männer, Kunst und Konsum werden mit augenzwinkernder
Ironie be- und durchleuchtet.« petra sieht sich auch als intelli176
gent, denn »ihre Leserin ist jung im Kopf, urban und trend­
bewusst, und entscheidet selbst über Kerle, Käufe und Kar­riere.
Sie will intelligent unterhalten und fundiert informiert werden, denn sie interessiert sich für die schönen Dinge des Lebens und gestaltet lässig emanzipiert ihr Leben.«
Auf der Suche nach dem richtigen Styling
Ein deutlicher Unterschied zum Selbstverständnis von Film
und Frau und zugleich ein Hinweis auf den Wandel in den Köpfen der einstigen und heutigen Leserinnen des Blattes – von
dem übrigens 2006 jeden Monat rund 233 000 Exemplare verkauft wurden. Insgesamt 1,31 Millionen Frauen nehmen jede
Ausgabe in die Hand – nicht zuletzt deshalb, weil auch die Verbreitung über den Leserkreis Daheim für zusätzliche Reichweite sorgt.
Der Für Sie, die Ende der fünfziger Jahre ebenfalls aus der
Fusion zweier nur mäßig erfolgreicher Zeitschriften hervor­
ging, bekam diese Operation sogar noch besser als ihrer jüngeren Schwester petra. Das galt auch für eine weitere Allianz.
Nach der Vereinigung mit der Familienzeitschrift Hausschatz –
lies mit, deren altbackener Titel das ehrwürdige Alter des Blattes
von 83 Jahren ahnen ließ, verdoppelte sich 1959 die Auflage
der Für Sie.
Einen wesentlichen Anteil an der Karriere der Zeitschrift
hatte Heinz Scheibenpflug, im Jahreszeiten Verlag und der
­Medienwelt besser bekannt als Professor Scheibenpflug. Der
Ehren­titel, der ihm von seinem Heimatland Österreich verliehen wor­den war, hatte nämlich schon bald den Vornamen verdrängt. Scheibenpflug war von 1961 bis 1970 Chefredakteur
der Für Sie und danach noch bis 1988 ihr Herausgeber. Ebenso
wie es zuvor die Waldenburgs bei ihrem Star-Magazin getan
hatten, prägte er für viele Jahre das Blatt, das auch in der Alpenrepublik zu einer der meistgelesenen Frauenzeitschriften
177
wurde. Ab 1971 erschien es daher sogar mit einem eigenen Österreichteil. Unter Scheibenpflugs Regie überschritt das »Flaggschiff« des Verlags als erste deutsche Frauenzeitschrift die Auflage von einer Million – nicht nur gedruckter, sondern
tatsächlich verkaufter Exemplare, versteht sich.
Zu diesem Erfolg hat auch ein großer Unbekannter beigetragen, ein Mann, der wie kaum ein anderer in der zweiten
Hälfte des 20. Jahrhunderts die visuelle Kommunikation beeinflusst hat. Sein Ruhm durchweht zwar bis heute die Fachwelt, aber in den von seiner Hand gestalteten Zeitschriften trat
er als Person nie in Erscheinung. Er mied die Öffentlichkeit
und ist nur auf wenigen Fotos und auf keinem Film zu sehen.
Es war der 1983 verstorbene Willy Fleckhaus, der auch als der
»teuerste Bleistift Deutschlands« bezeichnet wurde und als der
erste deutsche Art Director gilt. Beruflich war der geniale Gestalter nicht leicht einzuordnen, denn er war nacheinander
und gleichzeitig als Journalist, Buchgestalter, Zeitschriftendesigner und Professor für visuelle Kommunikation tätig. Fleckhaus setzte auf große, möglichst doppelseitige, plakative Bilder
und strebte in Wort, Bild und Typographie nach Ordnung und
nachvollziehbaren Strukturen. Er entwickelte das charakteristische »Q« der Quick, prägte das Lifestyle-Magazin twen und
das Wirtschaftsmagazin Capital. Er gestaltete das Signet der
Bild-Aktion »Ein Herz für Kinder« und das Magazin der FAZ.
Eine Buchreihe des Suhrkamp Verlags erscheint noch heute in
den von ihm konzipierten Umschlägen in den Farben des Regenbogens. Zu den Zeitschriften, denen er seinen Stempel aufdrückte und für deren Erfolg und Image er mit verantwortlich
war, gehörten aber auch Für Sie und später Merian. »Fleckhaus
und mein Vater trafen sich erstmals in Hohenhaus, und die
beiden mochten sich gleich«, beobachtete Michael Ganske.
Während Professor Scheibenpflug sich als Chefredakteur um
die Inhalte kümmerte, sorgte Willy Fleckhaus dafür, dass sie
bei den Leserinnen optisch ankamen. Eine verkaufte Auflage
178
von 1 120 000 Exemplaren war der Lohn der gemeinsamen Bemühungen und zugleich der Gipfel der Auflagen­entwicklung.
In seiner Zeit als Herausgeber musste Scheibenpflug nämlich auch erleben, wie schnell ein Blatt auf die schiefe Bahn
­geraten kann, wenn es an seiner Leserschaft vorbeiproduziert
wird. Dabei hätte John Jahrs Constanze ein warnendes Beispiel
sein können. Das biedere, aber höchst erfolgreiche Hausfrau­
enblatt hatte versucht, mit Wettbewerbern gleichzuziehen, die
mit geblähten Segeln auf der Aufklärungswelle schwammen
und den Sex-Apostel Oswalt Kolle zu ihren Starautoren zählten. Der zum Zweck der Modernisierung aus Wien importierte
Chefredakteur erwarb sich zwar rasch den Titel »Titten-Struve«.
Mit seinen Nackedeis verschreckte er aber die eher sittenstrengen Leserinnen der einst so harmlosen Constanze derart,
dass Anzeigen und Auflage schon nach kurzer Zeit zum Sturzflug ansetzten. Bei dem Versuch, zu retten, was noch zu retten
war, kam es zu hektischen Kurswechseln – mal in Richtung
Strickmode, mal in Richtung Softporno. Bei jeder dieser Halsen ging eine größere Zahl von Käuferinnen über Bord. Einmal wurden diejenigen enttäuscht, die viel nackte Haut erwarteten, beim nächsten Mal die anderen, die mehr an geeigneter
Kleidung zur Bedeckung derselben interessiert waren. Wohl
noch nie in der deutschen Verlagsgeschichte ist eine erfolgreiche Zeitschrift in so kurzer Zeit auf Grund gesetzt worden.
Etwas Zeitgeist Für Sie
Auch die Redaktion der Für Sie wollte den Zeitgeist der sieb­
ziger Jahre – oder das, was sie dafür hielt – nicht aus ihren Stuben aussperren. »Wir haben alles falsch gemacht, was man nur
falsch machen konnte«, räumte Peter Gimm, damals stellvertretender Chefredakteur, später freimütig ein. Statt aktuelle
Mode zu präsentieren, wurde das Heft mit sozialkritischen Reportagen vollgepumpt. Statt elegante Damen in gepflegter Um­
179
gebung zu zeigen, waren Fotos mit angeknabberten Brötchen
auf abgegrasten Frühstückstischen zu sehen. Statt ausführlich
über Kosmetik, Schlankmacher und italienische Schuhmode
zu berichten, kam viel Bewegung ins Blatt: Anti-Kernkraft­Bewegung, Umweltbewegung, Frauenbewegung. Den Verleger
und seinen damals für den Zeitschriftenbereich zuständigen
Sohn Michael beschäftigte eine weitere Bewegung, nämlich
ein stetiger Rückgang der Auflage.
Fünf Chefredakteure innerhalb nur eines Jahrzehnts sind
ein deutliches Indiz dafür, wie bewegt die siebziger Jahre für
das Blatt auch intern waren. Irgendwann besann man sich aber
wieder darauf, dass eine Zeitschrift nicht dazu da ist, jeder politischen Strömung zu folgen, sondern die Wünsche der großen
Mehrzahl ihrer Käuferinnen zu erfüllen. »Nach den kämpferischen Jahren der Emanzipation bekennen sich die Frauen
wieder zunehmend zu ihren typisch weiblichen Kompetenzen.
Genug gekämpft, jetzt leben wir, heißt die Devise«, glaubte die
Redaktion Anfang der neunziger Jahre beobachtet zu haben.
»Sie haben heute die Wahl zwischen Hausfrau und Mutter oder
Karriere im Beruf oder beidem zugleich. Aus der Pflicht ist die
Kür geworden. Kleider, Kinder, Küche spielen zwar immer
noch eine zentrale Rolle, doch sie haben sich zu Terrains der
Selbstverwirklichung gewandelt«, beschrieb der Verlag die
Welt, in der die 2,32 Millionen Leserinnen des Blattes zur Zeit
der deutschen Wiedervereinigung lebten. An die Stelle der alten drei K – Kinder, Küche, Kirche – seien die neuen drei F
­getreten: Familie, Freunde, Freizeit. »Moderne Frauen dienen
nicht mehr, sie gestalten, und dies freiwillig.«
Ganz falsch kann diese Einschätzung nicht gewesen sein,
denn mit dieser neuen Sicht auf die Welt der Frauen brachte es
das Blatt wieder auf eine verkaufte Auflage von rund 810 000
Exemplaren und auf den zweiten Platz unter den klassischen
Frauenzeitschriften im geeinten Deutschland. Dass Für Sie den
Zeitgeist auch dann spiegelte, wenn sie sich nicht von aktuellen
180
»Bewegungen« mitziehen ließ, sondern sich den schönen Seiten
des Lebens widmete und an den tatsächlichen Bedürfnissen
ihrer Leserinnen orientierte, lässt sich an den Angeboten der
Redaktion ablesen, die bei ihrem Stammpublikum im Laufe
der Jahre besonders gut ankamen. Das war zum Beispiel der
Fall, als 1953 erstmals eine »Kochschule« angeboten wurde.
Zu den großen Erfolgen rund um Küche und Kochen gehörte in den sechziger Jahren das »Für Sie Farbkochbuch« zum
Herausnehmen und Sammeln. Es schlug so gut ein, dass in der
Branche von einem »Bombenerfolg« gesprochen wurde und es
zu einem Boom von Nachahmerprodukten kam. 1970 wurde
die Rezeptsammlung »Leibgerichte« zu einem Schlager. 1974
versprach man »Backen mit Vergnügen« oder »Kochen mit
Geist«. 1997 lag die »junge Küche« voll im Trend. 2005 schließlich zeigten »Die 100 besten Rezepte der Welt«, dass die Globalisierung selbst vor den Kochtöpfen nicht haltmachte. Ein eigenes Kochstudio sorgte schon seit vielen Jahren dafür, dass die
Rezepte und Tipps in der Für Sie zum Backen, Kochen oder
Grillen immer praxisgerecht und für jede Leserin nachvollziehbar blieben. »Für Sie hat sich auf dem Gebiet des Kochens
eine Kompetenz erworben, die einmalig ist«, zieht Hermann
Schmidt, seit 2002 für den Vertrieb zuständiger Geschäftsführer des Jahreszeiten Verlags, die Bilanz aus den vielen Jahrzehnten Lebenshilfe am Herd. »Viele Frauen sind vor allem
deswegen treue Abonnentinnen, weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass Für Sie-Rezepte immer gelingen.« Blamage
ausgeschlossen, wenn man Gäste hat.
Ein anderes »K-Thema«, nämlich Kleidung, ist ein ähnlich
guter Indikator für den Wandel der Bedürfnisse wie das Essen.
Während die »Schneiderschule für Sie« den Leserinnen 1957
noch Tipps für selbstgenähte Kleider versprach, schrieb die
Redaktion 1966 einen internationalen Modepreis aus. 1969
wurde angesichts des Trends zum guten Essen »Chic für Vollschlanke« zum Thema, und im neuen Jahrtausend ist »young
181
style« angesagt – weil nun alle forever young bleiben wollen und
ihnen dies natürlich auch auf Englisch gesagt werden muss.
Im großen Erfolg der »Ideen-Bücher« und der Sammelordner zum Thema schlug sich ab 1989 der Trend zum SingleHaushalt nieder. Immer mehr Frauen können oder müssen
sich heute ein Leben ohne festen männlichen Partner vorstellen. Da bleibt ihnen folglich nichts anderes übrig, als manches
selbst zu erledigen, was früher Aufgabe des Mannes im Haus
war. Das Ideen-Buch, das »nützliche Heft im Heft« mit 24 Seiten
zum Herausnehmen und Sammeln, wurde deshalb für ­längere
Zeit zum festen Bestandteil des Blattes. Neben den tradi­tio­
nellen Tipps für Kochen und Schönheit, die natürlich nie feh­
len dürfen, geht es dabei um das Haus, den Urlaub und »Gewusst wie«. 1996 wurde es Zeit für ein »Ideenbuch ­Fitness«.
Wie sehr sich die Einstellung der Frauen im Laufe der Jahre
gewandelt hat, zeigt sich auch daran, dass in einer Frauenzeitschrift im Jahr 2000 Automagazine mit großem Erfolg erscheinen konnten. Selbstverständlich tummelt sich Für Sie im neuen
Jahrtausend im Internet und bietet dort unter anderem eine
Dating-Plattform an – getreu ihrem Motto »Service und Lebensfreude für die Frau von heute«. Sehr zeitgeistig auch die
für das neue Jahrtausend definierte strategische Linie des
Blattes »Simplify your life«. Das entspricht dem Wunsch der berufstätigen Frauen. Gut möglich allerdings, dass die Devise
von einigen Leserinnen gründlich missverstanden wird – wie
wohl auch so mancher flotte angelsächsische Werbespruch im
Blatt, der in den Köpfen der Angesprochenen oft zu Assoziationen führt, die sich die Werbetreibenden eigentlich nicht wünschen können.
Die Selbstdarstellung der Frauenzeitschrift im Internet beschreibt zugleich das Erfolgsrezept des Blattes seit 1947: »Für
Sie geht es wie vielen Frauen – irgendwann möchte man das
Styling verändern, man möchte frischer und jünger aussehen,
frecher und mutiger werden. Die eigene ›Typberatung‹ ergab:
182
Ein modernes Layout, eine lebendige Bildsprache, frische Farben und klare Linien, ohne cool zu wirken … Gesamteindruck:
Lebensfreude, Spaß, Genuss, Überraschung, Neugierde.« Das
Er­­gebnis dieser Philosophie in Zahlen: Nach einer Delle in der
Auflagenstatistik brachte es Für Sie 2006 wieder mit über 485 000
verkauften Exemplaren auf den zweiten Platz unter den klassi­
schen Frauenzeitschriften und erreichte damit 2,54 Millionen
Leserinnen.
Im März 2007 konnte Chefredakteurin Ute Kröger daher
mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern fröhlich den
50. Geburtstag ihres Blattes feiern – einen Monat vor dem
»Mutterhaus«, das dafür allerdings bereits auf die ersten hundert Jahre zurückblicken konnte.
Ausstieg vor dem Einstieg
Mit den nach dem Krieg entwickelten oder übernommenen
Zeitschriften hatte Kurt Ganske trotz mancher Rückschläge
ein glückliches Händchen. Merian, petra oder Für Sie überstanden ebenso wie Architektur & Wohnen letztlich alle Veränderungen in der Medienlandschaft. Das ging nicht immer ohne
Schwierigkeiten ab, fand oft unter starkem Anpassungsdruck
statt, war aber am Ende immer erfolgreich. Dennoch gingen
für Kurt Ganske nicht alle unternehmerischen Träume, die
er in den fünfziger Jahren hegte, in Erfüllung. Dazu gehörte
beispielsweise der Versuch, in das boomende Geschäft mit Buch­
gemeinschaften einzusteigen. Ganske beobachtete, welche Erfolge die Holtzbrinck-Gruppe und vor allem Bertelsmann auf
diesem Gebiet hatten. Ihre nach Hunderttausenden und schließ­­
lich nach Millionen zählenden Mitglieder bescherten ihnen
rasch steigende Umsätze und hohe Erträge, die zur Finanzierung des Wachstums in anderen Sektoren genutzt werden konn­
ten. Der Lesezirkel Daheim hatte für Ganske zwar eine ähnli­
che Funktion als Geldquelle, aus der er viele Jahre lang die
183
Mittel zur Finanzierung des Unternehmenswachstums schöpfen konnte. Aber er dachte immer wieder darüber nach, ob ihm
nicht auch der Einstieg in den lukrativen Markt der Buchclubs
mit seinen garantierten Massenumsätzen gelingen könnte.
Bei der Übernahme des Wegweiser Verlags, der aus einem
Buchclub hervorgegangen war, mit dessen Hilfe sich schon zu
Kaisers Zeiten Angehörige des Proletariats nach Ansicht Wohlmeinender »emporlesen« sollten, hatte er möglicherweise bereits daran gedacht, daraus wieder einmal eine Lesergemeinschaft zu machen, deren Mitglieder sich verpflichten, jeden
Monat mindestens ein Buch zu Sonderkonditionen zu kaufen.
Was auch die Gründe dafür gewesen sein mögen, geworden ist
daraus jedenfalls nichts. Ganz von vorn zu beginnen wäre zwar
möglich gewesen, denn Kapital war vorhanden und ein Mann,
der angeblich etwas vom Buchclubgeschäft verstand, war in
Hans E. Höynck auch schon gefunden worden. Angesichts der
starken Konkurrenz, die vor allem der 1950 gestartete und
sehr erfolgreiche Bertelsmann-Club darstellte, wäre das aber
höchst riskant gewesen. Kurt Ganske suchte daher nach einem
bereits vorhandenen, tragfähigen Sockel – eine Idee, die er
nächtelang mit seinem damaligen Assistenten Werner Hess
diskutierte. Der hatte dabei vor allem die Rolle eines Zuhörers,
der seinem Chef die Möglichkeit bot, laut über die verschiedenen Wege zu seinem Ziel nachzudenken.
Geeignete Übernahmekandidaten waren Mitte der fünfziger Jahre nicht mehr leicht zu finden. Doch dann schien sich
1955 eine Chance zu bieten. Der Berliner Verleger Weiss und
Clara Ossenbach, die Tochter des Gründers Hans Ossenbach,
der den Volksverband 1919 ins Leben gerufen hatte, boten
zum Kauf an: die Namensrechte am »Volksverband der Bücher­
freunde« einschließlich einer Million Mitgliederadressen. Hin­
zu kamen einige Tonnen Bücher, die noch auf Lager waren.
Die Forderung von 30 000 DM für das ganze Paket deutete auf
ein Schnäppchen hin. Es folgten monatelange Verhandlungen,
184
die zum Teil auch auf Hohenhaus stattfanden. Dabei stellte
sich immer deutlicher heraus, dass außer den Rechten an dem
etwas antiquierten Namen das ganze Angebot nicht einmal
den bescheidenen Preis wert war. Denn die Mitglieder, um deren Adressen es vor allem ging, wohnten zum größten Teil in
der DDR. Die von den Verhandlungspartnern ins Spiel gebrachte Hoffnung auf eine rasche Wiedervereinigung erwies
sich schon bald als völlig illusorisch. Mit dem Bücherstapel war
ebenfalls kaum etwas anzufangen. Abgesehen von den meist
wenig attraktiven Titeln waren die Bücher von miserabler Qualität, da noch während des Krieges auf stark holzhaltigem, inzwischen bereits vergilbtem Papier gedruckt.
Nachdem man lange verhandelt hatte, drängten die Berliner Verleger schließlich auf einen Abschluss. Kurt Ganske erklärte sich bereit, zu einem letzten Gespräch nach Berlin zu
kommen. Zusammen mit seinem Assistenten Werner Hess,
dem Wirtschaftsprüfer Willy Markert und Hans Höynck, dem
designierten Geschäftsführer des Buchclubs, flog er in die
»Frontstadt«. Schon das Treffen am Vorabend im Restaurant
des Hotels ist für Werner Hess unvergesslich geblieben. Am
Nebentisch saß Hans Albers. Man kam ins Gespräch. »Na, du
kleiner Dicker, womit verdienst du denn dein Geld?«, wollte der
stark geschminkte Schauspieler wissen. Markert wies ihn darauf hin, dass er es mit einem bedeutenden Verleger zu tun
habe. Albers: »Was verlegst du denn? Ich verlege immer nur
meine Brille.« Als der Mime erfuhr, dass sein Tischnachbar außer Büchern auch Zeitschriften wie Film und Frau herausbrachte, erklärte Albers: »Die hat meine Frau abonniert. Die
kommt aber immer so unregelmäßig. Kannst du das nicht in
Ordnung bringen?« Es wurde schließlich aber doch noch ein
ganz netter Abend.
Der folgende Morgen verlief nicht weniger skurril. Kurt
Ganske nahm in einem Konferenzraum des Hotels an der
­schmalen Seite des hufeisenförmigen Tisches Platz. Rechts von
185
ihm saß seine Mannschaft. Auf der linken Seite ließen sich neben den beiden Verlegern deren Wirtschaftsprüfer und ein
Rechtsanwalt nieder. Ganske eröffnete die Sitzung und erteilte
zunächst Willy Markert das Wort. Danach referierte der Wirtschaftsprüfer der anderen Seite über den letzten Stand der
Dinge. Alles sah so aus, als ob nach spätestens einer Stunde der
Vertrag unterschrieben werden könnte. Hess wusste jedoch,
dass aus dem Geschäft keinesfalls etwas werden konnte. Er rätselte nur, wie Kurt Ganske es schaffen wollte, nach den monatelangen, freundschaftlichen Gesprächen aus der Sache herauszukommen, ohne seine Gesprächspartner vor den Kopf zu
stoßen und selbst das Gesicht zu wahren. Das ging so:
»In der Ecke stand ein Kellner mit Getränken. KG hatte ihn
mehrfach zum Nachschenken von Rotwein aufgefordert. Plötzlich sank KGs Kopf auf den Tisch. Alle Anwesenden taten, als
ob sie nichts bemerkt hätten. Der Referent sprach weiter, als sei
nichts geschehen. Nach einer Weile richtete sich KG auf und
befahl: ›Ruhe.‹ Erneutes Sinken des Kopfes. Einige Minuten
spä­ter war ein flehentliches ›lieb sein‹ zu hören. Danach herrsch­
te eine Weile Schweigen.«
Markert schlug vor, sich zu vertagen. Ein neuer Gesprächstermin wurde zunächst nicht vereinbart. Die beiden Delegatio­
nen verließen den Raum. Das Buchgemeinschaftsprojekt wur­de
erst einmal begraben. Es sollte Jahre dauern, bis es in veränderter Form eine Wiederauferstehung erlebte.
Fünftes Kapitel
Der Feind im
Wohnzimmer
E
s klang wie das berühmte »Pfeifen im Walde«, mit dem sich
der Wandersmann selbst Mut macht. Zur Jahrestagung des
Verbands deutscher Lesezirkel 1957 bemühte sich ein Branchenkenner, den tiefbesorgten Teilnehmern Trost zu spenden.
Die zunehmende Zahl der Kündigungen von ehemals treuen
Abonnenten, die nun lieber auf den neuen Bildschirm als in
ihre traditionelle Zeitschriftenmappe blickten, versuchte er
mit den folgenden Überlegungen zu relativieren: »Es muss berücksichtigt werden, dass ein Teil der Abtrünnigen bei entsprechend geschickt durchgeführter Werbung zumindest dann zurückkehrt, wenn die Ratenzahlungen für den Fernsehempfänger
abgestottert sind. Sicher werden das nicht alle schaffen; aber
die Fernsehzuschauer, denen die Lieferfirma das Gerät aus der
Wohnung holt, weil bei Nichteinhaltung der Raten der Eigentumsvorbehalt wirksam wird, werden umso eher zum Lesestoff
zurückkehren«, schrieb er wacker gegen den Trend an.
Die Zahl derjenigen, die ihre Raten nicht zahlen konnten,
war aber geringer als erhofft. Angesichts der raschen Einkommenssteigerungen in den fünfziger und sechziger Jahren und
der sinkenden Preise für TV-Geräte konnten sich immer mehr
Familien eine »Glotze« leisten. Das machte nicht nur vielen der
kleinen Lesezirkel das Leben schwer und manchen das Überleben unmöglich, das bekam auch der Branchenführer zu spüren. Hinzu kam, dass es sich eine stetig wachsende Zahl von
Bundesbürgern leisten konnten, erst ein-, später sogar zweimal
im Jahr Urlaub zu machen – und diesen nicht mehr nur auf
»Balkonien« zu verbringen, sondern immer weiter in die Ferne
191
zu schweifen. Sie ließen dann für diese Zeit ihr Abonnement
ruhen und wurden in der Kartei als »Aussetzer« vermerkt. Das
hatte es auch früher schon gegeben. Doch nun wurden aus Aus­
setzern immer häufiger Abspringer, die sich wegen des zunehmenden Fernsehkonsums kaum noch Zeit zum Lesen nahmen.
Nachdem der Fernseher abbezahlt war, musste überdies bald
danach schon das nächste Wohlstandssymbol finanziert werden, das eigene Auto. Das kostete nicht nur Geld, das dann für
die Bezahlung des Lesezirkel-Abos fehlte. Die zunehmende
Motorisierung hatte noch eine weitere Folge: Die Boten blieben immer häufiger im Stau stecken. Die Tourenplanung und
die pünktliche Zustellung wurden schwieriger.
Auch beim Lesezirkel Daheim stellte man in dieser Zeit von
Handkarren und Fahrrädern fast vollständig auf Kraftfahrzeuge um. Je nach Bedarf waren es VW-Busse und Käfer, mit
oder ohne Anhänger. Dabei konnte der Lesezirkel auf eine
kleine Sparbüchse zurückgreifen. Denn ebenso wie viele priva­
te Kunden, die jahrelang Anzahlungen nach Wolfsburg überwiesen hatten, um einmal einen der vom »Führer« versprochenen Volkswagen zu ergattern, hatte auch Kurt Ganske vor
und während des Krieges Fahrzeuge für seine Firma bestellt
und bezahlt. Doch statt preiswerte Autos für das Volk zu produ­
zieren, liefen in Wolfsburg nach dem Motto »Alle Räder rollen
für den Sieg« bald nur noch Fahrzeuge für die Wehrmacht vom
Band. Die meisten privaten Auto-Sparer sahen ihr Geld nie
wieder. Kurt Ganske war aber nicht bereit, das investierte Geld
einfach abzuschreiben. Fast 20 Jahre nach Kriegs­ende erklärte
sich VW 1964 schließlich bereit, Daheim bei Neu­käufen für bis
zu 1000 Fahrzeuge jeweils 600 DM anzurechnen.
In dieser Zeit wurde auch ein System boteneigener Fahrzeuge erprobt: Das Fahrzeug, das die Zusteller den ganzen Tag
fuhren, sollte allmählich in ihren Besitz übergehen. Die Zahl
der gefahrenen Touren und Kilometer sowie der besuchten
Kunden sollte ihnen auf den späteren Kaufpreis angerechnet
192
werden. »Das war an sich eine geniale Idee meines Alten
Herrn«, meint Michael Ganske. »Er war der Ansicht, dass sie
die Autos viel sorgsamer behandeln und pflegen würden, wenn
sie im Laufe der Zeit zu günstigen Bedingungen in ihr Eigentum übergingen.« Doch nur wenige Boten waren an dem Geschäft interessiert. Kurt Ganske hatte nämlich eine Kleinigkeit
übersehen: »Beim Autokauf reden die Frauen immer ein gewichtiges Wort mit, und die hatten keine Lust, am Wochenende
mit dem Boten-Käfer herumzufahren, während die Nachbarin
im neuen Opel saß.« Es war die Zeit des Wirtschaftswunders,
und das eigene Auto wurde zum Statussymbol.
Ein Spiegel der Wohlstandsentwicklung waren auch die Prei­
se, die für Boten ausgelobt wurden, die bei der Werbung neuer
Kunden besonders erfolgreich waren. 1976 wurden Zusteller,
die 30 neue Abonnenten im Jahr warben, mit einem Mofa (Wert
900 DM) belohnt. Zwei Jahre später winkten als Preise unter
anderem ein tragbarer Schwarzweißfernseher oder 40 Quadrat­
meter Teppichboden. Mitte der achtziger ­Jahre muss­­te mit hoch­
wertigeren Preisen gelockt werden: Für 15 Aufträge gab es eine
Spiegelreflexkamera; für 50 Adressen durfte ein Farbfernseher
oder ein Heim-Computer mit nach Hause genommen werden;
wer 60 neue Abonnenten überzeugt hatte, durfte zwischen ei­
nem Videorecorder, einer Strickmaschine, einer Videokamera
oder einer Reise für zwei Personen in die Sonne wählen.
Der wachsende Wohlstand veränderte die Lebens- und Konsumgewohnheiten. Das Wirtschaftswunder hatte deshalb für
manches Unternehmen seine Schattenseiten. Das spürten
nicht nur Fahrradproduzenten oder Kohlenhändler. Auch für
die Zeitschriftenverleiher brachen schwere Zeiten an. Die Zahl
der Lesezirkel, die bis Mitte der fünfziger Jahre auf über 800
gestiegen war, ging schon gegen Ende des Jahrzehnts wieder
rapide zurück. »Ein Lesezirkel nach dem anderen gab auf oder
wurde verkauft«, beschrieb der Verband 1983 diese Zeit in
einem Rückblick.
193
Wieder ein Neuanfang
Der Strukturwandel ging auch am Lesezirkel Daheim nicht
spurlos vorüber. In einer Selbstdarstellung anlässlich des 75-jäh­­
rigen Betriebsjubiläums wurde neben der Aufzählung der gro­
ßen Erfolge auch nicht verschwiegen, wie es nach dem Spitzenjahr 1957 in den folgenden zehn Jahren weiterging: »Es gibt
immer mehr Zeitungen und Zeitschriften, Kino und Fern­
sehen sind auf dem Vormarsch, das Auto wird zum Lieblingskind der Bundesbürger. Durch diese Konkurrenz und die anderweitig ausgefüllte Freizeit verliert Daheim viele Kunden.
Der Anteil der öffentlich ausgelegten Lesemappen bei Ärzten,
Friseuren usw. erhöht sich allerdings beträchtlich. So kommt
es, dass die Firma Anfang der sechziger Jahre wieder einmal
vor einem Neuanfang steht.«
Wie stark die Fluktuation unter den Kunden war, zeigt eine
Analyse aus dem Jahr 1966. Von den rund 140 000 Abonnenten
kündigten im Laufe des Jahres etwas mehr als 54 000. Das konn­
te zwar durch intensive Werbung fast ausgeglichen werden,
denn den fleißigen Außendienstlern gelang es, beinahe die
gleiche Zahl von Neukunden von den Vorteilen des Gemeinschaftslesens zu überzeugen. Unter dem Strich waren es daher
schließlich nur 225 Kunden weniger. Aber diese Stabilisierung
der Gesamtzahl musste mit einem erheblichen Aufwand für
Werbung und Provisionen erkauft werden. Besonders schmerzlich war, dass ein Drittel der »Abtrünnigen« zu den Stammkunden zählte, die schon zwei oder gar fünf Jahre und länger beliefert wurden und daher besonders rentabel waren. Denn die
Kosten, die mit der Gewinnung neuer Abonnenten verbunden
sind, waren bei ihnen längst wieder eingespielt worden.
Da alle Lesezirkel unter der wachsenden Zahl von Abbestellungen litten, wurde versucht, durch Umfragen die wichtigsten
Gründe für das Kundenverhalten zu ermitteln. Das Ergebnis
war eindeutig: Fast 31 Prozent der Aussteiger nannten im Jahr
194
1967 an erster Stelle das Fernsehen. Rund 25 Prozent gaben
schlicht Zeitmangel als Grund dafür an, dass sie weniger lasen.
Immerhin 20 Prozent nahmen Anstoß an der Sexwelle – die zu
diesem Zeitpunkt allerdings schon seit mehr als zehn Jahren
die Gemüter in der einen oder anderen Form erregte. Urlaubsreisen als Grund für eine Abbestellung spielten dagegen mit
12 Prozent in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre noch eine
vergleichsweise geringe Rolle und lagen noch hinter so zwingenden Gründen wie Alter und Tod, die bei über 16 Prozent
als Anlass der Kündigungen ermittelt wurden.
Der Verlust von Kunden zog oft weitere Kündigungen nach
sich. Denn wenn in einem Gebiet eine größere Zahl von Haushalten nicht mehr beliefert wurde, an anderer Stelle aber neue
Abnehmer hinzukamen, mussten die Touren der Boten neu ge­
plant werden. Das hatte oft zur Folge, dass die alten Abonnen­ten
nicht mehr an den gleichen Tagen wie bisher oder nicht mehr
von dem seit Jahren vertrauten Zusteller beliefert werden konnten. Das ärgerte manche Kunden so sehr, dass sie kündig­ten.
Daheim versuchte, der Herausforderung auf drei verschiedenen Wegen zu begegnen:
Erstens bemühte man sich, die vielen Kündigungen dadurch zu kompensieren, dass viele Betriebe aus dem großen
Kreis der kleineren Wettbewerber übernommen wurden. Es
waren Lesezirkel, denen finanziell der Atem ausgegangen war
oder deren Inhaber sich aus Altersgründen aus dem Geschäft
zurückziehen wollten und keinen Nachfolger hatten. Das geschieht bis heute, wenn der Betrieb zur Struktur von Daheim
passt. »Das Geschäft habe ich jahrzehntelang betrieben«, sagt
Albert Buschinski, der viele Jahre lang Leiter der Revision war.
Auch als Pensionär kümmert er sich weiterhin um die Ein­
gliederung übernommener Lesezirkel, weil Geschäftsführer
Joachim Herbst seine langjährige Erfahrung nutzen möchte.
»Wir haben deren Kunden aber nie heimlich übernommen«,
stellt Buschinski klar. »Der frühere Inhaber verabschiedet und
195
bedankt sich; wir stellen uns bei ihnen mit unserem Leistungs­
angebot vor. Es gibt daher bei einer Übernahme kaum Kündigungen.«
Ein Geschäft, von dem beide Seiten profitieren. Für Lese­
zirkelbetreiber, die aus Altersgründen verkaufen, hat der Erlös
eine ähnliche Funktion wie die Auszahlung einer Lebensversicherung. Für Daheim war die Übernahme kleinerer Betriebe
eine der Möglichkeiten, die Kundenzahl nach den Einbrüchen
in den sechziger Jahren zu stabilisieren.
Die zweite Möglichkeit, dem Schrumpfungsprozess zu begegnen, bestand darin, die innere Organisation und die Struktur des Unternehmens zu modernisieren und den neuen logistischen und technischen Entwicklungen anzupassen. Dazu
wur­den 1967 vier Niederlassungen gegründet. Dorthin wurden
zum einen viele Aufgaben der Zentrale in Hamburg ausgelagert; zum anderen nahmen die Niederlassungen den Filialen
einen großen Teil der Verwaltungsarbeiten ab, damit sie sich
auf die Betreuung des Abonnentenstamms konzentrieren konn­
ten. Zu den Versuchen, die Organisation und Logistik zu modernisieren, gehörte auch die Entwicklung einer fast 300 Meter
langen Straße für die automatische Mappenfertigung, die Daheim Mitte 1965 in Essen in Betrieb nahm. Darauf wurden wöchentlich 6000 komplette Mappen mit mehr als 50 000 Heften
gefertigt, knapp ein Viertel des Bedarfs. Insgesamt lieferte Daheim im Bundesgebiet zu dieser Zeit 27 000 Erstmappen aus.
Das war ein Novum nicht nur für den eigenen Betrieb, sondern für die gesamte Branche. Entsprechend stolz hieß es in
einem Werbetext neben einem Bild der Anlage: »Dies hier ist
die erste Straße, die wir je für die Mappe gebaut haben.«
Es war auch die letzte. »Das war meine Idee«, berichtet Michael Ganske. »Dieser umständliche Prozess der Zusammenstel­
lung der Mappen in jeder Filiale – erst den Umschlag nehmen,
mit den Anzeigen bekleben, die Zeitschrift heften, dann in
den Karton legen –, das war alles sehr arbeitsaufwendig. Die
196
Überlegung war, das zu zentralisieren und maschinell zu fertigen. Aber es hat nie wirklich funktioniert. Die Maschinenbauindustrie hat sich nicht sehr für unsere Probleme interessiert.
Dazu war das zu erwartende Auftragsvolumen zu klein. Wir
schraubten eigenhändig an der Maschine herum und versuchten selbst, die Saugköpfe zu justieren. Aber unsere Fertigungsstraße war nie perfekt.« Sie war und blieb aber nicht der
einzige Versuch, neue Verfahren und Ideen zu erproben.
Das sollte allerdings möglichst in einem kleinen Betrieb geschehen. 1966 erklärte Kurt Ganske bei einer Besprechung,
dass es notwendig sei, eine Musterfiliale einzurichten, in »der
alle Überlegungen, Versuche und neue Richtlinien zunächst
überprüft und erprobt werden sollten«. Erst wenn dort ein positives Ergebnis zu verzeichnen sei, sollten Neuerungen auch
in anderen Filialen und Niederlassungen eingeführt werden.
Die dritte Front
Zusätzliche Angebote für die Abonnenten waren – neben der
Übernahme kleinerer Lesezirkel und organisatorischen Verbesserungen – der dritte Ansatzpunkt im Kampf gegen den
Kundenschwund. Dadurch sollte die Mitgliedschaft im Lesezirkel Daheim attraktiver werden und sich vom Angebot der
Konkurrenten unterscheiden. Der erste Versuch, durch ein erweitertes Angebot die Treue der alten Abonnenten zu festigen
und neue Bezieher zu gewinnen, wurde bereits 1964 gestartet.
Unter der Überschrift »Eine neue Idee, die Kunden besser hält
und gewinnt« wurde den Filialleitern und leitenden Mitarbeitern im Außendienst eine Marketing-Offensive vorgestellt, mit
deren Hilfe sich Daheim deutlicher als bisher von der Konkurrenz abheben sollte. Dazu wurde ihnen erst einmal vor Augen
geführt, worin die Schwäche des bisherigen Produkts lag. Neben einem Bild, das eine Auswahl unterschiedlicher Zeitschriftenmappen zeigte, wurde das Problem angesprochen: »Eine
197
davon ist unsere Mappe. Sie ist nicht dicker als die anderen. Sie
ist nicht aktueller. Sie ist nicht billiger. Nichts macht sie attraktiver als all die anderen. Warum soll der Kunde diese Mappe
abonnieren? Warum soll er bei dieser Mappe bleiben? Das ist
unser gemeinsames Problem. Wir haben darüber nachgedacht,
und wir haben einen Weg gefunden, der uns neue Erfolge sichern wird.«
In der Tat unterschieden sich die Mappen der verschiedenen Lesezirkel damals nur durch die Farbe des Umschlags
und die (von fast allen Anbietern fest vorgegebene) Auswahl
der Zeitschriften, die wöchentlich ins Haus gebracht wurden.
Da die Spannweite von Merian über Spiegel und stern bis hin zu
den sogenannten Soraya-Blättern reichte, bot die Auswahl zwar
jedem etwas, aber einigen auch zu viel. Denn manchen war Merian zu elitär, anderen die Yellow Press zu seicht, der Spiegel zu
ätzend und der stern zu sexy.
Probleme mit der Einheitsmappe, die nach dem Krieg die
früher auch mögliche Wahlmappe für lange Zeit völlig verdrängt hatte, gab es gelegentlich auch aus ganz anderen Gründen. So empfahl Filialleiter Frohns in München 1965 auf
Grund »unguter Erfahrungen«, bestimmte Abonnenten im
Bereich der öffentlichen Auslage von der Belieferung mit Film
und Frau auszuschließen. Dazu gehörten »insbesondere Bars
und Bierkneipen … außerdem dürfte die Auslage auch bei reinen Herren-Friseuren fehl am Platze sein«. Doch diese Probleme bereiteten Kurt Ganske weniger Kopfzerbrechen als die
zunehmenden Kundenverluste. Ein doppelt unterstrichenes
»Nein« ziert daher diesen Absatz der Aktennotiz.
Die Herausnahme von Film und Frau aus einem Teil der
­öffentlichen Auslage hätte deren Verbreitung stark eingeschränkt. Mitte der sechziger Jahre gingen bereits 40 Prozent
aller Mietzeitschriften in die öffentliche Auslage. Die Friseure
allein bezogen 13 Prozent der Mappen.
198
Treue soll belohnt werden
Um den Exodus der Kunden zu stoppen und sich gegenüber
der Konkurrenz die notwendigen Alleinstellungsmerkmale zu
verschaffen, wurde ab 1964 das Leistungsspektrum von Daheim verbreitert. Welchem Angebot dabei die größte Bedeutung beigemessen wurde, geht schon daraus hervor, dass dafür sogar eine Umfirmierung vorgenommen wurde. Aus dem
»Lesezirkel Daheim Richard Ganske« wurde der »Leserkreis
Daheim Volksverband der Bücherfreunde«. Kurt Ganske hatte
den Firmenmantel des Volksverbandes der Bücherfreunde
(VdB) sechs Jahre nach den zunächst geplatzten Verhandlun­
gen 1961 schließlich doch noch erworben. Am vorletzten Tag
des Jahres übernahm er alle Anteile an der Berliner GmbH. Er
war aber nur an deren Klassiker-Bibliothek interessiert. Den
noch vorhandenen Mitgliederbestand der ehemals größten
Buchgemeinschaft der Weimarer Republik übergab er zur weiteren Betreuung an Bertelsmann.
Er wollte nämlich mit einem etwas anderen Buchclub ver­
suchen, doch noch in das Geschäft mit einer geschlossenen
Abnehmergruppe einzusteigen. Dass es Ganske etwas anders
machen wollte als die Holtzbrincks und vor allem die im Clubgeschäft zu dieser Zeit so überaus erfolgreichen Bertelsmänner, zeigte sich daran, dass nur Daheim-Abonnenten berechtigt waren, Bücher aus dem vorhandenen Angebot zu beziehen,
denn »Grundlage jeder zusätzlichen Leistung ist der Bezug
unserer Mappe«, hieß es in der Ankündigung. Der Vorteil für
den Kunden sollte umso höher sein, je länger er an seinem
Abo festhielt. Nach 26 Wochen braven Zeitschriftenlesens erhielt er das Recht, Bücher des VdB in beliebiger Menge zum
Vorzugspreis zu beziehen – allerdings zunächst nur in der
Klasse B. Nach einem weiteren halben Jahr rückten treue Kunden in die Preisklasse A auf. Das bedeutete, dass sie die Bücher
zu einem »nochmals ermäßigten Vorzugspreis« kaufen durf199
ten. Danach gab es alle sechs Monate eine Treue-Gutschrift,
die beim Bücherkauf angerechnet wurde. Wer zwei Jahre lang
die Lesemappe bezogen hatte, durfte sich als Treueprämie einen Band aus der Klassiker-Bibliothek auswählen – kostenlos
natürlich.
Die zunächst 18 Bücher im Angebot waren sehr hochwertig
ausgestattet, nämlich auf Dünndruckpapier, mit einem flexib­
len Halbledereinband und mit Ballonleinen-Überzug. Damit
Schmutzfinger der Pracht nichts anhaben konnten, war das
Buch zudem noch in einen durchsichtigen Zellophanumschlag
gehüllt. Besondere Raffinesse: Bei Werken der deutschen Literatur war der Lederrücken blau, Werke französischer Dichter
leuchteten rot aus dem Regal, russische Dichter kamen dunkelgrün daher. Ebenso edel wie der Einband war der Inhalt. Es
handelte sich ausschließlich um Werke der Weltliteratur, um
Klassiker wie Homers »Ilias« und die »Odyssee«, um Dichterfürsten wie Goethe und Schiller, Cervantes und Dickens,
Shakespeare und Tolstoi. Neben Märchen aus »Tausendund­
einer Nacht« standen bald die »Buddenbrooks« von Thomas
Mann und andere Edelfedern. Denn den 18 Einstiegsbänden
folgten in rascher Folge weitere Werke der Weltliteratur.
Alles war sehr sorgfältig ausgedacht. Nur eines hatte man
nicht genügend bedacht – nämlich ob den Kunden, von denen
viele bereits meckerten, weil sie eine »hochgestochene« Zeitschrift wie Merian einmal im Monat in ihrer Mappe fanden,
wirklich sehr viel am verbilligten Bezug der »Ilias« oder der
­gesammelten Werke von Shakespeare gelegen war. Schließlich
waren die Hungerjahre, in denen gegessen wurde, was auf den
Tisch kam, und in denen alles gelesen wurde, was in der Mappe
lag, schon lange vorbei.
Um ihr Kundenbindungsprogramm attraktiv zu machen,
hatte die Geschäftsführung von Daheim sich aber noch mehr
einfallen lassen. Um den eigenen Mappen-Kunden »entscheidend mehr« anzubieten als die Konkurrenz, hatte man eine
200
Vorkriegsidee wieder zum Leben erweckt: den Verkauf von Versicherungsdienstleistungen. Doch diesmal ging es zunächst
nicht um Lebensversicherungen und andere Dutzendware, wie
sie auch jeder Versicherungsvertreter routinemäßig anbietet.
Es war eine »Urlaubs-Unfall-Versicherung für Aussetzerzeiten«.
Filialleiter und Boten wussten natürlich sofort, was dieses
Wortungetüm zu bedeuten hatte. Außenstehenden musste man
es nicht erklären, weil das Strategiepapier damals natürlich
streng vertraulich war. Doch heute kann es verraten werden:
Aussetzer waren alle, die dem Boten mitteilten, dass er in den
nächsten Wochen nicht zu kommen brauche, da sie entweder
kein Geld hätten, weil sie die Raten für das neue Fernsehgerät
abstottern müssten, oder weil sie einfach keine Zeit zum Lesen
fanden. Der häufigste Grund dafür wiederum war eine Urlaubs­
reise. Solange die »Aussetzer« danach wieder brav zum Leserkreis zurückkamen, war das nicht weiter tragisch. Doch in den
sechziger Jahren wurde es immer schwerer, sie nach den Ferien
wieder einzufangen. Die Leser mutierten zu Schaulus­tigen.
Dagegen hoffte die Geschäftsleitung nun ein Patentrezept
gefunden zu haben. Sie versprach den erfolgsverwöhnten Filial­
leitern, die das veränderte Verhalten der Kunden sehr nervös
gemacht hatte: »So bleiben Ihnen auch Aussetzer treu. Ihr Kun­
de kann sich, zum Beispiel für seinen Urlaub, über den Leser­
kreis Daheim zu einem ungewöhnlichen Tarif versichern. Eine
so günstige Versicherung kann ihm niemand anders ­ bie­­ten!
Die Prämie deckt sich mit seinen üblichen Lesegebüh­ren.«
Das war nun wirklich eine pfiffige Idee. Denn auch wenn
daran nicht viel zu verdienen war, blieb der Kontakt zum Kunden erhalten. Der kam auf diese Art gar nicht erst aus seinem
üblichen Zahlungsrhythmus heraus – und damit auch nicht
auf die Idee, dass er sein Geld auch auf andere Art ausgeben
könnte.
201
Bücher, Platten, Spiele
Die Idee erwies sich aber als allzu pfiffig. Denn so einleuchtend der Gedanke war, den »Aussetzern« eine Reise-Krankenoder Unfallversicherung zu verkaufen, bei den Urlaubern verfing er nicht so recht. Dass ihnen in der »schönsten Zeit des
Jahres« etwas Unschönes passieren könnte, mochten sie sich
erst gar nicht vorstellen. Sie waren eher bereit, eine Lebensoder eine Sterbegeldversicherung abzuschließen. Deshalb beschäftigte sich die Versicherungsabteilung von Daheim schließlich nur noch mit dieser Variante, die schon in den dreißiger
Jahren mit Erfolg verkauft worden war. Angeboten wurden die
Versicherungen in Zusammenarbeit mit der Nürnberger Lebensversicherung und dem Württembergischen Versicherungs­
verein. »Für uns war der Einsatz dabei gering«, macht der
­heutige Marketingleiter Heinz-Dieter Lechte die Dimensionen
klar. »Damals war es eine Person. Heute würde dank PC-Un­
terstützung eine Halbtagskraft die Arbeit bewältigen.« Man
koch­te auf kleiner Flamme und hoffte, einen Teil der Abonnenten auf diese Art fester an den Leserkreis zu binden. Das
gelang aber nur in geringem Umfang. Deshalb wurde die Zusammenarbeit mit der Versicherung 1981 beendet.
Die edlen Klassiker-Ausgaben, von denen insgesamt 38 Bände erschienen, entwickelten sich auch nicht gerade zu einem
Renner. Bei einem Teil der Kunden kamen die Luxusausgaben
zwar gut an: »Wir bekamen damals viele Briefe, in denen sich
die Kunden für die wunderschönen Bücher bedankten«, erinnert sich Fred-Ruthard Stahnke, der sein Berufsleben 1967 in
der Buchversandabteilung begann. Insgesamt war die Bilanz
aber ernüchternd. »Eine Analyse des Absatzergebnisses der
Klassiker im LK Daheim zeigt, dass auch künftig mit überwäl­
tigenden Resultaten nicht gerechnet werden kann. Im Vordergrund steht die Kundenerhaltung; der Buchverkauf kann
­sicher im Laufe der Zeit gesteigert werden, bleibt aber ein an202
genehmes Nebenresultat«, musste schon im Januar 1965 bei
­einer Bestandsaufnahme festgehalten werden.
»Die Leute bekamen alle halbe Jahre eine Treue-Gutschrift
von einer Mark, die sie beim Kauf einlösen konnten. Das Geld
wollten sie nicht verfallen lassen«, berichtet Stahnke. Das Buchgeschäft zog immer dann an, wenn im Fernsehen ein Film wie
»Anna Karenina« gelaufen war. Danach ließ sich Tolstois Roman gleich stapelweise verkaufen. Das galt auch für andere
­Bücher, die man rasch einkaufte, wenn im Fernsehen eine Ver­
filmung lief. Dabei stellte sich bald heraus, dass sich mit Un­
terhaltungsliteratur bessere Geschäfte machen ließen als mit
Literaten von Weltruf, deren Werke oft nur wegen ihres gediegenen Aussehens ins Regal gestellt wurden. Bücher von Vicki
Baum und Heinz G. Konsalik brachten höhere Umsätze als
Goethe und Schiller. Ein besonderer Renner war »Der Arzt
von Stalingrad«. Mit diesem Roman gelang dem »Trivialautor«
Konsalik der große Durchbruch. Er erschien bis heute in einer
Auflage von mehr als 3,5 Millionen Exemplaren und gilt als das
meistgelesene Buch der Nachkriegszeit in Deutschland. Besonders seit der Verfilmung mit O. E. Hasse 1958 lief auch die Sonderausgabe bei Daheim »wie geschmiert«.
Erfolg hatte der Spezialversand für LKD-Abonnenten in
der zweiten Hälfte der sechziger Jahre aber nicht nur mit populären Einzelbänden, sondern auch mit Buchpaketen, die mit
drei bis vier populären Schmökern gefüllt wurden. Sie wurden
zu Sonderkonditionen bei Verlagen wie Kindler oder Heyne
beschafft und konnten dadurch sehr günstig angeboten und
durch die Einlösung der Treue-Gutschriften weiter verbilligt
werden. »Fünf- bis sechstausend Pakete je Aktion gingen da jedes Mal weg«, erinnert sich Stahnke. Im Rahmen des Versandgeschäfts für Kunden verkaufte Daheim zeitweise auch Schallplatten und Abspielgeräte. Bei den Platten handelte es sich
meist um Titel, die besonders von den älteren Semestern geschätzt wurden. Neben lauschiger Tanzmusik waren es schon
203
etwas reifere Künstlerinnen wie Zarah Leander und Tenöre
wie Fritz Wunderlich, Enrico Caruso oder Richard Tauber, die
bei der älteren Generation die Erinnerung an schöne Stunden
wachriefen.
1967 wollte man ganz genau wissen, wer der Kunde, das unbekannte Wesen, eigentlich war und was er über die verschiedenen Angebote dachte. Dabei stellte sich heraus, dass es sich
bei 55 Prozent um Abonnentinnen handelte, dass fast 58 Prozent aller Mappen-Bezieher älter als 50 Jahre alt waren und
ein Viertel sogar um die 70 Jahre zählte. Die Hälfte verfügte
damals über ein Haushalts-Nettoeinkommen von höchstens
800 DM. Da verwundert es nicht, dass über 13 Prozent am Bezug verbilligter Bücher und Schallplatten interessiert waren.
Aber 23 Prozent der Befragten nannten die Möglichkeit, an
Preisrätseln teilzunehmen, bei denen bis zu 50 000 DM zu gewinnen waren, als ihren größten Herzenswunsch.
In den siebziger Jahren ließ das Interesse an solchen Angeboten nach. Billige Bücher gab es auch woanders. Schallplatten wurden durch neue Speichermedien wie die Musikkassette
und später die CD verdrängt. Preisrätsel veranstalteten viele.
Man musste sich wieder etwas Neues einfallen lassen, um gegen die Abwanderung von Kunden anzukämpfen.
Dazu gehörte zum Beispiel der Spieleverleih, den Daheim
am Ende des Jahrzehnts eine Weile im Angebot hatte. »Leihen
Sie sich von uns Spiele Ihrer Wahl zu einem Bruchteil des Ladenpreises«, ermunterte man die Kunden. »Wir verleihen oder
verkaufen Spiele, die Spannung, Spaß und Freude in Ihr Haus
bringen … denn gute Spiele sind nicht gerade preiswert. Auf
jeden Fall zu teuer, um nach einiger Zeit ungenutzt in der Ecke
zu stehen.« Das galt auch für manche der Spielzeuge, die sich
seinerzeit zwar jeder Junge wünschte, mit denen viele aber
schon nach kurzer Zeit nicht mehr spielten, wie Fischer-Technik und Elektronik-Baukästen. Bestellen konnte man beim Zusteller oder per Anruf in der Filiale. Die Miete betrug 10 Pro204
zent des Ladenpreises und wurde angerechnet, wenn der
Kunde das Spiel behalten wollte. Das lief am Anfang ganz gut,
doch auch diesem Zusatzgeschäft war kein anhaltender Erfolg
beschieden. Wieder war es das Fernsehen, das die Lebensgewohnheiten veränderte. Statt gemeinsam zu spielen, hockten
immer mehr Familien erst noch miteinander und später sogar
jeder für sich vor den Mattscheiben. Die Generation der CoachPotatoes wuchs heran.
Der Mann mit den goldenen Stiften
Besonders viel Phantasie entwickelte der Geschäftsführer Erwin Schmitz, dem Kurt Ganske Mitte der sechziger Jahre die
Leitung von Daheim übertragen hatte. Zu dieser Zeit war der
früher immer sehr rentable Leserkreis tief in die roten Zahlen
geraten. Der Mantel war für das schrumpfende Geschäft zu
groß geworden. Die früher so erfolgreiche Mannschaft und
die auf Wachstum getrimmte Organisation passten nicht mehr
in eine Zeit, in der die ganze Branche unter den Folgen des
Strukturwandels litt. »Wie tief Daheim in die Verlustzone ge­
raten war, lässt sich wie so manches andere aus den noch vorhandenen Unterlagen nicht mehr ermitteln«, bedauert Thomas
Ganske. »Heute dokumentieren wir alles haarklein und heben
vielleicht zu viel auf. Früher wurde dagegen zu wenig archiviert. Deshalb lassen sich viele Entwicklungen nicht mehr lückenlos nachvollziehen. Aber sicherlich ist der Rückgang der
Abonnentenzahl nicht immer von entsprechenden Maßnahmen zur Kostensenkung begleitet worden. Das hat Schmitz
dann bereinigt und überkommene Strukturen so verändert,
dass der Leserkreis wieder wirtschaftlich zu führen war.«
Erwin Schmitz, der sich zuvor um die Einführung der Datenverarbeitung und andere organisatorische Fragen in den
verschiedenen Ganske-Unternehmen gekümmert hatte, wehrte
sich zunächst »mit Händen und Füßen« gegen diese Aufgabe.
205
»Die hatten beim LKD immer noch sehr viele Kunden, waren
aber so schlecht organisiert, dass sie trotzdem viel Geld verloren.« Deshalb hatten die Geschäftsführer in immer schnellerer
Folge gewechselt – ohne dass es zu dem erforderlichen Kurswechsel kam. Das übernahm dann Schmitz. Er halbierte die
Mitarbeiterzahl und änderte das Entlohnungssystem für die
nun auf den tatsächlichen Bedarf reduzierte Botenzahl. Statt
des Stundenlohns wurde ein Abrechnungssystem eingeführt,
bei dem für jeden Kundenbesuch und jeden gefahrenen Kilometer eine bestimmte Punktzahl gutgeschrieben wurde. Statt
wie bisher die Zeitschriften in den Filialen einzeln mit den
auch als Werbeträger dienenden grünen Schutzumschlägen
zu versehen, gelang es Schmitz, die Verlage dazu zu bewegen,
ihre Blätter gleich im Daheim-Gewand zu liefern. Der charakteristische graue, grüne und heute blaumelierte Umschlag
wird seit 1971 am Ende der Druckstraße um die Zeitschriften
geheftet und nicht erst einzeln bei Daheim. Schon vorher hatte
Schmitz dafür gesorgt, dass die Mappen für die Kunden nicht
mehr zentral angefertigt wurden, sondern dieser Produktionsschritt 1969 wieder zurück in die Filialen verlegt wurde.
Weil die Filialen sich wieder ganz dem Vertrieb widmen
­sollten, wurden ihre inzwischen viel zu großen Büros auf das
notwendige Minimum reduziert, und der größte Teil der Verwaltungsarbeiten wurde wieder in Hamburg konzentriert. Rech­
nungen, Mahnungen, Lieferscheine wurden nur noch in der
Zentrale geschrieben. Das alles war nur möglich, weil der technisch und handwerklich versierte Geschäftsführer zusammen
mit einem Mitarbeiter Anfang der siebziger Jahre eigenhändig
ein EDV-Programm entwickelte, das bereits Entscheidungsprozesse unterstützte und die Geschäftsabläufe bei Daheim so gut
abbildete, dass es über 35 Jahre lang im Einsatz blieb. Erst ab
2007 sollte das 1972 installierte System schrittweise durch das
lange erwartete »Daheim Informationssystem« (DAISY) abgelöst werden. Die alte Software hätte auch noch länger funktio206
niert. Doch inzwischen hatte sie nicht nur ihren längst pensionierten Vater, sondern auch fast alle Mitarbeiter überdauert,
die die Programmsprache noch beherrschten und bei Problemen eingreifen konnten. »Eigentlich hatten wir nur noch eine
Mitarbeiterin, die das System verstand. Ich darf gar nicht daran denken, was alles hätte passieren können, wenn sie für längere Zeit erkrankt wäre«, schildert Geschäftsführer Joachim
Herbst das Risiko. Außerdem konnte so Platz auf den Schreibtischen geschaffen werden, denn da das Methusalem-Programm
auf einem veralteten Betriebssystem basierte, mussten für alle
anderen Büroarbeiten zusätzliche PCs bereitgestellt werden,
die unter Windows arbeiteten.
Seine Kenntnisse in der Datenverarbeitung hatte sich Erwin
Schmitz in einer amerikanischen Dienststelle in Marokko erworben, die über einen Computer verfügte, der mit 30 000 Röh­
ren bestückt war und einen ganzen Raum ausfüllte. Nur das
Militär konnte sich damals solche Ungetüme leisten. Es war die
letzte Station auf einer Reise, die er als junger Mann mit 25 DM
in der Tasche begonnen hatte und die ihn innerhalb einiger
Monate rund um das Mittelmeer führen sollte. Sie dauerte
schließlich zehn Jahre und brachte ihm unter anderem Erfahrungen als Ingenieur, Lehrer, Feuerwehrmann und Elektroniker ein. Als er sich 1961 eher zufällig beim Jahreszeiten Verlag
bewarb, traf er zunächst auf Michael Ganske. Der stellte ihn
seinem Vater vor – und der ihn als Assistent für Organisationsfragen ein. »Der ist entweder genial oder verrückt – mal sehen,
was davon zutrifft«, erklärte Kurt Ganske seinem Sohn diese
Personalentscheidung.
Als Schmitz sich an seinem ersten Arbeitstag meldete, war
Michael Ganske gerade auf Hochzeitsreise, und niemand
konnte ihm sagen, was er denn nun eigentlich organisieren
sollte. Deshalb erstellte er erst einmal einen Übersichtsplan,
in den er alle Unternehmen einzeichnete, die Kurt Ganske
­gehörten. Da der Verleger sie alle als Einzelunternehmen
207
führte und die meisten Mitarbeiter bei Daheim, Hoffmann
und Campe oder dem Jahreszeiten Verlag gar nicht wussten,
welche anderen Firmen Kurt Ganske sonst noch besaß, war
­vorher ­ niemand auf eine solche Idee gekommen. Über das
­Or­ga­ni­gramm einer so damals noch gar nicht existierenden
Orga­nisation setzte Schmitz erstmals die Überschrift »GanskeGruppe«.
Da sich aber nach wie vor niemand dafür interessierte,
nahm er sich der Organisation der Datenverarbeitung an. Es
ging darum, für den Jahreszeiten Verlag eine Abonnenten­
verwaltung aufzubauen. Daran hatte sich bereits die Zuse AG
versucht, das Unternehmen des deutschen Vaters der elektro­
nischen Datenverarbeitung, Konrad Zuse. Viel Brauchbares
war dabei jedoch nicht herausgekommen. »Können Sie nicht
mal gu­cken, ob Sie das hinbekommen?«, lautete der Auftrag.
Schmitz besann sich auf seine bei den Amerikanern erworbenen Kenntnisse. »Die Maschine wurde auf Steckkarten programmiert, das waren Tafeln mit vergoldeten Löchern und
Steckern. Jedes Byte musste von Hand gesteckt werden, jeder
einzelne Befehl in kleinsten Schritten dargestellt werden.«
Schmitz und sein Helfer bekamen zwar eine Abo-Verwaltung
und auch eine einfache Gehaltsabrechnung hin, aber »es war
eigentlich alles Mist«. Es stellte sich bald heraus, dass es mit der
Zuse-Maschine einfach nicht ging. Erst nachdem eine Univac
bestellt worden war, bekam man die Sache in den Griff. Noch
als Pensionär zeigt Schmitz voller Stolz umfangreiche Aktenordner, vollgestopft mit den von ihm gezeichneten Plänen zur
Architektur des Programms.
Diese Leistung beeindruckte Kurt Ganske offenbar so sehr,
dass er es dem begabten Bastler zutraute, auch den auf eine abschüssige Bahn geratenen Lesezirkel neu zu programmieren –
obwohl Schmitz beim Einstellungsgespräch die erste Frage,
»Haben Sie schon einmal bedient?«, mit »Nein« beantwortet
hatte. Die Belieferung von Lesezirkel-Abonnenten zählte nicht
208
zu den vielen Jobs, die er während seiner Lehr- und Wanderjahre rund um das Mittelmeer ausgeübt hatte.
Aber Kurt Ganske hatte auf den richtigen Mann gesetzt. Ein
Jahr nach Beginn der Schmitz-Kur wurde bei Daheim bereits
eine Null geschrieben. Nach weiteren zwölf Monaten konnte
Schmitz seinem Arbeitgeber eine Bilanz vorlegen, in der wieder ein Gewinn ausgewiesen wurde.
Lesen statt kochen
Nicht ganz so erfolgreich war Erwin Schmitz, wenn es um neue
Marketing-Ideen ging – auch wenn er immer wieder originelle
Einfälle hatte. So kam er auf den Gedanken, dem Lesezirkel
­einen TV-Reparaturservice anzugliedern. Eine noch weiter­
gehende Idee bestand 1984 darin, einen mobilen HausmeisterService zu etablieren. Ausgebildete Klempner und Elektro­meis­
ter mit einem gutausgestatteten Werkstattwagen sollten einmal
pro Woche bei den Abonnenten vorbeifahren und sich erkundigen, ob alles in Ordnung sei. Wer außer Haus war, sollte einen Zettel in den Briefkasten legen und darauf vermerken, ob
der Wasserhahn tropfte, eine Glühbirne ausgewechselt werden
musste oder die Türklingel streikte. Kleine Instandhaltungs­
arbeiten waren im Abo-Preis enthalten. Wurde der Service gerufen, weil ein Wasserrohr geplatzt, die Heizung kalt oder der
Kühlschrank kaputt war, sollte eine Extra-Rechnung geschrieben werden. »Als Kurt Ganske hörte, dass ich bereits einen
Mus­terwagen ausgerüstet hatte, ließ er ihn kommen. Der Fahrer sollte den ganzen Kabelsalat der Fernsehgeräte ordnen und
ordentlich verlegen und auch sonst alles reparieren, was in der
Wohnung irgendwie defekt war. KG war anschließend sehr zufrieden.« Doch das war es dann auch. »Im Management hat
sich sonst keiner dafür interessiert. Allein gegen alle konnte
ich das nicht durchziehen«, ärgerte sich Schmitz noch drei
Jahrzehnte später.
209
Dass Schmitz immer wieder solche Ideen entwickelte, hing
damit zusammen, dass er selber zeitlebens ein begeisterter
Tüftler und Bastler war. Zu seinen Glanzleistungen gehörte
der Bau eines Wohnmobils auf Basis eines Mercedes-Lkw. Nach
der Ankunft auf dem Campingplatz konnte die rollende Luxusherberge hydraulisch auf fast die doppelte Länge ausgefahren werden. Mit dem Unikat, das noch mit vielen anderen
technischen Raffinessen ausgestattet war, gewann Schmitz bei
einschlägigen Wettbewerben mehrfach den ersten Preis. Er beeindruckte mit seinem Gefährt aber nicht nur andere Camper,
sondern auch den Chef. »Als ich einmal spät am Abend in der
Garage an dem Ding bastelte, kam KG vorbei und sah sich alles
an. Als Unternehmer hat er sofort überlegt, ob man solche
Fahrzeuge nicht auch bei Daheim einsetzen könnte – zum Beispiel als Wohnmobil für Vertreter oder als mobilen Messestand.«
Aus der eigenen Freizeitbeschäftigung heraus entstand
auch der Vorschlag, parallel zum Gemeinschaftslesen eine Gemeinschaftsnutzung von Heimwerkergeräten zu organisieren.
Das war an sich ein naheliegender Gedanke. Do-it-yourself lag
im Trend. Gute Maschinen waren damals noch sehr kostspielig. Da die meisten Hobby-Schreiner, -Tapezierer, -Fliesenleger
oder -Gärtner sie nur ein- oder zweimal im Jahr wirklich
brauchten, wäre es sinnvoll gewesen, sie günstig zu leihen statt
teuer zu kaufen. Dennoch wurde nichts aus der Idee »Werkzeug für Daheim«. Ein solcher Service hätte ebenso wie der
Hausmeisterdienst per Abo nicht so recht zu einer Mediengruppe gepasst.
Vielleicht war es ein Trost für Erwin Schmitz, dass auch
manche Idee von Kurt Ganske aus dem gleichen Grund schließlich wieder begraben wurde. So überlegte er 1966, den DaheimKunden Eigenheime zu verkaufen. »KG beabsichtigt, DaheimFertighäuser für unsere Kunden in das Programm aufzunehmen.
Es ist geplant evtl. Beteiligung an einer guten, soliden mittleren
210
Herstellerfirma, die diese Häuser liefern soll. Darüber hinaus
soll eine Bausparkasse gekauft werden«, wurde Mitte 1966 in
einem Besprechungsprotokoll vermerkt. Dort ist auch nachzu­
lesen, dass nach der Devise »If you can’t beat them, join them« ­der
Verleih von Fernsehgeräten geprüft und über das Angebot
­einer TV-Reparaturversicherung nachgedacht werden solle.
Offenbar war das Ergebnis der Denkprozesse aber negativ.
Auch die Fertighaus-Pläne verschwanden bald wieder in der
Schublade.
Wenn der Kassettenmann kommt
Ein letzter Versuch, die böse Konkurrenz Fernsehen mit den
eigenen Waffen zu schlagen, wurde im Herbst 1981 unternommen. Mit dem Slogan »Sie brauchen nur noch die Cassette einzulegen« wurde für den neu ins Programm genommenen
Hauszustell-Service »Video Daheim« geworben. Ohne Aufnahmegebühr, Clubbeitrag oder Kaution konnten die Kunden sich
aus einem immer wieder aktualisierten Katalog Videobänder
ihrer Wahl in einem der drei damals miteinander konkurrierenden Formate VHS, Betamax oder Video-2000 ins Haus
bringen lassen. Hier legt Schmitz allerdings Wert auf die Feststellung, dass die Idee nicht von ihm stammte. »Das kam aus
dem Verband heraus. Die hielten das für eine tolle Idee, waren
aber überzeugt, dass es nur funktionieren könne, wenn auch
der Branchenprimus mitmachte – sonst sei das Ding von Anfang an tot.«
Überlegungen, ins Video-Geschäft einzusteigen, hatte es
schon seit vielen Jahren gegeben. Das riss die Süddeutsche Zeitung 1970 sogar zu einer Zukunftsvision hin: »Ein Bild aus den
späten siebziger Jahren: Jede Woche oder vielleicht alle 14 Tage
kommt dann der Kassettenmann. Was früher der Lesezirkel
seinen Kunden frei Haus lieferte – Bilder und Storys aus aller
Welt –, das verleiht er nun als Fernsehfilm … Das Angebot des
211
Kassettenmannes ist bunt wie der Schaukasten eines Zeitungskiosks. Es reicht vom Bildungsprogramm, der Schulfernsehsendung und den gesammelten Lektionen des Telekollegs über
aktuelle politische Informationen, Spielfilme und Shows bis
zur pornographischen Bilderserie.« Klar, dass die Lesezirkel
angesichts so rosiger Zukunftsaussichten dabei sein wollten.
Doch die technische Umsetzung gestaltete sich viel schwieriger
und langwieriger, als der Lesezirkelverband, der Springer Verlag und Ullstein AV, die alle schon das große Geschäft mit
­bespielten Platten und Bändern witterten, gedacht hatten. Erst
zehn Jahre später, im Herbst 1981, konnten 60 Lesezirkel, die
sich zu diesem Zweck der Media-rent GmbH angeschlossen
hatten, damit beginnen, bespielte Kassetten unter die Leute zu
bringen.
Das Mitmachen fiel Schmitz trotz aller Skepsis leicht, weil
Daheim die Videobänder zunächst kostenlos zur Verfügung
gestellt wurden. Die Rechnung musste erst beglichen werden,
wenn sie auch tatsächlich ausgeliehen wurden. Das geschah allerdings zunächst nur in bescheidenem Umfang, da eine Mietvorauszahlung von 50 DM, wie sie Media-rent festgesetzt hatte,
reichlich hochgegriffen war. Deshalb setzte schon bald »ein
Preisverfall« ein, wie der Verband bedauernd feststellte. Der
­allerdings half dem Umsatz auf die Beine. Alle teilnehmenden
Lesezirkel zusammen konnten 1982 fast 135 000 Vermietungen
melden. Bei einem Gesamtumsatz von 2,2 Millionen DM entsprach das einer durchschnittlichen Mietgebühr von rund
16 DM. Doch dieser Anfangserfolg war vor allem dem NeugierEffekt zu verdanken. Auf die Dauer waren solche Preise nicht
marktgerecht. Nach einem zunächst vielversprechenden Jahr
klagten die Verleiher daher 1983 erneut über eine sehr stark
schwankende Nachfrage und einen weiteren Preisverfall.
Das Einzige, was wirklich gut lief, waren Sex-Videos wie
»Emmanuelle« oder »Liebesgrüße aus der Lederhose«. Doch
wer so etwas verlieh, bekam damals rasch Ärger mit dem Staats212
anwalt. Irgendein Tugendwächter fand sich immer, der sofort
Anzeige erstattete, sobald er Sittenverfall und Unrat witterte.
Erwin Schmitz hatte das geahnt. Deshalb ließ er alles, was nach
»Schmutz und Schund« roch, in einen versiegelten Behälter
­legen. »Da konnte niemand behaupten, wir machten Jugendlichen Sex-Filme zugänglich.« Es dauerte auch nicht lange, bis
jemand den Leserkreis anschwärzte. Schmitz erhielt eine Vorladung. Doch nachdem er dem Staatsanwalt seine Kindersicherung vorgeführt hatte, durfte er bald wieder gehen: »Alles in
Ordnung.«
Wiederentdeckung eines Erfolgsmodells
Weniger ordentlich lief hingegen das Geschäft. Denn überall
im Lande schossen Video-Shops wie Pilze aus dem Boden. Bei
den Spezialanbietern konnte jeder Interessent in Ruhe aus
­ei­nem großen Angebot auswählen und die Bänder schon
am nächsten Tag gegen einen anderen Film austauschen. Wer
»Schweinkram« sehen wollte, musste das nicht seinem Lesezirkel-Boten sagen, und auch die Kinder bekamen die Päckchen
mit der heißen Ware nicht so leicht in die Finger. Außerdem
boten die Videotheken ihre Filme deutlich billiger an. Die meis­
ten Lesezirkel stiegen deshalb schon bald wieder aus dem
Video­geschäft aus oder eröffneten selbst einen Videoladen.
Als Daheim den Kassettenverleih wieder einstellte, war es
für Erwin Schmitz ein Abschied ohne Tränen. »Große Kosten
hatten wir nicht und daher auch keine Verluste. Mir ist von
­vorneherein klar gewesen, dass die Kunden bald andere und
bessere Möglichkeiten haben würden, an Filme zu kommen.
Ich wollte nur nicht als der große Spielverderber dastehen. Hätten wir nicht mitgemacht, hätten die anderen Verbandsmitglieder uns die Schuld dafür gegeben, dass die Sache in die
Hose gegangen ist.« Außerdem hatte der kurze Ausflug in die
Welt der flimmernden Bilder einen sehr erfreulichen Neben­
213
effekt. »So viel Publizität wie damals hatten wir noch nie«, freut
sich Anzeigenleiter Wolfgang Declair noch heute. »Alle großen
Zeitungen und auch das Fernsehen haben über die Videothek
berichtet. Allein in der Drehscheibe des ZDF hatten wir zwanzig
Minuten Sendezeit – und das zum Nulltarif.«
Ein großer und dauerhafter Erfolg war dagegen die Wiederentdeckung der variablen Mappe. Erwin Schmitz sah, dass die
Zeit vorbei war, in der man den Kunden eine Zeitschriften­
auswahl nach der Methode »Vogel, friss oder stirb« anbieten
konnte. Seit 1984 gibt Daheim den Kunden wieder die Möglichkeit, aus einem bunten Strauß von Blättern auszuwählen.
Die Leser bestellen, was sie wirklich interessiert – so wie einst
in den Gründerjahren. »Wir haben die Standardmappe zwar
heute noch, und sie bietet auch einen gewissen Preisvorteil.
Aber sie macht nur noch rund zehn Prozent des Absatzes aus«,
beschreibt Joachim Herbst, der seit 2001 die Geschäfte des
­Leserkreises führt, die Entwicklung. Wer sich bei einer der Fi­
lialen oder im Internet unter leserkreis.de über das Angebot
informiert, kann heute seine Mietzeitschriften aus über hundert Titeln auswählen. Sie werden zu einem Preis ins Haus gebracht, der schon in der Woche des Erscheinens um rund ein
Drittel unter dem Kioskpreis liegt. Nach einer Woche liegt der
Rabatt bei über 40 Prozent. Wer noch eine Woche länger warten will, zahlt wenig mehr als die Hälfte des aufgedruckten
Preises. Öfter als drei- oder viermal verleihen heute nur noch
wenige Lesezirkel ein Blatt.
Das Restaurant im Kühlschrank
Nicht überlebt hat dagegen eine andere Geschäftsidee, für die
Erwin Schmitz ebenfalls die Vaterschaftsrechte beansprucht.
Es war ein weiterer Versuch, die Kernkompetenz »Zustell-Service« über den Zeitschriftenbereich hinaus auf andere Gebiete
auszudehnen. Diesmal war es ein Service, der der Hausfrau
214
oder auch männlichen und weiblichen Singles das Leben erleichtern sollte. Unter dem Namen »Menü Daheim« wurden
seit Anfang 1981 tiefgekühlte Fertigmahlzeiten auf Wunsch ins
Haus geliefert – zunächst in Hamburg. »Das Kochen können
wir vergessen. Daheim bringt tiefgekühltes Essen«, wurde in
Reimform für das neue Angebot geworben. »Anruf genügt« –
jedenfalls von Montag bis Freitag von 8 bis 16 Uhr. Dass es
­einmal Pizza-, Sushi- und andere Zustelldienste geben könnte,
die bis tief in die Nacht oder gar rund um die Uhr liefern,
konnte man sich Anfang der achtziger Jahre noch nicht vor­
stellen. Wer damals keine Lust hatte zu kochen, musste das
lange im Voraus wissen und sich auch rechtzeitig überlegen,
auf was er im Laufe der Woche Appetit haben würde. Der Fahrer kam nämlich nach einem festen Tourenplan, auf den die
Kunden keinen Einfluss hatten. Außerdem mussten sie über
ein Tiefkühlfach verfügen, um die bestellten Menüs lagern zu
können.
Zu Preisen zwischen 5,80 und 6,80 DM je Menü konnten
sich Kochmüde zwischen vier verschiedenen Vorschlägen für
den Wochenspeiseplan entscheiden, der entweder von Hähnchenschnitzel mit Butterreis bis zu Grünen Bohnen mit Rauch­
speck oder von geschnetzeltem Rindfleisch in Sahnetunke bis
zu Hirschbraten mit Wacholdersauce reichte. Man konnte sich
aber auch für eine ganze Woche mit Schonkost versorgen lassen. Wer für noch längere Zeit den Kochlöffel ruhen lassen
wollte, konnte sich sogar für vier Wochen im Voraus eindecken.
»Eine begeisternde Idee hat sich durchgesetzt und kommt jetzt
auch zu Ihnen«, verkündete der Menü-Service und meinte damit vier Wochenkartons mit je sieben verschiedenen Menüs.
Das waren 28 Mahlzeiten »im praktischen Kochbeutel«. Die Kun­
­dinnen brauchten sie nur in heißes Wasser zu legen und konnten dann weiter in ihren Illustrierten blättern. »Gut essen ohne
zu kochen« kostete zwischen 38 und 43 DM pro Person und
Woche. Linientreue konnten genau nachrechnen, wie viele Ka215
lorien sie bei jeder Mahlzeit zu sich nahmen, denn ­deren genaue Zahl wurde bei jedem Gericht gleich mitge­liefert.
Wie viel man sich davon versprach, den Daheim-Kunden
nicht mehr nur geistige Nahrung ins Haus zu bringen, sondern ihnen das »eigene Restaurant im Tiefkühlfach« einzurichten und regelmäßig zu füllen, lässt sich daran erkennen,
dass zum zweiten Mal in der Geschichte des inzwischen fast
75-jährigen Unternehmens die Firmenbezeichnung geändert
wurde. Aus »Leserkreis Daheim Volksverband der Bücherfreun­
de« wurde der bis heute bestehende »Daheim Liefer-Service
GmbH«. Das schloss auch die Möglichkeit ein, nicht mehr nur
Zeitschriften und Bücher, sondern auch Fertigmenüs und später vielleicht weitere Waren bis an die Haustür zu bringen.
Die »begeisternde Idee« zündete aber nicht so wie erhofft.
Das Geschäft lief zwar auch diesmal zunächst ganz gut an, und
Erwin Schmitz schmiedete schon Pläne, den Menüservice für
Privathaushalte und Firmenkantinen um spezielle Angebote
für Diabetiker zu ergänzen. Noch als Pensionär war er stolz darauf, bereits Adressen von über 6000 Interessenten gesammelt
zu haben, und er hatte sogar eine eigene Zeitschrift für diesen
Kundenkreis entwickelt. Doch dann beschloss Thomas Ganske,
der inzwischen die Leitung der Unternehmensgruppe übernommen hatte, den Menü-Dienst aus Daheim auszugliedern
und einem in dieser Branche erfahrenen Geschäftsführer anzuvertrauen. Da er von Unilever (Iglo, Langnese) kam, durfte
man von ihm annehmen, dass er etwas vom Lebensmittel- und
Tiefkühlgeschäft verstand. Doch auch mit diesem Sachverstand war das Geschäftsmodell nicht zum Erfolg zu führen. Es
gab nicht genügend Familien, die das Restaurant im Kühlschrank regelmäßig aufsuchen wollten. Das Versprechen »die
tägliche warme Mahlzeit … taufrisch, gesund und köstlich aus
Ihrem Tiefkühlfach« konnte nach Ansicht der Konsumenten
wohl doch nicht so ganz erfüllt werden. Thomas Ganske
­schmeckte das Geschäft mit der Tiefkühlkost ebenfalls nach
216
einiger Zeit nicht mehr. »Das passt nicht zu einem Verlagshaus.
Außerdem braucht man dafür eine eigene Fahrzeugflotte, damit die Kühlkette nicht unterbrochen wird. Die Transportmittel der Boten, die die Zeitschriften zustellen und abholen, sind
dafür völlig ungeeignet.« Die erhofften Synergie-Effekte ließen sich daher nicht erzielen.
Dass die Idee an sich trotzdem richtig war, zeigen die Umsätze, die ein Vierteljahrhundert später mit Fertiggerichten
­erzielt werden. Allein »Joey’s Pizza-Service« liefert in ganz
Deutschland täglich rund 17 000 Gerichte aus und erzielte damit 2005 einen Umsatz von 42 Millionen Euro. »Hallo Pizza«,
der Größte der Branche, verkaufte sogar für 45 Millionen
Euro warme Gerichte an der Haustür. Insgesamt kämpfen in
Deutschland heute 2700 Heimlieferdienste um die Gunst der
Kunden und kassierten bei ihnen 2006 über eine halbe Milliarde Euro. Als Erwin Schmitz »Menü Daheim« auf den Weg zu
bringen versuchte, war der Markt dafür aber noch nicht reif,
die Vorbestellungszeiten waren zu lang und das Essen meist
nicht heiß genug. Heute heißt es: Anruf genügt. Kurze Zeit spä­­
ter steht der Bote mit den dampfenden Gerichten vor der Tür.
Einige Lieferanten bereiten das Fast-Food-Gericht sogar di­rekt
vor dem Haus des Kunden in ihren rollenden Küchen zu.
Weder arm noch alt noch ungebildet
Für eine andere Leistung dagegen ist man Erwin Schmitz nicht
nur bei Daheim, sondern in der ganzen Branche noch bis heute
dankbar. Die Lesezirkel ärgerten sich seit langem darüber,
dass sie bei der für das Anzeigengeschäft so wichtigen MedienAnalyse zu schlecht wegkamen. Der Grund dafür war eine für
sie ungünstige Fragestellung. Dadurch wurde der Beitrag, den
sie zur Verbreitung der von ihnen verliehenen Zeitschriften
leis­teten, ebenso systematisch unterbewertet wie die Reichweite der Werbeaufkleber und die Beilagen ihrer Mappen. Die
217
Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse (AG.MA) dazu zu bewegen,
ihre Ermittlungsmethoden zu ändern, erschien aber kaum mög­
lich. »Alle Sachverständigen, die wir dazu befragten, waren der
Auffassung, dies sei unerreichbar«, klagte der Verband in seinem Geschäftsbericht. »Auf Anregung von Herrn Schmitz, Daheim, unternahmen wir aber trotzdem … einen Versuch.« Tatsächlich hatte ihn Erwin Schmitz jedoch nicht nur angeregt,
sondern auch selbst unternommen – »obwohl die mich für verrückt erklärt haben«. Er sah eine Chance, weil er den Verantwortlichen bei der AG.MA gut kannte. Sie hatten früher den
gleichen Heimweg von der Arbeit gehabt, sich daher oft getroffen und geplaudert. Deshalb war es nicht schwer, nun auch geschäftlich ins Gespräch zu kommen.
Schmitz überzeugte ihn, dass die bisherigen Untersuchungsmethoden unzureichend waren. Das »Unerreichbare« wurde
Wirklichkeit. Zunächst wurden die Lesezirkel als eigenständige Werbeträger in die Media-Analyse aufgenommen. Danach
wurde noch einige Zeit herumexperimentiert, um die richtige
Fragestellung zu finden. 1977 war es endlich so weit: Die in die
repräsentativen Umfragen einbezogenen Leser wurden nicht
mehr nur gefragt, welche Blätter sie gelesen hatten, sondern
auch, ob sie die Zeitschriften in einer Lesezirkelmappe gefunden hatten – zu Hause oder in einer der zahlreichen öffentlichen Auslagen. Dabei stellte sich heraus, dass weit mehr Leser
die Mappen und damit die vom Lesezirkel verbreiteten Zeitschriften zur Hand nahmen, als bisher unterstellt worden war.
Mindestens so schön für die Branche war, dass gleichzeitig das
uralte Vorurteil widerlegt wurde, ihre Kunden seien alt, arm
und ungebildet. Das war bis dahin die gängige Meinung in der
Medienbranche. Nun stellte sich auf Grund exakter Zahlen
das genaue Gegenteil heraus. Diejenigen, die die Mappen nutz­
ten, waren im Vergleich zur Gesamtbevölkerung »jung, wohlhabend und gebildet«, wie der Verband deutscher Lesezirkel
triumphierend meldete. Daran hat sich bis heute nichts geän218
dert. Die Mappen, die privat bezogen oder in der »öffentlichen
Auslage« bei Ärzten, Friseuren, in Coffee-Shops oder FitnessStudios gelesen werden, erreichen Woche für Woche über elf
Millionen Leser. Das sind 17 Prozent der Gesamtbevölkerung.
Da sie in diesen »Wartesituationen« von vielen Personen genutzt werden, erhöhen die Mappen die Reichweite der eingelegten Zeitschriften beträchtlich.
Über diesen Erfolg freute sich Erwin Schmitz auch 20 Jahre
später noch – ebenso wie über die unternehmerischen Ge­
staltungsmöglichkeiten, die er als Geschäftsführer hatte. »Ich
habe Daheim wie mein eigenes Unternehmen betrachtet. Kurt
Ganske hat mir sehr viel Freiheit gelassen, da er den Leserkreis
seit Anfang der siebziger Jahre an sehr langer Leine führte.«
Gelegentlich fällte KG aber auch einsame Entscheidungen –
zum Beispiel, als er Mitte der siebziger Jahre gegen den Rat seines Geschäftsführers eine Preiserhöhung beschloss. Da es eine
schwierige Zeit war, in der man um jeden Abonnenten kämpfen musste, herrschte große Unruhe im Betrieb: »Jetzt hagelt
es Abbestellungen, das gibt uns den Rest«, war die allgemeine
Meinung. Heinz-Dieter Lechte, damals Vorsitzender des Gesamtbetriebsrates, trug Erwin Schmitz die Sorgen der Mitarbeiter vor. Wie so oft waren Geschäftsführer und Betriebsrat
auch diesmal einer Meinung. »Dann versuchen Sie doch Ihr
Glück bei ihm«, forderte Schmitz ihn auf. »Ich habe mich vergeblich bemüht, KG das auszureden.« Lechte, der den Verleger
noch nie von nahem gesehen hatte, schrieb ihm einen Brief, in
dem er seine Sorgen begründete. »Erst mal passierte lange gar
nichts. Dann klingelte an einem Sonntag – es war außerdem
mein Geburtstag – bei mir zu Hause das Telefon.« Kurt Ganske
wollte mit ihm reden.
Lechte machte sich auf den Weg in die »Villa«. Die Geburtstagsfeier musste warten. »Ganske hörte sich an, was ich zu sagen hatte. Seine etwas überraschende Antwort: ›Mein Friseur
hat auch gerade seine Preise erhöht. Trotzdem gehe ich bald
219
wieder hin. Und bei dem bekomme ich nicht einmal etwas,
sondern lasse sogar meine Haare da!« Damit war für ihn die
Sache erledigt. Lechte machte sich etwas deprimiert auf den
Heimweg. Im Betrieb wurden bereits Wetten abgeschlossen,
wie viele Abonnenten sich nach der Preiserhöhung dankend
vom Lesezirkel verabschieden würden. »Aber nichts passierte.
Keine andere Preiserhöhung ging so glatt durch wie diese.«
Sechstes Kapitel
¨
Sein lAngster
Tag
N
ach Meinung seiner Frau Lilo handelte es sich bei dem,
was der junge Autor in ein leeres Kontobuch mit extra
weitem Zeilenabstand hineingeschrieben hatte, »um künstlerisch organisierten persischen Fliegendreck«. Gemeint war da­
mit allerdings nur die Handschrift und nicht der Inhalt, den sie
mit Hilfe einer aus Wehrmachtsbeständen geretteten Schreib­­
maschine in eine auch für Dritte lesbare Form gebracht hatte.
Zu denen, die den Text lasen, gehörte Willy Haas, zu dieser Zeit
kultureller Chefberater der Welt, deren Herausgeberin 1950
noch die britische Besatzungsmacht war. Da Captain Haas der
Meinung war, dass sich der Text hervorragend als Fortsetzungsroman für das Blatt eignete, bekam der Feuilleton-Redakteur
Siegfried Lenz, der das, was ihn bewegte, in seinen freien Stunden zu Papier gebracht hatte, ohne sich vorher zu fragen, wer
seinen Roman denn drucken werde und ob er dafür einen Vorschuss bekommen könne, ein Honorar von 3000 Mark – eine
Summe, die für ihn »unbegreiflich hoch« war. Für die Hälfte
des Betrags buchte er zusammen mit seiner Frau auf einem Bananendampfer eine Passage nach Afrika; vom Rest des Geldes
leisteten sie sich eine Bettcouch und ersetzten die Munitions­
kiste, die ihnen bis dahin als zentraler Einrichtungsgegenstand
gedient hatte, durch richtige Möbel.
Bedeutsamer war eine Beziehungskiste, die Lenz von da an
immer begleitete. Nachdem die ersten Folgen seines Romans
in der Welt erschienen waren, erkundigten sich Kollegen, welcher Verlag das Buch denn drucken werde. Darüber hatte sich
Siegfried Lenz bis dahin noch gar keine Gedanken gemacht.
225
Die machten sich nun Kollegen, die Kontakte in die Verlagswelt hatten. Der erste Verlag, der sich bei dem jungen Redakteur meldete, war Hoffmann und Campe. Siegfried Lenz zauderte nicht lange und unterschrieb am 17. Oktober 1950 den
angebotenen Vertrag. Schließlich erhält ein bis dahin unbekannter 25-jähriger Schriftsteller nicht jeden Tag die Chance,
sein erstes Buch gleich bei einem so renommierten Haus zu
veröffentlichen. Da wartet man nicht lange, ob sich vielleicht
noch andere Interessenten melden. Diese Frage stellte sich der
Autor auch später nicht mehr, denn es war der Beginn einer
wunderbaren Beziehung, die auch nach mehr als einem halben Jahrhundert von beiden Seiten noch als glücklich empfunden wurde. Was unter dem Arbeitstitel »Große und kleine Vögel« im Vertrag stand, kam schon im Februar 1951 unter dem
Titel »Es waren Habichte in der Luft« in den Buchhandel, und
aus dem unbekannten Autor wurde einer der bedeutendsten
und erfolgreichsten deutschen Schriftsteller von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart.
Die Startauflage von 3000 Exemplaren, von der nach einem
halben Jahr erst knapp die Hälfte verkauft war, ließ das allerdings noch nicht erahnen. Eher schon die Besprechungen, die
in den Feuilletons einflussreicher Zeitungen erschienen. Der
Kritiker der Zeit fand »Sätze von wunderbarer Schönheit«. Die
Frankfurter Allgemeine vermutete, dass man dem »jungen Autor
Siegfried Lenz einen Platz unter den Hoffnungen unserer jungen erzählenden Literatur einräumen muss«. Schon mit dem
1955 erschienenen Erzählungsband »So zärtlich war Suleyken«
zeig-te sich, dass der Kritiker damit ins Schwarze getroffen
hatte. Die Erzählungen wurden zu einem großen Erfolg. Bereits mit seinem zweiten großen Werk schaffte der immer noch
junge Autor den Sprung in die Bestsellerlisten. Die masuri­
schen Geschichten fanden bis heute über 200 000-mal als
Hardcover und eine Million Mal als Taschenbuch den Weg
zum Leser.
226
Hoffmann und Campe hatte in Lenz einen Autor gewonnen, der das Profil des Verlags inzwischen seit mehr als einem
halben Jahrhundert mitprägt. Denn fortan erschienen alle
seine Bücher bei HoCa, und die Frage war nur noch, ob die
einzelnen Werke ein großer oder ein sehr großer Erfolg werden würden. Nach einer Reihe weiterer Romane und Erzählungen gelang Siegfried Lenz 1968 mit »Die Deutschstunde«
sein größter Erfolg. Fast 2,3 Millionen Exemplare wurden verkauft, 450 000 davon als Hardcover. Dazu kamen Übersetzun­
gen in mehr als 20 Sprachen. Über 90 Romane, Erzählbände,
Essays, Hörspiele oder Hörbücher aus der Feder des 1926 im
ostpreußischen Lyck geboren Autors sind seit 1951 bei Hoffmann und Campe erschienen. Anlässlich seines 80. Geburtstages erschienen 2006 seine sämtlichen Erzählungen noch einmal in einem Band, dazu die autobiographische Essay­sammlung
»Selbstversetzung« – natürlich bei seinem angestammten Hamburger Verlag.
Lenz hat nie ernsthaft darüber nachgedacht, ob er zu einem
anderen Verlag wechseln sollte, nicht einmal, als sein enger
Freund Albrecht Knaus 1977 als Programmleiter ausschied –
und schon gar nicht, weil ein anderer Verlag mit mehr Geld
lockte. »Das stand für mich nie zur Debatte. Ich fühlte mich
bei Hoffmann und Campe immer so gut aufgehoben – auch
durch Herrn Ganske –, wie man sich das als Autor nur wünschen kann.«
Das gegenseitige Treueverhältnis gründet nicht zuletzt auf
der engen Beziehung, die sich zwischen Siegfried Lenz und
seinen Verlegern Kurt und später Thomas Ganske entwickelte.
Denn obwohl KG in der zweiten Lebenshälfte immer menschen­
scheuer wurde, öffentliche Auftritte mied, für Interviews nie
zur Verfügung stand und für die große Mehrzahl der Mitarbeiter in seinen Unternehmen zum geheimnisvollen Unbekannten
wurde, pflegte er die persönlichen Beziehungen zu den wichtigen Autoren seines Buchverlags. Sie waren oft – und häufig
227
über längere Zeit – Gast auf Hohenhaus, er jagte und angelte
mit denen, die diese Art von Freizeitgestaltung zu schätzen
wussten. Bei einem guten Rotwein diskutierte er mit seinen
Gästen oft bis tief in die Nacht über Gott und die Welt.
Siegfried Lenz hatte er nach der Rückkehr aus Afrika in
den Verlag eingeladen, um ihm persönlich die inzwischen erschienenen Kritiken zu seinem Erstlingswerk zu überreichen.
Darunter waren zum Erstaunen des Autors nicht nur Besprechungen aus der Zeit, der FAZ, der Süddeutschen Zeitung und anderen Blättern mit einem großen Feuilleton. Auch in einem
Ärzteblatt, einer Gazette der Hamburger Gaswerke und einem
Fleischereifachblatt sowie anderen, den schönen Künsten und
der Literatur sonst eher verschlossenen Periodika, hatte man
sich mit seinem Roman auseinandergesetzt – was ihn noch
Jahrzehnte später amüsierte und wunderte.
Nach diesem ersten Gespräch bei »dünnem Tee und Keksen« sind sich Autor und Verleger immer wieder begegnet, in
Hamburg und in Hohenhaus, bei Kaffee und bei Wein. »Wir
ha­ben uns nicht sehr häufig gesehen. Aber wenn wir uns sahen,
haben wir uns immer sehr gründlich ausgetauscht. Er war eine
Gründernatur. Aber ihm war auch immer sehr daran gelegen,
dass seine Autoren sich gut betreut fühlten.« Lenz hat es zwar
stets abgelehnt, Vorschüsse für seine Bücher zu verlangen, weil
er »nicht in eine Schuldenfalle geraten wollte«. Aber er wusste
auch, dass ihn sein Verleger nicht im Stich lassen würde, wenn
einmal Not am Mann sein sollte. Er ließ ihn auf dezente Weise
wissen, dass der Verlag immer helfen werde, wenn es notwendig sei. »So war er eben, der alte Herr«, erinnert sich Lenz
dankbar, weil ihm das Freiheit gab und Zeitdruck von ihm
nahm. »Wir haben diese Hilfe glücklicherweise nie gebraucht«,
fügt Lenz hinzu. Und dann fällt ihm ein, dass er sie einmal
doch gern annahm, nämlich als er ein Haus suchte, in dem neben seiner Frau Lilo und ihm auch die vielen Tausend Bücher
einen Platz finden konnten. »Da hat er uns den Kauf durch ei228
nen Vorschuss ermöglicht – aber der war gedeckt durch bald
zu erwartende Einnahmen, so dass wir nicht in den Schuldenturm gerieten.«
Fast ebenso wichtig wie solche Erinnerungen ist dem passi­
onierten Angler Siegfried Lenz, dass er auf Hohenhaus den
zweitgrößten Fisch seines Lebens an Land zog, einen zwölf
Pfund schweren Karpfen. Ehe sie ihn in den Kochtopf legte,
­löste Gerda Ganske zum Andenken eine Schuppe. Lenz trägt
sie nach mehr als drei Jahrzehnten immer noch im Portemonnaie bei sich. Ein Angler-Talisman.
Es gab keinen Berufeneren als Siegfried Lenz, um 1979 am
Grab des Verlegers an die Persönlichkeit und das Lebenswerk
Kurt Ganskes zu erinnern.
Mit seinem Sohn Thomas, den er noch als kleinen Jungen
erlebt hat, verbindet den Autor eine enge persönliche Freundschaft, die auch das Du einschließt. Der Vater dagegen blieb
immer »Herr Ganske«. Selbst heute empfindet Lenz das Kürzel
KG als unangemessen, wenn er über ihn spricht. »Thomas ist
für mich ein Glücksfall. Wir telefonieren sehr oft zusammen.
Als ich ihn einmal amerikanischen Journalisten als my friend
and publisher vorstellte, waren die fassungslos. Ein Verleger als
Freund – für sie fast unvorstellbar.« Viele Leser dagegen können sich nicht vorstellen, dass Verleger manchmal auch sehr
praktische Hilfe leisten, damit ein Buch entstehen kann. Als
Siegfried Lenz die Idee zu seinem 2003 erschienenen Roman
»Fundbüro« hatte, »fuhr mich Thomas nach Hannover, weil er
den Chef des dortigen Fundbüros kannte«. Lenz konnte ihm
Fragen stellen und beobachten, wie so ein Büro organisiert ist.
Auch die Phantasie eines Schriftstellers braucht ein solides
Fundament.
229
Auf Bestseller abonniert
Ein glücklicher Fund für den Verlag war eine Autorin, die in
den fünfziger Jahren ebenfalls zunächst durch Beiträge in einer Tageszeitung aufgefallen war. Es war Harriet Wegener, die
ihre Artikel im Hamburger Echo (aus dem später das Boulevardblatt Hamburger Morgenpost wurde) über das Leben im Fernen
Osten gelesen und dabei schriftstellerisches Talent entdeckt
hatte. Sie überredete Alice Eckert-Rotholz, die dreizehn Jahre
ihres Lebens in Bangkok verbracht hatte, sich an einem Roman zu versuchen. Als er 1954 unter dem Titel »Reis aus Silberschalen« erschien, durfte sich Hoffmann und Campe über seinen ersten Bestseller nach dem Krieg freuen. Ähnliche Erfolge
erzielten der Verlag und seine Autorin auch mit den nachfolgen Romanen. Insgesamt erschienen 17 Bücher aus ihrer Feder bei HoCa, das letzte im Jahr 2000 anlässlich ihres 100. Geburtstags. »Im feurigen Licht« enthält Gedichte, an denen die
1995 verstorbene Autorin noch bis in ihr 93. Lebensjahr hinein
gearbeitet hatte – in dieser Hinsicht ihrer Entdecke­rin nicht
unähnlich. Denn als Harriet Wegener am 8. No­vember 1970
ihren 80. Geburtstag feierte, wurde ihr nicht nur das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse verliehen. Sie konnte sich auch als
Deutschlands dienstälteste noch tätige Lektorin bezeichnen.
Zu den erfolgreichen Autoren dieser Jahre zählten auch Rudolf Hagelstange, Dinah Nelken, Percy Ernst Schramm oder
Max Tau. Unter Leitung von Albrecht Bürkle, der den Verlag
von 1958 bis 1963 führte, besetzte HoCa jedoch nicht nur in
der Belletristik, sondern auch im Sachbuchbereich immer wieder Spitzenplätze. Zu den Erfolgsbüchern dieser Kategorie
zählten so unterschiedliche Werke wie Peter von Zahns Berichte aus der Neuen Welt, die Rezepte des Fernsehkochs Clemens Willmenrod sowie »Der Weg zur natürlichen Geburt«
von Grantly Dick-Read oder Paul Herrmanns »Sieben vorbei
und acht verweht – Das Abenteuer der frühen Entdeckungen«.
230
Eine besonders erfolgreiche Zeit ist bei Hoffmann und
Campe mit dem Namen Albrecht Knaus verbunden, der von
1967 bis 1977 Programmgeschäftsführer war und die vorderen
Plätze auf den Bestsellerlisten abonniert zu haben schien. Er
nutzte die unternehmerische Freiheit, die Kurt Ganske seinen
Geschäftsführern ließ, um Werke zu verlegen, zu denen vielen
anderen der Mut oder das Gespür für die Wünsche des Marktes
fehlten.
Sein erster und sehr persönlicher Erfolg, an den sich Knaus
auch im neunten Lebensjahrzehnt noch gern erinnerte, war
das jüdische Heldenepos »Masada – Der letzte Kampf um die
Festung des Herodes« von Yigael Yadin. Der Rowohlt Verlag
hatte das Manuskript abgelehnt. Auch bei HoCa kam erst einmal der Einwand: »So etwas haben wir doch noch nie gemacht.«
Doch Knaus setzte sich durch und hatte prompt seinen ersten
Bestseller. Zum Glück des Tüchtigen gehörte es, dass die Saga
von den jüdischen Rebellen, die sich lieber von ihrem Burg­
felsen in den Tod stürzten, als sich den römischen Belagerern
zu ergeben, kurz nach dem Sechs-Tage-Krieg erschien, der
in der Bundesrepublik mit großer emotionaler Anteilnahme
verfolgt worden war. Das Buch kam im Frühjahr 1967 in den
Buchhandel und verkaufte sich im Sommer immer noch glänzend. Umso mehr ärgerte es Knaus, der sich mit seinem für
den kaufmännischen Bereich zuständigen Kollegen Rüdiger
Hildebrandt nicht nur bei dieser Gelegenheit herzlich gestritten hatte, dass das Buch rasch vergriffen war, als die Nachfrage
im Weihnachtsgeschäft noch einmal kräftig anzog. Der Kaufmann, der mit Blick auf die Bilanz nicht mit hohen Lagerbeständen ins nächste Jahr gehen wollte, hatte zu knapp kalkuliert. Ein schneller Nachdruck war wegen der vielen farbigen
Abbildungen damals noch nicht möglich. Seine Vorsicht musste
der Verlag mit verlorenen Umsätzen teuer bezahlen.
Ein Jahr später wäre mit der »Deutschstunde« beinahe das
gleiche Malheur passiert. Knaus drängte darauf, dass Papier
231
für mindestens 70 000 Exemplare bestellt werde. Hildebrandt
hielt das für weit überzogen. Er wurde dabei von Kurt Ganske
unterstützt, der sich ebenfalls nicht vorstellen konnte, dass von
einem so anspruchsvollen Buch so viele Exemplare bis Jahresende verkauft werden könnten. Knaus konnte immerhin erreichen, dass Papier für den Druck von 60 000 Büchern geordert
wurde. Als er Anfang Dezember bei einer Autorenlesung in
Stuttgart erlebte, mit welcher Begeisterung der Roman von
den Zuhörern aufgenommen wurde, rief er noch in der gleichen Nacht Hildebrandt an und beschwor ihn, sofort Papier
nachzubestellen und eine Druckerei ausfindig zu machen, die
noch vor Weihnachten liefern könne. Die Skepsis seines Kollegen überwand er mit dem Satz: »Wenn Sie das hier erlebt hätten …« Diesmal gab Hildebrandt nach.
Der Hersteller des Verlags machte eine Druckerei in Lengerich ausfindig, die zusicherte, die gewünschten Bücher kurz­
fristig zu liefern. Danach banges Warten. Es dauerte länger als
versprochen. Schließlich wurden die Bücher doch noch kurz
vor Weihnachten ausgeliefert. Bis Jahresende war das hundertste Tausend erreicht.
»Das haben wir noch nie gemacht« – diese Hürde mussten
auch die Texte des Liedermachers Franz Josef Degenhardt
(»Spiel nicht mit den Schmuddelkindern«) oder von Wolfgang
Neuss überwinden. Knaus verlegte mit »Der Paralleldenker«
von Heinz von Cramer den ersten Pop-Roman und scheute
sich nicht, populäre und teure Autorinnen wie Utta Danella an
den Verlag zu binden. 1971 wagte er es, die bittersüße »Love
Story« des amerikanischen Literatur-Professors Erich Segal zu
veröffentlichen. Der amerikanische Verlag des Autors hatte bis
dahin nur dessen wissenschaftliche Schriften publiziert und
damit Geld verloren. Von Segals Vorhaben, selbst einen Roman
zu veröffentlichen, hielt man bei McGraw-Hill so wenig, dass
der Professor weder einen Vorschuss erhielt noch Geld für Werbung ausgegeben wurde. Die Verlage in den deutschsprachigen
232
Ländern, denen das Manuskript angeboten wurde, schätzten
die Erfolgsaussichten sogar noch schlechter ein. Keiner wollte
das Buch haben. Auch Knaus war zunächst unschlüssig. Er bat
deshalb die große alte Dame des Verlags um ihre Meinung.
Harriet Wegener las die »Love Story« übers Wochenende und
hielt sie »für machbar« – falls die Rechte günstig zu haben
seien. Sie waren es, da niemand sonst daran Interesse zeigte.
Doch kaum war die Tinte unter dem Vertrag trocken, stand
das Buch, für das keine Anzeigen geschaltet worden waren und
über das bis dahin keine Rezensionen erschienen waren, in
den USA auf den Bestsellerlisten – wochenlang. Das Rührstück,
für das die meisten Kritiker nur Hohn und Spott übrig hatten,
erlebte in Deutschland allein im ersten Jahr elf Auflagen; weltweit wurden davon 20 Millionen Exemplare verkauft.
Über solchen Erfolgen vergaß Albrecht Knaus die Pflege
der Klassiker nicht und bereicherte den Verlag zudem um
neue Segmente wie das politische Sachbuch und die Biographien prominenter Politiker. Beispiele dafür sind »Die amerikanische Herausforderung« von Jean-Jacques Servan-Schreiber, Topographien des Wohlstands wie »Die Reichen und die
Superreichen« in den USA und in Deutschland sowie die Reihe
der politischen Memoiren, die 1971 mit Willy Brandt begann
und mit den 2006 erschienenen »Entscheidungen« von Gerhard Schröder sicher nicht beendet ist. Auch mit erzählenden
Sachbüchern wie Hoimar von Dithfurts »Am Anfang war der
Wasserstoff« oder in Buchform verpackter Lebenshilfe schaffte
Knaus es in die Bestsellerlisten.
Trotz der Jagd nach Bestsellern wurde die Pflege der großen
literarischen Tradition des Verlags jedoch nicht vernachlässigt
und 1972 zudem mit dem systematischen Aufbau eines Wissenschaftsprogramms begonnen. Autoren wie Karl Popper und
Ossip K. Flechtheim leisteten dazu ihre Beiträge. Mit einer his­
torisch-kritischen Gesamtausgabe der Werke Heinrich Heines
knüpfte HoCa 1973 an seine große Vergangenheit an. Durch
233
die Übernahme des Heinrich-Heine-Verlags waren vier Jahre
zuvor nicht nur sämtliche Rechte am Gesamtwerk des Dichters
Hans Henny Jahnn erworben worden, sondern es war auch das
Recht damit verbunden, den Verlag mit dem Namen Heines zu
schmücken. Das kann heute jeder Besucher des Verlags sehen:
Thomas Ganske ließ vor der Villa am Harvestehuder Weg eine
Stele errichten, die eine große Plakette mit dem Kopf des Dichters trägt. Die von Caesar Heinemann geschaffene Bronze war
1898 bereits einmal am damaligen Domizil des Verlags an der
Schauenburger Straße enthüllt worden, musste aber 1939 vor
den Nazis versteckt und bis Kriegsende vor den Bomben gerettet werden.
Der Hoffmann und Campe Verlag, der im Laufe seiner bis
ins Jahr 1781 zurückreichenden Geschichte 17-mal die Adresse
wechseln musste und zwischen 1911 und 1922 seinen Hauptsitz sogar nach Berlin verlegt hatte, kann nun schon seit über
einem halben Jahrhundert einen festen Standort an der Hamburger Außenalster vorweisen. Seit den fünfziger Jahren residierte er in einer rot verklinkerten Villa im klassischen Bauhaus-Stil zwar »standesgemäß«, aber in drangvoller Enge. 1991
bezog HoCa direkt dahinter einen Neubau, der sich so geschickt in das parkähnliche Gelände schmiegt, dass er trotz
seiner Größe nicht dominiert, sondern zu einer Fortsetzung
der historischen Villenarchitektur mit modernen Ausdrucksformen geriet. Gelöst hat die schwierige Aufgabe der Frankfurter Architekt Jochem Jourdan, der zuvor schon in Hohenhaus
die ehemalige Remise des Gutshauses mit viel Einfühlungsvermögen in ein exklusives Hotel verwandelt hatte.
Nun versuchte er im Auftrag von Thomas Ganske, ein Verlagsgebäude zu errichten, das sich nicht nur in das historische
Ensemble einfügte und den Mitarbeitern eine menschenfreund­
liche Umgebung bot, sondern zugleich auch ein Spiegel der
Unternehmenskultur sein sollte, ein baulicher Ausdruck für
ein weltoffenes Kommunikationsunternehmen, das auf seine
234
Geschichte stolz und für die Zukunft offen ist. »Wir haben uns
dafür viel Zeit genommen, viel mehr, als das heute bei Immobilien üblich ist«, schildert Karl Udo Wrede, der im Vorstand
der Gruppe für die Bereiche Handel und Treasury zuständig
ist, den Ablauf. »Thomas Ganske wird oft nachgesagt, dass er
sehr zögerlich sei. Ich sehe es anders. Bei ihm muss es eine ausgereifte Lösung sein. Wenn sie einmal gefunden ist, dann wird
sehr zügig gehandelt und investiert.« Vielleicht sei in diesem
Fall anfänglich sogar zu stark investiert worden, räumt Wrede
ein. »Aber dafür ist eine Qualität entstanden, die für Jahrzehnte trägt.« Das passt zu der Philosophie, die Ganske auch
im Zeitschriftengeschäft vertritt: »Wir machen Tiefwurzler,
keine Flachwurzler.«
Für die Zeitschriftengruppe dagegen musste schon Anfang
der fünfziger Jahre nach einer anderen Lösung gesucht werden. Für die rasch wachsende Zahl ihrer Mitarbeiter war in
dem Villenviertel am Harvestehuder Weg kein Platz zu finden.
Sinnlich und selbstbewusst
Als Ende November 2005 das neue Verlagsgebäude des Jahreszeiten Verlags eingeweiht wurde, wussten selbst die Festredner
nicht, warum dies am Hamburger Poßmoorweg gefeiert wurde –
außer dass der moderne Glaspalast neben dem roten Backstein­
bau hochgezogen worden war, den Kurt Ganske dort Mitte der
fünfziger Jahre hatte errichten lassen. Als er damals seine Mitarbeiter auf die Suche nach einem geeigneten Standort geschickt hatte, gab er ihnen dafür vor allem eine Vorgabe mit
auf den Weg: Das Grundstück sollte weder rechts noch links
der Alster, sondern nahe ihrer nördlichen Spitze liegen. Der
Grund war simpel: Die Boten des Lesezirkels, die den östlichen
oder westlichen Teil von Hamburg bedienten, sollten nicht
ständig um das große Hamburger Gewässer herumfahren
müssen.
235
Derartige Gesichtspunkte spielen heute keine Rolle mehr.
Daher sitzt nur noch die Daheim-Zentrale am Poßmoorweg.
Die Filiale, die die Abonnenten in Hamburg und im Umland
versorgt, ist in den Stadtteil Hammerbrook umgezogen. Der
Jahreszeiten Verlag dagegen residiert weiterhin am alten Platz,
allerdings wesentlich komfortabler als in vielen Jahren zuvor.
Im alten Gemäuer war es im Laufe der Jahre immer enger
geworden. Die Zeiten, in denen Film und Frau von einer so kleinen Mannschaft konzipiert und redigiert wurde, dass alle zusammen in einer umfunktionierten Wohnung Platz finden
konnten, waren schon lange vorbei. Aus dem in Gold-Chamois
gehaltenen Glamourblatt war zudem 1969 die petra geworden,
deren Redaktion mit ihren Aufgaben wuchs. Architektur und
kultiviertes Wohnen, zunächst ein kleiner Ableger von Film und
Frau, hatte sich als Architektur & Wohnen zu einer eigenständi­
gen Zeitschrift entwickelt. Die Stimme der Frau machte seit 1957
unter dem neuen Titel Für Sie Karriere. 1967 war die Zeitschrif­
tenfamilie des Jahreszeiten Verlags nach einigen Jahren Pause
zudem um zu hause erweitert worden. Zwei Jahre später kam Vital hinzu, und in den siebziger Jahren bereicherte Kurt Ganske
sein Portefeuille um den Feinschmecker und selber machen. Ehe
die Redaktionen des Jahreszeiten Verlags in ihr heutiges Domizil umziehen konnten, hatte Thomas Ganske die Zeitschriftengruppe überdies noch um Country und den Wein Gourmet erweitert. Zeitweise musste auch für die Redaktionen von Tempo und
der Woche ein Platz gefunden werden. Und weil ­Zeitschriften
nicht nur von Redaktionen gemacht werden, sondern auch Anzeigenabteilungen, Marketing, eine Personalverwaltung, eine
Rechtsabteilung und nicht zuletzt eine kaufmännische Führung brauchen, herrschte schließlich am Poßmoorweg eine
drangvolle Enge. Das änderte sich erst mit dem Umzug 2005.
Vital, die erste Zeitschrift, die nach dem Gründungsboom
in den fünfziger Jahren die bisherige Palette des Jahreszeiten
Verlags erweiterte, ist eine gebürtige Schweizerin. Sie war 1966
236
vom Hallwag-Verlag in Basel gestartet worden, konnte auf dem
kleinen Schweizer Markt aber nicht in die erhofften Auflagendimensionen wachsen. In Kurt Ganske fand sie aber immerhin
einen Adoptivvater. Ihm gefiel die publizistische Idee, die hinter Vital steckte. Deshalb übernahm er 1969 die Monatszeitschrift, positionierte sie neu und brachte sie in der zweiten
­Jahreshälfte als erste deutsche Zeitschrift mit dem redaktionellen Schwerpunkt »Gesundheit« auf den Markt.
Ob es daran lag, dass der Jahreszeiten Verlag über so viel geballte Kompetenz im Bereich der Frauenzeitschriften verfügte,
oder ob das Interesse an Gesundheit, Vitalität und Lebensfreude bei Frauen deutlicher ausgeprägt ist als bei Männern,
sei dahingestellt. Tatsache aber ist, dass Vital seit Anbeginn vor
allem von Frauen gekauft und gelesen wurde. Seit Ende der
achtziger Jahre setzte die Redaktion daher ganz gezielt auf
Themen und Konzepte für weibliche Leser und entwickelte
­Vital zu einer Frauenzeitschrift der speziellen Art. Heute erreicht sie mit einer Auflage von 250 000 Exemplaren monatlich rund 640 000 Leserinnen mit Themen aus den Bereichen
Gesundheit, Fitness, Anti-Aging, Ernährung und Schönheit.
Und ein Schuss Erotik gehört auch dazu.
Vital war zwar die erste Zeitschrift, die sich ausschließlich
Themen rund um Gesundheit und körperliches Wohlbefinden
widmete, blieb aber nicht auf Dauer das einzige Magazin auf
einem Markt, auf dem heute ebenso wie auf allen anderen Special-Interest-Gebieten ein bunter Strauß konkurrierender Gazetten angeboten wird. Vital konnte seine führende Stellung
daher nur behaupten, weil es auf dem Weg zum heutigen Konzept den sich wandelnden Bedürfnissen und Wünschen seiner
Leserinnen aufmerksam folgte. Während in den siebziger Jahren noch brav die Gesundheit dominierte, drehte sich seit
Ende der achtziger Jahre alles um Fitness. Der damalige Chefredakteur Peter Ploog brachte es auf die Formel: »Wir richten
uns an Frauen von heute. An Frauen, die bewusst leben, die be237
wusst genießen. Frauen, die wissen, dass man etwas für seine
Gesundheit, seinen Körper tun muss. Und die auch tatsächlich
etwas dafür tun. Die aber darüber die schönen Dinge des Lebens nicht zu kurz kommen lassen.«
Zu Beginn der neunziger Jahre wurde Fitness durch Wellness abgelöst, einen Trend, der für Frauen wie für Anbieter
den Vorteil hat, dass er keine Altersgrenzen kennt. Wellness
wurde zum publizistischen Leitgedanken von Vital. Die – wieder einmal – aus den USA herübergeschwappte Bewegung versteht Wellness als Harmonie zwischen Körper, Geist und Seele.
In Analogie dazu wurden Titel und Inhalt des Magazins für
Körperbewusste zeitgemäß überarbeitet. Da zum Zeitgeist auch
der Umweltgedanke gehört, den Vital seit Beginn der achtziger
Jahre hochhält und dem bereits 1985 ein Preis gewidmet wurde,
veranstaltete die Redaktion 1990 einen Design-Wettbewerb für
den schönsten Wertstoff-Container. Bedauerlicherweise hat er
zwar bei den Leserinnen, nicht aber bei der deutschen Müllwirtschaft Anklang gefunden, wie die hässlichen Container
zeigen, die Deutschlands Städte und Dörfer verunzieren.
Ideen rund um Haus und Garten
Um den Leserinnen nicht nur journalistische Leckerbissen,
sondern auch wissenschaftlich fundierten Rat servieren zu
können, wurde das Beraterteam, das die Redaktion unterstützt,
im Jahr 2000 zum »Wissenschaftlichen Beirat« aufgewertet
und auf 14 und 2004 sogar auf 20 Köpfe mit Sachverstand auf
Gebieten wie Fitness, Medizin, Kosmetik, Psychologie und Ernährung erweitert. »Das Erfolgsrezept von Vital ist der gelungene Mix aus wohltuend entspannter Unterhaltung und fundiert recherchierter Berichterstattung«, verrät Jörg Hausendorf,
der nach verschiedenen anderen Führungsaufgaben seit 2003
als Geschäftsführer für den Bereich Frauenmagazine im Jahreszeiten Verlag tätig ist. »Vital hat alles, was Frauen brauchen,
238
um sich rundum wohl zu fühlen«, verkündet Chefredakteurin
Joy Jensen im Internet und erklärt zugleich, welche Leserinnen
sie dabei vor Augen hat: »Wir machen unser Heft für moderne,
sinnliche, selbstbewusste und vor allem für kluge Frauen.« Und
weil man meint, dass die es am liebsten auf Englisch hören,
werden sie mit dem Satz »Wellcome to Welness« begrüßt. Vital
kann heute die unangefochtene Marktführerschaft im Segment Wellness für sich reklamieren. Das erkennt auch die Konkurrenz indirekt an: Als Gruner+Jahr 2005 ebenfalls vom Gesundheitstrend profitieren wollte und mit dem englischen Titel
healthy living auf den deutschen Markt drängte, erschien die
­erste Ausgabe mit einer Titelseite, mit der auch Vital schon in
sehr ähnlicher Form um Käuferinnen gebuhlt hatte – allerdings sechs Jahre früher.
Leser, die nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihr
Wohnumfeld etwas tun wollen, versorgt der Jahreszeiten Verlag
ebenfalls seit Jahrzehnten regelmäßig mit Ideen und Informationen – zunächst mit der Zeitschrift Architektur, später zusätzlich mit zu hause. Nachdem Kurt Ganske bereits während des
Krieges mit Harriet Wegener bewiesen hatte, dass er Frauen
viel zutraute, berief er 1969 Christa von Hantelmann zur Chefredakteurin der damals zweimal jährlich erscheinenden Zeitschrift. Sie war in erster Ehe mit Albrecht Bürkle verheiratet,
der Merian für die große weite Welt geöffnet hatte, ehe er 1958
Verlagsleiter von Hoffmann und Campe wurde. Als ihr Mann
1963 im Alter von 47 Jahren einem Herzinfarkt erlag und seine
damals 35-jährige Frau mit zwei Kindern zurückblieb, bot ihr
Kurt Ganske am Grabe ihres Mannes spontan an, im Verlag
eine Aufgabe ihrer Wahl zu übernehmen. »Hinter diesem
knurrigen Kerl verbarg sich eine sehr teilnehmende Seele«,
sagt die gelernte Innenarchitektin, deren erster Mann zu den
wenigen persönlichen Freunden gehörte, die Kurt Ganske unter seinen führenden Mitarbeitern hatte. »Er war ja ein etwas
scheuer Mensch, der öffentliche Auftritte mied und sich auch
239
von irgendwelchen Feierlichkeiten schnell zurückzog. Er war
mit Menschen lieber im kleinen Kreis zusammen.«
Trotz des großzügigen Angebots fiel ihr die Wahl einer passenden beruflichen Aufgabe zunächst schwer. Christa Bürkle,
wie sie damals noch hieß, hatte Kurt Ganske und seine Familie
vor dem Tod ihres Mannes nur auf privater Ebene kennengelernt. Alles, was sie über den Verlag wusste, stammte aus den
abendlichen Gesprächen mit ihrem Mann. Ganske gab ihr daher zunächst den etwas nebulösen Auftrag, dem Verlagssitz an
der Außenalster ein »geistiges Gesicht« zu geben. Während sie
noch darüber nachdachte, wie das in der Praxis aussehen
könnte, lud sie der damalige Chefredakteur der Für Sie ein, in
seine Redaktion zu kommen. »Das gab es damals noch, dass
man jemandem einfach sagte: Gucken Sie doch mal, ob Sie das
können.«Von Heinz Scheibenpflug lernte die Innenarchitektin,
wie man eine Zeitschrift baut. Das gab ihr den Mut, laut »Hier«
zu rufen, als Curt und Helga Waldenburger pensioniert wurden und auch für Architektur ein neuer Kopf gesucht wurde.
Weil die Zeitschrift seit 1957 zweimal jährlich als Sonderheft von Film und Frau herausgekommen war, durfte das Chefredakteurs-Duo Waldenburger 1968 nach dem Abschied vom
Mutterblatt noch zwei Ausgaben produzieren. Danach sollte
daraus ein eigenständiges Magazin werden. Im Herbst 1968
übernahm Christa von Hantelmann diese Aufgabe und blieb
ihr ein Vierteljahrhundert lang treu. Auch nach ihrer Pensionierung fand an der Spitze von Architektur & Wohnen, wie das
Magazin seit 1969 hieß, kein »Bäumchen-wechsel-dich« statt.
Nach einem kurzen Zwischenspiel wurde die Zeitschrift gute
fünf Jahre lang von Wolfgang Nagel geführt; seit Anfang 1999
zeichnet Barbara Friedrich für A& W verantwortlich. Es gibt
nicht viele Zeitschriften in Deutschland, die bei ihrem 50-jähri­
gen Jubiläum nur vier Chefredakteure lobend erwähnen müssen – plus der Doppelspitze beim Start. Christa von Hantelmann, die 1992 in den Ruhestand verabschiedet wurde, nimmt
240
übrigens immer noch regelmäßig an Redaktionskonferenzen
teil, allerdings ohne ihrer Nachfolgerin ins Handwerk zu pfuschen: »Ich rede nur, wenn ich gefragt werde.«
Das zeigt, dass die Konzepte, die im Laufe der Jahre an der
Redaktionsspitze entwickelt wurden, jeweils über eine längere
Strecke stimmig waren. Deshalb konnte die Zeitschrift in der
Ära Christa von Hantelmann auch schrittweise von zwei- auf
zunächst drei- und dann viermaliges Erscheinen im Jahr umgestellt werden. Seit 1985 kommt das Magazin alle zwei Monate auf den Markt. Im Selbstverständnis der Redaktion soll
Architektur & Wohnen Qualitäts- und Meinungsführer im Segment der gehobenen Wohn- und Lifestyle-Magazine sein, Spiegelbild der ästhetischen Tendenzen unserer Zeit. Zugleich soll
es auch selbst stilbildend wirken. A& W ist heute in die Bereiche Wohnen, Garten, Architektur und Style gegliedert. Der
Bereich Style umfasst Inhalte wie Dekoration, Design, Antiquitäten und Kunst. Mit diesem Konzept findet das Blatt alle zwei
Monate rund 87 000 Käufer, die – wie könnte es bei diesem Anspruch anders sein – den bildungsnahen Schichten angehören
und überdurchschnittlich hohe Einkommen beziehen.
Nicht ganz so geradlinig verlief die Entwicklung eines Sprösslings, der 1988 aus A& W hervorging. Weil sie beobachtet hatte,
dass »die Lust, auf dem Land zu leben« bei den zivilisationsmüden Großstädtern und den sogenannten Besserverdienern
zunahm, koppelte von Hantelmann dieses Thema als eigenständige Zeitschrift aus A& W aus. Nach dem ersten CountryHeft im November 1988 erschienen im folgenden Jahr drei
und 1990 vier Ausgaben. 1991 wurde sogar alle zwei Monate
ein Heft auf den Markt gebracht, kam aber bei der Zielgruppe
doch nicht so gut an wie erhofft. Denn ein Jahr später ver­
schwand Country erst einmal still und leise vom Markt. Die Themen, die sich mit den Freuden des modernen Landlebens beschäftigten, wurden wieder bei A& W untergebracht. Erst
sechs Jahre später unternahm man einen neuen Anlauf, zu241
nächst mit zwei Ausgaben. Ab 2003 erschien das Magazin für
»ländliche Lebensart« auf Grund der nun »exzellenten Vertriebsentwicklung«, wie es in einer internen Mitteilung hieß,
schon wieder alle zwei Monate. Und diesmal wurde der Geschmack des »neuen Landadels« offenbar getroffen. Mit Steigerungsraten von 11 und 14 Prozent gegenüber den Vorjahren
wurde 2003 eine verkaufte Auflage von rund 95 000 Exemplaren erreicht. Im Jahr darauf waren es schon deutlich über
hunderttausend. Dieser Erfolg ermutigte zu einem weiteren
Ableger, auf Neudeutsch Line-Extension genannt: Country-Garden. Gleich 150 000 Exemplare wurden davon gedruckt. Die
Zeitschrift für den modernen Bauerngarten konnte sich als eigenständige Auskopplung aber nicht dauerhaft durchsetzen.
Dafür, dass es beim zweiten Anlauf klappte, hat Verleger Thomas Ganske eine recht einfache Erklärung: »Als wir den ersten
Versuch starteten, war es offensichtlich zu früh für eine solche
Zeitschrift. Als wir sie 2003 mit einem nahezu identischen Konzept erneut auf den Markt brachten, wurde sie zu einem Erfolg.
Beim ersten Mal stimmte die Idee, aber das Timing nicht.«
Heute bietet Barbara Friedrich, die ebenso wie Christa von
Hantelmann für Country wie für A& W in Personalunion verantwortlich zeichnet, den meist wohlsituierten Lesern, die entweder schon über einen Zweitwohnsitz im In- oder Ausland
verfügen oder noch davon träumen, mehr, als nur einen Blick
auf und in die schönsten Landhäuser zu werfen. Country gibt
auch Rat für deren Kauf und Einrichtung. Den glücklichen Besitzern steht das Blatt zudem mit Tipps für rustikale Gastlichkeit zur Seite.
Da Zivilisationsflüchtlinge auf Zeit nicht nur im Garten graben, sondern das Landleben in vollen Zügen genießen wollen,
vermittelt ihnen die Redaktion selbstverständlich auch Wissenswertes über Angeln, Golfen, Reiten und nennt die besten
Adressen für ein gehobenes Landleben. Hinzu kommen praktische Gartentipps, ausgesuchte Reportagen über altes Hand242
werk, über Menschen und Tiere, dazu Hinweise auf Märkte
und Messen, Feste und Turniere. Ein Wohlfühl-Konzept für
Leute, die sich etwas leisten können. Heute sind es alle zwei
Monate über 72 000 Käufer und noch mehr Leser, die sich regelmäßig über die Freuden des Landlebens und – wie man
­diese noch steigern kann – informieren wollen. Kein Wunder,
dass 29 Prozent der Leser zum Typus »luxusorientierter Kon­
sument« gehören und fast ebenso viele über ein monatliches
Netto-Einkommen von 3500 Euro und mehr verfügen.
Schöner wohnen – selbstgemacht
Ein wenig bescheidener geht es bei den Lesern von zuhause
wohnen zu, einer Zeitschrift, die im Jubiläumsjahr des Leserkreises Daheim ebenfalls Grund hat zu feiern. Die Fachzeitschrift rund ums schöne Heim konnte 2007 immerhin schon
auf ein 40-jähriges Bestehen zurückblicken. Die Zeitschrift für
»individuelle Leser, die ihre Umgebung mit Emotion und Verstand wahrnehmen und sich entspannt einrichten wollen«, erschien erstmals 1967. Heute wird sie mehrheitlich von Leuten
gekauft, deren Haushaltseinkommen netto unter 2000 Euro
liegt. Der Kreis ist daher deutlich größer als die Gruppe, die
sich exklusive Landhäuser leisten kann. Allerdings gehören 16
Prozent zu denen, die mehr als 3500 Euro im Monat zur Verfügung haben und sich deshalb zumindest schon den Traum von
einem Traumhaus gönnen wollen.
Eines allerdings haben die Aufsteiger und die bereits Etablierten gemeinsam: Es sind nach Marktuntersuchungen Menschen, die »viel leisten und im Ausgleich dafür eine ganz besondere Lebens- und Wohnqualität suchen«. Die Redaktion
will sie dabei mit Tipps und Beispielen unterstützen. Ihre Vorschläge richten sich an Leute, die auf eine stilsichere Einrichtung Wert legen und bereit sind, dafür Zeit und auch Geld zu
investieren. Reportagen, die Menschen und ihre Wohnungen
243
zeigen, und Anregungen von renommierten Innenarchitekten
sollen ihnen dafür die notwendigen Anregungen liefern – zum
Beispiel mit exklusiven Deko-Ideen von Silvia Lafer. Die Frau
des bekannten Fernseh- und Sternekochs bietet ihre schönsten
Blumen-Dekorationen den Lesern zur Nachahmung an. Jette
Joop gibt Tipps rund um Schmuck, Wohnen und Mode. Über
ihren persönlichen Wohnstil schreibt sie im Wechsel mit der
Gestaltungsexpertin Brigitte von Boch, die ihre Erfahrungen
als Buchautorin, Hotelbesitzerin, Hausfrau und Mutter preis­
gibt.
Die Redaktion will Sinnlichkeit und Ästhetik mit Service,
Kreativität und Kompetenz verbinden. Fast 200 000 Abonnen­
ten und Käufer finden das gut und greifen auch gern zu den
regelmäßig erscheinenden Extras, die ihnen die Redaktion beschert, ohne dafür extra etwas zu verlangen: Balkon & Garten
oder Anbau – Umbau lauten die Titel der Schwerpunkthefte. An­
dere versprechen Bad & Ideen, geben Tipps rund um Küche &
Gäste oder bieten einen Großen Ratgeber Licht. Die Extras werden
zusammen mit dem Mutterblatt geliefert, entweder eng verbunden durch eine Banderole oder gemeinsam eingeschweißt
in eine Plastikhülle. Dass Chefredakteurin Regine Kuhlei in
den 40 Jahren, in denen zuhause wohnen dem geneigten Publikum Ideen rund um das gepflegte Heim ins Haus liefert, nur
vier Vorgänger hatte, ist ein deutliches Indiz dafür, dass der
Verlag mit deren Konzepten und publizistischen Erfolgen zufrieden war.
Ein Themenbereich rund um das eigene Heim kam sogar
so gut an, dass daraus ein eigenes Blatt entstand. Ab 1975 kam
zunächst alle zwei Monate das Sonderheft zuhause mach’s selbst
in die Kioske. Seit 1978 erscheint das Ratgeberblatt unter dem
Titel selber machen monatlich als eigene Zeitschrift. Die BastlerBibel ist heute das auflagenstärkste Do-it-yourself-Magazin,
nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa. Allein in
der Bundesrepublik finden jeden Monat 130 000 Exemplare
244
ihren Käufer und fast siebenmal so viele Nutzer. Die 870 000
vorwiegend männlichen Leser nutzen die Ideen und Bauan­
leitungen rund um Haus, Wohnung und Garten oder erweitern ihr Basiswissen. Nicht einmal vor »Autos für Selbermacher« schreckt die Bastlergemeinde zurück, wie ein 100 Seiten
starkes Extra vom November 2005 beweist.
Weil die kleinen und großen Arbeiten in Haus und Garten,
die Reparaturen am Auto oder Computer keine Grenzen kennen und Heimwerker überall in Europa für die gleichen Probleme und Aufgaben nach Lösungen suchen, werden die Inhal­
te von selber machen seit 1990 europaweit vermarktet – zunächst
in Ungarn unter dem Titel fifika plusz, später auch in Polen,
Griechenland, Italien, Spanien oder Tschechien. Inzwischen
erscheint das Ideenblatt für Tüftler in 17 Ländern, darunter
auch außereuropäischen wie China und Israel. Wer als Tourist
den Titel in der jeweiligen Sprache nicht wiedererkennt, kann
am markanten DIY-Logo, das alle Ausgaben ziert, die Verbindung zum deutschen Vorbild erkennen.
Man reist nicht nur, um anzukommen
Zu den letzten Zeitschriften, die Kurt Ganske auf den Weg
brachte, gehört Der Feinschmecker. Den Titel hatte er von dem
bekannten Kochbuchautor Arne Krüger übernommen, der
mit seinen Vorschlägen für eine abwechslungsreiche Küche
mehr Erfolg hatte als mit dem Rezept für eine eigene Zeitschrift. Das 1960 gegründete Blatt hatte es nie auf mehr als
6000 Leser gebracht – zu mager für eine Zeitschrift rund ums
gute Essen. Kurt Ganske wollte daraus ein Magazin machen,
das seine Leser über den Rand des Kochtopfs hinausblicken
ließ. Jochen Karsten, der als Assistent bei Ganske begonnen
und danach unter anderem als Redakteur von Merian im Hause
gearbeitet hatte, erhielt 1975 den Auftrag, dafür ein Konzept
zu entwickeln. Zusammen mit seinem Kollegen Jürgen Arnold,
245
der 30 Jahre später das Gourmet-Blatt immer noch als Chef
vom Dienst betreute, löste Karsten diese Aufgabe an einem
Wochenende.
Etwas länger dauerte es, bis aus der Idee eine erfolgreiche
Zeitschrift wurde. Wie viele gute Journalisten, die eine publizistische Vision umsetzen wollen, hatte er sich zunächst über
die »Zielgruppe« und die Wünsche potenzieller Anzeigenkunden wenig Gedanken gemacht, sondern stattdessen ein Blatt
konzipiert, das seinen Vorstellungen von einem anspruchsvollen Magazin für Essen, Trinken und genussvolles Reisen
entsprach. »Unterhaltend und kritisch sollte es sein, mit einer
genießerischen Balance aus kulinarischen Reisethemen, Hotelund Restauranttests, Porträts von Meisterköchen und ihren geheimen Rezepten. Er dachte an Reportagen über Weingüter
und Weinregionen, plante Vergleichstests der besten Weine als
Blindverkostung ohne Ansehen von Herkunft und Preis. Produkte rund um das Thema sollten vorgestellt werden, Ideen
für Küche und Lebensart.« So beschrieb er Emanuel Eckardt
seine damaligen Ideen.
Den Bedenkenträgern im Verlag schmeckte dieses Menü
aber überhaupt nicht. Den Verlauf der Debatte hat Jochen
Karsten, der 2005 kurz vor seinem 80. Geburtstag starb, Eckardt
für dessen Kurt-Ganske-Biographie noch schildern können:
Auf der entscheidenden Sitzung machte eine ganze Riege von
Verlagsmanagern Front gegen die Idee, ein Magazin für die
feine Lebensart auf den Markt zu bringen. Einer nach dem anderen erklärte, warum das Konzept nichts tauge, warum eine
Zeitschrift für Gourmets in Deutschland keine Chance habe
oder das Risiko eines teuren Fehlschlags zu hoch sei. Nur Michael Ganske war auf Karstens Seite. Kurt Ganske, der mit zunehmendem Alter immer schweigsamer und für seine Mitarbei­
ter schwer durchschaubar geworden war, sagte zu allem kein
Wort. Karsten musste deprimiert zuhören, wie seine Ideen sys­
tematisch in die Tonne getreten wurden. Als sich KG schließ246
lich doch noch äußerte, beschränkte er sich auf drei Worte:
»Mir gefällt es.« Damit war die Sitzung beendet.
»Das Konzept ist gut«, sagte er im Hinausgehen zu Karsten,
der immer noch nicht glauben konnte, dass seine Wochenendarbeit nicht vergeblich gewesen war. »Jetzt müssen Sie nur noch
einen Chefredakteur suchen.« Die Antwort von Jochen Karsten fiel ebenfalls sehr kurz aus: »Der steht vor Ihnen.« Kurt
Ganske überlegte nicht lange: »Dann machen Sie es.« Da der
Verleger es dennoch nicht riskieren wollte, viel Geld zum Fenster hinauszuwerfen, zog sich die Testphase in die Länge. Nachdem der Feinschmecker im Herbst 1975 erstmals mit einer Start­
auflage von 100 000 Exemplaren erschienen war, wurden die
deutschen Gourmets und der Etat erst einmal auf Schonkost
gesetzt. In den ersten zwei Jahren kam nur alle vier Monate ein
Heft auf den Markt, ab 1986 erschien er alle zwei Monate, und
erst seit Anfang 1989 liegt jeden Monat ein neuer Feinschmecker
auf den Tisch. Etwas frugal war zunächst auch die Präsentation. »Wenn man sich die ersten Ausgaben ansieht, wirkt das
Blatt schon recht bescheiden, ohne die aufwendigen Fotos, die
wir heute haben, auf einfacherem Papier gedruckt und ohne
die Fülle von Informationen, die wir inzwischen den Lesern
bieten«, urteilt Madeleine Jakits, die seit 1997 die Redaktion
leitet.
Doch schon in den 14 Jahren, in denen Jochen Karsten als
Blattmacher die Richtung vorgab, hatte sich ein stän­diger Wandel vollzogen, und mit dem wachsenden Erfolg des GenießerMagazins konnte er seine Ideen immer perfekter umsetzen.
Schon im Herbst 1976 erschien eine Liste der besten Restaurants in Deutschland. Nach Einschätzung der Redak­tion verdienten damals genau 27 Etablissements diesen Titel. Erst
zehn Jahre später wagte man sich an eine Punktbewertung heran, die die Gourmet-Tempel zusätzlich in eine Rangfolge
rückte. Im August 1994 wurde Qualität zum globalen Thema:
Der Feinschmecker präsentierte eine aktuelle Liste der »100 bes­
247
ten Weine der Welt«. Wer argwöhnte, dass sich die Redaktion
mit solchen Veranstaltungen eine Kompetenz zumesse, die sie
nicht besitze, musste dieses Urteil spätestens 1997 revidieren,
denn da wurde das Magazin im australischen Adelaide bei der
Vergabe der »World Food Media Awards« als beste Foodzeitschrift ausgezeichnet.
Dass Madeleine Jakits der Wein ein besonderes Anliegen ist,
zeigt sie nicht nur im Gespräch und an dem Stellenwert, der
den edlen Gewächsen im Feinschmecker eingeräumt wird. Es
wird auch daran deutlich, dass sie mit ihrer Redaktion viermal
im Jahr den Wein Gourmet mit Themen rund um Wein und Lebensart kredenzt und damit den Geschmack von über 40 000
Freunden eines guten Tropfens trifft. Wer sich vom Urteil der
Kenner überzeugen lässt, erfährt nicht nur, wo und wie sich
die gewünschte Zahl von Flaschen bestellen lässt. Detaillierte
Karten und Wegbeschreibungen weisen ihm in beiden Magazinen den Weg direkt zu den Winzern. Denn so wie schon Goethe nicht bloß reisen wollte, um anzukommen, so sollten Genießer nach Meinung von Jakits nicht nur in die Weinregionen
fahren, um günstig einzukaufen. Die Reise selbst sollte für den
Weinkenner und Feinschmecker ein Erlebnis sein. Deshalb unterscheidet sich der Feinschmecker von anderen Zeitschriften,
die sich der Suche nach irdischen Genüssen verschrieben haben, nicht zuletzt dadurch, dass er sich auch als Reisezeitschrift
der besonderen Art versteht, als Ratgeber für Menschen, die
individuell reisen, nicht für touristische Hammelherden. Die
über 800 000 Leser, die den Feinschmecker Monat für Monat
goutieren, leben daher zu 90 Prozent in Haushalten, die monat­
lich 3000 Euro und mehr springen lassen können. Bemerkenswert: Die Genießer sind mehrheitlich Genießerinnen. Frauen
sind innerhalb der Leserschaft leicht in der Überzahl.
Madeleine Jakits selbst ist ein lebender Beweis dafür, dass
Wein nicht mehr nur Männersache ist. Als Nachweis dafür,
dass in der Ganske-Gruppe auch Frauen als Blattmacher eine
248
Chance haben, muss sie allerdings nicht herhalten. Denn anders als zur Zeit von Harriet Wegener, Ilse Tönnies oder Chris­
ta von Hantelmann sind Chefredakteurinnen längst nicht
mehr Ausnahmeerscheinungen in einer Männerwelt. Eher müs­
sen die Männer sich fragen, wie groß ihre Chancen sind, es
im ­ Jahreszeiten Verlag bis an die Spitze einer Redaktion zu
schaffen. »Wir sind inzwischen im Verlag in der Mehrheit«,
stellt ­ Jakits fest. »Ich weiß nicht, warum Thomas Ganske so
stark auf Frauen setzt. Aber es ist eine Tatsache.« Es könnte
­natürlich einfach an der Qualifikation der Kandidatinnen
­liegen.
Auch der geistige Vater des Feinschmecker hatte nichts da­
gegen, nach Dieter Ebert und Wolf Thieme eine Frau auf seinem Stuhl zu sehen. Für Madeleine Jakits war Jochen Karsten
ein »väterlicher Freund«, der seinen Rat gab, wenn sie ihn
wünschte – und sie fragte ihn gern, weil sie spürte, dass er immer helfen, sich aber nie ungebeten einmischen wollte. Ähnlich wie Christa von Hantelmann und viele andere ehemalige
Mitarbeiter blieb er seinem Blatt und dem Verlag auch im Ruhe­
stand eng verbunden – wenn der Begriff »Ruhe« in diesem Fall
angemessen ist. Denn bis kurz vor seinem Tod erschien der
Pensionär noch regelmäßig in der Redaktion und nahm den
Kollegen zeitraubende Arbeiten ab – wie zum Beispiel die ausführliche Beantwortung von Leserbriefen. Er sagte auf Wunsch
seine Meinung und freute sich, dass die Redaktion neue Wege
zum Leser und in die Öffentlichkeit erschloss, indem sie eine
eigene »Event-Kultur« entwickelte.
Was damit gemeint ist, erläutert Madeleine Jakits nicht ohne
Stolz. »Unsere Werbemittel sind begrenzt. Da mussten wir uns
etwas anderes einfallen lassen, um auf uns aufmerksam zu machen.« Das geschieht nicht nur durch öffentlichkeitswirksam
verliehene Auszeichnungen für die besten Hotels und Restaurants. Dazu gehören auch glanzvolle Veranstaltungen wie die
Verleihung der »Wein-Awards« auf Schloss Bensberg. Die Re249
daktion ermittelt mit Hilfe ihrer Leser auch gerne mal die 500
besten Fleischer Deutschlands. Ein bundesweiter Wettbewerb
von Hobby-Köchen, der mit einem spannenden Finale der Bes­
ten in einem First-Class-Hotel endet, sorgt regional für Aufmerksamkeit. Ein Event wie die seit 2001 jährlich zelebrierte
Olivenöl-Messe »Olio« findet bundesweit Beachtung. Auf der
zunächst in Köln und jetzt in München organisierten Schau
stellen rund 100 Produzenten aus aller Welt und vor allem aus
den Anbaugebieten rund um das Mittelmeer ihre Spitzenerzeugnisse vor. Einkäufer und private Kunden können die verschiedenen Öle des jeweiligen Jahrgangs wie bei einer Weinverkostung vergleichen und dabei erleben, dass die Vielfalt der
Qualitäten und Geschmacksrichtungen bei diesem alten Kulturprodukt kaum geringer ist als bei Wein oder Käse.
Besuch bei den rheinischen Katholiken
Während Kurt Ganskes Traum in Erfüllung ging, neben und
auch für seinen Lesezirkel einen Zeitschriftenverlag aufzubauen, mit dessen Hilfe er seine Mappen selbst dann hätte füllen können, wenn andere Verleger ihm einmal die Belieferung
verweigert hätten, hatte er mit einem Ausflug in die Welt der
politischen Zeitungen weniger Glück. Auf der Suche nach einer Druckerei, an der er sich als Zeitschriftenverleger beteiligen oder die er ganz übernehmen könnte, war er Mitte der
fünfziger Jahre auf die erst 1946 gegründete Rhenania Druckund Verlags GmbH in Koblenz gestoßen. Sie brauchte dringend einen Geldgeber.
Rund um die Rhenania war neben der Druckerei ein kleiner Blätterwald entstanden. Dazu gehörte Der kleine und unterhaltende hinkende Bote, der Rheinische Hausfreund oder der Hauskalender für Frauen, deren Titel bereits signalisierten, dass es
sich nicht gerade um Blätter von Welt handelte. Das Glanzstück in der Sammlung wiederum besaß nur eine begrenzte
250
Weltsicht. Es war der Rheinische Merkur, ein erzkonservatives
Blatt mit einer streng katholischen Redaktion und Leserschaft,
zu der allerdings so bedeutende Köpfe wie der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer zählten. Wie eng die Verbindung
der schreibenden Christen zu ihren Glaubensbrüdern in der
Politik war, zeigte sich daran, dass Paul Wilhelm Wenger, einer
der Mitbegründer und journalistisch führenden Köpfe des
Rheinischen Merkur, sich nicht nur in seinem Blatt für die Kanzlerschaft Konrad Adenauers eingesetzt hatte, sondern für ihn
zugleich als Ghostwriter und Berater tätig war.
Durch seinen Einstieg bei Rhenania beteiligte sich Kurt
Ganske nicht allein an einem sehr heterogenen Unternehmen.
Er wurde auch Mitglied eines konfliktfreudigen Gesellschafterkreises. Denn auch wenn Journalisten und Eigentümer der
Rhenania GmbH die Fahne des Glaubens stets hochhielten,
war im Umgang miteinander von christlicher Nächstenliebe
oft wenig zu spüren. Die beiden Gründer Franz Albert Kramer
und Josef Stein hatten sich wegen einer Rundfunksendung
Steins bereits nach einem Jahr so gründlich verkracht, dass
Stein Ende 1947 aus der Geschäftsführung herausflog. Im folgenden Jahr entzog ihm die französische Militärregierung aus
politischen Gründen die Verlegerlizenz, und ein deutsches Gericht verurteilte ihn wegen falscher Anschuldigung und übler
Nachrede, später noch einmal wegen öffentlicher Beleidigung
und vorsätzlicher Körperverletzung. Nicht so handgreiflich,
aber offenbar nicht weniger hitzig ging es in den nachfolgenden Jahren im Gesellschafterkreis zu. Darauf deutet nicht
nur der häufige Wechsel der handelnden Personen, sondern
auch der rege Austausch von Gesellschafteranteilen hin. Dabei
gab es aber immer zwei Konstanten: die weltanschauliche und
politische Haltung des Blattes und die prekäre finanzielle Lage
der Unternehmensgruppe.
Zehn Jahre nach ihrer Gründung brauchte die Rhenania
wieder dringend eine Finanzspritze. Kurt Ganske, der 1956
251
erstmalig persönlich an den Verhandlungen der Gesellschafter teilnahm, erwarb über einen Treuhänder am 1. Mai dieses
Jahres die Mehrheit der Geschäftsanteile der Rhenania Druckund Verlagsgesellschaft. Ihn interessierte zwar vor allem die
Druckerei, aber sie war nur im Paket zu haben. Es gab nämlich
noch einen weiteren Interessenten, Adenauers »graue Eminenz« Hans Globke, Staatssekretär im Bundeskanzleramt, der
aus der schwarzen Wochenzeitung Rheinischer Merkur gern eine
regierungsfromme Tageszeitung gemacht hätte. Doch das miss­
lang ebenso wie später der Versuch, einen regierungsnahen
privaten TV-Sender zu etablieren. Das Zeitungsprojekt scheiterte am Einstieg von Kurt Ganske, das »Adenauer-Fernsehen«
am Bundesverfassungsgericht.
So wurde der norddeutsche Protestant zum Verleger einer
defizitären katholischen Wochenzeitung. Die Auflage des from­
men Blattes lag damals bei 63 000 Exemplaren. Das war Mitte
der fünfziger Jahre durchaus respektabel, und der Rheinische
Merkur übertraf damit noch den wichtigsten Konkurrenten, die
Hamburger Zeit. Aber es reichte bei weitem nicht aus, um dauerhaft über die Schwelle der Rentabilität zu kommen.
Der Unbekannte auf dem Flur
Die Druckerei sollte vor allem der Herstellung einer eigenen
Rundfunkzeitschrift dienen, die Ganske seinen Lesezirkelmap­
pen gratis beilegte. Als es um die Konditionen für den Druckvertrag ging, schickte er seinen damaligen Assistenten Erich
Marx nach Koblenz. Der tat auch sein Bestes, um möglichst
günstige Konditionen herauszuschlagen – bis ihn sein etwas
besser informierter Gesprächspartner darauf aufmerksam
machte, dass durch seine hartnäckigen Bemühungen nur Geld
von der einen in die andere Tasche umgefüllt werde. Schließlich gehöre die Druckerei seinem Verleger. Das war für Marx
neu und zugleich bezeichnend dafür, wie Kurt Ganske seine
252
Unternehmen führte, nämlich nach dem Prinzip »getrennt
marschieren«. Von vereint schlagen war dagegen nicht die
Rede. Der Begriff »Synergie« gehörte noch nicht zum Sprachschatz deutscher Manager und Unternehmer und ist KG sicher
nie über die Lippen gekommen. Der erste Versuch, wenigstens
eine Art »Organisationsplan« der Gruppe aufzustellen, wurde
erst sechs Jahre später von einem jungen Mann namens Erwin
Schmitz unternommen.
Erich Marx bekam schon bald operative Verantwortung.
1958 wurde er auf Verlangen von Kurt Ganske in Koblenz dem
seit zehn Jahren selbstherrlich, aber glücklos amtierenden Geschäftsführer Hans Kaufmann zur Seite gestellt, ehe der wenige Monate später das Feld ganz räumen musste. Was Marx
beim Rhenania Verlag vorfand, machte ihm wenig Freude. Der
Rheinische Merkur entpuppte sich als Millionengrab. Durch sein
anspruchsvolles Niveau einerseits und die stramm katholische
Haltung andererseits war sein Leserpotenzial eng begrenzt.
Die Idee von Erich Marx, die schwarze Postille mit den ebenfalls notleidenden protestantischen Blättern Christ und Welt
und Sonntagsblatt zu vereinen und so eine (über)lebensfähige
Wochenzeitung mit christlicher Grundhaltung zu schaffen,
scheiterte am Widerstand von Otto B. Roegele, dem erzkatholischen Chefredakteur des Merkur. An ihm scheiterte auch so
manche andere Anregung des Geschäftsführers, das Blatt etwas
lebendiger und weltoffener zu gestalten. »Alles, was ich erreich­
te, war ein kardinalsroter Balken auf der Titelseite«, gestand er
ein halbes Jahrhundert später Emanuel Eckardt. Die wirtschaft­
lichen Folgen lassen sich unter anderem daran ablesen, dass
das Stammkapital des Merkur immer wieder aufgestockt werden musste und es im Gesellschafterkreis wie in einem Taubenschlag zuging. Dass im Dezember 1962 bei der Muttergesellschaft Rhenania das Stammkapital durch eine Einlage Kurt
Ganskes erst auf 1,25 Millionen Mark erhöht und vier Minuten
später wieder auf eine Million herabgesetzt wurde, ist nur eines
253
der Beispiele dafür, wie prekär die finanzielle Situation der
Rhenania-Gruppe oft war.
Obwohl Ganske immer wieder Geld nach Koblenz überweisen musste, hatte er keine Möglichkeit, auf das redaktionelle
Konzept des Rheinischen Merkur Einfluss zu nehmen. In die
­Tagesgeschäfte der Redaktion mischte er sich ebenso wie bei
seinen Blättern nie ein, befürwortete aber eine grundsätzliche
Kursänderung, um aus der klerikalen Ecke herauszukommen.
»Mein Vater wollte die streng katholische Ausrichtung korri­gie­
ren, mit der Ökumene als Ziel«, beschreibt sein Sohn Thomas
die Intentionen. Tatsächlich hatte Ganske aber außer guten
Worten keine Möglichkeit, auf das redaktionelle Konzept des
Rheinischen Merkur Einfluss zu nehmen, da er sich beim Kauf
schriftlich verpflichtet hatte, die inhaltliche Linie beizube­
halten.
Deshalb war es für ihn ein großes Ärgernis, dass die katholischen Bischöfe, für deren Anliegen der Merkur unter der Leitung seines Chefredakteurs Otto B. Roegele immer wacker
focht, 1968 viel Geld in die Hand nahmen, um eine konkurrierende Wochenzeitung zu gründen. Publik gewann zwar rasch
an Ansehen, aber ebenfalls nie genügend Leser und Anzeigenkunden. Nach nur drei Jahren wurde den Oberhirten die Sache zu teuer. Der Fehlbetrag, den die Bischöfe aus dem Klingelbeutel begleichen mussten, war zwischenzeitlich von sechs
auf neun Millionen Mark gestiegen. Publik drohte zu einem
Fass ohne Boden zu werden.
Diese Gefahr sah Kurt Ganske auch beim Merkur. Vor allem
aber sah der Protestant von der Waterkant nicht ein, warum er
ein rheinisches Katholikenblatt dauerhaft subventionieren
sollte, dessen Redaktion sich beharrlich weigerte, aus ihrer
­Nische herauszukommen. Umgekehrt sahen die Oberhirten
die Gefahr, dass auch noch das letzte schwarze Schaf von der
Medienweide verschwinden könnte. Man wurde sich deshalb
handelseinig: Im Juni 1976 verkaufte Ganske die Wochenzei254
tung nach zehn mühseligen und verlustreichen Jahren an das
Erzbistum Köln, das sie seither im Verein mit sieben weiteren
Bistümern am Leben erhält. Ironie der Geschichte: Der Not
gehorchend fanden der katholische Merkur und die protestantische Sonntagszeitung Christ und Welt schließlich doch noch
zueinander – und wandelten von Stund an gemeinsam auf
einem ökumenischen Pfad. Das Sonntagsblatt hingegen blieb
Single und kümmerte einsam vor sich hin. Seit 2000 existiert
es nur noch in Gestalt von Chrismon, einer kostenlosen monatlichen Beilage zu liberalen Zeitungen wie Süddeutsche und Zeit.
Die Koblenzer Firmengruppe löste sich so in den siebziger
Jahren langsam in ihre Bestandteile auf. Die Rhenania-Druckerei war bereits 1971 an die Rhein-Zeitung verkauft worden.
Kurt Ganske war inzwischen zu der Ansicht gekommen, dass es
für ihn wenig Sinn hatte, sich mit der Investition in eine eigene
Druckerei zu belasten. »Damit laden wir uns nur Probleme
auf«, erklärte er seinem ältesten Sohn, der sich als Geschäftsführer des Jahreszeiten Verlags in den siebziger Jahren um die
Druckverträge kümmerte. »Es ist besser, die Probleme von anderen zu nutzen, um günstige Konditionen zu bekommen, als
sich selbst welche aufzuladen«, erinnert sich Michael Ganske
an einen der Lehrsätze seines Vaters. »Er hat uns außerdem
eingeschärft, dass man bei unternehmerischen Entscheidun­
gen immer eine Alternative haben muss.« Die fehlt, wenn es
um die Auslastung der eigenen Druckerei geht.
Übriggeblieben vom Ausflug an den Rhein sind der Rhenania Fachverlag und die Rhenania Buchhandlung, die sich in
den siebziger Jahren zu quicklebendigen Unternehmen entwickelten. Der Buchverlag verdiente sein Geld vor allem mit
Fachzeitschriften für Küche, Restaurant und Hotel und brachte
Blätter wie Rund um den Pelz unter das interessierte Fachpublikum. Gemeinsam mit dem Arne Verlag hatte man sich ab 1972
dem Einsatz der »neuen Medien« gewidmet und sich an der
Herstellung audiovisueller Lernprogramme für Hotel- und Res­
255
taurantmanager versucht. Der potenzielle Kundenkreis bevorzugte allerdings weiterhin die gedruckte Form, wie sich am Absatz von Fachblättern wie Brot und Backwaren, Die Küche oder
Der Hotelfachmann zeigte.
Zukunftspotenzial steckte auch in der Rhenania Buchhandlung. Sie hatte bereits 1962 damit begonnen, unter dem Werbe­
slogan »Das billige Buch« einen auf preiswerte Angebote spe­
zialisierten Versandbuchhandel aufzubauen. Zusammen mit
Akzente, Frölich & Kaufmann und Mail:Order:Kaiser (siehe Ka­
pitel 8) spielt der seit 1999 in Lahnstein am Rhein residierende
Rhenania BuchVersand bis heute eine eigene Rolle innerhalb
der Ganske-Gruppe – die es allerdings zu Lebzeiten von KG
nach außen gar nicht gab. Das von Ganske geschaffene Firmen­
gebäude blieb für Außenstehende jahrzehntelang fast unsichtbar. Selbst die Mehrzahl der Mitarbeiter wusste wenig bis gar
nichts darüber. Diese Form des Managements führte nicht nur
bei Verhandlungen über Druckverträge gelegentlich zu skurrilen Situationen.
So lag die Daheim-Zentrale in Hamburg zwar direkt neben
dem Jahreszeiten Verlag, und es gab sogar einen Verbindungsgang, aber die Tür war stets verschlossen. Die meisten Mitar­
beiter wussten gar nicht, dass sie unter dem gleichen Unter­
nehmens­dach arbeiteten. »Wir hatten untereinander keinerlei
Kontakt«, erinnert sich Albert Buschinski, der schon seit den
sechziger Jahren für Daheim arbeitet. Deshalb wusste auch
sein Kollege Wolfgang Declair nicht, wer der rundliche kleine
Mann war, dem er einmal sehr spät abends auf dem Gang begegnete. Der brummelte nur etwas Unverständliches, als er
ihn fragte, was er dort zu suchen habe. Doch da der kleine Unbekannte einen Schlüssel zu der Tür besaß, die Daheim vom
Jahreszeiten Verlag trennte, schloss Declair messerscharf, dass
es sich wohl doch nicht um einen Einbrecher handeln könne.
Am nächsten Tag klärte ihn sein Geschäftsführer auf, dass er
das seltene Glück gehabt habe, Kurt Ganske zu begegnen.
256
Helmut Brümmer, der schon als Student bei Daheim in Düsseldorf jobbte, handelte sich einmal einen gehörigen Anpfiff
ein, weil er einer Abonnentin, die nicht sofort öffnete, die Zeitschriftenmappe einfach vor die Haustür geworfen hatte. Aus
einem Vermerk auf der Lieferkarte ging hervor, dass sie nie
zahlte. Deshalb sah er keinen Grund, sich mit einer so schlechten Kundin viel Mühe zu geben. Sein Filialleiter Hans Löber
klärte ihn auf, dass es sich um die Schwester des Chefs gehandelt habe. Der Student war doppelt erstaunt. »Von einem Herrn
Ganske hatte ich noch nie gehört. Bis dahin glaubte ich, dass
der ganze Laden Löber gehören würde.« Heute ist Brümmer
selbst Filialleiter in Düsseldorf.
Erst Thomas Ganske machte mit dem Führungsprinzip »Getrennt marschieren« Schluss – nicht nur, um bis dahin brachliegende Synergien nutzen zu können, sondern auch, weil es
einfach nicht mehr zeitgemäß war. Anders als der Militärstratege Carl von Clausewitz gelehrt hatte, erlaubte es dieser alt­
backene Führungsstil nämlich nicht, am Ende »vereint zu
schlagen«. Aber neue Marschbefehle konnte er erst geben,
nachdem er selbst Chef geworden war.
»Da muss er jetzt durch«
Über seine Nachfolge hat Kurt Ganske schon früh nachgedacht. Eine Beteiligung von Frau und Kindern am Jahreszeiten
Verlag, der ihm zuvor zu 100 Prozent gehört hatte, war ein ers­
ter Schritt, sein Haus zu bestellen. Die Söhne hielten wie er
selbst ab März 1972 jeweils 24 Prozent der Anteile. Frau und
Tochter traten mit je 14 Prozent in den Gesellschafterkreis ein.
Danach änderten sich die Anteile und die Höhe des Stammkapitals noch mehrfach. »Aber der erste Schritt war der schwerste.
Es ist meinem Vater sicher nicht leichtgefallen, sein Unternehmen mit anderen zu teilen – selbst wenn es dabei um die eigene Familie ging«, meint sein Sohn Thomas. »Er war nicht
257
mehr Alleinunternehmer, sondern hatte plötzlich Gesellschafter mit eigenen Rechten.« Ein Erbverzicht der Kinder gab KG
jedoch die Möglichkeit, die Eigentumsverhältnisse und Verantwortlichkeiten im Unternehmen so zu regeln, wie es ihm am
zweckmäßigsten erschien.
Seinen ältesten Sohn Michael hatte Kurt Ganske schon kurz
nach dem Schulabschluss ins Unternehmen geholt. Die drei
Jahre jüngere Schwester Mareile, die nach einer Gartenbaulehre ihr agrarwirtschaftliches Studium als Diplom-Ingenieur
abgeschlossen hatte, sollte die Bewirtschaftung von Hohenhaus übernehmen, verzichtete aber später aus persönlichen
Gründen darauf. Auch ihre Anteile am Verlag gab sie 1995 ab.
Thomas, der 1947 geborene jüngere Sohn, studierte in Göttingen und München und erhielt dadurch eine gute Vorbereitung
auf seine künftige Aufgabe, wie er meint: »Kunstgeschichte,
Geschichte, Zeitungswissenschaft – alles, was eine ästhetische,
kulturelle Urteilskraft verschafft, ist ein solides Fundament für
den Beruf, den ich jetzt ausübe.« Die Wahl der Fächer war aber
auch ein Ausdruck der Rebellion gegen den dominierenden
Vater. Ein betriebswirtschaftliches Studium hält er allerdings
auch heute nicht für zwingend. Das notwendige Rüstzeug zur
Führung eines Unternehmens eignete er sich später selbst
durch die praktische Arbeit im Unternehmen und mit Hilfe
seines Vaters an. »Er war ein perfekter Lehrmeister, der sein
Unternehmen bis ins letzte Detail kannte.«
Michael Ganske, der 1939 als erstes Kind von Gerda und
Kurt Ganske in Hohenhaus zur Welt gekommen war, hatte
nach der Schule zunächst eine Druckerausbildung bei Richard
Gruner in Itzehoe absolviert. Danach begannen seine Lehrund Wanderjahre in den väterlichen Unternehmen, da, wo
auch für seinen Großvater das Unternehmerdasein begonnen
hatte, bei Daheim. Um das Lesezirkelgeschäft von der Pike auf
zu lernen, »bediente« er ebenso wie einst sein Vater, der schon
als Schüler die Mappen und gelegentlich auch den Kohleeimer
258
zu den Abonnenten geschleppt hatte. Um Erfahrungen zu sam­
meln, jobbte er zudem bei befreundeten Lesezirkeln. 1967 war
der 28-Jährige für einige Monate Chefredakteur des von Film
und Frau zur Modernen Frau mutierten Blattes. Er wurde einer
der Geschäftsführer des Jahreszeiten Verlags, und 1977 war er
das zeitweise auch bei Daheim. Da er die »schwarze Kunst« erlernt hatte, interessierte er sich für Druckverträge und Papierbeschaffung. Er verhandelte geschickt mit Lieferanten in
Deutschland und Finnland und holte zusammen mit einem
günstigen Druckvertrag die petra als Dreingabe ins Haus.
Doch es gab nicht nur Erfolge zu feiern. Es waren schwierige Jahre, in denen bei den Zeitschriften nicht immer alles
rund lief. Der Druck auf den jungen Mann, der als Sohn des
Chefs von den Mitarbeitern, den Führungskräften und nicht
zuletzt vom Vater aufmerksam beobachtet wurde, war enorm.
Michael Ganske war überdies schon damals ein Mensch, der
sich lieber in der Natur als im Büro aufhielt. Mitarbeiter erinnern sich, dass er Konferenzen und Besprechungen gern ins
Freie verlegte oder mit ihnen um die Alster lief – seine spe­zielle
Art des management by walking. Er schätzte kreative Arbeiten,
teilte aber nie die Liebe seines Vaters zu Zahlen und Bilanzen.
Er konnte es nur schwer verwinden, wenn eine neue Zeitschriften-Idee wie Schöner Reisen, die er bis zur Nullnummer
entwickelt hatte, am Renditedenken der Kaufleute scheiterte.
Das »Rechenhafte« stieß ihn ab. Im dritten Lebensjahrzehnt
dachte er deshalb immer häufiger darüber nach, ob er darin
seine Zukunft sehen könne. Irgendwann, als er sich »im Kopf
ganz leer« fühlte, begegnete ihm zudem die Versuchung in Gestalt eines Chefredakteurs, der ihm ein Glas Whisky in die
Hand drückte. Es blieb nicht bei dem einen »Absacker«.
Es kam zum Streit mit dem Vater. »Es war eigentlich ein
ganz nichtiger Anlass«, erinnert sich Michael Ganske. »Aber
nun entlud sich plötzlich alles, was sich während einer langen
Zeit zwischen uns aufgestaut hatte.« Es war zugleich der Anlass,
259
seinem Lebensweg eine andere Richtung zu geben. Er beschloss, seinen Traum in Kanada zu verwirklichen. Ohne das
Land zuvor schon einmal gesehen zu haben, wanderte er 1978
mit seiner Familie dorthin aus. Die Ehe überstand die Belastungen nicht. Michael Ganske suchte die Einsamkeit und Weite
des Landes. Er jagte und fischte, lebte zeitweise mit Indianern
zusammen. Er hat viel von ihnen gelernt, über das Leben, die
Natur – und auch über den Umgang mit seiner Krankheit, die
er schließlich besiegte. Seine Verbindungen zu den Indianern
pflegt er noch heute. Sie war zeitweise so eng, dass er bei ihnen
seine zweite Frau fand. Aber es zeigte sich, dass die kulturellen
Unterschiede doch zu groß waren. Um dennoch die Nähe zur
Natur zu bewahren, baute er sich ein Haus in der Einsamkeit
von Yukon, einer Provinz im hohen Norden, wo sich nicht nur
die Füchse, sondern auch die Wölfe gute Nacht sagen.
Das Haus in der Wildnis besitzt er immer noch. Aber inzwischen verbringt Michael Ganske den größten Teil des Jahres
auf einer kleinen Farm in British Columbia, in einem idyllischen Tal direkt an der Grenze zu den USA. Seine dritte Frau,
mit der er seit Mitte der neunziger Jahre zusammenlebt, stammt
aus China, das sie nach den Schrecken der Kulturrevolution
verlassen hat. Die beiden teilen nicht nur die Leidenschaft für
die Jagd und den Fischfang in den reißenden Bächen und Strömen des riesigen Landes, sondern auch für den Gartenbau.
Zusammen mit Ling und ihrem über 80 Jahre alten Vater baut
Michael Ganske dort rings um sein Bilderbuch-Farmhaus eine
Baumschule der besonderen Art auf. Der Schwiegervater, ein
schweigsamer Mann und begnadeter Botaniker, veredelt und
züchtet Ziersträucher, wie sie sonst niemand im Lande anbieten
kann – und für die sich im nahe gelegenen Vancouver nach Michael Ganskes Meinung ein riesiger Markt finden lässt. Die boo­
mende Metropole am Pazifik ist von Villenvororten umgeben,
in denen es überall grünt und blüht und wo die Nachbarn um
die schönsten Gärten und die seltensten Sträucher wetteifern.
260
Michael Ganske bereut seinen Entschluss nicht, das enge
Büro gegen die freie Natur getauscht zu haben. »Ich glaube,
dass auch unser Vater zufrieden ist, wenn er von oben herunterschaut und sieht, wie sich die Dinge entwickelt haben. Nach
unserer Versöhnung hat er mir einmal gesagt, dass er selbst
gern nach Amerika auswandern würde, wenn er noch jünger
wäre. Unsere Schwester lebt das Leben, das sie sich gewünscht
hat. Und damit, wie Thomas sein Unternehmen führt und weiterentwickelt hat, ist er sicher ebenfalls einverstanden.«
Eine Alternative, nach der der Unternehmer Kurt Ganske
bei allen seinen Plänen immer suchte, hatte ihm auch bei der
Lösung der Nachfolgefrage zur Verfügung gestanden. Als
sich abzeichnete, dass der ältere Sohn seine Zukunft nicht
­innerhalb des Familienunternehmens sah, holte er den acht
Jahre jüngeren Bruder von der Universität und aus München
zurück an die Alster. Als Assistent seines Vaters erhielt er zunächst ­Einblick in alle Bereiche des komplexen Gebildes, das
dieser im Verlauf der Jahrzehnte geschaffen hatte. Nachdem er
schon 1972 zusammen mit seinen Geschwistern in den Gesellschafterkreis des Jahreszeiten Verlags aufgenommen worden
war, wurde er 1973 auch Gesellschafter von Hoffmann und
Campe. Ein Jahr später setzte er dort sein »Lernen durch Tun«
fort, ­zunächst als Assistent des kaufmännischen Geschäftsführers Rüdiger Hildebrandt und als Verlagsleiter von Merian.
Dort ­arbeitete er sich in die verschiedenen betriebswirtschaftlichen Bereiche und Funktionen wie Anzeigen, Vertrieb oder
Controlling ein. Als Albrecht Knaus, der viele Jahre lang das
Buchprogramm mit großem Erfolg gestaltet hatte, 1977 das
Haus nach heftigen Auseinandersetzungen mit seinen Kollegen in der Geschäftsführung verließ, um seinen eigenen Verlag zu gründen, rückte der Sohn des Verlegers in die Verlagsleitung ein – und sah sich dort plötzlich allein ge­lassen.
Ein knappes Jahr nach Knaus kamen die beiden anderen
Mitglieder des Triumvirats, Rüdiger Hildebrandt und Hans
261
Hel­mut Röhring, in Thomas Ganskes Büro, weil sie unabhängig voneinander, aber zur selben Zeit Angebote anderer Verlage erhalten und bereits angenommen hatten, wie sie zum gegenseitigen Erstaunen feststellten. Röhring kehrte zwar nach
wenigen Monaten reumütig von Gruner+Jahr zu HoCa zurück,
aber da hatte Ganske die durch den gleichzeitigen ­Exodus der
Spitzenmanager ausgelöste Krise schon hinter sich. Die härteste Bewährungsprobe musste er bereits zwei Tage nach der
überraschenden Kündigung bestehen. Die für den Verlag so
wichtige Vertreterkonferenz stand bevor. Die Herolde des
Buchs, die beim Handel die aktuellen Produkte des Verlags anpreisen und möglichst viele davon verkaufen sollen, waren bereits durch den Abschied von Knaus, der sie mit einer langen
Reihe von Bestsellern verwöhnt hatte, äußerst beunruhigt. Als
sie die Nachricht von einem weiteren Abschied im Doppelpack
erreichte, probten sie den Aufstand. Sie trauten es dem erst
­30-jährigen Thomas Ganske, dem gerade fast 100 Jahre Berufs­
erfahrung abhanden gekommen waren, nicht zu, den Verlag
aus dieser Krise herauszuführen. Nach zwölf fetten Knaus-Jahren sahen sie magere Zeiten auf sich zukommen. Sie verlangten
eine Garantie-Provision.
»Dass auf einen Schlag die ganze Führungscrew von Bord
ging, musste nach außen den Eindruck erwecken, dass ich an
diesem Aderlass Schuld war und der Verlag in einer tiefen
Krise steckte. Das traf nicht zu. Dass ich noch keine großen Erfahrungen vorzuweisen hatte, war hingegen nicht zu bestreiten«, räumt Thomas Ganske ein. Dennoch wusste er, dass er einer solchen Forderung auf keinen Fall nachgeben durfte. »Es
war eine sehr schwierige Situation, und mein Vater hätte allen
Anlass gehabt, da hineinzugrätschen.« Aber er tat es nicht.
Während der Sohn die halbe Nacht mit den rebellierenden
Vertretern rang, weil die Erfüllung ihrer Forderung für den
Verlag eine tödliche Gefahr heraufbeschworen hätte, besuchte
der Vater seine Schwiegertochter Veronika. »Das ist eine sehr
262
schwierige Situation für Thomas. Aber da muss er jetzt durch.
Das muss er alleine schaffen.« Dann sprach er über andere
Dinge. Als der Sohn am frühen Morgen endlich nach Hause
kam, berichtete ihm seine Frau von dem Gespräch, aber auch
davon, dass »KG voll hinter dir steht«. Da wusste er, dass er sich
auf seinen Vater verlassen konnte – und auch, dass der bereit
war, ihm viel Freiheit zu gewähren. Auch die Freiheit, Fehler zu
machen. Deshalb fühlte er sich »richtig glücklich«, als er nach
seinem bis dahin längsten und schwersten Arbeitstag endlich
zu Bett gehen konnte.
Siebentes Kapitel
1OO Jahre und kein
bisschen müde
A
ls Daheim 1982 zum vierten Mal ein »rundes« Firmenjubiläum feierte, rückte das mit Zahlenangaben sonst nicht
gerade großzügige Unternehmen mit einigen beeindrucken­
den Kalkulationen heraus: Pro Jahr wurden 1,5 Millionen Erstmappen zusammengestellt. Zusammen wogen sie 5000 Tonnen. Das ließ sich in das Gewicht von 850 ausgewachsenen
Elefanten umrechnen. Alle Zeitschriften dieser Mappen hintereinandergelegt ergaben eine Strecke von 4500 Kilometern.
Das entsprach der Entfernung von Hamburg bis Spitzbergen.
Hätte man sie stattdessen aufeinandergestapelt, wäre daraus
ein Turm von 88 Kilometer Höhe geworden. Da sie aber in
Wirklichkeit von den Boten breit im Land verteilt wurden, war
eine andere Rechnung realistischer: Auf dem Weg zum Kunden legten alle Zusteller dabei pro Jahr 4,3 Millionen Kilometer zurück – und fuhren so zusammen mehr als hundertmal
um die Erde.
Das war alles recht eindrucksvoll, sagte aber wenig über das
Unternehmen aus. Wer dagegen die 1,5 Millionen Erstmappen
durch 52 Wochen teilt, kommt auf eine Zahl, die weit mehr
über die Leistung in den vergangenen Jahren aussagt. Denn
dann zeigt sich, dass die Daheim Lieferservice GmbH im Jubiläumsjahr wöchentlich fast 29 000 aktuelle Mappen auslieferte.
Das bedeutete, dass der Stand von 1955 wieder erreicht worden
war – trotz aller Turbulenzen, durch die die Branche in den
Jahren zuvor gegangen war. Man hatte also allen Grund, 1982
endlich einmal einen »runden Geburtstag« angemessen zu
feiern. So geschah es auch. Wie es sich für ein hanseatisches
267
Unternehmen gehört, fand die Feier des Leserkreises Daheim
auf der »Wappen von Hamburg« statt. Geladen waren Kollegen aus der Branche, Repräsentanten der Verlage, mit denen
man seit Jahrzehnten zusammenarbeitete, ausgewählte Kunden, Mit­arbeiter und 20 Pensionäre, die ihrem Unternehmen
25 Jahre und länger die Treue gehalten hatten.
Gastgeber war aber nicht Kurt Ganske, sondern sein Sohn
Thomas. Dem Unternehmer, der den von seinem Vater gegründeten Betrieb groß gemacht und später um die Keimzelle herum eine vielgestaltige Verlagsgruppe aufgebaut hatte, war es
nicht vergönnt, den 75. Geburtstag seines Unternehmens zu erleben. Der schwer zuckerkranke Verleger, der sich um die Ratschläge seiner Ärzte nie sonderlich gekümmert hatte, war drei
Jahre vor dem Jubiläum, am 20. März 1979, in Hohenhaus in
den Armen seiner Frau Gerda gestorben. Nun erinnerte sein
Sohn an seine unternehmerische Leistung und insbesondere
auch an die Bedeutung, die Kurt Ganske dem Prinzip der
»Kontinuität« beigemessen hatte. »Dieser Grundsatz verlangt
aller­dings den engagierten Unternehmer. Er steht in krassem
Gegensatz zu einer von Kapitalanlage-Interessen bestimmten
Geschäftspolitik, die zu Finanzholdings und Konglomeraten
führt«, betonte Thomas Ganske. Er konnte damals noch nicht
ahnen, dass dieses Thema ein Vierteljahrhundert später, beim
100. Geburtstag der Unternehmensgruppe, eine noch viel größere Rolle spielen würde. Denn von neokapitalistischen »Heuschrecken« wusste man damals noch nichts.
Wer genau zuhörte, bekam aber schon einen Hinweis, wie
sich der neue Chef die kontinuierliche Weiterentwicklung der
Unternehmensgruppe vorstellte. »Bei aller Selbständigkeit der
einzelnen Unternehmen unserer Gruppe sind sie doch durch
gemeinsame Interessen verbunden und dadurch stark. Auf die­
ser Linie müssen wir uns weiterentwickeln und jede Chance
nutzen.« Es sollte noch einige Jahre dauern, bis jeder verstand,
was er damit angedeutet hatte.
268
Als die Mauer fiel
In den 75 Jahren seit seiner Gründung am 1. April 1907 in Kiel
hatte der Leserkreis zwei Weltkriege, eine Hyperinflation und
eine Weltwirtschaftskrise überstanden. Er hatte schließlich auch
den tiefgreifenden Strukturwandel in der Medienbranche bewältigt, den die elektronischen Medien ausgelöst hatten und
den sie bis heute beeinflussen. Der bereits in den zwan­ziger Jah­­
ren erkämpfte Titel des Branchenprimus und weltweit größten
Lesezirkels war aber auch in den schwierigsten Zei­ten nie gefährdet gewesen. Daran hat sich auch in dem Vier­tel­jahr­hun­
dert danach nichts geändert. Auch zu seinem 100-­­jähri­gen Jubiläum am 1. April 2007 konnte sich der Leserkreis Daheim
weiterhin als »Weltmeister« präsentieren. Der in Deutschland
nach wie vor gehaltene Marktanteil von 25 Prozent zeigt seine
tatsächliche Bedeutung allerdings erst, wenn der Hintergrund
mit betrachtet wird. Denn der Abstand zu den Wettbewerbern
ist groß: Unter den etwa 120 Konkurrenten, die es derzeit noch
in Deutschland gibt, erreichen selbst die größten unter den
vielen Kleinen nur Marktanteile von 6 bis 7 Prozent.
Diese starke Stellung war aber nicht im Abonnement zu haben. Sie musste auch in den Jahren nach 1982 immer wieder
neu erobert werden. Die Taktiken und Marketing-Instrumente
wechselten dabei noch häufiger als die Geschäftsführer.
Als Erwin Schmitz 1986 in den Ruhestand ging, folgte ihm
Dieter Pieroth. Geprägt durch das eigene Familienunternehmen, das nach dem Krieg zu einem der führenden Weinhandelshäuser der Welt aufstieg und in den sechziger und siebziger
Jahren auch hinsichtlich Mitarbeiterführung und Mitarbeiterbeteiligung Pionierleistungen vollbracht hatte, setzte Pieroth
sehr stark auf Mitarbeiterschulung und Service. »Qualitätssiche­
rung, Schulung, 100-Prozent-Service waren damals die Kernpunkte«, erinnert sich Heinz-Dieter Lechte. Während Mitarbei­
terversammlungen zur Zeit seines Vorgängers immer noch an
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den Frontalunterricht in der Schule erinnerten und die Mit­
arbeiter mehr oder weniger stumm und ergriffen den Aus­
führungen des Chefs lauschten, waren unter Pieroths Ägide
Arbeitsgruppen, Diskussionen und Teamarbeit angesagt. Die
Mitarbeiter sollten selbst den Weg zum »100-Prozent-Service«
entdecken, denn: »Die übliche Lösung ist die Einschaltung ei­
nes Unternehmensberaters, der uns eine fertige Lösung auf
den Tisch legt, die wir realisieren sollen«, hieß es in einem Aufruf an alle Beschäftigten. »Das kostet nicht nur sehr viel Geld,
sondern funktioniert auch in den meisten Fällen überhaupt
nicht. Denn mit einer solchen Lösung identifizieren sich die
Mitarbeiter oft nicht.« Gegenüber den Kunden betonte Pieroth
nicht nur den günstigen Preis und den bequemen Bezug, sondern auch die ökologischen Vorteile von Mietzeitschriften: Je
mehr Leser das gleiche Blatt nutzen, desto weniger Bäume müs­
sen für die Papierherstellung ihr Leben lassen. Außerdem garantieren die Lesezirkel eine ordnungsgemäße Entsorgung und
Wiederverwertung des Altpapiers, führte er ihnen vor ­Augen.
Bevor sich das alles in betriebswirtschaftlichen Ergebnissen
niederschlagen konnte, griff die Polizei ein. Es hätte nicht viel
gefehlt, und sie hätte den Geschäftsführer in Handschellen
aus der Zentrale abgeführt, die damals noch am Hamburger
Heidberg 7 beheimatet war. Hintergrund war ein Skandal um
gepanschte Weine. Mitte 1985 kam heraus, dass österreichische
Winzer ihre Gewächse in großem Stil mit Glykol versetzt hatten. Einiges von der Brühe war auch in die Keller der Pfälzer
Winzer- und Weinhändlerfamilie Pieroth geflossen. Deren alteingesessener Betrieb war von dem späteren Bundestagsabgeordneten und Berliner Wirtschaftssenator Elmar Pieroth während seiner Zeit als junger Unternehmer zu einem der größten
Weinhandelshäuser der Welt ausgebaut worden. Mitte der achtziger Jahre wurde das erfolgsverwöhnte Unternehmen in seinen Grundfesten erschüttert, als sich herausstellte, dass einige
der von ihm angebotenen Weine mit glykolhaltiger Ware aus
270
Österreich vermischt worden waren. LKD-Geschäftsführer Die­
ter Pieroth hatte damit zwar nichts zu tun, doch bis auch der
Staatsanwalt davon überzeugt war, dauerte es eine Weile. Erst
1996 wurde der Fall mit der Verurteilung von sechs Managern
der Gruppe abgeschlossen. Zu diesem Zeitpunkt hatten längst
andere die Geschäftsleitung von Daheim übernommen.
Zurück auf Anfang
Ehe er das Haus auf so unsanfte Art verlassen musste, hatten
Pieroth und seine Mitarbeiter noch eine schwere Enttäuschung
zu verkraften. Als die Mauer fiel, hatte man den »lieben Besuchern aus der DDR« schon im November 1989 kostenlose Leseproben in die Hand gedrückt. In dem beiliegenden Begrüßungsbrief stellte sich der Leserkreis als ein alter Bekannter
vor: »Bis 1950 hatten wir noch neun Filialen in der DDR.« Diejenigen, die keine Erinnerung an die fünfziger Jahre mehr hatten, wurden darüber aufgeklärt, dass der »Lesezirkel die preiswerteste und ökologisch sinnvollste Weise ist, sich das Neueste
aus aller Welt ins Haus bringen zu lassen«. Verknüpft wurde
das mit einer kleinen Bitte. »Wenn Ihnen unser Willkommensgeschenk gefällt, geben Sie die Hefte auch Ihren Freunden
und Bekannten.«
Kaum war die Mauer auch für Besucher aus dem Westen
kein Hindernis mehr, da rollten auch schon die ersten VWBusse mit Mitarbeitern des Leserkreises über die Grenze, vollbeladen mit Zeitschriften und Prospekten. »Mit offenen Armen empfangen«, jubelte die Mitarbeiterzeitschrift im Juli
1990 auf der ersten Seite und schilderte im Inneren des Blattes
unter der Überschrift »Filialeröffnung Chemnitz – was für ein
Tag!«, wie groß nicht nur dort der Andrang von Interessenten
war. Überall, wo die Abgesandten des LKD erschienen, wurden ihnen die Mappen geradezu aus der Hand gerissen. Auch
bei den Mitarbeitern selbst war die Begeisterung groß – so
271
groß, dass Dieter Pieroth sie sogar mahnen musste, über dem
Neukundengeschäft in der (noch existierenden) DDR nicht
die alten Abonnenten im Westen zu vernachlässigen: »Bei aller
Euphorie dürfen wir nicht vergessen, was wir an Kundenzahl
drüben aufbauen, dürfen wir hier nicht verlieren.«
Ein weiser Rat, wie sich bald zeigen sollte. Ein großer Teil
der so schnell gewonnenen Kunden im Osten ging bald ebenso
rasch wieder verloren. Was sich Ende der fünfziger Jahre in der
alten Bundesrepublik abgespielt hatte, wiederholte sich nämlich in ähnlicher Weise in den neuen Bundesländern. Nach
Einführung der D-Mark saß das Geld nicht mehr so locker, andere Konsumwünsche schoben sich in den Vordergrund. Der
Traum, die alten Vertriebsgebiete im Osten rasch zurückzugewinnen, platzte wie eine Seifenblase. Das allerdings war eine
Erfahrung, die auch viele andere machen mussten, als die Goldgräberstimmung einer realistischen Einschätzung der Lage in
den neuen Bundesländern wich. »Da war einfach zu wenig
Kaufkraft«, stellt Joachim Herbst im Rückblick fest. Erst seit einigen Jahren baut er von Dresden aus das Geschäft wieder
auf.
Gute Kunden muss man pflegen
Nach dem Abschied von Pieroth übernahm 1991 der gelernte
Buchhändler Hermann Schmidt, der zuvor als Schulbuchverleger und Mitglied der Geschäftsleitung der Büchergilde Gutenberg Management-Erfahrung gesammelt hatte, den Chefpos­
ten. Zum Lesezirkel hatte er schon von Kindesbeinen an ein
Verhältnis, da seine Eltern die Mappen viele Jahre lang be­
zogen hatten. »Da war ja nicht nur Klatsch und Unterhaltung
drin, sondern auch viele Informationen rund um Politik, Wissenschaft, Reisen und Kultur.« Er hatte aber auch die Probleme
kennengelernt, mit denen sich die Verleihbranche in den sechziger und siebziger Jahren herumschlagen musste. Denn auch
272
seine Eltern hatten die Mappe abbestellt, als ein Fernseher ins
Wohnzimmer kam. »Das ist ihnen allerdings nicht leichtgefallen – nicht zuletzt wegen der Zustellerin. Es war eine Kriegswitwe,
die viele Jahre lang jede Woche mit den neuen Zeitschriften
ins Haus gekommen war. Da gab es schon eine gewisse emotionale Bindung.« Ein Erlebnis, aus dem Schmidt viele Jahre später Konsequenzen zog.
Zunächst konnte er sich aber keine Sentimentalitäten leisten. Als er die Verantwortung übernahm, war wieder einmal
eine Strukturreform fällig. Unter Pieroth war der Vertrieb personell zu stark gewachsen. Zudem hatten sich Schmidts Vorgänger zwar intensiv um Qualitätsfragen und eine leistungs­
fähige EDV gekümmert, aber Marketing, Kundengewinnung
und vor allem Kundenbindung darüber etwas vernachlässigt.
Eine der wichtigsten Reformen, die Schmidt durchsetzte, war
eine neue Zuordnung der Verantwortlichkeiten. Bis dahin gab
es einen Niederlassungsleiter Verkauf, der sich zwar um die
Gewinnung neuer Kunden kümmerte, sich aber nicht dafür
zuständig fühlte, wenn sie nach einiger Zeit wieder absprangen. Der Filialleiter dagegen war für eine ordentliche und
pünktliche Belieferung der Abonnenten verantwortlich, aber
nicht dafür, ob deren Gesamtzahl am Jahresende gefallen oder
gestiegen war. »Die schoben sich immer gegenseitig die Schuld
zu, wenn die Zahl der Bezieher zurückging.« Schmidt beendete diesen Dualismus. »Wenn ein Filialleiter die Gesamtverantwortung hat, kann er sich nicht mehr herausreden.« Schmidt
löste das System der Niederlassungen auf, das sich überlebt
hatte, und fasste die Filialen in Bezirke zusammen, an deren
Spitze seither ein Bereichs- oder Regionalleiter steht.
Die Umstrukturierung war überdies auch mit einem Personalabbau und damit einer spürbaren Kostensenkung verbunden. Die Zahl der Vertreter wurde immer weiter reduziert, weil
der früher so erfolgreiche Verkauf an der Haustür die hohen
Kosten dieser Vertriebsform nicht mehr einspielte. Unseriöse
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Drückerkolonnen, die Teppiche, Mitgliedschaften in Buchclubs,
Kochtöpfe oder Produkte aus angeblichen Blindenwerkstätten
feilboten, hatten den Direktvertrieb in Verruf gebracht.
Schmidt machte den Mitarbeitern klar, dass »es sehr viel
­kostengünstiger ist, Abonnenten, die man bereits hat, zu halten als neue zu gewinnen«. Neue Kunden musste man über
­Anzeigen und Fernsehwerbung, Mailings oder andere kost­
spielige Maßnahmen ansprechen. Von »Abspringern« dagegen
hatte man die Adressen und musste ihnen auch das Produkt
»Mietzeitschrift« nicht erst lange erklären. Sie kannten es ja.
Man musste nur herausfinden, warum sie abbestellt hatten,
und versuchen, den Grund für die Unzufriedenheit zu beseitigen. Das konnte am Preis liegen, über den man dann verhandeln musste. Die Ursache konnte aber auch sein, dass Kunden
mit dem Inhalt der Mappe unzufrieden waren. Dann konnte
man sie auf die Wunschmappe hinweisen und ihnen demonstrieren, wie groß das Angebot war, aus dem sie auswählen konnten. »Die Wahlmappe war zwar schon früher eingeführt worden, aber wir haben sie viel gezielter als Verkaufsargument
eingesetzt«, erklärt Schmidt.
Die Erfahrungen im eigenen Elternhaus haben sicher mit
dazu beigetragen, dass er die Filialleiter dazu anhielt, sich verstärkt um die Rückgewinnung von abtrünnigen Kunden zu
kümmern. Jeder, der absprang, wurde telefonisch angesprochen, angeschrieben oder persönlich aufgesucht. Das galt auch
für Kunden, die von kleineren Konkurrenten beim LKD abgeworben worden waren. In der Branche hatte es zwar schon immer als höchst unfein gegolten, sich gegenseitig die Abonnenten abspenstig zu machen, aber nicht jeder hielt sich an die
Regeln. Der Branchenführer hatte es lange Zeit großzügig
ignoriert, wenn Kleinere heimlich in seinem Teich fischten.
»Die dachten wahrscheinlich, dass wir es angesichts unserer
Kundenzahl gar nicht merken, wenn sie uns ein paar Kunden
wegschnappen.« Damit war jetzt Schluss. Schmidt erklärte sei274
nen Mitarbeitern, dass die Zeit des Wegschauens vorbei sei.
Wenn Abwerbungen beobachtet wurden, machte er den Außendienst mobil. »Wir haben die Kunden in den meisten Fällen zurückgewonnen, indem wir ihnen günstigere Angebote
machten.«
Abwehrmaßnahmen allein reichen allerdings nicht aus,
denn mancher Kunde lässt sich auch mit den besten Argumen­
ten nicht zurückgewinnen: Ärzte schließen aus Altersgründen
ihre Praxis, Friseure geben ihren Salon mangels Kunden auf,
Saunas oder Sonnenstudios machen Pleite, Kurkliniken stellen
den Betrieb ein, weil die Kassen keine Patienten mehr schicken.
Private Bezieher sterben oder ziehen in einen anderen Ort.
Jahr für Jahr geht ein Teil der Bezieher endgültig verloren.
­Deshalb müssen immer wieder neue Interessenten gefunden
werden, um die Lücken zu füllen. Da hilft es, wenn neue An­
gebotsformen wie Fitness-Center, Schönheitsfarmen oder Wellness-Hotels boomen. Weil der traditionelle Verkauf über Vertreter keine Rolle mehr spielt, müssen heute aber andere Wege
zum Kunden gefunden werden. Dazu zählen Call-Center, Mailings oder der Verkauf über das Internet (www.leserkreis.de).
Als besonders erfolgreich erweist sich seit langem das Messe­
geschäft. Das bedeutet, dass Besucher von Verbrauchermessen
wie »Du und deine Welt« in Hamburg, »Berlin, Berlin« oder
der »Hafa« in Wiesbaden angesprochen und am Stand von Daheim auf die Vorteile eines Lesezirkel-Abonnements aufmerksam gemacht werden.
Weniger erfolgreich war ein erneuter Versuch, die Zustellung von Zeitschriften und Büchern miteinander zu verbinden.
Diesmal ging es darum, den Kunden Bücher ins Haus zu bringen, die sie nach Belieben aus der Spiegel-Bestsellerliste auswählen konnten. »Aber das haben wir nicht richtig angepackt
und in den Test vor allem Anwälte und Ärzte einbezogen. Außerdem bin ich wahrscheinlich zu stark von meinen eigenen
Lesegewohnheiten ausgegangen«, räumt Schmidt ein, der 1997
275
innerhalb der Gruppe als Geschäftsführer zum Jahreszeiten
Verlag wechselte. »Doch das war ohnehin nur ein Nebenkriegsschauplatz.«
Auch Joachim Herbst, der nach zwei weiteren Geschäftsführern im Jahr 2001 bei Daheim im Chefsessel Platz nahm, sieht
die Zukunft des Leserkreises in der Konzentration auf das
Kerngeschäft. »Nachdem Hermann Schmidt die ganzen alten
Zöpfe im Vertrieb abgeschnitten hat, gibt es hier im zentralen
Bereich in Hamburg nur noch Anzeigenwerbung, Marketing,
EDV-Organisation, Controlling und Verkauf. Die Ansprechpartner für die Kunden sitzen in den 27 Filialen vor Ort. Ich
hatte das Glück, in eine funktionierende Organisation zu kommen, und kann mich ganz darauf konzentrieren, den Dienstleis­
tungsgedanken nach außen zu tragen.« Zu den großen Erfolgen auf diesem Weg zählt neben einer Reihe von Übernahmen
die Gewinnung von Vorzeigekunden wie Starbucks Coffee
Houses. Sie bieten ihren Kunden, die sich bei einem Becher
Kaffee vom Einkaufsstress oder dem Ärger im Büro erholen
wollen, seit 2004 die Möglichkeit, die blaumelierten DaheimMappen zur Hand zu nehmen und in aller Ruhe in einer Zeitschrift ihrer Wahl zu blättern.
Hundert Jahre nach seiner Gründung erreichen der Leserkreis Daheim und die vom Werbemerkur betreuten Lesezirkel
pro Woche rund elf Millionen Leser. Das sind knapp 17 Prozent der Gesamtbevölkerung. 40 Prozent der Mappen gehen in
die »öffentliche Auslage«. Da sie bei Friseuren und Ärzten, in
Cafés oder Restaurants für alle Besucher erreichbar sind, führt
dies zu überdurchschnittlich vielen Leserkontakten und erhöht
dadurch die für die meisten Zeitschriften so wichtige Reichweite. Bis zu 60 Prozent der Leseprogramme werden immer
noch an Privathaushalte geliefert. Sie gelten als Intensiv­leser,
die auf breite Information und abwechslungsreiche Unterhaltung Wert legen. 54 Prozent der Lesezirkel-Nutzer gehören zu
der Altersgruppe zwischen 14 und 49 Jahren und leben in
276
Haushalten mit einem Netto-Einkommen von 2000 Euro und
mehr.
Die Zeiten, in denen die Abonnenten und sonstigen Nutzer
von Lesezirkelmappen als alt, arm und ungebildet abgestempelt werden konnten, sind schon lange vorbei. »Die sitzen inzwischen eher vor dem Bildschirm«, meint Albert Buschinski,
der langjährige Chef der Revision. »Zum Lesezirkel kommen
heute vorwiegend anspruchsvolle Vielleser mit gutem Einkom­
men, denen das TV-Programm nicht mehr viel zu sagen hat.«
Natürlich werden die Standard- oder Wahlmappen heute
nicht mehr in Pappkartons gesteckt, sondern von den Boten in
durchsichtigen Tragetaschen geliefert, die für jeden einzelnen
Kunden individuell zusammengestellt werden.
Die Firma bekommt etwas zurück
Eine angenehme Atmosphäre erleben nicht nur die Kunden,
die in einem der breiten Sessel bei Starbucks bei einem Milchkaffee oder Espresso sitzen und in Ruhe eine der ausliegenden
Zeitschriften lesen können. Wohl fühlen sich nicht nur die Leser, die in der Sauna eine Schwitzpause einlegen oder in einer
Wellness-Oase entspannt zu einer Zeitschrift im blauen Umschlag greifen. Auch die Mitarbeiter von Daheim fühlen sich
an ihrem Arbeitsplatz offenbar recht wohl. Denn nicht nur
»alte Hasen« wie Anzeigenleiter Wolfgang Declair beschreiben
das Betriebsklima gern mit den Worten: »Wir sind hier eine
große Familie.« Das sagen auch jüngere Mitarbeiter auffallend
oft. Ähnlich drückt sich ein Bezirksleiter wie Helmut Brümmer
aus, der sehr genau weiß, wovon er redet, da er schon Ende der
sechziger Jahre als Student beim Leserkreis gejobbt hat und
der Firma seither treu geblieben ist. Auch viele der übrigen
Mitarbeiter sind schon seit Jahrzehnten dabei. Manche stellen
ihre Erfahrung dem LKD auch nach der Pensionierung gern
zur Verfügung. Dazu gehört Albert Buschinski, der sich noch
277
als Siebzigjähriger um die Übernahme und Eingliederung von
Betrieben kümmert, die ihre Kunden dem großen Wettbewerber zu treuen Händen übergeben. Selbst der langjährige Betriebsratsvorsitzende scheut sich nicht, dem Leserkreis zu bescheinigen, er sei für die Mitarbeiter »im besten Sinne des
Wortes eine Familie«. Niemand, der seinen Job ordentlich mache, müsse sich Gedanken um die Sicherheit seines Arbeitsplatzes machen, versichert Heinz-Dieter Lechte. Und er fügt
hinzu: »Die Firma bekommt dafür auch etwas zurück«, nämlich in Form von Engagement, Verantwortungsbewusstsein
und Einsatzbereitschaft. »Hier guckt niemand auf die Uhr,
wenn viel zu tun ist – aber auch nicht, wenn jemand aus persönlichen Gründen mal früher gehen will.«
Werbung, Marketing, Übernahmen und die gewachsene
Bedeutung der öffentlichen Auslage haben ihren Teil dazu beigetragen, dass Daheim seinen Platz in einer sich ständig wandelnden Medienwelt bis heute behaupten konnte. Doch wenn
Joachim Herbst 100 Jahre nach der Gründung des Unternehmens feststellen kann, dass der Leserkreis seinen Kunden­
stamm in den vergangenen 20 Jahren trotz des Strukturwandels und der Veränderungen im wirtschaftlichen und sozialen
Umfeld stabil halten konnte, dann ist dies nicht zuletzt auch
dem Engagement der rund 700 Teilzeit- und Vollzeit-Mitarbeiter zu verdanken, die sich »ihrer Familie« verpflichtet fühlen.
»Ich glaube, dass das Zusammengehörigkeitsgefühl und das
Teamdenken in den letzten Jahren ganz stark zugenommen
hat«, ist Herrmann Schmidt überzeugt. »Mit Familie wird das
gut umschrieben.«
Die Wurzeln dieser Unternehmenskultur reichen tief. Wenn
Thomas Ganske davon spricht, dass sein Großvater »im Herzen
ein Sozialdemokrat war«, dann meint er damit auch die Einstellung, die der ehemalige Werftarbeiter Richard Ganske, der
1907 zum Unternehmer wurde, gegenüber seinen Mitarbeitern hatte. Auch sein Sohn, der aus einem großen Lesezirkel
278
bereits in den zwanziger Jahren den weltweit größten Vertreiber von Mietzeitschriften machte, war sich immer bewusst, wie
wichtig die Mitarbeiter an der Basis für den Erfolg seines Un­
ternehmens waren. »Zu den Boten hatte er immer ein besonderes Verhältnis, die waren ihm sehr wichtig«, weiß Thomas
Ganske aus vielen Gesprächen. Deshalb gerieten auch die ehemaligen Führungskräfte und langjährigen Beschäftigten nicht
in Vergessenheit, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs im
Osten Deutschlands eingesperrt waren. Seine Söhne erinnern
sich, dass ihr Vater sehr berührt war von den Briefen, mit denen sich die früheren Mitarbeiter für die Pakete bedankten,
die seine Frau ihnen in die sowjetisch besetzte Zone schickte.
»Als er sie las, stellte er sich die Frage, ob es nicht auch im
­Westen unter den Boten, die während oder nach dem Krieg in
Pension gegangen waren, Menschen gab, die Not litten.«
Der Verleger ließ die Adressen ermitteln. »Wir haben uns
damals sehr gewundert, warum er plötzlich alle diese Anschrif­
ten haben wollte«, berichtet Erwin Schmitz. Kurt Ganske beauftragte die leitenden Mitarbeiter in den Filialen, die Rentner
in ihrem Bereich aufzusuchen, ihnen die besten Grüße vom
Chef auszurichten, einen Blumenstrauß zu überreichen und
ein wenig mit ihnen über die alten Zeiten zu plaudern. Das bot
ihnen die Gelegenheit, sich ein Bild von der Lebenssituation
der Rentner zu machen. Wenn sie feststellten, dass die Ruheständler finanziell und persönlich ausreichend versorgt waren,
verabschiedeten sie sich nach einer Weile wieder. War das nicht
der Fall, hatten sie die Möglichkeit, mit Mitteln aus einem
Fonds zu helfen, den Kurt Ganske dafür eingerichtet hatte.
»Die emotionale Verbindung zu seinen langjährigen Mitarbeitern war sehr eng. Mein Vater, der früher die Filialen sehr oft
besuchte, kannte viele der älteren Boten. Sie blieben dem Unternehmen ja oft jahrzehntelang verbunden«, erklärt Thomas
Ganske diese Fürsorge.
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Bitte diese Kolumne um eine Zeile erweitern.
1960 wurde die spontane Hilfe in Form des Richard Ganske
Hilfswerks e.V. institutionalisiert und gleichzeitig für den Hoffmann und Campe Verlag ein Regelwerk für soziale Sonderleis­
tungen geschaffen. Während es dabei vor allem um Urlaubsund Weihnachtsgeld sowie um Leistungen bei Jubiläen ging,
gewährte das Hilfswerk Unterstützung bei Heirat, Geburten,
Todesfällen und in persönlichen Notlagen. Es war ein eingetragener Verein, der gemeinsam vom Jahreszeiten Verlag, Hoffmann und Campe und dem Leserkreis Daheim getragen
wurde. Da zwei Jahrzehnte später diese Hilfseinrichtung nur
noch älteren Mitarbeitern bekannt war, wurden 1983 alle Kolleginnen und Kollegen durch den Betriebsrat ausdrücklich
auf den Fonds hingewiesen. Gleichzeitig wurde eine Betriebsvereinbarung über die Mitwirkung der Arbeitnehmervertretung bei seiner Verwaltung abgeschlossen. »Falls Sie also einmal in Not geraten sollten, zieren Sie sich nicht, einen Antrag
an das Richard Ganske Hilfswerk einzureichen«, wurden die
Mitarbeiter ermuntert.
Bereits 1959 hatte Kurt Ganske eine Versorgungsordnung
für Tourenboten geschaffen. Danach baute sich im Laufe der
Jahre nach einem Punktesystem, das ihre Leistungen bei der
Zustellung der Mappen erfasste, ein Betrag auf, der bei Er­
reichung der Altersgrenze oder vorher bei Invalidität und Tod
an den Berechtigten oder die Hinterbliebenen ausgezahlt
­w urde. 1979 wurde diese zusätzliche Form der Altersvorsorge,
die bei Erreichen des Rentenalters wie eine Lebensversicherung in einer Summe ausgezahlt wurde, durch eine von dem
Geschäftsführer Schmitz und dem Betriebsratsvorsitzenden
Lechte unterzeichnete Betriebsvereinbarung noch einmal bestätigt und an die veränderten wirtschaftlichen und sozialen
Verhältnisse angepasst. Eine Unfallversicherung garantiert heu­
te den Boten oder ihren Familien bei Tod oder Invalidität zudem eine Unterstützungszahlung von rund 10 000 beziehungsweise 20 000 Euro.
280
Kurt Ganske war aber nicht nur Inhaber des Lesezirkels,
sondern auch Verleger. Deshalb schuf er in den fünfziger Jahren für die leitenden Mitarbeiter seiner Zeitschriften- und
Buchverlage eine Alters- und Hinterbliebenenversorgung. Die
Einzelheiten hatte sein damaliger Assistent Werner Hess ausgearbeitet. Als die neue Pensionsordnung feierlich verkündet
wurde, verliehen ihm die leitenden Angestellten für die Verdienste, die er sich dabei erworben hatte, eine Auszeichnung:
Sie dekorierten ihn mit einem Sperrholzbrett am Band. Auf
dem Brett war eine Reihe von Sicherheitsschaltern montiert.
»Damit die Sache finanziell nicht aus dem Ruder laufen konnte, hatte ich eine Reihe von rechtlichen und wirtschaftlichen
Sicherungen eingebaut. Davon waren nicht alle begeistert.
Aber im Interesse des Unternehmens war das natürlich erforderlich.«
Achtes Kapitel
Mit Tempo in
neue Dimensionen
D
er Spiegel wusste nicht nur mehr als andere. Die Rechercheure des Magazins aus der Hamburger Brandstwiete
hatten auch Geräusche vernommen, die sonst niemand auf­
gefallen waren: »Zähneknirschend musste Sohn Thomas 1979
mit 31 Jahren das Imperium übernehmen, nachdem der Vater
gestorben und sein älterer Bruder ­Michael nach Kanada ausge­
wandert war«, schrieb das Nachrichtenmagazin im April 1996.
Auch von anderen, aktuelleren akustischen Signalen wusste
das Nachrichtenmagazin zu berichten – von einer zitternden
Stimme des Verlegers, einem hys­terischen Lachen des Textchefs und von Schluchzern, die aus den Reihen der Redaktions­
mitglieder kamen.
Geräusche dieser oder ähnlicher Art mag es durchaus gegeben haben, als Thomas Ganske im April 1996 der davon sicherlich nicht völlig überraschten Redaktion mitteilte, dass die
letzte Ausgabe der Zeitgeist-Illustrierten Tempo bereits erschienen sei. Das Heft, an dem sie gerade arbeiteten, werde es nicht
mehr bis zur Druckerei schaffen.
Dass es dem flippigen Magazin, dessen Chefredakteure zuletzt eine immer geringere Halbwertszeit gehabt hatten, wirtschaftlich nicht gutging, war schon seit längerer Zeit offenkundig gewesen. Insofern konnte die Mitteilung des Verlegers für
die Blattmacher keine große Überraschung mehr gewesen sein.
Überraschend war eher, dass er das Magazin so lange alimen­
tiert hatte. »Eigentlich hätte Tempo schon zwei oder drei Jahre
früher eingestellt werden müssen«, meint Thomas Ganske im
Rückblick selbstkritisch. »Aber ich hing an dem Blatt.« Des285
halb hatte er es lange in der Intensivstation gelassen, ehe er es
schließlich doch vom finanziellen Tropf nahm.
Außerdem: Totgesagte leben länger. Zehn Jahre nach dem
Einstellungsbeschluss gab der Jahreszeiten Verlag im November
2006 bekannt: »Tempo erhöht erneut Auflage und Umfang.« Es
handelte sich allerdings um eine einmalige Sonderausgabe
zum 20. Geburtstag (und 10. Todestag) der Zeitschrift, »die
längst ein Mythos geworden ist«. Gar nicht mythisch, sondern
sehr real war allerdings die Startauflage der Sonderausgabe
von 240 000 Exemplaren und der beeindruckende Heftumfang.
Er war auf Grund des überraschend starken Interesses der Anzeigenkunden mehrfach erweitert worden und lag schließlich
bei 380 Seiten. »Tempo ist als Zeitschriftenmarke legendär und
heute so bekannt und aktuell wie zum Zeitpunkt der Markteinführung, als das Magazin zum Identifikationsmedium einer
ganzen Generation wurde«, freute sich Vertriebsleiter Michael
Westerkamp über die Welle der Nostalgie, die Tempo zehn Jahre
nach der Versenkung nach oben trug. Insofern behielt der Spiegel schließlich doch recht, der 1996 seinen Artikel über den
Tod des Blattes mit den Worten enden ließ: »Die Leiche ­lächelt
noch.«
Davon, dass Thomas Ganske die Nachfolge seines Vaters
zähneknirschend und widerwillig angetreten hätte, konnte dagegen keine Rede sein. Er hatte sich dafür schon längst warmgelaufen, und Kurt Ganske hatte ihn rechtzeitig auf die spätere Nachfolge vorbereitet. Mit einer Vollmacht in der Hand
schickte ihn der Vater 1976 los, um den notariellen Vertrag
über den Verkauf des Rheinischen Merkur zu unterschreiben,
übungshalber. Wenn es um wichtige Diskussionen und Entscheidungen ging, ermunterte er ihn: »Wenn es dich interessiert, kannst du immer daran teilnehmen.« Das tat er auch.
Schon während seiner Zeit an der Universität und erst recht
später, als er zunächst als Assistent seinen Vaters und dann als
Geschäftsführer von Hoffmann und Campe praktische Erfah286
rungen sammelte. Wenn Albrecht Knaus nach München kam,
um mit Autoren zu verhandeln, oder wenn er andere Termine
hatte, bei denen der Junior nach seiner Ansicht mehr lernen
konnte als im Hörsaal, lud er ihn ein, daran teilzunehmen. So
sammelte Thomas Ganske Erfahrungen, die ihm später als Geschäftsführer von Hoffmann und Campe sehr zugute kamen.
Ihm war auch schon früh klar gewesen, was der Vater von
seinen Kindern erwartete. »Er hatte ein Familienunternehmen
geschaffen und wünschte sich, dass es innerhalb der Familie
weitergegeben werden sollte. Ursprünglich sollte mein Bruder
den Zeitschriftenbereich übernehmen; meine Schwester sollte
das Gut bewirtschaften; ich sollte den Buchbereich führen. Es
ist nicht so gekommen, wie er es geplant hatte, weil mein Bruder und meine Schwester sich für einen anderen Lebensweg
entschieden haben. Dagegen hätte mich mein Berufsweg auch
ohne diese Vorbestimmung mit Sicherheit in die Medienwelt
geführt. Deshalb habe ich es nie als Zwang, sondern immer
als Chance empfunden, dass ich die Möglichkeit hatte, diesen
Wunsch im eigenen Unternehmen erfüllen zu können.«
Als sich abzeichnete, dass der ältere Bruder die ihm zugedachte Aufgabe nicht übernehmen würde, bat Kurt Ganske
1974 den jüngeren Sohn, zurück nach Hamburg zu kommen,
damit er ihn systematisch auf seine künftige Aufgabe vorbereiten konnte. Neben der Arbeit bei Merian nahm er an Direkto­
riumssitzungen und an Konferenzen des Jahreszeiten Verlags
teil. Weil sich der zuckerkranke Senior, der sich um den Rat
seiner Ärzte nie sonderlich geschert hatte, immer länger nach
Hohenhaus zurückzog oder die Einsamkeit seines österreichischen Jagdreviers suchte, wuchs der Junior schneller als
­eigentlich geplant in seine Aufgaben hinein. Gesellschafterversammlungen und Geschäftsführersitzungen fanden nun
häu­figer an den Zufluchtsorten des Patriarchen statt. Er
scheute die Reise nach Hamburg, wollte aber bei wichtigen
Entscheidungen dabei sein und notfalls das letzte Wort haben.
287
»Aber aus dem täglichen Geschäft hat er sich – bewusst oder intuitiv – immer mehr zurückgezogen.« Damit gab er dem Sohn
die Möglichkeit, die Übernahme von Verantwortung zu proben. »Das ging automatisch und unproblematisch.«
KG ließ ihn auch Fehler machen, »ganz bewusst«, wie der
Sohn heute glaubt. »Wenn du meinst, du solltest es tun, dann
mach es«, hieß es oft am Ende einer längeren Diskussion. Und
wenn sich später herausstellte, dass es tatsächlich ein Fehler
war, sagte KG meist nur: »Siehst du, ich habe es dir ja gesagt.«
Thomas Ganske ist dennoch überzeugt, dass das, was er gemacht hat, richtig war – auch wenn er manchmal damit falsch
lag. »Für mich war es richtig. Es war Lehrgeld.«
Als Kurt Ganske 1979 nach kurzer Krankheit an einer unstillbaren Blutung in der Speiseröhre starb, war es trotzdem
nicht nur ein persönlicher Schock. »Es war ziemlich viel kaltes
Wasser, in das ich da plötzlich springen musste. Wenn der Vater
länger gelebt hätte, wäre der Übergang organischer gewesen.«
Erleichtert wurde der Wechsel in den Chefsessel zwar dadurch,
dass KG den Erbübergang gut vorbereitet und sorgfältig durchdacht hatte. Seinen Letzten Willen hatte er in einem notariellen Testament hinterlegt und zudem alles mit dem designierten
Nachfolger besprochen. Er hatte auch keinen Testamentsvollstrecker eingesetzt, durch den alles zeitraubender und komplizierter geworden wäre. Es gab keinen Führungskampf innerhalb der Familie, der sich – wie es häufig in solchen Fällen
geschieht – lähmend auf die Unternehmensgruppe hätten auswirken können.
Zeit des Umbaus
Dennoch durchlebte der Sohn eine unangenehme Zeit. Bis
alle bürokratischen Hürden genommen waren, der ganze Papierkram erledigt und alle Formalien erfüllt waren, verging
fast ein Jahr. »Erst als das alles erledigt war, konnte ich mich im
288
erforderlichen Umfang dem operativen Geschäft widmen, die
Organisationsstruktur der Gruppe und den Führungsstil überdenken und mich wichtigen Personalfragen zuwenden.«
Der Übergang war auch deshalb schwierig, weil Kurt Ganske
seine Unternehmen als Einzelbetriebe geführt hatte, die unter­
einander kaum Kontakte hatten, deren Führungskräfte sich
häufig nicht einmal kannten und die oft nur eine vage Vorstellung davon hatten, welche Unternehmen mit zur Familie gehörten. Es gab keine gemeinsamen Konferenzen, kein Brainstorming, keine systematische Ideenfindung. Da zudem viele
Führungskräfte über lange Jahre in der Furcht des Herrn gelebt hatten, war bei vielen die Eigeninitiative verkümmert und
die Bereitschaft unterentwickelt, Verantwortung zu übernehmen. Einwände gegen Pläne und Entscheidungen, die der Verleger – allerdings immer erst nach reiflicher Überlegung und
manchmal auch langem Zögern – verkündete, hatten Seltenheitswert. »Da gab es keinen ernsthaften Widerspruch«, fasst
Thomas Ganske die Erfahrungen aus vielen Besprechungen
und Konferenzen zusammen, die er miterlebt hat. »Im Gegenteil, viele haben überlegt, wie sie laut sagen könnten, was er
vielleicht nur denkt oder bald selbst sagen würde. Die lasen
ihm von den Lippen ab.« Sein Bruder Michael drückt es so aus:
»Es gab in den letzten Jahren zu viele Ja-Sager und zu wenig
­eigenständige Köpfe.« Das lag auch an der Überhöhung eines
Chefs, der sich mit zunehmendem Alter immer mehr in sein
Arbeitszimmer oder sein Refugium Hohenhaus zurückgezogen hatte und der selbst für die meisten leitenden Mitarbeiter
unerreichbar fern war.
Zu den wenigen, die sich von der Macht des Alleinherrschers
nicht beeindrucken ließen, gehörte Georg Salinger, der in der
»Villa« über viele Jahre als Finanzchef und Steuerexperte fungierte. »Der war innerlich unabhängig von meinem Vater, und
wenn er nicht einverstanden war, dann leitete er seine Stellung­
nahme meist mit den Worten ein: Herr Ganske, da sollten wir
289
vielleicht etwas vorsichtig sein …« Auch von seinem Sohn ließ
KG sich bei Diskussionen unter vier Augen Kritik gefallen und
nahm ihn als Gesprächspartner ernst – allerdings erst, nachdem es einmal zwischen ihnen ziemlich laut geworden und
schließlich ein Porzellanteller an der Wand zerschellt war. An
den Grund des Streits kann sich Thomas Ganske nicht mehr
genau erinnern, wohl aber daran, dass »wir anschließend weiter zusammen geredet haben. Keiner hat Türen geknallt. Ich
bin nicht herausgerannt; er hat den Raum nicht verlassen.
Stattdessen haben wir diskutiert. Von da an war es völlig anders zwischen uns. Bei mir war die Distanz, die Überhöhung
weg, die ich im geschäftlichen Bereich anfänglich auch gespürt
hatte, und mein Vater hat verstanden, dass sein Gesprächspartner kein Kind mehr war. Von da an war es richtig schön.«
Auch wenn im Testament alles klar geregelt war, bedeutete
dies nicht, dass die Mühlen der Bürokratie schneller mahlten.
Als Thomas Ganske nach den quälend langen Erbschaftsprozeduren endlich die Zeit fand, sich das Unternehmensgebäude,
für dessen Stabilität er nun allein verantwortlich zeichnete, in
Ruhe anzusehen, erkannte er bald, dass es höchste Zeit für
eine gründliche Renovierung war. Auch einige Umbauarbeiten waren überfällig. Er diagnostizierte eine totale Verkrus­
tung der Organisation, stellte fest, dass Kostenmanagement in
den letzten Jahren vor allem in Form von Abschneiden, Einsparen und Reduzieren stattgefunden hatte und dass in vielen
Bereichen des Unternehmens die Gefahr bestand, dass »alles
zu Tode verwaltet wurde«. Doch damals wie heute zeigte er, seinem Vater damit nicht unähnlich, keine Neigung zu hektischer
Betriebsamkeit und zu vorschnellen Entscheidungen. Es dauerte noch zwei Jahre, ehe er die Bagger anrollen ließ.
Doch als er seine Umbaupläne bekannt gab, fielen selbst
Spitzenmanager der Unternehmensgruppe aus allen Wolken –
und manche von ihnen auch aus den oberen Stockwerken der
Unternehmenshierarchie: Am Freitag, dem 9. Juli 1982, wur290
den die Geschäftsführer Ulrich Fortmann und Wilhelm Schlame, die Kurt Ganske 25 beziehungsweise 11 Jahre zuvor eingestellt hatte, von der Gesellschafterversammlung abberufen. Für
sie war in der neuen Verlagsstruktur kein Platz mehr. Sie vertraten nach Meinung des jungen Chefs zudem zu stark »eigene
Interessen«, verteidigten angestammte Reviere.
Am Samstag wurden die nach Hohenhaus einberufenen Betriebsräte und die von der Umorganisation betroffenen Führungskräfte über die vorgesehenen Änderungen informiert.
Am Montag wurde die neue Führungsstruktur etabliert. »Es
war Generalstabsarbeit. Es war zeitlich alles sehr knapp kalkuliert. Aber es hat funktioniert.«
Der enge Zeitplan und die neue Verlagsstruktur war ebenso
wie die Personalentscheidung ein Vorschlag der Unternehmens­
beratung SCS, die Thomas Ganske ins Haus geholt hatte. Auch
deren Honorar war sehr knapp kalkuliert. Der Verleger hatte
dem Bewerber mit dem niedrigsten Angebot den Zuschlag gegeben. Mehr Aufwand hielt er nicht für erforderlich. Er hatte
den organisatorischen Umbau im Grundsatz bereits durchdacht, ehe er Rat von außen einholte. »Die wussten genau, worauf es hinauslaufen sollte. Wer mit einem Fragezeichen zum
Berater geht, ist verloren«, ist er überzeugt. Die Berater sollten
das »ohnehin Gewollte nur im Einzelnen formu­lieren«.
Gewollt war, die veraltete Organisationsstruktur zu verändern, das unscharfe Führungskonzept zu reformieren und die
Verantwortlichkeiten klarer zu regeln. Der Jahreszeiten Verlag,
der Anfang der achtziger Jahre ein noch stärkeres Gewicht innerhalb der Gruppe hatte als heute, war nach Sparten organisiert, die von Geschäftsführern geleitet wurden. Die sahen die
kleineren Objekte als eher lästig an und kümmerten sich vor
allem um die Belange ihrer »Flaggschiffe«. Blätter wie A& W
oder Vital besaßen keinen Fürsprecher. Wenn ein AnzeigenAußendienstler bei einem Kunden saß, sprach er erst einmal
über Für Sie oder petra. Wenn danach noch Zeit blieb, erwähnte
291
er auch die kleineren Blätter. »Das haben wir von einem auf
den anderen Tag geändert«, stellt Thomas Ganske ein Vierteljahrhundert später fest. »Vorher Sparten-, danach Objektverantwortung bis in die Geschäftsführung hinein. Und die Bereiche Vertrieb und Anzeigen wurden in Form einer Matrix
eingebunden.« Sie war so geknüpft, dass der Zuständige, der
für das Ergebnis der Zeitschrift verantwortlich war, verbindliche Vorgaben hatte. Dadurch wurde das Unternehmen insgesamt unabhängiger von den Hauptblättern. »Alle hatten jetzt
eine faire Chance, und es machte Sinn, das Portfolio in der
Breite zu fahren.«
Im Prinzip wird der Jahreszeiten Verlag auch im neuen Jahrtausend so geführt. Später wurden die Objekte aber zu Gruppen zusammengefasst, weil dies am Anzeigenmarkt zu einer
größere Schlagkraft verhilft und die Möglichkeit bietet, Gesamtrabatte zu geben. Heute gibt es einen durchgehenden Additionsrabatt, durch den mehr Aufträge generiert und die
Wahrnehmbarkeit am Markt gesteigert wird. Thomas Ganske
ist überzeugt, dass sein Vater die Notwendigkeit eines Umbaus,
der für die nächsten 20 Jahre die wichtigste innere Reform der
Gruppe bleiben sollte, ebenfalls erkannt und die ergriffenen
Maßnahmen gutgeheißen hätte. »Aber in seinem ­Alter wollte
er sich das nicht mehr antun.«
Eine weitere strategische Entscheidung, durch die sich die
Struktur der Unternehmensgruppe wandelte, ließ sich nicht
übers Wochenende umsetzen, gehörte aber zum Gesamtkonzept. Es war die bewusste und gezielte »Schwächung« der beherrschenden Position, die der Jahreszeiten Verlag bis dahin
innehatte. Dies geschah allerdings nicht dadurch, dass der
Zeitschriftenbereich verkleinert wurde. Stattdessen wurden
die übrigen Betätigungsfelder gezielt ausgebaut. Die Devise
»Abhängigkeiten verringern« galt aber auch für den Jahreszeiten Verlag selbst. Das Ziel war hier, die starke Abhängigkeit
vom Wohl und Wehe der Für Sie durch Stärkung der kleineren
292
Titel und die Entwicklung neuer Objekte zu verringern – auch
wenn nicht jeder Schritt in diese Richtung immer zum erwünschten Ergebnis führte. Das sollte der Risikominderung
dienen und insbesondere einer geringeren Abhängigkeit von
den Media-Umsätzen.
Diese langfristige Strategie zahlte sich vor und nach der
Jahrtausendwende aus, als im gesamten Markt die Anzeigenerlöse Jahr für Jahr um bis zu 20 Prozent einbrachen und selbst
Magazine wie Spiegel, stern oder Capital, die dank ihres glänzenden Anzeigengeschäfts in den neunziger Jahren »aus allen
Nähten platzten«, von Magersucht befallen wurden. Manche
verloren in dieser Zeit mehr als die Hälfte ihrer Anzeigenseiten. Auch der Jahreszeiten Verlag kam dabei nicht ungeschoren davon. Aber da die Abhängigkeit der Gruppe von den Media-Umsätzen deutlich verringert worden war, litt das
Unternehmen, das sich mit Reisezeitschriften wie Merian, Genießer-Publikationen wie dem Feinschmecker, dem Event-Magazin Prinz, seinen Frauenzeitschriften oder den Buchverlagen
und Reiseinformationsdiensten vor allem den schönen Seiten
des Lebens widmet, nicht so stark unter der Anzeigenflaute
wie andere Häuser. Es ruhte inzwischen auf vielen Säulen, zu
denen außer Daheim nun auch der Buchversand und Hoffmann und Campe Corporate Publishing gehörten.
Zeit des Ausbaus
Wenn Kurt Ganske – wie sein ältester Sohn vermutet – gelegentlich von oben herunterschaut, hat er sicherlich mit Zufriedenheit beobachtet, dass sich sein Nachfolger nach dem Umbau des Hauses in den achtziger und neunziger Jahren verstärkt
seinem Ausbau widmete. Das geschah zum Teil durch Wachstum von innen, indem versucht wurde, auf dem immer dichter
besetzten Markt noch Lücken zu entdecken, in denen neue
Zeitschriftentitel erfolgreich platziert werden konnten. Es ge293
schah aber auch durch Firmengründungen und Übernahmen von Unternehmen, die zum Gesamtdesign der Gruppe
passten.
Nicht jeder dieser Versuche war von Erfolg gekrönt. Anderen war nur für eine begrenzte Zeit publizistischer oder wirtschaftlicher Glanz beschieden. Zu den Flops gehörte der 1981
gestartete Menü-Service Daheim ebenso wie die Magazine ­unser
kind und Charme. Sie trafen nicht den Geschmack der potenziellen Kundschaft.
Tempo dagegen, nach twen (1959 –1971) das erste deutsche
Zeitgeistmagazin, war publizistisch zunächst ein großer Erfolg
und verdiente zeitweise sogar Geld. Als die 400 000 Exemplare
der Startnummer 1986 am Kiosk lagen, sorgten sie mit neuer
Optik und kesser Sprache in der Medienwelt für Aufsehen.
Tempo erreichte bald Kultstatus.
Entwickelt hatte Thomas Ganske das respektlose Blatt zusammen mit dem Österreicher Markus Peichl, den er aus Wien
und vom Wiener nach Hamburg geholt hatte. Peichl und sein
ebenfalls aus der Alpenrepublik stammender Art Director Lo
Breier, die bereits den Wiener zusammen gemacht hatten, mixten aus eigenen Ideen und aus Zutaten, die sie bei twen ebenso
wie beim New York Magazine oder in stilbildenden Szeneblättern wie den britischen und französischen Magazinen Face und
Actuel fanden, einen scharfen Cocktail. Die Zeitschrift sollte
den urbanen Lebensstil der jungen Generation abbilden und
gleichzeitig auch mitprägen. Der Tempo-Themenbogen spannte
sich von Konsum über Rebellion, Aids und Armani bis hin zu
Pop und klassischer Kultur. Autoren wie Christian Kracht, Jörg
Böckem, Helge Timmerberg, Marc Fischer, Michael Althen und
Claudius Seidl lieferten Texte. Das KGB, wie das Kolumnis­tenTrio Kopf, Glaser und Biller genannt wurde, sorgte für Aufregung – auch bei den Vertretern des etablierten Journa­lismus.
Zu dem schrägen Blatt passten aufsehenerregende Events
wie eine gefälschte Ausgabe des SED-Zentralorgans Neues
294
Deutschland, die 1988 kostenlos (und natürlich illegal) in OstBerlin verteilt wurde. Die Parodie des sozialistischen Parolenblattes berichtete unter anderem vom neuen »Glasklar-Kurs«
Erich Honeckers, der sich damit Gorbatschows Glasnost-Politik
anpassen wolle. Zwischen den Seiten des Neuen Deutschland lag
eine Tempo-Ausgabe. Das war eine Werbeaktion, die sich weniger an die verdutzten ostdeutschen als vielmehr an die westdeutschen Tempo-Leser richtete, denn ein solcher Coup sorgte
jenseits der Mauer für garantierte Aufregung und damit diesseits der innerdeutschen Grenze für das gewünschte Aufsehen.
Die unbekümmerte Mischung von ernsthaften Inhalten mit
anarchistischen Texten, praller Optik und intellektuellem Pop
war ein Gebräu, an das man sich erst gewöhnen musste. Der
Vorwurf, Vorreiter der Spaßgesellschaft gewesen zu sein, haftet
Tempo bis heute an. Doch aufmerksame Beobachter konnten
auch feststellen, dass sich die »alten Medien« nach einer Schreck­
sekunde den neuen Schreib- und Sehgewohnheiten vorsichtig
annäherten. Beispiele dafür waren das Zeit Magazin und das
­Jugendmagazin jetzt der Süddeutschen Zeitung. Nachdem der
Spiegel das Blatt 1996 schadenfroh beerdigt hatte, stellte spiegel
online zehn Jahre später fest: »Die Tempo-Attitüde war früher im
besten Sinne postmodern: U und E, Pop und Politik, Werbung
und Kritik verbanden sich zum ersten Mal auch in Deutschland zum journalistisch schlüssigen Erscheinungsbild.«
Trotz seiner publizistischen Erfolge musste Tempo 1996 abrupt gestoppt werden. Einbrüche im Anzeigengeschäft, aus­
gelöst durch das erstarkte Privatfernsehen und Konkurrenzprodukte wie Max, Coupé und den deutschen Wiener, hatten
Tempo finanziell schwer angeschlagen. Bei der Suche nach Auswegen aus der Krise nahm zuletzt vor allem das Tempo, mit
dem die Chefredakteure ausgewechselt wurden, gefährlich zu.
Auf ­Peichl folgte nach drei Jahren Lucas Koch, der schon nach
knapp zwei Jahren den Stift weitergab. Nach ihm versuchten
Jürgen Fischer und Michael Jürgs für jeweils ein Jahr ihr Glück.
295
Schließlich hatte Walter Mayer dann noch einmal zwei Jahre
Zeit, um das Blatt auf dem Weg zum Friedhof zu begleiten.
Als 2006 zum 20. Gründungsjubiläum eine einmalige Sondernummer produziert wurde, war es dennoch wieder Markus
Peichl, der Erfinder und erste Chefredakteur von Tempo, der
das Gedenkblatt für den Jahreszeiten Verlag zur Welt bringen
sollte. Und weil das nicht nur selbst ein Ereignis war, sondern
solche Marktauftritte heute sorgfältig als Event inszeniert werden müssen, sollte die Wiedergeburt in Berlin mit einer spektakulären Tempo-Nacht eingeleitet werden. Damit sich alte und
neue Fans passend dazu einkleiden konnten, war rechtzeitig
vorher in der Hauptstadt zudem ein Laden zum Blatt eröffnet
worden. Zwei Monate lang konnten dort junge Designer und
etablierte Marken ihre Produkte vorstellen. Der Tempo-Shop
war als »Laden auf Zeit« konzipiert, in dem die Philosophie
des Blattes zu Produkten geronnen war: In Form von Turnschuhen, Schlüsselbändern, Handtaschen, Badelatschen und
Unterhosen. Aber weil coole Typen bei der Wahl ihres Outfits
inzwischen Denglisch talken, handelte es sich bei den trendi­
gen Tempo-Products selbstverständlich um Sneakers, Keychains,
Flipflop Originals und Foot- oder Underwear. Allgemeinverständlich waren aber immerhin die Aufdrucke auf den T-Shirts,
historische Überschriften aus zehn Jahren Tempo: »Mut zur
Wut« oder »Dicke Titten sind asozial«.
Gestaltet hatte den Laden die Berliner Architektin Susanne
Raupach. Als Regale dienten, die Vergänglichkeit allen journalistischen Tuns symbolisierend, riesige Heftstapel, für die mangels einer ausreichenden Zahl alter Tempo-Hefte allerdings
­Architektur& Wohnen herhalten musste. Die Wände zierten eine
Auswahl typischer Tempo-Headlines. »Ist Köln ein Gerücht?« war
da wieder zu lesen oder »Scheiße, seh ich gut aus«. Die Überschrift »Arschfisch« erinnerte an Maxim Biller, der zu den frühen Autoren des Blattes gehörte und die erste seiner »100 Zeilen Hass«-Kolumnen so betitelt hatte.
296
Viel Zeitgeist, wenig Zeitgefühl
Bei der Gestaltung seiner Nostalgie-Ausgabe ließ Peichl nicht
nur den Zeitgeist der achtziger Jahre noch einmal aus der Flasche. Er bewies auch das gleiche Zeitgefühl wie vor 20 Jahren:
Im Juli 2006 kündigte er an, das Gedenkheft werde zur Buchmesse im Oktober erscheinen. Da Tempo bei der Produktion
von Tempo noch nie sein Ding gewesen war, lag das Heft zur
Buchmesse natürlich noch nicht vor. Der Verlag kündigte stattdessen als Erstverkaufstag den 24. November an. Doch auch an
diesem Tag war von Tempo weit und breit nichts zu entdecken.
Neuer interner Termin: 4. Dezember. Vier Tage später lag das
Magazin tatsächlich am Kiosk – mit 380 Seiten noch dicker als
angekündigt und über 1,2 Kilo schwer. Gestandene Tempo-Leser nahmen es gelassen. Souveräne Missachtung von Erscheinungs- und Druckterminen gehörten zum Markenzeichen.
Einmal musste das alte und das neue Heft sogar als Doppelnummer erscheinen. Peichl hatte auch das zum Event gemacht:
Die beiden Hefte erschienen Rücken an Rücken, das Titelbild
des einen als Rückseite des anderen. Kopfstehend.
Der Verleger zeigte – zumindest nachträglich – Verständnis.
Wenn Peichl die Maschinen anhielt, weil ihm nach Redaktionsschluss eine noch provokantere Überschrift ein- oder ein elektrisierenderes Bild aufgefallen war, »war das immer ein Gewinn für das Heft«. In der Kasse schlug sich das allerdings eher
als Verlust nieder. So auch 2006, als die Produktion schließlich
auf mehrere Druckereien verteilt werden musste, damit das
Heft knapp vor Ende des Jubiläumsjahres überhaupt noch auf
den Markt kommen konnte – dafür allerdings als eine auch in
dieser Hinsicht authentische Erinnerungsnummer. Und wer
geglaubt hatte, optische Schocks seien 20 Jahre nach der ers­ten
Ausgabe nicht mehr möglich, wurde mehr oder weniger angenehm überrascht: Die Jubiläumsausgabe bot 19 abgeschnit­tene
Penisse auf einem Haufen. Das hatte man bis dato noch nicht
297
gesehen. Sie waren zwar aus Gummi, und ein Teil der von betrogenen Ehefrauen in den vergangenen zehn Jahren gewaltsam entfernten Exemplare war den rechtmäßigen Besitzern
­inzwischen wieder angenäht worden. Aber die makabre Glieder­
sammlung zeigte ebenso wie die in zwei Schwimmbecken von
olympischen Ausmaßen gefassten 5,2 Millionen Liter Blut, die
zwischen 1996 und 2006 in Kriegen vergossen worden waren,
was in einer Welt ohne Tempo geschieht.
Von Fehlern leben
Im gleichen Jahr, in dem Thomas Ganske erstmals mit Tempo
auf den Markt gegangen war, hatte er auch beim Buchversand
Gas gegeben. Die Gruppe war in diesem Bereich bereits mit
Rhenania vertreten, an der sich schon sein Vater 1956 maß­
geblich beteiligt hatte. 1986 baute Thomas Ganske den Handelsbereich seiner Gruppe durch eine Beteiligung an Frölich &
Kaufmann aus, einem Spezialversender für Kunstbücher und
Ausstellungskataloge. Weitere Arrondierungen fanden später
durch die Übernahme von Akzente, Mail:Order:Kaiser und
die Gründung des Spezialversenders Vital statt.
Den Kunstbuchversand hatten zwei Studenten gegründet,
die in den siebziger Jahren bei Verlagen, Galerien und Buchhandlungen gejobbt und dabei eine Marktlücke entdeckt hatten: Museen boten an ihren Kassenhäuschen zwar Kataloge
für Besucher an, sie konnten aber nur dort direkt erworben
werden. Im Buchhandel oder auf Bestellung waren die oft aufwendig gestalteten Bände nicht erhältlich. Wer keine Zeit hatte
oder nicht über das erforderliche Geld verfügte, um nach Berlin oder München zu reisen oder gar mal eben nach Paris oder
New York zu jetten, dem entging der Augenschmaus auch in
seiner gedruckten Form. Das ärgerte viele Kunstfreunde, weil
bei großen Ausstellungen oft Bilder aus Privatbesitz gezeigt
werden, die vorher und nachher den Augen Normalsterblicher
298
verborgen bleiben und nicht einmal in Kunstbänden zu finden
sind. In Ausstellungskatalogen dürfen sie dagegen ohne Verletzung des Copyrights abgebildet werden.
Das brachte die beiden ehemaligen Kunststudenten Gerd
Frölich und Andreas Kaufmann auf die Idee, sich größere
Stück­zahlen dieser oft aufwendig hergestellten und mit Texten
erstklassiger Fachleute versehenen Kataloge zu beschaffen und
an Interessenten zu versenden. »Dazu waren die Museen selbst
nicht in der Lage.«
Die Kunsthallen hatten meist auch gar kein großes Inte­resse
daran. Sie produzierten die Kataloge nicht, um sie zu verkaufen, sondern weil es dafür einen Posten im Etat gab. Und wenn
sie das Geld nicht ausgaben, wurden ihnen im nächsten Jahr
die Mittel gekürzt – wie überall im öffentlichen Dienst. Ob die
teuren Bildbände verkauft wurden oder nicht, spielte dagegen
keine große Rolle. »Wenn die Ausstellung vorbei war, wander­
ten die nicht verkauften, aber mit hohen Zuschüssen hergestell­
ten Exemplare in den Keller und verstaubten dort«, schildert
Frölich die Ausgangslage.
Ihre unternehmerische Idee realisierten Kaufmann und
Frölich 1978 in Berlin durch die Gründung eines Spezialversands für Kunstbücher und Kataloge. Anfänglich waren die
Leiter der Museen und staatlichen Galerien erstaunt, wenn
die beiden ihnen 500, 1000 oder noch mehr Kataloge ab­
nehmen wollten. Aber sie hatten auch nichts dagegen – im Gegenteil. Es gab Museen, die von manchen Katalogen 10 000
Stück bestellt, aber nur 500 verkauft hatten. Der Rest lag im
Keller und verstopfte die Regale. »Da sind wir dann manchmal hingegangen und haben nach 15 Jahren das ganze Lager
ausgeräumt.« Was bei den Kunden auf Interesse stieß, kam in
den monatlich aufgelegten »Katalog der Kataloge« und wurde
verkauft.
Die Marktlücke, die die beiden entdeckt hatten, war sogar
noch größer, als sie selbst zunächst gedacht hatten. Dabei wa299
ren – und sind – viele der Kataloge nicht gerade »bedarfsgerecht«, sondern von Fachleuten für Fachleute verfasst. Sie richten sich nicht nach den Wünschen und Bedürfnissen der
Besucher, die vor allem die ausgestellten Werke groß und in
guter Qualität sehen wollen. Es sind Bücher für Spezialisten,
denen eine beschränkte Zahl von Abbildungen reicht. Sie kennen die Künstler und ihre Werke ohnehin genauestens. Es ist
ihnen wichtiger, ihre wissenschaftlichen Aufsätze zu publizieren und sich damit in Fachkreisen zu profilieren, als das breite
Publikum zu anzusprechen. Es gibt nur wenige Kataloge, die
eine Ausstellung aus Besuchersicht angemessen begleiten.
Die beiden jungen Unternehmer nahmen sich vor, es besser
zu machen. Zu einer Ausstellung über das Heilige Römische
Reich Deutscher Nation produzierten sie erstmals selbst einen
Katalog – und denken noch heute ohne allzu großes Vergnügen an ihren Ausflug ins Verlagswesen. Denn auf der einen
Seite hatten sie es mit Druckereien zu tun, die unter ständigem
Zeitdruck standen und die Abwicklung ihrer Aufträge minuziös planten; auf der anderen Seite arbeiteten sie mit Autoren
zusammen, die endlos an ihren Texten feilten, selten pünktlich lieferten und wenn sie den gesetzten Text zur Korrektur
bekamen, alles noch einmal gründlich umschreiben wollten.
Das blieb kein Einzelfall. Durch solche und andere Probleme
wurde nicht nur die Freude der beiden Jungunternehmer am
Verlegerdasein arg gedämpft, sie kamen auch finanziell in Bedrängnis. »Wir beide hatten damals von betriebswirtschaftlichen Fragen wenig Ahnung und sind voll in die Falle gelaufen«, gesteht Kaufmann. Es gab kaum Eigenkapital, zunächst
aber reichlich Kredite zur Finanzierung des schnellen Wachstums. »Die Banken haben es uns vorne und hinten reingesteckt.« Doch als sich zeigte, dass die beiden sich übernommen
hatten, war auch bei den Kreditgebern plötzlich Schluss mit
lus­tig. Acht Jahre nach der Gründung stand das Start-up 1986
am Abgrund.
300
Frölich und Kaufmann waren aber nicht bereit, ihre an sich
richtige und erfolgreiche Geschäftsidee so schnell verloren zu
geben. »Wir haben den Hörer in die Hand genommen und in
der ganzen deutschen Verlagslandschaft herumtelefoniert und
gefragt, ob jemand bereit sei, sich zu beteiligen oder uns zu
übernehmen«, erinnert sich Frölich. Bei Hoffmann und Campe,
wo sie es eigentlich gar nicht erwartet hatten, wurden sie fündig. Glück im Unglück: Thomas Ganske, der nicht nur Bücher
verlegt, sondern selbst ein leidenschaftlicher Büchersammler
ist, war bereits Kunde bei ihnen. Er hatte überdies schon darüber nachgedacht, ob ein solcher Spezialversand nicht gut zu
seiner Gruppe passen könnte. Da lag es nahe, dass man sich
geschäftlich bald einig wurde. Hoffmann und Campe gründete zusammen mit den beiden immer noch jungen Unternehmern die Frölich & Kaufmann Verlag und Versand GmbH
neu. Die Arbeit konnte fortgesetzt werden.
Inzwischen hat sich Frölich & Kaufmann zu Europas größtem Spezialversender für Kunstbücher und Kataloge entwickelt.
Ob Interessenten sich für Werke aus den Bereichen Malerei,
Fotografie, Archäologie oder Design interessieren, bei F& K haben sie gute Chancen, fündig zu werden. Es gibt kaum einen
Wunsch, den die Berliner Spezialisten nicht erfüllen können.
Neben Büchern bieten sie auch Grafiken, Reprints und hochwertige Drucke oder Vorzugsausgaben an. Kunstbücher sind
aber nach wie vor das Kerngeschäft. Über 25 000 Titel sind im
Angebot. Dazu kommen einige Hundertschaften literarischer
Hörbücher und klassischer Musik zu stark reduzierten Preisen.
Kenner entdecken darunter zum Beispiel Schnäppchen wie
den Faksimile-Band »Horst Janssen: Un Séour Parisien« der
Galerie Berggruen in Paris vom Oktober 1989. Statt für ursprünglich 298 Euro sind die Blätter bei dem Spezialversender
für 148 Euro zu haben. Das komplette Buch- und Katalog-Angebot steht unter www.froelichundkaufmann.de im Internet.
301
Bitte diese Kolumne um eine Zeile erweitern.
Über ausgewählte Angebote informiert regelmäßig der per Post
verschickte Katalog der Kataloge.
Manchmal ist bei F& K selbst dann ein Schnäppchen zu machen, wenn ein aktueller Ausstellungskatalog zum Originalpreis verkauft wird – zum Beispiel wenn er zusammen mit einer
Eintrittskarte verschickt wird, die es dem Käufer erlaubt, an einer schier endlosen Schlange von Wartenden vorbei in den
Kunsttempel zu gelangen. So geschehen 2005 bei der Berliner
MoMa-Ausstellung. Fast 20 000 Kunden der kunstsinnigen
Kaufleute nutzten dieses Angebot, um die Prunkstücke des
New Yorker Museum of Modern Art während ihres Besuchs in
Berlin bewundern zu können, ohne sich schon vorher die
»Beine in den Bauch zu stehen«.
Auch ein Vierteljahrhundert nach dem Start sind Gerd
­Frölich und Andreas Kaufmann noch nicht abgehoben. Die
Zentrale des Unternehmens liegt versteckt in einem Berliner
Altbau, der einmal ein kleines Lazarett beherbergt hat. Die
Loft-Büros erinnern noch immer an die einstige Studentenfirma, aus der mittlerweile ein europäischer Marktführer geworden ist. In den hinter hohen Bücherstapeln versteckten
Computern sind inzwischen aber eine Viertelmillion Kunden
registriert, die regelmäßig informiert werden, selektiert nach
Interessengebieten und Kaufverhalten. Wer häufig bestellt,
dem flattert alle zwei Wochen das aktuelle Angebot ins
Haus, wer sich lange nicht mehr gemeldet hat, bekommt den
Katalog nach einer gewissen Zeit nur alle vier Wochen oder
seltener.
Während die unternehmerische Kreativität immer noch in
Berlin beheimatet ist, sind der Versand, die Lagerhaltung, der
Telefonservice und andere logistische Funktionen längst ausgelagert worden. Wer in Berlin bestellt, wird aus Falkensee in
Brandenburg beliefert. Das damit beauftragte Service-Unternehmen arbeitet auch für die in Lahnstein residierenden Buchversender Rhenania, Akzente und Vital sowie für Mail:Order:
302
Kaiser, dessen Postadresse immer noch München lautet. Sie
alle gehören zum Bereich Handel der Ganske-Gruppe.
Mutter der Kompanie ist die 1946 in Koblenz gegründete
Rhenania, deren Buchhandlung mit dem Katalog »Das billige
Buch« bereits 1962 in den Versandhandel einstieg, aber erst
seit 1997 als Rhenania BuchVersand GmbH ein rechtlich selbständiges Unternehmen unter dem Dach der Ganske-Gruppe
ist. Daneben gab es einen Verlag für Fachzeitschriften, zu dessen Leserservice es gehörte, die Kunden mit Fachliteratur zu
versorgen, die der stationäre Handel in der Regel nicht in den
Regalen liegen hat. Daraus entwickelte sich schließlich der zentrale Unternehmenszweck, der Buchversand. Denn während
die Fachblätter entweder verkauft oder eingestellt wurden,
wuchs die Rhenania zur zweitgrößten deutschen Versandbuchhandlung heran.
Dazu musste sie allerdings »vom Kopf auf die Füße gestellt«
werden. Anders als in ihren Anfängen wendet sich der Rhenania BuchVersand heute nämlich nicht mehr an einen kleinen
Kreis von »Fachidioten«, sondern an Leser mit einem breiten
Interessenspektrum, die Wert auf Bildung und Unterhaltung
legen und dabei auf günstige Preise achten. Sie finden in den
Katalogen heute ebenso etwas für den Kopf wie für den Magen,
nämlich kulturhistorische Werke und hochwertige Kochbücher.
Dazu kommen Reiseliteratur und Zeitgeschichte oder ehemals
teure Kunstbücher zu erschwinglichen Preisen. Die Spanne
reicht von den großen Religionen der Welt bis zur oft bizarren
Welt der Erotik. Ganz im Sinne der Aufklärung wird dabei
kein Thema ausgespart, jedenfalls nicht im religiösen Bereich.
Alle Weltreligionen haben ihren Platz im Angebot. Auch Atheisten finden sich darin als Autoren oder Leser wieder.
Nicht nur das Kerngeschäft, sondern auch die dahinterstehende Logistik hat sich im Laufe von über vier Jahrzehnten
gründlich verändert. Neben die traditionelle und von vielen
Kunden immer noch gern genutzte Bestellkarte sind ähnlich
303
wie bei Frölich & Kaufmann auch bei Rhenania heute Telefon,
Fax, Internet und E-Mail getreten. Rund 15 Prozent der Bestellungen gehen inzwischen online ein. Solange Downloads bei
Büchern noch keine nennenswerte Rolle spielen, findet die Zustellung dagegen immer noch so statt wie schon zu Großmutters Zeiten: Post und Paketdienste bringen die Bücher wenige
Tage nach der Bestellung ins Haus. Ähnliches gilt für die übrigen Versender, die heute unter dem Dach der Rhenania
arbeiten.
Die Mail:Order:Kaiser GmbH erwarb die Rhenania im Juni
2001 – allerdings nicht direkt aus der Hand des Gründers Hans
Jürgen Kaiser, der 1966 in München mit dem Verkauf von Restbeständen von Verlagen begonnen hatte. Verkäufer war der
Axel Springer Verlag, der sich seit Ende 1998 als Buchversender versucht, aber schon nach gut zwei Jahren die Lust an diesem Geschäft wieder verloren hatte. »Eine Tochter mit 19 Millionen Umsatz war für den Konzern wohl keine Perspektive«,
klagte Kaiser, der durch diesen Deal nach dem Unternehmen
auch noch den Job als angestellter Geschäftsführer einbüßte.
Weder er noch seine 40 Mitarbeiter wurden vom neuen Eigentümer übernommen. Der war nur am Markennamen, dem
­Warenbestand und der Kundenliste interessiert. Über eine ausreichende Zahl qualifizierter Mitarbeiter und Expertise im
Buchversandgeschäft verfügte Rhenania bereits selbst. Vom
Standort München blieb nur die Postanschrift erhalten.
Mit preiswerten Büchern Akzente setzen
Unverändert geblieben ist die Form der Kundenansprache. Neben großflächigen Anzeigen in Zeitungen und Magazinen sind
es auch bei Kaiser die Kataloge, die registrierte Kunden regelmäßig in ihren Briefkästen finden. Sie enthalten neben den
Schnäppchen immer auch eine Auswahl spezieller Bücher,
CDs und Videos aus dem regulären – also noch preisgebun304
denen – Buch- und Videoangebot. Den Schwerpunkt bilden
­jedoch Bücher und Videos aus dem Bereich des »modernen
Antiquariats«, die zu stark reduzierten Preisen abgegeben werden. Sammler und Liebhaber durchforsten die Kataloge aber
auch deswegen, weil sie darin oft Text- und Bildbände finden,
die im stationären Handel nicht mehr erhältlich sind. Dazu
kommt der internationale Versand, durch den Kunden im Ausland über Mail:Order:Kaiser fast alle beschaffbaren Bücher
und Videos beziehen können. Schwerpunkte des Sortiments
sind Literatur und Film. Aber auch die Liebhaber von Erotika,
die ihre Wünsche oft nur ungern einer jungen Verkäuferin
im Buchladen um die Ecke anvertrauen, kommen auf ihre
­Kosten.
Akzente wurde 1995 gegründet und kam im Dezember 2000
zur Familie. Die monatlich verschickten Akzente-Kataloge wenden sich vor allem an Kunden, die sich für Geschichte, Philosophie oder Literatur interessieren, mehrheitlich den »bildungsnahen Schichten« angehören und von denen 20 Prozent einen
akademischen Titel besitzen. Es sind Vielleser, die von den
meist stark reduzierten Preisen profitieren wollen. Denn bei
Restauflagen, dem früher sogenannten modernen Antiquariat, gilt die Buchpreisbindung nicht mehr. Leseratten können
Schnäppchen machen und Bücher entdecken, die im sta­tio­nä­
ren Buchhandel nicht so leicht oder gar nicht mehr zu fin­den
sind. Wer nicht so lange warten will, bis der nächste ­Katalog
kommt, kann im Zeitalter des Internets natürlich zu jeder Tages- und Nachtzeit durch das gesamte Angebot surfen. Denn
Akzente schickt ebenso wie Frölich & Kaufmann, Mail:Order:
Kaiser oder Rhenania nicht nur ausgewählte Angebote per
Post ins Haus, sondern stellt auch das Gesamtangebot ­komplett
ins Netz. In den Katalogen können die Versender immer nur
einen aktuellen Ausschnitt aus dem Gesamtangebot zeigen.
Vital ist das jüngste Mitglied im Kreis der spezialisierten
Buchversender und spricht einen ähnlichen Interessentenkreis
305
an wie die gleichnamige Zeitschrift des Jahreszeiten Verlags.
Der junge Versender nutzt nicht nur das Label des älteren Magazins. Man tauscht auch Adressen und Erfahrungen aus. Ein
typischer Fall von Synergie also. Im Katalog und auf der Website des Spezialversenders finden Leser(innen) von der »JoghurtLüge« über den »Homöopathie Quickfinder« und »Japanisches
Heilströmen« bis hin zur »Heilkunde der Hildegard von Bingen« alles, was der Gesundheit, Fitness und dem Wohlbefinden dient. Sie werden aber auch darüber informiert, »Warum
Männer mauern« und was man alles mit Hilfe von Tomaten auf
den Tisch zaubern kann.
So unterschiedlich die Angebote der einzelnen Versender
und ihre Zielgruppen auch sind, so haben sie doch viele Gemeinsamkeiten. Dazu gehört nicht nur, dass sie zusammen den
zweiten Platz in ihrer Branche erobert haben. Abgesehen von
Frölich & Kaufmann in Berlin, wo auch heute noch die Gründer die Geschäfte führen, haben sie ein einheitliches Management und werden seit 1999, als das Unternehmen von Koblenz
ins nahe gelegene Lahnstein umzog, auch gemeinsam von dort
geführt. Einen »Wasserkopf« sucht man trotzdem vergeblich.
»Wir haben hier nur die Verwaltung und den Einkauf, machen
das Programm und die Kataloggestaltung«, erklärt Frederik
Palm, der seit 1998 als Geschäftsführer an der Spitze der Rhenania steht, warum eine Villa aus den fünfziger Jahren aus­
reicht, um die Führungsmannschaft und zentrale Funk­tio­nen
zu beherbergen. Outsourcing lautet ansonsten die Devise.
Die Datenverarbeitung, die Personalverwaltung und andere
betriebswirtschaftliche Funktionen erledigt die Zentrale der
Ganske-Gruppe, die später vielleicht auch Downloads von Hörbüchern und andere Internetangebote koordiniert. Die Lagerhaltung und der Buchversand obliegen dem in Falkensee bei
Berlin ansässigen Dienstleistungsunternehmen, das auch für
F& K tätig ist. Die Kataloge werden nur bis zur digitalen Endform im eigenen Haus gestaltet und dann online an die Dru306
ckerei übermittelt. Von dort gehen sie an einen spezialisierten
Lettershop, der aus Lahnstein die aktuellen Adressenlisten erhält, natürlich ebenfalls online. Denn nicht jeder Katalog geht
an alle 1,4 Millionen Adressen, die dort von Rhenania zentral
verwaltet werden. Die Empfänger werden vielmehr nach ausgeklügelten Verfahren entsprechend ihren Interessen und ihrem
Bestellverhalten sorgfältig selektiert, um Streuverluste zu vermeiden. Kundenselektion zählt ebenso zur hohen Kunst des
Versandhandels wie die Auswahl der jeweils 280 bis 320 Bücher,
CDs und sonstigen Artikel, die aus den insgesamt etwa 13 000
am Lager befindlichen Titeln für die jeweilige Katalogausga­
be ausgewählt werden. »Darunter sind natürlich keine Bücher,
von denen wir nur noch ein oder zwei Stück auf Lager haben«,
erläutert Palm. »Dafür ist der Platz im Katalog zu teuer, und
wir würden auch zu viele Kunden enttäuschen, denen wir das
bestellte Buch nicht liefern können.« Über das Internet kann
jeder Interessent aber auch die Bücher finden, von denen nur
noch ein oder zwei Exemplare vorhanden sind.
Es kommt vor, dass von einzelnen Titeln 10 000 Stück und
mehr auf diesem Vertriebsweg ihre Käufer finden. »Wir machen uns die Fehlkalkulationen der Verlage zunutze«, verrät
Palm. An ein Buch, das sich entgegen den ursprünglichen Erwartungen als ein Renner herausstellt, knüpfen sich häufig bei
weiteren Auflagen überspannte Hoffnungen. Die Verlage bleiben auf einem großen Teil der nachgedruckten Exemplare sitzen und sind dann froh, wenn ihnen die überzähligen Exem­
plare abgenommen werden. Oft gehen sie zu einem Zehntel des
ursprünglichen Preises an einen Großhändler, der die Bücher
seinerseits mit einem gewissen Aufschlag an stationäre Händler weitergibt, die sie deutlich unter dem ursprünglichen Preis
im »modernen Antiquariat« oder heute auch gern als »das gute
Buch zum günstigen Preis« anbieten. Versandbuchhandlungen
kaufen zwar ebenfalls bei Großhändlern ein, übernehmen
aber oft die gesamte Restauflage eines Verlags.
307
Sobald die bis dahin geltende Buchpreisbindung durch
eine Anzeige im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels aufgehoben wurde, kann der Titel zu einem frei kalkulierten – und damit deutlich günstigeren – Preis verkauft werden. Bei manchen
Büchern wird mit den Verlagen aber von vorneherein der
Druck einer Sonderausgabe vereinbart. Daneben werden Bücher zum Originalpreis verkauft, manche davon fast ausschließlich im Versandhandel. Das gilt vor allem für Bücher der Kategorie special interest. Dazu zählen beispielsweise Bildbände für
Eisenbahnfreunde, die sich für spezielle Lokomotiven begeis­
tern. Auch das einzige Buch über Seereisen mit Frachtschiffen
wird fast nur über den Rhenania BuchVersand verkauft, seit
Jahren und mit großem Erfolg. Frederik Palm erklärt, warum:
»Diese Bücher hat meist kein Sortimenter vorrätig. Wenn sie
bestellt werden, dauert das beim stationären Handel genauso
lange wie bei uns. Während sie dort aber erst noch abgeholt
werden müssen, liefern wir sie direkt ins Haus.«
Auch dafür, dass sich manche Bücher, die zunächst nur
­wenige Käufer fanden oder die im Handel einen plötzlichen
­Karriereknick erlebten, bei Akzente, Rhenania oder Kaiser
selbst dann einen zweiten Frühling erleben können, wenn sie
nicht deutlich verbilligt abgegeben werden, hat Palm eine einfache Erklärung: »Es gibt Bücher, die werden gekauft, und andere, die werden verkauft. Das Verkaufen ist unsere Stärke.«
Während im stationären Buchhandel die Bücher liegen und
auf ihre Entdeckung warten, kommen die Kataloge ins Haus.
Sie werden von Kunden durchgeblättert, die entweder spe­zielle
Interessen haben oder sich durch das Angebot anregen lassen.
Bei Fachbüchern ist man im Internet ohnehin besser aufgehoben als in der Buchhandlung. Denn die gewünschten Titel sind
am Lager, erscheinen aufs Stichwort auf dem Bildschirm, und
ein Klick reicht, um sie sich ins Haus zu holen.
Anders als beim Versandbuchhandel war der Versuch, beim
stationären Buchhandel an die Tradition des Unternehmens
308
anzuknüpfen, nicht von Erfolg gekrönt. Aber einen Versuch
schien es Thomas Ganske wohl wert. Immerhin hatte der Großvater aus einer Buchhandlung heraus seinen Lesezirkel aufgebaut, der Vater hatte in Berlin in den dreißiger Jahren ein renommiertes Bücherhaus betrieben, und die Wiege der Verlage
Hoffmann und Campe sowie Gräfe und Unzer war ebenfalls
eine Buchhandlung. Deshalb erschien es wie eine Besinnung
auf die eigene Vergangenheit, als HoCa 1989 die in bester
Lage auf der Düsseldorfer Königsallee angesiedelte Schrobs­
dorff’sche übernahm. Die Buchhandlung war das älteste Geschäft an der Kö. Im Innenhof des Hauses wächst ein Ginkgobaum, unter dem einst Goethe gesessen haben soll. Deshalb
hatten die Schrobsdorffs ihren Laden respektvoll um den
Baum herumgebaut. Zwei Jahre später wurde 1991 in der Nürnberger Altstadt das Buchhaus Campe eröffnet. Doch es zeigte
sich bald, dass entweder enorme Anstrengungen unternommen werden mussten, um es mit Hugendubel, Thalia und den
anderen großen Buchhandelsketten aufnehmen zu können,
oder dass der stationäre Buchhandel ein kleines und teures
Anhäng­sel der großen Verlagsgruppe bleiben würde. Thomas
Ganske hielt es für besser, die Kräfte seiner Gruppe auf die Gebiete zu konzentrieren, wo sie bereits stark und kompetent war.
Im Jahr 2004 wurden deshalb nach 132 Jahren bei der Schrobs­
dorff’schen die Bücher endgültig geschlossen und das Buchhaus Campe in Nürnberg verkauft.
Kein wirklich schönes Wochenende
Teurer als der Versuch, die Möglichkeiten im stationären Buchhandel auszuloten, erwies sich das Wagnis, mit neuen Ideen in
den Markt der Wochenzeitungen vorzudringen. Als sich bereits abzeichnete, dass Tempo auf die Dauer nicht zu halten war,
ließ sich Thomas Ganske zusammen mit seinem Chefredakteur Manfred Bissinger auf ein neues verlegerisches und jour309
nalistisches Risiko ein. Er brachte Die Woche auf den von der
Zeit dominierten Markt – allerdings mit einem deutlich anderen Konzept als das der schwerfällig gewordenen Marktführerin. Die Woche war die erste durchgehend vierfarbig gedruckte
Zeitung, die überdies nicht nur dadurch von der traditionellen
Optik abwich, sondern mit ihrem kleineren Format auch deutlich handlicher daherkam als die Konkurrenz.
Das allein hätte als publizistische Idee nicht tragen können.
Wichtiger war die Zielsetzung, mit einem solchen Blatt die gewandelten Lese- und Informationsbedürfnisse besser erfüllen
zu können, als es die etablierten Publikationen taten. Der Zeitpunkt erschien günstig: Mit dem Zusammenbruch des »sozialistischen Lagers« verlor auch das Blockdenken seine Basis. Die
alten politischen Schemata galten nicht mehr. Das eingeübte
Feindbild ging verloren. Die wirtschaftliche und politische Globalisierung hatte das Bewusstsein der meisten Zeitgenossen
Anfang der neunziger Jahre noch nicht erreicht. Erkennbar
war nur, dass ein neues Weltbild erst noch gefunden werden
musste. Daraus schienen sich neue Bedürfnisse nach politischer Orientierung zu ergeben. Überdies hatte das wiedervereinigte Deutschland noch keine publizistische Stimme. Es
gab die westdeutschen Blätter, die sich schwertaten, eine Sprache zu finden, die im Osten ankam. Und es gab die Zeitungen
der ehemaligen DDR, deren Glaubwürdigkeit sogar im eigenen
Verbreitungsgebiet gegen null tendierte.
Es war daher kein Zufall, dass fast zur gleichen Zeit zwei
Verlage auf die Idee kamen, diese Lücke mit einer neuen Wochenzeitung zu füllen, nämlich außer der Ganske-Gruppe der
ebenfalls in Hamburg beheimatete Verlag Gruner+Jahr. Während Hoffmann und Campe von der Hansestadt aus versuchen
wollte, den gesamtdeutschen Markt zu erobern, startete G +J
die Attacke auf die etablierte und gerade neu entstehende
Konkurrenz aus dem Osten heraus. Man wollte versuchen, aus
der schon seit 1953 in der ehemaligen DDR erscheinenden
310
­ ochenpost, von der zu Honeckers Zeiten wöchentlich 1,3 Millio­
W
nen Exemplare gedruckt worden waren, ein Blatt zu machen,
das in Ost und West auf Akzeptanz stieß – was natürlich voraussetzte, dass erst einmal der ganze sozialistische Kehricht aus
den Redaktionsstuben gefegt werden musste.
Doch der Versuch, aus der ehemaligen SED-Postille eine gesamtdeutsche Wochenzeitung zu machen, scheiterte so gründlich, dass sich G +J schon 20 Monate nach dem Start im März
1993 wieder von dem Blatt verabschiedete. Die Auflage von
rund 100 000 verkauften Exemplaren in den neuen Bundesländern, die noch dazu durch wenig einträgliche »Sonderverkäufe« aufgepeppt worden war, reichte bei weitem nicht aus;
im Westen ist das aus der Konkursmasse der DDR übernommene Blatt nie auffällig geworden, weder publizistisch, gestalterisch noch hinsichtlich seiner Verkaufszahlen. Das Ziel, im
Westen Deutschlands mindestens 50 000 Leser zu gewinnen,
entpuppte sich rasch als utopisch.
Die Woche hatte einen wesentlich besseren Start. Auch wenn
der Spiegel es sich nicht verkneifen konnte, sie als »bunte BabyZeit« zu verspotten, fand ihre neue optische und inhaltliche
Konzeption Anerkennung. Der Neuling im Revier konnte
schon nach kurzer Zeit den zweiten Platz unter den politischen
Wochenzeitungen erobern. Auch die angepeilte Leserschaft –
hohe Bildung, hohes Einkommen sowie großes politisches Interesse – wurde erreicht. Unter den Abonnenten und Käufern
am Kiosk waren überdurchschnittlich viele Leser mit Abitur
und Studium. Auffallend viele verdienten als Manager, Anwälte, Selbständige oder Ärzte mehr als nur ihr Brot. Allerdings war die Gesamtzahl dieser neuen, politisch interessierten Leserschicht nie ausreichend, um ein Blatt wie die Woche zu
tragen. Nach dem von einer intensiven PR- und Werbekampagne beglei­teten Start am 18. Februar 1993 kletterte die verkaufte Auflage zwar schnell auf 130 000. Doch damit war auch
schon das Ende der Fahnenstange erreicht. Es ging trotz aller
311
Anstrengungen einfach nicht mehr weiter. »Die Leserschaft,
die wir erreicht haben, war hervorragend, blieb aber zu klein«,
bedauert Thomas Ganske. Für ein dauerhaftes Entkommen
aus der Verlustzone und ein auskömmliches Anzeigengeschäft
wäre eine Auflage zwischen 200 000 und 250 000 Exemplaren
erforderlich gewesen. Das erwies sich zum damaligen Zeitpunkt als unerreichbar.
Zwar wurde versucht, durch redaktionelle Anstrengungen
und neue Vertriebsideen, durch organisatorische Verbesserun­
gen und jede nur mögliche Kosteneinsparung, durch Erwerb
der Abo-Kartei der Wochenpost und schließlich durch Partnersuche bei der WAZ und dem Burda Verlag das Blatt noch zu
wenden. Doch es gelang nicht. »Das Defizit der Woche bewegte
sich immer innerhalb eines bestimmten Rahmens, aus dem es
kein Entkommen gab«, resümiert Ganske. Er musste schließlich
die Notbremse ziehen. Jeder Euro, den die Woche verschlang,
fehlte für Investitionen an anderer Stelle: In der elften Kalenderwoche 2002 erschien die letzte Ausgabe des Blattes.
Durststrecke inklusive
Thomas Ganske hatte bei seiner Wochenzeitung ebenso wie
bei anderen, nach einem längeren Anlauf schließlich erfolgrei­
chen Zeitschriften eine längere Durststrecke von vorneherein
einkalkuliert. Er war bereit, einen Anfangsverlust von 50 bis 60
Millionen D-Mark in Kauf zu nehmen. Doch nach zehn Jahren
musste er einsehen, dass er und Chefredakteur Bissinger – und
mit ihnen die Marktforscher – die Bedürfnisse der potenziellen
Leserschaft nach Orientierung und die Breite der nach Aufklärung lechzenden Bevölkerungsschicht überschätzt hatten.
»Das große Orientierungsbedürfnis hat es offenbar in diesem
Ausmaß nicht gegeben«, bedauert Ganske. »Man muss im Gegenteil feststellen, dass sich ein großer Teil der Medien immer
312
Bitte diese Kolumne um eine Zeile erweitern.
stärker entpolitisiert hat. Ein Fragen und Nachfragen gab es
bei der Bevölkerung nicht in dem erwarteten Umfang.«
Dafür, dass sich ein Blatt wie die Woche neben den bereits
existierenden Medien nicht durchsetzen konnte, gibt es aber
noch eine Reihe weiterer Gründe. Hermann Schmidt, der als
Vertriebsleiter mit ebenso viel Herzblut dabei war wie die Redaktion, sieht angesichts der recht guten Abonnentenzahlen
eine der Ursachen für das Scheitern im Einzelverkauf. »Der
Markt war durch Spiegel und Zeit besetzt. Wenn wir in die Universitätsstädte gingen, wo unsere Zielgruppen besonders stark
vertreten waren, lief es zunächst immer recht gut. Aber sobald
wir beim Einzelhandel und den großen Zeitungsverkaufsstellen keinen Druck mehr machten, sackte alles wieder in sich
zusammen.«
Auch die veränderte Arbeitsteilung innerhalb der Medienbranche hat dazu beigetragen, den potenziellen Markt der Woche zu begrenzen. Da die Tageszeitungen dem Rundfunk – insbesondere in seiner bebilderten Form – sowie dem Internet
und anderen neuen Medien das aktuelle Nachrichtengeschäft
weitgehend überlassen mussten, veränderten sie ihr Angebot.
Sie liefern ihren Lesern mit Reportagen, Hintergrundinforma­
tionen, investigativen Berichten, Kommentaren, Lebenshilfe
und Unterhaltung immer mehr von dem Lesestoff, den bis dahin vor allem die Wochenzeitungen geboten hatten. Wer nach
»Orientierung«, verständlicher Berichterstattung oder der Erklärung von Zusammenhängen sucht, fand und findet dies
nicht nur in der überregionalen Tagespresse, sondern manchmal sogar in seinem Heimatblatt.
Dennoch ist die Woche nicht spurlos untergegangen. Viele
der Elemente, die die Woche in die neue Medienwelt eingebracht hat, lassen sich heute in Tages-, Wochen- und Sonntagszeitungen entdecken. Deshalb ist Manfred Bissinger als ehemaliger Chefredakteur und Herausgeber überzeugt, dass die
Arbeit seiner Redaktion nicht vergeblich war. »Blättern Sie in
313
Provinzblättern, aber auch der Zeit, der Süddeutschen oder der
FAZ – überall finden sich Spuren der Woche. Wir haben formal
Zeichen gesetzt: bei der Gestaltung von Seiten, beim Umgang
mit Zusatzinfos, wie man Vorspänne schreibt, Zusammenfassungen präsentiert. Insofern haben wir bis zum heutigen Tag
Einfluss. Wir haben gezeigt, dass man schon im ersten Absatz
zur Sache kommen kann und nicht erst in der zweiten Spalte
wie bei der Zeit.« Er sieht in der modernen Presselandschaft
auch viele andere Anzeichen, die ihn in der Überzeugung bestärken, dass die Woche ihr eigenes Ende überlebt hat: »Wir waren in vielen Kategorien stilbildend. Es gibt ganz bestimmte
Formen, die mit der Woche eingeführt wurden und die man
heute an anderen Stellen wiederfindet.« Dazu zählt Bissinger
die »von uns entwickelte Themenleiste unter dem Zeitungskopf« ebenso wie die Idee, jedem Artikel eine zweite Ebene
hinzuzufügen, die den Inhalt schneller erfassbar macht. Auch
das farbige Leitsystem, das durch die einzelnen »Bücher« der
Zeitung führt und deutlich macht, in welcher Rubrik man sich
gerade befindet, zählt er zu den Elementen, die in anderen
Blättern überlebt haben.
Die Woche ist nach Ansicht Bissingers mit wehender Flagge
untergegangen. »Wir haben redlich gekämpft, und wir haben
eine gute Zeitung gemacht, die durchaus ihr Publikum gefunden hat. Für einen dauerhaften Erfolg war es aber zu klein. Uns
ist es gelungen, innerhalb kurzer Zeit eine Marke zu schaffen,
das Produkt Die Woche zu etablieren. Wir hatten sehr gute Journalisten, die das Blatt machten, und unsere Leser haben sich
mit der Zeitung identifiziert. Ich bekomme immer noch Briefe,
in denen gefragt wird, ob nicht eine Wiedergeburt möglich
wäre.«
Auch Verleger Thomas Ganske unterscheidet daher zwischen dem publizistischen und dem wirtschaftlichen Ergebnis
der Woche. »Eine publizistische Ambition hat immer zwei Aspekte – den journalistischen Inhalt und den ökonomischen Er314
folg. Publizistisch war die Woche, solange sie erschien, ein Gewinn; wirtschaftlich war sie kein Erfolg.« Überdies weiß er, dass
Fehlschläge zum Geschäft gehören. »Wenn ein Unternehmen
sich über hundert Jahre lang am Markt behauptet, kann es
nicht nur eine Kette von Erfolgsstorys geben. Dazu gehören
immer auch Niederlagen.«
Man muss sie sich aber leisten können. Und dazu, dass am
Jahresende die Zahlen unter dem Strich trotz journalistischer
und verlegerischer Wagnisse wie Tempo oder Woche stimmen,
sollen neben Daheim, den etablierten Magazinen des Jahreszei­
ten Verlags oder dem Versandbuchhandel auch jüngere Töch­
ter wie Gräfe und Unzer, iPublish, Travel House Media, Prinz
oder Hoffmann und Campe Corporate Publishing beitragen.
Neuntes Kapitel
¨
¨
Die TUren
Offnen
sich
D
ie Kulturrevolution fand an einem Wochenende statt. Wäh­
rend einer Klausurtagung, zu der Thomas Ganske das
Spitzenmanagement seiner Unternehmen am 9. und 10. Juni
2001 geladen hatte, verkündete er, mit der Praxis des »Getrennt
marschieren« sei es nun endgültig vorbei. Vom kommenden
Montag an werde sich sein Haus auch nach außen in all seiner
Vielfalt als Einheit darstellen und als »Ganske Verlagsgruppe«
auftreten. Ihre Führung wurde einer kurz zuvor gegründeten
Holdinggesellschaft, der Ganske Verlagsgruppe GmbH, übertragen, an deren Spitze ein Vorstand mit zunächst vier Mitgliedern gestellt wurde.
Intern war das neue Zeitalter schon drei Jahre früher eingeläutet worden: »Die Zeit, in der die Türen zwischen den Unternehmen verschlossen waren, ist vorbei«, hatte der Verleger im
August 1998 im Editorial der ersten Ausgabe einer Mitarbeiter­
zeitschrift mitgeteilt, die ebenfalls ein Novum war und seither
zweimal jährlich erscheint. Von Stund an sollten alle Möglichkeiten der Zusammenarbeit genutzt und bisher brachliegende
Synergien systematisch ausgeschöpft werden. Glasnost statt Abschottung.
Das war nichts anderes als ein totaler Bruch mit der von seinem Vater über viele Jahrzehnte gepflegten Unternehmenskultur. Kurt Ganske hatte immer wieder Unternehmen gegründet
und übernommen, es aber nie für notwendig gehalten, sie untereinander zu vernetzen. Alle Fäden liefen in der Zentrale zusammen, und er allein hielt sie in der Hand. Nun sollte zusammenwachsen, was zum Teil schon seit mehr als einem halben
319
Jahrhundert zusammengehörte. Das war in der Praxis zwar
schon an vielen Stellen der Fall gewesen, wie Thomas Ganske
den Mitarbeitern am Beispiel der »Für-Sie-Kochbücher« illustrierte, die bei dem auf die Pfle­ge von Gaumengenüssen spezialisierten Verlag Gräfe und Unzer erschienen. Doch dass es
sich dabei um eine Koopera­tion innerhalb des eigenen Hauses
handelte, war vielen Mitarbeitern bis zu diesem Tag verborgen
geblieben.
Viele staunten daher nicht schlecht, als sie in ihrer neuen
Mitarbeiterzeitschaft auf einer Doppelseite erstmals ein Organigramm der Gruppe entdeckten und auf der folgenden Doppelseite eine bunt bebilderte Chronik der Geschichte ihres Unternehmens fanden. »Mit dem Blick auf das Ganze zeigt sich«,
schrieb ihnen der Verleger, »wie wir von ­beziehungslos nebeneinander agierenden Firmen zu einer Gruppe miteinander arbeitender Unternehmen geworden sind, die ihre Leistungsfähig­
keit und Kompetenz effizienzsteigernd ­ nutzen.« Schon nach
dem ersten Business-Meeting, das Mitte 1998 alle leitenden
Mitarbeiter zusammengeführt hatte, war die interne Vernetzung und eine systematische Kommunikation der Entscheidungsträger eingeführt und energisch vorangetrieben worden.
Man hatte mit dem Aufbau von Mehrjahresplanungen begonnen, eine qualitative Zielsetzung eingeführt, die Liqui­ditäts­steu­
erung verbessert sowie die Personalentwicklung und Mitarbei­
terförderung innerhalb der Gruppe harmonisiert. Gleichzeitig
wurde ein einheitlicher Marktauftritt beschlossen: Wo Ganske
drin ist, sollte von Stund an auch deutlich Ganske Verlags­
gruppe draufstehen. Gekrönt wurden die internen Reformen
drei Jahre später mit der Umsetzung einer neuen Unternehmens- und Führungsstruktur.
So wie bereits bei den ersten großen Umbaumaßnahmen
im Jahr 1982 wurde auch 2001 die Kulturrevolution nach einer
langen Vorbereitungsphase buchstäblich über Nacht umgesetzt. Was am Wochenende mit den Chefredakteuren und Ge320
schäftsführern noch diskutiert worden war, wurde bereits am
folgenden Montag praktiziert.
Am gleichen Tag wurden – ganz im Sinne der neuen Offenheit und Durchsichtigkeit – nicht nur die Mitarbeiter, sondern
auch alle Geschäftspartner per Mail oder Brief über die neue
Konstruktion an der Spitze des Hauses informiert: Den Vorsitz
des Holding-Vorstands und zugleich die Leitung der Zeitschrif­
tensparte sowie die gruppenübergreifende Marketing-Verantwortung übernahm Thomas Ganske selbst. Seinem langjähri­
gen Bevollmächtigten Karl Udo Wrede vertraute er das Ressort
Treasury und die Sparte Handel an. Peter Notz, bis dahin kaufmännischer Geschäftsführer des Buchbereichs, erhielt die Zuständigkeit für das Controlling. Frank-H. Häger tauschte seine
Aufgabe als Geschäftsführer von Gräfe und Unzer in München
gegen einen Sitz im Hamburger Holdingvorstand ein, um die
Sparten Buch und E-Medien zu betreuen, inhaltliche und programmliche Synergien zu bündeln und die Internationalisierung der Gruppe voranzutreiben.
Während die Geschäftsfreunde darüber informiert wurden, dass die Unternehmensgruppe im Jahr zuvor einen konsolidierten Umsatz von 600 Millionen DM erzielt hatte und
1600 Mitarbeiter beschäftige, erfuhren diese in dem für sie
bestimm­ten Rundschreiben, dass beim Business-Meeting am
9. und 10. Juni das von den Führungskräften der Gruppe er­
arbeitete Markenhandbuch verabschiedet und den Geschäftsführern, Ver­lagsleitern und Chefredakteuren als verbindliche
Richtschnur übergeben worden sei. »Es beschreibt Positionierung und Zielgruppen unserer Marken und wird dazu beitragen, die Qualität unserer Produkte und ihres Auftritts sicherzustellen«, informierte sie der Verleger über die Bedeutung
dieses Führungsinstruments.
Tatsächlich handelt es sich nicht um irgendein Handbuch,
das vor allem zur Zierde des Bücherregals dienen soll, sondern
um die »heilige Schrift« des Hauses. Während des Business321
Meetings war jedem Spitzenmanager sein als persönlich und
vertraulich gekennzeichnetes, nummeriertes Exemplar gegen
Unterschrift ausgehändigt worden. »Zweck dieses ausschließlich für den internen Gebrauch bestimmten Handbuches ist es,
die vereinbarten inhaltlichen und formalen Gestaltungskriterien und -begrenzungen für die Führung der jeweiligen Marken zu dokumentieren«, wird gleich zu Beginn klargestellt.
Das gemeinsam mit den für die Markenführung verantwortlichen Managern entwickelte Handbuch, das neben dem Gesamtauftritt und den Führungsprinzipien der Gruppe auch
für jede einzelne Marke präzise festlegt, wie sie sich gegenüber
der Öffentlichkeit zu präsentieren hat, soll dazu dienen, das
Profil der Gruppe zu schärfen, das angestrebte Qualitätsniveau zu erreichen und die Kompetenz der Gruppe insgesamt
ebenso deutlich zu machen wie die der einzelnen Marken.
Neuen Mitarbeitern, die im Verlagsmarketing tätig sind, soll
das Handbuch die Einarbeitung und den Umgang mit der jeweiligen Marke erleichtern. Es enthält deshalb zu jeder Firma
und zu jedem ihrer Produkte zunächst eine Markenhistorie,
gefolgt von einer Darstellung des Markenkonzepts, einer Positionsbeschreibung und einer Vision. Anschließend werden die
Zielgruppen, der Key-Benefit und der Markencharakter beschrieben. Dazu gehört bei Hoffmann und Campe beispielsweise, dass man sich »als liberaler Verlag versteht, der einer
aufklärerischen Tradition verpflichtet ist. Bücher und Autoren,
die diesem Ideal widerstreiten, werden von ihm nicht vertreten.« Bei Gräfe und Unzer dagegen heißt es an gleicher Stelle:
»GU steht nicht nur für überragende ratgeberische Autorität
und Zuverlässigkeit, sondern ebenso für Spaß und Genuss an
selbstmotivierten Eigenaktivitäten in Alltag und Freizeit.«
Auch für den Exoten im Portefeuille einer Mediengruppe,
das 1982 eröffnete Hotel Hohenhaus, wird die Latte hoch gehängt. Markenkonzept und Markenkern werden so beschrieben: »Das Relais & Chateaux Hotel Hohenhaus zählt zu den
322
zehn besten Hotels in Deutschland. Das Restaurant im Hotel
Hohenhaus ist mit einem Michelin- Stern und zwei Kochmützen (16 Punkte) im Gault Millau ausgezeichnet worden. Es
zählt zu den führenden Feinschmeckeradressen Deutschlands
und wurde vom Feinschmecker- Führer mit FFF ausgezeichnet.« Das soll der Maßstab sein, an dem es sich auch weiterhin
messen lassen muss. Auf die Darstellung des Markenkonzepts
folgt jeweils eine Beschreibung des Wettbewerbsumfelds und
schließlich eine präzise Festlegung des Markenlogos und des
sonstigen Erscheinungsbildes bis hin zu Briefbogen, Visitenkarten oder Paketaufklebern. Das alles immer nur in wenigen
Sätzen, knapp und übersichtlich.
Diese Richtlinien sind zwar verbindlich, sollen aber, da weder die Verlagsgruppe noch die Welt um sie herum stillsteht,
nicht auf ewig wie in Stein gemeißelt sein, sondern spätestens
alle fünf Jahre kritisch durchgesehen und wo nötig überarbeitet werden. Und damit kein Zweifel aufkommt, welche Bedeutung das alles hat, ist die Redaktion des Markenbuches direkt
beim Verleger angesiedelt. In der Praxis ist es allerdings vor
allem Vorstandsmitglied Karl Udo Wrede, der die kontinuierli­
che Weiterentwicklung dieses wichtigen Führungsinstruments
betreut.
Gemeinsam sind wir stärker
Die Änderung der Führungsstruktur, die verstärkte Transparenz im Inneren und der einheitliche Auftritt nach außen waren wichtige Voraussetzungen zur Steigerung der Effizienz
und zur Förderung der Kooperation zwischen den verschiedenen Bereichen der Unternehmensgruppe. Aber das waren
nicht die einzigen Gründe dafür, dass Thomas Ganske sich
entschloss, seinem Medienhaus auch nach außen ein Gesicht
mit klarem Profil zu geben. Anders als sein Vater, der jeden
­öffentlichen Auftritt scheute, nie ein Interview gab, keinen
323
Grund sah, die Öffentlichkeit über seine unternehmerischen
Aktivitäten zu informieren und auch für die meisten seiner Angestellten in seinen letzten Lebensjahrzehnten immer mehr
der große Unbekannte wurde, sucht sein Sohn das Gespräch
mit den Mitarbeitern. Er nimmt an Betriebsfesten und öffentlichen Veranstaltungen teil. Er drängt sich zwar nicht danach,
scheut sich aber auch nicht, dabei selbst das Wort zu ergreifen.
Mitarbeiter wissen allerdings auch davon zu berichten, dass es
nicht leicht ist, von ihm die Freigabe einer Porträtaufnahme
für eine PR-Broschüre, für interne Mitteilungen oder eine
Buchveröffentlichung zu erreichen. Er möchte sich nicht in
den Vordergrund schieben. Er hat daher auch lange darüber
nachgedacht, ob es sinnvoll oder gar notwendig sei, den Familiennamen mit dem der Unternehmensgruppe zu verbinden.
Doch ein Akronym, eines der heute so beliebten, aber bewusst
nichtssagenden Kunstwörter, kam für ihn nicht in Frage. Er ist
überzeugt, dass ein familiengeführtes Unternehmen auch gegenüber den Mitarbeitern und der Öffentlichkeit anders auftreten muss als eine anonyme Kapitalgesellschaft. Es muss sich
zu seinem Familiennamen bekennen – und auch zu den Persönlichkeiten stehen, die es gegründet, weiterentwickelt und
über Jahrzehnte das unternehmerische Risiko getragen haben.
Es gab allerdings auch einen sehr handfesten Grund dafür,
dass sich Thomas Ganske entschloss, die Gruppe von Unternehmen, die er bis dahin ebenso wie sein Vater in seinem Privatvermögen gehalten hatte, in eine Kapitalgesellschaft, die
2001 gegründete Ganske Verlagsgruppe GmbH, einzubringen
und sie mit diesem Schriftlogo auch nach außen deutlich in
Erscheinung treten zu lassen. Seither tritt jeder Bereich und jedes einzelne Unternehmen deutlich erkennbar als Mitglied der
Gruppe auf. »Mein Vater hat große Freude an dem gehabt, was
er erreicht und geschaffen hat, eine innere Freude am Gelingen. Aber es drängte ihn überhaupt nicht, das nach außen zu
zeigen und ins Licht zu stellen. Es war auch nicht erforderlich«,
324
erklärt der Sohn, warum sein Vater als der »unbekannteste
Verleger Deutschlands« in die Mediengeschichte einging. »Ich
habe es zunächst kaum anders gemacht – so lange nicht, bis ich
erkannt habe, dass eine angemessene Innen- und Außendarstellung heute einfach notwendig ist. Irgendwann wurde deutlich, dass wir bestimmte Dinge nur erreichen können, wenn
wir klar sagen, wer wir sind, wo wir herkommen und was wir
können.«
Eine der ersten Erfahrungen dieser Art war Anfang der
neunziger Jahre eine Kooperation mit Bosch bei der Entwicklung von Navigationssystemen für Pkws. Der Hintergrund war,
dass in Japan Fahrzeuge im oberen Preissegment bereits mit
Navigationssystemen ausgestattet waren. Sie wurden von den
Kunden angesichts der schwierigen Verkehrssituation und der
Orientierungsprobleme in japanischen Städten, die selbst alt­ge­
­dienten Taxifahrern oft größte Schwierigkeiten bereiten, begeis­
­tert angenommen. Außer BMW konnte damals kein deutscher
Anbieter einen solchen Führer durch den Großstadtdschungel
bieten – mit der Folge, dass der Absatz deutscher Nobelkarossen in Japan dramatisch einbrach. Bosch Blaupunkt erhielt daher von Daimler den Auftrag, innerhalb von nur neun Monaten ein einsatzfähiges Navigationssystem zu entwickeln. »Um
uns von konkurrierenden Produkten zu unterscheiden, wollten
wir aber nicht nur ein System entwickeln, dass den Fahrer zuverlässig zum eingegebenen Ziel führt, sondern das Gerät mit
einem Zusatznutzen versehen, erinnert sich Gottfried H. Dutiné, der seit 2002 dem Vorstand des niederländischen Phi­
lips-Konzerns angehört, damals aber an führender Stelle bei
der Bosch GmbH an der Entwicklung beteiligt war. Der Stuttgarter Elektrokonzern verfügte zwar über die technischen
Kenntnisse, brauchte aber einen Partner, der die erforderlichen Inhalte beisteuern konnte und über Kompetenz in den
Bereichen Reise, Touristik und Kultur verfügte. Interessiert
an diesem zukunftsträchtigen Projekt waren mehrere Unter325
nehmen, darun­ter auch Bertelsmann, damals der weltweit
größte Medienkonzern. Vorstandschef Mark Wössner warf sogar seine guten per­sönlichen Beziehungen zur Führungsspitze
von Bosch in die Waagschale, um seinem Unternehmen den
Zuschlag zu sichern. Dass sich die Stuttgarter dennoch für
die viel kleinere Hamburger Verlagsgruppe entschieden, führt
Thomas Ganske darauf zurück, dass »wir unsere Kompetenz
im Bereich Reisenavigation, Events, Kochen und Genießen
überzeugend darstellen konnten«. Die Nordlichter konnten
zeigen, dass sie es bei einer Bündelung ihrer Kräfte in diesen Bereichen durchaus mit Bertelsmann aufnehmen konnten. »Es war das erste Mal, dass wir die Verlagsgruppe und
ihre Kompetenz als Ganzes dargestellt haben«, schildert Thomas Ganske diesen Wendepunkt in der Unternehmens­ge­
schichte.
Schließlich hatten die Hamburger hinsichtlich der Breite
ihrer Kompetenzfelder und Vertriebsmöglichkeiten auch eini­
ges zu bieten – insbesondere, wenn es um die schönen Seiten
des Lebens geht: den raschen Zugriff auf Reisedaten, umfassende Informationen über Hotels und Restaurants, Hinweise
auf Museen, Schlösser und andere Kulturdenkmäler, Tipps für
Weintouristen oder Golfspieler. Und was eine gut sortierte,
ständig aktualisierte Reise- und Event-Datenbank angeht, muss
man sich hinter niemand verstecken. Merian verbreitet seit
1948 touristisch und kulturell relevante Reiseinformationen;
der Feinschmecker lebt davon, alles über die angesagtesten Restaurants, die einfallsreichsten Köche, die komfortabelsten Hotels und besten Weingüter der Welt zu wissen. Zudem verfügt
fast jedes Magazin des Jahreszeiten Verlags über eine eigene
Reiseredaktion, und Prinz sammelt so emsig Event-Daten wie
kaum ein anderer. Durch Kooperationen ist auch der Zugang
zu großen europäischen Datenbanken im Bereich »schöner
Leben« gesichert. Diese geballte Kompetenz konnte im Wettbewerb mit anderen aber nur dann angemessen herausgestellt
326
werden, wenn die Schleier fallen gelassen wurden, mit denen
die Unternehmen der Gruppe jahrzehntelang mehr oder weniger dicht verhüllt waren.
Aus der Zusammenarbeit mit Bosch ging das erste Navi­
gationssystem mit integriertem elektronischem Reiseführer
hervor. »Thomas Ganske hat zu einem sehr frühen Zeitpunkt
erkannt, welche Möglichkeiten sich bieten, wenn Informationsund Navigationssysteme zu einer Einheit zusammenwachsen«,
lobt Gottfried H. Dutiné und unterstreicht, dass die GanskeGruppe auf diesem Gebiet Pionierarbeit geleistet hat. Er erinnert sich aber auch an die großen technischen Probleme, die
Anfang der neunziger Jahre zu lösen waren. Die vorhandenen
Landkarten erwiesen sich als zu ungenau. Die erforderliche
Elektronik steckte in den Kinderschuhen. Die Speicherkapazitäten der Datenträger waren gering. Lösungen für eine farbige
Darstellung der Karten und Zusatzinformationen mussten erst
noch gefunden werden. »Aber als das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit vorlag, waren wir der Konkurrenz um zehn Jahre
voraus. Zum ersten Mal wurde die reine Navigation mit einem
echten Zusatznutzen verknüpft. Das war eine echte Innovati­on«,
betont Dutiné.
Diese exklusive Kooperation mit Bosch war zwar zeitlich begrenzt, das Interesse der Ganske-Gruppe an der Weiterentwicklung hochwertiger Navigationssysteme aber nicht. Carsten
Leininger, der für dieses Geschäftsfeld zuständig ist, verweist
darauf, dass die umfassenden und ständig aktualisierten Datenbestände über Touristenziele im In- und Ausland, die innerhalb der Verlagsgruppe seit Jahren systematisch gesammelt
werden, eine hervorragende Basis für den Aufbau von qualitativen Reiseinformationssystemen bieten, bei denen Navigation
nicht nur bedeutet, auf dem kürzesten oder schnellsten Weg
von A nach B zu kommen, sondern die – frei nach Goethe –
nach dem Prinzip funktionieren: »Man reist nicht nur, um anzukommen.« Schließlich gibt es viele Touristen, die nicht nur
327
braun werden wollen, sondern auch etwas über die Geschichte
und Kultur der Landschaften erfahren möchten, durch die
sie fahren oder wandern, und die bereit sind, vom geraden
Pfad abzuweichen, wenn rechts oder links davon Schlösser und
Bur­gen oder Wunder der Natur zu bestaunen sind, ein gemüt­
li­ches Hotel oder ein exzellentes Restaurant zum Verweilen
einladen.
Herkömmliche Navigationssysteme hatten da wenig zu bieten. Wer die schönen Seiten des Lebens genießen will, braucht
einen elektronischen Reiseführer, der ihn über alles informiert, was am Wege liegt, und den der Nutzer gezielt auf seine
Hobbys oder Interessengebiete einstellen kann: Gib mir ein
­Signal, wenn wir in die Nähe eines Sterne-Restaurants oder
Schlosshotels kommen; alarmiere mich, wenn es im Umkreis
von x Kilometern ein sehenswertes Jugendstilgebäude oder einen Golfplatz gibt; zeig mir den Weg zu gotischen Kathedralen
oder romanischen Basiliken. Viele möchten während der Fahrt
durch den Spessart etwas über das berühmte Wirtshaus hören.
Andere würden sich gern durch die Stimme eines Sprechers
über die Schlacht von Valmy, den Deutsch-Französischen Krieg
1870/71 oder den Frontverlauf im Ersten Weltkrieg informieren lassen, wenn sie sich bei einer Fahrt über die A 5 in Frankreich Verdun nähern. Noch besser, wenn man auch noch ak­
tuell erfahren kann, was da, wo man übernachtet, gerade los
ist – im Theater, in der Konzerthalle oder im Museum. Wo finden in der Nähe Volksfeste oder Märkte statt? Erst durch solche Zusatzleistungen kann aus einem schlichten Navigationssystem ein kultivierter Reiseführer werden.
Um solche qualitativen Systeme weiterzuentwickeln und zu
vertreiben, wurden die unternehmerischen Aktivitäten der
Ganske Verlagsgruppe rund um das Electronic Publishing in
der im Juli 2000 gegründeten Münchner iPublish GmbH zusammengeführt. Sie soll die seit Ende der neunziger Jahre von
der Unternehmensgruppe betriebene redaktionelle Erstellung
328
und Vermarktung geocodierter Reiseinformationen weiter voranbringen. iPublish ist heute Marktführer für elektronische
Reiseführer, die mit Autonavigationssystemen kombiniert sind.
Die Daten liefert ihnen die Merian contentbase, die Informa­
tionen über mehrere Hunderttausend touristisch interessante
Orte in 15 europäischen Ländern enthält und ständig aktualisiert und erweitert wird. »Merian scout Reiseführer« werden
auf den Navigationssystemen von Blaupunkt, Harman-Becker
und Siemens -VDO eingesetzt. Auf die Inhalte der Merian-Daten­
bank greifen auch die Telematik-Dienste von T-Mobile Traffic
und BMW Assist zurück. Darüber hinaus vermarktet iPublish
die Inhalte und Marken der Ganske-Zeitschriften Merian, Feinschmecker und Prinz auf digitalem Weg. Auch die umfassenden
Informationen des zur Gruppe gehörenden Buchverlags Gräfe
und Unzer rund um Küche, Wein, Natur und Gesundheit können für digitale Plattformen zur Verfügung gestellt werden.
Der Schwerpunkt von iPublish liegt dabei in den Themenfeldern Reisen, Lifestyle und Wellness.
Das war nicht immer so. Carsten Leininger, der wie so mancher andere Geschäftsführer seine Karriere innerhalb der
Ganske-Gruppe als Assistent in der Hamburger Holding begonnen hat, musste erst einmal einiges restrukturieren und
abschneiden, ehe er sich auf den energischen Ausbau der Reiseinformationssysteme konzentrieren konnte. Dazu gehörte
nicht nur, dass alle Kräfte in der bayerischen Landeshauptstadt gebündelt wurden, statt sie auf die zwei Standorte Hamburg und München aufzuteilen. Um sich auch inhaltlich nicht
zu verzetteln, wurden alle geschäftlichen Aktivitäten abseits
der touristischen Pfade nach und nach eingestellt. »Dadurch
hat iPublish heute ein klares Profil als elektronisches Verlagshaus im Bereich virtueller Reiseführung und Reiseberatung«,
beschreibt Leininger das Ergebnis der Fokussierung. Zwar
wird noch eine umfassende Datenbank betrieben, die Leiniger nicht ohne Stolz als die größte kombinierte Reise-Event329
Datenbank Europas bezeichnet. Doch das dient nicht mehr
dem Ziel, als Internet-Agentur aufzutreten, die allen Interessenten Zugriff auf ihre Inhalte gewährt. Statt anderen Rohstoff zu liefern, werden eigene Produkte entwickelt.
Nachdem schon 1994 aus der Kooperation mit Bosch-Blaupunkt die erste Reiseführer-Navigations-CD für das Auto entstanden war und weitere Projekte mit verschiedenen Partnern
verwirklicht wurden, erschien 2000 zur Expo der erste themenbezogene Reiseführer. Eine zweite, auf das Ereignis bezogene Navigations-CD wurde 2006 anlässlich der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland auf den Markt gebracht. Seit
November 2006 ist »Merian scout« als Mercedes-Benz-Reiseführer auf CD verfügbar, der wahlweise zu Fast Food oder Spitzengastronomie, zum Shopping oder zur Schlossbesichtigung,
zu Weingütern oder Spielcasinos führt und insgesamt mehr als
36 000 detailliert beschriebene Reiseziele kennt. Ein neuer
Meilenstein auf dem Weg zum selbstgesteckten Ziel wurde mit
»Merian scout Navigator« erreicht, eine Weltneuheit, die 2007
als Produktinnovation in den mobilen Markt eingeführt wurde.
Dieser perfekte Reisebegleiter vereint Navigation, Reiseführer
und Audio-Guide erstmalig in einem integrierten Gesamtsystem aus Hard- und Software. Belohnt wurde das schon bei der
ersten Vorstellung auf der CeBIT in Hannover mit dem »Innovationspreis ITK 2007« der Initiative Mittelstand. Der »Merian
scout Navigator« setzte sich dabei gegen insgesamt 1200 eingereichte Produkte in der Kategorie Consumer Electronics durch.
Falls die Pflege der Datenbanken, die Perfektionierung der
Software und die Weiterentwicklung der erforderlichen Hardware auf Dauer nicht aus ei­gener Kraft finanziert werden kann,
wäre Thomas Ganske sogar bereit, sich das erforderliche Kapital an der Börse zu beschaffen. Denn starkes Wachstum in
einem Unternehmensbereich darf nicht durch eine Schwächung auf anderen Geschäftsfeldern erkauft werden. »Man
darf sich nie gegen etwas verschließen. Wenn wir im elektro330
nischen Bereich ein neues Geschäftsfeld eröffnen und dann
eines Tages feststellen, dass wir das in der erforderlichen Größenordnung trotz bester Erfolgsaussichten nicht aus eigener
Kraft stemmen können, würde ich einen Börsengang nicht
grundsätzlich ausschließen – aber nur für diesen Bereich, niemals für die gesamte Verlagsgruppe.«
Die geheimen Millionäre
Wie sinnvoll und notwendig die Entschleierung der Gruppe
und der Entschluss waren, nach außen als leistungsstarke Einheit aufzutreten, zeigte sich auch, als in Hamburg beschlossen
wurde, ein neues Geschäftsfeld zu erschließen. »Die Idee ist eigentlich von außen an uns herangetragen worden«, erinnert
sich Peter Rensmann, der inzwischen die Geschäftsführung
»Special Interest Magazine« übernommen hat, damals aber
Verlagsleiter von Merian, A& W und Feinschmecker war. Siemens
hatte über den Designer Peter Schmidt bei Thomas Ganske anfragen lassen, ob man sich in Hamburg vorstellen könne, für
den Elektrokonzern eine neuartige Zeitschrift zu konzipieren.
Siemens suchte damals Profis für die Entwicklung und Betreuung eines Magazins, das nicht in erster Linie über den Konzern und seine Produkte berichten und sich auch nicht an dessen direkte Kunden wenden sollte. »New World sollte sich vor
allem mit Themen auseinandersetzen, die für die Entscheidungsträger in Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft relevant waren«, beschreibt Rensmann die Intentionen der Münchner. Der Verleger hatte ihm den Auftrag gegeben den »Pitch«
zu koordinieren. Tatsächlich gewannen die Newcomer 1996
diesen Wettbewerb um den Etat eines Kunden, bei dem verschiedene Anbieter ihre unterschiedlichen Konzepte, ihr Leis­
tungsspektrum und ihr Team vorstellen: Welche inhaltliche
Kompetenz kann ein Bewerber vorweisen, welche Erfahrungen
hat er bereits gesammelt, wie leistungsfähig ist er im Anzeigen331
geschäft und Vertrieb? Auf welche personellen Reserven kann
er zurückgreifen?
Bei der inhaltlichen und optischen Gestaltung eines solchen Magazins konnte man zwar auf einen großen Erfahrungsschatz im Zeitschriftenbereich bauen. Aber anders als Merian
oder petra sollte New World gleichzeitig in fünf verschiedenen
Sprachen erscheinen. Neben der deutschen gab es auch eine
englische, französische, spanische und eine portugiesisch-brasilianische Ausgabe. Das stellte die Macher nicht nur vor un­
gewohnte logistische Probleme. Sie mussten auch bei der
­Themenwahl darauf achten, dass die Beiträge für Leser in Brasilien oder Großbritannien ebenso relevant waren wie für Adres­
saten in Deutschland.
Und einen Namen musste der neue Unternehmensbereich
auch haben. »Wir haben den Begriff Corporate Publishing gewählt, der dann im Markt zum Gattungsbegriff wurde«, erinnert sich Peter Rensmann – und auch daran, dass die Entwicklungsgruppe über Arbeitsmangel nicht klagen konnte. »Wir
wollten das Team zunächst so klein wie möglich halten. Um die
Ausschreibungen zu bearbeiten, die auf den Tisch kamen, haben wir oft die Nächte durchgearbeitet und um zwei Uhr
nachts noch den Pizza-Service geholt.«
Nachdem sich in der Branche herumgesprochen hatte, dass
Hoffmann und Campe den Siemens-Pitch gewonnen hatte,
meldeten sich bald weitere Interessenten. Dazu gehörte auch
BMW. 1996 hatte der Münchner Autokonzern den Auftrag für
sein Kundenmagazin, das zuvor fünf Jahre lang vom deutschen
Ableger des Schweizer Großverlags Ringier betreut worden war,
neu ausgeschrieben. Richard Gaul, damals für die Öffentlichkeitsarbeit von BMW verantwortlich, erkundigte sich bei Manfred Bissinger, ob die Hamburger Verlagsgruppe daran interessiert sei, sich an dem Pitch zu beteiligen,
Bissinger war sogar sehr interessiert. Er sah die Chance,
durch die Produktion eines anspruchsvollen Kundenmagazins
332
eine zusätzliche Finanzierungsquelle für seine Woche zu erschließen. Doch als er diese Idee mit Thomas Ganske diskutierte, kamen beide schnell zu dem Ergebnis, dass das nicht
der richtige Weg sein könne. »Das Blatt wäre sehr schnell in
der Öffentlichkeit als BMW-infiziert denunziert worden. Man
hätte uns unterstellt, dass wir nicht mehr objektiv über die
­Autoindustrie berichten könnten, wenn die Woche so eng mit
BMW verbandelt worden wäre.« Um dieser Gefahr aus dem
Weg zu gehen, wurde beschlossen, den neuen Bereich Corporate Publishing (CP) ins Rennen zu schicken. Dafür gab es
auch noch andere Gründe. Das Know-how, das bei den Premium-Magazinen im Zeitschriftenbereich gesammelt worden
war, konnte beim Wettbewerb um die Publikationen großer
Markenartikelhersteller in die Waagschale geworfen werden,
und zwar als ein Unternehmen, das – anders als eine Agentur – im Redaktionsbereich vernetzt ist, direkten Zugang zu
guten Autoren hat und überdies mit dem Hoffmann und
Campe Verlag, der halbjährlich sein Programm neu erfinden
muss, weitere Synergien bieten kann. Überdies hatte man als
Adresse einen angesehenen Namen zu bieten.
Doch dann sah es so aus, als ob das Geschäft mit BMW
schon wieder vorbei sei, ehe es überhaupt begonnen hatte:
Der Pitch ging an einen Wettbewerber, den alten und nun
auch wieder neuen Chefredakteur der BMW-Kundenzeitschrift.
Doch bei BMW musste man schon nach wenigen Monaten feststellen, dass man auf das falsche Pferd gesetzt hatte. Der Gewinner der Ausschreibung hatte mehr versprochen, als er halten konnte. Deshalb fragten die Autobauer bald erneut in
Hamburg an, ob HoCa noch an dem Auftrag interessiert sei.
Und diesmal ging der Pitch klar an die Mannschaft von der
Alster.
Nun musste alles ganz schnell gehen. Die nächste Ausgabe
des bereits seit vielen Jahren mit wechselnden Titeln und Konzepten erscheinenden Kundenmagazins musste pünktlich er333
scheinen. Deshalb überraschte Thomas Ganske seinen Assistenten Kai Laakmann, den er erst sieben Wochen vorher von
der Universität Münster nach Hamburg geholt hatte, an einem
Freitag mit der Frage, ob er es sich vorstellen könne, nach München zu gehen, um dort eine Redaktion für das BMW Magazin
aufzubauen. Bedenkzeit zwei Stunden. Der Autokonzern hatte
den Auftrag mit der Auflage verbunden, dass das Redaktionsbüro in räumlicher Nähe zu seiner Zentrale in München arbeiten müsse. »Am Montag danach war ich mit meinem Koffer in
München.« Es ging zunächst darum, Mitarbeiter und Räume
zu finden, eine Telefonanlage und Computer zu beschaffen.
Räume fand Laakmann rasch beim Gräfe und Unzer Verlag,
der damals schon seit sieben Jahren zur Gruppe gehörte. Die
anderen Punkte auf seiner Dringlichkeitsliste ließen sich nicht
so leicht abhaken. Doch das Tempo diktierte der nächste Erscheinungstermin. Das aktuelle BMW Magazin musste zur gewohnten Zeit bei den Kunden sein.
Nachdem die ersten Aufträge sicher waren, begann Peter
Rensmann 1997 bei Hoffmann und Campe mit dem systematischen Aufbau des Bereichs Corporate Publishing, der sich
schon bald bei einer Reihe weiterer Ausschreibungen durchsetzen konnte. Dazu gehörten unter anderem: Das RWE magazin, von dem elf Regionalausgaben erscheinen und zu dem bei
Bedarf aktuelle »Spin-offs« kommen. Die WestSpiel-Gruppe
umwirbt mit Casino live Menschen, die Geld ausgeben können,
während sich die Deutsche Bank mit results an Manager wendet, die Geld verdienen wollen. Juwelier Wempe vertraut die
Produktion seines Kundenmagazins den Hamburgern ebenso
an wie die RAG, die Nachfolgegesellschaft der Ruhrkohle AG.
Sie lässt das RAG Magazin für ihre Geschäftspartner und Folio
für ihre Beschäftigten von Corporate Publishing betreuen.
Best Practice wird für die Kunden von T-Systems maßgeschneidert, und Haspa Joker wendet sich an alle, die der Hamburger
Sparkasse ihr Geld anvertrauen. Der Baukonzern Hochtief
334
nutzt concepts, um Geschäftspartnern in aller Welt die Breite
seines Leistungsspektrums in Wort und Bild zu demonstrieren.
Und die Münchner Autobauer schließlich waren mit ihrem Kooperationspartner offenbar so zufrieden, dass sie ihm 2001
auch die Publikation von M I N I International übertrugen, das
heute in mehr als 60 Ländern gelesen wird.
Mit Auflagen von teilweise über drei Millionen Exemplaren,
von denen keines als Remittende zurückkommt, zählen einige
dieser Blätter zu den Spitzenreitern der Zeitschriftenbranche –
was allerdings kaum jemand weiß. Laute Werbekampagnen
oder plakative Hinweise auf Auflage und Reichweite erübrigen
sich in diesem Marktsegment. Nicht die Zahl der Abonnenten
und der Verkaufserfolg am Kiosk bestimmen die Höhe der
Druckauflage, sondern der Herausgeber. Er entscheidet in der
Regel, welchen Kunden sie überreicht oder ins Haus gebracht
wird. Manche können aber auch von zahlenden Interessenten
abonniert werden.
Jedes Magazin ist auf den besonderen Charakter des Unternehmens zugeschnitten, an dessen Kunden oder Mitarbeiter
es sich wendet. Obwohl sie für den gleichen Auftraggeber produziert werden, unterscheiden sich auch die Konzepte für das
BMW Magazin und M I N I International deutlich. Während sich
die eine Publikation vor allem an Leser wendet, die an Technik
interessiert sind, »Freude am Fahren« haben, Kultur schätzen
und ein wenig Luxus zu genießen verstehen, ist das andere
mehr ein Lifestyle-Magazin als eine Autozeitschrift. M I N I Inter­
national spiegelt das Lebensgefühl der Fahrerinnen und Fahrer
des Kultautos, die mit der Entscheidung für dieses Fortbewegungsmittel oft auch ihre Weltanschauung zum Ausdruck bringen möchten. Jedes Heft ist einer anderen Metropole und ihren jungen Talenten gewidmet. Daher wundert sich niemand,
wenn in einer Ausgabe mit dem Schwerpunktthema Hongkong
nicht der Mini, sondern Musik und Mode, Designer und Sportler sowie die In-Spots der Stadt im Mittelpunkt stehen. Jedem
335
Magazin liegt zudem als Add-on eine CD mit Sounds & Pictures bei, die beispielsweise im Hongkong-Heft einen Eindruck
von den Werken fernöstlicher Rapper und Filmemacher vermittelt.
Ebenso wie M I N I International findet man das BMW Magazin auch an ausgewählten Verkaufsstellen. Es unterscheidet
sich aber von den meisten der dort ausliegenden Magazine
nicht nur dadurch, dass die große Mehrzahl der über drei Millionen gedruckten Exemplare den BMW-Kunden in aller Welt
vorbehalten sind. Es dürfte auch kaum eine andere deutsche
Zeitschrift geben, die so international ist. Das BMW Magazin
erscheint in 33 Sprachen und erreicht Leser in 117 Ländern.
Dabei weisen die verschiedenen Sprachausgaben inhaltlich in
der Regel nur wenige Unterschiede auf. Die chinesische Ausgabe allerdings wird aus politischen Gründen in drei Versio­
nen produziert: für China Mainland, Hongkong und Taiwan.
Leser in den USA oder Japan finden ebenfalls Beiträge, die die
jeweiligen Besonderheiten dieser Märkte berücksichtigen.
Auch bei kleineren Teilausgaben werden gelegentlich Beiträge
ausgetauscht – zum Beispiel, wenn ausführlich über moderne
Dieselmotoren für Pkw berichtet wird. »Ein Grieche fährt einfach keinen Diesel, das ist für ihn undenkbar. Dieselmotoren
sind in seinen Augen nur etwas für Lkw und Busse«, erklärt
Kai Laakmann, der gemeinsam mit Manfred Bissinger und Andreas Siefke dem Bereich Corporate Publishing als Geschäftsführer vorsteht, warum in solchen Fällen eine »Extrawurst gebraten« wird. In Exemplaren, die für die arabische Welt
bestimmt sind, werden alle Bilder ausgetauscht, die dort Anstoß erregen könnten. Da reicht es schon, wenn neben den
Fahrzeugen weibliche Wesen zu sehen sind, deren Arme nicht
bis zum Handgelenk sittsam bedeckt sind.
Die von keinem anderen Kundenmagazin übertroffene Artenvielfalt des BMW Magazins wird noch dadurch erhöht, dass
es neben den über 30 Sprachausgaben auch Spezial-Edi­tionen
336
für die Fahrer von Dienstwagen und für Entscheidungsträger
in Fuhrparks gibt – getrennt nach Firmen- und Be­
hördenfuhrparks. »Es gibt weltweit wohl kaum eine andere
Kun­denzeitschrift dieses Niveaus, die so breit aufgestellt ist,«
vermutet Peter Rensmann.
Produziert wird diese breite Palette von einer relativ kleinen
Redaktion, die allerdings auf einen großen Kreis freier Mit­
arbeiter zurückgreifen kann. Ebenso wie bei den anderen Unternehmenspublikationen arbeiten Text- und Bildredakteure,
Creative Directors oder Layouter bei HoCa in der Regel nur
für ein Magazin und nicht gemeinsam in einem großen Pool,
in dem man am Morgen für das eine Blatt und am Nachmittag
für ein anderes tätig ist. Die Chefredakteure und Autoren haben immer einen engen fachlichen Bezug zu ihrem Thema.
Diesen Luxus leistet sich nicht jeder Verlag, der im Bereich Unternehmenszeitschriften tätig ist. »Das ist zwar etwas teurer,
hat aber den enormen Vorteil, dass die Blattmacher die spezifischen Bedürfnisse des Kunden kennen und diese ihre Ansprechpartner. Sie können auf Leseranfragen besser reagieren,
und vor allem haben sie eine stärkere emotionale Bindung an
ein Magazin, in dessen Impressum sie als verantwortliche Gestalter ausgewiesen sind«, erläutert Andreas Siefke die Verlagspolitik.
Die für Deutschland und die west- und osteuropäischen
Länder bestimmten Ausgaben des BMW Magazins werden in
der Bundesrepublik gedruckt, die für Australien, Asien und
die USA produzierten Ausgaben dagegen werden vor Ort hergestellt. Sie per Luftfracht zu verschicken, wäre zu teuer, sie
mit dem Schiff zu transportieren, zu zeitraubend. In beiden
Fällen würde der Kostenvorteil konterkariert, den ein Druck
der Gesamtausgabe in Deutschland hätte.
Zu den Gründen dafür, dass immer mehr Unternehmen die
Produktion ihrer Mitarbeiter- und Kundenzeitschriften nicht
mehr ihrer PR-Abteilung überlassen, sondern Agenturen oder
337
Verlage damit beauftragen, gehört nicht nur deren größere
Professionalität, ihre Erfahrung mit der inhaltlichen und optischen Gestaltung von Magazinen oder ihre Kontakte zu geeigneten Autoren. Anders als Branchenfremde verfügen Verlage auch über Kompetenz im Papiereinkauf, in der Verwaltung
großer Abonnentendatenbanken und dem kostengünstigen
Vertrieb von Magazinen. Sie haben zudem Erfahrung im Umgang mit Druckereien und deren Terminnöten. Bei der Ganske
Verlagsgruppe kommt noch hinzu, dass sie keine eigenen gra­
fischen Betriebe besitzt, die ausgelastet sein wollen. Sie kann
daher ebenso wie beim Druck ihrer eigenen Publikumszeitschriften und Bücher den jeweils günstigsten und besten Anbieter wählen.
Eines kann ein großes Verlagshaus in jedem Fall besser als
seine Kunden: Anzeigen akquirieren. Denn da, wo sich dies anbietet und der Auftraggeber es wünscht, werden die Seiten der
Unternehmensmagazine auch für die Werbung von Fremdfirmen geöffnet – zum Beispiel bei results, dem Firmenkundenmagazin der Deutschen Bank, oder Casino live. Auch in den
beiden Magazinen des Münchner Autokonzerns oder dem
Wempe Magazin können andere Anbieter Produkte präsentieren, mit denen man sich das Leben schöner machen kann. Da
die Anzeigen von einer Mannschaft vermarktet werden, die
auch die Premium-Magazine im Jahreszeiten Verlag verantwor­
tet, können potenzielle Inserenten auch auf die Kundenzeitschriften aufmerksam machen. Und das freut die Herausgeber
der Magazine: Anzeigenerlöse entlasten ihren Etat. Das kann
ihnen nur ein Verlag bieten, der über eine breite Palette von
Publikumszeitschriften verfügt.
338
Spielwiese für Kreative
Neben der Produktion von Kunden- und Mitarbeiterzeitschrif­
ten bietet Hoffmann und Campe CP auch die Konzeption und
Gestaltung sogenannter Corporate Books an. Das Angebot
umfasst Biographien von Unternehmern, die sich und ihr Werk
der Öffentlichkeit präsentieren möchten, Festschriften, Jubi­
läumsbücher, Imagebücher und sogenannte Reader. Das sind
von Sponsoren finanzierte Bücher zu aktuellen Fragen wie beispielsweise »Made in Germany ’21«, ein Manifest für techno­
logische, soziale und kulturelle Erneuerung, oder »Innovatio­
nen«, ein Buch, in dem 16 Autoren zu erklären versuchen, wie
bedeutend Innovationen für die Entwicklung von Wirtschaft
und Gesellschaft sind. Eine andere Sammlung von Beiträgen
informiert interessierte Leser unter dem Titel »Das neue Mit­
einander« über die Bedeutung und die Möglichkeiten von
­Public Private Partnership. Es kann aber auch eine Sammlung
von Reden sein, wie sie im Oktober 2002 von prominenten
Teilnehmern bei einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des
RAF-Terrors gehalten wurden. Sie erschien zusammen mit einer Chronik dieser Zeit unter dem Titel »Freiheit und Demokratie« in Zusammenarbeit mit der Dresdner Bank. Einige dieser Bücher sind nur für einen limitierten Empfängerkreis
gedacht, andere sind auch über den Buchhandel erhältlich.
Eine besondere Herausforderung stellen Unternehmens­
chro­niken dar, Festschriften zum 100. oder 250. Firmenjubiläum. Denn es ist oft nicht nur äußerst schwierig, die zur
­Rekonstruktion der Firmengeschichte notwendigen Daten zusammenzutragen. Man gerät auch leicht in »vermintes Gebiet«,
weil persönliche Eitelkeiten berührt werden, bestimmte Personen, die früher eine wichtige Rolle spielten, inzwischen verfemt sind oder man heutzutage auf bestimmte Geschäfte nicht
mehr besonders stolz ist. Die Lösung solcher Probleme wird
auch nicht gerade erleichtert, wenn die Verantwortlichen im
339
Unternehmen oft erst kurz vor Toresschluss auf den Gedanken
kommen, ihren Mitarbeitern, den Geschäftsfreunden und Vertretern der Öffentlichkeit pünktlich zur Jubelfeier ein repräsentatives Werk über die wechselhafte Geschichte des Unternehmens, seiner Gründer und verdienten Mitarbeiter in die
Hand zu drücken. Wenn es dann mehr als eine bloße Pflicht­
übung sein soll, ist Kreativität gefragt. Sonst verschwindet das
teure Werk meist ungelesen in Bücherschränken oder – schlimmer noch – in Mülltonnen. Damit eine Chronik nicht als bloße
Pflichtübung erscheint, muss sie inhaltlich und optisch so gestaltet sein, dass sie Lust am Lesen weckt. Das ist bei herkömmlichen Jubiläumsschriften eher selten der Fall.
Um aus eingefahrenen Gleisen herauszukommen, wurden
anlässlich der 125-Jahr-Feier der Bundesdruckerei im Jahr 2004
neben allerlei Prominenz auch zwei Meisterklassen der Berliner Universität der Künste aufgefordert, Bildbeiträge zum zentralen Thema der Jubiläumsschrift zu liefern. Dabei sollte ein
Kontrapunkt zu den Produkten und Dienstleistungen des Unternehmens gesetzt werden, das auf die Herstellung fälschungssicherer Dokumente spezialisiert ist. In einer Zeit der allgemeinen Digitalisierung, der massenhaften Erfassung von Daten
bis hin zu biometrischen Merkmalen und der Entschlüsselung
des Gencodes sollten sich die Autoren aus Politik, Kultur und
Wirtschaft Gedanken über die »Identität im digitalen Zeitalter« machen. Die Bilder der Kunststudenten erschienen nicht
nur in der Festschrift. Sie konnten auch in mehreren ­Galerien
bewundert werden. Die erste Ausstellung wurde 2004 in Berlin
vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder ­eröffnet.
Einen besonders gelungenen Beweis dafür, dass Publikatio­
nen, die anlässlich eines Jubiläums herausgegeben werden,
nicht langweilig sein müssen, lieferten die Hamburger Sparkasse und Hoffmann und Campe Corporate Publishing zum
175. Geburtstag der Haspa im Jahr 2002. Sie entschlossen sich,
statt einer Selbstbespiegelung des Jubilars lieber der Hanse340
stadt und ihren Bürgern ein Geschenk zu machen. In Zusammenarbeit zwischen der Redaktion, einem 14-köpfigen Fachbeirat und vor allem mit den Bürgern der Stadt entstand so
»Hamburg – das Haspa-Handbuch für alle Stadtteile der Hansestadt«. Es ist nicht nur der Geschichte der Stadt und ihrer
höchst unterschiedlich geprägten Stadtteile gewidmet, sondern erzählt auch Geschichten von Frauen und Männern, die
darin leben. Es schildert die regionale Kultur und Wirtschaftsstruktur, berichtet über das Freizeitangebot, die Sozialstruktur
und das Wohnumfeld im jeweiligen Kiez – vom einst dänischen
Altona über das elegante Blankenese und den sozialen Brennpunkt Mümmelmannsberg bis hin zum geschichtsträchtigen
Zollenspieker. Begleitet wurde die Arbeit an dem Buch durch
»Redaktionsstammtische« in Bürgervereinen, von der Haspa
gesponserte Stadtteilfeste, Ausstellungen in den Filialen sowie
eine regelmäßige Berichterstattung über den Stand der Arbeiten in den regionalen Medien. Zu den Mitarbeitern gehörten
Senatsmitglieder und Schülergruppen, Ortsvereine, Profes­
soren und renommierte Fotografen. Der Kampf einer Bürger­
ini­tiative um eine Bushaltestelle schien der Redaktion ebenso
einer Schilderung wert wie der Bau der gewaltigen Festungs­
anlagen, mit denen die Stadt ihre Einwohner einst vor den
Schrecken des Dreißigjährigen Krieges (1618 –1648) bewahren konnte.
Als das Ergebnis all dieser Mühen vorlag – ein opulent ausgestattetes, 1184 Seiten starkes, vierfarbig gedrucktes Werk,
dessen relativ günstiger Preis von 39,90 Euro der großzügigen
finanziellen Unterstützung durch den Sponsor zu verdanken
war –, erntete es in den Medien ein fast überschwängliches
Lob. Noch wichtiger war, dass das Handbuch bei den Hamburgern gut ankam: Von den 50 000 gedruckten Exemplaren ging
der weitaus größte Teil über den Ladentisch zu den Lesern.
Das war angesichts des Preises und eines Marktes, der im Wesentlichen durch die Grenzen der Hansestadt bestimmt ist, ein
341
sensationelles Ergebnis. Von einem vergleichbaren Buch über
die Bundesrepublik müssten rund 2,4 Millionen Exemplare
verkauft werden, um einen ähnlich großen Erfolg zu erzielen.
Manchmal ist es allerdings gar nicht erwünscht, dass ein
Corporate Book viele Leser findet. So wurde »Z8« 2001 exklusiv für Käufer des gleichnamigen BMW Roadsters konzipiert.
Das Begleitbuch war so einzigartig wie jedes der weitgehend
von Hand gefertigten Fahrzeuge. Die Special Edition für die
Erwerber des Z8 war ausgestattet mit aufwendig gestalteten Fotos des Sportwagens und seiner technischen Details. Da das
Buch so exklusiv sein sollte wie das dazugehörende Automobil, wurde dessen Fahrgestellnummer auf der ersten Seite eingestanzt, ein Foto des erworbenen Fahrzeugs von Hand ein­
gefügt und jedes »Z8«-Exemplar in das gleiche farbige Leder
­gebunden, das der Kunde für die Sitze seines Wagens gewählt
hatte. »Als wir uns darauf eingelassen haben, wussten wir noch
nicht, was es bedeutet, rund 6000 Bücher so zu individuali­
sieren«, stöhnte Kai Laakmann noch Jahre später. »Wir waren
sehr erleichtert, als das letzte Buch fehlerfrei ausgeliefert
war.«
Bei den 40 000 Exemplaren, die vom »BMW 6er« gedruckt
wurden, wäre so viel Handarbeit gar nicht zu leisten gewesen.
Dafür erschien der Band in 14 Varianten: in sieben Sprachen
und zwei Ausstattungsformen – die eine in einem wattierten
Ledereinband mit Schuber für die Käufer der Luxus­karosse
und die andere in einem etwas schlichteren Gewand für die
platonischen Freunde des Gran-Tourismo-Automobils, die den
Bildband im Buchhandel für 69,90 Euro erwerben konnten.
Die Texte über die lange Tradition dieser Fahrzeuge, die detaillierte Beschreibung des aktuellen Modells sowie die opulente Ausstattung mit Fotos und die grafische Gestaltung des
Buches erfreuten nicht nur Autofans. Sie überzeugte auch
sechs international besetzte Jurys, die es 2004 und 2005 mit
Preisen überhäuften.
342
Für das ebenfalls mit einem Design Award ausgezeichnete,
im Auftrag von RWE produzierte Buch »mensch+strom« ließ
man sich eine »artgerechte Aufmachung« einfallen. Um die
Faszination des Themas Elektrizität sinnlich erlebbar zu machen, wurde ein fluoreszierender Umschlag entwickelt, der das
Buch im Dunkeln leuchten lässt. Gleich sieben Jurys ließen
sich von der ebenfalls für RWE produzierten »Agenda Edition
No. 1« zum Thema Wasser begeistern. Hier diente eine wassergefüllte Tasche, eingebettet in einen Kunststoffschwamm, als
Verpackung. Corporate Books – eine Spielwiese für Kreative.
Auch bei den für Bulthaupt, die Georgsmarienhütte oder für
Unilever produzierten Büchern konnten die Designer ihrer
Phantasie freien Lauf lassen.
Gut, wenn man von Marketing
keine Ahnung hat
Zu den Unternehmensbereichen, die wesentlich zur Schärfung
des Kompetenzprofils der Verlagsgruppe beitragen, gehören
zwei, die erst während der »Regierungszeit« von Thomas Gans­
ke zu Familienmitgliedern wurden: das Event-Magazin Prinz
und der traditionsreiche Ratgeberverlag Gräfe und Unzer. »Da
sind wir immer zu zweit im Auto hingefahren, mehr als tausend Kilometer, bis Königsberg«, antwortete sein Vater, als Dieter Banzhaf ihn als Branchenkenner 1964 fragte, was er ihm
über Gräfe und Unzer sagen könne. »Das war die größte und
beste Buchhandlung Europas.« Sie hatte vieles von dem vorweggenommen, was erst Jahrzehnte später wieder neu entdeckt
wurde: Die Bücher standen nicht unzugänglich für die Kunden in Regalen, sondern lagen auf großen Tischen. Es gab
­Lesezimmer für Erwachsene und für Kinder, ausgestattet mit
altersgerechten Möbeln und Büchern, in denen die kleinen
Besucher nach Belieben blättern konnten, erinnerte sich der
Vater. »Aber was daraus geworden ist, weiß ich nicht.«
343
Das Interesse Dieter Banzhafs an Gräfe und Unzer hatte
eine winzige Stellenanzeige im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels geweckt. Gesucht wurden Vertriebsmitarbeiter. Banzhaf bewarb sich und wurde zu seiner Überraschung vom damaligen Verleger Kurt Prelinger zu einem Gespräch in dessen
Münchner Büro eingeladen. Dabei musste er allerdings kleinlaut gestehen, dass er von Vertrieb und Werbung eigentlich
nicht die geringste Ahnung hatte – und bekam dennoch die
Stelle. 1965 wurde er mit 27 Jahren Vertriebs- und Werbeleiter.
Der Verlag hatte zu der Zeit allerdings so gut wie nichts mehr
mit der Buchhandlung gemein, an die sich Banzhafs Vater so
gern erinnerte.
Keimzelle des Gräfe und Unzer Verlags, der seit 1990 zur
Ganske Verlagsgruppe gehört, war eine Bücherstube, die im
Jahr 1722 auf Grund eines königlichen Privilegs im damals
preußischen Königsberg von Christoph Gottfried Eckard, ei­
nem aus Sachsen zugewanderten Buchhändler, gegründet wurde. Die Tochter ist somit 185 Jahre älter als ihre heutige, 1907
in Kiel gegründete Mutter. Nach Jahren übertrifft der heutige
Ratgeberverlag selbst die Hamburger Schwester Hoffmann und
Campe deutlich, als deren Geburtsjahr 1781 gilt. Damals erschien das erste, 16 Titel umfassende Verlagsprogramm des in
Hamburg ansässigen Buchhändlers Gottlob Hoffmann. Sein
späterer Kompagnon und Schwiegersohn machte erst seit 1800
als Buchverleger auf sich aufmerksam.
Nachdem die Buchhandlung in Königsberg bereits mehrfach den Besitzer und den Namen gewechselt hatte, wurde sie
1798 von ihrem späteren Alleininhaber August Wilhelm Unzer
übernommen, der sie drei Jahrzehnte später an seinen Sohn
Johann und seinen Schwiegersohn, den aus Hamburg stammenden Buchhändler Heinrich Eduard Gräfe, weitergab.
Beide zusammen gaben 1832 dem Unternehmen ihre Namen –
und damit das Einzige, was bis heute von der Firma erhalten
geblieben ist. Schon vier Jahre später stieg der Sohn aus dem
344
Gemeinschaftsunternehmen aus. Auch die Familie Gräfe
trennte sich 1878 von der Buchhandlung.
Als Gräfe und Unzer 1932 in Königsberg seinen 100. Na­
mens­tag und sich selbst dabei als Europas größte und modernste Buchhandlung feierte, trug das Unternehmen zwar
noch den alten Namen, hatte aber schon wieder fünfmal den
Besitzer gewechselt. Bernhard Koch wiederum, der 1927 die
Leitung des renommierten »Hauses der Bücher« übernommen
hatte, konnte nach der fast völligen Zerstörung Königsbergs
bei seiner Flucht in den Westen 1945 nur noch den Firmennamen mitnehmen. Er übernahm in Marburg eine Buchhandlung und erhielt 1947 eine Verlagslizenz, die es ihm erlaubte,
unter dem Namen »Gräfe und Unzer« Bücher zu publizieren.
»Als ich dorthin kam, war neben dem 1955 als weiterem Gesellschafter eingetretenen Kurt Prelinger auch der Senior aus
Königsberg noch im Unternehmen tätig, das damals vor allem
von seinen treuen ostpreußischen Kunden lebte, die es ebenfalls in den Westen geschafft hatten«, erinnert sich Banzhaf.
Man produzierte Ostpreußenkalender, Bildbände mit Fotos
aus der alten Heimat und die Werke von Dichtern, die die vergangenen Zeiten besangen. Man verkaufte nostalgische Schallplatten, Wimpel und Aschenbecher mit den Wappen von Königsberg, Breslau und Danzig oder was sonst noch an die
verlorene Heimat erinnerte – »das älteste vom Alten«. Der vorwiegend mit solchem Erinnerungskitsch und den neu hinzugekommenen Bavarica erzielte Umsatz lag bei bescheidenen
800 000 Mark.
Allerdings hatte Prelinger den Kurswechsel bereits eingelei­
tet. Als Kunstliebhaber »mit einem enormen Gespür für Farben
und Formen« begann er, prachtvolle Bildbände über Venedig,
Rom oder Florenz und deren Kunstschätze zu pro­duzieren.
Die mit diesem Sortiment erzielten Umsätze waren jedoch zum
Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. Aber dann kam Prelinger das Glück des Tüchtigen zu Hilfe. Heinz Riedel, ein Ver345
treter, der für mehrere Verlage den Norden Deutschlands bereiste, nahm auch immer ein paar Bücher von Gräfe und Unzer
mit, »nicht weil er viel davon verkaufte, sondern weil er Prelinger irgendwie mochte«, erinnert sich Banzhaf. Eines schönen
Tages berichtete Riedel, er habe einen Koch kennengelernt,
der wirklich gut und auf dem Weg sei, ins Fernsehen zu kommen. Mit dem solle man doch mal ein Gespräch führen, ehe
andere auf die Idee kämen. Der Koch war Arne Krüger. Das
Gespräch kam zustande. Als Ergebnis des gemeinsamen Brainstormings entstand ein Buch, das 1964 unter dem Titel »Spezia­
litäten aus aller Welt« erschien.
Bücher für Genießer
Der Zeitpunkt hätte besser nicht sein können. Die Bundesbürger durften und wollten endlich in die große weite Welt. Sie
entdeckten jenseits der Grenzen ganz neue Gaumenfreuden
und wollten sie nach ihrer Rückkehr auch zu Hause genießen.
Da kam so ein Buch gerade recht. »Es hatte eine tolle Aufmachung und war von Arne Krüger wunderschön gemacht«, lobt
Banzhaf. Es war allerdings mit 49 Mark auch recht teuer. »Das
war damals ein Wahnsinnspreis.« Es verkaufte sich dennoch erstaunlich gut und wurde so zur ersten Stufe einer Erfolgsleiter,
auf der Gräfe und Unzer bis heute nach oben klettert.
Kurt Prelinger, der eine Spürnase für Produkte, Trends und
neue Optiken hatte, machte noch ein Kochbuch und noch
eins. »Aber wir waren nur einer der kleinen unter damals wahrscheinlich mehr als dreißig Verlagen, die Kochbücher produzierten – und unter denen waren einige der ganz Großen in
der Verlagsbranche«, skizziert Dieter Banzhaf die Ausgangslage. Doch die Gewichte in der Verlagsarbeit verschoben sich
schrittweise. Die Ostpreußen-Nostalgica traten mehr und mehr
hinter den immer zahlreicheren, farbigeren und phantasievolleren Kochbüchern zurück und wurden schließlich ganz
346
ausgemustert. Prelinger hatte zudem die Idee, ein neues Format zu entwickeln: quadratisch, praktisch, gut. Die Küchen-Rat­
geber, die 1975 erstmals auf den Markt kamen, wurden bald
für preiswerte Paperbacks zum Standard. Sie waren handlich,
erlaubten eine optimale Nutzung des Druckpapiers, und klei­
nere Bilder standen auf diesem Format gut, ohne mickrig zu
wirken. Die Bindetechnik erlaubte es zudem, sie aufgeklappt auf
den Küchentisch zu legen, ohne die Seiten mit irgendwelchen
Gegenständen beschweren zu müssen. Man konnte beim Kochen jederzeit einen Blick in das ausgewählte Rezept werfen.
Perfektioniert wurde dies durch die 1967 erstmals auf den
Markt gebrachten, abwaschbaren Kochkarten von Arne Krüger, zu denen Christian Teubner die Fotos beisteuerte. Es war
eine Innovation: Statt auf dem Küchentisch zwischen Kartoffelschalen und fettigen Töpfen nach einem Platz für ihr Kochbuch suchen zu müssen, wo es vor Spritzern aus der Pfanne
und Wasserflecken geschützt war, konnte die Hausfrau nun
einfach eine Karte ziehen und so ins Regal stellen, dass sie
­mühelos einen Blick ins Rezept werfen konnte. Abgeschaut
hatte Prelinger dies bei den Japanern, die schon lange à la
carte kochten. Den begabten Fotografen hatte er beim stern
entdeckt. Der gezielte Einsatz der Farbfotografie und profes­
sionell gestaltete Aufnahmen, die die Lust am Essen und den
Spaß am Kochen wecken sollten, waren Prelingers ureigener
Beitrag zur Weiterentwicklung der Kochliteratur. Statt der bis
dahin üblichen Routinebilder zur Illustration von Rezepten läu­
­tete er damit die Zeit der professionellen Food-Fotografie ein.
Was die Hausfrauen und die Hobbyköche begeisterte, stieß
bei den Buchhändlern zunächst auf Ablehnung: Pappkarten
statt sauber gebundener Bücher? So etwas zu verkaufen war
unter ihrer Würde. Deshalb stand der Verlag vor einem Problem. Angesichts der geringen finanziellen Reserven konnte
man es sich nicht leisten, lange auf großen Stapeln der aufwendig produzierten Karten sitzenzubleiben. Doch da Banzhaf
347
»keine Ahnung von Vertrieb und Werbung« hatte, brauchte er
auch erst gar nicht aus ausgefahrenen Gleisen herauszukommen, um neue Wege zu beschreiten. Weil die Karten im traditionellen Buchhandel nur mit spitzen Fingern angefasst wurden, sah er sich nach anderen Vertriebskanälen um. Eines
schönen Tages ging er mit einem Satz Karten zum nächstgelegenen Rosenthal-Studio und erkundigte sich beim Geschäftsführer, ob er sich vorstellen könnte, so etwas zu verkaufen. Der
konnte sich das nicht nur vorstellen; er war begeistert. Endlich
konnte er seinen Kunden neben kostbarem Porzellan auch
dazu passende Ideen verkaufen, ihnen zeigen, was sie auf die
Teller zaubern könnten. Bald lagen die Kochkarten in allen
Rosenthal-Studios. Wenig später kamen die WMF-Filialen und
der Hausrat-Fachhandel hinzu. Andere Verlage gingen ähnliche Wege. Heute ist es selbstverständlich geworden, Ratgeberbücher überall da anzubieten, wo guter Rat gefragt ist, und
so auch Kunden anzusprechen, die sich scheuen, ihren Fuß
über die Schwelle des Kulturtempels Buchhandlung zu setzen.
Damals galt es als Sakrileg.
Ein solcher Verstoß gegen die guten Sitten im Buchhandel
trieb zwar die Traditionalisten der Branche auf alle verfügba­
ren Palmen. Doch als sich herausstellte, dass die Karten-Sets
reißenden Absatz fanden, verdrängte schließlich der gesunde
Geschäftssinn den säuerlichen Kulturpessimismus. Die nach
Themenbereichen zusammengestellten Sets mit jeweils 16 Karten erschienen schon bald mit Erstauflagen von 50 000 Stück.
Insgesamt wurden im Laufe der Jahre sieben Millionen Päckchen verkauft. Zeitweise erzielte GU 70 Prozent seines Umsatzes mit den handlichen Rezeptträgern. Nachdem sich der
zweite Vertriebsweg etabliert hatte, entwickelte sich bald eine
Faustformel: Von den GU-Kochbüchern gingen 60 Prozent an
den Buchhandel, 40 Prozent wurden über andere Vertriebs­
kanäle abgesetzt. Um sich nicht auf Dauer dem Zorn der Sor­
timenter auszusetzen, wurde 1968 für den Vertrieb von Kü348
chenratgebern, Feinschmeckerbibeln und Weinbüchern im
»nichtbuchhändlerischen Fachhandel« der Banzhaf Verlag gegründet, mit dem der Namensgeber 1968 zugleich als Mitgesellschafter in den Gräfe und Unzer Verlag eintrat.
Hausverbot für den Frevler
Dass sich auch die Traditionskompanie des Buchhandels schließ­
lich mit dem damals heftig umstrittenen Tandem-System im
Vertrieb abfand, lag nicht zuletzt daran, dass Gräfe und Unzer
ihnen immer wieder Best- und vor allem Dauerseller bescherte.
Zu den Büchern, die selten oder nie auf Hitlisten erscheinen,
sich aber über viele Jahre gut verkaufen, gehörte Ulrich Klevers »Kalorien-Kompass«, mit dem der Verlag schon Mitte der
siebziger Jahre auf das zunehmende Körper- und Gesundheitsbewusstsein reagierte. Über zwei Millionen Exemplare wurden
im Laufe der Jahre verkauft. Als »GU Nährwert Kalorien Tabelle« ist das Thema bis heute im Programm. Zwischen 1996
und 2006 gingen mehr als 800 000 davon über den Ladentisch.
1973 ließ sich der Verlag dann abermals auf ein Geschäft
ein, das für ihn äußerst lukrativ, in den Augen der Sortimenter
hingegen ein unerhörter Frevel war und dazu führte, dass
­allein die Nennung des Namens Banzhaf bei manchem Buchhändler cholerische Anfälle auslöste.
Dabei hatte alles ganz harmlos damit begonnen, dass der
Vertriebschef eines schönen Tages einen Zettel mit der handschriftlichen Notiz auf seinem Schreibtisch fand, er möge doch
einen Herrn Seekamp in Hamburg anrufen. Der wolle 800 Bücher kaufen. Was ihn ein paar Jahre früher dazu veranlasst
hätte, sofort erfreut zum Hörer zu greifen, war Mitte der siebziger Jahre kein Anlass mehr, alles andere stehen und liegen zu
lassen. Banzhaf reagierte daher recht gelassen, als das Telefon
erneut klingelte und besagter Herr Seekamp sich etwas hek349
tisch bei ihm erkundigte, ob er bereits einen Flug nach Hamburg gebucht habe und wann er mit ihm rechnen könne. Da
eine Flugreise damals noch nicht alltäglich war und die Kosten
eines Flugscheins überdies in keinem Verhältnis zu dem zu erwartenden Geschäft standen, fragte Banzhaf, ob so viel Aufwand für den Verkauf von 800 Büchern nicht etwas übertrieben sei? »Was heißt hier achthundert?«, kam die bis heute ins
Gedächtnis von Banzhaf eingebrannte Gegenfrage. »Es geht
um achthunderttausend!« Wie sich herausstell­te, arbeitete Herr
Seekamp beim Kaffeeröster Tchibo und erwartete umgehend
ein Angebot.
Objekt seiner Begierde war der erfolgreiche Küchenratgeber »Kochen heute« des Autorenteams Arne Krüger und Annette Wolter, der 1972 auf den Markt gekommen war. Tchibo
plante, den Band, der neue Maßstäbe für moderne Kochbücher setzte, in den Wochen vor Weihnachten im Rahmen einer
für die damalige Zeit unerhörten Aktion im Paket mit zwei
Päckchen »Gold Mocca« für 15,95 Mark zu verkaufen. Der Ladenpreis des Kaffees allein belief sich schon auf 7,90 Mark, so
dass die Tchibo-Kunden für die Sonderausgabe gerade einmal
8,05 Mark berappen mussten. Auch addiert war das weniger als
ein Drittel des Preises von 55 Mark, der für das Standardwerk
im Buchhandel gezahlt werden musste – und Kaffee brauchten
die Leute ja ohnehin. Allerdings mussten die Tchibo-Kunden
nach einiger Zeit feststellen, dass die Qualität der in den Niederlanden gedruckten und gebundenen Sonderausgabe zu
wünschen übrig ließ: Unter dem Einfluss der Küchendämpfe
löste sich die Klebebindung, und die Buchseiten verwandelten
sich in fliegende Blätter. Kochkarten der anderen Art.
Die Kaffeeröster hatten sich schon mit einer Reihe ähnli­
cher Aktionen in der gesamten Einzelhandelsbranche unbeliebt gemacht. Aber in der vorgesehenen Größenordnung war
das Koppelgeschäft Buch plus Bohne selbst für Tchibo ein dicker Brocken und ein neuer, schwerer Schlag der Hamburger
350
Störenfriede gegen etablierte Handelsstrukturen. Und erstmals
wurde der Buchhandel mit voller Wucht getroffen.
Auch auf Prelinger und Banzhaf wirkte das Angebot wie ein
Donnerschlag. Der Jahresumsatz des Verlags lag damals bei
knapp vier Millionen Mark. Durch eine Zusammenarbeit mit
den Hamburgern würde er sich mit einem Schlag verdoppeln.
Prelinger sah die Chance, mit Hilfe des zu erwartenden Gewinns die hohen Kredite rasch tilgen zu können, die er auf­
genommen hatte, um die Familie seines 1970 bei einem Autounfall ums Leben gekommenen Partners Bernhard Koch
auszuzahlen. Aber er und Banzhaf wussten auch, dass die Produktion einer so hohen Auflage in kurzer Zeit alles andere als
ein Kinderspiel war. Vor allem aber ahnten sie, dass ihre ohnehin brüchige Freundschaft zu den Buchhändlern vor einer
neuen, schweren Belastungsprobe stand. Kochkarten statt Bücher? Das hatte man ihnen schließlich verziehen. Bücher in
Porzellangeschäften, Tierhandlungen und Apotheken oder neben Anglerbedarf? Damit konnten sich viele Buchhändler immer noch nicht abfinden. Und nun einer ihrer Bestseller als
billiger Köder in einem Kaffeeladen!
Dennoch gingen die beiden nach kurzem Zögern auf das
Angebot ein. Das Geschäft war zu gut, um es kurzsichtigem
Zunftdenken zu opfern. Obwohl sie ahnten, was auf sie zu­
kommen könnte, wurden sie gleich mehrfach überrascht: Das
Kombi­angebot Buch und Kaffee zum Jubelpreis löste einen solchen Ansturm auf die Tchibo-Filialen aus, dass die Sonder­
ausgabe nach sechs Wochen ausverkauft war. Rasch für Nachschub zu sorgen, wie Tchibo es gewünscht hätte, war mit der
damaligen Druck- und Verpackungstechnik nicht möglich.
Aus zwei so unterschiedlichen Produkten und einem speziell
dafür gefertigten Karton ein »Bundle« zu machen, darin hatte
man seinerzeit keine Routine. Dennoch war das Geschäft damit noch lange nicht beendet. Trotz des Sensationserfolgs
brach der Verkauf der regulären Ausgabe von »Kochen heute«
351
im Buchhandel nämlich keineswegs zusammen. Das Gegenteil
war der Fall: Interessenten, die keines der billigen Exemplare
mehr ergattert hatten, fragten im Buchhandel nach dem Titel.
»Weil das Buch bei Tchibo so schnell ausverkauft war, haben
wir es für den Buchhandel nachgedruckt. Im Anschluss an die
Aktion wurden noch Hunderttausende verkauft.«
Es dauerte allerdings einige Zeit, bis auch die Buchhändler
das erkannten, und selbst da beruhigten sie sich nicht so
schnell wieder. Viele reagierten derart aggressiv, wie es selbst
die inzwischen sturmerprobte Münchner Mannschaft noch
nicht erlebt hatte. Statt bloß zu murren, tobten sie diesmal.
Konkurrenzverlage gossen mit Freude Öl ins Feuer. Auch ein
Teil der Presse zog über die Frevler her, die des schnöden Mammons wegen Kultur zur Aktionsware degradiert und an den
Pöbel verramscht hätten. Die Zeit sah schon den »Tchibuchhandel« kommen, in dem Büchern passend zum Inhalt Schinken
oder Quark beigepackt werde. Der Sturm war so gewaltig, dass
Prelinger sogar im Umgang mit der deutschen Sprache un­
sicher wurde und »auf den Knien seines Herzens« schwor, Der­
artiges nie wieder zu tun.
Einige Buchhändler kündigten ­dennoch »fristlos jeden weiteren Geschäftsverkehr« mit den Münchner Tempelschändern,
die »dem Buchhandel unabsehbaren Schaden zugefügt« hätten. Andere erteilten Banzhaf ein lebenslanges Hausverbot.
Manche haben es bis heute nicht aufgehoben – allerdings ohne
sich noch daran zu erinnern, wie der Geächtete vermutet.
Doch als Banzhaf auf dem Höhepunkt der Tchibo-Affäre zu einer Goodwill-Tour durch die Bundes­republik aufbrach, flog er
tatsächlich aus mancher Bücherstube postwendend wieder hinaus, sobald er seinen Namen genannt hatte. Einige Sortimenter nahmen den Tchibuchhandel zwar mit Humor und verkauften ihrerseits Kaffee zu Schleuderpreisen, doch für die
große Mehrzahl blieb GU ein rotes Tuch. Bodo Harenberg,
Herausgeber des Buchreport und viele Jahre lang selbst ein En352
fant terrible der Branche, der um ausgefallene PR-Aktionen
nie verlegen war, riet Kurt Prelinger angesichts des Sturms im
Wasserglas: »Schließen Sie Ihren Verlag. Verkaufen können Sie
ihn nicht mehr« – eine Vermutung, die Jahre später durch den
Übergang an Thomas Ganske eindeutig widerlegt wurde.
Auch sonst wurde nichts so heiß gegessen, wie es in der Aufregung gekocht worden war. Die heute kaum noch verständliche Erregung legte sich schließlich wieder. Der Buchhandel
verstand, dass ein erfolgreicher Verlag mit einem ideenreichen
Programm auch ihm das Geschäft erleichterte. »Das Sortiment
konnte in den Ratgeberbereichen Kochen, Natur und Gesundheit ohne uns fast nicht mehr auskommen«, stellte Prelinger
später selbstbewusst fest. Der Tchibo-Deal hatte dem Verlag so
viel Kapital ins Haus gebracht, dass er sein Programm auf diesen Feldern forciert ausbauen konnte. Das klar gesteckte Ziel
dabei: »Gräfe und Unzer will Wissen in Nutzen verwandeln.«
Im Rückblick sprachen Experten später vom »Urknall des
Kochbuchmarktes«, wenn sie sich an die Tchibo-Affäre erinnerten. »In Wirklichkeit wirkte das ›Tchibo-Kochbuch‹ wie eine
Initialzündung, die den größten Kochbuch-Boom auslöste,
den man sich vorstellen konnte«, schrieb Hans-Jürgen Schmidt,
damals beim Kaufhof für den Zentraleinkauf Bücher zuständig,
1989 im BuchMarkt und fragte: »Welcher Sortimenter ist heute
so ehrlich und dankt Gräfe und Unzer für seine mutige Tat?«
Der Verlag trug aber nicht nur zu einem Umdenken in der
Branche bei. Er strukturierte auch das eigene Programm immer wieder neu und überdachte die innere Verfassung des
Hauses. Die bereits seit 1933 bestehende Erfolgsbeteiligung
­aller Mitarbeiter war 1966 wieder aufgenommen worden und
gilt – mit zeitgemäßen Variationen – bis heute. Kurt Prelingers
humanistischer Einstellung entsprach es zudem, jedem Menschen die Entfaltung seiner Fähigkeiten zu ermöglichen. Das
wirkte sich nicht nur auf das Programm aus, sondern prägte
auch das Verhältnis zwischen der Verlagsleitung und den Mit353
arbeitern, führte zu entsprechenden Möglichkeiten der Ausund Weiterbildung und zu einer flexiblen Arbeitszeitgestaltung, die den Beschäftigten große Möglichkeiten gibt, private
und berufliche Verpflichtungen unter einen Hut zu bringen.
Um der gemeinsamen Arbeit klare Ziele zu geben, unterzog
Prelinger sich und den gesamten Verlag 1987 zudem einer radikalen Selbstanalyse, bei der »kein Stein auf dem anderen
blieb«. Es wurden Leitsätze formuliert, auf deren Grundlage
bis heute die persönlichen Zielsetzungen mit den Führungskräften des Verlags erarbeitet werden.
Zu den inhaltlichen Konsequenzen gehörte, dass sich Gräfe
und Unzer klar als Ratgeberverlag definierte, der seine Publikationen ausschließlich auf der Basis eigener Konzeptionen erarbeitet und gestaltet. Das bedeutet unter anderem, dass der
Verlag zwar Lizenzen ins Ausland oder an Buchgemeinschaften
und andere Zweit- und Drittverwerter verkauft, selbst aber nur
in seltenen Ausnahmefällen Lizenzen erwirbt. Dahinter steht
die 1987 beschlossene und bei einer weiteren »selbsttherapeutischen Aktion« 1993 bestätigte Strategie, die GU-Ratgeber als
Markenartikel zu positionieren, authentisch und unverwechselbar. Das ist nicht möglich, wenn man nachdruckt, was andere entwickelt haben. Die starke Identifizierung der Mitarbeiter mit »ihrem Verlag« und ihre hohe Motivation, die jeder
spürt, der sich bei Gräfe und Unzer in München umsieht, hat
in dieser über viele Jahre gewachsenen Unternehmenskultur
ihre Wurzeln. »Gräfe und Unzer kann nur dann gut sein, wenn
die Mitarbeiter aus eigener Motivation heraus ihre Leistung erbringen«, fasst Urban Meister, seit Anfang 2003 einer der drei
Geschäftsführer des Verlags, zusammen.
Deshalb war es für die Mitarbeiter ein Schock, als sie 1990
erfuhren, dass ein Besitzerwechsel bevorstand. Weil Kurt Prelinger dem Grundsatz huldigte, man solle »aufhören, wenn es
am schönsten ist« und es seiner Lebensplanung entsprach, das
hektische Managerdasein nicht bis zum Pensionsalter zu füh354
ren, hatte er sich frühzeitig nach einem möglichen Nachfolger
umgesehen. Deshalb entschloss sich Prelinger, den Verlag, der
damals bereits einen Jahresumsatz von 35 Millionen Mark erzielte, als Ganzes zu verkaufen – nicht an eine große Buchfa­
brik, sondern an ein eigentümergeführtes Unternehmen. Nach
Gesprächen mit vielen in- und ausländischen Interessenten
kam Prelinger zu der Ansicht, dass Thomas Ganske und seine
Verlagsgruppe seinen Vorstellungen am besten entsprachen.
Auch Dieter Banzhaf verkaufte die ihm gehörenden Anteile
1990 an die Hamburger Gruppe.
Erfolg an der langen Leine
Viele in München fürchteten, dass ein radikaler Wechsel der
Geschäftspolitik bevorstünde; andere vermuteten, dass der
Verlag nach Hamburg umgesiedelt und zu einer Abteilung von
Hoffmann und Campe degradiert werden würde. Solche und
ähnliche Gerüchte machten damals die Runde – und keines
davon stimmte die Mitarbeiter besonders glücklich. »Die waren geschockt«, weiß Frank-H. Häger, der seine Karriere 1991
bei der Ganske Verlagsgruppe als Geschäftsführer und Programmchef von Gräfe und Unzer begann. »Da gab es anfangs
heftige Ressentiments gegen Hamburg. Das waren Männer in
dunklen Anzügen und mit schwarzen Aktenköfferchen, die
möglichst viel Profit machen wollten. In München war man
stolz auf die eigene Unternehmenskultur und hatte Angst, dass
sie einer anderen weichen müsste.« Das hat auch Peter Notz in
ganz ähnlicher Form erlebt, der 1992 als Geschäftsführer, zuständig für den kaufmännischen Bereich, zu dem Münchner
Ratgeberverlag kam. »Thomas Ganske ist es aber sehr gut gelungen, ihnen diese Ängste zu nehmen und die Kultur, die sich
dort entwickelt und auch zu wirtschaftlichem Erfolg geführt
hat, zu bewahren und nicht durch andere – vielleicht nur vermeintliche – Erfolgsrezepte zu ersetzen.«
355
Die vielleicht wichtigste vertrauensbildende Maßnahme bestand darin, dass Dieter Banzhaf nach der Übernahme weiter
Geschäftsführer blieb, zusammen mit Frank-H. Häger und
­Peter Notz, aber als Sprecher der Geschäftsleitung ein Primus
­inter pares. Obwohl Banzhaf, ähnlich wie zuvor Prelinger, 1997
auf eigenen Wunsch ausschied, weil er nach mehr als 30 Managerjahren nicht mehr länger »ein Leben führen wollte, dessen
Rhythmus vom Terminkalender diktiert wird«, hielt Thomas
Ganske auch danach am Prinzip der langen Leine fest. Zu dieser Zeit erwirtschafteten 112 Mitarbeiter einen Umsatz von gut
90 Millionen Mark.
Die lange Leine galt allerdings nicht für den betriebswirtschaftlichen Bereich. Hier wurden überall in der Gruppe
­einheitliche Standards gesetzt: Bei der Datenverarbeitung, im
Con­trolling und im Rechnungswesen. Neu war auch, dass der
Verlag nun Anzeigen in Publikumszeitschriften schalten konn­
te. »Wir haben vom Jahreszeiten Verlag sehr günstige Kondi­
tionen bekommen«, erinnert sich Notz. »Das war so eine Art
Investition in den neu erworbenen Ratgeberverlag und hat
zum Erfolg vieler Bücher beigetragen.«
Trotz dieses sanften Einstiegs hat sich seit der Eingliederung von Gräfe und Unzer in die Verlagsgruppe auch die Programmphilosophie verändert, denn der Tradition der »Häutungen«, denen sich der Verlag immer wieder unterzogen hatte,
blieb er auch nach dem Eigentümerwechsel treu. Der Vertrieb
über Apotheken, den Zoofachhandel, Haushaltswarengeschäf­
te oder Supermärkte spielt mit einem Anteil von 25 Prozent
zwar immer noch eine bedeutende Rolle. Doch die strategische
Ausrichtung an Zielgruppen wurde immer wichtiger. »Wir haben den vertriebsorientierten Geschäftsfeldmix in den Dienst
des Gedankens gestellt, Leser und Käufer mit ihren Zielgruppenbedürfnissen in den Mittelpunkt der Verlagsausrichtung
zu stellen und nicht Vertriebskanalbedürfnisse«, erklärt Georg
Kessler, der als Sprecher der Geschäftsleitung gleichzeitig für
356
das Programm zuständig ist. »Aus den Stammkompetenzen
der Vergangenheit entwickeln wir in engem Kontakt mit den
Zielgruppen und ihren Bedürfnissen die Programmstrategie.
Wir wollen das Erbe in Ehren halten, es aber in einen Jungbrunnen stecken.« Das gilt sowohl für die Firmenmarke GU
als auch für die beiden Produktmarken Teubner und Hallwag.
Aus den drei großen Kompetenzbereichen Essen und Trinken,
Haus und Garten, Natur und Heimtier wurden seither Kochen & Verwöhnen, Haus & Garten, Körper & Seele sowie
­Partnerschaft & Familie. Ergänzt wurden diese klassischen Betätigungsfelder durch Leben & Lernen. Das Angebot im Er­
lebnisfeld Leben & Lernen reicht von A wie »Anti-BlamierKnigge« über D wie »Dating« und R wie »Rhetorik« bis Z wie
»Zeitmanagement« und bietet im Gesamtverzeichnis 2006/07
50 Titel für Menschen, die durch eigenständiges Lernen im
privaten oder beruflichen Leben weiterkommen wollen. Im
­familiären Erlebnisfeld spannt sich der Themenbogen von
»ADS – So fördern Sie Ihr Kind« über Bach-Blüten, Homöopathie, Kinderkrankheiten, Kinderwunsch und dem »Papa-Handbuch« bis hin zu Yoga für Kinder und spart auch die erotische
Partnermassage und allerlei andere Wege zur sexuellen Erfüllung nicht aus.
Im sogenannten Sinusmodell der Marketing-Experten, das
die verschiedenen gesellschaftlichen Milieus zu beschreiben
versucht, konzentriert sich Gräfe und Unzer heute auf die »bürgerliche Mitte« als Kernzielgruppe mit den »modernen Performern« und den »Postmateriellen« als Leitzielgruppen. Die Verlage Teubner und Hallwag dagegen bewegen sich mit ihrem
Angebot vor allem im Establishment, in eher konservativen
und mit überdurchschnittlicher Kaufkraft ausgestatteten Kreisen. Dabei soll »Teubner« für höchste Kompetenz in den Bereichen Warenkunde, Küchenpraxis und Rezepte stehen und mit
den aufwendig gestalteten Bänden ambitionierte Hobbyköche
ebenso ansprechen wie den Maître de Cuisine. Titel wie »Food.
357
Die ganze Welt der Lebensmittel« oder »Die große Teubner
Küchenpraxis« illustrieren, wie sich das im Programm spiegelt.
Dass es sich dabei nicht nur im Wort, sondern auch im Bild um
»kulinarische Meisterwerke« handeln soll, versteht sich eigentlich von selbst. Schließlich verdankt der Verlag seinen Namen
dem Fotografen Christian Teubner, der in der Bildgestaltung
rund um Speis und Trank Maßstäbe gesetzt und schließlich
1979 seinen eigenen Verlag gegründet hatte. Von Anfang an
gab es aber eine große Nähe, und seit 2001 sitzt Teubner ganz
unter dem breiten Münchner Dach.
Bei Weinfreunden gilt die Marke »Hallwag«, die ebenfalls
seit 2001 komplett zu Gräfe und Unzer gehört, heute als die
Nummer eins. Das sehen auch Marktforscher so, die sich selbst
bei Weinbüchern nicht an deren Inhalt und Ästhetik berauschen, sondern allein von nüchternen Daten beeindrucken lassen: Mit einem Marktanteil von über 50 Prozent erreicht Hallwag die absolute Mehrheit der lesenden Weinfreunde. Das
deutet darauf hin, dass der Verlag im Urteil der Kunden seinem selbstgesteckten Ziel recht nahe ist: für jedes Weinthema
das weltweit beste Buch zu publizieren. Dabei kommen Weinkenner im Programm ebenso auf ihre Kosten wie Novizen, die
sich ihr Know-how erst noch anlesen und antrinken wollen.
Während für die einen »Der große Johnson« zur Pflichtlektüre
gehört, greifen die anderen vielleicht erst einmal zur »Hallwag
Weinschule«. Für große Weinfreunde mit kleinem Geldbeutel
gibt es seit 1998 alle Jahre wieder »Die besten Weine unter 10
Euro«. Wer Geld in einen gutsortierten Weinkeller investieren
kann, findet Anregungen in »Michael Broadbents Große
Weine« oder in »Parker Bordeaux«.
358
Ungleiche Schwestern
Die beiden großen Buchverlage unter dem Dach der GanskeGruppe unterscheiden sich heute nicht nur dadurch, dass
Hoffmann und Campe ein starkes belletristisches Programm
bietet und der Münchner Schwesterverlag sich überwiegend
auf Ratgeber konzentriert. Hoffmann und Campe ist ein
»Frontlist-Verlag«, bei dem sich die Frage, ob die angebotenen
Titel erfolgreich sind oder nicht, oft innerhalb weniger Wochen oder Monate entscheidet, weil nach einem halben Jahr
schon wieder die nächsten Bücher ganz vorn in den Auslagen
präsentiert werden. Gräfe und Unzer dagegen ist vor allem ein
»Backlist-Verlag«, der mit über 800 lieferbaren Titeln dienen
kann. Bei GU müssen fast alle Bücher mindestens fünf Jahre
im Verkauf sein, um als ein Erfolg zu gelten. Manche bleiben
auch 20 Jahre im Programm, mit leichten Varia­tionen vielleicht, aber schließlich mit Millionen-Auflagen. So ging »Die
echte italienische Küche« zwischen 1996 und 2006 mehr als
750 000-mal über den Ladentisch, und »Die magische Kohlsuppe« verzauberte im gleichen Zeitraum über 710 000 Kunden – Sonderausgaben nicht mitgerechnet. Ein Buch über die
»Wildküche« musste zwar immer wieder an die sich ändernden
Bedingungen im Naturschutz und Jagdrecht angepasst werden, erscheint aber im Kern unverändert seit Jahrzehn­ten.
Eine Anleitung zur Zubereitung traditioneller Pasteten, die
erstmals 1978 erschien, wird bis heute unverändert angeboten.
»Das heißt natürlich nicht, dass wir etwas gegen Bestseller haben. Aber sie stehen bei der Produktmarke GU nicht so stark
im Vordergrund, da das wirtschaftliche Kraftzentrum die
Backlist ist«, stellt Programmgeschäftsführer Georg Kessler
klar. Und er macht noch auf einen weiteren Unterschied aufmerksam: »Anders als in der Belletristik wirken viele unserer
Ratgeber unmittelbar in die Lebenswirklichkeit unserer Kunden – zum Beispiel ein Ernährungsratgeber.« Eine spürbare
359
Verbesserung ihrer Lebenswirklichkeit erhoffen sich wohl auch
alle, die sich »69 heiße Sex-Tipps« unters Kopfkissen legen.
Eine wichtige Weichenstellung bedeutete der 2006 gefasste
Beschluss, neben den exakt positionierten Marken GU, Teubner und Hallwag auch wieder Bücher unter dem Label Gräfe &
Unzer erscheinen zu lassen, um interessante Themen und Autoren unabhängig von den Zwängen publizieren zu können,
die man sich durch die Markenbildung in den anderen Bereichen selbst auferlegt hat. »Dadurch können wir eine Heimat
für Autoren und Themen werden, die nicht zur Ratgeberphilosophie der Marke GU passen«, erläutert Kessler und sagt deutlich, dass man sich damit die Möglichkeit schaffen wolle, »Bestseller zu generieren«. Was konkret damit gemeint ist, machten
schon die ersten Titel deutlich: »Die Kunst, mit dem Tier im
Menschen umzugehen«, beschreibt der Stardompteur und Zirkusdirektor Gerd Simoneit-Barum. Die Schauspielerin Ursula
Karven, eine ausgebildete Yoga-Lehrerin, informiert Neugierige über typische Lebenssituationen, in denen Yoga auch Men­
schen helfen kann, die keine »spirituellen Antennen« haben
und dennoch von der fernöstlichen Entspannungstechnik profitieren wollen. In »10 Diät-Mythen und die ganze Wahrheit«
klärt die Molligen-Selbsthilfegruppe Weight Watchers Leser
mit Gewichtsproblemen über angebliche Wundermittel und
unhaltbare Versprechen von Ernährungsaposteln auf. Wer
könnte das besser?
Die Hamburger Prinzen-Garde
In einer ganz anderen Form trägt Prinz zur Kompetenz und
zum Profil der Ganske Verlagsgruppe bei, ein Event-Magazin
und damit alles andere als ein Backlister, denn die von ihm verbreiteten Tipps und Infos haben im Allgemeinen eine sehr geringe »Halbwertszeit«. Niemand sonst weiß besser, wo der Bär
tobt, die Post abgeht oder die Luft brennt. Mit 13 Regionalaus360
gaben informiert das Lifestyle-Magazin seine Leser, wie und
wo sie ihre knappe Freizeit am besten investieren können, was
gerade in oder schon wieder out ist. Zu Prinz als Scout durch
den Dschungel der Großstadt greifen männliche und weibliche Leser gleichermaßen. Sie sind im Durchschnitt zwischen
20 und 40 Jahre alt, dazu aktiv, kaufkräftig, konsumfreudig
und genussorientiert. Das Blatt gibt ihnen die passenden Tipps,
News und Informationen: Wo geht man hin, welcher Style und
welche Marken liegen im Trend, über welche Stars spricht
man?
Für seine junge, urbane Zielgruppe recherchiert und bewertet Prinz jeden Monat bundesweit mehr als 40 000 Veranstaltungstermine, berichtet über die angesagten Discos, Bars
und Clubs, aktuelle Modetrends, die Filme des Monats, die
Newcomer der Musikszene, neue DVDs und die Highlights auf
dem Kunstmarkt. Das Event-Magazin gibt Tipps zu Downloads
und sagt auch, wo man mal so richtig abhängen kann. Seine
Leser erfahren, wie sich ein Traumflitzer wie der Audi TT
Roadster unter dem Hintern anfühlt oder was in den besten
oder flippigsten Restaurants auf den Tisch kommt. Prinz nennt
die Adressen der trashigsten Kneipen und elegantesten Bars.
Aber auch wer einfach nur mal wieder gut italienisch essen
möchte, kann nachlesen, wie es den Testern des Magazins bei
Mario oder Silvio geschmeckt hat, ob sie gut bedient wurden
und die Rechnung angemessen war. Lesben und Schwule können sich ebenso darüber informieren, was gerade auf der Szene
angesagt ist, wie die Freunde klassischer Musik oder erotischer
Mangas.
Wer das alles in geballter Form haben will, besorgt sich den
seit 2000 einmal im Jahr erscheinenden Top Guide, das »Premium-Metropolen-Magazin für konsum- und genussorientier­te
Großstädter« mit aktuellen Informationen, Tipps, Adressen
und journalistischen Bewertungen rund um die Themen Gastronomie, Shopping, Nightlife, Sport und Wellness – »unver­
361
zichtbar für alle, die up to date bleiben wollen«, wie Rainer
Thide, Chefredakteur und Geschäftsführer, ohne übertriebe­ne
Bescheidenheit meint. Vor allem für Touristen, die nicht so
recht wissen, wohin in der großen Stadt, ist das eine Fundgrube. Und wer nicht von vorgestern ist, dem hilft Prinz natürlich auch im Internet, den Überblick über die Versuchungen
der Großstadt zu behalten.
Angefangen hat das alles 1978 in Bochum mit einem kleinen Guckloch, durch das einige einfallsreiche junge Leute spähten, um anderen berichten zu können, was in ihrer Stadt los
war. Der alternative Veranstaltungskalender, auf 24 DIN-A5Seiten gedruckt und kostenlos verteilt, wurde 1985 in Prinz
umbenannt und mauserte sich zu einem professionell gemachten Stadtmagazin. Irgendwann lief der damals immer noch
recht kleine Prinz einem Verleger aus Hamburg über den Weg –
und der sah die Chance, ihn groß und stark zu machen, und
beteiligte sich über den Jahreszeiten Verlag Ende 1988 mit
75 Prozent als Mehrheitsgesellschafter am Guckloch-Verlag.
Schon im Februar des nächsten Jahres hielt der Prinz in Düsseldorf, kurz danach in Hamburg, München und Frankfurt seinen Einzug. Im Dezember des gleichen Jahres machte er auch
den Kölnern seine Aufwartung.
1990 wurde der Marsch in die großen deutschen Städte fortgesetzt mit Regionalausgaben für Bremen, Stuttgart und Hannover. Prinz erschien erstmals mit einheitlicher Titelgestaltung
für alle Stadtausgaben. Aus dem Lokalmagazin entwickelte
sich ein nationaler Markenartikel. Es gab aber auch Rückschläge. Nicht überall war die wirtschaftliche Basis breit genug,
um eine eigene Regionalausgabe zu tragen. Das galt beispielsweise für den Versuch, die 14. Ausgabe in Mannheim/Ludwigshafen zu etablieren.
In Mannheim scheiterte nach elf Jahren auch der 1990 gestartete Versuch, mit dem Prinz-Medienhaus auf 5000 Quadratmetern Verkaufsfläche, ausgestattet mit Café, Leseecken
362
und Hörbars, ein ganz eigenes Konzept durchzusetzen, das
dem Kunden »den Zugang zu allen geistigen Bereichen – sei es
Literatur, Wissenschaft, Kunst oder Musik – für seine individuellen Ansprüche und Bedürfnisse vollständig und kompetent«
bieten sollte. Daran, dass dies letztlich nicht gelang, konnte
auch die Verleihung des »Echo«, des wichtigsten deutschen
Musikpreises, nichts ändern, mit dem 1996 das vorbildliche Erscheinungsbild, die Sortimentspflege, die Werbung und die
fachliche Qualität des Personals sowie die Warenpräsentation
ausgezeichnet wurden. Im Rückblick wurde daraus ein Trostpreis, denn Mitte 2001 musste das innovative Medienhaus wieder geschlossen werden. Der Rückzug sorgte für Ärger mit den
Beschäftigten, den Stadtoberen und den Gewerkschaften,
hatte aber keine Auswirkungen auf das Magazin, das ohnehin
nur Namenspatron war.
Lifestyle kombiniert mit Nutzwert
1995 hatte Thomas Ganske die Prinz-Kommunikation GmbH
komplett übernommen und den Sitz des Unternehmens und
die Zentralredaktion nach Hamburg verlegt. Seither hat sich
Prinz in allen Metropolregionen fest etabliert. Die »Programmzeitschrift für die Stadt«, wie sich das Monatsmagazin zeitweise
im Untertitel definierte, konnte sich fast jedes Jahr über neue
Auflagenrekorde freuen. Die bisherige Spitze erreichte 2004 die
»Jubiläumsausgabe«, von der über 300 000 Exemplare verkauft
wurden. Prinz eroberte in Städten wie München und Hamburg
gegen die alten Platzhirsche die klare Marktführerschaft und
steht bundesweit ohnehin an der Spitze der Großstadtillustrierten. Die inhaltliche Qualität, ein Mix aus internationalem Lifestyle und regionalem Nutzwert, wurde ebenso kontinuierlich
verbessert wie das optische Erscheinungsbild oder die Papierund Druckqualität. Prinz kommt seit 2006 ebenso wie die anderen Magazine des Jahreszeiten Verlags in Hochglanz auf den
363
Markt. Aus dem in Bochum geborenen Kellerkind ist im Laufe
der Zeit ein Edelmann geworden, aus dem Blick durchs Guckloch ein umfassender Überblick über die Szene.
Ähnlich wie zu Kaisers Zeiten gibt es heute aber nicht nur
einen, sondern viele Prinzen in Deutschland, von denen jeder
sein eigenes Hoheitsgebiet besitzt. »Bei aller Konsequenz in
der Markenführung ist ein Prinz in Leipzig anders als in Nürnberg oder dem Ruhrgebiet«, weist Jörg Hausendorf, der Geschäftsführer der Prinz Kommunikation GmbH, auf einen
Charakterzug hin, der das Magazin deutlich von anderen Zeitschriften unterscheidet. Anders als bei Spiegel, Gala, Focus und
anderen deutschen Magazinen, bei denen es keine Rolle spielt,
ob ein Reisender sie in München oder Flensburg erwirbt, erhält der Prinz-Käufer in Hamburg ein etwas anderes Produkt
als in Berlin oder Frankfurt. Denn obwohl sich das Magazin
als nationale Marke durchgesetzt hat, dient es seinen Lesern
weiterhin als lokaler Scout. »Es war ein langer Weg bis zur Verwirklichung unserer Vision«, bekennt Chefredakteur Rainer
Thide. »Aber jetzt haben wir es geschafft: Wir bieten nach wie
vor umfassende regionale Informationen, haben aber dennoch
überregional ein einheitliches Erscheinungsbild. Wir sind wiedererkennbar und können für alle Teilausgaben ein qualitativ
verlässliches Angebot garantieren.« Wer in München regelmäßig mit seinem Prinz ausgeht, freut sich, wenn er ihm bei einem
Wochenendbesuch in Berlin begegnet und ihn auch dort beim
Bummel durch die Stadt unter den Arm nehmen kann.
Seinen Platz als Lifestyle-Magazin musste das Blatt allerdings nicht nur im Bewusstsein seiner Leser finden, sondern
auch im Handel erkämpfen. »Am Anfang hat man Prinz als
Stadtmagazin wahrgenommen und in die gleiche Ecke gestellt
wie die regionalen Veranstaltungskalender«, beschreibt Vorstandsmitglied Karl Udo Wrede die Ausgangssituation. »Das ist
vorbei. Prinz wird inzwischen als überregionale Zeitschrift mit
unterschiedlichen regionalen Schwerpunkten gesehen.«
364
Zwar wird nur ein Viertel der Themen von der Zentral­
redaktion vorgegeben, sie bilden aber die identitätsstiftende
Klammer für die Mehrzahl der Seiten, auf denen die Leser regionale Inhalte finden – und auch wiederfinden, wenn sie unterwegs eine der anderen Prinz-Ausgaben zur Hand nehmen,
denn Optik und Struktur der regionalen Seiten sind einheitlich gestaltet. Auch die überregionalen Themen, die in allen
Ausgaben platziert werden, nehmen auf regionale Besonderheiten Rücksicht. »Wenn wir zum Beispiel über Probleme bei
der Wohnungssuche in Großstädten berichten, erscheint dieses
Thema in allen Ausgaben, und das Heft wird damit bundesweit
beworben. Aber die Lage auf dem Wohnungsmarkt in München ist natürlich ganz anders als in Berlin oder Stuttgart. Das
muss sich in den jeweiligen regionalen Ausgaben angemessen
widerspiegeln«, erläutert Chefredakteur Thide. Dagegen erscheint ein Artikel über junge Deutsche, die auf dem Modemarkt, in Kunst und Musik international Trends setzen, unverändert in allen Regionalausgaben. Das gilt auch für einen
Überblick über die »Film- und Musik-Highlights«, die in den
nächsten Monaten in Deutschland zu erwarten sind. Umgekehrt ist ein Report über die heißesten Bars der Stadt, über die
Theaterszene oder die aktuell von Prinz getesteten Restaurants
nur für »Eingeborene« oder Touristen interessant, die wissen
wollen, wo man sich in Nürnberg, Düsseldorf oder Bremen die
Nacht am besten um die Ohren hauen kann.
Ortsbezogen und daher in jeder Teilausgabe unterschiedlich, sind die Veranstaltungskalender, die für jeden Tag des
Monats die Events nennen, bei denen man dabei sein muss,
wenn man dazugehören will. Diese Spaß-Fundgruben müssen
für die jeweilige Region maßgeschneidert sein. Das gilt auch
für einen Teil der Anzeigenseiten, denn Werbung kann national oder regional geschaltet werden. Auch dadurch verändert
sich die Struktur der einzelnen Ausgaben. Das Redaktions­
system erlaubt es aber dem Chefredakteur oder Art Director,
365
am Bildschirm in Hamburg zu kontrollieren, ob die Seiten, die
in Berlin oder Leipzig gestaltet werden, trotz aller inhaltlichen
Unterschiede dem Markenprofil entsprechen.
Damit ein so komplexes Magazin Monat für Monat pünktlich und ohne »Seitensalat« erscheinen kann, muss eine ausgeklügelte Organisation dahinterstehen. Das gilt nicht zuletzt für
den Druck der Hefte, der für alle Ausgaben in Kassel stattfindet. Dabei werden nicht nur die zentral gestalteten Seiten mit
den regionalen Teilen von 13 verschiedenen Ausgaben zusammengeführt. Unterschiedlich sind auch die Anzeigenbeilagen
der einzelnen Hefte, denn nicht alle sind für die Gesamtausgabe bestimmt. »Wir bieten selbstverständlich auch hier eine
Teilbelegung an«, erklärt Hausendorf. »Das ist eine anspruchsvolle logistische Aufgabe, da inzwischen alle Teilausgaben am
gleichen Tag erscheinen.« Die Logistik wird auch dadurch
nicht gerade erleichtert, dass alle Prinz-Ausgaben mit einheitlichem Titelbild erscheinen, aber mit unterschiedlichen Schlagzeilen um die Käufer werben. Schließlich müssen die jeweili­gen
Interessen in den Verbreitungsgebieten gezielt angesprochen
werden.
Es war ein langer Weg, der vom 1978 geschaffenen Guckloch
zum feschen Prinz, von zweistelligen Millionenverlusten in die
schwarzen Zahlen führte. »Andere hätten da längst dichtgemacht«, ist Rainer Thide überzeugt. Doch obwohl Prinz zeitweise zum zweitgrößten Verlustbringer der Gruppe avancierte,
nur noch übertroffen von der Woche, hielt Thomas Ganske
durch, so wie er es auch beim Feinschmecker und anderen unternehmerischen Projekten getan hatte, die nur dann zum Erfolg
geführt werden können, wenn man einen »langen Atem« hat.
Wer Tiefwurzler züchten will, braucht außer Visionen eben
auch Zeit und Geduld. Die Wende bei Prinz brachte 1999 ein
Relaunch. Sein Ergebnis konnten die Leser der Septemberausgabe erstmals betrachten – was ihnen dadurch erleichtert
wurde, dass gleichzeitig der Preis des Heftes deutlich gesenkt
366
wurde. Statt allein auf Lifestyle zu setzen, liegt der Schwerpunkt nun klar auf Service. Prinz wurde am Kiosk als »Programmzeitschrift für die Stadt« neu positioniert und kommt
seither mit einheitlicher Optik und Struktur daher. Für den
Verlag war die Durststrecke damit aber noch nicht beendet: Es
dauerte noch fünf weitere Jahre, bis das bunte Event-Magazin
endlich schwarze Zahlen produzierte.
Ein Wort zum Schluss
»Wir machen Tiefwurzler, keine Flachwurzler«, lautet das
Motto der Verlagsgruppe, das Thomas Ganske den Mitarbeitern immer wieder einprägt. Solche Bäume wachsen meist nicht
so schnell wie andere, weichere Hölzer. Aber 100 Jahre nachdem der Setzling am 7. April 1907 in Kiel gepflanzt wurde, ist
daraus ein weitverzweigter Baum geworden, dessen bunte Blätter heute vor allem den sonnigen Seiten des Lebens zugewandt
sind.
Zunächst brachten die Boten des Leserkreises Daheim Ri­
chard Ganske den Kunden Lesestoff ins Haus, den andere bereitgestellt hatten – Unterhaltung, Lebenshilfe, Information
für die ganze Familie. Im Unterschied zu allen seinen Konkurrenten beschränkte Daheim seinen Wirkungskreis aber nicht
auf eine Stadt oder Region, sondern wuchs bald darüber hinaus. Seit mehr als acht Jahrzehnten ist der Leserkreis unangefochtener Branchenprimus.
Wer nur verteilt, was andere produzieren, kann leicht in
­Abhängigkeit geraten. Mit der Beteiligung an Hoffmann und
Campe wurde 1941 der erste Schritt zum Aufbau einer eigenen Verlagsgruppe getan. Aus dem Buchverlag heraus entwickelte sich das erste eigene Zeitschriftenprojekt, Merian. Die
Gründung des Jahreszeiten Verlags machte das Unternehmen
endgültig vom Zeitschriftenvermieter zum Zeitschriftenverleger; zur Vertriebskompetenz trat die inhaltliche Kompetenz.
367
Durch verstärkte Transparenz und Kooperation im Inneren
wurde es möglich, die eigenen Kräfte zu bündeln und Synergien besser zu nutzen. Der gemeinsame Auftritt in der Öffentlichkeit erlaubt es, sich als kompetenter Produzent und Partner
auszuweisen. Die Erweiterung und Vertiefung der Themen­
palette des Jahreszeiten Verlags, der Einstieg ins Corporate
­Publishing, die Übernahme und Weiterentwicklung von Prinz
sowie des Gräfe und Unzer Verlags haben die bereits vor­
handene Kompetenz erhöht und die Wissensbasis der Gruppe
verbreitert. Darauf sollen neue, zukunftsträchtige Medien aufgebaut werden. Dazu gehört beispielsweise die Kombination
geo­codierter Navigationssysteme mit digitalisierten Informa­
tionen: interaktive Führer für Reisende, die mehr als nur den
Weg suchen.
Ein Unternehmen kommt nie an. Es muss sich immer wieder neu erfinden, um zu wachsen, neue Herausforderungen zu
bewältigen und im Wettbewerb erfolgreich bestehen zu können. Das galt in besonderer Weise während und nach den beiden Weltkriegen, der Hyperinflation und Weltwirtschaftskrise.
Im Zeitalter der Globalisierung, in der soziale und wirtschaftliche Veränderungsprozesse in einem vorher nie gekannten
Tempo ablaufen und die Welt, in der wir leben, sich auch ohne
Kriege und andere Katastrophen rasant wandelt, ist die Bereitschaft zum permanenten Neuanfang noch wichtiger geworden. Doch um diesem Druck gewachsen zu sein, brauchen
Menschen Verlässlichkeit und im Wandel Beständigkeit.
Eigentümergeführte Unternehmen können diese Werte heu­­
te eher garantieren als Kapitalgesellschaften, die den Launen
der Börse ausgesetzt sind und zum Spielball anonymer Inves­
torengruppen werden können. Familienbetriebe können sich
leichter an langfristigen Perspektiven orientieren als Gesellschaften, die täglich von Analysten durchleuchtet werden, deren Erfolg an Quartalsergebnissen gemessen wird und deren
Kapital sich im Besitz einer Vielzahl von Aktionären befindet,
368
die an jedem Börsentag »Bäumchen wechsle dich« spielen
können.
Beständigkeit im Wandel: Das wurde nicht nur dadurch erreicht, dass sich die Unternehmen der Ganske-Gruppe immer
wieder neu aufgestellt haben, sondern auch dadurch, dass eine
Eigentümerfamilie, die die Verlagsgruppe inzwischen in der
dritten Generation führt, Entscheidungen reifen und Entwicklungen Zeit lassen kann, ohne immer sofort auf schnelle Ergebnisse zu schielen.
Aus dem Lesezirkel Daheim hat sich im Laufe eines Jahrhunderts eine Verlagsgruppe mit fast 1500 Mitarbeitern und
einem Umsatz von rund 270 Millionen Euro entwickelt, die
heute ihren festen Platz in der deutschen Medienlandschaft
hat und in deren Entwicklung sich zugleich ein Jahrhundert
deutscher Geschichte spiegelt.
Nachbemerkung
A
m Anfang waren es nur einige Puzzleteile, am Ende ist daraus ein Bild geworden. Das war nur möglich, weil viele mit­
geholfen haben, verloren geglaubte Daten und Fakten, Bilder
und Dokumente ausfindig zu machen. Ehemalige Mitarbeiter
und Kunden stellten private Aufzeichnungen, Fotos und Erinnerungsstücke zur Verfügung. Besonders wichtig und hilfreich
waren die vielen ausführlichen Gespräche mit Mitarbeitern
und Pensionären, Kunden und Geschäftspartnern der Verlagsgruppe, die aus ihren Erinnerungen beisteuerten, was in Archiven oft nur noch bruchstückhaft oder gar nicht mehr zu finden ist. Ihnen allen sei an dieser Stelle für ihre Bereitschaft
gedankt, bei der Spurensuche und Rekonstruktion von 100 Jah­
ren deutscher Wirtschaftsgeschichte am Beispiel eines Fami­
lienunternehmens mitzuhelfen und über gute und schwere
Zeiten offen zu informieren. Dass niemand von denen, die in
diesem Buch zitiert werden, versucht hat, den Inhalt in unsachlicher Form zu beeinflussen, Fakten zu unterdrücken oder
zu beschönigen, soll dabei nicht unerwähnt bleiben, da es keineswegs selbstverständlich ist. Ein besonderer Dank gebührt
Barbara Holst, der Leiterin des Firmenarchivs, die wesentlich
zum Erfolg der »Ausgrabungsarbeiten« beigetragen und vieles
wieder zusammengetragen hat, was lange Zeit als verloren galt.
Bedanken möchte ich mich auch bei meiner Frau MarieClaude, die es (wieder einmal) fast klaglos ertragen hat, dass
ich für einige Monate in meinem Arbeitszimmer verschwunden bin, und die zudem bereit war, die Aufgabe der ersten
­Kritikerin zu übernehmen.
371
Personenregister
A
Adenauer, Konrad 251
Albers, Hans 185
Althen, Michael 294
Andres, Stefan 156
Arnold, Jürgen 245 f.
Augstein, Rudolf 137
B
Bähnisch, Theanolte 147
Banzhaf, Dieter 343 ff., 355 f.
Bardot, Brigitte 165
Barsch, Gerhard R. 137
Baum, Vicki 203
Biller, Maxim 294, 296
Bissinger, Manfred 162 f., 294, 309 f.,
312 ff., 332 f., 336
Boch, Brigitte von 244
Böckem, Jörg 294
Brandt, Willy 233
Breier, Lo 294
Brinckmann, Albert Erich 61, 122
Brümmer, Helmut 134, 257, 277
Bruyn, Günter de 163
Burda, Franz 175
Burda, Frieder 175
Bürkle, Albrecht 156, 230, 239
Buschinski, Albert 195, 256, 277
C
Campbell, Fiona 168
Campe, August 18
Campe, Julius 60
Carlsson, Wilhelm 13
Caruso, Enrico 204
Cervantes, Miguel de 200
372
Christensen, Martinus 60, 64 ff.,
71 ff., 80 f., 84, 87, 89 ff., 97 f.,
100 ff., 149, 153, 155, 164
Claudius, Matthias 104
Clausewitz, Carl von 257
Cocteau, Jean 156
Colette 156
Courths-Mahler, Hedwig 15
Cramer, Heinz von 232
D
Danella, Utta 232
Declair, Wolfgang 214, 256, 277
Degenhardt, Franz Josef 232
Dick-Read, Grantly 230
Dickens, Charles 200
Dietzel, Gustav 45, 48, 120, 127, 133,
134
Dithfurt, Hoimar von 233
Dutiné, Gottfried H. 325 ff.
E
Ebert, Dieter 249
Eckard, Christoph Gottfried 344
Eckardt, Emanuel 34, 168, 246, 253
Eckardt, Gustav 38 f.
Eckert-Rotholz, Alice 230
Elster, Hanns Martin 72
Erben, Walter 79
Erhard, Ludwig 128
F
Fischer, Jürgen 295
Fischer, Marc 294
Flechtheim, Ossip K. 233
Fleckhaus, Willy 158 f., 178
Fortmann, Ulrich 291
Friedell, Egon 51
Friedrich, Barbara 240, 242
Frohns (Filialleiter) 198
Frölich, Gerd 299 ff.
Fuß, Arnold 60
G
Ganske, Anna (»Ännchen«) 13, 25 ff.
Ganske, Gerda 62, 77, 99, 111, 118 ff.,
130, 150, 229, 257 f., 268
Ganske, Hilde 17, 25, 27, 52
Ganske, Käthe 17, 25, 52
Ganske, Kurt 16 f., 25 ff., 31, 33 ff.,
42 ff., 49 ff., 55, 59, 61 f., 64 ff., 69,
71, 75 ff., 80 ff., 101 ff., 110 f., 117 ff.,
122 ff., 128, 130 f., 133, 137, 141,
147 ff., 164, 166, 168, 178, 180,
183 ff., 192 f., 197 ff., 205, 207 ff.,
219, 227 ff., 231 f., 235 ff., 239 f.,
245 ff., 250 ff., 268, 278 ff., 285 ff.,
293, 309, 319, 323 ff.
Ganske, Mareile 257 f., 261 f., 287
Ganske, Michael 26, 45, 50, 61, 118,
120, 148, 150, 156, 166, 168 ff., 173,
175, 178, 180, 193, 196, 207, 246,
255, 257 ff., 279, 285, 287, 289, 293
Ganske, Richard 12 ff., 17 ff., 23 ff.,
27 ff., 33, 35, 42, 47, 50, 52, 55, 111,
126, 141, 142, 258, 278, 309
Ganske, Thomas 12, 16, 50, 61, 69,
118, 123, 131, 148, 154, 157, 159,
162, 205, 216 f., 227, 229, 234 ff.,
242, 249, 254, 257 f., 261 ff., 268,
278 ff., 285 ff., 293, 297, 301, 309 f.,
312, 314 f., 319 ff., 323 ff., 330 f.,
333 f., 343, 353, 355 f., 362 f., 366 f.
Ganske, Veronika 262 f.
Garbo, Greta 165
Gaul, Richard 332
Gimm, Peter 179
Giroud, Françoise 156
Globke, Hans 252
Goebbels, Joseph 51, 74, 150
Goethe, Johann Wolfgang von 100,
200, 203, 248, 309, 327
Gorbatschow, Michail 295
Gräfe, Heinrich Eduard 344
Grass, Günter 163
Gruner, Richard 166, 258
Gundlach, Franz Christian 168 f.
H
Haas, Willy 225
Hagelstange, Rudolf 230
Häger, Frank-H. 321, 355 f.
Hamm-Brücher, Hildegard 160
Hantelmann, Christa von 173, 239 ff.,
249
Harenberg, Bodo 352
Hartz, Alfred 114, 120, 133, 156
Hasse, O. E. 203
Hausendorf, Jörg 238, 364
Hazard, Paul 72
Hebel, Johann Peter 100
Heine, Heinrich 51, 60, 122, 233
Heinemann, Caesar 234
Herbst, Joachim 126, 136, 195, 207,
214, 272, 276, 278
Herrmann, Paul 230
Hess, Werner 17, 46, 61, 184 ff., 281
Heuss, Theodor 156
Hildebrandt, Rüdiger 231 f., 261 f.
Hitler, Adolf 50, 55, 61 f., 98, 113
Hoffmann, Gottlob 344
Homer 200
Honecker, Erich 295, 311
Höynck, Hans E. 184 ff.
Huffsky, Hans 174
Humboldt, Alexander von 71
J
Jahnn, Hans Henny 234
Jahr, John 174, 179
Jakits, Madeleine 247 ff.
Janssen, Horst 301
Jensen, Joy 239
Joop, Jette 244
Jourdan, Jochem 234
373
Jünger, Ernst 156
Jürgs, Michael 295
K
Kaiser, Hans Jürgen 304
Karsten, Jochen 245 ff.
Karven, Ursula 360
Kästner, Erich 51
Kaufmann, Andreas 299 ff.
Kaufmann, Hans 253
Keller, Will 159
Kessler, Georg 356 f., 359 f.
Ketelsen, John 84, 97
Klever, Ulrich 349
Knaus, Albrecht 227, 231 ff., 261 f.,
287
Koch, Bernhard 345, 351
Koch, Lucas 295
Koch, Marianne 168
Koczian, Johanna von 168
Kolle, Oswalt 179
Konsalik, Heinz G. 203
Kopf, Uwe 294
Kracht, Christian 294
Kramer, Franz Albert 251
Kröger, Ute 183
Krüger, Arne 245, 346 f., 350
Krumbeck, Detlev 20
Kuhlei, Regine 244
L
Laakmann, Kai 334, 336, 342
Lafer, Silvia 244
Leander, Zarah 204
Lechte, Heinz-Dieter 202, 219 f., 269,
278, 280
Leininger, Carsten 327, 329 f.
Leippe, Heinrich 150 f., 156
Lenz, Lilo 225, 228
Lenz, Siegfried 11, 61, 158, 225 ff.
Leuwerik, Ruth 168 f.
Liebig, Justus von 71
Löber, Hans 127, 134, 257
Loest, Erich 163
374
M
Mailer, Norman 158
Mann, Thomas 158, 200
Markert, Willy 185 f.
Marx, Erich 252 f.
Mayer, Walter 296
Meister, Urban 354
Merian, Matthaeus 34, 150, 152
Meyendorff, Irene von 167
Michael, Marion 168
Miller, Henry 158
Montherlant, Henry de 156
N
Nagel, Wolfgang 240
Nelken, Dinah 230
Neuss, Wolfgang 232
Nicodemus (Filialleiter) 65, 88, 117 f.
Notz, Peter 321, 355 f.
O
Ossenbach, Clara 184
Ossenbach, Hans 184
P
Palm, Frederik 306 ff.
Peichl, Markus 294 ff.
Petersen, Carl Wilhelm 62
Pieroth, Elmar 270
Pieroth, Dieter 269 ff.
Ploog, Peter 237
Popper, Karl 233
Porten, Henny 167
Prelinger, Kurt 344 ff., 351, 353 ff.
Pulver, Liselotte 168
R
Ranft, Ferdinand 159 ff.
Raupach, Susanne 296
Rensmann, Peter 331 ff., 337
Riedel, Heinz 345 f.
Rilke, Rainer Maria 71
Ringelnatz, Joachim 51
Roegele, Otto B. 253 f.
Röhring, Hans Helmut 261 f.
Rohrsen, Johannes 97
Rüttgers, Barbara 167
S
Salinger, Georg 289
Scheeler, Max 158
Scheibenpflug, Heinz 177 ff., 240
Schiller, Friedrich 200, 203
Schlame, Wilhelm 291
Schmidt, Hans-Jürgen 353
Schmidt, Hermann 272 ff., 313
Schmidt, Peter 331
Schmitz, Erwin 140, 205 ff., 213 f.,
216 ff., 253, 269, 279 f.
Schneider, Romy 168
Schramm, Percy Ernst 230
Schröder, Gerhard 233, 340
Seekamp 349 f.
Segal, Erich 232
Seidl, Claudius 294
Servan-Schreiber, Jean-Jacques 233
Shakespeare, William 200
Siedler, Wolf Jobst 163
Siefke, Andreas 336 f.
Simoneit-Barum, Gerd 360
Stahnke, Fred-Ruthard 202 f.
Stammler, Eberhard 140
Stein, Josef 251
Stempka, Roman 137
Stock, Dennis 158
Stünzner, Günther von 73
T
Tau, Max 230
Tauber, Richard 204
Teubner, Christian 347, 358
Thide, Rainer 362, 364 ff.
Thieme, Wolf 249
Thyssen-Bornemisza, Hans-Heinrich
Baron von 168
Timmerberg, Helge 294
Tolstoi, Leo 200, 203
Tönnies, Ilse 63 f., 67 ff., 104 f., 249
Tucholsky, Kurt 51
U
Ulbricht, Walter 164
Unzer, August Wilhelm 344
Unzer, Johann 344
V
Vesper, Guntram 163
Virchow, Rudolf 71
Vogt, Kristina 16
W
Waldenburger, Curt (»Thomas«)
165 f., 169 f., 172 f., 177, 240
Waldenburger, Helga (»Puttchen«)
165 f., 169 f., 172 f., 177, 240
Wegener, Harriet 61 ff., 75, 77 ff.,
117 f., 122, 124, 150 ff., 155 f., 230,
233, 239, 249
Wenger, Paul Wilhelm 251
Westerkamp, Michael 286
Wilhelm II. 34
Wille (Angestellte) 85, 86, 87
Willmenrod, Clemens 230
Wolf, Reinhard 158
Wolter, Annette 350
Wössner, Mark 326
Wrede, Karl Udo 235, 321, 323, 364
Wredenhagen, Alfred von 132
Wunderlich, Fritz 204
Y
Yadin, Yigael 231
Z
Zahn, Peter von 230
Zuse, Konrad 208
1. Auflage 2007
Copyright © 2007
by Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg
www.hoca.de
Gesetzt aus der ITC New Baskerville
Druck und Bindung: Druckhaus Nomos, Sinzheim
Printed in Germany
ISBN 978-3-455-50018-9