Leseprobe 5

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Leseprobe 5
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09.10.2007
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Ukraine
Die Ukraine ist mehr als eineinhalb mal so groß wie
Deutschland und hat rund 48 Millionen Einwohner. Es
ist ein überwiegend ebenes Land, das nur in den
Waldkarpaten und im Süden der Halbinsel Krim gebirgig wird. Der Nordwesten ist von ausgedehnten Mischwäldern bedeckt, die 16 Prozent der Fläche des Landes
einnehmen. Zum Vergleich: Das ist mehr als das Gebiet
von Bayern und Hessen zusammen.
Im Zweiten Weltkrieg kamen mehr als 400 000 deutsche Soldaten hier ums Leben. Die Verluste im Ersten
Weltkrieg auf dem Gebiet der Ukraine sind unbekannt.
1994 wurde mit der deutsch-ukrainischen Erklärung
eine Grundlage für die Kriegsgräberfürsorge geschaffen.
Am 29. Mai 1996 wurde das Kriegsgräberabkommen
unterzeichnet. Der Volksbund hat inzwischen fünf große
Sammelfriedhöfe angelegt. Jeder von ihnen wird einmal
30 000 bis 40 000 Gefallene aufnehmen. Bestehende
Friedhöfe des Zweiten Weltkrieges werden wieder hergerichtet. Von den rund 500 bekannten Kriegsgefangenenfriedhöfen (es sind vermutlich mehr als 1 000) wurden sieben instand gesetzt, 200 wurden erfasst. Schwerpunkt der Arbeit des Volksbundes in den nächsten
Jahren ist die Suche, Bergung und Umbettung der Gefallenen, aber auch der weitere Ausbau der Kriegsgräberstätten.
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Spurensuche von Else Albrecht
Else Albrecht
Wo ist
Erwin
geblieben?
Erwin Albrecht,
geboren am 21. Juni 1919,
vermisst am 20. Juli 1944
bei Chiltschizy
Else Albrecht hat Unterlagen, aus denen hervorgeht
in welchem Ort der Ukraine ihr Bruder vermisst ist.
Sie fährt mit einer Volksbundreise nach Chiltschizy
und sucht dort nach Zeitzeugen. Sie will einmal dorthin reisen, wo ihr Bruder vermisst ist. Eine alte Frau
im Ort kann sich gut an die Kriegszeit erinnern und
erzählt, dass die deutschen Soldaten alles junge Kerle
waren, einige von ihnen waren im Haus ihrer Eltern
untergebracht. Viele Deutsche sind dann bei den
schweren Kämpfen, wenige Meter neben dem Haus,
am Waldrand gestorben. Frau Albrecht ist der alten
Frau sehr dankbar für diese Schilderung. Sie fühlt in
ihrem Herzen, es ist der Ort, den sie so lange gesucht
hat. Hier ist sie ihrem Bruder Erwin nahe gekommen.
Nach den Jahren der Ungewissheit steht sie am
Waldrand und ist endlich dort, wo wahrscheinlich ihr
Bruder vor rund sechzig Jahren gestorben ist.
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Spurensuche von Else Albrecht
Die Alten des Dorfes zeigen
großes Verständnis dafür, dass
Frau Albrecht das Schicksal
des Bruders klären will.
Endlich am Ziel – am Waldrand von Chiltschizy
Nun stehe ich da, wo du zuletzt gelebt, gekämpft, gehofft hast, mein Bruder: Am
Ortsausgang von Chiltschizy, in der heute unabhängigen Republik Ukraine, die zu deiner Zeit Galizien hieß und zu Sowjetrussland gehörte. Ich kam, um zu sehen, was du
zuletzt gesehen hast. Die Landschaft hat sich nicht verändert seit 1944, wie die 90-jährige Zeitzeugin sagt, die noch in ihrem abseits des Dorfes liegenden Häuschen wohnt. Ihr
Sohn, der damals zwei Jahre alt war, ist inzwischen bereits gestorben. Vier deutsche
Divisionen, erinnert sie sich, waren auf dem Rückzug durch das Dorf gezogen. Der
Koch hatte seine Küche neben ihrem Haus und wohnte im Haus. Alle Offiziere, die das
Essen für ihre Leute organisierten, kamen auf ihr Grundstück. Sie glaubt, dass viele,
viele Soldaten in dem gegenüber liegenden Wald begraben sind. Die Dorfbewohner
haben sie – oftmals mit bloßen Händen – beerdigt.
Und Erwin? Er hatte die Regimentsspitze herauszuführen, aus der Umklammerung
durch die Sowjetarmeen. Er sprang also als erster aus der Deckung und gab das
Angriffssignal mit dem linken Arm. Auf den einzeln stehenden Kiefern vor dem
Waldrand saßen russische Scharfschützen, die sofort seine Handschlagader durchschossen. Als sein Melder vom Feldverbandsplatz zurückkam, hatte er zusätzlich einen
Kopfschuss.
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Spurensuche von Else Albrecht
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Spurensuche von Else Albrecht
Die Zeitzeugin erzählt:
Deutsche Soldaten haben im
Haus ihrer Mutter gewohnt.
Im Garten stand ihre Feldküche.
Wo und ob du begraben wurdest, mein Bruder, habe
ich nicht erfahren. Jener Melder, der unsere Eltern besuchte und ihnen deine Erkennungsmarke, Orden und
sonstige Habseligkeiten überbrachte, vermutete, dass das
Schlachtfeld von den Russen aus Zeitdruck überwalzt
wurde.
Aber ich bin froh, dass ich dich aufsuchen konnte,
nach so vielen Jahren der vergeblichen Recherchen nach
dem Ort Chiltschizy, der mit seinen fünf verschiedenen
Schreibweisen die Suche erschwerte. Die unendliche Weite der ukrainischen Ebenen atmet so viel Stille. Ich sehe
sie nun vor meinem inneren Auge, dank der Reise zu dir
mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge.
Else Albrecht nimmt an,
dass in der Nähe ihr
Bruder gefallen ist.
Ich bin aufs Neue mit dir eng verbunden, wie damals
auf dem Hanauer Bahnhof, wo der Truppentransportzug
dich für immer nach Russland entführte.
Else Albrecht
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Spurensuche von Maria Böckmann und Gerda Stockmann
Wir vermissen unseren
Bruder sehr
Die Schwestern von Bernhard Terhünte wissen, dass ihr Bruder im
Januar 1946 im Kriegsgefangenenlager 306/2 in Rowno in der
Ukraine verstorben ist. Nach Jahrzehnten der Ungewissheit erhalten
sie die Nachricht, dass das Grab ihres Bruders in Slawuta gefunden
wurde. Maria Böckmann und Gerda Stockmann, zwei der vier
Schwestern, fahren voller Hoffnung in die Ukraine – im Koffer das
Kommunionskreuz des Bruders, das von einem Kunstschmied zum
Grabkreuz umgearbeitet wurde. Auf dem Markt in Rowno kaufen sie
seine Lieblingsblumen und fahren mit einem Dolmetscher zu dem
angegebenen Ort.
Doch dann kommt alles ganz anders und ihre ganze Hoffnung ist
vorbei. Es hat sich ein Fehler eingeschlichen. Für den Ort Goroditsche im Bezirk Sambor sind zwei Friedhöfe für Kriegsgefangene
erfasst, mit 500 und 18 Toten. Es scheint sicher zu sein, dass Bernhard
Terhünte in einem Lager in der Nähe von Rowno gelebt hat. Ein
Zeitzeuge erzählt, dass die deutschen Gefangenen im Wald arbeiten
mussten. Die beiden Schwestern sehen einige Häuser, in denen die
Kriegsgefangenen gelebt hatten – einige sind heute noch bewohnt –
aber hat auch ihr Bruder hier gelebt?
Der Direktor des Museums der Stadt kennt die Lage der deutschen Gräber und will den Deutschen etwas über die Gefangenen
erzählen. Aber ein Friedhof mit 500 Gefallenen ist ihm völlig unbekannt. „Es waren nur etwa 400 deutsche Gefangene hier im Ort, 50
von ihnen waren Franzosen, 18 Gefangene sind hier verstorben und
hier begraben. Die Stelle, wo diese Toten bestattet wurden, kann ich
ihnen zeigen, aber den einen Friedhof für 500 Kriegsgefangene gibt
es hier nicht.“ Wo Bernhard Terhünte gestorben und wo er bestattet
ist, bleibt weiter im Dunkeln.
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Spurensuche von Maria Böckmann und Gerda Stockmann
Maria Böckmann und
Gerda Stockmann, zwei der
vier Schwestern von
Bernhard Terhünte
Bernhard Terhünte
geboren am 11. Juli 1927
gestorben im Januar 1946 in
Rovno in russischer
Kriegsgefangenschaft
Erinnerungen an die Jugendzeit
Unser Bruder, wir nannten ihn Berni, war das älteste von sechs Kindern. Der
Zweitgeborene starb als Säugling, dann kamen wir vier Schwestern, die alle noch leben.
Berni war ein nachdenklicher ernster Junge, sehr naturverbunden, immer um das Wohl
seiner jüngeren Geschwister bemüht. Als eines Tages das „Fahrende Volk“ mit klapprigen Wagen und dürren Gäulen durch unser Dorf fuhr und er neben dem Lenker des
Pferdefuhrwerks ein dunkelhaariges Mädchen mit langen Zöpfen entdeckte, das große
Ähnlichkeit mit unserer ältesten Schwester hatte, kam er ganz aufgeregt ins Haus
gerannt und war sehr erleichtert, dass er sie daheim beim Spielen vorfand.
Seine Tauben und Kaninchen liebte er über alles, und wir durften ihm bei der Pflege
und Versorgung immer gerne helfen. Als Berni im September 1943 als 16-jähriger aus
der Untersekunda heraus zur Luftwaffe eingezogen wurde, war ich gerade neun Jahre
alt. Somit habe ich nicht sehr viele Erinnerungen an ihn. Wenn mein Bruder aber in
einem seiner Briefe an sein „liebes kleines Schwesterlein“ mich tröstete, weil drei seiner
Kaninchen eingegangen waren, für die ich sorgen musste, konnte er dies besser als
meine Eltern es vermochten.
Einmal als Berni als Flakhelfer zwei Tage Sonderurlaub hatte und am 1. Mai früh
morgens zur Luftwaffe zurückkehren musste, weckte er mich in der Frühe um 5 Uhr
heimlich. Das hatten wir so ausgemacht. Mein Vater machte nämlich jedes Jahr mit ihm
und meinen beiden älteren Schwestern einen Maigang, an dem ich auch gern teilneh-
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Spurensuche von Maria Böckmann und Gerda Stockmann
Seine Naturverbundenheit kam in einem seiner Briefe als
Luftwaffenhelfer zum Ausdruck:
„Ich muss leider auf Posten sein in einsamer Nacht. Aber in solch einer schönen
Sommernacht stehe ich gerne, wenn alles in der Natur ruhig ist. Nur ab und zu
hoppeln einige Kaninchen oder Hasen herum, oder es ruft ein Kiebitz. Auch fliegt
manchmal eine Eule um die Geschütze herum.“
men wollte, doch in den Augen meiner Eltern noch zu klein war. So zog ich mich
schnell an und konnte dann mit den anderen unseren Bruder zur Bahn bringen. Nach
dem Abschiednehmen gingen wir dann gemeinsam durch den Wald, sangen mit Vater
Mailieder und lauschten dem Vogelgezwitscher. Aber wir waren alle sehr traurig, dass
unser Bruder an diesem 1. Mai nicht mit uns wandern konnte – er hätte es sehr genossen.
Kein Urlaub zu Weihnachten
Den Reichsarbeitsdienst verbrachte er in Allendorf, Kreis Marburg, bis zum 8. September 1944. Bei Nacht und Nebel wurde er dann nach Ostpreußen abkommandiert und
kam nach einer langen und beschwerlichen Bahnfahrt nach fünf Tagen in Ittau an. Aus
seinen Briefen geht hervor, wie sehr er unter Heimweh litt, hatte er doch seine Familie
über ein Jahr nicht mehr gesehen. Wieder war ihm Heimaturlaub zugesichert worden,
doch immer wieder wurde ihm dieser im letzten Augenblick gestrichen. Auch an Weihnachten 1944 wurde der versprochene Urlaub abgesagt. So verbrachte mein Bruder das
Weihnachtsfest in Piaski (Südostpreußen) in trauriger Erinnerung an das letzte Weihnachten im Elternhaus, als er drei Tage Sonderurlaub bekommen hatte:
„Wie hat mein Schwesterchen Gerda geweint, als ich am Weihnachtsmorgen plötzlich vor ihr stand und ich sie vor lauter Wiedersehensfreude in den Arm nahm!“
Die Zigaretten, ein Fläschchen Kölnisch Wasser und zwei Tafeln Schokolade, die er
Heiligabend als Weihnachtsgeschenke von seinem Zugführer bekam, schickte er nach
Hause, um meinen Eltern und uns eine Freude zu machen, da er sonst kein Weihnachtsgeschenk hatte. Immer wieder hatte unser Bruder große Sorge, dass Vater auch einge-
Ende Januar 1945 schrieb er:
„Ihr werdet sicher in großer Sorge um mich sein. Aber diesmal bin ich dem Iwan
noch entkommen. Es ist jetzt 3:20 Uhr. Nun geht es weiter zum Westen. Herrlich!
Endlich ein Stück näher zur Heimat. Wir sind aber auch gelaufen, um nicht von
den Russen abgeschnitten zu werden! Beinahe hätte ich Euch ein Mädchen im
Alter von Anneliese
(12 Jahre) geschickt, das Vater und Mutter auf der Flucht verloren hat. Ihr
schreibt ja immer, ich sollte nur einen Kameraden, der die Heimat verloren hat,
mitbringen. So hättet ihr auch gleichzeitig von mir Nachricht gehabt. Wäre ich
doch erst mal zu Hause!“
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Spurensuche von Maria Böckmann und Gerda Stockmann
Am 27. Januar 1945 schrieb Berni aus Bülow (Ostpreußen) eine Karte:
„Ihr seht, der Russe hat uns doch noch nicht erwischt. Ich kann Euch sagen, das
war eine Reise! Von Mielau aus bis hier mit Pferdewagen durch Eis und Schnee
und auf Schusters Rappen. Meine Füße sind angefroren, doch da macht euch deswegen keine Sorgen. Ich muss noch ein paar Tage hierbleiben, und zwar als
Ordonnanz beim RAD-Auffangkommando, um die versprengten Arbeitsmänner
zu sammeln. In den nächsten Tagen geht es dann wahrscheinlich mit dem Zug
weiter nach Westen, der Heimat immer näher. Ihr braucht Euch also keine Sorgen
mehr um mich zu machen, bald bin ich daheim!“
zogen werden könnte. Aus all seinen Briefen spürt man das große Heimweh. „Daheim“,
das war zunächst Rodewald bei Hannover, wo er nach seinem Treck durch Ostpreußen
Anfang Februar 1945 eintraf und am 23. Februar seinen letzten ausführlichen Brief nach
Hause schrieb. Berni bat darum, dass Vater ihn dort nicht besuchen solle:
„Jetzt macht mir keinen Unfug und kommt herüber, um mich zu besuchen. Denn in
den nächsten vier bis sechs Wochen komme ich doch auf Urlaub! Die Fahrt nach
hier ist für euch zu weit, und jetzt geht inzwischen eine große Gefahr von den
Tieffliegern aus.“
Vater hat Berni trotzdem besucht. Er war viele Tage mit dem Fahrrad unterwegs.
Glücklicherweise hat er seine abenteuerliche Fahrradtour trotz Bombennächten und
Tieffliegerangriffen heil überstanden. Die Gespräche zwischen Vater und Sohn waren
das letzte Lebenszeichen, das wir von unserem Bruder erhalten haben. Bei den Kämpfen
um Berlin im April 1945 muss er wohl in russische Kriegsgefangenschaft geraten sein.
Wir hatten die Hoffnung nicht aufgegeben
Sein Schicksal war vorausbestimmt. Genau an dem Tag seines 18. Geburtstages wurden alle Kriegsgefangenen, die unter 18 Jahre alt waren, entlassen. Er war an diesem Tag
nicht mehr unter 18, er musste somit bleiben. Diese traurige Tatsache berichtete uns später ein Mitgefangener. Im August 1948 brachte uns ein Heimkehrer die Todesnachricht
von unserem Berni. Er hatte mit meinem Bruder in Rowno in russischer Kriegsgefangenschaft gelebt und ihn beim Sterben begleitet. Eine Welt stürzte für uns alle ein, hatten wir doch bis zum letzten Tag die Hoffnung auf eine Heimkehr nicht aufgegeben.
Friedlich und Gott ergeben sei er mit 18 Jahren an Unterernährung gestorben, Mutters
Rosenkranz, den er immer bei sich trug, um den Hals.
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Spurensuche von Maria Böckmann und Gerda Stockmann
Unsere Reise begann voller Zuversicht
Die letzte Nachricht von unserem Bruder erhielten wir 1945 als er noch mit unserem
Vater zusammen war. Wahrscheinlich bei den Kämpfen um Berlin ist er dann in russische Gefangenschaft geraten. Später erfuhren wir, dass er 1946 in Rowno im Kriegsgefangenenlager an Unterernährung gestorben ist. Wir haben immer an ihn gedacht und
ihn nicht vergessen, aber wir hatten niemals gedacht, dass es einmal möglich sein würde, an seinem Grab Blumen niederzulegen. Als wir die Nachricht erhielten, dass sein
Grab gefunden wurde, war von uns vier Schwestern die jahrelange Ungewissheit genommen. Wir wollten die Stelle besuchen, wo er begraben war und Blumen mitbringen.
Ein uns bekannter Kunstschmied hat das Kommunionskreuz unseres Bruderes mit
einem Kupferdach versehen und es somit wetterfest gemacht. Meine Schwester und ich
haben im August 2002 an einer Sonderreise des Volksbundes durch die Ukraine teilgenommen. Wir haben auf dieser Reise auf einigen deutschen Soldaten- und Kriegsgefangenenfriedhöfen Spurensuche betrieben, in der Hoffnung, am Grabe unseres Bruders
verweilen zu dürfen – leider war uns dies nicht vergönnt.
Doch die Suche geht weiter – wir hoffen, mit Hilfe des Volksbundes, doch noch eines
Tages das Grab unseres Bruders zu finden. Auf unserer Reise durch die Ukraine waren
In diesen Häusern waren für
einige Monate die deutschen
Kriegsgefangenen untergebracht. Alte Einwohner von
Slawuta erinnern sich an sie,
wie sie morgens durch den Ort
in den Wald marschierten, um
dort Bäume zu fällen. Die
Schwestern besichtigen die
Häuser, die heute noch bewohnt
sind. Es bleibt die Frage, ob
wohl der Bruder hier auch
einige Zeit gelebt hat ...
Der Direktor des Museums von
Slawuta will die Schwestern
auf den Friedhof begleiten.
Doch es gibt keinen Friedhof
mit 500 Gefallenen. „Es waren
nur 4oo deutsche Gefangene
hier, 18 sind verstorben und
hier begraben worden. Die
Stelle, wo diese Toten liegen,
kann ich ihnen zeigen, einen
anderen Friedhof für Kriegsgefangene gibt es hier nicht.“ Die
Schwestern sind erschüttert.
Sie sind an der falschen Stelle.
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Spurensuche von Maria Böckmann und Gerda Stockmann
wir sehr beeindruckt und bewegt von dem, was der Volksbund geleistet hat und noch
leistet. Auch wir geben unsere Hoffnung nicht auf, dass auch unser Bruder eines Tages
eine würdige Ruhestätte auf einem der Friedhöfe in der Ukraine bekommt. Dann hätten
auch wir Geschwister unseren inneren Frieden gefunden.
Maria Böckmann
Weil sie sich so sicher
waren, den Friedhof
gefunden zu haben, hat
ein Kunstschmied in
Deutschland das
Kommunionskreuz des
Bruders wetterfest
gemacht. Sie wollten es
am Grab ihres Bruders
aufstellen und Blumen
niederlegen. Da sie
aber den Friedhof nicht
gefunden haben, haben
sie das Kreuz erstmal
wieder mit nach Hause
genommen. Vielleicht
ergibt sich in der
Zukunft doch noch die
Möglichkeit, dass sein
Grab gefunden wird.
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Spurensuche von Günter Richter
Ist mein Bruder
wirklich
gestorben?
Günter Richter
sucht nach seinem
Bruder Walter
Walter Adolf Richter,
geboren am 20. August 1925 ,
vermisst 7. September 1943
bei Radowitsch südlich von Kowel
Günter Richter ist einer, der nicht schnell locker läßt. Er will endlich
wissen, was mit seinem Bruder geschen ist. Er forscht nach und
korrespondiert seit Jahren mit dem Suchdienst des Roten Kreuzes in
München, der Deutschen Dienststelle in Berlin, dem Bundesarchiv in
Freiburg und mit dem Volksbund in Kassel. Auf einer Volksbundreise
in die Ukraine sucht er selbst nach den Spuren seines Bruders.
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Spurensuche von Günter Richter
Dies ist der Lebenslauf meines Bruders:
Walter Adolf Richter wurde am 20. August 1925 als erstes Kind des Arbeiters Adolf
Richter und dessen Ehefrau Wanda, geb. Bubel, in Jeddeloh II, Gemeinde Edewecht,
Kreis Ammerland geboren. Nach Beendigung der Volksschule in Edewecht im März
1940 entschloss er sich, Maler zu werden.
Er musste seine Lehre im Februar 1943 – wie alle seine Lehrlingskollegen – vorzeitig
beenden, da er eine Einberufung zum Reichsarbeitsdienst (RAD) bekommen hatte. Die
Arbeitsdienstzeit war noch nicht beendet, da lag bereits die Einberufung zur Wehrmacht
nach Neumünster vor.
Neumünster 23. Mai 1943
Liebe Eltern und Geschwister!
Die schönsten Grüße aus Neumünster sendet Euch Euer Walter. Wir sind hier
gestern abend um halb elf Uhr angekommen. Haben den ganzen Nachmittag
von zwei Uhr an auf der Bahn gelegen.
Um 7 Uhr waren wir in Hamburg. Ich kann Euch aber versichern, Hamburg,
das ist eine Stadt. So etwas hatte ich noch gar nicht gesehen. Auf der Fahrt
hatten wir viel Spaß. Ich hatte noch mehrere bekannte Kameraden aus dem
RAD gefunden, die auch eingezogen wurden. Unsere Kompanie ist aus lauter
Mischmasch zusammengestellt. Darin befinden sich Männer von den
Jahrgängen 1907 bis 1925. Also sind wir auch mit den alten Männern auf den
Stuben eingeteilt worden. Infolgedessen glaube ich, dass wir wohl nicht so
stark geschliffen werden.
Heute habe ich noch nichts ausgefressen. Über die Verpflegung kann ich heute
noch kein Urteil fällen. In den ersten Tagen hat man immer genug, morgen
sollen wir eingekleidet werden. Die Kasernen hier sind tadellos, anders als
beim Arbeitsdienst. Auf unserer Stube bin ich jetzt mit vier guten alten
Bekannten.
Liebe Eltern, jetzt muss ich schließen, denn der Bogen ist voll. Nächstes Mal
werde ich sicher mehr berichten können. Meine Adresse schreibe ich auf die
Außenfalte.
Liebe Eltern, seid herzlich gegrüßt von Euerem Walter.
Kurz danach erkrankte Walter an Gelbsucht. Ein Sanitätsgefreiter sorgte dafür, dass er
zwei Wochen Genesungsurlaub bekam. Doch dann ging es wieder zurück nach Neumünster.
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Spurensuche von Günter Richter
In seinen ersten Briefen an seine Angehörigen geht es Walter noch
richtig gut und der Dienst und die Kameradschaft scheinen ihm zu
gefallen: „Es macht wirklich Spaß, hier draußen in der Natur zu
wohnen.“
Neumünster 13. August 1943
Liebe Eltern und Geschwister!
Ich habe heute mittag Eueren lieben Brief erhalten und mich sehr dazu
gefreut. Ich danke Euch herzlich dafür. Die Post geht jetzt immer ziemlich
lange. Ich warte auch immer darauf. Heute habe ich auch von der
Ortsgruppe einen langen Brief erhalten. Ich habe mich doch dazu gefreut,
ebenfalls war auch eine Zeitung dabei. Füttert unsere Kaninchen man
tüchtig, dass ich wenigstens noch einen anständigen Braten bekomme,
wenn ich noch mal auf Urlaub kommen sollte. Günters Brief habe ich
heute auch erhalten. Ich danke ihm herzlich dafür. Ich habe leider keine
Zeit dazu, den Brief sofort zu beantworten. Aber Sonntag werde ich es
nachholen, denn ich habe Sofortkommando. Für heute weiter nichts
Neues. Zum Schluss seid herzlich gegrüßt von Euerem Walter.
Neumünster, 17. August 1943
Liebe Eltern und Geschwister!
Ich habe heute Eueren lieben Brief und das Geld erhalten. Ich danke Euch
herzlich dafür, recht herzlichen Dank für das Bild von Vater. Es ist ja ganz
gut geworden, nur Vater sieht da schon ziemlich alt drauf aus. Mir geht es
noch sehr gut, welches ich auch von Euch hoffen möchte. Wir sind hier im
Gelände zu einer Übung rausgerückt, welche drei Tage dauert. Nachts
schlafen wir in Zelten. Einige Kameraden müssen wachen, damit die anderen ruhig schlafen können.
Es macht wirklich Spaß hier draußen in der Natur zu wohnen. Die
Gegend, in welcher wir uns befinden, ist sehr schön. Wir liegen hier in
einem kleinen Eichenwäldchen. Verpflegung wird uns täglich nachgefahren. Heute abend bekommen wir Milchsuppe. Ich freue mich schon darauf,
weil ich sie so gerne esse. Für heute nun weiter nicht Neues. Ist Onkel
Eduard von seiner Erholungskur zurück, dann grüß ihn man tüchtig von
mir. Zum Schluss viele herzliche Grüße von Euerem Walter.
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Spurensuche von Günter Richter
Am 26. August 1943 berichtete er von einer geplanten Fahrt zum
Ernteeinsatz. Sie seien neu eingekleidet worden und schöne Stiefel
hätten sie erhalten. Drei Tage später schrieb er, dass sie in wenigen
Stunden in die Ukraine zum Ernteeinsatz verlegt werden.
Munsterlager, 29. August 1943
Liebe Eltern und Geschwister!
Die schönsten Grüße aus Munsterlager sendet Euch Euer Walter. Mir geht
es sehr gut, welches ich auch von Euch hoffen möchte. Heute werden wir
höchstwahrscheinlich weiterfahren, denn die Vorbereitungen dafür sind
schon getroffen. Dann geht es ab in die Ukraine zum Ernteeinsatz.
Liebe Eltern, macht Euch bitte keine Sorge um mich, denn wir kehren nach
mehreren Wochen wieder in unsere Garnison zurück und übrigens bin ich
mit meinem Freund Harry Steenken zusammen. Harry und ich halten
zusammen wie Pech und Schwefel, das haben selbst schon unsere
Unteroffiziere behauptet, und wenn die das schon gemerkt haben, dann
könnt Ihr mir glauben, dass es so ist.
Die Verpflegung ist hier tadellos, wir haben bestimmt keinen Grund zum
Meckern. Ich bin äußerst zufrieden und fein gestellt. Hoffentlich ist das
gleiche bei Euch der Fall. Wiederschreiben könnt Ihr mir leider nicht, da
ich keinen festen Sitz habe und dauernd verschoben werde.
Aber das Beste ist, dass ich Euch schreiben kann, dann wisst Ihr doch
wenigstens, wo ich bin und wie es mir geht. Ich werde Euch auch
weiterhin immer von meiner Reise berichten. Und sobald ich eine feste
Adresse habe, teile ich sie Euch mit, dass Ihr mir wieder schreiben könnt,
denn die Post aus der Heimat ist doch immer das Schönste, was ein
Soldat nur haben kann.
In wenigen Stunden werden wir wahrscheinlich abfahren und dann Tage
und Wochen auf der Bahn liegen. Aber das bringt neue Erlebnisse mit sich
und das ist ganz schön. Wenn wir so quer durch Deutschland fahren, dann
bekommen wir doch allerhand von unserem Vaterland zu sehen. Für heute
nun weiter nichts Neues.
Zum Schluss seid herzlich gegrüßt von Euerem Walter.
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Spurensuche von Günter Richter
Meine Familie und ich wohnten damals in Edewecht in der Darre in einer Zweizimmerwohnung, aus Küche und Schlafzimmer. Ich schlief mit meiner Schwester und den
Eltern zusammen in einem Raum. Ich erinnere mich noch an Nächte, in denen meine
Mutter schlimme Albträume hatte. Sie träumte von Walter, schrie im Schlaf und konnte
sich kaum beruhigen.
Wir lebten voll Angst und Ungewissheit
Im Brief vom 4. September 1943 berichtete Walter, dass er in der Ukraine angekommen sei. Es war der einzige Brief, den wir noch von ihm erhielten. Später stellte sich
heraus, dass Walter bereits vermisst war, als der Brief bei uns in Edewecht eintraf. Es
vergingen Wochen ohne dass wir eine Nachricht von Walter oder von der Wehrmacht
erhielten. Wir lebten voll Angst und Ungewissheit über sein Schweigen. Es gab Gerüchte in Edewecht, Walter sei bereits tot. Es war eine furchtbar schwere Zeit für alle in
der Familie. Ein Brief meiner Eltern vom September an die Feldpostnummer 352396
wurde nicht beantwortet, die Sorge wurde immer größer.
Eines Abends kam unsere Nachbarin Martha Lohmüller, die Mutter von seinem
besten Schulfreund Friedel, zu uns und begrüßte meine Mutter mit den Worten: „Heil
Hitler, Frau Richter, ich gratuliere und beglückwünsche Sie, dass Sie Ihren Sohn Walter
für Führer, Volk und Vaterland geopfert haben.“ Meine Mutter verlor daraufhin völlig
die Fassung. Ich kann heute nicht mehr nachvollziehen, ob Frau Lohmüller damals auch
den Brief des Leutnants und Kompaniechefs Fr. Proske vom 21. Oktober 1943 übergab.
In diesem Dokument wurde mitgeteilt, dass der Grenadier Walter Richter seit dem
Gefecht bei Radowicze, Bezirk Kowel in der Ukraine am 7. September 1943 vermisst
wird und wahrscheinlich in Feindeshand gefallen ist.
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Spurensuche von Günter Richter
Harry Steenken war der beste Freund und Kriegskamerad
meines Bruders, sein Vater Heinrich schrieb:
„Ich kann Ihnen mitteilen, dass mein Sohn Harry mit dem
Sonderkommando zurück ist und am 23. Oktober 16 Tage Urlaub erhalten
hat. Wie Sie ja auch wissen, waren Ihr Sohn und Harry sehr gute Freunde,
welches er auch oft im Brief erwähnte. Auch hat er uns sofort Nachricht
gegeben, dass er seinen besten Kameraden verloren hat. Am Morgen des 7.
September wurde die Kompanie zur Bekämpfung einer Bandengruppe eingesetzt. Bis zum Abend waren beide noch zusammen. Als sie sich dann
zurückziehen mussten, so erzählt uns Harry, war er ganz allein, nachdem
einige Kameraden, welche über eine Straße wollten, gefallen waren. Bei
der Ankunft am Sammelplatz hat er gleich nach Walter gerufen, aber keine
Antwort erhalten. Bei der späteren Säuberung des Geländes war eine
Panzerabteilung eingesetzt. Genaues über den Verbleib von Walter könne
er nicht geben.“
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Spurensuche von Günter Richter
Es gab immer wieder Ungereimtheiten
und Widersprüche
Noch im Jahr 1943 schrieben meine Eltern an die Wehrmachtauskunftsstelle in
Berlin, bei der alle Daten über die deutschen Soldaten zusammenliefen und erkundigten
sich nach dem Schicksal ihres Sohnes. Eine Antwort haben sie nicht erhalten. Trotzdem
und trotz ihrer Alpträume hoffte meine Mutter bis zu ihrem Tod, dass Walter irgendwann heimkehren würde.
Und so fing ich erst nachdem sie gestorben war zu forschen an und versuchte mehr
über den Tod meines Bruders herauszufinden. Mutter hätte es zu weh getan, ich aber
wollte wissen, was wirklich passiert war. Doch ich stieß immer wieder auf Ungereimtheiten und Widersprüche. So gab mir die WAST zum Beispiel die Auskunft, dass es gar
keinen Leutnant und Kompanieführer Fr. Proske gegeben hätte und doch hatten wir von
ihm den Brief mit der Todesmeldung erhalten.
Anderen Informationen zufolge war das Arbeitsbataillon gar nicht in der Ukraine
gewesen. Auch die Auskunft, die von Walters Freund Harry kam, war nicht eindeutig.
Ich wollte das in einem persönlichen Gespräch mit ihm klären. Er sagte mir: „Walter ist
tot. Ich habe ihn beerdigt.“ Auf meine Frage, warum er ihn dann als vermisst und nicht
als tot gemeldet habe, gab er keine Antwort. Nach diesem Gespräch gab es noch mehr
Zweifel und offene Fragen als vorher.
Wenige Tage danach ist Harry Steenken gestorben. Sein Sohn erzählte mir später,
dass sein Vater kurz vor seinem Tod berichtet habe, dass er seinen Freund Walter mit
einem Bauchschuss beim Rückzug zurücklassen musste. Sein Versprechen, Hilfe zu
holen, hat er nicht einlösen können. Das alles hat ihn bis zu seinem Tod belastet.
Wie starb mein Bruder? Dieser Gedanke ließ mir keine Ruhe und so nahm ich, an
einer Reise des Volksbundes in die Ukraine teil um selbst an den Ort zu fahren, von
dem das letzte Lebenszeichen meines Bruders kam.
Günter Richter
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Spurensuche von Günter Richter
Was war wirklich passiert?
Günter Richter sucht bei seiner Reise in die Ukraine nach Zeitzeugen, die sich noch
an die Kämpfe bei dem Dorf Radovice erinnern können. Die Ankunft unseres Autos mit
mehreren Fremden spricht sich schnell im Dorf herum. Eine Frau meint, wir sollten die
Milza Samschuk fragen. Sie habe damals als Kind im Dorf gewohnt.
An den September 1943 kann sie sich gut erinnern, weil ihr damals 17-jähriger
Bruder zur Mutter sagte: „Du hast Angst, dass ich in den Krieg gehe, aber die
Deutschen sind auch so jung wie ich“. Und dann ist dieser unnötige Überfall der
Partisanen geschehen. Die jungen Deutschen haben doch nur bei der Ernte geholfen.
Und dann berichtet sie von den Kämpfen. Die Deutschen hätten bei einem Feld, das zu
einem großen Gutshof gehörte, bei der Ernte geholfen. Dabei seien sie von ukrainischen
Freiheitskämpfern, die gegen die Deutschen, die Polen und die Bolschewiki kämpften,
angegriffen worden. Fast alle seien getötet worden. Die Kämpfe hätten mittags begonnen und sich bis zum Abend hingezogen. Dabei seien auch ihr Haus und einige andere
Häuser in der Nähe in Flammen aufgegangen und abgebrannt. Von den Partisanen
Günter Richter ist auf der Suche nach seinem
Bruder in Radovice angelangt und steht am
Eingang des Dorfes. Von hier gibt es das letzte
Lebenszeichen seines Bruders.
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Spurensuche von Günter Richter
seien drei Frauen und drei Männer gestorben und noch am Abend beerdigt worden. Die
Deutschen hätten ihre toten Kameraden liegen lassen müssen und sich zurückgezogen.
Die Gefallenen wurden am nächsten Tag geborgen.
Sie hat Verständnis dafür, dass die Deutschen die Schicksale ihrer Angehörigen aufklären wollen. „Nach dem Krieg haben viele auch in unserem Land nicht gewusst, wo
ihre Angehörigen geblieben sind und haben nach ihnen gesucht. Auch mein Bruder ist
nicht mehr aus dem Krieg zurückgekommen. Er wird seit den schweren Kämpfen um
Charkow vermisst. Ich würde gerne dort nach ihm suchen, aber wer fährt mich dorthin?
Wer kümmert sich um mich?“
Milza Samschuk hat als junges Mädchen erlebt,
wie die Partisanen die deutschen Soldaten angriffen.
Das Haus ihrer Eltern lag am Rande des
Kornfeldes und ging dabei in Flammen auf.
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Spurensuche von Günter Richter
Der Bruder von Günter Richter half
hier vor rund 60 Jahren als Soldat
bei der Ernte. Er und mehr als hundert seiner Kameraden starben bei
einem Überfall von Partisanen.
Milza zeigt Günter Richter, wo die
deutschen Gefallenen lagen.
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19:01 Uhr
Spurensuche von Günter Richter
Wir hatten Angst vor den Deutschen,
aber auch große Angst vor den „Freiheitskämpfern“
Pawel Stytschuk, ein anderer Dorfbewohner, der damals auch im Dorf gelebt
hat, bestätigt den Bericht von Milza. Er habe die toten deutschen Soldaten
selbst gesehen, sie lagen auf einigen hundert Metern im Graben längs des
Weges – alles junge Kerle. Am nächsten Tag seien die Deutschen mit Panzern
und vielen Soldaten gekommen und hätten die Ortschaft besetzt. Sie hätten die
Toten gesammelt, nach Kowel gebracht und in der Nähe des großen Schlachthofes begraben. Noch in den 50er Jahren habe er ihre Gräber gesehen. Dann
spricht er vom Schicksal seiner Familie. Die Aufständischen hätten auch seinen
Bruder erschossen und ihn in den Fluss geworfen. Niemand war damals vor
ihren Überfällen sicher: „Die Bevölkerung unseres Dorfes war immer friedlich,
doch als dann 1944 die Deutschen sich zurückziehen mussten, standen nur
noch wenige Häuser des Dorfes. Alle anderen waren zerstört. Wir hatten Angst
vor den Deutschen, aber auch große Angst vor den ,Freiheitskämpfern‘. Das
war der Krieg. Damit ist alles gesagt.“
Milza führt uns zu dem Feld, wo am 7. September 1943 die Tragödie stattfand. Wir stehen schweigend und bedrückt am Weg, an dem so viele junge
Menschen sterben mussten. Günter Richter ist tief bewegt: „Ich habe fast
60 Jahre gebraucht, bis ich den Ort gefunden habe, an dem Walter gestorben ist.
Heute habe ich es endlich geschafft. Es ist als ob ich auf einem Friedhof stehe,
so wie in Oldenburg, wenn ich das Grab meiner Frau besuche.“
Die Reise bringt Erkenntnisse, aber es bleiben Zweifel und viele neue
Fragen. Günter Richter will es nicht in den Kopf, dass die Gräber von über
hundert Soldaten, obwohl sie von der Wehrmacht beerdigt wurden, heute
unauffindbar sind.
Wie kommt es, dass die WAST keine Informationen hat? „Warum gibt es auf
meine Fragen keine Antworten?“ Herr Richter wendet sich an den Suchdienst
des Roten Kreuzes, an das Bundesarchiv, an die Deutsche Dienstelle und den
Volksbund. Er hofft, dass in den ukrainischen und deutschen Archiven Informationen über den Verbleib dieser Gefallenen gefunden werden. Vielleicht
kann der Volksbund Walter finden und auf einer Kriegsgräberstätte bestatten.
Er will dann ganz bestimmt wieder in die Ukraine reisen und am Grab des
Bruders Blumen niederlegen.
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19:01 Uhr
Spurensuche von Hermann, Martina und Stefan Fürhapter
Das Geschenk
zum 60. Geburtstag
Martina und Stefan begleiten ihren Vater
Hermann Fürhapter auf seiner Reise in die Ukraine
Josef Fürhapter
geboren am 14. August 1905
gefallen am 19. Oktober 1942
bei Schepetowka
Martina und Stefan Fürhapter aus Tessenberg in Osttirol begleiten
ihren Vater auf seiner Reise in die Ukraine. Seine Kinder haben ihm
diese Reise zum 60. Geburtstag geschenkt, damit er in die Gegend
kommen kann, in der sein Vater im Krieg gefallen ist. Es ist eine
Reise des Volksbundes, an der auch andere Reiseteilnehmer nach den
Gräbern ihrer Lieben suchen. Die Fürhapters sind ihrem Ziel näher
gekommen – sie stehen am Ufer des Dnjepr in Kiew.
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Spurensuche von Hermann, Martina und Stefan Fürhapter
Aus den Briefen von Josef Fürhapter
an seine Familie:
Josef Fürhapter wurde am 4. Juli 1940 eingezogen und kam nach seiner Ausbildungszeit in Spittal/Drau in die Ukraine zur 1. Kompanie des Infanterieregiments 543.
Er schrieb regelmäßig Briefe an seine Frau und an den Sohn Hermann, den er immer
Buwi nannte. Er klagte über die langen Märsche, über Hunger und über Probleme mit
seinem Magen. Und er hatte Sehnsucht nach seiner Familie und er vermisste die
Heimat.
2. April 1942
Herzliebste Mama und Hermann!
Heute am Gründonnerstag ein Brieflein an Dich, meine liebste Mama und
Buwi. Grad heut habe ich die Gedanken immer bei Euch in der Heimat.
Vormittag hatten wir Feldmesse. Bin auch wieder zur Kommunion gegangen und hab alles in Ordnung gebracht. Bin soweit gesund, nur ein wenig
verkühlt, das war ich im Frühjahr immer, wie Du weißt. Sonst fehlt
nichts, alles geht wohl. ...
Ich denke oft an Buwi und Dich. Muss oft weinen um Euch, besonders
wenn ich in die Kirche komme. Da ist mir so heimisch, dass ich mich nicht
halten kann. Dann kommt mir doch wieder der Gedanke, werde ich Euch
gesund wieder sehen können. Diese Woche wusste ich immer den
Wochentag, diese schönen Tage vor Ostern ist es besonders schwer, fern
von Heimat, fern von Frau und Kind, bei fremden Menschen. Das Paket
schmeckt mir auch so heimisch.
Deine Post möchte ich am liebsten alle zusammentun, aber es ist mir
nicht möglich, alles mitzuschleppen, es ist zu schwer, denn wir haben
zuviel zu schleppen. Das Wetter ist hier so, den einen Tag gut, den anderen
vertreibt einen der Wind. Mit den Rauchwaren hab ich für diese Tage mal
ein bischen vorgespart. Dann geht es wohl wieder. Danke der Mutter für
die Zigaretten. Besonders, liebste Mama, danke ich Dir für die Sorgen und
Kümmernisse, die Du mit mir hast. Hab nur keine Angst, wenn Du etwa
mal keine Post bekommst, denn es kann einmal stocken. Wenns geht,
schreib ich immer.
Grüße mir alle Deine Geschwister und Verwandten. Schreib mir von der
Nani die Adresse. Ich muss ihr schreiben, ob sie noch beleidigt ist, oder
was los ist. Nun meine Herzliebsten, tausend Grüße und Bussi von
Euerem Papa. Lebet wohl. Behüt Euch Gott. Gruß an Mutter.
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Spurensuche von Hermann, Martina und Stefan Fürhapter
„Heute sind wir wohl noch hier, aber wie lange, wissen wir
alle nicht und haben auch keine Ahnung, wohin es geht.“
5. April 1942
Herzliebste Mama und Hermann!
Heute am Ostersonntag denk ich immer wieder an die teure Heimat. Wie schön
es doch war bei seinen Lieben in der Heimat Ostern zu feiern. Wo gingen wir vor
einem Jahr spazieren. Wo sind wir heute weit entfernt von einander – fern der
Heimat. Wie schön wärs doch bei Dir, liebste Mama, zu sein. Und doch war ich
manchmal unzufrieden, Du musst mir alles verzeihen, liebste Mama. Vormittag
war ich in der Kirche, aber nicht in dieser Stimmung, wie in der Heimat, in diesen
Kleidern. Aber auch dies wird vergehen. Könnt ich heute bei dem Knödel sitzen,
da würdest Du was sehen. Wann ich wieder bei Euch zu Tische sitzen werde,
weiß man wohl nicht. Heute sind wir wohl noch hier, aber wie lange, wissen wir
alle nicht und haben auch keine Ahnung, wohin es geht. Das weiß nur Gott
allein, der uns beschützt und auf den wir vertrauen müssen.
Der kleine Buwi wird wohl fest mit Eiern kegeln und essen. Ach wie gerne möchte ich ihn sehen, den kleinen lieben Lauser. Sonst bin ich gesund, dasselbe ich von
Dir, Buwi und Mutter hoffe. Dass mir immer noch die Zeit lang wird, ist Deine
Schuld. Du hast mir den Kopf verdreht. Zu Dir allein hab ich die ganze Liebe und
Du warst zu gut zu mir. Deshalb kann ich mich ohne Dich nicht gewöhnen. Ich
bin und werde mein Leben lang kein ganzer Soldat.
Heute gab es zu Mittag Suppe mit Kraut, wie immer und Kartoffel mit Kraut.
Fleisch, wie eine viertel Maus. Das war Ostersonntag...
Gehen die Feldpostpakete noch nicht oder was ist denn los? 10 bis 12 Deka, das
geht. Und jetzt, liebste Mama, muss ich dann waschen, obwohl Ostersonntag ist.
Am Wochentag ist auf die Nacht keine Zeit.
Liebste Mama, nun muss ich schließen mit hunderttausend Grüßen und Bussis
für Dich und Buwi. Lebt wohl und behüt Euch Gott aufs Wiedersehen. Grüße an
Mutter.
Liebster Schatz, sei nicht traurig.
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Spurensuche von Hermann, Martina und Stefan Fürhapter
19. April 1942
Herzliebste Mama und Buwi!
Habe gestern und heute von Dir, teuerste Mama Post bekommen mit Zigaretten.
Danke Dir tausendmal für alles. Bin gesund, was ich von Dir und Buwi hoffe.
Das Marschieren macht mich wohl ein bißchen kaputt. Bin lange schon vorbei,
wo Deine Brüder im Weltkrieg waren, dann kannst Dir´s denken wo. Aber liebste
Mama, tu Dich nicht gar so grämen. Im Namen Gottes geht alles vorüber. Tut
mir ein bissel beten, dann geht alles vorüber. Nur auf den lieben Gott vertrauen.
Liebste Mama, mit dem Schicken ist es aus. Das letzte Paket enthielt die
Wäsche. Danke Dir tausendmal. Was noch geht, sind so 10 bis 12 Deka. Zigaretten gibt’s hier keine einzige. Um Zigaretten kann man Eier oder Brot bekommen. Aber auch das wird aufhören, denn es geht immer weiter. Liebste Mama,
nur das eine bitte ich Dich: Sei nicht gar so traurig, es gibt ein Wiedersehen. Nun
für heute behüt Euch Gott. Ich segne Dich und Buwi aus der Ferne. Tausend
Grüße und Bussi von Papa. Lebt wohl. Auf Wiedersehen. Alle Grüße erwidern!
28. April 1942
Herzliebste Mama und Buwi!
Nun wieder ein Lebenszeichen aus weiter Ferne. Ich bin soweit gesund, was ich
von Dir und Buwi hoffe. Wir marschieren noch immer und sehen das Tun und
Treiben der Menschen, die noch immer nicht so zivilisiert sind, wie wir. Bei den
reichen Boden, da braucht man sich nicht so zu schinden, wie bei uns. Aber ich
würde auf keinen Fall tauschen um die lieben Berge der Heimat. Teuerste Mama,
sei nur nicht traurig. Wir werden uns einst wiedersehen, dann werde ich Dir so
manchen Abend erzählen, was wir erlebt haben. Wie geht es Euch? Schreib mir
nur fleißig, ich hab so wenig Zeit, das wirst mir wohl verzeihen. Wenns geht,
dann schreib ich fleißig.
Hätte bald das Wichtigste vergessen. Ich wünsche Dir alles erdenklich Gute zum
Muttertag. Gott möge Dich mir gesund erhalten. Das nächste Jahr hoffen wir
beisammen Muttertag zu feiern. Teuerste Mama, ach wie schön wärs doch bei
Dir und Buwi zu sein, aber ich bin in so unendlich weiter Ferne in Ru... Bitte
schick mir nur, was Du kannst, 10 Deka Packerl. Es ist wohl etwas von der
Heimat. Gib nur mehrere auf einmal auf. Vielleicht geht doch ein bisserl mehr
hinein. Ein Schachterl Sacharin und Würfelzucker oder Käse, Speck und soweiter.
Es kann auch ein bisserl Mehlspeis sein. Mussts halt gut verpacken.
Ich mach Dir halt immer Arbeit, Mamilein. Das wird wohl einmal vorbei gehn.
Wenns auch so bitter ist, kauf ein Brausepulver und schick es mir.
Was gibt’s denn in der Heimat Neues. Wie geht es mit der Arbeit. Dass Du das
elektrische Licht gemacht hast, freut mich. Ich denke sehr oft an Euch. Nachts
träume ich oft von Euch, aber dann in der Frühe dieser Schrecken. Alles wieder
nichts und diese Sehnsucht nach Dir und Buwi. Sonst geht’s wohl so. Hab verdammt Hunger.
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Spurensuche von Hermann, Martina und Stefan Fürhapter
Wie weit wir noch kommen, wissen wir nicht. Wo wir sind, weißt Du, bei Kiew.
Schau nur in den Atlas. Liebste Mama, grüß mir alle recht, auch den Lehrer. Habe
wenig Zeit zum Schreiben. Nun nochmals alles Gute, Dir und Mutter. Sie soll mir
Zucker und Brot schicken. Fleischkarten sind wertlos. Hier bekommt man überhaupt nichts. Tausend Grüße und Bussi. Lebt wohl. Auf Wiedersehn. Euer Papa
in der Ferne.
4. September 1942
Herzliebste Mama und Buwi!
Will Dir gleich ein Brieflein in die teure Heimat senden, obwohl ich von Mama
schon einige Tage keine Post erhalten habe. Sie ist ja immer voll Arbeit zuhause.
Wenn die eine getan ist, kann ich mir wohl denken, welche dann daher gezappelt
kommt: Der Buwi. Auch er ist Mamas Liebling. Bei der Arbeit bin ich wohl so
halbwegs auf den Füßen. Abzehren tut einen ganz die Sehnsucht nach der Heimat, nach Frau und Kind. Womit habe ich das verdient, Euch so lange nicht mehr
sehen zu dürfen und wann es wieder sein wird, weiß niemand. Kann mir die
Heimat schon fast nimmer vorstellen. Wie wird es zuhause sein? Werde schon
bald interesselos vor Sehnsucht.
Liebste Mama, wie geht es Euch denn? Müsst Ihr Euch recht plagen in Tessenberg? Bitte, wenns möglich ist, schick mir doch ein bissel Honig. Denn ich hab
immer so einen schlechten Mund von dem sau Magenkatarrh. Den letzten Speck
habe ich mit Vorliebe gegessen. Wenn Du keinen mehr hast, soll Dir doch die
Loberin a bissel geben. Sonst hat man hier nichts Gutes. Den Ehering möchte ich
Dich herzlich bitten in das nächste Kilopaket zu tun. Ich bin ja doch zu unglücklich. Liebes Mamile, jetzt behüt Dich Gott. Tausend Grüße und Bussi von Papa.
Lebt wohl. Auf Wiedersehen. Gruß an Mutter und Lehrer.
10. September 1942
Liebes Mamile und Buwi!
Kam nicht dazu den Brief aufzugeben (4.9.42) und muss heute weiterschreiben.
Von der Gesundheit kann ich Dir nicht viel erzählen. Magere immer mehr ab.
Brauch halt Schmalz und Mehl. Dann kann es wohl wieder werden. Das Schmalz
geht wohl zum Schicken. Bitte schick mir schnell was. Heute habe ich mich wohl
wieder zum Arzt gemeldet und habe zwei Tage dienstfrei. Ich kanns nimmer verstehen. Die Mehlspeise erbrach ich immer. Ein bissel Speck würde auch noch gehen, hab so ein komisches Gefühl. Möchte nur gesäuerten Salat oder Grünzeug
und das ist hier überhaupt nicht zu haben. Weiß nicht, was mit dem Magen los
ist.
Liebes Mamile, hab gestern von Dir sehr liebe Post erhalten. Warst sehr brav,
dass Du Dich um das Kreuz gekümmert hast. Ich hab eine große Freude, es aufzustellen. Wehre Dich nur. Die Unterstützung von hundert Mark darfst Du nicht
abgeben. Ja, Du wirst Dir denken, der hat leicht reden. Ich werde dem
Bürgermeister selber schreiben. Wenn er nicht hilft, aber dann!!!
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Spurensuche von Hermann, Martina und Stefan Fürhapter
11. September 1942
Herzliebste Mama und Buwi!
Will Euch noch gleich ein Kärtchen schreiben, dass Ihr wisst, dass ich auch noch
da bin. Heute geht’s mir wieder a bissel besser. ...
Habe Euch heute 110 RM geschickt. Kauft Euch, was Ihr braucht. Braucht deshalb nicht sparen, denn zum Schluss kannst durchschauen durch die Fetzen. Ich
kann nichts damit anfangen. Hier nützt mir lieber ein bisschen Schmalz, mit dem
kann ich schon was machen. Haferflocken kannst auch noch schicken. Der Speck
ist zu Ende. Liebes Mamile, das Schmalz fehlt uns halt, sonst kochen wir wie
Teufel bald. Schreib der Goser Liese, dass sie Dir a bissel Schmalz gibt und dass
für mich was abfällt. Behüt Euch Gott und tausend Grüße und Bussi für Dich
und Buwi.
Lebt wohl. Auf Wiedersehen. Gruß an Nachbarn und Mutter.
Den Brief über seine Verwundung hat er nicht selbst geschrieben, ein Kamerad hat es
für ihn getan. Der Brief klingt sehr hoffnungsvoll, der Arzt sei sehr zufrieden und die
Wunde würde gut verheilen. Seine letzte Nachricht vom 10. Oktober ist schwer lesbar
und mit ungelenker Hand geschrieben, er werde wohl an Weihnachten wieder daheim
sein ...
22. September 1942
Liebe Mama und Bubi!
Durch einen Kameraden lasse ich Euch mitteilen, dass ich zur Zeit verwundet im
Lazarett liege. Schickt keine Post mehr ab, bis ich Euch meine neue Anschrift
mitteilen kann. Habt keine Sorge um mich, denn es geht mir ganz gut. In wenigen
Tagen werde ich nach einem Heimatlazarett transportiert. Von da aus kann ich
Euch dann selbst wieder schreiben. Herzlichst grüß Euch Euer Papa.
27. September 1942, Kriegslazarett
Liebe Mutti und Bubi!
Meine Karte mit der Nachricht meiner Verwundung wirst Du inzwischen erhalten
haben. Da mein Befinden gut ist, werde ich mit anderen Kameraden mit einem
Lazarettzug zurück transportiert. Befinde mich zur Zeit in einem Kriegslazarett.
Auch hier wird unser Aufenthalt nur ein kurzer sein. Dann geht es in einem
Lazarettzug in die Heimat. Nach Aussagen des Arztes sieht meine Verwundung
sehr gut aus und wird demnach sehr schnell heilen. Liebe Frau, mach Dir bitte
keine Sorgen um mich. Ich teile eben das Schicksal mit ungezählten anderen
Kameraden. Wir wollen unserem Herrgott danken, dass ich noch am Leben bin.
Es war sein Wille gewesen, deshalb wollen wir weiterhin auf ihn vertrauen. Er
wird alles wieder zum Guten lenken. Wenn ich nach Deutschland komme, beantrage ich eine Verlegung in ein Heimatlazarett und werde Dich sofort benachrichtigen. Dich, liebe Mama und unseren lieben kleinen Bubi grüßt von Herzen Dein
Papa.
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Spurensuche von Hermann, Martina und Stefan Fürhapter
10. Oktober 1942
Brief aus dem Lazarett
Feldpostnummer
Herzliebste Mama und Buwi!
Heut will ich doch wieder versuchen mit Euch zu plaudern. Wie’s mir geht,
kannst Du Dir denken. Mit meinem Fuß ist’s wohl nimmer zum Lachen und auch
unser Familienleben muss anders gestaltet werden. Aber das werd ich alles
machen. Hoffentlich komm ich zu Weihnachten. Werd ich soweit in Ordnung, hab
ich alle Tage Aussicht, zu kommen, dann tät ich einen Honig und a bisl Packet
(Lebensmittel) brauchen.
Liebes Mamile, sei nicht traurig, es wird alles wieder werden. Gruß Papa
Als weitere Briefe ausbleiben, sind seine Mutter und seine Frau sehr beunruhigt und
erkundigen sich bei seiner Einheit nach seinem Befinden. Daraufhin erhält Frau
Fürhapter kurz vor Weihnachten 1942 die Mitteilung, dass ihr Mann Josef Fürhapter aus
Sillan in Österreich am 19. Oktober im Lazarettzug 682 verstorben ist und auf dem
Heldenfriedhof Schepetowka zur letzten Ruhe gebettet wurde. Frau Fürhapter erhält
Briefe und einige Unterlagen aus dem Nachlass ihres Mannes. Seinen Ehering hatte Josef
schon einige Zeit vorher verloren und seine Frau gebeten, den Ring nacharbeiten zu lassen, „hoffentlich ist das kein schlechtes Omen, wenn man den Ring verliert“, so hatte er
gesagt.
Dienststelle F.P.Nr. 43430
Ostfront, den 4. Dezember 1942
Sehr geehrte Frau Fürhapter!
Es ist mir eine unsagbar schwere und harte Pflicht, Ihnen diese Mitteilung machen
zu müssen. Am 17. September wurde Ihr Mann Josef Fürhapter, Schütze in einem
Infanterieregiment, durch Granatsplitter an beiden Oberschenkeln schwer verwundet. Nun kommt von der Dienststelle F.P.Nr. 46.444 die Mitteilung, dass Ihr Mann
im Lazarettzug 682 am 19. Oktober 1942 verstorben ist. Er wurde auf dem
Heldenfriedhof in Schepetowka zur letzten Ruhe gebettet.
Wir alle wissen um den Schmerz der Frauen, die ihren Mann, das Teuerste, hingeben müssen. Nehmen Sie deshalb ein Wort als kleinen Trost, nämlich das schöne
aber harte Wort „Pflicht“. In allen Fürsorge- und Versorgungsfragen wird Ihnen
das zuständige Wehrmachtsfürsorge- und Versorgungsamt bereitwilligst Auskunft
erteilen.
Nachlasssachen Ihres Mannes werden Ihnen noch zugesandt werden.
Ich grüße Sie in aufrichtigem Mitgefühl und spreche Ihnen im Namen der ganzen
Kompanie die herzlichste Anteilnahme aus.
Ihr Lt. und Komp. Führer
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Spurensuche von Hermann, Martina und Stefan Fürhapter
24. Dezember 1942
Dienststelle der F.P.Nr. 43430B
Sehr geehrte Frau Fürhapter!
Unter Bezugnahme auf Ihr Schreiben vom 24.11.1942 muss ich Ihnen leider die
erschütternde Nachricht von dem Heldentod Ihres lb. Mannes und unseres guten
Kameraden geben. Ihr Mann wurde am 17.9.1942 durch Granatsplitter an beiden
Oberschenkeln verwundet und ins Lazarett eingeliefert. Infolge zu hohen
Blutverlustes ist Ihr lb. Mann auf dem Transport vom Lazarett in die Heimat am
19.10.42 im Lazarettzug 682 verstorben.
Die Beerdigung erfolgte auf dem Heldenfriedhof zu Schepetowka. Wir alle wissen
um den Schmerz der Angehörigen, die ihr Liebstes hingeben müssen. Nehmen Sie
deshalb ein Wort als kleinen Trost, nämlich das schöne, aber harte Wort
„Pflicht“. In allen Fürsorge- und Versorgungsfragen wird Ihnen das zuständige
Wehrmachtsfürsorge- und Versorgungsamt bereitwilligst Auskunft erteilen. Ich
grüße Sie in aufrichtigem Mitgefühl und spreche Ihnen meine persönliche und
auch der ganzen Kompanie herzliche Anteilname aus.
Ihr Schmitz, Hauptfeldwebel.
Ein Bild seines Grabes hat die Familie nicht erhalten. Auch nach dem Krieg gibt es
keine neuen Informationen. Marie Fürhapter muss ihr Schicksal verkraften und das
eigene Leben und das ihres Sohnes selbst gestalten. Hermann Fürhapter erinnert sich:
„Man hat den Tod des Vaters so hingenommen. Meine Mutter hat meinen Vater nie
vergessen, und sie war, bis sie 1993 mit 91 Jahren starb, besonders an Weihnachten
traurig, weil sie an Weihnachten 1942 die Nachricht von seinem Tod erhalten hat.“
Hermann Fürhapter hat sich immer vorgestellt, irgendwann einmal in die Ukraine
fahren zu können, um das Grab seines Vaters zu suchen. Er hat nicht angenommen,
dass noch immer ein Birkenkreuz auf dem Grab steht, er war jedoch der festen Überzeugung, dass der Friedhof noch existiert und das Grab zu finden ist. In Gedanken hat
er immer die vielen gepflegten Soldatenfriedhöfe aus den Kämpfen in den Dolomiten
in Osttirol vor Augen gehabt, die heute – fast 90 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg –
noch immer erhalten werden.
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09.10.2007
19:01 Uhr
Spurensuche von Hermann, Martina und Stefan Fürhapter
Mit dem Brief an das „Weiße Kreuz“ wurde
die Suche konkreter
Im Jahr 2000 nehmen die Kinder von Hermann Fürhapter die Sache in die Hand und
wollen mehr Informationen über das Grab des Großvaters bekommen. Martina Fürhapter hatte etwas von einem „Weißen Kreuz“ in Innsbruck gehört und dass dort Informationen über Soldatenschicksale zu bekommen seien. Ihr Brief an das „Weiße Kreuz“
in Innsbruck erreichte das Hotel „Weißes Kreuz“ und die konnten aber nichts mit dem
Brief anfangen, gaben dann allerdings den Hinweis auf das Österreichische Schwarze
Kreuz, das in Österreich für Kriegsgräber zuständig ist. Dieses gab die Anfrage an den
Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge nach Kassel weiter und dann kam der Stein
ins Rollen. Zuerst erhielten die Fürhapters den Bescheid, dass dem Volksbund nicht
bekannt sei, ob die Gräber in Schepetowka noch oberirdisch zu lokalisieren sind – auf
einem Erfassungsprotokoll wurden mehrere Stellen mit Kriegsgräbern angegeben. Im
Schreiben der Deutschen Dienstelle steht dann aber die genaue Grablage:
Soldatenfriedhof Schepetowka,
6. Reihe von hinten, 26. Grab
von links.
Seine fünf Kinder Maria,
Martina, Irmgard, Andrea und
Stefan kannten den Wunsch
ihres Vaters, einmal in der
Ukraine am Grab des Vaters
zu sein und überraschten ihn
zum 60. Geburtstag mit einem
außergewöhnlichen Geschenk:
Sie hatten zusammengelegt
und für ihn beim Volksbund
eine Kriegsgräberreise in die
Ukraine gebucht. Stefan hat
die Reise gut vorbereitet und
aus dem Internet viele Informationen über die Ukraine
gesammelt.
Damit der Vater nicht alleine ist, haben ihn Martina und
Stefan, begleitet. „Ich weiß
Bei der Kirche von Bronniki haben 1942 Zivilisten
189 deutsche Gefallene bestattet. Auf Steinplatten
stehen ihre Namen. Hermann Fürhapter würde sich
wünschen, dass auch sein Vater auf einem Soldatenfriedhof bestattet würde und er an seinem Grab
Blumen niederlegen könnte.
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19:01 Uhr
Spurensuche von Hermann, Martina und Stefan Fürhapter
In Schepetowka finden sie
das Lazarett, in dem der Vater
behandelt wurde.
nicht, ob ich auch alleine gefahren wäre“,
sagt Hermann Fürhapter.
Mit Taxi und einem Dolmetscher fahren sie von Kowel nach Schepetowka und
fragen nach dem deutschen Soldatenfriedhof. Die Suche gestaltet sich als
sehr schwierig, da niemand etwas von
einem deutschen Soldatenfriedhof weiß.
Im Erfassungsbericht des Volksbundes
wird auf dem Gelände des Städtischen
Krankenhauses eine 8x20 Meter große
Grabfläche mit 300 bis 400 Gefallenen
angegeben und neben einem ehemaligen
Holzlager, zehn Meter vom Tor entfernt,
soll eine unbekannte Anzahl von
Gefallenen ruhen. Welches ist der richtige
deutsche Soldatenfriedhof Schepetowka?
Sie finden das Krankenhaus und laufen
durch den Birkenwald, können aber nicht erkennen, ob hier Soldaten beerdigt wurden.
Bei dem ehemaligen Kriegsgefangenenlager kommen sie auf einen verwahrlosten
Friedhof mit aufgebrochenen Gräbern und einigen Kreuzen, die im Gras liegen, mit polnischen Namen. Aber wo ist die im Plan eingezeichnete Fläche von 8x20 Metern mit den
deutschen Toten? „Nach dem Brief des Volksbundes mit der Angabe der genauen
Grablage haben wir angenommen, dass wir schnurstracks auf dem Friedhof das Grab
finden werden“, sagt Hermann Fürhapter. „Aus den Unterlagen, die wir erhielten,
konnte man sich etwas Konkretes vorstellen. Aber in Schepetowka konnte uns keiner
helfen und wir waren enttäuscht, sein Grab nicht finden zu können“.
Auf dem Gemeindefriedhof stellen sie beim sowjetischen Kriegerdenkmal ihr Kreuz
auf, das sie aus Österreich mitgebracht haben. „In Liebe Hermann mit Familie“, steht
darauf. Sie zünden Öllichter an, pflanzen als Gruß aus der Heimat Edelweiß ein und
Hermann Fürhapter gedenkt mit seinen Kindern des Vaters. „Wir müssen abwarten, ob
er bei den Umbettungen, des Volksbundes gefunden wird,“ sagen sie. „Mehr können
wir jetzt nicht erreichen“. Sie sind erleichtert, dass sie einmal in der Gegend waren, wo
er gestorben ist, doch bedrückt und niedergeschlagen treten sie die Heimreise nach
Österreich an. Wenn das Grab des Vaters bei den Umbettungen einmal gefunden wird
und er zum Sammelfriedhof Potelitsch umgebettet wird, dann wollen sie ganz bestimmt
wiederkommen.
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09.10.2007
19:01 Uhr
Spurensuche von Hermann, Martina und Stefan Fürhapter
Hilflos irren sie über eine verwilderte
Fläche. Sie nehmen an, es ist der in der
Karte eingezeichnete polnische Friedhof.
Aber wo ist der mit dem Kreuz markierte deutsche Soldatenfriedhof?
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Sie haben zwar nicht sein Grab gefunden, doch sie sind dem Vater und
Großvater näher gekommen. Sie waren
dort, wo er gestorben ist. Vielleicht
waren sie seinem Grab ganz nahe,
ohne es zu wissen.
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09.10.2007
19:01 Uhr
Spurensuche von Konrad und Elisabeth Stute und Marlies Wegener
Spurensuche im
Internet
Elisabeth Stute
Konrad Stute
Marlies Wegener
Johannes Stute,
geboren am
22. November 1912,
gefallen am 8. Juli 1941
Elisabeth und Konrad Stute waren auf einer Reise nach Königsberg.
Dabei haben sie die deutschen Soldatenfriedhöfe Sologubowka bei
St. Petersburg und Pillau im ehemaligen Ostpreußen besucht. Hier
kam der Gedanke, was wohl aus dem Grab des Vaters geworden ist.
Gleich nach der Reise begannen sie im Internet nach Spuren des
Vaters zu suchen, der im Alter von 28 Jahren am 8. Juli 1941 in Stolpow bei Zudnow, 30 Kilometer südlich von Shitomir, gefallen ist.
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09.10.2007
19:01 Uhr
Spurensuche von Konrad und Elisabeth Stute und Marlies Wegener
Russland, 8. Juli 1941
Sehr geehrte Frau Stute!
Nach Bewährung bei mehreren Gefechten fiel auf dem weiteren Vormarsch bei
Luderow am 8.7.1941 gegen 11.45 Ihr Mann Johannes Stute in soldatischer
Pflichterfüllung getreu seinem Fahneneid für das Vaterland. Ich spreche Ihnen
zugleich im Namen seiner Kameraden meine wärmste Anteilnahme aus. Die
Batterie wird ihm stets ein ehrendes Andenken bewahren. Möge die Gewissheit,
dass Ihr Mann sein Leben für die Größe und den Bestand von Volk, Führer und
Reich hingegeben hat, Ihnen ein Trost in dem schweren Leid sein, das Sie betroffen hat.
Ich grüße Sie und Ihre Kinder in aufrichtigem Mitgefühl
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09.10.2007
19:01 Uhr
Spurensuche von Konrad und Elisabeth Stute und Marlies Wegener
Ihr Mann ist fünf Kilometer
westlich von Cudnow (Russland) zur letzten Ruhe
gebettet. Er wurde duch einen
feindlichen Bombensplitter, der
ins Herz traf, verletzt und
starb im gleichen Augenblick.
Seine Wertgegenstände, Ring,
Brieftasche mit Inhalt usw.
sind abgenommen und werden
Ihnen zugestellt.
In allen Fürsorge und Versorgungsfragen wird Ihnen das
zuständige Wehrmachtsfürsorge- und Versorgungsamt,
dessen Standort bei jeder militärischen Dienststelle zu erfragen ist, bereitwilligst Auskunft
erteilen.
Das Bild der Grabstätte wird
Ihnen die Batterie nach Fertigstellung übersenden.
Ich selbst stehe Ihnen zu weiteren Auskünften gern zur
Verfügung.
Ihr sehr ergebener ...
Bild des Feldgrabes neben
einer Bushaltestelle.
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09.10.2007
19:01 Uhr
Spurensuche von Konrad und Elisabeth Stute und Marlies Wegener
Die Reiseteilnehmer der Reise in die Ukraine legen ihre
Blumen auf dem Soldatenfriedhof Kiew in Block 3, Reihe 24,
am Grab von Johannes Stute nieder und gedenken gemeinsam mit der Familie Stute des Gefallenen.
Die Familie reist zum Grab von Johannes
Frau Wegener steht in Shitomir auf dem Platz des Sieges mit dem Denkmal des russischen Panzers und sagt mehr zu sich als zu den anderen Reiseteilnehmern: „Ich hätte
niemals gedacht, dass ich einmal nach Shitomir kommen würde. Alle in unserer Familie
kannten diesen Namen, er war auch uns Kindern ein Begriff, denn wir erhielten die
Nachricht, dass unser Vater etwa 30 Kilometer von dieser Stadt entfernt, gefallen ist.“
Der Gedanke an den Vater beschäftigte Konrad Stute und er dachte, der schnellste
Weg sich Informationen zu beschaffen, geht heute über das Internet. Hier suchte er nach
der Adresse des Volksbundes und war sehr erstaunt, dass er beim Durchgehen der Seiten die Möglichkeit angeboten bekam, den Namen seines Vaters einzugeben und nach
der Grablage zu suchen. Er war völlig überrascht, als er gleich auf den Namen Johannes
Stute stieß und erfuhr, dass dieser auf dem Sammelfriedhof in Kiew bestattet ist.
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09.10.2007
19:01 Uhr
Spurensuche von Konrad und Elisabeth Stute und Marlies Wegener
„Der Vater hat immer gefehlt“, sagt Konrad Stute. Die Mutter wurde mit 24 Jahren
bereits Witwe und hatte drei Kinder zu versorgen. Sie wollte nicht, dass ihre Kinder
einen Stiefvater bekommen und hat auch nie mehr geheiratet. „Wer will schon eine
Witwe mit drei Kindern heiraten, wenn es so viele junge Frauen gibt, die keine Kinder
mit in die Ehe bringen“. Die Mutter ist mit ihren 87 Jahren noch rüstig, fühlt sich aber
nicht mehr im Stande, die weite Reise mitzumachen. Sie wäre sicher gerne mitgekommen, aber sie sagte dann: „Fahrt ihr los und besucht ihr alleine den Johannes“.
Dann geht alles ganz schnell. Seine Schwester Marlies ist sofort bereit, mit ihm und
seiner Frau eine Reise in die Ukraine zum Grab des Vaters anzutreten. Es ist eine kleine
Gruppe, die im Jahr 2002 nach den Spuren ihrer Angehörigen in der Ukraine sucht. Die
meisten wissen nur den Ort, an dem ihr Angehöriger sich zuletzt gemeldet hat oder der
ihnen von amtlichen Stellen als der Ort gemeldet wurde, an dem er vermisst oder gefallen ist. Wenn die Reisegruppe in die Nähe solcher Gemeinden kommt, dann suchen sie
nach den Spuren ihrer Angehörigen. Sie wollen die Gegend sehen, in der er seine letzten
Tage und Stunden verbracht hat. Viele fahren mit einem ortskundigen Taxifahrer und
einem Dolmetscher zu den Orten, deren Namen sie schon seit Jahrzehnten auswendig
kennen. Dort suchen sie nach Zeitzeugen, die ihnen bei ihrer Suche weiterhelfen können
und die sich noch an die Kämpfe vor mehr als 60 Jahren erinnern.
Marlies Wegener (links) und das Ehepaar Stute
am Grab des Vaters auf dem deutschen
Soldatenfriedhof Kiew.
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09.10.2007
19:01 Uhr
Spurensuche von Konrad und Elisabeth Stute und Marlies Wegener
Konrad Stute ist mit seiner Frau und der
Schwester am Ziel. Er hat den Namen des Vaters
auf der Stele auf dem deutschen Soldatenfriedhof
in Kiew gefunden.
„Wir sind die Ausnahme in der Gruppe“, sagt Konrad Stute, „denn wir wissen, wo
unser Vater bestattet ist und können an seinem Grab Blumen niederlegen. Die anderen
haben es sehr viel schwerer, denn sie suchen nach den Spuren ihrer Angehörigen. Es ist
ein Segen, dass die Politik es möglich gemacht hat, dass wir so frei in dieses Land reisen
können und der Volksbund die Kriegsgräberstätten anlegen durfte.“
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09.10.2007
19:01 Uhr
Ungarn
Ungarn ist uns von den Ländern des ehemaligen
Ostblocks wohl am meisten vertraut: Ein Urlaubsland,
das jahrzehntelang als Treffpunkt für Ost und West
diente und eine durchlässige Stelle im „Eisernen
Vorhang“ war. Mit Ungarn verbinden wir den größten
See in Mitteleuropa, den Plattensee (Balaton) und die
Hauptstadt Budapest, die aus den Orten Buda und Pest
entstanden ist. Ungarn ist für uns aber auch Salami und
Paprika, Wein und Zigeunermusik.
In Ungarn sind 1 800 deutsche Gefallene des Erstenund rund 54 000 des Zweiten Weltkrieges registriert.
Am 16. November 1993 wurde das deutsch-ungarische
Kriegsgräberabkommen unterzeichnet. Die deutschungarische Zusammenarbeit ist freundschaftlich und
reibungslos. Zur Zeit des „Kalten Krieges“ konnten einzelne deutsche Gräber mit Hilfe von Privatpersonen
erhalten und gepflegt werden, es mussten Pflegeverträge abgeschlossen werden. Die Mehrzahl der Gräber
war zwar ungepflegt und heruntergekommen, aber es
waren keine Plünderungen vorgekommen. Der Friedhofsbau ist inzwischen abgeschlossen. Der Volksbund
betreut heute 15 Anlagen, einige davon sind deutschungarische Gemeinschaftsanlagen (Budaörs, Veszprém,
Székesfehérvár).
Am 25. Oktober 1998 wurde auf dem Friedhof in
Budaörs ein Friedenspark des Volksbundes eröffnet.
Ungarn ist das erste Land im ehemaligen Ostblock, in
dem bereits alle deutschen Kriegsgräberstätten fertig
gestellt wurden.
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09.10.2007
19:01 Uhr
Spurensuche von Maria Mooshammer
Die Geschichte
vom Ring
Karl Turba,
geboren am 11. Mai 1923
gefallen am 08. März 1945
Maria Mooshammer und ihr Bruder
Rudi Winterstein am Grab des
Bruders Karl in Böhönye/Ungarn.
Karl Turba, der Bruder von Maria Mooshammer, geborene Winterstein, wurde von Mitarbeitern des Volksbundes auf den Soldatenfriedhof Böhönye in Ungarn umgebettet. Dabei wurde ein kleiner
Silberring gefunden, der als Nachlasss zusammen mit der Benachrichtigung über die Umbettung und die neue Grablage auf dem
Friedhof Böhönye an Frau Mooshammer geschickt wurde. Dieser
Ring ist ihr ständiger Begleiter geworden und sie trägt ihn nun am
Mittelfinger. Sie sagt: „Er ist so, wie ich ihn bekommen habe, er ist
sauber, ohne Flecken.“ In Böhönye zündet sie an Grab des Bruders
eine Kerze an und legt eine gelbe Rose, die sie aus ihrem Garten
mitgebracht hat, nieder.
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09.10.2007
19:01 Uhr
Spurensuche von Maria Mooshammer
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Spurensuche von Maria Mooshammer
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19:01 Uhr
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09.10.2007
19:01 Uhr
Spurensuche von Maria Mooshammer
Komisch, wunderte ich mich, als ich
die Post anschaute, ein Brief von der
Deutschen Dienststelle. Sie ist zuständig
für die Benachrichtigung der Angehörigen
von Gefallenen der ehemaligen deutschen
Wehrmacht, das wusste ich. Aber jetzt,
50 Jahre nach Kriegsende?
Es wurde mir warm ums Herz als ich
den Brief las: „Als Anlage erhalten Sie
einen Ring – vermutlich Silber – der ihrem
Stiefbruder Karl Turba, geboren 11. Mai
1921 in Hurz, gehörte. Der Ring wurde
anlässlich der Umbettung der sterblichen
Überreste Ihres Stiefbruders vom Volksbund sichergestellt und unserer Dienststelle zur Weiterleitung an die Angehörigen übersandt. Die jetzige Grablage lautet:
Deutscher Soldatenfriedhof Böhönye/
Ungarn, Block 3, Reihe 3, Grab 53.“
Ein kleiner, silberner Freundschaftsring, schmal und unscheinbar, lag bei dem
Brief im Kuvert. Ich hielt ihn gerührt in
der Hand. Dieser Ring hatte 49 Jahre lang
in ungarischer Erde gelegen und kam jetzt
zu mir nach Deutschland. Der Ring ist
gering an materiellem Wert, aber reich an
Erinnerungen. Die Umbetter hätten den
Ring einfach wegwerfen können – doch
sie machten mich ausfindig und schickten
den Silberring zurück in die Heimat –
letzter Gruß eines jungen Soldaten.
tod starb.“ Die Todesnachricht erreichte
uns noch in der damaligen Heimat im
Egerland. Karl erhielt als Letzter in unserem Städtchen in den Wirren des zu Ende
gehenden Krieges ein feierliches Requiem
und am Kriegerdenkmal eine militärische
Ehrenfeier. Im April 1946 wurden wir vertrieben und kamen nach Bayern. Und so
steht in Niederbergkirchen der Name Karl
Turba auf dem Kriegerdenkmal.
Kurze Zeit nachdem ich den Ring
erhalten hatte, weckte eine kleine Notiz in
der Tageszeitung meine Aufmerksamkeit:
„Busfahrt zu deutschen Soldatenfriedhöfen in Ungarn mit Einweihung der neu
gestalteten Friedhöfe in Nagykanisza und
Böhönye“. Böhönye – das war der Friedhof, auf dem mein Stiefbruder lag! Und
weil ich sein Grab besuchen wollte, fuhr
ich mit. Und so stand ich dann an seinem
Grab, ein Kreuz aus Granit unter vielen,
vielen anderen. Den Ring meines Stiefbruders, der beim Umbetten gefunden worden war, trage ich am Mittelfinger meiner
rechten Hand. Ich halte ihn in Ehren und
bin dankbar, dass ich ihn bekommen
habe.
Maria Mooshammer
Meine Gedanken schweiften zurück
ins Frühjahr 1945. Damals, vor 60 Jahren,
hatte es eines Tages einen furchtbaren
Knall in unserer Stube gegeben. Aber auch
nach gründlicher Suche fanden wir keine
Ursache und keinen Schaden. Bis dann
einige Zeit später ein Brief aus dem Osten
kam, wie zu so vielen Familien in der
damaligen Kriegszeit. In dem Brief stand:
„Es ist mir eine traurige Pflicht, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihr Sohn Karl
Turba am 8. März 1945 getreu seinem
Fahneneid im größten Schicksalskampfe
unseres Volkes in Südungarn den Helden-
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