Leseprobe - Residenz Verlag

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Leseprobe - Residenz Verlag
Helmut Brenner
Reinhold Kubik
Mahlers
Menschen
Freunde und
Weggefährten
Mit über 175 Abbildungen
Residenz Verlag
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation
in der Deutschen National­bibliografie; detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar­.
www.residenzverlag.at
© 2014 Residenz Verlag
im Niederösterreichischen Pressehaus
Druck- und Verlagsgesellschaft mbH
St. Pölten – Salzburg – Wien
Alle Rechte, insbesondere das des auszugsweisen Abdrucks
und das der fotomechanischen Wiedergabe, vorbehalten.
Umschlaggestaltung, grafische Gestaltung/Satz: BoutiqueBrutal.com
Umschlagbilder: IMAGNO/Theatermuseum, Wien; Archiv IGMG, Sammlung Tschuppik
(vorne); Privatsammlungen, Archiv IGMG, Reinhold Kubik (hinten).
Gesetzt aus Adriane Text und Akzidenz Grotesk
Gesamtherstellung: Gorenjski tisk storitve d.o.o.
ISBN 978-3-7017-3322-4
Inhalt
Vorwort
Freunde und Weggefährten
Von Apponyi bis Zinne
7
11
Anhang
Dank
Abkürzungen
Literaturverzeichnis
Personenregister
249
255
259
267
Addenda zu Mahlers Welt. die Orte seines Lebens
281
Vorwort
I
m Herbst 2009 fand eine Besprechung über das Buchprojekt Mahlers Welt mit
dem damaligen Verlagsleiter des Residenz Verlages statt, der den Wunsch äußerte, auch die Persönlichkeiten, welche die dargestellten Örtlichkeiten bevölkerten,
in das Buch aufzunehmen, biographisch zu skizzieren und wenn möglich abzubilden.
Dieser Plan konnte jedoch damals nicht verwirklicht werden, da der Umfang der projektierten Publikation sonst ein Ausmaß erreicht hätte, das für einen Cicerone, als
der sich das Buch letztlich verstehen wollte, nicht mehr praktikabel gewesen wäre.
Umso erfreulicher ist es daher, dass sich der Residenz Verlag nach der guten Aufnahme dieser Monographie entschlossen hat, uns eine eigene neue Publikation anzuvertrauen, die nun Mahlers Menschen gewidmet ist. Wir danken allen Mitarbeitern
des Verlages, insbesondere Stephan Gruber und dem Graphiker Joe Wannerer, für
die angenehme und professionelle Betreuung während der Vorbereitung und die
abermals ansprechende optische Gestaltung des Buches.
Obwohl nunmehr beide Bücher gemeinsam eine reiche und vordem kaum verfügbare Materialiensammlung zu Mahlers Leben bieten, sind die Bände in wesentlichen Aspekten verschieden. Waren wir bei Mahlers Welt bestrebt, möglichst alle
Orte zu erfassen, so war bei der vorliegenden Publikation von Anfang an klar, dass
eine Präsentation der übergroßen Anzahl an Freunden und Weggefährten Mahlers
die Ausmaße eines mehrbändigen Lexikons erreichen würde und daher nur eine relativ überschaubare Auswahl vorgenommen werden konnte.
Sieht man von den Verwandten und den Berufs- und Künstlerkollegen ab, so
rekrutiert sich der Freundes- und Bekanntenkreis Mahlers vornehmlich aus Persönlichkeiten, die für ihn während einer bestimmten Zeit – selten ein Leben lang – in
irgendeiner Weise nützlich und hilfreich waren. Damit soll Mahler jedoch nicht als
berechnender Egoist und keiner dauerhaften wirklichen Freundschaft fähig charakterisiert werden. Bei dem übermenschlichen Arbeitspensum, das er spätestens
ab seinem Eintritt in den Opernbetrieb permanent zu leisten hatte, war es für ihn
7
Mahlers Menschen
einfach unmöglich, die zahlreichen Kontakte dauerhaft zu pflegen, unabhängig von
persönlichen Sympathien. Übrig blieben also die jeweils aktuellen Beziehungen, die
oftmals bestimmte »praktische« Funktionen erfüllen mussten. Prominenz aus Politik­,
Wissenschaft und Wirtschaft war Mahler ebenso wichtig wie der Kontakt mit Kulturschaffenden, zu denen vor allem meinungsbildende und einflussreiche Journalisten
zählten. Ein bedeutender Prozentsatz der Freunde und Weggefährten war Teil des
jüdischen Geldadels, wobei insbesondere viele der Wiener Freunde zu den reichsten Familien der österreichischen Monarchie gehörten. Obwohl es Mahler selbst
nicht zum Millionär brachte, war er in seinen letzten Lebensjahren gut situiert und
wurde Teil jenes Netzwerkes, welches das Bild der »teuflisch eleganten« Donau­
stadt (Tschechow) formte. Seine Ehe mit Alma Schindler hatte daran gewiss Anteil. Auch wenn Mahler kein ständiger Gast in den Salons war, so zählten zu seinem
Bekannten­kreis doch viele »Salonièren«, die sich gerne mit der Anwesenheit des
berühmten Dirigenten und Komponisten schmückten. Wirkliche und lebenslange
Freunde finden sich nur wenige in Mahlers Leben. Die meisten der skizzierten Persönlichkeiten spielten daher nur vorübergehend eine gewisse Rolle, um nach einer
mehr oder weniger kurzen Zeit der Beziehung wieder spurlos zu verschwinden.
Nun unterliegt eine Auswahl immer der Gefahr des Willkürlichen, stets ist sie
der Kritik nach beiden Seiten ausgesetzt – Kritik an dem Aufgenommenen ebenso
wie an dem Ausgeschiedenen. Wir fanden es besser, nicht alle Bereiche gleichmäßig zu reduzieren, sondern verzichteten stattdessen lieber auf ganze Personengruppen. Es gibt folglich keine Familienangehörigen, keine Musiker (Komponisten,
Dirigenten, Instrumentalisten, Sänger), nur zwei Verleger, keine Kulturmanager (wie
z. B. Agenten), nur wenige Journalisten und Musikschriftsteller. Mitglieder dieser
Gruppierungen sind nur dann eingeschlossen, wenn ihr Kontakt mit Mahler über die
berufliche Dimension wesentlich hinausreichte. Ein bedeutendes Auswahlkriterium
war die Verfügbarkeit von Informationen für den Leser. Damit ist die Präsenz einer
Person in der Literatur, auch der Fachliteratur, gemeint: Menschen, die Mahler etwas
bedeutet haben, über die aber nichts oder nicht viel bekannt ist, waren sozusagen
für uns die erste Wahl. Das trifft auf viele Personen zu, die beispielsweise in Briefen
erwähnt werden oder ihrerseits über ihre Begegnung mit Mahler berichteten. Umgekehrt zählten zu Mahlers Kreis viele berühmte Menschen, deren Leben und Wirken
in eigenen Publikationen bereits gewürdigt wurden – man denke nur an Personen
wie Sigmund Freud, Richard Strauss, Gerhart Hauptmann, Gustav Klimt oder Bruno
Walter, um unterschiedliche Berufe zu erwähnen. Sie bedürfen keiner verhältnis­
mäßig begrenzten lexikalischen Vorstellung. Verzichtet werden konnte auch auf Personen, die bereits im Orte-Buch relativ ausführlich Platz gefunden hatten, wie z. B.
die Wiener Familie Conrat oder Albert und Toni Neisser in Breslau.
Wir haben uns von dem Prinzip leiten lassen, die Fakten zu den Porträtierten
möglichst anhand von Primärquellen zusammenzutragen. Dies waren vorrangig
offizielle Personenstandsdokumente (von der Geburtsurkunde bis zur Verlassenschaftsabhandlung), Briefe, Tagebücher, Tageszeitungen und Zeitschriften. Eine
enorme Hilfe waren dabei auch Datenbanken und Online-Publikationen, die im
8
Vorwort
Literatur­verzeichnis genannt sind. Die aufwendige Suche in öffentlichen und privaten
Archiven­, Bibliotheken, Museen, Sammlungen, Standesämtern und sonstigen Institutionen (siehe Anhang) war nicht immer erfolgreich, da die benötigten Archivalien
aus den unterschiedlichsten Gründen (etwa durch kriegsbedingte Verluste) nicht
mehr vorhanden sind. Auch wurden in einigen wenigen Fällen unsere Anfragen nicht
oder unzureichend beantwortet. Ferner waren datenschutzrechtliche Bestimmungen
zu beachten. Sekundärliteratur wurde nur ergänzend herangezogen. Da es ein Ziel
dieses Buches ist, möglichst viele weiße Flecken auf der Landkarte von Mahlers Bio­
graphie zu tilgen, mussten auch jene Personen ausgeschieden werden, bei denen
ausreichendes Material nicht erhältlich war, etwa bei Alois Przistaupinsky, Mahlers
geschätztem Sekretär an der Hofoper. Ferner wurden Personen unberücksichtigt
gelassen, bei denen eine erfolgreiche Recherche nur mit einem nicht zu vertretenden finanziellen und zeitlichen Aufwand möglich gewesen wäre. Als problematisch erwies sich gelegentlich auch die Bildbeschaffung. Es war leider nicht möglich,
von allen Personen ein Porträt ausfindig zu machen. In diesen Fällen haben wir ein
Substitut herangezogen – eine Unterschrift, ein Dokument oder das Foto der Grabstätte.
Ein weiterer Unterschied zu Mahlers Welt ist die Anordnung. Konnten wir das
Material dort in Kapiteln präsentieren, die chronologisch und geographisch determiniert und analog zu Mahlers Biographie angeordnet sind, was bei dem erwähnten
Streben nach Vollständigkeit möglich war, so ließ die Beschränkung auf eine relativ
kleine Auswahl von Personen im vorliegenden Band dieses Verfahren nicht zielführend erscheinen. Wir haben uns deshalb für eine alphabetische Reihung entschieden­.
Ein Anhang bietet Addenda zu Mahlers Welt. Diese Ergänzungen basieren teilweise
auf Reaktionen unserer Leser, teilweise auf eigenen Forschungen. Nach langen
Überlegungen und Diskussionen haben wir uns entschlossen, sie am Schluss der
vorliegenden Monographie zu publizieren.
Den Dank an unsere zahlreichen Helfer und Informanten bringen wir im Anhang zum
Ausdruck.
Helmut Brenner und Reinhold Kubik
Düsseldorf / Wien, im Sommer 2014
9
Apponyi
Freunde und Weggefährten
Apponyi, Albert Graf von
Der als Spross eines der ältesten ungarischen Adelsgeschlechter am 29. 5.
1846 in Wien geborene und am 30. 5.
in der Schottenkirche1 getaufte Albert­
Georg Julius Maria Apponyi2 wuchs
in Wien auf, da sein Vater, Georg Graf
Apponyi, dort das Amt des k. k. Kämmerers und des königl. ungarischen
Hofkanzlers bekleidete. Die Familie
wohnte zu dieser Zeit in Wien I., Landhausgasse 34. Albert besuchte ab 1856
das soeben gegründete Jesuitenkollegium in Kalksburg bei Wien3 und entwickelte dort und im Privatunterricht
ein großes Talent für Sprachen, was
ihm später als Diplomat zugutekam.
Nach der Matura 1863 und einem Jahr
philosophischer Studien absolvierte
Apponyi ab 1865 zunächst zwei Semester an der juridischen Fakultät der Universität Wien4 und wechselte anschlie- Albert Graf von Apponyi. Gemälde. (Aus Apponyi:
ßend bis 1868 zur Universität nach Erlebnisse und Ergebnisse.)
Pest5. Auch nach Beendigung seiner
Universitätsjahre galten Apponyis Interessen lebenslang historischen, philosophischen, volkswirtschaftlichen und politischen Fragen.
11
Mahlers Menschen
Bereits in Kalksburg machte der Gymnasiast erste musikalische Erfahrungen und lernte für den Hausgebrauch Klavier. Während seiner Studienjahre
in Wien beschäftigte er sich bei häufigen Besuchen von Oper und Konzerten
ausgiebig mit den großen Werken der Musikliteratur und wurde vor allem zu
einem­ glühenden Verehrer Richard Wagners. Durch seinen Freund 6 Ödön
von Mihalovich lernte er Franz Liszt kennen und unterstützte im ungarischen
Parlament, dem er ab 1872 als Abgeordneter der konservativen Partei angehörte6,
tatkräftig dessen Gründung der Budapester Musikakademie. Die Freundschaft
zu Liszt festigte sich dadurch, worauf dieser den Grafen und Mihalovich mit
Richard und Cosima Wagner in Bayreuth bekannt machte. Die Freunde besuchten im August 1876 bei den ersten Bayreuther Festspielen alle drei Ring-Zyklen7
und verkehrten während ihrer Festspiel-Besuche regelmäßig in Wahnfried.8
Wagner widmete Apponyi später einen Druck der Parsifal-Dichtung mit den
Worten­: »Seinem edlen Freunde, dem Grafen Apponyi«.9 Über sein Verhältnis
zur Musik legte Apponyi in seinen Memoiren folgendes Bekenntnis ab: »Musik
hat mein ganzes Leben mitbestimmt, und daß ich deren Heroen persönlich
nahetreten durfte, hat die Wirkung dieser höchsten Kunst auf mein sonst vornehmlich praktischen Aufgaben gewidmetes Dasein unermeßlich gesteigert. Sie
bewahrte mich vor Verflachung und ermutigte mein Streben nach hohen Zielen.
Ich danke Gott, daß sie mir gegeben wurde, und den Künstlern, daß sie mir ihr
Verständnis vermittelten.«10
Albert Graf Apponyi war während vieler Jahrzehnte neben István Tisza,
Mihály Károlyi und Gyula Andrássy die beherrschende politische Persönlichkeit
in der ungarischen Innen- und Außenpolitik. Er wechselte mehrmals die Partei, wurde zeitweise Unterrichtsminister und übernahm 1920 den Vorsitz der
ungarischen Delegation, die den Friedensvertrag von Trianon11 aushandelte, der
für Ungarn den I. Weltkrieg mit weitreichenden Folgen formal beendete. 1924
wurde Apponyi Vertreter Ungarns beim Völkerbund in Genf und setzte sich
auch dort bis zu seinem Tod engagiert für die Belange seines Vaterlandes ein.
Apponyi heiratete erst relativ spät – am 1. 3. 1897 – Chlothilde Gräfin von
Dietrich­stein-Mensdorff-Pouilly (1867–1942), mit der er einen Sohn und zwei
Töchter hatte. Er starb am 7. 2. 1933 im hohen Alter von fast 87 Jahren in Genf.
In einer ungewöhnlich ausführlichen, mehrtägigen Berichterstattung würdigte
sowohl die österreichische als auch die ungarische Presse den über alle Parteigrenzen hinweg hochgeachteten Staatsmann, den die ungarische Regierung als
»Toten der Nation« bezeichnete.12 Die Beisetzung Apponyis erfolgte am 15. 2. in
der Budapester Matthiaskirche, der ungarischen Krönungskirche, was eine ungewöhnliche Ehrung bedeutete.
Obwohl bisher keine persönliche Korrespondenz zwischen Mahler und
Apponyi­ entdeckt wurde, ist letzterer in nahezu allen Briefen, die im Zusammenhang mit Mahlers Tätigkeit in Budapest geschrieben wurden, und auch
danach gegenwärtig.13 Apponyi, der als Doyen des Budapester Freundeskreises
um Mahler bezeichnet werden kann, war zweifellos aufgrund seiner heraus­
12
Apponyi
ragenden Persönlichkeit und einflussreichen politischen Ämter ein gewichtiger
Befürworter von Mahlers Berufung an die Budapester Oper beim damaligen
Intendanten 6 Ferenc von Beniczky.14 Dabei dürfte sich der kunstbegeisterte
Aristokrat auch des Sachverstandes seines besten Freundes Ödön von Mihalovich, des Direktors der Königlich Ungarischen Musikakademie, bedient haben.
Insofern ist dem Chronisten 6 Ludwig Karpath durchaus beizupflichten, der
Apponyi und seinen »Intimus« Mihalovich als »die Hauptstützen des Mahlerischen Regimes« bezeichnete.15 Dass zwischen Mahler und Apponyi ein freundschaftliches Verhältnis bestanden hat, geht aus Mahlers wenigen Erwähnungen
in Briefen an seine Schwester Justine hervor. Im Juni 1890 schrieb er ihr: »Zu
Mittag war ich bei Singers geladen. Nachmittag gieng ich zu Mihalovich wo bereits Apponyi auf mich wartete. Beide erkundigten sich nach Dir.«16 Ende Januar
1892 lesen wir in einem Brief aus Hamburg: »Für Dein Autographenalbum beiliegenden Brief von Apponyi, dem ich zum Wahltag telegraphierte.«17
Selbstverständlich wurde Apponyi von Mahler gebeten, seine Bewerbung
an die Wiener Hofoper zu unterstützen. Der Graf kam dieser Bitte am 10. 1. 1897
in einem diplomatisch geschickt formulierten und sehr persönlich gehaltenen
Schreiben an 6 Josef Freiherr von Bezecny nach, in dem es nach ausführlicher
Schilderung von Mahlers Wirken an der Budapester Oper heißt: »Indem ich
hinzufüge, daß Mahler auch als Mensch ein hochachtbarer, eminent anständiger
Charakter ist, so habe ich das Bild vervollständigt, aus welchem hervorgeht, daß
die Oper ein großes Loos ziehen würde, wenn sie ihn gewänne. Entschuldigen E. E. diese vielleicht inkompetente Einmischung; es soll nur ein wahrheits­
getreues Zeugnis sein das ich für meinen Freund Mahler ablege ohne zu wissen
in wie weit es in’s Gewicht fällt.«18
Befremdlich liest sich dagegen die Schilderung eines Vorfalls durch Ludwig­
Karpath im Zusammenhang mit einem denunzierenden Zeitungsartikel19 gegen Mahler, als dieser bereits drei Jahre an der Wiener Hofoper war. Hierin
wurden dem Hofoperndirektor finanzielle Unregelmäßigkeiten beim Abgang
aus Budapest vorgeworfen. Karpath wollte dem mit Hilfe von Graf Apponyi,
der sich zu dieser Zeit mit einer Delegation gerade in Wien aufhielt, entgegentreten und bat diesen um Unterstützung: »Der Graf, bereits am Treppenabsatz,
erwiderte mir brüsk: ›Kommen Sie mir nicht mit Mahler, für den habe ich
nichts mehr übrig, ich gehe keinen Schritt‹ und ließ mich ganz verdutzt stehen.
Mahler war sehr verstimmt, als ich ihm den Vorfall erzählte. Erklärend fügte
er hinzu: ›Sie wissen, daß der ungarische Komponist Edmund von Mihalovich
[…] der unzertrennliche Freund des Grafen ist und ich habe ja auch mit beiden
Herren in Budapest intim verkehrt. Nichtsdestoweniger bin ich nicht in der
Lage, eine Oper Mihalovichs bei uns aufzuführen, es ist also wahrscheinlich,
daß Graf Apponyi aus diesem Grund für mich jetzt nichts tun will.‹«20 Die Anschuldigungen gegen Mahler erwiesen sich dann als haltlos und wurden nicht
weiter verfolgt. Einige Zeilen später zitiert Karpath eine nicht näher datierte
Ausgabe der Neuen Freien Presse mit einer Passage aus einem »lang nach Mahlers
13
Mahlers Menschen
Tod« erschienenen­Memoirenband­Apponyis, in dem der Graf Mahlers gedenkt:
»Welche Resultate erzielte dieses Genie mit unseren oft mißachteten heimischen Kräften! Welche Festtage brachten die von ihm geleiteten Vorstellungen!
Ihm danke ich das volle Verständnis für Mozart, denn er legte den Schlüssel in
meine Hand, womit ich die Schatzkammer Mozarts öffnen konnte.«21 Merkwürdig ist jedoch, dass dieser Text und der Name Mahler in dem 1933 erschienenen
Buch Erlebnisse­ und Ergebnisse nicht vorkommen. Zwar ist bei Karpaths Erinnerungsbuch eine gewisse Skepsis angebracht, indes scheint die geschilderte
Begebenheit­ im Kern zutreffend zu sein. Mahler ließ nun einmal – auch ehemals enge – Freunde fallen­, sobald sie ihm nicht mehr nützlich sein konnten.
1GbE und TfE, Schottenkirche, Wien, Geburtsbuch 1846 (o. Nr.).
2Sein vollständiger ungarischer Name lautet: Albert György Gyula Mária Nagyapponyi Gróf Apponyi.
3Schuldokumente haben sich leider nicht erhalten, da die Aufzeichnungen erst 1886 beginnen (freundliche Mit­teilung
vom 11. 6. 2013, Inge Lang, Kollegium Kalksburg).
4Am 12. 11. 1866 erhielt er ein Abgangszeugnis mit der Studienbestätigung für die beiden Semester (Protokoll der
Absolutorien und Abgangszeugnisse, Sign. R 49. 4, Nr. 8517); freundliche Mitteilung vom 8. 8. 2013, Dr. Ulrike Denk,
Archiv Universität Wien.
5Erst 1873 entstand aus Pest, Buda (Ofen) und Alt-Ofen (Óbuda) die Stadt Budapest.
NR, Siehe Kapitel Mihalovich.
6
7Bayreuther Fremden-Listen Nr. 1 vom 14. 8. und Nr. 4 vom 17. 8. 1876. Beide Freunde wohnten in Bayreuth,
Kanzleistraße­155.
8
Dellin – Mack: Cosima Wagner, Bd. 2, S. 985; siehe auch Kapitel Mihalovich.
9
Apponyi: Erlebnisse, S. 95.
10
Ebda., S. 101.
Vertragstext: http://www.versailler-vertrag.de/trianon/index.htm.
11
12
NR, NFP vom 8. 2., 9. 2., 12. 2., 13. 2., 14. 2. und 15. 2. 1933.
13
Hierzu ausführlich: RMU.
14
RMU, S. 170 f.
Karpath, S. 23.
15
16
GMFB Nr. 89.
17
GMFB Nr. 219; am 28. 1. 1892 wurden allgemeine Wahlen zum Ungarischen Parlament abgehalten.
18
Zitiert nach RMU, S. 170 f., S. 7.
19
Deutsches Volksblatt vom 6. 1. 1900, S. 8 f.
20 Karpath: S. 119 f.; siehe auch Kapitel Mihalovich.
21 Ebda., S. 120.
14
Batka
BATKA, RICHARD
Der Musikschriftsteller Richard Batka
wurde am 14. 12. 18681 als Sohn des
kaiserlichen Rates Franz Batka (1839–
1907) und seiner Frau Hermine (1845–
1884)2 in Prag geboren. Er besuchte
das renommierte k. k. Gymnasium in
der Prager Neustadt und schloss mit
der Matura ab. Vom Wintersemester 1888/89 bis zum Sommersemester 1892/93 studierte Batka an der k. k.
deutschen Karl-Ferdinands-Universität
zu Prag bei August­ Sauer klassische
Philologie, Philosophie und Germanistik.3 Seine Dissertation verfasste er
Über die altnordischen Stoffe der deutschen
Literatur bis Herder. Nach bestandenen
Rigorosen wurde er am 26. 3. 1897 zum
Dr. phil. promoviert. 1900 ernannte
man Batka zum Universitätsdozenten4 Richard Batka, 1907. (Aus Kopecký – Koptová:
und 1904 wurde er von der General- Richard Batka. Mit freundlicher Erlaubnis der
versammlung des Prager Konservato- Autoren.)
riums zum »wirkenden Mitglied« gewählt.5 Richard Batka hat eine Reihe von Publikationen herausgegeben, wobei
die zwischen 1905 und 1906 entstandenen Editionen Die Musik in Böhmen und
Die Lieder­ Mülichs von Prag hervorzuheben sind. Später schrieb er auch mehrere Libretti­, darunter (als Mitautor) dasjenige für die Oper Versiegelt von Leo
Blech (Uraufführung 1908). Ferner betätigte sich Batka als Biograph von Robert
Schumann­, Johann­Sebastian Bach, Richard Wagner und Richard Strauss.
In seiner Prager Zeit gab Batka zusammen mit Hermann Teibler die Neue
Musikalische Rundschau heraus und schrieb Feuilletons für das Prager Tagblatt.
Als Mitarbeiter des Kunstwarts gründete und leitete er 1903 die Österreichische
Sektion des »Dürerbundes, der einen hervorragenden Anteil an der deutschen
Kulturarbeit in Böhmen hatte«.6 Für eine »Rundfrage über das künstlerische
Schaffen und das Problem, an welchem gemeinsamen Kulturwerke der Künstler
schafft«7, wollte Batka auch Gustav Mahlers Meinung hören. Dessen nicht datierte Antwort8 war wenig konkret und ausweichend. Im Februar 1896 wandte
sich Batka erneut an Mahler, um biographische Daten und eine Charakterisierung seiner bisherigen Werke von ihm zu erbitten; Mahler reagierte am 18. 2.
auf diese Bitte mit der zusätzlichen Empfehlung, sich diesbezüglich auch an
6 Max Marschalk­zu wenden.9 Wenngleich bisher keine schriftlichen Zeugnisse
weiterer­Kontakte zwischen Batka und Mahler aufgetaucht sind, kann man von
15
Mahlers Menschen
einem nicht nachlassenden­ Interesse des Kritikers am Komponisten ausgehen.
Am 20. 9. 1908 erschien eine ausführliche Rezension Batkas über die tags zuvor
in Prag uraufgeführte VII. Symphonie. Der Kritiker beschloss seine wohlwollende
und fundierte Besprechung mit dem Satz: »Das gehobene Gefühl, einem außerordentlichen künstlerischen Ereignis beigewohnt zu haben, beherrschte Alle.«10
Noch zu Lebzeiten Mahlers erschien Batkas kluge Betrachtung über Das Jüdische
bei Gustav Mahler.11
Richard Batka war mit Růžena (Rosa) Brabencová (Brabenetz, 1868–1915) verheiratet.12 Das kinderlos gebliebene Ehepaar wohnte 1901 zunächst im Prager
Vorort Königliche Weinberge (Královské Vinohrady) Nr. 686 (heute: Vocelova 4)
und 1902 Nr. 1134 (heute: Budečská 45).13 1908 übersiedelte Richard Batka nach
Wien XIII., Hügelgasse 714, und war in den Jahren 1908 bis 1919 Musikkritiker
des Wiener Fremden-Blattes. Er erwarb sich aufgrund seiner Sachkenntnis, Objektivität, glänzenden Stilistik und Warmherzigkeit hohes Ansehen. Gemeinsam
mit Richard Specht (1870–1932) gab er ab 1909 die Zeitschrift Der Merker heraus.
1909 bis 1914 lehrte Batka zudem an der k. k. Akademie für Musik und darstellende Kunst (heute: Universität für Musik und darstellende Kunst) Geschichte
der Oper sowie Geschichte der Laute und Gitarre.15
Im Alter von nur 53 Jahren ist Richard Batka am 24. 4. 1922 »nach langem,
qualvollen Siechtum« im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, Wien II.,
Große Mohrengasse 9, in unmittelbarer Nähe seiner letzten Wohnadresse
Tabor­straße 20, völlig mittellos gestorben.16 Er wurde auf dem Friedhof von
Ober St. Veit bestattet.17 Wie die Neue Freie Presse in ihrem Nachruf schrieb, hielt
es Batka mit dem altgriechischen Dichter Eupolis und dessen Diktum: »Eine
tiefsinnige verwickelte Sache ist die Musik, und wer nachdenklichen Geistes ist,
der findet dort immer was Neues.«18
1WStLA, Mitteilung vom 16. 8. 2012.
2EMK, Prag, Conskriptionsschein, Franz Batka (Národní archiv Praha).
3Nat, k. k. deutsche Karl-Ferdinands-Universität, Prag.
4Freundliche Mitteilung vom 18. 5. 2013, Prof. Dr. Vlasta Reittererová, die uns ferner darauf hinwies, dass es entgegen
mancher Biographien über Richard Batka unzutreffend ist, dass er gleichzeitig bei Guido Adler in Prag Musikgeschichte studiert hat. Adler war bereits ab 1882 Dozent an der Universität Wien, ab 1885 Professor in Prag und
neben seiner Lehrtätigkeit mit vielerlei anderen Aufgaben beschäftigt. Möglich ist, dass Batka Vorlesungen Adlers in
Prag besucht hat, zweifelsohne ist er von ihm beeinflusst worden.
5Branberger: Das Konservatorium, S. 223.
6NR, NFP vom 26. 4. 1922, S. 7 und ausführlich Kratzsch: Kunstwart und Dürerbund.
7GMB Nr. 163.
8Ebda.
9GMB Nr. 195 und 197.
10PTB vom 20. 9. 1908, S. 16.
11Der Kunstwart, 2. Juliheft 1910, wiederveröffentlicht in: GMBA, S. 484 ff.
12EMK Prag, Conskriptionsschein, Richard Batka (Národní archiv Praha); »Brabenetz« in VLA (Anm. 16).
13Freundliche Mitteilung vom 3. 6. 2013, Milan Palák, Ostrava.
14Lehmann 1908–1922.
15Universität für Musik und darstellende Kunst, Archivmdw-134/Pr/1909 und Jahresberichte 1909/10–1913/14 der
k. k. Akademie für Musik und darstellende Kunst.
16VLA, WStLA, BG Leopoldstadt I, A4/4, 4A 299/1922.
17Gruppe F, Reihe IV, Nr. 11; Mitteilung WStLA vom 10. 9. 2013. Das Grab ist 1946 aufgelassen und neu vergeben
worden; tel. Auskunft Friedhof Ober St. Veit vom 17. 9. 2013.
18NR, NFP vom 26. 4. 1922, S. 7.
16
Bauer-lechner
BAUER-LECHNER, NATALIE
Natalie Lechner wurde am 9. 5. 1858
in Wien geboren und am 11. 5. 1858 getauft.1 Die Eltern waren der Universitätsbuchhändler und Verleger Rudolf
Lechner (1822–1895) und Julie Lechner­,
geb. von Winiwarter (1831–1905).2 Das
Geschäft ihrer Eltern in der Wollzeile,
ab 1875 auf dem Graben, war eine der
am besten sortierten Buchhandlungen
Wiens. Das überaus vielseitige Verlagsprogramm wurde nach 1883 noch
durch eine Fotografie-Abteilung ergänzt. Der Ehe entstammen fünf Kinder (Natalie, Ellen, Wilhelmine­, Oskar
und Auguste).
Ihrer eigenen Schilderung zufolge wurde Natalie durch das im
Eltern­haus übliche Musizieren früh
zur Musik­ gebracht.3 Schon in ihrem
5. Lebens­jahr erhielt sie gemeinsam
mit ihrer jüngeren Schwester Ellen
Geigen- und Eislaufunterricht. Beide
Mädchen besuchten von 1866 bis
1872 das Konservatorium der Gesell­
schaft der Musikfreunde und erhielten im Hauptfach Violinunterricht,
im Neben­fach Klavierbegleitung.4 Im
Alter­ von 17 Jahren heiratete Natalie­
im Wiener Stephansdom am 27. 12. 1875
den um 22 Jahre älteren Witwer Hofrat Dr. Alexander Bauer (1836–1921).5
Er war Professor für chemische Technologie an der Technischen Hochschule Wien und hatte aus erster
Ehe drei Töchter. Die Ehe wurde am
19. 6. 1885 »in beiderseitigem Einverständnis« geschieden.6 Bis 1913 spielte
Natalie Bratsche im 1894 gegründeten Damen-Streichquartett von Marie
Soldat-Röger (1. Violine), zusammen
mit Elly Finger-Bailetti (2. Vio­line, ab
Natalie Bauer-Lechner, 1903. (Aus NBL.)
Alexander Bauer. (Technische Universität, Wien.)
17
Mahlers Menschen
1898 Elsa von Planck) und Lucy Herbert-Campbell (Violoncello, ab 1903 Leontine
Gärtner). Danach brachte sie sich mit Privatstunden durch und war im Studienjahr 1919/20 als Hilfslehrerin für Violine am Salzburger Mozarteum angestellt.7
Als Wiener Adressen konnten ermittelt werden:8
I., Kärntner Straße 20 [1886]
I., Jasomirgottstraße 3/3. Stock [1896] 9
III., Salesianergasse 23 und 18 [1900 bzw. 1902–1913]
XIX., Sieveringer Straße 32/III/10 [1913–1921]
XIX., Peter Jordanstraße 82 [= Sanatorium der Kaufmannschaft, bis 26. 2. 1921]10
XVIII., Colloredogasse 27 [= Haus des Bruders Oskar Lechner, ab 10. 3. 1921]
Natalie Bauer-Lechner, »Hofratswitwe­«,
starb am 8. 6. 1921 um 4 Uhr im
oben genannten Haus ihres Bruders­
Oskar­ im Cottage-Viertel.11 Im Toten­
beschau­­protokoll wird als Todes­ur­
sache­ »Alters­schwäche, Melancholie­­«
angegeben. Sie wurde in der Gruft
der Fami­lie Lechner auf dem Zentralfriedhof begraben.12 In ihrem
Testament vom 5. 8. 192013, das in
der Villa von Heinrich 6 Spiegler
(Pötzleinsdorfer­ Straße 34) geschrieben wurde14, setzte sie ihre Nichte
Friederike Killian­ (1885–1952), eine
Tochter ihrer Schwester Wilhelmine
(»Minna«) Drexler, als Haupterbin ein.
Bis zum 26. 2. 1921 hatte sie sich – ihrer Schwägerin Antonie Lechner, geb.
Sterbehaus, Wien XVIII., Colloredogasse 27.
Rissberger, zufolge15 – im Sanatorium
(Aus Brunnbauer: Im Cottage, Bd. III. Mit freundder Wiener Kaufmannschaft aufgelicher Erlaubnis der Autorin.)
halten. Danach nahm sie ihr Bruder
Oskar in sein Haus auf, in welchem
sie bei einem vereinbarten Tagespflegesatz von 300 Kronen versorgt wurde.
Nach Tilgung aller Verbindlichkeiten wurde die Nachlass-Summe inklusive
ihrer Geige mit 77 000 Kronen festgesetzt.16 Das war kein Vermögen, aber
»verarmt«, wie oft zu lesen ist, starb sie nicht. Keine Rede ist in der Verlassenschaftsabhandlung von irgendwelchen »Mahleriana«, von denen sie aber eine
ganze Menge besessen haben muss, vor allem auch Briefe und Manuskripte
(z. B. die Partiturentwürfe zum Klagenden Lied). Es tauchen noch immer neue
Quellen aus ihrem Besitz auf (so versteigerte Stargardt in Berlin im März 2006
einen autographen Partiturentwurf zum 2. Satz der II. Symphonie und ein auto­
18
Bauer-lechner
graphes Manuskript der Klavierfassung des 4. Kindertotenliedes).
Kleinere Auszüge aus den Tagebüchern Natalie Bauer-Lechners erschienen 1912 anonym im Merker17 und 1920
im Anbruch.18 1907 veröffentlichte der
väterliche Verlag das Buch Fragmente.
Gelerntes und Gelebtes, eine 236 Seiten
starke Sammlung von Aphorismen
und kurzen Essays zu künstlerischen,
politischen, philosophischen oder
psy­cho­logischen Themen. Wie ein roter Faden zieht sich die »Frauenfrage«
durch sämtliche Themenbereiche
oder wird in Kapiteln wie »Beruf und
Liebe«, »Sozialismus und Frauenfrage«,
»Kindererziehung«, »Die Frauen – Sexuelle Fragen«, »Weiberkleidung« usw.
speziell behandelt. Eine Schrift über den Grab, Zentralfriedhof Wien. (Foto Reinhold Kubik.)
Krieg, für die sie laut Auskunft ihrer
Familie in Wien wegen Hochverrat angeklagt wurde und eine Gefängnisstrafe
verbüßte, erschien 1918. Ein handschriftliches Fragment soll sich früher im
Familien­archiv des Großneffen Herbert Killian befunden haben, heute ist es
ver­schollen.19
Die große Bedeutung von Natalie Bauer-Lechner liegt in ihren umfangreichen, peniblen und weitgehend verlässlichen Aufzeichnungen ihrer Begegnungen und Gespräche mit Mahler. Die Bekanntschaft mit ihm begann
wahrscheinlich 1877, als eine »Symphonie« Mahlers vom Studentenorchester
des Konservatoriums unter Josef Hellmesberger gespielt werden sollte. Die
Schwestern Ellen und Natalie Lechner besuchten damals als Hospitantinnen
die Orchester­übungen.20 Der zentrale Zeitraum der Kontakte zwischen Natalie
Bauer-Lechner und Gustav Mahler erstreckte sich dann von 1890 bis 1901.
Die gedruckten Erinnerungen (Leipzig 1923) sind nur ein Teil der gesamten Aufzeichnungen; weitere Teile (die meisten 6 Henriette von Mankiewicz
gewidmet) befinden sich heute in Paris21, ferner gibt es eine Abschrift dieser
Teile durch Hans Riehl in der Österreichischen Nationalbibliothek22 und einen
Brief Natalies­ an Hans Riehl vom Februar 1917 zum Thema »Mahler und die
Frauen«, der aber nur eine Zusammenfassung von Bekanntem bringt.23 Natalie
änderte mehrmals ihre Stellung zu einer Veröffentlichung ihrer Erinnerungen;
schließlich verfügte sie testamentarisch die Publikation durch ihre Nichte Friederike Killian. Die Meinung Mahlers zu Natalie Bauer-Lechner ist in mehreren
Dokumenten­überliefert24 und würde eine eigene Publikation benötigen. Sie war
gewiss vielschichtig und reichte von freundschaftlicher Bewunderung bis zur
19
Mahlers Menschen
Abwehr von Belästigungen; zweifellos war die Beziehung von seiner Seite her
frei von erotischen Komponenten, die sich Natalie sicherlich bis hin zu einer
Heirat erhofft und erwünscht hatte.25 Mahlers Verlobung mit Alma beendete die
Beziehung ganz abrupt.
1GbE und TfE, Dominikanerpfarre Maria Rotunda, I. Bezirk, Taufbuch 1858.
2GrSt, siehe Anm. 12.
3Bauer-Lechner: Fragmente, S. 3 f.
4»Berichte über das Conservatorium und die Schauspielschule der Ges. d. Mfr. in Wien« für die Jahre 1866/67 bis
1871/72, Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde, Wien.
5TrE, Katholische Kirche St. Stephan, Wien, Trauungsbuch 1875, Tom. 91, Fol. 174. – Hofrat Prof. Dr. Alexander
Bauer starb am 12. 4. 1921, zwei Monate vor dem Tod seiner geschiedenen Frau. NR, WZ vom 14. 4. 1921, S. 2 und
NFP vom 21. 4. 1921, S. 7.
6Eingabe der »k. k. nö. Statthalterei« vom 28. 5. 1904 an das »k. k. Ministerium für Kultus und Unterricht« wegen der
Verleihung eines Adelstitels, in dem die familiären und finanziellen Verhältnisse von Professor Bauer aufgelistet sind
(Z. IX-2443, Kopie Archiv Helmut Brenner). Das in dem Dokument genannte Scheidungsdatum »1892« ist jedoch
nach NBL, S. 10, Anm. 5, falsch.
7Freundliche Mitteilung vom 12. 11. 2012, MMag. Susanne Prucher, Archiv der Universität Mozarteum Salzburg. Die
Anstellung wurde von Bernhard Paumgartner, dem Sohn von  Rosa Papier, vermittelt, dem Natalie am 19. 9. 1919 in
einem Brief, den sie im Gasthof Hesske in Salzburg-Parsch geschrieben hat, für seine Hilfe dankt.
8Lehmann 1886–1921.
9MWOL, S. 48
10VLA, WStLA, Döbling 1 A 363/21.
11Ebda., Totenschauprotokoll Nr. 191; StE, Pfarre Weinhaus (Wien XVIII., Gentzgasse 142), Sterbebuch 1921, Nr. 147.
12Grabstelle Gruppe 59B, Reihe G1, Nr. 21; auf dem Grabstein steht das folgende Gedicht: »Ich habe die Sonne des
Tages gesehen, / jetzt ist es Zeit, um schlafen zu gehen. / Jetzt ist es Zeit, nach Sorgen und Wachen / die Augen in
Frieden zuzumachen. / Und wem mein Schatten im Herzen lag, / der soll mich vergessen am dritten Tag. / Doch wem
ich ein wenig Licht gegeben, / der lasse mich in seinem Herzen weiterleben.«
13Enthalten in VLA, a. a. O.
14Sie war 1891 Taufpatin von Franz Spiegler, dem Sohn von Heinrich Spiegler (siehe Kapitel Spiegler, Familie, Anm. 32).
15VLA, a. a. O.
16VLA, a. a. O.
17Nr. 3, S. 184–188.
18Nr. 2, Sonderheft Gustav Mahler, S. 306–309.
19Die Autoren haben versucht, weitere Details über diesen Vorgang in Erfahrung zu bringen. Der von uns für diese
Spezialrecherche zugezogene Harald Stockhammer, dem wir herzlich danken, teilte uns hierzu Folgendes mit:
»In den einschlägigen Archiven in Wien war nichts zu finden. Auch ließen sich Widersprüche nicht aufklären oder
näher eingrenzen. Einerseits war NBL in Wien durchgängig gemeldet, andererseits hielt sie sich in Salzburg auf
und unterrichtete dort. Der angeblich von ihr verfasste Artikel hätte aufgrund der damals bestehenden Vorzensur vor
Veröffentlichung vorgelegt werden müssen. Vielleicht war es nur ein ›Pressevergehen‹, wenn überhaupt. Über die
angebliche Haft gibt es keinen Hinweis, wo diese verbüßt worden ist. Ein erstaunlicher Vorgang, da normalerweise
solche Ortsangaben gang und gäbe waren. Bei der behaupteten Strafverhandlung kann bei der ›Prominenz‹ von NBL
mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass ›interveniert‹ worden wäre und der oder die Personen sich später
der ›Hilfe für NBL rühmten‹ und sich ein bekannter Verteidiger dieser Causa angenommen hätte. Aufgrund dessen
dürfte es sich um eine biographische Legende gehandelt haben, zumal es Anfang der 1920er Jahre ›en vogue‹ war,
sich früher gegen das kaiserliche Regime gestellt zu haben.«
20NBL, S. 17.
21MMM.
22ÖNB, Musiksammlung, Mus. Hs. 38578.
23ÖNB, Musiksammlung, Mus. Hs. 44626.
24Vor allem in GMFB (z. B. Nr. 294, 300, 302, 303, 305, 307, 309, 317, 351, 358, 380, 381).
25In Mahler und die Frauen behauptet Natalie, in Berchtesgaden sei es im August 1892 zu einer kurzen Liebes­
beziehung gekommen (Bl. 21r–24r). Ob das von Alma im Typoskript zu Mein Leben kolportierte Streitgespräch
zwischen­Mahler und Natalie (abgedruckt z. B. in GMBA, S. 32 f.) den Tatsachen entspricht, kann nicht geklärt
werden.
20
Baumfeld
BAUMFELD, MORIZ
Moriz (Moritz, Morris, Maurice) Baum­
feld war für Mahler in den New Yorker Jahren ein geschätzter Gesprächspartner. Er wurde am 6. 10. 1868 in
Wien geboren1, seine Eltern, Dr. jur.
Josef Baumfeld (1840–1904) und Caroline, geb. Bryk (1842–1935), stammen
jedoch aus Galizien. Sie hatten neben
Moriz, dem Ältesten, noch einen Sohn
(Fritz) und zwei Töchter (Friederike
und Ella). Moriz arbeitete als Sekretär
und danach als Geschäftsführer bei
der Böhmischen Westbahn, die Prag
mit dem Bayerischen Wald verband.2
1890 änderte er seine berufliche Orientierung und wurde Korrespondent
und Redakteur bei einigen Wiener
Zeitungen, etwa dem Neuen Wiener
Journal und der Wiener Sonn- und Montagszeitung. 1895 heiratete er in einer
Ziviltrauung die konfessionslose, 1872
im böhmischen Gitschin (Jičin/CZ) Moriz Baumfeld. (Privatsammlung.)
geborene Angelika Dorothea Hanss,
die ihm zwei Kinder schenkte: Angela Eleonore und Josef­. Die Familie lebte in
Wien IX., Liechtensteinstraße 61.3 Angelika (»Ange«) starb jedoch schon in ihrem­
26. Lebensjahr, am 28. 11. 1898.4 Baumfeld zog sofort in eine andere Wohnung
(VIII., Josefstädter Straße 405) und übersiedelte bereits 1899 nach Amerika. 1900
erscheint er bei einer Volkszählung in Manhattan als Morris Baumfeld, verwitwet, »Editor« (Redakteur), mit den beiden Kindern und einer Erzieherin­. Er
war als Korrespondent für mehrere deutsche und österreichische Blätter tätig­,
für die er mehr als 2600 Artikel verfasste. Auch seine Schwester Dipl.-Ing. Ella
Baumfeld, eine der frühesten Architektinnen Österreichs, arbeitete mehrere
Jahre in Amerika.6 Baumfeld heiratete im September 1901 in New York die in
Saybusch (Zablocie, Bezirk Żywiecz/Polen) in Oberschlesien geborene Ida Hutter
(1877–1955). Dieser Ehe entstammten zwei weitere Kinder, Theodore (1902–1981)
und Beatrice (1905–1973).7
Und noch einmal änderte Baumfeld den Schwerpunkt seiner Berufstätigkeit: Er wurde Theaterdirektor. Gewiss hatte das Theater seit jeher sein Interesse
besessen, als Journalist hatte er stets Theaterkritiken und ähnlich einschlägige
Beiträge verfasst. Nun aber wurde das New Yorker Deutsche Theater zu seiner­
Bestimmung. Dieses ist keineswegs eine Gründung Baumfelds, sondern es hatte
21
Mahlers Menschen
bereits ein halbes Jahrhundert erfolgreicher Geschichte hinter sich8, in
dessen Verlauf ihm mehrere Theater­
bauten zur Verfügung standen. Seit
1888 war es das »Irving Place Theatre«
(Corner Irving Place and 15th Street),
dessen Leitung Baumfeld im April
1907 übernahm.9 Seine von ihm selbst
inszenierte Eröffnungsvorstellung­ –
Calderóns Der Richter von Zalamea­ –
war ein großer Erfolg, an dem auch
die Ausstattung durch Alphons Mucha
(1860–1939), einen der herausragendsten Künstler des Jugendstils, Anteil
hatte.10 Bereits im nächsten Jahr übersiedelte Baumfeld in das alte Lenox Lyceum (Madison Avenue und 59th Street),
das er einer umfassenden Reno­vierung
unterzog. Er benannte das Theater in
»New German Theatre« um und beauftragte Mucha mit der InnenausstatIda Baumfeld (geb. Hutter). (Privatsammlung.)
tung im »neuen« Jugendstil. Mucha
schuf fünf große Wandgemälde, den
Vorhang und dekorative Elemente in den wichtigsten Räumen.11 Später stattete
er weitere Stücke aus und machte Programme und Plakate.12 Baumfeld versuchte
auch, Alfred Roller (1864–1935) für Ausstattungen zu gewinnen.13 Das »New
German­ Theatre« wurde nach dem Umbau im Oktober 1908 mit einer Gala
wieder­eröffnet. Es war jedoch nur ein kurzes Vergnügen: Nach Intrigen und
finanziellem Misserfolg musste Baumfeld bereits im Februar 1909 das Theater
wieder schließen.14 Er wechselte in das »Irving Place Theatre« zurück, dessen
Direk­tion er – meist gemeinsam mit anderen Personen, ab 1912 wieder allein –
bis zu seinem unerwarteten Tod im März 1913 innehatte.15
Baumfeld hat sich auch anderweitig für den Austausch zwischen Europa
und Amerika engagiert. Er schrieb nach wie vor für europäische Zeitungen,
ebenso wie für die deutschsprachige New Yorker Staats-Zeitung, und war Mitglied
im German Press Club. Er war auch in der Österreichischen Gesellschaft von
New York tätig; in ihrem Rahmen veranstaltete er am 10. 2. 1907 im Hotel Astor
die wohl erste Kabarett-Vorstellung in Amerika, im Stil des Wiener Kabaretts.16
Die Beziehung zu Gustav Mahler gründete sich auf gemeinsame Interessen und Bekannte, aber auch auf die gemeinsame Herkunft aus der jüdischen
Bevöl­kerung in den deutsch-slawischen Mischgebieten vom Sudetenland über
Schlesien­bis Galizien mit dem biographischen Fokus Wien. Berührend ist Baumfelds Schilderung der Vorbereitungen Mahlers auf dessen letzte Weihnachten.17
22
Baumfeld
Baumfeld starb am 4. 3. 1913 im »Astor Sanitarium«, einige Tage nach einer­
zunächst erfolgreich verlaufenen Blinddarmoperation. Im Nachruf des New
Yorker Dramatic Mirror vom 12. 3. heißt es, dass sich seine Frau und die vier
Kinder gerade im Riesengebirge aufhielten (in der Heimat Ida Baumfelds, im
schlesischen Saybusch), dass er verbrannt und die Urne an seine Witwe nach
Österreich gesandt wurde. Am 7. 3. fand im »Irving Place Theatre« eine recht
aufwendig gestaltete Trauerfeier statt.18
1GbE, IKG, Geburtsbuch 1868, Nr. 5126.
2Der in der Literatur, in Nachrufen und sonstigen Dokumenten aufgeführte Besuch des Wiener Theresianum-Gymnasiums konnte nicht nachgewiesen werden (freundliche Mitteilung vom 20. 11. 2012, Prof. Franz Geschwandtner,
Theresianum­, Wien). Auch das Studium und die Promotion an der Wiener Universität ließen sich nicht belegen­.
Baumfeld scheint weder in den Studentenverzeichnissen bis 1918 noch in den Promotionsprotokollen auf
(freundliche­Mitteilung vom 11. 6. 2013, Dr. Ulrike Denk, Archiv Universität Wien). Im Lehmann der Jahre 1898–1900
wird Baumfeld ohne akademischen Titel genannt. Möglicherweise hat er sich erst in den USA mit einem Doktortitel
geschmückt.
3Lehmann bis 1899.
4TA, NFP vom 29. 11. 1898, S. 19.
5Lehmann 1900.
6Einen Teil dieser Daten verdanken wir den Mitteilungen (inkl. Stammbäumen) von Oliver Bryk, einem in San Francisco
lebenden Nachfahren, der im November 2012 in freundlichster Weise diverse Anfragen beantwortete.
7Ebda.
8The German Theatre, New York, in: The Cambridge History of English and American Literature in 18 Volumes
(1907–21), VOLUME XVIII. Later National Literature, Part III, Chapter XXXI. Non-English Writings I, § 23.
9NYT vom 14. 4. 1907. Zuerst hieß es »Amberg’s German Theatre« und wurde 1893–1907 (ab 1903 nur noch teilweise) von Heinrich Conried geleitet, der an die Met ging und etwas später Mahler nach New York brachte. Es war
prächtig ausgestattet, der Vorhang stammte aus dem Wiener Carltheater. Im April 1907 begann Baumfeld mit den
vorbereitenden Arbeiten, am 1. 10. 1907 wurde das Haus eröffnet und 30 Wochen lang bespielt. Es beherbergte
1918–1921 Maurice Schwartz’ »Yiddish Art Theatre Players« und wurde danach zu einem Kino umgebaut. 1962
machte man ein Lagerhaus aus dem Gebäude, das 1982 abgerissen wurde. Koegel: Music in German Immigrant
Theater, S. 124–126.
10NYT vom 2. 10. 1907; New York Dramatic Mirror vom 28. 9. 1907.
11Mucha lebte damals in New York, war frisch verheiratet und bekam eine Tochter. Das Theater an der Madison Avenue
wurde 1929 ohne jede Rücksicht abgerissen, von Muchas Arbeiten sind nur die Vorzeichnungen erhalten geblieben.
Siehe dazu http://www.muchafoundation.org/timeline/alphonse-mucha-timeline.
12Programm: http://muchastyle.tumblr.com/post/40994482519/program-deutsches-theater-etude-1908. Plakat:
http://poulwebb.blogspot.co.at/2013/04/alphonse-mucha-part-9.html.
13Brief vom 23. 9. 1908 (Theatermuseum, Wien, Nachlass Roller, Inv.-Nr. AM 47. 100 RO-3), in dem auch Mahler
genannt und der Sorge Ausdruck gegeben wird, Baumfeld könnte im Folgejahr nicht mehr Direktor dieses Theaters
sein.
14Es wurde von den Shubert Brothers übernommen, erhielt den Namen »Plaza« und man gab ausschließlich englische
Stücke (NYT vom 19. 2. 1909). Wahrscheinlich bezieht sich Alma Mahlers Charakterisierung Baumfelds als »Schlehmihl mit seiner fixen Idee eines deutschen Theaters in New York« genau auf die geschilderten Schwierigkeiten (AME,
S. 160).
15NR, NYT vom 5. 3. 1913.
16NYT vom 11. 2. 1907.
17»Erinnerungen an Gustav Mahler«, New Yorker Staats-Zeitung vom 21. 5. 1911; zitiert in MWOL, S. 332 f.
18NR, NYT vom 8. 3. 1913.
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