Deutschland und Europa nach 1945

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Deutschland und Europa nach 1945
Zeitschrift für Gemeinschaftskunde
ISSN 1864-2942
Geschichte und Wirtschaft
DEUTSCHLAND & EUROPA
Heft 68 – 2014
Die ersten Nachkriegsjahre –
Europa nach 1945
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Zeitschrift für Gemeinschaftskunde, Geschichte und Wirtschaft
DEUTSCHLAND & EUROPA
HEFT 68–2014
»Deutschland & Europa« wird von der Landeszentrale
für politische Bildung Baden-Württemberg
herausgegeben.
DIREKTOR DER LANDESZENTRALE
Lothar Frick
REDAKTION
Jürgen Kalb, [email protected]
REDAKTIONSASSISTENZ
Sylvia Rösch, [email protected]
BEIRAT
Günter Gerstberger, Robert Bosch Stiftung GmbH,
Stuttgart
Renzo Costantino, Ministerialrat, Ministerium für
Kultus, Jugend und Sport
Prof. Dr. emer. Lothar Burchardt, Universität Konstanz
Dietrich Rolbetzki, Oberstudienrat i. R., Filderstadt
Lothar Schaechterle, Professor am Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung Esslingen/Neckar
Dr. Beate Rosenzweig, Universität Freiburg und
Studienhaus Wiesneck
Dr. Georg Weinmann, Studiendirektor, DietrichBonhoeffer-Gymnasium Wertheim
Lothar Frick, Direktor der Landeszentrale für politische
Bildung Baden-Württemberg
Jürgen Kalb, Studiendirektor, Landeszentrale für
politische Bildung Baden-Württemberg
Titelseiten der französischen Tagespresse mit Schlagzeilen zur Kapitulation Deutschlands vom
8. Mai 1945:
„Deutschland hat kapituliert, ohne Bedingungen, gestern um 2 Uhr 41“
„Der Krieg ist zu Ende“ – „Kapitulation. Es gibt keine deutsche Armee mehr“. – „Es ist zu Ende!“
© dpa, picture alliance
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DRUCK
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89079 Ulm
Deutschland & Europa erscheint zweimal im Jahr.
Preis der Einzelnummer: 3,– EUR
Jahresbezugspreis: 6,– EUR
Auflage 17.000
Namentlich gezeichnete Beiträge geben nicht die
Meinung des Herausgebers und der Redaktion wieder. Für unaufgefordert eingesendete Manuskripte
übernimmt die Redaktion keine Haftung.
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Datenträgern sowie Einspeisung in Datennetze nur mit
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Mit finanzieller Unterstützung des Ministeriums für
Kultus, Jugend und Sport sowie der Heidehof Stiftung.
THEMA IM FOLGEHEFT 69 (APRIL 2015)
Bricht Europa auseinander?
Reichtum und Armut in Europa
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Inhalt
Inhalt
»Die ersten Jahre der Nachkriegszeit.
Europa nach 1945.«
Vorwort des Herausgebers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
2
Geleitwort des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
2
1. Anfänge europäischer Integration im Zeichen des Kalten Krieges. (Jürgen Kalb) . . . . . .
3
2. Europäische Föderationspläne, intergouvernementale Kooperationen und supranationale
Aufbrüche nach 1945 in Westeuropa (Gabriele Clemens) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
10
3. Westdeutschland und die Bundesrepublik Deutschland nach 1945 – Westintegration als
Leitbild (Johannes Gienger) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
20
4. Die Sowjetisierung Osteuropas und Ostdeutschlands (Herbert Kohl) . . . . . . . . . . . . . . .
32
5. Deutschland und Polen: von Hass und Beziehungslosigkeit bis zu den ersten Ansätzen einer
Verständigung (Manfred Mack) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
42
6. »Aus Feinden wurden Freunde«. Deutsch-französische Beziehungen von 1945 bis 1963
(Henri Ménudier) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
52
7. Großbritannien und Europa: Churchills Europa-Rede und die Nachkriegspolitik des
Vereinigten Königreichs (Franz-Josef Brüggemeier) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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1
DEUTSCHLAND & EUROPA INTERN
D&E-Autorinnen und Autoren – Heft 68
D&E
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Heft 68 · 2014
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Inhalt
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2
Vorwort
des Herausgebers
Geleitwort
des Ministeriums
Das Jahr 1945 markiert das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa
und erinnert an die Befreiung von der nationalsozialistischen
Herrschaft. 1985 hatte der damalige Bundespräsidenten Richard
von Weizsäcker in einer Grundsatzrede den 8. Mai 1945 einen »Tag
der Befreiung« genannt. Er erfuhr mit dieser Bezeichnung innenund außenpolitisch viel Zustimmung. Diesen Tag so zu begreifen,
bedeutete 1985 dennoch, ein neues Kapitel im Verhältnis zu unserer Vergangenheit aufzuschlagen, eine in der Bundesrepublik damals durchaus mutige Aussage. Das Deutsche Reich hatte den
Zweiten Weltkrieg nicht nur verursacht, sondern auch verloren
und lag in Trümmern.
Der Historiker Peter von Kielmansegg hat dies unnachsichtig formuliert: »Es war die Katastrophe, die Deutschland demokratiefähig gemacht hat. Es war die Katastrophe, die Deutschland gelehrt
hat, sich in die europäische Staatengesellschaft einzufügen. Es
war die Katastrophe, die Deutschland gezwungen hat, sich selbst
neu zu definieren.« Doch dieses Scheitern war, »nur eine notwendige, sie war keine hinreichende Bedingung des Lernens«.
Aber auch bei unseren heutigen europäischen Partner bedurfte
es eines Umdenkungsprozesses. Soll und kann man die Deutschen wirklich als gleichberechtigten und friedliebenden Partner
akzeptieren? Im Westen beschleunigte der Kalte Krieg, genauer
der Systemgegensatz von West und Ost, die Integration der Bundesrepublik Deutschland. Der an der Sorbonne in Paris lehrende
Professor Henri Ménudier bringt es in seinem Beitrag auf den
Punkt: »Wie aus Feinden Freunde wurden«
Und in Osteuropa und der DDR bedurfte es erst des Zusammenbruchs der Sowjetunion, des Endes der »Sowjetisierung« und der
Maueröffnung, bis es zu einer profunden Partnerschaft in Rahmen der Europäischen Union kam.
Wir feiern im Jahre 2014 die fünfundzwanzigste Wiederkehr der
Maueröffnung. Historisch gesehen ist es sicher bemerkenswert,
wie weit die Integration der neuen Bundesländer und der osteuropäischen Staaten jetzt bereits vorangeschritten ist.
Ein Blick auf die ersten Nachkriegsjahre zeigt mit der Gründung
der »Montanunion« Ähnliches. Es waren mutige Schritte von verantwortungsbewussten Politikern, die die junge Bundesrepublik
bereits sieben Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als
souveränen Staat in die supranationale Organisation der EGKS
aufgenommen haben. Viele Bürgerinnen und Bürger in Europa begleiteten allerdings schon damals den europäischen Integrationsprozess mit Skepsis, weshalb er sich zunächst auf eine wirtschaftliche Integration konzentrieren musste. Die damit verbundenen
Probleme beschäftigen die Mitgliedstaaten der Europäischen
Union bis heute.
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Leserinnen und Leser,
das Jahr 2014 stand besonders im Zeichen von Gedenken und Erinnern. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs jährte sich in diesem
Sommer zum 100. Mal, der Zweite Weltkrieg begann im September vor 75 Jahren. Zum Jahresende boten der 25. Jahrestag der
‹Friedlichen Revolution› in der DDR und die Feierlichkeiten zum
Fall der Berliner Mauer noch einmal einen positiven Anlass, den
Blick zurückzurichten. Im kommenden Jahr wird sich das Ende
des Zweiten Weltkriegs zum 70. Mal jähren.
Die vorliegende Ausgabe von Deutschland & Europa beschäftigt
sich mit den Entwicklungen in Europa nach 1945 und den ersten
Jahren der Nachkriegszeit. Auch vor dem Hintergrund der aktuellen Gedenkanlässe bietet das Heft spannende Informationen für
Schülerinnen und Schüler und vielfältige Anknüpfungspunkte für
den Unterricht.
In verschiedenen Beiträgen wird multiperspektivisch dargestellt,
wie sich West- und Ost-Europa auf der einen Seite durch den beginnenden Kalten Krieg immer stärker auseinander bewegen. Auf
der anderen Seite wird gezeigt, wie die Staaten in West- und OstEuropa nach 1945 immer enger zusammenwachsen - in Westeuropa durch eine verstärkte zwischenstaatliche Zusammenarbeit
und wirtschaftliche Kooperationen, in Osteuropa durch die «Sowjetisierung» aller Staaten im Machtbereich der Sowjetunion.
Mitten im Zentrum des beginnenden Ost- West-Konflikts liegt
Deutschland. Die Beiträge von Johannes Gienger und Herbert
Kohl beschäftigen sich speziell mit den Entwicklungen in Westund Ostdeutschland und erläutern unter anderem, wie es zur Teilung Deutschlands sowie zur Gründung von BRD und DDR kam.
Neben der gesamteuropäischen Perspektive richten die Autoren
ihren Blick auch auf einzelne Länder und menschliche Aspekte der
Nachkriegszeit: Der Text von Manfred Mack etwa schildert, wie
aus «Hass und Beziehungslosigkeit» zwischen Polen und Deutschen erste Ansätze einer Verständigung erwachsen, Henri Ménudier beleuchtet die deutsch-französischen Beziehungen von 1945
bis 1963 und erklärt, wie «aus Feinden Freunde wurden».
Durch die Mischung aus detaillierten Fakten und anschaulichen
Beschreibungen liefert Deutschland & Europa eine sehr gute Informationsbasis, um Schülerinnen und Schüler die Hintergründe der
Entwicklungen nach 1945 zu erläutern. Das Ende des Zweiten
Weltkriegs wird auch Thema einer Fachtagung des Stadtmedienzentrums Stuttgart und der Landeszentrale für politische Bildung
sein, die am 21. Mai 2015 in Stuttgart stattfindet und auf die ich
Sie gerne hinweisen möchte. Weiter Informationen dazu finden
Sie auf Seite 72.
Ich wünsche Ihnen eine erkenntnisreiche und spannende Lektüre.
Lothar Frick
Direktor
der Landeszentrale
für politische Bildung
in Baden-Württemberg
Vorwort & Geleit wort
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Jürgen Kalb
LpB Baden-Württemberg,
Chefredakteur von
»Deutschland & Europa«
Andreas Stoch, Mitglied des Landtags,
Minister für
Kultus, Jugend und Sport
in Baden-Württemberg
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EUROPA NACH 1945
1. Anfänge europäischer Integration
im Zeichen des Kalten Krieges
JÜRGEN KALB
T
rotz anhaltend niedriger Wahlbeteiligung und Zunahme von europaskeptischen und rechtspopulistisch-nationalistischen Parteien bei den Europawahlen 2014
gilt die europäische Einigung und die Herausbildung der Europäischen Union nach wie
vor den meisten der rund 500 Millionen EUBürgerinnen und EU-Bürgern als wichtiger
Meilenstein in der Entwicklung dieses von
Krisen und Kriegen geschüttelten Kontinents. Das Nobelpreiskomitee in Stockholm
hat nicht umsonst im Jahre 2012 der EU deshalb für ihre friedens- und freiheitssichernde
Funktion den Friedensnobelpreis vergeben.
Allerdings wachsen derzeit die Ansprüche an
die EU rasant. In Konkurrenz mit den USA
und den asiatischen Großräumen soll die EU
die Zukunftsfähigkeit des »alten Kontinents« ermöglichen, soll neue Wachstumskraft und Innovationspotenzial generieren,
um im globalen ökonomischen, ökologischen und sozialen Konkurrenzkampf langAbb. 1 Befreiung (»Liberation«) von Paris am 25. August 1944 von der deutschen Besatzung: Angehöfristig zu bestehen. Sogar bei den Europarige der Résistance tragen Transparente mit der Aufschrift »Liberation«, »Vives les Allies«, »Vive de Gaulle«.
Enthusiasten droht aktuell Ernüchterung, ja
© picture alliance, dpa
Enttäuschung um sich zu greifen. Der Europäische Einigungsprozess befindet sich –
die Befreiung des deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus in Erinmal wieder – in der Krise. Er drohe, so der gerade wiedergenerung an den 8. Mai 1945 dagegen von Anfang an als Tag der Bewählte Präsident des EU-Parlaments, Martin Schulz, gar zu
freiung gefeiert. Die DDR beanspruchte für sich, von Anfang an
scheitern. In die Kritik geraten dabei häufig die Institutionen
»antifaschistisch« aufgestellt gewesen zu sein, weswegen sie
und komplexen Entscheidungsprozesse innerhalb der Europäiauch keine Verantwortung für die nationalsozialistischen Gräuelschen Union, denen nachgesagt wird, nur sehr schwerfällig und
taten zu übernehmen bereit war. Dies stieß bei vielen Nachbarn
überbürokratisch zu agieren. Nicht selten werden die Brüsseler
Deutschlands auf Unverständnis.
Strukturen gar als »Moloch« denunziert. Übersehen wird dabei
Der Wandel im Westen wurde insbesondere durch eine Rede des
häufig, dass insbesondere diese Institutionen historische Ursadamaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am 8. Mai
chen haben. Die aktuelle Ausgabe von D&E untersucht deshalb
1985 anlässlich des 40. Jahrestages des Kriegsendes in Europa
die Entstehungsbedingungen der heutigen EU nach Ende des
eingeleitet. Nicht mehr »Kapitulation« und »Niederlage«, sonZweiten Weltkriegs. Aus unterschiedlichen nationalen aber auch
dern die »Beendigung der Diktatur« wird seither in den Mitteleiner europäischen Perspektive werden die Nachkriegsjahre bis
punkt des Gedenkens gestellt, obwohl von Weizsäcker in seiner
zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft
Rede durchaus auf die Zwiespältigkeit des Jahrestages hinwies:
(»EWG«) im Jahre 1957 rekonstruiert. Von Anfang an gab es dabei
»Wir Deutschen begehen den Tag unter uns, und das ist notwendig. […]
ein Ringen von nationalen Souveränitätsansprüchen, von AnsätWir brauchen und wir haben die Kraft, der Wahrheit, so gut wir es können,
zen gouvernementaler Kooperation und sogar von Bestrebunins Auge zu sehen, ohne Beschönigung und ohne Einseitigkeit. […] Der
gen, neue supranationale Strukturen in Europa zu schaffen.
8. Mai ist für uns Deutsche kein Tag zum Feiern. Die Menschen, die ihn
bewusst erlebt haben, denken an ganz persönliche und damit ganz unterschiedliche Erfahrungen zurück. Der eine kehrte heim, der andere wurde
»Stunde Null« oder »Befreiung vom
heimatlos. Dieser wurde befreit, für jenen begann die Gefangenschaft.«
3
Faschismus«? Perspektivische Narrationen
Heute wird der militärische Sieg über die nationalsozialistische
Herrschaft in großen Teilen von Europa durch die bedingungslose
Kapitulation der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg fast
durchweg als »Befreiung vom Nationalsozialismus« bezeichnet.
Allerdings überwogen in der Bundesrepublik Deutschland der unmittelbaren Nachkriegszeit zunächst überwiegend Begriffe wie
»Zusammenbruch« oder »Stunde Null«, die eher auf die materielle
Not, die Zerstörungen, die Demontagen, Flucht und Vertreibung
sowie den Aspekt des Neuanfangs verwiesen. In der DDR wurde
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Perspektivische nationale Narrationen
und Multiperspektivität
Dies zeigt, dass die Verknüpfung von in der Vergangenheit liegenden Ereignissen zu einer zusammenhängenden »Erzählung« oder
»Narration« stets eine Konstruktion darstellt. Folglich fallen diese
Narrationen je nach Standpunkt, Vorgeschichte und Herangehensweise sehr unterschiedlich aus. Und entsprechend vielfältig
sind auch die Versuche, historische Narrative für politische Zwe-
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dadurch, dass im Geschichtsunterricht an
den Schulen vorwiegend die jeweilige Nationalgeschichte gelehrt und gelernt wird. Nationale Narrationen werden durch öffentliche
Repräsentanten zudem favorisiert und damit
nicht selten zementiert. Allerdings haben es
»Meistererzählungen« heute immer schwerer, in der Öffentlichkeit unhinterfragt zu bestehen. Plurale Gesellschaften lassen in der
Regel einseitige Perspektiven der Indoktrination nicht mehr zu.
Und die Begegnungen in Europa, die mobilen
Gesellschaften und Migrationsprozesse fordern ohnehin Multiperspektivität. Die Bildungspläne in einigen EU-Mitgliedstaaten
haben daraus bereits ihre Lehren gezogen.
Aber noch überwiegt deutlich die jeweils nationale Traditionspflege. Projekte wie das
deutsch-französische Geschichtsbuch (KlettVerlag) und die Aufarbeitung der polnischdeutschen Geschichte in Schulbüchern (CorAbb. 2 Deutsche Soldaten nach der Kapitulation auf dem Weg in die sowjetische Kriegsgefangenschaft.
nelsen – Verlag) haben hier Pionierarbeit
Foto, Mai 1945
© picture alliance, dpa
geleistet.
Die aktuelle Ausgabe von D&E knüpft hier an
cke zu instrumentalisieren. Auslassungen, Fäschungen, Heroisieund versucht deshalb, die Nachkriegsgerungen oder Dämonisierungen kommen ebenso vor wie perspekschichte des Zweiten Weltkrieges aus verschiedenen Perspektitivische Traditionsbildung. Insbesondere im 19. Jahrhundert, dem
ven zu beleuchten. Dies sollte die Leserinnen und Leser in die
Zeitalter der Nationalstaatsbildung und der europäischen KoloniLage versetzen, sich von der eigenen nationalen Perspektive mitalmächte, legten auch viele »verspätete« Nationen wie etwa das
tels einer Selbstdistanzierung frei zu machen und in der KonfronBismarck-Reich ab 1871 größten Wert darauf, über die Medien,
tation mit anderen Perspektiven zu einer selbstständigen Urteilsdas Militär, den Beamtenapparat und dort vor allem die Schulen
bildung zu finden. Dies schließt auch die jeweiligen nationalen
und den Geschichtsunterricht, nationale Identitäten zu bilden, ja
Diskurse mit ein.
sie regelrecht zu verordnen. Peter Graf Kielmannsegg hat diese
Professorin Dr. Gabriele Clemens bezieht in ihrem Beitrag »EuroProzesse treffend als »sehr langwierige Wachstumsprozesse«
päische Föderationspläne, intergouvernementale Kooperationen und supcharakterisiert, woraus er z. B. folgert, dass es trotz eines halben
ranationale Aufbrüche in Westeuropa« zunächst die europäische PerJahrhunderts europäischer Integrationsgeschichte noch nicht gespektive, indem sie sowohl zivilgesellschaftliche als auch
lungen sei, eine »belastbare Identität der Europäer« herauszubilden, zu dominant werde noch lange Zeit die nationale Identität
bleiben. Seine 1996 erschienene Analyse blieb freilich nicht ohne
Widerspruch. In D&E Heft 66 (2013) hat z. B. Dieter Fuchs anhand
der Auswertung von Eurobarometer-Umfragen zeigen können,
dass sich immerhin bei rund der Hälfte der Unionsbürger und
Unionsbürgerinnen neben der nationalen inzwischen durchaus
auch eine europäische Identität nachweisen lässt. Diese »europäische Identät« lässt sich aber heutzutage nicht mehr verordnen.
Die EU hatte dies auf ihrem Gipfeltreffen 1973 in Kopenhagen
deshalb wohl eher auch als Ziel des Integrationsprozesses ausgegeben (»Dokument über die Europäische Identität«). Zudem wird
sie sich über kurz oder lang wohl auch höchstens als Teil einer
multiplen Identität, einer Identität also neben der regionalen und
nationalen, herausbilden können. Voraussetzung dafür dürfte
eine gemeinsame Erfahrung, vor allem aber auch die Kenntnis der
jeweils nationalen Narrationen sein.
Geschichtsschreibung ist somit nicht starr, sondern formbar. Die
Zeit der Aufarbeitung des Nationalsozialismus und des Holocaust, aber auch die vielfältigen Formen der Aufarbeitung der
Kollaboration mit den Nationalsozialisten bieten dafür besonders
anschauliche Beispiele. Dies setzt sich ebenso deutlich in der perspektivischen Darstellung der Ereignisse der Nachkriegsgeschichte, zumal in der Zeit des sogenannten »Kalten Krieges«
fort. Die fortan bipolare Aufteilung in Ost und West prägte in den
Folgejahren die Geschichtsschreibung essentiell. Ähnlich prägend sind die Wandlungsprozesse im Prozess der Entkolonialisierung und nach Ende des Kalten Krieges die Aufarbeitung kommunistischer Herrschaft im Osten Europas verlaufen.
Abb. 3 »Der Marshall-Plan«, 1949, Russische Karikatur, Bildbeschriftung: auf
Die Gefahr, dass staatlicherseits geprägte Geschichtsbilder etabdem Gerippe: Krise; auf dem Pferd: Marschallplan; auf der Fahne: nach Westeuliert werden, besteht zwar vor allem in nicht-pluralistischen poliropa, gefunden im Archiv der Russischen Staatsbibliothek, 1980
tischen Systemen. Doch auch in Demokratien wird mit Geschichte
© Kukryniksy, dpa, picture alliance
und ihrer Narration häufig Politik gemacht, häufig allein schon
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Regierungsinitiativen zu einer westeuropäischen Integration beschreibt, die schließlich
in die »EGKS«, die »Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl«, kurz »Montanunion«, münden. Diese nur wenige Jahre
nach dem Krieg entstandene Institution vermochte es, bislang nationale Souveränitätsrechte im Bereich der kriegswichtigen Kohleund Stahlproduktion auf eine überstaatliche
(»supranationale«) Ebene zu heben und damit – auch mit ihrem Institutionengefüge –
als Vorbild der heutige Europäischen Union
zu gelten. So mutig dieser Schritt aus heutiger Sicht auch anmutet, anzumerken ist dabei auch, dass er deutliche Züge eines Eliteprojekts trug. Die Skepsis gegenüber den
Deutschen in den Nachbarländern dürfte so
kurz nach dem Krieg ein nahezu unüberwindbares Hindernis gewesen sein.
Weitergehende Integrationsschritte wie z. B.
die geplante Europäische Verteidigungsgemeinschaft (»EVG«) scheiterten dann auch
am Widerstand der französischen Nationalversammlung. Dies galt auch für Pläne für
eine »Europäische Politische Gemeinschaft«
(»EPG«) der sechs Gründungsstaaten der
EGKS. Somit wurden bereits bei der Gründung der Montanunion im Jahre 1952 die fehlende Bürgerbeteiligung, die Schwierigkeiten beim politischen und militärischen
Integrationsprozess sowie die Dominanz des
intergouvernementalen Ministerrats bei weiAbb. 4 »Iron Curtain and Marshall Aid«
© Leslie Gilbert Illingworth, GB, Juni 1948,
teren Integrationsschritten offensichtlich.
Trotzdem gelang es, mit der Hohen Behörde
Der Auslöser für die Entscheidung, die europäischen Länder einund einer parlamentarischen Versammlung jene supranationalen
schließlich Deutschland zu unterstützen, war der beginnende
Institutionen zu schaffen, die auch heute noch in ihrem Kern präKalte Krieg. Als Reaktion u. a. auf den Bürgerkrieg in Griechengend für die »Europäische Kommission« und das »Europäisches
land verkündete Truman am 12. März 1947 die Truman-Doktrin,
Parlament« als Vorbilder dienen. Das heute viel zitierte »Demonach der die USA alle »freien Völker« im Kampf gegen totalitäre
kratiedefizit« der EU war im Kern in der »Montanunion« angelegt,
Regierungsformen unterstützen würden. Griechenland war den
wenngleich es auch heute nach vielfältigen Prozessen der VertieBeschlüssen der Kriegskonferenzen zufolge britisches Einflussgefung und Erweiterung eine ganz andere Qualität bekommen hat.
biet. Trotzdem unterstützte die Sowjetunion offen die dortigen
Kommunisten im Bürgerkrieg.
Kalter Krieg und Marshall-Plan-Hilfen:
Schon vor der Bekanntgabe des Marshallplanes gab es Pläne zum
Katalysatoren der westeuropäischen Einigung
Wiederaufbau Europas. US-Außenminister James F. Byrnes präsentierte in einer Rede in Stuttgart am 6. September 1946 z. B.
Eine zentrale Rolle für die westeuropäische Integration spielten
bereits eine frühe Version des Planes.
nach 1945 nicht nur die politischen Umstürze und GleichschaltunDie lange Zeit bevorzugte Alternative zum Aufbau Europas durch
gen in den von der sowjetischen Armee besetzten Gebieten in
amerikanische Mittel war jedoch, die dafür notwendigen Mittel
Mittel- und Osteuropa, sondern auch die von den USA als Wiederals Reparationen von Deutschland zu fordern, ähnlich wie das
aufbauprogramm formulierte »Marshall-Plan-Hilfe«. Das »Euronach dem Ersten Weltkrieg im Versailler Friedensvertrag niederpean Recovery Program« (»ERP«) war ein Wirtschaftswiederauflegt worden war. Noch 1944 wurde der vom US-Finanzminister
bauprogramm der USA, das nach dem Zweiten Weltkrieg dem an
und nach ihm benannte »Morgenthau-Plan« entwickelt. Der Plan
den Folgen des Krieges leidenden Westeuropa zugute kam, prinsah eine mehrfache Teilung Deutschlands und den systematizipiell aber auch den osteuropäischen Staaten angeboten wurde.
schen Abbau von Industrieanlagen vor, um es Deutschland unEs bestand, vereinfacht ausgedrückt, aus Krediten, Rohstoffen,
möglich zu machen, jemals erneut für einen Krieg aufzurüsten.
Lebensmitteln und Waren, vor allem aus den USA. Das 12,4-MilliMit den demontierten Anlagen sollten gleichzeitig die im Zweiten
arden-Dollar-Programm wurde am 3. April 1948 vom Kongress der
Weltkrieg angegriffenen Staaten wieder aufgebaut werden.
Vereinigten Staaten verabschiedet und noch am selben Tag von
Einen ähnlichen Weg verfolgte im Übrigen auch der erste Plan des
US-Präsident Harry S. Truman in Kraft gesetzt. Im gesamten ZeitFranzosen Jean Monnet, nach dem Frankreich die Kontrolle über
raum (1948–1952) leisteten die USA bedürftigen Staaten der »Ordie deutschen Steinkohlenvorkommen im Ruhrgebiet und Saarganisation for European Economic Cooperation« (OEEC) Hilfen im
land bekommen sollte. Jean Monnet war später einer der aktivsWert von insgesamt 13,1 Milliarden Dollar. Die Sowjetunion und
ten Befürworter der deutsch-französischen Zusammenarbeit in
die osteuropäischen Staaten wurden ebenfalls zu den Beratungen
der EGKS.
über die Hilfe der USA eingeladen. Sie zogen sich jedoch bald daAuch in der Potsdamer Konferenz im August 1945 wurde neben
raus zurück und verboten den osteuropäischen Staaten, die unter
der Demokratisierung, der Denazifizierung, der Demilitarisieihrem Einfluss standen, sogar jede Teilnahme, auch der vor 1948
rung, der Dezentralisierung von Deutschland die Demontage der
noch demokratisch regierten Tschechoslowakei.
Industrieanlagen beschlossen. Und noch 1946 einigten sich die
vier Besatzungsmächte auf einen strengen Zeitplan für die Dein-
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sozialistischer Parteien, die zuvor in den Widerstandsbewegungen im Zweiten Weltkrieg
neues Ansehen erhalten hatten. Und auf
deutschem Boden war mit der Sowjetischen
Besatzungszone, der späteren DDR, eine
kommunistische Entwicklung nach sowjetischem Vorbild eingeleitet worden, die zunächst durchaus auch einige Anhänger im
westlichen Deutschland fand. Sozialisierungsforderungen waren jedenfalls so populär, dass sie Eingang in einige Landesverfassungen und ins Grundgesetz fanden.
Der Marshall-Plan sollte dagegen zur Stabilisierung der marktliberalen und demokratischen Kräfte beitragen, zumal in einer Zeit,
in der sich zunehmend Tendenzen der Entkolonialisierung breit machten. Die ehemaligen
Welt- und Kolonialmächte (insbesondere
Frankreich und Großbritannien) waren gerade auf dem besten Weg, ihre globale Präsenz endgültig zu verlieren. Das Vereinigte
Königreich von Großbritannien war nach
dem Krieg zudem am Rande der Zahlungsunfähigkeit und von innenpolitischen Auseinandersetzungen geprägt, so dass z. B. der britische Premierminister Winston Churchill von
den Konservativen mitten in der Potsdamer
Konferenz durch den Labour-Premier Clement Attlee abgelöst wurde.
Professor Dr. Franz-Josef Brüggemeier beschreibt in seinem Beitrag »Großbritannien und
Europa. Churchills Europa-Rede und die Nachkriegspolitik des Vereinigten Königreichs« deutlich, wie sehr Großbritannien selbst an den
internationalen Wandlungsprozessen und
Abb. 5 »Erfinder der NATO: Truman and Churchill.«, zeitgenössische russische Karikatur, Bildbeschrifinnenpolitischen Verwerfungen litt. Die geratung: linker Hut: Nato, rechter Hut: Pentagon; auf dem Plakat: »Wir gründen die Nato zum Schutz vor der
dezu legendäre Europa-Rede des damaligen
sowjetischen Bedrohung«
Oppositionsführers Winston Churchill in Zü© Kukryniksy, picture alliance, gefunden in der Russischen Staatsbibliothek, Moskau 1980
rich forderte im sich abzeichnenden Kalten
Krieg deshalb eine rasche Einigung Europas
dustrialisierung Deutschlands. Endgültig und offiziell endete der
und vor allem die enge Zusammenarbeit von Frankreich und
Abbau von Industrieanlagen aus Deutschland sogar erst 1950.
Westdeutschland. Churchill war sich als genauer Beobachter der
Angesichts der immer stärker zutage tretenden Armut und des
Strategie Stalins dabei sicher bewusst, dass dies zunächst nur
Hungers im besetzten Deutschland sowie des öffentlichen Widereine westeuropäische Einigung sein konnte. Schließlich war es
standes gegen die Demontage wurden die ursprünglichen Pläne
Churchill, der zuerst vom »Eisernen Vorhang« gesprochen hatte.
jedoch wieder aufgegeben. Allerdings setzten sich in der »DirekWeniger beachtet wird dabei zumeist, dass Churchill beim Getive JCS 1067«, die die Grundlage für die US-Besatzungspolitik bis
danken an eine europäische Einigung keineswegs auch an GroßJuli 1947 in Deutschland bildete, die ursprüngliche Position denbritannien gedacht hatte. Er hatte bei seinen visionären Ideen
noch fort. Ohnehin waren das Saarland und Oberschlesien, an
den »Kontinent« im Auge. Für Großbritannien standen das ComBodenschätzen reiche Gebiete, von Deutschland abgetrennt.
monwealth und die Nähe zu den USA viel deutlicher im VorderUnd auch das Ruhrgebiet war bis 1947 von verschiedenen Abtrengrund.
nungsszenarien bedroht.
Und trotzdem: Solch supranationale Gedankenspiele hatte es zuDer Nahrungsmittelmangel und drohende Hungersnöte in Euvor fast nur in sozialistischen Kreisen oder in christlich orientierropa prägten die Situation allerdings zusehends. Davon blieb die
ten Zirkeln wie denen des Grafen Coudenhove-Kalergi und seiner
US-amerikanische Öffentlichkeit nicht unbeeindruckt. Besonders
Paneuropa-Bewegung gegeben. Sie beflügelten zivilgesellschaftschlimm war die Situation in Deutschland, wo jeder Bürger
liche, aber auch gouvernementale europäische Initiativen enorm.
1946/1947 im Durchschnitt gerade noch unzureichende 1800 KiloAuch Frankreich konnte und wollte sich dem bipolaren Druck auf
kalorien pro Tag zu sich nehmen konnte. Der US-Staatssekretär
Dauer nicht widersetzen. Professor Dr. Henri Ménudier beWilliam Clayton berichtete gar, dass »Millionen von Menschen
schreibt den raschen Wandlungsprozess in Frankreich in seinem
langsam verhungern«. (Fossedal, in: Die Zeit vom 6. November 1946).
Beitrag »Aus Feinden wurden Freunde. Deutsch-französische BeziehunÄhnlich wichtig für die Verschärfung der Situation war der Mangel
gen von 1945 bis 1963« eindringlich.
an Kohle, der durch den schweren Winter 1946/1947 und die ZerEine wesentliche Rolle spielten dabei die Marshall-Plan-Gelder,
störung der Transportrouten im Zweiten Weltkrieg noch einmal
auch wenn deren ökonomische Effizienz und Effektivität für den
verschärft worden war. Das humanitäre Ziel, diese Notlage zu beAufbau in Westeuropa in den letzten Jahren immer häufiger hinenden, war sicher ein wesentlicher Grund für den Marshall-Plan.
terfragt wurden (z. B. Abelshauser). Die EGKS wurde zur ersten
Zudem klagten vor allem die Briten über enorme Besatzungskossupranationalen europäischen Institution. Allerdings verhinderte
ten für ihre Zone.
die französische Nationalversammlung weitergehende IntegratiIn einigen Staaten Westeuropas wie Frankreich und Italien unteronsversuche der Regierung Pleven in Form der EVG, der »Europästützte die Armut zudem den Wahlerfolg kommunistischer und
ischen Verteidigungsgemeinschaft«.
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Den in Washington, USA, regierenden Demokraten unter Harry Truman war rasch
klar geworden, dass sich die Vereinigten
Staaten von Amerika nicht mehr wie noch
nach dem Ersten Weltkrieg in eine isolationistische Position zurückziehen sollten. Inbesondere liberale amerikanische Wirtschaftskreise und Großindustrielle sowie
die Agrarlobby drängten die US-Regierung
dazu, mit Europa langfristig einen Absatzmarkt für US-amerikanische Waren und Güter aufzubauen, auch um die im Krieg entstandene enorme Überproduktion des
amerikanischen Industrie- und Agrarmarktes abzubauen. Amerikanische Vorstellungen vom liberalen Markt und vom »Segen
des freien Unternehmertums« sowie des
amerikanischen Führungsstils in Unternehmen sollten fortan die »freie Welt zu Wohlstand und Demokratie« führen.
So hatte Trumans Eindämmungspolitik
(»containment«) gegenüber der kommunistischen Herausforderung durch die UdSSR –
und ab 1949 auch der späteren Volksrepublik
Abb. 6 »Political Psychiatry at M. Schumans's«
China – stets eine stark ökonomische Dimen© David Low, Associated Newspaper/ Solo Syndication, London, ursprünglich in: Daily Herald. 13.06.1950
sion. Der bipolare Gegensatz zwischen den
beiden Großmächten USA und UdSSR war
militärisch, weltanschaulich und ökonomisch
In den Nachkriegsjahren baute die Sowjetunion ihre Vormachtfortan der dominante globale Konflikt über mehr als 40 Jahre
stellung gegenüber ihren ost-, mittel- und südosteuropäischen
lang. Ob sich Europa, genauer Westeuropa, hier als weitere Kraft
Satellitenstaaten immer weiter aus und gewann mit der 1949 von
erhalten könnte, blieb zunächst offen. Die europäischen NatioMao Zedong gegründeten Volksrepublik China zudem einen
nalstaaten jeweils allein, so wurde vielen klar, konnte diese Lücke
mächtigen Bundesgenossen. Darauf reagierten wiederum die
nicht schließen.
USA mit enormen Rüstungsanstrengungen sowie dem Aufbau
Teil dieser Strategie war auch die Gründung eines souveränen
multi- und bilateraler Militärbündnisse, von denen die 1949 geWestdeutschlands, der Bundesrepublik Deutschland. Johannes
gründete NATO das wichtigste war. Ihre wirtschaftliche ErgänGienger beschreibt in seinem Beitrag: » Westdeutschland und die
zung bildete der bereits 1947 verkündete Marshallplan. Dem 1948
Bundesrepublik Deutschland nach 1945 – Westintegration als Leitbild«
unterzeichneten OEEC-Vertrag (auf deutsch: »Organisation für
den Weg der drei westlichen Besatzungszonen Deutschlands zur Bundeseuropäische wirtschaftliche Zusammenarbeit«), der den ersten
republik Deutschland und die sich in ihr abzeichnenden Dispute
Schritt einer amerikanisch-westeuropäischen Wirtschaftskoopeüber die Zukunft Gesamtdeutschlands. Strittig war z. B., ob die
ration bildete, setzte die Sowjetunion ein Jahr später den »Rat für
Westorientierung, die die Bundesregierung unter Konrad AdeGegenseitige Wirtschaftshilfe« (RGW) entgegen. Im militärischen
nauer, CDU, einschlug, nicht die Chancen auf eine mögliche deutBereich war dies der »Warschauer Pakt«, in den die UdSSR ihre
sche Einigung verbaute, wobei es zu den damaligen unverrückbaSatellitenstaaten zunehmend zwang.
ren Positionen aller deutscher Parteien gehörte, dass zu einer
In dieser Systemkonkurrenz drängten die USA schließlich auf die
deutschen Einigung auch die ehemaligen Ostgebiete zu gehören
rasche Gründung eines westdeutschen Staates, der gemeinsam
hätten (vgl. Plakat: »Dreigeteilt- niemals!«).
mit den anderen westeuropäischen Ländern einen ökonomischmilitärischen Beitrag zur »containment policy« gegenüber dem
als weltweit expansiv wahrgenommenen Kommunismus leisten
Die bipolare Welt: der Ost-West-Konflikt
sollte. Frankreich, das im Gegensatz dazu nach 1945 zunächst das
Wiedererstehen eines deutschen Gesamtstaates um jeden Preis
Im Jahr 1945 wurden amerikanische Atombomben über Hiroshima
hatte verhindern wollen, sah sich angesichts seiner finanziellen
und Nagasaki abgeworfen und nur vier Jahre später wurde die
und militärischen Abhängigkeit von den USA Ende der vierziger
erste sowjetische Atombombe gezündet. Die AuseinandersetzunJahre nunmehr zu einem abrupten deutschlandpolitischen Kursgen der Alliierten um Deutschland («Die deutsche Frage«), die
wechsel gezwungen. Statt der bisher angestrebten Politik direkspektakuläre Berlin-Blockade (1948/49), der kommunistische
ter Kontrolle durch Beherrschung entschied es sich nun für eine
Staatsstreich in der Tschechoslowakei, der (»erste oder französiPolitik indirekter Kontrolle durch Zusammenarbeit. Die vom fransche«) Indochina-Krieg (1946–1954) sowie der Korea – Krieg
zösischen Außenminister Robert Schuman 1950 initiierte »Mon(1950–1953) machten deutlich, dass die Welt in einen bipolaren
tanunion«, die gemeinsame Organisation des Marktes für Kohle
Gegensatz geraten war. Die europäischen Staaten, die viele Jahrund Stahl, stellte den ersten Schritt im Prozess der französischen
hunderte lang die Weltpolitik maßgeblich bestimmt und nicht
Umorientierung dar. Der ein Jahr später unterzeichnete »EGKSwenige Weltregionen »europäisiert« hatten, mussten ihre PosiVertrag« (»Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl«) bot
tion im System der internationalen Politik neu justieren. Seit 1945
einerseits der französischen Stahlindustrie Zugang zu den drinbildeten sie nicht mehr das Gravitationszentrum der Weltpolitik,
gend erforderlichen Rohstoffimporten, andererseits erhielt
vielmehr fanden sie sich an den Rändern zweier globaler MachtFrankreich die Möglichkeit der indirekten Kontrolle des Ruhrgesysteme wieder, die in einem ideologisch und ökonomisch bebiets.
gründeten Systemkonflikt miteinander lagen. Wirkliche EntDie westdeutsche Bundesregierung trat unter Bundeskanzler Konscheidungsfreiheit hatten in zentralen Fragen der internationalen
rad Adenauer der Montanunion trotz der französischen KontPolitik jetzt nur noch die beiden Nuklearmächte USA und Sowjetrollabsichten ohne Zögern bei, denn unpopuläre Konzessionen
union (vgl. Grießinger, 2007).
waren der Preis, den die Bundesrepublik für eine Rückkehr in die
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JÜRGEN KALB
Abb. 7 »Träumerei von Robert Schuman«
© Felix Mussil, Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 22.6.1950, www.cvce.eu
8
europäische und die internationale Politik zu bezahlen hatte. Eine
weitere demonstrative Konzession an das französische Sicherheitsbedürfnis machte Adenauer beim Beitritt zum Europarat im
gleichen Jahr, an den Frankreich die Bedingung geknüpft hatte,
dass gleichzeitig das unabhängige Saarland als assoziiertes Mitglied aufzunehmen sei. Erst im Jahre 1957 wurde das Saarland Teil
der Bundesrepublik Deutschland. Damit hatte der westeuropäische Integrationsprozess eine Dynamik entfaltet, die die USA entschieden unterstützten, weil sie sich von ihr mit guten Gründen
eine Formierung der ökonomischen Kräfte Westeuropas im Kampf
gegen den Kommunismus versprachen (vgl. Grießinger 2007).
Die bundesrepublikanische Opposition, vor allem die SPD, sahen
darin allerdings eine endgültige Absage an alle Vereinigungsszenarien im Konsens mit der UdSSR. Noch 1952 hatte Stalin in mehreren Noten an die Westalliierten und die Bundesregierung eine
mögliche Vereinigung der BRD und DDR mit freien Wahlen angeboten, wenn sich dieses vereinte Deutschland militärisch und politisch zur Neutralität verpflichtete, einen Weg, den z. B. die Republik Österreich nach 1945 erfolgreich gegangen war. Die deutsche
Bundesregierung unter Adenauer traute jedoch Stalin nicht und
verfolgte konsequent ihren Weg der Westintegration.
Sowjetisierung von Mittel- und Osteuropa
unter Stalin
Herbert Kohl beschreibt in seinem Beitrag: »Die Sowjetisierung in
Osteuropa und Ostdeutschland«, wie die UdSSR aus den einst souveränen osteuropäischen Staaten, aber auch der Sowjetischen Besatzungszone in Deutschland (»SBZ«) nach und nach Satellitenstaaten formte und sie militärisch, politisch und ökonomisch in
Abhängigkeit trieb. Sogar der bis 1948 noch demokratisch regierten Tschechoslowakei verbot Stalin, Marshall-Plan-Gelder anzunehmen. Die Niederschlagung der Aufstände von 1953 in der DDR
und 1956 in Ungarn sowie 1968 in der CSSR durch Panzer der
UdSSR belegen, mit welch brutaler Härte die Sowjetunion gewillt
war, ihren Machtbereich auch militärisch abzusichern. Als Staat,
der zahlenmäßig am meisten unter der deutschen Aggression im
Zweiten Weltkrieg gelitten hatte, leitete die UdSSR ihren Anspruch ab, nunmehr als neue Weltmacht ihren Einflussbereich
imperialistisch auszudehnen und abzusichern.
Dabei setzte sie ihre Ansprüche rigoros durch, im Falle Polens anfänglich sogar mit Unterstützung der Siegermächte USA und
Großbritannien. So wurde im Potsdamer Abkommen vom August
1945 u. a. die »Westverschiebung« Polens und die Übergabe Ostpreußens an die Sowjetunion, wenn auch formal als Übergangslösung, beschlossen. Die gleichfalls vereinbarten Vertreibungen
deutschstämmiger Bewohner in Osteuropa bedeutete gleichzeitig auch die Ansiedlung von Polnischstämmigen aus Ostpolen in
jene Gebiete, die vor dem Zweiten Weltkrieg zu Deutschland gehört hatten. Vorher hatten bereits die Nationalsozialisten in Polen umfangreiche und grausame Umsiedlungen während ihrer
Besatzungszeit umgesetzt. Polen war nun zwar wieder eine
»selbstständige Republik«, politisch, militärisch und ökonomisch
aber nunmehr deutlich dominiert von der UdSSR und dem dortigen Politbüro der KPdSU.
Manfred Mack beschreibt in seinem Beitrag »Deutschland und Polen: von Hass und Beziehungslosigkeit bis zu den ersten Ansätzen einer
Verständigung« insbesondere die schwierigen Beziehungen der Republik Polen zur Bundesrepublik Deutschland in den ersten Nachkriegsjahren. Nach den unbeschreiblichen Verwüstungen und
Demütigungen Polens, den zahlreichen Umsiedlungen und nicht
zuletzt dem Bau deutscher Konzentrations- und Massenvernichtungslagern auf polnischem Boden verwundert es wenig, wenn
der Autor hier bei weiten Teilen der polnischen Bevölkerung von
»Hass« redet. Und auch bei vielen deutschen Vertriebenen sah es
nicht anders aus.
Erst Ende der sechziger bzw. Anfang der siebziger Jahre gelang es
dann Bundeskanzler Willy Brandt, SPD, im Rahmen der Ostpolitik
erste Annäherungsversuche und einen zaghaften Dialog zu initiieren. Willy Brandts Kniefall in Warschau vor einem Denkmal des
Warschauer Ghettos wurde deshalb weltweit als symbolische
Geste bewundert, in der Bundesrepublik gab es allerdings darüber heftige Auseinandersetzungen, die im Zusammenhang mit
den Ostverträgen lange Zeit vom »Ausverkauf deutscher Interessen« sprachen. Die in Manfred Macks Beitrag belegten Dispute
um das im Bau befindliche Zentrum der »Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung« in Berlin zeigen, dass hier noch längst nicht
alle Wunden geheilt sind. Und die erst nach dem Ende des kalten
Kriegs 1989 gewonnene Souveränität Polens führte das Land zwar
bereits 2004 in die EU, die Aufgabe von Souveränitätsrechten an
eine supranationale Organisation fällt heute aber immer noch
vielen osteuropäischen Staaten schwer.
Erste Schritte zur westeuropäischen Einigung
Insgesamt standen die ersten westeuropäischen Integrationsschritte kurz nach dem Zweiten Weltkrieg deutlich unter dem
Druck des Kalten Krieges, seinen politischen, militärischen, ökonomischen und ideologischen Gegensätzen. Ohne diesen Druck
von außen sind die trotz allem schnellen Integrationsschritte
kaum zu erklären. Die neu entstandenen Institutionen spiegeln
aber bis heute das Dilemma der europäischen Einigung wider: Es
geschah weitgehend als Eliteprojekt ohne Bürgerbeteiligung. Erst
mit den Direktwahlen zum Europäischen Parlament und der Stärkung der Rechte des EPs im Lissabonner Vertrag wurde hier einiges nachgeholt. Trotz der zunehmenden Spannung mit der Russischen Konföderation ist eine starke Bedrohung von außen derzeit
nicht auszumachen. Integration und fortschreitende
Vergemeinschaftung kann heutzutage deshalb nur über einen
langwierigen Überzeugungsprozess und zivilgesellschaftlicher
Partizipation erfogen.
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»Docupedia-Zeitgeschichte«. Nachschlagewerk zu zentralen Begriffen, Konzepten, Forschungsrichtungen und Methoden der zeithistorischen Forschung. http://docupedia.de/zg/Hauptseite
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»Europeana«: Portal der EU zur europäischen Geschichte und Kultur. Europeana vernetzt zahlreiche europäische Archivanbieter. www.europeana.eu/
portal/
»Geschichte als Instrument« (bpb) Apuz 42/43 2013, www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/170172/geschichte-als-instrument
»Chroniknet«: Archiv zeitgeschichtlicher Dokumente und Bilder in Themen
und Jahrgängen. www.chroniknet.de/
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»Hamburg Wissen Digital«: Umfangreiches Archiv historischer Quellen.
www.hamburgwissen-digital.de/themen/geschichte.html
»LeMO«: Lebendiges Museum Online ist das Online-Portal zur deutschen
Geschichte des Deutschen Historisches Museums in Berlin. www.dhm.de/
lemo
»Stiftung Haus der Geschichte« (mit Suchfunktion in den Archiven): www.
hdg.de/stiftung/
»Universum«: Archiv der Justus-Liebig-Universität in Gießen zur Europäischen Einigung. www.uni-giessen.de/cms/kultur/universum/geschichte/phaenomen-europa
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EUROPA NACH 1945
2. Europäische Föderationspläne, intergouvernementale Kooperationen und supranationale Aufbrüche nach 1945 in Westeuropa
GABRIELE CLEMENS
G
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egen Ende des Zweiten Weltkrieges
schlossen sich bereits einzelne Widerstandsgruppen zu größeren Organisationen
zusammen, aus denen sich eine länderübergreifende, zivilgesellschaftliche Europabewegung entwickelte. Dazu entstanden neue
private Einigungsinitiativen, die europäische
Föderationspläne entwarfen, zumeist mit
dem Anspruch eines Dritte-Kraft-Konzepts,
d. h. dem Ziel einer Einigung Gesamteuropas
jenseits des antagonistischen Gegensatzes
der Weltmächte USA und Sowjetunion, also
jenseits des schon bald ausbrechenden OstWest-Konflikts. Mit dem Brüsseler Pakt und
dem Europarat enstanden Ende der 1940er
Jahre in Westeuropa erste intergouvernementale Kooperationen, d. h. zwischenstaatliche Vereinbarungen zwischen Regierungen souveräner Staaten. Ganz neu kamen
ab den 1950er-Jahren supranationale Zusammenschlüsse und Institutionen hinzu, bei
Abb. 1 »Jugend ruft Europa«. Anhänger des Europa-Gedankens jubeln Anfang der 50er Jahre den Teildenen die beteiligten Staaten einen Teil ihrer
nehmern einer Europa-Kundgebung zu, die die deutsch-französische Grenze überqueren.
Souveränität an übergeordnete Institutio© dpa, picture alliance
nen delegierten. EGKS (Montanunion), EWG
und Euratom gelten heute als Vorläufer der
Verhandlungen um den Marshallplan andeutete, dass eine ZusamEuropäischen Union mit derzeit 28 Mitgliedstaaten und einer
menarbeit mit den Staaten Osteuropas in weite Ferne rückte,
Bevölkerung von mehr als 500 Millionen Menschen.
sprach sie sich dafür aus, mit der Einigung Europas zunächst im
Westen zu beginnen. Die UEF war zahlenmäßig die stärkste Organisation innerhalb der Europabewegung: nach drei Jahren kontinuEuropäische Föderationspläne
ierlichen Aufschwungs verzeichnete sie über 40 angeschlossene
Einzelverbände mit über 100.000 zahlenden Mitgliedern.
In der unmittelbaren Nachkriegszeit, als sich in Europa das SysEin sich vom Programm der UEF, wenn auch nur graduell, untertem der souveränen Nationalstaaten wieder etabliert hatte, wascheidendes Einigungskonzept verfolgte eine Gruppe einigungsren es vor allem die privaten Europaverbände, die, anknüpfend an
williger Europäer, die sich um den ehemaligen britischen Premierdas Gedankengut der westeuropäischen Widerstandsbewegunminister Winston Churchill und seinen Schwiegersohn Duncan
gen, die Forderung nach einem Zusammenschluss der europäiSandys sammelte. Ausgangspunkt dieser Einigungsinitiative, die
schen Staaten und Völker zu einem übergeordneten Bund erho1947 in der Bildung des UEM mündete, war die Rede Churchills an
ben. Dabei gab es zwischen den einzelnen, sich zum Teil aus der
der Züricher Universität am 19. September 1946, in der dieser die
Widerstandsbewegung rekrutierenden Europagruppen unterSchaffung einer Art Vereinigter Staaten von Europa gefordert
schiedliche Auffassungen über den Weg zur europäischen Einihatte. Im Unterschied zur UEF lehnte das UEM die sofortige Abgung. Die beiden bedeutendsten Organisationen waren der 1946
gabe nationalstaatlicher Souveränitätsrechte an einen europäigegründete Dachverband der Föderalistengruppen, die »Union
schen Bundesstaat ab und plädierte für einen allmählichen ZuEuropéenne des Fédéralistes« (UEF), und das britische »United
sammenschluss der europäischen Staaten in Form einer zunächst
Europe Movement« (UEM).
nur zwischenstaatlichen Kooperation. Vertreter des UEM setzten,
Die in der UEF zusammengeschlossenen Föderalistengruppen forim Gegensatz zum Dritte-Kraft-Konzept eines neutralen Gesamtderten die sofortige Souveränitätsabgabe der Nationalstaaten an
europas, von Anfang an nur auf die Integration des westlichen
eine europäische Föderation und setzten sich für einen ZusamEuropas als einzig realistische Möglichkeit. Als Endziel aber strebmenschluss Gesamteuropas als »Dritte Kraft« zwischen den antaten beide Europaverbände die Einigung Gesamteuropas als ersgonistischen Weltmächten ein. Ihre programmatische Grundlage
ten Schritt zu einer Weltföderation an.
bildete das auf einer Konferenz im schweizerischen Hertenstein im
Das UEM verfolgte nicht den Aufbau einer Massenorganisation,
September 1946 verabschiedete Grundsatzprogramm (Hertensteisondern organisierte die Zusammenfassung führender Persönner Programm), dessen Kern aus dem Dritte-Kraft-Konzept belichkeiten des politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lestand. Bis zum Sommer 1947 hielt die UEF am Dritte-Kraft-Konzept
bens in kleineren Zirkeln, die ihrerseits den Europagedanken proals unmittelbar anzustrebendem Ziel fest. Erst als sich im Zuge der
pagieren und auf diese Weise das allmähliche Zusammenwachsen
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Europas herbeiführen sollten. Auch in Frankreich, Belgien und Luxemburg bildeten sich,
zum Teil mit Unterstützung des britischen
UEM, ähnliche Komitees führender Persönlichkeiten, die für eine Kooperation der europäischen Staaten eintraten, vorrangig das
Ziel einer wirtschaftlichen Einigung Europas
verfolgten und sich vor allem auf die Einigung der westeuropäischen Staaten konzentrierten.
Neben UEF und UEM waren in den Jahren
1947/48 noch verschiedene weitere Verbände
entstanden, die sich für eine Einigung Europas engagierten, darunter das von Vertretern
sozialistischer Parteien gegründete »Mouvement Socialiste pour les Etats-Unis d’Europe«
(MSEUE), die aus katholischen Führungskräften zusammengesetzte »Nouvelles Equipes
Internationales« (NEI) und die aus einem Zusammenschluss von Parlamentariern hervorgegangene »Europäische ParlamentarierUnion« (EPU). Nach dem auf Initiative des
UEM einberufenen Haager Kongress 1948
Abb. 2 Unterzeichnung des OEEC-Vertrages. Blick in den Raum im französischen Außenministerium in
schlossen sich all diese in der Nachkriegszeit
Paris während der Unterzeichnung. Am 16. April 1948 unterzeichneten 16 europäische Staaten sowie die
entstandenen Europaverbände zu einer überOberbefehlshaber der drei westlichen Besatzungszonen den Vertrag über die europäische wirtschaftliche
geordneten Organisation zusammen, die
Zusammenarbeit (OEEC=Organization for European Economic Cooperation). Die Organisation wurde zur
sich den Namen »Europäische Bewegung«
Durchführung und Unterstützung des Marshall-Planes geschaffen. 1960 wird die OECD die Nachfolgeorgab. Von der auf privaten Initiativen beruhenganisation.
© dpa, picture alliance
den europäischen Einigungsbewegung gingen keine unmittelbaren Schritte zur Errichamerikanische Überproduktion und zugleich die Lösung des
tung europäischer Institutionen nach dem Zweiten Weltkrieg aus.
Deutschlandproblems. Der von den USA gewünschte wirtschaftliIhre Bedeutung lag vor allem darin, dass sie das Denken und Hanche und politische Wiederaufbau Westdeutschlands ließ sich
deln einer Reihe von Politikern der Nachkriegszeit beeinflusste,
durch die Verzahnung mit einem gesamteuropäischen Wiederdie zum Teil, wie beispielsweise Robert Schuman, Konrad Adeaufbau leichter gegen den Widerstand Frankreichs, das ein Wienauer, Paul-Henri Spaak und Alcide De Gasperi, selbst der Eurodererstarken Deutschlands fürchtete, durchsetzen.
pabewegung angehörten.
Mit dem Marshallplan, der ursprünglich als ein gesamteuropäisches Unterstützungsprogramm konzipiert war, wurde der ProIntergouvernementale Kooperationen
zess der Westintegration eingeleitet, der zugleich den Abschied
vom Dritte-Kraft-Konzept bedeutete. Nachdem die Sowjetunion
Am Beginn des europäischen Integrationsprozesses nach dem
und die mittel- und osteuropäischen Staaten ihre Teilnahme am
Zweiten Weltkrieg stehen drei Organisationen, deren Entstehung
»European Recovery Propram« (ERP) abgesagt hatten, versamunterschiedlichen Motiven entsprang und die sich in ihrer Zielsetmelten sich am 12. Juli 1947 in Paris die Vertreter von 16 europäizung, ihrem Zuständigkeitsbereich und partiell in Bezug auf ihre
schen Staaten sowie die Oberbefehlshaber der drei westlichen
Mitglieder unterscheiden: OEEC, Brüsseler Pakt, Europarat. GeBesatzungszonen Deutschlands, um ein auf vier Jahre begrenztes
meinsam ist diesen drei europäischen Zusammenschlüssen, dass
gemeinsames Wiederaufbauprogramm zu erarbeiten, welches
sie auf dem Prinzip der Intergouvernementalität beruhen und dadie Grundlage für die vorgesehenen amerikanischen Hilfeleistunmit die Souveränität der Mitgliedstaaten nicht beschränken.
gen bilden sollte. Unterschiedlich reagierten die Staaten auf den
amerikanischen Wunsch nach Bildung einer dauerhaften gemeinsamen europäischen Organisation und Errichtung einer ZollWirtschaftliche Kooperation:
union. Während Frankreich die amerikanischen Vorstellungen zur
Vom Marshallplan zur OEEC
engen Zusammenarbeit der Europäer und Errichtung dauerhafter
Institutionen begrüßte, da es nach dem Scheitern seiner bisheriDas Angebot der amerikanischen Regierung, den wirtschaftligen, auf Dominanz gegenüber Deutschland sowie territorialen
chen und politischen Wiederaufbau der europäischen Staaten
Abtretungen und Zerstückelung Deutschlands zielenden Politik
mittels finanzieller Hilfen zu unterstützen (Marshallplan), war
nun alternativ auf eine enge Einbindung Deutschlands in ein inteverbunden mit der Forderung nach einer engeren Zusammenargriertes Europa setzte, lehnte die britische Regierung solche weitbeit der europäischen Staaten. Die bislang im Rahmen der Hilfsreichenden Eingriffe in die nationalstaatliche Souveränität ab.
programme UNRRA und GARIOA an einzelne europäische Staaten
Großbritannien, das als Siegermacht aus dem Zweiten Weltkrieg
geflossenen Gelder hatten nicht zu einer Verbesserung der Situahervorgegangen war und aufgrund seiner weltweiten Verantwortion in Europa geführt. Vielmehr schien Europa 1947 auf eine wirttung an der Spitze des Commonwealth eine globale Machtrolle
schaftliche Krise ungeheuren Ausmaßes zuzusteuern, welche die
innehatte, war nicht geneigt, sich über eine lockere Kooperation
USA in Mitleidenschaft ziehen und dem befürchteten sowjetiund einzelne praktische Maßnahmen der Zusammenarbeit hinaus
schen Expansionsstreben zugute kommen konnte. Von einer enenger an die westeuropäischen Staaten zu binden, empfand sogar
gen wirtschaftlichen Zusammenarbeit der europäischen Staaten
die Eingliederung in die Reihe der Marshall-Plan-Empfängerlänversprachen sich die USA eine wirtschaftliche und politische Stader als demütigend. Trotz des amerikanischen Drängens, entbilisierung des Kontinents und damit die Eindämmung des sowjescheidende Schritte zur Handelsliberalisierung durch die Bildung
tischen Expansionismus (Containment-Politik), den Wiederaufeiner Zollunion einzuleiten und eine machtvolle, supranationale
bau Europas als Handelspartner und Absatzmarkt für die
Planungsbehörde zu errichten, gelang am Ende nur eine beschei-
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GABRIELE CLEMENS
12
dene Form der Zusammenarbeit. Gegen den Widerstand
Großbritanniens und auch
der skandinavischen Länder
war eine von Frankreich und
zunächst auch den BeneluxStaaten favorisierte Zollunion
nicht durchsetzbar. Ebenso
lehnten Großbritannien, Irland, die skandinavischen
Staaten und die Schweiz die
von den USA und Frankreich
gewünschte starke, über erhebliche Machtbefugnisse
verfügende gemeinsame Planungsbehörde ab. Stattdessen einigte man sich auf die
Errichtung einer nur mit wenigen Kompetenzen ausgestatteten, überwiegend beratend
tätigen und auf einstimmiger
Beschlussfassung basierenden Gemeinschaftsorganisation: die »Organisation for
European Economic Cooperation« (OEEC). Die OEEC mit
Abb. 3 Paul Reynaud, französischer Politiker, bei einer Rede in der beratenden Versammlung des Europarats im Jahre 1953.
Sitz in Paris besaß entspreDer Europarat (englisch Council of Europe, französisch Conseil de l’Europe) wurde am 5. Mai 1949 durch den Vertrag von Lonchend den Wünschen der Teildon gegründet und umfasst heute 47 Staaten, somit 820 Millionen Bürgerinnen und Bürger. Er ist als eine europäische internehmerstaaten nur eine
nationale Organisation ein Forum für Debatten über allgemeine europäische Fragen. Seine Satzung sieht eine allgemeine
schwache Exekutive. ObersZusammenarbeit der Mitgliedstaaten zur Förderung des wirtschaftlichen und sozialen Fortschritts vor.
© akg images
tes Beschlussorgan der OEEC
war der Rat, in dem jeder Mitunter Einbeziehung der Benelux-Staaten geschlossenen Brüsseler
gliedstaat über eine Stimme verfügte. Beschlüsse konnten nur
Vertrag. Obwohl im Zeichen der sich verschärfenden Ost-Westeinstimmig gefasst werden, wodurch Entscheidungen immer vom
Auseinandersetzung gegründet, enthielt dieser Vertrag keine
Konsens aller beteiligten Staaten abhängig waren.
antisowjetische Spitze, sondern benannte, wie bereits der DünErfolgreich hatten die OEEC-Mitgliedstaaten somit ihre jeweilige
kirchener Vertrag, Deutschland als einen möglichen Aggressor.
nationale Verfügungsgewalt über die eigene Volkswirtschaft siDas am 17. März 1948 für die Dauer von 50 Jahren geschlossene
chergestellt und Eingriffe in nationale Souveränitätsrechte weitBündnis sah eine automatische Beistandspflicht im Falle eines
gehend abgewehrt. Angesichts dessen ist es fraglich, ob der Marbewaffneten Angriffs in Europa sowie Maßnahmen zur Verhindeshallplan als ‚Initialzündung‘ oder ‚Geburtshelfer‘ (Beate Neuss)
rung einer erneuten deutschen Aggression vor. Zudem verpflichfür den europäischen Integrationsprozess bezeichnet werden
teten sich die fünf Staaten im Vertrag auf eine Intensivierung ihrer
kann. Nach Ansicht des britischen Historikers Alan S. Milward
wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Zusammenarbeit. Ein
hatten die Verhandlungen um das ERP gerade gezeigt, dass die
aus den Außenministern der fünf Staaten bestehender Konsultaeuropäischen Regierungen die amerikanischen Vorstellungen
tivrat wurde eingesetzt, welcher mindestens viermal im Jahr zuvon wirtschaftlicher Integration und supranationalen Institutiosammentreten sollte, um über die weitere Zusammenarbeit zu
nen ablehnten und stattdessen die nationalstaatliche Souveräniberaten. Eine aus diplomatischen Vertretern der fünf Mächte zutät verteidigten
sammengesetzte ständige Organisation in London sollte mindesDoch etablierte sich durch die vereinbarte Kooperation zugleich
tens einmal im Monat zusammentreten. Zudem wurden für eineine Routine der Zusammenarbeit und Vertrauensbildung, deren
zelne Aufgaben verschiedene Ausschüsse, darunter ein
Bedeutung für die künftige europäische Zusammenarbeit nicht
Militärausschuss, eingesetzt, die dem Konsultativrat Berichte
zu unterschätzen war. Zudem erzielte die OEEC beachtliche Ervorzulegen hatten.
folge bei dem schrittweisen Abbau von Handelsrestriktionen soDer Brüsseler Pakt entwickelte keine großen Aktivitäten auf den
wie der Erleichterung des innereuropäischen Zahlungsverkehrs
im Vertrag vorgesehenen Gebieten: Die Zusammenarbeit auf
und stellte damit eine Weiche auf dem Weg zur wirtschaftlichen
wirtschaftlichem, sozialem und kulturellem Gebiet war sehr vage
Integration Europas.
und unverbindlich formuliert, und die sicherheitspolitischen Aufgaben wurden weitgehend von der ein Jahr später, am 4. April
Sicherheitspolitische Kooperation:
1949, gegründeten NATO übernommen.
Vom Dünkirchener Vertrag zum Brüsseler Pakt
Nach dem Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) im Jahre 1954 erweiterte sich der Brüsseler Pakt unAuch auf sicherheitspolitischem Gebiet wurde mit dem 1947 zwiter Hinzuziehung der Staaten Italien und Bundesrepublik
schen Frankreich und Großbritannien geschlossenen DünkircheDeutschland zur Westeuropäischen Union (WEU).
ner Vertrag, der sich 1948 zum Brüsseler Pakt erweiterte, eine intergouvernementale Zusammenarbeit europäischer Staaten
Kooperation zur politischen Einigung:
eingeleitet. Der am 4. März 1947 in Dünkirchen unterzeichnete
Der Europarat
Vertrag sah eine automatische Beistandsverpflichtung im Falle
einer deutschen Aggression sowie gemeinsames Handeln bei
Die Initiative zur Bildung des Europarates ging von der europäiNichterfüllung der Deutschland auferlegten ökonomischen Verschen Einigungsbewegung aus. Auf einem von ihr veranstalteten
pflichtungen vor. Er bildete die Grundlage für den ein Jahr später
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europäischen Kongress in Den Haag im Mai 1948 wurde eine Resolution verabschiedet, welche die Einberufung einer von den nationalen Parlamenten zu beschickenden »Europäischen Versammlung« forderte. Diese sollte Pläne für ein allmähliches
Zusammenwachsen Europas auf wirtschaftlichem und politischem Gebiet erarbeiten und allgemein den europäischen Einigungsgedanken beleben. Aufgegriffen wurde dieser Vorschlag
vom französischen Außenminister Georges Bidault, der ihn am
20. Juli 1948 auf die Tagesordnung des Konsultativrates des Brüsseler Paktes brachte. Nach Bidaults Vorstellungen sollte diese
einzuberufende Versammlung zunächst nur einen beratenden
Charakter haben, sich dann aber zum Kern einer föderativen Organisation weiterentwickeln und über eigene Entscheidungsvollmachten verfügen. Der französische Vorschlag stieß auf den entschiedenen Widerstand des britischen Außenministers Bevin,
welcher lediglich eine Zusammenarbeit der europäischen Staaten
auf lockerer, intergouvernementaler Ebene anstrebte und allen
supranationalen Bestrebungen eine Absage erteilte. Stattdessen
schlug Bevin die Bildung eines »Europarates« vor, welcher sich aus
führenden Ministern der fünf Brüsseler-Pakt-Staaten zusammensetzen und einmal im Jahr zusammentreten sollte, um über weitere Kooperationsschritte zu beraten. Die britischen Einwände
gegen die Schaffung einer Europäischen Versammlung führten
schließlich zu einer Kompromisslösung, welche beide Vorschläge
miteinander verband. Am 5. Mai 1949 wurde der aus einem Ministerkomitee und einer Beratenden Versammlung (ab 1974: Parlamentarische Versammlung) bestehende intergouvernementale
Europarat mit Sitz in Straßburg von zehn europäischen Staaten
gebildet. Außer den fünf Brüsseler Pakt-Staaten unterzeichneten
Italien, Irland und die skandinavischen Staaten die Satzung des
Europarates. Als Aufgabe des Europarates legte der Artikel 1 der
Satzung fest, »eine engere Verbindung zwischen seinen Mitgliedern zum Schutze und zur Förderung der Ideale und Grundsätze,
die ihr gemeinsames Erbe bilden, herzustellen und ihren wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt zu fördern.« Zu diesem
Zweck sollten in den Organen des Rates Fragen von gemeinsamem Interesse beraten, Abkommen geschlossen und es sollte
gemeinschaftlich auf den Gebieten Wirtschaft, Sozialpolitik, Kultur, Wissenschaft, Gesetzgebung und Verwaltung gehandelt werden. Ausdrücklich ausgeschlossen wurde eine Zuständigkeit des
Europarates in Fragen der nationalen Verteidigung.
Wichtigstes Organ im Europarat war das Ministerkomitee, dem
die jeweiligen Außenminister der Mitgliedstaaten angehörten
und in dem jedes Mitglied über eine Stimme verfügte. Alle wichtigen Beschlüsse im Ministerkomitee mussten einstimmig gefasst
werden, und diese einstimmig gefassten Beschlüsse gingen lediglich in Form von Empfehlungen an die Regierungen der Mitgliedstaaten. Der Europarat konnte somit keine die Mitgliedstaaten bindenden Beschlüsse fassen.
Die Beratende Versammlung sollte aus Vertretern eines jeden
Mitgliedstaates bestehen, die nach einem von jeder Regierung
selbst gewählten Verfahren ernannt wurden. Die Aufgabe der
jährlich einmal für die Dauer von höchstens einem Monat zusammentretenden Versammlung beschränkte sich darauf, die in ihr
Aufgabengebiet fallenden Fragen zu erörtern und dem Ministerkomitee die mit einer Zweidrittelmehrheit gefassten Beschlüsse
in Form von Empfehlungen vorzulegen.
In den ersten Sitzungsperioden der Beratenden Versammlung unterbreiteten die dort versammelten Delegierten verschiedene
Vorschläge zur Weiterentwicklung der Struktur des Europarates
und Stärkung seiner Kompetenzen, doch scheiterten all diese Reformansätze am Veto der britischen Regierung. Der Europarat
blieb somit, von kleineren Änderungen abgesehen, in seiner 1949
geschaffenen intergouvernementalen Struktur bestehen. Enttäuscht über die mangelnden Entwicklungsmöglichkeiten dieser
Organisation erklärte der Präsident der Beratenden Versammlung, der Belgier Paul-Henri Spaak, am 11. Dezember 1951 seinen
Rücktritt.
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Abb. 4 »Marianne und Michel mit Kohle und Stahl«
»Ist der Mai nicht wunderbar?
Selbst das erbverfeindete Paar
träumt vom klingenden Genuss
bei dem ersten Schmusekuss!“
© Klaus Pielert, 1952, Stiftung Haus der Geschichte, Bonn
Der Aufbruch zum supranationalen Europa:
EGKS, EWG und Euratom
Die Verhandlungen um OEEC und Europarat hatten gezeigt, dass
Großbritannien und Frankreich unterschiedliche Europakonzepte
verfolgten, die aus ihrer jeweiligen Situation in der Nachkriegszeit und dem damit verbundenen Interesse an einer europäischen
Einigung resultierten. Während Frankreich die Bildung einer starken supranationalen Organisation anstrebte, um dauerhaft Sicherheit vor Deutschland zu erlangen und den unkontrollierten
wirtschaftlichen und politischen Wiederaufstieg des östlichen
Nachbarn zu verhindern, lag aus britischer Sicht eine allzu enge
Verbindung mit den westeuropäischen Staaten des Kontinents,
die 1940 beim Ansturm der deutschen Truppen zusammengebrochen, besiegt und besetzt worden waren und deren wirtschaftlich-politische Zukunft auch Ende der 1940er Jahre noch ungesichert war, nicht im Interesse des eigenen Landes. Da
Großbritannien sich durch seine enge Verbindung mit den USA
sowie seine Rolle im Commonwealth als globaler Akteur mit weltweiten Interessen und Verbindungen verstand, sollte sich eine
Zusammenarbeit mit den Staaten des Kontinents nur in einem
lockeren, den jeweiligen Erfordernissen entsprechenden Rahmen
bewegen. Das intergouvernementale Integrationskonzept entsprach somit den britischen Interessen.
Für Frankreich und die ebenfalls eine supranationale Organisation befürwortende USA zeichnete sich deshalb zusehends die
Alternative ab, ohne Großbritannien den Einigungsprozess fortzuführen. Während sich die Truman-Administration 1949 für die
weitere europäische Einigung ohne Großbritannien entschied
und Frankreich mit Nachdruck aufforderte, Schritte zur Schaffung eines supranationalen Europas zu ergreifen, zögerte die
französische Regierung zunächst noch.
Erst die Absicht der Amerikaner und Briten, auf der bevorstehenden Außenministerkonferenz vom 11. bis 13. Mai 1950 die bisherigen Produktionsbeschränkungen für die deutsche Stahlindustrie
aufzuheben und über eine Revision des Besatzungsstatuts zu diskutieren, ließ Frankreich handeln. Die Gefahr eines wirtschaftlichen Wiederaufstiegs Westdeutschlands zum Nachteil der französischen Industrie zeichnete sich bereits deutlich ab. Der für die
Modernisierung der französischen Industrie verantwortliche Planungskommissar Jean Monnet skizzierte in einem dramatischen
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Appell an den französischen Ministerpräsidenten Bidault und Außenminister Schuman
die Folgen eines ungehinderten deutschen
wirtschaftlichen Wiederaufstiegs für die
französische Wirtschaft.
Um diese Gefahr zu bannen, schlug Monnet
die Errichtung einer gemeinsamen Hohen
Behörde vor, der die gesamte deutsche und
französische Kohle- und Stahlproduktion unterstellt werden sollte. Kohle war der wichtigste Energieträger und notwendig für die
Stahlproduktion; der befürchtete Kohlemangel drohte die Krise in der französischen
Stahlindustrie zu verschärfen und damit den
gesamten französischen Modernisierungsplan für die Wirtschaft zu gefährden. Der
französische Außenminister Robert Schuman
griff den Vorschlag Monnets auf und präsentierte ihn auf einer Pressekonferenz am
9. Mai 1950 der Öffentlichkeit (SchumanPlan). In seiner Rede bezeichnete Schuman
die Errichtung einer gemeinsamen Obersten
Aufsichtsbehörde (Haute Autorité) für die
Kohle- und Stahlproduktion, deren Entscheidungen für Frankreich, Deutschland und die
anderen teilnehmenden Länder bindend sein
sollten, als die erste Etappe der europäischen
Föderation. Die Europäische Kohle- und
Stahlgemeinschaft sollte es den teilnehmenden Ländern ermöglichen, die notwendigen
Grundstoffe für die industrielle Produktion
zu gleichen Bedingungen zu beziehen, um
zur Hebung des Lebensstandards und Friedenssicherung beizutragen. Hinter dieser
Formulierung stand der Wunsch, der französischen Stahlindustrie dauerhaft den Zugang
zur hochwertigen deutschen Ruhrkohle zu
den gleichen Bedingungen wie der deutschen Stahlindustrie zu sichern und so den
deutschen Wettbewerbsvorteil auszugleiAbb. 5 Plakat aus dem Jahre 1952: Die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS), so die
chen. Zugleich hob Schuman hervor, dass
offizielle Bezeichnung der Montanunion, trat 1952 in Kraft und lief 2002 aus. Sie war die Vorläuferin der
durch die Zusammenfassung der SchwerinEuropäischen Wirtschaftsgemeinschaft, »EWG«. Die drei Europäischen Gemeinschaften EGKS, EWG und
dustrien jeglicher Krieg zwischen DeutschEuratom bildeten die Grundlage der heutigen Europäischen Union (EU).
© picture-alliance
land und Frankreich in Zukunft unmöglich sei
und der jahrhundertealte Gegensatz zwischen diesen beiden Staaten ausgelöscht werde.
nen gemeinsamen Markt für Kohle und Stahl sowie Eisenerz und
Die Rede Schumans bildete den Auftakt zu Verhandlungen über
Schrott zwischen den beteiligten Staaten schuf, war die erste sueine Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS), die
pranationale Organisation in Europa entstanden.
am 20. Juni 1950 zwischen den sechs Staaten Frankreich, DeutschKern dieser supranationalen Gemeinschaft war die aus neun unland, Italien, Belgien, Niederlande und Luxemburg begannen. Die
abhängigen, nicht weisungsgebundenen Mitgliedern zusammendeutsche Bundesregierung unter Konrad Adenauer erblickte in
gesetzte und mit großen Machtbefugnissen im Kohle- und Stahlder Teilnahme an einer europäischen Kohle- und Stahlgemeinbereich ausgestattete Hohe Behörde, deren Entscheidungen für
schaft die Chance, das Internationale Ruhrstatut abzuschaffen,
die beteiligten Staaten bindend waren. Aus Furcht vor einer zu
die Aufhebung des Besatzungsstatuts zu forcieren und die Bungroßen Machtstellung dieses Organs hatten vor allem die Benedesrepublik in die Souveränität und Gleichberechtigung zu fühlux-Staaten in den Verhandlungen darauf gedrängt, der Hohen
ren; Italien versprach sich davon ebenfalls die Eingliederung in
Behörde gegenüber verschiedene Kontroll- und Berufungsinstandie internationale Gemeinschaft und die Lösung seiner drängenzen einzubauen. So wurden als weitere Gemeinschaftsorgane hinden wirtschaftlichen Probleme. Aus politischen wie wirtschaftlizugefügt: ein Besonderer Ministerrat (Rat), der der Hohen Bechen Gründen signalisierten auch die Benelux-Staaten ihre Zuhörde in bestimmten Fällen Anweisungen erteilen konnte und
stimmung zur Teilnahme. Der befürchtete Kohlemangel in Europa
dessen Zustimmung bei Maßnahmen der Behörde, die Auswirwie auch die sich abzeichnende Globalisierung auf dem Energiekungen auf andere Wirtschaftsbereiche haben konnten, erfordersektor machten die gemeinsame Suche nach Lösungen des Enerlich war; eine mit nur sehr begrenzten Befugnissen ausgestattete
gieproblems notwendig.
und überwiegend beratend tätige Gemeinsame Versammlung
Nach fast einjähriger Verhandlungsdauer über Struktur und Ziele
(Versammlung) und ein aus sieben Richtern bestehender Geder EGKS, in die auch die USA mehrfach informell wie direkt einrichtshof, der die Funktionen eines Verfassungsgerichts, Verwalgriffen, wurde am 18. April 1951 in Paris der auf 50 Jahre vereintungsgerichts sowie einer Entscheidungs- und Schlichtungsinsbarte Vertrag zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft für
tanz für Rechtsstreitigkeiten vereinte. Zudem wurde bei der
Kohle und Stahl unterzeichnet, der nach der Ratifizierung in den
Hohen Behörde ein aus Vertretern der Erzeuger- und Arbeitnehsechs Staaten am 23. Juli 1952 in Kraft trat. Mit der EGKS, die eimerorganisationen sowie der Verbraucher und Händler beste-
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hender Beratender Ausschuss
gebildet, dessen Mitglieder
vom Rat ernannt werden sollten.
Nach Jean Monnets Vorstellungen sollten weitere Bereiche der Wirtschaft nach dem
Modell der EGKS integriert
werden, um allmählich zu einer gesamtwirtschaftlichen
Integration und schließlich
zu einer europäischen Föderation zu gelangen. Doch
führte die sich nach Ausbruch
des Korea-Kriegs (25. Juni
1950) abzeichnende Wiederbewaffnung Deutschlands
dazu, dass der Integrationsprozess sich als nächstes auf
den Verteidigungssektor verlagerte. Die Notwendigkeit,
das vor allem für Frankreich
schwerwiegende Problem einer deutschen WiederbeAbb. 6 Der belgische Außenminister Paul van Zeeland, der luxemburgische Außenminister Joseph Bech, der belgische Miniswaffnung zu lösen, brachte
ter Joseph Meurice, der italienische Außenminister Graf Carlo Sforza, der französische Außenminister Robert Schuman, der
den Plan zur Errichtung einer
deutsche Außenminister und Bundeskanzler Konrad Adenauer und der niederländische Außenminister Dirk Stikker am
supranationalen
Europäi18.04.1951 in Paris kurz nach der Unterzeichnung des Schuman-Plans. Der von Schuman ausgearbeitete Plan sah vor, die
schen VerteidigungsgemeinKohle- und Stahlproduktion in Europa einer Hohen Behörde zu unterstellen. Die zu errichtende »Gemeinschaft für Kohle und
schaft (EVG) hervor, welcher
Stahl« sollte allen europäischen Ländern offen stehen. Vor allem für die Bundesrepublik Deutschland, die als eigenständiges
vom französischen MinisterLand eintrat, war dies ein großer Schritt in die Souveränität und Gleichberechtigung.
© dpa, picture alliance, 1951
präsidenten René Pleven am
24. Oktober 1950 vorgestellt
wurde (Pleven-Plan) und der die Schaffung einer europäischen Arso das Zustandekommen der Verträge. Nach schwierigen Vermee unter Einbeziehung westdeutscher Truppen vorsah. Die folhandlungen wurden am 25. März 1957 die Römischen Verträge
genden Verhandlungen zwischen den sechs EGKS-Staaten sowie
unterzeichnet, welche die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft
der sich über zwei Jahre hinziehende Ratifizierungsprozess des
(EWG) und die Europäische Atomgemeinschaft (EAG/Euratom)
Vertrages in Frankreich zeigten, wie schwer sich die europäischen
schufen. Nach der Ratifizierung in den sechs Staaten traten sie
Staaten mit der Abgabe von Souveränitätsrechten auf sicherheitszum 1. Januar 1958 in Kraft. Da eine Einigung in der Frage des Sitpolitischem Gebiet taten. Frankreichs Weigerung, den EVG- Verzes der beiden Gemeinschaften nicht erzielt werden konnte,
trag zu ratifizieren, führte im August 1954 zum Scheitern der EVG
wurde zunächst Brüssel zum provisorischen Gemeinschaftssitz
und des damit verbundenen Entwurfs zur Errichtung einer Eurobestimmt.
päischen Politischen Gemeinschaft (EPG).
Der EWG-Vertrag sah die Errichtung eines Gemeinsamen Marktes
Nach dem Scheitern der EVG richteten sich die Einigungsbemüinnerhalb von 12 bis 15 Jahren vor, der in drei Stufen von je vier
hungen wieder auf den Bereich der Wirtschaft. Unterschiedliche
Jahren verwirklicht werden sollte. Kern des Gemeinsamen MarkAuffassungen bestanden zwischen den sechs EGKS-Staaten über
tes, in den auch die Landwirtschaft einbezogen werden sollte,
die Methoden der weiteren Integration: Während Frankreich auf
bildete die Zollunion, die die Abschaffung der Ein- und Ausfuhrder einen Seite eine Ausdehnung des mit der EGKS begonnenen
zölle zwischen den sechs beteiligten Staaten sowie der mengenVergemeinschaftungsprozesses auf weitere Wirtschaftssektoren,
mäßigen Beschränkungen bei der Ein- und Ausfuhr von Waren
vor allem auf den Atomenergiesektor, favorisierte (sektorale Intebeinhaltete. Auch alle sonstigen, den freien Warenverkehr beeingration), plädierten auf der anderen Seite die Niederlande für
trächtigenden Maßnahmen sollten beseitigt und ein gemeinsaeine umfassende Integration der Wirtschaften der Mitgliedstaamer Außenzoll gegenüber Drittstaaten errichtet werden. Ferner
ten in einem Gemeinsamen Markt (horizontale Integration oder
sah der EWG-Vertrag neben dem freien Warenverkehr den ungeGesamtintegration). In der Bundesrepublik stießen weder der Gehinderten Austausch von Dienstleistungen, den freien Personenmeinsame Markt noch die Atomenergiebehörde auf große Resound Kapitalverkehr (vier Freiheiten) sowie eine schrittweise Annänanz; der deutsche Wirtschaftsminister Ludwig Erhard bevorherung der Wirtschaftspolitik der Mitgliedstaaten vor. Weitere
zugte die Bildung einer umfassenden Freihandelszone und lehnte
Bestimmungen betrafen die Koordinierung der Verkehrs-, Koneine auf die sechs Staaten begrenzte Zollunion ab. Es war nicht
junktur-, Wirtschafts-, Währungs- und Außenhandelspolitik, die
zuletzt dem Geschick des zum Verhandlungsführer berufenen
Angleichung der Sozialpolitik sowie die Außenbeziehungen der
Belgiers Paul-Henri Spaak zu verdanken, dass die Beratungen
Gemeinschaft.
über die weiteren Integrationsschritte nicht in einer Sackgasse
Die mit den Römischen Verträgen gegründete EWG war eine supmündeten, sondern für alle sechs Staaten tragbare Kompromissranationale Gemeinschaft, deren Aufbau sich analog zu den Orlösungen gefunden wurden. Auch weltpolitische Ereignisse wie
ganen der Kohle- und Stahlgemeinschaft gestaltete: ein Rat der
der Ungarn-Aufstand und vor allem das gescheiterte Suez-Abennationalen Minister (Rat) wurde geschaffen sowie eine aus neun
teuer 1956 trugen zu größerer Kompromissbereitschaft der beteiunabhängigen Personen bestehende Kommission, deren Mitglieligten Staaten bei und halfen insbesondere, die deutsch-französider von den Regierungen der Mitgliedstaaten im Einvernehmen
schen Divergenzen über das weitere Vorgehen zu überwinden.
ernannt werden sollten; die Versammlung und der Gerichtshof
Ebenso schalteten sich die USA, wie bereits bei der EGKS, in die
der EGKS sollten zugleich auch für die EWG und Euratom zuVerhandlungen ein, übten Druck auf die Bundesrepublik in der
ständig sein. Im Gegensatz zur EGKS waren aber bei der EWG
Frage der gemeinsamen Atomenergiebehörde aus und sicherten
die intergouvernementalen zu Lasten der supranationalen Ele-
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mente gestärkt. Insbesondere Frankreich hatte in den
Verhandlungen auf einen
größeren Einfluss der Mitgliedstaaten im Gemeinschaftssystem gedrängt. Der
aus Vertretern der Mitgliedstaaten bestehende Rat, der
während der Übergangszeit
einstimmig, danach aber in
der Regel mit Mehrheit entscheiden sollte, traf alle wichtigen Entscheidungen. Die
Aufgabe der für die Dauer von
vier Jahren ernannten EWGKommission bestand vorrangig darin, die Entscheidungen des Ministerrates
umzusetzen und auf die Einhaltung der Vertragsbestimmungen zu achten (Hüterin
der Verträge). Ein alleiniges
Entscheidungsrecht besaß
die Kommission nur in wenigen, im Vertrag genau festgelegten Fällen; sie konnte aber
gegenüber dem Rat EmpfehAbb. 7 Unterzeichnung der Römischen Verträge am 25.3.1957. Am Tisch die in Rom versammelten Regierungschefs von Bellungen aussprechen und Stelgien, Frankreich, Italien, Luxemburg, der Niederlande und der Bundesrepublik Deutschland; (V. l., P. H. Spaak, J. S. Snoy, C.
lungnahmen abgeben. DarüPineau, M. Faure, K. Adenauer, der EWG-Kommissionspräsident W. Hallstein sowie A. Segni, u. a.)
© dpa, picture alliance
ber hinaus besaß die
Kommission das Initiativrecht, wodurch sie die MögLipgens, Walter (1977): Die Anfänge der europäischen Einigungspolitik 1945–
lichkeit erhielt, den weiteren Integrationsprozess voranzutreiben.
1950. Erster Teil: 1945–1947, Stuttgart
Anders als die EWG, die sich durch den zügigen Zollabbau und die
Steigerung des innereuropäischen Handels rasch zu einer ErfolgsLoth, Wilfried (1996): Der Weg nach Europa. Geschichte der europäischen
geschichte entwickelte, erfüllten sich die anfänglich in die EuroIntegration 1939–1957, 3. Aufl., Göttingen
päische Atomgemeinschaft gesetzten Hoffnungen nicht. Weder
Loth, Wilfried (2014): Europas Einigung. Eine unvollendete Geschichte,
erlangte die Kernenergie den hohen Stellenwert unter den EnerFrankfurt am Main/New York
gieträgern, den man ihr in der Euphorie der 1950er Jahre zugeschrieben hatte, noch gingen von der Atomgemeinschaft wesentMilward, Alan S.: (1984) The Reconstruction of Western Europe 1945–51, Lonliche Impulse für den weiteren Integrationsprozess aus. Die sechs
don
Mitgliedstaaten waren in den Folgejahren vielmehr daran interesNeuss, Beate (2000): Geburtshelfer Europas? Die Rolle der Vereinigten Staasiert, die gemeinsame Entwicklung und Erforschung der Kernten im europäischen Integrationsprozess 1945–1958, Baden-Baden
energie zum Ausbau der jeweiligen nationalen Atomindustrie zu
nutzen. Insbesondere Frankreich sah in der Europäischen AtomSchwabe, Klaus (Hrsg.) (1988): Die Anfänge des Schuman-Plans 1950/51. Beigemeinschaft nur ein Vehikel für den Aufbau einer eigenen, in naträge des Kolloquiums in Aachen, 28.–30. Mai 1986, Baden-Baden
tionaler Verantwortung bleibenden Atomstreitmacht.
Trausch, Gilbert (Hrsg.) (1983): Die Europäische Integration vom Schuman1967 fusionierten die Organe (Rat, Hohe Behörde, Kommission)
Plan bis zu den Verträgen von Rom, Baden-Baden
von EGKS, EWG und Euratom, nicht aber die in Paris und Rom unterzeichneten Verträge. Weiterhin existierten drei Europäische
Weilemann, Peter (1983): Die Anfänge der Europäischen Atomgemeinschaft.
Gemeinschaften (EG), die mit dem Vertrag von Maastricht in der
Zur Gründungsgeschichte von Euratom 1955–1957, Baden-Baden
ersten Säule der EU aufgingen.
Literaturhinweise
Internethinweise
Clemens, Gabriele/Reinfeldt, Alexander/Wille, Gerhard (2008): Geschichte
der europäischen Integration. Ein Lehrbuch, Paderborn
Bundeszentrale für Politische Bildung: Europa nach 1945. www.bpb.de/
themen/6AFV6I,0,0,Deutschland_nach_1945.html
Gehler, Michael (2014): Europa. Von der Utopie zur Realität, Innsbruck/Wien
Deutsches Historisches Museum Berlin, u. a. (Hrsg.): Nachkriegsjahre. www.hdg.de/lemo/kapitel/nachkriegsjahre
Gillingham, John R. (1991): Coal, Steel and the Rebirth of Europe, 1945–1955.:
The Germans and French from Ruhr Conflict to Economic Community, Cambridge
EU (Hrsg.): Ein friedliches Europa – die Anfänge der Zusammenarbeit: http://europa.eu/about-eu/eu-history/1945–1959/index_de.htm
Heater, Derek (2005): Europäische Einheit – Biographie einer Idee. Übersetzt
und annotiert von Wolfgang Schmale und Brigitte Leucht, Bochum 2005
(Original: Derek Heater: The Idea of European Unity, Leicester 1992)
Küsters, Hanns Jürgen (1982): Die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, Baden-Baden
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MATERIALIEN
M1
Das Hertensteiner Programm der
europäischen Föderalisten, 21. September 1946
1. Eine auf föderativer Grundlage errichtete
europäische Gemeinschaft ist ein notwendiger und wesentlicher Bestandteil
jeder wirklichen Weltunion.
2. Entsprechend den föderalistischen Grundsätzen, die den demokratischen Aufbau
von unten nach oben verlangen, soll die
europäische Völkergemeinschaft die Streitigkeiten, die zwischen ihren Mitgliedern
entstehen könnten, selbst schlichten.
3. Die Europäische Union fügt sich in die Organisation der Vereinten Nationen ein
und bildet eine regionale Körperschaft im
Sinne des Art. 52 der Charta.
4. Die Mitglieder der Europäischen Union
M 2 Jean Monnet, Leiter der französischen Schuman-Plan-Delegation (Mitte), bei einer Besprechung
übertragen einen Teil ihrer wirtschaftlimit Bundeskanzler Konrad Adenauer im Palais Schaumburg, Bonn. Links: Staatssekretär Walter
chen, politischen und militärischen SouHallstein. Monnet war französischer Unternehmer und der Wegbereiter der europäischen Einiveränitätsrechte an die von ihnen gebilgungsbestrebungen, ohne je Politiker im Sinne eines gewählten Mandatsträgers gewesen zu sein.
dete Föderation.
Bekannt wurde er als der politische Architekt, der die Pläne zum Zusammenschluss der westeuropä5. Die Europäische Union steht allen Völkern
ischen Schwerindustrie verwirklichte. Seine Einigungskonzeption folgte dabei den Grundsätzen des
politischen Funktionalismus und dem Spill-over-Effekt, wonach »sektorale Integration zu einer
europäischer Wesensart, die ihre GrundVerflechtung immer weiterer Sektoren und schließlich zum Endstadium einer allgemeinpolitischen
gesetze anerkennen, zum Beitritt offen.
Föderation« führen sollte.
© akg images, 5.4.1951
6. Die Europäische Union setzt die Rechte
und Pflichten ihrer Bürger in der Erklärung der Europäischen Bürgerrechte fest.
Es genügt, diese Tatsachen aufzuzählen. Man kann dann darauf
7. Diese Erklärung beruht auf der Achtung vor dem Menschen in
verzichten, mit vielen Details ihre Folgen zu beschreiben:
seiner Verantwortung gegenüber den verschiedenen GemeinDeutschland in der Expansion, deutsches Exportdumping; der Ruf
schaften, denen er angehört.
nach Schutz für die französischen Industriellen; Stopp oder Ver8. Die Europäische Union sorgt für den planmäßigen Wiederaufschleierung der Liberalisierung des Handels; erneute Schaffung
bau und für die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Zusamvon Kartellen wie in der Vorkriegszeit; eventuell Ausrichtung der
menarbeit sowie dafür, dass der technische Fortschritt nur im
deutschen Expansion nach Osten als Vorstufe für politische ÜberDienste der Menschheit verwendet wird.
einkommen, Frankreich fällt in den Schlendrian einer begrenzten
9. Die Europäische Union richtet sich gegen niemand und verund geschützten Produktion zurück. Die Entscheidungen, die
zichtet auf jede Machtpolitik, lehnt es aber auch ab, Werkzeug
diese Lage herbeiführen werden, werden auf der Londoner Konfeirgendeiner fremden Macht zu sein. (…)
renz unter amerikanischem Druck in Angriff genommen, viel11. Nur die Europäische Union wird in der Lage sein, die Unverleicht sogar schon beschlossen. Nun wünschen sich die USA übersehrtheit des Gebiets und die Bewahrung der Eigenheit aller
haupt nicht, dass sich die Dinge so entwickeln. Sie werden eine
ihrer Völker, großer wie kleiner, zu sichern.
andere Lösung akzeptieren, wenn sie dynamisch und konstruktiv
12. Durch den Beweis, dass es seine Schicksalsfragen im Geiste des
ist, besonders dann, wenn sie von Frankreich ausgeht. Mit der
Föderalismus selbst lösen kann, soll Europa seinen Beitrag zum
[von uns] vorgeschlagenen Lösung verschwindet die Frage der
Wiederaufbau und zu einem Weltbund der Völker leisten.
Herrschaft der deutschen Industrie, deren Existenz in Europa eine
© in: Forschungsinstitut der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (Hrsg.) (1962):
Furcht verursachen würde, die Grund ständiger Unruhe wäre,
Europa. Dokumente zur Frage der Europäischen Einigung, hrsg. vom (Dokumente und Beschließlich die Vereinigung Europas verhindert und Deutschland
richte; Bd. 17), Bd. 1, München, S. 116.
erneut in den Abgrund stürzt. Diese Lösung schafft im Gegensatz
dazu für die Industrie sowohl in Deutschland als auch in Frankreich Bedingungen gemeinsamer Expansion in der Konkurrenz,
M 2 Das »Monnet-Memorandum«, 3. Mai 1950 – Teil III
wobei jede Form von Beherrschung fortfällt.
Vom französischen Standpunkt aus bringt eine solche Lösung die
Die Wiederaufrichtung Frankreichs wird nicht mehr weitergehen,
nationale Industrie in die gleiche Ausgangsstellung wie die deutwenn die Frage der industriellen Produktion Deutschlands und
sche, beseitigt das Exportdumping, das die deutsche Stahlindusseiner Konkurrenzkapazität nicht schnell eine Regelung findet.
trie sonst verfolgen würde, lässt die französische Stahlindustrie
Die Grundlage für die Überlegenheit, die die französischen Indusan der europäischen Expansion teilnehmen, ohne Furcht vor
triellen traditionsgemäß Deutschland zubilligen, liegt darin, dass
Dumping, ohne Versuchung, Kartelle zu bilden. Die Furcht bei den
es Stahl zu einem Preis produziert, mit dem Frankreich nicht konIndustriellen, die der Malthusianismus nach sich ziehen würde,
kurrieren kann. Daraus schließen sie, dass die gesamte französider Stopp der ‚Liberalisierungen‘ und schließlich die Rückkehr
sche Produktion darunter leiden muss. Schon verlangt Deutschzum Schlendrian der Vergangenheit – alles das wird beseitigt
land, seine Produktion von 11 auf 14 Millionen Tonnen zu erhöhen.
sein. Das größte Hindernis für den Fortgang des industriellen
Wir werden diese Forderung ablehnen, aber die Amerikaner werFortschritts in Frankreich wäre aus dem Wege geräumt.
den darauf bestehen. Dann werden wir Vorbehalte machen, und
© in: Ziebura, Gilbert (1997): Die deutsch-französischen Beziehungen seit 1945. Mythen
schließlich werden wir nachgeben. Zur gleichen Zeit stagniert die
und Realitäten, überarbeitete und aktualisierte Neuausgabe, Stuttgart, S. 498–504.
französische Produktion; sie geht sogar zurück.
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Erklärung der französischen Regierung über eine
gemeinsame deutsch-französische Schwerindustrie,
9. Mai 1950 (»Schuman-Plan«)
Der Friede der Welt kann nicht gewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen, die der Größe der Bedrohung entsprechen.
Der Beitrag, den ein organisiertes und lebendiges Europa für die
Zivilisation leisten kann, ist unerlässlich für die Aufrechterhaltung friedlicher Beziehungen. Frankreich, das sich seit mehr als
zwanzig Jahren zum Vorkämpfer eines vereinten Europa macht,
hat immer als wesentliches Ziel gehabt, dem Frieden zu dienen.
Europa ist nicht zustande gekommen, wir haben den Krieg gehabt.
Europa lässt sich nicht mit einem Schlage herstellen und auch
nicht durch eine einfache Zusammenfassung: es wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat
schaffen. Die Vereinigung der europäischen Nationen erfordert,
dass der Jahrhunderte alte Gegensatz zwischen Frankreich und
Deutschland ausgelöscht wird. Das begonnene Werk muss in erster Linie Deutschland und Frankreich erfassen.
Zu diesem Zweck schlägt die französische Regierung vor, in einem
begrenzten, doch entscheidenden Punkt sofort zur Tat zu schreiten. Die französische Regierung schlägt vor, die Gesamtheit der
französisch-deutschen Kohlen- und Stahlproduktion unter eine
gemeinsame Oberste Aufsichtsbehörde (»Haute Autorité«) zu
stellen, in einer Organisation, die den anderen europäischen Ländern zum Beitritt offensteht.
Die Zusammenlegung der Kohlen- und Stahlproduktion wird sofort die Schaffung gemeinsamer Grundlagen für die wirtschaftliche Entwicklung sichern – die erste Etappe der europäischen Föderation – und die Bestimmung jener Gebiete ändern, die lange
Zeit der Herstellung von Waffen gewidmet waren, deren sicherste
Opfer sie gewesen sind. Die Solidarität der Produktion, die so geschaffen wird, wird bekunden, dass jeder Krieg zwischen Frankreich und Deutschland nicht nur undenkbar, sondern materiell
unmöglich ist. Die Schaffung dieser mächtigen Produktionsgemeinschaft, die allen Ländern offensteht, die daran teilnehmen
wollen, mit dem Zweck allen Ländern, die sie umfasst, die notwendigen Grundstoffe für ihre industrielle Produktion zu gleichen Bedingungen zu liefern, wird die realen Fundamente zu ihrer
wirtschaftlichen Vereinigung legen. Diese Produktion wird der
gesamten Welt ohne Unterschied und Ausnahme zur Verfügung
gestellt werden,
um zur Hebung
des Lebensstandards und zur
Förderung der
Werke des Friedens beizutragen. Europa wird
dann mit vermehrten Mitteln
die
Verwirklichung einer seiner wesentlichsten
Aufgaben
verfolgen können: die Entwicklung des afrikanischen
Erdteils.
M4
Der Schuman-Plan
© Karikatur von Klaus
Pielert, 1950, Stiftung
Haus der Geschichte,
Bonn
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M 5 Zeitgenössische Grafik zum Schuman-Plan und der Montanunion.
© dpa, picture alliance
So wird einfach und rasch die Zusammenfassung der Interessen
verwirklicht, die für die Schaffung einer Wirtschaftsgemeinschaft
unerlässlich ist, und das Ferment einer weiteren und tieferen Gemeinschaft den Ländern eingeflößt, die lange Zeit durch blutige
Fehden getrennt waren. Durch die Zusammenlegung der Grundindustrien und die Errichtung einer neuen Obersten Behörde, deren Entscheidungen für Frankreich, Deutschland und die anderen
teilnehmenden Länder bindend sein werden, wird dieser Vorschlag den ersten Grundstein einer europäischen Föderation bilden, die zur Bewahrung des Friedens unerlässlich ist.
Um die Verwirklichung der so umrissenen Ziele zu betreiben, ist
die französische Regierung bereit, Verhandlungen auf den folgenden Grundlagen aufzunehmen: Die der gemeinsamen Obersten
Behörde übertragene Aufgabe wird sein, in kürzester Frist sicherzustellen: (1) die Modernisierung der Produktion und die Verbesserung der Qualität, (2) die Lieferung von Stahl und Kohle auf dem
französischen und deutschen Markt, sowie auf dem aller beteiligten Länder zu den gleichen Bedingungen, (3) die Entwicklung der
gemeinsamen Ausfuhr nach den anderen Ländern, den Ausgleich
im Fortschritt der Lebensbedingungen der Arbeiterschaft dieser
Industrien.
Um diese Ziele zu erreichen, müssen in Anbetracht der sehr verschiedenen Produktionsbedingungen, in denen sich die beteiligten Länder tatsächlich befinden, vorübergehend gewisse Vorkehrungen getroffen werden, und zwar: die Anwendung eines
Produktions- und Investitionsplanes, die Einrichtung von Preisausgleichsmechanismen und die Bildung eines Konvertierbarkeits-Fonds, der die Rationalisierung der Produktion erleichtert.
Die Ein- und Ausfuhr von Kohle und Stahl zwischen den Teilnehmerländern wird sofort von aller Zollpflicht befreit und darf nicht
nach verschiedenen Frachttarifen behandelt werden. Nach und
nach werden sich so die Bedingungen herausbilden, die dann von
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M 6 Der Schuman-Plan: aus französischer und deutscher Sicht.
M 8 »Marianne sieht die deutsche Gefahr schon wieder riesengroß«
© Karikatur von Klaus Pielert, 1950, Stiftung Haus der Geschichte, Bonn
selbst die rationellste Verteilung der Produktion auf dem höchsten Leistungsniveau gewährleisten. […]
Die gemeinsame Oberste Behörde, die mit der Funktion der ganzen Verwaltung betraut ist, wird sich aus unabhängigen Persönlichkeiten zusammensetzen, die auf paritätischer Grundlage von
den Regierungen ernannt werden. Durch ein gemeinsames Abkommen wird von den Regierungen ein Präsident gewählt, dessen Entscheidungen in Frankreich, in Deutschland und den anderen Teilnehmerländern bindend sind. […]
© in:: Forschungsinstitut der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (Hrsg.) (1962):
Europa. Dokumente zur Frage der Europäischen Einigung, Dokumente und Berichte;
Bd. 17, Bd. 2, München S. 680–682.
M7
Vertrag über die Gründung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft, EVG, (an der Ablehnung durch die
französische Nationalversammlung 1954 gescheitert)
(…) Kapitel I. Die Europäische Verteidigungsgemeinschaft
Artikel 1. Durch diesen Vertrag begründen die Hohen Vertragschließenden Teile unter sich eine EUROPÄISCHE VERTEIDIGUNGSGEMEINSCHAFT. Diese ist ihrem Wesen nach überstaatlich; sie hat gemeinsame Organe, gemeinsame Streitkräfte und
einen gemeinsamen Haushalt.
Artikel 2. § 1 Die Gemeinschaft dient ausschließlich der Verteidigung. § 2 Sie gewährleistet daher nach Maßgabe dieses Vertrages
die Sicherheit der Mitgliedstaaten gegen jede Aggression. Hierzu
beteiligt sie sich im Rahmen des Nordatlantikpaktes an der westlichen Verteidigung und verwirklicht die Verschmelzung der Verteidigungsstreitkräfte der Mitgliedstaaten sowie den zweckmäßigen und wirtschaftlichen Einsatz ihrer Hilfsquellen. § 3 Jede
bewaffnete Aggression gegen irgendeinen der Mitgliedstaaten in
Europa oder gegen die Europäischen Verteidigungsstreitkräfte
wird als ein Angriff gegen alle Mitgliedstaaten angesehen. […]
Die Gemeinschaft wird durch ihre Organe im Rahmen ihrer Befugnisse vertreten.
Artikel 8. § 1 Die Organe der Gemeinschaft sind:
– Der Ministerrat, nachstehend »Der Rat« genannt;
– Die Gemeinsame Versammlung, nachstehend »Die Versammlung« genannt;
– Das Kommissariat der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft, nachstehend »Das Kommissariat« genannt
– Der Gerichtshof. (…)
© Bundesgesetzblatt Teil II 1954 S. 343ff. www.europarl.europa.eu/brussels/website/
media/Basis/Geschichte/EGKSbisEWG/Pdf/EVG-Vertrag.pdf
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© Karikatur von Helmut Beyer aus dem Jahre 1952
M9
Schlusskommuniqué der Konferenz von Messina zur
Vorbereitung von EWG und Euratom, 3. Juni 1955
Sie [die sechs Regierungen] erachten es als notwendig, die Schaffung eines vereinigten Europa durch die Weiterentwicklung gemeinsamer Institutionen, durch die schrittweise Fusion der nationalen Wirtschaften, durch die Schaffung eines gemeinsamen
Marktes und durch die schrittweise Harmonisierung ihrer Sozialpolitik fortzusetzen. Eine derartige Politik erscheint ihnen unerlässlich, um Europa den Platz zu erhalten, den es in der Welt einnimmt, um ihm seinen Einfluß und seine Ausstrahlungskraft
zurückzugeben und um den Lebensstandard seiner Bevölkerung
stetig zu heben. Zu diesen Zwecken haben sich die sechs Minister
über die folgenden Ziele geeinigt:
1. Die Steigerung des Warenaustausches und der Freizügigkeit der
Personen verlangen den gemeinsamen Ausbau großer Verkehrswege. Zu diesem Zweck soll eine gemeinsame Prüfung von Entwicklungsplänen vorgenommen werden, die ein europäisches
Verkehrsnetz von Kanälen, Autostraßen und elektrifizierten Eisenbahnlinien und die Standardisierung der Ausrüstung zum Ziele
haben. Ebenso soll die bessere Koordinierung des Luftverkehrs
geprüft werden.
2. Reichlichere und billigere Energie ist ein fundamentales Element des wirtschaftlichen Fortschritts. Deshalb muss alles getan
werden, um den Austausch von Gas und elektrischem Strom zu
fördern, der geeignet ist, die Rentabilität der Investierungen zu
erhöhen und die Preise für die Versorgung zu senken. Es soll untersucht werden, mit welchen Methoden die Entwicklung der
Energieerzeugung und des Energieverbrauchs unter gemeinsamen Gesichtspunkten koordiniert und die allgemeinen Richtlinien einer gemeinsamen Politik festgelegt werden können. (Dabei wird die Entschließung berücksichtigt, die der Besondere Rat
der Montanunion am 12./13. Oktober 1953 gefasst hat.)
3. Die Entwicklung der Atomenergie zu friedlichen Zwecken eröffnet binnen kurzem die Aussicht auf eine neue industrielle Revolution von ungleich größerem Ausmaß als jene der letzten hundert
Jahre. Die sechs Signatarstaaten erachten es als notwendig, die
Frage einer gemeinsamen Organisation zu untersuchen, die mit
der Verantwortung und den Mitteln für die Gewährleistung der
friedlichen Entwicklung der Atomenergie auszustatten wäre, […]
Die sechs Regierungen stellen fest, dass das Ziel ihres Vorgehens
auf wirtschaftspolitischem Gebiet in der Bildung eines von allen
Zollschranken und mengenmäßigen Beschränkungen freien gemeinsamen europäischen Marktes besteht. Sie sind der Ansicht,
dass dieser Markt schrittweise geschaffen werden muss. […]
19
© in Brunn, Gerhard (2004): Die Europäische Einigung von 1945 bis heute (bpb-Schriftenreihe; Bd. 472), Bonn, S. 347f.
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EUROPA NACH 1945
3. Westdeutschland und die Bundesrepublik Deutschland nach 1945 –
Westintegration als Leitbild
JOHANNES GIENGER
D
ie Ereignisse der Jahre von 1945 bis
1957 – vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zur Gründung der »Europäischen
Wirtschaftsgemeinschaft« (EWG) – waren
prägend für die historische Entwicklung
Europas und der entstehenden Bundesrepublik Deutschland bis heute. War dieser
Weg so eindeutig, wie er heute vielen erscheinen mag? Gab es Alternativen? Die
historische Forschung diskutiert darüber
bis heute. Umfangreiche digitale und multimediale Archive ermöglichen dem heutigen Beobachter eine besondere Möglichkeit zur Urteilsbildung.
Die Bilanz der Niederlage 1945
20
Am 9. Mai 1945 tritt die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht in Kraft.
Deutschland ist den Siegermächten ausgeliefert. Das ganze Grauen – die HinterlassenAbb. 1 Zerstörte Stuttgarter Innenstadt, Marktplatz mit altem Rathaus, 1.4.1946
schaft des NS-Regimes – wird den traumati© Landesmedienzentrum Baden-Württemberg
sierten Deutschen erst allmählich bewusst
oder von Siegern bewusst gemacht:
• über 60 Millionen Tote, davon allein 20 MilAnfänge der Besatzungspolitik
lionen russische Soldaten und Zivilisten,
• rund 6 Millionen Juden und 500 000 Sinti und Roma ermordet
Die anfänglichen Perspektiven waren in der Tat düster. Die vom
von Erschießungskommandos oder vergast in den VernichUS-Präsidenten Harry S. Truman genehmigte Direktive JCS 1067
tungslagern des NS-Regimes,
stellte fest, dass Deutschland nicht besetzt wurde »zum Zwecke
• rund 100 000 ermordete geistig und körperlich Behinderte,
seiner Befreiung, sondern als besiegter Feindstaat«. Es müsse den
• zehntausende hingerichtete Widerstandskämpfer, OppositioDeutschen klargemacht werden – so der Wortlaut – »dass
nelle sowie Kriegsdeserteure,
Deutschlands rücksichtslose Kriegsführung und der fanatische
• deutsche Groß- und Industriestädte in Ruinen,
Widerstand der Nazis die deutsche Wirtschaft zerstört und Chaos
• weitgehend zerstörte Infrastrukturen,
und Leiden unvermeidlich gemacht haben …«. Und Leiden war
• millionenfache Flüchtlings- und Vertreibungsströme,
kennzeichnend für die Jahre bis 1947 und teilweise auch lange da• Obdachlosigkeit und Hunger in Deutschland.
nach. Das Durchschnittsgewicht eines männlichen Erwachsenen
beispielsweise lag 1946 in der amerikanisch besetzten Zone (ABZ)
bei 51 Kilo und sank weiter ab. Die Hälfte aller Wohnungen in den
Die »Stunde Null«?
Großstädten war zerstört, und bis Ende 1946 strömten 5,6 Millionen Flüchtlinge in die westlichen Zonen und verschlimmerten die
Das Dritte Reich hatte aufgehört zu bestehen und Deutschland
Wohnungsnot. Am Ende sollten es zwischen 12–15 Millionen Menstand vor dem moralischen, politischen und wirtschaftlichen
schen sein, die vor dem Kommunismus flohen oder nach den BeRuin. Das Bild von der »Stunde Null«, von einem vollständigen
schlüssen der Konferenzen der Alliierten aus den osteuropäischen
Neuanfang, wurde zur Beschreibung der Situation immer wieder
bzw. ostdeutschen Gebieten vertrieben wurden (Görtemaker,
beschworen, wird aber dem Geschehen nicht gerecht: weder der
S. 30).
Tatsache, dass sich die während des NS-Regimes unterdrückten
demokratischen Kräfte aus der inneren Immigration oder dem
Widerstand zur Übernahme von Verantwortung zurückmeldeten,
Besatzungszonen der Alliierten
noch dem Umstand, dass das industrielle Potential – wenn auch
durch die zerstörte Infrastruktur gelähmt –– doch nicht vollstänAnfangs herrschte Einigkeit unter den Siegern über die vier grodig zerstört war. Die Frage war viel mehr, welche Perspektiven die
ßen Ds (Potsdamer Beschlüsse) sowie die Vertreibungen der
Siegermächte dem geschlagenen Deutschland und damit letztDeutschen, und die USA, Großbritannien und die Sowjetunion
lich Europa erlauben würden.
setzten diese Beschlüsse der Kriegskonferenzen in Teheran
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Abb. 2 Landkarte des Deutschen Reichs in den Grenzen von 1937 mit der Aufteilung in Besatzungszonen nach der Berliner Erklärung vom 7.6.1945.
(28.11.–1.12.1943) und Jalta (9.–11.2.1945) in ihren Besatzungszonen in Deutschland und in Berlin auch rigoros durch. Frankreich,
das mit einem vor der Wehrmacht 1940 nach England geflüchteten kleinen Expeditionsheer zum Sieg über den gemeinsamen
Feind Hitler-Deutschland beigetragen hatte, beanspruchte
schließlich zudem einen Anteil an dem besetzten Gebiet und bezog 1945 seine Zone, die aus der amerikanischen und britischen
Zone herausgeschnitten wurde. Damit waren Deutschland und
Berlin in vier Besatzungszonen aufgeteilt Ostpreußen und die
Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie russisch besetzt und vorläufig bis zu einem offiziellen Friedensvertrag unter polnische bzw.
sowjetische Verwaltung gestellt. Ein Alliierter Kontrollrat, bestehend aus den Vertretern der vier Siegermächte, sollte Deutschland vorläufig verwalten und nur einstimmige Beschlüsse fassen.
Konferenz von Potsdam: gemeinsame
Beschlüsse und unterschiedliche Auslegung
Laut Vereinbarungen der Potsdamer Konferenz (17.7.–2.8.1945)
war Deutschland noch als eine (zumindest wirtschaftliche) Einheit zu behandeln, und die vier Prinzipien der Konferenz – Denazifizierung, Dezentralisation, Demilitarisierung, Demokratisierung – wurden von den Siegern vertraglich besiegelt. Mit der
Unterschrift unter den Vertrag begannen die Mächte allerdings
auch den Vertrag unterschiedlich auszulegen.
Obgleich sich die Siegermächte hinsichtlich der Entmilitarisierung Deutschlands einig waren, liefen die Maßnahmen und Vorstellungen im Rahmen der Entnazifizierung, Dezentralisierung
und Demokratisierung doch sehr bald auseinander.
Während die Sowjets in ihrer Zone durch Enteignung des Großgrundbesitzes und Teilen der Industrie offiziell vor allem bezweckten, Nazis aus ihren Machtpositionen zu verdrängen, damit
aber gleichzeitig gezielt die Weichen für den Aufbau einer »Volks-
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demokratie« sowjetischer Prägung stellten, ging es den Briten,
Franzosen und Amerikanern bei der Entnazifizierung insbesondere um die Demokratisierung und Umerziehung der Deutschen
im westlich-demokratischen Sinne. Vor allem die Amerikaner bemühten sich in ihrer Zone um eine breite »geistige« Erneuerung
des deutschen Volkes. Sie beriefen deshalb in ihrer Zone 545
Spruchkammern mit 22.000 politisch unbescholten geltenden
Mitgliedern. Diese Spruchkammern sollten mit Hilfe von Fragebögen die Bevölkerung nach Hauptschuldigen, Belasteten, Minderbelasteten, Mitläufern und Entlasteten durchforsten und gegebenenfalls Betroffene mit Geld- und Haftstrafen sowie
Berufsverboten belegen. Nach offiziellen Angaben verloren dadurch 373.762 Personen für kürzere oder längere Zeit ihren Arbeitsplatz. Im Auftrag des Alliierten Kontrollrats wurde zudem ein
internationales Militärtribunal begründet, das im November 1945
in Nürnberg das Verfahren gegen 24 »Hauptkriegsverbrecher« eröffnete. Das Gericht verurteilte 12 Angeklagte zum Tode und verhängte sieben langjährige Freiheitsstrafen. Bis 1949 folgten weitere 12 Gerichtverfahren in Nürnberg sowie einige Zehntausend
Verfahren im In- und Ausland. Im westlichen Teil Deutschlands
wurden 5025 Personen verurteilt, 806 Todesurteile ausgesprochen und 486 vollstreckt (Görtemaker, S. 27).
21
Entnazifizierung:
nicht bewältigte Vergangenheit
Trotz aller Bemühungen der Umerziehung im Rahmen der Entnazifizierung blieb und bleibt der Rechtsextremismus bzw.
Rechtspopulismus bis heute eine beunruhigende politische Strömung in Deutschland und Europa. Auch heute wird noch kontrovers diskutiert, ob nicht ehemalige »rehabilitierte« Nationalsozialisten wie z. B. der Jurist Hans Globke, der 1935 bei der
Formulierung der Nürnberger Rassengesetze mitgewirkt hatte
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und unter Adenauer als Chef des Kanzleramtes tätig war, Neigungen zu Nationalismus
und Rassismus begünstigt hatten und eine
Kontinuitätsbrücke zu den späteren rechtsextremistischen Bewegungen darstellt.
Deutschland im Zentrum des
Ost-West-Konflikts
22
Während das Ziel der Entnazifizierung noch
als verbindendes Element einer nach der endgültigen Niederlage Hitler-Deutschlands zunehmend brüchigen Waffenbrüderschaft
verstanden werden kann, gilt dies für die
Wiederbelebung des deutschen politischen
Lebens nach 1945 schon nicht mehr. Der bald
immer deutlicher hervortretende Ost-WestKonflikt dominierte das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Geschehen.
George F. Kennan, Gesandter an der amerikanischen Botschaft in Moskau, erklärte bereits 1945 dass: »die Idee, Deutschland gemeinAbb. 3 Marshall-Plan, Werbe-Plakat der Economic Cooperation Act-Zentrale in Washington aus dem
sam mit den Russen regieren zu wollen, ein Wahn
Jahre 1948. Am 5.6.1947 schlug US-Außenminister George C. Marshall einen Plan zum Wiederaufbau
ist. (…) Wir haben keine andere Wahl als den Teil
Europas vor. Ab 1948 wurde der Marshall-Plan im Rahmen des Europäischen Wiederaufbauprogramms
von Deutschland, den Teil, für den wir und die BriERP verwirklicht. Die Sowjetunion verhinderte, dass sich die Staaten in ihrem Einflussbereich daran beteiten die Verantwortung übernommen haben, zu eiligten.
© akg images
ner Form von Unabhängigkeit zu führen. Die so
befriedigend, so gesichert, so überlegen ist, dass
Mit der Truman-Doktrin und dem Marshall-Plan sollte nicht nur
der Osten sie nicht gefährden kann …« (Görtemaker, S. 35).
der Westen gegen kommunistische Einflussnahme abgedichtet,
Ähnlich argumentiert Kennan 1946 in dem oft zitierten »Long Tesondern auch der Rahmen gesteckt werden, innerhalb dessen
legram« an die Truman-Administration. Damit hatte Kennan die
sich die westdeutsche und die westeuropäische Politik zu beweAnalyse geliefert, die sich westliche Politiker vor dem Hintergrund
gen hatten. Die Sowjets reagierten auf die amerikanische Politik
der sowjetischen Expansion in Mittelosteuropa, kommunistisch
des »containment« (Eindämmungspolitik) – später aggressiver
inspirierter Destabilisierungsversuche in Griechenland und in der
als »roll-back« bezeichnet – mit der Gründung der Kominform
Türkei, später im Januar 1947 manipulierter Wahlen in Polen, rela(Kommunistisches Informationsbüro) im September 1947, das die
tiv zügig zu eigen machten. Der britische Außenminister Ernest
kommunistischen Parteien Europas unter der ideologischen und
Bevin bekundete dieselbe Überzeugung in einer Kabinettsvorpolitischen Vormundschaft Moskaus verband. Aus sowjetischer
lage vom 3. Mai 1946, und Winston Churchill, Oppositionsführer
Sicht verkündete Andreij Shdanow, Sekretär der Leningrader KPim britischen Unterhaus, brachte es bereits am 5. März 1946 in
dSU und engster Mitarbeiter Stalins, die sog. »Zwei-Lager-TheoFulton, Missouri, überdeutlich auf den Punkt: »Wir müssen den Tatrie« mit dem »imperialistischen und antidemokratischen« Lager
sachen ins Auge sehen, dass so, wie die Dinge gegenwärtig stehen, zwei
unter Führung der USA einerseits und dem »anti-imperialistischen
Deutschlands im Entstehen sind: das eine mehr oder weniger organisiert
und demokratischen Lager« unter der Führung Moskaus anderernach dem russischen Modell bzw. im russischen Interesse, das andere nach
seits. Die Annahme von Marshall-Plan-Geldern, die auch den ostdem der westlichen Demokratie (…). «
europäischen Staaten angeboten wurden, wusste Stalin zu unterDer amerikanische Außenminister Byrnes verkündete in seiner
binden.
Stuttgarter Rede am 6. September 1946, dass die USA ihre Truppen so lange in Europa belassen würden wie andere Mächte auch.
Und da sind die Truppen auch heute noch, d. h. die Rede Byrnes
Formierung der Lager
markiert einen Wendepunkt in der Weltgeschichte: die USA sind
seitdem eine Weltmacht in der Rolle eines »Weltpolizisten«, wie
Die Ost-West-Lager formierten sich und schufen zur Absicherung
Kritiker sagen, – wenngleich auch diese Rolle nach dem Ende des
ihrer Interessenssphären politische, militärische und wirtschaftlivergleichsweise übersichtlichen bipolaren Kalten Krieg immer
che Organisationen: die OEEC (Organisation of European Econokomplexer wird.
mic Cooperation) u. a. zur Verwaltung der Marshall-Plan-Mittel,
den Brüsseler Pakt 1948 (Großbritannien, Frankreich, Benelux)
Truman-Doktrin und Marshall-Plan
und die NATO 1949 (9 westeuropäische Länder, Kanada und USA)
einerseits und den Rat der gegenseitigen Wirtschaftshilfe (RGW/
Der US-Präsident Harry Truman verkündete am 12. März 1947 die
COMECON mit Polen, Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Tschechonach ihm benannte sog. Truman-Doktrin und versprach darin alslowakei, Albanien und die SU) sowie 1955 das militärische Bündlen »freien Völkern«, die vom Kommunismus bedroht würden, Unnis »Warschauer Pakt« andererseits.
terstützung und meinten damit ganz offensichtlich auch die Be1949 zündeten auch die Sowjets ihre erste Atombombe und das
förderung der eigenen US-amerikanischen Interessen.
später so genannte »Gleichgewicht des Schreckens« sorgt bis
Unterfüttert wurden diese Ankündigungen durch den Marshallheute für eine latente Furcht in der Welt, zumal dieses vermeintliPlan im Juni 1947 (Europäisches Wirtschaftsaufbauprogramm/
che Gleichgewicht durch weitere Atommächte und die damit verERP- European Recovery Program), der bis 1952 13,5 Milliarden
bundene Weiterverbreitung von Atomwaffen (Proliferation) in eiDollar Hilfsgelder nach Europa spülte und die mittel- und westeuner längst nicht mehr bipolaren Welt heutzutage leicht kippen
ropäischen Staaten stabilisieren und gegenüber kommunistikönnte.
scher Propaganda und Einflussnahme resistent machen sollte.
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Wiederbelebung
des politischen
Lebens in den Zonen
Ein Eigengewicht der westdeutschen Politik gab es zunächst kaum und konnte
auch nur ganz allmählich in
Einklang mit den Interessen
der Siegermächte erarbeitet
werden. Immerhin kam der
deutschen Politik vor allem
im Westen zugute, dass den
Westmächten vor dem Hintergrund des Kalten Krieges,
und insbesondere des Koreakrieges daran gelegen sein
musste, ein starkes Deutschland als Machtfaktor gegen
den Ostblock zu entwickeln.
Dasselbe galt umgekehrt für
die Deutschen in der SBZ, die
ihrerseits von den Sowjets
gegen die Westzonen »in
Stellung« gebracht werden
sollten.
Abb. 4 Wahlplakate der CDU und SPD anlässlich des Bundestagswahlkampf 1949
Nachdem Hitler-Deutschland
© Konrad-Adenauer-Stiftung, Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn
keine Gefahr mehr darstellte
und aus der Sicht der USA,
– So gab es eine Währungsreform in den drei Westzonen mit WirGroßbritanniens und Frankreichs der neue viel gefährlichere
kung zum 20. Juni 1948, d. h. die Ablösung der völlig zerrütteten
Feind im Osten in Form der Sowjetunion ausgemacht wurde, galt
Währung der Reichsmark durch die D-Mark in den Westzonen
es, das politische und wirtschaftliche Leben in den Westzonen in
und Westberlin
ihrem Sinne in Gang zu setzen. Auch in der »Ostzone«, der SBZ
– gefolgt von einer Währungsreform in der SBZ.
(Sowjetische Besatzungszone) wurden wirtschaftliche und politi– Bereits ab Februar 1948 (23.2.–2.6.1948) tagte die Sechs-Mächtesche Weichen gestellt, wenn auch unter ganz anderen politischen
Konferenz (USA, F, GB, und BeNeLux) der Botschafter in London
Vorgaben:
und empfahl nach längeren Debatten und trotz der Bedenken
Einzelne Maßnahmen:
Frankreichs die Gründung eines Weststaates in den drei Zonen
• Zulassung der demokratischen Parteien CDU, SPD, DVP (FDP),
der Westmächte. Die Regierungen der Westmächte schlossen
KPD im Westen,
sich den Empfehlungen an und übergaben den deutschen Län• Gründung der KPD, der Liberal-Demokratischen Partei (LDPD),
derchefs die »Frankfurter Dokumente« am 1. Juli 1948 mit einder SPD, der CDU – noch 1945 – in der SBZ, – Gründung eines
deutigen Erwartungen und klaren Aufträgen: Einberufung einer
antifaschistischen Blocks der Parteien im Osten im Jahre 1945–
verfassungsgebenden Versammlung bis spätesten 1. September
1946: Zwangsvereinigung von KPD und SPD zur SED in der SBZ,
1948 mit dem Ziel der Gründung eines Weststaates auf der Basis
• Landtagswahlen 1946 und 1947 in Ost und West. – Errichtung
einer föderalistisch strukturierten parlamentarischen Demoeines politisch mitwirkenden »Länderrats« mit ernannten Miniskratie immer noch »unter Aufsicht« der Siegermächte, gebunterpräsidenten aus Bayern, Württemberg-Baden und Groß-Hesden an ein »Besatzungsstatut«.
sen in der amerikanischen Zone, eines beratenden »Zonenbei– Der parlamentarische Rat – proportional zusammengesetzt aus
rats« aus ernannten Vertreter der demokratischen Parteien, der
den seit 1947 bestehenden Landtagen der drei Westzonen – disGewerkschaften und der Wirtschaft in der britischen Zone,
kutierte das Bonner Grundgesetz, das am 23. Mai 1949 als Pro• Am 1. Januar 1947 Zusammenlegung der britischen und der amevisorium verabschiedet wurde und erst mit einer zukünftigen
rikanischen Zone zur Bizone, der dann auf Drängen der USA die
Wiedervereinigung seine endgültige Form annehmen sollte.
französische Zone angeschlossen wurde.
– Die sowjetische Militäradministration (SMAD) zog nach und veranlasste die Gründung der Deutschen Demokratischen RepubTeilung Deutschlands 1949 in BRD und DDR
lik im Oktober 1949 und die zügige Umwandlung der SED zu einer marxistisch-leninistischen Kaderpartei. Vorausgegangen
Nach dem wiederholtem Scheitern der Außenministerkonferenwaren der Austritt der SU aus dem Alliierten Kontrollrat, eine
zen der Siegermächte zur Frage der deutschen Einheit 1946 und
Währungsreform im Osten und der erfolglose Versuch mittels
1947 und der Verkündigung der Truman-Doktrin war der Weg der
einer Blockade von Westberlin (24.6.1948 bis 12.5.1949), WestTeilung Deutschlands vorgezeichnet. Insbesondere die Westberlin aus dem Machtbereich der Westmächte herauszubremächte ergriffen im Rahmen der Eskalation des Kalten Krieges
chen. Die Luftbrücke zur Versorgung Westberlins signalisierte
schließlich Zug um Zug Maßnahmen zur Konsolidierung ihre
den Westberlinern und den Deutschen, dass nur die WestMachtbereiche in Deutschland. Aus der Retroperspektive ergibt
mächte unter Führung der USA gerade bei akuter Kriegsgefahr
sich die deutsche Teilung als logische Konsequenz des Kalten
die Sicherheit eines westdeutschen Staates gewährleisten
Krieges. Die Zeitgenossen mögen das anders wahrgenommen
könne.
haben. Meist agierten die Westmächte – und die Sowjetunion reagierte:
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Alternativen der
Deutschlandpolitik
Die in den Jahren nach 1945 konkurrierenden
Optionen der Deutschlandpolitik lassen sich
an drei dominierenden politischen Persönlichkeiten festmachen: Jakob Kaiser, Kurt
Schumacher und Konrad Adenauer.
Jakob Kaiser, Mitbegründer und führender
Kopf der CDU in der Britischen Besatzungszone (BBZ), vertrat einen »christlichen Sozialismus« mit Teilverstaatlichung der Wirtschaft insbesondere der Grundstoffindustrien wie Kohle und Stahl und dem Konzept
eines geeinten neutralen Deutschland, das
als »Brücke« zwischen Ost und West wirken
könnte. Seine Vorstellungen waren nicht weit
entfernt von der Stalinnote von 1952.
Wenn die Vorstellungen eines Jakob Kaisers
nicht in das globale machtpolitische Gefüge
der Zeit passten, so galt das für die Bestrebungen des SPD-Vorsitzenden der drei WestAbb. 5 Plakat aus der DDR, 19.3. 1952, zum Angebot Stalins über einen Friedensvertrag mit Deutschzonen Kurt Schumacher umso mehr. Zwar
land
© Bundesarchiv Koblenz
fand Schumachers Überzeugung, dass die
großen Konzerne wie Krupp oder IG-Farben
Während die westeuropäische Gründung der »Gemeinschaft für
mit Hitler paktiert und damit den Faschismus und den Zweiten
Kohle und Stahl« (»Montan-Union« 18.04.1951) zur Verzahnung
Weltkrieg mit verursacht hätten, durchaus breitere Akzeptanz,
der europäischen Stahl- und Kohleindustrie noch breite Unterallerdings gingen seine Forderungen nach Sozialisierung von Teistützung in der Öffentlichkeit in Deutschland und Frankreich
len der Wirtschaft deutlich weiter als die 1947 im Ahlener Profand, trafen schließlich die Pläne Adenauers zur Wiederbewaffgramm der CDU vorgeschlagenen Maßnahmen, die Jakob Kaiser
nung der Bundesrepublik im Rahmen der NATO nach dem Scheigeprägt hatte, zur Kontrolle der Schlüsselindustrien. Zwar stietern der EVG so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zeitweilig auf
ßen seine frühe Zustimmung zur Westintegration, zur pluralistiheftigen Widerstand der Deutschen, zumal – so die Befürchtung
schen Demokratie sowie seine harsche Ablehnung der SED und
Kurt Schumachers – die Wiederbewaffnung den Gegensatz der
des »Schmusekurses« der Ost-SPD unter Otto Grotewohl gegenBlöcke verstärke und die Wiedervereinigung blockiere.
über den Sowjets gerade bei den Westmächten auf äußerst positive Resonanz, seine deutliche Kritik am amerikanischen Kapitalismus und sein Bestehen auf einem eigenen europäischen Weg
»Stalin-Note« – verpasste Chance?
des »demokratischen Sozialismus« in scharfer Abgrenzung von
den USA sowie seine strikte Ablehnung der Wiederbewaffnung
Der Widerstand gegen Adenauer wuchs weiter, als Stalin mit wiekonnten jedoch seitens der Westmächte letztlich keine Unterderholten Noten (z. B. 9.4.1952) mit der deutschen Widervereinistützung erwarten. Kaiser und Schumacher waren beide geprägt
gung unter demokratischen Vorzeichen lockte unter der Bedindurch ihre Zeit im Widerstand gegen Hitler und neigten auch dagung des Verzichts Gesamtsdeutschlands auf die vorgesehene
durch zur moralischen Bevormundung.
Wiederbewaffnung.
Konrad Adenauer, seit März 1946 Vorsitzender der CDU in der
Der damalige Streitfall lässt sich heute nicht mehr klären. ImmerBBZ, und Vorsitzender der Gesamtpartei 1950 bis 1966, erhielt
hin wäre das Opfer der Westmächte größer gewesen als das Stadeutlich größere Unterstützung von den Westmächten. Auch inlins. Nüchtern betrachtet gab es vor dem Hintergrund des Kalten
nerparteilich und bei den Wahlen setzte er sich mit seiner »Politik
Krieges aus der Sicht der Westmächte keinen vernünftigen Grund,
der Stärke« bei unzweideutiger Westorientierung und Beibehaldas industrielle und militärische Potential der Bundesrepublik zu
tung marktwirtschaftlicher Prinzipien als deutsche politische
neutralisieren anstatt es im Ost-West-Konflikt für sich einzusetFührungsfigur bei den Alliierten und in den westdeutschen Wahzen. Ob die Sowjetunion tatsächlich bereit gewesen wäre, die
len knapp durch. Nach seiner Wahl zum Kanzler 1949 und späteDDR und damit ein sicheres Pfand für ein unsicheres neutrales
ren deutlichen Wahlerfolgen 1953 und 1957 blieb er unangefochDeutschland aufzugeben, bleibt ebenso fraglich. Publizisten wie
ten die westdeutsche Leitfigur mit klaren Prinzipien: durch
Paul Sethe, damals Mitherausgeber der FAZ, oder der Historiker
Westintegration und Wiederbewaffnung mehr Sicherheit und
Rolf Steininger kritisieren allerdings die Haltung Adenauers und
staatliche Souveränität in einem integrierten Europa und aus eisprechen von einer »verpassten Chance«. Sie – ähnlich wie Kurt
nem starken Bündnis heraus die deutsche Wiedervereinigung.
Schumacher, SPD, 1952 und danach – machen Adenauer den VorUnd genügend Anknüpfungspunkte für seine »Politik der Stärke«
wurf, die Ernsthaftigkeit der Stalin-Noten nicht überprüft zu hagab es allemal.
ben. Die deutsche Einheit von 1989/90 entlastet Adenauer in dieVor dem Hintergrund des sich verschärfenden Ost-West-Konflikts
ser Argumentationskette nicht, zumal sie durch einen historischen
(1949 Machtübernahme der Kommunisten unter Mao Tse Tung in
Zufall möglich wurde und kein planbares und geplantes Ergebnis
China, Beginn des Koreakrieges 1950) forderten die USA dringend
der Politik Adenauers sein konnte.
die Wiederbewaffnung Deutschlands, und die Außenminister der
Trotz der sowjetischen »Störmanöver« (Adenauer) wurde am
drei Westmächte vereinbarten am 19.9.1950 – ganz im Sinne Ade26.5.1952 in Bonn und ein Tag später in Paris der »Deutschlandnauers – die Aufstellung einer europäische Armee (»Europäische
vertrag« (»Generalvertrag«) unterzeichnet. Artikel 7 bestimmte
Verteidigungsgemeinschaft«, EVG), die möglichst bald einer euals gemeinsames Ziel der Westmächte und der Bundesrepublik
ropäischen Regierung unterstellt sein sollte. Diese scheiterte alein »wiedervereinigtes Deutschland«, eine demokratische Verfaslerdings am Widerstand der französischen Nationalversammsung und die Integration Deutschlands in die europäische Gelung.
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meinschaft. Die Frage der Ostgrenzen sollte in einem späteren
Friedensvertrag geregelt werden.
Adenauer wähnte sich am Ziel, aus einer »Politik der Stärke« heraus mehr Souveränität erreicht zu haben. Adenauer pochte auf
das Alleinvertretungsrecht der Bundesrepublik (»Hallstein-Doktrin«), die allein durch demokratische Wahlen legitimiert sei und
der gleichsam selbstverständlich das »nicht-staatliche Gebilde
DDR« eines Tages zufallen würde.
Als allerdings am 30.8.1954 der EVG-Vertrag und damit das gesamte Vertragspaket von der französischen Nationalversammlung mit Rücksicht auf nationale französische Interessen abgelehnt wurden, war dies ein Schock nicht nur für Adenauer und die
ganze Europa-Bewegung, sondern bremste die europäische Integration dauerhaft.
Westintegration der BRD
Immerhin wurde für den gescheiterten EVG-Vertrag mit dem Beitritt zur NATO ein Ersatz gefunden, und das Ziel der Souveränität
wurde mit dem revidierten Deutschlandvertrag auch weitgehend
erreicht. Der Deutschlandvertrag war Teil der Pariser Verträge,
die 1955 nach der Ratifizierung in Kraft traten:
– Beitritt zur NATO und Gründung der Bundeswehr,
– Beitritt zur WEU (erweiterter Brüsseler Pakt) verbunden mit Verzicht auf Atomwaffen,
– Saarstatut (Internationalisierung der Saar mit Referendum der
Bevölkerung im Saargebiet;1957 Entscheid für Deutschland
statt Frankreich),
– Deutschlandvertrag (Souveränität minus), der das Besatzungsstatut ablöste, Botschafter statt Hoher Kommissare vorsah,
Vorbehaltsrechte der westlichen Alliierten alle Fragen Gesamtdeutschland und den Viermächtestatus Berlins betreffend benannte, Anwesenheit alliierter Schutztruppen auf deutschem
Boden sicherte.
Adenauers Botschaft, »Wir sitzen nun im stärksten Bündnis der
Geschichte. Es wird uns die Wiedervereinigung bringen.«,
stimmte nur für den ersten Teil der Aussage. Tatsächlich führte
die fortschreitenden Westintegration seit 1948 zur fortschreitenden Abgrenzung der SBZ, zur Gründung der DDR 1949, zum Beitritt der DDR zum RGW und 1955 zum Beitritt der DDR zum Warschauer Pakt. Mit dem Bau der Berliner Mauer ab 13.8.1961 war die
Teilung einen weiteren großen Schritt vorangegangen.
In der Frage der europäischen Integration gab es dank Adenauer
deutliche Fortschritte, wenngleich die Hoffnungen auf ein »Vereintes Europa« nach der Ablehnung des EVG-Vertrages durch die
französische Nationalversammlung von der Realität eingeholt
wurden. Immerhin gründeten Frankreich, Deutschland, Italien
und die drei Benelux-Länder die »Europäische Wirtschaftsgemeinschaft« (EWG), einem »Gemeinsamen Markt« mit dem etappenweisen geplanten Abbau der Handels- und Zollschranken.
Am 23.5.1957 unterzeichneten die sechs Partnerländer in Rom die
Verträge zum »Gemeinsamen Markt« sowie zu einer »Atomgemeinschaft« für die friedliche Nutzung der Atomenergie (EURATOM). Die »Römischen Verträge« bleiben ein Meilenstein der europäischen Integration.
Abb. 6 Wahlplakat der CDU zur Bundestagswahl 1957, bei der sie die absolute
Mehrheit der Stimmen erreichte.
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25
Görtemaker, Manfred (1999): Geschichte der Bundesrepublik Deutschland,
Von der Gründung bis zur Gegenwart, München.
Schwarz, Hans-Peter (2008): Die Bundesrepublik Deutschland. Eine Bilanz
nach 60 Jahren, Köln u. München.
Steininger, Rolf (1985): Eine Chance zur Wiedervereinigung? Die Stalin-Note
vom 10. März 1952. Darstellung und Dokumentation auf der Grundlage
unveröffentlichter britischer und amerikanischer Akten, Bonn.
Herbert, Ulrich (2014): Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, München.
Gasteyger, Curt (2006): Europa zwischen Spaltung und Eignung, Darstellung
und Dokumentation 1945–2005, Bonn.
Internethinweise
www.60maldeutschland.de (Filmclips und Kommentare, 1949–
2010)
Histoclips, lingua-video (SESAM) – Kurze Filmclips zu vielen
Ereignissen der deutschen Geschichte
Literaturhinweise
Hacke, Christian (1993): Weltmacht wider Willen, Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt a. M./Berlin
Film-Material: Die Welt im Kalten Krieg, Teil I, 1945–1961, rbvmedien (SESAM)
Winkler, Heinrich August (2000): Der lange Weg nach West, Deutsche
Geschichte II, Vom »Dritten Reich« bis zur Wiedervereinigung, MünchenHillgruber, Andreas (1979): Europa in der Weltpolitik der Nachkriegszeit
1945–1963, München Wien.
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MATERIALIEN
M1
Telegramm des britischen Premierministers Churchill an USA-Präsident
Truman, 12. Mai 1945
Die Lage in Europa beunruhigt mich zutiefst.
[…] Die Zeitungen sind voll von Nachrichten
über den massiven Abzug der amerikanischen Armeen aus Europa hinaus. Auch unsere Armeen dürften auf Grund früherer Beschlüsse wesentlich reduziert werden. Die
kanadische Armee zieht bestimmt ab. Die
Franzosen sind schwach und schwer zu behandeln. Es liegt offen zutage, dass unsere
bewaffnete Macht auf dem europäischen
Kontinent binnen kurzem dahinschwinden
wird und dort nur noch bescheidene Kräfte
zur Niederhaltung Deutschlands verbleiben.
[…] Ich habe mich stets um die Freundschaft
M 3 Potsdamer Konferenz, Schloss Cecilienhof in Potsdam, 17. Juli – 2. August 1945. Die drei Alliierten
der Russen bemüht; aber ihre falsche Auslefassten Beschlüsse über die Behandlung des besiegten und besetzten Deutschland. – von links: der
gung der Jalta-Beschlüsse, ihre Haltung gebritische Premier Winston Churchill, US-Präsident Harry S. Truman und der sowjetische Staatsgen Polen, ihr überwältigender Einfluss auf
und Parteichef Josef Stalin.
© akg images
dem Balkan bis hinunter nach Griechenland,
die uns von ihnen in Wien bereiteten Schwierigkeiten, die Verkoppelung ihrer Macht mit
der Besetzung und Kontrolle so ungeheurer und weiter Gebiete,
ausgeübt, und zwar von jedem in seiner Besatzungszone, sowie gedie von ihnen inspirierte, kommunistische Taktik in so vielen anmeinsam in ihrer Eigenschaft als Mitglieder des Kontrollrates in
deren Ländern und vor allem ihre Fähigkeit, lange Zeit große Arden Deutschland als Ganzes betreffenden Fragen. Soweit dieses
meen im Felde stehen zu lassen, beunruhigen mich ebenso sehr
praktisch durchführbar ist, muss die Behandlung der deutschen
wie Sie. (…) 3. Ein eiserner Vorhang ist vor ihrer Front niedergeBevölkerung in ganz Deutschland gleich sein.
gangen. Was dahinter vorgeht, wissen wir nicht. Es ist kaum zu
Die Ziele der Besetzung Deutschlands, durch welche der Kontrollrat sich leiten lassen soll, sind:
bezweifeln, dass der gesamte Raum östlich der Linie LübeckTriest-Korfu schon binnen kurzem völlig in ihrer Hand sein wird.
– Völlige Abrüstung und Entmilitarisierung Deutschlands und die
Zu all dem kommen noch die weiten Gebiete, die die amerikaniAusschaltung der gesamten deutschen Industrie, welche für
schen Armeen zwischen Eisenach und der Elbe erobert haben, die
eine Kriegsproduktion benutzt werden kann oder deren Überaber, wie ich annehmen muss, nach der Räumung durch Ihre
wachung. […]
Truppen in ein paar Wochen gleichfalls der russischen Macht– Die Nationalsozialistische Partei mit ihren angeschlossenen
sphäre einverleibt sein werden.
Gliederungen und Unterorganisationen ist zu vernichten; […]
– Die endgültige Umgestaltung des deutschen politischen Lebens
© nach: Wolfgang Lautemann/Manfred Schlenke (Hrsg.), Weltkriege und Revolutionen
auf demokratischer Grundlage und eine eventuelle friedliche
1914–1945, Geschichte in Quellen, S. 574f.
Mitarbeit Deutschlands am internationalen Leben sind vorzubereiten. […]
– Kriegsverbrecher und alle diejenigen, die an der Planung oder
M 2 Amtliche Verlautbarung über die Konferenz der AlliierVerwirklichung nazistischer Maßnahmen, die Gräuel oder Kriegsten (USA, UdSSR, GB) in Potsdam vom 17. Juli bis
verbrechen nach sich zogen als Ergebnis hatten, teilgenommen
2. August 1945.
haben, sind zu verhaften und dem Gericht zu übergeben. […]
– In ganz Deutschland sind alle demokratischen politischen ParAm 17. Juli 1945 trafen sich der Präsident der Vereinigten Staaten von
teien zu erlauben und zu fördern […]
Amerika, Harry S. Truman, der Vorsitzende des Rates der Volkskommis– Bis auf Weiteres wird keine zentrale deutsche Regierung errichsare der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, Generalissimus J. W.
tet werden. Jedoch werden einige wichtige zentrale deutsche
Stalin, und der Premierminister Großbritanniens, Winston S. Churchill
Verwaltungsabteilungen errichtet werden, an deren Spitze
sowie Herr Clement R. Attlee
Staatssekretäre stehen, und zwar auf den Gebieten des Finanz[…] Deutschland: Alliierte Armeen führen die Besetzung von ganz
wesens, des Außenhandels und der Industrie. Diese Abteilungen
Deutschland durch und das deutsche Volk fängt an, die furchtbawerden unter der Leitung des Kontrollrates tätig sein. […]
ren Verbrechen zu büßen, die unter der Leitung derer, welche es
– Während der Besatzungszeit ist Deutschland als eine wirtzur Zeit ihrer Erfolge offen gebilligt hat und denen es blind geschaftliche Einheit zu betrachten. […]
horcht hat, begangen wurden. Auf der Konferenz wurde eine
Reparationen aus Deutschland: In Übereinstimmung mit der
Übereinkunft erzielt über die politischen und wirtschaftlichen
Entscheidung der Krimkonferenz, wonach Deutschland gezwunGrundsätze der gleichgeschalteten Politik der Alliierten in Bezug
gen werden soll, in größtmöglichem Ausmaß für die Verluste und
auf das besiegte Deutschland in der Periode der alliierten Kontdie Leiden, die es den Vereinten Nationen verursacht hat, und worolle. […]
für das deutsche Volk der Verantwortung nicht entgehen kann,
Politische Grundsätze: Entsprechend der Übereinkunft über das
Ausgleich zu schaffen, wurde folgende Übereinkunft über RepaKontrollsystem in Deutschland wird die höchste Regierungsgewalt
rationen erreicht:
in Deutschland durch die Oberbefehlshaber der Streitkräfte der
1. Die Reparationsansprüche der UdSSR sollen durch EntnahVereinigten Staaten von Amerika, des Vereinigten Königreichs, der
men aus der von der UdSSR besetzten Zone in Deutschland
Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken und der Französischen
und durch angemessene deutsche Auslandsguthaben befrieRepublik nach den Weisungen ihrer entsprechenden Regierungen
digt werden.
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2. Die UdSSR wird die Reparationsansprüche Polens
aus ihrem eigenen Anteil
an den Reparationen befriedigen. […]
4. In Ergänzung der Reparationen, die die UdSSR aus
ihrer eigenen Besatzungszone erhält, wird die
UdSSR zusätzlich aus den
westlichen Zonen erhalten: […]
Ordnungsgemäße Überführung deutscher Bevölkerungsanteile
Die Konferenz erzielte folgendes Abkommen über die
Ausweisung Deutscher aus
Polen, der Tschechoslowakei
und Ungarn:
Die drei Regierungen haben
die Frage unter allen Gesichtspunkten beraten und
erkennen an, dass die Überführung der deutschen Bevölkerung oder Bestandteile
derselben, die in Polen,
Tschechoslowakei und Ungarn zurückgeblieben sind,
nach Deutschland durchgeführt werden muss. Sie stimmen darin überein, dass jede
derartige Überführung, die
stattfinden wird, in ordnungsgemäßer und humaner
Weise erfolgen soll. […]
Die Häupter der drei Regierungen stimmen darin überein, dass bis zur endgültigen
Festlegung der Westgrenze
Polens die früher deutschen
Gebiete östlich der Linie, die
von der Ostsee unmittelbar
westlich von Swinemünde
und von dort die Oder entM 5 Flucht, Vertreibungen und Umsiedlungsprozesse infolge des Krieges (1945–1950)
lang bis zur Einmündung der
© AFDEC, Èditions Nathan, 2014, Paris, in: Klett (Hrsg.)(2006): Deutsch-französisches Geschichtsbuch. Geschichte. Europa und die
westlichen Neiße und der
Welt seit 1945. Stuttgart/ Leipzig 2006, S. 13E
westlichen Neiße entlang bis
zur
tschechoslowakischen
ziehen und aus dem Vakuum werde ein gesundes und friedliches,
Grenze verläuft, einschließlich des Teiles Ostpreußens, der nicht
stabiles und freundliches Deutschland steigen.
unter die Verwaltung der Union der Sozialistischen SowjetrepubWir haben keine andere Wahl, als unseren Teil von Deutschland –
liken gestellt wird und einschließlich des Gebiets der früheren
den Teil, für den wir und die Briten die Verantwortung haben – zu
Freien Stadt Danzig, unter die Verwaltung des polnischen Staates
einer Form von Unabhängigkeit zu führen, die so befriedigend, so
kommen und in dieser Hinsicht nicht als Teil der sowjetischen Begesichert, so überlegen ist, dass der Osten sie nicht gefährden
satzungszone in Deutschland betrachtet werden sollen.
kann. Das ist eine gewaltige Aufgabe für Amerikaner. Aber sie
© nach: Amtsblatt des Kontrollrats in Deutschland. Ergänzungsblatt Nr. 1, S. 13–20, zitiert
lässt sich nicht umgehen; und hierüber, nicht über undurchführnach Wanda Kampmann und Berthold Wiegand (Hrsg.)(1980):Politik und Gesellschaft,
bare Pläne für eine gemeinsame Militärregierung, sollten wir uns
Grundlage und Probleme der modernen Welt, Frankfurt/M.
Gedanken machen. Zugegeben, dass das Zerstückelung bedeutet. Aber die Zerstückelung ist bereits Tatsache, wegen der OderNeiße-Linie. Ob das Stück Sowjetzone wieder mit Deutschland
M 4 Memoiren des us-amerikanischen Diplomaten George F.
verbunden wird oder nicht, ist jetzt nicht wichtig. Besser ein zerKennan zur Situation im Sommer 1945
stückeltes Deutschland, von dem wenigstens der westliche Teil
als Prellblock für die Kräfte des Totalitarismus wirkt, als ein ge»Die Idee, Deutschland gemeinsam mit den Russen regieren zu
eintes Deutschland, das diese Kräfte wieder bis an die Nordsee
wollen, ist ein Wahn. Ein ebensolcher Wahn ist es, zu glauben, die
vorlässt.
Russen und wir könnten uns eines schönen Tages höflich zurück-
27
© Kennan, George F. (1982): Memoiren eines Diplomaten, München, S. 264
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M6
Rede des amerikanischen Präsidenten Truman vor beiden Häusern des
Kongresses, 12. März 1947
Es ist eines der Hauptziele der Außenpolitik
der Vereinigten Staaten, Bedingungen zu
schaffen, die es uns und anderen Nationen
ermöglichen, eine Lebensform zu gestalten,
die frei ist von Zwang. Hauptsächlich um diesen Punkt ging es in dem Krieg gegen
Deutschland und Japan. Unser Sieg wurde
über Länder errungen, die versuchten, anderen Nationen ihren Willen und ihre Lebensform aufzuzwingen. […] In jüngster Zeit wurden den Völkern einer Anzahl von Staaten
gegen ihren Willen totalitäre Regierungsformen aufgezwungen. Die Regierung der Vereinigten Staaten hat immer wieder gegen den
Zwang und die Einschüchterungen in Polen,
Rumänien und Bulgarien protestiert, die eine
Verletzung der Vereinbarungen von Jalta darstellen. (…) Zum gegenwärtigen Zeitpunkt
der Weltgeschichte muss fast jede Nation
zwischen alternativen Lebensformen wählen.
Nur zu oft ist diese Wahl nicht frei. Die eine
Lebensform gründet sich auf den Willen der
Mehrheit und ist gekennzeichnet durch freie
M 8 NATO-Gründung am 4 April 1949 in Washington: North Atlantic Treaty Organization (NATO).
Institutionen, repräsentative RegierungsBereits mit dem Brüsseler Vertrag vom 17. März 1948 schlossen sich die westeuropäischen Länder
form, freie Wahlen, Garantien für die persönFrankreich, das Vereinigte Königreich von Großbritannien, die Niederlande, Belgien und Luxemliche Freiheit, Rede- und Religionsfreiheit
burg zu einem Bündnis für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Zusammenarbeit sowie zur kolund Freiheit von politischer Unterdrückung.
lektiven Selbstverteidigung zusammen. Dieses Bündnis war ursprünglich noch als Versicherung
Die andere Lebensform gründet sich auf den
gegen eine eventuelle erneute deutsche Aggression vorgesehen. Mit der Berlin-Blockade und dem
Februarumsturz in der Tschechoslowakei 1948 rückte eine mögliche kommunistische Bedrohung
Willen einer Minderheit, den diese der Mehrdurch den von der Sowjetunion angeführten Ostblock ins Blickfeld.
© dpa, picture alliance
heit gewaltsam aufzwingt. Sie stützt sich auf
Terror und Unterdrückung, auf die Zensur
von Presse und Rundfunk, auf manipulierte
lichen Atlantik haben sie deshalb beschlossen, ihre Bemühungen
Wahlen und auf den Entzug der persönlichen
mit dem Ziel der kollektiven Verteidigung zur Aufrechterhaltung
Freiheiten.
des Friedens und der Sicherheit zu vereinigen und einigen sich daIch glaube, es muss die Politik der Vereinigten Staaten sein, freien
her auf den folgenden nordatlantischen Vertrag.
Völkern beizustehen, die sich der angestrebten Unterwerfung
Artikel 5: Die vertragschließenden Parteien sind sich darüber eidurch bewaffnete Minderheiten oder durch äußeren Druck widernig, dass ein bewaffneter Angriff auf eine oder mehrere von ihnen
setzen. Ich glaube, wir müssen allen freien Völkern helfen, damit
in Europa oder Nordamerika als ein Angriff gegen sie alle betrachsie ihre Geschicke auf ihre eigene Weise selbst bestimmen köntet werden soll, und demzufolge haben sie sich dahin geeinigt,
nen. Unter einem solchen Beistand verstehe ich vor allem wirtdass jede von ihnen im Falle eines solchen bewaffneten Angriffs
schaftliche und finanzielle Hilfe, die die Grundlage für wirtschaftin Ausübung des Rechts auf Selbstverteidigung einzelner oder
liche Stabilität und geordnete politische Verhältnisse bildet. […]
mehrerer Staaten, wie es durch Artikel 51 der Satzung der VereinDie freien Völker der Welt rechnen auf unsere Unterstützung in
ten Nationen anerkannt wird, der Partei oder den Parteien, die
ihrem Kampf um die Freiheit. Wenn wir in unserer Führungsrolle
derart angegriffen werden, beistehen wird, indem sie unverzügzaudern, gefährden wir den Frieden der Welt – und wir schaden
lich, einzeln oder in Übereinstimmung mit anderen Teilnehmern,
mit Sicherheit der Wohlfahrt unserer eigenen Nation.
diejenigen Maßnahmen ergreift, die sie für notwendig hält – ein© nach: Wolfgang Lautemann/Manfred Schlenke (Hrsg.): Die Welt seit 1945, a. a. O., S. 576
schließlich der Anwendung von Waffengewalt –, um die Sicherheit
des nordatlantischen Gebiets wiederherzustellen und aufrechtzuerhalten. (…)
M 7 Die NATO: North Atlantic Treaty Organization (1949)
© nach: W. Lautemann/M. Schlenke (Hrsg.), Die Welt seit 1945, a. a. O., S. 464f. k
Der Nordatlantik-Pakt wurde am 4. April 1949 in Washington von 12
Mächten (Belgien, Kanada, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Island, Italien, Luxemburg, Niederlande, Norwegen, Portugal, Vereinigte
Staaten) unterzeichnet. Griechenland und die Türkei traten dem Pakt am
18. Februar 1952, die Bundesrepublik Deutschland am 9. Mai 1955 bei.
Präambel: Die vertragschließenden Parteien erklären von neuem
ihren Glauben an die Ziele und Grundsätze der Satzung der Vereinten Nationen und ihren Wunsch, mit allen Völkern und allen
Regierungen in Frieden zu leben. Sie sind entschlossen, die Freiheit, das gemeinsame Erbe und die Zivilisation ihrer Völker zu sichern, die sich auf die Grundsätze der Demokratie, der individuellen Freiheit und der Herrschaft des Rechts begründet. Im Streben
nach Förderung der Stabilität und Wohlfahrt im Gebiete des nörd-
M9
Besatzungsstatut zur Abgrenzung der Befugnisse und
Verantwortlichkeiten zwischen der zukünftigen deutschen Regierung und der Alliierten Kontrollbehörde
vom 10. Mai 1949
In Ausübung der obersten Gewalt, welche die Regierungen Frankreichs, der Vereinigten Staaten und des Vereinigten Königreichs
beibehalten, proklamieren wir, […] hiermit gemeinsam das folgende Besatzungsstatut: […] 2. Um sicherzustellen, dass die
Grundziele der Besetzung erreicht werden, bleiben auf folgenden
Gebieten Befugnisse ausdrücklich vorbehalten, einschließlich
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des Rechts, Auskünfte und Statistiken, welche die Besatzungsbehörden benötigen, anzufordern und nachzuprüfen: a) Die Abrüstung und Entmilitarisierung, einschließlich der damit zusammenhängenden Gebiete der wissenschaftlichen Forschung, die
Verbote und Beschränkung der Industrie und die zivile Luftfahrt;
b) die Kontrollen hinsichtlich der Ruhr, die Restitutionen, die Reparationen, die Dekartellisierung, die Entflechtung, die Handelsdiskriminierungen, die ausländischen Interessen in Deutschland
und die Ansprüche gegen Deutschland; c) auswärtige Angelegenheiten, einschließlich internationaler Abkommen, die von
Deutschland oder für Deutschland abgeschlossenen werden; d)
kriegsversprengte Personen (displaced persons) und Zulassung
von Flüchtlingen; e) Schutz, Ansehen und Sicherheit der alliierten
Streitkräfte, Angehörigen, Angestellten und Vertreter, deren Vorrechte, sowie die Deckung der Kosten der Besatzung und ihrer
anderen Anforderungen; f) die Beachtung des Grundgesetzes
und der Länderverfassungen; g) die Kontrolle über den Außenhandel und Devisenverkehr; […] Dem Parlamentarischen Rat in Bonn
mit einer Note übermittelt am 10. April 1949.
© Amtsblatt der Alliierten Hohen Kommission in Deutschland, Nr. 1, S. 13ff.
M 12 Der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher am Rednerpult während einer
M 10 Regierungserklärung des Bundeskanzlers Konrad Adenauer, CDU, vom 20. September 1949
Ich habe eben gesagt, wir wünschen möglichst bald in die Europäische Union aufgenommen zu werden. Wir werden gerne und
freudig an dem großen Ziel dieser Union mitarbeiten. Ich weise
darauf hin, dass wir in unserer Bonner Verfassung im Artikel 24 für
den Bund die Möglichkeit vorgesehen haben, Hoheitsrechte auf
zwischenstaatliche Einrichtungen zu übertragen und sich zur
Wahrung des Friedens im System gegenseitiger kollektiver Sicherheit einzuordnen. Es heißt dann in diesem Artikel weiter: »Der
Bund wird hierbei in die Beschränkungen seiner Hoheitsrechte
einwilligen, die eine friedliche und dauerhafte Ordnung in Europa
und zwischen den Völkern der Welt herbeiführen und sichern.«
Ich glaube, dass unser Grundgesetz damit die fortschrittlichste
aller Verfassungen ist. Wir sind entschlossen, alles zu tun, was in
unserer Kraft steht, um den in diesem Artikel vorgezeichneten
Weg zur Sicherung des Friedens in Europa und in der Welt zu gehen. Wenn ich vom Frieden in der Welt und in Europa spreche,
dann, meine Damen und Herren, muss ich auf die Teilung
Deutschlands zurückkommen. Die Teilung Deutschlands wird eines Tages – das ist unsere feste Überzeugung – wieder verschwinden. (…) Diese Teilung Deutschlands ist durch Spannungen herbeigeführt worden, die zwischen den Siegermächten entstanden
sind. Auch diese Spannungen werden vorübergehen. Wir hoffen,
dass dann der Wiedervereinigung mit unseren Brüdern und
Schwestern in der Ostzone und in Berlin nichts mehr im Wege
steht. […]
© nach: Die großen Regierungserklärungen von Adenauer bis Schmidt. Eingeleitet und kommentiert von Klaus von Beyme, (1979): München/Wien, S. 53–73
M 11 Rede von Kurt Schumacher über die Sozialdemokratie im Kampf um Deutschland und Europa
(Hamburg, 21.–25. Mai 1950):
Verehrte Gäste, liebe Genossinnen und Genossen!
(…) Die (deutsche) Einheit aber, Genossinnen und Genossen, ist
etwas, das weit über die Grenzen der Bundesrepublik hinausgeht;
es umfasst die sowjetische Besatzungszone, Berlin, die Gebiete
östlich der Oder und Neiße und das Saargebiet. (Beifall.) […]
Hier möchte ich eine grundsätzliche Bemerkung machen. Die
heutige Zerreißung Deutschlands ist nicht nur eine nationale
Schwächung der Deutschen. Die Illusion, dass ein geteiltes
Deutschland ein leicht beherrschbares und ungefährliches
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Großkundgebung. Zwischen den Weltkriegen war Schumacher als
Redakteur tätig und vertrat die SPD im württembergischen Landtag
sowie im Reichstag. Politisch verfolgt saß er zwischen 1933 und Kriegsende fast ununterbrochen in Konzentrationslagern. Im Mai 1946 wurde
er von den SPD-Mitgliedern der drei Westzonen zum ersten Vorsitzenden
gewählt. Unermüdlich griff er die Adenauer-Regierung an. Zu seinen
Hauptkritikpunkten zählten die Demontagen, das Saarproblem, der Eintritt in den Europarat, die Bildung der Montanunion sowie – in besonders scharfen Debatten – die Wehrfrage. Er verstarb am 20. August 1952
in Bonn an den Folgen einer akuten Kreislaufstörung
© dpa, picture alliance, Aufnahme um 1948
Deutschland sei, geht allmählich auch bei den Opportunitätspolitikern und bei den Alliierten zurück. Ein geteiltes Deutschland
ist doch ein geteiltes Europa und eine geteilte Welt, mit all den
wunden Stellen und Krankheitsherden, die eine solche Zerreißung mit sich bringt. Die Teilung Deutschlands ist ein Unglück für
Europa und die Welt, und die Einheit Deutschlands ist die Aufgabe
der Demokratie in Europa und der Welt. (Starker Beifall.) Ohne die
berechtigten Ansprüche der Alliierten und der überfallenen und
ausgeplünderten Völker Europas auch nur mit einem Wort bestreiten zu wollen, müssen wir sagen, jetzt kommt allmählich die
Erkenntnis zustande: Eine bloße antideutsche Politik ist eine antieuropäische Politik. (Sehr gut.) […] Die Zugehörigkeit zu Europa
steht für die große Mehrzahl der Deutschen, außer den Kommunisten und extremen Nationalisten, außerhalb jeder Diskussion.
[…] Ja, wir bejahen diesen Staat, in dem wir jetzt leben, als Ausgangspunkt einer höheren nationalen Einheit, und wir bejahen
diese höhere nationale Einheit als Ausgangspunkt für eine noch
höhere internationale Verbindung. (Beifall.) […] Nun sagen unsere
Kritiker, die Sozialdemokratie sei negativ. Jawohl, die Sozialdemokratie hat »Nein« gesagt, aber immer war es zu gleicher Zeit
ein realistisches, positives, durchdachtes »Ja«. Sie hat Nein gesagt zur Oder-Neiße-Linie. (Beifall.) […] Und die Sozialdemokratie
hat Nein gesagt zu dem Ersatz-Europa von Straßburg, unter den
Modalitäten der Heranziehung des Saargebietes. Sie sagte damit
Nein zu allen konservativ-, klerikal-, kapitalistisch-kartellistischen Versuchen, ein Europa zu schaffen, das aus seiner kapitalistischen Struktur und seinem Mangel an Demokratismus und sozialer Potenz ein leichtes Opfer des östlichen Ansturms wäre.
29
© nach: www.endstation-rechts.de/news/kategorie/politik/artikel/die-spd-deutschland-und-europa-auszuege-aus-einer-rede-kurt-schumachers.html
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JOHANNES GIENGER
M 13
Bericht des US-Verteidigungsministers Johnson an den
Nationalen Sicherheitsrat. Washington, 8.6.1950,
Streng geheim!
[…] Am 2. Mai 1950 gaben die Vereinigten Stabschefs die folgende
Stellungnahme zur Deutschlandpolitik ab:
»Die vereinigten Stabschefs sind der festen Überzeugung, dass
aus militärischer Sicht die angemessene und frühe Wiederbewaffnung Westdeutschlands von grundlegender Bedeutung für die
Verteidigung Westeuropas gegen die UdSSR ist. Um sicherzustellen, dass die Arbeitskraft und die Rohstoffe des deutschen Volkes
eine Quelle der konstruktiven Stärke für die freie Welt werden,
anstatt wiederum zu einer Bedrohung – allein oder gar gemeinsam mit der UdSSR-, sollte die gegenwärtige Politik der Abrüstung und Entmilitarisierung im Hinblick auf Westdeutschland
geändert werden. Den Westdeutschen sollte so schnell wie möglich die (…) Gelegenheit gegeben werden, sich an regionalen Vereinbarungen Westeuropas und der Nord-Atlantik-Staaten zu beteiligen.
© nach: Erst-Otto Czempiel, Carl-Christoph Schweitzer (1989): Weltpolitik der USA nach
1945. Einführung und Dokumente. Bonn. S. 115
M 14 Zweite Note der sowjetischen Regierung an die Westmächte über den Friedensvertrag mit Deutschland vom
9. April 1952
30
Im Zusammenhang mit der Note der Regierung der Vereinigten
Staaten vom 25. März dieses Jahres erachtet es die Sowjetregierung für notwendig, folgendes zu erklären: In ihrer Note vom
10. März 1952 hat die Sowjetregierung der Regierung der Vereinigten Staaten sowie den Regierungen Großbritanniens und
Frankreichs vorgeschlagen, unverzüglich die Frage eines Friedensvertrages mit Deutschland zu erörtern, um in unmittelbarer
Zukunft einen vereinbarten Entwurf für einen Friedensvertrag
vorzubereiten. Zur Erleichterung der Vorbereitung des Friedensvertrages hat die Sowjetregierung einen Entwurf der Grundlagen
des Friedensvertrages mit Deutschland unterbreitet und ihr Einverständnis erklärt, auch beliebige andere Vorschläge zu erörtern. Die Sowjetregierung hat dabei den Vorschlag gemacht, dass
der Friedensvertrag unter unmittelbarer Beteiligung Deutschlands, vertreten durch eine gesamtdeutsche Regierung, ausgearbeitet werden soll. In der Note vom 10. März wurde weiterhin vorgesehen, dass die Sowjetunion, die Vereinigten Staaten,
Großbritannien und Frankreich, die Besatzungsfunktionen in
Deutschland ausüben, die Frage der Voraussetzungen für die
möglichst baldige Bildung einer gesamtdeutschen, dem Willen
des deutschen Volkes Ausdruck verleihenden Regierung prüfen
sollen. […] In Übereinstimmung hiermit erachtet es die Sowjetregierung für notwendig, dass die Regierungen der Sowjetunion,
der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und Frankreichs ohne
Verzug die Frage der Durchführung freier gesamtdeutscher Wahlen erörtern, wie sie dies bereits früher vorgeschlagen hat. Die
Anerkennung der Notwendigkeit der Durchführung freier gesamtdeutscher Wahlen durch die Regierungen der Sowjetunion,
der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und Frankreichs schafft
durchaus die Möglichkeit, diese Wahlen in unmittelbarer Zukunft
durchzuführen. […] »Deutschland verpflichtet sich, keinerlei Koalitionen oder Militärbündnisse einzugehen, die sich gegen irgendeinen Staat richten, der mit seinen Streitkräften am Kriege
gegen Deutschland teilgenommen hat.« Die Sowjetregierung ist
der Ansicht, dass ein solcher Vorschlag den Interessen der Mächte,
die Besatzungsfunktionen in Deutschland ausüben, sowie auch
der Nachbarstaaten und gleichermaßen den Interessen Deutschlands selber als eines friedliebenden und demokratischen Staates
entspricht. Ein solcher Vorschlag enthält keine unzulässige Beschränkung der souveränen Rechte des deutschen Staates. Dieser Vorschlag schließt jedoch auch eine Einbeziehung Deutsch-
M 15 DDR-Plakat zur Stalin-Note 1952: Der sowjetische Staats- und Parteichef Stalin hatte den West-Alliierten und der Bundesrepublik Deutschland 1952 angeboten, die deutsche Einigung zu ermöglichen, wenn
Gesamtdeutschland auf eine Wiederbewaffnung verzichten und politische Neutralität im Ost-West-Konflikt akzeptieren würde.
© Bundesarchiv Koblenz
lands in eine gegen irgendeinen friedliebenden Staat gerichtete
Mächtegruppierung aus.
In dem sowjetischen Entwurf eines Friedensvertrages mit Deutschland
heißt es: »Es wird Deutschland gestattet sein, eigene nationale Streitkräfte (Land-, Luft- und Seestreitkräfte) zu besitzen, die für die Verteidigung des Landes notwendig sind.« […] Was die Grenzen Deutschlands
betrifft, so hält die Sowjetregierung die entsprechenden Beschlüsse der
Potsdamer Konferenz, die von der Regierung der Vereinigten Staaten
ebenso wie von den Regierungen der Sowjetunion und Großbritannien
angenommen wurden und denen Frankreich sich anschloss, für vollauf
ausreichend und für endgültig. […]
© nach: Europa-Archiv, 1952, 1, S. 4866f., www.hdg.de/lemo/html/dokumente/
JahreDesAufbausInOstUndWest_schreibenZweiteStalinNote/
M 16
Adenauers Rede vor dem Evangelischen Arbeitskreis
der CDU in Siegen, 16. März 1952
Es gibt drei Möglichkeiten für Deutschland: Den Anschluss an den
Westen, Anschluss an den Osten und Neutralisierung. Die Neutralisierung aber bedeutet für uns die Erklärung zum Niemandsland. Damit würden wir zum Objekt und wären kein Subjekt mehr.
Ein Zusammenschluss mit dem Osten aber kommt für uns wegen
der völligen Verschiedenheit der Weltanschauungen nicht in
Frage […] Die Sowjetnote schlägt vor, dass eine gesamtdeutsche
Regierung geschaffen wird. Eine gesamtdeutsche Regierung
kann aber nur geschaffen werden auf Grund gesamtdeutscher
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und freier Wahlen! Morgen wird die UNO-Kommission, die die Voraussetzungen für die Abhaltung freier Wahlen bei uns und in der
Sowjetzone prüfen soll, in Bonn eintreffen. Ich habe den dringenden Wunsch, dass die Sowjetregierung gefragt wird: »Wirst du
bereit sein, die UNO-Kommission in der Sowjetzone und in Berlin
zuzulassen?« Aus der Antwort hierauf wird man seine Schlüsse ziehen können […] Und nun lassen Sie mich noch ein Wort zu dieser
Sowjetnote sagen: Im Grunde genommen bringt sie wenig Neues.
Abgesehen von einem starken nationalistischen Einschlag will sie
die Neutralisierung Deutschlands und sie will den Fortschritt in
der Schaffung der europäischen Verteidigungsgemeinschaft und
in der Integrität von Europa verhindern. Es soll sich aber kein
Deutscher dadurch täuschen lassen, dass die Sowjetregierung einem Gesamtdeutschland eine eigene Wehrmacht zubilligen wird.
Seit 1940 ist die Entwicklung in der Waffentechnik so ungeheuer
fortgeschritten, dass Deutschland gar nicht in der Lage ist, die
Einheiten einer Wehrmacht mit modernen Waffen auszustatten.
Es ist dazu nicht in der Lage, weil ihm die nötigen Fabrikationsund Forschungsstätten fehlen und weil es auch nicht die erforderlichen Geldmittel aufbringen kann. Es gehören ungeheure Summen dazu, auch nur einige Divisionen auszurüsten, Mittel, an die
wir gar nicht denken können, und deshalb ist dieser Teil der sowjetrussischen Note weiter nichts als Papier und sonst gar nichts!
[…] Wir wollen, dass der Westen so stark wird, dass er mit der Sowjetregierung in ein vernünftiges Gespräch kommen kann, und
ich bin fest davon überzeugt, dass diese letzte sowjetrussische
Note ein Beweis hierfür ist. Wenn wir so fortfahren, wenn der
Westen unter Einbeziehung der Vereinigten Staaten so stark ist,
wie er stark sein muss, wenn er stärker ist, als die Sowjetregierung, dann ist der Zeitpunkt gekommen, an dem die Sowjetregierung ihre Ohren öffnen wird. Das Ziel eines vernünftigen Gesprächs zwischen Westen und Osten aber wird sein: Sicherung
des Friedens in Europa, Aufhören von unsinnigen Rüstungen,
Wiedervereinigung Deutschlands in Freiheit und eine Neuordnung im Osten.
© nach: Siegener Zeitung, 17. März 1952. www.konrad-adenauer.de/dokumente/reden/
rede-eak
M 17 Gustav Heinemann, SPD, über Wiederbewaffnung und
Westintegration
Vor allem ist es objektiv widersinnig, die deutsche Einheit durch
Eingliederung Westdeutschlands in den Westblock zu suchen.
Westdeutsche Aufrüstung wird den Eisernen Vorhang dichter
schließen. Die Deutschen in der Sowjetzone haben Kriegs- und
Rüstungsdienst für die Sowjetunion als Antwort auf unsere Eingliederung in den Westblock zu erwarten. Ein Keil wird den anderen
treiben, mit dem Ergebnis, dass eine friedliche Widervereinigung
Deutschlands immer aussichtsloser wird. Und auf der anderen
Seite sollten uns die heute schon unausgesetzt vorgetragenen Besorgnisse der Westmächte, sonderlich Frankreichs, gegenüber
einer zu stark werdenden westdeutschen Bundesrepublik endlich
darüber belehren, dass diese Partner kein Interesse daran haben,
mit uns den Weg zu einem Deutschland zu suchen und zu gehen,
welches auch den deutschen Osten umfassen wird. Auch die Spaltung Deutschlands ist eine Lösung der Deutschlandfrage. Sie ist
es für alle diejenigen, welche bei einer Wiedervereinigung
Deutschlands ihre gegenwärtigen Positionen in Frage gestellt sehen oder gar von vornherein verloren geben müssen. Wenn wir uns
die Befürworter der kleineuropäisch-westdeutschen Lösung daraufhin ansehen, so wird manches sehr nachdenklich machen. Darüber werden auch keine Deklarationen hinwegführen, die etwa
jetzt im Zusammenhang mit einer Eingliederung der Bundesrepublik abgegeben werden. Wir stehen hier vor einer bündigen Alternative: Die Einheit Deutschlands wird nur dann wieder zustande
kommen, wenn sich West- und Ostdeutschland nicht in den Blockbildungen der Weltmächte verlieren.
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M 18 Der Bundestagsabgeordnete Dr. Gustav Heinemann sprach am 19. April
1958 in Frankfurt am Main auf einer Kundgebung der SPD. Rund 4000
Menschen nahmen an der Veranstaltung teil, die unter dem Motto
»Atomrüstung ist ein tödliches Experiment« stand. Gustav Heinemann
war 1949–1950 Bundesinnenminister, CDU, 1952 Mitbegründer der GVP
(Gesamtdeutsche Partei). 1957 erfolgte sein Übertritt zur SPD, 1969–
1974 war Heinemann erster Bundespräsident der Bundesrepublik
Deutschland, den die SPD nach 1949 stellte.
© dpa, picture alliance
31
Das andere Argument lautet: Deutschland kann nicht neutral
bleiben, sonst wird es ein Opfer des Bolschewismus. Mit diesem
Argument soll abgefangen werden, dass eine Wiedervereinigung
Deutschlands uns in militärischer Hinsicht zwangsläufig in eine
Mittelstellung zwischen Ost und West bringen wird. (…) Wenn
Westdeutschland nicht aufrüstet, entsteht noch lange kein neutralisiertes Deutschland. Wohl aber werden alle die Gefahren vermieden, welche mit westdeutscher Aufrüstung verbunden sind.
Auch eine gesamtdeutsche Regierung bedeutet noch keine Neutralisierung. Deutschland könnte auch unter einer gesamtdeutschen Regierung zunächst noch ein besetztes Land sein, so wie
Österreich unter einer gesamtösterreichischen Regierung immer
noch ein besetztes Land ist. (…) Erst wenn Deutschland von allen
Besatzungsmächten geräumt wird, entsteht die Frage seines
Schutzes gegen eine Antastung seiner Ordnung oder seines Gebietes. Es muss schon eine große Entspannung des Weltkonfliktes eingetreten sein, ehe die vier Besatzungsmächte sich über
eine gemeinsame Räumung Deutschlands verständigen. Dann
aber sieht ohnehin alles nicht mehr so beängstigend aus wie
heute. (…)
© nach: S Heinemann, G. W., Verfehlte Deutschlandpolitik. Irreführung und Selbsttäuschung. Artikel und Reden. 2. Aufl. Frankfurt/M. 1969, S. 25ff.; zit. nach: Wilmes, H., Materialien zum Kursunterricht Geschichte, 2. Aufl. Köln 1999, S. 340f
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EUROPA NACH 1945
4. Die Sowjetisierung Osteuropas und
Ostdeutschlands
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ls Lenin und die Bolschewiki 1917 die Macht
übernahmen, waren sie davon überzeugt, dass
der im russischen Zarenreich eingetretene revolutionäre Prozess auf die anderen europäischen
Staaten übergreifen und anschließend die ganze
Welt erfassen würde. Die 1920er Jahre zeigten jedoch, dass die Idee einer proletarischen Weltrevolution eine Illusion bleiben sollte. Mehr noch: Das
Gegenteil der von den Bolschewiki verkündeten
Vision trat ein. Zunehmend setzten sich in den
west- und mitteleuropäischen Staaten antikommunistische, rechtsgerichtete Regierungen mit
autoritären und faschistischen Ideologien durch.
Stalin, der die Parole vom »Sozialismus in einem
Land« ausgegeben hatte, ging daher in den dreißiger Jahren zu einer Außenpolitik der »kollektiven
Sicherheit« über und schuf ein Netz von Verträgen,
das die Sowjetunion aus der lange geübten Isolation holen sollte. Auch der von vielen Zeitgenossen
als kaum begreiflich empfundene deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt des Jahres 1939, der zur
Aufteilung Polens und anderer osteuropäischer
Gebiete unter den beiden Diktatoren führte, ist in
diese pragmatisch orientierte Strategie der Friedenssicherung einzuordnen. Der Zweite Weltkrieg,
von Hitler als Vernichtungskrieg gegen den Bolschewismus geplant, gab der Sowjetunion als Siegermacht die Möglichkeit, ihr politisches System
in ganz Ost- und Südosteuropa zu verbreiten und zur
macht aufzusteigen.
Abb. 2 Potsdamer Konferenz der drei Siegermächte des Zweiten Weltkrieges vom 17.7. bis
2.8.1945. Winston Churchill (GB), George Truman (USA, Präsident F. D. Roosevelt war kurz zuvor
gestorben) und Stalin (UdSSR) vor dem Schloss Cecilienhof, dem Konferenzgebäude in Potsdam.
Aufnahme Ende Juli 1945. Später wird Churchill wegen der Wahlen in GB durch Clement Attlee
(Labour-Party) ersetzt.
© dpa, picture alliance
Super-
Abb. 1 »Entwurf für ein Siegerdenkmal«. Karikatur in der Schweizer Illustrierten vom 11.4.1945. Auf dem »Pferd« links Stalin, rechts F. D. Roosevelt und Churchill. Die Schlange trägt die Gesichtszüge von Adolf Hitler. Die Konferenz der drei
Alliierten von Jalta lag gerade erst zwei Monate zurück und die Potsdamer Konferenz fand von Juli bis August 1945 statt.
© René Gilsi, Kantonsbibliothek Vadiana, St. Gallen, ProLitteris, ursprünglich:
Schweizer Illustrierte, 1945
USA und UdSSR: Von der Kooperation zur
Konfrontation
Im März 1946 sprach Winston Churchill, der im Jahr zuvor als Premierminister die britischen Unterhauswahlen verloren hatte, in
seiner berühmt gewordenen Fultoner Rede in den USA zum ersten
Mal öffentlich vom »eisernen Vorhang«, der über dem europäischen Kontinent zwischen Ostsee und Adria niedergegangen sei.
Aus den Staaten der ehemaligen Anti-Hitler-Koalition, den USA,
Großbritannien und der UdSSR waren Gegner geworden, die nun
– jeder auf seine Weise – versuchten, ihren Einfluss in den neu
entstehenden Machtblöcken zu sichern. Russland, so Churchill in
seiner Rede, wolle zwar nicht den Krieg, aber die Ausdehnung seiner Macht und die Verbreitung seiner Doktrin. Bereits kurz nach
Kriegsende prägte man für diesen Zustand den Begriff des »Kalten Krieges«. Dabei waren nicht nur innereuropäische, sondern
auch globale Kräfte wirksam. Als die Sowjetunion versuchte, ihren Einfluss auf Persien, die Türkei und Griechenland auszudehnen und Forderungen nach Stützpunkten im ehemals italienisch
beherrschten Libyen erhob, antwortete Washington mit der
»Containment«-Politik (Eindämmungspolitik), auch bekannt als
Truman-Doktrin. Harry S. Truman hatte nach dem Tod Roosevelts
1945 die US-Präsidentschaft übernommen. Im Gegenzug formulierte Andrei Shdanow, ein ranghoher KPdSU-Funktionär, die
»Zwei-Lager-Theorie«, nach der sich nun auf der Welt zwei feindliche Lager unversöhnlich gegenüberstünden, das »imperialistische und antidemokratische« unter Vorherrschaft der USA und
das »antiimperialistische und demokratische« unter Führung der
Sowjetunion.
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In aller Deutlichkeit zeigte
sich die globale Dimension
des Ost-West-Konflikts in der
von Moskau unterstützten
kommunistischen
Machtübernahme in China im Jahr
1949 und im 1950 beginnenden Koreakrieg. Auch in der
Wirtschaftspolitik taten sich
Gräben auf. Die Sowjetunion
trat dem nach der Konferenz
von Bretton Woods im Juli
1944 gegründeten Internationalen Währungsfonds (IWF)
und der Weltbank nicht bei,
ebenso verweigerte sie 1947
den im Welthandelsabkommen GATT (General Agreement on Tariffs and Trade)
getroffenen Absprachen ihre
Zustimmung. Im selben Jahr
untersagte sie ihren neuen
Verbündeten in Osteuropa,
vor allem Polen und der
Tschechoslowakei, Gelder aus
dem Marshall-Plan, einem
groß angelegten US-Hilfsprogramm zum Wiederaufbau
Abb. 3 Die Sowjetunion und die europäischen »Volksdemokratien«
Europas, anzunehmen. Neben
© 1992 by Hachette Livre, Paris Karte: Rudolf Hungreder, Leinfelden, In: Das europäische Geschichtsbuch. Von den Anfängen bis ins 21. Jahrden machtpolitischen, gab es
hundert. Eine europäische Initiative von Frédéric Delouche. Lizenzausgabe bei bpb , Bonn 2013
für diesen Schritt auch wirtschaftliche Erwägungen: Staren in Polen wie auch in den anderen osteuropäischen Staaten
lin wollte die vollständige Bindung Europas an den Dollarraum und
eine kleine Minderheit, die ihren Einfluss durch die sowjetische
die USA als Wirtschaftsmacht verhindern. Damit war der Umbau
Protektion entscheidend ausweiten konnte. Im Januar 1945 erdes sowjetischen Machtbereichs zu einem eigenen Wirtschaftsklärte sich das Lubliner Komitee in Warschau zur provisorischen
raum vorprogrammiert.
Regierung, die von Moskau auch sogleich anerkannt wurde. In
Ländern wie Ungarn oder Rumänien ging die sowjetische FühSchauplatz Osteuropa: Die Anfänge der
rung wesentlich härter vor, da diese als Bündnispartner Hitlers
Sowjetisierung
am Krieg gegen die UdSSR beteiligt gewesen waren und von Stalin im Gegensatz zu Polen als Feindstaaten betrachtet wurden.
Als sich die »Großen Drei« Roosevelt, Churchill und Stalin zum
Diese Maßnahmen riefen in vielen betroffenen Ländern beersten Mal im Rahmen der Anti-Hitler-Koalition im November
trächtlichen Widerstand hervor, vor allem in Polen. Die polnische
1943 auf der Konferenz von Teheran trafen, gelang es dem sowjeUntergrundarmee, die den deutschen Besatzungstruppen im
tischen Diktator, den weiteren Kriegsverlauf zu seinen Gunsten
Warschauer Aufstand vom Sommer 1944 einen erbitterten Kampf
zu beeinflussen. Er konnte den Plan der Westalliierten, in Südostgeliefert hatte, wandte sich nun gegen die neuen Machthaber.
europa eine zweite Front zu errichten, abwenden. Stattdessen
Die etwa 100.000 Mitglieder der sogenannten Heimatarmee
entschied man sich auf angloamerikanischer Seite für eine Front
kämpften bis Ende der 1940er Jahre gegen die Sowjetarmee, am
in Westeuropa. So erfolgte im Jahr 1944 der Angriff auf Frankreich
Ende jedoch erfolglos. Ähnlich erbitterte Kämpfe gab es im baltiüber die Normandie. Auf der letzten Kriegskonferenz in Potsdam
schen Raum. Ziel der dort agierenden Milizen war es, die durch
legte man in einer bereits von gegenseitigem Misstrauen geprägden Hitler-Stalin-Pakt von 1939 verloren gegangene Unabhängigten Atmosphäre einen gemeinsamen Plan für die weitere Behandkeit wiederzuerlangen, doch auch diese Versuche blieben verlung des Hauptgegners Deutschland fest. Zentral waren die »vier
geblich.
Ds«: Demilitarisierung, Denazifizierung, Dezentralisierung und
Demokratisierung. Doch das in Potsdam beschlossene Programm
Methoden der Sowjetisierung
war ein brüchiger Kompromiss.
Die Westalliierten hatten allen Grund, Stalin zu misstrauen. Die
In ihrem 2013 auf deutsch erschienenen Buch »Der eiserne VorSowjetunion hatte beim Vormarsch der Roten Armee bereits Tathang« beschreibt die amerikanische Historikerin Anne Applesachen geschaffen, die den eigenen politischen Einfluss in den
baum vier Schlüsselelemente, die von der UdSSR in die von der
»befreiten« Gebieten dauerhaft sichern sollten. Sowjetische
Roten Armee besetzten Gebiete »importiert« wurden:
Truppen standen nicht nur in Ost- und Mitteldeutschland, son1. In Zusammenarbeit mit der jeweiligen kommunistischen Pardern auch in Polen, Ungarn, dem Osten Österreichs sowie weiten
tei baute der sowjetische Geheimdienst NKWD eine GeheimTeilen des Balkans. Lediglich die Tschechoslowakei war größtenpolizei nach eigenem Vorbild auf, die – häufig nach vorher erteils unbesetzt geblieben. Bereits im Juli 1944 hatte Stalin bei der
stellten Listen – die politischen Feinde durch Verhaftung,
Befreiung Ostpolens das sogenannte Lubliner Komitee (»KomiDeportation oder Ermordung ausschaltete. Angehörige dieser
tee der nationalen Befreiung«) unter dem Kommunisten BoleGeheimpolizeien übernahmen das Innenministerium und oft
slaw Bierut als neue Regierung Polens anerkannt und damit der
auch das Verteidigungsministerium, also die Schaltstellen der
von den Westalliierten unterstützten polnischen Exilregierung in
staatlich legitimierten Gewalt.
London die Zusammenarbeit verweigert. Die Kommunisten wa-
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Da diese jedoch zur Wahl nicht zugelassen
waren, errang die Volksfront rund neunzig
rund Prozent der Stimmen.
Was waren Stalins Motive?
34
Auch wenn die Kommunistischen Parteien in
keinem europäischen Land über freie Wahlen
an die Macht kamen, konnten sie ihre bei
Kriegsende noch geringe Unterstützung (in
Polen 30.000 Mitglieder bei 35 Millionen Einwohnern) doch deutlich vergrößern. Die in
weiten Bevölkerungskreisen verbreitete Meinung, eine bis 1945 dagewesene Allianz aus
Faschismus und Kapitalismus habe den europäischen Kontinent und das eigene Land in
den Abgrund gestürzt, bildete einen idealen
Nährboden für Forderungen nach Zwangsenteignungen von Wirtschaftsunternehmen
und Großgrundbesitzern.
Abb. 4 1. Mai-Parade 1949 nach dem kommunistischen Staatsstreich in der ČSR 1948
© akg images
Nach Berichten westlicher Diplomaten, die
ihm begegnet waren, besaß Stalin keinerlei
2. In allen besetzten Ländern übergaben die Sowjets einheimiVerständnis für die westliche Form der Demokratie. Für ihn lag die
schen Kommunisten die Kontrolle über die Rundfunkanstal»wahre« Demokratie in der Herrschaft der Werktätigen, also der
ten. Zwar konnten in den meisten osteuropäischen Staaten
Arbeiter und Bauern, ganz im Sinne des orthodoxen Marxismusnoch einige Zeit nach der Besetzung durch die Rote Armee
Leninismus. Auf diese Weise entstand ein neues, in den meisten
nichtkommunistische Zeitungen erscheinen, doch mit dem
Ländern als Volksdemokratie bezeichnetes Politik- und WirtRadio beherrschten die Kommunisten ein Instrument der
schaftsmodell. Als Ende der vierziger Jahre deutlich wurde, dass
Massenbeeinflussung, das in den dreißiger Jahren zu einem
sich diese nun »sozialistisch« gewordenen Staaten mehr und mehr
neuen Leitmedium aufgestiegen war.
zu Abbildern des sowjetischen Stalinismus entwickelten, schlug
3. Gemeinsam behinderten sowjetische und einheimische Komdas Pendel in die andere Richtung aus und es kam zu teilweise
munisten die Arbeit unabhängiger Organisationen. Ihr besonerdbebenartigen Aufständen gegen die als sowjetische
deres Augenmerk galt dabei politischen und kirchlichen JuMarionetten betrachteten Machthaber, so 1953 in der DDR und
gendorganisationen, die wie die politischen Parteien und
unabhängigen Gewerkschaften streng kontrolliert und anschließend verboten wurden. Vielerorts wurden antifaschistische Gruppen, die schon gegen die deutschen Besatzer gekämpft hatten, auf diese Weise zum Objekt einer doppelten
Verfolgung.
4. In vielen von der Roten Armee besetzten Ländern führten die
sowjetischen Behörden ethnische Säuberungen durch, oft in
Zusammenarbeit mit den lokalen kommunistischen Organisationen. Millionen von Deutschen, Polen, Ukrainern und Ungarn mussten ihre oft seit Jahrhunderten angestammten
Wohnsitze verlassen und unter unwürdigen Bedingungen den
Weg in ein ungewisses neues Leben in hunderten Kilometern
Entfernung antreten. Am tiefgreifendsten war der Bevölkerungstransfer, der aus der in Jalta Anfang 1945 beschlossenen
Westverschiebung Polens resultierte: Über sieben Millionen
Deutsche wurden aus den Gebieten östlich von Oder und
Neiße nach Westen zwangsumgesiedelt. Gleichzeitig wurden
etwa 1,5 Millionen Polen aus dem von Stalin annektierten Ostpolen gegen ihren Willen in den Westen Polens umgesiedelt,
zwei Drittel davon in die ehemals deutschen Gebiete (Snyder,
Bloodlands, S 329/ Applebaum, Der Eiserne Vorhang, S. 168).
Teilweise ließen die sowjetischen Besatzer am Anfang noch freie
Wahlen zu. Als klar wurde, dass auf diesem Weg die Macht nicht
zu gewinnen war, ging man andere Wege. In der Tschechoslowakei, wo die KP 1946 nur ein Drittel der Stimmen gewonnen hatte,
zeichnete sich für die 1948 anstehenden Wahlen sogar noch ein
wesentlich schlechteres Ergebnis ab. Um ihre Macht nicht zu verlieren, inszenierte die dortige KP 1948 in Prag einen Staatsstreich.
Im nicht sowjetisch besetzten Jugoslawien gewannen die Kommunisten im November 1945 die Wahlen unter ihrem charismatischen Führer Josip Broz, genannt Tito, die allgemeinen Wahlen
auf insgesamt sehr zweifelhafte Weise: In den Wahllokalen waren
jeweils zwei Urnen aufgestellt, eine für die von den Kommunisten
Abb. 5 »Westalliierte im Stalin-Theater«
© Nebelspalter, Schweiz 1948
beherrschte Volksfront und eine für die oppositionellen Parteien.
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1956 in Ungarn und Polen. In
Rumänien, Bulgarien, der
CSR und Albanien blieb es dagegen ruhig, auch in Jugoslawien, das sich unter Tito seit
1948 aus dem sowjetischen
Machtbereich gelöst hatte
und später zu einer wichtigen
Kraft in der Bewegung der
blockfreien Staaten wurde.
Stalins Motive für die Umgestaltung Osteuropas waren in
erster Linie nicht ideologischer, sondern macht- und
geopolitischer Natur. In einem Gespräch mit einem
amerikanischen Regierungsbeamten sagte er im Mai
1945, Polen sei für Russland
»von lebenswichtigem Interesse«, um es vor künftigen
Invasionen zu schützen. Stalin dachte dabei an eine »geostrategische
Magistrale«,
also eine Art Sicherheitslinie
zwischen West- und Osteuropa.
So entstand, was die Diktion
des Kalten Krieges die »SatelAbb. 6 Karikatur aus Großbritannien zu Stalins Salami-Taktik
litenstaaten« Moskaus und
© Leslie Gilbert Illingworth, GB, Juni 1947, www.llgc.org.uk/illingworth/index_s.htm
die spätere Geschichtsschreibung den cordon sanitaire
der Sowjetunion nannte. Nicht vergessen sollte man in diesem
der Sowjetunion mit dem Ziel, die geplante Wiederaufrüstung
Zusammenhang, dass die Wehrmacht auf ihrem Rückzug an der
Westdeutschlands und seine Integration in ein westliches MilitärOstfront verwüstete Landschaften zurückgelassen hatte – eine
bündnis zu torpedieren, was zur Zurückweisung der Note führte.
Tatsache, die in der westlichen Geschichtsschreibung bisher
Bis auf den heutigen Tag diskutieren Historiker und Publizisten
kaum Beachtung gefunden hat. Zerstört wurden nach den Akten
kontrovers über die Stalinnote. Die Mehrheit geht davon aus, dass
der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse beispielsweise 70.000
Stalins Offerte von taktischen Motiven geleitet und im Grunde
Dörfer und Siedlungen, 32.000 Industrieunternehmen, 65.000 Kinicht ernst gemeint war. Andere Historiker sahen darin dagegen
lometer Eisenbahnlinien und 10.000 Kilometer Hochspannungsein ernsthaftes Angebot und eine frühe Möglichkeit zur deutleitungen. Neben den ungeheuren Menschenverlusten, allein
schen Wiedervereinigung, so etwa Wilfried Loth, der die DDR
rund 20 Millionen Tote auf dem Boden der UdSSR, waren dies
deshalb als Stalins »ungeliebtes Kind« bezeichnet hat.
Kriegsfolgen, die Stalin dazu veranlassten, in den neuen Einflussgebieten Objekte für den eigenen wirtschaftlichen Nutzen zu sehen, zumal in etlichen osteuropäischen Ländern die Wirtschaftsleistung vor dem Krieg höher gewesen war
als in der Sowjetunion.
Jugoslawien, Finnland und Österreich spielten in den geostrategischen Überlegungen
Stalins keine zentrale Rolle, letzteres auch
weil der österreichische Sozialistenführer
und Präsident Karl Renner das Vertrauen Stalins genoss (Stöver, Der Kalte Krieg, S. 50). Im
Falle Österreichs führte dies 1955 zum Staatsvertrag mit den vormaligen Besatzungsmächten und zur anschließenden Erklärung
der »immerwährenden Neutralität« Österreichs, was den Abzug der alliierten Besatzungstruppen zur Folge hatte.
Großes Aufsehen erregte Stalin mit seiner an
die drei Westalliierten gerichteten Note vom
März 1952, in der er vorschlug, alle Besatzungstruppen zurückzuziehen und Deutschland als »einheitlichen Staat« wiederherzustellen (sog. »Stalinnote«). Es sollte eine
eigene Armee bekommen, politisch neutral
Abb. 7 Während einer Demonstration für politische Reformen in Ungarn. Am 23. Oktober 1956 wurde
und damit blockfrei werden. Bundeskanzler
das Stalin-Denkmal am Hosöktere in Budapest gestürzt und über drei Kilometer ins Stadtzentrum
Adenauer und die Westalliierten sahen darin
geschleift.
© E. Smashing, 31.10.1956, akg images
allerdings nur ein politisches Störmanöver
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Abb. 5 »Tarantel«. Satirische Monatsschrift der DDR. DDR-kritisches Satiremagazin. Von 1950–1962 erschienen 124 kostenlose Ausgaben, die in West-Berlin
gedruckt und in die DDR geschmuggelt wurden, wo deren Besitz und Vertrieb
unter Strafe stand, Heft 13, Oktober 1951.
© akg images1
– eine rigorose Entnazifizierung, die einer politischen Säuberung
gleichkam: bis Ende 1946 waren 390.000 ehemalige NSDAP-Mitglieder entlassen bzw. nicht wieder eingestellt worden
Diese und weitere Maßnahmen führten über die von der SED initiierte Volkskongressbewegung am 7. Oktober zur Gründung der
Deutschen Demokratischen Republik. Nachdem die SED ihre
Macht gesichert hatte, setzte allerdings rasch eine weitere Verschärfung des politischen Kurses ein, die zur Übernahme verschiedener Elemente des Sowjetsystems Stalinscher Prägung
führte, etwa der Personenkult, eine doktrinäre Ideologie, der
Aufbau der SED zu einer »Partei neuen Typs«, der konsequente
Einsatz der Justiz als Mittel der politischen Repression, die Fünfjahrespläne, die Kollektivierung der Landwirtschaft und anderes.
So gesehen beschreibt der in der historischen Forschung noch
relativ junge Begriff der »Sowjetisierung« einen zweistufigen Prozess: In der unmittelbaren Nachkriegszeit sicherte sich die Sowjetunion zunächst die politische Hegemonie über die ihr zugefallenen Staaten. In der zweiten Phase ab etwa 1948 gingen die neuen
Machthaber in den sozialistischen Staaten daran, die Verhältnisse
im Innern nach sowjetischem Vorbild umzugestalten. Anne Applebaum beispielsweise verwendet für diese zweite Phase den
Begriff des Hochstalinismus. Ob man bei diesen Veränderungen
von einer durchgängigen »Stalinisierung« nach einheitlichem
Muster sprechen kann, ist jedoch fraglich. In Polen beispielsweise
blieb der Einfluss der katholischen Kirche ungebrochen, auch
fand dort im Agrarwesen keine Kollektivierung statt.
Die Frage, ob sich die Umgestaltung Ostdeutschlands (im Westen
damals noch häufig als »Mitteldeutschland« bezeichnet) in wesentlichen Punkten von der Sowjetisierung in anderen osteuropäischen Staaten unterschied, lässt sich mit einem eingeschränkten
Ja beantworten. Mit der bedingungslosen Kapitulation vom 8.Mai
1945 war auch in der SBZ jegliche Staatlichkeit zusammengebrochen. Die Sowjetische Militäradministration (SMAD) war das zentrale Machtorgan, das eine weitreichende Besatzungspolitik im
Die DDR – ein Sonderfall?
Auch für die Sowjetische Besatzungszone (SBZ) gelten im Wesentlichen die bereits beschriebenen »Schlüsselelemente« der
Sowjetisierung:
– die enge Zusammenarbeit der sowjetischen Militäradministration (SMAD) mit den Männern der »Gruppe Ulbricht«, die den
Kern der früh wieder gegründeten KPD bildeten
– der Zusammenschluss der Parteien im von der KPD dominierten
Antifaschistischen Block im Juli 1945
– der von der KPD erzwungene Zusammenschluss von KPD und
SPD zur SED im April 1946, wobei die SMAD eine zentrale Rolle
spielte
– großflächige Demontagen (ca. 30 Prozent der Industriekapazität) und Überführung von über 200 Unternehmen in sowjetische Aktiengesellschaften (SAG)
– Reformen wie die Bodenreform mit der Enteignung des Großgrundbesitzes der »Kriegsverbrecher und Faschisten« über 100
ha;
– auch die großen Industriebetriebe wurden verstaatlicht und in
VEB (Volkseigene Betriebe) umgewandelt; tatsächlich hatte ein
großer Teil der Unternehmer und Großgrundbesitzer (»Junker«)
mit den Nationalsozialisten kooperiert; Ende 1946 waren nur
noch 40 Prozent der Produktion in privater Hand
– gesellschaftspolitische und kulturelle Reformen, die der Massenmobilisierung dienen sollten, etwa der Gründung der Freien
Deutschen Jugend (FDJ) im Februar 1946;
– SED-Kulturpolitik: prominente Künstler wie Anna Seghers und
Bertolt Brecht ließen sich nach der Rückkehr aus dem Exil in der
SBZ nieder und stellten (zunächst) sich in den Dienst der SEDKulturpolitik
Abb. 6 Zeichnung von Leo Haas. »Wärmster Mantel gegen den kältesten
Krieg«. Ein junger Soldat in Uniform und eine junge Frau unter einem großen
Mantel. Über ihnen schweben zwei alte Männer mit Säcken (Aufschrift: Marshall-Plan, Atlantik-Pakt), aus denen sie Schnee über die beiden schütten. Entstehung vermutlich vor 1950
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Sinne Moskaus betreiben konnte, obwohl sie
keinesfalls allmächtig war. So konnte sie z. B.
auf die Entscheidungen der 1946 gewählten
Landtage nicht direkt Einfluss nehmen, hatte
aber über die engen Kontakte zur SED Möglichkeiten zur politischen Lenkung. Inwieweit
die SED-Führung in diesen Umgestaltungsprozessen eigene Handlungsspielräume besaß oder die sowjetischen Vorgaben mehr
oder weniger willenlos befolgte, ist bis heute
schwer zu beurteilen und wird in der Forschung kontrovers diskutiert. Der Begriff
Kommunismus wurde im Gegensatz zu anderen osteuropäischen Staaten, in denen es
kommunistische Parteien gab, von der SED
gemieden, möglicherweise als Reaktion auf
den rigorosen Antikommunismus der NSPropaganda. Auch ließ man andere Parteien
wie die CDU oder LDPD bestehen, doch blieben diese »Blockparteien« in der 1949 gegründeten Nationalen Front politisch unbedeutend. Ihre Aufgabe war es laut späterer
DDR-Verfassung, die Arbeit der SED zu unterstützen. Da viele Mitglieder dieser Blockparteien, teilweise auch ihr Führungspersonal,
nach dem Mauerfall in westdeutsche ParAbb. 7 Arbeiteraufstand in der DDR am 17. Juni 1953 in Ost-Berlin am Potsdamer Platz: Gegen Mittag
teien eintraten und politisch aktiv blieben,
rollten russische Panzer. Die Demonstranten antworteten mit Steinwürfen.
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wurde die Rolle der Blockparteien nach 1989
zum Gegenstand politischer Kontroversen.
Da die SBZ an der Nahtstelle des sich entwiUSA gewesen. Neuere Forschungen, etwa von Donal O›Sullivan
ckelnden Ost-West-Konflikts lag, musste ihr in militärischer Hinoder Gerhard Wettig, sprechen für die Zeit nach 1945 von einer
sicht das besondere Augenmerk der sowjetischen Führung gel»Strategie der vorsichtigen Expansion« und von Vorstellungen eiten. Die Präsenz der Roten Armee war außerhalb der UdSSR
nes »nationalen Wegs zum Sozialismus«, die Stalin angeblich zu
nirgendwo so hoch wie in der SBZ und der späteren DDR (400–
Beginn hegte. Dennoch wird man bei aller Differenzierung nicht
500.000 Soldaten gegenüber z. B. maximal 50.000 in Polen). Wie
an der Feststellung vorbeikommen, dass die UdSSR spätestens ab
wichtig dies war, zeigte die Niederschlagung des Volksaufstandes
1947 »mit großer Entschlossenheit auf das Ziel der totalen Einvervom 17. Juni 1953, der das SED-Regime an den Rand des Umsturleibung der ost-, mittelost- und südosteuropäischen Staatenwelt
zes gebracht hatte. Innerhalb eines Tages traten Hunderttauhingearbeitet hat« (S. Creuzberger/ M. Görtemaker)
sende von Arbeitern in den Streik, zahlreiche Betriebe wurden
besetzt, Büros der SED und der Staatssicherheit (Stasi) gestürmt.
Die Verhängung des Ausnahmezustands und der Aufmarsch sowLiteraturhinweise
jetischer Panzer führten zur Niederschlagung des Aufstands.
Hinzu kam als Besonderheit der ostdeutsch-sowjetischen BezieApplebaum, Anne (2013): Der eiserne Vorhang. Die Unterdrückung Osteurohungen, dass die nach 1945 in der SBZ hergestellten wirtschaftlipas 1944–1956. Lizenzausgabe bpb 2014
chen Verflechtungen mit der sowjetischen Hegemonialmacht bei
keinem anderen osteuropäischen Staat so intensiv waren wie bei
Dülffer, Jost (2004): Europa im Ost-West-Konflikt 1945–1990. Oldenbourg
der DDR. Die DDR blieb wirtschaftlich – und dies nicht nur aufVerlag. München
grund der fehlenden Rohstoffvorkommen – wesentlich stärker
Jarausch, Konrad/ Siegrist, Hannes (Hrsg.), (1997): Amerikanisierung und
von der Sowjetunion abhängig als die anderen sogenannten »reSowjetisierung in Deutschland 1945–1990. Campus Verlag. Frankfurt a. M.
alsozialistischen« Staaten innerhalb des Warschauer Pakts (Militärbündnis) und des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW
O›Sullivan, Donal (2004): Stalins »Cordon sanitaire«. Die sowjetische Osteubzw. Comecon, Wirtschaftsbündnis).
ropapolitik und die Reaktionen des Westens 1939–1949. Schöningh Verlag.
Paderborn
Fazit
Snyder, Timothy (2013): Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin.
Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv). München
Was hier als planvolles Vorgehen der Sowjetunion und mehr oder
minder linearer Prozess dargestellt wurde, gibt keine Antwort auf
die Frage nach der Schuld an der Entstehung der bipolaren Weltordnung nach 1945. In der Ära des Kalten Krieges herrschten im
Westen klare Vorstellungen vom aggressiven und annexionistischen Charakter der Sowjetunion, bis hin zu überspitzten Formulierungen wie der vom »Reich des Bösen« (US-Präsident Reagan,
1983)
Einzelne Historiker wie John Applebaum Williams vertraten in der
Beurteilung der sowjetischen Machtpolitik eine revisionistische
Linie: Die Politik der Sowjetisierung sei lediglich eine Reaktion auf
die ökonomisch-kapitalistische Expansion der Vereinigten Staaten gewesen, Urheber der globalen Polarisierung seien also die
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Steininger, Rolf (2003): Der Kalte Krieg. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt a. M.
Stöver, Bernd (2007): Der Kalte Krieg. Geschichte eines radikalen Zeitalters.
Verlag C. H. Beck. München
Internethinweise
www.bpb.de/izpb/10323/der-beginn-der-bipolaritaet?p=0
www.bpb.de/izpb/181036/kalter-krieg-von-1945-bis-1989
www.bpb.de/izpb/48499/geschichte-der-ddr
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MATERIALIEN
M1
Rede des amerikanischen Präsidenten Truman vor beiden Häusern des Kongresses, 12. März 1947
Es ist eines der Hauptziele der Außenpolitik der Vereinigten Staaten, Bedingungen zu schaffen, die es uns und anderen Nationen
ermöglichen, eine Lebensform zu gestalten, die frei ist von Zwang.
Hauptsächlich um diesen Punkt ging es in dem Krieg gegen
Deutschland und Japan. Unser Sieg wurde über Länder errungen,
die versuchten, anderen Nationen ihren Willen und ihre Lebensform aufzuzwingen. […]
In jüngster Zeit wurden den Völkern einer Anzahl von Staaten gegen ihren Willen totalitäre Regierungsformen aufgezwungen. Die
Regierung der Vereinigten Staaten hat immer wieder gegen den
Zwang und die Einschüchterungen in Polen, Rumänien und Bulgarien protestiert, die eine Verletzung der Vereinbarungen von
Jalta darstellen. Ich muss auch erwähnen, dass in einer Anzahl von
anderen Ländern ähnliche Entwicklungen vor sich gehen.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt der Weltgeschichte muss fast jede
Nation zwischen alternativen Lebenformen wählen. Nur zu oft ist
diese Wahl nicht frei.
Die eine Lebensform gründet sich auf den Willen der Mehrheit
und ist gekennzeichnet durch freie Institutionen, repräsentative
Regierungsform, freie Wahlen, Garantien für die persönliche Freiheit, Rede- und Religionsfreiheit und Freiheit von politischer Unterdrückung.
Die andere Lebensform gründet sich auf den Willen einer Minderheit, den diese der Mehrheit gewaltsam aufzwingt. Sie stützt sich
auf Terror und Unterdrückung, auf die Zensur von Presse und
Rundfunk, auf manipulierte Wahlen und auf den Entzug der persönlichen Freiheiten.
Ich glaube, es muss die Politik der Vereinigten Staaten sein, freien
Völkern beizustehen, die sich der angestrebten Unterwerfung
durch bewaffnete Minderheiten oder durch äußeren Druck widersetzen. Ich glaube, wir müssen allen freien Völkern helfen, damit
sie ihre Geschicke auf ihre eigene Weise selbst bestimmen können. Unter einem solchen Beistand verstehe ich vor allem wirtschaftliche und finanzielle Hilfe, die die Grundlage für wirtschaftliche Stabilität und geordnete politische Verhältnisse bildet. […]
Die freien Völker der Welt rechnen auf unsere Unterstützung in
ihrem Kampf um die Freiheit. Wenn wir in unserer Führungsrolle
zaudern, gefährden wir den Frieden der Welt – und wir schaden
mit Sicherheit der Wohlfahrt unserer eigenen Nation.
© zit. nach: Wolfgang Lautemann/Manfred Schlenke (Hrsg.), Die Welt seit 1945. München
bsv, S. 576f.
M 2 »Stalin genießt Trumans Thesen in seiner Pfeife« © US-amerikanische Karikatur, 1947, Autor unbekannt, zit. nach http://blog.teachingamericanhistory.org/
category/primary-source-documents/page/8/
M 3 »Bitte, hier einsteigen!«
M4
Rede Shdanows auf der Konferenz der kommunistischen
Parteien Europas, 22. September 1947
Das durch den Zweiten Weltkrieg veränderte Kräfteverhältnis
zwischen der Welt des Kapitalismus und der Welt des Sozialismus
hat die Bedeutung der Außenpolitik des Sowjetstaates noch erhöht und die Maßstäbe seiner außenpolitischen Aktivität erweitert. Die Aufgabe der Sicherung eines gerechten demokratischen
Friedens fasste alle Kräfte des antiimperialistischen und antifaschistischen Lagers zusammen. Auf dieser Grundlage wuchs und
erstarkte die freundschaftliche Zusammenarbeit der UdSSR und
der demokratischen Länder in allen Fragen der Außenpolitik.
Diese Länder und vor allem die Länder der neuen Demokratie, Jugoslawien, Polen, die Tschechoslowakei und Albanien, die eine
große Rolle in dem Befreiungskrieg gegen den Faschismus gespielt haben sowie Bulgarien, Rumänien, Ungarn und zum Teil
auch Finnland, die sich der antifaschistischen Front in der Nachkriegsperiode angeschlossen haben, erwiesen sich als standhafte
Kämpfer für den Frieden, für die Demokratie und für ihre Freiheit
und Unabhängigkeit gegen alle Versuche der USA und Englands,
ihre Entwicklung zurückzudrehen und sie erneut unter das imperialistische Joch zu zwingen. […]
Bereits während des Zweiten Weltkrieges wuchs in England und in
den USA ständig die Aktivitäten der reaktionären Kräfte, die danach strebten, das gemeinsame Vorgehen der alliierten Mächte
zu hintertreiben, den Krieg in die Länge zu ziehen, die UdSSR ausbluten zu lassen und die faschistischen Aggressoren vor einer
vollständigen Zerschmetterung zu retten. Die Sabotierung der
zweiten Front durch die angelsächsischen Imperialisten mit Churchill an der Spitze spiegelte klar diese Tendenz wider, die im
Grunde genommen eine Fortsetzung der »München-Politik« unter
neuen, veränderten Verhältnissen darstellte. Aber solange der
Krieg andauerte, wagten die reaktionären Kreise Englands und
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© E. H. Shepard, 18.6.1947, Punch, GB
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der USA nicht, der Sowjetunion und den demokratischen Ländern mit offenem
Visier entgegenzutreten, weil
sie sich wohl bewusst waren,
dass die Sympathien der
Volksmassen in der ganzen
Welt ungeteilt auf der Seite
der Sowjetunion und der demokratischen Länder waren.
[…]
Bereits im Laufe der Besprechungen auf der Berliner
Konferenz der drei Mächte im
Juli 1945 zeigten die angloamerikanischen Imperialisten, daß sie nicht gewillt waren, die legitimen Interessen
der Sowjetunion und der demokratischen Länder zu berücksichtigen.
© zit. nach: Wolfgang Lautemann/Manfred Schlenke (Hrsg.), Die Welt seit 1945,
a. a. O., S. 156f.
M5
Antikommunistisches
Flugblatt zu einem
Referendum in Polen
Im Jahr 1946 fand in Polen ein
Referendum, also eine Volksabstimmung statt, in dem der polnischen Bevölkerung drei Fragen
vorgelegt wurden. Die Ergebnisse
wurde anschließend zugunsten
der kommunistischen Regierung
gefälscht. Im Vorfeld kursierten
Flugblätter wie dieses:
Polen!
Wollt ihr die weitere Okkupation Polens?
Wollt ihr die sowjetische Armee in den Grenzen Polens?
Wollt ihr, dass Sowjetrussland uns unsere Lebensmittel, unser Vermögen wegnimmt und damit bei uns
M 6 »Werktag zweier Welten« DDR-Plakat aus dem Jahre 1947
© Bundesarchiv Koblenz
Hunger und Teuerung verbreitet?
Wollt ihr, dass die polnische
Intelligenz durch Juden ersetzt wird?
Wenn ihr jedoch eine rechtmäßige Regierung, hervorgegangen
Wollt ihr, dass der polnische Arbeiter der Sklave der sowjetischaus dem Willen des polnischen Volkes, wollt, wenn ihr die Renekommunistisch-jüdischen Machthaber wird?
gaten wissen lassen wollt, dass wir ihrer Politik nicht zustimmen,
Wollt ihr, dass der polnische Bauer keine eigene Meinung über die
dass wir sie nicht anerkennen, weil wir sie nicht gewählt haben
Politik hat, sich keine eigenen Gedanken macht, dass seine Söhne
und sie von Stalin bestimmt wurden, dann antworten wir auf die
die Gefängnisse in Sibirien füllen?
ersten beiden Fragen mit »nein«, auf die dritte mit »ja«, denn die
Wollt ihr, dass in nächster Zukunft Kolchosen gebildet werden?
Westgrenze ist gerecht, und mit einer Zustimmung geben wir die
Wollt ihr Armut und Unterdrückung, die in Sowjetrussland herrOstgrenze nicht auf, verzichten nicht auf Wilno, Lwów, Borysław
schen?
und Pinsk.
Wollt ihr, dass das polnische Volk den Verkauf von Wilno, Lwów,
© Flugblatt, vervielfältigt und verbreitet in der Wojewodschaft Lublin vor dem Referendum
Borysław und Pinsk an die Sowjets bestätigt?
vom Juni 1946. Wojewodschaftsarchiv Lublin, Bestand: Nach der Befreiung herausgegeWollt ihr die Verkäufer, die Renegaten in Person von Bierut,
bene Flugblätter, Signatur 122, Blatt 26, vgl.: /www.herder-institut.de/no_cache/bestaOsóbki, Oymi[e]rski, Minc, ermuntern zum weiteren Verkauf ganz
ende-digitale-angebote/e-publikationen/dokumente-und-materialien/themenmodule/
Polens?
quelle/400/details.html (Abruf: 22.7.2014)
Wollt ihr, dass in der polnischen Armee Sowjets und der NKWD
sind?
Dann stimmt in allen Fragen mit »ja«.
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der sowjetischen Besatzungszone nahmen die Propagandisten
ebenso wenig Bezug wie auf die fortdauernde Existenz der »Sowjetischen Aktiengesellschaften« (SAG) in der DDR.
© Elke Kimmel (2005): Der Marshallplan aus ostdeutscher Perspektive, www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/marshallplan/40077/ostdeutsche-perspektive
M9
M 7 »Ami, go home!« DDR-Kritik am Marshall-Plan, 1947
© Bundesarchiv Koblenz
40
M8
Elke Kimmel (2005): Der Marshall-Plan aus ostdeutscher
Perspektive
In der Sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR folgte die
Bewertung des Marshallplans dem von Moskau diktierten
Schema: Er treibe die Spaltung Deutschlands voran und mache
den Westen zum Opfer des amerikanischen Imperialismus.
Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass sich die wirtschaftliche Situation im Osten Deutschlands durch diesen Schritt verschlechtern würde. Allerdings würde die sowjetische Besatzungszone (SBZ) durch eine engere Bindung an die Sowjetunion, die
»innere Krisen« nicht kenne, diesen Rückschlag auffangen können. Man bedauerte, dass die Geduld in den westlichen Zonen
nicht ausgereicht habe, um den Aufbau in der sowjetischen Besatzungszone abzuwarten. Wenn dieser abgeschlossen worden
wäre, hätte man dem Westen gerne helfen können. Die erzwungene einstimmige Ablehnung des Marshallplans durch die osteuropäischen Staaten wurde in der ostdeutschen Propaganda als
Bestätigung dafür aufgefasst, dass der Plan keine andere Haltung
verdient habe. Zitiert wurde auch die Kritik Molotows an der fehlenden Genauigkeit des Angebots.
Tatsächlich schreckte man bei der Verurteilung des Marshallplans
auch vor antisemitischen Anspielungen nicht zurück: Dessen
geistige Väter seien in der »Finanzplutokratie der Wallstreet« zu
suchen. In der ostdeutschen Argumentation war auch die Teilung
Deutschlands vor allem aus den wirtschaftlichen Eigeninteressen
der USA zu verstehen: Man wolle die westdeutsche Grundstoffindustrie für den eigenen Markt ausnutzen. Das Potsdamer Abkommen habe Deutschland vor eben jener Ausbeutung schützen sollen; allerdings sei der sowjetische Einspruch übergangen worden.
Zudem benötige die USA Westdeutschland als Aufmarschgebiet
für die eigenen Truppen. Auf die fortgesetzten Demontagen in
Die Historikerin Anne Applebaum über die Verbreitung
kommunistischen Gedankenguts über den Rundfunk in
der Sowjetisch Besetzten Zone (SBZ):
Der vielleicht bekannteste Versuch, den Zuhörern den Kommunismus schmackhaft zu machen, war Markus Wolfs1 Sendung »Sie
fragen – Wir antworten«. Mehrere Monate lang beantwortete
Wolf ab 1945 Briefe der Hörer im Radio². Obwohl die Fragen eine
gewaltige Zahl von Themen betrafen und oft Sachantworten erforderten (»Was soll aus dem Berliner Zoo werden«?), gab er den
Antworten meist eine ideologische Tendenz, wie er es in der Komintern-Schule in Ufa gelernt hatte. In der Sendung vom 7. Juni reagierte er zum Beispiel begeistert auf einen Hörer, der schrieb,
wie beeindruckt er von Tatkraft und Geist der Roten Armee sei,
besonders weil ihm immer beigebracht worden sei, Leistungen
würden in der UdSSR nicht gewürdigt. Wolf erklärte, alle, die das
Märchen von der Gleichmacherei in der UdSSR glaubten, seien
Goebbels› Propaganda aufgesessen, und lobte das Sowjetsystem, das die Kreativität des Arbeiters fördere. […]
Wolf lobte den Kommunismus selten direkt, und er bediente sich
nicht aus dem marxistischen Vokabular. Fast immer aber lobte er
die Rote Armee oder das Sowjetsystem, die er positiv mit ihren
deutschen Entsprechungen verglich. Und seine Antworten auf die
Hörerfragen enthielten das explizite Versprechen, das Leben, das
unter den Nazis und in den letzten Kriegstagen unerträglich gewesen sei, werde sich nun rasch verbessern.
Andere Sendungen verfolgten eine ähnliche Methode. Ende 1945
besuchte ein Reporter Sachsen, um die Lage der dortigen Jugend
zu untersuchen und fand viele ermutigende Entwicklungen. Mehrere frühere Hitlerjungen sagten ihm, sie freuten sich, ihre Führer
nicht mehr grüßen zu müssen. Alle äußerten sich dankbar dafür,
dass der Krieg zu Ende war. Die Schulen waren noch nicht wieder
offen, und es gab viele Härten, aber der Reporter sagte »eine freie
und schöne Zukunft für unsere Jugend« voraus. Das Wort »Kommunismus« kam nicht vor. Ein anderer Reporter besuchte Sachsenhausen und gab eine erschütternde Schilderung der letzten
Tage des Lagers. Obwohl der Roten Armee am Schluss ausführlich
gedankt wurde, war auch an dieser Sendung nichts besonders
Ideologisches.
Mit der Zeit aber änderte sich der Ton. Nach den Berliner Kommunalwahlen 1946 – die den Kommunisten den ersten schweren
Schlag versetzten – wurde die Propaganda offensiver, die kommunistischen Sympathien der Sprecher deutlicher. Dieser Wandel
wurde von den Hörern sofort bemerkt und spiegelte sich in den
Briefen wider. 1947 schrieb ein Hörer, das »liebe Radio« werde allmählich langweilig, und die Abendsendungen fingen an, sich zu
wiederholen. Ein anderer beschwerte sich über die Schärfe der
Sprache, man könnte meinen, Radio Moskau zu hören.
1 Markus Wolf (1923–2006) hatte als Kommunist während des Dritten
Reiches im Exil in Moskau gelebt. Später wurde er als Chef der Auslandsspionage einer der höchsten Funktionäre im Ministerium für Staatssicherheit der DDR (Stasi)
2 Der »Berliner Rundfunk« sendete aus den weitgehend unzerstörten Einrichtungen des alten »Reichsrundfunks« im Ostsektor Berlins
© Anne Applebaum (2014): Der eiserne Vorhang. Bonn, S. 221ff.; Siedler Verlag, Random
House Verlagsgruppe
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M 10 Matthias Helle: Nachkriegsjahre in der Provinz
In seiner 2008 erschienenen Dissertation »Nachkriegsjahre in der Provinz« untersucht Matthias Helle die Vorgänge im brandenburgischen
Landkreis Zauch-Belzig zwischen 1945 und 1952. Er beschreibt dort das
politische Wirken der SMAD, das repräsentativ für das Vorgehen der sowjetischen Besatzungsmacht gewesen sein dürfte:
Die Bilanz der Sowjetischen Militäradministration ist zwiespältig.
Sie bildete […] faktisch die erste zentrale Regierungsinstitution
im östlichen Nachkriegsdeutschland, ermöglichte schon früh
Parteigründungen sowie die Wahlen von 1946, die trotz Einschränkungen der Bevölkerung die Chance zur politischen Willensäußerung gaben. Die Sowjets waren indes (Mit-)initiatoren
der radikalen gesellschaftlich-politischen Transformation in der
SBZ, wie sie auch die (Mit-)Verantwortung für die Aufrichtung einer stalinistisch-kommunistischen Diktatur im östlichen Deutschland trugen. Die Organe der Militärverwaltung unterstützten das
Wiederingangsetzen des Wirtschaftslebens Ostdeutschlands
und die Sicherung eines Mindestlebensstandards für die deutsche Bevölkerung. Sie sorgten ebenso im Bunde mit der KPD/SED
für den rigorosen Umsturz der ökonomischen Besitzverhältnisse
in der SBZ. Und SMAD-Offiziere überwachten die Reparationsleistungen, mit denen die unermesslichen Kriegsschäden in der
Sowjetunion wiedergutgemacht werden sollten, die indes zu einer regelrechten wirtschaftlichen Ausplünderung Ostdeutschlands ausuferten. […] Die KPD/SED genoss bei der Besatzungsmacht eine Sonderstellung, waren doch die politischen Offiziere
der Sowjetarmee allesamt KPdSU-Mitglieder, und die deutschen
Kommunisten Brüder im (politisch-ideologischen) Geiste. Anfänglich bemühte sich die Kreiskommandantur zwar, allen Parteien gegenüber eine scheinbare Gleichbehandlung an den Tag zu
legen. […] Doch die Maskerade fiel sehr schnell. […] In den letzten
Monaten des Jahres 1945 verzögerten die Kommandanturoffiziere mit bürokratischen Mitteln den Aufbau des liberaldemokratischen Kreisverbandes Zauch-Belzig. Während der Vereinigungskampagne von KPD und SPD scheute die Kreiskommandantur
nicht davor zurück, massiven Druck auf die Fusionsgegner in den
Reihen der Sozialdemokraten, aber auch Kommunisten, auszuüben. Und nach den Kommunalwahlen 1946 versagte ihre politische Abteilung verschiedenen Bürgermeisterkandidaten von CDU
und LDP in Zauch-Belzig die für den Amtsantritt notwendige Bestätigung. An deren Stelle kamen dann in der Regel SED-Leute auf
die Bürgermeisterposten, obwohl die Einheitspartei in den betreffenden Orten die Kommunalwahl nicht gewonnen hatte.
© Matthias Helle (2008): Nachkriegsjahre in der Provinz. Der brandenburgische Kreis
Zauch-Belzig 1945–1952. Berlin, S. 242 und S. 250ff.
M 12 »Die Sowjetunion wünscht in ihren Nachbarstaaten Regierungen, die ihr
freundschaftlich gesinnt sind!«
© Nebelspalter, Schweiz April 1946
41
schöne Wahrheit über die menschliche Natur: Wenn genügend
Menschen ausreichend entschlossen sind und über ein entsprechendes Maß an Ressourcen und Gewalt verfügen, können sie
uralte und scheinbar dauerhafte politische, religiöse, Rechts- und
Bildungseinrichtungen zerstören, und das manchmal für immer.
Und wenn die Zivilgesellschaft in so unterschiedlichen, so alten
und kulturell so reichen Nationen wie denen Osteuropas so stark
zerstört werden konnte, dann kann sie anderswo ähnlich zerstört
werden. Die Geschichte der Nachkriegsstalinisierung beweist zumindest, wie zerbrechlich die Zivilisation tatsächlich sein kann.
© Anne Applebaum, a. a. O., S. 531f.
M 11 Anne Applebaum: Der eiserne Vorhang
Bis 1989 erschien die sowjetische Vorherrschaft über Osteuropa
als ein ausgezeichnetes Vorbild für Möchtegerndiktatoren. Aber
der Totalitarismus funktionierte in Osteuropa nie so, wie er sollte,
und auch sonst nirgends. Keinem der stalinistischen Regime gelang es je, alle Menschen einer Gehirnwäsche zu unterziehen und
damit für immer jede Opposition zu vernichten, und das gilt auch
für Stalins Schüler oder Breschnews Freunde in Asien, Afrika oder
Lateinamerika.
Doch solche Regime können und konnten enormen Schaden anrichten. In ihrem Machtstreben attackierten die Sowjets, ihre osteuropäischen Gefolgsleute und ihre Nachahmer nicht nur politische Gegner, sondern auch Bauern, Priester, Lehrer, Händler,
Journalisten, Schriftsteller, kleine Geschäftsleute, Studenten und
Künstler und dazu die Institutionen, die Menschen über Jahrhunderte aufgebaut und gepflegt hatten. Sie beschädigten, untergruben und vernichteten manchmal Kirchen, Zeitungen, Literatur- und Bildungsvereine, Firmen und Läden, Börsen, Banken,
Sportvereine und Universitäten. Ihr Erfolg offenbart eine un-
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EUROPA NACH 1945
5. Deutschland und Polen: von Hass und
Beziehungslosigkeit bis zu den ersten
Ansätzen einer Verständigung
MANFRED MACK
D
42
er polnische Schriftsteller Leon Kruczkowski schrieb im Jahre 1949: »Eines der
größten Verbrechen des Hitlerfaschismus, welches
keineswegs geringer einzuschätzen ist als die physische Vernichtung von Millionen von Menschen,
bestand darin, dass viele europäische Völker und
darunter besonders die Polen für eine längere Zeit
die Überzeugung gewinnen mussten, die Deutschen seien Verbrecher – alle Deutschen, die gesamte deutsche Nation.« Kruczkowski war
alles andere als ein Deutschenhasser. Er
gehörte zu den wenigen Stimmen in Polen,
die trotz allem, was geschehen war, versuchten, die Deutschen zu verstehen. Im
selben Jahr hatte er ein Theaterstück geschrieben mit dem Titel »Die Deutschen
sind auch Menschen«. Auf Druck der kommunistischen Zensur musste er allerdings
den Titel ändern. Der Politologe Dieter Bingen erinnert zurecht daran (Bingen 2005),
dass es heute kaum noch vorstellbar ist,
vor welch schier unüberwindlichen BarrieAbb. 1 Straßenszene in Warschau unter deutscher Besatzung am 17. Oktober 1939. Am 1. September
ren Deutsche und Polen nach 1945 standen,
1939 hatte der deutsche Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg ausgelöst.
© dpa, picture alliance
als es darum ging, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und auf den Trümmern
des Zweiten Weltkriegs einen Neuanfang zu wagen. Fast
Polen »Sieger des Krieges, aber Verlierer des
sechs Millionen Polen, darunter drei Millionen polnischer
Friedens«
Juden, starben in diesem Krieg, und die Mehrheit von ihnen
starb nicht als Kombattanten bzw. Soldaten, sondern als ZiviUm die damalige Situation in Polen zu verstehen, muss man sich
listen. 1,55 Millionen Polen verloren allein in dem von den
das Paradox vor Augen halten, dass Polen, das das erste Opfer des
Deutschen eingerichteten »Generalgouvernement« ihr Leben,
nationalsozialistischen Krieges war, 1945 zwar zu den Siegern des
250.000 in den ins Deutsche Reich eingegliederten Gebieten.
Krieges gehörte, aber zu den Verlierern des Friedens. In DeutschIngsesamt haben rund 171 von 1000 Polen diesen Krieg nicht
land hat schon 1947 der Publizist Eugen Kogon auf diese »tragiüberlebt. Kein anderes Volk hatte prozentual gesehen höhere
sche Zwangslage« hingewiesen und Polen »einen Siegerstaat
Menschenverluste.
»Deutschenfeindlichkeit« als Lernziel in Polen
nach 1945
Deshalb nimmt es nicht Wunder, dass nach dem Krieg das Sprichwort des polnischen Barockdichters Waclaw Potocki »Solange die
Welt besteht, wird der Deutsche dem Polen kein Bruder sein«
überaus populär war. Das Wort »Deutsche« schrieb man entgegen der polnischen Orthographie mit einem kleinen »d«, im
Schulunterricht war »Deutschenfeindlichkeit« (»antyniemieckosc«) ein eigenständiges Lernziel.
In der unmittelbaren Nachkriegszeit hatten Stimmen, wie die des
Publizisten Jan Osmanczyk, der sich Gedanken darüber machte,
ob es nicht im Interesse Polens sein könnte, trotz der schlimmen
Erfahrungen einen neuen »modus vivendi« mit den Deutschen zu
finden, keine Chance hatte, Gehör zu finden und erbittert bekämpft wurde.
Deutschl and und Polen
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Anzahl der Opfer des Zweiten Weltkriegs
Länder
Pro 1000 Einwohner
Gesamtzahl
Polen
171
6 028 000
Sowjetunion
124
20 000 000
Jugoslawien
108
1 706 000
Deutsches Reich
84
7 260 000
Griechenland
35
558 000
Niederlande
22
200 000
Tschechoslowakei
21
360 000
Frankreich
13
653 000
Großbritannien
8
375 000
USA
1,4
405 000
Abb. 2 Anzahl der Opfer im Zweiten Weltkrieg. Zahlen nach: Borodziej (2000),
S. 102–105
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43
Abb. 3 Zu den Folgen des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf Polen gehörten von Anfang an Zwangsumsiedlungen. Polen wurden ins »Generalgouvernement«
abgeschoben, als Zwangsarbeiter ins Deutsche Reich oder – im Einflussbereich der Sowjetunion – nach Sibirien deportiert. Deutsche wurden als Folge des Hitler-StalinPaktes aus dem Baltikum und aus Südosteuropa in Gebiete umgesiedelt, aus denen zuvor Polen vertrieben worden waren. Die Brutalität, mit der Polen zerschlagen und
geknechtet worden war, kehrte sich am Ende des Krieges gegen die Urheber. Die auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945 beschlossene ›Westverschiebung‹ Polens
bedeutete für Millionen Deutsche in Ostpreußen, Pommern und Schlesien, dass sie ihre Heimat verlassen mussten. Über 1,5 Millionen Polen mussten ihrerseits ihre Heimat in Ostpolen verlassen und wurden in ehemals von Deutschen bewohnten Gebieten angesiedelt. Bei Evakuierung, Flucht und Vertreibung verloren nach Schätzungen
zwischen 400 000 bis zwei Millionen Menschen ihr Leben. Bis heute belastet dieses Thema die deutsch-polnischen Beziehungen.
© Kneip/Mack: Polnische Geschichte und deutsch-polnische Beziehungen, 2007, Cornelsen, Berlin, S. 91
ohne Sieg« genannt und daraus die Schlussfolgerung gezogen,
dass Polen sichere Garantien bräuchte, dass ihm nicht »ein nationalistisches Deutschland voll von Dünkel gegenüber Polen, in den
Rücken fällt«. (zitiert nach Kochanowski (2013), S. 151). Nur wenige
wollten damals diese Botschaft hören, und es sollte bis zum Warschauer Vertrag von 1970 dauern, bis Polen von der Bundesrepublik Deutschland diese Garantien bekam.
Das Dilemma Polens nach Ende des Zweiten Weltkriegs hat der
polnische Historiker Jerzy Holzer sehr eindrücklich beschrieben:
»Das Land stellt sich doch eine Frage, vor die sich kein anderes Land der
damaligen siegreichen Koalition gestellt sieht. Bedeutet der 8. Mai für
uns, die Polen, einen Tag des verdienten Sieges oder der unverdienten
Niederlage? Mit dieser Frage stellen wir uns praktisch außerhalb der
Selbstzufriedenheit Europas, außerhalb seines Bildes über das
20. Jahrhundert.«
Polen als Satelittenstaat der Sowjetunion
Polen wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem »Satellitenstaat« der Sowjetunion, das kommunistische System wurde Polen
aufgezwungen. Die Mehrheit der Polen machte dafür nicht nur die
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Sowjetunion und Stalin, sondern auch den »Verrat der westlichen
Alliierten in Jalta« verantwortlich, als die durch den Hitler-StalinPakt des Jahres 1939 in einem Geheimbündnis beschlossene
»Westverschiebung Polens« nachträglich sanktioniert wurde.
Dass die Nachkriegsordnung Europas gemäß dem Potsdamer Abkommen dennoch zähneknirschend akzeptiert wurde, hatte in
erster Linie mit den Erfahrungen mit den Deutschen während des
Zweiten Weltkriegs zu tun.
Der Historiker Hans-Jürgen Bömelburg schreibt dazu treffend:
»Zugleich lieferte die stets mit den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs in
Verbindung gebrachte »deutsche Bedrohung« das wohl stärkste
Legitimations- und Integrationsargument der volkspolnischen
Herrschaftsstrukturen: Mit Erfolg wurde suggeriert, dass sich dergleichen
nicht wiederholen könne, solange die Sowjetunion die Sicherheit Polens
garantiere. Schließlich eignete sich die Berufung auf die Verluste und
Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs als Alibi für die sozialistische
Mangelwirtschaft.« (Kochanowski (2013), S. 117).
Noch pointierter formuliert dies der polnische Politologe Piotr
Buras: »In den vierziger und fünfziger Jahren konnte es den Anschein haben, als sei die Feindschaft gegenüber den Deutschen gleichbedeutend mit
der polnischen Staatsräson.« (Kochanowski (2013), S. 181).
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wirtschaftliche Festigung der DDR, wie sie Moskau
nun konsequenter verfolgte, sollte nicht zuletzt
mit Hilfe der schlesischen Steinkohle gelingen. Die
polnische Regierung verlangte als Gegenleistung
die Anerkennung ihrer Westgrenze. Am 6. Juli 1950
unterzeichneten die Ministerpräsidenten Otto
Grotewohl und Józef Cyrankiewicz den Görlitzer
Vertrag, der die Oder-Neiße-Linie als „Friedensund Freundschaftsgrenze“ bezeichnete. Dieses
Einvernehmen wurde jedoch von der Bevölkerung
beider Länder fünf Jahre nach Kriegsende noch
längst nicht akzeptiert, die Abneigung und ein
tiefes Misstrauen gegenüber den Deutschen
blieben« (Kochanowski (20013), S. 167f.)
Gegenmaßnahmen zur
antipolnischen Stimmung
in der Bevölkerung
44
Um den antipolnischen Stimmungen in der
Bevölkerung zu begegnen, wurde schon im
August 1948 die »Hellmuth-von-Gerlach-GeAbb. 4 Ein auch in den westlichen Besatzungszonen verbreitetes Plakat machte die Bevölkerung
sellschaft für kulturelle, wirtschaftliche und
auf den ursächlichen Zusammenhang zwischen Vertreibung, Diktatur und Beschlüssen der Alliierten aufpolitische Beziehungen mit dem neuen Pomerksam.
© Druckerei Hempel, Köln, Haus der Geschichte, Bonn
len« begründet. Nach der Unterzeichnung
des Görlitzer Vertrages wuchs die MitgliederReaktionen in West- und Ostdeutschland
zahl auf 60.000 an. Zu den Mitgliedern gehörten auch zahlreiche
»Vertriebene und Flüchtlinge«, die man in der DDR »Umsiedler«
Wie ging man in Deutschland West und Deutschland Ost nach
nannte. Als das Regime merkte, dass die von oben beschlossene
1945 mit den Erfahrungen des Krieges um? Der deutsche Histori»sozialistische Freundschaft« weder bei den Vertriebenen noch
ker Burkhard Olschowsky schreibt hierzu: »Den polnischen
bei der einheimischen Bevölkerung auf Begeisterung stieß, löste
Leidenserfahrungen und ihren Kompensationsbedürfnissen standen die
man die Gesellschaft im Zuge der zunehmenden Stalinisierung
deutschen Kriegserfahrungen unvereinbar gegenüber. Während die Polen
1953 kurzerhand auf und dekretierte die Eingliederung der »Umden Kriegsbeginn und das rassistische Besatzungsregime erinnerten,
siedler« als abgeschlossen. Wer die »Oder-Neiße-Friedensgrenze«
standen für die Deutschen vor allem die Erlebnisse der letzten
fortan kritisierte, wurde als »Feind des Friedens« und als Faschist
Kriegsmonate und die Schrecken der Nachkriegsjahre im Vordergrund. An
kriminalisiert. Wie im Westen, so dauerte es auch im Osten bis
dieser Erfahrung trugen die über zwölf Millionen deutschen Flüchtlinge
zum Beginn der 1960er Jahre, bis sich unabhängig von der staatliund Vertriebenen schwerer und länger als ihre Landsleute, hatten sie doch
chen Politik kirchliche Kreise mit neuen authentischen Initiativen
neben ihrem Besitz auch ihre Heimat und damit einen wichtigen Teil ihrer
zur deutsch-polnischen Verständigung zu Wort meldeten.
Identität verloren. Sie fanden sich nach dem Krieg in fremden Gegenden
wieder, in denen die Einheimischen oft abweisend reagierten und die
Versorgungslage schwierig war.« (Kochanowski (2013), S. 167).
Ähnlich charakterisiert Dieter Bingen die damalige Situation:
»Zweifellos prägten Massenvertreibungen bzw. Zwangsaussiedlung aus
den polnisch verwalteten deutschen Ostprovinzen und der
Territorialverlust, der nach dem Potsdamer Protokoll zugunsten Polens
erfolgt war, die westdeutsche Haltung und Politik gegenüber Polen
weitaus stärker als das Eingeständnis eigener Schuld. Nach dem
Potsdamer Abkommen ließ sich keine repräsentative deutsche Gruppe
ermitteln, welche die Gebiete jenseits von Oder und Neiße völlig verloren
glaubte. Dazu kam in den ersten Jahren der jungen Bundesrepublik eine
breite antikommunistische und antisowjetische Grundstimmung, die auf
das kommunistisch gewordene Polen abfärbte.« (Bingen, 2005).
Auch in der sowjetischen Besatzungszone waren selbst 2005 die
Kommunisten in der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht bereit,
sich mit dem Verlust der östlichen Provinzen abzufinden:
»Um das Negativimage der ‚Russenpartei’ bei den anfänglich freien
Wahlen loszuwerden und mit Rücksicht auf die eigene Basis lehnte die
SED in den ersten Nachkriegsjahren die Oder-Neiße-Grenze ab.
Emotionale Beweggründe wie beim Parteivorsitzenden Wilhelm Pieck,
der aus dem östlichen, jenseits der Oder gelegenen Teil Gubens stammte,
spielten ebenfalls eine Rolle. Zur großen Irritation der polnischen
Regierung ließ Moskau die ostdeutschen Kommunisten in den ersten
beiden Nachkriegsjahren gewähren. Erst die Verschärfung des Kalten
Krieges und die sich abzeichnende Spaltung Deutschlands führten seit der
Abb. 5 Plakat aus der Bundesrepublik – 1950-er Jahre
Jahreswende 1947/48 zu einer Kehrtwendung. Die Sowjetunion als Garant
© Pommersche Landsmannschaft (Hrsg.), Landesgruppe Niedersachsen, Haus der
der polnischen Westgrenze zwang nun die SED und die Polnische Vereinigte
Geschichte, Bonn
Arbeiterpartei (PVAP) zur Zusammenarbeit. Die politische und
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In der westlichen Bundesrepublik gab es keine politische
Partei, die sich in den 1950er
Jahren mit dem Verlust der
ehemaligen deutschen Ostprovinzen abgefunden hätte.
Die Parole »Dreigeteilt niemals« einigte alle gesellschaftlichen und politischen
Strömungen. Als Reaktion auf
den Görlitzer Vertrag von
1950 erklärte die Bundesregierung am 9. Juni 1950 alle
Grenzvereinbarungen
der
»Sowjetzone« für »null und
nichtig«
Bis heute umstritten:
»Charta der
deutschen Heimatvertriebenen«
Ein wichtiges Dokument der
damaligen Zeit war die am
5. August 1950 in Stuttgart
verabschiedete »Charta der
deutschen Heimatvertriebenen«. In diesem Dokument
verzichteten die UnterzeichAbb. 6 Rund 70 000 Heimatvertriebene protestierten am 5. August 1950 vor dem Stuttgarter Neuen Schloss gegen die
ner feierlich »auf Rache und
Abkommen von Jalta und Potsdam wie auch gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie durch die Regierung der Sowjetzone
Vergeltung«. Allerdings ver(DDR). Gleichzeitig wurde die »Charta der Heimatvertriebenen« vor der Öffentlichkeit verkündet.
© picture alliance, dpa
zichteten sie auch darauf, die
deutsche Schuld am Zweiten
Auch Ralph Giordano befand, »die Charta blende die Vorgeschichte der
Weltkrieg offen zu benennen und flüchteten sich in die FormulieVertreibung aus und erwähne nur die nach 1945 vertriebenen Deutschen.«
rung »im Gedenken an das unendliche Leid, welches im besondeBrumlik befand sogar, dass in der Charta »Verleugnung und Verdränren das letzte Jahrzehnt über die Menschheit gebracht hat.«
gung des Nationalsozialismus in geradezu idealtypischer Weise zum AusDas Leid der deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen wird offen
druck kommen«.
angesprochen, dagegen wird das Leid, das Deutsche über andere
Dass die Charta in ihrer Eröffnungssequenz scheinbar großzügig
Völker gebracht haben, nur euphemistisch angedeutet. Bis heute
auf »Rache und Vergeltung ‚verzichte’, sei eine Ungeheuerlichwird darüber gestritten, ob dies eine mutige Geste war, auf Verkeit. Verzichten könne man nämlich nur auf das, was einem rechständigung angelegt, oder ob es eine selbstgefällige, geschichtstens zustehe. Die Charta postuliere einen grundsätzlichen Anblinde Äußerung war, die nur das eigene Leiden anspricht und das
spruch auf Rache und Vergeltung.« Des Weiteren betont Micha
»Recht auf Heimat« proklamiert und die deutsche Verantwortung
Brumlik, »dass etwa ein Drittel der Erstunterzeichner der Charta
für den Zweiten Weltkrieg und die Folgen vollkommen beiseite
überzeugte Nationalsozialisten gewesen seien. Bei diesen handele es sich
schiebt.
vor allem um Funktionäre, die bereits vor der Machtübernahme der
In Äußerungen von Politikern und Historikern kommen diese bis
Nationalsozialisten im so genannten Volkstumskampf tätig gewesen
heute unterschiedlichen Einschätzungen deutlich zum Ausdruck.
seien. […] Die Charta stelle dagegen noch eine im Geist von […]
Aus Anlass des 50. Jahrestages der Charta lobte der damalige
Selbstmitleid und Geschichtsklitterung getragene, ständestaatliche,
Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) die »weitreichende
völkischpolitische Gründungsurkunde dar, in der nichts weniger als die
Bedeutung« der Charta, »weil sie innenpolitisch radikalen Bestrebungen
Absicht beglaubigt wird, die Politik der jungen Bundesrepublik in
den Boden entzog und außenpolitisch einen Kurs der europäischen
Geiselhaft zu nehmen.« (zitiert nach: http://de.wikipedia.org/wiki/Charta_
Einigung unter Einbeziehung unserer mittel- und osteuropäischen
der_deutschen_Heimatvertriebenen).
Nachbarn vorbereitete.“
Zur Diskussion um die Verstrickung einiger Unterzeichner der
Der CDU-Politiker Wolfgang Schäuble äußerte sich 27. August
Charta in das nationalsozialistische System gibt es mittlerweile
2006 in Stuttgart folgendermaßen: »[Die] Charta war damals und ist
eine sehr ausgewogene Studie: Schwartz, Michael (2013): Funktioheute noch ein beeindruckendes Zeugnis menschlicher Größe und
näre mit Vergangenheit.
Lernfähigkeit. Nicht Revanchismus, nicht Niedergeschlagenheit
bestimmen diese Charta, sondern der Glaube an die Zukunft, Europäertum,
christliche Humanität.« (zitiert nach: Wikipedia-Beitrag »Charta der HeiSchwierigkeiten bei der Aufarbeitung
matvertriebenen«.).
Kritisch äußern sich der Wissenschaftler Micha Brumlik und der
Festzuhalten bleibt, dass sich die Deutschen nach 1945 in West
Publizist Ralph Giordano. Micha Brumlik kritisierte, dass im Satz
und in Ost sehr schwer taten, sich der Verantwortung für die Verder Charta, »die Völker der Welt sollen ihre Mitverantwortung am
brechen des Zweiten Weltkriegs zu stellen und die Folgen zu akSchicksal der Heimatvertriebenen als der vom Leid dieser Zeit am
zeptieren und historisch einzuordnen. Im Verhältnis zu Polen war
schwersten Betroffenen empfinden,« behauptet werde, dass die Heidies besonders deutlich. Im Westen Deutschlands beschäftigte
matvertriebenen am schwersten betroffen gewesen seien, noch
man sich nur mit dem eigenen Leid, und eine fatale Verknüpfung
vor den ermordeten Juden, noch vor den Verfolgten in Polen und
von traditionellen antipolnischen Einstellungen, gepaart mit reRussland und noch vor den deutschen Kriegswaisen und -witwen.
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»Zwangsverordnete Freundschaft«
der DDR zu Polen
In der DDR kann man die Situation am besten mit der
Formulierung »Zwangsverordnete Freundschaft«
charakterisieren. Eine Auseinandersetzung mit den
deutschen Verbrechen fand ebenso wenig statt wie
eine Beschäftigung mit dem Schicksal der Flüchtlinge und Vertriebenen. Man flüchtete sich – ideologisch verbrämt – in die angebliche Partnerschaft mit
dem »neuen sozialistischen Polen“» Die historische
Verantwortung für die deutschen Verbrechen schob
man auf den »Nachfolgestaat des Dritten Reiches,
die revanchistische Bundesrepublik« ab.
Neue Ostpolitik bis zum Kniefall
Willy Brandts
46
Geändert hat sich diese Situation erst zu Beginn der
1960er Jahre. Die ersten Anstöße kamen nicht von
der Politik, sondern von gesellschaftlichen, vornehmlich kirchlichen Initiativen und in Westdeutschland auch aus der Wirtschaft. Das erste Dokument
eines »ostpolitischen Umdenkens« markiert das Tübinger Memorandum protestantischer Intellektueller vom 24. Februar 1962, in dem die Anerkennung
der Oder-Neiße-Grenze postuliert wurde. Auf Initiative von Berthold von Beitz wurde am 7. März 1963 ein
deutsch-polnischer Handelsvertrag unterzeichnet.
Im Oktober 1965 wurde in Berlin die Denkschrift der
Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) veröffentlicht mit dem Titel »Die Lage der Vertriebenen und
das Verhältnis des deutschen Volkes zu seinen östlichen Nachbarn«.
Das nächste, eminent wichtige Dokument war der
Brief der polnischen Bischöfe an ihre deutschen
Amtsbrüder vom 18. November 1965 mit dem zentralen Satz »Wir vergeben und bitten um Vergebung«.
Abb. 7 »Deutschland, Deutschland über alles«, Karikatur von Jan Lenica aus Polen im
Die Antwort der deutschen Bischöfe war eher zurückJahre 1951
© VG Bild-Kunst, Bonn 2014
haltend. Für die polnische Seite, die wegen ihres Briefes von den polnischen Kommunisten hart kritisiert
wurde und die auch in der polnischen Gesellschaft
vanchistischen Forderungen und im Zuge des beginnenden Kaldamals kaum auf Verständnis traf, war die Antwort schlicht entten Krieges zwischen Ost und West antikommunistischen Positiotäuschend. Erst das Memorandum des »Bensberger Kreises« von
nen, führten dazu, dass man Polen häufig als »Vertreiberstaat«
prominenten Katholiken aus dem Jahre 1968 ging deutlich über
brandmarkte, die von den Alliierten beschlossenen Grenzverdie Antwort der deutschen Bischöfe hinaus. Als Initiative von Proschiebungen nicht anerkannte und wahrhaben wollte und sich
testanten aus der DDR wurde 1958 die zunächst gesamtdeutsch
einer Diskussion über die deutschen Verbrechen gegenüber Polen
konzipierte »Aktion Sühnezeichen« begründet.
schlichtweg verweigerte.
Wichtige Impulse kamen auch aus dem Bereich der Kultur. StellDie Historikerin Beata Kosmala bilanziert treffend: »Unter dem
vertretend für viele andere Initiativen seien nur die Bemühungen
massiven Einfluss des Bundes der Vertriebenen (BdV) blieb das
des Übersetzer Karl Dedecius genannt, der durch seine Antholowestdeutsche Polenbild in den ersten Jahren von der Ablehnung der Odergien mit Übersetzungen polnischer Autoren (»Leuchtende GräNeiße-Grenze, die stets als Unrecht bezeichnet wurde, geprägt. Polen
ber. Verse gefallener polnischer Dichter« und »Lektion der Stille«)
wurde, wenn überhaupt, als »Vertreiberstaat« und kommunistisches Land
Grundlagen für eine deutsch-polnische Verständigung schuf.
wahrgenommen. In dieser Atmosphäre überdauerten antipolnische
All diese Initiativen waren die Basis für ein Umdenken auch in der
Klischees und Vorurteile in Politik und Gesellschaft. Sie waren nicht nur
Politik, das zur neuen Ostpolitik der sozialliberalen Koalition
Produkte des Kalten Krieges, sondern enthielten Elemente eines negativen
führte und im Dezember 1970 in die Unterzeichnung des WarPolenbildes, das sich im Kaiserreich ( 1871–1918) entwickelt hatte, in der
schauer Vertrages mündete. Legendär war dabei der symbolische
Weimarer Republik (1919–1933) fortdauerte und durch die
Kniefall des Bundeskanzlers Willy Brandt vor dem Denkmal der
nationalsozialistische Propaganda seit März 1939 und besonders seit
Helden des Warschauer Ghettoaufstands. Willy Brandt erhielt
dem Überfall auf Polen im September 1939 hasserfüllt aufgeladen wurde.
nicht zuletzt wegen seiner Verdienst um die West-Ost-AussöhDen Deutschen war jahrelang eingebläut, dass es eine ‚rassische’ und
nung 1972 den Friedneensnobelpreis.
zivilisatorische Kluft zwischen Polen und Deutschen gebe. Auch nach dem
Zweiten Weltkrieg diente die Redewendung ‚polnische Wirtschaft’ in
gehässiger Weise als Erklärung für eine wirtschaftliche und angeblich
zivilisatorische Rückständigkeit Polens.« (Kochanowski (2013), S. 153)
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seinem »Kniefall« die Herzen der intellektuellen Polen und legte damit den Grundstein für die deutsch-polnische Aussöhnung.
Durch seine Geste war es ihm gelungen, Vertrauen in einem Land zu erwecken, in dem die Deutschen während des Zweiten
Weltkrieges sechs Millionen Einwohner, über die Hälfte davon Juden, ausgelöscht hatten. Am selben Tag, der als Wendepunkt
im deutsch-polnischen Verhältnis gilt, unterzeichnete Willy Brandt den Warschauer Vertrag, in dem sich die Bundesrepublik
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www.zeitgeschichte-online.de/thema/online-ressourcen-zur-debatteum-das-zentrum-gegen-vetreibungen-und-zum-diskurs-zum-thema-der
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MATERIALIEN
M1
Jerzy Holzer: »Sieg und Niederlage.
Der polnische achte Mai.«
Für die einen ist es ein Tag des Sieges, des Triumphes der Freiheit, der Gerechtigkeit und
der Demokratie. Für die anderen, die Deutschen, ein Tag der Erinnerung an Irrwege, auf
die sie falsche Propheten führten, Propagandisten von Hass und Verbrechen. Es war also
ein Tag der Niederlage und gleichzeitig ein
Tag der Befreiung von bösen Mächten. Aus
diesem mehr oder weniger einheitlichen europäischen Chor fällt Polen heraus. Das Land
stellt sich doch eine Frage, vor die sich kein
anderes Land der damaligen siegreichen Koalition gestellt sieht: Bedeutet der 8. Mai für
M 2 Deutsches Konzentrations- und NS- Massenvernichtungslager in Auschwitz (Oswiecim) auf polniuns, die Polen, ein Tag des verdienten Sieges
schem Boden. Überlebende Häftlinge am Lagerzaun nach der Befreiung vom nationalsozialistioder der unverdienten Niederlage? Mit dieser
schen Terrorregime durch sowjetische Truppen am 26.1.1945. – Januar 1945.
Frage stellen wir uns praktisch außerhalb der
© dpa, picture -alliance
Selbstzufriedenheit Europas, außerhalb seines Bildes über das 20. Jahrhundert. […] In
der Geschichte des II. Weltkrieges kann man
bezüglich Polens tatsächlich eine sehr weitgehende Besonderheit
Gruppe bestand aus Polen, die das Ende des Krieges in Deutschentdecken. Kein anderes gegen Deutschland oder seine Verbünland erlebten: ehemalige Häftlinge aus Konzentrationslagern,
deten kämpfendes Land befand sich zu Beginn des Krieges unter
Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene. Nur ein Teil von ihnen beeiner doppelten Besetzung: durch Deutschland und UdSSR (dem
fand sich auf bereits von der Koalitionsarmee eingenommenen
späteren Teilnehmer an der siegreichen Koalition). Kein anderes
Gebieten, im Westen oder Osten Deutschlands; einige von ihnen
gegen Deutschland kämpfendes Land war zum Ende des Krieges
wurden erst mit der Kapitulation des Reiches frei. Für alle bedeuvon einer so starken sowjetischen Unterdrückung betroffen:
tete jedoch der 8. Mai der symbolische Augenblick der Freiheit.
Seine Regierung, die die Bevölkerung Polens durch die KriegsViele kehrten zurück, weil sie durch das Ende des Krieges eine
jahre führte, verlor die Macht und ihr wurde von einer ausländiChance zur Rückkehr zu ihren Familien sahen, in ihr Land, zur Arschen Macht ein neues Regierungssystem mitsamt den dazugebeit oder Forschung. Viele andere blieben im Westen und wählten
hörigen Personen aufgezwungen. So betrachtet, kommt man
das Los eines Emigranten, oft als Heimatlose. […] Das besiegte
eher zu der Antwort, dass das Ende des Krieges für uns eine NieDeutschland war der ewige Feind Polens. Die Russen oder auch
derlage und kein Sieg war. […]. Zwei Umstände waren dafür entdie Rote Armee waren Verbündete, slawische Brüder, im letztlich
scheidend, dass die Beendigung des Krieges mit Hoffnung versiegreichen Kampfe. In den Reihen der polnischen Armee im Wesbunden war. Der erste war die Erschöpfung nach sechs Jahren
ten bekamen die negativen Elemente mit dem Ende des Krieges
Krieg. Besonders stark betraf das die aus Warschau vertriebenen
ein bedeutenderes Gewicht. Die amerikanischen und britischen
und in ihrer großen Mehrheit jeglicher Wohnmöglichkeit beraubVerbündeten hatten sie enttäuscht. Die polnischen Soldaten
ten Menschen. Der zweite Umstand war die Verzweiflung über die
mussten eine Entscheidung fällen: Sollten sie zu ihren Familien
westlichen Verbündeten nach den Beschlüssen von Jalta, die die
und Freunden zurückkehren, aber in ein Land, in dem die WirkÄnderung der östlichen Grenzen akzeptierten sowie schwiegen,
lichkeit weit davon entfernt war, wie man sie sich während des
als durch Schaffung von Fakten das kommunistische System geKrieges erhoffte? Oder sollte man in der Emigration bleiben? Befestigt wurde. In ihrer großen Mehrheit wollten die Polen ihre
sonders schwierig war die Entscheidung für die Soldaten, die in
Hoffnung nicht an einen neuen großen Konflikt knüpfen, wie den
den Jahren 1939–41 deportiert wurden und diese Zeit in Lagern
eines III. Weltkrieges. Man verknüpfte so das persönliche wie
verlebten, bis sie die UdSSR mit der Anders-Armee verlassen
auch das nationale Schicksal mit den entstandenen Realitäten.
konnten. Es war für sie auch deshalb so schwierig, weil es für deMan glaubte, dass die Chance zum Wiederaufbau des Landes wie
ren Mehrheit kein Zurück mehr in die Heimat gab, da sie von Poauch wenigstens einer teilweisen Selbstständigkeit bestehe. Man
len abgetrennt worden war. […] Es gibt also nicht die eine, gewartete – wie es in Jalta verabredet worden war – auf die Bildung
meinsame polnische Antwort auf den 8. Mai 1945 und die darauf
der Regierung der Nationalen Einheit, die Garant dieser Selbstfolgenden Tage und Monate, ob das Ende des Krieges eine polniständigkeit sein sollte. […]
sche Niederlage oder einen polnischen Sieg bedeutet. Heute fällt
Für die Polen aus den östlichen Teilen der II. Republik bedeuten
uns die gemeinsame Antwort leichter. Aber einfach ist sie nicht.
weder die Ereignisse von 1944–45 noch die Beendigung des KrieIm Mai 1945 endete ein Krieg, in dem das polnische Volk vor einer
ges die Rückkehr zu einem normalen persönlichen Leben. Im Gedrohenden physischen Ausrottung oder einem Leben als Sklaven
genteil: Diese einige Millionen starke Menschengruppe war in
stand. Die bekannt gewordenen Pläne der Nationalsozialisten
den vorhergehenden Monaten erneuten Repressionen ausgeversichern, dass diese Befürchtungen keine Übertreibung waren.
setzt, die deutlich stärker als in Polen westlich des Bug und der
Unter diesem Aspekt war das Ende des Krieges ein Sieg. Trotz der
San waren. In ihrer übergroßen Mehrheit sahen sie ihre unsichere
ungeheuren Verluste ging Polen aus dem Krieg verkleinert hervor,
Zukunft in einer faktischen Zwangsumsiedlung, die die Aufgabe
mit neuen, ihm aufgezwungenen Grenzen, die perspektivisch den
ihrer Häuser und der Heimat bedeutete. Schon Ende 1944 begann
Verlust der Heimat und eines bedeutenden Teils des Hab und Gudie Organisierung dieser Umsiedlungen. […] Das Ende des Krietes von Millionen Menschen bedeuteten. Vor allem aber bedeuges eröffnete eine schmerzhafte Perspektive, aber doch eine, die
tete dies, vom Kreml abhängig zu sein.
Hoffnung für die Zukunft geben konnte: Man bekam die Chance
© aus: Tygodnik Powszechny Nr. 19 (2013) v. 8. Mai 2005, S. 11–12. www.polen-news.de/
auf eine Wohnung und für ein friedliches Leben in den Westgebiepuw/puw74-01.html. Übers. von Wulf Schade
ten, die Polen angeschlossen worden waren. […] Eine andere
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Jan Osmanczyk: Anliegen der Polen (1946)
»Fünfzehn Monate nach Beendigung des verbrecherischen deutschen Krieges ist
klar, dass sich der Hass und
die Verachtung für das deutsche Volk in der Welt nicht
werden halten können. Unausweichlich nähern wir uns
dem Tag, an dem man das
deutsche Volk, inmitten rauschender, edler, rührender
Bekundungen, wie ein verirrtes Schäflein in die Weltvölkerfamilie wiederaufnehmen
wird. […] Machen wir uns
nichts vor, Brüder Polens: das
viele Dutzend Millionen Menschen zählende deutsche
Volk mitten in Europa wird
nicht für alle Ewigkeit oder
auch nur für zwanzig Jahre
wie eine Leprakolonie behanM 5 »Versöhnung vor Rechtsanspruch!« Aufruf zur Versöhnung. Evangelische und katholische Theologiestudenten demonsdelt werden, von der sich die
trierten 1966 am Rande einer Kundgebung von Vertriebenen.
© KNA-Bild Frankfurt/Main
Welt mit Abscheu abwendet.
Zu viele Interessen treffen in
diesem Teil Europas aufeinnisse ist immer noch groß und wird vermehrt durch das so geander, um einen solchen Zustand auch nur ein paar Jahre lang
nannte »heiße Eisen« dieser Nachbarschaft; die polnische Westaufrecht zu erhalten. Dort wo es Interessen gibt, entsteht auch
grenze an Oder und Neiße ist, wie wir wohl verstehen, für
sehr schnell der Wille zur Zusammenarbeit. […] Der künftige StreDeutschland eine äußerst bittere Frucht des letzten Massenversemann wird keine deutsche Minderheit, keine deutsche Industnichtungskrieges – zusammen mit dem Leid der Millionen von
rie mehr in Polen haben, die er der Welt jeden Tag von neuem als
Flüchtlingen und vertriebenen Deutschen (auf interalliierten
eine historische Tatsache würde präsentieren können. Wir sind
Befehl der Siegermächte – Potsdam 1945! – geschehen).
keine siamesischen Zwillinge mehr. Eine Amputation hat stattgeEin großer Teil der Bevölkerung hatte diese Gebiete aus Furcht vor
funden, deren Anblick schmerzhaft gewesen ist für die Welt im
der russischen Front verlassen und war nach dem Westen geAugenblick der Operation, der Aussiedlung der Deutschen aus
flüchtet. Für unser Vaterland, das aus dem Massenmorden nicht
Polen, aber später nicht mehr […]. Wenn Deutschland stark sein
als Siegerstaat, sondern bis zum Äußersten geschwächt hervorwill, dann muss es normal sein. Jede deutsche Regierung muss
ging, ist es eine Existenzfrage (keine Frage »größeren Lebensrausich also darum bemühen, dass alle Deutschen genug zu essen
mes«); es sei denn, dass man ein über 30 Millionen-Volk in den
und Wohnraum haben. Notwendigerweise wird sie sich also forengen Korridor eines »Generalgouvernements« von 1939 bis 1945
ciert darum bemühen, dass die deutschen Aussiedler auf dem Gehineinpressen wollte – ohne Westgebiete; aber auch ohne Ostgebiet des Vierten Reiches Wurzeln schlagen. Wenn wir dreißig
biete, aus denen seit 1945 Millionen von polnischen Menschen in
Jahre lang mit den Deutschen im Frieden durchhalten, dann wird
die „Potsdamer Westgebiete“ hinüberströmen mussten. […]
den Deutschen nichts anderes übrig bleiben, als sich mit der
Seid uns wegen dieser Aufzählung dessen, was […] geschehen ist,
Grenze an Oder und Neiße ein für allemal zu versöhnen.«
liebe deutsche Brüder, nicht gram. Es soll weniger eine Anklage
© Jan Osmanczyk: Anliegen der Polen,aus: www.nibis.de/nli1/rechtsx/nlpb/pdf/Europa/Nachals vielmehr eine eigene Rechtfertigung sein! […]
barn/polen.pdf
Und trotz alledem, trotz dieser fast hoffnungslos mit Vergangenheit belasteten Lage, gerade aus dieser Lage heraus, Hochwürdige Brüder, rufen wir Ihnen zu: versuchen wir zu vergessen! Keine
M 4 Brief polnischer Bischöfe, 1965: »Wir gewähren Vergebung
Polemik, kein weiterer kalter Krieg, aber den Anfang eines Diaund bitten um Vergebung«
logs. […] Wenn echter guter Wille beiderseits besteht – und das
ist wohl nicht zu bezweifeln –, dann muss ja ein ernster Dialog
Den Hirtenbrief richteten die polnischen Bischöfe am 18. November 1965,
gelingen und mit der Zeit gute Früchte bringen – trotz allem, trotz
also mitten im Kalten Krieg und im Vorfeld der 1000-Jahrfeier Polens
heißer Eisen. […] In diesem allerchristlichsten und zugleich sehr
1966 (aufgrund des christlichen Hintergrundes der Taufe von Mieszko I.
menschlichen Geist strecken wir unsere Hände zu Ihnen hin in
966 für die kommunistischen Machthaber ein höchst problematisches Juden Bänken des zu Ende gehenden Konzils, gewähren Vergebung
biläum), »an ihre deutschen Brüder in Christi Hirtenamt«. Der Brief ist im
und bitten um Vergebung. Und wenn Sie, deutsche Bischöfe und
Original auf Deutsch verfasst.
Konzilsväter, unsere ausgestreckten Hände brüderlich erfassen,
Nach alledem, was in der Vergangenheit geschehen ist – leider
dann erst können wir wohl mit ruhigem Gewissen in Polen auf
erst in der allerneuesten Vergangenheit –, ist es nicht zu verwunganz christliche Art das Millennium feiern.
dern, dass das ganze polnische Volk unter dem schweren Druck
© nach: Bonn – Warschau. 1945–1991. Die deutsch-polnischen Beziehungen. Analyse und
eines elementaren Sicherheitsbedürfnisses steht und seinen
Dokumentation. Hrsg. von Hans-Adolf Jacobsen, Mieczysław Tomala. Köln: Verlag Wissennächsten Nachbarn im Westen immer noch mit Misstrauen beschaft und Politik 1992, S. 135–142. www.poleninderschule.de/assets/polen-in-dertrachtet. Diese geistige Haltung ist sozusagen unser Generationsschule/downloads/arbeitsblaetter/g-kniefallbrandt-03-AB1.pdf
problem, das, Gott gebe es, bei gutem Willen schwinden wird und
schwinden muss. […] Die Belastung der beiderseitigen Verhält-
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MANFRED MACK
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M 6 Vertreibungsbefehl der polnischen Regierung für Bad Salzbrunn (Niederschlesien) vom 14.7.1945.
© dpa, picture -alliance
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M7
Philipp Ther: »Evakuierung, Flucht und Vertreibung«
»Auch die Geschichtswissenschaft steht vor neuen Aufgaben. Die
erste ist eine stärkere Differenzierung zwischen Flucht und Vertreibung. Letzterer Terminus ist in den vergangenen Jahren zu einem Sammelbegriff für alle Arten von Opferschicksalen gegen
Ende des Zweiten Weltkrieges mutiert. Die Evakuierung durch die
Nationalsozialisten wird darunter ebenso subsumiert wie die
Flucht vor der Roten Armee, die Vertreibung zwischen Kriegsende
und dem Potsdamer Abkommen und die vertraglich sanktionierte
Zwangsaussiedlung nach dem August 1945. Diese Gleichsetzerei
ist schon deshalb fragwürdig, weil sich hinter Flucht und Vertreibung verschiedene Schicksale verbergen. Die Nationalsozialisten
befahlen die Evakuierung in vielen Gebieten zu spät, um die deutsche Zivilbevölkerung zum Durchhalten gegen die heranrückende
Rote Armee zu zwingen. Doch wer rechtzeitig den Weg in den
Westen fand, wie zahlreiche Parteibonzen und Angehörige der
gesellschaftlichen Eliten, kam oft glimpflich davon. Hingegen flohen die Menschen vor der Roten Armee im Hochwinter, was die
meisten Opfer kostete. Schlimm erging es auch den Opfern der
sogenannten »wilden Vertreibung« im Frühjahr 1945, denn an ihnen entlud sich der aufgestaute Hass gegen die ehemaligen Besatzer. Im Vergleich dazu war die vertraglich geregelte Vertreibung nach dem Potsdamer Abkommen stärker durchorganisiert,
vor allem nach zusätzlichen Verträgen zwischen den Siegermächten und den beteiligten Staaten Ostmitteleuropas Anfang 1946.
© aus: Philipp Ther: Der Diskurs um die Vertreibung und die Falle der Erinnerung. In: Thomas Strobel, Robert Maier
Deutschl and und Polen
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Arnulf Baring: »Evakuierung, Flucht und Vertreibung«,
9.2.2006
»Je weniger man Genaues über das geplante »Zentrum gegen Vertreibungen« weiß, desto heftiger kann man streiten. Seit Jahren
melden sich aufgeregte Stimmen zu Wort, die Schlimmes befürchten, falls ein solches Zentrum errichtet werden sollte. Soll es
um ein Mahnmal, eine Gedenkstätte, ein Museum oder um ein
Forschungszentrum gehen? Darf es, ja muss es in Berlin errichtet
werden? Oder wäre ein Ort im Ausland, etwa in Polen, besser?
Breslau wurde genannt. Aber es geht ja nicht nur um das deutschpolnische Geschehen, um die Untaten beider Seiten. Es geht um
das ganze, grausame 20. Jahrhundert. Soll man vielleicht dezentral an verschiedenen Orten, in verschiedenen Ländern der Vertreibungen gedenken? Darf ein solches Vorhaben überhaupt allein vom deutschen »Bund der Vertriebenen« verwirklicht werden,
unter dem Einfluss seiner Vorsitzenden Erika Steinbach? Oder
sollte man seine Hoffnungen auf das »Europäische Netzwerk Erinnerung und Solidarität« mit seinem Sitz in Warschau setzen?
Fragen über Fragen. Hinter [den kritischen Fragen zum Projekt Zentrum gegen Vertreibungen] stand häufig die Befürchtung linker
Kreise, die Veranstalter wollten einseitig nur das Leid darstellen,
das Deutsche am Kriegsende erlitten hätten, ohne im Zusammenhang daran zu erinnern, dass dieses Leid seine Ursache im
von Deutschland entfesselten Zweiten Weltkrieg gehabt habe.
Mit Hohn und Spott wurde immer wieder das doch verständliche,
berechtigte Anliegen lächerlich gemacht, der zwei Millionen
deutscher Frauen, Kinder und Greise zu gedenken, die in der
Schlussphase des Weltkriegs elend zu Tode gekommen sind. Achselzuckend vergisst oder verdrängt man gern das Leiden jener 14
Millionen Landsleute, die aus ihrer Heimat vertrieben, millionenfach vergewaltigt und verschleppt worden sind.
Ich habe diese Gefühllosigkeit, diese Hartherzigkeit immer unbegreiflich gefunden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendwer
in der weiten Welt uns die Trauer über ermordete Juden, Polen,
Russen, Roma, Sinti und andere glaubt, wenn wir uns gleichzeitig
emotionslos den Schmerz um die eigenen Toten verbieten.
Ich habe den Verdacht immer geradezu als infam empfunden, es
gehe den Befürwortern des Zentrums um eine Relativierung, ja
gar Leugnung der historischen Zusammenhänge, in deren Folge
es zur Massenaustreibung der Deutschen kam. Denn von Anfang
an stand ja fest, dass es nicht um ein Zentrum gegen Vertreibung,
also einen ausschließlich auf Deutsche bezogenen Erinnerungsort gehen solle, sondern um ein »Zentrum gegen Vertreibungen«,
um den breit angelegten Versuch also, das vergangene Jahrhundert als das Jahrhundert der Vertreibungen vor Augen zu führen.
Die Ausstellung der Stiftung »Zentrum gegen Vertreibungen«
steht denn auch unter der Überschrift: »Das Jahrhundert der Vertreibungen. Flucht und Vertreibung in Europa im 20. Jahrhundert«.
© www.deutschlandradiokultur.de/vertreibungen-im-20-jahrhundert-wie-sollen-wirgedenken.1005.de.html?dram:article_id=157879
M9
Stefan Dietrich: »Besinnungsprozesse kann man nicht
beschleunigen. Sie müssen reifen.« 9.2.2008
Vom Auschwitz-Prozess, in dem der Holocaust erstmals in seiner
ganzen Unfassbarkeit zur Sprache kam, bis zur Errichtung eines
Mahnmals für die ermordeten Juden Europas in der Mitte der
Hauptstadt vergingen vierzig Jahre. Hat das zu lang gedauert? Am
Ergebnis gemessen, nicht. Unabhängig davon, wie gelungen man
es findet, war es eine unerhörte Tat, dem vereinigten Deutschland eine ewige Erinnerung an seinen tiefen Fall ins demokratische Herz einzupflanzen. Einen so revolutionären Besinnungsprozess kann man nur reifen lassen, nicht beschleunigen.
Unangebracht ist aus dem gleichen Grund die Ungeduld, mit der
bisweilen von Polen gefordert wird, sich ebenso schonungslos
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den dunklen Seiten seiner Geschichte zu stellen. Es geschieht, aber bis das, worüber sich
Wissenschaftler schon längst nicht mehr
streiten, zum geistigen Gemeingut wird, vergeht einige Zeit.
Unterdessen stellte der Holocaust in seiner
Monstrosität manches in den Schatten, was
zwar auch erforscht, aber weit weniger im
Bewusstsein der Deutschen präsent ist: den
Vernichtungskrieg im Osten, den Bombenterror der Alliierten, die Zerstückelung
Deutschlands und das Schicksal der Vertriebenen. Der oft unverständlichen Feindseligkeit, die Deutschland in den vergangenen
Jahren aus Polen entgegenschlug, liegt der
unausgesprochene Vorwurf zugrunde, die
Deutschen hätten über der Aufarbeitung ihrer Verbrechen an den Juden vergessen, was
sie dem nichtjüdischen Teil der Polen angetan haben. Der scheinbar nahtlose Übergang
von der Errichtung des Stelenwalds zum Projekt »Zentrum gegen Vertreibungen« ließ eiM 10 Deutschlandhaus, Berlin. Für die Ausstellungs-, Veranstaltungs- und Büroflächen sowie die
nen Verdacht keimen, der selbst einen
Mediathek der »Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung« sind derzeit etwa 3.300 Quadratmeter
Deutschlandfreund und -kenner wie Wladyvorgesehen (2014). www.sfvv.de
© Paul Zinken, dpa, picture alliance
slaw Bartoszewski überwältigte.
Das war der Kern des absurden Vorwurfs, die
Deutschen wollten ihre Geschichte umschreiben und aus Tätern Opfer machen. Wie wenig genügt, um ihn zu
Gerade jene, die sie im Nachhinein sogar als »gerecht« empfinzerstreuen, zeigte in dieser Woche die Entkrampfung des Streits
den, spüren nicht einmal so etwas wie einen Phantomschmerz
über das »sichtbare Zeichen«. Die Bereitschaft der Bundesregienach der Abtrennung des deutschen Ostens. Normal ist diese Unrung, polnische Erinnerungsorte in Berlin aufzuwerten und sich in
empfindlichkeit nicht. Wenn ein Mensch ein Bein verliert, stirbt
Danzig an einem Museum des Zweiten Weltkriegs zu beteiligen,
das Bein, doch der Leidtragende ist der Mensch.
hat die Atmosphäre schlagartig verändert.
Mit dem deutschen Osten ist ein Stück deutscher Identität und
Zuvor hatte auch Deutschland schwer verständliche Signale nach
europäischer Kultur untergegangen, auch ein Vorbild dafür, wie
Polen ausgesandt. Es war unsensibel, die Frage der Rückführung
die Völker in vornationalistischer Zeit miteinander auskamen. Bedeutscher Kulturgüter aus Polen aufzuwerfen, ohne auch nur in
trauern kann das aber nur, wer wenigstens eine Ahnung davon
Nebensätzen zu erwähnen, dass man sich der gezielten Vernichbekommt. Das ist es, was das »sichtbare Zeichen« in Berlin vertung polnischer Kulturgüter durch die deutsche Besatzung bemitteln könnte – und was kein Nachbar fürchten muss.
wusst sei. Und es war unklug, in einer Frage, die nur politisch ge© Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 9.02.2008, S. 1
löst werden kann, juristisch und moralisch zu argumentieren. Die
Moral hat Deutschland hier nicht auf seiner Seite.
Tatsächlich ist in Deutschland aber lange Zeit auch beiseite geM 11 Der polnische Außenminister Władysław Bartoszewski im
schoben worden, welches Leid Hitlers Eroberungswahn und die
Jahre 1995 in einer Rede vor dem Deutschen Bundestag
Rache der Unterworfenen über die eigene Bevölkerung gebracht
hat. Während des Kalten Kriegs war es nicht opportun, über den
»Da man nun über das Schicksal der Aussiedler aus Lemberg und
Bombenterror gegen die Zivilbevölkerung zu sprechen, in Zeiten
Wilna sprechen darf, ist es auch leichter, die menschliche
der Entspannungspolitik wurden die Vertriebenen unbequem.
Dimension des Dramas der Aussiedlungen aus Breslau […] zu
Selbst eine gewiss entspannungsfreundliche Sozialdemokratin
erblicken. […] Ich möchte es offen aussprechen, wir beklagen das
wie Helga Grebing, die Historikerin der deutschen Arbeiterbeweindividuelle Schicksal und die Leiden von unschuldigen Deutschen,
gung, empörte sich 1987 darüber, dass die Art, wie über das
die von den Kriegsfolgen betroffen wurden und ihre Heimat
Schicksal der Heimatvertriebenen hinweggegangen werde, der
verloren haben. […] Als Volk, das vom Krieg besonders heimgesucht
»Unfähigkeit zu trauern« ein weiteres Kapitel hinzufüge.
wurde, haben wir die Tragödie der Zwangsumsiedlungen kennen
Dennoch wurde dieses Thema weitere anderthalb Jahrzehnte lang
gelernt sowie die damit verbundenen Gewalttaten und Verbrechen.
mit dem Argument unter der Decke gehalten, es könne zur AufWir erinnern uns daran, dass davon auch unzählige Menschen der
rechnung und Relativierung deutscher Schuld missbraucht werdeutschen Bevölkerung betroffen waren und dass zu den Tätern
den. In Wirklichkeit waren es die Vertreter dieser These, die durch
auch Polen gehörten. Ich möchte es offen aussprechen, wir
einfaches Aufrechnen alle an Deutschen begangenen Verbrechen
beklagen das individuelle Schicksal und die Leiden von
relativierten. Durchbrochen wurde diese skandalöse Abwehrhalunschuldigen Deutschen, die von den Kriegsfolgen betroffen
tung erst durch die Vertriebenenvorsitzende Steinbach und ihre
wurden und ihre Heimat verloren haben.
Stiftung »Zentrum gegen Vertreibungen«. Provoziert durch die
Reizfigur Steinbach, kam endlich eine Diskussion in Gang.
© Wladyslaw Bartoszewski: »Kein Frieden ohne Freiheit«. Betrachtungen eines Zeitzeugen
Indessen hat auch Frau Steinbachs Stiftungsinitiative zu sehr den
am Ende des Jahrhunderts. Baden-Baden 2000. S. 163–169
Fokus auf die Vertreibungsverbrechen in Europa und auf die
Schicksale ihrer Opfer verengt. Als ob bei solchen Vorgängen nur
die Vertriebenen etwas verlören, die anderen aber nicht. Es ist
auch mehr als sechzig Jahre nach Kriegsende nur wenigen bewusst, dass Hitlers Angriffskrieg nicht nur an Sudetendeutschen
oder Ostpreußen vergolten wurde, sondern am deutschen Volk
als ganzem. Die Strafe war nur nicht für alle gleich schmerzhaft.
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EUROPA NACH 1945
6. »Aus Feinden wurden Freunde«.
Deutsch-französische Beziehungen
von 1945 bis 1963
HENRI MÉNUDIER
A
52
m 7. Mai 1945 wurde die bedingungslose Kapitulation
Deutschlands in Reims und am nächsten Tag in BerlinKarlshorst unterzeichnet. Der arrogante und steife Feldmarschall Wilhelm Keitel ärgerte sich darüber, dass Frankreich,
der »Erzfeind«, der in wenigen Wochen im Juni 1940 besiegt
wurde, nun mit drei anderen Mächten auf der Siegerseite
stand. – Am 22. Januar 1963 unterzeichneten in Paris Staatspräsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer den Vertrag über die deutsch-französische Zusammenarbeit, kurz Elysée-Vertrag oder Freundschaftsvertrag
genannt. Nach diesem feierlichen Akt stand De Gaulle auf,
ging zu Adenauer und umarmte ihn freundlich. Der Kanzler
und alle anwesenden Persönlichkeiten waren überrascht.
Wegen der enormen Belastungen der Jahre 1939 bis 1945 war
der Übergang von Krieg zu Frieden, von der Erzfeindschaft zur
Freundschaft, nicht selbstverständlich. Spitzenpolitiker, Regierungen, viele Verantwortlichen in den verschiedensten Bereichen, einfache Bürger und zahlreiche Organisationen
haben das neue deutsch-französische Verhältnis mitgestaltet. Nach dem furchtbaren Gegeneinander wurde das Miteinander von komplexen politischen, wirtschaftlichen, sozialen
und kulturellen Entwicklungen begleitet. Der internationale
Kontext und ganz besonders der Kalte Krieg und seine häufigen Krisen haben die Annäherung zwischen den westlichen
Völkern gefördert. Der Feind Nummer eins war nicht mehr
Deutschland sondern die Sowjetunion.
Die achtzehn Jahre zwischen 1945 und 1963 lassen sich in drei sehr
unterschiedlichen Phasen einteilen.
– Zwischen 1945 und 1949 bestimmt die Besatzungsmacht Frankreich das deutsch-französische Verhältnis.
– Nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 werden die Grundlagen der Partnerschaft in dem westeuropäischen
Kontext gelegt.
– Die Jahre 1958–1963 (Bündnis De Gaulle – Adenauer) zeigen die
Grenzen und Widersprüche dieser Annäherung, auch wenn sie
vom deutsch-französischen Freundschaftsvertrag gekrönt werden.
Nachkriegszeit, 1945–1949:
Eine schreckliche Bilanz
Die Bilanz des Zweiten Weltkriegs war katastrophal, wobei
Deutschland noch schwerer als Frankreich getroffen wurde. Die
Zahl der militärischen und zivilen Toten, der Vermissten, der Verletzten, der Witwen und Waisen ging in die Millionen. Im Mai 1945
lebten zwangsweise ca. 1,2 Million Franzosen (Kriegsgefangenen,
Fremd- und Zwangsarbeiter, Überlebende der Konzentrationslager, Kollaborateure des Vichy-Regimes von Pétain mit dem III.
Reich) in Deutschland, über 1 Million deutscher Soldaten gerieten
in französischer Gefangenschaft. Darüber hinaus musste das zerbombte und zerstückelte Deutschland Millionen von Flüchtlingen,
Vertriebenen und »Displaced Persons« aufnehmen. Die moralische
Abb. 1 Befreiung von Paris im Zweiten Weltkrieg 1939–1945. Charles de
Gaulle im August 1944 auf den Champs Elysées.
© dpa, picture alliance
Bilanz wurde noch unerträglicher, als der Umfang der industriellen
Vernichtung der Juden wahrgenommen wurde. Die materiellen
Kriegszerstörungen (Häuser, gewerbliche Bauten, Verkehrsanlagen) waren auf beiden Seiten des Rheins erschreckend. Es
herrschte überall Hunger, Not und soziale Härte. Nach drei Kriegen zwischen 1870 und 1945 beherrschten Furcht, Misstrauen und
Hass die Beziehungen zwischen beiden Völkern, auch wenn die
deutschen und französischen Gegner Hitlers sich früh für eine Verständigung engagierten. So viel Elend schuf eine erste menschliche Basis für gegenseitige Verständigung und Annäherung.
»Nie wieder ein deutsches Reich«
General Charles de Gaulle und die Résistance hatten sich mit
Hilfe der Allierten durchgesetzt. Die geschwächte Siegermacht
Frankreich wollte eine harte Deutschlandpolitik verfolgen und
wieder eine führende Rolle in der Europa- und Weltpolitik spielen.
Sie besaß noch ein großes Kolonialreich und als Gründungsmitglied der Vereinten Nationen in New York verfügte sie seit 1945
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(bis heute) über einen permanenten Sitz im Sicherheitsrat.
Frankreich wurde zwar als Besatzungsmacht in Jalta (4.–
11.2.1945) anerkannt, aber in
Potsdam (17.7–2.8.1945) nicht
eingeladen. Deswegen erklärte es sich nicht bereit,
alle Entscheidungen mitzutragen. Es erhielt die kleinste
Besatzungszone im Südwesten, das Saargebiet und den
kleinsten Sektor im nordwestlichen Teil Berlins.
Das Hauptziel der französischen Politik war zunächst die
Zerstückelung und die politische sowie die wirtschaftliche
Schwächung des besiegten
Deutschlands, damit es nie
wieder zu einer Gefahr würde.
Die Anweisung De Gaulles war
eindeutig: »Es soll nie wieder ein
deutsches Reich geben«. Die Industriegebiete im Westen,
und besonders das Ruhrgebiet, sollten abgetrennt werden. Frankreich hätte zudem
Abb. 2 Jubel auf den Straßen in Paris am 24. August 1944. Kurz zuvor waren die alliierten Truppen siegreich in der Noram liebsten einen separaten
mandie gelandet und die deutschen Truppen befanden sich auf dem Rückzug.
© dpa, picture alliance
deutschen Staat westlich des
Rheins gegründet. Es lehnte
mokraten und Europäer gemacht werden. Mit der Verbreitung der
deshalb die in Potsdam geplanten Zentralverwaltungen ab, damit
französischen Kultur und der Durchführung von deutsch-franzökeine starke Zentralregierung in Berlin wieder entstehen könne.
sischen Jugendtreffen ab 1946 glaubte man, dieses Ziel erreichen
Insofern war Frankreich mitverantwortlich für die deutsche Teizu können. Es ging dabei nicht nur um Schüler und Studenten.
lung. Paradoxerweise plädierte das zentralistische Frankreich für
Gleichzeitig wurden junge Arbeiter, Handwerker und Angestellte
eine extreme Föderalisierung Deutschlands. Die französische Beangesprochen.
satzungszone wurde von den anderen Zonen streng abgeschnitFranzösische Kulturinstitute und wissenschaftliche Anstalten
ten. Die Besatzer machten sich zudem unbeliebt, als sie das laïziswurden gegründet, großzügig finanziert über die Besatzungskostische Erziehungssystem mit Zentralabitur und Französisch als
ten, die von deutscher Seite bezahlt werden mussten. Diese Polierster obligatorische Fremdsprache einführen wollten.
tik zeichnete sich durch gegenseitige Toleranz, Vielfalt und Qualität aus, so dass man diese als rundum erfolgreich und populär
betrachten muss.
Die Saarfrage als Zankapfel
Viele Westdeutsche nahmen dieses großzügige Kulturangebot
gern an, da der Kulturtransfer und die Begegnungen zwischen
Bis 1956 vergiftete die sogenannte »Saarfrage« buchstäblich das
beiden Ländern praktisch seit Anfang der dreißger Jahre unterdeutsch-französische Verhältnis. Dieses Grenzgebiet wechselte
brochen war. Es gab viel nachzuholen. So waren z. B. der Philomehrfach seit Ludwig, dem XIV. von Deutschland nach Frankreich
soph Jean-Paul Sartre und der Schriftsteller Albert Camus sehr
und umgekehrt. Die Amerikaner eroberten es 1945 und übergagefragte Autoren und Vortragsreisende in beiden Ländern.
ben es den Franzosen Anfang 1946. Das klare Ziel Frankreichs war
Organisationen der Zivilgesellschaft aus Frankreich und Deutschdabei die wirtschaftliche Einverleibung des Saarlands als Vorleisland warben für offenen Gedankenaustausch, nicht nur über die
tung für die Wiedergutmachung.
traditionelle elitäre Kultur, sondern über alle aktuellen Probleme
Eine Zollgrenze trennte Ende 1946 das Gebiet von den anderen
der Politik, der Wirtschaft und der Gesellschaft.
Teilen der französischen Zone und eine eigene Währung wurde
Der Jesuitenpater Jean du Rivau gründete schon im Sommer 1945
eingeführt. Am 15. Dezember 1947 verabschiedete zudem eine
das »Bureau de Liaison et de Documentation« (BILD), auf deutsch
verfassungsgebende Versammlung eine eigene Verfassung für
»Gesellschaft für übernationale Zusammenarbeit« (GÜZ), und
das Saarland. Damit sollte das Saarland unabhängig von Deutschveröffentlichte die Zeitschrift »Documents und Dokumente«, die
land sein. Die wirtschaftliche Eingliederung wurde Anfang 1948
jeweils über das andere Land und das deutsch-französische Verdurch die Einführung des Francs und eine Zollunion mit Frankhältnis berichtete. BILD bzw. GÜZ und die Zeitschriften existieren
reich vollzogen. Viele Saarländer freuten sich zunächst, weil ihre
heute noch. Es folgte 1948 das »Comité français d’Echanges avec
Lebensbedingungen besser als jene in anderen Teilen Deutschl’Allemagne Nouvelle«, das von dem bekannten Philosophen Emlands waren. Eine scharfe Kritik kam jedoch aus Westdeutschmanuel Mounier gegründet wurde und das den auch in Deutschland, weil diese Politik das Potsdamer Abkommen verletzte.
land geachteten Professor Alfred Grosser zum Generalsekretär
ernannte. Das deutsch-französische Institut in Ludwigsburg, eine
bis heute sehr geschätzte wissenschaftliche Institution, wurde
Deutsch-französischer Kulturaustausch
von Fritz Schenk, Carlo Schmid, SPD, und Theodor Heuss, FDP,
1949 gegründet.
Für viele Franzosen waren die älteren Generationen in Deutschland vom Nationalsozialismus verdorben. Deswegen sollten insbesondere aus den jungen Deutschen bis etwa 25 Jahre echte De-
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HENRI MÉNUDIER
Abb. 3 General Marie-Pierre König (Mitte), der Militärgouverneur der französischen Zone in Deutschland, im französischen Außenministerium Quai D›Orsay in Paris während seiner Ansprache. Am 16. April
1948 hatten 16 (west-)europäische Staaten den Vertrag über die europäische, wirtschaftliche Zusammenarbeit (OEEC=Organization for European Economic Cooperation) unterzeichnet. Die Organisation wurde
zur Durchführung und Unterstützung des Marshall-Plans geschaffen. 1960 wurde die OECD Nachfolgeorganisation.
© dpa, picture alliance
Die Teilung Deutschlands
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Der »Kalte Krieg« zwang Frankreich ab 1947 vollends, sich als Teil
des westlichen Lagers zu verstehen. Frankreich brauchte dringend die Hilfe der Vereinigten Staaten von Amerika für den Wiederaufbau seiner Wirtschaft und für den Kolonialkrieg in Indochina (1946–1954), wo die vietnamesischen Kommunisten für ihre
Unabhängigkeit kämpften.
Als Gegenleistung forderten die Amerikaner eine konstruktivere
französische Deutschlandpolitik. Trotz der Vereinbarungen von
Potsdam und gemeinsamer Strukturen (wie z. B. Alliierter Kontrollrat, Kommandantur für Berlin und Außenministerkonferenz)
konnten die vier Besatzungsmächte Deutschland nicht einheitlich
behandeln. Die Sowjetische Besatzungszone ging schon früh ihren eigenen kommunistischen Weg. Schon am 1. Januar 1947 legten die USA und Großbritannien ihre Zonen zur Bizone zusammen, erst Anfang April 1949 entstand dann mit französischer
Beteiligung die Trizone. Im Prozess zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland am 23. Mai 1949 blieb Frankreich eher eine
bremsende als eine treibende Kraft. Nach Gründung der DDR am
7. Oktober 1949 wurden beiden Staaten in ihren jeweiligen Einflusssphären integriert.
Frankreich verurteilte zwar stets offiziell die deutsche Teilung,
andererseits beruhigte diese Entwicklung doch viele in Frankreich, die nach wie vor Befürchtungen gegenüber einem erstarkenden Deutschland hegten.
OEEC, Europarat, NATO
Der eiserne Vorhang und die verschiedenen Episoden des Kalten
Krieges zwangen die westlichen Akteure zu einer engeren Zusammenarbeit. Ab 1948 koordinierte die OEEC bzw. OECE (»Organisation européenne de Coopération Economique«, auf deutsch: »Organisation für Europäische Wirtschaftliche Zusammenarbeit«,
mit Sitz in Paris) die Verteilung der amerikanischen Marshallplanhilfe; am Anfang sprach sich Frankreich sogar gegen die Beteiligung der westdeutschen Zonen aus.
Deutsch-französische Zusammenarbeit in
Europa: Erfolge und Rückschläge: 1949–1958
Bis 1949 war das deutsch-französische Verhältnis von Frankreich
einseitig orientiert. Die Lage änderte sich mit der Gründung der
Bundesrepublik und der Wahl des Frankreich wohlgesonnenen
Bundeskanzlers Konrad Adenauer, CDU, ein Kölner, damals 73
Jahre alt. Das Misstrauen der Franzosen blieb und der neue Staat
stand unter strenger Aufsicht.
Kontrolle Westdeutschlands, Integration der
Bundesrepublik Deutschland nach Europa
Gegründet im Januar 1949 durch die drei Westalliierten sollte das
Militärische Sicherheitsamt (Sitz in Bad Ems) sicherstellen, dass
keine Kriegsgüter in den westdeutschen Betrieben hergestellt
wurden.
Auch auf Wunsch Frankreichs entstand am 22. April 1949 eine Internationale Ruhrbehörde, um die Produktion und die Verteilung
von Kohle und Stahl zu überwachen; gleichzeitig sollte der Wiederaufstieg der deutschen Wirtschaft gezügelt werden. Erst am
21. September 1949, d. h. nach Gründung der Bundesrepublik, trat
das Besatzungsstatut in Kraft, das die innere und äußere Souveränität des neuen Staates einschränkte. Eine erste Lockerung geschah am 22. November 1949 mit dem Petersberger Abkommen;
die drei Hohen Kommissare erlaubten der Bundesrepublik konsularische Beziehungen zu westlichen Staaten aufzunehmen und
Mitglied in internationalen Organisationen zu werden. Die Demontage industrieller Anlagen, an der Frankreich aktiv beteiligt
war, wurde beendet. Überraschenderweise eröffnete das Jahr
1950 neue wirtschaftliche und militärische Perspektiven für Adenauers Streben nach Gleichberechtigung. Dabei spielten das Verhältnis zu Frankreich und der Aufbau Europas eine entscheidende
Rolle.
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Seit 1961 übernahm die OEEC, ein Zusammenschluss von entwickelten Ländern aus
Europa, Nordamerika und Japan, andere Aufgaben. Als Gegenmaßnahme zur OEEC gründete 1949 die Sowjetunion mit osteuropäischen Staaten den »Rat für gegenseitige
Wirtschaftshilfe« (RGW bzw. Comecon), der
1950 auch die DDR aufnahm.
Am 5. Mai 1949 gründeten zehn westeuropäische Staaten (noch ohne die Bundesrepublik,
die erst am 23. Mai 1949 gegründet wurde)
den »Europarat« mit Sitz in Straßburg.
Nach französischen Vorstellungen sollte
diese Institution den Kern eines föderalen
Europas bilden. Der Plan scheiterte jedoch,
weil vor allem Großbritannien nationale Souveränitätsrechte nicht aufgeben wollte. Der
Schutz von Demokratie und Menschenrechte
sowie die Zusammenarbeit im kulturellen Bereich sind die Hauptanliegen des Europarats.
Am 4. April 1949 wurde in Washington der
Vertrag zur Gründung der »North Atlantic
Treaty Organization« (NATO) unterzeichnet.
Nach Aufnahme der Bundesrepublik in die
NATO entstand 1955 dann der Warschauer
Pakt (UdSSR und osteuropäische Staaten).
OECD, Europarat und NATO bleiben bis heute
wichtige internationale Organisationen,
während sich der RGW, der Warschauer Pakt
und die Sowjetunion nach 1991 auflösten.
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Montanunion ab 1950
Wegen erheblicher Divergenzen in der Saarfrage kam das
deutsch-französische Verhältnis Anfang 1950 nicht weiter. Washington machte Druck, damit Paris konstruktive Vorschläge unterbreitete. Die Franzosen mussten einsehen, dass sich die Bundesrepublik Deutschland bald als wichtiger Wirtschaftspartner
des Westens behaupten würde. Deshalb, so die USA, wäre es ratsam, einen europäischen Rahmen zu schaffen, um die Bundesrepublik zu kontrollieren. Der Befreiungsschlag und die Wende kamen schließlich vom französischen Außenminister Robert
Schuman, 1986 in Clausen, einem Vorort von Luxemburg, geboren, der Vater war aber Lothringer. Er lebte in den drei Ländern,
Luxemburg, Deutschland und Frankreich. Er übernahm 1950 die
Ideen von Jean Monnet, einem Cognacfabrikanten und internationalen Geschäftsmann, der seit dem Ersten Weltkrieg eng mit
Frankreich, England und den Vereinten Staaten zusammen arbeitete. In seiner berühmten Rede vom 9. Mai 1950 machte Schuman
drei bahnbrechende Vorschläge:
1. Frankreich und die Bundesrepublik Deutschland müssen sich
zuerst versöhnen und zusammenarbeiten. Die Kohle- und
Stahlproduktion beider Länder soll deshalb zusammengelegt
werden, damit der Krieg zwischen ihnen unmöglich, ja sogar
undenkbar werde. Kohle und Stahl waren zentrale Industrien
für die Rüstungswirtschaft.
2. Andere europäischen Länder wurden aufgefordert mitzuwirken. Italien und die BeNeLux-Staaten machten mit. Großbritannien lehnte dagegen ab.
3. Zum ersten Mal in der Geschichte der internationalen Beziehungen sollte eine supranationale Organisation gegründet
werden, an die die Teilnehmerstaaten weitgehende Kompetenzen in den Bereichen Kohle und Stahl abtreten.
Dieser Ansatz ging insgesamt viel weiter als alle bisherigen traditionellen Kooperationen oder gar die bisherige diplomatische Zusammenarbeit. Konrad Adenauer, der schon oft seine Ideen über
die Aussöhnung mit Frankreich publik gemacht hatte, war begeistert und gab sofort seine Zusage.
Der Vertrag zur Gründung der »Europäischen Gemeinschaft für
Kohle und Stahl« (EGKS, mit Sitz in Luxemburg) wurde schließlich
am 18. April 1951 in Paris unterschrieben. Er trat am 23. Juli 1952 in
Kraft: Erster Präsident der Hohen Behörde wurde der »Inspirator«
des Schuman-Planes, Jean Monnet. Robert Schuman betrachtete
die EGKS dennoch als erste Etappe. Drei weitere Ziele wurden am
9. Mai angekündigt: (1) die Wirtschaftsgemeinschaft, (2) die politische europäische Föderation und (3) die Entwicklung des afrikanischen Erdteils. Die EGKS schuf Vertrauen zwischen Frankreich
und Deutschland, und machte die alliierten Kontrollrechte an der
Ruhr obsolet. Die deutsch-französische Partnerschaft für Europa
konnte sich mit einer nahezu gleichberechtigten Bundesrepublik
Deutschland dadurch weiter entfalten.
Der Streit um die europäische Armee
Der nächste Schritt der europäischen Einigung, der Aufbau einer
geplanten west-europäischen Armee, zeigte die Hartnäckigkeit
des deutsch-französischen Gegensatzes. Nach der japanischen
Kapitulation 1945 wurde Korea geteilt, der Norden befand sich in
der Einflusssphäre der Sowjetunion, der Süden stand unter dem
Schutz der Vereinten Staaten.
Der militärische Angriff Nordkoreas auf Südkorea am 25. Juni 1950
wurde im Westen allgemein als Versuch der Sowjetunion interpretiert, den Verteidigungswillen des Westens zu überprüfen. Die
Spannungen um das geteilte Berlin (»Berliner Blockade«) und die
Entwicklungen im geteilten Deutschland insgesamt nährten damals zudem die Spannungen des Ost-Westverhältnisses, des sogenannten »Kalten Krieges«. Mit dem Koreakrieg (1950–1953)
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Abb. 4 Jules Moch, der Sprecher der Kommission für auswärtige Angelegenheiten der Nationalversammlung, am Rednerpult. Am 29. August 1954 erreichte die
Debatte um die Europäische Verteidigungsgemeinschaft in der französischen
Nationalversammlung einen ersten Höhepunkt. In mehrstündigen Reden verfochten Gegner wie Befürworter bei der bis in die Nacht dauernden Debatte ihre
Standpunkte. Am Abend des 30. August lehnten die Abgeordneten mit 319 gegen
264 Stimmen die Ratifizierung des EVG-Vertrages ab.
© dpa, picture alliance
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stellte sich in dramatischer Weise die Frage der Verteidigung der
Bundesrepublik.
Die Hauptlast der Verteidigung des Westens trugen spätestens
seit 1945 die Amerikaner. Viele stellten sich die Frage: In welcher
Form sollte sich daran die bisher nicht militarisierte Bundesrepublik beteiligen, der es wirtschaftlich immer besser ging?
Frankreich war im Krieg gegen den Viêt-minh (1946–1954) von Hô
Chi Minh involviert. Fünf Jahre nach der deutschen Kapitulation
wollte es andererseits auf keinen Fall die Renaissance einer neuen
deutsche Armee unterstützen.
Deshalb suchte die französische Regierung wie vor fünf Monate
mit dem Schuman-Plan einen Ausweg über die westeuropäische
Einigung. Am 24. Oktober 1950 schlug deshalb der französische
Regierungschef René Pleven vor, eine gemeinsame europäische
Armee aufzubauen. Die sechs EGKS-Staaten unterschrieben folglich am 27. Mai 1952 den Vertrag über die »Europäische Verteidigungsgemeinschaft«, EVG. Ergänzend wurde eine »Europäische
Politische Gemeinschaft«, EPG, in Aussicht gestellt.
Nach langwierigen Verhandlungen scheiterten jedoch beide weitreichenden Integrationsprojekte vor der französischen Nationalversammlung am 30. August 1954.
Für viele überzeugte Europäer stellte dies einen schwarzer Tag
dar, von dem Europa sich nie wieder erholt hat.
Die militärische Niederlage Frankreichs in Diên Biên Phu (Nordvietnam) Anfang Mai 1954 hatte viele Militärs und Politiker frustriert, die jetzt die Auflösung der französischen Armee in einem
europäischen Verband ablehnten. In der EVG hätte Frankreich
über nationale Atomwaffen nicht mehr allein verfügen können.
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Die Pariser Verträge traten schließlich am 5. Mai 1955 in Kraft und
damit war die Bundesrepublik Deutschland sechs Jahre nach ihrer
Gründung mit gewissen Einschränkungen (ABC-Waffen und Viermächterechte bezüglich Berlin und Deutschland als Ganzes) völkerrechtlich – im Westen – wieder gleichberechtigt.
Die Hohe Kommission der Alliierten mit ihrem symbolischen Sitz
auf dem Petersberg bei Bonn verschwand nun zugunsten der Vertretung der West-Alliierten durch ihre diplomatischen Vertreter,
ihre Botschafter. Die Pariser Verträge schufen plötzlich auch
günstige Bedingungen für die Lösung der Saarfrage und für einen
neuen Anlauf der Einigung Europas.
Die Europäisierung der Saarfrage, 1954–1957
Abb. 5 Die Sonderbriefmarke »50 Jahre Pariser Verträge« wurde 2005 in Berlin vorgestellt. Von links der französische Ministerpräsident Pierre MendesFrance, der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer, der Außenminister Großbritanniens, Anthony Eden, und der Außenminister der USA, John Foster Dulles,
nach der Unterzeichnung der Verträge. Mit dem Inkrafttreten der Verträge am
5.5.1955 erlangte die Bundesrepublik die weitgehende Souveränität.
© Justin Peach, dpa, picture alliance
Seit 1950 waren das Saarland und die Bundesrepublik assoziierte
Mitglieder (ohne Stimmrecht) des Europarats in Straßburg. Die
Bundesrepublik lehnte bis 1951 eine Vollmitgliedschaft aus Protest gegen die Aufnahme des Saarlandes und wegen möglicher
Probleme einer deutschen Einheit ab. Verschiedene Abmachungen und Konventionen zwischen Frankreich und dem Saarland
verschlechterten weiterhin das deutsch-französische Verhältnis.
Frankreich strebte nach wie vor die politische und wirtschaftliche
Trennung von der Bundesrepublik an und Bonn wiederholte immer wieder, dass dieses Gebiet staatsrechtlich zu Deutschland
gehörte. Viele Deutsche betrachteten deshalb die französische
Saarpolitik als eine verschleierte Annexion.
In enger Zusammenarbeit zwischen Adenauer und dem französischen Regierungschef Pierre Mendés France gab es endlich in Paris am 23. Oktober 1954 eine Einigung, die ähnlich wie die Entwicklung zur Montanunion und zur – gescheiterten – europäischen
Pariser Verträge vom 23. Oktober 1954
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Erstaunlicherweise wurde unter Druck der Amerikaner und Briten
und bei gespannter Ost-West-Lage eine Ersatzlösung innerhalb
von nur sieben Wochen gefunden. Nach kurzen Verhandlungen in
London fand die Unterzeichnung der Pariser Verträge am 23. Oktober 1954 statt. Die Bundesrepublik sah sich dabei als Hauptgewinnerin dieser unerwarteten und raschen Entwicklung.
1. Der »Deutschlandvertrag» beendete das Besatzungsregime
Westdeutschlands und gewährte der Bundesrepublik eine weitgehende Souveränität (eine erste Fassung lag schon seit Mai 1952
in Verbindung mit dem EVG-Vertrag vor), wenn auch die Bundesrepublik auf die Produktion von Atomwaffen verzichten und Rüstungsbeschränkungen und weitere Kontrollen in Kauf nehmen
musste. Die Westalliierten behalten zudem ihre Rechte »in Bezug
auf Berlin und auf Deutschland als Ganzes«.
2. Die Bundesrepublik wurde Mitglied der neuen »Westeuropäischen Union«, WEU, mit Sitz in London (dies bedeutete den Beistand im Verteidigungsfall für die EGKS-Staaten und Großbritannien). Gleichzeitig geschah der Beitritt zur NATO. Die
NATO-Mitglieder verpflichten sich dabei nicht nur zum Beistandspakt, sondern auch dem Ziel der Wiedervereinigung Deutschlands.
Wegen der europäischen und atlantischen Integration der Bundeswehr waren viele in Frankreich beruhigt. Der Verzicht auf ABCWaffen schloss allerdings die Produktion von taktischen Atomwaffen mit anderen Staaten nicht aus. So gab es 1958 dann auch
tatsächlich einen solchen Versuch mit Frankreich und Italien, den
aber De Gaulle strikt ablehnte. Taktische Waffen dürfen aber seither auf dem Boden der Bundesrepublik gelagert werden.
Die Wiederaufrüstung und die Atomdebatte im zivilen wie im militärischen Bereich führten in der Folgezeit auch in der Bundesrepublik zu langen und scharfen Kontroversen. Auch in Frankreich
gab es Auseinandersetzungen über den deutschen Militarismus,
wenn sie auch nicht mit den innenpolitischen Debatten in
Deutschland zu vergleichen sind.
Abb. 6 »Die Spaltung Deutschlands«. – Interpretation des Pariser Abkommens
durch die DDR als Besiegelung der Spaltung Deutschlands. Der SED Vorsitzende
Walter Ulbricht hat sich auf der 9. Tagung des ZK 1965 dahingehend geäußert.
© dpa, picture alliance
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Armee (EVG) lief, ein Weg über die westeuropäische Einigung.
Das Saarland sollte innerhalb der WEU europäisiert werden, ohne die Währungs- und
Zollunion mit Frankreich aufzugeben. War
diese Lösung realistisch und lebensfähig?
Darüber sollten die Saarländer per Volksabstimmung entscheiden.
Dies geschah am 23. Oktober 1955. Bei einer
Wahlbeteiligung von 96,7 % lehnten 67,7 %
der Wähler das vorgelegte Statut ab, 32,3 %
waren dafür. Der amtierende Minister-Präsident des Saarlandes, Johannes Hoffmann,
CVP (für die Europäisierung), trat daraufhin
zurück.
Nach Neuwahlen eroberte die CDU für viele
Jahre dieses Land. Am 27. Oktober 1956 unterzeichneten Adenauer und der französische
Regierungschef Guy Mollet ein Abkommen.
Die politische Eingliederung des Saarlandes
an die Bundesrepublik erfolgte schon am
1. Januar 1957, die wirtschaftliche Eingliederung sollte bis Juli 1959 abgeschlossen werden. So war das Saarland das elfte Bundesland (einschließlich West-Berlin). Das
Saarland bildete, obwohl lange Zeit Zankapfel gewesen, eine neue Brücke zwischen beiden Ländern.
Gemeinsamer Markt
und Euratom, 1957
Abb. 7 Bundeskanzler Konrad Adenauer (links) und der Staatssekretär im Auswärtigen Amt Walter
Hallstein, setzten am 25. März 1957 im Konservatoren-Palast auf dem Kapitol in Rom ihre Unterschriften
unter die Römischen Verträge. Die EWG (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft) und die Europäische
Atomgemeinschaft (Euratom) waren besiegelt. Zunächst nahmen sechs westeuropäische Staaten daran
teil.
© dpa, picture alliance
Das Scheitern der EVG und der EPG sperrten zunächst den Weg zu
einer weitergehenden politischen und militärischen Integration
Westeuropas. Der Erfolg der Montanunion (EGKS) zeigte dagegen, dass die Zusammenarbeit im wirtschaftlichen Bereich ausgebaut werden konnte.
Dies war vornehmlich die Entscheidung der Außenminister der
sechs EGKS-Staaten in Messina, Sizilien, am 1. und 2. Juni 1955.
Frankreich war wegen der EVG isoliert und die europäischen Anstöße kamen deshalb von den Benelux-Staaten und ganz besonders vom Sozialisten Paul-Henri Spaak, mehrfacher Außen- und
Premier Minister in Belgien. Am 25. März 1957 wurden danach
zwei wichtige Verträge in Rom unterzeichnet.
1. Der Vertrag über die »Europäische Wirtschaftsgemeinschaft
(EWG), mit Sitz in Brüssel. Der erste Präsident der Kommission
wurde Professor Dr. Walter Hallstein, Staatssekretär im Bundeskanzleramt und dann im Auswärtigen Amt.
2. Vertrag über die Europäische Atomgemeinschaft, (EURATOM);
der Präsident der Euratom-Kommision war der Franzose Louis Armand. EURATOM sollte, besonders auf Wunsch Frankreichs, die
Zusammenarbeit im zivilen Bereich entwickeln.
Dass gerade ein Deutscher und ein Franzose die neuen Institutionen leiteten, zeigte, dass ihre Länder einen großen Einfluss auf
der europäischen Ebene ausübten. Die Ernennung Walter Hallsteins war zudem eine Anerkennung der Gleichberechtigung der
Bundesrepublik und ihrer verstärkten Rolle in Europa. Die Grundlagen für eine enge deutsch-französische Zusammenarbeit im
europäischen Rahmen wurden also im Grunde zwischen 1950 und
1957 gelegt.
De Gaulle – Adenauer: 1958–1963
General Charles de Gaulle war ohne Zweifel der französische
Staatsmann, der sich am intensivsten militärisch und politisch
mit Deutschland beschäftigte. Nach dem Ersten Weltkrieg war er
Besatzungsoffizier in Westdeutschland. Da er Deutsch als erste
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Fremdsprache gelernt hatte, konnte er Publikationen in deutscher Sprache und auch solche über Militärfragen lesen. Seine
politische Zukunft war lange unsicher. Als Chef der Provisorischen
Regierung in Paris (August 1944 – Januar 1946) trat er bald zurück
und nach anfänglichen Erfolgen (1947–1953) scheiterte seine Partei, »Rassemblement du Peuple Français«, (RPF, »Versammlung
des französischen Volkes«). Er zog sich daraufhin in sein Landhaus
»La Boisserie« in Colombey-les-deux-Eglises (Département
Marne, Ostfrankreich) zurück, um seine Kriegsmemoiren zu
schreiben.
Seit November 1954 kämpfte die französische Armee gegen die
»Bewegung für die Unabhängigkeit Algeriens«. Die schwachen
und unstabilen Regierungen der IV. Republik (1946–1958) wurden
damit nicht fertig. Wegen Putschdrohungen in Algier, der Hauptstadt der damaligen französischen Kolonie Algerien, kam De
Gaulle am 1. Juni 1958 an die Macht zurück, zunächst als Regierungschef und Anfang 1959 als Präsident der Republik (bis zu seinem Rücktritt am 28. April 1969). Die von ihm konzipierte neue
Verfassung der V. Republik hatte seine Macht erheblich verstärkt.
Seit 1945 hatte sich De Gaulle widersprüchlich über Deutschland
und Europa geäußert. Er war strikt gegen die Entstehung einer
neuen deutschen Macht, aber manchmal erwähnte er die positiven Möglichkeiten einer deutsch-französischen Zusammenarbeit
in Europa. Seine Abneigung gegen die Supranationalität der EGKS
und der EVG waren bekannt. Allerdings verfolgte er mit Wohlwollen die Politik Adenauers. Bundeskanzler Adenauer stand De
Gaulle zunächst sehr reserviert gegenüber, ja war sogar misstrauisch. Adenauer begrüßte dann aber ausdrücklich die Ernennung
des französischen Botschafters in Bonn, Maurice Couve de Murville, zum französischen Außenminister. Maurice Couve de Murville blieb in dieser Funktion bis 1968, eine einmalige Dauer für
französische Verhältnisse.
Entgegen vieler Befürchtungen blockierte De Gaulle dann die Anfänge der EWG und des Euratoms nicht. Die Überraschung war
groß, als das erste Treffen mit Adenauer am 14.–15. September
1958 in dem privaten Landhaus De Gaulles in Colombey-les-deux-
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Die Staatsbesuche
1962
Durch die Staatsbesuche im
Sommer 1962 wurde das
deutsch-französische Verhältnis gefestigt. Der Besuch Adenauers in Frankreich endete
symbolisch mit einer deutschfranzösischen Truppenparade
in Mourmelon und einem
Hochamt in der Kathedrale
von Reims. Der Gegenbesuch
De Gaulles, der mit viel Skepsis in der deutschen öffentlichen Meinung anfing, entpuppte sich gar zu einer von
vielen Zeitgenossen beschriebenen »Triumphreise«. De
Gaulle imponierte dem Publikum, weil er seine Reden diAbb. 8 Unterzeichnung des Vertrages über die deutsch-französische Zusammenarbeit in Paris, Elysée-Palast, 22. Januar
rekt auf Deutsch und ohne
1963. – Am Tisch von links: der deutsche Außenminister Gerhard Schröder, Bundeskanzler Konrad Adenauer, Staatspräsident
Notizen sprach. Mit geradezu
Charles de Gaulle und Premierminister Georges Pompidou.
© da, picture alliance
theatralischen Bewegungen
erwähnte er oft »das große
Eglises stattfand. Kein anderer ausländischer Staatsmann hatte je
deutsche Volk …, jawohl das große deutsche Volk«. Die Zuhörer
eine solche Einladung erhalten. Diese vertrauliche Unterredung
waren begeistert. Beide Regierungen wünschten nun eine Vertieverlief durchwegs positiv. De Gaulle und Adenauer, die schließlich
fung und Verankerung der Zusammenarbeit. Adenauer, der Mitte
viel Respekt für einander pflegten, entdeckten zunehmend, dass
Oktober 1963 zurücktreten musste, wollte seinen designierten
sie persönlich und politisch viele gemeinsamen Vorstellungen
Nachfolger, den eher franzosenskeptischen Ludwig Erhard, CDU,
hatten. Bereits bei den ersten Treffen, die im Durchschnitt zweidamals noch Bundeswirtschaftsminister, in die Pflicht nehmen,
mal im Jahr stattfanden, unterbreitete De Gaulle Adenauer weitdamit die Zusammenarbeit mit Paris auch in der Zukunft hohe Prireichende Vorschläge für eine engere Zusammenarbeit. Adenauer
orität genießen sollte.
hätte gerne von Anfang an mitgemacht, musste aber aus innenpolitischen Gründen vorsichtig handeln. MeinungsverschiedenheiElysée-Vertrag und Präambel
ten über die Führung der NATO (De Gaulle wollte 1958 eine Führungsgruppe Frankreich, Großbritannien und USA, ohne die
So entstand am 22. Januar 1963 der Vertrag über die deutsch-franBundesrepublik) oder über das Verhältnis der EWG zu Großbritanzösische Zusammenarbeit. Drei Dokumente spielen dabei eine
nien belasteten zudem die Beziehungen zwischen Paris und Bonn.
zentrale Rolle.
Zudem lehnte De Gaulle den britischen Vorschlag einer großen
1. Die gemeinsame Erklärung von Adenauer und De Gaulle erläueuropäischen Freihandelszone zunächst ab. Auf der anderen Seite
tert den Geist des Vertrags. Der Aufbau Europas wird zum gebrauchte Adenauer die feste Unterstützung De Gaulles, weil der
meinsamen Ziel beider Völker erhoben. Vier Schlüsselworte
sowjetische KP-Chef Nikita Chruschtschow nach dem Tode Stalins
definieren die Aufgaben der Zukunft: Versöhnung, Zusamseit Herbst 1958 das Viermächtestatus Berlins in Frage stellte. De
menarbeit, Solidarität und Freundschaft.
Gaulle wollte auf keinen Fall nachgeben. Die britische Regierung
2. Der Vertrag selber besteht aus zwei Hauptteilen. Die Organiund der neue amerikanische Präsident John F. Kennedy erwogen
sation bestimmt, dass die Staats- und Regierungschefs, die
dagegen Entspannungsvorleistungen trotz des Baus der Berliner
zuständigen Minister und die Hohen Beamten dieser MinisteMauer im August 1961 und der Kubakrise im Jahre 1962.
rien sich regelmäßig treffen. Das Programm sieht eine enge
Zusammenarbeit in drei Bereichen vor: Außenpolitik, VerteidiDer »Fouchet-Plan«
gung, Erziehung und Jugend (ein Deutsch-Französisches Jugendwerk wurde im Juli 1963 gegründet). Die ZusammenarBei einem Gipfeltreffen am 11. Februar 1962 konnte De Gaulle
beit im wirtschaftlichen Bereich wurde dagegen kaum
Adenauer und die anderen Regierungschefs der EWG davon übererwähnt, vor allem um Auseinandersetzungen mit Ludwig Erzeugen, dass ein neuer Anlauf in Richtung politische Union Eurohard, einem entschiedenen Befürworters der Marktwirtschaft
pas möglich sei. Eine dazu eingerichtete Arbeitsgruppe tagte unund Atlantikers, zu vermeiden. Kultureller Austausch wurde
ter dem Vorsitz des französischen Botschafters Christian Fouchet.
auch nicht Teil des Vertrags, vor allem aus Rücksicht auf die
De Gaulle wollte vor allem eine regelmäßige Zusammenarbeit
Kompetenzen der Bundesländer in Deutschland. In beiden
zwischen den Regierungen. Insbesondere die Benelux-Staaten
Bereichen werden trotzdem viele Initiativen entwickelt.
lehnten allerdings ab, um die Supranationalität der Gemeinschaft
3. Die Präambel des Deutschen Bundestags (15. Juni 1963). Zur
nicht zu gefährden. Die Verhandlungen scheiterten schließlich
Verärgerung vieler deutscher Politiker legte De Gaulle am
am 17. April 1962.
14. Januar 1963 sein Veto gegen den Beitritt Großbritanniens
Da der Krieg in Algerien Anfang Juli 1962 endete, konnte und
in die EWG ein. Um den Eindruck zu vermeiden, de Gaulle
wollte sich De Gaulle nun stärker der europäischen Außenpolitik
könnte damit auch Einfluss auf die Prioritäten der deutschen
widmen. Mit der Bundesrepublik wollte er einen Kern bilden, der
Außenpolitik gewinnen, wurde deshalb eine Präambel zum
die Zukunft der EWG bestimmen sollte.
Vertrag verabschiedet, die nur die Bundesrepublik bindet.
Ohne auf die Vertiefung und Weiterentwicklung der deutschfranzösischen Versöhnung zu verzichten, unterstrichen die
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deutschen Parlamentarier, dass die Erweiterung der EWG, das atlantische
Bündnis und die deutsche Einheit durch
diesen Freundschaftsvertrag nicht in
Frage gestellt würden.
Kritik und Verdienste
Diese Präambel war wie eine Ohrfeige für De
Gaulle. Die drei nächsten Jahre mit Bundeskanzler Ludwig Erhard (1963–1966) waren
deshalb sehr schwierig. Interessenkonflikte
sowie starke Divergenzen zwischen Deutschland und Frankreich wurden deutlich. De
Gaulle wurde Opfer der Widersprüche und
Inkonsequenzen einer Politik, die ein »Europa der Staaten« (Oft übersetzt: ein »Europa
der Vaterländer«) gegen den Willen der anderen Partner durchsetzen wollte. Seine Ablehnung der Supranationalität und der Erweiterung der EWG sowie sein Antiamerikanismus
Abb. 9 50-Jahre Elysée-Vertrag: Abgeordnete aus Frankreich und Deutschland nahmen am 22.01.2013
irritierten. Insbesondere viele Deutschen
im Bundestag in Berlin an einer gemeinsamen Sitzung des Bundestages und der französischen Nationalfanden De Gaulles Nationalismus unzeitgeversammlung teil. Am 22.01.1963 wurde der deutsch-französische Freundschaftsvertrag in Paris untermäß und übertrieben. Aber auch für Adezeichnet.
© Maurizio Gambarini, dpa, picture alliance
nauer bedeutete die Präambel eine bittere
Niederlage, weil er die Grabenkämpfe in der
Ménudier, Henri (1991):, Das Deutsch-Französische Jugendwerk. Ein exempCDU-CSU zwischen den »Gaullisten« und den US-freundlichen
larischer Beitrag zur Einheit Europas, Bonn.
»Atlantiker« nicht überbrücken konnte.
Trotz berechtigter Kritik dürfen die Verdienste beider StaatsmänMiard-Delacroix, Hélène und Hudemann, Rainer (Hrsg.) (2005): Wandel und
ner nicht geschmälert werden. Unter schweren inneren und äußeIntegration. Deutsch-französische Annäherungen der fünfziger Jahre. Mutaren Bedingungen ist es Adenauer gelungen, die Bundesrepublik
tions et intégration. Les rapprochements franco-allemands dans les années
fest im Westen zu verankern und aus dem manchmal unsicheren
cinquante, München.
Frankreich den wichtigsten Partner zu machen. Weil er in beiden
Rovan, Joseph(1986): Zwei Völker, eine Zukunft. Deutsche und Franzosen an
Weltkriegen gegen Deutschland kämpfte, hat De Gaulle der
der Schwelle des 21. Jahrhunderts, München und Zürich.
deutsch-französischen Aussöhnung eine nationale Legitimation
in Frankreich gegeben, die seither nicht mehr zur Disposition
Schwarz, Hans-Peter, (Hrsg.) (1985): Adenauer und Frankreich. Die deutschstand. Der deutsch-französische Vertrag war deshalb keinesfalls,
französischen Beziehungen 1958 bis 1969, Bonn, 1985.
wie manchmal behauptet, ein »tot geborenes Kind« oder eine
Schwarz, Hans-Peter (1991): Adenauer, 2 Bände, Stuttgart.
»leere Schale«. Durch die regelmäßigen Treffen und die Institutionalisierung der Zusammenarbeit konnten viele Krisen besser beWeidenfeld, Ernst (1986): Welches Deutschland soll es sein? Frankreich und
wältigt und gemeinsame Projekte unternommen werden.
die deutsche Einheit seit 1945, München.
Die deutsch-französische Zusammenarbeit hat jedoch nicht erst
Wilkens, Andreas, (Hrsg.) (1997): Die deutsch-französischen Wirtschaftsbemit De Gaulle und Adenauer 1958 angefangen, sie geht auch auf
ziehungen 1945–1960, Sigmaringen.
das Jahr 1945 und auf die bahnbrechende Rolle von Jean Monnet
und Robert Schuman 1950 zurück. Es darf auch nicht vergessen
Ziebura, Gilbert (1997): Die deutsch-französischen Beziehungen seit 1945.
werden, dass zahlreiche Menschen, Organisationen, Verbände
Mythen und Realitäten, Pfullingen, 1970 und 1997
und Netzwerke die Verständigung in allen Bereichen beider Länder mitentwickelt haben. Die erste Städtepartnerschaft (LudInternethinweise
wigsburg – Montbéliard) wurde bereits 1950 geschlossen. Die
Städte- und Gemeindepartnerschaften haben sich in den Jahren
Deutschland und Frankreich., APuZ 1–3/2013: www.bpb.de/apuz/152058/
Adenauer – De Gaulle schnell entwickelt (1958: 25 Partnerschafdeutschland-und-frankreich
ten; 1963: 130; 1969: 400).
59
DeuFraMat: Deutsch-französische Materialien für den Geschichts- und Geographieunterricht: www.deuframat.de
Literaturhinweise
Geschichte der EU. http://europa.eu/about-eu/eu-history/index_de.htm
Adenauer, Konrad (1966): Erinnerungen, 1953–1955, Stuttgart.
De Gaulle, Charles (1971): Memoiren der Hoffnung, Die Wiedergeburt 1958–
1962, München, Zürich.
Hudemann, Rainer, Jellonek, Burkhard, u. a., (Hrsg.) (1997): Grenz Fall. Das
Saarland zwischen Frankreich und Deutschland, 1945–1960, Sankt-Ingbert.
Rede de Gaulles an die deutsche Jugend: www.degaulle.lpb-bw.de (mit
Video)
Kimmel, Elke (2005): Besatzungspolitische Ausgangssituationen: www.bpb.
de/geschichte/deutsche-geschichte/marshallplan/39984/besatzung?p=all
50 Jahre Elysée-Vertrag: www.deutschland-frankreich.diplo.de
Kaelble, Hartmut (1991): Nachbarn am Rhein. Entfremdung und Annäherung
der französischen und deutschen Gesellschaft seit 1880, München.
Lappenküper, Ulrich (2001): Die deutsch-französischen Beziehungen 1949–
1963. Von der »Erbfeindschaft« zur »Entente élémentaire«, 2 Bände, München.
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MATERIALIEN
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Joseph Rovan: »Besatzung und Umerziehung in Deutschland«
»Nun ist also der Moment des Schweigens gekommen. Die dunkle
Stimme schweigt, die seit Jahrhunderten Europa in Atem hält.
Furchtbarer als die große Leere des Interregnums im Mittelalter
hinterlässt der Sturz des Dritten Reichs das deutsche Volk:
stumm, zerrissen, jeder Macht über sich selbst beraubt, fremden
Händen ausgeliefert. Europa muss nun weiterleben, während anstelle seines Herzens ein leerer Raum gähnt, ohne Leben und
ohne politischen Willen. Deutschland, aus eigener Schuld, wird
uns allen fehlen. Welch ein Absturz! Niemals war es (so) siegreich
gewesen wie im Jahre 1940, aber niemals noch ist eine europäische Großmacht so besiegt gewesen wie Deutschland heute«.
(S. 84). »Vom subjektiven Standpunkt aus gesehen haben die Franzosen durch Deutschland so viel gelitten, das sie ihm gegenüber
kaum eine andere Reaktion haben können, als seinen Untergang
zu wünschen, um es definitiv vergessen zu können, nicht ohne
vorher Rache und die notwendigen Reparationen von ihm erhalten zu haben« (S. 85–86).
»Die Besetzung Deutschlands ist keine Angelegenheit, die man
Verwaltungsleuten und Militärs überlassen sollte, das wäre eine
seltsame und gefährliche Abdankung des Bürgergeistes« (S. 86).
»Die französische Besatzung muss beispielhaft sein und eine moralische und geistige Spur hinterlassen«. (…) »Es ist infolgedessen
für die Lage nötig, für das Leben Frankreichs in Europa, dass die
französische Besetzung besser sein soll als die der anderen, gewiss nicht im Sinne des materiellen Überflusses – woher sollten
wir ihn nehmen – und auch nicht in dem der Demagogik oder einer falschen Verbrüderung, sondern die kenntnisreichste und die
menschlichste. Sie kann dann gleichzeitig die härteste sein. Die
Deutschen selbst, die diese Stärke respektieren, werden dies
leicht akzeptieren« (…) »Die Besetzung ist für die neue Französische Republik eine Gewissensfrage. Sie ist vor den Augen der zusehenden Völker das Maß, mit dem unsere Fähigkeit der Erneuerung gemessen werden wird« (S. 88).
»Sollen wir jetzt vielleicht die Vorstellung übernehmen, dass es
zwei Rassen in der Welt gibt, diejenige, die für die Rettung der
Menschenwürde gekämpft hat, und diejenige, die weil sie sich gegen diese Würde erhoben hat, nun von ihr ausgeschlossen und
aus ihr ausgestoßen sein soll, so dass die Sieger sie ungestraft
erniedrigen dürften?« (S. 89). »Jeder Franzose, der heute für eine
Parzelle Deutschlands verantwortlich ist, handelt, richtet, verurteilt und regiert im Namen Frankreichs. Wie ist sein Geist auf dieses Amt, auf diese Verantwortung vorbereitet worden?« (S. 90).
»Viele Franzosen haben so viel gelitten, dass sie heute zu müde
sind, um auf die Schreie der Opfer zu hören. Welch erschreckendes Zeichen, wenn unser eigenes Leiden uns dem Leiden der anderen verschließt« (S. 91). »Die Franzosen schulden Deutschland
weder Vergessen noch Zärtlichkeit. Sie schulden sich selbst, dass
in Deutschland Gerechtigkeit herrscht, eine strenge, unbeugsame Gerechtigkeit. Sie schulden sich selbst, dass ihre Vertreter
im besetzten Deutschland jene Prinzipien vertreten und anwenden, die wir gegen den Faschismusverteidigt haben. Je mehr unsere Feinde die Züge des menschlichen Gesichts ausgelöscht haben, um so mehr müssen wir diese in ihnen respektieren, ja sogar
verschönern. Unsere Prinzipien sind universal« (S. 92).
»Das Ziel des Unternehmens, wie wir gesehen haben, umschreibt
bereits die Methode: Der Respekt vor der lebendigen Person ist
gleichzeitig Doktrin und Handlung« (S. 100). »In diesem Geist wird
die Umerziehung Deutschlands eine der vornehmsten Aufgaben
des wiederaufgebauten Frankreichs. Wenn der Wahlspruch der
Republik nicht mehr die universale Berufung Frankreichs ausdrückt, in wessen Namen hat die ‹Résistance› Widerstand geleistet? Die fürchterliche Wunde, die Deutschland, im Herzen Europas, nunmehr aufweist, wird über das Werk der (anderen)
M 2 Übersichtskarte über die Zonenabgrenzung nebst Übergangsbahnhöfen,
Duisburg (Westring Verlags– und Vertriebsgesellschaft), 20. 11.1945.
© akg images
Nationen richten. Das Deutschland von morgen wird das Maß
unserer Verdienste sein« (S. 101–102).
Joseph Rovan, 1918 in München geboren, musste 1933 nach Frankreich emigrieren. Nach Studium, Kriegsdienst auf französischer Seite und Mitarbeit in
der Résistance wurde er 1944 verhaftet. Anfang Juli 1944 wurde er mit dem
»train de la mort« (ca. 900 Tote von 2400 Transporthäftlingen) in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Ende April 1945 wurde er von den Amerikanern befreit. In den folgenden Jahren war er unter anderem Mitarbeiter
in der Französischen Hohen Kommission in Deutschland. Im Herbst 1946
begann er seine Tätigkeit im Dienste des Wiederaufbaus der Volkshochschulen und der gesamten Erwachsenenbildung in der französischen Zone sowie
der deutsch-französischen Jugendtreffen. Von Januar 1948 bis Anfang 1951
leitete er das Amt Volksbildung (»culture populaire«) in der französischen
Verwaltung in Deutschland. Er arbeitete als Journalist für französische und
deutsche Medien. 1968 wurde er Professor für deutsche Geschichte und
Politik an der Sorbonne, Paris, daneben Präsident des »Bureau International
de Liaison et de Documentation/ Gesellschaft für deutsch-französische
Zusammenarbeit«. Gleich nach der Rückkehr von Dachau veröffentlichte er
am 1. Oktober 1945 in der links-katholischen Monatszeitschrift »Esprit« von
Emmanuel Mounier einen Beitrag »L’Allemagne de nos mérites« (»Deutschland, wie wir es verdienen«). Diese Schrift wurde sehr beachtet, weil sie den
Franzosen empfahl, nicht die Fehler des Versailler Vertrags von 1919 zu wiederholen. Die Prinzipien der Résistance und der Revolution von 1789 sollten
den Geist der französischen Besatzungspolitik in Deutschland begleiten.
© Joseph Rovan (1986): Zwei Völker – eine Zukunft. Deutsche und Franzosen an der
Schwelle des 21. Jahrhunderts, München, Zürich, Piper, 206 S., darin: S. 83–101: »Deutschland, wie wir es verdienen«
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M3
Alain Lattard: »Zielkonflikte französischer Besatzungspolitik in
Deutschland«
Die Jahre 1945–1949 werden bei deutsch-französischen Gedenkfeiern meistens nicht erwähnt. Diese unmittelbare Nachkriegszeit
weckt wohl bei niemandem angenehme Erinnerungen1. Auf deutscher Seite hat die Präsenz Frankreichs in Berlin und im Südwesten
des Landes ebenso wie seine Beteiligung an
der Viermächteverwaltung vor allem den Eindruck einer harten und eigensinnigen Politik
hinterlassen. Weil Paris für immer die deutsche Gefahr bannen wollte, widersetzte es
sich jeder politischen Zentralisierung: Die
anfänglichen Forderungen waren für das
M 4 Französische Besatzungszone 1945: Plakatanschlag mit Fotos von KZ-Opfern und der Anordnung,
linksrheinische Gebiet die Schaffung eines
dass die Zerstörung des Plakats bei Todesstrafe verboten sei.
© akg images
Pufferstaates, der politisch, wirtschaftlich
und militärisch ganz im Machtbereich Frankreichs stehen sollte, und für den Rest des LanM 5 Elke Kimmel (2005): »Besatzungspolitische Ausgangssides die Aufgliederung in mehrere Staaten, die in einem möglichst
tuationen«, hier: Französische Zone
lockeren konföderalen Rahmen zusammengefasst sein sollten. In
wirtschaftlicher Hinsicht ging es sowohl um die unmittelbare BeWie die Sowjetunion war Frankreich zuvor selbst lange Zeit von
friedigung der Bedürfnisse des französischen Wiederaufbaus
deutschen Truppen besetzt gewesen. Frankreich wurde erst mit
durch Reparationen und die Ausnutzung der Besatzungszone wie
der Konferenz von Jalta im Februar 1945 in den Kreis der Besatum die langfristige Sicherung einer industriellen Vorrangstellung
zungsmächte aufgenommen. An der Potsdamer Konferenz nahm
in Europa durch die Angliederung des Saargebiets an die nationale
es nicht teil, erklärte sich aber mit den Verhandlungsergebnissen
Wirtschaft und die Internationalisierung der Ruhr – womit der
einverstanden. Trotzdem blockierten die Franzosen im Herbst
französischen Eisen- und Stahlindustrie eine solide Energiebasis
1945 mit ihrem Veto den Versuch, eine deutsche Zentralverwalauf Kosten ihrer deutschen Konkurrenz gesichert werden sollte.
tung aufzubauen. Für die Franzosen war es angesichts der Kriege
Vom französischen Standpunkt aus betrachtet ist die Bilanz dieser
von 1870/71, des Ersten und Zweiten Weltkriegs von zentraler Bevier Jahre in den Beziehungen mit den Nachbarn jenseits des
deutung, ein Wiedererstarken Deutschlands und damit einen
Rheins genauso wenig erfreulich. Kaum war die französische Beneuerlichen Angriff zu verhindern. Um dies zu gewährleisten, forteiligung an der Besetzung auf der Konferenz von Jalta akzeptiert
derten sie die Errichtung eines strikt föderal ausgerichteten Staaworden, da gaben die Sowjetunion und dann auch die Angelsachtes sowie die Kontrolle der deutschen Kohle- und Stahlindustrie.
sen die Idee, Deutschland zu zerstückeln, auf. Obwohl sich Paris
Langfristig dachte man in Frankreich an die Abtrennung der linksdadurch von Anfang an isoliert sah, verfolgte es weiter seine urrheinischen Gebiete von Deutschland und an eine Internationalisprünglichen Ziele, in der Überzeugung, die Meinungsverschiesierung des Ruhrgebietes. Das Saargebiet erhielt tatsächlich 1946
denheiten zwischen den Alliierten ausnutzen und sich als Schiedseinen Sonderstatus und gehörte zunächst zum französischen
richter ins Spiel bringen zu können. Doch musste man von diesen
Zollgebiet. Ab dem 1. April 1948 wurde es – erweitert um Teile des
ehrgeizigen Plänen bald Abstriche machen und sich schließlich
Rheinlands – dem französischen Staatsgebiet zugeschlagen. Fakmit einem einzigen und ganz vorläufigen Erfolg hinsichtlich der
tisch die gesamte Schwerindustrie der französischen Zone befand
Saar begnügen. Die Enttäuschungen in Deutschland brachten
sich in diesem Bereich. Die Entnazifizierungspolitik wurde verFrankreich unter anderem zum Bewusstsein, dass es in einer künfgleichsweise pragmatisch angegangen. Die Besatzungsmacht
tigen bipolaren Welt angesichts seiner ökonomischen Schwäche
beschränkte sich auf die Säuberung der Spitzenpositionen von
den Rang einer Großmacht nicht mehr beanspruchen könne.
NS-Funktionären. (…) Die im Rahmen des Potsdamer AbkomDoch die Geschichtsschreibung, die diese Phase der deutschmens vereinbarten Demontagen wurden zügig durchgeführt.
französischen Beziehungen der Vergessenheit zu entziehen beFrankreich konnte damit einen Teil der im Krieg erlittenen Verginnt, bestätigt nicht allein die schlechten Erinnerungen. Sicher,
luste ausgleichen. Außerdem vermied die französische Besatviele Arbeiten machen die Härte des Besatzers deutlich, seine
zungsmacht besondere Belastungen, wie sie Briten und AmerikaVerständnislosigkeiten, seine Irrtümer und seine Ungerechtigkeinern entstanden waren, indem sie kaum Flüchtlinge und
ten, was manchmal zu recht unfreundlichen Beurteilungen führt.
Vertriebene in ihrer Zone aufnahm. Im Gegensatz zu GroßbritanAber die Forschungen zeigen uns auch, dass man das gleichförnien und den USA konnte Frankreich so die Ausgaben für seine
mig negative Bild des französischen Wirkens in Deutschland nuBesatzungszone gering halten und verhindern, dass zusätzliche
ancieren muss – denn es ist weitaus stärker als das der anderen
Kosten die durch den Krieg gestörten französischen StaatsfinanAlliierten durch Inkohärenzen und Widersprüche gekennzeichzen belasteten. Insbesondere im Alliierten Kontrollrat erwiesen
net. Diese sind vor allem aus dem Umstand zu erklären, dass sich
sich die französischen Positionen als hinderlich, da Frankreich
Frankreich natürlich vor Kriegsende nicht auf die Besetzung vorlange Zeit der Bildung zentraler deutscher Verwaltungen vehebereiten konnte und danach seine Regierung so sehr von nationament widersprach. (…) Erst kurz vor Gründung der Bundesrepublen Problemen beansprucht wurde, dass sie unfähig war, die Polilik Deutschland, am 8. April 1949 bildete die französische Zone
tik der Zone in folgerichtiger Weise zu planen. Abgesehen von den
gemeinsam mit der »Bizone« die »Trizone«.
Entscheidungen, die sich direkt aus den feststehenden Prämissen
– der Zerstückelung Deutschlands und seiner wirtschaftlichen
© Kimmel, Elke (2005): Besatzungspolitische Ausgangssituationen: www.bpb.de/geAusbeutung – ergaben, hatte die Verwaltung in Baden-Baden
schichte/deutsche-geschichte/marshallplan/39984/besatzung?p=all
demzufolge große Bewegungsfreiheit.
61
© Lattard, Allain: Zielfonflikte französischer Besatzungspolitik in Deutschland, Viertelsjahreshefte für Zeitgeschichte, Heft 1, 1991, S. 1–3
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HENRI MÉNUDIER
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M6
Robert Schuman: »Der Schuman-Plan«.
Erklärung vom 9.5.1950
Der Friede der Welt kann nicht gewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen, die der Größe der Bedrohung entsprechen.
Der Beitrag, den ein organisiertes und lebendiges Europa für die
Zivilisation leisten kann, ist unerlässlich für die Aufrechterhaltung
friedlicher Beziehungen. Frankreich, das sich seit mehr als zwanzig Jahren zum Vorkämpfer eines Vereinten Europas macht, hat
immer als wesentliches Ziel gehabt, dem Frieden zu dienen. Europa ist nicht zustande gekommen, wir haben den Krieg gehabt.
Europa lässt sich nicht mit einem Schlage herstellen und auch
nicht durch eine einfache Zusammenfassung: Es wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat
schaffen. Die Vereinigung der europäischen Nationen erfordert,
dass der Jahrhunderte alte Gegensatz zwischen Frankreich und
Deutschland ausgelöscht wird. Das begonnene Werk muss in erster Linie Deutschland und Frankreich erfassen. Zu diesem Zweck
schlägt die französische Regierung vor, in einem begrenzten, doch
entscheidenden Punkt sofort zur Tat zu schreiten. Die französische
Regierung schlägt vor, die Gesamtheit der französisch-deutschen
Kohle- und Stahlproduktion einer gemeinsamen Hohen Behörde
zu unterstellen, in einer Organisation, die den anderen europäischen Ländern zum Beitritt offensteht. Die Zusammenlegung der
Kohle- une Stahlproduktion wird sofort die Schaffung gemeinsamer Grundlagen für die wirtschaftliche Entwicklung sichern – die
erste Etappe der europäischen Föderation – und die Bestimmung
jener Gebiete ändern, die lange Zeit der Herstellung von Waffen
gewidmet waren, deren sicherste Opfer sie gewesen sind.
Die Solidarität der Produktion, die so geschaffen wird, wird bekunden, dass jeder Krieg zwischen Frankreich und Deutschland
nicht nur undenkbar, sondern materiell unmöglich ist. Die Schaffung dieser mächtigen Produktionsgemeinschaft, die allen Ländern offensteht, die daran teilnehmen wollen, mit dem Zweck,
allen Ländern, die sie umfasst, die notwendigen Grundstoffe für
ihre industrielle Produktion zu gleichen Bedingungen zu liefern,
wird die realen Fundamente zu ihrer wirtschaftlichen Vereinigung
legen. Diese Produktion wird der gesamten Welt ohne Unterschied und Ausnahme zur Verfügung gestellt werden, um zur Hebung des Lebensstandards und zur Förderung der Werke des Friedens beizutragen. Europa wird dann mit vermehrten Mitteln die
Verwirklichung einer seiner wesentlichsten Aufgaben verfolgen
können: die Entwicklung des afrikanischen Erdteils. So wird einfach und rasch die Zusammenfassung der Interessen verwirklicht,
die für die Schaffung einer Wirtschaftsgemeinschaft unerlässlich
ist und das Ferment einer weiteren und tieferen Gemeinschaft der
Länder einschließt, die lange Zeit durch blutige Fehden getrennt
waren. Durch die Zusammenlegung der Grundindustrien und die
Errichtung einer neuen Hohen Behörde, deren Entscheidungen
für Frankreich, Deutschland und die anderen teilnehmenden Länder bindend sein werden, wird dieser Vorschlag den ersten Grundstein einer europäischen Föderation bilden, die zur Bewahrung
des Friedens unerlässlich ist.
Um die Verwirklichung der so umrissenen Ziele zu betreiben, ist
die französische Regierung bereit, Verhandlungen auf den folgenden Grundlagen aufzunehmen. Die der gemeinsamen Hohen Behörde übertragene Aufgabe wird sein, in kürzester Frist sicherzustellen: die Modernisierung der Produktion und die Verbesserung
der Qualität, die Lieferung von Stahl und Kohle auf dem französischen und deutschen Markt sowie auf dem aller beteiligten Länder
zu den gleichen Bedingungen, die Entwicklung der gemeinsamen
Ausfuhr nach den anderen Ländern, den Ausgleich im Fortschritt
der Lebensbedingungen der Arbeiterschaft dieser Industrien. Um
diese Ziele zu erreichen, müssen in Anbetracht der sehr verschiedenen Produktionsbedingungen, in denen sich die beteiligten
Länder tatsächlich befinden, vorübergehend gewisse Vorkehrungen getroffen werden, und zwar: die Anwendung eines Produktions- und Investitionsplanes, die Einrichtung von Preisausgleichsmechanismen und die Bildung eines Konvertierbarkeits-Fonds,
M 7 Titelseite einer Broschüre aus Frankfurt/ Main aus dem Jahre 1951. Auf
der Grundlage des Schuman-Plans unterzeichneten am 18. April 1951
sechs Mitgliedstaaten den Vertrag zur EGKS, der sogenannten Montanunion. Links: Robert Schuman, rechts: der westdeutsche Bundeskanzler
Konrad Adenauer.
© akg images
der die Rationalisierung der Produktion erleichtert. Die Ein- und
Ausfuhr von Kohle und Stahl zwischen den Teilnehmerländern wird
sofort von aller Zollpflicht befreit und darf nicht nach verschiedenen Frachttarifen behandelt werden. Nach und nach werden sich
so die Bedingungen herausbilden, die dann von selbst die rationellste Verteilung der Produktion auf dem höchsten Leistungsniveau gewährleisten. (…) Die Einrichtung einer Hohen Behörde
präjudiziert in keiner Weise die Frage des Eigentums an den Betrieben. In Erfüllung ihrer Aufgabe wird die gemeinsame Hohe
Behörde die Vollmachten berücksichtigen, die der Internationalen
Ruhrbehörde übertragen sind, ebenso wie die Verpflichtungen
jeder Art, die Deutschland auferlegt sind, so lange diese bestehen.
© Robert Schuman: Für Europa. 2. Aufl., Paris, CH-Chêne-Bourg,1963–2010, S. 145–148,
http://europa.eu/about-eu/basic-information/symbols/europe-day/schuman-declaration/index_de.htm
M8
Charles de Gaulle: »Rede an die deutsche Jugend«, Ludwigsburg 9.9.1962
Sie alle beglückwünsche ich! Ich beglückwünsche Sie zunächst,
jung zu sein. Man braucht ja nur die Flamme in ihren Augen zu
beobachten, die Kraft ihrer Kundgebungen zu hören, bei einem
jeden von Ihnen die persönliche Leidenschaftlichkeit und in ihrer
Gruppe den gemeinsamen Aufschwung mitzuerleben, um überzeugt zu sein, dass diese Begeisterung Sie zu den Meistern des
Lebens und der Zukunft auserkoren hat.
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Ich beglückwünsche Sie ferner, junge Deutsche zu sein, dass heißt Kinder eines großen
Volkes. Jawohl eines großen Volkes, das
manchmal im Laufe seiner Geschichte große
Fehler begangen hat. Ein Volk, das aber auch
der Welt fruchtbare geistige wissenschaftliche, künstlerische und philosophische Wellen beschert hat, das die Welt um zahlreiche
Erzeugnisse seiner Erfindungskraft, seiner
Technik und seiner Arbeit bereichert hat.; ein
Volk, das in seinem friedlichen Werk, wie
auch in den Leiden des Krieges, wahre
Schätze an Mut, Disziplin und Organisation
entfaltet hat. Das französische Volk weiß das
voll zu würdigen, da es auch weiß, was es
heißt, unternehmens- und schaffensfreudig
zu sein, zu geben und zu leiden.
Schließlich beglückwünsche ich Sie, die Jugend von heute zu sein. Im Augenblick, wo
Sie in das Berufsleben treten, beginnt für die
Menschheit ein neues Leben. Angetrieben
von einer dunklen Kraft, auf Grund eines unbekannten Gesetzes, unterliegen die materiellen Dinge dieses Lebens einer immer raM 9 » Händedruck zwischen dem französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle (l) und Bundespräscheren Umwandlung. Ihre Generation erlebt
sident Heinrich Lübke, CDU, nach der Rede des französischen Staatsgastes im Schlosshof von Ludes und wird es noch weiter erleben, wie die
wigsburg am 9.9.1962. De Gaulle und Bundespräsident Heinrich Lübke sprachen dort zu deutschen
Gesamtergebnisse der wissenschaftlichen
und französischen Jugendlichen.
© dpa, picture alliance
Entdeckungen und der maschinellen Entwicklung die physischen Lebensbedingungen
der Menschen tief umwälzen. Dieses wunderM 10 Konrad Adenauer, CDU: »Rede zum deutsch-französibare Gebiet, das ihnen offen steht, soll durch diejenigen, die
schen Freundschaftsvertrag in Köln am 23.6.1964«
heute in ihrem Alter stehen, nicht einigen Auserwählten vorbehalten bleiben, sondern für alle unsere Mitmenschen erschlossen
»Dieser deutsch-französische Vertrag ist von der übrigen Welt mit
werden. Sie sollen danach streben, dass der Fortschritt ein geeiner gewissen Zurückhaltung begrüßt worden, zuerst in den Vermeinsames Gut wird, sodass er zur Förderung des Schönen, des
einigten Staaten. Die Vereinigten Staaten haben aber den StandGerechten und des Guten beiträgt, überall und insbesondere in
punkt, den sie zuerst eingenommen haben schon lange aufgegeLändern wie den unseren, welche die Zivilisation ausmachen; soben und begrüßen den deutsch-französischen Vertrag als ein
mit soll den Milliarden der in den Entwicklungsländern Lebenden
Zeichen der Stabilität und des Friedens in Europa. Auch die übridazu verholfen werden, Hunger, Not und Unwissenheit zu besiegen europäischen Länder haben nicht die geringste Veranlasgen und ihre volle Menschenwürde zu erlangen.
sung, wegen dieses deutsch-französischen Vertrags irgendein
Das Leben in dieser Welt birgt jedoch Gefahren. Sie sind umso
Misstrauen zu hegen. Der deutsch-französische Vertrag enthält
größer, als der Einsatz stets ethisch und sozial ist. Es geht darum
Bestimmungen, die geradezu da sind, ein neues Vorwärtsgehen
zu wissen, ob im Laufe der Umwälzungen der Mensch zu einem
zu ermöglichen. In der Präambel (genauer in der zweiten SchlussbeSklaven in der Kollektivität wird oder nicht; ob es sein Los ist, in
stimmung: HM) des deutsch-französischen Vertrags wird ausdem riesigen Ameisenhaufen angetrieben zu werden oder nicht;
drücklich gesagt, dass jedes europäisches Land, das zu dem Kreis
oder ob er die materiellen Fortschritte völlig beherrschen kann
des Sechs gehört, von den deutsch-französischen Verhandlungen
und will, um damit freier, würdiger und besser zu werden.
unterrichtet werden soll. Weiter wird dann gesagt, dass dieser
Darum geht es bei der großen Auseinandersetzung in der Welt,
deutsch-französische Freundschaftsvertrag den Weg für eine Eidie sie in zwei getrennte Lager aufspaltet und die von den Völkern
nigung Europas ebnen soll, weil ohne eine Freundschaft zwischen
Deutschlands und Frankreichs erheischt, dass sie ihrem Ideal die
Frankreich und Deutschland keine Einigung in Europa geschaffen
Treue halten, es mit ihrer Politik unterstützen und es, gegebenenwerden könne. Jeder, der unvoreingenommen die ganze Sachlage
falls, verteidigen und ihm kämpfend zum Sieg verhelfen.
übersieht, wird darin zustimmen: Dieses deutsch-französisches
Diese jetzt ganz natürliche Solidarität müssen wir selbstverständAbkommen ist geradezu die Grundlage einer Einigung Europas.«
lich organisieren. Es ist die Aufgabe der Regierungen. Vor allem
müssen wir ihr aber einem lebensfähigen Inhalt geben, und das
© nach: Dokumente, Zeitschrift für den deutsch-französischen Dialog, Winter 2012, N°4,
soll insbesondere das Werk der Jugend sein. Während es die AufS. 28 (Verlag Dokumente, Bonn).
gabe unserer beiden Staaten bleibt, die wirtschaftliche, politische und kulturelle Zusammenarbeit zu fördern, sollte es ihnen
und der französischen Jugend obliegen, alle Kreise bei ihnen und
bei uns dazu zu bewegen, einander immer näher zu kommen, sich
besser kennen zu lernen und engere Bande zu schließen.
Die Zukunft unserer beiden Ländern, der Grundstein auf dem die
Einheit Europas gebaut werden kann und muss, und der höchste
Trumpf für die Freiheit der Welt bleiben die gegenseitige Achtung,
das Vertrauen und die Freundschaft zwischen dem französischen
und dem deutschen Volk.
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© www.ludwigsburg.de/site/Ludwigsburg-Internet/get/1105080/REDE-de_gaulle.pdf
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EUROPA NACH 1945
7. Großbritannien und Europa: Churchills
Europa-Rede und die Nachkriegspolitik
des Vereinigten Königreichs
FRANZ-JOSEF BRÜGGEMEIER
A
64
m 19. September 1946 hielt der langjährige britische Premierminister Winston Churchill in der Universität Zürich
eine Rede und formulierte dort Vorschläge,
die heute prophetisch erscheinen, damals
jedoch großes Erstaunen hervorriefen. Die
Völker Europas, so Churchill, müssten die
Schrecken des Krieges vergessen, sich
stattdessen auf ihr gemeinsames Erbe besinnen und ein vereintes Europa schaffen.
Daraus könnten eines Tages sogar die Vereinigten Staaten von Europa hervorgehen.
Schon dieser Vorschlag kam überraschend,
denn die Folgen des Krieges waren noch
überall zu spüren. In weiten Gebieten des
Kontinents, so Churchill, starrten »ungeheure Massen zitternder menschlicher
Wesen gequält, hungrig, abgehärmt und
verzweifelt auf die Ruinen ihrer Städte und
Behausungen«. Hass und Rachegefühle
seien verbreitet. Angesichts dieser Zustände von einer europäischen Völkerfamilie zu sprechen, mutete verwegen an, doch
Churchill ging noch einen Schritt weiter.
Um diese Familie zu erreichen, müsse in
einem ersten Schritt eine Partnerschaft
zwischen Frankreich und Deutschland entstehen – eine Partnerschaft zwischen zwei
Nationen, die allein in den acht Jahrzehnten vor Churchills Rede drei Kriege gegeneinander geführt hatten und zwischen
denen nach Meinung von Zeitgenossen geradezu eine »Erbfeindschaft« bestand.
Abb. 1 Am 19. 9.1946 hielt der ehemalige Premierminister von Großbritannien Winston Churchill in der
Aula der Universität Zürich eine Rede, in der er zur Einigung Europas aufruft: »Let Europe arise!«
© Keystone/ Photopress-Archiv, dpa, picture alliance
»Churchills Rede« und ihre Bedeutung bis heute
Es überrascht deshalb nicht, dass nach Meinung der Times viele
Personen diese Vorschläge als »ungeheuerlich« ansahen. Doch
es gab auch andere Reaktionen. George C. Marshall, ab 1947 Außenminister der USA und Vater des nach ihm benannten Marshall-Plans, gab an, dass Churchills Züricher Plädoyer für ein vereintes Europa ihn zu seinem Plan inspiriert hätten. Die damals
noch schwache europäische Bewegung sah darin eine wichtige
Bestätigung ihrer Bemühungen, und bis heute gilt Churchills
Rede als ein zentraler Beitrag zur europäischen Einigung. Diese
Einschätzung ist zutreffend, doch ein genauer Blick zeigt, dass
die Rede nicht einfach als prophetische Aussage zu interpretieren ist, sondern zahlreiche Botschaften und auch Widersprüche
enthielt. So forderte Churchill zwar ein vereintes Europa, meinte
damit aber die Länder Kontinentaleuropas, nicht hingegen das
Vereinigte Königreich. Dieses sollte den Einigungsprozess mit
Nachdruck unterstützen, sich jedoch nicht selbst daran beteiligen. Wichtiger sei Großbritanniens Zugehörigkeit zum Com-
Gro ßbritannien und Europa
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monwealth, wo es weiterhin seine führende Rolle ausüben sollte.
Außerdem müsse das Streben nach europäischer Einigung von
dem Bemühen begleitet werden, ein gutes Verhältnis zu den USA
zu pflegen. Denn nur deren Eingreifen in beiden Weltkriegen
habe die Versklavung und den Untergang Europas verhindert.
Ohne die Vereinigten Staaten wäre dieser Kontinent in das »finstere Mittelalter mit seiner Grausamkeit und seinem Elend« zurückgekehrt.
Damit sind Merkmale des europäischen Einigungsprozesses benannt, die bis heute bestehen: das Verhältnis von Großbritannien
zu Europa, das immer wieder durch Spannungen und einer oftmals unklaren Rolle des Vereinten Königsreichs geprägt war; die
Beziehung der europäischen Institutionen und Staaten zu den
USA, die nicht weniger konfliktreich verlief; und schließlich deren
Verhältnis zu den damaligen Kolonien in Afrika, Asien und Lateinamerika. Auf den ersten Blick drängt sich der Eindruck auf, seit
der Rede Churchills im Jahre 1946 habe sich nicht viel geändert.
Das gilt vor allem, wenn wir die sowohl zustimmende wie zurückhaltende Position Großbritanniens zur europäischen Einigung
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betrachten, die in der Rede so deutlich
wurde. Doch tatsächlich fanden seitdem
wichtige Veränderungen statt, die besser zu
erkennen sind, wenn wir die Situation nach
dem Zweiten Weltkrieg genauer betrachten.
Belastungen nach dem
Zweiten Weltkrieg
Zum Zeitpunkt der Rede war Europa durch
die Zerstörungen und Belastungen des Krieges geprägt, die noch viele Jahre fortbestanden. Diese betrafen auch Großbritannien, wo
Bombenangriffe ebenfalls enorme Schäden
angerichtet hatten, zahlreiche Tote und Verwundete zu beklagen waren und das Land
gegenüber den USA tief verschuldet war. Entsprechend blieben dort auch nach Kriegsende Lebensmittelkarten sowie andere Formen der Rationierung bestehen und mussten
teils noch erweitert werden. Doch verglichen
mit Kontinentaleuropa befanden sich Wirtschaft und Versorgung Großbritanniens in
einer deutlich besseren Lage. Hier blickten
keine hungrigen Menschenmassen »verzweiAbb. 3 Siegesfeier in London anlässlich der deutschen Kapitulation im Mai 1945 und des Ende des Zweifelt auf die Ruinen ihrer Städte«. Zudem
ten Weltkriegs.
© dpa, picture alliance
mussten sich die Bewohner des Vereinigten
Königreichs vor allem politisch keine Sorgen
Opposition verbannt und musste sogar die Verhandlungen in
machen. Großbritannien war das einzige größere Land Europas,
Potsdam verlassen, wo er zusammen mit Roosevelt und Stalin die
das während des Krieges nicht besetzt war, wo es keine KollaboWelt der Nachkriegszeit neu ordnen wollte. Entsprechend bekleiration mit den Nationalsozialisten gegeben hatte und wo nach
dete er bei seiner Rede in Zürich kein Regierungsamt, was vieldem Krieg dieselben Parteien, Personen und Institutionen beleicht dazu beitrug, dass er sich frei genug fühlte, derart weitreistanden wie zuvor. Mehr noch: Politik und Gesellschaft gingen
chende und kühne Vorschläge zu unterbreiten.
gestärkt aus dem Krieg hervor, nach dessen Ende bestand eine
In London hatte die neue Labour-Regierung inzwischen mit weitverbreitete Aufbruchstimmung.
reichenden Reformen begonnen, die den Wohlfahrtsstaat begründeten, wichtige Industrien verstaatlichten und ein starkes
Regierungswechsel im Vereinigten Königreich
Eingreifen des Staates in Gesellschaft und Wirtschaft ermöglichten. Von solchen Maßnahmen waren die anderen europäischen
Leidtragender dieser Stimmung waren die Konservativen unter
Länder weit entfernt. Sie mussten erst einmal neue Parteien und
Churchill. Dieser hatte wesentlich dazu beigetragen, den Krieg zu
Institutionen begründen oder bestehende gründlich verändern,
gewinnen und einen nahezu mythischen Status erlangt. Doch
um stabile politische Verhältnisse zu schaffen und Demokratie
eine Mehrheit der Wähler traute ihm nicht zu, den erhofften Neusowie Parlamentsherrschaft (erneut) zu etablieren. Ihre Belastunanfang umzusetzen. Die Wahlen, die kurz nach der deutschen Kagen und Herausforderungen unterschieden sich fundamental von
pitulation am 5. Juli 1945 stattfanden, gewann deshalb die Labour
der Situation im Vereinten Königreich. Es ist deshalb verständlich,
Partei. Churchill sah sich zu seiner großen Enttäuschung in die
dass Churchill die europäischen Länder bei ihren Bemühungen
unterstützen und Schritte zu einem vereinten Europa fördern,
sich aber selbst daran nicht beteiligen wollte. Dazu waren die jeweils herrschenden Bedingungen und Aufgaben zu unterschiedlich und wurden noch größer, wenn zusätzlich das Commonwealth betrachtet wurde.
65
Großbritannien und das Commonwealth
Abb. 2 Wahlplakat der Labour Party 1945 in Großbritannien. Mitten in der
Potsdamer Konferenz 1945 wurde der konservative britische Premierminister
Winston Churchill durch den neuen Premier Clement Richard Attlee, Labour,
abgelöst.
© labour.org.uk
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Das Commonwealth bestand nach dem Zweiten Weltkrieg aus
unabhängigen Staaten wie Neuseeland, Australien oder Kanada
und zahlreichen Kolonien. Wie schon im Ersten hatte diese auch
im Zweiten Weltkrieg entscheidende Unterstützung geboten und
gezeigt, wie wichtig das Commonwealth für Großbritannien war.
Dessen Fortbestand musste allerdings gesichert werden. In den
Kolonien breiteten sich Unabhängigkeitsbewegungen aus, besonders in Indien. Hier gewannen diese während des Krieges und
vor allem nach dessen Ende in kurzer Zeit ein derartiges Gewicht,
dass die britische Herrschaft sich nicht halten konnte.
Im Mai 1947, weniger als ein Jahr nach Churchills Rede, erlangte
Indien seine Unabhängigkeit. Die Bewegungen in anderen Kolonien erfuhren dadurch Auftrieb und konnten sich zudem auf die
Nachkriegsp olitik des Vereinigten Königreichs
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FRANZ-JOSEF BRÜGGEMEIER
Abb. 4 Das britische Empire/ Das britische Commonwealth und die Unabhängigkeitsbewegungen seit 1945
66
USA berufen. Roosevelt hatte im August 1941, vor dem Kriegseintritt seines Landes, in der Atlantik-Charta zusammen mit Churchill das Selbstbestimmmungsrecht der Nationen vereinbart.
Dieses war mit dem britischen Kolonialbesitz eigentlich nicht vereinbar, so dass Churchill das Dokument eher widerwillig unterzeichnete. Seine Befürchtungen, die USA würden Unabhängigkeitsbewegungen in den Kolonien unterstützen, traten nach Ende
des Krieges allerdings nicht ein. Dazu trug wesentlich der aufkommende Kalte Krieg bei, denn diese Bewegungen wurden beschuldigt, für Ziele der Sowjetunion bzw. des Kommunismus einzutreten. Als Großbritannien gegen diese kämpfte, vertrat es
deshalb nicht veraltete koloniale Ansprüche, sondern verteidigte
die Freiheit des Westens und erhielt dafür die Unterstützung der
USA.
Neben politischen und militärischen Gründen besaß das Commonwealth auch wirtschaftlich für das Vereinigte Königreich
eine wichtige Bedeutung. Hier wurde seit langem ein großer Teil
des britischen Handels abgewickelt, und angesichts der Zerstörungen in Europa sah es nicht danach aus, dass hier auf absehbare Zeit wichtige Märkte entstehen könnten. Entsprechend beteiligten die britischen Regierungen sich nicht an den
Bemühungen, eine größere wirtschaftliche Zusammenarbeit in
Europa zu erreichen. Das galt für die Europäische Gemeinschaft
für Kohle und Stahl, die 1952 entstand, und insbesondere für die
Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) im
Jahre 1957. Auch Churchill, der von 1951 bis 1955 wieder Premierminister war, zeigte daran kein Interesse. Wie bereits in Zürich
sah er diese Schritte zur europäischen Einigung als Aufgabe
der kontinentaleuropäischen Staaten, nicht hingegen seines
Landes.
Die NATO und die Sonderstellung von GB
Dieses mangelnde Interesse betraf jedoch nur die politischen
und wirtschaftlichen Einigungsbemühungen, nicht hingegen die
militärischen, die allerdings über Europa hinausreichten. Als
1949 die NATO entstand, war Großbritannien eines der Gründungsmitglieder und besaß nach den USA die größte Bedeutung.
Gerade die Regierung in London legte großen Wert darauf, dass
die USA Teil dieses Bündnisses wurde. Wie Churchill in seiner Züricher Rede ausführte, hatte dieses Land in beiden Weltkriegen
entscheidend zum Sieg der Alliierten beigetragen. Nach dem Ersten Weltkrieg zog es sich aus Europa und teils auch aus der Weltpolitik zurück, was nach Meinung vieler Zeitgenossen dazu beitrug, dass in Europa erneut ein Weltkrieg ausbrach. Um einen
derartigen Rückzug nicht noch einmal aufkommen zu lassen,
sollten dieses Mal die USA in Europa eingebunden bleiben, vor
allem militärisch durch die NATO. Churchill schwebte sogar eine
enge transatlantische Gemeinschaft der englischsprachigen
Länder vor, die jedoch kaum mehr war als ein romantischer
Traum. Erfolgsversprechender war das Bemühen, gegenüber den
USA eine ‚besondere Partnerschaft’ zu etablieren, zumal diese es
erleichterte, weiterhin zum Kreis der drei großen Weltmächte zu
gehören.
Angesichts der Schwäche der anderen europäischen Länder und
des Fortbestandes von Commonwealth und Kolonien, sprach einiges für diese Sonderstellung, wenngleich unklar war, worin genau diese bestehen und wie stark dabei die Position Großbritanniens sein sollte. Bei der Konferenz in Potsdam im Jahr 1945
gehörte dieses Land noch zu den drei großen Mächten, die über
die Nachkriegsordnung berieten. Churchill und Attlee, sein Nachfolger als Premierminister, konnten die Entscheidungen beeinflussen, handelten aber bereits als Juniorpartner der USA. In den
folgenden Jahren zeigte sich mehr und mehr, wie ungleich die
Kräfteverhältnisse zwischen den beiden Weltmächten USA und
UdSSR auf der einen und Großbritannien auf der anderen Seite
tatsächlich waren. Und spätestens bei der Suez-Krise (1956)
musste die Regierung in London erfahren, dass die USA nicht dieselben Ziele und Interessen verfolgten wie ihr britischer Partner
und sich ggf. gegen ihn stellten. Großbritannien hatte zusammen
mit Frankreich Ägypten angegriffen, das den Suez-Kanal verstaatlicht hatte, musste jedoch auf amerikanischen Druck die
Truppen zurückziehen und sah sich bloßgestellt. Das Verhältnis
dieser beiden Länder war deshalb nicht gleichberechtigt, aber enger als zu den anderen europäischen Staaten. Das galt nicht nur
militärisch, wo beide Länder in der NATO eng zusammen arbeiteten, sondern zumindest genauso politisch, wirtschaftlich und
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kulturell, wo sie auf seit langem bestehende
Traditionen und Gemeinsamkeiten zurückgreifen konnten.
Frankreichs Distanz zu GB
Für de Gaulle waren diese Gemeinsamkeiten
zu ausgeprägt. Als 1961 die britische Regierung den Beitritt zur EWG beantragte, scheiterte sie vor allem an dessen Veto. Er sah in
Großbritannien einen »amerikanischen Pudel«, der sich nicht wirklich auf Europa einlassen wollte. Diese Beurteilung hatte einen
zutreffenden Kern. Die britische Regierung
wollte der EWG zwar beitreten, zugleich aber
an den engen Beziehungen zu den USA festhalten. Sie vertrat weiterhin die Positionen,
die Churchills in Zürich vertreten hatte: Eine
enge Zusammenarbeit mit den USA sei – gerade im Kalten Krieg – sowohl grundsätzlich
für Europa wie speziell für Großbritannien
unverzichtbar. So konnte die Regierung in
London nur deshalb als Atommacht agieren,
Abb. 5 Bundeskanzler Konrad Adenauer (l), der luxemburgische Außenminister Joseph Bech (2.v. r.) und
weil sie auf amerikanische Trägerraketen zuder 1951 knapp wiedergewählte britische Premierminister Winston Churchill (r) in Churchills Amtssitz
rückgreifen konnte. De Gaulle hingegen verDowning Street No 10. Auf der Londoner Neunmächtekonferenz vom 28.09. bis zum 3.10.1954 wurde über
suchte, eine größere Unabhängigkeit von
eine Alternative für die an Frankreich gescheiterte EVG (Europäische Verteidigungsgemeinschaft) verhanden USA zu erreichen, baute dazu mit hohen
delt. In der »Londoner Akte« wurde empfohlen, die Bundesrepublik Deutschland und Italien in den FünfKosten eine eigene Atommacht auf und vermächtepakt von 1948 und in die NATO aufzunehmen.
© dpa, picture alliance
suchte, die anderen Länder auf seine Seite zu
ziehen. Ein Beitritt Großbritanniens zur EWG
hätte diese Bemühungen erschwert, so dass
nien ihre Unabhängigkeit, allerdings nicht nur wegen der abnehsein Veto verständlich wird, das allerdings nicht dazu führte, dass
menden wirtschaftlichen Bedeutung. Zumindest genauso wichtig
die anderen europäischen Regierungen seine kritische Haltung
waren die Unabhängigkeitsbewegungen, der Kalte Krieg und die
gegenüber den USA teilten.
damit verbundene Sorge, ohne Entgegenkommen würden diese
Bewegungen ins Lager der Sowjetunion wechseln Und nicht zuletzt entwickelte sich ein immer geringeres Interesse in der BevölDas Zeitalter der Entkolonialisierung und die
kerung der verschiedenen europäischen Länder, an den Kolonien
Neuorientierung hin zu Europa
festzuhalten und dafür gar Opfer zu bringen.
In Großbritannien war diese Entwicklung mit einer wachsenden
Während sich dadurch in den grundsätzlichen Beziehungen zu
Orientierung an Europa verbunden. Das bedeutete nicht, dass die
den Vereinigten Staaten nach der Rede Churchills wenig änderte,
alten Verbindungen abbrachen. Das Commonwealth besteht vielfanden in den Kolonien dramatische Entwicklungen statt. Die Unmehr bis heute, jetzt allerdings als freiwilliger Zusammenschluss.
abhängigkeit Indiens war dafür ein erster Hinweis. In anderen KoUnd ebenso bestehen weiterhin vielfältige kulturelle, wirtschaftlonien gewannen vergleichbare Bemühungen rasch an Unterstütliche, politische und nicht zuletzt sportliche sowie familiäre Bezung und führten vielfach zu bewaffneten Kämpfen. Noch zu
ziehungen zwischen den verschiedenen Ländern. Entsprechend
Beginn der 1950er Jahre sah es allerdings danach aus, dass die
entwickelte sich die Zuwendung zu Europa parallel zu diesen Beeuropäischen Mächte sich behaupten könnten. Dabei versuchte
ziehungen, und vielfach kam die Sorge auf, der Zusammenhalt im
nicht nur Großbritannien, seine Kolonien zu halten, auch mit WafCommonwealth und die dort bestehenden Verbindungen würden
fengewalt. Die anderen europäischen Kolonialmächte verfolgten
darunter leiden. Als Großbritannien in einem erneuten Anlauf
dieselbe Politik. Sie hielten ebenfalls an ihren Territorien fest oder
1973 der EWG beitrat, handelte die Regierung deshalb günstige
versuchten, dort die Kontrolle wiederzuerlangen, wo sie diese
Zölle und andere Regelungen für die Länder des Commonwealth
während des Zweiten Weltkriegs verloren hatten – wie Frankreich
aus, damit diese weiterhin Produkte in das Vereinte Königreich
in Indochina (was später zum Vietnamkrieg führte). Bald allerliefern konnten. Zusätzlich fand 1975 ein Referendum statt, um
dings zeigte sich, dass der Widerstand immer heftiger und zuauf die verbreitete Skepsis zu reagieren und für den Beitritt die
gleich die ökonomische Bedeutung der Kolonien immer geringer
erforderliche öffentliche Unterstützung zu erhalten. Derartige
wurde. Schon zuvor war diese Bedeutung oftmals zu hoch eingeAbstimmungen sind im politischen System Großbritanniens nicht
schätzt worden, und Kritiker hatten darauf verwiesen, dass allenvorgesehen und fanden bis dahin nicht statt, da hier das Parlafalls einzelne Firmen und Personen davon profitierten, während
ment die entscheidende Institution ist. Weil der Beitritt zur EWG
die Kolonien insgesamt eher Kosten verursachten, die auf die
jedoch derart grundlegende Fragen betraf, kam es jetzt zum ersSteuerzahler abgewälzt wurden. Vor allem jedoch litten die Koloten Mal in der britischen Geschichte zu einem Referendum, bei
nien selbst darunter, vielfach bis heute.
dem eine deutliche Mehrheit von 67 Prozent für den Beitritt
Parallel dazu fand in Europa eine Entwicklung statt, die 1945 keistimmte.
ner erwartete. Die europäischen Staaten, die durch den Krieg so
Zu diesem Zeitpunkt befand sich die EWG bereits auf dem Weg
sehr zerstört waren, erholten sich und boten einen immer wichtizur Europäischen Gemeinschaft. Diesen Namen trägt sie seit
geren Wirtschaftsraum, auch für Großbritannien. Eine Folge da1992, um auszudrücken, dass die Mitgliedsländer nicht nur einen
von war der Beitrittsantrag an die EWG im Jahr 1961. Eine andere
gemeinsamen Wirtschaftsraum schaffen wollten. Ihre Zielsetzundas rasche Ende der Kolonialreiche. Nach 1960 erlangten innergen hatten sich seit Gründung der EWG erweitert und strebten
halb weniger Jahre die meisten, insbesondere die größeren Kolomittlerweile auch eine engere politische, soziale und kulturelle
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Dieser ist seit Jahrhunderten durch das Christentum geprägt, das bis heute eine wichtige
Gemeinsamkeit bietet, aber auch mit Ausgrenzungen verbunden war und ist. Churchill
verwies in Zürich noch ganz selbstverständlich auf christlichen Glauben und Ethik als
zentrale Elemente des europäischen Erbe.
Diese Selbstverständlichkeit besteht heute
nicht mehr, nicht nur weil eine wachsende
Zahl von Europäern nicht mehr einer Religionsgemeinschaft angehört. Hinzu kommt
ein größeres Bewusstsein dafür, dass die
christlichen Religionen auch problematische, teils sogar katastrophale Folgen hatten. Und schließlich ist gerade in den letzten
beiden Jahrzehnten die Zahl derjenigen Europäer deutlich gestiegen, die zwar gläubig,
aber keine Christen sind, sondern zu anderen
Religionen gehören, darunter insbesondere
Muslime. Diese entstammen zudem vielfach
einem anderen Kulturkreis, sind inzwischen
aber in wachsender Zahl in Europa geboren,
besitzen die Staatsangehörigkeit ihrer jeweiligen Länder und gehören schon deshalb zu
Europa. Entsprechend betonte der frühere
Bundespräsident Wulff, dass nicht nur Christen- und Judentum, sondern inzwischen auch
der Islam zu Deutschland gehören.
Diese Aussage blieb nicht ohne Widerspruch
und ist Teil einer in Deutschland noch recht
jungen Debatte. Hier ist die Zahl der Muslime
noch klein, sie sind überwiegend erst vor weAbb. 6 Großbritanniens Premierminister Edward Heath am 22. Januar 1972. Die Vertreter von Großbrinigen Jahren zugewandert und haben Politik,
tannien, Irland, Norwegen und Dänemark unterzeichneten in Belgiens Hauptstadt Brüssel die BeitrittsurGesellschaft und Kultur bisher erst in Ansätkunden zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, EWG. Der Beitritt der Länder, bis auf Norwegen,
zen geprägt. Das gilt nicht für Frankreich und
erfolgte zum 1. Januar 1973. Die Norweger hatten in einer Volksabstimmung am 25. und 26. September
vor allem nicht für Großbritannien. Das briti1972 gegen einen Beitritt zur EU gestimmt.
© dpa, picture alliance
sche Empire und später das Commonwealth
umfassten zahlreiche Gebiete, deren BewohZusammenarbeit an. Ähnlich anspruchsvoll hatte sich bereits
ner ganz unterschiedlichen Religionen und Kulturen angehörten.
Churchill in Zürich geäußert, als er die Gründung der Vereinigten
Lange Zeit stellten Muslime die mit Abstand größte Gruppe, allerStaaten von Europa beschwor. So weit sind wir auch heute noch
dings außerhalb des Vereinigten Königreichs, wo sie und Angehönicht. Zudem hat diese Zielsetzung zahlreiche Befürworter, aber
rigen anderer Kulturen nur eine geringe Bedeutung besaßen. Das
auch Kritiker, und es bestehen sehr unterschiedliche Vorstellunänderte sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als nach und nach
gen darüber, wie eng die Mitgliedstaaten der EU zusammenarbeiBewohner der früheren Kolonien nach Großbritannien einwanten sollen. Durch die Beitritte der vergangenen Jahre ist deren
derten. Als Angehörige des Commonwealth besaßen sie die britiZahl auf 28 Länder gestiegen, die wirtschaftlich, politisch und
sche Staatsangehörigkeit. Sie waren dennoch Diskriminierungen
kulturell erhebliche Unterschiede aufweisen. Umso wichtiger ist
ausgesetzt, konnten sich aber leichter in Politik und Gesellschaft
die Frage, was diese Länder verbindet. Darauf ging auch Churchill
einbringen als etwa Gastarbeiter in Deutschland. Allein schon die
in seiner Rede ein, als er ausführlich über das gemeinsame histoTatsache, dass sie das Wahlrecht besaßen, trug wesentlich dazu
rische und kulturelle Erbe Europas sprach.
bei, dass sie ihre Positionen mit einigem Erfolg vertreten konnten
und das Interesse von Parteien fanden. Inzwischen besitzen sie
erhebliche politische, kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung
Churchills Argumentation 1946 und das heutige
und sind wichtiger Bestandteil der britischen Gesellschaft. Mehr
Europa
als in anderen europäischen Ländern ist es hier (und in Frankreich, wo eine vergleichbare Situation besteht) besonders probleDer »edle Kontinent Europa«, so Churchill, umfasse die »schönsmatisch und ausgrenzend, vor allem das christliche Erbe der euroten und kultiviertesten Gegenden der Erde«. Hier liege der »Urpäischen Kultur zu betonen.
sprung fast aller Kulturen, Künste, philosophischen Lehren und
Diese Entwicklung haben Churchill und seine Zeitgenossen nicht
Wissenschaften des Altertums und der Neuzeit«. Nicht zuletzt
vorhergesehen, als er 1946 in Zürich seine Rede hielt. Seitdem ist
»die Quellen des christlichen Glaubens« befänden sich in diesem
auch der Prozess der europäischen Einigung weit vorangeschritKontinent. Vergleichbare Aussagen über das gemeinsame Erbe
ten, vermutlich weiter, als er es damals für möglich hielt. Zugleich
haben die europäischen Einigungsbewegungen von Beginn an
bestehen viele der Probleme, die seine damalige Wahrnehmung
begleitet und jüngst durch die zahlreichen neuen Mitgliedsstaaprägten, nicht mehr. Europa hat sich von den Folgen des Krieges
ten verstärktes Interesse gefunden. Dabei ist der Verweis auf die
erholt. Die vermeintliche Erbfeindschaft zwischen Deutschland
griechisch-römische Antike unstrittig, während der Bezug auf das
und Frankreich ist seit langem ebenso überwunden wie die SpalAbendland Probleme aufwirft, da dieser Begriff ursprünglich nur
tung durch den Kalten Krieg. Und Großbritannien ist stärker in
das westliche Europa meinte. Zu Recht verweisen die östlich und
Europa integriert als ihm vorschwebte.
südöstlich gelegenen Länder darauf, dass sie ebenfalls seit JahrAndere Merkmale scheinen sich kaum verändert zu haben, darunhunderten zum europäischen Kulturraum zählen.
ter vor allem das Verhältnis zu den USA. Dieses hat nach 1945 eine
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wechselvolle Geschichte und erlebt derzeit
als Folge der NSA-Affäre und der Kontroverse
über ein Freihandelsabkommen eine Krise.
Doch zugleich besteht kein Zweifel, dass die
USA und Europa füreinander die wichtigsten
Verbündeten sind, zumal die Vereinigten
Staaten ebenfalls durch Elemente der europäischen Kultur geprägt wurden. Alle Bestrebungen, die europäische Einigung weiter zu
entwickeln, werden sich auch darum bemühen müssen, die Beziehungen zu den USA
ebenfalls zu stärken oder zumindest nicht zu
gefährden.
Dabei kann es helfen, sich auf europäische
Werte und Traditionen zu besinnen, wenngleich es schwer fällt, diese eindeutig zu bestimmen. Die Sicherheit und Selbstgewissheit, die Churchill noch besaß, wenn er in
Europa den Ursprung »fast aller Kulturen,
Künste, philosophischen Lehren und Wissenschaften des Altertums und der Neuzeit« sah
und den Beitrag des Christentums betonte,
ist uns abhanden gekommen. Mehr als er und
seine Zeitgenossen sind wir uns bewusst,
dass zum europäischen Erbe auch Katastrophen und Ausgrenzungen gehören. Diese
Abb. 7 Der britische Premierminister David Cameron auf dem EU-Gipfel am 23.10.2014 in Brüssel. Bis
drohen weiterhin und betreffen aktuell vor
2017, aber nach den für 2015 anstehenden Unterhauswahlen kündigte der konservative britische Premierallem diejenigen, die als Zuwanderer oder
minister in Großbritannien eine Volksabstimmung in Großbritannien über den weiteren Verbleib in der EU
deren Nachkommen andere kulturelle oder
an.
© Dursun Aydemir – Anadolu Agency, dpa, picture alliance
religiöse Hintergründe besitzen, zugleich
aber zweifellos fester Bestandteil des heutiLiteraturhinweise
gen Europa und der von Churchill beschworenen europäischen
Familie sind.
Brüggemeier, Franz-Josef (2010): Geschichte Großbritanniens im 20. JahrDie Zuwanderung aus früheren Kolonien und anderen Regionen
hundert, München.
des Globus nach Europa mag ein neuartiges Phänomen sein. Der
Austausch mit ihnen und deren Bewohnern hingegen besitzt eine
Clarke, Peter (2004): Hope and Glory. Britain 1900–2000, 2. Auflage London.
lange Tradition. Erinnert sei nur daran, dass das antike Erbe vielGeorge, Stephen (1998): An awkward Partner: Britain in the European Comfach über die arabische Welt (zurück) nach Europa gelangte oder
munity, 3rd edn., Oxford.
dass dieser Kontinent ohnehin vielfältige Formen des Austausches und der gegenseitigen Befruchtung mit anderen Kulturen
May, Alex (2006): Britain and Europe since 1945, London.
kannte und davon erheblich profitierte.
Spencer, Ian R. G. (1997): British Immigration Policy since 1939. The Making
Wenn die Diskussion über gemeinsame Werte und Traditionen
of Multiracial Britain, London.
diese unterschiedlichen Einflüsse berücksichtigt und ein entsprechend offenes Verständnis des gemeinsamen Erbes entwickelt,
Winder, Robert (2004): Bloody Foreigners. The story of immigration to Bridann könnte ein gemeinsames Europa entstehen, das – wie Churtain, London.
chill es erhoffte – seinen »drei- oder vierhundert Millionen Einwohner Glück, Wohlstand und Ehre in unbegrenztem Ausmaße«
Internethinweise
bietet. Die Erreichung dieser Ziele bezeichnete er als ganz einfach. Das einzige, was Churchill als nötig erachtete, war der »EntBBC-Darstellung: www.bbc.co.uk/history/british/
schluss Hunderter von Millionen Männer und Frauen, Recht statt
Unrecht zu tun und dafür Segen statt Fluch als Belohnung zu ernGroßbritannien. Aus Politik und Zeitgeschichte, 2010, www.bpb.de/
ten«. Ganz so einfach war es nicht, wie er selbst als Politiker nur zu
apuz/32319/grossbritannien
genau wusste und wir inzwischen erfahren haben. Der Prozess der
Sturm, Roland: Die Entwicklung Großbritanniens seit 1945. www.bpb.de/
europäischen Einigung war und ist vielmehr mühsam, ein baldiger
izpb/10533/entwicklung-grossbritanniens-seit-1945
Abschluss ist nicht zu erwarten.
Doch weiterhin gilt, dass dafür die Entschlossenheit und Unterstützung der Bevölkerung unverzichtbar sind. Und auch die unterschiedlichen Erfahrungen, die einzelne Personen, Regionen
oder Länder einbringen. Im Falle von Großbritannien scheinen
diese eher von den Rändern Europas zu kommen, und hierin wird
oftmals ein Defizit gesehen. Doch tatsächlich eignet sich das Vereinigte Königreich wegen dieser Randstellung geradezu ideal als
Vermittler: gegenüber den USA, früheren Kolonien, anderen Kulturen oder anderen Religionen. Der Blick vom Rande oder gar von
außen muss nicht schaden. Im Gegenteil, er kann überaus hilfreich sein. Deshalb gilt weiterhin, was Churchill 1963 schrieb,
nachdem de Gaulle sein Veto gegen einen britischen Beitritt eingelegt hatte: »Die Zukunft Europas sieht trübe aus, sollte Britannien tatsächlich ausgeschlossen werden«.
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MATERIALIEN
M1
Rede Winston Churchills an der Universität in Zürich am 19.9.1946
»Herr Rektor, meine Damen und Herren,
ich bin heute geehrt worden durch den Empfang in Ihrer ehrwürdigen Universität und
durch die Dankadresse, welche mir in Ihrem
Namen überreicht worden ist und die ich sehr
zu schätzen weiß. Ich möchte heute über Europas Tragödie zu Ihnen sprechen. Dieser
edle Kontinent, der alles in allem die schönsten und kultiviertesten Gegenden der Erde
umfasst und ein gemäßigtes, ausgeglichenes
Klima genießt, ist die Heimat aller großen
Muttervölker der westlichen Welt. Hier sind
die Quellen des christlichen Glaubens und
der christlichen Ethik. Hier liegt der Ursprung
fast aller Kulturen, Künste, philosophischen
Lehren und Wissenschaften des Altertums
und der Neuzeit.
Wäre jemals ein vereintes Europa imstande,
sich in das gemeinsame Erbe zu teilen, dann
genössen seine drei- oder vierhundert Millionen Einwohner Glück, Wohlstand und Ehre in
unbegrenztem Ausmaße. Jedoch brachen gerade in Europa, entfacht durch die teutonischen Nationen in ihrem Machtstreben, jene
M 2 Der ehemalige Premierminister von Großbritannien Winston Churchill traf am 19. September 1946
Reihe entsetzlicher nationalistischer Streitigin der Universität Zürich ein, wo er am gleichen Tag seine Rede hielt, in der er zur Einigung Europas
keiten aus, welche wir in diesem zwanzigsten
aufrief: »Let Europe arise!«
© Keystone/ Photopress-Archiv, dpa, picture alliance
Jahrhundert und somit zu unserer Lebenszeit
den Frieden zerstören und die Hoffnungen
der gesamten Menschheit verderben sahen.
Und welches ist der Zustand, in den Europa gebracht worden ist?
statt Unrecht zu tun und dafür Segen statt Fluch als Belohnung
Zwar haben sich einige der kleineren Staaten gut erholt, aber in
zu ernten.
weiten Gebieten starren ungeheure Massen zitternder menschliViel Arbeit, meine Damen und Herren, wurde für diese Aufgabe
cher Wesen gequält, hungrig, abgehärmt und verzweifelt auf die
durch die Anstrengungen der paneuropäischen Union getan, welRuinen ihrer Städte und Behausungen und suchen den düsteren
che Graf Coudenhove-Kalergi so viel zu verdanken hat und welche
Horizont angestrengt nach dem Auftauchen einer neuen Gefahr,
dem Wirken des berühmten französischen Patrioten und Staatseiner neuen Tyrannei oder eines neuen Schreckens ab. Unter den
mannes Aristide Briand seine Richtung gab. Es gibt auch jene rieSiegern herrscht ein babylonisches Stimmengewirr; unter den
sige Fülle von Grundsätzen und Verfahren, welche nach dem ErsBesiegten das trotzige Schweigen der Verzweiflung. Das ist alles,
ten Weltkrieg mit großen Hoffnungen ins Leben gerufen worden
was die in so viele alten Staaten und Nationen gegliederten Eurowar, ich meine den Völkerbund. Der Völkerbund hat nicht wegen
päer, das ist alles, was die germanischen Völker erreicht haben,
seiner Grundsätze oder seiner Vorstellungen versagt. Er hat vernachdem sie sich gegenseitig in Stücke rissen und weit und breit
sagt, weil die Staaten, die ihn gegründet hatten, diesen GrundVerheerung anrichteten. Hätte nicht die große Republik jenseits
sätzen untreu geworden waren. Er hat versagt, weil sich die Redes Atlantischen Ozeans schließlich begriffen, dass der Untergierungen jener Tage davor fürchteten, den Tatsachen ins Gesicht
gang oder die Versklavung Europas auch ebenso ihr eigenes
zu sehen und zu handeln, solange dazu Zeit blieb. Dieses Unglück
Schicksal bestimmen würde, und hätte sie nicht ihre Hand zu
darf sich nicht wiederholen. (…)
Beistand und Führung ausgestreckt, so wäre das finstere MittelIch war sehr froh, vor zwei Tagen in den Zeitungen zu lesen, dass
alter mit seiner Grausamkeit und seinem Elend zurückgekehrt.
mein Freund Präsident Truman diesem großen Plan sein Interesse
Meine Herren, es kann noch immer zurückkehren. Und doch gibt
und seine Sympathie bezeugt. Es gibt keinen Grund, weshalb eine
es all die Zeit hindurch ein Mittel, das, würde es allgemein und
regionale europäische Organisation auf irgendeine Weise mit der
spontan von der großen Mehrheit der Menschen in vielen LänWeltorganisation der Vereinten Nationen in Konflikt geraten
dern angewendet, wie durch ein Wunder die ganze Szene veränsollte. Ich glaube im Gegenteil, dass der größere Zusammenderte und in wenigen Jahren ganz Europa, oder doch dessen
schluss nur lebensfähig bleibt, wenn er sich auf eng verbundene
größten Teil, so frei und glücklich machte, wie es die Schweiz
natürliche Gruppen stützen kann. In der westlichen Hemisphäre
heute ist. Welches ist dieses vorzügliche Heilmittel? Es ist die
gibt es bereits eine natürliche Gruppierung.
Neuschöpfung der europäischen Völkerfamilie, oder doch soviel
Wir Briten haben unser eigenes Commonwealth. Dieses schwächt
davon, wie möglich ist, indem wir ihr eine Struktur geben, in weldie Weltorganisation nicht, im Gegenteil, es stärkt sie. Es ist in
cher sie in Frieden, in Sicherheit und in Freiheit bestehen kann.
der Tat ihre stärkste Stütze. Und warum sollte nicht eine europäiWir müssen eine Art Vereinigte Staaten von Europa errichten. Nur
sche Gruppierung möglich sein, welche den verwirrten Völkern
auf diese Weise werden Hunderte von Millionen sich abmühendieses unruhigen und mächtigen Kontinents ein erweitertes Heider Menschen in die Lage versetzt, jene einfachen Freuden und
matgefühl und ein gemeinsames Bürgerrecht zu geben verHoffnungen wiederzuerhalten, die das Leben lebenswert mamöchte? Und warum sollte dieser nicht zusammen mit anderen
chen. Das Vorgehen ist einfach. Das einzige, was nötig ist, ist der
großen Gruppen bei der Bestimmung des künftigen Schicksals
Entschluss Hunderter von Millionen Männer und Frauen, Recht
der Menschheit seine berechtigte Stellung einnehmen? (…)
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Wir alle wissen, dass die beiden Weltkriege,
die wir miterlebt haben, der eitlen Leidenschaft eines neuvereinigten Deutschlands
entsprungen sind, welches die dominierende
Rolle in der Welt spielen wollte. In diesem
letzten Ringen wurden Verbrechen und Massenmorde begangen, für welche es seit der
mongolischen Invasion des vierzehnten Jahrhunderts keine Parallele gibt und wie es sie in
gleicher Weise zu keiner Zeit der Menschheitsgeschichte gegeben hat. Der Schuldige
muss bestraft werden. Deutschland muss der
Macht beraubt werden, sich wieder zu bewaffnen und einen neuen Angriffskrieg zu
entfesseln.
Aber wenn all das getan worden ist, so wie es
getan werden wird, so wie man es bereits
jetzt tut, dann muss die Vergeltung ein Ende
haben. Dann muss das stattfinden, was Gladstone vor vielen Jahren »einen segensreichen
Akt des Vergessens« genannt hat. Wir alle
müssen den Schrecknissen der Vergangenheit den Rücken kehren. Wir müssen in die
Zukunft schauen. Wir können es uns nicht
leisten, den Hass und die Rachegefühle, welche den Kränkungen der Vergangenheit entsprangen, durch die kommenden Jahre mitzuschleppen. Wenn Europa vor endlosem
Elend und schließlich vor seinem Untergang
bewahrt werden soll, dann muss es in der europäischen Völkerfamilie diesen Akt des Vertrauens und diesen Akt des Vergessens geM 3 Der britische Oppositionsführer Winston Churchill hielt am gleichen Tag neben seiner Rede an der
genüber den Verbrechen und Wahnsinnstaten
Universität auch noch eine Rede auf dem voll versammelten Münsterhof in Zürich.
der Vergangenheit geben. (…)
© Keystone/ Photopress-Archiv, dpa, picture alliance
Ich sage Ihnen jetzt etwas, das Sie erstaunen
wird. Der erste Schritt zu einer Neuschöpfung der europäischen Völkerfamilie muss
wird, ausgenommen für die Sache von Freiheit und Recht. Aber es
eine Partnerschaft zwischen Frankreich und Deutschland sein.
ist wohl möglich, dass dieses ungeheuerliche Zerstörungsmittel
Nur so kann Frankreich seine moralische und kulturelle Führerin ein paar Jahren weitverbreitet sein wird, und die Katastrophe,
rolle in Europa wiedererlangen. Es gibt kein Wiederaufleben Eudie seinem Gebrauch durch verschiedene kriegsführende Natioropas ohne ein geistig großes Frankreich und ein geistig großes
nen folgen würde, bedeutete nicht nur das Ende all dessen, was
Deutschland. Wenn das Gefüge der Vereinigten Staaten von Euwir Zivilisation nennen, sondern könnte wahrscheinlich sogar den
ropa gut und richtig gebaut wird, so wird die materielle Stärke
Erdball selbst zerstören.
eines einzelnen Staates weniger wichtig sein. Kleine Nationen
Ich will nun die Aufgaben, die vor Ihnen stehen, zusammenfassen.
werden genau soviel zählen wie große, und sie werden sich ihren
Unser beständiges Ziel muss sein, die Vereinten Nationen aufzuRang durch ihren Beitrag für die gemeinsame Sache sichern.
bauen und zu festigen. Unter- und innerhalb dieser weltumfasDie alten Staaten und Fürstentümer Deutschlands, in einem födesenden Konzeption müssen wir die europäische Völkerfamilie in
ralistischen System zum gemeinsamen Vorteil freiwillig zusameiner regionalen Organisation neu zusammenfassen, die man
mengeschlossen, könnten innerhalb der Vereinigten Staaten von
vielleicht die Vereinigten Staaten von Europa nennen könnte. Der
Europa ihre individuellen Stellungen einnehmen. Ich werde nicht
erste praktische Schritt wird die Bildung eines Europarates sein.
versuchen, ein detailliertes Programm für Hunderte von MillioWenn zu Beginn nicht alle Staaten Europas der Union beitreten
nen Menschen zu entwerfen, welche glücklich und frei, zufrieden
können oder wollen, so müssen wir trotzdem damit anfangen und
und sicher sein wollen, die jene vier Freiheiten, von denen der
diejenigen, die wollen, und diejenigen, die können, sammeln und
große Präsident Roosevelt sprach, genießen wollen und die nach
zusammenführen. Die Errettung der Menschen aller Rassen und
Grundsätzen zu leben wünschen, die in der Atlantik-Charta veranaller Länder aus Krieg und Knechtschaft muss auf soliden Grundkert wurden. Wenn das ihr Wunsch ist, wenn das der Wunsch der
lagen beruhen und garantiert werden durch die Bereitschaft aller
Europäer in so vielen Ländern ist, müssen sie es nur sagen, und es
Männer und Frauen, lieber zu sterben, als sich der Tyrannei zu unkönnen sicher Mittel gefunden und Einrichtungen geschaffen
terwerfen. Bei all diesen dringenden Aufgaben müssen Frankwerden, damit dieser Wunsch voll in Erfüllung geht.
reich und Deutschland zusammen die Führung übernehmen.
Aber ich muss Sie warnen. Vielleicht bleibt wenig Zeit. GegenwärGroßbritannien, das britische Commonwealth, das mächtige
tig gibt es eine Atempause. Die Kanonen sind verstummt. Die
Amerika, und, so hoffe ich wenigstens, Sowjetrussland – denn
Kampfhandlungen haben aufgehört; aber die Gefahren haben
dann wäre tatsächlich alles gut – sollen die Freunde und Förderer
nicht aufgehört. Wenn wir die Vereinigten Staaten von Europa,
des neuen Europa sein und dessen Recht, zu leben und zu leuchoder welchen Namen sie haben werden, bilden wollen, müssen
ten, beschützen.
wir jetzt anfangen.
Darum sage ich Ihnen: Lassen Sie Europa entstehen!«
Augenblicklich leben wir in seltsamer und bedenklicher Weise un© www.europarl.europa.eu/brussels/website/media/Basis/Geschichte/bis1950/Pdf/
ter dem Schild, und ich will sogar sagen Schutz, der Atombombe.
Churchill_Rede_Zuerich.pdf sowie www.zeit.de/reden/die_historische_rede/200115_
Bisher ist die Atombombe nur in den Händen eines Staates und
hr_churchill1_englisch
einer Nation, von der wir wissen, dass sie sie niemals brauchen
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DEUTSCHLAND & EUROPA INTERN
D&E-Autorinnen und Autoren – Heft 68
»Die ersten Nachkriegsjahre. Europa nach 1945«
Abb. 1 Professorin Dr. Gabriele
Clemens, Universität Hamburg,
Arbeitsbereich Europäische
Geschichte, Jean Monnet-Lehrstuhl
für Europäische Integrationsgeschichte und Europastudien
Abb. 2 Oberstudienrat Johannes
Gienger, Leiter des Stadtmedienzentrums Stuttgart, Autor multimedialer
Publikationen zu historischen Themen
Abb. 3 Studiendirektor Herbert
Kohl, Staatliches Seminar für Didaktik und Lehrerbildung Heilbronn,
Schulbuchautor, vormals Fachberater
für Geschichte am Regierungspräsidium Stuttgart
Abb. 5 Professor Dr. Henri Ménudier, Politologe an der Universität
Paris III – Sorbonne Nouvelle (Institut d`Allemand), gilt als Deutschlandexperte. Ménudier ist Schüler von
Alfred Grosser und Joseph Rovan.
Abb. 6 Professor Dr. phil., Dr. med.
Franz-Josef Brüggemeier, Universität
Freiburg, unterrichtete als Visiting
Professor in York (England) und Harvard (USA) und hat zahlreiche Beiträge zur Sozial- und Umweltgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts
veröffentlicht.
Abb. 7 Jürgen Kalb, Studiendirektor, Fachreferent LpB, Fachberater
RP Stuttgart, Elly-Heuss-KnappGymnasium Stuttgart
Abb. 4 Manfred Mack, Deutsches
Polen-Institut Darmstadt, Schulbuchautor zur deutsch-polnischen
Geschichte
72
Hinweis: Fachtagung Geschichte am 21. Mai 2015, 9:30–16:30 Uhr
70 Jahre »Stunde Null«?
Von der Kapitulation zu neuen Perspektiven
Der Fachtag kombiniert Ergebnisse der historischen Forschung mit Anregungen, Unterrichtskonzepten und Materialien für die Unterrichtspraxis. Ausgehend von der Stadtgeschichte – Stuttgart erwacht aus den Trümmern und sucht den wirtschaftlichen, politischen
und moralischen Neuanfang – soll das größere Umfeld – Teilung Deutschlands, Entwicklung Europas – ins Blickfeld genommen werden.
Referenten u. a.: Professor Dr. Henri Ménudier, Universität Paris III, Nouvelle Sorbonne, Paris
Professor Dr. Ulrich Herbert, Universität Freiburg
Das Stadtmedienzentrum Stuttgart führt diesen Fachtag in Kooperation mit dem Planungsstab des Stadtmuseums sowie der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Redaktion von »Deutschland & Europa«, durch.
Anmeldung unter: [email protected]
D &E- Au torinnen und Au toren
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D&E
Heft 68 · 2014
24.11.14 13:40
Stafflenbergstraße 38, 70184 Stuttgart
Telefon 0711/164099-0, Service -66, Fax -77
[email protected], www.lpb-bw.de
Direktor: Lothar Frick
Büro des Direktors:
Sabina Wilhelm
Stellvertretender Direktor: Karl-Ulrich Templ
Stabsstelle Kommunikation und Marketing
Leiter: Werner Fichter
Felix Steinbrenner
-60
-62
-40
-63
-64
Abteilung Zentraler Service
Abteilungsleiter: Kai-Uwe Hecht
-10
Haushalt und Organisation: Gudrun Gebauer
-12
Personal: Sabrina Gogel
-13
Information und Kommunikation: Wolfgang Herterich -14
Klaudia Saupe
-49
Siegfried Kloske, Haus auf der Alb Tel.: 07125/152-137
Abteilung Demokratisches Engagement
Abteilungsleiterin/Gedenkstättenarbeit: Sibylle Thelen* -30
Politische Landeskunde*: Dr. Iris Häuser
-20
Schülerwettbewerb des Landtags*: Monika Greiner
Daniel Henrich
-25
Frauen und Politik: Beate Dörr/Sabine Keitel
-29/-32
Jugend und Politik*: Angelika Barth
-22
Freiwilliges Ökologisches Jahr*: Steffen Vogel
-35
Alexander Werwein-Bagemühl/ Sarah Mann
-36/-34
Stefan Paller
-37
Abteilung Medien und Methoden
Abteilungsleiter/Neue Medien: Karl-Ulrich Templ
-40
Politik & Unterricht/Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs: Prof. Dr. Reinhold Weber -42
Deutschland & Europa: Jürgen Kalb
-43
Der Bürger im Staat/Didaktische Reihe:
Siegfried Frech
-44
Unterrichtsmedien: Michael Lebisch
-47
E-Learning: Dr. Andrea Fausel, Sabine Keitel
-46
Politische Bildung Online: Jeanette Reusch-Mlynárik,
Haus auf der Alb
Tel.: 07125/152-136
Internet-Redaktion: Klaudia Saupe
-49
Bianca Hausenblas
-48
Abteilung Haus auf der Alb
Tagungszentrum Haus auf der Alb,
Hanner Steige 1, 72574 Bad Urach
Telefon 07125/152-0, Fax -100
www.hausaufderalb.de
Abteilungsleiter/Gesellschaft und Politik:
Dr. Markus Hug
Schule und Bildung/Integration und Migration:
Robert Feil
Internationale Politik und Friedenssicherung/
Integration und Migration: Wolfgang Hesse
Europa – Einheit und Vielfalt: Thomas Schinkel
Bibliothek/Mediothek: Gordana Schumann
Hausmanagement: Julia Telegin
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Außenstellen
Regionale Arbeit
Politische Tage für Schülerinnen und Schüler
Veranstaltungen für den Schulbereich
Außenstelle Freiburg
Bertoldstraße 55, 79098 Freiburg
Telefon: 0761/20773-0, Fax -99
Leiter: Dr. Michael Wehner
Thomas Waldvogel
-77
-33
Außenstelle Heidelberg
Plöck 22, 69117 Heidelberg
Telefon: 06221/6078-0, Fax -22
Leiterin: Wolfgang Berger
Robby Geyer
-14
-13
Politische Tage für Schülerinnen und Schüler
Veranstaltungen für den Schulbereich
Thomas Franke
Stuttgart: Stafflenbergstraße 38
Projekt Extremismusprävention
Stuttgart: Stafflenbergstraße 38
Leiter: Felix Steinbrenner
Assistentin: Stefanie Beck
-83
-81
-82
* Paulinenstraße 44–46, 70178 Stuttgart
Telefon: 0711/164099-0, Fax -55
LpB-Shops/Publikationsausgaben
Bad Urach Hanner Steige 1, Telefon 07125/152-0
Montag bis Freitag
8.00–12.00 Uhr und 13.00–16.30 Uhr
Freiburg
Bertoldstraße 55, Telefon 0761/20773-10
Dienstag und Donnerstag 9.00–17.00 Uhr
-146
Heidelberg Plöck 22, Telefon 06221/6078-11
Dienstag, 9.00–15.00 Uhr
Mittwoch und Donnerstag 13.00–17.00 Uhr
-139
Stuttgart
-140
-147
-121
-109
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Stafflenbergstraße 38,
Telefon 0711/164099-66
Mittwoch 14.00–17.00 Uhr
24.11.14 08:55
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