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Das Dersim-Massaker an den alevitischen Kurden in der Türkei | Telepolis (Print)
Das Dersim-Massaker an den alevitischen Kurden in
der Türkei
Elke Dangeleit 17.05.2015
Nach der Diskussion um den Genozid an den Armeniern rückt ein
neues Massaker ins Blickfeld: das Massaker an den kurdischen
Aleviten in Dersim (heute Tunceli) vor 77 Jahren
Die Diskussion um den Völkermord an den Armeniern (Völkermord an den
Armeniern [1]) hat international für einigen Wirbel gesorgt, nachdem der Papst und
etliche Staaten, nicht zuletzt auch die Bundesregierung - zwar zögerlich und
verklausuliert - in Person von Bundespräsident Gauck und Bundestagspräsident
Lammert (CDU) von Völkermord sprechen [2].
Die Türkei reagiert pikiert und wehrt sich, das Massaker als Völkermord zu
bezeichnen. Nach wie vor wird von "Umsiedlung" gesprochen [3]. Ministerpräsident
Davutoglu beschwert sich persönlich bei Merkel [4], der türkische Präsident Erdogan
will Deutschland den Mund verbieten [5].
Dabei hält die Unterdrückungs- und Diskriminierungspolitik gegenüber Minderheiten
auch in der heutigen Türkei an. Auch die Geschichte der Verfolgung und
Diskriminierung der Aleviten hat ihre Wurzeln im Osmanischen Reich. Schon vor der
Gründung der Türkischen Republik (1923) wurde die Provinz Dersim, das
Hauptsiedlungsgebiet der kurdischen Aleviten in der Osttürkei, von den Osmanen
angegriffen und Massaker verübt.
Historische Hintergründe
In dieser damals schwer zugänglichen Bergregion konnten die kurdischen Aleviten ihre
Kultur nahezu unbehelligt leben. Die Aleviten stellen mit 10 - 20% der Bevölkerung in
der Türkei die größte religiöse Minderheit dar. Hauptsiedlungsgebiete sind die
kurdischen Provinzen Dersim (türk: Tunceli), Xarpet (türk: Elazig, und Bingöl, wie
auch die gemischten Provinzen Sivas, Erzincan und Adana und die türkischen
Provinzen Malatya, Kayseri und Tokat.)
Dersim (1937); Karte: NordNordWest [1]/CC BY-SA 3.0 [2]
Bis heute sind die Aleviten in der Türkei nicht als konfessionelle Minderheit anerkannt,
was die Europäische Kommission mehrfach kritisiert hat und nunmehr zur Bedingung
bei den Beitrittsverhandlungen der Türkei zur Europäischen Union macht.
Diese Religionsgemeinschaft setzt sich in starkem Masse aus Zaza- und Kurmancisprachigen Kurden, zusammen 1. Die Entstehungsgeschichte der alevitischen
Religionsgemeinschaft und ihre Zuordnung zu den großen Religionen ist nach wie vor
umstritten.
Es gibt in ihrer Philosophie große Übereinstimmungen mit den Schiiten und den
Sufi-Orden, nicht aber in den angewandten Ritualen. Die Aleviten standen immer in
Opposition zur sunnitischen Glaubensrichtung des Islam. Auch heute findet man kaum
eine alevitische Frau, die das islamische Kopftuch trägt.
http://www.heise.de/tp/druck/mb/artikel/44/44951/1.html
19.05.2015 10:40
Das Dersim-Massaker an den alevitischen Kurden in der Türkei | Telepolis (Print)
In den 30er Jahren lebten im Gebiet um die Provinz Dersim rund 150.000 kurdische
Aleviten, die von den sunnitischen Türken verächtlich als "Kisilbasch" (Rotköpfe)
bezeichnet wurden.
Die Massaker 1937/1938
Der Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk sicherte anfänglich allen Bürgern ohne
Ansehen der ethnisch-religiösen Zugehörigkeit die gleichen Rechte zu. Darauf
vertrauten auch die Aleviten, sahen sie doch hier die Chance, die Unterdrückung durch
das osmanische Kalifat zu überwinden. Aber schon bald stellten sie fest, dass Atatürk
ihre Stammesstrukturen nicht duldete, weil er sie im Widerspruch sah zu seinem
Republikanismus, da er proklamierte [6]:
» Alle, die in der Türkei leben, sind Türken. «
Es brachen Aufstände aus und 1926 gab es große Unruhen in Dersim, 1930 wurden ca.
10.000 Aleviten in westliche Gebiete der Türkei deportiert, mit dem Ziel, sie zu
assimilieren und die quasi autonome Region Dersim zu schwächen. 1934 wurde im
türkischen Parlament das "Zwangsevakuierungsgesetz" beschlossen, das 1935 den
rechtlichen Rahmen für die Deportation der Aleviten schuf [7]:
Das türkische Kabinett beschloss am 4.Mai 1937 in geheimer Sitzung:
"Dieses Mal wird die Bevölkerung in dem aufrührerischen Gebiet
zusammengezogen und in andere Gebiete überführt werden. […] Wenn man
sich lediglich mit einer Offensivaktion begnügt, werden die
Widerstandsherde fortbestehen. Aus diesem Grunde wird es als notwendig
betrachtet, diejenigen, die Waffen eingesetzt haben und einsetzen, vor Ort
endgültig unschädlich zu machen, ihre Dörfer vollständig zu zerstören und
ihre Familien fortzuschaffen.
Diese Argumentation erinnert an den Genozid an den Armeniern 1915 und zeigt, dass
es einen weiteren Genozid gab: den an den kurdischen Aleviten, was im Westen nicht
bekannt ist, von den vielen hier ansässigen Aleviten aber als Demütigung empfunden
wird.
In seiner Rede zur Parlamentseröffnung im Jahr 1936 postulierte [8] Atatürk:
Wenn es etwas Wichtiges in unseren inneren Angelegenheiten gibt, dann ist
es nur die Dersim-Angelegenheit. Um diese Narbe, diesen furchtbaren Eiter
in unserem Innerem, samt der Wurzel anzupacken und zu säubern, müssen
wir alles unternehmen, egal was es koste, und die Regierung muss mit
weitreichenden Kompetenzen ausgestattet werden, damit sie dringend
erforderliche Entscheidungen treffen kann.
"Züchtigung und Deportation" (tedip ve tenkil) war die Formulierung, mit der die
Massaker gerechtfertigt wurden. Am 4. Mai 1937 fasste die türkische Regierung den
Beschluss zur Durchführung. Die Aleviten leisteten Widerstand, indem sie
Militärstationen und andere militärische Einrichtungen angriffen.
Im Sommer eskalierten die Ereignisse, als türkische Bodentruppen Dörfer
niederbrannten und Tausende von Zivilisten ermordeten, darunter auch Frauen und
Kinder. Die türkische Luftwaffe bombardierte diese Gebiete z.T. auch mit Giftgas - mit
von der Partie war die Pilotin Sabiha Gökcen, eine Adoptivtochter Atatürks, nach ihr
wurde der 2. Flughafen in Istanbul benannt.
Man munkelt, dass Sabiha armenische Wurzeln hat, also eins der Kinder ist, die 1915
entführt und zwangsassimiliert wurden. Etwa 70.000 Aleviten fielen diesen Angriffen
zum Opfer und ca. 50.000 Menschen wurden deportiert. Hilferufe der Aleviten an den
Völkerbund wurden überhört, denn dort wurde das Massaker als innere Angelegenheit
der Türkei betrachtet -es war ja nur eine muslimische Minderheit davon betroffen.
1938 war der Aufstand in Dersim niedergeschlagen, die als "Säuberung" benannte
Aktion der türkischen Armee endete in der Umbenennung von Dersim in "Tunceli"
(Eiserne Hand), auf den Bergen prangte in Steinen: "Ich bin stolz ein Türke zu sein";
kein Dorf wurde verschont von den Morden der türkischen Armee.
http://www.heise.de/tp/druck/mb/artikel/44/44951/1.html
19.05.2015 10:40
Das Dersim-Massaker an den alevitischen Kurden in der Türkei | Telepolis (Print)
Mädchen von Dersim, 1938. Bild: Türkische Armee/Dünya
Bülteni/gemeinfrei
Im Gegensatz zum Armenier-Genozid leben heute noch Zeitzeugen, die die Massaker
als Kinder erlebt haben. Der Journalist und Dokumentarfilmer alevitischer
Abstammung, Cemal Tas, hat zahlreiche Interviews mit Überlebenden dieses
Massakers gemacht. So z.B. die Geschichte von Xidir Tunc [9]:
Xidir Tunc war zwölf Jahre alt damals, an jenem Tag im Sommer, als
türkische Soldaten in sein Dorf einrückten. Auf einer höher gelegenen Weide
hütete er gerade die Tiere. So sah er, wie Soldaten die Menschen aus ihren
Häusern trieben, die Männer auf dem Dorfplatz sammelten und die Frauen
und Kinder zum Hang an einem nahe gelegenen Bach scheuchten. Dann
hörte Tunc einen Schuss, offensichtlich das Signal zum Beginn des Mordens.
Gleich darauf wurden die Männer mit Maschinengewehren niedergemäht und die
Frauen und Kinder mit Gewehren erschossen. Anschließend zogen die Soldaten von
Haus zu Haus und legten Feuer. Alles, was nicht aus Stein war, ging in Flammen auf.
Noch heute liegen in den Bergen hoch über einem Dorf die Knochen von 97
ermordeten Männern unter freiem Himmel.
Heute versucht man, die religiös bedeutenden Orte der Aleviten durch den Bau von
acht Staudämmen auf dem Fluss Munzur zu zerstören. 1971 wurde dieses Gebiet
international als Nationalpark unter Schutz gestellt. Dieser Fluss und sein Tal, wie auch
die umliegenden Berge haben bei den Aleviten eine mystische, religiöse Bedeutung, sie
sind Ort und Gegenstand vieler Sagen und Mythen [10].
Wenn man sich die Geschichte der Türkei mit ihrem osmanischen Erbe ansieht, zieht
sich eine Perlenkette der Vernichtung durch die Geschichte bis heute, die in den
türkischen Geschichts- und Schulbüchern nirgends zu finden sind.
Der Völkermord an den Armeniern 1915 wurde als "Umsiedlung" bezeichnet, die
Massaker an den kurdischen Aleviten 1937/38 als "Niederschlagung einer Rebellion
gegen die Modernisierung, Reform und Bildung einer modernen Türkei". Dabei kann
man, wie bei den Armeniern heute von einem Genozid sprechen, -ging es doch um
nichts anderes, als diese kurdische Gruppe - wobei in dieser Zeit alle kurdischen
Gruppen als Feinde angesehen wurden, zu assimilieren oder eliminieren.
Weitere Massaker (rechtsradikale) an den Aleviten folgten: Maras 1978, Corum 1980,
Sivas 1993 Gazi 1995. Die folgenden Pogrome waren furchtbar, hatten aber nicht die
Ausmaße eines Genozids wie bei den Armeniern und den Aleviten 1937/38. Trotzdem
ist es wichtig, dass diese menschenverachtenden Pogrome der Türkei öffentlich werden
und auch als solche benannt werden.
Erinnert werden muss auch an die Pogrome an der griechischen Bevölkerung in
Istanbul im September 1955 und an den Krieg der türkischen Armee gegen die
kurdische Bevölkerung in den achtziger und neunziger Jahren.
http://www.heise.de/tp/druck/mb/artikel/44/44951/1.html
19.05.2015 10:40
Das Dersim-Massaker an den alevitischen Kurden in der Türkei | Telepolis (Print)
Die offensichtliche Unterstützung des IS durch die Türkei und die heutigen
Militäroperationen gegen die kurdischen Gebiete, wie z. B. ganz aktuell in Agri lassen
nichts Gutes hoffen [11]. Die Türkei wird noch lange brauchen, um sich ihrer
Geschichte zu stellen.
Anhang
Fußnoten
1) Quelle: Schmidinger
Links
[1] http://www.heise.de/tp/artikel/44/44632/
[1] http://commons.wikimedia.org/wiki/Tunceli#/media
/File:Dersim_region_in_the_mid_1930s_German.png
[2] http://www.tagesschau.de/inland/gauck-armenien-103.html
[2] http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/
[3] http://www.sueddeutsche.de/politik/2.220/tuerkei-angstvor-dem-demabgrund1.2444942
[4] http://www.welt.de/politik/deutschland/article139918236/Davutoglu-beschwertsich-persönlich-bei-Merkel.html
[5] http://www.deutsch-turkische-nachrichten.de/2015/05/511807/erdoganzur-armenier-debatte.html
[6] http://bdaj.de/2011/12/07/das-massaker-vondersim-19371938
[7] http://de.wikipedia.org/wiki/DersimAufstand#Operation_.E2.80.9EZ.C3.BCchtigung_und_Deportation.E2.80.9C_.28tedip_ve_tenkil.29
[8] http://bdaj.de/2011/12/07/das-massaker-von-dersim-19371938
[9] http://www.welt.de/kultur/history/article13729423
[10] http://bdaj.de/2011/12/07/das-massaker-vondersim-19371938
[11] http://dtj-online.de/tuerkei-militaeroperation-agri-soldaten-verletzt-51759
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