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im gespräch
„eigentlich sollte ich schon
seit 36 Jahren tot sein“
Lukas Resetarits, vor einigen Jahren nach Tulln übersiedelt, über sein Kabarett,
die Schmetterlinge, den „Kottan“ und das Dasein als Pensionist im „Unruhestand“.
INTERVIEW: THOMAS TRENKlER, FOTOS: RITA NEWMAN
morgen: Sie haben einen ziemlichen Aufstieg gemacht: vom
Gammler zum Hubschrauberpiloten – wie man in Ihrem Lebens­
lauf lesen kann.
Lukas resetarits: Aber heute flieg ich nicht mehr. Zu teuer.
Das mit dem Gammler hat sich so ergeben. Ich hatte eine
Band, seit ich 15 war. 1967 wollte ich mit einem englischen
Schlagzeuger nach Schweden, um dort ein Engagement anzutreten. Und dann ist uns vor München am Hirschenberg der
alte VW z’sammenbrochen. Ein Cabrio mit vier Türen, eine
ehemalige Funkstreife. Die ersten Funkstreifen waren KäferCabrios, in die sie hinten Türln reing’schnitten haben. Ein
uraltes Ding mit minus zwölf PS. Stranded at Munich: Die
Gelegenheit hab ich genutzt, um mich dort in die BeatnikSzene einzugliedern.
Sie blieben länger?
Von März bis zum Sommer. Man versuchte natürlich, mich
abzuschieben. Die Polizisten haben „Miami Vice“ gespielt,
obwohl es die Serie damals noch gar nicht gab. Die sind im
Dienst ohne Uniform herumgegangen und haben Gammler
kontrolliert. Mich haben sie des Rauschgiftbesitzes verdächtigt. Aber ich hatte grad keines bei mir. Trotzdem kam ich
für 48 Stunden in die Zelle. Der U-Richter hat mir dann empfohlen, mich in Richtung Österreich zu entfernen. Denn die
nächste Stufe wäre der Schub gewesen. Die Polizisten hatten
bereits meine Eltern in Floridsdorf verständigt. Der Willi, mein
jüngerer Bruder, sollte mich zurückholen. Aber ich war bereits
unterwegs, bin per Autostopp heim. Das war recht mühsam,
weil mich fast niemand mitnehmen wollte. Ich hatte lange
Haar’, war extrem dünn, ich sah aus wie ein schwerer Junkie.
Aber es war eigentlich nur Unterernährung.
War die Zeit im Nachhinein eine verlorene?
Nein. Ich möchte sie nicht missen. Damals sind in Deutschland
4000 bis 5000 GIs der US-Armee wegen des Vietnamkriegs
desertiert. Ich hab einen kennengelernt, den Eugene Mansell,
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einen Schwarzen aus Hartford, Connecticut. Ein Super-Bursche.
Er hatte keinen Pass, er schaffte es aber trotzdem, einen Tag
nach mir in Wien anzukommen. Ich bin dann weiter nach
Italien, nach Venedig. Und er ist zurück nach Deutschland.
Erst vor kurzem hab ich seinen Namen gegoogelt. Er ist bald
danach gefallen.
Das erinnert an das Musical „Hair“. Und 1967 war der „Summer
of Love“.
In Venedig haben sie mich nur „Gesù“ genannt. Blonde Haare
und roter Bart: Die Italiener waren völlig fertig. Ich wollte
dann eine Freundin, eine Deutsche, zurück nach Hause begleiten. Gentleman der alten Schule eben. Doch sie ließen mich
nicht nach Bayern hinein. In meinen Pass stempelten sie:
„Bargeldlosigkeit und keine Übereinstimmung mit dem Passbild“. Ich wollte mich dann bei einer Tankstelle rasieren. Da
bleibt ein Daimler mit Schweizer Nummer stehen. Wir steigen
ein. Ich frage den Mann, ob er mir für die Grenzkontrolle Geld
borgen könne. Er gibt mir 60 oder 70 Mark. Die Grenzer winken uns durch. Ich will ihm gleich danach das Geld zurückgeben, aber der Mann sagt: „Ist schon okay, ich hab Kinder in
eurem Alter. Die sind auch unterwegs.“
Wann haben Sie das Gammeln aufgegeben?
Als der Druck zu groß wurde. Ich kam im Spätherbst ’67
zurück nach Wien. Mein Vater war Baumeister, er hatte die
Baustelle der Universale am Flughafen über. Ich hab als Hilfsarbeiter g’hackelt. Ich wohnte noch daheim, aber fand es nicht
der Mühe wert, mit dem Vater zu diskutieren. Täglich bin ich
mit ihm zur Baustelle, ein halbes Jahr lang haben wir kein
Wort miteinander g’redt. Dann hab ich am Flughafen die Aufnahmsprüfung zum Traffic Officer gemacht. Und dann wurde
die Frau schwanger.
Sie wurden ja schon mit 21 Vater.
Ja. Ich fühlte mich daher verpflichtet zu heiraten. Das war ein
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Riesenkonflikt in der Ehe, dass ich, der nervöse Teufel, so ein
bürgerliches leben führe. Aber als Ältester von drei Brüdern
hatte ich auch Verantwortung: „Man muss das einhalten, ob
man jetzt will oder nicht.“ Ich führte ein eigenartiges Doppelleben: Ich arbeitete am Flughafen, hatte daneben eine Band
und fing mit Kabarett an.
Willi Resetarits, Ihr jüngerer Bruder, war Ihnen irgendwie vor­
aus: Er wusste, dass er Musiker werden wollte.
Genau. Er war mit seinem Turnen-und-Englisch-Studium fast
fertig, als er mit den Schmetterlingen ins Professionelle ging.
Er war konsequenter, ich war immer der Schlamperte. Er ist
auch früher von daheim ausgezogen.
Haben Sie ihn beneidet, weil er mit den Schmetterlingen schon
bald Erfolge feierte?
Ich hab ihn darum beneidet, dass er wirklich Musik gemacht
hat. Meine Krux war, dass ich wie ein „bloody popstar“ aussah. Mir fiel alles so leicht. Ich konnte die paar Griffe, die
notwendig waren, um die Nummern von den Rolling Stones
und den Kinks zu spielen. Aber daher hab ich mich nicht
weiterentwickelt. Der Willi hingegen hat sehr brav am Konservatorium Schlagzeug gelernt, er hat sich eine echte Basis
geschaffen. Ich wusste schon bald, dass ich das versäumt hab.
Noch heute wäre ich froh, wenn mich meine Eltern zum Klavier geprügelt hätten. Ich beneide alle, die sich ans Klavier
setzen und etwas spielen können, etwa den Hader Pepi.
Aber Sie haben auch mit den Schmetterlingen gearbeitet.
Zwischendurch als Roadie – und ich spielte bei der „Proletenpassion“ mit.
Dieses Oratorium über die „Geschichte der Beherrschten“, 1976
bei den Wiener Festwochen uraufgeführt, war ein enormer Erfolg.
Warum eigentlich?
In Arbeitsgruppen wurde die Geschichte der Unterdrückung
aufgearbeitet – und der Dichter Heinzi Unger hat das dann
umgesetzt. Er war ein Genie. Das waren irrsinnig gute Texte,
es gab auch tolle Kompositionen. Diese Art von Musiktheater
war völlig neu. Sie entstand unter der Ägide des Regisseurs
Dieter Haspel. Selbst der konservative Hans Haider goutierte
das „Kommunisten-Spektakel“. Es muss ihn innerlich zerrissen haben, als er seine Kritik schrieb. Die Schmetterlinge
haben die „Proletenpassion“ danach in Deutschland rauf und
runter gespielt. Denn dort gab es eine große linke Szene. Für
mich war diese Erfahrung wichtig. Denn ich erkannte, dass
die Maoisten, die Mitglieder der „K-Gruppen“, fürchterliche
leute waren. Es gab immer welche, die den Politkommissar
spielen wollten. Der Willi und ich waren ja 1976 auch an der
Arena-Besetzung beteiligt. Ich gab dazu die Initialzündung.
Wir hatten das Gelände in St. Marx bereits eine Woche besetzt, da kamen die RAF-leute aus Deutschland und wollten
uns sagen, wie’s geht. Da kann man nur sagen: „Schleichts
euch, es Trotteln!“
Die Schmetterlinge erinnerten zudem an Jura Soyfer, der 1939
im KZ Buchenwald ums Leben kam: 1980 vertonten sie unter
dem Titel „Verdrängte Jahre“ dessen Texte.
Das war im Wiener Schauspielhaus. Zum Schluss jeder Vorstellung sangen wir das „Dachaulied“. Wir mussten jedes Mal
weinen. Jura Soyfer war für uns eine lichtfigur.
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Die Schmetterlinge waren also alles andere als eine Kommerz­
band. Warum nahm die Band 1977 am Eurovision Song Contest
mit „Boom Boom Boomerang“ teil? Sollte das ein subversiver Akt
sein? Die Band erreichte lediglich den vorletzten Platz.
Die Idee war, durch die Institutionen zu marschieren. Dann
erging von der EBU, der Europäischen Rundfunkunion, die
Warnung an alle länder, dass die Politgruppe Schmetterlinge
den Auftritt für eine Demonstration nutzen werde – pro IRA
oder was auch immer. Der Song Contest fand ja in london
statt. Die Generalprobe wurde mitgeschnitten. Der Regisseur
hätte, wenn die Schmetterlinge beim Auftritt irgendetwas
Unvorhergesehenes gemacht hätten, sofort auf das parallel
mitlaufende Band der Generalprobe zurückgegriffen. Die
Schmetterlinge galten wirklich als subversiv.
Sie schrieben den Song. Der Text kritisiert die Geldmacherei im
Musikgeschäft. Aber gleichzeitig wollten doch auch Sie erfolg­
reich sein. War das nicht ein Widerspruch?
Jein. Es war der Versuch, mit einem Augenzwinkern ins Geschäft einzusteigen. Das wussten wir schon: Das lied mit seinen schönen Chorpassagen kann nur dann Erfolg haben, wenn
man den Text nicht versteht. Mit dem Geld, das die Schmetterlinge mit dem Song Contest verdienten, haben sie in einem
aufgelassenen Kino in Bisamberg, das ich gefunden hatte, das
Schmetter-Sound-Studio eingerichtet. Sigi Maron, die Gruppe
Auflauf und viele andere haben dort aufgenommen.
Sie arbeiteten bereits seit 1974 für die Schmetterlinge. Bei der
Band einzusteigen: Das war kein Thema?
Ich hab als braver Familienerhalter am Flughafen gearbeitet.
Und dann kam das Kabarett. Aber auch das hängt mit dem
Willi zusammen. Denn er hat mich 1975 an die Gruppe Keif
vermittelt. Nach dem Zwölfstundendienst am Flughafen bin
ich mit dem R4 zum Kärntnertortheater gefahren, um zu spielen. Als Junger geht das noch.
Und das ist kein Problem?
Überhaupt nicht. Anders ist es bei Willi Resetarits und Ostbahn-Kurti. Meinen Bruder hat es zwischendurch richtig
zerrissen. Der Musikjournalist und Autor Günter Brödl hatte
diese Kunstfigur erfunden, der Willi legte mir nahe, sie zu
verkörpern. Er war nie der wilde Teufel, das war ich. Ich hätte
das schon ganz gern gemacht, aber ich fühlte mich nicht dazu
fähig. Mir fehlte eben die Ausbildung zum Musiker. Und dann
ist der Willi in die Rolle einig’hupft – und er ist es wirklich
geworden. Heute bin ich froh, dass ich nicht der Kurt Ostbahn
wurde. Wir haben auch andere musikalischen Präferenzen.
Mit Bob Dylan und Bruce Springsteen konnte ich nicht so viel
anfangen. Ich steh auf Rhythm ’n’ Blues. Mein Idol war der
Brian Jones von den Stones, diese tragische Figur. Den hab
ich übrigens kennengelernt am Flughafen.
Tatsächlich?
Am Anfang war ich am Informationsschalter, wo man eigentlich nur Watsch’n kriegt. Dort fragte mich Tom Jones nach
„the men’s loo“. Und dann war ich beim lost & Found. Das ist
die noch größere Strafkompanie. Da redest nur mit leut’, die
den Koffer verloren haben. Einmal standen Brian Jones und
Anita Pallenberg vor mir. Ich füllte das Formular für die
Verlustanzeige aus. Nach seinem Namen hätte ich eigentlich
nicht fragen müssen.
Das war, bevor Sie Traffic Officer wurden?
Ja. Die Flugzeugabfertigung hat mir dann sehr getaugt.
Das waren lauter „Burschen wie ich“. Wir waren intelligent,
goschert – und wir mussten blitzschnell sein, binnen Minuten
die ladeplanung berechnen. Der Schwerpunkt des Fliegers hat
in einem bestimmten Sicherheitsbereich zu liegen. Dann war
der Flieger weg, aber wir waren immer noch auf 180. Und das
ist dann in Schmäh umg’setzt worden. Ich war immer irgendwie der lustige. Daher hat mich der Willi zur Gruppe Keif
gedrängt.
Sie waren aber nicht lange bei der Gruppe.
Von ’75 bis ’77. Für den „steirischen herbst“ schrieben Wolfgang Teuschl und ich die Sozialoperette „Zwei Herzerln in der
Partnerschaft“, musiziert von den Schmetterlingen. Es ging
um die Sozialpartnerschaft, die wir als linke damals als
Packelei abgelehnt haben. Heute als Pragmatiker sagt man:
„Alleweil!“ Das zweite Programm ging ’76 um die Arena. Der
Steinhauer Erwin hat dann das Angebot bekommen, Musical
am Theater an der Wien zu spielen. Er ist ausgestiegen, die
Gruppe zerfallen. Im Frühjahr ’77 machte mir der Haspel das
Angebot, das Konzerthaustheater mit einem Kabarettprogramm zu bespielen: allein oder mit anderen. Ich war damals
schon weg vom Flughafen. Ich fand niemanden. Da hab ich
beschlossen, ein Soloprogramm zu machen. Ich wollte aus
dem Bauch heraus spielen. Ein Programm schreiben, es auswendig lernen und dann spielen: Das hielt ich für falsch. Bei
der Generalprobe bin ich nach fünf Minuten weinend von der
Bühne gegangen. Ich hab mich richtig ang’schissen vor der
Premiere. Am nächsten Tag aber bin ich einfach ins kalte
Wasser gesprungen – und Sensation. Damals gab es nur
den Martin Flossmann im Simpl und den Gerhard Bronner.
„Wir hatten die Arena schon eine Woche
besetzt, da kamen die RAF-Leute aus
Deutschland und wollten uns sagen, wie’s geht.
Da kann man nur sagen: Schleichts euch!“
Die Gruppe bestand aus Wolfgang Teuschl, Erwin Steinhauer,
Alfred Rubatschek und Erich Demmer. Sie heißen ja eigentlich
auch Erich. Damit es nicht zu Verwechselungen kommt, sollen
Sie auf Ihren zweiten Vornamen Lukas zurückgegriffen haben.
Das stimmt. Den zweiten Vornamen, lukas, hat mir meine
kroatische Großmutter dazugegeben, weil sie vermutete, dass
es für Erich keinen Heiligen gibt. Heute ist lukas einer der
häufigsten Namen. Als Bub aber hab ich mich immer geniert
für lukas.
Wie werden Sie heute gerufen?
Die Familie, die Verwandten im Südburgenland – ich wurde ja
1947 in Stinatz geboren – und die alten Freunde nennen mich
Erich. Alle anderen lukas. Auch meine lebensgefährtin nennt
mich so.
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„Der Patzak wollte immer g’scheite Filme
machen. Aber dem Zenker und mir waren
die Fernsehkrimis schon fad. Sie hatten eine
Ernsthaftigkeit, die zum Speiben war.“
Und dann versucht ein Junger – na ja, ich war auch schon 30 –
etwas Neues. Die Kritiken haben sich überschlagen. Die nächsten zwei Wochen bin ich einen Meter über der Erd’ g’schwebt.
Dem Haspel bin ich wirklich zu Dank verpflichtet. Denn die
Brecht-Seminare, die er mit uns gemacht hat, waren prägend.
Die Inhaltlichkeit stand daher im Vordergrund. Meine ersten
Programme haben sich schon ein bisschen von dem unterschieden, was man damals unter Kabarett verstanden hat.
Das Neue an „Rechts Mitte Links“ war wohl auch die durch­
gehende Handlung.
Es war so eine Hans-Moser-artige Performance. Ich bin der
Billeteur – und springe für den Chef ein, der nicht auftaucht.
Es stellt sich bei einem Telefonat heraus, dass er, ein linker,
von der Stapo festgenommen wurde. Ich spiele also seine
Nummern, kann mich aber immer distanzieren: „Meine
Ansicht ist das nicht, ich spiel das nur.“ Ich hab das Konzept
des Handlungskabaretts zwischendurch verlassen; mir gefiel
auch das Nummernkabarett, das ich mit Co-Autoren wie dem
Fritz Schindlecker gemacht hab. Der Haspel hat es immer
kritisiert. Mir fehlte einfach das schreiberische Selbstvertrauen. Aber später, in der Zusammenarbeit mit meiner Tochter
Kathrin, bin ich wieder zum Handlungskabarett zurück.
Wurde Ihnen aufgrund der Erfolge 1980 die Hauptrolle in der
Fernsehserie „Kottan ermittelt“ angeboten?
Ich bin eben aufgefallen. Wir haben gerade das Jura-SoyferProgramm geprobt. Ich war davor beim Casting für den Film
„Kassbach“ von Helmut Zenker und Peter Patzak. Aber ich
hasse Castings. Ich kann das nicht. Und dann fragten sie, ob
ich den Kottan spielen möchte. Der Kottan war schon damals
eine legendäre Figur. Und ich ein Fan.
Sie waren bedeutend jünger als Franz Buchrieser, der zuvor den
Major Kottan spielte. Haben Sie sich nicht gefragt: Wie soll das
gehen?
Nein. Im Gespräch mit dem Zenker war sofort klar: Es ist
spannend, alles anders zu machen. Ich hab daher als Kottan
auch bewusst jünger ausgeschaut, als ich war.
Kottans Ehefrau aber blieb die gleiche.
Im Kopf war Bibi Zeller jedoch die Jüngste. Das war ja das
Spannende: Dass man keine Regeln eingehalten hat. Der
Patzak wollte immer g’scheite Filme machen. Aber dem Zenker
und mir waren die Fernsehkrimis schon fad. Sie hatten eine
Ernsthaftigkeit, die zum Speiben war. Uns hat nicht die lösung
der Fälle interessiert, sondern das Verhalten der Polizisten
untereinander. Die letzten sechs Folgen wurden leider nicht
mehr gedreht. Wir wären noch viel radikaler geworden.
Die ersten Folgen waren 90 Minuten lang, die späteren 60 Minu­
ten. Wurden auch deshalb die Handlungen immer absurder?
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Nein. Ich ärgere mich immer wieder über den „Tatort“. Weil
viele Folgen die 90 Minuten nicht schaffen. Da wird die Spannung nicht gehalten, da wird Zeit geschunden. Da ist es doch
besser, eine 60-Minuten-Folge zu drehen, die in sich kompakt
ist. Aber man muss schon auch gestehen: Manchmal stand so
wenig im Drehbuch vom Zenker, dass Kottans Kapelle viel
Musik gespielt hat, um die Zeit zu überbrücken.
Wie war für Sie das abrupte Ende von „Kottan ermittelt“ im
Jahr 1983?
Eigentlich kein Problem. Die Veranstalter wollten mich natürlich als Kottan vermarkten. Aber ich trennte Kottan immer
strikt vom Kabarett. Ausschlaggebend war auch ein Plakat, das
ich noch heute vor mir sehe. Auf ihm stand groß „Mundl“, darunter kleiner „Karl Merkatz“ und ganz klein „Kafka – Bericht
für eine Akademie“. Da dachte ich mir: Nein, das geht nicht.
Aber Sie haben doch 1984 eine Platte mit dem Titel „Kottans
Kapelle“ herausgebracht.
Ja, das war so a halberte G’schicht. Es gab auch Streit zwischen
Zenker und mir. Denn er hat erwartet, dass ich den Kottan
weiterführe. Außer dieser Platte habe ich aber nichts gemacht.
Und es war natürlich auch geschummelt: Die Nummern wurden ja nicht von der Kapelle aus der „Kottan“-Serie gespielt,
sondern von den Schmetterlingen, vom Willi und vom Hansi
Dujmic. Daher bin ich auch nie live damit aufgetreten.
„Kottan ermittelt“ hatte trotzdem zur Folge, dass mehr Leute in
Ihre Vorstellungen gekommen sind?
Ja, ich hab Publikum in großer Zahl dazugewonnen. Gut die
Hälfte ging wieder weg: „Ach so, das ist ja nicht Kottan.“ Die
andere Hälfte aber blieb mir über Jahrzehnte treu.
Sie sind nun 65, Sie haben das Pensionsalter erreicht, bestehen
aber darauf, im „Unruhestand“ zu sein, wie der Titel Ihres aktu­
ellen Programms lautet.
Eigentlich sollte ich schon seit 36 Jahren tot sein. Denn ich
gehöre zur Generation, die beschlossen hat, nicht alt zu werden. Ich kann mich mit der Pension nicht abfinden. Menschen,
die gesund sind und einen Beruf haben, der ihnen Freude
macht: Warum sollten sie ihn nicht weiter ausüben? Was soll
ich sonst machen? In Tulln, wo ich jetzt wohne, mit dem Hund
spazieren gehen? Ich mag keine Hunde. Angeln? Tarockieren
im Park? Das kann ich mir nicht vorstellen.
Hadern Sie mit dem Alter?
Ich war es immer gewohnt, Vollgas zu geben. Das geht nicht
mehr. Mit dem Fußballspielen und dem Rennradlfahren hab
ich aufg’hört. Ich müsste nun dazu stehen, ein „Senior“ zu sein.
Hin und wieder kauf ich mir daher bewusst eine „Seniorenkarte“. Aber ich tu mir schwer damit, das stimmt.
n
info
Am 21. März ist Lukas Resetarits
in der Bühne im Hof in St. Pölten
im „Unruhestand“ (www.bih.at).
Kottan ist eines der Schwerpunktthemen der Ausstellung
„Alles klar, Herr Kommissar“ (ab
6. April im Karikaturmuseum),
www.karikaturmuseum.at