Eine kleine Geologie der Glarner Alpen - geo

Transcription

Eine kleine Geologie der Glarner Alpen - geo
Eine kleine Geologie der Glarner Alpen
von Mark Feldmann
Vier Gesteinsgruppen bauen die Glarner Alpen auf. Es sind das kristalline Grundgebirge (älter als
300 Mio Jahre, nur im Tödigebiet sichtbar), der Verrucano (280-250 Mio J.), die Kalke und Schiefer
des Mesozoikums (210-70 Mio J.) und die Gesteine des älteren Tertiärs (60-35 Mio J.), von diesen
vor allem der Flysch.
Vor etwa 300 Mio Jahren, gegen Ende des Karbons, wurde das ganze Gebiet der künftigen Alpen
durch die variskische (oder herzynische) Faltung umgeprägt. Es entstand ein Gebirge aus Graniten, Gneisen und Glimmernschiefern; gleich nach der Entstehung dieses Gebietes setzte kräftige
Erosion ein, und der Schutt sammelte sich in Senken an. Das Klima war warm und feucht, so dass
eine reiche Flora von Schachtelhalmen, Farnen und Bärlapp-Bäumen gedeihen und sich Kohlenlager bilden konnten. Die klimatischen Verhältnisse waren vielleicht ähnlich wie heute am Mississippidelta in den USA. Ablagerungen mit pflanzlichen Fossilresten kann man am Bifertengrätli beim
Tödi finden. Zu jener Zeit brachen ebenfalls zahlreiche Vulkane aus.
Der Tödi, der höchste Berg im Glarnerland. Unterhalb
des rötlichen Bandes des Rötidolomites (Trias) befindet
sich der kristalline Sockel als ältestes Gestein im Kanton
Glarus. Am linken Rand in der Bildmitte sieht man das
beschattete Bifertengrätli mit den ältesten Fossilien
der Schweiz (Karbon). Der graue Oberbau des Tödis
besteht aus jurassischen Kalken.
Etwas später, im Perm (280-250), bildete sich eine etwa 50 km breite, von Südwesten gegen
Nordosten ziehende Binnensenke, in der sich bis zu 1600 m kontinentale Sedimente und Laven
des Verrucano anhäuften. Der Name stammt von Castello della Verruca bei Pisa und ist eigentlich
irreführend, da jene Gesteine andersartig und viel jünger sind; schon vor über 100 Jahren hatte
dies Oswald Heer, der Pfarrerssohn aus Matt, der zum führenden Kenner der fossilen Pflanzen
und Insekten wurde, klar erkannt und statt dessen den Namen Sernifit (nach dem Sernf) vorgeschlagen. Diese Bezeichnung hatte sich aber in der Folge nicht durchgesetzt.
Der Verrucano des Glarnerlandes besteht hauptsächlich aus einer Grundmasse von Ton und
Feinsand sowie aus schlecht gerundeten Geröllen, meist von einigen Millimetern bis einigen Zentimetern Grösse. Unter den Geröllen herrschen vulkanische Gesteine vor; Granite sind selten und
Gneise nur ausnahmsweise vertreten. Auffallend ist das Vorkommen von Trümmern ganz unterschiedlicher Grösse im selben Stück. Solche Gesteine bilden sich heute in ziemlich trockenem,
warmem Klima wie heute in Nordafrika, wo plötzliche Regengüsse den angesammelten Schutt in
einer breiartigen Masse mitschwemmen und in Schuttfächern ablagern können.
Nach der festländischen Phase des Verrucano wurde das Gebiet in der Trias (ca. 200 Mio J.)
durch flache Meere von Norden her überflutet. Es wurden der helle Melser Sandstein, die roten
Quartenschiefer und als auffälligstes Gestein der warm-gelb anwitternde Rötidolomit (Siwelle, Bützistock) abgelagert.
Während des Jura und der Kreide (195-70 Mio J.) lag im Gebiet der glarnerischen Gesteinsdecken (Helvetische Decken) ein gegen Süden tiefer werdendes Flachmeer, der Schelf am Südrand
des Europäischen Festlandes. Die kalkigen Gesteine dieser Perioden bauen die meisten Berge
der Glarner Alpen auf.
Am Ende der Kreidezeit wurde das Gebiet über den Meeresspiegel gehoben, und zu Beginn des
Tertiärs kam das Meer wieder von Südosten her. Es war zunächst flach, so dass im warmen Wasser Algen, Muscheln und Nummuliten wimmelten, später senkte es sich allmählich ein.
Vor etwa 40 Mio J. gegen Ende der tertiären Eozän-Epoche geschahen im Innern der Alpen
gewaltige Umwälzungen. Der europäische Kontinentalblock wanderte mit grosser Geschwindigkeit,
gegen 5 mm im Jahr, unter den afrikanischen, und dabei wurden die Penninischen und Ostalpinen
Decken, die z.T. schon in der Kreidezeit angelegt worden waren, endgültig aufgestapelt. Das Meer
zog sich aus den Kernzonen der Alpen zurück, wo sich ein flacher Inselrücken heraushob. Tiefere
Teile der Kruste wurden aufgeschmolzen, und mächtige Vulkane (Andesite) entstanden auf der
Oberfläche der Alpen. Diese Vulkane sind heute abgetragen und nur noch ihre Trümmer sind in
den Flysch-Sandsteinen erhalten.
Die Helvetischen Decken wurden zu dieser Zeit noch nicht gefaltet, bekamen aber die Auswirkung
dieser Hauptfaltung der Alpen dennoch zu spüren. Sie lagen unter einem tiefen Meer, in welches
von Süden her nun der Schutt, hauptsächlich Sand und Ton der jungen Alpen eingebracht wurde.
Der vorherrschende Transportmechanismus für diese Abtragungsprodukte waren Trübeströme,
Wolken von schlamm- und sandgeladenem Wasser, die mit grosser Geschwindigkeit in die Tiefe fuhren und dort ihre Last ablagerten. So entstand der Flysch des Sernftals. Der Name Flysch
stammt aus dem Simmental und bedeutet schiefrige Gesteine. Der Flysch besteht aus einer Wechsellagerung von Sandsteinen und Schiefern, wo bald die einen, bald die andern vorherrschen können. In der Regel entspricht jede Sandsteinbank einem Trübestrom. Es wird geschätzt, dass etwa
alle 10‘000 Jahre ein Trübestrom in das Becken fuhr. Die jüngste Formation des Flysch sind die
Engi-Dachschiefer, welche von alters her berühmt sind durch ihre reiche und vielgestaltige Fischfauna. Als Seltenheiten finden sich Schildkröten und ein Vogel, den böse Menschen als „Glarner
Gans“ abtun wollten, der aber ein viel edleres Geflügel, nämlich ein Verwandter des Eisvogels ist.
Die „Glarner Gans“. Der erste Glarner Vogel (Protornis
glaronensis) ist ein Verwandter des heutigen Eisvogels.
Erkennbar sind Teile des Schädels, Reste der Wirbelsäule,
Rippen, Schultergürtel, zerfallene Vordergliedmassen und
die linke Hintergliedmasse (Original PIMUZ).
Mit den Engi-Dachschiefern endet die Sedimentation in den Glarner Alpen im unteren Oligozän
(ca. 35 Mio J.) und in der Zeit zwischen 35 und 10 Mio Jahren griffen die Faltungen und Überschiebungen nun auf den Nordrand der Alpen uns somit ins Glarnerland über.
Literatur:
Furrer, H. und Leu, U.B. 1998: Der Landesplattenberg Engi. Stiftung Landesplattenberg Engi, 131.
Labhart, T. 1992: Geologie der Schweiz. Ott Verlag, Thun, 211.
Hsü, K.J. und Briegel, U. 1991: Geologie der Schweiz. Birkhäuser Verlag, Basel, 219.
Trümpy, R. 1980; Geology of Switzerland, Part A. Wepf & Co. Publishers, Basel, 104.
Trümpy, R. 1980; Geology of Switzerland, Part B. Wepf & Co. Publishers, Basel, 334.
Trümpy, R. 1983: Zur Geologie des Glarner Freibergs. In Schmidt, A. (Ed.): Der Freiberg Kärpf.
Verlag Buchhandlung Baeschlin, Glarus, 113-118.
Rekonstruktion des Ablagerungsraumes zur Zeit der Entstehung der Engi Dachschiefer im frühen
Oligozän vor etwa 30 Millionen Jahren. Die Engi-Dachschiefer entstehen als Ablagerungen untermeerischer Strömungen, die auch Tiere und Schwemmholz des Küstenbereichs ins tiefere Meer
transportieren (aus H. Furrer und U. Leu, Der Landesplattenberg Engi).