Erinnern Sie sich noch an die Zeiten, als man ernsthaft den Begriff

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Erinnern Sie sich noch an die Zeiten, als man ernsthaft den Begriff
Aufnahmeprüfung BM2 2010
Der deutsche Kritiker Denis Scheck liest für seine
Sendung «druckfrisch» regelmässig die Titel der Bestsellerlisten. Ein Leidensbericht von der Sachbuchfront.
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Seit fünf Jahren lese ich Monat um Monat die zehn
meistverkauften Sachbücher. Alle. Von der ersten bis
zur letzten Seite. Ratgeber sind darunter, mit deren Hilfe man schlank und schön und Nichtraucher werden
kann. Autobiografien, in denen schlanke, schöne Berühmtheiten erzählen, wie sie mit dem Rauchen
aufgehört haben. Und eine Hand voll allgemeine
Sachbücher über Geld und Gott, Alter und Tod, Männer und Frauen sowie Russland und die USA.
Etliche dieser Titel stammen von Menschen, die ihre
auf anderen Feldern erworbene Prominenz mithilfe des
Leitmediums Buch von der neuen Währung Aufmerksamkeit in die alte Währung Geld konvertieren
möchten. Ich lese diese Bücher nicht freiwillig, sondern
weil ich vom Radio und Fernsehen Geld dafür bekomme. Natürlich verrate ich den Leuten vom Radio und
Fernsehen nicht, dass es mitunter sogar Spass macht,
solche Bücher zu lesen.
Dieser Spass erwächst aus einer Art Konträrfaszination und fängt im Idealfall schon mit dem Titel an. Darf
jemand naiv genannt werden, der Geld aufwirft für das
Buch «Schlank im Schlaf»? Oder handelt es sich nicht
eher um ein schönes Beispiel dafür, dass man sich
auch als Erwachsener noch eine Art Kinderglauben
bewahren kann?
In jedem Fall ist «Schlank im Schlaf» ein schöner Beleg dafür, dass auf dem deutschsprachigen Sachbuchmarkt zurzeit keine Heilsbotschaft zu absurd, keine Glücksformel zu verstiegen, kein Erlösungsversprechen zu verlogen sein kann, um nicht massenhaft Käufer anzulocken. Wer «Schlank im Schlaf» –
seit Erscheinen 2006 mittlerweile tatsächlich in der 12.
Auflage – klaglos konsumiert, wird auch keine Probleme damit haben, Bücher zu lesen, deren Strickmuster
der Logik folgt: «Mehr Haare durch positives Denken!»,
«Reich werden durch Geldausgeben!» oder «Nüchtern
durch mehr Saufen!»
Wir haben die Kurpfuscher und Scharlatane von unseren Jahrmärkten verbannt. Aber in unseren Buchhandlungen sind ihre modernen Nachfahren präsenter
denn je. Nicht immer sind sie so leicht zu durchschauen wie im Fall von Uwe Karstädt. In «Das Dreieck des
Lebens» wurde vom Heilpraktiker Karstädt behauptet,
eine Art Zaubertrank gegen Alter und Krankheit gefunden zu haben, bestehend aus Vitamin B6, Folsäure
sowie Vitamin B12. Mag sein. Doch haben solche Aussagen den medizinischen Erkenntniswert einer
Doppelherz-Werbung.
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Nichts klingt süsser in unseren Ohren als jene Heilsversprechen, die eine Reduktion von Komplexität in
Aussicht stellen. Kein Zufall daher, dass zu einem der
grössten Sachbucherfolge der letzten Jahre die mittlerweile zu einer ganzen Industrie angewachsene
«Simplify your life»-Idee von Küstenmacher und Seiwert wurde. Tatsächlich gibt die Reihe exzellente
Tipps, wie die Leser ihren Papierkram in Ordnung
bringen und ihre Finanzen planen sollen. Dann kippt
der Zeitsparwahn dieses Buches aber komplett in Irrsinn um, weil nun auch das Privat- und Seelenleben
auf Effizienz getrimmt wird. Und das liest sich dann so:
«Entkrampfen Sie Ihre Beerdigung.»
Man mag einwenden, all dies seien bedauerliche,
wenngleich amüsante Einzelfälle. Aber je länger ich lebe und lese, umso deutlicher tritt ein diesen Einzeltiteln
zu Grunde liegendes Muster vor mein inneres Auge,
ein Muster, das Anlass zu schwärzesten Gedanken
gibt. Manche Bücher lassen einen fast an eine Verschwörung der Verdummung glauben.
Nicht nur die Boulevardpresse oder das Seifenopernfernsehen, auch Bücher können Teil und Produkt
dieser Verdummungsindustrie sein. Fröhlichs «MoppelIch» zum Beispiel, angeblich ein Diätbuch, tatsächlich
aber eine Fressorgie des Vorurteils, eine Schlachtplatte fettester Binsenweisheiten im XXL-Format. Im
forciert aufgekratzten Tonfall eines Sektenguru schreit
dieses Buch seinen Lesern den Katechismus des intellektuellen Stillstands ins Ohr: Ich will so bleiben, wie
ich bin!
Sind alle diese auf dem Markt durchaus bekannten und
erfolgreichen deutschen Sachbuchbestseller wirklich
Ausnahmen? Es verrät doch mehr über einen Autor als
bloss eine gewisse stilistische Nachlässigkeit wenn
sich in seinem Buch Sätze finden wie «Die Höhenflüge
seiner Lebensziele kann man nicht auf Sand bauen»
oder «Jetzt bezahlen wir die Quittung» (Hahne,
«Schluss mit lustig»). «Die wesentlichen Merkmale des
Lebens sind Geburt und Tod» erfahre ich aus Hape
Kerkelings Wandertagebuch «Ich bin dann mal weg».
Und Oliver Kahns Autobiografie mit dem Titel «Nummer eins» enthält eine Erkenntnis über deren
philosophische Unauslotbarkeit man lange nachdenken kann nämlich: Die Trennung von meiner Frau hatte
nichts mit ihrer Person zu tun.
Es sind solche Bücher die mich inzwischen verstummen lassen wenn man wieder mal die Parole ausgibt
es solle von allen mehr gelesen werden. Darüber seien
sich doch alle Kulturbeflissenen einig. Ich bin mir da
gar nicht so sicher Man müsste mal ein Sachbuch darüber lesen.1
© Nach Denis Scheck im Tages-Anzeiger vom 22.1.2008.
1
In den Zeilen 82 – 102 fehlen die Satz- und Redezeichen.
Aufnahmeprüfung BM2 2010
Deutsch
Textverständnis und Grammatik
Punktemaximum: 50
Zeit: 30 Minuten
1. Kreuzen Sie an, ob die folgenden Aussagen – auf den Text bezogen – korrekt oder falsch sind.
korrekt falsch
1.1
1.2
1.3
1.4
Manche Sachbuchautoren versuchen aus ihrem Prominentenstatus Profit zu schlagen.
Kritiker Scheck vergnügt sich am meisten bei der Lektüre von Büchern, deren Inhalt er beipflichtet.
Kritiker Scheck hält den Weg durch Alkoholexzesse zur Abstinenz für bestrickend logisch.
Die durchaus sinnvollen „Simplify your life“-Ideen reizen zur Kritik, wenn sie aufs Privatleben
übertragen werden sollen.
1.5 Scheck hält die kritisierten Sachbücher für die Hauptursache einer ganzen Verdummungsbewegung.
1.6 Hinter den schlecht formulierten Beispielen aus den Sachbüchern vermutet Scheck noch
ganz andere Ursachen als blosse Unaufmerksamkeit der Autoren.
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2. Setzen Sie die folgenden Sätze zeitgleich und vollständig vom Aktiv ins Passiv und umgekehrt.
2.1 Wir haben die Kurpfuscher von den Jahrmärkten verbannt.
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2.2 In seinem Buch wurde vom Heilpraktiker Karstädt behauptet, eine Art Zaubertrank gegen Alter und Krankheit
gefunden zu haben.
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eine Art Zaubertrank gegen Alter und Krankheit gefunden zu haben.
2.3 Darf jemand naiv genannt werden, der Geld aufwirft für das Buch «Schlank im Schlaf»?
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2.4 Man gibt die Parole aus es solle von allen mehr gelesen werden.
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3. Setzen Sie in den folgenden Sätzen (Z. 82 – 102) alle notwendigen Satzzeichen, aber keine neuen Satzenden.
Sind alle diese auf dem Markt durchaus bekannten und erfolgreichen deutschen Sachbuchbestseller wirklich Ausnahmen? Es verrät doch mehr über einen Autor als bloss eine gewisse stilistische Nachlässigkeit wenn sich in seinem
Buch Sätze finden wie «Die Höhenflüge seiner Lebensziele kann man nicht auf Sand bauen» oder «Jetzt bezahlen wir
die Quittung» (Hahne, «Schluss mit lustig»). «Die wesentlichen Merkmale des Lebens sind Geburt und Tod» erfahre
ich aus Hape Kerkelings Wandertagebuch «Ich bin dann mal weg». Und Oliver Kahns Autobiografie mit dem Titel
«Nummer eins» enthält eine Erkenntnis über deren philosophische Unauslotbarkeit man lange nachdenken kann nämlich: Die Trennung von meiner Frau hatte nichts mit ihrer Person zu tun. Es sind solche Bücher die mich inzwischen
verstummen lassen wenn wieder einmal die Parole ausgegeben wird es solle von allen mehr gelesen werden. Darüber
seien sich doch alle Kulturbeflissenen einig. Ich bin mir da gar nicht so sicher Man müsste mal ein Sachbuch darüber
lesen.
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4. Wandeln Sie die unterstrichenen Satzteile und Teilsätze in Nebensätze um.
4.1 Seit fünf Jahren lese ich Monat für Monat die zehn meistverkauften Sachbücher.
Seit fünf Jahren lese ich Monat für Monat die zehn Sachbücher, _______________________________________
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4.2 Wir haben die Kurpfuscher von den Jahrmärkten verbannt, aber in unseren Buchhandlungen sind ihre modernen
Nachfahren präsent.
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4.3 Manche Bücher lassen einen fast an eine Verschwörung der Verdummung glauben.
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5. Füllen Sie alle Lücken mit passenden Partikeln.
«Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, .............…............. Sie ..................…..... der Schlussphase Ihres Lebens geistig nicht
...................…......... so fit sind, ...........…............ Sie es ............…............. wären. ...........…............. wären Sie froh,
...................…......... Sie vorgesorgt hätten, auch ..........…......... es Ihnen seltsam erscheint, jetzt schon Vorkehrungen
für Ihre Abschiedsfeier ...............…............ treffen.»
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6. Wie müssten die von Denis Scheck kritisierten Aussagen aus den Sachbüchern sinnvollerweise lauten?
Die Höhenflüge seiner Lebensziele kann man nicht auf Sand bauen.
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Jetzt bezahlen wir die Quittung.
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Die Trennung von meiner Frau hatte nichts mit ihrer Person zu tun.
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7. Setzen Sie in die indirekte Rede. Benutzen Sie dazu den gemischten Konjunktiv.
Nichts (klingt) __________________ süsser in unseren Ohren als jene Heilsversprechen, die eine Reduktion von
Komplexität in Aussicht (stellen) _________________. Kein Zufall daher, dass zu einem der grössten Sachbucherfolge
der letzten Jahre die mittlerweile zu einer ganzen Industrie angewachsene «Simplify your life»-Idee von Küstenmacher
und Seiwert (wurde) ______________________. Tatsächlich (gibt) __________________ die Reihe exzellente Tipps,
wie die Leser ihren Papierkram in Ordnung (bringen können) _________________ und wie sie ihre Finanzen (planen
sollen) ________________________. Dann (kippt) ______________________ der Zeitsparwahn dieses Buches aber
komplett in Irrsinn um, weil nun auch das Privat- und Seelenleben auf Effizienz getrimmt (wird)
______________________. Und das (liest) ___________________ sich dann so: «Entkrampfen Sie Ihre Beerdigung.»
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