Leutnantsbuch

Transcription

Leutnantsbuch
Leutnantsbuch
Leutnantsbuch
83. Offizieranwärterjahrgang
des Heeres
1
Leutnantsbuch
Herausgegeben
im Auftrag des Inspekteurs des Heeres
durch Kommando Heer
53123 Bonn
Verantwortlich für den Inhalt:
Oberst i.G. Peter Haupt
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Leutnantsbuch
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
3
Grußwort des Inspekteurs des Heeres
7
Offizieranwärter Frank – Der Alarmposten
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Offizieranwärter Frank – Die Landstreitkräfte
und der Heeresoffizier: Was kommt auf mich zu?
20
Offizieranwärter Frank – Der Bierdeckel
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Das Zeitspiel
Zugführer in einem binationalen Verband
Führungsverantwortung im Gefecht
Die Vorstellung beim Kommandeur
Das Grab
Beförderungsappell zum Gefreiten
Offizieranwärter Frank – Im Offizierkasino
Sicheres Auftreten bei völliger
Ahnungslosigkeit
Das Gefechtsschiessen
Mut gegenüber Vorgesetzten
Der erste Einsatz
Der richtige Zeitpunkt für die Schwangerschaft
Neuland
Hölle
Schneid!?
Nur noch 100 Meter!
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58
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69
73
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94
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Offizieranwärter Frank – Der Abend
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Offizieranwärter Frank – Selbstbestimmtheit
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Offizieranwärter Frank – Im Restaurant
127
3
Leutnantsbuch
Wasserwärts Marsch!
Vorurteile
Kameradschaft
ISAF-ANSF: eine schwierige Beziehung
Offizieranwärter Frank – An der Offizierschule
Feldposten KHANABAD
Jointness
Der Brief
Glauben hilft!
Der Spind
Die Truppenpsychologin
Primus inter pares
Reserve im Schwerpunkt
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153
156
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163
166
169
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Offizieranwärter Frank – Erfolgsfaktoren
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Offizieranwärter Frank – Ausbildungswochenende
192
Einsatz beim OMLT in AFGHANISTAN
Medien im Einsatz
Der kühle Kopf!
Führen von irgendwo
Haar- und Barterlass, Piercing und Tatoos
Totengedenken
Soldatin, Soldaten-Ehefrau und Mutter
Beim Handgranatenwerfen
Bergebereitschaft RC North –
„Logistik in Nebenfunktion!“
„Psychokram“
Auf der Standortschießanlage
Offizieranwärter Frank – Verabschiedung
Offizierabend mal anders
Soldaten muslimischen Glaubens in der Bw
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235
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Leutnantsbuch
Erlebnisse im Stab PRT KUNDUZ
Todesnachricht
Das Offizierkasino
Das Einführungsgespräch
Der „robuste Soldat“
Der Suizid
Die Gneisenaukaserne
… lieber spät als nie!
Der Anschlag
Team „Hotel“
24 Stunden als Zugführer in KUNDUZ
Der NIJMEGEN-Marsch
Zeitmanagement
„Regen“
Die Veteranen
Die neue Verwendung
HALMAZAG
Der Entsatz: Erfahrungen eines Forward Air
Controllers im Gefecht
Allein unter Grenadieren
Unter Männern
Ein Tag im Ausbildungsverband des
Gefechtsübungszentrums Heer
„Lernen als Springer“
Das offene Ohr
Warum Offizier?
Der Spieß fällt aus
Als Seelsorger in AFGHANISTAN
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321
325
331
334
339
342
346
350
Das Selbstverständnis des Heeres
361
Namenspatron 83. Offizieranwärterjahrgang
363
Namensliste 83. Offizieranwärterjahrgang
371
Wo finde ich mehr?
403
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Leutnantsbuch
Glossar
410
Eigene Notizen
414
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Leutnantsbuch
Grußwort des Inspekteurs des Heeres,
Generalleutnant Bruno Kasdorf
„D
ie großen Herausforderungen liegen heute kaum noch
in der Stärke, viel häufiger in der Schwäche anderer
Staaten.“1
Wir leben in einer gefährlichen Welt aber nicht nur aufgrund
dieser strategischen Unwägbarkeiten. Die Sicherheit
Deutschlands ist heute nicht mehr geographisch zu
begrenzen. Anders als früher sind die heutigen
Veränderungsprozesse häufig weltumspannender Natur:
Wirtschaftliche Umwälzungen wirken sich sehr rasch global
aus – die seit einigen Jahren anhaltende globale Finanz- und
Wirtschaftskrise ist ein Beispiel dafür. Soziale und ethnische
Spannungen in einem bestimmten Raum werden sehr rasch
zu
einem
die
gesamte
Region
betreffenden
Sicherheitsproblem. Global operierende Medien, enge
wirtschaftliche Verflechtungen, Fernreisen, aber auch
moderne Kommunikationsmittel wie das Internet sorgen
dafür, dass sich das Wissen um diese Veränderungen und
deren Auswirkungen in atemberaubender Geschwindigkeit
weltweit verbreitet. Deutsche Sicherheitspolitik ist Politik
gegen diese Unsicherheiten.
1
Volker Perthes, zit. nach BMVg, Rede des Bundesministers der Verteidigung am
18. Mai 2011, S. 6.
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Leutnantsbuch
Unser Dienst als Soldaten hat sich auf vielschichtige Weise
verändert. Das gilt insbesondere für unsere Einsatzrealität:
Begriffe wie „Gefecht“, „Kampf“, „Krieg“, „Gefallene“ und
„Veteranen“, sind nicht nur in der Truppe, sondern auch im
öffentlichen Raum in Deutschland angekommen.
Es ist gelebte Wirklichkeit und Teil unseres
Selbstverständnisses als Soldaten im Heer und der
Landstreitkräfte, im Mittelpunkt der Einsätze zu stehen: im
Kampf mit dem Gegner, in gemeinsamer Ausbildung und
Operation mit Partnern, zum Schutz und im Dialog mit der
Bevölkerung, im engen Zusammenwirken der Bundeswehr
und im vernetzten Ansatz mit zahlreichen weiteren
Organisationen und Institutionen.
Als militärische Führer verlangt dies viel von uns ab:
Professionelle Beherrschung unserer Einsatzgrundsätze und
-verfahren, körperliche und psychische Belastbarkeit ebenso
wie charakterliche Festigkeit, um in schwierigen,
unübersichtlichen Lagen und in Gefahr bestehen zu können.
Unsere Streitkräfte sind vielfältiger geworden: seit 2001
leisten immer mehr Frauen Dienst. Das ist eine gute
Entwicklung. In unserem Heer sind mehr Religionen und
Glaubensrichtungen vertreten als je zuvor. Einstellungen
unserer jungen Soldaten sind anders als noch vor wenigen
Jahrzehnten: individueller, vielfältiger, differenzierter als
früher. Das Bildungsniveau ist hoch und der Grad der
„Vernetzung“ untereinander nimmt zu – auch durch die
Nutzung moderner Medien.
Unsere jungen Soldaten tragen diese Erfahrungen in unser
Heer hinein. Hinzu kommen ältere Soldatengenerationen:
Lebenserfahrene, einsatzerfahrene Kameradinnen und
Kameraden, die schon so manchen Wandel miterlebt haben den Kalten Krieg, die Überwindung der Teilung
Deutschlands, die Anschläge des 11. September und deren
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Leutnantsbuch
weltweite Auswirkungen, die neuen Einsätze bis hin zum
gemeinsamen Bestehen im Kampf. Was haben diese
erfahrenen Kameradinnen und Kameraden wohl schon erlebt
– auf welcher Grundlage haben sie ihre Entscheidungen
getroffen? Wie war das, wenn sie große Verantwortung
trugen – auch für die Gesundheit und das Leben anderer
Menschen?
Als junge Offiziere werden Sie zunächst die
Führungsverantwortung für Teileinheiten übernehmen.
Gerade die Züge und Einheiten bilden den Kern unseres
Heeres – sie sind die Basis unseres Erfolges im Einsatz. Es
ist daher unsere besondere Verantwortung, Sie, unsere
angehenden Offiziere, bestmöglich auf Ihre kommenden
Aufgaben als Offizier und Teileinheitsführer vorzubereiten.
Wenn Sie anschließend selbst in der Ausbildung und im
Einsatz vorn stehen, werden die Ihnen anvertrauten Frauen
und Männer auf Sie schauen und darauf bauen, dass Sie als
Leutnant Ihre Führungsaufgabe erfüllen. Man wird sich an
Ihrem persönlichen Vorbild orientieren, um auch unter
größter Belastung mit Ihnen gemeinsam zu bestehen und
füreinander einzustehen.
Unser Dienst zeichnet sich durch eine große Vielfalt
unterschiedlicher Lagen aus, in denen es nicht allein auf gute
Ausbildung ankommt – Situationen, in denen wir unsere
Entscheidungen nicht auf unsere militärischen Kenntnisse
und Fertigkeiten allein gründen können, sondern aus unserer
Verwurzelung in Werte und Prinzipien heraus eigenständig
handeln müssen.
Auf welchen Grundwerten und Tugenden basiert letztlich
unser Tun und Handeln? Welche Charaktermerkmale und
Fähigkeiten sollten künftige Offiziere und militärische
Führer besitzen? Was ist das Besondere an dem von uns
gewählten Beruf? Dies sind Fragen, die uns alle verbinden –
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Leutnantsbuch
junge wie ältere Kameradinnen und Kameraden – im Heer
wie in den Streitkräften insgesamt.
Eigenes Erleben, Gespräche und Diskussionen mit
Kameraden auch aus Partnerländern, meine Erfahrungen im
Einsatz ebenso wie in der Führung des Heeres haben zu
meiner Überzeugung beigetragen, dass unser Beruf stets
zwei Erfordernisse miteinander verbinden muss.
Zum einen müssen wir als Soldaten in der Lage sein, uns
ständig auf die sich wandelnden Herausforderungen und
konkreten Anforderungen der aktuellen und der zukünftigen
Einsätze auszurichten. Wie sehr sich sogar das Gesicht eines
laufenden Einsatzes wandeln kann, erfahren wir nicht zuletzt
am Beispiel des Einsatzes in Afghanistan. Unsere
Bereitschaft zum Wandel und diesen selbst zu gestalten,
setzt die Fähigkeit voraus, Veränderungsbedarf zu erkennen,
Veränderung voranzutreiben und dabei Kreativität und
Überzeugungskraft zu entwickeln. Die Erziehung zu
persönlicher Initiative und eigenständigem Denken, zu
Rückgrat und geistiger Disziplin muss im Heer einen
besonderen Stellenwert haben – Risiko muss belohnt werden
und fördert zudem eigenständiges Handeln im Sinne des
Prinzips „Führen mit Auftrag“. Wir brauchen keine
„Absicherer“.
Zum anderem muss unser Dienst als Soldat von Werten und
festen Prinzipien geprägt sein. Werten wie Bescheidenheit,
Toleranz und Offenheit gegenüber anderen Menschen und
Auffassungen, Aufgeschlossenheit für fremde Kulturen;
Prinzipien wie Pünktlichkeit, Genauigkeit, Verlässlichkeit
und Teamgeist – aber auch Selbstbewusstsein im Vertrauen
auf das eigene militärische Können und den eigenen
Führungswillen. Zivilcourage zähle ich dazu und den Mut,
die eigene Meinung frei zu äußern – aber auch, einen
Auftrag nach gefällter Entscheidung des Vorgesetzten loyal
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Leutnantsbuch
und mit ganzer Kraft umzusetzen. Achten Sie dabei vor
allem auf die Menschen, die Sie führen dürfen. Führung
kann nur dann gelingen, wenn im alltäglichen Umgang
miteinander
Vertrauen
wächst:
Vertrauen
Ihrer
Untergebenen in Ihre militärischen Fähigkeiten, aber auch in
Ihre charakterliche Integrität als Vorgesetzte und Ihr
Vertrauen in die Fähigkeiten und Verlässlichkeiten Ihrer
Untergebenen. Seien Sie sich dabei der Tatsache bewusst,
dass militärisches Führen und militärische Befehlsgewalt
kein Privileg und Zeichen von Macht ist, sondern in erster
Linie umfassende Verantwortung für die Ihnen anvertrauten
Menschen bedeutet.
Um Ihnen zu veranschaulichen, welchen Herausforderungen
Sie sich als angehende Offiziere zukünftig stellen müssen, in
welchen Situationen Sie möglicherweise Entscheidungen
treffen müssen, haben einige Ihrer lebensälteren Kameraden
eigene prägende Erlebnisse für Sie aufgeschrieben – zum
Lesen und zum Nachdenken.
Sie finden in diesem Buch authentische Beiträge, Gedanken
und Erfahrungen aus dem alltäglichen Dienstbetrieb, aus
unserer Lebenswirklichkeit in Deutschland, aus Ausbildung
und Übung sowie aus dem gesamten Spektrum unserer
Einsätze. Alle Beiträge wurden von Kameraden für
Kameraden geschrieben. Daher ist dieses Buch auch keine
Vorschrift, sondern eine Sammlung von Erlebnissen und
Lebenserfahrung anderer – Lebenserfahrung die Ihnen
helfen soll, sich ein eigenes Urteil zu bilden.
Die Beiträge spiegeln die Auffassung, Ausdrucksweise und
Erfahrung der verschiedenen Verfasser wider. Sie deuten
auch die Bandbreite der Erlebniswelten in unserem Heer an
und sicherlich wird der eine oder andere zu anderen
Bewertungen kommen. Das Leutnantsbuch bietet Ihnen
keine Musterlösungen an. Es soll Sie vielmehr anregen, über
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Leutnantsbuch
Ihre eigene Position nachzudenken, sie mit neuen
Erkenntnissen zu verbinden, sich also als Persönlichkeit
weiterzuentwickeln. Sie werden dabei entdecken, dass es
einige grundlegende Leitideen gibt, in denen wir den
Anspruch an uns selbst als Führer im Heer stellen – diese
sind beispielsweise:
1. Wir wollen mitgestalten – als Führungspersonal wollen
wir nicht verwalten, sondern gestalten.
2. Wir denken und handeln vom Einsatz her – denn der
Einsatz ist der Maßstab für unser Können und
Kerninhalt unserer Profession.
3. Wir achten die Würde der uns anvertrauten
Menschen wie die anderer Kulturen – das gilt für
Kameradinnen und Kameraden ebenso wie für die
Menschen in den Ländern, in denen wir eingesetzt
werden.
4. Wir sind gute und aufrichtige Kameraden – denn wir
sind uns der Bedeutung eines festen Zusammenhalts
bewusst. Wir im Heer stehen zur Gemeinschaft; denn
nur gemeinsam haben wir Erfolg.
5. Wir sind bescheiden im Auftreten und zäh und
unbeirrbar in der Auftragserfüllung – wir wissen was
wir wollen und wir setzen es durch.
6. Wir haben Freude an der Verantwortung und am
Führen von vorn – weil Führen bedeutet, ein Vorbild
zu sein und ein Beispiel zu geben.
7. Wir stehen fest auf dem Boden der freiheitlich
demokratischen Grundordnung – wir setzen die
Werte und Normen des Grundgesetzes durch das Prinzip
der Inneren Führung um und wenden dabei die
Grundsätze der Auftragstaktik an.
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Leutnantsbuch
8. Wir sind stolz auf die Leistungen der Bundeswehr –
wir unterscheiden zwischen Tradition und Geschichte.
Wir.
Dienen.
Deutschland.
Wir
tragen
zur
Handlungsfähigkeit der deutschen Sicherheitspolitik bei.
Wir schützen die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes,
wir verteidigen Recht und Freiheit – das ist unser Auftrag.
Dieses Buch will Eindrücke und Erfahrungen vermitteln,
wie wir diese Leitideen im täglichen Dienst mit Leben füllen
– und es will Freude am Lesen bereiten. Sie werden
erkennen, dass scheinbar Gegensätzliches vereinbar ist, dass
fordernde und harte Ausbildung einerseits und die Achtung
des Menschen andererseits einander bedingen; dass
modernste Ausrüstung und Führungsverfahren und zeitlose
Führungsprinzipien sehr wohl zusammengehen; dass
moderne Menschenführung in immerwährenden Tugenden
wie Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung
wurzelt; dass eigene Meinungsäußerung und soldatischer
Gehorsam sehr wohl zusammengehören – und dass es
lohnenswert und ehrenvoll ist, in diesen Streitkräften für
eine bessere, gerechtere, freiere und sichere Welt
einzutreten.
Im November 2013
Kasdorf
Generalleutnant
Inspekteur des Heeres
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Leutnantsbuch
Offizieranwärter Frank
Der Alarmposten
K
älte. Meine Füße gehören nicht mehr zu mir, sie
scheinen neben mir zu liegen wie Eiswürfel. Das
Schwarz der Stiefel ist längst dem Braun des Schlamms
gewichen, die Füße schmerzen. Die ersten Blasen hatte ich
schon vorgestern, nach dem 30-Kilometer-Marsch in der
Nacht. Ich hatte sie aufgestochen und versorgt. Die Blasen,
die ich danach bekommen habe, habe ich gar nicht mehr
wahrgenommen. Dann haben sie sich mit Blut gefüllt, sind
aufgeplatzt und tun inzwischen fast nicht mehr weh. Kälte.
Wahrscheinlich spüre ich deshalb kaum noch etwas.
Abgefroren. Hoffentlich nicht, denke ich. Durchhalten. Zum
Sani soll ich gehen – wegen der Blasen. Noch wenige
Stunden, und unsere Übung ist vorbei. Ich werde das schon
schaffen. Auch ohne Sani. Jetzt nicht aufgeben.
Ich bin Frank, Offizieranwärter (OA) in einem OA-Bataillon
des Deutschen Heeres, seit fünf Monaten Soldat und liege
im Schnee. „Minus fünf Grad“, hat der Gruppenführer
gesagt. „Zieht euch warm an“, hat er gesagt, bevor er uns als
Alarmposten eingeteilt hat. Es ist 03.45 Uhr und die Nacht
nimmt kein Ende. Durchhalten.
Was mache ich eigentlich hier? Schon wieder dieser
Gedanke! Der lässt mich heute Nacht einfach nicht los.
Noch fünfzehn Minuten, dann kommt Peter und löst mich
ab. Auf ihn ist Verlass. Er wird schon nicht zu spät kommen.
Ich werde dann zu den anderen ins Gruppennest gehen, noch
ein paar Minuten ruhen – das brauche ich. Dann der
Endspurt. Sachen packen, zurück in die Kaserne, eine heiße
Dusche, Schlaf – mindestens 24 Stunden!
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Leutnantsbuch
Offizier werden wollte ich. Menschen führen. Technik
beherrschen. Abwechslung im Beruf haben. Maschinenbau
studieren. Und jetzt das. Kälte. Endlich kommt meine
Ablösung und reißt mich aus meinen Gedanken.
Auf dem Weg in das Gruppennest begegne ich noch
Hauptmann Meier, unserem Kompaniechef. Ich finde das
schon sehr beachtlich, dass er die ganze Übung mit uns
draußen verbracht hat. Er ist ohnehin ein feiner Kerl. Ganz
offen im Umgang mit uns, mit klaren Vorstellungen von
seinem Beruf. Besonders gefällt mir seine Art, uns
„Anfänger“ ernst zu nehmen und uns immer wieder
aufzubauen. Unser Hauptmann ist seit kurzem Berufssoldat.
Er ist Panzergrenadier und hat schon einige Verwendungen
hinter sich. Studiert hat er an der Universität der
Bundeswehr in München, Maschinenbau glaube ich. Genau
weiß ich es eigentlich gar nicht.
Bevor ich mich weiter auf den Weg in das Gruppennest
mache, erkundigt er sich noch nach meinen Füßen und
macht mir Mut, bis morgen früh durchzuhalten. Michael
geht es noch schlechter als mir; Annette hält wacker mit und
hofft wie alle anderen auf das Ende der Übung.
Ich sitze jetzt schon zwei Stunden im Bus auf dem Weg in
die Kaserne. Geschafft! Die Übung habe ich fast
überstanden, ein wenig stolz bin ich jetzt schon. Ich glaube
aber, dass mir erst in ein paar Tagen bewusst wird, was wir
alles gemeinsam in dieser Übung überstanden haben. Zuerst
einmal heißt es, Ausrüstung und Material wieder auf
Vordermann zu bringen, dann uns selbst. Mit Peter und
Marcel werde ich heute nach Dienstschluss essen gehen. Das
haben wir uns verdient – und danach bekommen wir endlich
unseren Schlaf.
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Leutnantsbuch
Vorhin habe ich mit Peter über meine Gedanken der letzten
Nacht gesprochen, als ich mich wirklich mehrfach gefragt
hatte, was ich eigentlich hier tue. Ihm ginge es manchmal
ähnlich, hat er geantwortet. Er denke oft an die Zeit vor der
Bundeswehr, an seine Freunde und an seine Familie – und
natürlich auch an seine Freundin Denise. Letztes Wochenende habe er sich mit seinen „alten“ Schulkameraden
getroffen. Ein paar von ihnen sind auch beim Bund, aber
über die ganze Republik verteilt. Einige haben schon mit
dem Studium begonnen und von ihren ersten Erfahrungen
erzählt. Unglaublich, was die so erleben – auf vielen Partys
und in langen Nächten. Ganz davon abgesehen, dass auch
wir hier lange Nächte haben, kann man schon ein bisschen
neidisch werden auf die. Die kämpfen nicht mit Blutblasen
bei minus fünf Grad! Peter und ich waren uns aber einig,
dass auch das vorbeigehen wird. Spätestens beim Chinesen
heute Abend.
Trotzdem kann man den Gedanken, dass wir als Offiziere
schon etwas Anderes tun, etwas Herausfordernderes als
andere in ihren Berufen, nicht ganz wegwischen.
Wir haben auch schon häufig im Hörsaal über dieses Thema
gesprochen. Kurz vor unserer Übung hatten wir erst einen
Unterricht von Hauptmann Meier zu den Besonderheiten
von Landstreitkräften. Ich erinnere mich noch, als er davon
sprach, dass wir als Heeressoldaten im Einsatz immer
„mitten drin“ sind, dass unsere Kampfdistanz der Blickkontakt ist und dass der Heeressoldat auf den sogenannten
„letzten 100 Metern“ fast immer auf sich allein gestellt ist.
Sicher sind das Besonderheiten, die es nicht in vielen
anderen Berufen in dieser Ausprägung gibt. Das Gleiche gilt
auch für die Führungsleistung, denke ich. Ein militärischer
Führer entscheidet am Ende über Leben und Tod. Und zwar
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Leutnantsbuch
bewusst. Das gibt es bestimmt nur in sehr wenigen anderen
Berufen.
Gerade fahren wir durch das Kasernentor. Die Scheiben im
Bus sind immer noch beschlagen, die Luft zum Schneiden
dick. Kein Wunder, wenn 35 Soldaten mit Gepäck nach
sechs Tagen Geländeleben „ausdünsten“. Draußen steht
unser Kompaniechef Hauptmann Meier und nimmt uns in
Empfang. Unser „Spieß“ hatte mal wieder eine gute Idee
und für heißen Tee gesorgt. Das tut gut.
Während wir noch Tee trinken, unterhalten wir uns in einer
kleinen Gruppe über das, was hinter uns liegt. Alle sind
ausgelaugt und stolz zugleich. Die Übung war schon ein
Höhepunkt in unserer bisherigen Ausbildung. Wir kennen
jetzt unsere Leistungsgrenzen und wissen, worauf es
ankommt, wenn man durchhalten will.
Die Unterhaltung löst sich langsam auf, Ausrüstung und
Material müssen jetzt abgeladen werden und wir müssen uns
zusammen darum kümmern, dass wieder alles dort
hinkommt, wo es hingehört.
Nach dem Waffenreinigen stellt sich Hauptmann Meier zu
uns. Zuerst wird es ein wenig ruhiger. Das legt sich aber
schnell wieder, und wir unterhalten uns weiter über unsere
Erlebnisse. Er erzählt auch von sich und seiner Ausbildung,
von seinen Erfahrungen und Vorstellungen. Wir hören
gespannt zu und stellen schnell fest – viel verändert hat sich
nicht. Ich habe den Eindruck, dass unser Hauptmann ein
Mann ist, der genau weiß, was er will und was der
Offizierberuf von ihm erwartet.
Inzwischen sind ein paar Wochen vergangen und ich bin in
einem Panzergrenadierbataillon gelandet. Hier mache ich
mein Truppenkommando. Ich lerne etwas über die
Truppengattung und sammle erste Erfahrungen als
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Leutnantsbuch
Hilfsausbilder. Annette und Peter sind auch dabei, dazu noch
Markus, Jonas, Marcel, Michael und Cindy.
Seit meiner Zeit im OA-Bataillon habe ich immer wieder an
meine Erlebnisse gedacht. Aber ich frage mich immer noch:
Was tue ich hier eigentlich? Zugegeben, mein Bild über
meinen Beruf hat sich schon etwas gefestigt, ganz klar ist es
mir aber immer noch nicht. Jeden Tag kommen neue
Eindrücke dazu.
Der Bataillonskommandeur hat uns schon am ersten Tag zu
sich geholt. Er hat offen mit uns gesprochen und gesagt, was
auf uns zukommt. Am Ende hat er uns Hauptmann Seidel
vorgestellt. Er ist Kompaniechef der 3. Kompanie und wird
uns für die Dauer des Truppenkommandos führen. Er wurde
uns als Fähnrichoffizier zugeteilt. Macht einen strengen
Eindruck, der Hauptmann.
Standortschießanlage.
G 36 Schießen. Allgemeine Grundausbildung. Ich bin heute
als Hilfsausbilder in der Parallelausbildung eingesetzt und
unterstütze Hauptfeldwebel Schmieder.
In der Pause vorhin habe ich einen Entschluss gefasst. Ich
werde Hauptmann Seidel ansprechen, ob er mir mehr von
seinem Berufsverständnis erzählen kann. Es interessiert
mich einfach. Vielleicht finde ich Antworten auf meine
Frage, die ich mir während der Übung so oft gestellt habe.
Ich glaube, Hauptmann Seidel kann man auch danach
fragen.
Also nehme ich meinen Mut zusammen und melde mich bei
unserem Fähnrichoffizier. Ich frage ihn, ob er bereit wäre,
mir einmal mehr über sein Verständnis vom Offizierberuf zu
erzählen. Ich erkläre ihm, was mich derzeit beschäftigt.
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Leutnantsbuch
Geduldig hört er mir zu, lächelt. Dann überlegt er kurz und
schlägt vor, dass wir, die jungen Offizieranwärter, doch
einmal im Kasino mit ihm darüber sprechen könnten. Ja, er
würde uns gerne erzählen, wie er so denke und welches
berufliche Selbstverständnis er entwickelt habe. Ich freue
mich darüber und sage den anderen Bescheid.
19
Leutnantsbuch
Offizieranwärter Frank
Die Landstreitkräfte und der Heeresoffizier: Was kommt
auf mich zu?
D
ienstagabend, Offizierkasino.
Wir sind Hauptmann Seidels Einladung gefolgt und
noch ein wenig unsicher, ob wir eintreten sollen oder nicht.
Was, wenn Hauptmann Seidel schon auf uns wartet? Markus
ergreift als erster die Initiative und schlägt vor: „Lasst uns
einfach hineingehen – nur dann wissen wir, ob Hauptmann
Seidel schon da ist oder nicht!“ Also betreten wir das Kasino
und gehen zunächst zielstrebig auf den Barraum zu. Wir
grüßen beim Eintreten mit einem Kopfnicken in die Runde
und sehen Hauptmann Seidel am Tresen stehen, mit einer
Ordonanz in ein Gespräch vertieft.
„Ah, da sind Sie ja!“, sagt Hauptmann Seidel und winkt uns
zu sich. „Ich habe gerade abgesprochen, dass wir uns in das
Kaminzimmer zurückziehen können. Da haben wir etwas
mehr Ruhe.“
Hauptmann Seidel begrüßt uns nacheinander und wir gehen
gemeinsam in das Kaminzimmer um die Ecke. Es ist ein
schön eingerichteter Raum mit vielen alten Büchern, aber
ohne eine abgeschlossene Tür. Es gibt nur einen großen
Durchgang in den Barraum, sodass man immer sieht, „was
sonst noch so los ist“.
Nachdem wir alle etwas zu trinken bestellt haben, beginnt
Hauptmann Seidel mit einer Frage: „Was ist für Sie
eigentlich das Besondere am Heer?“ Wir schauen uns etwas
überrascht an, schließlich kennen wir die Unterschiede der
Teilstreitkräfte und der anderen Organisationsbereiche! Aber
er lässt nicht locker.
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Leutnantsbuch
Cindy bringt unsere Meinung auf den Punkt: „Es ist die
besondere Herausforderung, die Heeressoldaten auf den
sogenannten letzten einhundert Metern bewältigen müssen.“
Sie erklärt diese besondere Situation so, wie wir sie auch
schon im OA-Bataillon einmal besprochen hatten. Wir alle
stimmen zu.
„Ganz richtig“, sagt Hauptmann Seidel. „Allerdings glaube
ich, dass die Sache noch ein bisschen komplexer ist. Ich
versuche Ihnen das einmal mit meinen Worten zu erklären.“
Und dann erzählt er uns, dass das Heer ein sehr
differenziertes „Unternehmen“ ist. Neben der Führung der
Divisionen des Heeres geht es darum, einsatzbereite und
motivierte Soldaten für alle Einsatzoptionen verfügbar zu
haben. Das ist ein Kernelement im „Unternehmen Heer“.
Hier geht es um das Vorbereiten von Menschen auf
gefährliche, ja zum Teil lebensgefährliche Aufgaben in
ungewohnten, instabilen Regionen unserer Erde.
„Natürlich gilt das für alle Soldaten der Bundeswehr.
Eigentlich ist der wesentliche Punkt, dass wir Heeressoldaten bodengebunden unseren Auftrag erfüllen. Wir sind
es, die in Landoperationen die „boots on the ground“ stellen.
Damit ermöglichen wir letztlich erst, dass militärische
Operationen langfristig erfolgreich sein können“, sagt
Hauptmann Seidel.
Er gibt uns zwar recht, dass damit verbunden die letzten 100
Meter, der Blickkontakt etwas Besonderes sind, weil wir am
Ende auf uns allein gestellt sind, betont aber, dass auch
andere Kräfte in dieser Situation stehen können. Das kann
man besonders gut an den laufenden Stabilisierungsoperationen auf dem Balkan und in AFGHANISTAN sehen.
Das sind Landoperationen.
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Leutnantsbuch
„Das Heer hat ja nun eine lange Tradition. Mit
Landoperationen hat es die meiste Erfahrung – hier ist das
Heer der Spezialist“, ergänzt er, „und wird unterstützt durch
die Streitkräftebasis und den Zentralen Sanitätsdienst. In
beiden Organisationsbereichen werden viele Soldaten des
Heeres verwendet. Die Laufbahn eines Heeresoffiziers wird
immer wieder geprägt sein durch einen Wechsel zwischen
diesen Bereichen.“
Dann erläutert er weiter: „In Landoperationen fehlen meist
sichere Planungsgrundlagen, das Umfeld ist komplex und
dynamisch, die Lagen wechseln häufig und plötzlich. Das
erfordert eine vertrauensvolle Führung, um den Führern
Handlungsspielraum und die Möglichkeit zur kreativen
Entfaltung zu geben. Führer aller Ebenen müssen daher
so ausgebildet und vorbereitet sein, dass sie auch in
Situationen, in denen sie auf sich gestellt sind, handlungsfähig bleiben und im Sinne des Ganzen Entscheidungen treffen können. Das setzt das Wissen um die
übergeordnete Absicht voraus und die Freiheit, den Weg zur
Zielerreichung im vorgegebenen Rahmen selbst zu
bestimmen.“
Hauptmann Seidel erklärt uns das an einem Beispiel: Als er
im Einsatz bei ISAF war, musste er eine Patrouille zu Fuß in
einem sehr belebten Viertel von KABUL führen. Nicht nur,
dass er für seine Soldaten und die Erfüllung des Auftrages
verantwortlich war, nein – auch der unmittelbare Kontakt
zur Bevölkerung hat ihm damals „zu schaffen gemacht“. Da
wurde man in der Menge geschoben, Kinder haben ihn
angefasst, ältere Menschen angesprochen. Manchmal konnte
auch der Übersetzer, der immer in seiner Nähe war, nicht
weiterhelfen – einfach weil oft Informationen im
Stimmengewirr untergingen. Da war er allein, er war auf
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Leutnantsbuch
sich gestellt. In diesem Moment, so erklärt er uns, wurde
ihm klar, wie wichtig es ist, den Auftrag zu kennen und die
nötige Handlungsfreiheit zu haben, ihn auch umzusetzen und
entsprechende Entscheidungen zu treffen. Hierzu gehören
auch die Verfügbarkeit von Material und eine entsprechend
fundierte Ausbildung.
„Das haben Sie sicher schon gehört“, erklärt er weiter, „dass
das Führen mit Auftrag oberstes Führungsprinzip deutscher
Streitkräfte ist. Es folgt nicht nur den Erfordernissen des
Gefechtes, sondern betont eine Führungsphilosophie, die den
ethisch bewussten, mitdenkenden und eigenverantwortlich
handelnden Soldaten in den Mittelpunkt stellt. Nur so ist die
Qualität, die Flexibilität und die Schnelligkeit in Operationen gewahrt“, sagt Hauptmann Seidel.
„Das hört sich jetzt zwar etwas aufgesetzt an, aber denken
Sie einmal darüber nach! Ich hatte in der Situation in
KABUL die Verantwortung für meine Patrouille. Meine
Soldaten haben mir vertraut und ich habe meinen Soldaten
vertraut. Führen mit Auftrag beruht auf gegenseitigem
Vertrauen. Führen mit Auftrag fordert Vorgesetzte und
Untergebene. Führen mit Auftrag verlangt von jedem
Soldaten den Willen, Ziele zu erreichen, die Bereitschaft zur
Initiative, zur Zusammenarbeit und zu selbstständigem
Handeln im Rahmen des Auftrags.“
Es entsteht eine Pause. Wir denken nach.
„Aber ich wollte ja nicht über Führen und über
Führungsphilosophie reden. Vielleicht kommen wir später
hierauf noch einmal zurück. Ich wollte Ihnen ja mein
Verständnis vom Besonderen des Heeres erklären“, sagt
Hauptmann Seidel und fährt fort:
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Leutnantsbuch
Heeressoldaten werden für die Durchführung von
Landoperationen ausgebildet. Diese verlangen eine
besondere Expertise, weil sie in ihrem Wesen sehr
spezifische Anforderungen an Soldaten stellen, die sich im
wesentlichen durch ein unklares, schnell wechselndes
Lagebild, die zeitliche und örtliche Gleichzeitigkeit von
Kampf, Stabilisierung und humanitärer Hilfe und manchmal
auch das Fehlen klarer Abgrenzungen von Gegner und
eigener Truppe kennzeichnen lassen. Hinzu kommt für jeden
Soldaten des Heeres die erlebbare und unmittelbare
Konfrontation mit der Geographie und ihren Menschen, sei
es im Kampfeinsatz mit dem zu bekämpfenden Gegner oder
im Friedenseinsatz mit der Bevölkerung, deren Vertrauen es
zu gewinnen gilt.
„Erinnern Sie sich an die Bilder im KOSOVO, als unsere
Soldaten mit den Panzern mittendrin waren in der
Demonstration – oder an die Bilder aus AFGHANISTAN,
als die Patrouille zu Fuß auf dem Marktplatz KUNDUZ Gesprächsaufklärung durchführte“, sagt Hauptmann Seidel.
„Und genau deswegen“, ergänzt Hauptmann Seidel, „wenn
wir als Heeressoldaten „im Feuer“ stehen, erleben wir die
Auswirkungen unseres Handelns unmittelbar. Wir müssen
auch Unwägbarkeiten mitberücksichtigen. Diese haben oft
maßgeblichen Einfluss auf den Verlauf der Operation. Dem
eigenen Willen begegnet der unabhängige Wille von
Gegnern, zivilen Akteuren wie internationalen, staatlichen
und nichtstaatlichen Organisationen, der örtlichen Bevölkerung, Flüchtlingen und anderen Kräften.“
Wieder eine Pause. Schwere Kost. Markus, Peter und
Annette tauschen fragende Blicke aus. Aber ich glaube, dass
wir alle verstanden haben, worum es Hauptmann Seidel
geht.
24
Leutnantsbuch
Offizieranwärter Frank
Der Bierdeckel
G
ut“, sage ich. „Wie geht es aber jetzt weiter? Meine
„
eigentliche Frage war doch, was das Besondere am
Offizierberuf ist. Schließlich werden wir ja zu militärischen
Führern ausgebildet, und das bedeutet doch eine Menge
mehr, als zu wissen, was das Besondere an Landstreitkräften
ist.“
„Es muss doch greifbare, verständliche Eigenschaften von
Offizieren geben, die das Besondere dieses Berufes
ausmachen“, ergänzt Cindy und schaut ein wenig
hilfesuchend zu Frank und Jonas hinüber, die zustimmend
nicken.
Das war das Startzeichen. Hauptmann Seidel schaut in die
Runde. Ich glaube, am liebsten hätte er die Ärmel
hochgekrempelt und uns einen Vortrag zum Thema
gehalten. Stattdessen steht er wortlos auf, holt sich aus dem
Barraum ein paar Bierdeckel und setzt sich wieder zu uns.
„Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Sie werden zu
militärischen Führern ausgebildet – das vergisst man
manchmal im täglichen Betrieb, zwischen Märschen,
Lehrgängen und Vorbereitung auf das Studium. Ich habe mir
selbst erst ein Bild von dieser Besonderheit unseres Berufes
gemacht, als ich Zugführer war.
Aber denken Sie daran: Ausbildungsgänge verändern sich.
Sie werden ständig den neuen Gegebenheiten und
Anforderungen an den Soldaten, an den Offizier, angepasst.
Mein Ausbildungsgang unterscheidet sich deutlich von
25
Leutnantsbuch
Ihrem. Dies gilt allerdings nicht für die Werte, Tugenden
und Prinzipien, die Grundlage und Leitgedanke unseres
Berufes sind. Diese haben damals wie heute unverändert ihre
Gültigkeit behalten.
Hauptmann Seidel rückt Bierdeckel und Stift zurecht und
fährt fort: „Wenn man führen will, dann muss man ein klares
und einfaches Konzept von Führung im Kopf haben, an dem
man sich zu Beginn seiner Führungsaufgabe orientieren
kann. Ich habe mir so ein Bild – wie gesagt – erst recht spät
gemacht. Das war übrigens mit ein Grund dafür, dass ich
mich gefreut habe, als Sie mich neulich auf der
Standortschießanlage angesprochen haben. Ich will Ihnen
einmal meine Idee, meine Vorstellungen erklären. Sie
werden sehen: Zu meinen Ideen gibt es bestimmt hunderte
von Beispielen aus dem täglichen Leben in unserem Beruf.“
Plötzlich kommt aus der Kaminecke ein wohl etwas zu laut
geratener Kommentar: „Das, was Hauptmann Seidel zu
sagen hat, unterschreibe ich sofort …!!“
Ruckartig gehen die Köpfe in Richtung Kamin. Dort sitzt ein
Major, der uns wohl zugehört hat. „Kommen Sie doch zu
uns“, sagt Hauptmann Seidel und winkt den Major heran. Er
stellt ihn als Major Setzinger vor, der zum Nachbarbataillon
gehört. Major Setzinger sagt: „Entschuldigen Sie meinen
Zwischenruf, aber ich habe mit Hauptmann Seidel schon
öfter hier gesessen und mit ihm über sein Berufsbild
diskutiert. Mit seinen Vorstellungen steht er nicht allein!“
„Also“, fährt Hauptmann Seidel fort, „was bedeutet Führen
eigentlich für mich? Welche Erwartungen stelle ich damit an
einen jungen Offizier? Vielleicht finde ich ein paar
Hilfestellungen, die Sie zum Nachdenken anregen.“
26
Leutnantsbuch
„Ich sehe drei Kernbereiche“, sagt Hauptmann Seidel und
beginnt mit dem Bleistift schwungvoll eine Skizze auf einem
leeren Bierdeckel. „Die ersten beiden Bereiche nenne ich
Selbstbestimmtheit und Erfolgsfaktoren. Keine Angst, ich
erkläre noch, was ich damit meine.
Der dritte Bereich, nämlich die Kunst, Menschen unter
wechselnden Bedingungen erfolgreich führen zu können,
baut auf den beiden ersten Bereichen auf. Diese bilden die
Grundlage. Führen bedeutet dabei für mich, dass ich sowohl
den Menschen als auch den Auftrag in den Mittelpunkt
meines Denkens und Handelns stelle. Man könnte auch von
einem werte- und auftragsorientierten Führen sprechen.“
Major Setzinger hat es sich inzwischen bequem gemacht.
Wir sind alle gespannt, wie das jetzt weitergeht mit dem
Seidelschen Konzept, mit seinem „Operationsplan“.
„Selbstbestimmtheit und Erfolgsfaktoren sind wichtig, wenn
ich mich einer Führungsaufgabe widme. Ich muss doch mein
27
Leutnantsbuch
eigenes Potenzial und die zentralen Faktoren des Erfolges im
Offizierberuf kennen, muss wissen, was und wie ich es am
erfolgreichsten tun kann. Wenn ich nicht weiß, wie ich mein
Potenzial einsetzen soll, bleibe ich mit Sicherheit erfolglos.
Es sind wenige grundlegende Regeln, die aber wichtig sind“,
sagt Hauptmann Seidel und fährt fort: „Die Kunst,
Menschen zu führen – ich nenne das einmal generell
Führungskunst – kann ich Ihnen mit drei einfachen
Handlungslinien, sozusagen Anweisungen, erklären. An
diesen drei Linien kann man sich, da bin ich überzeugt, gut
orientieren.“
Zustimmendes Nicken von Major Setzinger. Schwungvolle
Ergänzungen mit Bleistift folgen von Hauptmann Seidel auf
einem weiteren Bierdeckel.
28
Leutnantsbuch
So richtig kann ich allerdings noch nicht erkennen, was die
Skizze am Ende darstellen soll. Einen Plan für den Angriff
oder die Interpretation eines modernen Kunstwerks?
Hauptmann Seidel fährt fort: „Die drei Linien sind: „Führe
und gestalte!“, „Entscheide und verantworte!“ und „Sei
beispielhaft!“ Alle drei Linien stehen gleichwertig
nebeneinander – also nageln Sie mich bitte nicht auf eine
Reihenfolge fest. Ich habe lange überlegt, wie ich diese drei
Linien so erkläre, dass man auch etwas damit anfangen
kann. Am einfachsten ist es, wenn man zu jeder Linie ein
paar Fragen stellt. Das habe ich auch getan. Übrigens hat
Major Setzinger mir dabei ein paar gute Anregungen
gegeben.“
Jetzt schaltet sich Annette ein: „Herr Hauptmann, sind die
Begriffe Selbstbestimmtheit und Erfolgsfaktoren nicht ein
bisschen – na ja – sperrig? Ich meine, auf den ersten Blick
kann ich damit nur schwer etwas anfangen. Mit dem Begriff
Führungskunst, also der Kunst Menschen zu führen, geht es
mir da schon besser. Das ist uns allen hier geläufiger – oder
etwa nicht?“ Zustimmung von allen Seiten.
„Ja, ja“ antwortet Hauptmann Seidel, „ich verstehe, was Sie
meinen. Aber ich glaube, Sie werden sehen, wie die drei
Bereiche zusammenhängen – das erklärt einiges.“
„Wo war ich stehen geblieben?“, fragt Hauptmann Seidel,
spricht aber gleich weiter: „Genau! Die drei Handlungslinien
der Führungskunst! Also, in der Linie „Führe und gestalte!“
kann ich mir zum Beispiel folgende Fragen vorstellen:
- Kenne ich die Menschen, erkenne ich ihre Motivation
und ihre Ziele, nehme ich die Menschen an, so wie
sind?
29
Leutnantsbuch
- Frage ich aus wirklichem Interesse am Menschen, höre
ich ihnen zu, rede ich mit den Menschen, nehme ich mir
ausreichend Zeit, entwickle und fördere ich eine offene
Gesprächsatmosphäre?
- Führe und gestalte ich wirklich aktiv, habe ich einen
„Operationsplan“ entwickelt, beteilige ich andere, habe
ich die Fähigkeit und die notwendige Handlungsfreiheit, meine Ziele umzusetzen?
- Stimmt das Zusammenspiel und die Balance von dem,
was ich erreichen will, was andere erreichen wollen,
mit dem gemeinsamen Ziel überein, stimmt die
Richtung, wo muss nachgesteuert werden?
- Ermögliche ich Mitwissen, Mitentscheiden, Mitverantworten – zumindest immer dann, wenn dies möglich
ist?
- Fördere ich den Zusammenhalt und das Dazugehörigkeitsgefühl meiner Soldaten, besteht eine innere
Struktur in der Gruppe, im Zug, in der Kompanie,
welche verbindenden „Rituale“ und Symbole gibt
es?
- Gehe ich verantwortbare Risiken ein, wie treffe ich
meine Entscheidungen?
Hauptmann Seidel holt tief Luft. Die braucht er auch nach so
vielen Fragen! Diesen Moment nutzt Major Setzinger. Er
ergänzt: „Ich stelle mir auch immer die Frage, wie ich
Führung praktiziere, ob ich loyal bin, ob ich Fürsorge nach
unten und oben ausübe, ob ich konstruktiv mitwirke,
zielgerichtet informiere und ob ich meine Verantwortung
auch deutlich mache.“
Hauptmann Seidel ergänzt seine Skizze und macht ein paar
Notizen. Dazu sagt er: „Wenn ich diese Fragen zu30
Leutnantsbuch
sammenführe, dann komme ich auf fünf knappe Aufforderungen:
- Höre zu!
- Kommuniziere!
- Bringe zusammen!
- Setze Ziele!
- Schaffe Ordnung!
Das ist doch einfach, oder? Sie sollten sich ruhig die Fragen
einmal durch den Kopf gehen lassen. Vielleicht haben Sie
auch noch Ergänzungen oder Anregungen für mich. Nehme
ich gerne auf!“
Nachdem wir uns noch etwas zu trinken bestellt haben, sagt
Hauptmann Seidel: „Ich weiß natürlich, dass mein Gedankengebäude, das ich Ihnen hier aufmale, ziemlich
komplex ist. Merken können Sie sich ohnehin nicht alles,
aber darum geht es auch nicht. Sie sollen einfach einmal ein
Gefühl dafür bekommen, wie ich so an die Sache herangehe.
Ihnen werden sicherlich im Laufe der Dienstzeit noch
weitere Fragen einfallen, die Sie noch ergänzen können.
Lassen Sie mich noch kurz die anderen beiden Linien
skizzieren: In der Linie „Entscheide und verantworte!“ stelle
ich mir folgende Fragen:
- Gebe ich Antworten und kann ich den Sinn von Maßnahmen und Entscheidungen erklären, was ist sinnstiftend?
- Unterscheide ich zwischen den unterschiedlichen
Persönlichkeiten und der Art der Durchsetzung meiner
Befehle?
- Halte ich Maß, verliere ich das Wesentliche nicht aus
den Augen, konzentriere ich mich bzw. meine Kräfte?
- Erhalte ich mir meine Entscheidungsfreiheit durch
Klarheit und Einfachheit?
31
Leutnantsbuch
- Übernehme ich immer die volle Verantwortung für
getroffene Maßnahmen und Entscheidungen?
- Bewahre ich meine Soldaten vor Schäden und
Nachteilen?“
Wieder ergänzt Hauptmann Seidel seine Skizze und gibt uns
schlagwortartig eine verkürzte Version dieser Fragen. Er
sagt: „Entscheiden und verantworten“ ist für mich
besonderes wichtig. Wir als Offiziere müssen uns diesen
Herausforderungen zu jeder Zeit stellen. Ich verkürze die
wesentlichen Aussagen auf weitere fünf Forderungen:
- Entscheide!
- Unterscheide!
- Übernimm Verantwortung!
- Gib Antworten!
- Halte Maß!“
32
Leutnantsbuch
„Und letztlich ist es wichtig, dass wir beispielhaft sind“,
mischt sich Major Setzinger ein. „Genau“, gibt Hauptmann
Seidel zurück. „Können Sie sich vorstellen, was damit
gemeint ist?“, fragt er in die Runde.
Peter sagt: „Ich muss mir die Frage stellen, ob ich mich
selbst beispielhaft verhalte, ob ich ein Vorbild bin“, und
Annette ergänzt: „Letztlich muss ich mich fragen, ob ich das
vorlebe, was ich von meinen Soldaten verlange!“
„Völlig richtig“, sagt Hauptmann Seidel. Wir in der Runde
fangen langsam an, uns „warm zu laufen“. Hauptmann
Seidel hat uns richtig neugierig gemacht, und dass Major
Setzinger noch dabei sitzt, zeigt auch, dass die Ideen kein
Hirngespinst eines Hauptmanns sind.
Hauptmann Seidel fährt fort: „Ich stelle mir zusätzlich noch
folgende Fragen:
- Bin ich Vorbild auch in der Erfüllung meiner Pflichten?
- Lebe ich die Werte und Tugenden vor?
- Gebe ich Orientierung und persönlichen Halt?
- Stimme ich mit mir selbst überein?“
„So“, sagt Hauptmann Seidel, „bevor wir uns mal kurz die
Beine vertreten, will ich Ihnen auch für die Linie „Sei
beispielhaft!“ meine Empfehlungen mitgeben:
- Sei stimmig!
- Gib Orientierung!
- Sei Vorbild!“
„Also ich für meinen Teil brauche jetzt einmal fünf Minuten,
um frische Luft zu schnappen. Kommt jemand mit raus in
den Garten?“, fragt Hauptmann Seidel. Die Runde erhebt
sich, wir gönnen uns zehn Minuten Pause. Um neun Uhr soll
33
Leutnantsbuch
es weitergehen, dann will Hauptmann Seidel uns ein paar
Erlebnisse erzählen, die uns zurück in die Praxis holen
sollen. Major Setzinger hat noch hinzugefügt, dass er auch
die eine oder andere Geschichte aus seiner Chefzeit
beitragen kann.
Beim Aufstehen schaue ich noch einmal auf die Seidelsche
Skizze. Doch kein abstraktes Kunstwerk!
Also auf geht’s: Pause.
Nach der Pause kommen wir alle wieder zusammen und
stellen uns im Barraum zusammen. Hauptmann Seidel steht
schon dort mit zwei anderen Offizieren und unterhält sich
angeregt. Als wir Offizieranwärter hinzukommen, sagt er:
„Darf ich Ihnen zwei Kameraden vorstellen. Major
Waldmann und Hauptmann Ulrich. Wir sind damals
34
Leutnantsbuch
zusammen in die Bundeswehr eingetreten. Ich habe beiden
eben erzählt, warum wir uns heute Abend hier getroffen
haben. Major Waldmann ist Kompaniechef. Ich habe ihm
die Bierdeckel gezeigt und ihn gefragt, ob er Ihnen nicht ein
paar Geschichten erzählen kann, die zu den einzelnen
Themen passen.“
„Ja“, antwortet Major Waldmann, „ich habe gerade in
meiner jetzigen Verwendung oft festgestellt, dass Ordnung
das halbe Leben ist. Wenn man sich als Chef nicht optimal
organisiert, dann kann einem alles schon mal über den Kopf
wachsen. Ich hatte einen Kompanieoffizier, der war so ein
Fall. Im Grunde eine ehrliche Haut und richtig fleißig. Ich
erinnere mich noch gut an ihn.“
Hauptmann Ulrich mischt sich in die Unterhaltung ein und
sagt: „Ich kenne auch einige gute Beispiele aus meiner
Zugführerzeit. Wenn’s jemanden interessiert …?“
Cindy und Jonas ermuntern beide, uns ihre Erfahrungen
mitzuteilen. „Ich für meinen Teil“, sagt Jonas, „lerne gerne
aus den Erfahrungen anderer. Schließlich muss man nicht
gleich alle Fehler wiederholen, die andere schon einmal
gemacht haben.“
„Herr Major, wie wäre es, wenn Sie uns Ihre Geschichte von
Ihrem Kompanieoffizier erzählen?“, fragt Hauptmann
Seidel. Major Waldmann nickt und bestellt sich noch eine
Fassbrause.
„Also, es war im letzten Jahr. Da ging es in meiner
Kompanie ganz schön zur Sache – unsere Auftragsbücher
waren voll.“
Er beginnt zu erzählen …
35
Leutnantsbuch
Das Zeitspiel
D
a saß er. Mein Kompanieoffizier. Um 07.05 Uhr. Heute
war Gefechtsdienst angesetzt. Er aber hatte Ringe unter
den Augen. Übermüdet. Unkonzentriert. Nicht, weil wir
gerade von einer Übung wiedergekommen waren. Nicht,
weil er einen Dienst als Offizier vom Wachdienst hinter sich
hatte. Nein. Einfacher Grundbetrieb. Was war los? Diese
Frage stellte ich ihm.
Er antwortete: „Wir – die Soldaten, die ich vom
Fernmeldezug zugeteilt bekam für die Vorbereitung der
Kommandeurtagung, und ich – waren gestern noch bis um
halb eins im Offizierkasino und haben die Aufträge
umgesetzt, die der G 3 letzte Woche erteilt hat. Sieht jetzt
super aus! Und den Gefechtsdienst musste ich auch noch
vorbereiten – meinen gedachten Verlauf und so. Da war es
mal wieder drei Uhr. Ich bin ganz schön ausgepumpt. Chef,
kann nicht der Leutnant mit seinem Fernmeldezug das
Biwak übernächste Woche vorbereiten? Ich schaff´ es nicht
mehr! Ich weiß noch nicht ’mal, wie ich heute den
Gefechtsdiensttag überleben soll.“
Offene Worte. Eine Selbstoffenbarung.
Die Überlastung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Hatte
ich ihn zu sehr ’ran genommen? Er hatte in diesem Monat
das „Rules of Engagement (ROE)“-Schießen im Rahmen der
EAKK-Ausbildung durchzuführen, die Vorbereitung des
Tagungssaals im Offizierheim für die Kommandeurtagung
als Projektoffizier zu überwachen und zu steuern und für den
nächsten Monat das Biwak vorzubereiten.
„Vielleicht hast Du das!“, sagte ich mir. Ein schlechtes
Gewissen machte sich bei mir breit. Der Gedanke ließ mich
nicht mehr los und so ließ ich den Leutnant und
Fernmeldezugführer – hier in der Kompanie der Mann für
36
Leutnantsbuch
alle Fälle – kommen, und beauftragte ihn, den Kompanieoffizier bei der Vorbereitung des Biwaks zu unterstützen.
Er, der lebens- und diensterfahrene Offizier des militärfachlichen Dienstes lächelte – eigentlich wie immer – und
sagte: „ Klar, wir machen das schon! Aber eine Frage stelle
ich mir bei unserem jungen Kompanieoffizier immer wieder:
Hat er eigentlich schon etwas von Zeitmanagement gehört?
Das Biwak müsste doch längst in trockenen Tüchern sein.
Der Befehl dazu ist doch schon drei Monate alt!“
Er hatte Recht. Der Befehl zur Vorbereitung des ROESchießens lag meinem Kompanieoffizier seit drei Monaten
vor, die Kommandeurtagung war ihm seit einem halben Jahr
bekannt und das Biwak sowie seine Aufgabe als
Projektoffizier, für die er sich mit Begeisterung angeboten
hatte, um zu zeigen, was er alles drauf hat, war ihm bewusst
seit Herausgabe des Jahresausbildungsbefehls.
Zeitmanagement. Offensichtlich nicht jedermanns Sache.
Aber ein Grundbaustein für den Offizierberuf.
Zeitmanagement lässt sich erlernen. Auch ich erinnere mich
an meine Schul- und die erste Uni-Zeit, als wir immer „kurz
vorm Dicken“ anfingen zu lernen, den Stoff ins Kurzzeitgedächtnis hämmerten und diesen nach der Klausur
einfach löschten.
Aber schon während der weiteren Semester merkte ich, dass
ich mich besser organisieren musste, um die Scheine alle
rechtzeitig zu haben, mich zeitgerecht auf Prüfungen
vorzubereiten und schließlich auch die Diplomarbeit
rechtzeitig erfolgreich zu beenden.
Also nahm ich mir die Zeit, um einmal mit meinem
Kompanieoffizier über diese Dinge zu sprechen. Bei einer
Tasse Kaffee in meinem Büro sprach ich ihn darauf an:
37
Leutnantsbuch
„Organisieren. Was heißt das? Und was ist das, Zeitmanagement?
Sicherlich gibt es unterschiedliche Definitionen und
Auffassungen. Für mich kann ich aber Folgendes feststellen:
Ebenso wie in der Truppenführung ist eine saubere
Auswertung des Auftrags der Schlüssel zum Erfolg. Das
Erfassen der Absicht dessen, der einen Auftrag erteilt hat,
das Erkennen der wesentlichen eigenen Leistung und
natürlich die Berücksichtigung etwaiger Auflagen – das ist
nun mal das A und O, im Grundbetrieb nicht anders als im
Einsatz.
Und jetzt kommt das Zeitmanagement ins Spiel. Es hat zum
Ziel, erhaltene Aufträge so über der Zeitachse zu strukturieren, dass eine zeitgerechte Auftragserfüllung überhaupt
erst möglich wird.
Wenn Sie erkennen, was zur Erfüllung der wesentlichen
Leistung alles nötig ist, dann müssen Sie die notwendigen
Tätigkeiten aufschlüsseln und auf einem Zeitstrahl fixieren.
Der Endpunkt des Zeitstrahls beschreibt dabei einen
Zeitpunkt vor dem eigentlichen Termin, um vorneweg einen
Zeitpuffer zu haben. Dann zerlegen Sie die notwendigen
Tätigkeiten in einzelne Arbeitsschritte und ordnen jedem
Schritt ein Zeitpensum zu.
Diese Zeiten können Sie berechnen (z.B. Anmarsch mit Kfz)
oder Sie legen Ihre oder die Erfahrungswerte von
Kameraden zugrunde. Planen Sie dabei Schritt für Schritt
und setzen Sie die Tätigkeiten an den Anfang, die entweder
mit dem meisten Aufwand verbunden sind oder von denen
man weiß, dass sie von anderer Seite oder von anderen
mitbearbeitet werden müssen (z.B. Übungsanmeldung).
Wenn Sie jeden Schritt in logischer Abhängigkeit
zueinander auf dem Zeitstrahl fixiert haben, haben Sie schon
einen wesentlichen Schritt getan.
38
Leutnantsbuch
Aber: Zeitmanagement verlangt von Ihnen Disziplin.
Schieben Sie die Punkte nicht nach hinten. Organisieren Sie
die Einzeltätigkeiten so, dass Sie gleichmäßig auf der
Zeitachse zu tun haben. Sind Ihnen Kameraden zur Seite
gestellt oder Soldaten unterstellt, delegieren Sie nach
folgendem 5 – W – Schema:
-
Wer macht
Was?
Wann?
Wie? und
Warum?
Machen Sie nicht alles selbst. Um die Übersicht nicht zu
verlieren, ist es ratsamer, lieber weniger selbst zu erledigen,
aber dafür die Fäden in der Hand und den Überblick zu
behalten, denn Sie tragen die Verantwortung. Es ist und
bleibt gleichwohl Ihr Auftrag!
Die Arbeit, die ich Ihnen hier in groben Zügen dargestellt
habe, werden Sie in großen Stäben bei Projekten wiederfinden: Den Plan für die Stabsarbeit.
Sie mögen sich vielleicht fragen: „Wie soll ich mir denn
Freiheit schaffen? Beim Bund ist mir doch alles vorgegeben!“
Grundsätzlich haben Sie mit dieser Aussage recht,
wenngleich ich mit gewissen weiteren Prinzipien auch die
mir erteilten Vorgaben dazu nutzen kann, mir Freiraum zu
schaffen.
Denken Sie daran: Als Offizier werden Sie stets vor die
Herausforderung gestellt, zu planen und zu organisieren. Sie
werden mit anderen zusammenarbeiten und auch delegieren.
39
Leutnantsbuch
Arbeiten Sie an sich. Vielleicht befolgen Sie aber noch die
weiteren Vorschläge und Tipps, die Sie für sich umsetzen
können.
1. Schaffen Sie Schwerpunkte – Das Eisenhower-Prinzip
Als Offizier werden Sie zunehmend mit administrativen
Dingen zu tun haben. General Eisenhower – der spätere USPräsident – ging dabei folgendermaßen vor: Er sichtete und
sortierte die Unterlagen/Aufträge wie folgt:
a. Wichtig und dringlich
b. Wichtig und nicht dringlich
c. Nicht wichtig, aber dringlich
d. Nicht wichtig und nicht dringlich.
Die wichtigen und dringlichen Aufträge bearbeitete er
selber. Die wichtigen und nicht dringlichen sowie die
dringlichen aber nicht wichtigen Aufträge delegierte er. Die
nicht wichtigen und nicht dringlichen Aufträge vernichtete
er. Das soll natürlich nicht heißen, dass Sie jetzt alle
Aufträge ignorieren können, die Sie selbst als unwichtig und
nicht dringlich einstufen. Das ist stets eine Frage der
jeweiligen Führungsebene. Und Eisenhower hatte sicherlich
ganz andere Verantwortung und Schwerpunkte als Sie!
Voraussetzung für solch eine Vorgehensweise ist vielmehr,
dass Sie den Führungsprozess beherrschen und im Rahmen
der Auswertung des jeweiligen Auftrages die wesentliche
Leistung erkennen und richtig einzuordnen wissen. Hier
muss man zunächst Erfahrung gewinnen.
2. Das Kieselprinzip
Das Kieselprinzip beschäftigt sich intensiv mit dem
Zeitmanagement.
40
Leutnantsbuch
Stellen Sie sich Ihre Zeit als eine Flasche vor, die Sie mit
einer vorgegebenen Anzahl von Kieselsteinen füllen sollen.
Sie haben dazu große und kleine Steine. Alle zusammen
füllen die Flasche komplett. Wie gehen Sie vor?
Sicherlich werden Sie zuerst die großen, dann die kleinen
und zuletzt die kleinsten Steine in die Flasche füllen, weil
nur diese zwischen den größeren Steinen hindurchgleiten
und so die kleinsten Lücken füllen.
Und das ist schon das Geheimnis!
Nehmen Sie die Vorgaben Ihrer übergeordneten Führung
und füllen Sie sie als Steine in Ihre Flasche. Nehmen Sie
sich aber auch für sich und Ihren unterstellten Bereich Zeiten
als große Steine heraus. Werden Sie aktiv und warten Sie
nicht, bis man Sie mit Aufträgen erdrückt und Sie
gezwungen sind, „Ihren“ großen Stein zu zertrümmern,
damit er noch in Ihre Flasche passt.“
Mein Kompanieoffizier hatte verstanden. Er wusste, er
musste sich verändern, um Erfolg zu haben. Und er tat es
auch.
Mittlerweile ist er ein sehr erfolgreicher Kompaniechef und
vermittelt „seinen“ Offizieranwärtern die Theorie des
Zeitmanagements.
HI
Führe und gestalte! Der Kompaniechef erkennt, dass sein
Kompanieoffizier Anleitung und Unterstützung braucht. Er
hilft ihm, indem er ihm seine Sicht- und Vorgehensweise
erläutert, ohne ihn dabei bloßzustellen.
Schaffe Ordnung, setze Ziele und halte die wichtigen Fäden
in der Hand! Wer andere führt, muss sich zuallererst auch
41
Leutnantsbuch
selbst führen können. Das bedeutet, dass Ziele setzen und
Ordnung schaffen nicht nur nach außen wichtig ist, sondern
dass jeder zunächst bei sich selbst beginnen muss.
42
Leutnantsbuch
Zugführer in einem binationalen Verband
N
ach meinem Studium in Hamburg sowie den
anschließenden Lehrgängen, u.a. an der Offizierschule
des Heeres und der Logistikschule der Bundeswehr, in denen
ich
das
„Handwerkszeug“
eines
Offiziers
der
Logistiktruppen lernte, wurde ich in das binationale Stabs-/
Unterstützungsbataillon des I. DEU/NLD Korps nach
Münster versetzt.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nichts von diesem
Bataillon, das für die Realversorgung des Hauptquartiers des
Korps sowohl am Standort als auch auf Übungen
verantwortlich ist, gehört. Auch ältere Kameraden, die ich
nach diesem Verband fragte, konnten mir keinerlei Auskunft
geben.
So trat ich mit sehr gemischten Gefühlen Anfang März die
Reise nach Münster an. Gleich am ersten Tag meldete ich
mich beim deutschen Bataillonskommandeur, dem ich mich
einige Wochen zuvor mit einem Schreiben vorgestellt und
angekündigt hatte. In diesem Gespräch wurde ich behutsam
auf das, was mich in den kommenden Tagen und Wochen
erwarten würde, vorbereitet. Der Kommandeur beendete das
Gespräch mit den Worten: „ Lassen Sie sich überraschen,
hier ist alles ein bisschen anders.“
Nach der Meldung bei meinem Kompaniechef, einem
niederländischen Major, begann ich mit der Übernahme
meines Zuges, eines Versorgungs- und Transportzuges.
Dabei stellte ich sehr schnell fest, dass hier tatsächlich alles
nicht nur ein bisschen anders ist. Ich hatte erwartet, dass
innerhalb eines binationalen Bataillons die Kompanien oder
zumindest die Züge rein national besetzt sind. So war ich
sehr überrascht, dass in meinem Zug auch innerhalb der
Gruppen deutsche und niederländische Soldaten gemeinsam
ihren Dienst verrichteten. Eine erste große Frage war, wie
43
Leutnantsbuch
ich diese niederländischen Soldaten führen sollte, da ich
disziplinar keinen Zugriff auf sie hatte.
Hoffnung vermittelte mir der Blick in das Gesicht meines
stellvertretenden Zugführers, eines lebenserfahrenen und
sehr
aufgeschlossenen
niederländischen
Adjudant
Onderofficier
(etwa
einem
Oberstabsfeldwebel
vergleichbar). Wir sprachen anfangs viel über meine
Vorstellungen und Erwartungen an den Zug und an mich
selbst als Zugführer. Das alles, glücklicherweise, auf
Deutsch, denn die offizielle „Amtssprache“ im Bataillon ist
Englisch. Befehle auf Deutsch bzw. Holländisch werden
grundsätzlich nur für jeweils nationale Angelegenheiten
erteilt.
Bereits während unserer Gespräche machte mir mein
niederländischer Stellvertreter klar, dass es aufgrund der
Unterschiede zwischen den deutschen und niederländischen
Streitkräften hier und da immer wieder zu „besonderen
Herausforderungen“ kommen würde. Er lächelte dabei,
freundlich wie ich annahm. Schnell sollte ich aber
feststellen, dass er einfach nur wusste, was für „besondere
Herausforderungen“ das sein könnten.
Zugegebenermaßen etwas zu optimistisch ob der Annahme,
dass doch jeder meiner sieben niederländischen Soldaten
deutsch verstehen müsse, machte ich mich daran, einige
Eckpfeiler für den Rahmendienstbetrieb festzulegen. In
meinem Verständnis gehören Dinge wie das morgendliche
und abendliche Antreten, regelmäßige Zugbesprechungen
oder auch die Grußpflicht nicht nur zum guten Ton, sondern
fördern die Kommunikation, schaffen Strukturen und stärken
die Kohäsion innerhalb des Zuges.
Da ich dies allerdings beim ersten Antreten lediglich auf
Deutsch befohlen hatte, musste ich schon abends beim
Abschlussantreten feststellen, dass von den Niederländern
niemand da war. Im restlichen Zug hatte man das wohl auch
44
Leutnantsbuch
schon so erwartet, das erkannte ich an den Blicken der
Soldaten.
Fieberhaft überlegte ich, was man nun tun könnte,
schließlich konnte ich diese „Meuterei“ nicht ungesühnt
lassen, die disziplinaren Mittel dazu hatte ich jedoch nicht.
So bat ich meinen Stellvertreter, die niederländischen
Kameraden für mich „in die Spur zu ziehen“. Am
darauffolgenden Morgen sprach ich den Zug, ich hatte
vorher noch ein klein wenig geübt, in Englisch an. Die
niederländischen Kameraden hätten mich sicherlich auch auf
Deutsch verstanden. Ein Befehl auf Deutsch, obendrein vom
neuen Zugführer in bester „dann ist das eben so“- Manier
vorgetragen, hätte meiner Meinung nach jedoch nur
Widerstand erzeugt.
In den niederländischen Streitkräften herrscht ein anderer
und für deutsche Soldaten zunächst ungewöhnlich lockerer
Umgangston. Man spricht dort auf allen Ebenen sehr viel
kollegialer miteinander und die Vorgesetzten pflegen einen
ausgesprochen kooperativen Führungsstil. Dies ist sicherlich
auch der Tatsache geschuldet, dass die Niederländer seit
langen Jahren eine im Vergleich zur Bundeswehr viel
kleinere
Berufsarmee
haben.
Auch
haben
die
niederländischen Kameraden festgelegte Arbeitszeiten, auf
deren Einhaltung sehr viel Wert gelegt wird und die im
Routinedienst nur in Ausnahmefällen und aus besonderen
Gründen überschritten werden dürfen. Dies gilt natürlich
nicht für Übungen und Einsätze.
So stand ich vor dem „Problem“, einerseits mehr „Druck,
Drall und Geschwindigkeit“ in den Zug bringen zu wollen,
andererseits aber nicht zu arg mit den niederländischen
Besonderheiten in Konflikt zu geraten. Restriktive Befehle
hätten sicherlich bei den deutschen Soldaten schnelle
Wirkung gezeigt, hätten aber meiner Meinung nach zur
Trennung von dem anderen Teil des binationalen Zuges
45
Leutnantsbuch
geführt. Und das wollte ich auf keinen Fall, schließlich
wollte ich „meinen“ Zug als ein großes Ganzes führen.
Mein „Problem“ sollte sich im Verlauf der nächsten Wochen
aber fast von selbst lösen. Meine niederländischen Soldaten,
insbesondere mein Adjutant Onderofficier, und auch seine
Kameraden im Rest des Bataillons, erwiesen sich als sehr
offenherzig und kameradschaftlich.
Schnell merkte ich, dass das persönliche Gespräch das
wichtigste Mittel ist, um Verständnis füreinander zu
erzeugen. Und eben das gestaltet sich mit den Kameraden
der „Landmacht“ sehr unkompliziert. Es darf einem nur
nicht befremdlich erscheinen, wenn man frank und frei
geduzt wird, das ist halt einfach so üblich und kein Zeichen
von Respektlosigkeit.
Die niederländischen Soldaten sind meiner Meinung nach
Profis. In den niederländischen Streitkräften steht, ebenso
wie in der Bundeswehr, das Erreichen gesetzter Ziele absolut
im Vordergrund. Wie diese Ziele letztendlich erreicht
werden, ist dabei gar nicht so wichtig. Man muss sich als
deutscher, an strenge Regeln gewöhnter Offizier, sicherlich
ein wenig umstellen, gewinnt aber mehr, als man
aufzugeben scheint. Bereits in der Erstverwendung kann es
einem jungen Offizier passieren, dass er als Zugführer in
einem binationalen Verband eingesetzt wird. Gute
Englischkenntnisse,
wie
sie
im
Rahmen
der
Sprachausbildung
vermittelt
werden,
sind
dabei
unabdingbare Vorraussetzung. Wichtig ist auch, das habe ich
gelernt, die frühzeitige, eventuell auch informelle
Verbindungsaufnahme mit dem Vorgänger auf dem
Dienstposten, um so rechtzeitig alle notwendigen
Informationen zu erhalten. Ich habe in den ersten Monaten
festgestellt, dass klare Vorstellungen von dem, was man als
junger Zugführer mit seinem Zug erreichen will, gut und
auch notwendig sind. Diese müssen aber vor Ort an die
46
Leutnantsbuch
jeweiligen Rahmenbedingungen angepasst werden und man
darf nicht immer gleich „mit der Tür ins Haus fallen“.
Gerade im multinationalen Bereich muss man Rücksicht auf
die
kulturellen
Besonderheiten,
Eigenheiten
und
Befindlichkeiten der Kameraden aus anderen Nationen
nehmen. Interkulturelle Kompetenz ist also nicht nur im
Einsatz, sondern auch im täglichen Heimatdienst gefragt.
Kommunikation, auch oder besonders auf Englisch, und die
Einbindung der erfahrenen älteren Portepeeunteroffiziere
sind unverzichtbare Vorraussetzung für das Erreichen
gemeinsamer Ziele, auch wenn die Wege zu diesen Zielen
manchmal sehr unterschiedlich sind.
HI
Interkulturelle
Kompetenz
sowie
multinationale
Zusammenarbeit sind Begrifflichkeiten, die einem Offizier
geläufig sein müssen. Fremdsprachenkenntnisse, aber auch
das nötige Feingefühl im Umgang mit anderen
Nationalitäten fördern nicht nur den eigenen Horizont,
sondern stärken auch das „Wir-Gefühl“ im Rahmen der
gemeinsamen Zusammenarbeit. Wenn du unsicher bist,
halte Dich an die Struktur und die Formalien, die du gelernt
hast. Dies ist eine sichere Hilfe, bis Du Dich im aktuellen
Umfeld orientieren kannst.
47
Leutnantsbuch
Führungsverantwortung im Gefecht
W
ir sind in KUNDUZ, AFGHANISTAN. Erst vor
kurzem ist die Lage hier so eskaliert, dass der
Kommandeur des Regionalkommandos Nord die Quick
Reaction Force (QRF) geschickt hat. 300 Männer und
Frauen – Jäger, Panzergrenadiere, Aufklärer und Sanitäter.
Die Verantwortung für deren Einsatz und deren Leben liegt
bei mir.
Wir haben gewusst, dass es gefährlich werden würde. Ich
habe den Soldaten schon seit Beginn der Ausbildung vor
Monaten gesagt, dass wir ins Gefecht gehen würden. Aber
„Fallen“? Jeder glaubt doch, dass es ihn nicht treffen wird.
Und sind wir dem nahezu unsichtbaren Feind nicht
überlegen? Drei Mal standen meine Soldaten zu diesem
Zeitpunkt schon im Feuerkampf. Muss ich nicht gerade
deshalb mit raus? Mit nach vorne? Ich möchte mit jedem
Zug draußen gewesen sein, damit die Männer ihren
Kommandeur sehen. Kann ich dort führen, wenn es darauf
ankommt? Keiner möchte getroffen werden, keiner möchte
sterben – auch ich nicht. Also doch lieber im Feldlager
bleiben? Hier ist der Gefechtsstand. Objektiv betrachtet kann
ich von hier besser führen. Oder doch nach draußen, aber
weiter hinten, wo immer hinten ist? Die Frauen und Männer
haben einen Anspruch darauf, dass ich sie so führe, dass sie
möglichst unversehrt bleiben – an Körper und Seele – und
gleichzeitig gilt es, den Auftrag zu erfüllen. Also muss ich
mit raus. Und wenn ich wirklich getroffen werden sollte?
Dann übernimmt der Stellvertreter, ich weiß, dass er das
kann.
Zwei Tage später stehen rund 100 meiner Soldaten bei
BASOZ und SULJANI, keine 20 Kilometer westlich von
KUNDUZ, fünf Stunden lang in einem schweren Gefecht.
Auf Seiten der Aufständischen gibt es viele Tote und
48
Leutnantsbuch
Verwundete. Wieder drei Tage später stehen andere Kräfte
von uns erneut in einem mehrstündigen Gefecht bei
GERDAN. Diesmal haben wir zwei Verwundete, der
Hauptgefreite H. wird schwer verwundet und überlebt den
Tag nur knapp. 15 Stunden später ist er in DEUTSCHLAND
im Bundeswehrkrankenhaus in KOBLENZ.
Die Bilanz nach sechseinhalb Monaten Einsatz: 14-mal
standen Soldaten meines QRF-Bataillons im Gefecht. Es gab
dabei fünf Verwundete und sieben psychisch Verwundete.
Drei Ehrenkreuze für Tapferkeit, für beispielhafte Taten im
Zuge der beiden genannten Gefechte, und 20 Ehrenkreuze in
Gold in besonderer Ausführung wurden verliehen. Die
Voraussetzungen für die Ende 2010 neu eingeführte
„Einsatzmedaille Gefecht“ erfüllen weit über 200 Soldaten.
Jeder militärische Führer weiß, dass sich seine Planung und
seine Entscheidungen unmittelbar als konkrete Gefährdung
der eigenen Soldatinnen und Soldaten niederschlagen. Auch
wenn der militärische Führer und die ihm unterstellte Truppe
alles richtig, ja perfekt machen könnten, kann es im Gefecht
früher oder später zu Verwundeten oder sogar Gefallenen in
den eigenen Reihen kommen. Und obwohl das Wissen
darum in der Ausbildung vermittelt wird oder werden sollte,
trifft die Erkenntnis, dass die eigene Entscheidung
unausweichlich ein Risiko für Leben und Tod der
eingesetzten Soldaten nach sich zieht, den militärischen
Führer nach dem ersten Gefecht, spätestens nach den ersten
eigenen Verlusten, mit unvorstellbarer Wucht. Das damit
verbundene Dilemma, nämlich zur Erfüllung des Auftrages
die eigenen Soldaten diesem Risiko für Leib und Leben
aussetzen zu müssen, ist unauflöslich. Nur der militärische
Führer, der sich diese Verantwortung immer wieder bewusst
macht, wird daraus die richtigen Konsequenzen für sein
Verhalten ziehen und verantwortlich handeln können.
49
Leutnantsbuch
In der Vorbereitung des Einsatzes bedeutet verantwortliches
Führen daher, frühzeitig aus einer Beurteilung der Lage
heraus die Ausbildung auf die gefährlichsten Situationen,
denen die eigene Truppe begegnen wird, auszurichten. Das
Abarbeiten der Vorgaben höherer Führungsebenen reicht
dabei nicht aus. Dazu gehört auch, den Soldaten des
Verbandes und ihren Angehörigen ehrlich und klar zu sagen,
was im Einsatz passieren kann, wie man dem begegnen
möchte und die Gefahren nicht schönzureden. Solches
Verhalten führt in der Einsatzvorbereitung zu Widerständen,
aber die Soldaten danken es, wenn die Situation eingetreten
ist.
In unserem Fall habe ich den Schwerpunkt der Ausbildung
auf die Abwehr und das Verhalten im Hinterhalt gelegt und
den Soldaten immer wieder gesagt, dass das Bataillon ins
Gefecht gehen wird. Im ersten Gefecht hat sich diese
Hartnäckigkeit ausgezahlt und nicht nur das Überleben aller
dort kämpfenden Soldaten, sondern auch den Erfolg über
den angreifenden Feind ermöglicht.
Im Einsatz bedeutet verantwortliches Führen, neben
vorausschauender Planung und stetig weiterzuführender
Ausbildung, neben dem Durchsetzen von Regeln und
Sicherheitsbestimmungen, vor allem Fürsorge. Um die mit
der Länge des Einsatzes ansteigende Routine und damit
verbundene möglicherweise wachsende Sorglosigkeit in
kontrollierte Bahnen zu lenken, sind häufig als unbequem
empfundene Entscheidungen zu treffen sowie Regeln und
Sicherheitsbestimmungen durchzusetzen. Dass auch dies
eine Form von Fürsorge ist, wird von vielen Soldaten nur
schwer eingesehen und bedarf daher immer wieder der
Erklärung. Der militärische Führer ist hier auch gefordert,
ein Klima der Überwachung und Kontrolle zu vermeiden.
Früher oder später lassen Anspannung und Nervosität des
Einsatzes nach und weichen dem Gefühl der Erfahrung, der
50
Leutnantsbuch
unaufgeregten Vorbereitung der kommenden Aufträge, des
Wissens um ein bevorstehendes Gefecht, in welchem die
Soldaten glauben – wie bei den Gefechten zuvor –
erfolgreich zu sein. Der Verband und mit ihm jeder Einzelne
ist kampferfahren geworden. Besonders zu diesem Zeitpunkt
kommt es für den militärischen Führer darauf an,
Nachlässigkeiten zu unterbinden und Verhaltensauffälligkeiten zu erkennen. Wichtig sind rechtzeitige
Ruhephasen für die Einheiten und Teileinheiten des
Verbandes.
Es kommt daher besonders darauf an, dass die Führer und
Unterführer sich um ihre Soldaten kümmern, Gespräche
geführt werden und gegenseitig aufeinander geachtet wird.
Gerade mit zunehmender Einsatzdauer sind Härten und
Belastungen immer wieder zu erklären.
Das Gefecht verläuft nach den Berichten der beteiligten
Soldaten und meiner eigenen Erfahrung auf allen
Führungsebenen zunächst wie in der Ausbildung.
Meldungen, Entscheidungen, Befehle – alles wie auf dem
Übungsplatz. Und doch lastet immenser Druck auf dem
militärischen Führer, denn er weiß, dass es keine
Übungsunterbrechung geben wird. Alles was passiert und
gerade gemeldet wird ist real. Jede Entscheidung, die er jetzt
trifft, kann das Leben der eigenen Soldaten gefährden. Keine
Entscheidung zu treffen ist jedoch das Schlimmste, was dem
Verband, der Kompanie oder dem Zug passieren kann und
gefährdet das Leben der Soldaten noch weit mehr. Die
persönliche Furcht vor Feindfeuer oder einem Sprengsatz,
welcher das eigene Fahrzeug treffen kann, kommt hinzu,
wird aber noch überlagert von der anhaltenden Befürchtung,
dass im nächsten Moment die Meldung über eigene Verluste
erfolgen kann.
Noch mehr als im Alltag des Einsatzes gilt im Gefecht, dass
die Soldaten ihre militärischen Führer erleben wollen. Zwar
51
Leutnantsbuch
kann nicht jeder Soldat den Kommandeur sehen, aber viele
Soldaten können ihn am Funk hören. Jetzt kommt es darauf
an, wie in der Ausbildung zu handeln und vor allem am
Funk ruhig zu bleiben. Die unterstellten Führer und alle
Soldaten die den Funk mithören können, schöpfen
Zuversicht, wenn jetzt so geführt wird, wie es geübt wurde
und so wie sie ihren Kommandeur kennen.
Von unschätzbarem Wert ist dabei der Erfolg im ersten
Gefecht. Hier zeigt sich, ob das Richtige ausgebildet und
geübt wurde und ob Führer und Geführte im Feuer bestehen
können. Für den Führer entscheidet sich, ob die Soldaten
ihm weiter zutrauen, sie erfolgreich im Gefecht zu führen.
Wird das erste Gefecht nicht nur überstanden, sondern
gewonnen und gelingt dies gar ohne eigene Verluste, dann
schöpft die Truppe daraus unbeschreiblich viel
Selbstvertrauen. Diese Faktoren entscheiden über die
Bereitschaft, sich dem nächsten Gefecht zu stellen und die
Zuversicht, es zu gewinnen. Dermaßen gestärkt steigen dann
auch die Chancen der Truppe, im nächsten Gefecht wirklich
wieder erfolgreich zu sein.
Der Kommandeur muss deswegen noch mehr als sonst alles
daran setzten, dass der Verband gerade im ersten Gefecht
erfolgreich ist. Zu seiner eigenen Vorbereitung gehört, dass
er das Handwerkszeug des Offiziers, nämlich Taktik,
beherrscht. Zur Vorbereitung der eigenen Truppe gehört es,
keinen Zweifel daran zu lassen, dass man ins Gefecht gehen
und dass man es erfolgreich führen wird.
In belastenden Situationen, insbesondere in der
Nachbereitung von Gefechten, bedeutet verantwortliches
Führen noch mehr als im Einsatzalltag Fürsorge,
Gesprächsführung und Zuhören. Es kommt darauf an
zuzuhören, was die Soldaten zu sagen haben. Soldaten, die
im Kampf standen, wollen sich mitteilen, und dabei nicht
nur die Bilder aus ihren Köpfen loswerden, sondern auch
52
Leutnantsbuch
hören, dass sie richtig gehandelt haben. Und dies nicht nur
vom Psychologen, Arzt oder Seelsorger, sondern vom
Zugführer, Kompaniechef und Kommandeur. Die
psychologische Nachbereitung durch die „Spezialisten“ darf
darüber aber nicht vernachlässigt werden. Vielmehr bilden
beide Nachbereitungsgespräche, das erste unmittelbar nach
dem Gefecht mit den Vorgesetzten und das zweite in
zeitlichem Zusammenhang danach mit einem Spezialisten,
eine Einheit.
„Mein Kommandeur hat während des Einsatzes mehrmals
mit mir gesprochen, er hat sich meine Sorgen angehört.“ Erst
nach dem Einsatz habe ich erfahren, dass die für mich
selbstverständlichen kleinen Gespräche, besonders mit den
Mannschaften, auf dem Weg zum Essen, vor dem Container
oder in einer Betreuungseinrichtung und vor allem das
Abgehen der Fahrzeuge unmittelbar vor Verlassen des
Feldlagers, für meine Soldaten wichtig waren. Der
Kommandeur muss sich Zeit nehmen, mit den Soldaten zu
reden.
Nach dem ersten Gefecht mit zwei Verwundeten habe ich
daher den Verband antreten lassen und zu den Soldaten
gesprochen. Die Truppe will hören, dass sie erfolgreich war
und dass es notwendig war, das Risiko einzugehen. Hilfreich
war dabei für uns, dass der Grund des Einsatzes an diesem
Tag, nämlich der Entsatz eines in einen Hinterhalt geratenen
Zuges des PRT KUNDUZ, jedem einleuchtete.
Der Auftrag erfordert es auch, Risiken und Wagnisse
einzugehen. Die Fähigkeiten des militärischen Führers
entscheiden dabei wesentlich mit über den Ausgang des
Gefechts. Er muss sich darauf einstellen, dass die eigenen
Befehle dazu führen werden, dass Soldatinnen und Soldaten
zu Schaden kommen können. Das Leben der eigenen
Soldaten ist ein hohes Gut, welches man nicht leichtfertig
riskieren darf. Wer aber unter allen Umständen Verluste
53
Leutnantsbuch
vermeiden will, der zaudert und verpasst den richtigen
Moment der Entscheidung. Letztlich setzt er dadurch seine
Soldaten höheren Risiken aus und wird die Verluste, die er
vermeiden wollte, umso bitterer erfahren.
Nur wer dies für sich akzeptiert, auf Verluste eingestellt ist
und gleichzeitig keinen Zweifel an der Entschlossenheit
lässt, das Gefecht zu gewinnen, kann seine Truppe zum
Erfolg führen.
HI
Train as you fight; Härten und Entbehrungen teilen; Führen
von vorn; die beste Fürsorge ist eine harte Ausbildung und
Drill; wer wagt, gewinnt!
Dies sind Stichworte, die uns allen geläufig sind. In der
Schilderung dieses Kommandeurs zeigt sich, wie sich diese
einzelnen Elemente im Einsatz zu einer Einheit zusammensetzen und welche Bedeutung sie erlangen. Für den
militärischen Führer – unabhängig auf welcher Ebene –
muss es daher die vornehmste Pflicht sein, bereits im
täglichen Dienst die Ausbildung so zu gestalten und
auszurichten, dass die Soldaten den Führer erleben können
und das erlernte Verhalten immer weiter gefestigt wird.
54
Leutnantsbuch
Die Vorstellung beim Kommandeur
N
achdem ich die Wache der Oberpfalzkaserne passiert
habe, stelle ich mein Auto zum ersten Mal an meinem
neuen Standort ab. 590 km liegen nun zwischen mir und der
vertrauten Panzertruppenschule, an der ich vergangenes Jahr
meine Ausbildung zum Panzerzugführer beendet habe. In
meiner Hand halte ich die kurze Antwortkarte des
Kommandeurs
meines
neuen
Verbandes,
dem
Panzerbataillon 104. Um 13 Uhr bin ich zusammen mit den
anderen fünf Kameraden, mit denen ich meinen Lehrgang
gemacht habe und nun in die Oberpfalz versetzt bin, zum
persönlichen Gespräch eingeladen. Die Antwortkarte meines
Kommandeurs ist handgeschrieben; es ist offensichtlich
seine eigene Handschrift und nicht die seiner Schreibkraft.
Es scheint ihm wichtig zu sein, die Anschreiben seiner
neuen Offiziere persönlich zu beantworten.
Ein kurzes Vorstellungsschreiben an den Kommandeur zu
verfassen, ist ein gutes und etabliertes Ritual in der
Bundeswehr. Jedoch ist es auch mehr als ein Ritual,
zumindest dann, wenn man es versteht, den richtigen Ton zu
treffen. Wir haben es im Kameradenkreis noch in Munster
diskutiert. Was soll man schreiben und was nicht? Zu guter
Letzt sind wir zu dem Schluss gekommen, dass das
Anschreiben an den Kommandeur
mit dem
Bewerbungsschreiben an ein Unternehmen vergleichbar ist.
Immerhin stellt sich der Kommandeur dieselben Fragen wie
ein potentieller Arbeitgeber. Welche Fähigkeiten hat mein
Soldat? Was kann dieser Soldat besonders gut, was kein
anderer kann? Was motiviert meinen Soldaten? War es sein
Wunsch, in meinem Bataillon Dienst zu leisten oder hat er
bei der letzten Versetzungsrunde einfach nur den Kürzeren
gezogen? Gibt es private Umstände, von denen ich wissen
sollte? Und welche Karriereziele hat er?
55
Leutnantsbuch
Diese Fragen dienten als Leitlinien für unsere Anschreiben.
Oberleutnant O. ist erst vor kurzem Vater geworden und ist
mit seiner Frau in die Oberpfalz gezogen, um diese besser
unterstützen zu können. Oberleutnant R. dagegen bringt
Erfahrungen aus dem Aufklärungs- und Verbindungszug mit
und würde gerne wieder in einem solchen Zug Dienst
leisten. Ich will gerne in den Einsatz gehen. Über die
Zeitschrift der Panzertruppe „Das schwarze Barett“ habe ich
mir einen ersten Überblick verschafft, was alles dieses Jahr
in meinem neuen Bataillon ansteht. In einem Telefonat mit
der S1-Abteilung des Bataillons habe ich in Erfahrung
bringen
können,
welche
Posten
auf
der
Stellenbesetzungsliste noch offen sind und für welche davon
ich in Frage komme. Das Panzerbataillon 104 stellt dieses
Jahr die deutsche Einsatzkompanie KFOR. Dafür wird noch
ein Verbindungsoffizier gesucht, der die Zusammenarbeit
mit den Partnernationen in die Hand nimmt. In einer
deutschen Kompanie, untergebracht in einem französischen
Feldlager, geführt von einem amerikanischen General, in
einer multinationalen Battlegroup Seite an Seite mit
Marokkanern, Ukrainern, Armeniern, Österreichern,
Amerikanern und Franzosen, wären meine exzellenten
Englisch- und guten Französischkenntnisse sicher von
Vorteil. Also habe ich meinen Wunsch und meine
Fähigkeiten in meinem Anschreiben genannt.
Pünktlich um 13 Uhr melden wir uns beim Bataillonskommandeur. Wir, die sechs neuen Offiziere, und der
Kommandeur sitzen um den runden Tisch seines Büros. Es
wird Kaffee angeboten. Der Kommandeur nimmt sich Zeit.
Er spricht ruhig und konzentriert, bittet jeden sich kurz
vorzustellen und hört interessiert zu. Da nicht alle ein
Namensschild am Dienstanzug tragen, ist es verständlich,
dass er nicht jeden sofort mit dem richtigen Namen
ansprechen kann. Dafür scheint er unsere Anschreiben umso
56
Leutnantsbuch
genauer gelesen zu haben. Denn er kann jedem Namen den
Inhalt eines Anschreibens zuordnen. Der Kommandeur
versichert, dass er versucht habe, unseren Wünschen, den
Anschreiben entsprechend, gerecht zu werden.
Es ist ihm gelungen, Oberleutnant O. im Stab in der S3Abteilung einzusetzen. Er wird einen Monat in Elternzeit
gehen und die Chance haben, seine Frau zu unterstützen.
Oberleutnant R. wird Zugführer im Aufklärungs- und
Verbindungszug und ich werde auf meine Aufgaben als
Verbindungsoffizier in der deutschen Einsatzkompanie
KFOR vorbereitet. Offensichtlich haben wir es mit den
Anschreiben richtig gemacht. Denn als der Kommandeur
uns für den Notfall seine Handy-Nummer gibt, sagt er dazu:
„Nur sprechenden Menschen kann geholfen werden.“
HI
Mit Initiative und einem gesunden Selbstbewusstsein ist es
stets möglich, sich konstruktiv und gewinnbringend in den
täglichen Dienst einzubringen und hierdurch seine Zukunft
zur eigenen Zufriedenheit zu gestalten. Es zahlt sich aus, die
eigenen Vorstellungen frühzeitig zu kommunizieren!
57
Leutnantsbuch
Das Grab
W
o ist denn dieser Typ schon wieder?“ Das waren die
„
ersten Worte meines Chefs, an einem sonnigen
Montagmorgen. Wir wollten schnell unser Material aus der
Waffenkammer holen, die „Böcke“ (unsere Kampfpanzer
LEOPARD 2) aufrüsten und dann noch ein paar Grundlagen
vertiefen, bevor wir in wenigen Tagen nach Bergen verlegen
wollten.
Der „Typ“ war unser Versorgungsdienstfeldwebel. Ein
junger, dynamischer Stabsunteroffizier, der aber in letzter
Zeit etwas andere Prioritäten in seinem Kopf hatte als den
Dienst. Etwa einen Monat zuvor hatte er seinen
Motorradführerschein erfolgreich bestanden und fast sein
ganzes Erspartes in eine neue, grün lackierte Ninja gesteckt.
Da er nun schon über 25 war, durfte er das Ding auch sofort
„offen“ fahren. Ich muss ja gestehen, irgendwie war ich ganz
schön neidisch.
Unser Stabsunteroffizier war sichtlich stolz auf sein neues
Spielzeug und hatte schon innerhalb weniger Tage mehrere
hundert Kilometer auf dem Tacho. Immer wenn er Zeit
hatte, ob in der Mittagspause oder kurz vor Dienstschluss, er
war mal „kurz weg!“. Dass unter diesen Bedingungen
natürlich auch seine Dienstpflichten litten, war eigentlich
nur eine Frage der Zeit. Nun war es an diesem
Montagmorgen auch wieder so.
Er hatte am Freitag als letzter den Waffenkammerschlüssel
genutzt und sollte ihn eigentlich an der Wache abgeben.
Jetzt, am Montag war er nicht da, aber sein Gehilfe durfte
theoretisch auch den Schlüssel empfangen. Doch es gab
nichts zu empfangen. Da der Chef langsam die Geduld
verlor und unser Spieß schon mehrfach vergeblich auf dem
Handy die Verbindungsaufnahme versucht hatte, wurde die
ganze Lage immer angespannter. Gegen neun Uhr wurde es
58
Leutnantsbuch
dem Chef zu bunt. Er ließ sich die Nummer der Familie
unseres Versorgungsdienstfeldwebels geben und rief dort an.
Selten verändern Telefonate ein Leben, aber oft verändern
Informationen einen klar geplanten Ablauf. Schlimm wird es
nur dann, wenn die Kombination aus beidem passiert. Der
Chef ließ sein ganzes Führerkorps in den U-Raum
einrücken. Ich habe schon einige Gesichtsregungen dieses
Mannes kennengelernt, diese Mimik in Verbindung mit
einer blassen Hautfarbe war aber auch für mich völlig neu.
„Männer, ich muss Ihnen allen eine traurige Mitteilung
machen. Unser Versorgungsdienstfeldwebel hatte am
Samstag einen schweren Motorradunfall mit tödlichem
Ausgang.“
Allein diese wenigen Worte ließen uns alle nur noch
einander fassungslos anschauen. „Ich erwarte die Offiziere
und Zugführer in fünf Minuten im Besprechungsraum, es
verlässt zunächst keiner den Bereich. Wegtreten.“
Langsam ließ die Lähmung bei uns nach und eine
verwirrende Leere entstand. Viele der Unteroffiziere kannten
unseren Versorgungsdienstfeldwebel seit seiner Grundausbildung. In den drei Jahren Dienstzeit, die er in der
Kompanie verrichtet hatte, vom Panzerschützen bis zum
Stabsunteroffizier, war er ein fester Bestandteil des Gefüges
geworden. Langsam bildeten sich kleine Gesprächsgruppen.
„Weißt du noch damals, als er hier angefangen hat. Mann,
den konnte man ja mit nur einem Blick einschüchtern, und
was für ein toller Kerl er dann geworden ist. Ich glaub’ es
einfach nicht.“ „Irgendwie war das doch klar – keine
Erfahrung und dann so eine Maschine.“ Viele Stimmen
erklangen in den folgenden Minuten und Stunden, aber das
Fazit war: Keiner wollte und konnte es fassen.
59
Leutnantsbuch
Der Chef hatte die Zugführer und Offiziere zusammengerufen, um weitere Schritte zu besprechen. „Meine
Herren, ich kann es selber kaum glauben. Der Spieß und ich,
wir werden heute Mittag zur Familie fahren. Wie Sie ja
sicherlich alle wissen, kommt unser Versorgungsdienstfeldwebel – kam er – aus der Nähe. Ich werde die Familie
fragen ob es einen militärischen Rahmen geben soll bei der
Beerdigung oder ob überhaupt eine Teilnahme von uns
erwünscht wird. Dazu machen Sie sich bitte schon mal
Gedanken, wer sich bei Bedarf als Ehrengeleit zur Verfügung stellt.“
Da saßen wir nun und wussten nicht wirklich weiter. Einer
meiner engeren Kameraden kannte unseren Versorgungsdienstfeldwebel seit der Grundausbildung, er war dort
sein Hilfsausbilder gewesen. Seine erste Reaktion auf die
Anfrage vom Chef war: „Klar, da gibt es keine zwei
Meinungen, ich mach’ das jedenfalls.“ Aber irgendwie
wurde mit der Zeit ein Bild in seinem Kopf klarer, was ihm
sichtlich Schmerzen bereitete. „Sag’ mal, kannst Du nicht
vielleicht. Na ja, ich hab’ zwar gesagt, aber irgendwie ...“
„Ich mach’ das, klar.“
Am Nachmittag nahm uns der Chef nochmals zusammen,
um uns etwas genauer zu informieren. „Der Spieß und ich
haben heute den wohl schwersten Dienst im Rahmen unserer
Aufgaben verrichtet. Wir haben die Familie besucht. Wer es
wirklich wissen will, kann gerne nachher mit mir oder dem
Spieß über den genaueren Unfallhergang reden, ich will Sie
aber nicht damit belasten. Die Familie war sofort
einverstanden, als wir ihr einen militärischen Rahmen für die
Beerdigung angeboten haben. Vor allem würde sie sich über
eine rege Teilnahme der Kameraden freuen und geehrt
60
Leutnantsbuch
fühlen. Ich glaube, dass er es sich so gewünscht hätte, waren
die genauen Worte seiner Mutter.“
Ich habe mir dann den Unfallhergang schildern lassen. Nur
so viel, es war weder unvermeidlich noch schnell vorbei
gewesen. Aber er wurde unter anderem auch aus diesem
Grund verbrannt und sollte mit einer Urne beigesetzt
werden.
Das militärische Zeremoniell sieht bei einer Beerdigung im
Sarg sechs Soldaten als Ehrengeleit vor. Bei einer Urne ist
die Besonderheit, dass das Ehrengeleit nur bei der
Trauerfeier zugegen ist.
Normalerweise wird jeder formale Akt vorgeübt. Nicht bei
diesem Anlass. Die Totenwache wurde einmal eingewiesen
und das war es. Keiner von uns fühlte sich auch nur in der
Lage, eine Wiederholung mehr zu durchlaufen. Wir einigten
uns darauf, dass wir am Tag der Beisetzung nochmals die
wichtigsten Punkte, wie Weg und Platz klärten, mehr aber
auch nicht.
Freitag derselben Woche war dann die Beisetzung. Was ich
mir nicht hatte vorstellen können war eingetreten: Fast
einhundert Kameraden aus dem Bataillon nahmen in
Uniform an der Trauerfeier teil. Als wir dort angekommen
waren, erhielten die sechs Kameraden der Totenwache den
Formaldiensthelm des Wachbataillons, der deutlich leichter
und grau ist. Wir gingen nochmals den Weg ab und stellten
uns dann in die kleine Kapelle, in der die Urne bereits
aufgestellt war.
Ich persönlich behaupte ja von mir, mit vielen Situationen
klar zu kommen und eigentlich nur durch Weniges
erschüttert zu werden. Die folgenden dreißig Minuten aber
machten mich so betroffen, dass ich sie mein Leben lang
nicht vergessen kann.
61
Leutnantsbuch
Es war zwar Sommer, aber zum Anlass passend, war der
Himmel recht wolkenverhangen. Dennoch waren die
Seitenflügel der kleinen Kapelle geöffnet, so dass alle
Anwesenden zumindest teilweise der Trauerzeremonie
beiwohnen konnten.
Nun standen wir sechs in Hab-Acht-Stellung um die Urne,
ich hinten links, und warteten auf das Eintreffen der Familie
und Freunde. Die Großmutter kam als Erste herein und fiel
vor der Urne auf die Knie, wo ein Bild unseres
Versorgungsdienstfeldwebels aufgestellt worden war. Dort
weinte sie haltlos und wurde von ihrer Tochter, der Mutter
unseres Kameraden, in den Arm genommen und zum
Sitzplatz in der ersten Reihe geleitet. Auch der Vater ließ
seiner Trauer freien Lauf. Doch erst die nächste Person, die
die Kapelle betrat, riss mich aus meiner stoischen Haltung
heraus. Es war der Bruder unseres Kameraden, aber keiner
hatte mir gesagt, dass der Zwillingsbruder war. Ich glaube,
erst in diesem Moment habe ich realisiert, was ich hier tat
und wo ich stand. Ein Gefühl der Trauer und Leere breitete
sich in mir aus, etwas, was ich noch nie vorher gekannt
hatte. Ein Gefühl, das mir mein Leben lang in Erinnerung
bleiben wird.
Nach der Trauerfeier wurde die Urne zur letzten Ruhestätte
getragen, wo sich dann die Familie und die Freunde zuerst
verabschiedeten. Dann kam das zweite unbekannte Gefühl in
mir hoch, hemmungslose Trauer, wie ich sie vorher schon
beim Vater gesehen hatte. Als unser Kommandeur vor dem
Grab in Grundstellung ging und mit einem militärischen
Gruß unserem verstorbenen Kameraden die letzte Ehre
erwies und während ein Trompeter „Ich hatt’ einen
Kameraden spielte“, flossen mir nur noch die Tränen die
Wangen hinunter. Auch wenn ich in Hab-Acht-Stellung am
62
Leutnantsbuch
Grab stand, weinte ich wie ein kleines Kind. Einhundert
Soldaten standen auf dem Friedhof und jeder einzelne erwies
die letzte Ehre.
Der letzte, der dies tat, war ich.
Auch heute noch, einige Jahre nachdem ich den Standort
verlassen habe, denke ich jeden Jahrestag an meinen
Kameraden. Wenn ich dann zu meinen Eltern fahre, komme
ich auf dem Heimweg immer an dem Standort vorbei.
Entweder auf dem Hinweg, aber meistens auf dem
Rückweg, fahre ich dann zu dem Friedhof, auf dem „mein“
Versorgungsdienstfeldwebel begraben liegt und zünde eine
Kerze an. Und bis jetzt war immer eine Kerze oder eine
Blume am Grab und selbst das kleine Wappen unserer
Kompanie ist dort noch erhalten geblieben. Ein guter
Kamerad, den wir dort verloren haben, ist unersetzlich, aber
die Erinnerung an ihn tragen wir immer im Herzen.
HI
63
Leutnantsbuch
Beförderungsappell zum Gefreiten
A
m 30. September war es endlich soweit. Nach all dem
Stress, dem harten Geländedienst und dem Sport sowie
der umfangreichen Vorbereitung für die Wehrrechtsklausur
wurden wir endlich erlöst. Wir im Offizieranwärterbataillon
(OA-Btl) sollten den ersten Teil unserer Offizierausbildung
beenden und das Symbol dafür sollte unsere erste
Beförderung sein.
Die sogenannte „Schulterglatze“ sollte heute verschwinden
und wir „Gefreite OA“ werden. Es war natürlich etwas ganz
Besonderes, da die Masse von uns noch nie befördert wurde
und wir nicht wirklich wussten, was uns erwartete.
Auf dem Dienstplan stand Anzugkontrolle um 17.00 Uhr
und danach um 17.30 Uhr Beförderungsappell. Und so lief
das Ganze dann auch ab. Nachdem unsere Stiefel auf
Hochglanz poliert und auch die letzten vergessenen Taschen
geschlossen waren, warteten wir alle auf den Befehl zum
Heraustreten. Mir war schon ziemlich mulmig zumute, weil
ich nicht genau wusste, ob jeder einzeln vor die Front
gerufen werden sollte oder ob es eine Gemeinschaftsbeförderung werden sollte. Irgendwer hatte nämlich das
Gerücht gestreut, es könne passieren, dass jeder einzeln die
Gefreitenklappen verliehen bekommt.
Als es dann endlich soweit war und der Befehl zum
Heraustreten kam, traten wir vor dem Gebäude, wie üblich,
in Linie an. Das für uns schon als normal empfundene Ritual
der Anzugkontrolle wurde natürlich auch nicht vergessen.
Ganz im Gegenteil war es diesmal unser Zugführer
persönlich, der den Anzug eines jeden Soldaten überprüfte.
Dieses kleine aber dennoch wichtige Detail machte uns
deutlich, dass ein ganz besonderes Ereignis vor uns lag.
Dann erst marschierten wir zu dem Platz, an dem der Appell
stattfinden sollte. Es regnete in Strömen und der Wind blies
64
Leutnantsbuch
ziemlich kalt. Das war uns aber egal. Wir waren stolz,
endlich befördert zu werden.
Nach einer Ansprache unseres Kompaniechefs, der darüber
sprach, was wir alles bereits geleistet hätten und was noch
auf uns zukäme, wurden wir dann zugweise zum Gefreiten
ernannt. Es war ein Festakt. Trotz des schlechten Wetters
hatten wir bisher eine solche Zeremonie nur bei der
Vereidigung erlebt. Danach ging unser Zugführer mit den
Gruppenführern durch die Reihen und „schlug“ uns die
Gefreitenklappen auf die Schultern. Man merkte schon, dass
selbst die Ausbilder stolz waren, auf die Taten, die wir bis
jetzt vollbracht hatten und das wir uns so gut geschlagen
haben. Jeder wurde vom Zugführer und von allen Ausbildern
beglückwünscht. Auch der Kompaniechef ging von Soldat
zu Soldat und gratulierte persönlich. Er ließ es sich natürlich
auch nicht nehmen, den Schlachtruf auszubringen. Ein
würdiger Abschluss.
HI
Pflege Traditionen und militärische Rituale, insbesondere
wenn eine Truppe zu einem guten Ausbildungsabschluss
gekommen ist oder ein besonderes Ziel erreicht hat.
Beförderungen, aber auch einfaches Lob „vor der Front“
oder in Appellform stärken die Motivation und Verbundenheit einer Gemeinschaft.
.
65
Leutnantsbuch
Offizieranwärter Frank
Im Offizierkasino
D
raußen hat es schon vor einiger Zeit begonnen, dunkel
zu werden. Major Waldmann und Hauptmann Ulrich
haben uns mit ihren Erzählungen gefesselt, von Müdigkeit
kann keine Rede sein.
„Es tut mir sehr leid“, sagt Major Waldmann, „aber leider
muss ich Sie jetzt verlassen. Ich habe meiner Tochter
versprochen, noch einmal über ihre Hausaufgaben zu sehen.
Wenn ich jetzt nicht loskomme, dann hängt der
Familiensegen schief!“ Major Waldmann erhebt sich,
wünscht uns allen noch einen schönen Abend und sagt: „Das
war eine nette Runde mit Ihnen! Vielleicht sehen wir uns ja
noch einmal, und Sie haben bis dahin eigene Erlebnisse zu
berichten!“
Hauptmann Ulrich schließt sich sogleich an und
verabschiedet sich auch. Beim Hinausgehen sehe ich, wie
Hauptmann Ulrich sich noch kurz mit zwei Oberstleutnanten
unterhält. Hauptmann Seidel entschuldigt sich kurz und geht
zu Hauptmann Ulrich und den zwei Stabsoffizieren.
Währenddessen bestellen wir uns noch etwas zu trinken und
unterhalten uns.
„Sag’ mal Markus, was machst Du am Wochenende? Bleibst
Du hier oder fährst du wieder nach Hause?“, fragt Annette.
„Geburtstagsfeier“, antwortet er und fährt fort: „Mein
Bruder hat Geburtstag. Wenn der feiert, dann ist immer
ordentlich was los.“
„Und wie sieht es bei Euch aus?“, fragt Annette in die
Runde. Schnell haben sie, Markus, Cindy und ich uns
verabredet, am Freitagabend zusammen ins Kino zu gehen.
66
Leutnantsbuch
Wir wissen zwar noch nicht, was gezeigt wird, aber wir sind
uns sicher, dass wir einen Film finden, der unser aller
Geschmack trifft.
„Was haltet Ihr eigentlich von den Erzählungen eben?“ fragt
Peter. „Ich meine – kommt das wirklich alles so auf uns zu?
Da kann einem ja ganz anders werden.“
„Also ich kann mir schon vorstellen, dass wir noch viel in
dieser Richtung selbst erleben werden. Ob natürlich immer
alles so war, wie es uns erzählt wird …“, sagt Markus und
wird von Cindy unterbrochen.
„Ich glaube nicht, dass bei den Erzählungen irgendetwas
Besonderes dazugedichtet wurde. Für mich hat sich das alles
sehr realistisch angehört.“
Gerade als Jonas etwas erwidern will, kommt Hauptmann
Seidel wieder aus dem Barraum zurück. Die beiden
Oberstleutnante, die sich draußen mit Hauptmann Ulrich
unterhalten hatten, folgen ihm.
„Kameraden, ich stelle Ihnen Oberstleutnant Stokiwsky und
Oberstleutnant Zander vor! Ich habe gerade mit beiden über
unsere Runde hier gesprochen. Ich habe Ihnen gesagt, was
wir hier tun. Und siehe da, beide haben gefragt, ob sie sich
ein wenig zu uns setzen dürften. Als ich ihnen von den
Geschichten von Major Waldmann und Hauptmann Ulrich
erzählt habe, waren sie gleich begeistert.“
„Stimmt“, sagt Oberstleutnant Zander, „solche Geschichten
bleiben bei fünfundzwanzig Dienstjahren nicht aus! Mir sind
da spontan welche eingefallen!“ Oberstleutnant Stokiwsky
nickt und deutet damit an, dass auch er mit dem einen oder
anderen Erlebnis zu einem interessanten Abend beitragen
kann. Er merkt noch an: „Auch wenn ich nicht alles selbst
67
Leutnantsbuch
erlebt habe, einige Beispiele von Kameraden hätte ich auch
noch zu bieten. Die passen auch sehr gut zu Ihrem Thema.“
Und dann folgt ein Erlebnis dem anderen …
68
Leutnantsbuch
Sicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit
I
ch antwortete mit: „Ja, ich mach‘s“. Schon seit längerer
Zeit drängten mich Kameraden zu der Entscheidung, mich
für die Laufbahn als Offizier des Truppendienstes zu
bewerben. Lange hatte ich mir als Unteroffizier mit Portepee
nicht vorstellen können, Offizier zu werden. Ein Offizier,
der nach Abschluss seiner mehrjährigen Ausbildung in die
Einheit versetzte wurde, in der auch ich Dienst leistete, blieb
mir besonders in Erinnerung: Er glänzte weit mehr mit
seinem zur Schau getragenen akademischen Grad, als mit
militärischen Fähigkeiten. Als erfahrener Kämpfer wollte er
sich präsentierten, härter und zäher als jeder von uns, und
natürlich in jeder Hinsicht überlegen. Wo glaubte er denn,
diese Fähigkeiten erworben zu haben? Was war seine
Rechtfertigung, sich über andere zu stellen und sich vor uns
aufspielen zu können? Wollte er sich wirklich anmaßen, das
„Rad neu erfinden“ zu können? War ihm das so beigebracht
worden?
Ich vermutete, dass dieser Offizier wohl bereits nach dem
Studium an einer der Universitäten der Bundeswehr, dann
mit dem Abschluss „Master of the Universe“, den ersten
Abschnitt seiner Ausbildung zum vermeintlich „perfekten“
Vorgesetzten absolviert hatte. Möglicherweise hatte er dazu
eine Art „Schule für extrem sicheres Auftreten“ absolviert,
welche die notwendigen Fähigkeiten vermittelt hatte, um als
Vorgesetzter ein tadelloses Verhalten an den Tag legen zu
können. Dazu gehörten dann vermutlich auch Lerninhalte,
wie das „Äußere Erscheinungsbild“, „Sicheres Auftreten“,
„Affektierte Ausdrucksweise“ sowie „Snobistisches
Verhalten“.
Das äußere Erscheinungsbild jenes Offiziers war offenbar
zugleich sein herausragendes Markenzeichen. Scheinbar nur
aufgrund seiner akkuraten Körper- und Gesichtspflege,
69
Leutnantsbuch
seines überkorrekten Tagesdienstanzugs, seiner mit Gel in
Form gebrachten Haare, diversen Abzeichen und selbst
beschafften Kommandoausrüstung, konnte er mit
unerschütterlicher Selbstsicherheit seinen Dienst versehen.
Mit möglichst häufigem Antreten, jedoch ohne wirklichen
Informationsgehalt, unterstrich er die Wichtigkeit seiner
Funktion. „Das ist so“ schien er bereits als hinreichende
Argumentation und Begründung für das geforderte
Verhalten seiner Untergebenen zu begreifen. In manchem
Ausbildungsvorhaben redete er ununterbrochen und
versuchte, uns sein erkennbar nicht vorhandenes Wissen zu
vermitteln.
Uns war schnell klar: Hier versuchte ein Vorgesetzter sich
durch Spielen einer Rolle Respekt, Gefolgschaft und
Anerkennung zu verdienen. Durch sicheres Auftreten sollten
Hilflosigkeit, Überforderung und manches Mal auch völlige
Ahnungslosigkeit verdeckt werden.
„Ja, ich mach’s“, sagte ich nach einigem Überlegen. Ich
wollte etwas bewirken. Ich wollte so vieles von dem
verändern können, was ich bisher erlebt hatte. Ich wollte
aber keinesfalls wie der oben beschriebene Offizier nur
durch
mein
äußeres
Erscheinungsbild,
durch
Überheblichkeit, durch das Spielen einer Rolle überzeugen.
Ich wollte mit gutem Fachwissen, immer authentisch, und
vor allem nie meine „Wurzeln als Unteroffizier mit
Portepee“ vergessend, ein guter Vorgesetzter, ja in jeder
Hinsicht auch ein Vorbild für die mir unterstellten Soldaten
sein.
Heute habe ich bereits einen guten Teil des Weges dorthin
hinter mich gebracht. Auch ich habe ein Studium erfolgreich
absolviert und bereite mich nun auf meine Verwendung als
Zugführer vor. Ich fühle mich aber nicht als „Master of the
Universe“ und habe auch noch keine „Schule für extrem
sicheres Auftreten“ besucht. Ich weiß aber, dass auch ich die
70
Leutnantsbuch
Chance eines guten ersten Eindruckes nutzen muss.
Korrektes militärisches Auftreten wird dabei ganz sicher
eine wichtige Bedeutung haben. Fachliches Wissen,
militärisches Können, ein offenes Ohr für die mir dann
unterstellten Soldaten, die Bereitschaft, auch von
dienstgradniedrigeren Soldaten zu lernen und deren
Erfahrungen für meine Entscheidungen zu nutzen, werden
aber ganz sicher noch viel nachhaltiger darüber entscheiden,
ob und in welchem Maß ich mir Respekt und Anerkennung
verschaffen kann.
Ich selbst erwarte von meinen Vorgesetzten, dass sie ihrer
Führungsverantwortung gerecht werden und kluge
Entscheidungen treffen, dass ich ihnen vertrauen und mir
ihrer Fürsorge sicher sein kann. Ich erwarte, dass sie, selbst
gut ausgebildet, auch mich optimal auf die vor mir liegenden
Herausforderungen vorbereiten.
Dabei ist mir bewusst, dass es extreme und sich schnell
ändernde Situationen geben kann, in denen ich als
Vorgesetzter, möglicherweise unter Belastung und unter
Gefahr für Leib und Leben, entschlussfreudig richtige
Entscheidungen treffen muss. Mir ist ebenso die große
Verantwortung bewusst, die ich dann für mich und die mit
mir eingesetzten Menschen tragen werde. Ich wünsche mir
und allen, die schwierige Situationen zu bewältigen haben,
dass wir deshalb erfolgreich unsere Aufträge erfüllen, weil
wir eben nicht ahnungslos sind. Ich hoffe, dass wir zuvor
jede uns gebotene Gelegenheit genutzt haben, um uns
militärisch und fachlich bestmöglich vorzubereiten. Ich
hoffe, dass uns die unterstellten Soldaten auch in diesen
Lagen nicht bloß wegen des befohlenen Gehorsams folgen,
und nicht glauben, dass wir den Offizier nur als Rolle
„spielen“. Ich bin davon überzeugt, dass wir dann gute
Offiziere sind, wenn wir authentisch, ehrlich und gut
ausgebildet, handlungssicher auftreten, weil wir wissen, dass
71
Leutnantsbuch
wir uns in einem von Kameradschaft geprägten Team
bewegen.
HI
Hybris und die Einstellung zur Unfehlbarkeit sind negative
Eigenschaften. Stärke zeichnet sich im Besonderen durch die
Fähigkeit aus, sich zu eigenen Fehlern zu bekennen und
Nichtwissen einzugestehen. Auch die Anwendung des
partizipativen Führungsstils, um auf diese Weise auch die
Stärken von Untergebenen zu berücksichtigen, ist
beispielhaft und wird, von Vorgesetzten erwartet. Ein
Offizier sollte immer ein Vorbild und zugleich auch nahbar
sein. Angemessen und möglichst auf Augenhöhe mit seinen
Kameraden zu handeln, hat sich bewährt und erhöht das
Ansehen nicht nur in den eigenen Reihen.
72
Leutnantsbuch
Das Gefechtsschiessen
I
ch war als junger Oberfähnrich im I. Spähzug einer
Aufklärungskompanie eingesetzt. Anfang Juni war das
lang ersehnte Ziel, die Beförderung zum Leutnant, nicht
mehr fern und der Beginn des Studiums bereits in greifbare
Nähe
gerückt.
Zuvor
war
jedoch
noch
ein
Truppenübungsplatzaufenthalt zu absolvieren, der für die
Dauer des Studiums der Letzte dieser Art für mich sein
würde.
Eine Woche vor dem geplanten Großvorhaben kam der
Gruppenführer unserer leichten Spähgruppe Fennek auf
mich zu und teilte mir mit, dass er kurzfristig auf einen
Lehrgang kommandiert worden sei und der Kompaniechef
entschieden habe, dass ich an seiner statt das
Gefechtschießen der Gruppe führen solle. Bisher nur in den
Genuss gekommen, Schulschießen leiten zu dürfen, freute
ich mich besonders auf die übertragene Aufgabe, zumal ich
mich vermeintlich nur um das Schießen zu kümmern hatte;
alles Weitere war ja bereits angefordert und somit in
trockenen Tüchern.
Vor Ort erkundete ich die mir zugewiesene Schießbahn und
traf
die
erforderlichen
Absprachen
mit
dem
Schießbahnwärter bezüglich des Zielaufbaus. Ich ließ mir
alle technischen Möglichkeiten der Schießbahn aufzeigen
und entschloss mich dazu, so viele wie nur möglich zu
nutzen. Weiterhin nahm ich mir Schreiber und
Munitionsausgeber beiseite und wies diese in ihre
Tätigkeiten ein. Beide erfahrene Mannschaftsdienstgrade,
hatten sie doch schon öfter die von mir vorgesehenen
Funktionen ausgeübt, so dass ich mir sicher war, dass
diesbezüglich alles „rund“ laufen würde. In der Annahme
gut vorbereitet zu sein, erwartete ich voller Vorfreude den
nächsten Tag.
73
Leutnantsbuch
Der
Übungstag
begann.
Absperrposten
und
Sicherheitsgehilfen waren in Auftrag und Position - die
schießende Abteilung in die Schießbahn eingewiesen. Das
erste Rennen übernahm sorgfältig die umfangreich
zugewiesene Munition und der erste eingeteilte
Gruppenführer, ein gewachsener Panzergrenadier und erst
kürzlich in unsere Kompanie versetzt, wurde von mir
nochmals auf die besondere Berücksichtigung der
Grundsätze der Spähaufklärung hingewiesen. Er erhielt den
Auftrag, sich mit seiner Gruppe einem eingestrichenen Weg
zu nähern und diesen zu überwachen. Seinen in gedeckter
Aufstellung befindlichen TPz konnte er nach eigener
Maßgabe vorziehen, sofern es ihm taktisch sinnvoll erschien.
Pünktlich zum geplanten Schießbeginn erhielt ich vom
Absperrposten die Meldung, dass der Kompaniechef zur
Dienstaufsicht vorgefahren sei. Nach seinem Eintreffen und
meiner Meldung wies ich ihn in die Lage sowie das
Vorhaben ein. Das erste Rennen konnte auf die Bahn. Die
Gruppe ging wie gefordert gefechtsmäßig vor und näherte
sich langsam entlang des seitlich der Schießbahn
befindlichen Waldstückes dem Spähtruppziel an. Nachdem
die ersten Schützenscheiben aufklappten und feindlicher
Beschuss simuliert wurde, entschloss sich der Gruppenführer
zum halbgruppenweisen Lösen vom Feind. Während ich
eine Feindphase nach der anderen abrief, wirkten die neu aus
der Grundausbildung hinzuversetzten Gefreiten überfordert.
Sie wussten nicht, wie sie sich zu verhalten hatten. Die
Vielzahl der Ziele und der anhaltende Feuerkampf
überforderten sie so sehr, dass an einen gelenkten
Feuerkampf nicht zu denken war.
Lediglich die präzisen Befehle des Gruppenführers retteten
die Situation. Nachdem die Gruppe in eine geeignete
Stellung ausgewichen war, befahl der Gruppenführer seinen
74
Leutnantsbuch
untergezogenen TPz nach vorne. Der TPz ging ostwärts der
Gruppe in Stellung und hielt mit MG-Feuer den weiterhin
angreifenden Feind nieder. Die Gruppe saß unter weiterem
Feuer meiner Feindphasen auf, löste sich so vollständig und
ich beendete schließlich den Durchgang.
Nach der Abschlussbesprechung bat mich mein
Kompaniechef, der sich das Schießen bis dahin
kommentarlos angeschaut hatte, für einen kleinen
Spaziergang zu sich. Mir war bewusst, dass ich mich nicht
mit Ruhm „bekleckert“ hatte. Er fragte mich, ob ich eine
Zielgruppenanalyse durchgeführt hätte. Ich verneinte.
Anstatt mich zurechtzuweisen erklärte er mir anschließend
ruhig und sachlich, dass ein Gefechtsschießen der
Ausbildung dient. Es kommt dabei nicht darauf an,
möglichst viele Ziele zu bekämpfen sondern vielmehr
darauf, dass die Gruppe erlerntes, gefechtsmäßiges
Verhalten übt und sich so am Ende ein Ausbildungserfolg
einstellt. Um dieses Ziel zu erreichen ist es notwendig, die
eingesetzten Soldaten ausbildungsstandadäquat einzusetzen,
sie zu fordern ohne sie zu überfordern. Eine
überambitionierte Lage lässt die jungen Gefreiten nichts
lernen, sondern demotiviert aufgrund der ständigen
Überforderung bereits nach kurzer Zeit. Stattdessen ist es
sinnvoller, klein anzufangen und den Soldaten ein
Erfolgserlebnis zu gestatten. Dies erreiche man durch
einfache, dem Ausbildungsstand angepasste Lagen und
dementsprechend übersichtliche Feindphasen. Er gab mir ein
Lagebeispiel zur Orientierung: Ein Wolf hat eine
Reifenpanne. Die Besatzung sitzt ab und wechselt unter
Eigensicherung den defekten Reifen. Während des
Reifenwechsels wird der Trupp durch feindliche Schützen
beschossen und erwidert das Feuer. Nachdem der Feind
bekämpft
wurde,
weicht
die
Besatzung
samt
instandgesetztem Wolf aus und das Rennen ist beendet. Ein
75
Leutnantsbuch
solches Szenario wäre auch im Einsatz möglich, so dass ein
Bezug hergestellt werden kann. Falls ich andere Anregungen
suche, so solle ich mir nicht zu schade sein, die erfahrenen
Unteroffiziere zu fragen. Diese könnten auf einen
langjährigen Erfahrungsschatz auch aus dem Einsatz
zurückgreifen.
Ich nahm das gezeichnete Bild an und nahm mir das
Gespräch mit meinem Kompaniechef zu Herzen. Für die
Soldaten stellte sich fortan ein Ausbildungserfolg ein und
am Ende der Woche war das Ausbildungsziel erreicht. Die
ruhige, sachliche Art und Weise in der mein Kompaniechef
mich auf meine Fehler hinwies, ist für mich heute noch in
guter Erinnerung. Er erkannte, dass einem jungen
Kameraden Bilder fehlten, begegnete mir auf Augenhöhe
und teilte so seinen Erfahrungsschatz mit mir.
HI
Das Gefechtsschießen ist der Höhepunkt der Ausbildung auf
Ebene Gruppe. Ausbildungshöhepunkte sind im Rahmen von
Dienstbesprechungen
nach
Ausbildungszielen
und
Durchführung der Ausbildung zu besprechen und im
Rahmen von Unteroffizierweiterbildungen als praktischer
Dienst vorzubereiten. Eine zielgerichtete Vorbereitung des
Schießens hätte den Ausbildungserfolg sichergestellt.
Auch der häufig von Kurzfristigkeit und Schnelllebigkeit
geprägte Alltag darf diese Grundlagen für eine erfolgreiche
und zielgerichtete Ausbildung nicht vergessen lassen.
Die helfende Dienstaufsicht hat das Ziel, die Ausführung von
Aufträgen beratend, unterstützend sowie überwachend zu
begleiten, das Arbeitsergebnis festzustellen, es abschließend
an den Zielen zu messen und darüber mit den
Soldatinnen/Soldaten zu sprechen.
76
Leutnantsbuch
Dienstaufsicht als Kontrolle ist weder Ausdruck mangelnden
Vertrauens noch Gängelung.
Sie schließt die Selbstkontrolle der Vorgesetzten ein und
bedient sich vorrangig des Gesprächs und praktischer
Hilfestellungen.
77
Leutnantsbuch
Mut gegenüber Vorgesetzten
A
ls ich meine Grundausbildung im OffizieranwärterBataillon begann, war ich mir im Großen und Ganzen
durchaus über das Verhältnis zu militärischen Vorgesetzten
bewusst. Meine Vorstellungen begründeten sich vorrangig
auf in Film und Fernsehen dargestellte Szenarien. Es sollte
jedoch anders ablaufen als ich dachte.
Bereits in den ersten Wochen wurde man hinlänglich durch
die Rechtslehrer über Vorgesetztenverordnung, Rechte und
Pflichten des Soldaten sowie Befehl und Gehorsam
unterrichtet. Befehle zu einem dienstlichen Zweck von
einem Vorgesetzten an einen Untergebenen in schriftlicher
oder anderer Form sind unmittelbar, nach bestem Wissen
und Gewissen umzusetzen. Das hatte ich verstanden und so
lief es auch in etwa im täglichen Dienstbetrieb ab. Zu
Beginn war man noch sehr eingeschüchtert und bemühte
sich darum, das einem Aufgetragene so gut wie möglich zu
erledigen und keinesfalls negativ aufzufallen. Wurde man
doch bereits von Anfang an immer wieder darauf
hingewiesen, dass alles, was man mache in die am Ende des
Lehrganges zu erstellenden Beurteilungsvermerke einfließen
werde. Dieser Aspekt machte den meisten Offizieranwärtern
von uns besonders zu schaffen. Da war der vergessene
Bleistift bei der Anzugskontrolle, der einem die Schamesröte
ins Gesicht trieb, wenn der Hauptfeldwebel das Fehlen
bemerkte und kopfschüttelnd, mit gerümpfter Nase und
krausen Lippen, seine Bemerkungen in sein kleines Büchlein
eintrug. Da wir uns alle für längere Zeit verpflichtet hatten,
wollte sich niemand bereits zu Beginn seiner militärischen
Karriere Steine in den Weg legen.
Mit dem Voranschreiten der Ausbildung, hatte man sich an
das militärische Leben und die Umgangsformen gewöhnt.
Zudem fühlte man sich handlungssicherer im Umgang mit
78
Leutnantsbuch
den Vorgesetzten, da man diese inzwischen näher
kennengelernt hatte und feststellte, dass sie auch nur mit
Wasser kochen. Befehle führte man nach wie vor
gewissenhaft aus, jedoch dachte man häufiger über deren
Sinn und Richtigkeit nach. Man begann innerlich Befehle zu
hinterfragen, aber sie auch mit Kameraden zu
diskutieren, kam jedoch in letzter Konsequenz zu dem
Entschluss, den Befehl so umzusetzen, wie er gefordert war,
teilweise hauptsächlich in der Angst begründet, etwas
negatives im Beurteilungsvermerk stehen zu haben.
Lediglich mein Stubenkamerad, welcher bereits auf
Vordienstzeit zurückblicken konnte, schien diese Angst
fremd zu sein. Wie im Rechtsunterricht gelernt, schien er
jeden Befehl durch die Prüfschleife laufen zu lassen und
hinterfragte diesen auch bei den Vorgesetzten, wenn ihm
etwas unrechtmäßig erschien. Zu unserer Verwunderung
begründeten diese den Befehl entweder nochmals
verständlicher oder passten diesen gemäß Vorschrift an.
Er hatte schnell den Ruf, etwas aufmüpfig zu sein und wir
waren alle davon überzeugt, dass sich dies in seiner
Beurteilung widerspiegeln würde. Selbst er machte mit uns
darüber Witze, aber er betonte auch immer wieder, dass ihm
das egal wäre, denn wenn ihm der dienstliche Zweck eines
Befehls unklar ist, dann würde er das immer mit dem
nötigen Respekt gegenüber derjenigen Person ansprechen.
Dieses Recht steht schließlich jedem Soldaten zu.
Als
wir
am
Ende
des
Lehrganges
unsere
Beurteilungsvermerke erhielten, waren wir alle gespannt,
wie sich die für uns darstellende Aufmüpfigkeit gegenüber
Vorgesetzten ausdrücken würde. Zu unserem Erstaunen
fielen die folgenden Worte: „Loyalität, Aufrichtigkeit und
Gerechtigkeit sind die Eckpfeiler seines Charakters.“
79
Leutnantsbuch
HI
Auch Vorgesetzte machen Fehler und haben ein Recht
darauf auch hingewiesen zu werden, denn nur so ist ein
reflektieren möglich. Führen braucht Ehrlichkeit und
Transparenz, denn sie bilden die Grundlage für die
Kernkompetenz im Führungsverhalten: Vertrauen. Dieses
erlaubt einen partnerschaftlichen und respektvollen Umgang
miteinander. Trauen Sie sich und leben Sie die hierfür
notwendige Courage in Wort und Tat als Teil des
soldatischen Selbstverständnisses vor, man wird es Ihnen
danken.
80
Leutnantsbuch
Der erste Einsatz
M
eine Frau habe ich bereits ein Jahr vor meinem
Dienstantritt bei der Bundeswehr in der Schule
kennen gelernt. So erlebten sie und ich von Anfang an
gemeinsam die Vorteile, aber auch die Belastungen, die der
Beruf des Offiziers mit sich bringt. Ich bemühte mich von
vornherein, sie an meinem militärischen Leben möglichst
intensiv teilnehmen zu lassen. So nahm sie mit mir
gemeinsam an fast allen Veranstaltungen vom öffentlichen
Gelöbnis bis zum Offizierabend teil. Da ich innerhalb der
ersten drei Jahre fünf Mal ausbildungsbedingt den Dienstort
wechselte, erforderte das von ihr viel Organisation und
auch das Zurückstellen von persönlichen Freundschaften.
Das bestärkte mich in der Hoffnung, in ihr die Richtige
fürs Leben gefunden zu haben. So nutzten wir dann
meine Versetzung zum Studium, um auch endlich
zusammenzuziehen. Es brachte einige kleinere Schwierigkeiten mit sich, nach knapp vier Jahren Wochenendbeziehung plötzlich ganztägig aufeinander zu sitzen.
Nach einigen Wochen zeigten sich dann aber auch die
Vorteile des Zusammenlebens. In diesen Zeitraum fiel auch
die Entscheidung zu heiraten. Allerdings kam einer
schnellen Hochzeit die Geburt unserer ersten Tochter
„dazwischen“, so dass wir als „kleine“ Familie vor den Altar
traten.
Zu diesem Zeitpunkt, ungefähr fünf Jahre nach meinem
Dienstantritt, glaubten wir beide, alle Schwierigkeiten des
Soldatenlebens wie Wochenendbeziehungen, lange Abwesenheiten aufgrund von Lehrgängen und Übungsplatzaufenthalten zu kennen. Die wirkliche Belastung erfolgte
aber erst mit dem ersten Einsatz.
Nach dem Studium wurde ich in ein Bataillon, welches in
Thüringen stationiert war, versetzt. Da meine Frau gerade
81
Leutnantsbuch
mit unserer zweiten Tochter schwanger war, stand sofort
fest, dass wir gemeinsam von HAMBURG nach Thüringen
ziehen würden. Die Eingewöhnungszeit nach dem Studium
war kurz. Es war anfänglich durchaus schwierig, sich an
unregelmäßige Dienstzeiten und Nachtausbildungen zu
gewöhnen. Plötzlich wurden die Trennungen bei
Übungsplatzaufenthalten deutlich belastender, besonders
dann, wenn Probleme mit den Kindern, wie Krankheiten
oder Trennungsschmerz, aufkamen. Wir lernten im ersten
Jahr vor allem die vorhandene Zeit intensiv zu nutzen. So
war besonders der Sonntag grundsätzlich Familienausflugtag, selbst wenn das Wetter nicht mitspielte.
Nach etwa einem Jahr wurde der Einsatz in
AFGHANISTAN für das gesamte Bataillon Gewissheit. Da
ich im Einsatz nicht auf einem truppengattungsspezifischen
Dienstposten eingesetzt werden sollte, standen im Jahr vor
dem Einsatz allein drei Monate an lehrgangsgebundener
Ausbildung an. So wurde, wie zu Beginn der
Offizierausbildung, wieder die Autobahn zur wichtigsten
Verbindung zwischen mir und meiner Familie. Neben der
fachlichen Ausbildung war die militärische enorm wichtig
und schlug ebenfalls mit insgesamt sechs Abwesenheitswochen zu Buche. Damit war ich innerhalb des letzten
Jahres vor dem Einsatz insgesamt viereinhalb Monaten nicht
zu Hause. Das belastete meine Familie sehr stark, da auch
der Dienst am Heimatstandort fordernd und zeitintensiv
blieb.
Je näher der Einsatz rückte, umso mehr traten Fragen über
die Gefahr in den Vordergrund. Ich führte stundenlange
Gespräche mit meiner Frau, um ihr die Risiken eines
Einsatzes zu erläutern. Mir war stets bewusst, dass die
Teilnahme an einem Auslandseinsatz nicht risikolos und ein
fester Bestandteil meines Berufes ist. Dies ändert jedoch
nichts an den Ängsten und Befürchtungen der Familie. Ich
82
Leutnantsbuch
versuchte auch meiner mittlerweile vierjährigen Tochter die
Notwendigkeit des Einsatzes näher zu bringen. Dies fiel mir
sehr schwer, da sie häufig nach dem „Warum?“ und dem
„Wieso?“ fragte und ich ihr sicherlich nicht immer klar und
kindgerecht antworten konnte.
Der Tag des Abfluges war schlimmer als gedacht. Bis zur
Gepäckabgabe überspielten alle ihre Anspannung. Als es
dann aber doch soweit war und besonders meinen Töchtern
klar wurde, dass der Papa wirklich weggeht, brachen
sprichwörtlich die Dämme und ich musste schnell gehen, um
mich zu beruhigen.
Die ersten 14 Tage im Einsatz waren für mich sehr einfach.
Ständig erlebte ich Neues und war sehr stark abgelenkt. Das
brachte ich auch während der Telefonate zum Ausdruck.
Erst hinterher erzählte mir meine Frau, wie schwer ihr die
ersten 14 Tage fielen. Die Erziehung der Kinder, die damals
sehr sensibel auf meine Abwesenheit reagierten, fiel nun in
die alleinige Verantwortung meiner Frau, wodurch ihre
Freiräume zusätzlich eingeschränkt wurden. Gleichzeitig
wollte sie mich aber nicht am Telefon mit ihren Sorgen
belasten. Mit der Zeit gewöhnte man sich an die Trennung
und das tägliche Telefonat ersetzte ein wenig das
Zusammensein. Sehr schwer wurde es immer dann, wenn
ich Bilder oder kurze Videos aus der Heimat erhielt. Das
waren für mich sehr intime Momente, die mir mein
Stubenkamerad zum Glück immer zugestand. Er war im
Gegensatz zu mir schon fünfmal in AFGHANISTAN und
damit deutlich routinierter. Ihm gebührt ein großer Anteil an
meinem gut überstandenen Einsatz.
Schwierig wurde es immer dann, wenn ich auf mehrtägigen
Patrouillen war und schlechte Nachrichten in die Heimat
gelangten. Das nächste Telefonat nach der Rückkehr ins
Feldlager wirkte dann immer sehr angespannt. Es fällt einem
als Soldat schwer zu verstehen, warum Nachrichten aus
83
Leutnantsbuch
einer anderen Ecke AFGHANISTANS die Angehörigen zu
Hause so belasten. Erst heute verstehe ich, dass die
Hilflosigkeit und unzureichende Informationslage zu Hause,
deutlich belastender sind, als der Einsatz selbst. Man kann
die Lage realistischer einschätzen und damit auch
entsprechend reagieren.
Als sich der Einsatz nach sechs Monaten dem Ende näherte,
wurde ich täglich aufgeregter. Es erinnerte mich ein bisschen
an den Tag, als ich meine Frau damals das erste Mal
angesprochen habe. Ich machte mir tausend Sorgen, ob mich
meine Familie wieder so annimmt, wie es vorher der Fall
war. Vom Flug bekam ich so gut wie nichts mit. Als ich
dann in die Wartehalle des Flugplatzes kam, sah ich mich
um, konnte jedoch meine Familie nicht finden. Das war
schrecklich. Ich suchte nach meiner deutschen Sim-Karte
und rief meine Frau an. Sie waren aufgrund einer
Fehlinformation am falschen Flugfeld und brauchten noch
einige Minuten. Ich erwartete sie auf dem Parkplatz. Das
Wiedersehen war unbeschreiblich. Meine beiden Töchter
waren so groß geworden! Und meine kleine Tochter, die
beim Abflug gerade einmal „Papa“ sagen konnte, sprach in
Sätzen mit mir. Meine Frau hatte sich zum Glück nicht
verändert. Auf der stundenlangen Heimfahrt habe ich sechs
Monate komprimiert am Stück wiedergegeben. Ich glaube,
meine Familie wollte seit dieser Heimfahrt nichts mehr von
mir wissen, da sie alles schon gehört hatten.
Die schwierigste Zeit sollte uns jedoch erst in den nächsten
Wochen bevorstehen. Ich hatte unmittelbar nach meiner
Rückkehr noch nicht begriffen, dass das Leben auch ohne
mich weitergegangen ist. Meine Frau hatte viel Stress durch
die Kinder und ihren Beruf. Zum Glück hatten meine Eltern
und Schwiegereltern sie tatkräftig unterstützt.
Der Einsatz war manchmal gefährlich. Aber ich war gut
ausgebildet, wusste was ich tat und die Kameradschaft half
84
Leutnantsbuch
über viele schwere Momente hinweg. Gleichzeitig musste
man sich um nichts kümmern. Das Essen wurde immer
gekocht, die Wäsche gewaschen und selbst der
obligatorische „Papierkram“ war überschaubar. Meine Frau
musste aber demgegenüber all das bewältigen, was wir uns
zuvor geteilt haben. Nicht nur ich brauchte nach dem Einsatz
eine Auszeit, sondern auch meine Frau. Heute, mit einigem
Abstand, ist mir das klar und ich werde es besonders für den
nächsten Einsatz beherzigen. Meine Familie ist nunmehr
wieder genauso glücklich wie vor dem Einsatz. Wir haben es
alle gut überstanden. Ich halte Offenheit für den Schlüssel
zum Erfolg. Ich habe mit meiner Frau über Gefahren des
Einsatzes und die Folgen einer möglichen Verwundung oder
gar meines Todes gesprochen. Das hat bestimmt die
Situation für sie nicht sonderlich erleichtert, aber es machte
den Einsatz insgesamt erträglicher. Ich bin meiner ganzen
Familie und insbesondere meinen Eltern und Geschwistern
dankbar für den engen Zusammenhalt und die gegenseitige
Hilfe. Bei meiner Frau bin ich mir sicherer den je, die
Richtige gewählt zu haben und ich versuche es ihr heute
häufiger durch kleine Gesten zu verdeutlichen, als vor dem
Einsatz. Egal wie wichtig der Dienst ist, für mich genießt
meine Familie heute mit Abstand die höchste Priorität.
Gerade das Wissen „Zu Hause läuft es!“ gab mir die
Möglichkeit, den Einsatz möglichst professionell anzugehen
und die bestmögliche Leistung abzurufen.
HI
85
Leutnantsbuch
Der richtige Zeitpunkt für die Schwangerschaft
E
s mag in der heutigen Zeit für einige absurd erscheinen,
jedoch gibt es immer noch Frauen und Ehepaare, die
gerne eine Familie gründen möchten und dies, ohne die
Altersgrenze von beispielsweise 35 Jahren oder älter erreicht
zu haben. Anhand meiner Erfahrung als Soldatin kann ich
nur bestätigen, dass auch bei der Bundeswehr sowohl
geteilte Meinungen als auch unterschiedliche Reaktionen
zum Thema Schwangerschaft existieren. Die Reaktionen zu
meiner (gewollten!) Schwangerschaft reichten von
„herzlichen Glückwunsch“ über „Sie können ja trotzdem
weiterhin alles mitmachen - Sie sind ja nicht krank“ bis hin
zu „das ist sicher ungewollt, oder?“. Mit der Frage nach der
ungewollten Schwangerschaft wurde ich von Kameraden
und Vorgesetzten im Übrigen des Öfteren konfrontiert.
Außerdem wurde ich gefragt, warum ich nicht mit meinem
Kinderwunsch hätte warten können, bis alle wichtigen
Stationen der Ausbildung abgeschlossen seien. Es erscheint
mir, dass man als schwangere Soldatin Fragen
gegenübersteht, die zum Teil ziemlich privat und zugleich
deutlich unangemessen sind. Ich frage mich, warum ich
mich für meinen Kinderwunsch rechtfertigen sollte?
Das Thema ‚Schwangerschaft in der Bundeswehr‘ hat aus
meiner persönlichen Sicht nur zum Teil Einzug in die
Truppe gehalten. Es gibt Kameraden oder Vorgesetzte, die
ehrlich zugeben, mit dieser Thematik bisher wenig bis gar
keine Berührungspunkte gehabt zu haben. Jedoch war dieser
Informationsrückstand meist nach wenigen Tagen aufgeholt.
Es ist meiner Meinung nach wichtig, dass vor allem
Vorgesetzte im Umgang mit Schwangeren im Dienst besser
informiert werden sollten. Auch von Bedeutung ist, dass sich
jede schwangere Soldatin die erforderlichen Informationen
rund um die Thematik Schwangerschaft beschaffen sollte,
86
Leutnantsbuch
um so hinsichtlich ihrer weiteren Verwendung planen zu
können. Dennoch möchte ich sagen, dass ich nicht nur mit
negativen Reaktionen konfrontiert wurde und mir nicht nur
Steine in den Weg gelegt wurden. Dabei ist zu erwähnen,
dass die truppenärztliche Versorgung als positives Merkmal
herauszustellen ist. Auch die Tatsache, dass eine schnelle
heimatnahe Verwendung ermöglicht wurde, möchte ich
hiermit besonders hervorheben. Ich werde von Kameraden,
aber auch von Verwandten oft gefragt, wie es jetzt mit mir
weitergehen soll und ob ich Familie und Dienst miteinander
vereinbaren kann, wie es mit weiteren Lehrgängen aussieht,
wie ich beispielsweise einen Truppenübungsplatzaufenthalt
mit Nachwuchs bewältigen will und wie es mit einer
Versetzung und dem Kindergartenplatz aussieht. Eine
Antwort auf diese Fragen kann ich noch nicht geben. Für
mich ist zunächst einmal ganz banal entscheidend, einen
geeigneten Kindergartenplatz zu finden. Lange Wartelisten
und dienstunfreundliche Öffnungszeiten sind dabei nur
kleine Herausforderungen, die es zu meistern gilt. Ich bin
aber dennoch zuversichtlich und hoffe unter dem Tenor
„Vereinbarkeit von Familie und Dienst“ einer positiven
Entwicklung meiner Zukunft entgegen sehen zu können.
HI
Der Dienst in den Streitkräften und der familiäre /
partnerschaftliche Lebensbereich der Soldatinnen und
Soldaten beeinflussen sich gegenseitig. Der private
Lebensbereich wirkt als Kraftquelle der Soldatinnen und
Soldaten zur Bewältigung der Herausforderungen des
Dienstes. Der Entschluss, sich für Familie und Kind / Kinder
zu entscheiden, ist durch die Lebenspartner individuell zu
treffen, denn die Hauptlast (u.a. zeitliche Mehrbelastung,
87
Leutnantsbuch
Hintanstellung persönlicher Interessen usw.) tragen bei der
Verwirklichung dieser Lebensentscheidung weiterhin beide
Elternteile. Die Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie
und Dienst in den Streitkräften, mit dem Ziel der
Unterstützung der Familien, ist eine besondere
Führungsaufgabe, der sich alle Vorgesetzten zu stellen
haben und erfordern an die Lebenssituation angepasste
Einzelfallentscheidungen.
88
Leutnantsbuch
Neuland
E
s ist ein lauer Samstag im Herbst. Die Sonne scheint, es
geht ein wenig Wind. Gerade führe ich meine Gruppe
von jungen Rekruten vom Kompaniegebäude auf den
Antreteplatz. Formaldienst steht auf dem Dienstplan. Der
erste für die neuen Soldaten. Vor zwei Tagen haben sie erst
ihren Dienst angetreten. Anhand der Uniform sehen sie
zumindest schon mal aus wie Soldaten. Der eine mehr, der
andere weniger. Das wird sich geben. Nun ist es für die
kommenden drei Monate als Gruppenführer in der
allgemeinen Grundausbildung meine Aufgabe, die neuen
Kameraden nicht nur optisch an einen Soldaten erinnern zu
lassen, sondern so viel wie nötig von dem Wissen und
Können zu vermitteln, was ich selber in den bisherigen
Lehrgängen der Offizieranwärterausbildung gelernt habe.
Meine erste richtige Ausbildung mit echten Rekruten.
„Denken Sie im Truppenpraktikum daran, dass Sie bei Ihren
zukünftigen Ausbildungsvorhaben von nun an Soldaten mit
unterschiedlichen Befähigungen und Bildungsabschlüssen
vor sich haben.“, wie mein Hörsaalfeldwebel immer gesagt
hat, sprudelt es gerade durch meinen Kopf. Und nicht nur
das. Hab ich auch wirklich meinen Handzettel dabei,
selbstverständlich mit 6B-Bleistift geschrieben? Ich
überprüfe es ein drittes Mal. Man will ja nichts falsch
machen. Schließlich habe ich als Fahnenjunker ja einen
Oberfeldwebel an die Seite gestellt bekommen. Der soll
nämlich erst mal überprüfen, was diese Zauberlehrlinge, so
nennt man die OAs in der Panzergrenadiertruppe, können
oder eben nicht. Gerade von letzterem geht man hier
scheinbar aus.
Anzugskontrolle habe ich ja schon im Gebäude gemacht, das
heißt, ich muss jetzt dann gleich nur noch Thema, Sinn und
Zweck, Ausbildungsziel und meine Quellen nennen und
89
Leutnantsbuch
schon kann es los gehen. Gedankenverloren hätte ich fast
vergessen, meine Gruppe rechtzeitig Rechtsschwenken zu
lassen.
Ich beginne mit der Ausbildung und denke mir, dass ich das
schon gut erkläre und auch gut vormache. Bei vielen klappt
das auch auf Anhieb und manche stellen sich schon etwas
an. Ab und an blicke ich ganz kurz zum Oberfeldwebel. Wie
reagiert er? Macht er ein zufriedenes Gesicht? Aber leider
war aus ihm nichts herauszulesen. Nahezu starr stand er
etwas abseits der Gruppe und sah sich das Spektakel an.
Die 60 Minuten gingen dann auch schnell vorüber und am
Ende muss ich sagen, dass ich die Ausbildung für einen
Erfolg erachte. Ausbildungsziel erreicht, denke ich mir.
Wenig später stellte der Oberfeldwebel mit etwas rauchiger
Stimme fest, „die Ausbildung war soweit in Ordnung, aber
Sie sollten zukünftig schneller zum Punkt kommen. Die
Einleitung war zu lange. Nur Üben übt. Praxis ist das
Zauberwort. Ich weiß, dass ist bei Ihnen als Abiturienten,
noch nicht so ganz rübergekommen. Truppe ist eben nicht
gleich Lehrgang. Aber das bekommen wir hin.“
Er sollte recht behalten. Truppe mit echten Auszubildenden
ist schon etwas anderes als eine Lehrprobe auf dem
Lehrgang. So rein formal, methodisch und didaktisch hat
man uns auf dem Gruppenführerlehrgang schon alles
beigebracht, aber auch bei uns jungen Ausbildern stimmt,
dass nur Üben übt. Und soviel Zeit hatte man gar nicht, dass
man sämtliche Ausbildungsthemen auf dem Lehrgang
durchspielen oder erlernen konnte. Außerdem hatte man auf
dem Lehrgang ja meist einen gewissen Heimvorteil. Die
auszubildenden
Soldaten
waren
allesamt
Lehrgangsteilnehmer. Wenn man hier vergessen hatte, eine
Kleinigkeit anzusprechen, wurde es einfach wie ein
Automatismus durch die anderen umgesetzt. Also nahezu
traumhafte Umstände.
90
Leutnantsbuch
In der Truppe im Praktikum war also der richtige Moment
gekommen, notwendige wichtige Erfahrungen zu sammeln.
Und sich ohne Frage auch einmal auszuprobieren. Das sollte
natürlich nie zu Lasten der Untergebenen passieren.
Moderne Menschenführung, Verhalten als Vorgesetzter,
Loyalität gegenüber seinen Vorgesetzten sind hier nur
einzelne Schlagworte, mit denen man in dieser kurzen Zeit
konfrontiert wird.
Ich habe für mich mitgenommen, dass es immens wichtig
ist, jederzeit den Blick über den Tellerrand zu suchen und
sich nie mit dem zufrieden zu geben, was man hat. Etwas
was teilweise gar nicht so leicht zu erkennen oder
einzugestehen war, ist die Tatsache, dass man einfach nicht
alles kann und vieles zum ersten Mal macht und somit jeden
Tag aufs Neue gefordert wird. Das setzt sich im weiteren
Verlauf der Ausbildung zum Offizier fort. Sie bringt mit
sich, dass man in relativ kurzer Zeit ziemlich zügig aufsteigt.
Der Dienstgrad auf der Schulter wird zwar höher, aber auch
Verantwortung und Aufgaben werden damit zunehmend
größer. Daher ist es auch immer besonders wichtig, von
Erfahrungen anderer mit zu profitieren.
Gerade dazu ist es wichtig, dass man sich einen guten Draht
aufbaut. Wissen kann man sich schnell aus Büchern und
Vorschriften aneignen, Erfahrung muss man mühsam und
lange Sammeln. Somit liegt es nahe, dass man auch ehrlich
zu sich selbst ist und sich mitunter die vermeintliche Blöße
gibt, erfahrene Kameraden zu fragen, wenn man sich selbst
unsicher ist. Warum sollte man etwas falsch machen, was
anderen ebenfalls schon widerfahren ist? Das können
einfach Dinge sein, wie der Einstieg in ein
Ausbildungsthema oder die Wahl des Ausbildungsplatzes.
Aber man muss sich auch immer selbst treu bleiben.
Einfaches Kopieren oder Nachmachen ist nicht die Lösung.
91
Leutnantsbuch
Man muss schon immer an sich selbst arbeiten und seinen
eigenen Führungs- und auch Ausbildungsstil entwickeln.
Ehe ich mich versah, waren die Offizieranwärterlehrgänge
beendet und ich befand mich zurück in der Truppe. Nahezu
alles wiederholte sich. Aber ich war gewappnet. Gewappnet
mit den Erfahrungen und lehrreichen Schlüssen aus meiner
Zeit aus dem Gruppenführerpraktikum. Dennoch war auch
hier alles Neuland für mich. Ich befand mich nun in einer
Kampfkompanie.
In
Kürze
würde
hier
die
Spezialgrundausbildung los gehen und danach die
Vorbereitung auf den anstehenden Einsatz. Also Stress pur
und Vorschriften wälzen ohne Ende waren vorprogrammiert.
Fehler schlichen sich natürlich auch ein, aber durch die gute
Kameradschaft mit älteren und erfahreneren Kameraden war
sichergestellt, dass diese nicht wiederkehrten und mögliche
Ursachen bei weiteren Vorhaben frühzeitig erkannt werden
konnten. Ich muss aber betonen, dass mir diese
Unterstützung nicht nachgetragen wurde. Man muss sie
annehmen können und wollen.
Mit der Ausbildung zum Offizier an den einschlägigen
Ausbildungseinrichtungen wird ein wichtiger Grundstein
gelegt. Mit der richtige Einstellung, Wille und Fleiß kann
auf diesem Fundament weiter aufgebaut werden. Die
Erfahrung wird wachsen, genauso wie die Verantwortung.
Aber das ist nichts, vor dem man sich verstecken müsste.
HI
Wenn man sich selbst immer treu bleibt, Chancen erkennt
und diese nutzt, wenn man bereit ist, etwas bewegen zu
wollen und nicht nur Kritik üben, sondern auch aufnehmen
und verwerten kann, braucht man sich keine Sorgen machen,
einer fordernden Aufgabe nicht gewachsen zu sein.
92
Leutnantsbuch
Das sprichwörtliche Neuland, in egal welcher Führungsebene oder Verwendung, betrifft jeden. Auch bis heute ist
noch kein Meister vom Himmel gefallen.
93
Leutnantsbuch
Hölle
E
s war an einem der ersten Tage im neuen Jahr. Ich war
als Seelsorger für die Soldaten im PRT KUNDUZ
eingesetzt.
Nachdem ich mich wie immer beim Mittagessen reichlich
mit Salaten eingedeckt hatte, suchte ich nach einem Sitzplatz
und ließ meinen Blick über die Tischreihen wandern. Ich
entdeckte einen Oberleutnant, den ich aus meinem
Heimatstandort kannte und länger nicht mehr gesehen hatte
– auf ihn steuerte ich zu. Mampfend hielten wir ein kleines
Pläuschchen darüber, wie wir die Feiertage verbracht haben
und wie es so geht. Dabei kamen wir unvermeidlich auf
einen Dauerbrenner, auf den ich immer wieder stieß: Die
Frage der mangelhaften Ausstattung. Sommerklamotten im
Winter... und andere Erlebnisse mit unverständlichen
Entscheidungen der „übergeordneten Führung“, die einem
das Leben im Einsatz nicht unbedingt erleichtern.
Kopfschüttelnd hörte ich ihm zu.
Als unser Gespräch langsam auslief, mischte sich von der
Seite ein Hauptmann vom EOD (Explosive Ordnance
Disposal) in unsere Unterhaltung. „Herr Pfarrer, kommt man
eigentlich in die Hölle, wenn man etwas Unerlaubtes tut, um
jemandem zu helfen?“ Weil ich normalerweise nicht gerade
damit rechne, beim Mittagessen eine komplexe theologische
Frage gestellt zu bekommen, musste ich erst einmal
überlegen. Außerdem meinte ich aus dem breiten Grinsen
der anderen Nachbarn schließen zu können, dass dies nicht
ganz ernst gemeint zu sein schien. Also spielte ich den Ball
zurück: „Woher wissen sie, dass es eine Hölle gibt?“ Nun
war mein Nachbar erst mal „am Schalten“. Ich schob nach:
„Ich müsste schon genauer wissen, um was es geht!“ Er
druckste weiter herum, bis er dann mit dem Spruch kam:
„Das ist so geheim; wenn ich es ihnen verraten würde,
94
Leutnantsbuch
müsste ich Sie erschießen.“ „Verstehe“, sagte ich lachend
und meinte zu ihm, dass er bestimmt keinen Fachvortrag
über die Hölle als Ort der ewigen und zeitlichen Strafen des
jüngsten Gericht hören wollte und fragte, ob er denn ein
schlechtes Gewissen habe. Ausweichendes „hmtja“ und
Schulterzucken. Ich sagte, dass ich wirklich weder wüsste,
was die Wehrdisziplinarordnung oder das Strafgesetzbuch
dazu sagen würden, noch was bei Gott auf die Verletzung
seiner Gebote steht. Ich wüsste nur, dass Jesus seine Freunde
immer aufgefordert hätte, sich für den Kameraden – in
seiner Sprache: den Nächsten – einzusetzen. Und dass die
Regeln für den Menschen da sind und nicht die Menschen
für die Regeln.
Ob ihn das zufrieden gestellt hat, weiß ich nicht, wir haben
jedoch noch eine ganze Weile rumgefeixt. Ich hatte hinterher
ein paar „Bekannte“ beim EOD und musste schmunzeln,
was einem beim Mittagessen so alles begegnen kann.
Knapp zwei Wochen später war ich im Stab unterwegs, um
einem der Polizisten, der in unseren Gottesdiensten Gitarre
spielt, meine Liedvorschläge vorbeizubringen. Doch die Tür
war verschlossen. Ich schaute mich um, wer mir wohl einen
Streifen Tesafilm geben könnte, damit ich meinen Zettel an
seine Tür heften könne. Drei Türen weiter entdeckte ich ein
offenes Büro. Einige Soldaten waren darin vor einem
Bildschirm versammelt und in ein Gespräch vertieft.
„Entschuldigen Sie die Störung ...“ fing ich an, da entdeckte
ich den Hauptmann vom EOD unter den Anwesenden. Und
während mir einer der belgischen Kameraden einen TesaRoller in die Hand drückte, raunte mir der Hauptmann zu:
„Herr Pfarrer, ich war in der Hölle! In der IED-Hölle
(Improvised Explosive Device)!“
In Sekundenbruchteilen fügten sich in meinem Kopf
verschiedene Puzzle-Teile zusammen. Zwei Tage zuvor war
die QRF (Quick Reaction Force) bei der Absicherung des
95
Leutnantsbuch
Besuches des afghanischen Präsidenten in KUNDUZ
eingesetzt. Sie mussten mitten im „Taliban-Gebiet“ Stellung
beziehen. Beim Versuch die Straße nach IED, den selbstgebastelten Sprengsätzen, der Aufständischen abzusuchen,
stieß man auf eine Minensperre und als man sich ans Werk
machen wollte, um die ersten beiden Sprengfallen zu
„räumen“, kamen schon die ersten RPG (Rocket Propelled
Grenade) geflogen. Ich hatte bisher nur dürre Informationen
aus der Abendlage, doch nun wurde mir klar: „Sie waren das
auf der LOC Banana!?!“
Der Hauptmann nickte nur und erzählte mit wenigen Sätzen,
dass er noch nie so viele „Sauereien“ auf einem Haufen
gesehen hätte. 200 m Straße zugepflastert mit allem, was die
Bombenbauerwerkstatt zu bieten hat.
Auf einmal hatte „Hölle“ eine ganz andere Bedeutung: Kein
Begriff für alte Schauermärchen, mit denen die Kirche den
Menschen Jahrhunderte lang Angst machte und einen harten,
strafenden Gott predigte, nicht irgendwas im Jenseits. Nein,
ganz real und greifbar, ein Ort des Schreckens, der Qual und
des Todes. Keine 20 km entfernt. Die Vorstellung davon,
was hätte passieren können und was diese „Basteleien“
bewirken können, hatte gereicht, um diesem erfahrenen
Soldaten unter die Haut zu gehen. Das konnte ich spüren.
Ich war berührt davon, hier keinem harten Kämpfer
begegnet zu sein, der mit einem lockeren, sarkastischen
Spruch, Schulterklopfen und lautem Lachen die ganze
Geschichte bei Seite wischte, sondern einem Mann, dem
man abspüren konnte: Das hat mich nicht kalt gelassen.
Während er sich wieder seiner Besprechung zuwendete, lief
ich schnell in mein Büro und holte ihm ein kleines Zeichen:
Einen Engel auf einer Bronzeplakette – ein sogenannter
Handschmeichler. Den drückte ich dem Hauptmann in die
Hand mit den Worten: „Hier, als Erinnerung, dass wir auch
in der Hölle nicht allein sind und sie mit seiner Hilfe
96
Leutnantsbuch
durchschreiten können!“ Das „Danke“ und die leuchtenden
Augen zeigten mir: Botschaft angekommen.
Wiederum einige Wochen später, als wir bei einer Tasse
Kaffee in der Gottesburg saßen, fragte ich den Hauptmann
noch einmal, wie er denn eigentlich mit diesen ganzen
Belastungen umgeht. Ganz spontan sagte er: „Ich habe eine
Art Log-Buch. Da schreibe ich alles rein, was passiert. Auch
meine Gefühle. Und wenn ich das Gefühl habe, einer aus
meinem Trupp ist nach einem Einsatz „durch den Wind“,
dann sage ich ihm: Hier ist das Buch. Schreib!“
Diese Geschichte habe ich in mein Schatzkästchen für
wertvolle Erfahrungen gepackt. Sie zeigt mir, wie Soldaten
um ihr inneres Gleichgewicht ringen, und darum, Mensch zu
bleiben – auch mit den Erfahrungen von Tod und Gewalt.
Und sie zeigt, wie wichtig der offene Umgang mit Gefühlen
ist und dass auch ein Führer gewinnen kann, wenn er mal
schwach ist. Und ich habe aus ihr gelernt: Hölle ist nicht die
Strafe Gottes im Jenseits für all den Mist, den wir anrichten.
Hölle ist das, was Menschen sich einander antun. Zum
Beispiel in AFGHANISTAN.
Wie gut, wenn man jemanden hat, der mit einem geht.
HI
97
Leutnantsbuch
Schneid!?
B
evor ich mich zum Beruf des Offiziers entschieden
habe, erlebte ich eine Sache, die mich maßgeblich
beeinflusst hat. Ich war gerade Obergefreiter geworden und
ersehnte das baldige Ende des Grundwehrdienstes jeden Tag
stärker herbei. Da bekam meine Kompanie im
Panzergrenadierbataillon einen neuen Kompaniechef. Es war
ein junger Oberleutnant, der die Kompanie zunächst nur als
Einsatzoffizier in Vertretung führte und schließlich komplett
übernahm. Der alte Hauptmann war mir vorher nur selten
aufgefallen und war während meiner Grundausbildung der
einzige Offizier der Einheit gewesen. Wirklich geführt – so
mein Eindruck – wurde die Kompanie von altgedienten
Haupt‐ und Stabsfeldwebeln, die die Züge offenbar schon
seit Jahren führten. Ich hatte in meinen ersten sechs Monaten
also bestenfalls ein schwaches Bild von Offizieren vor
Augen. Als wäre die Ausbildung von Rekruten nichts für sie.
Da erschien dieser neue junge Oberleutnant und ein
wiederholtes Augenrollen spielte sich in den Gesichtern der
alten Portepee‐Unteroffiziere ein. Als Soldat der
Kompanieführungsgruppe und Kraftfahrer des neuen Chefs
hatte ich sowohl die Gelegenheit, den neuen Vorgesetzten
persönlich etwas kennen zu lernen, als auch die allgemeine
Skepsis zu beobachten, die diesem frisch von der Uni
gekommenen „Grünschnabel“ entgegengebracht wurde.
Heute, sieben Jahre später – wo ich selbst als Oberleutnant
frisch von der Uni in die Truppe zurück komme – bin ich
froh, zunächst erst einmal für ein Jahr weiter ausgebildet zu
werden, statt gleich so in die Verantwortung geworfen zu
werden. Der neue Chef hatte ganze zwei Wochen Zeit, sich
einzugewöhnen und die Kompanie auf einen dreiwöchigen
Übungsplatzaufenthalt vorzubereiten. Mir fiel sofort auf, wie
98
Leutnantsbuch
in den Reihen der Unteroffiziere gespottet wurde, über den
Übereifer des „neuen Alten“. Einen Hauptfeldwebel,
Zugführer des ersten Zuges, hörte ich einmal sagen, der
Oberleutnant habe „keinen Schneid“. Anders als zuvor
hatten wir alle plötzlich viel öfter länger Dienst und wurden
bezüglich Material und Einhaltung der Vorschriften häufiger
beaufsichtigt. Im persönlichen Gespräch erlebte ich ihn als
begeisterten Offizier, der diesen Beruf für den besten Beruf
hielt, den er sich vorstellen könnte. „Sehen Sie, ich kann mir
keinen besseren Beruf für einen jungen Mann vorstellen.
Man übernimmt Verantwortung in einer Dimension, die sich
andere Menschen in ihrem ganzen Leben nicht vorstellen
können.“ Sicher reiner Idealismus, dachte ich mir. Was heißt
schon Verantwortung!? Ich war ja erst 20 Jahre alt!
Doch auf dem erwähnten Übungsplatzaufenthalt durfte ich
etwas beobachten, das meine Einstellung zum Thema
Verantwortung prägen sollte. Am letzten Abend nach der
Übung war ein geselliger Abend angesetzt, den die
Unteroffiziere gleichzeitig zum Anlass nehmen wollten, die
frisch zu befördernden Unteroffizieranwärter in ihr
Unteroffizierkorps aufzunehmen. Der Spieß spendierte ein
Fass Bier und der Oberleutnant hielt sich demonstrativ kurz
bei seiner Ansprache. Alle waren guter Laune und im
Gespräch mit den alten Feldwebeln bemerkte ich, wie ihre
Achtung
des
jungen
Offiziers
während
des
Übungsplatzaufenthaltes gewachsen war. Im Grunde waren
wir alle der Meinung, dass alles gut gelaufen war. Der
Oberleutnant hat wohl überzeugt. Die Stimmung wurde
heiterer. Einige Unteroffiziere wurden mit der Zeit lauter
und es begannen bald lautstarke Trinkspiele, in die die
teilweise übermüdet aussehenden Unteroffizieranwärter vor
allem eingebunden wurden. Als der erste ernsthaft
betrunkene Anwärter sich übergeben musste, wollte der
99
Leutnantsbuch
Spieß ihm das weitere Trinken mehrerer Schnäpse befehlen.
Ich konnte nur noch sehen, wie der Oberleutnant und der
Spieß daraufhin gemeinsam den Raum verließen. Als sie
zurückkamen, mit ernster Miene, waren die Trinkspiele
vorbei. Erst am Tag darauf realisierte ich, was geschehen
war. Der Oberleutnant hat das entwürdigende Ritual gegen
den
Widerstand
eines
wesentlich
dienstälteren
Kompaniefeldwebels beendet. Und nicht nur das. Er hat den
Spieß sogar gemaßregelt.
In der Kompanie wurde in den kommenden Wochen viel
darüber gesprochen. Einige hielten das Eingreifen des
Oberleutnants für völlig überzogen. Einige rechtfertigten das
Trinkspiel als Tradition, die es so schon immer gäbe. Jeder
Unteroffizier müsse trinkfest sein. Und dem Spieß dabei
Vorschriften machen zu wollen, gehöre sich auch für einen
Oberleutnant nicht. Doch einige Andere ‐ darunter der
Hauptfeldwebel Zugführer I – korrigierten ihre frühere
Einstellung zum neuen Chef.
Der Hauptfeldwebel sagte bei einer Gelegenheit: „Damit hat
er Schneid bewiesen. Er soll ja nicht unser Kumpel sein,
sondern unser Chef.“
HI
Für militärische Führer ist es wichtig, zwischen offiziellen,
halboffiziellen und inoffiziellen Ritualen zu unterscheiden.
Offizielle
Rituale
helfen
den
Streitkräften
ihr
Organisationsziel zu erreichen, Sinnzusammenhänge
darzustellen und zu vermitteln, sind also im Zusammenhang
der Tradition und Traditionspflege zu sehen. Hingegen
stehen inoffizielle Rituale häufig im Zusammenhang mit
100
Leutnantsbuch
neuen Herausforderungen, denen sich die Soldatinnen und
Soldaten gegenüber sehen und die sie im Gruppenerleben
bewältigen wollen. In dem Maße, in dem die Organisation
solche Rituale zur Kenntnis nimmt, werden sie zu
halboffiziellen Ritualen.
Umso wichtiger ist es gerade für angehende Führer, sich die
Funktion von Ritualen zu vergegenwärtigen - die ist nämlich
keineswegs nur negativ zu sehen - und sich Wissen und
Fertigkeiten anzueignen, die Gruppenprozesse sensibel zu
beobachten und zu steuern und das positive Potential der
Rituale zu entfalten bzw. zu nutzen. Als Richtschnur für das,
was bei Ritualen zulässig und akzeptabel ist, sind die WerteFestlegungen der ZDv 10/1 zu sehen, allen voran die Würde
des Menschen und sein Recht auf Selbstbestimmung.
Erkannte Mängel und Verstöße gegen die Grundsätze der
Inneren Führung sind hierbei durch Vorgesetzte konsequent
anzusprechen und nachhaltig abzustellen.
101
Leutnantsbuch
Nur noch 100 Meter!
S
ommer 2005. Altenstadt im Schongau. 35 Grad im
Schatten. Völlig erschöpft schleppe ich mich im
Laufschritt mit den anderen Fahnenjunkern meiner
Ausbildungsgruppe Richtung Unterkunft. „Gleich habe ich
es geschafft!“, denke ich mir, schließlich kann ich das
Fenster meiner Stube bereits sehen.
Ich befinde mich auf dem Einzelkämpferlehrgang Teil 1,
habe die 48-Stunden-Durchschlageübung fast hinter mir und
gefühlte 100 km Gewaltmarsch in den Beinen. Ich bin an
den Grenzen meiner körperlichen Leistungsfähigkeit
angelangt und will eigentlich nur noch Ruhe haben. „Nur
noch 100 Meter!“, brüllt uns der Ausbilder schon seit
15 Minuten hinterher und treibt uns so immer wieder an.
Auch wenn diese Entfernungsangabe der tatsächlichen
Distanz nicht einmal annähernd entsprach, half es doch ein
wenig durchzuhalten.
Als ich den Eingang der Ausbildungsinspektion dann
endlich im Blick habe und ich mich schon auf eine heiße
Dusche freue, reißt mich plötzlich der Befehl „Rechts
schwenken“ aus meinen Tagträumen. Das kann doch nicht
sein Ernst sein, fluche ich in mich hinein. Jedem war klar,
was dieses „Rechts schwenken!“ bedeutete: Es ging noch
einmal auf die Hindernisbahn!
Ein Blick in die Augen meiner Kameraden verriet mir, dass
sie genau wie ich am Ende ihrer Kräfte waren und nur noch
aus Trotz durchhielten. Keiner von uns wollte sich die Blöße
geben, so kurz vor dem Ziel noch aufzugeben und dem
Ausbilder die Genugtuung zu verschaffen, uns „gebrochen“
zu haben. Viermal wurden wir noch im Gruppenrahmen mit
vollem Gepäck über die Hindernisbahn geschickt, bevor der
Ausbilder zufrieden mit unserer Zeit war.
102
Leutnantsbuch
Nach einer kurzen Pause verlegten wir erneut im Laufschritt
Richtung Unterkunftsbereich, diesmal jedoch ohne weitere
Einlagen. Nachdem wir noch wie in Trance die Waffen
gereinigt und die Ausrüstung nachbereitet hatten, bekamen
wir endlich den langersehnten Dienstschluss und konnten
unsere „Wunden lecken“. Ich habe nur noch kurz geduscht
und bin dann erschöpft, aber glücklich ins Bett gefallen. Ich
hatte den Lehrgang erfolgreich bestanden und am nächsten
Tag würde mir das begehrte Abzeichen verliehen werden!
Eine Auszeichnung, von der ich einige Monate zuvor noch
nicht einmal zu träumen gewagt hatte.
Nachdem wir fast ein Jahr lang intensiv auf diesen Lehrgang
vorbereitet worden waren, unzählige Orientierungsmärsche
absolviert hatten und immer wieder mit Gepäck gelaufen
waren, war mit dem morgigen Tag das Ziel erreicht. Nach
all den Horrorgeschichten, die ich von den älteren
Kameraden über diesen Lehrgang bereits gehört hatte, habe
ich selbst kaum daran geglaubt, es schaffen zu können. Und
nun war es vollbracht und so langsam realisierte ich an
diesem Abend, was ich da geleistet hatte.
Der nächste Tag war ein Kontrastprogramm zu den
entbehrungsreichen Wochen zuvor mit einem gemütlichen
Weißwurstfrühstück. Unsere Ausbilder waren natürlich auch
dabei. Zuerst waren wir skeptisch, ob dies eine gute Idee
war, schließlich hielten sich unsere Sympathien für sie in
Grenzen, angesichts der Torturen, die wir dank ihnen in den
letzten Wochen durchlitten hatten. Doch fernab von
Ausbildung und Drill waren auf einmal alle durchaus nette
Kameraden.
HI
103
Leutnantsbuch
Erst im Nachhinein wurde uns klar, warum uns die
Ausbilder so hart rangenommen hatten. Ohne diese harte
und fordernde Ausbildung wäre es nicht möglich gewesen,
das eigentliche Lehrgangsziel, jeden an seine persönlichen
Grenzen zu führen, zu erreichen.
Ich musste mir eingestehen, dass ich meine Ausbilder
zunächst falsch eingeschätzt und als „stumpfe Schleifer“
abgestempelt hatte. Während der vier Ausbildungswochen
selbst empfand ich diesen Lehrgang als notwendiges Übel
der Offizierausbildung und sah keinen Sinn darin, mich den
teilweise an Schikane grenzenden Forderungen der
Ausbilder auszusetzen. Heute denke ich jedoch gerne an
diese Erfahrungen im Grenzbereich zurück und bin immer
noch stolz darauf, nicht aufgegeben und den Lehrgang mit
Erfolg abgeschlossen zu haben.
Ich bin der festen Überzeugung, dass mich diese vier
Wochen nachhaltig geprägt und charakterlich gefestigt
haben.
Das
auf
diesem
Lehrgang
gelernte
Durchhaltevermögen wird mir sicherlich auch in Zukunft
noch behilflich sein, schwierige und stressige Situationen –
insbesondere im Einsatz – erfolgreich zu bewältigen.
104
Leutnantsbuch
Offizieranwärter Frank
Der Abend
D
ie Ordonanz betritt den Raum und plötzlich ist es ganz
ruhig. In den letzten Stunden haben wir angeregt den
Erzählungen zugehört, über sie diskutiert oder einfach auch
nur geschmunzelt. Jetzt sagt die Ordonanz: „Meine Herren,
darf ich Ihnen noch etwas zu trinken bringen? Normalerweise schließen wir in 30 Minuten – aber wenn Sie
noch länger bleiben möchten – kein Problem.“
Hauptmann Seidel blickt in die Runde. Wir schauen uns alle
etwas ratlos an. „Also, wenn Sie mich fragen“, sagt
Oberstleutnant Stokiwsky, „wird es Zeit, zu Bett zu gehen.“
Wieder verstohlene Blicke zwischen uns und fragende
Blicke zwischen uns und Hauptmann Seidel, der dann sagt:
„Ich glaube, wir haben alle ein paar Stunden Schlaf verdient!
Ich nehme an, Sie sind einverstanden, wenn wir für heute
Schluss machen. Wir können uns ja jederzeit noch einmal
zusammensetzen.“
Wir sind einverstanden.
„Aber eines möchte ich noch anfügen“, sagt Hauptmann
Seidel. „Morgen Vormittag vor der Formalausbildung sind
noch zwei Stunden Verfügungszeit für mich als Fähnrichoffizier angesetzt. Ich biete Ihnen an, das vorhin auf
den Bierdeckeln Erläuterte noch ein wenig zu vertiefen. Ein
paar Details hätte ich da noch – ohne Sie langweilen zu
wollen.“
Ich antworte sofort: „Ja, ich würde da schon gerne noch ein
paar Zusatzinformationen bekommen. Und keine Angst Herr
105
Leutnantsbuch
Hauptmann, Sie langweilen uns bestimmt nicht! Oder seht
Ihr das anders?“
Nachdem kein Widerspruch von den anderen kommt, sagt
Hauptmann Seidel: „Gut, dann sehen wir uns morgen früh
im Kompaniebesprechungsraum zu einer kurzen Runde.“
Wir stehen auf, verabschieden uns, zahlen unsere Rechnung
und gehen gemeinsam zu unseren Unterkünften. Wir sind
nachdenklich geworden.
106
Leutnantsbuch
Offizieranwärter Frank
Selbstbestimmtheit
G
uten Morgen, Kameraden!“, sagte Hauptmann Seidel.
„
„Guten Morgen, Herr Hauptmann!“, antworteten wir.
Wir sitzen im Kompaniegebäude der 3. Kompanie im
Kompaniebesprechungsraum. Eine völlig andere Atmosphäre als gestern Abend im Offizierheim. Es war ein
schöner und interessanter Abend. Ich hatte mich gestern
noch kurz mit Annette, Peter, Markus, Jonas, Marcel und
Cindy unterhalten. Wir waren einer Meinung. Die
verschiedenen Ausführungen und Erzählungen haben uns
gefesselt. Manches war zwar „schwere Kost“, aber es hat
sich gelohnt, mit den „Alten“ über das Berufsbild des
Offiziers zu sprechen.
Heute will Hauptmann Seidel uns noch ein paar Hintergrundinformationen zu den Begriffen Selbstbestimmtheit
und Erfolgsfaktoren mitgeben. Wir sind gespannt.
„Ich hatte Ihnen gestern ja schon „angedroht“, dass ich
Ihnen heute noch einige meiner Überlegungen zu unserem
Berufsbild mit auf den Weg geben möchte. Die Begriffe
Selbstbestimmtheit und Erfolgsfaktoren kennen Sie ja schon.
Ich reiche unseren Bierdeckel noch einmal herum – Sie
erinnern sich. Beide Bereiche sind von zentraler Bedeutung
für die Führungskunst.“
Der Bierdeckel macht seine Runde. Wir erinnern uns. Cindy
flüstert: „Wir sollten uns das Modell abmalen. Können wir
sicher noch einmal gut gebrauchen.“
107
Leutnantsbuch
„In zwei Stunden haben Sie Formalausbildung. Ich denke,
Sie werden noch ein bisschen Zeit brauchen, um sich auf
Ihre Funktion als Hilfsausbilder vorzubereiten. Deshalb
fange ich gleich mit dem Begriff Selbstbestimmtheit an.
Ich habe sechs Aufforderungen zusammengestellt, die den
Begriff der Selbstbestimmtheit beschreiben. Sie ist einer der
beiden Schlüssel zur Führungskunst. Gleichzeitig eröffnen
die Anforderungen auch eine Möglichkeit zur Selbstreflexion und eigenen Positionsbestimmung. Für mich
persönlich ist es sehr wichtig, über mich selbst nachzudenken, an mir zu arbeiten, um mich weiterzuentwickeln.
Hier heißt meine Devise: Wer sich nicht verändert, wird
stehen bleiben, steht in der Gefahr zu scheitern und wird
letztendlich auch keine Zufriedenheit im Leben finden. Aber
genau darum geht es im Leben. Doch dazu später mehr.
1. Gehöre Dir selbst!
In der ersten Aufforderung geht es darum, sich bewusst zu
werden, dass Sie selbst die Verantwortung für Ihr Leben
tragen. Das bedeutet, nur derjenige, der sich selbst gehört
und über sein Leben entscheidet, ist fähig andere zu führen.
Für mich bringe ich das so auf den Punkt: Ich versuche, eine
eigenständige, eigenverantwortliche und selbstbestimmte
Persönlichkeit zu sein und nehme auf Inhalt, Form und
Richtung meines Lebens Einfluss.
Es wird aber auch deutlich, dass die Gestaltung des eigenen
Lebens ein aktiver Prozess ist. Das ist nicht jedem Menschen
bewusst und die meisten planen ihren Jahresurlaub besser als
ihr eigenes Leben. Ich jedenfalls freue mich, wenn ich
wieder eine Entscheidung für mein Leben bewusst gefällt
oder ein Ziel erreicht habe. Dann spüre ich, dass ich wirklich
lebe, mein Leben nutze und mir selbst gehöre.
108
Leutnantsbuch
2. Nimm Dich wahr!
Nimm Dich so wahr, wie du wirklich bist. Wer dieser
Aufforderung folgen will, braucht Mut, Ehrlichkeit,
selbstkritische Distanz und den Willen zur Objektivität sich
selbst gegenüber. Einzugestehen, dass man eine bestimmte
Fähigkeit nicht hat oder in nicht ausreichendem Maße, fällt
uns oft sehr schwer. Aber ich bin mir sicher, dass man an
dieser Aufgabe wächst und ein Profil gewinnt. Gute
Menschenführer sind authentisch, haben ein ausgeprägtes
Profil, geben auch Schwächen und Fehler zu. Schwächen
darf man haben, sie sollten nur das eigene Leben nicht
bestimmen. Erfolgreiche Menschenführer haben aber auch
klare Vorstellungen von den Dingen, die ihnen wichtig sind,
setzen somit Schwerpunkte und besitzen ein Gespür für das,
was richtig oder falsch ist.
3. Zeige Persönlichkeit!
Ihre besondere Aufgabe als Vorgesetzter besteht darin,
Führer, Erzieher und Ausbilder Ihrer Soldaten zu sein. Die
Motivation des Soldaten, sich für eine Sache einzusetzen
und zu begeistern, ja zu kämpfen und unter allen denkbaren
Bedingungen des Einsatzes optimale Leistungen zu
erbringen, hängt entscheidend davon ab, wie er behandelt
wird, wie er sich selbst in der Gruppe erlebt, wie seine
persönlichen Bindungen sind. Wichtig ist für ihn, in
welchem Maße er den Vorgesetzten als Mensch und Vorbild
erlebt und wie seine emotionalen und sozialen Bedürfnisse
befriedigt werden. Wie er geachtet und respektiert wird. Die
meisten Soldaten kämpfen im Krieg nicht in erster Linie für
hehre Ideale, sondern für die kleine Kampfgemeinschaft und
ihren nächsten Vorgesetzten!
109
Leutnantsbuch
Es ist ganz offensichtlich, dass nicht jeder zum Vorgesetzten
und militärischen Führer geeignet ist. Wodurch zeichnet sich
ein vorbildlicher Vorgesetzter aus?
Der Schlüssel zum Erfolg als Vorgesetzter und Führer liegt
in Ihrer gereiften und gefestigten Persönlichkeit, in Ihrer
menschlichen Stabilität und Unbescholtenheit. Beispielhafte
Führerpersönlichkeiten schaffen ein Verhältnis gegenseitigen Vertrauens zu ihren Soldaten, indem sie das
Gespräch mit ihnen pflegen, ihre Ideen und Auffassungen
anerkennen und sie – wo möglich – in den militärischen
Alltag mit einbeziehen. Sie berücksichtigen die Bedürfnisse
und Gefühle ihrer Soldaten und fördern ihre Fähigkeit zur
Selbstständigkeit, Mitwirkung und Mitverantwortung.
Die besondere Ausstrahlung, das so genannte Charisma des
militärischen Führers, das unmittelbar mit dem Kern seiner
Persönlichkeit verknüpft ist, beruht stets auf überzeugendem
fachlichen Können, Selbstbewusstsein, Charakterstärke,
Intuition, Einstellungsfähigkeit auf schnell wechselnde
Situationen, persönlicher Unabhängigkeit sowie auf Einfühlungsvermögen und einem ausgeprägten Normen- und
Wertebewusstsein. Mit solchen Vorgesetzten identifizieren
sich Untergebene bereitwillig, ihnen vertrauen sie, ihnen
leisten sie Gefolgschaft. Für solche Vorgesetzte sind sie
letztlich auch bereit zu kämpfen und ihr Leben einzusetzen.
Übrigens ist mein Kommandeur nach meiner Meinung ein
solcher Führer. Mit ihm würde ich jederzeit an jedem Ort in
den Einsatz gehen.
Weil von meiner Persönlichkeit viel abhängt, muss ich
wissen, wer ich bin, welche Stärken und Schwächen ich
habe und wie ich damit umgehe. Nichts gefährdet die
110
Leutnantsbuch
Führung von Soldaten mehr als persönliche Unsicherheit,
Entscheidungsschwäche oder Forderungen, die ich an andere
stelle und selbst nicht erfüllen will oder kann.
Lassen Sie mich die vier Persönlichkeitstypen kurz beschreiben, die mir bisher begegnet sind:
-
Entscheider haben ihre Ziele klar vor Augen und wissen
genau, wie sie diese erreichen. Unentschlossen zu
wirken, halten sie für eine Schwäche, gleiches gilt bei
Zögern oder Zaudern. Sie entscheiden lieber falsch, als
zu lange zu warten. Sie gehen mit anderen Menschen
nicht gerade zimperlich um und nehmen auf Empfindlichkeiten wenig Rücksicht. Macher lieben Herausforderungen und setzen sich und anderen strenge Maßstäbe. Niemand sollte ihren Führungsanspruch in Frage
stellen.
-
Stimmungsmacher sind eloquent und lieben es, unter
vielen Menschen zu sein. Ein großer Bekanntenkreis ist
ihnen wichtig, und sie kommen mit Fremden schnell ins
Gespräch. Oftmals sind sie auch kreativ, lassen sich
gerne von neuen Dingen anregen und haben selbst viele
Ideen, setzen aber die wenigsten um.
-
Beständige sind Menschen, auf die man sich absolut
verlassen kann. Sie sind vorsichtig, mit wem sie
Freundschaft schließen. Nur wenn andere auch an echter
Freundschaft interessiert sind, kommen sie zusammen.
Daher haben sie einen kleinen Bekanntenkreis mit engen
Freunden. Das Familienleben lieben sie. Sie sind die
geborenen Teamplayer und können sich hervorragend
auf andere einstellen, nehmen Rücksicht und sind bereit
111
Leutnantsbuch
ihre eigenen Interessen unterzuordnen. Für alles, was sie
tun, brauchen sie Zeit und Ruhe.
-
Analytiker nehmen sich viel Zeit. Sie durchdenken ein
Problem bis ins letzte Detail und suchen die perfekte
Lösung. An Kontakten mit anderen sind sie nicht
sonderlich interessiert. Sie wirken sehr distanziert.
Freundschaften halten aber bei ihnen ein Leben lang. Sie
brauchen für alles einen Plan, eine Struktur und
genügend Zeit. Spontaneität ist nicht ihre Sache.
Grundsätzlich glaube ich, dass kein Persönlichkeitstyp in
„Reinkultur“ vorkommt, sondern immer auch Eigenschaften
anderer Typen in sich vereinigt. Wichtig ist es, diese
unterschiedlichen Faktoren der Persönlichkeit in sich selbst
und in den verschiedenen Lebenslagen zu erkennen sowie zu
lernen, damit umzugehen. Nur dann kann man sein Potenzial
angemessen entwickeln und wirkungsvoll nutzen.
Jeder Mensch wird durch einen Persönlichkeitstyp besonders
geprägt. Aber erst das Vorhandensein anderer Eigenschaften
und deren bewusste und situationsgerechte Nutzung führen
zu einer ausgeglichenen Persönlichkeit, der man gerne folgt.
Ich habe lange über Werte nachgedacht. Gar nicht so
einfach. Aber ein paar grundlegende Ideen habe ich schon
entwickelt.
Genauso wichtig wie das Erkennen der eigenen Persönlichkeit ist ein gemeinsames oder ähnliches Grundverständnis vom Zusammenleben und menschlichem Miteinander. In
diesem Zusammenhang kommt den Werten, die man
verinnerlicht hat und für die man „einsteht“, eine besondere
Bedeutung zu. Hier liegt die Grundlage für ein – ich nenne
es – werteorientiertes Führen.
112
Leutnantsbuch
Was sind denn jetzt eigentlich Werte? Werte sind für mich
Vorstellungen und Überzeugungen, die ein menschliches
und zivilisiertes Zusammenleben beschreiben und allgemein
oder zumindest von vielen in einer Gesellschaft als wertvoll
und wünschenswert anerkannt sind. Ziel ist, dass ein
menschliches Leben in Gemeinschaft glücken und gelingen
kann. Werte sind somit Zielvorgaben, die es wert sind,
verfolgt zu werden und für sie auch Risiken in Kauf
zunehmen. Neben allgemein gültigen Werten gibt es noch
individuelle Werte, die je nach Persönlichkeitstyp und
Lebensalter unterschiedlich sind oder unterschiedliche
Bedeutung oder Gewichtung haben.
Es ist für mich als Offizier sehr wichtig, mich mit Werten
auseinander zu setzen. Sie liefern mir Motivation und
Fundament für meine Tätigkeit als Führer, Ausbilder und
Erzieher meiner Soldaten und können mir helfen, schwierige
Lagen im Einsatz besser zu bewältigen und in Extremsituationen oder Grenzfällen zu bestehen.
Werte spielen im Selbstverständnis und Handeln des
Soldaten eine herausgehobene Rolle. Auf der Grundlage von
Werten, wie sie in der christlich abendländischen und
humanistischen Kultur entwickelt wurden, rechtfertigt sich
mein Einsatz als Soldat. Wir sind ihnen verpflichtet, wir
treten für sie ein und richten unser Handeln nach ihnen aus.
Das haben Sie sicher in dieser oder in einer ähnlichen Form
schon einmal gehört. Ich will Sie auch nicht langweilen,
denke aber, dass man sich immer wieder einmal bewusst
machen muss, aus welchem Kulturkreis man kommt und wie
sich dieser entwickelt hat. War von Ihnen schon einmal
jemand im Museum der Deutschen Geschichte in Berlin?“,
fragt Hauptmann Seidel.
113
Leutnantsbuch
Aus unserem geistigen Höhenflug herausgerissen, schauen
wir uns an. Offensichtlich war ich der einzige, der schon
einmal dort war.
„Ja, ich, Herr Hauptmann“, sage ich und ergänze: „Ein sehr
interessantes Museum über die Deutsche Geschichte, aber
man braucht viel Zeit. Wenn man erst ’mal „durch“ ist,
bekommt man schon eine ganz gute Vorstellung von unserer
Kultur – und wie wir hier in Europa in eine Jahrtausende alte
Zivilisation eingebettet sind.“
Hauptmann Seidel pflichtet mir bei: „Sie sagen es! Ich kann
nur empfehlen, dieses Museum zu besuchen, wenn Sie ’mal
in Berlin sind. Aber noch einmal zurück zu den Werten.
Ich habe für mich ganz persönlich einmal meine Werte
zusammengefasst. Also wertvolle Dinge in meinem Leben,
die erstrebenswerte Vorstellungen von einem friedlichen
Zusammenleben und einem eigenen zufriedenen und
erfüllten Leben beschreiben. Sie sind einerseits allgemeingültige, andererseits individuelle Werte. Die allgemeingültigen Werte Recht, Freiheit und Sicherheit bilden damit
eine gesellschaftliche Norm. Die individuellen Werte
werden von vielen Offizieren mitgetragen.
Recht beinhaltet die Bindung der Gesetzgebung an die
verfassungsmäßige Ordnung, die Bindung der vollziehenden
Gewalt und der Rechtsprechung an Recht und Gesetz,
Gewaltenteilung, Garantie der Grundrechte, den Rechtsschutz und die Unabhängigkeit der Gerichte.
Freiheit umfasst die Grundrechte in einer Demokratie wie
freie Entfaltung der Persönlichkeit, Glaubens- und
Bekenntnisfreiheit, Recht auf freie Meinungsäußerung,
Versammlungsfreiheit, Vereinigungsfreiheit, Solidarität,
114
Leutnantsbuch
Freizügigkeit, Freiheit der Berufswahl, um nur einige zu
nennen.
Sicherheit steht für Frieden und Schutz der physischen und
psychischen Unversehrtheit des Menschen. Also auch für die
unantastbare Würde eines jeden Menschen sowie die Summe
der Grund- und Menschenrechte, auf die man selbst nicht
verzichten kann. Dies bedeutet, nicht gewalttätig gegenüber
sich selbst und anderen zu sein, keinem anderen Schaden
zuzufügen, niemanden zur Gewalt zu verleiten und keine
Gewalt zu verherrlichen.
Balance im Leben zu halten, bedeutet, ein ausgewogenes
Leben zwischen den beruflichen und privaten Tätigkeiten zu
führen und auf die Bedürfnisse der Familie, das eigene
Wohlbefinden und sein Selbst zu achten. Eine Balance
besteht auch in einem regelmäßigen Wechsel zwischen
Aktivität und Ruhe sowie zwischen Alleinsein und
Gesellschaft.
Familie und soziale Kontakte innerhalb einer Gemeinschaft
sind Keimzelle und Kernpunkte menschlichen und
staatlichen Zusammenlebens.
Nächstenliebe, soziales und kulturelles Engagement und
ehrenamtliche Tätigkeiten halten eine Gesellschaft zusammen, machen sie lebenswert, stiften Sinn und festigen
ein gemeinsames Wertgefüge.
Wohlbefinden ist als Grundlage zur Bewältigung psychischer und physischer Belastungen erforderlich und macht
das Leben lebenswert.
115
Leutnantsbuch
Persönlichen Raum zu haben, bietet die Möglichkeit, frei zu
atmen und sich wohl fühlen zu können. Genügend Zeit für
sich selber zu finden ist lebensnotwendig. Stille, in die man
sich zurückziehen kann, um die notwendige Distanz und
Gelassenheit zu erhalten oder zurückgewinnen zu können.
Naturverständnis und Umweltbewusstsein meint, die
Schöpfung mit allen Sinnen zu erfahren und als Geschenk zu
begreifen, das auch den künftigen Generationen als
Lebensgrundlage erhalten bleiben muss.
Geistiges Wachstum hilft schließlich, Sinnzusammenhänge
zu erkennen, zu verdichten und auch anderen vermitteln zu
können.
Wenn wir über Werte sprechen, dann müssen wir auch über
Tugenden sprechen.
Tugenden helfen, die den Werten zugrunde liegenden
Zielvorstellungen, zu verwirklichen. Sie sind so etwas wie
eine ethische Wegbeschreibung und dienen gleichsam als
„Handwerkszeug“, um der eigenen Verantwortung in den
unterschiedlichen Anforderungen und Lebenssituationen
gerecht werden zu können. Sie sind also charakterliche
Fähigkeiten und innere Einstellungen, um sich gemäß den
Werten richtig und gut zu verhalten. Tugenden geben damit
dem menschlichen Miteinander eine Ordnung. Sie
berücksichtigen dabei die universell geltende „Goldene
Regel“: „Keinem anderen antun, was man selbst nicht
erleiden möchte“. Dabei müssen Tugenden im Laufe des
Lebens eingeübt und weiterentwickelt werden. Dies kann
nur im Kontext von Erfahrungen und Erlebnissen geschehen.
116
Leutnantsbuch
Es gibt eine Vielzahl von Tugenden und deren Kategorisierungen. Ich orientiere mich an den vier klassischen
Kardinaltugenden, die für Menschen, denen Macht und
Verantwortung anvertraut wurden, besonders wichtig sind,
und an den soldatischen Tugenden der Bundeswehr. Zur
weiteren Orientierung habe ich noch andere Tugenden
ergänzt, die jeder nach seinem eigenen Bedürfnis
verinnerlichen kann.
Lassen Sie mich ein paar Worte zu den sogenannten
klassischen Kardinaltugenden sagen, die uns bereits aus der
Antike überliefert sind. Sie haben davon sicher schon einmal
gehört. Diese vier Tugenden haben ihren Namen von dem
lateinischen Wort ‘cardo’ erhalten. ‘Cardo’ bedeutet ‘Türangel’. Kardinaltugenden sind also gleichsam die Dreh- und
Angelpunkte in einem Wertesystem. Gerechtigkeit, Klugheit, Tapferkeit und Mäßigung sind die Kardinaltugenden,
an die sich weitere Tugenden anschließen.
Die Gerechtigkeit steht an erster Stelle und bildet wiederum
die Grundlage für die übrigen Kardinaltugenden. Sie meint
einen nach moralischen Maßstäben angemessenen Ausgleich
von Interessen und ist die anerkannte Norm menschlichen
Zusammenlebens unter Verzicht auf Privilegien. Durch
Fairness und verlässliche Partnerschaft gilt es, dem anderen,
aber auch sich selbst, gerecht zu werden. Nach der
realistischen Sicht der Dinge – damit ist eben die Klugheit
gemeint – gilt es, die Situation gerecht zu interpretieren.
- Der Gerechte fordert das Gleichgewicht zwischen
Rechten und Pflichten.
- Der Gerechte benachteiligt niemanden.
- Der Gerechte richtet auf und ordnet.
- Der Gerechte will es zum Guten richten.
117
Leutnantsbuch
-
Der Gerechte wurzelt in der Menschenwürde und
den Menschenrechten.
Der Gerechte fordert Chancengleichheit.
Der Gerechte handelt fair und ist berechenbar.
Der Gerechte scheut keine Rechenschaft.
Der Gerechte fordert den Ausgleich zwischen
Individualismus und Kollektivismus.
Der Gerechte ist barmherzig.
Die Klugheit ist die Fähigkeit zu angemessenem Handeln
in einem konkreten Einzelfall, unter Berücksichtigung aller
für die Situation relevanten Faktoren, individuellen Handlungsziele und sittlichen Einstellungen. Es gilt der Grundsatz: Zuerst denken, dann handeln. Durch Selbstreflexion
werden das Urteilsvermögen und die Entscheidungskompetenz gestärkt, um so vernünftig und nicht zufällig zu
handeln. Im Zusammenhang mit Klugheit wird seit Platon
die Weisheit synonym genannt. Weisheit befähigt als
„Frucht“ der Klugheit zum rechten Urteil und befähigt
weiter, die Konsequenzen des Handelns zu erkennen und zu
übernehmen.
- Der Kluge entwickelt einen Sinn für die Realität.
- Der Kluge ist scharfsinnig und stellt Fragen.
- Der Kluge reflektiert und durchschaut
Zusammenhänge.
- Der Kluge bleibt bodenständig.
- Der Kluge lernt aus Fehlern.
- Der Kluge ist vorausschauend.
- Der Klügere gibt nach, wenn es nicht wirklich um
substantielle Dinge geht.
118
Leutnantsbuch
Die Tapferkeit ist die menschliche Fähigkeit, einer
schwierigen Situation mit der Überzeugung entgegen zu
treten, etwas Gutes und Richtiges zu tun, ohne eine Garantie
auf die eigene Unversehrtheit zu erhalten. Tapferkeit wird
daher verstanden als Mut zum sittlich begründeten
Standpunkt und zum höchsten persönlichen Einsatz unter
Inkaufnahme von Risiken bis zur Hingabe des eigenen
Lebens. Tapferkeit stellt nach Aristoteles die ausgewogene
Mitte zwischen Tollkühnheit und Feigheit dar. Sie ist damit
die konkrete und energische Umsetzung von Klugheit und
Gerechtigkeit in die Tat.
- Der Tapfere verteidigt das sittliche Gute.
- Der Tapfere ist bereit, dafür Verwundung und sogar
den eigenen Tod hinzunehmen.
- Der Tapfere hält mehr stand, als dass er angreift.
- Der Tapfere ist verlässlich und gibt seine Hoffnung
nicht auf.
Die Mäßigung, oft auch Besonnenheit genannt, als ein
bewusstes Maßhalten zwischen einem ungesunden Übermaß
und vollständigem Verzicht, wirkt jedem Extrem entgegen
und lässt Spannungen gar nicht erst entstehen. Das Maß
zwischen Müßiggang und Arbeitssucht ist Disziplin und
Fleiß, das Maß zwischen Geiz und Verschwendung ist
Großzügigkeit und zwischen blinder Gefolgschaft und
Willkür ist es Loyalität.
- Der Maßvolle sucht das richtige und „angemessene“
Mischungsverhältnis zwischen Zuviel und Zuwenig.
- Der Maßvolle bestimmt stets das rechte Maß neu.
- Der Maßvolle meidet jegliches Extrem.
- Der Maßvolle kennt seine Grenzen.
119
Leutnantsbuch
Weil der Philosoph Platon für diese hier dargestellten
Zusammenhänge einmal das sehr treffende Bild von einem
Wagenlenker und einem Pferdegespann verwendet hat,
spricht man bei den Kardinaltugenden manchmal auch von
dem 'Viergespann'.
Das Christentum kennt aber auch die sogenannten drei
christlichen Kardinaltugenden, die im 13. Kapitel des Ersten
Korintherbriefes dargestellt werden, nämlich Glaube,
Hoffnung und Liebe. Und an erster Stelle steht dabei die
Liebe. Diese Tugenden werden oft als Kreuz, Anker und
Herz dargestellt. Vielleicht lesen sie diesen schönen Text im
Neuen Testament einmal nach – ich versichere Ihnen, es
lohnt sich.
Soviel zunächst einmal zu den sogenannten Kardinaltugenden.“
„Herr Hauptmann“, schaltet sich Annette aufgeregt ein,
„jetzt weiß ich endlich auch, was Kreuz, Anker und Herz in
diesem Zusammenhang bedeuten. Meine Oma hat mir
nämlich ein goldenes Halskettchen vererbt, an denen diese
drei Symbole als Anhänger aufgereiht sind. Meine Oma hat
sich also sicher etwas dabei gedacht und ich habe das bis
eben gar nicht gewusst! Aber ich hätte da gleich noch eine
Frage. Sind diese Tugenden nicht, na ja, ein bisschen wenig?
Mir fallen auch noch ganz andere Tugenden ein, die mir hier
einfach fehlen. Ganz besonders natürlich typische Tugenden
unseres Berufes. Ich meine aber auch, dass es noch viel
mehr Tugenden gibt, die wohl auch in unterschiedlichen
Berufen unterschiedlich „bewertet“ werden.“
120
Leutnantsbuch
„Ja, was ist zum Beispiel mit Respekt oder Pünktlichkeit?“,
fragt Peter.
„Recht haben Sie! Ich war ja auch noch nicht ganz fertig!
Soldatische Tugenden sind für mich Kameradschaft, Treue
und wiederum Tapferkeit.
Kameradschaft ist die Pflicht jedes Soldaten, seinem
Kameraden unter allen Umständen – auch unter
Lebensgefahr – beizustehen. Das Besondere an der
soldatischen Kameradschaft ist, dass sie nicht an persönliche
Verbundenheit im Sinne von Freundschaft oder bloßer
Kumpanei gebunden ist, sondern von jedem Soldaten als
Dienstpflicht gefordert wird. Die Kameradschaft verpflichtet
alle Soldaten, die Würde, die Ehre und die Rechte des
Kameraden zu achten und ihm in Not und Gefahr
beizustehen. Die Pflicht zur Kameradschaft schließt
gegenseitige Anerkennung, Rücksicht, Fürsorge und
Achtung fremder Anschauungen ein.
Treue gegenüber der Bundesrepublik Deutschland und
damit Treue gegenüber unserer Werteordnung sowie dem
Primat der Politik meint die Anerkennung und gewissenhafte
Umsetzung von verbindlichen Weisungen der demokratisch
legitimierten Bundesregierung. Neben der Umsetzung gehört
zur Treue auch, alles, was die Auftragserfüllung beeinträchtigen würde, zu unterlassen. Treue zeigt sich in
bestimmten Verhaltensweisen wie Einsatzbereitschaft, Zuverlässigkeit, Gehorsam und der gewissenhaften Erfüllung
der soldatischen Pflichten. Die besondere Treuepflicht für
Soldaten beinhaltet auch die Hinnahme von erhöhten
Gefahren. Treue basiert auf Vertrauen und Loyalität.
121
Leutnantsbuch
Tapferkeit habe ich ja bereits als Kardinaltugend
dargestellt. Weil diese Tugend aber die klassische
Soldatentugend darstellt, will ich sie noch etwas genauer
ausführen. Sie gilt als fester Bestandteil der soldatischen
Treuepflicht. Hier wird dem Soldaten verdeutlicht, dass er in
Überwindung persönlicher Angst handeln soll und im
äußersten Fall auch sein Leben für die durch ihn zu
verteidigenden Güter einsetzen muss. Tapferkeit ist damit
ein Ziel der Erziehung und Selbsterziehung des Soldaten,
dessen Wille zur treuen Pflichterfüllung stärker als die
Furcht ist. Die Verteidigung von Recht und Freiheit macht
somit den Einsatz des ganzen Menschen notwendig.
Die soldatischen Tugenden ergeben damit eine Norm für den
Soldatenberuf mit Gesetzescharakter.
Und es gibt selbstverständlich – wie Sie schon festgestellt
haben – eine Menge weiterer Tugenden. Ich habe mir einmal
ein paar aufgeschrieben, was mir dabei noch so in den Sinn
gekommen ist. Und weil mir dazu eine Systematik schwer
fällt, habe ich sie einfach alphabetisch geordnet.“
Hauptmann Seidel kramt in seiner Tasche, zieht einen Zettel
heraus und liest vor:
„Achtsamkeit, Anständigkeit, Aufgeschlossenheit,
Aufmerksamkeit, Aufrichtigkeit, Ausdauer,
Ausgeglichenheit, Barmherzigkeit, Beharrlichkeit,
Bescheidenheit, Besonnenheit, Beständigkeit, Dankbarkeit,
Demut, Disziplin, Durchsetzungswille, Echtheit, Ehrlichkeit,
Entschlossenheit, Fairness, Flexibilität, Geradlinigkeit,
Gelassenheit, Großmut, Güte, Hingabe, Höflichkeit,
Kritikfähigkeit, Lernfähigkeit, Menschlichkeit, Mitgefühl,
Mitleid, Mut, Objektivität, Offenheit, Opferbereitschaft,
Ordnungssinn, Pflichtbewusstsein, Pünktlichkeit,
Rechtschaffenheit, Respekt, Sachlichkeit, Sauberkeit,
122
Leutnantsbuch
Selbstbeherrschung, Selbstlosigkeit, Sparsamkeit,
Solidarität, Taktgefühl, Tatkraft, Toleranz,
Unbestechlichkeit, Unparteilichkeit,
Verantwortungsbewusstsein, Vernunft, Verschwiegenheit,
Vertrauen, Wahrhaftigkeit, Zurückhaltung.
Die Liste ist sicher nicht vollständig und Sie können sich ja
selbst überlegen, welche Tugenden Ihnen noch fehlen.
Wichtig ist: Mit der Beschreibung der eigenen Persönlichkeit, den Werten und Tugenden ist die eigene Wahrnehmung abgeschlossen.
Lassen Sie mich noch einmal zu den Aufforderungen
zurückkommen, die ich in Bezug auf die Selbstbestimmtheit
genannt hatte. Ich habe da noch ein paar mehr.
4. Akzeptiere Dich!
Nimm Dich so an, wie Du wirklich bist! Die Selbstwahrnehmung ist die eine Seite der Medaille, die aber nichts
ist ohne die andere Seite, das Annehmen der eigenen
Persönlichkeit mit ihren verinnerlichten Werten, Überzeugungen und Tugenden. Sich zu akzeptieren, wie man
wirklich ist, bedeutet nicht, vor weniger ausgebauten
Fähigkeiten oder gar Schwächen zu resignieren. Die Aufforderung zur Selbstakzeptanz meint, Stärken und
Schwächen richtig einzuschätzen, das Entwicklungspotenzial der eigenen Persönlichkeit zu erkennen und auf
angemessene und sinnvolle Weise damit umzugehen.
Nur wenn ich mich selbst annehme, gewinne ich an
Selbstvertrauen und kann auch andere mit ihren Stärken und
Schwächen annehmen. Tue ich dies nicht, besteht in hohem
Maße die Gefahr, an der Erfüllung meiner Aufträge zu
scheitern.
123
Leutnantsbuch
Oftmals stelle ich fest, dass man sich mit anderen Soldaten
vergleicht. Der ist besser oder schlechter als ich. Mein
Selbstwert oder auch meine innere Freiheit sollten aber nicht
aus dem Vergleich mit anderen entstehen, sondern aus
eigener realistischer Einschätzung dessen, was ich
tatsächlich will und kann. Diese Art der Selbstbeurteilung ist
schwer und erfordert intensives Nachdenken über die eigene
Person und ihr Verhalten. Eine Portion Humor oder etwas
Selbstironie können dabei hilfreich sein.
Daher gilt: Sei echt und glaubwürdig, verstelle Dich nicht,
sonst wirst Du unter Belastung und extremen Bedingungen
scheitern, möglicherweise sogar Dein Leben und das anderer
Menschen gefährden.
5. Genüge Dir selbst!
Mit dieser Aufforderung will ich die Kardinaltugend der
Mäßigung nochmals aufgreifen, da ich sie gerade in der
heutigen Zeit, in der die Möglichkeiten scheinbar grenzenlos
sind, für sehr gefährdet halte. Ich möchte deutlich machen,
dass wir eine eigene ausbalancierte und gefestigte Position
entwickeln müssen. Dies bedeutet immer auch, die Extreme
zu meiden, sich zu mäßigen und nicht jedem Trend
ungeprüft zu folgen. Maß halten ist dabei die Tugend, die
alles in eine verantwortungsvolle Richtung lenkt.
Für mich bedeutet „Genüge Dir selbst“ konkret Folgendes:
- Die eigenen Bedürfnisse und Wünsche gut kennen, sie
steuern und kontrollieren können. Ich muss nicht alles
haben, nicht alles sofort haben, nicht jedem Trend oder
jeder „Modetorheit“ folgen.
- Entspannungsmomente bewusst nutzen, Zeit mit mir
allein verbringen und so Abstand zu meinen Aufgaben
gewinnen. Gelassenheit den Dingen gegenüber entwickeln, die nicht in meiner Hand sind.
124
Leutnantsbuch
-
Die eigene Leistungsfähigkeit und ihre Grenzen gut
kennen, realistische Erwartungen haben und keine überzogenen Ansprüche stellen.
6. Behalte die Kontrolle!
Ich habe bereits mehrfach gesagt, dass das Nachdenken und
die Kontrolle des eigenen Verhaltens für uns als Offiziere
besonders wichtig sind. Damit meine ich, dass ich mein
Verhalten ständig beobachten, Beweggründe erkennen und
mein konkretes Handeln im Umgang mit Menschen
analysieren muss. Nur auf diese Weise kann ich mich
weiterentwickeln und den anvertrauten Soldaten gerecht
werden. Dies bedeutet manchmal auch, Distanz gegenüber
den Dingen zu besitzen und vorschnelle Reaktionen zu
vermeiden.
Zusammenfassend auf den Punkt gebracht kann man sagen:
„Sei wie Du bist!“ – eine selbstbestimmte Persönlichkeit.
Das ist der erste Schlüssel zur Führungskunst, ein steiniger
lebenslanger Weg mit vielen Höhen und Tiefen, den man
aber als Offizier mit Führungsverantwortung frühzeitig
antreten muss. Nur wer sich selbst führen kann, kann auch
andere Menschen führen. Und im Sinne der Inneren Führung
möchte ich dazu noch ergänzen: Wer Menschen führen will,
muss Menschen mögen.“
Hauptmann Seidel blickt uns nach diesen Ausführungen der
Reihe nach an. Es herrscht eine fast feierliche Stille. Wir
hören nur das Gekritzel von Cindy, die angefangen hat, sich
einige Notizen zu machen.
„Sie brauchen sich das nicht aufzuschreiben“, sagt
Hauptmann Seidel. „Ich habe vor einigen Monaten ein paar
Notizen dazu gemacht. Kein Vortrag oder so, einfach nur ein
125
Leutnantsbuch
paar Stichworte. Das gebe ich Ihnen gerne mit, vielleicht
können Sie ja mal einen kleinen Vortrag daraus entwickeln.
So etwas kann man immer gut gebrauchen – besonders im
Kameradenkreis. Schließlich sind Sie nicht alleine als
Offizieranwärter!“
Nach einer kurzen Pause kommen wir „geplättet“ in den
Kompaniebesprechungsraum zurück. Hauptmann Seidel
lächelt uns an und sagt: „Lassen Sie sich nicht entmutigen
durch meinen theoretischen Vortrag! Denken Sie an die
vielen Geschichten, die wir gestern ausgetauscht haben.
Daran können Sie all das messen, was ich Ihnen eben zu
erklären versucht habe. Außerdem geht das Leben weiter! In
vierzig Minuten stehen Sie vor der Front auf dem
Formalausbildungsplatz! Da müssen Sie konzentriert sein.
Auf geht’s!“
Annette, Peter, Markus, Jonas, Marcel, Cindy und ich
bedanken uns bei Hauptmann Seidel, auch wenn wir noch
nicht alles verarbeitet haben.
„Herr Hauptmann, Sie hatten angeboten, uns Ihre Notizen
verfügbar zu machen. Wir sind ja nur noch kurze Zeit hier.
Wäre es möglich, dass wir die Unterlagen noch in dieser
Woche bekommen?“
„Kein Problem“, antwortet Hauptmann Seidel mit einem
Blick auf seine Uhr. „Sie müssen los, sonst wird es eng für
die Formalausbildung!“ Dann scheucht er uns aus dem
Besprechungsraum.
126
Leutnantsbuch
Offizieranwärter Frank
Im Restaurant
H
eute ist Donnerstag und Offizierweiterbildung stand auf
dem Ausbildungsprogramm. Wir haben das Blüchermuseum in KAUB am RHEIN besucht und bei einer
Geländebesprechung den Blücherschen Rheinübergang in
der Neujahrsnacht 1814 nachvollzogen. Uns war gar nicht
bewusst, dass die Befreiungskriege (1813–1815) eine der
Traditionslinien der Bundeswehr sind. Annette, Peter,
Markus, Jonas, Michael, Cindy und ich sitzen am Abend mit
den Teilnehmern der Weiterbildung in der „Bachforelle“,
einem kleinen und netten Restaurant in KAUB und lassen
den Ausbildungstag ausklingen. Heute war viel von
Tapferkeit die Rede gewesen und wir erinnern uns an den
Vortrag von Hauptmann Seidel vor wenigen Tagen im Besprechungsraum der 3. Kompanie, als er von der Kardinaltugend „Tapferkeit“ sprach.
„Ja, das stimmt“, ergänzt an dieser Stelle der Kommandeur,
der sich zu uns an den Tisch gesetzt hat, „auch in unserer
Bundeswehr haben wir genügend Beispiele, von denen wir
etwas über Tapferkeit lernen können“.
Dann fragt ein Hauptmann, der neu an den Tisch gekommen
ist: „Wie kommen Sie denn auf den Begriff der Tapferkeit?
Ich habe vorhin schon das ein oder andere Gespräch
aufgenommen, das unsere jungen Offizieranwärter hier
geführt haben.“
Hauptmann Seidel ergreift das Wort. „Wenn Sie erlauben,
Herr Oberstleutnant“, wendet er sich an den Kommandeur
und fährt fort: „Wir, das heißt diese Offizieranwärter hier
127
Leutnantsbuch
und ich, haben schon einige Male zusammen gesessen und
uns über das Besondere unseres Berufes unterhalten.
Eigentlich fing alles ganz harmlos an, als sie mich fragten,
was mein berufliches Selbstverständnis sei. Seitdem haben
wir während verschiedener Gespräche mit anderen
Offizieren immer wieder Erlebnisse ausgetauscht, die das
Besondere am Offizierberuf ein wenig verdeutlichen. Und
gerade heute, als Herr Schmidt, der Museumsführer, uns
sehr bewegend von den Ereignissen während der Befreiungskriege erzählte, kamen wir auf den Begriff
Tapferkeit zu sprechen.“
„Ach so“, antwortet der Hauptmann und legt seine Stirn ein
wenig in Falten. „Aber Recht gebe ich Ihnen, Herr
Oberstleutnant! Tapferkeit als soldatische Tugend erleben
wir auch in unserer Bundeswehr – und das nicht nur in den
Einsätzen!“
Der Kommandeur, der gerade sein Essen bestellt hat,
ermuntert alle am Tisch, ein Erlebnis oder eine kleine selbst
erlebte Geschichte zu erzählen. Er meint, das sei eine gute
Gelegenheit, einmal über Tapferkeit nachzudenken. Fast
hört sich das wie ein Auftrag an, entsprechend ruhig bleibt
der Tisch. Der Kommandeur schaut in die Runde. Endlich
meldet sich ein Oberleutnant zu Wort.
„Ich weiß zwar nicht einhundertprozentig, ob der Begriff
Tapferkeit passt, aber ein Erlebnis hatte ich, das ich gerne
erzählen möchte.“ Und so beginnt erneut der Austausch
eigener Erfahrungen. Erlebnisse werden erzählt, dazwischen
wird kurz diskutiert. Meistens aber bleiben die kleinen
Geschichten für sich im Raum stehen und wirken aus sich
heraus. Dann folgt der erste Bericht …
128
Leutnantsbuch
Wasserwärts Marsch!
E
nde
Januar,
minus
achtzehn
Grad,
Schlauchbootausbildung auf der Donau. Zwei
Schlauchboote liegen nebeneinander, die zugehörige
Ausrüstung ist sauber daneben aufgereiht. Halte-,
Bindeleinen, Paddel, Blasebälge und vieles mehr liegt in
Reih und Glied vor uns. Wir Lehrgangsteilnehmer stehen im
Gefechtsanzug um die Boote versammelt und blicken uns
fragend an: Paddeln bei diesem Wetter? Als ich vorher aus
der Feldflasche trinken will, ist diese gänzlich eingefroren.
„Bei gutem Wetter kann ja jeder“, meint unser Hörsaalleiter,
als hätte er unsere Gedanken gelesen. Das heißt für uns
Boote aufrüsten und Schwimmwesten anlegen. Das
Bootszubehör wird dabei an den vorgesehenen Plätzen
verstaut und befestigt.
Als Abschluss unserer Ausbildung am großen Schlauchboot
ist ein Wettkampf zwischen zwei Schlauchbooten à neun
Oberleutnante beziehungsweise Fahnenjunkern angesetzt.
Das am Vortag Gelernte soll vertieft und selbstständig
angewendet werden. Aufgabe ist es, das Schlauchboot zu
Wasser zu bringen, die Donau zu queren, bis zur circa 400
Meter oberstrom gelegenen Brücke und retour zu paddeln.
Die Mannschaft, die als erste ihr Boot wieder an Land
abstellt hat gewonnen. Der Hörsaalleiter verteilt uns auf die
beiden Boote, wobei ich eine Mannschaft führen darf. Es
gibt zwar keinen Preis für die Gewinner, aber es geht um die
Ehre. Umso mehr sind wir alle motiviert und heiß auf das
Rennen. Die Vorbereitungen beginnen. Ich vergewissere
mich nochmals kurz, dass die Abläufe und Kommandos
noch von der Vorausbildung bekannt sind. In der Hoffnung,
das Schlauchboot möge straffer im Wasser liegen, lasse ich
mittels Blasebalg nochmals die Luftkammern nachfüllen.
Die Kameraden verteilen sich der Größe nach an beiden
129
Leutnantsbuch
Seiten. Die Stimmung ist gut. Alle warten auf das
Startkommando. Doch dann kommt Gemurmel auf: „Der
Einstieg ist vereist. Wir kommen überhaupt nicht ans
Wasser“, meint ein Kamerad. Jetzt prüfe auch ich die Stelle
genauer und tatsächlich, eine solide Eisplatte versperrt die
Einsetzstelle. So können die Boote nicht gewassert werden.
Ansonsten besteht das diesseitige Ufer nur aus bewachsener
Böschung, zu steil zum Wassern. Heißt es nun
Ersatzausbildung? Fällt der Wettkampf etwa im wahrsten
Sinne des Wortes ins Wasser? Guter Rat ist jetzt teuer. Doch
unser Hörsaalleiter meint nur lässig: „Männer, wir Pioniere
machen keine Probleme, wir lösen Sie! Ich habe gerade eben
telefoniert: In fünf Minuten ist ein Schaufelbagger hier.“
Und tatsächlich biegt nur wenig später ein gelber Radlader
um die Ecke in den Hafen ein. Nach zehn Minuten Knacken
und Knirschen ist der Einstieg eisfrei und die Ausbildung
kann tatsächlich losgehen. Unser Hauptmann hatte die
Situation schon früh erkannt und zeitgerecht gegengesteuert.
Er war uns wieder einmal einen Schritt voraus. Sein
unkonventionelles Handeln hat uns alle beeindruckt. „Trick
siebzehn“, wie wir solche Aktionen nennen, hat wieder
funktioniert. Wir nehmen erneut unsere Startposition ein
und warten gespannt auf das Rennen. Endlich kommt das
Kommando: „Auf die Plätze, fertig, los!“. Ich lasse das
Schlauchboot auf die Schultern heben und gemeinsam heißt
es: „Wasserwärts Marsch!“. Wir versuchen, im Gleichschritt
zügig
voranzukommen,
denn
trotz
der
guten
Gewichtsverteilung merkt man doch die Masse des Bootes.
„Leichtes Übergangsmittel“, keucht der Kamerad neben mir.
Gleichauf mit der anderen Mannschaft erreichen wir die
Donau. Am langen Arm schieben wir unser Boot ins Wasser.
Ich rücke zuerst ein, der Anleger zuletzt. Mit einem
kräftigen Ruck drückt dieser uns los. Wir paddeln an,
geradewegs auf die Donau hinaus. Die Strömung erfasst das
130
Leutnantsbuch
Boot und ich nehme sofort Gierstellung ein, um nicht
unnötig Strecke zu verschenken. Beim Überqueren nimmt
die Strömung zur Mitte des Flusses immer mehr zu und wir
müssen das Boot mehr zur Stromlinie hin drehen. Fast
zeitgleich mit der gegnerischen Mannschaft erreichen wir
das jenseitige Ufer. Jetzt gilt es, Strecke zu machen. Dazu
positioniere ich uns so nah wie möglich an der Uferlinie, um
der Strömung zu entgehen. Die Kameraden im zweiten Boot
legen sich direkt neben uns. Im Sandwich zwischen dem
gegnerischen Boot backbord und dem Ufer steuerbord,
paddeln wir voran. Jetzt macht sich die geringere
Stromgeschwindigkeit bemerkbar und wir gewinnen
langsam die Führung. Ich treibe meine Kameraden an. Auf
mein Kommando “Eins“ holen die Männer ihr Paddel vor
und mit einem „Zwo“ ziehen sie kräftig durch. So schaffen
wir es mit kraftvollen Zügen, unseren Vorsprung
auszubauen. Das „Eins-Zwo“ ist dabei weit zu hören. Es ist
Motivation und Taktgeber zugleich. Das Rennen dauert
schon eine Weile an, sodass die ersten Muskeln anfangen zu
brennen. Die ersehnte Wendemarke ist aber noch weit.
Vielleicht haben wir erst die Hälfte der Wegstrecke zur
Brücke geschafft. Unglaublich, wie sehr doch die Strömung
das Schlauchboot bremst und unsere Kraft aufzehrt.
Unaufhörlich strömt das dunkle Wasser unter uns hindurch.
Jetzt heißt es durchzuhalten. Die Mannschaft nimmt das
Tempo zurück, damit die Männer ihre Kräfte schonen
können. Wir müssen uns das Rennen einteilen. Trotz der
minus achtzehn Grad schwitzt mittlerweile jeder an Bord.
Die Kälte macht sich dennoch bemerkbar. Immer wieder
müssen Paddel abgeklopft werden, weil das Wasser während
des Vorholens auffriert. Erstaunt schaue ich mich um und
auch am Steuerpaddel hat sich eine dicke Eisschicht
gebildet. Wie schon gesagt, bei schönem Wetter kann ja
jeder.
131
Leutnantsbuch
Endlich erreichen wir die Brücke. Ich drehe das Boot und
stelle es diesmal voll in die Strömung. Man merkt sofort,
wie wir erfasst werden und an Geschwindigkeit zunehmen.
Bei der Wende bemerken die Männer den Vorsprung und
sind erleichtert. „Das waren die längsten vierhundert Meter
meines Lebens“, ergänzt jemand treffend. Den Weg zurück
müssen wir lediglich den Vorsprung halten. Ich prüfe
regelmäßig den Abstand zum gegnerischen Boot.
Tatsächlich setzt die gegnerische Mannschaft noch einmal
zum Konter an und wir müssen ebenfalls nachlegen, wollen
wir gewinnen. Ich treibe die Jungs ein letztes Mal an:
„Männer, das sind die letzten Meter! Jetzt gilt’s!“ Nun
macht es sich bezahlt, dass wir unsere Kräfte auf dem
Rückweg geschont haben. Die Mannschaft nimmt den Takt
an und steigert nochmals die Schlagzahl. Die
Außentemperatur, das Eis am Paddel, all das ist vollkommen
vergessen. Schließlich können wir mit unserem
Schlusssprint den gegnerischen Konter doch noch parieren.
Als Erste legen wir im Hafen an und nehmen das Boot aus
dem Wasser. Als Gewinner stellen wir unser Boot im Ziel
ab. Zurück trug sich das Boot merkwürdigerweise leichter.
Wir beglückwünschen uns gegenseitig und ich zolle der
Mannschaft für die erbrachte Leistung meinen Respekt.
Unsere Fitness und Robustheit hat sich ausgezahlt. Da
kommen auch meine Kameraden auf mich zu und klopfen
mir auf die Schulter: „Gut gemacht!“ Auch unser
Hörsaalleiter gratuliert. Zum Dank durften wir den
Nachmittag beenden und in die Kaserne marschieren,
während die Zweitplatzierten zurückbauen. Aber das gibt es
bei uns nicht. Gemeinsam bereiten wir als Hörsaal nach und
verlegen zurück. Eine anstrengende Ausbildung haben wir
wieder im Team gemeistert. Ich bin stolz, durch meine
Führerleistung überzeugt und meine Kameraden trotz
132
Leutnantsbuch
widrigster Umstände motiviert zu haben. Deren
Anerkennung ist für mich von besonderem Wert und lässt
mich mit Freude auf zukünftige Führungsaufgaben blicken.
Wir haben im Laufe unserer Offizierausbildung vieles erlebt
und zusammen bewältigt. Und von diesen Erlebnissen sind
es diejenigen, die einem Außerordentliches abverlangt
haben, die uns in Erinnerung bleiben oder überhaupt
erzählenswert sind.
HI
Gestalte erlebnisorientierte Ausbildung erfinderisch, sodass
die Teilnehmer der Ausbildung immer wieder vor neue
Herausforderungen gestellt werden. Achte aber darauf, dass
gerade in der Planung sowohl alle relevanten Befehle und
Vorschriften, als auch alle vorhandenen und möglichen
Ressourcen für diese Ausbildung berücksichtigt / genutzt
werden. Schließlich ist dieser Prozess der Schlüssel zum
Erfolg. Sind diese Punkte berücksichtigt, kannst du mit
dieser Ausbildung psychische und physische Robustheit,
Leistungsfähigkeit und Teamfähigkeit bei den Teilnehmern
fördern. Diese Eigenschaften sind unverzichtbare
Kernqualitäten unseres Berufes.
133
Leutnantsbuch
Vorurteile
H
offentlich kommst Du nie in eine Situation, wo Du auf
die angewiesen bist!“ „Das Einzige, was die
verteidigen, ist ihr Leben.“ Es hagelte von allen Seiten auf
mich ein, während ich mich in der Vorbereitung für meinen
Einsatz im SUDAN befand. Die Kritik am Einsatzkontingent
aus BANGLADESCH nahm kein Ende: Kein NATOStandard hier; keine professionelle Ausbildung; Englisch?
Fehlanzeige. Ich war ernüchtert, sollte ich doch als
unbewaffneter Militärbeobachter in diesem Kriegsgebiet auf
professionelle Force Protection angewiesen sein. Ich
beschloss, diesen Worten kein Gehör zu schenken und mir
mein eigenes Urteil zu bilden.
Der erste Kontakt mit den bengalischen Offizieren der
Infanteriekompanie meiner Teamsite war freundlich, die
Gastfreundschaft herzlich. Die Offiziere sprachen in
feinstem britischen Englisch, sie waren weltoffen und
gebildet, sie führten die Kompanie mit straffer Hand und in
britischer Tradition. Aber Gastfreundschaft impliziert leider
keine professionelle Arbeitsweise, Kampfgeist oder
Tapferkeit. Unser Sektor-Hauptquartier hatte uns über die
Weihnachtszeit sämtliche Patrouillentätigkeiten aufgrund
der Sicherheitslage untersagt. Die Lord’s Resistance Army
(LRA) zog mordend und plündernd durch den KONGO und
den SÜDSUDAN. Obwohl die UNO-Truppen kein primäres
Ziel waren, wollte unser Sector Commander sein Glück
nicht herausfordern. Sein Vorgänger im Amt hatte Opfer
unter seinen Soldaten zu beklagen und wir alle wussten,
wozu die LRA mit ihren Kindersoldaten in der Lage war.
Wir saßen im Feldlager und vertrieben uns die Zeit mit
Nahbereichspatrouillen, Stabsarbeit, Volleyball und Cricket.
Einen ersten Eindruck von der Professionalität unserer
Schutzkompanie bekam ich während der nächsten Wochen.
134
Leutnantsbuch
Da der Innendienst die Moral der Teamsite aufzufressen
drohte, begannen wir Mitte Januar wieder mit Patrouillen in
unserem Verantwortungsbereich. Nach dem klassischen
Schema Befehlsausgabe – Patrouille – Debriefing
absolvierte ich meine ersten Aufträge und erlebte hoch
motivierte Soldaten und eine angenehme Arbeitsweise.
Ich liege im Bürocontainer auf meinem Feldbett und kann
nicht schlafen. Es ist kurz nach Mitternacht und ich bin Duty
Officer der Teamsite. Dem Umstand geschuldet, dass
Militärbeobachter sich im Einsatz selbst versorgen und
einquartieren, sind in dieser Nacht lediglich zwei von uns im
Feldlager einquartiert. Die Anderen sind in ihren
Unterkünften außerhalb. Lediglich unsere Infanteriekompanie sichert das Feldlager.
Es ist ruhig und das Summen der Klimaanlage lässt mich im
Halbschlaf versinken. Plötzlich reist mich ein Funkspruch
von David, unserem Automechaniker, aus dem
Dämmerzustand. Ich bin plötzlich hellwach. Überfall auf ein
Dorf, gerade zwei Kilometer von unserer Teamsite entfernt.
Ich frage David, was da los ist. Er meldet, dass die LRA mit
Macheten und Stöcken sein Dorf überfällt, wahllos tötet und
Kinder entführt. Außerdem bewegen sich ca. 500 Menschen
in Richtung unserer Teamsite, um möglicherweise Schutz
bei uns zu suchen. Mein Puls rast. Ich springe zum Tactical
Operation Center (TOC) und treffe auf einen der Zugführer.
Ich schildere die Lage und er lässt die Quick Reaction Force
(QRF) alarmieren, die Wachen verstärken und weckt seinen
Kompaniechef. Über Funk rufe ich jeden einzelnen der
Militärbeobachter, schildere die Lage und rate ihnen, ihre
Unterkunft nicht zu verlassen. Dann wecke ich den
Teamsite-Leader.
Nach fünf Minuten rollen zwei SPz leise in ihre
Alarmstellungen, die QRF steht bereit. Ruhig, ohne Hektik
werden die Wachen verstärkt. Inzwischen ist der
135
Leutnantsbuch
Kompaniechef geweckt worden und führt nun selbst. Die
Zugführer lassen ihre Züge zur Befehlsausgabe sammeln,
der Arzt bereitet sein Forward Medical Team vor. Im
Briefing Room der Militärbeobachter sitzen nun unser
Teamsite-Leader, der Kompaniechef und ein Zugführer,
unser G 2 und ich. Wir beraten an der Karte die Lage. Die
Evakuierungsrouten sind eingefahren. Innerhalb von fünf
Minuten könnten wir anfangen unser Personal aus ihren
Quartieren zu evakuieren.
Wir warten ab. Die Wache am Main Gate meldet eine
Gruppe von Menschen auf dem Weg zum Tor und weitere
auf dem Weg in die Stadt. Wenn jetzt die Flüchtlinge ins
Lager wollen, droht die Lage zu eskalieren. Unsere Teamsite
ist zu klein, wir können keine Zivilisten aufnehmen.
Außerdem könnten sich Rebellen unter die Flüchtlinge
gemischt haben. Dem souveränen Auftreten der Wache zum
Dank wenden sich die Flüchtlinge ab.
Inzwischen sind seit der Alarmierung mehr als zwei Stunden
vergangen. Wir haben Funkkontakt zu allen Teilen, die
außerhalb des Feldlagers wohnen. Sie sind in relativer
Sicherheit. Inzwischen, so erfahre ich von meinem
deutschen Kameraden in unserem deutschen Quartier, sind
Bürgerwehren mit Macheten, Pfeil und Bogen und
Kalaschnikow unterwegs, um die Rebellen zu jagen. Von
südsudanesischen Polizisten oder Armeeeinheiten sieht und
hört man in dieser Nacht nichts.
Unser Teamsite-Leader, der Kompaniechef und ich
beschließen erst nach Sonnenaufgang auf Patrouille zu
fahren.
Mit
stehender
Kommunikation
ist
die
Bedrohungslage für uns UN-Truppen überschaubarer
geworden. Außerdem will keiner riskieren, bei Dunkelheit in
die Schusslinie zu geraten oder ein zufälliges Opfer von
Selbstjustiz zu werden. Die verstärkte Wache sichert unsere
Teamsite und für den Fall einer Eskalation gibt der
136
Leutnantsbuch
Zugführer den Vorbefehl zur Evakuierung. Die Nerven sind
bei allen zum Zerreißen gespannt, aber alle behalten einen
kühlen Kopf.
Die Sonne steigt langsam über den Horizont und mit
zunehmender Helligkeit sinkt die Gefahr, da die LRA sich
ausschließlich im Schutz der Dunkelheit bewegt. Nach und
nach treffen die Militärbeobachter in der Teamsite ein und
wir bemannen die Patrouillen. Wir fahren los, um die Toten
und Verwundeten zu zählen und die Flüchtlinge zu
registrieren. Guten Morgen, Afrika.
HI
Lass’ Dich nicht von Vorurteilen vereinnahmen, sondern
mache Dir Dein eigenes Bild. Vorurteile und
Überheblichkeit beschränken Dich und die Zusammenarbeit
mit fremden Kulturen. Sei offen im Umgang mit Deinen
Verbündeten und nimm ihre Erfahrungen an.
137
Leutnantsbuch
Kameradschaft
R
ückblende:
KOSOVO – Feldlager PRIZREN – Sommer.
Die Lage im KOSOVO stellte sich uns damals als
überwiegend ruhig und übersichtlich dar, die Menschen
waren zumeist freundlich und entgegenkommend. Auch
wenn überall das aufrichtige Bemühen um Frieden und
Normalität förmlich greifbar war, sollte das Land in diesem
Sommer noch nicht zur Ruhe kommen, denn in
MAZEDONIEN eskalierte die Lage, Auswirkungen
vielfältiger Art beeinflussten auch das KOSOVO. Die Lage
war „ruhig, aber nicht stabil“.
Wir verfolgten die Ereignisse in MAZEDONIEN mit großer
Sorge, denn ein Überschwappen der Gewalt war aufgrund
der vielfältigen Verbindungen nicht auszuschließen wenn
nicht sogar wahrscheinlich. So kam die zuweilen absurd
anmutende Stimmung zustande, einerseits im Feldlager in
relativem Frieden den Auftrag zu erfüllen, andererseits mit
großer Sorge nach Süden zu blicken. Häufig war gerade
diese widersprüchliche Situation Gegenstand von Gesprächen auch abends im Kameradenkreis.
Den berühmten „freien Kopf“ sowie Ablenkung verschaffte
mir der Sport und so lief ich nahezu jeden Morgen mit einem
Kameraden, der ebenfalls aktiver Läufer war, noch vor dem
Frühstück meine Runden im Feldlager, auch wenn dies sehr
frühes Aufstehen von uns verlangte. Dafür hatten wir dann
aber die Laufstrecke fast für uns alleine.
An jenem Morgen regnete es in Strömen, die Sicht war
schlecht und das Lager wirkte wie ausgestorben. Auf Höhe
des geschotterten Kfz-Abstellplatzes, wo ein Teil der
Strecke über einen flachen Wall führte, hörten wir einen
Schuss brechen, aus dem Augenwinkel nahm ich eine
138
Leutnantsbuch
Gestalt, offensichtlich einen unserer Soldaten wahr, der in
Deckung ging, ca. 40–50 m entfernt. Auch wir gingen in
Deckung, der Regen hatte einen Teil der Straße in einen
kleinen Bach verwandelt. Beobachten war angesagt, aber wir
konnten nichts Verdächtiges erkennen. Der Soldat lag noch
immer vor uns, jedoch seltsam still und wie eingefroren. „Da
stimmt was nicht“, sagte ich in der Annahme zu meinem
Kameraden, der Soldat sei beschossen worden. Kurz
blickten wir uns an und spurteten ohne vorherige Absprache
gleichzeitig zu dem Soldaten. Sofort war klar, was hier
geschehen war – er hatte sich selbst mit dem Gewehr in den
Mund geschossen. Das war ein schrecklicher Anblick, wie er
im strömenden Regen so vor uns lag.
„Ich hole Hilfe“, sagte mein Kamerad. Ich selbst kümmerte
mich um den Soldaten: Puls und Atmung überprüfen, danach
stabile Seitenlage und ständiges Ansprechen. Schnell war
jedoch klar, dass die Verletzungen wohl zu schwer waren.
Da die Frühstückszeit näher kam, nahm auch der Personenverkehr zu, jedoch war die Masse ganz offensichtlich
froh, dass sich schon jemand um den Soldaten kümmerte.
Sein Atem wurde immer schwächer und unregelmäßiger,
setzte schließlich ganz aus. Genau in diesem Moment kam
der Rettungsarzt und übernahm sofort. Er konnte den
Soldaten zwar wieder reanimieren, aber dennoch verstarb
dieser dann einige Tage später in Deutschland.
Insgesamt war ich wohl zehn Minuten alleine mit dem
Kameraden, zehn Minuten, die mir wie eine Ewigkeit
vorkamen. Voller Blut wie ich war, ging ich in meine
Unterkunft. Jeder, der mir begegnete, machte einen großen
Bogen um mich. Doch in der Unterkunft warteten meine
Kameraden auf mich, ich wurde nicht bedrängt, aber sie
waren da.
Nachmittags dann „der offizielle Part“, Vernehmungen,
Zeugenaussagen, Skizze erstellen und vieles mehr. Dann
139
Leutnantsbuch
folgten Gespräche mit dem Psychologen, dem Pfarrer und
dem Kommandeur. Sie bemühten sich aufrichtig um mich,
im Grunde genommen kannte ich sie aber kaum. Den Abend
verbrachte ich dann wieder im engsten Kameradenkreis und
ihnen konnte ich mich dann auch richtig öffnen. Schließlich
kannte ich sie schon aus meinem Heimatverband. Bis in die
Nacht sprachen wir die Ereignisse immer wieder durch, spät
ging es zu Bett. Ich habe in dieser Nacht tief und fest
geschlafen, auch in der Folge erlebte ich keine „Flashbacks“
oder andere Auffälligkeiten an mir.
Rückblickend kann ich feststellen, dass mir das Verarbeiten
der Geschehnisse im Kameradenkreis mehr gebracht hat als
das Aufarbeiten durch Fachpersonal, so wichtig und
zwingend erforderlich das ebenfalls ist. Der Zusammenhalt
in der Gruppe, das persönliche Kennen, letztlich die
Kameradschaft waren es, die mir Halt gaben. Daher kann ich
feststellen:
Kameradschaft gibt es auch heute noch und sie hat nichts
von ihrer Bedeutung verloren. Der Führer, der angesichts der
fortschreitenden Technisierung in allen Bereichen diese
Erkenntnis nicht frühzeitig verinnerlicht und lebt, wird sich
nach meiner festen Überzeugung im Extremfall schwer tun.
140
Leutnantsbuch
HI
Betreuung und Fürsorge, wie sie durch Vorgesetzte,
Experten und Einrichtungen der Bundeswehr geleistet
werden, sind wertvolle Beiträge, um vor allem im Einsatz
Betroffenen Hilfe und Beistand zu leisten. Unabhängig
davon ist es aber vor allem eine gelebte Kameradschaft, die
in solchen Situationen verbindet und trägt. Den Zugang zu
Menschen, die Extremes erlebt haben und dadurch starken
Belastungen ausgesetzt wurden, findet jedoch meist nur,
wer über Menschenkenntnis, Einfühlungsvermögen und
Vertrauen verfügt. Der persönliche Kontakt und das
vertrauensvolle Gespräch mit den Kameraden vermitteln
Hilfe und Stärke. Sie sind durch nichts zu ersetzen.
141
Leutnantsbuch
ISAF-ANSF: eine schwierige Beziehung
M
ein Spähzug ist eingesetzt im OP NORTH,
AFGHANISTAN, als Teil der „Task Force Mazar-eSharif“ (TF MeS). Auf Grundlage der Berichte unserer
Vorgänger, der Medien und den internen Meldungen aus
dem Einsatz, haben wir uns auf das Schlimmste gefasst
gemacht. Der Auftrag der Spähtrupps ist es, möglichst
unauffällig Informationen für die übergeordnete Führung zu
sammeln. Mein Zug ist einsatzerfahren und viele meiner
Soldaten, besonders die Mannschaften, tragen bereits die
Gefechtsmedaille aus dem Einsatz von 2009/2010. In
unserer Ausbildung legten wir den Schwerpunkt auf das
Bestehen in komplexen Lagen, beispielsweise bei
Hinterhalten mit IEDs (improvised explosive devices;
improvisierte Sprengfallen) und anschließendem Beschuss
aus mehreren Richtungen. Wie zur Bestätigung wurden noch
während unseres abschließenden Aufenthaltes im
Gefechtsübungszentrum unsere Vorgänger im Einsatz auf
der Straße angesprengt, die auch wir schon sehr bald
befahren sollten. Die Soldaten kamen mit leichten
Verwundungen davon.
Für mich war schon in der Einsatzvorbereitung, spätestens
aber mit Beginn des Einsatzes, klar, dass auch meine
Soldaten und ich uns möglicherweise in solchen Situationen
bewähren müssen und das hierbei die Möglichkeit der
Verwundung oder Schlimmeres ein ständiger Begleiter sein
wird.
Beim Landmarsch von Mazar-e-Sharif (MeS) zum OP
NORTH stieg mit jedem Kilometer die Anspannung und
schließlich öffnete sich vor uns das Baghlantal. An den
Hauptstraßen sah man ständig bewaffnete Soldaten,
Polizisten und dazwischen auch einige bewaffnete Personen
142
Leutnantsbuch
in Zivil. Sie sahen entspannt aus und änderten ihr Verhalten
bei unserem Erscheinen nicht. Für mich ein Zeichen, dass sie
hier häufig ISAF zu Gesicht bekamen; die zivil gekleideten
Personen schienen zu Polizei und Armee zu gehören, hatten
sich aber vermutlich aufgrund des Winters einfach
zusätzliche Kleidung übergezogen.
Die ersten Aufträge kamen. Kein Feind, keine Meldungen
über Feind. Die alten Hasen rieten abzuwarten, im Frühjahr
gehe es wieder los. Was soll man melden, wenn sich der
Feind nicht zeigt und er nicht auf mich schießt? Taktische
Gesprächsaufklärung mit meinem englischsprechenden
Dolmetscher
wurde
schnell
zur
wichtigsten
Informationsgewinnungsmethode. Nun galt es, die richtigen
Gesprächspartner zu finden. Die Zivilbevölkerung war stets
freundlich, aber auch unzuverlässig, da sie uns scheinbar nur
das sagte, was wir hören wollten. Die hohen Würdenträger
waren für andere Kräfte wie Feldnachrichtenkräfte und
natürlich dem „Key Leader Engagement“ des Kommandeurs
vorbehalten. Aber es gab dauerhaft im Raum stationierte
afghanische Kräfte. Diese waren im ständigen Kontakt mit
der Bevölkerung und wussten am ehesten über den Feind zu
berichten. Von besonderer Bedeutung war stets der Zustand
der Wege. Im Laufe des Frühjahrs gab es ständig
Änderungen
durch
Unterspülungen,
Erdrutsche,
Überschwemmungen. Drohnen konnten oftmals nur die
halbe Wahrheit erzählen – die tatsächliche Lage vor Ort
konnte nur von Kräften am Boden verifiziert werden.
Der Gegner machte sich bemerkbar. IED hieß nun wieder
sein bevorzugtes Einsatzmittel, nachdem er erhebliche
Verluste im Kampf gegen deutsche und internationale
Einheiten erlitten hatte. Angeblich setzte er diese nur gegen
die afghanischen Sicherheitskräfte (ANSF; Afghan National
Security Forces) ein. Aber wie viel mehr hält ein Fennek im
143
Leutnantsbuch
Vergleich zu einem Pick-Up aus? Schutz ist immer eine
Frage der Größe des IED. In Baghlan wurde schon alles
zerstört, vom Fennek bis eben zum SPz Marder unserer
Vorgänger.
Karten, auf denen verzeichnet war, wo überall IEDs in
Baghlan
eingesetzt
waren,
brachten
keinen
Erkenntnisgewinn, da die Karte komplett rot markiert war
und wir fühlten uns mit den Störsendern (Jammern), nicht
unbedingt sicherer, zumal die Kommandanten der Fenneks
über Luke führten. Wo fängt Leichtsinn an, wo hört Mut und
Tapferkeit auf? Die Infanterie schüttelte mit dem Kopf, als
sie unseren Kräfteansatz sah. Es machte mich stolz, einen
dieser kleinen Spähtrupps zu führen, aber Zweifel blieben.
Es half nichts, die Aufträge führten uns immer tiefer in
angebliche und vermutete Rückzugsräume der Insurgenten.
Gesprächsaufklärung, stundenlanges Teetrinken ohne
greifbare Ergebnisse, alles Dinge, von den ich vorher
gelesen hatte, die aber in unserer Vorbereitung praktisch
keine Rolle spielten. Sie wurden nun unsere
Lebensversicherung. Die Erfahrungen unserer Vorgänger
halfen nicht weiter und meine Unterführer hörten auf, jeden
Satz mit: „Damals 2009…“ zu beginnen. Ich saß bei den
Checkpointführern beim Tee, man lernte sich kennen und
ich konnte entscheiden, ob ich das Wagnis eingehe, mit
ihnen gemeinsam Patrouille zu fahren. Darunter waren nicht
nur die afghanische Armee (ANA) und die afghanische
Polizei (ANP), sondern auch ehemalige Insurgenten, die die
Seite gewechselt hatten. Ich experimentierte, wie ich sie in
den Spähtrupp integrierte. Sie wollten immer in die Mitte,
ich wollte sie immer vorn einsetzen. Das erste Mal bewährt
hat
sich
diese
Vorgehensweise
bei
einem
Erkundungsauftrag. Gerade als ich mit meinem Spähtrupp
den befohlenen Wendepunkt gewonnen hatte und den
144
Leutnantsbuch
Auftrag als erfüllt ansah, kam der aufgeregte Anruf des vor
mir eingesetzten Polizeiführers. Er hatte ein IED gefunden.
Eine Stelle, an der jeder CIED-Ausbilder (Counter-IED)
gesagt hätte: eignet sich nicht. Aber der Führer der
afghanischen Bereitschaftspolizei (ANCOP) (Afghan
National Civil Order Police) kannte die Stelle. Nach seiner
Aussage war es bereits die komplette Sprengfalle. Die ersten
beiden wurden gefunden und das Dritte sei explodiert.
Leider berichten die ANSF nicht über jedes gefundene IED
in der Ausführlichkeit wie ISAF. Ohne Bericht kein Hinweis
in den Datenbanken. Erfahrung sticht Technik. Das IED
wurde durch meinen Spähtrupp dokumentiert und von
ANCOP geräumt – künftig war dieser Anschlagspunkt
bekannt. Das Operationsgebiet der Task Force MeS war
nicht in Gänze durch die PzH 2000 abgedeckt und so wurde
diese für besondere Operationen in einer vorgezogenen
Stellung, angelehnt an eine Basis der ANA-Spezialkräfte
(ANASF), eingesetzt. Zur Sicherung wurden immer wieder
Kräfte meines Zuges herangezogen und so lernte ich den
Kommandeur, den Koch und einzelne Special Forces
Soldaten der Truppe kennen. Diese Soldaten waren anders
als die bisherigen Bekanntschaften mit der ANSF. Sie
kämpften teilweise seit 10 Jahren gegen die Insurgenten,
konnten teilweise Englisch und hatten eine professionelle
Dienstauffassung, ähnlich unserer eigenen.
Während ich mich zunehmend in meiner Auftragserfüllung
auf die ANSF abstützte, wuchs gleichzeitig in den
Sicherheitsmeldungen eine neue Bedrohung auf. „Green on
Blue“ oder besser: „Insider Threat“. Afghanische
Einzeltäter, die zur Infiltration Uniformen der ANSF nutzen,
um nah an die ANSF sowie ISAF zu kommen und
Anschläge verüben zu können. Diese Bedrohung zielte
sowohl auf unsere afghanischen Verbündeten als auch auf
145
Leutnantsbuch
uns ab - mit häufig tödlichem Ausgang gerade auf
afghanischer Seite. Ob dies nun geplante Aktionen des
Feindes oder die Kurzschlussreaktionen Einzelner sind, die
sich aufgrund kultureller Missverständnisse ergeben, bleibt
im Nachgang meist unklar. Gerade am OP NORTH wurde
uns dies jeden Tag bewusst. Hier steht das Ehrenmal für die
drei gefallenen Panzergrenadiere, getötet durch einen
Soldaten der ANA im Eingangsbereich des OP NORTH. Ich
saß nun stundenlang ohne Schutzweste, ohne Nahsicherer,
nur mit meinem Funkgerät, der Pistole und meinem
Sprachmittler bei den afghanischen Spezialkräften. Ein
anderes Auftreten wäre ein Affront gegenüber unseren
Gastgebern gewesen. Es würde signalisieren, dass ich mich
in ihrer Umgebung nicht sicher fühle. Nebenbei wäre es
aufgrund der vorzüglichen Schießausbildung dieser Kräfte
auch ein vergeblicher Versuch, sich zu schützen. Der Koch
war von besonderem Interesse, da er durch die USSpezialkräfte einen unendlichen Vorrat an Sportgetränken
besaß. Selten sah ich die Augen meiner Soldaten heller
leuchten als an dem Tag, an dem ich mit einer Palette
Gatorade zu ihnen zurückkam. Der Kommandeur ANASF
gab mir ohne Nachfrage bei einem späteren Besuch
Informationen über ein geräumtes IED, das bisher keinem
bekannt gewesen war. Er sagte: „This bomb was for you and
me“. Die investierte Zeit und das Teetrinken zahlten sich
wieder aus. Beim Abtransport der PzH 2000 geschah, was
nicht hätte passieren sollen. Die Straße war gesperrt und der
ANASF-Kommandeur wurde in seinem zivilen PKW von
deutschen Soldaten gestoppt. Was keiner wusste, war die
Tatsache, dass sich ein toter ANA Soldat im Kofferraum
befand und er ihn in Kunduz seiner Familie übergeben
wollte. Der Kommandeur verlor die Geduld und befahl per
Handy seinen Soldaten in der Basis, auf die deutschen
Soldaten zu zielen. Die Lage eskalierte, der Sprachmittler
146
Leutnantsbuch
war überfordert und rannte wild umher. Zum Glück waren
einige US-Spezialkräfte vor Ort und diese stellten sich
zwischen die afghanischen und deutschen Soldaten.
Mein Auftrag war es, wenige Tage später wieder zu dieser
Basis zu fahren und die Lage aufzuklären. Die Stimmung
war eisig. Ich entschuldigte mich im Namen von ISAF für
den Vorfall und er gab mir sein Versprechen, deutsche
Kräfte dürften wieder bei seiner Basis eingesetzt werden.
Wir sind Gäste und haben fremde Gepflogenheiten zu
akzeptieren. Auch lange nach dem Vorfall behandelte er
mich und meinen Spähtrupp stets zuvorkommender als
andere Kräfte von ISAF. Die persönliche Beziehung zu dem
Führer vor Ort war gewachsen und bestand diese
Bewährungsprobe. Ich hatte für meinen Zug im Einsatz
einen Weg gefunden, in einem veränderten Einsatzumfeld
weiterhin Informationen für die übergeordnete Führung zu
gewinnen. Meine Befürchtung, in Gefechte und Anschläge
verwickelt zu werden, erfüllte sich nicht und dafür bin ich
jeden Tag dankbar. Zum Ende des Einsatzes verabschiedete
ich mich von so vielen Persönlichkeiten wie möglich und
wünschte ihnen und ihrem Land eine friedliche Zukunft.
Vom Nachfolgekontingent erfuhr ich wenige Monate später,
dass der Kommandeur ANASF bei einem hinterhältigen
Angriff durch einen Polizeichef mit einigen seiner Soldaten
erschossen wurde.
147
Leutnantsbuch
HI
Die Zusammenarbeit mit einheimischen Sicherheitskräften
gestaltet sich nicht immer einfach. Wir alle bekommen in der
Vorausbildung viel zum Thema interkulturelle Kompetenz
und die Besonderheiten im Umgang mit den
Sicherheitskräften und der Bevölkerung beigebracht. Die
realen Erfahrungen sowie das Miteinander sind durch nichts
zu ersetzen. Akzeptiere andere – besonders auch religiöse –
Einstellungen, gehe offen damit um. Versuche nicht,
westliche Werte und Normen als Grundlage zu nehmen bzw.
anderen aufzuzwingen. Miteinander und Verlässlichkeit
schaffen Vertrauen. Letztlich ist man voneinander abhängig
und kommt nur gemeinsam voran!
148
Leutnantsbuch
Offizieranwärter Frank
An der Offizierschule
I
nzwischen sind wir – die OA-Mannschaft – schon fast alte
Hasen. Wir sind an der Offizierschule des Heeres (OSH)
in Dresden, dem letzten Ausbildungsabschnitt vor Beginn
unseres Studiums. Hauptmann Seidel haben wir seit unserem
Truppenkommando nicht mehr gehört oder gesehen.
Wahrscheinlich hat er genauso viel zu tun wie wir.
Nur einmal, da haben wir über verschiedene Ecken erfahren,
dass er wohl versetzt werden soll.
Nach unserem Truppenkommando gingen wir gemeinsam in
die Sprachausbildung nach IDAR-OBERSTEIN. Das war
eine schöne Zeit – endlich einmal wieder mit Englisch beschäftigen. Nicht, dass ich kein Englisch könnte, aber die
Praxis fehlt einfach. Und im Laufe der Zeit vergisst man
natürlich auch das ein oder andere. Außerdem ist es ja
wichtig für unser Studium, dass wir unsere Punkte für die
neuen Bachelor- und Master-Studiengänge zusammenbekommen – und da ist die Sprachausbildung ein wichtiger
Bestandteil.
Heute ist Donnerstag, wir sitzen im Hörsaal und warten auf
unseren Hörsaalleiter. Er hat sehr kurzfristig erfahren, dass
er versetzt wird – leider, wie wir meinen. Das „Pferd“ im
laufenden Rennen zu wechseln, geht meistens nicht gut!
Aber egal. Mit dem Neuen – da sind wir uns einig – werden
wir uns schon arrangieren. Noch wissen wir nicht, wer es ist.
„Achtung“, ruft der Hörsaalsprecher, als unser Hörsaalleiter
den Raum betritt. Dann meldet er. Wir werden begrüßt,
149
Leutnantsbuch
grüßen zurück. Der Hörsaalleiter erklärt, dass der „Neue“
gleich komme, er sei noch beim Inspektionschef.
Plötzlich geht die Tür auf. Im Türrahmen – wir können es
erst gar nicht glauben – steht Hauptmann Seidel. Getuschel
unter unserer OA-Mannschaft.
„Das kann doch nicht sein!“, flüstert mir Cindy in das linke
Ohr. „Das ist doch nicht der Hauptmann!?“, ergänzt Markus,
ebenfalls mit gedämpfter Stimme in das andere Ohr.
„Doch, doch – das ist er, wie er leibt und lebt“, sage ich leise
zu beiden, „aber mit einem Unterschied: Er ist Major!“
Na herzlichen Glückwunsch, denke ich, besser hätten wir es
kaum treffen können. Mit Hauptmann, bzw. jetzt Major
Seidel haben wir uns immer gut verstanden. Schnell legen
sich meine Befürchtungen wegen des „Neuen“ und unser
Hörsaalleiter stellt ihn uns vor. Major Seidel grinst uns ein
wenig an. Ich denke, er wusste schon, dass wir in seinem
Hörsaal sind. Bestimmt hat er die Liste der Lehrgangsteilnehmer gründlich studiert.
Wenn ich so an die Zeit des Truppenkommandos
zurückdenke, kommt es mir vor, als wären Jahre vergangen.
Ich kann es kaum glauben, dass jetzt Major Seidel wieder
vor uns steht. Das trifft sich gut, denke ich, denn im
Truppenkommando hatte er uns versprochen, seine
„Theorie“ weiter zu erläutern und uns seine „Schriften“
mitzugeben. Zu beidem ist es aber damals nicht gekommen,
es war einfach zu viel los im Bataillon. Er hatte sich auch
dafür entschuldigt und gesagt: Man sieht sich immer
zweimal im Leben!
150
Leutnantsbuch
Jetzt werden wir ihn festnageln, denke ich, und nicht locker
lassen, bis wir alles wissen. Während der Sprachausbildung
hatten wir noch ein paar Mal darüber gesprochen, dass es
schön gewesen wäre, wenn unser Fähnrichoffizier die
„Sache zum Abschluss“ gebracht hätte. Jetzt ist es soweit!
In der Pause begrüßt uns Major Seidel herzlich, unsere
Namen hat er jedenfalls nicht vergessen. Und er hat auch
nicht vergessen, dass er uns noch „etwas schuldet“, spricht
uns gleich darauf an.
„Wenn Sie Lust haben, dann setzen wir uns am Montagabend wieder nett im Kasino zusammen“, sagt Major
Seidel kurz vor Ende der Pause.
„Ich habe zwei Freunde hier getroffen, mit denen ich mich
verabredet habe. Die kennen unsere berühmten „Erlebnisabende“, habe ihnen davon erzählt. Ich wette, da kommt
noch mehr zusammen.“
Wir sind begeistert, sagen zu und verabreden uns für
neunzehn Uhr am kommenden Montag im Kasino. Dabei
vergessen wir nicht, ihm zur Beförderung zu gratulieren.
Später dann:
„Major Steegemann“, stellt sich der Herr Major vor. Er ist
einer von den beiden Freunden, die Major Seidel
angekündigt hatte. Der andere heißt Major Krause. Wir sind
im Kasino und freuen uns auf den Abend. Major
Steegemann scheint erst kürzlich aus einem Einsatz
zurückgekommen zu sein. Er hat schon angedeutet, dass er
hiervon eine Menge zu berichten hat. Major Krause ist nur
zufällig in Dresden. Er hat sich mit seiner Frau ein
151
Leutnantsbuch
„kinderloses“ langes Wochenende gegönnt, und fährt erst
morgen an seinen Standort zurück.
„Major Seidel hat mir schon viel von Ihnen erzählt“, sagt
Major Krause. „Ich kann Ihnen sagen, dass ich mir auch
schon das ein oder andere Mal die Frage gestellt habe, was
das Besondere an unserem Beruf ist. Am Anfang meiner
Dienstzeit sogar ziemlich oft. Ich hätte damals gerne einen
Ansprechpartner gehabt, mit dem ich einmal unser
berufliches Selbstverständnis hätte besprechen können. Das
war aber leider nicht so.“
Nach einer Weile, in der wir unsere Erlebnisse der
zurückliegenden Wochen und Monate ausgetauscht haben,
sagt Major Seidel: „Wie sieht es denn aus bei Ihnen, haben
Sie noch ein offenes Ohr für ein paar Erlebnisse. Ich würde
da gerne noch von einer Erfahrung berichten, die ich selbst
gemacht habe und die gut in unsere Linie passt. Und Major
Steegemann und Major Krause sicher auch.“
Peter sagt: „Natürlich Herr Major! Deswegen sitzen wir
doch wieder zusammen! Allerdings muss ich gestehen, dass
ich schon bald die vielen Erlebnisse nicht mehr auseinander
halten kann. Wir haben schon soviel gehört …“
„Ja, das kann ich mir vorstellen“ sagt Major Seidel und
ergänzt: „Ich habe sogar vor kurzem angefangen, einige
meiner Erlebnisse aufzuschreiben – sozusagen ein
persönliches Erlebnistagebuch. Mal sehen, was ich daraus
noch mache.“
Dann beginnen die Anwesenden zu erzählen …
152
Leutnantsbuch
Feldposten KHANABAD
K
napp zwei Wochen sind wir schon in diesem staubigen
Feldposten, ein kleiner Lehmverschlag in der Nähe von
KUNDUZ. Die Kompanie der afghanischen Nationalarmee
(ANA, Afghan National Army), die wir als OMLT
(Operational Mentoring and Liasion Team) begleiten, soll
durch ihre Anwesenheit im Raum KHANABAD für
Sicherheit sorgen. Täglich führen wir mit unseren
Kameraden der ANA Überprüfungen durch den Einsatz von
beweglichen Checkpoints auf der Verbindungsstraße nach
KUNDUZ durch. Dazu kommen noch passive und aktive
Sicherungsmaßnahmen bei Tag und Nacht. Fast immer um
Mitternacht fängt der Beschuss auf der anderen Seite des
Flusses an, wobei sich die Afghanen auf der anderen Seite
gegenseitig beharken, angeblich kämpfen dort Taliban gegen
Miliz. Die Lichtfinger der Leuchtspurgeschosse geben dabei
Rückschluss auf die Abfeuerstelle und das Ziel. Obwohl die
andere Flussseite nur 800 m entfernt ist, wird das Feuer nicht
auf unsere Stellung eröffnet. Dabei wissen die gegnerischen
Kräfte schon seit langem, dass wir hier liegen. Sie wissen
aber auch um unsere Nachtkampffähigkeiten, genau wie
mein Pendant, der afghanische Kompaniechef. Jeden Tag
zieht er mehr Soldaten von der Nachtwache ab, weil er
meint, dass wir Deutschen das eh viel besser könnten. Ich
denke darüber nach, ihm in einem Vier-Augen-Gespräch zu
sagen, dass es so nicht weiter geht. Wir sind hier, um ihn zu
unterstützen und nicht um seine Arbeit zu machen.
Die hygienischen Zustände sind miserabel, das Essen
eintönig, die latente Gefahr allgegenwärtig. Irgendwie ist es
zu ruhig, ich werde ein komisches Gefühl nicht los. Plötzlich
ein langer Feuerstoß aus dem vorderen Bereich des
Feldpostens. Auf afghanischer Seite helle Aufregung, ich
alarmiere meine Jungs. Sofort werden alle Alarmstellungen
153
Leutnantsbuch
besetzt, meine für diesen Auftrag unterstellte deutsche
Verstärkung aus dem Provincial Reconstruction Team (PRT)
KUNDUZ bezieht blitzschnell aus den Feldbetten heraus die
Alarmstellungen, während die Mentoren ihre Pendants auf
der afghanischen Seite suchen. Unter Sicherung des ständig
besetzten Alarmpostens werden die übrigen Fahrzeuge mit
Rumpfbesatzungen und die abgesetzten Schwerpunktwaffen
besetzt sowie Verbindungsaufnahmen durchgeführt.
Absprachen zwischen den einzelnen Kampfständen und
Fahrzeugen finden statt, erste Meldungen gehen über den
Funk. Der Mörser-Mentor meldet Einsatzbereitschaft der
afghanischen 82-mm-Mörser. Da ich in diesem Fall nicht
nur Kompaniementor, sondern auch verantwortlicher Führer
vor Ort bin, habe ich doppelt zu tun. Plötzlich meldet meine
rechte Sicherung eine Gruppe von etwa sechs Personen mit
Handfeuerwaffen in 300 m Entfernung, Bewegungsrichtung
auf den Feldposten. Es ist stockdunkel. Die Gruppe wurde
durch die Wärmebildgeräte aufgeklärt, die stationär in den
Fahrzeugen und in kleineren Versionen abgesessen bei der
Infanterie genutzt werden. Die fertiggeladenen Signalpistolen werden aus den vorbereiteten Halterungen gehoben.
Die deutschen Soldaten verfügen zwar über Nachtsichtgeräte
und sind somit nachtkampffähig, unsere afghanischen Kameraden, die bei dieser Dunkelheit so gut wie „blind“ sind,
verfügen aber über eine Feuerkraft, auf die ich nicht
verzichten will.
Die Situation spitzt sich zu, die Personen kommen immer
näher. Ich befehle Feuervorbehalt. 200 m vor eigener
Stellung habe ich wie jeden Abend in der Dämmerung noch
Bodenleuchtkörper verlegen lassen. Der Verbrauch ist recht
hoch, da streunende Hunde gerne mal durch die Verdrahtung
laufen, aber dennoch sind sie ein hervorragendes Mittel, um
tote Räume und Annäherungswege des Gegners zu
überwachen. Gleichzeitig ergeben sie eine zweckmäßige
154
Leutnantsbuch
Feuereröffnungslinie,
sobald
eine
Identifizierung
durchgeführt werden konnte. Allen deutschen Soldaten ist
die Lage der Bodenleuchtkörper bekannt. Aufgrund einer
durchgeführten Geländetaufe sprechen wir alle eine Sprache.
Dann die Meldung: Aufgeklärte Personen haben Helme auf.
Sofort setze ich meinen Stellvertreter ein und nehme
Verbindung mit dem afghanischen Kompaniechef auf.
Endlich finde ich den ANA-Chef. Er steht auf der LOC,
flankiert von mindestens acht Soldaten und schaut
unglücklich die Straße hinunter. Ich frage ihn unter
Zuhilfenahme meines Sprachmittlers, ob sich eigene Kräfte
in unserer Flanke vor dem Feldposten befinden. Er verneint;
er habe sechs Soldaten entlang dieser Straße geschickt, um
einen gegnerischen Spähtrupp, nicht aber in unsere rechte
Flanke aufzuklären. Ich gebe diese Information per Funk an
unsere Sicherung weiter, befehle Feuerverbot und lasse den
ANA-Chef seine Männer wieder „einsammeln“, welche in
der stockdunklen Nacht die Orientierung verloren hatten. Ob
es je einen feindlichen Spähtrupp gab, wird nie geklärt
werden. Der ANA-Posten hatte etwas gesehen und das Feuer
eröffnet …
HI
Alles was Du in im Rahmen Deiner Ausbildung gelernt hast,
solltest Du auch im Einsatz beherzigen. Die Grundsätze
haben unverändert Gültigkeit, allein wie Du sie anwendest,
bleibt Dir überlassen und steht in Abhängigkeit zur
jeweiligen Situation. Stell’ Dich im Einsatz auf die
verschiedensten Aufträge und Lageentwicklungen ein. Sei
immer geistig flexibel, eine „Bedienungsanleitung“ für jede
Lage gibt es nicht. Beurteile die Lage stets umfassend, wäge
ab; handle schnell, aber nicht übereilt.
155
Leutnantsbuch
Jointness
W
ie wäre es denn mit DIEZ an der LAHN? Da finde
„
ich auf jeden Fall einen Dienstposten für Sie“, so
mein Personalführer während des Einplanungsgesprächs an
der Universität der Bundeswehr MÜNCHEN. Auf mein
fragendes Gesicht hin zückte er schnell seine
Deutschlandkarte. „Zwischen FRANKFURT AM MAIN
und KÖLN, direkt an der A 3 und auch nicht weit weg von
Ihrer Heimat.“ „Das hört sich doch gut an“, schoss es mir
durch den Kopf, also willigte ich in die aufgezeigte
Verwendungsplanung ein.
Wenige Monate später meldete ich mich beim Personaloffizier des Regiments, ein sogenannter Heeresuniformträger mit schwarzer Litze. Ein Pionier also, daneben
gab es noch zahlreiche Logistiker, doch etwa die Hälfte des
Offizierkorps war, wie ich, in der Luftwaffe groß geworden.
Meinen Platz fand ich erst einmal im S 3-Bereich. Anhand
einiger Präsentationen lernte ich das Regiment kennen.
Neben Auftrag und Gliederung des Stabes gaben mir vor
allem die unterstellten Verbände Rätsel auf: ein Versorgungs- und Ausbildungszentrum, ein Spezialpionierbataillon
und zwei Logistikbataillone. Der S 3-Offizier erklärte mir
den Auftrag der Bataillone, er war ausgebildeter Nachschuboffizier und hatte somit fundierte Kenntnisse über das
Regiment, das zur Streitkräftebasis gehört.
Am Nachmittag des zweiten Tages gab es die erste
Besprechung. Anlass war die Zusage der Bundesregierung,
die Bundeswehr im Rahmen der Humanitären Hilfe in
Südostasien einzusetzen. Dort hatte wenige Tage zuvor ein
verheerender Tsunami gewütet, dem insgesamt mindestens
180.000 Menschen zum Opfer gefallen waren.
156
Leutnantsbuch
Während der Besprechung hieß es dann: „Zur Koordination
der Unterstützungsleistungen wird ein Lagezentrum
eingerichtet. Leutnant M., der in dieser Minute davon
erfährt, wird mit unserem wehrübenden Major dort
eingesetzt.“ Da musste ich erst mal schlucken. Am nächsten
Morgen ging es gleich los, zunächst das Büro einrichten,
Computer besorgen und anschließen, Dokumente lesen und
Verbindungen zu den Verantwortlichen im Einsatzführungskommando der Bundeswehr, dem Kommando
Schnelle Einsatzkräfte Sanitätsdienst, der Flugbereitschaft in
KÖLN-WAHN und den unterstellten Bataillonen knüpfen.
Das Telefon klingelte. „Hier Oberstleutnant S. aus BANDA
ACEH. Schicken Sie mir mal die IATA per E-Mail.“ „Ja,
...“, dann riss die eh’ schon schlechte Verbindung ab. Der
Rückruf hatte keinen Erfolg. Das Mobilfunknetz der
indonesischen Insel war aufgrund der vielen Helfer
überlastet. Ich hatte keine Ahnung, was IATA bedeutet und
wo ich danach suchen sollte. Also begab ich mich auf die
Suche nach jemandem, der mir weiterhelfen konnte. Im
Bereich Materialbewirtschaftung traf ich auf einen
Hauptmann, den ich danach fragte. „IATA ist die
„International Air Transport Association“. Deren Bestimmungen sind für den weltweiten Flugverkehr verbindlich.
Fragen Sie mal bei Verkehr und Transport nach“, so seine
Antwort. Zwei Büros weiter der nächste Versuch:
„Oberstleutnant S. hat mich gerade angerufen, er benötigt
die Transportbestimmungen der IATA. Können Sie mir da
weiterhelfen?“ „Klar hab ich die Bestimmungen, ich sende
sie gleich an den Oberstleutnant.“ Nach nur zwanzig
Minuten war die Vorschrift via Internet auf dem Weg um die
halbe Welt nach INDONESIEN.
157
Leutnantsbuch
Jeder Soldat hat sich bewusst für eine Teilstreitkraft oder
eine Truppengattung entschieden, entweder weil er dort
seiner Traumverwendung nachgehen kann oder von den
Fahrzeugen, Schiffen oder Flugzeugen fasziniert ist. Jeder
hat einen gewissen „Waffenstolz“ entwickelt und macht
Witze über andere Bereiche. Jointness steht im Allgemeinen
militärischen Sprachgebrauch für das Zusammenwirken der
Teilstreitkräfte und militärischen Organisationsbereiche in
einer Operation. Für die Streitkräftebasis bedeutet Jointness
die Zusammenarbeit aller in der Streitkräftebasis eingesetzten Soldaten, gleichgültig ob Sie ursprünglich aus dem
Heer, der Luftwaffe oder der Marine kommen. Es geht nicht
darum, seine militärische Identität zu verlieren oder zu
verleugnen, sondern sein Wissen an der richtigen Stelle
einzubringen, alle davon profitieren zu lassen und
gemeinsam Herausforderungen zu bewältigen. Nur so ist ein
derart vielfältiges und facettenreiches Arbeitsfeld, wie die
Logistik, zu bewältigen.
HI
Die Streitkräftebasis ist der zentrale militärische
Organisationsbereich zur Unterstützung der Bundeswehr im
Einsatz und im Grundbetrieb. Sie unterstützt die Teilstreitkräfte Heer, Luftwaffe und Marine sowie den Zentralen
Sanitätsdienst der Bundeswehr durch die Wahrnehmung
von Aufgaben, die streitkräftegemeinsam effektiver und
effizienter erbracht werden können.
Durch diese Konzentration werden die Teilstreitkräfte
entlastet, Synergieeffekte genutzt und das Leistungsvermögen der Streitkräfte insgesamt gesteigert.
Die Erfahrung, einer gemeinsamen Sache zu dienen und mit
anderen zusammenzuarbeiten, stärken das Gemeinschaftsgefühl und die soldatische Identität.
158
Leutnantsbuch
Der Brief
D
ie Telefonzellen waren wieder einmal alle belegt – bis
auf die zwei, die schon seit einiger Zeit defekt waren.
Niemand schien sich darum zu kümmern. Im Einsatz ist das
besonders ärgerlich, weil die Verbindung nach Hause eine
Bedeutung bekommt, die nur versteht, wer selber schon
einmal für ein paar Monate im Einsatz war.
Aus einer der Zellen kam Oberfeldwebel M. heraus und
stapfte mit verdrießlicher Miene an mir vorbei. „Na, junger
Kamerad“, sprach ich ihn an, „wie geht’s?“ Er schaute mich
unsicher an und antwortete: „Wenn Sie’s wirklich wissen
wollen – mir geht’s heute total beschissen. Und Sie können
mir auch nicht helfen. Das ist was Privates.“
Es war bereits „Rec-time“, wie man heute im Einsatz zum
Dienstschluss sagt. Daher lud ich Oberfeldwebel M., mit
dem ich bereits in der Transall auf dem Herflug ins
Gespräch gekommen war, zu einem Getränk in die OASE
ein. Er willigte nach kurzem Zögern ein – sein Abend war
offensichtlich eh’ schon verdorben und konnte nicht mehr
schlechter werden.
Auf dem Weg zur OASE kamen wir langsam ins Gespräch.
Sein Anruf zu Hause war voll in die Binsen gegangen. Er
hatte sich so auf die Unterhaltung mit seiner Frau gefreut
und auf die Stimme seines kleinen Sohnes, der am Ende
immer noch etwas ins Telefon plappern durfte.
Stattdessen hatte sich der Junge eine schwere Erkältung
zugezogen und hustete erbärmlich. Und die Frau war von
Anfang an gereizt gewesen. Sie hatte wegen der Erkrankung
des Kindes die ganze Nacht nicht geschlafen und schließlich
am Telefon geweint, weil sie sich überfordert und
alleingelassen fühlte. Sie war wohl mit ihren Nerven
ziemlich am Ende und dann hatte irgendwie ein Wort das
159
Leutnantsbuch
andere gegeben. Nach wechselseitigen Vorwürfen hatte sie
einfach aufgelegt – ohne ein Abschiedswort.
Kein Wunder, dass Oberfeldwebel M. jetzt so griesgrämig
war. Als wir in der OASE vor unserem Getränk saßen, fragte
ich vorsichtig: „Haben Sie Ihrer Frau eigentlich schon mal
einen Brief geschrieben?“ – „Ja, damals, ganz am Anfang,
als wir uns kennen lernten. Es war sogar ein Liebesbrief. Ich
glaube, sie hat ihn heute noch in ihrer Schmuckkassette
versteckt.“ – „Und seitdem haben Sie ihr nie wieder etwas
geschrieben?“ – „Nein, wozu auch – es gibt doch Handys
und Telefon. Schreiben ist so umständlich und hier im
Einsatz dauert die Post doch ewig.“
Ich prostete dem Schreibmuffel zu und erzählte ihm, wie ich
das mit meiner Verbindung nach Hause hielt. Dabei hielt ich
ihm ganz bewusst einen kleinen Vortrag und er hörte mir
geduldig zu:
„Selbstverständlich rufe ich auch so oft wie möglich an.
Aber ich schreibe meiner Frau auch jede Woche einen Brief,
meistens am Samstag, wenn ich dafür mehr Zeit habe. Das
Briefeschreiben ist natürlich gerade anfangs etwas
ungewohnt und anstrengend. Aber Sie werden sehen – bald
macht es Ihnen keine Mühe mehr. Und Ihrer Frau machen
Sie damit eine richtige Freude. Denn jedes Telefongespräch
hier ist schneller zu Ende als einem lieb ist. Ihren Brief aber
kann sich Ihre Frau auf das Nachtkästchen legen. Da liegt
dann sozusagen ein Stück von Ihnen neben ihr. Das ist
vielleicht sogar besser als ein Bild, weil so ein Brief Ihre
Gedanken ausdrückt, Ihre Gefühle, Ihre Wünsche und Ihre
Hoffnungen, aber auch Ihre Sorgen und Ihre Befürchtungen.
Das liegt ganz an Ihnen und wie gut Sie das formulieren
können. Aber Übung macht den Meister. Dann ist so ein
Brief nicht nur ein beschriebenes Stück Papier, sondern ein
160
Leutnantsbuch
Ausdruck meiner Persönlichkeit und vielleicht sogar ein
Stück meiner eigenen Geschichte, die ich damit nicht nur
weitergebe, sondern auch bewahre.“
Oberfeldwebel M. schaute mich mit großen Augen an: „So
habe ich das noch gar nicht gesehen. Eigentlich haben Sie ja
recht. Vielleicht sollte ich meiner Frau einfach ’mal wieder
einen Brief schreiben.“
„Ja“, bestärkte ich ihn, „tun Sie das am besten noch heute
Abend. Dann können Sie gleich Ihren missglückten Anruf
aufarbeiten. Oder glauben Sie, dass Sie in Ihrem Brief alle
diese Vorwürfe noch einmal aufwärmen werden, die Sie sich
heute gegenseitig an den Kopf geworfen haben?“ – „Nein,
natürlich nicht. Mir tut es doch jetzt schon leid, was ich da
wieder alles von mir gegeben habe!“
„Sehen Sie“, sagte ich, „genau das ist der große Vorteil beim
Briefeschreiben. Man kann in aller Ruhe überlegen, was
man wirklich loswerden will. Was einmal ausgesprochen ist,
bleibt ausgesprochen. Und wenn es der größte Unsinn war.
Einen missglückten Brief kann ich in den Papierkorb werfen
und noch mal anfangen. Dann muss mir hinterher auch
nichts leid tun. Und wenn’s am Anfang wirklich schwer
fällt, dann setzen Sie doch einfach einen Entwurf auf und
schreiben ihn dann ins Reine. Ich sage Ihnen jetzt schon,
Ihre Frau wird den Brief gar nicht mehr aus der Hand geben.
Vielleicht schreibt Sie Ihnen dann auch zurück. Wäre doch
schön, wenn man ab und zu ’mal so ein leicht parfümiertes,
buntes Kuvert öffnen könnte. Und jetzt sage ich Ihnen noch
ein Letztes. Wenn Sie sich beide regelmäßig schreiben,
haben Sie am Ende ein kleines gemeinsames Einsatztagebuch in Briefform. So eine gemeinsame Erinnerung ist
dann schöner und wertvoller als jedes Kontingentbuch. Und
übrigens: unsere Feldpost ist ganz schön fix!“
161
Leutnantsbuch
Als ich Oberfeldwebel M. einige Tage später wieder an den
Telefonzellen traf, strahlte er über das ganze Gesicht:
„Meine Frau hat gestern meinen Brief bekommen. Und
meinem Junior geht es auch wieder besser. Ich glaube, sie
hat sich über meinen Brief mehr gefreut als über meinen
Liebesbrief damals. Er war aber auch mindestens doppelt so
lang, wenn nicht sogar länger! Ich habe schon wieder
geschrieben. – Aber Telefonieren finde ich trotzdem
schöner!“
HI
Im Einsatz gewinnen Betreuungsleistungen wie zum Beispiel
private Fernmeldeverbindungen ins Heimatland eine
besondere Bedeutung. Die gewohnten Heimatstandards
können aber nicht immer gewährleistet werden. Dann
kommt es darauf an, sich auf eine alte Tugend
zurückzubesinnen – das Briefeschreiben. Die Feldpostämter
in den Einsatzländern sind sehr leistungsfähig und zuhause
freuen sich alle auf einen Feldpostbrief. Früher war das oft
monatelang das einzige Lebenszeichen. Heute ist der
persönliche Brief eine Möglichkeit, einen Einsatz für die
Angehörigen im wörtlichen Sinn „begreifbarer“ und damit
transparenter zu machen. Auch das schafft Verständnis und
Vertrauen.
162
Leutnantsbuch
Glauben hilft!
M
eine Mutter war streng katholisch und so wurde ich
auch erzogen. Als kleiner Bub schon war ich in
kirchlichen Jugendgruppen und Ministrant. Mit der Pubertät
kam dann der Bruch. Ich ging auf Tauchstation und hatte mit
Kirche nicht mehr viel am Hut. Ich wurde sozusagen
„U-Boot-Christ“ und tauchte nur noch gelegentlich in der
Kirche auf.
Doch dann kam mein erster Auslandseinsatz. Die Monotonie
der 7-Tage-Woche, unterbrochen nur durch den freien
Sonntag-Vormittag, der gewöhnlich zum Containerputzen
oder zum Kirchgang genutzt wurde. Wir hatten zwei
Militärseelsorger, die sich mit dem Sonntagsgottesdienst
abwechselten. Ich hatte mir vorgenommen, sowohl den
katholischen als auch den evangelischen Militärpfarrer
zumindest einmal in ihrem Kirchenzelt zum Gottesdienst zu
besuchen. Ich war von beiden angenehm überrascht. Ihre
Predigten hatten ganz realen Bezug zu unserem Einsatz, zu
Dingen die uns beschäftigten. So ging ich über Monate
wieder regelmäßig in die Kirche und kam beim
Kirchenkaffee, dem anschließenden Kaffeetrinken, mit
anderen Gottesdienstbesuchern ins Gespräch. Das Wort
Gespräch wähle ich bewusst; denn es war mehr als
Diskussion, Debatte oder Meinungsaustausch. Es waren
persönliche Gespräche, in denen man ein Stück seiner
Gefühle, seines Glaubens und seiner Zweifel preis gab und
sich ein gutes Stück weit offenbarte, wie ich es außerhalb
der Familie oder dem engsten Freundeskreis nicht für
möglich gehalten hätte.
Nach dem Einsatz suchte ich dann den Kontakt zu meinem
Standortpfarrer, und siehe da, auch er ist ein ganz
vernünftiger Mensch.
163
Leutnantsbuch
Er brachte mich mit anderen Soldaten zusammen, die sich
mit ähnlichen Fragen der vermeintlichen Widersprüche
zwischen Soldat- und Christ-Sein beschäftigten und gab mir
Schriften der GKS zu lesen.
Diese Gemeinschaft Katholischer Soldaten ist mir mittlerweile zur geistigen Heimat geworden. Das christliche
Menschenbild und die abendländischen Werte, die im Kern
ja christliche sind, habe ich als das Fundament meines
soldatischen Dienens erkannt.
Im SFOR-Einsatz, wo wir einer geschundenen Bevölkerung
die Chance auf ein Leben ohne Willkür und Gewalt, auf
einen friedlichen Wiederaufbau und eine Aussöhnung der
Ethnien ermöglicht haben, war alles ganz einfach. Als
Offizier, der noch in Zeiten des Kalten Krieges zur Bundeswehr gekommen war, war ich stolz: Ich war vom
„Kriegsverhinderer“ zum Friedensgestalter geworden.
Doch später im ISAF-Einsatz, als es um Schusswechsel mit
Aufständischen, um getötete Kameraden und Taliban ging,
die Raketen auf unser Lager schossen und mit Sprengfallen
und „Suicide-Bombern“ unsere Konvois angriffen, wurde es
schwieriger.
Doch genau hier bewahrt mich mein christliches Menschenbild vor Rache und Überheblichkeit. Ich erkenne in der
afghanischen Bevölkerung ebenso das Ebenbild Gottes wie
in den Europäern. Ich begegne ihr mit Respekt und bin in
ihrem Land, um ihr zu helfen. Dennoch kann ich den Feind
aber genauso konsequent bekämpfen, ja notfalls sogar töten,
wenn dies die einzige Möglichkeit ist, ihn von seinen
Kampfhandlungen abzubringen. Natürlich braucht man nicht
zwingend ein christliches Wertefundament, um die Regeln
des Kriegsvölkerrechtes einzuhalten. Aber die Erfahrungen
anderer Streitkräfte zeigen, dass dort, wo die Angst vor
Strafverfolgung und ein prägendes Wertefundament fehlen,
die Hemmschwellen sinken.
164
Leutnantsbuch
Als Offizier, der einen so unmittelbaren Bezug zu Verwundung und Tod, zum Töten und getötet werden hat, und
dies nicht nur für sich selbst, sondern auch die Verantwortung trägt, ist mir eines klar: Der christliche Glaube gibt
mir einen inneren Wertekanon, der auch dann noch wirkt,
wenn in einer Ausnahmesituation jede äußere Aufsicht fehlt.
Dann meldet sich die innere Stimme mit ihrem klaren: „Das
tut man nicht!“
HI
Kritische Entscheidungs- und Gefechtssituationen erfordern
ein reflektiertes ethisches Wertefundament. Daher müssen
die ethischen Dimensionen des Dienens im Frieden und
Einsatz notwendiger Bestandteil soldatischer Ausbildung
sein. Der christliche Glaube und das christliche Wertefundament können hier, im Sinne eines Kompasses, Wegweiser
und Handlungsmaxime sein. Andere Religionen können das
auch.
165
Leutnantsbuch
Der Spind
N
ach dem Offizieranwärterlehrgang wurde ich mit zwei
anderen Kameraden zum ersten Truppenpraktikum
kommandiert.
„In der Truppe weht ein rauher Wind”, sagte einmal einer
unserer Gruppenführer. Mit einem Mal wurden wir in die
Welt der Allgemeinen Grundausbildung geworfen. Immer
genauestens die Befehle und Zeiten einhalten, immer ein
korrekter Anzug – das soldatische Vorbild beginnt eben
schon in grundlegenden Dingen. Die Feldwebel, allesamt
mit Einsatzerfahrung, achten sehr genau darauf. Da fragt
man sich natürlich, was der Auslandseinsatz, das dortige
Gefecht und dessen Ausgang mit einem korrekten Anzug
gemein haben?
Die ersten Tage der Grundausbildung sind vergangen, die
neuen Rekruten hatten die Arzttermine sowie die
Einkleidung hinter sich. Heute erhielten wir den Befehl, den
Spindbau unserer Soldaten genauestens zu prüfen. „Und
wenn da eben was nicht zu 100 Prozent passt, dann Sachen
raus, zeigen und nochmal machen lassen”, so unser
Zugführer zuvor. Nur wenn den Rekruten von Anfang an die
korrekten Dinge beigebracht werden, würden sie zu
disziplinierten Verhalten, Ordnung und Sauberkeit erzogen
und somit dafür sensibilisiert werden.
So betrete ich eine Stube meiner Gruppe. Sofort wird mir
gemeldet, wie es den Soldaten beigebracht wurde. Bei der
Spindkontrolle fallen drei Soldaten auf, deren Unterhemden
nicht ordentlich gefaltet sind. Ich spreche das an, ziehe sie
heraus und zeige wie es richtig geht, jetzt müssen die
Rekruten selbst neu falten. Einem will es nicht gelingen,
seine Faltweise unterscheidet sich deutlich von denen der
Kameraden. Ich weise ihn darauf hin, dass er dies weiterhin
166
Leutnantsbuch
intensiv üben soll. Der Erfolg wird sich dann von ganz
alleine einstellen.
Soldatisches Verhalten fängt schon bei einfachen Dingen
wie dem Spindbau an. Und auf die Frage eines Rekruten,
warum wir denn so penibel seien, antwortete ich mit genau
diesem Satz. Durch korrektes Verhalten entsteht
Verhaltenssicherheit, im Extremfall kann dadurch ein
Menschenleben gerettet werden.
Nach zwei Monaten kam ein neuer Oberfeldwebel – ein
Reservist – in den Zug. Einer vom „alten Schlag”, wurde uns
von den Feldwebeln gesagt. Seine Körperhaltung macht vom
ersten Moment deutlich, dass er sein Auftreten als
militärischer Führer sehr ernst nimmt und dies konsequent
umsetzt – Oberkörper raus, Bauch rein, aufrechtes Stehen
und direkter Blickkontankt zum jeweiligen Gesprächspartner.
Natürlich waren wir geschockt, als der Oberfeldwebel
unsere Stube kontrollieren wollte. Gerade durch den
Zeitaufwand für die Ausbildungen hatten wir die eigene
Stube ziemlich vernachlässigt: Hier ein paar Klamotten, da
ein ungemachtes Bett und dort in der Ecke ungereinigte
Ausrüstung.
Es reicht genau einmal, dass er mit ruhiger, jedoch
bestimmender Stimme sagt, dass er diesen „Zustand” nie
wieder haben wolle. Nachdem er die Stube verlassen hatte,
waren wir immer noch ziemlich perplex. „Wozu denn die
Bude hier saubermachen?” oder „Das Ding hatte ich doch
genug gereinigt!” gehören zu den Standardsprüchen.
Moment mal! Sind wir nicht Offizieranwärter und
Vorgesetzte, die jetzt und natürlich auch künftig selbst ein
Vorbild in Haltung und Pflichterfüllung sein wollen?
167
Leutnantsbuch
HI
Damals ging uns allen auf einmal ein Licht auf. Selbst wenn
die Rekruten niemals unsere Stube betreten würden, haben
wir trotzdem eine Vorbildfunktion. Als Führer muss ich,
selbst wenn es mir schwer fällt, den „eigenen
Schweinehund” überwinden. Gerade wenn man durch den
langen und anstrengenden Dienst viel zu wenig Zeit und
Schlaf bekommt, kommt es darauf an, nicht nachzulassen.
Jede Tat oder Unterlassung ist Ausdruck unseres
Selbstverständnisses als künftiger Offizier – die Maxime
heißt: Führen durch Vorbild.
168
Leutnantsbuch
Die Truppenpsychologin
II.
Zug stillgestanden! – Zur Meldung – Augen rechts!“.
„
Oberleutnant H. freut sich an diesem Morgen
besonders auf seine Männer und Frauen, da er in dieser
Woche die erste „scharfe“ Patrouille führen wird. Für das
zweite Fahrzeug hat er Feldwebel F. ausgewählt, der bereits
seinen zweiten Auslandseinsatz absolviert und seinem
Zugführer durch ruhige und verlässliche Auftragserfüllung
und kameradschaftliche Fürsorge seiner Gruppe gegenüber
aufgefallen war. Auch der Kompaniechef hat Feldwebel F.
als „sichere Bank“ für diffizile Aufträge beurteilt.
Am nächsten Morgen bemerkt Oberleutnant H. bei der
Befehlsausgabe ein leichtes Zucken im Gesicht unter der
Helmkante bei Feldwebel F., das sich auf dem Weg zu den
Fahrzeugen verstärkt und beim Öffnen der Fahrertür zu
einem hektischen Zittern wird. Die Beruhigungsversuche
durch gutes Zureden und einen freundschaftlichen Armdruck
bringen kaum Besserung, vielmehr wirkt Feldwebel F.
zunehmend gestresst. Der Zugführer entschließt sich
kurzfristig Oberfeldwebel M. mitzunehmen und beantragt
beim Spieß für Feldwebel F. eine Belegart 90/5 zur
ärztlichen Begutachtung erstellen zu lassen.
Die truppenärztliche Untersuchung bescheinigt ihm eine
gute körperliche Fitness und keinerlei medizinische
Einschränkung, sodass alle und allen voran Feldwebel F.
das „Ereignis“ für eine kurzzeitige Schwäche halten.
(Kameraden vermuten Ärger zu Hause, zu wenig Schlaf und
etwas zuviel Alkohol). Feldwebel F. versichert seinem
Zugführer, dass er sich nunmehr im Griff habe und voll
einsatzfähig sei.
169
Leutnantsbuch
Der II. Zug rückt am nächsten Morgen mit Feldwebel F. zu
den Fahrzeugen ab und sitzt auf. Oberleutnant H. kontrolliert
seine Teams persönlich und bemerkt bei Feldwebel F. nun
eine Blässe im Gesicht, durchsetzt von kleinen und großen
roten Flecken. Oberleutnant H. nimmt Feldwebel F. vom
Fahrzeug und gibt ihm den Auftrag, mit dem S 6-Feldwebel
des Bataillons Fernmelde-Gerät auf Vollzähligkeit und
Funktionalität zu überprüfen. Am Abend nimmt er ihn
beiseite und führt ein persönliches Gespräch mit ihm, um
dessen Situation besser einschätzen zu können. Neben
privaten Sorgen mit der Verlobten erfährt er dabei auch von
der unmittelbaren Nähe seines Gruppenführers zu einem
Anschlag während seines ersten Auslandseinsatzes. Bei der
weiteren, genauen Abklärung dazu verhält sich F. reserviert
und wird zunehmend einsilbig. Er scheint auch weniger
ansprechbar zu sein. Oberleutnant H. erinnert sich an einen
Unterricht zur psychologischen Einsatzvorbereitung in
Hammelburg und regt an, dass sein Feldwebel mal bei
der Truppenpsychologin, Oberstleutnant S., vorbeischauen
könnte.
Feldwebel F. ist entsetzt und verteidigt sich spontan: „Ich
bin doch nicht meschugge und lasse mir vom
Seelenklempner die Karriere versauen!" Andererseits
bemerkt er wohl, dass sich sein Verhalten in einer Weise
verändert hat, die er sich nicht mehr selbst erklären kann,
und ganz besonders sein nervöses Zittern und das
Herzpochen, wenn er zur Patrouille aufsitzen soll, lassen ihn
nicht zur Ruhe kommen. Durch seine Feldwebelkameraden,
von denen einer ähnliche Stressfolgen nach einem schweren
Verkehrsunfall schildert, lässt er sich doch zu einem Besuch
bei der Truppenpsychologin bewegen und vereinbart gleich
am nächsten Tag einen Termin. Im Gespräch mit Frau
Oberstleutnant S. ist ihm dann aber zunächst einmal mulmig
und er stottert anfänglich unsicher, was ihm aber durch die
170
Leutnantsbuch
freundliche Akzeptanz und sichere Gesprächsführung
schnell genommen wird. Es wird ihm bewusst, dass es
Situationen, auch im Soldatenleben, gibt, die einen unvermittelt mit aller Wucht treffen können und damit unsere
sonst auf Konsequenz getrimmten Sinne in der Schreckenslage auseinander driften und ganz erhebliche „Speicherfehler“ im Gehirn produzieren. Erinnern ist danach nur
teilweise, zum Beispiel an ein unbestimmtes Gefühl des
Unbehagens und der Angst, möglich, ohne zu wissen, wozu
dieses in der eigenen Erfahrung gehört!
Stück für Stück kann so in diesem ersten Gespräch mit der
Truppenpsychologin eine Verbindung zwischen einem rotgrünen Aufkleber am Handschuhfach seines Fahrzeugs (als
„Auslöser“ seiner Erregung) und irgendwie, wenn auch sehr
diffus, mit dem Anschlag aus dem ersten Auslandseinsatz
aufgezeigt werden.
Auf diese Weise findet Feldwebel F. nach und nach die
Versatzstücke seiner Erinnerung und kann diese so
zusammenbauen, dass das problematische Geschehen geortet werden kann (eine kleine afghanische Flagge, die er
kurz vor der Detonation der Bombe in einem vorbeifahrenden Fahrzeug gesehen hatte und die entsetzlichen
Schreie der Kameraden aus dem Fahrzeug vor ihm, denen er
nicht helfen konnte).
Im weiteren Verlauf der Gespräche merkt Feldwebel F., wie
beim Aufarbeiten dieser Erkenntnis eine große Last von
seiner Seele fällt, er sein altes Selbstvertrauen wiederfinden
und mit Zuversicht seine weitere Karriere planen kann.
Oberleutnant H. ist froh, seinen leistungsfähigen Feldwebel
wieder einsetzten zu können. Wie gut es doch war, sich an
diesen Unterricht aus der Einsatzvorbereitung im richtigen
Moment erinnert zu haben.
171
Leutnantsbuch
Primus inter pares
I
ch hatte noch nie solche Schmerzen. Dennoch überrascht
es mich wieder, zu welchen Höchstleistungen der
menschliche Körper imstande ist. Es ist Mittwochnacht und
seit Montagmorgen bin ich zwischen 90 und 100 km
marschiert, ich weiß es gerade nicht so genau. Eben haben
wir einen weiteren Durchlaufpunkt und damit 10 Minuten
Pause erreicht. Als ich meinen Rucksack quasi fallen lasse,
fühle ich mich im ersten Augenblick wie eine Feder. Die
letzten Tage sind an Schultern, Rücken und Beinen beileibe
nicht spurlos vorüber gegangen. Immerhin trägt jeder von
uns 30 kg Gepäck, inklusive Koppel und Gewehr. Ich werfe
mir schnell meinen Kälteschutz über, lehne mich mit dem
Rücken an den Oberfeldwebel der hinter mir sitzt, und lasse
die letzten Tage und Wochen Revue passieren.
Es ist Februar und ich bin mitten im Vorbereitungsprogramm für die Eignungsfeststellung zum Kommandosoldaten. Am Montagmorgen, vor zwei Tagen gegen 1 Uhr
früh, sind wir zu einem 150 km Trainingsmarsch
aufgebrochen. Wir sind die ersten 75 km bis zu unserem
Biwak-Raum marschiert, den wir in der Nacht erreicht
haben. Gestern und heute Vormittag hatten wir Seil- und
Kletterausbildung, aber auch ein Grillabend am offenen
Feuer durfte nicht fehlen. Und seit ein paar Stunden sind wir
wieder auf dem Rückmarsch, die zweiten 75 km.
Im Ganzen war der Lehrgang eine „neue“ Situation für
mich, immerhin war ich vor vier Jahren als Zugführer zuletzt
im Gefechtsdienst. Freilich war die Vorbereitung hierfür
auch körperlich anstrengend, aber nach einer so langen Zeit
im Studium und in einer folgenden Ämterverwendung ist es
erst einmal ungewohnt, wieder als Teil einer Gruppe im Feld
ausgebildet zu werden. Hinzu kommt nicht nur, dass ich zu
172
Leutnantsbuch
den älteren Teilnehmern gehöre, sondern auch, dass ich als
einziger Hauptmann der Dienstgradhöchste bin. Es gibt eine
handvoll Offiziere. Der Großteil der Teilnehmer ist
Feldwebel oder Stabsunteroffizier und bis zu acht Jahre
jünger als ich. Aber wir haben uns alle der gleichen
Herausforderung gestellt, und das ist es was hier zählt. Doch
so einfach war es am Anfang nicht, als „der Hauptmann“
einfach mit dazu zugehören. Viele Jüngere kennen Soldaten
dieses Dienstgrades nur als Kompaniechef, und das führt zu
Zurückhaltung. Wie ist der so? Packt der mit an? Kann man
mit dem überhaupt normal reden? Erwartet der eine
Sonderbehandlung, oder kann der „einer von uns“ sein?
Diese Bedenken muss man kennen. Ich glaube, hier hätte
mir Arroganz genauso wenig weiter geholfen wie
übertriebene „Kumpelhaftigkeit“. Wer sich, als Gleicher
unter Vielen, nicht einbringen kann, der wird hier scheitern.
Wer aber vergisst, dass er Offizier ist, wird es auch nicht
leicht haben, denn die Kameraden vergessen es nicht. Es
wird immer wieder von den Offizieren ein Quäntchen mehr
als von anderen Soldaten erwartet, mit gutem Beispiel
voranzugehen, auch hier. Der Offizier verliert nicht den
Überblick, und er ist gewiss nicht der erste, der irgendwo
aufgibt, auch hier nicht. Er muss immer ein bisschen der
Führer bleiben, auch wenn er es gerade nicht ist.
Dazu fällt mir eine Geschichte von gestern Abend ein. Als
ich mich mit einem der Stabsunteroffiziere unterhalte,
geraten wir über irgendeine Kleinigkeit in Streit, den wir
dann auch mit einer etwas derberen Wortwahl ausfechten.
Daraufhin gesellt sich ein Feldwebel dazu und meint, dass
der Stabsunteroffizier so nicht mit mir reden könne,
immerhin wäre ich ein Hauptmann und könnte irgendwann
wieder sein Vorgesetzter sein. Er hat recht. Genau um diesen
Spagat geht es hier, den rechten Mittelweg zwischen
„Kumpel“ und Dienstgradhöherem zu schaffen. Das macht
173
Leutnantsbuch
schließlich die Kameradschaft aus, oder? Und die
funktioniert hier. Es ist egal, welche Dienstgrade hier nachts
im Zelt zusammenrücken, weil sie vor Kälte nicht schlafen
können. Es ist egal, wer in der Pause aufsteht und die
Wasserflaschen der anderen einsammelt und mit auffüllt,
damit die restliche Gruppe sitzenbleiben kann. Es ist auch
egal, ob der Ausbildungsleiter im Dienstgrad unter oder über
einem steht. Seine Erfahrung und Motivation wird gerne
angenommen, für einen herablassenden Blick von oben ist
hier kein Platz. Ich werde wachgerüttelt. Meine „Lehne“, der
Oberfeldwebel hinter mir, ist aufgestanden. Ich bin wohl
doch eingedöst, und das Aufstehen und Aufsetzen des
Rucksacks kommen mir unendlich lang und quälend vor. Ich
weiß nicht, ob ich die restliche Nacht durchhalte. Viele von
unserer Gruppe mussten bereits aufgeben. Aber ich habe ein
gutes Gefühl, weil ich von Kameraden umgeben bin, auf die
ich mich, unabhängig ihres Dienstgrades, verlassen kann,
und die sich auf mich. Also weiter. Einen Fuß vor den
anderen. Was hat der Oberstabsfeldwebel, der Zugführer, am
Sonntag noch gesagt? Alles hat ein Ende, man muss es nur
erreichen …
HI
Kameradschaft ist ein Ausdruck des Zusammengehörigkeitsgefühls unserer Streitkräfte. Gerade in belastenden
Situationen hilft Kameradschaft, diese besser durchzustehen
– gemeinsam als Team. Sie gilt auch über Dienstgradgruppen hinweg. Als Offiziere sind wir besonders
verpflichtet, Kameradschaft zu fördern, ohne dabei in
kumpelhaftes Verhalten zu verfallen.
Unter Belastung stehen wir als Offiziere besonders im Fokus
und sind oftmals mehr gefordert als andere.
174
Leutnantsbuch
Reserve im Schwerpunkt
N
ach erfolgreichem Abschluss des Studiums sollte ich
im schönen Thüringen das fordernde Handwerkszeug
eines Zugführers meiner Truppengattung mit Personal- und
Materialverantwortung auffrischen. Bereits nach kurzer Zeit
kam es zur Versetzung auf den Dienstposten des
Batterieeinsatzoffiziers und der damit verbundenen Aufgabe,
die einsatzvorbereitende Ausbildung der Batterie, welche in
ihrer Zweitrolle als Kompanie im Rahmen des deutschösterreichischen Operational Reserve Force Bataillon (ORFBtl) eingesetzt werden sollte, planerisch auszugestalten.
Dieser fordernden Aufgabe nahm ich mich voller
Tatendrang an. Ich stellte sehr bald fest, dass die
Wahrscheinlichkeit eines tatsächlichen Einsatzes des ORFBtl im Kosovo oder in Bosnien-Herzegowina allgemein als
sehr gering erachtet wurde. Dennoch und gerade wegen der
Verantwortung gegenüber den anvertrauten Soldatinnen und
Soldaten nahm ich die Aufgabe sehr ernst und plante die
Ausbildung umfassend und detailliert aus. Die Vorbereitung
zielte im Schwerpunkt auf die Zertifizierung des ORF-Btl im
Gefechtsübungszentrum ab. Hier konnte die Truppe vom
Mannschaftssoldaten bis zum Einheitsführer die an sie
gestellten Anforderungen erfüllen und alle Weichen für
einen erfolgreichen Einsatz stellen. Am 27.06.2011 begann
für das ORF-Btl I/2011 die Bereitschaftsphase. Vom
Einsatzführungskommando der Bundeswehr konnte jederzeit
zur Verstärkung der dort eingesetzten Kräfte der Auftrag zur
Verlegung auf den Balkan kommen. Die Lage im Kosovo
war ruhig, genauso wie in Bosnien-Herzegowina. Die
Einheit wurde dennoch mehrfach belehrt, dass im Falle der
Aktivierung, alle Soldaten unverzüglich in den Standort
zurückkehren müssten; Auslandsurlaub war in der
Urlaubsphase im Juli daher nicht möglich. Wie der Urlaub
175
Leutnantsbuch
für jeden Einzelnen verlief, kann ich nicht bewerten, wie er
jedoch endete sehr wohl. Als StvBttrChef bekam ich Ende
Juli an einem Samstag einen Anruf mit den Worten: „Herr
Oberleutnant, aufgrund Lageverschärfung im Kosovo wird
das ORF-Btl von jetzt an in Rufbereitschaft versetzt.“ Ich
setzte diesen Befehl unverzüglich um, so dass ich bereits
sonntags gegen 12:00 Uhr dem Batteriechef Vollzug melden
konnte. In den unzähligen Telefongesprächen merkte man
den Soldaten die Unsicherheit deutlich an. Fragen wie „Herr
Oberleutnant, verlegen wir wirklich in den Kosovo, meine
Familie möchte gerne Gewissheit“ oder „Hätten Sie als
Vorgesetzter diese Lageverschärfung im Kosovo für
möglich gehalten?“, waren nahezu immer gegenwärtig. Für
den Vorgesetzten ist das eine schwierige Situation. Es gilt
Ruhe auszustrahlen, einen kühlen Kopf und die Kontrolle
über die Situation und die eigene Wortwahl zu bewahren.
Am 1. August war die gesamte Einheit wieder im Dienst und
wartete gespannt auf Meldungen aus dem Kosovo. Ich selbst
war als OffzFü beauftragt, im Falle einer Alarmierung die
notwendigen Maßnahmen zu ergreifen. Als solcher bekam
ich am 01.08.2011 um 21:00 einen Anruf vom OvWa: „Das
Einsatzführungskommando hat angerufen. Der Einsatzbefehl
der NATO für das ORF-Btl ist offiziell. Die ersten Teile
fliegen am 03.08.2011 in den Kosovo.“ Und so flogen wir in
den nicht für möglich gehaltenen Einsatz. Die Dauer war zu
diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt, doch am Ende sollten
wir bis zwei Tage vor Heiligabend im Einsatz verbleiben.
Unser Einsatzraum lag im Raum NOVO SELO im Norden
des Kosovos. Dieser ist überwiegend von Kosovo-Serben
bewohnt und die Bezeichnung Hot Spot trifft hier besonders
zu. Unsere neue Heimat, das Field Camp (FC) NOVO
SELO, befand sich unter französischer Führung; die
Aufnahme war herzlich und uns wurde alles Wichtige zur
Verfügung gestellt. Zu Beginn wiesen uns portugiesische
176
Leutnantsbuch
und ungarische Soldaten des KFOR Tactical Reserve
Maneuver Battalion (KTM) in Raum und Lage ein. Durch
die hervorragende Vorbereitung verlief diese Erkundung
trotz vorhandener Sprachhindernisse sehr erfolgreich, so
dass wir sechs Tage nach dem Eintreffen unserer
Hauptkräfte im Kosovo die Raumverantwortung von der
KTM übernahmen.
Am 28.11.2011 hatte das ORF-Btl den Auftrag, eine
Kreuzung im Norden des Kosovo bei der Ortschaft ZUPCE,
zu nehmen. Die 2./ORF als Reserve eingesetzt, befand sich
im FC NOVO SELO. Kurz nach dem Beginn der Operation
wurde die Reserve alarmiert. Mein Auftrag war es, die
Kompanie im Straßenmarsch in den Einsatzraum zu führen.
Unter Zuhilfenahme von Hupe und Blinker gelang es, die
Herausforderungen und Risiken dieses Unternehmens mit 20
Fahrzeugen durch geschlossenes und einsatzbereites
Eintreffen im Einsatzraum zu bewältigen. Die Zugführer
formierten ihre Züge, ließen die Schutzausrüstung anlegen
und waren bald im rückwärtigen Raum einsatzbereit. Bereits
kurze Zeit später kam der Befehl zum Verstärken und, wenn
möglich, Herauslösen eigener Kräfte. Diese befanden sich
seit 09:00 Uhr im Crowd and Riot Control-Einsatz (CRC)
und standen dabei bis zu 500 gewaltbereiten Demonstranten
gegenüber. Wir traten gegen 10:00 Uhr genau in dem
Moment an, als Schüsse fielen. Ein Soldat wurde an der
Wade getroffen und sofort ärztlich behandelt. Über Funk
erhielten wir die Nachricht, dass auch unser Kommandeur
durch einen Schuss verwundet wurde. Dieser eskalierende
Gewaltausbruch der Gegenseite begann und endete völlig
überraschend. In der Zeit von 10:15 Uhr bis 16:00 Uhr
griffen die Demonstranten immer wieder mit Steinen,
Stöcken, Holzbänken und mitunter Holzäxten an.
Glücklicherweise wurden nur wenige Kameraden ernsthaft
verletzt. Für defensive und offensive Aktionen nutzten die
177
Leutnantsbuch
Soldaten ihre CRC-Ausstattung sowie die Munition für die
Granatpistole. Die Impulsmunition konnte die gewünschte
Wirkung besser entfalten als die CS-Munition, denn die
Demonstranten erwiesen sich mit ABC-Masken gut
ausgestattet. Gegen 16:00 Uhr war die Kreuzung unter
Kontrolle. Der Bereich wurde durch Stacheldraht verstärkt
und durch deutsche und österreichische Soldaten gesichert.
Im Norden der Kreuzung war die Anzahl der Demonstranten
nicht größer als im südlichen oder westlichen Bereich. Dort
stammten sie jedoch mit Masse aus MITROVICA und
unterschieden sich qualitativ in Ausrüstung und
Gewaltbereitschaft. Bei Einbruch der Dunkelheit griffen sie
mit Molotow-Cocktails, Reizgas und einem Sprengsatz
völlig überraschend erneut an. Die verheerende Wirkung
blieb nicht aus. Soldaten erlitten starke Verbrennungen,
wurden durch Splitter verletzt und durch Reizgas stark
beeinträchtigt. Durch das unverzügliche Einleiten von
Gegenmaßnahmen und umsetzen der Rettungskette konnte
die Situation schnell in den Griff gebracht werden. Die
Flammen wurden gelöscht, die verletzten Soldaten ärztlicher
Hilfe zugeführt und die zu diesem Zeitpunkt eingesetzten
Soldaten aus ihrem Auftrag herausgelöst. Weitere
Zusammenstöße zwischen Kräften KFOR/ORF-Btl und den
serbischen Demonstranten verliefen in der Folge ohne
besondere Vorkommnisse. Dieser Tag wird jedem
beteiligten Soldaten in Erinnerung bleiben und hat gezeigt,
dass auch im Kosovo die Gefahr ein ständiger Begleiter ist.
Der stellvertretende BtlKdr fasste den Erfolg der Operation
mit den Worten zusammen: “Es ist bis jetzt für uns taktisch
gesehen ein voller Erfolg. Es ist genau das eingetreten, was
wir uns vorgenommen haben. […] Negativ ist natürlich,
äußerst negativ, dass wir Verletzte haben, Verwundete,
teilweise schwer Verwundete. Aber das ist vor allem der
hohen Gewaltbereitschaft der Gegenseite geschuldet.“
178
Leutnantsbuch
Tatsächlich wurde ich als Vorgesetzter in Verantwortung,
insbesondere für die mir anvertrauten Soldaten, mit
Situationen konfrontiert, die man nur bedingt im vorhinein
lernen oder einüben kann. Die zweckmäßige Entscheidung
zur richtigen Zeit ist gefragt. Das ist schwer genug und
größte Herausforderung an den militärischen Führer und
Offizier - aber unser Auftrag.
Ende Dezember, kurz vor Weihnachten, war meine Batterie
wieder vollzählig in Deutschland angekommen. Zwei Tage
später verließ der BtlKdr als letzter Soldat des ORF-Btl
I/2011 den Kosovo. Die Erfahrungen aus dem Einsatz sind
bereits im Gefechtsübungszentrum ausgewertet und in die
Ausbildung aufgenommen worden. Diese Erkenntnis einer
lernfähigen Armee motiviert für die kommenden
Herausforderungen und wird den erwarteten Erfolg im
Umgang mit speziellen Situationen, wie beispielsweise der
beschriebenen Ende November 2011 im Kosovo, bewirken.
HI
„Unverhofft kommt oft“, dieses Sprichwort beschreibt die
Ereignisse in 2011 im KOSOVO. Die Probleme im KOSOVO
und der Einsatz KFOR fanden kaum mehr Beachtung. Da
der Balkan aber schon seit dem 19. Jahrhundert ein
Pulverfass ist und zukünftig wohl auch bleiben wird, gewann
der Einsatz im KOSOVO schnell wieder an Brisanz.
Das „worst case“-Denken hat im Militär noch immer seine
Berechtigung und hat an Wichtigkeit nicht verloren:
jederzeit bereit für Unvorhergesehenes, Flexibilität und
Entschlossenheit sind weiterhin Tugenden, die jeder
militärische Führer zeigen muss.
Das ORF-Btl ist ein Infanterie-Btl. In unserem Fall stellten
Raketenartilleristen die Kräfte. Dies zeigt, dass wir in erster
179
Leutnantsbuch
Linie Soldaten sind und unabhängig von der fachlichen
Aufgabe nahezu jede Truppengattung vorübergehend in
einer
Zweitrollenfähigkeit
für
Schutzund
Sicherungsaufgaben im Einsatz eingesetzt werden kann bzw.
muss. Hier ist in erster Linie Flexibilität und Willen
gefordert, um Neues zu erlernen bzw. bisher ungewohnte
Aufträge übernehmen zu wollen. Gründliche Ausbildung
und Vorbereitung zahlen sich hierbei aus, auch wenn die
Wahrscheinlichkeit eines Einsatzes zunächst gering
erscheint.
180
Leutnantsbuch
Offizieranwärter Frank
Erfolgsfaktoren
N
eben der Auseinandersetzung mit der eigenen
„
Persönlichkeit ist die Auseinandersetzung mit dem
Beruf von grundlegender Bedeutung. Wer nicht aus tiefster
Überzeugung hinter dem Beruf des Offiziers steht, wird
keinen Erfolg haben, gefährdet letztendlich sich selbst und
seine ihm anvertrauten Soldaten“, sagt Major Seidel.
Wir sitzen im Biergarten des Kasinos der Offizierschule des
Heeres in Dresden, die Sonne scheint und es geht uns gut.
Major Seidel hatte sich richtig gefreut, uns wieder zu sehen.
Deshalb sind wir seinem Angebot sofort gefolgt, uns noch
einmal zusammenzusetzen. Obwohl wir im Moment ein
wenig „unter Druck“ stehen, kommt uns eine Abwechslung
gerade recht.
„Erinnern Sie sich noch an Ihr Truppenkommando? Damals
im Hörsaal – kurz vor der Formalausbildung – als ich Ihnen
meine Gedanken zur Selbstbestimmtheit erklärt habe?“, fragt
Major Seidel. Natürlich erinnern wir uns noch, wenn
inzwischen auch etwas Zeit vergangen ist!
„Und an die Bierdeckel, die ich während unseres ersten
Treffens künstlerisch gestaltet hatte?“, ergänzt Major Seidel.
„Ich habe sie sogar noch“, erwähnt er fast beiläufig, kramt in
seiner Aktentasche und zieht sie mit einem Lächeln heraus.
Triumphierend hält er die Bierdeckel hoch, legt sie dann auf
den Tisch und sagt: „Ich hatte neben dem Begriff
Selbstbestimmtheit auch den Begriff Erfolgsfaktoren
erwähnt. Um die Sache für Sie „rund“ zu machen, möchte
ich Ihnen auch hierzu noch ein paar Erläuterungen geben.
Allerdings bin ich heute ein wenig unter Zeitdruck, weil
heute Abend noch eine Vortragsveranstaltung im
181
Leutnantsbuch
Militärhistorischen Museum ist, gleich hier um die Ecke. Ich
nehme an, das kennen Sie.“
Ich nutze die Zeit, die Major Seidel braucht um die
Bierdeckel auf dem Tisch zu sortieren und bestelle einen
Latte Macchiato. Nachdem auch die anderen bestellt haben,
fährt Major Seidel fort:
„Betrachten wir zunächst noch kurz die Unterschiedlichkeit
der Menschen. Dabei stellt man fest, dass die Menschen bei
gleichen Startbedingungen, z.B. bei einem Lehrgang, mit
gleichen Ressourcen auskommen müssen, die gleichen
Hindernisse nehmen müssen, trotzdem unterschiedlich
erfolgreich sind und die Ergebnisse teilweise erheblich
voneinander abweichen. Aber nicht nur das, erfolgreiche
Menschen kommen nicht nur schneller am Ziel an und
stehen vorne, sondern sie kommen zu diesem Ergebnis auch
noch auf andere Art und Weise. Oftmals mit einer gewissen
Leichtigkeit. Woran liegt das?
Es liegt vor allem am unterschiedlichen Begabungs- und
Fähigkeitspotenzial der Menschen, ihrer jeweiligen
lebensgeschichtlichen Entwicklung und ihrer Fähigkeit zu
lernen. Aber das ist nicht alles. Sie kennen, bewusst oder
unbewusst, die grundlegend notwendigen Faktoren, der
zweite Schlüssel zur Führungskunst, die einen im Beruf
erfolgreich werden lassen. Ohne diese ist eine erfolgreiche
Führung von Menschen ebenfalls nicht möglich. Schnell
wird man die freiwillige Gefolgschaft verlieren.
Für den Begriff Erfolgsfaktoren habe ich mir auch ein paar
Merksätze zurechtgelegt.
182
Leutnantsbuch
Finde Deine Motivation!
Allgemein ist eine Handlung nur sinnvoll, wenn es einen
Zusammenhang zwischen Weg und Ziel gibt. Zusammenhänge müssen also erkennbar sein, Zusammenhanglosigkeit
ist demzufolge Sinnlosigkeit. Dieser Sinnzusammenhang ist
die Grundlage der eigenen Lebens- bzw. Berufsmotivation.
Er definiert, worum es im eigenen Leben und im Beruf
überhaupt geht. Die schlüssige und überzeugende Beantwortung der Frage, warum man den Beruf des Offiziers
gewählt hat, vermittelt Sinn und stellt damit die eigentliche
Motivationsquelle dar. Wie kann man sonst die physischen
und psychischen Entbehrungen, mit denen man als Offizier
und Heeressoldat konfrontiert wird, ertragen?
Um sich der Beantwortung zu nähern, erscheinen in einem
ersten Schritt folgende Lebensfragen nachdenkenswert:
- Wofür möchte ich mein Leben nutzen?
- Welche Lebenswünsche, z.B. berufliche, finanzielle,
private, will ich mir erfüllen?
- Welche Lebensweise, z.B. Gestaltung, Ablauf,
Rhythmus, Themen, Einsatz der Ressourcen, familiäre
Situation, räumliches Umfeld, Gesundheit, möchte ich
verwirklichen?
- Welche Leistungen, z.B. Ergebnisse, „Werke“, Anerkennung, Befähigung, möchte ich erreichen?
- Welche meiner Anlagen, Begabungen und Stärken
möchte ich weiterentwickeln und ausschöpfen?
- Welchen zentralen Verantwortungen möchte und soll ich
in meinem Leben gerecht werden?
- Worauf kommt es an, damit ich meine Lebensfreude und
Lebenszufriedenheit auf Dauer erhalten kann?
Durch die Beantwortung erkennt man seine eigenen
Zielvorstellungen. Damit kann ein Teil der Sinnzusammenhänge beantwortet werden. Das ist etwas sehr Wertvolles,
183
Leutnantsbuch
denn ohne Ziel stimmen jede Richtung und jeder Weg. Der
Beruf ist einer der Lebensbereiche, um diesen Vorstellungen
näher kommen zu können.
Ob und wie weit man den Weg des Heeresoffiziers gehen
will, hängt meiner Meinung nach auch von der
Beantwortung folgender Fragen ab:
- Kann ich mich mit den aufgezeigten allgemeingültigen
Werten und Normen unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung und den besonderen soldatischen
Tugenden, die teilweise sogar gesetzliche Pflichten darstellen, identifizieren?
- Kann ich mit den Einschränkungen meiner Grundrechte
durch die militärischen Erfordernisse leben?
- Kann ich mich mit den aufgezeigten Besonderheiten von
Landstreitkräften identifizieren?
- Kann ich mit den physischen und psychischen Herausforderungen des Soldatenberufes zurechtkommen?
Die Sicherung und Förderung der eigenen positiven
Stimmung ist von besonderer Bedeutung im Leben
insgesamt. Dabei spielen Glück und Zufriedenheit eine
wesentliche Rolle.
Ich habe mich immer wieder gefragt, was Glück und
Zufriedenheit eigentlich bedeuten. Ich habe darauf ein paar
Antworten gefunden.
Dabei bedeutet Glück für mich:
- eine positive Situation zu erleben, in der mir etwas
Unerwartetes und auch Unverdientes gleichsam in den
Schoß fällt,
184
Leutnantsbuch
-
einen Augenblick zu erleben, in dem ich mich auf eine
positive und angenehme Erfahrung freuen kann oder
diese Erfahrung machen darf.
Somit ist Glück eine Sache der Gegenwart und der eigenen
Wahrnehmung. Daher ist es sinnvoll, sich im Beruf solche
glücklichen Momente bewusst zu vergegenwärtigen.
Ebenso wichtig ist es jedoch, sich seine negativen Gedanken
bewusst zu machen, da diese das Glücksempfinden massiv
beeinträchtigen. Nur wer Macht über seine Gedanken
besitzt, kann verhindern, dass sie zur schlechten Gewohnheit
werden.
Zufriedenheit hingegen entsteht für mich in der Rückschau
und der Gesamtbetrachtung aller Erfahrungen, die sich
zwischen den Gegensätzen z.B. Gelingen und Misslingen,
Gesundheit und Krankheit, Fröhlichsein und Traurigsein
abgespielt haben. Ich bin zufrieden, wenn ich insgesamt eine
positive Bilanz aus meinen Erfahrungen gezogen habe und
meine „wertvollen Zustände“ – meine Werte – erreichen,
erfahren und vermitteln konnte. Dabei helfen mir negative
Erfahrungen, die positiven zu erkennen und wertzuschätzen.
Glückliche Momente dienen dabei mit zum Ausbalancieren
der Gegensätze. Somit gehören Glück und Zufriedenheit
zusammen.
Es gilt noch zwei entscheidende Fragen zur Berufsmotivation zu beantworten:
- Wann erfahre ich glückliche Momente, auch wenn sie
noch so klein sind, im täglichen beruflichen Leben als
Soldat?
- Zeigt sich im täglichen Rückblick, ob ich meine mir
wertvollen Dinge, auch wenn diese noch so klein sind,
185
Leutnantsbuch
erreichen, erfahren oder vermitteln konnte und somit
Zufriedenheit erlange? Wertvolle Dinge sind dabei für
mich erstrebenswerte Zustände.
Mit der Beantwortung dieser Fragen wird der eigene Weg
zum Ziel ständig reflektiert. Entsteht kein Sinnzusammenhang mehr, ist das Ziel also nicht erreichbar, muss
ich die Konsequenzen ziehen. Unmotivierte Menschenführer
sind nicht verantwortbar.
Wenn man seine berufsspezifischen Motive kennt und
verinnerlicht, dann hat man eine gute Startgrundlage. Jetzt
kommt es noch darauf an, die Motivation in die richtigen
Bahnen zu lenken. Um diese Bahnen herauszufinden, ist ein
Denken in größeren Zusammenhängen notwendig, bevor
man konkrete Ziele formuliert und dann entsprechend
handelt.
Denke in größeren Zusammenhängen!
Es ist notwendig, Ziele zu formulieren, die sich aus den
Gegebenheiten und Vorstellungen der über oder unter einem
stehenden Ebene logisch ableiten bzw. in den Gesamtzusammenhang stellen lassen. Das hat Aussicht auf Erfolg.
Daher ist die Absicht der übergeordneten Führung Ausgangspunkt aller Überlegungen. Dieser Ansatz verhindert
nicht ein kreatives Denken und Handeln.
Um dieses Denken in Zusammenhängen zu fördern, sind
Verwendungen auf unterschiedlichen Führungsebenen und
Ausbildungen auf der jeweils nächsthöheren Ebene
bestimmendes Merkmal des Offizierberufs.
Damit aber nicht genug. Von einem Offizier wird erwartet,
dass er sich selbst um Informationen bemüht, um
Zusammenhänge zu erkennen, diese zu vermitteln, also
186
Leutnantsbuch
sinnstiftend wirkt. Sei es durch die aufmerksame Verfolgung
der Außen- und Sicherheitspolitik der Bundesrepublik
Deutschland, die Beobachtung gesellschaftlicher, geistiger
und kultureller Strömungen, das Studium der Militärgeschichte oder die Auseinandersetzung mit neuen Technologien. All das hat Auswirkungen auf den täglichen Dienst
und ist in eigenen Entscheidungsprozessen mit zu berücksichtigen.
Setze Dir Ziele!
Ziele sind notwendige Bezugspunkte für menschliche
Aktivitäten. Sie dienen uns als wesentliches Mittel, das
eigene Handeln zu strukturieren und in definierten Bahnen
zielgerichtet zu leiten. Ziele sollten immer sowohl lang- als
auch mittel- sowie kurzfristig angelegt und erreichbar sein.
Dabei muss man ein paar wenige Grundregeln beachten:
- Ein Ziel soll konkret, eindeutig und präzise formuliert
sein.
- Ein Ziel und ein Erreichungsgrad müssen überprüft
werden können, also messbar sein.
- Ein Ziel soll Ansatzpunkte für positive Veränderungen
aufzeigen.
- Ein Ziel soll zwar hoch gesteckt, aber immer noch
erreichbar sein.
- Ein Ziel soll einen ausreichenden zeitlichen Bezug mit
einem festen End(zeit)punkt haben.
Dieses Ziel wird in eine Planung umgesetzt, ausgebildet und
überwacht. Neben dem Fachwissen gehören ebenfalls
bestimmte Fähigkeiten wie Projektplanungsmethoden,
Gesprächs- und Moderationstechniken, Zeitmanagement,
Konfliktmanagementwissen und andere Kompetenzen dazu,
die man sich aneignen muss.
187
Leutnantsbuch
Schaffe Dir Freiheit!
Schon bei der Bestimmung und planmäßigen Umsetzung
von Zielen wird deutlich, dass dies nur möglich ist, wenn
Spielräume und Freiheiten gesichert und gefördert werden.
Persönliche Freiheit muss mit Freiräumen korrespondieren,
die ich den Soldaten, die ich führe, einräume.
Dazu ist es wichtig,
- Entscheidungen rechtzeitig zu treffen und nicht auf die
„lange Bank“ zu schieben,
- Optimismus und Zuversicht zu vermitteln,
- Maß zu halten,
- eine „klare Linie zu fahren“ und berechenbar zu sein,
- Übersicht zu bewahren,
- zu vereinfachen, wo es möglich und zweckmäßig ist;
denn „nur das Einfache hat Erfolg“,
- ehrlich zu sein.
Die Beschränkung von Sachverhalten auf das Wesentliche
gibt Spielräume und Entfaltungsmöglichkeiten für unser
Handeln als militärische Führer.
Mache das Beste aus einer Lage!
Diese Aussage zielt auf eine bestimmte innere Einstellung,
ohne die man keinen Erfolg hat. Die persönliche Motivation
und die Bestimmung von Zielen, Methoden und Mitteln ist
die eine Sache, das konkrete, situationsbezogene Handeln
eine andere. Man kann nicht erwarten, dass nur durch
Zielvorgabe und Projektplan oder Operationsplan alles
gleich planmäßig läuft. Oftmals treten schon beim ersten
Schritt Widerstände oder andere Hindernisse auf.
188
Leutnantsbuch
Daher sind das Können und die innere Einstellung,
- das Beste aus einer bestimmten Ausgangslage zu
machen,
- unter ungünstigen und schwierigen Bedingungen
handlungsbereit und handlungsfähig zu bleiben und
dabei auch hart gegen sich selbst sein zu können,
- Chancen zu erkennen und Gestaltungsmöglichkeiten zu
finden und zu nutzen,
von entscheidender Bedeutung.
Die geleistete Vorarbeit, wie das Verständnis der Zusammenhänge, die Definition von Zielen und die Gedanken
zur Planung, leiten dann das eigene Handeln. Das führt
letztendlich zum Erfolg. Ziele zu setzen, Chancen zu nutzen
und sie zu verwirklichen gehören zusammen.
Entwickle Dich weiter!
Erfolg hat man nur, wenn man die innere Bereitschaft und
den Willen hat, an sich selbst zu arbeiten, sich selbst
weiterzuentwickeln, also lebenslang zu lernen. Sei es in der
Persönlichkeitsentwicklung oder beim Erwerb neuer
Fähigkeiten. Immer gilt: „Wer meint, fertig zu sein, bleibt
stehen“ bzw. „Wer sich nicht verändert, der wird verändert“.
Hierbei spielt die eigene Handlungsfreiheit und wie ich sie
für mich zu nutzen verstehe, eine bedeutende Rolle.
Halte Dich fit!
Die Forderung nach körperlicher Fitness und Robustheit ist
für den Offizier unerlässlich. Ich möchte in diesem
Zusammenhang aber noch auf einen anderen Aspekt
hinweisen.
Um Ziele in die Tat umsetzen zu können, braucht man
Energie und Schaffenskraft. Wenn aber die körperliche
189
Leutnantsbuch
Leistungsfähigkeit nachlässt, wird das Erfolgreichsein
schwieriger. Gerade dann muss man verstärkt auf seinen
Körper achten und die vorhandenen Kräfte effektiv einsetzen.
Im Zusammenhang mit unserer körperlichen Leistungsfähigkeit ist auch die Beachtung des „biologischen“
Rhythmus’ notwendiger denn je. Es ist nicht gut, immer
unter „Volllast“ zu fahren. Dies gilt für uns selbst, aber auch
für die Menschen, die wir führen. Nur der Wechsel zwischen
Aktivität und Entspannung bringt den Erfolg. Die
Fehlerhäufigkeit nimmt ab, der klare Blick bleibt bestehen,
die Gesamtübersicht und die persönliche Motivation bleiben
erhalten oder nehmen sogar zu. Dies ist eine Art von
Fürsorge sich selbst und anderen gegenüber.“
Major Seidel holt tief Luft. Unsere Getränke sind längst leer,
und ein bisschen haben wir den Eindruck, dass Major Seidel
unter Zeitdruck steht. Es ist sieben Uhr, um acht geht seine
Veranstaltung los. Deshalb sage ich:
„Herr Major, ich glaube, das müssen wir erst einmal
verarbeiten. Sie hatten uns doch angeboten, uns Ihre Notizen
mitzugeben. Steht das Angebot noch?“
„Keine Frage, natürlich!“, antwortet er. „Allerdings muss ich
jetzt bald los, sonst komme ich zu spät. Wir werden ja sicher
noch Zeit haben, weiter über unser Projekt zu sprechen. Ich
habe da so eine Idee … mehr verrate ich Ihnen aber nicht. In
zwei Wochen ist unser Ausbildungswochenende. Dann
haben wir freitags Sportfest und abends werden wir grillen.
Wie wäre es, wenn wird uns dann noch einmal
zusammensetzen? Ich will versuchen, noch den ein oder
anderen zu gewinnen, der uns aus seinem Soldatenleben
erzählt. Kann ja nicht schaden, oder?“
190
Leutnantsbuch
„Das ist eine gute Idee“, antwortet Cindy und wir bestätigen
dies durch Kopfnicken. Dann verabschieden wir uns, Major
Seidel geht direkt los und wir bleiben noch ein wenig sitzen.
Jetzt schmeckt auch schon ein Weizenbier.
191
Leutnantsbuch
Offizieranwärter Frank
Das Ausbildungswochenende
W
eitsprung, 5.000-Meter-Lauf, Kugelstoßen und
Schwimmen habe ich schon absolviert, der Rest sollte
kein Problem sein.
Dann habe ich das Sportabzeichen für dieses Jahr auch
erledigt. Ich halte es für wichtig, die Bedingungen möglichst
früh im Jahr abzulegen. Dann kommt man am Ende nicht in
Zeitnot. Außerdem macht es auch mehr Spaß, dies
gemeinsam zu tun. Ich sage das auch immer den anderen,
dass man hier nicht nachlässig sein darf.
Unser Sportfest im Rahmen des Ausbildungswochenendes
hier an der Offizierschule des Heeres steht unter einem guten
Stern, das Wetter wird auch weiterhin mitspielen – strahlend
blauer Himmel! Bevor wir Offizieranwärter uns nachher mit
Major Seidel treffen, werden wir aber noch an ein paar
Spaßvorhaben im großen Rahmen teilnehmen. Ich habe
mich für Sackhüpfen entschieden, Markus für den
Eierhindernislauf. Annette und Cindy sind in der
Damenmannschaft beim Tauziehen gemeldet und Jonas ist
freiwillig als Schiedsrichter dabei.
Von Major Seidel habe ich bis jetzt noch nichts gesehen,
aber wir hatten uns ja auch erst für den gemütlichen
Ausklang verabredet. Grill- und Lagerfeuerromantik.
Allerdings hatte ich vorhin ganz kurz ein Gespräch mit
Major Steegemann, den ich ja noch aus dem Gespräch im
Kasino kenne. Er sagte, dass er auch zu uns kommen würde
und noch den ein oder anderen Interessierten mitbrächte.
Das kann wieder ein schöner Abend werden, denke ich.
192
Leutnantsbuch
Auf dem Weg zu den Duschen treffe ich Jonas. Die
sportlichen Aktivitäten haben wir hinter uns, jetzt heißt es,
sich fein machen für den geselligen Teil. Jonas sagt:
„Wir sollten Major Seidel noch einmal auf die schriftlichen
Erlebnisberichte ansprechen. Ich fände das eigentlich ganz
gut, wenn man die einzelnen Erzählungen sammelt bevor
man sie irgendwann wieder vergisst.“
„Ja“, antworte ich, „das hatte ich mir auch schon überlegt.
Wir werden ihn darauf ansprechen. Übrigens: Ich habe am
Wochenende auch schon angefangen, mein Erlebnis im
Offizieranwärterbataillon aufzuschreiben. Damals, als ich
während der Übung so oft darüber nachgedacht habe, was
ich eigentlich da gerade tue.“
Nach dem Duschen schlendern Jonas und ich zurück zum
Sportplatz, wo es schon nach Gegrilltem riecht. Nach kurzer
Zeit sehen wir die anderen, und dann auch Major Seidel,
Major Steegemann und einen weiteren Stabsoffizier, den wir
nicht kennen.
Wir treffen uns auf halbem Weg, begrüßen uns, und
vereinbaren, zuerst einmal für das leibliche Wohl zu sorgen.
„In einer halben Stunde am Lagerfeuer“, sagt Major Seidel,
und wir stimmen zu.
Als wir gemütlich in einer kleinen Runde um das Feuer
sitzen, beginnt Major Seidel:
„Bevor wir uns anhören, was Major Steegemann und Major
Schmidthuber zu erzählen haben, möchte ich mit Ihnen noch
eine Idee besprechen, die ich letztens auf der Fahrt nach
Hause hatte. Ich hatte Ihnen ja versprochen, weitere
Erlebnisse und Erfahrungen zu sammeln – nach Möglichkeit
193
Leutnantsbuch
in niedergeschriebener Form. Ein paar Beiträge habe ich
auch schon zusammen. Ich glaube fest daran, dass Sie nicht
die einzigen Offizieranwärter oder Offiziere im Heer oder in
der Bundeswehr sind, die sich die Frage nach dem
Besonderen an unserem Beruf gestellt haben. Wie wäre es,
wenn wir unsere Ideen und Erlebnisse einfach einmal
zusammenschreiben. Bestimmt gibt es andere, die eine
solche „Sammlung“ als Anregung aufnehmen und auch – so
wie wir – gemeinsam über die Inhalte sprechen.“
„Genau das haben Frank und ich heute auch gedacht“,
pflichtet Jonas bei. „Wir fänden das richtig gut – auch für
uns. Bestimmt kommt wieder eine Zeit, in der wir uns eine
solche Sammlung noch einmal vornehmen – als Bettlektüre,
oder einfach so, wenn einmal Zeit dafür ist.“
„Als Arbeitsbegriff für unsere Sammlung“, fährt Major
Seidel fort, könnten wir „Das Leutnantsleben“ oder „Das
Leutnantsbuch“ wählen. Aber das können wir ja noch einmal
später besprechen.“
„Herr Schmidthuber“, sagt Major Steegemann, „Sie hatten
doch neulich auch so ein tolles Erlebnis. Vielleicht beginnen
Sie einfach mal mit Ihrer Geschichte, ich bin sicher, dann
fallen uns noch weitere ein!“
Alle nicken und Major Schmidthuber beginnt zu erzählen.
Das wird sicher ein langer Abend, hier am Lagerfeuer … mit
Muskelkater und großer Zufriedenheit – insbesondere für
Markus, der seinen Eierhindernislauf gewonnen hat.
194
Leutnantsbuch
Einsatz beim Operational Mentoring and Liaison Team
(OMLT) in AFGHANISTAN
F
ast drei Monate beim Einsatzunterstützungsverband
KABUL waren bereits vergangen, als mich der
Kommandeur in meinem Dienstzimmer aufsuchte. Er
meinte, dass wir mal im Schatten des Kompanieblockes
„eine rauchen gehen“ sollten. Das war in der Zeit unserer
Zusammenarbeit – mittlerweile fast eineinhalb Jahre – bisher
noch nicht vorgekommen, zumal ich Nichtraucher bin. Mir
war also klar, dass irgendetwas vorgefallen sein musste.
Sofort dachte ich an die Kräfte meiner Kompanie, die in
KABUL bei angespannter Sicherheitslage unterwegs waren.
Doch der Wind wehte aus einer komplett anderen Richtung.
Der Kommandeur eröffnete mir, dass die Bundeswehr
kurzfristig einen weiteren Ausbildungsauftrag für die
Afghanische Armee (ANA) bekommen hat und dazu sei ab
sofort qualifiziertes Personal abzustellen – Personal, das sich
bereits im Einsatz befindet. Für diese Kameraden würde sich
der Einsatz also um weitere Monate verlängern.
Aufgrund meiner im Vorjahr gesammelten Erfahrungen
sollte ich den Dienstposten des Senior Mentors übernehmen
und damit ein OMLT führen. Dabei wird dem Schlüsselpersonal eines afghanischen Bataillons jeweils ein deutscher
Soldat zugeordnet, der dann im laufenden Dienstgeschäft als
Mentor fungiert. Die Arbeit im OMLT stellt aus vielerlei
Sicht eine besondere Herausforderung dar.
Die OMLT wirken immer mit anderen Nationen, welche
benachbarten, übergeordneten oder unterstellten Verbänden
der ANA beratend zur Seite stehen, zusammen. Damit die
Zusammenarbeit möglichst friktionslos verläuft, ist hier
zwingend interkulturelle Kompetenz und ein hohes Maß an
Kommunikationsfähigkeit gefordert, da durch die hohe
Anzahl an Nationen und Schnittstellen mit unterschied195
Leutnantsbuch
lichem Sprachniveau und verschiedenen Akzenten auch das
eigene Englisch nicht immer verstanden wird. Außerdem
müssen aufgrund der hohen Dienstgraddichte im OMLT alle
anfallenden Tätigkeiten, wie Versorgungsfahrten, Technischer Dienst, Stuben- bzw. Containerreinigung im Team
erledigt werden. Auch wenn man als Führer der oft zitierte
„primus inter pares“, der Erste unter Gleichen ist, an den
besondere Anforderungen gestellt werden, muss alles im
gemeinschaftlichen Rahmen bewältigt werden.
Die größte Herausforderung liegt aber im eigentlichen
Auftrag selbst. Für Ausbildung und Beratung werden meist
Sprachmittler benötigt. Hierbei kommt es immer zu einem
unvermeidlichen Zeitverzug und einer gewissen Unsicherheit, ob das Gesagte auch so verstanden wurde oder mir die
Absicht der afghanischen Kameraden auch richtig übermittelt wurde.
Neben diesen Rahmenbedingungen, die an sich schon eine
gewisse Gelassenheit und diplomatisches Geschick verlangen, befindet sich die ANA in einem rasant verlaufenden
Entwicklungsprozess, der fast täglich Überraschungen mit
sich bringt. Die Führer der ANA lassen sich grob in drei Kategorien einteilen: Die mit Ausbildung im russisch geprägten
System, die mit westlich orientiertem Ausbildungsgang und
die ehemaligen Mudschaheddin, die aufgrund ihrer Stellung
in der afghanischen Gesellschaft sehr einflussreich sind.
Allen ist aber die afghanische Gelassenheit gemein: z.B. Teetrinken und lange Diskussionen während des täglichen
Dienstes.
Aufgabe der internationalen Mentoren ist es, die afghanischen
Führer zu beraten und ihnen Standardverfahren aufzuzeigen,
damit der tägliche Routinedienst, der Ausbildungs- und
Gefechtsdienst organisiert und planbar abläuft. Vieles aus
dem uns vertrauten Dienstbetrieb der Bundeswehr ist bei
196
Leutnantsbuch
einer Armee in der Aufstellung noch nicht vorhanden, sodass wirkliche Pionierarbeit geleistet werden muss.
Wenn beispielsweise ein afghanischer Soldat Urlaub nehmen
wollte, benötigte er die Unterschriften des Gruppenführers,
des Zugführers, des Kompaniechefs, des Spießes, des Rechnungsführers, dann die des stellvertretenden Kommandeurs
und letztendlich die des Bataillonskommandeurs selbst.
Jeder einzelne Führer will immer an jedem Vorgang beteiligt
werden und versucht Einfluss zu nehmen. Dadurch dauerte
es entsprechend lange, bis dann bspw. der Urlaub genehmigt
ist. Der beantragte Zeitraum ist dann oft schon verstrichen.
Nur mit intensiver Überzeugungsarbeit, dass man dem unterstellten Bereich vertrauen kann und dadurch den Kopf
für die wichtigen Führungsaufgaben frei hat, konnten wir
eine Vereinfachung herbeiführen. So waren am Ende nur
noch die Unterschriften des Zugführers, des Spießes und des
Kompaniechefs erforderlich. Allerdings ließ sich der Kommandeur noch melden, wer wann im Urlaub war. Die Vereinfachung bewirkte auch, dass die Soldaten meist zur beantragten Zeit frei bekamen, was deren Motivation natürlich
deutlich steigerte.
Wenn man dann noch erfährt, dass der afghanische Kommandeur dieses Verfahren stolz bei der Kommandeurbesprechung als Fortschritt schildert und damit deutlich
wird, dass die afghanischen Kameraden aus Überzeugung
und nicht nur aus Höflichkeit einen Rat befolgen, dann wird
man für sein eigenes weiteres Handeln motiviert.
HI
Der Offizierberuf fordert u.a. ein hohes Maß an Offenheit,
Flexibilität sowie Kommunikations- und Belastungsfähigkeit
– sowohl im Grundbetrieb als auch im Einsatz. Die Einsätze
197
Leutnantsbuch
der Bundeswehr finden grundsätzlich im multinationalen
Umfeld und in fremden Kulturkreisen statt. Deshalb ist
gerade hier bei den Soldaten – auf der Basis des im Grundgesetz verankerten Menschenbildes – kulturadäquates Verhalten, d.h. der offene, sensitive, tolerante und respektvolle
Umgang mit fremden Kulturen, Sitten und Gebräuchen
unerlässlich. Um darüber hinaus angemessen auf sich
ändernde Rahmenbedingungen reagieren zu können, kommt
es darauf an, auf die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten,
die hochwertige Ausbildung sowie auf das Können der
Soldaten zu vertrauen, um einen Auftrag – und erscheint
dieser zu Beginn noch so schwierig – erfolgreich erfüllen zu
können.
198
Leutnantsbuch
Medien im Einsatz
I
n Vorbereitung auf den Einsatz als Quick Reaction Force
(QRF) des Regional Command North ISAF informierte
uns unser Bataillonskommandeur und designierter Commander QRF während einer Teileinheitsführerbesprechung auf
dem Truppenübungsplatz in Bergen, dass Medienvertreter
ab jetzt unsere ständigen Begleiter sein würden. Er führte
weiter aus, dass den Journalisten offen zu begegnen sei. Sie
seien dafür verantwortlich, dass über unsere gute Leistung
vor und während des Einsatzes in den Medien berichtet
werde. Damit, so der Kommandeur, trage jeder Einzelne von
uns zum Erfolg des Einsatzes bei!
Im Anschluss an diese Besprechung wurde wenig über die
Worte des Kommandeurs geredet. Medienpräsenz war als
Randnotiz aufgenommen worden. Niemand hätte zu diesem
Zeitpunkt geahnt, welche Ausmaße diese Präsenz noch
annehmen sollte.
In den kommenden Wochen nahm das Medieninteresse an
unserer Arbeit jedoch rasant zu. Medientage, Interviews
einzelner Soldaten und die Begleitung unserer Züge in der
Ausbildung durch Journalisten waren bald an der Tagesordnung. Ständig erschienen Berichte über die „Hightechkrieger des Heeres“ und „… unsere Ausbildung zum Jagen
der Taliban …“. Die meisten Berichte freuten uns, viele
sorgten aufgrund der unmilitärischen Ausdrucksweise für
Erheiterung und sehr wenige erregten unseren Unmut. Die
Haltung der Medien war bei allen Begegnungen offen und
fair. Nie habe ich erlebt, dass Journalisten uns gegenüber
unangemessen oder aufdringlich aufgetreten wären. Auch
wurde niemand zu Grundsatzfragen, wie etwa über den Sinn
einer Mandatserweiterung, interviewt. Die Fragen der Journalisten waren ebenengerecht und es wurde akzeptiert, wenn
jemand keine Antwort geben konnte oder wollte. Bald schon
199
Leutnantsbuch
waren wir im Umgang mit den Medien routiniert. Diese
bereits vor dem Einsatz gewonnene Routine half im Einsatz. Mit Beginn unserer Verlegung nach AFGHANISTAN
nahm das Interesse weiter zu. So gab es schon zu Beginn
einen Medientag in MAZAR-E-SHARIF. Hierbei konnten
sich etwa 70 Medienvertreter einen Eindruck davon
verschaffen, wie die QRF in verschiedenen Szenarien
vorgeht. Es folgten Besuche von Fernsehteams,
Delegationen der „Hauptstadtpresse“ und bundeswehrinterner Medien. Medienvertreter folgten uns nach POL-EKHOMRI, auf Patrouille in SAMANGAN und in die
Gegend um KUNDUZ. Ein Fernsehteam stand neben uns im
Checkpoint bei AYBAK. Manche waren einige Stunden bei
uns und hatten offensichtlich relativ feste Fragenkataloge
abzuarbeiten. Andere blieben für eine Woche und
begleiteten unseren I. Zug in die Region um FEYZABAD.
Dabei konnten sie die QRF hautnah erleben. Wir haben uns
nicht verstellt und keine Fassaden aufgebaut. Wir haben den
Medien als Stellvertreter einer interessierten Öffentlichkeit
gezeigt, was wir machen und welche Probleme uns beschäftigen. Die Journalisten haben mit uns geschwitzt, Staub
geschluckt und gelacht. Sie waren für uns so etwas wie
Gäste und die anfängliche Scheu war gewichen.
Auch nach dem Einsatz zeigten die Medien weiterhin großes
Interesse an uns. Interviews am Rande des Heimkehrerappells, Besuche von Rundfunk und Fernsehen im Standort
sowie etliche Berichte über die Einsatznachbereitung sind
hierfür Zeugnis. Ich selbst habe beim Umgang mit den Medien stets gute Erfahrungen gemacht. Den Wunsch, einen
Soldaten bei der Ankunft in Deutschland zu interviewen und
mit ihm den Heimweg anzutreten, mussten wir ablehnen.
200
Leutnantsbuch
Die ersten Stunden zu Hause gehören unseren Liebsten und
keiner noch so interessierten Öffentlichkeit.
HI
Die Pressearbeit, d.h. die Zusammenarbeit mit den Medien,
ist ein wesentlicher Bestandteil der Informationsarbeit der
Bundeswehr. Sie wendet sich insbesondere an Journalistinnen und Journalisten aller Medien im In- und Ausland.
Der Umgang mit den Medien ist grundsätzlich freiwillig.
Wir betrachten die Journalistinnen und Journalisten als
unsere Partnerinnen und Partner und gehen offen und
ehrlich mit ihnen um. Als Soldaten hinterlegen wir die
Visitenkarte unserer Einheit, des deutschen Heeres und der
Bundeswehr.
Die Berichterstattung in den Medien über die Aufgaben des
Heeres, ihre Einsätze und den Alltag der Soldatinnen und
Soldaten informiert die breite Öffentlichkeit unserer Bevölkerung, erzielt gesellschaftlichen Rückhalt und fördert
das Vertrauen in die Bundeswehr. Sie trägt damit zum erfolgreichen Bestehen in den Einsätzen bei.
201
Leutnantsbuch
Der kühle Kopf!
I
m Spätherbst erhielt meine Einheit den Auftrag im
Einsatzkontingent KFOR eine Sicherungskompanie einer
Task Force zu stellen. Kein außergewöhnlicher oder
besonderer Auftrag, auch nicht für eine Flugabwehrbatterie.
Bei der Erkundung im Dezember wurde aber die Brisanz
dieses Auftrages deutlich. Grenzüberwachung an der Grenze
zu MAZEDONIEN bedeutet Einsatz im Hochgebirge. Die
Ausbildung in allen Teilbereichen begann und schnell
stellten sich die besonderen Herausforderungen an Mensch
und Material heraus.
Im Einsatz angekommen, übernahmen wir die Aufgaben und
lebten uns schnell ein. Wenig Zeit, eine große Fülle an
Aufträgen und Zusatzaufträgen hielten die Einheit auf Trab.
Schnell vergingen die ersten Wochen und die Sicherheit im
Handeln nahm zu. Die Leistungsfähigkeit der Soldaten
nötigte mir als Einheitsführer Respekt ab, und es wurde
schnell deutlich, wie motiviert die Soldaten waren.
Leutnant V. war als Zugführer eines Sicherungszuges
eingesetzt und stellte bereits in der Anfangsphase des
Einsatzes seine Umsicht und Besonnenheit im Umgang mit
seinen Soldaten unter Beweis.
Vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Vorgesetzten und
Untergebenen waren seine Markenzeichen.
So war es auch kein Wunder, dass ein weiterer Zusatzauftrag
zunächst an Leutnant V. erteilt wurde. Die Kompanie hatte
den Auftrag, im Süden des KOSOVO einen Bereich der
Grenzsicherung zu ALBANIEN und MAZEDONIEN von
der türkischen Task Force zu übernehmen. Aufgrund der
Ausstattung und Ausrüstung kam für diesen Auftrag nur
unsere Kompanie in Frage. Dieser Einsatz erforderte es, ein
202
Leutnantsbuch
Höhenlager nahe dem Einsatzgebiet einzurichten, und so
wurde Leutnant V. für einige Wochen zum Kommandanten
dieses Höhenlagers.
Unwegsame Straßen und das überwiegend alpine Gelände
forderten den Einsatz von vorgeschobenen Außenposten im
Gebirge. Diese wurden in Zeitabständen von zwei bis drei
Tagen aus dem Höhenlager versorgt.
Zunehmend wurden die Wetterbedingungen in den
Außenposten schlechter und immer öfter zogen Nebel und
eisige Luft in den Beobachtungsbereich, die die
Auftragserfüllung erschwerten. Leutnant V. hatte es sich zur
Angewohnheit gemacht, den Personalwechsel auf den
Observation Posts selbst durchzuführen und begleitete somit
den Transport von Personal und Material zu den
Außenposten. So konnte er sich ein Bild der aktuellen Lage
verschaffen und das nachfolgende Personal selbst einweisen.
Die Soldaten des Zuges schätzten die Nähe des
Vorgesetzten, machte er ihnen doch so die Wichtigkeit ihres
Einsatzes in diesem unwirtlichen Gelände deutlich. Wechsel
und Transport konnten nur mit dem Überschneefahrzeug
Häglund HUSKY durchgeführt werden, alle anderen
Fahrzeuge versagten hier ihren Dienst.
An einem kalten Morgen im Herbst nahm nun das Schicksal
seinen Lauf. Wie so oft startete der HUSKY zum Wechsel
des Personals zu den Außenposten. Beladen mit neun
Soldaten und Verpflegung für drei Tage, war das
Höhenlager schnell verlassen. Eine dichte Wolkendecke
hing über dem Kosovo und der HUSKY gewann schnell an
Höhe. Oberhalb von 2000 m hatte der erste Frost einen
weißen „Zuckerguss“ auf dem spärlichen Bewuchs
hinterlassen.
203
Leutnantsbuch
Bei der direkten Anfahrt auf den Außenposten 2, auf einer
Höhe von 2114 m geschah das, was im Untersuchungsbericht später als Verkettung unglücklicher Umstände
beschrieben wurde. Der steile, mit Berggras bewachsene
Weg war noch feucht vom Frost der Nacht, der HUSKY
bewegte sich langsam auf den Scheitelpunkt des Anstieges
zu. Da der HUSKY über ein automatisches Wandlergetriebe
verfügt, schaltet dieses ab einer bestimmten Drehzahl in eine
höhere Gangstufe. Und genau das tat das Getriebe jetzt.
Der HUSKY, kurz vor dem Scheitelpunkt, hatte nun keine
Leistung mehr zur Verfügung, um sich weiterhin der
Schwerkraft entgegen zu stemmen. Das Fahrzeug begann
rückwärts zu rutschen und geriet in Schieflage. Nach
wenigen Metern kippte der Wagen und begann sich zu
überschlagen.
Durch mindestens vier Überschläge wurde die Karosserie
zertrümmert, die Insassen und die Ausrüstung in ein
Geröllfeld geschleudert. Die Bodengruppe des HUSKY
blieb mit den Ketten nach oben ebenfalls in diesem
Geröllfeld liegen.
Die Soldaten waren alle verletzt, zwei Soldaten davon
schwer.
Obwohl selbst verletzt, begann Leutnant V. sofort, die
leichter verletzten Soldaten einzuteilen. Einen vom
Außenposten herbeigeeilten Soldaten beauftragte er damit,
einen Notruf abzusetzen. Er selbst und zwei weitere
Soldaten begannen mit der Versorgung der Verletzten.
Später erzählte er mir, dass er in diesen Minuten wie in
Trance handelte. Ob nun wie in Trance oder bei vollem
Bewusstsein, die Erstversorgung wurde später vom
eingetroffenen Notarzt als vorbildlich eingestuft und war
204
Leutnantsbuch
verantwortlich dafür, dass den Verletzten kein bleibender
Schaden entstanden ist.
Erst nach dieser Erstversorgung und nach der Betreuung des
unter Schock stehenden Kraftfahrers gestattete Leutnant V.
einem Soldaten, dass dieser ihm auch seine Verletzungen
versorgte.
Über die OPZ der Task Force wurde ein Notruf abgesetzt,
schnell war der für diese Zwecke vorbereitete Hubschrauber
CH 53 in der Luft. Allerdings war der Pilot nicht in der
Lage, die Maschine in der Nähe des Außenpostens zu
landen. Nebel und schlechte Sicht machten eine Landung
unmöglich. Nach einer ersten notfallmedizinischen
Versorgung wurden die Verletzten mit dem inzwischen
eingetroffenen Beweglichen Arzttrupp (BAT) zum nächsten
möglichen Landeplatz des Hubschraubers transportiert und
in das Feldlazarett nach PRIZREN geflogen. Noch am
gleichen Abend wurden zwei Soldaten von der Luftwaffe
nach KÖLN ausgeflogen und dort in ein Bundeswehrkrankenhaus eingeliefert.
Nach einhelliger Meinung aller Beteiligten ist es dem
umsichtigen und besonnenen Verhalten von Leutnant V. zu
verdanken, dass bei den verletzten Soldaten keinerlei
bleibende Schäden an Leib und Seele entstanden sind.
Alle Soldaten dieser Fahrt wurden im Anschluss an die
medizinische Versorgung durch den Truppenpsychologen
betreut und waren nach wenigen Tagen erneut einsatzbereit.
Lange Gespräche mit dem Kraftfahrer nahmen ihm die
Schuldgefühle und auch dieser Soldat war nach einigen
Tagen bereit, sich erneut hinter das Steuer zu setzten.
Der Einsatz ging ohne weitere tragische Vorfälle zu Ende
und seitdem habe ich Leutnant V. etwas aus den Augen
verloren.
205
Leutnantsbuch
Vor einigen Wochen erhielt ich jedoch die Nachricht, dass er
mittlerweile zum Hauptmann befördert wurde und in die
Laufbahn der Berufsoffiziere übernommen wurde.
Über diese Entscheidung freue ich mich außerordentlich, traf
sie doch den Richtigen, einen vorbildlichen Kameraden und
Vorgesetzten.
HI
Vorbild sein, auch in Notlagen! Der Leutnant schuf dadurch
eine verlässliche Vertrauensbasis, dass er sich unablässig
um seine Männer und Frauen kümmerte – im besten Sinne
des Wortes. Er zeigt Interesse für deren Aufgabenerfüllung,
teilt Belastungen mit ihnen und führt von vorn! Er zeigt
fachliche Kompetenz, auch als Ersthelfer am Unfallort!
Trotz eigener Verletzung bewahrt er die Übersicht,
koordiniert die ersten sanitätsdienstlichen Maßnahmen und
aktiviert die Rettungskette. Die Geschichte zeigt auch:
Unsere Rettungskette funktioniert – und dies nicht nur in
diesem Fall!
Besonnen und kompetent handelnde Führer, eine
funktionierende Rettungskette und eine offene Fehler- und
Gesprächskultur nach dem Unfall schaffen Vertrauen und
die Grundlage für ein rasches Wiederherstellen der
Einsatzbereitschaft!
206
Leutnantsbuch
Führen von irgendwo
I
ch befinde mich seit zwei Tagen auf dem Truppenübungsplatz WILDFLECKEN und nehme mit meinen
Kameraden an der einsatzvorbereitenden Ausbildung teil.
Unsere Gruppe besteht aus einem Oberst, mehreren weiteren
Stabsoffizieren und den Männern aus der „Truppe“.
Vorbereitung für AFGHANISTAN, ein sehr gefährliches
Land – im Süden. Im Norden, so hofften wir damals, im
Bereich des durch die Bundeswehr geführten Regional
Command, würde es hoffentlich etwas anders aussehen. Dort
möge man die Deutschen und freue sich über die zielstrebige
Hilfe und die Unterstützung beim Wiederaufbau des Landes.
Dennoch muss sich jeder Soldat, der die Heimat Richtung
AFGHANISTAN verlässt, auf Gefangenschaft und
Geiselhaft vorbereiten. Aus diesem Grund nehmen wir an
der Ausbildungsstation „Geiselhaft“ teil.
10.00 Uhr: Wir fahren in einem Bus über den Übungsplatz,
als plötzlich vermummte und bewaffnete Milizionäre auf der
Straße stehen. Aus neun Uhr eine MG-Garbe, die den Bus
zum Stehen bringt. Wie es ausgebildet wurde, verhalten wir
uns ruhig und machen keine Anstalten, uns zu wehren. Ohne
Waffen können wir sowieso nichts ändern – Hilflosigkeit!
Der Führer der Geiselnehmer betritt den Bus und schreit mit
ausländischem Akzent: „Wer ist der Chef im Bus?“ Niemand
antwortet – alle warten, Totenstille! Einer der Milizionäre
kommt auf mich zu, nimmt mich am Arm, zerrt mich aus
dem Bus und sagt: „Du Chef!“. Ich denke: „Mist!“. Widersprechen will ich nicht, denn das zieht Sanktionen nach sich.
Es folgen mehrere Stunden Geiselhaft, eine sehr realistische
Ausbildung. Dann ist endlich Schluss!
14.00 Uhr: Einrücken in den U-Raum, um die Schlussbesprechung durchzuführen. Die ganze Gruppe sitzt müde
auf den Stühlen und trotzdem herrscht ein wenig Unruhe.
207
Leutnantsbuch
Ich kann mich vor Spannung kaum auf dem Stuhl halten,
denn mir brennt eine Frage unter den Nägeln. Doch der
Ausbilder ist schneller und direkter, als ich es in dieser
Situation jemals gewesen wäre und stellt dem Oberst, ohne
Umschweife eine mutige Frage: „Zu Beginn der Geiselhaftausbildung fragte der Anführer der Miliz nach dem „Führer
der Gruppe“. Warum haben Sie sich nicht gemeldet? Es
folgte eine Antwort, die jeder Soldat aus seiner Grundausbildung kennt: „Mich hat niemand zum Führer des Busses
eingeteilt!“
HI
208
Leutnantsbuch
Haar- und Barterlass, Piercing und Tatoos
D
ienstagmorgen, 08.30 Uhr:
Seit knapp sechs Monaten bin ich Zugführer in der
4. Kompanie, habe mich nach anfänglichen Höhen und
Tiefen ganz gut bei uns eingewöhnt, die innere tägliche Anspannung ist schon ein bisschen der Routine gewichen, und
ich kenne auch schon die meisten Offiziere im Bataillon.
Heute um 10.00 Uhr ist Offizierweiterbildung mit allen
zusammen im Offizierheim. Der Rechtsberater (RB) der Division kommt, die Spieße sind ebenfalls dabei. Ein Kamerad
sagte mir, das geschähe eher selten. Im Schwerpunkt soll es
wohl um das Disziplinarrecht gehen.
Na ja, Wehrrecht war an der Offizierschule des Heeres
(OSH) nie meine besondere Stärke, im UZwGBw fühle ich
mich auch heute noch nicht ganz sicher. Ich werde in
Deckung bleiben, keine Fragen stellen und mich hoffentlich
vor dem Kommandeur und den anderen Offizieren nicht
blamieren, wenn sich jemand an mich wendet.
10.15 Uhr
Nach der Meldung an den Kommandeur durch den
Stellvertreter und einleitenden Worten erklärt der
Kommandeur, wichtig sei ihm die Teilnahme der jüngeren
Offiziere, da auch sie gelegentlich in der Situation seien, den
Chef zu vertreten ...
Toll, das wird ja heiter: Tests für die Oberleutnante und die
Einsatzoffiziere ...
Der Rechtsberater – man nennt ihn RB, ein etwas kühl
wirkender Mensch, Jackett, Krawatte, ausgebeulte Hose, alte
Lederaktentasche, kein großer Sympathieträger – trägt vor,
weniger über einfache Disziplinarmaßnahmen, vielmehr
über den Haar- und Barterlass. Immer wieder gebe es
209
Leutnantsbuch
Beschwerden über diesen Erlass des BMVg, sei es, dass er
vermeintlich zu stark in die Persönlichkeitsrechte des
Einzelnen eingreife, sei es, dass er die Frauen und Männer
ungleich behandle. Da dieser Erlass des BMVg als einer der
ganz wenigen unmittelbaren Befehlscharakter habe, musste
sich der Wehrdienstsenat des Bundesverwaltungsgerichts
schon mit ihm beschäftigen. Über den Minister kann man
sich nur dort beschweren.
Na die haben Sorgen. Zum Glück hatte ich damit noch
keinen Ärger. Meine Jungs haben fast alle ganz kurze, einige
auch gar keine Haare auf dem Kopf und die drei Frauen
tragen ausschließlich Zopf im Dienst. Mit kurzen Haaren
möchte ich sie mir gar nicht vorstellen.
Jetzt, nach einigen Minuten, hat sich die Atmosphäre etwas
gelockert und der „kühle Mensch“ aus dem Divisionsstab
zieht mich durch teilweise heitere Beispiele und präzise
Formulierungen schon fast in seinen Bann. Blicke nach links
und rechts bestätigen mir: Den anderen geht es ebenso.
Mir reicht es, wenn ich mir merkte, dass die Pflicht für
Soldaten, sich kurze Haare schneiden zu lassen, nicht
unverhältnismäßig in die Persönlichkeitsrechte eingreife und
zu dulden sei. Zu der ungleichen Behandlung von
Soldatinnen und Soldaten hat der RB einen Kernsatz gesagt,
der mir einleuchtet: „Gleiches ist gleich, Ungleiches
ungleich zu behandeln“.
Prima.
10.45 Uhr
Nach einer kurzen Pause, ich bin überrascht, wie viele doch
noch rauchen, geht es weiter. Hauptmann L., Chef 2. Kompanie, geradlinig, dabei jugendlich, unverheiratet, spricht
manchmal etwas zu laut, hat vorhin das Thema Piercing und
Tatoos angerissen und der Kommandeur bat den RB, darauf
einzugehen.
210
Leutnantsbuch
Achtung, aufgepasst, Oberfeldwebel L. und Feldwebel S.
haben beide Tatoos auf den Oberarmen und Stabsunteroffizier F. habe ich in Zivil schon mit einem Ohrring
gesehen; ich mochte diese Kameraden jedoch noch nicht
darauf ansprechen.
Nun würde es etwas komplizierter werden, ruft der RB
freudig, doch er fängt beim Einfachen an. Piercing sei eine
Art von Schmuck, Tatoos ebenfalls. Die Innendienstvorschrift bestimme, dass männliche Soldaten zur Uniform
keinen Schmuck tragen dürften, ausgenommen zwei Ringe,
Krawattenspange und Manschettenknöpfe.
Wer trägt so was schon ...? OK. Klare Regelung.
Frauen dagegen dürfen, außer im Einsatz, „dezenten“
Schmuck tragen. Ausnahmen kann der Chef aus
Sicherheitsgründen, z.B. Sport, befehlen. Aber was ist schon
dezent?
Zur Freude aller zeigt der RB einige Fotos „gepiercter
Ungetüme“ und sagt unmissverständlich: Lippen- und
Nasenpiercing sind sicher keine dezenten (Duden:
„vornehm-zurückhaltend, unaufdringlich“) Schmuckstücke.
Sie dürfen während des Dienstes nicht getragen werden. Gut
so. Klare Regelung. Aber was ist mit den auffälligen
Ohrsteckern in Form des Cannabisblattes? Meine Gedanken
spricht für mich Chef 1. Kompanie aus.
Jetzt windet sich nach meinem Geschmack der RB und sagt,
hier müsse jeder Einzelfall betrachtet werden. Dies sei
schließlich die königliche Aufgabe des Disziplinarvorgesetzten.
Na toll, das hilft mir kein bisschen weiter, doch nach einigen
Minuten der offenen Diskussion sehe ich ein, dass hier
schlecht ein Katalog des Zulässigen und des Verbotenen
erstellt werden kann.
Der RB fährt fort:
211
Leutnantsbuch
Gleichzeitig sei zu unterscheiden zwischen Schmuck, der
einfach an- und abzulegen sei und demjenigen, der nur
operativ entfernbar sei. Ein Befehl, sich z.B. das Piercing
operativ entfernen zu lassen, ist unzulässig, da der Soldat
oder die Soldatin einen derartigen Eingriff nach § 17 Abs. 4
SG nicht erdulden muss. In der Realität ist dann das
Abkleben mit einem Pflaster die richtige und sinnvollste
Maßnahme.
Auch wichtig für die Beurteilung des Sachverhaltes und das
Durchsetzen des Verbotes ist die Frage, ob das Piercing vor
dem Wehrdienst eingesetzt wurde oder erst nach
Dienstantritt – in Kenntnis des Verbotes – gestochen wurde.
Bei Letzterem läge z.B. eine Dienstpflichtverletzung vor.
Na hoffentlich haben wir bei uns nicht mal so einen Fall ...!
„Und wie verhält es sich mit dem Tatoo, die Schlange von
der Schulter über den Hals bis hin zum Ohr“, fragt der Spieß
der 3. Kompanie. Er hat bestimmt einen konkreten Fall in
der Kompanie im Auge.
Tatoos, oder landläufig Tätowierungen, seien sozusagen
„Permanentschmuck“, und unterlägen denselben Bestimmungen wie Piercings. Gibt es dezente Tatoos? Sie seien
durch Pflaster abzudecken, denn der Befehl, sie wegoperieren zu lassen, sei schlicht nicht durchsetzbar. Aber wie
bei Piercings sei das Stechen von sichtbaren Tatoos während
des Wehrdienstverhältnisses wieder eine Dienstpflichtverletzung.
Auf die Frage, wo man dies alles nachlesen könne, musste
der RB passen. Es gäbe hierzu, neben den Aussagen zu
Schmuck in der Anzugsvorschrift ZDv 37/10, keine
ergänzenden Erlasse. Plötzlich wird er „bissig“ und merkte
noch an, dass man auch in Deutschland nicht das ganze reale
Leben in Erlasse und Vorschriften pressen könne.
Schweigen im Raum.
212
Leutnantsbuch
Mit einer persönlichen Anmerkung des Kommandeurs zu
seiner 15-jährigen Tochter entschärfte dieser die Situation
und wollte zum nächsten Thema „Der Vollzug“ überleiten.
Der RB bat noch um einen Satz zum alten Thema: Durchaus
wieder vertrauensvoll riet er uns, ihn bei solchen Fragen
einfach anzurufen, auch dafür sei er schließlich da und
werde ordentlich bezahlt.
OK! Das war ein guter Schlussstrich und insgesamt
überzeugend.
HI
Sei Vorbild! Halte Maß! Es gibt Grenzen der Toleranz.
Die Achtung der Persönlichkeit ist wesentliches Merkmal
und zugleich Forderung unseres Gemeinwesens. Sie findet
jedoch u.a. dort ihre Grenze, wo die Freiheit Anderer
beeinträchtigt wird oder wo zulässige Einschränkungen auf
Angehörige staatlicher Institutionen wirken. Gesellschaftliche Erwartungshaltungen hinsichtlich der Haartracht und
dem Tragen von Schmuck sind bei der Bundeswehr in
maßvollen Erlassen niedergelegt. Es ist die Pflicht des
Vorgesetzten, diese Bestimmungen durchzusetzen.
213
Leutnantsbuch
Totengedenken
V
or wenigen Tagen bin ich als Militärseelsorger hier im
PRT (Provincial Reconstruction Team) KUNDUZ
eingetroffen, es ist mein zweiter Auslandseinsatz, das zweite
Mal AFGHANISTAN, aber das erste Mal KUNDUZ. Die
Kisten meines Vorgängers sind bereits gepackt, in zwei
Tagen ist sein OUT. Wir sind mitten in der Übergabe. Er
erklärt mir, wer hier für was zuständig ist, wie die Abläufe
sind, was sich bewährt hat und was nicht. Wir prüfen Listen
und unterschreiben Belege. Dann kommt der Kalender: feste
Termine, welcher Pfarrer wann das Wort zur Woche für
Radio Andernach spricht, und so weiter.
Dann wird mein Kollege plötzlich ungewohnt ernst: „Da
sind noch ein paar ganz besondere Termine. Wir haben hier
in unserem Kontingent eine Tradition eingeführt und ich
würde mich freuen, wenn Du sie weiterführst. Du warst ja
schon am Ehrenhain und hast die Namenstafeln für die hier
in KUNDUZ gefallenen Kameraden gesehen. Wir halten
hier immer am Jahrestag eines Gefallenen am Abend bei
Sonnenuntergang am Ehrenhain eine kurze Gedenkfeier;
nichts Großes, zwei Musikstücke, ein Text, ein Gebet. Das
dauert knapp eine viertel Stunde, aber es ist uns allen hier
sehr wichtig geworden. Es wird keiner dorthin befohlen, der
Pfarrer lädt in Absprache mit dem Kommandeur des PRT
dazu ein. Nächsten Monat ist wieder so ein Gedenktermin.“
Das war vor knapp drei Wochen. Jetzt sitze ich hier am
Schreibtisch in der „Gottesburg“, dem Gebäude der
Militärseelsorge und bereite das Gedenken vor. Musik
auswählen, Absprachen mit der Stabskompanie wegen
Lautsprecher und Mikrofon. Das Technische ist schnell
erledigt, aber was soll ich morgen Abend sagen? Natürlich
kurz eine Vita des gefallenen Kameraden, aber dann? Macht
das eigentlich Sinn, diese Gedenken? Ich kenne das
214
Leutnantsbuch
Totengedenken ja aus der Kaserne in Deutschland am
Volkstrauertag. Aber das ist anders, anonymer, eine jährlich
wiederkehrende Zeremonie. Und von den Kameraden, die
mit ihm hier im Einsatz waren, ist ja gar keiner da.
Vermutlich kennt ihn heute hier gar keiner persönlich. Auf
der anderen Seite war er ein Kamerad, der hier in KUNDUZ
seinen Auftrag erfüllt und dabei durch einen heimtückischen
Anschlag sein Leben verloren hat. Sein Name steht am
Ehrenhain, das ist wichtig und damit bleibt er in unserer
Mitte und mit uns heute hier, die wir jetzt unseren Auftrag in
KUNDUZ erfüllen, verbunden. Vielleicht ist so ein
Gedenken auch ein Akt der Kameradschaft und der
Wertschätzung über den Tod hinaus.
Kurz vor 18.00 Uhr; die Sonne verschwindet gerade hinter
den Bergen, langsam füllt sich der Platz am Ehrenhain. Es
kommen immer mehr, mit so vielen hatte ich nicht
gerechnet. Anscheinend jeder, der es möglich machen
konnte ist gekommen. Auch die belgischen Kameraden, die
hier mit uns im PRT sind, habe eine Abordnung geschickt.
Die Spieße stehen mit brennenden Fackeln am Ehrenhain.
Der Kommandeur des PRT, der Vertreter des Auswärtigen
Amtes, die Kompaniechefs, alle sind da. Die Musik fängt an.
Für mich gibt es in diesem Augenblick keinen Zweifel mehr:
Es ist richtig und wichtig, was wir hier heute Abend tun.
Dieses Gedenken sind wir den gefallenen Kameraden
schuldig, aber wir gedenken dabei nicht nur ihrer, sondern
erinnern uns auch an unseren eigenen Auftrag und
versichern uns unseres Rückhalts bei den Kameraden.
Gemeinsames Gedenken verbindet.
In drei Monaten werde ich meinen Nachfolger einweisen.
Dann werde ich ihm dieses Gedenken ans Herz legen, so wie
es mein Vorgänger bei mir getan hat. Es ist unendlich
wichtig und wertvoll.
215
Leutnantsbuch
HI
Den verstorbenen Kameraden ein ehrendes Angedenken zu
bewahren, ist ein Akt der Kameradschaft, auch über den Tod
hinaus.
216
Leutnantsbuch
Soldatin, Soldaten-Ehefrau und Mutter
I
ch bin Frau Hauptmann, Berufssoldatin, eingesetzt als
Einsatzoffizier und ständiger Vertreter des Kompaniechefs
in einer selbständigen Einheit. Mein Mann ist ebenfalls
Hauptmann und trotz des gemeinsamen Lebensmittelpunktes
etwa 80 Tage im Jahr dienstlich bedingt unterwegs und an
jedem Feiertag und möglichen Brückentag im Dienst. Sein
Urlaub ist auf feste Urlaubsblöcke determiniert. Jederzeit
sind kurzfristige Lehrgänge oder Meetings im Ausland
möglich.
Im Jahr 2010 änderte sich mein Leben um 180 Grad, da ich
neu an den Standort versetzt wurde und zwei Monate später
unsere gemeinsame Tochter in einem mir unbekannten
Umfeld ohne soziales Netzwerk zur Welt kam. Es war die
achte Versetzung innerhalb von neun Dienstjahren.
Verantwortung zu tragen ist als Soldat und Offizier
selbstverständlich. Dazu gehört es auch, über die
Rahmendienstzeit hinaus, den Sorgen, Nöten und Belangen
der unterstellten Soldaten gerecht zu werden.
Als meine Tochter 2010 auf die Welt kam, änderten sich die
Prioritäten für mich gravierend. Ab diesem Zeitpunkt wurde
mein Tagesablauf durch die Bedürfnisse meiner Tochter
bestimmt und nicht mehr ausschließlich durch die des
Dienstherren. Ich stellte schnell fest, dass ein Kind 24
Stunden pro Tag und 365 Tage im Jahr nicht mit einer klaren
Linie zu planen, zu führen oder geschweige denn zu
koordinieren ist. In der fast einjährigen Elternzeit
befürchtete ich, die Herausforderungen im täglichen
Dienstbetrieb oder auf einem Lehrgang mit dem neuen
Schwerpunkt „Kind“ nicht mehr vereinbaren zu können. Die
körperliche Belastung und sportliche Leistung waren dabei
mein geringstes Problem. Die Einstellungen einer Mutter
und einer Soldatin waren aus meiner Sicht nicht mehr
217
Leutnantsbuch
deckungsgleich. Die Fürsorge für das eigene Kind ist die
erste Priorität und oberste Pflicht aller Eltern und nicht
umsonst im Grundgesetz verankert. Als „Offizier-Ehepaar“
ohne familiäre Unterstützung vor Ort, der Versetzung in
einen neuen Standort ohne soziales Netzwerk sind 24Stundendienste, Übungen, Tagungen, Dienstaufsicht,
Lehrgänge oder ein Einsatz scheinbar fast unmöglich und
benötigen ein hohes Maß an Koordination. Bei ständiger
Lageänderung sind Notfallpläne, im Privaten wie auch im
Dienstlichen, für alle Beteiligten ein Muss, da mein Mann
und ich exponierte Dienststellungen wahrnehmen.
Ich liebe meine Tochter, aber auch meinen Beruf. Die
Entscheidung „Berufssoldat für beide Elternteile?“ hat
meinen Mann und mich viele schlaflose Nächte und
unzählige Diskussionen gekostet. Es gibt kein
entscheidendes Argument aus unserer Sicht, den Dienst und
die Familie nicht zu vereinbaren. Man muss es in dem
Wissen wagen, dass es nicht immer einfach sein wird, den
eigenen Erwartungen und Vorstellungen aber auch den
dienstlichen Erfordernissen gerecht zu werden.
Mein normaler Tagesablauf gestaltet sich wie folgt: 05:10
Uhr Aufstehen, Kind wecken, Waschen, Anziehen,
Haushalt, 06:00 Uhr mit Kind und Hund zur
Kindertagesstätte gehen, 06:30 Uhr Kind abgeben, 06:40
Uhr Hund nach Hause bringen, 06:50 Uhr in die Kaserne
fahren, 07:00 – 15:00 Uhr Dienst, 15:00 Uhr nach Hause
fahren, Umziehen, Hund anleinen, 15:20 Uhr Kind abholen,
15:30 – 17:00 Uhr Spaziergang, Spielplatzbesuch,
Einkaufen, Arztbesuche, etc., 17:30 Uhr Abendessen, Kind
nachbereiten, Waschen und den nächsten Tag vorbereiten,
19:00 Uhr Kind zu Bett bringen, danach auch mal selbst
etwas essen und nebenbei den Haushalt machen, 20:00 Uhr
erstes Mal Zeit haben und müde sein.
218
Leutnantsbuch
Auf uns und unsere Tochter wird im schulfähigen Alter die
Problematik der unterschiedlichen Schulsysteme und
Lehrpläne in den verschiedenen Bundesländern zukommen,
wie es auch bei anderen Familien möglich ist. Zudem
könnten wir im weiteren Verlauf unser Dienstzeit an einem
Punkt kommen, an dem mein Mann oder ich zu Gunsten
unserer Tochter die dienstliche Karriere hinten anzustellen
haben.
Andere,
scheinbar
unüberwindbare
Herausforderungen, wie ein Auslandeinsatz, die räumliche
Trennung der Familie an zwei verschiedenen Standorten
oder der dreimonatige Stabsoffizierlehrgang in Hamburg, an
dem wir beide in der nächsten Zeit teilnehmen werden, gilt
es zu lösen. Der Lehrgang ist sehr anspruchsvoll und findet
in über 600 km Entfernung zu unserer derzeitigen Heimat
statt. Da ist wöchentliches Pendeln aufgrund der Kosten und
der Zeit nicht in Betracht zu ziehen. Uns ist bewusst, dass
wir als Familie und Soldaten die doppelte Last tragen, da
beide Elternteile verpflichtet sind, über den allgemeinen
Dienst hinaus an Lehrgängen und am Einsatz teilzunehmen.
Durch eine Wochenendbeziehung entsteht eine maximale
Belastung für die Familie und die Dienststelle des
kinderbetreuenden Partners, da er/sie aufgrund der
Kinderbetreuung nur bedingt verfügbar ist. Einer von uns hat
sich deshalb teilweise dem verständnislosen Kind und den
dienstlichen Obliegenheiten zu stellen. Zeit für eigene
Sorgen, Nöte und Belange gibt es dadurch äußerst selten.
Heute ist unsere Tochter zwei Jahre alt und wir sind beide
Berufssoldaten in verschiedenen, spezialisierten Einheiten –
aber an einem Standort.
Das erste Dienstjahr nach der Elternzeit ist vorbei und alle
möglichen Ängste haben sich derzeit nicht bewahrheitet.
Dies
ist
zu
einem
großen
Teil
unseren
Disziplinarvorgesetzten zu verdanken. Mit den Worten:
„Ihre Tochter gibt das Tempo vor…“, hat mein Kompanie219
Leutnantsbuch
chef sein Wort gehalten. Alle dienstlichen Belange richten
sich an der Verfügbarkeit eines Erziehungs-berechtigten für
unsere Tochter aus. Es war von Anfang an kein Problem,
dass ich meine Dienstzeit den Öffnungszeiten der
Kinderbetreuung anpasste. Ich wurde nie dazu angehalten
„kleinkariert“ auf unzähligen Formularen zu protokollieren,
wann ich was und wielange mache, sondern mein
Disziplinarvorgesetzter vertraute mir. Im Gegenzug ist es für
mich Freude und Motivation zugleich, zu dienen, die mir
gegebenen Chancen zu nutzen und Aufträge zu erfüllen. Es
ist für mich selbstverständlich, im Dienst auch
Kameradschaft zu pflegen, aber nur in einem für mich
vertretbaren zeitlichen Rahmen. Ich habe das Glück, nach
dem Prinzip „Führen mit Auftrag“ geleitet zu werden. Auf
meinem derzeitigen Dienstposten als Einsatzoffizier einer
selbständigen Einheit habe ich die Möglichkeit erhalten, auf
die Verwendung als Kompaniechef vorbereitet zu werden.
HI
Die Familie ist ein besonders schützenwertes Gut. Eine
Familie mit Kindern zu gründen, ist eine absolut persönliche
Angelegenheit derjenigen, die sich dafür entscheiden, und
sehr begrüßenswert. Handelt es sich dabei um
Lebenspartner / Eheleute, die beide berufstätig sind und wie
vorliegend in den Streitkräften dienen, ergeben sich daraus
naturgemäß ganz besondere, teilweise konkurrierende
Herausforderungen mit einerseits den Blick auf die Familie
und andererseits dem Blick auf den Dienst. Stets wird es
darum gehen, Lösungen und Wege zu finden, die beiden
Bereichen gerecht werden. Eine Vielzahl von Regelungen /
Maßnahmen des Dienstherrn zur Vereinbarkeit von Familie
und Dienst in den Streitkräften hilft dabei.
220
Leutnantsbuch
Die Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Dienst
in den Streitkräften ist eine wichtige Führungsaufgabe, der
sich alle Vorgesetzten stellen müssen!
221
Leutnantsbuch
Beim Handgranatenwerfen
E
s ist Februar, der vorletzte Tag eines Truppenübungsplatzaufenthalts in BERGEN. Ich bin Oberleutnant in
einer Panzerpionierkompanie und eingeteilt als Leitender
beim Handgranatenwerfen.
Alles läuft reibungslos. Für viele der jungen Kameraden ist
es das erste Mal, dass sie eine Gefechtshandgranate in der
Hand halten. Ich versuche durch erneutes Erläutern des
Ablaufs und vor allem durch das Ausstrahlen von Ruhe, den
Kameraden die Nervosität zu nehmen. Im letzten Rennen ist
ein Gefreiter, der zuvor als Absperrposten eingeteilt war.
Wie die Kameraden vor ihm, weise ich ihn nochmals in den
Ablauf ein, gebe ihm ein Hilfsziel und fange an, die
Kommandos zu geben: „Fertig machen zum Handgranatenwurf!“. Die Granate fest an den Oberschenkel gepresst, löst
er den Ring aus der Arretierung und schaut mich an. Für
mich das Zeichen, dass er bereit ist. Auf mein Kommando
„Wurf!“ schaut er mich wiederum an, wirft aber nicht. „Sie
können jetzt werfen!“, war meine Reaktion. Und das tat er
dann auch. Nur eine kleine, aber entscheidende Sache hat er
dabei vergessen – den Splint zu ziehen. Ich sehe den Splint
an der Granate in der Sonne blitzen, ziehe den Gefreiten aber
dennoch an seiner Splitterschutzweste runter, denn sicher ist
sicher. Erwartungsgemäß bleibt der Detonationsknall aus
und wir beide hocken in der Werferstellung. „Fünf Minuten
die Köpfe unten halten!“, höre ich meinen Sicherheitsoffizier (SO), einen erfahrenen Hauptfeldwebel aus dem
Bunker brüllen. „Der Feuerwerker wird gerade informiert!“.
„Meine Fresse!“, denke ich, „Warum muss so etwas denn
immer kurz vor Toresschluss passieren?“ Innerer Gram
steigt in mir auf und ich frage den Gefreiten, der wie ein
Häufchen Elend mir direkt gegenüber kauert: „Was war
222
Leutnantsbuch
das denn jetzt?“ „Ich weiß auch nicht.“, kam nur zurück.
Schweigend verbrachten wir die restlichen vier Minuten.
Wieder zurück im Bunker, warteten wir auf den
Feuerwerker. Derweil unterhielt ich mich mit meinem SO
und legte ihm immer noch leicht angesäuert dar, dass ich den
Gefreiten nicht mehr werfen lassen wolle. Darauf meinte der
Hauptfeldwebel: „Hören Sie. Der Junge ist jetzt total am
Boden. Wenn er nicht mehr werfen darf, ist das sicherlich
alles andere als gut für sein eh schon angekratztes
Selbstbewusstsein. Ich würde ihm sein Erfolgserlebnis
geben.“ Der Feuerwerker traf erfreulicherweise kurz darauf
ein. Ich schilderte ihm das Geschehene und wies ihn ein.
Nachdem er die Granate gefunden und kurz in Augenschein
genommen hatte, nahm er sie auf und kam wieder zurück
zum Bunker. „Hier ist das gute Stück.“
Der Feuerwerker fuhr mit seinem WOLF wieder aus dem
Gefahrenbereich und ich hatte mir in der Zwischenzeit die
Worte des Hauptfeldwebels noch mal durch den Kopf gehen
lassen. „Gefreiter H., zu mir! Gehörschutz rein, Helm auf
und mitkommen.“ In der Werferstellung wies ich den
Kameraden nochmals explizit in die Übung ein und merkte,
wie seine Anspannung nach meinen „besonders“ beruhigenden Worten nachließ. Man konnte förmlich sehen, wie der
Gefreite das Gesagte in seinem Kopf noch einmal für sich
durchging. Beim Werfen der insgesamt drei Handgranaten
gab es dann auch keine weiteren Mängel.
Im Nachhinein bin ich froh darüber, dass der Hauptfeldwebel mich umgestimmt hat, da eine Ausbildung ohne
Erfolgserlebnis wenig Nährwert hat.
Die letzten Tage unseres Truppenübungsplatzaufenthalts
konnte man den besagten Gefreiten mit einem breiten
Lächeln auf den Lippen herumlaufen sehen.
223
Leutnantsbuch
HI
Höre auf erfahrene Kameraden. Gerade ältere Unteroffiziere mit Portepee haben meist mehr Diensterfahrung.
Die Autorität eines Vorgesetzten wird durch das Annehmen
eines guten Rates nicht geschmälert. Die selbstständige
Unterstützung älterer Kameraden gegenüber einem jungen
Offizier kann sogar Ausdruck von Vertrauen und Anerkennung sein.
224
Leutnantsbuch
Bergebereitschaft RC North –
„Logistik in Nebenfunktion!“
N
eben meiner originären Tätigkeit als Offizier des Stabes
im Logistikunterstützungsbataillon (LogUstgBtl) in
MAZAR-E-SHARIF war ich gleichzeitig Führer der
Bergebereitschaft. Der Auftrag war es, liegengebliebene,
verunfallte oder zerstörte Fahrzeuge im gesamten
Verantwortungsbereich des Regional Command (RC) North
zu bergen oder behelfsmäßig instandzusetzen und wieder in
die entsprechenden Feldlager zu verbringen. Diese
eigentliche Nebenaufgabe sollte letztendlich jedoch die
Einsatzvorbereitung und den Einsatz dominieren. Bereits
unmittelbar nachdem mein Kommandeur mir diese Aufgabe
übertrug, war für mich eines klar: Ich fahre nur mit Männern
und Frauen, die ich selbst auswähle, mit denen ich übe und
denen ich ohne jede Einschränkung vertraue. Das zahlte sich
im Einsatz mehr als einmal aus.
Von besonderer Bedeutung war es für mich, eine
Personalrotation so weit wie möglich zu vermeiden, um von
Anfang an mit der gleichen Mannschaft zu arbeiten. Jeder
sollte den anderen kennen lernen, sich auf die
Besonderheiten des einzelnen einstellen und im Team
wachsen. Dies gelang Dank vieler Übungsvorhaben über
mehrere Wochen und einer frühzeitigen Schwerpunktsetzung durch das Bataillon. Vor keinem meiner Einsätze
fühlte ich mich so gut vorbereitet wie vor diesem. Nichts
wurde in der Vorausbildung ausgelassen.
Die durch die umfangreiche und umfassende einsatzvorbereitende Ausbildung erzeugte gedankliche Sicherheit
machte dann jedoch der Tod von drei Kameraden in
KUNDUZ unmittelbar vor dem Abflug ins Einsatzland
teilweise zunichte. Plötzlich fragte man sich, ob man
ausreichend vorbereitet sei, und ob man in gefährlichen
225
Leutnantsbuch
Situationen stets die richtigen Entscheidungen trifft. Was ist,
wenn es einen meiner Soldaten oder mich trifft?
Die ersten Tage in MAZAR-E-SHARIF verliefen wie in den
letzten Einsätzen auch. Eine Flut von Vorträgen,
Einweisungen und zusätzlichen Ausbildungen. Schlimm war
in den ersten Tagen die unerträgliche Hitze. Manchmal hatte
man das Gefühl, es würde einem ein Heißluftföhn direkt ins
Gesicht blasen. So extrem hatte ich es bei weitem nicht in
Erinnerung. Es waren letztendlich doch fast zwei Wochen,
die der Körper brauchte, um sich zu akklimatisieren.
Gleichzeitig übernahm ich mit meinem Personal die
Bergebereitschaft für den Bereich des RC North. Das hieß
zwei Wochen 60-Minuten-Bereitschaft, dann Wechsel mit
dem anderen Zug.
Gleich der erste Einsatz verlangte alles ab, was in der
Vorausbildung ausgebildet und verinnerlicht wurde. Als ich
in der Operationszentrale des Bataillons eingewiesen wurde,
fragte ich zweimal nach der Koordinate, weil ich nicht
glauben konnte, dass so weit abseits eigene Truppe ist. In
diesem Fall hatte sich ein beweglicher Arzttrupp, der einem
deutschen Operational Mentoring and Liaison Team
(OMLT) und einem Bataillon der afghanischen
Nationalarmee (ANA) angegliedert war, in einem Flussbett
festgefahren. Eine Verbindung zur Truppe, die über 200
Kilometer entfernt vom CAMP MARMAL operierte,
bestand nur einmal am Tag über Satellit. So verlief die
gesamte Einweisung in den Einsatz über Dritte ohne direkte
Verbindung zur Bergestelle. Eine Lagemeldung folgte der
nächsten. So bildeten wir uns grundsätzlich erst ein klares
Lagebild, bevor die Truppe marschierte. Ein Vorgehen, das
sich aufs Beste bewährte. Auch wenn in mancher Situation
der Zeitfaktor eine Rolle spielte, wurde ohne alle
notwendigen Informationen über die Lage keine
Bergeoperation begonnen. So kam es durchaus vor, dass
226
Leutnantsbuch
durch gezieltes Nachfragen aus einem Transportpanzer
FUCHS schnell ein DURO wurde oder umgekehrt.
Beim Abmarsch gehen einem hunderte Gedanken durch den
Kopf: „Erkenne ich ein mögliches Improvised Explosive
Device (IED)? Finde ich den richtigen Weg? Wie reagiere
ich bei Feindkontakt? Werden die afghanischen Kräfte am
Kopplungspunkt sein?“ Der Marsch zum Ausfallort ist
immer geprägt durch eine ständige Anspannung. Man ist
pausenlos dabei sich zu orientieren, die Verbindung
innerhalb und außerhalb zu halten und die Umgebung zu
beobachten. Manchmal erinnert man sich an die
Vorausbildung, wo eine einzelne Person mit Handy am
Straßenrand stand, die dann als „Spotter“ identifiziert
werden musste. Hier haben so viele ein Handy!
Der Weg zur Bergestelle erwies sich im Weiteren als
Herausforderung. Angefangen bei der Zusammenarbeit mit
den afghanischen Sicherheitskräften, denn noch vor der
Begrüßung kam sofort die Frage nach Betriebsstoffen.
Durch die OMLT waren wir jedoch darauf vorbereitet
worden und hatten immer eine Reserve dabei. Nach
Verlassen der Ring Road zeigte sich uns dann ein anderes
AFGHANISTAN: Straßen oder Wege sind nicht mehr
existent. Man fährt auf Trecks in einer schnelleren
Schrittgeschwindigkeit durch eine Einöde, die unendlich und
vollkommen unbewohnt scheint. Was teilweise sehr
überraschte waren grüne, gut bestellte Felder, die plötzlich
im Nichts auftauchten. Auch ein kompletter Rundumblick
brachte keine Rückschlüsse auf mögliche Besitzer oder
Bauern.
Die Führung durch Kräfte der ANA war keinesfalls
reibungslos. Neben dem Verständigungsproblem gab es
ständig Orientierungsprobleme. Nachdem man das dritte
Mal umgekehrt ist, obwohl man auf der Karte und auf dem
FAUST-System genau seine Position nachverfolgte,
227
Leutnantsbuch
kommen
langsam
die
Zweifel.
Nach
weiteren
Orientierungshalten und Diskussionen über den richtigen
Weg traf ich die Entscheidung, die Führung selbst zu
übernehmen. Erstaunlich war, dass selbst so weit abseits der
größeren Verkehrswege die Karte mit dem Gelände
vollkommen übereinstimmte. Selbst kleine Pfade waren
genau wiedergegeben. Die Karte ist und bleibt das zentrale
Orientierungs- und Führungsmittel.
Nach einem insgesamt zehn Stunden dauernden Marsch
erreichten wir die Bergestelle. Hier zeigte sich, dass sich die
Vorausbildung und Übungen als geschlossenes Team
bewährt hatten. Kurze Befehlsgebung, schnelle Erkundung,
Einsatz der Sicherung. Alles funktionierte automatisch.
Jeder kennt seinen Platz und weiß um die Tätigkeiten des
anderen.
Die Bergung des ausgefallenen DURO zog sich aufgrund
der schwierigen Ausfallstelle über mehrere Stunden hin.
Zwei Winden mussten eingesetzt werden, um das Fahrzeug
zu stabilisieren und rückwärts aus dem Flussbett
herausziehen. Aber am Ende hat das Zusammenspiel mit der
Truppe vor Ort und meiner Bergemannschaft gut
funktioniert. Ohne die reichhaltige Erfahrung und das
Improvisationstalent meines Bergefeldwebels wäre das
Fahrzeug fast gekippt und womöglich nicht mehr fahrfähig
gewesen.
Dieses Beispiel zeigt, dass die Beurteilung des Geländes und
die Ausbildung unserer Kraftfahrer eminent wichtig sind,
um den Einsatz von Bergemitteln nach Möglichkeit von
vornherein zu vermeiden.
HI
228
Leutnantsbuch
Die Beurteilung der Geländes spielt im Rahmen des
Führungsprozesses ein gewichtige Rolle. Gerade bei dem
Einsatz von Bergemitteln kommt es bei Berücksichtigung der
Geländebedingungen darauf an, dass die Kraftfahrer erfahren und umfassend ausgebildet sind und es sich um ein
bereits vor dem Einsatz eingespieltes „Team“ handelt.
Dabei muss der militärische Führer auch in schwierigen und
unübersichtlichen Lagen den Überblick behalten, Entschlossenheit zum Handeln zeigen sowie Mut zu unkonventionellen
und pragmatischen Lösungen haben.
229
Leutnantsbuch
“Psychokram“
S
eit vielen Jahren werden in der Bundeswehr Peers
ausgebildet,
die
in
der
Aufarbeitung
von
Extremsituationen Truppenpsychologen und Ärzte im
Rahmen der Psychosozialen Notfallversorgung unterstützen.
Welche Hilfe das im militärischen Alltag sein kann, wird
vielen erst nach einem eigenen Erlebnis bewusst.
Ich hatte mich entschieden, ein dreimonatiges
Truppenpraktikum als Gruppenführer zu absolvieren. Nach
langer, theoretischer Ausbildung, freute ich mich, in die
Truppe zu kommen und endlich mit dem „richtigen Leben“
konfrontiert zu werden. Am Standort angekommen, erhielt
ich eine Einweisung in die Kompanie. Unter anderem wurde
ich darüber informiert, dass mehrere Kameraden zurzeit in
Koblenz am Zentrum Innere Führung wären, um sich als
Peer ausbilden zu lassen. „Was sind Peers und wozu
brauchen wir die?“. Auf die entsprechende Erklärung
erwiderte ich nur: „Aha, Psychokram“.
Ungefähr nach der Hälfte des Praktikums stand für meinen
Zug Schießen auf dem Dienstplan. Die Soldaten empfingen
ihre Waffen, verlegten zur Standortschießanlage und das
Schießen begann. Ab 11:30 Uhr wurde verpflegt. Die
Soldaten marschierten zum Verpflegungspunkt. Einer blieb
als Sicherung bei der Munition. Er würde später die
Möglichkeit haben zu essen. Plötzlich knallte es. Ein
Schuss? Wer sollte denn jetzt geschossen haben? Es waren
doch alle bei der Verpflegung. Alle, bis auf den Soldaten,
der als Sicherung auf der Schießbahn geblieben war. Der
Zugführer und ein Gruppenführer rannten zum Schießstand,
um nachzuschauen, was passiert war. Der Soldat lag mit
einer blutenden Kopfwunde am Boden, die Waffe neben
sich. Zug- und Gruppenführer spulten automatisch das
Programm für dieses Szenario ab. Der Gruppenführer
230
Leutnantsbuch
leistete Selbst- und Kameradenhilfe, während der Zugführer
zurück zum Verpflegungspunkt lief, um den Notruf
abzusetzen, dem Gruppenführer Unterstützung zu schicken
sowie die Kameraden zu informieren. Innerhalb sehr kurzer
Zeit war der Kamerad erstversorgt und vom Krankenwagen
ins nächste Krankenhaus verbracht worden. Über seinen
Zustand erfuhren die Soldaten zunächst nichts.
Nachdem sich die Situation langsam entspannte, legte sich
eine seltsame Stille über die Teileinheit. Die Soldaten kamen
wieder zur Ruhe, die Eindrücke „sackten“ und keiner hatte
große Lust zu reden. Der Zugführer war noch mit der
Weitergabe der Informationen an den Chef und der weiteren
Planung beschäftigt. An eine Fortführung des Schießens war
nicht mehr zu denken. Also wurde nach Abschluss aller
Maßnahmen die Verlegung zurück in den Standort befohlen.
Immer noch geschockt, kamen die Soldaten in der Kompanie
an. Sofort nach Ankunft ließen Chef und Spieß alle
Kameraden der Kompanie in den Unterrichtsraum
einrücken. „Männer“, begann der Chef, „ich habe eine
traurige Nachricht zu verkünden. Am heutigen Tag hat einer
unserer Kameraden versucht, sich das Leben zu nehmen.
Über den Zustand des Kameraden wissen wir bisher nur,
dass er am Leben ist.“ Er erklärte weiter die nächsten
Schritte und entließ dann alle Soldaten, ausgenommen die
Kameraden meines Zuges. „Männer, was Sie heute erlebt
haben, ist nicht nur schrecklich und unfassbar für jeden von
uns, sondern kann den einen oder anderen aus der Bahn
werfen“. „Oh nein“, dachte ich, „Psycho-Kram?“. „Ich
werde daher“, fuhr der Chef fort, „Verbindung mit der
Truppenpsychologin der Brigade aufnehmen. Alles Weitere
werde ich Ihnen später mitteilen.“ Noch vor Dienstschluss
kam die Information, dass die Truppenpsychologin an
diesem Tag nicht mehr zur Verfügung stehen würde. Sie
schlug vor, erste Maßnahmen unmittelbar durch die Peers
231
Leutnantsbuch
nach ihrer telefonischen Anleitung durchführen zu lassen.
Der Chef ging auf die Empfehlung ein und gab ihre
telefonische Erreichbarkeit an die Peers weiter.
Der Verlauf des Abends gestaltete sich für mich eigentlich
wie immer. Außer einer gewissen Unruhe und einer für mich
völlig untypischen Appetitlosigkeit schien alles normal. Wie
immer ging ich gegen 22:00 Uhr zu Bett. Ich konnte lange
nicht einschlafen, war aufgewühlt und wälzte mich hin und
her. Kurze Schlafphasen waren geprägt von beunruhigenden
Träumen, aus denen ich unruhig erwachte. Als am nächsten
Morgen der Wecker klingelte, fühlte ich mich zerschlagen
und erschöpft, ohne jedoch Gründe für meine Schlaflosigkeit
finden zu können.
Wie geplant, rückte mein Zug um 10:00 Uhr in den
Unterrichtsraum ein, um an einer psychologischen
Nachbereitung teilzunehmen. Statt der Truppenpsychologin
erschien der Chef und verkündete, dass diese kurzfristig
verhindert sei, jedoch geraten hätte, die Nachbereitung durch
Peers der Kompanie durchführen zu lassen.
Unter
Leitung
eines
zum
Peer
ausgebildeten
Hauptfeldwebels wurde der Zug in zwei Gruppen eingeteilt.
Als Merkmal für die Gruppeneinteilung wählte dieser den
Grad der Betroffenheit der Männer, den er vorher erfragt
hatte. „Wer kannte den Kameraden näher? Wer hatte auch
privat mit ihm Kontakt? Wer war mit ihm auf Stube? Wer
hatte erste Hilfe geleistet?“. Die beiden Gruppen gingen in
unterschiedliche Räume. Während der zweite Peer, ein
Oberstabsgefreiter, die Soldaten nachbereitete, die nicht
ganz so belastet schienen, da sie weder persönlich mit dem
Soldaten befreundet noch an der sanitätsdienstlichen
Versorgung beteiligt waren, übernahm der Hauptfeldwebel
die Kameraden, die sowohl näheren Kontakt hatten als auch
an der Versorgung des Hauptgefreiten beteiligt waren. Ich
hatte die Nacht noch in den Knochen und beschloss, mich
232
Leutnantsbuch
nicht aktiv an der Nachbereitung zu beteiligen. So etwas
brauchte ich nicht. Einen Zusammenhang zwischen dem
Ereignis vom Vortag und der folgenden Nacht sah ich nicht.
Der Hauptfeldwebel begann die Gesprächsrunde mit der
Frage „Was ist passiert?“. Der Reihe nach erzählten die
Kameraden von ihren Eindrücken. So wurde für jeden
mosaikartig das Lagebild vervollständigt und die
Erinnerungslücken wurden geschlossen. Ich war einsilbig
und ablehnend. Auch die Frage nach besonderen Reaktionen
auf das Ereignis ging durch die Runde. Ich beteiligte mich
nur wortkarg an der Diskussion. Jedoch zeigten mir die
Reaktionen der anderen Kameraden, dass meine eigene
Nacht, die Träume, die Bilder, weder unnormal noch die
Ausnahme waren. Beinahe jeder aus der Gruppe berichtete
von Reaktionen, die nicht alltäglich und zum Teil
erschreckend waren. Nach und nach gewann ich Vertrauen
und begann zaghaft, von meiner Schlaflosigkeit zu
berichten. Vollkommen unerwartet für mich wurde ich
weder ausgelacht noch schräg angeschaut. Im Gegenteil, in
den Gesichtern der Kameraden stand Verständnis! Im
Anschluss folgte noch eine kurze Informationsrunde durch
den Peer. Er schilderte mögliche Reaktionen auf extreme
Situationen und zog die Grenze zwischen vorübergehenden
Phänomenen und krankhaften Ausprägungen.
Nach dem Gruppengespräch bat ich den Hauptfeldwebel um
ein persönliches Gespräch. Ich bedankte mich für die
vertrauensvolle Atmosphäre, welche während des Gesprächs
herrschte. Ich hätte meine Meinung über psychische
Reaktionen völlig geändert und sähe die Funktion des Peers
nun mit ganz anderen Augen. Seine Fähigkeit, den Männern
das Gefühl einer vertrauensvollen Umgebung zu vermitteln,
in der sie über Gefühle und Schwächen sprechen konnten,
habe mir sehr geholfen und es mir ermöglicht, eigene
Reaktionen einzuschätzen.
233
Leutnantsbuch
HI
Der Peer ist ein soldatischer, über eine spezielle
Zusatzausbildung psychologisch geschulter, (Erst-) Helfer.
Als Mitglied eines sogenannten Kriseninterventionsteams
arbeitet er nach Anweisung bzw. Anleitung einer
psychosozialen Fachkraft (Arzt oder Psychologe) im
Rahmen der psychologischen Notfallversorgung nach
traumatischen, kritischen Ereignissen. Er wird eingesetzt als
Gleicher unter Gleichen, d.h. er sollte möglichst demselben
oder einem ähnlichen Verwendungsbereich wie die zu
betreuende Person kommen. Das trifft auch für das
Lebensalter zu. Hinsichtlich des Dienstgrades sollte ein
nicht zu großes Gefälle bestehen. Unter diesen Bedingungen
können Peers besser beraten, Verständnis zeigen und
Empfehlungen zur Stressbewältigung geben.
234
Leutnantsbuch
Auf der Standortschießanlage
E
s ist ein sonniger, warmer Tag. Ich sitze hier während
der Mittagspause als Teilnehmer eines Übungsschießens
auf der Standortschießanlage abseits auf einem erhöhten
Punkt. Unter mir sehe ich Soldaten mit Essgeschirr bei der
Verpflegungsausgabe durch den Spieß. Hinter mir ändert das
Funktionspersonal den Zielbau für eine neue Schießübung
nach dem Mittagessen.
Viele Sachen gehen mir beim Anblick der anwesenden
Soldaten durch den Kopf. Dort die Soldaten, die sich als
Schützen auf das Schießen konzentrieren können und nun in
der Mittagspause entspannen wollen. Hier das Funktionspersonal, das für den reibungslosen Ablauf und damit für
den Ausbildungserfolg zu sorgen hat.
Bei längerem Betrachten bemerke ich, wie das ein oder
andere Lächeln über mein Gesicht huscht. Meine Gedanken
schweifen zurück in das Jahr 1996. Es ist ein heißer Sommer
und ich sitze ebenfalls mit meiner Mittagsverpflegung auf
der Standortschießanlage und sehe links und rechts neben
mir 50 Rekruten, die hastig und verschwitzt ihr Essen einnehmen. Ich, Panzerschütze, denke an nichts und wünsche
mir nur, diese dicke, warme olive Uniform mit dem schweren Stahlhelm endlich ablegen zu können, um alle Viere von
mir strecken zu können. Da kommt auch schon mein Zugführer, Leutnant Sch., und teilt uns in diesem immer wiederkehrenden, Disziplin verlangendem Ton mit, „Antreten in
5 Mike“. Unsere Essbewegungen werden schneller, da uns
bewusst ist, es gibt nur einen Wasserhahn für 50 Soldaten,
das Essgeschirr muss noch verpackt und der Anzug gerichtet
werden.
Nach fünf Minuten sind wir im befohlenen Anzug
angetreten und wundern uns wieder, wie und wann der
Leutnant den Zielbau hat umbauen lassen, sein Funktions235
Leutnantsbuch
personal eingewiesen und selbst Verpflegung eingenommen
hat, um nun im gleichen Anzug wie wir vor uns zu stehen.
Es bleibt nicht nur bei der Schießübung. Die von uns allen
mit Frust erwartete Parallelausbildung „ABC-Abwehr“
findet auch noch statt. Leutnant Sch. ist an diesem Tag wie
gewohnt ruhig und fordernd. Er hat seinen Schießtag voll im
Griff und wir jungen Rekruten bemerken keinen einzigen
Fehler des jungen Offiziers. Seine Ausbildungen haben
ohnehin stets Hand und Fuß. Seine Art der Menschenführung haben wir in den letzten sechs Wochen sehr zu
schätzen gelernt.
„Jede Gruppe ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied.“
Ein Satz, den wir immer und immer wieder hören, der sich
eingeprägt hat. Er verlangt keine außergewöhnlichen Sachen
von uns und steht selbst immer vorne. Bei jeder Ausbildung
geht unser Zugführer im gleichen Anzug voran, zeigt uns an
allen Stationen persönlich, was er von uns und von den
Gruppenführern verlangt. Wir zollen ihm größten Respekt.
Nun stehe ich vor ihm und melde mich mit nervösen Knien
mit drei Kameraden zur Schießübung.
Er lässt uns rühren, die Schießbücher abgeben und Munition
empfangen. Ich stehe auf meiner Schießbahn und will mich
bei der Aufsicht melden, als ich den Schrei des Leutnants
durch meinen Gehörschutz wahrnehme. Er kommt direkt auf
mich zu und fragt mich, ob er mich anfassen dürfe. Ich nicke
und bemerke dabei, wie mir der Stahlhelm ins Gesicht
rutscht. Der Kinnriemen, wie konnte ich vergessen, ihn nach
der ABC Parallelausbildung wieder korrekt einzustellen. Er
„friemelt“ ein paar Momente an meinem Helm herum und
stellt ihn für mich passend ein. Dies war der erste
Augenblick während meiner bis dahin kurzen Dienstzeit,
dass sich ein Offizier persönlich um mich kümmerte. Mir
war es sehr peinlich doch auch hilfreich zu gleich. Nie werde
236
Leutnantsbuch
ich diesen Augenausdruck und das bestimmende Verhalten
vergessen.
Das Schießen verlief mit sehr gutem Erfolg und wir
verließen abends in einer müden Verfassung die Schießbahn.
Nach Ende der AGA wurde Leutnant Sch. versetzt und ich
verlor dadurch die Verbindung zu einem Vorgesetzten, den
ich sehr geschätzt und bewundert habe.
Im Jahr 2003 stand in meiner Kompanie der Chefwechsel
vor der Tür. Unser Spieß informierte das Unteroffizierkorps
über den Nachfolger. Ein gewisser Hptm Sch. sollte in den
nächsten zwei Wochen die Kompanie übernehmen.
Das Wiedersehen verlief für beide Seiten sehr erfreulich.
Wir waren doch beide sichtlich erleichtert, ein bekanntes
Gesicht wieder zu sehen und Informationen und Erfahrungen
auszutauschen. Die Führung der Kompanie in den folgenden
beiden Jahren verlief genau so, wie ich es mir von ihm
erwartet hatte. Seine straffe Art der militärischen Führung
und seine Persönlichkeit wurden von jedem respektiert.
Jeder war sichtlich froh und hoch motiviert, unter diesem
Offizier dienen zu dürfen.
Mit meiner Übernahme in die Laufbahn der Offiziere des
militärfachlichen Dienstes wurde ich versetzt und unsere
Wege trennten sich erneut. Geprägt von einem charakterlich
anständigen Offizier und der Erfahrung aus neun Jahren
Mannschafts-, Unteroffiziers- und Feldwebeldienstgraden
durchlief ich die Offz-MilFD-Ausbildung.
Da wir in den letzten Jahren immer wieder in Verbindung
standen und ein nahezu freundschaftliches Verhältnis aufgebaut haben, wusste ich stets um den weiteren Werdegang
meines Kameraden. Er durchlief die Generalstabsausbildung. Er hat sich nie verändert und ist immer derselbe
Mensch geblieben, der er auch schon als Leutnant war.
237
Leutnantsbuch
Offizieranwärter Frank
Verabschiedung
M
orgen geht’s los! Endlich Studium – den anderen
„draußen“ nachziehen: Fachbereichsfeste, Vorlesungen, Scheine machen – Surfschein steht ganz oben auf
meiner Liste!
„Wenn Sie sich da mal nicht täuschen“, sagt Major Seidel
als ich ihm davon berichte. „Halten Sie sich ran,
verschwenden Sie keine Zeit und bleiben Sie am Ball! Der
Zug im Studium fährt schnell ab, verpassen Sie den
Anschluss nicht“, hat er gesagt.
Naja, meine Anmerkung war ja auch nicht ganz ernst
gemeint.
Wir OA sind auf dem Weg zum großen Abschiedsabend in
der Reithalle der Offizierschule in Dresden. Danach werden
sich unsere Wege wieder trennen. Ich werde mit Peter und
Cindy nach MÜNCHEN, der Rest nach HAMBURG fahren.
Wir sind alle sehr gespannt, was auf uns zukommt.
Als wir uns der Reithalle nähern, geht von dort eine
eigenartige Stimmung aus. Wir wissen, dass sich ab hier
unsere Wege für mehrere Jahre trennen. Bachelor und
Master sind Begriffe, die uns jetzt beschäftigen werden.
„Jetzt wollen wir erst einmal sehen, was das Festkomitee aus
der Halle gemacht hat“, sagt Cindy, und ich habe den
Eindruck, dass sie etwas schneller wird. Annette schließt
sich an und wir sind alle sehr gespannt auf die kommenden
Stunden. Dann betreten wir die Reithalle.
238
Leutnantsbuch
Wir wurden nicht enttäuscht! Ein sehr festlicher Rahmen –
ja, trotz der Ansprachen! Jetzt sitzen wir an unserem Tisch,
Major Seidel ist mit von der Partie.
Er wollte ja noch andere Offiziere und Offizieranwärter
fragen, ob sie nicht auch einige Erlebnisse aufschreiben
wollen. Die Idee, die Major Seidel entwickelt hat, finden wir
alle sehr gut. Wir haben so viele interessante Geschichten
gehört – die darf man einfach nicht vergessen. Und deshalb
hat er stolz verkündet, dass er schon eine Menge Erlebnisse
gesammelt hat für das Projekt „Leutnantsbuch“.
„Denken Sie daran: Nehmen Sie kein Blatt vor den Mund –
aber bleiben Sie bitte sachlich“, gibt uns Major Seidel im
Flüsterton mit. Der Inspektionschef hatte sich inzwischen
von Tisch zu Tisch begeben und Major Seidel hatte gesagt:
„Sicher wird er Sie fragen, wie Ihnen Ihre Zeit vor dem
Studium als Offizieranwärter gefallen hat, was Sie besonders
beeindruckt hat – und was nicht.“
Kurze Zeit später sind wir in das Gespräch mit dem
Inspektionschef vertieft. Ja, er hat alle Fragen gestellt, die
Major Seidel sozusagen angekündigt hatte. Dann kommt er
plötzlich auf die Idee, von Major Seidel zu sprechen.
„Wenn das klappt, dass Major Seidel viele Erlebnisse von
Soldaten für Soldaten zusammenbekommt, dann wird das
Leutnantsbuch sicher ein Riesenerfolg. Ich werde auf jeden
Fall meinen Teil beitragen, und auch aus meiner Zeit im
Einsatz ein Erlebnis aufschreiben. Major Seidel, wie sieht es
denn aus mit Ihrer Idee?“
Major Seidel antwortet: „Sehr gut, Herr Oberstleutnant! Ich
habe nicht nur in meinem alten Bataillon nachgefragt,
sondern auch in anderen Bereichen, in denen ich noch einige
Kameraden kenne. Ich habe schon wunderbare Erlebnisse
239
Leutnantsbuch
zugeschickt bekommen! Das hätte ich nie gedacht! Wenn
Sie einverstanden sind, dann werde ich das Projekt
Leutnantsbuch weiterverfolgen. Wenn ich dann genug
Erlebnisse zusammen habe, dann könnten wir diese an die
zukünftigen Offizieranwärter verteilen. Ich könnte mir
vorstellen, dass andere – vielleicht sogar die Offizieranwärterbataillone – auch ein großes Interesse an so einer
Sammlung haben.“
„Da bin ich mir ziemlich sicher“, antwortet der
Inspektionschef. „Ich habe auch schon ein bisschen
herumtelefoniert. Dabei bin ich auf sehr positive Resonanz
gestoßen. Aber jetzt sagen Sie mal, wie viele Geschichten
konnten Sie denn schon sammeln?“
„Genau weiß ich es nicht, Herr Oberstleutnant, habe noch
nicht gezählt. Aber ich habe für unsere Offizieranwärter hier
jeweils Kopien zusammenstellen lassen. Vielleicht als
„Beruhigungslektüre“ für die ersten Tage an der Uni!“, sagt
Major Seidel mit einem Schmunzeln.
„Dazu habe ich Ihnen – ich hatte es ja versprochen – meine
eigenen Ideen zum beruflichen Selbstverständnis dazugelegt.
Inklusive Bierdeckelkopien!“
Er beugt sich unter den Tisch, unter dem er offensichtlich
etwas abgestellt hat. Dann überreicht er uns einen
Papierpacken, der uns erst kurz aufstöhnen lässt.
Dabei fügt er hinzu: „Ich würde mich freuen, wenn Sie sich
einmal melden, wenn Sie die eine oder andere Geschichte
gelesen haben. Insbesondere interessiert mich Ihre Meinung,
ob sie geeignet sind, Ihren Nachfolgern das Bild des
Offizierberufes anschaulich darzustellen. Ich habe meine
240
Leutnantsbuch
Visitenkarte dazugeheftet, scheuen Sie sich nicht, sie zu
nutzen!
Und wenn Sie Interesse haben, ein bisschen weiter am
Leutnantsbuch zu arbeiten, dann machen Sie ordentlich
Werbung an der Uni. Da gibt es bestimmt viele interessante
Erlebnisse, die ich gut brauchen kann!“
„Na, na Herr Major“, sagt der Inspektionschef, „vergessen
Sie vor lauter Eifer nicht Ihre Hauptaufgabe! Der nächste
Hörsaal kommt bestimmt!“
Der Abend verlief weiter in einer sehr angenehmen
Atmosphäre und wir alle hatten noch viel Spaß.
Am nächsten Morgen dann endgültige Verabschiedung. Wir
haben die Papiere von Major Seidel in den Autos verstaut,
uns noch einmal für die hervorragende Betreuung und das
Interesse, das uns entgegengebracht wurde, bedankt und
machen uns auf den Weg zu unseren schwer bepackten
Autos.
Cindy wird mich zum Bahnhof fahren – ich habe die Masse
meiner Sachen schon bei einem Freund in MÜNCHEN
„eingelagert“ und kann so gemütlich mit dem Zug in
Richtung Süden rattern.
Studium. MÜNCHEN. Biergarten. Surfseen. Berge. Ski
fahren. So ganz kann ich die angenehmen Gedanken an die
Zeit, die vor mir liegt, nicht verdrängen. Sollte ich wohl
auch nicht, auch das gehört dazu!
Auf dem Weg nach MÜNCHEN denke ich noch viel an die
anderen. Wir haben uns vorgenommen, uns regelmäßig zu
treffen. Auch wenn die Entfernung zwischen MÜNCHEN
241
Leutnantsbuch
und HAMBURG nicht gerade dazu einlädt. Und außerdem
haben wir uns verabredet, tatsächlich eng in Verbindung zu
bleiben, um dem Projekt Leutnantsbuch, soweit es geht,
noch „ein bisschen unter die Arme zu greifen.“
Ich nehme die schwere Mappe in die Hand, die Major Seidel
uns gegeben hat. Viele Geschichten scheinen es zu sein –
mindestens ein Kilo! Als ich die Mappe aufschlage, finde
ich die Visitenkarte von Major Seidel mit einer persönlichen
Widmung und dem Wunsch nach viel Erfolg im Studium.
Dann beginne ich, die erste Geschichte zu lesen …
242
Leutnantsbuch
Offizierabend mal anders
I
ch hatte die Zugführerausbildung erfolgreich durchlaufen
und das Offizierpatent an der Offizierschule des Heeres in
Dresden erworben. Nun war es Zeit, sich im Truppenalltag
auszuprobieren und das Gelernte in einem Truppenpraktikum gewinnbringend anzuwenden.
Ich wurde als Zugführer in der Allgemeinen
Grundausbildung eingesetzt und hatte mich bereits gut
eingelebt. Zu Beginn war ich natürlich aufgeregt.
Anfängliche Bedenken, ob man ausreichend auf seine
Aufgaben vorbereitet wurde oder ob das Erlernte ausreichen
würde, um in der Truppe zu bestehen, konnten jedoch
schnell beiseite geschoben werden.
Der heutige Tag verlief ruhig. Ich kam gerade von der
Ausbildung zurück, als ich von einem Kameraden an den
heutigen Offizierabend erinnert wurde. Für mich war es die
erste Veranstaltung dieser Art. An der Offizierschule hatten
wir jeden Monat einen „Stil und Formen“ Abend. Wie
bereits im Offizierlehrgang waren auch heute Abend
Dienstanzug mit weißem Hemd oder alternativ der
Gesellschaftsanzug erwünscht. Laut Aussagen von
Kameraden behielt sich der Bataillonskommandeur einen
Termin im Quartal für einen feierlichen Offizierabend vor.
In Dresden hatten wir gelernt, dass solche Veranstaltungen
geselliger Art zur Stärkung des Korpsgeistes der Offiziere,
zum Informationsaustausch, aber auch zur Weiterbildung
genutzt würden. Ich erinnerte mich und hatte wenig Lust auf
den heutigen Abend. Auf dem Offizierlehrgang nannten wir
diese Art von Veranstaltungen immer „Gabelformale“ oder
„Synchronpicken“. Folgendes Bild hatte ich aufgrund
meiner – zugegebenermaßen noch recht geringen –
Erfahrungen in meinem Kopf: fein eingedeckte Tafel;
243
Leutnantsbuch
zwanzig Soldaten stocksteif in hochgeschlossenem Anzug
sitzend und keiner traut sich ein Wort zu sagen.
Lustlos bügelte ich mein Hemd, zwängte mich in meinen
Anzug, drapierte ordentlich die Fliege und machte mich auf
den Weg. Der Weg zum Gebäude, erbaut zu Kaisers Zeiten,
war gesäumt von brennenden Fackeln. Das Bild, welches
sich mir bot, hätte auch ein Gemälde sein können. Ich dachte
mir, dass dies eigentlich ein stimmungsvolles Ambiente sei,
wenn doch nur die Veranstaltungen nicht immer so
stocksteif wären.
Der mit der Vorbereitung betraute Projektoffizier empfing
die eintreffenden Gäste. Bei einem Stehempfang standen
bereits Kameraden und tranken genüsslich ihren Aperitif, zu
meiner Überraschung einen Cocktail. Wie es sich gehört,
drehte ich eine Runde und begrüßte alle Anwesenden.
Nachdem die Runde vollzählig war, bat der Projektoffizier
um Aufmerksamkeit und wies in den Ablauf des Abends ein.
Im Anschluss daran rief er ins Gedächtnis, dass solche
Veranstaltungen auch dazu dienen sollten, den Horizont zu
erweitern, weshalb er sich ein geschichtliches Thema
herausgesucht habe und nun darüber referieren wolle.
Ich machte mich gefasst auf einen einstündigen Monolog
über die Gefechtsführung vergangener Zeiten. Doch
Ausgangspunkt des gewählten Themas war eine
Unstimmigkeit während des Frühstücks über die richtige
Bezeichnung eines Gegenstandes aus der militärhistorischen
Lehrsammlung des Standortes. Am Tag zuvor hatte der
Fähnrichoffizier eine militärhistorische Weiterbildung
durchgeführt.
In
der
Lehrsammlung
stand
der
Führernachwuchs vor dem Exponat eines Soldaten in
Paradeuniform. Der Fähnrichoffizier erläuterte, dass es sich
dabei um einen Infanterieoffizier mit dem dazugehörigen
Spieß in der Hand handle – eine Art Lanze, welche zur
Paradeuniform getragen und auch zum Kampf eingesetzt
244
Leutnantsbuch
wurde. Der Verantwortliche der Lehrsammlung verbesserte
ihn daraufhin, dass dies kein Spieß sei, sondern es sich
hierbei um einen Sponton handle. Auch am Frühstückstisch
war man sich nicht einig, was denn nun richtig sei. Die
Bezeichnung rührte offenbar aus dem Französischen.
Deshalb zog man den französischen Verbindungsoffizier zu
Rate und fragte, was sich hinter einem Sponton verberge.
Dieser lächelte und sagte, dass es einfach nur der
französische Ausdruck für einen Spieß bzw. eine Lanze sei.
Ein Raunen ging durch die Runde der Offizierveranstaltung.
Es wurde noch kurz auf die Verwendung des Sponton
eingegangen. Man beschränkte die Weiterbildung jedoch auf
diese kleine Anekdote.
Der Kommandeur bedankte sich für diesen informativen
Rückblick in die Historie, verlor ein paar Worte zur
Begrüßung und stellte neu zuversetzte Soldaten vor.
Anschließend erhob man das Glas und prostete auf einen
schönen Abend mit interessanten Gesprächen. Es wurde der
Raum mit der eingedeckten Tafel betreten, Tischkärtchen
verwiesen auf die Sitzordnung. Obwohl keiner neben einem
Kameraden der eigenen Kompanie saß, setzten umgehend
munter die Gespräche ein. Die Chefs und Zugführer
flachsten untereinander. Die Ordonanzen betraten den
Raum, servierten Vorspeise und Salat und bauten parallel
das Buffet auf. Anschließend gab der Kommandeur das
Buffet frei und ermunterte jeden sich ungezwungen zu
bedienen.
Nach dem ersten Gang lehnte man sich gut gesättigt zurück.
In einem Moment der Ruhe bat der Kommandeur nochmals
um Aufmerksamkeit, um Kameraden zu verabschieden. Ein
kurzer Rückblick auf die bisherige Laufbahn und Ausblicke
auf den zukünftigen Posten brachten Erkenntnisse über die
betreffenden Soldaten zum Vorschein, welche selbst
langjährigen Mitstreitern bisher unbekannt waren. Und auch
245
Leutnantsbuch
die Betreffenden selbst fragten sich, woher der Vorgesetzte
diese Informationen wohl eingeholt hatte.
Man prostete auf deren zukünftigen Erfolg. Der
Kommandeur verwies auf das nun bereitstehende Dessert am
Buffet und bat an die vorbereitete Cocktailbar in einem
Nebenraum. Dieser war im Stil einer Lounge eingerichtet, an
der Wand ein großes Lichtelement, im Hintergrund lief
angenehme, moderne Musik. Die Sitzordnung löste sich
zügig auf, die Teilnehmer der Gesprächsrunden wechselten
regelmäßig die Tische bzw. den Standort. Ein kurzer Blick
auf die Uhr zeigte 00:30 Uhr. Die Zeit verging wie im Flug
und noch immer waren die Soldaten in Unterhaltungen
vertieft.
Erst gegen 03:00 Uhr lag ich auf meiner Stube. Ich ließ noch
einmal den Abend Revue passieren und kam zu dem
Ergebnis: stocksteif ist anders. Ich freute mich schon auf die
nächste Quartalsveranstaltung …
HI
246
Leutnantsbuch
Soldaten muslimischen Glaubens in der
Bundeswehr
V
or ein paar Jahren begann ich als Offizieranwärter in
einem Transportbataillon meinen Werdegang bei der
Bundeswehr. Bereits am ersten Tag meldete ich meinem
Gruppenführer, dass ich Muslim sei und deshalb kein
Schweinefleisch essen würde. Der Fahnenjunker runzelte ein
wenig die Stirn, lächelte aber zugleich und verwies mich an
den Spieß. Nichts ahnend wer oder was der Spieß sei, suchte
ich das von meinem Gruppenführer besagte Dienstzimmer
auf. Nachdem ich dem Spieß mein Anliegen vorgetragen
hatte, war dieser verwundert und sagte, dass er so einen Fall
noch nie hatte und fragte, warum ich denn kein
Schweinefleisch essen würde. Ich erläuterte ihm die
Situation und er versicherte mir, dass er das mit der Küche
klären und ich bei der Verpflegung berücksichtigt werden
würde. Während der Allgemeinen Grundausbildung konnte
meine Konfession und die damit verbundenen Essensgebote
jedoch nicht immer berücksichtigt werden. Aber, wenn es
beim Essen in der Truppenküche nur ein Gericht mit
Schweinefleisch gab und ich mich als Muslim zu Erkennen
gab, wurde mir kurzer Hand etwas anderes zubereitet. An
Geländetagen oder Übungen gab es für mich häufig einen
„Salatteller“ als Ersatz. Jedoch konnte ich immer den
Schweineanteil aus dem Lunchpaket oder EPA mit
Kameraden tauschen, die mir dafür Käse oder Ähnliches
gaben. Auf dem Einzelkämpferlehrgang in Hammelburg war
Verpflegung auch kein Problem. Es gab sowieso nichts bzw.
nur sehr wenig. An ein bestimmtes Ereignis kann ich mich
aber sehr gut erinnern. Wir waren gerade in der Abschlussübung und hatten nur noch einen Tag vor uns. Nach einem
langen Nachtmarsch kam unsere Gruppe völlig erschöpft
247
Leutnantsbuch
morgens früh an den Platz, wo wir verpflegen und ruhen
sollten. Dabei bekamen wir von unserem Ausbilder den
Auftrag, alles Essbare aus dem Wald zu sammeln. Wir
sammelten Pilze, Kräuter, Beeren usw. Pro Gramm unseres
gesammelten Gutes bekamen wir dann den Anteil in Fleisch
getauscht und konnten uns somit für den „letzten Tag“ der
Abschlussübung stärken. Leider war es Schweinefleisch und
ich war der Einzige in der Gruppe, der davon nichts essen
konnte. Die Gruppe erkannte die Situation und stellte sich
kameradschaftlich hinter mich und beschloss, auch nichts
von dem Fleisch zu essen. Von dieser Kameradschaft war
ich überwältigt, da wir alle ausgehungert waren. Ich versicherte meinen Kameraden, dass ich die Übung auch so
noch durchziehen werde und sie das Fleisch ruhig essen
sollten. Unsere Gruppe beschloss daraufhin, mich für die
Ruhephase aus allen anderen Aufträgen (Sicherung usw.)
herauszunehmen. Einige Zeit später, ich war übermüdet
eingeschlafen, weckte mich unser Hörsaalleiter sehr unsanft
und sagte: „Ich habe gehört, sie konnten nichts essen!
Kommen Sie raus aus dem Zelt, ich hab ein wenig
Putenfleisch für sie besorgt. Aber teilen sie es mit den
Kameraden!“ Tatsächlich hatte der Hauptmann etwas
Putenfleisch für mich besorgt. Diesen fürsorglichen und
kameradschaftlichen Zug meines Hörsaalleiters und meiner
Kameraden werde ich nie vergessen.
HI
Kameradschaft und interkulturelle Kompetenz sind nicht nur
leere Worthülsen. Gehe auf Kameraden mit anderen
religiösen Überzeugungen ein und respektiere sie. Nur
durch praktisch vorgelebte Beispiele wird ein unterstellter
Bereich erkennen, dass Kameradschaft und der damit
verbundene notwendige Respekt vor zunächst als fremdartig
Empfundenem nicht Halt macht.
248
Leutnantsbuch
Erlebnisse im Stab PRT KUNDUZ
K
napp ein Jahr nachdem ich mit bestandenem Studium
in die Truppe, d.h. in ein Panzerbataillon,
zurückgekehrt war, saß ich im Flieger nach
AFGHANISTAN. Mein Bataillon war der Leitverband für
das Provinzial Reconstruction Team (PRT) KUNDUZ und
so hatte auch ich mich als noch relativ unerfahrener Offizier
auf der Stellenbesetzungsliste für den Auslandseinsatz in der
Funktion eines Lageoffiziers in der Operationszentrale
(OPZ) des PRT-Stabes wiedergefunden.
Der Beginn unseres Einsatzkontingents in KUNDUZ lag in
einer Phase, in welcher die Aktivitäten des Feindes mit
Beschuss des Lagers und Sprengstoffanschlägen bereits ein
für die Truppe belastendes Ausmaß angenommen hatten.
Schon während der ersten Tage, in denen wir noch durch
unsere Vorgänger in unseren Aufgabenbereich eingearbeitet
wurden, erlebte ich diese Bedrohung im weitesten Sinne
„hautnah“ mit, was der Kommandeur mit den Worten
„Feuertaufe“ kommentierte.
Mit
insgesamt
zwei
Lageoffizieren
und
zwei
Lagefeldwebeln
war
unsere
OPZ
für
einen
durchhaltefähigen Schichtbetrieb rund um die Uhr kaum
ausreichend besetzt. Für die Tagschicht konnte maximal
einer aus der „Lage“ entbunden werden, der dann jeweils
Führer der Nachtschicht wurde, die sich außerdem aus einem
Offizier und einem Feldwebel einer anderen Stabsabteilung
zusammensetzte. Die Nachtschicht konnte grundsätzlich mit
weniger Personal auskommen, da nachts meist weniger
Kräfte im Raum operierten als tagsüber. Allerdings
ereigneten sich Feindaktivitäten in der Regel erst nach
Einbruch der Dunkelheit, sodass der Schichtführer in
Abwesenheit des Führungspersonals immer darauf
eingestellt sein musste, in kritischen Situationen zunächst
249
Leutnantsbuch
allein wichtige Entscheidungen zu treffen. Unter diesen
skizzierten Rahmenbedingungen hatte ich mein intensivstes
Erlebnis, als ich erstmalig als verantwortlicher Schichtführer
der Nachtschicht Dienst tat.
Ich war an jenem Abend noch mit der Einweisung in die
Bedienung der Funkgeräte und Führungsmittel beschäftigt,
es war zwischen 19:00 und 20:00 Uhr, als der Funkspruch
einer Fallschirmjägerpatrouille einging: „… Eigenes
Fahrzeug angesprengt! Verwundete! ...“ Ein Wiederholen
des Funkspruchs zum Abgleich verschafft mir ein paar
Sekunden Zeit zum Überlegen. Was ist als erstes zu tun?
Zunächst Lagekarte und Logbuch aktualisieren … Welche
anderen Kräfte sind in der Nähe der angesprengten
Patrouille? … Einen Mann ans Telefon, den anderen ans
Funkgerät einteilen … Wer ist jetzt zu alarmieren, zu
informieren? Das Lager selbst ist in diesem Fall nicht
gefährdet, also keine Alarmierung mit Sirene über
Lautsprecher … Ich gebe über Funk eine Lageorientierung
an alle Kräfte draußen im Raum. Eine weiter entfernte
Patrouille antwortet nicht, vermutlich keine Verbindung,
also über Satellitentelefon anrufen lassen. Währenddessen
alarmiere ich den Führer der Eingreifreserve des PRT, einen
Zugführer der Schutzkompanie, und befehle ihm, welche
Kräfte
Marschbereitschaft
herstellen
sollen:
Sprengstoffanschlag, d.h. zusätzlich zu seinen eigenen
Fahrzeugen und dem Beweglichen Arzttrupp (BAT) noch
Kampfmittelbeseitiger, Erheber/Ermittler der Feldjäger und
Störer der EloKa. Dann das Stammpersonal der OPZ und die
PRT-Führung alarmieren. Zum Glück ist es noch früh am
Abend, da werden alle schnell hier sein. Dann noch die
Kompaniegefechtstände alarmieren. Mein Soldat am Telefon
arbeitet zwischenzeitlich eine Liste von zu informierenden
Stellen ab, darunter zivile Hilfsorganisationen in KUNDUZ
und verbündete US-Amerikaner. Ich weise den J 3 an der
250
Leutnantsbuch
Karte in die aktuelle Lage ein und melde die bisher
veranlassten Maßnahmen. Sehr rasch ist die OPZ voller
Menschen, es wird unübersichtlich. Der Kontingentwechsel
liegt erst wenige Tage zurück, deswegen sind die Abläufe im
Alarmfall noch nicht hinreichend eingespielt. Der
Kommandeur, sein Stellvertreter, der Chef des Stabes,
Stabsabteilungsleiter, Kompaniechefs; viele stehen mehr im
Weg, als dass sie jetzt vor der Lagekarte nützlich sind. Wir
müssen uns auch selbst organisieren, vom Stammpersonal
nimmt jeder seinen originären Arbeitsplatz ein, auch ich an
Funkgerät und Logbuch. Dem Planungsoffizier stecke ich
noch schnell den Meldeblockzettel mit der Erstmeldung der
angesprengten Patrouille zu, die er gleich für die
Abwicklung des nationalen (Einsatzführungskommando der
Bundeswehr
in
POTSDAM)
und
internationalen
(übergeordnetes Regionalkommando Nord in MAZAR-ESHARIF) Meldewesens benötigt. Dann erst einmal
durchatmen. Der Kommandeur berät sich mit den anderen
Stabsoffizieren, der Kompaniechef der Fallschirmjäger
meldet seinerseits getroffene Maßnahmen und stellt Anträge.
Die zuvor von mir alarmierte Eingreifreserve erhält ihren
Marschbefehl. Aufklärungsmittel werden luft- und
bodengestützt zur weiträumigen Überwachung angesetzt.
Wie zu erwarten, sind keine Feindkräfte im Umfeld der
Anschlagstelle mehr zu erkennen. Die Eingreifreserve bringt
die – zum Glück nur leicht – Verwundeten ins Lager. Die
betroffene Patrouille wird abgelöst. Die Untersuchung an der
Anschlagstelle soll erst bei Helligkeit fortgesetzt werden.
Die abgesetzten Meldungen werden noch mal mit den
Eintragungen im Logbuch abgeglichen, die übergeordneten
Stellen haben wie üblich Rückfragen. Nachdem alle
Maßnahmen getroffen worden sind, wurde unsere
Nachtschicht von der Tagschicht wieder alleine gelassen.
251
Leutnantsbuch
Es ist kurz nach 22:00 Uhr, ich will gerade einen meiner
zwei Soldaten zum Ruhen schicken, da meldet sich ein
Spähtrupp der Aufklärungskompanie, der noch nördlich der
vorherigen Anschlagstelle operiert, am Funk: „… Stehe im
Feuerkampf! Ein FENNEK von RPG getroffen! Ein
Verwundeter! ...“ Das darf doch nicht war sein, denke ich
mir, und der Ablauf beginnt von neuem: Funkspruch
quittieren und versuchen, den Spähtruppführer zu beruhigen,
dann Lageorientierung an alle im Raum. Lagekarte,
Logbuch, Funkgerät und Telefon besetzen, Alarmierung …
Zu fortgeschrittener Stunde dauert es diesmal länger, bis alle
da sind. Mit der Zeit habe ich alle wichtigen Decknamen und
Rufnummern im Kopf. Allgemein funktionieren sämtliche
Abläufe diesmal schon besser; schnell weiß jeder, was zu
tun ist. Der Spähtrupp weicht aus, die Aufträge an die
übrigen Kräfte im Raum werden angepasst, die Reserve
umgegliedert. Nach seiner Ankunft im Lager berichtet der
Spähtruppführer dem Kommandeur zunächst unter vier
Augen vom Feuergefecht.
Kurz nach Mitternacht hat sich die Lage abermals beruhigt
und alle außer der Nachtschicht haben die OPZ wieder
verlassen, sodass ich die Ereignisse in Ruhe Revue passieren
lassen kann. Was für ein Tag, denke ich mir. Letztlich
scheinen wir doch alles richtig gemacht zu haben und ich bin
mit mir und meiner Nachtschicht zufrieden.
Es sollte in den folgenden Monaten noch viele gefährliche
Operationen, zahlreiche Raketenangriffe, Sprengstoffanschläge, Schusswechsel und Unfälle mit umfangreichen
Alarmierungen geben, die jeweils unser entschlossenes
Handeln in der OPZ erforderten.
Insgesamt war ich auf die Leistungen unserer OPZ stolz,
weil
ich
glaube,
dass
wir
trotz
ungünstiger
Rahmenbedingungen einen wertvollen Beitrag zum Erfolg
unseres Kontingentes geleistet hatten. Ich selbst hatte im
252
Leutnantsbuch
Einsatz gelernt, dass es in Zeiten, in denen sich die
deutschen Streitkräfte in einem historischen Umbruch
befanden, vor allem als Offizier in der Lage sein muss,
geistig flexibel, vielseitig, psychisch belastbar, zupackend,
Initiative zeigend und entschlussfreudig seinen Auftrag
professionell angehen muss. Nur so war dieser Einsatz auf
der Grundlage erlernter taktischer Einsatzgrundsätze in
Verbindung mit gepflegter Kameradschaft, dies auch und
gerade im internationalen Umfeld unter Rückgriff auf solide
Fremdsprachenkenntnisse, zu bestehen.
HI
Zum Gelingen eines Auftrags ist jeder Soldat auf seinem
Posten bzw. in seinem Aufgabenbereich wichtig. Nicht nur
die Kräfte, die ihren Auftrag außerhalb des Feldlagers
wahrnehmen, sind alleine für den Erfolg einer Operation
verantwortlich. Jeder trägt mit seinen Fähigkeiten zur
gesamten Auftragserfüllung bei. Vielseitigkeit, Flexibilität,
Belastbarkeit und Initiative zeigen ist auf allen
Führungsebenen und in allen Verwendungsbereichen
zwingend notwendig. Dabei kommt es insbesondere darauf
an, auch in hektischen Situationen den Überblick zu
bewahren und – im Sinne der übergeordneten Führung –
Entscheidungen vorzubereiten bzw. zu treffen.
253
Leutnantsbuch
Todesnachricht
I
ch habe bereits zwei Einsätze hinter mir. Ich habe im
Feuergefecht gestanden, bin zweimal selbst fast
„draufgegangen“. Die Erfahrungen in den Auslandseinsätzen
haben mich ohne Frage geprägt. Das intensivste und
bewegendste Erlebnis, das mit dem Auslandseinsatz der
Bundeswehr im Zusammenhang stand, fand für mich jedoch
im Heimatland statt.
An einem Dienstag klingelte das Telefon. Ich sah die
Nummer meines Bataillonskommandeurs auf dem Display
und hob nichts Böses ahnend den Hörer ab. Die Stimme
meines Kommandeurs klang gepresst. „Wir haben einen
Soldaten verloren. Der Stabsgefreite M. ist heute in
AFGHANISTAN in einem Feuergefecht gefallen. Die
Angehörigen sind noch nicht informiert.“ Ich konnte das,
was mein Kommandeur gerade gesagt hatte, kaum begreifen.
Einer meiner Soldaten ist tot? Im Gefecht gefallen? Ich war
schockiert. „Ich lasse in den Unterlagen prüfen, wer die
Angehörigen sind, die verständigt werden müssen“,
antwortete ich. Mir drehte sich schier der Magen um.
In den Unterlagen waren die Eltern als zu verständigende
Angehörigen angegeben. Sie wohnten in einer Kleinstadt am
anderen Ende Deutschlands – mindestens acht Stunden
Autofahrt. Wenn ich die Eltern persönlich über den Tod
ihres Sohnes informieren wollte, bevor sie aus den Medien
von den Ereignissen in Afghanistan erführen, würden noch
weitere Stunden vergehen. Verschärft würde diese Situation
dadurch, dass mit dem Stabsgefreiten M. zwei weitere
deutsche Soldaten gefallen sind. Würden die Medien die
Meldungen so lange zurückhalten?
Um die Angehörigen schnellstmöglich zu informieren,
wurde entschieden, dies durch einen Vertreter des
zuständigen Landeskommandos durchführen zu lassen.
254
Leutnantsbuch
Dieser stellte jedoch fest, dass sich die Eltern im
Auslandsurlaub befanden und dort nicht erreichbar waren.
Inzwischen liefen die ersten Tickermeldungen bei den
Nachrichtensendern. Im Videotext war schon von unserem
Standort zu lesen. Was für ein makaberer Wettlauf!
Schließlich gelang es die Verbindung zum Bruder des
Stabsgefreiten M. herzustellen, der in der Nähe seines
Elternhauses lebte. Wie er mir später erzählte, hatte er aus
den Medien bereits vom Tod dreier deutscher Soldaten
erfahren und aus den Standortangaben die richtigen
Rückschlüsse gezogen. Als die Kameraden vom Landeskommando am Abend bei ihm eintrafen, war das für ihn die
schreckliche Bestätigung seiner Befürchtungen. Er rief seine
Eltern an, die daraufhin ihren Urlaub abbrachen und mit
Unterstützung der deutschen Botschaft am nächsten Morgen
unmittelbar nach Deutschland zurückkehrten.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich aufgrund der großen Entfernungen bereits meinen Einsatzoffizier in den Heimatort
vom Stabsgefreiten M. in Marsch gesetzt. Nachdem die
Familie M. wieder angekommen war, wurde mein Einsatzoffizier von den Kameraden des Landeskommandos kurz als
Ansprechpartner der Stammeinheit vorgestellt. Er hinterließ
seine Erreichbarkeit, um als direkter Ansprechpartner vor
Ort in allen Fragen sofort unterstützende Maßnahmen einleiten zu können. Auch wenn diese Maßnahme nicht gerade
schulbuchmäßig war, so hat sie sich in den folgenden Tagen
bei den vielen traurigen Dingen, die für die Familie M. zu
klären waren, bewährt.
Am nächsten Tag verlegte ich zu den Eltern, um ihnen das
Beileid der Kameraden zu übermitteln. Unterstützt wurde
ich dabei von der Truppenpsychologin unserer Brigade, die
mir auf der langen Autofahrt dabei half, mich auf den
schweren Besuch einzustellen. Was sollte ich den Eltern
vom Stabsgefreiten M. eigentlich sagen? Alle Worte, die mir
255
Leutnantsbuch
einfielen, schienen Phrasen zu sein. Ungeeignet, die Trauer,
den Schock und das Entsetzen auszudrücken, das ich
empfand, das wir alle empfanden. Wie konnte ich diese
Empfindungen in Worte fassen, ohne unangemessen
aufzutreten? Unsere Psychologin riet mir, mir für den
Beginn des Besuchs einige Sätze zurecht zu legen, um einen
Einstieg in ein Gespräch zu finden.
Mir stellte sich außerdem die bohrende Frage, wie die Eltern
und der Bruder wohl auf uns reagieren würden. Würden sie
auf uns wütend sein, uns Vorwürfe machen, ablehnend oder
gar aggressiv reagieren? Ich hätte dafür Verständnis gehabt.
Die Psychologin widersprach mir in diesen Befürchtungen
und schilderte mir, wie der Besuch ihrer Meinung nach
ablaufen würde – mit ihrer Prognose lag sie richtig. Und
noch eine Sache beschäftigte mich intensiv. Der
Stabsgefreite M. war mit einer Einheit einer anderen
Division im Einsatz, wir hatten ihn als Kraftfahrer dorthin
abgestellt. Ich selbst hatte meine Kompanie erst vor kurzem
übernommen. Zu diesem Zeitpunkt war der Stabsgefreite M.
bereits zur einsatzvorbereitenden Ausbildung in seinen
Einsatztruppenteil kommandiert worden. Ich hatte ihn also
niemals persönlich kennen gelernt. Konnte ich den Eltern
gegenüber glaubwürdig sein? Die Psychologin versicherte
mir, dass man eigentlich gar nichts falsch machen könne,
wenn man sein Mitleid, seine Trauer, seine Verzweiflung
aufrichtig zum Ausdruck brachte und nicht gestelzt oder
besonders getragen auftrat – sie hat auch damit recht
behalten. Ich bin unserer Psychologin heute noch sehr
dankbar für ihre Unterstützung in dieser Situation, denn ich
hatte bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei Erfahrungen im
Umgang mit trauernden Angehörigen.
Schließlich waren wir im Heimatort vom Stabsgefreiten M.
Wir koppelten mit meinem Einsatzoffizier und einem
örtlichen Vertreter des Bundeswehrsozialdienstes, der
256
Leutnantsbuch
gemeinsam mit uns den Besuch durchführen wollte. Die
Familie M. nahm uns traurig, aber freundlich in Empfang.
Der Schock und die Ohnmacht über den Verlust ihres
Sohnes und Bruders waren allgegenwärtig. Ich sprach mit
wenigen Sätzen unser Beileid und Mitgefühl aus. In dem
Gespräch, das sich in der Folge entwickelte, erzählte uns die
Familie viel über das Leben des Stabsgefreiten M., wie er
war und was ihn ausmachte. Viele gemeinsame Erlebnisse
der Familie kamen zur Sprache, Fotos wurden gezeigt. Ich
bemühte mich, die Fragen zum Hergang der Ereignisse
soweit wie möglich zu beantworten. Was mich bei diesem
Besuch jedoch am meisten berührt hat war, dass die Familie
trotz des höchsten Opfers ihres Sohnes und Bruders den Sinn
seines Auslandseinsatzes zu keinem Zeitpunkt in Frage
stellte. Der Vater sagte uns sinngemäß, dass sein Sohn zu
100 Prozent Soldat gewesen sei, er sich über die Risiken des
Einsatzes im Klaren war und er sich als Soldat bewusst für
die Teilnahme am Einsatz entschieden hatte. Die Familie
respektierte und unterstützte jederzeit die Entscheidung ihres
Sohnes und Bruders. Bei aller Trauer, bei aller
Verzweiflung, dürfe man das nicht vergessen. Diese
ausgewogene und reflektierte Geisteshaltung hat mich sehr
beeindruckt.
Bewährt hat sich auch, den Besuch bei den Angehörigen mit
mehreren Personen durchzuführen. Ich selbst fand schnell
persönlichen Zugang zum Vater des Stabsgefreiten M., was
vermutlich an meiner Rolle als Kompaniechef lag. Mein
Einsatzoffizier stand altersmäßig dem Bruder näher als ich
und konnte auf dieser Ebene persönlichen Zugang finden,
der Vertreter des Bundeswehrsozialwerkes zur Mutter. Die
Psychologin hielt sich im Hintergrund, griff aber in Phasen,
in denen die Gesprächspausen zu lang wurden, helfend in
das Gespräch ein.
257
Leutnantsbuch
Nach etwa zwei sehr emotionalen und intensiven Stunden
war unser Besuch beendet. Wir kamen mit der Familie
überein, am nächsten Tag zwei weitere Besuche
durchzuführen. Zum einen sollte es darum gehen, drängende
Fragen und Maßnahmen zu klären. Zum anderen wollten am
Abend des Folgetages Freunde des Stabsgefreiten M. die
Familie besuchen und wir wurden gebeten, dazu zu
kommen.
Zum Treffen am nächsten Abend nahm ich neben meinem
Einsatzoffizier und der Truppenpsychologin auch meinen
Kraftfahrer mit. Er kannte den Stabsgefreiten M. persönlich
gut und war etwa in seinem Alter. Die Freunde nahmen uns
abwartend, aber nicht unfreundlich auf. Viele, teilweise auch
kritische, Fragen waren durch uns zu beantworten.
Insgesamt war aber die Erinnerung an den Stabsgefreiten
M., gemeinsame Erlebnisse im Freundeskreis, sein Leben als
Mensch und Soldat das zentrale Thema des Abends.
Hier bewährte es sich wiederum, Vertreter verschiedener
Ebenen und Bereiche einzusetzen. Während die Psychologin
und ich im Verlaufe des Abends mehr und mehr mit den
Eltern sprachen, entwickelte sich zwischen meinem
Einsatzoffizier und meinem Kraftfahrer ein gutes Gespräch
mit den Freunden.
In den folgenden Tagen galt es, traurige Termine
wahrzunehmen. Mit vielen Soldaten meiner Einheit nahmen
wir gemeinsam mit den Kameraden aus der Einheit der
anderen beiden getöteten Soldaten in einer bewegenden
Zeremonie die Särge mit den Leichnamen in Empfang. Etwa
eine Woche später wurde der Stabsgefreite M. in seinem
Heimatort beigesetzt.
Am nachhaltigsten erinnere ich mich jedoch an die zentrale
Trauerfeier in der Garnison der Einheit, mit der der
Stabsgefreite M. im Einsatz war. Ich saß während der
Gedenkzeremonie in der Kirche neben der Familie M.,
258
Leutnantsbuch
inmitten der Angehörigen aller drei getöteten Soldaten und
war tief betroffen und bewegt. Noch nie habe ich soviel Leid
erlebt, noch nie so sehr fast greifbare Ohnmacht und
Verzweiflung gespürt, noch nie habe ich mir so sehr
gewünscht, Dinge ungeschehen machen zu können wie an
diesem Tag. Und doch war alles, was ich tun konnte, was
wir alle tun konnten, den Angehörigen beizustehen, ihnen zu
zeigen, dass sie nicht allein sind und ihnen eine stützende
Hand zu reichen.
HI
Der militärische Führer sollte sich darüber im Klaren sein,
dass auch er selbst in solchen Lagen schwerwiegenden
Belastungen ausgesetzt ist. Er muss für sich persönlich Wege
finden, damit vernünftig umzugehen. In der Situation selbst
hat er zu funktionieren und anderen Menschen Halt zu
geben. Dazu sollte er versuchen, persönliche Belastungen
für sich selbst weitestgehend auszublenden. Zu gegebener
Zeit jedoch muss der militärische Führer erlebte
Belastungen aktiv verarbeiten, um handlungsfähig zu
bleiben und Spätfolgen für sich selbst zu vermeiden.
Gespräche mit Freunden und Kameraden, ein paar Tage
Urlaub oder Sport sind daher gute Möglichkeiten.
259
Leutnantsbuch
Das Offizierkasino
S
o meine Herren, hier befindet sich also die
„
Eingangshalle oder das Foyer unseres Offizierkasinos.
Grundsätzlich, wenn Sie im Rahmen einer dienstlichen
Veranstaltung geselliger Art hierher befohlen werden,
sammeln wir uns erst einmal hier. Dazu folgende
Grundregeln!
Im Offizierkasino ist die Grußpflicht in Form des
militärischen Grußes aufgehoben. Wer kann sich vorstellen
warum? Keiner? Nicht nur, weil Sie dann die ganze Zeit
grüßen würden, sondern weil man das Gefühl des
Gemeinsamen hier bewahren möchte, wo Offiziere unter
sich sind. Dennoch erweisen Sie den Anwesenden in einem
Raum beim Betreten Ihren Gruß, indem Sie in Grundstellung
gehen und eine leichte Verbeugung vollziehen. Sammeln Sie
sich im Foyer, gehen Sie ebenfalls kurz in Grundstellung,
wünschen die Tageszeit und beginnen bei der Person, die
Ihnen am nächsten steht, mit der persönlichen Begrüßung.
Danach suchen Sie sich einen Platz in der Runde und
warten.“
So fing meine erste Einweisung in das Offizierkasino an.
Das Kasino an meinem Standort war eines der wenigen, das
noch außerhalb des geschlossenen Kasernenkomplexes lag.
Als junger Offizieranwärter (OA) hatte ich nur selten das
Vergnügen, diese Räumlichkeiten aufzusuchen. Aber
ehrlich: Ich habe mich auch nicht wirklich darum gerissen.
Irgendwie erschien mir das Ganze angestaubt und leblos. Ich
weiß heute noch, wie ungern wir ins Kasino gegangen sind,
irgendwie war es eine Verpflichtung, der keiner von uns die
richtige Bedeutung beimessen konnte.
260
Leutnantsbuch
Neben verschiedenen Vorträgen und der Ausbildung „Stil
und Form“ war das Kasino immer der Ort, an dem einmal im
Monat der Kommandeur „seine“ OA’s zum gemeinsamen
Mittagessen empfing. Im Gegensatz zu den traditionellen
gemeinsamen Essen mit den Offizieren des Bataillons,
waren unsere immer mit einem Kurzvortrag durch ein oder
zwei Kameraden zu vorgegebenen Themen verbunden.
Diese Aufgaben führten nicht wirklich dazu, diesen Ort, zu
dem wir uns eigentlich hingezogen fühlen sollten, zu mögen
oder in unserer Freizeit aufzusuchen. Dies, obwohl uns jeder
Offizierkamerad einen Besuch ans Herz legte.
So verstrichen die ersten Monate der Ausbildung zum
Offizier und es kam zur Versetzung an die Truppenschule.
Auch hier wurde wieder auf Stil und Form sowie Vorträge in
den Räumlichkeiten des Kasinos Wert gelegt. Im Gegensatz
zu meinem alten Standort gab es hier ein „zentrales“
Offizierlager. Hier sollten alle Offiziere des Standortes
untergebracht werden.
Auch einige meiner Kameraden aus anderen Hörsälen
wohnten vom ersten Tag an im Offizierlager. Ich hatte das
Glück, die 18 Monate, die ich zur Truppenschule
kommandiert war, nicht nur im selben Block und in der
selben Stube verbringen zu dürfen, sondern auch genau
gegenüber dem Unteroffizierheim zu wohnen, in dem man ja
ab dem Dienstgrad Fahnenjunker willkommen war. Also
mied ich wiederum die Atmosphäre und Gastlichkeit eines
Offizierkasinos.
An der Offizierschule gab es zwar ein Kasino, aber aufgrund
des Lehrgangs, der Umgebung und der angebotenen
Pizzadienste wurde auch dieses nur selten besucht. Dennoch
wurde es neben den üblichen Vorträgen auch hin und wieder
zum Mittagsessen aufgesucht, meist, wenn es nur
261
Leutnantsbuch
Germknödel oder Eintopf in der Truppenküche gab. Hier
entwickelte sich so etwas wie ein „Wir-Gefühl“. Ich ging
immer mit meinen Kameraden dort hin, und irgendwie fühlte
man sich „unter sich“.
Als ich dann im Dienstgrad Oberfähnrich zurück in mein
altes Bataillon kam, wurde ich in eine Stube im
Dachgeschoss des Offizierheims einquartiert. Hier lernte ich
zum ersten Mal die Vorzüge einer solchen Einrichtung
kennen.
Die
Ordonnanzen
kümmerten
sich
fast
schon
aufopferungsvoll um uns: Ob bei den Essen à la carte oder
aber während der gemütlichen Abende mit Kameraden im
Kaminzimmer, die Aufenthalte in „meinem“ Kasino waren
einfach unbeschreiblich schön. Gespräche und Feiern, die in
diesem mir noch vor wenigen Monaten so verstaubt
wirkenden Objekt stattfanden, waren wohl die Schönsten die
ich bis dahin während meiner Dienstzeit erlebt habe.
Aber nicht nur die Feiern, sondern vor allem die Gespräche
und der Austausch von Erfahrungen mit älteren Kameraden
dienten meiner Horizonterweiterung.
Heute bin ich nun Oberleutnant und führe einen Zug. Wenn
es mir die Zeit erlaubt, besuche ich gerne mit meinem Chef
oder meinen Zugführerkameraden unser Offizierkasino und
genieße dessen Atmosphäre.
HI
Sei engagiert!
Es muss uns gelingen, auch in der heutigen Zeit unsere
Offizierheime – ob noch eigenständig als Verein geführt
oder aber in privatwirtschaftlicher Leitung – als Orte des
262
Leutnantsbuch
außerdienstlichen und dienstlichen Gemeinschaftslebens zu
erhalten und weiterzuentwickeln. Diese Einrichtungen bieten
eine erstklassige Möglichkeit, sich im Kreise Gleichgesinnter auszutauschen, sie bieten Rückzugsräume und die
Möglichkeit zur Entspannung. Dies gilt im Grundbetrieb,
aber auch in den Einsätzen. Dort müssen sich die Betreuungseinrichtungen jedoch den örtlichen Gegebenheiten
lageabhängig anpassen.
Was bleibt, ist die Forderung an den Offizier, sich in diesen
Betreuungseinrichtungen persönlich aktiv zu engagieren.
Wir dürfen unsere Kasinos nicht als „outgesourcte“
Gastwirtschaften verkümmern lassen. Sie sind unsere
Einrichtungen, hier wächst das Offizierkorps zusammen.
Hier besteht die Möglichkeit zur aktiven Gestaltung von
Gemeinschaft und gelebter Kameradschaft. Im Offizierheim
lernen sich alle Offiziere und Offizieranwärter auf gleicher
Augenhöhe persönlich kennen. Gespräche gehen idealer
Weise über das rein Dienstliche hinaus. Hier sollten ein
ausgewogenes menschliches Miteinander und ein von
Offenheit und Ehrlichkeit geprägtes Klima des Vertrauens
herrschen. Die älteren Kameraden leben dieses Miteinander
vor. Was im Kasino im Kameradenkreis besprochen wird,
dringt im Regelfall nicht nach draußen. Kritische und von
Vertrauen geprägte Diskussion ist notwendig. Zu falsch
verstandener Kameraderie darf dies allerdings nicht führen.
Dieses gelebte Miteinander ist die Grundlage für eine
gefestigte Kameradschaft. Das am Standort gewachsene
persönliche Vertrauensverhältnis trägt auch unter Belastungssituationen und im Einsatz.
Umso wichtiger ist es, dass bereits der junge
Offizieranwärter von Beginn seiner Dienstzeit an in diese
Einrichtungen eingeführt wird und sie als „sein“ Kasino
erlebt. Je früher er sein Kasino erlebt und sich hier aktiv
engagiert, desto besser.
263
Leutnantsbuch
Das Einführungsgespräch
W
ie sagte noch unser Hörsaalleiter an der
Offizierschule des Heeres (OSH)? „Wenn Sie Ihren
Zug übernommen haben, suchen Sie innerhalb der ersten
Wochen das Gespräch mit Ihren Unteroffizieren. Stellen Sie
sich Ihnen persönlich vor und beantworten Sie sich die
Frage: Was weiß ich eigentlich von meinen Untergebenen?“
Für mich rückte zum damaligen Zeitpunkt das Thema in den
Hintergrund.
So sitze ich an einem Mittwochabend in meinem Zugführerzimmer und überlege mir, was ich eigentlich über
meine Unteroffiziere wissen will. Und, was ich ihnen von
mir erzählen soll! Natürlich habe ich beim Zugantreten kurz
erzählt, wer ich bin und was ich bereits in der Bundeswehr
erlebt habe – eigentlich waren es bisher nur das Studium und
viele Lehrgänge, also wenig spannende Erlebnisse. Über
mich und mein Privatleben habe ich nur wenig erzählt, will
das eigentlich jemand wissen?
Am nächsten Tag geht es los. Ich habe für jeden
Unteroffizier fünfzehn Minuten eingeplant. Hoffentlich
reicht das aus. Ich beginne mein erstes Gespräch mit
Oberfeldwebel W. Um das Eis zu brechen, erzähle ich
zunächst von mir: „Geburtsort Mönchengladbach, dort die
ganze Jugend verlebt, ... Hobbys Inlineskates, Skifahren und
Fußball, aber nicht in der Bundesliga, ... meine
Lebenspartnerin habe ich in Hamburg beim Studium kennen
gelernt, sie fährt wie ich auch gerne Ski und Inlineskates, ...
zur Zeit wohne ich hier am Standort, bin aber
Wochenendpendler, da meine Partnerin in Hamburg
berufstätig ist ...“ Oberfeldwebel W. strahlt mich an: „Da
gibt es ja einige Gemeinsamkeiten. Ich fahre auch gerne
264
Leutnantsbuch
Inlineskates, bin Gladbach-Fan und ebenfalls Wochenendpendler.“
Und dann berichtet er mir von seinen Interessen, aber auch
von einigen Problemen mit seiner Partnerin. Diese seien
wohl auf die Wochenendbeziehung zurückzuführen. Dann
noch der Einsatz und die vielen Übungen, er sei froh, dass
jetzt bald sein Sommerurlaub anstünde und er sich dann
wieder mehr seiner Partnerin widmen könne. Aber auch
dienstlich gibt es eine Menge interessanter Erfahrungen, die
Oberfeldwebel W. zu berichten hat. Er war bereits zweimal
im Einsatz, im KOSOVO und in AFGHANISTAN, und
kannte eigentlich alle Truppenübungsplätze in Norddeutschland. Seine Feldwebellehrgänge hatte er als Lehrgangsbester bestanden und schließlich weihte er mich in
seine Absicht ein, Berufssoldat zu werden.
Das Gespräch dauert länger als geplant, nach dreißig
Minuten sind wir erst fertig. Aber es hat sich gelohnt, jetzt
wissen wir beide, dass hinter unserer Uniform mehr steckt
als nur Dienstgrad und militärischer Werdegang.
Ich mache mir einige Notizen und nehme diese zu meiner
Handakte.
Einige Tage später: Ich bin auf dem Standortübungsplatz,
mein Zug übt das Einfließen in den Verfügungsraum.
Nachdem ich den Befehl für die Sicherung gegeben habe,
gehe ich den Raum ab. Am Feldposten 1 treffe ich
Oberfeldwebel W., er meldet und trägt mir zur Lage vor. Im
anschließenden Gespräch frage ich ihn: „Na, wie hat
Gladbach gespielt?“ – „Eins zu Null! Ist eben unser Verein,
Herr Oberleutnant“, antwortet er breit grinsend. Wir sind
mitten im Pausengespräch ...
265
Leutnantsbuch
HI
Suchen Sie das offene Gespräch mit Ihren Mitarbeitern.
Fragen Sie nach familiärem Hintergrund, Interessen und
Hobbys. Interessieren Sie sich ehrlich für den Menschen der
in der Uniform steckt. Machen Sie sich vorher Gedanken,
was Sie wissen wollen, und strukturieren Sie das Gespräch.
Seien auch Sie offen und berichten von sich selbst. Sagen Sie
aber auch, was Sie von Ihren Mitarbeitern erwarten, was Sie
erreichen wollen und was Sie auf keinen Fall dulden. Diese
Gespräche sind häufig der Schlüssel, um Pausengespräche
oder Unterhaltungen bei Gemeinschaftsveranstaltungen mit
interessanten Themen zu beginnen, die nicht nur vom
Dienstalltag handeln.
266
Leutnantsbuch
Der „robuste Soldat“
A
ls ich nach meinem Schulabschluss in die Bundeswehr
einrückte, war ich ein durchschnittlich sportlicher
Abiturient. Die Ausbilder forderten insbesondere von uns
Offizieranwärtern viel, und ich musste rasch feststellen, dass
ich sportlichen Nachholbedarf hatte. Klar, ich wollte
Gruppenführer werden und musste dafür natürlich körperlich
leistungsfähig sein. Außerdem sollte ich im Anschluss an
meinen Gruppenführerlehrgang nach HAMMELBURG
gehen und den Einzelkämpferlehrgang absolvieren. Dieses
Ziel vor Augen zog ich voll mit, konnte meine
Leistungsfähigkeit, aber auch mein Selbstbewusstsein
deutlich steigern.
Einzelkämpferlehrgang und Gruppenführerlehrgang in einer
Grundausbildungsinspektion liefen dann ausgesprochen gut.
Anschließend wurde ich auf den Zugführerlehrgang
kommandiert und irgendwie schienen sich die Anforderungen zu wandeln. Sport und körperliche Leistungsfähigkeit waren zwar ein Bestandteil des Lehrgangs, im
Mittelpunkt standen aber Fähigkeiten eher schulischer
Natur: Klausuren und Wehrrecht, Taktik und Logistik,
Unterrichte und Vorträge. Wenn ich dann am Ende eines
Ausbildungstages auf meine Stube kam, war ich geschafft.
Meistens hielt ich ein kleines Nickerchen und wollte
anschließend die Vor- und Nachbereitung der Ausbildung
erledigen. Aber irgendwie fühlte ich mich matt und ohne
Elan. Ich konnte meine Lehrgangskameraden nicht verstehen
– die machten unmittelbar nach dem Dienst Sport, befassten
sich mit Vor- und Nachbereitung der Lehrgänge und
konnten sogar abends noch in die Stadt gehen – dazu hatte
ich keine Kraft.
267
Leutnantsbuch
Zum Glück gelang es meinen Kameraden, mich trotz meiner
Skepsis zu aktivieren und mit ihnen nach Dienst laufen zu
gehen. Dies verbesserte nicht nur meine Fitness, sondern
steigerte meine gesamte Leistungsfähigkeit – körperlich und
geistig. Das Lernen für Klausuren ging mir plötzlich viel
leichter von der Hand. Mein Selbstbewusstsein stieg und
mich konnte nichts mehr so leicht aus der Bahn werfen. Den
Zugführerlehrgang konnte ich so erfolgreich abschließen.
In meinen folgenden Spezialausbildungen – nämlich der
Hubschrauberpilotenausbildung in den USA und meinem
Studium der Luft- und Raumfahrttechnik in MÜNCHEN –
behielt ich diese Angewohnheit konsequent bei und bin
damit immer gut vorangekommen.
Mittlerweile bilde ich selbst junge Feldwebel- und
Offizieranwärter aus und kann ihnen an meinem Beispiel
recht schnell klar machen, dass sich der körperlich
leistungsfähige, der „robuste Soldat“ auf dem Weg zum
Spezialisten nicht nur leichter tut, sondern dass das ganz
selbstverständlich dazu gehört.
Kürzlich traf ich einen Jahrgangskameraden, der bereits den
Stabsoffizierlehrgang in HAMBURG absolviert hatte –
übrigens mit einem glänzenden Ergebnis – und von seinem
persönlichen Erfolgsrezept berichtete: „Nach dem Dienst
erstmal einen Stunde laufen gehen, damit der Kopf wieder
frei wird. Dann kann man befreit weiterarbeiten.“
HI
Halte Dich fit!
Mens sana in corpore sano – nur in einem gesunden Körper
kann ein gesunder Geist wohnen!
Es ist nicht gut, immer unter „Volllast“ zu fahren. Dies gilt
für uns selbst, aber auch für die Menschen, die wir führen.
268
Leutnantsbuch
Der Suizid
E
s war vor ziemlich genau einem Jahr. An einem ganz
normalen Morgen.
Wie immer nahm der Kompaniechef routiniert seinen Dienst
auf. Zunächst nur beiläufig wurde registriert, dass der
Kommandeur an diesem Morgen nicht da war. Irgendwann
im Laufe des Vormittages wurde dann eine Entscheidung
des Kommandeurs benötigt.
Frage an sein Vorzimmer: „Wo ist der Kommandeur?“ –
„Weiß ich nicht.“ – „Gibt’s einen Vertreter?“ – „Keine
Ahnung, ich glaube nicht.“
Enttäuscht zog der Chef wieder ab.
Nachdem im Laufe des Vormittags der Kommandeur
nirgendwo gesichtet wurde, wählte das Vorzimmer die
Privatnummer des Kommandeurs an.
Kurz darauf wurde die Tür des Dienstzimmers des
Kompaniechefs unsanft von außen geöffnet. Der S 3Feldwebel aus dem Vorzimmer trat unaufgefordert herein.
Noch bevor der Chef etwas sagen konnte, kam ihm der
Feldwebel mit zittriger Stimme zuvor: „Der Kommandeur ist
tot.“ – „Wie bitte? Was haben Sie gesagt?“ – „Der
Kommandeur hat sich heute Nacht das Leben genommen.“
Für einen Moment herrschte eine entsetzliche Leere und
Stille. Dann fingen im Kopf des Chefs die Bilder an zu
laufen, immer mehr und schneller:
- Bilder vom Kommandeur vor der Front,
- Bilder von guten Gesprächen mit ihm,
- Bilder von seiner untadeligen Dienstauffassung,
- Bilder von seiner strengen und fordernden Dienstaufsicht,
- ... und so weiter. Und am Ende stand über allem die eine
zentrale Frage nach dem „Warum“.
269
Leutnantsbuch
Wenige Tage später stand der Chef als Totenwache am
Grab. Wieder fingen die gleichen Bilder im Kopf an zu
laufen. Aber die unbeantworteten Fragen nach dem
„Warum“ wurden nicht weniger, sondern mehr.
Auf den ersten Blick lief doch alles hervorragend. Der
Kommandeur hatte seinen Verantwortungsbereich umfassend im Griff, er stand glänzend da. Seine Karriere schien
ungebrochen, eine förderliche Anschlussverwendung stand
kurz bevor.
- Warum trotzdem diese Entscheidung?
- Hätte man es im Voraus erkennen können?
- Hätte man ihm helfen können?
- Warum hat er sich nicht Kameraden offenbart?
An der letzten Frage blieb der Chef hängen. Hat ein
Kommandeur überhaupt Kameraden? Wo findet er zwischen
den nie nachlassenden Anforderungen seines Vorgesetzten
einerseits und seiner Führungsverantwortung nach unten
andererseits kameradschaftliche Unterstützung? Führungsverantwortung macht bekanntlich einsam.
Der § 12 Soldatengesetz fordert von allen Soldaten, Kameraden in Not und Gefahr beizustehen. Wie groß muss die
Not eines Kameraden sein, dass er freiwillig seinem Leben
ein Ende setzt. Und keiner hat die Not erkannt!
Hätte der untergebene Chef dem Kommandeur mehr
Kamerad sein müssen?
Hätte der Vorgesetzte des Kommandeurs diesem mehr
Kamerad sein müssen?
Wo beginnt Kameradschaft und wie lebt man sie?
Die Frage nach der Kameradschaft beschäftigte den Chef
lange Zeit. Auch höhere Vorgesetzter haben Anspruch auf
Kameradschaft, auf Kameraden, die gegebenenfalls in der
Not helfen.
270
Leutnantsbuch
Der Chef jedenfalls hatte sich vorgenommen, zukünftig
nicht nur für seinen Bereich, sondern auch „nach oben“
mehr Kamerad zu sein.
Und heute, ein Jahr danach? Die Bilder vom alten
Kommandeur kommen nur noch selten. Der neue
Kommandeur hatte sich schnell eingearbeitet und steht
glänzend da. Alles ist wie immer, jeden Tag nimmt man
routiniert seinen Dienst auf.
„Weiß jemand, wo heute Morgen der Kommandeur ist?“
HI
Höre zu!
Was wissen Führer eigentlich von ihren Kameraden? Wie
weit öffnet man sich selbst gegenüber anderen? Hören wir
auch unseren Vorgesetzten zu? Erkennen wir Zwischentöne?
Versuchen wir, auch die Nöte und Sorgen von anvertrauten
Soldaten und von Vorgesetzten zu erkennen?
Kameradschaft als soldatische Tugend endet nicht bei
Gleichgestellten!
271
Leutnantsbuch
Die Gneisenaukaserne
Geschichte und Tradition im Pausengespräch
G
rundausbildung in der „Gneisenaukaserne“. Der junge
Leutnant kommt während der Ausbildungspause mit
einigen Rekruten seines Zuges ins Gespräch. Unvermittelt
fragt ihn ein Soldat, was es eigentlich mit dem Namen der
Kaserne auf sich habe. Gneisenau – das sagt ihm irgendwie
etwas. War das nicht ein Schlachtschiff? Aber wir sind doch
beim Heer!
Dem Leutnant fällt hierzu spontan ein, wie sein
Militärgeschichtslehrer an der Offizierschule mit Leidenschaft über die Schlacht bei WATERLOO erzählte. Da
spielte doch Neidhardt von Gneisenau ein wichtige Rolle.
Genau! In der Schlacht bei LIGNY im Juni 1815, einem
Vorgefecht von WATERLOO, hatte die preußische Armee
eine Niederlage gegen Napoleon einstecken müssen.
Feldmarschall Blücher, der bekannte „Marschall Vorwärts“,
war in den Abendstunden auf dem Schlachtfeld verschollen.
In der sinkenden Dämmerung, bei peitschendem Regen und
Wind, versuchten seine Offiziere, ihre verstreuten und
demoralisierten Truppen wieder zu sammeln. Chaos.
Rückzug. Abseits an einer Windmühle steht schweigend
Gneisenau, der Generalstabschef der preußischen Armee.
Allmählich sammeln sich die höheren Kommandeure im
Halbkreis um ihn. Befehlsausgabe. Erstmals ist Gneisenau
allein in der Verantwortung. Er spürt die Einsamkeit des
Kommandos. Vor sich hat er die erschöpfte Armee, im
Rücken die Straße, die nach Osten zur MAAS führt, in die
Heimat. Im Norden sind irgendwo die verbündeten Briten
unter Wellington. Sie sind aber nur über die verschlammten
Wege unter großen Strapazen zu erreichen. Gneisenau sieht
die zweifelnden Blicke seiner Offiziere. Gerade er, der
272
Leutnantsbuch
Intellektuelle, denken sie, der „Schreibtischstratege“ –
ausgerechnet er soll nun einen großen Entschluss fassen!
Gneisenau richtet sich im Sattel auf und weist mit dem Arm
den Weg: „Die Armee geht nach Norden, nach WAVRE!“
Die Offiziere glauben, nicht recht zu hören. Haben diese
Quälerei und dieser Krieg denn nie ein Ende? Doch Stunden
später sind sie auf dem Marsch. Was sie noch nicht wissen:
In wenigen Tagen werden sie bei WATERLOO
Weltgeschichte schreiben. Und Gneisenau – er wird später
als einer der bekannten »Preußischen Reformer« gelten. Die
von ihm gemeinsam mit Gerhard von Scharnhorst, Hermann
von Boyen und Carl von Clausewitz angestoßenen Veränderungen im preußischen Heer sind so modern, dass sie bis in
unsere heutige Zeit hinein Gültigkeit besitzen. Wir denken
vor allem an das Leistungsprinzip, die Auftragstaktik, die
höheren Anforderungen an den Bildungsstand des Offiziers,
die Pflicht zur menschenwürdigen Behandlung Untergebener
und natürlich – an die Wehrpflicht!
Spannende Geschichte, denkt der Rekrut. Der Zugführer hat
echt Ahnung! Auch die anderen aus der Gruppe haben
zugehört. Wie lange ist eigentlich noch Pause? Der Leutnant
ist jetzt in seinem Element, er erzählt weiter. Die jungen
Soldaten erfahren, dass sich die Bundeswehr neben den
preußischen Militärreformen noch auf zwei weitere
Traditionslinien stützt. Tradition ist – so lernen sie nebenbei
– nicht dasselbe wie Geschichte, sondern eine wertebezogene Auswahl aus derselben. Aber bitte nicht zuviel
Theorie! Dass Oberst Graf von Stauffenberg, der am 20. Juli
1944 versuchte, Hitler mit einer Bombe zu töten, ein
Nachfahre Gneisenaus war, klingt interessanter. Und damit
ist ja auch schon eine Brücke geschlagen zum militärischen
Widerstand gegen Hitler. Namen wie Henning von
Tresckow, Werner von Haeften oder Friedrich Olbricht sind
273
Leutnantsbuch
einigen der Rekruten aus Fernsehdokumentationen bekannt.
Ihr Zugführer macht ihnen nochmals deutlich, dass die
meisten Attentäter des 20. Juli eine feste Bindung an
Heimat, Familie, Tradition und christlichen Glauben
besaßen – die Früchte einer konservativen Erziehung. Ihr
Motiv lautete vor allem, dem Staate und dem Volke
verantwortungsvoll zu dienen. „Unbedingter Gehorsam“ war
ihnen fremd.
Durch die Verbrechen der Nationalsozialisten und die immer
fanatischere Führung des Krieges sahen sich zahlreiche
Offiziere moralisch herausgefordert. Hier denkt manch einer
der Rekruten zurück an die Rede des Bataillonskommandeurs, letzte Woche beim Gelöbnis. Da ging es auch
um dieses Thema. Sprach er nicht auch von den Gewissenskonflikten der Männer des 20. Juli? Auch der Leutnant erzählt von den schweren inneren Kämpfen, welche
diese Offiziere ausgetragen haben. Kürzlich hat er dazu im
Internet einen Satz Stauffenbergs gelesen, er kann ihn
sinngemäß wiedergeben: „Es ist Zeit, dass jetzt etwas getan
wird. Derjenige allerdings, der etwas zu tun wagt, muss sich
bewusst sein, dass er wohl als Verräter in die deutsche
Geschichte eingehen wird. Unterlässt er jedoch die Tat, dann
wäre er ein Verräter vor seinem eigenen Gewissen.“ Was ist
Gewissen?
Ein schlechtes Gewissen hat wohl jeder der jungen Soldaten
schon einmal gehabt, bemerkt der Leutnant nebenbei, also
ist auch keiner von ihnen »gewissen-los«. Der 20. Juli 1944,
so fährt er fort, zeigt aber, dass eine Gewissensentscheidung
nicht nur bedeuten kann, einmal gegen den Strom
schwimmen zu müssen und sich der Anfechtung auszusetzen. Für die Männer um Graf Stauffenberg ging es um
Leben und Tod. General von Tresckow sagte dazu: „Der
sittliche Wert eines Menschen beginnt dort, wo er bereit ist,
274
Leutnantsbuch
für seine Überzeugung sein Leben hinzugeben“. Die
Rekruten hören, dass die Lehren des Widerstandes gegen
Hitler nach über 60 Jahren darin bestehen, dass weder ein
Staat noch eine menschliche Autorität das Recht besitzen,
einen Menschen total zu fordern, sondern allenfalls einen
»mündigen« Gehorsam erwarten dürfen. Es darf nicht Ziel
des Soldaten sein, blind zu gehorchen, sondern gewissenhaft
– also dem Gewissen treu zu sein. Und letztlich soll der
Soldat eben nicht nur Kämpfer sein, sondern auch für die
Durchsetzung und Erhaltung von Grundwerten einstehen.
Viele Rekruten sind nachdenklich geworden. Das war sicher
keine einfache Situation für die Offiziere um Stauffenberg.
So mutig ist bestimmt nicht jeder. Ein Rekrut fragt
schließlich, ob die Bundeswehr denn auch solche berühmten
Soldaten vorzuweisen habe? Sicher, antwortet der Leutnant,
wenn auch nicht so bekannte wie die bisher genannten.
Die meisten der jungen Soldaten hören nun die Namen Wolf
Graf von Baudissin, Ulrich de Maizière und Johann Adolf
Graf von Kielmansegg. Sie erfahren, dass diese Personen
weniger durch herausragende Taten im Krieg bekannt
geworden sind – die Existenz der Bundeswehr hat nämlich
entscheidend dazu beigetragen, seit dem Ende des Zweiten
Weltkrieges den Frieden auf deutschem Boden zu bewahren.
Wahrlich eine Erfolgsgeschichte!
Die Verdienste der sogenannten „Gründerväter“ der
Bundeswehr liegen in anderen Bereichen: Die von ihnen
entwickelte Konzeption der „Inneren Führung“ ermöglicht
es, dass die jungen Rekruten der „Gneisenaukaserne“, die
heute viele Fragen haben, als „Staatsbürger in Uniform“
entsprechend einem zeitgemäßen Menschenbild und einer
modernen Werteordnung ausgebildet, geführt und erzogen
275
Leutnantsbuch
werden. Sie sollen wissen, wofür sie ihren Dienst leisten.
Nicht zuletzt dazu dienen Pausengespräche ...
HI
276
Leutnantsbuch
... lieber spät als nie!
A
llgemein wird mir viel Erfahrung nachgesagt. Ich bin
ausgebildeter Flugsicherheitsoffizier (FSO) und verfüge über 6000 Flugstunden, davon einen Großteil als Fluglehrer. Also ein richtig zuverlässiger Pilot.
Dennoch gibt es Erlebnisse, die eigentlich nicht passieren
dürften. Ein normaler Ausbildungstag mit einem Flugschüler
auf der alten ALOUETTE II, den ich schon seit Wochen
betreute, führte uns zum Außenlandeplatz, an dem wir
Autorotationen üben sollten. Zunächst verlief alles planmäßig, der Schüler machte gute Fortschritte und ich steigerte
den Schwierigkeitsgrad. Leider unterlief mir in der Folge der
Fehler, zu spät einzugreifen. Wir hatten einen zu großen
Anstellwinkel in der Schlussphase und berührten nicht mit
den Kufen, sondern mit dem Hecksporn sehr hart den
Boden. An sich kann so etwas vorkommen. Man stellt die
Maschine ab, informiert die Technik und wartet auf die
Befundung. Im besten Fall fliegt man dann wieder weiter, im
schlechtesten wird die Maschine überführt.
Ich dagegen entschied mich gegen alle Vernunft, zurück zu
fliegen, stellte die Maschine auf dem Hallenvorfeld ab,
absolvierte mein Debriefing und machte mich auf den Weg
nach Hause. Mit Verlassen der Kaserne wurde mir
urplötzlich die Dimension meines Verhaltens bewusst. Ich
drehte um, fuhr zur Technik, sperrte per Eintrag den
Hubschrauber, meldete den Vorfall der Einsatzsteuerung und
informierte den Flugsicherheitsoffizier. Am nächsten Tag
meldete ich vor Dienstbeginn dem Kommandeur den
Vorfall. Mir war klar, dass ich mich mehr als unprofessionell
verhalten hatte. Daher war für mich auch eine disziplinare
Ahndung nachvollziehbar.
277
Leutnantsbuch
Entsprechend unserer Verbandskultur schilderte ich auch im
Rahmen des morgendlichen Briefings mein Fehlverhalten,
um auch darauf hinzuweisen, dass es in der Fliegerischen
Ausbildung immer zu Zwischenfällen führen kann, die man
meldet, um zukünftig vor möglichen Gefahren zu warnen.
Auch bin ich froh, den Mut gefunden zu haben, mich
unverzüglich nachträglich gemeldet zu haben, um weiteren
Schaden zu vermeiden.
HI
Übernimm Verantwortung!
Ehrlichkeit und Verantwortungsbewusstsein gehören zu den
Grundtugenden des Offiziers. Dies auch im Verband oder in
der Einheit zu fördern, ist Aufgabe des militärischen
Führers. Eine gute Verbandskultur stellt sich gegen eine
„Null-Fehler-Mentalität“.
278
Leutnantsbuch
Der Anschlag
I
m Mai wurde ich, Oberfeldwebel S., Opfer eines
Selbstmordattentats in KUNDUZ, AFGHANISTAN, bei
dem drei meiner Kameraden ums Leben kamen, sowie zwei
andere Soldaten, darunter ich selbst, schwer verletzt wurden.
Meine Frau, die in DEUTSCHLAND durch die Familienbetreuungsstelle benachrichtigt wurde, war ab diesem
Moment absolut überfordert und nach einem Nervenzusammenbruch nicht dazu in der Lage, aus eigener Kraft
ins Krankenhaus nach KOBLENZ zu kommen und alle
anderen anfallenden Angelegenheiten zu klären.
Ein Hauptmann, der vor Jahren als Leutnant mein Zugführer
war, ist mittlerweile in IDAR-OBERSTEIN stationiert, wo
ich mit meiner Familie lebe. Als er durch einen Zufall von
diesem Unglück sowie von der Tatsache, dass ich ein
Betroffener bin, erfuhr, begab er sich direkt mit den
Soldaten, welche die Nachricht überbrachten, zu meiner
Frau. Von diesem Moment an stand er mit Rat, Tat und
Trost an der Seite meiner Frau und half ihr bei „allen“
anfallenden Angelegenheiten in der schweren Zeit. Darunter
fällt unter anderem, dass er sich um die unzähligen
Telefonate mit Freunden, Verwandten und Behörden und
darüber hinaus um unseren achtjährigen Sohn kümmerte,
Einkäufe erledigte und über drei Wochen hinweg täglich
meine Frau von IDAR-OBERSTEIN nach KOBLENZ ins
Krankenhaus fuhr. Dort war er rund um die Uhr die Stütze
für meine Frau.
Es ist erwähnenswert, dass der Hauptmann über die ganze
Zeit hinweg, obwohl durch die Sache emotional selbst
angegriffen, seinen Dienst weiterhin verrichtete – wenn auch
279
Leutnantsbuch
nur halbtags unter Einsatz von Freistellungen. Auch andere
Vorgesetzte haben sich hierbei verdient gemacht.
Es ist für mich mit Worten unheimlich schwierig zu erklären
und für Außenstehende, die nicht betroffen sind, eventuell
schwer zu verstehen, welch’ unbezahlbare Hilfe und unglaublich große Leistung dieser Offizier für meine Frau und
letztendlich auch für mich in dieser Zeit vollbracht hat.
Diese Leistung und dieses Verhalten sind meiner Meinung
nach mustergültig, unübertroffen und werden der Vorbildund Fürsorgefunktion eines Offiziers mehr als gerecht.
HI
Zeige Persönlichkeit! Sei Vorbild! Stelle den Mensch in den
Mittelpunkt!
Die Wirkung von eigenem Führungsverhalten auf andere
muss stets reflektiert werden. Kameradschaft ist losgelöst
von hierarchischen Strukturen und stellt den Mensch in den
Mittelpunkt! Deshalb sind Empathie und Fürsorge wichtige
Eigenschaften eines Offiziers.
Darüber hinaus ist es in derart schwierigen Situationen
auch wichtig, professionelle Hilfe anzubieten und auch
anzunehmen. Es gibt inzwischen psychosoziale Netzwerke
(PSN), die auf breiter Fläche diese Hilfe anbieten. Informieren Sie sich und Ihre Untergebenen über die bestehenden
Möglichkeiten.
280
Leutnantsbuch
Team „Hotel“
N
ach meiner bisher wohl schönsten Zeit in der
Bundeswehr – dem Studium der Betriebswirtschaft an
der Universität der Bundeswehr in HAMBURG – wurde ich
mit bestandenem Diplom in ein Panzerbataillon versetzt.
Einerseits war ich froh, nach der langen Zeit des Lernens
und der vielen Klausuren und Prüfungen nun wieder in die
Truppe zu kommen, andererseits war HAMBURG für mich
eine zweite Heimat geworden. Ich wurde also von dieser
pulsierenden Metropole in eine Provinzstadt versetzt.
Die Bataillonsführung des Panzerbataillons befand sich zum
Zeitpunkt meiner Versetzung im Auslandseinsatz in
FEYZABAD, AFGHANISTAN. Der technische Stabsoffizier
führte das Bataillon und setze mich zunächst als Einsatzoffizier der vierten Kompanie ein. Die „Vierte“ wurde zu
diesem Zeitpunkt durch zwei Oberleutnante der Reserve
geführt, die nach meiner Einschätzung sehr gute Arbeit
leisteten.
In den kommenden Wochen entwickelte sich schnell ein
freundschaftliches Verhältnis zwischen uns und so fiel es
nicht schwer, die Herausforderungen einer Grundausbildung
mit 90 Rekruten, sei es im Bereich der Führung, der Ausbildung oder auch im disziplinaren Bereich, zu bewältigen.
Kurze Zeit später endeten jedoch die Wehrübungen beider
Reservisten. Bei der sich nun stellenden Frage, wer die
Kompanie die nächsten Monate führen sollte, fiel die Wahl
auf mich. Eine wahre Herausforderung nach der langen Zeit
der „Abstinenz“ von der Truppe. Auf meinen Schultern
lastete nun die Verantwortung für eine neue Allgemeine
Grundausbildung mit über 150 Soldaten – vom Rekruten bis
zum altgedienten Hauptfeldwebel.
281
Leutnantsbuch
Das Führerkorps der „Vierten“ war trotz Abwesenheit des
Kompaniechefs und des originären Kompaniefeldwebels
eine hocherfahrene und zusammengeschweißte Einheit.
Dieser Umstand erleichterte mir zwar die Arbeit, es entstand
aber auch eine hohe Erwartungshaltung hinsichtlich meiner
Leistungen. Ich hatte die Befürchtung, dass es mir als
jungem, relativ unerfahrenem Oberleutnant schwerfallen
würde, das Vertrauen und die Anerkennung meines unterstellten Bereichs als Kompanieführer zu erlangen.
Glücklicherweise gelang es mir nach meiner Einschätzung
relativ schnell, auch von den älteren erfahrenen Portepeeunteroffizieren akzeptiert zu werden. Rückwirkend betrachtet lag das wohl daran, dass ich mich an die Tipps und
Hinweise meines damaligen Hörsaalleiters an der Panzertruppenschule erinnerte und diese umsetzte.
Ich bin mir sicher, dass die „Vierte“ zum damaligen
Zeitpunkt von mir nicht das Können und die Erfahrung eines
originären Kompaniechefs erwartete, sehr wohl jedoch einen
Offizier, der sich mit vollem persönlichen Einsatz um die
Belange der Kompanie kümmert.
In den folgenden zweieinhalb Monaten durfte ich neben dem
normalen Dienstgeschäft den Besuch des Divisionskommandeurs, diverse Stationen beim Tag der offenen Tür
und einige Besuche bei der Patengemeinde der Kompanie
vorbereiten und durchführen.
Die Zeit als Kompanieführer direkt nach dem Studium war
eine herausfordernde, aber auch hoch interessante und
schöne Zeit. Kaum ein anderer Beruf ist so abwechslungsreich und spannend wie der unsrige.
HI
282
Leutnantsbuch
Wesentlich waren die folgenden fünf Regeln:
-
-
Gehe mit Deinem unterstellten Bereich vernünftig um
und suche das offene Wort.
Hab’ keine Angst vor neuen Herausforderungen.
Lass’ Dich vor Deinen Entscheidungen umfangreich
beraten und schöpfe damit das Erfahrungspotenzial
Deiner Untergebenen aus.
Setze Dich mit all Deiner Kraft und vollem persönlichen
Einsatz für Deinen unterstellten Bereich ein. Häufig
fordert Dich diese ungeteilte Verantwortung über die
Regeldienstzeit hinaus.
Nimm die Sorgen, Probleme und Nöte Deines unterstellten Bereichs ernst.
283
Leutnantsbuch
24 Stunden als Zugführer in KUNDUZ
1
7.00 Uhr: Von Patrouille zurückgekehrt - jetzt die
nächste vorbereiten. Der erste Weg führt zur All Source
Intelligence Cell (ASIC), dort werden alle relevanten
Informationen gesammelt. Ich schwitze - es sind immer noch
40° C und die Luft ist staubig. Mein Auftrag für den
nächsten Tag: Sicherung (Force Protection) für den
Kommandeur des PRT (COM PRT). Er hat einen Termin
beim HQ der afghanischen Polizei (Police Headquarters –
PHQ) in AQ TAPPEH. In der ASIC besprechen wir den
Marschweg, mögliche Gefahrenpunkte, die Einstellung der
Bevölkerung vor Ort und viele andere wichtige Details.
Nach ca. 25 Minuten habe ich (hoffentlich) alle notwendigen
Informationen.
Kurze
Detaileinweisung
meines
Kompaniechefs,
dann
schon
über
TETRAPOLHandfunkgerät die notwendigen Absprachen mit dem
CLOSE PROTECTION TEAM (CPT) des COM PRT
treffen und die Befehlsausgabe vorbereiten. Ich schwitze
immer noch, das Abendessen habe ich verpasst.
18.00 Uhr: Ich spreche mit meinem Stellvertreter über den
nächsten Auftrag, damit er frühzeitig in die Planung
eingebunden wird und ich eine zweite Perspektive erhalte.
Die Einsätze werden befohlen. Detaillierte Vorgaben aus der
Operationszentrale (OpZ), muss man aber nicht immer als
unumstößlich hinnehmen. Dort führt man nach taktischen
Grundsätzen aus einem geschützten Raum mit der Absicht,
die Truppe bestmöglich zu unterstützen. Der Zugführer ist
jedoch der Führer vor Ort und kann daher oft besser
beurteilen, was machbar ist und was nicht. Das Prinzip
„Führen mit Auftrag“ ist zweckmäßig. Es überlässt
Detailfragen dem eingesetzten Führer vor Ort. Manchmal ist
es harter Kampf, seine Überzeugungen und Positionen
284
Leutnantsbuch
vorher durchzusetzen, aber letztlich eröffnet der Diskurs
Perspektiven und lohnt den zeitlichen Einsatz.
18.10 Uhr: Nach dem Gespräch mit dem Stellvertreter - 5
Minuten Zeit nur für mich. Im Kopf die Beurteilung der
Lage noch mal durchgehen; die Absicht erneut auf den
Prüfstand stellen. Draußen muss es laufen - von alleine.
18.20 Uhr: Vorbereitung der Befehlsausgabe. Die
Mannschaften aktualisieren die Übersichten und verteilen
die Satellitenaufnahmen. Ich schreibe Karteikarten, damit
ich auch ja nichts vergesse.
19.00 Uhr: Alle Teile sind in den Raum für die
Befehlsausgabe eingerückt. Innerhalb der nächsten halben
Stunde befehle ich meine Absicht für den nächsten Tag.
Nach der Befehlsausgabe habe ich es fast geschafft, dachte
ich.
Ich
gebe
kurz
die
Punkte
aus
der
Teileinheitsführerbesprechung weiter, dann kann der
gemütliche Teil des Tages kommen. Doch zwischen einem
Truppführer und seinem Fahrzeugkommandanten gibt es
Streit. Unterschiedliche Führungsstile, Ansichten und
Einschätzungen der Lage vor Ort auf Patrouille lassen die
beiden aneinandergeraten. Inzwischen so oft, dass sie eine
weitere Zusammenarbeit ablehnen. Streit schlichten,
Besatzung trennen und den Truppführer mit seinem
Schützentrupp auf einem anderen Fahrzeug einsetzen.
Situation gelöst. 10 Unteroffiziere und 32 Mannschaften auf
6 Fahrzeugen, da gibt es jeden Tag ein neues Problem. Die
Freundin hat Schluss gemacht, der Stubenkamerad wäscht
sich nicht, der andere sei immer aggressiv oder man kann
halt einfach nicht mehr. Nicht jedes Problem landet bei mir
aber viele, für die am Ende von den Betroffenen keine
Lösung gefunden wird. Am Ende des Tages bleiben immer
noch welche über, nämlich meine. Anspruch auf Fürsorge
und Kameradschaft haben alle Soldaten, unabhängig von
285
Leutnantsbuch
Laufbahn oder Dienstgrad, im Schwerpunkt bleibt es aber
Aufgabe Vorgesetzter gegenüber Untergebenen.
21.00 Uhr: Nach dem Dienstabschlussbier in der
Betreuungseinrichtung ist der Tag endlich zu Ende. Noch ein
kurzes Gespräch mit den Lieben daheim und dann geht es
ins Bett. Nachtruhe.
05.00 Uhr: Aufstehen, Waschen, Rasieren, Frühstück - der
Morgen
hat
begonnen.
Nach
dem
Frühstück
Operationszentrale und ASIC; aktuelles Lagebild abgreifen.
Gab es in der Nacht sicherheitsrelevante Vorfälle? Wer ist
im Raum? Was machen die Verbündeten? Und schließlich:
„Welchen Einfluss hat das auf mich und meine
Durchführung des Auftrags?“
06.00 Uhr: Ehrenhain Kunduz. An dem Platz, an dem die
Gedenktafeln für die gefallenen Kameraden hängt, fährt jede
Patrouille bevor sie das Feldlager verlässt ihre Fahrzeuge in
Marschformation auf. Die goldenen Tafeln erinnern jedes
Mal aufs Neue, dass jeder Fehler oder einfach nur Pech über
den Ausgang des Tages bestimmen kann. Planung minimiert
das Risiko, doch absolute Sicherheit gibt es draußen nie. Ich
begrüße alle Soldaten meines Zuges und gebe die letzen
Lageentwicklungen an meine Fahrzeugkommandanten
weiter.
06.30 Uhr: 15 Fahrzeuge, davon 3 vom CPT, fahren unter
meiner Führung Richtung Norden, hinein ins Ungewisse.
Als Zugführer trage ich die Verantwortung für alle, mich
selbst eingeschlossen.
09.00 Uhr: Wir erreichen das PHQ in AQ TAPPEH ohne
Zwischenfälle. Geplant ist, die nächsten 3 Stunden hier zu
verbleiben und gegen 13 Uhr den Rückmarsch anzutreten.
Nachdem die Sicherung befohlen ist, heißt es abwarten. Ich
schwitze - es sind schon 55° C in der Sonne.
11.30 Uhr: Lageänderung. Der Polizeichef und der COM
PRT wollen eine Schule südlich der Ortschaft besichtigen.
286
Leutnantsbuch
Innerhalb von fünf Minuten sind ein Halbzug und das CPT
abmarschbereit. Bevor es losgeht noch die Absprache mit
der afghanischen Polizei (Afghan National Police – ANP)
über Marschstrecke und Marschreihenfolge. Ich bestehe
darauf, dass die Polizei vorausfährt. Ich habe am Abend
vorher die Information bekommen, dass die Einheimischen
den Teil der Straße der zur Schule führt, meiden. Da werden
sicherlich weder ich noch einer meiner Soldaten als erstes
darüber fahren. Die Fahrt verläuft jedoch glücklicherweise
ohne Vorkommnisse oder Zwischenfälle. Nach zweieinhalb
Stunden verlassen wir die Schule, gliedern die Reserve des
Zuges am PHQ wieder ein und der Rückmarsch bleibt dann
zum Glück genauso ereignislos wie der Hinmarsch.
15.30 Uhr: Zurück am Ehrenhain. Der Zug sammelt sich
und wir gehen in die Nachbesprechung. Mein Stellvertreter
übernimmt die Nachbereitung, während ich noch im
Gefechtsanzug zur OpZ gehe, um mich und meine
Teileinheit zurückzumelden und Informationen über Zustand
der Straße und Verhalten der Zivilbevölkerung an die OpZ
und die ASIC zu melden. Jeder Soldat außerhalb des
Feldlagers ist Sensor.
16.00 Uhr: Gleich noch die Informationen für den nächsten
Tag im Stab beschaffen und ein paar organisatorische Dinge
für meine Männer regeln. Danach zum Essen. Erstaunlich
früh heute - wir waren rechtzeitig zurück. Ein Luxus, den
man nicht immer hat und den ich deshalb ausnutzen will.
17.00 Uhr: Kompaniegefechtsstand, Patrouillenbericht
schreiben. Den Tag samt Auftrag Revue passieren lassen,
was war gut, was war schlecht, was können wir besser
machen? Dann geht es von vorne los. Ich schwitze und die
Luft ist staubig.
Nach zwei Monaten mit Tagen wie diesem fühlte ich mich
geistig leer und war eigentlich bereit, nach Hause in die
287
Leutnantsbuch
Heimat zu fliegen. Eines Morgens kam mein Stellvertreter
auf meine Unterkunft, schloss die Tür und sagte zu mir:
„Oberleutnant, die nächsten Touren solltest du drin bleiben“.
Im ersten Moment betroffen, unterdrückte ich den Zwang,
etwas zu erwidern und hörte mir an, was er zu sagen hatte.
Nach der Aussprache bedankte ich mich für die offenen
Worte. Hier lag keine „Meuterei“ vor oder die Absicht, die
Führungsorganisation des Zuges aktiv zu ändern. Ihn
bewegte Fürsorge - in diesem Fall die gegenüber
Vorgesetzten. Ab diesem Zeitpunkt teilten wir beide mehr
Aufgaben auf. Im Ergebnis kam das nicht nur mir, sondern
dem gesamten Zug zugute.
HI
Der Vorgesetzte kennt seine Soldaten, führt von vorn und
trägt die Verantwortung für ihr und sein Handeln. Er steht
für seine Soldaten ein und stellt sein eigenes Wohl hinten an.
Gleichwohl muß der Vorgesetzte mit seinen Kräften
haushalten, um in den entscheidenden Phasen auch
führungsfähig zu sein. Er muss somit in der Lage sein,
eigene Fehler und Schwächen einzugestehen, sein
Leistungsvermögen richtig einzuschätzen. Zu viel Ehrgeiz
und Wille kann trotz bester Absichten zu eigener
Überforderung
führen und sich negativ auf die
Auftragserfüllung und die anvertrauten Soldaten auswirken.
Der Vorgesetzte fühlt sich häufig allein mit seiner
Verantwortung, und den daraus resultierenden Belastungen
und den getroffenen Entscheidungen. Umso wichtiger ist es,
angebotene Unterstützung zu erkennen, sie anzunehmen und
für den Erhalt der eigenen Leistungsfähigkeit zu nutzen.
288
Leutnantsbuch
Der NIJMEGEN-Marsch
E
s ist Dienstag, noch vor Sonnenaufgang, 02.00 Uhr in
der Früh. Ich liege wach auf meinem Feldbett im Camp
HEUMENSOORD. Als Führer einer NIJMEGENMarschgruppe bin ich nervös und freue mich, dass es
endlich los geht. Der erste von vier Marschtagen. Wir sind
25 Fernmelder, die sich der Herausforderung, in Formation
an vier aufeinander folgenden Tagen 40 Kilometer mit zehn
Kilogramm Gepäck zu marschieren, stellen. War unsere
Vorbereitung ausreichend, werden alle Soldaten am Ende
den verdienten Orden erhalten?
Vor acht Wochen hatte mich der Kommandeur gefragt, ob
ich bereit sei, eine offizielle NIJMEGEN-Marschgruppe aufzustellen, zu trainieren und natürlich auch in NIJMEGEN zu
führen. Obwohl für meine Kompanie einige Vorhaben geplant waren, die nicht abgesagt werden sollten, sagte ich
nach kurzer Bedenkzeit und Beratung mit meinem Vertreter,
dem Spieß sowie dem Kompanietruppführer zu.
Im Anschluss lief die Planung und Organisation auf
Hochtouren. Es wurden zehn unterschiedlich lange Marschstrecken erkundet, Verpflegungspunkte festgelegt, ein wehrübender Masseur einberufen, der Truppenpsychologe des
Kreiswehrersatzamtes mit einbezogen, für die Gesangsausbildung das Heeresmusikkorps angesprochen sowie ein
Ausgleichs- und Rahmenprogramm zur Entspannung ausgeplant. Wir hatten an alles gedacht.
Die gedankliche Vorbereitung war jedoch der bedeutend
leichtere Teil der Aufgabe. Parallel dazu musste ich
Marschierer für dieses Projekt „gewinnen“. Mir war klar,
dass mit dem Befehl zur Teilnahme die Motivation der
Soldaten nicht gleichzeitig gegeben war. Ich setzte
ausschließlich auf Freiwillige. Da es sich bei diesem Auftrag
um eine Herausforderung für das gesamte Regiment
289
Leutnantsbuch
handelte, führte ich mehrere Informationsveranstaltungen
durch. Ich stellte die Absicht und den Ablauf der
Vorbereitung vor. Ich machte deutlich, dass vor der
Ordensverleihung mehr als 600 Kilometer zu absolvieren
seien, diese Herausforderung kein „Spaziergang“ würde,
aber dass die Begeisterung der Bevölkerung und das
besondere Erlebnis des Marsches für viele Strapazen
entschädigen würden.
Tatsächlich gelang es mir, das Interesse von etwa 30
Soldaten aller Dienstgradgruppen aus vier Kompanien des
Regimentes zu wecken. Sogar die Einweisung in der
Grundausbildungskompanie hatte Meldungen zur Folge. Ich
fragte mich aber, ob die jungen Rekruten nach ihrer
Allgemeinen Grundausbildung (AGA), nachdem sie erst
wenige Monate Kampfstiefel trugen und lediglich kürzere
Eingewöhnungsmärsche
absolviert
hatten,
diesen
Belastungen wirklich würden standhalten können?
Was folgte, waren vier Wochen intensiver Vorbereitung am
Standort. Die ersten zwei Wochen waren die schwierigsten.
Die Füße reagieren auf eine solch’ immense Belastung, sie
verändern sich, schwellen an, werden größer. Die Folge sind
Blasen, Blasen, Blasen. Aber Blasen bringen niemanden um.
Auch mit Blasen zu marschieren ist möglich. Fast jeder
Teilnehmer musste diese Erfahrung machen. Jede Blase hat
zu dem eine Ursache: die Stiefel oder die Socken, zu groß
oder zu klein. Diese Ursachen wurden in den folgenden
Tagen immer erfolgreicher abgestellt.
Die ersten Märsche gingen auch an mir nicht spurlos
vorüber. Meine Soldaten erkannten, dass auch ich nicht mit
„Lederhaut“ an den Füßen marschierte. Trotz Blasen stand
ich am nächsten Tag aber wieder vor meiner Gruppe und
befahl „Stiefel – an, Rucksack – auf, vorwärts – marsch!
Keinen Tag überließ ich die Führung der Gruppe meinem
Stellvertreter.
290
Leutnantsbuch
Nach den Tagesmärschen begann erst mein eigentlicher
Dienst. Ich bearbeitete die Post, schrieb Beurteilungen,
nahm an Besprechungen teil und führte Dienstaufsicht bei
der Ausbildung meiner Kompanie. Die Tage waren
manchmal sehr lang und abends war ich richtig kaputt.
Am Ende der zweiten Woche wollten die Marschierer
wissen, wie ich denn nur so gute Laune haben könne,
obwohl doch jeder wüßte, dass auch ich mindestens drei
Blasen hätte, das Marschieren nun nicht immer Spaß
machte, der Gesang die Schmerzen nicht vertreiben könne
und auch nach den Märschen keine Zeit für mich sei, mir
Ruhe zu gönnen. Meine Antwort war einfach: „Ich habe ein
Ziel: Alle Soldaten dieser Marschgruppe, die in NIJMEGEN
an den Start gehen, werden den verdienten Orden erhalten.
Ich weiß, dass wir alle, wenn wir nur wollen, dieses Ziel
erreichen werden. Nach diesen ersten zwei Wochen weiß
ich, was Sie alle zu leisten im Stande sind, und das macht
mich zuversichtlich. Jetzt müssen nur noch Sie an sich selbst
glauben.“
Das Training am und um den Standort hat die Soldaten
zusammen geschweißt. Dennoch mussten fünf Soldaten
lehrgangsbedingt oder wegen persönlicher Gründe das
Marschieren aufgeben.
Weitere zwei Wochen Vorbereitung mit allen offiziellen
Marschgruppen der Bundeswehrdelegation auf dem
Truppenübungsplatz EHRA-LESSIEN folgten. Obwohl
Marschieren kein Wettkampf ist und es beim NijmegenMarsch nicht auf die Zeit ankommt, wollte meine
Marschgruppe immer die erste sein, die die Tagesetappe
absolviert hatte. Nicht ich war dabei die treibende Kraft,
sondern die Gruppe wollte es. Meinen Soldaten gab das
schnelle Marschieren, das schneller Sein als andere, einen
291
Leutnantsbuch
ernormen Schub, ohne dass der Einzelne überfordert war.
Wir waren einfach gut vorbereitet.
Nach zehn Tagen auf dem Truppenübungsplatz meldete mir
unser Sanitäter, dass Hauptgefreiter S. nicht mehr weiter
machen könne, sein Knie sei als Folge des Marschierens seit
mehreren Wochen geschwollen. Ich suchte das Gespräch mit
dem Hauptgefreiten S.. Er war am Boden zerstört. Nach fast
400 Trainingskilometern machte sein Körper nicht mehr mit.
Er bat mich, mit der Bahn nach Hause fahren zu können. Ich
lehnte zunächst ab. Noch waren fünf Tage Zeit, bevor es in
NIJMEGEN richtig losgehen sollte. Nach Rücksprache mit
dem Delegationsarzt und dem Delegationschef wurde vereinbart, den Hauptgefreiten S. aus dem Training herauszunehmen, ihn zu schonen. Sein Knie sollte eine Pause erhalten. Das Thema wurde während der nächsten Trainingsmärsche intensiv diskutiert. Sollen wir in NIJMEGEN mit
dem Hauptgefreiten S. an den Start gehen. Sollen wir das
Risiko, dass sein Knie wieder anschwillt, eingehen? Am
Abend vor der Verlegung in die NIEDERLANDE wendete
ich mich an die gesamte Marschgruppe: „Wir sind eine
Gruppe. Wir 25 haben über sechs Wochen hart trainiert und
wollen jetzt gemeinsam die Ernte einfahren, die vier Tage in
NIJMEGEN genießen. Als Gruppe sind wir stark genug, um
einem Einzelnen weiterzuhelfen. Wir können das Tempo
reduzieren, die Pausen verlängern, das Gepäck reihum
verteilen. Der Arzt hat zugestimmt, dass Hauptgefreiter S.
wieder marschieren kann, aus medizinischer Sicht gibt es
keine Einwände. Er gehört selbstverständlich zur
Mannschaft dazu.“
Endlich! Die Vorbereitung ist abgeschlossen. Hier und heute
zählt es. Im Camp HEUMENSOORD geht es gleich los. Die
Anspannung ist überall zu spüren. Nach dem Frühstück
292
Leutnantsbuch
schwört der Delegationschef alle Gruppen und Marschierer
noch einmal ein. Unmittelbar vor dem Ausmarsch aus dem
Camp wird die Nationalhymne gespielt und von allen laut
mitgesungen. Ein Gänsehautgefühl macht sich breit.
Stiefel – an, Rucksack – auf, vorwärts – marsch! Die
Eindrücke auf der Strecke übertreffen unsere kühnsten
Erwartungen, die Begeisterung der Bevölkerung kennt keine
Grenzen, die ersten drei Tage vergehen wie im Flug. Die
gute Vorbereitung macht sich bezahlt, es gibt nahezu keine
Probleme. Auch der Hauptgefreite S. hat sich vollständig
erholt, das Tempo ist wie gewohnt hoch, und die Fernmelder
erreichen stets als erste Deutsche Mannschaft das Ziel. Das
erste Bier nach Ankunft geht natürlich auf meine Kosten. Ich
bin stolz auf die Männer.
Der vierte und letzte Tag soll der krönende Abschluss sein.
Doch schon nach dem Wecken meldet sich Unteroffizier K.,
es gehe ihm nicht gut, er habe sich die Nacht über mehrfach
übergeben müssen. Offensichtlich war eine Magenverstimmung die Ursache. Er wolle der Gruppe nicht zur Last
fallen und lieber im San-Bereich verbleiben. Vor einer
Entscheidung schicke ich ihn zum Arzt. Nach seiner Behandlung und der Einwilligung des Doktors informiere ich
alle. Unteroffizier K. tritt in die erste Rotte ein und gibt das
Tempo vor. Es soll verhindert werden, dass er überfordert
wird. Durch ständigen Gesang zur Ablenkung und weitere
Pausen zwischen den offiziellen Rastplätzen wird die Belastung deutlich reduziert. Die immer heißer strahlende Sonne
um die Mittagszeit, ist dann jedoch nicht mehr auszugleichen. Nach Kilometer 24, vier Kilometer nach dem letzten
Rastplatz mit ärztlicher Versorgung ist Unteroffizier K. mit
seinen Kräften am Ende. Ich befehle sofort eine Pause,
übergebe nach 15 Minuten das Kommando für die Pause an
meinen Stellvertreter, bevor ich mit Unteroffizier K.
293
Leutnantsbuch
gemeinsam die vier Kilometer zum letzten Rastplatz zurück
marschiere. Etwa eine Stunde nach dem Zwischenfall treffen
wir am Rastplatz ein. Wir gehen direkt zum Delegationsarzt,
unterrichten ihn über die Situation. Der Doktor versorgt
Unteroffizier K. sofort, behält ihn für eine weitere Stunde
zur Beobachtung vor Ort und gibt dann grünes Licht für die
Fortsetzung des Marsches. Parallel unterrichte ich meinen
Stellvertreter ständig über den Stand der Dinge, den dieser
an die Soldaten weiter gibt.
Drei Stunden nachdem die unfreiwillige Pause begonnen
hatte, sind wir zurück und werden mit großem Hallo
begrüßt. Unteroffizier K. tritt wieder in der ersten Rotte ein,
sein Gepäck wird alle zwei Kilometer übergeben. Natürlich
sind wir an diesem Tag nicht die Schnellsten, aber wir haben
ohne Ausfall auch den letzten Tag erfolgreich absolviert.
Alle Marschierer erhalten den verdienten NIJMEGENMarschorden aus den Händen ihres Divisionskommandeurs.
Der NIJMEGEN-Marsch ist anstrengend, nein, er ist sehr
anstrengend und einzigartig zugleich. Er ist eine Strapaze
und eine Einladung. Er macht jeden Marschierer leer, bis er
während des Marschierens das Denken einstellt und baut ihn
anschließend wieder auf. Er nimmt alle Kraft und gibt sie
dreifach zurück. Im Kopf ist vieles zu steuern. Der Wille,
etwas zu leisten, ist entscheidend.
Jeder Einzelne meiner Marschierer hatte sich bewährt, war
in seiner Persönlichkeit um eine wichtige Erfahrung reicher,
war gereift. Jeder hat seine Grenzen erfahren und erlebt, was
Kameradschaft bedeutet. Als Marschgruppenführer habe ich
dieses Gefühl noch intensiver erlebt. Ich war verantwortlich
und konnte durch mein persönliches Beispiel, mit den
richtigen Entscheidungen und mit meinem Vertrauen auf die
Leistungsfähigkeit der gesamten Gruppe das Ziel, alle
294
Leutnantsbuch
Marschierer bei der Ordensverleihung vorzustellen, erreichen.
Stiefel – an, Rucksack – auf, vorwärts – marsch! Mit diesen
Worten wurde jeder Marschtag begonnen, aber auch die Zeit
nach den vier „Daagsen“, hat dieser Schlachtruf überdauert.
Er passt zum Soldatenleben. Ein Leben in dem es Dinge
gibt, die getan werden müssen, über die man nicht spricht.
Man versucht nicht, sie zu rechtfertigen. Man kann sie nicht
erklären, man kann sie nicht rechtfertigen. Man tut sie
einfach.
Zehn Jahre später trete ich meinen neuen Dienstposten als
Bataillonskommandeur an. Im Rahmen der Übergabe
bespreche ich auch das Personal mit meinem Vorgänger.
Sechs Soldaten, die damals mit mir marschiert sind, bilden
heute wichtige Stützen dieses Bataillons. Aus den
Marschierern sind gute, sehr gute, einsatzbereite und
besonders leistungswillige Soldaten mit der richtigen
Einstellung zum Beruf geworden.
Zwei Wochen nach der Übergabe kommt einer der Soldaten
auf mich zu und fragt: Herr Oberstleutnant, stellen wir
wieder eine NIJMEGEN-Marschgruppe? Ich bin dabei.
HI
295
Leutnantsbuch
Zeitmanagement
D
as Thema Zeitmanagement hat in meinen bisherigen
Dienst- und Ausbildungsphasen immer eine Rolle
gespielt. Ob als Grundwehrdienstleistender, Freiwillig
Wehrdienst Leistender, in der Feldwebel- oder in der
Offizierlaufbahn - jede Phase hatte eine unterschiedliche
Intensität, aber alle Abschnitte hatten ein gemeinsames
Element: Der Erfahrungsschatz wuchs stetig!
Die schwierigste, aber auch lehrreichste Erfahrung zum
Thema Zeitmanagement erlebte ich während meiner
Studienzeit. Zum einen hat der technische Studiengang
seinen Teil dazu beigetragen, zum anderen kollidierten
private und dienstliche Lebenssituationen miteinander. In
dem uns so vertrauten militärischen System wurde und hatte
man geführt. Man befand sich nie an der Spitze der
Führungshierarchie. Aufträge erhielt man von den
übergeordneten Stellen und setzte sie ebenengerecht um.
Somit war man immer inmitten eines Systems verortet.
Während des Studiums war das komplette Gegenteil
vorzufinden. Hier gab es keinen bindenden Dienstplan, der
die eigenen Abläufe regelt oder konkrete Durchführungsbefehle für anstehende Vorhaben. In dieser Situation war
man nahezu auf sich alleine gestellt.
Um diese Herausforderungen erfolgreich zu bewältigen,
auch unter der Prämisse, Herr über die Informationsflut zu
werden, musste man seine Fähigkeiten im Bereich
„Zeitmanagement“ stärker als bisher ausbauen. Man hatte
auch keine andere Wahl, denn sonst wäre das Ziel „Studium
bestehen“ nie erreichbar gewesen. Schließlich war es ein
Merkmal des Studiums, dass der Stoff und somit auch die
Anzahl der zu bestehenden Prüfungen im zeitlichen Verlauf
stetig zunahmen. Wenn man diese Schwierigkeit
unterschätzte oder auch diese nicht zu meistern vermochte,
296
Leutnantsbuch
bestand die Gefahr, überlaufen zu werden. Als Beispiel:
Schafft man drei von fünf Prüfungen nicht und das
nachfolgende Trimester beinhaltet weitere fünf Prüfungen,
so hat man in der Summe eine Belastung von acht Prüfungen
im laufenden Trimester zu bewältigen. Dieses gefürchtete
Phänomen wurde an den Universitäten der Bundeswehr auch
als „Bugwelle aufbauen“ bezeichnet. Das bedeutete für den
einzelnen Studenten zusätzlichen Stress und noch weniger
Zeit, obwohl diese zum Teil schon recht knapp bemessen
war. Eine solche psychische und zeitliche Belastung zwang
so manchen Kameraden sprichwörtlich in die Knie.
Mit der Umstellung des akademischen Abschlusses von
Diplom auf Bachelor und Master wurde der
Schwierigkeitsgrad zudem zusätzlich erhöht. Auch hier sei
ein illustrierendes Beispiel erwähnt: Im Diplomstudiengang
wurde noch mit sogenannten „Scheinen“ gearbeitet. Hierbei
brauchte man bestimmte Prüfungen lediglich mit der Note
4,0 zu bestehen. Des Weiteren wurde im Regelfall nach dem
Vordiplom, bis auf wenige Noten, die vorläufige Note
„genullt“. Beim Bachelor- und Masterstudiengang hingegen
zählt jede einzelne Note ab Beginn des Studiums für die
Gesamtabschlussnote, was eine Erschwernis für die
Studierenden darstellt.
Während meines vierjährigen Studiums habe ich zwei
Offiziere kennengelernt, die dieser Belastung nicht
standhalten konnten, was somit zum Nichtbestehen bzw.
zum Abbruch des Studiums führte. Der eine Kamerad hatte
beispielsweise
aufgrund
seiner
Vorbildung
eine
ausgezeichnete Voraussetzung für das Bestehen des
ingenieurwissenschaftlichen Studiums. In der ersten
Studienwoche wurde zum Teil noch der Lernstoff aus dem
Abitur behandelt, so dass sich der Kamerad nach dem
zweiten Besuch der Vorlesung dazu entschied, vorerst nicht
mehr zu dieser Vorlesung zu gehen, da ihm die Inhalte
297
Leutnantsbuch
vertraut erschienen. Jedoch barg dieses Vorgehen ein Risiko,
denn das Tempo der Wiederholung war recht hoch und man
konnte den Übergang zum neuen Lehrstoff schnell
verpassen. Zur Verdeutlichung nenne ich ein Beispiel aus
der Mathematikvorlesung: Der Professor schrieb mit Kreide
die erste von drei hintereinander gestaffelten Tafeln voll,
wechselte dann auf die zweite und später auf die letzte Tafel.
Der Wechsel der einzelnen Tafelelemente vollzog sich
jedoch von hinten nach vorne, sodass die letzte Tafel immer
durch die aktuelle Tafel verdeckt war. Nachdem alle Tafeln
voll beschrieben waren, wurde die erstbeschriebene
abgewischt und der Dozent setzte entsprechend fort. Nicht
nur das Tempo zum Mitschreiben stellte eine
Herausforderung dar, sondern auch das Verstehen des
geschriebenen Lehrstoffs. Hierbei konnte man nur allzu
leicht den Anschluss verlieren. So erging es auch dem
genannten Kommilitonen. Leider versäumte er mehrere
Vorlesungen, wodurch das Aufholen des Stoffes nicht mehr
möglich war und somit zum Nichtbestehen des Studiums
führte.
Bei dem anderen Kameraden lief es ebenso unglücklich ab,
was auch auf ein mangelhaftes Zeitmanagement
zurückzuführen war. Die bei diesem im Mittelpunkt
stehende Freizeitbeschäftigung und das geringe Engagement
bzgl. des Lehrstoffes sorgten für eine denkbar schlechte
Ausgangssituation. So ergab es sich, dass der Kamerad fünf
von sieben Prüfungen eines großen Prüfungsblocks nicht
bestand. Dadurch hatte er gleich zu Studienbeginn die oben
bereits erwähnte Bugwelle aufgebaut. Das Resultat war
ernüchternd: Nun hatte der Kamerad im nächsten
Prüfungszeitraum überwältigende 13 Klausuren zu bestehen.
Zwar bestand der Offizier die Nachprüfungen, jedoch nicht
die Prüfungen aus dem aktuellen Trimester. Als Ergebnis
baute sich diese Welle langsam weiter auf und zog sich über
298
Leutnantsbuch
mehrere Trimester hin, bis es ebenfalls zum Abbruch des
Studiums kam.
Diese
Beispiele
zeigen
die
Wichtigkeit
des
Zeitmanagements. Um nicht ähnliche Fehler zu begehen,
habe ich versucht, mit Hilfe eines Kalenders einen gut
strukturierten Zeitplan zu erstellen. Hierzu ordnete ich die
Fächer nach einer gewählten Priorität und plante dann die
Lernphase rückwärts. Dies ermöglichte mir, eine maximale
Lernzeit zu erzielen. Ich kann mich noch gut daran erinnern,
dass ich in dem intensivsten Trimester 13 Prüfungen in 14
Tagen zu schreiben hatte. Hierbei stellte ich mir mit meiner
Lerngruppe, die sich in den ersten beiden Trimestern
gebildet hatte, einen Lernplan zusammen. Dieser Lernplan
beinhaltete eine zweckmäßige Zeit-Ressourcen-Einteilung
und sorgte dafür, dass meine Lerngruppe und ich diesen
herausfordernden Studienabschnitt auch bestehen konnten.
Dieses exemplarische Vorgehen kann nicht als Patentlösung
gesehen werden, hat aber in meinem Fall geholfen.
Allgemein gefasst lässt sich jedoch sagen, dass sich
besonders zu diesem Zeitpunkt zeigte, wie wichtig ein
geregeltes Zeitmanagement ist und dieses maßgeblich den
Erfolg oder Misserfolg des eigenen Tuns bestimmt. Dieser
Erfahrungsbericht soll keinen Kameraden abschrecken,
sondern nur auf die Herausforderungen hinweisen, die es am
Beispiel des Studiums mit Blick auf das eigene
Zeitmanagement zu bewältigen gilt. Hierbei gibt es kein
allgemeingültiges Rezept für erfolgreiches Zeitmanagement;
ausgehend von persönlichen Veranlagungen und Vorlieben
muss jeder seinen eigenen Weg finden. Es ist nur natürlich,
dass in diesem Prozess eines sich Ausprobierens auch Fehler
entstehen können. An diesen gilt es nicht festzuhalten oder
gar daran zu verzweifeln, sondern entsprechende
Konsequenzen zu ziehen und diese Fehler im zukünftigen
299
Leutnantsbuch
Zeitmanagement zu vermeiden und durch andere Strategien
zu ersetzen.
HI
Es ist stets wichtig, in der eigenen Planung und Arbeit
festzulegen, was bis wann erreicht werden soll bzw. muss
und wo ggf. die Schwerpunkte liegen. Der Faktor Zeit spielt
in diesem Zusammenhang, immer eine entscheidende Rolle.
Eine gute Selbstorganisation und eine unzweifelhaft
erforderliche
Selbstdisziplin
sind
unabdingbare
Voraussetzungen auf dem Weg zum angestrebten Erfolg.
300
Leutnantsbuch
„Regen“
D
er Transportzug war mit acht LKW MULTI und drei
TPz FUCHS auf dem bekannten, staubigen Rückweg
von BAGRAM nach KABUL. Ein Blick nach hinten auf den
Konvoi zeigte das beruhigende Bild einer konzentrierten
Rundumsicherung an den Maschinengewehren und die
üblichen vermummten Gesichter der Soldaten. Soweit war
alles gut gelaufen, die Straße war frei, und bei konstanter
Marschgeschwindigkeit konnte sich jeder ausrechnen, dass
ausnahmsweise alle pünktlich in die Dienstunterbrechung
gehen würden.
Doch dann zog von Süden her eine dunkelbraune
Wolkenwand rasch auf und zu. Innerhalb von zehn Minuten
wurde der gesamte Konvoi von einer riesigen Staubwolke
verschluckt und die Sichtweite reduzierte sich, trotz
Beleuchtungsstufe 2, auf maximal zehn Meter. Ich befahl die
Weiterfahrt in Schrittgeschwindigkeit und während der
Umriss des hinter mir fahrenden Lkw gerade noch erkennbar
war, drückte sich der Staub in alle sich ihm bietenden
Öffnungen. Nach ein paar Minuten waren Staub und Sand
noch schneller wieder verschwunden als sie gekommen
waren. Dafür begann es, wie aus Eimern zu schütten und
jeder, der aus den Luken heraus sicherte, war sofort
durchnässt. Doch auch dieser Spuk war nach kürzester Zeit
vorbei und schon wenige Kilometer später begannen die
stechende Sonne und der Fahrtwind schon damit, uns wieder
zu trocknen.
Kaum waren wir leicht angetrocknet, als sich uns auch schon
das nächste Hindernis in den Weg stellte. Wo sich auf der
Hinfahrt noch ein nur an dem leicht braungrünen Bewuchs
erkennbares Rinnsal befunden hatte, ergoss sich nun ein 20
Meter breiter, flacher Fluss quer über die Straße. Dieser
hatte den linken Teil der Straße unterspült und einen
301
Leutnantsbuch
Kleintransporter etwa 100 Meter mit sich gerissen. Der lag
auf der Seite in einem flachen, braunen See und war
offensichtlich leer. Dafür hatte sich jenseits des Flusses, in
etwa 300 Meter Entfernung direkt neben der Straße eine
etwa siebzigköpfige Menschengruppe gesammelt. Eine
Menschengruppe an dieser Stelle der Straße war absolut
ungewöhnlich und darüber hinaus war zu erkennen, dass in
der Mitte der Gruppe mindestens ein Feuer entzündet
worden war.
Da wir ausschließlich mit voll beladenen 15 Tonnen MULTI
unterwegs waren, entschied ich sofort, dass eine Durchquerung des „Flusses“ ungefährlich war und befahl über
Funk langsam und mit erhöhter Aufmerksamkeit weiterzufahren.
Als der Konvoi langsam an der Menschengruppe vorbeifuhr,
begannen diese zu winken und auf das Feuer in ihrer Mitte
zu zeigen. Direkt neben dem Feuer standen drei Männer, die
jeweils ein nasses, scheinbar lebloses Kind über das Feuer
hielten.
Absurderweise schoss mir sofort der Gedanke „Jetzt kommt
die Verwundeteneinlage“ durch den Kopf. Dann war die
Entscheidung zu treffen: „Anhalten und helfen“ oder
„Weiterfahren und melden“. Ein kurzer Rundumblick in das
in jede Richtung mindestens einen Kilometer offene und
ebene Gelände ließ den Ort denkbar ungünstig für einen
Hinterhalt erscheinen und ich hatte einen TPz San dabei.
Also schneller Befehl per Funk: „100 m weiter rechts ran
fahren, Maschinengewehre sichern rundum, Beifahrer und
Sanitäter zu mir.“ Absitzen, Verkehrsposten einteilen und
dann gingen wir mit circa zehn Mann auf die Afghanen zu.
Mir war ganz schön mulmig zumute, wie würden die
Afghanen reagieren, hoffentlich machst Du alles richtig. Als
wir auf die Afghanen zugingen, teilte sich die Menge und
302
Leutnantsbuch
man ließ uns unbehelligt zu dem Feuer gehen. Als die
Sanitäter und ich den drei Afghanen, welche die Kinder
trugen, bedeuteten, uns zu folgen, taten sie das anstandslos
und ruhig. Wir führten die drei mit den Kindern hinter den
TPz San, und ich befahl dem Sanitätsfeldwebel, die Kinder
zu untersuchen und dem Funker unsere Position und den
Halt an die Operationszenrale zu melden. Als ich mich
umdrehte, sah ich, wie die Menschenmenge langsam und
ruhig auf uns zukam. Noch während mir die Gedanken im
Kopf herumrasten, was ich am besten befehlen sollte, gingen
meine Soldaten schon freundlich, aber bestimmt auf die
Afghanen zu und bedeuteten ihnen mit Gesten zurückzubleiben.
Diese gehorchten sofort, und ich musste nur noch etwas
Ordnung in die „lockere Postenkette“ bringen. Schließlich
meldete mir der Sanitäter, dass wir einen Arzt benötigten.
Wir forderten aus dem nur etwa zehn Kilometer entfernten
Camp einen Beweglichen Arzttrupp (BAT) an, der zugesagt
wurde. Es verging eine knappe Stunde. Die Afghanen
verhielten sich ruhig, nur ich wurde innerlich immer
nervöser – wo bleiben die denn. Als der BAT schließlich
kam, waren wir schon etwa 90 Minuten vor Ort. Der Arzt
übernahm die Behandlung, die allerdings nicht wirklich
reibungslos verlief.
Die Kinder begannen zu „krampfen“ und bis der Arzt alles
unter Kontrolle hatte, waren weitere 90 Minuten vergangen.
Außerdem teilte mir der Arzt mit, dass die Kinder unbedingt
ins Krankenhaus müssten, er sie aber nicht mit zurück ins
Lager nehmen könne. Er schlug eine Verlegung in das Indira
Krankenhaus in der Innenstadt vor. Dies konnte einer
unserer Kameraden, der einige Brocken Arabisch sprach,
den Afghanen auch klarmachen. Ich entschied mich, den
Konvoi zu teilen. Etwa vier Kilometer vor dem Lager bogen
die MULTI in dessen Richtung ab und ich verlegte mit vier
303
Leutnantsbuch
TPz in die Innenstadt. Wir kamen ohne Probleme bis zu dem
Krankenhaus und der Arzt verschwand mit unserem
„Dolmetscher“ im Gebäude, um alles zu regeln. Wir
warteten und warteten und es begann langsam dunkel zu
werden. Als die beiden endlich wieder erschienen, konnten
die Kinder ins Krankenhaus gebracht werden. Unser Arzt
hatte, wie er andeutete, bei den richtigen Leuten das
entsprechende Geld dafür bezahlt. Wieder verschwanden
Arzt und „Dolmetscher“, diesmal mit den Kindern, im
Gebäude. Mittlerweile war es etwa 21.00 Uhr und stockdunkel. Alle vier Maschinengewehre waren zwar in die Luft
gerichtet, aber ständig besetzt. Ich konnte die Erleichterung
aller Soldaten spüren, als die beiden schließlich wieder aus
dem Gebäude traten und mir meldeten, dass alles erledigt
wäre. Ich ließ sofort aufsitzen und wir fuhren durch die
nächtlichen Straßen Kabuls zurück ins Camp. Nachdem
mein Oberfeldwebel, der im Zuggefechtsstand auf mich
gewartet hatte, mir meldete, dass er mit den MULTI gut
angekommen war, ging ich zu meinem Kompaniechef, um
mich zurückzumelden.
Laut Aussage des behandelnden Arztes war durch unser
Eingreifen die Genesung der Kinder innerhalb der nächsten
Tage sichergestellt. Hätten wir hingegen nicht reagiert, wäre
ihr Schicksal höchst ungewiss gewesen.
HI
Kein Befehl kann alle Eventualitäten vorab berücksichtigen
und regeln. Hier schlägt die Stunde der Auftragstaktik.
Kenne Deinen Auftrag und, wichtiger noch, die Absicht des
übergeordneten Führers. Nutze in diesem Rahmen Deine
Spielräume. Entscheide und verantworte. Häufig erfordern
außergewöhnliche Lagen ebenso außergewöhnliche Ent304
Leutnantsbuch
scheidungen und Maßnahmen. Wäge sorgfältig, auch wenn
nur wenig Zeit bleibt, und räume der Eigensicherung hohe
Priorität ein. Dann fasse Deinen Entschluss und setze ihn
um. Nicht immer wird sich der Erfolg so einstellen wie in
dieser Geschichte. Unabhängig davon wird man aber in der
Rückschau oft zu der Bewertung gelangen: Einen Versuch
war es wert!
305
Leutnantsbuch
Die Veteranen
A
nlässlich eines Kommandeurwechsels bei unserem
französischen Patenverband, dem 40e Régiment de
Transmissions in THIONVILLE, war ich als Ehrenzugführer
eingeteilt. Nach dem Appell auf einem großen innerstädtischen Platz folgte ein Vorbeimarsch der gesamten Formation, bestehend aus dem französischen Regiment, meinem
deutschen und einem amerikanischen Ehrenzug, an der
Tribüne der Ehrengäste entlang. Wie in FRANKREICH
üblich,
befanden
sich
die
Vertreter
diverser
Veteranenverbände mit ihren Fahnen direkt neben dieser
Tribüne. Den Vorbeimarsch mit Blickwendung hatten wir
im
Heimatstandort
fleißig
geübt,
eine
kleine
Herausforderung bestand noch in der Anpassung an das
Tempo der französischen Marschmusik. Während ich an der
Spitze meiner Formation, direkt gefolgt von unserer
Regimentsfahne, an der Tribüne vorbeimarschierte und den
zweiten Richtungsposten sowie dahinter folgend die
Veteranen in den Blick bekam, entschied ich mich spontan,
die Ehrung per Blickwendung auch den kriegsgedienten
ehemaligen Soldaten zukommen zu lassen. Ich hätte es als
stillos empfunden, ausgerechnet diese Menschen keines
Blickes zu würdigen.
Die Geste war denkbar klein (das Kommando „Augengeradeaus“ erfolgte eben nur ein paar Sekunden später als
vom Protokoll gewollt), der Effekt jedoch durchschlagend,
wie ich beim anschließenden Empfang im Offizierheim an
den Mienen der alten Kameraden und den zahlreichen
Gesprächen bemerkte. Zum Hintergrund sei noch angemerkt, dass THIONVILLE in Lothringen liegt und die
Bewohner im 20. Jahrhundert mehrmals ihre Loyalität
zwischen FRANKREICH und DEUTSCHLAND wechseln
mussten.
306
Leutnantsbuch
Meine Schlussfolgerungen daraus waren und sind zum
Einen, dass die Blickwendungen in unserer Formaldienstvorschrift eine tiefsinnige deutsche Besonderheit und
keineswegs hohler Selbstzweck sind: Beim Ansehen der
Person werden Botschaften ohne Worte ausgetauscht, die
von unersetzlichem Wert sind (hier: „Wir respektieren Eure
Opferbereitschaft“, bei allgemeinen Antreten: „Ich vertraue
Euch – Wir sind da“ und Ähnliches). Zum Andern, dass
einige zentrale geschichtliche und aktuelle Hintergrundkenntnisse als Vorbereitung für solche Auftritte unerlässlich
sind.
HI
307
Leutnantsbuch
Die neue Verwendung
M
ein Studium näherte sich unaufhaltsam dem Ende und
mit diesem und meiner Versetzung endete zugleich
auch die Zeit in meiner bisherigen Truppengattung. Im Zuge
der Neuausrichtung des Heeres wurde meine bisherige
Truppengattung aufgelöst und die betroffenen Soldaten in
neue Verwendungen überführt. Schon einmal stand ich vor
einem Truppengattungswechsel innerhalb des Heeres und
hatte diesen vor dem Studium im Zuge meiner
Offizierausbildung abschließen können, so dass die Situation
der Veränderung für mich bereits bekannt gewesen war. Ich
war mir sicher, wieder vor einer großen Herausforderung zu
stehen.
Die Situation der Veränderung ist immer mit einer Vielzahl
von Fragen verbunden. Fragen, mit denen ich mich sehr
lange auseinandergesetzt habe:
- Was bedeutet der Truppengattungswechsel für mich?
- Welche Aufgaben werden dort in Zukunft auf mich
warten?
- Welche Schwierigkeiten wird die Verwendung in der
„fremden“ Truppengattung mit sich bringen?
- Wie werden mich, den „Fremden“, die neuen
Kameraden aufnehmen?
Alle diese Fragen sorgten dafür, dass ich mit sehr
gemischten Gefühlen in meine neue militärische Heimat
fuhr. Am Kasernentor machte sich bei mir Aufregung breit.
Ich betrat die Kaserne mit offenen Augen für alles, was
vertraut erschien, was aber nach vier Jahren Studium doch
so
fremd
war.
Die
militärische
Wache,
die
Ausweiskontrolle, die ausgestellten Fahrzeuge aus
vergangenen Tagen und die neugierigen Blicke der Soldaten
waren da nur die ersten Dinge, die mir sofort ins Auge
stachen. Nachdem ich mich in meiner neuen Einheit zum
Dienst gemeldet hatte, wurde ich von einem
308
Leutnantsbuch
Offizierkameraden durch das Bataillon geführt und bekam
alles gezeigt: die Sportanlagen, den Technischen Bereich,
die sanitätsdienstlichen Einrichtungen und den Stab. Somit
konnte ich mir ein erstes Gesamtbild über die
Liegenschaften machen, was mir sehr entgegenkam und die
notwendigen Gänge in die einzelnen Abteilungen des Stabes
erledigen. Immer wieder wurden wir bei diesem Rundgang
in Augenschein genommen und ich konnte mir vorstellen,
was in den Köpfen der Kameraden vor sich ging. Fragen wie
„Wer ist der neue Oberleutnant?“ oder „Wo der wohl
eingesetzt wird?“ waren sicherlich bei den Überlegungen
dabei. Mit dem Rundgang und den angesprochenen
administrativen Dingen war dann der erste Tag in meiner
neuen militärischen Heimat vorbei und ich konnte auf
meiner Stube die Eindrücke noch einmal Revue passieren
lassen. Es waren sehr viele neue aber auch vertraute Dinge,
die eine spannende Mischung an Empfindungen ergaben.
Die weiteren Tage und Wochen in der neuen
Truppengattung erwiesen sich im Stil des ersten Tages, denn
mein weiterer Weg wurde erst einmal von Lehrgängen
bestimmt, da ich ja „der Neue“ war. Dass ich mit dem
Schritt in eine neue Verwendung einen weiten und auch teils
schwierigen Weg vor mir hatte, war mir bewusst. Der
Kommandeur verdeutlichte mir dies in einem einführenden
Gespräch ebenfalls. Er zeigte sich freundlich und
verständnisvoll für meine Situation und unterstrich, dass es
im Kreise der Offiziere im Bataillon viele gute
Ansprechpartner gäbe, die mir, wann immer notwendig,
unter die Arme greifen können. Weiterhin ergab sich in dem
Gespräch, dass eine zeitnahe Einsatzverwendung für meine
Person sehr wahrscheinlich sei, da sich der Verband im
folgenden Kalenderjahr im Einsatz befinden wird.
309
Leutnantsbuch
Mit den guten Wünschen und den Erwartungen meines
Kommandeurs im Gepäck und einem Auslandseinsatz in
Ausblick, war ich umso mehr motiviert, meine vor mir
liegenden Ausbildungsabschnitte direkt in Angriff zu
nehmen, um so schnell wie möglich als voll einsatzfähiger
Offizier meinen Teil zum militärischen Dienst und zum
Kameradenkreis des Verbandes beitragen zu können.
Ich wurde sehr zeitnah auf meinen ersten Lehrgang
geschickt und absolvierte meine ersten Schritte als
angehender Spähoffizier. Ein wichtiger Punkt, den ich mir
selbst auferlegt hatte, war, dass ich zwar bereits als Offizier
ausgebildet war, mich aber dennoch nicht darauf ausruhen
durfte, denn ich war „der Neue“ im Verband und für viele
immer noch „der aus der anderen Truppengattung“. Also
hieß es anzupacken und sich nicht auf dem Dienstgrad
auszuruhen. Auch den darauf folgenden Lehrgang ging ich
in dem Sinne an und bestand ihn, so dass ein Rüstzeug an
Wissen für die neue Truppengattung vorhanden war, auf
dem ich weiter aufbauen konnte.
Noch während ich mich auf Lehrgang befand, erhielt ich
bereits die Nachricht, dass ich in weniger als einem halben
Jahr in den Einsatz verlegen werde. Meine weitere
Ausbildung bezog sich fortan im Schwerpunkt darauf. Es
ging ab diesem Zeitpunkt alles sehr schnell, und es wird
weiterhin schnell weitergehen. Der Einsatz rückt
unaufhaltsam näher, und die Verwendung im Einsatzgebiet
wird sicherlich sehr fordernd und zugleich interessant.
Ein Truppengattungswechsel allein bringt bereits eine
Vielzahl an Herausforderungen mit sich, wenn man dann
aber in einen Verband wechselt, der sich kurz vor einem
Einsatz befindet und in diesen dann noch integriert wird,
benötigt man neben der Eigenleistung auf Lehrgängen und
im
Selbststudium
auch
ein
hohes
Maß
an
zwischenmenschlicher Kompetenz. Kameraden sind in
310
Leutnantsbuch
jedem Fall ein wichtiger Faktor in allen militärischen
Belangen, vor allem dann, wenn eine Einzelperson, egal
welchen Ranges oder welcher Verwendung, vor einer solch
großen Herausforderung steht.
HI
Veränderung ist täglicher Begleiter in vielen Situationen. In
Rahmen von Veränderungen müssen sich Soldaten auf neue
Bedingungen schnell und sicher einstellen können. Habe in
diesen Situationen Vertrauen in das Erlernte und Dein
Können. Denke positiv, mit dem Blick nach vorn. Habe aber
auch Vertrauen in Dein Umfeld, Deine Kameraden und
Deine Vorgesetzten. Verstehe die mit Veränderungen
verbundenen Herausforderungen als Ansporn für Dein
Handeln und sei Dir der Notwendigkeit selbstreflektierenden
Denkens bewusst.
311
Leutnantsbuch
HALMAZAG
E
s ist Ende Oktober, in einer Nacht, gegen 02:00 Uhr:
Der G-Zug und die restlichen Teile der 2./Task Force
KUNDUZ marschieren in Richtung Höhe 432 im südlichen
CHAHAR DARREH. So beginnt die Operation
HALMAZAG, die erste große Joint and Combined
Operation des neu aufgestellten Ausbildungs- und
Schutzbataillons (AusbSchtzBtl) KUNDUZ. Ziel ist es,
einen Combat Outpost (COP) nahe der Ortschaft QUAT
LIAM zu errichten und ein Key Leader Engagement (KLE)
mit den lokalen Führern durchzuführen.
Mein Zug marschiert als Spitzenzug bis zum KfzSammelraum bei der Höhe 432. Nachdem wir diesen
erreicht haben, heißt es für uns erst einmal warten: Warten
auf die AFGHAN NATIONAL ARMY (ANA), die
AFGHAN NATIONAL POLICE (ANP), eine Kompanie der
amerikanischen 10th Mountains Division sowie auf die
Kameraden des belgischen Operational Mentoring and
Liasion Teams (OMLT). Wir nutzen die Zeit, um unsere
Ausrüstung zu überprüfen und letzte Maßnahmen zu treffen.
Wir sollen für 24 Stunden durchhaltefähig sein, da
anschließend die Fahrzeuge auf unsere Stellung
nachgezogen werden sollen. Also ist nur das Nötigste dabei:
Wasser, Munition, Verpflegung, ein paar Sachen zum
Wechseln und was man so für die Nacht braucht. Kurz nach
Sonnenaufgang setze ich mich mit meinen Zug westlich der
Line Of Communication (LOC) LITTLE PLUTO Richtung
Süden mit Ziel ISA KHEL in Marsch, rechts von mir die
ANA und links die Amerikaner. Überraschenderweise bleibt
es während der Annäherung auf die Ortschaft ruhig. Wir
erreichen unser Ziel, eine Schonung am Südrand der
Ortschaft und beziehen eilig Stellung, um uns rundum zu
312
Leutnantsbuch
sichern und Verbindung zu unseren Nachbarn herzustellen.
Die anderen Kräfte gewinnen ebenfalls ihre Angriffsziele.
Plötzlich setzt der Beschuss mit Raketen vom Typ RPG 7
und Handfeuerwaffen aus Osten (nahe der Ortschaft ISA
KHEL) und aus Süden ein. Aufgrund unserer gut gewählten
Stellungen gelingt es uns, den Angriff abzuwehren. Kurz vor
Einbruch der Dunkelheit erfolgt ein erneuter Angriff auf
unsere Stellungen, diesmal aus Südwesten. Es scheint fast
so, als ob die Aufständischen, die so genannten Insurgents
(INS), dieses Vorgehen gewählt haben, um sich ein Lagebild
über unsere Stellungen zu verschaffen. Ich ordne den Zug in
U-Form an, damit wir flankierend vor unseren linken und
rechten Nachbarn wirken können. Dann gebe ich den Befehl
für die Verteidigung, da es sich allmählich abzeichnet, dass
wir noch etwas länger in der Stellung verbleiben werden.
Ohne Murren werden meine Befehle umgesetzt. Meine
Soldaten standen bereits in zahlreichen Gefechten, haben
sich bewährt und sind zu einer eingeschworenen
Kampfgemeinschaft zusammen gewachsen.
Die erste Nacht bleibt ruhig, trotzdem ist eine gewisse
Anspannung allgegenwärtig. Ich mache nicht wirklich ein
Auge zu und rechne jederzeit mit weiteren Angriffen,
obwohl die INS nachts bisher nicht agiert haben. Ab und zu
werde ich aus meinem Halbschlaf gerissen, da die Artillerie
schießt und das Gelände vor unseren Stellungen hell
erleuchtet wird.
Der zweite Tag beginnt ruhig. Der Geruch von EPA-Kaffee
macht sich breit. Doch plötzlich setzt wieder Beschuss ein.
Heftiger und präziser als gestern, doch auch diesmal wehren
wir den Angriff ohne Ausfälle erfolgreich ab. Im Laufe des
Tages versucht der Gegner es erneut, jedoch scheint dies
eher ein Störangriff zu sein, um uns einfach zu beschäftigen.
Er weiß natürlich auch, dass dies Kräfte bindet und sowohl
physisch als auch psychisch anstrengend ist. Die unklare
313
Leutnantsbuch
Lage über Absicht und Stärke des Feindes führt außerdem
dazu, dass wir unsere Fahrzeuge nicht nachführen können.
Ich hätte natürlich Soldaten nach hinten schicken können,
um Material von ihnen zu holen, aber die Gefahr, die Kräfte
in unseren Stellungen zu sehr auszudünnen, halte ich für
nicht zweckmäßig. Daher muss das „Daybag“ zunächst
weiter ausreichen.
Am dritten Tag setzen die INS erneut an. Es scheint, als ob
sie die Schwachstelle der Verteidigungslinie – unsere
Stellung – ausgemacht haben. Diesmal fliegt wirklich alles
in unsere Richtung: RPG, AK-47 und MG-Feuer. Es werden
sogar Mörser eingesetzt, um Kräfte am COP zu binden, die
uns unterstützen könnten. Eine der RPG schlägt kurz über
unseren Köpfen in den Bäumen ein. Glück gehabt, keiner
verwundet. „Geh’ hier bloß nicht drauf, nicht hier, im
afghanischen Niemandsland und bring deine Jungs heil
zurück“, das sind Gedanken, die mir durch den Kopf
schießen und mein Handeln beeinflussen. Ich springe
zwischen den Gruppen hin und her, leite den Feuerkampf
und fordere Feuerunterstützung an. Meine Soldaten arbeiten
mir gut zu und unterstützen mich so gut sie können. Nach
viereinhalb Monaten im Einsatz sind wir alle ein
eingespieltes Team.
Mit Hilfe der SPz MARDER, einer amerikanischen F-15
und unserer Artillerie gelingt es uns, den Angriff
zurückzuschlagen. Schon beeindruckend, welche Wirkung
die 20 mm Kanone des „Eisenschweins“ hat. Die nächsten
Tage verlaufen beinahe alle nach dem gleichen Muster: Die
Stellungen weiter ausbauen, die Zivilbevölkerung
informieren, Verbindungen zu den Nachbarn und der
übergeordneten Führung halten und die gegnerischen
Angriffe abwehren.
Der „Dienst in der Stellung“ zehrt an den Kräften der
Soldaten, aber sie nehmen die Entbehrungen in Kauf und
314
Leutnantsbuch
erfüllen ihren Auftrag ohne zu klagen. Mittlerweile hat
selbst der Letzte erkannt, dass es hier um alles geht und der
kleinste Fehler zu Verwundung oder Tod führen kann. Hinzu
kommt, dass die Männer merken, dass wir diesmal
hartnäckig und standhaft bleiben. Das motiviert und zeigt,
dass wir unser Handwerk beherrschen.
Am fünften Tag erfolgen plötzlich keine Angriffe mehr. Die
Lage hat sich beruhigt und laut Lageinformation meines
Kompaniechefs sind die INS aus dem Raum ausgewichen.
Afghanische Kräfte rücken in die umliegenden Ortschaften
ein, um mit uns zusammen für Stabilität und Sicherheit zu
sorgen. Die Arbeiten am COP sind mittlerweile fast
abgeschlossen und das KLE wurde ebenfalls erfolgreich
durchgeführt. Nach fünf Tagen im Gefecht werden wir durch
die TF MES in der Stellung abgelöst.
HI
Der Erfolg einer Operation wird maßgeblich durch das
Beherrschen des militärischen Handwerks der Soldaten
bestimmt. Die Grundlagen hierfür werden durch eine
fundierte Ausbildung gelegt. Dabei kommt es insbesondere
darauf an, dass die Soldaten diese Ausbildung frühzeitig –
nach dem Grundsatz „train and organize as you fight“ –
gemeinsam absolvieren.
Gerade die derzeitige und künftige Einsatzrealität zeigt, dass
das Beherrschen der allgemeinen Ausbildungsthemen wie
Alarmposten, Stellungsbau und Koordination von Feuer und
Bewegung genauso wichtig ist wie die Anwendung der
taktischen Grundsätze der Operationsarten.
Darüber hinaus ist notwendig, dass insbesondere die Führer
die Einsatzgrundsätze, Verfahren und Leistungsparameter
der im Einsatz relevanten Systeme und Kräfte kennen.
315
Leutnantsbuch
Ferner sind gute englische Sprachkenntnisse unserer Führer
und Unterführer für eine professionelle Zusammenarbeit mit
anderen Nationen und damit für das erfolgreiche Bestehen
im Einsatz imminent wichtig.
316
Leutnantsbuch
Der Entsatz:
Erfahrungen eines Forward Air Controllers im Gefecht
W
ir befinden uns in der Polizeistation CHARRAH
DARREH bei KUNDUZ in Nord-AFGHANISTAN.
Am Abend zuvor wurden wir alarmiert, um eine Operation
durchzuführen. Diese wurde aufgrund eines Sandsturmes
verschoben. Nach einer unruhigen Nacht sind wir nun mit
zwei Infanteriezügen, einem Joint Fire Support Team und
einem Führungselement als Reserve für eine Operation des
Provincial Reconstruction Team (PRT) KUNDUZ
eingesetzt. 45 Grad Celsius im Schatten, die Posten auf den
Türmen können sich nur schwer konzentrieren. Der Rest
spielt Karten, redet, döst, lässt seinen Gedanken freien Lauf.
Wir sind schon recht lange zur Unterstützung in KUNDUZ
und wissen, dass der heutige Ansatz des ALPHA-Zuges des
PRT im Raum HAJI AMANULLAH vermutlich nicht gut
ausgehen wird. Warten – alle freuen sich schon wieder auf
eine Dusche im PRT, auf normale Toiletten. Heute
Nachmittag sollen wir wieder in das PRT verlegen. Entfernt
hört man ein Funkgespräch. Bei dem Führungsfahrzeug der
Task Unit wird es hektisch. Wir wissen: Es geht los!
Schutzweste anziehen, Smock, Weste, Waffen, alles wird
kontrolliert. Vorbefehle an den Trupp: Marschbereitschaft
herstellen. Dann Sammeln der Führer. Wir bekommen die
Lageinformation, dass der ALPHA-Zug des PRT
angesprengt wurde und nun auf der LOC LITTLE PLUTO
im Feuerkampf steht. Möglicherweise wieder ein groß
angelegter Hinterhalt mit dem Ziel, die DEU Kräfte zu
vernichten. Alles geht sehr schnell. Marschreihenfolge und
viele Details sind schon befohlen. Wir rollen los. Der Helm
wird noch einmal festgezogen, die Waffe ist nicht in der
Halterung, sondern liegt schon fest in den Händen. Wir
schweigen. Ich gebe von Zeit zu Zeit Lageinformationen an
317
Leutnantsbuch
meinen Trupp: „Noch 5.000 – Noch 4.000 … Noch 500.“
Wir halten bei mehreren Lehmhütten, es sieht hier aus wie in
einer kleinen Marktstraße, absitzen.
Wie sind ca. 300 m nördlich des letzten Fahrzeugs vom
ALPHA-Zug. Vorne hört man den Feuerkampf. Wir gehen
zum Führer der Task Unit und schlagen vor, nach vorne zum
Zug zu springen, um dort zu unterstützen. Wir bekommen
eine Deckungsgruppe, der Rest sichert rundum. Ein Zug soll
die gegnerischen Kräfte rechts umfassend angreifen. Ich
wechsle auf den Zugkreis des ALPHA-Zuges. Die Straße
vor uns ist landestypisch geschottert, rechts ein abgemähtes
Kornfeld, links leicht abfallendes Gelände. Vor uns können
wir einen TPz FUCHS sehen, das letzte Fahrzeug vom
ALPHA-Zug. Die Deckungsgruppe ist in Stellung. Ich gehe
mit meinem zweiten Forward Air Controller (FAC) und dem
Vorgeschobenen Beobachter (VB) Mörser links im Zuge der
Straße vor.
Die Flugzeuge sind schon seit Beginn des Feindkontakts –
im Einsatz sagt man nur noch TIC (Troops in Contact) –
angefordert. Sporadisch rufe ich über Funk: „Any callsign,
KRAUT 2.0 how do you read?” Keine Antwort. Wir sind ca.
30 m vorgekommen. Es zischt in unserer rechten Flanke.
Der zweite FAC und ich gucken uns an. Man spürt das
Adrenalin in den Körper strömen. Ein komisches Gefühl,
aber für uns nichts Neues. Das Blickfeld wird enger, alles
läuft in Zeitlupe ab. Die zweite RPG kann man schon ganz
langsam fliegen sehen, sie verfehlt uns nur knapp. Man
nimmt das metallische Klacken der Kalaschnikows viel
deutlicher wahr. Auf der Straße spritzt Dreck auf: „Beschuss
von rechts“, höre ich uns rufen. Wir können den Rauch der
zuletzt abgeschossenen RPG noch deutlich in der Luft
stehen sehen. Im Zuge einer Schilfreihe klären wir feindliche
Kräfte auf, die sich verschieben, um dann das Feuer auf uns
wieder aufzunehmen. Wir erwidern das Feuer. Das erste
318
Leutnantsbuch
Magazin ist zur Beruhigung, sehr schnelles Einzelfeuer,
danach gezielter. Wir müssen schnellstmöglich die örtliche
Feuerüberlegenheit schaffen; es darf keine Zweifel an
unserer Entschlossenheit geben. Unser Feuer verfehlt seine
Wirkung im Ziel nicht, langsam wird es auf der anderen
Seite beim Gegner ruhiger...
Unterschiedliche Möglichkeiten eigenen Handelns schießen
mir durch den Kopf: Vor zu ALPHA – zu weit. Hier bleiben
– keine Option. Immer noch keine Flieger – ausweichen!
Das eigene Deckungsfeuer liegt gut im Ziel und wir weichen
aus.
Kurzes Sammeln, neuer Entschluss: Wir folgen den rechts
angreifenden Kräften. Ich wechsle erneut den Funkkreis:
„Zwei Verwundete“ klingt es über den Äther. Einer der
beiden kommt uns gestützt von einem Kameraden entgegen.
Schulterdurchschuss. Wir erreichen die Stellung der Gruppe.
Der zweite Verwundete liegt am Boden, wimmert, wird
erstversorgt und schließlich geborgen. Bauchdurchschuss
direkt unterhalb der ballistischen Schutzweste. Dem
Umstand, dass wir einen beweglichen Arzttrupp und einen
Sanitätstrupp bei uns haben, verdanken die beiden
Kameraden ihr Leben. Sie werden stabilisiert, eine
Infanteriegruppe sitzt mit auf. Beide Fahrzeuge verlegen
zum PRT. Die Lageinfo, dass beide überleben werden,
erreicht uns noch vor Ort. Ein gutes Gefühl.
„KRAUT 2.0, HAWG 53 how do you read?“ Endlich höre
ich den mit starkem texanischen Akzent sprechenden Piloten
der US-Streitkräfte. Zwei A-10, Standardbewaffnung für 60
Minuten. Ich gebe ein Lageupdate, markiere die eigene
Position mit Rauch, MG-4 Leuchtspur und 40 mm Spreng
werden zum Markieren der gegnerischen Stellungen und
Kräfte genutzt. Der Pilot hat beides im Blick, sucht nach den
Gegnern. Nichts – entweder sind sie ausgewichen oder
wurden im vorherigen Feuerkampf vernichtet. Wir
319
Leutnantsbuch
entschließen uns zu einem Tiefflug. Ich überwache den
gesamten Bereich mit den A-10. Kein Schuss bricht mehr.
Ich bin ärgerlich und glücklich zugleich. Die Verwundeten
sind bereits im PRT und die Bergung des angesprengten
DINGO läuft langsam, aber sicher an. Abends sind alle
wieder im PRT. Endlich duschen. Der Entsatz des A-Zuges
des PRT war erfolgreich, die erste Entsatzoperation der
Quick Reaction Force (QRF) erfolgreich.
Am nächsten Morgen spüren wir den Muskelkater, die
Nachbereitung des Materials und des Personals beginnt.
Auswertung, Gespräche, Sport, Ruhe bis morgen. Wir
verlegen wieder in den Raum …
HI
Ein Einsatz birgt sehr hohe Belastungen in sich.
Gefechtssituationen im Einsatz fordern jeden Soldaten zusätzlich. Besonders bei Vorgesetzten zeigt sich hier jenseits
seiner Ausbildung der Stand seiner körperlichen und geistigen Fitness und vor allem seine Charakterfestigkeit. Nimmt
man es mit militärischen Grundsätzen und seiner Selbstdisziplin im Grundbetrieb nicht so genau, werden Mängel im
Einsatz schnell offensichtlich und für jeden erkennbar.
Bereite Dich nicht erst kurz vor dem oder im Einsatz darauf
vor, sondern arbeite ständig an Deiner Professionalität. Im
Ernstfall kann das Leben Deiner Soldaten und Dein Eigenes
davon abhängen.
320
Leutnantsbuch
Allein unter Grenadieren
A
nfang März war es mal wieder soweit: Ich sollte
„meine“ Panzergrenadierkompanie auf einem zweiwöchigen Truppenübungsplatzaufenthalt in meiner Funktion
als Artilleriebeobachter (AB) artilleristisch beraten und
unterstützen. Geübt werden sollte der Kampf um Gewässer;
in diesem Fall das abgesessene Angreifen in Sturmbooten
über die Elbe sowie das Einrichten und Halten eines
Brückenkopfes auf der anderen Seite des Ufers. Schon auf
dem Papier keine einfache Aufgabe.
Ich hatte die Soldaten der Panzergrenadierkompanie schon
bei früheren Übungsplatzaufenthalten als gleichermaßen
fähigen wie auch verschworenen „Haufen“ kennen gelernt.
Die Führer sind gut ausgebildet, professionell im Auftreten und fordernd, aber zugleich fürsorglich zu den
ihnen unterstellten Soldaten. Auch der Kompaniechef – als
„Nordlicht“ typischerweise eher ruhig und ernst im
Auftreten – entsprach voll meinem Bild des Infanterieoffiziers. Stets forderte er das Maximum an Leistung
und Engagement, ohne dabei das Wohl und die Bedürfnisse
der ihm anvertrauten Soldaten aus den Augen zu verlieren.
Nach mehreren Tagen der Ausbildung an HAVEL und
ELBE waren wir schließlich soweit: Sehr oft hatten wir
drillmäßig das zu Wasser bringen der Sturmboote geübt, das
Einrücken der Besatzung und das Übersetzen unter dem
Deckungsfeuer der Maschinengewehre im Bug – ich als AB
immer mit in der ersten Welle dabei.
Dann das Signal zum Ausrücken: Man springt ans Ufer und
dann durch offenes Gelände bis in die erste Deckung. Das
plötzlich einsetzende Abwehrfeuer des Feindes und die
gebrüllten Kommandos der Zug- und Gruppenführer hallen
einem in den Ohren. Endlich die Deckung erreicht.
321
Leutnantsbuch
Ein kurzer Blick durch die Reihen. Wie viele haben es
geschafft, wer fehlt? Glück gehabt: Es gab kaum Ausfälle,
die wenigen nach Schiedsrichtereinlagen eingeteilten
„Gefallenen“ oder „Verwundeten“ liegen ein paar Meter
hinter uns im Sand. Laut und eindringlich schallt der Ruf
nach dem Sanitäter über die Uferzone, sodass sich einem
trotz der Übungssituation die Nackenhaare aufstellen.
Unwillkürlich stellt man sich die Frage, wie es wohl
gewesen wäre, wenn hier ein echter Gegner verteidigen
würde, der nicht mit Laserstrahlen schießen würde.
Der Feind weicht wie erwartet aus, wir setzen nach. Den
Handapparat in der linken Hand, die Rechte am Griffstück
folge ich dem Angriff in der „rechten Seitentasche“ des
Kompaniechefs. Unaufhörlich treffen die Lage- und
Feindmeldungen der Zugführer auf dem Kompaniekreis ein.
Binnen Sekunden muss er sie alle aufnehmen, beurteilen und
einen Entschluss fassen. Ein Zögern oder Zaudern kann es
da nicht geben – eine zweite Chance jedoch genauso wenig.
Da, plötzlich: Eine Meldung von dem vorn angreifenden
Zug. Feindliche Baum- und Bausperre aufgeklärt, die das
Nachziehen der Schützenpanzer zum Ausweiten und Halten
des Brückenkopfes unmöglich macht. Sofort der Entschluss
des Kompaniechefs: Der vorn eingesetzte Zug greift unter
flankierendem Deckungsfeuer des Nachbarzuges weiter über
die Sperre an, wirft die Sicherung und sichert anschließend
den Bereich hinter der Sperre, um so die Voraussetzungen
zum Einsatz von Pionieren zu schaffen. Das Gelände ist
denkbar ungünstig, nur ein schmaler Durchlass verbleibt als
Einbruchsstelle für den weiteren Angriff hinter die Sperre.
Geschickt hat der Feind seine Kräfte so in Stellung gehen
lassen, dass unser Angriff sehr lange verzögert wird.
Das Deckungsfeuer des Nachbarzuges setzt ein; der Angriff
beginnt und wird durch das von mir angeforderte Feuer der
Artillerie unterstützt. Sofort bleiben die ersten Teile im
322
Leutnantsbuch
schweren Abwehrfeuer des Feindes liegen. Der Rest der
Soldaten geht in Deckung. Der Angriff beginnt ins Stocken
zu geraten, sein Schwung, und somit der Erfolg des
Angriffs, sind gefährdet. Mit dem Rücken an einen Baum
gelehnt und vor Anstrengung schwer atmend, versuche ich,
mir in dieser unübersichtlichen Lage einen Überblick zu
verschaffen.
Mein Kopf fliegt nach rechts und ich sehe den
Kompaniechef mehr oder weniger offen auf dem Boden
kniend, den Handapparat am Ohr, während sein Funker
neben ihm den Feuerkampf führt. „Wie dämlich“, schießt es
mir in einer ersten Reaktion durch den Kopf, „warum sucht
der sich denn keine Deckung? Wenn er jetzt getroffen wird,
dann steht der Angriff.“ Doch der denkt gar nicht daran:
Scheinbar verärgert wirft er seinem Funker den Handapparat
hin, steht auf, läuft zu einem nahegelegenen Schützentrupp
und fängt an, laut auf sie einzureden: „Los Männer, auf und
weiter angreifen! Wenn wir jetzt hier liegen bleiben, dann
schaffen wir es nie auf die andere Seite der Sperre. Los,
los!“ Dabei packt er sich einen der Soldaten, zieht ihn an
seinem Koppel zu sich hoch und schiebt ihn mit Nachdruck
nach vorne. Ein Gruppenführer erkennt nun auch den Ernst
der Lage, fasst sich ein Herz, springt auf und ruft seiner
Gruppe zu: „Los Männer, mir nach, wir greifen weiter an!“
Dann springt er unter dem Deckungsfeuer der anderen
Gruppen des Zuges über eine hinter der Sperre liegende
Schneise in das nächste Waldstück. Zügig folgt der Rest des
Zuges, der Feind kann dem Angriff nicht mehr länger
standhalten und weicht aus.
Wir haben es geschafft: Die Kompanie hat unter
vergleichsweise geringen Verlusten das Angriffsziel
genommen und somit ihren Auftrag erfüllt. Später am Abend
bei einem Bier in der Betreuungseinrichtung fragte ich den
Kompaniechef, ob er sich des persönlichen Risikos bewusst
323
Leutnantsbuch
gewesen sei, genauso wie den Folgen, die sein Ausfall für
die Kompanie und somit auch für die Gefechtsführung des
gesamten Verbandes hätte haben können. Entgegen seiner
sonst üblichen Art lächelte er mich wissend und in einer
gewissen Art und Weise väterlich an.
„Selbstverständlich“, sagte er. „Aber in so einer kritischen
Situation können und dürfen Sie darauf keine Rücksicht
nehmen! Sie werden nie ein umfassendes Lagebild haben,
wenn Sie sich tief in ein Erdloch oder hinter irgendeine
Deckung kauern und nur über Funk führen. Da müssen Sie
den Kopf schon mal hoch nehmen und darauf vertrauen,
dass Ihnen andere in der Zeit den Rücken frei halten. Und
wenn Sie doch mal ausfallen sollten, dann wird es immer
jemanden geben, der Ihren Platz einnimmt. Sofern Sie Ihre
Leute gut ausgebildet und zum selbstständigen Handeln
erzogen haben. Jeder Mann in der Kompanie muss ersetzbar
sein, auch Ihr Chef. Und dann an der Sperre, als der Angriff
ins Stocken geriet, da ist es an Ihnen als Ihr Führer Sie
weiter anzutreiben. Aber das können Sie nur, wenn Sie
selbst mit persönlichem Beispiel vorangehen. Sie können
von Ihren Soldaten nicht erwarten, ihre sichere Deckung
aufzugeben, während Sie nicht bereit sind, dasselbe zu tun.
Also müssen Sie sich selbst auch mal mehr Risiko wagen als
es Ihre Untergebenen in diesem Moment bereit sind zu tun.
Denn dann sagt der sich ‚wenn der das kann, dann kann ich
das auch!’ Sie geben ihnen damit den nötigen Willen, die
Kraft und den Mut zurück, der nötig ist, um auch unter
diesen Umständen ihre Pflicht zu tun. So verstehe ich
Soldaten im Gefecht zu führen.“
HI
324
Leutnantsbuch
Unter Männern
A
ls ich am 1. Juli 2003 meinen Dienst antrat, war ich
besser auf die Bundeswehr vorbereitet, als die
Bundeswehr auf mich. Für Frauen war es seit einiger Zeit
möglich Soldat zu werden, trotzdem sah man uns eher selten
in den verschiedenen Bereichen.
Vermeintlich gut vorbereitet im allerersten Umgang mit
weiblichen Rekruten in diesem Standort, traten uns
ausnahmslos männliche Ausbilder entgegen. Schon bald
zeigten sich die wahren Herausforderungen. Das Antreten
und der Stubendurchgang! Die Frauenstube war auf einem
anderen Flur, dies sollte sicherlich vor unangenehmen
Begegnungen schützen. Doch diese Tatsache verursachte bei
jedem kurzentschlossenen Rausrufen erneut die Frage: „Wo
sind denn die Frauen?“ Stets wurde ein Melder zu Fuß
eingesetzt, was Unmut all derjenigen verursachte, die dazu
eingesetzt wurden. Unsere mit acht Frauen belegte Stube
wurde wie die Höhle des Löwen behandelt. Hier trauten sich
nur die „mutigsten“ Ausbilder herein. Vorzugsweise wurde
ein Gruppenführer geschickt, der auch schon als Sanitäter
verwendet wurde und somit als äußerst erfahren im Umgang
mit weiblichen Kameraden galt. Eine geradezu amüsante
„Vorstellung“ ergab jedes Mal der Blick in den Spind und
die Kontrolle des Stuben- und Revierreinigens als absolute
Paradedisziplin. Ein Blick unter unsere Betten oder die
Kontrolle der Sauberkeit der Damentoiletten und -duschen
war die reinste Komödie.
Nach der Allgemeinen Grundausbildung (AGA) ging es an
die Truppenschulen. Hier hatte man schon Erfahrung mit
weiblichen Soldaten und war auf uns vorbereitet. Daher ließ
es sich der Inspektionschef nicht nehmen, zu betonen, dass
bei zunehmender Dunkelheit und der daraus resultierenden
Zunahme an Lichtquellen, die Vorhänge zu schließen seien.
325
Leutnantsbuch
Wortwörtlich und von allen Jahrgangskameraden gern
zitiert, sagte er: „Posen ist verboten!“ Was auch immer von
ihm beobachtet wurde und diese Belehrung erforderlich
machte, es sollte uns verborgen bleiben. Alles in allem
praktizierte die Truppenschule noch die angenehmste Form
der „Gleichbehandlung“. An dieser Stelle sollten auch jene
männlichen Jahrgangskameraden Erwähnung finden, die
schon damals, die Zukunft der Frauen in der Bundeswehr
lediglich im Sanitätsdienst sahen bzw. immer noch sehen.
Diese fanden in jeder nicht oder nur schlecht abgelegten
Leistung einer Soldatin eine Bestätigung ihrer Ansichten.
Hier kommt oft das Problem der „sich selbst erfüllenden
Prophezeiung“ zur Anwendung. Doch seien einige dieser
uns Frauen vorverurteilenden Kameraden entschuldigt,
betrachtet man noch eine Tatsache. Es gibt zum Leidwesen
der Soldatinnen, die sich jeden Tag aufs Neue beweisen,
immer noch jene, die es schaffen mit unbedachten, das
Klischee reichlich ausfüllenden Handlungen alles
einzureißen, was mühsam aufgebaut wurde. Respekt sei
denjenigen Vorgesetzten gezollt, die es trotz allem
vollbracht haben, die eine von der anderen zu unterscheiden.
Danke auch allen Kameraden, Hörsaalleitern und Chefs, die
uns Frauen nicht immer nur ein Stück begleitet, sondern
auch voran gebracht haben.
Meine nächsten erwähnenswerten Berührungspunkte im
Umgang mit dem anderen Geschlecht hatte ich erst wieder
im Truppenkommando. Als Gruppenführer in der AGA
waren die Erinnerungen an die eigene Grundausbildung
noch so frisch, dass ich es mit der Vorstellung anging, „es
besser zu machen“. Doch die Herausforderungen waren nun
wieder ganz andere. Wer meint, eine Gruppe Männer
gleichen Alters mit abgeschlossener Berufsausbildung zu
führen, könnte sich schwierig gestalten für eine Abiturientin
326
Leutnantsbuch
mit gerade mal einem Jahr „Bundeswehrerfahrung“, der irrt.
Die zehn männlichen Schützen, die ich nun für drei Monate
zur Ausbildung anvertraut bekommen hatte, gingen relativ
unbeeindruckt mit der Tatsache um, eine Frau als
Gruppenführer zu haben. Der militärische Alltag gestaltete
sich überraschend einfach und komplikationslos. Das
größere Problem war mein Zugführer, der aus einer anderen
Truppengattung kam, in der es bis dahin noch keine Frauen
gab. Er war nicht in der Lage seine Rolle als Vorgesetzter
mit Vertrauen, Loyalität und der nötigen Portion an Umsicht
auszufüllen.
Eine Entscheidung war am Anfang zu fällen, da mit mir ein
weiterer weiblicher Fahnenjunker ein Truppenkommando
absolvierte. Entweder führen meine Kameradin und ich eine
Gruppe gemeinsam oder wir verzichten auf unseren
Sommerurlaub. Die Entscheidung fiel leicht, da wir zwei uns
schnell einig waren, dass eine eigene Gruppe für jede die
bessere Alternative war. Schließlich wollten wir unseren
eigenen Führungsstil finden und umsetzen. Rückblickend
möchte ich meine Zeit als Fahnenjunker und Gruppenführer
in der AGA nicht missen, da man nie wieder so prägend auf
„seine“ Soldaten einwirken kann.
Nach bestandenem Einzelkämpfer- und Offizieranwärterlehrgang Teil 2 wurde ich erneut in die Truppe
versetzt. Zunächst als stellvertretender Zugführer bis zur
Leutnantsbeförderung, dann erfolgte die Übernahme eines
eigenen Zuges. Meine Erfahrungen waren dabei sehr
unterschiedlich. Ich traf auf „altgediente“ Portepees, die mir
sehr wohlwollend und zum Teil auch väterlich
gegenübertraten. Ich hatte aber auch Begegnungen der
anderen Art. Einer der ersten Sätze, die ich von dem
Hauptfeldwebel hörte, dessen Zug ich später übernahm, war:
„Es gibt zwei Dinge, die ich hasse. Das sind
Offizieranwärter und das sind Frauen bei der Bundeswehr.“
327
Leutnantsbuch
Willkommen in der Wirklichkeit! Ich erfüllte diese beiden
Voraussetzungen, man kann sich leicht vorstellen, wie die
„Zusammenarbeit“ verlief.
An dieser Stelle darf nicht unerwähnt bleiben, dass es in
meinem damaligen Bataillon bereits zwei weibliche
Offizieranwärterinnen vor mir gegeben hatte. So
unterschiedlich diese beiden auch auf das Offizier- und
Unteroffizierkorps gewirkt hatten, so schwer war es dann
sich aufs Neue und unabhängig von früheren Erfahrungen
einen Stand zu verschaffen. Dennoch ist es mir damals
gelungen, eine gute Kameradschaft zu den meisten
Feldwebeldienstgraden aufzubauen. Als Fähnrich und später
Oberfähnrich gehört man doch, meiner persönlichen
Erfahrung nach, mehr zum Portepee- als zum Offizierkorps.
Was sich wiederum schlagartig mit dem Tag der
Beförderung zum Leutnant änderte. Wurde man am
Vorabend noch kritisch im Kreise der Offiziere beäugt und
wohlwollend im Kreise der Feldwebel akzeptiert, kam mit
dem ersten Stern die volle Zuerkennung im Offizierkorps
und die ebenso fast gleichsam bedingte kritische
Betrachtung durch die Portepeeträger in deren Kreise.
Zusammenfassend habe ich allerdings sehr gute Erfahrungen
in meiner Zeit als Zugführer machen dürfen. Ich wusste
immer den einen oder anderen Feldwebeldienstgrad an
meiner Seite, wenn es um Ausbildungsvorbereitungen,
Übungsvorhaben
und
Fragen
zum
alltäglichen
Dienstgeschäft ging. Dabei schien es den damals noch
überwiegend jungen Portepeeträgern ziemlich egal zu sein,
dass sie nun eine Frau zur Vorgesetzten hatten. Es spielte
keine Rolle, ob es sich dabei um die Bewältigung des
militärischen Alltags oder auch mal um das gemütliche
Beisammensitzen nach dem Dienstschluss handelte, ob man
nun Kameradin, Vorgesetzte oder Untergebene war. Es war
der unkomplizierte Umgang miteinander, der dazu beitrug,
328
Leutnantsbuch
diese positiven Erlebnisse und die erfahrene Kameradschaft
über die Studienzeit hinaus zu bewahren.
Nach meinem Studium trat ich meinen Dienst als Zugführer
in meiner alten Einheit an und durfte den Großteil meiner
bekannten Portepees wiedertreffen. Das verschaffte mir
einen leichten Einstieg in die Kompanie, eine unbeschwerte
und wie von früher gewohnte, unkomplizierte
Zusammenarbeit. Auch die Integration in das Offizierkorps
und die Zusammenarbeit mit den anderen Oberleutnanten
stellte sich als angenehm heraus. Die von der Brigade
angesetzte taktische Weiterbildung für alle Oberleutnante
nach dem Studium trug zur Bildung einer homogenen
Gemeinschaft der „jungen Offiziere“ bei. Auch die Tatsache,
dass ich der einzige weibliche Offizier meines Standortes
bin, stellt im täglichen Dienst oder bei Veranstaltungen im
Offizierkreis kein Problem dar.
HI
Aus persönlicher Erfahrung kann ich allen Frauen nur
empfehlen: Seht in erster Linie Euren Beruf als etwas
Besonderes und Euch nicht als Frau in diesem Beruf. Denn
Ihr seid immer erst Soldat und dann „Frau“. Versucht es
nicht den Männern zu beweisen, sondern nur Euch selbst.
Versucht nicht Euch einen „männlichen“ Führungsstil
anzueignen, sondern findet Euren eigenen. Natürlich darf
der auch „weiblich“ sein, denn jeder Vorgesetzte hat seine
Eigenarten. Bleibt Eurer Linie treu, aber bleibt offen für
Verbesserungen. Seid in erster Linie Kamerad, Vorgesetzte
und Untergebene, denn nur so wird ein unkomplizierter
Umgang zwischen den Geschlechtern möglich.
Der Beruf des Offiziers ist und bleibt ein ganz Besonderer,
unabhängig davon ob man männlich oder weiblich ist. Wenn
329
Leutnantsbuch
man diesen bewusst und entschlossen ausführt und mit
Freude ausfüllt, wird es in Zukunft noch viel weniger eine
Rolle spielen, ob man Soldat oder Soldatin ist.
330
Leutnantsbuch
Ein Tag im Ausbildungsverband des Gefechtsübungszentrums Heer
D
er Tag beginnt wie immer: Um 05:30 Uhr wird
geweckt, alle Soldaten beginnen mit der Vorbereitung
auf den Dienst. Doch was ist nun los? Der II. Zug der
Kompanie betritt gerade in ziviler und militärischer
Ausrüstung den Kompanieblock. Die Soldaten sehen alle
erschöpft aus. Man bekommt nur einige Gesprächsfetzen
mit: „Der Marsch zur Kirche heute Nacht war ein echtes
Highlight“ und „Die Ansprache des Dorfältesten ist dem
Hauptfeldwebel richtig gut gelungen“, oder „Mensch, war
das ein Gefecht. Da haben wir es der Übungstruppe richtig
schwer gemacht am Übergang der Delbe.“ Ein Anderer
wiederum äußert: „Mist, mir ist schon wieder der Kaftan
eingerissen. Wann kommen endlich die neuen Klamotten?“
Ein „normaler Soldat“ würde sich an dieser Stelle fragen:
„Was ist denn bitte hier los?“. Aber das beschriebene Bild
ist Normalität im Ausbildungsverband des Gefechtsübungszentrums Heer (GefÜbZ H) in der LETZLINGER
HEIDE. Das Aufgabenspektrum der 4. Kompanie, eine
verstärkte Jägerkompanie mit einem Zug WIESEL, umfasst
neben der Darstellung der Operationsarten im Rahmen
Operationen verbundener Kräfte auch die gezielte
Durchführung der einsatzvorbereitenden Ausbildung für die
Truppe, die sich beispielsweise auf ihre Einsätze im
KOSOVO oder in AFGHANISTAN im GefÜbZ H
vorbereiten.
Während die Soldaten des II. Zuges mit der Nachbereitung
beginnen, bereiten sich die anderen drei Züge auf die
Darstellung der heutigen einsatzvorbereitenden Ausbildung
vor. Das kann zum einen bedeuten, dass ein ganzer Zug für
eine Aufgabe eingesetzt wird. Es kann zum anderen aber
331
Leutnantsbuch
auch sein, dass nur ein Feldwebel und ein Mannschaftssoldat
eingeteilt werden, um den Straßenverkehr auf den
Hauptverkehrswegen des Truppenübungsplatzes in der
ALTMARK darzustellen. So wird es uns niemals langweilig,
da jeden Tag eine andere Ausbildung auf uns zu kommt. Die
„Handlungsanweisungen“ werden den entsprechenden
Ausbildungsthemen immer auf den Leib geschneidert und
regelmäßig an die neuesten Erkenntnisse aus den
Einsatzgebieten angepasst.
Ein besonderer Höhepunkt ist für uns der Einsatz als
AFGHAN NATIONAL ARMY, kurz ANA, da dies immer
besonders abwechslungsreich und spannend ist. Zur
normalen Dienstbekleidung gehören dann die typischen
Woodland-Uniformen,
wie
man
sie
auch
in
AFGHANISTAN sieht. Dabei bilden wir u.a. das Szenario
des „Partnering“ ab, welches die Zusammenarbeit der
Bundeswehr mit der ANA simuliert. Ich selbst bin meistens
beim Operational Mentoring and Liaison Team (OMLT)
eingesetzt. Das bedeutet, dass ich – in der Regel zusammen
mit meinem Kompaniechef – zu den Absprachen mit der
jeweiligen Übungstruppe fahre, um zwischen den beiden
„Nationen“ zu vermitteln und das gemeinsame Vorgehen
von deutschen und afghanischen Soldaten abzustimmen.
Diese so genannten Meetings sind immer sehr fordernd und
werden sehr detailliert vorbereitet, zumal wir hier sowohl als
Ausbilder als auch als taktische Führer in das
Übungsgeschehen eingreifen. Jedes Mal erlebe ich hier
etwas Neues und verinnerliche zugleich die aktuellen
Einsatzbedingungen, auch wenn ich selbst nicht unmittelbar
in den Einsatz gehe. Daher sind Routine und Langweile auch
Fremdwörter für unseren Ausbildungsverband, zumal
ständige Anpassungen an das aktuelle Lagebild während
eines Übungsdurchganges die Regel sind.
332
Leutnantsbuch
HI
Die Laufbahn für Offiziere des Truppendienstes zeichnet
sich durch attraktive, abwechslungsreiche und anspruchsvolle Verwendungen aus. Hierzu zählen auch
Verwendungen in den zentralen Ausbildungseinrichtungen
des Heeres, in denen hervorragende und einsatzerfahrene
Ausbilder ihren Dienst versehen und – wie am Beispiel des
GefÜbZ H – im Rahmen der einsatzvorbereitenden
Ausbildung einen wichtigen Beitrag für das erfolgreiche
Bestehen unserer Soldaten im Einsatz leisten.
333
Leutnantsbuch
„Lernen als Springer“
J
anuar,
die
letzte
Woche
meiner
truppengattungsspezifischen Ausbildung zum Zugführer begann.
Ich genoss die Vorzüge einer sehr intensiven Ausbildung,
denn
mein
Hörsaal
umfasste
lediglich
drei
Lehrgangsteilnehmer. Für unsere elitäre Ausbildung standen
uns vier erfahrene Ausbilder zur Verfügung. Dieses Privileg
überstieg selbst höchste Ansprüche an Kleinstgruppenarbeit.
Nach 13 Monaten, die Lehrgang an Lehrgang reihten, sollten
letzte „Kuschelwochen“ an der Panzertruppenschule im
Schwerpunkt für organisatorische Zwecke genutzt werden.
Doch stattdessen beabsichtigte unser Hörsaalleiter
kurzfristig, uns zur Unterstützung übender Truppe an den
ersten Durchgang des Schießübungszentrums auszuleihen.
Eine echte Generalprobe, denn die Anwendung
lehrgangsspezifischer Inhalte am „echten“ Soldaten, erwies
sich komplizierter als in der Ausbildung mit
Lehrgangsteilnehmern.
Ende Januar beweist es die ersehnte Versetzung schwarz
auf weiß: PzGrenOffz und Zugführer – Endlich!
Aber Moment…die Einheit kenne ich schon, vor 10 Tagen
hatte ich gerade erst den Kommandeur kennengelernt…während
der
Auswertungsbesprechung
im
Schießübungszentrum. Vor zwei Wochen wurde mein
Feldposten überrannt und nun soll ich mich der Einheit
vorstellen, dessen vorderste Verteidigung ich war? Der
gegnerische Angriff konnte erst in der zweiten Stellungslinie
aufgefangen werden… Aber man muss das Bittere nur süß
verpacken: „Heimatnäher“ ging es wirklich nicht.
334
Leutnantsbuch
Im Februar dann der erste Tag in meiner neuen militärischen
Heimat. Es folgt die Ernüchterung. Der Zug, den ich führen
soll, existiert nicht. Meine Reaktion fühlt sich an wie ein
Déjàvu-Erlebnis:
Überrannter
Feldposten.
Mein
Kompaniechef befindet sich auf Lehrgang, der
Kompanieeinsatzoffizier weist mich in die Lage ein: Das
Bataillon bereitet sich auf den Einsatz vor und hat bereits
umgegliedert, um alle erforderlichen Fähigkeiten in
Afghanistan abbilden zu können – meinen Zug gibt es nicht
mehr. Der Kompanieeinsatzoffizier klopft mir enthusiastisch
auf die Schulter: „Um Erfahrungen zu sammeln, gibt es
nichts Besseres, als „Springer“ zu sein.“ Ein schwacher
Trost. Ich kann seinen Enthusiasmus noch nicht teilen.
Zwei Wochen später ist es soweit: „Die 4. Kompanie
braucht noch… kennen Sie das Gefechtsübungszentrum,
Herr Oberfähnrich?“ - „Ja.“ - „Sachen schon ausgepackt?“ „In weiser Voraussicht nicht, Herr Oberleutnant.“ „Herzlichen Glückwunsch!“
Die Gesichter im Gefechtsübungszentrum kannte ich, die
Außentemperaturen auch, meine Aufgaben leider nur vage.
Der Auftrag ist deutlich: „Rechte Hand vom
Kompanieeinsatzoffizier, auch Kommandant auf seinem SPz
und einfach alles, damit er den Kopf frei hat.“
Meine Ausbildung zum Kommandanten war intensiv, doch
praktische Erfahrungen sehen anders aus: Mit einem riesigen
„Rattenschwanz“ von sogenannten „Weichteilen“ hinter
kämpfenden Kompanien fahren…zum richtigen Zeitpunkt
immer am richtigen Ort sein…drei Funkkreise halten,
verstehen und auswerten. Rückblickend tatsächlich eine
unbezahlbare Erfahrung, die ich bereits vier Wochen nach
Dienstantritt im Bataillon machen durfte.
335
Leutnantsbuch
Im März folgt die Ausbildung zum Richtschützen an der
Panzerabwehrwaffe MILAN. Wieder ist der Springer
gefragt: „Herr Oberfähnrich, Sie sind doch Schießlehrer
BMK 20mm und MILAN?“ – „Ja.“ – „Blockausbildung,
Planung,
Dienstplanerstellung,
Material,
Ausbilder,
Übungsplätze. Alles, was Sie brauchen. Machen Sie mal.“
Diese Aussage ist das Beste, was passieren kann und bietet
größtmögliche Freiheit, sich auszuprobieren und zu testen,
ob eigene Ansätze zweckmäßig sind. Rollt das erfundene
Rad wirklich gut genug oder lässt es sich hier und da noch
abrunden? An Kreativität fehlt es einem dynamischen
Panzergrenadieroffizier selten, die Statik des Luftschlosses
muss allerdings gelegentlich von einem erfahrenen Portepee
überprüft werden. Ja, vermutlich rollte das Rad schon gut
genug, aber erst meine Ideen und Einflüsse gaben ihm das
nötige Profil. Was bleibt, ist Stolz denn ich habe diese
Richtschützen geprägt.
Im April naht die einsatzspezifische Vorausbildung im
Rahmen einer ZA EAKK für alle geplanten Einsatzsoldaten
des
Bataillons.
Das
Tempo
der
wechselnden
Ausbildungsabschnitte beeindruckt mich zunehmend. Der
Facettenreichtum des Offizierberufes bestätigt sich. Allein
dem Schreibtisch bin ich bisher fern geblieben – zum Glück,
der kann warten.
Der Kompaniechef hat vorausschauend geplant. Der neue
Ausbildungszug ist mit Kompetenz gefüllt. Beim Erstellen
von Ausbildungsinhalten und -abläufen, Zielen und
Zwischenzielen lerne ich mehr als in vorangegangenen
Lehrgängen.
336
Leutnantsbuch
Hier zeigt sich erneut die Hilfsbereitschaft erfahrener
Dienstgrade. Niemand erwartet von mir, alles zu wissen oder
zu können. Die Bereitschaft eigene Wissenslücken ehrlich
einzugestehen und gezielt Rat und Unterstützung zu suchen,
wird deutlich positiv angerechnet – Wer fragt und lernt,
gewinnt. Wer sich über ehrliche und gut gemeinte
Ratschläge hinwegsetzt, legt sich selbst unnötige Steine in
den Weg.
Vor einigen Tagen waren Begriffe wie VPC (Vulnerable
Point Check), FOB (Forward Operation Base) und OP
(Observation Point) zwar bekannt, aber es erschien noch
abwegig sie selbst auszubilden. Man stellt jedoch fest, dass
sich diese einsatzspezifischen Ausbildungsabschnitte leicht
auf Grundlagen zurückführen lassen. Eine FOB ist
gekennzeichnet durch Kriterien eines Feldpostens. Die
Patrouille lässt sich in einem Spähtrupp erkennen und auch
der OP, der Beobachtungshalt, ist in seinen Grundsätzen
bereits bekannt. Sicherlich, Afghanistan lässt sich nicht mit
dem heimischen Kiefernwald vergleichen. Es gibt
zweifelsohne Übungskünstlichkeiten, aber es gibt ebenfalls
zahlreiche Einsatzerfahrungen im Bataillon. Sie zu
integrieren
und
effektiv
zu
nutzen,
um
Übungskünstlichkeiten
auszugleichen,
definiert
den
Anspruch einer zielgerichteten Einsatzvorbereitung. Dem
Anspruch konnte begegnet werden, die Ausbildung war gut.
Dennoch ist es ein befremdliches Gefühl, dass diese
Soldaten nicht versagen dürfen, dass ihr „Feldposten“
hoffentlich nie überrannt wird wie mein eigener im
Schießübungszentrum. Die Verantwortung, die man als
Führer, Erzieher und Ausbilder trägt, wird deutlich spürbar.
Zurückblickend lässt sich festhalten: Als ich erfahren habe,
dass es keinen Zug gibt, den ich führen werde, war ich
enttäuscht. Die Ereignisse, Ausbildungsabschnitte und
337
Leutnantsbuch
Springerposten, die darauf folgten, waren jedoch eine
unschätzbare Entschädigung. Der abwechslungsreiche und
vielfältige Dienstposten „Springer“ stellte sich als bester
Ausgangspunkt für die folgende Verwendung als Zugführer
heraus.
HI
Das Leben, auch bei der Bundeswehr, hält eine Vielzahl von
Überraschungen für uns bereit. Ständige Veränderungen
und wechselnde Anforderungen erfordern ein Höchstmaß an
Flexibilität. Ein jeder von uns kennt die Worte: „Leben in
der Lage“. Je mehr Erfahrungen wir machen, desto größer
sind die Möglichkeiten zur Reflexion und um so sicherer
werden wir bei der Entscheidungsfindung. Dabei ist es
wichtig alle verfügbaren Ressourcen zu nutzen. Wir müssen
lernen, Veränderungen als wertvolle Chancen der eigenen
Entwicklung zu betrachten.
338
Leutnantsbuch
Das offene Ohr
S
eit hundert Tagen sind wir jetzt in AFGHANISTAN und
Ende des Monats geht es nach Hause. Wir waren schon
immer ein gutes Team. Doch der Einsatz hat uns im Zug
noch mehr zusammengeschweißt. Vor allem eine Situation
ist mir noch gut in Erinnerung, die ich so schnell nicht
vergesse. Doch von vorn:
Vor gut drei Wochen – etwa zwei Drittel der Einsatzzeit
hatten wir hier bereits absolviert – traf ich Stefan im
Raucherzelt vor unserem Block. Wir kennen uns seit unserer
Grundausbildung vor zwei Jahren und haben seither nahezu jeden Ausbildungsabschnitt gemeinsam absolviert. Hier
in AFGHANISTAN ist er, so wie ich, Beifahrer und MGSchütze auf dem TPz.
An diesem Tag war Stefan irgendwie verschlossen und
längst nicht so gut gelaunt wie sonst. Erst nach einiger Zeit
rückte er damit heraus und erzählte mir, was passiert war.
Seine Freundin und er hatten sich mächtig am Telefon
gestritten. Für beide schien die Trennung durch den Einsatz
und in gewisser Hinsicht wohl auch die Ungewissheit
zunehmend unerträglicher. Zudem hatte Clara, so heißt
Stefans Freundin, zum ersten Mal von Trennung gesprochen.
Sie habe gerade eine schwierige Prüfungsphase und erhoffe
sich mehr emotionalen Beistand, erklärte er mir.
Auch ich hatte in dieser Hinsicht bereits meine Erfahrungen
gesammelt und wusste, wie schwierig es ist, in den wenigen
Minuten Telefonat – noch dazu im Einsatz – nicht das
vermeintlich Falsche zu sagen. Doch Stefan schien
regelrecht niedergeschlagen und verzweifelt zu sein. Bis spät
in die Nacht unterhielten wir uns und ich fasste den
Entschluss, ihm, wenn irgend möglich, eine kleine Auszeit
zu verschaffen.
339
Leutnantsbuch
Am nächsten Tag bat ich unseren Zugführer, einen jungen
Oberleutnant, der ein Jahr zuvor unseren Zug übernommen
hatte, darum, mit Stefan den Dienst am darauf folgenden
Tag tauschen zu dürfen. Da ich allerdings Stefans Situation
auch nicht an die große Glocke hängen wollte, erklärte ich
auf Nachfrage meines Vorgesetzten, dass mich eine
Patrouille in den Osten Mazar-e-Sharifs sehr interessiere,
was zugegebenermaßen auch zutraf. Stefan gewann so einen
Tag im Camp und hatte die Möglichkeit einmal ausgiebig
mit Clara zu sprechen.
Das tat er dann auch. Irgendwie schien unser Zugführer
allerdings doch etwas mitbekommen zu haben. Vielleicht
war ihm schlichtweg Stefans Niedergeschlagenheit aufgefallen. Jedenfalls schaffte er es, am darauffolgenden Wochenende, an dem mehrere Video-Live-Konferenzen zu den
Familien nach Deutschland geplant waren, auch einige
Minuten für Stefan und seine Freundin zu reservieren – ein
weiteres Mosaiksteinchen, das seine Wirkung nicht verfehlte. Mittlerweile ist Stefan nahezu wieder der alte und
freut sich, ebenso wie Clara, aufs Monatsende.
Auf mich wartete allerdings noch eine ganz andere
Überraschung, als ich während des Antretens vergangene
Woche durch unseren Zugführer vor die Front geholt wurde.
„Vor allem im Einsatz erstreckt sich Kameradschaft weit
über das Dienstliche hinaus. Einsatzbelastungen betreffen
uns alle. Umso erleichterter bin ich festzustellen, welchen
Stellenwert Teamgeist in diesem Zug hat. Neben mir steht
ein Soldat, der nicht nur im Dienst mit vorbildlichem Einsatz
überzeugt, sondern auch außerhalb des Dienstes für seine
Kameraden ein offenes Ohr hat und auch zusätzliche
Belastungen nicht scheut, wenn er damit anderen helfen
340
Leutnantsbuch
kann. Ich bin froh, solche Kameraden um mich zu wissen“,
erklärte er dann vor versammelter Mannschaft.
Auch wenn es mir vielleicht ein wenig peinlich war, ich bin
normalerweise niemand, der gern im Mittelpunkt steht, war
ich auch stolz auf das Gesagte. Doch lag mir auch daran,
unserem Zugführer, als ich ihn später traf, zu erklären, wie
selbstverständlich das Ganze für mich war. Seine Reaktion
verblüffte mich: „Wissen Sie, Herr Hauptgefreiter, es ist
immer einfach, vieles schnell als selbstverständlich hinzunehmen. Ihr Verhalten war schlichtweg vorbildlich, so
etwas sollte nicht verschwiegen werden.“
Lob ist ebenso wie Tadel ein wesentliches Führungsmittel.
Leider wird es oft vernachlässigt. Doch gerade zur Festigung
des Teamgeistes, wirkt vor allem Anerkennung nicht nur
unmittelbar auf den Betroffenen, sondern auch auf sein
unmittelbares Umfeld motivationssteigernd.
HI
Lob und Anerkennung kommen gegenüber dem Tadel oft zu
kurz, obwohl sie wesentlich zur Motivation beitragen und
auch den Teamgeist fördern. Es ist ein Zeichen echter
Kameradschaft, belastete Kameraden bei der Bewältigung
ihrer Probleme zu unterstützen. Eine solche Hilfsbereitschaft
wird auch von anderen wahrgenommen und gewürdigt.
341
Leutnantsbuch
Warum Offizier?
W
ie kann man sich nur dazu entscheiden, sein Leben im
Militär zu verschwenden? Das wurde ich einmal von
zivilen Bekannten gefragt. Normalerweise antworte ich
möglichst knapp oder gar nicht auf diese Art Frage, weil
darin nicht selten eine offene Provokation zu einer
politischen Debatte liegt, in der sich jeder schon vorher seine
feste Meinung gebildet hat. Oft genug war ich schon in
Diskussionen geraten, in denen mir die Argumente
ausgegangen sind. Da dachte ich mir, es wird doch endlich
mal Zeit, mir ein paar mehr Gedanken darüber zu machen,
warum ich eigentlich Soldat bin. Schließlich studiere ich
Geistes- und Sozialwissenschaften an der Universität der
Bundeswehr! Da reicht es nicht mehr aus, nur zu sagen, dass
der Offizierberuf auch nur ein Job sei, wie jeder andere. Vor
allem, weil er es nicht ist!
Eines Abends fand ich mich im Kreise kritischer
Gesprächspartner wieder und sprach über Inhalte meines
Studiums. „Ja wo studierst du denn?“ kam bald die Frage.
Na an der Universität der Bundeswehr. Mein Gegenüber
reagierte gar nicht besonders. „Ach ja, kenne ich, hat eine
gute Bibliothek!“ Doch ich merkte, wie die Anwesenden
allgemein aufhorchten und die Körperhaltung veränderten.
Wir kamen dann schnell auf die Bundeswehr im
Allgemeinen zu sprechen. Und es wurde doch mit Interesse
aufgenommen, dass ich Offizier bin. Und was macht man
denn da so und warum hast du dich dafür entschieden? Die
Anwesenden wollten es genau wissen.
Als ich merkte, dass sich eine politische Diskussion
anbahnte, musste ich für mich klar trennen, in welchem
Verständnis ich über Militär spreche. Ist es allein meine
persönliche Entscheidung, sich in ein System aus Befehl und
Gehorsam zwingen zu lassen, die zur Debatte steht oder geht
342
Leutnantsbuch
es um nichts Geringeres, als die Außen- und
Sicherheitspolitik der Bundesrepublik/ EU/ NATO? Ich
hatte schon früher gemerkt, dass diese Ebenen nicht immer
klar getrennt werden – insbesondere von Gesprächspartnern,
die selbst weder über persönliche Erfahrungen in der Armee,
noch über besonders viel Wissen bezüglich der politischen
Aufstellung der Bundeswehr verfügen. In einem Gespräch
kann ich mir schließlich einiges an Ärger und inneren
Widersprüchen ersparen, wenn ich für mich selbst einen
klaren Unterschied zwischen diesen Ebenen mache. So kann
für mich der Dienst in der Truppe aufrichtig von dem Willen
gelenkt sein, eigene Schwächen zu überwinden und einen
Beitrag zum Recht und zur Freiheit des deutschen Volkes zu
leisten, während ich gleichzeitig dem Einsatz in Afghanistan
aus politischer Sicht kritisch gegenüber stehe. Soviel
Freiheit zur politischen Meinung und Kritik steht mir als
Staatsbürger in Uniform zu.
Antimilitaristische und pazifistische Überzeugungen sind in
unserer Gesellschaft keine Randerscheinungen! Neben
einigen Gruppen, die sich durch eigenes radikales Verhalten
disqualifizieren, sind es vor allem Menschen der politischen
Mitte und des gebildeten Bürgertums, die der Idee eines
deutschen Militärs nach 1945 kritisch gegenüber stehen.
Und als Offizier sollte man nicht so leichtfertig sein, solchen
Kritikern ohne eigenen plausiblen Standpunkt in dieser
Frage gegenüber zu stehen!
Was gibt es also an klugen Argumenten, die für den
Militärdienst stehen? Warum bin ich denn Soldat, wenn ich
gleichzeitig auch Freidenker und Kritiker bin? Passt das
zusammen? Da muss ich dann auch ehrlich bleiben: das
passt natürlich nicht immer zusammen! Bei aller Liebe zum
Beruf dürfen die militärische Strenge und die Prinzipien von
Befehl und Gehorsam nicht in Abrede gestellt werden. Aber
343
Leutnantsbuch
das ist es ja eben, was aus dem Beruf Soldat keinen Beruf
wie jeden anderen macht!
Warum bist du Offizier der Bundeswehr? Weil der Beruf
Offizier etwas Besonderes ist. Wenn die Antwort kurz sein
muss, ist das meine Antwort. Die muss sich jeder selbst
überlegen. Lange erklären und erst im Gespräch darüber
nachdenken ist keine gute Idee. Warum ist der Beruf etwas
Besonderes? Für mich ist er es, weil er mehr als andere
Berufe zur Verantwortung erzieht. Und das schafft er, indem
er
akademisches
Denken
mit
zweckorientiertem,
militärischem Handeln verknüpft. Auf der einen Seite muss
ein Offizier frei, akademisch und gesellschaftspolitisch
kritisch denken, während er auf der anderen Seite den
Zwängen der militärischen Zweckmäßigkeit mit ihren
teilweise
erheblichen
Beschränkungen
persönlicher
Freiheiten unterliegt. Dieses Spannungsfeld zu beherrschen,
und die häufigen Reibungspunkte zwischen diesen beiden
„Welten“ zu meistern, ist für mich das Wesen der
Verantwortung.
Mein Fazit aus den Gesprächen und der gesellschaftlichen
Kritik ist, dass ein Soldat sich stets darüber im Klaren sein
sollte, wieso er Soldat ist. Er sollte sich bewusst darüber
sein, dass der Beruf anders ist, als andere Berufe, und dass er
von den Menschen auch anders wahrgenommen wird! Und
gerade dieser Umstand wird immer auch für
Missverständnisse und Diskussionen sorgen. Seit sich die
Bundeswehr nicht mehr im Wahrnehmungsfokus der breiten
Öffentlichkeit befindet, besteht geradezu die Notwendigkeit,
unsere Überzeugungen und unsere Fähigkeiten aktiv zu
kommunizieren. Die Fragen „Warum Offizier?“ oder
„Warum Soldat?“ sind daher nicht nur Fragen, die sich jeder
Angehörige der Streitkräfte für sich selbst stellen muss,
sondern die er gerade auch bereit sein muss, nach außen hin
zu beantworten.
344
Leutnantsbuch
HI
Das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung nach Art 5 GG
steht grundsätzlich auch allen Soldaten zu, wird aber durch
Regelungen des Soldatengesetzes eingeschränkt. Hier sind
insbesondere die §§ 10 Abs. 6, 15 sowie 17 Abs. 1 und 2 SG
zu nennen. Diese Eingriffe in das Grundrecht des Soldaten
gelten jedoch nicht unbeschränkt, sondern sind auf das
unbedingt notwendige Maß beschränkt, um die
Einsatzbereitschaft der Bundeswehr sicherzustellen. Um das
Grundrecht auf freie Meinungsäußerung nicht auszuhöhlen,
unterscheiden die o.a. Bestimmungen u.a. zwischen
Pflichten, die sich an alle Soldaten richten, und solchen, die
sich nur an Vorgesetzte richten. Zudem wird unterschieden,
ob sich der Soldat im oder außer Dienst, innerhalb oder
außerhalb dienstlicher Unterkünfte oder Anlagen befindet.
Ein Blick in das Soldatengesetz lohnt sich auch hier!
345
Leutnantsbuch
Der Spieß fällt aus
„D
er Spieß fällt aus?“ Ich bin jetzt seit knapp zwei
Jahren hier in der Kompanie, zurzeit im Dienstgrad
Oberleutnant
eingesetzt,
und
unser
Spieß,
ein
Stabsfeldwebel, ist noch nie ausgefallen. Klar, Urlaub hatte
er auch wie alle anderen, aber jetzt sollte er für sechs
Wochen keinen Dienst verrichten können. Ein notwendiger
Eingriff an der Hüfte mit anschließender Reha stand ihm
bevor. „Armer Kerl“, dachte ich und wünschte ihm in
Gedanken schon jetzt eine schnelle Genesung.
Auch abends im Offizierheim war die bevorstehende
Operation unseres Kompaniefeldwebels ein Thema. Neben
den allseits zu hörenden guten Wünschen für unseren
Kameraden, beschäftigte uns jedoch auch die Frage, wer für
die doch recht lange Zeit diese anspruchsvolle Vertretung
übernehmen sollte. „Normalerweise macht das doch immer
der Kompanietruppführer“, meldete sich ein Kamerad.
„Normalerweise schon“, entgegnete ihm der Kompaniechef,
der sich an diesem Abend in unsere Runde gesellt hatte.
„Normalerweise schon, doch ganze sechs Wochen sind zu
lang. Wir werden für die Ausfallzeit des Stabsfeldwebels
einen Reservisten bekommen“, sagte der Major in die Runde
und stieß zunächst auf erstaunte Gesichter.
Nach einigen Momenten des Schweigens meldete ich mich
zu Wort: „Viel weiß ich ja nicht über Reservisten, aber wie
man hört, wollen die doch nur bezahlten Urlaub beim Bund
machen, oder?“
Der Kompaniechef berichtete, dass der avisierte
Stabsfeldwebel d.R. vor seiner zwölfjährigen Dienstzeit
Bürokaufmann gelernt hatte und als aktiver Soldat immer
wieder als Kompanietruppführer und „Spießvertreter“
eingesetzt war.
346
Leutnantsbuch
Des Weiteren forderte der Kompaniechef uns auf, ihm
vorurteilsfrei und kameradschaftlich entgegenzutreten.
Einige Wochen später meldete sich der Stabfeldwebel beim
Kompaniechef zum Dienst und stellte sich anschließend den
Dienstgraden der Kompanie vor. Als er gefragt wurde, ob er
die Vertretung des Kompaniefeldwebels übernehmen wolle,
hatte er zugesagt, auch wenn sein Arbeitgeber zunächst
prüfen musste, ob er ihn so lange entbehren könnte.
„Ich bin seit über 10 Jahren als Büroleiter tätig und freue
mich sehr darüber, dass mir meine Firma regelmäßig die
Gelegenheit bietet, meinen Reservistendienst zu leisten“.
Mit diesen Worten beendete er seine kurze Vorstellung. In
den nächsten Tagen wurde er durch den Kompaniefeldwebel
und den Geschäftszimmerunteroffizier in die Abläufe
eingewiesen. Verzugslos lebte er sich in die Gemeinschaft
der Kompanie und in seine Aufgaben ein. Neben einem
kurzen persönlichen Gespräch lernte auch ich ihn schnell
näher kennen. Ein weiteres Erlebnis folgte einige Tage
später. Da ich die Woche zuvor umgezogen war, wollte ich
nun meine neue Anschrift melden. „Wie kann ich Ihnen
helfen?“ fragte mich der Stabsfeldwebel, als ich zur
Mittagszeit in das Geschäftszimmer kam. „Ich weiß, es ist
Mittagpause und eigentlich wollte ich auch zum
Geschäftszimmerunteroffizier“, antwortete ich. „Er ist zu
Tisch, aber vielleicht kann ich Ihnen auch helfen.“ Ich legte
meine Unterlagen auf den Geschäftszimmertresen und sagte
ihm, dass ich gerne meinen Umzug melden würde. Der
Stabsfeldwebel nahm meine Unterlagen, setzte sich an den
„SASPF-Rechner“ und begann sich anzumelden. „Machen
Sie das?“, fragte ich mehr als erstaunt. „Ja“, lautete die
kurze,
aber
freundliche
Antwort.
„Meine
Reservistendienstleistung war gut vorbereitet und so habe
ich schon alle notwendigen Berechtigungen.“ „Das meinte
ich eigentlich nicht“, erwiderte ich. „Ich bin positiv
347
Leutnantsbuch
überrascht, dass Sie sich nach so kurzer Zeit mit dem System
auskennen.“
„Der Geschäftszimmerunteroffizier hat mich sehr gut
eingewiesen und in meiner Firma arbeite ich auch mit dieser
Software“ dabei drehte er sich kurz um und lächelte mich an.
Die nächsten Tage verliefen wie gewohnt. Keine längeren
Bearbeitungszeiten, keine verloren gegangenen Dokumente.
Alles lief reibungslos und der Dienstbetrieb „fluppte“. Auch
von anderen Kameraden hörte ich nur Gutes über den
„Spießvertreter“. Im Unteroffizierkreis hatte er sich
integriert und war gern gesehener Kamerad, der mit seinen
Erfahrungen im Soldatenberuf und Zivilleben zwei
Berufswelten verbinden konnte.
In der vierten Woche seiner Reservedienstleistung stand das
Kompaniesportfest an; dies bedeutete viel Vorbereitung, für
den Spieß, wie auch für mich, denn ich war Sportoffizier der
Kompanie. Der Stabsfeldwebel war gemeinsam mit mir
verantwortlich für die Gesamtorganisation. Auch bei dieser
Aufgabe stellte sich unser „Reservist“ als Bereicherung
heraus. „In meinem Sportverein bin ich der Abteilungsleiter
Leichtathletik und so könnte ich zwei elektronische
Zeitnahmevorrichtungen für die Laufdisziplinen zur
Verfügung stellen“, machte er mir das Angebot, welches ich
freudig annahm.
Dank der hilfreichen Mitarbeit des Stabsfeldwebels verlief
das Sportfest reibungslos. Nach den Siegerehrungen ging ich
zu dem Stabsfeldwebel und dankte ihm für die
hervorragende Unterstützung. „Toll gemacht, Herr
Stabsfeldwebel, man merkt, dass Sie im Sportverein tätig
sind.“ „Zum einen das, Herr Oberleutnant, zum anderen bin
ich in meinem zivilen Leben schon viele Jahre Büroleiter
und auch dort läuft ohne Organisation nicht viel. Darüber
hinaus war ich viele Jahre aktiver Soldat, der nun die
Möglichkeit nutzt, regelmäßig und für alle Seiten
348
Leutnantsbuch
gewinnbringend in die aktive Truppe zurückzukehren“
antwortete er, um mir erneut ein vielsagendes Lächeln zu
entgegnen. Spätestens jetzt hatte ich verstanden – meine
Skepsis war verschwunden – mit „nur bezahlten Urlaub bei
Bund machen“, wie ich ursprünglich vermutete, hatte die
Tätigkeit eines Reservedienstleistenden nichts zu tun!
HI
Reservisten sind für die Auftragserfüllung der Streitkräfte
unverzichtbar! Sie ergänzen und verstärken mit ihren zivilen
und militärischen Qualifikationen die personellen
Fähigkeiten der Bundeswehr.
Ihnen vorurteilsfrei und kameradschaftlich zu begegnen und
sie immer wieder in die Gemeinschaft der aktiven Soldaten
aufzunehmen, ist eine entscheidende Voraussetzung für den
respektvollen Umgang miteinander und ein wesentlicher
Baustein des Soldatenberufs. Die Pflege der Beziehungen
von Aktiven und Reservisten ist eine Zweibahnstraße!
349
Leutnantsbuch
Als Seelsorger in AFGHANISTAN – Erfahrungen und
Einsichten aus einer anderen Welt *
E
s hat gut getan, Ihnen morgens beim Waschen zu
„
begegnen. Sie haben trotz Kälte und Dreck so viel
Optimismus ausgestrahlt. Das hat mir richtig Kraft für den
Tag gegeben“, so die freundliche Anerkennung eines
Oberstabsarztes mir gegenüber an seinem letzten Tag im
März 2002 im Camp Warehouse in KABUL. Zunächst
freute ich mich ganz einfach über dieses Lob. Dann aber
wurde mir auch deutlich: Dieser Dank enthält im Kern das
Seelsorgekonzept der Einsatzbegleitung: Teilen der Lebensbedingungen als Seelsorge. Das ist ungewöhnlich. Ich habe
als Pfarrer bisher ganz unterschiedliche Formen von
seelsorgerlicher Betreuung kennen gelernt: Die Bedeutung
der Besuche im Gemeindepfarramt, das Ritual, wenn ich
Menschen in Übergangssituationen begleite, das Seelsorgegespräch in Konflikt- und Belastungssituationen.
Im Einsatz jedoch ist Seelsorge noch viel elementarer. Sie
besteht vor allem im Mitgehen mit den Soldaten und im
Erleben und Bewältigen der gleichen Lebensbedingungen.
Und schön – wie mein Beispiel zeigt –, wenn wir Pfarrer
dabei Optimismus und Humor ausstrahlen. Das klingt sehr
einfach. Doch als leicht habe ich diese an mich gestellte Anforderung in AFGHANISTAN nicht empfunden. Im Gegenteil. Aber dennoch als spannend und facettenreich. Darüber
will ich in diesem Aufsatz erzählen.
Der Aufbruch
„Ich habe mich drei Mal zu Hause von meiner Frau und
meinen Kindern verabschiedet. Und dann stand ich abends
wieder vor der Tür. Das war das absolute Chaos. Ich bin
immer noch sauer. Aber was konnte ich dagegen tun?“
Diesen Kommentar über den Aufbruch in DEUTSCHLAND
350
Leutnantsbuch
im Januar 2002 habe ich oft von den Soldaten der Luftlandebrigade gehört.
Tatsächlich war der erste Teil der Verlegung der ISAFSoldaten nach AFGHANISTAN durch sich dauernd
ändernde politische Vorgaben gekennzeichnet. Der Abflug
verzögerte sich deshalb fortlaufend. Auch die Aufstellung
der Kontingente. Und das alles ereignete sich zeitgleich zu
den Weihnachtsvorbereitungen in den Familien. Mein katholischer Kollege und ich haben es ganz ähnlich erlebt. Die
innere Anspannung während des Christfestes 2001 werde ich
nicht so schnell vergessen.
Warum haben die wechselnden Lagen und unterschiedlichen
Einplanungen die Soldaten so erschöpft und verbittert? Ich
glaube zum einen, weil die Alarmierung mitten in die
Vorbereitungen des Weihnachtsfestes platzten. Wir alle
freuten uns auf unser familiäres Weihnachtsfest. Und auf
einmal schien es eher unwahrscheinlich, dass wir Weihnachten überhaupt noch zu Hause sein würden.
Zum anderen hatten Soldaten den Eindruck, vor ihren
Angehörigen und Freunden das Gesicht zu verlieren. Sie
hatten angekündigt, beim Afghanistaneinsatz dabei zu sein –
dann waren sie vielleicht auf einmal doch nicht mehr dabei.
Sie sollten im Dezember fliegen – auf einmal verzögerte sich
alles, und es würde vielleicht sogar Februar werden. „Bist du
immer noch da? Wir dachten, du bist schon weg?“, fragten
auch mich Freunde ein wenig schmunzelnd.
Inwiefern konnten wir als Seelsorger den Soldaten helfen?
Ich denke, es war für die Soldaten sicherlich zum einen
hilfreich, dass wir Pfarrer mit ihnen gemeinsam die
Ungewissheiten des Aufbruchs trugen. Ich erinnere mich an
den Tag nach Weihnachten, als wir zusammen auf gepackten
Seesäcken und Kampftragetaschen in einem Büro des
351
Leutnantsbuch
Stabsgebäudes saßen und der kommenden Dinge harrten.
Unserer inneren Unruhe haben wir durch Witzeleien Luft
gemacht. Das hat geholfen und natürlich wurde auch an
diesem Tag nichts aus dem Abflug.
Wichtig ist weiterhin, dass der Pfarrer das Geschick der
Soldaten als Zivilist teilt. Der Pfarrer steht außerhalb der
Hierarchie und ist vor allem Werten wie Gerechtigkeit und
Fürsorge verpflichtet. Damit ist er so etwas wie ein
Bremsschuh für mögliche Willkür und Ungerechtigkeit.
Ja, er ist – dritter Gesichtspunkt – in den Augen vieler so
etwas wie ein Repräsentant von Öffentlichkeit, ein Fenster
nach draußen, durch das in das System und in die inneren
Abläufe der Bundeswehr hineingeschaut werden kann. Das
begrenzt das Gefühl des Ausgeliefertseins, das sich beim
einzelnen Soldaten in Situationen wie der Alarmierungsphase für den Afghanistaneinsatz leicht einstellen kann.
Ankunft im Camp Warehouse in KABUL
„Ach, jetzt kommt unser Beistand, nun kann uns ja gar
nichts mehr passieren!“ So sind mein katholischer Kollege
und ich von einigen Soldaten begrüßt worden, nachdem
wir am 19. Januar 2002 im Camp Warehouse in KABUL
eintrafen. Die Fahrt vom Flughafen BAGRAM, wo wir
landeten und von den Kameraden in Empfang genommen
wurden, bis nach KABUL glich zuweilen einer Reise durch
eine Mondlandschaft. Die Zerstörung aufgrund der jahrelangen Kämpfe gerade in diesem Gebiet war allgegenwärtig
und erzeugte deprimierende Anblicke. Schließlich erreichten
wir KABUL.
Die Menschen in KABUL staunten uns in den Bussen an. So
viele ausländische Soldaten hatten sie schon lange nicht
mehr gesehen. Wir überspielten unsere eigene Unsicherheit
352
Leutnantsbuch
durch freundliches Zulächeln. „Hoffentlich passiert hier
nichts!“, habe ich nur gedacht. Denn wir waren eingepfercht
in einen schrottreifen afghanischen Kleinbus und wären
im Falle von bewaffneten Übergriffen ziemlich wehrlos
gewesen. Das waren die Anfänge. Doch – wie schon angedeutet – schließlich erreichten wir unser Feldlager.
Die Bezeichnung „warehouse“ – auf deutsch „Lagerhaus“
passt, denn das Camp Warehouse ist der ehemalige Bauhof
von KABUL mit großen Werkstatt- und Lagerhallen und
einem mehrstöckigen Bürogebäude. Das Ganze ungefähr
zehn Kilometer außerhalb der Stadt an der Straße von
KABUL nach JALALABAD gelegen.
Allerdings haben die mehrjährigen selbstzerstörerischen
Kämpfe der Mudschaheddin gegeneinander auch diese
Einrichtung nicht unbeschadet gelassen. Im Gegenteil: Die
Hallen sind zum Teil vollständig zerschossen und eingefallen, das Gelände ist vollgestellt mit Baugeräteschrott
und in den Mauern des Stabsgebäudes gab es Mitte Januar
noch keinen Strom, kein Wasser, keine Scheiben vor den
Fenstern, keine Kanalisation.
Ein zuständiger Soldat empfing uns herzlich, wenngleich mit
einigen Frotzeleien und markigen Sätzen. Wahrscheinlich
wollte er uns auf diese Weise die Chance nehmen, allzu sehr
unserer Enttäuschung über den Zustand des Gebäudes und
über die abendliche Kälte in den Räumen nachzuhängen.
Auch waren bei weitem noch nicht so viele Zelte aufgebaut
wie erhofft. Die sehnsüchtig erwarteten Warmluftgeräte
fehlten natürlich auch. Alles war sehr karg. In der Nacht fiel
die Temperatur schließlich bis minus 20 Grad. Aber wir
hatten ja gute Schlafsäcke bekommen. Und nachdem ich
endlich einige Tabletten gegen meine Kopfschmerzen (wir
353
Leutnantsbuch
befanden uns auf einmal auf 1.800 Meter Höhe!) geschluckt
hatte, bekam meine Zuversicht wieder die Oberhand.
Ich habe als Soldatenseelsorger eine ganze Zeit gebraucht,
bevor ich mich an diese gängige Bezeichnung „Beistand“
gewöhnt hatte. Es schien mir zu viel Ironie mitzuschwingen.
Irgendwann habe ich begriffen, dass von Seiten der Soldaten
viel Ehrlichkeit in dieser Bezeichnung enthalten ist. Oft
genug sehen Soldaten in uns den einzig verbliebenen
Beistand, der eine gehörige Portion Autorität und Vortragsrecht vor höheren Vorgesetzten hat. Von seelsorgerlicher
Betreuung in Konfliktsituationen ganz abgesehen. Ja und
dann ist mir irgendwann deutlich geworden, dass der Pfarrer
in den Augen der Soldaten tatsächlich so etwas wie die
„Nähe Gottes“ verkörpert. Für die Soldaten bedeutet deshalb
die Begleitung durch den Pfarrer, auch fern von daheim
nicht außerhalb der Fürsorge Gottes geraten zu sein. Diese
Gewissheit kann durchaus eine Hilfe sein, wenn Gefühle der
Fremdheit und Verlorenheit einen zu überwältigen drohen.
Der Raum der Militärseelsorge
„Befehlsfreie Zone“ – diese Bezeichnung hatten wir an den
Raum der Militärseelsorge im Stabsgebäude befestigt. Der
Raum lag im Parterre, nahe dem Treppenhaus. Wir waren
also stets im Blickfeld und leicht erreichbar. In den ersten
Wochen eines neuen Kontingents sind die Soldaten noch mit
dem Aufbau beschäftigt. Die Neuigkeitserfahrungen und die
viele Arbeit lassen das Bedürfnis nach intensiven
Einzelgesprächen eher in den Hintergrund treten. In der
Fallschirmjägertruppe wird ohnehin vieles Persönliche in der
engen und verbindlichen Gemeinschaft der Gruppen und
Trupps besprochen.
354
Leutnantsbuch
Wir sahen aber schnell die entscheidende Betreuungslücke
und machten aus unserem Raum eine erste Betreuungseinrichtung. Voraussetzung dafür waren die preiswerten
Teppiche, die uns ein afghanischer Mitarbeiter besorgte, und
die den Raum wohnlich machten. Mein Mitarbeiter in
OLDENBURG schickte mir ein Heißluftgerät, das wir
mithilfe eines technisch versierten Mitbewohners tatsächlich
an einen Generator vor dem Haus anschließen konnten und
das dafür sorgte, dass es bei uns einige Grade wärmer war
als im restlichen Gebäude und erst recht draußen. Außerdem
versorgte uns mein Mitarbeiter mit Instantkaffee und
Keksen, die wir unseren Besuchern anboten.
Dieser Raum der Militärseelsorge wurde stark frequentiert,
oft von 8 Uhr morgens bis 23 Uhr nachts. Und von allen
Dienstgradgruppen. Da war der Dreisternegeneral und Befehlshaber Einsatzführungskommando, der einmal auf unsere
Einladung hin vorbeischaute, eine kleine Pioniergruppe war
regelmäßig Gast, um sich aufzuwärmen, der Chef des Stabes
machte mit einer Zigarette und einem Cappuccino bei uns
Pause, „Instler“ kamen und viele andere Soldaten aus allen
Dienstgradgruppen, um sich eine Auszeit zu nehmen, um
einmal kurz den Blicken ihrer Vorgesetzten zu entschwinden, um die Gemeinschaft zu genießen und sich
auszutauschen. Special guest war die Schriftstellerin Siba
Shabib („Nach AFGHANISTAN kommt Gott nur noch zum
Weinen“), sie gab bei uns eine Autogrammstunde usw. usw.
Und wir? Wir mussten einfach da sein, gastfreundlich
einladen, Zeit haben und vor allem gut zuhören. Doch nicht
immer wurden wir Seelsorger gebraucht, zuweilen reichte
einfach schon der Raum. So werde ich nie vergessen, wie
einmal ein älterer Unteroffizier kam, um für sich zu sein und
zu weinen.
355
Leutnantsbuch
Patrouillenbegleitung
„Blackman soll seine Schulterklappen runternehmen!“ Die
Aufforderung kam per Funk aus dem Führungsfahrzeug vom
Leiter der Gruppe. Blackman war mein Spitzname bei
einigen Fallschirmjägern. Ich konnte die Aufforderungen des
Patrouillenführers, eines Oberfeldwebels, gut nachvollziehen
und hatte meine Schulterstücke schon selbst vorher abgenommen. Ich wollte unsere afghanischen Gesprächspartner
in dieser Anfangsphase nicht irritieren oder gar provozieren.
Damit hätte ich den Dienst unserer Einsatzsoldaten zusätzlich erschwert.
Ich begleitete eine abendliche Patrouille, die vom Camp
Warehouse in die Stadt KABUL in ihren Verantwortungsbereich fuhr. Freundlicherweise muteten die Soldaten mir
nicht wie sich selbst zu, auf der Ladefläche des Zweitonners
Platz zu nehmen, sondern ich durfte in der Führerkabine
mitfahren. Sie ahnten wohl, dass ich nicht die gleiche
körperliche Widerstandskraft gegen die Kälte, den eisigen
Wind und den Schnee haben würde.
In KABUL werden wir zuerst ein Polizeiquartier in unserer
Verantwortungsregion ansteuern, um zusätzlich afghanische
Polizisten aufzunehmen. So gestaltet sich die Auftragsdurchführung. Denn die ISAF-Soldaten (ISAF heißt: International Security Assistence Force, also Unterstützungstruppe) haben nicht die Verantwortung für die Situation in
KABUL, sondern unterstützen lediglich die einheimischen
Kräfte bei ihrem Bestreben, für Sicherheit zu sorgen. Diese
Patrouillen sind wirklich nicht ungefährlich. Die britischen
Fahrzeugkolonnen sind häufiger beschossen worden. Auch
die Sicherheitskräfte wirken nicht unbedingt zuverlässig.
Oberfeldwebel G. möchte auch vor diesem Hintergrund
ungern, dass ich als Pastor erkennbar bin. Er kann das
Verhalten seines afghanischen Partners noch nicht genau
356
Leutnantsbuch
einschätzen. Ja, am Anfang empfand er mich eher als
zusätzliche Belastung. „Jetzt muss ich auf Sie auch noch
aufpassen.“ Doch das änderte sich schnell. Seine
eingeschworene Gruppe, er und ich kamen uns schnell
näher. Er fand mein Interesse an seinem Dienst gut und
beteiligte mich deshalb an allen Gesprächen, die er führte.
Zum Beispiel mit den Polizeioffizieren. Einmal besuchte er
sogar den Gottesdienst. Ein Gegenbesuch bei Blackman
sozusagen. Ein paar Tage, bevor er nach Deutschland flog,
winkte mich der Oberfeldwebel in sein Zelt. „Ich habe etwas
für Sie!“ Er zog aus seiner Tasche ein ledernes Halsband mit
einem Stein. In den Stein war ein Kreuz eingeritzt. „Das
habe ich für Sie gemacht!“
Die Brüdergemeinde
Am Sonntagnachmittag fuhren mein katholischer Kollege
und ich immer zur Brüdergemeinde. Die Brüdergemeinde
bestand aus drei bzw. zwei Brüdern, die zur so genannten
„Christusträgerbruderschaft“ gehörten und die in KABUL
zwei ambulante Kliniken und ein Arbeitsbeschaffungsprojekt betrieben. Bruder Tschak und Bruder Retho waren
schon über 30 Jahre in KABUL. Sie hatten selbst über
die schlimme Zeit der Mudschaheddinkämpfe, während der
ein Großteil KABULS zerstört worden war, in der Stadt
ausgehalten. Nur während des Bombenkrieges der USA
hatten sie kurzzeitig ihre Wohnungen und Kliniken verlassen. Die Brüder wohnten in der ehemaligen Residenz des
DDR-Botschafters im Diplomatenviertel KABULS. Sie
hatten das über viele Jahre völlig unbewohnte Haus gerettet,
als es nach Raketentreffern drohte auszubrennen. Zu den
Gottesdiensten, die wir am Sonntagnachmittag mit den
Brüdern, den kleinen Schwestern Jesu in KABUL und vielen
Mitarbeitern von NGOs feierten, brachten wir auch immer
Soldaten mit. Die genossen es, das Lager einmal für einige
357
Leutnantsbuch
Stunden verlassen zu können, in einem richtigen
Wohnzimmer zu sitzen und sich mit Zivilisten über die
Situation in AFGHANISTAN auszutauschen. An eine
Situation erinnere ich mich noch besonders. Fast eine ganze
Stabsabteilung hatte sich für die Fahrt zu den „Brüdern“
angemeldet.
Auf dem Gelände angekommen und uns per Funk in der
OPZ „abgemeldet“, stellte ich die Soldaten den Brüdern vor.
Doch kaum hatten sie die Veranda des Gebäudes betreten,
versanken die Soldaten ins Schweigen. Ich ahnte, was in
ihnen vorging. Sie blickten auf den Rasen, die Blumen, die
Sträucher. Sie genossen den Schatten und die kultivierte
Natur. Und auf einmal fiel der ganze Druck des Kabuler
Lagerlebens von ihnen ab. Die Enge im Camp, die
Anspannung aufgrund der Rivalitäten im Stab, die
Erschöpfung aufgrund der fast täglichen Sandstürme und der
brutalen Hitze (es war mittlerweile Sommer), die Sorgen um
das Zuhause. Und sie wurden ganz ruhig.
Und sammelten wieder Kraft.
Verteilen von Kinderschuhen
Die Kinderschuhe waren von unseren Angehörigen in
Deutschland gesammelt worden und die Luftlandeversorgungskompanie organisierte den Transport nach KABUL.
Wir selber fuhren dann mit den Schuhen zu Schulen, deren
Leiter vorinformiert worden waren. So wussten alle Bescheid, als wir mit unserem Geländewagen und Zweitonnern
auf den Schulhof vorfuhren. Der Schulleiter – oder die
Schulleiterin – kamen uns mit ihren Helfern schon entgegen
und begrüßten uns herzlich. Abgesehen von der Kernmannschaft beteiligten wir an diesen Aktionen immer wieder
neue Soldaten. Diese breiteten die Hunderten von Kinderschuhen dann auf Bänken auf dem Schulhof aus. Die
358
Leutnantsbuch
Kinder traten klassenweise an unsere Auslagen und suchten
sich unter unserer Beratung ein paar aus. Oder wir trugen sie
sackweise in Abschätzung der richtigen Schuhgröße für die
Altersstufe in die Klassen. Und dort wurden sie dann in
unserem Dabeisein und unter Aufsicht des Klassenlehrers
verteilt.
Ursprünglicher Anlass für diese Aktion war die Betroffenheit unserer Soldaten über die vielen Kinder in KABUL, die
trotz Kälte und Schnee auch im Januar keine oder nur ganz
unzulängliche Schuhe trugen. Diese Bedürftigkeit tat uns
sehr Leid. Der zweite Grund war: Wir wollten unsere
eigenen Ohnmachtsgefühle überwinden. Denn die frierenden
Kinder im Januar 2002 in KABUL waren ja nur die Spitze
des Eisbergs. Man darf nicht vergessen, wir waren in ein
Land gekommen, in dem seit über 20 Jahren Krieg herrschte.
AFGHANISTAN war nicht nur zerstört, sondern zerfallen
in die Machtbereiche verschiedener Provinzfürsten, die häufig genug untereinander verfeindet waren. Und manchmal
hatten wir den Eindruck, unser Engagement in KABUL ist
letztlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir haben
nicht die Möglichkeiten, ein Bedingungsgefüge zu schaffen,
unter dem die Menschen ihr Land und ihren Staat wieder
aufbauen können. Zu sehr hat der Krieg die Menschen geprägt.
Natürlich sollte unsere Aktion nicht an die Stelle einer
nüchternen Bestandaufnahme treten. Aber sie konnte
Gedankenspiralen der Ohnmacht und Resignation unterbrechen. Und sie konnte uns das Gefühl geben: Wir können
etwas tun! Denn Afghanistan besteht nicht nur aus vom Krieg
und Terror traumatisierten Menschen, die passiv geworden
sind. Genauso warten in den Schulen zum Beispiel viele
Kinder, um endlich wieder etwas zu lernen. Und wir selber
359
Leutnantsbuch
sind nicht zum Scheitern verurteilt, sondern das in KABUL
Erreichte wird mit der Zeit auf das ganze Land ausstrahlen.
Veränderung ist möglich.
Ist diese Sichtweise naiv? Ich glaube nicht. Und ich sehe
auch keine Alternative zu dieser Hoffnung.
*) Dieser Beitrag wurde mit freundlicher Genehmigung des
Evangelischen Kirchenamtes für die Bundeswehr abgedruckt.
Der Autor, Militärpfarrer Jürgen Walter, hat diesen in dem Buch
„Für Ruhe in der Seele sorgen – Evangelische Militärpfarrer im
Auslandseinsatz der Bundeswehr; Hrsg. Evangelisches Kirchenamt für die Bundeswehr, Bonn, 2003“ veröffentlicht.
360
Leutnantsbuch
Selbstverständnis des Heeres
Das Grundgesetz regelt die parlamentarische Kontrolle und
Kommandogewalt über die Bundeswehr. Es betont den Primat der Politik, der die militärische Führung der politischen
Führung unterordnet. Streitkräfte und Staat stehen in einem
besonderen Treueverhältnis. Das Selbstverständnis der Angehörigen des Heeres begründet sich in diesem Rahmen aus
der Verpflichtung, der Bundesrepublik Deutschland treu zu
dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes
tapfer zu verteidigen.
Die Merkmale des Selbstverständnisses des Heeres
•
Das Heer ist Kern der Landstreitkräfte und Träger der
Landoperationen im Rahmen von Einsätzen zum
Schutz Deutschlands und seiner Bürgerinnen und Bürger, bei internationaler Konfliktverhütung und Krisenbewältigung, bei der Unterstützung der Bündnispartner, bei Rettung, Evakuierung und sonstigen
Hilfeleistungen.
•
Das Heer muss weltweit in den unterschiedlichsten
geografischen, klimatischen und kulturellen Regionen
kämpfen, schützen, helfen und vermitteln können.
•
Das Heer setzt die Werte und Normen des Grundgesetzes durch Anwendung der Prinzipien der Inneren
Führung um und wendet zur Erfüllung seiner Aufgaben die Grundsätze der Auftragstaktik an.
•
Das Heer steht in der Tradition der Heeresreformer
um Gerhard von Scharnhorst, der Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 und seiner eigenen über
361
Leutnantsbuch
50-jährigen Geschichte, nicht zu vergessen, tugendhaftes Verhalten und herausragende Einzeltaten aus
unserer langen Militärgeschichte. Dies wird in seinen
Truppenteilen, seinen Truppengattungen und seinem
militärischen Brauchtum erlebbar.
•
Das Heer ist stets durch Vielfalt gekennzeichnet.
Diese Vielfalt spiegelt sich in den unterschiedlichen
Truppengattungen wider.
•
Das Heer steht nie allein, sondern es erfüllt seinen
Auftrag zusammen mit anderen Angehörigen der Bundeswehr und ihrer verbündeten Streitkräfte.
Die Leitsätze der Angehörigen des Heeres
Wir Soldatinnen und Soldaten des Heeres
•
dienen unserem Land treu und diszipliniert. Dafür
sind wir bereit, Opfer und Entbehrungen auf uns zu
nehmen und unser Leben einzusetzen;
•
sind stolz auf unser militärisches Können und bestrebt, uns ständig weiter zu entwickeln – Einsatzbereitschaft und Einsatzfähigkeit sind Richtschnur
unseres Handelns;
•
bestehen im Einsatz alleine oder im Team mit Tapferkeit, Mut, Kompetenz und Besonnenheit;
•
leben Toleranz und Kameradschaft, sind offen für
Neues und achten fremde Kulturen;
•
sind bescheiden, selbstkritisch und wollen Vorbild
sein. Wir bekennen uns zu unserer Tradition und zu
unserem militärischen Brauchtum.
362
Leutnantsbuch
Namenspatron des
83. Offizieranwärterjahrganges
des Heeres
Johann Friedrich Adolph
von der Marwitz
(1723 - 1781)
Die Ausübung militärischer Kommandogewalt beinhaltet
stets auch eine ethische Komponente. Dabei geht es letztlich
um die Rechtfertigung soldatischen Handelns sowie die
Bindung des Auftrags und des Dienens an Werte. Diese
Werteorientierung unterscheidet den Soldaten vom Söldner,
der jedem beliebigen Zweck zur Verfügung steht. Handeln
in einem Dienst, der in letzter Konsequenz unumkehrbare
Eingriffe in Leben und Unversehrtheit bedeuten kann,
verlangt im Kern nach Überzeugungen, welche die
Entscheidungen für den Dienst und zum Einsatz mit der
Waffe rechtfertigen. Mitunter kann dies ein Handeln in die
Grenzbereiche des menschlichen Gewissens hinein
bedeuten. Ein historisches Beispiel für eine derartige
Gewissensentscheidung liefert uns der Fall des preußischen
Kavallerieoffiziers Johann Friedrich Adolph von der
Marwitz, der im Jahre 1760 aus Gründen der Ehre und des
Gewis-sens seinem König den Befehl verweigerte, das
Schloss Hubertusburg in Sachsen auszuplündern. Die
Inschrift auf seinem Grab in Friedersdorf - „Wählte
Ungnade, wo Gehorsam nicht Ehre brachte.“ - wird noch
heute gerne von verschiedenen politischen Lagern benutzt,
um die Entscheidung des Einzelnen über Befehl und Anordnung, als Gewissensentscheid gegen Despotismus,
Obrigkeitsdenken und Gewaltherrschaft darzustellen.
363
Leutnantsbuch
Insbesondere im Kreise der Verschwörer des 20. Juli wurde
das Beispiel von der Marwitz oft genannt, um zu begründen,
dass der Einzelne zuerst seinem Gewissen und erst dann
seiner politischen Führung gegenüber verantwortlich sei.
Johann Friedrich Adolph von der Marwitz wurde am 24.
März 1723 in Friedersdorf (Mark Brandenburg) geboren. Er
entstammte einer der ältesten Adelsfamilien der Mark, seine
Vorfahren waren in der Neumark und in Pommern ansässig
gewesen. In 150 Jahren gingen aus ihr mehrere hundert
Offiziere hervor, darunter in drei Generationen acht
Generäle. Als Fünfzehnjähriger trat er 1738 in das
Kavallerieregiment Gens d´armes ein und wurde dort
Standartenjunker, im Jahr darauf Kornett (Fähnrich). Das
Regiment Gens d´armes (gelistet als Kürassierregiment Nr.
10) war der berühmteste und exklusivste Kavallerieverband
der alt-preußischen Armee. 1691 aufgestellt, focht es in allen
wichtigen Feldzügen und Schlachten des 18. Jahrhunderts an
denen Brandenburg-Preußen beteiligt war. Nach der
vernichtenden Niederlage von Jena und Auerstedt wurde es
1806 aufgelöst. Von der Marwitz blieb diesem Regiment
Zeit seines Lebens eng verbunden, es stellte seine
militärische Heimat dar und hier stieg er die einzelnen
Stufen der Karriereleiter hinauf bis hin zum Kommandeur
im Jahre 1764. Als Offizieranwärter nahm er an den beiden
ersten Schlesischen Kriegen (1740/42 bzw. 1744/45) teil. Im
März 1745 erfolgte die Ernennung zum Leutnant, im Mai
1754 zum Stabsrittmeister (Hauptmann). 1756 zog von der
Marwitz in den Siebenjährigen Krieg. Er focht in den
Schlachten bei Roßbach, Leuthen, Zorndorf, Hochkirch und
Torgau, wurde weiter befördert (1757 Major, 1758
Oberstleutnant, 1761 Oberst) und erhielt nach der Schlacht
von Roßbach den Orden Pour le Mérite (frz. „Für das
Verdienst“) verliehen. König Friedrich der Große (1712364
Leutnantsbuch
1786) schätzte diesen befähigten Kavallerieoffizier, der
anstatt des eigentlichen Kommandeurs, des Grafen von
Schwerin, fast den gesamten Siebenjährigen Krieg hindurch
das Regiment Gens d´armes führte. Wiederholt setzte der
Monarch ihn auch für diplomatische Aufgaben und sonstige
Spezialaufträge ein. So überbrachte er zum Beispiel im
Dezember 1757 die Nachricht vom Sieg bei Leuthen zur
Königin nach Berlin und dann nach London, zu den
britischen Verbündeten der Preußen.
Im Jahr 1760 kam es dann schließlich zum Zerwürfnis
zwischen dem König und von der Marwitz. Bei der
Besetzung Berlins durch Österreicher (dabei auch sächsische
Truppenteile) und Russen im Jahr zuvor hatten diese das
Schloss Charlottenburg geplündert und dabei auch die
wertvolle Antikensammlung Friedrichs des Großen zerstört.
Angetrieben von persönlichen Rachegefühlen, befahl der
König beim Vorrücken in Sachsen 1760, dem Oberstleutnant
von der Marwitz das Jagdschloss Hubertusburg
auszuplündern. Von der Marwitz verweigerte die
Ausführung des Befehls und soll Friedrich geantwortet
haben: „Solches schicke sich allenfalls für die Offiziere
eines Freibataillons, aber nicht für die des Regimentes Gens
d´armes“. Hubertusburg wurde daraufhin vom Freibataillon
des Quintus Icilius, das aus disziplinlosen, irregulär
kämpfenden Freiwilligen bestand, ausgeplündert. Von der
Marwitz zog sich den königlichen Unwillen zu und wurde
fortan bei Beförderungen und Auszeichnungen übergangen.
Als 1768 Generalmajor Hans von Krusemarck zum neuen
Chef des Regiments Gens d´armes ernannt wurde, fühlte
sich von der Marwitz übergangen und beantragte seine
Entlassung. Diese wurde ihm vom König zunächst
verweigert, erst im dritten Anlauf erhielt er 1769 seinen
Abschied. Er zog sich auf das Familiengut Friedersdorf,
365
Leutnantsbuch
welches ihm nach dem Tod des Vaters 1753 zugefallen war,
zurück, kümmerte sich aber wenig darum und verweilte oft
in Berlin bei seinen Büchern und Gemälden. Nach vielen
Jahren in Ungnade bei Friedrich dem Großen, erhielt von der
Marwitz erneut Anstellung im Bayerischen Erbfolgekrieg
(1778/79) als Generalintendant des Königsbruders Prinz
Heinrich von Preußen. 1778 wurde er zum Generalmajor
befördert, 1779 erfolgte der endgültige Abschied. Er starb,
wie sein Neffe schrieb, „völlig insolvent“, am 14. Dezember
1781 in Berlin als „ein sehr braver und in großer Achtung
stehender Soldat, ein feiner und sehr gebildeter Weltmann,
ein großer Freund der Literatur und der Kunst“.
Das Handeln Johann Friedrich Adolphs von der Marwitz
mag uns heute vielleicht unverständlich und auch ein wenig
dünkelhaft erscheinen. Ebenso die Reaktion des Königs, der
zwar Ungnade aber keine weiteren Repressionen gegen den
ungehorsamen Offizier folgen ließ. Erklärlich wird dies alles
nur aus dem Rechts- und Selbstverständnis der Offiziere der
friderizianischen Armee sowie dem zeitgenössischen
Kriegsbild heraus.
Die damaligen Vorstellungen von Disziplin und Gehorsam
waren eng verbunden mit dem absolutistischen Staatsbegriff
und der noch älteren Vorstellung einer Herrschergewalt von
Gottes Gnaden. Im friderizianischen Absolutismus wandelte
sich dieses Selbstverständnis zur Figur des Monarchen als
obersten Beamten seines Staates. Für Friedrich den Großen
war die Disziplin nichts anderes als die selbstverständliche
Erfüllung der Untertanenschuldigkeit, die nicht ihm, sondern
einem Staat galt, der nur Pflichten kannte. In seinen
Generalprincipia vom Kriege aus dem Jahre 1753 stellte er
fest: „Von den Offizieren an, bis auf den letzten Mann,
raisonnieret keiner, sondern exekutieret nur, was befohlen
worden. Dem Willen und Befehl des Generals wird prompte
366
Leutnantsbuch
gehorsamet“. Dies Zitat belegt, dass Friedrich der Große von
seinen Offizieren die sofortige, pünktliche und genaueste
Ausführung der Befehle erwartete. Für Überlegungen, ob ein
Befehl rechtens war oder nicht, hatte der Soldat in der
Lineartaktik weder Zeit noch Gelegenheit. Jedes Zögern
bedeutete taktische Versäumnisse, hohe Verluste und die
Gefahr einer verlorenen Schlacht.
Diesem weitgehenden monarchischen Gehorsamsanspruch
stand das kollektive Selbstverständnis des adligen
Offizierkorps gegenüber, welches traditionell das Recht für
sich beanspruchte, ehrenrührige Befehle verweigern zu
dürfen. Standesehre und militärische Offiziersehre waren
eng
miteinander
verflochten
und
mit
festen
Verhaltenserwartungen verknüpft. Das Offizierkorps bildete
einen nach außen streng abgeschlossenen Körper, was auch
dadurch dokumentiert wurde, dass vom Fähnrich bis zum
Obersten alle äußeren Rangabzeichen wegfielen. Selbst der
König trug nur einen einfachen Offiziersrock. Die
gesellschaftliche Gleichheit der Offiziere sämtlicher
Dienstgrade unterschied das preußische Heer von allen
anderen europäischen Armeen. Diese Sonderstellung wurde
zu Beginn des 18. Jahrhunderts auch juristisch untermauert.
Unteroffiziere und Mannschaften mussten seit 1713 einen
Eid auf die Kriegsartikel leisten, welcher sie einem
drakonischen Disziplinar- und Strafsystem unterwarf.
Offiziere hatten dagegen nur zu beschwören, dass sie gewillt
seien zu halten, „was das Kriegs Dienst Reglement und
königliche Edikte in sich begreifen und die Observanzen und
Kriegs Rechts Bräuche mit sich bringen“. Die Einhaltung
des Offizierseides war somit an den adeligen Korpsgeist und
den daraus entwickelten Ehrbegriff gebunden. Allerdings
existierte im preußischen Heer der damaligen Zeit kein
schriftlich fixierter Ehrenkodex, was Interpretationsspielräume zuließ. Die vom König erlassenen Reglements
367
Leutnantsbuch
und Vorschriften formulierten zwar die Erwartungen des
Monarchen gegenüber seinen Offizieren, waren aber selten
wirklich eineindeutig. Trotz der notwendigen Unterordnung
unter die militärische Hierarchie bestand somit im
Konfliktfall die Möglichkeit, die persönliche Ehre zu
berücksichtigen und zu verteidigen.
Zu einem solchen Konflikt kam es im Siebenjährigen Krieg.
Die Mehrheit der Offiziere, gebunden an ihr Gefühl von
Eigenwürde und Gemeinschaftsgeist, lehnte es ab das
auszuführen, was gemessen an den Maßstäben späterer
Kriege eine höchst alltägliche Sache war, damals jedoch als
Greueltat galt: die Zerstörung und Verwüstung königlicher
Schlösser in Sachsen. Offiziere der regulären Truppen, die
einen solchen Auftrag erhielt, verweigerten sich. Neben von
der Marwitz lehnte auch Generalmajor Friedrich Christoph
von Saldern (1719-1785) die Ausführung eines derartigen
Befehls ab. Friedrich der Große, der mitunter unerbittlich bei
der Abstrafung missliebiger Offiziere vorging, wie die Fälle
des Generals Friedrich August von Finck (1718-1766) und
des Rittmeisters Friedrich Freiherr von der Trenck (17271794) beweisen, hatte mit seinem Befehl zur Plünderung und
Zerstörung des Schlosses Hubertusburg offenkundig eine
rote Linie überschritten, was schon den Zeitgenossen
bewusst wurde. Die Erkenntnis dessen und die oben
beschriebenen kollektiven Ehrvorstellungen des preußischen
Offizierskorps hielten ihn wohl von weiteren Sanktionen
gegen die betroffenen Soldaten ab, welche freilich auf eine
Fortsetzung ihrer Karriere in der Armee verzichten mussten.
Ob die Motivation von der Marwitz` allein einer Sorge um
die Verletzung von Kriegsgebräuchen und Soldatenehre
entsprang, oder auch dem elitären Standesdünkel eines
Offiziers der prestigeträchtigen Gens d´armes, lässt sich
nicht abschließend beurteilen. Doch sicherlich hat gemäß der
368
Leutnantsbuch
Überlieferung
von
der
Marwitz
mit
seiner
Befehlsverweigerung negative Konsequenzen bewusst in
Kauf genommen, und somit persönliche Überzeugungen
über Gehorsam und Karriere gestellt.
Johann Friedrich Adolph von der Marwitz reiht sich damit in
eine lange Reihe prominenter preußisch-deutscher Offiziere
ein, die in Extremsituationen von gegebenen Befehlen
abwichen oder diese verweigerten, da deren Ausführung
ihnen unmöglich oder unmoralisch erschien. Baudissin hat
diese Traditionslinie einmal als „Frondeure [Widerständige]
aus Gewissenszwang“ bezeichnet. Dazu rechnete er
historische Persönlichkeiten wie Prinz Friedrich von HessenHomburg (1633-1708), der in der Schlacht von Fehrbellin
1675 eigenmächtig und voreilig angegriffen – und dadurch
die Schlacht gewonnen habe oder General Ludwig Graf
Yorck von Wartenburg (1759-1830), der durch den
Abschluss der Konvention von Tauroggen 1812 den
Grundstein für die Befreiung Preußens von der
Napoleonischen Fremdherrschaft legte. Und auch der
militärische Widerstand gegen Hitler im Dritten Reich lässt
sich in diesen Zusammenhang einordnen. Der
widerspruchlose
Gehorsam
großer
Teile
der
Wehrmachtsgeneralität und die Hinnahme verbrecherischer
Befehle stellten für die aktiv handelnden Offiziere des 20.
Juli 1944 um Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Friedrich
Olbricht und Henning von Tresckow einen eklatanten Bruch
mit den preußischen Traditionen, bei denen die
Verantwortung vor Gott und dem Gewissen immer höher als
die Gehorsamspflicht gestanden hatte, dar.
Die Begriffe Befehl und Gehorsam – das lehrt die
Militärgeschichte der vergangenen dreihundert Jahre –
lassen sich also nicht allein juristisch fassen, sondern
369
Leutnantsbuch
unterliegen immer auch sittlichen Maßstäben. Das Offizierkorps in den deutschen Heeren der Vergangenheit hat sich
stets ein gewisses Maß an Unabhängigkeit bewahrt. Der willenlose, total funktionierende Erfüllungsgehilfe war nie das
Idealbild des deutschen Offiziers. Nur so konnte sich aus
dieser Haltung heraus auch jene Auftragstaktik entwickeln,
deren wichtigste Säule der loyale, treue und mitdenkende
Offizier ist.
Johann Friedrich Adolph von der Marwitz
und andere, die es ihm gleich getan haben, sind somit für das
Traditionsverständnis unserer Streitkräfte unverzichtbar und
eine wichtige Quelle der Selbsterkenntnis, denn sie
verweisen
auf
die ethischen
Dimensionen
des
Offizierberufes.
370
Leutnantsbuch
Name
Vorname
Abdulzahra
Ackermann
Anger
Asche
Babernits
Batochir
Bauer
Bauer
Becker
Beie
Bender
Bergerhoff
Bernhardt
Bickel
Biedermann
Birnbaum
Blum
Blum
Bochert
Böhnen
Bolgow
Borgmann
Bornschlegl
Brandt
Hussein Ali
Sven
Marwin
Philipp
Maximilian
Galbadrakh
Anna
Maximilian Torben
Andreas
Timo
Philipp Klaus
Pascal Jael
Johnny
Daniela
Sarah
André Bernd
Niklas Rolf
Sascha Alexander
Kevin
Benedikt
Tatjana
Dominic
Oliver
Dennis Dieter
371
Leutnantsbuch
Bräu
Braun
Burkhardt
Carl
Couzinet
de Andrade Lima Thomas
Dierking
Domago
Ecker
Eder
Eichhorn
Eickmann
Faizi
Fasulo
Fieber
Fischer
Freund
Friedrich
Fröhlich
Fröhlich
Frohnmaier
Fuchs
Galstyan
Gantumur
Gernandt
Geurts-Fast
Giglemiani
Grimmeißen
Gügel
Gunesch
Habermehl
Harutyunyan
Häußer
Heilmann
Nico
Ken Lucas
Jenny
Maximilian
Marlon Jean Michel
Daniel
Lutz
Sylvestre
Christian
Annika Maria
Nicolas
Sebastian
Zaker Hussain
Fabio
Sebastian
Linus
Lukas
Max Louis
Gregor Michael
Maximilian
Urs
Sebastian Paul
Volodya
Ankhbayar
Marc
Daniel Gerd
Iuri
Andreas
Frederik
Alfred-Wilhelm
Marvin
Harut
Anton
Moritz
372
Leutnantsbuch
Heinemann
Hellmann
Hellmanns
Henke
Herold
Heurung
Himat
Hinke
Hofmann
Hofmann
Hohn
Holz
Hoppe
Horner
Imbery
Jackisch
Jacksch
Jiamruen
Jürgen
Kabitschke
Kammleiter
Kersten
Kirch
Klee
Kliem
Klipfel
Klügel
Kohl
Kolesnitschenko
Koriath
Krangemann
Kremer
Kroll
Gerrit Roland
Wiebke
Maximilians
Fabian
Nanette
Bartho
Zahir-Shah
Daniel
Adrian Andreas
Lena
Louis
Steffen
Tobias
Lukas
Max
Max
Niklas Maximilian
Nuttapol
Pascal
Daniel Johann
Benedikt Joshua
Simon Alexander
Benedikt
Patrick Michael
Pierre
Thomas
Sebastian
Sascha
Alexander
Jacqueline
Julian Jürgen
Felix
Mads
373
Leutnantsbuch
Krueger
Kühnel
Lackermeier
Lambert
Lambertz
Lang
Langeneck
Laumert
Leber
Lemesko
Lohmann
Ludwig
Malchar
Manke
Markalous
März
Mathes
Mehn
Meier
Methling
Meyer
Michaely
Mühle
Müller
Müller
Müller
Müller
Nelhübel
Neumann
Nies
Niggl
Ortmanns
Ostendorff
Paech
Fabian
Bastian
Franziska
Patrick
Lisa
Dominik Pascal
Karl Stefan
Fabian
Felix Alexander
Artemi
Christian Daniel
Jessica
André
Niklas Marius
Michel
Florian
Mike Marco
Michael Christian
Lucas
Marvin
Benedikt Florian Udo
Andreas
Alexej Maximilian
Bastian
Michael
Patrick
Steven Horst
Tim
Andre
Christopher
Stefan Alexander
Samuel
Simon Jens Ali
Christian Maria
374
Leutnantsbuch
Pena Vergara
Pinnekamp
Pohl
Poschadel
Priegnitz
Rabel
Reyes Chavez
Rhein
Riedl
Ritz
Roß
Sawelew
Schäfer
Schäfer
Schick
Schlöder
Schmelzer
Schmidt
Schmidt
Schmidt
Schneider
Schneider
Schnorrbusch
Seel
Seiler
Siegert
Sontopski
Spangenberg
Springer
Staisch
Statt
Staudinger
Steglich
Emilio
Niko
Andre
Felix Gregor
Paul
Stefan
Osmani
Roman
Kevin Christopher
Christoph David
David
Dimitri
David Rozen
Erik
Daniel Rolf
Manuel
Nico
Florian
Marvin
Noel Patricio
Marcel Franz
Waldemar
Matthias
Jeremy Dominick
Patrick
Christian Anton
André
Lukas
Josef Rudolf
Dennis
Sebastian
Patrick
Nick Michael
375
Leutnantsbuch
Steinbauer
Stingl
Störger
Strauch
Streitwieser
Tille-Reineke
Tittelbach-Helmrich
Trutschler
Unkelbach
Valentin
van Balen
Veit
Veitenhansl
Vogel
Voigt
Volkert
Wallbraun
Wardenga
Weimer
Werner
Widera
Widmann
Wiskirchen
Wolff
Wulschner
Yaldiz
Zengerle
Zörner
Renzel
Alisch
Anbuhl
Arndt
Bäcker
Balzer
Lukas
Philipp
Pascal
Carolin
Maximilian Tobias
Frederik
Josua Mark
Nicolas Felix
Lars
Carlotta
Gianni Arrigo
Patrick
Annika Karolin
Maximilian Titus
Justus
David Georg
Thomas Stephan
Sandra Manuela
Johannes
Viktor
Kevin Dennis
Mario
Miriam Annegret
Frederik Thomas
Kevin
Mazlum
Adrian Thomas
Martin
Julian
Robert Hugo
Christiane
Thomas
Nico
Nadine
376
Leutnantsbuch
Barndt
Barth
Baulig
Bausenwein
Beckerling
Bernhard
Beyer
Birkel
Bitter
Böhmel
Brill
Brückner
Brümmer
Brunner
Brunnmüller
Buchner
Carstensen
Charitonov
Christ
Conrad
Czinczoll
de Veer
Ditzel
Dohn
Dorn
Dresen
Dreyer
Elsen
Erhardt
Ermark
Flegel
Froese
Fromm
Christian
Lucas Artin
Kris
Maximilian
Robert
Denise
Felix
Joachim
Mark Niklas
Tom
Franziska
Moritz
Steffen
Korbinian
Julian
Maximilian
Guido
Rostislav
Tobias
Franz
Patrick
Patrick Panuphol
Julian
Matthias
Daniel
Christian
Pascal
Maximilian Heinrich Cornelius
Sebastian Harald Peter
Leon Phillipp
Felix
Fabian Jürgen
Dennis
377
Leutnantsbuch
Fuge
Gareus
Gereke
Gerzen
Gindorff
Glässner
Gradl
Graser
Gregori
Grimm
Grunwald
Hafemann
Hahn
Hanfland
Hausmann
Hennek
Hensel
Hettich
Hildebrandt
Hilgert
Hilkenmeyer
Hilz
Hoin
Horras
Hösel
Hossaini
Huber
Hübner
Jakobi
Jankowitsch
Jaudt
Juhre
Julius
Jung
Pascal
Marc
Felix
Slawa Jan
Moritz
Tobias
Florian Ralph
Tobias
Christoph Franz
Hans Christian Anton
Philipp Manfred Heinz
Martin
Marcel
Alexander
Lino
Björn
Julius
Sascha Alexander
Manuel
Evi Magdalena
Sina
Sebastian Johann Thomas
Marc
Carsten
Richard
Sulaiman
Ferdinand
Marc
Dominik
Lukas
Christoph
Reinhard
Christian
Andreas Rüdiger
378
Leutnantsbuch
Kaskir
Kemmler
Kern
Kiebler
Kiesewetter
Kissinger
Klier
Köhn
Koschewski
Kranz
Kratzenstein
Kuntze
Kur
Landsteiner
Latsch
Lehmann
Lenk
Lenzen
Löffler
Löhr
Luft
Machnik
Malcharzyk
Matuszczyk
Maur
May
Meier
Meili
Meiß
Meister
Meltschack
Menke
Menne
Onur Alp
Nick
Patrick Klaus
Steffen
Freya
Melina
Marlon
Christian Kurt
Bejamin
Michael
Jan
Philipp
Marcel Alexander
Lukas Walter Nikolaus
Tobias Jan
Jan
Vladimir
Jan Lukas
Timo
Wilhelm Lukas Otto
Alexander Tobias
Oliver
Maurice
Alexander
Julius Anton
Jan
Dave
Philip
Pascal
Christoph
Max Felix
Maximilian Heinrich Peter
Marc
379
Leutnantsbuch
Merkel
Meyer
Meyer
Michalak
Möcker
Möller
Möller
Molt
Monsees
Mügge
Müller
Müller
Nagel
Nickel
Notter
Oehme Rasgado
Olejniczak
Orth
Paczkowski
Panaye
Passarelli
Pesold
Peter-Höner
Pleyer
Plum
Pohlen
Polis
Radecki
Raic
Raiß
Reimert
Richter
Riedel
Riemer
Philipp
Marcel Oliver
Patrick
Kamil Michal
David
Enrico Alexander
Julia
Marcel
Niklas
Lucas
David Steffen
Lukas Johannes
Yannick Jürgen
Virginia
Luis Leon
Rafael Richard
Nikita Nils
Felix Friedrich
David Paul
Phillipp
Sandro
Markus Andreas
Simon Richard
Severin, Gregorius
Andre
Lea
Manuel
Emanuel
Anton Grzegorz
Alexander
Matthias
Florian
Felix
Frank
380
Leutnantsbuch
Ringer
Ringwald
Rinke
Ritter
Rolle
Roßkopf
Rößler
Roters
Ruppel
Sauer
Sauerborn
Schäfer
Scheiwe
Schmiedek
Schmiederer
Schneider
Schneider
Schulz
Schumann
Schwalm
Seifarth
Seitz
Speth
Spindler
Stahl
Stamm
Steffen
Stephan
Steudel
Stoewer
Theismann
Tillessen
Treib
Hans Constantin
Philipp
Simon Georg Martin
Andre
Martin
Michael
Felix Werner
Marcel
Ivan
Sabine
Martin
Florian
Elisabeth Eva Sophia
Melissa
Vera
Lukas Benjamin
Michel
Dominik
Steve
James
Peter
JonTom
Sven
Jonathan
Florian
Marcel
Dana Chantal
Alexander
Theresia Lydia
Julia Christin
Sebastian Johann Henrik
Lukas
Tim
381
Leutnantsbuch
Vaupel
Wagner
Wagner
Wahlig
Wahrenlant
Waldner
Wali-Mohammadi
Walle
Wappner
Weber
Weber
Wehner
Wiesbeck
Wilczak
Wild
Wolfram
Zipfel
Oswald
Hengst
Bartkowski
Strauß
Hufeland
Alber
Arnold
Barthel
Baselt
Becher
Beier
Biesenberger
Birkenstock
Blasi
Brodersen
Brommer
Bühnemann
Niklas
Kevin
Maximilian Hermann Joseph
Marcus
Heinrich
Christian
Arian
Sven
Patrik Roland
Dennis
Jan
Manuel
Johannes
Cezary Waldemar
Michael
Tim
Moritz
Marika Klara Sophie
Janine
Fabian
Tobias
Florian
Manuel Matthias
Christian
Sabrina
Sebastian
Dominik
Robert
Daniel
René
Sebastian
Malte Dirk Alistair
Patrick
Steven
382
Leutnantsbuch
Büscher
Carsten
de Buhr
Deboy
Degen
Dröscher
Edelmann
Elvers
Erlat
Euler
Fohrst
Frangart
Friederich
Gerber
Göbel
Goethe
Gottschalk
Gracic
Grätz
Griensteidl
Gumper
Günther
Haase
Hamburger
Haschenz
Hauk
Heil
Heimann
Hein
Heinrich
Heißner
Henl
Hennevogel
Norman
Dennis Kurt
Christine Michelle
Marcel Michael
Dennis
Rony
Dominik
Tim
Bernd
Martin
Matthis
Alexander
Michael
Peter
Dennis
Maximilian
Markus
Jasmina
Michael
Paul
Nicolo
Steve
Alexander
Tobias
Richard
Fabian
Adrian
Philipp
Holger Johannes
Sven
Lisa
Jennifer
Alexander
383
Leutnantsbuch
Hertenstein
Holzmann
Hopp
Hundt
Kahle
Kamran
Karimy
Karl
Kaspar
Kazmierczak
Khabazishvili
Killing
Kim
Kinnaree
Kirschen
Klama
Kluge
Krämer
Kramheller
Kriegler
Kujawa
Kunkler
Lang
Lang
Leukel
Linn
Lorbach
Luvsanpurev
Meiler
Meischke
Metzger
Meyer
Mezger
Mika
Jennifer Hellen
Matthias
Sebastian Matthias
Daniel
Tanja
Rahmatullah
Obaidullah
Tim
Julian
Philipp
Zviad
Marthe Theresa
Hyon Gyo
Prachya
Anne
Jennifer
Tobias
Erik
Susanne
Tom
Mark Gerhard
Michel
André Daniel
Florian
Jonas
Lorena
Lukas Josef Klaus
Purevsuren
Stefan
Dennis Klaus
Richard
Benjamin
Tobias Felix
Stanislaus Raimund
384
Leutnantsbuch
Missal
Muhl
Müller
Mustaq
Naas
Naschitzki
Okutucu
Ortschig
Piera
Pochert
Preugschat
Pröll
Räcker
Rahimy
Raszkowski
Rauch
Reimann
Rennert
Rether
Richter
Rouamba
Rübben
Sachße
Scheu
Schian
Schlagenhaufer
Schlenker
Schmidt
Schmitt
Schnur
Schönfelder
Schulze
Schütz
Christian Wolfgang
Daniel
Norman Alexandre
Yunus
Alexander
Chris Leo
Mert
Jakob
Erik
Danilo
Rico
Stephan Erwin
Sebastian
Aynullah
Stephan
Julian
Andreas
Manuel
Harald
Maximilian
Arséne
Gerald
Lukas-Laurin Ulrich
Manuel Mathias
David
Martin Manfred
Oliver
Johannes
Tina
Volker
Kevin Peter
Nick
Andreas
385
Leutnantsbuch
Schütz
Schwoll
Silberbauer
Sittl
Sommerrock
Steiger
Steinmetz
Tanis
Taubald
Thiedmann
Tiikkainen
Trautner
Ullrich
Urban
Vogel
Vollerigh
von Stetten
Weingärtner
Wendt
Wendt
Wilbald
Wildmoser
Woitalla
Wolfskeil
Wooßmann
Wörner
Zänglein
Zazay
Zunker
Zweifel
Marc Hermann
Maria
Elisabeth Andrea
Tobias Alfons Richard
Philipp
Philipp Marius
Niklas
Benjamin Johann
Florian
Robin Henrik
Severi Adrian
Alexander
Max-Florian
Johannes Andreas
Alexander
Leon
Moritz
Philipp
Franziska
Jörg Thorsten
Julia
Sebastian
Florian Martin
Dominik
Kai
Clemens Nikolas
Hannes
Asif
Julian
Julia
386
Leutnantsbuch
Name
Vorname
Achtelik
Albrecht
Albrecht
Altenburg
Amse
Anacker
Anagreh
Arens
Arnold
Arnold
Asche
Ast
Auler
Auschill
Aygördü
Bäcker
Bahit
Baron von der Osten
genannt Sacken
Bartels
Bartels
Barth
Bauerfeind
Baumert
Piotr
Sarah
Janine
Markus
Tobias
Jamie Jasmin
Annas
Jan
Peter
Laura
Jan
Vivien
Normen Wolfgang
Laura
Can
Daniel
Hayat-Alessandra Naada
Maximilian Theodor
Tim
Marvin
Justin
Rouven
Hermann
387
Leutnantsbuch
Beck
Becker
Behrendt
Beie
Ben Aissa
Berghaus
Bergmann
Bertrams
Beynio
Blank
Blankenburg
Block
Blume
Bock
Boldt
Bolduan
Bölk
Bösel
Bräsen
Brödner
Bruhn
Bruns
Bruns
Büsselmann
Buttcher
Casciani
Charif
Cieslak
Cirone
Colditz
Colditz
Compere
Dahlhaus
Dähne
Sara-Christin
Valentin
Benjamin
Hagen
Ines
Hans Christian Alexander
Kai-Markus
Andre
Tobias Michael
Alexander
Anna Maria
Lennart
Nicolas
Felix
Lars
Simon
Ricardo
Nico Ronald
Philipp
Marcus
Nils
Florian
Maximilian Bernhard Josef
Kevin
Dennis
Andre Stefan Marco
Miriam Johanna
Jakub
Luca
Pascal
Toni Jürgen
Vincent
Philipp Maurice
Klaus Rene
388
Leutnantsbuch
Dalichau
Dammann
Daniels
Darmofal
de Vries
Debye
Deorocki
Deppner
Deutsch
Diehl
Dietrich
Dinges
Dissars
Dittmer
Doktor
Dorkewitz
Dreilich
Drews
Drießen
Dujardin
Düngefeld
Durozey
Ebbing
Eccarius
Eisermann
Elbourne
Ellinger
Engelskirchen
Esser
Fabeck
Feige
Feist
Feist
Daniel
Lea
Manuel Alexander
Kevin
Jan-Hendrik
Simon Alexander
Lennart
Alexander
Lars Justus
Jonas
Fabian Till
Maximilian
Benedikt Lucas
Ann-Cathrin
Kai Andreas
Jörn
Christine
Dennis
Vincent Lothar Wolff-Hasso
Philippe
Marcel
Julien
Lucas
Lennard
Kevin
Christopher
Darius
Lukas
René
Sören
Sven
Jonas
Christopher
389
Leutnantsbuch
Fessel
Fischer
Fischer
Flassig
Flechtner
Fliege
Förster
Frankrone
Freese
Freiherr von Bodenhausen
Friedrich
Friese
Fuhsy
Gabler
Galle
Gassner
Gatermann
Gebelein
Gebhardt
Gehrmann
Geisensetter
Germershausen
Gerstenlauer
Giebel
Gieczinski
Gierschek
Gillmann
Glathe
Glißmann
Gödden
Gojny
Gök
Gooßen
Gorniak
Kevin
Patrick Bernd
Patrick
Timo
Eric
Philipp
Tom
Felix
Hendrik
Bodo Jacob
Michel
Marcus
Marco Sylvester
Raphael Siegfried
Torsten
Dominik
Sophia
Alexander
Tim-Dennis
Paul Pascal
Björn
Luis Martin Lorenz
Eugen
Nina
Niklas Bernhard Hans
Rene
Dennis
Gregor
Lukas Max
Tobias
David Adrian
Sema
Thorben
Jean-Pierre
390
Leutnantsbuch
Gotthardt
Gotthardt
Groll
Grüneberg
Gueret
Gutbier
Habedank
Haffer
Hafner
Hagenhoff
Hahn
Hahn
Halama
Hallmann
Hanschmann
Hanßen
Harders
Harmel
Härtel
Hartmann
Haß-Heinrich
Hauck
Haupt
Hausen
Hayduk
Hecht
Heeger
Heftrich
Heiderich
Hellwege
Helmhold
Henneboh
Hennek
Fabian
Tim
Florian
Nicolai
Sophie
Tim Lars Matthias
Mario André
Madeleine
Sebastian
Dennis Peter
Paul
Frederik
Jan Christopher
Martin Philip
Sven
Hendrik
Dustin
Florian-Arne
Eric
Oliver Jürgen
Laura
Daniel Mario
Tobias
Marcus
Oskar
Felix
Dennis
David Luca Leon
Mark
Ansgar
Felix
Sophie
Daniel
391
Leutnantsbuch
Hentschel
Herms
Herrmann-Leblanc
Heymann
Hichert
Hilbert
Hillesheim
Hinzmann
Hofer
Höhn
Höhne
Hönicke
Hoppelshäuser
Hornbostel
Hörnlein
Houbertz
Hüpenbecker
Iburg
Jähne
Jannott
Janßen
Jegust
Jetten
Jürgens
Jürgensen
Kahren
Kaijser
Kallabis
Kallas
Kampe
Kappe
Keppke
Keppler
Kern
Benedikt Jonas
Florian
Michael
Toni Christoph
Patrick
Tobias
Joshua
Marc-André
Lukas Johannes
Marco
Marco
Wiebke Maria Jasmina
Sven
Timm Oliver
Felix
Lukas
Per Ake Folke
Tim
Domenic Pascal
Felix
Rahel
Benedict
Lukas Markus
Marec
Nick
Mate
Sebastian Waldemar
Maximilian
René
Philipp
Mario
Daniel
Lutz
Patrick Simon
392
Leutnantsbuch
Kiel
Kieselbach
Kirchhoff-Mathenia
Kirchner
Klaus
Klenovits
Klink
Klisch
Klitsch
Kloss
Klüber
Kluck
Knetsch
Kobza
Kocakaya
Koch
Koch
Köhler
Köhler
Köhler
Kolodzeiski
Koop
Koppitz
Korb
Korf
Kortus
Koschnitzki
Krabbenhöft
Krause
Krause
Kregel
Kremer
Krempin
Nelli
Marcus
Maximillian
Alexander
Alexander
Daniela
Nico
Sebastian
Oliver
Patrick
Annika
Felix
Maiken
Finn
Ann
Aaron Matthias
Christopher
Christoph Wolf
Alfred
Nick
Sven Max
Christin
Sebastian
Robin
Valentin
Isabel
Daniel
Kai-Curtis
Maximilian
Nickelas
Marvin
Maryna
Robin
393
Leutnantsbuch
Kreutzer
Kreye
Kröger
Krone
Krüger
Krüger
Kubatz
Kubis
Kuchenmeister
Kudla
Kühn
Kuhnigk
Kuntz
Kunz
Küpper
Lahnert
Lake
Laritzki
Last
Lätsch
Lattmann
Lau
Le
Lechelt
Lehmann
Levin
Liedtke
Lindemeier
Lindner
Linke
Linz
Lipka
Loges
Lohf
Marina
Merle
Florian Pierre
Yves
Charline Chiara
Martin Paul
Tobias-Maximilian
Andre Horst Günter
Benedict
Benjamin
Philipp
Fabian
Alexander
Christoph
Lucas Simon
Leonard
Christopher Dominik
Daria
Jessica
Nils Alexander
Heiko
Philipp
Trong Anh
Norman
Fabian
Katerina
Brian Bernd
Tobias Henrik
Christopher
Lennart Malte
Lukas Georg+I453
Patrick
Marian
Daniel
394
Leutnantsbuch
Lohmann
Lorenzen
Lorenzen
Lübke
Lumma
Macht
Mai
Maier
Makagon
Maksimenko
Manig
Mans
Manthey
Marchand
Marciniak
Mark
Masdorf
Matusov
Meinköhn
Meins
Mertens
Meusel
Michalides
Mischke
Modrow
Mohtaschemi
Moll
Monien
Morad
Morthorst
Müller
Müller
Müller
Domenic Thomas
Harry-Lee
Lars
Leonhard Julius
Jan-Ralf
Alexander Nikolai
Maximilian
Robin
Clemens
Michael
Eric
Jan Philipp
Keven
Jerome
Paul
Lisa Christine
Vivian Vanessa
Stanislav
Jos
Philipp
Tim
Werner
Marvin
Lukas
Niklas
Benjamin Iradj Walter
Andreas
René
Dani
Jan
Stefan
Matthias
Lukas Michael
395
Leutnantsbuch
Müller
Mushfiq
Musial
Mußmann
Nebe
Netzker
Neu
Neubert
Neufeldt
Nickel
Nienaber
Nitzsche
Nyary-Norman
Obladen
Ogrisek
Osmers
Ossarek
Östreich
Ott
Oude Hengel
Paczelt
Pankoke
Parnow
Paszkiewicz
Patschke
Paul
Pawelczyk
Pawletzki
Peckmann
Peinke
Pelzer
Perlt
Petersen
Peuker
René
Masih
Jakub
Steven
Kevin
Florian
Nico
Christian
Dennis Florian
Christian
Christian
Christop Alexander
Melchior Wolfgang Theodor
Björn Carsten
Florian
Julian
Metin
Jean-Pascal Laurent
Max
Philipp
Julian
Marcel
Steven Pascal Erich
Oliver
Sven
Bastian
Ronnie
Vanessa
Nina
Dennis
Carsten
Peter
Martin Alexander
Niklas Andreas
396
Leutnantsbuch
Pfenning
Philipp
Pichol
Pieper
Pink
Pinnell
Plicht
Powalowski
Prädel
Prange
Priebe
Priemer
Prüller
Pulver
Quast
Rabe
Rachau
Rahe
Reble
Recker
Rehme
Reichelt
Reineke
Reininger
Reinke
Rekittke
Repenning
Reuschel
Ricke
Rieger
Ringkamp
Ritzke
Roer
Simon Robert
Jan
Jonas Max
Daniel
Vanessa
Fionn Tristan
Jeremias
Paul
Bastian
Kai Uwe
Niklas
Carl Christoph
Maximilian
Marco Dominik
Eckehard
Bastian
Sven Nikolai Dieter
André
Stephan
Fabian
Marvin
Tristan Alexander
Tim
Robin
Marcel
Martin
Gerrit Bernhard
Christopher
Matthias
Martin Tobias
Nils
Marcel
Brian Christopher
397
Leutnantsbuch
Röper
Rose
Rosenkranz
Roslak
Roß
Roth
Rückwardt
Rusch
Sauer
Sauer
Sauerwein
Scaruppe
Schack
Schäfers
Scheller
Schenck
Schiek
Schippereit
Schloddarick
Schlumberger
Schlüter
Schmid
Schmidt
Schmidt
Schmidt
Schmidt
Schmiege
Schmitz
Schneer
Scholt
Scholz
Scholz
Scholz
Schönhals
Tristan
Patrick
Daniel
Max
Kevin Marcel Marko
Andreas
Sönke
Julian
Rocky
Gerrit Rene
Thomas
Ole Christian
Sebastian
Niko
Patrick
Claudia-Marietta
Eike Rainer
Tony
Tim
Ingo
Malte
Pascal
Wolfgang Günter
Matthias
Christopher
Laurenz
Steve
Nick
Patrick Julian Pascal
Marvin
Frederik
Lars Olaf
Alexander
David John Benedict
398
Leutnantsbuch
Schophoven
Schratz
Schröder
Schröder
Schroer
Schulz
Schulz
Schulz
Schulz
Schulz
Schwarz
Schwarze
Senke
Siemsen
Siemund
Siering
Skähr
Smal
Sobieski
Sölch
Sonntag
Spanier
Spiewack
Stapelfeld
Stefer
Steinborn
Stödter
Stoilov
Strohwig
Strubenhoff
Stümmel
Stutenz
Suder
Lars
Julian
Jana-Carina
Kai Adrian
Dennis
Tina
Christoph Reiner Gerhard
Hannes
Robert
Maximilian
Alexander
Diana Maria
Jan
Jan Christoph Alexander
Fredrik Jan Roger
Florian
Paul
Wladislaw
Finn-Bastian
Friedrich-Franz
Martin
Florian
Maximilian
Benjamin
Marius
Janina
Achim
Atanas Angelov
Meik
Marcel
Manjana
David
Tim Horst
399
Leutnantsbuch
Sundarp
Syska
Szarko
Szews
Tandetzke
Taube
Tautorat
Teeke
Telke
Temmesfeld
Tenter
Thees
Theis
Thewes
Thomas
Thomas
Thun
Tiemann
Tintor
Topolski
Trenz
Triebsch
Tröder
Tüffers
Turunc
Twiehaus
Unterbrink
Vahland
Valz-Brenta
van de Meulenreek
Vanderliek
Vofrei
Vogt
Vogt
Lukas
Nicolai
Patrycja
Maik
Kjell
Fabian
Malte
Annika
Amy
Johannes Christian
Marvin
Conny Julian Herbert
Dominik
Adrian
David
Patrick
Melvin
Dominic
Tomas
Fabian
Kristina
Marven
Stefan
Kevin
Mete Han
Tim
Jan
Jessica
Dante Pascal
Alina
Kai
Philipp
Michelle Sabrina
Marius
400
Leutnantsbuch
Völkening
Völlmecke
von Aderkas
von der Brelie
von Diest
von Hohnhorst
von Kempis
von Pachelbel-Gehag
von Stetten
Vörding
Vorwerk
Vossfeldt
Wahle
Walbroel
Waldmann
Warnecke
Weber
Wegener
Wegner
Wegner
Wehe
Wehner
Weide
Weidling
Weigert
Weinhart
Weise
Weißenfeld
Wellensiek
Welte
Wente
Wenzel
Weßelbaum
Alexander
Tim
Mauritz Johannes Carl
Erik
Caspar
Constantin Felix
Clemens Ferdinand Albrecht
Justus Georg Wolfgang
Philipp Paul Carl
Hendrik
Lukas
Michael Sascha
Thomas
Florian
Christian
Jan-Niklas
Tom
Adrian
Sebastian
Robin Hans Michel
Kevin
Robin
Jonas Tim Florian
Philip Tobias
Sören
Maximilian
Armin
Benjamin
Felix Wolfgang
David Alfred
Dominik Achim
Philipp Wilfried Matthias
Alexander
401
Leutnantsbuch
Wichmann
Wiegel
Wilde
Willma
Winiker
Winkhoff
Winkler
Winner
Wisch
Wissel
Wöltje
Worbis
Worch
Wottke
Wroblewski
Wulf
Wulff
Wurdinger
Wurf
Wuttke
Wypchol
Zachries
Zeißig
Zeleznakov
Zerbe
Zessin
Ziegler
Zielinsky
Zilius
Zöllner
Christian
Andre Alexander
Vito Boris Michael
Philipp Joshua
Colin Michael
Julian
Ric
Alexander
Daniel
Eric
Marvin
Ferdinand
Alexander Karl
Dario
Hendrik
Marvin
Lasse
Marie-Luise
Martin
Manuel Richard
Michael
Julius Konstantin
Max
Aleksej
Stefan
Nils
Björn Ake Norbert
Marvin Friedhelm
Jan-Bennet
Philip
402
Leutnantsbuch
Wo finde ich mehr?
Die grundlegenden Dokumente für den Dienst in der
Bundeswehr müssen von jedem Offizieranwärter gekannt
werden. Dazu zählen vor allem das „Weißbuch 2006 zur
Sicherheitspolitik Deutschlands und zur Zukunft der
Bundeswehr“ sowie die Zentrale Dienstvorschrift 10/1 (vom
28.01.2008) „Innere Führung“.
Das Weißbuch erläutert die Sicherheitspolitik Deutschlands
in ihren strategischen Rahmenbedingungen und in ihren
Werten, Interessen und Zielen.
Die ZDv 10/1 legt die Konzeption der Inneren Führung fest.
Als grundlegende Vorschrift für den Dienst in der
Bundeswehr bietet sie eine werteorientierte und praxisnahe
Anleitung für erfolgreiches Führen.
Die Vorschriftenstellen, Truppen- und Stabsbüchereien
sowie die Bibliotheken an den Bildungseinrichtungen der
Bundeswehr führen oft sehr reichhaltige Bestände an
Fachliteratur, nicht nur zu militärspezifischen Themen.
Informieren Sie sich auch über deren Neuanschaffungen.
Die folgenden Empfehlungen zum Weiterlesen sind nach
einigen zentralen Themenbereichen geordnet, die in enger
Beziehung zu wesentlichen Aussagen dieses Buches stehen.
Dabei wurden aus der Fülle der vorhandenen Literatur nur
Buchtitel zur Vertiefung der Thematik ausgewählt, die als
Standardwerke gelten, sich einer guten Lesbarkeit erfreuen
und im Regelfall erschwinglich sind. Einige Titel sind leider
nur noch über Bibliotheksausleihe oder antiquarisch
erhältlich. Lassen Sie sich von den genannten Büchern
ansprechen. Sie bilden eine wertvolle, kleine Handbibliothek
für die Stunden der Bildung und Betrachtung.
403
Leutnantsbuch
Philosophie
Kunzmann, P./Burkard, F.-P./Wiedmann, F./Weiß, A.:
dtv-Atlas zur Philosophie.
Schischkoff, G. (Hrsg.): Philosophisches Wörterbuch.
Weischedel, W.: Die philosophische Hintertreppe. Die
großen Philosophen in Alltag und Denken.
Ethik und Lebensführung
De officio. Zu den ethischen Herausforderungen des
Offizierberufs. (Hrsg. im Auftrag des Evangelischen
Militärbischofs vom Evangelischen Kirchenamt für die
Bundeswehr).
Knigge, A. Freiherr von: Über den Umgang mit Menschen.
Pieper, J.: Das Viergespann. Klugheit, Gerechtigkeit,
Tapferkeit, Maß.
Innere Führung
Reeb, H.-J./Többicke: Lexikon Innere Führung.
Hartmann, U.: Innere Führung. Erfolge und Defizite der
Führungsphilosophie für die Bundeswehr.
Schlaffer, R./Schmidt, W. (Hrsg.): Wolf Graf von
Baudissin 1907 – 1993. Modernisierer zwischen totalitärer Herrschaft und freiheitlicher Ordnung.
404
Leutnantsbuch
Führungskompetenz
Oetting, D. W.: Auftragstaktik.
Oetting, D. W.: Motivation und Gefechtswert. Vom Verhalten des Soldaten im Kriege.
Spannagel, P.: Von Friedrich II zu Graf Wolf von
Baudissin: Betrachtungen der Leitbilder deutscher Offiziere und Ausbilder.
Sicherheitspolitik
Bundesakademie für Sicherheitspolitik (Hrsg.): Sicherheitspolitik in neuen Dimensionen. Kompendium zum
erweiterten Sicherheitsbegriff.
Meyer, E.-Ch./Nelte, K.-M./Schäfer, H.-U.: Wörterbuch
zur Sicherheitspolitik. Deutschland in einem veränderten
internationalen Umfeld.
Münkler, H.: Wandel des Krieges. Von der Symmetrie
zur Asymmetrie.
Tradition und militärisches Brauchtum
Abenheim, D.: Bundeswehr und Tradition. Die Suche
nach dem gültigen Erbe des deutschen Soldaten.
de Libero, L.: Tradition in Zeiten der Transformation.
Zum Traditionsverständnis der Bundeswehr im frühen
21. Jahrhundert.
405
Leutnantsbuch
Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.): Symbole
und Zeremoniell in deutschen Streitkräften vom 18. bis
zum 20. Jahrhundert.
Transfeldt, W., Stein, H.-P. (Hrsg.): Wort und Brauch in
Heer und Flotte.
Militärgeschichte
Bremm, K.-J./Mack, H.-H./Rink, M. (Hrsg.):
Entschieden für Frieden. 50 Jahre Bundeswehr.
Keegan, J.: Das Antlitz des Krieges.
Fiedler, S./Ortenburg, G.: Taktik und Strategie, Waffen.
Von den Landsknechten bis zu den Millionenheeren. 10
Bände.
Hammerich, H./Schlaffer, R. (Hrsg.): Militärische
Aufbaugeneration
der
Bundeswehr
1955-1970.
Ausgewählte Biographien.
Hammerich, H./Kollmer, D./Rink, M./Schlaffer, R.: Das
Heer 1955-1972. Konzeption, Organisation, Aufstellung.
Heuser, B.: Clausewitz lesen. Eine Einführung.
Huck, S.: Geschichte der Freiheitskriege. Begleitbuch
mit CD-ROM.
Luckszat, J.: Die Reichseinigungskriege. Begleitbuch
mit CD-ROM.
406
Leutnantsbuch
Militärgeschichtliches
Forschungsamt
(Hrsg.):
Grundkurs deutsche Militärgeschichte. 3 Bände und 1
DVD.
Müller, R.-D./Volkmann,
Mythos und Realität.
H.-E.:
Die
Wehrmacht.
Schieder, Th.: Friedrich der Große.
Frieser, K.-H.: Blitzkrieg-Legende. Der Westfeldzug
1940.
Widerstand
Benz, W./Pehle,
Widerstandes.
W.-H.:
Lexikon
des
deutschen
Hosenfeld, W.: Ich versuche jeden zu retten. Das Leben
eines deutschen Offiziers in Briefen und Tagebüchern.
Klemperer, K./Syring, E./Zitelmann, R. (Hrsg.): „Für
Deutschland“. Die Männer des 20. Juli.
van Roon, G.: Widerstand im Dritten Reich. Ein
Überblick.
Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.): Aufstand
des Gewissens. Militärischer Widerstand gegen Hitler
und das NS-Regime.
Kriegsbriefe und Tagebücher
Baumann, M. (Hrsg.): Feldpostbriefe. Briefe deutscher
Soldaten aus Afghanistan.
407
Leutnantsbuch
Groos, H.: Ein schöner Tag zum Sterben. Als
Bundeswehrärztin in Afghanistan.
Hammer, I./zur Nieden, S. (Hrsg.) Sehr selten habe ich
geweint. Briefe und Tagebücher aus dem Zweiten
Weltkrieg von Menschen aus Berlin.
Klemperer, V.: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten.
Tagebücher 1933–1945.
Klepper, J.: Unter dem Schatten deiner Flügel. Aus den
Tagebüchern der Jahre 1932–1942.
Kuhlen, K.: Um des lieben Friedens willen: Als
Peacekeeper im Kosovo.
Witkop, P. (Hrsg.): Kriegsbriefe gefallener Studenten.
Kriegsbriefe gefallener deutscher Juden. Mit einem
Geleitwort von Franz Josef Strauß.
„Ich will raus aus diesem Wahnsinn“. Deutsche Briefe
von der Ostfront 1941–1945. Aus sowjetischen Archiven. Mit einem Vorwort von Willy Brandt.
Weitere Klassiker zur Militär- und Kriegsgeschichte
Bamm, P.: Die unsichtbare Flagge.
Eksteins, M.: Tanz über Gräben. Die Geburt der
Moderne und der Erste Weltkrieg.
Fallada, H.: Jeder stirbt für sich alleine.
Flex, W.: Der Wanderer zwischen beiden Welten. Ein
Kriegserlebnis.
408
Leutnantsbuch
Fontane, T.: Der Krieg gegen Frankreich 1870-71. Ein
Kriegsbericht in 2 Teilen.
Fontane, T.: Schach von Wuthenow. Erzählung aus der
Zeit des Regiments Gensdarmes.
Hasek, J.: Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk.
Jünger, E.: Das gesamte Frühwerk.
Köppen, E.: Heeresbericht.
May, K.: Der Weg nach Waterloo.
Lawrence, T.E.: Unter dem Prägestock.
Lernet-Holenia, A.: Die Standarte.
Plievier, Th.: Stalingrad.
Ranke-Graves, R. von: Strich drunter.
Remarque, E.M.: Im Westen nichts Neues.
Renn, L.: Adel im Untergang.
Renn, L.: Krieg/Nachkrieg.
Roth, J.: Radetzkymarsch.
Tuchman, B.: August 1914.
Unruh, K.: Langemarck. Legende und Wirklichkeit.
409
Leutnantsbuch
Glossar
Kategorisierung der Beiträge Leutnantsbuch
1. Menschenführung
2. Politische Bildung
3. Dienstgestaltung und Ausbildung
4. Informationsarbeit
5. Organisation und Personalführung
6. Fürsorge und Betreuung
7. Vereinbarkeit von Familie und Dienst
8. Seelsorge und Religionsausübung
9. Tod und Verwundung
10. Auftreten des Offiziers
zusätzlich wird zwischen Grundbetrieb (GB) und Einsatz (E) unterschieden.
Beitrag
Kategorie
Der Bierdeckel
Das Zeitspiel
Zugführer in einem
binationalen Verband
Führungsverantwortung
im Gefecht
Die Vorstellung beim
Kommandeur
Das Grab
Beförderungsappell
zum Gefreiten
Sicheres Auftreten bei
völliger Ahnungslosigkeit
Das Gefechtsschiessen
1,3,5
3,5
1
GB
X
X
X
1,6,9,10
X
1,10
9
X
X
1,5
X
1,3
1,3,5,10
X
X
410
E
Leutnantsbuch
Beitrag
Mut gegenüber
Vorgesetzten
Der erste Einsatz
Der richtige Zeitpunkt
für die Schwangerschaft
Neuland
Hölle
Schneid!?
Nur noch 100 Meter!
Wasserwärts Marsch!
Vorurteile
Kameradschaft
ISAF-ANSF:
eine
schwierige Beziehung
Feldposten
KHANABAD
Jointness
Der Brief
Glauben hilft!
Der Spind
Die Truppenpsychologin
Primus inter pares
Reserve im
Schwerpunkt
Einsatz beim OMLT in
AFGHANISTAN
Medien im Einsatz
Der kühle Kopf
Kategorie
GB
1,10
4,6,7
X
1,6,7
1,3,5
1,6,8
1,3,10
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Leutnantsbuch
Beitrag
Kategorie
GB
Führen von irgendwo
Haar- und Barterlass,
Piercing und Tatoos
Totengedenken
Soldatin, Soldaten
Ehefrau und Mutter
Beim Handgranatenwerfen
Bergebereitschaft RC
North – „Logistik in
Nebenfunktion!“
„Psychokram“
Auf der Standortschießanlage
Offizierabend mal
anders
Soldaten muslimischen
Glaubens in der Bw
Erlebnisse im Stab
PRT KUNDUZ
Todesnachricht
Das Offizierkasino
Das Einführungsgespräch
Der „robuste Soldat“
Der Suizid
Die Gneisenaukaserne
... lieber spät als nie!
Der Anschlag
Team „Hotel“
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412
E
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Leutnantsbuch
Beitrag
24 Stunden als
Zugführer in
KUNDUZ
Der NIJMEGENMarsch
Zeitmanagement
„Regen“
Die Veteranen
Das Dilemma
Die neue Verwendung
Menschenführung im
Einsatz
Allein unter
Grenadieren
Unter Männern
Ein Tag im Ausbildungsverband des
GefÜbZ H
„Lernen als Springer“
Das offene Ohr
Warum Offizier?
Der Spieß fällt aus
Als Seelsorger in
AFGHANISTAN
Kategorie
GB
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E
Leutnantsbuch
Notizen
Auf den folgenden Seiten können Sie Ihre eigenen Auffassungen zu Ihrem beruflichen Selbstverständnis als Offizier
des Deutschen Heeres oder Anmerkungen zu Ihrem persönlichen Werdegang niederschreiben.
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Leutnantsbuch
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Leutnantsbuch
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