2 Die Geschichte des Impfens - mimi

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2 Die Geschichte des Impfens - mimi
2 Die Geschichte des Impfens
Der englische Arzt Edward A. Jenner (1749–1823) gilt gemeinhin, dank seiner Pockenschutzimpfung, als Begründer des Impfwesens.
Tatsächlich gab es aber schon lange vor ihm – Berichten zufolge in Indien und China bereits
bis zu 1000 Jahre vor unserer Zeitrechnung – Verfahren zum Schutz vor den Pocken, einer
von Pockenviren verursachten, gefährlichen Infektionskrankheit, die prinzipiell unserem Konzept einer Impfung sehr nahekommen. Diese als Variolation oder Inokulation bezeichneten
Verfahren beruhten darauf, dass man Lymphe oder Eiter von weniger schwer an Pocken
Erkrankten gewann und Gesunde damit, beispielsweise durch Einritzen in die Haut oder
durch Inhalation, infizierte. Lady Mary Wortley Montagu, die ihren Bruder durch die Pocken
verloren und diese selbst nur knapp und mit Narben gezeichnet überlebt hatte, brachte die
Methode, die sie als Frau des englischen Botschafters im Ottomanischen Reich (der heutigen Türkei) in Konstantinopel (dem heutigen Istanbul) kennengelernt hatte, 1717 nach England, von wo aus sie sich auch nach Kontinentaleuropa verbreitete. Das Verfahren war jedoch riskant – so starben etwa 2 bis 3 % der so „Geimpften“ an der Prozedur. Damit war es
jedoch noch immer wesentlich ungefährlicher als die echten, epidemieartig auftretenden Pocken, die regelmäßig über 20 % der Bevölkerung töteten und die meisten Überlebenden für
immer zeichneten (Abb. 7). Vor allem im englischen Militär wurde die Variolation genutzt und
auch Edward Jenner selbst wurde als 8-Jähriger inokuliert und war damit vor den Pocken
geschützt.
Abb. 7: Pockenopfer aus Illinois (USA)
Bilder aus den Jahren 1909 bis 1912 zeigen das klinische Bild der Pocken. Bei den meisten Überlebenden kam es ausgehend von den Bläschen, vor allem im Gesichtsbereich, zu entstellender Narbenbildung. Auch Säuglinge waren durch die
Erkrankung besonders gefährdet.
Jenner nutzte nun die (ihm seit seinem 13. Lebensjahr bekannte) im ländlichen Raum bereits durchaus verbreitete und auch in der medizinischen Literatur ab etwa 1760 anerkannte
Beobachtung, dass die bei Milchkühen auftretenden „Kuhpocken“ zwar auf Menschen übertragbar sind, dort aber nur zu einer normalerweise recht milden Erkrankung führen. Die Betroffenen waren jedoch in der Folge vor den echten Pocken geschützt. Mindestens 6 Wagemutige vor Jenner, beispielsweise 1774 der englische Farmer Benjamin Jesty, oder 1791 der
im Holsteinischen Hasselburg als Privatlehrer tätige Niederländer Peter Plett, hatten Kuhpocken zur Prophylaxe bewusst auf Menschen übertragen und sie damit vor der herannahen-
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den Pockenepidemie geschützt, ohne damit jedoch nachhaltigen Einfluss auf die damalige
Medizin gehabt zu haben.
Am 14. Mai 1796 startete Jenner ein gewagtes Experiment: Die Magd Sarah Nelmes hatte
sich durch ihre Arbeit an einer Kuh (namens Blossom) mit Kuhpocken infiziert. Jenner entnahm der Magd aus ihren Pusteln Eiter und infizierte damit durch zwei oberflächliche Hauteinschnitte den 8-jährigen James Phipps, den Sohn seines Gärtners.
Wie von Jenner erhofft, zeigte der Junge nur leichte Krankheitssymptome3. Sechs Wochen
später (und noch mehrfach in den kommenden 20 Jahren) brachte er den Jungen in Form
der Variolation mit den Pocken in Kontakt, was – wie erhofft – zu keinerlei Gesundheitsbeeinträchtigung bei James Phipps führte. Jenner testete seine Theorie in weiteren Experimenten auch an anderen Personen, unter anderem seinem eigenen 11 Monate alten Kind. Sein
Artikel über diese Experimente wurde jedoch von der Royal Society der Wissenschaften als
„unvereinbar mit medizinischem Wissen“ abgelehnt, so dass er gezwungen war, seine Arbeit
1798 privat zu verlegen um sie zu veröffentlichen (Abb. 8).
Abb. 8: Edward Jenner und die Pockenimpfung
Jenner – hier mit dem Titelblatt seiner Veröffentlichung von 1798 – wurden für seine Arbeit nicht nur Anerkennung und
Dankbarkeit zuteil: Schon früh bildete sich eine – teilweise sogar organisierte (z. B. Anti-Vaccine Society) – Impfgegnerbewegung, die ihn und seine Arbeit stark kritisierte. Ein Schicksal, das fast alle Impfstoffe und deren Entdecker bis heute mit
Jenner teilen. Beispielhaft zeigt die Karikatur des Briten James Gillray von 1802 mit dem Titel „The Cow Pock … or ... the
Wonderful Effects of the New Inoculation!“, wie Jenner verängstigten, zuvor willenlos gemachten Bürgern seinen Kuhpockenimpfstoff verabreicht, wodurch diesen am gesamten Körper Kuhköpfe oder -hörner wachsen. Auch das Bild im Hintergrund – der biblische Tanz um das Goldene Kalb – ist keineswegs zufällig gewählt.
Die Tatsache, dass Jenner historisch korrekt nicht der Erfinder der Impfung war, schmälert
seine Leistung nicht. Anders als bei Jesty, Jensen, Sevel, Plett und anderen zuvor, die im
Grunde nur sich selbst oder ihnen nahestehende Personen schützen wollten, hatte Jenner
eine klare Hypothese, die er mit wissenschaftlicher Genauigkeit durch Experimente prüfte.
Ihm gelangen der experimentelle Beweis der Übertragbarkeit der Kuhpocken von Mensch zu
Mensch und der Nachweis, dass diese anschließend immun gegen die Pocken waren. Dar-
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Jenner schreibt: „Am siebten Tag klagte er [James Phipps] über Unbehaglichkeiten in der Achsel und am neunten Tag wurde ihm etwas kalt, verlor seinen Appetit und hatte etwas Kopfschmerzen. Während des ganzen Tages
war er spürbar unpässlich und verbrachte die Nacht mit einem gewissen Grad der Ruhelosigkeit; aber am folgenden Tag ging es ihm hervorragend.“
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über hinaus konnte er zeigen, dass das Verfahren besser verträglich war als die bisher übliche Variolation. Obwohl zunächst ohne akademischen Segen durch die Royal Society verhalf seine Arbeit dennoch der Pockenimpfung zum Durchbruch. Jenner selbst bezeichnete
sein Verfahren, ausgehend vom lateinischen vacca – die Kuh – als „vaccination“ (deutsch
Vakzination oder Impfung), wovon sich u. a. auch der Begriff Vakzine (durch Louis Pasteur)
sowie der Name des für die Pockenimpfung eingesetzten „Vaccinia-Virus“ ableiten.
Jenners Arbeiten rettete schon bald tausenden Menschen das Leben und ersparte zahllosen
weiteren schweres Leid, doch war der weitere Weg zum Sieg über die Pocken noch steinig
und lang. Angesichts des fehlenden Wissens über den Krankheitserreger, ein Virus, und die
Art der „Impfstoffgewinnung“ traten viele Unglücksfälle und Probleme auf, die erst durch das
veränderte medizinisch-biologische Verständnis und neuere Technik gelöst werden konnten.
In einer bis dahin beispiellosen, weltweiten Impfkampagne4, zu deren Beginn im Jahr 1967
jährlich immer noch 15 Millionen Menschen erkranken, wovon 20 bis 40 % starben, gelang
es, die Pocken schließlich zu besiegen. Am 8. Mai 1980 – fast 200 Jahre nach Jenners
denkwürdigem Experiment – erklärte die Weltgesundheitsorganisation WHO in einem feierlichen Akt die Pocken weltweit für ausgerottet.
Lange Zeit jedoch blieb die Impfung gegen die Pocken allein. Dies war auch kaum verwunderlich, hatte Jenner doch großes Glück gehabt: Nur aufgrund seiner Beobachtungen und in
völliger Unkenntnis über den wahren Krankheitsauslöser – eine echte Bakteriologie gab es
noch nicht und Viren, wie im Falle der Pocken, wurden erst etwa 100 Jahre später entdeckt –
schenkte ihm der glückliche Zufall mit den Kuhpocken einen bereits auf natürlichem Wege
abgeschwächten, aber Immunität, also Unempfindlichkeit oder Unempfänglichkeit des
Organismus gegenüber äußeren Angriffen, verleihenden und damit direkt als Impfstoff einsetzbaren Erreger.
Erst Ende des 19. Jahrhunderts war die Wissenschaft so weit, zunächst erneut durch einen
Zufall, dann aber gezielt, abgeschwächte Erreger für Impfzwecke zu entwickeln. Die weitere
Entwicklung des Impfens und der Immunologie ist eng verbunden mit den Namen von Robert Koch (1843–1910), der der Mikrobiologie ein festes Fundament verlieh, seinen Schülern Emil von Behring (1854–1917) und Paul Ehrlich (1854–1915), dem Russen Ilja Iljitsch Metschnikow (1845–1916) und vor allem Louis Pasteur (1822–1895) (Abb. 9).
Abb. 9: Porträts wichtiger Wegbereiter des Impfwesens
Von links nach rechts: Louis Pasteur, Robert Koch, Emil A. von Behring, Paul Ehrlich, Ilja I. Metschnikow, Sir Almroth E.
Wright (hier als Student)
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In Deutschland war die Pockenimpfung bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts gesetzlich vorgeschrieben.
Neben seiner auch in der damaligen breiten Öffentlichkeit bekannten Entdeckung zahlreicher
Erreger von Infektionskrankheiten – unter anderem der Tuberkulose, der Cholera oder auch
der afrikanischen Schlafkrankheit – waren es vor allem zwei Leistungen von Robert Koch,
die die Infektionsforschung revolutionierten: zum einen die Einführung der Mikrofotografie,
welche die bis zu diesem Zeitpunkt üblichen, aber oft nicht ganz der Wirklichkeit entsprechenden Zeichnungen zur Erregerdarstellung durch ein wissenschaftlich objektives Verfahren ersetzte; zum anderen die bis heute gültigen, als Koch-Henle Postulate bekannten Kriterien zum Nachweis eines Erregers als Ursache einer Infektionskrankheit.
Der Franzose Louis Pasteur forschte am Erreger der Hühnercholera. Versehentlich wurde
eine Bakterienkultur vor einer längeren Abwesenheit nicht entsorgt. Bei einem anschließenden Experiment zeigte sich, dass Versuchstiere nach experimenteller Infektion mit dem Erreger nicht wie normalerweise schwer erkrankten und verstarben, sondern nur milde Krankheitssymptome aufwiesen. Was zunächst durch die scheinbar verdorbene Probe einfach
erklärbar erschien – Pasteurs Gehilfe wollte die Probe eigentlich entsorgen –, erregte jedoch
Pasteurs Interesse. Pasteur infizierte die so vorbehandelten Hühner dann mit einer frisch
angesetzten Erregerprobe, die normalerweise sicher tödliche Folgen gehabt hätte. Die Tiere
überlebten jedoch und zeigten kaum Symptome. Offenbar hatte der Erreger in der vergessenen Probe seine krankmachenden Eigenschaften weitestgehend verloren, verlieh aber – wie
zuvor bei Jenners Kuhpocken – den damit behandelten Tieren einen Schutz vor dem gefährlichen echten Erreger: Sie wurden immun. In der Folge entwickelten Pasteur und andere
verschiedene Verfahren, um Erreger gezielt abzuschwächen, um diese als Vakzine, wie Pasteur Impfstoffe in Anlehnung an Jenners Vakzination „taufte“, einzusetzen.
Pasteur gelang auch die Entwicklung eines Impfstoffes gegen Milzbrand, dessen Wirksamkeit er in einem sehr medienwirksamen Experiment nachwies, was seinen Ruhm und Bekanntheitsgrad auch in der breiten Öffentlichkeit vergrößerte.
Endgültig zum Nationalhelden und Medienstar machte ihn dann ein weiterer Impfstoff:
Die Tollwut war damals eine auch in Europa verbreitete und gefürchtete Erkrankung. Pasteur
forschte auch hier an einem Impfstoff, worüber auch in den Medien berichtet wurde. Auf Anraten ihres Arztes brachten die Eltern ihren zuvor von einem tollwütigen Hund gebissenen
Jungen – Joseph Meister – zu Pasteur. Angesichts des zu erwartenden Krankheitsverlaufes
– einmal ausgebrochen verläuft die Tollwut auch heute noch immer tödlich – und dem Bitten
der verzweifelten Mutter wagte Pasteur am 6. Juli 1885 das Experiment und behandelte den
damals 9-jährigen Jungen mit dem von ihm entwickelten, aber zuvor nur an Hunden getesteten neuen Impfstoff.
Dieses Vorgehen war auch für Pasteur nicht risikolos: Er war kein Arzt und daher nicht befugt, solche Therapieversuche durchzuführen. Wäre der Junge durch die Impfung zu Schaden gekommen, wäre er sicherlich auch damals in große Schwierigkeiten geraten. Aber Joseph Meister überlebte nicht nur die Impfung, sondern auch und vor allem die Tollwutinfektion5.
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Joseph Meister wurde später Concierge am Pariser Institut von Pasteur. Nach dem Tod Pasteurs pflegte er
dessen Grab, bis er sich – offenbar beim verzweifelten Versuch, die in Paris einmarschierten deutschen Truppen
an der Öffnung von Pasteurs Mausoleum zu hindern – im Alter von 64 Jahren selbst das Leben nahm.
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Diese Meldung verbreitete sich weltweit und zahllose verzweifelte Patienten aus allen Teilen
Europas, aber auch aus Übersee, kamen in der Hoffnung auf seinen Impfstoff zu Pasteur.
Und tatsächlich gelang es ihm bei fast allen, den Ausbruch der tödlichen Erkrankung zu verhindern.
Behring, ein Schüler Kochs, studierte um 1890 am Berliner Hygieneinstitut die Diphtherie,
die alljährlich allein in Deutschland mehrere tausend Menschenleben, vor allem von Kindern,
forderte und daher im Volksmund „Würgeengel der Kinder“ genannt wurde.
Bei Experimenten mit Meerschweinchen entdeckte Behring, dass einige Tiere durch einen
abgeschwächten Erreger immun, also widerstandsfähig, wurden und dass diese Widerstandskraft durch Blutserum auf andere, ungeschützte Versuchstiere übertragbar war. Im
Dezember 1890 schrieb er „Damit ist es uns gelungen, sowohl infizierte Tiere zu heilen, wie
die gesunden derartig vorzubehandeln, dass sie nicht an Diphtherie erkranken“. Behring
zeigte damit erstmals, dass übertragbare Bestandteile des Blutes, die er „Antitoxine“ nannte,
eine Immunität hervorrufen – die Idee der Serumtherapie war geboren.
Der Weg zur Routineanwendung war jedoch noch weit: So war die Menge an „Antitoxin“ –
heute als Antikörper bezeichnet –, die sich aus Meerschweinchen gewinnen ließ, viel zu gering. Der Einsatz von Hammeln und später Pferden zur Serumproduktion lieferte zwar im
Prinzip ausreichende Mengen, die Haltung der Tiere sprengte jedoch rasch seinen Etat. Erst
durch die Unterstützung der Frankfurter Farbwerke Hoechst ab 1892 konnte Behring seine
Arbeit fortsetzen. Doch auch wissenschaftlich ergab sich ein Problem: Das „Antitoxin“ in den
tierischen Seren war zu gering konzentriert, so dass der Erfolg der Therapie zunächst ausblieb.
Doch Behring hatte Glück: Seinem Kollegen, dem Arzt und Chemiker Paul Ehrlich, gelang
es, ein Verfahren zu entwickeln, das dieses Problem löste. Im Mai 1894 endlich stellte sich
der erhoffte Erfolg ein: In einer klinischen Studie gelang es, von 108 Kindern 102, d. h. 95 %,
zu heilen, wenn diese innerhalb von drei Tagen nach Diagnosestellung Behrings Antitoxin
erhielten. Ohne die Serumtherapie, heute allgemein als „passive Immunisierung“ bezeichnet,
starben zuvor etwa 50 % der Erkrankten.
Rasch begann die Massenproduktion des Diphtherieserums durch die Farbwerke Hoechst,
das in der Folge weltweit Tausenden das Leben rettete. 1895 wechselte Behring an die Universität Marburg. Seine Einnahmen aus der Diphtherieserumproduktion investierte er in eigene Produktionsstätten, aus denen 1904 die Behringwerke (heute Novartis Behring) hervorgingen. In Marburg gelangen ihm außerdem die Entwicklung eines Serums gegen Tetanus (Wundstarrkrampf), das vor allem im 1. Weltkrieg unzählige Verwundete vor dem Tod
bewahrte, und des ersten Impfstoffs gegen die Diphtherie.
Für seine Verdienste wurden Behring zahllose Ehrungen zuteil, so auch die Erhebung in den
erblichen Adelsstand und der Nobelpreis 1901. Die passive Immunisierung stellt jedoch kein
Allheilmittel dar. Nur relativ wenige Erkrankungen lassen sich durch die Übertragung von
Antikörpern zuverlässig verhindern. Zudem ist der Schutz zeitlich sehr begrenzt. Die Verwendung tierischer Antikörper führt darüber hinaus meist zu einer Immunreaktion, die bei
erneuter Gabe zu schweren, bisweilen tödlichen Reaktionen („Serumkrankheit“) führen kann.
Die Zusammenarbeit mit Behring am Diphtherieserum inspirierte Ehrlich zu seiner „Seitenkettentheorie“, die erstmals die Antikörperbildung im Körper erklärt und bis heute einen Teil
unserer Vorstellungen zur spezifischen Immunabwehr bildet. Zusammen mit Ilja Metschni-
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kow, dem Entdecker der sogenannten Phagozytose, gilt er als Vater der Immunologie, der
Lehre von den biologischen und biochemischen Grundlagen der körperlichen Abwehr von
Krankheitserregern. Paul Ehrlich und Ilja Metschnikow erhielten dafür 1909 den Nobelpreis6.
Sir Almroth Wright (1861–1947), ein englischer Bakteriologe, entdeckte, dass auch abgetötete Erreger Immunität erzeugen können, und entwickelte 1896 mit durch Alkohol inaktivierten Salmonellen einen Impfstoff gegen den Typhuserreger7.
Die Erkenntnis, dass nicht nur vollständige Erreger, sondern auch bestimmte Teile davon für
eine schützende Impfung ausreichend sein können, gelang in den 1920er Jahren den Amerikanern Alexander Thomas Glenny (1882–1965) und Barbara Hopkins sowie weitgehend
unabhängig davon dem Franzosen Gaston Ramon (1886–1963). Sie entdeckten, dass die
für die Diphtherie und Wundstarrkrampf eigentlich verantwortlichen Bakteriengifte durch Behandlung mit der Chemikalie Formaldehyd entgiftet werden, dabei jedoch ihre immunisierende Wirkung behielten.
Heute werden diese aus abgetöteten Erregern oder Erregerbestandteilen bestehenden Impfstoffe als Totimpfstoffe oder inaktivierte Impfstoffe bezeichnet.
Glenny und Ramon waren es auch, die ab 1926 die Aluminiumsalze als „Wirkverstärker“ –
wissenschaftlich als Adjuvantien bezeichnet – in Totimpfstoffen einsetzten.
Nachdem Jules J.B.V. Bordet (1870–1961), ein ehemaliger Mitarbeiter von Ilja Metschnikow, und Octave Gengou (1875–1957) den Erreger des Keuchhustens entdeckt hatten und
das Illinoiser Arztehepaar MacDonald 1933 in einem Experiment an seinen vier Söhnen
zeigen konnte, dass eine wirksame Impfung gegen Keuchhusten möglich war, waren es zwei
Frauen, Pearl Kendrick (1890–1980) und Grace Eldering (1900–1988), die einen verlässlichen, hochwirksamen Totimpfstoff entwickelten (Abb. 10).
Abb. 10: Keuchhusten – vom Erreger zum Impfstoff
Von links nach rechts: Porträts von Jules Bordet und Octave Gengou, den Entdeckern des Keuchhustenerregers als Hintergrund einer Blutagarplatte mit Kulturen von Bordetella pertussis. Daneben Pearl Kendrick und Grace Eldering, die als Mitarbeiter der Gesundheitsbehörde von Michigan den ersten hochwirksamen Ganzkeimimpfstoff gegen Keuchhusten entwickelten. Das Diagramm zeigt die Entwicklung der Keuchhustenfallzahlen seit Einführung der Meldepflicht 1922 bis 1994 in den
USA. Deutlich zu erkennen ist der dramatische Rückgang nach Einführung zunächst des reinen Keuchhustenimpfstoffes ab
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Daneben entwickelte Ehrlich mit seinen Mitarbeitern Bertheim und Hata mit Salvarsan auch das erste Antibiotikum und legte die Grundlagen der modernen Chemotherapie.
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Wright empfahl eine Massenimpfung der britischen Truppen, jedoch sorgten einflussreiche Kreise dafür, dass er
nur 14.000 Freiwillige impfen konnte. Der Widerstand ging so weit, dass eine Impfstofflieferung in Southampton
über Bord geworfen wurde. Der Preis, den die ungeschützten Soldaten hierfür zahlen mussten, war hoch: Die
britische Armee notierte mehr als 58.000 Typhusfälle und rund 9.000 Typhustote.
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1940 und später des Kombinationsimpfstoffes ab 1949.
Ab 1940, zunächst in ihrem Heimstaat Michigan und dann rasch landesweit eingesetzt, führte der Keuchhustenimpfstoff zu einem starken Rückgang der Erkrankungszahlen: Nachdem
in den USA noch in den 1930er Jahren jährlich etwa 200.000 Fälle und rund 6000 Tote,
hauptsächlich Kinder unter 5 Jahren, gemeldet wurden, waren es 1976 noch knapp 1000
Fälle (Abb. 10).
Kendrick und Eldering entwickelten in der Folge noch einen Kombinationsimpfstoff gegen
Keuchhusten, Diphtherie und Wundstarrkrampf, wodurch sich ab 1949 die Anzahl erforderlicher Injektionen für die Impflinge deutlich reduzierte.
Einen weiteren Meilenstein markierte die Entwicklung eines Impfstoffes gegen die Poliomyelitis (kurz Polio, auch Kinderlähmung genannt). Vor allem in den USA wurde diese stark vorangetrieben, nicht zuletzt dank der Unterstützung durch US-Präsident Franklin D. Roosevelt, der als Folge einer Polioerkrankung im Alter von 39 Jahren weitgehend an den Rollstuhl
gefesselt war (Abb. 11). 1955 gelang es Jonas Salk (1914–1995), einen wirksamen Impfstoff aus inaktivierten Polioviren (IPV) zu entwickeln. Bereits kurz nach Bekanntgabe der
Wirksamkeitsdaten erfolgte die Zulassung und vor den Impfstellen im ganzen Land bildeten
sich kilometerlange Schlangen von Impfwilligen. Salk agierte dabei ohne Interesse an persönlichem Profit. Auf die Frage in einem Fernsehinterview, wem das Patent für den Impfstoff
gehöre, antwortet er: „There is no patent. Could you patent the sun?“ (Es gibt kein Patent.
Kann man die Sonne patentieren?).
Abb. 11: Der Kampf gegen die Kinderlähmung – Opfer und Helfer
Von links nach rechts: Patienten in der eisernen Lunge während einer Polioepidemie 1952 in den USA; US-Präsident Franklin D. Roosevelt (hier 1941), der 1921 an Kinderlähmung erkrankte und sich in der Folge massiv für deren Bekämpfung
einsetzte; Jonas Salk beim Impfen mit dem von ihm entwickelten injizierbaren Polioimpfstoff; daneben Albert Sabin
Neben Salk arbeitete auch der aus Russland bzw. Polen stammende Albert Sabin (1906–
1993) an einem Impfstoff gegen die Kinderlähmung. Anders als Salk wollte Sabin in der Tradition von Jenner und Pasteur einen abgeschwächten Lebendimpfstoff herstellen, was ihm
1961 auch gelang. Da in den USA die Polioimpfung sehr erfolgreich mit dem von Salk entwickelten Impfstoff durchgeführt wurde, war ein Wirksamkeitsnachweis für den neuen Impfstoff
dort kaum noch möglich, so dass Sabin sich gezwungen sah, diese anderenorts – zunächst
in Afrika und dann in seinem Herkunftsland Polen – durchzuführen8.
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Salk und Sabin verband eine tiefe wissenschaftliche wie menschliche gegenseitige Ablehnung. Vor allem Sabin
nutzte jede Gelegenheit, um sich negativ und teilweise auch verleumderisch über Salk und dessen Arbeit zu
äußern.
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1988 startete die Weltgesundheitsorganisation erneut ein weltweites Impfprogramm – diesmal zur Ausrottung der Kinderlähmung. Für dieses Programm besitzt der Impfstoff von Sabin
einen Vorteil: Die Geimpften scheiden den abgeschwächten Erreger für kurze Zeit aus, was
durch die fäkal-orale Übertragung zur „Mitimpfung“ von Kontaktpersonen führen kann. Problematisch dabei ist nur, dass das abgeschwächte Virus sich in seltenen Fällen wieder in den
ursprünglichen Erreger rückverwandeln kann, so dass es in etwa einem Fall pro 1 Million
Impfungen zu einer Poliomyelitis durch die Impfung kommt. Dieses Problem war bekannt,
wurde aber in Kauf genommen, da die Anzahl natürlicher Poliofälle ohne Impfung dramatisch
höher lag. Sobald jedoch die Zahl natürlicher Infektionen impfbedingt deutlich sinkt, erfolgt
die Umstellung des lokalen Impfprogramms auf den injizierbaren Salk-Impfstoff, um auch
diese impfbedingten Fälle zu eliminieren.
Das Programm führte zu großen Erfolgen: Von den zu Beginn des Programm weltweit immer
noch etwa 350.000 Fällen pro Jahr sanken die Fallzahlen auf zuletzt 1600 (2009). 1994 wurde Amerika, 2000 die Westpazifikregion und 2002 Europa offiziell von der WHO als poliofrei
bestätigt. Dennoch wurde das ursprüngliche Ziel, die Welt bis 2000 poliofrei zu machen,
noch nicht erreicht (Abb. 12).
Vor allem vier Länder – Nigeria, Indien, Afghanistan und Pakistan – gelten weiterhin als Endemiegebiete und Ausgangspunkt für die Verschleppung von Poliowildviren in bereits poliofreie Länder, zuletzt 2010 nach Russland und Tadschikistan. Während für die „Reimporte“
vor allem eine zunehmende Impfmüdigkeit verantwortlich ist, gibt es in den Endemiegebieten
vielschichtige Probleme auf politischer, kultureller und religiöser Ebene, die die Impfbemühungen der WHO stark erschweren.
Abb. 12: Die Poliosituation heute
Gegenwärtig ist die Poliomyelitis noch in vier
Ländern – Nigeria, Indien, Pakistan und Afghanistan – als endemische Erkrankung einzustufen.
Ausgehend von diesen Ländern kommt es immer
wieder zu Importfällen durch Reisende, vor allem
in die Nachbarstaaten. Die Karte basiert auf den
an die WHO gemeldeten Fällen von Wildvirusbedingten Erkrankungen im Zeitraum von Januar
2009 bis Mai 2010. Da nur die gemeldeten Fälle
berücksichtigt wurden, dürfte das tatsächliche
Ausmaß größer sein als hier dargestellt.
Tadschikistan galt von 2000 bis 2009 poliofrei. Seit
Jahresbeginn 2010 kam es dort zu über 140 neuen Fällen.(http://www.polioeradication.org).
Während Jenner, Koch, Pasteur, Salk und Sabin vielen bekannt sind, kennen nur vergleichsweise wenige Maurice Ralph Hilleman (1919–2005; Abb. 13). Dabei stammt die
Mehrheit der heute im Einsatz befindlichen modernen Impfstoffe direkt aus seinem Labor
oder aber basiert auf seinen Arbeiten. Im Laufe seines Lebens entwickelte Hilleman über 30
Impfstoffe für Mensch und Tier und legte die theoretischen Grundlagen für zahlreiche weitere. Jedes Jahr rettet seine Arbeit weltweit Millionen von Menschenleben – mehr als die jedes
anderen Forschers vor ihm. Robert Gallo, einer der Entdecker des AIDS-Erregers, nannte
ihn den „erfolgreichsten Impfstoffforscher der Geschichte“.
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Abb. 13: Maurice R. Hilleman
Hilleman entwickelte als Leiter der Impfstoffabteilung von Merck &
Co. (USA) zahllose unserer heutigen Impfstoffe, so beispielsweise
gegen Hepatitis A und B, Masern, Mumps, Pneumokokken, Meningokokken und Hämophilus influenzae Typ b.
Die Abbildung rechts zeigt Hilleman mit Mitarbeitern bei einem
Selbstversuch mit einem experimentellen Impfstoff aus seinem
Labor.
Zahlreiche Nobelpreise wurden Forschern verschiedener Nationen für Arbeiten rund um Infektionskrankheiten, Immunologie und Impfen verliehen. So erhielt Emil von Behring 1901 für
seine Arbeiten zur „Serumtherapie“ (passive Immunisierung) der Diphtherie den ersten Nobelpreis für Medizin überhaupt. Zuletzt wurde 2008 Professor Harald zur Hausen für seine
Entdeckung humaner Papillomviren als Ursache des Gebärmutterhalskrebses geehrt – eine
Entdeckung, die zur Entwicklung hochwirksamer Impfstoffe führte (Abb. 14).
Abb. 14: Papillomviren und Harald zur Hausen
In seiner Veröffentlichung aus dem Jahre 1974 im International
Journal of Cancer (links) beschreibt zur Hausen das Vorkommen humaner Papillomviren in Tumorgewebe. Zahlreiche weitere Arbeiten von ihm und seinen Mitarbeitern konnten dann die
Bedeutung von Papillomviren bei der Entstehung von Gebärmutterhalskrebs zeigen. Für seine Forschung, die zur Entwicklung
hochwirksamer Impfstoffe führte (an denen er selbst keine Patente hält), wurde er 2008 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.
Weitergehende Informationen zu diesen Themen finden Sie hier:
¾ Helmstädter A, Vorbeugen ist besser als Heilen – Zur Geschichte der aktiven Immunisierung,
in: Pharmazie in unserer Zeit. (2008) 37:12–18
¾ Homepage der Nobelpreis-Foundation: http://nobelprize.org
¾ Offit PA, Vaccinated: One Man's Quest to Defeat the World's Deadliest Diseases (2007)
Smithsonian, 1. Auflage
¾ Allen A, Vaccine: The Controversial Story of Medicine's Greatest Lifesaver (2007) Norton &
Company, 1. Auflage
¾ Die WHO über die Pocken und deren Eradikation:
http://www.who.int/mediacentre/factsheets/smallpox/en/
¾ Auf den deutsch- und englischsprachigen Seiten von Wikipedia finden sich teilweise sehr gut
recherchierte Artikel über Jenner, Lady Wortley Montagu, Pasteur, Behring, Ehrlich, Wright,
Hilleman und andere
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