Das Gleichnis vom barmherzigen Vater (Lk 15,11-32)

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Das Gleichnis vom barmherzigen Vater (Lk 15,11-32)
Franz Kogler
Das Gleichnis vom barmherzigen Vater (Lk 15,11-32)
Nicht viele Bibeltexte wurden im Lauf der Jahrhunderte so „ausgeschlachtet“ wie dieses Gleichnis.
Bis heute finden Prediger bei den unterschiedlichsten Anlässen - gleichsam vom „Kindergarten bis
zur Bahre“ - Anknüpfungspunkte in diesem herrlichen Text für ihre eigenen Aussagen.
Im Laufe der Kirchengeschichte wurde das Gleichnis - dem jeweiligen Anliegen der Zeit gehorchend – sehr verschieden gedeutet, z.B.:
• Ethische Auslegung: Der Vater steht für Gott, der jüngere Sohn für den Menschen, der durch Jesus Christus erlöst ist. Der Vater gibt dem Menschen den freien Willen, damit er nicht mehr aus
der Notwendigkeit des Gesetzes, sondern aus freiem Willensentschluss dem Vater gehorsam
wird. Fern vom Vater ist der Bereich des Teufels; Hunger, Mangel und Not sind Zeichen dafür.
Die Emanzipation vom Vater wurde zur Sünde, zur Todsünde.
• Ethnische Auslegung: Hier wurde die Situation des älteren Bruders aufgegriffen. Warum entwickelt der Sohn, der zu Hause blieb, Aggressionen gegen den Vater? Um diese Schwierigkeit aufzulösen, deutete man den älteren Sohn als Verkörperung des jüdischen Volkes. Diese aggressive
Abgrenzung konnte im älteren Bruder nicht Menschen aus den eigenen Reihen oder gar Seiten
der eigenen Person sehen, sondern nur noch die anderen, die Juden. Diese antijudaistische Deutung schürte den Hass gegen die Juden.
• Sakramentale Auslegung: Da in den eigenen Reihen diese Schattenseiten nicht gesehen werden
konnten, brauchte es im Inneren der Kirche rigorose Wege der Selbstentlastung durch Buße und
Askese. Der erste Teil des Gleichnisses wurde zum Lehrbeispiel für den Weg der Umkehr und
alle Symbole wurden für die Bußaskese dienstbar gemacht. Die Not des Sohnes wurde zur heilsamen Strafe, das In-Sich-Gehen zur Reue, das Selbstgespräch zum öffentlichen Schuldbekenntnis, das neue Gewand zum Zeichen der Neugeburt in der Taufe und in der Versöhnung, der Ring
zum Zeichen der Versiegelung im Heiligen Geist, das Mahl zur Eucharistie, das Mastkalb zu
Christus, der geopfert wird.
Die Parabel von der Liebe des barmherzigen Vaters zu den beiden Söhnen steht im Zentrum des
Lukas-Evangeliums. Der Evangelist rechtfertigt vor den Pharisäern und Schriftgelehrten das Verhalten Jesu, sich mit Sündern einzulassen (V. 2), indem er die Freude Gottes über die Umkehr von
Sündern aufzeigt. Es kommt Lukas vor allem darauf an, die maßlose Liebe, Güte und Barmherzigkeit Gottes unter Beweis zu stellen. Am Beginn des Gleichnisses werden – aus der damaligen Sicht
- eine Reihe gar nicht so außergewöhnlicher Ereignisse erzählt:
• Da der ältere Sohn als Nachfolger des Besitzers vorgesehen ist, lässt sich der jüngere sein Erbteil auszahlen (= Abfindung für seine Rechte).
• Aufgrund der geographischen und politischen Lage lebten damals etwa dreimal so viel Juden
im Ausland (Diaspora) als in Israel.
• Die Chancen, in der Fremde das Vermögen schnell aufs Spiel zu setzen, sind sehr hoch.
• Nach Lev 11,7f zählt das Schwein zu den unreinen Tieren; das Berühren und erst recht der Genuss war (und ist) gläubigen Juden verboten. Der Umgang mit oder der Genuss von unreinen
Tieren hatte den Ausschluss aus der jüdischen Glaubensgemeinschaft (und Gesellschaft) zur Folge.
• Was bleibt einem - der alles verloren hat - viel anderes übrig, als (wieder) nach Hause zurückzukehren, um dort wieder aufgenommen zu werden; allerdings ohne Rechte, da diese ja mit
der Auszahlung des Erbteils ebgegolten wurden. Deshalb will der Jüngere jetzt auch nur als
rechtloser Tagelöhner und nicht als Knecht arbeiten.
All das sprengt den üblichen Rahmen nicht. Sehr wohl aber geht das Verhalten des Vaters weit über
die Etikette eines orientalischen Hausherren hinaus, wenn er dem Gast entgegeneilt. Durch dieses
Verhalten des Vaters kommt zunächst der Jüngere gar nicht dazu, sein vorformuliertes Schuldbekenntnis auszusprechen. Der Vater behandelt den Heimkehrer als Gleichgestellten.
Der ältere Sohn weist ausdrücklich auf sein korrektes Verhalten hin, ergeht sich in Vorwürfen gegenüber seinem Vater und zieht seinen Bruder in den Schmutz, indem er bisher in der Geschichte
nicht genannte Vorhaltungen einbringt (Was sich da wohl alles in der Phantasie des Älteren abspielt?).
Ob es dem Vater durch sein Zureden gelingt, den älteren Sohn umzustimmen, bleibt offen. Damit
ergeht an die Zuhörerinnen und Zuhörer der Appell, sich selbst (so wie der ältere Sohn) zu entscheiden. Der Vater lädt ein. So ist es eben bei der Herrschaft Gottes. Die Einladung steht. Es liegt ganz
bei den einzelnen Menschen, diese Einladung anzunehmen.
Es ist durchaus verständlich, dass das Annehmen der Einladung insbesondere jenen schwer fällt, die
sich ohnehin sicher sind, auf dem richtigen Weg zu sein. Doch gerade (auch) diesen Menschen gilt
die Einladung, denn – wie sagt doch der Vater – „Wir müssen uns doch freuen und ein Fest feiern“.
Der Mustersünder (der Jüngere)
Ich bin der Sohn, der von zu Hause aufbricht. Ich habe meinen Erbteil gefordert und mein Vater hat
es mir gegeben. Ihr kennt mich unter dem Namen „verlorener“ Sohn. Für viele bin ich der Mustersünder, der das väterliche Erbe gedankenlos verschleudert.
Manche sagen: Geschieht ihm schon Recht, dass er bei den Schweinen gelandet ist. Bei den Tieren,
die in unserer Religion als unreine Tiere gelten. Ist schon Recht so, dass er jetzt Hunger leiden
muss. Das ist die gerechte Strafe Gottes durch die er klein und reumütig wird. So sagen viele: Je
schlechter es den Menschen geht, desto leichter sind sie für Gebet und Umkehr zu haben.
Doch warum bin ich fortgegangen aus dem Haus meines Vaters? Hat es mich hinausgetrieben aus
der stets vertrauten Umgebung, aus dem Schatten des älteren Bruders, aus den Sicherheiten und
dem geregelten Leben?
Jetzt, wo ich alles aufs Spiel gesetzt und verloren habe, fühle ich mich verlassen hier in der Fremde.
Jetzt bin ich so allein, dass ich oft mit mir selbst rede. Was wäre, wenn? - so gehen meine Gedanken. Was wäre, wenn ich daheim geblieben wäre? Was wäre, wenn ich mein Erbteil gut investiert
hätte? Was wäre, wenn ich - so heruntergekommen, wie ich bin - nach Hause zurückkehrte?
Wunschlos unglücklich (der Ältere)
Ich bin der ältere Sohn. Mein Bruder ist auf und davon. Es geht ihm nicht gut in der Fremde, sagt
man. Wäre er doch zu Hause geblieben. Denn hier ist es gut. Für alles ist gesorgt. Es gibt keine Unsicherheiten. Ich weiß, wie ich mich zu verhalten habe. Dafür gibt es ja Vorschriften. Ich lebe arbeitsam und zufrieden. Manche sagen zwar, ich bin überkorrekt und wirke unglücklich und verkrampft. Aber es ist ja wirklich nicht gerade leicht immer den mühsam erworbenen Besitz des Vaters zu hüten, diese Verantwortung drückt mich oft nieder. Doch ich achte genau darauf, die Gesetze
einzuhalten und nie ein Verbot zu übertreten. Manchmal kann ich nachts nicht schlafen in der
Angst, wie mein Vater bei einem Fehltritt von mir reagieren würde. Aber, Gott sei Dank, habe ich
mir nichts vorzuwerfen.
Vom Loslassen (der Vater)
Ich bin der Vater in dieser Erzählung. Der barmherzige Vater werde ich genannt. Ich habe zwei
Söhne. Der eine ist vor einiger Zeit fortgezogen mit dem Erbe, das ich ihm ausgezahlt habe. Ich habe ihn nicht daran gehindert.
Der andere war immer zu Hause und erfüllt brav die Aufgaben, die anstehen. Doch ich mache mir
Sorgen um ihn. Er wirkt zerknirscht und freudlos.
Ich bin angekommen (der Jüngere)
Lange habe ich nichts von mir hören lassen. Nun bin ich doch zurückgekommen. Bevor ich die
Worte, die ich mir zurechtgelegt hatte, sagen konnte, wurde ich überrascht. Ich bin nicht einmal bis
zum Tor unseres Hauses gekommen. Denn mein Vater hatte mich schon von Weitem gesehen. Er
lief mir entgegen. Er umarmte und küsste mich, er ließ ein festliches Gewand holen, einen Ring und
Schuhe. Ihr wisst gar nicht, wie viel das für mich bedeutet. Ein festliches Gewand ist ein Zeichen
der Würde. Ein Siegelring macht mich wieder zum erbberechtigten Sohn. Und Schuhe tragen nur
jene, die keine Sklaven sind. Ein Mastkalb wurde geschlachtet und ein Freudenfest vorbereitet, weil
ich wieder zurückgekehrt bin.
Doch wo ist mein Bruder? Ich habe ihn nicht gesehen im Hause meines Vaters?
Dein Sohn, nicht mein Bruder (sagt der Ältere)
Ein Freudenfest für den Schweinehüter. Als ob der nicht gewusst hätte, dass Schweine unreine Tiere
sind und der Umgang mit ihnen uns Juden unrein macht. Ja sogar gehütet hat er diese unreinen Tiere. Das ganze Geschenk unseres Glaubens hat er damit aufs Spiel gesetzt. Ich möchte gar nicht wissen, was der sonst noch alles mit dem Vermögen meines Vaters gemacht hat.
Wie soll ich das alles nur verstehen. Immer war ich folgsam und habe alle Arbeit getan. Kein Fest
ist für mich gefeiert worden. Ich will hier vor dem Haus warten, zu dem Fest will ich nicht gehen.
Mein Vater ist zwar zu mir herausgekommen und wollte mich hereinholen. Doch mir ist nicht nach
Feiern zumute.
Kein Buchhalter (der Vater)
Mein Sohn ist wieder gekommen. Welche Freude! Manche sagen, ich bin zu nachsichtig, ihn so
herzlich zu empfangen. Viele meinen, Strafe muss sein. Zumindest ein paar Tage der Buße und hartes Arbeiten oder eine gewisse Anzahl von Gebeten wären doch nötig, bevor alles wieder gut ist.
Doch ich lasse mir meine Großherzigkeit nicht nehmen. Mir ist nach Feiern zumute, wenn eines
meiner Kinder wieder zurückfindet. Mein Sohn ist aufgebrochen und wir sind einander neu begegnet. Mein Sohn hat sich verändert durch seinen Aufbruch und sein Wiederkommen. Er hat erkannt,
dass ich zwar jeden in die Freiheit entlasse, aber nicht aus meiner Liebe.
Ich führe keine Bücher über die Wege und Irrwege, über die Verfehlungen meiner Kinder, auch
wenn das manche glauben.
Das Ende ist offen
Die Gestalten des „verlorenen Sohnes“ und des „barmherzigen Vaters“ sind uns so vertraut, dass
wir die dritte Person oft übersehen, den „älteren Bruder“. Das Gleichnis scheint uns so geläufig,
dass wir meist nicht bemerken, dass die Geschichte am Ende erst richtig anfängt.
Jesus ist Sündern vorbehaltlos begegnet. Das hat ihm Einwände und Widerstände eingebracht. Diese Erzählung zeigt das Ringen Jesu mit diesen Widerständen. Man hat den Eindruck, dass Jesus - so
wie der Vater um die Zustimmung des älteren Sohnes - um das Verständnis bei den Schriftgelehrten
und Pharisäern wirbt.
Am Ende ist diese Geschichte offen, fast wie bei einer Fernsehserie, die eine Folge immer im spannendsten Moment abbricht. Ob der Ältere umdenken wird? Ob er dem Vater gegenüber Sohn wird
und dem Heimgekehrten gegenüber Bruder?
Der jüngere Sohn ist sicher kein verlorener Sohn. Er ist ein Wiedergefundener. Und der Ältere?
Vielleicht wird er doch „umkehren“ und mitfeiern. Eingeladen ist er auf alle Fälle.
Und wir, die Zuhörer und Zuhörerinnen? Fast 2000 Jahre später können wir diese Erzählung in unserem eigenen Leben suchen. Wir kennen versöhnliche und unversöhnliche Situationen. Wir haben
göttliche Verzeihung und kirchliche Bußpraxis erfahren.
Wir tragen beide Brüder in uns:
Den, der vernünftig zu Hause bleibt. Den, dem das Heimatliche und das durch die Tradition Überbrachte wertvoll ist.
Aber auch den, der nach dem Leben drängt, der aufbricht, um neue Wege zu suchen.
Der Vater ist für beide offen. Er lädt ein zum Feiern des Festes!
Franz Kogler
ist Leiter des Bibelwerkes Linz.
aus: Gottes Volk 3/2001, 49-64