Günther Schwarz | Das älteste Evangelium - Jesus

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Günther Schwarz | Das älteste Evangelium - Jesus
Günther Schwarz | Das älteste Evangelium
2
Günther Schwarz
Das älteste Evangelium
Nach den Spruchquellen
des Matthäusund des Lukasevangeliums
3
Die Deutsche Bibliothek – CIP Einheitsaufnahme
[Fertiggestellt wurde dieses Manuskript von Günther
Schwarz vermutlich im August 2005.
Anmerkung Herausgeber.]
4
Zugedacht ist dieses Buch
solchen Leserinnen und Lesern,
denen daran gelegen ist,
den Urklang der Botschaften
des Täufers und Jeschus zu vernehmen,
unvermischt und unverändert:
so, als stünden oder säßen sie
inmitten ihrer Augen- und Ohrenzeugen.
Wie das möglich sein kann?
Nicht auf dem üblichen Wege
durch eine unmittelbare Übersetzung
aus dem neutestamentlichen Griechisch,
in dem ihre Botschaften uns vorliegen.
Sondern nur durch eine Rückübersetzung
aus ihm ins jüdisch-palästinische Aramäisch,
die Ursprache der Jeschuüberlieferung;
und – danach erst – durch eine
formal und inhaltlich angemessene Übertragung:
aufgrund jener poetischen Regeln,
deren der Täufer und Jeschu sich bedienten,
während sie ihre Botschaften vortrugen.
5
Abkürzungen und Zeichen
ASE
C
EÜ
H
LB
MNT
NTG
P
PS
Q
Q-Mt
Q-Lk
RÜ
ZB
S
*
°
[…]
Altsyrische Evangelien, steht für S und C.
Syrus Curetonianus,
eine Übersetzung aus dem Griechischen ins Syrische.
Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift,
Gesamtausgabe, 1. Auflage 1999, in neuer Rechtschreibung.
Syrus Harklensis,
eine Übersetzung aus dem Griechischen ins Syrische.
Lutherbibel, revidierte Fassung von 1984.
Münchener Neues Testament,
erarbeitet vom „Collegium Biblicum München e. V.“,
1. Auflage 1988.
Novum Testamentum Graece,
der „Standard-Text“ des griechischen Neuen Testaments,
27. revidierte Auflage, 6. Druck 1999.
Peschitta, die im syrischen Bereich
am stärksten verbreitete Übersetzung des Neuen Testaments.
Ein palästinisch-syrisches Lektionar,
übersetzt aus dem Griechischen in einen aramäischen Dialekt,
der in den ersten Jahrhunderten gesprochen wurde.
Steht für „Das älteste Evangelium“,
wie zum Beispiel Mt für das Matthäusevangelium.
Steht für die Spruchquelle Q nach Matthäus.
Steht für die Spruchquelle Q nach Lukas.
Rückübersetzung ins Aramäische,
nach Vorlagen aus den ASE und dem NTG,
anschließend ins Deutsche übertragen.
Zürcher Bibel, 1907 bis 1931 neu übersetzt, 1955.
Syrus Sinaiticus (älter als Syrus Curetonianus),
eine Übersetzung aus dem Griechischen ins Syrische.
Zeigt an, dass dieser Q-Text
bereits in meinem Buch „Worte des Rabbi Jeschu“
kommentiert ist (hier oft überarbeitet und ergänzt).
Zeigt an, dass dieser Q-Text die Variation eines anderen ist.
In ihnen stehen Feststellungen grundsätzlicher Art.
6
INHALT
VORWORT
9
EINFÜHRUNG
11
Begriffsbestimmung
22
TEXTTEIL
23
KOMMENTARTEIL
75
Vorbemerkungen
Ein persönliches Nachwort
76
313
ANHANG
315
ZUR RHETORIK JESCHUS
317
Gleichnisse
Lehrgedichte
Dreiungen
Amenworte
Menschensohnworte
Variationen
317
318
318
319
319
320
EXKURSE
321
1. Die Gottesanrede Abba
2. Die Weisung Gottes
3. Bewusste Textänderungen?
7
321
322
323
Quellen
Hilfsmittel und Monographien
Abkürzungen biblischer Bücher
326
326
329
NACHTRÄGE
331
1. Zu dem Täuferwort Q 1,6
2. Zu dem Jeschuwort Q 12,5
Umschrifttabelle
331
334
343
8
VORWORT
Die einleitende Täufer-Überlieferung und die Summe der
Jeschu-Überlieferungen die das Matthäus- und das Lukasevangelium gemeinsam haben, werden nach der Namensgebung der neutestamentlichen Wissenschaft „Spruchquelle“ (Siglum Q = Quelle) genannt. Doch wie die Arbeit an
diesem Buch ergeben hat, ist ihre Summe keineswegs nur
das Ergebnis einer Reihung lose zusammenhängender Sprüche. Vielmehr erwiesen sie sich, nachdem sie aus ihren
Evangelien herausgelöst und miteinander verbunden worden waren, als ein literarisches Werk, das zu Recht „Evangelium“ genannt werden kann. Mit größerer Berechtigung
als das Thomasevangelium, das 1945 in der Nähe von Nag
Hammadi (Oberägypten) gefunden wurde.
Denn es beginnt, wie das Markus- und das Johannesevangelium (abzüglich Prolog), mit dem Auftreten Johannes
des Täufers; und es endet – ohne die Passion Jeschus auch
nur anzudeuten – mit einem „Schlusswort“ Jeschus, das
zweifelsfrei in die Situation seines letzten Mahles mit den
Zwölf gehört (Rückübersetzungstext):
Wie Abba schloss
einen Bund mit mir,
so schließe ich
einen Bund mit euch.
Doch wenn es so ist, wovon die Leserinnen und Leser
dieses Buches sich leicht selbst überzeugen können (die Seiten 25 bis 74 bieten den gesamten Text in einem Block),
dann ist es gerechtfertigt, d i e s e n Text „Das älteste Evangelium“ zu nennen und nicht mehr, wie bisher, das Markusevangelium.
9
„Das älteste Evangelium“, wie es in diesem Buch vorliegt, ist nach meinem Urteil das sprachlich und inhaltlich
ursprünglichste Evangelium, das es gibt. Es handelt kurz
vom Auftreten und von der Verkündigung des Propheten
Johannes der Täufer und ausführlich vom Auftreten und
Handeln sowie von der Verkündigung und Lehre des Propheten Jeschu (so die galiläische Aussprache).
Von dem, was – später und bis heute – für das Wesen
und die Lehren der Kirche charakteristisch ist, findet sich in
ihm überhaupt nichts, nicht einmal der Titel „Messias“ (der
Gesalbte = Christus); stattdessen lediglich der Begriff „der
auserlesene Sohn (Gottes)“.
*
Damit kein Missverständnis aufkomme: Dieses Buch soll
keinen Beitrag zur Q-Forschung liefern. Wie zum Beispiel
das Buch „Die Spruchquelle Q, Studienausgabe Griechisch
und Deutsch“, das 2003 erschienen ist, herausgegeben und
eingeleitet von P. Hoffman und Chr. Heil. Ein Buch, das
auf der Rekonstruktion des International Q Projekt (IQP) basiert, an dem 42 Forscher aus Europa und Nordamerika
mitgewirkt haben.
Denn verglichen mit der IQP-Rekonstruktion der QÜberlieferungen, ist meine Rekonstruktion so anders, dass
es sich nicht empfiehlt, sie als einen Beitrag zur Q-Forschung zu verstehen und zu werten.
Der Hauptunterschied ist: Die Vorlagen der IQP-Arbeit
waren die NTG-Texte. Die Vorlagen meiner Arbeit waren
die ASE-Texte, die auf zuverlässigere Quellen zurückgehen
als die NTG-Texte, die ich nebenher benutzt habe (zu den
Abkürzungen siehe Seite 6). Hinzu kommt noch meine andere Arbeitsweise; vor allem mein Rückgriff auf das Aramäische Jeschus. Mehr dazu in der folgenden Einführung.
10
EINFÜHRUNG
Zunächst zu meiner Arbeitsweise: Seit Jahren werde ich immer
wieder – mal von Interessierten, mal von Kritikern – gefragt, wie ich zu meinen oft verblüffenden, manchmal aber
auch irritierenden Ergebnissen gekommen bin.
Und weil ich meine, auch den so fragenden Leserinnen
und Lesern dieses Buches eine Antwort schuldig zu sein,
soll es mir in dieser Einführung zunächst darum gehen,
meine Arbeitsweise so darzustellen, dass sie nachvollziehbar
ist. Und zwar, wie es sich gehört, durch die Bearbeitung eines Q-Textes im Vollzug. Nicht irgendeines Textes, sondern des Vaterunsers, bei dessen Bearbeitung ich im Wintersemester 1966/67 meine Arbeitsweise entwickelt habe.
Es folgen Mt 6,9-13 und Lk 11,2-4 (hier aber nicht, wie
sonst, nach dem NTG, sondern nach der LB), jedoch so in
Sinnzeilen gesetzt, dass ihre poetischen Formen unmittelbar
erkennbar sind [Was in beiden Fassungen ( ! ) klein gesetzt
ist, wurde von Textbearbeitern, die von der Poesie Jeschus
keine Ahnung hatten, hinzugefügt. Dadurch zerstörten sie
die poetischen Formen seines Schülergebets]:
Unser Vater im Himmel!
(Mt)
Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
11
Vater!
Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
...............
Unser tägliches Brot gib uns Tag für Tag.
Und vergib uns unsere Sünden,
(Lk)
denn auch wir vergeben allen, die an uns schuldig werden.
Und führe uns nicht in Versuchung.
Erster Befund: Dass Jeschu sein Gebet seinen Schülern in
nur einer Fassung vorgetragen haben wird, ist sicher. Dass
es dennoch zwei verschiedene Fassungen gibt, lässt erkennen (in diesem Fall durch die Art ihrer Unterschiede): erstens, dass beiden Wiedergaben dieselbe aramäische Urfassung zugrunde gelegen haben muss; zweitens, dass deren
Wortlaut teils verschieden ins Griechische übersetzt, teils
anders ergänzt worden sein muss; drittens, dass Matthäus
die sechste Bitte – wegen der Zahl sieben, der Symbolzahl
der Vollständigkeit – in zwei Bitten zerlegt und dass Lukas
die dritte Bitte (scheinbar) ausgelassen haben muss.
Zweiter Befund: Wie nicht anders zu erwarten, war das
Vaterunser ursprünglich nach den poetischen Regeln geformt, aufgrund deren Jeschu alle seine Worte zu formulieren pflegte. Eingeleitet war es mit der für ihn typischen
Gottesanrede Abba! „Papa!“. So zum Beispiel bei Lukas
und in Mk 14,36. Darauf folgten eine Dreiung von DeinBitten und auf sie eine Dreiung von Unser-Bitten.
Zum Beweis für bewusste poetische Formung aller seiner Worte sei auf die Seiten 25 bis 74 dieses Buches verwiesen. Also auf den gesamten Textteil!
Dritter Befund: In der Matthäusfassung ist die DeinBitten-Dreiung unversehrt erhalten geblieben. Wenn auch
in der dritten Bitte willkürlich ergänzt. In der Lukasfassung
12
ist sie es (scheinbar) nicht. Scheinbar deswegen, weil Lukas
die dritte Dein-Bitte „Dein Wille geschehe!“ im so genannten Getsemanigebet (Lk 22,42, gegen Matthäus und Markus!) nachholt. Vielleicht, um Theophilus, den ersten Empfänger seines Evangeliums (siehe den Prolog Lk 1,1-4), für
den der Wille des römischen Kaisers höchste Autorität hatte, nicht in Verlegenheit zu bringen?
Vierter Befund: In der Matthäus- und in der Lukasfassung
der Unser-Bitten-Dreiung sind die beiden ersten Bitten, abgesehen von den Zusätzen, korrekt überliefert. Die dritte
Bitte ist es nicht. Sie lässt sich aber, wenn man intensiv
forscht, sicher rekonstruieren. Und zwar aus den größer gesetzten Textteilen und einem zu ergänzenden unserer:
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse = rette uns von = aus dem Bösen.
Miteinander verbunden, folgerichtig wiedergegeben und um
das entscheidende Wort unserer ergänzt, ergibt sich daraus:
Rette uns aus unserer Versuchung!
Dazu ist anzumerken: erstens, dass der griechische Textteil
rhysai hemas „rette uns“ bedeutet und nicht „erlöse uns“;
zweitens, dass das aramäische min unter anderem auch die
Bedeutungen „von“ und „aus“ abdeckt.
Fünfter Befund: Wird das, was oben nicht beanstandet
wurde, mit dem vereint, was soeben rekonstruiert wurde, so
entsteht folgender Wortlaut des Herrengebets:
Vater!
Dein Name werde geheiligt!
Dein Reich komme!
Dein Wille geschehe!
Gib uns unser Brot!
Vergib uns unsere Schuld (Mt) / Sünden (Lk)!
Rette uns aus unserer Versuchung!
13
Sechster Befund: Die einzige Schwachstelle dieser Wiedergabe ist das Gegeneinander von Schuld (Mt) und Sünden
(Lk). Was ist richtig? Mit der Antwort auf diese Frage lässt
sich zugleich auch die uralte Streitfrage zumindest ansatzweise klären, in welcher Sprache Jeschu verkündigt und gelehrt hat. In Hebräisch oder in Aramäisch? Und zwar zugunsten des Aramäischen. Denn nur das aramäische Wort
hôba’ kann Schuld und Sünde bedeuten. Eine hebräische
Entsprechung, die das auch könnte, gibt es nicht.
Siebenter Befund: Jetzt steht nur noch eines aus: zu erklären, auf welche Weise ich den aramäischen Wortlaut des
Vaterunsers rekonstruiert habe. Wie das möglich war, dazu
empfiehlt es sich, einige Vorbemerkungen voranzustellen.
Seit 1969 arbeite ich an einem Äquivalenzwörterbuch
Griechisch-Deutsch / Aramäisch-Deutsch zu den Evangelien und zu Apostelgeschichte 1-15. Bis 1988 neben meinem Pfarramt her. Was mir inzwischen davon vorliegt, ist
der vollständige griechische und der fast vollständige aramäische Wortschatz: aus Wörterbüchern herausgeschnitten
beziehungsweise abgelichtet und auf Einzelblätter aufgeklebt (derzeit noch in Karteikästen, der aramäische Wortschatz nach dem deutschen Alphabet geordnet).
Während meiner Arbeit daran entstanden ungezählte
aramaistische Aufsätze und unter anderen drei aramaistische Bücher: „Und Jesus sprach“ (2. Auflage 1987), „Jesus
‘der Menschensohn’“ (1986) und „Jesus und Judas“ (1988).
Als die Arbeit daran vorläufig abgeschlossen war, entstand
noch ein viertes Buch: „Worte des Rabbi Jeschu“ (2003).
Die bisherige Summe aller Erfahrungen aus allen diesen Arbeiten liegt in diesem Buch vor.
Es folgt ein deutscher Rückübersetzungstext zu Mt 6,913 / Lk 11,2-4, der den von Jeschu beabsichtigte Sinn auch
14
und gerade da widerspiegelt, wo er bis zur Unkenntlichkeit
verfremdet zu sein scheint:
Abba! –
Lass geheiligt werden deine Gegenwart!
Lass sich ausbreiten deine Herrschaft!
Lass geschehen deinen Willen!
Lass uns geben unsere Nahrung!
Lass uns vergeben unsere Sünden!
Lass uns retten aus unserer Versuchung!
Die Begründungen im Einzelnen liefere ich im Kommentarteil dieses Buches (Seiten 176 bis 185).
Achter Befund: Es folgt der aramäische Originalton des
Vaterunsers in Umschrift (siehe die Tabelle auf Seite 343):
’abba’
jitqaddaš šemak
2
tisgê malkûtak
2
e
e
t hê s bûtak
2
hab lan lahman
3
e
š bôq lan hôbênan
3
šêzêb lan minnisjônan
3
Die Ziffern am rechten Rand geben den Rhythmus an: rhetorische Sinneinheiten, in denen je eine Silbe den Ton trägt.
Mehr dazu weiter unten.
Nachdem das Vaterunser so wiederhergestellt worden
war, wurde nachdrücklich offenbar (was zunächst durch die
mangelhafte Übersetzung ins Griechische verborgen blieb
und danach in allen davon abhängigen Übersetzungen, die
es gibt), dass es eine Perle der Dichtkunst Jeschus ist.
Es besteht aus zwei Dreiungen von Dein-Bitten mit
Endreim auf -ak in allen drei Zeilen sowie mit Stabreim auf
t- in der zweiten und dritten Zeile und aus einer Dreiung
von Unser-Bitten mit Endreim und Binnenreim auf -an in
15
allen drei Zeilen sowie mit Stabreim auf š- in der zweiten
und dritten Zeile.
Dass das so wiederhergestellte Schülergebet Jeschus unmöglich das Ergebnis einiger Auslassungen und Textänderungen sein kann, bedarf keines weiteren Beweises. Richtig
ist vielmehr, dass seine poetische Form durch die jetzt ausgelassenen Textteile und die jetzt rückgängig gemachten
Textänderungen zerstört worden war.
Fest steht: In einem Gebet aus nur 16 Wörtern ist ein
Mehr an Poesie kaum möglich. Ihre Summe für puren Zufall zu halten, geht nicht an. Hinzu kommt noch: Das Vaterunser enthält unüberbietbar knapp – zusammen mit der
Gottesanrede Abba! – die sieben Hauptthemen seiner Verkündigung und Lehre.
Wichtige Ergänzungen
Zu diesem Buch. – Es ist eine Ergänzung zu meinem
Buch „Worte des Rabbi Jeschu“. Was ich darin – in den
Vorbemerkungen und im Kommentarteil jenes Buches –
beschrieben habe, ist hier vorausgesetzt und kann in ihm
nachgelesen werden.
Und worum geht es in diesem Buch? In ihm geht es darum, den Originalton der Johannes- und der Jeschu-Überlieferungen wiederherzustellen, die in den Anfängen der
galiläischen Gemeinden Jeschus von seinen dortigen Schülern (vielleicht aus den Siebzig?) zu aramäischen ( ! ) Spruchsammlungen zusammengestellt worden sind. Und zwar aus
Worten Johannes des Täufers, aus Worten Jeschus (einschließlich seiner Lehrgedichte und Gleichnisse) und aus
Erzählungen über sein Wirken.
16
Es ist mehr als wahrscheinlich, dass es solche Spruchsammlungen gewesen sind, aus denen die Sendboten Jeschus bei ihrer Verkündigung seiner Botschaft und bei ihrer
Unterweisung neuer Jeschu-Schüler geschöpft haben weren. Und es ist so gut wie sicher, dass dies der Hauptgrund
war, warum wir je eine von ihnen im Matthäus- und im Lukasevangelium vorfinden; und zwar in jedem der beiden
Evangelien sprachlich und inhaltlich eine andere.
Dass beiden Evangelisten dieselbe, schon ins Griechische übersetzte Spruchsammlung als Quelle vorgelegen habe (so die derzeit herrschende, aber keineswegs unbestrittene Meinung der Q-Forscher), ist sehr unwahrscheinlich.
Denn wäre es so, dann müssten sich beide Fassungen, wenn
sie ins Aramäische rückübersetzt werden, durchweg ( ! ) als
Wiedergaben desselben aramäischen Wortlauts erweisen lassen. Doch das ist nicht der Fall.
Es gibt etliche Beispiele dafür, dass beide Evangelisten
Variationen von Worten Jeschus benutzt haben, die er selber formuliert und wiederholt verwendet hat.
Hinzu kommt noch: Es ist keinesfalls auszuschließen,
dass der nicht jüdisch orientierte Lukas kleinere oder größere Textteile allein deswegen ausgelassen hat, weil er
wähnte, sie seien für Nichtjuden von zu geringem oder gar
keinem Interesse (zum Beispiel Mt 6,2-6.16-18). Umgekehrt
mag der jüdisch orientierte Evangelist Matthäus solche
Textteile gerade deswegen aufgenommen haben, weil er
meinte, sie seien für Juden von besonderem Interesse.
Letzte Sicherheit ist natürlich weder für diese noch für
irgendeine andere Einschätzung dieses Problems zu gewinnen. Wenn aber nicht, dann reicht die Tatsache, dass (zum
Beispiel) der Textteil Mt 6,2-6.16-18 im Lukasevangelium
fehlt, keineswegs aus, ihm die Q-Zugehörigkeit grundsätz-
17
lich abzusprechen. Dieser Tatbestand wird sich für den
Textteil dieses Buches als bedeutsam erweisen.
Zu den griechischen Textvorlagen. – Als Übersetzungsvorlage für die Rückübersetzung aller Textteile des ältesten Evangeliums ins Aramäische diente neben dem ASE-Text der moderne „Standard-Text“ des griechischen Neuen Testaments
(27. revidierte Auflage, 6. Druck 1999).
Sein inzwischen verstorbener Herausgeber K. Aland urteilte über ihn (in seiner Broschüre „Das Neue Testament –
zuverlässig überliefert“ [1986!], Seite 31): Er „bietet die Gestalt dar, die die Schriften des Neuen Testaments nach allen
unseren Kenntnissen und Erkenntnissen besaßen, als sie
von ihren Verfassern in die Kirche und die Welt hinausgingen“.
Dieses Urteil Alands suggeriert – leider! – eine falsche
Sicherheit in Bezug auf die Zuverlässigkeit des unter anderen von ihm herausgegebenen „Standard-Textes“. Eine
Sicherheit, die er selbst (aaO, Seite 9) durch ein überzeugendes Argument in Frage gestellt hatte: „Eine neutestamentliche Textkritik, die sich auf den griechischen Sektor beschränkt und nicht mindestens den syrischen, koptischen
und lateinischen Bereich zugleich im Blickfeld hat, gerät in
die Gefahr, Entscheidendes zu übersehen.“
Was Aland mit dem syrischen, koptischen und lateinischen Bereich meinte, das sind Übersetzungen in Sprachen,
deren griechische Vorlagen großenteils älter und zuverlässiger sind als die, aus denen er (genauer: das Institut für neutestamentliche Textforschung an der Universität Münster)
seinen „Standard-Text“ zusammengestellt hat. Und zwar
überwiegend nach dem Mehrheitsprinzip. Als ob unbezweifelbar feststünde, dass (neben dem Alter von Handschriften
neutestamentlicher Texte oder Textteile, die diese oder jene
18
Lesart bezeugen) vor allem deren Mehrheit eine Garantie
für ihre Zuverlässigkeit böte.
Zum Textteil des ältesten Evangeliums. – Er ist durchgehend
in Sinnzeilen gesetzt. Auch seine nicht poetischen Textteile
sind es, weil allein dies seiner Form und seinem Inhalt entspricht und gerecht werden kann. Dabei sind die poetischen
Textteile, um sie von den nicht poetischen abzuheben, kursiv gesetzt; und zwar so, dass die poetischen Formen unmittelbar erkennbar sind, unterstützt durch Ziffern am rechten
Rand, die den Rhythmus angeben.
Hierbei steht die 2 (zwei betonte Silben je Sinnzeile) für
den Zweiheber, die 3 (drei betonte Silben je Sinnzeile) für
den Dreiheber, die 4 (vier betonte Silben je Sinnzeile) für
den Vierheber und die 3 + 2, selten 2 + 3, für den Fünfheber (fünf betonte Silben je Langzeiler). Weitere Informationen zur Poesie Jeschus finden sich in „Worte des Rabbi
Jeschu“, Seiten 151 bis 160.
Diese Rhythmen, an die sich nicht nur Jeschu, sondern
auch Johannes der Täufer gehalten hat (und an die sich bereits die alttestamentlichen Weisheitslehrer, Psalmisten und
Propheten gehalten haben), ermöglichen es, Auslassungen,
Umstellungen und Zusätze der Übersetzer oder Bearbeiter,
die den Wortlaut des ältesten Evangeliums auf irgendeine Weise verändert haben, mühelos als solche zu erkennen. Das
ist, wie sich am Textteil dieses Buches (Seiten 25 bis 74) erweisen wird, ein sehr wichtiger Tatbestand.
Abschließend vier Nachträge. – Erstens: Zitate aus dem Alten Testament sind nicht nach dem oft fehlerhaften Wortlaut des NTGs zitiert, sondern stets nach dem hebräischen
Bibeltext.
Zweitens: Etliche sprachliche Begründungen, die den
Wortlaut des ältesten Evangeliums betreffen, stehen im Kom-
19
mentarteil dieses Buches, der ebenso nach Kapiteln und
Versen geordnet ist, wie der Textteil. Jedoch alle Begründungen zu bieten, hätte seinen Rahmen gesprengt. Weitere
wichtige Informationen finden sich im Anhang.
Drittens: Dass die Worte Johannes des Täufers und Jeschus im folgenden Textteil dieses Buches vielfach anders
lauten, als in den herkömmlichen Übersetzungen des Neuen Testaments, hat einen sprachlichen und einen poetischen
Grund. Der sprachliche Grund ist, dass ihnen Rückübersetzungen ins Aramäische zugrunde liegen. Und der poetische
Grund ist, dass ihnen poetisch geformte Texte zugrunde
liegen, wie sie so von Johannes und Jeschu selbst geformt
worden sind. Siehe zum Beispiel die Seiten 11 bis 16.
Viertens: Zu den Rückübersetzungen selbst ist anzumerken, dass sie nur über folgende Arbeitsschritte zu gewinnen waren:
Beim ersten Schritt ging es darum, den NTG-Text in
Sinnzeilen zu zerlegen, um – leichter als es sonst möglich
wäre – Fehler, Fehldeutungen und absichtliche Textänderungen zu entdecken, die von ur- und frühchristlichen
Übersetzern und Bearbeitern beim Übertragen aus dem
Aramäischen ins Griechische gemacht worden waren.
Beim zweiten Schritt galt es, schon am „Standard-Text“
des NTGs die für Jeschus Redeweise typischen poetischen
Formen zu ermitteln, die von jenen Übersetzern und Bearbeitern, weil sie keine Ahnung davon hatten, zerstört worden waren. Auch dazu siehe „Worte des Rabbi Jeschu“, Seiten 151 bis 160.
Beim dritten Schritt ging es darum, durch einen Rückgriff auf die altsyrischen und syrischen Übersetzungen der
Evangelien festzustellen, wie deren Verfasser ihre griechischen Textvorlagen wiedergegeben haben. – Als Basistext
20
diente dabei: G. A. Kiraz „Comparative Edition of the Syriac Gospels“ (Gorgias Press, 2002).
Beim vierten Schritt galt es, die aramäischen Entsprechungen des griechischen Wortbestandes von Q-Mt und QLk zu ermitteln und in poetisch angemessenen Formen ins
Deutsche zu übertragen. Im Deutschen unübliche Wortfolgen ließen sich dabei nicht immer vermeiden.
*
Es ist anzunehmen, dass wissenschaftlich orientierte Leserinnen und Leser dieses Buches sowohl in dieser Einführung als auch im Kommentarteil Auseinandersetzungen mit
Q-Forschern und deren Gegenpositionen vermisst haben
beziehungsweise vermissen werden. Den primären Grund
dafür habe ich bereits im Vorwort (Seite 10) genannt:
„Denn verglichen mit der IQP-Rekonstruktion der QÜberlieferungen, ist meine Rekonstruktion so anders, dass
es sich nicht empfiehlt, sie als einen Beitrag zur Q-Forschung zu verstehen und zu werten.
Der Hauptunterschied ist: Die Vorlagen der IQP-Arbeit
waren die NTG-Texte. Die Vorlagen meiner Arbeit waren
die ASE-Texte, die auf zuverlässigere Quellen zurückgehen
als die NTG-Texte, die ich nebenher benutzt habe. Hinzu
kommt noch meine andere Arbeitsweise; vor allem mein
Rückgriff auf das Aramäische Jeschus.“
Der sekundäre Grund leitet sich aus dem primären
Grund her: Gegenpositionen, die derart verschieden sind,
pflegen unüberbrückbar zu sein. Sie überbrücken oder auch
nur einander annähern zu wollen, hieße, aus Sand einen
Strick drehen zu wollen.
21
Begriffsbestimmung
Was im Vorwort bereits skizziert ist, sei hier, anders formuliert, noch einmal wiederholt: „Das älteste Evangelium“
ist kein bisher unbekanntes Evangelium. Es ist auch kein
Objekt von Vermutungen. Denn: Es existierte nachweislich
vor den Evangelien nach Markus, Matthäus und Lukas.
Und nicht nur das. Je eine anders lautende Fassung davon
liegt vor im Matthäus- und im Lukasevangelium: Ebenso in
ihnen verborgen, wie das Markusevangelium.
Bisher nannte man sie zusammen „Die Spruchquelle“;
oder kurz: „Q“ (= Quelle). Doch dieser Name wird ihrer
Bedeutung nicht gerecht. Denn werden sie sachgerecht miteinander verbunden – wie in diesem Buch geschehen –,
dann ergeben sie ein literarisches Werk, das ohne Abstriche
„Das älteste Evangelium“ genannt zu werden verdient.
Der nun folgende Textteil zeugt für sich selbst. Ohne
Anspruch auf Unfehlbarkeit!
22
TEXTTEIL
23
Die ebräische (= aramäische) Sprache ist … schlecht (= schlicht) und
wenig von Worten, aber da viel hinter ist; also daß es ihr keine nachtun kann … Wenn ich jünger wäre, so wollte ich diese Sprache lernen,
denn ohne sie kann man die h. Schrift nimmermehr recht verstehen.
Denn das neue Testament, obs wohl griechisch geschrieben ist, doch ist
es voll von … ebräischer (= aramäischer) Art zu reden. Darum haben sie recht gesagt: Die Ebräer (= Aramäer) trinken aus der Bornquelle; die Griechen aber aus den Wässerlein, die aus der Quelle fließen; die Lateinischen aber aus den Pfützen.
Martin Luther: Werke, Gesamtausgabe, Tischreden I (1912), S. 524f.
Zur Zeit Luthers wurde noch nicht zwischen Hebräisch und Aramäisch unterschieden.
1895 forderte der Göttinger Theologieprofessor Julius Wellhausen:
„Wer die Reden Jesu wissenschaftlich erklären will, muss im stande
sein, sie nötigenfalls in die Sprache zurückzuübersetzen, die Jesus gebraucht hat.“
Der syrische Evangelienpalimpsest vom Sinai, Nachrichten der königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen. Philologischhist. Klasse, Heft 1 (1895), S. 11.
1927 klagte der Marburger Theologieprofessor Karl Bornhäuser: „Die
Schwierigkeit, die darin besteht, daß Jesus (in der Regel wenigstens)
aramäisch gesprochen und wir seine Worte griechisch haben, ist wohl
gesehen, aber zu ihrer Überwindung ist das Mögliche noch nicht getan.“
Die Bergpredigt, Versuch einer zeigenössischen Auslegung
(21927), S. 24.
24
1. Kapitel
1
Es erging das Wort Gottes an Johannes,
den Sohn des Zacharias, in der Wüste.
Danach kam er in die ganze Umgebung des Jordans,
um eine Taufe der Reue auszurufen.
2
Damals gingen zu ihm hinaus:
Bewohner Jerusalems und ganz Judäas
und des ganzen Ostjordanlandes;
und er taufte sie am Jordan.
3
Zu den Leuten,
die zu ihm gekommen waren,
sagte er:
Otternbrut! –
Wer hat euch unterwiesen,
vor dem zu fliehen, was bestimmt ist?
4
5
6
Bereut! –
Denn die Gottesherrschaft ist da!
Schafft Tatfolgen, die eurer Reue angemessen sind!
Und vertraut nicht darauf, zu euch selber zu sagen:
Wir haben Abraham zum Vater!
Denn ich soll euch sagen:
Gott ist imstande,
aus diesen Steinen
dem Abraham Kinder erstehen zu lassen.
1 Lk 3,2.3 2 Mt 3,5.6 3 Lk 3,7 / Mt 3,7 4 Mt 3,2
5 Lk 3,8 / Mt 3,8.9 6 Lk 3,8 / Mt 3,9
25
3
3
3
4
4
4
3
3
3
7
8
9
10
11
12
13
14
15
Schon liegen die Äxte
an den Wurzeln der Bäume.
3
Jeder Baum nun,
der keine Früchte trägt –
er wird abgehauen und fällt ins Feuer.
3
Da fragten ihn die Leute:
Was sollen wir denn tun?
3
3
3
3
Er begann und sprach:
Jemand, der zwei Hemden hat –
er soll dem eines geben, der keines hat!
Und jemand, der Nahrungsmittel hat –
er soll ebenso handeln!
Es kamen auch Zollpächter,
um sich taufen zu lassen.
Sie sagten zu ihm:
Und was sollen wir tun?
Er sagte zu ihnen:
Ihr sollt nicht mehr eintreiben,
als euch festgesetzt ist!
4
4
3
2
2
3
3
Auch Soldaten fragten ihn:
Und was sollen wir tun?
Er sagte zu ihnen:
Ihr sollt niemanden erpressen!
Euer Sold sei euch genug!
2
3
3
7 Lk 3,9 / Mt 3,10 8 Lk 3,9 / Mt 3,10 9 Lk 3,10 10 Lk 3,11
11 Lk 3,11 12 Lk 3,12 13 Lk 3,13 14 Lk 3,14 15 Lk 3,14
26
16
17
Dann sagte er zu allen:
Ich taufe euch im Wasser.
– Er, der nach mir kommt,
er ist mächtiger als ich;
und ich bin nicht würdig,
die Riemen seiner Sandalen zu lösen. –
Er wird euch taufen im Feuer.
Er, der die Worfschaufel in seinem Arm hat,
um seinen Ausdrusch zu worfeln.
Das Getreide wird er sammeln in seinen Vorratsbehälter;
die Spreu aber wird er verwehen lassen.
2. Kapitel
1
Damals kam auch Jeschu aus Galiläa
an den Jordan zu Johannes,
um sich von ihm taufen zu lassen.
2
Als Jeschu getauft worden war
– in dem Augenblick,
da er heraufgestiegen war aus dem Wasser –,
siehe! – da öffneten sich die Himmel,
sodass [Johannes] den Geist Gottes sah,
der geradewegs auf ihn herabkam
und auf ihm blieb.
16 Lk 3,15.16 / Mt 3,11 17 Lk 3,17 / Mt 3,12 1 Mt 3,13 / Lk 3,21
2 Mt 3,16 / Lk 3,21.22
27
4
3
3
3
3
4
3
2
3
2
3
Und siehe! – Eine Himmelsstimme ließ sich hören,
die zu ihm sagte:
Du bist mein Sohn, mein Auserlesener.
Du, an dem mein Selbst Wohlgefallen hat.
4
Darauf wurde Jeschu vom Geist
fortgeführt in die Wüste
und – wurde vom Satan auf die Probe gestellt.
5
Und nachdem er gefastet hatte,
– vierzig Tage und vierzig Nächte –,
war er hungrig.
6
Da näherte sich ihm der Satan
und sagte zu ihm:
Wenn du der Auserlesene Gottes bist –
befiehl diesem Stein,
dass er zu Brot werde!
7
8
Da begann Jeschu und sprach:
Es steht geschrieben:
Nicht vom Brot allein
lebt der Mensch.
4
4
3
2
[5Mo 8,3]
Dann entführte ihn der Satan
und stellte ihn auf eine Schulter des Tempels
und sagte zu ihm:
Wenn du der Auserlesene Gottes bist –
stürze dich hinab
von hier!
3 Mt 3,17 / Lk 3,22 4 Mt 4,1 / Lk 4,1.2 5 Mt 4,2 / Lk 4,2
6 Mt 4,3 / Lk 4,3 7 Lk 4,4 / Mt 4,4 8 Lk 4,9 / Mt 4,5.6
28
4
3
2
4
3
2
9
Da sagte Jeschu zu ihm:
Es steht geschrieben:
Ihr sollt nicht auf die Probe stellen
den Ewigen euren Gott!
10
Wieder entführte ihn der Satan
und stellte ihn auf einen sehr hohen Berg.
11
Dann ließ er seinen Geist austreten,
zeigte ihm in einem Augenblick
alle Reiche der Welt
und sagte zu ihm:
Alle diese Macht
werde ich dir geben,
wenn du dich vor mir niederwerfen wirst
und mir dienen wirst.
12
13
[5Mo 6,16]
3
2
3
2
3
2
Denn mir wurde sie übergeben!
Und ich übergebe sie,
wem ich will!
2
2
2
Da begann Jeschu und sprach:
Es steht geschrieben:
Dem Ewigen, deinem Gott, sollst du Ehrfurcht zollen;
und ihm sollst du dienen!
14
Darauf ließ der Satan zeitweilig von ihm ab.
Dann nahten sich Engel und bedienten ihn.
15
Danach kehrte Jeschu zurück nach Galiläa
und lehrte in ihren Synagogen.
[5Mo 6,13]
9 Mt 4,7 / Lk 4,12 10 Mt 4,8 11 Lk 4,5-7 / Mt 4,8.9
12 Lk 4,6 13 Lk 4,8 / Mt 4,10 14 Mt 4,11 / Lk 4,13
15 Lk 4,14.15 / Mt 4,12,23
29
3
2
3. Kapitel
1
In jenen Tagen ging Jeschu hinaus auf den Berg
und übernachtete dort im Gebet.
2
Bei Tagesanbruch rief er seine Schüler herbei
und erwählte aus ihnen die Zwölf,
die er Sendboten nannte.
3
Dann richtete er seine Augen auf sie
und sagte zu ihnen:
Wohl euch, die ihr jetzt arm seid!
Denn ihr werdet reich werden.
4
5
6
7
3
2
Wohl euch, die ihr jetzt hungrig seid!
Denn ihr werdet gesättigt werden.
3
Wohl euch, die ihr jetzt traurig seid!
Denn ihr werdet getröstet werden.
3
Wohl euch, sooft sie euch schmähen werden!
Denn ebenso taten ihre Vorfahren den Propheten.
Aber wehe euch, sooft sie euch loben werden!
Denn ebenso taten ihre Vorfahren den Lügenpropheten.
4
Sooft sie euch hassen und verachten werden
und euch in schlechten Ruf bringen werden –
freut euch und frohlockt in jenen Tagen,
denn seht! – eure Belohnung ist groß in den Himmeln.
4
1 Lk 6,12 / Mt 5,1 2 Lk 6,13 / Mt 5,1 3 Lk 6,20 4 Lk 6,21
5 Lk 6,21 6 Lk 6,22.23.26 / Mt 5,11.12
7 Lk 6,22.23 / Mt 5,11.12
30
2
2
4
4
4
4
4
4
8
9
Erbarmt euch über die, die euch anfeinden,
sodass ihr euch als Kinder Abbas erweist,
der gütig ist auch zu den Bösen!
4
4
4
Dann stieg er mit seinen Schülern hinab von dem Berg
und setzte sich auf einen Sitz.
10
Viele Leute waren gekommen, um ihm zuzuhören.
Als er die vielen Leute sah,
öffnete er seinen Mund, lehrte sie und sagte:
11
Wohl denen, die arm sind!
Denn sie werden reich werden.
2
Wohl denen, die hungrig sind!
Denn sie werden gesättigt werden.
2
Wohl denen, die traurig sind!
Denn sie werden getröstet werden.
2
Erbarmt euch über die, die euch anfeinden!
Tut Gutes denen, die euch hassen!
Segnet die, die euch verfluchen!
Betet für die, die euch Böses antun!
4
Tut Gutes und leiht! –
Ihr sollt nicht abschneiden
die Hoffnung eines Menschen!
2
Dem, der dich auf deine Wange schlägt –
reich ihm hin auch deine andere!
4
12
13
14
15
16
2
2
2
4
4
4
2
2
4
8 Lk 6,35 / Mt 5,44.45 9 Lk 6,17 / Mt 5,1.2 10 Mt 5,1.2 / Lk 6,17-19
11 Mt 5,3 12 Mt 5,6 13 Mt 5,4 14 Lk 6,27.28 / Mt 5,44
15 Lk 6,35 16 Mt 5,39 / Lk 6,29
31
17
18
19
20
Und dem, der dein Hemd pfänden will –
lass ihm auch deinen Mantel!
4
Und dem, der dich eine Meile fronen lässt –
begleite ihn zwei Meilen!
4
Dem, der von dir geliehen nimmt –
gib ihm leihweise!
Und dem, der dein Eigentum wegnimmt –
hindere ihn nicht!
3
Und wie ihr wollt,
dass die Menschen euch tun sollen,
so sollt ihr ihnen tun!
3
4
4
2
3
2
3
3
4. Kapitel
1
2
3
Er, Abba, lässt seine Sonne aufgehen
über Guten und über Bösen.
Er, Abba, lässt seinen Regen herabkommen
auf Gerechte und auf Ungerechte.
4
Wenn ihr die liebt, die euch lieben –
tut ihr etwa etwas Besonderes?
Handeln die Huren nicht ebenso?!
4
Und wenn ihr denen Gutes tut, die euch Gutes tun –
tut ihr etwa etwas Besonderes?
Handeln die Zollpächter nicht ebenso?!
4
4
4
4
4
4
4
4
17 Mt 5,40 / Lk 6,29 18 Mt 5,41 19 Lk 6,30 / Mt 5,42 20 Lk 6,31 /
Mt 7,12 1 Mt 5,45 / Lk 6,35 2 Mt 5,46.47 / Lk 6,32 3 Lk 6,33
32
4
5
6
7
8
9
10
11
12
Und wenn ihr denen leiht, die euch leihen –
tut ihr etwa etwas Besonderes?
Handeln die Nichtjuden nicht ebenso?!
4
Wie Abba barmherzig ist,
so sollt ihr barmherzig werden!
3
Wie Abba vollkommen ist,
so sollt ihr vollkommen werden.
3
Wenn du Wohltätigkeit üben willst,
sollst du nicht sein, wie die Heuchler,
die die Posaune blasen lassen vor sich her,
damit sie gesehen werden von den Menschen!
3
Ich sage dir:
Sie haben ihre Belohnung empfangen!
4
4
3
3
3
4
4
3
Du aber, sooft du Wohltätigkeit übst,
soll deine Linke nicht wissen,
was deine Rechte tut,
damit deine Wohltätigkeit heimlich sei!
4
Und Abba, der auf dich achten lässt –
heimlich wird er dir vergelten lassen.
3
Und wenn du ein Fasten halten willst,
sollst du nicht sein wie die Heuchler,
die Asche auf ihre Köpfe streuen,
damit sie gesehen werden von den Menschen!
3
Ich sage dir:
Sie haben ihre Belohnung empfangen!
4 Lk 6,34 5 Lk 6,36 6 Mt 5,48 7 Mt 6,2 8 Mt 6,2 9 Mt 6,3.4
10 Mt 6,4 11 Mt 6,16 12 Mt 6,16
33
3
3
3
3
3
4
4
3
13
14
15
16
17
18
19
20
21
Du aber, sooft du ein Fasten hältst,
sollst du dein Gesicht waschen
und sollst deinen Kopf salben,
damit dein Fasten heimlich sei!
4
Und Abba, der auf dich achten lässt –
heimlich wird er dir vergelten lassen.
3
Und wenn du ein Gebet sprechen willst,
sollst du nicht sein wie die Heuchler,
die es lieben, an den Straßenecken zu beten,
damit sie gesehen werden von den Menschen!
3
Ich sage dir:
Sie haben ihre Belohnung empfangen!
3
3
3
3
3
4
4
3
Du aber, sooft du ein Gebet sprichst,
sollst du für dich in deine Kammer gehen
und sollst die Tür hinter dir zuschließen
damit dein Gebet heimlich sei!
4
Und Abba, der auf dich achten lässt –
heimlich wird er dir vergelten lassen.
3
Ihr sollt nicht verurteilen,
sodass ihr nicht verurteilt werdet.
2
Verzeiht! – So wird euch verziehen werden.
Schenkt! – So wird euch geschenkt werden.
3
Wenn ein Blinder einen Blinden führen wird –
werden nicht beide in eine Grube fallen?!
4
13 Mt 6,17.18 14 Mt 6,18 15 Mt 6,5 16 Mt 6,5 17 Mt 6,6
18 Mt 6,6 19 Lk 6,37 / Mt 7,1 20 Lk 6,37.38
21 Mt 15,14 / Lk 6,39
34
3
3
3
3
2
3
4
22
23
24
25
Es ist unmöglich, dass ein Schüler
größer ist als sein Rab.
Aber es ist möglich, dass ein Schüler
werde wie sein Rab.
3
(Lehrer)
3
3
3
Warum schaust du auf den Splitter
im Auge deines Bruders?
Erkennst du nicht den Balken
in deinem eigenen Auge?
3
Oder: – Wie kannst du
zu deinem Bruder sagen:
Gestatte! – Ich werde den Splitter herausziehen
aus deinem Auge,
obwohl du den Balken in deinem eigenen Auge
nicht erkennst?
3
Splitterrichter! –
Zieh zuerst den Balken heraus
aus deinem Auge!
Und danach magst du den Splitter herausziehen
aus seinem Auge!
2
3
2
2
3
2
3
2
3
2
3
2
5. Kapitel
1
Es gibt keinen guten Baum,
der schlechte Früchte trägt.
Und es gibt keinen schlechten Baum,
der gute Früchte trägt.
3
3
3
3
22 Mt 10,24.25 / Lk 6,40 23 Lk 6,41 / Mt 7,3 24 Lk 6,42 / Mt 7,4
25 Lk 6,42 / Mt 7,5 1 Lk 6,43 / Mt 7,17.18
35
2
3
4
5
6
7
8
Jeder Baum wird erkannt
an seinen Früchten.
3
Schneidet man etwa Weintrauben
von Disteln?
Oder pflückt man Feigen
von Dornbüschen?
3
Der gute Mensch lässt Güte hervorsprudeln
aus dem guten Überfluss seiner Gesinnung.
Und der böse Mensch lässt Bosheit hervorsprudeln
aus dem bösen Überfluss seiner Gesinnung.
4
Aus dem Überfluss der Gesinnung
redet der Mund.
3
2
2
3
2
4
4
4
2
Amen! Amen! – Ich soll euch sagen:
Nicht jeder, der Abba! gesagt hat,
darf eingelassen werden in die Himmelsherrschaft!
Nur der, der den Willen Abbas getan hat,
darf eingelassen werden in die Himmelsherrschaft!
Warum nennt ihr mich
Maran, Maran?
Obwohl ihr das, was ich euch gebiete,
nicht tut.
4
4
4
3
(Unser Herr)
Jeder, der meine Worte gehört hat
und sie befolgt hat,
mit ihm wird es sein, wie mit einem vernünftigen Mann,
der sein Haus auf Fels baute:
2 Lk 6,44 / Mt 12,33 3 Mt 7,16 / Lk 6,44 4 Lk 6,45 / Mt 12,35
5 Lk 6,45 / Mt 12,34 6 Mt 7,21 7 Lk 6,46
8 Mt 7,24 / Lk 6,47.48
36
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3
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3
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9
10
11
12
13
Und die Winde wehten,
und der Regen fiel,
und die Fluten kamen
und stürzten sich gegen das Haus.
2
Und es stürzte nicht ein,
weil es gegründet war – auf Fels.
2
Jeder, der meine Worte gehört hat
und sie nicht befolgt hat –
mit ihm wird es sein, wie mit einem unvernünftigen Mann,
der sein Haus auf Sand baute:
3
Und die Winde wehten,
und der Regen fiel,
und die Fluten kamen
und stürzten sich gegen das Haus.
2
Und es stürzte vollständig ein,
weil es gegründet war – auf Sand.
2
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2
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3
2
2
2
3
6. Kapitel
1
Nachdem Jeschu diese Worte
vor den Ohren des Volkes gelehrt hatte,
ging er hinein nach Kafarnaum.
Dabei näherte sich ihm ein gewisser Zenturio,
bat ihn inständig und sagte:
9 Mt 7,25 / Lk 6,47.48 10 Mt 7,25 / Lk 6,48 11 Mt 7,26 / Lk 6,49
12 Mt 7,27 / Lk 6,49 13 Mt 7,27 / Lk 6,49 1 Lk 7,1.2 / Mt 7,28; 8,5.6
37
Mein Herr! –
Mein Sohn liegt krank danieder,
gelähmt und in großer Qual.
2
3
4
5
6
7
Da sagte Jeschu zu ihm:
Ich soll kommen und ihn heilen?
Der Zenturio begann und sprach:
Mein Herr! – Bemühe dich nicht!
Denn ich bin nicht wert,
dass du unter mein Dach trittst.
3
3
3
3
3
3
Sondern befiehl mit einem Wort,
so wird mein Sohn geheilt werden!
3
Denn auch ich bin ein Mann,
der Befehlsgewalt hat.
Und befehle ich diesem:
Geh! Dann geht er.
Und befehle ich einem anderen:
Komm! Dann kommt er.
Und befehle ich meinem Sklaven:
Arbeite! Dann arbeitet er.
3
Als Jeschu das hörte, wunderte er sich
und sagte zu denen, die ihm folgten:
Bei keinem Israeliten habe ich gefunden –
solch ein Vertrauen!
Dann sagte er zu dem Zenturio:
Wie du vertraut hast,
wird dir geschehen.
2
2
3
2
3
2
3
2
3
2
3
2
2 Mt 8,7 / Lk 7,2 3 Mt 8,8 / Lk 7,6.7 4 Mt 8,8 / Lk 7,7 5 Mt 8,9 /
Lk 7,8 6 Mt 8,10 / Lk 7,9 7 Mt 8,13
38
8
Und in dem Augenblick
wurde sein Sohn geheilt.
9
Als Johannes im Kerker
von den Taten Jeschus hörte,
schickte er zwei seiner Schüler zu ihm,
um ihm sagen zu lassen:
Bist du der Kommende,
oder sollen wir einen anderen erwarten?
10
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12
13
14
Da begann Jeschu und sprach:
Geht! – Und sagt dem Johannes,
was ihr hört und seht!
Und: Wohl dem, der nicht –
zu Fall kommt – durch mich!
Als jene weggegangen waren,
sprach Jeschu zu den Leuten über Johannes:
Um was zu sehen, seid ihr hinausgegangen?
Einen Eiferer? – Geistig verwirrt?
Wenn aber nicht:
Um was zu sehen, seid ihr hinausgegangen?
Einen Mann? – Gekleidet in Byssus?
Seht! – Die in Byssus gekleidet sind –
sie sind in den Palästen der Könige.
Wenn aber nicht:
Um was zu sehen, seid ihr hinausgegangen?
Einen Propheten? – Gekleidet in ein Fell?
3
3
3
2
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8 Mt 8,13 / Lk 7,10 9 Mt 11,2.3 / Lk 7,18-21
10 Mt 11,4.6 / Lk 7,22.23 11 Mt 11,7 / Lk 7,24 12 Mt 11,8 / Lk 7,25
13 Mt 11,8 / Lk 7,25 14 Mt 11,9 / Lk 7,26
39
15
Ja! – Mehr als einen Propheten!
16
Dieser ist er, über den geschrieben steht:
Seht! – Ich sende meinen Boten,
damit er den Weg freiräume vor mir her.
17
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21
22
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4
[Mal 3,1]
3
3
Es erstand kein Prophet
unter von Frauen Geborenen,
der größer war als Johannes.
3
Aber der Kleinere als er –
in der Himmelsherrschaft ist er
größer als Johannes.
3
Johannes ist zu euch gekommen
mit der richtigen Lehre,
und ihr habt ihm nicht vertraut.
3
Aber die Zollpächter und Huren –
sie haben ihm vertraut.
3
Doch ihr – nicht einmal,
als ihr dies gesehen habt,
habt ihr bereut, sodass ihr ihm vertraut.
3
Zollpächter und Huren, die Johannes zuhörten –
sie wurden freigesprochen vor Gott,
weil sie sich taufen ließen von Johannes.
4
Aber Pharisäer und Schriftgelehrte, die Johannes zuhörten –
sie wurden nicht freigesprochen vor Gott,
weil sie sich nicht taufen ließen von Johannes.
4
15 Mt 11,9 / Lk 7,26 16 Mt 11,10 / Lk 7,27
17 Mt 11,11 / Lk 7,28 18 Mt 11,11 / Lk 7,28 19 Mt 21,32
20 Mt 21,32 21 Mt 21,32 22 Lk 7,29 23 Lk 7,30
40
3
3
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3
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3
3
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3
3
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25
26
Wem soll ich diese Menschenart vergleichen?
Sie ist Kindern vergleichbar, die auf den Straßen spielen,
wobei sie einander anschreien und sagen:
4
Wir haben für euch geflötet! –
Aber ihr habt nicht getanzt!
Und wir haben für euch gewehklagt! –
Aber ihr habt nicht getrauert!
2
Johannes kam, aß nicht und trank nicht;
da sagten sie: In ihm ist ein Dämon!
ICH kam, esse und trinke,
da sagen sie: Seht! – Der Fresser und Säufer!
4
4
4
2
2
2
4
4
4
7. Kapitel
1
2
Ein Schriftgelehrt[enschül]er näherte sich Jeschu
und sagte zu ihm:
Rabbi! – Ich werde dir folgen,
wohin du gehst.
Da sagte er zu ihm:
Die Füchse – sie haben Baue,
und die Vögel – sie haben Nester.
Aber ICH habe keinen Ort,
wo ICH MEINEN Kopf hinlegen kann.
24 Mt 11,16 / Lk 7,31.32 25 Mt 11,17 / Lk 7,32
26 Mt 11,18.19 / Lk 7,33.34 1 Mt 8,19 / Lk 9,57
2 Mt 8,20 / Lk 9,58
41
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3
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5
6
Jeschu sagte zu einem seiner Schüler:
Folge mir!
Der begann und sprach:
Erlaubst du mir, zuerst hinzugehen
und meinen Vater zu bestatten?
Da sagte er zu ihm:
Überlass deinen Toten dem Totengräber!
Aber du! – Ruf aus die Gottesherrschaft!
Ein anderer sagte zu ihm:
Rabbi! – Ich werde dir folgen.
Aber erlaubst du mir, zuerst hinzugehen,
um mich segnen zu lassen von meinen Hausgenossen?
Da sagte Jeschu zu ihm:
Jemand, der seine Hand auf den Pflugsterz gestemmt hat
und dann zurückkehrt in sein Haus –
er ist untauglich für die Gottesherrschaft.
2
3
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7
Dann rief Jeschu seine Schüler zusammen
und gab ihnen Vollmacht,
unreine Geister auszutreiben und Krankheiten zu heilen.
8
Darauf sagte er zu ihnen:
Die Ernte ist groß, aber Schnitter gibt es wenige.
Erbittet vom Herrn der Ernte,
er möge Schnitter in seine Ernte senden!
9
Geht nicht in Richtung Nichtjuden!
Betretet auch nicht die Provinz Samaria!
Geht nur zum Stamm Israel!
3 Lk 9,59 / Mt 8,21 4 Lk 9,60 / Mt 8,22 5 Lk 9,61 6 Lk 9,62
7 Mt 10,1 / Lk 9,1 8 Lk 10,2 / Mt 9,37.38 9 Mt 10,5.6
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10
Und wo ihr hingeht, da ruft aus:
Die Gottesherrschaft ist da!
3
11
Heilt Kranke! – Treibt Dämonen aus!
4
12
Nehmt kein Silbergeld mit!
Und kein Kupfergeld in euren Gürteltüchern!
Und keinen Ranzen für die Reise!
Und keine zwei Hemden!
Auch keine Sandalen!
3
Fragt unterwegs niemanden
nach seinem Wohlergehen!
3
Wenn ihr in ein Haus kommt,
sagt: Heil diesem Haus!
4
Wenn dort ein Gesinnungsgenosse ist,
wird euer Heilsgruß auf ihm ruhen.
Aber wenn dort kein Gesinnungsgenosse ist,
wird euer Heilsgruß auf euch zurückkehren.
4
Bleibt in demselben Haus!
Und wechselt nicht in ein anderes!
3
Esst und trinkt von dem Ihren!
Denn der Arbeiter ist seiner Nahrung wert.
4
Wenn ihr in eine Ortschaft kommt,
und sie nehmen euch in sie auf –
heilt die Kranken in ihr und sagt:
Die Gottesherrschaft ist zu euch gelangt!
4
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10 Mt 10,7 11 Mt 10,8 12 Mt 10,9.10 / Lk 10,4 13 Lk 10,4
14 Lk 10,5 / Mt 10,12 15 Lk 10,6 / Mt 10,13 16 Lk 10,7
17 Lk 10,7 / Mt 10,10 18 Lk 10,8.9 / Mt 10,8
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25
Und wenn ihr in eine Ortschaft kommt,
und sie nehmen euch nicht in sie auf –
geht hinaus auf ihre Straßen und sagt:
Auch den Staub, der an unseren Füßen hängt,
schütteln wir ab zum Belastungszeugnis gegen euch.
4
Aber dies sollt ihr wissen:
Die Gottesherrschaft ist da!
3
Jeder, der euch aufnimmt –
er nimmt mich auf.
Und jemand, der mich aufnimmt –
er nimmt den auf, der mich gesandt hat.
3
Jeder, der auf euch hört –
er hört auf mich.
Und jemand, der auf mich hört –
er hört auf den, der mich gesandt hat.
3
Jeder, der euch verwirft –
er verwirft mich.
Und jemand, der mich verwirft –
er verwirft den, der mich gesandt hat.
Geht hin! –
Seht! – Ich sende euch
wie Lämmer unter die Wölfe.
Seid vorsichtig wie Hornschlangen!
Seid lauter wie Turteltauben!
19 Lk 10,10.11 / Mt 10,14 20 Lk 10,11 21 Mt 10,40
22 Lk 10,16 23 Lk 10,16 24 Lk 10,3 / Mt 10,16 25 Mt 10,16
44
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8. Kapitel
1
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3
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5
Zu jener Zeit begann Jeschu und sprach:
Ich danke dir, Abba,
Herr der Himmel und der Erde,
dass du dies den Gelehrten verborgen sein lässt
und es den Ungelehrten offenbar sein lässt.
Ja! – Abba! – Heiliger! –
Weil es so dein Wille war.
3
3
3
3
3
3
Kein Mensch weiß,
wer ICH bin;
und kein Mensch weiß,
wer Abba ist –
außer ICH will es
ihm offenbaren.
3
Wohl ihnen, euren Augen,
weil sie sehen!
Und wohl ihnen, euren Ohren,
weil sie hören!
2
Denn viele Propheten und Gerechte begehrten,
zu sehen, was ihr seht, und sahen es nicht,
und zu hören, was ihr hört, und hörten es nicht.
4
2
3
2
3
2
2
2
2
Einer seiner Schüler sagte zu Jeschu:
Maran! –
Lehrst du uns ein Gebet,
wie Johannes seine Schüler gelehrt hat?
4
(Unser Herr!)
1 Mt 11,25.26 / Lk 10,21 2 Lk 10,22 / Mt 11,27
3 Mt 13,16 / Lk 10,23 4 Mt 13,17 / Lk 10,24 5 Lk 11,1
45
4
3
3
6
7
8
9
10
11
12
Da sagte er zu ihnen:
Wenn ihr betet, sprecht:
Abba! –
Lass geheiligt werden deine Gegenwart!
Lass sich ausbreiten deine Herrschaft!
Lass geschehen deinen Willen!
3
2
2
2
Lass uns geben unsere Nahrung!
Lass uns vergeben unsere Sünden!
Lass uns retten aus unserer Versuchung!
3
Bittet ihr, so wird euch gegeben werden.
Sucht ihr, so werdet ihr etwas finden.
Klopft ihr an, so wird euch geöffnet werden.
3
Welcher Vater unter euch,
den sein Sohn um ein Brot bittet,
würde ihm einen Stein geben?
3
Und welcher Vater unter euch,
den sein Sohn um einen Fisch bittet,
würde ihm eine Schlange geben?
3
Und welcher Vater unter euch,
den sein Sohn um ein Ei bittet,
würde ihm einen Skorpion geben?
3
Wenn sogar ihr wisst,
euren Kindern gute Gaben zu geben –
um wie viel mehr weiß Abba,
seinen Kindern gute Gaben geben zu lassen!
4
3
3
3
3
3
3
3
3
3
3
4
4
4
6 Lk 11,1.2 / Mt 6,9.10 7 Lk 11,3.4 / Mt 6,11-13 8 Mt 7,7 / Lk 11,9
9 Mt 7,9 10 Mt 7,10 / Lk 11,11 11 Lk 11,12
12 Mt 7,11 / Lk 11,13
46
9. Kapitel
1
Sie brachten einen Stummen zu Jeschu,
in dem ein Dämon war.
Und er heilte ihn,
sodass der Stumme redete.
2
Da staunten die Leute,
und zwei Schriftgelehrte sagten:
Dieser! – Er treibt keine Dämonen aus!
Außer durch den Beelzebub,
den Anführer der Dämonen.
3
4
5
6
Darauf sagte Jeschu zu ihnen:
Jede Herrschaft,
die gegen sich selbst streitet,
wird verwüstet.
4
3
2
2
2
2
Und keine Familie,
die gegen sich selbst streitet,
kann bestehen.
2
Und wenn der Satan den Satan austriebe,
wie könnte dann seine Herrschaft bestehen?
4
Und wenn ich Dämonen austriebe
durch den Beelzebub,
durch wen werden sie ausgetrieben
von euren Schülern?
3
2
2
4
2
3
2
1 Mt 12,22 / Lk 11,14 2 Lk 11,14.15 / Mt 12,23.24
3 Lk 11,17 / Mt 12,25 4 Mt 12,25 / Lk 11,17 5 Lk 11,18 / Mt 12,26
6 Lk 11,19 / Mt 12,27
47
7
8
9
10
11
12
13
Wenn ich aber Dämonen austreibe
durch einen Finger Gottes,
dann ist sie zu euch gelangt –
die Gottesherrschaft.
3
Es ist unmöglich, dass jemand eindringen kann
in den Palast des Mächtigen und seine Waffen
rauben kann –
außer er hat vorher den Mächtigen gefesselt.
4
Solange der Mächtige
bewaffnet seinen Palast bewacht,
ist sein Besitz in Sicherheit.
3
Wenn aber jemand kommt,
der mächtiger ist als er und ihn besiegt,
nimmt er ihm alle seine Waffen weg.
3
Jemand, der nicht mit mir sammelt –
er zerstreut gegen mich!
3
Wenn ein unreiner Geist
ausgetrieben wurde aus einem Menschen,
durchstreift er zerstörte Orte,
um einen Ruheplatz für sich zu suchen.
3
Und wenn er keinen findet,
dann sagt er zu sich selbst:
Ich werde zu meiner Behausung zurückkehren,
von wo ich vertrieben wurde.
3
7 Lk 11,20 / Mt 12,28 8 Mt 12,29 9 Lk 11,21 10 Lk 11,22
11 Lk 11,23 / Mt 12,30 12 Lk 11,24 / Mt 12,43
13 Lk 11,24 / Mt 12,43.44
48
2
3
2
4
4
3
3
3
3
3
3
3
3
3
3
3
14
15
16
17
Und wenn er kommt und findet sie
leer und warm und geschmückt,
dann geht er hin und bringt mit
sieben andere Geister.
3
Und die sind böser als er;
und sie dringen ein und wohnen in ihr,
sodass der spätere Zustand jenes Menschen
schlimmer ist als der frühere Zustand.
3
Als Jeschu dies gesagt hatte,
sagte eine gewisse Frau aus der Menge
mit lauter Stimme zu ihm:
Wohl dem Mutterschoß, der dich getragen hat
und den Mutterbrüsten, von denen du gesogen hast!
Da sagte er zu ihr:
Nein! – Sondern: Wohl jenen,
die das Wort Gottes hören und befolgen!
3
3
3
3
3
3
3
3
4
4
10. Kapitel
1
2
Einer von den Pharisäern sagte zu Jeschu:
Rabbi! –
Wir fordern, dass du uns sehen lässt,
irgendein Zeichen.
Da begann er und sprach:
Diese Menschenart ist böse!
Sie fordert ein Zeichen.
3
2
3
2
14 Lk 11,25.26 / Mt 12,44.45 15 Lk 11,26 / Mt 12,45
16 Lk 11,27 17 Lk 11,28 1 Mt 12,38 2 Mt 12,39
49
3
4
5
6
7
8
Aber ihr wird kein Zeichen gegeben werden! –
Außer das Warnzeichen des Propheten Jona.
4
Wie Jona gewesen ist
ein Warnzeichen für die Niniviten,
ebenso bin ICH es
für diese Menschenart.
3
Wie Jona gewesen ist
im Innern des Fisches,
ebenso werde ICH sein
im Innern der Erde.
3
Die Königin von Saba wird auftreten
beim Rechtsspruch gegen diese Menschenart.
Denn sie kam von den östlichen Gegenden der Erde,
um die Weisheit Salomos zu hören.
Und seht! –
Ein Größerer als Salomo ist hier!
3
Männer aus Ninive werden auftreten
beim Rechtsspruch gegen diese Menschenart.
Denn sie bereuten in Sack und Asche
auf das Ausrufen Jonas hin.
Und seht! –
Ein Größerer als Jona ist hier!
3
Kein Mensch zündet eine Lampe an
und stellt sie unter ein Hohlmaß.
Sondern er stellt sie auf einen Leuchter,
sodass sie allen leuchtet, die im Haus sind.
4
4
2
3
2
2
3
2
3 Mt 12,39 / Lk 11,29 4 Lk 11,30 5 Mt 12,40 6 Lk 11,31 / Mt
12,42 7 Lk 11,32 / Mt 12,41 8 Mt 5,15 / Lk 11,33
50
3
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3
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3
4
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4
4
4
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13
Die Lampe des Körpers ist das Auge.
4
Wenn dein Blick wohlwollend ist,
wird dein ganzer Körper gesund werden.
Wenn aber dein Blick übelwollend ist,
wird dein ganzer Körper krank werden.
4
Wenn dein Licht finster wurde durch dich –
wie groß wurde deine Finsternis!
4
Nimm dich in acht,
damit dein Licht nicht
finster werde!
2
Solange dein Licht hell ist,
erleuchtet es dich.
Aber sobald dein Licht finster wird,
verfinstert es dich.
3
4
4
4
4
2
2
11. Kapitel
1
Ein gewisser Pharisäer erbat von Jeschu,
dass er bei ihm speise.
Da trat er ein und legte sich zu Tisch.
2
Der Pharisäer aber war entsetzt,
dass er nicht vor dem Mahl
seine Hände abgespült hatte.
9 Mt 6,22 / Lk 11,34 10 Mt 6,22.23 / Lk 11,34 11 Mt 6,23
12 Lk 11,35 13 Lk 11,36 1 Lk 11,37 2 Lk 11,38
51
2
3
2
3
4
5
6
7
8
Da sagte Jeschu zu ihm:
Ihr Pharisäer! –
Ist nicht, wie das Innere beschaffen ist,
auch das Äußere beschaffen?!
Reinige auch dein Inneres,
nicht nur dein Äußeres,
sodass du ganz rein wirst!
Wehe euch Pharisäern,
die ihr reinigt das Äußere
des Bechers und der Schüssel,
während ihr Inneres voll ist von
Geraubtem und Besudeltem!
Wehe euch Pharisäern,
die ihr den Zehnten verzehntet
von Minze, Dill und Kümmel,
während ihr die Summe der Weisung weglasst:
Recht, Barmherzigkeit und Treue!
Dies habt ihr nicht getan!
Und jenes habt ihr nicht weggelassen!
Wehe euch Pharisäern,
die ihr Gräbern vergleichbar seid,
die von außen geweißt sind,
drinnen aber voller Gebeine
und allerlei Unreinem!
3 Lk 11,39.40 4 Lk 11,41 / Mt 23,26 5 Mt 23,25 / Lk 11,39
6 Mt 23,23 / Lk 11,42 7 Mt 23,23 / Lk 11,42
8 Mt 23,27 / Lk 11,44
52
3
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3
3
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2
3
2
3
3
3
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12
13
14
Wehe euch Schriftgelehrten,
die ihr die Menschen belastet
mit schweren Lasten,
ohne dass ihr sie anrührt
mit einem eurer Finger!
3
2
3
2
Wehe euch,
die ihr gebaut habt
die Gräber der Propheten,
die eure Vorfahren ermordet haben!
2
Damit habt ihr bezeugt
und habt euch bekannt
zu den Taten eurer Vorfahren,
die die Propheten ermordet haben.
2
Wehe euch,
die ihr gebaut habt
die Grabanlagen der Propheten
die eure Vorfahren ermordet haben!
2
Und die ihr sagt:
Wenn wir gelebt hätten in den Tagen unserer Vorfahren,
wären wir nicht beteiligt gewesen an ihrer Blutschuld.
Dadurch bezeugt ihr
gegen euch selbst,
dass ihr die Nachkommen derer seid,
die die Propheten ermordet haben.
9 Lk 11,46 / Mt 23,4 10 Lk 11,47 11 Lk 11,48 12 Mt 23,29
13 Mt 23,30 14 Mt 23,31
53
2
2
2
2
2
2
2
2
2
4
4
3
2
3
2
15
Wehe euch Schriftgelehrten,
die ihr die Gottesherrschaft verschließt
vor den Menschen!
Denn ihr tretet nicht ein,
und die Eintretenden hindert ihr.
3
2
3
2
12. Kapitel
1
2
3
4
5
Es gibt nichts Verborgenes,
das nicht entdeckt werden wird.
Und es gibt nichts Geheimes,
das nicht bekannt werden wird.
3
Was ich euch im Dunkeln sage,
sollt ihr im Licht sagen!
Und was ich euch ins Ohr flüstere,
sollt ihr auf den Dächern ausrufen!
3
Nicht vor denen
sollt ihr Ehrfurcht haben,
die den Leib töten können!
2
Sondern vor dem
sollt ihr Ehrfurcht haben,
der das Selbst töten kann!
2
Werden nicht verkauft
zwei Sperlinge
für ein As?! –
2
2
3
2
2
3
2
2
2
2
2
2
2
15 Mt 23,13 / Lk 11,52 1 Lk 12,2 / Mt 10,26 2 Mt 10,27 / Lk 12,3
3 Mt 10,28 / Lk 12,4 4 Mt 10,28 / Lk 12,5 5 Mt 10,29 / Lk 12,6
54
6
7
8
9
2
Fürchtet euch nicht!
Ihr seid wertvoller
als Sperlinge.
2
Auch die Haare eures Kopfes –
sie alle sind zugeteilt.
3
2
2
2
2
Amen! Amen! – Ich soll euch sagen:
Jeder, der sich zu mir bekennen wird
vor den Menschen –
zu ihm werde ICH MICH bekennen
vor den Richterengeln.
10
11
12
Dennoch wird von ihnen
keiner vergessen
von Abba!
3
3
2
3
2
Aber jemand, der mich verleugnen wird
vor den Menschen –
ihn werde ICH verleugnen
vor den Richterengeln!
3
Jeder, der etwas
gegen MICH redet –
ihm kann vergeben werden!
2
Aber jemand, der etwas
gegen den Geist redet –
ihm kann nicht vergeben werden!
2
6 Mt 10,29 / Lk 12,6 7 Mt 10,31 / Lk 12,7 8 Mt 10,30 / Lk 12,7
9 Lk 12,8 / Mt 10,32 10 Lk 12,9 / Mt 10,33
11/12 Lk 12,10 / Mt 12,32
55
2
3
2
2
2
2
2
13
Wenn sie euch ausliefern werden
in die Gewalt der Synagogen,
dann seid nicht besorgt,
was ihr reden sollt!
Denn nicht ihr seid es, die reden werden,
sondern der Geist.
3
2
3
2
3
2
13. Kapitel
1
Seid nicht besorgt um euer Selbst,
was ihr essen werdet!
Und seid nicht besorgt um euren Körper,
was ihr anziehen werdet!
3
Ist nicht das Selbst mehr
als die Nahrung?!
Und ist nicht der Körper mehr
als die Kleidung?!
3
3
Warum seid ihr besorgt wegen der Nahrung?
4
4
Beobachtet die Raben,
die nicht säen
und nicht ernten
und nicht einsammeln!
2
Er, Abba, lässt sie ernähren.
Seid ihr nicht wertvoller als sie?!
4
2
5
2
3
2
2
3
2
13 Mt 10,19 / Lk 12,11.12 1 Mt 6,25 / Lk 12,22 2/3 Mt 6,25 / Lk
12,23 4 Mt 6,26 / Lk 12,24 5 Mt 6,26 / Lk 12,24
56
2
2
2
4
6
Und warum seid ihr besorgt wegen der Kleidung?
4
7
Betrachtet die Anemonen,
die nicht hecheln
und nicht spinnen
und nicht weben!
2
8
9
10
11
12
2
2
2
Ich sage euch:
Auch nicht Salomo
war in Gewänder gekleidet,
wie eine von ihnen!
3
3
3
Wenn aber das Weidegras
– das heute lebt
und morgen verdorrt wird
und in den Ofen geworfen wird –
Abba so kleiden lässt,
um wie viel mehr wird er euch kleiden lassen,
ihr Vertrauensschwachen!
3
Darum seid nicht besorgt und denkt:
Was werden wir essen?
Und was werden wir anziehen?
4
Denn er, Abba, weiß,
was ihr nötig habt.
3
Wer unter euch
kann hinzufügen
zu seinem Gebein
ein einziges Knöchelchen?
2
2
2
2
3
3
3
2
2
2
2
2
2
6/7 Mt 6,28 / Lk 12,26 8 Mt 6,29 / Lk 12,27 9 Mt 6,30 / Lk 12,28
10 Mt 6,31 / Lk 12,29 11 Mt 6,32 / Lk 12,30
12 Mt 6,27 / Lk 12,25
57
13
14
15
16
Ihr solltet keine Schätze auf der Erde anhäufen,
wo Mottenfraß und Wurmfraß verderben
und wo Diebe und Einbrecher stehlen!
4
Sondern ihr solltet Schätze in den Himmeln anhäufen,
wo Mottenfraß und Wurmfraß nicht verderben
und wo Diebe und Einbrecher nicht stehlen!
4
Macht euch Geldbeutel,
die nicht morsch werden!
Häuft euch Schätze an,
die nicht abnehmen!
3
Wo dein Schatz ist,
dort wird dein Herz sein.
3
4
4
4
4
2
3
2
3
14. Kapitel
1
2
Wenn der Hausherr
gewusst hätte,
in welcher Nachtwache
der Einbrecher kommt –
er hätte nicht zugelassen,
dass in sein Haus eingebrochen wird.
3
Darum seid bereit!
Denn das Ende wird zu einem Zeitpunkt kommen,
zu dem ihr es nicht erwartet.
3
13 Mt 6,19 14 Mt 6,20 15 Lk 12,33 16 Mt 6,21 / Lk 12,34
1 Mt 24,43 / Lk 12,39 2 Mt 24,44 / Lk 12,40
58
2
3
2
3
2
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8
9
Wer ist der zuverlässige und kluge Sklave,
den sein Herr eingesetzt hat über seine Mitsklaven? –
Jener, der ihnen die zubereitete Nahrungsration gibt.
4
Wohl jenem Sklaven,
den sein Herr, wenn er kommen wird,
so handelnd antreffen wird!
3
Ich sage euch:
Er wird ihn einsetzen über alles,
was er hat.
4
4
3
3
3
2
Aber wehe jenem Sklaven,
der böse ist und denkt:
Mein Herr kommt später.
3
Und wenn er dann anfängt,
die Sklaven und die Sklavinnen zu schlagen
und zu essen und zu trinken und sich zu betrinken,
3
dann wird der Herr des Sklaven kommen
an einem Tag, den er nicht kennt
und wird ihn den Geißlern übergeben zur Züchtigung.
3
Ich bin auf die Erde gekommen,
um eine Fackel anzuzünden.
Und wie sehr wünsche ich,
dass sie schon lodert!
2
3
3
3
3
3
3
2
2
2
3 Lk 12,42 / Mt 24,45 4 Mt 24,46 / Lk 12,43 5 Mt 24,47 / Lk 12,44
6 Mt 24,48 / Lk 12,45 7 Mt 24,49 / Lk 12,45
8 Mt 24,50.51 / Lk 12,46 9 Lk 12,49
59
10
11
12
13
14
15
16
Ich bin nicht gekommen,
um Zugeständnisse zu machen!
Sondern ich bin gekommen,
um Streitgespräche zu führen!
2
Wenn ihr eine Wolke seht,
die aus dem Westen aufsteigt,
sagt ihr: Es kommt Regen.
Und es geschieht so.
3
Und wenn ihr einen Wind seht,
der aus dem Süden weht,
sagt ihr: Es kommt Hitze.
Und es geschieht so.
3
Wolkendeuter! –
Das Aussehen des Himmels und der Erde
wisst ihr zu deuten.
Aber diese Zeit und ihre Warnzeichen
wisst ihr nicht zu deuten.
2
2
2
3
3
2
3
3
2
3
2
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2
Abends sagt ihr:
Morgen wird es heiter;
denn der Himmel ist rot.
3
Und morgens sagt ihr:
Heute wird es stürmisch;
denn der Himmel ist rot.
3
Das Aussehen des Himmels wisst ihr zu deuten.
Aber die Warnzeichen der Zeit wisst ihr nicht zu deuten.
4
10 Mt 10,34 / Lk 12,51 11 Lk 12,54 12 Lk 12,55 13 Lk 12,56
14 Mt 16,2 15 Mt 16,3 16 Mt 16,3
60
3
3
3
3
4
17
18
19
Wenn du mit ihm vor Gericht gehst,
einige dich schnell mit deinem Prozessgegner,
während du mit ihm unterwegs bist!
4
Damit er dich nicht vor dem Richter als schuldig erweise,
und der Richter dich dem Gerichtsdiener übergebe
und der Gerichtsdiener dich ins Gefängnis werfe!
3
Amen! Amen! – Ich soll dir sagen:
Du wirst nicht von dort herauskommen,
bis du die letzte Kleinmünze bezahlt hast.
4
4
4
3
3
4
4
15. Kapitel
1
2
3
Womit soll ich die Gottesherrschaft vergleichen?
Es ist mit ihr, wie mit einem Senfkorn,
das ein Mann nahm und auf den Erdboden warf,
und das wuchs und zu einem großen Baum wurde.
4
Womit soll ich die Gottesherrschaft vergleichen?
Es ist mit ihr, wie mit einem Stück Sauerteig,
das eine Frau nahm und mit Mehl verknetete
und warm stellte, bis das Ganze durchsäuert war.
4
O wie breit ist der Weg,
der in den Tod führt!
Und jener gibt es viele,
die auf ihm gehen.
3
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2
3
2
17 Lk 12,58 / Mt 5,25 18 Lk 12,58 / Mt 5,25 19 Mt 5,26 / Lk
12,59 1 Lk 13,18.19 / Mt 13,31.32 2 Lk 13,20.21 / Mt 13,33
3 Mt 7,13
61
4
5
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7
8
9
O wie schmal ist der Weg,
der ins Leben führt!
Und jener gibt es wenige,
die ihn finden.
3
Strengt euch an, eingelassen zu werden
durch das schmale Tor!
Amen! Amen! – Ich soll euch sagen:
Viele werden wünschen, eingelassen zu werden,
aber es ist unmöglich!
3
Es gibt Letzte,
die Erste sein werden.
Und es gibt Erste,
die Letzte sein werden.
2
Jeder, der sein Selbst niederdrückt –
er wird niedergedrückt werden.
Aber jemand, der sein Selbst erhebt –
er wird erhoben werden.
3
2
3
2
2
3
2
2
2
2
Jerusalem! Jerusalem! –
Du hast Propheten getötet
und hast Sendboten gesteinigt!
Wie oft wollte ich
deine Kinder sammeln
– wie eine Glucke
ihre Küken sammelt
unter ihre Flügel –,
obwohl sie nicht wollten!
4 Mt 7,14 5 Lk 13,24 6 Lk 13,30 / Mt 19,30; 20,16 7 Mt 23,12 /
Lk 14,11; 18,14 8 Lk 13,34 / Mt 23,37 9 Lk 13,34 / Mt 23,37
62
2
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2
2
2
2
2
2
2
2
10
Seht! – Seht! –
Euch – wird zurückgelassen werden! –
Euer Tempel! – Zerstört!
2
2
2
16. Kapitel
1
2
3
4
5
6
Ein gewisser Mann
wollte ein Gastmahl veranstalten
und hatte viele eingeladen.
2
Und zur Stunde des Gastmahls
schickte er seinen Sklaven,
um den Eingeladenen sagen zu lassen:
Kommt! – Denn schon
ist alles vorbereitet.
2
Da fingen sie auf einmal an,
sich alle zu entschuldigen.
2
2
2
2
2
2
2
2
Der erste ließ ihm sagen:
Ich habe einen Acker gekauft;
und ich muss hinausgehen,
um ihn anzusehen.
2
2
2
Ich erbitte von dir,
halte mich für entschuldigt.
2
2
Und ein anderer ließ ihm sagen:
Ich habe einen Ochsen gekauft;
und ich muss hingehen,
um ihn zu prüfen.
10 Lk 13,35 / Mt 23,38 1 Lk 14,16 2 Lk 14,17 3 Lk 14,18
4 Lk14,18 5 Lk 14,18 6 Lk 14,19
63
2
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12
13
Ich erbitte von dir,
halte mich für entschuldigt.
2
2
Und ein anderer ließ ihm sagen:
Ich habe eine Frau geheiratet;
es ist unmöglich,
dass ich kommen kann.
2
2
2
[Ich erbitte von dir,
halte mich für entschuldigt.]
2
Da kam der Sklave
und berichtete seinem Herrn
dies alles.
2
Darauf wurde er zornig
und befahl seinem Sklaven:
Geh hinaus auf die Straßen
und auf die Gassen der Stadt!
2
Und führe hierher
die Armen und die Verachteten
und die Lahmen und die Blinden
und mach, dass sie hereinkommen,
damit mein Haus voll werde!
2
Ein Mann wollte ein Gastmahl veranstalten.
Da schickte er seinen Sklaven aus und befahl:
Sage den zum Gastmahl Eingeladenen:
3
7 Lk 14,19 8 Lk 14,20
9 Dieser Textteil muss versehentlich ausgefallen sein.
10 Lk 14,21 11 Lk 14,21 12 Lk 14,21.23
13 Mt 22,2-4
64
2
2
2
2
2
2
2
2
2
2
3
3
14
15
16
17
Seht! – Mein Mahl ist zubereitet,
und alles steht bereit.
Kommt zum Gastmahl!
3
Aber sie verachteten ihn.
Der eine ging auf seinen Acker,
und der andere ging zu seinem Handel.
3
Darauf befahl er seinem Sklaven:
Geh hinaus zu den Wegkreuzungen
und lade alle ein, die du findest!
3
Da ging er hinaus zu den Wegkreuzungen
und versammelte alle, die er fand,
sodass das Haus voll wurde von Tischgästen.
3
3
3
3
3
3
3
3
3
17. Kapitel
1
2
3
Wer seinen Vater und seine Mutter liebt
mehr als mich –
er ist untauglich für mich.
3
Und wer seinen Sohn und seine Tochter liebt
mehr als mich –
er ist untauglich für mich.
3
Und wer nicht mein Joch tragen
und hinter mir hergehen will –
er ist untauglich für mich.
3
3
3
3
3
3
3
14 Mt 22,4 15 Mt 22,5 16 Mt 22,8.9 17 Mt 22,10 1 Mt 10,37 / Lk
14,26 2 Mt 10,37 / Lk 14,26 3 Mt 10,38 / Lk 14,27
65
4
5
6
7
8
9
Das Salz ist gut.
Wenn aber das Salz salzlos würde,
womit würde gesalzen werden?
2
Es ist unmöglich,
dass ein Sklave
zwei Herren dient!
2
Es ist unmöglich,
dass ihr Gott
und dem Geld dient!
2
Seit der Zeit des Johannes
wird der Gottesherrschaft Gewalt angetan;
aber die Gewalttätigen werden überwältigt von ihr.
3
Die Propheten bis zu Johannes
haben die Gottesherrschaft prophezeit.
Von da ab und bis jetzt
wird die Gottesherrschaft ausgerufen.
3
2
2
2
2
2
Amen! Amen! – Ich soll euch sagen:
Bis die Himmel und die Erde vergehen,
wird kein waw von der Weisung vergehen.
10
3
Amen! Amen! – Ich soll euch sagen:
Leichter ist es, dass vergehen werden
die Himmel und die Erde,
als dass ein waw vergehen wird
von der Weisung.
4 Lk 14,34 / Mt 5,13 5 Lk 16,13 / Mt 6,24 6 Lk 16,13 / Mt 6,24
7 Mt 11,12 / Lk 16,16 8 Mt 11,13 / Lk 16,16 9 Mt 5,18
10 Lk 16,17
66
3
3
3
3
3
4
4
3
2
3
2
11
12
13
Amen! Amen! – Ich soll euch sagen:
Jeder, der seine Ehefrau entlässt –
er ist ein Ehebrecher!
3
2
Wehe der Welt wegen der Verführungen!
Es ist unmöglich,
dass sie nicht kommen werden.
Aber wehe den Menschen,
durch die sie kommen werden!
4
Jeder, der ein einziges Kind schändet –
er hat einen Mühlstein an seinem Hals!
4
2
2
2
2
4
18. Kapitel
1
2
Welcher Mann ist unter euch,
der hundert Schafe hat,
und der nicht, wenn er eines
von ihnen verliert,
die neunundneunzig zurücklässt
und hingeht und das verlorene sucht?
3
Und wenn er es gefunden hat,
legt er es auf seine Schultern
und freut sich und geht nach Haus
und ruft seine Freunde herbei und seine Nachbarn
und sagt: Freut euch mit mir!
Denn ich habe mein verlorenes Schaf gefunden.
3
11 Lk 16,18 / Mt 5,32 12 Mt 18,7 / Lk 17,1 13 Mt 18,6 / Lk 17,2
1 Lk 15,4 / Mt 18,12 2 Lk 15,5.6 / Mt 18,13
67
3
3
3
3
3
3
3
3
3
3
3
4
5
6
7
8
Und welche Frau ist unter euch,
die zehn Drachmen hat,
und die nicht, wenn sie eine
von ihnen verliert,
eine Lampe anzündet und sich grämt
und sie sorgfältig sucht?
3
Und wenn sie sie gefunden hat,
ruft sie ihre Freundinnen herbei und ihre Nachbarinnen
und sagt: Freut euch mit mir!
Denn ich habe meine verlorene Drachme gefunden.
3
Wenn dein Bruder sich gegen dich vergangen hat,
weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein!
4
Wenn er auf dich hört,
wirst du deinem Bruder nützen.
Wenn er aber nicht auf dich hört,
wird er seinem Selbst schaden.
3
Simon näherte sich Jeschu
und sagte zu ihm:
Rabbi! –
Wenn mein Bruder sich gegen mich vergangen hat –
wie viele Male soll ich ihm vergeben?
Bis zu siebenmal?
Er sagte zu ihm:
Ich befehle dir:
Nicht bis zu siebenmal,
sondern siebenundsiebzigmal!
3 Lk 15,8 4 Lk 15,9 5 Mt 18,15 / Lk 17,3 6 Mt 18,15.16
7 Mt 18,21 / Lk 17,3 8 Mt 18,22 / Lk 17,4
68
3
3
3
3
3
3
3
3
4
2
3
2
4
4
3
4
4
9
10
11
12
13
Amen! Amen! – Ich soll euch sagen:
Wenn euer Vertrauen wäre
wie ein Senfkorn,
würdet ihr diesem Berg befehlen:
Erhebe dich von hier nach dorthin!
Und er würde sich von hier nach dorthin erheben.
Amen! Amen! – Ich soll euch sagen:
Wenn euer Vertrauen wäre
wie ein Senfkorn,
würdet ihr diesem Maulbeerbaum befehlen:
Entwurzle dich und stürze dich ins Meer!
Und er würde sich entwurzeln und ins Meer stürzen.
Pharisäer fragten Jeschu:
Wann kommt die Gottesherrschaft?
Er begann und sprach:
Die Gottesherrschaft kommt nicht.
Denn seht! – Die Gottesherrschaft ist mitten unter euch.
Wie es war zur Zeit Noachs
– sie aßen und tranken,
heirateten und wurden verheiratet,
bis zu dem Tag,
an dem Noach in die Arche ging
und die Sintflut kam
und sie alle umbrachte –,
ebenso ist es zu MEINER Zeit.
9 Mt 17,20 / Lk 17,6 10 Lk 17,6 11 Lk 17,20 12 Lk 17,20.21
13 Lk 17,26.27 / Mt 24,37.38
69
3
3
3
3
3
3
3
3
3
3
4
4
4
4
2
2
2
2
2
2
4
14
15
16
17
18
19
Und wie es war zur Zeit Lots
– sie kauften und verkauften,
pflanzten und bauten,
bis zu dem Tag,
an dem Lot aus Sodom wegging
und es Feuer regnete
und sie alle umbrachte –,
ebenso ist es zu MEINER Zeit.
4
Zwei werden arbeiten
auf einem Feld –
der eine wird fortgeführt werden,
und der andere wird zurückgelassen werden.
2
Zwei werden schlafen
auf einem Lager –
der eine wird fortgeführt werden,
und der andere wird zurückgelassen werden.
2
Zwei werden mahlen
an einer Handmühle –
die eine wird fortgeführt werden,
und die andere wird zurückgelassen werden.
2
Wo das Aas sein wird,
da werden sich die Geier sammeln.
3
Wie ein Blitz ,
aufblitzend und leuchtend,
so werde ICH sein
an MEINEM Tag.
2
2
2
2
2
2
2
4
2
2
2
2
2
2
2
2
2
3
2
2
2
14 Lk 17,28-30 15 Mt 24,40 16 Lk 17,34 17 Mt 24,41 / Lk 17,35
18 Mt 24,28 / Lk 17,37 19 Lk 17,24 / Mt 24,27
70
19. Kapitel
1
2
3
4
5
6
7
8
Ein Mann, der verreisen wollte, rief seine Sklaven herbei,
übergab ihnen Geld [und sagte:
Betreibt Handel mit ihm, bis ich wiederkomme!]
4
Dem einen gab er fünf Minen,
dem andern zwei, dem dritten eine;
jedem einzelnen nach seiner Fähigkeit.
4
Der, der fünf Minen bekommen hatte, ging hin
betrieb Handel und erwarb fünf andere.
4
Und der, der zwei Minen bekommen hatte, ging hin
betrieb Handel und erwarb zwei andere.
4
Er aber, der eine Mine bekommen hatte, ging hin
grub und machte ein Loch in die Erde
und verbarg in ihm die Mine seines Herrn.
4
Und nach längerer Zeit kam
der Herr jener Sklaven
und forderte Rechenschaft von ihnen.
3
Da kam der, der fünf Minen bekommen hatte,
brachte fünf andere und sagte:
Mein Herr! – Fünf Minen
hast du mir gegeben.
Sieh! – Fünf andere
habe ich mit ihnen erworben.
4
Darauf begann sein Herr und sprach:
Wohl dir! – Guter und zuverlässiger Sklave!
4
1 Mt 25,14 2 Mt 25,15 3 Mt 25,16 4 Mt 25,17 5 Mt 25,18
6 Mt 25,19 7 Mt 25,20 8 Mt 25,21
71
4
4
4
4
4
4
4
4
3
3
4
3
2
3
2
4
9
10
11
12
13
14
15
16
Über wenig warst du zuverlässig,
über viel werde ich dich einsetzen.
4
Dann kam der, der zwei Minen bekommen hatte,
brachte zwei andere und sagte:
Mein Herr! – Zwei Minen
hast du mir gegeben.
Sieh! – Zwei andere
habe ich mit ihnen erworben.
4
Darauf begann sein Herr und sprach:
Wohl dir! – Guter und zuverlässiger Sklave!
4
Über wenig warst du zuverlässig,
über viel werde ich dich einsetzen.
4
Dann kam auch der, der eine
Mine bekommen hatte und sagte:
Mein Herr! – Ich kenne dich.
Du bist ein strenger Mann.
3
Darum fürchtete ich mich und ging hin
und verbarg deine Mine in der Erde.
Sieh! – Sie gehört dir.
3
Da begann sein Herr und sprach:
Wehe dir! – Schlechter und träger Sklave!
Du weißt, dass ich ein strenger Mann bin?
4
Und warum hast du meine Mine nicht
auf den Wechseltisch geworfen,
sodass ich mein Eigentum bei meinem Kommen
mit Zinsen wiederbekommen hätte?
3
9 Mt 25,21 10 Mt 25,22 11 Mt 25,23 12 Mt 25,23 13 Mt 25,24
14 Mt 25,25 15 Mt 25,26 16 Mt 25,27
72
4
4
3
2
3
2
4
4
3
3
3
3
3
4
4
3
3
3
17
18
19
20
21
22
23
24
25
[Dann sagte er zu den vor ihm Stehenden:]
Nehmt ihm die Mine weg
und werft ihn hinaus!
3
Ein Mann wollte in ein fernes Land reisen
und rief drei von seinen Sklaven herbei.
4
Dann gab er jedem von ihnen
eine Mine und sagte zu ihnen:
Betreibt Handel mit ihnen, bis ich wiederkomme!
4
Als er zurückgekehrt war, befahl er, herbeizurufen
jene Knechte, denen er die Minen gegeben hatte,
damit er von ihnen erfahre, was sie erworben hatten.
4
Da kam der erste und sagte zu ihm:
Mein Herr! – Deine Mine hat zehn erworben.
4
Da sagte er zu ihm: Guter Sklave!
Weil du über wenig zuverlässig gewesen bist,
werde ich dich über viel einsetzten.
4
Dann kam der andere und sagte zu ihm:
Mein Herr! – Deine Mine hat fünf erworben.
4
Da sagte er zu ihm: Guter Sklave!
Weil du über wenig zuverlässig gewesen bist,
werde ich dich über viel einsetzten.
4
Dann kam der dritte und sagte zu ihm:
Mein Herr! – Sieh hier! – Deine Mine!
4
17 Mt 25,28.30 18 Lk 19,12.13 19 Lk 19,13 20 Lk 19,15
21 Lk 19,16 22 Lk 19,17 23 Lk 19,18 24 Lk 19,19 25 Lk 19,20
73
3
3
4
4
4
4
4
4
4
4
4
4
4
4
26
27
28
29
30
31
32
Sie war bei mir, eingewickelt in ein Schweißtuch.
Denn ich fürchtete mich, weil du ein strenger Mann bist.
4
Da sagte er zu ihm: Schlechter Sklave!
Du weißt, dass ich ein strenger Mann bin?
4
Und warum hast du meine Mine nicht
auf den Wechseltisch geworfen,
sodass ich mein Eigentum bei meinem Kommen
mit Zinsen wiederbekommen hätte?
3
Dann sagte er zu den vor ihm Stehenden:
Nehmt ihm die Mine weg
[und werft ihn hinaus!]
3
Amen! Amen! – Ich soll euch sagen:
Jedem, der viel hat –
ihm wird hinzugefügt werden.
Aber jemandem, der wenig hat –
ihm wird weggenommen werden.
4
4
3
3
3
3
3
3
2
3
2
Jeder, der sein Selbst verloren hat –
er muss es finden!
Und jeder, der sein Selbst gefunden hat –
er muss es verlieren!
3
Wie Abba schloss
einen Bund mit mir,
so schließe ich
einen Bund mit euch.
3
2
3
2
2
3
2
26 Lk 19,20.21 27 Lk 19,22 28 Lk 19,23 29 Lk 19,24 / Mt 25,30
30 Lk 19,26 / Mt 25,29 31 Mt 10,39 / Lk 17,33
32 Lk 22,29 / Mt 19,28
74
KOMMENTARTEIL
75
Vorbemerkungen
Die voranstehende Übersetzung des ältesten Evangeliums ist
an ungezählten Stellen anders als die der herkömmlichen
Übersetzungen der betreffenden Textteile der Evangelien
nach Matthäus und Lukas. Nicht aus Willkür, sondern weil
es sich so ergab: erstens durch die Rückübersetzung des
NTG-Textes ins Aramäische, zweitens durch deren Formung nach den Regeln der alttestamentlichen Poesie. Nach
jenen Regeln also, die für Johannes den Täufer und Jeschu
ebenso verbindlich waren, wie sie es für die Propheten,
Psalmisten und Weisheitslehrer ihres Volkes gewesen sind.
Dem entspricht es, dass auch der nachstehende Kommentar zum ältesten Evangelium an ungezählten Stellen anders
ist als die herkömmlichen Kommentare zu den betreffenden Textteilen der Evangelien nach Matthäus und Lukas.
Warum anders – nämlich richtig, statt falsch –, davon gilt:
Nur dann, wenn ein Text richtig übersetzt ist,
kann auch seine Auslegung richtig sein.
Immer dann, wenn ein Text falsch übersetzt ist,
muss auch seine Auslegung falsch sein.
Ich weiß, dass diese Folgerung von vielen gutgläubigen,
aber leider schlecht unterrichteten Christenmenschen als
unerträglich empfunden wird. Doch was tut’s? Sie ist wahr.
Und sie ist beweisbar. Wäre es nicht so, dann wäre es sinnlos gewesen, dieses Buch zu schreiben.
76
Q 1,1
Wie das Markusevangelium mit dem Auftreten Johannes des Täufers beginnt, so auch das älteste Evangelium; und
zwar in Q-Mt und in Q-Lk. Was die beiden Fassungen unterscheidet, ist allerdings auffallend: Q-Lk enthält die offizielle Berufungsformel „Es erging das Wort Gottes an“, QMt dagegen hat sie nicht. Warum sie in ihm fehlt, ist jedoch
leicht zu erklären: sie passte nicht in das literarische Konzept des Matthäusevangelisten.
Die Berufungsformel „Es erging das Wort Gottes an“
setzt eine lange prophetische Überlieferung voraus (Jer 1,4.
11.13; Hos 1,1; Mi 1,1; Jon 1,1; Ze 1,1 u. ö.). Sie bezeichnet
den Zugriff Gottes auf einen Menschen, der von ihm ergriffen ist und den er damit zu seinem Propheten macht.
Das Verb kam – aus dem Süden, auf den Verfasser von
Q-Lk zu – lässt darauf schließen, dass er nördlich der judäischen Wüste lebte; wahrscheinlich in Galiläa.
Q 1,2
Dieser Q-Mt-Text ist für den Textzusammenhang von
Q unverzichtbar. Denn er allein kann erklären, woher die
Menschen kamen, die Johannes am Jordan taufte. In Q-Lk
wird er Jes 40,3-5 zuliebe ausgelassen worden sein.
Wohlgemerkt: Johannes taufte nicht im Jordan, sondern
am Jordan (Jh 3,23). Offenbar hatte er mehrere Taufstellen;
und zwar östlich und westlich des Jordans.
Da er gesandt war, eine Taufe der Reue (über die Vergangenheit der Angeredeten) auszurufen (siehe Q 1,1), nicht
aber eine Taufe zur Sündenvergebung (NTG-Text zu Lk 3,3), ist
77
der Textteil „bekennend ihre Sünden“ zu löschen. Denn für
den Täufer gab es weder eine pauschale noch eine kollektive Sündenvergebung (siehe Q 1,5).
Q 1,3
Nach Q-Mt sprach Johannes diesen Zweizeiler, zu den
Pharisäern und Sadduzäern, nach Q-Lk (korrekt) zu den Leuten,
die zu ihm gekommen waren. Also zu allen, ohne Einschränkung. Dass einige von ihnen – schwerlich alle – getauft zu
werden wünschten, brauchte nicht erwähnt zu werden und
ist demnach mit C zu Q-Mt zu streichen. Was folgt, eingeleitet durch die harsche Anrede Otternbrut!, ist ein hartes
Wort, war ursprünglich jedoch ein weniger hartes.
Denn in dem NTG-Textteil zukünftiger Zorn ist zukünftig
eine Fehlübersetzung, die durch bestimmt zu korrigieren war,
und Zorn eine Tonverschärfung, die den Rhythmus zerstört
und daher zu tilgen war.
Hinzu kommt noch: Zukünftiger Zorn wäre nur dann
sinnvoll, wenn man Gottes hinzufügte. Aber das zu wagen,
ist schändlich. Denn Zorn und Gott zusammen zu denken,
ist ein Ungedanke. Wer ihn denkt, ausspricht oder schreibt,
der schreibt Gott einen verderblichen Affekt zu. Der aber
ist ihm unangemessen.
Und was ist bestimmt? Nach der Grundbedeutung des
aramäischen Wortes ‘ atîd ist das bestimmt, was bereitet, bereitgestellt ist. Und zwar durch den Tat-und-Tatfolge-Zusammenhang dessen, was die Menschen fühlen, denken, wollen,
reden und tun; nicht etwa durch das, was Gott als Strafe
verhängt hätte. – Hierzu sei an Gal 6,7 erinnert: „Was der
Mensch sät, das wird er auch ernten.“
78
Q 1,4
Auch dieser Q-Mt-Text ist für den Textzusammenhang
von Q unentbehrlich. Denn ohne sein Bereut! stünde das in
Q 1,5 folgende eure Reue völlig beziehungslos da. Überdies
ist er kaum zufällig mit Jes 40,3 verbunden; mit jenem Bibeltext also, dem zuliebe der Q-Lk-Text zu Q 1,1 vom Matthäusevangelisten ausgelassen wurde.
Was auf das einleitende Bereut! des Täufers folgt (der
Einzeiler Denn die Gottesherrschaft ist da!), das war für seine
Zuhörer eine Sensation. Wenn auch eine völlig andere, als
sie aufgrund ihrer politisch-messianischen Erwartung erhofft und geglaubt hatten.
Denn mit diesem Begriff war kein diesseitiges „Reich
Gottes“ gemeint, sondern die diesseitig-geistige Gottesherrschaft, deren Da-Sein der Täufer auszurufen hatte und unter deren Segen jeder gelangen konnte, der bereit war, sich
fühlend, denkend, wollend, redend und handelnd in Pflicht
zu nehmen und seine Selbstverpflichtung durch die Taufe der
Reue (über seine Vergangenheit) zu besiegeln.
Davon strikt zu unterscheiden ist die jenseitig-geistige
Himmelsherrschaft, die war, die ist und immer sein wird.
Von ihr ist im ältesten Evangelium nicht die Rede. Sie war ein
wichtiges Thema der Schülerunterweisung Jeschus.
Von ihr handeln seine so genannten Einlassworte, in
denen er die Bedingungen darlegte, die jemand erfüllt haben
muss, bevor er in sie eingelassen werden darf (vgl. Mt 5,20;
7,21; 18,3; 19,24 / Mk 10,25 / Lk 18,25, wobei kommen mit
eingelassen werden dürfen wiederzugeben ist).
[Richtig verstehen, das heißt im Sinn Jeschus verstehen, kann seine Botschaft nur, wer den Unterschied zwischen Gottes- und Himmelsherrschaft erkannt hat.]
79
Q 1,5
In der ersten Zeile dieses Dreizeilers nannte der Täufer
den Inhalt der Selbstverpflichtung, zu der die Täuflinge bereit sein mussten, wenn sie wünschten, unter den Segen der
diesseitig-geistigen Gottesherrschaft zu gelangen; nämlich:
sich selbst – ihrer Reue entsprechend – fühlend, denkend,
wollend, redend und handelnd in Pflicht zu nehmen.
In der zweiten und dritten Zeile warnte er sie vor dem
von den Vätern überkommenen Denk- und Glaubensfehler, sich einzubilden, die Verdienste Abrahams würden ihnen ohne eigenes Zutun angerechnet – ihnen zum Heil.
Q 1,6
Abrahamskinder aus Steinen? Ist dieser Dreizeiler des
Täufers – er enthält ein Wortspiel zwischen ’abenajja’ und
benîn, PS-Text – nicht völlig überspannt?!
So könnte es scheinen, wenn man das Wort Steine wörtlich versteht. Doch das wäre widersinnig. Denn Johannes
meinte Menschen, als er dies sagte. Freilich Menschen, deren Körper zwar lebendig waren, deren Geist jedoch tot
war; ebenso tot, wie es die Steine waren, die überall im Jordantal, in dem er taufte, herumlagen.
Diese Deutung erscheint deswegen möglich, weil Johannes bei dem Begriff „Kinder Abrahams“ offensichtlich
nicht auf die leibliche Abkunft pochte – genauso wenig, wie
später Paulus in Rö 9,6-8.
Zu ich soll euch sagen (statt „ich sage euch“, NTG-Text)
ist anzumerken: Worte, die Jeschu so eingeleitet hatte, waren durchweg selbständige, durch Inspiration empfangene
80
Offenbarungsworte und zugleich – weit überwiegend – an
den inneren Kreis seiner Schüler adressierte Worte.
Dies wird auch von dem Täuferwort über die Abrahamskinder aus Steinen gelten. Dann aber hätte Johannes es
nicht an die Täuflinge gerichtet (dagegen spricht schon das
Demonstrativpronomen diesen), sondern an seine Schüler,
jedoch bezogen auf die Täuflinge.
[Dass die Q-Bearbeiter diesen Tatbestand ignorierten,
lag an ihrer Arbeitsweise: an der so genannten Stichwortverknüpfung.]
Q 1,7.8
Dieser Q-Text – ein Zweizeiler und ein Dreizeiler, zugleich ein Doppelbildwort – enthält eine doppelte Drohung,
adressiert an die Getauften, wie Q 1,5.
Die erste Drohung galt ihrem Menschsein als Ganzem
(den Bäumen) und ihren Antrieben (den Wurzeln, pl.). Ohne
Bild: Für Gott, von dem der Täufer hier redete, lagen die
Getauften und ihre Antriebe, wie sie waren, offen zu Tage:
so, als wären ihre Antriebe bereits freigelegt zum Fällen.
Nur, wenn es so war, konnten die Äxte (pl.) an ihren Wurzeln liegen – bereit, ergriffen zu werden zum Fällen.
Die zweite Drohung zielte auf die Früchte der Getauften,
also auf die ihrer Reue angemessenen Tatfolgen, wobei die
Taten mitgemeint waren. Und sie zielte darauf, dass jeder
Getaufte, der seiner Selbstverpflichtung nicht gerecht würde, die Folgen seiner Taten zu erleiden haben würde: er fällt
ins Feuer (S und P in Q-Mt und S, C und P in Q-Lk). Wohlgemerkt: er wird nicht hineingeworfen (zur Strafe, so der NTGText), sondern er fällt hinein (Tat und Tatfolge).
81
Damit aber war nicht das Gott verteufelnde Höllenfeuer gemeint, sondern ein läuterndes Erleiden dessen, was der
Getaufte tun und/oder unterlassen würde. – Hierzu sei an
1Ko 3,15 (EÜ-Text) erinnert: „Er selbst aber wird gerettet
werden, doch so wie durch Feuer hindurch.“
Q 1,9-11
Dieser Q-Text steht nur im Lukasevangelium. Dass er
zu Q-Lk gehört, ebenso wie Q 1,12.13 und Q 1,14.15, dafür
spricht vorab die Dreiung Leute, Zollpächter, Soldaten, ein Stilelement prophetischer Rede. Noch entschiedener zeugt dafür, dass er mitteilt, wie die Leute, Zollpächter und Soldaten auf
die Worte des Täufers reagierten; nämlich mit der Fra-ge:
Was sollen wir tun? (nicht glauben, sondern tun).
Dass er in Q-Mt fehlt, ist kein Gegenbeweis. Dieser
Tatbestand lässt lediglich den Schluss zu, dass Q-Mt und QLk je selbständige Textsammlungen waren, deren Inhalt
und Wortlaut zwar häufig, aber keineswegs immer ungefähr
übereinstimmen.
In Q 1,10 – einem Zweizeiler – könnte Johannes an die
Reisekleidung gedacht haben. Denn während der Nacht zogen Reisende, jedenfalls Begüterte, je nach Jahreszeit, oft
zwei Hemden übereinander an (die Nächte in jener Gegend
können empfindlich kalt sein).
Und in Q 1,11 – einem Langzeiler – könnte er den Reiseproviant gemeint haben. Denn der wird bei etlichen seiner Zuhörer eher ärmlich als reichlich gewesen sein. Jedoch
anscheinend nicht bei allen, wie aus dem Text zu erschließen ist. – Wenn es so ist, dann hätte der Täufer Weisungen
gegeben, die sofort befolgt werden sollten.
82
Q 1,12.13
Auch dieser Q-Text – in 1,13 ein Zweizeiler, der die
Zollpächter unter den Zuhörern des Täufers betraf – ist nur
in Q-Lk überliefert. Bemerkenswert ist daran, dass Johannes die Zollpächter nicht von der Taufe ausschloss, obwohl
sie von der Mehrheit ihrer Mitbürger als missliebige Lohndiener der verhassten Römer geächtet wurden.
Nicht ohne Grund, denn: Die Zollpächter waren Unterpächter von Steuerpächtern, die zu jener Zeit staatliche Beamte waren. Als Unterpächter mussten sie das Zolleinnahmerecht eines Bezirkes meistbietend von ihnen ersteigern.
Dadurch waren sie genötigt, an ihren Zollstellen vorab die
Ersteigerungssumme einzutreiben. Zugleich waren sie darauf bedacht, und sei es ungesetzlich, möglichst viel in die
eigene Tasche zu wirtschaften.
Dieser Tatbestand genügte den Extrafrommen ihres
Volkes, die Zollpächter pauschal als Sünder zu betrachten
und zu behaupten, sie seien von der Teilhabe an der zukünftigen Welt ausgeschlossen.
Anders als jene Extrafrommen schloss Johannes sie
nicht davon aus, sondern taufte auch sie und nahm sie damit in die diesseitig-geistige Gottesherrschaft auf, deren DaSein auszurufen er gekommen war. Jedoch nicht ohne die
ihnen entsprechende zusätzliche Selbstverpflichtung: nicht
mehr Zoll einzutreiben, als ihnen festgesetzt war.
Q 1,14.15
Dieser Q-Text – in 1,15 ein Zweizeiler, der die Soldaten
unter den Zuhörern des Täufers betraf – steht auch nur in
83
Q-Lk. Vermutlich wird es sich bei ihnen um jüdische Soldaten des Herodes Antipas gehandelt haben, des Sohnes Herodes’ d. Gr. und der Samaritanerin Malthake. Er regierte
von 4 v. bis 39/40 u. Z. in Galiläa und Peräa.
Ist das zutreffend, dann ist nicht auszuschließen, dass
zumindest einer von ihnen es Johannes ermöglicht hat (als
er in Machärus, der peräischen Festung des Antipas in Kerkerhaft war), den Kontakt zu seinen Schülern aufrecht zu
erhalten. Und zwar so weitgehend, dass er zwei von ihnen
als Boten zu Jeschu schicken und nach ihrer Rückkehr wieder empfangen konnte (vgl. Q 6,9.10).
Doch auch die Soldaten taufte er nicht ohne die ihnen
angemessene zusätzliche Selbstverpflichtung: niemanden zu
erpressen, sondern sich mit ihrem Sold zu begnügen.
Q 1,16
Spätestens an diesem Q-Text – er betraf alle Täuflinge
des Johannes – wird unwiderleglich, was schon an den voranstehenden Worten des Täufers zu erkennen war: poetische Redeweise, geformt nach den Regeln hebräischer Poesie. Ein Muss für jede prophetische Rede.
Der Text besteht aus einem Zweizeiler (Zeilen 1 und 6),
in den ein Vierzeiler eingeschachtelt ist. Besonders diese
Kunstform verrät eine hohe poetische Gestaltungskraft. Bei
einigen Jeschuworten werden wir ihr wieder begegnen.
Die Symbolwörter Wasser und Feuer sind uralt, rund um
den Globus bekannt und sehr vieldeutig. Wie das Wasser,
so kann auch das Feuer ein Sinnbild des Lebens und des
Todes sein. Beide haben u. a. reinigende, Leben spendende
und befruchtende Kraft. Wasser spült und Feuer brennt
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alles Unreine weg. Wasser stellt die vorherige, Feuer stellt
die ursprüngliche Reinheit wieder her. Für den Textteil
„heiligem Geist und“ bedeutet das: er passt nicht in diese
Symbolik, er ist ein Zusatz, er zerstört die poetische Form.
Was Johannes seinen Täuflingen sagen wollte, das war
hiernach: Die Wassertaufe hat eine bedingte, begrenzte,
zeitliche Wirkung; die Feuertaufe hat eine unbedingte, unbegrenzte, ewige Wirkung.
Daraus folgt: Johannes der Täufer wusste um die Vorläufigkeit seiner eigenen Sendung und um die Endgültigkeit
der Sendung dessen, der nach ihm „kommen“ werde.
Ihm gegenüber verstand er sich als Sklave. Das ergibt
sich aus dem von ihm selbst kunstvoll in seinen Zweizeiler
eingefügten Vierzeiler „Vom Sklavendienst“. Denn: Seinem
heimkehrenden Herrn die Sandalenriemen zu lösen, das war
Sklavendienst. – Und nicht einmal dafür ( ! ) hielt Johannes
sich würdig genug.
Q 1,17
Dieser Doppel-Langzeiler knüpfte unmittelbar an den
voranstehenden an. Das betonte Er, der wies zurück auf jemand, von dem schon die Rede war: auf den „Kommenden“. Dass der die Worfschaufel nicht schon in seiner Hand
(NTG-Text), sondern in seinem Arm hatte, deutet darauf hin,
dass er seine Tätigkeit noch nicht begonnen hatte, dass er
sie aber beginnen werde, sobald er gekommen sein werde.
Seinen Ausdrusch (statt „seine Tenne“, NTG-Text) konnte hier nur den auf der Tenne liegenden groben Häcksel
meinen, in dem Spreu, Strohstücke und Getreidekörner
miteinander vermengt waren.
85
Das Getreide war der eigentliche Ernteertrag. In der Umwelt des Johannes konnte er nur durch Worfeln (durch
Hochwerfen mit der Worfschaufel) und mit Hilfe des Windes von Spreu und Häcksel geschieden werden.
Das unmittelbar folgende wird er sammeln in seinen Vorratsbehälter nannte den Zielvorgang der ganzen Ernte: die
Einlagerung des Getreides (als Brotgetreide für die Ernährung und als Saatgetreide für die künftige Aussaat).
Die Spreu aber wird er verwehen lassen muss es heißen und
nicht „wird er mit unauslöschlichem Feuer verbrennen“
(NTG-Text). Denn was der Spreu im Lebensraum des Täufers widerfuhr (wie schon in dem des Alten Testa-ments),
das war: verweht zu werden (Hi 21,18; Ps 1,4; 35,5; Jes
17,13; 29,5; 41,15.16.; Dan 2,35; Hos 13,3; Hab 3,14; Ze
2,2). Wie sollte denn auch weggewehte Spreu verbrannt
werden können? Noch dazu „mit unauslöschlichem Feuer“? Man bedenke: Spreu, die im Nu verbrennt!
Was Johannes seinen Täuflingen sagen wollte, das war
hiernach: Er, der „Kommende“, wird, wenn er gekommen
sein wird, durch seine Tätigkeit sein Volk scheiden: in Getreide, das er sammeln wird (ein geläufiges Bild der Rückführung zu Gott), und in Spreu, die er verwehen lassen wird (ein
ebenso geläufiges Bild des Gerichts).
Q 2,1
Auch wenn Q-Lk 3,21 stark verkürzt und dadurch unerträglich entstellt ist, kann nicht zweifelhaft sein, dass das
Kommen Jeschus zur Johannestaufe ein fester Bestandteil
von Q gewesen ist; vor allem wegen seines fortwirkenden
Beispielcharakters.
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Dass Jeschu aus Galiläa an den Jordan kam, das heißt
an eine von mehreren Taufstellen des Täufers im Jordantal
(siehe Q 1,2), dieser Tatbestand setzte voraus, dass kurz
vorher beide Nachrichten nach Galiläa gelangt sein müssen:
die von der Botschaft des Johannes „Die Gottesherrschaft
ist da!“ und die von seiner Taufe. Fast scheint es, als sei diese doppelte Nachricht das Signal gewesen, auf das Jeschu
gewartet hatte und das ihn veranlasste, seine Tätigkeit als
der „Kommende“ aufzunehmen.
Q 2,2.3
Dieser Q-Text beschreibt eine der wichtigsten Augenblicke im Leben Jeschus: seine Berufung zum Propheten.
Und wie bei allen Propheten Israels vor ihm, so war auch
bei Jeschu mit seiner Berufung der Empfang des heiligen
Geistes verbunden (wörtlich: des Geistes der Heiligkeit =
Gottes). Dieser Geist aber, das ist sicher, war in Israel und
war auch für Jeschu nie etwas anderes als der Geist der Prophetie: eine inspirierende „Kraft aus der Höhe = Gottes“,
so nach seiner eigenen Definition (Lk 24,49).
Doch wenn der heilige Geist in Q 2,2 eine Kraft Gottes
ist, worauf zielt dann das Wie in dem Satzteil wie eine Taube?
(NTG-Text). Etwa auf die Art, in der Tauben herabkommen? Das ist unmöglich. Denn auf allen Darstellungen des
heiligen Geistes wird er selbst als Taube dargestellt.
Nach dem Wie in dem Satzteil wie eine Taube zu fragen,
führt also in die Irre. Und nicht nur das: Schon das Wort
Taube führt in die Irre. Ans Ziel führt nur die folgende Frage: Wie sah die aramäische Buchstabenfolge aus, die als wie
eine Taube gelesen und missverstanden werden konnte?
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Sie kann nur so ausgesehen haben: kjwn. Diese vier
Konsonanten können auf zweierlei Weise gelesen und gedeutet werden. Entweder als kejôn „wie eine Taube“, oder
als kêwan „geradewegs, direkt“.
Und welche der beiden Deutungen trifft das Gemeinte?
Da wie eine Taube sinnwidrig ist (siehe oben), kann nur geradewegs, direkt richtig sein. Bestätigt wird dieser Befund durch
das Q 2,2 abschließende „und auf ihm blieb“. Denn andernfalls hätte die Taube auf ihm bleiben müssen.
Und wer war es, der den Geist Gottes auf Jeschu herabkommen und bleiben sah (vielleicht als ein Lichtstrahl aus
geöffnetem, im Übrigen also bewölktem Himmel)? Es war Johannes. Und er bezeugte es so (Jh 1,32, wörtlich übersetzter
NTG-Text): „Ich habe geschaut (visionär) den Geist herabkommend … vom Himmel, und er blieb auf ihm.“ [Im SText zu Jh 1,32, dem ältesten Evangelium, das wir haben,
fehlt wie eine Taube. Ist das nicht auffällig?!]
Was im NTG-Text von Q 2,3 eine Stimme aus den Himmeln genannt wird, das war eine so genannte Himmelsstimme;
das heißt jene Art göttlicher Kundgebung, die sich nach
dem Erlöschen des prophetischen Geistes eingestellt hatte,
der in den Propheten wirksam war.
Die NTG-Wiedergabe eine Stimme aus den Himmeln verrät, dass den frühchristlichen Übersetzern von Q 2,3 der
Begriff Himmelstimme (aram. berat qala’, wörtl. „Tochterstimme“) unbekannt war. Jene Stimme, ein übersinnliches Phänomen, war nur auf übersinnliche Weise wahrnehmbar. Daher wurde sie allein von Jeschu vernommen.
Was sie sagte – mit einem Zweizeiler –, war nicht mein
geliebter (NTG-Text), sondern, wie im hebräischen Text von
Jes 42,1: mein Auserlesener. Dazu ist zu ergänzen: Die Grundbedeutung des aramäischen Wortes behîr ist erwählt, jedoch
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im Sinn von sorgfältig prüfend aus einem Ganzen ausgewählt; daher denn auch mein Auserlesener. Das Ich in an dem
ich Wohlgefallen habe (NTG-Text) ist, ebenfalls nach dem hebräischen Text von Jes 42,1, durch mein Selbst zu ersetzen.
Hierbei gilt: Mein Selbst (mein Geist-Ich, das Zentrum meiner Person / Persönlichkeit) ist weit mehr als ich.
Q 2,4
Dieser Q-Text beschreibt die chronologisch erste Wirkung des Geistes auf Jeschu: er führte ihn (weg vom Kulturland) in die Wüste, in der er gänzlich auf sich allein gestellt war und – sich bewahren und bewähren musste.
Welch ein Gegensatz! – Hier der heilige Geist: „die (inspirierende) Kraft aus der Höhe = Gottes“ (Lk 24,49), dort der
heillose Geist: die (inspirierende) Kraft aus der Tiefe = Satans. Der eine führte ihn fürsorglich fort, wie ein guter Hirte die Schafe führt. Der andere durfte ihn entführen, um
ihn auf die Probe zu stellen: durch satanisch-messianische
Verlockungen.
Q 2,5
In der Umwelt Jeschus hieß fasten, für eine bestimmte
Zeit vollständig auf Nahrung zu verzichten. Der Ursprung
des Fastens lag wahrscheinlich in der Totenklage. Gewöhnlich dauerte es vom Morgen bis zum Abend (Ri 20,26; 1Sm
14,24; 2Sm 1,12). Es konnte aber auch drei Tage (Est 4,16)
oder sieben Tage (1Sm 31,13; 2Sm 3,35), ja sogar drei Wochen dauern (Dan 10,2.3).
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Es gab vielerlei Anlässe zum Fasten: Gott zum helfenden Eingreifen zu bewegen, Vergebung zu erlangen, Befreiung von Sorge und Not, Abwendung eines Unglücks, Erfüllung einer Bitte und – um für eine Offenbarung Gottes
aufnahmebereit zu sein (2Mo 34,28).
Und warum fastete Jeschu? Wahrscheinlich, um Klarheit über sein künftiges Wirken zu gewinnen und sich darauf vorzubereiten – durch eine Offenbarung Gottes. Und
warum fastete er vierzig Tage und vierzig Nächte?
Als ein Zehnfaches von vier symbolisiert die Vierzig die
Ganzheit und die Totalität. Überdies ist die 40 die Zahl der
Erprobung. Und da ihr Symbolwert die Zeit im Vollzug ist,
hatte die Erprobung nach ihrem Vollzug ein Ende. Für Jeschu galt daher: Er sollte nicht nur während einer bestimmten Zeit erprobt werden, er wollte es, und er wollte es ganz
und total: um für das, was auf ihn zu kommen werde, gewappnet zu sein.
Q 2,6.7
Der Text Q-2,5 endete damit, dass Jeschu nach seinem
langen Fasten hungrig war; und zwar ohne Aussicht darauf,
seinen Hunger kurzfristig stillen zu können
Sicherlich geschah es nicht zufällig, dass der Satan zu
genau diesem Zeitpunkt an ihn herantrat, einen Stein ergriff
und ihn aufforderte (so Q-Lk 4,3 gegen Q-Mt 4,3):
Wenn du der Auserlesene Gottes bist –
befiehl diesem Stein,
dass er zu Brot werde!
Hier gilt: Diese Aufforderung Satans wäre absurd gewesen und Jeschus von Gott gebilligte Erprobung eine Farce,
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wenn er nicht vermocht hätte, was der Satan als Beweis für
seine Auserlesenheit von ihm forderte.
Diese erste Verlockung (Q 2,6), eine messianische Verlockung in der Wüste (verbunden mit der Aufforderung
Satans, einem Stein zu gebieten, dass er zu Brot werde), bestand darin, dass er das Mannawunder der Wüstenwanderung wiederhole und sich dadurch als zweiter Mose erweise.
Jeschus Reaktion darauf (Q 2,7) war kurz: lediglich ein
Verweis auf 5Mo 8,3 (hebräischer Text).
Q 2,8.9
Was auf die erste Verlockung folgte – dass der Satan
Jeschu nach Jerusalem entführte –, auch das geschah nicht
zufällig, sondern war eine wohl bedachte Steigerung.
Wäre der NTG-Text von Q-Mt 4,5 und Q-Lk 4,9 zuverlässig, dann hätte der Satan Jeschu in Jerusalem auf ein
Flügelchen des Tempels gestellt (so die wörtliche Übersetzung).
Aber: Was war mit dem Flügelchen gemeint?
Über diese Frage ist viel gerätselt worden; ohne dass die
Übersetzer und Ausleger dort geforscht hätten, wo sie fündig geworden wären: bei den syrischen Übersetzungen und
bei Flavius Josephus („Der jüdische Krieg“ II, 1: Buch V,
207; ed. O. Michel / O. Bauernfeind [1963], Seite 139).
Gemeint war danach: das flache Dach einer der beiden
Flanken der Vorhalle des Jerusalemer Tempelhauses (von
Josephus und syrischen Evangelienübersetzern Schultern genannt). Die richtige Übersetzung wäre also: auf eine Schulter
des Tempelhauses. Die Höhe der Schultern betrug, je nach
Umrechnung des von Josephus angegebenen Maßes, entweder 52,5 m oder 46,2 m oder 44,4 m.
91
Dieses Mal forderte der Satan von Jeschu als Beweis für
seine Auserlesenheit (so Q-Lk 4,9 gegen Q-Mt 4,6):
Wenn du der Auserlesene Gottes bist –
stürze dich hinab
von hier!
Das heißt (siehe oben) von einer tödlichen Höhe.
Und wieder gilt hier: Diese Aufforderung Satans wäre
absurd gewesen und Jeschus von Gott gebilligte Erprobung
eine Farce, wenn er nicht vermocht hätte, was der Satan als
Beweis für seine Auserlesenheit von ihm forderte.
Diese zweite Verlockung (Q 2,8), eine gesteigerte messianische Verlockung auf einer der beiden Schultern des
Tempelhauses (verbunden mit der Aufforderung Satans,
sich hinunterzustürzen), bestand darin, dass er im religiösen
Zentrum seines Volkes ein Schauwunder vollbringe und
sich dadurch als der politische Messias Israels offenbare.
Und wieder war Jeschus Reaktion darauf (Q 2,9) kurz:
lediglich ein Verweis auf 5Mo 6,16 (hebräischer Text).
Q 2,10-12
Was auf die zweite Verlockung folgte – dass der Satan
Jeschu auf einen sehr hohen Berg stellte –, auch das geschah
nicht zufällig, sondern war eine weitere Steigerung.
Wäre der NTG-Text von Q-Mt 4,8.9 und Q-Lk 4,5-7
zuverlässig, dann hätte der Satan Jeschu lediglich auf einen
sehr hohen Berg entführt (Q-Mt) beziehungsweise hinaufgeführt
(ohne den Berg zu erwähnen Q-Lk). Warum? Um ihm (QLk zusätzlich, aber korrekt: in einem Augenblick) alle Reiche
der Welt zu zeigen – als ob das im körperlichen Normalzustand des Menschen möglich sei.
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Ganz anders der S-Text (der Text des viel zu wenig beachteten ältesten Evangeliums, das wir bislang hatten). In
ihm lautet der fragliche Textteil von Q-Lk 4,5: er ließ ihn aufsteigen. Das ist zwar nicht richtig, ist aber geeignet, das Richtige zu finden, nämlich: er ließ [seinen Geist] austreten.
Die zugrunde liegenden Verben (’assêq „er ließ aufsteigen“ und ’appêq „er ließ austreten“) unterscheiden sich in
nur einem Buchstaben. Denn geschrieben wurden nur ’sjq
und ’pjq, sodass sich der Fehler im geschriebenen Text auf
eine Verwechslung von s und p reduziert.
Der Unterschied zwischen dem S-Text von Q-Mt und
Q-Lk ist wohl so zu erklären: Der Q-Mt-Übersetzer verstand seine Vorlage gar nicht. Daher übersetzte er sie falsch.
Nämlich so, als ob es im körperlichen Normalzustand des
Menschen möglich sei, alle Reiche der Welt zu sehen.
Der Q-Lk-Übersetzer verstand seine Vorlage zwar auch
nicht richtig, beschränkte sich aber darauf, ihn so zu deuten
und wiederzugeben, wie er ihn verstand. Und da er sich unter er (Satan) ließ seinen (Jeschus) Geist austreten offensicht-lich
nichts vorstellen konnte, ließ er seinen Geist aus und schrieb
er (Satan) ließ ihn (Jeschu) aufsteigen.
Dass dieses Wort für sich allein keinen annehmbaren
Sinn ergibt, ließ er zum Glück unberücksichtigt und ermöglichte so die obige Rekonstruktion seiner Vorlage und dadurch, ergänzt durch seinen Geist, die einzige sinnvolle Wiedergabe des Urwortlauts.
Denn soviel ist gewiss: Wenn überhaupt, dann konnte
der Satan Jeschu nur außerhalb seines körperlichen Normalzustandes in einem Augenblick alle Reiche der Welt zeigen; das
heißt: nachdem sein Geist-Ich aus seinem Körper ausgetreten war. Dass dieser Tatbestand für den frühchristlichen QÜbersetzer nicht nachvollziehbar war, ist nicht verwunder-
93
lich. Denn nachvollziehbar ist er den meisten heutigen Christen ja immer noch nicht. Obwohl sie dieses Phänomen (den
auch Paulus rätselhaft geliebenen Zustand der Ausleibigkeit) in 2Ko 12,2-4 nachlesen könnten.
Diese dritte Verlockung (Q 2,10-12), eine nochmals gesteigerte messianische Verlockung, vermutlich ( ! ) auf einem
der Gipfel des Hermongebirges (verbunden mit der Aufforderung Satans, sich vor ihm niederzuwerfen und ihm zu
dienen), bestand darin, dass er auf seinen Vorschlag eingehe, als politischer Messias die Weltherrschaft anzutreten.
Wohlgemerkt: An Satans statt, als sein Stellvertreter!
Man bedenke dabei: Er hatte zu Jeschu gesagt: „Mir wurde
sie (die Macht über alle Reiche der Welt) übergeben! Und
ich übergebe sie, wem ich will!“ Und Jeschu hatte ihm nicht
widersprochen. – Weil es so war und immer noch so ist.
Und wieder war Jeschus Reaktion darauf (Q 2,13) kurz:
lediglich ein Verweis auf 5Mo 6,13 (hebräischer Text).
Mit dieser letzten messianischen Verlockung hatte Jeschu allen widerstanden. Doch dieses Ergebnis seiner Erprobung stand schon vorher fest. Denn er wusste nur zu
gut, dass er andernfalls seinem Selbst, seinem Geist-Ich, geschadet hätte (Mt 16,26 / Mk 8, 36 / Lk 9,25, RÜ-Text):
Was würde es MIR nützen,
jedermann zu gewinnen
(oder: die ganze Welt)
und dadurch meinem Selbst zu schaden?
Und es war dieser Sieg über den Satan, dem Jeschu seine Macht über die Dämonen zuschrieb (Mt 12,25-29 / Mk
3,23-27 / Lk 11,17-22). Aber: Wenn dies gilt, dann gilt es
festzuhalten, dass Jeschu den Satan nicht als eine Verkörperung des Böses erlebte und erlitt, sondern als den Bösen.
[Ohne die Anerkenntnis dieser Tatsache war (und ist) es
unmöglich, den Sinn seiner Sendung richtig zu verstehen.]
94
Q 2,14
Dass der Satan zeitweilig von Jeschu abließ, zeigte an,
dass er sich fürs Erste geschlagen gab. Und dass Engel
Jeschu bedienten (hier: mit Nahrung stärkten, so nur Q-Mt,
jedoch beglaubigt durch Mk 1,13), ist keineswegs frommes
Blattgold, sondern war unbedingt notwendig nach den
schweren körperlichen und geistigen Belastungen, denen er
sich während seiner Erprobung ausgesetzt hatte.
Q 2,15
Diese Q-Notiz ist unverzichtbar; nicht nur als Überleitung zum Folgenden, sondern auch, weil das, was folgt,
Jeschus Rückkehr nach Galiläa und sein dortiges Lehren
voraussetzt. Woher wären denn sonst seine Schüler und die
Hörer seiner so genannten Bergpredigt gekommen?
Die ursprüngliche Fassung wird in Q-Lk 4,14.15 enthalten sein. Dass die Fragmente derselben Notiz Q-Mt 4,12
und 23 so weit auseinander liegen, mag befremden, ist aber,
bei der Arbeitsweise der Q-Verfasser, nicht auszuschließen.
Q 3,1
Im Lukasevangelium ist dieser Q-Text sowohl die Einleitung zur Berufung der Zwölf, des inneren Schülerkreises
Jeschus, als auch die Einleitung zur so genannten Feldrede.
Es war nicht irgendein Berg, auf den er stieg, sondern der
Berg, das heißt ein bestimmter, zur Q-Zeit im Kreis seiner
Schüler allgemein bekannter Berg.
95
Dass Jeschu hinausging, meint offenbar, dass er Kafarnaum, seinen Wohnort, verließ. Und dass er auf dem oben
erwähnten Berg, unweit Kafarnaums, im Gebet (einschließlich Meditation) übernachtete, lässt darauf schließen, dass er
sich – im Einvernehmen mit seinem Gott und Vater – darüber klar werden wollte, welche Zwölf er aus dem Kreis
seiner Schüler erwählen solle.
Q 3,2
Dass Jeschu die Zwölf aus seinen Schülern erwählte,
muss bedeuten, dass er bereits eine größere Anzahl von
Schülern hatte; anderfalls hätte er keinerlei Wahl gehabt.
Und dass er sie Sendboten nannte (aram. šelîhîn „Gesandte,
Sendboten“), sollte bewirken, dass sie künftig ihr Leben mit
seinem Leben und ihre Sendung mit seiner Sendung zu verknüpfen hätten. Und es sollte besagen, dass er sie als ihr
Lehrer und Meister schulen werde, bis sie imstande seien,
seine Sendung in seinem Sinne durch ihre Sendung fortzuführen. Das aber war ein Prozess, der mit seinem Weggang
von ihnen noch längst nicht abgeschlossen war.
Q 3,3-5°
Diese drei Langzeiler – Wohlrufe Jeschus, „Seligpreisungen“ ist ein irreführender Ausdruck – galten ausschließlich
den Zwölf, die inzwischen von seinen übrigen Schülern abgesondert gewesen sein werden. Sie galten also seinen jetzt
Armen, Hungrigen und Traurigen, wobei das Jetzt einem
Von jetzt ab nahe kommt.
96
Denn ihm jetzt zu folgen, bedeutete für sie, dass sie alles, was sie besessen hatten, verlassen mussten. Das aber
hieß: von jetzt ab arm zu sein, oft auch hungrig und traurig.
Doch dafür verhieß er ihnen, dass sie nach ihrem Sterben
(in der „jenseitig-geistigen Himmelsherrschaft“, der geistigen Welt Gottes) reich, gesättigt und getröstet würden.
Mehr als das hatte er ihnen nicht in Aussicht zu stellen.
Doch er wusste – aufgrund seines vorgeburtlich-jenseitigen
Wissens, auf das er Zugriff gehabt haben wird (Jh 7,29; 8,
55.58) –, dass das unendlich viel mehr ( ! ) sein werde, als
diesseitig-materielle Menschen sich vorstellen können, und
nicht etwa bloß eine billige Vertröstung.
Nachtrag: Das gegenwartsbezogene Selig seid ihr! (NTGText) vermittelt einen völlig falschen Sinn. Nach dem Bedeutungswörterbuch (Duden 10) bedeutet es zutiefst beglückt
und zufrieden sein. Dass seine Schüler, die damals Armen,
Hungernden und Trauernden das unmöglich sein konnten,
ist offenkundig. Anders war es um Jeschus zukunftsbezogenes Wohl euch! bestellt. Denn das war seit biblischen Zeiten
zugleich auf Gott bezogen und von ihm her zu deuten. Und
nur weil es so ist, war es brauchbar für Jeschu.
Und da, wo der NTG-Text euer ist das Reich Gottes hat,
da lautet der RÜ-Text ihr werdet reich werden. Warum?
Der Hauptgrund theologischer Natur war: Das so genannte „Reich Gottes“ (eine fatale Fehlübersetzung; korrekt
wäre: „Himmelsherrschaft“) könnte, wenn es das gäbe, nur
Gott gehören und niemandem sonst! Dass es Menschen
gehören könnte – noch dazu im Plural! –, ist ein unsinniger
Gedanke, den man Jeschu nicht unterstellen darf.
Der fast ebenso gewichtige Grund sprachlicher Natur
war: Im zweiten und im dritten Wohlruf stellte Jeschu einander gegenüber: hungrig sein und gesättigt werden sowie traurig
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sein und getröstet werden; also jeweils dem diesseitigen Zustand
dessen jenseitige Umkehrung. Aus der aber folgt zwingend,
dass Jeschu im ersten Wohlruf dem arm sein ein reich werden
gegenübergestellt haben muss (vgl. Jak 2,5).
Wer auch immer seinen exakt parallel geformten Wortlaut in den Wortlaut veränderte, der im NTG-Text vorliegt,
der befürchtete offenbar, dass die Wiedergabe reich werden
diesseitig-materiell missverstanden werden könnte. Doch
das brauchte Jeschu (schon wegen des einleitenden Wohl
euch! und mehr noch wegen dessen Gott- und Jenseitsbezogenheit) nicht zu befürchten.
Q 3,6
Dieser Doppel-Zweizeiler ist ein völlig neues Jeschuwort. Dennoch ist es ein Ausspruch, der ihm zuzuschreiben
ist. Wiederhergestellt wurde er aus dem NTG-Text von QLk 6,22.23.26 und Q-Mt 5,11.12. Allein aufgrund der Formmerkmale jeschuanischer Poesie; und zwar gestützt auf den
Zweizeiler Q-Lk 6,26 (RÜ-Text):
Aber wehe euch, sooft sie euch loben werden!
Denn ebenso taten ihre Vorfahren den Lügenpropheten.
Die poetische Form dieses Zweizeilers, eingeleitet mit
Aber wehe euch!, fordert als Entsprechung einen ebenso geformten Zweizeiler, eingeleitet mit Wohl euch! Den galt es zu
suchen; und – wie nicht anders zu erwarten war, fand er
sich in Q-Lk 6,22.23 (RÜ-Text):
Wohl euch, sooft sie euch schmähen werden!
Denn ebenso taten ihre Vorfahren den Propheten.
Mit diesem Doppel-Zweizeiler sagte Jeschu den Zwölf
voraus, dass sie von ihren Mitbürgern wegen ihrer Sendung
98
in seinem Dienst geschmäht würden. Doch das sei (zwischen
den Zeilen gelesen) bei seiner Botschaft, die sie in seinem
Auftrag zu verkündigen hätten, nicht befremdlich. Denn
damit widerfahre ihnen genau das, was den Propheten von
deren Vorfahren widerfahren war. Und das quittierte Jeschu
mit seinem Wohl euch! Denn wenn sie von ihren Mitbürgern
geschmäht würden, lasse das darauf schließen, dass sie seine
Botschaft treu bewahrt hätten.
Umgekehrt sei es (zwischen den Zeilen gelesen) bedenklich, wenn sie bei der Botschaft, die sie in seinem Auftrag zu verkündigen hätten, von ihren Mitbürgern gelobt
würden. Denn damit widerfahre ihnen genau das, was den
Lügenpropheten von deren Vorfahren widerfahren war.
Und das quittierte Jeschu mit seinem Aber wehe euch! Denn
wenn sie von ihren Mitbürgern gelobt würden, lasse das darauf schließen, dass sie seine Botschaft verfälscht hätten.
Im Übrigen ist es sehr zu bedauern, dass im NTG-Text
zu Q-Mt 5,11.12 nur der Wohlruf Jeschus erhalten geblieben ist; noch dazu entstellt durch die Fehlübersetzung von
qammajhôn „ihre Vorfahren“ in qammêkôn „vor euch“.
Dieser Fehler lässt sich aber leicht erklären; und zwar als
Vertauschung des aramäischen h mit einem k.
Q 3,7
Auch dieser Doppel-Zweizeiler ist ein völlig neues Jeschuwort. Dennoch ist es, wie der voranstehende DoppelZweizeiler, ein Ausspruch, der ihm zuzuschreiben ist. Diesmal wurde er herausgelöst aus dem NTG-Text von Q-Lk
6,22.23 und Q-Mt 5,11.12; und zwar wieder allein aufgrund
der Formmerkmale jeschuanischer Poesie.
99
Mit dem ersten Zeilenpaar ergänzte Jeschu das Wort
schmähen des ersten Zweizeilers von Q 3,6 durch die Dreiung hassen, verachten und in schlechten Ruf bringen. Natürlich
wegen seiner Botschaft, die seine Zwölf in seinem Auftrag
zu verkündigen hätten.
Und mit dem zweiten Zeilenpaar ermunterte er sie zur
Freude statt zur Trauer darüber und stellte als Umkehrung
dafür eine große Belohnung in den Himmeln in Aussicht; also
in der jenseitig-geistigen Himmelsherrschaft, nämlich: nachdem sie gestorben sein werden.
Q 3,8
Dieser Dreizeiler ist das Markenzeichen der wahren
Schülerschaft Jeschus. Seine poetische Form ist die einer
dreistufigen Treppe. Soll das anschaulich werden, so empfiehlt es sich, die Stufenfolge auf den Kopf zu stellen:
der gütig ist – auch zu den Bösen!
3
sodass ihr euch als Kinder Abbas erweist,
2
Erbarmt euch über die, die euch anfeinden,
1
Die unterste Stufe nennt die Voraussetzung für die
wahre Jeschu-Schülerschaft; die mittlere weist auf deren
Ziel hin; die oberste gibt die Begründung für die mittlere
und die unterste an.
Mit anderen Worten: Nur wer sich über die, die ihn anfeinden, erbarmt, erweist sich als jemand, der Abba nahe
steht, wie sein Kind. Und wer das tut, der tut nichts anderes
als das, was Abba schon immer getan hat.
Übrigens: In einem Dreizeiler trägt immer die dritte
Zeile den Ton. Das bedeutet: Nach Jeschus unmittelbarer
Kenntnis ist Gott die Güte in Person. Das aber schließt al-
100
les aus, was der Güte widerstreitet; also auch Zorn und Vergeltung, um wie viel mehr dann die ewige Verdammnis!
Wer dergleichen lehrt, soviel ist sicher, der kann sich
auf Jeschu nicht berufen. Und um dies unmissverständlich
einzuprägen und so, dass nicht daran zu rütteln ist, fügte er
seinem der gütig ist betont hinzu: auch zu den Bösen.
Zur zweiten Zeile ist klarzustellen, dass Jeschu nicht
damit gemeint hat, sondern sodass. Denn hätte er damit gemeint, dann hätte er das Erbarmen seiner Schüler einem
egoistischen Zweck untergeordnet und dadurch entwertet.
Dadurch aber, dass er sodass gemeint hat, verhinderte er den
egoistischen Missbrauch des Erbarmens seiner Schüler und
gab ihm einen ethisch einwandfreien Impuls – ein immerwährend anzustrebendes Ziel.
Und zur ersten Zeile ist es wichtig, zu betonen, dass
Jeschu nicht so töricht war, von seinen Schülern zu erwarten, sie seien imstande, ihre Feinde zu lieben (so der NTGText). Das kann nicht nur niemand, sondern das wäre auch
unvernünftig, ja selbstmörderisch. Das aber, was er von ihnen erwartete – dass sie sich derer erbarmen, die sie anfeinden –, das war (und ist) die einzige vernünftige Einstellung,
solchen Menschen gegenüber (vgl. hierzu „Worte des Rabbi
Jeschu“, Seite 109). Denn es könnte sie, wenn auch nicht zu
Freunden machen, so doch zumindest entfeinden.
Q 3,9
Diese Ortsnotiz über Jeschus Abstieg von dem Berg
(auf dem er aus einer größeren Anzahl seiner Schüler die
Zwölf erwählt hatte und auf dem er anschließend eine kurze
Ansprache an sie gehalten hatte) leitet über zu seiner so ge-
101
nannten Bergpredigt, einer längeren Ansprache an die Vielen, die er nach Q-Mt 5,1 sitzend vortrug.
Dass Jeschu unmittelbar nach der Zwölferwahl zwei
Ansprachen hielt – eine auf dem Berg, vermutlich stehend, die
andere, etwas weiter unten am Berg, sitzend –, ist mehr als
wahrscheinlich.
Dafür, dass es so ist, gibt es zwei deutliche Anzeichen.
Erstens: die im Stopfstil gebündelten Hörerangaben in QLk 6,17.20 und Q-Mt 5,1.2; zweitens: vor allem die Tatsache, dass es zwei verschiedene Fassungen von je drei eng
miteinander verknüpften Wohlrufen Jeschus gibt: die Q-LkFassung in Lk 6,20.21, formuliert in der 2. Prs. pl., gerichtet
an die Zwölf, und die Q-Mt-Fassung in Mt 5,3.6.4, formuliert in der 3. Prs. pl., adressiert an die Vielen.
[Was außer diesen Wohlrufen noch zu den beiden Ansprachen gehört hat, ist ungewiss. Denn das, was uns vorliegt, sind Einzelworte und Spruchgruppen Jeschus etc., die
lose miteinander verbunden sind, häufig durch gleich oder
ähnlich lautende Stichwörter verknüpft.]
Sicher ist jedoch, dass es nicht gerechtfertigt ist, eine
der beiden Fassungen seiner Wohlrufe Jeschu abzusprechen
und für eine Umformung der anderen zu halten.
Das kann nur dem plausibel erscheinen, der es versäumt
hat, sich um die poetische Redeweise Jeschus zu bemühen
und der daher außerstande ist, zwischen seiner internen
Schülerunterweisung und seiner externen Verkündigung an
die Vielen zu unterscheiden.
Denn: Es sind vor allem poetische Merkmale, durch die
sich die Lk-Fassung (Lk 6,20.21) von der Mt-Fassung (Mt
5,3.6.4) unterscheidet; und zwar derart, dass es nicht gestattet ist, eine der beiden als sekundär zu betrachten. Sondern:
Beide Fassungen sind Variationen desselben Themas.
102
Sind sie das aber, dann folgt daraus (siehe oben), dass
Jeschu zwei Ansprachen gehalten hat: eine kurze, eingeleitet
mit drei Wohlrufen in der 2. Prs. pl. (so Q-Lk) und eine längere, eingeleitet mit drei Wohlrufen in der 3. Prs. pl. (so QMt). Dass keiner der beiden Verfasser beide Fassungen bot,
ist verständlich. Um so mehr ist es als Glücksfall zu werten,
dass beide Fassungen erhalten geblieben sind: als zwei Variationen desselben Themas (siehe Anhang, unter „Variationen“, Seite 320).
Nachtrag: Der NTG-Text zu Q-Lk ist ungenau. Statt er
stellte sich (Q-Lk), hat Q-Mt er setzte sich. Das wird richtig
sein; andernfalls hätte der Verfasser das nicht so betont (Begründung weiter unten). Aber was wird dann aus der Fortsetzung auf einen ebenen Platz (NTG-Text zu Lk 6,17)? Kein
Problem! Das aramäische Wort kibša’ kann u. a. „der geebnete Platz“ bedeuten, aber auch „der Schemel“ oder „der
Sitz“. Hier wird das Letztere gemeint sein.
Zu fragen ist allerdings: Und woher nahm Jeschu den
Sitz, auf den er sich setzte? Hierzu findet sich bei J. Levy,
„Wörterbuch über die Talmudim und Midraschim“ II (1963
= ²1924), Seite 293, folgende Notiz: „ … der Tritt, Sitz,
Schemel, d. h. ein Ggst., worauf man tritt oder sich setzt. Pl.
Erub. 34b … gehet und bereitet Sitze (aus Weiden, die ihr
mit Steinen belasten sollt) auf der Wiese, damit wir uns
morgen daraufsetzen.“
Da Jeschu das, was er für den folgenden Tag vorhatte,
offensichtlich sorgfältig geplant hatte (Woher wären denn
sonst wohl am nächsten Morgen seine Schüler und die Vielen prompt zur Stelle gewesen?), wird er sicherlich auch an
den Sitz gedacht haben, auf den er sich setzen wollte: vor
allem, weil es für einen jüdischen Lehrer Brauch war, sitzend zu lehren.
103
Q 3,10
Diese Situationsangabe ist Wort für Wort in Q-Lk 6,1719 und Q-Mt 5,1.2 enthalten; sie ist dessen Kernaussage.
Was der Text darüber hinaus zu bieten hat, ist eine Aufreihung von Unwahrscheinlichkeiten und Unmöglichkeiten.
Dies betrifft alles: sowohl den Ort und die Gegenden, aus
denen, als auch die Gründe, deretwegen die vielen Leute zu
Jeschu gekommen sein sollen. Nicht zuletzt auch den unerhörten Tatbestand, dass er ausnahmslos alle Kranken von
ihren Krankheiten und Plagen geheilt haben soll. Man bedenke: ganz nebenbei, während und obwohl er auf einem
Sitz saß, von dem aus er zu ihnen sprach.
Q 3,11-13°
Diese drei Zweizeiler, zugleich Wohlrufe Jeschus, galten
den Übrigen seiner Schüler und den Vielen, die ihm zuhörten. Was ihre Hauptaussagen und deren Zusagen betrifft, so
decken sie sich inhaltlich mit denen seiner drei Wohlrufe an
die Zwölf (siehe zu Q 3,3-5). Wenn auch, dem Tat-und-Tatfolge-Zusammenhang entsprechend, auf je verschiedenen
Ebenen der jenseitig-geistigen Himmelsherrschaft.
Davon also, dass vor Gott alle Menschen gleich seien,
kann hiernach keine Rede sein. Er ist zwar gütig, auch gegenüber den Bösen, aber dass Böse den Nicht-Bösen gleich
gestellt seien, das ist ein törichter Irrtum und Gott nicht
angemessen – weil er eben nicht nur gütig ist, sondern auch
in einem wohl ausgewogenen Verhältnis dazu gerecht. Es ist
erschütternd, festzustellen, dass Jeschuworte, wie Q 5,6-13,
so gut wie vollständig verdrängt werden.
104
Q 3,14*
Dieser Q-Lk-Text ist eine hoch brisante Rarität unter
den Worten Jeschus. Er ist ein Vierzeiler, adressiert an seine
Schüler. Seine poetische Form ist die einer vierstufigen
Treppe. Soll das anschaulich werden, so empfiehlt es sich,
die Reihenfolge der Zeilen auf den Kopf zu stellen:
Betet für die, die euch Böses antun!
4
Segnet die, die euch verfluchen!
3
Tut Gutes denen, die euch hassen!
2
Erbarmt euch über die, die euch anfeinden!
1
Diese vier Imperativsätze verdienten es, in Bronze gegossen und über dem Portal jeder Kirche angebracht zu
werden – als ein ebenso hohes wie tiefes Vermächtnis dessen, den die Christenheit ihren Herrn nennt.
Der erste (= unterste) nennt die Voraussetzung für die
wahre Jeschu-Schülerschaft (siehe zu Q 3,8); der zweite
führt über den ersten hinaus, der dritte über den zweiten
und der vierte über den dritten.
Ihnen entsprechen sowohl die Steigerungen auf der
Habenseite (angefeindet werden, gehasst werden, verflucht
werden, Böses erleiden) als auch die Steigerungen auf der
Sollseite (sich erbarmen, Gutes tun, segnen, beten für).
Dieser Forderungen-Katalog Jeschus klingt so aberwitzig, dass es nicht schwer fällt, sich vorzustellen, dass der eine oder andere Mitmensch, sogar der wohlmeinende, sich
vor die Stirn tippt und denkt, so etwas zu fordern sei doch
utopisch und spinnert.
Aber: Gibt es einen anderen Weg, der zuverlässig herausführen könnte aus dem wahnsinnigen Teufelskreis, in
dem die Menschheit in immer rasender werdendem Tempo
herumrast und in dem sie sich womöglich selber vernichten
105
wird – wenn nicht wenigstens (zuerst!) das so genannte
christliche Abendland zur Besinnung kommt und der heillosen und zutiefst unmenschlichen Gier nach mehr und
immer mehr abschwört, von der es unterjocht ist, wie von
einer Droge?
Doch dies ist nur die uns Menschen im Allgemeinen
betreffende Perspektive, die sich aus den vier Forderungen
Jeschus ergibt. Aus ihnen ergibt sich aber noch eine zweite,
alle Kirchen betreffende Perspektive. Und die gipfelt in der
Forderung, sie müssen sich endlich und endgültig von ihrer
unjeschuanischen Vorstellung verabschieden, der Gott, den
Jeschu verkündigt und den er Abba genannt hat, sei zwar
ein liebender, sei aber auch ein zürnender, rächender, vergeltender, in die ewige Verdammnis stürzender Gott.
Denn wenn Jeschu von uns Winzlingen fordert, dass
wir uns derer erbarmen, die uns anfeinden, dass wir denen
Gutes tun, die uns hassen, dass wir die segnen, die uns verfluchen und dass wir für die beten, die uns Böses antun –
wäre es dann nicht eine Ungeheuerlichkeit uns Winzlin-gen
gegenüber, wenn der Gott den er Abba genannt hat, dem
obigen Forderungen-Katalog Jeschus nicht auch ge-recht
würde?! Wenn er also auf keinen Fall zürnen, rächen, vergelten und in die ewige Verdammnis stürzen würde, wie
mehr oder weniger intensiv von allen Kirchen verkündigt
und gelehrt wird?!
Q 3,15
In diesem Q-Lk-Text – einem Einzeiler, verbunden mit
einem Doppel-Halbzeiler, gerichtet an Außenstehende – ist
zusammengestellt, was nicht zusammenzupassen scheint:
106
dem Mitmenschen Gutes zu tun und ihm zu leihen, um was er
bittet. Doch der Schein trügt; denn zur Zeit Jeschus und in
seiner für uns unvorstellbar ärmlichen Umwelt war eine
Leihgabe für den, der sie empfing (anders als in unserer
Überflussgesellschaft), allemal eine gute Tat.
Was hätte der Bittsteller denn tun sollen, wenn er in
Not war und wenn er das, was er von seinem Nachbarn
geliehen zu bekommen hoffte, nicht bekommen würde?
Zu seiner Not wäre dann ja noch der Schmerz über eine
enttäuschte Hoffnung hinzugekommen. Und genau das war
es, was Jeschu verhindert wissen wollte, als er hinzufügte:
Ihr sollt nicht abschneiden die Hoffnung eines Menschen (so S, C
und P, der NTG-Text ist verstümmelt).
Q 3,16-18*
Diese Dreiung von Zweizeilern Jeschus, hat vielerlei
Fehldeutungen erlitten. Der Hauptfehler war die Unbekümmertheit der Ausleger, mit der sie diese drei Worte Jeschus,
adressiert an einen Außenstehenden, in den Rang allgemeingültiger Weisungen erhoben haben, als seien sie verpflichtend für alle seine Schüler oder gar für jedermann (was einen prominenten deutschen Politiker zu der Aussage bewog: „Mit der Bergpredigt kann man nicht regieren!“).
Doch jene drei Zweizeiler so pauschal zu deuten, war
ein schwerwiegender Fehler: erstens, weil alle drei im Singular formuliert sind, was Jeschu nur dann tat, wenn er sein
Wort an einen Einzelnen richtete; zweitens, weil ihre Formulierung darauf schließen lässt, dass es sich bei ihnen um
konkrete Antworten auf konkrete Fragen handelte; drittens, weil Jeschu mit diesen so formulierten Antworten eine
107
pädagogische Absicht verfolgte; nämlich die, den Fragesteller – vermutlich einen starken, oft unbeherrschten Mann –
Selbstbeherrschung zu lehren. Denn wäre jener Fragesteller
ein schwacher und ängstlicher Mann gewesen, dann hätte
Jeschu ihm nicht abzuverlangen brauchen, dem, der ihn auf
eine Wange schlägt, auch noch die andere hinzuhalten. Er
hätte sich ohnehin nicht gewehrt.
Im Übrigen hat es sich in den fast 2000 Jahren nach
Jeschu als pure Illusion erwiesen, zu meinen, durch einen
bloßen Verzicht auf Gegenwehr ließe sich ein Gewalttätiger oder Prozesssüchtiger oder Rücksichtsloser davon abbringen, gewalttätig oder prozesssüchtig oder rücksichtslos
zu sein. Im Gegenteil, wie inzwischen durch unzählige Tatsachen bewiesen worden ist.
Und außerdem: Jeschu war viel zu realistisch, um sich in
Bezug auf das Unmenschliche am Menschen irgendwelche
Illusionen zu machen. Daher kann es ihm unmöglich darum
gegangen sein, gänzlichen Verzicht auf Gegenwehr um jeden Preis zu lehren und zu praktizieren.
Er tat beides nicht! Davon ausgenommen war allein
sein Gang nach Golgolta, der für die Erfüllung seiner irdischen Sendung unerlässlich war. Worum es ihm ging, in seiner Lehre und in seinem Handeln, das war: seine Schüler zu
lehren und zu veranlassen, sich mit tauglichen und rechtlichen Mitteln zu wehren, ohne dabei Unrecht zu tun –
nämlich mit wohl überlegten Worten!
Q 3,19
Dieser Doppel-Langzeiler Jeschus, enthält zwei Antworten, wahrscheinlich an einen Außenstehenden, der ihn
108
fragte, wie er sich verhalten solle. Die erste Antwort betraf
sein Verhalten gegenüber einem Bittsteller, der etwas von
ihm leihen will. Darauf antwortete Jeschu, er solle es ihm
leihweise geben; das heißt so, dass der Leihende erkannte,
was er bekommt, ist ihm nur geliehen. Diese Antwort klingt
normal. Ganz anders die zweite Antwort. Sie betraf das
Verhalten jenes Mannes gegenüber einem Kriminellen, der
ihn berauben will. Darauf erwiderte Jeschu, er solle ihn
nicht daran hindern. Diese Antwort klingt – jedenfalls zunächst – nicht normal.
Was mag Jeschu zu dieser Antwort bewogen haben?
Folgende Überlegung lässt den Grund erahnen: Der Leihende war offenbar ein Nachbar, also jemand, dessen Verhalten einschätzbar war. Der Kriminelle dagegen war offensichtlich ein Gewalttäter, also jemand, dessen Verhalten
nicht einschätzbar war und der bei handgreiflichem Widerstand unversehens zum Mörder werden konnte. Der zugrunde liegende Gedanke Jeschus war demnach: Wegen
materieller Dinge sein Leben aufs Spiel zu setzen und es dadurch dem Dienst Gottes zu entziehen, wäre töricht.
Q 3,20
Dieser Dreizeiler, die so genannte Goldene Regel, ist
eine weisheitliche Regel für das Verhalten zwischen Mensch
und Mitmensch, galt und gilt also für jedermann.
In der hier bevorzugten Q-Lk-Fassung (2. Prs. pl.) setzt
sie ein beim Wollen zugunsten des eigenen Wohlergehens
und zielt ab auf ein Sollen zugunsten des Wohlergehens anderer Menschen; und zwar nach dem wie … so-Zusammenhang, das heißt folgerichtig und gleichgewichtig.
109
In der negativen Fassung (2. Prs. sg.) „Was dir verhasst
ist, tue deinem Nächsten nicht!“ war diese Verhaltensregel
schon in vorjeschuanischer Zeit in seinem Volk bekannt.
Sie stammte von Rabbi Hillel (um 20 v. u. Z.), und es ist
nicht auszuschließen, dass Jeschu sie gekannt hat.
War es so, dann geschah es nicht zufällig, dass er ihr eine positive Form (2. Prs. pl.) gab. Denn erst dadurch wurde sie geeignet, ihm und seiner Lehre zu dienen; und zwar
als ein Kernsatz seiner öffentlichen Verkündigung.
Q 4,1*
Dieser Doppel-Zweizeiler – ein Wort an Außenstehende und an seine Schüler und zugleich ein Bildwort von hohem symbolischem Gehalt, den es zu entschlüsseln gilt – ist
ein Q-Text, auch wenn in Q-Lk 6,35 nur ein Bruchstück
davon übrig blieb und in Q-Mt 5,45 nur ein Torso: weil Er,
Abba ausgelassen wurde.
Ein sicheres Anzeichen dafür ist die Tatsache, dass dieser Q-Text und der Textteil, der ihm voransteht (in Q-Mt
5,45: „damit ihr Söhne eures Vaters (Abbas) in den Himmeln werdet“, in Q-Lk 6,35: „und ihr werdet Söhnes des
Höchsten sein“), unmöglich zusammengehören können.
Dass Er, Abba bei der Verknüpfung mit diesem Textteil
ausgelassen wurde, weil es unnötig geworden war, ist zwar
verständlich, war aber für den Spruch insgesamt verheerend. Denn dadurch wurde er, und sei es ungewollt, zur Bedeutungslosigkeit degradiert.
Nun, nach seiner Wiederherstellung, ist dieser Ausspruch das schönste der Worte Jeschus, die die herrschende
Vorstellung von Gott – als einem zwar liebenden, aber auch
110
zürnenden, rächenden, vergeltenden, in die ewige Verdammnis stürzenden Gott – als eine bösartige satanische
Verzerrung erweisen. Man bedenke: Jeschu nannte Gott
Abba, in unserer Sprache soviel wie „Papa“.
Es scheint so, als habe er mit diesem Wort das falsche
Gottesbild, das wie ein tödlicher Tumor in den Gehirnen
vieler Menschen wuchert, entfernen wollen. Leider ist ihm
das nicht gelungen, weder bei seinen direkten Schülern
noch bei seinen indirekten Schülern bis heute.
Und das, obwohl die Symbolbegriffe seine Sonne und sein
Regen allen seinen Hörern vertraut gewesen sein müssen;
und zwar seine Sonne als Sinnbild der Güte Gottes und des
Herabkommens himmlischer Kräfte der Erleuchtung, vor
allem bei geistiger Offenbarung, und sein Regen als Sinnbild
des Segens Gottes und des Herabkommens himmlischer
Kräfte der Befruchtung, vor allem bei geistiger Belehrung.
Es ging Jeschu bei diesem Bildwort also keineswegs nur
um die buchstäbliche Sonne und den buchstäblichen Regen.
Das wäre doch banal gewesen. Sondern es ging ihm vor allem darum, seinen Schülern und seinen außenstehenden
Zuhörern bewusst zu machen, dass die Güte und der Segen
Gottes – gegen ihre bisherige Überzeugung – allen Menschen gilt: Guten und Bösen, Gerechten und Ungerechten;
und zwar, so ist zu ergänzen, Juden und Nichtjuden, ohne
Bevorzugung und ohne Benachteiligung.
Alles andere wäre ja auch mit der Gottheit Gottes und
mit seinem Vater-Sein aller Geistwesen (in den Himmeln,
auf der Erde und in der Unterwelt) unvereinbar gewesen.
Doch da diese Tatsache weder von Jeschus direkten
noch von seinen indirekten Schülern bis heute je begriffen
wurde, wuchert der Tumor in den Gehirnen der Menschen
munter weiter. Und er wird solange weiter wuchern, bis die
111
Kirchenoberen, angewidert von ihrer eigenen Engstirnigkeit, ihr bisheriges Gottesbild verabschieden.
Q 4,2-4
In der Q-Lk-Fassung ist dieser Text – eine dreiteilige
Spruchgruppe, gebildet aus Dreizeilern – adressiert an Außenstehende. Er handelt vom Lieben, vom Gutestun und
vom Leihen; von drei Themen also, über die Jeschu wiederholt gesprochen hat. Wahrscheinlich, weil es im sozialen
Umfeld seiner Zuhörer notwendig war.
In der Q-Mt-Fassung stehen diesem Text zwei Dreizeiler gegenüber, von denen der erste (der über das Lieben)
inhaltlich mit ihm übereinstimmt und der zweite (der über
das Grüßen) nur formal, wobei unwahrscheinlich ist, dass er
von Jeschu stammt – bis auf den Textteil Was tut ihr Besonderes. Denn der steht bei Justin dem Märtyrer (Apologie
1) sowohl in der Strophe über das Lieben (15, 9, verbunden
mit dem Wort Hurer; korrekt: Huren) als auch in der über
das Leihen (15,10, verbunden mit dem Wort Zöllner).
Daraus ist zu schließen, dass dieser Textteil ursprünglich Bestandteil aller drei Strophen gewesen ist. Das bedeutet: Die unpassenden NTG-Textteile (in Q-Lk dreimal was
ist euer Dank?, in Q-Mt einmal welchen Lohn habt ihr?) sind
durch was tut ihr Besonderes? zu ersetzen. Genauer: durch tut
ihr etwa etwas Besonderes? (RÜ-Text).
Jeder Teil dieser Spruchgruppe Jeschus ist ein kleines
Kunstwerk für sich, geformt mit sparsamsten Mitteln. Jeder
besteht aus einer zweigliedrigen Frage, die seine offenbar
frommen Zuhörer schockieren musste, und aus einer eingliedrigen Frage, die zugleich die Antwort enthielt.
112
Die erste Frage nötigte sie mit dem betonten etwa, wenn
auch nur indirekt, zu der Erwiderung Nein! Doch noch bevor sie ihr Nein! aussprechen konnten, zwang die zweite
Frage sie zu einem Ja! Und die erschreckte sie – wahrscheinlich Pharisäer – in jeder der drei Teile mit einem Wort, das
ihnen zuwider war: im ersten Teil mit dem Wort Huren, im
zweiten mit dem Wort Zollpächter, im dritten mit dem Wort
Nichtjuden.
Schon diese gezielte Dreiung von für fromme Juden
unreinen Menschen reicht aus, das farblose und monotone
die Sünder in allen drei Strophen der Lk-Fassung als sinnentstellende Vereinfachung zu erkennen und zurückzuweisen.
Meinte der Q-Verfasser oder der Bearbeiter (Lukas?),
der diese Spruchgruppe auch sonst sehr unpoetisch wiedergegeben hat, Jeschus zupackende Redeweise beschönigen
zu sollen? Vielleicht mit Rücksicht auf die Gebildeten unter
seinen Lesern?
Q 4,5.6°
In den Evangelien-Synopsen stehen diese beiden Zweizeiler – gerichtet an seine Schüler – einander gegenüber, als
seien sie Parallelen. Doch das sind sie nur formal, inhaltlich
sind sie es nicht; denn die Adjektive barmherzig und vollkommen bezeichnen je etwas völlig anderes. Gott, der vollkommen ist, ist auch barmherzig; aber ein Mensch, der barmherzig ist, ist damit noch lange nicht vollkommen. Er kann
es werden. Und nach dem Jeschuwort Q-Mt 5,48 soll er es
werden; nämlich: auf seine Weise vollkommen wie Abba.
Wenn das so ist, dann gehören Q-Lk 6,36 und Q-Mt
5,48 zwar zusammen, aber nicht als Parallelen, sondern als
113
zwei selbständige Aussagen, von denen die eine (die über
den Begriff barmherzig) die unterste Stufe der Entwicklungsleiter des Menschen zur Vollkommenheit beschreibt und
die andere (die über den Begriff vollkommen) deren oberste
Stufe. So jedenfalls nach Jeschu – wenn man beide Aussagen zusammenstellt und aufeinander bezieht.
Sobald man das tut, wird einem bewusst, dass es ein
weiter Weg ist vom Barmherzigwerden und Barmherzigsein, wie Gott es ist, zum Vollkommenwerden und Vollkommensein, wie Gott es ist; anders ausgedrückt: dass es
ein weiter Weg ist vom Menschlichsein des Menschen zum
Göttlichsein des Menschen.
Doch genau das ist es, was Jeschu uns vorgelebt hat
und was nachzuleben er in jenen beiden Aussagen von uns
gefordert hat – als Ziel, nach einem weiten Weg, der damit
beginnt, dass wir barmherzig werden, wie Gott es ist.
Q 4,7-18*
Dieser Q-Text ist ein dreiteiliges Lehrgedicht Jeschus
über Wohltätigkeit, Fasten und Beten. Jeder Teil beschreibt in
einem Vierzeiler zuerst die falsche Art, Wohltätigkeit zu
üben, zu fasten und zu beten. Ihr folgt sein negatives Urteil,
eingeleitet mit „Ich sage dir“. Danach schildert ein Vierzeiler deren richtige Art, ergänzt durch sein positives Urteil.
Jeder der drei Teile ist, kunstvoll gefügt, nach demselben Muster geformt – kein Wort zu viel und keines zu wenig. So jedenfalls nach dem obigen RÜ-Text, wie er sich
aufgrund einer poetischen Bearbeitung des NTG-Textes ergeben hat; nach einem Wortlaut, der sich eben dadurch
selbst bestätigt. Denn das ist gewiss: Die poetische Form
114
dieses Textes muss vorgelegen haben; sie kann sich unmöglich hinterher zufällig eingestellt haben.
Dass dieses Lehrgedicht über Wohltätigkeit, Fasten und
Beten, das heißt über drei typisch jüdische Frömmigkeitsübungen, in Q-Lk fehlt, muss nicht bedeuten, dass es kein
Q-Text sein kann. Wahrscheinlicher ist es, anzunehmen,
Lukas habe es mit Rücksicht auf seine nichtjüdischen Leser
ausgelassen, weil er meinte, es sei für sie von nur geringem
oder gar keinen Interesse.
Bestätigt wird diese Annahme dadurch, dass Lukas, vermutlich aus demselben Grund, darauf verzichtet hat, aus
seiner Mk-Vorlage folgende Erzählungen in sein Evangelium aufzunehmen: sowohl die über das rituelle Abspülen
der Hände (Mk 7,1-23) als auch die über die rituell zu deutende Salbung Jeschus in Betanien (Mk 14,3-9; die in Lk 7,
36-50 erzählte Salbung ist nicht sinngleich).
Von umso größerem Interesse war jenes Lehrgedicht
für die Sendboten Jeschus, die sich in der Zeit, in der die QTexte zusammengestellt wurden, mit seiner Botschaft und
seiner Lehre zuerst an die Juden wandten.
Schon, um ihnen mitteilen zu können, wie er über
Wohltätigkeit, Fasten und Beten geurteilt hatte. Nämlich,
dass er sie völlig anders gewertet hatte, als sie es gewohnt
waren. Und dass er deren Entartung verworfen hatte, durch
die sie zu bloßen Selbstdarstellungen verkommen waren.
Vor allem aber, dass er darauf Wert gelegt hatte, dass sie
heimlich geschehen sollten und nicht um des Ansehens bei
Menschen und um des Verdienstes vor Gott willen.
Gegen den obigen RÜ-Text könnte eingewandt werden,
er sei das Ergebnis vieler Eingriffe in den NTG-Text. Das
ist richtig. Bedacht werden sollte jedoch, dass jener Text,
wie der Vergleich ausweist, keine in allen drei Teilen gleich
115
sorgfältige und richtige Übersetzung ist. Es finden sich
Textteile in ihm, die falsch, die richtig, die wörtlich und solche, die frei übersetzt und willkürlich ergänzt worden sind.
Doch da alle diese Übersetzungsweisen von Textteil zu
Textteil wechseln, ergab sich – ein Glücksfall! – dass alle
Textteile durch je ihre Paralleltextteile korrigierbar waren.
Hinzu kommt noch: Würde jemand den RÜ-Text genauer untersuchen, so würde er finden, dass nur das fehlt,
was entbehrlich ist und was sich, weil es Jeschus Redeweise
widerspricht, als sekundär erweist.
In Mt 6,2 ist das: in den Synagogen und auf den Gassen, in
Mt 6,5 ist das: in den Synagogen etc. Alle diese Wendungen
sind nur Füllsel, die die poetischen Formen des Ganzen
zerstören und seine Aussagen polemisch belasten.
Dass sie nicht von Jeschu stammen, ist offenkundig. Sie
entsprechen nicht seinem Stil. Daher werden sie im Verlauf
der Auseinandersetzungen zwischen Kirche und Synagoge
hinzugefügt worden sein. Im Zusammenhang mit der antijudaistischen Tonverschärfung der sich vom Judentum lösenden Kirche. Typisch für die Zeit nach der Zerstörung Jerusalems und seines Tempels; genauer: für die Zeit, nach der
Gamaliel II. (Patriarch von ca. 90-110 u. Z.) die Judenchristen zu Ketzern erklärt hatte.
Zur Übersetzung insgesamt ist noch anzumerken: Dass
der NTG-Text laufend zwischen der 2. Prs. sg. und der 2.
Prs. pl. wechselt, ist unerträglich. Die Frage, was vorzuziehen sei, ist aufgrund der Wortstatistik mit 21 : 7 zugunsten
des Singulars zu entscheiden.
Folglich hat Jeschu mit diesem Lehrgedicht die dreifache Frage nach Wohltätigkeit, Fasten und Beten eines Einzelnen beantwortet, wahrscheinlich eines Mannes, dem er
sehr verbunden war. [Seltsamerweise findet sich diese drei-
116
fache Frage auch im Papyrus Oxyrhynchos 654, 5; und zwar
als Frage der Zwölf – ein Plus für die Q-Zugehörigkeit.]
Und dass der NTG-Text die drei Schluss-Sätze dieses
dreiteiligen Lehrgedichts mit Und dein Vater, der Sehende im
Verborgenen, wird dir vergelten wiedergibt, ist sinnwidrig. Denn
im Verborgenen bedeutet hier heimlich, nicht nur im Aramäischen, sondern auch im Griechischen. Richtig übersetzt,
lauten die drei Schluss-Sätze: Und Abba, der auf dich achten
lässt – heimlich wird er dir vergelten lassen.
Q 4,19
Der Q-Mt-Text dieses Zweizeilers – eines Jeschuwortes
an seine Schüler – betrifft nur das richtet nicht, der Q-LkText dagegen betrifft das richtet nicht und das verurteilt nicht
(RÜ-Text: Ihr sollt nicht verurteilen!). Was ist davon zu halten?
Wenn man bedenkt, dass richten im Sinn von urteilen,
beurteilen ein normales und notwendiges Verhalten aller
Menschen ist und dass es, als richterlich urteilen verstanden,
die alltägliche, normale und notwendige Tätigkeit aller Richter beschreibt, muss es dann nicht als ausgeschlossen gelten,
dass Jeschu Ihr sollt nicht richten! geboten habe?!
Überdies ist zu bedenken, dass das NTG-Wort krinein
u. a. richten und verurteilen bedeuten kann. Kann es das aber,
dann ist nicht auszuschließen, dass es sich bei dem Nebeneinander beider Wörter im Q-Lk-Text um Alternativübersetzungen desselben aramäischen Wortes handelt. Wobei
richten die falsche und verurteilen die richtige Wiedergabe ist.
[Seltsamerweise ist derselbe Fehler in Rö 2,1 noch einmal
passiert. Jedoch nur in den herkömmlichen Übersetzungen;
denn Paulus wird verurteilen gemeint haben.]
117
Übrigens: Das ihr sollt nicht Jeschus entspricht genau
dem du sollst nicht in einigen der „zehn Gebote“. Und sein
sodass ihr nicht verrät seine berechtigte Besorgnis um seine
Schüler (und um deren künftige Schüler für alle Zukunft).
Denn er wusste um die unselige Neigung der Menschen,
andere, vor allem anders denkende Menschen zu verurteilen. Und er wusste um die negativen Folgen dieser Neigung
für ihr Leben nach dem Sterben: nicht als Strafe, sondern,
nach dem Tat-und-Tatfolge-Zusammenhang, als Ernte.
Q 4,20
In der ersten Zeile dieses Zweizeilers – eines Jeschuwortes an seine Schüler –, geht es bei den Verben nicht um
losgeben und losgegeben werden (so der NTG-Text), sondern um
verzeihen und verziehen werden (so der RÜ-Text). Daraus folgt:
Die beiden griechischen Verben sagen weniger aus als deren
aramäische Entsprechungen. Denn verzeihen ist zwar auch
ein Losgeben, ist es aber auf einer höheren Ebene.
Wie ist das zu erklären? Ganz einfach. Das aramäische
Verb ist mehrdeutig. Seine Grundbedeutung ist lösen, und
eine seiner Nebenbedeutungen ist verzeihen. Wie aber, wenn
der frühchristliche Übersetzer nur die Grundbedeutung
kannte? Dann konnte er nur sie benutzen und – übersetzte
zwangsläufig falsch.
Ebendas ist hier geschehen, wie auch in der zweiten
Zeile dieses Zweizeilers. Denn in ihr geht es nicht um ein
Geben, das gefordert werden kann (so der NTG-Text), sondern um ein Schenken, das freiwillig sein muss (so der RÜText). Die Unterschiede zwischen diesen beiden Wiedergaben sind beachtlich und beachtenswert.
118
Was Jeschu mit diesem Zweizeiler ausdrücken wollte,
hatte er hergeleitet aus dem geistigen Grundgesetz über Tat
und Tatfolge, die einander – der Qualität, nicht der Quantität nach – entsprechen wie Saat und Ernte. Und es ist dieses
Grundgesetz, nach dem seither über die Zukunft jedes
Menschen nach seinem Sterben entschieden werden musste
und künftig entschieden werden muss.
Q 4,21
Dieser Zweizeiler – zugleich ein Bildwort Jeschus an
Außenstehende – ist als Suggestivfrage formuliert. Als Frage also, die von jenen, denen er sie gestellt hatte, nicht anders beantwortet werden konnte, als mit einem Ja!, erzwungen durch ihre zwingende Logik.
Doch man bedenke hierbei: Ein Bildwort ist ein Bildwort, sodass die Frage, ob der Weg der beiden Blinden
wirklich an einer Grube vorbeiführte, gegenstandslos ist.
Denn das Bild, so wie Jeschu es in sein Wort gefasst hat, ist
an sich schon so schlüssig, dass die Frage danach gar nicht
erst aufkommt.
Aber was meinte Jeschu mit seiner in das Gewand eines
Bildwortes gehüllten Suggestivfrage vom blinden Blindenführer? Ist das auch heute noch hinreichend zuverlässig
auszumachen? Durchaus. Wie es Wörterbücher gibt, denen
die Bedeutungen von Wörtern zu entnehmen sind, so gibt
es Symbolwörterbücher, mit deren Hilfe die Bedeutungen
von Bild- und Symbolwörtern zu entschlüsseln sind; in diesem Fall also der Wörter Blindheit und Grube.
Eine Durchsicht mehrerer Symbolwörterbücher zu diesen beiden Wörtern ergab als Summe: Der Begriff (geistige)
119
Blindheit ist mehrdeutig. Er kann, passiv verstanden, die
Unwissenheit meinen, das Unvermögen, den richtigen Weg
zu erkennen; er kann aber auch, aktiv verstanden, auf die
Uneinsichtigkeit, auf die Verstocktheit gedeutet werden,
den richtigen Weg zu gehen.
Dass Jeschu im Blick auf seine Adressaten (vermutlich
pharisäische Schriftgelehrte) die zweite Bedeutung im Sinn
hatte, ist sicher. Und wie steht es um den Begriff (geistige)
Grube? Er ist ein geläufiges Sinnbild für den (geistigen)
Tod, also: für die Gottferne.
Beide NTG-Fassungen dieses Q-Textes wurden entstellt. Der Q-Mt-Text dadurch, dass er durch die Verknüpfung mit dem Textteil Lasst sie! Sie sind blinde Blindenführer!
willkürlich in einen Aussagesatz umformuliert wurde; und
der Q-Lk-Text dadurch, dass er durch das vorangestellte
kann etwa sinnwidrig in zwei Fragesätze zerrissen wurde.
Dabei wurde nicht nur die poetische Form des Zweizeilers
zerstört, sondern auch sein Spannungsbogen zerbrochen.
Q 4,22
Nach Q-Mt ist dieser Text – ein Jeschuwort an seine
Schüler – ein Doppel-Zweizeiler mit sinnentstellenden Zusätzen über einen Sklaven und seinen Herrn. Nach Q-Lk ist
er ebenfalls ein Doppel-Zweizeiler; zwar ohne die Zusätze
im ersten Zweizeiler, dafür aber mit einem drastisch veränderten zweiten Zweizeiler. An ihm ist die Absicht des Bearbeiters (Lk?) nicht zu übersehen, aus stilistischen Gründen
wörtliche Wiederholungen zu meiden.
Die Q-Mt-Fassung dieses Jeschuwortes ist mehrfach
falsch übersetzt. Offenbar deswegen, weil ihr Übersetzer an
120
der Mehrdeutigkeit eines aramäischen Wortes gescheitert
ist. Eines Wortes, dessen besondere, von Jeschu gemeinte
Nebenbedeutung er offensichtlich nicht kannte.
Das aber ist verständlich. Denn als Adjektiv bedeutet
jenes Wort (saggî) viel, zahlreich, groß, mächtig, als Adverb
steht es für viel, sehr, genug, genügend, und als Ableitung der
aramäischen Entsprechung für Weg, Gang hat es den Sinn
angehen, möglich sein.
Hiernach konnte die aramäische Wortverbindung la’
saggî beides meinen: im ersten Zeilenpaar er ist nicht über =
mehr, größer und es ist unmöglich. Daneben konnte das aramäische Wort saggî für sich allein im zweiten Zeilenpaar es ist
genug und es ist möglich bedeutet.
Die Sinnverschiebung ist beträchtlich. Beim ersten Zeilenpaar ergab sie: Es ist unmöglich, dass ein Schüler größer ist als
sein Rab = Lehrer. Diese Tatsache ist nicht zu bestreiten.
Und beim zweiten ergab sie: Aber es ist möglich, dass ein Schüler
werde wie sein Rab. Dies ist eine normale Erfahrung, die zahllose Lehrer mit ihren Schülern gemacht haben und die daher nichts Befremdliches an sich hat.
Und allein in diesem Wortlaut entspricht dieser Ausspruch (formal und inhaltlich!) der Art, wie Jeschu gedacht
und gesprochen hat. [Dies ist das Ergebnis langjähriger Untersuchungen am gesamten Bestand seiner Worte.]
Denn hätte Jeschu zu seinen Schülern es ist genug gesagt,
so wäre das eine kaum verhüllte Drohung gewesen, die sie
ent-mutigt hätte. Dass er stattdessen es ist möglich gemeint
hat, das hat sie, ganz in seinem Sinn, er-mutigt, ihm nachzustreben. Welche der beiden Aussagen Jeschu gemäßer ist,
darüber kann es keinen Zweifel geben.
Über die bereits genannten Korrekturen hinaus ist den
Lehrer (Q-Mt 10,24) durch sein Lehrer zu ersetzen; und zwar
121
mit S, C und P. [Übrigens: Die Nominalendungen mein, dein
etc. sind im NTG-Text häufig weggelassen worden. Besonders peinlich ist dies bei dem angeblichen Hoheitstitel
„Herr“. Denn im Aramäischen stand an den Stellen entweder mein / unser Herr oder mein / unser Rab (Lehrer), wie die
syrischen Quellen bezeugen.]
Q 4,23-25
Dieses dreistrophiges Lehrgedicht Jeschus ist zugleich
ein Bildwort. In ihm geht es offenbar um einen Zwist zwischen zwei Brüdern aus dem Zwölferkreis (entweder um
Andreas und Petrus, vgl. Mt 18,21.22; oder, weniger wahrscheinlich, um Jakobus und Johannes).
Vermutlich wird jeweils der Jüngere, also Petrus beziehungsweise Johannes, sich bei Jeschu über den älteren Bruder beklagt und ihn gebeten haben, ihr Richter und Schlichter zu sein. Doch statt seinem Wunsch zu entsprechen, trägt
Jeschu ihm ein spontan formuliertes Lehrgedicht vor, übertragbar auf jeden vergleichbaren Zwist zwischen Mensch
und Mitmensch.
In diesem Gedicht, das ist typisch für ihn, verschob er
den Akzent: weg vom kritisierten Bruder, hin zum kritisierenden. Er tat es mithilfe von drei Symbolwörtern, die an
seinen früheren Beruf erinnern: Splitter, Balken und Auge
(zweifellos wusste er aus eigener Erfahrung, wie unangenehm es ist, einen Splitter im Auge zu haben). Es folgt die
Deutung der drei Wörter:
Das Auge, ein Werkzeug des Geistes, ist ein Sinnbild für
die geistige Einstellung, für die Art und Weise zu sehen.
Der Splitter diente Jeschu hier zur Veranschaulichung eines
122
leichten, der Balken folgerichtig zu der eines schweren Fehlverhaltens. Diesen beiden Wörtern – an sich waren es keine
gebräuchlichen Symbolwörter – verlieh er offenbar selbst
einen Symbolsinn.
Dass der Angeredete, Petrus oder Johannes, den von
Jeschu gemeinten Sinn dennoch begriffen haben wird, ist
sicher. Denn in der Geisteswelt, in der seine Schüler damals
lebten, waren ihnen Symbolwörter und deren Bedeutungen
(auch wenn sie spontan gebildet wurden) ohne weiteres vertraut und verständlich, sodass sie es nicht nötig hatten, ihn
eigens darüber zu befragen.
Was Jeschu mit dem „Bildwort vom Splitter beziehungsweise Balken im Auge“ erreichen wollte, war demnach: die geistige Einstellung und die Sehensweise seines
Schülers zu korrigieren; derart, dass er die Hauptschuld an
dem Zwist zwischen sich und seinem Bruder nicht länger
ihm zuschob, sondern dass er lernte, sie bei sich selbst zu
suchen, damit er sie abstellen könne.
Q 5,1
Die poetische Form dieses Doppel-Zweizeilers – eines
Jeschuwortes an Außenstehende – ist in beiden Fassungen
zerstört. In Q-Lk weniger als in Q-Mt. Das lässt darauf
schließen, dass die Mt-Fassung stärker als sonst bearbeitet
worden ist. Daher empfahl es sich, der RÜ die Lk-Fassung
zugrunde zu legen.
Das Ergebnis ist ein Bildwort, das man – egal in welcher Sprache – nur einmal zu hören braucht, um es im Gedächtnis zu behalten. Vor allem deswegen, weil es einfach
und knapp formuliert ist und weil es unmittelbar einleuch-
123
tet: guter Baum … gute Früchte / schlechter Baum … schlechte
Früchte. Das konnte jeder der Zuhörer Jeschus verstehen.
Schade nur, dass weder der Anlass noch der Zusammenhang überliefert worden ist, denen zu entnehmen wäre, was
er mit diesem Bildwort gemeint hat.
Bedeutet dies, dass es zwecklos sei, nach seinem Sinn zu
fragen und zu forschen? Keineswegs! Einige sichere Ansatzpunkte dafür bieten die Symbolwörter Baum und Früchte;
denn deren Bedeutung steht zweifelsfrei fest.
Wer danach sucht, braucht nicht einmal Symbolwörterbücher, um sie zu finden. Dazu genügen eine Bibelkonkordanz und eine Bibel. Durch sie erfährt er aus Ps 1,1-3, dass
mit dem Baum der Mensch gemeint ist. Und durch sie lernt er
aus Jes 3,10, dass mit den Früchten die Folgen seiner Taten,
die Tatfolgen, gemeint sind.
Damit aber ist klar, was Jeschu im Sinn hatte, als er das
„Bildwort von den beiden Bäumen und ihren Früchten“
vortrug; nämlich: dass es allein die Tatfolgen sind, die einen
zutreffenden Rückschluss auf einen Menschen und dessen
Taten ermöglichen.
Dann aber ist auch klar, dass er seine Zuhörer mit jenem Bildwort warnen wollte, sich durch das betören zu lassen, was ein Mensch sagt – und sei es noch so überzeugend. Denn ein sicheres Urteil über ihn kann nur der gewinnen, der nach den Folgen seiner Taten fragt und forscht.
Q 5,2
Dieser Langzeiler bringt den voranstehenden DoppelZweizeiler auf den Punkt. Gemeint ist: Jeder Mensch wird erkannt an seinen Tatfolgen. Dem ist nur noch hinzuzufügen,
124
dass Frucht durch Früchte zu ersetzen ist. Wie meistens im
Aramäischen und wie nicht anders zu erwarten. Denn wo
gibt es einen Baum, der nur eine Frucht trägt?
Q 5,3
Dieser Doppel-Langzeiler – ein Jeschuwort an seine
Schüler – war nur durch eine Kombination beider Fassungen wiederherzustellen. Dabei war die Form der rhetorischen Frage aus Q-Mt zu übernehmen und die poetisch
richtigere Form aus Q-Lk; jedoch mit Einschränkungen.
Zunächst waren die beiden Ernteverben, weil unpassend, durch andere zu ersetzen. Denn in der Umwelt Jeschus wurden Feigen nicht gesammelt (NTG-Text), sondern gepflückt und Weintrauben nicht gelesen (NTG-Text),
sondern geschnitten (3Mo 25,5.11),
Zudem sind die Weintrauben den Disteln zuzuordnen
und die Feigen den Dornbüschen – schon wegen der Größe der Früchte – nicht umgekehrt (NTG-Text). Einen derartigen Fehler hätte Jeschu, er war ein guter Naturbeobachter, nicht gemacht.
Weintrauben und Feigen waren die wichtigsten Früchte
im Land Jeschus. Disteln und Dornbüsche dagegen waren
die lästigsten Pflanzen darin. Daher wurden Disteln zu einem Sinnbild für Härte, Menschenfeindlichkeit, Rach-sucht,
Trotz und Dornbüsche zu einem Symbol für Hass, Lebensfeindlichkeit, Sünde, Unterdrückung.
Von beiden, von Disteln und von Dornbüschen, war
die Umwelt Jeschus voll; ebenso voll, wie sie von dem war,
was diese beiden Pflanzen symbolisierten. Und da Jeschu
(siehe zu Q 5,1.2) mit dem Baum den Menschen meinte und
125
mit dessen Früchten seine Tatfolgen, ist es mehr als wahrscheinlich, dass er mit den Disteln und Dornbüschen ebenfalls
Menschen meinte, ihnen entsprechende Menschen.
Und dass von solchen Menschen keine Früchte = Tatfolgen zu erwarten waren (und sind), die den Weintrauben
und den Feigen entsprechen, das schlussfolgernd zu Ende
zu denken war leicht.
Und weil das so war (und so ist), darum waren (und
sind) die Zustände auf der Erde so, wie sie damals waren
(und so, wie sie heute sind); das heißt: nicht erfreulich wie
Weintrauben und Feigen, sondern unerfreulich wie Disteln
und Dornbüsche.
Nachtrag: Die NTG-Textteile von einem Dornbusch und
eine Traube waren folgerichtig durch Plurale zu ersetzen.
Denn würde man sie so übersetzen, wie sie dastehen, so
ergäbe das: Und von einem Dornbusch (Singular) sammeln sie
(Plural) keine Traube (Singular). – Noch fehlerhafter zu übersetzen, ist kaum möglich.
Q 5,4*
Der Q-Text dieses Doppel-Zweizeilers – eines Jeschuwortes an seine Schüler – leidet an denselben Mängeln, an
denen auch die voranstehenden Q-Texte leiden: die poetische Form wurde willkürlich zerstört; einige Textteile wurden ausgelassen und andere wurden falsch übersetzt, weil
den Übersetzern die genaue oder die übertragene Bedeutung der aramäischen Wörter unbekannt war.
Was Jeschu mit diesem Doppel-Zweizeiler sagen wollte,
davon lässt der Q-Lk-Text so gut wie nichts erkennen und
der Q-Mt-Text noch weniger.
126
Dieses hart klingende Urteil ist keine besserwisserische
Kritik. Es soll lediglich das beschreiben, was ist und was um
der Wahrheit und Wahrhaftigkeit willen nicht verharmlost
werden darf! Zum Beweis werden nun der Q-Lk-Text und
der RÜ-Text einander gegenübergestellt:
Der gute Mensch Der gute Mensch
aus dem guten Schatz lässt Güte hervorsprudeln
des Herzens aus dem guten Überfluss
bringt das Gute hervor, seiner Gesinnung.
und der böse Und der böse Mensch
aus dem bösen lässt Bosheit hervorsprudeln
bringt das Böse hervor. aus dem bösen Überfluss
seiner Gesinnung.
Man bedenke: Von den acht Textteilen dieses DoppelZweizeilers wurde im Q-Lk-Text nur einer korrekt übersetzt: das einleitende Der gute Mensch, ein Textteil, der unmöglich falsch übersetzt werden konnte. Das ist – mit Verlaub – ein niederschmetterndes Ergebnis. (Eine Gegenüberstellung des Q-Mt-Textes und des RÜ-Textes würde zu einem ebenso schlechten Ergebnis führen.)
Und was folgt aus dem wiederhergestellten Wortlaut
dieses Q-Textes? – Dass sich in ihm wahrscheinlich persönliche Erfahrungen Jeschus widerspiegeln. Dass er demnach in seiner näheren Umwelt mit beiden Menschentypen
zu tun gehabt und sich mit ihnen auseinandergesetzt haben
muss, mit bösen und mit guten Menschen.
Dabei ist er zu der erstaunlichen Erkenntnis gelangt,
dass nicht das, was ein Mensch kontrolliert sagt, Rückschlüsse darüber erlaubt, ob er ein guter oder ein böser Mensch
ist, sondern allein das, was er unkontrolliert hervorsprudelt.
Denn was ein Mensch bei kontrollierter Gemütsverfassung sagt, das muss zwar nicht, aber es kann Lug und Trug
127
und Heuchelei sein. Doch was jemand bei unkontrollierter
Gemütsverfassung hervorsprudelt, das wird im Allgemeinen
wahr und zuverlässig und ehrlich gemeint sein.
Bemerkenswert ist die Tatsache, dass Jeschu auf diese
Weise zwischen sagen und hervorsprudeln unterschieden hat
und dass er seine Schüler auf diesen Unterschied aufmerksam gemacht hat; zweifellos im Blick auf ihren künftigen
Auftrag und Dienst.
Q 5,5
Wie der Langzeiler Q 5,2, so bringt auch dieser den voranstehenden Doppel-Zweizeiler auf den Punkt. Vermutlich
spiegelt auch er Jeschus persönliche Erfahrungen im Umgang mit Menschen wider; hier jedoch umgekehrt: Das, was
jemand redet (nicht bloß sagt), lässt auf seine Gesinnung
schließen.
Q 5,6*°
Dieser Doppel-Zweizeiler – formal und inhaltlich als
Amenwort Jeschus ausgewiesen, auch wenn die Einführungsformel fehlt – ist keine Parallele zu Q-Lk 6,46 (siehe
Q 5,7). Er ist vielmehr eine selbständige und ausführlichere
Variation eines inhaltlich verwandten Themas, wie aus jeder
Evangelien-Synopse zu erschließen ist.
Er enthält eine Aussage von höchster Bedeutung, einen
Paragraphen des neuen Gottesrechts. In ihm hat Jeschu,
wie in keiner anderen seiner Schülerunterweisungen, die
Hauptbedingung formuliert, die jeder Mensch erfüllt haben
128
muss (auch jeder von ihnen), bevor er in die Himmelsherrschaft, die geistige Welt Gottes, eingelassen werden darf.
So aber, wie dieses Jeschuwort im NTG überliefert
worden ist (als Dreizeiler, statt als Doppel-Zweizeiler und
zudem willkürlich verändert) ist er nur mehr eine Verzerrung dessen, was Jeschu wirklich gesagt hat.
Denn in diesem Fall handelt es sich nicht nur um Übersetzungsfehler und sonstige Mängel, sondern um eine absichtliche Änderung seines Wortlauts. Denn etwas anderes
als Absicht kann es nicht gewesen sein, wenn aus der Abba!
gesagt hat, etwas völlig anderes gemacht wurde; nämlich: der
Herr! Herr! zu mir sagt.
Dass Jeschu das nicht gesagt haben kann, dafür gibt es
mehrere Gründe: Erstens, weil die Anrede Herr! zwar im
Griechischen korrekt, aber im Aramäischen unmöglich ist.
Denn aramäisch korrekt lautete sie mari „Mein Herr!“ und
nicht anders, wie alle syrischen Quellen bezeugen. Zweitens, weil das zweite Herr und das folgende zu mir die poetische Form des ganzen Spruches zerstört hätte. Drittens,
weil das zu mir überdies auch noch den von Jeschu beabsichtigten Sinn verfälscht hätte.
Denn dass Jeschu Abba gesagt haben muss, das ergibt
sich zwingend aus dem Textteil den Willen Abbas (statt: den
Willen meines Vaters in den Himmeln) in der Parallelzeile, der
dritten Zeile des Spruches. Dazu ist anzumerken: Abba bedeutet u. a. auch mein Vater. Und: in den Himmeln ist ein typisch matthäischer Zusatz, der die poetische Form des ganzen Spruches zerstört hätte.
Und warum hätte er das? Weil in einem DoppelZweizeiler dieser Art die erste und die dritte Zeile zwangsläufig aufeinander bezogen sind (und im Anschluss daran
die zweite und die vierte Zeile).
129
Daraus folgt: Dem Textteil der den Willen Abbas getan hat,
so steht er in der dritten Zeile, kann in der ersten Zeile
nichts anderes gegenüberstehen als der Abba! gesagt hat. Diese Regel gilt absolut.
Aber warum wurde Abba in Herr! Herr! zu mir geändert?
Es gibt nur einen Grund, der an etlichen Stellen der Evangelien zu vergleichbaren Textänderungen geführt hat: die
nur dogmatisch zu begründende Absicht, Jeschu, den auserlesenen Sohn Gottes, zu Gott dem Sohn zu erhöhen (Gott
gleich an Wesen, Ewigkeit und Macht).
Doch wenn das gut, richtig und wahr wäre, wäre es
dann nötig gewesen, Jeschuworte willkürlich zu verändern?
sie – wie hier, durch Löschen von Abba und Hinzufügen
von Herr! Herr! und zu mir – so zu bearbeiten, dass sie leisten, was sie sollen?
Doch zurück zur Kernaussage dieses Q-Textes – Was
bedeutet es im Sinn Jeschus, den Willen Abbas zu tun? Es
bedeutet nicht weniger als (siehe zu Q 3,14):
Erbarmt euch über die, die euch anfeinden!
Tut Gutes denen, die euch hassen! Etc.
Das aber heißt, bezogen auf das Verhältnis zwischen
Mensch und Mitmensch: im aktiven Lebensbereich gütig
miteinander umzugehen und im passiven Lebensbereich
vergebungsbereit.
Wohlgemerkt: beides gleichgewichtig; weil Jeschu wusste, dass Güte und Vergebungsbereitschaft sich nicht von
selbst einstellen, sondern dass sie durch bewusstes Wollen
und durch laufende Selbstkontrolle gegen ein mächtiges Ich
erworben werden müssen; und zwar während eines längeren Zeitraumes, durch ein Auf und Ab von Gelingen und
Misslingen hindurch – mit dem Ziel: Einlass in die Himmelsherrschaft.
130
Q 5,7°
Es ist nicht nur die poetische Form, die diesen DoppelLangzeiler von dem voranstehenden Doppel-Zweizeiler unterscheidet. Es ist auch sein Inhalt, der ebendiese Form
(diesen Rhythmus) verlangte.
Jeschu hatte ihn als Frage und zugleich als Vorwurf
formuliert. Und er hatte ihn an Menschen gerichtet, die ihn
zwar als Unser Herr! (der NTG-Text hat „Herr, Herr“) angeredet hatten – also als einen Lehrer, der das Recht hatte,
ihnen zu gebieten –, die aber offensichtlich nicht daran gedacht hatten, zu tun, was er ihnen geboten hatte.
Dadurch aber, das ist die Konsequenz dieses Jeschuwortes, hatten sie ihr Schüler-Lehrer-Verhältnis zwischen
sich und ihm einseitig aufgekündigt, waren also nicht mehr
seine Schüler – und zwar solange nicht, wie sie bei ihrem
Nichttun beharrten.
Daraus folgt, auch für heute: Ein Schüler Jeschus (heutzutage Christ genannt) kann nur der sein, der tut, was Jeschu
geboten hat. Hat er das nie getan oder hat er irgendwann
aufgehört, das zu tun, dann war er nie sein Schüler beziehungsweise hat aufgehört, es zu sein. Und: Wenn dies für
einen Menschen gilt, dann gilt es auch für eine Gemeinschaft
von Menschen, gleichgültig, wie groß oder mächtig oder
altehrwürdig sie ist.
Doch damit kein Missverständnis aufkomme: Dies gilt
nur von absichtlichem Nichttun, nicht von unabsichtlichem Versagen aus Schwachheit; also von einem Misslingen, das zu tun, was Jeschu geboten hat. Was zählt, gerade
in der Beziehung zu ihm, das ist der gute Wille. Denn mit
dem Vermögen oder Nichtvermögen der Menschen ist es je
und dann verschieden bestellt.
131
Hier gilt ein außerbiblisches Jeschuwort, entdeckt von J.
Karavidopulos „in einem liturgischen Text der griechischen
Kirche“. Es wird darin, so betonte er, „ausdrücklich Jesus
zugeschrieben“. Es lautet (RÜ-Text):
Sooft du fällst –
steh auf! dann wirst du gerettet werden.
Bemerkenswert ist an diesem Langzeiler, dass der dannTextteil wörtlich im Babylonischen Talmud (Ab. sar. 18a)
steht. Nach dem Textzusammenhang bezog er sich auf die
Rettung von einer Anklage.
Q 5,8-13*
Dieses Gleichnis „Vom vernünftigen und vom unvernünftigen Bauherrn“ – ein Jeschuwort an seine Schüler – ist
ein Musterbeispiel sorgfältig formulierter Poesie Jeschus.
Es besteht aus zwei Teilen, die genau gleich geformt
sind. So jedenfalls in der Mt-Fassung, in deren Textbestand
der ursprüngliche Wortlaut weitgehend erhalten geblieben
ist. Im Gegensatz zur Lk-Fassung, in der nicht nur die Sprache ins Griechische übersetzt worden ist, sondern in der
sogar die Bautechnik, die Umweltbeschreibung und die des
Unwetters an hellenische Verhältnisse angepasst sind.
Für die Wiederherstellung dieses Gleichnisses ist der QLk-Text daher völlig unbrauchbar. Vor allem deswegen,
weil in ihm wichtige Symbolwörter fehlen. Man braucht sie
aber alle, und man muss ihre Bedeutungen kennen, wenn
einem daran gelegen ist, es im Sinn Jeschus zu verstehen
und zu deuten. Hier sind sie:
Das Haus steht für das selbst zu verantwortende Leben,
Sein und Geschick des Menschen, die er so, wie sie sind,
132
selber baut; je nachdem, welche Möglichleiten und welche
Freiheit er dazu hat.
Der Fels ist ein Symbol für Dauerhaftigkeit, Festigkeit,
Standhaftigkeit und Zuverlässigkeit. Er diente Jeschu als
Bild für einen sicheren Baugrund in den Unsicherheiten dieser Welt und im nachtodlichen Leben.
Im Gegensatz zu ihrer je eigenen Symbolik deuten Winde, Regen und Fluten hier auf widerstrebende Kräfte hin; und
zwar auf geistige Kräfte (Winde) und auf materielle Kräfte
(Regen und Fluten).
Der Sand ist ein Sinnbild für Haltlosigkeit. Nachgiebigkeit, Flatterhaftigkeit und Unzuverlässigkeit. Er diente Jeschu als Bild für einen unsicheren Baugrund in den Unsicherheiten dieser Welt und im nachtodlichen Leben.
Was er in diesem Doppel-Gleichnis sagte, das durfte er
nur wagen, weil er über eine weit größere Vollmacht verfügte, als sie ein Mensch normalerweise haben kann.
Denn mit dem, was er damit sagte, beanspruchte er Geltung für und Wirkung auf das künftige Geschick aller Menschen, die seine Worte kannten – über deren Sterben hinaus. Erinnert sei hier an die beiden Textteile mit ihm wird es
sein, wie mit einem vernünftigen beziehungsweise wie mit einem unvernünftigen Mann; nämlich: nach seinem Sterben.
Nachträge: In der dritten Zeile beider Teile ist er wird
gleich oder ähnlich sein (NTG-Text) eine Fehlübersetzung.
Denn es geht in ihnen nicht um ein Gleich- oder Ähnlichsein,
sondern um einen Tat-und-Tatfolge-Zusammenhang; daher
also: mit ihm wird es sein, wie mit.
In denselben Zeilen beschreibt das Wort vernünftig einen
Menschen, der seinen Verstand in Harmonie mit dem Willen Gottes gebraucht, das Wort unvernünftig dagegen einen
Menschen, der seinen Verstand in Disharmonie mit dem
133
Willen Gottes gebraucht. Dieses Wortpaar offenbart, dass
Jeschu das nachtodliche Geschick des Menschen auf dessen
Vernunft beziehungsweise Unvernunft zurückführt.
In den jeweils folgenden Zeilen war die Reihenfolge in
der Unwetterbeschreibung wie folgt zu ändern: Wind, Regen, Fluten. Denn nur die Fluten konnten bewirken, dass ein
Haus der in Jeschus Umwelt üblichen Flachdach-Bauweise
einstürzte; und auch das nur dann, wenn es auf Sand gebaut
wäre, der von den Fluten weggespült werden könnte.
Der erste NTG-Gleichnisteil endet mit Und es stürzte
nicht ein, weil es gegründet war – auf Fels. Der zweite dagegen
endet mit und es fiel, und sein Fall war groß (ohne den Grund
zu nennen). Das aber widerstreitet dem parallelen Formprinzip Jeschus. Dem entspricht allein (RÜ-Text):
Und es stürzte vollständig ein,
weil es gegründet war – auf Sand.
Q 6,1-8
Dieser Text liegt in Q-Mt in einer geradlinig erzählten
Fassung vor: als Dialog zwischen einem in Kafarnaum stationierten Zenturio, dessen Sohn ( ! ) sterbenskrank ist, und
Jeschu, der ihn heilt, ohne ihn gesehen zu haben und ohne
dass sein Vater ihn direkt darum gebeten hatte.
In Q-Lk ist dieser natürliche Hergang in einen völlig
unnatürlichen verkehrt worden. Erstens dadurch, dass der
Zenturio sich nicht selbst an Jeschu wendet, sondern zunächst „Älteste der Juden“ zu ihm schickt. Zweitens dadurch, dass er ihn durch sie an seiner statt bitten lässt, seinen Sohn zu heilen – mit dem Hinweis darauf, dass er das
verdiene, weil er ihr Volk liebe und den Bewohnern
134
Kafarnaums eine Synagoge gebaut habe. Drittens dadurch,
dass er, als Jeschu naht, „Freunde“ zu ihm schickt, durch
die er ihm (in der 1. Prs. sg.) genau das sagen lässt, was er
nach Q-Mt selbst sagt.
Unnatürlicher geht es nicht. Damit aber sollte klar sein,
dass die Lk-Fassung dieser Erzählung unberücksichtigt bleiben darf. Es folgen Anmerkungen, zu den wichtigsten Aussagen des Q-Mt-Textes.
Zu Ich soll kommen und ihn heilen? (RÜ-Text) – Diese Frage Jeschus klingt seltsam: Ich (ein Jude!) soll kommen (in
dein Haus, das Haus eines Nichtjuden) und ihn (deinen
Sohn, einen Nichtjuden) heilen? War es Befremden oder
nur Erstaunen, das ihn so fragen ließ? Möglich wäre beides,
wahrscheinlicher ist das Letztere; denn Jeschu hatte keinerlei Scheu, sich kultisch zu verunreinigen.
Zu Bemühe dich nicht! Denn ich bin nicht wert, dass du unter
mein Dach trittst. (RÜ-Text) – Hiernach hatte der Zenturio
den Unterton in der Frage Jeschus gespürt und ihn als Befremden gedeutet. Vermutlich war er schon längere Zeit im
Land und kannte daher die kultisch motivierte Verunreinigungs-Scheu vieler Juden, vor allem der Pharisäer, das Haus
eines Nichtjuden zu betreten. Unter anderem die magische
Scheu davor, leichenunrein zu werden, falls zum Beispiel im
Haus eines Nichtjuden eine Totgeburt begraben war.
Zu Befiehl mit einem Wort, so wird mein Sohn geheilt werden.
(RÜ-Text) – Diese Aussage des Zenturios ist erstaunlich.
Sie zeugt davon, dass er unterstellte, Jeschu verfüge über
eine mehr als normale Befehlsgewalt. Aber woher konnte er
das wissen? Hatte er ihm zugehört, während er zu den Leuten sprach (vielleicht sogar von seinem Sitz aus, von dem
aus er seine Wohlrufe ausrief)? Oder hatte er wahrgenommen, dass Kraft von ihm ausging? Oder beides?
135
Zu Wie du vertraut hast, wird dir geschehen. (RÜ-Text) –
Dieser Wie-Satz Jeschus, gerichtet an den Zenturio als den
Vater des Kranken, enthält eine unausgesprochene (gesetzmäßige) Bedingung; nämlich: dass die Wunscherfüllung des
so Angesprochenen von ihm selbst abhänge, weil sie sich
nur in dem Maß erfüllen könne, in dem er vertraut habe.
Das bedeutet: Gänzliche Heilung des Sohnes sei nur
möglich aufgrund völligen Vertrauens des Vaters. Und genau das widerfuhr dem Zenturio (siehe zu Q 6,8).
Nachtrag zu Q 6,6: Der NTG-Text hat: Bei niemandem in
Israel habe ich solchen Glauben gefunden. Der RÜ-Text lautet:
Bei keinem Israeliten habe ich gefunden –
solch ein Vertrauen!
Und wie ist die NTG-Fehlübersetzung zu erklären?
Offenbar wusste der frühchristliche Übersetzer nicht,
dass das hebräische Wort jisrael sowohl Israel (Eigenname
und Landesname) als auch Israelit bedeuten kann. Und dass
Jeschu hier das Letztere gemeint haben muss, das ergibt
sich schon daraus, dass Kafarnaum in Israel lag.
Und schließlich (eine grundsätzliche Korrektur): Hêmanûta’, die aramäische Entsprechung für der Glaube, bedeutet
das Vertrauen. (Siehe mein Buch: „Das Glaubensbekenntnis
auf dem Prüfstand“ [????], Seiten 83 und 84.)
Nachtrag zu Q 6,1: Dass der Zenturio „ein gewisser“
genannt wurde, lässt darauf schließen, dass er Christ geworden ist und daher den Q-Gemeinden bekannt war.
Q 6,9.10
Dieser Q-Text über eine Anfrage Johannes des Täufers
an Jeschu und dessen Antwort an ihn ist im NTG-Text
136
erstens willkürlich verändert, zweitens maßlos übersteigert
und drittens falsch übersetzt worden (und zwar in der LkFassung schlimmer als in der Mt-Fassung).
Zu erstens: Willkürlich verändert wurde die Taten Jeschus
in die Taten des Christus = Messias: gegen den S-Text (er hat
die Taten unseres Herrn) und gegen den C-Text (er und einige
andere Handschriften haben die Taten Jeschus beziehungsweise Jesu). Und allein das ist richtig. Denn den altsyrischen
Evangelien lagen zweifelsfrei ältere griechische Texte zugrunde als dem NTG-Text.
Kann es nach diesem Textbefund Zufall sein, dass QMt 11,2 die Taten des Messias hat? Wenn aber nicht, dann
muss es Absicht sein. Aber welche?
Man bedenke: Im gesamten Q-Material des NTGs ist
Mt 11,2 der einzige Beleg, in dem der Begriff der Messias
vorkommt. Warum? Sicherlich doch, weil das Wort Taten
das einzige ist, an das er überhaupt angeheftet werden
konnte. Denn jede andere Wortverbindung, zum Beispiel
„und der Messias sprach“, wäre stilwidrig gewesen.
Doch wenn der einzige Q-Beleg des NTGs für der Messias seine Existenz einer gezielten Textänderung verdankt,
dann muss die Frage erlaubt sein, ob die Gleichung Jeschu
= der Messias nicht womöglich jüngeren Datums ist, als es
die Q-Sammlungen sind.
Doch wenn es so ist, dann folgt daraus: Irgendwann im
Verlauf der Q-Überlieferung erschien es einem Kopisten
und/oder Bearbeiter wünschenswert, im Q-Material einen
Beleg für der Messias zu haben: als Legitimation für die Verkündigung „Jeschu ist der Messias“. Bei seiner Suche nach
einem geeigneten Haftpunkt dafür, fand er dann in Mt 11,2,
wonach er gesucht hatte. Denn das Wort Taten darin war
der einzige Haftpunkt, der in Frage kam.
137
Zu zweitens: Maßlos übersteigert wurde der NTG-Text
durch die Aufzählung der Taten Jeschus in Mt 11,5 / Lk 7,
21.22; und zwar so, dass der Eindruck entstand, die Boten
des Täufers hätten alle diese Taten als Augen- und Ohrenzeugen beobachten können: Blinde sehen (Jes 29,18; 35,5;
42,7.18), Lahme gehen (Jes 35,6), Aussätzige werden rein,
Taube hören (Jes 29,18; 35,5; 42,18), Tote stehen auf (Jes
26,19), und Arme erhalten eine frohe Botschaft (Jes 61,1).
Dass die tatsächliche Situation, während der die Boten
des Täufers vor Jeschu erschienen, dieser Aufzählung seiner
Taten unmöglich entsprochen haben kann, ist offenkundig.
Daher empfahl es sich, sie als einen nicht ernst zu nehmenden Einschub zu werten und zu streichen.
Und wenn dies für Q-Mt 11,5 gilt, um wie viel mehr
dann für Q-Lk 7,21, worin ihre Augen- und Ohrenzeugenschaft vorweg ausdrücklich betont wird. Jedoch ohne dass
sie dadurch glaubwürdiger würde.
Was nach der Streichung jener Textteile von der Antwort Jeschus an den Täufer übrig bleibt, ist knapp und klar,
wie es seiner Redeweise entsprach:
Geht! – Und sagt dem Johannes,
was ihr hört und seht!
Was genau das gewesen ist, können wir nicht wissen.
Auf jeden Fall wird dazu gehört haben, dass Jeschu von
seinen Schülern umgeben war und dass er, wie der folgende
Vers Q 6,11 erkennen lässt, zu den Leuten gesprochen hat.
Und was sein Wort an den Täufer betrifft, dazu folgt nun
das Wesentlichste.
Zu drittens: Wie Q-Mt und Q-Lk Jeschus Antwort an
den Täufer wiedergeben (Und selig ist, wer keinen Anstoß nimmt
beziehungsweise wer nicht zu Fall kommt an mir, NTG-Text),
das ist eher schlecht als recht übersetzt.
138
Denn selig ist trifft zwar den Sinn der griechischen Vorlage, nicht aber den der aramäischen Entsprechung; nämlich: Wohl dem! Und an mir passt im Griechischen wohl zu
wer Anstoß nimmt; aber passt es auch zu wer zu Fall kommt?
Keineswegs! Denn wie kann jemand an jemandem zu Fall
kommen, ohne ihn zu berühren?
Da das unmöglich ist, muss eine andere Wiedergabe
erwogen werden; und zwar die mit durch. Das ergibt:
Und: Wohl dem, der nicht –
zu Fall kommt – durch mich!
Das kann nur heißen: Wohl dem, der nicht durch Jeschus
Reden, Handeln und Verhalten zu Fall kommt.
Auf die wahrscheinlich enttäuschten Hoffnungen und
Erwartungen des Täufers bezogen, bedeutet das: Er drohte
offenbar dadurch zu Fall zu kommen, dass Jeschu anders
redete, handelte und sich verhielt, als er erhofft hatte; nämlich nicht wie der von seinem Volk erwartete Messias.
Wenn das richtig ist, dann hatte Johannes mit dem Kommenden (gegen Jeschus Schau) den politischen Messias Israels gemeint: den König der Juden, den kriegerischen Befreier vom römischen Joch, der mithilfe des Eingreifens Gottes
die Römer aus dem Land jagen und das messianische Reich
aufrichten würde: eine irdische Gottesherrschaft zuerst über
die Juden und danach über die ganze Welt.
Q 6,11-16*
Nach der NTG-Vorlage dieses Q-Textes stellte Jeschu
den Leuten, die ihm zuhörten, drei rhetorische Fragen. Die
erste und die zweite hätten sie nur mit einem Nein! beantworten können und die dritte nur mit einem Ja! Ebendieses
139
Ja! sprach Jeschu jedoch selbst aus, um es anschließend mit
einem Hinweis auf Mal 3,1 zu erläutern.
Im NTG-Text betrifft die zweite Frage einen Menschen,
gekleidet in weiche (Gewänder), und die dritte einen Propheten
(also auch einen Menschen). Nach der Regeldetri hätte die
erste Frage demnach gleichfalls einem Menschen gelten
müssen. Doch stattdessen betrifft sie ein Schilfrohr, geschüttelt
vom Wind. Warum? Wie ist das zu erklären?
Anhand des NTG-Textes und der griechischen Sprache
ist diese Regelwidrigkeit nicht zu erklären. Gleichwohl ist es
möglich, dieses Scheinproblem auf eine ganz einfache Weise zu lösen – allein durch eine Rückübersetzung des griechischen Textes ins Aramäische, seine Ausgangssprache.
Wie immer in vergleichbaren Fällen, so war es auch hier
die Mehrdeutigkeit aramäischer Wörter, an der die frühchristlichen Übersetzer von Q-Mt und Q-Lk gescheitert
sind. In diesem Fall waren es Wörter, von denen das erste
(nur anders ausgesprochen) ein Schilfrohr und ein Eiferer bedeuten konnte, das zweite geschüttelt und verwirrt, das dritte
Wind und Geist (und: im Geist dann auch geistig).
Mit den jeweils anderen Deutungen (Eiferer, verwirrt und
geistig) lautet Jeschus erste rhetorische Frage dann:
Um was zu sehen, seid ihr hinausgegangen?
Einen Eiferer? – Geistig verwirrt?
Außerhalb des Textzusammenhangs wären beide Übersetzungen gleich sinnvoll: „Ein Schilfrohr? – Geschüttelt
vom Wind?“ und „Einen Eiferer? – Geistig verwirrt?“ Aber
im Textzusammenhang kann nur die Letztere dem von
Jeschu beabsichtigten Sinn gerecht werden.
Dann aber ist es mehr als wahrscheinlich, dass Johannes
der Täufer von etlichen seiner Zeitgenossen als geistig verwirrter Eiferer verlästert worden ist. Ähnlich, wie später Je-
140
schu von seinen Gegnern als „Fresser und Säufer“ und von
anderen als „Beelzebub“ beschimpft worden ist.
Dies war schon immer (und ist noch) die bequemste
Art, unbequeme Mahner und Warner ins Abseits zu drängen. Und wenn das nicht reichte, dann blieb ja noch, als
letztes Mittel, sie umzubringen.
Und was wollte Jeschu mit seinem Hinweis auf Mal 3,1
andeuten (im RÜ-Text nach dem hebräischen Wortlaut zitiert)? Zweifellos: dass Johannes der wieder geborene Prophet Elija sei, von Gott gesandt, um den Weg freizuräumen
vor ihm selbst her (nicht etwa vor Jeschu her, wie der
NTG-Text aus dogmatischen Gründen lautet).
Richtig verstanden, war es genau das, was Johannes versucht hatte zu tun; und zwar durch seine Botschaft an sein
Volk: „Die Gottesherrschaft ist da!“ Nämlich als diesseitiggeistige Herrschaft, wie die Botschaft Jeschus beweist. [Das
aber war etwas, wovon Johannes selbst, offensichtlich gehindert durch seine messianischen Hoffnungen und Erwartungen, keine klare Vorstellung gewinnen konnte].
Doch wenn es ihm gelungen wäre, sein Volk durch seine Botschaft davon abzubringen, seine Hoffnung auf ein
irdisches „Reich Gottes“ zu setzen, dann hätte er damit
wirklich den Weg freigeräumt vor Gott her – frei für das
Vertrauen in die diesseitig-geistige Gottesherrschaft, die da
ist, und zugleich frei für die jenseitig-geistige Himmelsherrschaft, die geistige Heimat aller Menschen.
Aber leider ist ihm das nicht gelungen. Vermutlich aus
zwei Gründen. Erstens, weil sein Volk von einer Gottesherrschaft, die da sei, ohne dass der Messias die messianische Herrschaft aufgerichtet hatte, nichts wissen wollte.
Zweitens, weil Johannes selbst darunter litt, dass Jeschu,
den er für den Messias Israels hielt, dies gerade nicht tat.
141
Andernfalls hätte er ihn nicht durch zwei seiner Schüler fragen zu lassen brauchen:
Bist du der Kommende,
oder sollen wir einen anderen erwarten?
Gleichwohl beharrte er, hin- und hergerissen, auch
während seiner Kerkerhaft bei seiner Botschaft vom DaSein der Gottesherrschaft und galt daraufhin (wohl auch wegen seines ständigen Aufrufs zur Reue) vielen seiner Zeitgenossen als verwirrter Fanatiker.
Nachträge: In Q-Mt 11,8 steht in weiche, während Q-Lk
7,25 in weiche Gewänder hat. Gemeint ist Byssus; denn der galt
schon für sich allein als Inbegriff eines weichen und zarten
Gewandes (vgl. unser in Samt und Seide).
In Q-Mt 11,9 / Q-Lk 7,26 muss Gekleidet in ein Fell? (das
Elijagewand) ausgefallen sein. Denn ohne diesen Texttteil
fehlt der hier rhetorisch unentbehrliche Gegensatz zu Gekleidet in Byssus. Überdies wäre durch sein Fehlen die poetische Form der Zeile zerstört.
Q 6,17.18*
Nach der NTG-Vorlage dieses Q-Textes hätte Jeschu
vor Leuten, die ihm zuhörten, zwei unmögliche Behauptungen geäußert; erstens: Johannes der Täufer sei der bedeutendste aller Menschen gewesen, die je auf der Erde gelebt
haben; zweitens: der Kleinste im Himmelreich (Q-Mt) beziehungsweise im Reich Gottes (Q Lk) sei größer als er.
Kann das richtig, kann das wahr sein? – Wenn eine ca.
18 Jahrhunderte geltende Übersetzungstradition nicht in
Frage gestellt werden dürfte, dann müsste dies richtig und
wahr sein.
142
Doch eine sorgfältige Prüfung der Quellen und der poetischen Form ergab: Die erste der beiden Behauptungen ist
so nicht Jeschu zuzuschreiben, sondern dem NTG-Text, in
dem ein wichtiges Wort ausgefallen oder ausgelassen worden sein muss – das Wort Prophet.
Mit diesem Wort reduziert sich, was vorher angeblich
von allen Menschen galt, nur mehr auf alle Propheten. Das
ist annehmbar und daher Jeschu angemessen. Überdies wird
es von S und C, den ältesten Evangelienübersetzungen, die
wir haben, sowie von weiteren NT-Handschriften zu Q-Lk
7,28, bestätigt. Und die zweite der beiden (angeblichen) Behauptungen Jeschus?
Wie, wenn der Hauptfehler der herkömmlichen Übersetzungen dieses Q-Textteiles diesmal nicht nur dem NTGText anzulasten wäre, sondern auch der Gewohnheit der
Übersetzer, diesen Text für unantastbar, ja für den Urtext
zu halten? Wie, wenn man den griechischen Text nur richtig
zu lesen und sachgemäß zu ergänzen brauchte (der Wortfolge entsprechend, jedoch mit ergänztem als er und Johannes)? Denn das ergäbe: „Aber der Kleinere [als er] – in der
Himmelsherrschaft ist er größer als [Johannes].“
Dann brauchte man nur noch zu fragen, wer mit dem
Kleineren als Johannes gemeint war, der in der jenseitiggeistigen Himmelsherrschaft größer ist als er.
Dass das logischerweise nur Jeschu sein kann (so schon
einige Kirchenväter), das nicht zu erkennen, ist dann fast
unmöglich.
Und wenn man dann noch fragt, was Jeschu bewogen
haben könnte, eine Aussage zu formulieren, in der er selbst
– Johannes gegenüber – als der Kleinere zu gelten schien,
dann fällt es nicht schwer, sich vorzustellen, es habe eine
Auseinandersetzung zwischen seinen Schülern und denen
143
des Johannes darüber gegeben, welcher der beiden Lehrer
der größere sei.
Wenn es so war, was mehr als wahrscheinlich ist (vgl. Jh
3,25), dann wäre der obige Q-Text eine feinsinnige Antwort Jeschus, adressiert an beide Schülergruppen, mit der
beide leben konnten.
Q 6,19-21*°
Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Text – ein Jeschuwort zu Pharisäern? – zu Q gehört, ist größer als die, dass er
nicht dazu gehört, auch wenn er nicht, wie Q 6,22.23, in QTexte eingebettet ist.
Ausschlaggebend für diese Einschätzung war die inhaltliche Nähe zu den übrigen Worten über Johannes den Täufer sowie das Wortpaar Zollpächter und Huren, das Mt 21,32
(= Q 6,19-21) den Rang einer Variation zu der rekonstruierten Fassung von Lk 7,29.30 (= Q 6,22.23) verschafft.
Der Text ist sorgfältig durchdacht und formuliert. Er
besteht aus zwei Doppel-Dreizeilern, die einen Zweizeiler
als ihr Zentrum umklammern.
Er handelt vom Kommen = Gesandtsein des Täufers
zu seinem Volk und davon, wie seine Botschaft vom DaSein der Gottesherrschaft aufgenommen worden ist. Nämlich: von den Unwissenden (den Zollpächtern und Huren) positiv, von den Wissenden (den Pharisäern und Schriftgelehrten) negativ; also genau umgekehrt, als zu hoffen und zu
erwarten gewesen war.
Wahrscheinlich deswegen, weil das stroherne Wissen
der Wissenden sie taub und stumpf gemacht hatte und daran hinderte, genau hinzuhören und als richtig zu empfin-
144
den, was richtig war und was sich durch den Ausgang des
jüdischen Krieges gegen Rom als richtig erwiesen hat.
Konkret: Statt der Heilsbotschaft des Johannes vom
Da-Sein der diesseitig-geistigen Gottesherrschaft zu vertrauen, wie die Unwissenden es taten, vertrauten die Wissenden
– bis zum Scheitern des jüdischen Aufstandes gegen Rom
unter Simeon Bar-Kochba (135 u. Z.) – auf die Heilsbotschaft ( ! ) der Zeloten, eine diesseitig-materielle Gottesherrschaft mit Waffengewalt erzwingen zu können.
Das Letztere hat sich als die falsche Lehre und der falsche Weg erwiesen; das Erstere wäre die richtige Lehre und
der richtige Weg gewesen.
Nachtrag: Der NTG-Textteil auf (dem) Weg (der) Gerechtigkeit kann – wörtlich – kaum anders als so übersetzt werden. Wird jedoch die zugrunde liegende aramäische Entsprechung be’ôrha’ disedaqta’ so wiedergegeben, dann ist das
eine Fehlübersetzung. Korrekt ist allein mit der richtigen Lehre
(einschließlich des richtigen Weges).
Übrigens: Das Wort Weg im NTG-Text meint hier die
Lehre, zugleich aber auch, als Folge davon, die Denk- und
Lebensweise und damit den Lebensweg. Möglich wäre aber
auch: be’ôra’ah disedaqta’ „mit der richtigen Belehrung“.
Q 6,22.23*°
Dieser Doppel-Dreizeiler – ein Jeschuwort an Außenstehende – ist beim Übersetzen aus dem Aramäischen ins
Griechische derart ruiniert worden, dass er nur wiederhergestellt werden konnte, nachdem er in Sinnzeilen zerlegt
worden war (hier nach dem MNT, einer so griechisch wie
möglichen und so deutsch wie nötigen Übersetzung):
145
Und das ganze (es) hörende Volk und die Zöllner
sprachen Gott gerecht,
sich taufen lassend mit der Taufe (des) Johannes;
die Pharisäer aber und die Gesetzeskundigen
wiesen den Willen Gottes bei sich selber ab,
nicht sich taufen lassend von ihm.
Nach der hier geltenden poetischen Regel müssen die
erste und die vierte Zeile, die zweite und die fünfte Zeile
sowie die dritte und die sechste Zeile einander genau entsprechen. Das aber ist bei keinem der genannten Zeilenpaare der Fall. Dennoch ist es nicht aussichtslos, den ursprünglichen Text rekonstruieren zu wollen – wie sich im Folgenden zeigen wird.
Auszugehen ist dabei von den Textteilen, deren Wortlaut sicher oder wenigstens halbwegs sicher ist. Das ist zum
Beispiel in der vierten Zeile das Wortpaar die Pharisäer und
die Schriftgelehrten (die Gesetzeskundigen ist ein Lk-Begriff).
Ihm würde in der ersten Zeile das Wortpaar die Zollpächter und die Huren (Q 6,20) entsprechen. Das ist deswegen sicher, weil keineswegs das ganze Volk, das = jedermann, der Johannes hörte, sich von ihm taufen ließ. Dieser Textteil ist
also eine Übertreibung und daher zu streichen.
Mit diesem Arbeitsgang wurden zwei sichere Wortpaare
gewonnen: der einleitende Textteil des ersten und der einleitende Textteil des zweiten Dreizeilers. Das ist ein wichtiger
Befund für alles Folgende.
Doch um als zwei vollständige Zeilen gelten zu können,
fehlt ihnen das Verb. Zum Glück ist es (nämlich: hörende, im
Aramäischen: die zuhörten) in der ersten Zeile erhalten geblieben. Erstes Zwischenergebnis (RÜ-Text):
Zollpächter und Huren, die Johannes zuhörten –
Aber Pharisäer und Schriftgelehrte, die Johannes zuhörten –
146
Zugehört hatten also beide Hörergruppen: Zollpächter
und Huren sowie Pharisäer und Schriftgelehrte. Sie reagierten jedoch verschieden auf das, was sie hörten: Die Ersteren ließen sich von Johannes taufen (mit der Johannestaufe
ist ein Lk-Begriff), die Letzteren nicht. Durch diese Folgerung wurden zwei weitere vollständige Zeilen gewonnen.
Zweites Zwischenergebnis (RÜ-Text):
weil sie sich taufen ließen von Johannes;
weil sie sich nicht taufen ließen von Johannes.
Und was bewirkte das Getauftwerden für die einen und
das Nicht-Getauftwerden für die anderen? Die Antworten
auf diese beiden Fragen sind der zweiten und der fünften
Zeile zu entnehmen. Doch die sind übel zugerichtet:
(Zollpächter und Huren)
sprachen Gott gerecht;
(Pharisäer und Schriftgelehrte)
wiesen den Willen Gottes bei sich selber ab.
Einen annehmbaren Sinn ergeben beide Zeilen nicht.
Aber während die zweite Zeile völlig sinnlos ist, handelt es
sich bei der ersten um eine Fehlübersetzung, die leicht zu
korrigieren ist.
Denn das ist sicher: Nicht die Zollpächter und Huren
sprachen Gott gerecht (aktiv), sondern umgekehrt: sie wurden
freigesprochen vor Gott (passiv, zugleich prophetisches Perfekt).
Und was geschah folgerichtig mit den Pharisäern und den
Schriftgelehrten? Sie wurden nicht freigesprochen vor Gott.
Vor Gott, das meint hier: durch Richterengel Gottes.
Doch damit kein Missverständnis aufkomme, sei hier an Q
1,5 erinnert und an den Kommentar dazu. Kurzfassung:
Ohne entsprechende Früchte = Tatfolgen war (und ist) die
Taufe fruchtlos, also keine Wiedergeburt, sondern eine Totgeburt. Es folgt der gesamte RÜ-Text:
147
Zollpächter und Huren, die Johannes zuhörten –
sie wurden freigesprochen vor Gott,
weil sie sich taufen ließen von Johannes.
Aber Pharisäer und Schriftgelehrte, die Johannes zuhörten –
sie wurden nicht freigesprochen vor Gott,
weil sie sich nicht taufen ließen von Johannes.
Bemerkenswert an diesem Jeschuwort ist die Kompromisslosigkeit, mit der es formuliert ist: Wer sich von Johannes taufen ließ, der wurde freigesprochen vor Gott; wer
sich nicht von ihm taufen ließ, der wurde nicht freigesprochen vor Gott.
Doch halt! Das galt nur für die, die Johannes gehorchten und sich taufen ließen. Und: Der Freispruch hatte keine
Geltung für die Zukunft. Er galt nur für die Fehlhandlungen, die vor der Taufe begangen worden waren. Aber schon
das war von hohem psychologischem Wert für die Getauften, weil es einen Neuanfang ermöglichte.
Q 6,24-26
Dieser Q-Text – das Gleichnis Jeschus „Von den streitenden Kindern“ – betraf diese Art Menschen. Weder dieses Geschlecht (Q-Mt), noch die Menschen dieses Geschlechts insgesamt
(Q-Lk). Sondern es zielte auf eine bestimmte Art von Menschen in Jeschus Umwelt.
Jene Art Menschen verglich er in seinem Gleichnis mit
zwei Gruppen von Kindern, die auf der Straße sitzen (weder
auf den Marktplätzen, so nach Q-Mt, noch auf einem Marktplatz, so nach Q-Lk).
Zwar kann das aramäische Wort šûqa’ beides meinen:
die Straße und der Markt (= Basar), hier aber muss es Straße
148
bedeuten; denn ein Basar war kein Ort, an dem spielende
Kinder hätten sitzen können. Dazu herrschte ein viel zu
dichtes Gedränge in den schmalen Gängen zwischen den
Verkaufständen.
Und jene Kinder, so weiter im Gleichnis, waren derart
zerstritten, dass sie einander zornig anschrien (nicht friedlich
zuriefen, Q-Mt und Q-Lk) und daher gar nicht erst zum
Spielen kamen.
Bei der Wahl dieses Wortes half ein Blick in die syrischen Textzeugen. Bemerkenswert ist, dass Jeschu bei
dem, was er die Kinder schreien ließ, wie von selbst in den
Rhythmus und in Reime von Kinderliedchen verfiel, hier
sogar eines Wechselgesangs (so ganz deutlich nach dem aramäischen Wortlaut des RÜ-Textes):
Wir haben für euch geflötet! –
Aber ihr habt nicht getanzt!
Und wir haben für euch gewehklagt! –
Aber ihr habt nicht getrauert!
Poetisch betrachtet, ist dieser Kinder-Wechselgesang im
Aramäischen eine Perle. Ihm zufolge waren die Streitenden
Jungen und Mädchen. Die einen wollten etwas Fröhliches
spielen: Hochzeit mit Musik und Tanz; das war Sache der
Jungen. Die andern wollten etwas Trauriges spielen: Bestattung mit Totenklage und Trauer; das war Sache der Mädchen (und ein Hinweis auf die Klagefrauen).
Der Q-Text endet mit einem Vierzeiler über eine Kritik
jener Art Menschen zuerst an der asketischen Lebensweise
Johannes des Täufers, danach an Jeschus ungezwungenem
Verhalten bei Festen und Gastmählern.
Daraus ist zu schließen, dass es unter jener Art Menschen (wahrscheinlich unter notorischen Miesmachern) zu
einer Auseinandersetzung über den Täufer und Jeschu ge-
149
kommen war. Jedoch, das ist verwunderlich: Nicht über
deren Botschaft, sondern über deren Essen und Trinken.
Q 7,1.2*
Nach Q-Lk war es jemand, der Jeschu als Rabbi ansprach und ihm anbot, ihm folgen zu wollen, nach Q-Mt
war es ein Schriftgelehrter. Beides ist ungenau. Richtig wird
sein: ein Schriftgelehrtenschüler.
Warum? Weil ein voll ausgebildeter Schriftgelehrter auf
keinen Fall gewünscht hätte, Jeschus Schüler zu werden.
Denn dadurch hätte er sich ihm gegenüber zu unbedingtem
Gehorsam verpflichten müssen sowie dazu, seine Lehre
auswendig zu lernen, ihn mehr zu lieben als seine Angehörigen und an seinem Leben teilzuhaben.
Jeschus Antwort an ihn, ein vierzeiliges Bildwort, läuft
auf ein striktes Nein! hinaus; zwar unausgesprochen, aber
entschieden. Und das aus mehreren Gründen.
Erstens: weil Jeschu, anders als die jüdischen Schriftgelehrten, seine Schüler selber zu wählen pflegte. Zweitens:
weil er offensichtlich Grund hatte anzunehmen, dass der
junge Mann, der ihm angeblich zu folgen wünschte, von
seinem bisherigen Lehrer geschickt worden war, ihn auszuspionieren. Drittens: weil Jeschu – er erschloss es aus seinem Äußeren und aus seinem Auftreten – den Eindruck gewonnen hatte, ein bildhafter und unmissverständlicher Hinweis auf ein hartes und entbehrungsreiches Leben als sein
Schüler würde ihn am schmerzlosesten abschrecken.
Richtig! Der zweite und der dritte Grund sind lediglich
Vermutungen und können nichts anderes sein. Aber dass
Jeschu seine Ablehnung ausgerechnet in das Gewand des
150
Bildwortes „Von den Füchsen und den Vögeln“ kleidete,
weist deutlich in die vermutete Richtung.
Denn für das Fuchsbild der Bibel waren bösartige Hinterlist und Schlauheit bestimmend. (Zielte Jeschu mit den
Füchsen auf den Lehrer des jungen Mannes?) Und für das
Vogelbild der Bibel war u. a. der unstete und gefährdete
Mensch bestimmend. (Zielte Jeschu mit den Vögeln auf den
jungen Mann?) Beides ist nicht auszuschließen.
Falsch ist jedoch, den Schluss dieses Bildwortes auf die
Heimatlosigkeit Jeschus zu deuten. Denn heimatlos war er
nur während der Zeit, in der er ständig unterwegs war, um
sich den Häschern des Antipas zu entziehen – bis er zu seiner letzten Wallfahrt nach Jerusalem aufbrach: von Kafarnaum aus, wo er ein eigenes Haus besaß (Mt 13,36; Mk 2,1;
7,17; 9,33). Leider ist die Bezeugung nur in wenigen griechischen Handschriften und in S zu Mk 9,33 eindeutig.
Q 7,3.4*
Der Q-Mt-Text ist am Anfang und am Ende verstümmelt. Daher ist der Q-Lk-Text vorzuziehen, auch wenn in
dessen erster Zeile seiner Schüler ausgefallen ist.
Wird dies (mit Q-Mt) in ihn eingefügt, dann war es einer seiner Schüler aus dem weiteren Schülerkreis der Siebzig,
zu dem Jeschu sagte: Folge mir!
Ist das zutreffend, dann stand, als er das sagte, seinen
Siebzig unmittelbar bevor, von ihm zur paarweisen Sendung
in die Mission unter ihren Stammesgenossen ausgesandt zu
werden (Lk 10,1).
Das war der bis dahin wichtigste Augenblick in ihrer
Schülerschaft Jeschus. Der Zweck dieser Sendung war, ihre
151
Landsleute auf die für einige Zeit später angesetzte Tätigkeit
ihres Meisters als Dämonenaustreiber, Heiler und Lehrer (in
ihrer Mitte) vorzubereiten. Und zwar dadurch, dass sie das
Da-Sein der Gottesherrschaft ausriefen und dabei – je nach
den eigenen Kräften – als Dämonenaustreiber und Heiler
(in ihrer Mitte) tätig waren. Immer paarweise!
Nur dann, wenn jemand dies weiß und berücksichtigt,
kann er ermessen, was Jeschu empfunden haben mag, als
jener Schüler zu ihm sagte (RÜ-Text):
Erlaubst du mir, zuerst hinzugehen
und meinen Vater zu bestatten?
Und nur dann, wenn jemand dies weiß und berücksichtigt,
kann er verstehen, warum Jeschu ihm erwiderte (RÜ-Text):
Überlass deinen Toten dem Totengräber!
Aber du! – Ruf aus die Gottesherrschaft!
Dazu ist zu ergänzen: Unter den klimatischen und sanitären Bedingungen der Umwelt Jeschus verweste ein Verstorbener schnell. Darum wurde er zumeist noch am Sterbetag bestattet.
Auf ihn folgten sechs Trauertage, an denen die Trauerfamilie die Beileidsbezeigungen entgegenzunehmen hatte.
Einen so langen Aufschub konnte Jeschu seinem Schüler
nicht gewähren. Denn der wäre für die Übrigen der Siebzig,
die auf ihren Einsatz warteten, unzumutbar gewesen.
Entscheidend aber war, dass er einen ausgeschiedenen
Schüler unmöglich so plötzlich durch einen anderen ersetzen konnte. Denn dazu hätte der ja von ihm hinreichend
geschult worden sein müssen. – Dennoch: Jeschus Antwort
blieb hart. Gab es pädagogische Gründe dafür?
Nachträge: Der NTG-Text Erlaube mir, zuerst hinzugehen
und meinen Vater zu bestatten! ist ein Befehlssatz. Der aber
war, von einem Schüler an seinen Meister gerichtet, unange-
152
messen. Er war daher durch einen Fragesatz zu ersetzen:
Erlaubst du mir …?
Völlig unmöglich ist Lass die Toten ihre Toten begraben!
(NTG-Text). Denn damit hätte Jeschu die Angehörigen seines Schülers als geistig Tote bezeichnet. Doch zum Glück ist
dieser Satz leicht als Fehlübersetzung zu erweisen; ebenso
wie deren Folge: die Plurale die Toten und den Totengräbern
statt der Singulare deinen Toten und dem Totengräber.
Q 7,5.6*
Dieser Q-Text ist dem voranstehenden (Q 7,3.4) inhaltlich verwandt. Daher ist es mehr als wahrscheinlich, dass er
in dieselbe Situation gehört wie er; das heißt zu der unmittelbar bevorstehenden Aussendung der Siebzig zur Mission
unter ihren Stammesgenossen (Lk 10,1).
Von ihm unterschieden ist er dadurch, dass dieser Schüler Jeschus einen weniger dramatischen Grund angab als der
vorige, um sich von ihm entfernen zu dürfen; nämlich den,
sich von seinen Hausgenossen segnen zu lassen.
Und wieder blieb Jeschu hart – vermutlich, weil die
Zeit ihn drängte (er wollte zu einer Wanderung nach Norden aufbrechen). Denn wieder erlaubte er seinem Schüler
nicht, um was er ihn bat. Diesmal jedoch nicht befehlend,
sondern mit dem „Bildwort vom Pflüger“.
So, wie er dieses Bildwort formuliert hat, beweist sein
Wortlaut, dass Jeschu von beidem etwas verstand: sowohl
von dem Pflug, der in seiner Umwelt gebräuchlich war, als
auch vom Pflügen.
Denn nur daher konnte er wissen, dass der Pflüger seine Hand kräftig aufstemmen musste, damit der Pflug tief
153
genug in den Ackerboden eindrang. Und nur daher konnte
er wissen, dass der Pflüger seine Hand auf den Pflug-sterz
stemmen musste, auf den Führungsgriff am Pflug, um dadurch Richtung und Tiefe zu bestimmen (es ist nicht auszuschließen, dass er selber solche Pflüge gebaut und benutzt hat).
Hinzu kam noch, und das war selbstverständlich, dass
der Pflüger nicht vor dem Pflügen nach Hause zurückkehren durfte. Denn dadurch hätte er sich als schwankend und
damit als für Jeschus Dienst untauglich erwiesen.
Denn tauglich für diesen Dienst war nach seinem Urteil
nur der, der beständig und zuverlässig war; nur der, der,
nachdem er seinen Dienst angetreten hatte, bis zu seinem
Ende durchhielt, der sich durch keinerlei Wünsche davon
abbringen und durch keinerlei Härten und Schwierigkeiten
entmutigen ließ; nur der, der niemals aufgab.
Leider hat dieses Bildwort unter seiner Übersetzung ins
Griechische so schwer gelitten, dass der von Jeschu beabsichtigte Sinn unkenntlich geworden war.
Es liegt also nicht an den heutigen Übersetzern und
Auslegern, die den NTG-Text übersetzt und ausgelegt haben, dass sie den ursprünglichen Sinn verfehlt haben, sondern daran, dass der frühchristliche Übersetzer des Bildwortes die Bedeutungen und Nebenbedeutungen der Wörter seiner aramäischen Vorlage nicht genau genug kannte,
um sie richtig wiedergeben zu können.
Nachtrag: Das, worum der Schüler Jeschu bat, wird im
NTG-Text um Abschied zu nehmen genannt. Aber dafür gibt
es im Aramäischen keine Entsprechung. Der einzige Begriff, der in Frage kommt, ist um sich segnen zu lassen (den Segen Gottes für sich erbitten zu lassen). Ebendas aber geschah bei dem, was wir „Abschied nehmen“ nennen.
154
Q 7,7-9
Bei Q 7,7 scheinen Q und Mk 6,7 einander zu überschneiden. Was hier geboten wird, kann daher nicht mehr
sein, als ein Rekonstruktionsversuch.
Ihn zu unternehmen, erscheint deswegen gerechtfertigt,
weil an dieser Stelle der Q-Überlieferung, in welcher Fassung auch immer, eine Überleitung zum Folgenden gestanden haben wird.
Das Bildwort Q 7,8, ein Dreizeiler, stimmt, bis auf eine
Wortumstellung, in beiden Fassungen, Mt 9,37.38 und Lk
10,2, wörtlich überein. Sollte jede der beiden das Werk eines anderen Übersetzers sein? Könnte die sonst rätselhafte
Wortumstellung so zu erklären sein?
Die im Übrigen wörtliche Übereinstimmung spricht
nicht dagegen. Denn der aramäische RÜ-Text ist so beschaffen, dass er kaum anders als so hätte übersetzt werden
können. Bis auf das Wort hassôdajja’, das zweimal mit
Schnitter statt mit Arbeiter hätte übersetzt werden müssen
(vgl. Mt 13,30.39). Wegen des Wortspiels mit hasada’ „die
Ernte“. Eines Wortspiel, wie es für Jeschus Redeweise typisch war.
Diesem Bildwort zufolge war, als Jeschu es aussprach,
Erntezeit; das heißt die Zeit, während der der Ertrag seiner
Aussaat (als Sämann seiner Botschaft) durch seine Schüler
(als Schnitter) eingebracht werden sollte; also vermutlich
gegen Ende der so genannten galiläischen Periode seiner
Wirksamkeit.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass aus dieser Ernte später,
nach seinem Weggang, die galiläischen Q-Gemeinden hervorgegangen sind, in deren Bereich die Q-Textsammlungen
zusammengetragen worden sind.
155
Denn es geschah sicherlich nicht grundlos, dass Jeschu
jene Ernte groß nannte und dass er seine Schüler aufforderte, Gott zu bitten, er möge Schnitter in seine Ernte senden.
Mehr Schnitter!
Waren das vielleicht die Siebzig? Hätten die Zwölf diese
Arbeit ohne sie womöglich nicht termingerecht schaffen
können (bis zu Jeschus Rückkehr aus dem Norden, wohin
er wandern wollte)? So könnte es gewesen sein.
Und damit die Arbeit überhaupt zu schaffen sei, sandte
er seine Zwölf und die Siebzig aus und begrenzte ihr Arbeitsgebiet auf den Stamm Israel (nicht auf die verlorenen Schafe
des Hauses Israel, NTG-Text); das aramäische Wort bêt kann
u. a. „Haus“ und „Stamm“ bedeuten. Gemeint sind ihre
Stammesgenossen. Er tat es mit dem Dreizeiler Q 7,9:
Geht nicht in Richtung Nichtjuden!
Betretet auch nicht die Provinz Samaria!
Geht nur zum Stamm Israel!
Dass dieser Dreizeiler nicht in Q-Lk steht, braucht
nicht zu befremden. Lukas musste ihn als zu einschränkend
empfunden haben. Er konnte ja auch nicht ahnen, dass diese Einschränkung eine nur terminbedingte Geltung haben
sollte – bis zu Jeschus Rückkehr aus dem Norden.
Andernfalls hätte er danach kaum Jakobus und Johannes ausgeschickt, um in Samarien Quartier für ihn und die
Zwölf zu machen (Lk 9,51-55).
Dass das missglückte, ist kein zwingendes Argument
dagegen. Denn das hatte nichts mit Jeschu und seiner Botschaft zu tun, sondern damit, dass er und die Zwölf als
Wallfahrer unterwegs waren: nach Jerusalem und zu seinem
Tempel, die den Samaritanern verhasst waren – weil die Juden (129 v. d. Z., unter Hyrkan I.) ihren Tempel auf dem
Berg Garizim zerstört hatten.
156
Q 7,10-13
Die hier aufgereihten Mt-Textteile werden sehr wahrscheinlich zu Q gehören, obwohl sie nicht alle in Q-Lk bezeugt sind. Denn es ist in der Natur der Sache begründet,
dass die Q-Sammler aus dem vorhandenen Q-Material je
verschiedene Texte und Textteile ausgewählt und dass sie
die je nach ihren Absichten und Neigungen anders zusammengeordnet haben werden.
Mehr als geringere oder größere Wahrscheinlichkeit ist
daher (hier) in Bezug auf die Zugehörigkeit zu Q weder zu
gewinnen noch zu erwarten.
Zu Vers 10, einer Weisung Jeschus, ist zu bedenken:
Johannes der Täufer hatte das immer wiederkehrende Motiv seiner Botschaft Die Gottesherrschaft ist da! (statt „ist nahe
gekommen“, NTG-Text) durch Inspiration empfangen.
Von Johannes hatte Jeschu es empfangen. Und von Jeschu
haben es, mit dieser Weisung, seine Schüler von ihm empfangen. – Genau dies ist gemeint, wenn von Überlieferung
die Rede ist.
Zu Vers 11 ist anzumerken: Die Weisung Jeschus Heilt
Kranke! – Treibt Dämonen aus! („Weckt Tote auf! Macht Aussätzige rein!“ stammt nicht von ihm!) setzt voraus, dass er
seine Schüler zum Heilen und Dämonenaustreiben ausgebildet haben muss. Wäre es nicht so, dann wäre sie leeres
Gerede gewesen.
Zu Vers 12 ist zu fragen: Warum gebot Jeschu seinen
Schülern, auf ihrer Wanderung weder Geld noch Ranzen
mitzunehmen und keine zwei Hemden (übereinander) und
keine Sandalen zu tragen?
Dafür konnte es nur einen Grund geben: Er wollte sie
vor räuberischen Überfällen bewahrt wissen. Denn wer so
157
ärmlich daherkäme wie sie (aufgrund seiner Weisung), den
zu überfallen lohnte sich nicht.
Zu Vers 13 ist es wichtig, zu wissen, dass der NTGText „Grüßt niemanden auf dem Weg!“ eine missverständliche Verkürzung der Weisung Jeschus ist. Denn mit dem,
was er auf Aramäisch gesagt haben muss (es gab nur eine
Möglichkeit), war keineswegs ein kurzes Grußwort gemeint.
Warum hätte er das denn auch verbieten sollen?
Sondern es betraf das sehr umständliche und sehr zeitraubende Zeremoniell des Nach-dem-Wohlergehen-Fragens, wobei es, der orientalischen Mentalität entsprechend, um jedes
Familienmitglied und um vielerlei gehen konnte. Jeschus
Absicht war demnach: zur Eile zu mahnen.
Insgesamt betrafen diese Weisungen Jeschus die Wanderungen seiner Schüler in ihre Arbeitsgebiete. Selbstverständlich wird er dabei sorgfältig geplant haben. Zum Beispiel welche Orte von welchen Sendbotenpaaren bearbeitet
werden sollten (paarweise Sendung war die Regel).
Denn nur so war sicher zu stellen, dass es keine Ausfälle und keine Überschneidungen geben konnte. Und vorweg betrafen sie den Umfang ihrer Tätigkeit; nämlich das
Da-Sein der (diesseitig-geistigen) Gottesherrschaft auszurufen, Kranke zu heilen und Dämonen auszutreiben.
Von dem NTG-Text Mt 10,7 Hingehend aber, verkündet,
sagend: Nahe gekommen ist das Reich der Himmel! gilt: Er ist ganz
und gar falsch übersetzt. Stattdessen muss es heißen: Und
wo ihr hingeht, da ruft aus: Die Gottesherrschaft ist da!
Dass die Gottesherrschaft gemeint sein muss (die diesseitiggeistige Gottesherrschaft, die da ist), ergibt sich schon daraus, dass die Himmelsherrschaft (nach Jeschu) die jenseitiggeistige Gottesherrschaft ist, in die nur der eingelassen werden darf, der die Einlassbedingungen erfüllt hat.
158
Doch diese Unterscheidung Jeschus wurde schon früh
verwischt und vergessen. Und zwar dadurch, dass seine
Schüler (tragischerweise!) an der überkommenen, aber von
ihm verworfenen Vorstellung von einem irdischen „Reich
Gottes“ festhielten (Apg 1,6). Einem Widerspruch in sich
selbst, der durch alle Jeschuworte, die von einem „Einlass
in die Himmelsherrschaft“ handeln, widerlegt wird!
Q 7,14-17
Die hier gebündelten Weisungen Jeschus galten dem
Benehmen seiner Schüler beim Betreten eines Hauses und
ihrem Verhalten seinen Bewohnern gegenüber – wenn sie
dem Hausherrn willkommen und von ihm gastlich aufgenommen worden waren.
Entscheidend war dabei ihr Heilsgruß und dessen Annahme beziehungsweise Ablehnung durch den Hausherrn:
stellvertretend für alle Hausgenossen, wie in der Umwelt
Jeschus üblich.
Wurde er abgelehnt, dann blieb ihnen nur, das Haus
wieder zu verlassen. Wurde er angenommen, dann sollten
sie darin bleiben, sollten den Hausgenossen Jeschus Botschaft und deren heilende und befreiende Wirkungen in
Wort und Tat mitteilen und sollten dafür – doch das war
für jeden Orientalen ein selbstverständliches und unantastbares Gastrecht – an ihren gemeinsamen Mahlzeiten teilnehmen, bis sie ihre Arbeit getan hatten.
Zu dem Begriff Heilsgruß ist noch nachzutragen: Für
den so genannten modernen Menschen sind Wörter und
Worte (auch Grüße) zumeist nur Wörter und Worte, Schall
und Rauch.
159
Nicht so für die meisten antiken Menschen, gar noch in
Jeschus Umwelt. Für sie bewirkten die Wörter und Worte
das, was sie besagten: ein Fluchwort also Fluch, ein Heilsgruß also Heil. Und zwar durchaus wirksam und nachweisbar (wie heute noch bei so genannten Primitiven).
Dass dies heutzutage überhaupt nicht mehr gelte, ist ein
Irrtum. Es gilt allerdings nur mehr in abgeschwächter, zumeist versteckter Form – weil der so genannte moderne
Mensch durch die immer mehr anschwellende Flut der
Wörter und der Worte stumpf geworden ist gegenüber ihren Wirkungen.
Doch zahllose Neurosen, mit denen zahllose Menschen
behaftet sind, bezeugen gleichwohl die abgeschwächten und
versteckten Folgen verderblicher Wörter und Worte; und
zwar unabhängig davon, ob man das weiß und wahrhaben
will oder nicht.
Q 7,18-20
Die hier zusammengestellten Weisungen Jeschus führen die voranstehenden Weisungen weiter, bezogen auf das
Verhalten seiner Schüler zu Beginn eines Aufenthalts in einer Ortschaft.
Wurden sie gastlich in ihr aufgenommen, so sollten sie
in ihr bleiben und ihren Bewohnern Jeschus Botschaft und
deren heilende und befreiende Wirkungen in Wort und Tat
mitteilen. Wurden sie nicht gastlich in ihr aufgenommen, so
sollten sie sie wieder verlassen; jedoch nicht, ohne den
Staub von ihren Füßen abzuschütteln.
Diese in Jeschus Umwelt allgemein bekannte Gleichnishandlung bedeutete, dass seine Schüler ihre Gemeinschaft
160
mit den Bewohnern jenes Ortes abbrechen sollten, noch
ehe sie begonnen hatte.
Der Spruch, den sie dabei zu sprechen hatten, lautete:
„Totenklage mögen die Häuser erheben über die, die sie erbauten.“
Beide, die Handlung und das Wort, würden Wirkung
haben auf das künftige Geschick derer, denen sie galten.
Denn sie würden den Grund beider (ihre Ablehnung!) nicht
leugnen können, und die würde zu einem Belastungszeugnis
gegen sie werden beim Urteil der Richterengel Gottes über
ihr Leben – nicht lange, nachdem sie, jeder Einzelne von ihnen, gestorben sein würden.
Erwähnenswert ist noch: Der Kalkboden in der Umwelt Jeschus war im Sommer überaus staubig. Dass die Füße seiner wandernden Sendboten staubig waren, ergibt sich
daraus. Demnach muss es Sommer gewesen sein, als Jeschu
sie aussandte.
Q 7,21-23
Es kann keinen berechtigten Zweifel daran geben, dass
beide Texte (Mt 10,40 und Lk 10,16) zu Q gehören und
dass es ursprünglich eine Dreiung von je vierzeiligen Sprüchen (über aufnehmen, hören auf und verwerfen) gewesen ist, die
Jeschu seinen Schülern mit auf den Weg gegeben hat.
Das ergibt sich nicht nur aus den voranstehenden Weisungen, an denen ebendiese Dreiung abzulesen ist, sondern
auch daraus, dass Dreiungen seiner Worte eines der Hauptmerkmale der Poesie Jeschus gewesen ist.
Dass im NTG-Text von Q-Mt nur der erste von drei
Sprüchen erhalten geblieben ist, könnte daran liegen, dass
161
die beiden anderen nicht in den Stichwortzusammenhang
passten, in dem dreimal vom Aufnehmen die Rede ist.
Und warum im NTG-Text von Q-Lk der zweite Spruch
verstümmelt ist, das ist nur solange rätselhaft, wie man den
S-, den C- und den H-Text zu Q-Lk unberücksichtigt lässt.
Denn in ihnen ist das fehlende Zeilenpaar
Und jeder, der auf mich hört –
er hört auf den, der mich gesandt hat
völlig unpassend an das Zeilenpaar
Und jeder, der mich verwirft –
er verwirft den, der mich gesandt hat
angehängt worden. Das aber ist ein sicheres Anzeichen dafür, dass der Abschreiber dieser Dreiung seinen Fehler bemerkt hat und dass er – ihm blieb ja auch gar nichts anderes
übrig – das fehlende Zeilenpaar an den bis dahin geschriebenen Text angefügt hat.
Vielleicht mit einem Korrekturzeichen am Rand des
Manuskripts, das anwies, wohin jener Textteil gehört. Ein
Zeichen, das ein späterer Kopist, weil er es nicht verstand,
unbeachtet ließ.
[Dieses Verfahren findet sich wiederholt in der Bibel,
sogar bei einem Jeschuwort, wie der Vergleich von Mt 7,6
mit Thomas-Evangelium 93 beweist.]
Der äußeren Dreiung dieser Spruchgruppe (aufnehmen,
hören auf und verwerfen) entspricht stilgemäß in jedem der drei
Sprüche deren innere Dreiung (euch, mich und den, der mich gesandt hat).
Hiernach waren Jeschus Schüler seine Sendboten und er
selbst der Sendbote Gottes. Aber nicht allein das, sondern:
Jener Spruchgruppe zufolge widerfuhr das, was Jeschus
Schülern widerfuhr, nicht nur ihm, der sie gesandt hatte,
sondern auch Gott, der ihn gesandt hatte.
162
In Jeschus Umwelt entsprach diese Vorstellung dem
schon lange vor ihm geltenden Grundsatz: „Der Gesandte
eines Menschen ist wie dieser selbst.“
Dann aber hat, Jeschu zufolge, auch dies zu gelten: Der
Gesandte Gottes ist wie dieser selbst. Ist er aber nur wie
Gott selbst, wie könnte Jeschu dann Gott selbst sein? Nach
Jeschus Urteil konnte (und kann) er das ebenso wenig, wie
seine Schüler, die ja auch nicht (obwohl sie als seine Boten
wie er selbst waren) er selbst sein konnten!
Und wie war (und ist) das wie in jenem Grundsatz zu
beurteilen? Es betraf ausschließlich die Botschaft, die ein
Sendbote mitzuteilen hatte. Gemeint ist also: Was der Sendbote sagte (nur darum musste er ja den Wortlaut der Botschaft auswendig lernen), das galt dem Empfänger ebenso,
als hätte es der ihn Sendende selbst gesagt.
Daraus folgt: Wäre dem Sendboten irgendwann eingefallen, etwas anderes zu sagen, als der ihn Sendende gesagt
hatte, dann hätte er im selben Augenblick verwirkt, dessen
Sendbote zu sein.
Offensichtlich war den Übersetzern, Bearbeitern und Abschreibern der Jeschu-Überlieferung – die sich nicht scheuten, ihre Vorlagen
nach Gutdünken zu verändern – diese erschreckende Konsequenz ihres Tuns unbekannt. Denn wäre sie ihnen bekannt gewesen, dann
hätten sie sicherlich nicht gewagt, das zu tun. Mehr dazu im Anhang unter „Bewusste Textänderungen?“ (Seiten 323-325).
Dazu ist festzuhalten: In allen drei Jeschuworten bietet
der NTG-Text (wörtlich: der Aufnehmende, der Hörende, der
Verwerfende) eine verstümmelte Wiedergabe des Sprachgebrauchs Jeschus. Korrekt wäre gewesen: jeder Aufnehmende,
Hörende, Verwerfende = jeder, der aufnimmt, hört, verwirft. Hiernach ist, anders als im NTG-Text, durch jeder in allen drei
ersten Zeilenpaaren ihre Allgemeingültigkeit betont.
163
Es war also ein dreimal wiederholter Doppelfehler, der
im NTG-Text zu dieser Verstümmelung führte: Erstens
wurde die aramäische Entsprechung für jeder (wörtlich: jeder
jemand) ausgelassen. Zweitens wurde das aramäische Relativpronomen de mit dem Artikel der wiedergegeben, statt mit
dem Relativpronomen welcher = der.
Etwas abgewandelt wiederholte sich dieser Fehler in allen drei zweiten Zeilenpaaren, in denen nur der Artikel der
steht, wo jemand, der hingehört. Durch diese Fehlübersetzungen wurde nicht nur der Sinn dieser Spruchgruppe zerstört, sondern auch ihre poetische Form.
Solch eine Häufung von Fehlern in einem so kurzen
Text (die oben erwähnten und bereits korrigierten Verstümmelungen des Wortlauts kommen ja noch hinzu) hat nicht
nur als Nachlässigkeit im Umgang mit dem geistigen Eigentum Jeschus zu gelten, sondern darüber hinaus als schwerwiegende Sinnverderbnis.
Q 7,24.25
In Q-Mt 10,16 stehen zwei Zweizeiler (bildhafte Vergleiche Jeschus); in Q-Lk 10,3 steht nur einer, der erste. Warum?
Der Grund für diese Verkürzung war leicht zu erraten: Der
NTG-Textteil „Seid klug wie die Schlangen!“ erschien dem
Sammler und/oder Bearbeiter von Q-Lk zweifellos anstößig. Zu Recht! Immerhin ist diese Aussage als Befehlssatz,
also als striktes Gebot formuliert.
Aber kann das wahr sein, dass Jeschu seinen Schülern
geboten habe, klug zu sein wie die Schlangen? Ist es auch
nur möglich? Nein! Daher gilt: Ihm das zu unterstellen, ist
Torheit und Schmähung zugleich.
164
Schon deswegen, weil die Schlange zwar die List und
Heimtücke, die Verschlagenheit und Verdorbenheit, das
Böse und den Versucher symbolisiert, nicht aber die reine,
wahre Klugheit.
Wenn aber nicht, welches charakteristische Merkmal
der Schlangen könnte Jeschu dann im Sinn gehabt haben
(unabhängig von jeglicher Symbolik), als er sie in seinen
Vergleich einfügte. Und zwar: um dadurch eine von zwei
Verhaltensweisen zu bezeichnen, die er für den künftigen
Dienst seiner Schüler für so notwendig hielt, dass er ihr ein
striktes Gebot widmete?
Es hat ca. zwanzig Jahre gedauert, bis ich nach etlichen
Anläufen zu der wahrscheinlich richtigen Lösung dieses
Problems gekommen bin. Und auch das eher beiläufig:
während ich dabei war, den seit Jahrzehnten erarbeiteten
aramäischen Wortbestand der Jeschu-Überlieferung nach
dessen deutschen Wortbedeutungen alphabetisch zu ordnen. Dabei standen plötzlich und absichtslos folgende Wörter einander gegenüber:
Hornschlangen (šefifonajja) und vorsichtige (zehirin),
Turteltauben (šafninajja) und lautere (zakkikin).
Man beachte die sicherlich nicht zufälligen Reime: bei
den Tiernamen den Stabreim auf š-, den Binnenreim auf -nund den Endreim auf -ja; bei den Verben den Stabreim auf
z-, den Endreim auf -in und die Assonanz (bei der nur die
Vokale übereinstimmen) auf -i-i-.
Purer Zufall kann das alles nicht sein. Folglich muss es
Jeschus ( ! ) Absicht gewesen sein, so zu formulieren. Wenn
aber seine Absicht, dann spricht Entscheidendes dafür, dass
die ermittelten Vokabeln die richtigen sind.
Als ich mich nach diesem Arbeitsgang genauer informieren wollte, fand ich in einem Sachbuch über die Tier-
165
welt der Bibel zur Turteltaube die Bemerkung, sie diene als
Symbol für die Unschuld, Arglosigkeit, Rechtschaffenheit,
(Herzens)einfalt. Dem entsprechen haargenau sowohl das
zugrunde liegende griechische als auch das ihm zugrunde
liegende aramäische Wort für lauter.
Und zur Hornschlange fand ich die Notiz, sie vergrabe
sich in den Sand, sodass nur die Augen und die hornartigen
Vorwölbungen an ihrem Kopf sichtbar sind. Wenn dann
kleine Vögel nach ihnen picken, weil sie sie für Würmer
halten, schnelle sie vor und beiße zu. Dieses Verhalten der
Hornschlangen lässt sich zwar auch als klug deuten (so nach
dem Griechischen), jedoch besser noch als vorsichtig (so nach
dem Aramäischen).
Für diese beiden Unterarten sowohl von Schlangen als
auch von Tauben die richtigen griechischen Namen zu wählen (nämlich kerastës und trygon), damit war der Übersetzer
offensichtlich überfordert; vermutlich, weil ihm die genaue
Bedeutung ihrer aramäischen Namen unbekannt war.
Daher ist es begreiflich, dass er statt der speziellen Begriffe Hornschlange und Turteltaube die allgemeinen Begrif-fe
Schlange und Taube wählte und dazu die Adjektive, die ihm
am besten zu passen schienen: für die Taube lauter, das richtige, und für die Schlange klug, ein ungenaues.
Dass Jeschu bei der Formulierung dieses Spruches das
Charakteristische gerade dieser beiden Tierarten im Blick
hatte – die offenkundige Vorsicht der Hornschlange (die
sich im Sand vergräbt) und die sprichwörtliche Lauterkeit
der Turteltaube (deren Symbol sie ist) –, verrät seine scharfe
Beobachtungsgabe.
Um was es Jeschu ging, als er seine Schüler mit dem
Spruchpaar Q 7,24.25 in ihre Sendung entließ, ist nach all
dem unmissverständlich: Mit dem ersten Spruch wollte er
166
ihnen bildhaft bewusst machen, dass sie auf ihrem Weg in
seinem Dienst ähnlich gefährdet sein würden, wie Lämmer
inmitten von Wölfen. Plastischer ging das kaum.
Anders ausgedrückt: Er wollte, dass sie von vornherein
gewarnt seien vor dem Unmenschlichen in ihren Mitmenschen, sobald es um religiöse Überzeugungen und Interessen ging.
Und damit sie dennoch überleben könnten, forderte er
im zweiten Spruch von ihnen, ebenfalls bildhaft, vorsichtig zu
sein (also: aufmerksam, besonnen und klug bei Gefahr oder
in kritischen Situationen), damit sie vor Schaden bewahrt
blieben, und lauter zu sein (also: von reiner, makelloser und
wahrhaftiger Gesinnung), damit niemand sie berechtigterweise anklagen könne.
Nachtrag: wo die NTG-Vorlage Schafe hat, da haben der
S-, der C-, der P- und der H-Text Lämmer. Das wird richtig
sein, weil es den Gegensatz verschärft.
Denn Lämmer sind Jungtiere von Schafen. Wenn aber
bereits Schafe ein Symbol für Sanftmut sind, um wie viel
mehr dann Lämmer! Im Gegensatz zu ihnen, den völlig
wehrlosen, den Opfertieren schlechthin, sind Wölfe wehrhafte Raubtiere. In Jeschus Umwelt waren sie die größten,
die es noch gab.
Q 8,1*
Dieses Dankgebet Jeschus, das er im Gegensatz zu seinem sonstigen Beten öffentlich betete, liegt uns im NTGText in einem trostlosen Zustand vor.
Nicht nur, dass es an entscheidenden Stellen falsch
übersetzt worden ist. Es ist überdies auch noch entstellt
167
worden: durch einen Zusatz, der im S- und im C-Text zu
Q-Mt fehlt, und durch eine Auslassung.
Soll dies bewusst werden, so empfiehlt es sich in diesem
Fall, den gesamten Text in einer deutschen Übersetzung
vorzulegen, der die griechische Vorlage so wörtlich wie
möglich wiedergibt (Q-Mt 11,25.26, zitiert nach dem MNT,
jedoch in Sinnzeilen gesetzt):
Ich preise dich, Vater,
Herr des Himmels und der Erde,
dass du dieses verbargst vor Weisen und Verständigen
und es offenbartest Unmündigen;
ja, Vater,
weil so es Gefallen fand vor dir.
Diese Wiedergabe nach dem NTG-Text erweckt den
Anschein, Jeschu habe den Vater dafür gepriesen, dass er
dieses (nämlich das Da-Sein der diesseitig-geistigen Gottesherrschaft) den Weisen und Verständigen (den Schriftgelehrten) verborgen habe und zugleich dafür, dass er es den
Unmündigen offenbart habe.
Wohlgemerkt: Laut jener Wiedergabe wären demnach
das Verbergen und das Offenbaren Handlungen Gottes gewesen, hätten in ihr dasselbe Gewicht gehabt und wären in ihr
Gegenstand des Preisens Jeschus gewesen.
Wenn das richtig wäre, dann hätte Gott nach Jeschus
Urteil aus reiner Willkür seinen Gegnern mit der linken
Hand ein heilloses Geschenk in den Schoß geworfen und
seinen Schülern mit der rechten Hand ein heilvolles.
Und nach ebenfalls seinem Urteil sei das eine ebenso
preisenswert wie das andere. Aber – wie verträgt sich dieses
angebliche Urteil Jeschus mit Q 4,1:
Er, Abba, lässt seine Sonne aufgehen
über Guten und über Bösen … usw.?
168
Beides kann er ja wohl nicht gesagt haben – außer, er
war schizophren. Wenn aber nicht, und das ist sicher, was
dann? Dann gibt es zwei Möglichkeiten:
Entweder das obige Dankgebet stammt nicht von Jeschu, oder er hat das, was er gesagt hat, ganz anders gesagt
und gemeint, als es im NTG überliefert ist; nämlich Gott
gemäß und ihm selbst gemäß, der Gott als die Güte in Person beschrieben hat.
Wenn es so ist und wenn aus dem NTG-Text keine Lösung dieses Problems zu gewinnen und zu erhoffen ist,
dann hilft allein eine Rückübersetzung der griechischen
Vorlage ins Aramäische; und zwar sowohl dem Sprachgebrauch als auch dem Geist und der Poesie Jeschus gemäß.
Was dabei schließlich herausgekommen ist – ein viertel
Jahrhundert nach dem ersten Versuch, der nur der erste
Schritt in die richtige Richtung gewesen ist – das ist erstaunlich einfach:
Ich danke dir, Abba,
Herr der Himmel und der Erde,
dass du dies den Gelehrten verborgen sein lässt
und es den Ungelehrten offenbar sein lässt.
Ja! – Abba! – Heiliger! –
Weil es so dein Wille war.
Hiernach war es nicht Gott der dies (das Da-Sein seiner
diesseitig-geistigen Herrschaft) den (Schrift)-Gelehrten verborgen hat (er handelt nie selbst, er lässt handeln – beziehungsweise wirksam werden).
Sondern: es waren ihre irrigen Vorstellungen über Gott
und seine Herrschaft und es waren ihre Überheblichkeit
und Unbelehrbarkeit – Jeschu, seiner Botschaft und seiner
Lehre gegenüber –, deretwegen ihnen das Da-Sein ( ! ) der
diesseitig-geistigen Gottesherrschaft verborgen blieb.
169
Umgekehrt war es die ungezwungene Offenheit der
Schüler Jeschus – ihm, seiner Botschaft und seiner Lehre
gegenüber –, deretwegen ihnen das Da-Sein der diesseitiggeistigen Gottesherschaft offenbar werden konnte.
Und weil Jeschu wusste, dass beides genau so dem Willen Gottes und der Entscheidungsfreiheit aller Geistwe-sen
entsprach, darum dankte er Gott öffentlich für das, was
man als einen Misserfolg seiner Sendung werten konnte.
Nämlich: dass die Schriftgelehrten sein Wirken fast einhellig verwarfen, und dass nur seine Schüler auf ihn hörten
und ihm folgten: eine kleine Schar von Ungelehrten, wie er
sie nannte – wenn auch ohne ihn völlig zu verstehen.
Und wie, wenn es anders gewesen wäre? Wenn die
Schriftgelehrten seines Volkes Jeschus Botschaft vom DaSein der diesseitig-geistigen Gottesherrschaft angenommen
hätten? Was dann?
Zweifellos hätten sie dann kraft ihrer schriftgelehrten
Autorität diese Botschaft schon an der Quelle ihren Vorstellungen entsprechend umgebogen und in ein anderes
Bett geleitet.
Das aber wäre noch katastrophaler gewesen, als es ohnehin schon ist: durch Fehl- und Umdeutungen infolge von
Fehlern, die dadurch entstanden sind, dass die Worte Jeschus fehlerhaft aus dem Aramäischen ins Griechische
übersetzt worden sind. – Dass es nicht dazu kam, das war
und ist trotz allem ein Segen.
Nachträge: Vor Weisen und Verständigen war durch den
Gelehrten zu ersetzen und Unmündigen (ein Wort, das nur auf
Kinder bezogen wurde) durch den Ungelehrten. Zusammen
ergeben sie ein Wortspiel zwischen lehaberîn „den Gelehrten“ und lebûrîn „den Ungelehrten“ (Wortspiele dieser Art
formulierte Jeschu oft).
170
Hinter Abba! war Heiliger! zu ergänzen. Zu dieser Kombination, ebenfalls in einem Gebet, vgl. Jh 17,11. Fehlte es
hier, so wäre die poetische Form der Zeile zerstört. Es einzufügen, war daher nicht nur erlaubt, sondern geboten.
Es war Wohlgefallen vor dir (so der NTG-Text) ist zwar
gut rabbinisch, war aber nicht Jeschus Redeweise. Die war
nicht so umständlich. Dieser Textteil war daher durch es war
dein Wille zu ersetzen.
Die NTG-Textteile du hast verborgen und du hast offenbart
sind nur geringfügig falsch übersetzt, jedoch mit verheerender Wirkung (siehe oben).
Und das nur, weil der frühchristliche Übersetzer glaubte, Gott handle selbst. Doch das hat Gott nicht nötig. Entweder er gebietet und es geschieht, oder er lässt handeln –
beziehungsweise wirksam werden. So schon bei dem, was
man irrigerweise seine „Schöpfung“ nennt.
Q 8,2*
Diese drei Langzeiler – ein Jeschuwort an seine Schüler
– sind so wie sie in Q-Lk und Q-Mt vorliegen, in einem unerträglichen und unjeschuanischen Stopfstil formuliert. Das
lässt darauf schließen, dass beide Q-Sammler (und/ oder QBearbeiter?) Übersetzungsnöte mit ihnen oder mit ihren
aramäischen Vorlagen gehabt haben müssen.
Nicht nur, dass sie ihn an entscheidenden Stellen falsch
übersetzt haben (in Q-Lk an einer Stelle sogar aus einem
unangemessenen stilistischen Grund verkürzt), sondern
dass sie ihn, dem Dogma der Allwissenheit Gottes zuliebe,
zuerst um einen und dann – notgedrungen – um einen weiteren unsinnigen Zusatz ergänzt haben.
171
Völlig unnötig! Denn wo der griechische Q-Text niemand weiß hat (sodass Gott eingeschlossen wäre), da ist in
der aramäischen Vorlage kein Mensch weiß gemeint (sodass
Gott ausgenommen ist).
Und als unsinnig erweisen sich jene beiden Zusätze dadurch, dass der sprachliche Missgriff niemand statt kein
Mensch auch die einschließt, die sowohl Gott als auch den
Sohn = Menschensohn = Jeschu kannten: die Engel, der
Satan und die Dämonen (Mk 1,24 / Lk 4,34).
Dies war eine schwerwiegende Fehlübersetzung (mit den
genannten Zusätzen als unliebsamen Folgen). Die zweite,
ebenso schwerwiegende, war die Verkürzung von den Menschensohn zu den Sohn – aus dogmatischen Gründen umgedeutet auf „den Sohn Gottes“.
Diese Fehldeutung ist nur so zu erklären, dass die Übersetzer an dieser Stelle mit dem Begriff Menschensohn nichts
anzufangen wussten. Vermutlich deswegen nicht, weil sie in
ihm einen anderen sahen als Jeschu: einen, der „mit den
Wolken des Himmels“ kommen werde (Dan 7,13). War es
so, dann blieb ihnen nur ein Ausweg: der Menschensohn auf
der Sohn zu verkürzen.
Dieser Vorgang ist ein Musterbeispiel dafür, dass falsche Vorstellungen, wie die über „den kommenden Menschensohn“, die Übersetzungen aramäischer Vorlagen verfärbt und dadurch Fehlübersetzungen und Ergänzungen
verursacht haben.
Werden solche Verfärbungen erkannt und beseitigt, und
werden daraufhin auch deren Folgen getilgt – durchweg
Zusätze, wie hier, die außerdem auch noch die poetische
Form zerstören –, so bleibt in der Regel ein Textbestand
übrig, der einfach und klar formuliert und daher auch verstehbar ist.
172
Gleichwohl ist dieser Q-Text eines der sonderbarsten
Worte Jeschus, weil der Textteil „kein Mensch weiß, wer ICH
bin“, wörtlich verstanden, nicht wahr sein kann.
Denn zu der Zeit, da er dieses Wort sprach, gab es viele
Menschen, die ihn kannten. Zum Beispiel seine Angehörigen, die Bewohner Nazarets, Kapharnaums und anderer
Orte, an denen er als Handwerker gearbeitet hatte.
Aber wusste irgendeiner von ihnen damit auch schon,
wer er wirklich ist? Nach seinem eigenen Urteil: Kein
Mensch, also selbst seine Mutter nicht.
Und Abba, den Jeschus Mitmenschen ’ælaha’ (Gott)
nannten und über den die Schriftgelehrten, die Pharisäer
und andere fromme Zeitgenossen wer weiß was zu wissen
wähnten? Nach seinem Urteil wusste keiner von ihnen, wer
Abba wirklich ist, trotz Moses und der Propheten.
Anders verhielt es sich bei ihm. Er wusste, wer er selbst
und wer Abba ist. Denn er kannte ihn (Jh 7,29; 8,55), und er
kannte sich selbst; das heißt, er erinnerte sich an sein vorgeburtliches Leben in der jenseitig-geistigen Welt Gottes.
Daher konnte nur er offenbaren, wer er und wer Abba
wirklich sind: Abba, der Vater aller Geistwesen (Heb 12,9),
Menschen eingeschlossen; und er selbst der auserlesene
Sohn Abbas, damit zugleich aber auch der Bruder aller
Geistwesen, Menschen eingeschlossen (Heb 2,11).
Erfahren aber, so Jeschu in dem obigen Q-Wort, kann
das nur der, dem er es offenbaren will. Doch gelingen kann
das nur bei dem, der offen dafür ist und um Erkenntnis darüber bittet.
Nachträge: Die Fehlerhaftigkeit dieses NTG-Textes offenbart überdeutlich, wie schwierig es für die frühchristlichen Übersetzer der Jeschu-Überlieferung gewesen sein
muss, ein Q-Wort wie das obige richtig zu übersetzen.
173
Schon die falsche Wiedergabe des einleitenden kein
Mensch durch niemand genügte, um beinahe alles falsch zu
übersetzen. Ausgenommen war nur das ich weiß in Q-Lk.
Dafür hat Q-Mt er erkennt. Die aramäische Entsprechung
kann zwar beides bedeuten, aber richtig ist allein er weiß,
denn unser er erkennt würde auch für die Zukunft gelten.
Erwähnt wurde bereits: erstens, dass der Sohn durch der
Menschensohn = ICH zu ersetzen war; zweitens, dass wenn nicht
der Vater und wenn nicht der Sohn (dem Dogma der Allwissenheit zuliebe hinzugefügt) zu streichen waren; drittens, dass
in Q-Lk und niemand weiß = und kein Mensch weiß aus einem
fragwürdigen stilistischen Grund ausgefallen ist
Zu ergänzen ist: Den Begriff Menschensohn gebrauchte
Jeschu immer dann, wenn er sich scheute, ich zu sagen.
Q 8,3.4
Der NTG-Text zu Q 8,3 – vier Halbzeilen – ist zwiespältig überliefert. Korrekt ist weder Q-Mt noch Q-Lk. Also
blieb nichts anderes übrig, als die Wahl des kleineren Übels;
in diesem Fall die der Mt-Fassung.
Warum in ihr euren dem Bezugswort Augen voransteht
(Euren wohl Augen!), statt nachgestellt zu sein (nur das ist im
Aramäischen möglich), bleibt unergründlich.
Wird es nachgestellt (also: Wohl euren Augen!), so ergibt
sich ein normaler Wohlruf Jeschus; und zwar nicht an seine
Schüler adressiert, sondern an deren Augen (im galiläischen
Aramäisch sind sie männlichen Geschlechts).
Im NTG-Text soll dieses Wohl! auch den Ohren gelten.
So jedenfalls nach dem Übersetzer (oder Bearbeiter?), der
sich die Freiheit herausnahm, das Selig! = Wohl! vor den Oh-
174
ren wegzulassen. Das aber war ein Fehler; denn die Ohren
sind im Aramäischen weiblichen Geschlechts.
Daher musste Jeschu, damit es ihnen gelten konnte, unbedingt ein Wohl! mit weiblicher Endung verwendet haben.
Auch um der poetischen Form willen.
Von beiden Wohlrufen, sowohl von dem, der den Augen als auch von dem, der den Ohren galt, ist in Q-Lk lediglich ein Torso übrig geblieben, der den sehenden Augen
gilt. Das ist, mit Verlaub, eine schwere Fehlleistung.
Auch der NTG-Text zu Q 8,4 – einem Dreizeiler – ist
zwiespältig überliefert. Der zu Q-Mt ist fehlerfrei, aber der
zu Q-Lk enthält einen Fehler, der durch nichts zu rechtfertigen ist. Oder ist es etwa korrekt, dass ein Übersetzer (oder
Bearbeiter?) das Wort Gerechte durch Könige ersetzt?
Und worauf zielte Jeschu mit diesem absichtlich ungleichen Spruchpaar? – Was die Augen seiner Schüler sahen, steht fest: sie sahen ihn und alles, was er tat. Auch was
ihre Ohren hörten, ist sicher: sie hörten seine Worte; solche, die Außenstehenden galten und solche, die nur an sie
gerichtet waren.
Den Außenstehenden galt seine exoterische Verkündigung. Sie war dem Fassungsvermögen seiner jeweiligen Hörer angepasst. Seine esoterische Lehre trug er nur seinen
Schülern vor. Und wann immer sie ihr Fassungsvermögen
überstieg, wurde er nicht müde, sie ihnen zu erklären und
zu entfalten – häufig ohne bleibenden Erfolg.
Beide Arten seiner Rede betrafen die Gottesherrschaft,
nicht das fälschlich so genannte „Reich Gottes“! Seine exoterische Verkündigung handelte von der diesseitig-geistigen
Gottesherrschaft, die da sei und die sich ausbreiten werde
über die Erde, ohne dass die Menschen das bemerken würden (siehe Seite 180). Und seine esoterische Lehre?
175
Sie handelte von der jenseitig-geistigen Himmelsherrschaft, der „Urheimat“ aller Geistwesen, Menschen eingeschlossen (Phl 3,20; 1Pt 1,4). Und sie handelte vom Ziel aller Geistwesen, die noch nicht (wieder) in ihr leben durften, weil sie noch nicht dafür taugten, die aber, wenn sie dafür reif geworden sein würden, (wieder) in sie eingelassen
werden – Menschen eingeschlossen, doch Satan und die
Dämonen nicht endgültig ausgeschlossen.
Und alles, was er tat und was seine Schüler ihn tun sahen: seine Dämonenaustreibungen und Heilungen und seine sonstigen Taten (Demonstrationen, die seine Sendung
beglaubigen sollten) – wozu tat er das alles?
Er tat es zum Nachweis der Tatsache, dass Gott ihn gesandt hatte und dass die Gottesherrschaft insgesamt, der
Gegenstand seiner Verkündigung und Lehre, keineswegs
ein frommer Wunsch ist, sondern Realität.
Nachtrag: Das Amen, ich sage euch beziehungsweise Denn
ich sage euch (so die lukanische Verkürzung) war zu streichen.
Denn diese Einleitungsformel (korrekt: „Amen! Amen! –
Ich soll euch sagen“) hatte Jeschu nur seinen Offenbarungsworten vorbehalten; Worten also, die er durch Inspiration
empfangen hatte.
Q 8,5-7*
Dieser Q-Text enthält ein Gebet, das Jeschu vor fast
2000 Jahren formuliert hat. Ursprünglich bestand es aus der
Gottesanrede Abba und, das war typisch für ihn, aus zwei
Dreiungen von Bitten; genauer: aus drei Dein-Bitten, in denen es um Belange Gottes ging, und aus drei Unser-Bitten,
in denen es um Belange von uns Menschen ging.
176
Die erste Dreiung war gebildet aus zwei Wörtern je Bitte, die zweite Dreiung aus drei Wörtern je Bitte. Folglich
brauchte Jeschu für das ganze Gebet nicht mehr als sechzehn Wörter.
Und was ist daraus gemacht worden, schon bald, im CText, einer sprachlich vergleichbaren altsyrischen Übersetzung griechischer Vorlagen? – In Q-Mt wurden bei sieben
Bitten (einer Bitte mehr) fünfzehn Wörter hinzugefügt; und
in Q-Lk wurden bei fünf Bitten (einer Bitte weniger) neun
Wörter ergänzt. Aus purer Willkür! Warum?
War denen, die das taten, das sowohl formal als auch
inhaltlich vollendet formulierte Gebet Jeschus nicht vollkommen genug? Nämlich: in der ersten Dreiung mit Stabreim in Zeilen zwei und drei sowie mit Endreim in allen
drei Zeilen und in der zweiten Dreiung mit Stabreim in Zeilen zwei und drei sowie mit Binnen- und Endreim in allen
drei Zeilen (so nach dem RÜ-Text)!
Glaubten sie etwa, diese Perle der Dichtkunst Jeschus
noch veredeln zu müssen? Welche Hybris gegenüber dem
Mann und seinem geistigen Eigentum, den sie scheinbar
ehrfürchtig ihren Herrn und Meister nannten!
Was davon übrig blieb (formal und inhaltlich entstellt),
wird im deutschen Sprachraum „Vaterunser“ genannt. QLk bietet eine Einleitung dazu, in der einer der Schüler Jeschus ihn fragt, ob er sie ein Gebet lehre, „wie Johannes seine Schüler gelehrt hat.“
In Q-Mt fehlt sie. Dass sie dennoch zu Q gehört, ist so
gut wie sicher. Denn in den Textzusammenhang, in den das
Vaterunser in Q-Mt eingefügt wurde, passte sie nicht.
Als Jeschu seinen Schülern vor fast 2000 Jahren ihr Gebet vortrug, war er überzeugt, dass Abba, sein Gott und Vater (Jh 20,17), erhören werde, um was er ihn darin bat.
177
Andernfalls, das ist gewiss, hätte er ihn weder darum gebeten, noch seinen Schülern (einschließlich seiner indirekten
Schüler bis heute) geboten, ihn darum zu bitten.
Wenn aber nicht, muss es dann nicht erlaubt sein, zu
fragen, warum Abba, auch ihr Gott und Vater (Jh 20,17),
während fast 2000 Jahren nicht erhört hat, um was er überall
auf der Welt von zahllosen Christen mindestens abermilliarden, wenn nicht gar billionen Male gebeten worden ist?!
Nämlich (um zunächst nur die ersten drei Bitten in ihrem herkömmlichen Wortlaut zu zitieren): dass sein Na-me
geheiligt werde, dass sein Reich komme und dass sein Wille
geschehe?!
Wer diesen Tatbestand mit wachen Sinnen bedenkt,
muss der nicht zu dem Schluss kommen, dass irgendetwas
nicht stimmen kann?! Entweder an denen, die so gebetet
haben, oder an dem, um was sie so gebetet haben?!
Könnte es nicht sein, dass der Wortlaut jener drei Bitten (ja, des Vaterunsers insgesamt) derart falsch ist, dass
Gott ihn gar nicht erhören konnte?! Erinnert sei hierzu an
Jak 4,3 (leicht abgewandelt):
Auch wenn ihr bittet,
empfangt ihr nicht,
weil ihr falsch bittet.
Nämlich anders als Jeschu gebetet hat und zugleich auch um
etwas anderes als um das, um was er gebetet hat!
Und in der Tat! Es ist falsch! Denn wie die Rückübersetzung ins Aramäische beweist, hat er etwas ganz anderes
gemeint (Wortlaut nach Q-Mt und dem RÜ-Text):
Nicht: Dein Name werde geheiligt!
Sondern: Lass geheiligt werden deine Gegenwart!
Nicht: Dein Reich komme!
Sondern: Lass sich ausbreiten deine Herrschaft!
178
Nicht: Dein Wille geschehe!
Sondern: Lass geschehen deinen Willen!
Nicht: Unser tägliches Brot gib uns heute!
Sondern: Lass uns geben unsere Nahrung!
Nicht: Vergib uns unsere Schuld(en)!
Sondern: Lass uns vergeben unsere Sünden!
Nicht: Führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen!
Vielmehr: Lass uns retten aus unserer Versuchung!
Das bedeutet: Der herkömmliche Wortlaut dieser sechs
Vaterunserbitten – der sich durch seine fast 2000jährige
Nichterfüllung als sinn- und zwecklos erwiesen hat –, konnte unmöglich von Gott erhört werden, weil er darin um etwas
gebeten wurde, was er nie beabsichtigt hatte beziehungsweise was er nie
tun würde.
Fest steht, dass Gott nicht selbst handelt, sondern dass
er handeln lässt oder wirksam werden lässt; sei es durch Engel oder Menschen, sei es durch Kräfte, Mächte oder Vorgänge, von denen wir nicht die Spur einer Ahnung haben.
Doch wenn es so ist, dann sind reine Wunschverben
wie werde, komme, geschehe, gib, vergib und rette, die allenfalls
einem Kleinkind angemessen sind, gänzlich unangemessen;
jedenfalls für reife, selbständige Menschen.
Im Aramäischen sind alle Entsprechungen dieser Verben kausativ aufzufassen. Daher Lass! etc. Gemeint ist damit, dass Gott als Gebetener nicht nur handeln lässt, durch
wen oder was auch immer, sondern dass die Menschen als
Bittende in sein Handeln einbezogen und dadurch gefordert
sind, selbst zu handeln. Anders ausgedrückt: nicht nur die
Hand aufzuhalten, sondern mit Hand anzulegen.
Lass geheiligt werden deine Gegenwart! bedeutet dann: dass
Gott uns Menschen seine heilige und daher heiligende Ge-
179
genwart vermitteln lässt und dass wir, damit sie uns heiligen
kann, uns zu bemühen haben, unheiliges, das ist unmoralisches Denken, Fühlen, Wollen, Reden und Handeln vermeiden zu wollen; und zwar solange, bis uns das gelingt
Worauf es dabei ankommt, ist das ernsthafte Wollen,
auch durch ein Auf und Ab von Misslingen und Gelingen
hindurch.
Eine andere Möglichkeit, dass die Gegenwart Gottes
durch uns geheiligt werde, gibt es nicht – weder für Gott,
noch für uns Menschen. Und dass hier die Gegenwart Gottes
gemeint ist und nicht sein Name, das ist sicher und ist unter
šm bei F. V. Reiterer im „Theologischen Wörterbuch zum
Alten Testament“, Band VIII, Spalte 153 u. ö. nachzulesen.
Lass sich ausbreiten deine Herrschaft! bedeutet dann: dass
die diesseitig-geistige Gottesherrschaft, deren Da-Sein zuerst von Johannes dem Täufer, danach aber vor allem von
Jeschu und seinen Schülern ausgerufen wurde, durch unser
Denken, Fühlen, Wollen, Reden und Handeln als wirksam
gegenwärtig zu bezeugen ist.
Eine andere Möglichkeit, dass die diesseitig-geistige
Gottesherrschaft sich ausbreite, gibt es nicht – weder für
Gott, noch für uns Menschen. Und dass hier sich ausbreiten
gemeint ist und nicht kommen, ist sicher, ergibt sich bildhaft
aus Jeschus „Gleichnis vom Sauerteig“ und aus allen seinen
Wachstumsgleichnissen, vor allem aber aus Lk 17,20.21 /
Thomasevangelium 113 (RÜ-Text):
Die Gottesherrschaft kommt nicht.
Denn seht! – Die Gottesherrschaft ist mitten unter euch.
Sie breitet sich aus über die Erde,
aber die Menschen bemerken sie nicht.
Lexikalisch abgesichert ist diese Bedeutung dadurch,
dass das mehrdeutige aramäische tisgê (von segî, kausativ)
180
beides bedeuten kann: sowohl lass kommen als auch lass sich
ausbreiten.
Doch wie häufig in vergleichbaren Fällen haben die
Übersetzer hier, beeinflusst durch ihre eigenen Hoffnungen,
Erwartungen und Missverständnisse, die falsche Entsprechung gewählt.
Nachzutragen ist noch: Die seit fast 2000 Jahren (im
doppelten Sinn) unerhörte Bitte „Dein Reich komme!“ ist
ein schwerer und schwerwiegender sprachlicher Missgriff,
der nur deswegen nicht bemerkt wurde, weil ihr Inhalt nicht
genau genug bedacht wurde.
Denn abgesehen davon, dass es ein Reich, das kommen
kann, unmöglich geben kann, ist die Idee, dass die jenseitiggeistige Himmelsherrschaft (die ihrem Wesen nach geistiger
Art ist; vgl. 1Ko 15,50), auf die grobstoffliche Erde kommen
könne, unsinnig, weil unstimmig: also ein Widerspruch in
sich selbst.
Lass geschehen deinen Willen! bedeutet dann: dass der jeden
Menschen betreffende Wille Gottes, der seit dem „Urabfall“ in Kraft ist (nämlich: unsere Heiligung, 1Th 4,3), an
sein Ziel kommt. Und damit zugleich unsere Rückkehr in
die Himmelsherrschaft, die jenseitig-geistige Welt Gottes,
unsere „Urheimat“ (Phl 3,20; 1Pt 1,4).
Und zwar dadurch, dass wir – jeder für sich – beides,
unsere Heiligung und unsere Rückkehr in die Urheimat, als
das Ziel seines Willens anerkennen, indem wir sein und unser Wollen zu einem gemeinsamen Wollen verbünden.
Eine andere Möglichkeit, dass der uns betreffende ( ! )
Wille Gottes geschehe, gibt es nicht – weder für Gott, noch
für uns Menschen.
In den drei voranstehenden Dein-Bitten ging es, wie eingangs erwähnt, um Belange Gottes: um seine Gegenwart,
181
um seine Herrschaft und um seinen Willen, die uns Menschen betreffen und die darum unsere freiwillige Mitarbeit
fordern und fördern sollen.
In den drei folgenden Unser-Bitten geht es, wie ebenfalls
eingangs erwähnt, unmittelbar um Belange von uns Menschen: um unsere Nahrung, um unsere Sünden und um unsere Versuchung, die darum erst recht unsere freiwillige
Mitarbeit verlangen.
Lass uns geben unsere Nahrung! bedeutet dann: dass wir
Zeit und Kraft aufzuwenden, dass wir zu planen und zu
arbeiten haben, entweder um Nahrungsmittel zu erzeugen
oder (gleich gewichtig) um sie von dem erarbeiteten Verdienst kaufen zu können.
Und Gottes Anteil daran? Der bestand darin, dass er für
die Grundvoraussetzungen (Sonne, Wasser und Luft, für
fruchtbaren Boden und dessen Früchte, für Tiere und Bodenschätze etc.) sorgen ließ, und überdies, dass er für die
Grundbedingungen sorgen ließ, die es geistigen Wesen, wie
wir es sind, gestattete, in einem materiellen Körper zu leben: Nicht etwa durch Schöpfungsakte! Sondern durch
planvolle geistige Anstöße zu einem Jahrmillarden dauernden Prozess des Werdens, Wachsens und Sichentwickelns.
Erst diese Grundvoraussetzungen und diese Grundbedingungen ermöglichten es uns Menschen, Nahrungsmittel
zu beschaffen (so in der Zeit der Sammler und Jäger) beziehungsweise zu erzeugen oder zu kaufen (so, seit es die
Ackerbaukultur gibt).
Ohne diese Voraussetzungen und Bedingungen, die
sich unmöglich von selbst eingestellt haben konnten, gäbe
es keine Lebensmittel auf der Erde, also auch uns nicht.
Die Bitte „Lass uns geben unsere Nahrung!“ ist demnach doppelsinnig. Richtig ist: Ohne unseren Anteil daran
182
gäbe es sie nicht; jedenfalls nicht genug. Doch auch das ist
richtig: Ohne Gottes Anteil daran gäbe es sie überhaupt
nicht. Es ist beachtens- und bedenkenswert, dass er dafür
sorgen ließ, lange bevor es uns als Menschen gab.
Lass uns vergeben unsere Sünden! bedeutet dann: dass wir
uns so, wie wir nun mal beschaffen sind, unweigerlich an
dem einen oder anderen unserer Mitmenschen unabsichtlich und/oder absichtlich versündigen; dass wir also, falls
wir davon entlastet zu werden wünschen (das wäre das einzig normale Verhalten), deren Vergebung brauchen und sie
daher um Vergebung zu bitten haben (und sei es, wenn es
keinen anderen Weg gibt, in Gedanken).
Tun wir das nicht, dann bleibt die Belastung an uns haften. Tun wir das und vergeben sie uns, dann bewirkt das
unsere Entlastung (auch Gott gegenüber). Verweigern sie
uns das, dann haftet die Belastung ihnen an.
Und Gottes Anteil daran? Der besteht darin, dass seine
Richterengel am Tag des Rechtsspruches – nicht lange, nachdem wir gestorben sind, u. a. auch in Sachen Vergebung
beziehungsweise Nichtvergebung, ihr Urteil über uns abzugeben haben; und zwar nach der Wenn-dann-Regel.
Das heißt: Wenn wir anderen vergeben haben, dann
können sie uns Gottes Vergebung zusprechen; wenn wir
anderen nicht vergeben haben, dann müssen sie uns Gottes
Vergebung versagen (Mt 6,14.15). Wohlgemerkt: sie! Denn
nur sie sind dazu befugt, niemand anders!
Lass uns retten aus unserer Versuchung! bedeutet dann: dass
wir so, wie wir nun mal beschaffen sind, unweigerlich auf
die eine oder andere Weise versuchbar sind; dass uns jeder
Reiz, der uns trifft – sei es von außen, sei es von innen – zu
einer Versuchung werden kann; ja, dass schon unser Sein in
dieser Welt ein Sein in der Versuchung ist.
183
Doch wenn es so ist, was ist dann davon zu halten, dass
die indirekten Schüler Jeschus (die Christen) seit fast 2000
Jahren in seinem Namen zu Gott gebetet haben: „Führe
uns nicht in Versuchung!“?
Haben sie etwa im Ernst geglaubt, dass er uns, die wir
ohnehin ständig in der Versuchung leben, obendrein auch
noch in Versuchung führen würde, wenn – wir ihn nicht darum bäten, das zu unterlassen?
Dem Gott gegenüber, den Jeschu Abba „Papa“ nannte,
war diese Bitte seit fast 2000 Jahren eine ungeheuerliche
Unterstellung. Besonders deswegen, weil doch jeder lesekundige Christ in seinem Neuen Testament lesen konnte,
dass „Gott niemand in Versuchung führt“ (Jak 1,13), sondern dass er stattdessen „aus der Versuchung retten (lassen)
kann“ (2Pt 2,9).
Genau dies war es, was bei der Rückübersetzung von
Mt 6,13 ins Aramäische herauskam; und zwar auf ganz einfache Weise, wie sich aus den im Folgenden unterstrichenen
Textteilen ergibt (zitiert nach dem EÜ-Text):
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern rette uns vor dem Bösen (das ist: Satan).
Diese Doppelbitte ist nur so zu erklären, dass der frühchristliche Übersetzer (oder Bearbeiter?) des Vaterunsers
aus den ihm vorliegenden sechs Bitten sieben Bitten gewinnen wollte. Wegen der sieben, der Zahl der Vollständigkeit.
Die aber konnte er nur dadurch erreichen, dass er die sechste Bitte teilte und beide Teile ergänzte.
Zu dem oben unterstrichenen rette uns vor dem Versuchung
ist anzumerken: Das aramäische min ist sehr vieldeutig. Es
kann u. a. vor, von und aus bedeuten. Wenn es also mit rette
uns und Versuchung verbunden wird, so wird daraus zunächst
Rette uns aus der Versuchung!
184
Aber: da es in der vierten Bitte um unsere Nahrung geht
und in der fünften um unsere Sünden, muss es folgerichtig in
der sechsten um unsere Versuchung gehen. Insgesamt lautet
die sechste Bitte dann (formal und inhaltlich korrekt): Rette
uns (kausativ: Lass uns retten) aus unserer Versuchung!
Allein dieser Wortlaut wird beiden gerecht: Dem Gott,
den Jeschu Abba „Papa“ nannte, und ihm selbst, der die
Versuchungsbitte so formulierte. Übrigens: Nur so ergibt
sich die oben erwähnte vollendete poetische Form seines
Gebetes, einschließlich aller Reime.
Der NTG-Text zu Q 8,5-7 ist ein unrühmliches Beispiel
dafür, was aus einem hochpoetischen Gebet Jeschus werden konnte, nachdem es Menschen in die Hände fiel, denen
es an Ehrfurcht vor seinem geistigen Eigentum mangelte
und an Wissen über die alttestamentliche Poesie.
Nachtrag: Die Textteile des Vaterunsers, die zu streichen waren, wurden aus poetischen Gründen gestrichen.
Ohne sie (völlig überflüssige Textteile!) ist es im Aramäischen reinste Poesie: eine Perle der Dichtkunst Jeschus.
Q 8,8
Dieser Dreizeiler, ist in Q-Mt und Q-Lk völlig gleichlautend überliefert. Sein NTG-Text enthält drei griechische
Verben, die durchweg imperativisch (mit bittet, sucht, klopft
an) übersetzt werden, obwohl sie auch indikativisch (als ihr
bittet, sucht, klopft an) gedeutet werden können.
Im Aramäischen liegen ihnen Verben in der 2. Prs. pl.
impf. zugrunde (also wörtlich: ihr werdet bitten, suchen, anklopfen), die auch imperativischen Charakter (ihr sollt) haben können. Aber der kann hier nicht gemeint sein.
185
Andernfalls hätte Jeschu seinen Schülern etwas Unsinniges geboten und versprochen. Nämlich: dass sie bitten sollen, und schon würde ihnen gegeben werden; dass sie suchen sollen, und schon würden sie finden; dass sie anklopfen
sollen, und schon würde ihnen geöffnet werden: veranlasst
von Gott, der geben, finden, öffnen lassen würde – ohne
Einschränkung: feenhaft, wie in Feenmärchen.
Aber die Wirklichkeit und das, was Jeschu gemeint hat,
haben nichts Feenhaftes an sich. Denn, wie eingangs erwähnt, handelte es sich bei jenen Verben nicht um Imperative, also um das, was seine Schüler tun sollten, sondern
um Imperfekte, also um das, was sie tun würden, wenn sie
reif dafür geworden sind: bitten, suchen, anklopfen.
Und was die ihnen entsprechenden Zusagen Jeschus
betrifft (dass ihnen gegeben würde, dass sie finden würden,
dass ihnen geöffnet würde), so waren sie durch die Lehrinhalte, auf den sie sich bezogen, genau definiert.
Ist das sicher? Und sind jene Lehrinhalte noch zu ermitteln? – Es ist so sicher, wie es nur sein kann. Und zu ermitteln sind die Lehrinhalte deswegen, weil Jeschu im letzten Satz seines Dreizeilers ein unmissverständliches Kennwort hinterlassen hat, von dem her es sich erschließt: das
Verb anklopfen, das in der Dreiung bitten, suchen, anklopfen
zweifellos den Ton trägt.
Beim Anklopfen ist – nach der Symbolik, die Jeschu hier
anwandte – an das Tor der Gottesstadt zu denken. Das heißt:
an den Einlass in die jenseitig-geistige Himmelsherrschaft.
Dieses Tor aber darf nur denen geöffnet werden (ohne Bild:
dieser Einlass darf nur denen gewährt werden), die – nachdem sie ihren Weg, einen langen und beschwerlichen Weg,
gegangen sind – reif dafür geworden sind, in die Himmelsherrschaft eingelassen zu werden.
186
Beim Suchen handelt es sich darum, unter den vielen
Wegen, die als der Weg angepriesen werden, den für das eigene Selbst richtigen Weg zu finden, der dorthin führt.
Und beim Bitten geht es um den brennenden Wunsch
nach Erkenntnis über die Urfragen des Menschen: Woher
komme ich? Wozu bin ich auf der Erde? Wohin gehe ich?
Anders herum: Wer um jene Erkenntnis gebeten hat,
ihm wird Gott sie geben lassen; wer jenen Weg gesucht hat,
ihn wird Gott ihn finden lassen; wer ihn gegangen ist und
am Tor der Gottesstadt angeklopft hat, ihm wird Gott öffnen
lassen – wenn er reif dafür geworden ist, in sie eingelassen
zu werden. Das heißt: wenn er den ihn betreffenden Willen
Gottes in Bezug auf die allein ihm geltende Heiligung getan
hat (Mt 7,21; 1Th 4,3).
Dieser Wille Gottes aber wird für jeden Menschen von
anderer Art sein. Und überdies auch noch für einen Juden
oder Moslem von anderer Art, als für einen Christen.
Dabei ist zu bedenken: Die Tatsache, dass jemand als
Christ (oder als Jude oder als Moslem) geboren wurde, ist
noch kein eigenständiges Qualitätsmerkmal. [Um wie viel
weniger dann die Tatsache, dass jemand als Katholik oder
als Nichtkatholik geboren wurde!]
Q 8,9-12*
In dieser Dreiung von Dreizeilern – adressiert an Außenstehende – entfaltete Jeschu das Thema „Der Sohn bittet
– der Vater gibt“ anhand von drei rhetorischen Fragen mit
sich stetig steigernder Symbolik. Er schloss mit einem Vierzeiler; einem so genannten Schluss vom Kleineren (dem
Menschen) zum Größeren (Abba).
187
Der NTG-Text dieser Spruchgruppe, wie er in Q-Mt
und Q-Lk vorliegt, ist ein Gemisch von Übereinstimmendem und Verschiedenem.
In beiden Q-Fassungen übereinstimmend, wenn auch
mit Varianten, sind nur der Dreizeiler über den Fisch und
die Schlange und der Vierzeiler über die guten Gaben.
Verschieden ist, dass in Q-Mt jenem Dreizeiler ein
Dreizeiler über das Brot und den Stein vorangestellt ist und
dass ihm in Q-Lk ein Dreizeiler über das Ei und den Skorpion nachgestellt ist.
Warum das so ist, lässt sich nur als Willkür im Umgang
mit den aramäischen Vorlagen begreifen. Denn anders als
der NTG-Text, bieten der C-, der P- und der H-Text zu QLk alle drei Dreizeiler. Warum, wenn auch in ihren Vorlagen
der Dreizeiler über das Brot und den Stein gefehlt hätte?
Dass umgekehrt in Q-Mt der Dreizeiler über das Ei und
den Skorpion weggelassen wurde, weil er allzu grausig erschien, ist nachvollziehbar. Gleichwohl bleibt das Willkür,
weil er für die sich steigernde Symbolik, die Jeschu zweifellos beabsichtigt hatte, unentbehrlich war.
Dass Q-Mt 7,9 und Q-Lk 11,12 zu Q gehören, obwohl
beide Texte in nur einer der beiden Fassungen vorliegen, ist
doppelt sicher: erstens durch Jeschus Vorliebe für Dreiungen, zweitens durch die sich steigernde Symbolik, die sich
unmöglich zufällig ergeben haben kann, wie der folgende
Nachweis lehrt. Danach gilt:
Ein Brot als Gabe ist eine gute Gabe. Als Hauptnahrungsmittel steht es für jede materielle Nahrung, die das
materielle Leben des Menschen erhalten kann. Ein Stein als
Gabe ist eine schlechte Gabe. Wird er anstelle eines Brotes
gegeben, so steht er für alles, was das materielle Leben des
Menschen zerstören kann.
188
Ein Fisch als Gabe ist eine gute Gabe. Als Beikost zum
Brot steht es für jede geistige Nahrung, die das spirituelle
Leben des Menschen erhalten kann. Eine Schlange als Gabe
ist eine schlechte Gabe. Wird sie anstelle eines Fisches gegeben, so steht sie für alles, was das spirituelle Leben des
Menschen zerstören kann.
Ein Ei als Gabe ist eine gute Gabe. Es symbolisiert das
Leben ohne Einschränkung, die aufbauende Kraft. Ein
Skorpion als Gabe ist eine schlechte Gabe. Wird er anstelle
eines Eies gegeben, so symbolisiert er den Tod ohne Einschränkung, die zerstörende Kraft.
Als Jeschu in Q 8,12 von guten Gaben sprach, die seine
Zuhörer ihren Kindern zu geben wüssten, woran mag er da
gedacht haben? Zweifellos an solche Güter, die von den
Menschen in seiner Umwelt für gute Gaben gehalten wurden:
Nahrung und Kleidung und ein Dach über dem Kopf.
Alles das aber und vieles mehr konnten seine Zuhörer
ihren Kindern nur geben, weil sie es in ihrer Umwelt als gute
Gaben Gottes vorfanden, nach denen sie nur zu greifen und
die sie nur zu veredeln brauchten:
Früchte, Getreide und Gemüse, Honig, Salz und Gewürze für ihre Nahrung und deren Verfeinerung; auch Tiere
und deren Produkte als Rohstoffe für Nahrung und Kleidung; dazu Holz und Lehm, Steine und Mineralien für ihre
Häuser; darüber hinaus Bodenschätze, wie Metalle und
Edelmetalle, für ihre Geräte und Werkzeuge – undsoweiter
undsoweiter.
Sie alle waren gute Gaben, auch wenn sie nicht ohne Mühe und Arbeit verfügbar waren. Ist es nicht erstaunlich, dass
es das alles auf der Erde gibt und dass nichts Wesent-liches
zu fehlen scheint?! Schaut das nicht eher nach einem wohldurchdachten Plan aus als nach purem Zufall?!
189
Und die Menschen? Zu allen Zeiten und in allen Zonen!
Jeschu nannte sie – alle miteinander, welcher Rasse oder
Religion sie auch angehören mochten –, weil er es besser
wusste als sie: Gottes Kinder!
Ja, und sie, die Menschen? Von seltenen Ausnahmen
abgesehen, nahmen sie das alles hin, als sei es selbstverständlich. Obwohl es für jeden von ihnen, der dazu imstande ist und sich die Mühe macht, ernsthaft darüber nachzudenken, nicht anders erklärbar sein kann, denn als Summe
einer gezielten und liebevollen Planung. Und auch das nur,
wenn er den Mut hat, dem Zeitgeist zu trotzen.
Und was taten sie, die Menschen der Gattung homo asapiens? – Sie fielen in ihrer Unvernunft darüber her, wie
Feuer über einen Wald, und das heutzutage schlimmer als je
zuvor, seit es Menschen auf der Erde gibt.
Nachtrag: Ohne die oben vorgenommenen einschneidenden Korrekturen (Streichungen, Einfügungen und Ersetzungen) wäre diese Spruchgruppe geblieben, was sie war:
eine Textruine, zerstörte Reste dessen, was Jeschu wohldurchdacht poetisch formuliert und gestaltet hatte, um es
für seine Schüler und deren künftige Sendung einprägsam
und behältlich zu machen.
[Dass die frühchristlichen Übersetzer und Bearbeiter
der Jeschuüberlieferung seine Worte erschreckend oft als
Textruinen hinterließen, ist nur so zu erklären, dass sie ihren poetischen Charakter überhaupt nicht erkannten.]
Q 9,1-7
Dieser Q-Text handelt von einer Dämonenaustreibung
Jeschus, von der Reaktion zweier Schriftgelehrter darauf,
190
die ihn eines Paktes mit dem Satan bezichtigten, und von
Jeschus dreiteiliger Antwort darauf: einem Doppel-Dreizeiler, einem Zweizeiler und einem Spruchpaar, das aus je zwei
Langzeilern besteht.
Die beiden Schriftgelehrten (paarweise Sendung war
Brauch) waren nach Mk 3,22 „von Jerusalem herabgekommen“ und beschuldigten Jeschu, er treibe Dämonen durch
Beelzebub aus (nicht Beelzebul, siehe Seite 192), den Anführer der Dämonen.
Ihr barsches Vorgehen lässt auf dreierlei schließen: Erstens, dass die Kunde von Jeschus Wirken und besonders
von seinen Dämonenaustreibungen auch in Jerusalem Aufsehen erregt hatte und diskutiert wurde; zweitens, dass der
Sanhedrin (der „Hohe Rat“) – die oberste politische, juristische und religiöse Körperschaft der jüdischen Bevölkerung des Landes in griechisch-römischer Zeit – sich veranlasst sah, zwei seiner schriftgelehrten Mitglieder zu beauftragen, dieser Angelegenheit vor Ort auf den Grund zu gehen; drittens, dass jene Schriftgelehrten aufgrund ihrer rabbinischen Ansichten und ihrer Vorurteile gegen Jeschu zu
dem Schluss gekommen waren, er müsse einen Pakt mit
dem Satan geschlossen haben.
Diesen Vorwurf wies er gelassen zurück, rhetorisch
meisterhaft; und zwar zunächst dreifach, wie es seiner Vorliebe für Dreiungen entsprach.
Er begann mit zwei Behauptungen zum Thema Streiten
gegen sich selbst, die so zwingend waren, dass seine Gegner
nichts dagegen einwenden konnten. Er fuhr fort mit der
Fangfrage, wie Satans Herrschaft bestehen könne, wenn er
sich selbst austreibe. Was hätten sie darauf antworten können? Und er schloss mit einem Spruchpaar, mit dem er zum
Gegenangriff überging.
191
Der erste Spruch war als eine Frage formuliert, die den
Charakter einer Zwickmühle hatte. Mit ihr forderte er seine
Gegner auf, zu erklären, durch wen ihre Söhne (= Schüler)
Dämonen austreiben, wenn er sie, ihrer irrigen Meinung
nach, durch Beelzebub austriebe. Diese Frage, auf die zu
antworten ihnen unmöglich war, muss sie in arge Bedrängnis gebracht haben.
Und der zweite Spruch, der letzte in Jeschus Antwort
an die beiden Schriftgelehrten? Er war zweiteilig.
Mit der ersten Hälfte gab er ihnen zu verstehen, dass es
Gottes Macht sei, mit deren Hilfe er Dämonen austreibe;
und zwar nur eine Winzigkeit seiner Macht – sozusagen ein
Finger Gottes.
In der zweiten Hälfte zog er aus der Tatsache, dass ihm
dies wiederholt ( ! ) gelungen war, ihnen gegenüber einen
verblüffenden Schluss, der ihnen sehr peinlich gewesen sein
muss: dass die (diesseitig-geistige) Gottesherrschaft zu ihnen gelangt sei, also da sein müsse.
Nachtrag: Beelzebub (hebr.: ba‘al zebûb = „Herr der Fliegen“) war in der Umwelt Jeschus ein Spottname für den
Anführer der Dämonen.
Die Wiedergabe mit Beelzebul (hebr.: ba‘al zebul = „Herr
der Wohnstätte (Gottes) = des Tempels“, so der NTGText, beruht auf einem Irrtum. Denn ba‘al zebul hieß der
Gott der Philisterstadt Ekron in 2Kö 1, dessen Name im
Hebräischen in ba‘al zebûb entstellt worden war.
Daraus folgt: Nur wenn die beiden Schriftgelehrten (so
zweifellos richtig nach Mk 3,22!) die Form Beelzebub =
„Herr der Fliegen“ gebraucht hatten, konnte sie leisten, was
sie sollte: Jeschu als Satansdiener zu verunglimpfen, nicht
aber in der Form Beelzebul „Herr der Wohnstätte (Gottes) =
des Tempels“.
192
Übrigens: In allen syrischen Evangelienübersetzungen
steht an allen Stellen, an denen das Wort vorkommt, Beelzebub, wie es sich gehört.
Q 9,8°
Das Gleichnis Jeschus Mt 12,29 – adressiert an seine
Schüler – steht auch in Mk 3,27. Dafür, dass es zu Q gehört, spricht die Tatsache, dass es eine Variation zu dem
Gleichnis Q-Lk 11,21.22 ist.
Mit diesem Gleichnis „Von der Fesselung des Mächtigen“ bezog Jeschu sich auf seine dreifache Verlockung
durch den Satan, nachdem er durch Johannes den Täufer
am (nicht im) Jordan getauft worden war.
Im Rückblick auf sie deutete er sie so, dass er, als sie
sich ereignete und er ihr widerstand, den Satan (für die
Dauer seiner Sendung) überwunden und dadurch im übertragenen Sinn gefesselt habe.
Für ein Jeschu gemäßes Verstehen dieses Gleichnisses
ist der Textzusammenhang wichtig, in dem es steht; nämlich die voranstehende Spruchgruppe Q 9,3-7.
Mit dieser Spruchgruppe wies er den unbegründeten
Vorwurf zweier Jerusalemer Schriftgelehrten, er treibe Dämonen durch den Beelzebub aus – also durch den Satan –,
als widersinnig zurück.
Denn: Warum sollte ausgerechnet der Satan, ihm, Jeschu, helfen, seine ihm (also dem Satan) dienstbaren Dämonen auszutreiben? Das wäre doch absurd!
Vielmehr: Seine Macht über die dem Satan dienstbaren
Dämonen, so fuhr er fort, habe einen anderen Grund; nämlich den, dass er den Satan (für die Dauer seiner Sendung)
193
überwunden und dadurch gefesselt, in seiner Handlungsfreiheit eingeschränkt, habe.
Doch wenn es so ist, dann ist unmissverständlich klar,
wer wer und was was war:
Jemand war dann Jeschu selbst. Und eindringen bedeutete
dann: sich machtvoll Zugang verschafft haben. Der Palast
war folglich der Machtbereich des Satans. Und der Mächtige
war er selbst.
Satans Waffen waren demnach von Dämonen besessene
Menschen. Und sie rauben bedeutete: die Besessenen durch
Austreibung der Dämonen befreit haben.
Und fesseln meinte dann: den Satan überwunden haben;
und zwar dadurch, dass er, Jeschu, der dreifachen Verlockung widerstanden hatte, als ein politischer Messias – das
heißt als ein gewaltbereiter Messias – hervorzutreten.
Nachträge: Der NTG-Text zu Q 9,8 beginnt mit einem
offenkundigen Fehler: mit einem wie statt eines nicht (so Mk
3,27 und Thomas-Evangelium 35).
Denn was mit dem Wie kann jemand ein Fragesatz war,
das wird mit dem Nicht kann jemand zu einem Aussagesatz;
und zwar zu einer betonten Verneinung. Im Aramäischen:
Es ist unmöglich!
Weitere Fehler folgen. Erstens: hineinzugehen, als stünde
die Tür offen, statt einzudringen, nämlich gewaltsam. Zweitens: in das Haus, das in Jeschus Umwelt zumeist aus nur
einem Raum bestand, statt in den Palast, was hier gemeint
sein muss. Drittens: des Starken, als gehe es um körperliche
Kraft, statt des Mächtigen, an den Jeschu hier dachte. Viertens: seine Habseligkeiten, Geräte, als käme es darauf an, statt
seine Waffen, wie hier gefordert.
Abgesehen vom ersten, einem willkürlichen Fehler,
handelt es sich bei allen übrigen um Fehler, bei denen die
194
Hauptbedeutungen getroffen, die beabsichtigten Nebenbedeutungen jedoch verfehlt worden sind. Das lässt darauf
schließen, dass die Sprachkenntnisse des Übersetzers unzureichend waren.
Q 9,9.10°
Dieses Gleichnis „Vom Zweikampf mit dem Mächtigen“ – adressiert an Außenstehende – knüpfte Jeschu inhaltlich an das voranstehende Gleichnis „Von der Fesselung
des Mächtigen“ an, vielleicht auch an Jes 49,24.25 (zitiert
nach der Jerusalemer Bibel):
Kann man einem Starken die Beute nehmen
und einem Gewaltigen die Gefangenen entreißen?
Fürwahr, so spricht Jahwe:
Auch dem Gewaltigen werden die Gefangenen entrissen,
und dem Starken wird die Beute abgenommen.
Inhaltlich ging es in beiden Gleichnissen, in dem obigen
und in dem voranstehenden, um denselben Tatbestand: um
Jeschus Sieg über den Mächtigen, den Satan. Errungen hatte
er seinen Sieg dadurch, dass er ihm in der dreifachen Verlockung, als der von den Juden erwartete politische Messias
hervorzutreten, widerstanden hatte.
Aufgrund dieses Sieges über den Satan gewann Jeschu
Macht über dessen Dämonen und deren schädigenden und
krank machenden Einfluss auf labile und krankhaft machtgierige Menschen.
Das zeigte sich von da ab immer dann, wenn er und
überall dort, wo er Dämonen – ohne magische Handlungen
und Beschwörungen – allein mit seinem Befehlswort aus
etlichen der von ihnen besetzten Menschen austrieb.
195
Damit, dass Jeschu dies gelang, nahm er dem Satan
(zeitlich und örtlich begrenzt) alle seine Waffen weg; nämlich:
von Dämonen besetzte Menschen, deren sich der Satan bedient hatte, als seien sie seine Waffen; vor allem solche
Menschen, durch deren dämonische Wirkung auf andere
Menschen es ihm gelungen war, seine satanische Macht zu
mehren.
Einzelheiten zum Wortbestand: Solange betraf die Zeit
vor Jeschus Sieg über den Mächtigen, den Satan. Bewaffnet bezog sich auf die übernatürlichen Kräfte des Satans. Sein Palast war sein Machtbereich. Sein Besitz meint hier: seine Dämonen und alle von ihnen besetzten Menschen.
Jemand war Jeschu selbst. Besiegen bedeutete hier: den Satan überwunden haben; in diesem Fall dadurch, dass er, Jeschu, seiner dreifachen Verlockung widerstanden hatte, als
politischer Messias hervorzutreten.
Seine Waffen waren von Dämonen besetzte Menschen.
Wegnehmen meinte dann: die Besessenen durch Austreibung
der Dämonen befreit haben. Dazu ist anzumerken:
Die Versuche von Medizinern, Psychologen und Psychiatern, alle Fälle von dämonischer Besessenheit als Phänomene psychosomatischer Erkrankungen wegzuerklären,
sind kläglich.
Jedoch: Angesichts nachprüfbarer Wirkungen dämonischer Besessenheit auf labile und krankhaft machtgierige
Menschen und mit Berufung auf Jeschus jenseitiges Wissen
sowie auf seine Äußerungen zur Sache, darf man solche Urteile getrost vergessen.
Nachtrag: Die Übersetzungsfehler in Q 9,9.10 gleichen
denen in Q 9,8. Und wieder lassen diese Fehler darauf
schließen, dass die Sprachkenntnisse des Übersetzers unzureichend waren.
196
Q 9,11
Dieser Zweizeiler ist im NTG nicht nur unvollständig
überliefert, sondern überdies auch noch mit einem Zweizeiler verbunden, der unmöglich von Jeschu stammen kann
(Lk 11,23a / Mt 12,30a; EÜ-Text):
Wer nicht für mich ist,
der ist gegen mich.
Wer diesen Fanatismus sprühenden Satz (ein profanes
Sprichwort) Jeschu in den Mund gelegt hat, der hat sein
Andenken geschändet, auch wenn das nicht seine Absicht
gewesen sein sollte.
Zum Glück gibt es ein vergleichbares Jeschuwort, das
zweifelsfrei bezeugt, wie er wirklich dachte, nämlich genau
umgekehrt (Mk 9,40; EÜ-Text):
Wer nicht gegen uns ist,
der ist für uns.
Ist nachzuvollziehen, vielleicht sogar zu ermitteln, wie
der Übersetzer (oder Bearbeiter?) von Q-Lk 11,23b / Mt 12,
30b darauf gekommen sein könnte, diese beiden Texte (das
profane Sprichwort und das Jeschuwort) miteinander zu
verbinden? Offenkundig ist, dass beide formal verwandt
sind (wörtlich übersetzter NTG-Text):
Der nicht Seiende Der nicht Sammelnde
mit mir, mit mir,
er ist er zerstreut.
gegen mich.
Die Verwandtschaft zwischen beiden Texten betrifft jedoch nur drei von vier Textteilen. Warum nicht alle vier?
Könnte es nicht sein, dass der vierte Textteil gegen mich in
der rechten Spalte unabsichtlich ausgefallen oder absichtlich
ausgelassen worden ist?
197
Das ist mehr als wahrscheinlich. Denn an sich hätte es
doch genügt, wenn Jeschu gesagt hätte: „Wer (die Schafe)
nicht sammelt – er zerstreut (sie)!“? Das nämlich hat er mit
diesem Bildwort gemeint.
Stattdessen betonte er extra: „mit mir“. Warum? Richtig. Weil es sein Auftrag war, die Gutwilligen seines Volkes
zu sammeln, wie ein Hirte Schafe sammelt.
Und zu wem sprach er dieses Wort? Aus dem betonten
mit mir ist zu folgern, dass er es an einen seiner Schüler (aus
dem weiteren Schülerkreis?) richtete, der zögerte, mit ihm
(die Schafe) zu sammeln.
Das aber bedeutete für Jeschu, dass jener Schüler (die
Schafe) gegen ihn, seinen Meister, zerstreute. Und zwar zwingend logisch! Denn, um im Bild zu bleiben: Schafe, die
nicht gesammelt werden, zerstreuen sich.
Wenn diese Überlegungen zutreffend sind, dann ist der
obige Q-Text um den vierten Textteil gegen mich zu ergänzen. Mit ihm lautet er dann (RÜ-Text):
Jemand, der nicht mit mir sammelt –
er zerstreut gegen mich!
Das heißt: Er hat, wenn er bei seiner Haltung beharrt, aufgehört, Jeschus Schüler zu sein.
Doch wenn dies der ursprüngliche Wortlaut ist – aus
formalen, die Poesie Jeschus betreffenden Gründen ist der
Textteil gegen mich sogar unentbehrlich –, dann wäre es diesem Textteil zuzuschreiben, dass das Sprichwort „Wer nicht
für mich / mit mir ist, der ist gegen mich!“ in den Q-Text
eingefügt wurde.
Denkbar wäre auch, dass ein gebildeter Leser es an den
Rand seiner Handschrift geschrieben hat und dass es von
einem Abschreiber in den Text aufgenommen worden ist.
Für diesen Vorgang gibt es etliche Beispiele in der Bibel.
198
Q 9,12-15
Dieses vierteilige Gleichnis Jeschus „Vom Rückfall“ ist
im NTG großenteils gleichlautend überliefert. Die Stellen,
an denen Q-Mt und Q-Lk mehr oder weniger voneinander
abweichen, lassen sich mit Sicherheit als Übersetzungsvarianten einer beiden gemeinsamen aramäischen Urfassung
erklären.
Das Thema dieses Gleichnisses war nicht nur für Jeschu
und seine Schüler aktuell, sondern auch für alle übrigen
Zuhörer, denen er es vortrug.
Es handelt von der Austreibung eines „unreinen Geistes“ aus einem labilen Menschen; das heißt: des Geistes eines Verstorbenen, der in den Körper jenes Menschen eingedrungen war und sich seiner bemächtigt und ihn dadurch
krank (schizophren?) gemacht hatte.
Und es handelt davon, dass die gelungene Austreibung
eines solchen Geistes (vermutlich durch Jeschu selbst) keineswegs schon die Heilung dessen bedeutete, aus dem er
ausgetrieben wurde.
Denn was Jeschu in jenem Gleichnis beschrieb, das war
– offensichtlich – die Möglichkeit und damit die Gefahr,
dass der aus dem Körper eines Menschen ausgetriebene unreine Geist in ihn zurückkehren kann, wenn der von ihm
befreite Mensch es unterlässt, einen reinen Geist (eine reine
Gesinnung) in ihn einkehren zu lassen, der den Platz des
unreinen Geistes einnimmt und besetzt hält.
Versäumt er das, so ist vorauszusehen, dass nicht nur
sein früherer Besatzer in ihn zurückkehrt, sondern dass der
auch noch andere unreine Geister mitbringt, sodass der Zustand des erneut Besessenen schlechter wird, als er vor-her
war.
199
Um seinen Zuhörern, und wohl auch dem Befreiten,
diese Gefahr plausibel zu machen, verglich Jeschu den
Körper des Menschen mit einem Haus.
Dass er das tat und wie er das tat, lässt erkennen, dass
er meinte, was er sagte; dass es also seine eigenen Erfahrungen waren, die er in seinem Gleichnis „Vom Rückfall“
poetisch gestaltete.
Um ein anderes Beispiel zu gebrauchen: Wenn ein
Süchtiger, etwa ein Alkoholiker, durch Entziehung „trocken“ geworden ist, dann genügt es nicht, es dabei bewenden zu lassen.
Er muss vielmehr seine bisherige Denkweise durch eine
andere Denkweise – am besten durch eine völlig andere
Gesinnung – ersetzen, wenn er nicht Gefahr laufen will,
rückfällig zu werden.
Nachträge: Die sieben ist bekanntlich die Zahl der Vollständigkeit. Hier meinte Jeschu mit den sieben anderen Geistern
die schlimmste aller denkbaren Besessenheiten.
Bei der Ortsbeschreibung haben Q-Mt und Q-Lk wasserlose Orte. Die aramäische Entsprechung kann trockene und
zerstörte Orte bedeuten. Hier ist zerstörte Orte gemeint: die traditionellen Aufenthaltsorte von Dämonen.
Bei der Zustandsbeschreibung des Hauses (des menschlichen Körpers) hat Q-Mt leer, gefegt und geschmückt, Q-Lk
dagegen hat nur gefegt und geschmückt.
Was die Dreiung betrifft, ein für Jeschus Redeweise typisches Formmerkmal, so ist Q-Mt vorzuziehen. Allerdings
ist gefegt (mit S und P) durch warm zu ersetzen. Denn zum
Inneren eines menschlichen Körpers passt gefegt überhaupt
nicht. Überdies sind die aramäischen Entsprechungen beider Wörter (hamîm „gefegt“, hammîm „warm“) sehr leicht
zu verwechseln.
200
Q 9,16.17
Dieser Q-Text – ein kurzer Wortwechsel zwischen einer
gewissen Frau und Jeschu – ist so eng mit seinem voranstehenden Gleichnis „Vom Rückfall“ verknüpft, dass es so gut
wie sicher zu Q gehört, auch wenn es in Q-Mt fehlt.
Dass es dort fehlt, hat offenbar zwei Gründe: Erstens,
weil es nicht in seinen Textzusammenhang passte; zweitens,
weil Matthäus Überlieferungen, in denen Frauen eine herausgehobene Rolle spielen, offensichtlich vermied – im Gegensatz zu Lukas (vgl. Lk 7,36-50; 8,1-3; 10,38-42; 13,10-17;
17,32; 23,27-29; 24,22-24).
Bemerkenswert ist, dass im NTG-Text zur Stelle die
griechische Entsprechung für Frau durch den Begriff eine
gewisse stark betont ist (ebenso in den syrischen Evangelienübersetzungen S, C und P).
In der Regel wurde diese Betonung nur angewandt,
wenn damit angedeutet werden sollte, dass die betreffende
Person im Schülerkreis Jeschus so bekannt war, dass sie
genau bestimmt und benannt werden konnte. Heute ist das
nicht mehr möglich.
Das bedeutet jedoch nicht, dass es unerlaubt sei, eine
Vermutung zu wagen. Als textinterner Hinweis (er steht in
dem voranstehenden Gleichnis „Vom Rückfall“) könnte
zum Beispiel der Textteil „sieben andere Geister“ dienen.
Warum sieben? Nur, um damit die Vollständigkeit zu
bezeichnen? Das wohl auch. Ob aber nur das, ist bei der
Eigenart des semitischen Denkens keineswegs sicher.
Wenn aber nicht, dann könnte das Wort sieben zumindest auch auf Maria aus Magdala zielen, aus der Jeschu „sieben Dämonen“ (wohl eher: „unreine Geister“) ausgetrieben hatte (Lk 8,2; Mk 16,9), und von ihr dann auf ihre
201
Schwester Martha, die „ihn gastlich aufgenommen“ und
persönlich bewirtet hatte (Lk 10,38-42)
Könnte nicht sie jene gewisse Frau gewesen sein, von der
in Q 9,16 (= Lk 11,27) die Rede ist? Gewiß! Wichtig ist das
nicht. Aber auszuschließen ist es auch nicht.
Auf jeden Fall wäre Martha – wegen ihrer Schwester
Maria – eine kompetente Frau für den Wohlruf über Jeschus Mutter. Schon aus Dankbarkeit! Und bekannt genug
war sie damals zweifellos. Nicht zuletzt, weil sie auch die
Schwester des Lazarus war, eines Freundes Jeschus.
Zu Q 9,16 ist noch anzumerken: Dieses Wort war im
ersten Jahrhundert offenbar ein geläufiges Sprichwort.
Denn es steht, fast wörtlich übereinstimmend, in drei aramäischen Übertragungen von 1Mo 49,25 (im Targum Pseudo-Jonathan, im so genannten Fragmenten-Targum und im
Targum Neofiti 1).
Anders sind nur die Reihenfolge der beiden Zeilen und
das einleitende Gesegnet! statt Wohl! Es ist also sehr wahrscheinlich, dass dieses Sprichwort jener Frau, die es mit lauter Stimme sprach, bekannt war; und zwar aus einer aramäischen Wiedergabe der Toralesung von 1Mo 49,25 während
eines Synagogengottesdienstes.
Nur so ist die fast wörtliche Übereinstimmung zwischen beiden Fassungen zu erklären. Und wohl auch die
logisch richtigere Umkehrung der beiden Zeilen: erst Mutterschoß, dann Mutterbrüste.
Q 10,1-5
Die Situationsangabe Mt 12,38 wird zu Q gehören; jedoch ohne der Schriftgelehrten (vgl. Mk 8,11). Was Q-Lk 11,
202
29a bietet, ist dürftig. Gleichwohl deutet es darauf hin, dass
das Folgende mit Situationsangabe überliefert worden ist.
Auch Mt 12,40 wird zu Q gehören, obwohl der Text in
Q-Lk fehlt. Wahrscheinlich deswegen, weil der Bearbeiter
von Q-Lk den Spruch Lk 11,30 an dieser Stelle in seine
Sammlung einfügte, während der Bearbeiter von Q-Mt dasselbe mit dem Spruch Mt 12,40 tat.
Drei Tage und drei Nächte sind jedoch zu streichen. Denn
nach jüdischer Zählung lag Jeschu zwar drei Tage (vgl. „Das
Glaubensbekenntnis auf dem Prüfstand“ [????], Seiten 107
und 108), aber nur eine Nacht in der Grabkammer des Josef aus Arimathäa.
Was die Pharisäer nach Q-Mt 12,38 von Jeschu forderten, das war ein Vergewisserungszeichen, das ihn als einen
Propheten Gottes auswies; ein Wunder also, das sie als Beglaubigung akzeptieren konnten. Und was tat Jeschu?
Wie er auf ihre Forderung reagierte, das müssen sie als
empörend empfunden haben. Denn was er antwortete –
Diese Menschenart ist böse!
Sie fordert ein Wunderzeichen! –,
das kann er in diesem Wortlaut unmöglich zu ihnen, das
muss er zu seinen Schülern gesagt haben. Dann aber, wie
beschämend, muss er sich dabei von den Pharisäern abund sich seinen Schülern zugewandt haben.
Dasselbe gilt von der Fortsetzung, zunächst als radikale
Ablehnung der Zeichenforderung formuliert –
Aber es wird ihr kein Wunderzeichen gegeben werden! –,
dann aber, sicherlich nach einer die Spannung steigernden
Pause, plötzlich einschränkend, wie er das häufiger tat:
Außer – das Warnzeichen des Propheten Jona.
Wohlgemerkt: Jeschu meinte mit diesen Worten nicht
das ganze damals lebende Geschlecht (NTG-Text), sondern
203
diese Menschenart (RÜ-Text), wie sie, ein Wunderzeichen
fordernd, an ihn herangetreten war (das aramäische Wort
zena’ kann „Geschlecht“ und „Menschenart“ bedeuten).
Übrigens: Mit seinem Hinweis auf das Warnzeichen des
Propheten Jona endete Jeschus indirekte Antwort an die Pharisäer anlässlich ihrer Zeichenforderung.
Die folgenden Worte wird er bei einem anderen Anlass
gesprochen haben. Dass sie von beiden Q-Bearbeitern an
dieser Stelle eingefügt wurden (vom Q-Mt-Bearbeiter Mt
12,40, vom Q-Lk-Bearbeiter Lk 11,30), ergab sich aus ihrer
Arbeitsmethode, die Texte nach Stichwörtern zu ordnen.
Hier: Stichwort Jona.
Dass die (nicht etwa buchstäblich zu nehmende) JonaErzählung den Schülern Jeschus vertraut war, steht fest.
Und worauf es Jeschu mit seinem Hinweis darauf ankam,
steht auch fest; nämlich auf die Parallelität zwischen dem,
was Jona (literarisch) und dem, was ihm wirklich widerfuhr
beziehungsweise widerfahren werde.
Kurz: Der Erzählung nach hatte Jona trotz anfänglicher
Flucht die Bewohner „der großen Stadt Ninive“ gewarnt,
ebenso wie Jeschu die Bewohner seines Landes warnte; Jona als lebendes Warnzeichen mit Erfolg, Jeschu als lebendes
Warnzeichen fast ohne Erfolg. Diese Parallelität verstanden
Jeschus Schüler ohne Kommentar.
Anders war es um die andere Parallelität bestellt. Sie
enthielt eine prophetische Voraussage, die sie erst verstehen
konnten, nachdem sie sich erfüllt hatte; nämlich: Wie Jona
(nach der Erzählung!) trotz des ihm zugedachten Todes am
Leben geblieben war, auch im Innern des Fisches (einem Sinnbild der Unterwelt), so werde auch Jeschu trotz des ihm
zugedachten Todes am Leben bleiben, auch im Innern der
Erde (ebenfalls einem Sinnbild der Unterwelt).
204
Ist diese Folgerung zutreffend, dann hätte Jeschu mit
Q-Mt 12,40 sein „Hinabsteigen in die Unterwelt“ prophetisch vorausgesagt (vgl. „Das Glaubensbekenntnis auf dem
Prüfstand“ [????], Seiten 105-107).
Und was meinte er damit? – Richtig ist, dass die Menschen in seiner Umwelt (und anderswo) sich vorstellten, die
Verstorbenen lebten ein Schattendasein in einer unterirdischen Welt, der so genannten Totenwelt. Falsch aber ist der
unter Christen weit verbreitete Gedanke, Jeschu habe solche primitiven Vorstellungen geteilt.
Denn: Was er über den Einlass in die jenseitig-geistige
Himmelsherrschaft gelehrt hat (Mt 5,20; 7,21; 18,3; 19,24 /
Mk 10,25 / Lk 18,25) – man könnte sie durchaus Überwelt
nennen –, das erzwingt die Folgerung, dass er die Unterwelt
als das jenseitig-geistige Gegenstück dazu verstanden hat
(vgl. Lk 16,22-26). Und zwar als den Lebensraum Satans und
aller geistigen Wesen, die sich durch ihre Ursünde, den „Urabfall“, von Gott getrennt hatten, geistig gestorben sind und
zu seinen Sklaven geworden waren.
Vor Jeschus Sieg über den Satan (auf Golgolta!) war sie
auch der vorgeburtliche und der nachtodliche Lebensraum
der Menschen (Heb 2,14.15; 1Pt 3,19 und 4,6).
Q 10,6.7
Nach dem NTG-Text dieses zweistrophigen Lehrgedichts – vorgetragen vor Außenstehenden – soll Jeschu in
der ersten Strophe das vorbildliche Verhalten der Königin
von Saba und in der zweiten Strophe das der Männer von
Ninive dem abstoßenden Verhalten des zu seiner Zeit lebenden Geschlechts seines Volkes gegenübergestellt haben.
205
Danach soll das vorbildliche Verhalten der Sabäerin darin bestanden haben, dass sie von weither kam, um der
Weisheit Salomos zuzuhören; und das der Niniviten (nach
der Jona-Erzählung!) darin, dass sie auf die Verkündigung
Jonas hin in Sack und Asche bereuten.
Im Gegensatz dazu soll das abstoßende Verhalten der
jüdischen Zeitgenossen Jeschus darin bestanden haben,
dass sie weder seiner Weisheit zuhörten, noch auf seine
Verkündigung hin bereuten, obwohl er mehr war als Salomo und mehr als Jona. Und weil das so war, würden jene
Heiden im Gericht gegen jenes Geschlecht aufstehen und es
verurteilen.
Ist es etwa verwunderlich, dass Juden, wenn sie dieses
Lehrgedicht Jeschus gelesen oder davon gehört hatten, sich
voller Abscheu von ihm abwandten, ja, abwenden mussten?
– Von einem Juden, der (angeblich) so pauschal und radikal
über seine jüdischen Zeitgenossen geurteilt hatte.
Denn: Dass Jeschu etwas ganz anderes gesagt hat als im
NTG überliefert worden ist, dass sein Lehrgedicht an entscheidenden Stellen falsch übersetzt und durch Zusätze entstellt worden ist (vor allem, weil die Sprachkenntnisse der
Übersetzer mangelhaft waren, aber auch, weil es ihnen an
Ehrfurcht gegenüber dem geistigen Eigentum Jeschus mangelte), das konnten sie ja nicht wissen.
[Besonders an einem Beispiel wie diesem müsste jedermann bewusst werden, wie wichtig es ist, sich zu vergewissern – um der Klarheit und um der Wahrheit willen –, ob
Jeschu das, was er nach dem NTG gesagt haben soll, auch
wirklich gesagt und gemeint haben muss.]
Das aber, soviel ist gewiss, kann nur eine Rückübersetzung des NTG-Textes ins Aramäische, seine Lehr- und
Verkündigungssprache, leisten.
206
Denn was sich im Aramäischen nicht oder nicht so sagen lässt, wie es im NTG steht, das kann Jeschu auch nicht
gesagt haben. Es folgt, Satzteil nach Satzteil, eine Gegenüberstellung von NTG- und RÜ-Text:
1. (Die) Königin (des) Südens wird aufstehen ist eine doppelte
Fehlübersetzung. Richtig ist: (a) (vgl. 1Kö 10,1 im hebräischen und im griechischen Alten Testament): (Die) Königin
(von) Saba, (b) wird auftreten. Die aramäische Entsprechung
des Verbs qûm kann u. a. beides bedeuten: aufstehen und
(feindlich) auftreten (gegen).
2. Im Gericht mit diesem Geschlecht (Lk: mit den Männern
dieses Geschlechts) ist ebenfalls eine doppelte Fehlübersetzung. Korrekt ist: (a) beim Rechtsspruch. Denn Gericht ist die
Grundbedeutung des aramäischen Wortes, Rechtsspruch die
beabsichtigte Nebenbedeutung. Und die Entsprechung von
im ist sehr vieldeutig. Hier ist beim gemeint. (b) Gegen diese
Menschenart. Das zugrunde liegende aramäische Wort zena’
ist mehrdeutig. Es kann das Geschlecht meinen, aber die
Hauptbedeutung ist die Art, hier, weil auf Menschen bezogen: die Menschenart. Und mit ist ein sprachlicher Fehlgriff;
denn auftreten verlangt gegen, nicht mit (siehe unter 1.).
3. Und sie wird es verurteilen (Lk: wird sie verurteilen) ist
ein sinnwidriger Zusatz. Denn die Königin von Saba könnte, wenn überhaupt, allenfalls als Zeugin der Anklage gegen
jene Menschenart auftreten, die Jeschu hier im Sinn hatte,
auf keinen Fall aber als Richterin. Außerdem zerstört dieser
Zusatz die poetische Form.
4. Denn sie kam von den Enden der Erde (NTG-Text) ist eine Fehlübersetzung. Der RÜ-Text hat: denn sie kam von den
jenseitigen (östlichen = jenseits des Jordans gelegenen) Gegenden
der Erde. [Nach F. Passow, „Handwörterbuch der griechischen Sprache“ II/1 (1983 = 5. Auflage 1852), Seite 817,
207
bedeutet peratos sowohl „am entgegengesetzten Ende als auch
jenseitig, von jenseits, gegenüber liegend“ und hä peratä (mit gä oder
chora verbunden) „das Land oder die Gegend … gegenüber.“ Im
Plural: also: die jenseitigen Gegenden der Erde, wie der RÜ-Text].
Die syrische Entsprechung für die jenseitigen Gegenden der Erde
ist bezeugt von S, C, P und H.
5. Die Weisheit Salomos zu hören ist ein wörtliches Zitat
aus 1Kö 5,14, jedoch ungenau übersetzt. Genauer wäre: um
der Weisheit Salomos zuzuhören. Denn jemandes Weisheit kann
nicht reden, sodass man sie hören könnte; sondern wenn
ein Weiser redet, kann man, wenn man will, seiner Weisheit
zuhören.
6. Mehr als Salomo (ist) hier, wie meistens übersetzt wird,
ist eine Fehlübersetzung, diesmal auch des griechischen
Wortes pleion. Denn das kann u. a. beides bedeuten: mehr
und größer, ein Größerer. Hier, wo es nicht um ein Mehr, eine
Quantität, geht, muss demnach das Letztere gemeint sein.
Also: Ein Größerer als Salomo ist hier!
7. Denn sie bereuten ist eine Verkürzung dessen, was hier
vorauszusetzen ist. Denn es fehlt (Jon 3,6) in Sack und Asche,
als äußerlich sichtbares Zeichen der Reue. Ohne diesen
Textteil ist die poetische Form zerstört.
Alle übrigen Textteile der zweiten Strophe des Lehrgedichts Jeschus Lk 11,31.32 / Mt 12,42.41 wurden bereits
aramaistisch untersucht und erklärt.
Das Ergebnis dieser Untersuchung und Erklärung insgesamt ist, was die Zuverlässigkeit des NTG-Textes angeht,
niederschmetternd. Denn das, was Jeschu danach wirklich
gesagt und gemeint hat, galt ausschließlich der Menschenart,
die, ein Wunderzeichen fordernd, an ihn herangetreten war
(also einer Minderheit) und nicht dem ganzen zu seiner Zeit
lebenden Geschlecht seines Volkes.
208
Damit aber ist, was er gesagt und gemeit hat, so anders
als das, was im NTG steht, dass kein Jude je Anstoß daran
hätte nehmen können.
Die Wirkungsgeschichte des Wortlauts solcher und vergleichbarer Texte, die Jeschu von frühchristlichen Übersetzern und Bearbeitern der Evangelien in den Mund gelegt
worden sind, ist ungeheuerlich – für Juden und für Christen! Wie kann das je wieder gutgemacht werden?
Q 10,8
Dieser Q-Text – in Q-Mt ein Vierzeiler, in Q-Lk ein
willkürlich um eine Zeile erweiterter Vierzeiler – ist ein
Bildwort, das dem alltäglichen Leben in der Umwelt Jeschus
entnommen ist.
Adressiert war es an seine Schüler. Die Realien waren:
1. Ein kleines, rechteckiges, einräumiges Bauernhaus mit einer Öffnung für die Tür, oft, aber nicht immer, mit einer
kleinen Öffnung für das Fenster und mit einem Flachdach,
das über eine Außentreppe erreichbar war.
2. In römischer Zeit: ein etwa kniescheibengroßes, ungefähr taschenuhrförmiges Tonlämpchen mit einem Eingußloch in der Mitte, durch das Olivenöl oder anderes Öl
ein- und nachgefüllt werden konnte, und mit einem Schnabel am Rand, in dem ein Hanfdocht steckte.
3. Ein Hohlmaß für Trockenes und Flüssiges, das etwa
zwei bis zweieinhalb Liter fasste.
4. Ein Leuchter (eigentlich: Lampenständer), meistens
aus Holz gefertigt (metallene Leuchter besaßen nur die Reichen). Häufig stand er, damit er nicht umgestoßen werden
konnte, in einer Wandnische.
209
Nur von ihm aus konnte das Licht des Tonlämpchens
den ganzen Raum erhellen. Seine Ölfüllung gab Licht für
ca. drei bis vier Stunden. Würde es unter ein Hohlmaß gestellt, so würde es erlöschen.
Was könnte der Anlass gewesen sein, der Jeschu dazu
bewog, das Bildwort „Von der Lampe“ zu formulieren? Es
lässt nämlich vielerlei Deutungen zu. Die, die nun folgt,
kann daher nur eine Vermutung sein.
Vielleicht hat Jeschu mit dem einleitenden Kein Mensch
unannehmbare Forderungen seiner Schüler zurückweisen
wollen. In diesem Fall womöglich die, sich nicht in Lebensgefahr zu begeben – nämlich dadurch, dass er nach Jerusalem gehe, obwohl er wisse, dass sein Leben dort bedroht
sei (Mt 16,22 / Mk 8,31).
Wenn diese Folgerung zutreffend ist, dann war er selbst
die brennende Lampe; und dann war er selbst es, der sie
angezündet hatte, als er sein Wirken begann. Dann aber
wäre es widersinnig gewesen, das Licht, das von ihm ausging (= die Erkenntnis, die von seiner Botschaft und seiner
Lehre ausgingen) auszulöschen, indem er sich in Sicherheit
brachte. Das auf keinen Fall!
Stattdessen müsse er es, damit es allen leuchte, die im
Haus (Israel!) sind, auf den Leuchter stellen. Das aber hieß:
Er musste nach Jerusalem, gerade weil sein Leben dort bedroht war und – weil er auf die Erde gekommen war, um
sein „Selbst hinzugeben als Lösegeld für alle“ (Mt 20,28 /
Mk 10,45; 1Ti 2,6).
Nachtrag: Inhaltlich stimmen die Q-Mt- und die Q-LkFassung mehr oder weniger überein. Formal jedoch weichen sie erheblich voneinander ab. Das Problem, das sich
daraus für die Rückübersetzung ergab, war nur durch eine
Kombination beider Fassungen zu lösen.
210
Q 10,9
Dieser Q-Text – das einzeilige Bildwort „Vom Auge
des Menschen“ – war ein Lehrwort Jeschus, gerichtet an
seine Schüler, vielleicht auch an Außenstehende.
Was er mit ihm beabsichtigte, lässt sich durch einen einfachen Vergleich bewusst machen. Nämlich: Was die Lampe
für das Haus des Menschen ist und bedeutet, das ist und
bedeutet das Auge für den Körper des Menschen.
Allerdings gilt das nur von der angezündeten Lampe,
dem Lampenlicht, wie es nur vom sehenden Auge gilt, vom
Augenlicht also. Denn wie es allein das Lampenlicht ist, das
dem Haus des Menschen wahrnehmbares Licht spendet;
ebenso ist es nur das Augenlicht, das dem Körper des Menschen wahrnehmbares Licht spendet. Wenn auch nur reflektiertes Licht, vor allem Sonnenlicht. Wobei unter Augenlicht die Sehkraft zu verstehen ist.
Dass das Bildwort „Vom Auge des Menschen“ im Verlauf der Überlieferung mit dem Vierzeiler „Vom Blick des
Menschen“ verbunden worden ist, so als wären beide ein
Jeschuwort, das war für dessen Deutung ein sinnentstellender Fehler. Denn in ihm hat das aramäische Wort ‘ajena’
oder ‘êna’ „das Auge“ die Bedeutung der Blick.
Q 10,10*
Dieses vierzeilige Bildwort „Vom Blick des Menschen“
war ebenfalls ein Lehrwort Jeschus, jedoch gerichtet an einen
Menschen, einen Außenstehenden (daher dein Blick etc.).
Was Jeschu wahrscheinlich mit ihm sagen wollte, blieb
bislang nur deswegen verborgen, weil seine Verknüpfung
211
mit dem voranstehenden Einzeiler „Vom Auge des Menschen“ (Q-Mt 6,22a / Lk 11,34a = Q 10,9) eine Jeschu gemäße und damit sachgemäße Deutung verhinderte.
Für sich allein gedeutet, scheint dieser Vierzeiler eine
therapeutische Diagnose mit indirekter Therapieempfehlung gewesen zu sein.
Vermutlich wandte Jeschu sich mit ihm an einen vorübergehend kranken Menschen; an einen Mann, der missmutig und verbittert war, der es nötig hatte, dass jemand
ihm zuhörte. Jemand, der sich in ihn hineinfühlen konnte
und der ihm helfen wollte, seinen Missmut und seine Verbitterung als Ursache seiner Erkrankung zu erkennen. Das
zumindest ergibt sich aus den beiden Wortpaaren wohlwollend – übelwollend und gesund werden – krank werden.
Richtig. Dieser Gedankengang kann nicht mehr sein als
eine Vermutung. Dann aber ist er weder beweisbar noch
widerlegbar. Auch richtig. Doch darum geht es hier auch
gar nicht, sondern darum, diesen sehr seltsamen Text verstehbar zu machen.
Seltsam ist er deswegen, weil Jeschu in ihm allein aus
dem Blick eines Menschen auf seinen derzeitigen seelischkörperlichen Zustand schloss, gewissermaßen eine Blickdiagnose stellte, aufgrund deren er seinem Patienten empfahl, statt durch übelwollendes Dreinblicken (und Denken)
ernstlich krank zu werden, durch wohlwollendes Dreinblicken (und Denken) wieder gesund zu werden.
Damit aber wäre er, wenn es denn so war, der Mehrheit
aller Ärzte, auch unserer Tage, weit voraus gewesen; und
zwar dadurch, dass er wusste, welchen Einfluss das Denken
des Menschen auf seinen Körper hat; nämlich wohlwollendes Denken einen aufbauenden und übelwollendes Denken
einen zerstörenden Einfluss.
212
Nachträge: Weil die frühchristlichen Übersetzer dieses
NTG-Textes das aramäische Wort für Auge wörtlich und
damit falsch übersetzten, darum konnten sie gar nicht anders, als fast den ganzen Text falsch wiederzugeben.
Zu ersetzen waren daher: lauter durch wohlwollend, wird
hell sein durch wird gesund werden, böse durch übelwollend und
wird finster sein durch wird krank werden. Oder kann etwa ein
Auge lauter beziehungsweise böse sein? Oder kann etwa ein
ganzer Leib hell beziehungsweise finster sein?
Aus all dem folgt: Viele aramäische Wörter hatten neben ihren Grundbedeutungen oft überraschende Nebenbedeutungen, manche sogar Gegenbedeutungen, die den frühchristlichen Übersetzern offensichtlich unbekannt waren.
Dass sie häufig falsch übersetzten, ist daher nicht verwunderlich, wie dieses Beispiel zeigt.
Q 10,11*
Dieser NTG-Text gehört deswegen zu Q, weil er durch
Stichwortverknüpfung an Q-Mt 6,22b-23b = Q 10,10 angefügt wurde. Nach derselben Methode also, nach der Q-Lk
6,35.36 = Q 10,12.13, ein Spruchpaar ähnlichen Inhalts, mit
Q-Lk 11,34 = Q 10,10 verknüpft wurde. Was Q-Mt dabei
von Q-Lk unterscheidet, sind lediglich deren Verschiedenheit und deren Umfang.
Der Zweizeiler Q-Mt 6,23c.d = Q 10,11 war ein Wort
Jeschus an einen Außenstehenden. Die Tatsache, dass er so
zu ihm sprechen konnte, verrät, dass der Angeredte kein
Unwissender war. Denn wäre er unwissend gewesen, dann
hätte er mit dem Symbolbegriffen Licht und Finsternis, wie
sie hier gemeint sind, nichts anfangen können.
213
Ihr Bedeutungsspektrum ist nämlich sehr umfangreich.
Und: Dass Licht hier ein Kennwort für die Fähigkeit ist,
Wahres als wahr zu erkennen, und Finsternis ein Kennwort
für die Unfähigkeit, Wahres als wahr zu erkennen, das
konnte ein Unwissender nicht wissen.
Eigentlich gehörte dieser Zweizeiler zur esoterischen
Lehre Jeschus, die er nur dem engsten Kreis seiner Schüler,
dem Zwölferkreis, mitteilte. Vielleicht auch noch Lazarus.
Dass er im Matthäus-Evangelium steht, scheint daran
zu liegen, dass sein esoterischer Charakter durch die fehlerhafte Übersetzung aus dem Aramäischen ins Griechische
verdunkelt war. Wie fehlerhaft, das zeigt sich an dem wörtlich übersetzten NTG-Text: „Wenn das Licht in dir Finsternis ist, die Finsternis wie groß!“
Der Hauptfehler war, dass der Übersetzer das aramäische Wort hašôk zweimal mit dem Substantiv Finsternis wiedergab, obwohl es im ersten Satzteil ein Verb war, das mit
finster werden hätte übersetzt werden müssen.
Ohne diese Erkenntnis wäre das, was nun folgt, kaum
plausibel zu machen gewesen. Denn es war die dadurch gewonnene Übersetzung mit „Wenn dein Licht finster wur-de
durch dich“, die erkennbar machte, dass Jeschu in Mt 6,23c.d
= Q 10,11 vom Urabfall sprach.
Dieser Begriff meint das Ereignis in der Vorzeit, durch
das ein hoher Engel zum Satan wurde und durch das wir,
die wir auf der Erde leben müssen, zu Satans Sklaven wurden. Die Hauptursache war, dass sein Licht (seine Fähigkeit,
Wahres als wahr zu erkennen) durch ihn und unser Licht
durch uns schuldhaft verfinstert wurde.
Nachtrag: Es war eine Kettenreaktion von Fehlern, die
die Übersetzung des NTG-Textes von Q-Mt 6,23c.d (= Q
10,11) missraten ließ.
214
Denn hätte der urchristliche Übersetzer den beabsichtigten Sinn seiner aramäischen Vorlage richtig erkannt, dann
hätte er den entscheidenden Textteil mit es wurde finster übersetzt, statt mit ist Finsternis (das aramäische Wort hašôk kann
– siehe oben – finster werden und Finsternis bedeuten).
Bei dieser Wiedergabe wäre das Verb, wie im Aramäischen üblich, am Anfang des Satzes stehen geblieben (also:
Wenn finster wurde). Das aber hätte zur Folge gehabt: erstens,
dass er dein Licht statt das Licht gesetzt hätte und durch dich
statt in dir (die aramäische Wortverbindung bak kann beides
bedeuten); zweitens, dass er wie groß wurde statt wie groß übersetzt hätte. Damit aber hätte er dem Zweizeiler einen verstehbaren Sinn gegeben.
Q 10,12.13
Dieser NTG-Text gehört deswegen zu Q, weil er durch
Stichwortverknüpfung an Q-Lk 11,34b-e = Q 10,10 angefügt wurde. Nach derselben Methode also, nach der Mt
6,23c.d = Q 10,11, ein Spruch ähnlichen Inhalts, mit Q-Mt
6,22b-23b = Q 10,10 verknüpft wurde. Was Q-Lk dabei
von Q-Mt unterscheidet, sind lediglich deren Verschiedenheit und deren Umfang.
Das ungleiche Spruchpaar Q 10,12.13, drei Drittelzeiler
und ein Doppel-Langzeiler, war eine Mahnung Jeschus an
einen Außenstehenden (10,12), verbunden mit einer zwingend logischen Begründung (10,13).
Inhaltlich ist es mit dem voranstehenden Zweizeiler Q
10,11 so verwandt, dass es möglich erscheint, Jeschu könnte
es derselben Person vorgetragen haben. Einem Mann also,
der wusste, dass Licht (in Zusammenhängen wie diesem) ein
215
Kennwort für die Fähigkeit ist, Wahres als wahr zu erkennen und Finsternis ein Kennwort für die Unfähigkeit, Wahres als wahr zu erkennen.
Doch auch wenn es nicht dieselbe Person war, bleibt
bestehen, dass der Mann, dem Jeschu dieses Spruchpaar
vortrug, ein Wissender gewesen sein muss. Denn andernfalls hätte er die Lehre, die es enthielt, nicht erfassen können. Nämlich die, dass die Fähigkeit, Wahres als wahr zu
erkennen, verloren werden kann. Und zwar durch Überheblichkeit, Egoismus und Missbrauch, durch Geld- und
Machtgier, durch bewusst begangenes Unrecht und Lügen.
Diese sieben können das Licht jedermanns verfinstern.
Man bedenke, dass (nach Jeschu!) ein hoher Engel allein
durch die Erfindung der Lüge zum Satan wurde (siehe Jh
8,44; RÜ-Text und Kommentar in „Worte des Rabbi Jeschu“, Seite 61).
Nachtrag: Auffallend am NTG-Text zu Q 10,12 ist,
dass dessen frühchristlicher Übersetzer denselben Fehler
machte, der u. a. die Übersetzung des NTG-Textes von Q
10,11 missraten ließ; nämlich, dass er den Textteil, den er
mit es werde finster hätte wiedergeben müssen, mit ist Finsternis
wiedergab. Zufall? Oder wurden beide Texte vom selben
Übersetzer übersetzt?
Das Letztere würde auch erklären, warum Q-Lk 11,36
= Q 10,13, statt ein poetisch geformtes Wort Jeschus zu
sein, zu einem wirren Gestammel missraten ist. In den herkömmlichen Übersetzungen zur Stelle wird dieser Tatbestand dadurch verschleiert, dass die Wirrnisse weggeglättet
werden. Allerdings mit mäßigem Erfolg.
Hilfe bei der Rückübersetzung ins Aramäische war allein bei den syrischen Evangelienübersetzungen S, C, P und
H zu finden. Bemerkenswert ist daran: Obwohl sie so weit
216
auseinander gehen, dass man folgern muss, ihre griechischen Vorlagen seinen hochgradig verdorben gewesen, war
es möglich, vor allem anhand der Eigenheiten der Poesie
Jeschus, den Originalton zu rekonstruieren.
Da es sich empfiehlt (besonders in diesem Fall), das Ergebnis durch einen unparteiischen Vergleich zu beglaubigen, folgt erst die Wiedergabe des MNT, einer möglichst
wortgetreuen Übersetzung aus dem Griechischen, dann der
EÜ-Text und danach der RÜ-Text (und zwar nicht, um zu
karikieren, sondern um zu demonstrieren, dass es nur über
den Rückgang auf das Aramäische gelingen konnte, den
Originalton Jeschus wiederzugewinnen:
„Wenn nun dein ganzer Leib licht (ist), nicht habend
einen finsteren Teil, wird er sein ganz licht, wie wann die
Leuchte mit (ihrem) Strahl dich erleuchtet.“ (MNT)
„Wenn dein ganzer Körper von Licht erfüllt und nichts
Finsteres in ihm ist, dann wird er so hell sein, wie wenn die
Lampe dich mit ihrem Schein beleuchtet.“ (EÜ-Text)
Solange dein Licht hell ist,
erleuchtet es dich.
Aber sobald dein Licht finster wird,
verfinstert es dich. (RÜ-Text)
Zur Erinnerung: Licht ist in diesem Zusammenhang ein
Kennwort für die Fähigkeit, Wahres als wahr zu erkennen.
Eine Fähigkeit, die verloren werden kann.
Q 11,1-4
Dieser NTG-Text – eine kurze Erzählung über eine an
Jeschu ergangene Einladung eines Pharisäers, bei ihm zu
speisen etc. – gehört insgesamt zu Q. Das ist sicher. Denn
217
eine sorgfältige Untersuchung der sprachlichen Merkmale
dieses Textes gestattet keinen Zweifel daran, dass er vollständig der Q-Überlieferung zuzuweisen ist.
Wahrscheinlich war es ein Sabbatmahl, zu dem der Pharisäer Jeschu einlud. Vielleicht hatte er ihn reden hören und
hoffte auf ein anregendes Gespräch mit ihm (und sicherlich
mit anderen pharisäischen Tischgästen).
Doch als Jeschu sich zu Tisch legte, ohne sich vor dem
Mahl die Hände abgespült zu haben (dabei ging es um eine
kultische, nicht um eine wirkliche Reinigung), da war der
Hausherr entsetzt; denn ihm galt das Reinigen der Hände
vor dem Mahl als eine kultische Pflicht ersten Ranges.
Aber da er nichts sagte, wird Jeschu an dem Mahl teilgenommen haben, obwohl er das Entsetzen seines pharisäischen Gastgebers bemerkt hatte. Irgendwann im Verlauf
des Mahles kam er denn auch darauf zurück. Von dem, was
er dabei sagte, hat der Erzähler nur wenig festgehalten. Nur
einen Doppelspruch Jeschus an den Hausherrn.
Der erste Spruch war eine zweizeilige rhetorische Frage,
die nur mit Ja! beantwortet werden konnte (RÜ-Text):
Ist nicht, wie das Innere beschaffen ist,
auch das Äußere beschaffen?!
Der zweite Spruch war eine dreizeilige Belehrung über die
vollständige Reinigung eines Menschen (RÜ-Text):
Reinige auch dein Inneres,
nicht nur dein Äußeres,
sodass du ganz rein wirst!
Mit ihm fasste er das Kernproblem des Pharisäismus in ein
einprägsames Wort: die Kluft zwischen Schein und Sein bei
etlichen, keineswegs bei allen Pharisäern.
Worum es Jeschu bei diesem Doppelspruch ging, war
demnach: seinem Gastgeber bewusst zu machen, dass Gott
218
(vor allem) auf die Reinigung des Innern, der Gesinnung
des Menschen, Wert lege und dass die nicht schon dadurch
zu erlangen sei, dass er seine Hände abspüle.
Die auf diesen Dreizeiler folgenden Auflistungen von
Weherufen Jeschus über die Pharisäer und über die Schriftgelehrten sind das Ergebnis von Stichwortverknüpfungen
einzelner Worte, die über das Stichwort Pharisäer mit dem
Voranstehenden verbunden worden sind. Und zwar durch
die Sammler und Bearbeiter der Q-Überlieferung.
Nachtrag: Bei diesem NTG-Text überwiegt das, was
falsch übersetzt wurde, das, was richtig übersetzt wurde, bei
weitem. Dies alles auflisten und aramaistisch begründen zu
wollen, würde die Leserinnen und Leser dieses Buches jedoch eher langweilen als erfreuen.
Wichtig ist nur dies: Die Rückübersetzung von Q-Lk
11,41 / Mt 23,26b.c = Q 11,4 hat bewiesen, dass beide
NTG-Fassungen, obgleich ihr Wortlaut völlig verschieden
ist, Wiedergaben derselben aramäischen Urfassung sind. Es
ist so, auch wenn es kaum nachzuvollziehen ist! Offenkundig wird dies freilich erst durch den vollständigen aramäischen Wortlaut der Rückübersetzung (siehe G. Schwarz, in
Biblische Notizen 75; Literaturverzeichnis, Seite 328).
*
Die folgenden Q-Texte sind so genannte Weherufe Jeschus. Sie sind durch sein Wehe als prophetische Worte ausgewiesen. In diesem Fall heißt das: Sie sind Androhungen,
die einen negativen Tat-und-Tatfolge-Zusammenhang androhen, der sich an den Angeredeten vollziehen wird.
Eingeleitet aber wird er am Tag des Rechtsspruches
über ihr Leben – nicht lange, nach dem sie gestorben sind,
außer, sie würden den Anlass der Androhung bereuen und
durch eine Korrektur ihres Tuns nachhaltig beseitigen.
219
Q 11,5
Mit diesem Doppel-Langzeiler – eingeleitet durch „Wehe euch Pharisäern!“ – warf Jeschu den angeredeten Pharisäern vor: erstens, dass ihre Trinkgefäße und ihre Essgefäße
gefüllt seien mit Geraubtem (gewaltsam Angeeignetem) und
Besudeltem (hier: durch Sünde oder Blutschuld Verunreinigtem); zweitens, dass sich ihre Reinlichkeit auf deren unwichtigere Außenseite beschränke, also Täuschung und
Selbsttäuschung sei.
Demnach ging es Jeschu in diesem Weheruf wieder um
die Kluft zwischen Schein und Sein. Und was er den angeredeten Pharisäern darin androhte, das war: nachdem sie
gestorben seien, würden sie sich ihrer Torheit bewusst werden und die Folgen ihres Tuns erkennen, anerkennen und
erdulden müssen – nicht von außen, als Strafe Gottes etwa
(das wäre eine primitive Pädagogik), sondern von innen,
durch peinvolle Reue und Selbstvorwürfe.
Q 11,6.7
Dieser Q-Text besteht aus zwei Teilen: einem DoppelZweizeiler – eingeleitet durch „Wehe euch Pharisäern!“ –
und einem lehrhaften Zweizeiler.
Mit dem Doppel-Zweizeiler Q 11,6 warf Jeschu den angeredeten Pharisäern vor: erstens, dass sie im Umgang mit
ihren Mitmenschen, das Wichtige (die Summe der Weisung,
nicht „des Gesetzes!“), das Recht, die Barmherzigkeit und die
Treue, wegließen; zweitens, dass sie bei den Zehntabgaben
selbst das verzehntet hätten, was nach den Weisungen der
Schriftgelehrten gar nicht verzehntet zu werden brauchte
220
(Minze, Dill und Kümmel). Dass sie also, wo es um Unwichtiges ging, mehr taten, als nötig gewesen wäre.
Demnach ging es Jeschu in diesem Weheruf um eine
angemessene Unterscheidung zwischen dem, was vor Gott
wichtig und dem, was vor ihm unwichtig ist. Damit zugleich
aber wieder um die Kluft zwischen Schein und Sein.
Zu dem, was er den angeredeten Pharisäern darin androhte, siehe oben, unter Q 11,5.
In dem lehrhaften Zweizeiler Q 11,7 zog Jeschu die
Summe aus dem voranstehenden Doppel-Zweizeiler und
entlarvte damit das Verhalten der Pharisäer als unangemessen und daher sinnwidrig.
Q 11,8
Mit diesem Doppel-Langzeiler – eingeleitet durch „Wehe euch Pharisäern!“ – warf Jeschu den angeredeten Pharisäern vor, dass ihr äußerer Schein und ihr inneres Sein (gekoppelt mit ihrem öffentliches Ansehen und ihrem geheimen Zustand) einander ebenso widerstreiten, wie das reine
Äußere von Gräbern ihrem unreinen Inneren widerstreitet.
Dies war wohl der schärfste Vorwurf Jeschus gegen gewisse (nicht gegen alle) Pharisäer. Denn Leichenunreinheit
galt den Pharisäern als der höchste Grad von Unreinheit
überhaupt. Und wem man in der Umwelt Jeschus Leichenunreinheit (im übertragenen Sinn) nachsagte, dem sagte
man nach, lebendig tot zu sein, wie ein Aussätziger.
Zu dem, was er den angeredeten Pharisäern darin androhte, siehe oben, unter Q 11,5.
Nachtrag: Die jüdischen Gräber wurden zu jener Zeit
mit gelöschtem Kalk getüncht (geweißt), um Vorüberge-
221
hende durch das leuchtende Weiß (die Farbe der Knochen)
vor ritueller Verunreinigung zu warnen. Der Kalkanstrich
musste alljährlich im Frühjahr, nach dem Ende der Regenzeit, erneuert werden.
Q 11,9
Mit diesem Doppel-Langzeiler – eingeleitet durch „Wehe euch Schriftgelehrten!“ – warf Jeschu den angeredeten
Schriftgelehrten vor: erstens, dass sie ihren Mitmenschen
mit einer Fülle ausgeklügelter Einzelvorschriften zu den
biblischen „Geboten“ (die sie als verbindlich betrachtet wissen wollten) unerträgliche Lasten aufgebürdet hätten; zweitens, dass sie selbst sich dem strengen Befolgen ihrer eigenen Vorschriften dadurch entzögen, dass sie sich durch
haarspalterische Umdeutungen Erleichterungen zu verschaffen wüssten.
Demnach ging es Jeschu in diesem Weheruf um den
hohen Anspruch der angeredeten Schriftgelehrten, dem sie
als „Lehrer Israels“ zu entsprechen hätten, und zugleich darum ihnen bewusst zu machen, dass sie verantwortungslos
handelten, wenn sie ihrer Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit
spotteten. Damit aber ging es ihm auch um die Kluft zwischen Anspruch und Sein.
Zu dem, was er den angeredeten Schriftgelehrten darin
androhte, siehe oben, unter Q 11,5.
Nachtrag: Brauchbar für die obige Rekonstruktion dieses NTG-Textes, und damit für seine Rückübersetzung ins
Aramäische, war nur Q-Lk 11,46b-f. Denn wie der Vergleich mit der Q-Lk-Fassung ergibt, wurde der Wortlaut
von Q-Mt 23,4, damit er in den Mt-Zusammenhang passe,
222
in die 3. Prs. pl. umformuliert und gewann dabei einen anderen Rhythmus. Dass die Q-Mt-Fassung eine Variante zur
Q-Lk-Fassung sein könnte, ist unwahrscheinlich.
Q 11,10.11°
Mit diesem Doppel-Spruch aus je vier Halbzeilen – eingeleitet durch „Wehe euch!“ – warf Jeschu den angeredeten
Bauherren vor: erstens, nicht etwa, dass sie ProphetenGrabanlagen an sich gebaut hatten, sondern dass sie das den
Propheten zu Ehren getan hatten, die ihre Vorfahren ermordet haben – ganz so, als könnten deren Morde durch
ihre Grabbauten wieder gutgemacht werden; zweitens, dass
diese Vorstellung irrig sei, denn die sei eher ein Belastungszeugnis und ein Bekenntnis gegen als für sie.
Demnach ging es Jeschu in diesem Weheruf darum, den
angeredeten Bauherren bewusst zu machen, dass die Prophetenmorde ihrer Vorfahren nicht dadurch aus der Welt
zu schaffen seien, dass sie den Propheten zu Ehren und
ihren Vorfahren zur Entlastung Grabanlagen bauten.
Zu dem, was er den angeredeten Bauherren darin androhte, siehe oben, unter Q 11,5.
Q 11,12-14°
In diesem Spruch aus vier Halbzeilen, einem Zweizeiler
und einem Doppel-Langzeiler – eingeleitet durch „Wehe
euch!“ – warf Jeschu den Bauleuten dasselbe vor, das er
ihnen in Q 11,10.11 vorgeworfen hatte. Hier jedoch um den
Vorwurf ergänzt, sie hätten zu behaupten gewagt, dass sie
223
sich nicht, wenn sie damals gelebt hätten, an der Blutschuld
ihrer Vorfahren beteiligt hätten. Als ob das wirklich so sicher wäre, wie sie versichert hatten.
Zu dem, worum es Jeschu in dem Weheruf Q 11,12-14
ging und zu dem, was er den angeredeten Bauherren darin
androhte, siehe oben, unter Q 11,10.11 und Q 11,5.
Sein Inhalt und seine Form weichen im zweiten und im
dritten Teil so stark von Q 11,10.11 ab, dass er als eine Variation zum selben Thema zu werten ist, auf keinen Fall
aber als Parallele. Folglich wird dieser Weheruf einer anderen Q-Sammlung angehören.
Q 11,15
In diesem Doppel-Langzeiler – eingeleitet durch „Wehe euch Schriftgelehrten!“ – warf Jeschu den angeredeten
Schriftgelehrten vor: erstens, dass sie die diesseitig-geistige
Gottesherrschaft (durch ihre ablehnende Haltung ihm gegenüber und durch dementsprechende Äußerungen) vor
ihren Mitmenschen verborgen hätten; zweitens, dass sie selbst
(gestützt auf ihr rabbinisches Bibelstudium und auf ihr theojuristisches Lehramt) nicht nur abgelehnt hätten, in sie einzutreten, sondern dass sie zudem auch noch Menschen, die
in sie eintreten wollten, daran gehindert hätten.
Demnach ging es Jeschu in diesem Weheruf um den
hohen Anspruch der angeredeten Schriftgelehrten, dem sie
als „Lehrer Israels“ zu entsprechen hätten, und zugleich darum, ihnen bewusst zu machen, dass sie verantwortungslos
handelten, wenn sie ihrer Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit
spotteten. Damit aber ging es ihm auch um die Kluft zwischen Anspruch und Sein.
224
Zu dem, was er den angeredeten Schriftgelehrten darin
androhte, siehe oben, unter Q 11,5.
Nachtrag: Keine der beiden NTG-Fassungen von Q
11,15 gibt auch nur annähernd zuverlässig wieder, was
Jeschu gesagt hat. Ihr Wortlaut nach Q-Mt und Q-Lk unterscheiden sich derart voneinander, dass sie unvereinbar
sind. Den korrekten Wortlaut daraus zu rekonstruieren, war
daher nur durch eine Kombination beider Fassungen möglich. Dabei wurden die Anrede und der zweite Langzeiler
aus Q-Lk entnommen und der erste Langzeiler aus Q-Mt.
Q 12,1*
Dieser Doppel-Langzeiler war ein Wort Jeschus an Außenstehende. Mit ihm wollte er sie warnen, sich selbst etwas
vorzumachen.
Würde diese Warnung auf die materielle Welt bezogen,
in der wir als materielle Wesen vor unserem Sterben leben,
dann wäre sie leicht als unwahr zu erweisen. Denn in ihr
gibt es vieles, das verborgen ist und nicht entdeckt wird,
und vieles, das geheim ist und nicht bekannt wird.
Wenn es aber auf die geistige Welt bezogen wird, in der
wir als geistige Wesen nach unserem Sterben leben werden,
dann wird sie sich nachdrücklich als wahr erweisen. Denn
dann, am Tag des Rechtsspruches über unser kurz vorher beendetes Leben, werden wir erleben können oder erleiden müssen, dass es unmöglich ist, den Richterengeln Gottes etwas
vormachen zu wollen, die „im Namen Gottes“ über den
Ertrag unseres Lebens zu urteilen haben.
Dabei wird sich dann zeigen, dass sie mehr über uns
wissen als wir selber; schon deswegen, weil wir uns an vieles
225
nicht mehr erinnern können oder wollen, weil es uns unangenehm ist.
Vermutlich wird es so sein, dass alle Daten über uns,
wie wir das von unseren Computern her kennen, aufgezeichnet und gespeichert sind, also zu jeder Zeit abgerufen
werden können; allerdings nicht auf so primitive und grobstoffliche Weise wie bei uns.
Wenn es aber so ist, und das hat Jeschu in seiner obigen
Warnung vorausgesetzt, dann ist es zwecklos, unsere Schuld
oder unsere Verantwortung zu leugnen. Da bleibt dann
nichts anderes übrig, als darauf zu vertrauen, dass unsere
Richter grundsätzlich wohlwollend und barmherzig sind –
weil auch Gott wohlwollend und barmherzig ist.
Q 12,2
Dieser Q-Text – in der Mt-Fassung ein Doppel-Langzeiler, in der Lk-Fassung bis zur Unkenntlichkeit zerredet –
war eine Weisung Jeschus an die Zwölf, seinen engsten
Schülerkreis.
Ihr ist zu entnehmen, dass es in seiner Schülerunterweisung beides gegeben hat: ein Sagen im Dunkeln (in der
Nacht) und ein Flüstern ins Ohr (unter dem Siegel der Verschwiegenheit). Beide Begriffe betreffen seine esoterische
Unterweisung – etwas, das nicht (beziehungsweise noch
nicht) für die Menge bestimmt war –; und zwar von Anfang
an. Von ihr fernzuhalten ist jedoch, was man heutzutage
vielfach unter Esoterik versteht.
„Sagen im Dunkeln“ ist ein seltsamer Begriff. Was
meinte Jeschu mit ihm? Ist das noch aufzuhellen? Mit Sicherheit, wie aus Folgendem zu erschließen ist:
226
Von Nikodemus, einem Pharisäer und „Lehrer Israels“
galiläischer Herkunft, heißt es zweimal (Jh 3,2 und 19,39),
wenn nicht sogar dreimal (in etlichen Handschriften auch
noch in Jh 7,50), dass er bei Nacht zu Jeschu gekommen
sei. Warum? Aus Furcht vor seinen Kollegen? Das ist unwahrscheinlich (siehe 7,50 und 19,39). Warum dann?
Zu bedenken ist: Er kam als Lehrer zu einem Lehrer,
weil er etwas von Jeschu wollte. Was? Zweifellos hoffte er,
aufgrund dessen, was er mit eigenen Ohren von ihm selbst
gehört hatte, eine hohe Offenbarung von ihm zu empfangen – nach Jh 3,1-4.7.9-11 eine ihm unbekannte Enthüllung über den Einlass in das „Reich Gottes“ (besser: in die
jenseitig-geistige Himmelsherrschaft). Dafür aber war ein
„Sagen im Dunkeln“ traditionell vorgeschrieben.
Und worum ging es beim Flüstern ins Ohr? Es ging darum, dass Jeschu, wie die jüdischen Schriftgelehrten, Lehraussagen, die nur für die Zwölf als Geheimnisträger bestimmt waren, flüsternd vortrug, das heißt unter dem Siegel der Verschwiegenheit.
Insgesamt signalisiert dieser Spruch ein Vorher und ein
Nachher. Was Jeschu vor jenem Termin nur seinem engsten
Schülerkreis mitgeteilt hatte (symbolhaft: im Dunkeln oder
ins Ohr), das sollten sie nach jenem Termin öffentlich bekannt machen (symbolhaft: im Licht, das heißt am Tag, und
von den Dächern, genauer: von Flachdächern, das heißt von
Orten, von denen es weithin zu hören war).
Mit dieser Weisung hob Jeschu die anfangs notwendig
gewesene zeitliche Beschränkung auf. Und an welchen
Termin dachte er dabei? Richtig. Einen Zweifel daran, dass
er dabei an Ostern gedacht haben wird, kann es nicht geben
(Mt 17,9 / Mk 9,9). Denn von keinem anderen Termin hing
soviel für ihn ab, wie von Ostern.
227
Q 12,3.4*
Diese Paarung aus je drei Drittelzeilen – in Q-Mt mehrfach willkürlich entstellt, in Q-Lk bis zur Unkenntlichkeit
verdorben – war eine Weisung Jeschus an seine Zwölf. Sie
gehörte zu seinen Mahnworten an alle seine Schüler, also
auch an seine Schülersschüler bis heute.
Mit ihr wies er auf Gefahren hin, denen sie in seinem
Dienst ausgesetzt sein würden, sogar dem Martyrium. Beide
Spruchhälften waren ursprünglich genau gleich geformt und
sind es jetzt wieder.
In der ersten Hälfte ermahnte er sie, keine Ehrfurcht
vor Menschen zu haben, in diesem Fall vor solchen, die
ihnen, seiner Botschaft wegen, feindlich gesonnen sein würden; denn die könnten schlimmstenfalls ihren Körper töten.
In der zweiten Hälfte ermahnte er sie, stattdessen Ehrfurcht vor Gott zu haben; denn er allein sei imstande, ihr
Selbst zu töten, ihr Geist-Ich, das Zentrum ihrer Persönlichkeit auszulöschen. Jedoch nur als Möglichkeit verstanden,
nicht als mögliche Wirklichkeit.
Wie Jeschu in seiner Weisung an seine Zwölf die Menschen und Gott in scharfem Gegensatz einander gegenüberstellte, so auch ihren Körper und ihr Selbst (ihr Geist-Ich);
und folglich, da sie Menschen waren, den Körper und das
Selbst aller Menschen.
Dies ist ein Tatbestand, der es verdient, von allen Humanwissenschaften beachtet und ernst genommen zu werden. Dabei werden inzwischen tief eingewurzelte materialistische Denkfehler korrigiert werden müssen: unter dem
Druck der Sterbeforschung, der Hirnforschung und der
theoretischen Physik. Vor allem auch der Irrtum, dass der
Mensch, wenn er sterbe, ganz und gar sterbe.
228
Dies für richtig und wahr zu halten, ist ein Glaube, keine
Wissenschafr. Es verlangt nämlich, viele Phänomene, die es
unleugbar gibt, zu leugnen, ohne sie ernsthaft untersucht zu
haben. Das aber ist unwissenschaftlich.
Q 12,5-7*
Diese Dreiung von je drei Drittelzeilen – in beiden Fassungen willkürlich geändert – ist ein Wort Jeschus an seine
Schüler. Gesprochen hat er es vielleicht in der Nähe des
Jerusalemer Tempels. Es ist charakteristisch für sein Denken und Empfinden.
Die ersten drei Drittelzeilen bekunden sein Mitleid,
auch mit etwas so unbedeutend Erscheinendem, wie es
Sperlinge sind. Die zweiten offenbaren seine grenzenlose
Hochachtung vor Gott, den er liebevoll Abba „Papa“ nannte und von dem er zu sagen wagte, dass sein gütiges Gedenken auch den Sperlingen gelte, den geringsten Opfertieren,
die im Jerusalemer Tempel geopfert werden durften. Es
waren die Ärmsten der Armen, die sie darbrachten. Sie
konnten sie im Nichtjudenvorhof des Tempels kaufen, das
Paar für ein As.
In Jeschus Umwelt war das As die gängigste römische
Kupfermünze. Ihr Wert entsprach dem 16. Teil eines Denars. Zu jener Zeit war er der übliche Tageslohn eines Arbeiters, bei einer Arbeitszeit von sechs Uhr morgens bis
sechs Uhr abends, im Winter bis Sonnenuntergang..
Diesen unbedeutenden Wert eines Sperlings muss man
sich bewusst machen, wenn man erfassen will, wie hoch
Jeschu die Güte Gottes einschätzte. Hätte er sonst wohl zu
sagen gewagt, nicht einmal Sperlinge seien davon ausge-
229
nommen? Dass die Erde gleichwohl, auch damals, alles andere war als ein Paradies, wusste er sehr wohl. Doch er war
nicht so kindisch, Gott für den Wahnwitz von Menschen
verantwortlich zu machen.
Und die letzten drei Drittelzeilen? In ihnen zog er aus
den beiden voranstehenden den so genannten „Schluss
vom Kleineren zum Größeren“ (hier: von den Sperlingen
als den Kleineren, zu seinen Schülern als den Größeren);
mit dem Ergebnis: Wenn Gott schon die Sperlinge für so
wertvoll hält, dass er ihrer gütig gedenkt, um wie viel mehr
wird er dann ihrer, seiner um vieles wertvolleren Schüler,
gütig gedenken!
Doch wenn es so ist, so folgerte er, dann hätten sie keinen Grund, sich zu fürchten. Denn von allem, was ihnen
von und durch Menschen widerfahren könnte, würde absolut nichts ihrem Selbst, ihrem Geist-Ich, schaden können
(außer – sie täten es sich selbst an).
Nachträge zu den willkürlichen Änderungen am Wortlaut von Q-Lk 12,6.7a-c / Mt 10,29.31:
In Mt 10,29a-c hat der NTG-Text: „Werden nicht verkauft zwei Sperlinge für ein As?!“ Und in Lk 12,6a-c hat er:
„Werden nicht verkauft fünf Sperlinge für zwei As?!“ Warum? Was ist richtig, zwei Sperlinge oder fünf?
Zwei Sperlinge wird richtig sein. Denn wahrscheinlich
dachte Jeschu, als er diesen Dreizeiler formulierte, an jene
zwei reinen Vögel, die ein rein gewordener Aussätziger von
einem Priester als Reinigungsopfer darbringen lassen musste (3Mo 14,1-7). In diesem Fall wäre der Verkauf der Sperlinge im Nichtjudenvorhof des Jerusalemer Tempels hinreichend erklärt.
Und wie ist die willkürliche Änderung in fünf Sperlinge
zu erklären? Zweifellos durch den Rückgang des Preises für
230
Kleinvögel zur Zeit des Plinius (23/24 bis 79 u. Z.). Veranlasst durch das Gerücht, sie fräßen Giftkörner. Dieser unbedeutend erscheinende Tatbestand hat weitreichende Konsequenzen. Denn er erlaubt einen sicheren Rückschluss auf
die Abfassungszeit der beiden Evangelien.
Danach wäre nämlich die des Lukasevangeliums in das
Jahrzehnt zwischen 50 und 60 anzusetzen und die des Matthäusevangeliums in das Jahrzehnt zwischen 40 und 50
(zwar gegen die herrschende Auffassung, dafür aber an einem historischen Faktum festgemacht; vgl. O. Roller:
„Münzen, Geld und Vermögensverhältnisse in den Evangelien“ [1929], Seiten 6-8).“
Aber weiter: In Q-Mt 10,29d-f liest der NTG-Text:
„Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren
Vater.“ Und in Q-Lk 12,6d-f hat er: „Dennoch ist keiner
von ihnen vergessen vor Gott.“ Das ist, wer wollte das bestreiten, ein so krasser Unterschied, dass er nur durch eine
willkürliche Textänderung erklärt werden kann.
Dazu sollte man sich bewusst machen, dass kein Sperling auf die Erde fallen kann, außer – er ist tot: entweder gestorben oder getötet worden. Das aber würde bedeuten
(wenn Jeschu das gesagt hätte): Wann immer ein Sperling
starb oder getötet wurde, hätte Gott seinen Tod gewollt,
also verursacht haben müssen.
Doch das ist ein unmöglicher Gedanke, der, wenn man
ihn zu Ende denkt, zu lauter Unsinnigkeiten führt. Überdies
setzt er eine Vorstellung von Gott voraus – der Güte in
Person –, die Jeschus jenseitigem Wissen über Gott, wie er
es gelehrt hat, genau entgegengesetzt ist.
Ist es das aber, dann ist zu fragen: Und warum steht
diese unjeschuanische Vorstellung von Gott dennoch in der
Mt-Fassung zur Stelle? Und zwar so, als hätte er sie formu-
231
liert? Es gibt nur eine richtige Antwort auf diese Frage: Aus
dogmatischen Gründen; um neben anderen einen (ähnlich
gefälschten) „Beleg“ dafür zu gewinnen, dass die Lehre vom
allmächtigen Gott „vom Herrn selbst“ gelehrt worden sei.
Eine Lehre, die zu nichts anderem getaugt hat als dazu, den
Atheismus zu befördern.
Q 12,8
Dieser Zweizeiler – durchweg falsch gedeutet, weil
falsch übersetzt – war ein Wort Jeschus an seine Zwölf. Es
wurde im Verlauf der Überlieferung zwischen dem zweiten
und dem dritten Drittel des voranstehenden Textes eingefügt und zerstörte dadurch dessen Sinnzusammenhang.
Folglich war es aus ihm herauszulösen und als selbständiges
Wort zu betrachten und zu deuten.
Einzusetzen hat seine Deutung bei den Symbolbedeutungen des Wortes Haar. Dabei ist sicher: Das Haar galt seit
Urzeiten als Sinnbild der Lebenskraft, der Energie, auch der
körperlichen Stärke. Jemandem das Haar zu stehlen oder
abzuschneiden, bedeutete, ihn seiner Kraft zu berauben (erinnert sei an Simson, Ri 16,17).
Was vom Haar im Allgemeinen galt, das galt besonders
von den „Haaren des Kopfes“. Sie symbolisierten vor allem
die höheren Kräfte und die Inspiration.
An diesen beiden Begriffen wird deutlich, dass das im
NTG-Text überlieferte „sie sind alle gezählt“ unmöglich
richtig sein kann. Oder könnte es bei ihnen etwa um zählbare Mengen gehen?
Wenn aber nicht, um was dann? Die Antwort auf diese
Frage ist einer der Nebenbedeutungen des aramäischen
232
Wortes mannî zu entnehmen (das mit menê „zählen“ verwechselt wurde; beide wurden mnj geschrieben); nämlich:
zuteilen. Bezogen auf die Haare eures Kopfes = „die höheren
Kräfte und die Inspiration“ (siehe oben) bedeutet das:
Was Jeschu seinen Zwölf mit dem obigen Zweizeiler
zusichern wollte, war demnach: dass ihnen allen die für sie
richtigen und wichtigen höheren Kräfte zugeteilt seien – auf
Weisung Gottes, versteht sich –, dass sie also in ihnen seien
und zur rechten Zeit aktiviert würden. Erinnert sei hierzu
an die Weisung Jeschus Lk 24,49 (RÜ-Text):
Seht! –
Ich werde auf euch senden,
was Abba zugesagt hat.
Und ihr! –
Bleibt in der Stadt,
bis ihr ausgerüstet werdet
mit Kraft aus der Höhe!
Das heißt: Was bis dahin verborgen in ihnen steckte, an
Pfingsten wurde es aktiviert. Übrigens: Die Kraft aus der Höhe
ist Jeschus Definition des Begriffes der heilige Geist.
Q 12,9.10*
Dieses Spruchpaar – inhaltlich gegensätzliche DoppelLangzeiler, eingeleitet durch ein Amen! Amen! – Ich soll euch
sagen – war eine prophetische Voraussage Jeschus an seine
Schüler. Mit ihr wollte er sie auf einen Tat- und-TatfolgeZusammenhang hinweisen, der speziell für sie weitreichende Bedeutung haben werde.
Wer ermächtigt war, so zu sprechen, wie Jeschu in dieser Voraussage sprach, der musste Gott (auch in Bezug auf
233
seine Macht und die sich daraus ergebenden Vollmacht)
sehr nahe stehen, jedoch ohne Gott gleich zu sein.
Denn wenn er Gott gleich gewesen wäre, dann hätte er
die Vollmacht von Richterengeln nicht anzuerkennen brauchen, denen er als Anwalt seiner Schüler behilflich sein sollte; und zwar dadurch, dass er sich (gemäß Tat und Tatfolge)
zu denen bekannte, die sich zu ihm bekannt hatten, und
dass er die verleugnete, die ihn verleugnet hatten.
War er demnach zwar nicht Gott gleich, stand ihm aber
sehr nahe, dann muss er nach dem Zeugnis von Simon /
Petrus, Jakobus und Johannes der gewesen sein, von dem
die Himmelsstimme sagte (Mt 17,5; 16,18; RÜ-Text):
Dies ist Er, mein Sohn, mein Auserlesener,
Er, an dem mein Selbst Wohlgefallen hat.
Gehorcht ihm! – Denn er ist der Fels!
Auf diesem Felsen
werde ich meinen Tempel bauen.
Ihn können sie nicht überwältigen,
die Torhüter der Unterwelt.
[Diesem Basistext zufolge war und ist Jeschu der auserlesene Sohn Gottes, nicht aber: Gott der Sohn!]
Nachträge: In Q-Lk 12,8 war zu ersetzen: Ich sage euch
aber durch Amen! Amen! – Ich soll euch sagen. Diese Einleitungsformel wurde willkürlich geändert; wahrscheinlich mit
Rücksicht auf nichtjüdische Hörer oder Leser, die das Wort
amen nur als Gebetsschluss kannten. Das betonte ich soll sagen bedeutet darin, dass Jeschu hier nicht in eigener Vollmacht sprach, sondern als „Bote Gottes“.
Und in Q-Mt 10,32.33 war (zweimal) zu ersetzen: vor
meinem Vater in den Himmeln durch vor den Richterengeln. Der
Zweck dieser zweifellos dogmatisch bedingten Textänderung ist offenkundig:
234
Sie sollte die Tatsache verschleiern (und verschleiert sie
immer noch), dass Jeschu nach seiner eigenen Voraussage
den Richterengeln Gottes als Anwalt seiner Schüler nicht
übergeordnet, sondern unterstützend und klärend zur Seite
gestellt sein werde.
Und zwar nicht beim so genannten Endgericht, sondern
bei deren persönlichem Gericht – nicht lange nachdem sie
gestorben seien. Wobei jene Richterengel „im Namen Gottes“ über den Ertrag ihres Lebens ein Urteil zu fällen hätten. Doch diese Tatsache wollte oder sollte der Endbearbeiter von Mt 10,32.33 vertuschen. Denn die wäre ja
mit Jeschus angeblichen „Gottsein“ unvereinbar.
Q 12,11.12
Diese Paarung von je drei Drittelzeilen – in den NTGFassungen teils übereinstimmend, teils verschieden formuliert – war eine prophetische Voraussage Jeschus über Außenstehende, gerichtet wahrscheinlich an seine Schüler.
In der ersten Hälfte spiegelt sich, was ihm offenbar
häufig widerfuhr: dass jemand gegen ihn redete. Das geschah
immer dann, wenn das, was er gesagt hatte, dem, was jener
für richtig und wahr hielt, widersprochen hatte.
Bei dem, was jener Mann dann gegen Jeschu vorbrachte, muss es sich um eine verletzende, ja lästernde Beschimpfung gehandelt haben. Sonst hätte Jeschu in diesem Zusammenhang kaum gesagt: „ihm kann vergeben werden“ (so
muss das aramäische Imperfekt hier übersetzt werden).
Aber was mag Jeschu veranlasst haben, in der zweiten
Hälfte hinzuzufügen, wer etwas gegen den Geist rede, dem
könne nicht vergeben werden?
235
War jener Mann etwa so weit gegangen, nicht nur Jeschu lästernd zu beschimpfen, sondern auch den Geist, der
ihn zu seiner Aussage inspiriert hatte (nach seiner eigenen
Definition: die Kraft aus der Höhe = die inspirierende Kraft
Gottes; Lk 24,49)?
Wenn ja, und es scheint so, dann war er zu weit gegangen. Denn das, so Jeschu, kann nicht vergeben werden –
nach der Mt-Fassung überdies auch noch mit deren tonverschärfendem Zusatz: „weder in dieser Welt noch in der zukünftigen“, also nie! Bedeutet das etwa für jeden, der den
Geist gelästert hat, die ewige Verdammnis, wie es danach
scheinen könnte?
Keineswegs! Denn nach dem Gesetz des Tat-und-Tatfolge-Zusammenhangs, einem Grundgesetz der geistigen
Welt Gottes, gibt es keinerlei Verdammnis, weder eine zeitliche noch eine ewige. Stattdessen fordert es für den Fall der
Geistlästerung, weil sie nicht vergeben werden kann (denn
der Geist ist keine Person, die vergeben könnte), strikte
Wiedergutmachung durch Lernen aus Leiden.
Q 12,13
Dieser Q-Text – ein in Q-Mt etwas weniger, in Q-Lk
durch unjeschuanische Vielwörterei völlig zerredeter Dreifach-Langzeiler – war eine prophetische Voraussage Jeschus
an seine Zwölf.
Im ersten Langzeiler sagte er ihnen voraus, dass sie
nach seinem Weggang von seinen und damit von ihren
Gegnern ausgeliefert werden würden (in Jerusalem an die
Tempelpolizei, in den übrigen Orten des Landes an die Synagogen).
236
In diesem Zusammenhang rechnete Jeschu damit, dass
seine Schüler besorgt sein würden, was sie ihren schriftgelehrten Richtern antworten sollten. Dies war der Grund,
warum er ihnen vorweg ihre Besorgnis nehmen wollte. Er
tat es im zweiten Langzeiler durch die Zusage, dass ihnen
im rechten Augenblick die richtige Antwort gegeben, das
heißt eingegeben werden würde.
Der aus formalen Gründen hier unentbehrliche dritte
Langzeiler stammt aus Mk 13,11. Er wurde anstelle von QLk 12,12 an die beiden voranstehenden Langzeiler angehängt. Und zwar deswegen, weil die Begründung der Zusage Jeschus in ihm knapper und klarer formuliert ist und zudem auch noch im selben Rhythmus wie sie.
Dass diese Zusage kein leeres Versprechen war, beschrieb Lukas anschaulich in Apg 4,1-22 (in dem Abschnitt
„Petrus und Johannes vor dem Hohen Rat“) und in Apg
5,21b-33 (in dem Abschnitt „Die Apostel vor dem Hohen
Rat“) u. ö.
Und da es sich bei den genannten Belegen um nachpfingstliche Ereignisse handelte, ist daraus zu schließen,
dass Jeschu den so genannten Pfingstgeist im Sinn hatte, als
er seinen Zwölf die obige Zusage machte.
Q 13,1-11*
Dieser Q-Text – in Q-Mt und Q-Lk teils übereinstimmend, teils verschieden formuliert, gebildet aus zehn Textteilen gemischter Rhythmen – ist das wohl schönste Lehrgedicht Jeschus. Er trug es seinen Schülern wahrscheinlich
nur ein einziges Mal vor, unmittelbar bevor er sie zur Mission unter ihren Landsleuten aussandte (Mt 10,6).
237
Es besteht aus vier Teilen. Der erste und der vierte Teil
enthalten Weisungen, mit denen er sie ermahnen und ermutigen wollte, sich keine Sorgen zu machen wegen ihrer Nahrung und ihrer Kleidung.
Mit dem zweiten und dem dritten Teil verwies er sie auf
die Raben (auch im Aramäischen männlichen Geschlechts)
und auf die Anemonen (auch im Aramäischen weiblichen
Geschlechts) als natürliche Beispiele dafür, dass Gott sie ernähren beziehungsweise bekleiden lässt.
Aus diesen beiden Beispielen zog Jeschu den Schluss,
folglich werde Gott sie, seine Schüler, erst recht ernähren
und bekleiden lassen; und zwar von den Menschen, an die sie
sich als Boten Gottes in seinem Auftrag wenden würden.
Im Übrigen war dies bei der sprichwörtlichen Gastfreundschaft der Morgenländer gar keine Frage, zumal den Schülern eines inzwischen geachteten und noch nicht geächteten
Lehrers gegenüber.
Dass diese Fürsorge Gottes jedoch nur für die Zeit gelten werde, in der er unter ihnen weilte (gleichgültig, ob er
bei ihnen oder abwesend war), das ist dem Weggespräch auf
seinem Weg vom Abendmahlssaal nach Getsemani zu entnehmen (Lk 22,35-38).
Nachtrag: Bemerkenswert an diesem Lehrgedicht ist,
dass die unterschiedlichen Rhythmen die Leserinnen und
Leser geradezu zwingen, jeweils, dem Rhythmus entsprechend, das Lesetempo zu wechseln.
Q 13,12*
Dieser Spruch aus vier Viertelzeilen war ein Wort Jeschus an Außenstehende. Er sprach es, das ist so gut wie si-
238
cher, zu seinen schriftgelehrten (?) Gegnern. Denn Worte,
die er mit einem „Wer unter euch?“ einleitete, verwendete
er mit Vorliebe in Streitgesprächen mit ihnen.
Immer dann, wenn er das tat, wollte er sie nötigen, zuzugeben, dass das, worum es in seiner Auseinandersetzung
mit ihnen ging, unmöglich sei. Vielleicht hatten sie ihm eine
absurde Frage gestellt, um ihn öffentlich bloßzustellen, sodass er sich veranlasst sah, sie mit einer Gegenfrage stumm
zu machen, die keine andere Antwort zuließ als: „Das kann
kein Mensch!“
Leider ist diese Gegenfrage Jeschus ohne Situationsangabe überliefert worden, sodass die Frage, auf die er mit ihr
antwortete, unbekannt ist. Dennoch! Schon ihr Wortlaut an
sich reicht aus, um erkennen zu können, dass sie genial
formuliert ist.
Denn es wird nie möglich sein, dem Skelett eines Menschen ein Knöchelchen hinzuzufügen, weil es so, wie es ist,
vollständig und vollkommen ist. Jedes weitere Knöchelchen
wäre überflüssig, ja krüppelhaft. Aber wer kommt auf solch
einen Gedanken? Noch dazu spontan, während eines Streitgespräches?
Weil es diesmal besonders lehrreich ist, sollen nun eine
wörtliche Übersetzung der griechischen Vorlage und die
Einheitsübersetzung des obigen Jeschuwortes folgen, damit
deutlich wird, dass beide sinnlos sind:
Wer von euch sorgend kann hinzufügen
zu seiner Länge eine Elle? (NTG-Text)
Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben
auch nur um eine kleine Zeitspanne verlängern? (EÜ-Text)
Urteil: Der NTG-Text ist eine sinnlose Übersetzung
dessen, was dasteht. Der EÜ-Text dagegen ist eine unehrliche und sinnlose Wiedergabe dessen, was nicht dasteht.
239
Q 13,13.14*°
Dieser Doppel-Dreizeiler, im NTG überwiegend falsch
übersetzt, war ein Wort Jeschus an Außenstehende. Mehr
als jedes andere seiner Worte war es dies, das nahezu wirkungslos verhallt ist. Abgesehen von Einsiedlern und Klostergemeinschaften, bei denen es Gehör fand, wenn auch
nicht in dem Sinn, in dem Jeschu es gemeint hatte.
Wahrscheinlich lag das auch daran, dass es missverstanden wurde. Denn das konnte leicht geschehen, weil nicht
mitbedacht wurde, dass Jeschu es zu einer Zeit und in einer
Umwelt vortrug, in denen die Mehrheit der Menschen
kaum mehr als das Allernötigste hatte und in der nur eine
dünne Oberschicht in pompösem Reichtum schwelgen und
sich enorme Schätze anhäufen konnte.
Daraus ergibt sich: Zu den oft notleidenden Menschen,
die das ohnehin nicht konnten, hätte Jeschu unmöglich sagen können: „Ihr sollt euch keine Schätze anhäufen!“ Das
wäre lachhaft gewesen. Folglich muss er es zu solchen Menschen gesagt haben, die das konnten, zu den Reichen also.
Und es denen zu sagen, war nur zu berechtigt, denn die hatten ihren Überfluss den Notleidenden weggenommen oder
vorenthalten.
Allein das war der Grund, warum Jeschu zu einem Reichen sagte: „Geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld
den Armen; so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben“ (Mt 19,21 / Mk 10,21 / Lk 18,22, EÜ-Text); gemeint ist: in der Himmelsherrschaft.
Und wie reagierte der Reiche auf diesen Vorschlag? Wie
nicht anders zu erwarten war: Er ging betrübt von dannen;
denn er hatte viele Güter. Und das ist heute kaum anders,
von wenigen Ausnahmen abgesehen.
240
Und wie wollte Jeschu seine Forderung an die Reichen
ihr sollt Schätze in den Himmeln anhäufen verstanden wissen? –
Fast scheint es, als sei 1Ti 6,18.19 als Antwort auf diese
Frage formuliert worden (EÜ-Text):
Sie sollen wohltätig sein,
reich werden an guten Werken,
freigebig sein und,
was sie haben, mit anderen teilen.
So sammeln sie sich einen Schatz
als sichere Grundlage für die Zukunft,
um das wahre Leben zu erlangen.
Q 13,15°
Dieser Doppel-Langzeiler, im NTG überwiegend falsch
übersetzt, war ein Wort Jeschus an Außenstehende. In den
Evangeliensynopsen wird es als Parallele zu Q-Mt 6,19.20 =
Q 13,13.14 geführt. Vor allem wegen des willkürlich angehängten „in den Himmeln, wo kein Dieb sich nähert und
keine Motte vernichtet“ (wörtlich übersetzter NTG-Text).
Aber die formal und inhaltlich völlig andere Aussage
dieses Spruches beweist, dass er das nicht ist, sondern lediglich eine Variation des gleichen Themas. Gleichwohl ist es
mehr als wahrscheinlich, dass Jeschu sich mit ihm, wenn
nicht an dieselben, so doch zumindest an ähnlich geartete
Adressaten gewandt haben wird.
An Reiche also, deren Geschäfte es ihnen ermöglicht
hatten, Schätze anzuhäufen. Schätze, deren Menge jedoch
durch ihr luxuriöses Leben dahinzuschwinden drohte und
deren Geldbeutel von langjährigem ausgiebigem Gebrauch
so morsch geworden waren, dass sie aus den Nähten zu
241
platzen drohten – ohne dass sie sich von ihnen trennen
mochten.
Dass Jeschu nicht mehr als einen Doppel-Langzeiler
brauchte, um dieses Szenario in ein einprägsames Bildwort
zu fassen, beweist seinen scharfen Blick für das Wesentliche
und für das Charakteristische auch jener Menschenart, deren Gott ihr Geld und deren Geld ihr Gott zu sein pflegt.
Dass er dennoch so zu ihnen sprach, so zupackend und
doch ihnen ganz zugewandt, lässt darauf schließen, dass es
ihm nicht in den Sinn kam, irgendjemand, an den er sein
Wort richtete, als einen hoffnungslosen Fall zu betrachten.
Nicht einmal solche Menschen, deren Reichtum die
Kehrseite der Armut vieler anderer war. Denn selbst zu ihnen sagte er, was er zu sagen hatte, auch wenn er vorerst
nicht einmal hoffen durfte, Gehör zu finden. Vermutlich,
weil er voraussah: irgendwann, und sei es in ferner Zukunft,
würde der Augenblick kommen, an dem sie sich an sein
Wort erinnern würden.
Dazu, wie Jeschu seine Forderung an die Reichen verstanden wissen wollte, siehe unter Q 13,13.14 (Ende).
Q 13,16
Dieser Zweizeiler war ein Wort Jeschus an einen Außenstehenden, jedoch gültig für jedermann. Nach der Form
des Spruches geurteilt, war er eine Antwort. Und nach seinem Inhalt geurteilt, antwortete Jeschu mit ihm auf die Frage jenes Mannes, wo er nach seinem Sterben sein werde.
Doch weil es typisch war für seine Antworten, gab er
dem Fragesteller keine Auskunft, der er hätte entnehmen
können, wo er sein und wie es dort sein werde.
242
Nein! So einfach, als wäre das längst entschieden, etwa
durch die Verdienste „der Väter Israels“, machte er es niemandem. Stattdessen verwies er jenen Mann kurz und bündig auf sich selbst und sein eigene Verantwortung:
Wo dein Schatz ist,
dort wird dein Herz sein.
So knapp diese Antwort ist, war damit offenbar alles gesagt, was zu sagen nötig war. Wenn auch nicht für uns, so
doch im Zusammenhang alles dessen, was ihr an Worten
Jeschus vorausgegangen sein wird und was aus den Symbolwörtern Schatz und Herz zu erschließen war. Andernfalls
hätte er mehr gesagt. Und was ist aus ihnen zu erschließen?
Etwa Folgendes:
Mit dem Schatz eines Menschen ist das gemeint, was er
am meisten schätzt; das, wonach ihn verlangt, was er zu erringen oder zu gewinnen sucht; das, wofür er alles andere
dranzusetzen und hinzugeben bereit ist, sogar sein Selbst.
Und mit dem Herzen eines Menschen ist das Zentrum
aller geistigen Regungen gemeint: sein Fühlen, Wollen,
Denken, Reden und Handeln; also sein Selbst, sein GeistIch, das Zentrum seiner Persönlichkeit.
Daraus folgt: Nach dem Jeschuwort Q 13,16 wird das
Selbst jedes Menschen nach seinem Sterben in dem geistigen
Bereich sein, für den er es hingegeben hat. Welcher das sein
wird, das entscheidet er selbst.
Klar sein sollte jedoch, um nur die beiden Gegenpole
zu nennen: war es das Geld, dann wird es ein anderer Bereich sein, als es sein wird, wenn es Gott war. Denn der Unterschied zwischen beiden Bereiche wird ebenso groß sein,
wie der zwischen Gott und dem Geld. Doch damit kein
Irrtum aufkomme: Die so genannte Hölle ist allenfalls auf
unserem Planeten installiert. Nirgendwo sonst!
243
Q 14,1.2
Dieser Q-Text – das Gleichnis „Vom nächtlichen Einbrecher“ mit Weckruf – war ein Wort Jeschus an Außenstehende. Es ist so gut wie sicher, dass es widerspiegelt, was
sich in seiner näheren Umgebung wirklich ereignet hatte:
ein nächtlicher Einbruch in ein Haus, der deswegen gelingen konnte, weil der Hausherr nicht damit gerechnet hatte
und daher nicht darauf vorbereitet sein konnte.
Dieses die ganze Nachbarschaft schockierende Ereignis
nahm Jeschu zum Anlass, seine Zuhörer vor einer weit größeren Katastrophe zu warnen, die er kommen sah, weil viele Anzeichen darauf hindeuteten: der militärische „Einbruch“ der Römer in das „Haus Israel“ und damit das Ende
des Jerusalemer Tempels und die Zerstörung der Stadt.
Doch ernst genommen wurde Jeschus Weckruf nur von
wenigen: allein von seinen Schülern, die seinem Wort vertrauten. Dadurch konnte die judenchristliche Gemeinde
Jerusalems kurz vor Ausbruch des jüdischen Krieges gegen
Rom (66 u. Z.) dem Unheil entkommen, indem sie nach
Pella aussiedelte, einer Stadt im mittleren Ostjordanland (so
Eusebius von Caesarea, „Kirchengeschichte“, ed. H. Kraft
[³1989], III, 5,3 = Seite 154).
Nachtrag zu dem Begriff Nachtwache: In alttestamentlicher Zeit war die Nacht in drei Nachtwachen eingeteilt. Sie
wurden von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang gerechnet, waren also, je nach Jahreszeit, verschieden lang.
Die Römer dagegen teilten die Nacht in Nachtwachen
von je drei Stunden ein: am Abend (18 bis 21 Uhr), um Mitternacht (21 bis 24 Uhr), zum Hahnenschrei (0 bis 3 Uhr), am
Morgen (3 bis 6 Uhr). Diese Einteilung war seit Herodes
dem Gr. auch in der Umwelt Jeschus gebräuchlich.
244
Wichtige Feststellung: Der Menschensohn ist durch das Ende zu ersetzen. Allein das passt hier. Denn Jeschu gebrauchte den Ausdruck der Menschensohn mit einer Ausnahme (Mk
2,28, wo er „der Mensch“ bedeutet) nur als verhüllende
Umschreibung für ICH.
Und damit kein Missverständnis entstehe: Das Wort
Ende betrifft nicht etwa das Ende der Welt, wie häufig angenommen wird, sondern das Ende des Jerusalemer Tempels und die weitgehende Zerstörung der Stadt.
Q 14,3-8
In seinem Gleichnis „Vom Tun und Ergehen zweier
Sklaven“ thematisierte Jeschu die religiöse Verantwortung
der Schriftgelehrten. Gerichtet war es an Außenstehende.
So wie es im NTG überliefert ist, enthält es Zusätze, die
nicht ursprünglich sein können. Denn sie deuten auf kirchliche Lehrinhalte hin, die man Jeschu nicht unterstellen darf,
weil sie seinem Lehren, Handeln und Sein widerstreiten.
Nämlich: seine so genannte Wiederkunft zum Weltgericht
und deren plötzliches Eintreffen, bei dem er als Richter die
Guten belohnen und die Bösen zur Höllenstrafe verdammen wird – wohlgemerkt: nachdem er sie entzweigeschnitten hat (vgl. dagegen Mt 5,45 = Q 4,1).
Werden jene Zusätze gestrichen und werden absurde
Textteile inhaltsgerecht korrigiert, so ergibt sich ein Wortbestand, der einfach, klar und folgerichtig ist und – poetisch
geformt, wie es der Redeweise Jeschus entsprach: zweiteilig
konstruiert, gebildet aus je drei Dreizeilern.
Mit dem ersten zielte er auf alle Schriftgelehrten als
„Sklaven = Knechte Gottes“ und auf deren religiöse Ver-
245
antwortung für ihre „Mitsklaven = ihr Volk“, nämlich: ihnen die ihnen zustehende geistige Nahrung zu geben.
Mit dem zweiten Dreizeiler rief er ein „Wohl!“ aus über
solche Schriftgelehrten, die im Augenblick ihres Sterbens als
„Knechte Gottes“ angetroffen werden, die ihre Verantwortung ernst genommen haben.
Mit dem dritten teilte er ihnen mit, was ihnen – nachdem sie gestorben sein werden – aufgrund des Tat-undTatfolge-Zusammenhangs widerfahren werde: vermehrte
Verantwortung durch größere Aufgaben.
Mit dem vierten und fünften Dreizeiler rief er ein „Wehe!“ aus über solche Schriftgelehrten, die im Augen-blick
ihres Sterbens als „Knechte Gottes“ angetroffen wer-den,
die ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden sind, sondern ihre Macht missbraucht haben.
Mit dem sechsten drohte er ihnen an, was ihnen – nachdem sie gestorben sein werden – aufgrund des Tat-undTatfolge-Zusammenhangs widerfahren werde „Selbstgeißelung“ durch Selbstvorwürfe und Selbstpeinigung.
Wohlgemerkt: In diesem Jeschugleichnis ist vom Tun
und Ergehen zweier „Knechte Gottes“ (das heißt von zwei
Arten von Schriftgelehrten) die Rede.
Daraus folgt: Jeschu hat die Schriftgelehrten nicht pauschal angegriffen und verurteilt (den Eindruck vermittelt
vor allem das Matthäus-Evangelium), sondern er hat sorgsam unterschieden zwischen solchen Schriftgelehrten, die
ihre religiöse Verantwortung ernst nahmen (Apg 5,34-39)
und solchen, die ihr nicht gerecht wurden. Allein dies war
ihm gemäß und zu seinen Lebzeiten sachgemäß.
Nachtrag: Der Schluss des Gleichnisses und er wird ihn
den Geisslern übergeben zur Züchtigung ist das Ergebnis einer
sorgfältigen Untersuchung aller verfügbaren Möglichkeiten,
246
den aramäischen Originalwortlaut wiederherzustellen. Dazu
gehörte auch „er wird geschlagen werden“ (Lk 12,47.48).
Entscheidend wichtig war dabei die Tatsache, dass das
aramäische Verb mesar sowohl übergeben als auch zersägen
(hier jedoch unmöglich) bedeuten kann.
Ausschlag gebend aber war der absurde Gedanke, dass
„der Herr jenes Sklaven“, nachdem er ihn (angeblich) entzweigeschnitten hatte, ihm auch noch (nachtodlich!) „sein
Teil bei den Heuchlern“ (Q-Mt) beziehungsweise „Ungläubigen (Q-Lk) anweisen“ werde.
Q 14,9*
Dieser Vierzeiler wird zu Q gehören, obwohl er im
Matthäusevangelium keine Parallele hat. Warum er in Q-Mt
fehlt, wird seinem Wortlaut zuzuschreiben sein. Es folgt der
wörtlich übersetzte NTG-Text:
Ein Feuer bin ich gekommen
zu werfen auf die Erde,
und was wünsche ich,
wenn es schon entzündet wäre!
Aus ungezählten einander widerstreitenden Deutungen
dieses Textes ist zu schließen, dass er unverstehbar und daher unerklärbar ist. Wahrscheinlich war dies der Grund, warum er in Q-Mt fehlt. Ihn erklärbar und dadurch verstehbar
zu machen, war nur über eine Rückübersetzung ins Aramäische möglich. Es folgt der RÜ-Text:
Ich bin auf die Erde gekommen.
um eine Fackel anzuzünden;
und wie sehr wünsche ich,
dass sie schon lodert!
247
Der entscheidende Fehler bei der Formulierung der LkFassung war der, dass der frühchristliche Übersetzer das
doppeldeutige aramäische Wort šegar als „werfen“ deutete,
obwohl „anzünden“ gemeint war.
Denn diese Fehldeutung veranlasste ihn, auf die Erde mit
„werfen“ zu verbinden, statt mit kommen und daraufhin „ein
Feuer“ (korrekt: eine Fackel) mit „werfen“ statt mit anzünden.
[Übrigens: Das griechische Wort pyr kann „Feuer“ und „Fackel“ bedeuten, das aramäische Wort ba‘ôra’ nur „Fackel“.]
Der obige Q-Text war ein Sendungswort Jeschus, gerichtet an seine Schüler. Mit ihm wollte er ihnen mitteilen,
zu welchem Zweck er auf die Erde gekommen war. Es verrät, dass der mangelnde Erfolg seiner Bemühungen ihn bekümmerte. Soviel lässt sich mit Sicherheit sagen.
Unsicher aber scheint die Deutung der Symbolbegriffe
eine Fackel anzünden und lodern zu sein. Denn sie lassen mehrere Deutungen zu; wenn aber mehrere, ist es dann nicht
aussichtslos, nach der richtigen Deutung fahnden zu wollen?! Keineswegs!
In diesem Fall empfiehlt es sich, die biblischen Belege
zu dem Wort Fackel zu untersuchen. Tut man das, so kann
es nicht ausbleiben, dass man dabei auf Jes 62,1 stößt (ZB):
Um Zions willen kann ich nicht schweigen
und um Jerusalems willen nicht rasten,
bis dass wie Lichtglanz sein Recht hervorbricht
und sein Heil wie eine lodernde Fackel.
Es kann kein Zufall sein, dass hier dasselbe Bild verwendet wurde, wie in dem obigen Bildwort Jeschus. Wenn
aber nicht, dann wäre der Vergleichspunkt lodernde Fackel
gleich Heil; und zwar zunächst für Jerusalem und damit für
das jüdische Volk, später dann für die nichtjüdischen Völker der Welt.
248
Der von Jeschu beabsichtigte Sinn wäre dann: Er sei auf
die Erde gekommen, um durch sein Reden, Handeln und
Sein die Fackel des Heils anzuzünden, und nichts wünsche
er so sehr, als dass sie schon lodere. Dass dieser Wunsch
sich offensichtlich nicht so bald und nicht in dem Umfang
erfüllte, wie er gehofft hatte, das war offenbar eine der
schmerzlichsten Erfahrungen in seinem Leben.
Q 14,10*
Diese Paarung von je zwei Halbzeilen – im NTG katastrophal falsch übersetzt – war ein Wort Jeschus an sei-ne
Schüler. In ihm ging es nicht um sein Kommen auf die Erde, sondern um sein Kommen zu Streitgesprächen.
Es ist anzunehmen, dass seine Schüler schockiert waren, als er so zu ihnen sprach. Wahrscheinlich tat er das deswegen, weil einige von ihnen ihm Vorwürfe gemacht hatten: er solle vorsichtiger sein, er solle seine Gegner nicht
noch mehr reizen, als er es schon getan hatte (und zwar
während einiger Streitgespräche mit ihnen).
Erinnert sei hierzu an die Reaktion seiner Schüler auf
seine Absicht, nach Judäa gehen zu wollen (Jh 11,8, EÜText): „Rabbi, eben noch wollten dich die Juden steinigen
(hier: Steine nach dir werfen) und du gehst wieder dorthin?“
Doch Jeschu ließ sich nicht von ihnen dreinreden. Er
tat, was er tun sollte und tun wollte. Auch dann, wenn er
sich wieder und wieder den Hass seiner Gegner zuzog.
Selbst dann, wenn er sich dadurch in Gefahr brachte (Lk
4,16-30; Jh 10,39).
Dass er Streitgespräche mit seinen Gegnern führte, gehörte zu seiner Sendung, gleichgültig, wohin er kam. Er
249
wich ihnen nicht nur nie aus, er suchte sie sogar. Und er
verstand es, seine Gegner allein durch gezielte Fragen
stumm zu machen. Das aber war etwas, das sie, je länger,
desto mehr gegen ihn aufbrachte.
Bemerkenswert ist die gelassene Sicherheit, mit der Jeschu seinen Schülern die obige Erklärung vortrug. Sie offenbart, dass er sich der Konsequenzen seines Tuns voll
bewusst war; und dass er weit davon entfernt war, sie zu
scheuen.
Nachtrag: Befremdend ist, wie zwei Übersetzer bei der
Übertragung dieses Jeschuwortes aus dem Aramäischen ins
Griechische folgende Wiedergaben gewinnen konnten (zitiert nach dem MNT):
Meint nicht, daß ich kam,
Frieden auf die Erde zu werfen;
Nicht kam ich, Frieden zu werfen,
sondern ein Schwert. (Q-Mt 10,34)
Meint ihr, daß ich kam,
Frieden zu geben auf der Erde?
Nein, ich sage euch:
sondern Zerteilung. (Q-Lk 12,51)
Wie das möglich war, dazu sei hier nur das Wesentliche angemerkt:
Es gibt zwei aramäische Wörter, die Friede bedeuten
können: šelama’, das bekanntere, bedeutet auch Unversehrtheit, Wohl, Wohlbefinden, Heil (vgl. das hebräische šalôm). Das
andere, kaum bekannte, ist šafjuta’. Es bedeutet Vergleich, Zugeständnis und Friede.
Vermutlich wussten beide Übersetzer mit dem hier
richtigen Wort Zugeständnis nichts anzufangen und entschieden sich darum für das falsche Wort Friede, das die Übersetzung misslingen lassen musste.
250
Denn dieser Missgriff hatte zur Folge, dass Matthäus
auf das gänzlich unpassende Gegenwort Schwert verfiel. Anders Lukas, der das Gegenwort Entzweiung wählte, das auch
Uneinigkeit, Zwietracht bedeutet. Im Aramäischen entspricht
ihm: tigra’ „Hader, Streit, Zwietracht“.
Bemerkenswert ist nun, dass dieses Wort, wenn es im
Plural steht und mit rema’ „werfen“ verbunden ist, mit
Streitgespräche führen wiedergegeben werden muss.
Noch bemerkenswerter ist: S, C und Thomas-Evangelium 16 haben den Plural „Entzweiungen“, und in der MtFassung steht „werfen“ zweimal! Davon einmal auch auf
„das Schwert“ (korrekt: auf „Entzweiungen“) bezogen. Damit ist die Wiedergabe mit Streitgespräche führen gesichert.
[Bei dem katastrophal falsch übersetzten Text Q-Mt
10,34 / Lk 12,51 war der hier gebotene sprachliche Nachweis unerlässlich.]
Q 14,11-13*°
Dieses dreistrophige Lehrgedicht, war ein Wort Jeschus
an Außenstehende. Dass es zu Q-Lk gehört, wird durch QMt 16,2.3 bestätigt: keine Parallele, wie die völlig andere
poetische Form verrät, sondern eine eigenständige Variation des gleichen Themas.
In der ersten und in der zweiten Strophe griff er volkstümliche Wetterregeln auf, aus denen in seiner Umwelt
Wettervorhersagen hergeleitet wurden. Sie beruhten auf Beobachtungen und Erfahrungswerten vieler Generationen.
In der Regel waren sie zutreffend und daher vor allem
für die Landbevölkerung, zum Beispiel für die Aussaat und
die Ernte, wichtig und wertvoll. Ebendies bestätigte Jeschu
251
seinen Zuhörern durch sein anerkennendes „Und es geschieht so.“
Bis dahin werden sie ihm wohlwollend zugehört haben.
Jedoch kaum mehr bei dem, was folgte und worauf der Ton
lag: Strophe drei. Sie enthält eine prophetische Klage, die
beweist, dass es, seit es Menschen auf der Erde gibt, immer
und überall auf ihr dasselbe ist:
Einige Menschen, die weitsichtiger sind als alle übrigen,
warnen sie vor unvernünftigem Handeln und dessen unangenehmen Folgen. Aber die kurzsichtige Mehrheit, nur auf
schnellen Vorteil und Gewinn, oft auch nur auf ihre Bequemlichkeit bedacht, schlägt alle wohlgemeinten Warnungen in den Wind.
Dass es Jeschu zu seiner Zeit ebenso erging, wie es den
Propheten vor ihm zu ihren Zeiten erging, ist daher nicht
verwunderlich.
Was er sah und erlebte und was er als Warnzeichen deutete, das waren Denk- und Verhaltensweisen, die um 70 u.
Z. im jüdischen Krieg gegen Rom mit der Zerstörung des
Jerusalemer Tempels und der Stadt an ihr Ziel kamen.
Das aber war etwas, das die Wolkendeuter zu seiner Zeit
weit von sich gewiesen hätten, wohl gar noch mit dem
Hinweis darauf, dass Gott das niemals zulassen werde –
eine kindlich unreife Erwartung.
Q 14,14-16°
Dieser Q-Text – ein dreistrophiges Lehrgedicht, im
NTG sehr fehlerhaft übersetzt – war ein Wort Jeschus an
Außenstehende. Es ist dem voranstehenden Lehrgedicht
(Q-Lk 12,54-56) inhaltlich so verwandt und zugleich so an-
252
ders formuliert, dass es als eine Variation des gleichen Themas zu gelten hat.
Ihre Verwandtschaft erübrigt einen eigenen Kommentar. Um die Fehlerhaftigkeit des NTG-Textes zu dokumentieren, genügt der MNT-Text:
Abend geworden, sagt ihr:
Heiteres Wetter;
denn feuerrot der Himmel;
und früh(morgens):
Heute Sturm;
denn feuerrot trüb seiend der Himmel.
Zwar das Aussehen des Himmels versteht ihr zu beurteilen,
aber die Zeichen der Zeiten könnt ihr nicht?
Q 14,17-19
Das Gleichnis „Vom Gang vor Gericht“ war ein Wort
Jeschus an einen Einzelnen. Und zwar eine Antwort auf
dessen Frage, wie er sich in seinem Rechtsstreit (um eine
Geldschuld oder um ein Darlehen?) verhalten solle.
Was jener Mann von Jeschu erbat, war demnach ein juristischer Ratschlag, der den Richter gnädig stimmen und
ihm einen Zahlungsaufschub verschaffen könne.
Doch was er von Jeschu bekam, war ein ganz anderer
Rat: Sprich mit deinem Gläubiger! Einige dich mit ihm! Bitte ihn um Nachsicht und Geduld! Noch unterwegs zum
Gericht, bevor du mit ihm vor dem Richter stehst, von dem
du nichts anderes zu erwarten hast, als deine Verurteilung.
Das heißt: Lass es gar nicht erst zu einer gerichtlichen
Auseinandersetzung kommen! Nur wenn dir das gelingt,
kannst du der Schuldhaft entgehen. Bedenke! Andernfalls
253
wird es hart und dauert es lange; solange, „bis du die letzte
Kleinmünze bezahlt hast!“
Dazu ist anzumerken: Diese Kleinmünze (aram. perîta’
„die Münze, das Kleingeld“), das kupferne Lepton (vom
griech. leptos, „klein, fein“), war die einzige jüdische Münze,
die im Neuen Testament erwähnt wird.
Ihr Wert entsprach der Hälfte eines quadrans (der kleinsten Kupfermünze der römischen Währung), dem 128. Teil
eines römischen Denars: des Tageslohnes eines Arbeiters,
bei einer Arbeitszeit von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr
abends, im Winter bis Sonnenuntergang.
Soviel zur Ursituation des Gleichnisses „Vom Gang vor
Gericht“ und zu seinem ursprünglichen Adressaten. Doch
was für ihn galt, das galt und gilt auch – ohne Abstriche –
für jeden Menschen, der je auf der Erde gelebt hat oder leben wird. Also auch für uns.
Denn fern von Gott sind wir alle miteinander in der
Lage jenes Schuldners, der mit seinem Prozessgegner auf
dem Weg vor Gericht ist.
Dennoch ist unsere Situation nicht hoffnungslos. Wir
können uns mit unserem „Gläubiger“ einigen (gleichgültig,
welche Art Forderungen es sein mögen, die er an uns hat).
Wir müssen unsere „Schulden“ nur begleichen wollen.
Andernfalls, wenn wir versäumen, das zu tun, bleibt uns
nur die Schuldhaft, müssen wir unsere Schuld abarbeiten,
bis wir den letzten Cent bezahlt haben. Erst dann, nicht
vorher, werden wir aus ihr entlassen werden. Und das kann
hart werden, kann lange dauern.
Von einem „Zuspät!“ aber, einem endgültigen „Aus!“,
kann nicht und sollte nie die Rede sein. Und dies aus diesem Gleichnis herauszulesen, obwohl es nicht in ihm steht,
ist uns verwehrt durch die Konjunktion bis: ein Wort,
254
das auf einen bestimmten Zeitpunkt im Zeitverlauf zielt;
und zwar auf deren Endpunkt, der das Vorher abschließt
und das Nachher einleitet.
Gänzlich von Gott aufgegeben, sind wir demnach in
keinem Fall und werden wir nie sein. Auch nicht nach dem
Gleichnis Jeschus „Vom Gang vor Gericht“!
Aber es macht einen Unterschied, ob wir der „Schuldhaft“ entgehen können oder sie erleiden müssen. Es liegt allein an uns; daran, ob wir, solange wir leben und Gelegenheit dazu haben, zu einer Einigung mit unserem Prozessgegner bereit sind oder nicht. Wir sollten es sein! Es nicht
zu wollen, wäre Torheit, die sich selbst bestraft.
Q 15,1.2
Das Gleichnispaar „Vom Senfkorn und vom Sauerteig“,
war zunächst ein Doppelwort Jeschus an seine Schüler. Und
wenn es das nicht von Anfang an gewesen sein sollte (was
keineswegs als erwiesen gelten kann), so ist es das doch sicherlich bald geworden. Spätestens, als er dieses Gleichnispaar auch anderen Zuhörern vortrug und es dabei formal
aneinander anglich (so die Q-Lk-Fassung).
Es ist mehr als wahrscheinlich, dass Jeschu mit ihm auf
die Frage seiner Schüler antwortete, warum die (diesseitiggeistige) Gottesherrschaft immer noch so wirkungslos sei, ja
beschränkt sei auf die kleine und geringe Schar seiner Schüler und Freunde.
Und das, obwohl schon Johannes der Täufer gesagt hatte, dass sie da sei (Q-Mt 3,2 = Q 1,4) und obwohl er selbst
nicht nur dasselbe gesagt hatte (Mt 4,17), sondern sogar geboten hatte, dass sie, seine Schüler, sie öffentlich ausrufen
255
sollten (Mt 10,7 = Q 7,10), ja dass sie – in ihrem Schülergebet, dem Vaterunser – darum beten sollten, dass sie sich
ausbreite (Q-Mt 6,10 / Lk 11,2 = Q 8,6; RÜ-Text).
Wenn diese Annahme zutreffend ist, dann wird es Jeschus Absicht gewesen sein, seinen Schülern bewusst zu
machen, dass die Gottesherrschaft nicht mit Gewaltherrschaften von Menschen über die Körper von Menschen zu
vergleichen sei, sondern dass sie eine geistige Herrschaft
über die Herzen der Menschen sei und daher im Verborgenen wachse und sich ausbreite – wie das winzige Senfkorn,
dass zu einem großen Baum heranwachse (für Staude hat
das Aramäische kein Wort), und wie das kleine Stück Sauerteig, dessen Säure sich im ganzen Teig ausbreite.
Dass dieses Wachsen und Sichausbreiten nicht wahrgenommen werden könne, liege eben daran, dass es in den
Herzen der Menschen (in ihrer Gesinnung), also unsichtbar
vor sich gehe und viel Zeit brauche.
Das aber solle sie nicht beunruhigen. Es gelte auf die
Zukunft und das Ziel zu setzen und sich nicht entmutigen
zu lassen, weil es nur langsam vorangehe. Abba habe keine
Eile; er habe sie auch nicht nötig.
Bestätigt wird diese Deutung durch das 1945 in der Nähe von Nag-Hammadi (in Oberägypten) gefundene Thomasevangelium (und zwar durch Spruch 113). Eine Kombination dieses Spruches mit Lk 17,20.21 ergab nach der
Rückübersetzung ins Aramäische folgenden Wortlaut:
Die Gottesherrschaft kommt nicht.
Denn seht! – Mitten unter euch – ist sie.
Sie breitet sich aus über die Erde,
aber die Menschen bemerken sie nicht.
Nachtrag: Der NTG-Text zu Q 15,2, dem Sauerteiggleichnis, wurde teils verkürzt, teils erweitert. Beides bekam
256
ihm schlecht. Im Folgenden wird die Q-Lk-Fassung bevorzugt (wörtlich übersetzter NTG-Text):
… einem Sauerteig, den, genommen habend,
eine Frau verbarg in drei Sea Weizenmehl,
bis es ganz durchsäuert war.
Urteil: Jeschu war ein viel zu guter Beobachter, als dass
er die Tätigkeit von Frauen beim Brotbacken so falsch beschrieben haben könnte, wie es in den voranstehenden
Textteilen geschehen ist. Denn dass es nicht genügte den
Sauerteig lediglich im Mehl zu verbergen, das wusste er seit
seiner Kindheit mit Sicherheit.
Wie immer in vergleichbaren Fällen, führt der Rückgang
auf das Aramäische auch hier zu einer plausiblen Korrektur.
Erste Feststellung: Das aramäische Wort temanat „sie verbarg“ kann auch „sie stellte warm“ bedeuten. Zweite Feststellung: Die Fehlübersetzung mit sie verbarg führte dazu,
dass ûgebalat „und sie verknetete“ übersprungen wurde.
Soviel zur Verkürzung des Textes. Doch nun zu seiner
Erweiterung:
Drei Sea wären umgerechnet ca. 39,4 Liter = fast 25 Kilogramm Mehl. Diese Menge hätte ausgereicht, eine Mahlzeit Brotfladen für mehr als 100 Personen zu backen. Das
aber wäre für den Erzähler Jeschu wie für seine Zuhö-rer
eine absolut unrealistische Menge gewesen.
In Thomasevangelium 96 fehlt sie denn auch. Sie
stammt aus 1Mo 18,6, und sie war schon dort – vor allem
wegen der langen Backzeit – unrealistisch. Es empfiehlt sich
also, sie zu streichen. Das Ergebis lautet dann:
Womit soll ich die Gottesherrschaft vergleichen? –
Es ist mit ihr, wie mit einem Stück Sauerteig,
das eine Frau nahm und mit Mehl verknetete
und warm stellte, bis das Ganze durchsäuert war.
257
Q 15,3.4*°
Dieses zweiteilige Bildwort – aus Doppel-Langzeilern
gebildet – war ein Wort Jeschus an Außenstehende. Dass es
zu Q gehört, wird durch Lk 13,24 bestätigt: keine Parallele,
wie die völlig andere poetische Form verrät, sondern eine
eigenständige Variation des gleichen Themas.
In ihm griff Jeschu das uralte Motiv von den „Zwei
Wegen“ auf, von denen der eine in den Tod und der andere
ins Leben führt (5Mo 30,19). Er verwendete es als Bild für
zwei gegensätzliche Lebenswandel, von denen der eine in
die Gottferne und der andere in die Gottnähe führt.
Der Ausdruck Gottnähe betrifft das, was Jeschu gewöhnlich mit dem Begriff Himmelsherrschaft bezeichnete. Er meinte damit die jenseitig-geistige Welt Gottes.
Nach deren Gesetzen zu leben, fordert und fördert
geistiges Lebendigsein, verbunden mit stetiger Entwicklung.
In sie aber darf ein Mensch erst dann eingelassen werden,
wenn er die Einlassbedingungen erfüllt hat (Mt 5,20; 7,21;
18,3; 19,24 / Mk 10,25 / Lk 18,25). Diesen Weg, weil er
schmal und unbequem ist, suchen, finden und gehen in jeder Generation nur relativ wenige Menschen.
Der Ausdruck Gottferne betrifft das, was Jeschu gewöhnlich mit dem mehrdeutigen Begriff Finsternis bezeichnete.
Hier meinte er damit die diesseitig-materielle Welt.
Nach deren Gesetzen zu leben, fordert und fördert
geistiges Totsein, verbunden mit stetiger Entartung. In ihr
herrschen Egoismus und Rücksichtslosigkeit, Lüge und Betrug, Gier und Geld und der mörderische Wahn, alles, was
man tun kann, auch tun zu wollen. Diesen Weg, weil er
breit und bequem ist, suchen, finden und gehen in jeder
Generation die meisten Menschen.
258
Und weil Jeschu wusste, dass es so ist, darum kann er
unmöglich gesagt haben: „Macht alle Menschen zu meinen
Jüngern!“ (Mt 28,19, EÜ-Text).
Q 15,5*°
Dieses Bildwort – ein Doppel-Langzeiler mit eingeschobenem Amen! Amen etc. – war ein Wort Jeschus an seine
Schüler. Es ist dem voranstehenden Bildwort (Q-Mt 7,13b14) inhaltlich verwandt und zugleich so anders, dass es als
eine Variation desselben Themas zu gelten hat.
Auffallend an diesem Jeschuwort ist das einleitende
„Strengt euch an!“ So werden in den Stadien seiner nichtjüdischen Umwelt die Trainer zu den von ihnen trainierten
Athleten gesprochen haben: Strengt euch an! Holt alles aus
euch heraus, damit ihr den Loorbeerkranz erringt!
Doch der Unterschied ist beträchtlich. Bei den Athleten
ging es um einen Siegeskranz von vergänglichem Wert. Bei
den Schülern Jeschus dagegen ging es (und geht es) um den
Einlass in die Himmelsherrschaft, einen Siegeskranz von
unvergänglichem Wert.
Aber warum betonte Jeschu: durch das schmale Tor?
Was meinte er damit? Er dachte dabei an jenes kleine Tor,
das in antiken Städten entweder in einem der beiden Stadttorflügel oder irgendwo anders in der Stadtmauer angebracht war.
Gemeint war das Tor, das bei äußerster Gefahr auch
dann noch geöffnet werden konnte, wenn alle Stadttore
bereits geschlossen waren. Es wurde jedoch nur denen geöffnet, die den Torhütern bekannt waren oder die sich als
Bürger der Stadt ausweisen konnten.
259
Jedem Fremden musste der Einlass in sie verwehrt werden. Aus Sicherheitsgründen. Er konnte ja ein Spion sein,
der den heranrückenden Feinden eines der Stadttore von
innen öffnete. Ihn einzulassen, wäre daher töricht und lebensgefährlich.
In diesem Offenbarungswort Jeschus (daher das doppelte „Amen!“) war es der Symbolbegriff schmales Tor, der
darauf hinwies, wie schwierig der Einlass in die Himmelsherrschaft sein wird, ja dass es für viele unmöglich sein wird,
eingelassen zu werden. Jedenfalls solange, bis sie die Einlassbedingungen erfüllt haben werden (Mt 5,20; 7,21; 18,3;
19,24 / Mk 10,25 / Lk 18,25).
Nachtrag: Wo Lukas „sage ich euch“ hat, noch dazu
von anderen Textteilen eingeklammert, da gehört nach dem
Sprachgebrauch Jeschus Amen! Amen! – Ich soll euch sagen hin.
Lukas lässt es oft aus, verkürzt es (wie hier) oder ersetzt es
durch sinnverwandte Wörter.
Q 15,6
Dieser Vierzeiler – in Q-Lk 13,30 völlig anders formuliert als in Q-Mt 19,30 und 20,16 – war ein prophetisches
Wort Jeschus über das gegenwärtig-diesseitige Sein und das
künftig-jenseitige Sein von Menschen in seiner Umwelt.
Es ist ein Ausspruch jemandes, der nicht nur sah, was
ein Mensch gegenwärtig in der diesseitig-materiellen Welt
war (ein Erster oder ein Letzter), sondern der auch voraussah, was er künftig in der jenseitig-geistigen Welt sein wird
(ein Erster oder ein Letzter).
Und zwar deswegen, weil das, was er an einem Menschen sehen konnte, und weil das, was er an ihm voraus-
260
sehen konnte, ihn zu dem Schluss führte, dass beide sehr
oft nicht waren, was sie zu sein schienen.
Nämlich: dass die einen, die in dieser Welt Erste zu sein
schienen, in jener Welt Letzte sein werden, während die
anderen, die in dieser Welt Letzte zu sein schienen, in jener
Welt Erste sein werden.
Und woran konnte er das sehen und voraussehen? Am
Selbst eines Menschen; das heißt an der Ausstrahlung seines
Geist-Ichs, das er hellsehend schauen konnte.
Wäre es nicht so gewesen, dann hätte er kaum bei der
Wahl der Zwölf (einschließlich des Judas, der lediglich tat,
was Jeschu von ihm gefordert hatte) die richtige Wahl treffen können; und dann hätte er nie auch nur einen Menschen spontan heilen können.
Vor allem aber hätte er dann unmöglich erkennen können, dass die Tochter des Jairus, der Jüngling aus Nain und
Lazarus aus Bethanien (die von ihren Angehörigen für tot
gehalten worden waren) nicht gestorben, sondern nur ausleibig waren (weil deren Geist ihren Körper verlassen hatte,
ohne gänzlich von ihm getrennt zu sein). [Übrigens: Inhaltlich ist ausleibig ein Begriff, wie auch Paulus ihn in 2Ko 12,24 in Bezug auf sich selbst gebraucht hat].
Q 15,7*
Dieser Doppel-Langzeiler, war eine prophetische Voraussage Jeschus an Außenstehende. Jedoch: In dieser Fassung ist das, was er nach Matthäus und Lukas gesagt haben
soll, auf den Kopf gestellt. Denn in ihren Wiedergaben folgt
auf die Selbsterniedrigung die Erhöhung und auf die Selbsterhöhung die Erniedrigung.
261
Dass diese Umkehrung falsch sein muss, ergibt sich
schon daraus, dass es sein Selbst heißen muss und nicht sich
selbst. Denn mit dem Selbst eines Menschen ist sein GeistIch gemeint, das Zentrum seiner Persönlichkeit.
Das aber kann unmöglich erhoben werden, wenn jemand
es selbst niederdrückt, beziehungsweise niedergedrückt werden,
wenn jemand es selbst erhebt. Denn dabei gilt, wie immer
und überall in der Welt Gottes (sowohl in der diesseitigen
als auch in der jenseitigen), der Tat-und-Tatfolge-Zusammenhang.
Hier jedoch, am Tag des Rechtsspruches (nicht lange, nachdem ein Mensch gestorben ist), gilt er erst recht. Wenn aber
erst recht, dann ist es ausgeschlossen, dass die Richterengel
Gottes einen Menschen erheben können, der sein Selbst niedergedrückt hat. Und umgekehrt.
Zu fragen bleibt freilich, wie es zu der widersinnigen
Umkehrung in den Wiedergaben nach Q-Mt und Q-Lk gekommen sein kann.
Die Antwort auf diese Frage war leicht zu finden. Denn
die Belegstellen Q-Lk 14,11 und 18,14 wurden völlig unpassend an je ein Gleichnis angehängt und die Belegstelle QMt 23,12 ebenso unpassend an den Spruch: „Der Größte
von euch soll euer Diener sein“ (EÜ-Text). Dabei mussten
die betreffenden Satzteile notgedrungen vertauscht werden,
damit sie wenigstens scheinbar passten.
Q 15,8-10
Dieses kunstvoll geformte dreiteilige Plädoyer gegen Jerusalem als Repräsentantin des ganzen jüdischen Volkes
war ein Wort Jeschus an Außenstehende. Es besteht aus ei-
262
ner dreizeiligen Einleitung, einem Hauptteil aus sechs Drittelzeilen und aus einem dreizeiligen Schluss.
In der Einleitung wandte sich Jeschu mit einer doppelten Anrede an Jerusalem als kinderreiche Mutter, wobei die
Doppelung sowohl ein Ausdruck des Schmerzes als auch
der Drohung ist und wobei mit ihren Kindern nicht nur
ihre Einwohner gemeint sind, sondern das ganze jüdische
Volk (einschließlich der Diasporajuden).
Dabei erinnerte er die „Heilige Stadt“ an ihre Vergangenheit, während der sie ihre hervorragendsten Kinder, die
Propheten und andere Sendboten Gottes, ermordet hatte,
um die Wahrheit Gottes nicht länger hören zu müssen.
Im Hauptteil gedachte Jeschu seiner eigenen Bemühungen um Jerusalem, deren Wie oft? an weit mehr denken lässt,
als an seine sporadischen Besuche anlässlich seiner Wallfahrten zum Jerusalemer Tempel. Denn: Vermutlich dachte
er dabei auch an geistige Bemühungen aus der jenseitiggeistigen Welt, bevor er als Mensch auf die Erde kam.
Zu den Symbolwörtern Glucke und Küken ist nachzutragen: Die Glucke ist der Inbegriff geduldiger, fürsorglicher
und bei Gefahr schützender und rettender Mütterlichkeit.
Dass Jeschu sich nicht scheute, sein Tun mit dem einer
Glucke zu vergleichen, zeigt mehr als alles andere, wie sehr
es ihn geschmerzt haben muss, dass die Küken, die Kinder
Jerusalems, sich nicht sammeln lassen wollten.
So kam, was nach dem Tat-und-Tatfolge-Zusammenhang kommen musste: Im jüdischen Krieg gegen Rom, um
70 u. Z., wurden viele von ihnen eine Beute der Adler
Roms (dem Symbol auf den Standarten seiner Legionen).
Zum Schluss, eingeleitet durch Seht! Seht!, wandte sich
Jeschu mit einem prophetischen Ausruf über das Schicksal
des Jerusalemer Tempels, unmittelbar an sein Volk:
263
Seht! Seht! –
Euch wird – zurückgelassen werden –
euer Tempel – zerstört!
Hiermit endete das Plädoyer Jeschus gegen Jerusalem.
Der Rest von Q 15,10 und das Zitat aus Ps 118,26 hätten es
nur abgeschwächt. Es stammt nicht von ihm. Denn er wusste, dass dieser alttestamentliche Segensgruß der Priester, gerichtet an die Festpilger, nicht ihm gelten konnte.
Q 16,1-12°
Das Gleichnis „Vom Gastmahl (1)“ – gebildet aus
zwölf verschieden geformten Redeteilen – war ein Wort
Jeschus an seine frommen Kritiker, die Pharisäer, und an
seine theojuristischen Gegner, die Schriftgelehrten. Dass es
zu Q gehört, wird durch Q-Mt 22,2-10 bestätigt: keine Parallele, wie die völlig andere poetische Form verrät, sondern
eine eigenständige Variation des gleichen Themas.
Es muss Jeschu wiederholt beschäftigt haben; denn seinen Kritikern und Gegnern wird er immer wieder und überall im Land begegnet sein. Er trug es ihnen vor, um ihnen
einen Spiegel vorzuhalten; das heißt, um ihnen bewusst zu
machen, dass sie zwar
(1.) zu einem Volk gehören, das durch die Propheten
und andere Sendboten Gottes eingeladen war, am künftigen
„Mahl der Heilszeit“ (in der jenseitig-geistigen Himmelsherschaft) teilzunehmen, dass sie aber
(2.) wegen ihrer Ablehnung sowohl der Botschaft des
Täufers als auch seiner eigenen Botschaft vom Da-Sein der
(diesseitig-geistigen) Gottesherrschaft denen seiner Gleichnisfiguren glichen, die ihre Teilnahme am Gastmahl (einem
264
Sinnbild des Mahles der Heilszeit) aus purer Überheblichkeit abgesagt hatten und
(3.) sich darüber lustig machten, dass er, Jeschu, nur die
Armen, Kranken, Unwissenden und Unfrommen des Volkes an sich zu ziehen und als Zuhörer seiner Botschaft zu
gewinnen vermochte (Jh 7,45-49).
Deutlich wurde dieser Tatbestand freilich erst, nachdem
der Wortlaut von Q-Lk 14,16-23, von allen Zusätzen gereinigt, ins Aramäische rückübersetzt und anschließend ins
Deutsche übertragen worden war.
Dadurch und auf dieselbe Weise wurde übrigens auch
klar, dass Q-Mt 22,2-10 keine Parallele zu Q-Lk 14,16-23
ist, sondern ein völlig selbständiges, thematisch ähnliches
Gleichnis. Der Nachweis folgt im unmittelbar anschließenden Q-Text.
Nachtrag: Im NTG-Text zu Q-Lk 14,16 trägt das unbestimmte Pronomen „ein gewisser“ einen eigenen Ton, darf
also nicht, wie es meistens ist, unübersetzt bleiben. Denn es
weist auf einen bestimmten Mann hin und damit auf einen
Vorfall, der sich wirklich ereignet hat, beziehungsweise auf
eine Erzählung über solch einen Vorfall.
Q 16,13-17°
Das Gleichnis „Vom Gastmahl (2)“, gebildet aus fünf
Dreizeilern, war ebenfalls, wie das voranstehende Gleichnis,
ein Wort Jeschus an seine frommen Kritiker und an seine
theojuristischen Gegner. Dass es zu Q gehört, wird durch
Q-Lk 14,16-23 bestätigt.
Trotz großer formaler Unterschiede, die seine Selbständigkeit beweisen, ist die inhaltliche Verwandtschaft zwi-
265
schen beiden Gleichnissen so groß, dass sich ein eigener
Kommentar erübrigt.
Bemerkenswert ist: Die wiederhergestellte Fassung des
Gleichnisses „Vom Gastmahl (2)“ ist fast vollständig im
NTG-Text zu Q-Mt 22,2-10 enthalten. Es brauchten, um
sie zu gewinnen, lediglich 79 von 151 griechischen Wörtern
gestrichen zu werden.
Dieser Tatbestand spricht für sich selbst. Er kann bei
sachgerechter Beurteilung nur so gewertet werden, dass der
Ur-Textbestand des Gleichnisses gezielt durch allegorisierende Textteile ergänzt worden ist, in denen sich die nachjeschuanische Nichtjudenmission präsentiert.
Nachtrag: Dieser Allegorisierung sind hiernach 79 von
151 griechischen Wörtern zuzuweisen. Das ist mehr als die
Hälfte! Hinzu kommt noch die numerische Änderung (Singular in Plural) vieler weiterer Wörter. Beide Arten von Eingriffen waren eine unverantwortliche Willkür dem geistigen
Eigentum Jeschus gegenüber.
Q 17,1-3*
Dieser Q-Text – nach Q-Mt eine wohl formulierte, klar
gegliederte Dreiung von Dreizeilern, nach Q-Lk unsäglich
zerredet – war ein Wort Jeschus an einen oder an mehrere
seiner Schüler. Es war (und ist) eine Maximalaussage, mit
der er festlegte, wer nach seinem Urteil für ihn tauglich sei
und wer nicht.
Darf man den ersten und den zweiten dieser drei Sätze
Jeschu zuschreiben? Man bedenke:
Es sind Sätze, in denen er – von Unverheirateten und
von Verheirateten – verlangte, ihn mehr zu lieben als die
266
unmittelbaren Blutsverwandten. Es sind Sätze, die einen
Nervenarzt und Jesusbuchautor veranlassten, Jeschu des
Ich-Wahns zu bezichtigen! Noch einmal: Darf man diese
Sätze Jeschu zuschreiben?
Man darf. Denn das Urteil jenes Mannes ist eine Fehldiagnose. Sie ist typisch für Menschen, die wähnen, ihr
Sachwissen auf ihrem Fachgebiet reiche aus, auch über andere Fachgebiete sachkundig urteilen zu können.
Wie irrig diese Selbsteinschätzung ist, zeigt folgende
Überlegung: Selbstverständlich ging es Jeschu in jenen beiden Sätzen nicht um ein Liebesverhältnis, sondern um ein
Lehrer-Schüler-Verhältnis.
Was er als Lehrer seinen Schülern mitzuteilen hatte, das
verlangte von ihm und von ihnen ungeteilte Aufmerksamkeit und Hingabe. Die aber wären ausgeschlossen gewesen,
wenn seine Schüler ihre Blutsverwandten mehr geliebt hätten als ihn, ihren Lehrer.
Denn damit wäre der geistige Geben-und-EmpfangenZusammenhang ebenso unwirksam geworden wie ein unterbrochener elektrischer Kontakt. Um dies von vornherein
zu unterbinden, allein darum formulierte Jeschu jene beiden
umstrittenen Sätze.
Und der dritte Satz, auf dem nach den Regeln seiner
Poesie der Hauptton ruht? Bei ihm hängt alles davon ab,
den Begriff mein Joch richtig zu deuten.
Woran also mag Jeschu bei dem Wort Joch gedacht haben? Sicherlich nicht an eine zusätzliche Last (Mt 11,28-30).
Woran aber dann? Zweifellos an das Joch der Lastenträger;
das heißt an eine hölzerne, in der Mitte krumm gebogene
Stange, an deren beiden Enden die Träger ihre Lasten verteilt aufhängten, um sie auf einer Schulter tragen zu können
und sie sich so erträglicher zu machen.
267
Klar sollte sein, dass Jeschu den dritten Satz seiner
Dreiung, den von seinem Joch, in der übertragenen Bedeutung „Verpflichtung“ verstanden wissen wollte. Also im
Sinn des rabbinischen „Joch der Gebote“, nämlich der Verpflichtung, die „Vorschriften des Gesetzes“ (besser: der
Weisung) zu befolgen. Mit dem Unterschied freilich, dass er
die vielen einzelnen Vorschriften durch ein Gebot ersetzte:
durch das sie alle umfassende Liebesgebot.
Erwähnenswert ist noch: Im NTG-Text zu Q-Mt 10,38
/ Lk 14,27 steht sein Kreuz. Der RÜ-Text hat stattdessen
mein Joch. Warum?
Weil der bildliche Gebrauch des Satzteils wer nicht sein
Kreuz nimmt (Mt 10,38; beziehungsweise trägt Lk 14,27) erst
aufkam, nachdem Jeschu sein Kreuz nach Golgolta getragen
hatte. Und zwar nur unter seinen Schülern, für die das
Kreuztragen Jeschus, weil es als Sühneleiden gedeutet wurde, positiv besetzt war und nicht negativ, wie für jeden anderen Juden in ihrer Umwelt.
Denn für die galt das Urteil aus 5Mo 21,23: „Ein Verfluchter Gottes ist ein Gehenkter!“ – kein göttliches, sondern ein kultisches Urteil aus einem Text, von dem bekannt
ist, dass er im zeitgenössischen Judentum auch auf Gekreuzigte bezogen wurde.
Daraus folgt: Erst aus nachösterlicher Sicht war es möglich, den Satzteil wer nicht sein Kreuz tragen will zu formulieren.
Hätte schon Jeschu ihn so formuliert, dann hätten seine
Schüler ihn unmöglich verstehen können, weil das, worauf
er anspielen soll, noch gar nicht geschehen war.
Und dass es mein Joch heißen muss statt sein Joch, das
ergibt sich nicht nur aus dem unmittelbar folgenden „und
nicht hinter mir hergehen will“, sondern auch aus der oben
erwähnten übertragenen Bedeutung „Verpflichtung“.
268
Nachtrag: Brauchbar für eine Rekonstruktin des ersten
und des zweiten Dreizeilers dieses NTG-Textes war nur QMt 10,37. Denn der zu Q-Lk 14,26 ist durch und durch unjeschuanisch formuliert: völlig unpoetisch, unerträglich fanatisiert, ein ungezügelter Wortschwall, wie man ihn Jeschu
auf keinen Fall unterstellen darf. Er kann gänzlich unberücksichtigt bleiben.
Q 17,4
Das Bildwort „Vom Salz“ – im NTG-Text sehr fehlerhaft übersetzt, gebildet aus einer Eingangsthese und einem
Langzeiler – war ein Wort Jeschus an seine Schüler; und
zwar ein Spruch, dessen NTG-Wortlaut ohne Mk 9,50 und
ohne Kenntnis des Aramäischen weder richtig verstanden,
noch zutreffend gedeutet werden kann.
Der erste und entscheidende Grund dafür ist, dass dort,
wo die Mk-Fassung es wird salzlos hat, in der Q-Mt- und in
der Q-Lk-Fassung es wird töricht steht.
Dazu ist zu ergänzen: erstens, dass das griechische Wort
nur töricht sein und töricht reden, handeln bedeuten kann; zweitens, dass das zugrunde liegende aramäische Wort tefal beide Bedeutungen abdeckt: salzlos werden und töricht sein, reden,
handeln. Es stehen also in der ersten Satzhälfte des Spruches
einander gegenüber:
Wenn aber das Salz salzlos wird (Mk) und
Wenn aber das Salz töricht wird (Q-Mt und Q-Lk).
Welche der beiden Wiedergaben (mit einer Einschränkung)
die richtige ist, kann nicht zweifelhaft sein.
Diese Einschränkung betrifft den zweiten, den grammatischen Grund. Der aber legt nahe, dass der griechischen
269
Entsprechung für es wird salzlos das Verb jittappal zugrunde
liegt, das mit es wird salzlos werden wiederzugeben ist. Doch
dies ist erst ein Schritt in die richtige Richtung.
Der zweite Schritt führt – über die wenn … , womit-Konstruktion und die modale Nuance des aramäischen Imperfekts – zu dem Schluss, dass Jeschu in seinem Bildwort
„Vom Salz“ keinen wirklichen Tatbestand meinte (denn
Salz kann nicht salzlos werden, das ist chemisch unmöglich),
sondern einen nur gedachten Tatbestand; also:
Wenn aber das Salz salzlos werden würde,
womit würde gesalzen werden?
(gesalzen werden nach der Q-Mt-Fassung, die Q-Lk-Fassung
liest gewürzt werden; gegen S, C, P und H). Und worauf zielte
Jeschu mit diesem Bildwort?
Einzusetzen hat seine Deutung bei der Funktion des
Salzes, bei der ihm arteigenen natürlichen Wirkung: zu salzen, Fades schmackhaft zu machen. Zwar hat es auch noch
andere Funktionen, zum Beispiel: zu reinigen und vor Fäulnis zu bewahren. Aber zweifellos ist dies, Fades zu salzen,
seine Hauptfunktion. Und die verliert es nie.
„Wenn aber“, Jeschu setzte lediglich diesen an sich unmöglichen Fall: „wenn aber das Salz salzlos werden würde,
womit“, so fragte er, „würde (dann) gesalzen werden?“
Diese Frage war berechtigt, jedenfalls zu seiner Zeit
und in seiner Umwelt. Doch was wollte er mit ihr andeuten? Oder, da es sich bei diesem Spruch um ein Bildwort
handelt: Worin berühren sich Bild- und Sachhälfte in diesem Salzwort?
Angenommen, Jeschu habe, als er es aussprach, an die
oben erwähnte Hauptfunktion des Salzes gedacht, Fades zu
salzen; ist es dann nicht folgerichtig, danach zu fragen, wie
das Salz salzt? Vielleicht, dass es dadurch gelingt, dem ur-
270
sprünglichen Sinn des Salzwortes auf die Spur zu kommen:
einem Sinn, in dem Bild- und Sachhälfte zwanglos übereinstimmen.
Soviel ist sicher: Seine Hauptfunktion, Fades zu salzen,
kann Salz nur erfüllen, indem es sich dabei auflöst – eine
seit Urzeiten bekannte Tatsache. Sollte Jeschu, als er das
Salzwort sprach, diese Tatsache im Blick gehabt haben?
Wenn ja, was mehr als wahrscheinlich ist, dann wird es der
Gedanke an seine eigene „Auflösung“ gewesen sein, die ihn
dazu inspiriert hat.
Denn: Jeschu wusste sich von Gott gesandt. Und er
wusste, dass diese Sendung in blutigem Leiden enden werde
(Mt 20,28 / Mk 10,45). Doch als er dies seinen Schülern
mitteilte – in den sogenannten Leidensankündigungen, die
in ihren Kernaussagen zweifelsfrei echt sind –, da stieß er
auf Unverständnis, ja auf Widerstand (Mt 16,22 / Mk 8,32).
Liegt es nicht nahe, dass er sein Salzwort in einer vergleichbaren Situation gesprochen hat?! Oder in einem Lehrgespräch über sein Leiden?! Um seinen Schülern dessen
Unausweichlichkeit deutlich zu machen!
In dem Fall wäre der Vergleichspunkt, an dem Bildund Sachhälfte übereinstimmen, die Auflösung – beim Salz:
um zu salzen, bei ihm: um seine Sendung zu erfüllen.
Jeschus rhetorische Frage: „Wenn aber das Salz salzlos
werden würde, womit würde gesalzen werden?“ oder, als
göttliches Passiv verstanden: „ … womit würde Gott salzen?“, adressiert an seine Schüler, wäre dann so zu deuten:
Hätte Jeschu sich von seinem Leiden abbringen lassen,
durch wen oder was auch immer, womit hätte Gott dann
salzen, mit wem „das Heil“ bewirken sollen?
Doch diese Frage war schon irreal, als Jeschu sie stellte.
Denn er war entschlossen, sich von niemandem und durch
271
nichts von seiner Sendung abbringen zu lassen. Er war bereit, sein Selbst hinzugeben als Lösegeld für alle (1Ti 2,6).
Daraus folgt: Sein Gang nach Golgolta war kein Missgeschick. Er ging ihn, weil er es wollte.
Nachtrag: Im NTG-Text ist Mt 5,13a Ihr seid das Salz der
Erde zu streichen. Es gehört zu Ihr seid das Licht der Welt (Mt
5,14a), mit dem zusammen es ursprünglich einen Zweizeiler bildete, ein wichtiges Jeschuwort für sich.
Ebenso wichtig ist: Die Tatsache, dass Salz unmöglich
salzlos werden kann, erzwingt den Schluss, dass Mt 5,13d-f
und Lk 14,35a-c nicht von Jeschu stammen können. Denn
beide Textteile setzen voraus, dass Salz seine Würzkraft verlieren kann. Damit aber würden sie, wenn man sie beim
Salzwort beließe, den Sinn des Bildwortes verderben.
Q 17,5.6*
Diese Paarung von je drei Drittelzeilen – im NTG-Text
von Q-Mt und Q-Lk sehr fehlerhaft wiedergegeben, überdies auch noch durch einen poetisch und inhaltlich unpassenden Einschub verdorben – war ein Wort Jeschus an Außenstehende.
Beim ersten Redeteil konnte er ihrer Zustimmung sicher sein. Anders beim zweiten. Denn mit ihm kam er zur
Sache: Entweder Gott dienen oder dem Geld. Beiden Herren dienen zu wollen, sei unmöglich. Ist es auch!
Dass Jeschu diesen Gegensatz so unerbittlich scharf
formulierte, dafür muss es Gründe gegeben haben, wahrscheinlich persönliche Erfahrungen im Umgang mit seinen
Mitmenschen. Zweifellos eher im Umgang mit Reichen als
mit Armen.
272
Auf jeden Fall aber eine akute Auseinandersetzung mit
einigen seiner Zuhörer, die der Auffassung waren, sie könnten Gott und dem Geld dienen: Zuhörer, denen er bewusst
machen wollte, dass sie falsch dachten und darum auch
falsch handelten. Mit dem entsprechenden unerwünschten
Folgen für sich selbst, für ihre Angehörigen, für ihre Mitmenschen und für ihre Umwelt.
Selbstverständlich wusste Jeschu um die dämonische
Macht des Geldes; dass sie es vermag, jeden Menschen zu
versklaven und zu entmenschlichen, der sich ihren drogenähnlichen Wirkungen hingibt.
Deren schlimmste ist zweifellos die, dass die Geldgier
meistens zusammen mit der Machtgier auftritt. Und da beide unersättlich sind, wird keiner der von ihnen Befallenen
innehalten, außer er hat endlich begriffen, dass man Geld
nicht essen kann.
Q 17,7*
Dieser Dreizeiler – in der dritten Zeile des NTG-Textes
ganz und gar falsch übersetzt – war ein Wort Jeschus an
Außenstehende. Dass es zu Q gehört, wird durch Q-Lk 16,
16 bestätigt: keine Parallele, sondern eine Variation eines
ähnlichen Themas.
Was Jeschu mit der Zeit des Johannes meinte, ist klar: die
Zeit, seit der die diesseitig-geistige Gottesherrschaft da ist,
die von Johannes dem Täufer, von ihm selbst und von seinen Schülern ausgerufen wurde. Zugleich auch die Zeit, in
der er (nach seinem Sieg über den Satan: Q-Mt 4,1-11 / Lk
4,1-13 = Q 2,4-14) durch Dämonenaustreiben, Heilen und
Lehren der Macht Satans entgegentrat.
273
Doch dessen Gegenangriff ließ nicht lange auf sich warten. Sein erstes Opfer war Johannes der Täufer, den er
durch Herodes Antipas im Kerker seiner Festung Machärus
auf Betreiben seiner Frau Herodias enthaupten ließ.
Seinem nächsten Opfer, Jeschu, konnte er nicht so
rasch beikommen, weil der sich dem Zugriff durch Antipas’
Häscher immer wieder entzog, bis er selbst den Termin bestimmte, an dem er gefangen genommen werden wollte, um
seinen Weg am Römerkreuz auf Golgolta zu vollenden.
Diese Aktionen Satans und seiner Helfer (Dämonen
und von ihnen inspirierte Menschen) nannte Jeschu „der
Gottesherrschaft wird Gewalt angetan“. Aber diese Gewalt
bedeutete keineswegs das Ende der diesseitig-geistigen Gottesherrschaft. Im Gegenteil! Sie war der Anfang vom Ende
der Herrschaft Satans über die Erde (Q-Lk 4,6 = Q 2,12).
Irgendwann in der Zukunft, auch wenn es noch lange
dauern mag, wird sie gänzlich verschwunden sein; dann
nämlich, wenn Satan und seine Helfer – „die Gewalttätigen“, wie Jeschu sie nannte – von der Gottesherrschaft
überwältigt sein werden; und zwar durch geduldiges Zuwarten, bis ihre Gewalttätigkeit sich selbst verzehrt haben
wird. Anders geht es nicht, wegen der Entscheidungsfreiheit
aller Geistwesen.
Nachtrag: Die Wiedergabe aber die Gewalttätigen werden
überwältigt von ihr ergab sich durch die Rückübersetzung von
Q-Mt 11,12c („und Gewalttätige reißen es an sich“) und QLk 16,16e („und jeder drängt sich in sie hinein“). Und zwar
mithilfe einer aramäischen Übersetzung von Jes 21,2 („die
Gewalttätigen werden überwältigt werden“), die Jeschu offenbar gekannt haben wird.
Offensichtlich wussten beide frühkirchlichen Übersetzer – der von Q-Mt 11,12c und der von Q-Lk 16,16e – mit
274
ihrer aramäischen Vorlage dieses Textteils nichts Rechtes
anzufangen. Das ist verständlich, denn ihr aramäischer
Wortlaut war nicht leicht zu durchschauen. [Er enthält ein
Wortspiel, in das auch das voranstehende Gewalt angetan mit
einbezogen ist.]
Q 17,8*
Dieser Doppel-Zweizeiler – ein Wort Jeschus an Außenstehende – ist weder in Q-Mt noch in Q-Lk fehlerfrei
und vollständig wiedergegeben und war nur aus den Wortbeständen beider wiederherzustellen.
Es betraf eine Zeitenwende. Mit dem ersten Zweizeiler
beschrieb er die Zeit davor als die Zeit des Prophezeiens
der diesseitig-geistigen Gottesherrschaft und mit dem zweiten Zweizeiler die Zeit ihres Ausrufens.
Die Wende selbst war deren Ankunft und Da-Sein.
Kenntlich gemacht war sie durch die Botschaft und die
Taufe Johannes des Täufers, deren ernsthafter Vollzug die
Aufnahme in sie bedeutete.
Während der Zeit des Prophezeiens der Gottesherrschaft war und blieb die Vorstellung davon, welcher Art sie
sein werde, unklar und von den Wünschen und Erwartungen der Propheten geprägt und eingefärbt; nämlich nur
diesseitig-messianisch und jüdisch-national. Das war verständlich, verfehlte aber ihren geistigen, nicht national beschränkten Charakter, der schon in Jes 42,6 durchscheint.
Diesen un-beschränkten Charakter der Gottesherrschaft
zu lehren und zu leben, war der Zeit ihres Ausrufens vorbehalten, der Zeit von Jeschu ab und danach also. Doch
was geschah?
275
Offensichtlich reichte die Zeit, die er hatte, nicht aus,
um die diesseitige messianische Vorstellung von der Gottesherrschaft umzuprogrammieren. Eine eingefleischte Hoffnung, der auch seine Schüler anhingen und an der sie selbst
nach seinem Weggang noch festhielten (Apg 1,6).
So kam es, dass Jeschus Schau der Dinge auch heutzutage noch unbekannt ist; ja, dass es immer noch so scheinen
kann, als habe er sich mit seiner angeblichen Naherwartung
des „Reiches Gottes“ geirrt.
Was für eine tragische Verkennung des Sinnes seiner
Botschaft von der diesseitig-geistigen Gottesherrschaft, die
da ist, und der jenseitig-geistigen Himmelsherrschaft, die
war, seit Gott ist, und die immer sein wird!
Leider haben Jeschus Zuhörer, weder die Außenstehenden noch seine Schüler und Freunde, auch nur annähernd
richtig verstanden, wie er diese Doppelbotschaft verstanden
wissen wollte.
Die Außenstehenden nicht, weil sie als Juden ein diesseitiges „Reich Gottes“ erwarteten, das alle ihre gesellschaftlichen und politischen Nöte beseitigen und heilvolle
Zustände herbeiführen werde: zunächst für das jüdische
Volk, dann aber auch für alle Nichtjuden, die sich ihm und
seiner Gottesverehrung anschließen würden.
Und seine Schüler nicht, weil sie zu seinen Lebzeiten
durch Fehldeutungen seiner Worte daran gehindert wurden
(Lk 24,21). Und später die Schüler seiner Schüler (die Christen) bis heute nicht, weil sie durch Fehlübersetzungen seiner Worte daran gehindert wurden, zu erkennen, dass es
eine zweifache Botschaft war, die Jeschu verkündigt hatte:
Zuerst die Botschaft von der diesseitig-geistigen Gottesherrschaft, die da ist und später die Botschaft von der
jenseitig-geistigen Himmelsherrschaft, die aller Menschen
276
Ursprung und Ziel ist, wenn auch das Letztere, je nach
Entwicklungsstand, in näherer oder fernerer Zukunft.
Q 17,9°
Dieser Zweizeiler – ein Amenwort – war ein Wort Jeschus an seine Schüler. Dass es zu Q gehört, wird durch QLk 16,17 bestätigt, eine Variation des gleichen Themas.
Wahrscheinlich war es eine Antwort auf ihre Frage, ob
die zehn Gebote (besser: die neun Verbote = die Weisung,
nicht: das Gesetz!) aufgehört hatte zu gelten: weil er ja einige von ihnen in der Bergpredigt radikalisiert hatte (siehe
„Die Weisung Gottes“, Seiten 322 und 323).
Vielleicht hatten sie erwartet, dass Jeschu ihre Folgerung als richtig bestätigen würde. Doch darin hatten sie sich
getäuscht. Denn seine Antwort, eingeleitet mit Amen! Amen!
– Ich soll euch sagen (dadurch kenntlich gemacht als ein Gotteswort an sie), betonte deren Geltung.
Zwingend logisch. Denn die Weisung zu radikalisieren,
bedeutete gerade nicht, sie für ungültig zu erklären, sondern
– im Gegenteil – sie auf die Spitze zu treiben, ihre Geltung
zu verschärfen, das, was sie wirklich meinte, ins Bewusstsein zu rücken.
Vor allem seinen Schülern – die seine souveräne Haltung den Reinheitsgeboten gegenüber leicht missdeuten
konnten (Mt 15,1-11 / Mk 7,1-15) – musste er die Geltung
der neun Verbote einschärfen. Nicht für immer, sondern
auf Zeit: bis die Himmel und die Erde (das derzeit existierende
Universum) vergehen (2Pt 3,10).
Jedoch (und darauf kam es ihm an) in dem von Gott
her beabsichtigten Sinn! Nicht im Sinn jener starren Gesetz-
277
lichkeit, zu der ihre Befolgung durch die kasuistischen Auslegungen mancher Schriftgelehrten entartet war.
An Jeschus Schüler adressiert, wäre die Konsequenz
dieses Spruches etwa so zu formulieren: Wer als sein Schüler (einschließlich seiner Schülersschüler bis heute) den in
den neun Verboten ausgesprochenen Gotteswillen missachtet, kann sich auf ihn, Jeschu, nicht berufen.
Zu dem Wort waw im RÜ-Text von Q-Mt 5,17 ist noch
nachzutragen: Im NTG-Text zur Stelle steht das griechische
Wort keraia (wörtlich: „Hörnchen“), hier: „Häkchen“. Es
hat sich vielerlei Deutungen gefallen lassen müssen. Aber da
keine von ihnen vom Aramäischen hergeleitet war, ist es
nicht verwunderlich, dass allesamt falsch waren.
Was Jeschu gemeint haben muss, war das aramäische
Wort waw. Es bedeutet Haken und ist zugleich der Name
des hakenförmigen Buchstabens waw. Bemerkenswert ist,
dass dieser Buchstabe zur Zeit Jeschus der kleinste Buchstabe des aramäischen (nicht hebräischen!) Alphabets war
und nicht, wie immer wieder behauptet wird, das jod.
Q 17,10°
Wie der voranstehende Zweizeiler, so war auch dieser
Doppel-Langzeiler – gleichfalls ein Amenwort – ein Wort
Jeschus an seine Schüler. Dass es zu Q gehört, wird durch
Q-Mt 5,18 bestätigt: auch keine Parallele, sondern eine Variation desselben Themas.
Gegenüber dem obigen Q-Text ist dieser Q-Text eine
enorme Steigerung. Denn während jener ein terminiertes
Vergehen von Himmel und Erde voraussetzt (daher bis),
gibt dieser an (indirekt), es sei zwar schwierig, dass Himmel
278
und Erde (das derzeit existierende Universum) vergehen,
aber es sei noch schwieriger, dass ein waw von der Weisung
(von den neun Verboten) vergehe.
Im Übrigen ist dieser Spruch dem voranstehenden so
verwandt, dass sich ein eigener Kommentar erübrigt. Erwähnenswert ist noch, dass die neun Verbote, reduziert auf
ihren Urbestand, neun kurze Sätze sind – alle eingeleitet mit
lo’ „nicht“, ohne auch nur ein überflüssiges Wort (siehe
„Die Weisung Gottes“, Seiten 322 und 323).
Q 17,11
Auch dieser Langzeiler – ebenfalls ein Amenwort, zugleich ein Antwortspruch – war ein Wort Jeschus an seine
Schüler. Die Frage, auf die er mit ihm antwortete, muss sich
auf das „Recht“ des damaligen jüdischen Mannes bezogen
haben, seine Frau zu entlassen.
Dazu brauchte er nur vor mindestens zwei Zeugen zu
erklären, etwas Schändliches an ihr entdeckt zu haben, dreimal zu ihr zu sagen: „Ich verstoße dich!“ und ihr einen gültigen Entlassungsbrief zu übergeben. Und wenn im Ehevertrag nichts anderes ausgemacht worden war, dann war seine
Ehe mit ihr nach geltendem Recht geschieden.
Doch das war Willkür. Und dieser Willkür des Ehemannes gegenüber seiner Ehefrau setzte Jeschu ein neues, durch
Offenbarung empfangenes Eherecht entgegen:
Amen! Amen! – Ich soll euch sagen:
Jeder, der seine Ehefrau entlässt –
er ist ein Ehebrecher!
Damit sollte und damit wollte er die Frau gegen die legale Willkür des Mannes schützen. Wohlgemerkt: Bezogen
279
war dieser Langzeiler nur auf seine Schüler und Schülersschüler, und verbindlich war er nur für sie.
Sein Sinn, ebenso knapp wie klar formuliert, war zwingend logisch: Wenn jemand seine Ehefrau „entlässt“, dann
zer„bricht“ er die Ehe zwischen sich und ihr. Und zwar völlig unabhängig von geschlechtlichem Ehebruch.
Spätere Schüler Jeschus werden diese Konsequenz als
zu hart empfunden haben. Um ihr zu entgehen, fügten sie
daher entschärfende Klauseln ein. Deren älteste steht in QLk 16,18: „und eine andere heiratet“.
Dass diese Klausel wirklich ein Einschub ist, beweist
die Tatsache, dass sie die poetische Form zerstört. Raffiniert, wie sie war, erlaubte sie es ihren Erfindern (auch als
Schüler Jeschus) ihre Ehefrau zu entlassen, wenn sie wollten und wenn sie es sich finanziell leisten konnten – gegen
das von Jeschu verkündete neue Eherecht!
Wohlgemerkt: Die obige Weisung Jeschus betraf nur
das derzeit geltende Recht des Ehemannes, seine Frau willkürlich zu entlassen. Denn: Eine Ehescheidung zweier vor
dem Gesetz gleicher Ehepartner, wie wir sie heute kennen,
gab es im Judentum der Zeit Jeschus nicht.
Wenn aber nicht, dann ist es durch nichts zu rechtfertigen, Q 17,11, eine zeit- und umweltbedingte Weisung Jeschus, auf die heutige, ganz anders bedingte Ehescheidungspraxis zu übertragen. Und zwar exakt so, als gelte die damalige (offenbar nur selten angewandte) jüdische EhefrauEntlassungspraxis immer noch.
Richtig ist: Es kann keinen Zweifel daran geben, dass
Jeschu die Ehe so ernst nahm, wie sie es verdient. Gerade
darum aber muss er dann auch gewollt haben, dass sich ihr
Sinn erfülle, entsprechend dem doppelten Liebesgebot: der
Gottes- und der Nächstenliebe.
280
Doch wenn es so ist, dann kann er eine sinnentleerte
Ehe ebenso wenig gutgeheißen haben, wie eine sinnentleerte Sabbatheiligung, die er ja bekanntlich wiederholt durch
Wort und Tat verurteilt hat (Lk 13,10-17; 14,1-6).
Aus all dem folgt: Zweifellos hätte Jeschu (wenn er darüber zu entscheiden gehabt hätte) eher darauf bestanden,
eine Ehe für ungültig zu erklären, in der die Frau von ihrem
Mann entwürdigt wird, als darauf, dass sie unter unwürdigen Bedingungen bestehen bleibe.
Nachtrag: Was in Q-Lk 16,18 folgt (wörtlich übersetzter
NTG-Text: „und der eine Entlassene von einem Mann Heiratende bricht die Ehe“), ist unjeschuanisch: erstens, weil es
dem Sprachgebrauch und der Poesie Jeschus wiederstreitet;
zweitens, weil es vom Heiraten handelt, und nicht vom Entlassen einer Ehefrau; drittens, weil eine bereits gebro-chene
Ehe nicht zweimal gebrochen werden kann.
Mt 19,6 / Mk 10,9: „Was Gott zusammengefügt hat, soll
der Mensch nicht trennen“ betrifft nur die beiden Geschlechter, nicht die Ehe. Andernfalls hätte Gott weltweit
jedes Ehepaar zusammengefügt – ein unsinniger Gedanke!
Zu Q-Mt 5,32 sei nur soviel angemerkt: Sein Wortlaut
ist so verklausuliert, dass er es verdient, absurd genannt zu
werden. Ihn Jeschu zu unterstellen, wäre schändlich.
Q 17,12*
Diese Paarung je zweier Halbzeilen – eingeleitet mit einem Weheruf – war eine Voraussage Jeschus, gerichtet an
seine Schüler. Sie erfüllt sich vor allem am „christlichen“
Abendland. Erschreckend ist, dass er sie nicht mit „Wehe
den Menschen!“ einleitete, sondern mit „Wehe der Welt!“
281
Sicherlich, weil er voraussah, dass die grenzenlose Gier
viel zu vieler Menschen und ihre unverschämte Hybris sie
dazu anstacheln würden, alles zu tun, was sie meinen, tun
zu sollen. Bedenkenlos und ohne Rücksicht auf mögliche
Folgen und ohne auf die dringenden Warnungen von Fachleuten zu hören, die es besser wissen als sie.
Nicht minder erschreckend ist, was Jeschu in den folgenden Zeilen voraussagte. Nämlich: So, wie jene von Gier und
Hybris getriebenen Menschen beschaffen sind, werde nicht
zu verhindern sein, dass sie den Verführungen erliegen, die er
kommen sah; schlimmer noch: dass sie sich ihnen hingeben.
Mit derart katastrophalen Folgen für die Welt, dass Jeschu
nicht umhin konnte, sein „Wehe der Welt!“ auszurufen.
Dass jene Menschen, wenn ihre Zeit gekommen sein
wird, von dem speziell sie betreffenden Tat-und-TatfolgeZusammenhang eingeholt werden, ist angesichts der Schäden, die sie der Welt und allem Lebendigen auf ihr bis dahin
zugefügt haben werden, kein Trost.
Und wie kann und wird die Welt von jenen Schäden geheilt werden? Das ist eine Frage, die Jeschu nicht vorausschauend beantwortet hat. Stattdessen sprach er von der
Himmelsherrschaft als dem Ziel der Weltgeschichte und
vom Einlass in sie als dem persönlichen Ziel aller Menschen. Dass die Mehrheit von ihnen nichts davon weiß, ja,
dass sie nicht einmal ahnt, dass dies ihr Ziel ist, ändert
nichts an der Tatsache, dass es so ist.
Q 17,13*
Dieser Zweizeiler betrifft ein garstiges Thema. Er war
ein Wort Jeschus an Außenstehende. – Achtung! Die ersten
282
drei Evangelien geben das, was Jeschu wirklich gesagt hat,
am Anfang so falsch wieder und am Ende so grausig, dass
es ihn mit Schande bedeckt hat (Q-Mt 18,6, EÜ-Text):
Wer einen von diesen Kleinen,
die an mich glauben,
zum Bösen verführt,
für den wäre es besser,
wenn er mit einem Mühlstein um den Hals
im tiefen Meer versenkt würde.
Man stelle sich vor: Das soll der Mann gesagt haben,
der seinen Schülern gebot (Q 3,14):
Erbarmt euch über die, die euch anfeinden!
Tut Gutes denen, die euch hassen!
Segnet die, die euch verfluchen!
Betet für die, die euch Böses antun!
Kann man auch nur für einen Augenblick für möglich
halten, dass Jeschu den obigen Horrortext so formuliert
hat? In einer Zornaufwallung etwa? Derselbe Mann, der
nach einem Zornesausbruch von Jakobus und Johannes
empört zu ihnen sagte: „Ihr wisst nicht, was für ein Geist
aus euch spricht!“? (Anmerkung zu Lk 9,55, EÜ-Text).
Muss es nicht jeden normal empfindenden Menschen
empören, dass – seit fast 2000 Jahren – alle Übersetzer der
Evangelien überall auf der Erde ihrem Heiland ohne weiteres zutrauten, er sei imstande gewesen, einmal dies und einmal jenes zu sagen? So, als sei er schizophren gewesen?
Genau das wurde ihm denn auch von mehreren Nervenärzten triumphierend bescheinigt; und zwar allein deswegen, weil es in den herkömmlichen Übersetzungen der
Evangelien so zu lesen ist; wenn auch nur aufgrund von
griechischen Vorlagen, deren Zusätze und Übersetzungsfehler – zumal bei diesem Text – beispiellos sind!
283
Übrigens: In der Anmerkung zum C-Text zur Stelle ist
„er hat einen Mühlstein an seinem Hals“ zweifelsfrei bezeugt. Er beschreibt unüberbietbar plastisch jenen Gemütszustand eines Kindesschänders, dem er spätesten nach seinem Sterben verfallen wird („Evangelion Da-Mepharresche“, F. Crawford Burkitt., Volume I [1904], Seite 100).
Nachträge: Dass Jeschu sich veranlasst sah, eine ernste
Warnung vor Kindesschändung auszusprechen, lässt darauf
schließen, dass auch zu seiner Zeit Kinder geschändet wurden und dass er Kenntnis davon hatte.
Richtig: In Q-Mt 18,6 steht (wörtlich übersetzter NTGText): „Wer aber zur Sünde verführt einen dieser Kleinen“
und nicht (so der RÜ-Text): „Jeder, der ein einziges Kind
schändet“.
Aber: So steht es nur deswegen da, weil der Q-Bearbeiter seine aramäische Vorlage so wiedergab. Wie sie wirklich gelautet haben wird, das ist Mt 18,10 zu entnehmen
(wörtlich übersetzter NTG-Text):
Nicht verachtet einen dieser Kleinen!
[Denn ich sage euch:
Ihre Engel in (den) Himmeln
durch alle (Zeit)
sehen das Angesicht
meines Vaters in (den) Himmeln.]
Dazu ist anzumerken: Jeschus drohender Hinweis auf
die Schutzengel der Kleinen (= der Kinder) steht in keinem
realen Verhältnis zu dem Vergehen, das in Mt 18,10 „Verachtet nicht!“ genannt wird.
Doch das ändert sich, sobald klar ist, dass „verachtet“
hier durch „schändet“ zu ersetzen ist. Warum? Weil das aramäische Wort beza’ beides bedeuten kann: „verachten“ und
„schänden“ (im Sinn von „Blutschande treiben“).
284
Und warum wählte der Q-Bearbeiter gerade das falsche
Wort? Es gab zwei Möglichkeiten: Entweder er kannte nur
die Hauptbedeutung „verachten“, oder er bevorzugte sie
absichtlich, weil ihm die Nebenbedeutung „schänden“ (=
„Blutschande treiben“) allzu widerlich erschien.
Und wie verhält es sich mit „zur Sünde verführen“ in
Q-Mt 18,6? Die Wortwahl war offensichtlich ebenso motiviert. Denn hier ist zu fragen: Was soll denn „einen dieser
Kleinen (= dieser Kinder) zur Sünde verführen“ in seinem
Textzusammenhang bedeuten?
In einer Umwelt, in der geschlechtliche Verfehlung als
die Sünde schlechthin galt, kann die Antwort nur lauten: „zu
sexuellem Verkehr verführen“ (= missbrauchen!). Übrigens:
„Schänden“ ist hier – grammatisch folgerichtig – auf Vater
und Sohn zu beziehen. Das ergibt als Summe: Über jeden
Vater, der das getan hatte, urteilte Jeschu: „Er hat einen
Mühlstein an seinem Hals!“ Nicht als Strafe Gottes, sondern als Last seiner perversen Lust.
Q 18,1-4
Das Gleichnispaar „Vom verlorenen Schaf und von der
verlorenen Drachme“ war ein Wort Jeschus an Außenstehende, wahrscheinlich an Pharisäer. Mit ihm reagierte er auf
deren Vorwurf (Lk 15,2, EÜ-Text): „Er gibt sich mit Sündern ab und ißt sogar mit ihnen.“
Beide Gleichnisse sind genau gleich konstruiert. Das
erste betrifft einen begüterten Mann (er besaß hundert
Schafe, die er selbst betreute und die er abends zählte, während er sie in die Hürde trieb), das zweite betrifft eine arme
Frau (sie besaß einen Brautschatz, wie hier vorauszuset-
285
zen ist, von nur zehn Drachmen, dem Gegenwert von zehn
Arbeitstagen eines Arbeiters: von sechs Uhr morgens bis
sechs Uhr abends, im Winter bis Sonnenuntergang).
Jedes der beiden Gleichnisse Jeschus besteht aus zwei
gleich geformten Teilen. In jeweils dem ersten Teil beschrieb er einen schmerzlichen Verlust und die Suche nach
dem Verlorenen; in jeweils dem zweiten beschrieb er den
Fund des Verlorenen und die Freude darüber.
Erwähnenswert ist, dass der begüterte Mann nur ein
Prozent seiner Herde eingebüßt hatte, während die arme
Frau zehn Prozent ihres Brautschatzes verloren hatte.
Gleichwohl war die Freude beider darüber, dass sie wiedergefunden hatten, was sie verloren hatten, offenbar gleich
groß – unabhängig von dessen realem Wert.
Genau darauf liegt der Ton bei beiden Gleichnissen Jeschus. Denn in beiden dramatisierte er beispielhaft, was Abba (dem Vater) widerfahren ist: Trauer über den Verlust
vieler seiner Kinder (durch den Urabfall), endlose Mühe bei
der Suche nach seinen verlorenen Kindern (durch ungezählte Boten, die er sandte, Jeschu eingeschlossen) und Freude
über jedes seiner Kinder, das er (durch ihre Mühe beim Suchen) wiederfand – unabhängig von deren scheinbarem
Wert oder Unwert.
Mit dieser Schau der Dinge (die er erzählerisch in der
Freude Gottes darüber gipfeln ließ, dass er durch seine Art
zu suchen vor allem solche Menschen fand, die als Verlorene
galten) wies Jeschu jede Kritik an seinem Tun zurück und
entlarvte sie als Widerstand gegen den Willen Gottes.
Nachtrag: Dass auch das Gleichnis „Von der verlorenen Drachme“ zu Q gehört, obwohl es in Q-Mt fehlt, ist so
gut wie sicher. Dafür zeugen vier Gründe: erstens die genau
gleiche Konstruktion der beiden Gleichnisse; zweitens die
286
Gegenüberstellung von Mann und Frau; drittens die Gegenüberstellung von wohlhabend und arm; viertens die Tatsache, dass der Evangelist Matthäus (anders als der Evangelist
Lukas) Texte, in denen Frauen eine Rolle spielen, weitgehend unberücksichtigt ließ.
Es folgen einige wichtige Einzelheiten, die helfen können, Missverständnisse zu vermeiden.
1. zu der … die neunundneunzig zurücklässt: Es ist absolut
undenkbar, dass der Besitzer der Herde neunundneunzig
Schafe unbewacht zurücklässt. Vorauszusetzen ist vielmehr,
dass er sie der Obhut anderer Hirten anvertraut, mit denen
zusammen er dieselbe Hürde benutzt.
2. zu legt er es auf seine Schultern: Ein Schaf, das sich verirrt
hat, legt sich irgendwo hin und bleibt liegen, selbst wenn
sein Besitzer es gefunden hat. Will er es zur Herde zurückbringen, dann muss er dessen Vorder- und Hinterbeine mit
je einer Hand packen und es sich um den Nacken legen.
3. zu die zehn Drachmen hat: Ein als Kopfschmuck getragener Brautschatz von nur zehn Drachmen war ein sehr
ärmlicher Schmuck, verglichen mit dem Brautschatz reicher
oder auch nur wohlhabender Frauen, der aus Hunderten
von Gold- und Silbermünzen bestehenden konnte.
4. zu die … eine Lampe anzündet: Eine Lampe zündet die
suchende Frau deswegen an, weil ihr schlichtes Haus offenbar fensterlos ist und weil die niedrige Türöffnung zu wenig
Licht hereinlässt, um finden zu können, was sie sucht.
5. zu und sich grämt: Im NTG-Text steht dafür „und fegt
das Haus“. Doch das ist unmöglich. Denn der Textteil „das
Haus“ würde die poetische Form des ganzen Textes zerstören. Überdies wurde er erst nötig, als das aramäische Wort
mkbd’ als mekabbeda’ „sie ist fegend = sie fegt“ gedeutet
wurde, statt als makebbeda’ „sie ist sich grämend = sie
287
grämt sich“. Dass „sie grämt sich“ besser zu einer armen
Frau passt, die eine für sie sehr wertvolle Silbermünze ihres
Brautschatzes verloren hat, als „sie fegt das Haus“, lässt
sich kaum sinnvoll bestreiten.
Q 18,5,6*
Dieser Q-Text – gebildet aus einem Zweizeiler und einem Doppel-Langzeiler – ist eine Weisung Jeschus an einen
seiner Schüler und zugleich eine Belehrung über den Tatund-Tatfolge-Zusammenhang.
In seiner Weisung forderte er von seinem Schüler (autoritativ!), er solle zu seinem Bruder gehen und sich mit ihm
versöhnen. Täte er das und wäre sein Bruder gutwillig, so
würde es sich erweisen, dass dies der einfachste und kürzeste Weg ist, Zerwürfnisse aus der Welt zu schaffen.
Und seine unmittelbar folgende Belehrung über den
Tat-und-Tatfolge-Zusammenhang? – Man bedenke: Es ist
fast 2000 Jahre her, dass Jeschu sie einem seiner Schüler
vorgetragen hat. Dennoch war sie seinen indirekten Schülern (den Christen), bevor es den obigen RÜ-Text gab,
gänzlich unbekannt.
Denn der Wortlaut, in dem sie in Q-Mt steht (bereichert um einen sinnentstellenden Zusatz aus einer Gemeinderegel der Essener), lässt ihren von Jeschu beabsichtigten
Sinn nicht einmal erahnen – um wie viel weniger die völlig
verstümmelte Fassung in Q-Lk 17,3 (EÜ-Text):
Wenn dein Bruder sündigt,
weise ihn zurecht;
und wenn er sich ändert,
vergib ihm.
288
Dazu ist zu ergänzen: Dass der Angeredete seinem Bruder genützt hat, wenn der auf ihn gehört hat, leuchtet ein.
Doch wie ist es damit, dass jener Bruder, wenn er nicht auf
ihn gehört hat, seinem Selbst geschadet hat?
Das zu begreifen, ist viel schwieriger. Denn das zu erkennen und anzuerkennen, wird nur den Menschen möglich sein, die begriffen haben, dass ihr Selbst etwas anderes
ist als ihr Körper, ebenso wie der Dolch etwas anderes ist
als die Scheide, in der er steckt.
Q 18,7.8
Dieses Zwiegespräch – das wahrscheinlich den Originalton bietet – ist kurz und lehrreich (hier ist es nach Q-Mt
18,22 wiedergegeben, denn in Q-Lk 17,4 ist es bis zur Unkenntlichkeit entstellt).
Es besteht aus nur zwei Teilen: aus einer merkwürdig
ausführlichen Frage des Sprechers des Zwölferkreises, Simon / Petrus, gerichtet an Jeschu, seinen Meister, und aus
dessen kurzer, erstaunlich gebieterischer Antwort.
Merkwürdig war Simons Frage deswegen, weil er die
Antwort seines Meisters kühn vorwegnahm und ihr mit einem – wie er wohl meinte – hochherzigen Angebot vorwegkam. Mit einem Angebot, von dem er zu erwarten
schien, dass Jeschu darauf eingehen und ihm erfreut zustimmen werde.
Und erstaunlich war Jeschus Antwort deswegen, weil er
weder auf Simons Handel einging, noch ihm erfreut zustimmte, sondern weil er dessen Angebot mit einem scharfen Ich befehle dir! auf das elffache erhöhte. Leider teilte der
Chronist nicht mit, wie Simon darauf reagierte.
289
Vermutlich erschrocken und enttäuscht. Denn er hatte
doch gemeint, ein lobenswert großherziges Angebot gemacht zu haben, gemessen an dem, was eine volkstümliche
Regel gewesen zu sein scheint, so jedenfalls nach dem Talmud: „Begeht ein Mensch eine Sünde, so soll sie ihm das
erste, zweite und dritte Mal, aber nicht mehr das vierte Mal
vergeben werden.“
Dass Simon sein Angebot auf bis zu siebenmal erhöht
hatte, lässt erkennen, dass er um die Bedeutung der Sieben
als Symbolzahl der Fülle und Vollständigkeit wusste. Daraus folgt: Er war bereit, großzügig zu vergeben, aber er
wollte seine Vergebungsbereitschaft begrenzt wissen.
Doch darauf ließ Jeschu sich nicht ein. Mit seiner gebieterischen Forderung siebenundsiebzigmal (das heißt: immer),
ließ er nicht zu, dass Simon meinte, er dürfe seine Vergebungsbereitschaft begrenzen.
Schließt man von dieser hohen, an einen Menschen gerichteten Forderung Jeschus auf Gott, so folgt daraus, dass
es keine ewige Verdammnis geben kann, zu der Gott jemanden verdammt hätte oder verdammen würde. Andernfalls bliebe Gott – ungöttlicher geht es nicht – hinter der
Forderung Jeschus an Simon zurück. Das aber kann nicht
sein! Jedenfalls kann es nicht für den Gott gelten, den Jeschu
Abba „Papa“ genannt hat.
Q 18,9.10*°
Diese beiden Amenworte – formal gleich konstruiert,
aber inhaltlich verschieden formuliert – sind prophetische
Worte, Bildworte und zugleich bedingte Zusagen Jeschus an
seine Schüler.
290
So wie sie dastehen, sind es Worte, die mit seinem gesunden Wirklichkeitssinn unvereinbar sind. Doch wenn es
so ist, folgt dann nicht daraus, dass sie unecht sind?! Daraus
noch nicht. Denn dieser Schluss wäre nur dann erlaubt,
wenn sicher wäre, dass Jeschu die Wörter Berg und Maulbeerbaum buchstäblich gemeint hat. Das aber ist bei seinem
Wirklichkeitssinn auszuschließen.
Wie es übrigens auch ausgeschlossen ist, zu erklären,
wozu es hätte gut sein sollen, einem Berg zu gebieten, seinen Standort zu wechseln oder einem Maulbeerbaum zu befehlen, sich ins Meer zu stürzen. Ist es das aber, dann bleibt
nur noch eines: nach übertragenen Bedeutungen jener beiden Wörter zu suchen; und zwar nach solchen, die einen
annehmbaren Sinn ergeben.
Zum Glück gibt es sie. Das Wort Berg wäre dann ein
Symbolwort für einen Vielwisser und das Wort Baum ein
Symbolwort für einen Gelehrten, im zeitgenössischen Judentum also für einen Schriftgelehrten.
Daraus ergibt sich: Mit den obigen Amenworten sicherte Jeschu seinen Schülern zu, dass sie den Vielwissern und
den Schriftgelehrten ihres Volkes furchtlos entgegentreten
und dass sie sie in Streitgesprächen überwinden könnten,
wenn ihr „Vertrauen wäre wie ein Senfkorn“ (am Anfang
winzig, am Ende riesig).
Und die Wendung stürze dich ins Meer? Sie ist ein Sinnbild für Selbstbestrafung. Die bestünde dann darin, sein
Wissen preiszugeben für eine bessere Erkenntnis. Hierzu
sei an Paulus erinnert.
Nachtrag: Dass es sich bei diesen beiden Amenworten
(Q-Mt 17,20, mit dem Symbolwort Berg, Q-Lk 17,6, mit
dem Symbolwort Maulbeerbaum) nicht um Parallelen, sondern um Variationen handelt, wer wollte das bestreiten?
291
Es ist als Glücksfall zu werten, dass beide Fassungen
erhalten geblieben und überliefert worden sind. Denn nur
beide zusammen machen den Tatbestand von Variationen
offenkundig, ja unwiderleglich. In diesem Fall könnte er darauf zurückzuführen sein, dass die beiden Symbolwörter im
Aramäischen einander klanglich nahe stehen: tûra’ bedeutet
„der Berg“ und tûta’ „der Maulbeerbaum“.
Q 18,11.12*
Weil der Begriff „Gottesherrschaft“ (als „Reich Gottes“
missdeutet) bis heute weithin unverstanden geblieben ist,
hat dieser Q-Text die wunderlichsten Deutungen über sich
ergehen lassen müssen. Auch noch, nachdem 1945 das
Thomasevangelium entdeckt wurde, in dem seine Fortsetzung erhalten geblieben ist (Spruch 113, RÜ-Text):
Sie breitet sich aus über die Erde,
aber die Menschen bemerken sie nicht.
Übrigens: Dass dieser Text, Lk 17,20.21, wenn auch
fehlerhaft, vollständig (mit der Fortsetzung) im Thomasevangelium steht, ist ein sicheres Anzeichen dafür, dass er
zu Q gehört und dass die Fortsetzung, weil man sie nicht
verstand, absichtlich ausgelassen worden ist.
Er enthält ein kurzes Zwiegespräch zwischen Pharisäern und Jeschu. Sie fragten ihn, wann die Gottesherrschaft
komme. Dass sie ihn so fragten, deutet darauf hin, dass sie
ihm zugehört und dass sie ihn missverstanden hatten, wie
so oft in ihren Auseinandersetzungen mit ihm.
Was blieb ihm übrig, als wieder einmal zu betonen, dass
es zwecklos sei, auf eine diesseitige messianische Herrschaft
zu hoffen. Gelegentlich, wie hier, tat er das in klaren Wor-
292
ten, häufiger jedoch in seinen Gleichnissen. Doch mit dieser als abstoßend empfundenen Behauptung stieß er immer
wieder entweder auf Unverstand oder auf Widerstand oder,
so bei seinen Schülern, auf taube Ohren (Apg 1,6).
Nicht anders erging es ihm mit seiner Schau der Dinge:
Dass die Gottesherrschaft, als geistige Herrschaft, mitten
unter ihnen sei. Unter den Menschen nämlich, die sich ihr
durch eine freie und persönliche Entscheidung, verbunden
mit einer Taufe, bewusst anvertraut hatten. Und: dass sie
sich ausbreiten werde über die ganze Erde, ohne dass die
Außenstehenden dies bemerken würden.
Eine stille Revolution also, der jedoch die Kraft des
Sauerteigs innewohnt, der unbemerkt, allein durch Kneten
und Warmstellen, den ganzen Teig durchsäuert (Mt 13,33 /
Lk 13,20.21). Dies jedoch nicht von jetzt auf gleich, sondern in langen Zeiträumen. Denn Gott hat Zeit, von Eile
kann bei ihm keine Rede sein. Bedauerlich ist nur, dass Jeschus Schüler es eilig hatten und dass sie dadurch die Schau
ihres Meisters verdarben.
Q 18,13.14*
Dieser ergreifende Doppelspruch – in Q-Lk formal
gleich konstruiert, aber inhaltlich verschieden formuliert –
ist ein kunstvolles und wohl durchdachtes poetisches Gebilde, bestehend aus je einem Zweizeiler, in den eine Dreiung
je zweier Halbzeilen eingeschachtelt ist.
Er ist ein Wort Jeschus an Außenstehende. In ihm skizzierte er meisterhaft knapp, eindringlich und charakteristisch die Verderbtheit der Bevölkerung zu den Zeiten Noachs und Lots sowie ihr schreckliches Ende durch die Flut
293
beziehungsweise durch Feuer. Und beide Male schloß er
mit dem herben Urteil: ebenso ist es zu MEINER Zeit.
Was er sah und hörte und als Warnzeichen deutete, das
waren Denk- und Verhaltensweisen, die im ersten jüdischen
Krieg gegen Rom um 70 u. Z. mit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels und der Stadt an ihr Ziel kamen.
Sehr bedauerlich ist, dass dieser Doppelspruch von Anfang an auf die Zeit der so genannten Wiederkunft Christi bezogen wurde und immer noch bezogen wird, statt auf die
Zeit Jeschus, worauf er mit Sicherheit zu beziehen ist.
Die Hauptursache dafür war die irrige Erwartung seiner
Wiederkunft. Und andere Ursachen dafür waren mangelnde
Sprachkenntnisse der frühchristlichen Übersetzer, die jenen
Doppelspruch entsprechend mangelhaft aus dem Aramäischen ins Griechische übersetzt haben und die völlig fehlende Kenntnis der Poesie Jeschus.
Nachtrag: Wo oben MEINER steht, da steht in der Textvorlage der Bescheidenheitsausdruck des Menschensohnes, eine
verhüllende Umschreibung für meiner. Und dass Q-Mt nur
den Spruch über die Zeit Noachs bietet, ist, wenn überhaupt, nur als versehentliche Auslassung zu erklären.
Q 18,15-17
Diese Dreiung von je vier Halbzeilen gehört geschlossen zu Q, auch wenn Q-Mt nur die ersten und die dritten
und Q-Lk nur die zweiten und die dritten vier Halbzeilen
hat. Warum in Q-Mt die zweiten und in Q-Lk die ersten
vier Halbzeilen fehlen, lässt sich nicht einmal vermuten, ist
jedoch angesichts der offenkundigen Vorliebe Jeschus für
Dreiungen unerheblich.
294
Die ersten vier Halbzeilen handeln von zwei Männern,
die auf einem Feld arbeiten; die zweiten von einem Ehepaar,
das auf dem gemeinsamen Lager schläft, die dritten von zwei
Frauen, die an derselben Handmühle mahlen.
Alle drei Menschenpaare tun etwas (auch Schlafen als
Tun gewertet), das in der Umwelt Jeschus zum alltäglichen
Leben gehört und es erst ermöglicht.
Dann aber, urplötzlich, tut sich ein Riß auf mitten
durch die beschriebenen Menschenpaare hindurch: der eine
von ihnen wird (von Engeln) fortgeführt (wie Lot und seine
beiden Töchter aus Sodom), der andere wird zurückgelassen
(wie die übrigen Einwohner Sodoms).
Und wem von beiden widerfährt was und warum? Fortgeführt wird jeweils, wer reif dafür ist; und zurückgelassen
wird jeweils, wer noch nicht reif dafür ist. Reif wofür? Für
den Einlass in die jenseitig-geistige Himmelsherrschaft. Wohin denn sonst, als in sie, können Engel fortführen?
Eben davon hatte Jeschu ja doch knapp und klar gesprochen (nach Lk 16,9, RÜ-Text):
Amen! Amen! – Ich soll euch sagen:
Verschafft euch Freunde
statt Geld,
damit sie euch aufnehmen,
wenn ihr sterben werdet,
in ihre jenseitigen Wohnungen.
Verknüpft man diesen Text vom Aufgenommenwerden
in die jenseitigen Wohnungen gedanklich mit den drei obigen prophetischen Voraussagen vom Fortgeführt- beziehungsweise Zurückgelassenwerden, dann ergibt sich daraus:
Jeschu wird dabei an das Sterben gedacht haben, durch das
hindurch der eine fortgeführt wird, während der andere zurückgelassen wird (vgl. auch Lk 16,19-26).
295
Hat er dabei aber an das Sterben sowohl der Fortgeführten als auch der Zurückgelassenen gedacht, dann muss
er folgerichtig an eine (nicht näher zu beschreibende) großräumige Katastrophe gedacht haben, als er jene drei prophetischen Voraussagen formulierte.
Nicht an einen Weltuntergang (dagegen sprach er unmissverständlich in Mt 28,20, RÜ-Text:
Ich bin mit euch
bis zur Vollendung der Welt!),
vielleicht aber an eine weltweite Katastrophe. Dann aber
(von damals her geurteilt) nicht in naher, sondern in ferner
Zukunft.
Q 18,18
Dieser Zweizeiler war ein prophetisches Wort Jeschus
an Außenstehende. Er war eine sprichwortartige Sentenz
und zugleich ein Bildwort, dessen Richtigkeit jeder Wanderer oder Reisende in der Umwelt Jeschus aufgrund eigener
Beobachtung und Erfahrung bestätigen konnte.
Im jüdischen Schrifttum findet sich offenbar nichts,
was inhaltlich auf diesen Zweizeiler hinweisen würde oder
sich von ihm herleiten ließe. Daher ist es nicht auszuschließen, dass Jeschu ihn selbst gebildet hat – um ihn seiner Verkündigung dienstbar zu machen.
Wie er zu deuten ist, das muss dem Wortpaar Aas –
Geier zu entnehmen sein. Und zwar nicht dessen Wortsinn,
auch nicht seinen gewöhnlichen Symbolbedeutungen, sondern einer speziellen, zeit- und situationsbedingten Sinngebung, die sowohl Jeschus Sprachgebrauch entsprechen als
auch unmittelbar verstehbar sein muss.
296
Was nun folgt, ist lediglich aus diesen Überlegungen erschlossen, kann und soll also nicht mehr sein als ein Deutungsvorschlag.
Aas, ein verendetes Tier, könnte von Jeschu als Sinnbild
des (geistigen!) Todes gemeint sein, könnte hier also den
geistigen Zustand des jüdischen Volkes seiner Zeit symbolisieren – als Ganzheit betrachtet, wobei anders geartete Einzelne, die es ja reichlich gab, nicht berücksichtigt sind.
Und der Geier, ein aasfressender Raubvogel, könnte ihm
als Sinnbild der Vernichtung gedient haben; konkret: als ein
warnender Hinweis auf die Adler an den Standarten der römischen Legionen, deren Versammlung um Jerusalem (und
dessen schließliche Vernichtung) er nicht nur kommen sah,
sondern mit dem obigen Zweizeiler voraussagte.
Dazu ist anzumerken: Das aramäische Wort nišrajja’ ist
doppeldeutig: 1. „die Geier“, 2. „die Adler“. Nicht aber das
griechische hoi aetoi. Das kann genau genommen nur „die
Adler“ bedeuten. Hier ist es eine Fehlübersetzung aus dem
Aramäischen. Korrekt wäre hoi gypes „die Geier“ gewesen.
Q 18,19
Dieser Q-Text – gebildet aus vier Halbzeilen – war ein
prophetisches Wort Jeschus an seine Schüler. Es gehörte zu
seiner esoterischen Schülerunterweisung an die Zwölf. Und
es ist ein „Menschensohnwort“ = eine ICH-Aussage, die auf
das angebliche Kommen des Menschensohnes = die so genannte Wiederkunft Christi gedeutet wurde (und immer
noch gedeutet wird).
Und worauf zielte Jeschu mit dieser ihn selbst betreffenden Vorhersage? Lässt man sich bei der Suche nach ei-
297
ner Antwort von dem Textteil Wie ein Bltz, aufblitzend und
leuchtend leiten, so wird man an die Erzählung „Die Verklärung Jeschus“ (Mt 17,1-8 / Mk 9,2-8 / Lk 9,28-36) erinnert.
Es folgt Mt 17,2 (LB-Text):
Und er wurde verklärt vor ihnen,
und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne,
und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.
So, wie Jeschus „Verklärung“ (vor Simon / Petrus, Jakobus und Johannes als Zeugen) hier beschrieben wird,
kommt sie nahe an die Beschreibung in seiner obigen Vorhersage Q-Lk 17,24 / Mt 24,27 heran (RÜ-Text):
Wie ein Blitz,
aufblitzend und leuchtend,
so werde ICH sein
an MEINEM Tag.
Doch da jene „Verklärung“ Jeschus, sein Erscheinen in
seinem „Lichtglanz“, nur vorübergehender Natur war, hatte
sie (für die drei Zeugen Simon / Petrus, Jakobus und Johannes) bloß die Funktion einer Vorbereitung auf das, was sich
am Ostersonntagmorgen ereignete: seine endgültige Verklärung und damit verbunden seine Erhöhung über seinen
vorherigen Rang hinaus (Phl 2,6-11).
Die Summe von all dem, was sich in diesem Zusammenhang an Jeschu ereignet hat, mit dem ganz und gar ungeeigneten Wortfeld auferstehen – Auferstehung bezeichnen zu
wollen, war von Anfang an zum Scheitern verurteilt und
sollte künftig unterlassen werden.
Denn, damit kein völlig unnötiges Missverständnis aufkomme: Ganz und gar ungeeignet ist dieses Wortfeld nur
deswegen, weil es viel zu grob-materiell ist, um jenes geistige Phänomen aussagen zu können, das sich an Jeschu am
Ostersonntagmorgen ereignet hat.
298
Nämlich: nicht seine grob-materielle „Auferstehung“,
sondern (ich wiederhole): seine endgültige Verklärung und
damit seine Erhöhung über seinen vorherigen Rang hinaus
(Phl 2,6-11).
Dass diese Argumentation keineswegs abwegig ist, dafür zeugt die Tatsache, dass sie von Paulus, einem in dieser
Hinsicht unverdächtigen Zeugen ( ! ), grundsätzlich bestätigt
wird (1Ko 15,51, RÜ-Text nach dem syrischen NT):
Ich verrate euch ein Geheimnis:
Wir werden nicht alle entschlafen.
Aber wir werden alle verklärt werden.
Zur Gegenprobe eine abschließende Frage: Hätte Paulus hier „wir werden alle verklärt werden“ diktieren können
(noch dazu als Geheimnis), wenn „wir werden alle auferstehen“ richtiger wäre?
Nachtrag: Es folgt Q-Lk 17,24 (wörtlich übersetzter
NTG-Text):
Wie der Blitz,
aufblitzend von dem unter dem Himmel
zu dem unter dem Himmel leuchtet,
so wird sein der Menschensohn
an seinem Tag.
Es bedarf keines Beweises, dass das Kleingedruckte eine
unmögliche Formulierung ist: erstens ein Einschub, der erkennen lässt, dass der frühchristliche Übersetzer seine aramäische Vorlage nicht verstanden hat (vgl. Q-Mt 24,27);
zweitens ein Redeteil, der unmöglich Jeschu zugeschrieben
werden kann. Wird er gestrichen und wird der Menschensohn,
dem Sprachgebrauch Jeschus entsprechend, mit ICH wiedergegeben, so ergibt sich folgender RÜ-Text:
Wie ein Blitz, aufblitzend und leuchtend,
so werde ICH sein an MEINEM Tag (an Ostern).
299
Q 19,1-17°
Das Q-Lk-Gleichnis „Von der Eignungsprüfung (1)“
war ein Wort Jeschus an seine Schüler. Erstens: nach der
Minderung des Geldes von Talent (6000 Drachmen oder
Denare) auf Mine (100 Drachmen oder Denare), zweitens:
nach dem konsequenten Weglassen aller längst als Zusätze
erkannter Textteile, drittens: nach zwei Entlehnungen aus
dem folgenden Gleichnis – kurz: nach seiner Rekonstruktion besteht das Gleichnis aus siebzehn Versen, formuliert
in drei verschiedenen Rhythmen. [Dies hier zu erwähnen,
ist wegen des folgenden Gleichnisses wichtig.]
In 19,1.2 erzählte Jeschu, wie ein Großkaufmann, der
verreisen will, drei Sklaven verschieden große Geldbeträge
anvertraut mit dem Auftrag, damit Handel zu betreiben.
Und in 19,3-5 erzählte er, dass zwei von ihnen die empfangenen Geldbeträge verdoppeln, während der dritte den seinen in der Erde verbirgt.
In 19,6-12 erzählte Jeschu, dass der zurückgekehrte
Herr jener Sklaven Rechenschaft von ihnen fordert, dass er
dabei die vom ersten und zweiten erzielten Gewinne mit
Lob in Empfang nimmt und dass er die beiden mit größeren Aufgaben und größerer Verantwortung belohnt.
Und in 19,13-17 erzählte er, dass der dritte Sklave berichtete, warum er das empfangene Geld seines Herrn vergraben habe, warum er es, ohne Gewinn zu erzielen, an ihn
zurückgibt und warum er dafür hinausgeworfen, also sich
selbst überlassen wird – alles das, weil er sich fürchtete.
Und warum erzählte Jeschu dieses Gleichnis? – Zweifellos, um seinen Schülern durch eine einprägsame und einleuchtende Beispielerzählung den Zusammenhang von Tat
und Tatfolge einzuschärfen.
300
Kurz: Wer sich als Jeschuschüler durch verantwortliches Handeln in dieser Welt qualifiziert hat, der darf in die
Himmelsherrschaft eingelassen werden. Wer sich durch unverantwortliches Handeln in dieser Welt disqualifiziert hat,
der darf noch nicht in sie eingelassen werden: nicht, bevor er
gelernt hat, verantwortlich zu handeln oder, anders formuliert: den Willen Gottes zu tun (vgl. Q 5,6).
Nachträge: Das Talent und die Mine waren ursprünglich
Gewichtseinheiten, später dann Geldbeträge, die die Griechen aus dem Orient übernommen hatten. Fünf, zwei und
ein Talent (= 30000, 12000 und 6000 Drachmen oder Denare, der Gegenwert für ebenso viele Arbeitstage eines Arbeiters) waren so extrem hohe Geldbeträge, dass sie den
Rahmen des von Jeschu erzählten Gleichnisses sprengen.
500, 200 und 100 Drachmen oder Denare dagegen sind
durchaus angemessen.
Einen Schatz oder Geld zu vergraben, galt nach damaligem Recht als der sicherste Schutz vor Dieben. Wenn jemand, wie hier der schlechte und träge Sklave, einen ihm
anvertrauten Geldbetrag gleich nach dem Empfang vergrub, so war er von der Haftung befreit.
Q 19,18-29°
Das Q-Mt-Gleichnis „Von der Eignungsprüfung (2)“
war, wie das voranstehende Q-Lk-Gleichnis, ein Wort Jeschus an seine Schüler. Erstens: nach dem Herauslösen des
mit ihm verschachtelten Gleichnisses „Vom Thronanwärter“, zweitens: nach dem konsequenten Weglassen aller
längst als Zusätze erkannten Textteile, drittens: nach einer
Entlehnung aus dem voranstehenden Gleichnis – kurz:
301
nach seiner Rekonstruktion besteht es aus nur zwölf Versen, formuliert in nur zwei verschiedenen Rhythmen.
Dieses Gleichnis und das voranstehende Q-Lk-Gleichnis gelten in der Gleichnisforschung als Parallelen desselben
Gleichnisses. Aber das ist ein Irrtum. Denn ihre ungleiche
Länge (17 : 12 Verse), ihre erzählerischen Unterschiede
(zum Beispiel, dass jeder der drei Sklaven nur eine Mine
anvertraut bekommt) und die andersartige rhythmische Formung, beweisen, dass das Q-Mt-Gleichnis keine Parallele
des Q-Lk-Gleichnisses ist, sondern eine Variation desselben
Themas: zu einer anderen Zeit erzählt und wahrscheinlich
an einem anderen Ort.
In beiden Gleichnissen erzählte Jeschu von einem
Großkaufmann, der verreisen wollte und der die Fähigkeiten und die Treue seiner drei offensichtlich unterschiedlich
begabten Sklaven dadurch prüfen wollte, dass er ihnen Geld
zur Nutzung anvertraute.
Er hatte vor, ihnen künftig mehr anzuvertrauen. Aber
bevor er das tat, wollte er ihre Eignung prüfen. In zwei Fällen fiel seine Prüfung positiv, im dritten Fall fiel sie negativ
aus. Der entscheidende Vorzug der positiv beurteilten Sklaven gegenüber dem negativ beurteilten bestand darin, dass
sie aktiv waren, während er passiv war. Und weil sie aktiv
waren, belohnte ihr Herr ihren Einsatz dementsprechend.
Folglich geht es im Leben der Schüler Jeschus auch darum, die ihnen von Gott anvertrauten Fähigkeiten nicht
passiv verkümmern zu lassen, sondern sie in seinem Dienst
aktiv zu nutzen. Andernfalls würden sie ihren Einlass in die
Himmelsherrschaft nur unnötig verzögern.
Dies war die zweite Lehre, die sie neben der über den
Tat-und-Tatfolge-Zusammenhang aus den beiden Gleichnissen „Von der Eignungsprüfung“ ziehen sollten.
302
Nachtrag: Dass der schlechte Sklave das ihm anvertraute Geld offenbar gleich nach dem Empfang in sein Schweißtuch gewickelt hatte, lässt erkennen, dass er es als eine Art
Geldbörse benutzte. Dann aber war jener Sklave obendrein
auch noch leichtsinnig. Denn nach damaligem jüdischem
Zivilrecht war er im Fall eines Verlustes ersatzpflichtig.
Q 19,30
Dieser Doppel-Langzeiler – zugleich ein Amenwort –
war ein Wort Jeschus an seine Schüler. Es ist in Q-Lk und
in Q-Mt unmittelbar mit dem je voranstehenden Gleichnis
„Von der Eignungsprüfung“ verknüpft worden. Wahrscheinlich, weil es dessen wesentlichen Inhalt in zwei Sätzen
zusammenzufassen schien.
Leider ist es in einem derart unsinnigen (teils verkürzten, teils erweiterten) Wortlaut überliefert, dass es so auf
keinen Fall Jeschu zugeschrieben werden darf (Q-Lk 19,26,
wörtlich übersetzter NTG-Text):
Jedem Habenden
wird gegeben werden,
aber von dem nicht Habenden,
auch was er hat, wird genommen werden.
Dieses Urteil betrifft vor allem das zweiten Zeilenpaar.
Dazu ist zu fragen: Warum ist es länger als das erste? Darauf ist zu antworten: Weil ein Bearbeiter dieses Textes den
Textteil auch was er hat in ihn eingefügt haben muss.
Und zwar deswegen, weil er erkannt hatte, dass der
Wortlaut des zweiten Zeilenpaares (aber von dem nicht Habenden wird genommen werden, der ihm bereits in fehlerhafter griechischer Übersetzung vorlag) unsinnig ist. Denn (so wird er
303
gedacht haben): einem nichts Habenden kann auch nichts
weggenommen werden.
Das war eine zweifellos richtige Folgerung. Aber leider
nützte sie dem, der sie hatte, gar nichts. Denn er vergaß zu
bedenken, dass von einem nicht Habenden unmöglich gesagt
werden kann: auch was er hat. So kam es, dass das zweite Zeilenpaar auch nach diesem Zusatz blieb, was es vorher war:
unsinnig.
Wäre dies alles, was über den Doppel-Langzeiler Q-Lk
19,26 ermittelt werden kann, so müsste er, weil er Jeschu
nicht angemessen ist, aus dem Bestand seiner Worte ausgeschieden werden. Doch zum Glück gibt es ein formal verwandtes Jeschuwort, das so beschaffen ist, dass es nicht nur
gestattet, zu erkennen, dass sein Wortlaut verstümmelt ist,
sondern auch wie er rekonstruiert werden kann. Es folgt Lk
12,48 (wörtlich übersetzter NTG-Text):
Jedem, dem viel gegeben worden ist,
viel wird von ihm gefordert werden.
Wird dieser Text zu Q-Lk 19,26 in Beziehung gesetzt,
und wird dabei berücksichtigt, dass dem dritten Sklaven in
beiden Fassungen des Gleichnisses „Von der Eignungsprüfung“ zwar wenig gegeben und wieder weggenommen wird
(nämlich nur eine Mine), aber keineswegs nichts, so ergibt
sich daraus folgender Wortlaut (RÜ-Text):
Jedem, der viel hat –
ihm wird hinzugefügt werden.
Aber jemandem, der wenig hat –
ihm wird weggenommen werden.
Erstaunlich an diesem Ergebnis ist, dass sich in ihm genau das widerspiegelt, was in der Welt, in der wir leben, eine
alltägliche Erfahrung ist: dass die Reichen immer rei-cher
und die Armen immer ärmer werden.
304
Falls Jeschu diese Spiegelung beabsichtigt haben sollte,
was sehr wahrscheinlich ist, dann ist nicht auszuschließen,
dass es jene alltägliche Erfahrung war, die ihn veranlasste,
diesen Doppel-Langzeiler zu formulieren.
Jedoch nicht allein dazu, um einen unerträglichen Übelstand (in den diesseitig-materiellen zwischenmenschlichen
Beziehungen) in ein einprägsames Wort zu fassen. Sondern
vor allem dazu, um damit auszudrücken, dass dem diesseitigen So-ist-es ein jenseitiges So-wird-es-sein entspricht.
Und zwar während des persönlichen Gerichts über jeden
Menschen – nicht lange, nachdem er gestorben ist.
Um welche Art Haben es dabei gehen wird, sollte klar
sein: Um ein Getan-Haben des Willens Gottes – entsprechend den von Jeschu formulierten Einlassbedingungen,
ohne deren Erfüllung niemand in die Himmelsherrschaft
eingelassen werden darf (Q 5,6). Stellvertretend für sie alle
kann gelten (Q 3,14):
Erbarmt euch über die, die euch anfeinden!
Tut Gutes denen, die euch hassen!
Segnet die, die euch verfluchen!
Betet für die, die euch Böses antun!
Wer dies tut, nicht weil es von ihm gefordert wird, sondern weil er nicht mehr anders kann, der hat, was er
braucht, damit ihm der Einlass in die Himmelsherrschaft
gewährt werden kann.
Q 19,31
Dieser Doppel-Langzeiler, scheinbar widersinnig formuliert, war ein Wort Jeschus an seine Schüler. Es ist – allein in den ersten drei Evangelien – fünfmal überliefert und
305
dabei jedes Mal in einem anderen Wortlaut: dreimal im so
genannten Markusblock (Mt 16,25 / Mk 8,35 / Lk 9,24, siehe Nachtrag) und zweimal in Q, der so genannten Spruchquelle (Mt 10,39 / Lk 17,33). Warum?
Was an seinem NTG-Text gleich oder ähnlich ist, deutet hin auf einen gemeinsamen aramäischen Urwortlaut.
Vor allem tën psychën autou, das durchweg (falsch) mit „sein
Leben“ wiedergegeben wird.
Und was an seinem NTG-Text verschieden ist – sei es
absichtlich umformuliert, hinzugefügt oder ausgelassen –,
wie ist das zu beurteilen? Will man es nicht aus Gleichgültigkeit verharmlosen, so muss man es Willkür nennen: Willkür gegenüber dem geistigen Eigentum Jeschus.
Von dieser Willkür sind mehr oder weniger alle fünf
Fassungen betroffen, am wenigsten Q-Mt 10,39 (wörtlich
übersetzter NTG-Text):
Der gefunden Habende sein Leben
wird es verlieren,
und der verloren Habende sein Leben um meinetwillen
wird es finden.
Bei diesem Text genügt es, das unerlaubt einschränkende „um meinetwillen“ zu streichen (es zerstört die poetische
Form) und den verbleibenden Text ins Aramäische rückzuübersetzen, um dem Originalton Jeschus ein wenig näherzukommen (vorläufiger RÜ-Text):
Jemand, der sein Leben gefunden hat –
er wird es verlieren.
Und jemand, der sein Leben verloren hat –
er wird es finden.
Wohlgemerkt: ein wenig näher. Denn der von Jeschu
beabsichtigte Sinn war hier (wie auch anderswo) nicht „sein
Leben“, auch nicht „sich selbst“, sondern „sein Selbst“ =
306
sein Geist-Ich: das geistige Zentrum sowohl der Person als
auch der Persönlichkeit eines Menschen mit ihren (vom Ursprung her) jeweils einmaligen Merkmalen, Möglichkeiten
und Fähigkeiten.
Dieses Selbst zu finden aber ist schwierig, ist nur dem
Menschen möglich, der begriffen hat, dass sein Körper lediglich ein lebendiges Werkzeug ist, das von seinem Selbst
zwar benutzt wird, keineswegs aber mit ihm identisch ist.
Doch weil diese Identität von viel zu vielen Menschen gedankenlos geglaubt wird, darum kann jenes Selbst weder
von ihnen gesucht noch gefunden werden.
Und von diesem Selbst soll Jeschu gesagt haben:
„Jemand, der sein Selbst gefunden hat –
er wird es verlieren.
Und jemand, der sein Selbst verloren hat –
er wird es finden“?
Das ergibt doch keinen annehmbaren Sinn. Wenn aber
nicht, was dann? Dann kann und wird er das zumindest
nicht so gesagt haben. Wie aber dann? Ganz einfach: In umgekehrter Reihenfolge und, dem aramäischen Imperfekt
entsprechend, mit muss statt wird. Also:
Jeder, der sein Selbst verloren hat –
er muss es finden!
Und jeder, der sein Selbst gefunden hat –
er muss es verlieren!
Und wie wollte Jeschu diesen scheinbar widersinnigen
Spruch verstanden wissen? Wahrscheinlich so:
Während des Urabfalls von Gott (vor unserer Welt und
deren Zeit) hat jeder, der daran beteiligt war, sein (ursprüngliches) Selbst verloren.
Während unsere Welt und deren Zeit existieren, muss
jeder von ihnen irgendwann sein Selbst (wieder)finden.
307
Hat jeder von ihnen sein Selbst (wieder)gefunden und
ist er damit in die vollkommene Einheit mit Gott zurückgekehrt (mit Jeschus Worten: in die Himmelsherrschaft eingelassen worden), dann muss jeder von ihnen sein Selbst
(wenn es an sein Ziel gelangt, also vollendet ist) wieder verlieren – hinein in die vollkommene Harmonie mit allen anderen Kindern Gottes. Warum?
Damit, wie Paulus formulierte, „Gott alles in allem sei“
(1Ko 15,28). Das aber ist die Vollendung, ist das Ziel des
von Gott gesprochenen „Es werde!“ Oder, anders formuliert: ist das Ziel der so richtig verstandenen Evolution.
Nachtrag: Der Markusblock ist die Summe aller Teile
des Matthäus- und des Lukasevangeliums, die sie mit dem
Markusevangelium gemeinsam haben, also aus einer allen
dreien zugrunde liegenden Fassung übernommen haben.
Q 19,32
Dieser Doppel-Langzeiler – der letzte Spruch des ältesten Evangeliums – ist ein Phänomen für sich. In der Rekonstruktion nach P. Hoffmann / Chr. Heil, „Die Spruchquelle
Q“, Seite 113, hat er folgenden Wortlaut:
Ihr .., die ihr mir gefolgt seid,
werdet .. auf Thronen sitzen
und die zwölf Stämme Israels richten.
Diese Fassung des Q-Schlusswortes Jeschus an seine
Schüler (wobei die Autoren zwischen Q-Mt 19,28 und QLk 22,28-30 zu wählen hatten) ist so beschaffen, dass es
erlaubt sein muss, zu fragen: Kann nach allem, was die
Spruchquelle Q zu bieten hat, sein letztes Vermächtnis an
seine Schüler wirklich so gelautet haben?
308
Diese Frage wird nur dann sachgemäß beantwortet werden können, wenn zunächst der Text im vollen Wortlaut
vorgelegt wird und wenn dabei die Textteile kursiv gesetzt
werden, aus denen die Autoren ihre Fassung erarbeitet haben (Q-Mt 19,28 nach dem MNT):
Ihr, die mir Nachfolgenden,
bei der Wiedergeburt,
wann sich setzt der Sohn des Menschen
auf den Thron seiner Herrlichkeit,
werdet auch ihr sitzen auf zwölf Thronen,
richtend die zwölf Stämme Israels.
Befund: Was die Autoren ausgelassen haben, das haben
sie zu Recht ausgelassen. Denn so, wie es dasteht, widerstreitet es dem Sprachgebrauch Jeschus. – Eindeutig und
zweifelsfrei.
Und wie steht es um das, was sie stehen gelassen haben? Keineswegs besser! Denn so, wie es dasteht, wiederstreitet es nicht nur der Lehre und der Verkündigung Jeschus von der diesseitig-geistigen Gottesherrschaft die da
ist, sondern auch der von der jenseitig-geistigen Himmelsherrschaft, in die selbst die Zwölf nur dann eingelassen werden können, wenn sie die Einlassbedingengen erfüllt haben
(um nur eine ausschließlich an sie gerichtete Einlassbedingung zu nennen: Mt 5,20).
Es folgt der Alternativtext, den die Autoren Hoffmann
und Heil ausdrücklich als Parallele notiert haben (jedoch
ohne den für mich unwichtigen Vers 30). Diesmal werden
die Textteile kursiv gesetzt, aus denen ich meine Fassung erarbeitet habe (Q-Lk 22,28.29, ebenfalls nach dem MNT):
Ihr aber seid die,
die durchgehalten haben
mit mir in meinen Versuchungen;
309
und ich vermache euch,
gleichwie mir vermachte mein Vater
ein Königtum.
Befund: Wie bei Hoffmann und Heil, so gilt auch hier:
Was ich ausgelassen habe, widerstreitet so, wie es dasteht,
dem Sprachgebrauch Jeschus. – Ebenso eindeutig und genau so zweifelsfrei.
Und wie steht es um das, was ich stehen gelassen habe?
Gut, wenn auch mit Einschränkungen – weil die MNTÜbersetzer den verstümmelten NTG-Text weitgehend ungenau übersetzt haben. Es folgt ein wörtlich übersetzter,
aber anders lautender NTG-Text):
Ich verfüge für euch,
wie mein Vater für mich verfügt hat,
eine Herrschaft.
Dass die erste dieser drei Zeilen unvollständig ist, steht
aus poetischen Gründen fest. Ebenso auch, dass „eine
Herrschaft“ weder zur zweiten noch zur ersten Zeile passt,
die ja mitgemeint ist.
Und was passt zu beiden Zeilen? Und zwar so, dass sie
zusammen den Originalton wiedergeben. Erstaunlicherweise steht die Antwort auf diese Frage im Kleingedruckten
(im textkritischen Apparat des NTG-Textes) zur Stelle.
Danach wäre in die erste Zeile, aufgrund mehrfacher
Bezeugung, diathëkën „einen Bund“ einzufügen. Und in der
zweiten Zeile wäre dann, einmal bezeugt, basileian „eine
Herrschaft“ durch diathëkën „einen Bund“ zu ersetzen.
Wird der so korrigierte NTG-Text von Q-Lk 22,29 ins
Aramäische rückübersetzt und wird er dabei der Poesie
Jeschus entsprechend rekonstruiert, so ergibt sich ein Wortlaut, der wirklich als sein letztes Vermächtnis gelten kann –
sowohl formal als auch inhaltlich:
310
Wie Abba schloss
einen Bund mit mir,
so schließe ich
einen Bund mit euch.
Dass es sich bei dem in diesem Jeschuwort erwähnten
Bund um den „Neuen Bund“ handelt, daran kann es keinen
berechtigten Zweifel. geben. Mit ihm dehnte Jeschu den
Bund, den Abba mit ihm geschlossen hatte – zweifellos, bevor er Mensch wurde –, auf seine Schüler des Zwölferkreises aus. Das heißt auf diejenigen seiner Schüler, die sozusagen seine Rechtsnachfolger sein sollten.
Zu fragen ist nun, bei welcher Gelegenheit mag Jeschu
sein „Schlusswort“ gesprochen haben? – Wahrscheinlich
während des letzten Mahles mit den Zwölf. Denn nach dem
Zeugnis der ersten drei Evangelien (Mt 26,28 / Mk 14,24 /
Lk 22,20) gebrauchte er das Wort „Bund“ nur dieses eine
Mal, bei Lukas sogar die Wendung „der Neue Bund“.
Es ist schwer vorstelbar, dass dies lediglich purer Zufall
sein sollte oder reine Konstruktion. Denn wenn überhaupt,
dann war dies der gegebene Zeitpunkt, das zu tun.
Warum? – Weil jeder Bund mit Blut besiegelt werden
musste. Und wie war das beim „Neuen Bund“, der durch
den Propheten Jeremia (31,31-33) verheißen wurde, der
durch die Botschaft Johannes des Täufers vorbereitet und
durch Jeschus Verkündigung und Lehre in die Wege geleitet
wurde? Er wurde durch das Blut Jeschus besiegelt, „der sein
Selbst hingab als Lösegeld für alle“ (Mt 20, 28 / Mk 10,45 /
1Ti 2,5.6).
Nachträge: Das auf Seite 310 zweimal zitierte Wort
„verfügen“ (griech. diatithëmi) gewinnt, wenn es mit dem
Wort „Verfügung, Testament“ (griech. diathëkë) verbunden
wird, den Sinn „einen Bund schließen“. Damit ist erwiesen,
311
dass die obige Rekonstruktion – wenn auch schwach –
durch das Griechische beglaubigt ist und nicht erst durch
die Rückübersetzung ins Aramäische gewonnen wurde.
Abschließend ist zu fragen: Welcher Wortlaut von Lk
22,29 wird Jeschu und seiner rhythmisch gebundenen Redeweise eher gerecht? Der dem Sprachgebrauch Jeschus widerstreitende, verstümmelte NTG-Text?:
Ich verfüge für euch,
wie mein Vater für mich verfügt hat,
eine Herrschaft.
Oder der wiederhergestellte RÜ-Text?:
Wie Abba schloss
einen Bund mit mir,
so schließe ich
einen Bund mit euch.
Dazu ist zu ergänzen: Die Handschrift, in der diathëkën
„einen Bund“ beide Male belegt ist, trägt die Nummer 579.
Sie wird von den Herausgebern des NTG dem 13. Jahrhundert zugeschrieben. Dennoch enthält sie zu Lk 22,29 eine
Lesart, die denen einiger Papyri aus dem 3. Jahrhundert und
denen der „großen“ Handschriften aus dem 4. Jahrhundert
überlegen ist.
Daraus folgt: Das höhere Alter einer Handschrift garantiert keineswegs einen durchweg zuverlässigeren Wortlaut, als
der einer jüngeren Handschrift. Denn: Auch eine um Jahrhunderte jüngere Handschrift kann – wo immer ihr eine ältere Vorlage zugrunde liegt – einen zuverlässigeren Wortlaut bieten.
Entscheidend sind allemal – Textteil für Textteil – textinterne Kriterien, wie zum Beispiel Klarheit, Verstehbarkeit,
Sprachgebrauch und (bei den Worten Johannes des Täufers,
Jeschus, oft auch des Apostels Paulus!) poetische Form.
312
Ein persönliches Nachwort
Dieses Buch habe ich geschrieben, um seinen Leserinnen
und Lesern mitteilen zu können, was dabei herauskommen
kann, wenn die so genannte „Spruchquelle Q“
 (die Summe aller Textteile des Matthäus- und des
Lukasevangeliums, deren in Griechisch überlieferter
Wortbestand mehr oder minder übereinstimmt) nicht
unmittelbar ins Deutsche übersetzt wird,
 sondern wenn sie nach den Regeln der hebräischen
Poesie (an die Johannes der Täufer und Jeschu sich
konsequent gehalten haben)
 erst in Sinnzeilen gesetzt, dann von offenkundigen
Zusätzen gereinigt, anschließend ins Aramäische, die
Lehr- und Verkündigungssprache beider, rückübersetzt und dabei von allen erkannten ( ! ) Fehlern und
Mängeln befreit worden ist.
Die Ergebnisse dieser Arbeitsweise liegen den Leserinnen und Lesern dieses Buches in zweifacher Form vor:
in einem Textteil, dessen Wortlaut weithin anders ist als der
der herkömmlichen Übersetzungen des Neuen Testaments,
und in einem Kommentarteil, dessen Formulierungen und
Folgerungen – als Folge davon – ebenfalls anders sind als
die der herkömmlichen Kommentare.
Richtig ist: Diese Arbeitsweise und deren Ergebnisse
sind stark subjektiv geprägt; allein dadurch schon, dass sie
sich gegenseitig bedingen, fordern und fördern.
Dennoch wurden sie nicht in einem weltabgewandten
Elfenbeinturm gewonnen. Sondern: Sie sind die Summe
von Gedanken aus ungezählten Predigten, Andachten, Vorträgen, Ansprachen, Diskussionen und Gesprächen wäh-
313
rend meines mehr als 20jährigen Dienstes als Pastor der
Hannoverschen Landeskirche. Und sie sind die Summe von
Gedanken aus etlichen Artikeln, Aufsätzen und Büchern
während meiner etwa 40jährigen aramaistischen Studien,
deren einziges Ziel es war, herauszufinden, was Jeschu wirklich gesagt und was er mit dem Gesagten gemeint hat.
Richtig ist ferner: Diese Arbeitsweise – obwohl keineswegs gänzlich neu – erscheint (in der Konsequenz, in der
ich sie betreibe) äußerst befremdlich. Und ihre Ergebnisse
erwecken gelegentlich einen derart irritierenden Eindruck,
dass sie Widersspruch erzeugen. Vor allem deswegen, so
schrieb mir einmal der Cheflektor eines angesehenen theologischen Verlages, weil sie „keine Auseinandersetzung mit
der aktuellen wissenschaftlichen Diskussion“ bieten.
Doch das scheint nur so! – Denn ich biete jene Auseinandersetzung sozusagen zwischen den Zeilen: um die
Leserinnen und Leser meiner Arbeiten nicht mit langatmigen Argumentationen zu langweilen.
Dies ist jedoch ein untergeordneter Grund. Der Hauptgrund ist der, dass die aktuelle wissenschaftliche Diskussion
– in diesem Fall über die Spruchquelle Q – in einem völlig
anderen geistigen Raum stattfindet als meine aramaistischen
Studien. Nämlich in dem sehr beengten und erstarrten
sprachlichen Raum, den der „Standard-Text“ des griechischen Neuen Testaments zu bieten hat.
Den aber halte ich (notgedrungen!) für einen weithin
unzuverlässigen Übersetzungstext – wie ich in diesem Buch
darzulegen versucht habe. Im Übrigen weiß ich aus langjähriger und leidvoller Erfahrung, dass zwei gegensätzliche Positionen jede fruchtbare Diskussion ausschließen.
Welche die überzeugendere ist, lässt sich nur an den Ergebnissen ablesen. Jenseits aller Diskussionen.
314
ANHANG
315
INHALT
Zur Rhetorik Jeschus
317
Gleichnisse
Lehrgedichte
Dreiungen
Amenworte
Menschensohnworte
Variationen
317
318
318
319
319
320
Exkurse
321
1. Die Gottesanrede Abba
2. Die Weisung Gottes
3. Bewusste Textänderungen?
321
322
323
Qellen
Hilfsmittel und Monographien
Abkürzungen
326
326
329
Nachträge
331
1. Zu dem Täuferwort Q 1,6
2. Zu dem Jeschuwort Q 12,5
Umschrifttabelle
331
334
343
316
ZUR RHETORIK JESCHUS
Was hier mitgeteilt werden soll, sind nur die für Jeschus
Lehre und Verkündigung wichtigsten rhetorischen Formen,
die im ältesten Evangelium vorkommen. Zur Poesie Jeschus
verweise ich auf mein Buch „Worte des Rabbi Jeschu“, Seiten 151 bis 160.
Gleichnisse
Jeschu war ein Gleichniserzähler von hohem Rang.
Wohlgefügt sind die kleinen, anschaulich und spannend
sind die großen, poetisch geformt sind sie alle. Er bediente
sich ihrer zu verschiedenen Zwecken: um zu belehren, zu
veranschaulichen, wachzurütteln; um zu erklären, zu warnen, zur Selbstbesinnung anzuregen und – um seine Botschaft und sein Handeln zu verteidigen. Im ältesten Evangelium gibt es sechzehn Gleichnisse. Es folgen die Belege:
Q 5,8-13:
Q 6,24-26:
Q 9,8:
Q 9,9.10:
Q 9,12-15:
Q 14,1.2:
Q 14,3-8:
Q 14,17-19:
Q 15,1:
Q 15,2:
Q 16,1-12:
Q 16,13-17:
Q 18,1.2:
Vom vernünftigen und vom unvernünftigen Bauherrn
Von den streitenden Kindern
Von der Fesselung des Mächtigen
Vom Zweikampf mit dem Mächtigen
Vom Rückfall
Vom nächtlichen Einbrecher
Vom Tun und Ergehen zweier Sklaven
Vom Gang vor Gericht
Vom Senfkorn
Vom Sauerteig
Vom Gastmahl (1)
Vom Gastmahl (2)
Vom verlorenen Schaf
317
Q 18,3.4: Von der verlorenen Drachme
Q 19,1-17: Von der Eignungsprüfung (1)
Q 19,18-29: Von der Eignungsprüfung (2)
Lehrgedichte
Die Lehrgedichte Jeschus sind wohl anders formuliert
als seine Gleichnisse, aber sie sind formal und inhaltlich von
ebenso hoher Qualität wie sie. Im ältesten Evangelium gibt es
neun Lehrgedichte. Es folgen die Belege:
Q 4,7-18:
Q 4,23-25:
Q 10,6.7:
Q 13,1-11:
Q 14,11-13:
Q 14,14-16:
Q 15,3.4:
Q 18,13.14:
Q 18,15-17:
Über Wohltätigkeit, Fasten und Beten
Über einen Zwist zwischen zwei Brüdern
Über die Königin von Saba und die Männer von Ninive
Über die Sorglosigkeit
Über Wettervorhersagen (1)
Über Wettervorhersagen (2)
Über die zwei Wege
Über die Zeit Noachs und die Zeit Lots
Über Fortgeführt- und Zurückgelassenwerden
Dreiungen
Unter den Symbolzahlen ist die Drei die Zahl, die dem
Wort „alles“ beziehungsweise dem Begriff „das Ganze“
entspricht. In volkstümlichen Erzählungen gab es seit Urzeiten überall auf der Welt drei Wünsche, drei Versuche,
drei handelnde Personen.
Daher ist es nicht verwunderlich, dass Jeschu – nicht
nur als Gleichniserzähler, sondern auch als Verkündiger
und Lehrer – Dreiungen formuliert hat. Im ältesten Evangelium gibt es vierzehn Dreiungen. Es folgen die Belege:
318
Q 3,3-5; 3,11-13; 3,16-18; 4,2-4; 4,7-18; 6,11-16; 7,21-23; 8,6.7;
8,9-11; 16,1-12; 17,1-3; 18,15-17; 19,1-17; 19,18-29.
Amenworte
Amen ist ein hebräisches Lehnwort, das unmittelbar ins
Aramäische eingegangen ist und von dort über Jeschu und
seine Schüler ins älteste Evangelium. Es bedeutet: „So ist es!
So geschehe es!“ Im Talmud heißt es von ihm: „Amen ist
Bekräftigung, amen ist Schwur, amen ist Übernahme.“
Jeschuworte, denen ein Amen! Amen! – Ich soll euch sagen
voransteht, sind Offenbarungsworte, das heißt Worte, die
Jeschu durch Inspiration empfangen hatte. Mit dem ersten
Amen! bestätigte er ihren Empfang; und zugleich, dass er
den Willen Gottes, der in ihnen ausgesprochen war, als eine
Macht anerkannte, die sich von selbst verwirklicht. Und mit
dem zweiten Amen! verbürgte er ihre wortgetreue Weitergabe an seine Hörer, weit überwiegend an seine Schüler und
Anhänger. Im ältesten Evangelium gibt es neun Amenworte.
Es folgen die Belege:
Q 5,6; 12,9; 14,19; 17,9; 17,10; 17,11; 18,9;
18,10; 19,30.
Menschensohnworte
Im Textteil dieses Buches habe ich den NTG-Ausdruck
„der Sohn des Menschen“ (= „der Menschensohn“) zehnmal und den NTG-Ausdruck „der Sohn“ (eine Verkürzung
von „der Menschensohn“) zweimal mit ICH wiedergegeben.
Es folgen die Belege:
319
Q 6,26; 7,2; 8,2; 8,2; 10,4; 10,5; 12,9; 12,10; 12,11;
18,13; 18,14; 18,19.
An allen diesen Stellen liegt den beiden NTG-Ausdrücken das aramäische bar naša’ zugrunde. Diesen Begriff mit
„der Menschensohn“ zu übersetzen, war an keiner Stelle
berechtigt.
Denn soviel ist sicher: In allen oben aufgelisteten Jeschuworten – auch in den von frühchristlichen Übersetzern
und/oder Bearbeitern veränderten – ist bar naša’ („der
Mensch, ein Mensch, jemand“) eine verhüllende Umschreibung für ich. Jeschu gebrauchte sie immer dann, wenn er
sich scheute, ich zu sagen. – Aus Bescheidenheit!
Variationen
Dass Jeschu seine Worte (Gleichnisse eingeschlossen) je
nach Anlass und Zuhörern variiert haben wird, sollte als
selbstverständlich gelten dürfen. Als so selbstverständlich,
wie es dieser Tatbestand verdient. Im ältesten Evangelium gibt
es dreizehn Variationen. Es folgen die Belege:
Q 3,3-5 // 3,11-13 Q 4,5 // 4,6 Q 5,6 // 5,7
Q 6,19-21 // 6,22.23 Q 9,8 // 9,9.10
Q 11,10.11 // 11,12-14 Q 13,13.14 // 13,15
Q 14,11-13 // 14,14-16 Q 15,3.4 // 15,5
Q 16,1-12 // 16,13-17 Q 17,9 // 17,10
Q 18,9// 18,10 Q 19,1-17// 19,18-29
Bei allen dieses Texten handelt es sich nicht um Parallelen, die lediglich anders wiedergegeben oder umformuliert
worden sind. Sondern: Wie ihre jeweils anderen poetischen
Formen verraten, sind sie eigenständige Variationen desselben oder eines ähnlichen Themas.
320
EXKURSE
1. Die Gottesanrede Abba
Abba (aram. ’abba’, Lallwort der Kleinkindersprache, zu
betonen auf der Endsilbe) ist dem deutschen „Papa“ vergleichbar. Mit ihm redete Jeschu Gott immer an. Und mit
ihm sprach er fast immer von Gott.
Abba war der besondere, so nur Jeschu eigene Ausdruck
seines Verhältnisses zu Gott: begründet in seiner innigen
Verbindung mit Gott und in seinem unbedingten Vertrauen
zu ihm; in der Gewissheit, von Gott eine einzigartige Offenbarung und Vollmacht empfangen zu haben, und in der
Erkenntnis, Gott gegenüber zu völliger Hingabe verpflichtet zu sein.
Abba kann in den Worten Jeschus, je nach Sinnzusammenhang, „Vater“ und „der Vater“ bedeuten; aber auch
„mein, dein, unser, euer Vater“. Da alle diese Bedeutungen
von Abba jedes Mal mitschwingen, lässt es sich nirgends mit
nur einem deutschen Ausdruck angemessen wiedergeben.
Daraus folgt: Wer Jeschus Sprachgebrauch nicht verfremden will, der sollte das Wort Abba unübersetzt lassen.
Abba statt „Gott“ sagte Jeschu weder willkürlich noch
zufällig, sondern immer ganz bewusst. Damit offenbarte er
Gott als liebenden Vater, als die Güte in Person. Warum er
das tat, ist offenkundig. – Weil das Wort „Gott“ durch zahllose Kulte und Religionen mit teilweise barbarischen Vorstellungen belastet war und weil er alle Menschen als „Kinder Gottes“ betrachtete, denen seine Liebe gilt.
Abba ist der Ausgangs- und der Zielpunkt der Lehre Jeschus. Denn nach ihm kommen wir alle von Gott her und
321
kehren alle zu ihm zurück, wie der „verlorene Sohn“ in einem der bewegendsten seiner Gleichnisse Lk 15,11-24.
Doch wenn das so ist, wenn Gott vom Ursprung her unser
aller Vater ist, dann ist unsere Zukunft hoffnungsvoll.
2. Die Weisung Gottes
Man nennt sie „Die zehn Gebote“. Warum eigentlich?
Gerechtfertigt ist das nicht. Denn mindestens acht von ihnen sind keine Ge-bote sondern Ver-bote. Sind sie das aber,
dann sollte man sie auch Verbote nennen. Das wäre nicht
nur konsequent, sondern das lässt auch darauf schließen,
dass die beiden Gebote
Gedenke des Tags der Feier, ihn zu heiligen und
Ehre deinen Vater und deine Mutter
(2Mo 20,8 und 12, zitiert nach M. Buber, „Die Bücher der
Weisung“, 9. Auflage 1976) nicht zum Urbestand der Weisung Gottes gehören.
Damit soll nicht ihre Daseinsberechtigung an sich angetastet werden, sondern nur ihre Berechtigung, zur Urfassung der Weisung Gottes zu gehören. Denn deren Worte
werden im Hebräischen – ursprünglich, aus textinternen
Gründen – alle mit lo’ „nicht“ begonnen haben.
Es folgen die Präambel und die neun Verbote, die übrig
bleiben, nachdem der Textbestand von 2Mo 20,2-17 auf das
Ursprüngliche und Wesentliche reduziert worden ist:
PRÄAMBEL
Ich bin der Ewige, dein Gott,
der ich dich aus Ägypten geführt habe,
aus der Knechtschaft.
322
DIE VERBOTE
Habe keine anderen Götter!
Mach dir kein Götterbild!
Wirf dich nicht vor ihm nieder!
Morde nicht!
Hure nicht!
Stiehl nicht!
Sage nicht aus gegen deinen Nächsten!
Begehre nicht das Haus deines Nächsten!
Begehre nicht die Frau deines Nächsten!
Man bedenke: Das sicher nicht zufällige Ergebnis dieser
Rekonstruktion besteht aus zwölf Gliedern. Nämlich: aus
einer dreigliedrigen Präambel und aus einer Dreiung von je
drei Verboten. Die ersten drei Verbote betreffen Gott. Die
zweiten drei betreffen die eigene Person. Die dritten drei
betreffen die Person des Nächsten.
Diese zwölf Zeilen hätten auf zwei Steintafeln Platz gehabt. Mit ihnen war alles gesagt, was zu sagen Not tat. Kein
Wort war zuviel und keines zuwenig. Jedes weitere Wort
wäre Gott nicht gemäß gewesen. Es hätte nur zerredet, was
zu sagen war!
3. Bewusste Textänderungen?
Zu dieser Frage äußerte sich Constantin von Tischendorf, einer der ganz großen Erforscher des Grundtextes
zum Neuen Testament, wie folgt (auszugsweise entnommen aus „Haben wir den ächten Schrifttext der Evangelisten und Apostel?“, zweite Auflage 1873):
323
„Bei jedweder Schrift ist ein wesentliches Erfordernis
die Aechtheit, die Richtigkeit ihres Textes … jeder Antheil
einer fremden Hand daran, sie mag dazu oder davon gethan, oder auch den Ausdruck geändert haben, ist eine
unwillkommene Beeinträchtigung der Aechtheit. Wodurch
wurde nun die Textesächtheit der alten Schriften gesichert?
Sie hing zumeist von den Abschreibern ab, von ihrem Geschick und ihrer Sorgfalt, von ihrer Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit.
Die Aufgabe einer treuen genauen Abschrift war, schon
äusserlich betrachtet, nicht leicht. Nach alter Schreibweise
lief der Text ohne Trennung der einzelnen Wörter von einander, auch ohne Interpunktion, also in einem Zuge fort:
wie nahe lag da, zumal bei schleuniger Arbeit, Irrthum des
Auges und Missverständnis. Es konnte sich aber auch Vorwitz und unberufener Eifer am ächten Text vergreifen. Und
war eine einzige mehr oder weniger gefälschte, unrichtige
Abschrift in den Verkehr gebracht: leicht konnte sie von
neuem abgeschrieben und mit ihren Unrichtigkeiten weiter
verbreitet werden“ (Seite 7).
„Hiernach ist der Neutestamentliche Text schon in den
ersten Jahrhunderten seines Bestehens vielfachen Entstellungen verfallen, eine Annahme, die bereits im vierten Jahrhunderte von Hieronymus, dem vom Papste Damasus beauftragten Verbesserer der alten lateinischen Bibeltexte, getheilt und offen ausgesprochen worden ist. Nach meiner eigenen Ueberzeugung gehen diese Entstellungen sogar allermeist aufs erste und zweite Jahrhundert zurück“ (Seite 13).
„Legen wir uns hierauf die Frage wieder vor, was die
Beeinträchtigung der Textesreinheit unserer heiligen Bücher
veranlasst haben mag, so reicht es nicht hin, auf die allgemeinen Ursachen hinzuweisen, deren wir vorher gedacht
324
haben. Vielmehr kommt dazu, dass man diese Schriften von
Anfang an nicht als Literaturwerke ansah, deren Buchstäblichkeit den höchsten Wert habe.
Sie gingen in die christlichen Gemeinden aus, und mancher glaubte, namentlich bei den Evangelien, seinerseits eine Nachhilfe anwenden zu dürfen, sei es durch Erweiterung
und Zusätze oder durch Verbesserungen. Man passte die eine Stelle der anderen an und erlaubte sich ähnliches: alles
im vermeintlich frommen Eifer. Auch dogmatische Willkür
trat hinzu, sowie die Macht der mündlichen Tradition.
Und dies geschah in derjenigen frühen Zeit, wo die junge Kirche bei ihrer Zerstreuung in viele Länder noch keine
strengere Controle über dergleichen üben konnte, um so
weniger, als die Neutestamentlichen Schriftexemplare sogar
Gegenstand feindlicher Verfolgung waren. Als man später
Einsicht von der Eigenwilligkeit gewann, die hier obgewaltet, war es zu spät und auch zu schwer, den Scha-den wieder auszugleichen.
Durch die Erhebung des Christenthums zur Staatsreligion änderten sich allerdings die Verhältnisse auch in dieser
Beziehung. Und es war ein Ergebniss der allmäligen staatsmässigen Organisation der Kirche selbst, dass sie über das
heilige Eigenthum, das ihr in den apostolischen Schriften
gegeben war, erfolgreicher wachte. Doch wurde der Vielgestaltigkeit der Texte nur insofern entgegengearbeitet, als der
kirchlich angewandte Text von da ab eine gewisse Gleichmässigkeit annahm, wie in der griechischen, so in der lateinischen Kirche, ohne dass jedoch gerade für diese Textesform eine besondere wissenschaftliche Berechtigung vorlag“ (Seiten 14 und 15).
325
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Roller, O.: Münzen, Geld und Vermögensverhältnisse in den Evangelien
(1929)
Schulthess, F.: Lexicon Syropalaestinum (1979 = 1903)
Schulz, S.: Q Die Spruchquelle der Evangelisten (1972)
Schwarz, G.: Jesus „der Menschensohn“, Aramaistische Untersuchungen
zu den synoptischen Menschensohnworten Jesu (1986)
„Und Jesus sprach“, Untersuchungen zur aramäischen Urgestalt der
Wortle Jesu (2. Auflage 1987)
Jesus und Judas, Aramaistische Untersuchungen zur Jesus-JudasÜberlieferung der Evangelien und der Apostelgeschichte (1988)
„Wenn die Worte nicht stimmen“ (1990)
„Gebt … den Inhalt als Almosen“? (Lukas 11,40.41), Biblische Notizen 75 (1994), Seiten 26-30.
„Reinige … das Innere des Bechers“? (Matthäus 23,26) , ebd. S. 31-34.
Worte des Rabbi Jeschu (2003)
Segert, St.: Altaramäische Grammatik (2. Auflage, 1983)
Sokoloff, M.: A Dictionary of Jewish Palestinian Aramaic (2. Auflage 2002)
Wellhausen, J.: Einleitung in die drei ersten Evangelien (1905)
Zimmermann, F.: The Aramaic Origin of the Four Gospels (1979)
328
Abkürzungen biblischer Bücher
(nach dem Calwer Bibellexikon)
1Mo
2Mo
3Mo
4Mo
5Mo
Jos
Ri
Rut
1Sm
2Sm
1Kö
2Kö
1Ch
2Ch
Esr
Neh
Est
Hi
Ps
Spr
Pr
Hl
Jes
Jer
Kgl
Hes
Dan
Hos
Jo
Am
Ob
Jon
Mi
1. Mose (Genesis)
2. Mose (Exodus)
3. Mose (Leviticus)
4. Mose (Numeri)
5. Mose (Deuteronomium)
Das Buch Josua
Das Buch der Richter
Das Buch Rut
1. Buch Samuel
2. Buch Samuel
1. Buch der Könige
2. Buch der Könige
1. Buch der Chronik
2. Buch der Chronik
Das Buch Esra
Das Buch Nehemia
Das Buch Ester
Das Buch Hiob (Ijob)
Das Buch der Psalmen
Die Sprüche Salomos
Der Prediger Salomo (Kohelet)
Das Hohelied Salomos
Der Prophet Jesaja
Der Prophet Jeremia
Die Klagelieder Jeremias
Der Prophet Hesekiel (Ezechiel)
Der Prophet Daniel
Der Prophet Hosea
Der Prophet Joel
Der Prophet Amos
Der Prophet Obadja
Der Prophet Jona
Der Prophet Micha
329
Nah
Hab
Ze
Hag
Sa
Mal
Der Prophet Nahum
Der Prophet Habakuk
Der Prophet Zephanja
Der Prophet Haggai
Der Prophet Sacharja
Der Prophet Maleachi
Mt
Mk
Lk
Jh
Apg
Rö
1Ko
2Ko
Gal
Eph
Phl
Kol
1Th
2Th
1Ti
2Ti
Tit
Phm
1Pt
2Pt
1Jh
2Jh
3Jh
Heb
Jak
Jud
Off
Das Evangelium nach Matthäus
Das Evangelium nach Markus
Das Evangelium nach Lukas
Das Evangelium nach Johannes
Die Apostelgeschichte
Der Römerbrief
1. Korintherbrief
2. Korintherbrief
Der Galaterbrief
Der Epheserbrief
Der Philipperbrief
Der Kolosserbrief
1. Thessalonicherbrief
2. Thessalonicherbrief
1. Timotheusbrief
2. Timotheusbrief
Der Titusbrief
Der Philemonbrief
1. Petrusbrief
2. Petrusbrief
1. Johannesbrief
2. Johannesbrief
3. Johannesbrief
Der Hebräerbrief
Der Jakobusbrief
Der Judasbrief
Die Offenbarung (Apokalypse)
330
NACHTRÄGE
1. Zu dem Täuferwort Q 1,6
Denn ich soll euch sagen:
Gott ist imstande,
aus diesen Steinen
dem Abraham Kinder erstehen zu lassen.
Es folgen die ersten beiden Absätze meines Kommentars
zu diesem Täuferwort:
„Abrahamskinder aus Steinen? Ist dieser Dreizeiler des
Täufers – er enthält ein Wortspiel zwischen ’abenajja’ und
benîn, PS-Text – nicht völlig überspannt?!
So könnte es scheinen, wenn man das Wort Steine wörtlich verstünde. Doch das wäre sinnwidrig. Denn Johannes
meinte Menschen, als er dies sagte. Freilich Menschen, deren Körper zwar lebendig war, deren Geist jedoch tot war.
Ebenso tot, wie es die Steine waren, die überall im Jordantal, in dem er taufte, herumlagen.“
Ein Leser des fast abgeschlossenen Manuskripts zu diesem Buch schrieb zu diesem Kommentarteil folgende Notiz
an dessen Rand, die ich nicht übergehen möchte, weil auch
andere Leserinnen und Leser ähnlich empfinden könnten.
„Ich glaube, dass es sich bei ‘diesen Steinen’ um ein
Bildwort handelt – wie bei dem Kamel, das durch ein Nadelöhr gehen soll. Dann könnte der Täufer ja durchaus auf
irgendwelche Steine gezeigt und gemeint haben, Gott könnte selbst aus diesen Kinder Abrahams erstehen lassen.“ Es
folgt meine Antwort:
Der Übergang von Vers 5 zu Vers 6 Wir haben Abraham
zum Vater! könnte Ihnen Recht geben. Und dass die Verfas-
331
ser von Q-Mt und Q-Lk so gedacht haben, glaube ich auch.
Aber: Was sie so geschrieben oder abgeschrieben haben, das
war kein Redeprotokoll, sondern ein vielleicht schon seit
längerem überlieferter Text.
Hinzu kommt noch: Die Einleitungsformel Denn ich soll
euch sagen verrät eine Naht zwischen zwei verschiedenartigen Texten, markiert also einen Neueinsatz. Hier sogar einen Wechsel der Zuhörer. Was die Verse Q 1,5 und 6 miteinander verbindet, ist allein das Stichwort Abraham. Und
dies war dem Sammler oder den Sammlern von Q bereits
Grund genug, sie miteinander zu verknüpfen.
[Dazu ist anzumerken: Die ganze Bergpredigt (und
nicht nur sie) besteht aus Einzelworten, Spruchgruppen und
Lehrgedichten Jeschus etc., die nach der Stichwortmethode
aneinander gereiht, gelegentlich auch ineinander geschachtelt worden sind.]
Liest man nun aufgrund dieser Erkenntnis Q 1,6 als
Einzelwort, wie die Einleitungsformel Denn ich soll euch sagen
nahelegt, so erinnern das Wort „Steine“ und das Stichwort
„Abraham“ an Jes 51,1.2, wo die Stein- beziehungsweise
Felssymbolik ebenfalls vorliegt (zitiert nach M. Buber, „Bücher der Kündung“, 7. Auflage 1978):
Blicket auf den Fels,
daraus ihr wurdet gehauen,
auf die Brunnenhöhlung,
daraus ihr wurdet erbohrt!
Blicket auf Abraham, euren Vater,
auf Ssara, die mit euch kreißte!
Dass Johannes, der Priestersohn, diesen erwählungsgeschichtlich wichtigen Text kannte, ist gewiss. Dann aber
lassen die Steinsymbolwörter beider Propheten (bei Johannes „Steine“ und „Abraham“, bei Deuterojesaja „Fels“ und
332
„Abraham“) keinen anderen Schluss zu als den, dass Johannes mit den Steinen Menschen meinte. Menschen die zu
(geistigen) Abrahamskindern erstehen würden.
Dafür, dass es so ist, spricht außerdem die Wendung erstehen zu lassen. Denn zu buchstäblichen, also zu leblosen
Steinen passt sie nicht. Ich erinnere an Rö 9,7 (EÜ-Text):
… auch sind nicht alle,
weil sie Nachkommen Abrahams sind,
deshalb schon seine Kinder …
Und ich erinnere an 1Pt 2,3b-5, einen dreiversigen Fels/
Stein-Hymnus, wiedergegeben nach dem P-Text:
Gütig ist er, der Herr,
dem ihr euch genähert habt,
weil er ein lebendiger Fels ist.
Auf ihm werdet ihr aufgebaut
als lebendige Steine,
sodass ihr ein geistiger Tempel werdet:
zur Darbringung geistiger Opfer,
die annehmbar sind vor Gott
durch Jeschu den Gesalbten.
Das Thema dieses Hymnus ist der Bau des geistigen
Tempels Gottes, der auf geistige Weise aus lebendigen Steinen
auf einem lebendigen Felsen aufgebaut wird. Nämlich auf Jeschu dem Gesalbten.
Woran Johannes dachte, als er die in Q 1,6 enthaltene
uralte Steinsymbolik benutzte, war natürlich etwas ganz und
gar anderes; etwas, das an Jes 51,1.2 anklingt. Aber dass er
sie benutzte und nicht etwa meinte, Gott werde aus materiellen Steinen Abrahamskinder erstehen lassen, ist sicher.
Und zu erstehen lassen erinnere ich an Mk 12,19. An einen
Text, der keinen Zweifel daran zulässt, wie dieser Begriff zu
verstehen ist (wörtlich übersetzter NTG-Text):
333
Wenn jemandes Bruder stirbt
und eine Frau zurücklässt
und kein Kind hinterlässt,
soll sein Bruder die Frau nehmen
und soll seinem Bruder
Nachkommenschaft erstehen lassen.
2. Zu dem Jeschuwort Q 12,5
Werden nicht verkauft
zwei Sperlinge
für ein As?!
Es folgt der dieses Jeschuwort betreffende Teil meines
Kommentars:
„In Q-Mt 10,29a-c hat der NTG-Text: ‘Werden nicht
verkauft zwei Sperlinge für ein As?!’ Und in Q-Lk 12,6a-c
hat er: ‘Werden nicht verkauft fünf Sperlinge für zwei As?!’
Warum? Was ist richtig, zwei Sperlinge oder fünf?
Zwei Sperlinge wird richtig sein. Denn wahrscheinlich
dachte Jeschu, als er diesen Dreizeiler formulierte, an jene
zwei reinen Vögel, die ein rein gewordener Aussätziger von
einem Priester als Reinigungsopfer darbringen lassen musste (3Mo 14,1-7). In diesem Fall wäre der Verkauf der Sperlinge im Nichtjudenvorhof des Jerusalemer Tempels hinreichend erklärt.
Und wie ist die Änderung in fünf Sperlinge zu erklären?
Zweifellos durch den Rückgang des Preises für Kleinvögel
zur Zeit des Plinius (23/24 bis 79 u. Z.). Dieser unbedeutend erscheinende Tatbestand hat weitreichende Konsequenzen. Denn er erlaubt einen sicheren Rückschluss auf
die Abfassungszeit der beiden Evangelien.
334
Danach wäre nämlich die des Lukasevangeliums in das
Jahrzehnt zwischen 50 und 60 anzusetzen und die des Matthäusevangeliumss in das Jahrzehnt zwischen 40 und 50
(zwar gegen die herrschende Auffassung, dafür aber an einem historischen Faktum festgemacht; vgl. O. Roller:
‘Münzen, Geld und Vermögensverhältnisse in den Evangelien’ [1929], Seiten 6-8).“
Ein Theologe, Leser des völlig abgeschlossenen Manuskripts zu diesem Buch, schickte mir Ablichtungen von
zwei Seiten eines theologischen Lehrbuches zum Neuen
Testament, ohne dessen Verfasser (im Folgenden: Autor)
und ohne den Titel des Buches zu nennen. Wahrscheinlich
wollte er sie geheim halten. Ich binde mich daran.
Die Sätze, um die es meinem Kollegen ging, hatte er
sauber unterstrichen. Sie betreffen die Abfassungszeit des
Matthäus- und die des Lukasevangeliums.
Auf der Ablichtung zum Matthäusevangelium (sie trägt
die Seitenzahl 261) hatte er folgende Sätze unterstrichen:
„Matthäus setzt die Zerstörung Jerusalems voraus (vgl. Mt
22,7; 21,41; 23,38) … Das Matthäusevangelium dürfte somit um 90 n. Chr. abgefasst worden sein.“
Und auf der Ablichtung zum Lukasevangelium (sie trägt
die Seitenzahl 285) hatte er folgende Sätze unterstrichen:
„Lukas … blickt in Lk 21,24 … auf die Zerstörung Jerusalems zurück … Daraus ergibt sich eine Datierung des Lukasevangeliums in die Zeit um 90 n. Chr.“
Was mein Kollege von mir wollte, ist klar: Eine Erklärung darüber, wie es angehen kann, dass die von mir und
die von dem Autor vertretenen Datierungen so weit auseinander klaffen. Nämlich beim Lukasevangelium um mehr als
drei und beim Matthäusevangelium um mehr als vier Jahrzehnte. Hier ist meine Erklärung:
335
Vorbemerkung: Bei beiden Datierungen stützte der Autor sein Urteil ausschließlich auf Evangelienbelege. Bei der des
Matthäusevangeliums auf Mt 22,7; 21,41 und 23,38; bei der
zum Lukasevangelium auf Lk 21,24. Es wird zu prüfen sein,
ob diese vier Belege leisten können, was sie sollen. Dabei
empfiehlt es sich, alle Belege im vollen Wortlaut zu zitieren
und anschließend textkritisch zu untersuchen.
Matthäus 22,7 (wörtlich übersetzter NTG-Text):
Aber der König wurde zornig,
und geschickt habend seine Heere,
brachte er jene Mörder um,
und ihre Stadt zündete er an.
Dieser Vers ist Teil des Gleichnisses „Vom großen
Gastmahl“ (Q-Mt 22,1-10), das von der Mehrheit der QForscher der Spruchquelle zugesprochen wird. Wobei sich
alle darin einig sind, dass es stark allegorisiert ist, ja dass
Vers 7 mit Sicherheit der Allegorisierung zuzuschreiben ist
(in meiner Rekonstruktion Q 16,13-17 fehlt er denn auch).
Zu fragen ist daher: Wann wurde dieses Gleichnis allegorisiert? Zweifellos nach der Zerstörung Jerusalems. Sonst
hätte sie sich nicht (als bereits geschehen) in Vers 7 widerspiegeln können.
Richtig ist, dass dieser Vers „die Zerstörung Jerusalems
voraussetzt“. Falsch aber ist, aus dieser Tatsache das Pauschalurteil herzuleiten, das ganze Matthäusevangelium ( ! )
müsse um 90 geschrieben worden sein.
Dieser Schluss wäre nur dann erlaubt, wenn absolut sicher wäre, dass es bis zum vierten Jahrhundert keinem einzigen Bearbeiter und Kopisten der Evangelientexte (nur
336
um sie geht es hier) eingefallen wäre, kleinere oder größere
Textänderungen vorzunehmen und kleinere oder größere
Ergänzungen in seine Niederschrift einzufügen.
Darauf aber kann und wird nur der bestehen, der sich
nicht genau genug auskennt, weil er den Text des NTGs
nicht genau genug untersucht hat.
[Zu erinnern ist hier an das sogenannte Comma Johanneum, einen ergänzenden Einschub in 1Jh 5,7f., der erstmals
in einigen altlateinischen Handschriften des vierten Jahrhunderts auftaucht: ein Extremfall von vielen anderen, auch
in griechischen Handschriften.]
Wenn es aber so ist – wenn also mehr dafür als dagegen
spricht, dass die gesamte Allegorisierung von Mt 22,1-10
der Zeit nach 70 u. Z. zugeschrieben werden muss –, dann
kann der Wortlaut von Mt 22,7 nicht leisten, was er soll: ein
Beweis dafür zu sein, dass das Matthäusevangelium insgesamt ( ! ) „die Zerstörung Jerusalems voraussetzt“.
Matthäus 21,41(wörtlich übersetzter NTG-Text):
Als Böse wird er sie böse umbringen,
und den Weinberg wird er an andere Winzer verpachten,
die ihm die Früchte zu ihren Zeiten abliefern werden.
Dieser Vers gehört scheinbar zum Gleichnis „Von den
bösen Winzern“ (Mt 21,33-41; vgl. Mk 12,1-9 / Lk 20,9-16).
Zu einem Gleichnis also, dessen Allegorisierung Matthäus
konsequent zu Ende gegangen ist (J. Jeremias, „Die Gleichnisse Jesu“, Seite 70). Doch wie Thomasevangelium 65 verrät, endete es ursprünglich damit, dass der Erbe des Weingartens ermordet und aus dem Weinberg hinausgeworfen
wurde (Mt 21,39; korrekter: Mk 12, 9).
337
Daraus folgt: Und wieder stützt der Autor sein Urteil
über die Datierung des Matthäusevangeliums auf einen sekundären allegorisierenden Textteil. Ausgerechnet auf einen
Vers, der schon durch seine Tonverschärfung („Als Böse
wird er sie böse umbringen“) und durch einen Zusatz („die
ihm die Früchte zu ihren Zeiten abliefern werden“; vgl. Mk
12,9 / Lk 20,16) als sehr spät erwiesen ist.
Und wieder gilt: Wenn es aber so ist – wenn also mehr
dafür als dagegen spricht, dass die gesamte Allegorisierung
von Mt 21,33-46 der Zeit nach 70 u. Z. zugeschrieben werden muss –, dann kann der Wortlaut von Mt 21,41 nicht
leisten, was er soll: ein Beweis dafür zu sein, dass das Matthäusevangelium insgesamt ( ! ) „die Zerstörung Jerusalems
voraussetzt“.
Matthäus 23,38 (wörtlich übersetzter NTG-Text):
Siehe, öde gelassen
wird euch euer Haus.
Dieses Jeschuwort gehört zu dem „kunstvoll geformten
dreiteiligen Plädoyer gegen Jerusalem als Repräsentantin des
ganzen jüdischen Volkes“ (siehe zu Q 15,8-10). Fest steht:
Es kann auf keinen Fall – als Beleg für was auch immer –
von ihm abgetrennt werden, ohne dass ihm Gewalt angetan
wird. Der RÜ-Text von Q-Mt 23,38 / Lk 13,35 lautet:
Seht! – Seht! –
Euch wird zurückgelassen werden!
Euer Tempel! – Zerstört!
Dieses Schlusswort des Plädoyers ist ein prophetischer
Ausruf Jeschus über das Schicksal des Jerusalemer Tempels,
unmittelbar an sein Volk gerichtet. Wobei die Doppelung
338
Seht! – Seht! – sowohl ein Ausdruck seines Schmerzes als
auch einer Drohung ist.
So sprach Jeschu als Prophet, der kommen sah, was
nach dem Tat-und-Tatfolge-Zusammenhang unausweichlich war und was sich im jüdischen Krieg gegen Rom um 70
verwirklicht hat. Es folgt das ganze Plädoyer:
Jerusalem! Jerusalem! –
Du hast Propheten getötet
und hast Sendboten gesteinigt!
Wie oft wollte ich
deine Kinder sammeln
– wie eine Glucke
ihre Küken sammelt
unter ihre Flügel –,
obwohl sie nicht wollten!
Seht! – Seht1 –
Euch wird zurückgelassen werden! –
Euer Tempel! – Zerstört!
Darf es wahr sein, dass dieses formvollendete Gedicht
Jeschus als Beweis dafür missbraucht wird, dass das Matthäusevangelium insgesamt ( ! ) „die Zerstörung Jerusalems
voraussetzt“? – Man vergesse nicht: In seinem Schlussteil
geht es um eine prophetische Voraussage Jeschus; und zwar
um eine hochbedeutsame!
Lukas 21,23b.24 (RÜ-Text, mithilfe des C-Textes):
Eine große Hungersnot
wird entstehen im Land,
und ein starker Zorn
über dieses Volk.
339
2
2
2
2
Und sie werden fallen durch die Schneide des Schwertes.
3
Und sie werden gefangen geführt werden zu allen Völkern. 3
Und Jerusalem wird unterworfen werden
2
von a l l e n Völkern,
2
bis zu Ende sein werden
2
die Zeiten der Völker.
2
Dieses Jeschuwort ist ein poetisches (siehe die Ziffern
am rechten Rand) und zugleich ein prophetisches Wort, wie
aus den durchweg futurischen Verben zu erschließen ist.
Vollständig aber ist es nur dann, wenn der Halbvers Lk 21,
23b mit Vers 24 verbunden wird.
Dass der Autor das nicht berücksichtigt hat, war ein
schwerer und schwerwiegender Fehler. Denn so, wie der
vollständige Text jetzt vorliegt, hätte wahrscheinlich auch er
erkannt, dass seine Voraussagen viel zu umfassend sind, als
dass sie sich darin erschöpfen könnten, lediglich die seit
längerem herrschende Lehrmeinung zu stützen, „Lukas blicke auf die Zerstörung Jerusalems zurück“.
Und wieder gilt: So sprach Jeschu als Prophet, der kommen sah, was nach dem Tat-und-Tatfolge-Zusammenhang
unausweichlich war und was sich (jetzt ergänzt) vor dem,
während des und nach dem jüdischen Krieg gegen Rom um
70 verwirklicht hat (man bedenke: von allen Völkern!).
Aus all dem ergibt sich: Es reicht nicht aus, wenn ein
Autor die gängigen Evangelienbelege (die schon seit längerem für die herkömmliche Datierung des Matthäus- und des
Lukasevangeliums benutzt werden) vertrauensvoll wiederholt. Gescheiter wäre es gewesen, er hätte sie sorgfältig daraufhin geprüft, ob sie auch leisten können, was sie sollen.
Vielleicht wäre er dann auch darauf gekommen, dass kein
einziger von ihnen dafür taugt, die Datierung um 90 n. Chr.
aufrecht zu erhalten.
340
Und wie steht es um die Glaubwürdigkeit der Datierungen, die ich nur der Vergessenheit entrissen habe? Datierungen, die O. Roller zu verdanken sind. Es folgt, weil seine
Argumentation kaum noch zugänglich ist, der Originalton
seiner Entdeckung (aaO, Seiten 7 und 8, gekürzt):
„Meines Wissens ist es noch nicht erklärt, warum die
Sperlinge bei Lukas entschieden billiger waren als bei Matthäus. Bei diesem erhielt man für zwei Pfennige [As] nur
vier, bei jenem fünf Stücke. Daß hier unter den strouthía,
den passeres, nicht nur Sperlinge zu verstehen sind, sondern
alle häufigen Kleinvögel, ergibt der Zusammenhang.
… im ganzen Mittelmeerraum war die Wachtel von
altersher geschätzt. Varro stellt sie den Otolanen und anderen gesuchten Vögeln gleich. Zu den Zeiten des Plinius
glaubte man zu beobachten, daß sie am liebsten und vorzugsweise giftigen Samen fräßen, dazu auch, wie die Menschen der Fallsucht unterworfen seien (Plin., hist. Nat. X 33
[23], 4), und ihre Beliebtheit sowie ihr Wert sanken seitdem
und mit ihnen naturgemäß auch der der übrigen Vögel …
In dieser Zeit des beginnenden Preisrückganges fällt
die Preisangabe des Lukas, während Matthäus mit seinem
höheren Preis noch einen älteren Stand der Preislage dieser
Kleinvögel gibt.
Da Plinius seine Naturgeschichte etwa 50 n. Chr.
schrieb, muß auch Lukas in diese Zeit gehören … Matthäus ist wesentlich früher, wohl noch in das vierte Jahrzehnt zu setzen, erheblich später, näher an Lukas und Plinius heran, geht um dieses Preisansatzes willen nicht.“
In seiner Anmerkung hierzu bemerkte Roller: „Es ist
mir wohl bekannt, dass dies mit der herrschenden und festgegründeten Ansicht vom Synoptikerproblem nur schwer
zu vereinen ist.“
341
Recht hat er. Doch worum hat es hier zu gehen? Etwa
darum, bei einer Lehrmeinung zu beharren? Selbst nachdem
sie sich (siehe oben) als unhaltbar erwiesen hat? Oder darum – hoffentlich! –, um der Wahrheit und Wahrhaftigkeit
willen einen Irrtum als Irrtum anzuerkennen?
Fest steht jedenfalls: Die oben geprüften Evangelienbelege, die beweisen sollen, dass das Matthäus- und das Lukasevangelium um 90 n. Chr. verfasst worden sind, konnten die
Last eines überzeugenden Beweises nicht tragen.
Im Gegensatz dazu ist Rollers Datierung (zunächst des
Lukasevangeliums) so fundiert, dass es aussichtslos ist, sie
zu ignorieren und totzuschweigen. Denn sie hat den Vorzug, nicht bloß erschlossen zu sein, wie die aufgrund der
oben als untauglich befundenen Evangelienbelege, sondern
durch einen nachvollziehbaren historischen Sachverhalt beglaubigt zu sein.
Nicht ganz so exakt ist seine Datierung des Matthäusevangeliums („in das vierte Jahrzehnt zu setzen“, siehe Seite
341). Denn Jeschus Aussage Q 12,5 und deren matthäische
Wiedergabe waren ja nicht zeitgleich. Das Matthäusevangelium wird daher (auf jeden Fall vor dem Lukasevangelium,
also) in dem Jahrzehnt zwischen 40 und 50 geschrieben
worden sein. Doch das ist ein vergleichsweise geringfügiges
Fehlurteil.
*
Dass diese (erstmals 1929 veröffentlichten!) Neudatierungen auch auf die Datierung des Markusevangeliums Einfluss haben – wer könnte das leugnen?
Werden die Verantwortlichen sie anerkennen wollen?
342
Umschrifttabelle
[Die Umschrifttabelle fehlt in der Datei von GS. In das ausgedruckte
Exemplar hat er sie aber eingelegt. Sie wird hier insb. wegen der Darstellungsprobleme bei den aramäischen Quadratbuchstaben weggelassen. Anmerkung Herausgeber.]
343