kleine Literaturstudie

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Massnahmen gegen Wildunfälle
auf Strassen – ein Überblick
Unfälle mit Wildtieren auf Strassen sind in allen industrialisierten Ländern mit dichten Verkehrsnetzen zu einem Problem geworden, das sich in Statistiken über Personen- und Sachschäden bzw. über getötete Tiere widerspiegelt. Da das Warnschild
«Wildwechsel» wenig Wirkung zeigt, wird seit etwa den 1960erJahren vermehrt nach anderen Massnahmen gesucht. Heute
werden verschiedene Mittel auf dem Markt angeboten, deren
versprochene Wirksamkeit jedoch selten mit entsprechenden
Studien belegt ist.
Von Christa Mosler-Berger *
Grundsätzlich lassen sich drei Massnahmentypen unterscheiden, die Wildunfälle verhindern sollen. Die erste
Gruppe enthält Massnahmen, die mit optischen, akustischen oder geruchlichen Mitteln Wildtiere davon abhalten sollen, vor herannahenden Autos über die Strasse zu
wechseln. Lichter, Töne und Gerüche sollen die Aufmerksamkeit der Tiere am Strassenrand erhöhen, sodass sie
ihr Verhalten der Verkehrssituation entsprechend anpassen.
Die zweite Gruppe von Massnahmen zielt nicht auf das
Verhalten der Tiere ab, sondern auf das Verhalten der Verkehrsteilnehmer. Indem diese über das aktuelle Unfallrisiko informiert werden, können sie ihre Aufmerksamkeit
und Fahrweise entsprechend anpassen.
Schliesslich werden auch Massnahmen getroffen, die
Fahrbahn und Wildwechsel zeitlich und räumlich mit
Über- oder Unterführungen dauerhaft trennen. Je nach
Ausführung können hier die unterschiedlichsten Tierarten
Strassen oder Bahnlinien queren. Damit werden nicht nur
Unfälle verhindert, sondern auch die Barrierenwirkung
von Verkehrsträgern gemindert.
* Christa Mosler-Berger,
WILDTIER SCHWEIZ, Zürich
Was also lohnt sich in Betracht zu ziehen, wenn eine Risikostrecke mit häufigen bzw. regelmässigen Wildunfällen entschärft werden soll? Für einige ausgewählte Massnahmen, die auch in der Schweiz Verbreitung finden,
wurden Befunde aus Studien zusammengestellt, welche
die Wirksamkeit überprüften.
Gestank, Lichtblitze und schrille Töne
Das Prinzip der «Duftzäune» basiert auf der Annahme,
dass bestimmte Duftstoffe abschreckend auf Wildtiere
wirken. Ursprünglich als Mittel gegen Wildschäden in
land- und forstwirtschaftlichen Kulturen entwickelt, wurde
es wenige Jahre später auch entlang von Strassen zur Unfallverhütung angebracht. Das Duftkonzentrat imitiert Gerüche von Mensch und/oder Raubtieren. Die Erfahrungen
mit «Duftzäunen» reichen von «wirkt gar nicht» bis «wirkt
super». In etlichen Fällen wurde lediglich eine Verschiebung der Unfallstrecke vom «Duftzaun» weg in duftlose
Nachbarschaft beobachtet (Rippmann 2006).
Mesures contre les accidents routiers avec du gibier –
un survol
Les accidents avec du gibier sont devenus, dans tous les pays
industrialisés possédant de denses réseaux de transport, un
problème qui se reflète dans les statistiques des dommages aux
personnes et aux choses, respectivement dans celles des animaux tués. Comme le signal «Passage de gibier» a peu d’effet,
d’autres mesures sont recherchées depuis les années 60.
Aujourd’hui, le marché offre différents moyens dont l’efficacité
promise n’est que rarement attestée par des études correspondantes.
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Damit ist das Problem aber nicht gelöst. Direkte Verhaltensbeobachtungen an verschiedenen Tierarten zeigten,
dass ein «Duftzaun» nicht die gewünschte Wirkung hat,
um Unfälle zu verhindern: Die neue Installation im Lebensraum der Tiere löste vor allem Neugier aus (beäugen,
beriechen), wirkte jedoch nicht abschreckend (Lutz 1994,
Hülsmann 1998).
Da viele Wildtiere, insbesondere Huftiere, zwischen
Abend- und Morgendämmerung besonders aktiv sind,
häufen sich Wildunfälle in dieser Zeitspanne. Deshalb versprach man sich mit Reflektoren, die beidseits der Strasse
eine «Lichtbarriere» aufbauen, wenn sie von den Scheinwerfern eines sich nähernden Fahrzeugs angestrahlt werden, ein besseres Resultat. Die Idee ist, dass Tiere diese
«Lichtbarriere» meiden und am Strassenrand warten, bis
es wieder dunkel, also das Auto vorbei ist. Der entscheidende Unterschied zum Duftzaun ist, dass der Lichtreiz
nur vorübergehend ausgelöst wird. Eine Gewöhnung an
den neuen Reiz hofft man, so vermeiden zu können.
Verschiedene Studien in Europa und Nordamerika befassten sich mit der Wirksamkeit solcher Reflektoren. Untersucht wurde die Häufigkeit von Wildunfällen ohne und
mit Reflektoren sowie die Reaktionen von Tieren auf die
Reflektoren selbst. Wiederum lieferten die Studien unterschiedliche Resultate von «wirkungsvoll» (z. B. Schafer &
Penland 1985, Putman et al. 2004) bis «wirkungslos» (Désiré & Recorbet 1987, Reeve & Anderson 1993, Sielecki
2001, Putman et al. 2004). Eine mögliche Erklärung ist
die, dass auch die Autofahrer den «Lichtzaun» sehen, der
in der klassischen Form rot aufleuchtet, dies mit einer
erhöhten Gefahr in diesem Strassenabschnitt assoziieren
und entsprechend aufmerksamer sind.
Direkte Beobachtungen an Weisswedelhirschen liessen
keine Verhaltensänderungen erkennen, wenn die Reflektoren aufleuchten (Waring et al. 1991). Dies wird auch
von Lück (1983) für den Rothirsch in Österreich berichtet:
Rothirsche beobachteten den Verkehr auf der Strasse,
seien aufmerksam und beachteten die Scheinwerfer herannahender Fahrzeuge, aber nicht die Reflektoren. In einem Gehegeexperiment mit Weisswedelhirschen konnte
Zacks (1987) keine Verhaltensänderung auf einen «Lichtzaun» beobachten, gleichgültig ob rote oder weisse Reflektoren verwendet wurden.
Reflektoren werden in verschiedenen Farben angeboten.
Bei allen nimmt die Intensität des Lichtes schon ab 2 m
Entfernung zur Lichtquelle drastisch ab (Sielecki 2001).
Da Reflektoren ihre grösste Wirkung nur nachts entfalten
können, spielt die Farbe selbst eine untergeordnete Rolle.
Die Intensität des reflektierten Lichtes ist zu gering, als
dass sie die verantwortlichen Rezeptoren für Farbensehen anregen könnte. Ausserdem haben Huftiere keine
Rezeptoren für die Farbe Rot. Sie sehen Rottöne eher als
schmutziges Gelb mit Grünstich (Jacob et al. 1994, Junker 2004).
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1: Vereinfachte Skizze zu Aufbau und Funktionsweise eines Warnsystems
gegen Wildunfälle. Der für Wildunfälle riskante Bereich wird beidseits der
Strasse mit Infrarotsensoren (rot) vollständig abgedeckt, die je nach Winkel einen breiten, kurzen oder schmalen, weitreichenden Sektor erfassen
können. Gelangt ein Tier in den Erfassungsbereich eines Sensors, schickt
dieser einen Impuls an die zentrale Steuerung (gelb). Diese wiederum leitet Impulse an die LED-Signaltafeln und lässt sie aufleuchten. Das System
ist so eingestellt, dass es von der Abend- bis in die Morgendämmerung
betriebsbereit ist, tagsüber dagegen nicht aktiviert werden kann. Damit
wird verhindert, dass das System durch menschliche Aktivitäten (z. B.
Feld- und Waldarbeiten) ausgelöst wird. Andererseits können die Tiere,
die tagsüber die Strasse queren, nicht erfasst werden (nach Mosler-Berger & Romer 2003).
1: Schéma simplifié de la constitution et du fonctionnement d’un système
d’alerte contre les accidents avec du gibier. Le domaine sensible pour ces
accidents est entièrement couvert de chaque côté de la route par des capteurs infrarouge (en rouge) qui, selon leur angle, peuvent couvrir un secteur large, court, étroit ou vaste. Lorsqu’un animal entre dans le domaine
d’un capteur, celui-ci envoie une impulsion à la centrale (en jaune). Cette
dernière envoie à son tour une impulsion au panneau dont les LED s’illuminent. Le système est réglé de manière à être prêt du crépuscule à
l’aube, sans pouvoir être activé de jour. Ceci évite que le système puisse
être déclenché par des activités humaines (p. ex. travaux agricoles ou forestiers). Par contre, les animaux qui traverseraient la route de jour ne
peuvent pas être détectés (d’après Mosler-Berger & Romer 2003).
Seit einigen Jahren werden zusätzlich zu den Reflektoren
akustische Wildwarngeräte eingesetzt, die ebenfalls von
den Scheinwerfern ankommender Fahrzeuge aktiviert
werden. Nebst einem zeitweisen «Lichtzaun» kommt somit noch ein «akustischer Zaun» dazu. Das soll Tiere solange von der Strasse abhalten, bis das Fahrzeug vorüber
ist. Im Kanton Zürich wurde diese Massnahme in gros­
sem Stil ab August 2007 eingeführt, sodass 6000 dieser
Wildwarngeräte (Standardmessung: 3 kHz, 68–77,5 dB)
an etwa 400 km Strassen installiert wurden (Philipp 2009).
Im ersten «Betriebsjahr» von August 2007 bis Juli 2008
nahmen die Unfallzahlen bis zu 43 % ab, lagen damit aber
immer noch im natürlichen Schwankungsbereich der
Jahre davor. Um eine fundierte Aussage zu machen, ist
ein Jahr natürlich zu kurz. Aktuelle Daten zu diesem Projekt sind noch nicht erhältlich.
ohne Warnanlage
Die Schallintensität kann je nach Umweltbedingungen
stark schwanken: Temperatur und Luftfeuchtigkeit, Abschattung durch feste Hindernisse, Absorption durch Vegetation u.a. spielen je nach Frequenz eine grössere oder
kleinere Rolle. Allein der normale Strassenlärm erreicht
bereits einen Lärmpegel bis zu 50 dB (Schober & Sommer
1984), je nach Reifen, Strassenbelag und Geschwindigkeit werden gar Werte bis zu 89 dB gemessen (Mak et al.
2011). All dies überlagert den Ton des Wildwarngerätes,
weshalb dessen Wirkung schwer abzuschätzen ist.
Wildtiere hören und sehen den Verkehr auf der Strasse,
sie verhalten sich jedoch unterschiedlich von Art zu Art
und individuell: Rothirsche gelten als vorsichtig (Herrmann & Mathews 2007, Batist Bischoff mündl. Mitt.),
Wildschweine eher nicht, Rehe verhalten sich sehr unterschiedlich (Berthoud 1987). Ob der Strassenraum gemiemit Warnanlage
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Standort
2: Anzahl Kollisionen mit Rehen und Rothirschen pro Jahr vor und nach
­I nbetriebnahme der Anlagen an sieben Standorten. Einige Anlagen mussten zwecks mehrjähriger Bauarbeiten am jeweiligen Standort (B) bzw.
­a ufgrund fehlender Wartung (W) abgebaut werden (nach Mosler-Berger &
Romer 2003).
2: Nombre de collisions avec des chevreuils et des cerfs roux par année en
sept endroits avant et après la mise en service des installations. Quelques
installations ont dû être démontées en raison de chantiers pendant plusieurs
années (B) ou de manque d’entretien (W) (d’après Mosler-Berger & Romer
2003).
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3: Normalerweise ist die Anlage über einen Dämmerungsschalter nur
während der Nacht betriebsbereit. Am Tag erscheint die Signaltafel als
schwarze Fläche. Für diese Aufnahme im Engelberger Tal (OW) wurde die
Anlage von Hand aktiviert.
3: Normalement, l’installation n’est en service que la nuit par
l’intermédiaire d’un détecteur de luminosité. De jour, le panneau apparaît
comme une surface noire. Il a été allumé manuellement pour cette photo
dans la vallée d’Engelberg (OW).
den, als Teil des Lebensraums genutzt oder gequert wird,
hängt von vielen Faktoren ab: etwa von der Verkehrsfrequenz, vom Geländerelief, von der die Strasse begleitende Vegetation, der Verteilung von Wald, Feld und
Grünland im Umfeld der Strasse und anderem.
Wissenschaftliche Studien, in der die Wirksamkeit von
geruchlichen, optischen und akustischen Massnahmen
statistisch nachgewiesen wurden, wurden nicht gefunden. Methodisch sauber ausgeführte Studien scheiterten
an zu wenigen Unfallzahlen auf Test- und Kontrollstrecken während des Untersuchungszeitraums (Sielecki
2001, Putman et al. 2004).
Lohnt es sich also, angesichts der bisher nicht belegten,
langfristigen Wirkung all dieser Massnahmen, Engagement, Zeit und Geld darin zu investieren? Können wir
wirklich davon ausgehen, dass Wildtiere dank zusätzlicher Reize die Situation auf der Strasse besser «interpretieren» und ihr Verhalten danach ausrichten? Die Alternative wäre stattdessen, dass der Mensch sein Fahrverhalten anpasst, wozu er jedoch die richtigen Hinweise
braucht.
Wildtiere vor Autos gewarnt werden, sondern umgekehrt
die Fahrzeuglenker vor Wildtieren im Strassenbereich.
Für beides ist der Begriff «Wildwarnanlage» in Gebrauch.
Der englische Begriff «Animal Detection System» ist eindeutiger und treffender. Das Funktionsprinzip ist in Abbildung 1 erklärt.
Kistler (1998) untersuchte sieben Anlagen in der Schweiz
auf ihre Wirkungsweise, wobei er nicht nur die Unfallzahlen vor und nach der Installation verglich, sondern auch
die Reaktion der Autofahrer auf das aktivierte Signal, dies
in Zusammenarbeit mit der zuständigen Kantonspolizei.
Die beiden Anlagen in Graubünden lieferten im Vergleich
zu den anderen Standorten keine befriedigenden Ergebnisse (Abb. 2). Als Signal leuchtete dort nur das bekannte
Warnschild «Wildwechsel» auf. Bei allen anderen Standorten war der Hinweis «Wildwechsel» mit einer Geschwindigkeitsbeschränkung auf 40 km/h ergänzt (Abb. 3).
Beides zusammen wirkte sehr gut.
Die Leuchtdauer der Tafeln kann variiert werden. Nach
Ablauf der gewählten Dauer, schaltet die Anlage automatisch ab, sie wird jedoch sofort wieder aktiviert, falls Tiere
weiterhin im Erfassungsbereich der Sensoren verweilen.
Solange sich also Wildtiere in Strassennähe aufhalten,
erhalten Autofahrer ununterbrochen die Botschaft «Achtung Wildtiere – runter vom Gas!»
Das Warnsystem zählt und speichert die Anzahl Aktivierungen mit Angabe von Datum und Uhrzeit. Diese Daten
sind zur Kontrolle der Funktionstüchtigkeit wichtig und
liefern gleichzeitig Informationen über die Aktivität der
Tiere. Nehmen die Wildunfälle nach einer getroffener
Massnahme ab, kann dies nicht einfach auf diese Massnahme zurückgeführt werden. Es könnte auch daran liegen, dass keine Tiere mehr im Gebiet leben oder dass sie
die Strassennähe meiden. Mit den gespeicherten Daten
des Warnsystems kann dies jedoch leicht überprüft werden. Als Beispiel wurden die Daten des 2004 erstellten
Wildwarnsystems Burvagn/Cunter GR an der Julierstras­se
für das Jahr 2005 dargestellt (Abb. 4). In diesem Gebiet
leben Rehe ganzjährig, für Rothirsche ist es vor allem
Winterlebensraum. Knapp 2800 Aktivierungen wurden
2005 aufgezeichnet, also etwa 230 pro Monat. Allerdings
sind die Häufigkeiten unterschiedlich verteilt: die Monate
März/April mit jeweils etwa 470 Zählern waren besonders
bewegt, der Mai war eher ruhig (85) und im Herbst stie-
Animal Detection Systems – eine Schweizer
Erfindung
Nicht nur Tiere gewöhnen sich an Reize und ignorieren
sie, wir Menschen machen das genauso, wie die Wirkungslosigkeit des Signals «Wildwechsel» zeigt. Insbesondere in der Dunkelheit konzentrieren sich Autofahrer
auf die Fahrbahn und nicht auf die Ränder. Selbst ausgestopfte Maultierhirsche bzw. Elch-Dummies am Stras­
senrand wurden in Experimenten von Autofahrern übersehen (D. F. Reed zitiert in Groot Briunderink, & Hazebroek 1996; Åberg 1981). Autofahrer denken nicht, aber
sie reagieren. Voraussetzung ist jedoch: klare Information
vor Ort, die auf eine aktuelle Gefahr hinweist und gleichzeitig eine konkrete Handlungsanweisung gibt, nämlich
die Geschwindigkeit zu drosseln. Dass all dies notwendig
ist, konnte aus der Geschichte der «Wildwarnanlagen»
gelernt werden (Kistler 1998).
Die ersten Anlagen wurden in der Schweiz entwickelt
und 1986 im Kanton Glarus installiert. Die Bezeichnung
«Wildwarnanlage» ist etwas missverständlich, da nicht
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4: Die Abbildung zeigt als Hintergrund den Jahresverlauf des Sonnenaufgangs (blaue Linie) und
Sonnenuntergangs (rote Linie) für
Chur (GR), das knapp 30 km nördlich von Burvagn/Cunter liegt.
(Quelle: www.gaisma.com). Die
grünfarbenen Säulen entsprechen
der Anzahl Aktivierungen der
Warnanlage pro Monat und Tageszeit. Zur einfacheren Darstellung
wurden sie in folgende Klassen
eingeteilt (Anzahl Aktivierungen
pro Stunde):
1–10
11–20
4: La figure montre en fond les variations annuelles du lever (en bleu)
et du coucher (en rouge) du soleil
pour Coire (GR), qui se situe à
presque 30 km au nord de Burvagn/
Cunter (source: www.gaisma.com).
Les colonnes de couleurs vertes
correspondent aux activations de
l’installation par mois et heure du
jour. Pour simplifier la représentation, les activations par heure ont
été réparties selon les classes suivantes:
21–30
31–40
41 und mehr
et plus
gen die Aktivierungen wieder an (Oktober/November:
280 bzw. 320 Aktivierungen). Nicht jede Aktivierung ist
mit einer Querung der Strasse gleichzusetzen. Es bedeutet aber, dass Tiere in Strassennähe verweilten und somit ein Unfallrisiko bestand.
Die Abbildung 4 ist jedoch nur ein Beispiel für ein Jahr
und sollte deshalb nicht überinterpretiert werden. Es
wäre interessant, die Verkehrsfrequenzen im Tages- und
Jahresverlauf (Pendler, Touristen Richtung Oberengadin)
in solche Grafiken zu integrieren. Das könnte die Zeiten
grösster Risiken am besten aufzeigen.
Derzeit werden verschiedene Ausführungen von «Animal
Detection Systems» in den USA auf ihre Verlässlichkeit
und Funktionstüchtigkeit hin getestet, darunter auch das
Schweizer System (Huijser 2010). Die Anlage ist recht
teuer und nur punktuell an besonders risikoreichen Streckenabschnitten einsetzbar. Aber sie ist bisher die einzige Massnahme, bei der langjähriger Erfolg nachgewiesen werden konnten. Trotzdem muss man immer bedenken, dass diese Massnahme nur bei grösseren Wildtieren
(Reh und grösser) gute Erfolge erzielen kann. Aus diesem
Grund bleiben gut geplante und gestaltete Grünbrücken
und Unterführungen unverzichtbar, da nur auf diesem
Weg vielen verschiedenen und auch kleinen Tierarten
eine gefahrlose Querung von Verkehrsträgern angeboten
werden kann. n
Internet
Detaillierte Fallwildstatistik Schweiz: http://www.wild.uzh.ch/
jagdst/
Videosequenzen mit Risikosituationen: http://www.deercollisions.co.uk/
Literatur
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