Koschnick, Die "vaterländische" Gewerbe

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Koschnick, Die "vaterländische" Gewerbe
Pressglas-Korrespondenz
2011-4
Leonore Koschnick
2008
Die »vaterländische« Gewerbe-Ausstellung (Berlin 1844)
Auszug aus Ausstellungskatalog Gründerzeit 1848 - 1871.
Industrie & Lebensträume zwischen Vormärz und Kaiserreich, Berlin 2008
I. Vormärz und Morgenröte, S. 54-55
[SG: Fußnoten & Anmerkungen sowie Hinweise auf
Abbildungen wurden weggelassen, bei Zitaten wurde
die altertümliche Schreibweise beibehalten]
Zehn Jahre nach Gründung des Deutschen Zollvereins
präsentierten sich dessen Mitglieder erstmals in einer
gemeinsamen Leistungsschau. Der preußische Staat
realisierte im Berliner Zeughaus im Auftrag der Länder
des Zollvereins eine Gewerbe-Ausstellung, die am 15.
August 1844 ihre Pforten öffnete, um »dem gesammten
deutschen Vaterlande« von den Fortschritten des Kunstund Gewerbefleißes seiner Bewohner Rechenschaft zu
geben. Die Teilnahmebedingungen hatte das Finanzministerium am 10. Februar 1844 veröffentlicht: »Zu dieser Ausstellung wird, mit Ausnahme der schönen
Künste jedes im Gebiete des Zoll- und HandelsVereins dargestellte Industrie-Erzeugniß, auch das
Gröbste, zugelassen, wenn dessen Gebrauch allgemein verbreitet und dasselbe im Verhältniß zum
Preise gut gearbeitet ist. Neben den gewöhnlichen
marktgängigen Waaren, wie sie in größeren Quantitäten
geliefert und in den Handel gebracht werden, sind jedoch auch Gegenstände des Luxus, so wie solche Fabrikate, welche wegen der darauf verwendeten besonderen
Sorgfalt und Kunstfertigkeit und wegen der hierdurch
bedingten Preis-Erhöhung sich nicht zum gemeinen
Gebrauche eignen, sondern in das Kunstgebiet einschlagen, keineswegs ausgeschlossen.«
Auf Geheiß von König Friedrich Wilhelm IV. wurde
das gesamte Zeughaus für die Erzeugnisse von über
3.000 Ausstellern geräumt. Mehr als 1.900 der Teilnehmer kamen aus Preußen. Im Erdgeschoss fanden
die großen und schweren Objekte ihren Platz, während
sich im oberen Geschoss die Masse der Gebrauchs- und
Luxusartikel ausbreitete. Ein umfangreiches ExponateVerzeichnis zur Ausstellung sollte bei der Orientierung
helfen. Darin ist beispielsweise unter Nr. 154 Franz
Anton Egells mit einer Lokomotive, einer »HochdruckDampfmaschine von 5 Pferde Kraft« und einem gusseisernen Kamin aufgeführt und unter Nr. 172 August
Borsig mit einer Lokomotive nebst Tender, dem Modell
einer Drehbrücke sowie einer doppelwirkenden Saugpumpe. Diverse Wagenfabrikanten präsentierten ihre
»Viktoria-Droschken«, »Phaetons« und »Schlaf-ReiseChaisen«. Das Dampfboot »Alexandria« der Seehandlungs-Maschinen-Bauanstalt und Gießerei (Nr. 2842)
konnte nicht weit vom Zeughaus auf der Spree besichtigt werden.
Ein Schwerpunkt der Präsentation lag auch bei der Textilindustrie - von den zahlreich vertretenen Webstühlen über Stoffproben bis hin zu den Endprodukten der
Schneiderkunst. So hatte der Seidenfabrikant Meubrink
(Nr. 509) einen kompletten Webstuhl aufgestellt, auf
Seite 210 von 416 Seiten
dem während der Ausstellung gearbeitet wurde, während der Kaufmann Hermann Gerson (Nr. 493) mit
einem Damenkleid, »auf Mull mit Gold gestickt«, zu
überzeugen suchte. Außerdem wurden verschiedene
landwirtschaftliche Geräte und chemische Apparate
gezeigt. Und im Bereich der Medizintechnik gab es
unter anderem eine »Schleifmaschine für Zahn-Ärzte
und Zahn-Künstler« (Nr. 205) und ein »Zahngebiß [...]
mit künstlichen Zähnen aus verschiedenen Substanzen«
(Nr. 189) zu begutachten. In der Masse herausragend
war aber vor allem das Angebot an Möbeln, Porzellanen und sonstigen Gebrauchsgütern.
Die Zeitungen und Illustrierten berichteten ausführlich
über die Ausstellung im Zeughaus. »Welche Wandlung!« schrieb die Illustrirte Zeitung pathetisch: »Die
Kanonen wichen dem Pflug und die Pulverwagen den
Dampfwagen. Preußen will nicht allein siegen mehr
durch die Gewalt der Waffen, es erkennt an, welche
unwiderstehliche Riesenkraft in den still wirkenden
Mächten der Industrie liegt, und verbindet sich inniger
mit ihnen.« Und die Vossische Zeitung versuchte, den
aktuellen Zeitgeist aufzuspüren: »Charakteristisch für
unsere Zeit ist die große Anzahl der Druckpressen. Der
Geist stützt sich hier auf die ausgebeutete Kraft mechanischer Werkzeuge. Nächst ihnen macht der Dampf,
gewissermaßen ein Mittelgeschöpf zwischen Geist und
Körper, seine Herrschaft geltend.« Die Haude und Spenersche Zeitung meldete am 26. September 1844, dass
der König und die Königin in Begleitung des Prinzen
und der Prinzessin von Preußen und des Prinzen Karl
Theodor von Bayern die Gewerbe-Ausstellung besucht
hätten, nachdem Friedrich Wilhelm IV. nicht zur Ausstellungseröffnung erschienen war. Es folgten mindestens vier weitere Besuche des Königs.
Abschließend erschien ein dreibändiger amtlicher
Bericht über die Ausstellung mit einer Aufstellung
sämtlicher Preisträger: 630 Preismedaillen waren auf
Veranlassung Friedrich Wilhelms IV. verliehen worden,
um das Konkurrenzbewusstsein der Ausstellungsteilnehmer zu schärfen. Die jeweils mit einer der insgesamt
69 Goldmedaillen ausgezeichneten Unternehmer
August Borsig und George Hossauer gehörten zum
Schüler- und Freundeskreis von Peter Christian Wilhelm Beuth, für den die Ausstellung im Zeughaus - ein
Jahr vor seinem Abschied aus dem preußischen Staatsdienst - einen persönlichen Triumph darstellte: Der von
ihm propagierte Wandel des Wirtschaftssystems war
vollzogen worden. Die Schau stellte die Leistungsfähigkeit der einheimischen Unternehmen unter Beweis
und zeigte die Erfolge der Beuth’schen Gewerbepolitik. Nach Auflösung der Zünfte galt nun das leistungsfördernde Prinzip des frei konkurrierenden Unternehmertums. Wie groß aber auch die Angst vor den
PK 2011-4-05
Stand 10.12.2011
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neuen offenen Wettbewerbsbedingungen war, verdeutlicht Paragraf 8 des Reglements für den Besuch der
Gewerbe-Ausstellung: Demnach war »das Abzeichnen
von Maschinen, Mustern, oder anderen eigenthümlichen
Ausstellungsgegenständen« nicht gestattet.
Rund 260.000 Besucher kamen während der zehnwöchigen Leistungsschau ins Zeughaus, dabei zählte
Berlin zu dieser Zeit noch nicht einmal 400.000 Einwohner. Die Ausstellung markierte den Anfang einer
neuen Phase der industriellen Entwicklung, die von
Wirtschaftshistorikern auch als »Periode des Take-off«
bezeichnet wird. Rückblickend resümierte der Berliner
Handwerker-Verein: »Sie hatte für die preußische
Industrie annähernd dieselbe Bedeutung, wie die Londoner Weltausstellung vom Jahre 1851 für die gesamte
europäische; [...] sie verbreitete Licht über die Gange
befindliche Umwandlung der Produktion aus dem
handwerklichen in den industriellen Betrieb, und sie
öffnete den Blick wenigstens ein klein wenig für die
Vernachlässigung des Künstlerischen in dem damaligen gewerblichen Getriebe.«
Siehe unter anderem auch:
PK 2008-1 SG, Der Polytechnische Verein für das Königreich Bayern, Die wirtschaftliche Lage
PK 2008-1 SG, Der Polytechnische Verein für das Königreich Bayern, gegründet 1815
PK 2010-3 Dinglers Journal 1834, Ueber die im November 1834 zu München gehaltene
Industrieausstellung.
PK 2010-3 Dinglers Journal 1834, Ansichten verschiedener französischer Fabrikanten über den
gegenwärtigen Zustand ihres Industriezweiges in Frankreich und über die Folgen der
Aufhebung des Prohibitivsystemes für ihre Fabriken 1834
PK 2010-3 Anhang 02, [Schmitz] Bericht der allerhöchst angeordneten Königlich-Bayerischen
Ministerial-Commission über die im Jahre 1834 aus den Kreisen des Königreichs Bayern
in München stattgehabte Industrie-Ausstellung, München 1836 (Auszug)
Schmitz, Bemerkungen über die Glasfabrikation in Bayern, in besonderer
Beziehung auf die Münchener Industrie-Ausstellung 1834, mit Rücksicht auf den Zustand
dieser Industrie in Frankreich und Oesterreich, München 1835
Schmitz, Thonwaaren- und Glasfabrikation in Bayern 1836 (Auszug)
PK 2011-1 Dinglers Journal 1821, Ueber die Stiftung eines Vereines zur Beförderung des
Gewerbfleißes in Preußen.
PK 2011-1 Dinglers Journal 1829, Die Ausstellung böhmischer Gewerbs-Producte im Juni 1829
PK 2011-1 Mattes, Dr. W. E. Fuss, Chemiker und Wiederentdecker alter Glastechniken
(Verein zur Beförderung des Gewerbfleißes in Preußen)
PK 2011-4 Föhl, Im Schatten der Malakowtürme
Das industrie-historische Erbe der Gründerzeit
PK 2011-4 Koschnick, Die Initiatoren des Deutschen Gewerbe-Museums in Berlin
Kronprinzessin Victoria und der Berliner Handwerker-Verein
PK 2011-4 Koschnick, Die »vaterländische« Gewerbe-Ausstellung (Berlin 1844)
PK 2011-4 Laufer, Ottomeyer, Gründerzeit. 1848 - 1871. Zur Einführung
PK 2011-4 Ottomeyer, Rückbezug und Fortschritt. Wege des Historismus 1848 - 1880
PK 2011-4 SG, Amtliche Einladung zur zweyten allgemeinen Gewerbs=Producten=Ausstellung Wien
1839 (Auszug)
PK 2011-4 SG, Bericht über die zweite allgemeine oesterreichische
Gewerbs=Producten=Ausstellung im Jahre 1839, Wien 1840 (Auszug)
Beilage zur Abtheilung Nr. I., Die Aussteller der allgemeinen GewerbsproduktenAusstellung für das Jahr 1845 (Abteilung Glaswaren)
PK 2011-4 Bericht über die zweite allgemeine oesterreichische Gewerbs=Producten=Ausstellung
im Jahre 1839, Wien 1840
(Abteilung Glaswaren und Arbeiten in Glas: Buquoy, Harrach, Lobmeyr, Meyr, Vivat)
PK 2011-4 Demarteau, Industrielles Album … Gewerbs-Produkten-Ausstellung Wien 1845 (Auszug)
PK 2011-4 SG, Kurt Bauer, Epochenschwelle Makart-Zeit
(u.a. zu Gründerzeit & Gründerkrise 1873-1895)

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Siehe unter anderem auch:
WEB PK - in allen Web-Artikeln gibt es umfangreiche Hinweise auf weitere Artikel zum Thema:
suchen auf www.pressglas-korrespondenz.de mit GOOGLE Lokal:
www.pressglas-korrespondenz.de/aktuelles/pdf/pk-2004-2w-geisel-weinroemer.pdf (Schinkel)
www.pressglas-korrespondenz.de/aktuelles/pdf/pk-2004-3w-schaudig-buse-sg-weinroemer.pdf
www.pressglas-korrespondenz.de/aktuelles/pdf/pk-2007-2w-buse-theresienthal-roemer.pdf (Schinkel)
www.pressglas-korrespondenz.de/aktuelles/pdf/pk-2007-3w-sg-hoflieferanten.pdf
www.pressglas-korrespondenz.de/aktuelles/pdf/pk-2010-2w-sg-siegwart-pw-oper-wien-1873.pdf
www.pressglas-korrespondenz.de/archiv/pdf/pk-2010-1w-11-evert-maehren-glasfabrikation-1866.pdf
www.pressglas-korrespondenz.de/archiv/pdf/pk-2010-1w-11-keess-maehren-glasfabrikation-1824.pdf
www.pressglas-korrespondenz.de/aktuelles/pdf/pk-2004-1w-20-reich-glasindustrie-1898.pdf
www.pressglas-korrespondenz.de/aktuelles/pdf/pk-2010-2w-bericht-glasfabriken-wien-1845.pdf
www.pressglas-korrespondenz.de/aktuelles/pdf/pk-2010-3w-02-schmitz-bericht-bayern-glasindustrie1834.pdf
www.pressglas-korrespondenz.de/aktuelles/pdf/pk-2010-3w-02-schmitz-bemerkungen-bayernglasindustrie-1834.pdf
www.pressglas-korrespondenz.de/aktuelles/pdf/pk-2010-3w-02-schmitz-thonwaaren-bayernglasindustrie-1834.pdf
www.pressglas-korrespondenz.de/aktuelles/pdf/pk-2010-3w-02-dingler-bayern-glasindustrie-1834.pdf
www.pressglas-korrespondenz.de/aktuelles/pdf/pk-2010-3w-02-belgien-glasindustrie-1851.pdf
www.pressglas-korrespondenz.de/aktuelles/pdf/pk-2010-3w-02-frankreich-glasindustrie-1834.pdf
www.pressglas-korrespondenz.de/aktuelles/pdf/pk-2010-3w-02-frankreich-glasindustrie-1849.pdf
www.pressglas-korrespondenz.de/aktuelles/pdf/pk-2010-3w-02-belgien-glasindustrie-1851.pdf
www.pressglas-korrespondenz.de/aktuelles/pdf/pk-2010-4w-sg-glashuetten-maehr-hoehe.pdf
www.pressglas-korrespondenz.de/aktuelles/pdf/pk-2011-1w-dingler-boehmen-1829.pdf
www.pressglas-korrespondenz.de/aktuelles/pdf/pk-2011-1w-dingler-bayern-1835.pdf
www.pressglas-korrespondenz.de/aktuelles/pdf/pk-2011-1w-dingler-gewerbeverein.pdf (Berlin)
www.pressglas-korrespondenz.de/aktuelles/pdf/pk-2011-1w-dingler-gewerbeschule.pdf (Berlin)
www.pressglas-korrespondenz.de/aktuelles/pdf/pk-2011-1w-dingler-kreuzberg-boehmen-1836.pdf
www.pressglas-korrespondenz.de/aktuelles/pdf/pk-2011-1w-frankreich-glasindustrie-1844.pdf
www.pressglas-korrespondenz.de/aktuelles/pdf/pk-2011-1w-turgan-raabe-rive-de-gier.pdf (FR 1870)
www.pressglas-korrespondenz.de/aktuelles/pdf/pk-2011-2w-brozova-hochland.pdf
www.pressglas-korrespondenz.de/aktuelles/pdf/pk-2011-2w-vejrostova-reich-schreiber.pdf
www.pressglas-korrespondenz.de/aktuelles/pdf/pk-2011-2w-vejrostova-reich-schreiber-ak.pdf
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