Lokaler Routenführer Nr. 29 Vorderer Taunus

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Lokaler Routenführer Nr. 29 Vorderer Taunus
ROUTE DER INDUSTRIEKULTUR
RHEIN-MAIN
ROUTE DER
INDUSTRIEKULTUR RHEIN-MAIN
VORDERER TAUNUS
Mehr zur Route der Industriekultur Rhein-Main finden
Sie im Faltblatt „Wissenswertes“ und unter www.krfrm.de.
29 Objekte der Industriekultur
im Vorderen Taunus
NR.29
LOKALER ROUTENFÜHRER
OBERURSEL, KRONBERG, KÖNIGSTEIN
UND STEINBACH
Den Schatz an lebendigen Zeugnissen des produzierenden
Gewerbes samt dazugehöriger Infrastruktur zu bergen,
wieder ins Bewusstsein zu bringen und zugänglich zu
machen, ist Ziel der Route der Industriekultur Rhein-Main.
Sie führt zu wichtigen industriekulturellen Orten im
gesamten Rhein-Main-Gebiet und befasst sich mit Themen
wirtschaftlicher, sozialer, technischer, architektonischer
und städtebaulicher Entwicklung in Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft.
INDUSTRIEGESCHICHTE
VORDERER TAUNUS
Das hier vorgestellte Gebiet der Städte Königstein, Kronberg, Oberursel und Steinbach am Südrand des Taunusgebirges ist keine klassische Industrielandschaft in dem
Sinne, dass sie durch große Fabrikationsanlagen und die
sprichwörtlichen „rauchenden Schlote“ gekennzeichnet
wäre. Dennoch weist sie eine reichhaltige und in ihren
Zeugnissen eindrucksvolle Industriegeschichte auf, deren
Wurzeln weit zurück reichen.
In den drei alten städtischen Siedlungen Königstein,
Kronberg und Oberursel herrschte schon in vorindustrieller
Zeit ein reges gewerbliches Leben, das vielfach den Nährboden für die im 19. Jahrhundert entstehende Industrie
darstellte. Hierbei spielten vor allem die aus dem Taunus
nach Süden fließenden Gewässer als Energiequelle eine
wichtige Rolle – nicht nur für Getreidemühlen, sondern
auch für Walk-, Hammer- und Mahlwerke. Die Wasserkraft des Urselbaches war beispielsweise der entscheidende Standortfaktor für die Errichtung der Spinnerei und
Weberei an der Hohen Mark, die im Herbst 1860 ihre Produktion aufnahm und mit mehreren hundert Beschäftigten rasch zu einem der größten Industriebetriebe im
Herzogtum Nassau avancierte. Die Bereitstellung der
Energie für die nördlich der Stadt gelegene Fabrik erfolgte
durch eine spektakuläre, rund 700m lange Transmissionsanlage. Auch der zweite große Oberurseler Industriebetrieb, die Motorenfabrik, entwickelte sich aus einem
Mühlenbetrieb.
Neben der Wasserkraft als Energiequelle waren das
Reservoir an verfügbaren Arbeitskräften und die Anbindung
an den Umschlagplatz und Absatzmarkt Frankfurt ent-
scheidende Faktoren für die Entwicklung der Industrie am
südlichen Taunusrand. Die Arbeiterschaft rekrutierte sich
vielfach aus der Dorfbevölkerung des Hohen Taunus, die
auf einen Zuverdienst zur heimischen Landwirtschaft
angewiesen war. Namen wie „Arbeiterweg“ erinnern bis
heute an die Wege aus den Taunusdörfern in die Fabriken.
Für die Anbindung nach Frankfurt ist auf den Eisenbahnbau hinzuweisen. Bereits 1860 wurde Oberursel mit dem
Bau der Linie Frankfurt – Homburg an das Eisenbahnnetz
angeschlossen. 1874 nahm die Frankfurt-Kronberger
Eisenbahn den Betrieb auf und 1902 folgte schließlich die
– aufgrund der Höhenunterschiede technisch anspruchsvolle – Bahnstrecke zwischen Höchst und Königstein.
Gerade die letztgenannte hatte auch den Zweck, die Industrie
im Rhein-Main-Gebiet mit Arbeitskräften aus dem Taunus
zu versorgen.
Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der
südliche Taunusrand zudem zu einer für Unternehmer aus
den ganzen Rhein-Main Gebiet attraktiven Wohngegend.
Der südliche Taunus bietet damit zwei Facetten der Industriekultur: Die ortsansässigen Fabrikationsbetriebe ebenso
wie die Zeugnisse des anderswo industriell erwirtschafteten
Wohlstandes.
Friedberg
Bad Vilbel
Hanau
Offenbach
am Main
Aschaffenburg
Rüsselsheim
Bingen
am Rhein
Mainz
Oberursel
Der Urselbach fließt von der Hohen
Mark aus quer durch Oberursel bis
hin zur Nidda. Entlang seines Ufers
verläuft auf knapp 11 km Länge der
Mühlenwanderweg. Dieser bietet die
einzigartige Möglichkeit, die historische Nutzung der Wasserkraft und
die vielgestaltigen Lebensräume am
Bach anhand von 24 abwechslungsreichen Informationstafeln zu erkunden. Die Wasserkraft des Baches und seiner Werkgräben
wurde seit Jahrhunderten von Mühlen, Hammerwerken
und Fabriken zur Energiegewinnung genutzt. Noch heute
kann man das eindrucksvolle Gebäude der ehemaligen
Herrenmühle an der Bleiche und die am idyllischen
Bachpfädchen gelegene Schuckardtsmühle mit ihrem
funktionsfähigen Mühlrad bewundern.
U3 Haltestelle Hohe Mark
Führung auf Anfrage, Tel. 06171-502 232
Bischofsheim
Darmstadt
Miltenberg
Die einzelnen Orte und Objekte der Route der Industriekultur können
mit dem Fahrrad entlang der ausgewiesenen Radwege, mit dem Auto
oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln besucht werden.
Die Buslinien starten im Allgemeinen an den Bahnhöfen.
Besichtigung
Hohemarkstraße 60-70, Oberursel
Die Gebäude der ehemaligen
Motorenfabrik Oberursel,
die heute zum Werk der
Firma Rolls-Royce Deutschland gehören, zählen zu den
eindrucksvollsten architektonischen Zeugnissen aus
der industriellen Gründerzeit. Die Ursprünge der Motorenfabrik reichen bis Anfang der 1890er Jahre zurück. Willy
Seck konstruierte hier seinen kompakten 4 PS starken
„GNOM“ Petroleummotor. Später wurde in Frankreich aus
dem „GNOM“ ein Umlaufmotor für Jagdflugzeuge entwickelt, den die Motorenfabrik ab 1913 auch in Oberursel
mit großem Erfolg produzierte. 1916-18 entstand der
Verwaltungsbau mit seiner beeindruckenden Fassade.
Heute werden in dem Werk hochwertige Komponenten
für Rolls-Royce-Turbostrahltriebwerke hergestellt. Die
Geschichte des Industriestandortes dokumentiert der
Geschichtskreis Motorenfabrik Oberursel.
S5 Oberursel Bahnhof, U3 Haltestelle Lahnstraße
www.gkmo.net
5 VILLA GANS (VILLA KESTENHÖHE)
Königsteiner Straße 29, Oberursel
Im einstigen Kastanienhain an der
Königsteiner Straße lag die ehemalige
Villa Gans, die heute Bestandteil
eines modernen Hotels ist. Sie wurde
mit Bauschein von 1909 von Ludwig
Wilhelm von Gans im englischen Landhausstil errichtet und luxuriös ausgestattet. Sein Schwiegervater, der
Gartenarchitekten Karl Keller, gestaltete wohl den dazugehörigen Park.
Ludwig Wilhelm Gans stammte aus einer jüdischen
Fabrikantenfamilie, die 1912 in den Adelsstand erhoben
wurde. Sein Vater Fritz von Gans war Mitbegründer der
Cassella Farbwerke in Frankfurt. 1911 siedelte Ludwig
Wilhelm mit seinem eigenen, 1897 gegründeten Chemieunternehmen („Pharmagans“) nach Oberursel über.
Die Familie lebte bis 1928 in Oberursel. Wegen seiner
jüdischen Herkunft wurde Ludwig Wilhelm in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert und verstarb
1946 an den Spätfolgen der Inhaftierung.
S5 Oberursel Bahnhof, Buslinie 42 Haltestelle Am Rahmtor,
weiterer Fußweg ca. 1km
Als Ersatz für die seit 1850
teils über Oberursel verkehrende Pferdeomnibuslinie
wurde nach mehreren gescheiterten Versuchen 1860
die Homburger Bahn eröffnet,
die von Frankfurt nach Bad
Homburg führte. An dieser Strecke erhielt Oberursel
einen Bahnhof und damit eine wesentliche Voraussetzung
zur Erschließung als Wohnort für Frankfurter Fabrikanten.
Von den ursprünglichen Gebäuden sind heute nur noch
zwei vorhanden: das frühere Weichenwärtergebäude und
das Empfangsgebäude. Der neue Nutzungsmix macht den
Alten Bahnhof Oberursel (Modernisierung und Sanierung
des Bahnhofs von 2009 bis 2012) als öffentlich genutztes
Gebäude für die Oberurseler Bevölkerung wieder erlebbar.
Bahnhof Oberursel
Öffentliche Verkehrsmittel
3 ROLLS-ROYCE DEUTSCHLAND LTD & CO KG
Nicht öffentlich zugänglich
2 BAHNHOF OBERURSEL
ROUTE DER INDUSTRIEKULTUR
IM ÜBERBLICK
Bad Nauheim
Friedrichsdorf
Bad Homburg v.d.Höhe
Oberursel
Königstein i. Ts.
Kronberg i. Ts. Frankfurt
am Main
Wiesbaden
1 MÜHLENWANDERWEG AM URSELBACH
Information
4 FIRMA NEUBRONNER
Neubronnerstraße 1, Oberursel
1905 gründete der Hofapotheker Dr. Julius Neubronner
in Kronberg die heutige
Neubronner GmbH & Co. KG,
die schwarze Einfassstreifen
für die Glasplatten der Diapositiv-Photographie produzierte. Während des 1. Weltkrieges nahm die Firma die
Produktion von Verpackungsklebestreifen auf. 1934 verlegte
der Sohn des Hofapothekers, Carl Neubronner, den Firmensitz nach Oberursel. Auf dem Areal befindet sich eine,
Anfang des 20. Jhs., erbaute Villa. In den 1980er Jahren
entstanden auf dem Gelände neue Büro- und Fabrikgebäude.
Heute stellt die Firma Papiererzeugnisse und Maschinen
für die Verpackungs- und Wellpappenindustrie her.
U3 Haltestelle Kupferhammer
www.neubronner.de
6 KRAFTWERK (EHEMALIGES UMSPANNWERK)
Zimmersmühlenweg 2, Oberursel
Im Jahr 1910 errichtete die
Frankfurter LokalbahnAktiengesellschaft in Oberursel ein Gleichrichterhaus.
In einem Nebengebäude,
das heute nicht mehr existiert, befanden sich Transformatoren für die Bahn. Das Gleichrichterhaus war von
herausragender Bedeutung für den Güter-und Personenverkehr von und nach Frankfurt a. M. bzw. in den Taunus.
Bis 1997 gehörte das Gebäude den Main-Kraftwerken,
bis 2004 der Stadt Oberursel. Heute befindet sich in dem
denkmalgeschützten Gebäude, mit Jugendstilelementen
und original erhaltener Laufkatze unter der Hallendecke,
ein Restaurant.
U3 Haltestelle Oberursel-Bommersheim
www.kraftwerkrestaurant.de
7 BAHNDEPOT BOMMERSHEIM
Gablonzer Straße, Oberursel
Im Jahr 1910 errichtete die
Frankfurter LokalbahnAktiengesellschaft (FLAG) in
der Nähe der heutigen
„Haltestelle Bommersheim“
der U3 ein Betriebsgebäude.
Es diente zunächst als
Depot für die Trieb- und Beiwagen der früheren Linie 24,
die bis zur Hohemark fuhr. In den Nebenhallen wurden
kleinere Wartungsarbeiten durchgeführt. Um Einrichtungswagen wenden zu können, erfolgte 1956 der Bau
einer Wendeschleife um das Depot. 1970 wurde die Halle
komplett modernisiert und verlängert, um auf jedem
Hallengleis zwei U-Bahn-Wagen abstellen zu können.
U3 Haltestelle Bommersheim
Nicht öffentlich zugänglich
9 ELEKTROTECHNISCHE FABRIK
MEDIDENTA SCHRAMM
Gattenhöferweg 33, Oberursel
1905 gründete Carl Schramm
das Unternehmen in Frankfurt a. M. als Fabrikation
für Zahn- und Papierwaren.
Das Herstellungsprogramm
wurde im Laufe der Zeit
mehrfach erweitert, so z. B.
um SIMPLEX-Ventilatoren. 1930 erfolgte der Umzug der
Elektrogeräte-Produktionsstätten auf ein Gelände in
Oberursel, das wohl schon im Mittelalter Standort einer
Mühle war. Außerdem haben die Gebr. Heitefuß bereits
um die Mitte des 19. Jhs. hier einen Kupferhammer
betrieben. 1955, 1987 und 2004 erfolgt der Bau weiterer
Produktionsgebäude. Ab 1970 kam der Produktionsbereich Fahrzeugtechnik und Oldtimerzubehör hinzu.
Das Firmengelände beeindruckt durch seine gut erhaltene Industriearchitektur verschiedener Epochen.
S5 Haltestelle Oberursel-Stierstadt
8 ALT OBERURSELER BRAUHAUS
www.medidentaschramm.de
S5 Oberursel Bahnhof, U3 Haltestelle Altstadt
www.meinbier.de
Zimmersmühlenweg 11, Oberursel
1930 gründete Franz May
das Unternehmen „Franz
May-Transformatoren“
mit zwölf Beschäftigten in
Frankfurt-Sossenheim.
Die Fabrik stellte Transformatoren und Spulen für die
Radioindustrie her. 1931 wurde Gustav Christe als Teilhaber aufgenommen. 1939/40 zog die Firma von Sossenheim nach Oberursel mit ca. 120 Beschäftigten. Seit etwa
1949 lag der Schwerpunkt der Produktion auf Vorschaltgeräten für Gas-Entladungslampen und Transformatoren.
Ende der 1980er Jahre erwirtschaftete die Firma über
200 Mio. DM Umsatz mit ca. 1.500 Beschäftigten, davon
etwa 700 in Oberursel. 1992 übernahm das US-amerikanische Unternehmen „MagneTec“ die Firma, die bereits
wenige Jahre später geschlossen wurde. Auf dem Gelände
sind heute vor allem Kleinbetriebe angesiedelt. Die alte
Industriearchitektur der Gebäude ist noch immer gut zu
erkennen.
U3 Haltestelle Bommersheim
Ackergasse 13, Oberursel
Das als Barock-Palais Pfeiff
oder Pfeiffsches Haus bekannte Gebäude wurde in den
Jahren 1723 bis 1728 erbaut.
Besonders beeindruckend
sind noch heute das großzügig angelegte Treppenhaus mit steinerner Treppenbrüstung sowie die Stuckdecke
im Blumenzimmer. 1994 wurden die unteren Räume zur
Gaststätte umgestaltet und eine eigene Hausbrauerei
eingerichtet. So findet man heute, hinter dem Ausschank
in der Gaststube, zwei beeindruckende Braukessel aus
Kupfer. Außerdem ließ der neue Eigentümer die barocken
Räumlichkeiten im Obergeschoss mit Unterstützung des
Landes Hessen, der Deutschen Stiftung Denkmalschutz
und der Stadt Oberursel sanieren und restaurieren.
11 MAY UND CHRISTE
10 ARBEITERHÄUSER UND DIREKTORENVILLA DER AKTIENGESELLSCHAFT
FÜR SPINNEREI UND WEBEREI ZUR
HOHEN MARK
Hohemarkstraße, Oberursel
Auf Betreiben des Oberurseler
Kaufmanns Josef Schaller
wurde 1857 die erste Aktiengesellschaft des Herzogtums Nassau in Oberursel
gegründet. 1858 begann
man Fabrikgebäude,
Nebengebäude, Wohnhäuser für die Arbeiter, Verwaltungsgebäude und eine Direktorenvilla zu bauen. Bereits 1860
lief die Produktion an. Im Jahr 1865 errichtete die Spinnerei
eine 700 Meter lange Drahtseil-Transmissionsanlage zur
Nutzung der Wasserkraft, die damals größte ihrer Art in
Europa. Außerdem erbrachte die Aktiengesellschaft für ihre
Mitarbeiter bemerkenswerte soziale Leistungen. So stellte
sie u. a. zwei Unterkunftshäuser für ledige Arbeiter und
Ein- und Mehrfamilienhäuser mit verbilligter Miete für Verheiratete zur Verfügung. Noch heute sind die Villa Schaller
und die Arbeiterhäuser an der Hohemarkstraße zu sehen.
U3 Haltestelle Hohe Mark
12 VORTAUNUSMUSEUM
Marktplatz 1, Oberursel
1704 erwarben Johann
Sebastian Straub, ein im
Amt Königstein tätiger
Rentmeister und Kammerrat
und seine Ehefrau Maria
Elisabetha, geb. Korn ein
Grundstück, das am heutigen Marktplatz 1 lag und bauten dort ein neues Haus.
Seit Juni 1987 befindet sich das Vortaunusmuseum in
dem historischen Gebäude. Das Vortaunusmuseum,
gegründet als modernes Stadtmuseum, zeigt neben
Exponaten aus der frühesten Besiedlung der Region, u.a.
Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs aus den Bereichen Handwerks- und Industriegeschichte. Im Hof des
Museums steht der letzte Zain-Hammer der Sensenwerke Andreas Schilli & Co.
Oberursel Bahnhof, U3 Haltestelle Altstadt
www.vortaunusmuseum.de
IMPRESSUM
Herausgeber:
KulturRegion FrankfurtRheinMain gGmbH
Unter Mitwirkung:
Hochtaunuskreis, Königstein, Kronberg, Oberursel
Texte: Beate Großmann-Hofmann, Susanna Kauffels, Gregor Maier,
Renate Messer, Dr. Peter Schirmbeck
Redaktion: Salvatore Granatella, Cornelia Kalinowski
Fotos: Christian Bandy, BraunSammlung, Jörg Keller,
Werner Lienow, Andreas Malkmus, Stadt Kronberg im Taunus,
Vortaunusmuseum Oberursel, Manuela Wehrle
Gestalterisches Konzept: unit-design
Gestaltung: Transparent Design Management GmbH
Druck: Henrich Druck + Medien, Frankfurt
ROUTE DER INDUSTRIEKULTUR RHEIN-MAIN
Geschäftsstelle KulturRegion FrankfurtRheinMain gGmbH
Poststraße 16
60329 Frankfurt am Main
Tel.: 069 25771700
www.krfrm.de
[email protected]
Juni 2016 / 1. Auflage / 5.000
© KulturRegion FrankfurtRheinMain 2016
Gefördert durch:
13 BRAUNSAMMLUNG
N
Westerbachstraße 23 c, Kronberg
Die Einführung klarer Formen
und strukturierter Benutzerführung für die Produkte der
Firma Braun ist noch heute
Vorbild für gutes Industriedesign. Dieter Rams, einer
der einflussreichsten Industrie-Designer der Moderne, war bis 1995 Leiter des
Produktdesigns der Firma Braun, das unter ihm stilbildend
wurde. In einer Dauerausstellung am Firmenstandort
Kronberg zeigt die BraunSammlung die Entwicklung ihres
wegweisenden Geräte-Designs, vom ersten Braun Radio
über den weltberühmten Plattenspieler SK4 mit dem
Spitznamen „Schneewittchensarg“ bis hin zu den
aktuellen Produkten.
Buslinie 261 Haltestelle Jacques Reiss-Straße
15 QUELLENPARK KRONTHAL
Im Kronthal, Kronberg
Die wirtschaftliche Nutzung
der Quellen im Sauerborntal
begann 1831 mit dem Amtsarzt Dr. Ferdinand Küster,
dem Pionier des Badekurbetriebs im seitdem so
genannten Kronthal.
50 Jahre später war das Kurwesen untergegangen, das
Kronthaler Wasser wurde nur mehr von verschiedenen
aufeinanderfolgenden Brunnenbetrieben abgefüllt und
überwiegend ins Ausland vertrieben. Die Kelterei Herberth,
die die Abfüllung 2005 aus wirtschaftlichen Gründen einstellte, nutzt in den 1920er Jahren entstandene Gebäude.
Im renaturierten ehemaligen Kurpark kann man heute
an zwei Quellen Mineralwasser abfüllen.
Buslinie 261 Haltestelle Sodener Stock
Geöffnet Di-So 11:00-17:00 Uhr
17 VILLA BONN / RATHAUS
Katharinenstraße 7, Kronberg
1901 ließ Wilhelm Bonn diesen Neubau auf dem langjährigen Landsitz
der Bankiersfamilie aus Frankfurt
errichten. Bonn war 1863 als Mitarbeiter der Frankfurter Bank
Lazard-Speyer-Ellissen nach New
York entsandt worden und stieg dort
zum Geschäftsführer der Tochterbank Speyer & Co auf. Frankfurter
Bankhäuser und die von ihm gegründete Firma Ruette & Bonn waren stark an der Finanzierung amerikanischer Eisenbahnlinien beteiligt. Mit dem
hieraus entstandenen Vermögen stattete Bonn, 1885
als Teilhaber von Lazard-Speyer-Ellissen nach Frankfurt
zurückgekehrt, großzügig Stiftungen in verschiedensten
Bereichen aus.
Buslinie 261 Haltestelle Berliner Platz
Geöffnet Mo-Fr 8:00-12:00
19 VILLA CLARA GANS
Falkensteiner Straße 19, Kronberg
Das vom Architekten Peter
Behrens bis in die Details
der extravaganten Inneneinrichtung geplante Wohnhaus
von Clara Gans wurde 1932
fertig gestellt. Sie war die
Tochter von Adolf Gans
(Villa Hainerberg), der Mitinhaber der Chemischen Werke
Cassella in Frankfurt und nach deren Fusion mit der
Höchst AG dort Aufsichtsrat war. Die Werke von Peter
Behrens als Maler, Architekt, Grafik- und Industriedesigner
waren wegweisend. Er gilt als Begründer der modernen
sachlichen Industriearchitektur und des modernen
Industrie-Designs. Das Haus wird seit einigen Jahren als
Dreifamilienhaus genutzt.
Buslinie 261 Haltestelle Königsteiner Straße
Nicht öffentlich zugänglich
16 KRONBERGER LICHTSPIELE
N
Am Roten Hang, Kronberg
1958 hatte die Firma Braun
das Vorkaufsrecht für das
Areal erworben, um eine
Siedlung für Mitarbeiter zu
errichten. Mitte der 60erJahre wurde von der Stadt
Kronberg selbst eine Lösung
für das Grundstück gesucht. 1968/69 plante das Architekturbüro Kramer die Bebauung, unterstützt von Dieter Rams,
dem Chefdesigner von Braun, der für seine funktionale,
reduzierte Formsprache berühmt ist. Im Zentrum der
Siedlung stehen in Gruppen zusammengefasste und
terrassenförmig, kompakt und wirtschaftlich angeordnete
Bungalows mit hoher Aufenthaltsqualität, am südlichen
Rand finden sich zweigeschossige Reihenhäuser, im
Norden Mehrfamilienhäuser im Geschosswohnungsbau.
Besonders erwähnenswert sind auch die horizontalen
und vertikalen Wegeverbindungen in der Bebauung.
Buslinie 73 Haltestelle Roter Hang
Königsteiner Straße 24, Kronberg
1935 kaufte Fritz ter Meer
einen etwa 4,5 Hektar großen
Teil des Parks des Anwesens
der Frankfurter Bankiersfamilie von Guaita und ließ
darauf einen großzügigen
Landsitz erbauen, den er bis
1945 bewohnte. Ter Meer war von 1925 bis 1945 Vorstandsmitglied der IG Farben und als solches verantwortlich
für den Aufbau der Kautschuk-Fabrikation in Auschwitz.
Nach dem Ende der Beschlagnahmung des Anwesens
durch die amerikanischen Streitkräfte erwarb es 1953
Hermann Josef Abs, der von 1937 bis 1945 als Bankvertreter im Aufsichtsrat der IG Farben, ab 1957 Vorstandssprecher, dann Aufsichtsrat der Deutschen Bank war.
Er lebte in Kronberg bis zu seinem Tod 1994.
Friedrich Ebert-Straße 1, Kronberg
Drei Generationen der Familie Hirsch
haben im 1926 gegründeten Kino
„Kronberger Lichtspiele“ Filme
vorgeführt, bis mit der Umrüstung
auf digitale Abspieltechnik 2012
auch ein Betreiberwechsel einherging. Anfangs saß das Publikum im
Saal der Gaststätte „Schützenhof“
auf 200 ebenerdigen Stühlen, die mit
Stangen fixiert waren. Der Saal ist
es geblieben, die Innenausstattung bietet heute mit
ansteigenden Sitzen Komfort. Als Familienbetrieb sind die
„Lichtspiele“ zum festen Bestandteil des Stadtlebens
geworden, und es ist das selten gewordene persönliche
Ambiente, das den Charme dieses Kinos ausmacht.
Buslinie 261 Haltestelle Berliner Platz
18 HAUS KASTANIENHAIN / VILLA MUMM
Oberer Aufstieg 11 , Kronberg
Fritz Mumm von Schwarzenstein, Mitinhaber des Frankfurter Bankhauses Wilhelm
Mumm & Co, ließ 1911 auf
dem ehemaligen Schießplatz
der Cronberger Schützengesellschaft in den „Kastanienstücken“ das „Haus Kastanienhain“ errichten. Seine Frau
Mila war eine Tochter der Guaitas, deren Landsitz in
unmittelbarer Nachbarschaft lag. 1936 wurde das Anwesen
verkauft und als Gauführerschule der NSDAP, dann als
Reservelazarett genutzt. Seit 1947 diente das Haus unter
anderem als Erholungsheim. Heute ist die restaurierte
„Villa Mumm“, als „Kastanienhöhe“ Sitz eines Finanzdienstleisters.
Buslinie 73 Haltestelle Am Aufstieg
Nicht öffentlich zugänglich
20 VILLA MEISTER
Königsteiner Straße 7 a und b, Kronberg
Die Villa Meister wurde 1895 für
Carl Friedrich von Meister, Mitbegründer und Vorstand der „Farbwerke
Meister, Lucius und Brüning“, der
späteren Farbwerke Höchst, erbaut.
Später übernahm sie sein Schwiegersohn, Walther vom Rath. Er war
ebenfalls Vorstand der Farbwerke
Höchst und später der „IG Farben“,
in der die Farbwerke aufgegangen
waren. Zuletzt wurde das Anwesen von der Familie seines
Schwiegersohnes Louis Leisler Kiep geführt, nach dessen
Tod verkauft und 1968 abgebrochen. Das Pförtnerhaus
und das zu Wohnzwecken umgebaute Stallgebäude mit
Remise sind heute noch erhalten.
Buslinie 261 Haltestelle Königsteiner Straße
Nicht öffentlich zugänglich
23 LOKSCHUPPEN
Ludwig-Sauer-Straße 12, Kronberg
Der heute als Bürogebäude
genutzte Lokschuppen
wurde 1935 erbaut. Im Zuge
des Infrastrukturwandels
mit dem Beginn des S-BahnBetriebes 1978 verlor er
seinen eigentlichen Zweck,
wurde als Lagerhalle genutzt und stand zuletzt leer.
2010 /11 erfolgte seine Restaurierung, der typische Charakter eines Industriebaus in Backstein-Stahl-Konstruktion
blieb erhalten: die kräftigen Mauerpfeiler, die raumübergreifend gespannten Stahlträger und die so genannte
„Dachlaterne“.
Buslinie 261 Haltestelle Bahnhof Kronberg
25 DER KÖNIGSTEINER BAHNHOF
Königstein
Mit der Eröffnung der privaten
Bahnlinie Frankfurt-Höchst
– Königstein am 24. Februar
1902 erhielt die kleine Kurstadt endlich eine Bahnanbindung. Im Bahnhofshauptbau, einem Fachwerkbau,
befand sich einst eine Wirtschaft. Südlich des Bahnhofs
stand ein Pavillon für „hochgestellte“ Reisende.
Um 1990 erfolgte der Abriss des Güterschuppens. Zum
100. Geburtstag 2002 wurde das Bahnhofsgelände neu
gestaltet: Die Bahnsteige erhielten eine Überdachung,
der Bahnhofsvorplatz wurde umgestaltet und ein Kiosk
gebaut. Hinzu kamen neue Park- und Busabstellplätze.
27 VILLA GANS, HEUTE DEUTSCHE
RENTENVERSICHERUNG HESSEN
Altenhainer Straße 1, Königstein
Der Frankfurter Industrielle
Adolf Gans (1840-1912) ließ
1910-1912 auf dem Hainerberg bei Königstein eine
schlossähnliche Sommervilla mit Hauptbau und zwei
Seitenflügeln erbauen.
Architekt war Bruno Paul (1874-1968), der auch an der Gestaltung des Parks wesentlich mitwirkte. Zu dem Anwesen
gehören auch die an der Straße gelegenen Wirtschaftsgebäude. Nach unterschiedlicher Nutzung der Villa – u.a.
auch als Klinik – befindet sich hier seit 2005 die Verwaltung der Deutschen Rentenversicherung Hessen.
Buslinie 803 Haltestelle Kuckucksweg
Nicht öffentlich zugänglich
Buslinie 261 Haltestelle Königsteiner Straße
Nicht öffentlich zugänglich
www.foerderkreis-braunsammlung.de
14 SIEDLUNG ROTER HANG
21 VILLA ABS / TER MEER
22 STREITKIRCHE /
HOFAPOTHEKE JULIUS NEUBRONNER
Friedrich-Ebert-Straße 16, Kronberg
Die „Streitkirche“ war seit 1891
Sitz der Apotheke und Wohnhaus der
Familie Neubronner. Apotheker
Julius Neubronner war begeisterter
Fotograf und Erfinder. Sein Hobby
führte zur Entwicklung der Brieftaubenfotografie: Er stattete Brieftauben
mit Kameras aus, die während des
Fluges automatisch auslösten und
so Luftaufnahmen mitbrachten.
Zur Fabrikation von schwarzen Klebestreifen für die Umrandung von Glas-Fotoplatten gründete Neubronner 1905
die „Fabrik trocken- und feuchtklebender Papiere Dr. J.
Neubronner“. Die Neubronner GmbH und Co KG mit Sitz
in Oberursel stellt heute noch Klebestreifen aller Art her.
Buslinie 261 Haltestelle Berliner Platz
24 VILLA GERMANIA / ERWIN KLEYER
Königsteiner Straße 10, Kronberg
Seit 1920 war die ehemalige
„Villa Germania“ Wohnsitz
von Erwin Kleyer, einem der
Direktoren der „Adlerwerke
vorm. Heinrich Kleyer AG“,
bis zum Ende des Zweiten
Weltkriegs einer der
erfolgreichsten deutschen Automobilhersteller. Der Sohn
des Firmengründers fuhr selber Autorennen und galt als
kunstsinniger Mäzen. Er verpflichtete den BauhausArchitekten Walter Gropius als Berater, der zwei Karosserien für Adler Modelle gestaltete.
Buslinie 261 Haltestelle Königsteiner Straße
Nicht öffentlich zugänglich
Historische Seifenkiste (Vortaunusmuseum)
26 KEMPINSKI GRAND FALKENSTEINWIRTSCHAFTSGEBÄUDE
Debusweg 6-18, Königstein
Von 1907 bis 1909 wurde in
Falkenstein südlich des
Debuswegs mit Unterstützung Kaiser Wilhelms II. ein
Erholungsheim für Offiziere
errichtet. Nach 1945 war
hier eine Klinik des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen untergebracht, heute
befindet sich hier ein Luxushotel. Nördlich des Gebäudekomplexes, der aus insgesamt sieben Gebäuden besteht,
entstanden weitläufige Wirtschaftsgebäude im gleichen
Baustil, die sich um einen Hof gruppieren. Auffallend sind
der markante Uhrturm sowie das sich an den Hauptbau
anschließende Heizwerk mit dem weithin sichtbaren
Schornstein.
Buslinien 84, 85 Haltestelle Ehrenmal
Zugang nur für Restaurant- und Hotelgäste
28 FIRMA SEEGER-ORBIS
Wiesbadener Straße 243, Königstein-Schneidhain
Willy Seeger gründete 1917
das Unternehmen, das
durch den 1928 patentierten
„Seeger-Ring“ zur Sicherung von Kolbenbolzen
bekannt wurde. Die 1944
wegen Bombenschäden aus
Frankfurt ausgelagerte Firma Seeger fand in Zweigbe-
trieben Unterkunft im Taunus, der größte war in Baracken
im Johanniswald bei Schneidhain untergebracht. 1949
erwarb die Firma Gelände in Schneidhain zur Ansiedlung.
Die Inbetriebnahme des Schneidhainer Werkes war am
5. August 1950. Seitdem erfolgten einige Erweiterungen.
Seit 2002 gehört Seeger-Orbis zur amerikanischen
Barnes Group Inc.
Buslinie 263 Haltestelle Werk Seeger
Nicht öffentlich zugänglich
29 EISENBAHNBRÜCKE STEINBACH
Steinbach
Die Eisenbahnbrücke bei
Steinbach steht stellvertretend für eine Reihe ähnlicher Funktionsbauwerke
im Zusammenhang mit der
Verkehrserschließung des
südlichen Taunus. Sie wurde
1860 für die Bahnstrecke Frankfurt–Homburg errichtet,
eine vor allem auf Betreiben der Homburger Spielbankpächter zustande gekommene Privatbahn. Die Brücke ist
trotz ihrer schlichten Funktionalität – sie überspannt den
Steinbach und einen ihn begleitenden Weg – durchaus
ansprechend ausgeführt. In den Zwickeln zwischen den
drei Brückenbögen aus Sandstein sind dekorative Tondi
im Backsteinmauerwerk angebracht. Heute ist die
Steinbacher Eisenbahnbrücke über die RegionalparkRundroute für Spaziergänger bequem erreichbar.
Braukessel im Alt Oberurseler Brauhaus
Rolls-Royce Turbostrahltriebwerk