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ROLLER-TEST
LML STAR 200 4T
TEXT & FOTOS MICHAEL BERNLEITNER
Blechroller. Schaltroller.
Warum nicht auch mit
200-Kubik-Viertaktmotor aus Indien?
G
KRAFT
DES TURBANS
ar nicht wenige Vespa-Fans
sind der Meinung, dass das eigentlich der Klassikroller ist,
der von Piaggio in Pontedera erzeugt
werden sollte. Eine selbsttragende
Blechkarosserie wie in alten Zeiten,
Drehgriff-Handschaltung wie schon
bei der Ur-Vespa aus 1946. Aber nicht
mit tuk-tuk-Zweitakter (auch wenn er
so zivilisiert auftritt wie in den neuen PX), sondern mit flüsterndem und
zukunftsorientiertem Viertaktmotor,
der auf absehbare Zeit mit den EuroAbgasnormen mithalten kann. Und
tatsächlich machten kurz vor der
Mailänder EICMA 2011 wieder einmal Gerüchte die Runde, dass Piaggio
eine neue Viertakt-PX mit 125 und
150 Kubik aus dem Zylinder ziehen
will …
Die in Nordindien vom ehemaligen
Piaggio-Lizenznehmer LML gebaute
Star 200 mit luftgekühltem Zweiventil-Viertakter ist jedenfalls schon da
– und gleich eines der ersten in Österreich eintreffenden Exemplare findet
den Weg in die „motomobil“-Redaktion zur herbstlichen Probefahrt. Die
8,6 kW (11,7 PS) starke LML 200 4T
wird um 3090 Euro angeboten – und
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beim indischen Klassik-Vespa-Klon
wird natürlich immer wieder die
Frage gestellt, wie denn die Verarbeitung im Vergleich zum Italo-Original
aussieht. Die Viertakt-LML muss
sich nicht genieren und präsentiert
sich mit sehr schöner Lackierung
(die schwarze Version offenbart im
direkten Sonnenlicht sogar ein nobles Goldflitter-Finish); allein der
Blechfalz an der Kante des Vorderradschutzblechs, die Passgenauigkeit
der Blinker-Chromeinfassungen zur
Karosserieform und die elektrische
Verkabelung im Motorraum unter
der rechten Seitenbacke sind bei der
„richtigen“ PX feiner ausgeführt. Unter der linken Backe sitzt traditionsgemäß das Reserverad und die Batterie,
hier eine kräftig wirkende indische
Exide.
S
owohl mit Kickstarter als auch per
Knopfdruck springt mit Choke
der Motor unmittelbar an und läuft
rund. Jawohl, Choke – der Motor, der
mit Beteiligung des taiwanesischen
Zweiraderzeugers PGO (ebenfalls
früher ein Piaggio-Lizenznehmer)
entwickelt wurde, hat einen klassi-
schen 20er-Vergaser von Keihin; und
wie schon damals kann der ChokeStipfel im Fußraum nach wenigen
Minuten zurückgeschoben werden.
Der kleine, fast vibrationsfreie Motor
Der Viertakter ist
ein sympathischer
Zeitgenosse
stellt sich rasch als großer Sympathieträger heraus: Er ist laufruhig, ohne
mechanische Geräusche und klingt
schön dumpf bis sonor-kräftig. Im
Vergleich zur seit dem Vorjahr be-
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(1) Seit Jahrzehnten
ein vertrautes Bild
– jetzt mit neuem
Antrieb
(2) Scheinwerferund E-StarterBedienung
(3) Riesiges Handschuhfach im
Fußraum
(4) Man sollte
sozusagen
„punktgenau“
schalten
(5) Mit Leerlauflämpchen als
LML-4T-Spezialität
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3
4
5
kannten 125er-Viertakt-LML ist er
sogar ein Muskelprotz und enorm
durchzugsstark: Man muss auch in
kleineren Kurvenradien keineswegs
immer in den zweiten Gang zurück,
ein Leerlauflämpchen. Unsere beiden
noch nicht eingefahrenen Exemplare
haben wir mit 93 km/h gemessen, der
Hunderter als Werksangabe ist also
nicht weit weg.
Man kann richtig
schön schaltfaul
dahingleiten …
D
der dritte und auch der vierte ziehen ohne Verhungern immer schön
durch. Dreht man den Motor aus, ist
man richtig flott unterwegs – aber
insgesamt kann man die 117 Kilo
leichte LML äußerst entspannt und
schaltfaul bewegen. Wie nicht anders
gewohnt, trifft man mit der Drehgriffschaltung die vier Gänge – fast – immer; in der 4T gibt’s im Cockpit sogar
LML STAR 200 4T
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MOTOR.................1-Zyl.-4-Takt, SOHC, 2 Ventile, gebläsegekühlt
HUBRAUM................................................................. 199,9 ccm
LEISTUNG................................... 8,6 kW (11,7 PS) bei 6250/min
DREHMOMENT....................................... 14,5 Nm bei 4250/min
GETRIEBE.........................................Viergang-Handschaltung
FAHRWERK................... selbsttragende Stahlblechkarosserie
AUFHÄNGUNG vo/hi.....gez. Einarmschwinge/Triebsatzschwinge
RADSTAND................................................................. 1235 mm
FEDERWEG vo/hi...................................................... 90/90 mm
BEREIFUNG vo/hi...................Dunlop Maxi-Life 3,5-10/3,5-10
BREMSEN vo/hi................Scheibe 200 mm, Trommel 150 mm
SITZHÖHE.................................................................... 820 mm
TANKINHALT.......................................................................5,5 l
TROCKENGEWICHT........................................................ 117 kg
HÖCHSTGESCHWINDIGKEIT........................................ 94 km/h
VERBRAUCH...................................................................... n. A.
PREIS.......................................................................... € 3090,–
VERTRIEB/INFO.............................................. www.blm.at/lml
afür sind die in einem indischen
Dunlop-Werk produzierten Reifen des Typs Maxi-Life eine bodenlose Gemeinheit. Das Austrinken eines
Doppelliters kann man sich getrost ersparen: Sowohl in der Kurve als auch
auf der Geraden fährt die Schlangenlinie serienmäßig mit, weit über das
normale PX-Maß oder die bei 10-Zöllern übliche Sensibilität hinaus. Das
Aufrüsten mit Qualitätspneus sollte mit einkalkuliert werden. Gute
Nachrichten wiederum gibt’s über
die vordere Scheibenbremse und die
Hinterrad-Trommelbremse, die beide
wirksam und dosierbar sind, aber im
Sinn der Fahrsicherheit nicht übermäßig bissig.
Wer einen Schalt-Blech-KlassikRoller will, der weiß, dass man unter der Zweiersitzbank nicht nach
Gepäckraum suchen muss – dafür
hat man in der Vorderschürze ein
riesiges Handschuhfach, dessen Volumen unübertroffen ist. Der erste
Eindruck der großen Viertakt-LML?
Die Reifenfrage ist ein leicht reparabler Schönheitsfehler, der um einen
überschaubaren Betrag mit einem
Satz Heidenau behoben ist – den
Rest des Rollerlebens hat man dann
drei Reservereifen … Sonst scheppert
nix und passt alles. Die LML Star 200
4T ist zweifellos eine sympathische
Schaltroller-Bereicherung.
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