Immunologie des Auges – kontrovers beleuchtet

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Immunologie des Auges – kontrovers beleuchtet
© Kaiserin Friedrich-Stiftung
Immunologie des Auges –
kontrovers beleuchtet
19. Berliner Immunologie Seminar (BIS) 2012
Das diesjährige Berliner Immunologie Seminar (BIS) fand am 9. Juni statt, traditionell veranstaltet im Kaiserin
Friedrich-Haus Berlin unter der Leitung von Prof. Dr. Uwe Pleyer, Augenklinik der Charité Berlin, Campus Virchow
Klinikum. Hinsichtlich der Themen verlief das Seminar allerdings anders als in den Vorjahren: Pro-Contra-Positionen
und der Austausch von Erfahrungswerten prägten diesmal die Darstellung der einzelnen Themenaspekte. Ein Bericht
von Priv.-Doz. Dr. Dieter E. Moeller (Berlin).
D
ie Themen im vollbesetzten Auditorium beim 19. Berliner
Immunologie Seminar zu immunbedingten Erkrankungen
des Auges waren in diesem Jahr polarisierend gestaltet: Zu Diag­
nostik und Therapie wurden Pro- und Contra-Meinungen durch
unterschiedliche Referenten vertreten. Dabei war die Experten­
meinung gefragt, denn den Empfehlungen und Leitlinien kann
nicht ohne eigene Erfahrung gefolgt werden. Der Vormittag ge­
hörte den infektologischen Themen des vorderen Augenabschnitts
und der Nachmittag den intraokularen Infektionen und Entzün­
dungen. Zu Beiträgen internationaler Referenten wurde der Mei­
nungsäußerung und dem Abwägen der Stellungnahmen aus dem
Auditorium breiter Raum gegeben.
Infektionsassoziierte Keratitis
Die Eröffnung der Vorträge erfolgte mit einem Beitrag von
Prof. Dr. Uwe Pleyer (Berlin) zum Thema Infektionsassoziierte
Keratitis. Als Ursachen nannte Pleyer Traumen (36,4 Prozent),
Kontakt­linsen (33,7 Prozent), Okuläre Oberflächenalteration
(6,9 Prozent), Multiple Faktoren (5,8 Prozent) und Refraktive
Chirurgie (0,2 bis zwei Prozent). Hinsichtlich der Diagnostik
Der
Augenspiegel
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verwies er auf die „Koch Postulate“ und nannte Abstrich, PCR
und Kammerwasseranalyse. Ursächliche Erreger der bakteriel­
len Keratitis sind Staphylokokken, Streptokokken, Pseudomonas
aeroginosa und Moraxella. Als Problemkeime wurden Serratia,
Pseudomonas, Indole-positive Proteus und Enterobacter genannt.
Die Therapie erfolgt mit Antibiotika, wobei deren Entwicklung
von den 1940er Jahren bis zur Gegenwart dargestellt wurde.
Aktuelle Antibiotika sind Levofloxacin, Moxi-Gatifloxacin und
Azithromycin. Hinsichtlich der Resistenz ist der ophthalmo­
logische Einsatz von Antibiotika gegenüber der systemischen
Verwendung zu vernachlässigen. Für eine suffiziente Therapie
sind entscheidend die Dosierung (fünf- bis achtmal täglich),
die Sättigungsdosis, Dauer von mindestens einer Woche mit
Ausnahme von Azithromycin (drei Tage). Die Anwendung er­
folgt ohne Ausschleichen. Die Therapie geschieht in Anlehnung
an die Leitlinie Keratitis der Deutschen Ophthalmologischen
Gesellschaft (DOG) und besteht in Medikation, möglichst nach
Differentialdiagnose. Topisch werden bei bakterieller/mykotischer
Keratitis (mit Ulcus) Breitspektrum-Antibiotika/Antimykotika
(stündlich bis zu viertelstündlich) je nach Stadium gegeben. Bei
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Tagungsbericht
BIS
„Erregernachweis bei Keratitis: Stets notwendig – oder
­empirische Therapie?“
Pro: Der Frage „Erregernachweis: Stets notwendig - oder empi­
rische Therapie?“ war der Beitrag von Priv.-Doz. Dr. Thomas
Fuchsluger (Düsseldorf) gewidmet. Da verschiedene Erreger die
Keratitis verursachen können, sprach er sich für die Notwendigkeit
des Erregernachweises aus. Eine Keratitis kann sowohl infek­
tiöse als auch nichtinfektiöse Ursachen haben. 90 Prozent der
Keratitiden sind infektiös bedingt. Überwiegend ist die Keratitis
bakteriell bedingt, seltener durch Viren oder Mykosen. Die
Genese ist häufig schon an der Spaltlampe zu erkennen. Das
Therapieziel ist die Minderung von Entzündung und Schmerzen
sowie möglicher Komplikationen. Zur Diagnostik gehören ge­
mäß der Leitlinie des Berufsverbands der Augenärzte (BVA)
Abstrich, Sensibilitätsprüfung der Hornhaut sowie die immuno­
logische Diagnostik, letztere gegebenenfalls durch den Hausarzt.
Die Therapie erfolgt ebenfalls gemäß der Leitlinie des BVA mit
Antibiotika/Antimykotika, Virustatika und bei entsprechendem
Befund mit Kortikosteroiden. Eine besondere Rolle spielt die
Akanthamöben-Keratitis.
Contra: Die Contra-Meinung zum Thema vertrat Prof. Dr. Jens
Martin Rohrbach (Tübingen). Zu Beginn zitierte er Pleyer
und Behrens-Baumann (Ophthalmologe 2007, 104, 9-14):
„Erregernachweis und gegebenenfalls Sensitivitätsprüfung sind
für die gezielte Behandlung wichtig. Dies wird zwar immer wieder
betont, in der klinischen Praxis allerdings oft nicht eingehalten und
durch eine empirische, breit wirksame antimikrobielle Behandlung
umgangen.“ Weiterhin stellte er fest, dass es wirklich gefährliche
Keime nicht mehr gibt und dass das Keimspektrum limitiert ist.
Rohrbach benannte, wie auch schon zuvor Pleyer, zunächst die
häufigsten Erreger einer bakteriellen Keratitis. Zur Diagnose
ist mitunter schon die Anamnese ausreichend. Mit modernen
Antibiotika können die meisten bakteriellen Hornhautinfektionen
„blind“ beherrscht werden. Allerdings werden definitiv vorhan­
dene Bakterien oft nicht nachgewiesen, dafür aber solche, die für
die aktuelle Infektion nicht ursächlich sind. Daraus folgt eine hohe
Rate falsch negativer und auch falsch positiver Abstrichergebnisse.
Schließlich sei aufgrund der ökonomischen Situation in Praxen
und Kliniken ein grundsätzlicher Abstrich betriebswirtschaftlich
nicht mehr darzustellen. Jedoch empfiehlt sich bei Unsicherheit
in der Diagnose ein Abstrich. So lautete das Fazit des Referenten,
dass ein Abstrich der Gründlichkeit entsprechen würde. Die
Unterlassung bei „einfacher“ bakterieller Keratitis stellt aber in der
Regel keinen Kunstfehler dar. In der abschließenden Diskussion
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wurde die Meinung geäußert, dass ein Erregernachweis eine
Motivation für die Therapie darstellt.
„Steroide bei bakterieller Keratitis – frühe adjunktive
Maßnahme?“
Pro: Auch zur Frage „Steroide bei bakterieller Keratitis – frühe ad­
junktive Maßnahme?“ bezog Rohrbach Stellung und nahm schon
zu Beginn sein Fazit vorweg: „Frühzeitig lokale Kortikosteroide
bei bakterieller Keratitis? – Pro!“. Seine nachfolgenden
Ausführungen galten folgender Frage: Eine lange Lokaltherapie
mit Kortikosteroiden erhöht das Risiko einer schweren bakteriellen
Keratitis. Wie können lokale Kortikosteroide dann bei bakterieller
Keratitis sinnvoll sein? Kortikosteroide sind indiziert bei viralen
Infektionen mit intaktem Hornhautepithel, ebenfalls bei bakte­
riellen Infektionen, bei letzteren möglicherweise abhängig vom
Erreger. Der Wert der intravitrealen Kortikosteroidtherapie ist ex­
perimentell und klinisch belegt, warum sollten sie dann nicht auch
bei bakterieller Keratitis gegeben werden? Steroide bessern das
Therapieergebnis. Es sind keine wesentlichen Nebenwirkungen
nach intravitrealer Injektion von 0,4 mg Dexamethason bekannt.
Dagegen besteht der Trend zu etwas besserem Visus nach drei
Monaten, jedoch ohne Signifikanz. Gemäß der Leitlinie Nr. 13
des BVA ist die zusätzliche Kortikosteroidtherapie bei stromalem
und endothelialem Befall (geschlossenen Epitheldecke) indiziert.
Das Fazit des Referenten lautete: Lokale Kortikosteroide haben bei
bakterieller Keratitis möglicherweise einen günstigen Effekt auf
das Endergebnis (Visus). Eine gesicherte Evidenz besteht derzeit
aber weder pro noch contra der adjuvanten Kortikosteroidtherapie.
Insofern sind Kortikosteroide bei bakterieller Keratitis weder ob­
ligat noch „verboten“. Rohrbach zitierte Wilhelmus (2001), dass
eine Zurückhaltung mit einer Kortikosteroidtherapie bei bakteri­
eller Keratitis geübt werden sollte nach längerer KortikosteroidTherapie vor bakterieller Infektion, bei unklarem Erreger und bei
Ulkus außerhalb der optischen Achse. Zusammenfassend gipfelte
die Meinung des Referenten in einem vorsichtigen „Pro“.
Contra: Die Contra-Meinung dazu vertrat Priv.-Doz. Dr. Thomas
Fuchsluger (Düsseldorf) an Hand von Veröffentlichungen.
Die Kortikosteroidtherapie ist möglich, wenn ohne sie keine
Besserung der Sehkraft zu erreichen ist. Es bestehen aber kei­
ne Sicherheitsbedenken gegen eine Therapie der bakteriellen
Keratitis mit Steroiden.
„Intrakamerale Antibiose – Ein Schritt in die richtige Richtung?“
Contra: Als nächster Komplex folgten die Beiträge zur peri­
operativen Behandlung bei der Kataraktchirurgie. Mit seinen
Ausführungen zur „Intrakamerale Antibiose – Ein Schritt in die
richtige Richtung?“ verneinte Pleyer diese Frage bereits mit der
Projektion der ersten Abbildung. Die Endophthalmitis ist und bleibt
Augenspiegel
Der
stromalem und endothelialem Befall (geschlossene Epitheldecke)
sind zusätzlich Kortikosteroide indiziert. Eine drohende oder vor­
handene uveale Beteiligung erfordert Ruhigstellung in Mydriasis.
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Tagungsbericht
BIS
Pseudomonas aeruginosa
Fusarien
Plasmozytom
Akanthamöben
Abb. 1: Immunphänomene bei bakterieller Keratitis: Wessely-Immunringe.
ein Problem. Seine Hypothese Nr. 1 lautet: Prävention ist (nicht
nur) medikamentös möglich/notwendig, weitere Faktoren sind
bedeutsam(er). Die Endophthalmitis ist multifaktoriell bedingt.
Zu den Risikofaktoren zählen der Patient, das operative Vorgehen
und perioperative Maßnahmen. Zu den gesicherten Faktoren gehö­
ren Art und Lokalisation der Inzision. Hinlänglich bekannt ist das
höhere Risiko bei Clear-Cornea-Inzision. Die IOL gilt als poten­
tieller Vektor für Bakterien, dabei spielt das Linsenmaterial eine
Rolle. Von gleichem Wert für die Prophylaxe der Endophthalmitis
sind perioperative Maßnahmen. In der Hypothese 2 des Referenten
heißt es: „Es bestehen Zweifel an der Aussagekraft der ESCRSStudie, die den Nutzen der intrakameralen Antibiose in Frage stel­
len“. Die ESCRS-Leitlinie liegt in zweiter Auflage vor. Gemäß
der Leitlinie ist die Intrakamerale antimikrobielle Therapie den to­
pischen Antibiotika überlegen. Die Schwächen der ESCRS-Studie
liegen im Center-Effekt und darin, dass das Studiendesign subop­
timal war. Das von der Studie empfohlene Cefuroxim ist ineffektiv
bei Enterokokken und Pseudomonas. Die Wirkung beginnt nach
drei bis vier Stunden, dagegen ist nach drei Stunden ein kompletter
Kammerwasseraustausch erfolgt. Aus diesen Argumenten folgt die
dritte Hypothese von Pleyer: Es bestehen Alternativen zur intra­
kameralen Injektion. Neuere Antibiotika sind durchaus wirksamer
als Cefuroxim (Oxyfloxacin, Moxifloxacin). Sein Fazit lautet: Die
Der
Augenspiegel
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Endophthalmitis bleibt ein Problem. Verschiedene Faktoren be­
einflussen deren Inzidenz. Gabe von Antibiotika ja, nur eine Form
muss gewählt werden. Die intrakamerale Injektion ist kein ent­
scheidender Vorteil. Als entscheidend wird Spülung/Abwaschen
mit PVP-Jod angesehen.
Pro: Priv. Doz. Dr. Eckart Bertelmann (Berlin) sprach sich in sei­
nem Beitrag hingegen für diese Therapie aus, vertrat also die ProMeinung. Die hohe Wertigkeit eines Erfolgs der Kataraktchirurgie
resultiert aus den gestiegenen Erwartungen der Patienten und
der gestiegenen öffentlichen Sensibilität. Dem steht die zuneh­
mende Möglichkeit der Infektionen in der Klinik gegenüber.
Insoweit gewinnt die Tatsache an Bedeutung, dass die intrakame­
rale Antibiose die Zahl der postoperativen Infektionen senkt. Die
Multizenterstudie der ESCRS wird in der Praxis nicht umgesetzt.
„Erstmanifestation der anterioren Uveitis: Abklärung notwendig
– oder reicht Therapie und beobachten?“
Pro: Das nächste Thema zum Austausch gegenteiliger Meinungen
bot die Anteriore Uveitis (AU). Die Frage „Erstmanifestation der
anterioren Uveitis: Abklärung notwendig – oder reicht Therapie
und beobachten?“ beantwortete Dr. Christoph Deuter (Tübingen)
mit einem Ja. Eine diagnostische Abklärung hält er bereits bei
Erstmanifestation für notwendig. Die anteriore Uveitis (AU)
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Tagungsbericht
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„Intermediäre Uveitis: Abklärung notwendig – oder reicht
Therapie und beobachten?“
Eine ätiologische Abklärung gleich zu Beginn der Therapie emp­
fahl Frau Prof. Dr. Nicole Stübiger (Berlin) zur selben Frage bei
Intermediärer Uveitis. Sie ist für eine kausale Therapie notwendig,
andererseits kann ein sofortiger Therapiebeginn ohne Abklärung
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Abb. 2: Intermediäre Uveitis: Snow Balls.
typische Begleiterkrankungen verschleiern. Zur Diagnostik nann­
te sie minimale und weiterführende Diagnostik. Ihr Fazit laute­
te, dass eine frühe Diagnostik notwendig sei, auch zur Therapie
der Grunderkrankung. Weiterhin sprach sie zur posterioren
Uveitis und intermediären Uveitis. Nach Schilderung der ein­
zelnen Krankheitsbilder sowie der systemischen Ursachen nahm
sie Bezug auf die Leitlinien Nr. 14 (Uveitis anterior) und Nr. 24
(Uveitis intermedia und posterior/Endophthalmitis).
„Okuläre Toxoplasmose – benötigen wir die Serologie zur
Diagnostik?“
Pro: Zum Thema „Okuläre Toxoplasmose – benötigen wir die
Serologie zur Diagnostik?“ sprach Prof. Dr. Justus Garweg
(Bern). Er sieht eine serologische Diagnostik zum Nachweis
von Antikörpern gegen Toxoplasmen bei typisch klinischer
Manifestation und immunkompetenten Patienten nicht als aus­
sagekräftig an. Ausnahmen sind das Nichtvorhandensein von
Antikörpern (zweifelhafte Diagnose) oder der Nachweis von spe­
zifischem IGM bei akuter systemischer Toxoplasmose. In klinisch
nicht eindeutigen Fällen kann eine Serodiagnostik mit Vergleich
der Antikörper-Titer im Serum und Kammerwasser die Diagnose
in über 80 Prozent der Erkrankungen sichern. Sie sollte in jedem
Fall einer aktiven Toxoplasmose-Uveitis angestrebt werden.
Contra: Die Contra-Meinung zum gleichen Thema begann Prof.
Dr. Uwe Pleyer mit einem klaren Nein. Dazu nannte er folgende
Argumente: 1. Der Erreger ist stark immunogen und führt daher
zu einer hohen „Durchseuchung“. 2. Die Diagnose der okularen
Toxoplasmose lässt sich in der Regel klinisch stellen. 3. Bei un­
klaren Befunden stehen uns bessere diagnostische Verfahren zur
Verfügung. Es besteht eine hohe Sensitivität der intraokularen
Antikörper-Analyse.
Augenspiegel
Der
bietet verschiedene Entitäten und Verlaufsformen. 50 Prozent der
Patienten mit einer AU sind HLA B27 positiv. Bei 66 Prozent der
Patienten folgt mindestens ein Rezidiv, bei 36 Prozent drei oder
mehr Rezidive. Eine diagnostische Abklärung ist notwendig, um
eine Klassifizierung anzustreben. Daraus ergeben sich Hinweise
auf Verlauf, Prognose und Therapie. Aus der Abklärung ist eine
infektiöse Genese auszuschließen, es ergeben sich Hinweise auf
eine eventuelle Chronifizierung. Eine Abklärung nach begonnener
Therapie kann die spätere diagnostische Abklärung verfälschen.
Zu Diagnose und Therapie der AU wurde auf die Leitlinie Nr. 14
des BVA verwiesen. Konflikte ergeben sich aus den Kosten der
Abklärung und den häufig veranlassten unnötigen Abklärungen.
So ist beispielsweise die Fokussuche veraltet. Als Fazit er­
gibt sich die Empfehlung zu einer Minimaldiagnostik, die nur
bei Bedarf weiter zu führen ist. Zur Minimaldiagnostik zählen:
Röntgen-Thorax, Routine-Labordiagnostik, ACE, Interleukin2-Rezeptor, Lues-Serologie, Borreliose. Kinder sollten stets
dem Kinderrheumatologen vorgestellt werden, bei ihnen ist die
Diagnostik von ANA und Beta-2-Mikroglobulin empfehlenswert.
Als Zusatzdiagnostik kommen in Frage HLA B27 bei akuter
AU, Rheumatologische Diagnostik (nur bei Rückenschmerzen),
bei granulomatöser AU Quantiferon-Test, VK-Punktion nur bei
­viraler AU.
Contra: Mit einem Nein beantwortete Prof. Dr. Stephan Thurau
(München) die selbe Frage, ob bei Erstmanifestation der Uveitis
Abklärung notwendig sei oder Therapie und beobachten aus­
reiche. Zunächst muss erst einmal das Auge untersucht werden,
führte er dann weiter aus. Die Diagnostik erfolgt gemäß der
Leitlinie Nr. 14 vom 11. Oktober 2010 der DOG und des BVA.
Entgegen der Leitlinie, spätestens ab dem zweiten Schub eine
ätiologische Abklärung durchzuführen, empfahl der Referent,
diese frühestens ab dem zweiten Schub durchzuführen. Er nann­
te die verschiedenen klinischen Bilder der AU sowie die mög­
lichen systemischen Grunderkrankungen. Die Serologie bietet ein
buntes, unspezifisches Bild, eine spezifische Therapie ist jedoch
immer notwendig, eine serologische Lues-Diagnostik immer bei
Erstkonsultation. Kinder sind immer dem Pädiater vorzustellen.
Die diagnostische Abklärung bei intermediärer Uveitis ist nicht
notwendig. Sein Fazit lautete: Die Abklärung bei Erstmanifestation
ist nicht notwendig, soll aber als Minimaldiagnostik abhängig von
Befund und Anamnese erfolgen.
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Tagungsbericht
BIS
„Okuläre Toxoplasmose – sollen wir periphere Läsionen
therapieren?“
Zum Thema „Okuläre Toxoplasmose – sollen wir periphere
Läsionen therapieren?“ empfahl Garweg, dass bei nicht sicher im­
munkompetenten Individuen (unter iatrogener Immunsuppression
oder bei Immundefekten) jede Läsion systemisch therapiert
werden sollte. Die Frage einer Therapiestrategie für periphere
Läsionen ist nicht eindeutig und sicher in jedem Fall zugunsten ei­
ner Therapie zu beantworten. Eine differenzierte Betrachtung der
jeweiligen Situation erscheint gerechtfertigt. Eine alleinige lokale
oder systemische Steroid-Therapie hält er für falsch.
Pro: Zum gleichen Thema begann Pleyer mit einem eindeutigen
„Ja“. Alle Läsionen der Okulären Toxoplasmose sollen behandelt
werden. Ziele dieser Therapie sind die Reduktion des Risikos ei­
ner bleibenden Sehverschlechterung (Herdgröße), die Reduktion
des Risikos eines Rezidivs und die Verminderung von Schwere
und Dauer der akuten Symptomatik.
„Intermediäre Uveitis: Erstbefund – stets therapieren?“
Pro: Die Frage „Intermediäre Uveitis: Erstbefund – stets therapie­
ren?“ beantwortete Priv.-Doz. Dr. Lothar Krause (Dessau) mit einem
Ja. Die Intermediäre Uveitis betrifft 20 Prozent aller Uveitiden, in
50 Prozent tritt ein zystoides Makulaödem auf. Nach Schilderung
des jeweiligen klinischen Bildes und der systemischen Ursachen
folgte das Fazit, dass wenn keine Symptome vorliegen, auch keine
Therapie erforderlich ist, aber eine Abklärung der Ursache erforder­
lich ist. Bei Symptomen ist eine Therapie notwendig.
„Acetazolamidresistentes CME/Uveitis: Ranibizumab vor
Ozurdex?“
Pro: Anschließend sprach Krause weiter zur Therapie des
chronischen Makulaödems. Bei der Entscheidung „Aceta­
zolamidresistentes CME/Uveitis: Ranibizumab vor Ozurdex?“
fällt seine Wahl zugunsten von Ranibizumab (Lucentis) aus.
Er bezog sich dabei auf die Stellungnahme der Deutschen
Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG), der Retinologischen
Gesellschaft (RG) und des Berufsverbandes der Augenärzte
Deutschlands (BVA) zur Therapie des Makulaödems
(Ophthalmologe 2012, 109, 93-99). Die Therapie des chronischen
zystoiden Makulaödems beginnt zunächst mit Acetazolamid. Tritt
keine Besserung ein oder kommt es zu Nebenwirkungen, wer­
den VEGF-Hemmer eingesetzt, in zweiter Linie Steroide. Nach
Steroiden treten in bis zu 26 Prozent Katarakt und Glaukom auf
wie auch nach Ozurdex. Für Avastin und Lucentis existieren kei­
ne vergleichbaren Studien, beide werden aber als gleich wirksam
angesehen.
Contra: Die Contra-Meinung zum gleichen Thema vertrat Prof.
Dr. Stephan Thurau (München). Nach Erwähnung verschiedener
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Augenspiegel
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Veröffentlichungen (Soheilian et al. 2010, Weiss et al. 2009, Bae et
al. 2011) sowie auch der Studie von DOG, RG und BVA beantwor­
tete er die Frage Ranibizumab vor Ozurdex mit Nein, vor allem
nicht bei noch florider Uveitis.
„Diagnostik und Therapie bei Optikusneuritis (NNO) – MRT
und Hochdosis-Mehylprednisolon“
Weitgehende Übereistimmung fand sich beim Thema „Diagnostik
und Therapie bei Optikusneuritis (NNO) – MRT und HochdosisMehylprednisolon“, vertreten durch die Referenten Dr. Roswitha
Gordes (Berlin) und Dr. Thomas Wermund (Schwerin). Contra
MRT sprach sich Wermund aus. Das MRT bestätige die Diagnose,
ist aber seiner Meinung nach nicht erforderlich. Weiterhin führte
er aus, dass die Megadosistherapie eine schnellere Erholung von
Visus, Kontrastsensitivität, Farbensehen und Gesichtsfeld biete,
dass die Optikusneuritis deutlich schneller abheile und diese
Therapie das Risiko einer Konversion in eine MS bei Patienten
mit pathologischem MRT biete. Neben der Frühtherapie mit
Immunmodulatoren ist die Eskalationstherapie mit Natalizumab
und Fingolimod indiziert. Zu letzterem ist 2012 ein Rote-HandBrief veröffentlicht worden. Beide Autoren erwähnten sowohl die
Leitlinie Nr. 30 vom BVA als auch die ONTT (The Optic Neuritis
Study Group 2008). Ein MRT ist nach Meinung von Gordes
­sowohl für die Frühdiagnostik und Frühtherapie notwendig als
auch zur Verhinderung einer Krankheitsprogression. Gleichzeitig
erwähnte sie, dass Mehylprednisolon die Therapie mit den ge­
ringsten Nebenwirkungen bietet, wohingegen Interferon eine
hohe Nebenwirkungsrate zeigt. Letztlich sprachen sich beide
Autoren für eine Therapie mit Mehylprednisolon aus.
Fazit
Mit dieser übereinstimmenden Meinung endete das diesjährige
Berliner Immunologie Seminar, in dem diesmal mit den Pround Contra-Stellungnahmen zu den verschiedenen Aspekten
Grenzbereiche beleuchtet worden seien, betonte der Veranstalter
Prof. Dr. Uwe Pleyer abschließend noch einmal, und rief zu
Themenvorschlägen für das BIS 2013 auf.
Priv.-Doz. Dr. Dieter E. Moeller
Augenarzt, Berlin
E-Mail: [email protected]
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