Eine Umarmung, die das Universum zähmt

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Eine Umarmung, die das Universum zähmt
April / Mai 15 | #529
Das Kommunale Kino Wiens, Akademiestraße 13, 1010 Wien
Bruno Dumont, „Li’l Quinquin“, Teil 1 ab 8. Mai 2015 im Stadtkino
Jürgen Böttcher, „Jahrgang 45“, ab 10. April 2015 im Stadtkino
Peter Kern, „Der letzte Sommer der Reichen“, ab 24. April 2015 im Stadtkino
Eine Umarmung,
die das Universum zähmt
„Li’l Quinquin“ ist Bruno Dumonts erste offizielle Komödie. Es gibt darin insgesamt sechs Tote,
vier davon in Körpern von Tieren. ALEXANDRA ZAWIA
E
ine tote Kuh wird gefunden. In der Kuh eine tote Frau,
zerhackt und ohne Kopf. Die Frau, nicht die Kuh.Wo hört
denn nun der Mensch auf und wo beginnt die Bestie?
Wieviel Humanität kann man denn noch aus animalischen Eingeweiden schälen - in dieser weiten, rauen Einöde der Küstenlandschaft der Boulonnais oder wo auch immer? Vor den überwachsenen Ruinen eines einstigen Hitlerbunkers vor den Toren
eines französischen Küstenkaffs haben sich der kleine Quinquin
und seine Freunde versammelt, um skeptisch den Worten des
Kommissars Van der Weyden zu lauschen: „Das ist schon sehr
speziell“. Bernard Pruvost spielt diesen Chef-Ermittler, der den
Mordfall (der sich zur Mordserie ausweiten wird) aufkären soll
- eine Mischung zwischen Inspector Clouseau und Kommissar
Maigret, und wie alle Darsteller hier ist er Laie. Sein Gesicht besteht hauptsächlich aus buschigen Augenbrauen, die auf seinen
permanent entgleisenden Gesichtszügen Bocksprünge machen.
So viele Ticks zwischen Stirn und Kinn, da ist es kein Wunder,
dass Van der Weydens Partner Rudy Carpentier (Philippe Jore),
der viel schlechter Auto fahren kann, als er meint, meist so ratwie zahnlos grinst und einfach auf gut Glück nickt. Ein verstecktes Zugeständnis an die soziologischen Zwänge, die in Bruno
Dumonts Universum ohnehin jedem zum Verhängnis werden.
Zum ersten Mal hat der französische Regisseur mit Li’l Quinquin eine Auftragsarbeit (für den Sender Arte) gemacht und sie
unverhohlen als „Komödie“ deklariert, auch wenn die tragikomische Groteske in keinem seiner Filme fehlt. Als Vierteiler konzipiert, ist Li’l Quinquin genauso gut ein einziger großer Wurf,
unterteilt in vier Kapitel.
„Die Bestie Mensch“, so kündigt es ein Insert an, heißt das erste.
„La bête humaine“, sagt Carpentier, „das ist ein Buch von Zola.“
Und natürlich auch ein Film von Renoir. Wenn diese Gräueltaten nun wirklich „die Quintessenz des Bösen“ sind, wie Van
Fortsetzung auf Seite 2 »
Inhalt
Grotesk
Bruno Dumont im Interview über seine
erste Komödie „Li’l Quinquin“.
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Verboten
25 Jahre lang war Jürgen Böttchers „Jahrgang 45“
in der DDR verboten. Ein Besuch bei dem Regisseur.
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Opulent
Peter Kerns in Berlin und Graz gefeierter
Film „Der letze Sommer der Reichen“.
Zulassungsnummer GZ 02Z031555
Verlagspostamt 1150 Wien / P.b.b.
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02
Bruno Dumont, „Li’l Quinquin“
» Fortsetzung von Seite 1
der Weyden es benennt, so haben weder er noch
Carpentier die Fähigkeit, darüber zu reflektieren: „Wir sind nicht hier, um zu philosophieren.“ Alles an Li’l Quinquin ist jedoch strikt philosophisch, in vieler Hinsicht eine thematische
Weiterführung von Dumonts gesamter Arbeit,
zuletzt seinem Camille Claudel 1915, alleine
deswegen, weil auch dieser Film religiöse und
moralische Überzeugungen infrage stellt, sobald
diese körperlicher oder geistiger Deformiertheit
gegenüberstehen, egal ob durch intellektuelle
(Nicht-)Entwicklung oder psychologische Desorientierung.
Wie bei David Lynch geht es in den Filmen
Dumonts um Repräsentationen des Bösen und
so muss die Comédie humaine auch gleichzeitig
eine Tragödie sein. Der Humor hier amüsiert,
aber er tröstet nicht. Er steigert nur die Tiefe
seines Gegenstands. „Wir sind im Herz der Finsternis“, wird Carpentier später einmal hervorpressen, denn, wie Lynch, geht es auch Dumont
um Mystik.
Er sei kein naturalistischer Regisseur, betont
Dumont immer wieder vehement (siehe Interview) und die Wildnis, wie sie hier inmitten
der Zivilisation eine Rolle spielt, meint tatsächlich etwas Transzendentales: Naturalistische
Elemente werden immer wieder unkenntlich
gemacht und abgewandelt verdichtet, bis sie
explodieren.Was der Kommissar sagt, ist inkohärent; die Kinder um Quinquin (Alane Delhaye)
sind und bleiben unschuldig, relativ jedenfalls,
auch weil sie der Wildnis unverstellt am nächsten stehen. Das Verlassen dieser Wildnis wäre
ein Erwachsenwerden, ein erzwungenes Anpassen, und es geht mit Schuld einher: Die Erwachsenen in Li’l Quinquin sind lächerlich, kaputt, oft
krank und meist moralisch deformiert.
Wer aber ist Quinquin überhaupt? Das, was
man hierzulande Gfrast nennt, ein präpubertärer Gang-Pate in einem Revier, das sich um
Menschen wenig schert, weil Schweine tatsächlich viel nützlicher sind (unter anderem
auch im Beseitigen von Zweibeinern). Seiner Freundin Eve (Lucy Caron) ist Quinquin
vollen Herzens zugetan, eine zarte Liebe, die
er mit aller Kraft beschützt; eine Liebe, die sich
nicht weniger um diese unwirtliche Umgebung scheren könnte, und in ihr gedeiht, als
wäre es das Paradies. In der ersten Szene nickt
Quinquin Eve zu, und Dumont zeigt ihn dabei
in einer frontalen, halbnahen Einstellung: damit
nickt Quinquin auch uns zu, dem Publikum.
Sein zerzaustes, hellblondes kurzes Haar, seine
ruppigen Gesten, seine operierte Hasenscharte
und ein Hörgerät im Ohr – alles zusammen
macht ihn verletzlich und zwiespältig zugleich.
Mit diesem Nicken schwört er uns auf diesen
Ort und auf sich ein: Welchen Helden hätten
wir denn gerne? Einmal abgesehen von dem
ominösen Ch’tiderman natürlich, eine Gestalt
in Strumpfhosen und Skimaske, die sporadisch
aus dem Nichts auftaucht, vor den skeptischen
Augen Quinquins, tut, was auch immer sie tun
muss, und sich danach klanglos wieder trollt.
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Wenn die Sprache versagt, ist das Gesicht alles, was bleibt.
Das Kino wäre nichts ohne Delinquenten. Die
Welt ist ohnehin ein Narrenschiff.
Das Setting von Li’l Quinquin fügt sich nahtlos
in das Universum von Dumonts Arbeiten, speziell von Filmen wie Flandres oder Hors Satan.
Nord Pas-de-Calais wird hier zu einem Ort, an
dem Verderben und Hoffnung gleichermaßen
existieren und die lokale Identität seiner Laiendarsteller, wie sie Dumont für seine Filme immer wieder besetzt, ist abermals integraler Be-
Das Kino wäre nichts
ohne Delinquenten.
Die Welt ist ohnehin
ein Narrenschiff.
standteil des organischen Ganzen. Ohne ihren
echten Hintergrund könnte gar keine Transfiguration stattfinden, um der es Dumont besonders in der Komödie geht: Es zieht ihn hier
zur Transgression, zur Übertreibung, Akkumulierung, zur Repetition, dem Burlesken, aus all
dem eine Groteske wachsen kann. Dazu kommt
eine Unvorhersehbarkeit, eine Unberechenbarkeit des Spiels, das die Möglichkeiten eines einzigen Dialoges vielfältig steigert. Pruvost, zum
Beispiel, so Dumont, hatte immense Schwierigkeiten, seine Texte zu lernen, woraufhin ihm
Dumont soufflierte. Deshalb wartet Kommissar
von der Weyden im Film immer zuerst etwas,
bevor er spricht – ein nie geplanter, zusätzlicher
komödiantischer Effekt.
Van der Weyden ist außerdem großer Wertschätzer noch größerer Hinterteile, vor allem bei
Pferden. Sein Name ist eine Hommage an den
Meister der flämischen Malerei des 15. Jahrhunderts. Die Räume und Plätze, in denen er sich
bewegt, sind von grotesken Ausformungen und
bizarren Widersprüchen bestimmt.
Schönheit und Schrecklichkeit verbinden sich
bei Dumont immer wieder in den Gesichtern
seiner Figuren, die offensichtlichste Weise, wie
Dumont Zärtlichkeit ausdrückt und damit jeden Verdacht von Exploitation zunichte haucht.
Er verweilt auf Gesichtern in Close-ups, so konzentriert, dass sogar eine Szene, in der Quinquin
Eve aus der Entfernung neckt, allein durch die
Isolierung ihres Gesichts, das ihre amüsierte Reaktion zeigt, herzzerreißend wirkt. Gesichter
sind Dumont Tore ins Innere, auch wenn sie
ausdruckslos scheinen, wie zum Beispiel jenes
des Kuhhändlers Lebleu (Stéphane Boutillier),
dessen geneigter Kopf immer wieder das Bild
einnehmen darf: den Mund weit offen, die Augen aufgerissen, so zieht es uns in rätselhafte
Dunkelheit, ebenso wie Dany (Jason Cirot),
Quinquins geistig zurückgebliebener Onkel, der
umherstreift und den ein ortsansässiger Bully
immer wieder anpöbelt.
Dumont stellt so genannte „Tabu-Gesichter“
in den Vordergrund, auch um den Zuseher zu
verunsichern: Darf man lachen? Wenn ja, muss
man sich dafür schämen? Im Gesicht, wie es
Dumont in Szene setzt, spiegelt sich der Horror
in mehreren Schichten und in mindestens zwei
Richtungen. Vor allem, wenn die Sprache versagt, ist das Gesicht alles, was bleibt.
„Im Herz des Bösen“ ist der Titel des zweiten Kapitels, denn als der Serienmörder wieder
zuschlägt, setzt der Film fort. Zum einen, weil
zwischen den Behörden keine Kommunikation stattfindet, zum anderen bedingt durch eine
generelle Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern. Ein Subtext, der sich mit der abwesenden
StadtkinoZeitung
Kommunikation zwischen Institutionen und
Individuen beschäftigt, wird in den letzten beiden Kapitel verdichtet: „Der Teufel in Person“
und dem finalen „Allah Akhbar”, dem die lange
schwelende Rivalität zwischen Quinquin und
dem etwas älteren Mohammed vorausgeht. Die
Spannungen entwickeln sich zuerst entlang von
Pubertäts-Rivalitäten um ein Mädchen, Dumont lässt sie allerdings offen in explizit religiöse
Konflikte hochwinden.
Li’l Quinquin wurde in Audresselles gedreht,
am Cap Gris-Nez in der Pas-de-Calais Region,
nicht weit von Ambleteuse, wo ein beträchtlicher Teil von Hors Satan gefilmt wurde. Der
nächst größere Ort ist Wissant, der nächste danach Sangatte – das Gebiet der „berüchtigten“
Flüchtlingslager, die im Zuge des Vorstoßes des
Front National bei den letzten Wahlen geräumt
wurden. In der Pas-de-Calais Region hat die
Front National unter anderem den höchsten
Prozentsatz an Wählern. In der nördlich benachbarten Region, Bailleul (wo La vie de Jésus
spielt und wo Dumont geboren wurde), hatten
sie übrigens nur unwesentlich schlechter abgeschnitten. Offensichtliche Politik existiert in
Li’l Quinquin aber nicht. Van der Weyden soll
die einzige Autoritäten-Instanz sein und die
katholische Kirche erweist sich wiederholt als
wenig sicher oder hilfreich. Mohammeds Abdriften in den Fanatismus und die Selbstzerstörung entspricht dem weiter gefassten Konzept
in Dumonts Arbeiten, in dem seine Figuren
entsprechend überlieferter und eingetrichterter
sozialer Normen agieren beziehungsweise in ihrem Nicht-Handeln leiden. Dumont attackiert
hier deutlich und sarkastisch die schädliche Auswirkung organisierter Religion auf Individuen
und auf Gemeinschaften. Sein Interesse liegt darin zu zeigen, wie sowohl Ideologie als auch das
Kino selbst entlang haarfeiner Linien verlaufen,
die Polaritäten nur unzureichend trennen und
wo religiöse Rituale schnell zu komödienhaften
Kapriolen werden, ein ernstes Drama in urkomischen Slapstick kippt. Die Liebe ist schließlich
das Einzige, worauf Verlass ist. Und das Universum, launisch und grausam? Eine Umarmung
kann es zähmen.
•
Bruno Dumont
Li’l Quinquin
(Frankreich 2014)
Regie und Drehbuch Bruno Dumont
Darsteller Alane Delhaye, Lucy Caron,
Bernard Pruvost, Philippe Jore
Kamera Guillaume Deffontaines
Schnitt Basile Belkhiri, Bruno Dumont
Ton Philippe Lecoeur
Produktion 3B PRODUCTIONS, ARTE France
Verleih Stadtkino Filmverleih
Format DCP / Farbe
Länge 2x 100 Min.
Fassung OmdU
Kinostart Teil 1: 8. Mai 2015
Kinostart Teil 2: 5. Juni 2015
10.06.14 12:10
Bruno Dumont, „Li’l Quinquin“
03
Foto: © Olivier Vigerie
StadtkinoZeitung
Hier hatte der Fotograf Glück: Bruno Dumont hat angesichts seines Erfolgs gut Lachen.
Ironie wird uns retten
Bruno Dumont zu interviewen ist spannend, auch weil er kaum lächelt. Das passt besonders gut,
spricht man mit ihm über Filme wie „L’Humanité“ oder „Hors Satan“, also unter anderem über
Aggression, Sex, Religion und den Teufelskreis, den sie bilden. Im Gespräch über sein offen
komisches Meisterstück „Li’l Quinquin“ ging es nach außen hin nicht nennenswert heiterer zu aber das ist durchaus plausibel. ALEXANDRA ZAWIA
„Li’l Quinquin” markiert nicht nur Ihre deutliche
Hinwendung zur skurrilen Komödie, sondern auch
zur archaischen, episodischen Erzählstruktur. Auch,
um die Komödie „ernster zu nehmen“?
Es ist ein Irrtum, zu glauben, etwas wäre
nicht tiefgründig, nur weil es witzig ist. Der
Episodenfilm erlaubt es, der Geschichte den
Charakter eines großen Romans zu verleihen,
das schätze ich sehr. In der Komödie ist alles
sehr expressionistisch und dafür bin ich dankbar, aber die Komödie ist nicht eigenständig,
sondern sie begründet sich immer im Konflikt, wie er der menschlichen Natur nun mal
eigen ist. Deswegen kann man bestimmt auch
sagen, in all meinen Filmen lauert die Komödie versteckt hinter der Tragödie. So betrachte
ich Li’l Quinquin als eine natürliche Entwicklung, die in gewisser Weise eine Konsequenz
meiner bisherigen Arbeit ist. Aber es fühlt sich
tatsächlich auch wie eine Selbstparodie an.
Sie betonen die Komödie vor allem im Grotesken.
An der Realität interessiert mich nicht, sie
naturalistisch abzubilden, selbst wenn viele
immer wieder sagen, ich wäre ein naturalistischer Regisseur, das sehe ich gar nicht
so. Mich interessiert, wie ich die Realität
entstellen kann, weil ich nur dann wirklich
etwas entdecken kann. Die Aufnahme, die
man von einer Landschaft gemacht hat, ist
nicht länger diese Landschaft, und besonders
diese Landschaft dort bestimmt mich, und sie
bestimmt all meine Filme, wie in einer geheimen, mystischen Verbindung. Man könnte
es meinen Ausgangspunkt für eine universelle
Wahrheitssuche nennen, die für mich immer
mit Introspektion beginnt.
Auch unter diesem Aspekt liebe ich das
Cinemascope-Format, weil es eine Herausforderung darstellt. Es ist immer zu viel im Bild,
zu viel an den Seiten, es macht es schwierig,
eine Nahaufnahme zu gestalten. Aber es ist
enorm wichtig, um eben solche „GedankenShots“ zu kreieren. Denn das, was fotografiert
wurde, ist nicht länger in der Geometrie
unseres Denkens. Die Einstellung ist also eine
Einschränkung, aber eine faire, weil sie das
Rundherum zulässt, als organische Gesamtkomposition. Und sie relativiert die Figur, das
finde ich sehr wichtig.
Kommissar Van der Weyden hat eine spezielle
Liebe für flämische Maler, nicht nur aufgrund
seiner Namensverwandtschaft sondern wegen der
disproportionalen Motive, die sie abbilden.Woher
kommt sie?
An der flämischen Malerei mag ich besonders,
dass es darin nicht um Perspektive geht. Darüber findet Van der Weyden seinen Zugang:
Alles verhält sich zueinander unproportional,
in den Gemälden, wie in seiner Welt.
haften „Detective“, der stoisch daherkommt, logisch
denkt und entschlossen handelt.Van der Weyden
aber erinnert an Pharaon aus „L’Humanité“ und
wie dieser ist er angesichts der Schreckenstaten
von einer Empathie überwältigt, zu der wohl nur
wenige fähig wären.
Van der Weyden ist nur in einer konventionellen Definition inkompetent. Er möchte
eine Verbindung zu den Menschen haben,
er sucht diese Verbindung. Aber speziell in
seinem Job wird er tagtäglich aufs Neue
frustriert und desillusioniert. Mich interessiert
die animalische Seite der Menschen sehr, ihr
instinktives Verhalten, das viel wahrhaftiger ist,
als gelerntes oder angepasstes Verhalten.
In Li’l Quinquin sind die Kommissare
Kino ist nichts Metaphysisches,
Kino ist physiologisch.
Bei Malern wie Govaerts und Van der
Weyden werden ganz normale Menschen
zu „Helden“. Das zeugt von Humor und
von einem Sinn fürs Groteske. Ich habe also
nichts erfunden, sondern bin einfach der
Tradition dieser Maler gefolgt. Der Tod lauert
dabei an jeder Ecke, er ist allem immanent
und trotzdem hat das eine komische Seite.
Es ist ein philosophischer Mix von Tragödie
und Drama und Komödie. Ohne Entstellung
kann es keine Veränderung geben und keinen
Ausdruck, nur dadurch bekommt etwas eine
Bedeutung oder einen Sinn und wird zu
etwas, das wir Kino nennen können. Kino ist
nichts Metaphysisches, Kino ist physiologisch.
Van der Weyden ist ein eher inkompetenter Kommissar. Das Gegenteil des archetypischen, helden-
tatsächlich sehr schlecht in ihren Jobs, ich
zeige Polizisten generell als Versager, aber hier
interessiert mich der Zustand des Nichts-Tuns,
der allem vorangeht. Gewalt und Sex fallen in
diese Phase, weil sie aus dem Nichts kommen
können, ohne Vorwarnung, aber gleichzeitig
sind sie immer der Anfang von etwas.
Trotz der Brutalität herrscht in Ihren Filmen kaum
Angst.Warum nicht?
Ich schreibe Angst nie ins Skript. Deswegen müssen meine Darsteller nie spielen, als
würden sie sich fürchten. Sie sind alle sehr fatalistisch. Sie machen alles aus einer gewissen
Direktheit heraus. Da alle Laien sind, bringen
sie ohnehin eine gewisse „Grundangst“ mit.
Bernard Pruvost zum Beispiel ist tatsächlich von Ticks geplagt, die noch schlimmer
werden, wenn er nervös ist und - wie vor
einer Kamera - unter Druck steht. Er hatte
immer sehr große Angst, was ihn automatisch
sehr sensibel und großartig emotional sein hat
lassen.
In Ihren Filmen sind Fragen über Fundamentalismus und religiösen Fanatismus wiederkehrende
Themen - am Deutlichsten wohl in „Hadewijch“,
„La vie de Jésus“ und „Flandres“.Wo in Ihrem
philosophischen Bogen über die Menschheit würden
Sie diese Fragen verorten?
Mehr als diese Themen in konkrete politische
Kontexte zu stellen oder sie geographisch
zu verankern, interessiert mich die generelle
menschliche Fähigkeit zur totalen Barbarei.
Das Barbarische im Menschen ist unausrottbar, egal wie „hoch zivilisiert“ oder technisch
fortgeschritten eine Gesellschaft ist. Man kann
Barbarei nicht tilgen noch permanent unterdrücken, weder durch Bildung noch durch
Kultur. Gerade Bereiche wie Religion und
Politik sind eine Arena, in der die Menschen
- je nach Macht als Individuen oder Gesellschaften - Barbarei ganz offen ausleben.
Gibt es Hoffnung?
Kino ist Aberglaube. Wie bei Superman. Oder
der Auferstehung. Kino ist die ganze religiöse Palette. Wir alle brauchen etwas Spirituelles, wir brauchen ein „Jenseits“. Dieses
Jenseits ist das Kino. Durch Kino können
wir das Jenseits sehen. Ich glaube an die
Ironie. Ich bin überzeugt, dass Ironie uns rettet. Auch deswegen hatte ich große Freude
daran, nun eine Komödie zu machen. Auch
wenn wir wissen, dass Quinquin im Prinzip ein kleines Biest ist, das eines Tages zur
großen Bestie werden wird, liegt allein in
der Tatsache, dass wir das wissen, viel Ironie.
Wir sind uns auch bewusst, dass es anders
kommen könnte: Er könnte ein guter Mann
werden, ein guter Mensch. Ironie ist mein
Optimismus. Am Ende wissen wir ohnehin:
alles war eine Täuschung.
Bruno Dumont, „Li’l Quinquin“
04
StadtkinoZeitung
Wieso sollten sich Genie und
Wahnsinn ausschließen?
Zwei Monate lang luden wir im Rahmen des Scope50 Projekts 50 Teilnehmer ein, zehn europäische
Filme über die Plattform Festivalscope zu sichten, zu diskutieren und zu bewerten. Der Siegerfilm
„Li’l Quinquin“ startet nun in den österreichischen Kinos. Hier einige Reaktionen und Bemerkungen.
D
er Film Li’l Quinquin hat mich in mehr
als einer Hinsicht positiv überrascht.
Positiv deswegen, weil man meinen könnte,
dass schon genug Krimis gedreht wurden,
die in Richtung Slapstickkomödie wollten.
Dieser hier ist aber ein Sehenswerter. Angefangen mit dem jungen Hauptdarsteller und
seinem ungewöhnlichem Aussehen, der eine
wunderbar freche und fast schon rohe Figur
verkörpert und seinen kleinen Freunden, die
zwar ganz lieb, aber genauso fluchende (verzeihen Sie) Arschlöcher sein können, bis hin
zu den beiden herrlich skurrilen Ermittlern,
hat dieser Film ein schönes Repertoire an
tollen Momenten, Schauspielern und Bildern
zu bieten. So oder so geht einem bei diesem
Werk das Herzerl auf und der Zuschauer
wird mit einem gutem Gefühl den Kinosaal
verlassen. Abschließend möchte ich noch erwähnen, dass ich das Scope50 Projekt großartig finde und hoffe, dass es derartige Arrangements in Zukunft öfter und in größerer Zahl
geben wird, es kann nur ein Gewinn für die
österreichische und europäische Filmlandschaft sein.
Adela Schneider
E
in Landkrimi im weitesten Sinne? Eine
absurde Groteske? Eine subversive Kritik
am französischen Polizeiwesen? Li’l Quinquin
ist all das und noch viel mehr. Konzipiert als
Vierteiler fürs Fernsehen, entfaltet dieser Film
sein wahres Potential erst auf der großen Leinwand, wo die tristen Weiten des französischen
Nordens und die verstörend-komischen Verhaltensmuster seiner Bewohner sich zu einem
irren Tanz entwickeln, der weniger von der
kinetischen Energie, als von der schleichenden
Redundanz seiner Gags geprägt ist. Bruno
Dumont, bis dato (zu Unrecht) als hochphilosophischer und verkopfter Filmemacher verschrien, liefert mit Li’l Quinquin eine zugängliche, liebenswerte Komödie ab, die nicht nur
zum Lachen, sondern auch zum Nachdenken
und Staunen anregt.
Rainer Kienböck
W
underbarer Film und trotz der Länge
kein bisschen fad. Perfekte Komödie
im Sinne eines Gemäldes der menschlichen
Gesellschaft, in diesem Fall einer Kleinstadt
in der tiefsten Provinz. Dazu Genrekomödie,
die alle Elemente einer Kriminalkomödie
beinhaltet: skurrile Handlung, dazu passender
Kommissar, ein bisschen beschränkter Helfer
und ja - natürlich der Zufall ... Und dann
noch die Liebesgeschichte der Kinder - Jeux
interdits.
Jörg Rainer
E
in Dorf an der nordfranzösischen Küste wird von einem makaberen, teuflisch
anmutenden Mordfall erschüttert. Die Leichenteile einer Bäuerin finden sich im Verdauungstrakt einer verendeten Kuh wieder, die
in einem verlassenen Bunker entdeckt wird.
Während der schrullige Dorfkommissar und
sein ungeschickter Assistent alles (Menschen-)
Mögliche versuchen, um aus den nicht vorhandenen Spuren und den stoischen Bewohnern schlau zu werden, macht sich eine
Gruppe von Springinkerln, angeführt von Li’l
Quinquin und seiner großen Liebe Eva, selbst
an die Auflösung des bizarren Rätsels.
Bruno Dumont entzieht sich gekonnt den
klassischen Filmkategorisierungen, es handelt
sich weder um einen Kriminalfilm noch um
ein Horrorspektakel, und Komödie oder Drama will es auch nicht so recht sein, obwohl
sie alle elementar vorhanden sind. In diesem
freien Raum, vor allem getragen durch die
exzellente Chemie zwischen den Darstellern
und dem unvoreingenommenen Blick des
Regisseurs, entwickelt sich etwas sozusagen
aus dem Nichts; die eigentliche Handlung
tritt immer mehr in den Hintergrund und
macht Platz für die Menschen, die eben so
sind, wie sie sind, mit allen ihren Macken und
Tugenden.
Christian Malavasi
O
berflächlich betrachtet macht dieser
Film vieles falsch: Kinder als Hauptfiguren eines erwachsenen Films? Kein international bekannter Hauptdarsteller? Ein Humor, den man des Öfteren nicht erfasst? Vier
Stunden Spielzeit? Doch das ist alles irrelevant, denn der Film funktioniert. Vier Stunden lang. Weil das Casting der Kinderdarsteller
so überragend ist, dass diese den Film tragen
können. Weil die Figuren am Ende doch nicht
so dümmlich sind, wie man dachte. Weil die
Kriminalgeschichte eine Grundspannung mitbringt, die die verschiedenen Nebenstränge
der Erzählung zusammenhält.
Vor allem aber, weil viele der besagten Nebenstränge unter die Haut gehen: Die bedrohlichen Weltkriegs-Bunker (samt liegen gebliebener Waffen), die zum Spielplatz der Jugend
werden. Eine überraschend natürlich gespielte
Liebesgeschichte zwischen zwei Noch-nichtmal-Teenagern. Ein junger Mann, der durch
Vorurteile und Rassismen der Dorfgemeinschaft zum äußersten getrieben wird. Und
über all dem schwankt ein Ermittlerduo zwischen absurder Einfältigkeit und 007-Coolness. Wieso sollten sich Genie und Wahnsinn
auch ausschließen?
Reinhard Mayerhofer
die in Cannes, Venedig etc. im Zentrum cinephiler Öffentlichkeit stehen, in der breiten, geradezu grotesk hollywoodorientierten Öffentlichkeit jedoch leider meist gar nicht bis kaum
wahrgenommen bzw. in den größeren Kinos
erst gar nicht gezeigt werden.
Da es leider, auch in einer (u.a. dank des hervorragenden Stadtkino Filmverleihs) an sich
großartigen Kinostadt wie Wien oft passiert,
dass originäre, radikale, faszinierende Werke
keinen Kinoverleih bekommen, genoß ich das
Privileg, ebensolche, bislang noch nicht „an
das Publikum gebrachte“ Werke anzusehen,
zu bewerten, und damit über einen möglichen
Kinostart mitbestimmen zu dürfen, sehr.
Dass am Ende nicht einer meiner eigenen
Favoriten gewann, ist dabei halb so wichtig
– ich freue mich einfach, dass der Siegerfilm
vielen anderen so gut gefallen hat und dass ein
Werk des geschätzten Bruno Dumont auf österreichischen Leinwänden zu sehen ist.
Der kleine Wermutstropfen an einem solchen Projekt liegt auf der Hand, denn grundsätzlich sollte jeder gute Film am besten auf
einer Kinoleinwand genossen werden und
nicht zuhause - gerade deshalb hoffe ich sehr,
dass Scope50 kein einmaliges Projekt bleibt,
sondern sich als partizipativer Teil des Systems
Kino etabliert - ich wäre jederzeit wieder liebend gerne dabei!
Paul Brugger
V
ielen Dank für die Verkündung des Siegerfilms - meinem absoluten Liebling in
diesem Wettbewerb!
Isabella Fellinger
D
ieses Projekt finde ich sehr spannend
und sehr gut, da uns Kino-Gehern/
Cineasten die Möglichkeit geboten wurde,
Einfluss auf das Programm zu nehmen, aber
auch ein kleiner Einblick in die Programmgestaltung der Kinos gewährt wurde. Die
Frage, wie man mehr Leute für gute Filme
ins Kino bringen kann, beschäftigt mich
schon einige Zeit und in meinem kleinen
Kreis bemühe ich mich nach besten Kräften. Da war es wirklich eine Wohltat, einmal
nicht nur tatenlos zuzusehen, sondern ein
klein wenig aktiv zu sein.
Li’l Quinquin als Krimi zu bezeichnen
würde vielleicht falsche Erwartungen erzeugen. Bruno Dumont hat bei diesem Film
zwar einen Kriminalfall untergebracht, tatsächlich aber jagen sich das Absurde, Groteske und Skurrile gegenseitig. Man kommt aus
dem Staunen nicht heraus, welche Typen, allesamt Laienschauspieler, der Regisseur hier
in seiner Heimat aufgetrieben hat. Und mittendrin in diesem Treiben, das mitunter auch
sehr makaber ist, wird eine reizende platonische Teenager-Liebesgeschichte erzählt
und zu Freundschaft, Rassismus, Familie und
zum Dorfleben, samt Kirche und Obrigkeit
Stellung bezogen. Obwohl thematisch viel
untergebracht wird, ist es ein sehr langsamer
Film, der viel Zeit gibt die Typen und die
Landschaft, rund um die Opalküste Frankreichs, intensiv zu betrachten und wirken zu
lassen.
Andrea Rohm
S
cope50 war für mich eine sehr spannende
und schöne Erfahrung. Das Entdecken
„unbekannter“ Filme, die anschließenden
Reflexionen, die unterschiedlichen Reaktionen und Sichtweisen der anderen TeilnehmerInnen.
Seit vielen Jahren interessiere ich mich in erster Linie für das sog. Festivalkino, einfach gesagt, all jene zum Großteil besonderen Filme,
Eine „Amour fou“, wie sie Bruno Dumont imaginiert…
S
o wie vier weitere europäische Filmverleiher lud das Stadtkino Anfang des Jahres 50
heimische Cineasten, zehn europäische Filme, die in den letzten beiden Jahren auf
internationalen Filmfestivals Premiere feierten, über die Online-Plattform Festivalscope
zu sichten, zu diskutieren und zu bewerten. Die Prämisse war simpel: Mit dem Aufkommen des Internets und den von ihm gebotenen Möglichkeiten, sich über die aktuellen
Entwicklungen und die Geschichte des internationalen Films zu informieren, haben sich
die Sehgewohnheiten in den letzten 15 Jahren stark verändert. Dadurch gibt es heute ein
größeres Publikum, das über ein breites Filmwissen verfügt und bereit wäre, neue Filmkontinente zu entdecken und erforschen. Das Problem: Mehr als 90 Prozent der pro Jahr
weltweit produzierten Filme finden keinen Weg in die Kinos, selbst die versiertesten Arthouse Filmverleihe können nicht alle diese Filme sichten. Durch den Auswahlprozess und
die Bewertung konnten die Teilnehmer in ganz Österreich in Zusammenarbeit mit der
EU-Initiative „Scope50" einen Film ihrer Wahl in die österreichischen Kinos bringen.
Dem Aufruf folgten Cineasten aus dem ganzen Land, zwei Monate lang entsponnen sich
im Netz leidenschaftliche Analysen und Debatten – unter anderem auch zu der Frage
nach Vermarktungsmöglichkeiten des möglichen Siegerfilms oder darüber, nach welchen
Auswahlkriterien überhaupt ein Film in die Programmkinos kommt. Die Konkurrenz war
groß, doch schließlich wurde Bruno Dumonts Li’l Quinquin von der Mehrheit unserer
Juroren als Bester Film ausgewählt. Der Stadtkino Filmverleih kommt diesem Votum nun
nach und startet den Film in zwei Teilen in den österreichischen Kinos.
StadtkinoZeitung
Jürgen Böttcher, „Jahrgang 45“
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Jugend in der DDR – für die Staatsführung von Böttcher zu asozial und kapitalistisch dargestellt.
Sanft sein und brüllen können
Die frisch restaurierte Fassung von Jürgen Böttchers „Jahrgang 45“ ist ab 10. April
im Stadtkino im Künstlerhaus zu sehen. Ein Besuch bei dem Maler und Regisseur,
auch Strawalde genannt. KERSTIN DECKER
S
ie müssen aber Ihre Schuhe abtreten,
wenn Sie wieder gehen!“, sagt Jürgen
Böttcher, als er die Tür öffnet. Ein Blick
auf den Mann genügt, um zu wissen: Das ist
keine leicht verunglückte Aufforderung, bei
ihm auf Strümpfen zu laufen. Dies sei eine
Malerwohnung, und man könne nie wissen,
wo man da reintritt, fügt Böttcher erklärend
an, die Verwirrung seiner Gäste bemerkend.
Sie wird in den nächsten Stunden kontinuierlich zunehmen.
Böttcher, der Maler, der ein Filmemacher ist.
Böttcher, der Filmemacher, der ein Maler ist. Als
Maler nennt er sich Strawalde, nach dem Lausitzer Dorf seiner Kindheit. Böttcher, der Regisseur,
der einen einzigen Spielfilm drehte in der DDR.
Den vielleicht einzigen Nicht-DEFA-Film bei
der DEFA. Das ist nun ein halbes Jahrhundert
her, und genau vor einem Vierteljahrhundert
wurde dieser Film zum ersten Mal gezeigt: 1990.
Surreale Zeiträume. Und in ebensolche Welten
führen auch Böttchers Filme: Es ist ein Surrealismus, aus lauter Realismen gewoben.
Es riecht nach Ölfarben in den weiten Zimmern. An den Wänden lehnen große Bilder. Es
ist vollkommen klar, dass diese Wohnung ihnen gehört, die Gegenstände haben längst die
Herrschaft übernommen, Böttcher ist hier nur
noch geduldet. Es werden immer mehr Leinwände, denn der Maler malt, aber kaum einer
will seine Bilder kaufen. Dabei schienen der
Ruhm und das Geld ihn zu verfolgen nach
1990. Es ist seltsam, es ist eine der vielen Seltsamkeiten seines Lebens.
Jürgen Böttcher
sieht aus wie sechzig
Jürgen Böttcher ist jetzt 83 Jahre alt und sieht
aus wie ein Mann um die sechzig, als hätte das
Alter ihn vergessen. Er hat Tee gemacht. Es
genügt zu sehen, wie Böttcher eine Teetasse
hält, um seine Ästhetik zu verstehen. Es liegt
eine unendliche Zärtlichkeit, eine große Behutsamkeit darin. Was Jürgen Böttcher anfasst,
wird durch seine Berührung zur Kostbarkeit.
Jahrgang 45 also. Es ist die Geschichte von Al
und Li, von Alfred und Lisa. Sie ist Säuglingsschwester, er ist Automechaniker. Beide glau-
ben, dass ihre Heirat ein Irrtum war, viel zu
früh, eine Selbstinternierung, noch bevor sie
die Freiheit kannten, die das Leben ist. Und
jetzt will Al sich scheiden lassen. Bei gewöhnlichen Filmen darf man so beginnen, bei diesem heißt es, ihn von vornherein zu verfehlen.
Denn eigentlich ist Jahrgang 45 nichts weiter
als eine große atmosphärische Verdichtung, gemacht aus Gesten und Blicken, aus kleinsten
Welteröffnungen, tastend, spielerisch, wegwerfend auch. So steht Rolf Römers Al auf seinem
Balkon, irgendwo in Berlin. Der Tag liegt vor
ihm wie das Leben: ungeheuer weit, ungeheuer
ziellos,Verheißung und Abgrund zugleich.
Er habe da von diesem Film gehört, den er
plane, sagte Römer damals zu Böttcher, und
dass er es für seine Pflicht hielte, ihm mitzuteilen, dass er Al sei. Er müsse das spielen. Auf dich
wäre ich nun gar nicht gekommen, wollte Böttcher schon antworten, denn sie kannten sich
von der Filmhochschule und ihre gegenseitigen
Sympathien hielten sich sehr in Grenzen. Aber
etwas ließ Böttcher innehalten und seine kinematografische Intelligenz sagte ihm: Warum eigentlich nicht? Die Reaktion schon im Studio
bei der Rohschnittabnahme, war Wut. Böttcher
erinnert sich genau: Das sei die „Heroisierung
des Abseitigen“, schrie ein Kollege.
Leonid Breschnew
verhinderte Böttchers Film
Böttchers Jahrgang 45 geriet 1966 in die Nachwelle der Hysterie des 11. Plenums der Staatspartei, das ursprünglich die DDR-Wirtschaft der
Marktlogik öffnen wollte. Leonid Breschnew,
der neue erste Mann in Moskau, hat es in letzter
Sekunde verhindert. Eine neue Eiszeit brach an,
fast die ganze DEFA-Jahresproduktion 1965/66
landete in den Panzerschränken des Spielfilmstudios. Böttcher erhielt Hausverbot wie auch an
der Filmhochschule, nicht einmal seinen Schauspielern durfte er den Rohschnitt zeigen.
Jahrgang 45 wieder zu sehen, heißt zu ahnen, dass dieser Film selbst bei anhaltendem
Tauwetter nie den Weg in die Kinos gefunden
hätte. Sein ganzer Gestus schien den machthabenden Überlebenden des Dritten Reichs
ins Gesicht zu schlagen: Für einen wie Al ha-
ben wir nicht gekämpft, für diese Jugend haben wir nicht in den Lagern gesessen! Doch
genau diese Ungerechtigkeit der Generationen gegeneinander, ihre Sprachlosigkeit ist
das Thema des Films, darum der Titel Jahrgang
45. Es geht um die, die 1965 zwanzig waren:
eine Jugend wie eine Unbestimmtheitsrelation, zum Hedonismus sehr begabt, mit anderen
Talenten noch nicht hervorgetreten. Und vielleicht das Schlimmste: Die meinende Sprache
ist in Jahrgang 45 nur eine Sprache unter vielen, und bei Weitem nicht die wichtigste.
Eine große atmosphärische Verdichtung, gemacht aus
Gesten und Blicken,
aus kleinsten Welteröffnungen.
Vielleicht hat Jürgen Böttcher
die Staatsführung als einziger
je angeschrien
Es entspricht der Weltwahrnehmung des Jürgen Böttcher. Wenn er von Begegnungen
seines Lebens berichtet, gibt er nicht zuerst
wieder, was einer gesagt hat, sondern wie der
Rauch seiner Zigarette sich in diesem Augenblick zog. Es gibt nichts Wesentlicheres
als das Unwesentliche, glaubt Böttcher. So
drehte er auch seine Dokumentarfilme. Wäscherinnen etwa oder Ofenbauer. Der verfilmt
noch das ganze Branchenbuch, mutmaßten
die, die ihn nie verstanden. Für Rangierer bekam er 1987 beim australischen Eisenbahnfilmfestival den Grand Prix, das „Goldene
Gleis“. 20 Minuten lang rangierende Züge,
aber wie! Die Sprache der Schienen wird irgendwann zur Musik.
Das Irritierende an Böttcher ist: Bei all seiner
Sanftheit, trotz seines mimetischen Ausnahme-
talents ist er doch auch des Gegenteils fähig.
Vielleicht war Jürgen Böttcher der Einzige, der
die Vertreter der Partei- und Staatsführung der
DDR je angeschrien hat. „Ich kann unglaublich brüllen, das habe ich von meinem Vater“,
sagt er. Seltsam genug, nahmen die Genossen
das hin. Sie fühlten sich lebendig in diesen Augenblicken, vermutet der Ungebärdige. Irgendwann nannten sie ihn Spartakus. Einer, der den
Sklavenaufstand probt: allein. Das ist er wohl geblieben. Alle seine Gefährten waren irgendwann
weg, Penck, der Maler, Freund Biermann sowieso. Aber Böttcher blieb, eisern. Er misstraute
dem Kapitalismus, das macht er noch immer. •
Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von
„Der Tagesspiegel“, Berlin.
Jürgen Böttcher
Jahrgang 45 (DDR 1966/1990)
Regie Jürgen Böttcher
Drehbuch Klaus Poche, Jürgen Böttcher
Darsteller Monika Hildebrand, Rolf Römer,
Paul Eichbaum, Holger Mahlich, Gesine
Rosenberg
Kamera Roland Gräf
Schnitt Helga Gentz
Musik Henry Purcell, Wolf Biermann,
Matthias Suschke
Ton Peter Foerster
Produktion DEFA-Studio für Spielfilme, KAG
„Roter Kreis“ Potsdam-Babelsberg, Deutsche
Demokratische Republik
Verleih Deutsche Kinemathek
Format DCP / s/w / 35mm
Länge 94 Min.
Jürgen Böttcher wird, dank einer
Kooperation mit Thomas Heises
Filmklasse an der Akademie der
Bildenden Künste, von 17. – 19. April
in Wien sein. Im Rahmen einer Sonntagsmatinee zeigen wir am 19. April
auch seinen Film „Die Mauer“ (1990).
Informationen dazu finden Sie rechtzeitig auf unserer Homepage.
Peter Kern, „Der letzte Sommer der Reichen“
06
StadtkinoZeitung
„Einen Killer bestellt man nur einmal“: Amira Casar als abgründige Turbokapitalistin in Peter Kerns melodramatischem Thriller „Der letzte Sommer der Reichen.“
Ein filmischer Reigen der Korruption
Mit „Der letzte Sommer der Reichen“ legt der österreichische Filmemacher und Autor eine der besten
Arbeiten in seinem an Glanzstücken nicht armen bisherigen Werk vor. Ein Interview. KARIN SCHIEFER
H
anna von Stezewitz ist jung, attraktiv
und Mitglied der High Society von
Wien. Die erfolgreiche Konzernchefin zieht mit ihrem Geld rücksichtslos die
Fäden in Politik und Wirtschaft und nimmt
sich – im Dominatrix-Outfit –, was ihr gefällt. Ihre emotionalen Bedürfnisse befriedigt
sie in nächtlichen Eskapaden im Bordell, Alkohol und Drogen sind ihr Lebenselixier. Immer härter, immer schneller, lautet die Devise, nur nicht langweilig werden. Doch ihrem
Großvater, dem bettlägerigen konservativen
Patriarchen des Familienunternehmens, gefällt
ihre freizügige Lebensweise nicht. „Niemand
Thomas Bernhard
Am Ziel
Regie Cesare Lievi
Martina Ebm, Andrea Jonasson,
Therese Lohner und Christian Nickel
Mit
»Das ist großartiges Theater und großartige
Literatur. Ein interessanter Abend mit
großen schauspielerischen Leistungen.«
(European Cultural News)
wird dich vor deinen Lastern und Perversionen schützen“, droht er der Enkelin mit
Enterbung. Diese heuert einen Killer an, um
sich von ihrer Last ein für allemal zu entledigen. Als Hanna in der Krankenpflegerin ihres
Großvaters, der Nonne Sarah, unverhofft ihre
Seelenpartnerin findet, scheint ihre Sehnsucht
nach dem persönlichen Glück endlich in Erfüllung zu gehen. Doch dann erreicht sie ein
anonymer Anruf …“
Diagonale 2015
„Schrill“: Das ist so ein Adjektiv, das man
dem österreichischen Filmemacher und Autor Peter Kern gerne „umhängt“ – wie ein
Deckmäntelchen, das weniger den Künstler
und sein Werk schützt; vielmehr lenkt es ab in
Richtung vermeintlicher Abseitigkeiten und
Kapriolen, um nur ja nicht zuzugeben, dass
Kerns Blick Lust- und Last- und Gewaltvorstellungen sich sehr unverstellt an realen Gegebenheiten misst.
„Satire“? Mittlerweile kann man Peter Kern,
dem mitunter auch diese Schublade gerne
zugeschoben wird, eigentlich nur konzedieren,
dass unsere Gesellschaft in Sachen Zuspitzung
quasi stündlich ihre „Satiriker“ selbst überholt.
Satire, das sind vielleicht die (ernst gemeinten)
Qual-Szenarien in Fifty Shades of Grey („Welcome to my world“). Ernsthafter und liebevoller und eleganter als Peter Kern hingegen
kann man Menschen, die sich selbst träumend
zerstören, schwerlich abbilden. Es sei denn,
man denke an Filme von Rainer Werner Fassbinder oder Werner Schroeter – um nur zwei
Regisseure zu nennen, von denen Kern sehr
ersichtlich gelernt hat.
„Low Budget“: Mit gerade einmal 600.000
Euro Budget gehört Der letzte Sommer der Reichen zu den „opulenteren“ Werken eines obsessiven Traum-Künstlers, für den wenig Geld
kein Hindernis darstellte, viele Filme zu machen. Und der beständig weiter vorexerziert:
In Gefahr und höchster Not ist der Mittelweg,
wie breit befahren er auch immer sein mag, als
Sackgasse der Tod.
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Wie hieß es also zu Recht im Katalog der Berlinale 2015, in deren „Panorama“-Schiene Der
letzte Sommer der Reichen von Kritik und Publikum gefeiert wurde: „Peter Kern gelingt ein
bitterböses und opulentes Sittengemälde, in
dem alle, arm wie reich, bestechlich oder zumindest verführbar sind und die Kriminalität
mit dem Kapital unter einer Decke steckt. Ein
Reigen der Korruption, und wer den Takt stört,
der wird aus dem Weg geräumt.“ Claus Philipp
In Ihren bisherigen Filmen haben Sie immer auf
einen Ausschnitt in der Gesellschaft geschaut, in
„Der letzte Sommer der Reichen“ werfen Sie einen viel globaleren Blick auf sie. Es ist ein düsterer
und perfider Blick auf recht verkommene Zustände.
Ich beschäftige mich schon seit zehn Jahren
mit dieser Geschichte. Bis sie realisiert wurde,
hat es gedauert, da hat sich lange niemand
drüber getraut. Einmal mehr haben wir nur
mit minimalen Mitteln gearbeitet, die uns
letztlich das ÖFI bereitgestellt hat. Für so
einen Film bräuchte man 2,5 Mio., wir hatten
vielleicht ein Viertel davon. Das hat katastrophale Auswirkungen, weil alle ausgebeutet
werden und ich mit meiner eigenen Kraft bis
an die Grenzen ging. Tag und Nacht. Daher
kommt wahrscheinlich auch meine Krankheit.
Was lieferte vor zehn Jahren schon den Anstoß,
dieses Bild von der Gesellschaft zu zeichnen?
Ich wollte eine Geschichte unter dem Motto
„Ein Mann sucht seinen Mörder“ machen. Er
sucht jemanden, der ihn umbringt, weil das
Leben nicht mehr lebbar ist und er es selbst
nicht schafft, sich umzubringen. Ein deutscher
Journalist machte mich darauf aufmerksam,
dass es diese Geschichte schon bei Aki Kaurismäki I Hired a Contract Killer gäbe. Meine
Inspiration geht aber auf Jack Londons Das
Mordbüro zurück, das ich in meiner Jugend
gelesen habe. Die Grundgeschichte hat sich
in meinem Kopf immer weiter gesponnen.
Irgendwann wurden zwei Frauen meine
Hauptfiguren. Es ist aber keine Lesbengeschichte, sondern eine Liebesgeschichte. Ein
Melodram über die Verzweiflung, dass Liebe
nicht kaufbar ist, so wie es auch der Tod nicht
ist.
Parallel zum Drehbuch von „Der letzte Sommer
der Reichen“sind in einem beispiellosen Output
mehrere Spielfilme in den letzten Jahren entstanden.Vielleicht zu viele in dieser kurzen Zeit?
Das Drehbuch-Schreiben machte vielleicht
zehn Prozent meiner Gesamttätigkeit aus,
ansonsten drehe ich immer wieder an neuen
Werken. Das vergangene Jahr war das erste
Jahr in meinem Leben, wo ich nichts gemacht
habe, weil ich nichts machen konnte, weil
keine Kraft mehr da war. Ich stand dem Tod
näher als dem Leben. Es war mir alles gleichgültig. Burn-out, alles zusammen. Ich saß da
und machte nichts mehr außer fernzusehen.
Das Schlimmste, was einem Workaholic wie
mir, der immer Geschichten erzählen und die
Leute aufstacheln will, passieren kann. So ein
Jahr möchte ich nicht noch einmal erleben.
StadtkinoZeitung
Peter Kern, „Der letzte Sommer der Reichen“
07
Wienerische Morbidezza trifft auf Inszenierungen von Trauer eines Geldadels, der nicht nur in der Vergangenheit in mörderische Vernetzungen involviert war.
Ich bin noch immer nicht der Alte und im
bewährten Fahrwasser, an zwei oder drei
Projekten arbeitet. Ich bin noch immer ein
bisschen gelähmt. Aber jetzt bereite ich mich
mal auf die Berlinale vor.
Für die Hauptrolle, Hanna von Stezewitz, haben
Sie eine renommierte französische Schauspielerin,
Amira Casar, gewonnen.Warum ist sie Ihnen als
Darstellerin der Hanna vorgeschwebt?
Ich hab sie bei Werner Schroeter gesehen
und hab sie vor zwei Jahren beim Filmfestival
von Hof getroffen. Wir aßen zusammen, sie
schwärmte so von meiner Arbeit und sagte,
es sei ihr größter Wunsch, mit ihr zu arbeiten.
Ich antwortete ihr: „Darling, the problem
is your language. Wie willst du in einem
deutschsprachigen Film arbeiten, ohne die
Sprache zu können. Ich bin sehr heikel bei
den Dialogen und verlange große Präzision.“ Da begann sie plötzlich, leicht mit mir
Deutsch zu sprechen und kämpfte darum, mit
Auch wenn das Grundschema von „Der letzte
Sommer der Reichen“ schon in der Literatur des
frühen 20. Jahrhunderts zu finden ist, so haben Sie
es dennoch in aktuelle gesellschaftliche Verhältnisse
transferiert. Haben sich Dinge, die sich bereits
vor zehn Jahren abzeichneten, umso mehr nun
potenziert?
Potenziert und konkretisiert. Die Figur der
Hanna von Stezewitz bringt das überspitzt
auf den Punkt. Alle die Bösartigkeiten, die
Vergewaltigungen – dass sich eine Person
das alles in einer Gesellschaft leisten kann,
nur weil sie unglücklich ist. Ich will nicht
zu viel erzählen. Ich bin nur überzeugt, dass
man selbst Veränderung an sich vollbringen
muss. Ich sehe da auch ein Problem in den
vielen Aufmärschen, die es zur Zeit gibt. Ich
halte das für einen Irrtum. Nur die Liebe kann diese Veränderung bewirken. Die
Liebe und der Glaube. Der letzte Sommer der
Reichen ist eine sehr melodramatische Erzählung, die einen globalen Bogen unseres
katastrophalen Untergangs beschreibt. Einen
Untergang, der uns allen bevorsteht. Die
Kultur hat versagt, unsere Politiker, die mit
Kultur beauftragt sind, haben versagt. Es hat
schon immer ein paar aufmüpfige Geister
gegeben, aber im Grunde hat die Kultur
insofern versagt, als sie nicht die gebührende
Aufmerksamkeit der Politik hatte und entsprechend gefördert wurde. In den Medien sehe ich nur noch Promis, die sich alle
ähnlich schauen, die gelangweilt präsentiert
werden, damit wir vergessen, wie wir sein
wollen. In der Kunst richten die Medien
ihre Aufmerksamkeit auf Stars und Jubiläen,
entdeckt wird niemand mehr.
Peter Kern:
„Es geht um einen
Untergang, der uns
allen bevorsteht.“
In „Der letzte Sommer der Reichen“haben die
Reichen und die Medien das Sagen. Die Politik
ist absent, abgesehen von einer etwas glücklosen
Kulturpolitikerin.
Die Politik ist kaufbar. Es gibt eine Szene,
in der Hanna zu ihrem Sekretär sagt: „Wie
viele tausend Euro sind übrig geblieben? Die
geben wir dann der FPÖ.“
Sie ist auch in außergewöhnlichen Kostümen zu
sehen?
Die Kostüme wurden uns von Chanel zur
Verfügung gestellt. Das war eine tolle Sache.
Ich finde, sie sind absolut richtig. Erstaunlich,
was die alles mit Plastik anstellen können.
Mir ist das weniger wichtig, aber für Amira
war es sehr wichtig, dass Kostüme, Make-up
mir zu arbeiten. Ich hab ihr dann diese Rolle
angeboten unter der Voraussetzung, dass wir
in Deutsch drehen. Mit der Sprache gelang
mir dann auch ein Trick, der im Film zwei
Ebenen entstehen ließ: Wenn sie Deutsch
spricht, dann ist sie sehr autoritär, bestimmend
und in einer Position der Überlegenheit. Die
Sprache allein unterdrückt schon. Wenn sie
frei ist oder schimpft, verfällt sie ins Englische.
Sie hat für diese Rolle sehr hart gearbeitet.
Impressum Telefonische Reservierungen von Mo. bis Do. 8.30-17 Uhr, Fr, 8.30-14 Uhr
unter 522 48 14 – während der Kassaöffnungszeiten: Stadtkino im Künstlerhaus Akademiestraße 13, 1010 Wien, Tel. 712 62 76 / Filmhaus Kino am Spittelberg Spittelberggasse
3, 1070 Tel. 522 48 16. Online www.stadtkinowien.at Herausgeber, Medieninhaber
Stadtkino Filmverleih und Kinobetriebsgesellschaft m.b.H., Spittelberggasse 3/3, 1070 Wien
Graphisches Konzept Markus Raffetseder Redaktion Claus Philipp Druck
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gemäß Mediengesetz 1. Jänner 1982 Nach § 25 (2) Stadtkino Filmverleih und Kinobetriebsgesellschaft m.b.H. Unternehmungsgegenstand Kino, Verleih, Videothek Nach § 25 (4) Vermittlung von Informationen auf dem Sektor Film und Kino-Kultur. Ankündigung von Veranstaltungen des Stadtkinos. Preis pro Nummer 7 Cent / Zulassungsnummer GZ 02Z031555
Verlagspostamt 1150 Wien / P.b.b.
und Frisur stimmen. Sie war früher Model ist
dann in die Schauspielerei gewechselt. Die hat
ein enormes Potential, was sie da in meinem
Film leistet, das ist hohe Schauspielkunst.
Auch die Darstellerin der Sarah ist eine große
Entdeckung – Nicole Gerdon. Sie ist eine
deutsche Schauspielerin, die zum ersten Mal
in einer so großen Rolle zu sehen ist. Die
Besetzung stimmt sehr genau. Im Team glaubten alle sehr an das Projekt und haben alles
gegeben. Ich suche Kinogesichter und keine
Fernsehgesichter und diesen Unterschied
hat man hier nicht kapiert. Und auch die
Konsequenz nicht. Die Mittelmäßigkeit des
Fernsehens macht einen Schauspieler auch
kaputt. Was die Kamera in einem Fernsehspiel
zeigt, hat nichts damit zu tun, was dann an
Minimalisierung des Ausdrucks in höchster
Form und höchster Klarheit auf der Kinoleinwand gezeigt wird.
Die Sprache der Dialoge ist geschliffen und durch
alle sozialen Schichten hinweg gleich gehoben.
Diejenigen, denen man hier sagt, „Die sollen
zuerst mal Deutsch lernen“, sind ja eigentlich die Intelligentsija und man versucht
sie ständig zu quälen. Die Asylpolitik ist ein
einziger Wahnsinn. Ich sage da nur Gegenschnitt – Hypo oder Eurofighter. Jetzt ist man
hysterisch gegenüber den Afrikanern, die von
Spanien nach Europa kommen. Ich habe zu
diesem Thema vor vier Jahren einen Film darüber gemacht – Glaube Liebe Tod. Denken Sie
nur an Frontex, dass wir den Tod der Farbigen
finanzieren, ist ein Skandal. Frontex sollte
dazu da sein, ihnen zu helfen und nicht das
Gegenteil – sie zurückschicken und ertrinken
lassen.
Sie haben sich vor einigen Jahren in einem Interview als einen „traurigen Optimisten“ bezeichnet.
Würden Sie das noch immer tun?
Ich habe den Optimismus verloren, weil ich
mit meinen Werken nichts erreicht habe. Ich
habe bei einzelnen Personen auch international viel an Gefühlen ausgelöst. Nach einer
Talkshow im Fernsehen gibt es Unmengen
an Zuschriften und Mails von Leuten, die mit
mir in Kontakt treten und über Freiheit diskutieren wollen. Ich hab das alles – dem Tode
näher als dem Leben – als unwichtig empfunden. Die ganze Bürokratie, die täglichen
Verbote, die ganze Widersprüchlichkeit und
Verlogenheit, der man sich aussetzen muss.
Ich wüsste nicht, wohin ich gehen kann, um
frei zu leben. Selbst die Inseln sind schon
verseucht durch bestimmte Figuren in der
Politik.
Könnte die Kunst noch eine Insel sein?
Die Kunst war immer ein Vorbereiter der Gesellschaft. Es zeugt von einer totalen Absenz
von Kultur, dass da wie jüngst in Paris Menschen einfach abgemurkst werden. Wir fallen
zurück in ein Mittelalter, das katastrophal ist.
Wir stehen vor einer Rückentwicklung der
Kultur, bedingt durch das Medium Fernsehen,
durch Theater, die sich nichts mehr trauen...
Es wäre Aufgabe des Staates, Kunst zu finan-
zieren. Kunst ist nicht kalkulierbar, sie muss
immer einem Risiko und einem Scheitern
ausgesetzt sein. Sie ist kein Wirtschaftsunternehmen. Wir Künstler werden aber von den
Menschen, die an der Macht sind, als Wirtschaftsunternehmen berechnet. Ich bin mein
ganzes Leben lang im Minus und versuche
die Schulden des vorangegangenen Projekts
zu kompensieren. Man wird brutal ausgenützt und hat leider den Ehrgeiz, über dieses
Kunstmittel Film etwas zu verändern. Aber
ich habe nichts verändert. Diese Gesellschaft
hat sich sehr oft dem entzogen, was ich
gemacht habe, weil sie es gar nicht zugelassen
hat. Wir haben für „Der letzte Sommer der
Reichen“ nicht einmal einen Verleiher in
diesem Land.
Der Regisseur Daniel Hoesl ist als Darsteller
mehrmals in Ihrem Film zu sehen. Ich sehe sein
Auftreten auch als ein künstlerisches Augenzwinkern, insofern als euch ein subversives und antikapitalistisch motiviertes Filmemachen verbindet.
Ich habe seinen ersten Film gesehen und ich
halte das für mutig, was er macht. Das ist
vielleicht ein Hoffnungsaspekt in meinem
Film – Daniel Hoesl, der da durch die Geschichte schwebt.
Es gibt ja auch den utopischen Moment im Film,
wo die zwei Frauen vor den Altar schreiten und
von einem Priester getraut werden.
Das stimmt.
Zwei der Hauptfiguren sind Hanna und der
Großvater. Mit dem Tod des Großvaters geht
eine Generation, die nicht weniger amoralisch war.
Dazwischen fehlt die Generation der Eltern. Steht
dieses Fehlen auch für das fehlende Handeln dieser
Generation, gesellschaftliche und wirtschaftliche
Entwicklungen anders zu steuern?
Das war mir nicht bewusst. Der Tod der Eltern dient in der Geschichte dazu, die Figur
der Hanna genauer zu zeichnen. Das muss
der Zuschauer schon selbst sehen. Ich biete
einen Stoff an, der Denklöcher übriglässt,
wo man selbst interpretieren kann. Man
muss nichts auflösen in meinen Filmen, sie
sollen vielmehr das Hirn erweitern, um
nachzudenken.
Peter Kern
Der letzte Sommer der Reichen
(Österreich 2015)
Regie und Drehbuch Peter Kern
Darsteller Amira Casar, Nicole Gerdon,
Winfried Glatzeder, Susanna Hohlrieder u.a.
Kamera Peter Roehsler
Schnitt Marcus Gotzmann
Ton Benjamin Kalisch
Produktion nanookfilm
Verleih Stadtkino Filmverleih
Format DCP / Farbe
Länge 92 Min.
Ab 24. April 2015 im
Stadtkino im Künstlerhaus
Alltag und aneinander vorbei geliebt Zweisamkeit bei der Suche nach dem eigenen Ich?
Jahrgang 45
Regie: Jürgen Böttcher
Der verbotene Film der DDR
Ab 10. April
Stadtkino im Künstlerhaus
Ein Film des DEFA-Studios für Spielfilme, Gruppe „Roter Kreis“, 1966/1990
Mit: Monika Hildebrand, Rolf Römer, Paul Eichbaum, Holger Mahlich, Gesine Rosenberg