BHI-Projekt als Diplomarbeit

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BHI-Projekt als Diplomarbeit
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
ENTWICKLUNG
statt
ERZIEHUNG
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VORSTELLUNG EINES ZUKUNFTWEISENDEN BILDUNGSPROJEKTS UNTER SOZIALWISSENSCHAFTLICHEN ASPEKTEN
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Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Inhaltsverzeichnis
ungefähre Seitenangabe:
3
Vorwort
Kap. I
4
soziologische Lebenslage, Subjektkonzepte und Begabungsbestimmung von
Jugendlichen nach Geschlecht, Entwicklungsunterschieden und Kultur
7
41
Kap. II
Die Sozialisation der Heranwachsenden im Internet
Kap. III
Das Internet als Schnittstelle zwischen Eltern, Lehrern, Schülern und
Gesellschaft
Kap. IV
65
Lern- und Förderpotentiale für Heranwachsende im Internet
121
Anhang – Trainingsraumprogramm und Droutcafés: eine kurze Methodenskizze des
Begabungsförderungsprojektes Heranwachsender Internet
158
Literaturverzeichnis
172
Internetverzeichnis
175
Abbildungsverzeichnis
176
Tabellenverzeichnis
178
Namensregister
179
Sachwortregister
182
7
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
VORWORT
„Die müssten doch eigentlich zu dieser Stunde in der Schule sein, oder?“ war die erste stutzende Frage, die ich
einer lieben Freundin aus Wien im Internet stellte, als sie mich darauf hinwies, dass viele junge minderjährige
Menschen sich an Vormittagen in so genannten Chatrooms munter tummelten, statt dem Unterricht zu folgen.
Doch wie bin ich überhaupt auf die Idee der Begabungsförderung Heranwachsender im Internet gekommen?
Und wie wurde diese Idee zum Projekt und der letztlich hier vorliegenden Diplomarbeit für
Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum? Also der Reihe nach: Im Jahr 2003 besuchte ich
häufiger in flirtender als auch in einfach unterhaltender Absicht im Internet ein Portal zur Echtzeitkommunikation namens Chat.de. Es war im November als ich dort eine liebe Frau meines Alters aus Wien,
Mutter eines 12jährigen Sohnes und junge Witwe kennen- und lieben lernte. Im darauf folgenden Monat hatte
ich das Vergnügen, sie in Wien besuchen und somit besser kennen lernen zu dürfen. Sie arbeitet ganztags im
Büro des Wiener Burgtheaters und ist ehrenamtlich zu dieser Zeit als Administratorin für die Focus-GmbH in
München tätig gewesen, die bis dato eine Chatplattform namens www.chat.de betrieb. Ich war zu jener Zeit ganz
damit beschäftigt, mein Material aus meinen freiberuflichen Dozenten-, Studien- und Recherchetätigkeiten in
klassische Schulfächer zu sortieren, mit dem Nahziel, mein Studium erfolgreich abzuschließen und dem Fernziel
eine Schule im Internet gründen zu wollen.
Britt aus Wien zeigte mir Chatrooms, wo sich Schülerinnen und Schüler auch während der Schulzeit munter
tummelten und chatteten. Das Ausmaß an Zahl der minderjährigen Chatterinnen und Chatter zu einer Zeit, wo
Schulpflichtige im Klassenraum beugend über Hefte und Bücher oder vorn dem Lehrkörper andächtig lauschend
zu vermuten seien, schien mir erschreckend groß zu sein. Und so entschloss ich mich diesem Phänomen der
Schulverweigerung näher auf den Grund gehen zu wollen. Ich begann mit den Jugendlichen während der
eigentlichen Schulzeit zu chatten und zeichnete anschließend fast jede Sitzung auf. Ich organisierte und
spezialisierte meine Chatzeiten. Das heißt, dass ich jeden Werktag inklusive der Ferien, die von Bundesland zu
Bundesland verschieden ausfallen, vormittags mit ihnen chattete. Das tat ich ein halbes Jahr lang (Januar bis Juni
2004) zwischen 8 und 14 Uhr und traf auf Chatter, die eigentlich hätten im Klassenraum sitzen sollen. Ich
möchte hier nicht allzu viel vorweg nehmen, warum ich das tat, denn das wird diese Diplomarbeit in seinen
ersten beiden Kapiteln nahe legen zu versuchen. Nur soviel, dass ich mir feste Regeln und Zeiten auferlegt habe.
Ich kann Ihnen geneigte Leserin und geneigter Leser versichern, dass sich mir oft vor Beginn jeder Sitzungen der
Magen verdreht und mein Puls beschleunigt hat und möchte auch nicht verschweigen, dass ich manches Mal
gern auf eine Session verzichtet hätte. Denn ich möchte a priori nicht unerwähnt lassen, dass diese für alle
ersichtlichen Echtzeitzeilen der nach Kategorien eingeteilten Teilnehmer es oft in sich haben. Die Gründe dafür
sucht diese Arbeit.
Kurz möchte ich hier darstellen dürfen, was mich zu dieser Arbeit angeregt hat und was ich unternommen habe,
unternehme und unternehmen werde, um das Projekt der Begabungsförderung Heranwachsender zu initiieren.
Zu meinem großen Erstaunen, unterhielten sich mehr Heranwachsende als ich zuerst dachte mit mir im Internet
über das Thema Schule mit großem Interesse, Eifer und mit Engagement. Das lag aber auch daran, dass ich das
Thema Schule gezielt ansprach zum Beispiel in dem ich mich folgendermaßen erkundigte:
Iindiana-jens: was macht mathe?
oder
dampfbügeleisen: klappts mit excel?
Mit dem Tabellenkalkulationsprogramm EXCEL landete ich den einen oder anderen Volltreffer. Denn tatsächlich
war es oftmals so, dass ich den einen oder anderen Chatter bzw. Chatterin im Unterricht ertappte und die zu
bearbeitende EXCEL-Mappe1 in der Taskleiste der PC-Oberfläche schlummerte, um von der Schülerin bzw. dem
Schüler schnell wieder erweckt zu werden, sobald der Lehrer oder die Lehrerin durch die Reihen geht. Ich erhielt
immer wieder erstaunliche Feedbacks der elf- bis achtzehnjährigen in den Chatrooms. Und in einem herrschte
Konsens und Anerkennung bei dem was ich tat. Immer wieder hieß es: cool, dass es eine kostenlose
Internetschule geben soll. Denn diese Idee verband ich immer mehr mit meinem Lehrmaterial, was ich
zusehendst weiter ausarbeitete und in einem Forum zur Diskussion stellte. Doch auch davon berichtet diese
Arbeit näher in ihren folgenden Kapiteln und ganz besonders im Anhang.
8
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Ich habe eine Menge Anläufe genommen, um dieses Projekt im vorhinein zu institutionalisieren, was mir jedoch
nicht gelang. Doch nicht das Projekt als solches wurde abgelehnt, sondern die Gefahr mit einem Einzelkämpfer
oder einem Verein der Begabungsförderer am Volumen des Projektes selbst zu scheitern. Ich bereue keinen
dieser Schritte versucht zu haben, ob ich nun Frau Weigang aus der Non-Food-Abteilung des Hauses TCHIBO im
Frühjahr 2004 persönlich ansprach oder ob ich versuchte mit Mitstreiterinnen einen Verein ins Leben zu rufen
bis hin zuletzt zu der hoffentlich folgenreichen Einsicht, dass diese vorliegende Arbeit ein ausgezeichnetes
Fundament zur Initiierung eines solchen Begabungsförderungsprojektes unter der Maxime „Entwicklung statt
Erziehung“ liefert. Kurzum: Während ich mich fast täglich seit 2004 mit der Begabungsförderung beschäftige
entdeckte ich die Geduld, die eine solche Projektinitiierung verlangt. Während all dieser Tage sprachen die
Zeichen der Zeit immer wieder für sich und das Projekt. Ich habe einigen Schülerinnen und Schülern einzig
mittels Internet helfen können, Schulkrisen oder Aufgaben zu bewältigen und das macht mir sehr viel Spaß.
Nun will ich weiter über den Spaß hinaus auch den Ernst der Lage deutlich zeigen. Diese Arbeit wird diesem
Anspruch sicherlich genügen und Ihnen geneigte Leserinnen und Leser unter Umständen neue Einsichten
vermitteln, besonders dann, wenn Sie selbst heranwachsende schulpflichtige Kinder haben oder im
Erziehungssektor beruflich engagiert sind. Ich will auch hiermit zeigen dürfen, welche Chancen sich mithilfe der
Neuen Medien und hier ganz besonders dem Internet eröffnen, um gezielt die Bildungsreserven von jungen
Leuten ans Tageslicht zu fördern. Ich freue mich auf den Tag X, an dem das erste Droutcafé (siehe Anhang)
eröffnet und die komplette Begabungsförderung aus einer Zentrale organisiert und arrangiert wird. Denn in
diesen Cafés erwarte ich große Chancen, all jene Schulpflichtigen zu erreichen für die das Wort Schulbesuch
schon fast ein Fremdwort geworden ist oder schon weitgehend immer war. Dies hat zur Folge, der ganzen
Bildungsförderung mittels Internet eine globale Vision zu geben, welche auf lokaler Ebene entwickelt und
betrachtet werden kann.
Dies ist jedoch nicht im Alleingang zu verwirklichen. Hier müssen alle an einen Strang ziehen. Geht es doch
hierbei um die Zukunft unserer Kinder. Ich will mit dieser Arbeit vor allem eins bewirken: eine stärkere und vor
allem interaktivere Vernetzung aller NPO’s der praktischen Bildungspolitik. Die deutschsprachige Landschaft
für Bildungs- und Begabungsförderung für jedermann ist nicht gerade dünn gesät, doch kommt es auch bei den
Heranwachenden an? Und wenn ja, dann wie? Das sind alles Fragen, die durch stärkere Koordination und vor
allem Kooperation einer Lösung nahe kämen. Das möchte ich mit Ihrer Hilfe liebe Leserin und lieber Leser
erreichen.
Zum Schluss möchte ich noch allen Dank aussprechen, die mich bisher in vielerlei Hinsicht unterstützt haben.
Dazu gehören insbesondere:
Die Direktorin der Feministischen Fakultät für Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum, Frau
Prof. Dr. Lenz als Mentorin dieser Arbeit, Herrn Dr. Tridiv Borah aus Assam / Indien – ein guter Freund, der
den Begriff Blaumacher ins Englische übertrug und mich so auf die Kurzform Drouts brachte, Herrn Thomas
Köthe vom URBAN II-Projekt in Dortmund für das Fernziel zur Etablierung von Droutcafés, Frau Rektorin
Piepenbreier und alle 15jährigen der Hauptschule an der Landwehr in Dortmund für die nicht-repräsentativen
Untersuchungsergebnisse, Frau Sylvia Behrendt aus Gelsenkirchen für ihre geduldsame Korrekturlesung dieser
Arbeit, Frau Roswitha Böschen aus Köln für ihr Engagement in der Betreuung einzelner „Drouts“ und
freiwilliger Mitstreiterinnen im Internet, meiner Familie und der Familie Flocke and Friends in Zeiten des
Beistands und vor allem Britta und ihren Sohn Micha aus Wien, die mich zu dieser Idee inspiriert haben. Ganz
besonderen Dank an dieser Stelle auch meinen ersten Online-Schüler Odin alias Nico aus Gronau / Westfalen für
seine engagierten Beiträge. Auch wenn er es mir nicht immer leicht machte, so leicht hat’s einen. Nico ist
mittlerweile erwachsen.
Alle, die hier jetzt nicht namentlich erwähnt sind und sich erinnern in der Begabungsförderung mitgewirkt zu
haben, denen ganz besonderen Dank für ihr Vertrauen.
Mit freundlichen Grüßen aus dem Jahr 2007
Dipl.-Soz. J. Arndt
9
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
1.1. Allgemeine und soziologische Erläuterungen zum Begriff des Heranwachsenden
Das Wörterbuch1 erklärt das ziellose Zeitwort des Heranwachsens als etwas, das zur
Reife erwächst. Die sachliche Betrachtung eines solch intransitiven Zeitwortes findet
in dieser Ausarbeitung zur „Begabungsförderung Heranwachsender im Internet“
weniger Beachtung, weil das Thema sich explizit mit heranwachsenden Personen
und auch Positionen auseinandersetzen wird. In diesem Zusammenhang sind
gelegentlich sachliche und ethische Werte des Heranreifens erwähnenswert, wenn
gleich es hier um den Umgang mit neuen Technologien geht, die sich in der sozioökonomisch-innovativen Reifephase befinden. Ein zusammenhängendes Panorama
der ethischen Wertediskurse, das sich um die Informations- und Kommunikationstechnologie dreht und akut unter dem Druck und den Folgen der Globalisierungspolitik Hochkonjunktur hat, ist hier erläuternswert und kann unter soziologischen
Aspekten nicht aus dem neu zu definierenden Reifeprozess des modernen
Menschen ausgeklammert werden. Stichworte für Technologien in der Reifephase
sind insbesondere das Internet und der Mobilfunk, deren technische Entwicklungsprozesse noch nicht absehbar sind, aber deren Chancen und Risiken der Nutzung
bereits jetzt prognostiziert werden können.
Der Personenkreis im Sinne der Erläuterung des Heranwachsens, lässt sich für den
Umgang mit neuen Technologien nicht eindeutig auf eine bestimmte Altersgruppe
eingrenzen. Ursächlich dafür ist die Tatsache, dass abgeschlossene Reifeprozesse
von empirisch verifizierbaren Qualitätskriterien einzelner Individuen stärker geprägt
sind (wie der Pubertät) und dadurch unabhängig von quantitativen Ergebnissen
sozialwissenschaftlicher Messmethoden, hinsichtlich einer festgelegten Zeitdauer
bezogen auf den Heranwachsungsprozess eines Menschen sein können. Deswegen
habe ich für die Titelbestimmung dieser Ausarbeitung bewusst den Begriff ‚Heranwachsende‘ dem Ausdruck ‚Jugendlicher‘ vorgezogen, da die Jugend stärker mit
einer gewissen Zeitperiode (Pubertät) konzipiert ist, als dies bei Heranwachsenden
der Fall sein muss. Mag sein, dass bei einer solchen Konzeption der Begriff der
Jugend genauso oder ähnlich dehnbar ist, wie der Begriff des Heranwachsenden,
wenn zum Beispiel von der „Ewigen Jugend“ oder vom „Berufsjugendlichen“ (wie ihn
THOMAS GOTTSCHALK beispielsweise mimt) die Rede ist. Doch im allgemeinen
Sprachgebrauch wird die Jugendlichkeit als eine Phase der Pubertät verstanden, die
schon allein durch rein phänotypische Grenzsetzung ab eines erreichten Alters als
abgeschlossen gelten darf. Dies ist bei einem Heranwachsenden gemäß dieser
Arbeit nicht unbedingt der Fall. Hier liegt das Augenmerk stärker auf einem weitgehend unbekannten bzw. weniger erforschten, als auf einem bekannten Reifeprozess (z. B. der Pubertät), welcher ein Individuum zu durchlaufen hat. Dabei stellt
sich unweigerlich die Frage, welcher Reifeprozess durchlaufen werden muss. Sollte
dieser Reifeprozess den Umgang mit Technologien betreffen, wie zum Beispiel die
Medienkompetenz von der im vierten und letzten Kapitel dieser Ausarbeitung noch
detailliert die Rede sein wird, so ist festzustellen, dass die Jugend mit den
Anwendungen neuer Technologien oft schneller vertraut ist, als es die Erwachsenen
sind.
Der Begriff Jugend wird hier als biologischer als auch soziologischer Prozess
angesehen, der äußerlich durch die Pubertät in Erscheinung tritt. Ich möchte hier
nicht im einzelnen auf die Pubertät zu sprechen kommen, doch der Hinweis, dass die
1
Naumann & Göbel Verlag, Köln, 1996
10
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Pubertät sich mit den Perioden der Frühreife, der relativen Reife und der Spätreife
abschließen lässt, ist an dieser Stelle von entscheidender Bedeutung, um daran zu
erinnern, dass auch „(...) Pubertät keine einheitliche Variable ist und (...) viele
Facetten des Reifeprozesses (dabei) miteinander interagieren können.“2 Soll heißen,
dass wenn Pubertät ein wichtiges Indiz der Jugendlichkeit ist, folgerichtig von mir
dann auch meine Arbeitshypothese dahingehend untersucht werden darf, dass
Heranwachsende sich nicht gleich über Jugendlichkeit zwangsläufig definieren
lassen müssen, da „die Entwicklungsaufgabe (von Jugendlichen) hauptsächlich darin
besteht, die körperlichen Veränderungen zu akzeptieren, sich mit dem ‚neuen‘ Körper
vertraut zu machen und ihn in das neue Selbstkonzept zu integrieren.“ 3 Diese
Integration in das neue Selbstkonzept können Heranwachsende bereits vollbracht
haben. Exemplarisch sind junge Mütter zwischen 30 und 40, die bereits ältere Kinder
haben, die sie durch die Pubertät begleiten oder begleitet haben. Frauen, die ihre
Kinder durch den Pubertätsprozess akut begleiten, sehen sich mit der Lebenswelt
ihrer Kinder konfrontiert, die erwartet, dass sich die Mutter in den Lernprozess ihrer
Kinder mit einordnet. Gerade Mütter aus bildungsnahen Familien empfinden die
Schulzeit ihrer Kinder oftmals, als ob sie selbst nochmals einen Schulabschluss wie
zum Beispiel die Hochschulreife erwerben müssten. Dadurch entwickeln diese Mütter
eine Lernenergie, die sie nochmalig in die Lebenswelt ihrer Kinder heranwachsen –
oder besser müsste es heißen: hereinwachsen – lassen. Und in dieser Lebenswelt
hat Schule einen hohen Stellenwert. Auch Mütter, die den pubertären Erziehungsaspekt in ihrem Leben mehr oder weniger erfolgreich an ihrem Nachwuchs
gemeistert haben, die Kinder das Haus verlassen oder auf besten Wege dorthin sind,
jenes zu tun, starten durch – gerade wenn sie aus bildungsferneren Elternhäusern
stammen (z. B. auf Grund der frühen Schwangerschaft die Ausbildung abbrachen
und nun, zum Teil unglücklich verheiratet oder glücklich geschieden sind) – und
suchen nach neuen beruflichen Perspektiven, die sie sich von einer soliden späten
Erstausbildung erhoffen. Insofern schließt der Ausdruck der Heranwachsenden diese
Gruppe der meistenteils alleinerziehenden Frauen ins Konzept der Bildungs- und
Begabungsförderung ein (vgl. Kapitel 1.2.).
Der Medienpädagoge BERND SCHORB vertritt die Ansicht, dass es „die Jugend nicht
gibt und niemals gab“ und fügt hinzu: „Das wissen wir auch noch aus der Zeit, als wir
selbst jung waren. Ich habe mich damals immer massiv gewehrt, wenn mich jemand
zur Jugend zählte. Ich wollte nicht mit anderen über einen Kamm geschoren
werden.“ 4 Der Reifeprozess von dem hier die Rede sein soll, ist in erster Linie ein
Lernprozess, der die Fähig- und Fertigkeiten jedes Individuums schulen soll, die es
selbst benötigt, um sich in einer pluralistisch bestimmten Werteordnung seiner
Gesellschaft zu orientieren. Denn in einer pluralistisch angelegten Gesellschaftsform
bilden deren Akteure nicht allein eine bloße Gemeinschaft des role-taking, sondern
sie sind auch deren Gestalter, die erst einer entsprechend pluralistisch organisierten
Gesellschaft ihre Impulse geben. Jeder einzelne Akteur in solch einer pluralistischen
Werteordnung ist dabei der Eigendynamik des role-taking und role-making unterlegen und muss sich dementsprechend mit einem solchen Rollenverhalten
engagieren können. Das bedeutet gerade bei den Heranwachsenden heutzutage,
dass „Kinder und Jugendliche auf eine existentielle Weise von der Entwicklung der
pluralistischen Gesellschaft erfasst werden: sie tragen mit ihren eigenen, zunehmend
2
Grob, Alexander (Hrsg.): „Kinder und Jugendliche heute: belastet – überbelastet?“ – Pubertät als Belastung, a.
a. O., S. 130
3
ebd., S. 129
4
Feibel, Thomas zitiert a. a. O. in „Die Internet-Generation“ auf S. 109 den Medienpädagogen Bernd Schorb
11
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
selbst pluralistischer werdenden Lebensformen zu dieser Entwicklung bei.“5 Hieß es
früher noch, dass Heranwachsende sich in Rezipientenrollen wieder fanden und
einer bestimmten Werteordnung Folge zu leisten hatten, so heißt es heute, dass
Heranwachsende auch Rollenvorgaben selbst umsetzen und nicht einfach nur
Empfänger von Werten und Normen sind, sondern sowohl Althergebrachtes in Frage
stellen, als auch neue Wertorientierungen entwickeln oder bereits vergessene,
tradierte Lebensformen wieder aufgreifen und zu neuem Leben erwecken können.
Wenn sie daran gehindert werden, dies tun zu dürfen oder zu können, dann hat das
in einer pluralistischen Werteorientierung eine Unterbrechung des Reifeprozesses
zwangsläufig zur Folge. Die Grundlage der pluralistischen Idee, die auf Eigeninitiative, Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit basiert, würde dem
Heranwachsenden somit entzogen und die resultierende Unmündigkeit ließe ihn
nicht vollständig erwachsen werden.
Ein Beispiel soll verdeutlichen helfen, was ich unter role-taking und role-making
verstehe: Ein Mathematiklehrer betritt die Klasse und erläutert ein neues
Themengebiet. Die Schülerinnen und Schüler setzen sich mit diesem Stoff
auseinander und begreifen ihn. Während dieser Auseinandersetzung beginnen
einige Schüler neue Wege zu erschließen, die sich mit dem Rechenweg des
erschlossenen Stoffes auseinandersetzen; Wege allerdings, die der Lehrer an der
Tafel nicht angesprochen hat. 6 Wege auch, die nicht allen Schülerinnen und
Schülern bewusst sind, sondern nur einigen wenigen und diese sind sich auch nicht
darüber im Klaren, dass sie gemeinsam unangesprochene, vielleicht sogar
innovative Rechenalternativen im Kopf haben. Befände sich der Lehrer in der Lage,
sein role-making so zu durchdenken, dass er diesen Schülerinnen und Schülern
signalisiert, auch zu einem role-taking in der Lage zu sein, dann würden die Schülerinnen und Schüler ihre Alternativen sicherlich im Unterricht ansprechen. Ließe der
Lehrer keine Belehrungen seitens der Schülerinnen und Schüler zu, dann wäre er zu
einer Rollenübernahme – nämlich einfach der Schüler seiner Schüler zu sein – nicht
bereit bzw. in der Lage. In einer von mir selbst durchgeführten nicht-repräsentativen
Umfrage unter 93 Hauptschülerinnen und Hauptschülern im Alter von 15 Jahren
wurde ihnen die Frage gestellt, ob sie „im Fach Mathematik manchmal Ideen hätten,
die sie nicht wagen anzusprechen“. 7 Daraufhin antworteten 44,23 Prozent der
Mädchen mit „ja“. Von den Jungs bejahten 31,71 Prozent diese Frage.
Die Frage, ob ein Reifeprozess zur Rollenübernahmebereitschaft gedeutet werden
kann, ist nicht hinreichend genug. Der Reifeprozess eines jungen Menschen ist
mitnichten durch seine soziologische, psychologische, physiologische, politische,
religiöse, kulturelle und geschlechtsspezifische Natur geprägt und hängt somit davon
ab, in welchem dieser sozialen Kontexte ein Heranwachsender gerade betrachtet
wird. Mögen beispielsweise die Attentäter des 11. Septembers zwar vor ihrer Tat als
mündige und reife Bürger in einem gesellschaftlichen Kontext gelebt haben, so zeigt
doch gerade die Ausführung eines solchen Attentats bei allem religiösen und
politischen Kalkül, meiner Ansicht nach in erster Linie Mangel an persönlicher Reife.
Gleiches nehme ich für ROBERT STEINHÄUSER in Anspruch, der auch im Sinne des
Gesetzes „erwachsen“ war, seine Bluttat im April 2002 an dem Erfurter Gutenberg5
Bildungskommission NRW: „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“ – Pluralisierung der Lebensformen
und der sozialen Beziehungen, 1995, a. a. O., S. 25
6
dem Mathematiker Gauß erging es so in seiner Schulzeit und er entwarf die Grundlage für die später nach ihm
benannte Normalverteilung (Kap. IV beschäftigt sich mit dieser Auseinandersetzung)
7
vgl. 4.1.2.1. Interesse an Mathematik
12
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Gymnasium oder die jüngste Eskalation eines selbstmörderischen Jugendlichen auf
einer Realschule in der nordrhein-westfälischen Kleinstadt Emsdetten ist auch hier
meiner Ansicht nach ein Indiz für Unmündigkeit und Unreife, wenn auch – was hier
nicht in Abrede stehen soll – Verzweiflung das Motiv beider Jungen gewesen war.
Attentate wie Amokläufe beweisen, dass hier zu Mitteln der Gewalt und des Terrors
gegriffen wurde, der gezielt auf Tod und Zerstörung hinauslief und eine Konsequenz
mangelnder Frustrationstoleranz darstellt. Anstatt in beiden Fällen nach Alternativen
mittels Auseinandersetzung auf rationaler Ebene zu suchen, lösten die Akteure ihre
Probleme durch Verzweiflungsakte, die – mehr oder weniger organisiert – doch nur
eines beweisen: einen deutlichen Mangel an Reife sich Herausforderungen im
gesellschaftlichen Kontext stellen zu können. Eine solche Reife zu erlangen macht
meines Erachtens in erheblichem Maße den Prozess des Heranwachsens aus.
Als ‚Heranwachsende‘ gelten vorab all diejenigen Personen, die noch nicht
erwachsen sind. Aber ab wann ist jemand erwachsen? Dann, wenn er die
gesetzliche Volljährigkeit von achtzehn Jahren erreicht hat, ist jemand im politischen
Sinne erwachsen. Im kirchlich-christlichen Sozialverständnis gelten, je nach
Konfession andere Altersgrenzen zum Erwachsensein. In der römisch-katholischen
Konfession gilt nach Erhalt der Heiligen Erstkommunion im Alter von durchschnittlich
neun Jahren und in der protestantisch-evangelischen Konfession im Alter von
durchschnittlich vierzehn Jahren durch die Heilige Konfirmation ein junger Mensch
als erwachsen. Hier wird deutlich, dass das Erwachsensein soziologisch gesehen ein
Prozess des Dazugehörens darstellt und das Erwachsenwerden demnach ein Präprozedur sein muss, die jeder durchläuft, der erwachsen werden und einer bewusst
gewählten Gruppe zugehörig sein will. Doch was ist, wenn jemand nicht erwachsen
werden will? Wie zum Beispiel die Romanfigur OSKAR MATZERAT8, der im Alter von
dreizehn bewusst sein Körperwachstum einstellte und die spätere „Erwachsenenreife“ in Form eines Knabens durchlebte? Liegt ein solches Beispiel in der rein
literarischen Fiktion?
Mit 18 gelten Jugendliche in Deutschland zwar als erwachsen, werden aber im
deutschen Recht auch dort differenziert, denn beispielsweise gelten unter
bestimmten Berücksichtigungen auch Achtzehn-, Neunzehn-, Zwanzig- und Einundzwanzigjährige noch als Heranwachsende und werden dann unter den
Bestimmungen des „Jugendstrafrechts“ verhandelt. Oder dass junge Frauen in Folge
einer Schwangerschaft mit 16 den Bund der Ehe schließen dürfen, ist ebenfalls ein
gesellschaftliches Kriterium des Erwachsenseins. Mitnichten dienen all diese Aspekte
Anlass genug, den Begriff der „Jugend“ auch deshalb als nicht passend für das hier
zu beschreibende Begabungsförderprojekt anzusehen, da der Jugendbegriff mir in
gewisser Weise romantisch verklärt zu sein scheint und keinen wirklich empirischen
Gesellschaftsbezug aufweist. Das dem so ist, das haben schon die Griechen der
Antike erkannt: „KRITOBULOS 9 (aber) ist bereits erwachsen und bedarf eines
bewährten Leiters.“10 Somit ist die Frage einer Ausbildung stark an dem Reifegrad
eines Individuums selbst dann gekoppelt, wenn es bereits die Volljährigkeit in vollem
Umfang erreicht hat. Wenn der Reifegrad eines jungen Menschen an seiner
Erstausbildung gekoppelt ist, dann kann nicht von den Eltern erwartet, geschweige
denn durchgeführt werden, dass sie ihre Kinder zu einem solchen Reifegrad
erziehen können. Denn „(...) teils hegen sie (die Kinder) noch keine Liebe, teils sogar
8
der Protagonist aus Günter Grass‘ Bestseller-Roman „Die Blechtrommel“
1. Sohn des Kriton, a. a. O.
10
Kriton im Vor- bzw. Zwischengespräch mit Sokrates, aus Platons Euthydemos, a. a. O., Bd. III, S. 91
9
13
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Hass, wenn sie nämlich von der Mutter oder dem Vater gezüchtigt werden; und doch
gibt es, ungeachtet allen Hasses, in jener Zeit nichts, was den Eltern lieber
(befreundeter) wäre, als diese ihre Kinder.“11 Ungeachtet des Trends vieler Elternhäuser, die Erziehung samt schulischer Erstausbildung selbst durchzuführen, kann
eigentlich nur als Erwachsen gelten, was in der Lage ist, in einer pluralistisch
orientierten Gesellschaftsform seinen Platz bewusst und konsequent einzunehmen
und diesen entsprechend zu gestalten gegebenenfalls auch zu verteidigen. Dabei
darf es keinerlei begriffliche Verklärungen geben dürfen, die über äußerliche Reize
des Jungseins das Heranwachsendenbild definieren. Denn genauso wenig, wie zu
PLATONs Zeiten CHARMIDES in der Lage war, über das Kriterium der Jugend zu
urteilen („Ich nun, bin zum Richter über Jugendschönheit so wenig tauglich wie eine
farblose Schnur zum Schnitzen; denn in diesem Alter erscheinen mir so ziemlich alle
schön.“12), so gibt es meiner Meinung nach in der modernen Gesellschaft kaum eine
Instanz, die zu einer Jugendbeurteilung in der Lage wäre.
Als zusätzliches Handicap dem Begriff der „Jugend“ im Titel dieser Arbeit den Vorzug
zu geben, erweist sich auch der ständige Wechsel von Trends, Einstellungen und
Ansichten der jeweiligen Jugendgeneration selbst. Während noch in den 80iger
Jahren des letzten Jahrtausends eine „Null-Bock-Generation“ von sich Reden
machte, so sind „die Jugendlichen 2002 augenscheinlich alles andere als eine NullBock-Generation, aber sie scheinen die Schule im Vergleich zu den weiterführenden
Ausbildungsmöglichkeiten als weniger desiderabel zu erleben.“13 Sollte dies als ein
Indiz gewertet werden, dass sich die Ausbildung der Jugendlichen in den letzten zwei
Jahrzehnten grundlegend verändert hat? Oder handelt es sich bei der Feststellung
aus der Studie der DEUTSCHEN SHELL eher um ein Phänomen eines neuen Jugendtrends, der sich mit ganz anderen gesellschaftlichen und sozialen Umständen zu
arrangieren versteht, als es die Jugend der 80iger Jahre vermochte? Jugendarbeitslosigkeit jedenfalls gab es auch schon in den 80iger Jahren im gravierenden
Ausmaß.
1.2. Weitergehende Erläuterung des Begriffs Heranwachsender im Sinne eines Begabungsförderungsprojektes
Ein Heranwachsender ist gemäß des Begabungsförderungsprojektes eine Person,
„die eine bestimmte Funktionsfähigkeit erst entwickeln muss und nicht bereits
weiterentwickelt.“14 In diesem Sinne bedarf ein Heranwachsender einer Förderung,
die ihn zu Beginn seiner Entwicklung bis hin zum Abschluss befähigen lehrt, eine
bestimmte Qualifikation zu erwerben, um eine Berufsrolle anstreben zu können. Das
scheint angesichts des drastischen Wettbewerbs im Zeitalter der Globalisierung nur
ergänzend zu den bestehenden Ausbildungschancen möglich, in dem eine kostenlose sowie unverbindliche zusätzliche Förderungsmöglichkeit bereitgestellt wird, die
es einem Heranwachsenden erlaubt, an seinen ihn gestellten Erwartungen auch
ohne Druck wachsen zu dürfen. Das Internet vermag eine solche Bereitstellung von
Fördermöglichkeiten zu leisten. Doch um eine solche Einsicht zur Notwendigkeit
einer Förderung über und durch die Neuen Medien zu gewinnen, sollten sich die
Bildungs- und Begabungsförderungsbeteiligten darüber im Klaren sein, dass Wis11
Platons Lysis, a. a. O., S. 96
Platons Charmides, a. a. O., 19f
13
Deutsche Shell (Hrg.) / Hurrelmann, Klaus / Linssen, Ruth / Leven, Ingo in Arbeitsgemeinschaft mit Infratest
Sozialforschung: „Jugend 2002“ – Wachsende Ungleichheit der Zukunftschancen?, a. a. O., S. 73
14
Grob, Alexander (Hrsg.): „Kinder und Jugendliche heute: belastet – überbelastet?“ – Ressourcen, a. a. O., S.
16
12
14
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
sensvermittlung nicht nur über ein einziges Umfeld, wie beispielsweise die Schule
geführt werden kann, sondern erst „einen umfassenden Blick auf das Verhältnis von
Familie und Bildung gewinnen muss, sofern Bildung nicht inhaltlich auf den Kanon
der Schulen und verwandter Einrichtungen eingeschränkt wird, sondern die
Voraussetzungen der schulischen Bildung und die weiteren Fähigkeiten einbezogen
werden, die erforderlich sind, um in Gemeinschaft mit anderen sein Leben zu
führen.“15 Deswegen beginnt in diesem Kapitel ein grundlegender Appell zur Erkenntnisgewinnung, dass das Internet nicht einfach nur ein Tummelplatz des Marketing
und der freizeithaften oder berufsmotivierten Kommunikation und Informationsbeschaffung darstellt, sondern allein schon historisch betrachtet, seine Daseinsberechtigung aus unverbindlicher, aber dennoch verpflichtender Wissensvermittlung
durch Netzwerkgemeinschaften erworben hat.
Jedem dürfte heutzutage klar sein, dass das Internet ein „globales Dorf“ darstellt.
Doch wie lässt sich dieser Begriff auf die Begabungsförderung Heranwachsender in
einem solchen Dorf anwenden? Was bedeutet in diesem Zusammenhang „global“?
Das Internet hebt örtliche Trennung auf. Das dürfte jedem Anwender bewusst sein.
Weniger bewusst scheint vielmehr zu sein, dass das Internet auch im Stande ist,
soziale und gesellschaftliche Trennlinien zu verwischen. Die Morphose solcher
Trennlinien fördert meiner Erfahrung nach die Begabung Heranwachsender im erheblichen Ausmaß. Das Internet bietet den Spiel- und Zeitraum, die ansonsten doch
recht scharfen sozialen Trennlinien des wirklichen Lebens der drei im Folgenden
näher zu beschreibenden Ebenen nach BRONFENBRENNER16 aufzuweichen:
-
die Mikroebene
Lehrern)
(soziale
Beziehung
zu
Gleichaltrigen,
Familie,
Die Beziehungen zwischen Gleichaltrigen im Internet verlieren an physischer
Brisanz, die im realen Leben häufig zu Konflikten führt. Das optische
Erscheinungsbild ist auf anderer Ebene relevant als die Begabung zur Phantasie im
virtuellen Raum der Gleichaltrigen. Gleichaltrige Heranwachsende lernen im Austausch Rollenkompetenzen und fördern ihre Talente in kreativer Hinsicht auf
unterschiedliche Weisen zu Tage. Idealerweise könnte ein Heimnetzwerk innerhalb
der Familie dafür sorgen – vorausgesetzt die Familienmitglieder verfügen über die
nötige Medienkompetenz – dass sich Konflikte besser lösen und Begabungen untereinander stärker fördern ließen. Das Maß an Unverbindlichkeit für beide an dem
interaktiven Austauschprozess Beteiligten ließ klare Ergebnisse des Scheiterns oder
des Erfolges hervortreten. Auf die Bedingungen hierzu werde ich im vierten Kapitel
dieser Ausarbeitung näher eingehen. Lehrer sollten stärker ihre Kompetenzen auf die
Neuen Medien ausrichten und Schülerinnen und Schüler auch außerhalb des
Klassenzimmers virtuell begleiten können und dürfen.
-
die Exoebene (Institutionen wie Schule, Schultypen, Schulstufen,
Freizeitorganisationen)
15
Grundmann, Matthias / Huinink, Johannes / Krappmann: : „Kindliche Lebenswelten, Bildung und
innerfamiliale Beziehungen“ – Familie und Bildung, Empirische Ergebnisse und Überlegungen zur Frage der
Beziehung von Bildungsbeteiligung, Familienentwicklung und Sozialisation, a. a. O., S. 46
16
Grob, Alexander (Hrsg.): „Kinder und Jugendliche heute: belastet – überbelastet?“ – Ressourcen, a. a. O., S.
16
15
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Damit Lehrerinnen und Lehrer eine Möglichkeit haben, ihre Schützlinge außerhalb
des Schulalltages zu erreichen, sollte die Schule über ein Netzwerk verfügen, dass
mit den Familien der Schülerinnen und Schüler verpflichtend über das Internet
verbunden ist. Zurzeit werden bundesweit an 40.000 Schulen 950.000 Computer
eingesetzt, von denen 69 Prozent einen Internetzugang haben. 17 Um dieses
Potenzial stärker zu nutzen, sollte auf der Makroebene allerdings das Schulwesen
stärker als bisher reformiert werden und die Schule ihren allgemeinverbindlichen
Charakter aufgeben. Schule sollte erkennen, dass im Zeitalter des lebenslangen
Lernens nicht nur die Schülerinnen und Schüler von der Wissensvermittlung der
Schule profitieren, sondern auch die nahen Verwandten der Schülerinnen und
Schüler. Das Internet würde eine Plebiszität für Schulangelegenheiten und eine
Partizipation an der Einrichtung Schule ermöglichen. Mithilfe des Internets sollten
sich auch die Schultypen untereinander stärker vernetzen und das nicht nur formal,
sondern auch inhaltlich. Ein interdisziplinärer Wissens- und Erfahrungsaustausch
unter Haupt-, Real-, Förder-, Gesamtschulen und Gymnasien könnte dazu beitragen,
dass unterforderte Schülerinnen und Schüler den Weg zum Höheren Schultyp und
überforderte Schülerinnen und Schüler den ersten Annäherungsversuch zu einem
begabungskompatiblen Schultyp unternähmen. Freizeitorganisationen sollten im
Umgang mit dem Internet etwas kreativer und flexibler werden, um ihre Zielgruppe,
die Jugend, entsprechend zu erreichen. Da reicht keine knappe Homepage, die von
irgendwelchen sportlichen oder sonstigen Ereignissen zu berichten weiß.
Freizeitorganisationen sollten mit in ein neuartiges Schulnetzwerk eingebunden
werden und mittels diesem regelmäßig Eltern, Lehrer und Schüler erreichen zu
können. Wie dies aussehen könnte, wird im Anhang dieser Ausarbeitung näher
erläutert.
-
der Makroebene (gesellschaftliche Verhältnisse)
All diese Ideen, die mit dem Internet sich verbinden lassen, stoßen auf taube Ohren,
wenn die Gesellschaft nicht bereit ist, selbst eine entsprechende Medienkompetenz
zu erwerben und in eine solche zu investieren. Dass für eine solche Begabungsförderung Heranwachsender mittels Internet zusätzliche Ressourcen in Anspruch
genommen würden, darüber sollte die Informationsgesellschaft sich im Klaren sein,
um die Verhältnisse im Bildungsbereich den globalen Gegebenheiten anzupassen.
Unumstritten ist, dass Deutschlands Kinder und Jugendliche im Umgang mit PC und
Internet ein Schlusslicht im internationalen Vergleich bilden, auch wenn sie über eine
verhältnismäßig moderne Ausstattung im Bereich der Informations- und
Telekommunikationstechnologien verfügen.18
17
dpa-Meldung vom 06.12.2004 aus der Süddeutschen Zeitung, #283, mit dem Titel „Einer für zwölf – Immer
mehr Computer an Schulen“
18
ebd.
16
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Als Indikatoren zur Begabungsförderung für die Funktionsfähigkeit
wachsender gelten hierbei:
-
19
Heran-
das Alter
das Geschlecht
die kognitive Entwicklung
die Selbstwirksamkeits- oder Kontrollerwartungen
die Bewältigungsstrategien
bedeutsame Lebensereignisse
biologische und physische Veränderungen
Nebst Alter als Indikator für die Funktionsfähigkeit bezogen auf die Begabungsförderung spielt das Geschlecht eine besondere Rolle für die Definition des Heranwachsens. Im besonderen Maße gelten nebst Kindern und Jugendlichen im Sinne
des Begabungsförderungsprojektes Frauen unter bestimmten sozialen Umständen
als Heranwachsende. Denn bei Frauen – gerade zwischen 30 und 40 Jahren – üben
Indikatoren der Selbstwirksamkeits- oder Kontrollerwartung, der Bewältigungsstrategien, der bedeutsamen Lebensereignisse, der biologischen und physischen
Veränderungen einen stärkeren Druck auf ihre Funktionsfähigkeit aus, als dies bei
gleichaltrigen Männern der Fall sein dürfte. Trotz gesetzlich vorgeschriebener
Gleichberechtigung sind die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen Männern und
Frauen nach wie vor immens. Wie die Studie der DEUTSCHEN SHELL 2002 nachweist,
dass „im Zeitalter der Individualisierung die stereotypen Vorgaben an die Rolle der
Frau und des Mannes nicht mehr so eng sind wie noch vor zwei oder drei
Generationen, aber gesellschaftliche Grundvorstellungen über die ‚typischen‘ und
‚normalen‘ Verhaltensweisen von Männern und Frauen nach wie vor existieren“20, ist
es von tragender Bedeutung, diese Unterschiede gerade hinsichtlich der Familiensozialisation deuten zu können, um etwaige Schlüsse zur Begabungsförderung von
Frauen schließen zu dürfen. Es darf vor allem in Deutschland als unumstritten gelten
dürfen, dass die Erziehung der Kinder meistens zu Lasten der Frauen geht. Gleiches
gilt auch für die Familienplanung. Frauen überlässt man immer noch die
Entscheidung zwischen Karriere oder Kinder, während für Männer eine solche
Entscheidung oft indiskutabel ist, da sie wie selbstverständlich davon ausgehen,
dass Frauen ihre berufliche Laufbahn unterbrechen oder gar aufgeben, um eine
Familie zu gründen. Das gesellschaftliche Bild der fürsorglichen Mutter herrscht in
Deutschland immer noch über das Bild eines fürsorglichen Vaters. Eine Mutter, die
ihren beruflichen Weg dem Vorzug der Kindererziehung gibt, erhält hierzulande sehr
schnell das Stigma einer „Rabenmutter“ – eines Ausdrucks also, der sowohl im
Tierreich ungerechtfertigt ist (Rabenmütter haben ein besonders inniges Verhältnis
zu ihrem Nachwuchs), als auch international keine Vergleichsform kennt (kein
anderes Land der Welt kennt einen ähnlich sinngemäßen Ausdruck). Ein wichtiger
Schritt, Mütter in Deutschland zu ermutigen ihre Erwerbsbiographie ohne Doppelbelastung von Erziehung und Bildung fortzusetzen, wäre vor allem die gesellschaftliche Einsicht, nebst dem klassischen so genannten intakten Familienkonstrukt auch
andere Formen des familiaren Zusammenlebens anzunehmen, damit soziale
Netzwerke auf den ebengenannten Ebenen nach BRONFENBRENNER auch weiterhin
als unabdingbare Konstante jeglicher Förderung anzusehen sind.
19
Grob, Alexander (Hrsg.): „Kinder und Jugendliche heute: belastet – überbelastet?“ – Ressourcen, a. a. O., S.
16ff.
20
Deutsche Shell (Hrg.) / Hurrelmann, K. / Albert, M. / Linssen R. in Arbeitsgemeinschaft mit Infratest
Sozialforschung: „Jugend 2002“ – Geschlechtsspezifische Muster der Lebensführung, a. a. O., S. 37
17
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Soziale Netzwerke sind immer in einem soziokulturellen Kontext eingebunden. Die
Erkenntnis von GRUNDMANN u. a. ist hierbei besonders hilfreich um zu verstehen, in
welchem soziokulturellen Kontext Familien eingebunden sind: „Vor allem für
Alleinerziehende und Scheidungsfamilien sind soziale Netzwerke besonders wichtig.
Gerade lockere und offene Beziehungen zu Freunden, Nachbarn, informellen
Gruppen und Beratungsstellen eröffnen den Zugang zu Informationen über
Betreuungsmöglichkeiten, finanzielle Unterstützung und psychologische Beratung.
So konnte für geschiedene Frauen, die in ein weitmaschigeres Netzwerk freundschaftlicher Beziehungen eingebunden waren, nachgewiesen werden, dass sie über
vielfältigere Informationen über Selbsthilfeinitiativen und staatliche Hilfsmaßnahmen
verfügten als Frauen mit einem stark verwandtschaftlich geprägten Netzwerk. Die in
den traditionellen, durch Verwandtschaftsbeziehungen geprägten engeren Netzwerke, die vor allem in ländlichen Regionen vorherrschen, hemmen hingegen eher
die Möglichkeit, über den engeren Familienkreis hinaus nach Hilfe in psychosozialen,
familialen und schulischen Konflikten zu suchen.“ 21 Hier hat die Institution Schule
einiges nachzuholen. Einen solchen Kraftakt zu bewältigen, um als eine bildungsund erziehungstechnische Einrichtung zwischen Familienkonstrukten auf der Mikround Exoebene zu fungieren, bedarf es einer grundsätzlichen Reformdiskussion auf
der Makroebene. Einfach ausgedrückt: der klassische Familienbegriff muss öffentlich
in Frage gestellt werden. Dabei wäre es schon hilfreich, den Begriff Familie nicht
allzu eng zu fassen. Eine Familie muss nicht zwingend aus Mutter, Vater und Kind
bzw. Kinder bestehen. Eine Familie kann auch heißen: Mutter und Kind bzw. Kinder,
Vater und Kind bzw. Kinder, Großvater bzw. Großmutter und Kind(er), Mutter und
Mutter und Kind(er), Vater und Vater und Kind(er), Vater, Onkel, Tante und Kind(er),
Mutter, Tante, Onkel und Kind(er), Wohngemeinschaft und Kind(er), Mutter, Lebensabschnittspartner und Kind(er), usw. Bezeichnenderweise bilden solche Familienkonstrukte wieder etwas, was uns insbesondere nach der Industrialisierung verloren
gegangen ist: eine Klan- bzw. Sippenbildung. Politisch entscheidend für den
Familienbegriff sollte einzig und allein die Tatsache gelten dürfen, dass eine Familie
aus mindestens zwei Generationen bestehen sollte.22 Unabhängig von der Struktur
der Familie stand und steht nach wie vor die Schule vor einer Herausforderung, die
sie laut BÜCHNER nicht außer Augen verlieren darf: „Das Generationsverhältnis ist auf
diesem Hintergrund durch eine ‚Enttraditionalisierung‘ der Beziehungsformen und
durch eine frühe Verselbstständigung der Kinder von elterlicher Betreuung und
Fürsorge gekennzeichnet, was freilich nicht bedeutet, dass Kinder heute mit einer
verringerten Sozialkontrolle aufwachsen. Vielmehr müssen Kinder lernen, sich auf
kontrastierende (statt auf klare, allein von den Eltern vorgegebene) Anforderungen
einzustellen und möglichst selbstkontrolliert zu bewältigen. Eltern ihrerseits delegieren Teile ihrer (traditionellen) pädagogischen Zuständigkeit an die Schule und
eine Vielzahl anderer Instanzen und Institutionen. Trotzdem haben die meisten Eltern
aber auch weiterhin mehr oder weniger präzise, zumindest aber grobe Vorstellungen
darüber, was sie von außerfamilialen Instituten (also auch von Schule!) erwarten.
Erst im Konfliktfall kommt es dann zu Irritationen, die teils offensiv, teils defensiv
ausgetragen werden.“ 23 Also gilt in besonderem Maße zur Begabungsförderung
Heranwachsender innerhalb wie außerhalb des Internets die „Enttraditionalisierung“
21
Grundmann, Matthias / Huinink, Johannes / Krappmann: : „Kindliche Lebenswelten, Bildung und
innerfamiliale Beziehungen“ – Familie und Bildung, Empirische Ergebnisse und Überlegungen zur Frage der
Beziehung von Bildungsbeteiligung, Familienentwicklung und Sozialisation, a. a. O., S. 83
22
vgl. Kapitel 3.2. Die Rolle des Internets im sozialen Umfeld der Familie und Freunde
23
Büchner, Peter: „Kindliche Lebenswelten, Bildung und innerfamiliale Beziehungen“ – (Schul-)Kindsein heute
zwischen Familie, Schule und außerschulischen Freizeiteinrichtungen - Zum Wandel des heutigen Kinderlebens
in der Folge von gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen, a. a. O., S. 15
18
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
ernstzunehmen. Das bedeutet für die Institution Schule, dass sie die Erziehungsverantwortung der Heranwachsenden nicht allein auf die Rolle der Eltern und Lehrer
spezifizieren darf, sondern berechtigt werden muss, andere Erwachsene im sozialen
Umfeld des Heranwachsenden zur Verantwortung zu ziehen. Das Internet würde
eine solche Plattform zur Verantwortungsdelegation bieten können. Wie diese
Delegation aussehen könnte, will diese Ausarbeitung in weiteren Kapiteln erläutern.
1.2.1.
Untersuchungen zur Identität und zum Verhalten Jugendlicher im Internet
Ein wesentlicher Bestandteil unserer Gesellschaft ist der stetige Wechsel von Trends
und Moden. Kaum hat sich eine Mode durchgesetzt wird sie von einer anderen
abgelöst. Dieses Phänomen ist in allen Bereichen unseres täglichen Lebens zu
beobachten. Was heute „in“, ist morgen bereits „out“. Einen solchen rasanten Wandel
bedarf einer enormen Anpassungsfähigkeit und ist besonders dadurch gekennzeichnet, dass „ein Teil der Kinder sich im Besitz der Modernität fühlt. Es gibt da
nichts Altvorderes wegzuräumen. Es gibt kaum autoritative Überbleibsel, gegen die
man sich wehren müsste – die brechen von selbst zusammen und lassen, bis es
schließlich soweit ist, ihre antimoderne Schwäche überdeutlich erkennen.“ 24 Eine
solche Assimilation birgt Schwächen wie Stärken. Die Schwäche ist der Mangel an
Bereitschaft des sich Auseinandersetzen-zu-Wollens zu suchen, da „diese Kinder
nicht gelernt haben, sich zu wehren. Wenn heute ein kräftiger institutioneller Druck
oder irgendeine Art Zwang auf sie ausgeübt wird, dann wissen sie sich nicht zu
helfen. In gewisser Weise fehlt ihnen wohl auch die Auseinandersetzung mit
Institutionen, die von älteren Generationen dominiert werden.“25 Die Stärke dieser
Anpassung an Trends und Moden liegt darin, dass die Jugendlichen „darauf
vertrauen, dass die Modernität auf ihrer Seite ist, oder sie fügen sich und passen sich
auf manchmal atemberaubende Weise einfach an.“26 Diese grundlegende Beobachtung des Kinderpsychologen BERGMANN tritt innerhalb des Internets besonders stark
in Erscheinung und ist nur dann zu verstehen, wenn zum einen der Begriff der
Verhaltensweise klar abgegrenzt wird und zum anderen die Unterschiede des
gesellschaftlichen Sozialverhaltens außerhalb und innerhalb des Internets näher
beleuchtet werden.
Um jedoch auf das Sozialverhalten Heranwachsender näher eingehen zu können,
bieten sich sozialwissenschaftliche Perspektiven geradezu an, da ja, wie AEBLI27 es
formulierte, der Gegenstand der Sozialwissenschaften „der Strom des menschlichen
Verhaltens ist.“ Aus einer solchen Sicht ist nach AEBLIS Definition unter einer
„Verhaltensweise ein Prozess in einem lebendigen Organismus zu verstehen, der mit
oder ohne sichtbare Tätigkeit der Körperorgane darauf gerichtet ist, einen bestehenden Zustand zu verändern und damit einen neuen, meist befriedigenderen Zustand
herbeizuführen.“28 Da Verhaltensweisen ganz offenkundig immer mit der Absicht der
Veränderung verbunden sind, die mit der individuellen Intention „etwas verbessern
zu wollen“ einherzugehen scheinen, sind Mittel und Möglichkeiten gefragt, die
Menschen nutzen können, um diese Absicht umzusetzen. Die Mittel darf ich hier mit
24
Feibel, Thomas zitiert a. a. O. in „Die Internet-Generation“ auf S. 101 den Kinderpsychologen Wolfgang
Bergmann
25
ebd.
26
ebd.
27
Aebli, Hans: "Die geistige Entwicklung als Funktion von Anlage, Reifung, Umwelt- und
Erziehungsbedingungen" in Roth, Heinrich: "Begabung und Lernen", a. a. O., S. 152
28
Aebli, Hans: "Die geistige Entwicklung als Funktion von Anlage, Reifung, Umwelt- und
Erziehungsbedingungen" in Roth, Heinrich: "Begabung und Lernen", a. a. O., S. 152
19
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
den Medien gleichsetzen, die dem handelnden Individuum zur Verfügung stehen und
die Möglichkeiten sind meiner Ansicht nach adäquat zum Bildungsstand der
jeweiligen Akteurinnen und Akteure, die einen befriedigenderen Zustand nicht nur
herbeisehnen, sondern mithilfe ihres Verhaltens diesen auch herbeizuführen
vermögen.
1.2.1.1. Das Sozialverhalten von deutschen und MigrantInnenkindern
NAUCK 29 unterscheidet die hiesige Bevölkerung in Migranten und stationärer
Bevölkerung und unterstellt Migranten ein anderes Bildungsverhalten als der
stationären Bevölkerung: „In jedem Falle spricht einiges dafür, dass ökonomische
Migrationsmotivation nicht unwirksam für das Bildungsverhalten ist: Migranten
zeichnen sich im Vergleich zur stationären Bevölkerung dadurch aus, dass sie der
Statusmobilität und an materiellem Wohlstand orientierten Lebenszielen hohe
Priorität einräumen und zur Erfüllung solcher langfristigen (auch integrativen) Ziele
große Opfer in Kauf zu nehmen bereit sind, wie z. B. einen vergleichsweise
individualisierten Lebensstil in einem weitgehend fremdkulturellen Kontext.“ Hinter
dieser Feststellung verbirgt sich die Behauptung, dass Migrantinnen und Migranten
bereit sind, Opfer zu leisten, wenn sie in einem anderen Land ihren kulturellen
Kontext auszublenden vermögen, um im fremden Land an Status zu gewinnen und
materiellen Wohlstand zu erlangen. Zwischen diesem Axiom und dieser Ausarbeitung liegen allerdings bereits mehr als zehn Jahre und die Grundlagen einer
solchen Ansicht haben sich generativ enorm verändert. MigrantInnen der zweiten
Generation wandeln sich bereits in die dritte Generation und betrachten zum großen
Teil den hier angesprochenen Integrationsprozess in gewisser Weise als abgeschlossen. Aktuell ist jedoch weiterhin, dass die „stationäre“ Bevölkerung – zu der
bereits die dritte Generation der MigrantInnenkinder gezählt werden sollte – noch
nicht vollständig erkannt hat, welches Förderungs- und Begabungspotential solche
Kinder aufzubringen im Stande sind: „Mehr noch als es in den sechziger Jahren auf
die Landkinder, die Katholiken, die Arbeiterkinder und die Mädchen zutraf, wenn von
einer ‚Begabungsreserve‘ gesprochen wurde, können wir heutzutage davon
ausgehen, dass die hier zur Diskussion stehende Schülergruppe (der MigrantInnen)
eine große Zahl überdurchschnittlich begabter und motivierter Kinder aufweist, die
bislang lediglich aufgrund der schwierigen Bedingungen, unter denen sie leben und
lernen, ihr Potenzial nicht voll haben entfalten können.“30 In dieser Hinsicht hat sich
das Sozialverhalten der ‚stationären Bevölkerung’ – zumindest bezogen auf die
Integrationsmotivation von MigrantInnenkindern – nicht wesentlich verändert, so dass
NAUCK mit seiner Hypothese weiterhin Recht behalten dürfte; wobei auch seiner
Ansicht nach dieses Phänomen gerade bezogen auf das Geschlecht und die
Herkunft intensiver beachtet werden sollte. RUBNER zeigt in der ‚Süddeutschen
Zeitung‘, dass das Integrationsthema auch in der schulischen Praxis immer wieder
von aktueller Brisanz ist: „Kinder der zweiten und dritten Generation sprechen oft
schlechter Deutsch als kleine Ausländer früher. In der ersten Klasse fallen die
Defizite oft noch nicht auf, doch spätestens wenn die Kinder viel schreiben oder
Textaufgaben lösen müssen, treten enorme Lücken zutage. Die sind dann kaum
mehr zu füllen, schon gar nicht durch die in der Regel angebotenen ein bis zwei
Förderstunden pro Woche. – Die HELLERHOFSCHULE hat das Modellprojekt ‚Deutsch
und PC‘, das seit vier Jahren von der HERTIE-Stiftung unterstützt wird, Schritt für
29
Nauck, Bernhard: „Bildungsverhalten in Migrantenfamilien“ in: „Kindliche Lebenswelten, Bildung und
innerfamiliale Beziehungen“, a. a. O., S. 117
30
ebd., S. 119
20
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Schritt auf alle Klassen ausgeweitet. Die Drittklässler gehen in den Hörclub, in eine
PC-Schreibwerkstatt und besuchen regelmäßig die Stadtbücherei.“31
Darüber hinaus sollte bei der Migrationsfrage hinsichtlich der deutschen
Sprachbegabung nicht vergessen werden dürfen, dass es reichlich „Fremde“ in
diesem Land gibt, die Deutsch besser beherrschen, als die Muttersprachler selbst.
Es sind oftmals Menschen, die in den 80igern als Studierende nach Deutschland
gekommen waren und ihre Deutschkenntnisse in professionellen Sprachschulen
erworben haben. Diese Generation der „Wissensmigranten“ haben bereits ihre
Sprachkenntnisse an die nachfolgende Generation weiter gegeben. So finden sich
vor allem in CallCentern reichlich junge Migrantenkinder, die nebst ihrer Muttersprache über hervorragende Deutschkenntnisse verfügen. Nebst Türkinnen und
Türken finden sich dort vor allem MigrantInnenkinder aus Afghanistan, Indien und
dem Nahen Osten.
Des Weiteren sollte den Bildungsträgern unmissverständlich klar sein, dass die
Erziehungsbedingungen für Mädchen – unabhängig von der Herkunft – ungleich
härter sind als für Jungen. Dabei spielt es eine nebensächliche Rolle, dass oft
verschärfend hinzukommt, wie Mädchen aus muslimischen Kulturkreisen unter einem
stärkeren Erwartungsdruck innerhalb und außerhalb ihrer Familien aufwachsen. Dies
zur Kenntnis zu nehmen, spielt eher eine dominante Rolle in der hiesigen gesellschaftspolitischen Haltung und spiegelt sich in Form von öffentlichen Diskussionen
der Akzeptanz und Toleranz kultureller Unterschiede wider. Diese Diskussion darf
zur Gleichbehandlung von Mädchen – gleich welcher Herkunft – im Begabungsförderungsbereich eigentlich keinerlei übergeordnete Rolle spielen. Vielmehr gilt es,
die unterschiedlichen Probleme gerade der muslimischen Mädchen stärker im Auge
zu halten, da einige ihrer Probleme spezifischer Begabungen eigenartigerweise zwar
förderlich, aber bei genauem Hinsehen von hoher gefährlicher Natur sein können. Im
folgenden Kapitel soll dies näher skizziert werden dürfen, ohne sich der Gefahr
ausgeliefert zu sehen, eine strikte Trennung der Geschlechter und der Herkunft beim
Unterrichten von jungen Heranwachsenden befürworten zu wollen. Es geht hier
lediglich um die Unterstreichung der existierenden Unterschiede sowohl im
Geschlechter- als auch im Herkunftsverhalten. Diese Unterschiede sollten hinsichtlich ihrer Bildungsaspirantinnen und -Aspiranten als Trägerinnen und Träger solcher
Unterschiede akzeptiert, gefördert oder mindestens hinreichend geschützt und
unterstützt werden. Das Internet könnte hierbei eine wichtige Alternative darstellen,
so dass sich auf eine räumliche Trennung bei der schulischen Erziehung zwischen
Geschlechtern oder Herkunft meiner Auffassung nach sogar verzichten ließe.
31
Rubner, Jeanne: „Gezielt getrennt – Gute Schulen nach Pisa: In Frankfurt werden Ausländerkinder intensiv an
der Hellerhofschule gefördert“ – Süddeutsche Zeitung, #283, 06.12.2004
21
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
1.2.1.1.1.
Spezifisch weibliche Verhaltensweisen Jugendlicher
Wie schon in Kapitel 1.1. begründet wurde, zeichnet sich die Pubertät als
verantwortlich, um aus einem Jugendlichen einen Erwachsenen werden zu lassen.
Die biologische Reifephase lässt sich altersmäßig nicht exakt bestimmen. Die einen
reifen früher, die anderen reifen später. Aus beiden, sowohl der Früh- als auch der
Spätreifung ergibt sich ein Mittelwert, der unter den Kinderpsychologen als relative
Reifung bezeichnet wird. Diese Lebensphase bedarf einer besonderen Aufmerksamkeit aller Erziehungsbeteiligten. Denn diese Entwicklungsphase kann, je nach dem
sehr sensibel sein, und das vor allem bei Mädchen, denn „wenn die relative Reifung
einen Effekt auf die psychosoziale Gesundheit der Jugendlichen hat, dann
vorwiegend bei den Mädchen, und zwar bei den frühreifen.“32 Als Konsequenz heißt
das, dass die Pubertät eine soziostrukturelle Phase heranwachsender Frauen
darstellt, die einer sorgfältigen und aufmerksamen Beobachtung und Begleitung
bedarf. Dies gilt insbesondere für weibliche Sozialstrukturen frühreifer Mädchen.
GROB33 hat dabei erkannt, dass „(...) negative Effekte der Frühreife bei den Mädchen
zu einem großen Teil (aber nicht vollständig) mit der pubertären Fettzunahme
verbunden zu sein scheinen.“ Werden frühreife Mädchen zu sehr in ein Rollenbild
gedrängt, verweigern sie sich, diesem Rollenbild zu entsprechen, weil früher oder
später „orientieren sich junge Frauen im Vergleich (zu den Männern) an einem
Rollenbild, das durch Emotionalität und Beziehungspflege gekennzeichnet ist. Ihr
Verhalten ist typischerweise durch den Wunsch geprägt, Teil eines sozialen Gefüges
zu sein, in das sie fest integriert sind und in dem sie sozialen Halt finden. Im
Unterschied zu jungen Männern sind sie deswegen viel weniger um individuelle
Selbstbehauptung bemüht, sondern eher an der Bildung von sozialen Netzwerken
und Zusammengehörigkeitsmustern orientiert.“ 34 Dieser Umstand sollte bei der
Begabungsförderung junger Heranwachsender im Internet, unabhängig von der
Herkunft der jungen Frauen, unbedingt berücksichtigt werden. Dazu bedarf es vor
allem einer Kontaktpflege zu den Erziehungsberechtigten, die in diesem Falle unter
einer besonderen Verantwortung stehen. Kulturelle Unterschiede müssen in dieser
Phase in jedem Fall zweitrangig sein und dürfen nicht zum Vorwand dienen, frühreifen heranwachsenden Frauen eine Sonderstellung religiös intendierter Art unter
Berufung auf Freiheit einzuräumen, die nur Mittel zum Zweck zur Wahrung und zum
Konservieren tradierter Vorstellungen darstellt. Eine junge Frau sollte beispielsweise
selbst darüber zu entscheiden haben, welchen Moden und Trends sie folgt und
welchen nicht. Denn lernen kann nur, wer Fehler macht, die auf eigene Entscheidungen zurückgehen. Fremdentscheidung wird kaum das eigene Einschätzungsvermögen wirkungsvoll unterstützen können. Dass junge Frauen bei ihren
Entscheidungen darum nicht alleingelassen werden müssen, versteht sich meines
Erachtens fast von selbst. Vielleicht sollte – für Jungen wie für Mädchen – bei der
Kleiderfrage besonders im Schulalltag nicht so sehr die Diskussion nach einem
‚einheitlichen Look’ in Vordergrund stehen, sondern stattdessen die Überlegung
aufgegriffen werden, ob nicht auch auf dem Schulgelände eine professionelle
Stilberatung in Anspruch genommen werden darf. Denn eine solche ließe sich im
Unterricht – wie viele andere Beratungsfragen – integrieren. Ob nun die Beraterinnen
und Berater Lehrerinnen und Lehrer genannt werden sollten oder das Lehrpersonal
32
Grob, Alexander (Hrsg.): „Kinder und Jugendliche heute: belastet – überbelastet?“ – Pubertät als Belastung, a.
a. O., S. 142
33
ebd.
34
Deutsche Shell (Hrg.) / Hurrelmann, K. / Albert, M. / Linssen R. in Arbeitsgemeinschaft mit Infratest
Sozialforschung: „Jugend 2002“ – berufen sich in Geschlechtsspezifische Muster der Lebensführung, a. a. O., S.
37 auf Helfferich, 1994
22
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
eine solche Funktion bereits verkörpert ist ein formaler Aspekt, den die Schülerinnen
und Schüler im Augenblick der effizienten Beratung wenig interessiert.
In diesem Zusammenhang habe ich in meiner nicht-repräsentativen Befragung von
52 fünfzehnjährigen Hauptschülerinnen erfahren, dass bei Unsicherheiten bezüglich
lernbedingter Fragen, Mädchen die Kontrolle ihrer Antworten sich durch die Lehrerin
bzw. den Lehrer einholen, somit das Lehrpersonal eine starke Beratungsfunktion für
junge Frauen hat. 46 Prozent der Mädchen fragen den Lehrer bzw. die Lehrerin,
wenn es darum geht, herauszufinden, ob ein Wort so oder anders geschrieben wird,
35 Prozent der Mädchen schauen in einem Wörterbuch nach, zwei Prozent fragen
den Klassenbesten oder erkundigen sich im Internet. Zeigt dieses Ergebnis – auch
wenn es nicht repräsentativ ist – meiner Ansicht nach doch sehr präzise, dass
Mädchen ihre Orientierung in sozialen Netzwerken stärker zu suchen scheinen, als
dies bei Jungen der Fall ist.35
Die frühe Abhängigkeit einiger junger Frauen nach Anerkennung, die ja zwangsläufig
mit der Akzeptanz zu sozialen Netzwerken verbunden zu sein scheint, kann allerdings auch unter Umständen zu psychosozialen Belastungsstörungen führen. Denn
„im Unterschied zu Männern reagieren Mädchen und junge Frauen bei Belastungen
und Überforderungen nicht mit nach außen gerichteten, extrovertierten und fordernden Haltungen, sondern eher mit nach innen gerichteten, introvertierten Mustern. Bei
Überforderungen zeigen sie schnell Hilflosigkeit und Depression, ziehen sich auf sich
selbst zurück oder entwickeln psychosomatische Beschwerden. Sie reagieren also
auf Belastungen zwar mit einer Steigerung ihrer Anstrengungsbereitschaft, aber sie
tun das in einer auf ihre Persönlichkeit bezogenen, individualisierenden und
privatisierenden Form und nicht in Gestalt einer aktiven Herausforderung oder
Protest.“36 Und diese Gestalt kann die unterschiedlichsten Formen annehmen. Sie
kann äußerliche Formen haben; mit einem starken Hang zum Körperkult, der im
Extremfall zu bulemischen Reaktionen führt oder sie kann die Form eines
strebsamen Menschen nach schulischer Leistung annehmen. Die erste Variante soll
hier nicht weiter ausgeführt werden müssen, da das Thema der Essstörung bei
jungen Heranwachsenden zu vielschichtig ist und damit drohen würde, diese Arbeit
dann an ihren eigenen Zielen vorbeiführen zu lassen. Die zweite, mögliche psychosoziale Gestaltung junger Frauen mit Herausforderungen umzugehen, nämlich die
der schulischen Leistungssteigerung, erzielt zwar auf dem Bildungssektor ein
wünschenswerten Effekt, lässt aber gesamtgesellschaftlich gesehen die Frage immer
noch offen, warum Frauen mit hohem Bildungsniveau nicht die gleichen Zugangschancen auf dem Arbeitsmarkt genießen, wie Männer mit gleicher Qualifikation.
Wünschenswert wäre, wenn die Prognose der DEUTSCHEN SHELL-Jugendstudie 2002
im Hinblick auf die Chance der Gleichberechtigung von Frauen und Männern sich
tatsächlich eines Tages erfüllen könnte:
„Schon heute haben Mädchen, zumindest hinsichtlich ihrer Bildungsqualifikationen,
die besseren Ausgangspositionen für den Arbeitmarkt und damit auch zumindest
potenziell bessere Zukunftschancen. Zum Zweiten ist zu erwarten, dass Mädchen mit
der Etablierung des hohen Bildungsstands sich auch zunehmend das politische
Terrain erschließen und dort ihre Eigeninteressen durchsetzen werden. Dazu
gehören Themen wie die Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
35
vgl. Kap. 1.2.1.1.2. und Shell-Studie 2002
Deutsche Shell (Hrg.) / Hurrelmann, K. / Albert, M. / Linssen R. in Arbeitsgemeinschaft mit Infratest
Sozialforschung: „Jugend 2002“ – Geschlechtsspezifische Muster der Lebensführung, a. a. O., S. 40
36
23
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Langfristig impliziert der zunehmende Bildungsaufstieg von Mädchen und Frauen,
dass sich ihre Chance auf Gleichberechtigung in der Gesellschaft weiter erhöht.“37
Doch dazu müssten sich die geschlechtlich unterschiedlichen Sozialstrukturen aufeinander abstimmen lassen können und zu einer Einigung gelangen, die über den
beruflichen Rahmen hinausginge und das familienpolitische Umfeld mit einbezieht.
Solange die Familienplanung vorwiegend in den Händen der Frauen zu liegen
scheint, wird sich in unmittelbarer Zukunft an den bisherigen Verhältnissen der
Gleichberechtigung wenig ändern. Das ginge nur, wenn sich die männlichen
Sozialstrukturen und Verhaltensmuster stärker als bisher in die Kindererziehung und
Familienplanung einbringen würden.
Da ich im zweiten Kapitel dieser Arbeit intensiver auf das Sozialisationsverhalten der
Heranwachsenden im Internet eingehen werde, möchte ich an dieser Stelle lediglich
die Hypothese stellen, dass junge Frauen stärker das Internet zu Kommunikationszwecken verwenden, als es junge Männer tun.
1.2.1.1.2.
Spezifisch männliche Verhaltensweisen Jugendlicher
Wenn die heutzutage so hochgeschätzten soft-skills, also die sozialen Kompetenzen,
einen wesentlichen Anteil am Erwerbsleben spielen, dann sollte hinterfragt werden
dürfen, ob zur sozialen Kompetenz es ausreicht, über ein gehöriges Maß an Selbstbehauptung und -kontrolle zu verfügen und in wieweit zu einer solchen Kompetenz
skills gehören wie Empathie und die Bereitschaft zur Rollenübernahme, zu der dann
freilich auch ein flexibles Rollenwechselverhalten mit einbezogen sein müsste. Laut
der Studie der DEUTSCHEN SHELL von 2002 zeigen junge Männer im Rollenwechselverhalten noch erhebliche Defizite, denn „die Mehrzahl der jungen Männer orientiert
sich an der Rollenvorstellung, durch aktive Demonstration von Einfluss und Stärke
einen angemessenen Platz in Beruf und Gesellschaft zu sichern. Diese Vorstellung
schlägt sich in einem deutlichen Bemühen um Selbstbehauptung und Abgrenzung
gegenüber anderen nieder, mit einem hohen Ausmaß an Selbstkontrolle, verbunden
mit dem stetigen Versuch einer größtmöglichen Ausweitung des eigenen Machtbereiches.“38 Dies zeigt sich deutlich in den Städten und Vorstädten, aber auch in ländlichen Gebieten, wo junge Männer territoriale Macht durch Cliquenbildung beanspruchen. In solchen Cliquen ersetzt sich die Selbstkontrolle eines Heranwachsenden durch die Fremdkontrolle der ‚Gang’ und seiner Führung. Regeln werden nicht
laut hinterfragt, sondern aus den verschiedenen Milieus und Subkulturen übernommen. Dabei spielen Moden und Trends, welche von den Jugendmedien vorgegeben
werden eine entscheidende Rolle. Wer fragt, könnte missverstanden werden und
eine Frage wird schnell als ein Hinterfragen angesehen, was wiederum dazu führt,
dass die bestehende Gruppenhierarchie angezweifelt werden könnte. Somit wird
Selbstkontrolle innerhalb einer Clique aus jungen Männern nicht als eine Selbstreflexion verstanden, sondern als Feigheit oder gar Verrätertum. Das lässt darauf
schließen, dass sich Jungen Antworten ihrer Fragen eher im Stillen holen, um
persönliche Unsicherheiten zu minimieren.
Ich glaube diese These durch meine nicht-repräsentative Befragung von 41
fünfzehnjährigen Hauptschülern hinsichtlich einer derartigen Selbstkontrolle bestätigt
zu wissen, dass bei Unsicherheiten bezüglich lernbedingter Fragen, Jungen nur
37
Deutsche Shell (Hrg.) / Hurrelmann, Klaus / Linssen, Ruth / Leven, Ingo in Arbeitsgemeinschaft mit Infratest
Sozialforschung: „Jugend 2002“ – Wachsende Ungleichheit der Zukunftschancen?, a. a. O., S. 62f.
38
ebd. Geschlechtsspezifische Muster der Lebensführung, S. 37
24
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
bedingt und in geringerem Maße als Mädchen die Kontrolle ihrer Antworten sich
durch die Lehrerin bzw. den Lehrer holen. 29 Prozent der Jungen fragen den Lehrer
bzw. die Lehrerin, wenn es darum geht, herauszufinden, ob ein Wort so oder anders
geschrieben wird. Das sind 17 Prozent weniger als bei den befragten Mädchen
gleicher Altersklasse. 44 Prozent der Jungen schauen in einem Wörterbuch nach,
also neun Prozent mehr Jungen kontrollieren sich selbst, als es Mädchen tun. Zwei
Prozent erkundigen sich im Internet und den Klassenbesten fragt in dieser Umfrage
nach eigenen Angaben keiner der Jungen.
Allein in der Pubertät lässt sich vielfach beobachten, dass heranwachsenden
Männern innerhalb und außerhalb der Familie eine größere Anerkennung und
Aufmerksamkeit zu Teil wird, als gleichaltrigen jungen Frauen. Ganz extrem tritt dies
zu Tage bei traditionalistischen Familienstrukturen, wo der jüngere Bruder sogar über
die ältere Schwester „bestimmen“ darf.
Ich möchte an dieser Stelle behaupten, dass junge Männer das Internet stärker zur
Befriedigung ihres Spieltriebes nutzen, als zur Kommunikation. Auch auf diese
Hypothese möchte ich im zweiten Kapitel näher zu sprechen kommen dürfen.
1.2.1.1.3.
Generationskonflikte und ihr Einfluss auf die Entwicklung Heranwachsender
Tab. 1.2.1.1.3.: Reibungspunkte oder Chancenausgleichung im Generationenkonflikt?
•
•
Jugendliche
Etwa 15 Jahre auf der Welt und damit
etwa 25 Jahre neuer und moderner als die
Eltern.
Zunehmen der Triebwünsche, „sexuelle
Abenteuer“, „erste Liebe“
•
•
•
Suche nach Perspektiven für Leben,
Arbeit, Freizeit
•
•
Träume vom schnellen Auto oder
Motorrad
Noch Taschengeld oder
geringes´Lehrgeld
Neugierde, Unternehmungslust
Auf dem Weg zum Höhepunkt
physischer und kognitiver
Leistungsfähigkeit
Unerfahren mit Behörden,
Karrierebahnungen oder
gesellschaftlichen Aufgaben
Wenig Mittel, das Leben eigenständig zu
gestalten
•
•
•
•
•
•
•
Erwachsene
Etwa 40 Jahre auf der Welt und damit
etwa 25 Jahre „weiter“ und gereifter als
die Jugendlichen.
Nachlassen der Triebwünsche,
stabilisierte Sexualität, Ehekrise, Streit,
Trennung
Gefestigte Verhältnisse in Beruf und
Beziehungen, auch Enttäuschungen /
Arbeitslosigkeit
Wiederentdeckung des Fahrrads (auch
zur Gesunderhaltung)
Materiell geregeltes Auskommen
•
•
Planung, Routine
Abnahme physischer und auch kognitiver
Leistungsfähigkeit
•
Erfahren und „besser-wissend“
•
Mehr Einfluss auf eigene Gestaltung und
persönlich gemäße Lebensweise39
Eines der sinnbildlichsten Vergleiche, den ich in der Literatur zum Thema
Generationskonflikte im Zusammenhang mit der hier zu erörternden Fragestellung
gefunden habe, ist bei THOMAS FEIBEL auf erfrischend leichte Art zu lesen:
39
aus einer Leseprobe der Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie e. V.
25
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
„Unsere Auflehnung galt allem. Wir waren gegen die Diktatur in Spanien, gegen die
Diktatur in Griechenland, gegen die Diktatur in Portugal, gegen die Diktatur in Chile,
gegen die Diktatur in Argentinien, Waldsterben, Pershing II, Tierversuche, Startbahn
West, Gorleben – wir ließen nichts aus. Was die deutschen Jugendlichen eben so
taten, als es nur drei Fernsehsender gab. Wir hatten Stolz, wir hatten Ideale, wir
hatten GEORG DANZER. Und eine gehörige Portion Aggressivität. Warf jemand bei den
Auseinandersetzungen auf der Straße mit Steinen, musste er schnell sein, erwarb
sich so die Konstitution eines Marathonläufers und ergriff später durchaus auch eine
politische Karriere. Als Jugendliche setzten wir uns kritisch mit der von Erwachsenen
geschaffenen Gesellschaft auseinander und schufen eigene Identitäten. Notfalls
durch exzessiven Haarwuchs. Junge Männer verweigerten Ende der siebziger Jahre
entschlossen den Dienst an der Waffe und verhalfen ausgerechnet olivgrünen
Armeejacken zu einem modischen Status. Der Rest trat sauber gescheitelt der
Jungen Union bei oder ergriff eine sichere Lehre als Bankkaufmann. Dann kamen
Punk und No Future. Plötzlich hatten Jugendliche auf nichts mehr 'Bock'. Alles war
egal. Bis auf das Outfit. Manche Punker schmieren sich Eier und andere Lebensmittel in die Haare, aus denen jede Nachkriegsmutti ein halbwegs vernünftiges
Abendessen gezaubert hätte. Heute stehen die letzten Punker mit ihren Hunden an
Berliner Kreuzungen, wischen für ein paar Münzen freundlich die Scheiben der
Autofahrer sauber und symbolisieren auf tragische Weise die letzten Revolutionäre.
Von den Veganern mal abgesehen. Außerdem führte Rebellion immer zum Tod. Che
Guevara? Tot. James Dean? Tot. John Lennon? Tot. Sid Vicious? Tot. Kurt Cobain?
Tot. Und was ist aus all jenen geworden, die keine Idole waren und überlebt haben?
Eltern.“ 40
Mittlerweile ist in den Publikationen bereits von den „Neuen Konservativen“ 41 die
Rede. Ich selbst, Baujahr 1964, kann aus eigener, mittlerweile rückblickend auf mehr
als zwölf Jahre Campus-Erfahrung an der Ruhr-Universität Bochum feststellen, dass
sich die Generationen auf dem Campus besonders innerhalb der letzten fünf Jahre
verändert haben. Die Campus-Generation „Tu Was!“ ist Geschichte – war sie doch
auf dem Campus der Ruhr-Universität Bochum die studentische Stellvertretung, die
dafür sorgte, dass Einwegkaffeebecher für eine Weile aus den Cafeterien
verschwanden und gegen 3-DM-Kaffeetassen abgelöst wurden. Eigenverantwortlichkeit machte sich bezahlt. Wenn ein Studierender Ende der 90iger seine Kaffeetasse
vergaß, musste er entweder auf Kaffee vom Tresen verzichten oder aber 3 DM als
Pfand für eine ausleihbare Tasse hinterlegen. Jenseits des Jahres 2000 ließ der
‚Mülltrennungs-Hype’ langsam und nachhaltig nach – Mülltrennung wurde mehr und
mehr zur Frage der eigenen Einstellung und nicht eine erzwungene Angelegenheit.
Die „Generation Golf“ und die „Generation der rutschenden Hosen“ rückte nach oder
wie ich sie nennen würde, eine Generation der Beliebigkeit wechselte die Generation
der studentischen Dogmen ab. Das vertraute „Du“ zwischen den Studierenden wich
einem höflichen und distanzierten Kult des „Siezens“. Ich kann mehr und mehr
beobachten, wie die Höflichkeit im Umgang der jungen mit der alten Generation
zunimmt und zwar im gleichen Maße wie die Aggression der Alten gegenüber der
Jungen und auch umgekehrt. Offensichtlich sind die Trennlinien, genauso wie die
Schnittstellen zwischen der jungen und der alten Generation schärfer geworden. Das
zeigt sich auch in einer Feststellung von HURRELMANN, LINSSEN und LEVEN in der
40
Feibel, Thomas: „Die Internet-Generation“ – Tschüss, Jugendkultur, a. a. O., S. 92f.
Lau, Mariam: „Gott bewahre!“ – Die 68er sind angeblich am Ende und wir müssen uns mit den neuen
Konservativen anfreunden. Auch wenn’s verdammt schwer fällt. Ein Annäherungsversuch, Magazin der
Süddeutschen Zeitung, #26, 1. Juli 2005
41
26
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
DEUTSCHEN SHELL-Jugendstudie 2002: „Vielmehr ist hervorzuheben, dass gerade
Jugendliche, die mit ihren Eltern größere Probleme haben, seltener bei Gleichaltrigen
auf Verständnis stoßen werden, wie das noch in den 80er Jahren der Fall war.“42
„Take it or leave it!“ scheint hier die Umgangsformel der Jugend mit der älteren
Generation zu lauten. Andererseits lässt sich auch vermuten, „dass eine Mehrheit der
Jugendlichen in Erziehungsfragen keine große Distanz zu den Eltern aufweist und
vielmehr die erlebten Erziehungsstile für sich auch übernehmen will.“43
Zu beobachten ist auch ein zum Teil gehöriger Autoritätsverlust zwischen Eltern und
Kindern. Durch die pädagogische Doktrin der 70iger Jahre, dass Kinder alles
begreifen, wenn man es ihnen ausführlich und eindeutig erklärt, scheint eine Art
Verzweiflung geboren zu sein, die das Scheitern einer solchen Theorie hervorbringt.
Das, was in der Geschichte der Pädagogik noch nicht hinreichend genug ausprobiert
worden ist – und zwar die Gleichberechtigung zwischen Kindern und Eltern
praktizieren zu wollen – scheitert auf klägliche Weise. Stattdessen ist heutzutage „ein
Elternpaar rasch (wieder) bereit, seinen Kindern irgendetwas zu befehlen. Es achtet
aber nicht immer darauf, dass seinen Forderungen auch Genüge getan wird.
Schließlich lernen die Kinder am Tonfall. Der wachsende Ärger der Eltern wird zu
einem Hinweisreiz, der vorhersagt, dass nun auf die Befolgung der Befehle
gedrungen wird. Die Eltern setzen sich schließlich nur noch durch, wenn sie laut
brüllen. Daher kommt es, dass familiäre Auseinandersetzungen häufig mit so
beträchtlichen Phonstärken abgewickelt werden.“ 44 Meiner Ansicht nach ist dieser
Umstand sicherlich ein Phänomen, das sich durch die Erziehungsgeschichte der
Menschheit zieht. Allerdings fehlen in diesem Fall oft die sozialen Puffer, die es in
Großfamilien früher gegeben hat. Diese Puffer sind Geschwister, Großeltern, Onkel
und Tanten.
PLATON hatte schon sehr früh erkannt, dass „viele zwar die Erkenntnis dessen
besitzen, was für sie das Beste ist, wollen es aber trotzdem nicht tun, obschon sie es
könnten, sondern entscheiden sich für ihr Tun anders.“45 Bezogen auf die Nutzung
des Internets bekommt diese Erkenntnis eine völlig neue Dimension gerade für die
„Generation 40 plus“. Dieser Generation lässt sich unterstellen, dass sie fern von
privaten Ambitionen möglicherweise auch beruflich im Internet zu tun haben. Und
wenn nicht beruflich, so dann aus anderen Zwängen heraus das Internet nutzen.
Seltener geben sie zu, zum reinen Vergnügen sich ins Internet zu begeben. Sind sie
erst einmal im Internet und drohen an ihren eigenen persönlichen Vorgaben zu
scheitern, entscheiden sie sich für ihr Tun anders und geben die vermeidliche Suche
nach präferenzorientierten wichtigen Informationen vorerst auf oder stellen sie
zugunsten eines schnellen Chats oder Spiels zurück.
Angesichts der heutigen Ratlosigkeit im Umgang mit dem digitalen Zeitalter und
seiner Probleme und Kontroversen, wie zum Beispiel urheberrechtliche Fragen beim
Programmieren für Anwendungen im Internet (OPEN-SOURCE-BEWEGUNG gegen
Monopolisierung von WINDOWS durch die MICROSOFT CORPORATION) oder der Gerissenheit der Jugend, die darum weiß, den Älteren im Umgang mit dem Medium
Internet immer einen Schritt voraus zu sein, lässt mich an die Apologie des SOKRATES
42
Deutsche Shell (Hrg.) / Hurrelmann, Klaus / Linssen, Ruth / Leven, Ingo in Arbeitsgemeinschaft mit Infratest
Sozialforschung: „Jugend 2002“ – Wachsende Ungleichheit der Zukunftschancen?, a. a. O., S. 61
43
ebd.
44
Bandura, Albert: „Sozial-kognitive Lerntheorie“, a. a. O., S. 93
45
Platons Dialog Protagoras, Einleitung von Otto Apelt in Bezug auf den Widerstreit zwischen Handeln und
Wissen, a. a. O., Seite 14
27
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
erinnern. In dieser Apologie braucht man nur ein paar Begriffe auf die heutige Zeit zu
übertragen, um eine Übereinstimmung mit dem antiken Text zu erzielen. Da ist zum
Beispiel von einem Orakel die Rede, dass sich als das Internet schlechthin verstehen
lässt, die Gottheit steht für den Software-Konzern MICROSOFT, der Gott ist
demzufolge kein anderer als BILL GATES persönlich, die Handwerker sind hierbei die
professionellen Programmierer und Anwender, ein Weiser ist jener, der sich mit
diesem Widerspruch des patentierten Programmierens zur OPEN-SOURCE-BEWEGUNG
vertraut macht, der Philosoph ist hier als freier Programmierer zu verstehen und
SOKRATES ist in diesem Fall niemand anderes als der Linux-Entwickler LINUS
THORVALD46. Die Jünglinge stellen hier die OPEN-SOURCE-BEWEGUNG selbst dar, die
für einen freien Zugang der Software plädiert und sich vor allem aus jungen Leuten
rekrutiert:
„Ich richtete also an mich selbst im Namen des Orakels die Frage, was ich vorziehen
würde: der zu bleiben, der ich bisher war, also weder weise zu sein auf die Art dieser
Handwerker noch auch ihren Unverstand zu teilen, oder aber beides mit ihnen zu
teilen. Die Antwort, die ich mir und dem Orakel gab, lautete dahin, es sei besser für
mich, zu bleiben wie ich bin. Dieses Prüfungsverfahren, meine Mitbürger, war für
mich die Quelle vieler Feindschaften, und zwar von Feindschaften der gefährlichsten
und schwersten Art: daher die zahlreichen Verleumdungen wider mich, daher der
Ruf, in den ich kam, ein Weiser zu sein. Denn die Zuhörer sind in der Regel des
Glaubens, ich selbst sei im Besitze der Weisheit, die ich durch Prüfung und Widerlegung anderer suche. In Wahrheit aber kommt, so scheint es, meine Mitbürger,
diese Weisheit nur der Gottheit zu, und ihr Orakelspruch kann nur dieses besagen,
dass die menschliche Weisheit herzlich wenig, ja gar nichts bedeutet. Und allem
Anschein nach gilt dieser Spruch nicht eigentlich dem SOKRATES, sondern der Gott
bedienet sich meines Namens nur beispielsweise, als wollte er sagen: ‘Derjenige
unter euch, ihr Menschen, ist der Weiseste, der wie SOKRATES erkannt hat, dass
seine Weisheit in Wahrheit keinen Heller wert ist.‘ Dieses also im Sinne der Gottheit
zu erforschen und zu ergründen, mache ich auch jetzt noch immer die Runde bei
Bürgern und Fremden, wo ich einen für weise halte; stellt sich mir dies aber als nicht
zutreffend heraus, dann mache ich mich zum Helfer des Gottes und erbringe den
Nachweis, dass er nicht weise ist. Und diese Tätigkeit hat mir keine Zeit übrig
gelassen, mich irgendwie den staatlichen und häuslichen Geschäften zu widmen: der
Dienst, den ich der Gottheit leiste, bringt tausendfältige Armut über mich. Dazu
kommt noch folgender Umstand: es schließen sich mir Jünglinge, die als Söhne der
wohlhabendsten Bürger sehr viel freie Zeit haben, freiwillig an, und diese finden nicht
wenig Vergnügen daran, zuzuhören, wenn ich die Menschen ins Gebet nehme. Oft
machen sie es mir auch nach und probieren an anderen ihre Überführungskunst; und
dabei finden sie gewiss mehr als genug Menschen, die da glauben, etwas zu wissen,
tatsächlich aber wenig oder nichts wissen. So kommt es denn, dass die von ihnen
Überführten gegen mich voller Zorn sind statt gegen sich selber und von einem
gewissen SOKRATES reden, einem gottlosen Menschen und Verführer der Jugend.
Und fragt man sie nach Beweisen, also nach Taten und Lehre des Mannes, dann
wissen sie nichts zu sagen, sondern sind wie vor den Kopf geschlagen; um aber
nicht völlig ratlos zu scheinen, kramen sie die bekannten Schlagworte aus, die man
gemeinhin den Philosophen entgegenhält, nämlich er lehre die himmlischen
Erscheinungen und die Dinge unter der Erde, lehre den Unglauben in Bezug auf die
46
Thorvald ist von Hause aus kein Programmierer, sondern ein Ingenieur, der mit etwas Programmierkenntnissen zu Beginn der 90iger Jahre die Microsoft Windows-Programmierung umschrieb, den Programmcode ins
Netz stellte und Netznutzer aufforderte, an dieser Programmierung weiter zu basteln
28
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Götter und lehre die Kunst, die schlechtere Sache zur besseren zu machen. Denn
den wahren Grund ihres Hasses einzugestehen, das bringen sie nicht über sich; sie
wollen nicht gestehen, dass sie durch SOKRATES bloßgestellt werden als Leute, die
vorgeben, etwas zu wissen, in der Tat aber nichts wissen. Bei ihrem vorauszusetzenden Ehrgeiz aber, bei ihrer Leidenschaftlichkeit, ihrer großen Zahl, ihrem
vollen Krafteinsatz und der Überredungskunst in ihren Aussagen wider mich ist es
begreiflich, dass sie auch euer Ohr schon längst mit ihren leidenschaftlichen
Verleumdungen gegen mich gewonnen haben.“47
Das, was zum Teil auch an die Überlieferung des ‚Rattenfängers von Hameln’
erinnern dürfte, ist nicht nur auf die oben erwähnte Struktur des Internets und seiner
Entwicklung zurückzuführen, sondern erlebt im sozialpädagogischen Diskurs eine Art
Renaissance, die sich nach REUTLINGER in den Zeiten des so genannten digitalen
Kapitalismus neu zu bewähren hat.48
1.2.1.1.4.
Bildungsnahe und -ferne Heranwachsende im Internet
Gäbe es eine Untersuchung darüber, welche Herkunft junge Heranwachsende in den
Internetcafés in Deutschland die Mehrheit bildet, so würde ich fast darauf wetten
wollen, dass die meisten jungen Besucherinnen und Besucher – und das besonders
zur schulpflichtigen Vormittagszeit – einen Migrationshintergrund haben. Eine solche
Hypothese lässt sich sicherlich nicht ohne einen enormen statistischen Aufwand
verifizieren, jedoch unter der Prämisse, sie sei wahr, ließen sich Rückschlüsse
ziehen, die für die Verhaltensweisen und Sozialstrukturen von Heranwachsenden
und insbesondere von pubertierenden Jugendlichen interessante Ergebnisse erwarten ließen. Gerade Internetcafés sind die entscheidenden Orte, um Verhaltensweisen Heranwachsender im Internet besonders gut studieren zu können. Während
meiner Studien in Internetcafés, sind mir besonders an Vormittagen jugendliche
Ausländerinnen und Ausländer aufgefallen, die dort chatteten49. Als Grund vermute
ich unter anderem die Möglichkeit für Ausländerinnen und Ausländer, die Kontaktaufnahme zu ihren Heimatländern. Hierbei ist vor allem bei Heranwachsenden
asiatischer Herkunft, insbesondere aus China, Vietnam, Indien, Sri Lanka und
Indonesien besonders die Zeitverschiebung erwähnenswert, weil während für die
hiesigen Heranwachsenden mit Migrationshintergrund aus genannten Regionen
eigentlich Schule angesagt sein müsste, für die dortige Bekanntschaft bereits später
Nachmittag oder früher Abend ist.
Vor allem in sozialen und multikulturellen Brennpunktbezirken Deutschlands
schießen Internetcafés wie Pilze aus dem Boden. Kaum ein Internetcafé, welches
ohne Messenger50 dort auskommt. Zurzeit lassen sich hinsichtlich der Infrastruktur
innerhalb von Internetcafés zwei besondere informationstechnologische Besonderheiten ausmachen: Internetcafés in innerstädtischen Bereichen kommen lieber ohne
Messenger aus, da diese Cafés über eine stattliche Größe und eine große Anzahl
von Einzelrechnern verfügen und ihre Klientel in erster Linie Erwachsene und Spieler
sind, die solche Messenger nicht benötigen. Das kommt einem großen Internetcafé
zugute, da Messenger die Gefahr bergen, dass das ganze interne Rechnernetz
durch die offene Struktur, die Messenger von Natur aus benötigen, kollabieren
47
Apologie des Sokrates (Verhältnis der Jugend zu Sokrates) Seite 33, aus Platons Dialoge, Bd. I
weiterführende Erläuterungen vgl. 1.2.2.1.1. Theorie des Jugendraums – Aneignungsansatz und
Entfremdungstheorie
49
vgl. Kapitel 2.2.
50
ebd.
48
29
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
lassen könnte. Die Kundschaft in solchen innerstädtischen Internetcafés ist jedoch
auf einen reibungslosen Verlauf des „Surfens“ bzw. des Spielens angewiesen und
würde bei gelegentlichem Rechnerausfall – der sei es auch nur wenige Minuten in
Anspruch nähme – einfach künftig ausbleiben. Die andere Variante sind kleine
Internetcafés in den städtischen Randbezirken, die oftmals in Kiosken eingebettet
sind und nur über ein paar wenige Rechner verfügen. Dort finden sich – in einem
weniger gesicherten intrastrukturellem Netzwerk – auch Messenger und Webcam zur
freien Verfügung an den einzelnen Rechnern. Die Klientel sind vorwiegend ausländische Jugendliche, die sich dort ihre Zeit vertreiben und die Messenger extensiv
nutzen. Fällt in einer solchen Umgebung die gesamte Rechenanlage aus, dann ist
das für den Betreiber nicht weiter tragisch – sofern das nicht mehrmals zur Tagesordnung gehört. Außerdem ist bei einem Virenbefall, verursacht durch ungeschützte
Rechner mit Messengerbetrieb, oftmals nur ein Rechner betroffen, so dass dieser
eine Rechner erst einmal stillgelegt wird, was sich wiederum ein innerstädtisches
großes Internetcafé, welches auf die Einnahmen durch jeden einzelnen Rechner
angewiesen ist, nicht leisten könnte. In einem kleinen kioskhaften Internetcafé nimmt
die Kundschaft einen Rechnerausfall gelassen hin und wechselt zum nächst besten,
freien funktionsfähigen Rechner oder gönnt sich mit einer Cola eine cliquenmäßige
Auszeit.
Wie eingangs in diesem Abschnitt von mir unterstellt wurde, handelt es sich bei
vielen MigrantInnnenkindern, die tagsüber sich in Internetcafés aufhalten, um Schulverweigerer. Das trifft aber nicht ausschließlich auf Kinder mit Migrationshintergrund
zu. Vormittags treffen sich auch viele deutsche Heranwachsende im Internet, was
diese Studie anhand von den im Anhang dieser Arbeit aufgeführten Aufzeichnungen
nahe legen lässt. Ich möchte hier eine Hypothese anführen dürfen und behaupten,
dass sich viele Kinder deutscher Familien während der Schulzeit in ihren Zimmern
befinden, statt in Klassenzimmern und die Gelegenheit mangelnder elterlicher
Aufsicht nutzen, um zu chatten. Möglich macht dies häufig die Tatsache, dass viele
Familien aus Doppelverdienern bestehen, wo beide Elternteile frühzeitig arbeiten und
darauf vertrauen, dass ihre Kinder selbständig und eigenverantwortlich den Schulunterricht besuchen. Oder aber es sind Kinder aus bildungsfernen Milieus, wo die
Eltern den Tagesablauf ihrer Kinder selten kontrollieren und noch nicht einmal mit
ihren Sprösslingen morgens früh den Tag beginnen. In einigen Fällen – und das sind
nach meiner halbjährigen Studie aus dem Jahr 2004 überhaupt nicht wenige –
wissen vor allem deutsche Kinder auch elterliches Vertrauen zu missbrauchen,
indem sie so tun, als gingen sie zur Schule, in Wirklichkeit jedoch den Vormittag ggf.
zuhause verbringen – oder aber in Internetcafés – um dort ihrer bevorzugten
Neigung des Chattens oder des Spielens nachzugehen. Es dauert oftmals Monate
oder länger, ehe die Erziehungsberichtigten und Lehrer überhaupt dahinter kommen,
was ihre Schützlinge mit der vermeintlichen Schulzeit anfangen.
Unabhängig von der Herkunftsbetrachtung dieser Art von Schulverweigerung junger
Heranwachsender bleibt noch ein anderes Phänomen, welches ich während meiner
Internetstudien im ersten Halbjahr 2004 beobachten konnte. Meiner eigenen
Schätzung zu folge sind mehr als die Hälfte aller sich vormittags in deutschsprachigen Chats aufhaltende jugendliche Heranwachsender im Schulunterricht.
Was zuerst etwas paradox klingen mag, hat einen relativ leicht verständlichen,
pädagogischen Hintergrund, sofern einem der schulische Alltag vertraut ist. Wie im
Kapitel 1.2. bereits angeführt wurde, haben derzeit mehr als 69 Prozent aller Schulen
in Deutschland Rechner mit Internetanschluss für ihre Schülerinnen und Schüler zu
30
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
bieten. Diese Tatsache lässt den Schluss zu, dass eine intensive Nutzung des
Schulunterrichts mithilfe der Rechner nicht auszuschließen ist. Im Gegenteil: wenn
vor wenigen Jahren möglicherweise Rechner genutzt wurden, um ausschließlich den
Umgang der Medienkompetenz zu schulen, so werden Rechner heutzutage im
Schulunterricht verstärkt auch als Hilfsmittel für die klassischen Schulfächer
eingesetzt. Ausführlicher wird dieses Thema im fünften Kapitel dieser Ausarbeitung
zur Sprache kommen.
Wo außerhalb des Internets eine Vermengung der Schnittstellen von radikalen
Verhalten (sei diese politisch, religiös oder gesellschaftlich motiviert) festzustellen ist,
so ist innerhalb des Internets eine klare Abgrenzung von Einstellungen über
Herkunft, politische oder religiöse Meinung unter den Heranwachsenden feststellbar
und bietet einen Nährboden radikaler Zugehörigkeiten, wie sie sich außerhalb des
Internets heutzutage nicht mehr so schnell finden lassen. Mehr oder weniger
einwandfrei dagegen ist der Unterschied im Verhalten und der Sozialstruktur
innerhalb des Internets zwischen den Geschlechtern zu interpretieren.
1.2.2.1.
Die sozialpsychologische Persönlichkeitsstruktur Heranwachsender im Internet
Ob das Internet nun ein Fluch oder ein Segen in unserer modernen und globalen
Gesellschaft darstellt oder nicht, darüber ließe sich lange philosophieren, ohne dass
dabei jemals eine Aussicht auf einen gesellschaftlichen Konsens bestünde. Zweifelsohne kann jedoch kein Medium, ob das nun Literatur, Fernsehkonsum, Videospiele,
Musik oder Internetnutzung ist, für eine einzige Verhaltensweise verantwortlich
gemacht werden. Schließlich ist an der Tötung eines Menschen auch nicht das Mordinstrument Schuld. Vielmehr ist es eine Frage der Kompetenz mit Medien
umzugehen. Das Kapitel 4 dieser Arbeit widmet sich dem Thema der Medienkompetenz ausführlicher. Ein wesentlicher Punkt, der sich aus der Medienkompetenz
tatsächlich ergibt, ist die zu vermeidende Überforderung, die sich zur Belastung
auswirken kann. Überforderung lässt sich nicht auf den Umgang mit einem einzigen
Medium reduzieren, sondern resultiert aus Erwartungen und Ansprüchen, denen
nicht genüge getan wurden. Die Reaktion auf Überforderung gerade bei Heranwachsenden äußert sich unter Umständen in Gewalt, Schmerz, Aggression und
Extremismus. Diese Verhaltenserscheinungen stellen für viele Jugendliche eine
Strategie dar, um ein Ventil gegen zu große Belastungen zu öffnen. Darauf weist die
DEUTSCHE SHELL-Jugendstudie 2002 eindringlich hin: „Aggressivität, Gewalttätigkeit
und extremistische politische Orientierungen stellen neben den psychosomatischen
Symptomen und introvertierten Reaktionen eine Strategie Jugendlicher dar, um mit
Belastungen fertig zu werden.“51
Das Internet, welches in der Regel die Gesellschaft zu spiegeln weiß, gibt in diesem
Fall kein Zerrbild ab, welches erst auf die Wirklichkeit übersetzt werden müsste,
sondern ist bereits ein originalgetreues Abbild, was die Jugendkultur angeht. Der
sonstige ‚Spiegel Internet‘, der die Dinge manchmal geschickt zu verdrehen weiß,
bringt sie hier auf den Punkt: Jugendliche finden in diesem Medium vor, was sie auch
unter ihres gleichen vorfinden. Der einzige Unterschied ist, dass sie sich schnell aus
Interaktionen verabschieden können, schneller als es in ihrer häuslichen Umgebung
möglich ist, um Belastungen zu vermeiden. Denn laut GROB „ergibt sich Belastung
aus einer Interaktion zwischen persönlichen, sozialen und kulturellen Ansprüchen
51
Deutsche Shell (Hrg.) / Hurrelmann, K. / Albert, M. / Linssen R. in Arbeitsgemeinschaft mit Infratest
Sozialforschung: „Jugend 2002“ – Geschlechtsspezifische Muster der Lebensführung, a. a. O., S. 42
31
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
und persönlichen, sozialen und kulturellen Ressourcen.“ 52 Diese Ansprüche und
Ressourcen wissen die Jugendlichen im Internet zu schonen, da diese Postulate dort
nicht so präsent und penetrant sind, wie in der sozialen Wirklichkeit vieler
Heranwachsender.
1.2.2.1.1.
Theorie des Jugendraums – Aneignungsansatz und Entfremdungstheorie
Ähnlich der Frage nach dem Huhn und dem Ei, ob der erste Mensch ein Säugling
gewesen sei oder von vornherein erwachsen und damit fortpflanzungsfähig, dürfte
weniger von Belang sein, als die Tatsache, dass ein Kind „von Geburt an in einer von
Menschen geschaffenen objektiven Welt lebt. Zu ihr gehören die Gegenstände des
täglichen Bedarfs, die Kleidungsstücke, die einfachen Werkzeuge, zu ihr gehört auch
die Sprache, durch die Vorstellungen, Begriffe und Ideen widergespiegelt werden.
Selbst den Naturerscheinungen begegnet das Kind unter den von Menschen
geschaffenen Bedingungen (…). Die psychische Entwicklung des Kindes beginnt in
einer menschlichen Welt.“53
Ohne Frage leben wir in einer gegenständlichen Welt. Ein Kind lernt das sehr
schnell, in dem es den Gegenstand, den es in die Hand nimmt, zunächst ohne
weitere Umstände in das System der natürlichen Bewegung einbezieht: „Das Kind
führt zum Beispiel den Löffel wie jeden anderen natürlichen Gegenstand, der keinen
Werkzeugcharakter hat, an den Mund und achtet nicht darauf, dass es ihn waagerecht halten muss. Durch das unmittelbare Eingreifen des Erwachsenen werden die
Handbewegungen des Kindes beim Gebrauch des Löffels allmählich grundlegend
umgestaltet und ordnen sich der objektiven Logik des Umgangs mit diesem Gerät
unter.“54
Der altbekannte pädagogische Grundreim „Messer, Schere, Feuer, Licht, sind für
kleine Kinder nicht“ verliert im Laufe des Heranwachsens eines Menschen seine
Bedeutung, weil schließlich „Werkzeuge und Gegenstände des täglichen Bedarfs,
denen das Kind begegnet, von ihm in ihrer spezifischen Qualität erschlossen werden
müssen.“55 Das funktioniert jedoch nur, „indem das Kind mehr oder weniger genau
die Handlungen der Erwachsenen reproduziert, und es sich nicht nur dem Ideal
annähert, so zu sein wie sie, sondern es erfährt zugleich auch etwas über die
Eigenschaften der Gegenstände, mit denen die Erwachsenen umgehen, das heißt,
es erkennt sie als menschliche Gegenstände mit gesellschaftlichen Funktionen, die
an ihnen fixiert sind.“56
Dass Geschirr und Besteck zum Beispiel in die Küche gehören, lernt ein Kind durch
die Gegenstandsbedeutungen. Denn diese finden „ihre konkreten Zuweisungen in
der Einbettung in Räume; die Kategorie des Raumes spiegelt mit seinen Strukturen
auch die Strukturen der Gesellschaft wieder. Gegenstandsbedeutung und
Raumbezug haben (…) gerade in der Altersstufe der Kinder und jüngeren
Jugendlichen direkten Verweisungscharakter. (…) Die Umwelt des Kindes stellt nicht
nur ein Netz unsicht-barer und durch vergegenständlichte Bedeutungen überzogener
Räume dar, die im Aneignungsprozess erschlossen werden müssen, sondern ist
52
Grob, Alexander (Hrsg.): „Kinder und Jugendliche heute: belastet – überbelastet?“ – Ressourcen, a. a. O., S.
15
53
Leontjew, „Probleme der Entwicklung des Psychischen“, a. a. O., S. 451
54
ebd. S. 292
55
ebd. S. 281
56
Keiler, P.: „Das Aneignungskonzept A. N. Leontjews“, a. a. O., S. 96
32
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
entsprechend der Struktur der kapitalistischen Gesellschaft auch ein Raum, der
durch
kodifizierte
Regelungen,
Machtbefugnisse,
Herrschaftsund
57
Somit erhält ein spielendes Kind, das
Eigentumsansprüche verregelt ist.“
beispielsweise Geschirr aus der Küche entwendet und zweckentfremdet,
möglicherweise von seinen Eltern schnell die Lektion, diese Gegenstände entweder
nicht weiter zweckentfremden zu dürfen oder aber diese Gegenstände nach
(zweckentfremdeten) Gebrauch wieder an ihren Bestimmungsort zurückzulegen.
Widersetzt sich ein Kind auf Dauer dieser Gebrauchslogik muss das nicht unbedingt
heißen, dass damit eine Entwicklungs-schädigung einhergeht, weil die menschliche
Entwicklung nicht gleichbedeutend mit der Anpassung an seine Umwelt sein muss,
sondern im Gegenteil eine Auseinander-setzung mit der ihm umgebenden Umwelt
bedeutet. Dies meint dementsprechend, dass ein Mensch sich auch dann entwickelt,
wenn „er den Rahmen seiner begrenzten Natur verlässt, dass er sich ihr nicht
anpasst, weil er durch sie daran gehindert wird, den Reichtum echter menschlicher
Züge und Fähigkeiten voll zu entfalten.“58
Während Erwachsene Sanktionen oft im Zusammenhang mit rollenspezifischen
Interaktionen erleben, etwa in Familie und Beruf, „erfahren Kinder und Jugendliche
das ‚was geht und nicht geht‘ oft viel stärker in ihrer räumlichen als in ihrer
rollenspezifischen Interaktion.“59 Sie werden belohnt oder gelobt, wenn ihr Zimmer
‚ordentlich’ gehalten wird oder bestraft und getadelt, wenn sie Räume
zweckentfremden und somit ‚durcheinander’ bringen. Der Aneignungsprozess von
Räumen wird besonders deutlich, wenn sich vor Augen gehalten wird, dass Kinder
unter Umständen eine ganz andere Vorstellung von der Einrichtung eines Raumes
haben als Erwachsene.60
„Beim Handeln im Jugendalter grenzt sich der Jugendliche von etwas Bestimmten
ab. Damit ist die räumliche Dimension in den Handlungen, die Möglichkeit, sich
(räumlich) von etwas abgrenzen zu können, für die Identitätsbildung in der
Jugendphase besonders wichtig.“61 Diese Option steht jedoch oft nur Kindern aus
der Mittel- oder Oberschicht zur Verfügung. „Jugendliche des subkulturellen Milieus
haben weite Einschränkungen in den Verfügungsmöglichkeiten über räumliche
Ressourcen (zum Beispiel haben sie kein eigenes Zimmer, keine finanziellen
Ressourcen, um ins Kino oder in die Disco oder in eine Bar zu gehen, keine
soziokulturellen Ressourcen, um ihre Bewältigungsformen in einem Jugendhaus zu
machen etc.). Durch diese Faktoren wird die Straße zum sozialen Ort.“62 Doch um
möglichen Missverständnissen an dieser Stelle vorzubeugen, sei erwähnt, dass „es
nicht nur der Raum als territorialer Raum ist, der da sein muss, sondern die sozialen
und emotionalen Möglichkeiten, die in ihm stecken und die von Kindern und Jugendlichen aus ihrer emotionalen Befindlichkeit und ihrem sozialen Wollen heraus er57
Deinet, U.: „Das Konzept ‚Aneignung’ im Jugendhaus“, a. a. O., S. 41
Leontjew, „Probleme der Entwicklung des Psychischen“, a. a. O., S. 232f
59
Reutlinger, Christian Thomas: „Unsichtbare Bewältigungskarten von Jugendlichen in gespalteten Städten“, a.
a. O., Seite 52
60
besonders deutlich macht dies eine Unterhaltungssendung des Privatsenders RTL, wo Kindern die Möglichkeit
gegeben wird, in (erzwungene) Abwesenheit ihrer Eltern das Elternhaus nach ihren Wünschen mithilfe von
(fremden) Erwachsenen umzugestalten. Nicht umsonst trägt diese Unterhaltungssendung den Titel: „Zuhause ist
der Teufel los“.
61
Reutlinger, Christian Thomas: „Unsichtbare Bewältigungskarten von Jugendlichen in gespalteten Städten“, a.
a. O., Seite 53
62
Reutlinger, Christian Thomas: „Unsichtbare Bewältigungskarten von Jugendlichen in gespalteten Städten“, a.
a. O., S. 63
58
33
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
schlossen werden können.“ 63 Denn so manches Kind entwickelt sich nur unzureichend, wenn es einen territorialen eigenen Raum zwar beansprucht, der allerdings
‚vollgestopft mit Spielzeug’, aber nicht mit Leben erfüllt werden kann, weil dem Kind
die eigene Gestaltung seines Raumes beispielsweise durch die Vorstellungen der
Eltern verwehrt bleibt. Wenn Räume, ob nun in den geschlossenen vier Wänden oder
außerhalb des Hauses ausschließlich funktionalen Charakter aufweisen, der auf
Heranwachsende fremdbestimmt wirkt, dann löst dieser Umstand Aggressionen aus.
Solche Aggressionen führen „(…) beim Aneignungshandeln von Kindern und
Jugendlichen zu ‚abweichendem‘ oder ‚deviantem‘ Verhalten, denn um handlungsfähig zu bleiben, haben die Heranwachsenden gar keine andere Möglichkeit, als die
(räumlichen) Strukturen anzugreifen.“64
Hier muss die Jugendraumdiskussion greifen dürfen, denn es „geht um das
Aufzeigen der entfremdeten Welt und der daraus entstehenden (negativen) Folgen
für die Heranwachsenden; des Weiteren um die Forderung nach ‚Räumen‘ und
räumlichen Gegebenheiten, in denen Kinder und Jugendliche sich selbst als
Subjekte einbeziehen können, in denen nichtentfremdete Arbeit im Sinne von
Aneignung möglich ist.“ 65 . Im besonderen Maße gilt dies für die Gestaltung von
Plätzen, die kinder- und jugendgerecht sind und ihnen Möglichkeiten und Freiräume
zur Entfaltung bieten. Das fängt im eigenen familiären Umfeld an, Kindern eigene
Räume zur Verfügung zu stellen, wo sie sich austoben und entfalten können; geht
darüber hinaus zur Schaffung von öffentlichen Nischen und Plätzen, wo Jugendliche
Gestaltungsspielräume haben, wie zum Beispiel das zur Verfügungstellen eines
Abenteuerspielplatzes oder eines Jugendheimes und wirkt bis hinein ins Klassenzimmer durch die Bereitstellung eines Trainingsraumprogramms nach FORD (auf das
ich im Anhang dieser Arbeit praxisbezogener und ausführlich zu sprechen kommen
werde) und weit darüber hinaus bis in die moderne virtuelle Medienwelt hinein, wo
die Schaffung auch von virtuellen Räumen im Cyberspace66 eine enorme Rolle spielt,
denn dadurch werden „Plätze als Treffpunkte durch ihre regelmäßige Benutzung zu
einer Art informellen Institution dieses Milieus.“ 67 , welches sich ansonsten außer
Stande sieht, derartige Räume selbst zu organisieren.
1.2.1.1.5.
Geografien von Jugendlichen – Verregelungsthese
„Alltägliche Routinen sind in ihrer räumlichen und zeitlichen Strukturierung die Basis
der Seinsgewissheit und nicht mehr die traditionalen Elemente wie Verwandtschaftsbeziehungen, Traditionen usw.“68 Meiner Meinung nach zeigt REUTLINGER mit dieser
Aussage auch deutlich auf, dass ein wesentliches Element gesellschaftlicher
Regulierungen ganz besonders für traditionsbewusste Gruppierungen an Bedeutung
verloren hat und weiter an Bedeutung verlieren wird. Dass der Sohn beispielsweise
das berufliche Erbe seines Vaters antritt, ist heutzutage keine Selbstverständlichkeit
mehr. Dass der Clan über die Funktion eines innerfamilialen Schutzraums mit
Beziehungen zu gesellschaftlichen Organisationen verfügt, wird mehr und mehr zur
63
Böhnisch, L.: „Pädagogische Soziologie.“, a. a. O., S. 150
Reutlinger, Christian Thomas: „Unsichtbare Bewältigungskarten von Jugendlichen in gespalteten Städten“, a.
a. O., S. 54f
65
ebd., S. 57
66
vgl. zum Beispiel www.knuddelz.de
67
Becker, H./ Eigenbrodt, J./ May, M.: „Unterschiedliche Sozialräume von Jugendlichen in ihrer Bedeutung für
pädagogisches Handeln“, a. a. O., S. 209f
68
Reutlinger, Christian Thomas: „Unsichtbare Bewältigungskarten von Jugendlichen in gespalteten Städten“, a.
a. O., S. 68
64
34
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Geschichte. Chancenlose Jugendliche genießen nicht mehr die Protektion des
Patriarchalen, um beruflich weiterzukommen. Der Clan und die Familie stellen im
besten Falle für Jugendliche gerade mal eine Rückzugsmöglichkeit und einen
Trostraum dar. Zunehmender Konkurrenzdruck in den Zeiten der Globalisierung
bietet nur noch in den seltensten Fällen der Familie in den Industrienationen die
Chance, dass sie sich als ‚Clans’ behaupten können.
Kinder wachsen ebenso in den seltensten Fällen unter den behüteten Verhältnissen
einer Großfamilie auf. Und wenn sie doch aus einer großen Familie stammen, dann
ist diese Institution oftmals verarmt und nicht dazu in der Lage, Kindern und
Jugendlichen eine Perspektive zu vermitteln, die dem Heranwachsenden später
verbindlich sein könnte. Die soziale Transformation Mensch in ein gesellschaftliches
Wesen während der Kindheit und im Jugendalter „vollzieht sich nicht mehr entlang
einer allgemein vorgegebenen, institutionell abgesicherten und gewährleisteten
Normalbiographie, sondern auf individuelle Art und Weise.“69 Die noch vor wenigen
Jahrzehnten gängige ‚Normalbiografie’, dass ein Heranwachsender spätestens mit
20 Jahren im Erwerbsleben Fuß gefasst hat, ist selten geworden. „Die Biografie
wandelt sich von der Normalbiografie zur ‚Wahlbiografie’70, resp. ‚Bastelbiografie’71
oder gar zur ‚Risikobiografie’ oder ‚Drahtseilbiografie’ 72 .“ Im dritten Kapitel dieser
Arbeit werden jene Abwandlungen von der Normalbiografie detaillierter durchleuchtet.
In den traditionellen Lebenswelten konzentrierte sich das Heranwachsen eines
Menschen in schwerpunktartiger Hinsicht auf seine physische Entwicklung. Das
soziale Umfeld der Großfamilie gab Hierarchien vor, die sich vor allem aus verschiedenen Generationen speiste, die auf mehr oder weniger engen Raum miteinander zusammenlebten und selten in Frage gestellt wurden. Soziale Probleme
wurden in Form von Herausforderungen an Heranwachsende gestellt, indem sie in
innerfamiliäre Aufgaben eingebettet wurden, unter anderem durch Kinderarbeit, wie
sie in westlichen Industrienationen heute kaum noch denkbar ist. Umgangsformen im
sozialen Miteinander lernten Kinder durch festgelegte und oft patriarchale Strukturen.
Heutzutage „müssen Heranwachsende (…) gleichzeitig Entwicklungsaufgaben und
soziale Probleme lösen.“73 Sie sind, wie BECK es ausdrückt, eine Art „Planungsbüro
in Bezug auf den eigenen Lebenslauf, die Fähigkeiten, Orientierungen, Partnerschaften usw. begreifen“74 geworden. An die Stelle personeller Institutionen innerhalb
von Verwandtschaft und Familie greifen nun fremde Institutionen in den Lebenslauf
der Heranwachsenden ein. Die Regeln der Erziehung und Entwicklung von jungen
Menschen werden nicht mehr ausschließlich von der Familie und der Verwandtschaft
ge- bzw. erstellt, sondern von familienexternen Institutionen, wie Jugendämtern und Behörden, Familiengerichten, Schulen, Ausbildungsstätten, etc.
Die Intimität und die auch damit verbundenen Verlässlichkeit von verwandtschaftlichen Beziehungen haben sich durch die Sterilität und Funktionalität zu außerfamilialen Beziehungen abgelöst. An die Stelle des Verhaltenskodex innerhalb der
Familie ist das Regelwerk der Institutionen getreten. Dieses Regelwerk kennt wenig
Spielraum für soziale Parameter wie Mitgefühl und Solidarität, sondern eher für
69
ebd., S. 68
Beck, U.: „Risikogesellschaft“, a. a. O., S. 217
71
Beck, U.: „Die Erfindung des Politischen“, a. a. O., S. 152
72
Beck, U./ Beck-Gernsheim, E.: „Individualisierung in modernen Gesellschaften“, a. a. O., S. 13
73
Böhnisch, L. (1993): „Sozialpädagogik des Kindes- und Jugendalters“, a. a. O., S. 74ff
74
Beck, U.: „Risikogesellschaft“, a. a. O., S. 217
70
35
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Mitleid und Subsidiarität. Diese Parameter gelten lediglich in Form von abstrakten
und anonymisierten gesellschaftlichen Werten und somit gewissermaßen als soziale
Referenz für das Erstellen von komplexen Regeln, um die Kontrolle gerade über die
Heranwachsenden nicht zu verlieren. Dieses Regelwerk als räumliche Umwelt wird
von den Heranwachsenden „als verregelt, institutionalisiert und durchfunktionalisiert
erlebt. Es ist eine physisch-materielle Welt, die unangreifbar, verstellt und verschlossen scheint, und deshalb erscheint es unmöglich, sich in diese Welt selbst einzubringen.“75
1.2.2.1.2.
Überflüssigkeitsthese
Jugendliche sehen in dem Verlust gesellschaftlicher Anerkennung beispielsweise
durch Jugendarbeitslosigkeit eine Bedrohung und sind noch nicht dazu befähigt,
darin auch eine Chance zu erkennen, da diese sich auch nicht so ohne weiteres
offenbart, weil „Freiheit und Bedrohung gleichermaßen gespürt werden, aber nicht
mehr durch rationale Verfahren einfach auszubalancieren sind.“ 76 Beispielsweise
erkennen sie dann weniger deutlich, dass wenn sie in ihrem Heimatort keinen Ausbildungsplatz finden, sie möglicherweise an einem weiter entfernt liegenden Ort unter
Umständen gute Chancen auf einen freien Ausbildungsplatz hätten. Durch solche
und ähnliche Umstände werden „bei denen, die nicht mithalten können, die Spielräume der Lebenslagen eingeengt, übersteigen die Belastungen ihrer Ressourcen
und treiben sie in kritische Lebenskonstellationen“77 In solchen Lebenslagen erleben
sich chancenlose Heranwachsende als überflüssig und sehen sich unreflektiert
einem System gegenüber gestellt, das REUTLINGER als den ‚digitalen Kapitalismus’
umschreibt, in dem „der Mithaltedruck für Jugendliche immer größer wird und
vermehrt Menschen freigesetzt werden, überflüssig sind.“78 Hinzukommt, dass die
abwehrende Haltung der Jugendlichen nicht wie in den 70er Jahren von der
Bevölkerung „als Systemkritik (Kapitalismuskritik) verstanden wird, sondern als
Störung der sozialen Ordnung.“ 79 Wobei die soziale Ordnung heutzutage weniger
durch das System als solches repräsentiert, sondern stark von individuellen
Lebensstilen geprägt wird, die allenthalben vor allem durch werbewirksame Medien
vorgegeben werden. Dadurch entstehen soziale Räume, die einem Ideal der
Lebensstiltypen entsprechen oder aber widersprechen. Wohlhabende Vororte oder
Stadtteile entsprechen einem solchen Ideal. Mitunter entstehen auf Landes- oder
Bundesebene gar gewisse Vorstellungen von der idealen Stadt, in dem die Städte
untereinander um gesellschaftliche Anerkennung konkurrieren. In einem solchen
sozialen Konkurrenzkampf bleiben dann ganze Städte oder Stadtteile auf der Strecke
und zurückbleiben vor allem „Jugendliche aus ‚Stadtteilen der Abgehängten‘ oder in
der ‚abgehängten Stadt‘, welche nicht dem Ideal der Lebensstiltypen entsprechen
und sich auch nicht daran orientieren können. Sie lassen sich nicht ‚fit für den
Arbeitsmarkt‘ machen, haben auch nicht die Ressourcen, um aufgefangen zu
werden.“80
75
Reutlinger, Christian Thomas: „Unsichtbare Bewältigungskarten von Jugendlichen in gespalteten Städten“, a.
a. O., S. 70
76
Böhnisch, L./ Schröer, W. : „Pädagogik und Arbeitsgesellschaft“, a. a. O., S. 229
77
ebd. S. 228
78
Reutlinger, Christian Thomas: „Unsichtbare Bewältigungskarten von Jugendlichen in gespalteten Städten“, a.
a. O., S. 141
79
ebd. S. 141
80
Reutlinger, Christian Thomas: „Unsichtbare Bewältigungskarten von Jugendlichen in gespalteten Städten“, a.
a. O., S. 141
36
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Dieses Erleben aus Sicht der Heranwachsenden schwächt das Selbstwertgefühl in
erheblichem Maße und Umfang. Die sich zunehmend einengenden Handlungsspielräume und Gestaltungsmöglichkeiten junger Heranwachsender ergeben nicht mehr
wie noch in den 70er und 80er Jahren bei vielen Jugendlichen das Bild einer
Perspektivlosigkeit, das sich unter dem Slogan ‚No Future’ zusammenfassen ließe,
sondern hinterlässt bereits ein Bild von Resignation, welches sich unter dem Motto
‚No Present’ exakter formulieren ließe, weil „anstelle von Aneignung und Integration
sich heute die räumliche und soziale Exklusion vergrößert, und die Jugendlichen in
die Unsichtbarkeit abgedrängt werden.“ 81 Schuldzuweisungen sind für dieses
Dilemma unvorteilhaft, da eine Systemkritik allein keine Aussichten auf eine Entbindung der Überflüssigkeitsthese mit sich bringen würde. Denn auch ein großer Teil
der Jugendlichen selbst tragen Mitverantwortung, da sie ja nicht komplett handlungsunfähig sind, „jedoch sich die soziale Integration aus ihren Handlungen verflüchtigt
hat. Es wird immer weniger nach den Bedürfnissen der Überflüssigen gefragt und
kaum danach, wo die Gewinner der globalisierten Prozesse die Spannungen und
Widersprüche, die sich mit dem Mithaltedruck ergeben, bewältigen. Erstere werden
tendenziell als ‚kriminell‘ oder als ‚arme Schweine‘ bezeichnet, die von vornherein
von der gesellschaftlichen Entwicklung ‚abgehängt‘ sind, den letzteren wird das Label
des Lebensstiltypen aufgedrückt, was sie zum Erfolg ‚verdammt‘ und ihren Leistungsdruck und die Angst vor dem Versagen noch weiter erhöht.“82
1.2.2.1.3.
Aneignung und Integration
Mangelnde Integration, die im Bewusstsein mancher Jugendlicher verankert zu sein
scheint, kommt aber nicht von irgendwoher, da „Kinder und Jugendliche (…) in einer
räumlichen Welt aufwachsen, die von Sozialraumforschern als industrialisiert und
durchkapitalisiert, gleichförmig und unangreifbar beschrieben wird.“ 83 Eine solche
Uniformität des Lebensraums eignet sich nicht besonders dazu, das Bedürfnis des
‚Sich Einbringenwollens’ zu fördern. Gäbe es zur gesellschaftlichen Nomenklatur
wenigstens auch eine Norm, die Zugeständnisse zum Abweichen von der Norm in
Betracht ziehen würde, dann würde der Orientierungslosigkeit mancher Jugendlicher
hilfreiche Grenzen gesetzt werden können. Denn um in dieser gesellschaftlichen
Nomenklatur „dennoch handlungsfähig zu sein und dies zu bleiben, machen
Jugendliche spezifische Formen der Aneignung außerhalb der Normorientierung.
Gleichzeitig verstoßen sie mit diesen Formen der Aneignung gegen die
gesellschaftlichen Normen und Regeln. Aus diesem Grund werden sie aus der
gesellschaftlichen Perspektive als ‚sozial auffällig‘ bezeichnet und zeigen von der
allgemeinen Norm ‚abweichendes Verhalten‘.“84
Dieses Verhalten kann durchaus auch selbstzerstörerische Züge annehmen und ist
mithin besorgniserregend. Nur „durch das Aneignen der jugendgerechten
(räumlichen und sozialen) Welt können sich die Jugendlichen in die Gesellschaft
integrieren. Damit hat das ‚abweichende Verhalten‘ (die nonkonforme Aneignung)
automatisch über die sozialpädagogische Intervention eine soziale Integration zur
Folge bzw. in ihm liegt ein integratives Moment.“ 85 Erst mit diesem integrativen
81
ebd. S. 141
ebd. S. 143
83
ebd. S. 109
84
Reutlinger, Christian Thomas: „Unsichtbare Bewältigungskarten von Jugendlichen in gespalteten Städten“, a.
a. O., S. 109
85
ebd. S. 110
82
37
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Moment ergibt sich die Chance, Heranwachsende und ihre spezifischen Begabungen
erfolgreich zu fördern.
1.3.
Der Begabungsbegriff
Begabung wird oft als eine Fähigkeit zu überragenden Leistungen interpretiert. In
den 50iger Jahren des letzten Jahrhunderts etablierte RÉVÈSZ eine Definition zum
Begriff der Begabung als eine „angeborene, durch Übung zu entfaltende Fähigkeit,
die in einem begrenzten Gebiet der menschlichen Tätigkeit den Durchschnitt weit
übertreffende Leistungen hervorzubringen vermag“. 86 Ganz offensichtlich wird hier
die Fähigkeit als solche mit überdurchschnittlicher Leistung und Effizienz
gleichgesetzt, die sich in den Anlagen einiger weniger Menschen verbirgt und durch
Übung einer gewissen Förderung bedarf. Dabei sind Begabungen nicht nur „irgendwelche Fähigkeiten, sondern Voraussetzungen zu gestaltendem Tun.“87
Die Meinungen, Ansichten und Interpretationen des Begabungsbegiffes gehen in der
Literatur weit auseinander. Dort, wo SCHENK-DANZIGER und THOMAE 88 in der
Begabung eine „anlagemäßig vorgegebene Leistungsdisposition“ erkennen, sehen
ENGELMAYER und STRUNZ 89 in der Begabung lediglich die „Grundlage für die
Möglichkeit, Leistungen zu vollbringen“. GOTTSCHALDT90 geht gar einen Schritt weiter
und reduziert Begabung auf die „individuelle Struktur der Persönlichkeit im Hinblick
auf ihre generelle Leistungsdisposition.“
Dabei führt GOTTSCHALDT 91 die generelle Leistungsdisposition (Begabung) auf drei
wesentliche Unterschiede menschlichen Verhaltens und menschlicher Veranlagung
zurück:
a) Unterschiede der intellektuellen Befähigung, der intellektuellen Ausstattungen und ihrer jeweiligen Differenzierung durch Schulung, Erziehung,
Erfahrungen
b) Unterschiede dynamisch-energetischer Art, der Aktivierbarkeit und Ansprechbarkeit für geistige Inhalte und Betätigungen, der Interessierbarkeit und
Zuwendungsbereitschaft, des „Denktemperaments“ (W ENZEL) und letzten
Endes des Vitaltemperaments
c) Unterschiede der mentalen Haltungen und Interessen für bestimmte Inhalte
geistiger Art, abhängig unter anderem von den Arbeits- und Berufsbereichen,
von den sozialen, wirtschaftlichen und geistigen Räumen, in denen der
einzelne aufwächst.
Wird SCHENK-DANZINGERS und THOMAES' Auffassung der Begabung als eine
‚vererbte‘ Leistungsdisposition zugrunde gelegt, dann darf dabei nicht übersehen
werden, dass „über die Vererbung von Talentbegabung (...) entsprechende
genealogisch-statistische Untersuchungen (zwar) vorliegen. Hervorragende musikalische Begabung kommt familienweise häufig vor (Bach, Mozart, Weber, Schubert),
86
Mühle, Günther: „Definitions- und Methodenprobleme der Begabtenforschung“ in Roth, Heinrich (Hrg.):
„Begabung und Lernen“, a. a. O., S. 72
87
ebd. S. 75
88
ebd. S. 71
89
ebd. S. 71
90
ebd. S. 71
91
Gottschaldt, Kurt: „Begabung und Vererbung, Phänogenetische Befunde zum Begabungsproblem“ in Roth,
Heinrich (Hrg.): „Begabung und Lernen“, a. a. O., S. 135
38
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
andererseits (aber) finden sich auch Ausnahmen (wie) z. B. Schumann oder, auf dem
Gebiet der mathematischen Begabung, Gauß.“92 Deswegen kann in der Begabungsförderung Heranwachsender im Internet nur mitnichten von einem Begabungsbegriff
ausgegangen werden, der sich aus vererbter Veranlagung konstruiert. Auch kann in
einem solchen Begabungsförderungsprojekt nicht die ‚Elitisierung junger Heranwachsender‘ im Vordergrund stehen. Vielmehr wird in dem Projekt die Begabung
„weder als singuläre Anlage noch als eine Gesamtqualität der leistungsstrebigen
Ausstattung der Persönlichkeit angesehen, sondern als eine Leistungsbereitschaft,
die in der Hinordnung auf ein bestimmtes Betätigungsfeld selbst erst strukturiert
worden ist und ihrerseits wieder durch die Ausformung und Spezifizierung der
Antriebe, Interessen und Motive die Persönlichkeit verändert.“93 Der Auffassung von
GÜNTHER MÜHLE zum Begriff Begabung soll also hier Rechnung getragen werden
dürfen, da „im Worte Begabung mehr als nur die Bewährung gegenüber Aufgaben
und Situationen liegt. Es ist damit nicht allein gemeint, dass jemand etwas besser
kann als ein anderer weniger Begabter, sondern vor allem, dass er etwas kann,
wofür ein anderer ‚keinen Sinn hat'.“94 Es ist gerade der Zusammenhang innerhalb
der heutigen ‚Bildungsmisere‘, die sich durch regionales und internationales Ranking
als eine solche in Deutschland bezeichnet, der deutlich macht, dass der Bildungsstandort Deutschland international sich im Mittelfeld aller OECD-Länder bewegt (vgl.
PISA-Studien 2000, 2003 und 2006). Denn hierzulande ist es wichtig zu erkennen,
dass Begabung nicht durch eine „Divergenz des Leistungsverhaltens in einer
begrifflichen Unterscheidung aufgefangen wird, was sicher nicht unproblematisch ist,
wichtig ist nur, dass der Unterschied, der als solcher gerade für die pädagogische
Zielsetzung bedeutsam sein kann, nicht übersehen wird.“95 Mag sein, dass wenn von
‚Hochleistung als Ausdruck vererbungsmäßig verankerter Begabung‘ die Rede ist,
diese Begabungsbezeichnung im Alltag wenig Schaden anrichtet, „aufs höchste
problematisch und unzulässig aber ist die Erklärung einer weniger guten oder gar
nicht erbrachten Leistung aus dem Mangel an spezifischer Begabung. Leistungsmängel mit Begabungsmängeln gleichzusetzen ist ein zwar bequemes, häufig gedankenlos angewendetes Verfahren, im pädagogischen Bereich aber kommt es
einem ‚Entlastungsurteil' gleich, das den Erzieher freispricht. Er fragt dann nicht
weiter und auch nicht anders, weil er nicht weiter und anders fragen will.“96
Bleibt bei aller Begriffsfindung dann wiederum die Trennung einer allgemeinen von
einer besonderen Begabung im engeren wie im weiteren Sinne aufrecht zu erhalten.
Bei einer solch dichotomischen Sichtweise für Begabung weist MÜHLE zwar darauf
hin, dass die Allgemeinbegabung der Intelligenz und die Sonderbegabung dem
Talent entspricht, ergänzt allerdings die gesellschaftliche Anschauung, die in den
Begriffen Begabung und Intelligenz eine unüberwindliche Diskrepanz zu erkennen
scheint: „Der Sprachgebrauch unterscheidet nun Begabung von Intelligenz derart,
dass er die Begabung in eine besondere Beziehung zu einem enger oder weiter
umgrenzten Bereich des Lebens, des Berufs oder – allgemein – der Kultur stellt.
Man kann für mancherlei begabt sein, immer aber ist man ‚für etwas' begabt. Eine
Begabung ist also nach dieser Ansicht auf einen bestimmten Leistungsbereich
92
Gottschaldt, Kurt: „Begabung und Vererbung, Phänogenetische Befunde zum Begabungsproblem“ in Roth,
Heinrich (Hrg.): „Begabung und Lernen“, a. a. O., S. 130
93
Mühle, Günther: „Definitions- und Methodenprobleme der Begabtenforschung“ in Roth, Heinrich (Hrg.):
„Begabung und Lernen“, a. a. O., S. 75
94
ebd. S. 74
95
Mühle, Günther: „Definitions- und Methodenprobleme der Begabtenforschung“ in Roth, Heinrich (Hrg.):
„Begabung und Lernen“, a. a. O., S. 76
96
ebd. S. 69
39
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
ausgerichtet.“ 97 Die Frage, ob dieser Leistungsbereich Intelligenz erfordert, die in
einer bestimmten Form verifizierbar wäre, dürfte umstritten sein. Vielleicht ist
dennoch eine gewisse messbare Intelligenz vorhanden, um einen ‚eigengearteten
Weltausschnitt‘ überhaupt erkennen zu können, da nach MÜHLE „zu jeder Art von
Begabung also die besondere Weise der Begegnung mit einem eigengearteten
Ausschnitt der Welt“98 zusammenhängt. Intelligenz bewährt sich im Leistungsbereich
vom „Finden, Erfinden und Sichzurechtfinden im Rahmen neuer, ungewohnter
Lebenslagen, und damit grenzt sich die Intelligenzleistung ab gegen vorgeformte
Problemlösungen durch die Schablonen von Instinkt und Gewohnheit, durch Versuch
und Irrtum oder durch Rückgriff auf bloße Gedächtnisleistungen.“99 Intelligenz kennt
dementsprechend kein Schema X, das Schablonen wie Versuch und Irrtum oder
Instinkt und Gewohnheit benötigte. Und sollten Intelligenz und Begabung einhergehen, dann ließe sich beider Intensität vielleicht an den Interessen der Probanden
ablesen, da nach MÜHLE das Wertvolle der Begabung nicht in der „Art von Tätigsein
entsteht, vielmehr wird beharrliche, hingebende Arbeit als Eigenwert erlebt und hält
ein leidenschaftliches, alles andere absorbierendes Interesse wach.“100
Der angesprochene gesellschaftliche Kodex der Begriffe Begabung und Intelligenz
assoziiert geradezu eine Brücke über die Diskrepanzen der beiden Begriffe hinweg,
weil schließlich von einem intelligenten Menschen eine Begabung ex-ante erwartet
wird: „Von einem als ‚intelligent' bezeichneten Menschen erwartet man, dass er in
problematischen Situationen den Überblick behält und einen Ausweg findet, dass er
sich auf neue Lagen einzustellen weiß, die ihm gestellten Aufgaben im Rahmen des
Möglichen sachgemäß und zielgerecht bewältigt, und nicht nur versteht, sich den
Anforderungen anzupassen, sondern die Situation unter Umständen aus eigener
Eingebung so abändert, dass er mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln und
auf den ihm offen liegenden Wegen zum Ziel kommt.“ 101 Wird auch von einem
begabten Menschen ex-ante Intelligenz erwartet? Dazu gibt es einen Cartoon von
GARY LARSON, der zeigt einen Eliteschüler, wie er sich beharrlich und mit seinen
Büchern unterm Arm gewappnet, gegen die Eingangstür einer Begabtenförderschule
stemmt, um hinein zu gelangen, auf der der Hinweis „pull“ deutlich zu lesen ist. Von
der Hand zu weisen ist es nicht, dass es außergewöhnlich begabten jungen
Menschen an sozialer Intelligenz fehlen mag, was ich als ein exhorbitantes
Phänomen sozialer Disintegragtion begabter Heranwachsender verstehe.
1.4. Der Zugang zu Heranwachsenden mittels kostenloser Begabungsförderung im Internet
Jugendliche wissen es zu schätzen, dass im Internet niemand da zu sein scheint, der
sie sanktioniert. Allerdings verkennen sie gelegentlich, dass Sanktionen nicht
unbedingt negativ sein müssen. Deswegen möchte ich mit dem Begabungsangebot
für Heranwachsende im Internet auf eine gewisse Form der Sanktionierung
plädieren, damit die Erkenntnis des SOKRATES einen positiven Einfluss auf das
moderne Coaching junger Leute erfährt: „Denn wenn jemand eine Wohltat anderer
Art erfahren hat, z. B. schnellfüßig geworden ist durch einen Turnlehrer, so könnte er
ihm vielleicht die Entgeltung vorenthalten, wenn ihm der Turnlehrer freie Hand
gelassen und nicht sich die Zahlung so ausbedungen hätte, dass er womöglich ganz
97
ebd. S. 73
ebd. S. 74
99
ebd. S. 72
100
ebd. S. 75
101
Mühle, Günther: „Definitions- und Methodenprobleme der Begabtenforschung“ in Roth, Heinrich (Hrg.):
„Begabung und Lernen“, a. a. O., S. 72
98
40
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
gleichzeitig mit der Darbietung der Schnelligkeit aus sein Geld bekomme. Denn ich
meine, nicht die Langsamkeit ist es, auf Grund deren die Menschen Unrecht tun,
sondern die Ungerechtigkeit.“102
Im Frühjahr 2004 habe ich versucht, dem Projekt der Begabungsförderung
Heranwachsender im Internet mit der Entschlossenheit zur Vereinsgründung ein
solides Fundament zu geben, was aber im Herbst desselben Jahres in letzter Vollendung kläglich gescheitert ist. Das lag ausschließlich an den divergenten Interessengruppen, die sich für diese Arbeit mitverantwortlich fühlten. Ein Verein braucht
eine homogene Interessengruppierung, die im Falle der Bildungspolitik nicht so ohne
weiteres vorzufinden ist. Die Diskrepanz zwischen Eltern, Lehrern und Schülern
scheint oft unüberwindbar zu sein. Vor allem dann, wenn als Medium zur
Kommunikation in erster Linie die Schriftsprache gebraucht wird. Die Kontaktaufnahme und Kontaktpflege im Internet verläuft nun mal fast ausschließlich über die
Schriftsprache. An ihr knüpft sich jedoch eine Symbolik, die einer gewissen Analyse
im Sinne der Begabungsförderung Heranwachsender nur dann standhalten kann,
wenn eine Grundkenntnis der Jugendkultur vorhanden ist. Auf eine solche Grundkenntnis der Symbolanalyse jugendlicher Kommunikationsformen im Internet bauen
sich die weiteren Bildungs- und Begabungsvoraussetzung für die berufliche
Kompetenz in der Medienpädagogik auf. Förderlich für die soziale Kompetenz ist
keinesfalls ein stetiges und permanentes Coachen junger Talente. Das Coaching
sollte für alle – von den gar nicht bis wenig Begabten zu den außerordentlich
Begabten – vor allem eins sein: verlässlich. Wer sich der Aufgabe der Begabungsförderung Heranwachsender im Internet stellt, freiwillig und tatkräftig das Projekt
insbesondere vormittags unterstützen zu wollen, sollte sich a priori bewusst sein,
dass ein solches Begabungsförderprojekt nicht ad hoc und ohne strategischsozialpädagogische Anweisungen und Empfehlungen umgesetzt werden darf. Durch
meine gesammelten Erfahrungen via Internet mit jungen Heranwachsenden 103 als
auch mit Erwachsenen104 in dem Zeitraum August 2003 bis Mai 2005 ist mir Schritt
für Schritt klar geworden, dass eine solche Förderung weder im Alleingang noch im
Sinne einer Vereinsarbeit erfolgreich durchgeführt werden kann. Nur eine
institutionell organisierte Arbeitsweise kann die Didaktik der Begabungsfördermethoden sichern. Dass Bedarf an solchen Methoden besteht, zeigt das bisherige
Forum für die Begabungsförderung Heranwachsender im Internet105, dessen Arbeit
ich zum größten Teil zurzeit allein bewerkstellige. Ohne täglichen und unbegrenzten
Internetzugang ist diese Arbeit nicht zu gewährleisten.
2.1. Heranwachsende im Internet und ihre Gruppensozialisation
Vorweg zur Erinnerung, dass Heranwachsende in einer Epoche leben, die noch nie
so ‚globalisiert‘ war, wie sie heute ist. Noch sind zwar die wenigstens von ihnen mit
dem Internet aufgewachsen, Internet-Generationen rücken jedoch heran. Wenn von
jetzigen Heranwachsenden in der Pubertät die Rede ist, dann lässt sich mutmaßen,
dass es die einen oder anderen bereits gibt, die das Internet aus der Kindheit her
kennen. Doch das sind dann die Sprösslinge so genannter Netzwerkpioniere, deren
Eltern bereits zu Beginn der 90iger die ersten zaghaften Schritte des beginnenden
Internetzeitalters in Deutschland gegangen sind. Zum richtigen Trend wurde das
102
Platons Gorgias, 75. Kapitel, Sokrates zur Bezahlung von Belehrung, S. 154, aus Platons Dialoge, Bd. I
Jungen wie Mädchen zwischen 11 und 17 Jahren aus Deutschland, Österreich und Ho-Chi-Mingh-City in
Vietnam
104
Erwachsene von Mitte zwanzig bis Ende vierzig aus ganz Deutschland und Wien in Österreich
105
siehe Forum unter rasanthaus.de
103
41
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Internet in Deutschland zu Beginn des neuen Millenniums. Und wie bereits im
vorangegangenen Kapitel erläutert wurde, steckt das Internet noch in einer
Entwicklungsphase und Heranwachsende als Anwenderinnen und Anwender
stecken mit ihm in einer solchen.
Wie im ersten Kapitel deutlich geworden sein sollte, unterscheiden sich die zu
betrachtenden Sozialisationshintergründe der so genannten Realen Wirklichkeit
(RW) und der Virtuellen Realität (VR) bei genauer Betrachtung im soziologischen
Sinn nur unwesentlich voneinander. Soziale Verhaltensweisen des Wirklichen
Lebens haben auch in der Virtuellen Wirklichkeit ihre Bedeutung (z. B. die
Netiquette106). Die Ursprünge für die Anforderungen des sozialen Miteinanders in der
RW heben sich im Internet (VR) nicht zwangsläufig auf. Das gilt für Heranwachsende
wie Erwachsene gleichermaßen. Aus diesem Grund erscheint es mir plausible zu
sein, die Gruppensozialisation Heranwachsender nicht auf das eine oder das andere
Phänomen begrenzen zu müssen, sondern sie nach den sechs Ursprüngen von
FLAMMER, GROB und ALSAKER107 zu unterscheiden. Diese nun folgenden Ursprünge
sind ursächlich dafür, dass junge Heranwachsende ihren Anforderungen im sozialen
Miteinander auch im Internet gerecht werden wollen:
-
Ursprung der persönlichen Zielsetzungen
Während in der RW sich die persönlichen Ziele mit gezielter Organisation, Planung
und Aufgabensetzung an die persönliche Herausforderung verbinden und durch
gezieltes Training einhergehend mit effizienter Schulung durch entsprechende
Instanzen erreichen lassen, ist es in der VR nicht immer einfach, seine persönlichen
Ziele konsequent verfolgen zu können. Zum einen ist das Internet als solches ein
sehr unverbindliches Medium, welches einer hohen Kompetenz bedarf, die im letzten
Kapitel dieser Ausarbeitung detaillierter besprochen wird, und zum anderen ist das
Internet nicht so leicht überschaubar, wie der eigene persönliche Rahmen in einem
mehr oder weniger gefestigten sozialen Umfeld eines Heranwachsenden.
-
Ursprung der informell-sozialen Anforderungen
Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, ist die VR ein geschützter Ort, der
dem informellen Handeln einen optimalen Spiel- und Zeitraum lässt. Informeller
Austausch hat etwas Unverbindliches. Während möglicherweise in der RW informellsoziale Anforderungen fest an einem sozialen Kontext gekoppelt sind und sich
Generationen voneinander abgrenzen, gilt im Internet oft die Feststellung „dass
junge Heranwachsende den Erwachsenen im Internet meistens mehr Aufmerksamkeit und Vertrauen schenken, als ihren eigenen erwachsenen Angehörigen. Dass es
Erwachsene, sowie Heranwachsende gibt, die das auszunutzen verstehen, ist ein
zum Teil negativer wie positiver Nebeneffekt einer solchen Tatsache.“108 Negativ in
so fern, dass die Gefahr, Kinder leicht locken und auf verschiedenste Weise missbrauchen zu können durchaus real gegeben ist. Andrerseits ist mit der Aufhebung
generationsbedingter Abgrenzungen eine wichtige Komponente für die pädagogische
Arbeit verbunden, die sich ja bekanntermaßen mit einem gesunden Maß an Nähe
und Distanz besser koordinieren und steuern lässt. Heranwachsende schätzen im
106
Mandel, Thomas / van der Leun, Gerhard: „Die Zwölf Gebote des Cyberspace“ – a. a. O., S. 59ff.
Grob, Alexander (Hrsg.): „Kinder und Jugendliche heute: belastet – überbelastet?“ – Das Zusammenwirken
von Anforderungen, Ressourcen und Funktionsfähigkeit, a. a. O., S. 12ff
108
Bistro-Bingo.de
107
42
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Internet eine schützende informelle und doch institutionelle Instanz als Bezugsperson.109
-
Ursprung der formell- oder institutionell sozialen Aufgabenstellung
Bei dieser Aufgabenstellung tun sich die institutionellen Wirklichkeiten leichter als die
Angebote des Internets. Die Institutionen in der RW sind verbindlicher. Sie verweisen
auf Regeln, deren Nichtbefolgung u. U. eine sofortige Sanktion zur Folge haben
kann. Eine solche unmittelbare Sanktionierung kann im Internet nicht gewährleistet
werden. Prinzipiell steht die formelle Aufforderung der Eltern- und Lehrerschaft –
sozusagen der Erstverantwortlichen und Erziehungsberechtigten – ihren Kindern und
Jugendlichen Schutz im weltweiten Netzwerk zu bieten seit langem im Raum. Ein
Computerprogramm allein kann keinen solchen Schutz gewährleisten. Dies erfordert
ex ante soziologische Forschung und ex post sozialpädagogische Arbeit.
-
Ursprung der intentional-pädagogischen Anforderungen
Die Initiative Schulen-ans-Netz e. V. und der Deutsche Bildungsserver bieten bereits
die ersten Ansätze, intentional-pädagogische Anforderungen umsetzen zu wollen.
Was meiner Meinung nach für eine solche Anforderung fehlt, ist die Rund-Um-DieUhr-Betreuung, ähnlich dem Sorgentelefon für Kinder und Jugendliche, so sollte eine
solche Betreuung auch für intentional-pädagogische Anforderungen im Bildungsbereich über das Internet gelten dürfen. Wenn dies als unnötig abgetan wird mit dem
Argument, dass nicht zu erwarten sein dürfte, schulische Fragen von Heranwachsenden in der Nacht mittels Internet beantworten zu müssen, dann halte ich dagegen
und weise darauf hin, dass es sich beim Internet um ein globales Netzwerk handelt,
welches impliziert, dass deutsche Schülerinnen und Schüler sich nicht unbedingt in
Deutschland aufhalten müssen. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen helfen: Zwischen
einer Austauschschülerin in Denver / USA und ihrer pädagogischen Onlinebetreuerin
in Berlin besteht ein Zeitunterschied von 8 Stunden. Angenommen, diese Schülerin
kommt nachmittags aus ihrer Gastgeberschule und hat ein Problem mit dem sie sich
nicht an ihre Gastgeberfamilie, aber auch nicht an ihrer Heimatfamilie direkt wenden,
doch dieses Problem unbedingt ansprechen möchte und sich ein unmittelbares
Feedback wünscht. Erfreulich wäre dann ein intentional pädagogischer Anspruch,
dieser Schülerin online zur Verfügung zu stehen. Dazu müsste jedoch während der
Nacht in Deutschland ein Pädagoge bzw. eine Pädagogin mithilfe des Internets
ansprechbar sein.
-
Ursprung der ethischen Anforderungen
Es lässt sich nicht von akut oder chronisch erkrankten Schülerinnen und Schülern
erwarten, dass sie den Unterricht besuchen. Denkbar ist jedoch – je nach physischer
und psychischer Verfassung – den Unterricht online zu verfolgen. Wenn früher
Mitschülerinnen und Mitschüler dafür gesorgt haben, dass sie einem erkrankten
Schüler bzw. einer erkrankten Schülerin die Unterrichtsmaterialien nach Hause
brachten, so wäre es heutzutage durchaus denkbar, dass erkrankte Schülerinnen
und Schüler je nach Gesundheitszustand den Schulunterricht zumindest teilweise
zuhause mittels Internet mitverfolgen könnten.
109
diese Arbeitshypothese ist Grundlage des Projektes einer gezielten Begabungsförderung Heranwachsender im
Internet
43
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
-
Ursprung der sozialen Anforderungen
Einen wesentlichsten Bezugspunkt in der Sozialisation Heranwachsender – seien sie
im Internet vertreten oder nicht – nimmt die Erstausbildung, sowie die damit
verbundene bzw. geforderte sprachliche Kompetenz ein. Ist allein schon ein
deutscher Bildungsanspruch im Internet zwei- oder mehrsprachig vertreten, so ist ein
gewisser sozial-ethnischer Anspruch des Sitebetreibers und seiner Community
bereits erkennbar. Wird zudem den Jugendlichen in der Erstausbildung die
Möglichkeit geboten sich auf diesen Seiten kostenfrei fort- und weiterzubilden, so ist
das Wesentlichste für die weitere Begabungsförderung junger Heranwachsender im
Internet bereits vorbereitet. In einer Jugendeinrichtung in der RW, die sich aus
Heranwachsenden unterschiedlicher Nationalitäten und Herkunft als Besucherinnen
und Besucher zusammensetzt, ist es schließlich sinnvoll, über pädagogisch geschulte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu verfügen, die die Sprache der Jugendlichen sprechen und verstehen können. Die darüber hinaus vertretenen Anforderungen, die sich an die Gruppensozialisation stellen, richten sich auch an die
Jugendkultur selbst: „Skater, Rapper und HipHopper bilden nach wie vor die so
genannten Mehrheitskulturen, denen sich die meisten Kinder und Jugendlichen zuordnen bzw. die diese positiv bewerten. Während sich Skater in ihrer Freizeit
bevorzugt mit Skateboards vergnügen, handelt sich bei den Rapper und HipHopper
um vorwiegend an Musik interessierte Jugendkulturen. Neu zu diesen Gruppen dazu
gekommen sind die Computerfreaks. Dabei ist sicherlich strittig, inwiefern bei dieser
Gruppe von einer einheitlichen Jugendkultur gesprochen werden kann."110
2.2. Ausbildungsschwerpunkte Heranwachsender im Internet
Kern jeder Ausbildung sollte heutzutage die Vorbereitung auf ein lebenslanges
Lernen sein. Die Bildungskommission Nordrhein-Westfalens konstatierte bereits
1995, dass „jungen Menschen die Überzeugung vermittelt werden muss, dass ihre
kontinuierliche Arbeit im Lern- und Bildungsumfeld ein wichtiger Teil ihres sozialen
Handelns ist. Auf dieser Grundlage wird lebenslanges Lernen als Kern von
Beruflichkeit,
sozialem
Engagement
und
Lebensführung
zu
einem
111
Grundverhalten.“ Allerdings gilt es bei diesem Postulat anmerken zu dürfen, dass
erst die intensive Vermittlung von Kulturtechniken eine wesentliche Voraussetzung
für das lebenslange Lernen schafft. Nur die Beherrschung solcher Kulturtechniken
ermöglicht „intensives Lernen aus eigenem Antrieb (und) führt zu den Fähigkeiten
und zu dem Wissen, auf deren Grundlage die Kenntnisse der Beschäftigten und der
neu in den Arbeits-prozess Eintretenden mit den sich verändernden beruflichen
Qualifikationsprofilen Schritt halten zu können. Es kann davon ausgegangen werden,
dass angesichts zunehmender internationaler Konkurrenz dieser Faktor (des
lebenslangen Lernens) an Bedeutung gewinnen wird.“112 Das Internet gibt für das
intensive und lebenslange Lernen aus eigenem Antrieb reichliche Offerten.113 Viele
dieser Angebote sind gratis nutzbar. Andere wiederum erlauben den Zugriff auf
Lerninhalte ausschließlich durch einen zu entrichtenden Obolus.114 Unabhängig von
110
Frindte, Wolfgang: „Rechtsextremismus, Antisemitismus und akzentuierte Wertorientierungen junger
Deutscher – sozialwissenschaftliche Befunde und Erklärungen“, pdf-Dokument, a. a. O., S. 38
111
Bildungskommission NRW: „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“ – Aufgaben für die Schule, 1995, a.
a. O., S. 54
112
Bildungskommission NRW: „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“ – Aufgaben für die Schule, 1995, a.
a. O., S. 54
113
ein kleiner Ausschnitt der Angebote findet sich im Anhang dieser Ausarbeitung
114
vgl. Kap. 3.5.1. Kommerzielle Lernhilfen im Internet
44
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
dem Nutzen der verschiedensten Lerninhalte im Internet betrachtet, bedarf es zur
Ausund
Weiterbildung
mithilfe
des
Internets
einer
wesentlichen
Schlüsselqualifikation und zwar einer soliden Lesekompetenz. Diese gilt es durch
eine schulische Erstausbildung, unabhängig vom Schultyp sicherzustellen115: „Dazu
gehört die Konzentration der Erstausbildung auf eine solide fachliche
Grundausbildung mit einem höheren Anteil an fachübergreifenden Bildungsinhalten
und dem Schwergewicht auf der Vermittlung von Schlüsselqualifikationen, Lern- und
Arbeitskompetenz.“116
Ein adäquater Schulabschluss spiegelt in gewisser Weise die vermittelten Schlüsselqualifikationen wider. Je höher dieser Schulabschluss, desto eher ist zu erwarten,
dass die Schlüsselqualifikationen im Umgang mit Kulturtechniken, gerade des
Lesens, differenzierter ausfallen und die Aspiranten abstrakte Texte zu verstehen im
Stande sind. Problematisch wird es vor allem dann, wenn kein Schulabschluss
erreicht worden ist oder aber der Schulabschluss nicht die tatsächlichen Leistungen
erworbener Schlüsselqualifikationen widerspiegelt bzw. widerspiegeln kann.
Abb. 2.2.a: Jugend 2002 ohne Schulabschluss
Abb. 2.2.b: Jugend 2002 mit Hauptschulabschluss
115
vgl. Kap. 4.1.3. Die Grundbildung
Bildungskommission NRW: „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“ – Aufgaben für die Schule, 1995, a.
a. O., S. 55
116
45
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Abb. 2.2.c: Jugend 2002 mit Fachoberschulreife
Abb. 2.2.d: Jugend 2002 mit Fachhochschulreife
Abb. 2.2.e: Jugend 2002 mit Hochschulreife
Die dargestellten Diagramme sollen für
sich sprechen dürfen. Das Diagramm
2.2.a soll uns allerdings davor warnen
dürfen, dass vorallem die Schulverweigerung und das Schulversagen, als
Ausgangshypothese für einen nicht erreichten Schulabschluss, offensichtlich
mit 63 Prozent zwar die Domäne der
Unterschicht ist, aber auch die Heranwachsenden der oberen Mittelschicht mit
16 Prozent einen nicht geringen Anteil am
Versagen
bzw.
Verweigern
beanspruchen.
Wenn gerade die Unterschicht am stärksten von Schulabgängern ohne Abschluss
bedroht ist, dann sollte hinterfragt werden dürfen, ob und wie in der praktischen
Schulpolitik diese Schicht überhaupt und am besten erreicht worden ist bzw. erreicht
werden kann. Ausgehend von der Annahme, dass die Unterschicht in sozialen
Brennpunktbezirken überrepräsentiert ist, sei die Vermutung erlaubt, dass auch unter
den Schulabschlussversagern Heranwachsende sind, die unter anderen sozialen
Umständen den Schulabschluss ohne Weiteres erreicht hätten und so zu den Mitläufern der tatsächlichen Schulverweigerer gezählt werden dürften. Ich unterstelle
hier eine negative Einflussnahme von hartnäckigen Schulverweigerern auf potentiell
begabte Schülerinnen und Schüler, die anteilsmäßig nicht zu unterschätzen, allerdings auch schwer zu verifizieren sein dürften. Außerdem unterstelle ich auch für das
Zustandekommen der Abbildung 2.2.a, dass Schulverweigerung und Schulversagen
möglicherweise nicht nur mit Über- sondern auch mit Unterforderung im Schulunterricht einhergehen kann. Die Diskussion über den Sinn und Zweck einer frühzeitigen
Orientierung der Heranwachsenden sich im Kindesalter für einen entsprechenden
Schultyp entscheiden zu müssen, wobei die letzte Entscheidung dann eh von den
Erziehungsberechtigten getroffen wird, bekäme in meiner Unterstellung wiederholt
Nahrung.
Gingen 1966 mehr als 2 Millionen Schüler auf die Hauptschule, so entsprach das 50
Prozent aller Sekundarschüler. Dagegen gab es 760.100 Schüler (16 Prozent aller
Sekundarschüler) in den Realschulen und 1,2 Millionen die aufs Gymnasium gingen
46
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
(28 Prozent). 117 Das Gymnasium als Ausbildungsschwerpunkt rangierte dementsprechend auf dem zweiten Platz. Eigentlich sollten schon seit 1971 „Hauptschulen,
Realschulen und Gymnasien schrittweise zu einem Gesamtschulsystem zusammengefaßt“ worden sein, „als deren Kern die integrierte Gesamtschule angesehen“ 118
werden sollte. Vorgesehen war auch ein Abitur (Abitur I) nach 10 Jahren Schule.119
Das Bildungssystem hat sich allerdings in den vergangenen 30 Jahren nicht in diese
Richtung bewegt.
Bewegung in die Bildungspolitik und vor allem in die Ausbildungsschwerpunkte käme
dabei vor allem durch eine intensivere und interaktivere Nutzung 120 der Neuen
Medien in den nächsten Jahren, weil das Internet mehr und mehr zu einem Medium
heranreift, das in allen sozialen Schichten zu finden und dem entsprechend bald eine
gewisse Familiennähe zugeschrieben werden darf. Das Internet könnte somit ein
‚virtuelles Gymnasium‘ für alle schaffen und möglicherweise gar bildungsferne
Milieus erreichen, denn „als das Schulwesen sich bemühte, das Gymnasium für
Kinder aller sozialer Schichten zu öffnen, zeigte sich bald, dass Kindern aus bildungsferneren Milieus, gemessen am Bildungsstatus der Eltern, oft die Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen in diesen Schulen fehlten. Daher wandte sich die
Forschung bald den Prozessen innerhalb der Familie zu, von denen die Entfaltung
von Neugier, das sprachliche Ausdrucksvermögen, das Verhalten gegenüber
Problemen und die Ausdauer bei der Auseinandersetzung mit Schwierigkeiten auf
Seiten der Kinder, beeinflusst werden. Die Familie wurde als der Ort angesehen, an
dem Sinnvorstellungen und Werte ebenso wie allgemeine Lebens- und spezifische
Arbeitsplatzerfahrungen an die nächste Generation herangetragen und in psychische
Dispositionen umgesetzt werden.“ 121 Das Internet könnte sozusagen als ‚schlaues
und alles wissendes Familienmitglied‘ gelten und somit auch bildungsfernere Milieus
erreichen.
Der allgemein festzustellende Trend, dieses sozialwissenschaftliche Phänomen
durch Elitenbildung vorantreiben zu wollen, verkehrt nahezu die Untersuchungen
einer solchen Familienforschung. Die Kritik und vor allem die Misserfolge des
beschriebenen innerfamiliären Forschungsversuchs werden ernüchternd auf weiteren
Seiten von GRUNDMANN u. a. beschrieben und analysiert. Als Folge eines solchen
Trends geht eine schrittweise Disqualifizierung von höheren Schulbildungsbereichen
einher. Schon zu Beginn der 80iger Jahre des letzten Jahrtausends war „aus dem
Kreis unserer Kultusminister zu vernehmen: Ein Abitur kann nicht mehr als Beleg für
die allgemeine Hochschulreife, sondern lediglich als Nachweis für einen Gymnasialbesuch gelten.“122
Ausbildungsschwerpunkt der Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
könnte daher sein, den Bildungsstatus der Eltern und Lehrer immer wieder selbst
überbieten und vielleicht auch herausfordern und somit fördern zu können, weil
„Familien jeden Bildungsstatus und mit Kindern, die verschiedene Bereiche des
117
Schäfer, Hans-Peter: „Europäische Bildungssysteme zwischen Tradition und Fortschritt“ – Bundesrepublik
Deutschland, a. a. O., S. 33ff.
118
ebd. S. 38
119
ebd. S. 38
120
Kluba, Markus: „Massenmedien und Internet“, a. a. O.
121
Grundmann, Matthias / Huinink, Johannes / Krappmann: „Kindliche Lebenswelten, Bildung und
innerfamiliale Beziehungen“ – Familie und Bildung, Empirische Ergebnisse und Überlegungen zur Frage der
Beziehung von Bildungsbeteiligung, Familienentwicklung und Sozialisation, a. a. O., zitieren auf S. 43
Oevermann, 1976: „Familienerziehung, Sozialschicht und Schulerfolg“, 1971
122
Göbel, Uwe / Kollenberg, Udo / Pieper, Ansgar / Schlaffke, Winfried: „Das Jugendsyndrom“ – Mut zur
Technik – Vertrauen in die Zukunft, a. a. O., S. 48
47
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Bildungswesens besuchen, (jedoch) erleben, dass die Bildungswege verstopft sind,
die Übergänge in Ausbildung und Beruf problematisch, dass Schulen zu Orten von
Stress und psychischen Fehlentwicklungen werden können, dass die Schulen auf
besondere Problemlagen kaum einzugehen vermögen und auch praktische
Probleme im Verhältnis zu den Bildungsinstitutionen das Familienleben belasten.“123
Die Schule der Zukunft, wie der Gegenwart, die die wesentlichen Eckpfeiler für kommende Ausbildungspunkte setzen sollte – allein schon aus historischer Verantwortung heraus – muss wieder zu einem Ort werden dürfen, der Ruhe, geistigen,
moralischen und physisch-emotionalen Ausgleich in die Lebenswelt der Heranwachsenden zurückzubringen vermag. Denn auf lange Sicht „(...) kann es nicht
zufrieden stellen, wenn insgesamt ein Fünftel der Jugendlichen sich in der Schule
explizit unwohl fühlt.“124 Wobei „Studien wie die von SYDOW, WAGNER, JÜLICH & KAUF
(1999) belegen, dass ein Zusammenhang besteht zwischen der besuchten
Schulform und dem subjektiven Wohlbefinden der jeweiligen Schülerinnen und
Schüler.“ 125 Unabhängig von der Schulform sollten wir uns an GOETHE erinnern
dürfen, der postulierte, dass Schulen Orte sein sollten, an denen die Kinder mit
‚Wurzeln und Flügeln‘ ausgestattet würden.
Diese Diskussion um Veränderungen an der Schule und sein Wesen an dieser Stelle
weiterzuführen, würde jedoch am Thema der Begabungsförderung vorbeiführen und
darf auch nicht ausschlaggebender Inhalt für die Begabungsförderung Heranwachsender im Internet sein. Die Ausbildungsschwerpunkte für Heranwachsende im
Internet sollten egalitär für alle Rezipienten zu entwickeln sein, wobei jedoch die
Rezipienten eines geschulten selektiven Bewusstseins bedürfen, mit welchem
Schwerpunkt sie sich herausgefordert sehen wollen und mit welchem nicht. Das ist
auch mit ein wesentlicher Grund, warum ich in meiner Zusammenstellung der
unterrichtlichen Inhalte auf meiner Internetplattform zur Begabungsförderung Heranwachsender126 keine Trennung hinsichtlich des Schultyps unternommen habe. Die
Ausbildungsschwerpunkte dieser Plattform sind gemäß eines zu erreichenden
Schulabschlusses gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern interaktiv und in
dialektischer Form entwickelt worden, so dass in einigen Fällen der angestrebte
Schulabschluss auch mithilfe dieser Plattform durch die Schülerinnen und Schüler
erfolgreich gemeistert worden ist. Diese Plattform der Begabungsförderung stellt sich
somit den Anspruch, den Schulunterricht ergänzen und nicht ersetzen zu wollen. Im
Vorder- und Fördergrund steht in erster Linie die heranwachsende Person selbst, die
ihre Begabung für die Erstausbildung mithilfe des Internets ausbilden oder erweitern
möchte, wobei sich die Erstausbildung aus den gewünschten Schul- und Berufsabschluss als Zugangsqualifikation für den Ersten Arbeitsmarkt zusammensetzen soll.
Was den zu erreichenden Schulabschluss angeht, da zeigte sich die Jugend 2002
nach Auskunft der Deutschen SHELL von einer optimistischen Seite. Die Werte, sich
relativ sicher zu sein, den angestrebten Schulabschluss zu erreichen, liegen bei allen
Schülerinnen und Schülern, unabhängig von der besuchten Schule bei 80 Prozent
123
Grundmann, Matthias / Huinink, Johannes / Krappmann: : „Kindliche Lebenswelten, Bildung und
innerfamiliale Beziehungen“ – Familie und Bildung, Empirische Ergebnisse und Überlegungen zur Frage der
Beziehung von Bildungsbeteiligung, Familienentwicklung und Sozialisation, a. a. O., S. 91
124
Deutsche Shell (Hrg.) / Hurrelmann, Klaus / Linssen, Ruth / Leven, Ingo in Arbeitsgemeinschaft mit Infratest
Sozialforschung: „Jugend 2002“ – Wachsende Ungleichheit der Zukunftschancen?, a. a. O., S. 73
125
ebd. S. 73
126
vgl. www.rasanthaus.de/lehrer/main/subjects.hmtl
48
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
und oftmals darüber. Die nachfolgende Grafik verdeutlicht dies auf wie ich finde
beeindruckende Weise.
Abb. 2.2.f: Jugend 2002: eigene Einschätzungen
zum Erreichen des angestrebten Schulabschlusses
Schenkt man dieser Grafik 2.2.f
Aufmerksamkeit, so läge der Schluss
nahe, dass unter denjenigen, die dann an
dem Prinzip Schule letzten Endes durch
einen nicht erreichten Schulabschluss
scheitern, ein gehöriger Anteil von
ambitionierten Schülerinnen und Schülern
zu finden sein dürfte. Als Quintessenz
hieße dies, dass das Ambitionierende an
der Schule selbst für die am Schulabschluss gescheiterten Heranwachsenden
nicht als ein wesentlicher Ausbildungsschwerpunkt galt oder nur unzureichend
zum Tragen gekommen war. Kurzum:
Schule hätte seinen Auftrag, auf
Heranwachsende lernmotivierend zu
wirken in einer solchen Hinsicht verfehlt.
Das mag nicht unbedingt an der Schule selbst, sondern die Gründe könnten
diversifizierter sein und zum Beispiel auch in der Allokationsfunktion der jeweiligen
Schule liegen. Ein gefährlicher Schulweg zum Beispiel, in dem Sinne, dass für den
Schüler bzw. der Schülerin auf dem Schulweg ‚unüberwindbare Gefahren‘ lauern
(zum Beispiel durch erpressende und gewalttätige Mitschülerinnen und Mitschüler),
könnte ein solcher Störfaktor bei der Standortfunktion einer Schule sein. Genauso
könnten auf dem Schulweg verführende Hindernisse liegen, die den Schülerinnen
und Schülern es leicht machen, den Schulweg zu unterbrechen oder gar ganz
auszusetzen (z. B. Internetcafés). Dies wären Herausbildungsschwerpunkte bei der
‚Allokationsfunktion Schule‘ der besonderen, wenn auch nicht unbedingt seltenen Art
in den Standortdiskussionen. Solche inhaltlichen Diskussionsschwerpunkte würden
sich in der Begabungsförderung Heranwachsender im Internet gar nicht erst herausbilden können.
Heranwachsende sehen sich konfrontiert mit der Tatsache, dass ein gelungener
Schulabschluss nicht gleichbedeutend sein muss, auch einen adäquaten Job zu
finden. Ausgehend von der Hypothese, dass die berufliche Zukunftsperspektive
einen wesentlichen Antrieb zum erfolgreichen Schulabschluss bietet, wurden in der
Studie der DEUTSCHEN SHELL 2002 Schülerinnen und Schüler befragt, wie sie ihre
beruflichen Perspektiven nach ihrem erfolgreichen Schulabschluss einschätzen. Wie
die untenstehende Abbildung 2.2.g verdeutlichen soll, blickt die Mehrheit optimistisch
in die Zukunft...
49
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Abb. 2.2.g: Jugend 2002: eigene Zuversicht zu Abb. 2.2.h: Jugend 2002: eigene Einschätzungen
den Jobaussichten nach erreichtem Schulabschluss zum Erreichen des angestrebten Berufswunsches
...und die Selbstsicherheit der befragten Jugendlichen, dass ihre beruflichen
Wünsche in Erfüllung gehen werden, ist laut dieser Studie von einem beruhigenden
Optimismus geprägt.
Bei aller Ausprägung von Selbstsicherheit der Schülerinnen und Schüler, der
Auszubildenden und Studierenden, so stellen ihre Ausbildungsschwerpunkte Anforderungen, die sich nicht an einer solchen Selbstsicherheit messen lassen, sondern
rigide Lernvorgaben an die Heranwachsenden darstellen. GROB formuliert die Frage
bezüglich solcher Anforderungen an Ausbildungsschwerpunkte in einer alternativ
gestellten Frage: „Kommt es auf die Quantität der Anforderungen an oder erzeugen
bestimmte Kombinationen höhere Belastungen und entsprechende Auswirkungen als
andere?“127 Eine solche Fragestellung dient hier eher als Anregung und die dazu
passenden Antworten finden sich zu tief verzweigt in den Lehrplänen der einzelnen
Gremien auf deutschen Landesebenen, als dass sie sich an dieser Stelle eingehender untersuchen ließen. Ein Verweis auf die Fußnote 22 sollte hier genügen
dürfen.
Eines meiner Meinung nach der wesentlichsten Ausbildungsschwerpunkte für Heranwachsende dürfte darin bestehen, vor allem den naturwissenschaftlichen Bereich
einer ‚neuen Aufklärung‘ zu unterziehen und auch nach GÖBEL u. a. kommt es stark
darauf an, dass bezüglich der Technologieentfremdung durch übertreibende
kulturpessimistische oder -optimistische Kritiker eine „Gegenaufklärung“ zur „Aufklärung“ im naturwissenschaftlichen Bereich erfolgen muss. Dafür schlagen GÖBEL
und andere128 drei Ebenen einer solchen Aufklärungsarbeit vor:
-
philosophisch-anthropologische Grundlagen
langfristige Bildungs- und Informationsarbeit
kurzfristige und praktische Aktivitäten
Diese drei Ebenen halte ich für die wesentlichsten Ausbildungsschwerpunkte und
das nicht nur auf naturwissenschaftlicher Grundlage, da diese drei Ebenen sich auf
einer Plattform im Internet installieren und administrieren lassen. Zur Förderung auf
allen drei Ebenen sollte es oberstes Ziel sein, dass die Erziehung oder noch besser,
127
Grob, Alexander (Hrsg.): „Kinder und Jugendliche heute: belastet – überbelastet?“ – Das Zusammenwirken
von Anforderungen, Ressourcen und Funktionsfähigkeit, a. a. O., S. 14
128
Schlaffke, Winfried: „Das Jugendsyndrom“ – Mut zur Technik – Vertrauen in die Zukunft, a. a. O., S. 49
50
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
die Entwicklung der Heranwachsenden zum Erwachsensein nicht auf die ‚Erziehung
zur Animalität‘ herabsinkt: „In polemischer Zuspitzung bezeichnete NIETHAMMER –
HUMBOLDTS Kollege als Organisator des bayrischen höheren Schulwesens –
‚Industrie und Gewerbefleiß‘ als die Mächte, denen sich die Erziehung nicht verpflichten könne, ohne auf das Niveau einer ‚Erziehung der Animalität‘ herabzusinken.
Was sich in der Richtung auf Industrie- und Gewerbefleiß äußere, sei die Forderung
realer Nützlichkeit; reale Nützlichkeit aber heiße Einträglichkeit, materielle
Produktion. Wahre Humanität, ‚cultura animi‘, indes könne sich nur abseits dieser
Arbeits- und Produktionswelt recht entfalten. Schule und Bildung seien daher von ihr
fernzuhalten.“129 Dieses Postulat hat in entsprechender Weise auch unter gewissen
Vorbehalten bei der Begabungsförderung Heranwachsender im Internet zu gelten.
NIETHAMMERS Forderung, Schule und Bildung von der Arbeits- und Produktionswelt
fernhalten zu wollen, verstehe ich hier nicht als eine Aufforderung, weltfremde
Schulung und Bildung Heranwachsenden zukommen zu lassen, sondern als eine
Warnung für das komplexe Bildungssystem, die Lehrpläne nicht explizit den
Erfordernissen der Industrie und des Gewerbes anzugleichen. Die Inhalte von
Industrie und Gewerbe sollten sich auf die dritte Ebene der Aufklärungsarbeit nach
GÖBEL beschränken dürfen. Viel mehr als eine kurzfristige und praktische Aktivität im
‚Lehrplan des Lebens‘ sollte die Industrie und das Gewerbe bei der Erziehung
Heranwachsender nicht sein brauchen, weil erstens Industrie, als auch Gewerbe
selbst ein relativ kurzfristiges Handeln erledigen und zweitens Heranwachsende auch
außerhalb der Schule mit Industrie und Gewerbe bereits einige Erfahrungen allein
schon als Verbraucherinnen und Verbraucher sammeln.
Die Ausbildungsschwerpunkte der Begabungsförderung Heranwachsender im Internet dürfen in diesem Sinne nicht zu einer einseitigen Herausforderung an rein
ökonomischen Zielen, ob diese nun volks- oder betriebswirtschaftlich orientiert sind,
gesetzt werden. Im Gegenzug darf nun auch nicht Begabungsförderung als eine
durchweg interdisziplinäre Bildungsaufgabe angesehen werden, vor allem, wenn
Interdisziplinarität im Sinne eines multitasking-funktionalen Anspruchs an die
Heranwachsenden gestellt wird, weil „einige Jugendliche zum Beispiel recht viele
Aufgaben gleichzeitig auf sich nehmen können und von ihrer Umgebung darin
unterstützt werden, während andere weniger auf einmal verarbeiten können und
auch weniger mit der Hilfe von anderen rechnen können.“ 130 Ein wichtiger Ausbildungsschwerpunkt für die Begabungsförderung ist somit auch die Begabung jedes
einzelnen an sich. Die Erläuterungen zum Begabungsbegriff sind im ersten Kapitel
vorausgegangen und sollten bei der Schwerpunktsetzung der Förderung nicht
ungeachtet bleiben. Beachtet werden sollen vorhandene, wie nicht vorhandene
Ausbildungsschwerpunkte im Internet. In diesem und im vierten Kapitel dieser
Ausarbeitung finden sich weitere Beispiele an Bildungsangeboten im Internet, wobei
in Kapitel 4.2. die Problematik des Lernens stärker hervorgehoben ist als in den
nachfolgenden Kapiteln.
129
Göbel, Uwe / Kollenberg, Udo / Pieper, Ansgar / Schlaffke, Winfried: „Das Jugendsyndrom“ – Mut zur
Technik – Vertrauen in die Zukunft, a. a. O., S. 44
130
Grob, Alexander (Hrsg.): „Kinder und Jugendliche heute: belastet – überbelastet?“ – Ressourcen, a. a. O., S.
15
51
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
2.2.1. Der Deutsche Bildungsserver (DBS)
Der Deutsche Bildungsserver (DBS) ist ein zentraler Wegweiser und eine
gemeinsame Kommunikationsplattform für das deutsche Bildungsnetz. 131 Aus dem
weit verzweigten Netzwerk der DBS, dem auch die Initiative „Schule ans Netz“ e. V.
angeschlossen ist, habe ich ein paar exemplarische Verbindungen herausgesucht,
die auf den ersten Klick für einen Schüler bzw. eine Schülerin meiner Meinung nach
unter sozialisations- und lerntheoretischen Aspekten interessant sein dürften.
Unter dem Verweis „Schülerinnen / Schüler“ des Deutschen Bildungsservers ist als
erste die Site Schulweb gelistet. Sie ist dreisprachig aufgebaut (Russisch,
Französisch, Englisch) und in fünf Rubriken gegliedert: Schulen, Schulangebote,
Service, Kommunikation und Information. Unter der Rubrik Schulen sind neben
Deutschland die Länder Österreich und die Schweiz, sowie eine Rubrik unter der
Bezeichnung weltweit gelistet. Eine deutsche Landkarte kartografiert die 16 Bundesländer und die neun Anrainerstaaten Dänemark, Polen, Tschechien, Österreich,
Schweiz, Frankreich, Luxemburg, Belgien und die Niederlande. Per Mouseclick findet
sich unter jedem kartografierten Land ein Verzeichnis mit Adressen und weiteren
Verweisen von deutschen Schulen im In- und Ausland. Ebenfalls kartografiert ist
auch der Link Österreich und seine zehn österreichischen Bundesländer, als auch
der Link für die Schweiz mit ihren 23 Kantonen und der Link weltweit mit seinen
sieben Kontinenten.
Unter dem Link Schulangebote finden sich ein Schülerzeitungen-Verzeichnis, ein
Schülerwebradio- und ein Klassenfahrten-Verzeichnis, ein Schulmaterialien-Verzeichnis und ein Schulwebring-Verzeichnis, welches ein freiwilliger Zusammenschluss von Web-Sites eines gemeinsamen Themas zu einem so genannten ‚Ring‘
darstellt. Jeder Teilnehmer am ‚Ring‘ verweist auf seine Nachbarn, und diese
verweisen auf ihn. Der SchulWeb-Ring ist ein freiwilliger Zusammenschluss von
Schulen im Internet. Jeder Klick auf den durch vier miteinander vernetzten
Schulhäusern symbolisierten Ring führt zur nächsten am Ring teilnehmenden SchulHomepage. Zum jetzigen Zeitpunkt befinden sich in dem werbefreien Webring von
Schulweb 388 vernetzte Schulen mit eigenen Homepages (Stand: 26.11.2006
22:14).
Neben vielen Features wie Kontaktbörse enthält die Website eine umfangreiche
Mailingliste, Linktipps für die Schule, Fragen und Antworten zur Berufs- und
Studienwahl in Zusammenarbeit mit dem Berliner und Brandenburgischen
Bildungsserver, Onlineberatung bei Fragen zu Schule, Familie, Partnerschaft,
Drogen und Medikamente, Computerhilfen für Webteams in der Schule, Medien und
Kultur, sowie Treffpunkte für Schüler in Zusammenarbeit mit dem Jugendserver des
Bundes und der Länder, als auch Jugendportale. Entertainment im Rock & Pop-,
Hardrock und Heavy-Metal-, Film-, HipHop-, DJ-, DVD- und Gewinnspielbereich,
Webseiten mit Schülerwettbewerbs-, Veranstaltungsangeboten und ein Verzeichnis
mit verlinkten Institutionen, aufgeteilt in die Bereiche Schule (Landesinstitute,
Bildstellen und Medienzentren, Studienseminare, Bibliotheken, Dokumentationen
und Museen), Politik und Verwaltung (Ministerien, Wissenschaftsministerien in
deutschsprachigen Ländern, Ministerien für Schule, Kultur oder Wissenschaft der
deutschen Länder, Ministerien, Behörden Parteigremien, Verbände und
Gewerkschaften, internationale Institutionen), sowie weitere Institutionen (Stiftungen
131
http://www.bildungsserver.de/
52
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
und Förderinstitutionen, pädagogische Verlage und Medienanbieter, nicht-staatliche
Bildungsanbieter und sonstige Institutionen im Bildungsbereich).
Ansprechend für Schülerinnen und Schüler ist „Klassenarbeiten.net“ bzw. „Klassenarbeiten.de“ aufgebaut. Auf den Kontaktseiten dieses Auftritts wird klargestellt, wer
sich zu den Pionieren von Klassenarbeiten im Internet zählen darf: „René und ich132
haben im Jahr 2000 die ersten kostenlosen Klassenarbeiten und Referate online
gestellt.“ Sechs weitere Schülerinnen und Schüler arbeiten an diesem auf dem
ersten Blick gelungenen Auftritt aus Gomaringen für den Rest des globalen Dorfes
namens Internet.133
„Du suchst Hilfe bei deinen Hausaufgaben?“ heißt es im einleitenden Text bei
Schoolwork.de.134 Etwas weiter unten finden sich unter dem Titel „Herbst-Wahnsinn“
zwei Ausarbeitungen von ‚Lisa‘, die sich mit dem ersten Schritt der
Proteinbiosynthese und der Synthese von t-RNA und r-RNA, also der Transkription
und der Translation, der eigentlichen Proteinbiosynthese im Fach Biologie
auseinandersetzt. Und es findet sich direkt unter der Translation der Titel: „Ein Kind
töten“. Als ich die untenstehende Einleitung: „Es ist ein leichter Tag, und die Sonne
steht schräg über der Ebene. Bald läuten die Glocken, denn es ist Sonntag.
Zwischen ein paar Roggenäc...“ las, wurde ich neugierig und klickte auf ‚mehr‘. Ich
bekam einen Text von STIG DAGERMAN (1947)135 namens „Ein Kind töten“ zu lesen.
Dort erzählt DAGERMAN aus der Perspektive dreier unterschiedlicher Darsteller und
sozialer Gruppen in jeweils ihrem eigenen Interaktionskontext einen Handlungsablauf
an einem Sonntagmorgen, irgendwo auf dem Lande, der einem Mädchen zum
tödlichen Verhängnis werden wird. Immer wieder verweist der Erzähler bei seinen
Beschreibungen der Handlungsabläufe darauf, dass an diesem Tag in wenigen
Momenten ein Kind getötet werden wird. Und zwar ein ganz bestimmtes. Wie
beiläufig arbeitet der Autor DAGERMAN einen Spannungsbogen auf, allein dadurch,
dass er bewegliche und unbewegliche Momente des Glücks aller in dem Plot
Erwähnten ausleuchtet und gelegentlich den Verweis auf ein kommendes Unglück
einstreut. Ich, als Leser, glaubte während des Lesens, dass dieses Kind ermordet
werden würde; denn DAGERMAN ließ im Glauben, es könnte so passieren. Doch dann
kam alles anders und es stellte sich heraus, dass dieses Kind überfahren wird.136
Die Site Schoolwork.de ist interessant, spannend und zugleich benutzerfreundlich. Im
linken Benutzerrahmen (Frame) findet sich ein gut verteiltes Navigationsmenü der
einzelnen Schulfächer (Biologie, Chemie, Deutsch, Englisch, Eurythmie,
Französisch, Geschichte, GMK, Kunst, Latein, Mathe, Musik, Philosopie, Physik und
Religion). Das besonders Benutzerfreundliche von Schoolwork.de sind die Untermenues der einzelnen Fächer, die nicht erst angeklickt werden müssen, sondern sich
in einem kleinen Fenster nebst des Fachbegriffes von selbst erschließen lassen (zum
Beispiel Biologie: Anthropologie, Cytologie, Die Zelle, Evolution, Genetik, Krankheiten, Mikrobiologie, Nerven, Ökologie), sobald der Mousezeiger die Nähe eines
Schulfaches erreicht. Auf dem ersten Klick ist der Stoff in Biologie gut gegliedert und
geht immer weiter in die Tiefe. Am Thema angekommen, erwartet den Lernenden
132
Michael Hicke aus Gomaringen zeichnet sich im Impressum für klassenarbeiten.net verantwortlich
http://www.klassenarbeiten.de/seiten/kontakt.htm, Stand: 16.09.2005 22:43
134
http://www.schoolwork.de/, Stand: 18.09.2005 11:53
135
„The Burnt Child“ von dem schwedischen Schriftsteller Stig Dagerman, geb. 25.10.1923 in Alvkarleby, gest.
4.11. 1954 in Enebyberg, Schweden
136
http://www.schoolwork.de/kurzgeschichte/kind_toeten_dagerman.php, Stand: 18.09.2005 12:12
133
53
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
eine bebilderte Lektion. Schoolwork.de stellt meiner Meinung nach ein besonders
gelungenes Beispiel für die Sozialisation junger Heranwachsender im Internet dar.
‚OnlineMathe – Hilfe im Internet‘ ist ein kostenlos nutzbares Forum für Schülerinnen
und Schüler, die Fragen in Mathematik haben. Das Forum wird laut Impressum von
OnlineMathe.de durch die WP W ISSENSPORTAL GMBH in München betrieben und
zeigt, dass es möglich ist kostenlose Begabungsförderung auch unter kommerziellen
Gesichtspunkten betreiben zu können. School2000.de besteht aus fünf Rubriken.
Verantwortlich für die Rubriken „Community, Schule, Kostenloses, Partnerseiten und
Surftipp“ ist laut Impressum, die AK HANDELSGESELLSCHAFT mbH Frankfurt an
der Oder. Das Schülerforum findet sich unter der Rubrik Community. Zum Zeitpunkt
der Recherche137 fanden sich 256 Themen zu Hausaufgaben, Referate,
Facharbeiten, Biographien und Klausurvorbereitung.138
Wer allein im Internet nicht weiter kommt, oder wie es bei School2000 heißt: „Hast du
schlechte Noten in der Schule, erklärt der Lehrer so, dass du es nicht verstehst oder
hast du andere Dinge im Kopf und einfach keine Lust mehr auf Schule?“139 , der
findet eine Datenbank mit derzeitig 58 Nachhilfelehrern vor. Besonders
bedienerfreundlich zeigt sich, dass die Suche nach einem geeigneten Nachhilfelehrer
einen örtlichen Bezug hat. Die Suche geschieht mit Eingabe der Postleitzahl und
orientiert sich am Schulfach, welches vom Anwender bzw der Anwenderin aus einem
Drop-Down-Menue ausgewählt werden kann. Im Fach Mathematik unter meiner
Postleitzahl fand ich vier Einträge von Nachhilfelehrern. Lehrer können sich in eine
Datenbank eintragen und dadurch Nachhilfe anbieten. Eintragen in die Datenbank
können sich Nachhilfelehrerinnen und -lehrer entweder unter privaten
Voraussetzungen (müssen jedoch als ‚Communitymitglieder‘ eingetragen sein) oder
aber unter kostenpflichtigen, gewerblichen Geschäftsbedingungen.
2.2.2. Schulen ans Netz e. V.
Schulen-ans-Netz.de ist ein Verein, der „durch konkrete Online-Hilfen Lehrerinnen
und Lehrer bei der Arbeit mit den Neuen Medien unterstützt“ 140 und dafür
verschiedene Internet-Dienste und -Plattformen anbietet. Zum einen die Plattform
Lehrer-Online (www.lehrer-online.de), die sich als ein aktueller Online-Dienst für
Lehrende versteht: „Hier stellt Schulen ans Netz e.V. ein umfangreiches, individuell
zugeschnittenes, fach- und schulbezogenes Portal mit Service-Angeboten für die
Unterrichtsvorbereitung und -praxis vor. Im Mittelpunkt von Lehrer-Online stehen die
Neuen Medien sowie das Aufzeigen von Strategien zu einer sinnvollen Nutzung und
ihrem Einsatz innerhalb des Unterrichts.“141
Schulen ans Netz hält auch speziell Angebote für weibliche Lehrkräfte parat: „LeaNet
(www.leanet.de) steht für ‚Lehrerinnen-Angebot im Netz‘ und bietet neben
zahlreichen Informationsangeboten eine nur Frauen vorbehaltene Diskussions-,
Lern- und Arbeitsplattform. LeaNet richtet sich insbesondere an Lehrerinnen und
Referendarinnen. Über die Anmeldung erhalten alle LeaNet-Mitglieder automatisch
einen kostenlosen E-Mail-Account sowie den Zugang zu allen Angeboten und
Arbeitsbereichen.“142
137
Stand: 18.09.2005 13:59
http://www.school2000.de/community/pinnwand/index.php?pinnwand=21&thema=008232&seite=1
139
http://www.school2000.de/schule/nachhilfe/, Stand: 19.09.2005 09:43
140
HP Schule-ans-Netz.de, Verweis: „der Verein Schulen ans Netz“, Stand: 19.09.2005 10:08
141
ebd.
142
ebd.
138
54
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Speziell an Mädchen und junge Frauen richtet sich die Schulen-ans-Netz-OnlinePlattform LizzyNet (www.lizzynet.de) – Schülerinnen im Netz: „Neben Angeboten, mit
der Cyberwelt zu kommunizieren und zu spielen, finden Schülerinnen Informationsund Lernplattformen, die Computer-, Berufs- und Lebenswelten aus dem Blickwinkel
von Mädchen und jungen Frauen betrachtet. Das Projekt richtet seine Angebote
sowohl an Anfängerinnen als auch an ‚Internet-Profis‘ und bietet innovative
Möglichkeiten für die selbst bestimmte Nutzung und Gestaltung des Internets.“143
Als Informationsplattform rund um die Themen Schule, PC und Internet versteht sich
die Homepage des Vereins: „Die Homepage von Schulen ans Netz e.V. ist
Kommunikations- und Informationsmedium für die Initiative. Hier finden Interessenten
aktuelle Meldungen aus dem Schulumfeld, Neuigkeiten zu den laufenden Aktionen
sowie Hintergrundinformationen zu den Arbeitsbereichen von Schulen ans Netz e.V.
Ein monatlicher Newsletter bringt den Abonnenten die neusten Meldungen der
Schulen ans Netz e.V.-Webseiten nach Hause.“144
Die Betreiber der Site mit Sitz in Bonn vertreten durch den geschäftsführenden
Vorstand RALF MÜNCHOW lassen auch wissen, dass zwar „die Ausstattung der
Schulen mit einem Internetzugang nunmehr erfolgreich abgeschlossen ist“, jedoch
nun aber ein „mit möglichst wenig Aufwand verbundenes IT-Management im
Mittelpunkt stehen muss“, das den „Schulen die interne Vernetzung und ein auf
Dauer angelegtes und für den Schulalltag“ nutzbaren Internetzugang sichern kann.
Die Vermittlung von Unterrichtsinhalten per PC und Internet soll den Lehrkörpern so
anwendungsfreundlich wie nur möglich gestaltet werden. Unterstützt werden sollen
bundesweit Lehrkräfte von so genannten ‚Weblotsen‘, die in Schulen „kostenfrei und
praxisnah in die Nutzung unserer Online-Dienste sowie weiterer lehrerrelevanter
Angebote im Internet einführen“. 145
Schulen ans Netz e. V. verfügt über Visionen und will „innovativen Ideen, Erkenntnisse und Lösungen rund um den Einsatz der neuen Medien im Unterricht eine
bundesweite Plattform bieten und Möglichkeiten und Visionen für Schule im digitalen
Zeitalter aufzeigen.“
Redundant bei der Vorgabe ‚innovativ zu sein‘ und ‚Visionen zu haben‘ ist dabei auch
der Blickwinkel über den Tellerrand hinaus. Schulen ans Netz stellt sich dieser
Herausforderung im ‚Bereich Internationales‘ unter Bezugnahme des lifelonglearnings: „In der globalisierten Gesellschaft hat sich auch der Bezugsrahmen für das
Lernen erweitert. Neue Inhalte verändern die Curricula. Gleichzeitig bieten die
modernen Kommunikations- und Informationstechnologien Chancen für einen
Wandel der Lernkulturen. Die weltweite Vernetzung ermöglicht ein Lernen über die
Grenzen hinweg. Allgemeinen Zugang zu den Neuen Medien zu schaffen, ist daher
eine zentrale bildungspolitische Aufgabe. Weitere Schritte sind die Vermittlung von
Medienkompetenz und die transnationale Vernetzung. Um das Von- und Miteinanderlernen nachhaltig zu fördern, hat sich der neu gegründete Arbeitsbereich
Internationales das Ziel gesetzt, Dialog und Zusammenarbeit über und mit den
Neuen Medien zu fördern.“146
143
HP Schule-ans-Netz.de, Verweis: „der Verein Schulen ans Netz“, Stand: 19.09.2005 10:08
ebd.
145
ebd.
146
ebd.
144
55
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Grundsätzlich lässt sich von den hier aufgeführten Beispielen, die Sozialisation
Heranwachsender online zu fordern und zu fördern Folgendes als Voraussetzung
zusammenfassen, was bereitgestellt werden muss:
-
erstellte Lehr- und Lernanforderungen
allgemein zugängliche Lehr- und Lernangebote
spezifisch zugänglich Lehr- und Lernangebote
Ausrichtung der Lehr- und Lerninhalte
interaktive Anwendungsmöglichkeiten
Navigationsbedingungen im Lehr- und Lernangebot
2.3. Sozialisationsverhalten Heranwachsender im Internet
Das Sozialverhalten untersucht ceteribus causus gruppenorientierte Interaktionen mit
der Umwelt (also das Verhalten eines Individuums in einer Gruppe eines bestimmten
gesellschaftlichen Kontextes), während sich das Sozialisationsverhalten ceteribus
causus mit dem Individuum in Interaktion mit sich und der Umwelt – und vor allem
deren sozialen Verzweigungen und Vernetzungen – als auch mit Betrachtung auf
den biografischen Kontext als Untersuchungsgegenstand auseinandersetzt (durchaus auch außerhalb einer sozialen Gruppe, wie zum Beispiel ROBINSON CRUSOE aus
DANIEL DEFOEs gleichnamigen Roman). Im Sozialisationsverhalten Heranwachsender soll im Folgenden der Umgang mit dem Internet als Untersuchungsgegenstand und gesellschaftlicher Kontext betrachtet werden.
2.3.1. Das Internet als Mittel sozialer Kommunikation und Interaktion
Zunächst einmal ist das Internet bisher zum größten Teil ein Informationsmedium.
Die Informationssuche der Anwenderinnen und Anwender geschieht häufig über so
genannte Suchmaschinen, die nach Eingabe eines Suchbegriffes Webseiten mit
diesen Begriff(en) als Inhalt aufstöbern können. Die Tätigkeit ‚googlen‘ hat Einzug in
die deutsche Sprach-Enzyklopädie gehalten. Gemeint ist damit, die Suchmaschine
GOOGLE im Internet, um mithilfe von Einträgen Informationen zu finden. Gebe ich bei
GOOGLE meinen Vor- und Nachnamen ein, erziele ich ungefähr 763.000 Treffer.
Unter anderen Personen mit dem gleichen Namen ist auch meine eigene Person
gleich unter den ersten Treffern zu finden.
GOOGLE entwickelt sich zunehmend zum Global Player und bietet im internationalen
Wettbewerb der Internet-Service-Provider dem Giganten MICROSOFT die Stirn. Zurzeit
besticht GOOGLE den Markt mit einer Internet-Revolution namens GOOGLE-EARTH.
Dieses Programm ermöglicht am heimischen Rechner unter der Voraussetzung
moderner Standards die Möglichkeit, unseren Planeten mit Satellitenbildern zu orten
und zu zoomen – gewissermaßen im Sturzflug aus tausende Kilometer Höhe bis auf
Sichtweite auf parkende Autos, Häuser, etc. zu stoßen. Die großen Metropolen
dieser Welt lassen sich bereits schon heute zoomen. Damit deuten sich nutzbare
Szenarien für die heimischen Nutzer und Nutzerinnen an, die in ihrer Reife bereits
jetzt in Umrissen erkennbar sind: Eine deutliche Zunahme von interaktiven Spielen
mit unseren Planeten (virtuelle Zerstörungs- oder / und Aufbauspiele), Logistische
Kommunikationsverstärkung (z. B. durch die Koppelung mit GPS ließe GOOGLEEARTH die Möglichkeit zu, einer Familie beim Picknick auf einer Sommerwiese aus
der Vogelperspektive zuzusehen), Ereignispiraterie (bei großen Freiluftveranstaltungen hätten die Anwenderinnen und Anwender bei Echtzeitübertragungen
freien Eintritt zum Rolling-Stones-Abschiedskonzert 2017 in Sydney) – und nicht
56
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
außer Acht lassen: die stetige Überwachung des Öffentlichen Raumes, durch wen,
wann und wo auch immer.
Doch ehe es soweit ist, genießt GOOGLE das vollständige Vertrauen der
Informationssucher, genauso, wie W IKIPEDIA als interaktives Lexikon das Vertrauen
seiner Online-Lernenden genießt. Wird das heißen, dass Informationsbasis von
einigen wenigen Anbietern (EBAY, GOOGLE, W IKIPEDIA, AOL, MICROSOFT, u. a.)
ausgeht? Mitnichten. Das Internet in Deutschland befindet sich in der Reifephase. Ist
also streng genommen selbst ein ‚Heranwachsender‘ oder eine ‚Heranwachsende‘.
Die Navigation im Dschungel der Unterhaltung und Information per Hyperlink,
Adressvergabe und Mouseclicks obliegt nicht allein den großen Anbieterkonzernen.
Sie bieten den möglichen Rahmen in Form von E-Mail-Programmen, Browsern,
Inhalten und Software. Dadurch gerät das Internet mehr und mehr in die Sphären der
interaktiven Kommunikation und in eine neue Epoche, die auch unter Web 2.0
bekannt ist. Als eine unverzichtbare Software der direkten Kommunikation via
Internet gilt der Messenger (zu deutsch also einem ‚Nachrichtenübermittler‘).
2.3.1.1. Instant-Messenger als interaktive Kommunikationsmittel
„Yahoo! Ich hab auch ICQ.“
Ob AIM (AOL-Instant Messenger), ob ICQ, ob MSN (MICROSOFT Netmeeting), ob
SKYPE, TOM (T-ONLINE Messenger), oder YIM (YAHOO!-Instant Messenger), es ist
nur eine begrenzte Auswahl an verfügbaren Plattformen, die ich hier nennen kann.
Gemeinsam haben die genannten Messenger, dass sie den Anwenderinnen und
Anwendern die Möglichkeit bieten, sich über Schrift, über Akustik (VoIP = Voice over
IP) und Optik (Webcam) in Echtzeit147 verständigen zu können. Benutzerinnen und
Benutzer können Internetadressen schreiben, die nach Eingabe in den Messenger
zu einem Hyperlink umgewandelt werden, sie können sich gegenseitig Dateien
zuschieben, Zeichnungen und Skizzen anfertigen, Online gegeneinander Schach,
Backgammon, usw. spielen und vor allem können sie Gedanken, Gefühle,
Botschaften und Informationen austauschen.
ICQ
Wenn ich mich so in meiner Heimatstadt in den öffentlichen Verkehrsmitteln unter
den Schülerinnen und Schülern umhöre, dann scheint ICQ ein fester Bestandteil des
Sprachgebrauchs unter Jugendlichen zu sein. Wer Internet und Handy hat, der hat
auch ICQ. Über ICQ ist es möglich, dem Empfänger eine Nachricht direkt auf das
Handy zukommen zu lassen. Die kurznachrichtenaustauschfreudige Jugend von
Heute, weiß zu schätzen, dass sie – um zu chatten – nicht unbedingt vor dem
Rechner sitzen muss. ICQ-Nutzerinnen und -Nutzer haben ihre neunstellige
Nummer, die vom Anbieter vergeben wird, meistens wie ihre eigene Telefonnummer
im Kopf und tauschen sie untereinander aus. Bei ICQ handelt es sich um einen
internationalen Anbieter aus den Vereinigten Staaten.
147
"Echtzeitbetrieb ist ein Betrieb des Rechensystems, bei dem Programme zur Verarbeitung anfallender Daten
ständig betriebsbereit sind derart, dass die Verarbeitungsergebnisse innerhalb einer vorgegebenen Zeitspanne
verfügbar sind. Die Daten können je nach Anwendungsfall nach einer zufälligen zeitlichen Verteilung oder zu
vorbestimmten Zeitpunkten auftreten." (DIN 44300 [DIN 1985])
57
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
YAHOO!
Auch der Internetdienstleister mit dem Ausrufezeichen aus den Staaten verfügt über
ein Echtzeitnachrichtenaustauschsystem. Die mysteriöse Bezeichung „Yahoo!“ ist
eigentlich eine amerikanische Interjektion als Ausdruck des Verstehens oder präziser
ausgedrückt, ein Ausdruck fürs konnotative Weiterkommen während des Surfens
oder Programmierens. Ganz anders, dass allgemein YAHOO! als „Jahu“ betont wird,
ist die ursprünglich gemeinte Betonung „Jau!“ oder „Jo!“. Denn diese Interjektion
heißt übersetzt in etwa: „Ich hab’s!“.
Wie lokal das weltweite Netz sein kann, zeigte mir persönlich an einem Sonntag im
Dezember des Jahres 2004 die Tatsache, dass ich völlig überraschend im YIM von
einer Unbekannten angesprochen worden war, die irgendwo unter YAHOO! mein
Profil gelesen hat. Und da wir uns auf Anhieb sympathisch fanden und außerdem
aus dem gleichen Ort waren, verabredeten wir uns noch am gleichen Abend. Wir
begannen von da an ein angenehmes drei Monate währendes Verhältnis und
verstehen uns immer noch gut, da wir nicht im Streit auseinander gegangen sind.
Liegt das vielleicht daran, dass wir uns nicht auf Anhieb physisch kennen-, sondern
unvoreingenommen über unser in Worten ausgedrücktes Denken und Empfinden –
also über getippte Sätze einschätzen gelernt und uns vor dem eigentlichen Treffen
am Abend nicht gesehen haben?
2.3.1.2. Der Chatroom am Beispiel von Chat.de
Der FOCUS Verlag in München betreibt eine jetzt kostenpflichtige, im Jahr meiner
Studien, die dieser Arbeit vorausgingen, jedoch kostenlose Plattform zur schriftlichen
Echtzeitkommunikation (dem Chat, engl. für Plaudern). Ich untersuchte während des
2. Schulhalbjahres 2003 / 2004 von Januar bis Ende Juni in den Chatrooms das
Sozialisationsverhalten Heranwachsender im Internet.148
Vollständig dokumentiert und ausgewertet habe ich 24 Schultage zwischen dem 6.
Februar und dem 17. Mai 2004 in der Zeit von 9 bis maximal 15 Uhr. Meine Mindestverweildauer betrug zwischen 20 und 60 Minuten pro Vormittagssitzung. Mein mir
selbst gesetzter zeitlicher Grenzwert betrug 120 Minuten und durfte nur in Ausnahmefällen diese Zeitdauer überschreiten. Die dokumentierte Gesamtstundenzahl
beträgt fünfzig. Ausgedruckt in Schriftgröße 10 bei dem Schrifttyp „Times New
Roman“ ergäben die dokumentierten Chatprotokolle 1.205 DIN-A4-Seiten.
Zu Chatbeginn fanden sich insgesamt während dieser untersuchten Zeiträume 391
Pseudonyme, wovon 228 die Räume der 10- und der 15-jährigen "inkognito"
betraten. Statistisch davon erfasst, habe ich nur die Anwesenden zum Zeitpunkt
meines Eintritts in den jeweiligen Chatroom. Die darauffolgenden während der
Sitzung eingetretenen Pseudonyme sind statistisch nicht dokumentiert und um diese
zu erfassen, müsste eine aufwendige stochastische Methodik in Zusammenarbeit mit
dem Anbieter des Chatrooms entwickelt werden. Von den Inkognitos waren nach
eigenen Angaben 123 weiblich und 105 männlich. 149 114 waren so genannte
‚Stammis‘, also jene, die sich bei Chat.de mit einem eigenen Pseudonym angemeldet
haben. Wer über einen leistungsstarken Rechner, über Kenntnis und über zwei oder
mehr Browserprogramme verfügte, der konnte in einem Chatroom mit mehreren
148
um zu beschreiben, wie es dazu kam, müsste ich zu weit ausholen. Nur soviel, es war mehr oder weniger
unbeabsichtigt zustande gekommen, mithilfe einer Freundin aus Wien in Österreich und dem bereits
vorhandenen Portal zur Schulwissensvermittlung verlief die Begabungsförderung wie in Bahnen...
149
vor Beginn eines Chats können all diejenigen (kurz auch bekannt als „Aldis“), die inkognito mit
vorgegebenen Bezeichnungen eintreten wollen, ihre Geschlechtszugehörigkeit wählen
58
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Pseudonymen gleichzeitig anwesend sein. Die freiwilligen Administratorinnen und
Administratoren beispielsweise verfügten mittels ihrer von der FOCUS-GMBH in
München gestellten Software über wesentlich erweiterte Funktionen zur Nutzung des
Chats als der gewöhnliche Besucher des virtuellen Raumes.150
Die Sozialisation Heranwachsender in den Chatrooms ist schnell auf den Punkt
gebracht. In Chats finden sich nur Heranwachsende, die sich durch den sich auftuenden ‚Buchstabensalat‘ herausgefordert und nicht überfordert fühlen. Die Gruppe
der Heranwachsenden teilt sich in solche, die dem Chatten nichts oder nicht viel
abgewinnen können und trotzdem Internet- und Messenger-Nutzer sind und in
solche, die durchs Chatten einer gewissen Magie anheim gefallen sind, die sich oft
durch stetige Präsenz in meist ein und denselben Chatroom auswirken kann. Die
Kunst zur Beherrschung von Echtzeitchats, wo mehrere Nutzerinnen und Nutzer
gleichzeitig auf dem Monitor zu Wort kommen, ist dabei das selektive Lesen. Ein
Chatter ist es gewöhnt, Zeilen zu überspringen oder gar nicht erst wahrzunehmen
oder andrerseits auf gewisse Reizworte, die sich in seinem Hirn quasi zu Suchworten
eingeprägt haben, entsprechend zu reagieren.
Eine 2005 erschienene Studie 151 belegte die Korrelation von Medienkonsum und
schlechten Schulleistungen von Schülerinnen und Schülern. Diese Untersuchung
betraf vor allem den Fernsehkonsum und der festgestellten Tatsache, dass im
Norden Deutschlands Kinder verstärkt über ein eigenes TV-Gerät im Zimmer
verfügen, als im Süden der Republik. 152 Das legt den Schluss nahe, warum als eines
von vielen Argumenten, das Nord-Süd-Gefälle bei den PISA-Ergebnissen gravierend
ist. Umgekehrt wage ich, das jugendsoziologische Axiom aufzustellen, dass im
Süden Deutschlands die Jugendlichen verstärkt über einen eigenen Internetanschluss im Kinder- bzw. Jugendzimmer verfügen, während im Norden der Republik
Jugendliche verminderte private Zugangschancen zum weltweiten Netzwerk haben.
Diese Schlussfolgerung leiste ich mir aus den gesammelten Erfahrungen im Umgang
mit Heranwachsenden aus Chat.de im bereits genannten Untersuchungszeitraum.
Gemeinsam scheint den jungen Neuen Mediennutzerinnen und -Nutzern zurzeit zu
sein, dass sie aus mehr oder weniger geordneten und gesicherten finanziellen
Familienverhältnissen stammen. Der Interaktionismus und der Erfahrungs- und
Informationsaustausch unter den Heranwachsenden im Chat lässt dabei nicht
zwangsläufig die schulische Leistungsverantwortung sinken. Dies scheint bei der
Nutzung des Fernsehens offenbar stärker gegeben zu sein als bei der extensiven
Nutzung des Mediums Internet.
Der extensiven Nutzung von Chats haftet eine weitaus ernstzunehmende soziologische Wirkung an, sobald sich zu sehr der eigene Aktionsradius verstärkt auf die
Umgebung eines netzwerkfähigen Rechners bezieht. Denn generell ist es Habitus in
Chats, sich vom Ort des Geschehens entfernen zu können und diesen wieder zu
betreten, ohne unbedingt etwas versäumt zu haben. Chat.de bot die Möglichkeit der
Anwesenheit im Chatroom auch für Nutzer, die den Aktionsradius des Rechners
verließen, um sich häuslicher oder sozialer Angelegenheiten zu widmen. Die hinterlassenen Eintragungen wie „indiana-jens hat gerade seinen vermieter zu besuch“
oder „dampfbuegeleisen bügelt oberhemden“ weisen das unterschwellige Bedürfnis
150
weitere Informationen zur Chatadministration im Anhang über Foren, Chats und Webspace als zentrale
Plattformen der Lernhilfe per Internet – OnlineSchool: Wer blaumacht geht ins Netz
151
aus einer Radionachricht des WDR 2 vom 24. September 2005
152
anzumerken sei, dass das Fernsehgerät auch zur Nutzung von Playstations zur Verfügung steht
59
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
der Teilhabe sozialer Handlungen auf – so als bestünde die Chat-Community aus
Familienmitgliedern, die in ihrem sozialen Raum sich träfen und sich aber auch voneinander entfernten. Andere Chats, wie das Tickern in verzögerter Echtzeit hinterlassen stets Nachrichten auf Abruf, da dort sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer
direkt ansprechen lassen und eine eingehende Nachricht möglicherweise ein
akustisches Signal mit sich bringt.153
In Chat.de ging ich im untersuchten Zeitraum vormittags immer nur mit einem so
genannten Stammnick in die virtuellen Räume der 10- bis 15jährigen. Dabei habe ich
an elf Stichprobentagen das Pseudonym "dampfbuegeleisen" und an dreizehn
Stichprobentagen das Pseudonym "indiana-jens" benutzt:
Tab. 2.3.1.2.a: Stichprobeergebnisse 10- bis 15jährige in Chat.de, 1. Halbjahr 2004
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Anzahl d.
Stichprobe
7
4
3
4
6
Verweildauer
in Min.
960
435
355
470
780
Tagesmittel
in Min.
40
18,125
14,792
19,583
32,5
Mädchen
Jungen
34
15
22
20
46
37
6
20
13
46
gesamt
132
45
65
52
165
In der Tabelle 2.3.1.2.a finden sich die zusammengefassten Daten einer eigenen
Stichprobe aus Chat.de während des ersten Halbjahres 2004. Die Untersuchung
fand generell an Vormittagen statt, wie bereits anfangs erwähnt. Die Grundgesamtheit der Stichprobe betrug 24 Chat-Sitzungen. Die gezählte Verweildauer in Minuten
ist der von mir dokumentierte Zeitraum meines eigenen Aufenthaltes in den
Chaträumen der 10 bis 15jährigen als einer der eben genannten Pseudonyme. Das
Tagesmittel wurde aus der Verweildauer in Minuten, dividiert durch die Stichprobengesamtheit ermittelt. Bei den Mädchen und Jungen wurden nur diejenigen gezählt,
die sich im eben genannten Zeitraum als Inkognitos angemeldet haben. So genannte
Stammnicks tauchen in dieser Aufstellung nicht auf. Hier wurden nur die auch Aldis
genannten Chatter betrachtet. Bis auf montags scheinen die Mädchen in der Gruppe
der Aldis am häufigsten vertreten zu sein. Rein rechnerisch im arithmetischen Mittel
betrachtet, betreten anonym an einem Montag Vormittag 5,464 Mädchen und 5,946
Jungen, am Dienstag Vormittag 9,31 Mädchen und 3,724 Jungen, am Mittwoch
Vormittag 18,206 Mädchen und 16,552 Jungen, am Donnerstag Vormittag 12,414
Mädchen und 8,069 Jungen und am Freitag Vormittag 19,034 Mädchen wie Jungen
innerhalb von einer Dreiviertelstunde einen überregional bekannten und beliebten
deutschsprachigen Chatroom.154
Hochgerechnet auf einen Schulalltag von 6 Unterrichtsstunden ergäbe sich
statistisch gesehen montags eine Zahl von ca. 33 ‚blaumachenden‘ Mädchen und 36
‚blaumachenden‘ Jungen, dienstags ca. 56 ‚blaumachende‘ Mädchen und 23
‚blaumachende‘ Jungen, mittwochs ca. 110 ‚blaumachende‘ Mädchen und 100
‚blaumachende‘ Jungen, donnerstags ca. 75 ‚blaumachende‘ Mädchen und 49
‚blaumachende‘ Jungen und freitags ca. 115 ‚blaumachende‘ Mädchen und genauso
viele ‚blaumachende‘ Jungen (also mehr als 700 ‚schulschwänzende‘ Schülerinnen
153
z. B. bei fundialoge.de
Anzahl der Schülerinnen bzw. Schüler dividiert durch die Stichprobe, dividiert durch das Tagesmittel,
mulipliziert mit dem Minutenfaktor 60, dividiert durch 4 multipliziert mit 3 ergibt das arithmetische Mittel einer
Schülerin bzw. Schülers pro Unterrichtseinheit von 45 Minuten an
154
60
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
und Schüler pro Woche) in einem einzigen Chatroom, von denen es Abertausende
im Netz gibt.155
Laut eigenem Erfahrungsbericht während meiner Untersuchung in Chat.de sollten
diese Zahlen jedoch nicht überbewertet werden. Nach eigenen Schätzungen
befanden sich mehr als die Hälfte aller mir begegneten Pseuden im schulpflichtigen
Alter nicht fern der Schule, sondern mitten im Schulunterricht. Darüber hinaus ist
erwähnenswert, dass diese Zahlen letztlich nicht viel mehr als eine statistische
Spielerei darstellen sollen, da folgende Grundkriterien eines Pseudonyms im Chat
nicht so ohne Weiteres festgestellt werden können:
-
handelt es sich bei dem Pseudonym um einen Heranwachsenden
oder einen Erwachsenen?
findet regulärer Unterricht überhaupt für ein schulpflichtiges Pseudonym
gerade statt?
ist das Chatten möglicherweise Bestandteil und Inhalt des laufenden
Schulunterrichts?
befindet sich das Pseudonym überhaupt in Deutschland?
Diese vier Fragen sollten bei der Berücksichtigung des Sozialisationsverhaltens
Heranwachsender im Internet eine wesentliche Rolle spielen. Bei der ersten Frage
gibt es durchaus einen großen, unüberschaubaren – teils kriminell organisierten –
Anteil von Erwachsenen im Internet, die sich kindisch geben, sich als Kinder
ausgeben, um dadurch vorzugsweise ahnungslose Kinder im Alter zwischen 8 und
12 anzulocken.
Handelt es sich um einen schulpflichtigen Heranwachsenden, so sind die weiteren
drei Fragen von elementarer Bedeutung: Schließlich macht es keinen Sinn, nur weil
am eigenen Standort (hier NRW) noch keine Ferien – am Standort des Pseudonyms
jedoch Ferien sind (z. B. Bayern), an den Schulbesuch zu erinnern. Es könnte auch
gerade Unterrichtspause sein. Gleiche Zurückhaltung vor übereiligen Schlüssen, gilt
für die weiteren beiden Fragen, wobei die dritte und vierte Frage ein ‚Hinterfragen‘
der aktuellen Bedingungen nötig erscheinen lässt und Transparenz der eigenen
Person Bedingung ist. Globales Denken und lokales Handeln haben im Chat einen
hohen Stellenwert; auch zur Erinnerungen an die Ortszeit, die für die vielen tausend
Austauschschülerinnen und -Schüler gilt, die sich aus allen Teilen der Welt (z. B.
Neuseeland, Australien oder den USA) in einem deutschsprachigen Chat anmelden.
Den 228 Aldis 156 aus dem gesamten dokumentierten Untersuchungszeitraum
standen 114 Stammnicks gegenüber. Hieraus lassen sich Mutmaßungen im Umgang
unter-einander anstellen, wenn diese Zahlen im einzelnen gegenübergestellt werden.
Aldis und Quicknicks157 genießen keine besonders große Aufmerksamkeit und ein
gering-schätziges Ansehen bei den Stammnicks. „Ignoriere Aldis und traue keinem
Quicknick“ ist die Devise der Stammgäste eines Chatrooms. Stammnicks machen
sich einen Namen und unterscheiden sich selbst auch unter Nickwechsler und NichtNickwechsler. Zuerst gilt einmal der Grundsatz: „Nomen est Omen!“, um sich in
einem Chat zurechtzufinden. Der wesentlichste Unterschied ist, dass Stammnicks
das Bedürfnis haben, sich über ihr Pseudonym mitzuteilen. Das Pseudonym steht oft
für den aktuellen Lebensinhalt eines Chatters.
155
lt. GOOGLE vom 23.09.2005 07:28 gibt es ca. 96.600 deutschsprachige Chats
Bezeichnung für Chatter, die sich der vorgegebenen Pseuden des Anbieters bedienen
157
bei Chat.de konnte ein Nutzer sich ein nur für die laufende Chatsitzung ausgedachtes Pseudonym zulegen,
also einen so genannten Quicknick
156
61
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Die meisten der hier erwähnten 65 Stammnicks dürften zwischen 8 und 17 Jahre alt
sein. Einer dieser Pseudonyme war während des Untersuchungszeitraums 11 Jahre
jung und chattete von Katmandu / Nepal aus (ursprünglich aus Weimar, ist er nun
vorerst mit seiner Mutter in Nepal / Katmandu zuhause und gehört zu den OnlineSchülern des Jahres 2004 im ‚Blauen Kanal‘158).
Meines Wissens sind allein unter diesen hier gelisteten Stammnicks mindestens fünf
Erwachsene, die sich in Chatrooms, gedacht für 10- bis 15jährige aufhalten. Davon
ist ein gehöriger Teil orientierungslos unterwegs auf der Suche nach Kontakten.
Diese Kontakte müssen nicht unbedingt pädophil motiviert sein, sondern gehen auch
aus dem Unkenntnisstand, einschließlich der eigenen Motivation und Absichten des
jeweiligen Chatters, bzw. der jeweiligen Chatterin hervor.
2.4. Männliches Sozialisationsverhaltensmuster im Internet
Auch für diese beiden folgenden Unterkapitel gilt, was bereits einleitend im zweiten
Kapitel bemerkt worden ist, dass die Unterschiede zwischen RW und VR gar nicht so
eklatant groß sind, wie sie auf den ersten Blick einem unbedarften Internetbenutzer
möglicherweise erscheinen mögen.
Durch meine Erfahrungen in diversen Chaträumen darf ich rein hypothetisch
herausstellen, dass viele Männer das Berufs- dem Ehe- und Familienleben vorziehen. Dabei handelt es sich oft um Berufsangehörige, die viel unterwegs sind.
Heute Hamburg. Morgen Berlin, Leipzig, München, Köln oder Frankfurt. Ein
Chatroom ist dabei eine besondere Hilfe zur Kontaktanbandlung und bestens
geeignet, um Verabredungen zu treffen. Dadurch treffen verheiratete, wie unverheiratete Männer auf wiederum verheiratete, geschiedene oder ledige Frauen und
pflegen ihr offenes oder geheimnisvolles Verhältnis. Die daraus resultierenden
Kontakte sollen an dieser Stelle nicht weiter einer soziologischen Untersuchung
unterzogen werden müssen, um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen. Eine
ausschweifende Betrachtung dieses sozialisationstheoretischen Phänomens liegt
nun in der Phantasie und Vorstellungskraft meiner geneigten Leserinnen und Leser
und im Studium weiterer Dokumentationen dieses Themas.159
Ein empirisch festzustellendes männliches Sozialisationsphänomen ist die im Internet
recherchierbare Tatsache, dass viele Ehen vor sich hin dümpeln oder zu scheitern
drohen, weil es oft „nur“ an zwischenmenschlicher Kommunikation beider Eheleute
fehlt. Dies ist mir aufgefallen durch unzählige Begegnungen in Chatrooms mit
Ehefrauen, die ihren Kommunikationshunger im Internet stillen (siehe Kap. 2.5.).
Häufig berichteten mir diese Frauen am Abend, dass ihre Männer vor dem Fernsehgerät säßen. Manche Männer scheinen laut Darstellung ihrer frustrierten Ehefrauen
passive Individuen zu sein, sofern oder vielleicht auch gerade weil sie sich nicht
selbst aktiv in den interaktiven Räumen des Internets bewegen.
Viele Männer suchen häufig im Internet das aktive Abenteuer. Sie sind oft mobil und
auch in vielen Fällen beruflich unterwegs. Viele von ihnen sind zeitlich flexibel und
nutzen den Chat um Verabredungen mit dem anderen oder dem gleichen Geschlecht
zu suchen. Nicht wenige Männer suchen auch Gleichgesinnte, um ihre Partnerschaft
aufregend zu halten. Auch nicht wenige bedienen sich des Internets, um mit ihren
Ehefrauen wieder ins Gespräch zu kommen. Die meisten Männer geben sich
158
159
unter dieser Bezeichnung startete ich das Projekt der „Begabungsförderung Heranwachsender im Internet“
siehe Literaturverzeichnis im Anhang
62
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Pseudonyme, die ausdrücken sollen, was sie tun, welche Schwächen und Vorlieben
sie besitzen oder über welche Macht sie verfügen wie Alkoholiker, Boss, Inquisitor,
Wallach oder einfach nur ihre Berufsbezeichnung wie z. B. Tischler.
Heranwachsende junge Männer genießen vor allem die Aufmerksamkeit junger
Mädchen, die sich in der Vorpubertät finden. Denn diese Mädchen verstehen es von
älteren Jungs zu schwärmen und nehmen freudig zur Kenntnis, dass sich hier die
jungen Männer nicht durch ihr physisches Erscheinungsbild hervortun können und
dadurch das sonst in der RW so entscheidende Gruppengehabe des jungen Mannes
eine weitaus untergeordnete Rolle spielt.160
Andere Männer wiederum lassen durch eine permanente Anwesenheit in Chatrooms
erkennbar werden, dass ihre berufliche und soziale Umwelt fast ausschließlich auf
virtueller Basis, wie der Telekommunikation fußt. Dazu gehören auch Schwerstbehinderte, die nicht mehr dazu in der Lage sind, allein das Haus zu verlassen.
„Was hast du an?“
So oder ähnlich intentional dürfte wohl einer der häufigst gestellten Fragen von
Männern sein, die Frauen im Chatroom zu lesen bekommen. Oft unabhängig vom
thematischen Schwerpunkt des Chatrooms wird dem CS 161 dabei eine hohe
Aufmerksamkeit – und sei es nur unterschwellig – entgegengebracht.
Männer als Frauen getarnt ist ein anderer sexualsoziologischer Aspekt, der nicht
unerwähnt bleiben sollte. Weniger aus transsexuellen Gründen, sondern eher aus
taktischen Überlegungen heraus geben sich einige Männer in Chaträumen als
bisexuelle oder lesbische Frauen aus. Hintergrund ist das Verlangen nach
Aufmerksamkeit vom weiblichen Geschlecht. Noch – und ich denke mal auch in
ferner Zukunft – herrscht genereller Männerüberschuss in den Chatrooms des World
Wide Webs. Hypothetisch ließe sich mutmaßen, dass dieser Überschuss auch mit
SCHMERL und NESTMANNS gruppensoziologischer Erkenntnis zu tun hat, die zu
Beginn des nächsten Unterkapitels angesprochen wird: Mutmaßlich wird dort latent
den Männern unterstellt, über weniger verzweigte soziale Kontakte zu verfügen, als
Frauen. Das Phänomen eines prinzipiell belegbaren Männerüberschusses in vereinzelten Chatrooms könnte jedoch nicht wirksam darüber hinwegtäuschen, dass sich
dadurch kein Mangel am weiblichen Geschlecht erlesen lässt. Auch hier zeigt sich
das Prinzip der RW wie ich finde überdeutlich.
2.5. Weibliches Sozialisationsverhaltensmuster im Internet
„Heute kann als gesichert gelten, dass Frauen zum einen als Organisatorinnen und
Empfängerinnen von sozialer Unterstützung gegenüber Männern in Führung liegen...
Sie haben intensivere und ausgedehntere soziale Netzwerke als Männer, mehr enge
Vertraute und Freundinnen, intensivere Beziehungen zur Verwandtschaft und somit
insgesamt mehr potentiellere Helferinnen und Unterstützerinnen.“ 162 Dieses von
SCHMERL und NESTMANN beschriebene Phänomen tritt bei Frauen, jung wie alt, auch
im Internet auf. Vielleicht da sogar auf einer besonders phänotypischen Art und
160
so beobachtet bei einem heftigen Flirt einer zum Zeitpunkt der Untersuchung 13jährigen mit einem
17jährigen, die sich im Chat kennenlernten und ihren Flirt auf dem Forum der Online-Schule fortsetzten (vgl.
Forum http://15174.rapidforum.com Pseudonyme: IceRose und Draiden)
161
CS = Cyber- bzw. Computersex
162
Schmerl, Chr. / Nestmann, F.: „Frauen und Helfen: Wie weit trägt die ‚weibliche Natur‘?“ – a. a. O., S. 19
63
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Weise. Der Informationsfluss nimmt bei den jungen Frauen einen gleichmäßigen
Verlauf und oft müssen sie als ‚Objekt der Begierde‘ männlicher Obsessionen im
Chat eine Menge Anfragen erledigen können, was wiederum eine gewisse
Unterrepräsentation des weiblichen Geschlechts auf die Grundgesamtheit eines
Chatrooms als Auswirkungen der verschiedensten Art und Weise nach sich zieht.
Frauen finden sich nicht selten am frühen Morgen in den Chatrooms ein.
Wochentags sind sie gesprächig, wenn die Kinder in der Schule und der Ehemann
zur Arbeit gegangen sind oder aber Kind und Mann noch im Bette liegen. Ab 9 Uhr
morgens nimmt die Anwesenheit von Frauen in Chatrooms drastisch ab und die
Anwesenheit von Männern dramatisch zu. Hier zeigt sich arbeitssoziologisch
interpretiert, dass viele Männer während der Arbeit uneingeschränkten Zugang zum
Internet haben, dieses Privileg teilen sich Männer jedoch nicht mit Frauen. Entweder
sind Frauen vormittags gar nicht präsent oder aber sie dürfen zwar einen uneingeschränkten Internetzugang nutzen, unterbrechen jedoch viel häufiger einen Dialog im
Chat aufgrund von am Arbeitsplatz angetragene Tätigkeitsvorgaben oder familiären
und häuslichen Pflichten. Am frühen Nachmittag steigt die Präsenz der Frauen in den
Chatrooms wieder leicht an und sinkt am späten Nachmittag bis zum frühen Abend
drastisch. Erst am späten Abend nimmt die Anwesenheit der Frauen in den
Chaträumen wieder zu, wenn Kind und Mann schon im Bette liegen.
Viele Frauen suchen die Gespräche, die sie mit ihren Ehemännern oder Partnern
nicht führen können oder wollen. Je nach Chatroom verhalten sie sich unauffällig bis
angepasst. Selbst ihre Pseuden entsprechen einer unauffälligen aber nicht einfältigen Auswahl. Frauen nennen sich Kätzchen, Kuschelmaus, Lady Kandy,
Madame Butterfly, Rosi oder Gina. Auffällig oft verändern Frauen Schriftgrößen,
Schriftfarben und Schriftarten. Es scheint, wie im Leben außerhalb des Internets
auch erkennbar ist, dass Frauen sich weniger mit dem Gegebenen abfinden und
nach Gestaltungsmöglichkeiten suchen. Frauen drücken beim Schreiben ihre
Gefühle aus (z. B. durch die Zugabe von ‚lach‘ oder ‚smile‘).
„Wie groß bist du?“
So oder ähnlich intentional dürfte wohl einer der häufigst gestellten Fragen von
Frauen sein, die Männer im Chatroom zu lesen bekommen. Oft unabhängig vom
thematischen Schwerpunkt des Chatrooms wird dem CS 163 eine hohe
Aufmerksamkeit entgegengebracht („schreib mich bitte nicht an, mir ist noch lange
nicht jeder Mann recht!“164)
3.1. Das Internet aus einer soziologischen Perspektive heraus betrachtet
Kapitel 2 dürfte bereits zu der Erkenntnis angeregt haben, dass „das Internet mit
seinen Kommunikationsmöglichkeiten auch, wenn es massenhaft als Medium
genutzt wird, kein Massenmedium ist, denn es ist ja gerade keine einseitige
technische Kommunikation, sondern kann individuell genutzt werden." 165 Genau
genommen und wenn auch ein wenig technokratisch betrachtet, ist das Internet „ein
globales Netz lokaler und dezentralisierter Computernetzwerke, das von seinen
Teilnehmern genutzt wird um Informationen unterschiedlichster Art abzurufen und um
163
CS = Cybersex
dem Untertitel einer Chatterin im Joy-Ticker (www.fundialoge.de) entnommen
165
Luhmann, Niklas: "Das Internet ist kein Massenmedium. Über Medien, Journalisten und die Wahrheit."
Interview mit Laurin, Stefan in: UNICUM Das Hochschulmagazin. UNICUM-Verlag, Bochum, 15/1997, S. 20
164
64
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
zu kommunizieren.“ 166 Dabei „erlaubt die Kommunikationssituation des Internets
massive und direkte Einflussnahme des Informationssuchenden auf das Angebot der
bereitgestellten Daten.“ 167 Diese Feststellungen von LUHMANN, von RUHNKEHL und
von KRAJEWSKI untermauern meine Erläuterungen aus dem ersten Kapitel dieser
Aus-arbeitung, bezüglich der Arbeitshypothese, dass alle Anwenderinnen und
Anwender im Cyberspace grundsätzlich zurzeit zu den Heranwachsenden gezählt
werden dürfen, da das Internet selbst sich in der Heranreifungsphase befindet und
die sich daraus ergebenden soziologischen Konsequenzen sich gerade einmal
abzuzeichnen beginnen; in ihrer Reife jedoch noch fern der Vollendung sind.
Bei der soziologischen Wahrnehmung des Internets und seiner gesamtgesellschaftlichen Konsequenzen, ist die Zukunftsbetrachtung der Informations- und Wissensgesellschaft ein wesentlicher Erkenntnisbestandteil geworden. Die aggressiv verlautbar anmutende Fragestellung in punkto einer totalen gesellschaftlichen Einflussnahme durch den Einsatz des Computers, respektive des Internets ist dabei zu
einem der größten Bedenkenträger hinsichtlich der kritischen soziologischen Perspektive geworden: Aus dieser Fragestellung ergeben sich Gefahren, wie Chancen
gleichermaßen. Eine Vision könnte dabei sein, dass die Gesellschaft sich mithilfe des
Cyberspace von seinen politischen Entscheidungs- und Rollenträgern zu emanzipieren verstehen lernt und sie die Chance nutzt, das Medium für sich so zu nutzen,
dass keine oder nur noch geringe Interdependenzen zwischen den drei vertikalen
Gewalten nötig sind, die die bisherigen Teilnehmer einer demokratischen
Gesellschaftsform in Abhängigkeit an gewählte und repräsentative Entscheidungsträger binden, weil das ‚einfache Volk‘ bisher wenig Zugang zu Informationen hatte,
um politische Plebiszität wahrnehmen zu können und somit durch die komplexen und
komplizierten Strukturen einer globalisierten Epoche weniger durchblickte als in
Zeiten des Internets. Es dürfte auf der Hand liegen, dass eine Regierungskommission, wie die der Landesregierung in Düsseldorf, diesen Aspekt in umgedrehter Reihenfolge prognostiziert: „Die Gesellschaft der Zukunft wird nicht das
Resultat der Eigendynamik von Entwicklungen sein, sondern vor allem von
politischen Entscheidungen, die zwischen verschiedenen Möglichkeiten eine Wahl
getroffen haben.“168 Auf welchem Wege diese Entscheidungen zustande kommen,
sei damit nicht ausgesagt. Auch oder gerade wenn diese Aussage nicht explizit von
den gewählten Repräsentanten einer Legislaturperiode ausgeht, die politische Entscheidungen treffen, so vermittelt diese Ansicht implizit, dass die Gesellschaft sich
auf einen Punkt der Betrachtung hin bewege – und zwar zum Resultat. Eine
Gesellschaft resultiert sich meiner Ansicht nach nicht. Sie ist in steter Entwicklung.
Sie ist an sich dynamisch und in einem fortwährenden Entwicklungsprozess, der
Gleichheitszeichen nur in Zusammenhang mit Variablen zulässt. Konjunktur- und
Generationsverläufe, Moden, Trends, Innovationen, Stadt-, Land- und technische
Entwicklung, Familienstrukturen, Haushaltsbestände, Arbeitslosen- und Beschäftigtenzahlen, Reformen, Krisen, Kriege, Katastrophen, um nur ein paar wenige
dynamische Termini aus gesellschaftsrelevanten Themen heranzuziehen, die meine
Ansicht unterstützen sollen, dass die Gesellschaft – und auch die der Zukunft – sich
nicht resultieren, sondern höchstens bilanzieren lässt.
166
Runkehl, Jens / Schlobinski, Peter / Siever, Torsten: "Sprache und Kommunikation im Internet.“, a. a. O., S.
25
167
Krajewski, Markus: „Spür-Sinn. Was heißt einen Hypertext lesen?“, a. a. O., S. 61
Bildungskommission NRW: „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“, Kapitel: „Zeitsignaturen –
Elemente eines zeitgemäßen Bildungsbegriffs“, 1995, a. a. O. , S. 23
168
65
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Bei der soziologischen Betrachtung des Internets mit all seinen gesellschaftlichen
Auswirkungen, weiche ich persönlich von meiner eigenen noch 1983 vertretenen
Vorstellung, dass „Menschen eines Tages durch Computer total kontrolliert
werden“169 ab. Denn jener Zeit glaubten der DEUTSCHEN SHELL Stiftung zufolge über
die Hälfte der Jugendlichen (57 Prozent) daran, dass dieses passiert. Allerdings
waren zu jener Zeit die Vorstellungen über die Rolle des Computers in der
Gesellschaft noch relativ vage und die ersten Computer sahen in ihrem Design aus,
als seien sie Aufbewahrungsorte für die Ausstattung eines Pförtners. Der
zunehmende Schwung in dem nicht nur jugendlichen Glauben, der Computer würde
eines Tages die Welt ‚beherrschen‘, wurde in einer der kühlsten Epochen des Kalten
Krieges geboren. Zu Zeiten, wo sich die beiden Großmächte USA und UdSSR noch
zähneknirschend in der Absicht, vielleicht doch aufeinander zuzugehen, jedoch nur
bis an die Zähne bewaffnet, gegenüberstanden und das Halbwissen um den Großen
Bruder Computer, der in der Lage sei, eine Atomrakete auch versehentlich zu
zünden. Der Mensch – gerade auch der junge Mensch – hat heutzutage gelernt,
dass die eigentliche Gefahr vom Menschen an sich ausgeht; ob es sich dabei nun
um durch ökologische Instabilität entstandene und von Menschenhand verursachte
Naturkatastrophen handelt oder um die Gefahr des zunehmenden weltweiten
Terrorismus. Big Brother ist nicht mehr der Computer, sondern das Auge der
Webcam. Herrschte noch in den 80iger Jahren die Ahnung vor, dass die Kameras
mit denen wir beobachtet würden nur von Kontrollinstanzen auf uns gerichtet waren,
so ist es nun die Erkenntnis, dass diese Kontrollinstanzen wegfallen, da wir uns
gegenseitig filmen. Wer hätte in den 80er Jahren geglaubt, dass Foto-Handys eines
Tages zur Grundausstattung eines jeden modernen Mobilfunktelefons gehören? Am
deutlichsten unterstreicht vielleicht mein Versuch, diese hier beschriebene Wahrnehmungsverschiebung innerhalb von 20 Jahren unter den Heranwachsenden,
folgende These mit einer Antithese zu verbinden:
Mögen die Jugendlichen im Jahr 1983 gefragt worden sein, ob es möglich sei, dass
die weltweite Bevölkerung unter den momentan gegebenen Umständen in der Lage
dazu wäre, genügend Druck durch die Entdeckung eines Skandals mithilfe von
Beweismaterial aufzubauen, dass die politischen Entscheidungsträger arg in Bedrängnis führen könnte, so hätten meiner These entsprechend, die Jugend
Szenarien entwerfen müssen, um zum Schluss und folgerichtig diese These zu verneinen. Die Antithese hieße daraus folgend: Mögen die Jugendlichen im Jahr 1983
gefragt worden sein, ob es möglich sei, dass die weltweite Bevölkerung unter
ceteribus causus Bedingungen zwanzig Jahre später in der Lage dazu wäre,
genügend Druck durch die Entdeckung eines Skandals mithilfe von Beweismaterial
aufzubauen, dass die politischen Entscheidungsträger arg in Bedrängnis führen
könnte, so hätten meiner Antithese entsprechend, die Jugend Szenarien entwerfen
müssen, um zum Schluss und folgerichtig diese Antithese zu bejahen. Eines dieser
Szenarien ist das Zeitalter zunehmender mobiler und multimedialer Kommunikationsmöglichkeiten der Einsatzkräfte in Krisengebieten. Die Fotos der Soldatinnen und
Soldaten von den Misshandlungen politischer Gefangener im irakischen Militärgefängnis ABU GRAIBH, aufgenommen per Fotohandy und weiter verschickt per MMS
und Email, die zum Folterskandal der USA führten, ist u. a. ein Szenario dieser
Antithese.
169
Schlaffke, Winfried: „Das Jugendsyndrom“ – berufen sich auf die vom Jugendwerk der Deutschen Shell
durchgeführten Untersuchung, a. a. O., S. 46f
66
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Das wohl wesentlichste Element, welches eine totale Kontrolle durch Computer auf
Menschen verhindert, ist der Umgang mit Informationen selbst. Ohne Kognition, die
sich mit einer relevanten Information verbindet, nützt der Wissensgehalt einer
Information wenig. Nicht das ‚was‘, sondern auch das ‚wie‘, ‚wo‘ und ‚woher’, ‚wer‘
und ‚wann‘ und die Beurteilung der Antworten lässt erst eine Information zu einem
Wissensabschnitt reifen. Die kognitiven Fähigkeiten Aufmerksamkeit, Wahrnehmung,
Erkenntnis, Schlussfolgerung, Abstraktions- und Urteilsvermögen, Erinnerungs- und
Merkfähigkeit als auch Rationalität müssen für die Informationsaufnahme und -Verarbeitungen geschult sein. Das gilt ganz besonders fürs Internet: „Wer beispielsweise
die Seiten des Weißen Hauses in Washington aufsuchen möchte und nicht weiß,
dass die Internetadresse www.whitehouse.org lautet und statt dessen
www.whitehouse.com eingibt, landet unwillkürlich bei einem Hardcoreanbieter.“ 170
Die Internet-Anwenderinnen und -Anwender sollten in Symbolanalyse (ROBERT
REICH) geschult sein. Sie sollten wissen, was eine Domain ist, wie sie sich
zusammensetzt und welchen Sinn und Zweck sie erfüllt. Sie sollten zur Kenntnis
nehmen, dass „was sie sehen, das sie bekommen“-Prinzip (WYSIWYG171) gilt; was
jeder wissen sollte: hinter jeder Seite des Internets verbirgt sich die eigentliche Seite
– im so genannten Quelltext geschrieben. Sie sollten wissen, dass SMS auf Email
basiert und nicht umgekehrt. Sie sollten wissen, dass der größte Datentransfer im
Internet nicht das Aufrufen von Seiten oder das Downloaden von Programmen und
Dateien ausmacht, sondern der Emailverkehr. Sie sollten wissen, dass eine
Schreibweise nach Vorgabe (Syntax) einen Sinn macht: spätestens bei der Eingabe
eines Passwortes oder einer Benutzerkennung. Sie sollten den Stellenwert von
Rechtschreibung nicht außer Acht lassen: vor allem beim googlen. Wer Talcot
Parsons falsch schreibt, der findet unter GOOGLE immerhin einen Eintrag (und zwar
einen südost-asiatischen Nutzer eines Forums, der sich diesen Namen als
Pseudonym gegeben hat). Wer Talcott Parsons aber richtig schreibt, der findet
ungefähr 302.000 Einträge.172
3.2. Die Rolle des Internets im sozialen Umfeld der Familie und Freunde
Vorab sollte die Definition einer Familie ins Rampenlicht dieses Kapitels gestellt
werden und klar sein, dass die moderne Familiensoziologie mit der Auffassung des
Funktionalisten TALCOTT PARSONS 173 über die drei Faktoren, die eine Kernfamilie
ausmachen
1. unterschiedliche Geschlechter (Vater, Mutter, Sohn und Tochter)
2. Unterschiede zwischen alt und jung, mündig und unmündig
3. eine sexuelle Einheit zweier spezifischer Individuen von unterschiedlichen
Geschlechts, die für Schwangerschaft und Reproduktion erforderlich sind
ohnehin nicht weiterkommt. Es müsste sich eine ‚geglückte‘ Definition des Wortes
Familie finden lassen dürfen, ohne dabei in traditionelle Denkmuster zu verfallen, die
familiensoziologische Werte einer ganz bestimmten Familienzusammensetzung
deklarieren, bestehend aus leiblicher Mutter, leiblichen Vater und zwei leiblichen
Kindern (im Idealfall Sohn und Tochter), und diese an die Definition einer Kleinfamilie
nach TALCOTT PARSONS als verbindlich betrachten zu mögen. Ein Denkmodell, das
170
Richard, Rainer: „Jugendschutz im Internet“ – Gefahren im Umgang mit dem Internet, a. a. O., S. 25
what you see is what you get
172
Stand: 04.10.2005 07:35
173
Parsons, Talcott: „An Outline of the Social System“ (TS: 30-79), entnommen der website:
http://ssr1.uchicago.edu/PRELIMS/Theory/parsons.html, Stand: 03.10.2005 21:15
171
67
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
nicht ausgrenzt, sondern alle erdenklichen Formen des menschlichen Zusammenlebens inkludiert, scheint in der modernen Familiensoziologie angebrachter, denn
Familie muss heutzutage mehr sein, weil sie „sowohl eine gesellschaftliche Institution
als auch eine Gruppe mit interner psychosozialer Dynamik ist.“174
Eine gesellschaftliche Institution ist die Familie soziologisch gesehen bereits aus der
Zusammensetzung von mindestens zwei Generationen. In diesem Punkt gibt es
keinerlei kritische Anmerkungen zu PARSONS‘ funktionalistischer Familiendefinition.
Im 3. Punkt nach PARSONS‘ würde der zoologische Terminus ‚den Bestand zu
sichern‘ bereits greifen, um zu beschreiben, dass eine Institution wie die Familie eine
ist, die eine gesellschaftliche Funktion erfüllt, der heißt, den Ahnen-Fortbestand einer
verwandschaftlichen Gruppe bis zum ungewissen Ende der Menschheit fortführen zu
müssen. Weniger eingegrenzt ist der verwandtschaftliche Grad den die Familienmitglieder zueinander haben, um als eine Gruppe mit interner psychosozialer
Dynamik zu gelten. Psychosoziale Dynamik findet sich auch in anderen sozialen
Gruppen, dazu braucht es nicht zwingend einer Familie. Auf verwandtschaftlicher
Ebene erhält diese Dynamik jedoch eine andere Qualität als in jeder anderen Gruppe
(‚Blut ist dicker als Wasser‘). Dabei könnte auch unwillkürlich der Begriff ‚Mafia‘
fallen, der aus dem altarabischen kommt und übersetzt ‚Familie‘ heißt. Die Familie, in
die jeder von uns hineingeboren wird, lässt sich nun mal nicht a priori aussuchen.
Doch später – zur Gründung einer neuen Familie – lässt sich der Partner oder die
Partnerin und alle weiteren Konstellationen des familiaren Zusammenlebens selbst
mehr oder weniger entwerfen, sofern gesellschaftliche Zwänge dies nicht zu verhindern verstehen. Unterworfen dem Kriterium der ‚psychosozialen Dynamik‘ ist eine
Familie bereits Mutter und Tochter oder Schwester und Schwester oder Großeltern
und Enkel oder Tante, Onkel, Neffe und Sohn oder Pflegeeltern und Adoptivtochter
aus einem Moskauer Kinderheim. Es lassen sich noch viele weitere Lebensmodelle
einer Familie entwerfen. Der Kombination der Akteure scheinen keine Grenzen
gesetzt zu sein, sofern sie dem Kriterium einer Zwei-Generationen-Gruppe konform
laufen. Da kann auch die Messlatte für den Altersunterschied zwischen den
Generationen tiefer gelegt werden, wenn eine bereits erwachsene Frau für ihre
minderjährige Schwester erzieherisch allein verantwortlich ist. Verschärfend kommt
in diesem Zusammenhang noch hinzu, dass eine Familie sich nicht nur auf eine
Lokalität beschränken muss. Vor allem bei getrennt lebenden Eltern, kennt das Kind
– vorausgesetzt ihm bleibt der Kontakt zu beiden Elternteilen nicht versagt – zwei
familiäre Lebenswelten zwischen denen es hin und her pendelt.
Als Institution Familie gesehen, zollt vor allem auch der Aspekt, Wirtschaftssubjekt zu
sein, eine hohe gesellschaftliche Aufmerksamkeit. Eine Familie ist immer auch eine
Wirtschaftsgemeinschaft, die im volkswirtschaftlichen Gesamtbild als eine haushaltende Einheit agiert. Dementsprechend stünde dem Privathaushalt an, als Familie
anerkannt zu werden. Hier braucht es nicht mehr dem an psychosozialer Dynamik
angelegten Kriterium der Generationenversammlung. Ein kinderloses Ehepaar gilt
dann als Familie genauso wie der Single-Haushalt? In der soziologisch und populär
bestimmten RW wohl kaum. In der interaktiv verknüpften und der individualisiert
gestalteten VR sehr wohl. Im Internet suchen sich Heranwachsende in den Chatrooms Erwachsene oder andere Heranwachsende, die sie dann als ihre ‚Eltern‘ oder
‚Geschwister‘ deklarieren. Somit kommt ein männlicher Single in den Genuss,
174
Grundmann, Matthias / Huinink, Johannes / Krappmann: „Kindliche Lebenswelten, Bildung und
innerfamiliale Beziehungen“ – Familie und Bildung, Empirische Ergebnisse und Überlegungen zur Frage der
Beziehung von Bildungsbeteiligung, Familienentwicklung und Sozialisation, a. a. O., S. 44
68
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
plötzlich ‚Vater‘ oder eine verwitwete Frau mit bereits einem heranwachsenden Sohn
noch mal ‚Mutter‘ zu werden, ohne mit den ex-ante Bedingungen des Zeugens, der
Schwangerschaft und der Erziehung konfrontiert worden zu sein. Das Generationenkriterium – wenn auch ‚nur‘ virtuell – ist somit wieder hergestellt. Die Eltern- und
Geschwisterrollen im Internet sind allerdings noch weitaus differenzierter als in der
RW und können erst in zweiter Auflage dieser Ausarbeitung beschrieben werden..
Eingebettet in Kriterien zur Betrachtung der Familie als gesellschaftliche Institution
sind in der Tabelle 3.2.a Merkmalsträger des Familienstandes in Kombination
zueinander aufgestellt. Sie sollen die vom Statistischen Bundesamt 1992 gemessene
Zusammensetzung der Institution Familie in der deutschen Bevölkerung aus dem
Jahr 1990 aufzeigen.
Tab. 3.2.a: Familien mit und ohne Kinder Anfang der 90er Jahre
1990
Familienstand: Familien, Alleinstehende ohne Kinder: davon weitere Personen im Haushalt:
Ehepaare ohne Kind(er)
6.525.000
4,6%
Ehepaare mit Kind(ern)
8.778.000
4,8%
Alleinerziehende
1.822.000
19,7%
Ledige
287.000
42,8%
Verheiratete, getrennt
Lebende
201.000
14,8%
Geschiedene
661.000
19,2%
Verwitwete
672.000
11,7%
Alleinstehende ohne Kinder
6.639.000
19,5%
Verheiratete, getrennt
Lebende
577.000
26,5%
Geschiedene
1.672.000
26,5%
Verwitwete
4.390.000
15,9%
(Quelle: Statistisches Bundesamt, Bevölkerung und Erwerbstätigkeit, Reihe 3, Haushalte und Familien
1992, S. 23)
69
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Abb. 3.2.a: Familien mit und ohne Kinder Anfang der 90er Jahre
(Quelle: vgl. Tabelle 3.2.a)
Der Tabelle 3.2.a gemäß lebten zu Beginn der Neunziger Jahre in der Bundesrepublik 18,95 Mio. Familien mit Kindern und 13,28 Mio. Familien ohne Kinder. Die
Tortendiagramme in Abbildung 3.2.a sollen den Unterschied des Anteils an Familien
mit identischen Familienstand im Vergleich mit und ohne Kinder deutlich werden
lassen. Aus den drei Diagrammen lässt sich ablesen, dass die Trennung der Paare
(durch Scheidung oder Tod) letztlich im stärkeren Maße eine Auseinandersetzung
ohne Kinder ist. Vielleicht gilt als Ursache dafür auch das Phänomen anzusehen,
dass sich viele Paare erst dann trennen (oder durch Tod voneinander getrennt
werden), wenn die Kinder bereits aus dem Haus sind.
Im Gesamtverhältnis gesehen, hat der Anteil der Alleinerziehenden unter den
Familien mit 17 Prozent einen relativ hohen Bestand. Etwas aufgerundet zeigt
Abbildung 3.2.b, dass unter den Familien mit Kindern ein Fünftel aus Alleinerziehenden besteht. Bei der Diskussion um die Zusammensetzung der Familienmitglieder gilt vor allem der progressive Blick auf das Wohl und die Entwicklung des
Kindes. Der Terminus der oder des Alleinerziehenden verschwimmt in seinen
Umrissen, wenn wahrgenommen wird, dass Alleinerziehende und ledige Familien
einen großen Anteil im Vergleich zu Ehepaaren und Geschiedenen unter denjenigen
ausmachen, die weitere Personen im Haushalt zählen.175 Dabei kann es sich zum
Beispiel um Wohngemeinschaften handeln.
175
vgl. Abbildung 3.2.d, S. 74
70
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Abb. 3.2.b: Anteil Alleinerziehende und Paare mit Kind(ern) Anfang der 90er Jahre
(Quelle: Statistisches Bundesamt Bevölkerung und Erwerbstätigkeit, Reihe 3, Haushalte und Familien
1992, S. 23 und Tortendiagramm 1997: Mütter nach Familienstand und Alter der Kinder176)
Einflussnehmend auf das soziale Umfeld einer Familie ist die Zahl und die Zusammensetzung ihrer Mitglieder, als auch die ‚Qualität der familiensoziologisch
relevanten Beziehungen‘. Sicherlich macht es einen Unterschied aus, ob Heranwachsende in einem sozialen Umfeld, bestehend aus Geschwistern und Eltern oder
aus einem Elternteil und Mitbewohnerinnen bzw. Mitbewohnern aufwachsen.
Genauso, ob ein junger Mensch als Einzelkind aufwächst oder nicht. Auf die soziale
Entwicklung hin betrachtet haben „einerseits die Eltern von Einzelkindern mehr
zeitliche und ökonomische Ressourcen; das Einzelkind entwickelt sich im kognitiven
Bereich besser, da es hauptsächlich an Erwachsenen orientiert ist; es hat im
Durchschnitt bessere Bildungschancen und ist erfolgsorientierter als Geschwisterkinder. Anderseits konzentrieren sich Eltern von Einzelkindern weniger auf innerfamiliale Interaktionen und sind stärker außerfamilial orientiert; das Einzelkind macht
demzufolge weniger Interaktionserfahrungen mit relativ Gleichaltrigen und kann die
von den Erwachsenen herangetragenen Werte und Handlungsperspektiven deswegen nicht im gleichen Maße spielerisch umsetzen wie Geschwisterkinder.“177
Einzelkinder sind in einer Weise ohne diese Orientierung auf innerfamiliale Interaktionen dissozial, weil ihnen die Geschwister fehlen, die „häufig einen kompensatorischen Einfluss auf die Entwicklung der Kinder haben.“178
Weniger entscheidend in der Erziehungsqualität scheint die Erziehung durch zwei
gleichberechtigte Elternteile zu sein, sondern eher die Frage des Erziehungsstils und
die zu vermittelnde Erfahrung der Erwachsenen an die Heranwachsenden mit
sozialen Verhandlungspartnern (wie z. B. Geschwistern) umgehen zu können, denn
„erkennbar schwierig wird es nicht nur dann, wenn Eltern oder andere Erwachsene
nach herkömmlichem Muster keine ‚‘Befehle‘ mehr erteilen; Schwierigkeiten entstehen auch dann, wenn es am Verhandlungspartner (u. a. auch in der Form von
Geschwistern) fehlt - innerhalb und außerhalb der Familie. Insofern kommt es darauf
an, entsprechende soziale Lernmöglichkeiten für Kinder dort bereitzustellen, wo
diese nachweislich fehlen. Gerade hier kommt neben der Familie auch der Schule
eine wichtige ergänzende Aufgabe zu, um nicht nur, aber auch Defizite auszugleichen, die sowohl im Elternhaus als auch von der Schule selbst verursacht
werden. Soziales Lernen in der Schule bekommt auf diese Weise eine neue Qualität,
die im Zusammenhang mit einer notwendigen deutlichen Aufwertung und Neuorientierung der Sozialisationsfunktion der Schule zu sehen und die - im Kontext und
176
http://www.destatis.de/presse/deutsch/pm1998/p1440024.htm, Stand: 07.10.2005 18:32
Grundmann, Matthias / Huinink, Johannes / Krappmann: : „Kindliche Lebenswelten, Bildung und
innerfamiliale Beziehungen“ – Familie und Bildung, Empirische Ergebnisse und Überlegungen zur Frage der
Beziehung von Bildungsbeteiligung, Familienentwicklung und Sozialisation, a. a. O., S. 82
178
ebd.
177
71
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
in Kooperation mit außerschulischen Sozialisationsinstanzen - neu zu bestimmen
ist.“179
Ich möchte die Aussage von BÜCHNER hier deutlich unterstreichen dürfen. Nicht
unbedingt aus der Not heraus, dem Phänomen Familie an sich sozialpädagogisch
relativ hilflos gegenüberzustehen, ergibt sich der Handlungsbedarf der Kooperation
zwischen Elternhaus, Schule und außerschulischen Sozialisationsinstanzen. Eine der
außerschulischen Instanzen sollten die Medien sein; und hier ganz besonders die
Neuen Medien. Es ist eher eine Chance, das Internet als eine etablierte Einrichtung
im Umfeld vieler Familien anzuerkennen – und dort, wo nicht vorhanden, diese
Chance bereitzustellen bzw. zu fördern, damit die Erreichbarkeit unter den drei eben
genannten Instanzen nach BÜCHNER erhöht und somit die Kooperation aller drei
verbessert werden kann. Nebst einer solchen Bereitstellung bedarf es desweiteren
und insbesonderen einer Förderung bzw. Schulung im Umgang mit den Neuen
Medien. Diese Förderung auf die Basis der zu vermittelnden Symbolanalyse zur
Medienkompetenz zu stellen, wäre ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Ein
anderer wäre die Konfliktfähigkeit und Frustrationstoleranz zu schulen, die es sowohl
in der Interaktion mit dem Medium selbst, als auch innerhalb des sozialen Umfelds
Heranwachsender auszuhalten gilt. Gerade Konfliktfähigkeit und Frustrationstoleranz
ist ein leicht festzustellender Mangel unter einigen Heranwachsenden heutzutage.
Zurückzuführen ließe sich das auf die Feststellung von FEIBEL, dass manchen – vor
allem jungen Eltern ihren Nachwuchs von Konflikten oft manisch verschont wissen
wollen: „Es darf mit diesem kleinen Sonnenschein keine Konflikte geben, weil damit
gleich die Gesamtfamilie aus dem Ruder liefe.“180
Das Harmoniebedürfnis unter den neuen Generationen, die sich in einer neu
beginnenden Epoche behaupten müssen und unter Druck von Zwängen und
Veränderungen stehen, wächst indes beständiger in die private Sphäre hinein. Aus
der Spaßgesellschaft der Neunziger Jahre entwickelt sich eine zunehmend
konservative Generation, die eine Renaissance traditioneller Werte einleiten wird.
Oder, wie es der Kinderpsychologe BERGMANN ausdrückt: „Ich bin überzeugt, dass es
eine Renaissance der Familie geben wird. Was sich in Amerika bereits andeutet, ist
eine Wiederkunft der alten Werte, wohl auch des Autoritären.“181 Das Autoritäre ist im
Grunde genommen nicht als ein erzieherisches Mittel an sich anzusehen. Autorität
kann nur dann als vorhanden angenommen werden, wenn die Autorität selbst als
Orientierungshilfe von den Heranwachsenden anerkannt und angenommen wird.
Orientierung lässt sich nicht erzwingen. Wenig sinnvoll ist daher etwas zwanghaft
Autoritäres, das sich allein aus ihrer selbst erklären und somit beanspruchen will
(zum Beispiel durch klassische väterliche Imperative wie: „So lange du noch deine
Beine unter meinen Tisch stellst, hast du zu tun, was ich dir sage!“).
Gewandelte Rollenbilder und -Verteilungen tun ihr Übriges, um der zwanghaften
Autorität eines einzigen Familienoberhauptes heutzutage zu entgehen. Von TALCOTT
PARSONS Verständnis von der Rolle der Mutter (expressive Rolle) und die des Vaters
(instrumentelle Rolle) darf heute nicht mehr ausgegangen werden. Allein schon
wirtschaftswissenschaftliche Beweise der gestiegenen Erwerbstätigkeit von Frauen
und gleichermaßen einhergehend mit der sinkenden Erwerbslosigkeit von Männern
179
Büchner, Peter: „Kindliche Lebenswelten, Bildung und innerfamiliale Beziehungen“ – (Schul-)Kindsein
heute zwischen Familie, Schule und außerschulischen Freizeiteinrichtungen - Zum Wandel des heutigen
Kinderlebens in der Folge von gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen, a. a. O., S. 16
180
Feibel, Thomas zitiert a. a. O. in „Die Internet-Generation“ auf S. 105 den Kinderpsychologen Wolfgang
Bergmann
181
ebd. S. 104
72
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
zeigt, dass das parsonssche Rollenverständnis als überholt anzusehen ist. Heißt
allerdings nicht, dass sich die Rollenvorstellungen von TALCOTT PARSONS ausgetauscht haben, sondern – wenn es sie denn je gab – nun allein mehr den Müttern
komplett zu fallen oder aber auf andere Haushaltsangehörige übertragen werden.
Oder wie es Büchner ausdrückt, „lässt sich über sekundäre Indikatoren (Wertewandel, veränderte Erziehungsleitbilder, Kindeswohldiskussion) dieser Trend vom
‚Befehlshaushalt‘ zum ‚Verhandlungshaushalt‘, wie er auf zivilisationstheoretischem
Hintergrund behauptet wird auch für das moderne Eltern-Kind-Verhältnis als
dominierender Beziehungsmodus bestätigen.“182
Abb. 3.2.c: Haushaltsangehörige Anfang der 90er Abb. 3.2.d: Anteil der Haushaltsangehörigen
Jahre
Anfang der 90er Jahre in allen gemessenen
Familienstandzusammensetzungen
(Quelle: vgl. Tabelle 3.2.a)
Um den ebengenannten Beziehungsmodus innerhalb von Familien zu bestätigen
oder zu falsifizieren, braucht es der drei Aspekte zur Diskussion der Familienentwicklung183:
-
Präferenz
Timing
Prävalenz
Dass sich das Internet als eine Schnittstelle zwischen Eltern, Lehrern, Schülern und
Gesellschaft erweisen kann, wird auch erst deutlich, wenn die Diskussion um das Für
und Wider einer verstärkten modernen Mediendiskussion beigelegt ist, da sich „für
die Eltern- und Familienbildung besonders die Fragen nach der veränderten
Medienwelt der Kinder, Jugendlichen und Eltern und den Wirkungen von Medien“ 184
täglich neu stellen. Die Akzeptanzstufe dürfte wohl weitestgehend vollzogen sein.
Entscheidender als das ‚ob‘ in der Diskussion geht es in der Medienerziehung mehr
182
Büchner, Peter: „Kindliche Lebenswelten, Bildung und innerfamiliale Beziehungen“ – (Schul-)Kindsein
heute zwischen Familie, Schule und außerschulischen Freizeiteinrichtungen - Zum Wandel des heutigen
Kinderlebens in der Folge von gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen, a. a. O., S. 16
183
Grundmann, Matthias / Huinink, Johannes / Krappmann: : „Kindliche Lebenswelten, Bildung und
innerfamiliale Beziehungen“ – Familie und Bildung, Empirische Ergebnisse und Überlegungen zur Frage der
Beziehung von Bildungsbeteiligung, Familienentwicklung und Sozialisation, a. a. O., S. 50
184
Hufer, Klaus-Peter / Weißeno, Georg (Hrg.): „Lexikon der politischen Bildung“ des Begriffs „Medien“
beschrieben von Hermann Buschmeyer, a. a. O., S. 168
73
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
um die Frageworte ‚ab wann‘ und ‚wie‘. Ab wann darf eine moderne Medienerziehung
beginnen und wie sollte sie aussehen? Sicher ist es pädagogisch nicht sinnvoll,
einen Computer ins Kinderzimmer zu stellen. Computer sollten meiner Ansicht nach
nichts in Kinderzimmern zu suchen haben. Computer sind eher was für
Jugendzimmer, wo sie die bessere Wahl zwischen eigenem TV oder
Internetanschluss darstellen. Computerbegeisterte Eltern, die der Ansicht sind, dass
ihre Sprösslinge gar nicht früh genug mit den Neuen Medien in Berührung kommen
können, weil sie daran glauben, dass der Computer das Leben vereinfacht, wenn
man ihn denn früh genug beherrschen lernt, die sollten daran erinnert sein, dass „der
Computer niemals etwas daran ändern wird, dass der Mensch als soziales Wesen
aufwächst. Auch wenn man es ihm nicht anmerkt. Das soziale Wesen wiederum
wächst nur im direkten Kontakt mit Menschen auf, weil der Computer das, was ein
Kind braucht, nicht leisten kann: Zuwendung und Zärtlichkeit.“185 FEIBEL macht hier
sehr deutlich, dass Computer weder Familie noch Freunde ersetzen können.
Eine wesentliche Komponente in der Erziehung spielt die Frage, ab wann es denn
sinnvoll ist, Kinder mit den Neuen Medien zu konfrontieren. Rein kognitiv gesehen,
sind Kinder bereits im Einschulalter in der Lage dem Computer einiges abzuverlangen und -zugewinnen. Nicht unbedingt seltsamerweise reagiert der Computer
gelassener, je unbedarfter der Anwender ist. Ist der Anwender dazu auch noch neugierig und mit starker Lernfähigkeit einhergehend mit Begeisterung ausgerüstet, so
wie es bei einem Schulkind nun mal der Fall ist, dann ist es kaum verwunderlich,
warum manche Kinder Anwendungsprobleme mit dem Rechner schneller und
erstaunlicher in den Griff bekommen, als es Erwachsene schaffen. Der Rechner im
Jugendzimmer unterstützt die Kreativität und Phantasie der Heranwachsenden. Ein
Rechner mit Internetanschluss im Jugendzimmer bietet „bestimmte Räume an, in
denen ich mich relativ alleine aufhalten kann. Er liefert eine Möglichkeit der Intimität,
die mir vielleicht meine unmittelbare Umgebung nicht gibt. Insofern bekommt er eine
zunehmende Bedeutung für das tägliche Leben, aber auch für die Konstruktion und
Vorstellungen des Lebens. Er offeriert mir zusätzlich Dinge, die an Attraktivität
gewinnen, weil sie mir von der Realität nicht geboten werden. Dadurch wird die
Realität attraktiver, weil sie etwas Einmaliges ist.“186
Im sorgsamen Umgang der Medienpädagogik dürfte festhalten zu sein, dass das
Internet einen wesentlichen Beitrag leistet und seinen Lehrauftrag dahingehend
erfüllt, das es am besten versteht, Heranwachsenden die Globalisierungseffekte in
komprimierter Form nahe zu legen. Ohne Zweifel ist der Unterschied dabei erheblich,
ob ein Heranwachsender bzw. eine Heranwachsende in einem bildungsnahen oder
bildungsfernen Milieu aufwächst. Geografie lässt sich mit Begeisterung lernen, wenn
man die Welt bereist. Eine Fremdsprache wird im Land der gesprochenen Sprache
am effizientesten gelernt. Immer zuhause auf dem neuesten Stand der Technik sein
zu können, erleichtert einem den Zugang zu Anwendung und Wissen, zu Praxis und
Theorie. Es hilft die ganze Anstrengung nichts, wenn die Türen verschlossen bleiben,
wenn der Raum nicht reicht und wenn die Förderung und Unterstützung nicht
gegeben sind. Da bringen es GRUNDMANN u. a. auf den Punkt in dem sie schreiben:
„Bildungsnähe ist entscheidender als Bildungsaspiration.“187
185
Feibel, Thomas zitiert den Medienpädagogen Bernd Schorb aus Leipzig in „Die Internet-Generation“, a. a.
O., S. 183
186
ebd. S. 184
187
Grundmann, Matthias / Huinink, Johannes / Krappmann, Lothar: „Kindliche Lebenswelten, Bildung und
innerfamiliale Beziehungen“ – Empirische Ergebnisse und Überlegungen zur Frage der Beziehung von
Bildungsbeteiligung, Familienentwicklung und Sozialisation, a. a. O., S. 80
74
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Wie die Abbildung 3.2.b deutlich macht, scheint der Trend zur Ehe leicht
zuzunehmen. Die Prozente der Alleinerziehenden sind innerhalb von 7 Jahren um
drei Prozentpunkte gesunken, dementsprechend die der Ehepaare unter den
Erziehenden um drei gestiegen. Zugenommen hat auch die Hysterie vieler junger
Eltern: „Bei fast allen Erziehungsberatungsstellen und Sorgentelefonen für Eltern hat
sich innerhalb der letzten zehn Jahre die Zahl der Ratsuchenden verdoppelt. Nicht
ganz so fest steht, wo Ursache und wo Wirkung liegen. Hat die Flut der Ratgeber, die
Berichterstattung über kaum mehr zu bändigende Kinder, die Welle der Erziehungssendungen die Eltern so sensibilisiert, dass sie beim kleinsten Wutanfall ihrer Kinder
das Gefühl beschleicht, pädagogische Versager zu sein? Dazu passt die Feststellung des Hamburger Erziehungswissenschaftlers PETER STRUCK, dass noch vor
zwanzig Jahren Mütter beim Elterntelefon anriefen, wenn ihr Kind in der Pubertät
Schwierigkeiten machte: ‚Inzwischen rufen sie bereits an, wenn es drei Jahre alt ist.
Eltern haben heute viel früher Angst, dass ihr Kind nicht oben ankommt in der Gesellschaft’.‘“188
Die Ursache dieser Hysterie hat möglicherweise mit einer starken Verunsicherung
der Erziehenden zu tun, aber auch fortschrittliche Technik tut ihr Übriges. Als Beispiel
verweise ich hier – ohne es selbst und seine Nutzerinnen und Nutzer disqualifizieren
zu wollen – auf das Babyphone. Als das Babyphone noch unbekannt war, da
mussten Eltern auf den gesunden Schlaf ihrer Säuglinge vertrauen. Nun wird jedes
noch so verdächtige Geräusch aus dem Kinderzimmer analysiert und die Eltern
hocken argwöhnisch am Babyphone. Die Sorge um das Wohlergehen allein ist es
nicht, sondern es ist die Ängstlichkeit der Eltern vor dem Vermeidbaren, welches sich
in letzter Konsequenz meist als unvermeidbar herausstellt. Ein Babyphone lässt
vielleicht schnell hellhörig werden, aber vielleicht lässt es auch zu sehr die eigentliche Aufmerksamkeit um den Nachwuchs verkümmern, da das Babyphone eine verlässliche und komfortable Alternative zur eigenen behütenden Anwesenheit am
Kinderbett darstellt. Ähnlich verhält sich die Einstellung, wenn der Nachwuchs im
pubertären Alter ist. So lange sich das Kind zuhause aufhält, glauben die Eltern ihre
Kinder als vermeidlich im sicheren Umfeld zu wähnen. Viele Eltern realisieren
langsam, dass das Kinderzimmer nicht unbedingt ein Rückzug ins Private bedeuten
muss. Der Fall des minderjährigen Sassa-Wurm-Programmierers nur als ein Beispiel,
sollte diese Tatsache belegen dürfen.
Bei allen in Erwägung zu ziehenden familiensoziologischen Konstrukten, sollte das
nicht zur pauschalisierten Deduktion der Konstrukte auf Verhaltens- und Lernstörungen von Heranwachsenden in der Diskussion der Begabungsförderung führen
dürfen, denn „nicht das Aufwachsen in einer bestimmten Familienkonstellation
selber, sondern erst das Auftreten mehrerer Belastungen beeinträchtigen die
schulische Entwicklung der Kinder. Dazu zählen vor allem ökonomische Probleme
und eine konflikthafte beziehungsweise gestörte innerfamiliale Kommunikation. Diese
Faktoren gelten aber für alle Familien, ob es sich dabei um ‚vollständige‘ Familien
oder aber um Familien mit nur einem Elternteil, um Ein-Kind-Familien oder um
Scheidungs- und Stieffamilien handelt.“189
188
Susanne Schneider „Folgen? Unbekannt. – Eltern erziehen ihre Kinder nicht mehr. Darüber klagt inzwischen
wirklich jeder. Und jeder kennt ein Rezept. Nur die Eltern nicht. Was ist eigentlich los?“ aus der
Wochenendbeilage der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG #12 vom 24. März 2005, Seite 7
189
Grundmann, Matthias / Huinink, Johannes / Krappmann: : „Kindliche Lebenswelten, Bildung und
innerfamiliale Beziehungen“ – Familie und Bildung, Empirische Ergebnisse und Überlegungen zur Frage der
Beziehung von Bildungsbeteiligung, Familienentwicklung und Sozialisation, a. a. O., S. 85
75
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Bei der Einschätzung der Rolle des Internets im Familienleben sollte die Möglichkeit
nicht unterschätzt werden, in wieweit es in der Lage ist, dem heranwachsenden
Nutzer bzw. der heranwachsenden Nutzerin eine Zuflucht gegen Über- oder
Unterforderung zu sein: „Der Hamburger Erziehungswissenschaftler PETER STRUCK
spricht darüber hinaus von 15 Prozent aller Kinder, die von ihren Eltern als störend
empfunden werden, weil beispielsweise Mutter und Vater Beziehungsprobleme
haben. Am anderen Ende des Spektrums stehen 15 Prozent der Kinder, deren Eltern
so leistungsorientiert sind, dass sie die komplette Kindheit verplanen: ‚Englisch
lernen mit drei, Geige und Ballett mit fünf, ins Sportcamp mit elf, Sprachferien in
England mit 14, Austauschjahr in den USA mit 16. Das sind jene, die die Erwartungen ihrer Eltern niemals erfüllen können und den größten Frust erleben‘, sagt
PETER STRUCK. Und die Zahl der so genannten hilflos erziehenden Eltern wächst
obendrein: jene, die ihr Kind zwar lieben, ihnen aber keine Grenzen setzen und auch
sonst nicht recht wissen, wie man das macht mit der Erziehung.“190
Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG sah in ihrer Wochenendausgabe im März 2005 die Bestätigung gefunden, dass es gravierende Mängel in der häuslichen Erziehung gibt:
„Die Beziehungslosigkeit unter den Familienmitgliedern nimmt zu, dem PC und dem
Fernseher wird mehr Zeit und Aufmerksamkeit gewidmet als den Familienmitgliedern. Regelsysteme würden nicht mehr aufgestellt oder wenn, dann nicht
beachtet, Konsequenzen allenfalls angedroht, kaum jemals ausgeführt. Konsequenzen auch wirklich zu ziehen setzt voraus, Eltern akzeptieren, dass es eine
Hierarchie gibt zwischen ihnen und ihren Kindern. Andernfalls drehen sich die Verhältnisse um: Das Kind wird groß, die Eltern klein. Heute bitten Eltern, dass die
Kinder sie verstehen.“191
Dabei scheint auch eine gewisse Leichtigkeit im Umgang mit Heranwachsenden zu
fehlen. Verkrampfungen entstehen aus der kompromisslosen Entschlossenheit, dass
„junge Eltern auf keinen Fall die Fehler ihrer Eltern wiederholen wollen. Sie machen
lieber ihre eigenen Fehler - und die ihrer Eltern dazu. Mit einem Unterschied:
Während Eltern früher im leidenden Tonfall 'Mein Kind ist so anstrengend' sagten,
nennen sie das heute voller Stolz 'hochbegabt'.“192
Es gibt genügend Phänomene, die den einen oder anderen Rückschluss auf die
innerfamiliale Erziehung und die damit verbundene Begabungsförderung oder
Begabungsverhinderung zulassen. Alle diese Phänomene auf eine analytische
Grundlage gestellt, besteht diese aus fünf Spannungsfeldern, die sich dann zwischen
Familien- und Bildungswesen laut GRUNDMANN u. a.193 aufbauen und sich dementsprechend auswirken:
-
Spannungsfeld der zeitlichen Koordination von Familienleben,
beruflichen Verpflichtungen und Kindergarten- und Schulzeiten
190
Susanne Schneider „Folgen? Unbekannt. – Eltern erziehen ihre Kinder nicht mehr. Darüber klagt inzwischen
wirklich jeder. Und jeder kennt ein Rezept. Nur die Eltern nicht. Was ist eigentlich los?“ aus der
Wochenendbeilage der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG #12 vom 24. März 2005, Seite 8
191
Susanne Schneider zitiert in ihrem Artikel: „Folgen? Unbekannt. – Eltern erziehen ihre Kinder nicht mehr.
Darüber klagt inzwischen wirklich jeder. Und jeder kennt ein Rezept. Nur die Eltern nicht. Was ist eigentlich
los?“ aus der Wochenendbeilage der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG #12 vom 24. März 2005, Seite 10 die
Familientherapeutin MECHTHILD SKELL
192
Feibel, Thomas: „Die Internet-Generation“ – Warum Eltern ihre Kinder nicht mehr verstehen, a. a. O., S. 60
193
Grundmann, Matthias / Huinink, Johannes / Krappmann: : „Kindliche Lebenswelten, Bildung und
innerfamiliale Beziehungen“ – Familie und Bildung, Empirische Ergebnisse und Überlegungen zur Frage der
Beziehung von Bildungsbeteiligung, Familienentwicklung und Sozialisation, a. a. O., S. 92f
76
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Ein einheitliches und einfach zu handhabendes Kommunikations- und Informationssystem scheint nur dann in seiner Wirkung anspruchsvoll, wenn es den Akteuren
einen nötigen Anreiz – negativ wie positiv – gäbe, um eine bestehende wie auch zu
entwickelnde Planung durchzuführen und einzuhalten. Außerdem braucht dieses
System eine Verbindlichkeit und somit eine Herausforderung für die bereits jetzt
überforderten Einrichtungen Kindergärten oder Schule. Was wäre denn zum Beispiel,
wenn Schulen das Recht hätten, empfängerseitig zu bezahlende SMS an
Blaumacher zu versenden und das pro versäumter Schulunterrichtsstunde?
-
Spannungsfeld der psychischen Belastungen im Schulsystem
Eine psychische Belastung kann sich aus traumatischen Ereignissen oder aus
temporären Stresssituationen ergeben. Vernetzte fest im Schulsystem integrierte
therapeutische Einrichtungen könnten Heranwachsenden eine wichtige Stütze sein.
Sind Stresssituationen akut oder chronisch im Alltag der Heranwachsenden
verankert, so dass die Schülerinnen und Schüler den Schulunterricht nicht folgen und
darum notorisch störend auffällig werden, so gibt es bereits das erfolgreich
praktizierte Trainingsraumprogramm 194 , welches bei Stresssituationen in den
Klassenzimmern wirkungsvoll entgegensteuern kann. Diese Steuerung ließe sich mit
dem Einsatz der Neuen Medien im Trainingsraum wesentlich verfeinern.
-
Spannungsfeld der familialen Problemlagen und Bildungsprozesse
Es gibt dutzende aufzuzählende Problemlagen innerhalb von Familien. Einige sind
angesprochen worden. Auf manche Problemlagen in der Familie können Lehrer und
Pädagogen Einfluss nehmen, weil sie die Eltern – oder zumindest ein Elternteil
erreichen. Zu vielen Eltern scheint jeder Zugang jedoch unmöglich zu sein. Dabei
greifen dann auch keine Maßnahmen des Ordnungs- oder Jugendamtes mehr. Die
einzige Möglichkeit in solchen Fällen tiefer vorzudringen, könnte für den Lehrer
mithilfe des Internets möglich sein, wenn der Lehrer über dieses Medium einen
anderen nahen erwachsenen Verwandten oder Vertrauten des Heranwachsenden
erreichen kann.
-
Spannungsfeld der Entscheidungsfindung über den Bildungsweg der
Heranwachsenden
Wenn die OECD im Rahmen ihrer PISA-Studien besonders rügt, dass in
Deutschland im internationalen Vergleich Kinder zu früh in die Sekunda entlassen
werden und der Blick von dieser Metaebene dann auf die Ebene der Familie führt,
braucht es nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass Bildungsentscheidungen oft
vorrangig den Entwicklungsentscheidungen getroffen werden. Anstatt einem
Heranwachsenden die Möglichkeit zur Entfaltung seiner Kindheitsphase zu geben,
um dann im Pubertätsstadium die Entscheidung gemeinsam mit Lehrern, Eltern und
Schülern für einen neu zu beschreitenden Bildungsweg finden zu dürfen, beharren
die Bundesländer im Streit um die Bildungspolitik weiter auf ihre Kompetenzen,
bezogen auf das etablierte vier- bis sechsjährige Grundschulsystem.
-
Spannungsfeld der elterlichen Mitwirkungsrechte in
Bildungseinrichtungen
194
von Ford, siehe Anhang – Trainingsraumprogramm und Droutcafés: eine kurze Methodenskizze des
Begabungsförderungsprojektes Heranwachsender Internet
77
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Es gibt einen Dissens darüber, ob die Mitwirkungsrechte an den Mitbestimmungsrechten der Eltern in den Bildungseinrichtungen noch konform laufen. Anstatt nach
kooperativer Partnerschaft in der Lehrer-Eltern-Beziehung zu streben, ist eine
Tendenz dahingehend zu verzeichnen, dass anstelle von konstruktiver Zusammenarbeit zum Wohle des Heranwachsenden ein Kompetenzgerangel und eine
Statusdiskussion in vielen Fällen getreten sind. Des Weiteren fällt auf, dass meist
Frauen diejenigen sind, die sich um die schulischen Angelegenheiten kümmern und
sich mit den schulischen Problemen der Heranwachsenden auseinandersetzen. Erst
wenn es um die Mitbestimmung geht, dann werden Männer aktiv. Eine gleichberechtigte Auseinandersetzung beider Elternteile um die Übernahme von Verantwortung über erzieherische Belange und Aufgaben scheint kein Standard zu sein.
Wieder wird deutlich, welche Rolle vor allem den Elternteilen in der Familienpolitik zu
Teil wird. Diese Rolle verantwortungsbewusst zu übernehmen, wird dann wieder auf
das Verhältnis des Elternpaares zueinander bezogen. Oder mit anderen Worten:
harmonische wie disharmonische Partnerschaften der Eltern haben einen Einfluss
auf das Bildungsrisiko der Heranwachsenden: „So ist bei den Jugendlichen, die eine
diskontinuierliche Elternschaft erleben oder erlebt haben, ein höheres Bildungsrisiko
erkennbar als bei denen, deren Eltern konstant zusammen leben. Auch weisen
diejenigen Jugendlichen, die angeben, dass ihre Eltern getrennt leben, zu knapp
zwei Dritteln ein Bildungsrisiko auf, ähnliche Tendenzen zeigen sich für Kinder
geschiedener Eltern. Ferner korrelieren die Konflikte mit den Eltern mit dem
Bildungsrisiko.“195
Dabei bleibt festzustellen, dass es ein perfektes Elternpaar nicht gibt, nicht gegeben
hat und wohl auch nicht geben wird und „wann immer Eltern sich Gedanken über
Erziehung machen, darüber reden, Fernsehsendungen zu diesem Thema ansehen,
Ratgeber oder Zeitungsartikel lesen, ist schon etwas gewonnen. Wichtig ist vor
allem, dass sie sich mit diesem Thema beschäftigen.“196
Nebst Familie spielen Freunde eine große Rolle im sozialen Umfeld von Heranwachsenden. Der folgende Text, den ein ca. 16- oder 17jähriger Mitschüler einem
Gleichaltrigen gab, um ihn auf seiner Homepage zu veröffentlichen, soll für sich
sprechen dürfen, wenn es um die Rolle des Internets zwischen Freunden geht:
„Also auf deiner Homepage hast du ja darum gebeten, dass jeder mal so einen Text
von/zu dir schreibt und da ich eh nicht anderes zu tu hab im Moment, mach ichs glatt
auch mal, also zuerst einmal ich kenn dich, deine Art und dein Verhalten nicht, wenn
du Online bist, im Chat oder sonst wo und im ICQ wechseln wir immer nur ein paar
Sätze von daher reicht es nicht um mir eine Meinung darüber zu bilden, das einzige
was ich sagen kann, ist dass ich mir deine Gästebucheinträge durch gelesen habe
und ziemlich verwirrt war/bin, den scheinbar bist du Online ein ganz anderer Mensch
wie im „Reallife“, auf einer Art beunruhigend und mir persönlich unverständlich. Ich
weiß, dass du es in der Schule (ich kann jetzt nur von der Schule ausgehen, da ich
dich ja Mittags noch nicht gesehen oder getroffen habe) ziemlich schwer hast, ich
mein jetzt nicht Arbeiten oder notenmäßig, sondern freundschaftlich, denn wirkliche
195
Deutsche Shell (Hrg.) / Hurrelmann, Klaus / Linssen, Ruth / Leven, Ingo in Arbeitsgemeinschaft mit Infratest
Sozialforschung: „Jugend 2002“ – Wachsende Ungleichheit der Zukunftschancen?, a. a. O., S. 71
196
Susanne Schneider zitiert in ihrem Artikel: „Folgen? Unbekannt. – Eltern erziehen ihre Kinder nicht mehr.
Darüber klagt inzwischen wirklich jeder. Und jeder kennt ein Rezept. Nur die Eltern nicht. Was ist eigentlich
los?“ aus der Wochenendbeilage der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG #12 vom 24. März 2005, Seite 11 den
Hamburger Erziehungswissenschaftler Peter Struck
78
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Freunde hast du ja nicht in der Schule. Klar stehst du in der Pause mit diesen ichweiß-nicht-wie-ich-das-ausdrücke-soll-ohne-bestimmte-Personen-zu-gruppierenalso-lass-ich-lieber-aber-du-weißt-sicherlich-wen-ich-meine, rum. Doch da kann ich
mir nur am Kopp packen auf einer Art meinen sie Punks zu sein und auf der anderen
Seite Nazis, so kommt es einen vor, wenn man manchmal ein paar Kommentare
oder Gesprächsfetzen mitbekommt. Also entweder wissen diese Personen nicht was
es heißt ein Punk/Linker zu sein oder sie sind einfach nur dumm und dämlich! Aber
jetzt zu dir: du integrierst dich nicht, bist ruhig, verschlossen eben ein Mensch mit
zwei Gesichtern. Aber damit wird man auf Dauer auf die Schnauze fallen, denn nicht
der Kack-Chat oder sonst welche Deutschland Bekanntschaften werden dir hier und
jetzt was bringen! Klar können das „Freunde“ sein/werden, aber wer kann dir die
Gewissheit geben, dass sie sich nicht verstellen, also ich persönlich möchte nichts
mit jemanden zu tun haben, der in Wirklichkeit ein ganz anderer ist, aber zum Glück
kann man das ja nicht auf alle beziehen, was ich auch nicht tue. Aber hast du schon
mal drüber nachgedacht, wie viele du davon persönlich kennenlernen wirst? Also das
kann es doch nicht sein! Du bekommst von der Außenwelt doch absolut nichts mehr
mit. Aber ich will hier jetzt auch nicht nur negatives schreiben, also du bist ein wirklich
netter und hilfsbereiter Mensch, obwohl du einen auch manchmal ein nazistisches
Verhalten entgegen wirfst was einen abschrecken könnte, doch darüber kann man
hinwegsehen ;). Also ich habe dir hiermit versucht zu helfen und ich denke ich hab es
so objektiv wie möglich verfasst. Auch du kannst ruhig mal deinen Mund aufmachen
und deine Meinung sagen wenn dir was nicht passt und das ist auf alle Situationen
bezogen.“197
Tab. 3.2.b: Zugang der Heranwachsenden 2002 zum Internet (privat, in der Ausbildung oder im Beruf)
und Umfang der Nutzung des Internets nach relevanten und persönlichen Merkmalen198
Jugendliche im Alter von 12 bis 25
durchschnittliche Nutzung pro
Jahren in Prozent:
Woche in Stunden:
gesamt
65
7
männlich
68
8,8
weiblich
62
4,8
12 bis 14
52
4,5
15 bis 17
67
6,4
18 bis 21
69
7,8
22 bis 25
71
7,8
Hauptschüler
42
5,4
Realschüler
62
6,1
Gymnasiasten
76
6,4
Studierende
95
8,6
Auszubildende
60
7,1
Erwerbstätige
60
7,4
nicht
60
5,2
Erwerbstätige
Arbeitslose
29
8,9
Unterschicht
38
7,1
untere
55
6,7
Mittelschicht
197
ein 15jähriger Realschüler aus Gronau / Westfalen schreibt im Forum eines Mitschüler über diesen
Mitschüler, 2004
198
Deutsche Shell (Hrg.) / Hurrelmann, Klaus / Albert, Mathias (Konzeption & Koordination) in
Arbeitsgemeinschaft mit Infratest Sozialforschung: „Jugend 2002“ – Zwischen pragmatischem Idealismus und
robustem Materialismus, 14. Shell Jugendstudie, 2002, a. a. O., S. 83
79
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Mittelschicht
obere
Mittelschicht
Oberschicht
68
5,8
77
84
8,1
8,1
3.3. Die Rolle des Internets im ökonomisch-sozialen Umfeld der Schule und Ausbildung
Die Ausbildungsphase ist wohl eines der entscheidenden Epochen eines jungen
Menschen. Um diese Phase darf kein Heranwachsender betrogen werden dürfen,
weil „die Ausbildungszeit Teil der Phase ist, in der die Konturen der zukünftigen
Lebensgestaltung erst allmählich entstehen, in der Klarheit über den zukünftigen
Partner oder die zukünftige Partnerin, womit man zu einem längerfristigen
Zusammenleben bereit wäre, und Klarheit über die Vorstellungen zu einer eigenen
Familien noch zu gewinnen sind.“199 Wer ohne Ausbildung bleiben muss, dem fehlen
nicht nur wichtige Schlüsselqualifikationen, Allgemeinbildung und Fachwissen,
sondern ist auch um sozial-relevante Kontakte ärmer. Heranwachsende ohne Ausbildung finden sich in einem Dilemma wieder: „Haste was, biste was. Haste nix, biste
nix.“ Und dabei scheinen „nicht nur Männer, sondern auch Frauen ohne
Berufsausbildung und eigene berufliche Perspektiven heute den Makel zu tragen,
wichtige Voraussetzungen für die zukünftige Lebensbewältigung nicht erfüllt zu
haben.“200
Das lebenslange Lernen als der Schlüssel für qualifizierte Arbeit und Beschäftigung
ist nicht der alleinige Grund für die oft langen Ausbildungsphasen junger Heranwachsender. Viele junge Leute jobben heutzutage übergangsweise zum Beispiel in
Call-Centern, um die Wartezeit für eine freie Ausbildungsstelle oder einen Studienplatz zu überbrücken. Der Mangel an Beschäftigungsverhältnissen wirkt sich auf die
zunehmend knapper werdenden Ausbildungsplätze aus. Oft stehen Heranwachsende nach absolvierter Ausbildung wieder ohne Beschäftigung da und sehen
sich gezwungen, auf einen anderen Beruf umzuschulen, sich weiterzubilden, Praktika
zu absolvieren oder sich mit Mini- bzw. Midijobs über Wasser zu halten. Somit dauert
„für immer mehr junge Erwachsene die Ausbildungsphase bis in das dritte
Lebensjahrzehnt hinein an, sie kann mitunter bis ins vierte Lebensjahrzehnt
reichen.“201
Ein weiteres Indiz, warum die kostenlose Förderung der Begabungen Heranwachsender stärker als bisher von Bedeutung gewinnen wird, ist die Tatsache, dass
es nicht mehr als selbstverständlich anzusehen ist, dass eine fundierte Ausbildung
einen Platz am Ersten Arbeitsmarkt sichert. Einhergehend mit diesem arbeits- und
verteilungspolitischen Phänomen der zeitlichen Ausdehnung von Ausbildungsphasen
auf der einen Seite und der knapper werdenden Ausbildungsplätze auf der anderen,
können „die Berufe der Zukunft nicht sofort nach Beendigung der Schulzeit ergriffen
werden, in sie wächst man durch Weiterbildung hinein. Dazu bedarf es
entsprechender Weiterbildungsangebote. Der Strukturwandel wird in Zukunft in
199
Grundmann, Matthias / Huinink, Johannes / Krappmann: : „Kindliche Lebenswelten, Bildung und
innerfamiliale Beziehungen“ – berufen sich in Familie und Bildung, Empirische Ergebnisse und Überlegungen
zur Frage der Beziehung von Bildungsbeteiligung, Familienentwicklung und Sozialisation auf Oppenheimer von
1988, a. a. O., S. 48
200
Grundmann, Matthias / Huinink, Johannes / Krappmann: : „Kindliche Lebenswelten, Bildung und
innerfamiliale Beziehungen“ – Familie und Bildung, Empirische Ergebnisse und Überlegungen zur Frage der
Beziehung von Bildungsbeteiligung, Familienentwicklung und Sozialisation, a. a. O., S. 47
201
ebd. S. 48
80
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
immer bedeutenderem Ausmaß von den Erwerbstätigen mittleren und höheren Alters
bewältigt werden müssen.“ 202 Eines der entsprechenden Weiterbildungsmöglichkeiten, dessen Ausgaben von einer zahlungswilligen Allgemeinheit meiner Ansicht
nach aufgebracht werden könnten, und mit der eine künftige Kostenexplosion im
Bildungswesen ex ante vermieden werden könnte, stellt die Begabungsförderung
Heranwachsender im Internet dar: „Die immer dichter werdenden Medienangebote
schaffen durch Breite und Intensität ihrer Wirksamkeit auch für die Schule neue Lernund Arbeitsmöglichkeiten, stellen sie aber auch in Frage. Interesse und Motivation
vieler Schülerinnen und Schüler verlagern sich in den Medienbereich. Die notwendige und gewollte Begrenztheit der von der Schule bearbeiteten Themen scheint
den Medienangeboten immer mehr Bildungswirksamkeit zu verleihen. Die inhaltlichen und methodischen Sicherheiten, mit denen die Unterrichtsgestaltung bisher
ihre Erfolge kalkulieren konnte, erweisen sich oft als nicht mehr tragfähig.
Schulisches Lernen wird das Lernen mit und durch Medien mitsehen müssen. Dies
kann einen Verzicht auf Ziele und Inhalte, die traditionell den Unterricht getragen
haben, ebenso bedeuten wie die Veränderung des Vorgehens, sogar die
Auslagerung von Lerneinheiten in individuelle, mediengestützte Selbstlernphasen.“203
Wie das Beispiel des Deutschen Bildungsservers, der in seinen Umrissen im zweiten
Kapitel bereits vorgestellt wurde, zeigen soll, gibt es eine Anstrengung hinsichtlich
der Zusammenführung von Schule und Neuen Medien. Was aber das Angebot im
Internet für schulische Bildung angeht, so könnten für die unbedarften Nutzer
Irritationen zur Tagesordnung werden: „Die pädagogische Perspektive, den mündigen Umgang mit Medien zu fördern, bzw. Lernende kompetent im Umgang mit
Medien zu machen, berührt nicht nur die Rezipientenrolle, sondern auch die
Produzentenrolle des Adressaten. In der Rolle des Rezipienten tritt beispielsweise für
den einzelnen Bürger zunehmend das Selektionsproblem in den Vordergrund.“ 204
Zählt GOOGLE beim Suchbegriff ‚Schule‘ fast zweiundzwanzigeinhalb Millionen
Einträge, so dürfte es eine Weile dauern, um die ‚Perle der interaktiven Bildung‘
ausfindig zu machen. Ich bemängel hier nicht den Dezentralitismus der gestellten
Informationen, die das Internet ohne Zweifel attraktiv machen, sondern eine
mangelnde Uniformität der Schulbildungsangebote, wenn es um das einheitliche Ziel
der Bildungsaspiration geht, welches schließlich und endlich verfolgt wird. Dieses Ziel
sollte der Hoheitsauftrag im Lernprozess der Schule off- wie online sein, weil „die
Ziele der Allgemeinbildung und der Berufsbildung so gesetzt werden müssen, dass
eine Teilnahme am Wandlungsprozess und auch an der Gestaltung neuer Perspektiven im Wirtschafts- und Arbeitsleben möglich wird. Es geht um die Frage, mit
welchen Zielen, mit welchen Mitteln, in welchen Formen und mit welchen zukünftigen
Folgen heute und morgen gearbeitet wird bzw. gearbeitet werden soll. Darauf
müssen Lernprozesse der Schule sich einstellen, auf diese Fragen müssen sie
vorbereiten.“ 205 Dementsprechend trägt der Appell der BILDUNGSKOMMISSION NRW
den Schulen damit auch Rechnung, dass sie sich mit der Frage eines einheitlichen
Auftritts im Internet befassen sollten. Unser Nachbar Österreich macht vor, wie es
meiner Meinung nach gehen könnte. Für www.schule.at zeichnet sich das
österreichische Bildungsministerium in Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft
verantwortlich. Dass Deutschlands Schulen zum Teil bereits den Anschluss ans
202
Bildungskommission NRW: „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“ – Aufgaben für die Schule, 1995, a.
a. O., S. 55
203
ebd. S. 136
204
Thilo Harth, „Das Internet als Herausforderung politischer Bildung“, a. a. O., S. 83
205
Bildungskommission NRW: „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“ – Aufgaben für die Schule, 1995, a.
a. O., S. 53
81
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Internet bislang verpasst haben, zeigt ein Beispiel. Unter der Domain www.lehrer.de
findet sich eine Seite im Aufbau (Stand: 05.12.2006 06:09).
Unter der österreichischen Sublevel-Domain ‚at‘ findet sich bei den Lehrern auch
das, was der unbedarfte User erwartet; einen unmittelbaren Zusammenhang zu
Schule und Bildung. Die Ursache eines solchen ‚Verschlafens der Beschaffung von
wichtigen Domains über die DENIC‘, dürfte sich meiner Ansicht nach auch und vor
allem in der föderalistischen Bildungspolitik der Bundesrepublik Deutschland selbst
liegen, die den Schulen zu wenig finanzielle Handlungs- und Entscheidungsspielräume lässt. Aber auch manche Schulen tragen selbst Verantwortung für eine
unübersichtliche Struktur ihrer Angebote im weltweiten Netz, denn schließlich hat es
relativ lange gedauert und hält bisweilen an, bis die Diskussion über die
Notwendigkeit der Neuen Medien als lerninhaltliches Angebot und somit als
Anspruch wahrgenommen wurde bzw. wahrgenommen wird. Darum halte ich auch
den Appell der nordrheinwestfälischen Bildungskommission von 1995 diesbezüglich
an die Schulen für durchaus gerechtfertigt: „Schulen sollen die Medienwelt als Bildungswelt und Miterzieher nicht nur in Kauf nehmen; sie sollen sich nicht in erster
Linie gegen sie abgrenzen, sondern sie bei der Gestaltung von Unterricht und
Erziehung annehmen, als Partner sehen und nutzen.“206
Bisher waren Schule und ihre Lehrinhalte mehr oder weniger darauf begrenzt, in der
Gegenwart die Vermittlung von Vergangenheit leisten zu müssen und auch zu
wollen. Doch dies allein reicht heutzutage nicht mehr aus, um den Anspruch von
Schule an die Institution Schule sozial gerecht werden zu können, denn „Bildung
kann sich nicht der schwierigen Aufgabe entziehen, in der Gegenwart die Vermittlung zwischen Vergangenheit und Zukunft leisten zu müssen. Ihre Institutionen
werden lernen müssen, auf sich verändernde Rahmenbedingungen und auf neue,
häufig noch ungewisse Herausforderungen flexibel und rechtzeitig zu reagieren.“207
Darum fordert meiner Ansicht nach die BILDUNGSKOMMISSION NORDRHEIN-W ESTFALENS
zu recht, dass „Schulen (deshalb) ihre medien-pädagogische Arbeit im Rahmen
eines entsprechenden pädagogischen Gesamtkonzeptes verwirklichen sollen.“208
Ein Gesamtkonzept könnte die Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
unter klaren methodischen Angehensweisen nicht nur für Schüler, Eltern und Lehrer,
sondern für alle Beteiligten (Verwandte, Freunde, Bekannte, Gönner, Spender und
Sponsoren) darstellen. In dieser Methodik sollten die Neuen Medien unter den
Gebrauch von Lehr- und Lernsituationen gesehen werden, auf die in diesem Kapitel
und im Kapitel 4 noch detaillierter eingegangen wird. Denn „betrachtet man Medien
zunächst zum Gebrauch in Lehr- / Lernsituationen, so ist zu berücksichtigen, dass
Medien ‚tiefgefrorene‘ Ziel- Inhalts- und Methodenentscheidungen sind, die durch
das methodische Handeln von Lehrenden und Lernenden wieder ‚aufgetaut‘
werden.“ 209 Wobei in der Begabungsförderung, wie im Kapitel 1 ausführlichst
geschildert wurde, die Lernenden nicht nur eine Zielgruppe der Schülerinnen und
Schüler darzustellen haben, sondern auch Eltern und – in lehrbezogener Didaktik
und Dialektik – auch die Lehrer selbst unter diese Förderung einbezogen werden
müssen. Prinzipiell hat THILO HARTH in zwei Sätzen zusammengefasst, was eine
Begabungsförderung Heranwachsender mithilfe des Internets bedeuten könnte:
206
ebd. S. 137
Bildungskommission NRW: „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“ – Anforderungen an Bildung und
Schule, 1995, a. a. O., S. 24
208
ebd. – Leitvorstellungen, 1995, a. a. O., S. 138
209
Thilo Harth zitiert in „Das Internet als Herausforderung politischer Bildung“, a. a. O., S. 83, H. Meyer aus
„UnterrichtsMethoden“ I: Theorieband“, 4. Auflage, Frankfurt am Main 1987, S. 150
207
82
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
„Ziel-, Inhalts- und Methodenentscheidungen, die sich mit dem Internet verknüpfen
lassen, sind aufgrund der heterogenen Eigenschaften des Online-Mediums äußerst
vielschichtig. Die Entscheidung, in der jeweiligen Lehr- / Lernsituation etwa Selbsttätigkeit des Lernenden zu fördern, wird durch die besonderen Eigenschaften des
Mediums zur interaktiven Nutzung, durch die vielfältigen Kommunikationsmöglichkeiten in einem ‚echten‘ Kommunikationsraum oder durch die synergetische Nutzung
des Medienverbundes etwa bei der Informationsrecherche und der gleichzeitigen
Zusammenarbeit mit anderen Netznutzern unterstützt.“210
Die Zeiten, als sich Deutschland noch im ‚Internet-i-Männchen-Zeitalter‘ befand, sind
vor etwa fünf Jahren vorläufig zu Ende gegangen. Als die Einzelhandelskette ALDI
Anfang des Milleniums seine ersten ‚Volksrechner‘ auf den Markt warf, gab es im
Zuge dessen einen starken Andrang auf PC-Kurse in den Volkshochschulen. Vor
allem Internetkurse und der Erwerb von Grundlagenkenntnisse im Umgang mit dem
PC (ECTL) – im Volksmund auch Computerführerschein genannt – waren als VHSKurse bei Alt und Jung besonders gefragt. Kurzum ergab sich eine Notwendigkeit
des Lernens bezogen auf die neuen Technologien. Als dann Technologien hinzukamen, die die Anwendung des Internets durch die Einführung beispielsweise mittels
DSL die Datenübertragung schnellerer und die ersten Flat-Rates preiswerter werden
ließen, führten vor allem diese Marktinnovationen dazu, dass Selbstlernprozesse am
Rechner möglich wurden, ohne der besonderen Didaktik eines geschulten Dozenten
zu bedürfen. Mittlerweile ergibt sich diese „Notwendigkeit des Lernens heute nicht
mehr durch die Technik selbst, sondern durch das Selektionsproblem, das mit der
Informationsfülle entsteht.“211
Genau dieses Selektionsproblem für Schule und Ausbildung ökonomisch und sozial
in den Griff zu bekommen, dürfte die größte Rolle beim Gestalten des Internets
spielen, wenn es um die Begabungsförderung Heranwachsender geht.
Abb. 3.3.: Internetnutzung 2002 Heranwachsender bis 25 Jahre nach ihrem beruflichen Stand212
3.4. sozialpsychologische Hypothesen im Umgang mit dem Internet an deutschen Schulen
210
ebd. S. 83
B. Koring, „Lernen und Wissenschaft im Internet“ – Anleitungen und Reflexionen zu neuen Lern-,
Forschungs-, und Beratungsstrukturen, a.a.O., S. 24
212
vgl. Tabelle 3.2.b.
211
83
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
„Das Internet beeinflusst die ‚Möglichkeiten der Pädagogik, die es zwar auch früher
schon gab, die aber erst jetzt umgesetzt werden können. Es fordert die Pädagogen
heraus, das Beste aus diesen Möglichkeiten zu machen und die Schüler mit den
potentesten Lernwerkzeugen der digitalen und multimedialen Telekommunikation
auszustatten, die wir in unserer Kultur zur Verfügung haben.“ 213 Das ist leichter
gesagt, als getan. Solange Lehrerinnen und Lehrer wenig Einfluss und Mitspracherecht auf die Anschaffungen digitaler und multimedialer Telekommunikationsausstattungen ihrer Schule ausüben dürfen und können, werden sie sich mit denen
ihnen vorgesetzten Möglichkeiten zufrieden geben müssen.
In der Informationstechnologie engagiertes Lehrpersonal verfügt daheim u. U. über
modernere Technologien und muss im Unterricht sein Arbeitsmaterial den
gegebenen Technologien der Schule anpassen, was wiederum zeitaufwändig ist.
Darum verzichten möglicherweise Lehrerinnen wie Lehrer darauf, den digitalen
Unterricht zuhause vorzubereiten, aus Sorge, dass mögliche Konvertierungsprobleme des Datenmaterials die Unterrichtspräsentation scheitern lassen könnte.
Das Unterrichtsmaterial im Internet zu publizieren könnte für versierte Lehrkörper die
Alternative sein, um einen Unterricht gestützt auf digitale und multimediale Telekommunikationsausstattungen aufbauen zu können, obwohl auch dort gewisse
Konvertierungsprobleme eine Rolle spielen könnten. Aus eigener Erfahrung aus
meiner Dozententätigkeit weiß ich, dass jede zu bedenkende Möglichkeit, die den
vorbereiteten Unterricht zu kippen droht, a priori aus der Planung des Lehrenden
gestrichen wird.
Geneigt zu behaupten, dass die Anwendungen im Internet einen einzelnen Schüler
bzw. eine einzelne Schülerin ansprechen sollen, so steht der Gruppengedanke latent
dieser Neigung gegenüber. Eine Schulklasse, die den Unterricht in mediengestützten
Räumlichkeiten verbringt und aufgrund der Klassengröße nicht jede Schülerin und
jeder Schüler einen eigenen Rechner beanspruchen kann, weil die Medienausstattung auf kleinere Klassen ausgelegt ist, wird mit Gruppenleistung konfrontiert
sein. Zusammenarbeit im Team wird zur Notwendigkeit. Dieses Zusammenarbeiten
kann sowohl leistungsfördernde als auch leistungshemmende Wirkungen haben. Das
korreliert mit der Zusammensetzung der Schülerinnen und Schüler in der Klasse.
Diese Zusammensetzung ist wörtlich zu nehmen, da sich dem sozialpsychologisch
geschulten Pädagogen die Frage stellt, wie sich der Klassenverband an den
Rechnern am wirkungsvollsten zusammensetzen lässt. Den Lehrerinnen und Lehrern
ist schließlich Gruppenproduktivität wichtig, die sich aus folgender Gruppenleistungsformel zusammensetzt:
„Gruppenproduktivität = potentielle Produktivität – Motivationsverlust – Koordinationsverluste“
214
Dementsprechend ist den Lehrenden a priori bewusst, dass die Lernenden mit dem
gruppenspezifischen Phänomen des Social Loafings, also des ‚Trittbrettfahrens‘
konfrontiert werden; und zwar auf eine Weise, wie es im konventionellen Unterricht
ohne den Einsatz der Neuen Medien nicht zu Tage tritt. Wobei zu Tage treten in
diesem Fall einen leicht sarkastischen Einschlag bekommt, weil genau dieses Social
Loafing eben nicht offensichtlich zu Tage tritt, sondern erst dann am einzelnen
Schüler bzw. an der einzelnen Schülerin beobachtet werden kann, wenn eine ex213
Thilo Harth rezitiert in „Das Internet als Herausforderung politischer Bildung“, a. a. O., S. 145, Robert
McClintock, Erziehung für das 21. Jahrhundert, in: C. Leggewie u. C. Maar (Hg.), Internet & Politik. Von der
Zuschauer- zur Beteiligungsdemokratie, Köln 1998, S. 401 bis 415
214
vgl. Experimente zu Motivations- und Koordinationsverluste von LATANÉ, WILLIAMS & HARKINS 1979
84
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
post-Betrachtung vorgenommen wird oder anders ausgedrückt: Bei der Prüfung der
Einzelleistungen von Schülerinnen und Schülern im Umgang mit den Neuen Medien
lässt sich erst erkennen, ob der mediengestützte Lerninhalt vermittelt werden konnte.
Das Problem des Social Loafing lässt sich durch zwei Vorgehensweisen lösen: zum
einen das Wissen um jedes einzelne Gruppenmitglied und deren Zusammensetzung
oder zum anderen durch eine zu lösende Gruppenaufgabe, wobei drei Aufgabenphänomene voneinander zu unterscheiden sind:
-
additive Aufgaben (alle ziehen an einem Strang)
disjunktive Aufgaben (jedes Gruppenmitglied löst die selbe Aufgabe, um zu einem
Schluss zu gelangen)
konjunktive (komplementäre) Aufgaben
Bei den zu lösenden Gruppenaufgaben ist es wichtig, dass die Heranwachsenden
über ein Urteilsvermögen verfügen. Menschen möchten auf der einen Seite eine
richtige Beurteilung abgeben und sie möchten aber auch auf ihre Mitmenschen einen
guten Eindruck machen. Zur Urteilsbestimmung gibt es zwei Informationsquellen:
das, was die Sinne und die physikalische Realität mitzuteilen im Stande ist und das,
was andere sagen.
Akzeptiert ein Individuum das Urteil anderer, so wird dieser Umstand Informationseinfluss genannt, was bedeutet, dass der Mensch dem Urteil anderer mehr Glauben
schenkt, als seinem eigenen Urteilsvermögen. Akzeptiert ein Individuum das Urteil
anderer nicht, beugt sich aber trotzdem dem Gruppendruck, um eine Ablehnung
durch die Gruppe nicht fürchten zu müssen, so wird dies normativer Einfluss
genannt. Der Informationseinfluss ist beim kooperativen Umgang der Schülerinnen
und Schüler mit den Neuen Medien weitaus häufiger anzutreffen, da die Unsicherheit
weniger versierter Schüler sich den Herausforderungen beim Lernen digitaler
Zusammenhänge stellen zu können oder zu wollen groß ist, beugen sie sich den
Erkenntnissen der technisch versierteren Mitschülerinnen und -Schüler, ohne eigene
Erkenntnisse zu reflektieren. Da sich auch ein Rechner meistenteils nur von einem
Anwender bedienen lässt und nicht von mehreren gleichzeitig, löst das bei
Engpässen hinsichtlich einer unterstellten Unterausstattung digitaler Medienwerkzeuge an den Schulen, eine gruppendynamische Achsenverschiebung im Vergleich
zum konventionellen Unterricht aus. Während beim konventionellen Unterrichten alle
Schülerinnen und Schüler ‚gefragt‘ sind, das heißt zur Mitarbeit aufgefordert werden,
ist es beim mediengestützten Unterricht auch immer nur der Schüler bzw. die
Schülerin, die vor dem zu steuernden Medium sitzt. Der ‚Co-Pilot‘ könnte unter
gewissen Umständen in den Informationseinfluss seines steuernden Mitschülers
geraten. Der normative Einfluss im Klassenzimmer ist zwar im konventionellen
Unterrichtsbetrieb häufiger zu beobachten, als im mediengestützen; ist aber auch im
Unterricht mit den Neuen Medien nicht völlig auszuschließen. Vor allem dann, wenn
Schülerinnen und Schüler dem Neuen Medium abgeneigt gegenüberstehen und im
Informations- und Telekommunikationszeitalter ein Gräuel sehen, so entsteht
normativer Einfluss im computergestützten Klassenraum. Will also heißen, dass mit
dieser Feststellung eine Hypothese einhergeht, die besagt, dass Schülerinnen und
Schüler mediengestützten Unterricht dem konventionellen Unterricht vorziehen.
Jede Gruppe hat ihren eigenen Altersdurchschnitt. In der Gruppe der Sekunda sind
die Streuungen und Abweichungen um den Mittelwert des Gruppenalters gering. Und
doch erzwingen neue Zeitphänomene dem Lehrenden eine psychologische
Flexibilität, die es noch nicht so lange gibt: „Bis vor zwanzig Jahren galt, dass sich
Lehrer alle sieben Jahre auf eine neue Schülergeneration einstellen mussten, auf
85
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
neuen Musikgeschmack, veränderte Jugendsprache, andere Haarlängen und
Weltanschauungen, neue technische Geräte, die Einzug ins Kinderzimmer gehalten
haben und die Erwachsene nicht begreifen. Heute haben es Lehrer schon nach drei
Jahren mit einer komplett verwandelten Schülergeneration zu tun.“ 215 Ein guter
Pädagoge muss sich empathisch verhalten und dennoch als Autorität abgrenzen
können. Wenn sich Pädagoginnen und Pädagogen auf eine Generation einstellen
und einlassen können, dann nur unter der Bedingung, dass sie es auch mit einer
einzigen Generation im Klassenzimmer zu tun haben. Diese Wahrscheinlichkeit wird
durch die Feststellung STRUCKS ad surdum geführt. Auszuschließen ist keinesfalls,
dass bei zunehmenden Klassengrößen und abnehmenden Schulleistungen einiger
Schülerinnen und Schüler, sich demnach zwei Schülergenerationen in einer Klasse
wiederfänden. Im konventionellen Unterricht könnten diese zwei Generationen zur
Hemmung der Gruppenleistung führen – im rechnergestützten Unterricht könnten
diese zwei Generationen die Gruppenleistung gar fördern. Das Phänomen lässt sich
sozialpsychologisch durch eine ‚Autoritätsverschiebung‘ erklären: Ist im
konventionellen Unterricht die Orientierung des Lernens und Lehrens an die Autorität
des Lehrers selbst gekoppelt, so ist im mediengestützten Unterricht das Medium
selbst eine Autoritiät, welches sich auf recht eigenwillige Weise durchzusetzen
versteht. Im Falle von falschem Umgang mit dem Medium selbst, ist die darauf
folgenden Sanktion selbstläuferisch. Die Autorität des Mediums Computer generiert
sich aus der Angst vor ‚falscher Bedienung‘ seitens des Anwenders. Diese Angst ist
allerdings pseudonal, denn tatsächlich ist es die Angst der eigenen Grenzen
intellektueller Fähigkeiten (wie der des Lesens bzw. des Leseverständnisses an sich
auf das im vierten Kapitel näher eingegangen wird) und die Angst vor Überforderung
im Umgang mit neuen Technologien: Dass ein Computer nicht auf herkömmliche
Weise ‚zu Bruch‘ geht, wenn er falsch bedient wird, weiß eigentlich fast jeder. Der
Respekt rührt eher von einer Ungewissheit her, welche Folgen welche Tastensteuerungskombination oder welcher Mouseclick auslösen könnte.
3.5. Soziologische Größenordnungen des Internetzugangs und der Nutzung im Vergleich Schule und
Elternhaus
Auf hundert Haushalte kamen laut Berechnungen des Statistischen Bundesamtes
2004 47 Haushalte, die über einen Internetanschluss verfügten. Ein Fünftel aller
gezählten Haushalte waren davon mit einem schnelleren Internetzugang mittels
ISDN-Modem-Anschluss ausgerüstet. 216 Somit ist anzunehmen, dass mittlerweile
wesentlich mehr als die Hälfte aller bundesdeutschen Haushalte mit einem Internetzugang versorgt sind. Angenommen, die gezählten Bedingungen zum Internetzugang träfen auch heute noch (Ende des Jahres 2006) zu, dann gäbe es im Internet
eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, wobei die „niedrigere“ Klasse sich per AnalogModem bewegte, während die „höhere“ Klasse über einen digitalen Zugang (ISDN,
DSL oder Fernsehkabelnetz) verfügte. Es gilt dabei in technischer Hinsicht anzumerken, dass der analoge Internetzugang über eine vielfach kleinere Übertragungsrate läuft (die letztlich die Fortbewegungsgeschwindigkeit im Internet maßgeblich
mitbestimmt; sprich: den Seitenaufbau, die Up- und Downloadgeschwindigkeit, etc.).
Oder praktisch formuliert: ein Herunterladen kann für ein und dasselbe Produkt aus
dem Internet per Analog-Modem (59 kB/s) eine Stunde, per ISDN-Modem (64 kB/s)
215
Susanne Schneider zitiert in ihrem Artikel: „Folgen? Unbekannt. – Eltern erziehen ihre Kinder nicht mehr.
Darüber klagt inzwischen wirklich jeder. Und jeder kennt ein Rezept. Nur die Eltern nicht. Was ist eigentlich
los?“ aus der Wochenendbeilage der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG #12 vom 24. März 2005, auf Seite 8 den
Hamburger Erziehungswissenschaftler Peter Struck
216
http://www.destatis.de/basis/d/evs/budtab2.php, Stand: 18.10.2005 08:09
86
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
29 Minuten und per DSL-Modem (ab 720 kB/s) drei Minuten oder per Glasfaserleitung ein paar dutzend Sekunden dauern. Beim intensiven Austausch von Dateien
per Messenger beispielsweise ist ein solches Vorgehen für Analogmodem-Nutzer ein
hoffnungsloses Unterfangen. Die Option des schnellen Dateienaustausches ist eine
bedeutsame Funktion für das Begabungsförderprojekt Heranwachsender im Internet
(BHI) und wird im Anhang dieser Arbeit kurz erläutert.
Käme man daher, eine Verteilung von grob geschätzten 6,5 Mio. Haushalten mit
schnellerem Internetzugang auf die Tabelle 3.2.a (S. 70) vorzunehmen, so könnten
diese schnellen Anschlüsse allein schon den Familien ohne Kindern zufallen. Ein
solches Denkmodell – auf ersten Blick absurd anmutend – macht allerdings in der
Theorie den Sinn, den Blick für die praktisch gegebenen Verhältnisse nicht zu
verlieren, gar zu erweitern. Eine solche Verteilungsunterstellung hieße demnach
nicht viel anderes, als dass den Familien mit Kindern das Geld fehlen würde, um
einen schnellen Internetzugang bereitzustellen. Ganz so diametral stellt sich diese
Situation allerdings doch nicht da. Es sei einfach an dieser Stelle unterstellt, dass es
ca. 10 Millionen Privathaushalte mit Kindern in Deutschland gibt. Bei einigermaßen
sozialgerechten Bedingungen sei des weiteren davon auszugehen, dass eine
knappe Mehrheit dieser Familien mit einer monatlichen Auskommensgrenze leben
muss, die einen privaten innerfamilialen Zugang zum Internet nicht ermöglicht oder
nur unter wettbewerbsverzerrenden Bedingungen erlaubt (schließlich hat ein
schnellerer Internetzugang und eine gewisse regelmäßige Nutzung ihren
monatlichen Preis). Mögen 4,9 Millionen Haushalte den Kindern einen mehr oder
weniger regelmäßigen Internetzugang ermöglichen. Und von diesen wiederum ein
Fünftel über einen schnellen Internetzugang per ISDN verfügen, so betrüge diese
Schätzung etwa eine Millionen Familien mit Kindern. Hochgerechnet bei einem
angenommenen arithmetischen Mittelwert von 1,2 Kindern pro Familie, verfügten
rund 1,2 Mio. Heranwachsende von grob geschätzten 13 Millionen Heranwachsenden über einen regelmäßigen, zuverlässigen und schnellen Internetzugang.
Unter diesen 1,2 Millionen mutmaße ich zwar einen Promilleanteil derjenigen
Schülerinnen und Schüler, die in Internaten heranwachsen; dass dieser
Promilleanteil eine wesentliche Rolle in der soziologischen Größenordnung der
Heranwachsenen im Internet spielen kann, darauf möchte ich im Anhang kurz zu
sprechen kommen. Nach meiner groben Schätzung stünden den 1,2 Mio.
Jugendlichen 11,8 Millionen Heranwachsende gegenüber, die nicht über einen
regelmäßigen, schnellen und zuverlässigen Internetzugang in ihrem Privathaushalt
verfügen. Darum weicht ein großer Teil von diesen 11,8 Millionen auf den
Internetzugang von Freunden aus.217
Eine genaue Untersuchung dieser hier willkürlich geschätzten Zahlen, die auf
Grundlage des Datenmaterials des Statistischen Bundesamtes von 2005 erstellt
wurden, würde den Rahmen dieser Arbeit zwar nicht unbedingt sprengen, allerdings
könnte eine solche Untersuchung eher dazu führen, einen mehr oder weniger
übersichtlichen ‚Datenzoo‘ von Internetnutzern erstellt zu haben; für eine weitere
theoretische Ausführung über die Heranwachsenden als solche – vor allem unter
soziologischen Gesichtspunkten – bliebe dann jedoch nur noch wenig Raum.
Deswegen soll es in diesem mit Größenordnung überschriebenen Titel dieses
Kapitels darum gehen, eine solche Ordnung durch einfache Andeutung der
Dimension von Heranwachsenden im Internet zu begegnen, wobei nach einer
jüngsten Langzeit-Studie von ARD und ZDF, die zeigt, dass „der Bundesbürger im
Durchschnitt insgesamt täglich zehn Stunden mit dem Konsum von Medien verbringt
217
vgl. Kapitel 3.9. sozialer Scheineinflussbereich Internet
87
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
– ein Anstieg um eineinhalb Stunden im Vergleich zum Jahr 2000. (...)“ 218
verzeichnet und unter diesen Bundesbürgern etliche Heranwachsende sind: „Für die
Umfrage werden 4500 Leute (ab 14 Jahre) alle fünf Jahre befragt.“219 eine solche
Begegnung theoretisch zu untermauern. Der gemessene zehnstündige
Medienkonsum erstreckt sich nicht auf ein einziges Medium: „Spitzenreiter ist das
Radio mit 3,41 Stunden täglich; das Fernsehen liegt mit einer Minute weniger knapp
dahinter. Es folgen Musikhören über CD, MC oder MP3 (45 Minuten), Surfen im
Internet (44 Minuten) sowie das Lesen von Tageszeitungen (28 Minuten), Büchern
(25 Minuten) und Zeitschriften (zwölf Minuten).“220 Dabei scheint das Medium Internet
noch relativ moderat genutzt zu werden. Das Fernsehen ist einfach nicht
totzukriegen. Aus dieser Statistik sollte der Querschnitt gelesen werden, denn
schließlich unternimmt eine 14jährige Gymnasiastin eine andere Art die Medien
täglich für sich zu nutzen, als ein 40jähriger Journalist. Ein 14jähriger Hauptschüler
nutzt die Medien für sich sicherlich auch anders als eine 40jährige Gärtnerin. Sollte
der Querschnitt weit über die 40jährigen in der Bevölkerung bei dieser Untersuchung
hinausgehen, dann ist auch nicht mehr klar zu deuten, ob der Fernsehkonsum im
zunehmenden Alter sinkt oder steigt, weil die Freizeit im zunehmenden Alter
quantitativ, aber zwangsläufig nicht qualitativ steigen muss.
Wird der tägliche ‚Internetkonsum‘ auf 45 Minuten rund gerechnet und von einem
derzeitigen Durchschnittstarif von 1,2 Eurocent pro Minute ausgegangen, so
betrügen die monatlichen Durchschnittskosten 16,20 € pro Bundesbürger. Aus
meiner Sicht nicht gerade wenig Geld für 14jährige Heranwachsende im Monat, die
schließlich in diesen Durchschnitt mit hineinfallen. Dieser Betrag könnte somit um
einiges höher als die Hälfte des verfügbaren Taschengeldes eines pubertierenden
Jugendlichen sein.
Der Konsum Neuer wie herkömmlicher Medien ist qualitativ gemessen bedeutsamer
als die relativ leicht messbare Dauer des täglichen Medienkonsums. Die Frage ist
doch, wie Medien genutzt werden. Dient das Fernsehen der tristen Unterhaltung und
läuft quasi wie ein ‚zweite Leuchte‘ in der Wohnung (Flimmerkiste)? Oder wird aktiv
ferngesehen? Was wird, wenn aktiv ferngeschaut, angesehen? Dokumentationen,
auch kurz ‚Dokus‘ genannt? Tägliche Fernsehserien mit inhaltlich ‚leichter Kost‘ auch
als ‚Daily-Soaps‘ und ‚Telenovelas’ bekannt? Filme per DVD? Nachrichten- oder
Musiksender? Sportkanäle? Wird der Internetanschluss genutzt, um mit anderen
Menschen an anderen Orten sich relativ zeitunverzögert auszutauschen? Oder dient
es mehr der Informationssuche? Werden eigene Seiten im Netz publiziert und
gepflegt? Oder dient ein schneller Internetanschluss allein dem Spiel mit sich gegen
die Maschine bzw. mit anderen zusammen und gegeneinander? Oder wird aus dem
Internet ‚gesaugt was das Zeug hält‘ – sprich: dass per Flatrate die Maschine fast
Tag und Nacht Material aus dem Internet lädt? Bei den Medien Radio, Ton- und
Bildträgern, sowie Bücher dürfte die Nutzung relativ eindeutig sein. Gilt es also
herauszufinden, wie gerade die digitalen Medien (zu dem auch das Fernsehen durch
ausschließlich digitale Übertragung seit Mai 2005 in Deutschland dazugehört) im
Elternhaus und in der Schule zum Einsatz gelangen.
Abb. 3.5.a.: Schülerinnen und Schüler im Internet Abb. 3.5.b.: Wöchentliche Internetnutzungszeit
2002221
2002 von Schülerinnen und Schüler von 12 bis 25
Jahren222
218
12. Oktober 2005, Süddeutsche Zeitung # 235, S. 35
ebd.
220
ebd.
221
vgl. Tab. 3.2.b
219
88
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Im Jahr 2002 waren laut Berechnungen der DEUTSCHEN SHELL Jugendstudie 35
Prozent aller befragten Heranwachsenden zwischen 12 und 25 Jahre ohne Zugang
zum Internet, weder zuhause noch an ihren Schul- und Ausbildungsplätzen. Das
entspricht mehr als einem Drittel der über 4000 befragten Jugendlichen, die am
Neuen Medienzeitalter aus drei Gründen nicht teilhaben: entweder aus fehlenden
Möglichkeiten (armutsbedingt) oder aus innerer Selbstverweigerung oder aus elternhausbestimmter Verweigerung (z. B. Sektenschulen). Von diesen Heranwachsenden
ohne Internetzugang waren 32 Prozent männlich und 38 Prozent weiblich. Nahezu
die Hälfte aller Pubertierenden (12 bis 14 Jährige) haben keinen Zugang zum
Internet. Bei den Jugendlichen, die in die Endphase ihrer ersten Schulausbildung
eintreten (15 bis 17 Jährigen) sind 33 Prozent ohne Internetzugang und es sind nicht
viel weniger (2 Prozentpunkte), wenn die Heranwachsenden ins Erwachsenenalter
eintreten (18 bis 21 Jährigen). Ein ausbleibendes weiteres Ansteigen der internetzugangslosen Heranwachsenden ist im Erwachsenendasein (22 bis 25 Jährigen) mit 29
Prozent nicht festzustellen, was den positiven Schluss zulässt, dass der
Internetzugang mit Eintritt in die Eigenverantwortung nicht wesentlich abnimmt.
Wird der Mittelwert aus der Abbildung 3.5.b. zu Rate gezogen, dann ergibt sich im
Vergleich zur ARD/ZDF-Langzeitstudie eine kleine, aber vielleicht doch nicht ganz
unwesentliche Verzerrung des ‚Internetkonsums‘. Laut SHELL-Studie aus dieser
Abbildung ergibt sich zwischen den 12- und 25jährigen Heranwachsenden ein
täglicher Durchschnittskonsum von gerundeten 57 Minuten. Werden die Jugendlichen im maßgeblich schulpflichtigen Alter nach dieser Abbildung zum Tagesdurchschnitt im Internet herangezogen, so kommt die Gruppe der 12- bis 21jährigen mit 40
Minuten ‚glimpflicher‘ davon. Die Frage in der Größenordnung der Internetnutzung
und des -Zugangs im Elternhaus oder bzw. und an den Schulen nimmt expliziten
Einfluss auf den Umgang mit den Neuen Medien an den deutschen Schulen und
prägt das Sozialverhalten der Schülerinen und Schüler nachhaltig, was das nächste
Kapitel näher erläutern möchte.
3.6. Der Einfluss des Computereinsatzes an deutschen Schulen auf das Sozialverhalten der Schülerinnen
und Schüler
Unter den Heranwachsenden im Alter zwischen 12 und 25 Jahren der Jugendstudie
aus dem Jahr 2002 der DEUTSCHEN SHELL-Stiftung haben nun mehr als 65 Prozent
einen Internetzugang und nutzen sieben Stunden durchschnittlich die Woche das
Internet. Demzufolge ca. eine Stunde am Tag. Die Mehrzahl der heranwachsenden
222
ebd.
89
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Schülerinnen und Schülern im Alter von 12 bis 25 Jahren, die über einen freien
Zugang zum Internet verfügten, waren Gymnasiasten, gefolgt von Real- und dann
von Hauptschülern. Mit 95 Prozent schon fast überrepräsentiert waren unter den bis
25jährigen die Studierenden. Unter den Beschäftigungslosen fand sich fast ein Drittel
der Heranwachsenden.223
Abb. 3.6.a.: Heranwachsende Internetnutzer im
Jahr 2002224
Abb. 3.6.b.: Schülerinnen und Schüler im Jahr
2002 nach Schultyp und wöchentlicher
Internetnutzungsdauer225
Die Abbildung 3.6.b. verdeutlicht wiederum die bereits in Kapitel 3.5.
angesprochenen Aspekte der soziologischen Größenordnungen des Internetzugangs
und der Nutzung im Vergleich Schule und Elternhaus. Sehr wahrscheinlich gibt es
eine Reihe von Jugendlichen, bei denen sich die Nutzung des Internets auf den
schulischen Rahmen beschränkt, weil sie zuhause nicht über einen Internetanschluss verfügen oder ihn nicht nutzen dürfen, können oder wollen. Jugendliche
vielleicht, für die die Nutzung der Neuen Medien ein einziges Pflichtprogramm
darstellt. Ungeachtet dieser Hypothese gilt für alle heranwachsenden Internetnutzer
im schulpflichtigen Alter die Tatsache, dass die Nutzung der Neuen Medien nicht
uneingeschränkt im häuslichen Rahmen verlaufen, sondern von der Schule
mitbestimmt und gestaltet werden. Ein nicht empirisch erhobener Bruchteil dieser
wöchentlichen Nutzungsdaten – erhoben unter Heranwachsenden im Internet – fällt
somit kategorisch dem Schulunterricht zu.
Tab. 3.6.a.: Besuchte Schulform nach Alter und Geschlecht226
Heranwachsende in Prozent im Alter von 12 bis 21 Jahren, die noch zur Schule gehen:
Hauptschule: Realschule: Gymnasium: Gesamtschule: sonstige Schulform:
männl. 12 bis 14:
33
27
27
6
7
weibl. 12 bis 14:
26
31
27
10
5
männl. 15 bis 17:
23
30
37
8
3
weibl. 15 bis 17:
17
32
43
6
2
männl. 18 bis 21:
4
8
74
3
12
weibl. 18 bis 21:
4
3
83
4
7
männl. gesamt:
24
24
39
6
7
weibl. gesamt:
19
26
43
7
4
223
vgl. Tabelle 3.2.b: Zugang zum Internet (privat, in der Ausbildung oder im Beruf) und Umfang der Nutzung
des Internets nach relevanten und persönlichen Merkmalen
224
vgl. Tabelle 3.2.b: Zugang zum Internet (privat, in der Ausbildung oder im Beruf) und Umfang der Nutzung
des Internets nach relevanten und persönlichen Merkmalen
225
ebd.
226
Deutsche Shell (Hrg.) / Hurrelmann, Klaus / Albert, Mathias (Konzeption & Koordination) in Arbeitsgemeinschaft mit Infratest Sozialforschung: „Jugend 2002“ – Zwischen pragmatischem Idealismus und robustem
Materialismus, 14. Shell Jugendstudie, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2002, S. 63
90
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Der Anteil an Gymnasiasten in der deutschen Bevölkerung ist mit fast zur Hälfte
vertreten. Die klassischen Bildungsverhältnisse sind ganz offensichtlich Jahrzehnte
hinweg unverändert geblieben. Aus der Unterschicht findet sich fast die Hälfte
demnach an Hauptschulen und in der Oberschicht weit mehr als die Hälfte an den
Gymnasien. Es befinden sich mehr weibliche Heranwachsende an den Gymnasien
als männliche. Auf den Hauptschulen ist dieses Verhältnis zwischen den Geschlechtern umgekehrt proportional.
Tab. 3.6.b.: Besuchte Schulform und soziale Herkunft227
Heranwachsende in Prozent im Alter von 12 bis 21 Jahren, die noch zur Schule gehen:
Haupschule: Realschule: Gymnasium: Gesamtschule: sonstige Schulform:
Total:
21
25
41
7
6
Unterschicht:
49
22
15
8
5
untere
33
26
25
10
5
Mittelschicht:
Mittelschicht:
20
30
41
4
6
obere Mittelschicht:
8
23
54
7
8
Oberschicht:
8
18
65
6
3
Bei Tabellen 3.6.a. gilt es zu berücksichtigen, dass sich auf die Akkumulation der
Zeilen keine runden 100 Prozent bei den 12 bis 14jährigen Mädchen, 15 bis
21jährigen Jungen und den weiblichen Gesamtanteil der Erhebung ergibt. Auch bei
Tabelle 3.6.b. gilt es zu beachten, dass sich auf die Akkumulation der Zeilen keine
runden 100 Prozent bei der Unterschicht, der unteren Mittelschicht und der
Mittelschicht selbst ergibt. In beiden Tabellen handelt es sich jedoch nur um
geringfügige Rundungsfehler der nächsthöheren Dezimalstelle. Die Rundungsfehler
verursachten eine leichte Abweichung von hundert Prozent um lediglich +/- 1 Prozentpunkt.
Welche Schlüsse lassen sich aus den bisherigen Angaben auf das Sozialverhalten
der Schülerinnen und Schüler an deutschen Schulen ziehen? Um diese Frage zu
beantworten, gilt es das Handy erwähnen zu dürfen. Heutzutage verfügt fast jeder
Jugendliche zwischen 13 und 16 Jahren über ein Mobiltelefon. Wobei die finanziell
schwächer gestellten Heranwachsenden sich oft zum einem mit einem weniger
komfortablen Gerät und zum anderen mit einer so genannten Prepaid-Karte
zufrieden geben müssen. Während die finanziell gut gestellten Jugendlichen alle
‚Services‘ ihrer Telekommunikationsanbieter fast uneingeschränkt mit ihren
modernsten Mobilfunkgerätschaften nutzen können, weil sie über ein Vertragshandy
(ihrer Eltern) verfügen, haben die weniger gut gestellten das Nachsehen.
Sah die Nachrichtenübermittlung zwischen Schülerinnen und Schülern im Klassenzimmer untereinander in Zeiten vor der Nutzung des Handys so aus, dass per Hand
notierte Zettel vom Sender zum Empfänger über einen Mitschüler bzw. einer
Mitschülerin als Medium weiter gereicht wurden, so dienen heutzutage seltener die
Mitschüler als Medium zur Nachrichtenübermittlung, weil es sie nicht mehr benötigt,
um einen Zettel weiter zu reichen. Die Nachrichtenübermittlung geschieht per SMS.
Diese Form der Kommunikation mittels Short-Message-Services (SMS), die prinzipiell eine email-basierte Kommunikationsform darstellt, verändert das Verhalten der
Nutzerinnen und Nutzer nachhaltig. Riskierte früher ein Schüler eine Blammage,
227
Deutsche Shell (Hrg.) / Hurrelmann, Klaus / Albert, Mathias (Konzeption & Koordination) in Arbeitsgemeinschaft mit Infratest Sozialforschung: „Jugend 2002“ – Zwischen pragmatischem Idealismus und robustem
Materialismus, 14. Shell Jugendstudie, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2002, S. 63
91
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
wenn er sich in seine Mitschülerin verliebt hat, weil er seine Angebetete eine handgeschriebene Notiz zukommen lassen wollte, die sie aber nicht persönlich erreichte,
weil die diskrete Botschaft seiner Gefühle eine öffentliche Enttarnung durch einen
Mitschüler verursachte, der wider Erwarten nicht als Medium, sondern als Empfänger
fungierte, so besteht diese ‚Gefahr‘ heutzutage nicht mehr. Es bedarf keinen
Mitschüler als Medium mehr, um eine Nachricht auszutauschen. Allerdings auch nur
unter den ceteribus causus Bedingungen, dass Sender wie Empfänger über ein
Handy verfügen (was in den meisten Fällen – auch im Klassenzimmer – der Fall sein
dürfte) und dass der Sender informiert ist; was in diesem Beispiel soviel heißt wie,
dass der verliebte Schüler die Handynummer seiner Angebeteten kennen muss, um
ihr eine Liebesbotschaft per Kurzmitteilung zukommen zu lassen. War in den Zeiten
vor der Handynutzung, die konventionelle Übermittlung von Nachrichten per Zettel
minimal kostenaufwändig (Papier und Stift), so ist in Zeiten der SMS für jede Botschaft eine Übertragungsgebühr von durchschnittlich 10 bis 20 Eurocent an den
Telekommunikationsanbieter fällig.
Neuere Möglichkeiten wie die Nutzung von MMS (Multi-Media-Services) und darüber
hinaus die Nutzung von UMTS (Unified Messaging Telecommunication Services)
verursachen im Sozialverhalten der Schülerinnen und Schülern an den deutschen
Schulen eine Reihe von Veränderungen hinsichtlich sozialer Interaktionen. Wenn der
Zugriff aufs Internet immer mobiler und einfacher wird, so dass die herkömmlichen
PC’s nicht mehr die Domäne des Internetzugangs bedeuten, dann steckt das WorldWide-Web bald in den Hosentaschen der Heranwachsenden. Mit diesem kontrastieren Beispiel der Nachrichtenübermittlung möchte ich aufzeigen, dass die Chance,
Kurznachrichten auszutauschen, ohne unmittelbare Gefahr zu laufen, öffentlich
‚enttarnt‘ zu werden, den Anwender bzw. die Anwenderin von Nachrichtenübermittlungsdiensten dazu verführt, sich enthemmter auszudrücken. Ein Habitus
einer enthemmten Kommunikation zieht dann mit Sicherheit Konsequenzen im
Sozialverhalten nach sich. Hier sind dann nicht nur Eltern und Lehrer aufgerufen,
präventiv solche Konsequenzen zu vermeiden, sondern auch die Anbieter von
Telekommunikationsdiensten sind auf den Plan zu rufen. Die Gefahrenpotentiale der
Nutzung Neuer Medien als Kommunikationsmittel, die schließlich ein bestehendes
Sozialverhalten in ein dissoziales Verhalten als interaktionistische Veränderung
überführen können, sollten nicht unterschätzt werden dürfen.
3.7. Die Möglichkeit einer sozialverträglichen und kollektiven Förderung von Schülerinnen und Schülern
mithilfe des Internets
Zugegebenermaßen ist diese Arbeit ein Plädoyer ans vernetzte Lernen. Unter
‚vernetztes Lernen‘ wird vor allem die Eigenschaft der Erwachsenen, sich neuen
Lernstoff mittels vernetzter Erfahrungen und Wahrnehmungen zu erschließen,
verstanden. Durch die Neue Technologie, also dem Internet ist nun an die Stelle der
rein didaktischen Lernstoffvermittlung auch eine Variante des vernetzten Lernens
mittels Erfahrungen und Wahrnehmungen anderer, völlig fremder und möglicherweise weit voneinander entfernten Gruppen und Einzelpersonen getreten. Das
Internet – so wie alle anderen Medien auch – bietet jedoch keine fingerfertigen
Lösungen an, sondern größtenteils auch unvollkommen und somit unbrauchbare
Informationen. Diese Unvollkommenheit stellt didaktisch eine Ressource zum
gruppenorientierten Lernen dar und fördert soziale Kompetenzen durch den stetig
aufrecht zu erhaltenden Informationsfluss. Schlussfolgernd „verengt die Organisation
92
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
des Unterrichts aus-schließlich in 45-Minuten-Stunden die didaktischen und
methodischen Gestaltungs-möglichkeiten entscheidend.“228
Wird es damit nun Zeit, dass sich die Schule von ihren altbewährten und tradierten
Methoden zu verabschieden hat? Das nicht unbedingt, denn vorstellbar wäre, wenn
Schule begänne, sich selbst als ein Modell zu verstehen, dass nur das eine Ziel
kennt: Schülerinnen und Schüler zum Lernen zu bewegen. Doch oft ist Schule darauf
ausgelegt oder gar beschränkt, dass schulische Leistungen erbracht werden und die
Erhebung dieser Leistungen mit Zeugnisvergaben ihren Höhepunkt finden. Ein neuer
Anspruch erforderte ein rein dialektisches Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern.
Eine Abhängigkeit der beiden Interessengruppen entstünde. Alternativen zur klassischen Lehrer-Schüler-Beziehung gibt es offensichtlich an staatlichen deutschen
Schulen wenige, wenn überhaupt: „Erfahrungen mit altersheterogenen Gruppen in
anderen Staaten und in Schulen im nichtöffentlichen Bereich werden von den
Schulen bislang nicht aufgegriffen. Ein Tutorensystem, in dem Jüngere von Älteren in
ihrem Lernen unterstützt werden, ist unter den gegebenen Bedingungen kaum
realisierbar.“229 Dabei gibt es genügend Beispiele aus denen die Institution Schule
sich Inspirationen holen und so aus dem Vollen schöpfen könnte, wie „die Entwicklung neuer Formen der Bildung und Weiterbildung in der Wirtschaft, zum Beispiel
‚learning on demand‘ und tutorunterstütztes ‚distant learning‘, muss von der Schule
aufmerksam registriert, die Übertragbarkeit außerschulischer Lernformen auf
schulisches Lernen überprüft werden.“230
Ob und wie weit eine sozialverträgliche Förderung gerade mithilfe der Neuen Medien
an einer staatlichen Schule einen tatsächlichen Einfluss auf das Lernverhalten der
Schülerinnen und Schüler hat, zeigt sich durch messbare Indikatoren. Eine
Beurteilung von Schülerleistungen ist dabei ein unverzichtbares Messinstrument der
Schule. Nicht ganz unwesentlich sind allerdings auch andere messbare Phänomene,
die für oder gegen eine kollektive Förderung sprechen könnten, wie zum Beispiel die
Zahl der Schülerinnen und Schüler, die zusätzlichen privaten Nachhilfeunterricht
nehmen: „Nachhilfebezug kann zum einen als Bemühen verstanden werden,
individuelle Defizite von Fachinhalten eigeninitiativ aufzuholen, also als Indikator
eines besonders hohen Aktivierungsgrades – nicht nur Schülerinnen und Schüler mit
Bildungsrisiko nehmen Nachhilfe in Anspruch, sondern durchaus auch die, die sich
interessiert zeigen und eine hohe Bildungsaspiration haben –, zum anderen kann es
aber auch als Hinweis auf die Vernachlässigung einer wesentlichen Aufgabe von
Schule gesehen werden, den Jugendlichen notwendige Sachinhalte zu vermitteln.“231
Das Thema Nachhilfe lässt sich nicht allein an einer Notwendigkeit versäumten
Lernstoff nachzuholen oder – wie auch möglich – Lernstoff aus bildungsaspiranten
Ansprüchen vorzuarbeiten abhandeln. Wichtig ist auch zu beobachten, ob die
Nachfrage nach zusätzlichen Unterricht außerhalb der Schulzeiten tendentiell steigt
oder sinkt: „Der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die Nachhilfe erhalten, liegt mit
knapp einem Fünftel etwa auf dem Niveau bisheriger Erhebungen. Mit zunehmendem Alter wird das Quantum der Mädchen größer, während die Inanspruchnahme
228
Bildungskommission NRW: „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“ – Gestaltungsfreiraum der Schulen,
Ausgangslage, 1995, a. a. O., S. 140
229
Bildungskommission NRW: „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“ – Gestaltungsfreiraum der Schulen,
Ausgangslage, 1995, a. a. O., S. 141
230
ebd. – Aufgaben für die Schule, 1995, a. a. O., S. 55
231
Deutsche Shell (Hrg.) / Hurrelmann, Klaus / Linssen, Ruth / Leven, Ingo in Arbeitsgemeinschaft mit Infratest
Sozialforschung: „Jugend 2002“ – Wachsende Ungleichheit der Zukunftschancen?, a. a. O., S. 70
93
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
zusätzlichen Unterrichts bei Jungen leicht zurückgeht. Die Differenzierung nach
sozialer Schichtung zeigt sich in graduellen Abstufungen zwischen unterer
Mittelschicht (20 %), Oberschicht (18 %) und Unterschicht (14 %). Äquivalent stellt
sich die Verteilung bei den einzelnen Schulformen dar. Den status-niedrigeren
Gruppen fehlen wohl zum einen die finanziellen Ressourcen für Nachhilfeunterricht,
zum anderen auch die Perspektive, durch geringfügige Verbesserung der Noten
eines niedrig qualifizierenden Abschlusses ihre Zukunftsaussichten wesentlich zu
verbessern.“232
Wenn Kosten, die die Familien zu tragen haben, letztlich darüber entscheiden, ob
Nachhilfe erfolgt oder nicht, wenn Aussichten auf die Chancen in die berufliche
Zukunft nicht rosig sind und dafür dann eine nötige Förderung unterbleibt, dann ist
die Schule gefragt, den ‚hinterherhinkenden‘ Schülerinnen und Schülern eine
kollektive und somit kostengünstige Förderung anzubieten. Dies geht meiner
Meinung nach nur mit einem tutorialen Netzwerk. Dieses zu erstellen, einzurichten
und rund-um-die-Uhr zu versorgen und zu pflegen ist eines der zentralen
Herausforderungen in der Begabungsförderung Heranwachsender im Internet, die
ohne Schule nicht funktionieren kann und auch nicht soll.
3.7.1. Die Wirksamkeit der aktuellen Bildungssysteme für Lehrer
Einleitend zum Thema der sozialverträglichen und kollektiven Förderung Heranwachsender muss ergänzt werden, dass Lehrer selbst in die Förderungsklientel
einbezogen werden sollten. Häufig fehlt es Lehrerinnen und Lehrern an Kompetenz
einen Rapport zwischen ihnen und ihren Schülerinnen und Schülern herzustellen.
Ohne Rapport finden sie jedoch keinen Zugang zu ihren Schülerinnen und Schülern,
den sie allerdings grundlegend brauchen, um ihnen etwas beibringen zu können.
Diesen Rapport zu finden ist nicht jedem Lehrer respektive jeder Lehrerin gegeben
oder durch das Studium vermittelt worden. Ungefähr so, wie HARTH schon für sich
und die Lehrenden beklagte, dass „wir ellenlange Beschreibungen der kritischen
Moderne und ihren Anforderungen an Erziehung und Schule in einer neuen - und wie
es so schön heißt - gewandelten Zeit finden, wir finden aber keine minimalen,
verbindlichen Festlegungen darüber, was denn eigentlich an sicheren Fähigkeiten
notwendig sei, um effektiver intervenieren und unterrichtlich handeln zu können.“233
Nach einer Studie von OSER und OELKERS ließe sich das derzeitige ‚Bildungsdesaster‘ aus Sicht des Lehr- und Pädagogikpersonals an staatlich-deutschen
Schulen wissenschaftlich als einen zu engen Spielraum um die Kompetenz, also die
Fähigkeit der pädagogischen und lehrhaften Gestaltung der Schule selbst
interpretieren. Erst wenn Routine und Performanz im Unterrichtsumgang einen
weiten und dennoch überschaubaren Spielraum bilden, wobei weder Routine noch
Performanz zu erstarren drohen dürfen, dann bildet sich ein wirkungsvolles
Bildungssystem für den Lehrenden heraus: „Performanz ist gegeben, wenn der
Kontext, die zur Verfügung stehende Zeit oder die persönliche Disposition es nicht
zulassen, dass man eine Kompetenz in ihrer vollen Entfaltung zum Zuge kommen
lässt. Zweitens ist eine professionelle Kompetenz immer gestört durch die Routine,
die aus erlebter Praxis kommt. Die Routine verhindert mehr, als sie fördert; sie
schließt die reflexive professionelle Episteme in das Gefängnis erstarrter Rituale
232
Deutsche Shell (Hrg.) / Hurrelmann, Klaus / Linssen, Ruth / Leven, Ingo in Arbeitsgemeinschaft mit Infratest
Sozialforschung: „Jugend 2002“ – Wachsende Ungleichheit der Zukunftschancen?, a. a. O., S. 70f.
233
Thilo Harth, „Das Internet als Herausforderung politischer Bildung“, a. a. O., S. 215
94
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
ein.“234 Eine solche ‚Einengung‘ nach OSER und OELKERS ist andererseits „im Sinne
eines kompetenten Lehrerverhaltens immer nur auf dem Hintergrund des Biotops
Alltagswelt Schule zu sehen und zu verstehen.“235
Der Anspruch an den Lehrerberuf sollte meiner Meinung nach gerade im Zeitalter der
Mobilität, der Kommunikations- und Informationsverarbeitung stärkeren Bezug auf
die Individualität der Lehrerin bzw. des Lehrers nehmen. Denn schließlich wird
weniger „nach der Person des Lehrers oder nach dem Lehrer als Repräsentant eines
bestimmten Verhaltensstiles gefragt, sondern man fragt nach dem Lehrer als Glied
des übergreifenden Funktionszusammenhanges des Konstruktionsprozesses und
gewinnt die Kriterien für sein Verhalten aus den für diesen Zusammenhang
notwendigen Aufgaben.“236 Eine solche Anschauung hindert wiederum die Institution
Schule daran, sein durch die Lehrerinnen und Lehrer repräsentiertes implizites
Wissens- und Bildungspotential explizit voll auszuschöpfen, um es den Schülerinnen
und Schülern durch das LehrerInnenkollegium weitergeben zu können. Einen übergreifenden Funktionszusammenhang eines Konstruktionsprozesses herstellen zu
wollen ist heutzutage entbehrlich, da es „mehr und mehr nicht um die Imitiation des
Meisterlehrers wie ehemals geht, sondern um die Meisterung erfahrungswissenschaftlich unterbauter Modelle von Lehrverfahren, die es zu verstehen und einzuüben gilt."237 Diese Modelle zeigen bereits einen Funktionszusammenhang auf und
brauchen nicht erst konstruiert zu werden.
Wenn dieser persönliche Bezug zum Lehrer als Repräsentant eines Verhaltensstils
meiner Meinung nach a priori gegeben ist oder wenigstens gegeben sein sollte, dann
können die wesentlichen vier professionellen Standardkriterien im Lehrerberuf nach
OSER und OELKERS als Essenz für erfahrungswissenschaftlich zu unterbauende
Modelle von Lehrverfahren reifen und auch greifen238:
a) „Theorien (und Modelle, Anm. d. V.), die über Wenn-dann-Sätze diagnostisch und
prognostisch Zusammenhänge zwischen Anwendung und Wirkung hinsichtlich
der professionellen Standards im Lehrerberuf ermöglichen
b) eine Reihe von empirischen Ergebnissen, die direkt oder indirekt diese Theorien
falsifizieren oder bestätigen bzw. sie wenigstens für eine Zeitlang am Leben
lassen
c) Qualitätsmerkmale, die sich von den Theorien und den empirischen Befunden
einerseits, aber auch lebensweltlich andererseits speisen und begründen lassen;
und schließlich
d) eine Handlungstradition im Feld, die ebenfalls zwei Ressourcen hat, nämlich eine
aus Theorien und Expertentum abgeleitete und eine, die durch die Kultur der
Praxis bestimmt wird.“
Bezüglich a) ist zu bedenken: „Kinder wollen ein Wissen und eine Kontrolle darüber
haben, was von ihnen erwartet wird und was erwartbar ist. Sie sollten wissen, wann
etwas als gut, mittel oder schlecht beurteilt wird.“239 Kriterium b) ist zuständig für den
„engeren Handlungsbereich des Unterrichts bzw. der Schule (...)“ 240 wobei „keine
234
Oser / Oelkers, „Die Wirksamkeit der Lehrerbildungssysteme“, a. a. O., S. 216
ebd. S. 216
236
Roth, Heinrich (Hrg.): „Begabung und Lernen“, a. a. O., S. 59
237
ebd. S. 59
238
Oser / Oelkers: „Die Wirksamkeit der Lehrerbildungssysteme“, a. a. O., S. 217ff.
239
ebd. S. 219
240
ebd. S. 220
235
95
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Empirie je die Komplexität der kommunikativen Dynamik der Arbeit im Klassenraum
abdecken kann“241 Das Kriterium c) ist schwer über Normen messbar, auch wenn
„Erfahrungsaustausch wertvoll ist, führt (er) aber nicht dazu, schlüssig über den
Grund zu urteilen, warum eine Kompetenz tatsächlich ein qualitativ genügend wirksames Ausmaß erreicht.“ 242 Und schließlich Kriterium d), das der Praxis, welche
erreicht ist, „wenn das handlungsbedeutsame Wissen von Lehrenden, das sich
bewährt hat oder das sogar neu sein kann, mit allen Nebenwirkungen sichtbar gemacht wird, wenn die Ziele und Kontexte auch den Beitrag der Lernenden herausfordern (...).“ 243
Um diese genannten vier Standardkriterien zu erfüllen, reicht das aktuelle Potential
der Schule nicht mehr aus. Sie ist nicht in der Lage, sowohl die Lernenden als auch
die Lehrenden entsprechend aufzufangen, was ja eigentlich auch gar nicht die
vorrangige Aufgabe von Schule sein sollte. „Vorrangig ist eine Sensibilisierung der
Schulen, und damit in erster Linie der Lehrerinnen und Lehrer, für die Bedeutung der
Medien im Bildungs- und Erziehungsprozess. Deshalb muss eine verpflichtende
medienerzieherische und mediendidaktische Fortbildung, möglichst auf der Ebene
der einzelnen Schulen eingeleitet werden. Sie soll eine Aktivierung von Mediennutzung und Medienerziehung zur Folge haben und auch die veränderte Rolle der
Lehrertätigkeit berücksichtigen.“244
An dieser Stelle gilt es, der Medienkompetenz der Lehrenden näher auf den Zahn zu
fühlen. Gibt es heutzutage tatsächlich stereotypisches Lehrpersonal an den staatlichen, wie privaten deutschen Schulen, das apathisch auf das Medium Internet
reagiert, sobald es zur Sprache kommt? Danach sollten die Schülerinnen und
Schüler aus allen Schultypen gefragt werden. Ich persönlich kann es mir vorstellen,
wobei ich auch an einen starken Wandel nicht nur glaube, sondern ihn explizit als
einen anhaltenden Trend zur Umkehr der Lehrergenerationen verstehe. Mehr und
mehr ältere Lehrerinnen und Lehrer verabschieden sich in den Ruhestand, wodurch
nicht zwangsläufig sich das Lehrpersonal an den Schulen verjüngt, da – um
Steuerausgaben zu sparen – auf Neueinstellungen in vielen Fällen verzichtet wird.
Das Verhältnis jung zu alt ist aktuell in den deutschen Lehrerzimmern nicht proportional. Die ältere Generation, die der über 50jährigen, bildet einen großen
Bestand an Unterrichtserfahrung und Wissen. Und in der Wirksamkeit der Bildungssysteme gerade der älteren Lehrergeneration sehe ich einen großen Handlungsbedarf auf allen Ebenen. Solche Lehrer brauchen zeitlich große Freiräume, die sie vom
Unterrichten entbinden, um selbst zu lernen. Denn ihnen ist der Zugang zu neuen
Erkenntnissen leichter und damit schneller möglich, da sie mit dem Lernen und
Lehren vertraut sind. Gerade an den älteren Lehrerinnen und Lehrern ließe sich das
Exempel des Lebenslangen Lernens gut statuieren. Sie kämen nach dem auf sie
abgestimmten Seminaren im Umgang und mit dem Einsatz von Neuen Medien aufgetankt in den Unterricht zurück und könnten ihre neu gewonnenen Erkenntnisse in
ihre eigene Methodik und Didaktik einbauen. Auch ein Tutorensystem unter den
Lehrkörpern selbst, würde gruppendynamische und interaktionistische Prozesse und
Beziehungen im Umgang mit den Informations- und Präsentationsmedien zwischen
alt und jung aufbauen helfen. Und da Lehrerinnen und Lehrer am besten wissen,
241
ebd.
Oser / Oelkers: „Die Wirksamkeit der Lehrerbildungssysteme“, a. a. O., S. 221
243
ebd. S. 223
244
Bildungskommission NRW: „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“ – Lernen in der
Informationsgesellschaft, Empfehlungen, 1995, a. a. O., S. 138
242
96
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
dass sie prinzipiell keine Freizeit kennen, weil sie sich stets im Einsatz sehen. Die
Vorstellung von Lehrern, die ständig dann Ferien haben, wenn ihre Schüler auch
Ferien haben, dürfte ein Mythos sein (allzu gern übersehen Laien, welchen Aufwand
es bedeutet, allein das in diesem Kapitel erwähnte erste der vier Standardkriterien
des Lehrerberufes nach OSER und OELKERS zu erfüllen). Möge der Laie nicht Zeuge
werden brauchen, welchen Aufwand und welcher Methodik es bedarf, die Fachklausuren von drei Klassen, bestehend aus je bis zu 30 Schülerinnen und Schülern,
innerhalb einer relativ kurzen Frist nicht nur zu erfassen, sondern auch bewerten zu
vermögen.
Der Lehrerberuf ist in verschiedenen Portfolios zu erfassen. Zum einen verfügt jede
Lehrerin und jeder Lehrer über sein eigenes Filofax (Querkalender, Tageskalender,
etc.) und zum anderen die Schulorganisation selbst, die das Lehrpersonal zeitlich so
präzise wie möglich auf einen Schedule festlegt. Dort findet sich der Lehrerberuf als
‚Glied des übergreifenden Funktionszusammenhanges des Konstruktionsprozesses‘
– wie ROTH245 es nennt – wieder. Das wird auch deutlich in der Regelung des Anteils
Schulfächer am Zeitbudget der Schule, der durch Stundentafeln geregelt wird: „Die
Stundentafeln sichern den Anspruch der Schülerinnen und Schüler auf Unterricht in
einem bestimmten Umfang als Voraussetzung für den Erwerb von Abschlüssen,
außerdem sind sie eine der Grundlagen für die Feststellung des Lehrerbedarfs und
für den Unterrichtseinsatz des Lehrpersonals.“246 Ich persönlich vermisse dabei die
aktive Einbindung der Schülerinnen und Schüler in die konventionelle Zeitorganisation der Schule. Auf eine innerschulische Zeitplanung, die nicht die aktuellen
Bildungssysteme der Lehrer einschränkt, sollten die Schülerinnen und Schüler einen
stärkeren Einfluss ausüben dürfen.
3.7.2. Die Wirksamkeit der aktuellen Bildungssysteme für Schüler
Weniger als zum Beispiel in den USA sind die Schülerinnen und Schüler in
Deutschland am Programm ihrer Schule beteiligt. Sie werden in organisatorischen,
strukturellen oder konzeptionellen Angelegenheiten an und in ihrer Schule kaum
gefragt. Genau genommen sind doch die Lernenden die Klientel der Schulen. Doch
manchmal drängt sich das Gefühl auf, als habe sich die Schule den neuen Gegebenheiten am Markt nicht angepasst und eine ‚Kundenbefragung‘ bisher noch nicht
ernsthaft in Erwägung gezogen. Oder anders ausgedrückt: Schule hat ihr eigenes
Lehrangebot weder strukturell noch inhaltlich genügend hinterfragen lassen. Als ein
Beispiel ist an fast allen staatlichen Schulen festzustellen, dass das Lernen von
schulischem Wissen immer noch nach linearen, statt nach modularen Prinzipien verläuft. Interdisziplinarität ist in vielen Fällen in der Unterrichtsgestaltung noch ein
Fremdwort. Dabei kennt die Wirtschaft schon seit geraumer Zeit den Bedarf an
geistes- und naturwissenschaftlichen Querverbindungen diverser Fachkombinationen. Sei es Bioethik, Wirtschaftsinformatik, Rechtsmedizin, etc. Selbst innerhalb der Fachbereiche Geisteswissenschaften gibt es Querverbindungen von
Fächern wie Soziologie und Psychologie (Sozialpsychologie), Wirtschaft und
Soziologie (Wirtschaftsoziologie), Mikroökonomik und Sozialpädagogik bzw. Sozialarbeit (BWL fürs Sozialwesen) oder bei den Naturwissenschaften aus Geologie und
Physik (Geophysik). Es ließen sich noch eine Reihe anderer Möglichkeiten zu
interdisziplinaren Kombinationen aufzählen. In den allgemeinbildenden Schulen
245
vgl. Fußnote 75
Bildungskommission NRW: „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“ – Gestaltungsfreiraum der Schulen,
Ausgangslage, 1995, a. a. O., S. 140
246
97
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
finden sich solche Kombinationen nicht oder nur selten. Zum einen mag es daran
liegen, dass die didaktische Konzeptionalisierung nach einzelnen Fächern eine notwendige Voraussetzung zum Erwerb von Grundlagenwissen ist, die an dieser Stelle
über die Wirksamkeit der Bildungssysteme für Schüler auch gar nicht in Frage
gestellt wird. Zum anderen sehe ich darin auch ein Zeichen für geringe Flexibilität im
Bildungssystem selbst. Statt Kurse anzubieten, werden Fächer gepaukt. Da verwundert es nicht, dass „besonders von den Schülerinnen und Schülern die
schulische Lernarbeit, aber auch das Schulleben als fremdbestimmt und wenig
lebensnah wahrgenommen wird.“247
Denkbar wäre doch eine Leistungsmotivation im Bildungssystem durch das Angebot
der Schulen, spezifische Lehrangebote zu entwickeln und anzubieten, die ein nötiges
Grundwissen oder Grundinteresse als Teilnahmebedingung voraussetzen. Ähnlich,
wie es an allgemeinen Hochschulen der Fall ist. Durch das Angebot von konkreten
Ereignissen, statt trockenen Fächern, ließe sich die Spannung als ein wesentlicher,
lernmotivierender Aspekt zur Leistungsbereitschaft unter den Schülern dadurch
forcieren. Es ließe sich doch vorstellen, dass ein Kurs unter dem Thema ‚Hatte
Mendel Söhne?‘ reizvoller klingt, als dass im Fach Biologie der Lehrer die Thematik
zu Stundenbeginn mit dem einleitenden Satz beginnt: ‚Kommen wir nun zu Mendels
Kreuzungsversuchen...‘ Mendels Versuche mit Kreuzungen diverser Erbsen ließe
sich im Schulgarten nachvollziehen. Doch welche Schule hat schon einen
Schulgarten? Zumal Schule allzu sehr damit beschäftigt ist, einige Heranwachsende
wie Störfaktoren behandeln zu müssen und sich „im Kern die (teilweise kontroverse)
Diskussion aus der Sicht der Schule auf die Frage zuspitzt: Ist der Störfaktor bei den
immer weniger ‚pflegeleichten‘ Kindern zu suchen, wie sie der Schule ‚angeliefert‘
werden, oder ist die Schule in ihrer derzeitigen Verfassung eine mehr oder weniger
untaugliche Einrichtung, um für diese Kinder geeignete Lern- und Lebensformen
bereitzustellen?“248
Meine Vision von moderner Schule wäre an zwei Verantwortungsbereiche geknüpft.
Zum einen die Selbstverantwortung der Freunde, Familien, Eltern und Schüler und
zum anderen die Angebotsverantwortung der Schule, also allen voran der Lehrerinnen und Lehrer. Das Vermitteln von Grundlagen ließe sich bei vielen Schülerinnen
und Schülern auch ohne dauernden Frontalunterricht bewerkstelligen. Die Neuen
Medien würden dies leicht möglich machen. Lernbedingte Herausforderungen, die
hoher Konzentration bedürfen, könnten in Eigenarbeit am heimischen Rechner oder
aber in schulischen bzw. außerschulischen Droutcafés249 (siehe Anhang!) geleistet
werden. Studentische und nicht-studentische Tutoren und Autoren könnten dieses
Arbeiten aus der Ferne übers Internet und auch aus der Nähe in den örtlichen
Droutcafés unter fachkundiger Anleitung ihrer schulischen Fakultäten begleiten und
so konkret dazu beitragen, dass neu gewonnene und zu gewinnende Grundlagenerkenntnisse im Nu übers Netz verbreitet und von den daheimbleibenden Schülerinnen
und Schülern verarbeitet würden. Was nicht zwangsläufig heißen muss, dass die
Schulen derweil geschlossen bleiben. Sie zeichnet sich nur nicht mehr als
247
Büchner, Peter: „Kindliche Lebenswelten, Bildung und innerfamiliale Beziehungen“ – (Schul-)Kindsein
heute zwischen Familie, Schule und außerschulischen Freizeiteinrichtungen - Zum Wandel des heutigen
Kinderlebens in der Folge von gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen, a. a. O., S. 12
248
ebd. S. 12
249
Drouts ist die von mir gewählte Kurzform von dem anglistischen Wort dropout, das im allgemeinen Sinne
den Aussteiger beschreibt und im besonderen, schulischen Sinne der Ausdruck für Blaumacher ist. Diese
Schülerin-nen und Schüler haben eins gemeinsam: Sie werden zu einer Art Aussteiger des klassischen
Bildungssystems, das sich langsam, aber stetig verabschiedet und sich mit neuen Methoden zu arrangieren hat.
98
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Generalvertretung für den unmittelbaren Erwerb von Grundkenntnissen mittels
Frontalunterricht aus. Grundlagenerwerb allein mittels Internet und einem effizienten
Autoren-/Tutorensystem könnte die Lehranstalt Schule attraktiver machen, denn
„Lehrplanrevisionen, welche die Lernmöglichkeiten mit elektronischen Medien nicht
entschieden einbeziehen, sind kaum geeignet, das Lernen in der Schule neu und
wirksam weiterentwickeln zu helfen.“ 250 Schule gewissermaßen dahin zu führen,
dass sie ihren Klienteln einen Service anbietet, muss nicht unbedingt eine
marktliberale Reduktion der Institution Schule an sich bedeuten, sondern kann eine
Chance sein, verloren geglaubte Schülerinnen und Schüler nicht nur in physischer
Präsens in die Institution der Schule zurückzuholen.
Wenn Schülerinnen und Schüler während des ganzen Bildungssystems immer und
immer wieder in der gleichen Gruppenzusammensetzung (der Schulklasse) arbeiten
(müssen), dann darf es auch nicht (ver)wundern, dass soziale Kompetenzen, die
mehr und mehr auf die Fähigkeit fußen, dazu im Stande zu sein, sich auf stetig
wechselnde Interaktionspartner einstellen zu können, dann kann ein immer gleich
zusammengesetzter Klassenverband für den Erwerb einer solchen Kompetenz wenig
förderlich sein. Wenn mehr Bewegung in die Anstalt Schule käme und der
Schulbesuch weniger vom ‚Absitzen‘ oder ‚Sitzenbleiben‘ geprägt wäre, sondern
Sport und lehrreiche Erlebnisse durch verschiedenartigste Gruppenzusammensetzungen zustande kommen könnten, dann wäre ein wichtiger Schritt in die richtige
Richtung gegen die Schulmüdigkeit vieler junger Heranwachsender getan. Wenn sich
Schüler und Lehrer in den Schulen träfen, um eine gemeinsame Interessengruppe zu
bilden und für einen auf das Projekt bezogenen Zeitraum erfolgreich erhalten und
dadurch ein gemeinsames Ziel verfolgen (wie zum Beispiel den Sieg im sportlichen
Wettkampf gegen ein anderes Schulteam oder zum Erreichen eines Forschungspreises oder zur Initiierung eines Schulprojektes), dann wäre die Wirksamkeit von
Schülerbildungssystemen nicht nur besser gestellt, sondern es würde auch
Bewegung auf dem Arbeitsmarkt kommen. Allein das nachfrage- und angebotsseitige
Prinzip der Gestaltung Schule als Anbieter von Bildungssystemen für Schüler und
Lehrer auf der einen Seite, als auch der Schüler, Eltern und Lehrer als Nachfrager für
Erwerb erforderlicher Grundkenntnisse mittels Neuer Medien auf der anderen Seite,
ließe neue Märkte entstehen. Wichtig ist dabei vor allem, dass „die Einbeziehung der
Medien als integrierte Medienpädagogik erfolgen und sich auf möglichst viele Fächer,
Lern- und Arbeitsbereiche erstrecken soll.“251
Kreativität in der Lehrplanungsentwicklung bedeutet eine Chance für die Wirksamkeit
von Bildungssystemen für Schülerinnen und Schüler aller Schulrichtungen, aller
sozialer Schichten und jeder Herkunft. Kreativität setzt allerdings voraus, dass der
Kreative flexibel bleibt und dabei stabil und verlässlich genug ist, um auch ggf. ein
Scheitern hinzunehmen. Gerade in dieser Gefahr des Misserfolges ist es für einen
Heranwachsenden wichtig, den Halt in der Gruppe zu erfahren. Wenngleich dann
auch eine Schülerin oder ein Schüler die Wahl hat, zwischen der virtuellen Arbeitsgruppe auf der einen und der realen Arbeitsgruppe auf der anderen Seite und beide
Seiten ihre Verbindlichkeiten durch Gruppenleistungen ausdrücken sollten, sich
entscheiden zu müssen, so erfährt der Heranwachsende doch eine
Gruppensozialisation (vgl. Kap. II), die sich dann auch später für sein eigenes Fortkommen auszahlt.
250
Bildungskommission NRW: „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“ – Lernen in der
Informationsgesellschaft, Leitvorstellungen, 1995, a. a. O., S. 138
251
ebd. S. 138
99
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Wenn allerdings Uneinigkeit bereits in der Grundlagenvermittlung zu finden ist (z. B.
bei der Erstellung und Durchführbarkeit von Lehrplänen) und „zudem die
Nutzungsdauer der eingeführten Schulbücher, bedingt durch die Sparzwänge der
Lernmittelfreiheit, häufig die Geltungsdauer von Richtlinien und Lehrplänen
übersteigt“ 252, dann scheinen meiner Ansicht nach Bedenken an der Wirksamkeit der
aktuellen Bildungssysteme für Schülerinnen und Schüler durchaus gerechtfertigt zu
sein. Wobei Schulbücher „als die eigentlichen Planungsinstrumente und Leitmedien
in viel direkterem Maße die Lehr- und Lernverfahren beeinflussen und häufig die
Intentionen der Richtlinien- und Lehrplanentwicklung konterkarieren.“253 Andrerseits
sehe ich jedoch auch, dass durch komplexe und komplizierte Entwicklung eines
Lehrplans mit ihrem dezentralistischen und pluralistischen Entscheidungsmechanismen oft auch auf der anderen Seite die Kosten für die Entwicklung neuer
Lehrmedien und somit auch Schulbücher konterkariert. Ich halte es für wichtig, dass
der gemeinsamen Entwicklung von Grundlagenwissen und Ausbildung verschiedenartigster Kompetenzen von allen Bildungsbeteiligten, vor allem aber durch Freunde,
Familie, Eltern, Lehrer und Schülern modell- und damit auch modulhaft erfolgen
sollte254. Denn was BANDURA bewiesenermaßen in seiner Lerntheorie zugrunde legt,
dass „wem es an Selbstvertrauen und Selbstachtung fehlt, wer abhängig ist und
häufig für Nachahmungsverhalten belohnt wurde, der besonders geneigt ist, das
Verhalten erfolgreicher Modelle zu übernehmen.“255 sollte ein Maßstab nicht nur für
die kommenden, sondern schon für die aktuellen Bildungssysteme für Schülerinnen
und Schüler sein.
3.8. zunehmender Realitätsverlust bei steigendem Internetkonsum
Zahlreiche undokumentierte Unterhaltungen mittels Chat haben mich gelehrt, dass
Eltern im Verlauf ihrer pädagogischen Lernhistorie ein inkongruentes Verhältnis in
Bezug auf die Handhabung moderner Medien ihrer Kinder erleben. Vielen Eltern ist
oftmals gar nicht bewusst, dass ihre Sprösslinge sich innerhalb der Medien ganz
anders geben und verhalten als sie es für möglich halten mögen. Oft sind gerade
junge Eltern davon überzeugt, dass der Medienkonsum ihrer Kinder sich auf ein vorgegebenes Maß und die dem Kind elterlich ‚vorprogrammierten‘ Inhalte beschränkt.
Dass erworbene Verhaltensweisen, die Eltern an ihren Kindern in der RW gewöhnt
sind, sich auch in der VR übertragen haben mögen, davon gehen viele Eltern oft
irrtümlich von aus. Viele Beispiele des Alltags sprechen eine andere Sprache und
beweisen, dass „Eltern in erster Linie ein Verständnis für die Medienrezeption, für
das Medienhandeln ihrer Kinder entwickeln und z. B. begreifen müssen, dass Kinder
einen anderen Blick auf Medienangebote haben, dass sie dort nicht nur Unterhaltung
und Entspannung, sondern auch nach Orientierungen und Antworten auf ihre Fragen
suchen, die sie im Zusammenhang mit ihrer Entwicklung und ihren aktuellen
Problemen haben. Sie müssen verstehen lernen, dass Kinder ihre Medienerlebnisse
in ihren Phantasiewelten aus- und umformen und sie zu den eigenen realen Erfahrungen in Beziehung setzen. Dabei haben die Medienfiguren, ob Menschen oder
252
Bildungskommission NRW: „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“ – Gestaltungsfreiraum der Schulen,
Ausgangslage, 1995, a. a. O., S. 142
253
ebd. S. 142
254
vgl. Kapitel 4
255
Bandura, Albert: „Sozial-kognitive Lerntheorie“, a. a. O., S. 95
100
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Tiere, als ihre Stars und Helden für sie eine wesentlich stärkere Bedeutung als für
Erwachsene.“256
Dieses Verständnis für Medienrezeption und Medienhandeln der Kinder (hier als
Heranwachsende zu betrachten), soll in dieser Arbeit nicht nur vermittelt, sondern
auch vorangetrieben werden dürfen. Deshalb widmet sich dieses Kapitel auch den
Gefahren im Medienzeitalter, denen Heranwachsende vor allem im Internet gegenüberstehen. Ich sehe eine Gefahr des zunehmenden Realitätsverlustes nicht
zwangsläufig durch übermäßigen Internetkonsum als gegeben. Entscheidend ist,
was im Internet ‚läuft‘. Und weil das nicht so einfach zu kontrollieren ist, wie mit dem
Fernsehkonsum beispielsweise (beim Fernsehen lässt sich durch terminbedingte
Ausstrahlungen vielleicht ein gewisses Maß an Kontrolle über den Medienkonsum
herstellen), gilt es im Bereich der Neuen Medien ein besonderes Vertrauensverhältnis zwischen Heranwachsenden und Erwachsenen zu schaffen. Um ein solches
Verhältnis aufzubauen, reicht es nicht aus, dass Eltern davon ausgehen, ihre Heranwachsenden gut zu kennen glauben, sondern sollten als Eltern auch aufgeklärt sein.
Diese sollte nicht allein über die übliche Aufklärung der Neuen Medien erfolgen, da
jene häufig ein Phänomen lediglich polemisieren, als diesem auf den Grund zu
gehen, denn zunehmender Verlust der Realität ist wohl eher im heimischen Umfeld
zu beobachten, als im Internet: „Jedes Mal, wenn ein Schüler für ein Massaker
verantwortlich ist, zeigen ARD, ZDF, RTL und SAT.1 unisono den gleichen Ausschnitt eines veralteten Ballerspiels und lassen dabei aus dem Off verlauten, dass im
'Umfeld des Jungen auch viele Gewaltspiele' gefunden wurden. Kein Wort über den
Vater, der Schusswaffen sammelt.“257 Insbesondere die Einstellung zur Gewalt, die
Ursache und Wirkung von Medienkonsum in Zusammenhang mit Gewalt, sind die
tragenden Säulen, die einen Realitätsverlust trotz steigendem Medienkonsum verhindern mögen. Wer die Wirkung darstellender Gewalt auf seine Kinder unvoreingenommen einzuschätzen vermag, weil ihm die fünf Hypothesen der Gewaltwirkung258
geläufig sind, der weiß dann auch die entsprechenden präventiven Maßnahmen zu
treffen, die erforderlich sind, um einen zunehmenden Realitätsverlust ihrer Sprösslinge im Vorfeld zu verhindern:
-
die Katharsisthese
Ein kurzfristig heilsamer Effekt von Affekterledigung, bedeutet in Zusammenhang von
Computerspielen, eine eingetretene Katharsis. Also dass der Spielanfänger merkt,
mit diesem Spiel nicht klarzukommen und das Weiterspielen demzufolge, wenn
vielleicht auch nur vorübergehend unterlässt. Hier ergibt sich eine Chance der
präventiven Intervention.
-
die Inhibitionsthese
Es wird unterstellt, dass bei einigen Heranwachsenden allein das Spiel selbst,
Hemmungen hervorruft. Zum Beispiel dadurch, dass es zu gewalttätig verläuft, auch
wenn dieses Spiel die Geschicklichkeit fördern mag. Möglich, dass die Herausforderung eines Gewaltspiels (wie z. B. Egoshooter) auf einige – vor allem sensiblere
Naturen – von vornherein abschreckend wirkt, weil das Ziel des Spiels Töten
256
Dritter Zwischenbericht der Enquete-Kommission Zukunft der Medien in Wirtschaft und Gesellschaft --Deutschlands Weg in die Informationsgesellschaft*), zum Thema Kinder- und Jugendschutz im
Multimediazeitalter, a. a. O., S. 40
257
Feibel, Thomas: „Die Internet-Generation“ – Zu deutsch fürs Internet, a. a. O., S. 19
258
Richard, Rainer: „Jugendschutz im Internet“ – Gefahren im Umgang mit dem Internet, a. a. O., S. 45
101
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
bedeutet. In diesem Fall gilt es, diese Jugendlichen aufzufangen und ihnen ein
Selbstbewusstsein zu vermitteln, damit der oder die Jugendliche nicht durch seine
abwehrende Haltung gegenüber exzessiver Gewaltspiele kein Makel oder Stigma
unter seines gleichen zu tragen hat, welches ihn in seiner Gruppe zu marginalisieren
vermag.
-
die Stimulationsthese
Wie bei der Katharsis ist auch hier ein Reiz der Affekterledigung zu beobachten. Nur
in diesem Fall wirkt der Misserfolg nicht heilsam in Form der Unterlassung, sondern
gegenteilig. Der Spieler fühlt sich gefordert, dieses Spiel beherrschen zu lernen. In
einem solchen Fall ist es nicht so einfach, Jugendliche noch aufzufangen – auch
dann nicht, wenn die Stimulationsthese rechtzeitig an einem Heranwachsenden
beobachtet wurde. Dem Heranwachsenden Alternativen anzubieten, erweist sich
häufig als sinnlos, da der Heranwachsende bereits zu sehr von diesem einen Spiel
stimuliert ist. Professionelle therapeutische Hilfe kann in einem solchen Fall bereits
angebracht sein.
-
die Habitationsthese
Eine Gewöhnung tritt dann ein, wenn der Spieler mit dem Spiel vertraut ist und nicht
mehr davon lassen kann. Ein solches Verhalten hat bereits enormes Suchtpotential.
Wenn Eltern diesem Verhalten hilflos gegenüberstehen und keine therapeutische
Hilfe in Anspruch nehmen, dann bleibt nur zu wünschen, dass wenigstens nicht die
fünfte These nach einer Weile damit einhergeht.
-
die Imitationsthese
Diese These besagt, dass bereits ein Realitätsverlust beim stetigen Spielen vorausgegangen sein muss und nun die Nachahmung des Spiels in der Realität probiert
wird. Dies ist vor allem eine Gefahr unter den Heranwachsenden bis zur Pubertät
und in einigen Fällen auch darüber hinaus. Erinnert sei an einem Fall, in dem ein
6jähriger seinen kleinen Bruder mit der Axt geköpft hat. Sein Motiv war die
Nachahmung von Szenen aus einem zuvor konsumierten Horrorvideo.
Gewalt gegen andere oder gegen sich selbst ist ein häufig zu beobachtendes
Phänomen unter Heranwachsenden. FEIBEL führt dies unter anderem darauf zurück,
dass „die Grunderfahrung körperlicher Konflikte, wie es sie in früheren Generationen
gab, Kinder heute nicht mehr erleben, jedenfalls nicht mit der Selbstverständlichkeit,
wie sie noch vor zwei Jahrzehnten gegeben war. Körperlichkeit in jeder Gestalt. In
den Familien heißt das, dass es kaum körperliche Strafen gibt.“259, wobei körperliche
Züchtigung von roher Gewalt und damit verbundenem Missbrauch zu differenzieren
ist. Gewalt kann in keinem Fall eine Lösung sein. ‚Wer Gewalt säht, wird Gewalt
ernten‘, heißt es bereits in der Bibel. FEIBEL bezieht sich mit seinen ‚körperlichen
Strafen‘ eher auf den Umstand, dass körperliche Strafen vor zwei Jahrzehnten schon
mit Stubenarrest verbunden gewesen waren. Heute würde Stubenarrest für viele
Jugendliche eher eine positive Sanktion darstellen. Man muss ja quasi die Kids
heutzutage schon aus ihren Kinderstuben ‚herausprügeln‘, so gemütlich und
heimisch, wie es in den meisten Jugendzimmern zugeht, wo es an nichts fehlt:
259
Feibel, Thomas zitiert a. a. O. in „Die Internet-Generation“ auf S. 100 den Kinderpsychologen Wolfgang
Bergmann
102
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Computer, Internet, Fernsehen. Stubenarrest wurde durch den Einzug der modernen
Informations- und Unterhaltungselektronik in die Jugendzimmer ad absurdum geführt
und ist in vielen Fällen somit als Strafe kontraproduktiv. Meiner Meinung nach ist mit
‚körperlichen Strafen‘ niemandem geholfen. Das war auch vor zwei Jahrzehnten nicht
anders. Um einen frühzeitigen Realitätsverlust der Heranwachsenden zu vermeiden,
hilft nur, Kinder so früh wie möglich zur Einsicht reifen zu lassen, die sich mit Gewalt
definitiv nicht herstellen lässt, da sie nur Gegengewalt erzeugt. Die Grundkenntnis
um die neurolinguistische Programmierung (NLP) würde meiner Ansicht nach eine
verlässliche Grundlage zur Einsicht bieten können. NLP hier näher zu beschreiben,
würde jedoch den Rahmen dieser Arbeit bei weitem sprengen. Das Internet könnte
dabei nützlich sein, sich in NLP zu üben. Ein steigender Internetkonsum ließe in
diesem Falle dann einen Realitätsverlust eindämmen und würde sogar dazu
beitragen können, einen geschärften Sinn für die Realität zu entwickeln.
3.8.1. Verlust der sozialen Identität und Integrität
Die Virtuelle Realität (VR) ist eine Welt zum ‚Hochfahren‘. Realitäten werden
aufgebaut, in dem der Rechner als Medium seine Bits und Bytes organisiert und
zusammenstellt (hochfährt), um eine Abbildung einer Realität zu schaffen, die den
Erzeuger solcher Wirklichkeiten als Person selbst entbehrlich macht. Weder der
Erzeuger noch der Benutzer muss allgegenwärtig sein, so wie es in der Wirklichkeit
der Fall ist. Da drängt sich die Frage auf, ob Realität stattfindet, wenn kein Akteur da
ist, der sie erzeugt, sondern lediglich wahrnimmt? Gibt es Realität im dunklen
menschenleeren Raum? Die Reale Welt (RW) braucht Interaktionspartner, die ein
Abbild von Wirklichkeiten schaffen, um aus sich selbst schöpfen zu können. Dort, wo
weder Erzeuger noch Rezipienten aufeinander treffen, kann von einer RW im
zwischenmenschlichen Sinne nicht die Rede sein. In der VR ist dies jedoch der Fall.
Die VR benötigt gegebenenfalls lediglich einen Rezipienten. Der Erzeuger selbst
kann manchmal ein programmierter Rechner oder ein Netzwerk von programmierten
Rechnern darstellen. Die Interaktion in der VR verläuft asymmetrisch. Der Anwender
begibt sich in eine Welt von der er weiß, dass sie ihm keinen körperlichen Schaden
zufügen kann, sei die Situation noch so kritisch. Umgekehrt weiß der Anwender
auch, dass bei gefährlichen Interaktionen sein Gegenüber keinen direkten Angriff auf
seine Person befürchten braucht. Demzufolge ist das Handeln des Benutzers am
Rechner nicht mit unmittelbaren Folgen verknüpft, wie das in der RW üblich ist: „Das
Gewissen bildet sich im Handeln. Gewissen und Handeln hängen eben ganz eng
zusammen. Handeln kann ich aber nur in der Realität, und das Gewissen kann sich
nur ausbilden, wenn ich weiß, dass mein Handeln eine Folge hat. Das Dilemma am
Computer ist, dass es keine Folgen hat.“260 Ohne Gewissen ist meiner Meinung nach
schon ein Stück der sozialen Identität verloren gegangen.
Die soziale Identität eines Menschen ist nicht angeboren. Ein Mensch kommt zwar in
der Regel als Tochter oder Sohn zur Welt; allerdings nicht im Bewusstsein der
Rollenübernahme. Wobei auch hier anzumerken ist, dass es selbst für den natürlichsten Vorgang der Welt einer Geburt in unserer hoch technologisierten Zeit Ausnahmen gibt. Ich möchte dabei an das Schicksal all jener erinnern dürfen (eine kaum
wahrgenommene Minderheit, aber dennoch vorhanden), die auch ohne Mutter und
Vater zur Welt kommen können, wie z. B. künstlich am Leben gehaltene Föten im
Bauch einer bereits verstorbenen Frau oder Kinder ‚aus dem Reagenzglas‘. Ich will
260
Feibel, Thomas zitiert den Medienpädagogen Bernd Schorb aus Leipzig in „Die Internet-Generation“, a. a.
O., S. 185
103
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
damit nur sagen dürfen, dass eine soziale Identität heutzutage alles andere als
selbstverständlich ist, denn diese wird durch Prägung und Nachahmung der
jeweiligen Vorbilder nach wie vor erzeugt. Um Nachahmen zu können, brauchen
Heranwachsende Vorbilder und wenn diese Vorbilder im häuslichen Umfeld nicht als
solche taugen oder gar nicht erst vorhanden sind, dann suchen sich junge Menschen
ihre Vorbilder unter Umständen in den Medien. Haben früher noch Buch, Rundfunk
und Fernsehen substitutive Vorbildrollen übernehmen können, weil sie Charaktere
geschaffen haben, die jungen Menschen zum Vorbild dienen konnten, so haben nun
in vielen Fällen künstlich geschaffene Idole aus dem Computer diese Rolle übernehmen können. Im Unterschied zu den herkömmlichen Medien wie Bücher,
Rundfunk und Fernsehen haben „die Heroen in den Computerlandschaften keine
Identität, haben keine Geschichte, keinen Charakter. Ihr Hintergrund ist entleert, sie
erschöpfen sich in der reinen Präsenz der Aktionen. Eine Kontingenz der
symbolischen Vorgänge, in denen das Narzisstische bezuglos zu sich selber kommt,
damit aber die Realitätsbindung verliert und auch nicht mehr als Vorbild dienen
kann.“261
Die flüchtige Präsenz der Benutzerinnen und Benutzer lässt die Kommunikation im
Internet ebenfalls flüchtig erscheinen. Die massive Auswahl an Gesprächspartnern in
der VR übersteigt die Anzahl der möglichen Kontaktbindungen in der RW um ein
Vielfaches. Scheitert die Kommunikation mit einem Gesprächspartner im Cyberspace, dann suchen sich die Nutzerinnen und Nutzer fluchs einen neuen Kontakt.
Integrative Anlaufformen, wie sie in der RW üblich sind, fallen in der VR einfach weg.
Es gibt keine Begegnung mit Händeschütteln, Lächeln, Drohgebärden und dergleichen mehr. Die User brauchen ihr Kontaktverhalten im Internet nicht vorzubereiten. Sie können nackt und ungeduscht auf Kontaktsuche gehen und damit
erfolgreich sein. In der Realen Welt ist das wohl kaum vorstellbar. Sie können sich in
der Virtuellen Welt in viele Personen aufteilen und mannigfache Rollen spielen:
„Wenn ich allein in meinen Internet-Kontakten vier oder fünf Ichs aufrufen kann, wenn
ich mal hier und mal da in phantastische Bildwelten einsinke, dann wird das alte
autonome Ich natürlich unsicher und ungefestigt. Dann kann es eben passieren,
dass der Wunsch nach einem kollektiven wir, das die Ich-Diffusion auffängt, stark
wird. Die gesellschaftliche Macht, der es gelingen könnte, die bewussten und
unbewussten Wir-Bilder zu erzeugen und in Regie zu nehmen, wäre dann kaum
noch zu kontrollieren. Da wird aber keine militärische oder politische Organisation
oder ‚Bewegung‘ sein, sondern viel wahrscheinlicher etwa ein Medienkonzern. Ich
sehe keine moralische Kraft in unserer Kultur, die dem etwas entgegensetzen
könnte.“262 Für die gesellschaftliche Integrität jedoch ist ein relativ gefestigtes und
sicheres ‚autonomes Ich‘, wie FEIBEL es nennt, von ausschlaggebender Bedeutung.
Die soziale Fähigkeit, sich voll und ganz in eine Gesellschaft einzubringen, ist ein
Muss. Nicht so in der VR: dort gilt es, auf sich aufmerksam zu machen und das am
besten dadurch, indem vorgespiegelt wird, was in Wirklichkeit gar nicht oder nur
wenig ausgeprägt vorhanden ist. Und da viele gern wären, was sie in der Realität
nicht sind, nutzen sie die Freiheit im Cyberspace zu sein, was sie gern möchten.
Diese Bedürfnisse erkennen auch die Medienkonzerne, die die Plattform für Virtuelle
Welten schaffen, am schnellsten und nutzen sie für ihre Zwecke. Der
gesellschaftliche Kodex für Anstand, Moral und Sitte verliert fast gänzlich an
Bedeutung. Das ‚freudsche Über-Ich‘ gerät bei übermäßigen Internetkonsum unter
261
Feibel, Thomas zitiert a. a. O. in „Die Internet-Generation“ auf S. 103 den Kinderpsychologen Wolfgang
Bergmann
262
ebd. S. 104
104
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Umständen schnell in Vergessenheit, was soviel bedeutet, dass die Selbstkontrolle
im gesellschaftlichen Rollenspiel an Bedeutung verliert. Diese Kontrolle übernehmen
im Extremfall – wenn FEIBELS Prognose zuträfe – eines Tages die Medienkonzerne.
Diese würden dann in einem solchen Fall die soziale Identität und Integrität ihrer
Kundinnen und Kunden neu auszurichten verstehen.
3.8.2. Die Sucht „Online zu sein“
Vorab ist diese Sucht keine stoffliche. Schließlich gilt es, Süchte zu unterscheiden in
stoffliche und nicht-stoffliche Süchte. Zu den stofflichen Süchten gehören die
Alkohol-, die Drogen- und die Esssucht. Zu den nicht-stofflichen Süchten gehören die
Spiel-, die Kauf-, die Putz- und nicht zu guter letzt auch die hier kurz zu
untersuchende Onlinesucht: „Nach neuesten Untersuchungen der Berliner Humboldt
Universität gehen die Experten davon aus, dass von 1000 Internetbenutzern drei
Prozent süchtig (Experten nennen dies internetgefährdet) sind. Das Hauptmotiv für
den Gang ins Internet ist die Bereitschaft zur Kommunikation. Abhängige sind daher
oft in den so genannten Chatrooms unterwegs. Erst dann kommen Motive wie Spiele,
Musik und Erotik. Das Paradoxe an der Sucht ist, dass die Menschen das Internet
nutzen, um soziale Kontakte aufzubauen, dadurch aber oft den Bezug zur Realität
verlieren und einsam werden. Internetsüchtige sind laut Studie mindestens 35
Stunden in der Woche online (die Spanne beträgt zwischen 20 und 100 Stunden).
Die Studie der Humboldt Universität ergab, dass vor allem Jugendliche, Arbeitslose
und Hausfrauen gefährdet sind.“263 Wird das Kriterium ‚Online-Verweildauer‘ für das
Suchtmerkmal herangezogen, dann bin ich bereits süchtig, denn 35 Stunden die
Woche online zu sein, sind umgerechnet 5 Stunden am Tag. Mein Arbeitstag besteht
aus 8 oder mehr Stunden. Mein Arbeitsinstrument ist der onlinefähige Rechner. Da
es unzählige Arbeitsplätze heutzutage gibt, die sich in einem Netzwerk befinden,
müssten laut Studie weitaus mehr als 3 Prozent von 1000 Internetbenutzern internetgefährdet sein. Vermutlich sind die Untersuchungskriterien etwas diffiziler, als sie in
der Boulevardsendung ‚Volle Kanne Susanne‘ interpretiert worden sind.
Bedenklich wird die Situation der Internetnutzung, wenn die eigentliche Absicht des
Onlineseins fehlschlägt. Beispielsweise der Nutzer respektive die Nutzerin mit dem
festen Vorhaben ins Internet geht, eine Information finden zu wollen und statt diese
konsequent zu suchen, es dann doch vorzieht zu chatten, zu spielen oder nach
sexueller Befriedigung zu suchen. Beobachten wir das Hauptmotiv der Internetgefährdung gemäß der Untersuchung der Humboldt-Universität, und zwar die
Bereitschaft zur Kommunikation, so ist meiner Erfahrung nach hier ein ganz
besonderes Kriterium ausschlaggebend, um eine Suchtgefährdung zu diagnostizieren: die Unfähigkeit sich ohne zu zögern aus einem Chat verabschieden zu
können. Gerade in öffentlichen Chatrooms ist zu beobachten, dass für einige
Chatterinnen und Chatter das Verabschiedungsritual nahezu unendlich lange vonstatten geht. Anstatt dass sich der Chatter nach dem angekündigten Abschied aus
dem Chat ausklinkt, ist seine bzw. ihre Anwesenheit noch auf eine ungewöhnlich
lange Verweildauer festzustellen. Diese Nutzerin bzw. dieser Nutzer verspürt eine
gewisse Sorge, dass die Person, die er bzw. sie erwartet (ob nun eine bekannte oder
unbekannte Person) gerade dann den Chatroom betreten könnte, wenn er bzw. sie
sich gerade aus dem Chatroom ausloggt. Ähnlich wie in der stofflichen Drogensucht
der Abhängige bereit ist, unverhältnismäßig lange auf seinen Dealer zu warten, so ist
263
www.hausfrauenseite.de/kinder/onlinesucht.html#kanne, Stand: 09.11.2005 21:16
105
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
der Chatsüchtige bereit, unverhältnismäßig lange auf der Suche nach Kontakten in
einem Chatroom online zu sein, und um ja nichts zu versäumen.
Onlinesüchtige stoßen gleich auf zwei Probleme: zum einen wird ihre Sucht zu selten
wahrgenommen, da diese – ähnlich wie die anderen nicht-stofflichen Süchte – kaum
öffentlichen Raum beansprucht, und zum anderen fehlen ihnen die Ansprechpartner
in der RW, da sich Betroffene bereits zu sehr zurückgezogen haben, als dass sie
sich noch jemanden mitteilen würden, der nicht auch irgendwo im Internet am
Computer verweilt. Der sich um den Internetsüchtigen schließende Teufelskreis
unterscheidet sich jedoch nicht von denen anderer Süchtiger. Die einzige Ausnahme
ist, dass die VR sich selbst besser zu verhöhnen weiß, wie die Empfehlung eines
interaktiven Spielcasinos an seine Spielerinnen und Spieler ‚Gambler Anonymus’ aufbzw. anzurufen: „Der Gipfel der Verhöhnung der Spieler ist dann ein Link auf den
Server der anonymen Selbsthilfegruppe für Spielsüchtige namens ‚Gambler
Anonymous‘.“264
3.8.3. Raubkopien aus dem Netz
Wenn der Auffassung der Musikindustrie über die Definition einer Raubkopie Folge
geleistet würde, dann sind die sich im Umlauf befindlichen Kopien bereits schon seit
Jahrzehnten in analoger Form vorhanden. Spätestens seit der Erfindung des
Tonbands gibt es demzufolge Raubkopien; allein durch die Möglichkeit, Musikstücke
aufzunehmen und mitzuschneiden. Da bislang kein Fall bekannt geworden ist, dass
ein Nutzer solcher analogen Aufnahmetechniken belangt worden ist, kann „für den
Download einer MP3-Datei zum privaten Gebrauch deshalb nichts anderes gelten als
für das private Aufnehmen eines Lieds auf Kassette oder Diskette. Dies gilt auch
dann noch, wenn die MP3-Datei ohne Zustimmung des Inhabers der Rechte an dem
Musikwerk ins Internet gestellt wurde. Dies kann weder straf- noch zivilrechtlich
belangt werden.“ 265 Auch in den Zeiten als es noch keine digitalen Abspiel- und
Aufnahmegeräte gab, war es unter Jugendlichen ‚normal’, Musik zu tauschen. Es
gab immer jemanden, der eine musikalische Neuerscheinung käuflich erworben hat
und bereit war, für Freunde diese Titel auf einem Tonband aufzunehmen. Es gab
immer welche, die vor dem Radio saßen und Mitschnitte der modernen Radiosendungen machten. Diese Mitschnitte wurden dann weiterverbreitet. Vor allem als
die so genannten Doppeldecks auf den Markt kamen, mit denen sich Aufnahmen von
MC zu MC bequemer ermöglichen ließen, als es vorher der Fall war. Bevor es diese
Innovation gab, waren noch zwei Casettendecks erforderlich, die dann ein
Aufnehmen von MC zu MC mittels Überspielkabel ermöglichten. Dass die heutzutage
doch recht umständlich anmutende Prozedur der magnetischen Vervielfältigung von
Tonträgern dennoch mit dem Kopieren von Musikstücken aus dem Netz zu
vergleichen ist, liegt einer einfachen Tatsache zugrunde: beide Verfahren erfordern
ein gewisses Know-How und Geschick. Es ist nicht von der Hand zu weisen, wenn
die Musikindustrie heutzutage berechtigte Klagen hat. Geht es doch vor allem um
wirtschaftliche Daten, die für sich und gegen Raubkopien sprechen: „Eine Studie der
Gesellschaft für Konsumforschung besagt, dass im Jahr 2002 622 Mio Mal nach
Musikstücken im Internet gesucht und diese dann auf mobile Abspielgeräte übertragen wurden. Der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft hat nachge-
264
265
Richard, Rainer: „Jugendschutz im Internet“ – Gefahren im Umgang mit dem Internet, a. a. O., S. 43
ebd. S. 36
106
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
rechnet und spricht von 165 Mio verkaufter Musik-CDs im Jahr 2002, denen 258 Mio
verkaufte CD-Rohlinge gegenüberstehen.“266
Wesentlich brisanter wirken sich indes die kriminellen Machenschaften aus, die über
digitale Aufnahmeverfahren möglich sind. Angefangen von massenhaften Kopien
geschützter Titel in Ländern, die das Raubkopieren weniger oder gar nicht ahnden,
bis hin zur Herstellung und Vervielfältigung krimineller Inhalte, wie Kinderpornografien oder die Filmdokumentationen mörderischer Rituale, wo die
Hauptdarsteller solcher Filme vor laufenden Kameras zu Tode gequält werden (so
genannte Snaff-Videos). Wobei jedoch zu unterscheiden ist, zwischen den Machern
und den Anbietern von Raubkopien: „Die Tatsache, dass die Musikbörsen Napster,
Gnutella oder Morpheus auch kinderpornographische Dateien enthielten, darf aber
nicht zu einer Art 'Hexenjagd' führen. Auch wenn das Informations- und Kommunikationsdienste-Gesetz von Providern und Betreibern scharfe Kontrollen verlangt,
so dürfen nicht Betreiber und Straftäter verwechselt werden. Vereinfacht: Wenn über
das Telefon ein sexueller Kindesmissbrauch angebahnt und verabredet wird, kann
man dafür kaum den Betreiber des Telefonnetzes verantwortlich machen.“267
3.8.4. vernetztes Rowdytum
Es ist nicht gerade unbedeutend, mahnend Eltern, Lehrer und Erzieher darauf hinzuweisen, dass es zu beobachten gilt, ob eine ernstzunehmende Cliquenbeziehung
zwischen ihren Schützlingen und anderen Heranwachsenden im Internet besteht, die
eine gewisse soziale Kontrolle seitens der Erziehungsberechtigten unumgehbar
werden lässt. Wenn Eltern darauf Wert legen, den Freundeskreis ihrer Kinder
persönlich kennen lernen zu wollen, so bleibt es nahezu unverständlich, dass dieses
Bedürfnis sich auf die Reale Welt beschränkt, anstatt dass Erziehungsberechtigte
auch in besonderem Maße auf die Kontakte der Heranwachsenden in der Virtuellen
Welt Bezug nehmen zu wollen. Der Einflussbereich und der Handlungsspielraum im
Internet sind weit aus bedeutender als es auf den ersten Blick anmutet. Mag sein,
dass ein Jugendlicher harmlos vor seinem Rechner sitzt und sich beispielsweise
dabei mit Hooligans im Internet auf Seiten, die sich nur mit Codewörtern öffnen
lassen, zum nächsten Schlägertreffen von Zweit- bzw. Drittligaspielen innerhalb oder
Länderfußballspielen außerhalb Deutschlands verabredet. Zuhause macht er dann
auf braves Familienmitglied und scheint auf dem ersten Blick angepasst. Im Internet
sucht er dann seinesgleichen, legt die äußerlichen Zwänge, die ihn umgeben ab und
kann dann bei Verabredung zum Rowdytum endlich mal aus seiner Haut raus.
Deswegen scheint es auch kein Wunder zu sein, dass diese Schläger soziologisch
gesehen nicht einem einfachen sozialen Unterschichtsmilieu zuzuordnen sind,
sondern aus den verschiedensten gesellschaftlichen höheren Schichten und Berufsgruppen stammen. Obwohl Hooligans genauso wie Hobbyrennfahrer, die sich
ebenfalls im Internet verabreden, gesetzlich und auch gesellschaftlich betrachtet oft
als erwachsen gelten dürfen, sind sie doch nach dem im Kapitel 1 beschriebenen
soziologischen Typisierungen Heranwachsende, deren Persönlichkeit in Richtung
gesellschaftlicher Verantwortung nicht gereift ist. Die BILD-Zeitung lässt dazu in ihrer
Ausgabe vom 30. März 2005, anlässlich des Vorkommens einer Massenschlägerei
von Hooligans bei den WM-Qualifikationsspielen in Slowenien einen bekennenden
Hooligan zu Wort kommen, der schätzungsweise Mitte zwanzig ist, seinen Namen
266
Graf, Bernd: „In Kopierisan“ – Das neue Urheberrecht wird an neuen Technologien scheitern, Süddeutsche
Zeitung, #205, 6. u. 7. September.2003, S. 12
267
Braun, Gisela / Hasebrink, Marianne / Huxoll, Martina (Hrg.): „Pädosexualität ist Gewalt“ – Detlef Drewes:
Pädosexuelle Netzwerke im Internet, a. a. O., S. 158
107
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
nicht in der Zeitung gedruckt sehen, aber sich sozial rechtfertigen will, dass diese
Prügeleien dazu dienen, „beruflichen und familiären Stress und Druck abzubauen“.
Die Familie selbst weiß selbstredend nichts von seinem Treiben, aber die Medien, in
diesem Fall die Presse und das Internet geben ihm, wie auch anderen gewaltbereiten Heranwachsenden eine Plattform.
Doch nicht nur die hier auszugsweise erwähnten gruppenorientierten Gewalteskapaden sind bei Heranwachsenden im Internet anzutreffen. Rowdytum und
Gewaltbereitschaft, die das exzessive Ausleben gewalttätiger Fantasien zum
grotesken Ideal berufen, um Gruppenzugehörigkeit zu proklamieren, finden im
Internet eine ideale Plattform. Ob nun in der Öffentlichkeit bekannt wird, dass über
das Internet ein Mensch einen anderen Menschen mit Suizidgedanken antrifft, diese
sich verabreden, damit der eine den anderen nach eigenen Wünschen vor laufender
Kamera und am lebendigen Leibe das Geschlechtsteil abschneidet und dadurch eine
öffentliche Diskussion über die Beschaffenheit der deutschen Rechtsprechung
geführt wird, oder aber im Zusammenhang mit dem Irakkrieg Geisel geköpft und
diese Szenen im Internet sich wieder finden, so darf es nicht verwundern, wenn
Jugendliche diese vorgelebte Wirklichkeit der Gewaltabbildung für sich selbst nachzelebrieren. ‚Happy Slapping‘ heißt daher auch ein relativ neuer Gewalttrend aus
Großbritannien, wo Jugendliche aus Spaß Passanten angreifen und das mit dem
Videohandy filmen. Die Filmsequenzen werden dann später ins Internet gestellt.
Vorbild für „happy slapping“ sei „möglicherweise die Fernsehsendung ‚Jackass‘, in
der Amateure vor der Kamera extreme Mutproben ablegen. Allerdings treten die
Darbieter in der Stunt-Show freiwillig auf. Die Jugendlichen haben dagegen ihre
eigenen Auswahlkriterien, wie beispielsweise der 16-jährige Manny Logan aus dem
Süden Londons. ‚Du siehst jemanden rumsitzen und der sieht irgendwie dumm aus.
Dann rennst Du einfach hin, schlägst ihn und rennst wieder weg. Das macht
Spaß.‘"268
3.8.5. politische, religiöse und privat motivierte Hetze im Internet
Oft ist politische oder religiös anmutende Gewalt eine leidige Konsequenz aus einem
gesteigerten Trieb des unkontrollierten Aggressionsabbaus. Unter Umständen lässt
sich dieser Aggressionsstau kanalisieren, wenn durch soziale Kontrolle die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen rechtzeitig entdeckt und nicht sanktioniert, sondern
therapeutisch rehabilitiert wird. Schließlich handelt es sich bei Aggressionen um
Energien, die sich auch positiv nutzen lassen, z. B. durch Sport. Notorisch gefährlich
werden solch negativ gelebten Aggressionen immer dann, wenn sie mit Ideologien
einhergehen. Der Einstieg in bestimmte politisch oder religiös motivierte Ideologien
erfolgt „häufig über diverse Musikgruppen, die in ihren Texten rassistische und
volksverhetzende Parolen als Inhalte haben. Die Songs können als Sounddateien
kostenlos über das Internet geladen werden. Alleine 95.000 Platten mit Hassmusik
sind in den USA erhältlich. Diese Gewalt schürenden Lieder fordern zum Teil ganz
offen zur Begehung von Straftaten auf. Aufgepeitscht durch solche Musikwerke z. B.
bei Skinheadpartys schwillt das Gewaltpotenzial an. Es erscheint als logische
Konsequenz, wenn im Anschluss an solche Veranstaltungen die Teilnehmer ausländerfeindliche Anschläge durchführen oder andere Gewaltstraftaten begehen.“269
268
269
http://www.silicon.de/cpo/news-adn/detail.php?nr=21136, Stand: 27.11.2005 10:12
Richard, Rainer: „Jugendschutz im Internet“ – Gefahren im Umgang mit dem Internet, a. a. O., S. 38
108
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Demagogen haben ein leichtes Spiel im Internet und das haben sie schon relativ früh
erkannt. „Vorreiter der Rechtsradikalen waren 1995 die Webseiten von Stormfront
und die Seiten des Deutsch-Kanadiers Ernst Zündel, der sich als geistiger Nachfolger
von Adolf Hitler sieht.“270 Dass Demagogen ein leichtes Spiel im Internet haben, zeigt
sich auch an ihren simplen Methoden, die sie benutzen, um Jugendliche zu ködern.
„So findet sich auf der Homepage eines rechtsradikalen Amerikaners ein Hinweis auf
das Spiel ‚KZ-Rattenfänger‘, ein Spiel in Anlehnung an das populäre Spiel ‚Moorhuhnjagd‘, nur dass in diesem Fall keine Moorhühner, sondern Ratten mit dem
Judenstern in einem virtuellen Konzentrationslager abgeschossen werden sollen.“271
Wenn leicht zu beeinflussende Heranwachsende erst einmal in solche Fallen getappt
sind und ihren Spaß an jenen Spielen gefunden haben, mit deren Inhalte sie sich
nicht auseinandersetzen müssen, obwohl oder gerade weil sie damit Tabus brechen,
dann haben Demagogen weitergehende Möglichkeiten, den Jugendlichen ihre Ideologien einzuimpfen. Diese Demagogen benötigen keinerlei verständliche Erklärungen
über die Grundlagen ihrer Ideologien, brauchen keine historische Auseinandersetzung mit den Heranwachsenden zu fürchten, weil dabei „die Ziele des
Nationalsozialismus (beispielsweise) neu belebt und mit aktuellen Problemen wie
Arbeitslosigkeit, hohem Ausländeranteil, Asylanten oder anderen Zukunftsängsten
ursächlich miteinander verknüpft werden. Für solche Aussagen sind insbesondere
Jugendliche anfällig, die verunsichert oder unzufrieden sind und die nach ihrem
eigenen Verständnis nur ihren Anspruch auf eine gesicherte Zukunft und
Gerechtigkeit anstreben.“272
Politische oder religiöse Sekten brauchen erst gar keine Ideologien. Für sie reicht
das Spiel mit Symbolik aus. Heranwachsende sind besonders anfällig für
symbolkräftige Polemik. Ob nun das Hexagramm, das eingekreiste Anarchisten-A,
das Pax-Symbol, die Swastika (Hakenkreuz), usw. – all diese Symbole verbinden
Jugendliche leicht mit einer bestimmten Zugehörigkeit. Sie tragen diese Symbole
aufgemalt auf ihren Rucksäcken oder als Sticker auf ihren Jacken. Eine ganze
Industrie lebt von dieser Symbolik. Symbole, die hierzulande verboten sind (wie z. B.
die Swastika) sind in anderen Ländern käuflich zu erwerben und lassen sich somit
übers Internet bestellen. Die magische Kraft der Symbolik wissen Sektierer für sich
zu nutzen, um unterschwellig Politik zu machen. Der Satanskult beispielsweise gibt
sich auf den ersten Blick unpolitisch. Bei genauem Hinsehen fällt auf, dass gerade
dieser Kult stark faschistische Politik in den eigenen Reihen betreibt und dabei oft
über die Grenzen jeglichen Demokratieverständnisses hinauszielt. Was wenigen
Heranwachsenden, die sich vom Satanskult – vor allem übers Internet – leicht ködern
lassen, anfangs auffällt, „ist die Tatsache, dass hier offen Verbindungen zu rechtsradikalen Organisationen bestehen. Da findet sich der alte deutsche Reichsadler mit
dem Teufelsstern wieder und politische und satanistische Organisationen setzen
gegenseitig Links auf ihre Webseiten.“273
Das Internet ist weder zu verharmlosen noch zu verteufeln. Gefahren und Chancen
liegen in diesem Medium dichter beieinander als in jedem anderen Medium. Als
Chance darf es beispielsweise betrachtet werden, wenn durch das Internet ehemalige, weit verstreute Mitschülerinnen und -schüler ausfindig gemacht werden
können. Als Gefahr jedoch versteht sich das Internet, wenn ein Steckbrief
270
ebd. S. 37
Richard, Rainer: „Jugendschutz im Internet“ – Gefahren im Umgang mit dem Internet, a. a. O., S. 37
272
ebd. S. 38
273
ebd. S. 42
271
109
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
veröffentlicht wird und mit diesem jemand aus persönlichen, religiösen oder
politischen Rachemotiven heraus gesucht und gejagt werden soll: „1998 fanden die
Münchner Internetfahnder eine Webseite mit einem Mordaufruf: ‚Tötet Mazzi‘, lautete
die Überschrift, womit Rechtsradikale steckbriefartig nach einem Aussteiger aus der
Szene suchten.“274 Das liest sich auf den ersten Blick wie ein Einzelfall, doch in den
Pionierzeiten des Internets wurde dieses Medium geradezu missbraucht, als eine
Pinwand für Sekten und Organisationen, die durch Steckbriefe zur Jagd nach ihren
Aussteigern aufrief: „Bis 1996 hatte die Scientology Organisation Webseiten veröffentlicht, auf denen nach den am meisten gesuchten Aussteigern der Organisation
gefahndet wurde. Die Suchanzeigen waren steckbriefartig aufgebaut mit den Fotos,
Namen, zuletzt bekannten Aufenthaltsorten und den verwendeten Fahrzeugen. Was
nur noch fehlte, war die Höhe des Kopfgelds. Inzwischen sind diese Seiten wieder
gelöscht worden, da sie offensichtlich nicht zum Image einer selbst ernannten Kirche
passen.“275
Hetze – und gerade politisch motivierte – darf auch subtiler verstanden werden. Zum
Beispiel in Form von Verführungen. Längst ist bekannt, dass sich im Internet Seiten
finden, wie Bomben gebaut werden. Das ist insofern nicht unbedingt zu kritisieren, da
ja bereits im Chemieunterricht der Mittelstufen Schülerinnen und Schülern beigebracht wird, wie sich explosive Gemische zusammensetzen und herstellen lassen.
Geht es jedoch um den Zweck einer solchen Instruktion, der deutlich werden lässt,
dass die zu erwerbenden Kenntnisse destruktiven Zielen gewidmet sind, dann ist die
angesprochene Zielgruppe eindeutig als radikal und gesellschafts- und damit lebensfeindlich einzustufen: „Auf Webseiten in den Niederlanden sind Texte abrufbar, die
die Überschrift wie ‚Kleiner Leitfaden zur Behinderung von Bahntransporten aller Art‘
tragen und nichts anderes darstellen als die Aufforderung zu Straftaten. Hier wird
genau beschrieben, wie Signal- und Gleisanlagen funktionieren und was der
potenzielle Angreifer tun muss, um diese Anlagen zu manipulieren.“276
RICHARD stellt fest, dass „nicht nur Extremisten das Internet für ihre Kampagnen
nutzen, auch private Seitenbetreiber verwenden das Medium für Rachefeldzüge.“ 277
Das dachte sich sicherlich auch TIM S. 278 , damalig verantwortlich für die Seite
www.rache.de. verlinkt mit onlinewahn.de: „Die Homepage bot jedem die Möglichkeit,
eine unbeliebte Person an den Onlinepranger zu stellen. Erst aufgrund des starken
Protests der Betroffenen und einem anschließend eingeleiteten Gerichtsverfahren
wurde die Denunzierungsseite geschlossen. Als Alternative bietet jetzt www.racheist-suess.de die Möglichkeit, Vergeltung an seinen Mitmenschen zu üben. Ähnlich
wie bei den rassistischen Inhalten verlagern immer mehr Anbieter ihre Webseiten auf
amerikanische Server, da man sich hier dem Verfolgungsdruck deutscher Behörden
entzieht.“279
Somit sollten Erziehungsberechtigte alle Anstrengungen unternehmen, ihren
Schützlingen im Web folgen zu können. Und das nicht auf detektivische Weise,
sondern in dialektischer. Was spricht dagegen, wenn Eltern und Kinder sich vielleicht
einen ganzen Tag oder Abend ausschließlich über ICQ (siehe Kapitel 1)
274
ebd. S. 39
Richard, Rainer: „Jugendschutz im Internet“ – Gefahren im Umgang mit dem Internet, a. a. O., S. 40
276
ebd. S. 39
277
ebd. S. 42
278
der Autor wurde vom Urheber gebeten, den Namen zu kürzen; der vollständige Name ist dem Autor bekannt
279
ebd. S. 42
275
110
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
austauschen? Nicht, dass sich erwarten ließe auf diese Weise verlorenes Vertrauen
der Heranwachsenden auf einen Schlag wieder zurück zu gewinnen. Mit Stetigkeit
und Geduld würde es meiner Meinung nach dazu führen können, dass sich durch
Messenger wieder Ansätze zum Gespräch entwickeln können. Ist das Vertrauen der
Jugendlichen zu ihren Eltern erst einmal da oder wieder hergestellt, und der
Erwachsene für den Jugendlichen nicht nur in der RW, sondern auch in der VR
existent, dann besteht die Chance, dass Jugendliche schneller Alarm schlagen,
wenn sie sich durch obskure Inhalte im Internet herausgefordert fühlen. Dabei ist es
für jeden Erwachsenen im Netz unabdingbar Jugendliche ernst zunehmen. Das
Thema Tod beschäftigt Jugendliche stärker als wir Erwachsene es ihnen oft
zugestehen wollen. „Gerade aus Jugendschutzgründen bedenklich sind (daher) die
Webseiten der Okkultisten und Satanisten oder die Onlineangebote der GothicAnhänger. Chaträume und spezielle Foren befassen sich ausgiebig mit dem Tod.
Oftmals werden in den Foren Selbstmorde angekündigt.“ 280 Doch elterliche
beziehungsweise erzieherische Fürsorge allein macht keinen Sinn in der Begabungsförderung Heranwachsender. Jugendliche brauchen Angebote in beiden Welten –
der realen wie der virtuellen. Diese Angebote sollten nicht allein aus Möglichkeiten
der Freizeitgestaltung zusammengestellt sein, sondern auch Perspektiven müssen
her. Denn „gerade Jugendliche, für die sich wenig Perspektiven bieten, sei es aus
Mangel an Freizeitgestaltungsmöglichkeiten, klagen über niedergedrückte Stimmungen, Langeweile, Sinnlosigkeit und Lebensunlust (…) führen zum Teil dazu, dass
man nachts Schwarze Messen feiert oder sich zu Beschwörungsritualen auf Friedhöfen oder in zerfallenen Häusern trifft. Dann wird sich gegenseitig Blut abgenommen und dieses bei Kerzenschein und noch warm getrunken. Wie man solche
Rituale feiert, erfahren die Jugendlichen aus dem Internet. In den so genannten
Todesforen wird über das Leben und Sterben ausführlichst diskutiert, die besten
Tipps für den besten Abgang ins Jenseits gegeben oder es wird Zyankali zum
Verkauf angeboten.“281
3.8.6. Pornografie, Päderastie, Gewalt und Missbrauch im Internet
Erst einmal ist festzustellen, was das menschliche Wesen sexualsoziologisch
gesehen ausmacht. Sexualität ist genau genommen von Prägung bestimmt. Prägung
wiederum ist ein Akt des Lernens. Sexualität ist also soziologisch gesehen mit
Lernen verbunden. Die Komplexität menschlicher Sexualität ist demzufolge mit
seiner Fähigkeit zu Lernen eng verknüpft. In erster Linie lernen Menschen durch
Erfahrungen oder wie es BANDURA ausdrückt: „Menschen können sich ohne
Schwierigkeiten in Ekelzustände versetzen, indem sie sich übelkeitserregende
Erfahrungen vorstellen. Sie können sich sexuell erregen, indem sie erotische
Vorstellungen heraufbeschwören. Sie können sich durch bedrohliche Gedanken in
Angst und Schrecken versetzen. Sie können schließlich Ärger in sich wachrufen,
indem sie sich vorstellen, wie sie von irgendwelchen Widersachern grundlos misshandelt werden.“282
Sexualität ist von Pornografie insofern zu unterscheiden, dass „da, wo wir es mit
Pornografie zu tun haben, die Sexualität von der zwischenmenschlichen
Komponente abgekoppelt und auf die Darstellung der Geschlechtsteile oder des
vollzogenen Geschlechtsakts reduziert wird.“283 Zwischenmenschliche Nuancen, wie
280
Richard, Rainer: „Jugendschutz im Internet“ – Gefahren im Umgang mit dem Internet, a. a. O., S. 40
ebd. S. 40
282
Bandura, Albert: „Sozial-kognitive Lerntheorie“, a. a. O., S. 75
283
Richard, Rainer: „Jugendschutz im Internet“ – Gefahren im Umgang mit dem Internet, a. a. O., S. 28
281
111
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
die des Kennenlernens, die des Zärtlichkeitsaustausches, aber auch die der Abweisung, wie die der Ab- und die der Zuneigung sind alles wichtige Komponenten der
zwischenmenschlichen Sexualität. In der Pornografie jedoch werden diese Nuancen
entbehrlich, da die Art der darstellenden Sexualität in den Vordergrund rückt, um
eine Zielgruppe zu bedienen, die im Moment des Konsums ihre eigene Sexualität auf
den Voyeurismus reduziert. Die Konsumenten von pornografischen Inhalten erscheinen somit passiv und unbeteiligt zu sein. Diese vermeintliche Passivität sollte
nicht in diesem Zusammenhang gleichgesetzt werden, dass die Konsumenten von
Pornografie träge und nicht rege sind. Insofern könnte Pornografie einzig und allein
eine Zielgruppe bedienen, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht in den
Genuss von sexuellen zwischenmenschlichen Beziehungen kommt. Dies ist aber
nicht ausschließlich der Fall. Pornografie erfüllt noch eine andere sexualsoziologisch
fundierte Funktion und bedient nicht allein die Voyeure, sondern bedeutet auch
Stimulanz. Die sozialromantische Vorstellung, dass Paare sich durch Pornografie
Anregungen holen, um ihr eigenes Sexualleben aufzufrischen, ist die eine Seite der
Medaille. Die andere ist die wohl niemals endende Diskussion um die Wirkung von
Pornografie auf den Menschen und seiner sexuellen Sozialibilität. Wird Pornografie
als Kunst falsch- oder missverstanden? Oder gilt die eine oder andere künstlerische
Darstellung als pornografisch? Interessanter neben einer hermeneutischen Diskussion um die Inhalte dürfte wohl auch die Auseinandersetzung um den Konsum pornografischer Darstellungen sein. Denn dort, so heißt es ja auch marktwirtschaftlich, wo
eine Nachfrage besteht, besteht ein Angebot. Regeln Marktmechanismen also die
Pornografie, dann steht das Künstlerische von und an erotischen Darstellungen an
letzter Stelle. An erster Stelle steht marktökonomisch die Maxime: Masse geht vor
Klasse. War früher der Zugang zu pornografischen Material nicht leicht, so hebt das
Internet die sonst so beständigen Zugangsschranken auf. Eine Fülle von freizügigen
Bildern – professionell wie amateurhaft – bieten sich dem Konsumenten pornografischer Inhalte. DREWES kommt zu dem leicht irreführenden Schluss, dass
Befürworter für den Zugang zu freier Pornografie argumentieren, indem sie jedem
Konsumenten pornografischer Darstellungen einen gewissen Sättigungsgrad beim
Konsum unterstellen: „Vereinfacht gesagt liegt der Irrtum in dem Glauben, Bilder
könnten satt machen. Das Gegenteil ist der Fall: Bilder machen hungrig, wie die
Wirkungsforschung von Pornografie unstrittig ergeben hat.“ 284 Hier besteht unzweifelhaft eine Gefahr, die nicht allein auf die massenhafte Abbildung von
Geschlechtsakten und -Teilen in Bild, Film und Ton abzielt, sondern ein Nimmersattsein könnte auch Auswirkungen auf die Form der Darstellungen haben, die der
Voyeur zur freien Verfügung konsumieren will. Wobei DREWES es so ausdrückt, dass
„die Gefahr der leichteren Verfügbarkeit pornographischer Darstellung im Internet
gerade darin liegt, dass auch Menschen zu ihr Zugang haben, die sexuell diffus
orientiert sind und selbst nicht die notwendigen Mechanismen zur Einordnung, zur
Kontrolle, zur Distanz haben und dass deshalb diese Bilder eher reale Taten
auslösen, denn verhindern.“ 285 Eine gefährliche, aber nicht von der Hand zu
weisende Unterstellung. Denn wie bereits erwähnt, sucht sich nicht jedes Angebot
seine Nachfrage, sondern jede Nachfrage trifft auf ihr Angebot. Denn unumstritten
fällt „zunehmend im Internet auf, dass Pornografie mit Gewalt gekoppelt dargestellt
wird. Da werden Geschlechtsteile mit Nadeln durchbohrt oder Frauen mit
Fleischerhaken an den Brüsten aufgehängt. Wenn man bedenkt, dass Jugendliche,
die sich in ihrer pubertären Phase befinden, mit solchem Bildmaterial konfrontiert
284
Braun, Gisela / Hasebrink, Marianne / Huxoll, Martina (Hrg.): „Pädosexualität ist Gewalt“ – Detlef Drewes:
Pädosexuelle Netzwerke im Internet, a. a. O., S. 157
285
ebd. S. 157
112
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
werden, kann dadurch kein gesunder Eindruck von Sexualität entstehen, da sie
gerade im Aufbau sind, ihr Selbstvertrauen und Triebpotenzial in soziales Verhalten
umzusetzen.“286
DREWES spricht von sexuell diffus orientierten Menschen, „die 'childsex' oder
'kiddyporn suchen'. Und sie bieten 'younggirlpics' oder 'best videos'. Sie suchen
Kontakte und Erfahrungsaustausch. Und sie bieten Informationen von ihren Reisen
nach Thailand, den Philippinen oder Kenia. Sie chatten miteinander und ergötzen
sich am verbalen Rollenspiel, bei dem 'die kleinen Schweinchen gelocht' oder durch
einen 'erfahrenen väterlichen Freund gründlich erzogen' werden. Einige suchen
'Mu+To' (Mutter und Tochter), anderen ist eine 'Freundschaft mit Familienanschluss'
lieb. Manche wollen nur 'Cumshots' (Oralverkehr), andere dagegen auch 'tierliebe'
Kinder – soll heißen Sex zwischen Kind und Tier. Und ein paar schrecken auch vor
Sex 'with a dead child' nicht zurück. Bildern vom Sex mit toten Kindern, wie sie Mitte
der 90er-Jahre plötzlich auftauchten.“287 Dies ist eine von vielen eindeutig beschreibbaren Diffusionen menschlicher Sexualität und zeigt schonungslos, wie weit
Sexualtrieb beim Menschen gehen kann. Kein anderes Wesen kann so dermaßen
diffus sexuell orientiert sein, wie der Mensch. Mir selbst ist auch nicht geläufig, dass
es – außer dem Menschen – überhaupt Wesen gibt, die in der Lage wären, sexuellen
Kontakt zu ihrem Nachwuchs zu haben. Andererseits fressen einige Tierarten auch
ihre Brut, was nicht als eine Rechtfertigung für Päderastie missverstanden werden
sollte. Päderastie findet ihre Lobby im Internet, weil es als Medium „den weitgehend
anonymisierten Kontakt zwischen Menschen möglich macht, die real sind, die nicht wie beim Film – professionell einem Drehbuch folgend und gegen Honorar Kundenfantasien erfüllen. Diese Wechselwirkung zwischen dem User und den OnlineBegegnungen ist völlig unerforscht, aber für das Thema deswegen so wichtig, weil
man sich bei diesem Medium zum ersten Mal fragen muss, ob es Täter nicht nur
bestärkt, sondern vielleicht auch neue Täter schafft.“288 Dieser Frage habe ich mit
einer freiwilligen Mitarbeiterin zusammen im Februar und März 2004 mit leidigen
Erfolg versucht nachzugehen und möchte die wesentlichen Ergebnisse hier so
präsentieren, wie DREWES die ‚pädosexuelle Szene’ in fünf Strukturen geordnet hat.
Dass mir das nicht präzise gelungen ist, mag sich jeder denken können, der sich in
der Chatszene auskennt. Denn wenn ein ‚sexuell diffus orientierter’ Mensch „in Chats
dann auch noch vermeintlich Minderjährigen begegnet, die ihm als willige Opfer
entgegentreten, im Dialog sogar regelrecht provozieren, gibt es eigentlich keinen
Grund, seine Neigung nicht auszuleben. Dass es sich bei diesen Chat-partnern nicht
selten um Erwachsene handelt, die lediglich eine ganz andere, auch momentane
erotische Stimmung ausleben wollen, ist zwar richtig, ändert aber nichts an der
psychologischen Wirkung auf den zunächst unsicheren pädosexuellen User.“289 Die
Beliebigkeit im Internet emphasiert psychologische Wirkungen nicht nur auf sexuell
diffus orientierte Surferinnen und Surfer, weil das Web „die Terminologie auf den
Kopf stellt, genauer gesagt: nicht das Internet, sondern die durch das Internet sich
auflösenden Grenzen zwischen hartem Kern der Pädosexuellen-Szene und einer
Grauzone, in der sich auch jene User tummeln, die nicht in das Schema der
'Pädophilie' passen, sich aber dennoch - zumindest gelegentlich - so verhalten, weil
sie suchen und konsumieren, was ihrem Bedürfnis nach dem noch 'geileren' Kick
286
Richard, Rainer: „Jugendschutz im Internet“ – Gefahren im Umgang mit dem Internet, a. a. O., S. 28
Braun, Gisela / Hasebrink, Marianne / Huxoll, Martina (Hrg.): „Pädosexualität ist Gewalt“ – Detlef Drewes:
Pädosexuelle Netzwerke im Internet, a. a. O., S. 151
288
ebd. S. 152
289
ebd. S. 157
287
113
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
entspricht - heute Sadomaso, morgen Tiersex, übermorgen eben auch mal ein
missbrauchtes Kind.“290
Die Überschreitung auflösender Grenzen in der sich ein User tummelt, könnte dann
zur Folge haben, dass „der brave Familienvater unerkannt zum Sadisten, zum
Masochisten oder eben zum pädosexuellen Konsumenten werden kann. Er kann –
vergleichsweise gefahrlos – probieren, was er in der Realität nie probieren würde.“291
Wobei nebst einer gewissen sexuellen Orientierungslosigkeit die Diffusion durch das
Gezeigte oder Erlebte im Internet den User sein eigenes nachhaltiges Rechtsbewusstsein in dem Sinne beschert, sich auf der sicheren Seite zu wähnen, weil
„wirklich schwer wiegt dabei die Tatsache, dass viele der Gefassten kaum ein
Unrechtsbewusstsein hatten, weil sie sich bei den Vernehmungen nur allzu oft auf
die Aussage 'Das sind doch nur Bilder' zurückzogen.“ 292 Welche Sichtweise dem
Betroffenen fehlt scheint ganz offensichtlich zu sein: der Blick hinter die Kulissen.
Geboten wird dem Betrachter eine pornografische Illusion, die sich auf das allein
bezieht, was der Produzent dieser Illusion zur Ansicht freigibt. Dabei ist noch nicht
einmal gesagt, ob die Darstellungen von sexuellen Handlungen in vollkommener
Länge dargeboten wurden oder ob nicht einfach Ausschnitte gezeigt worden sind.
Nur die Mitwirkenden und bei Missbrauch gerade die Opfer wissen, wie es hinter den
Kulissen aussah und „aus Sicht der Opfer zählt nur, dass Bilder vom eigenen
Missbrauch existieren, diese veröffentlicht werden, nie wieder gelöscht werden
können und abgerufen werden. Ob der Konsument organisiert ist oder nicht, ob er
einem Netzwerk angehört oder nicht, bleibt für die Wirkung auf das Opfer
unwichtig.“293
Die Diffusion sexueller zwischenmenschlicher Orientierung hat seine vollkommene
Plattform mit dem Internet gefunden. Eine solche Diffusion lässt sich nicht
eindämmen oder abstellen. Was bleibt ist Eigenverantwortlichkeit zu schulen. Eine
souveräne Medienkompetenz zu erwerben, denn „die Verantwortung für das eigene
Handeln war nie so groß wie nach der Einführung und Verbreitung des Internet. Und
grade deshalb wird es zusehends wichtiger, sich der Erziehung zur Medienkompetenz einerseits und zum Umgang mit eigenen Neigungen andererseits zu
widmen. Wer gezielt Kinderpornographie sucht, wird sie auch künftig immer finden,
weil es genügend kriminelle Energie gibt, rechtliche, technische, politische oder
sonstige Schlupfwinkel zu finden, um solche Materialien anzubieten oder zu
verbreiten. Allzu oft aber geschieht dies derzeit noch unter den Augen einer Öffentlichkeit im Netz, die widerspruchslos hinnimmt und schweigt.“294
Die Diffusion sexueller zwischenmenschlicher Orientierung sollte auch ein
Eingeständnis der Erwachsenen gegenüber ihrer eigenen Sexualität sein. Das trifft
vor allem auf „Männer, die im Internet gezielt nach Sex-Kontakten zu Kindern und
Jugendlichen suchen (zu), nutzen die Langeweile, die Einsamkeit und die kindliche
Suche nach Neuem und Aufregendem aus. Wissenschaftler der Universität New
Hampshire veröffentlichten (…) die Ergebnisse einer Studie, der etwa 2500 entsprechende Fälle zugrunde liegen: Meist mussten die Männer ihre minderjährigen
290
ebd. S. 151
ebd. S. 152
292
Braun, Gisela / Hasebrink, Marianne / Huxoll, Martina (Hrg.): „Pädosexualität ist Gewalt“ – Detlef Drewes:
Pädosexuelle Netzwerke im Internet, a. a. O., S. 153
293
ebd. S. 159
294
ebd. S. 158
291
114
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Opfer nicht einmal unter einem Vorwand an eine bestimmte Stelle locken, sondern
gaben unumwunden zu, dass sie sich Sex wünschten.“295
Es ist für alle jene ein Trugschluss zu glauben, dass es reicht sich durch Systeme
und Programme im Internet sicher zu fühlen, die glauben lassen, hier betreten nur
sexuell Gleichgesinnte und vor allem autorisierte Erwachsene einen virtuellen Raum,
der es ihnen erlaubt, ihren sexuellen Orientierungen zu frönen. Denn „ErwachsenenCheck-Systeme beruhen auf der Annahme der Anbieter jugendge-fährdender
Webseiten, dass Kinder und Jugendliche nicht im Besitz von Kreditkarten sind. Die
Anmeldung bei den System wie ‚Adult Check‘, ‚X-Check‘, ‚Control2000‘, ‚Age Check‘
usw. erfolgt durch Angabe der Kreditkartennummer. Im Gegenzug erhält der Nutzer
das Zugangspasswort und -kennung. Möglichkeiten, wie man an Kreditkartendaten
kommt, gibt es mehrere, z. B.
-
-
Abschreiben der Kartendaten bei Berechtigten (z. B. elterliche Karte)
Nutzung eines Kreditkartengenerators. Mehrere dieser Programme sind über das
Internet zu beziehen. Das Programm generiert nach Eingabe fiktiver Personalien
Algorithmen für mögliche gültige bzw. bereits vergebene Kreditkartennummern
In speziellen Foren im Internet werden Kreditkartennummern verbreitet bzw.
durch E-Mails getauscht.“296
Gerade spielsüchtige Heranwachsende aus wohlhabenden Elternhäusern haben
durchaus enormes Zugangspotential unter anderem auch zu Glücksspieltempeln, die
ihnen in der RW verschlossen blieben: „Zwar verfügen praktisch alle deutschen
Spielbanken über eigene Webangebote, doch an die Zockerei um echtes Geld
wagten sich bislang nur wenige. Da wird inzwischen schon auf deutschen Webseiten
mit dem Glücksspiel geworben, der Spielwillige wird jedoch schnell per Link auf
Server in karibischen Staaten umgeleitet.“297
Pornografie, Päderastie, Gewalt und Missbrauch in der RW wie in der VR sind so
omnipräsent geworden, dass dadurch „Gewalttätigkeit durchaus zum Bestandteil
eines gewählten Lebensstils auch marginalisierter Jugendlicher werden kann. Nicht
umsonst wird versucht, der Gewaltbereitschaft von ‚Problemgruppen‘ mit so genannter ‚Erlebnispädagogik‘ zu begegnen, um andere Wege der Selbststilisierung
aufzuzeigen.“298 Das Problem lässt sich nicht dadurch lösen, dass die vermeintliche
Ursache angegangen und sie als Quelle allen Übels angesehen wird. Gerade dem
international rechtsverbindlichen Neuen Medien lässt sich nicht der Garaus machen
durch den Verweis regional und national bezogener ethischer, sozialer, moralischer
und rechtlicher Werte und den daraus abzuleitenden Ansprüchen. Die USA beispielsweise mit ihrem Grundrecht auf Zurschaustellung von Bildmaterial, wird aufgrund von
Hinweise auf gewaltverherrlichende oder sonstige Szenarien im Internet nichts
veranlassen, dass eine Website vom Netz genommen wird: „Eine Mutter berichtete
am Telefon, dass die 14-jährige Tochter seit dem letzten Nachmittag nur noch
weinend zu Hause sitze. Nach mehrfach intensivem Befragen gab das Mädchen zu,
zwei Webseiten aufgesucht zu haben, die vor allem Fotos mit missgebildeten
Kleinkindern und grausam zugerichteten Unfallopfern zeigten. Das Mädchen hatten
295
Guido Kleinhubbert, „Verhängnisvolle Mausklicks“ – Nach dem Mord an einem homosexuellen 15-Jährigen
aus Donauwörth führen die Spuren ins Internet, Süddeutsche Zeitung #188, 16.08.2004, S. 34
296
Richard, Rainer: „Jugendschutz im Internet“ – Gefahren im Umgang mit dem Internet, a. a. O., S. 23f.
297
ebd. S. 43
298
Funke, Harald, „Erlebnisgesellschaft“, Hg: Kneer, Georg / Nassehi, Armin: Soziologische
Gesellschaftsbegriffe. Konzepte moderner Zeitdiagnosen, München, Wilhelm Fink Verlag, 1997, Seite 305 bis
328
115
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
diese Abbildungen derart geschockt und belastet, dass sie das Gesehene psychisch
nicht verdauen konnte. Schließlich gab der Teenager zu, die beiden betreffenden
Webadressen von Mitschülern erhalten zu haben, zwei URLs, die an einem
Münchner Gymnasium als absoluter Geheimtipp gehandelt wurden. Ausnahmslos
sind diese menschenverachtenden Webseiten allesamt auf Servern in den USA
abgelegt, so dass die deutschen Strafverfolgungsbehörden keinen Einfluss auf die
Schließung der Inhalte haben, da die Amerikaner die Ansicht vertreten, die
Zurschaustellung von Bildmaterial gehöre zum Grundrecht der Meinungsfreiheit.“299
„Die meisten Jugendlichen kennen die Webseite www.rotten.com. Auf dieser Seite
werden Polizeifotos von Selbstmördern und Mordopfern abgebildet. Aufgeschwämmte Wasserleichen, gespaltene Schädel.“300 Rotten.com liegt allerdings auf einem
US-amerikanischen Server und kann somit nicht ‚zensiert’ werden. Jugendschutz
nach deutschem Recht und internationales Recht befinden sich dadurch im stetigen
Zwist. Im deutschen Rechtssystem zählt „für den Bereich der Kinderpornografie,
dass hier nicht nur die Weitergabe des Materials strafbar ist, alleine mit dem Besitz
von Kinderpornografie wird der Tatbestand des § 184 Abs. 3 StGB erfüllt. Dabei
sollte sich jedermann vergegenwärtigen, dass man sich im Grunde schon mit dem
Aufsuchen einer entsprechenden Webseite strafbar macht. Ohne Zweifel ist dies der
Fall, wenn kinderpornografische Bilddateien auf der Festplatte gespeichert
werden.“301
Über den Missbrauch am und durch Menschen hinaus öffnet sich dem Anbieter wie
dem Nachfrager in der VR ein Markt der schier unbegrenzten Möglichkeiten. Da ist
es nicht verwunderlich, wenn auf diesem globalen Markt auch „nach deutschem
Recht illegale Arzneimittel wie Hormonpräparate oder so genannte ‚Anti-Aging-Pills‘
gleichermaßen angeboten werden wie die Küchenrezepte, also Syntheseanleitungen, nach denen auch Personen mit geringer chemischer Vorbildung einfache
Synthesen zu Hause ohne großen Aufwand nachvollziehen können.“302
3.9. sozialer (Schein)einflussbereich Internet-Chat
Wer versucht, Anziehungskräfte ins Spiel zu bringen, die nicht von selbst wirken, der
versucht sein Glück vergebens im Chat. Damit meint vor allem, ein übers ‚Verwirrspiel’ hinausgehendes Gehabe, das sich an der RW des Darstellers nicht mehr ermessen lässt. Das trifft nicht nur auf den Kontaktsuchenden im Internet zu, sondern
auch auf jene, die mithilfe des Chats versuchen, soziale Kontrolle ausüben zu wollen.
Eine solche Kontrolle sollte sich an die jeweiligen Umstände anzupassen verstehen.
Doch das setzt voraus, dass die kontrollausübende Person ein hohes Maß an Flexibilität und Gelassenheit an den Tag legen muss, wenn er denn gezielt die Begabung
(s)eines Heranwachsenden mithilfe des Internets fördern und die sozialen Kontrollmöglichkeiten erweitern möchte. Welchen Beitrag eine solche Förderung leistet,
wenn sie Beschränkungen ausgesetzt sind, die keine ultimative Gültigkeit besitzen,
zeigt die Untersuchung an Kindern im Vorschulalter: „In einer anderen Gruppendiskussion und diversen Einzelinterviews wurde die jüngste Gruppe der 6- bis 8Jährigen mal gebeten, ihre Lieblings-Webseite mit Filzstift und Knetgummi nachzubilden. Schnell wurde klar, dass die Kids, bevor sie sich emanzipiert haben, bekannte
Avatare als Partner im Netz wollen, also bekannte Zeichentrickfiguren beispielsweise, die sie durch das Netz begleiten. Aber noch etwas wurde klar. Die Kids malten
299
Richard, Rainer: „Jugendschutz im Internet“ – Gefahren im Umgang mit dem Internet, a. a. O., S. 31
Feibel, Thomas: „Die Internet-Generation“ – Zu deutsch fürs Internet, a. a. O., S. 31
301
Richard, Rainer: „Jugendschutz im Internet“ – Gefahren im Umgang mit dem Internet, a. a. O., S. 26
302
ebd. S. 44
300
116
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
häufig irgendwo auf den fiktiven Bildschirm eine waagerechte Leiter. Unsere
Marktforscher fragten nach und erfuhren, was diese Leiter zu bedeuten hatte: 'Das ist
das Feld, in das Papa das Passwort einträgt.' Papa öffnet also dieser jungen
Einsteigergruppe das Tor zur Internetwelt. Das Passwort ist natürlich nur ein
kurzzeitiger Kontrollmechanismus, denn schon ab sieben Jahren verschwindet die
waagereche Leiter aus den Skizzen der Kids.“303
Das Dilemma regelmäßig neue Schwellen und damit Zugangschancen zu setzen,
dem sich ein erziehungsberechtigter Erwachsener im Umgang mit Heranwachsenden
im Internet aussetzen könnte, dem sollten sich die Erziehungsberechtigten zu stellen
vermögen, weil „noch nie seit der Erfindung der Kindheit in der Neuzeit Kinder so
sehr sich selber überlassen wurden wie heute, und noch nie wurde so viel von
Selbstverantwortung der Kinder gesprochen. Trotzdem sind die ersten Vokabeln, die
in jedem Elterngespräch, Interview für Elternmagazine und dergleichen auftauchen:
Kontrolle, Sicherung. Kurz und präzise: Wo Vater und Mutter sich als Eltern
abgeschafft haben, gibt es keine Selbstverantwortung eines Kindes. Die muss
gelernt werden, die wächst nicht wie das Grün im Frühjahr. Kontrolle hilft überhaupt
nicht. Man kann Kinder nicht ständig kontrollieren. Und soll es natürlich auch
nicht.“ 304 Dass Kontrolle überhaupt nicht helfe, dem möchte ich doch rigoros
widersprechen. Die Dynamik sowie die Beständigkeit und damit die Qualität der
sozialen Kontrolle ist gefragt und nicht die bloße Reduktion auf Wirkung und
Existenz. Bei der Ausübung sozialer Kontrolle, die zur Grundlage mindestens die
erzieherische Verantwortung nennt, sollte peinlichst genau auf die Dosis Acht
gegeben werden. Die Frage „Werden chattende Kinder Diebe und Schwarzfahrer?
(stellt sich) Wohl kaum. Sie halten ihr Gewissen ganz gut im Lot. Chats haben eben
einen stark spielerischen Charakter. Zehnjährige glauben behaupten zu müssen, 18
Jahre alt, gut aussehend, muskulös und reich zu sein. Kinder und Jugendliche reden
darüber ganz offen. Da geschieht nichts heimlich. Und sie bringen die Dinge auf den
Punkt. Bei einer Lesung meinte einmal ein schmächtiger 11-jähriger Junge auf die
Frage, warum er sich im Chat älter ausgebe: 'Mann, sonst antwortet doch keiner.'“305
FEIBEL hält bewusst den Chat für einen „Maskenball oder Tanzcafé. Hier finden sich
Kinder und Jugendliche aus ganz Deutschland. Kaum jemand kennt den anderen. 72
Prozent der Befragten lernen dort Unbekannte kennen. 63 Prozent können mit denen
über alles reden. Diese Freunde können niemanden enttäuschen.“ 306 Diese Entscheidungen soziale Interaktionspartner gezielt suchen und finden zu können ist das
wesentlichste Element in der Begabungsförderung Heranwachsender. Denn im Chat
sind „plötzlich alle gleich und lassen sich nur an ihren verbalen Fähigkeiten messen,
die dann schon gerne bestimmte Grenzen des Anstands überschreiten. Bei
moderierten Chat-Seiten achtet eine kostengünstige Arbeitskraft mit Lesekenntnissen, meistens ein Schüler oder Student, darauf, dass niemand bedroht, beschimpft oder sexuell belästigt wird (...) Aber weil das Aufwand bedeutet, bieten viele
Webseiten unmoderierte Chats an und distanzieren sich von den Inhalten. Denn im
Chat kommt es dann mitunter zu Pöbeleien und anderen Unannehmlichkeiten. (Ein
Chatter namens) Jupii beschimpfte kürzlich in einem unmoderierten Harry-Potter303
Feibel, Thomas zitiert a. a. O. in „Die Internet-Generation“ auf S. 121 den Kinderpsychologen Oliver Leissse
vom Marktforschungsinstitut EARSandEYES (Anm.: Im Übrigen lese ich aus dieser Untersuchung eine zunehmende Müdigkeit der Eltern, regelmäßig neue Schwellen zu setzen, dementsprechend auch neue Passwörter
und Zugänge fürs Internet)
304
Feibel, Thomas zitiert a. a. O. in „Die Internet-Generation“ auf S. 105 den Kinderpsychologen Wolfgang
Bergmann
305
Feibel, Thomas: „Die Internet-Generation“ – Sexy Bienchen knuddelt Lang-Schwanz 0787, a. a. O., S. 173
306
ebd. S. 175
117
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Chat sämtliche Teilnehmer mit Schimpfwörtern aus der Fäkalsprache. Die Teilnehmer grenzten den Störenfried aus, indem sie ihn ignorierten.“307
3.10. Konsumorientierung im Internet
„Genauer betrachtet ist die Marketingwelt voller Frauen, die knappe Kostüme und
schlechte Schuhe bevorzugen, Kette rauchen, zu Kaffe ‚Käffchen‘ sagen und einen
M.A.-Titel in Betriebswirtschaft präsentieren. Sie nehmen die Pille aus tiefster
Überzeugung und überschütten auf Messen hilflose Kinder mit dem wertlosen
Plüschmüll ihrer Merchandising-Kampagnen. Reden sie bei Veranstaltungen und
intimen Zwiegesprächen von Kindern, nennen sie sie mit einer seltsamen
Vertrautheit 'Kids', als könnten sie den gesamten Piaget zitieren. In einer Mischung
aus Gönnerhaftigkeit und Todesverachtung sagen sie auch 'Kiddies' oder sprechen
einfach nur nüchtern von der ‚Zielgruppe‘.“ 308 Ganz so drastisch wie FEIBEL die
Marketingwelt der Neuen Medienvertreter und hier besonders der -Vertreterinnen
umschreibt ist es sicherlich nicht. Doch dieses Klischee soll – geschlechtsunspezifisch – die Schizophrenie verdeutlichen helfen, welche Gruppe im Internet am
meisten umgarnt wird einerseits und doch letztlich bildungs- und perspektivenpolitisch so auf sich allein gestellt ist. Es verwundert nicht, dass die junge Generation
vom Markt innerhalb wie außerhalb der Neuen Medien eine stark umworbene
Zielgruppe darstellt. Denn an ihnen misst sich das rasante Wachstum und das
steigende Konsumverhalten: „Im Jahr 2000 besaßen etwa 49 Prozent der Kinder und
Jugendlichen ein Handy, stellt die Studie Jim 2000 des Medienpädagogischen
Verbundes Südwest (SWR Medienforschung) fest. 1999 waren es noch 14 Prozent.“309
Dass dieses steigende Konsumverhalten der Jugendlichen heutzutage in einem ganz
bestimmten Verhaltensmuster verläuft, zeigt die Anschaffung und der Gebrauch von
Mobiltelefonen. „Das mobile Telefon gehört heute zum 'Ausdruck der individuellen
Persönlichkeit', stellt die Bravo-Studie Faktor Jugend 3 fest. Demnach halten 84
Prozent das Design des Telefons für entscheidend, und schon 35 Prozent besitzen
farbige Oberschalen zum Wechseln. Die BRAVO-Studie, die sich auf Markenbildung
konzentriert, liefert dazu noch mehr Informationen im besten Marketingkauderwelsch.
'Markenbildung ist möglich', lautet die frohe Botschaft. Und: 'Voraussetzung ist die
Verknüpfung der Marke mit einem klaren, uniquen Benefit. Eltern erkennen die
Notwendigkeit, ihre Kinder mit moderner Kommunikationstechnologie vertraut zu
machen - und sie sind zunehmend bereit, hier zu investieren. Wenn die Anschaffung
erst mal beschlossen ist, entscheiden die echten Experten die Details: die
Jugendlichen.'“310 Jugendliche disponieren heutzutage immer früher. Sie legen die
Standards zur Anschaffung und Weiternutzung von Neuen Medien. Sie laden sich
Musik, Videos und Klingeltöne (warum die Klingeltöne heißen ist mir ein Rätsel, denn
welches Handy klingelt heutzutage noch?) noch aus dem Internet. Nicht mehr lang
wird es dauern und sie tun dies mit dem Mobiltelefon.
4.1. Fördern der Kulturtechniken
307
ebd. S. 172f
Feibel, Thomas: „Die Internet-Generation“ – Tschüss, Jugendkultur! a. a. O., S. 110
309
Feibel, Thomas: „Die Internet-Generation“ – Sexy Bienchen knuddelt Lang-Schwanz 0787, a. a. O., S. 155
310
ebd. S. 155f.
308
118
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Unbestritten dürfte es wohl sein, dass es sich bei den Kulturtechniken in erster Linie
um Schreiben, Lesen und Rechnen handelt. Alle drei Techniken dienen der
Verständigung unter Menschen. Jener, der schreibt, erwartet vom Leser, dass er
seine Schrift liest und den Inhalt versteht. Jener, der liest, erwartet vom
Schreibenden, dass der Lesetext verständlich geschrieben und die Schrift zu lesen
ist. Jemand, der eine Aufgabe berechnet und zu einem Ergebnis kommt, erwartet
vom anderen, ihn von dem Ergebnis überzeugen zu können; erwartet, dass der
Andere seinen Rechenweg folgen konnte und das Ergebnis als richtig oder falsch
anerkennen kann. Demzufolge sind alle drei Kulturtechniken mit Erwartungen
verknüpft.
BANDURA unterscheidet in seiner ‚sozial-kognitiven Lerntheorie‘ zwei elementare
Erwartungshaltungen voneinander; und zwar die Ergebnis- von der Leistungseffizienzerwartung: „Eine Ergebniserwartung heißt hier, dass ein Mensch meint, ein
gegebenes Verhalten werde zu bestimmten Ergebnissen führen. Eine Leistungseffizienzerwartung ist die Überzeugung, dass man jenes Verhalten erfolgreich
ausführen könne, das die Voraussetzung der angezielten Ergebnisse ist. Zwischen
Ergebnis- und Leistungseffizienzerwartung unterscheiden wir, weil Menschen die
Überzeugung gewinnen können, dass ein besonderer Handlungsverlauf bestimmte
Ergebnisse hervorruft, jedoch möglicherweise bezweifeln, ob sie selbst diese
Handlungen ausführen können.“311 Soziologisch gesehen, heißt es demzufolge, dass
jedes Individuum mit sich selbst, mit anderen und der Umwelt eine Ergebniserwartungshaltung verknüpft. Unser Denken folgt dabei einem konsequenten ‚WennDann-Shema‘. Jedes Handeln erzeugt ein Ergebnis. Ob dieses Ergebnis positiv oder
negativ ausfällt, ist eher einer weitgehend hermeneutischen Betrachtung zu unterziehen. Bezüglich der Leistungseffizienzerwartung lässt sich wohl weniger sagen,
dass jedes Individuum über eine solche verfügt. Oder anders ausgedrückt, die
Intensität der Leistungseffizienzerwartungen ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Diese Sichtweise bezieht sich dabei vor allem auf meine eigene
Wahrnehmung. Wenn es jedoch um die Fremdbestimmung geht, was nun mal bei
Leistungseffizienzerwartungen naturgemäß der Fall ist, dann wird diese Erwartungshaltung a priori vorausgesetzt. Der Mensch stellt sich und seine Umwelt unter
Leistungsdruck: „Je stärker die Leistungseffizienz- oder Erfolgserwartungen sind, um
so intensiver werden die Anstrengungen ausfallen. Auch während Menschen
bestimmte Tätigkeiten noch beibehalten, die zwar subjektiv bedrohlich, doch objektiv
relativ sicher sind, werden sie korrektive Erfahrungen machen können. Dadurch wird
ihr Selbstvertrauen gestärkt, auf lange Sicht werden ihre Ängste und ihr Abwehrverhalten eliminiert. Wenn Menschen vorzeitig aufgeben, werden sie ihre sie
beeinträchtigenden Erwartungen und Ängste über lange Zeit beibehalten.“312 Bei den
Ängsten um die Beherrschung der Kulturtechniken haben wir es mit Leistungseffizienzerwartungshaltungen zu tun.
Die wichtigste Kulturtechnik bezogen auf das Internet ist eine ausreichende Lesekompetenz. Sie ist die wesentliche Schlüsselqualifikation für die Internetnutzung
überhaupt. Mit ausreichender Lesekompetenz ist in der Nutzung des Internets nicht
das Erfassen von Texten allein ausschlaggebend, sondern einhergehend mit dieser
Fähigkeit auch die vom ehemaligen US-Arbeitsminister ROBERT REICH formulierten
symbolanalytischen Fähigkeiten. Sind wir als Nutzer im Internet nicht in der Lage, die
mannigfachen Symbole zu erkennen und darüber hinaus diese auch zu analysieren,
311
312
Bandura, Albert: „Sozial-kognitive Lerntheorie“, a. a. O., S. 85
ebd. S. 86
119
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
das heißt, die Symbolik auch mit verständlichen Worten beschreiben zu können, so
werden wir früher oder später auf unüberwindbare Grenzen in der Kommunikation
stoßen.
BANDURA bezeichnet Symbole als „Werkzeuge des Denkens.“313 Diese Werkzeuge
haben in unserer heutigen Gesellschaft mehr denn je ein enormes Gewicht. Wer die
zahlreichen Symbole lediglich in seine Sprache aufnimmt, ohne deren Bedeutung
exakt zu kennen, mag für eine Weile auf der Oberfläche einer symbolhaften
Kommunikation mitschwimmen können; wenn es aber dann auf die Anwendung der
symbolträchtigen Inhalte ankommt, wird der- oder diejenige unter Umständen in der
Kommunikation scheitern können, falls ihm oder ihr die Bedeutungen der benutzten
Symbole nicht eindeutig bekannt ist. Bei der Vielzahl der notwendigen Symbole, die
im heutigen Informationszeitalter benutzt werden, können schnell gravierende
Verwechslungen zu bedeutenden Missverständnissen führen. Oder vereinfacht
ausgedrückt, wer mit einem Kreuzschraubendreher eine Schlitzschraube zu lösen
versucht, wird kläglich an seiner Aufgabe scheitern – umgekehrt jedoch, lässt sich
mit einem Schlitzschraubendreher eine Kreuzschraube lösen. Um Aufgaben zu
lösen, ist nicht nur das Werkzeug von Bedeutung, sondern auch die entsprechende
Handhabung dieser Werkzeuge. Entsprechendes gilt für die ‚Werkzeuge des
Denkens‘, also für die Symbole, denn „durch Manipulation von Symbolen lassen sich
Gedanken hervorrufen, die sich möglicherweise auch nicht mehr unmittelbar in
äußere Ereignisse übersetzen lassen. Viele Phantasiegebilde und aus dem Rahmen
fallende Ideen sind neuartige Symbolkonstruktionen, die die Grenzen der Realität
überschreiten. Man hat keine Schwierigkeiten, sich Kühe vorzustellen, die über den
Mond springen, und Elefanten, die auf Fliegen reiten, obwohl diese Ereignisse sich
nicht in die Wirklichkeit umsetzen lassen. Die bemerkenswerte Flexibilität der
Symbolisierung und ihre Unabhängigkeit von allen Einschränkungen der Realität
erweitern den Horizont des Denkens.“ 314 Praktisch gesprochen ließe sich sagen,
dass der Seitenschneider eigentlich produziert wird, um Kupferkabel oder
Isoliermaterial zu lösen. Dass ein Seitenschneider sich auch zu kosmetischen
Zwecken, wie dem Fingernagelschneiden benutzen lässt, ist eine Frage des
(erweiterten) Horizonts seines Benutzers bzw. seiner Benutzerin.
Die Anwendung und Handhabung von Werkzeugen mag nicht unbedingt als ein
geeignetes Sinnbild gelten, um die wirklichen Probleme im Umgang mit Neuen
Technologien aufzuzeigen. Allerdings vereinfachen gewisse Gedankenspiele vom
Umgang und Gebrauch von Werkzeugen, um die Kausalität aufzuzeigen, das richtige
Werkzeug für die entsprechende Anwendung zu benutzen oder aber ein Werkzeug
Zweck zu entfremden oder ganz auf Werkzeuge zu verzichten. Ähnliches gibt es
auch bei dem breiten symbolischen Spektrum in den Neuen Technologien zu
beobachten. Wer nur gelegentlich mal ins Internet geht, um eine Information zu
suchen, der bedarf nicht notwendigerweise den komplexen Symbolen, die es auf
Soft-, Hard- und Netwareebene zu kennen gilt. Wer jedoch sich als so genannter
Power-User im Internet bewegt, also übers Internet mit anderen weltweit kommuniziert, dabei Dateien und Programme aus dem Netz herauf- oder herunterlädt
und nebenher noch nach Informationen sucht, der sollte schon die vielfältigen
Symbole nicht nur anwenden, sondern auch verstehen können. Denn „ohne Frage
gibt es heute bereits sehr viele Leute – jüngere wie auch ältere – , die sich beruflich
wie privat der Neuen Technologien brillant und hochkompetent bedienen. Andere
313
314
Bandura, Albert: „Sozial-kognitive Lerntheorie“, a. a. O., S. 173
ebd. S. 173ff
120
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
aber haben eben Probleme, sich zurechtzufinden. Die einen, weil ihnen die Entwicklungen zu schnell gehen und sich daher Ängste entwickeln. Die anderen, weil sie
den Anforderungen intellektuell mangels solider Ausbildung nicht gewachsen sind –
und das sind die gravierenderen Fälle. Die einen können ihr Problem lösen, wenn
ihnen genug Zeit eingeräumt wird und sie entsprechend begleitet werden. Die
anderen brauchen schlichtweg ein höheres Niveau an Bildung und Kenntnissen und
an Übung, um damit umzugehen. Der Weg hierzu wurde bisher – und wird auch in
Zukunft – durch das Lesen beschritten. Wir wissen durch verschiedene Untersuchungen, dass in der Regel die geübten Leser auch die besseren Internetnutzer
sind. Der Führerschein für die elektronischen Datenautobahnen wird durch Lesen
erworben und nur auf diese Weise. Durch das Wegbrechen des Lesens entstehen
heute bereits erkennbare Defizite, die sich auch auf die 'Medienkompetenz' der
Betreffenden auswirken werden.“315
Die Wahrnehmung mithilfe der Kulturtechnik „Leseverständnis“ bedarf a priori eines
Wissensspektrums, das sich in einer einfachen Kategorisierung nach fachlichem
Wissen nicht gliedern lassen kann. Es handelt sich beim Lesen schließlich um das
Erkennen aut idem Übersetzen von Symbolen. Das Wissensverständnis soll im
Folgenden etwas dabei helfen, dem Fördern von Kulturtechniken im Internet ein
Stück näher zu kommen und zu erfassen, was das deutende Lesen von Symbolen
als auch das Schreiben selbiger als Voraussetzung oder Grundlage mitzubringen
hat. Die nachfolgenden Kapitel sollen dazu beitragen, den Unterschied zwischen
Wissen und Information besser herauszustreichen, denn damit sich Kompetenzen im
Umgang mit Informationen überhaupt erwerben lassen, braucht es ein fundiertes und
breit angelegtes Wissen, das sich vom Informationsgehalt speist.
4.1.1. Der Unterschied zwischen Wissens- und Informationsverarbeitung
Lässt sich Wissen in Kategorien wie ‚brauchbar’ oder ‚unbrauchbar’ unterteilen? Im
Vergleich zur Information, wo es brauchbare und unbrauchbare Informationen gibt,
ist für das Wissen als solches eine dichotome Unterteilung als unzulässig zu
erachten. Was wir einmal wissen, können wir nicht als unbrauchbar entsorgen, auch
wenn wir den Hang dazu haben, nach nützlichem und unnützlichem Wissen zu
unterscheiden. Wissen beruht auf Erkenntnis und wer Erkenntnis erlangt hat, dem
kann das daraus resultierte Wissen a priori nicht schaden. Und alles was nicht
schadet, ist per se nützlich. Wissensaneignung und Wissensverarbeitung ist ein
langwieriger Prozess. Wissen erlangt niemand von heute auf morgen und „zur
langfristigen Bildungs- und Informationsarbeit gehört zum einen die Erkenntnis, dass
wir eine Geisteselite und eine Praktikerelite brauchen, die mit Schöpferkraft und
Einfallsreichtum neue Wege in die Zukunft weisen.“316 Dieser Forderung zu folgen
hieße, dass Wissensbestände nicht mit Datenbanken gleichgesetzt werden. Es
kommt eben nicht allein darauf an, Informationen oder Wissen anzuhäufen, sondern
es kommt auf die kognitive Schulung an, Wissen und Informationen nicht nur auf-,
sondern auch richtig wahrzunehmen.
Eine Wissensvermittlung des althergebrachten Verhältnisses Auditor zu Auditorium
wird in Zukunft auch unter Aspekten neuester Wissenstransfers nicht in Frage zu
stellen sein. Doch es wird von zunehmender Bedeutung werden, das Wissen selbst
auf einem Prüfstein zu stellen. Dass Wissen bereits schon in der griechischen Antike
315
316
Feibel, Thomas: „Die Internet-Generation“ – Der digitale Analphabetismus, a. a. O., S. 200
Schlaffke, Winfried: „Das Jugendsyndrom“ – Mut zur Technik – Vertrauen in die Zukunft, a. a. O., S. 51
121
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
als solches hinterfragt wurde und damit auch die Vermittlung dessen, findet sich
bereits bei PLATON317 wieder.
Die Frage, ob es Wissen ohne den Menschen gibt, erscheint hier müßig, gar
überflüssig. Es braucht an dieser Stelle von daher eine bestimmte Form des Daseins,
um bewusst wahrzunehmen. Die bestimmte Form des Daseins, das Sein an sich,
welches zur Erkenntnisgewinnung nötig ist, besteht nach HERAKLIT aus Gegensätzen, die ineinander fließen (‚panta rhei’ also ‚alles fließt’). Dieses Fließen ist nach
der heraklitischen Bewegungslehre ein Weltgesetz, das ‚Logos’ genannt wird. Logos,
also zu Deutsch das Wort, erreicht erst dann einen wahrzunehmenden weitläufigen
Sinn, wenn es nicht als solches allein dasteht, sondern in Sinneszusammenhänge
und Kausalitäten überführt wird. In dem Wörter zu Worten werden, soll heißen, dass
viele Wörter den zur Sprache nötigen Wortschatz bilden, doch erst die sinnstiftende
Aneinanderreihung in Form von Sätzen, die den Wörtern somit erst eine Semantik
verleihen und deshalb zu Worten werden. Dadurch kann der Mensch seine Wahrnehmung stetig ändern und es ergibt sich daraus nach PROTAGORAS das Wissen,
welches auf eine gewisse Dauer Gültigkeit besitzt und somit als Wahrheit empfunden
werden kann.
Der dritte Aspekt, der Wissen als Wahrnehmung in Rechnung stellt, erkennt die
Dynamik der Lernenden im Wahrnehmungsprozess als Verhältnis zum Lehrenden,
der diese Dynamik frühzeitig zu erkennen vermag und Spannungen – die durch
Dynamik entstehen, sich demzufolge gegen den Wahrnehmungsprozess richten
könnten – dann entsprechend lösen kann. Das kann beispielsweise durch eine
geschaffene Atmosphäre entstehen, die die Wahrnehmung der Lernenden positiv
beeinflusst.
Offenkundig ist nicht allein die Wahrnehmung dem Wissen gleichzustellen. Erstens
hilft die präziseste Wahrnehmung dem Wissensstand nicht auf die Sprünge, wenn
sich die eigene Wahrnehmung von denen der anderen differenziert, weil es welche
gibt, die das ‚Weltgesetz panta rhei‘ nicht anerkennen können oder wollen und in den
wahrzunehmenden Dingen kein ‚sowohl-als-auch‘, sondern eher ein ‚entweder-oder‘
akzeptieren. Und zweitens, die Wahrnehmung sich zwar in der Gegenwart abspielt,
die Erkenntnisse jedoch in Erfahrungen geradezu konserviert werden. Solche empirischen Erfahrungen betten die Meinung, und die ist letztlich mitverantwortlich für die
Beurteilung der Zukunftsperspektiven. Erfahrungen können niemanden abgesprochen, aber auch nicht als Parameter der Wahrheit anerkannt werden, obwohl
genau die Erfahrungen dann die logische Konsequenz, sozusagen ein panta rhei der
Wahrnehmung und damit des Wissens wären.
Angesichts der unzähligen partikularen Wahrnehmungen, denen der moderne
Mensch heutzutage ausgesetzt ist, müsste sein Wissensspektrum weit über das
hinausgehen, was es letztlich darstellt. Es scheint nahezu unmöglich ein komplexes
und komplettes Weltgesetz bewusst wahrnehmen zu können.
Wie eine Filmszene aus JIM JARMUSCHS Werk ‚Night on Earth‘ deutlich gemacht hat,
kann die Wahrnehmung dem Wissen nicht entsprechen.
In diesem Film gibt es eine Szene in einem Taxi, wo sich eine Blinde und ein
Taxichauffeur mit der Farbe Grün auseinandersetzen. Im Dialog werden
unterschiedliche Wahrnehmungen deutlich, die unterschiedliches Wissen zutage
317
Sämtliche Dialoge, Seite 17ff, Bd. IV
122
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
fördern müssten, es jedoch nicht tun, da jeder der beiden um die Farbe Grün weiß.
Erst der Verstand macht es den beiden möglich, Grün als ein Symbol anzuerkennen,
welches in diesem Fall im Straßenverkehr bedeutet, dass der Verkehr fließen darf.
Gäbe es unterschiedliche Meinungen über diese Symbolik, so wäre zu erfragen,
welche denn nun die richtige Meinung wäre und ob diese dann zum Wissen um das
Richtige führt.
Der Mensch weiß, dass es Naturgesetze gibt. Einige davon sind bekannt, was soviel
heißt, dass wir um diese Kenntnisse wissen und Gesetze daraus abgeleitet haben,
die aus einer Folge von Beobachtungen entstanden sind, die uns vermittelt haben,
dass wenn dies passiert, dass jenes daraufhin eintritt. Andererseits gibt es
Phänomene, deren Ursachen uns gänzlich unbekannt sind. Genauso wie es
Ursachen gibt, dessen Auswirkungen wir nicht abzuschätzen vermögen. Dieser
Gegensatz vom Wissen um das Eine und dem Unwissen um das Andere schließt
aus, dass wir uns um das Nichtwissen überhaupt eine Meinung bilden können.
Etwas, was gar nicht vorhanden ist, kann somit auch nicht als falsch in Erscheinung
treten.
A priori muss eine falsche Meinung mit einem Irrtum gleichgesetzt werden. Bevor
GALILEI die damalige These, dass die Erde eine Scheibe sei, widerlegen konnte, ging
die Menschheit davon aus, im Besitz der richtigen Meinung zu sein. Sie hatte eine
Vorstellung vom Ende der Welt. Dass die Erde weder Anfang noch Endpunkt hat,
weil sie eine Kugel ist, lag zwar in der Vorstellungskraft des Menschen, wurde
allerdings für absurd gehalten, da die richtige Meinung vorsah, dass der Mensch sich
auf einer Kugel gar nicht halten könne und dass es einen Anfang wie ein Ende geben
müsse. Ehe sich dieses Gewusste als ein Irrtum herausstellte, galt es als eine
richtige Meinung, da das Wissen um die Erdanziehungskräfte und um das Sonnensystem nicht vorhanden war. Die Menschheit wusste, dass sich auf etwas Runden
nicht so ohne weiteres wandeln ließe (außer mit der immer schon vorhandenen
kollektiven Fähigkeit der von BANDURA erläuterten Symbolkonstruktion318) und wusste
nicht, dass sie von den Rotations- und Erdanziehungskräften gehalten wurde, um
nicht vom Planeten Erde herunter zu rutschen bzw. herunter zu fallen. In unserer Zeit
gibt es zahlreiche Irrtümer der modernen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft.
Angefangen an dem Zweifel nach der Erfindung von BELL und EDISON, dass die
Menschheit niemals ein Telefon zu Kommunikationszwecken nutzen würde, bis zu
der Annahme in der Chefetage von IBM vor der Markteinführung des Personal
Computers (PC), dass niemand zuhause einen Computer haben wolle.
Die richtige Meinung und damit das Wissen gelten als abhängig von der Präzision
der Wahrnehmung und der Perfektion des Gedächtnisses. Bei der Wahrnehmung
müsste zusätzlich sichergestellt sein, dass alle Sinnesorgane einwandfrei
funktionieren. Ein Seh-, Hör-, Tastsinn-, Geruchs- oder Geschmacksgeschädigter
dürfte dann nicht in den Genuss von Wissen kommen können. Selbst diejenigen, die
über keinerlei Einschränkungen ihrer Sinnesorgane verfügten, müssten sicherstellen,
dass sie immer Herr über ihr eigenes Wahrnehmungsvermögen wären.
Als Erklärung der Wahrnehmung möge auch der Orientierungssinn dienen, wenn
„man z.B. aus gutem Grund meint, dass eine bestimmte Straße, die man noch nie
vorher gegangen ist, zum Bahnhof führt, aber wissen tut man es eben nicht. Dass
man in dieser Frage nicht weiß, sondern bloß meint, gilt unabhängig davon, ob diese
318
vgl. Fußnote 4
123
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Straße wirklich zum Bahnhof führt oder nicht.“ 319 Denn hier könnte besonders
deutlich werden, wenn die Straße zwar tatsächlich zu einem Bahnhof führt, dieser
Bahnhof lediglich ein Güterbahnhof ist, obwohl das Wissen sich darauf bezieht, dass
der Suchende weiß, diesen Ort mit einem Personenzug verlassen zu wollen, dass es
sich bei der ‚richtigen Meinung‘ um ein Irrtum handelt. Um bei dem Beispiel von
FLUCK zu bleiben, könnte jemand, der meint, dass diese Straße zum Bahnhof führt,
den Ratsuchenden mit auf dem Weg geben, dass er deshalb meint zu wissen, weil
diese Straße schon immer zum Bahnhof geführt hat. Dass der Ratgeber dabei nicht
erwähnt, diese Straße schon lange nicht mehr zum Bahnhof gegangen zu sein und
gar nicht weiß, dass der Bahnhof geschlossen worden ist, zeigt zwar, dass seine
Meinung richtig ist, aber das Wissen um den geschlossenen Bahnhof nicht mit
einbezogen worden ist, da dieses Wissen fehlte. Die Meinung des Ratgebers ist zwar
richtig, aber das Wissen ist unvollständig und die Meinung des Ratgebers für den
Ratsuchenden somit unbrauchbar. Das Wissen als solches ist nicht weiter zerlegbar.
Jeder weiß, dass Halbwissen kein Wissen darstellt. Entweder wir wissen um eine
Sache als solche oder wir wissen nicht. Erst die Komplexität des Wissens macht
Wissen an sich erst brauchbar.
Beispielhaft hierfür ist das Eintreten einer Expertin in ein neues Arbeitsumfeld. Ihr
ganzes bisheriges Wissen hilft nicht weiter, weil sie den neuen Komplex, also ihren
neuen Arbeitsbereich erst kennen lernen muss. Die Expertin kann den neuen
Arbeitsbereich nicht zerlegen, sondern muss ihn als eine Einheit begreifen. Sie muss
in ihrem neuen Aufgabengebiet angelernt werden und dort erst hineinwachsen.
Auch die Kund getane Meinung statuiert sich nicht zum Wissen. Ein Lehrer, der seine
Meinung beispielsweise im Politikunterricht öffentlich vertritt, vermittelt dadurch kein
politisches Wissen, sondern seine politische Meinung.
Kommen wir nun zu dem Schluss, erfahren zu haben, was Wissen alles nicht ist.
Wissen ist also weder Wahrnehmung, noch richtige Meinung, noch richtige Meinung
verbunden mit Erklärung. Wenn wir schon nicht wissen, was Wissen tatsächlich alles
bedeutet, dann können wir wenigstens pauschalisieren, dass sich das Aneignen von
Wissen, die Bildung zur Existenzgrundlage nimmt. Immer wieder ist die Rede davon,
wie wichtig Bildung besonders dann für eine Volkswirtschaft ist, wenn sie keine
anderen Ressourcen zur Verfügung hat („Bildung ist mehr als ‚nur’ ökonomische
Schlüsselkategorie für ein rohstoffarmes, immer mehr auf den Produktionsfaktor
Wissen setzendes Hochlohnland wie Deutschland.“ 320 ). Sie ist aber auch ein
wichtiger Bestandsfaktor in der Epoche der Globalisierung, wo ein multikulturelles
Miteinander von stärkerer Bedeutung als ein multinationales Nebeneinander ist.
Bildung ist ein friedenssichernder Faktor und eine „Voraussetzung für das friedliche
Zusammen-leben von Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungshintergründen, und
damit Be-dingung für den Zusammenhalt der Gesellschaft.“321 Darüber hinaus sorgt
eine solide Bildung, die sich nicht erschöpft mit dafür, dass Fortschritt als
wirtschaftlicher Sicherungsfaktor gewährleistet bleibt. Somit ist Bildung
„gleichbedeutend mit dem Besitz von Verhaltensweisen, welche etwas zu leisten,
319
Fluck, Robert: „Zur Ironie des Sokrates“ – Wissen vs. Meinung, a. a. O.
Bildungsnotstand in Deutschland, Es gibt Defizite an den Schulen, der Staat spart bei der Bildung, von Dr.
Martin Höpner, Politikwissenschaftler des Kölner Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung, aus
Mitbestimmung, Das Magazin der Hans-Böckler-Stiftung, Nr. 7, Juli 2004, S. 56
321
ebd.
320
124
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Veränderungen herbeizuführen vermögen.“ 322 Zusammenfassend konstituiert sich
Bildung nach AEBLI323 aus:
- kognitivem Verhalten
- epistemischem Verhalten (Verhalten, das das Ziel verfolgt, Gegebenheiten zu
erfassen, soll heißen: Erfahrungen sammeln)
- dem Operieren
- dem Problemlösen und dem schöpferischen Verhalten
- Algorithmen des Verhaltens: Regeln, Methoden und Strategien
Die Bildungskommission des Landes Nordrhein-Westfalen versteht unter Bildung
„einen Begriff, der seit der europäischen Aufklärung die Mündigkeit in allen
Orientierungszusammenhängen in den Mittelpunkt stellt“ 324 . Von daher wirkt es
nahezu unverständlich, dass der hoheitspolitische Bildungsauftrag der Länder meiner
Meinung nach seither so sträflich vernachlässigt worden ist, und somit „der Zusammenhang von Bildung und sozialer Schichtung derartig ausgeprägt ist, wenn man
berücksichtigt, dass Deutschland im internationalen Vergleich eines der wenigen
Länder ist, in denen für den gesamten Schulbesuch in der Regel keine Gebühren für
die Eltern anfallen und auch das Entgelt für ein anschließendes Studium äußerst
moderat bemessen ist.“ 325 Doch nicht allein die Länder dürfen für einen häufig
beklagten Mangel an Allgemeinbildung der Heranwachsenden haftbar gemacht
werden. Die Verantwortung zur Erziehung und Bildung tragen, wie in den vorangegangenen Kapiteln versucht wurde aufzuzeigen, auch in entsprechendem Maße die
Eltern- und Schulhäuser, sowie die Gesellschaft als Ganzes mit.
4.1.1.1. Die Grundbildung
Um eine stabile Konstitution der nach AEBLI genannten Kriterien für Bildung
aufzubauen, ist eine solide Grundbildung eine unabdingbare Voraussetzung. Unser
jetziges Schulsystem in Deutschland erfüllt die Förderung ihrer Schülerinnen und
Schüler hinsichtlich der Ausbildung dieser Kriterien meiner Ansicht nach nur unzureichend. Wenn das Sitzenbleiben als ein Negativmerkmal für den Fortschritt
hinsichtlich der Grundbildung an den Mittelstufen herhalten soll, dann müsste unter
Maßgabe der Handlungsgerechtigkeit bezüglich der Stoffvermittlung statistisch
gesehen das Verhältnis aller Schularten zu seinen Sitzenbleibern ausgewogen sein.
Jedoch finden sich „unter Hauptschülerinnen und -schülern deutlich mehr als doppelt
so viele ‚Sitzenbleiber‘ wie unter Gymnasiastinnen und Gymnasiasten. Ähnliches gilt
für die Versetzungsgefährdung.“326 Lehren sollte nach dem protagoraschen Prinzip
erfolgen. Soll heißen: nicht der Lehrplan ist das Maß aller (schulischen) Dinge,
sondern die Schülerinnen, Schüler, Lehrerinnen und Lehrer. Die Grundbildung sollte
für alle Schülerinnen und Schüler eine einheitliche Chance sein, um auf einer soliden
Grundlage eine Weiterbildung zu ermöglichen. Die Grundbildung sollte Schülerinnen
und Schüler den Umgang mit den ‚Werkzeugen des Denkens‘ (vgl. BANDURA) nahe
bringen können. Lehrerinnen und Lehrer sollten die Zeitdisposition erhalten, ihren
322
Aebli, Hans: "Die geistige Entwicklung als Funktion von Anlage, Reifung, Umwelt- und
Erziehungsbedingungen" in Roth, Heinrich: "Begabung und Lernen", a. a. O., S. 153
323
ebd. S. 153ff
324
Bildungskommission NRW: „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“, Kapitel: „Zeitsignaturen –
Elemente eines zeitgemäßen Bildungsbegriffs“, 1995, a. a. O. , S. 23
325
Deutsche Shell (Hrg.) / Hurrelmann, Klaus / Linssen, Ruth / Leven, Ingo in Arbeitsgemeinschaft mit Infratest
Sozialforschung: „Jugend 2002“ – Wachsende Ungleichheit der Zukunftschancen?, a. a. O., S. 64
326
ebd. S. 68
125
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Schützlingen zu vermitteln, welche Bedeutung das Wissen im Leben des Menschen
trägt und sie nicht dazu zwingen, Wissensbestände anzuhäufen, sondern Wissen für
sich selbst begreifen zu lehren und zu lernen. Denn auch die Aneignung einer
Grundbildung, wie sie zum weiteren Lernen nötig ist, bedarf a priori der Einsicht um
den Stellenwert des Wissens. Eine solche Einsicht kann jedoch nicht erzwungen,
sondern nur durch Neugier geweckt werden. Neugier wiederum verlangt vom
Lernenden eine gewisse Einsicht. Offenbar scheint die Einsicht bei Heranwachsenden geschlechtsspezifisch unterschiedlich zu verlaufen. Ohne in Abrede zu stellen,
dass Ausnahmen die Regel bestätigen, ist mutmaßlich offenkundig, dass bei heranreifenden jungen Frauen die kognitive Leistungsfähigkeit hinsichtlich der Einsicht und
damit der Neugier naturgemäß oder erziehungsgeprägt stärker vorhanden zu sein
scheint, als dies bei heranreifenden jungen Männern der Fall zu sein scheint. Denn
„bei den Fragen nach Versetzungsgefährdung oder Wiederholung einer Klasse
bestätigt sich wieder einmal, dass sich Mädchen offenbar leistungsstärker in der
Schule zeigen als Jungen. Sie bleiben deutlich seltener sitzen und sind auch weniger
oft versetzungsgefährdet. In der Differenzierung nach Altersgruppen zeigt sich, dass
besonders die ganz jungen Mädchen sich hinsichtlich ihres Schulerfolgs von den
Jungen abheben: Bei den 12- bis 14-Jährigen sind fast doppelt so viele Jungen
versetzungsgefährdet wie Mädchen. Bei den ‚Sitzenbleibern‘ sind die Mädchen
während der gesamten Schulzeit im Vergleich zu ihren männlichen Altersgenossen in
der Minderheit.“327
Da der Erwerb der Grundbildung keinen verlässlichen Indikator für die weitere
Lernbereitschaft und den beruflichen Erfolg darstellt, ist das Verhältnis der
ebengenannten geschlechtspezifischen schulischen Leistungsunterschiede zu
den späteren beruflichen Chancen unter den Geschlechtern nicht proportional.
Somit schlummern Bildungsreserven, die hätten frühzeitig
geschlechtsunspezifisch ge-fördert werden können.
Geprüft wurde das vom Leiter der amerikanischen PISA-Studien GARY PHILLIPS
bereits hier zitierte ‚Lernen unter Einflussnahme des jeweiligen länderspezifischen
sozialen und pädagogischen Systems‘.328 Von den 10 untersuchten Kriterien ist ein
Indexsystem in Paris entwickelt worden, indem der Gesamtvergleich der Untersuchung mit einem negativen Vorzeichen einer Auswertung besagt, dass die
Schülerinnen besser als die Schüler abgeschnitten haben. Ist der Index positiv, dann
haben die Schüler höhere Ergebnisse als die Schülerinnen erzielt329:
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
Leseverständnis (-60 bis 0)
mathematische Grundbildung (0 bis 30)
naturwissenschaftliche Grundbildung (-10 bis 15)
wiederholungsbezogene Lernstrategien (-2 bis 0,5)
differenzierte Übungsstrategien (-4 bis 0,5)
kontrollbezogene Strategien (-0,2 bis 0,5)
zielgerichtete Motivation (-0,25 bis 0,15)
Interesse am Lernen (0 bis 1,2)
327
Deutsche Shell (Hrg.) / Hurrelmann, Klaus / Linssen, Ruth / Leven, Ingo in Arbeitsgemeinschaft mit Infratest
Sozialforschung: „Jugend 2002“ – Wachsende Ungleichheit der Zukunftschancen?, a. a. O., S. 68
328
„PISA's focus on age 15 allows countries to measure outcomes of learning that reflect both societal and
education system influences, and measure students' preparedness for adult life beyond compulsory schooling.“
said Gary Phillips, acting commissioner of the U.S. Education Dept.'s National Center for Education Statistics
(nces.ed.gov), which directs the OECD study in the United States
329
„Bildung auf einem Blick“, OECD-Indikatoren 2004, Seite 155 bis 157
126
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
9. Interesse an Mathematik (-0,6 bis 0,1)
10. Anstrengung und Dauer beim Lernen (0 bis 0,35)
4.1.1.2. Das Leseverständnis
„Knapp die Hälfte (49 %) der Jugendlichen, die in einem Haushalt mit nur wenigen
Büchern aufwachsen, weisen ein Bildungsrisiko auf, wogegen bei denen, die in
Haushalten mit durchschnittlich vielen oder sehr vielen Büchern aufwachsen, nicht
einmal ein Drittel (29 / 30 %) ein solches Bildungsrisiko trägt.“330 Diese Untersuchung
könnte impulsgebend für die Kampagne ‚Deutschland liest vor’ mit DORIS SCHRÖDERKÖPF als Schirmherrin gewesen sein, in der betont wird, dass „Lesenkönnen eng an
das Lesenwollen geknüpft ist. Deshalb sollte es immer zentral darum gehen, Kinder
zum Lesen zu motivieren und über das Vorlesen ihre Freude am Lesen zu
wecken.“331 Auch BANDURA betont, dass „die Voraussetzung bestimmter Fähigkeiten
am ehesten dann gelernt werden, wenn die Bemühungen der Kinder so lange
unterstützt werden, bis die neue Verhaltensweise einigermaßen beherrscht wird.
Diese erzeugt dann natürliche Konsequenzen, die ihr Dauer verleihen. So müssen
Kinder beispielsweise anfänglich dazu ermutigt werden, Lesen zu lernen. Sobald sie
jedoch darin geübt sind, lesen sie aus eigenem Antrieb, weil es ihnen Freude macht
und weil sie dadurch nützliche Informationen beziehen. Sobald Menschen die
verbalen, kognitiven und konkreten Fertigkeiten gelernt haben, dank derer sie mit
ihrer Umwelt zurechtkommen, braucht sie niemand mehr dazu aufzufordern, diese
Fertigkeiten selbstständig anzuwenden.“332 Augenmerk sollte allerdings nicht nur auf
das Lesen von spannenden und unterhaltsamen Inhalten gelegt werden. Oder platt
ausgedrückt, darf sich die Lese- bzw. Vorlesestunde nicht nur auf ein bestimmtes
Genre beschränken. Es gibt noch mehr als Harry Potter zu lesen, was jetzt nicht als
bösartige Kritik gegen JOANNE K. ROWLINGS Phantasie-Roman-Reihe verstanden
werden sollte. Es kann aber bei der Leseerziehung nicht ausschließlich um die
Belletristik gehen, denn „um es mit dem Worten des Informatikers W EIZENBAUM
auszudrücken: 'Medienkompetenz ist die Fähigkeit, kritisch zu denken; kritisches
Denken lernt man durch kritisches Lesen; die Voraussetzung für kritisches Lesen ist
eine hohe Sprachbeherrschung.' Wenn wir uns dazu durchringen könnten, diese
Aussage ernst zu nehmen, dann wären wir wirklich auf dem Weg in eine moderne
Wissensgesellschaft, die jedem seine Chance gäbe.“ 333 Doch wenn es bereits
Defizite in der Integration von MigrantInnenkindern an deutschen Schulen gibt, dann
können diese nur behoben werden, wenn an den Schulen selbst etwas passiert.
Lesepatenschaften, wie sie an den Grundschulen in meinem Bezirk bereits Alltag
sind, sind zwar nur kleine Schritte, aber sie zielen in die richtige Richtung.
Ein weiteres Phänomen, dass sich beim Leseverständnis feststellen lässt und
dessen Ursache nicht nur in der Früherziehung zu suchen ist, ist die Tatsache, dass
es bei der Lesekompetenz einen Unterschied zwischen den Geschlechtern gibt:
„Frauen lesen mehr als Männer. Die Schätzungen der ‚Stiftung Lesen‘, der Bertelsmann-Stiftung und anderer Institute zur Beobachtung des Volksverhaltens gehen
zwar ein wenig auseinander, im Kern aber bestätigen sie dasselbe: Knapp zwei
Drittel der Leser belletristischer Werke sind Leserinnen. Den größten Anteil an
Leserinnen schöner Literatur stellen Frauen zwischen dreißig und fünfundfünfzig, die
330
Deutsche Shell (Hrg.) / Hurrelmann, Klaus / Linssen, Ruth / Leven, Ingo in Arbeitsgemeinschaft mit Infratest
Sozialforschung: „Jugend 2002“ – Wachsende Ungleichheit der Zukunftschancen?, a. a. O., S. 72
331
http://www.deutschland-liest-vor.de/modell/index.html, Stand: 09.12.2005 16:43
332
Bandura, Albert: „Sozial-kognitive Lerntheorie“, a. a. O., S. 108
333
Feibel, Thomas: „Die Internet-Generation“ – Der digitale Analphabetismus, a. a. O., S. 202
127
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
meisten von ihnen sind berufstätig, und sie lesen nicht nur aus Gründen der
Weltflucht, der Selbstvergessenheit und des Tagtraums, sondern auch den größten
Teil der Neuveröffentlichungen der ästhetischen Moderne wie der Großen der
Weltliteratur. – Die Literatur ist eine der effizientesten Formen der Bewirtschaftung
von Zeit: Sie ist auch nachholende Welterfahrung, Erprobung fremder Lebensverhältnisse, eine Schule der Lebensklugheit und ein zweiter Bildungsweg des literarischen Intellekts.“334 Gerade dieser zweite Bildungsweg des literarischen Intellekts
ist eine wesentliche soziale Kompetenz. Die Anerkennung, die jemanden zuteil wird,
der sich schulisch weiterbildet, steht weitgehend außer Frage. Wer die Chance zur
schulischen Weiterbildung, aus welchen Gründen auch immer, nicht nutzen kann
oder will, dafür aber als belesen in seinem sozialen Umfeld gilt, dem kann ein fast
ebenso großer Respekt gezollt werden, wie dem, der Diplome, Examina oder
sonstige akademische Abschlüsse vorweisen kann. Allerdings auch nur dann, wenn
sich diese Belesenheit nicht auf ein einziges Genre beschränkt.
Vielleicht gibt es einen Bezug zu der Tatsache, dass die westliche Gesellschaft sich
seit Ende der 80iger Jahre mehr und mehr von einer Industrie- in eine Informationsund Wissensgesellschaft gewandelt hat und dem Wandel des Leseverhaltens der
Heranwachsenden: „1986 las 21 Prozent der Jugendlichen im Alter zwischen 14 und
20 Jahren täglich und 55 Prozent mindestens einmal pro Woche in einem Buch. Drei
Jahre später stiegen diese Zahlen auf 27 Prozent, die täglich in einem Buch lasen
und 64 Prozent wöchentlich. Im Jahr 1992 waren es 28 Prozent täglich und 66
Prozent wöchentlich.“335
Abb. 4.1.1.2.: Das Leseverständnis der 15jährigen Mädchen laut OECD-Studie im europäischen
Vergleich
(Quelle: Bildung auf einem Blick, OECD-Indikatoren 2004)
„Vor allem die beiden Punkte Surfen im Internet und Bücher lesen sind zusammengenommen wichtig. Hier zeichnet sich aus, dass Hauptschülerinnen und -schüler den
Anschluss an die moderne Kommunikationswelt im Vergleich zu anderen
Schülerinnen und Schülern eher verpassen und auch in der Wissensgesellschaft
334
Steinfeld, Thomas: „Damenwahl – Zwei Drittel aller Leser sind heute Leserinnen. Die Frauen haben viel
nachzuholen. Und die Männer viel zu verlieren.“, Wochenendbeilage der Süddeutschen Zeitung, #223, 27. u.
28.09.2003
335
Grob, Alexander (Hrsg.) / Flammer, August / Alsaker, Francoise D.: „Kinder und Jugendliche heute: belastet
– überbelastet?“ – Lesen, a. a. O., S. 81
128
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
durch mangelndes Interesse am Lesen eher schlechter abschneiden werden.“336 Aus
eigener Erfahrung als ehemaliger Hauptschüler darf ich an dieser Feststellung der
Studie der DEUTSCHEN SHELL darauf aufmerksam machen dürfen, dass das Manko
der heutigen Hauptschülerinnen und Hauptschüler meines Erachtens nicht an
mangelndem Interesse oder Begabung liegt, sondern schlichtweg an einer Überforderung der Hauptschulen hinsichtlich ihrer Schülerzusammensetzung. Als ich die
Hauptschule Mitte der siebziger bis Anfang der achtziger Jahre besuchte, da hatten
die Lehrer noch genügend Zeit für den stoffvermittelnden Unterricht. Heutzutage sind
Lehrerinnen und Lehrer an den Hauptschulen eher Pädagogen und Sozialarbeiter
und kaum noch Lehrkräfte. Sie sind mit multinationalen Klassenbesetzungen
konfrontiert, wo allein schon die verbale Kommunikation schwierig wird; es sei denn,
die Lehrkraft beherrscht neben deutsch auch italienisch, türkisch, englisch, russisch
und wenn möglich eine asiatische Sprache, wie chinesisch oder tamilisch. Sie sind –
unabhängig, ob ein Migrationshintergrund ihrer Schülerinnen und Schüler vorliegt
oder nicht – mit der Tatsache der sozialen Verwahrlosung ihrer Schützlinge
konfrontiert, wenn berücksichtigt wird, dass viele Hauptschülerinnen und Hauptschüler ohne ausreichend Schlaf oder Frühstück den Schulalltag beginnen. Die
Bildungspolitik, wie die gesamtgesellschaftliche Politik reagiert nicht oder unzureichend auf die sozialen Probleme der Kinder aus dem so genannten ‚abgehängten
Prekariat’ geläufiger mit dem Begriff ‚Unterschicht’ verbunden. Quasi willkürlich
werden die Kinder der EinwanderInnen in die Hauptschulen gesteckt, anstatt dass
ihnen erst einmal die Deutsche Sprache vermittelt wird. In einem Klassenverband, in
der Kinder dem Unterricht nicht folgen können, weil sie die Unterrichtssprache nicht
oder nur unzureichend beherrschen, werden diese Kinder ihre Mitschülerinnen und
Mitschüler, die die Sprache teilweise oder gut beherrschen, ablenken und die
Gruppendynamik weitgehend negativ beeinflussen, dass ein Unterricht in der
deutschen Sprache kaum oder nur eingeschränkt möglich ist.
Als ich noch zur Hauptschule ging, war das Lesen eine wesentliche Komponente im
Schulunterricht und alle konnten diesem Unterricht sprachlich folgen. Es gab einen
geringen Ausländeranteil, der aber sprachlich kompetent genug war, um aktiv am
Unterricht teilzunehmen. Heutzutage ist die Hauptschule zu einem Seismograph
weltbewegender Ereignisse geworden; die Rektorin der Landwehr-Hauptschule in
Dortmund beispielsweise versicherte mir während eines Gesprächs im Frühjahr
2005, dass an ihrer Schule zwei Waisen aus dem Tsunami-Gebieten aufgenommen
würden. Warum nimmt sie keine Real-, keine Gesamtschule oder kein Gymnasium
auf?
Im Informations- und Kommunikationszeitalter sollten wir keine Talente mehr vergeuden. Es kann nicht angehen, dass schon in jungen Jahren, wo sich Basiskompetenzen erst noch ausbilden müssen und die Grundbildung noch nicht gefestigt
ist, Schülerinnen und Schüler selektiert werden. Um es platt zu sagen: dem Rechner,
der eines der wesentlichsten Instrumente im Informationszeitalter darstellt, ist es
gleich, ob ihn ein ehemaliger Haupt- oder Realschüler oder gar ein Gymnasiast
bedient. Um einen Rechner optimal zu bedienen, ist eine solide Lesekompetenz
zwingende Voraussetzung und „90 Prozent der Kinder und Jugendlichen nutzen
hauptsächlich die Kommunikationsform der E-Mail. Noch vor wenigen Jahren hieß
es, durch den Computer würde immer weniger gelesen und geschrieben. Das
Gegenteil ist der Fall. Die klassische Brieffreundschaft lebt im digitalen Zeitalter
336
Deutsche Shell (Hrg.) / Hurrelmann, Klaus / Linssen, Ruth / Leven, Ingo in Arbeitsgemeinschaft mit Infratest
Sozialforschung: „Jugend 2002“ – Wachsende Ungleichheit der Zukunftschancen?, a. a. O., S. 79
129
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
wieder auf. Auch wenn der Inhalt der Mails immer kürzer und möglicherweise auch
belangloser wird.“337 Hat der Rechner bereits die Vermittlung von Lesekompetenzen
übernommen, so darf nicht erwartet werden, dass er dies mit pädagogischen,
kognitiven und empathischen Geschick getan hat. Alle diejenigen, die mit dem
Rechner arbeiten, kennen die Meldungen und Texte, wo sich der Sinn entweder nur
schwer oder gar nicht erschließen lässt, wir aber trotzdem angehalten sind, die
Brisanz des Inhaltes zu erkennen, um beurteilen zu dürfen, wie ernst eine solche
Nachricht ist oder nicht. Wir sind also gezwungen, einen Text ‚querlesen‘ oder
‚überfliegen‘ zu können. Dies allein verlangt schon von dem Leser bzw. der Leserin
eine ausgeprägte Lesekompetenz.
4.1.1.3. Die mathematische Grundbildung
Mathematik hat hierzulande gerade unter den Heranwachsenden einen
bescheidenen Ruf. Woran mag das liegen? Wie auch schon beim Leseverständnis
vor allem durch die Bemerkung BANDURAS 338 deutlich werden sollte, vermute ich,
dass die Bemühungen der Kinder eine mathematische Grundbildung zu erlangen von
den Erwachsenen – vor allem von den Erziehungsberechtigten selbst – zu wenig
unterstützt werden, um eine neue mathematisch-grundlegende Technik zu
beherrschen. Es dürfte interessant sein, in Erfahrung bringen zu können, wie zum
Beispiel das Kleine und das Große Einmaleins zuhause mit den Kindern geübt
werden. Ich denke, die Ursache, dass Eltern sich zu wenig mit der mathematischen
Grundbildung ihrer Sprösslinge auseinandersetzen, hat auch damit zu tun, dass
Mathematik in den Augen der meisten zu weltfremd geworden ist. Für einen
Mathematiker wird jemand gehalten, der äußerlich daherkommt wie damals zu
Beginn der 90iger Jahre der Forschungsminister RIESENHUBER; ein Fliegenträger und
meinem Geschmack nach mit für einen Politiker zu geringer charismatischer
Ausstrahlung. Der Mathematik eilt ein Ruf hinterher, als beschäftige sie sich
ausschließlich mit Zahlen. Es wird dabei übersehen, welch spannende Seiten diese
Naturwissenschaft mit sich bringt. Grundbildende mathematische Erkenntnisse, wie
zum Beispiel die, dass die Mathematik Phänomene aufgreift, die nur durch
menschliche Ratio zu erfassen und in der Natur nicht mit dem bloßen Auge zu
beobachten sind, wie zum Beispiel die Multiplikation oder die geometrische
Erkenntnis, dass sich in den Gebilden der Natur kein rechter Winkel finden lässt, sind
Lehrstunden, die auch außerhalb des Schulgebäudes empirisch den Schülerinnen
und Schülern näher gebracht werden könnten. Die Forscher der jüngsten PISAStudie fanden Hinweise, dass der Mathematikunterricht in Deutschland in „hohem
Maße lehrergeleitet und variationsarm“ verläuft. Das Forschungsergebnis zeigt, dass
80 Prozent der Pädagogen das international sehr einflussreiche Konzept eines
„genetisch-beziehungshaltigen Mathematikunterrichts“339, das darauf beruht, bei der
Vermittlung abstrakter Begriffe an natürliche Phänomene anzuknüpfen, nicht kennen.
Das Interesse an dem Fach Mathematik könnte dementsprechend schon allein durch
einen einzigen Ausflug in die Natur mit einem entsprechend begabten Lehrer bzw.
einer entsprechend begabten Lehrerin sprunghaft ansteigen. Einen weiteren Beitrag
zur Stärkung der mathematischen Grundbildung bei Heranwachsenden könnte sein,
wenn dem Mathematiker und somit auch dem Mathematik Lehrenden, das Stigma
genommen würde, ein Fachidiot zu sein. Denn dem ist in der Realität bei weitem
337
Feibel, Thomas: „Die Internet-Generation“ – a. a. O., S. 125
vgl. Fußnote 21
339
aus der Süddeutschen Zeitung #266 vom 18./19.11.2006, S. 8, Artikel von Schultz, Tanjev: „Lernerfolg
mangelhaft – Neue PISA-Studie findet kaum Fortschritte bei den Schülern – nun geraten die Kenntnisse der
Lehrer in den Blick“
338
130
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
nicht so. Viele mathematisch begabte Lehrkräfte haben einen weiten Horizont und
ein über das Fach Mathematik hinausgehendes Interessensspektrum. Oft finden sich
unter den Mathematikern auch Musiker, so wie MAX W EBER es schon seinerzeit
erkannte: „Die ‚innerlichste‘ der Künste (die Musik), deren Wesen von Grund aus
arationalen oder antirationalen Charakter ist, steht nämlich in einzigartiger Paradoxie
seit der Antike auf bestem Fuße mit der Mathematik, dieser Zitadelle der
Rationalität.“ 340 Auch was das gesellschaftliche Bewusstsein angeht, werden
mathematisch begabte Menschen zu sehr in eine teilöffentliche Schablone des
Rationalseins und des emotionalen und sozialen Analphabetismus gezwängt: „Die
Kritiker bleiben nicht bei dem Vorwurf, die technische Intelligenz könne nur in
mathematisch-physikalischen Dimensionen denken, ohne die sozialen und humanen
Belange zu berücksichtigen, ja ohne über-haupt noch nach dem Sinn von
Fortentwicklungen zu fragen.“341 Wenn die Lehre und in diesem Fall die Lehre der
mathematischen Grundausbildung nicht von ihrem weltfremden Stigma befreit wird,
können wir nicht erwarten, dass das Interesse an einer mathematischen
Grundbildung bei den Heranwachsenden gegeben sein oder geweckt werden kann.
Abb. 4.1.1.3.: mathematische Grundbildung der europäischen 15jährigen Jungen aus der PISA-Studie
2000
4.1.1.4. Die naturwissenschaftliche Grundbildung
„Drei Viertel der Schüler, die in Nordrhein-Westfalen die gymnasiale Oberstufe
besuchen, haben weder Physik noch Chemie gehabt. Wie die DEUTSCHE
PHYSIKALISCHE GESELLSCHAFT ermittelt hat, beschäftigen sich heute gerade noch
zehn bis fünfzehn Prozent der Schüler mit Physik, im Unterschied zu dreißig Prozent
vor der Oberstufenreform.“ 342 GÖBEL u. a. stellten dieses Manko vor mehr als 20
Jahren fest. Hat sich daran heute etwas geändert? Ich vermute kaum, und es stimmt
traurig, auch wenn es vielleicht in diesem Fall vor allem nur ein Bundesland in
340
Dorschel, Andreas: „Harmonie als Währung – Sie quillt nicht bloß aus dem Fühlen: Max Weber über Musik“,
Süddeutsche Zeitung, #292, 16.12.2004, S. 16, a. a. O.
341
Schlaffke, Winfried: „Das Jugendsyndrom“ – Mut zur Technik – Vertrauen in die Zukunft, a. a. O., S. 45
342
Göbel, Uwe / Kollenberg, Udo / Pieper, Ansgar / Schlaffke, Winfried: „Das Jugendsyndrom“ – Mut zur
Technik – Vertrauen in die Zukunft, a. a. O., S. 48
131
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Deutschland betraf. Dabei gilt experimentelle Physik als ein wesentlicher Grundstein,
um das Interesse an der naturwissenschaftlichen Grundbildung zu wecken und zu
fördern. Die Durchführung der experimentellen Physik ist nicht ausschließlich davon
abhängig, dass alle Schulen über gut ausgestattete Laboratorien verfügen. Es würde
auch schon genügen, wenn Schülerinnen und Schüler Zeuge von einfachen naturwissenschaftlichen Experimenten sein dürften. Die theoretischen Grundlagen der
Physik in frühen Jahren zu vermitteln, halte ich für etwas problematisch, da
physikalische Zusammenhänge theoretisch sich erst dann vermitteln lassen, wenn
das abstrakte Denken entsprechend geschult ist. Das Interesse an naturwissenschaftlichen und technischen Vorgängen unter den Heranwachsenden zwischen 13
und 29 Jahren folgt der GAUßSCHEN Normalverteilung, wie die Abbildung 4.1.1.4.
zeigt.
Abb. 4.1.1.4.: naturwissenschaftliches Interesse der Jugend Anfang der 90iger Jahre
4.1.1.5. Die Basiskompetenzen
Basiskompetenz meint, zutreffende grundlegende Aufgaben selbstständig durchführen zu können, wobei „kompetentes Handeln auf differenzierte Reaktionen beruht,
die häufig den leisesten Veränderungen der Bedingungen Rechnung tragen müssen.
In manchen Verhaltensstörungen zeigt sich in erster Linie mangelhaftes Kontingenzlernen. Das geht entweder auf falsche Bekräftigungspraktiken zurück oder auf stressbedingten Verlust dieser Funktionen.“ 343 Wobei hier als Kontingenzlernen die
Kontingenz nach NICLAS LUHMANN und TALCOTT PARSONS verstanden wird, also das
Lernen „um die prinzipielle Offenheit menschlicher Lebenserfahrungen und um die
soziale Welt als eine, die weder zufällig noch notwendig ist und unter vielen möglichen wahrgenommen werden kann. Selbst die Wahrnehmung der Welt ist
kontingent, beruht auf Unterscheidungen und Konstruktionen, welche auch anders
sein und gemacht werden könnten. Die prinzipielle Offenheit menschlicher Einstellungen und Handlungen, die zur Komplexität führt, wird durch Bildung von
sozialen Systemen reduziert.“344
Eines dieser sozialen Systeme für Heranwachsende ist die Familie, ein anderes die
Schule. Wenn, wie BANDURA feststellt, dass mangelndes Kontingenzlernen entweder
auf falsche Praktiken jemanden zu motivieren oder darauf zurückzuführen ist, dass
343
344
Bandura, Albert: „Sozial-kognitive Lerntheorie“, a. a. O., S. 98
http://de.wikipedia.org/wiki/Kontingenz_%28Soziologie%29, Stand: 14.12.2005 16:37
132
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Stress – und zwar Disstress – im Spiel ist, dann finden sich die Herde solcher
Mängel zu eins in erster Linie in der Schule und zu zwei in erster Linie in der Familie.
Der Schule kann hinsichtlich mangelndem Kontingenzlernen keine Komplettverantwortung aufgebürdet werden, da die vorschulische Erziehung im Kontingenzlernen
eine wesentliche Vorreiterposition einnimmt: „AUGUST FRÖBEL sorgte 1840 mit seinen
ersten ‚Kindergarten’ der Welt dafür, dass noch heute Franzosen, Engländer und
Spanier das deutsche Wort verstehen. – Weder in der Wissenschaft noch in der
Politik genössen die frühkindliche Bildung und Erziehung die Beachtung, die ihnen in
anderen Ländern zu kamen. – Stiftungen wie die von BERTELSMANN oder der
DEUTSCHEN TELEKOM prämieren Modelle zur besseren Zusammenarbeit zwischen
Kindertagesstätte und Schule oder stellen Erzieherinnen und Erziehern Werkzeuge
für naturwissenschaftliche Erkundungen zur Verfügung. – Bremen schießt seit 2002
jedes Jahr 1,3 Mio. Euro zusätzlich in die frühkindliche Bildung. Sie dienen der
Sprachförderung, der Weiterbildung von Erziehern, der besseren Zusammenarbeit
der Kindergärten mit der Grundschule und anderen Bildungsvermittlern. – Die
Universität Bremen hat einen Weiterbildungsstudiengang für Erzieher eingerichtet
‚frühkindliche Bildung’. Hier können Erzieher erfahren, auf welche Weise das Gehirn
von Vorschulkindern Neues verarbeitet und wie man Kindern aus fremden Kulturen
Deutsch beibringt. Außerdem gibt es Schwerpunkte wie Natur, Technik, Mathematik.
– In allen Ländern Westeuropas (außer Deutschland und Österreich) gibt es
zumindest für Führungskräfte in Kindergärten ein Studienangebot, in einigen gar für
alle Erzieher. Der OECD-Kindergarten-Report 2004 bemängelt deshalb nicht nur die
schlechte Bezahlung deutscher Erzieher und ihre geringen Aufstiegschancen,
sondern auch die unzureichende Ausbildung. Außerdem bemängeln die OECDExperten in ihrem Bericht, dass es in Deutschland weniger Professorenstellen für die
frühkindliche Bildung gibt als für die japanische Sprache. Wissenschaftliche Fachzeitschriften fehlen völlig. – Das WASHINGTONER ECONOMIC POLICY INSTITUTE rechnete
aus, dass für jeden Dollar, der in ein Bildungsprogramm für Drei- und Vierjährige
investiert wird, drei Dollar zurückfließen: durch Steuereinnahmen, geringere Sozialhilfeausgaben oder abnehmende Kriminalität.“345
Dieser Auszug aus der Wochenzeitung DIE ZEIT dürfte mithilfe dieses Artikels eines
Eindrucks nicht erwehren brauchen, warum die Basiskompetenzen, die als eine
Voraussetzung für das weitere Lernen von elementarer Bedeutung sind, unter den
Grundschülerinnen und -Schülern nicht oder nur wenig vorhanden sind. Da braucht
es meiner Ansicht nach auch nicht weiter wundern, dass ein mäßig durchschnittliches Resultat im internationalen Kompetenzvergleich von 15jährigen (PISA) zu
erwarten ist und nicht ein überdurchschnittlicher Erfolg, den ein Industrieland wie
Deutschland von seinem Nachwuchs erwartet.
Dass Maßnahmen von Bedeutung sind, die die durch die OECD-Experten kritisierten
Mängel an der frühkindlichen Erziehung aufzuheben im Stande sind, sollte auch ein
Beispiel aus Großbritannien zeigen dürfen, dass „anders als üblich im THOMAS
CORAM CHILDREN’S CENTRE keine Symbole aus der Tier- und Pflanzenwelt über
Handtuchhaken und Fächern zu finden sind. Stattdessen tauchen die Namen der
Kinder immer wieder auf. ‚Ein Kind ist kein Hase, keine Blume’, sagt BERNADETTE
DUFFY. ‚Sie heißen Leon oder Thomas. Und diesen Namen sollen sie möglichst bald
lesen und schreiben lernen.’ – Jedes Kind verlässt die Kindertagesstätte mit einem
345
Otto, Jeannette / Spiewak, Martin: „Spielend ein Genie – Nach einer neuen OECD-Studie sind Deutschlands
Kindergärten von internationalen Standards immer noch weit entfernt. Die Kleinen lernen zu wenig. Das soll
sich ändern“, DIE ZEIT, #49, 25.11.2004, S. 37
133
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
mehrseitigen Gutachten, das erleichtert den Übergang in die erste Klasse. – Ähnlich
wie die Schulen in Großbritannien prüft das Amt für Standards in der Erziehung seit
2001 regelmäßig auch die englischen Kindergärten.“346
4.1.1.6. zielgerichtete Motivation
Die Hauptschule als solche ist meiner Ansicht nach mit dem Primärziel der
zielgerichteten Motivation überfordert, da sich die Lehrkräfte – wie bereits in
vorangegangenen Kapiteln eingehend erwähnt – zu sehr auf sozial-pädagogischen
und sogar -therapeutischen Ebenen betätigen müssen. Und sie ist finanziell
unterausgestattet, um den Forderungen nach Bildung für Heranwachsende gerecht
werden zu können. Demzufolge sollte entweder die Vorbereitung zur Weiterbildung
oder die sozialpädagogische bzw. -therapeutische Betreuung von den Schulen
delegiert werden dürfen. Besonders Hauptschülerinnen und -Schülern sollte das
Gefühl gegeben werden, dass ihre Berufswünsche keine utopischen Träume
darstellen, weil der nächstliegende Schulabschluss sie nicht für ihren Traumberuf
qualifiziert, sondern sie sollten sich bestätigt wissen, dass die Schule, die sie
besuchen, sie verlässlich auf die nächst höhere Bildungsstufe vorbereiten und ihnen
grundlegende Kompetenzen vermitteln wird.
4.1.1.7. Interesse am Lernen
Doch nicht nur die Schule als Einrichtung mit ihrem Lehr-, Organisationspersonal und
Möglichkeiten hinsichtlich der Ausstattung und des Materials ist gefordert, um die
Motivation ihrer Schülerinnen und Schüler gezielt zu fördern, auch die Schüler selbst
sollten durch engagierten und motivierten Schulbesuch beweisen, dass sie Interesse
am Lernen haben.
Es sollte sich darstellen lassen, dass „sich das Lernen tatsächlich auf der Basis von
Modellierung und Unterweisung ebenso wie durch das Feedback aus der Auseinandersetzung mit der Umwelt vollzieht“347: Diese Erkenntnis von BANDURA wird noch
eine wesentliche Rolle im 4.2. und 4.3. spielen, denn auf sie beruht die wichtige
Fähigkeit, kontingent lernen und somit auch kontingent Begabungen erkennen und
fördern zu können.
Die Schulnoten gerade in den lernintensiven naturwissenschaftlichen Fächern bieten
meiner Ansicht nach einen idealen Spiegel, um nicht nur die Leistungen der
Schülerinnen und Schüler zu interpretieren, sondern auch deren Interesse am
Lernen. Signifikant auffällig ist der Leistungsabfall im Fach Mathematik, den ich an
einer kleinen empirisch signifikanten, aber nicht-repräsentativen Befragung von 93
Schülerinnen und Schüler der Dortmunder Hauptschule an der Landwehr, die zum
Zeitpunkt der Befragung 15 Jahre alt waren belegen kann348:
Tab. 4.1.1.7a: Leistungsvergleich der 15jährigen HauptschülerInnen der Dortmunder Landwehr in
den Naturwissenschaften
Anzahl der befragten 15jährigen
Noten
sehr gut
gut
befriedigend
ausreichend
mangelhaft
Mathematik Winter
346
Spiewak, Martin: „Wo Mutter mit zur Kita geht – in den neuen britischen Kindergärten für sozial Schwache
werden manchmal auch die Eltern mit betreut“, DIE ZEIT, #49, 25.11.2004, S. 37
347
Bandura, Albert: „Sozial-kognitive Lerntheorie“, a. a. O., S. 98
348
im April 2005
134
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
2005
Mathematik Sommer
2004
Chemie Winter 2005
Chemie Sommer 2004
Physik Winter 2005
Physik Sommer 2004
Biologie Winter 2005
Biologie Sommer 2004
3
12
35
31
10
2
2
4
6
2
5
22
18
12
20
16
16
28
36
31
26
19
21
38
39
26
24
21
22
15
27
15
2
1
5
2
5
-
Gemäß der Tabelle 4.1.1.7b muss wohl der Physik- und Biologieunterricht im Jahr
2004 bis zum Januar 2005 besonders interessant gewesen sein. Ein kleiner Einblick
in den vermittelten Unterrichtsstoff, so wie es die befragten Schülerinnen und Schüler
wiedergaben, soll diesem Phänomen auf den Grund gehen dürfen. In der neunten
Klasse wurde in Biologie die Funktion des Auges, die mendelschen Gesetze und
Erbanlagen, über die Vermehrung von Mäusen, über Körper- und Sinnesorgane
unterrichtet. Gemessen an den erzielten Leistungen schien das Interesse am Lernen
dieses Stoffes eher im Mittelmaß. Ein „Sehr Gut“ befand sich nicht unter der
Leistungsbewertung. Ebenfalls in der neunten Klasse wurde in Physik laut eigenen
Angaben der Schülerinnen und Schüler das newtonsche Gesetz der Geschwindigkeit, das Gesetz von Kraft und Last, die Bewegungslehre, über Kraft und Leistung
am Beispiel eines Flaschenzuges, Hebelgesetze, Gravitation, Last- wie Kraftarm und
Streckenberechnungen durchgenommen. Die Qualität des Physikunterrichtes wurde
dementsprechend mit überdurchschnittlichen Leistungen quittiert. In Chemie wurden
laut Angaben der Schülerinnen und Schüler Atome, Atomaufbau und das Periodensystem der Elemente sowie das Element Stickstoff durchgenommen, falls überhaupt
Chemie-Unterricht stattfand. Der Leistungsverlauf ist im Laufe des Schuljahres in
Chemie leicht rückläufig. In Mathematik wurde laut eigener Angaben der befragten
Schülerinnen und Schüler Zins- und Prozentrechnung, Bezeichnung von Winkelmaßen, Kalkulation von Preisen, Berechnungen von Brutto- und Nettolöhnen, der
Satz des Pythagoras, Wurzelziehen, Additions- und Subtraktionsverfahren, Kathetenund Hypotenusenquadrate, Kreisberechnungen als auch Gleichungen mit zwei
Unbekannten durchgenommen. Die Didaktik im Fach Mathematik des neunten
Schuljahrs wirkt hier ein wenig sprunghaft und erklärt damit vielleicht auch den
enormen Anstieg an schlechten Leistungen (vgl. Tabelle 4.1.7.a bis f).
Tab. 4.1.1.7b: Leistungsvergleich der 15jährigen Hauptschülerinnen der Dortmunder Landwehr in
den Naturwissenschaften
Anzahl der befragten 15jährigen
Noten
sehr gut
gut
befriedigend
ausreichend
mangelhaft
Mathematik Winter
2005
2
6
19
20
4
Mathematik Sommer
2004
2
10
24
13
1
Chemie Winter 2005
7
20
14
1
Chemie Sommer 2004
7
13
11
3
Physik Winter 2005
1
12
9
14
Physik Sommer 2004
2
9
14
8
1
Biologie Winter 2005
2
7
23
17
1
Biologie Sommer 2004
3
18
23
6
Tab. 4.1.1.7c: Leistungsvergleich der 15jährigen Hauptschüler der Dortmunder Landwehr in den
Naturwissenschaften
Anzahl der befragten 15jährigen Jungen
135
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Noten
Mathematik Winter
2005
Mathematik Sommer
2004
Chemie Winter 2005
Chemie Sommer 2004
Physik Winter 2005
Physik Sommer 2004
Biologie Winter 2005
Biologie Sommer 2004
sehr gut
gut
befriedigend
ausreichend
mangelhaft
3
6
16
11
6
2
2
4
6
2
5
12
11
5
8
7
9
10
12
11
13
10
7
15
16
13
10
10
8
7
10
9
1
2
1
4
-
Tab. 4.1.1.7d: Leistungsvergleich der 15jährigen HauptschülerInnen der Dortmunder Landwehr 9.
Klasse in den Naturwissenschaften
Anzahl der befragten 15jährigen Mädchen
Noten
sehr gut
gut
befriedigend
ausreichend
mangelhaft
Mathematik Winter
2005
2
6
17
12
6
Mathematik Sommer
2004
1
14
13
12
2
Chemie Winter 2005
11
12
8
1
Chemie Sommer 2004
2
6
15
6
3
Physik Winter 2005
4
13
8
11
Physik Sommer 2004
5
10
7
6
2
Biologie Winter 2005
12
15
11
4
Biologie Sommer 2004
1
17
19
6
Tab. 4.1.1.7e: Leistungsvergleich der 15jährigen HauptschülerInnen der Dortmunder Landwehr 8.
Klasse in den Naturwissenschaften
Anzahl der befragten 15jährigen in der 8. Klasse
Noten
sehr gut
gut
befriedigend
ausreichend
mangelhaft
Mathematik Winter
2005
1
4
12
12
4
Mathematik Sommer
2004
1
7
13
11
Chemie Winter 2005
5
15
10
Chemie Sommer 2004
5
6
11
1
Physik Winter 2005
4
7
4
Physik Sommer 2004
1
4
9
6
Biologie Winter 2005
2
3
14
11
Biologie Sommer 2004
4
8
12
6
Tab. 4.1.1.7f: Leistungsvergleich der 15jährigen HauptschülerInnen der Dortmunder Landwehr 7.
Klasse in den Naturwissenschaften
Anzahl der befragten 15jährigen in der 7. Klasse
Noten
gut
befriedigend
ausreichend
mangelhaft
Mathematik Winter
2005
2
6
7
Mathematik Sommer
2004
1
10
3
Chemie Winter 2005
2
4
6
Chemie Sommer 2004
1
5
4
1
Physik Winter 2005
3
4
7
Physik Sommer 2004
2
5
3
Biologie Winter 2005
1
9
4
1
Biologie Sommer 2004
3
8
3
136
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Auch wenn es in den Naturwissenschaften Fächer gibt, die das modulhafte Lernen
unabdingbar machen, wie zum Beispiel Biologie, so sollte meiner Meinung nach, um
das Interesse bei den Schülerinnen und Schülern am Lernen lebhaft zu lassen, bei
der Didaktik eine etwas größere Sorgfalt hinsichtlich der Schnittstellen, die die
einzelnen Module haben, an den Tag gelegt werden. Im Fach Mathematik kann kein
modularer Unterricht in der Sekunda gewährleistet werden. Zwar sieht der Lehrplan
von der Algebra und der Arithmetik bis zur Geometrie verschiedene Themen vor,
doch all diese Themen sind von den Schülerinnen und Schülern durch reines
Interesse kaum zu bewerkstelligen, wenn sie Lücken in vorangegangenen Themen
aufweisen. Soll heißen, wer mit Brüchen nicht umgehen kann, von dem lässt sich
nicht erwarten, dass er oder sie so ohne weiteres Gleichungen mit zwei Unbekannten
lösen kann. Solche Lücken lassen sich aber nicht beliebig durch eine angemessene
Didaktik des Lehrpersonals schließen, ohne dass dies auf die Kosten der Schülerinnen und Schüler geht, die keinerlei Lücken im Fach Mathematik aufzuweisen haben.
Gerade an dieser Stelle sollte die Begabungsförderung Heranwachsender ansetzen
und u. a. mithilfe des Trainingsraumprojektes nach FORD, das im Anhang dieser
Ausarbeitung etwas ausführlicher angesprochen wird, ansetzen. Dies entlastet sowohl Schülerinnen, Schüler, Lehrer und Lehrerinnen. Denn wie ganz besonders die
Grafik 4.1.1.7e zeigt, verbessern sich die Noten – hier in den naturwissenschaftlichen
Fächern – keinesfalls dadurch, dass Klassenstufen wiederholt werden.
Abb. 4.1.1.7a: Leistungsspiegel der 15jährigen
Landwehr-HauptschülerInnen, Dortmund in
den Naturwissenschaften
Abb. 4.1.1.7c: Leistungsspiegel der 15jährigen
Landwehr-Hauptschüler, Dortmund in den
Naturwissenschaften
Abb. 4.1.1.7d: Leistungsspiegel der 15jährigen
Landwehr-HauptschülerInnen, Dortmund 9. Klasse
in den Naturwissenschaften
Abb. 4.1.1.7b: Leistungsspiegel der 15jährigen
Landwehr-Hauptschülerinnen, Dortmund in den
Naturwissenschaften
137
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Abb. 4.1.1.7f: Leistungsspiegel der 15jährigen
Landwehr-HauptschülerInnen, Dortmund 8.
Klasse in den Naturwissenschaften
Abb. 4.1.1.7e: Leistungsspiegel der 15jährigen
Landwehr-HauptschülerInnen, Dortmund 7. Klasse in
den Naturwissenschaften
Auffallend, dass alle Grafiken von 4.1.1.7a bis f stark dem naturwissenschaftlichen
Interesse der Jugend Anfang der 90iger Jahre ähneln (vgl. Abbildung 4.1.1.4.). Dass
all diese Abbildungen annähernd normalverteilt sind, spricht nicht unbedingt für
durchschnittliche Leistungen und erst Recht nicht für ein gehobenes Interesse am
Lernen der Schülerinnen und Schüler. Eine ideale Verteilung würde negativ
exponentiell verlaufen, wenn die Abszisse den Notenverlauf von links mit guten
Leistungen nach rechts mit weniger guten Leistungen und die Koordinate von unten
mit geringem Lerninteresse nach oben mit hohem Lerninteresse verliefe, dann sähe
das Idealverhältnis aus, wie es in Abbildung 4.1.1.7.o. auf Seite 144 dargestellt ist.
Abb. 4.1.1.7g: Zwei Mathematik-Benotungen im
Halbjahresvergleich bei den Mädchen
Abb. 4.1.1.7h: Zwei Mathematik-Benotungen
im Halbjahresvergleich bei den Jungen
138
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Abb. 4.1.1.7i: Zwei Chemie-Benotungen im
Halbjahresvergleich bei den Mädchen
Abb. 4.1.1.7j: Zwei Chemie-Benotungen im
Halbjahresvergleich bei den Jungen
Abb. 4.1.1.7k: Zwei Physik-Benotungen im
Halbjahresvergleich bei den Mädchen
Abb. 4.1.1.7l: Zwei Physik-Benotungen im
Halbjahresvergleich bei den Jungen
Abb. 4.1.1.7m: Zwei Biologie-Benotungen im
Halbjahresvergleich bei den Mädchen
Abb. 4.1.1.7n: Zwei Biologie-Benotungen im
Halbjahresvergleich bei den Jungen
Bei genauer Ansicht der Grafiken 4.1.1.7g bis n fällt auf, dass bei den Jungen in den
Mathematikleistungen eine Verbesserung im Mittelfeld festzustellen ist, wohingegen
bei den Mädchen die Leistungen im Mittelfeld um fast ein Fünftel im gleichen Zeitraum gesunken ist. Im Fach Chemie dagegen ist es genau umgekehrt. Mehr als ein
Fünftel aller Mädchen haben im Mittelfeld ihre Leistungen in diesem Fach innerhalb
eines Halbjahres verbessern können, während die mittelmäßigen Leistungen bei den
Jungs im Fach Chemie sich in diesem Halbjahr verschlechterten. Die Physiknoten
der Mädchen waren laut eigenen Angaben im Sommer 2004 um das Mittelfeld herum
nahezu normalverteilt. Im folgenden Zeugnis Winter 2004 / 2005 dagegen gibt es um
die Mittelfeldnoten herum einen starken Einbruch. Ganz anders bei den Jungs,
wovon laut eigenen Angaben die Hälfte mittelmäßige Noten im Sommer 2004 als
Physiknote auf dem Zeugnis verbuchten, so stieg im darauf folgenden Winterzeugnis
die Zahl der mittelmäßigen Jungen rapide an. Einen beachtlichen Kurvenverlauf
139
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
nehmen die Leistungen in Biologie für beide Geschlechter, wo sich gerade die
niedrigsten Schulleistungen haben sowohl bei den Mädchen als auch bei den Jungen
steigern können. Das ging offensichtlich auf Kosten derjenigen Mädchen und
Jungen, die im Zeugnis davor gute Noten zu verzeichnen hatten. Denn dort nahm die
Zahl besonders der Leistungsträgerinnen rapide ab. Auch bei den Jungen verläuft
die Biologieleistungskurve bei den hohen Leistungen so, dass sich mutmaßen ließe,
dass gute Schüler möglicherweise innerhalb eines Halbjahres in diesem Fach unterfordert gewesen waren.
Abb. 4.1.1.7o: Die Lerninteresse-/Leistungskurve
4.1.1.8. Interesse an Mathematik
Abb. 4.1.1.8.: Interesse an Mathematik der Jugend Anfang der 90iger Jahre
Das Interesse an Mathematik scheint laut Studie der DEUTSCHEN SHELL-Stiftung
besonders nach der Pubertät anzusteigen. Ich mutmaße, dass besonders nach der
Schulzeit eine andere Verpflichtung und eine andere Sichtweise an das Fach Mathematik gelegt wird. Möglicherweise wird erst im kommenden beruflichen Alltag den
Jugendlichen bewusst werden, dass Mathematik nicht für die Schule, sondern fürs
Leben gelernt wird. Mag sein, dass sie eines Tages im beruflichen Alltag gefordert
werden, eigenständig einen Dreisatz aufstellen und lösen zu müssen. Oder dass sie
mit Brüchen konfrontiert werden. Darum sollte eine Lehrkraft, die den Jugendlichen
‚Mathematik fürs Leben‘ lehrt nicht nur im Fachgebiet Mathematik gut geschult,
sondern auch in der Didaktik fähig sein. Vielleicht gar fähiger als eine Lehrkraft in
irgendeinem anderen Fach. Denn wie sonst lässt es sich erklären, dass Geometrie
im Allgemeinen auch bei den Schülerinnen und Schülern gut ankommt, die als
mathematisch ‚unbegabt‘ gelten? Hängt es wohlmöglich damit zusammen, dass in
140
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
der Geometrie dem Zeichnen von physikalischen Körpern und Gebilden eine große
Rolle zukommt? Warum wird im Allgemeinen dem Bruchrechnen weniger Aufmerksamkeit zuteil als der Geometrie? Oder warum ist das arithmetische Rechnen
beliebter als das Rechnen mit Unbekannten in der Algebra? Gerade im Fach Mathematik ist kontingentes Lernen besonders wichtig und darf nicht durch Vorgaben im
Lehrplan eingeengt werden dürfen. Im schulischen Alltag sieht das allerdings anders
aus. Die Lehrkraft in Mathematik ist zu sehr an den Vorgaben des Lehrplanes
gebunden und dieser Lehrplan lässt wenig Freiraum für wichtige Wiederholungsübungen. Mathematik lebt aber von Wiederholungen, weil es – mehr als andere
Fächer – ein stringentes Fach ist. Wer keine Brüche lösen kann, der wird keine
Algebra oder Geometrie beherrschen. Beim Lehren von Mathematik sollte dem
Lernenden erst einmal bewusst gemacht werden, wofür Mathematik überhaupt
gebraucht wird. Keinem 15jährigen sollte sich erst die Frage stellen müssen, ob das
Lernen von Mathematik überhaupt einen Sinn ergibt. Eine gute Lehrkraft unterweist
die Schülerinnen und Schüler in die Psychologie der Mathematik und erklärt ihnen,
dass der Mensch von Natur aus eine mathematische Begabung hat, die schon damit
anfängt, Dinge wahrzunehmen und zu sortieren. Und dass beim Sortieren sich die
Addition als erstes gewissermaßen aufdrängt. Des Weiteren sollte dann nicht
unerwähnt bleiben, dass es in der Natur des Menschen liegt, Verluste nur schwerlich
zu akzeptieren und es prinzipiell somit jedem Menschen schwerer fällt zu subtrahieren, statt zu addieren. Wenn dann eine Lehrkraft gegenüber seinen Schülerinnen und Schülern in Mathematik ehrlich genug ist, um zu beweisen, dass dem
Menschen prinzipiell das Teilen schwerer als das Multiplizieren fällt, dann kann die
Lehrkraft darauf hinweisen, dass sie a priori weiß, dass ein und dieselbe Klassenarbeit im gesamten schlechter ausfallen wird, wenn aus den gegebenen positiven
Vorzeichen der Aufgabenstellung negative Vorzeichen gemacht werden. Die Natur
des Menschen gilt als geizig, die lieber vermehrt als verliert. Somit ist in der
Psychologie der Mathematik auch zu erklären, dass im Schnitt eine Aufgabe in der
multipliziert werden soll, besser gelöst wird, als die gleiche Aufgabenstellung als
Division. Jedoch lässt sich im schulischen Alltag nicht jede mathematische Aufgabe
mit der Natur des Menschen oder mit der Natur als solche erklären. Es gibt in der
Mathematik reichliche Abstraktionen, die aus dem menschlichen Denken selbst
stammen. Als Beispiel dafür gilt das Rechnen mit Potenzen oder mit geometrischen
Winkeln. Es lässt sich vermuten – wenn den Schülerinnen und Schülern Mathematik
psychologisch zu Beginn nahe gelegt wurde – und auch erwarten, dass das
Interesse an der Mathematik erst durch kontingentes Lehren entfacht werden wird.
Allein die Tatsache, darauf hinzuweisen, dass Mathematik eine Sprache ist, die
überall auf der Welt verstanden wird, vermag schon einige Blockaden, die aus
Abneigung gegenüber dem Fach Mathematik entstanden sind, aufzulösen.
Mathematik ist im Grunde genommen ein kreatives Fach, welches vom Mitdenken
stärker geprägt ist, als viele andere Fächer. Ich möchte sogar soweit gehen,
behaupten zu dürfen, dass Mathematik eines der interdisziplinärsten Schulfächer
darstellt. Denn Mathematik findet sich in musischen Bereichen genauso wie auf
sprachlichen und geisteswissenschaftlichen Ebenen. Die Kunst kennt beispielsweise
additive und subtraktive Farbmischungen. 349 Die Musik besteht zum Großteil aus
Brüchen; z. B. aus ganzen, halben, viertel und achtel Tönen. Die Sprache, wie zum
Beispiel die Programmiersprache ist algorithmisch und somit mathematisch. Auch
349
additive Farbmischungen entstehen durch Lichtfarben (z. B. bei der Übertragung von Farbfernsehsignalen)
und subtraktive Farbmischungen entstehen durch chemische bzw. organische Farben (z. B. beim Komponieren
von Pastellfarben)
141
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
wenn die Mathematik regelgebunden ist, so lässt sie doch den Anwender bzw. der
Anwenderin genügend Spielraum, eigene Rechenwege zu beschreiten oder gar neue
Wege zu erfinden: „In der mit 100 Schülern überfüllten Schulstube erteilte der Lehrer
die Aufgabe, alle Zahlen von 1 bis 100 zu addieren. Lange vor seinen Mitschülern
hatte der kleine CARL FRIEDRICH (GAUSS) das richtige Ergebnis parat. Anhand von 50
Zahlenpaaren mit der Summe von 101 (1 + 100, 2 + 99, 3 + 98 und so weiter) löste
er die Aufgabe mit 50 x 101 = 5050 als richtiges Ergebnis.“350
4.1.1.9. Anstrengung und Dauer beim Lernen
Lernen ist keine Frage von Dauer und Anstrengung allein. Lernen braucht das
richtige Umfeld. Ich erinnere mich gern an eine Sendung der US-amerikanischen
Comic-Kult-Serie ‚THE SIMPSONS‘, wo das Lernen auf vergnügliche und dennoch
anschauliche Weise zum Thema wurde. Es ging in dieser Sendung um den kleinen
Schulversager Bart Simpson, der sich von einem strebsamen und unbeliebten
Mitschüler in die Hohe Kunst des effizienten Lernens unterweisen ließ. Der ‚Streber‘,
der ein sozial interaktives Übereinkommen mit Bart traf (auf das ich hier nicht näher
eingehen möchte), räumte zuerst Barts Kinderzimmer auf und nahm sich vor allem
dabei Barts mit vielerlei unnützen Krams überfrachteten Schreibtisch vor. Will sagen:
Lernen braucht Raum. Manche brauchen zum Lernen Ruhe, andere profitieren
davon, wenn Hintergrundgeräusche wie zum Beispiel Musik aus dem Radio oder
Fernsehen läuft.
4.2. Fördern der allgemein- und berufsbildenden Kompetenzen mithilfe des Internets
Eine maßgebliche Kompetenz im beruflichen Alltag ist der Umgang mit den Neuen
Medien. Das Internet ist eines von vielen Medien, welches – wie alle anderen Medien
auch – eine gewisse Kompetenz erfordert, bekannt auch unter der Begriffskombination Medienkompetenz, die einen mündigen Umgang mit Medien beschreibt.
Mit dem Begriff der Medienkompetenz wird „offensiv nach den innovativen Möglichkeiten mit Medien gefragt“. 351 Die Medienkompetenz verlangt heute und auch in
naher wie ferner Zukunft dem Menschen ein gehöriges Maß an persönlicher Disziplin
genauso wie an Flexibilität ab. Disziplin in der Medienkompetenz bedeutet in sofern,
dass es gilt sich stets mit innovativen Methoden gesellschaftlicher Informationsverarbeitung auf den „neuesten Stand der Dinge“ halten zu lassen und so „mit der Zeit
zu gehen“ (wer beispielsweise heutzutage nicht stets und fast überall mit Mobilfunk
erreichbar ist, ist von seinem Status als handelnder Rollenträger entweder der
Gesellschaft zu „unwichtig“ oder zu „wichtig“). Flexibilität in der Medienkompetenz
heißt dem Trend zu folgen, den die Medienwelt als solchen vorgibt. Sei es dabei sich
auf neue mediale Prozesse in der Arbeitswelt einstellen zu können, sei es sich stets
mit den permanent modifizierenden Regeln der System- sowie der Spieltheorie
medienkompetent auseinandersetzen zu können (wer beispielsweise heutzutage
nicht über einen Internetzugang verfügt, sei es beruflich oder privat, wird gleichermaßen wie eben bereits erwähnt als gesellschaftlich anerkanntes Individuum statusbedingt in Frage gestellt). Diese Phänomene hinsichtlich der Mediendisziplin und
Medienflexibilität betreffen nicht explizit das Individuum, sondern und vor allem auch
gesellschaftliche Organe, wie Institutionen, Organisationen, Unternehmen, Parteien
und Verbände. Letztendlich wirft diese Form des sozialen Handelns doch wieder
Licht und Schatten auf jeden Einzelnen zurück, denn es ist letztlich das Individuum,
350
351
http://www.gaussjahr.de/gauss.php, Stand: 30.12.2006 07:38
Thilo Hardt, „Das Internet als Herausforderung politischer Bildung“, a. a. O. , S. 149
142
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
das den Umgang mit den Neuen Medien lernen, dabei Erfolge und Niederschläge
verkraften muss. Dafür sind nach HARDT vor allem zwei Komponenten, ausschlaggebend, die erlernt werden sollten352:
-
die Befähigung zum souveränen Medienumgang
die Fähig- und Fertigkeiten jedes einzelnen, mit dem technologischen Wandel
fertig zu werden
Maßgeblich für einen kompetenten Umgang Heranwachsender mit Medien ist auch
eine Neustrukturierung des klassischen Schulungsunterrichts. Dabei soll nicht auf die
grundlegenden klassischen Schulfächer verzichtet werden müssen, doch zugunsten
eines modularen Wissensaufbaus, der entscheidend ist, um ‚mit dem technologischen Wandel fertig zu werden’, sollten die klassischen Schulfächer stärker ineinander verzahnt werden können. Ein Beispiel dafür hat „ Niedersachsen, das einzige
Bundesland, wo die Mobilitätserziehung nun in alle Jahrgänge der allgemeinen und
berufsbildenden Schulen hineinreicht – festgeschrieben im Lehrplan und fächerübergreifend. Es wurde kein neues Schulfach geschaffen, sondern die Lerninhalte in
sieben klassische Fächer – Deutsch, Englisch, Physik, Biologie, Sport, Kunst und
Gesellschaftskunde – integriert.“ 353 Diese Erziehung zur Mobilität meint nicht den
Aufbruch einer immer mobiler werdenden Gesellschaft als solche, sondern eher die
eigene Mobilität in Bezug auf flexibles Denken und Handlungsmobilität. Um solche
Kompetenzen zu lehren und zu lernen sollte der Gestaltungsfreiheit der Lehrkörper,
wie der Schülerschaft und der Schulleitung einen breiten sozialen Handlungsspielraum eingeräumt werden. Dieser Handlungsspielraum sollte dann nicht nur für den
Schulunterricht gelten, sondern auch über das Schulgebäude hinaus seinen
Geltungsbereich haben dürfen. Um einen solchen Gestaltungsspielraum schaffen
und einrichten zu können, bedarf es vor allem an Personal und Kapital. Gerade in
dieser Bedarfssituation befinden sich staatliche Schulen in einer wohl nie da
gewesenen Konkurrenzsituation. Als Anbieter der klassischen Wissensvermittlung
erkennen viele Schulen, dass „Medien ubiquitär geworden sind und Lernen mit
Medien immer weniger an schulische Institutionen bzw. Unterricht gebunden ist, was
sich auch an der Entwicklung des Internets ablesen lässt.“354
Darum soll die Befähigung zum ‚souveränen Medienumgang’ auch als ein Element
allgemeiner und beruflicher Bildung verstanden werden dürfen. Darauf beruft sich
das BILDUNGSMINISTERIUM NORDRHEIN-W ESTFALENS und will diese Kompetenz355 als
-
Befähigung zum Umgang mit allen Medien und den Produkten der Informationsund Kommunikationstechnik,
Befähigung der Nutzung der Medien zum Lernen und Gestalten,
Urteilsfähigkeit gegenüber den Botschaften der Medien
ausgestattet wissen. Der Kapital- und Personalbedarf für die Ausstattung an Schulen
dürfte schnell berechnet sein. Die parlamentarischen Debatten über die Mittelherkunft werden irgendwann einmal beendet sein müssen. Und an dem Tag, an dem
352
ebd.
Zellner, Marion: „Schule fürs Leben – In der Autostadt in Wolfsburg können Kinder und Jugendliche einen
völlig neuartigen Mobilitätsunterricht erleben“, Süddeutsche Zeitung, #282, 4. u. 5.12.2004, www.autostadt.de
354
Thilo Hardt, „Das Internet als Herausforderung politischer Bildung“, a. a. O. , S. 147
355
Bildungskommission NRW: „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“ – Leitvorstellungen, 1995, a. a. O.,
S. 137
353
143
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
jede Schülerin und jeder Schüler im Unterricht vor einem Rechner sitzen wird, der als
mediales Instrument zur Wissensvermittlung und -Verarbeitung dient, wird dann der
Beginn einer komplexeren Herausforderung im Schulalltag werden. Denn dient und
diente das Buch als ein greifbares Element, das auf seine Weise Wissen im wahrsten
Sinne des Wortes in sich gebunden hat, so ist der Rechner als Medium ein
‚Suchvehikel zwischen Festplatte und Internet für erworbene Informationseinheiten
und zu suchende Wissensbruchstücke’, als auch für die von den NutzerInnen eigens
angesammelten Erkenntnisse. Sowohl bei der Verarbeitung einzelner Informationen
als auch bei der Gesamtbetrachtung des Festplatteninhalts jedes einzelnen Arbeitsrechners wird dann das zuletzt aufgeführte Element Medienkompetenz als einer der
wesentlichsten Kompetenzen in seiner sichtbarsten Form Rechnung getragen. Eine
Urteilsfindung hinsichtlich der erbrachten oder der zu erbringenden Schulleistungen
könnte bei der Rechnernutzung jeder einzelnen Schülerin und jedes einzelnen
Schülers diffiziler und somit abstrakter ausfallen, als bei der Nutzung des Schulbuchs.
Eine solche Urteilsfähigkeit zu schulen dürfte meiner Ansicht nach vor allem mit der
interaktiven Nutzung des Neuen Mediums, so wie sie im Kapitel 3.3. „Die Rolle des
Internets im ökonomisch-sozialen Umfeld der Schule und Ausbildung“ ausführlicher
vorgestellt wurde, zusammenhängen. Eine solche Nutzung beschreibt HARDT356 mit
den
-
vielfältigen Kommunikationsmöglichkeiten in einem ‚echten‘ Kommunikationsraum
und der
synergetischen Nutzung des Medienverbundes
Bei aller Divergenz des Medienbegriffs sollte die Gefahr in einer Nutzen-Aufwandoder wirtschaftlich ausgedrückt, Kosten-Nutzen-Diskussion steckenzubleiben, umgangen werden dadurch, dass zwar Medien als das Kapital zur Wissensvermittlung
angesehen werden sollten, weil „allen Konkretisierungen des Medienbegriffs im
Kontext von Lehr- / Lernsituationen ist bisher gemeinsam, dass Medien als Gegenstände verstanden werden, mit denen eine didaktische Intention verknüpft ist“ 357 ,
jedoch eine Überbewertung über die didaktische Wertigkeit dabei vermieden werden:
„Die didaktische Wertigkeit eines Mediums wird nicht allein – wie vielfach angenommen – durch dessen Qualitätsmerkmale entschieden, sondern ist auf den Zusammenhang, in dem das Medium eingesetzt wird, zu beziehen. So kann eine schlecht
gestaltete und geschriebene Software ihren Zweck in einer bestimmten Lehr- und
Lernsituation so optimal erfüllen, dass Lehrende und Lernende bereit sind, über alle
Mängel hinwegzusehen. Umgekehrt kann eine aufwendig gestaltete und aufbereitete
Multimediapräsentation ihre Wirkung bei Lernenden klar verfehlen.“358
Zurück zum Begriff der Medienkompetenz sollte an dieser Stelle an die Herkunft des
Kompetenzbegriffs erinnert werden, da dieser reichliche Referenzen aus Wirtschaft
und Politik zu geben weiß. „Der Kompetenzbegriff wurde aus der Biologie und
Linguistik in die Sozialwissenschaften übernommen, wo er zunächst in den von
JÜRGEN HABERMAS entworfenen Konzept der kommunikativen Kompetenz große
356
Thilo Harth, „Das Internet als Herausforderung politischer Bildung“, a. a. O., S. 83
ebd. S. 146
358
ebd. S. 150
357
144
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Beachtung fand.“359 In diesem Sinne der kommunikativen Kompetenz halte ich es für
erwähnenswert, dass der Kompetenzerwerb gar nicht so sehr darin besteht, einen
alleinigen Schwerpunkt auf den Umgang mit Medien zu setzen – also im
konzeptionellen Sinne mit ‚Medien kommunizieren zu können’ – sondern der
Schwerpunkt liegt meines Erachtens stärker auf der kommunikativen Interaktion
zwischen Individuen selbst, die die Medien gestalten und denen, die gestaltete
Medien zu nutzen verstehen wollen. Mit dem Internet hat gerade Deutschland zum
Ende des letzten Millenniums eine neue netzwerkhafte und soziale Herausforderung
aus den USA adoptiert mit der meiner Ansicht nach auch weniger erzieherisch
schwerfällig hätte umgegangen werden können: „(Doch) erst in den 90er Jahren hat
der Begriff Medienkompetenz in Zusammenhang mit der forcierten Entwicklung und
gesellschaftlichen Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien eine Konjunktur erfahren, der ihn, mehr noch als in den USA geläufigen Begriff
der ‚media literacy‘, in den Status einer neuen, universalen Basisqualifikation
erhebt.“360 Eines weniger schwerfälligen Umgangs mit diesem Medium lässt das Freiheitsverständnis, das in Europa herrscht nicht zu, da die Persönlichkeitsrechte mit
der Veröffentlichung von Wort und Bild anders verstanden werden als in den USA.
Ein besonderes diskursives Beispiel stellen die US-amerikanischen pornografischen
oder gewaltverherrlichenden frei zugänglichen Darstellungen im Internet dar, die der
freiheitlichen Auffassung vom Wort und Bild der Amerikaner entsprechen und somit
in den USA legitim sind (vgl. Kapitel 3). Dadurch steht dem Erwerb der Medienkompetenz – die räumlich und zeitlich durch den Zugriff aufs Internet unbegrenzt
gefordert ist – in Europa und ganz besonders in Deutschland eine neue Herausforderung ins Haus. Deswegen sollte gerade Schule sich dieser Herausforderung
nicht verweigern und gemeinsam mit ihren Schülerinnen und Schülern vor allem die
drei Dimensionen der Medienkompetenz nach BUSCHMEYER 361 eine verstärkte
Aufmerksamkeit entgegenbringen:
-
Schulung und Schärfung der Wahrnehmung
inhaltliche Auseinandersetzung
Einübung in Formen des öffentlichen Austauschs
Dabei sollte Medienkompetenz nicht lehrplanmäßig abgehakt werden, da diese
„immer mehr zu einem notwendigen Teil der Allgemeinbildung wird. Medienkompetenz wird dabei verstanden als Kompetenz, die Medien in ihrer Konstruktivität
und in ihren Wirkungen wahrzunehmen, sie gleichzeitig genießen, kritisch beurteilen
und auswählen zu können und sie aktiv, sozialverantwortlich, sachgerecht, kreativ
und selbstbestimmt nutzen zu können.“362 Solche Nutzungsmöglichkeiten setzen ein
hohes Maß an Vertrauen im Bereich der bereits erwähnten kommunikativen
Kompetenz voraus. Das trifft Lehrende wie Lernende gleichermaßen. Denn „Medienkompetenz bewegt sich (somit) zwischen pragmatisch-funktionaler Orientierung und
einem weitgefassten, subjektorientierten Bildungsideal der modernen Mediengesell-
359
Hufer, Klaus-Peter / Weißeno, Georg (Hrg.): „Lexikon der politischen Bildung“, a. a. O., S. 170 unter dem
Begriff „Medienkompetenz“ beschrieben von Friedrich Hagedorn, anlehnend an J. Habermas: „Vorbereitende
Bemerkungen zu einer Theorie der kommunikativen Kompetenz“ in Habermas / Luhmann: „Theorie der
Gesellschaft oder Sozialtechnologie“, Frankfurt
360
Hufer, Klaus-Peter / Weißeno, Georg (Hrg.): „Lexikon der politischen Bildung“ unter dem Begriff
„Medienkompetenz“ beschrieben von Friedrich Hagedorn, a. a. O., S. 170
361
„Medien und politische Bildung“ beschrieben in: „Außerschulische Bildung“, a. a. O.
362
Hufer, Klaus-Peter / Weißeno, Georg (Hrg.): „Lexikon der politischen Bildung“ unter den Begriff
„Medienkompetenz“ beschrieben von Herman Buschmeyer, a. a. O., S. 167
145
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
schaft.“363 Es ist gerade dieses weitgefasste und subjektorientierte Bildungsideal, das
es zu erreichen gilt, welches an der Spitze der Agenda steht, weil sich „Medienkompetenz auf alle Medien, Menschen und Situationen gleichermaßen beziehen
lässt.“364
Um ein solches Ideal erreichen zu können, sind ‚Rahmenbedingungen der
Medienkompetenz’365 Voraussetzungen. HAGEDORN umreißt diese Bedingungen mit
vier Eckpfeilern:
-
adäquate Möglichkeit der Mediennutzung
verbindliche Vermittlung von Medienkompetenz in allen allgemeinbildenden Schulformen
Förderung der Medienkompetenz mit lebenslangen bzw. lebensbegleitenden Lernkonzepten
gesellschaftliche Verständigung
Medienkompetenz wird oft auch einfach als „Akzeptanzsicherung der den Medien
zugesprochenen zentralen Zukunftsbedeutung“ 366 verstanden. Immer schon wurde
den Medien eine Zukunft prosperiert. Seit Erfindung des gedruckten Buches durch
GUTENBERG wurde immer schon orakelt, welche gesellschaftliche Bedeutung diese
Innovation nach sich ziehen könnte. Die Verbreitung von Wort und Bild, die von
diesem Zeitpunkt ausging und sich mit weiteren Möglichkeiten neuer Technologien
zusammentat, um ein immer größer werdendes Publikum zu erreichen, hatte in allen
Varianten auch Pessimisten auf den Plan gerufen, die der Akzeptanz eines neuen
Mediums keinerlei zentrale Bedeutung für die Zukunft voraussagten. Zuletzt war dies
das damalige Zweifeln im IBM-Management, das den Personalcomputern wenige
Chancen auf eine marktfähige Zukunft zusprach. Solche Akzeptanzzweifel wird es
immer geben. Das war bei den Mobilfunktelefonen so und wird sicherlich vor anderen
technologischen Neuheiten keinen Halt machen. Entscheidend bleibt letztlich, ob die
Verbraucherinnen und Verbraucher dieses neue Medium annehmen und sich damit
auf Dauer auch auseinandersetzen. Somit „muss Medienkompetenz als politisches
Handlungskonzept ebenso auf demokratische Kontrolle und möglichst weitreichende
öffentliche Partizipation an Medienentwicklung und Medienorganisationen ausgerichtet sein.“367
4.2.1. Das Internet als Lehrmedium
Die meiner Meinung nach explizite Formulierung, die sich über Art und Wesen eines
Lehrmediums in der soziologischen Literatur finden lässt, kommt von NICLAS
LUHMANN. Er erklärt den Nutzen von Lehrmedien als einen „lose gekoppelten
Zusammenhang von Elementen, der für Formung verfügbar ist, und Form ist die
rigide Kopplung eben dieser Elemente, die sich durchsetzt, weil das Medium keinen
Widerstand leistet.“368 Dieser Umstand der rigiden Kopplung von Elementen ist für
Lehrende im modernen Informationszeitalter zum Fluch und Segen gleichermaßen
geworden. Ließ sich in der Epoche vor dem Siegeszug des Internets in Klassen363
ebd. S. 171
ebd. S. 171
365
ebd. S. 171
366
Hufer, Klaus-Peter / Weißeno, Georg (Hrg.): „Lexikon der politischen Bildung“ unter dem Begriff
„Medienkompetenz“ beschrieben von Friedrich Hagedorn, a. a. O., S. 171
367
ebd. S. 172
368
Luhmann, Niklas: „Die Wissenschaft der Gesellschaft“, a. a. O., S. 53
364
146
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
zimmern Anschauungsmaterial mithilfe von Lehrbüchern relativ verzögerungsfrei an
die Didaktik des Unterrichtens koppeln, so ist es nun für das Lehrpersonal selbst
oftmals eine Herausforderung, die Lehrinhalte des Internets an die eigene Didaktik im
Klassenzimmer anzukoppeln. Dass PESTALOZZI und COMENIUS Medien noch als
„Hilfsmittel zur Veranschaulichung von Lerninhalten in der Hand des Lehrenden“369
ansahen, dürfte nicht erst seit heute als überholt gelten. Denn das hat sich zwar seit
MONTESSORI aus der generellen Verankerung in der Hand des Lehrenden zu Händen
der Lernenden verschoben, aber es ist nicht völlig aus den Händen des Lehrenden
geglitten. Im Gegenteil, denn „die Inhalte und Merkmale von Medienprodukten
werden zum eigentlichen Lehrinhalt, weil die thematische Auseinandersetzung mit
ihnen sowie der Erwerb von Kompetenzen im Umgang mit Medien im Mittelpunkt
stehen.“370
Dem Erlernen von Medienkompetenz wird oft eine gewisse Begabung anheim
gestellt. Dabei wird gern übersehen, dass „man nicht einfach sagen kann, Begabung
ist ebenso vom Lernen abhängig wie Lernen von Begabung, und effektives Lernen
ist entscheidend abhängig von der Art der Lehrverfahren, ohne die Lehrverfahren zu
beschreiben, die mehr Hilfe versprechen als die bisher praktizierten.“371 Die bisher
praktizierten Verfahren sind meines Erachtens immer noch stark an die Vorstellungen der Lehrenden über die Begabungen ihrer Lernenden gekoppelt. Was unter
dem Begriff Begabung zu verstehen ist, wurde bereits im ersten Kapitel dieser Arbeit
ausführlich dargelegt. Das eigene Verfahren der Wissensvermittlung wird noch zu
wenig selbst hinterfragt: „Der Lehrer steht vor zwanzig, dreißig Schülern. Gleich
wenn er eine Klasse neu kennenlernt, schaut er, um überhaupt Unterricht machen zu
können, nach den Unterschieden, weniger nach den Gemeinsamkeiten. Wer ist
impulsiv, wer ist zaghaft? Wer ist fair, wer verantwortungslos gegenüber Mitschülern?
Wer kann etwas schnell zusammenfassen, so dass es auch die Langsameren
verstehen? Wer ist an Körperbau und Erfahrung schon weiter als andere? Wer weiß
schon viel, wer weiß wenig? usw. – Guter Unterricht ist der ständige Kampf um den
größtmöglichen Ausgleich zwischen den Bedürfnissen und Fähigkeiten, ein möglichst
geschicktes Kaschieren der Unterschiede, deren permanente Offenlegung zu
Frustration bei den einen und Überheblichkeit bei den anderen führen würde. Die
Didaktiker haben dafür ein findiges und teils sehr wirkungsvolles Repertoire so
genannter Binnendifferenzierung entwickelt.“ 372 Eine solche Form der
Binnendifferenzierung sollte ganz allein dem Lehrenden bewusst sein und nicht
unbedingt als sein ausschließliches Bewertungskriterium gegenüber der Lernenden
im Lehrverfahren gelten. Denn die Bewertung des Lehrenden über das
Leistungspotential des Lernenden, die einer solchen Binnendifferenzierung
unbestritten zugrunde liegen dürften, beruht einzig und allein auf Einschätzungen
und Erfahrungen des Lehrenden. Doch „letztlich zählen eigene Erfahrungen und
persönliche Lagen wenig, wenn es um die Normen des Schullebens, pädagogische
Grundsätze und die Kriterien des Schulerfolgs geht.“373
369
Thilo Hardt, „Das Internet als Herausforderung politischer Bildung“, a. a. O. , S. 146
M. Kerres, „Multimediale und telemediale Lernumgebungen“ – Konzeption und Entwicklung, a. a. O., S. 20
371
Roth, Heinrich (Hrg.): „Begabung und Lernen“, a. a. O., S. 59
372
Schloemann, Johan: „Mehr als Nokia – Selektion und Integration: Geht beides zugleich?“, Süddeutsche
Zeitung, #284, 07.12.2004, S. 13
373
Grundmann, Matthias / Huinink, Johannes / Krappmann: : „Kindliche Lebenswelten, Bildung und
innerfamiliale Beziehungen“ – Familie und Bildung, Empirische Ergebnisse und Überlegungen zur Frage der
Beziehung von Bildungsbeteiligung, Familienentwicklung und Sozialisation, a. a. O., S. 90
370
147
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Fürs Lehrverfahren insbesondere in Bezug auf die Neuen Medien sind gesammelte
Erfahrungen nicht allein eines einzelnen Lehrers bzw. Lehrerin zur Nutzung der eben
angesprochenen Binnendifferenzierung bedeutsam genug, sondern finden im
Verbund der Lehrenden seinen wichtigeren Nutzen. Es geht dabei weniger um den
eh schon traditionellen Austausch der Lehrenden untereinander in Konferenzen und
Lehrerzimmern, sondern mehr um die Gestaltung und den Aufbau eines binnendifferenzierten Netzwerkes. „Allerdings sollte eines nicht vergessen werden:
Diejenigen (Kolleginnen oder Kollegen), die an einer Schule ein lokales Netzwerk
einrichten und betreuen, müssen über ihre übliche Arbeit hinaus eine sehr hohe
Eigenmotivation und ein sehr großes Engagement aufbringen, was nicht selbstverständlich ist. Bildungspolitiker und Schulträger reden gern über die Notwendigkeit der
informationstechnischen Bildung in der Schule; sie sollten deshalb auch über –
entsprechend bei anderen zusätzlichen Tätigkeiten von Lehrkräften – eine
Reduzierung des Stundendeputats von denjenigen nachdenken, die solche Arbeit
auf sich nehmen.“ 374 Für solche netzwerktechnischen Herausforderungen dürfen
nicht allein Lehrerinnen und Lehrer verantwortlich gezeichnet werden. Zumal dies,
wie von KOERBER beschrieben, technisch-versiertem oder technisch-interessiertem
Lehrper-sonal bedarf. Diese Herausforderung das Internet als Lehrmedium nicht nur
in seinem Angebot selbst zu nutzen, sondern als Institution Schule auch selbst zu
gestalten, ist ohne Zweifel auch mit in die Standortdiskussion einer Schule eingebunden. Denn „inzwischen erhält das Profil einer Schule einen anderen, vorrangig
pädagogischen Stellenwert, bedingt durch das verstärkte Bedürfnis danach, nicht nur
zufällige Standortvor- oder -nachteile dem Schulprofil zurechnen zu lassen, sondern
dieses aktiv zu planen und zu gestalten und damit die pädagogische Wirkungskraft
der Schule zu verstärken.“ 375 Um diese Herausforderung nach neuen medienkompetenten Lehrinhalten zu stemmen, braucht es Gestaltungsfreiheit und das auch
gerade hinsichtlich der Lehrpläne. Bereits nach den Vorstellungen der Bildungskommission NRW’s Mitte der neunziger Jahre sollte „die eigene Lehrplanarbeit der
Schulen ein wesentliches Element bei der Erarbeitung eigener Entwicklungsperspektiven sein.“376
Eine weitaus höhere Erwartung erzeugt hinsichtlich der Nutzung Neuer Medien die
dabei zu erzielende Leistungseffizienz der Schülerinnen und Schüler. Das Internet
sollte nicht dazu benutzt werden, um didaktische Vereinfachungen per Mouseclick
herbeiführen zu können, so dass dieses Medium dem vielleicht für die Schülerinnen
und Schüler weitaus unangenehmeren Gebrauch von Lehrbüchern erspart bliebe.
Das Internet soll nicht zum Spaßfaktor im Klassenzimmer werden. Auch hier sollten
die Erwartungen an die Leistungen der Lernenden nicht verwechselt werden mit
angeblichen selbstlernenden Prozessen. Frei nach dem Motto: „Wozu soll ich etwas
erlesen, erlernen oder gar auswendig lernen, wenn es eh unter GOOGLE zu finden
ist.“ Vielmehr sollte beim Internet als Lehrmedium der Fokus auf selbsterlernte und
selbstproduzierte Unterrichtsstoffe gelegt werden, die sich vom Erfolgserlebnis des
eigenen Publizierens speisen lassen. Die Leistungseffizienz der Neuen Medien sollte
demzufolge nicht als eine Bequemlichkeitsattitüde sowohl der Lehrenden als auch
der Lernenden missverstanden werden. Denn fürs Lernen gilt immer noch die Feststellung von BANDURA: „Je höher die Leistungseffizienzerwartungen sind, um so
höher die Wahrscheinlichkeit, dass die bedrohlichen Aufgaben erfolgreich bewältigt
374
Koerber, Bernhard: „Vernetzte Schulen“ – a. a. O.
Bildungskommission NRW: „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“ – Gestaltungsfreiraum der Schulen,
Ausgangslage, 1995, a. a. O., S. 142
376
ebd. S. 145
375
148
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
werden.“377 Diese Feststellung sollte auch im Umgang mit Neuen Lehrmedien gelten
dürfen.
Der Umgang mit Neuen Lehrmedien sollte auch nicht nach einem Ruf der Lehrenden
für neue Lehrfächer führen müssen. Es gibt weitaus wichtigere Angelegenheiten, die
heutzutage den Schülerinnen und Schülern vermittelt werden sollten. Demzufolge
stimme ich persönlich SCHLAFFKE zu, wenn er daran erinnert, dass es wichtiger wäre
„die naturwissenschaftlich-technische Grundbildung zu verstärken und mit den
Methoden des Teamteaching Natur- und Geisteswissenschaften zusammenzubringen.“378 Denn gerade da zeigt die jetzige SchülerInnengeneration ein gewisses
Manko, das von potenziellen Arbeitgebern zunehmend beklagt wird. Hier sollte der
Umgang mit bereits vorhandenen Lehrmedien, ob nun konventioneller Natur oder
durch die Nutzung des Internets stärker ansetzen. Dies gelingt jedoch nur, wenn die
Strukturen der Lehrpläne geändert werden und sichergestellt ist, dass erstens
Schülerinnen und Schüler an allen Schulen Deutschlands einen freien Zugang auf
neue Lehrmedien haben und zweitens genügend medienkompetentes Lehrpersonal
für eine solche Herausforderung im Umgang mit Lehrmedien zur Verfügung steht.
4.2.2.
Das Internet als Lernmedium
MARIA MONTESSORI hielt die Verfügbarkeit entsprechend gestalteter Medien für „die
Voraussetzung zur eigenständigen oder kooperativen Auseinandersetzung der
Lernenden mit den Lerninhalten“.379 Diese Erkenntnis spricht für die Bedeutung, die
dadurch gerade den Neuen Medien zukommt. Es wird heutzutage wohl kaum jemand
auf die Idee kommen können, Neue Medien als Mittel zum Zweck des Lernens überhaupt in Frage zu stellen. Interessant ist bei der Mediendiskussion vor allem die
Frage, welche Lerneffizienz das Lernen am Modell der Neuen Medien mit sich
bringen kann. Nach BANDURA fördert „aktiv teilnehmendes Lernen am Modell die
erfolgreichen Ausführungen. Es ist das wichtigste Mittel psychologischer Veränderung. Vermeidet die Person subjektiv reale, doch objektiv ungerechtfertigte Bedrohungen, kann ihr Verhalten niemals mit real vorhandenen Bekräftigungsbedingungen in Berührung kommen. Durch die teilnehmende Modellierung erhält sie
sehr rasch die Möglichkeit, die Realität zu überprüfen. Dadurch gewinnt sie die
Korrekturerfahrung, die sie braucht, um ihr Verhalten zu verändern.“380
Vom Internet wird oft ein schneller Zugang zu Erkenntnissen erwartet, der sich
jedoch spätestens bei der Nutzung manches mal als unbefriedend erweisen kann
und ein entsprechendes Buch unter Umständen zur besseren Erkenntnisgewinnung
dienen würde. Entweder wirkt die Informationsfülle des Internets auf den Lernenden
so erdrückend, dass er sich ein Buch wünscht in dem die Antworten auf seine Fragen
gesammelt und übersichtlich zu finden sind oder aber er gibt sich mit gefundenen
Informationen aus dem Internet schnell zufrieden, auch wenn sie nur abstrakte und
wenig konkrete Antworten auf seine Fragen geben. Das Finden von hilfreichen
Informationen im Internet ist bedarfsweise auch mit dem direkten Informationsaustausch des Wissensvermittlers im Internet zu erreichen. Dazu bedienen sich Wissbegierige der Korrespondenz durch E-Mail, Foren oder Bloggs, um Fragen direkt
formulieren zu können, in der Hoffnung, eine direkt formulierte Antwort zu erhalten.
377
Bandura, Albert: „Sozial-kognitive Lerntheorie“, a. a. O., S. 91
Schlaffke, Winfried: „Das Jugendsyndrom“ – Mut zur Technik – Vertrauen in die Zukunft, a. a. O., S. 51
379
Kerres, M., „Multimediale und telemediale Lernumgebungen“ – Konzeption und Entwicklung, a. a. O., S. 13
380
Bandura, Albert: „Sozial-kognitive Lerntheorie“, a. a. O., S. 89
378
149
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Dieser Vorgang erfordert neben Geduld und Ausdauer vor allem auch die Fähigkeit,
Fragen präzise formulieren zu können. Nebst sprachlichen Kompetenzen, die diese
Wissensermittlung benötigt ist ein freier Zugang zum Internet eine unabdingbare
Voraussetzung, um sprachliche Begabungen Heranwachsender fördern zu können.
Ich möchte an dieser Stelle zwei Seiten des Internets als exemplarisch nehmen, wie
eine solche Förderung teilweise aussehen kann, um Lern- und Förderpotentiale von
Heranwachsenden mithilfe des Internets stärker auszuschöpfen:
GRIN ist beispielsweise ein Verlag aus München, dessen Kerngeschäft sich auf die
Vermarktung von Diplom-, Haus- und Magisterarbeiten, sowie Vorträge oder
Referaten konzentriert (www.grin.de381). Der Verlag hat im Internet eine Plattform für
SchülerInnen und Studierende, die dort kostenlos in der Community Mitglied werden
können. Das Archiv der gesammelten Hausarbeiten umfasst zurzeit 93 Themengebiete. Eines dieser Themen ist die Mathematik, welche ich mir mit ihren 280
Arbeiten, gegliedert in neun Themenbereiche etwas genauer angesehen habe. Zum
Thema „Mathematikdidaktik“ finden sich dort zurzeit die meisten Arbeiten.382
Von SchülerInnen eingereichte Hausarbeiten und Referate können kostenlos heraufund heruntergeladen werden. Akadamische Arbeiten können kostenlos up-, aber
nicht downgeloadet werden. Die Besucherinnen und Besucher dieses Portals können
Linkvorschläge der Redaktion unterbreiten und somit interaktiv am weiteren Ausbau
vom Grin-Portal beteiligt sein. Neben praktischen Hilfen für den Schulalltag können
Schülerinnen und Schüler hier auch ihre Sorgen, Gedanken und Ängste austauschen. Erwachsene geben nicht selten dann wertvolle aus ihrem eigenen Alltag
bezogene Erfahrungen als Lebenshilfen.
HÄFFT ist ebenfalls ein Münchner Verlagshaus mit einem interaktiven Auftritt im
Internet für Heranwachsende (www.haefft.de). Das Forum hier konzentriert sich stark
aus Themen der Freizeit. Das Thema Schule im Forum wirkt auf den ersten Blick
minimalistisch, doch unter dem Link „Schule, Hausaufgaben, Lerntipps“, versteckt
hinterm Thementitel „MaThE“ arbeiten engagierte Helfer, die sehr zügig ausführliche
und verständliche Antworten bei mathematischen Problemstellungen liefern.383
Eine weitere Hilfe bieten Lernprogramme, die im Internet meistens kostenpflichtig
sind oder im Handel erworben werden können. Dabei eignet sich für das Lernen in
den Sekundarstufen interaktive Software besonders gut. Zum einen, weil diese
laufend aktualisiert werden können und sich somit den stets ändernden Problemstellungen der Lernenden stellen kann und zum anderen es den Nutzerinnen und
Nutzern möglich macht, ihr individuelles Lerntempo mithilfe der Software umzusetzen. Somit würde „ein laufend sich selbst verbesserndes computer-gesteuertes
Lernen den Lernschritten, Lernbarrieren und dem Lerntempo eines Individuums so
gerecht werden können, dass – optimale Lernmotivation vorausgesetzt – das, was
Lernen an Fähigkeiten aufschließen kann, auch ausgeschöpft wird.“384
381
Feibel, Thomas: „Die Internet-Generation“ – Chatsüchtig? Du weißt aber auch gar nichts – Ein Gespräch mit
Marlene, a. a. O., S. 179
382
www.grin.de, Stand: 22.11.2006 07:00
383
http://www.haefft.de/forum/, Stand: 22.11.2006 09:50
384
Roth, Heinrich (Hrg.): „Begabung und Lernen“, a. a. O., S. 61
150
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Nebst allen dynamischen Ansprüchen mit der Lernsoftware konfrontiert werden kann
spielt seine statische Komponente eine wesentliche Rolle, denn „wie die wissenschaftliche Entwicklung von Lehrprogrammen beweist könnten einzelne und bereits
gut erforschte und entwickelte Lernabläufe durch beliebig reproduzierfähige Lehrmittel quasi konserviert und multipliziert werden, ohne dass sie ihre Anpassungsfähigkeit an individuelle Lernansprüche verlieren müssten. Auch diese Entwicklung
eröffnet neue Hoffnungen für effektiveres Lernen.“385
Wie bereits erwähnt ist es nicht zwingend nötig, dass Lernsoftware dem industriellen
Anspruch der Perfektion obliegen muss. Wertvoller sind Inhalte, die den
Schülerinnen und Schülern eine sichtbare Aufforderung zur Ergänzung geben.
Ähnlich dem Verfahren, das W IKIPEDIA praktiziert. Es sollte also bei der Anschaffung
von Lernsoftware sowie beim kostenpflichtigen Nutzen von Lerninhalten im Internet
seitens der Bildungsverantwortlichen nicht allein nach ökonomischen Gesichtspunkten entschieden werden, ob Schülerinnen und Schüler mit dieser Software oder
diesen Inhalten konfrontiert werden sollen oder nicht. Die Frage, ob Lernsoftware nur
dann gut ist, wenn sie einen entsprechenden ökonomischen Wert hat oder aber die
Frage nach dem Budget der Schule für solche Anwendungen, sollte nicht an erster
Stelle einer Überlegung stehen müssen, ob das Internet – respektive kostenpflichtige
Zugänge bzw. Lernprogramme – als Lernmedium genutzt werden solle oder nicht,
sondern es sollte eine intensive Qualitätskontrolle vorangehen, bevor Lehrende ihren
Klientel dieses Medium zum Lernen anbieten. „Die Qualitätskontrolle soll in mehrfacher Weise, sowohl in der Form der Selbstevaluation als auch durch Fremdevaluation, gewährleistet werden. Die Schule soll sich über Zeitplan, Art der
Evaluation, Dokumentation und Verfahren der Revision verständigen. Die Kriterien
bzw. Rahmenbedingungen sollen zentral festgelegt werden.“386 Außerdem forderte
die Bildungskommission NRW’s bereits in ihrem Bericht 1995, dass „die Kooperation
mit anderen einschlägigen Einrichtungen und mit Förderern, zum Beispiel aus der
Wirtschaft gestützt werden soll.“387
4.2.3. Erwerb sozialer und beruflicher Kompetenzen mithilfe des Internets
Stärker denn je werden soziale Kompetenzen von Jugendlichen heutzutage vermisst.
Solche Kompetenzen werden dem Individuum nicht genetisch mitgegeben, sondern
sie müssen erworben werden. In allen Kulturen schufen „strukturelle Verfassung und
eine Einbindung der Familie in weitere soziale Zusammenhänge (...) für die Heranwachsenden die Lebensphase und die Lernräume, die es ihnen möglich machten, zu
den autonomen und kompetenten Subjekten zu werden, auf denen unser Sozialleben im persönlichen Lebensbereich und in den gesellschaftlichen Kooperationszusammenhängen aufbaut.“388
Wenn das Lehrpersonal – unabhängig der Schulform – heutzutage stärker denn je
beklagt, dass die Aufmerksamkeit in den Klassenverbänden zu wünschen übrig lässt,
dann steckt hinter dieser Klage auch ein Appell an die Gesellschaft, die daran
erinnern lässt, von welcher Bedeutung „Aufmerksamkeitsprozesse, kognitive Ver385
ebd. S. 62
Bildungskommission NRW: „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“ – Gestaltungsfreiraum der Schulen,
Leitvorstellungen, Kern-Curriculum und schulbezogene Lehrpläne, 1995, a. a. O., S. 145
387
ebd. S. 139
388
Grundmann, Matthias / Huinink, Johannes / Krappmann: : „Kindliche Lebenswelten, Bildung und
innerfamiliale Beziehungen“ – Familie und Bildung, Empirische Ergebnisse und Überlegungen zur Frage der
Beziehung von Bildungsbeteiligung, Familienentwicklung und Sozialisation, a. a. O., S. 91
386
151
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
arbeitung, die Verhaltensreproduktion und die Reaktionskonsequenzen für das
Regellernen in ihrer Gesamtheit ist.“389 Es genügt nicht sich allein auf die Autorität
der Lehrkraft dabei verlassen zu können, da schon allein die gesellschaftliche Anerkennung des Lehrerberufs hierzulande nicht den Stellenwert hat, den er eigentlich
haben müsste. Wenn bereits das Elternhaus den Kindern bewusst oder unbewusst
vermittelt, dass das Lernen eine lästige Pflicht ist, die allein in der physischen
Anwesenheit einer Schülerin oder eines Schülers im Klassenraum besteht und offen
oder schweigend vom Lehrpersonal gefordert wird, den Kindern etwas beizubringen,
dann sieht sich die Lehrkraft bereits mit einem Defizit in der Gesamtheit des Regellernens seiner Schützlinge konfrontiert. Dann verwundert es auch nicht weiter, wenn
zum Beispiel „KARL WITTE, Direktor des Bremer Schulzentrums im Stadtteil Huchting
ein neues Unterrichtsfach namens UBV (Umgang, Benehmen, Verhalten) einführte
oder der saarländische Bildungsminister JÜRGEN SCHREIER mit seinem Appell ‚Aller
Anstand ist schwer’ eine Werte-Offensive an den Schulen herausforderte oder sich
bereits 1999 der sächsische Kultusminister MATTHIAS RÖSSLER (CDU) als Disziplinierungsmittel wieder die Kopfnoten als Bewertungen für Betragen, Fleiß, Mitarbeit und Ordnung entsann.“390
Solche Regeln müssen nicht zwangsläufig bei der jungen Generation auf Ablehnung
stoßen, wie der Bielefelder Soziologe KLAUS HURRELMANN in einem Interview
klarstellt: „Kinder haben laut einer SHELL-Studie einen Wertewandel vollzogen und
sind empfänglich für Verbindlichkeiten und Regeln, Freiheit ist nur möglich, wenn es
Spielregeln gibt. Spielregeln als Kern des demokratischen Zusammenlebens. Ein
autorativer und partizipativer Erziehungsstil muss her, was bedeutet, dass die Anerkennung von Autorität unter Beteiligung aller bringen soll. Benimm-Unterricht klingt
nach erhobenen Zeigefinger. Es geht um die Vermittlung sozialer Kompetenzen: Wie
gehe ich mit anderen um? Wie baue ich mein Selbstsbewusstsein auf? Wie ertrage
ich es, auch einmal zurückgesetzt zu werden? Wie setze ich meine Bedürfnisse
durch, ohne die anderer zu verletzten?“391
Bei dem Erwerb beruflicher Kompetenzen können „Veränderungen im Bildungswesen notwendigerweise nur in einem mittelbaren Verhältnis zu Veränderungen im
Beschäftigungssystem stehen. Während in der Wirtschaft pragmatische, zum Teil
kurzfristige Qualifizierungsmaßnahmen notwendig sind, bedarf das Bildungswesen
längerfristiger Orientierungen, zumal zum Bildungsbedarf der Gesellschaft auch der
außerberufliche Bereich gehört, der angesichts des Stellenwertes der Nichterwerbszeit an Bedeutung gewinnen wird. Wenn Schule dennoch ihre Funktion in der Vorbereitung auf das individuelle Berufsleben und in der Weiterentwicklung des Industriestandortes Bundesrepublik bzw. Nordrhein-Westfalen erfüllen soll, dann kann dies
nur über die Befähigung zu flexiblem Handeln geschehen.“ 392 Dieses flexible
Handeln, welches die derzeitige Regierung nicht mehr gern offen ausspricht, um
seine Wähler-schaft nicht zu vergraulen, wird jenseits aller politischen Diskussionen
um die Gunst der Wählerinnen und Wähler ihren Stellenwert in der Zukunft nicht nur
halten, sondern im Zuge der weiteren Globalisierung sich noch stärker ausdehnen.
Wenn die berufliche Handlungsflexibiliät nicht in die Köpfe der jungen Generation
389
Bandura, Albert: „Sozial-kognitive Lerntheorie“, a. a. O., S. 97
Burtscheidt, Christine: „Höflichkeit ist wieder gefragt – In vielen Bundesländern soll Schülern im Unterricht
besseres Benehmen beigebracht werden“, Süddeutsche Zeitung, #205, 6. u. 7.09.2003, S. 2
391
ebd.
392
Bildungskommission NRW: „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“ – Aufgaben für die Schule, a. a. O.,
S. 53
390
152
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
vermittelt werden kann, dann ist das Ausbilden einer beruflichen Kompetenz bereits
vertan.
Eine weitere berufliche Handlungskompetenz, die in der Ausbildung gefestigt und in
der Schulbildung vorbereitet werden sollte ist die Teamarbeit. Dies setzt ein gewisses
Maß an Kontaktfreude bereits voraus, bevor eine Team sich überhaupt bilden lässt.
Da heutzutage nicht wenige Kinder nicht nur unter materieller Armut, sondern auch
unter Kontaktarmut leiden, dann begreife ich den Hintergrund einer solchen
Behauptung nicht durch das Messen weitreichender Kontakte, über den Kinder in
ihrem Umfeld möglicherweise verfügen, sondern hege Zweifel an der Qualität der
Kontakte. Meiner Meinung nach werden Kinder heutzutage viel zu wenig belohnt.
Mag sein, dass die Geschenke, die sie von Erwachsenen erhalten, eine Qualität
gewonnen haben, wie sie während meiner Kindheit nicht denkbar war, doch diese
scheint doch eher eine rein materiell orientierte Qualität zu sein. Und um meine
These noch provokanter zu machen, behaupte ich, dass es zu viele Erwachsene
gibt, die sich Freizeit von ihren Sprösslingen dadurch ‚erkaufen’, indem sie ihnen
teure Geschenke machen, von denen die Erwachsenen wissen, dass diese
Geschenke sie von der ‚lästigen Pflicht sich mit Kindern auseinanderzusetzen’
befreit. Die Beschäftigung der Kinder mit solchen Geschenken soll die Erwachsenen
von ihrer Aufsichtspflicht befreien. Wie anders lässt es sich beispielsweise erklären,
dass bereits schon unter 10jährige ihren eigenen PC oder ihren eigenen Fernseher
in ihrem Kinderzimmer besitzen. Eine solche Belohnungspraxis halte ich selbst für
nicht-kontingent und fördert meiner Meinung nach die Kontaktarmut der Kinder
bereits in jungen Jahren.
BANDURA hat in einer Untersuchung nachweisen können, wie wichtig eine
kontingente Belohnung ist. Vor allem dann, wenn sie nicht darauf hinausläuft, Kinder
zu belohnen, weil sie gute Leistungen erzielt haben oder aus dem eben
beschriebenen Aspekt heraus sich durch Geschenke der Aufmerksamkeit der Kinder
entziehen zu können, sondern allein schon deshalb, dass es Freude bringt zu
beschenken und beschenkt zu werden. Dazu belohnte „ein Erwachsener eine
Gruppe kontaktarmer Kinder immer dann, wenn sie kooperativ spielten. Ein zweiter
Erwachsener belohnte sie dagegen völlig gleich, unabhängig davon, wie sie sich
verhielten. Später genügte das bloße Erscheinen des kontingent belohnenden
Erwachsenen, um kooperative Spiele hervorzurufen. Der nicht-kontingent belohnende Erwachsene dagegen hatte keinen Einfluss auf das Sozialverhalten der
Kinder. Als die Erwachsenen ihre Bekräftigungspraktiken umkehrten, veränderte sich
ihr Einfluss auf das Spielverhalten in entsprechender Weise.“393
Dieser Versuch sollte zum Abschluss dieses Themas und der komplexen
Auseinandersetzung mit der Begabungsförderung Heranwachsender und vor allem
mit ihren Lern- und Förderpotential nachdenklich stimmen helfen. Aus eigener
Erfahrung im Umgang mit Heranwachsenden weiß ich, dass solche Bekräftigungspraktiken auch über das Internet erfolgreich sein können und plädiere dafür an alle
gesellschaftlichen Kräfte über ein virtuelles Trainingsraumprojekt namens Droutcafe
nachzudenken, das ich als Anhang dieser Arbeit beigefügt habe.
„Ein Erwachsener belohnte eine Gruppe kontaktarmer Kinder immer
dann, wenn sie kooperativ spielten. Ein zweiter Erwachsener belohnte
sie dagegen völlig gleich, unabhängig davon, wie sie sich verhielten.
393
Bandura, Albert: „Sozial-kognitive Lerntheorie“, a. a. O., S. 93
153
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Später genügte das bloße Erscheinen des kontingent belohnenden
Erwachsenen, um kooperative Spiele hervorzurufen. Der nichtkontingent belohnende Erwachsene dagegen hatte keinen Einfluss auf
das So zialverhalten der Kinder. Als die Erwachsenen ihre
Bekräftigungspraktiken umkehrten, veränderte sich ihr Einfluss auf das
Spielverhalten in entsprechender Weise.“ 394
Trainingsraumprojekt nach Ed. Ford
Eigenverantwortliches Denken und Handeln (RTP = Responsible Thinking Program)
oder kurz Trainingsraumprogramm basiert auf der psychologischen Grundlage der
Wahrnehmungskontrolltheorie nach dem Amerikaner Powers. Der nämlich hat
beobachtet, dass unser aller Verhalten auf Dauer nicht von außen steuerbar ist. Das
heißt auf Erziehung bezogen: Ermahnungen, Strafen, Lob und Tadel, Stubenarrest
usw. ändern unangepasstes Verhalten unserer Kinder nicht, wenn sie es nicht wollen
Die Änderung des Verhaltens kann nur von den Betroffenen selbst in die Tat
umgesetzt werden.
Denn nach Powers handeln wir, damit unsere Wünsche und Ziele wahr werden. Auf
die Schülerinnen und Schüler bezogen heißt das, dass wenn diese ein anderes Ziel
verfolgen als das des Unterrichts, z. B. die Aufmerksamkeit des Sitznachbarn bzw.
der Sitznachbarin zu erregen, dann sind sie davon auch nicht abzuhalten. Das
Lehrpersonal bemerkt dieses Verhalten als Störung des Unterrichts und damit der
MitschülerInnnen. Der „Störer“ bzw. die „Störerin“ sabotiert den Unterrichtsverlauf
vielleicht gar nicht bewusst, willkürlich und vorsätzlich, da er oder sie ja nur ihr Ziel
erreichen will, das sich im Moment nicht mit dem des gemeinsamen Unterrichts
deckt. Die konventionellen Methoden wie Rügen, Tadeln und Klassenkonferenzen
ziehen nicht mehr. Es gilt beim Trainingsraumprogramm, sich von der „Vorstellung zu
verabschieden, Schülerverhalten von außen nachhaltig gegen den Willen der
Verursacher beeinflussen zu können. Dieser Ablösungsprozess erfordert Mut, Neues
(mit dem Trainingsraumprogramm Anm. d. V.) zu beginnen.“395 Ford möchte mithilfe
von RTP erreichen, dass SchülerInnen gezielt zu reflektieren lernen, ob ihr Handeln
Mitschülerinnen und Mitschüler in ihren drei Grundrechten verletzt oder nicht. Diese
drei Grundsätze lauten:
•
•
•
Alle SchülerInnen haben das Recht guten Unterricht zu bekommen und die
Pflicht für störungsfreien Unterricht zu sorgen.
Alle LehrerInnen haben das Recht ungestört zu unterrichten und die Pflicht für
guten und störungsfreien Unterricht zu sorgen
Alle müssen das Recht der anderen achten.
SchülerInnen sollen angeleitet – trainiert – werden, über die Konsequenzen ihres
Störverhaltens im Unterricht nachzudenken und es auf Dauer eigenverantwortlich
positiv zu verändern.
394
395
Bandura, Albert: „Sozial-kognitive Lerntheorie“, a. a. O., S. 93
aus dem internen Papier der schulischen Sozialarbeit verfasst von E. Lehmann und L. Heffner , Dortmund
154
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Was soll durch das Programm bewirkt werden?
•
•
•
•
SchülerInnen und LehrerInnen soll ein möglichst störungsfreier Unterricht
ermöglicht werden.
SchülerInnen, die den Unterricht stören, sollen lernen, sich für ihr Handeln mit
allen Konsequenzen zu verantworten.
SchülerInnen werden noch nachhaltiger angeleitet, die Rechte anderer zu
respektieren.
Die Schule verspricht sich dadurch ein besseres Lernklima und damit auch
größere Lernerfolge, nicht zuletzt mehr Spaß am Unterricht.396
Verlauf des Trainingsraumprogramms
Folgen die Schülerinnen und Schüler den Grundrechten nicht, stellt das Lehrpersonal
die Verletzung dieser Regeln und damit eine Störung des Unterrichts fest. Nach
einem festgelegten Frageprozess, durch den zeitraubende Diskussionen erspart und
wertvolle Unterrichtszeiten gerettet werden sollen, entscheiden sich die Schülerinnen
und Schüler, weiterhin am Unterricht ohne Störung teilzunehmen oder in den
Trainingsraum zu gehen. Dort läuft ein von geschulten pädagogischen Profis
geleitetes Gespräch in 2 Phasen ab:
•
•
Durch einen sachlichen Frageprozess wird auf das Störverhalten eingegangen
und herauszufinden versucht, was die SchülerInnen damit erreichen wollten.
Es wird nach einer Lösung gesucht, die das Verhalten zukünftig positiv
verändern soll, indem ein Plan aufgestellt wird, den die SchülerInnen mit den
entsprechenden LehrerInnen besprechen.
Weigert sich eine Schülerin bzw. ein Schüler partout in den Trainingsraum zu gehen,
wird diese Schülerin respektive dieser Schüler nach Hause geschickt.
Organisatorisch wird dieser Fall wie ein Krankheitsfall eingestuft. Die betroffene
Schülerin oder der betroffene Schüler darf dann erst am folgenden Tag zusammen
mit seinen Erziehungsberechtigten die Schule wieder aufsuchen und muss sich
einem Erstgespräch mit dem Aufsichtspersonal des Trainingsraums stellen.
396
aus einer Mitteilung vom März 2003 der Albrecht-Dürer-Realschule in Dortmund an die Eltern und
Erziehungsberechtigte der Jahrgänge 5 bis 8, dass das Trainingsraumprogramm in die Schulordnung
aufgenommen wurde
155
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Abb.-Anhang: Verlauf des Trainingsraumprogramms
(Quelle: Kollegiumsinfo der Albrecht-Dürer-Realschule Dortmund, 2003)
Bevor ein Störenfried in den Trainingsraum geschickt wird, werden fünf mahnende
Fragen gestellt:
1.
2.
3.
4.
5.
Was tust du gerade?
Gegen welche Regeln verstößt du?
Was passiert, wenn du gegen die Regeln verstößt?
Wofür entscheidest du dich?
Was wird passieren, wenn du wieder störst?
156
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Im Trainingsraum darf sich dann die Schülerin oder der Schüler sieben offenen und
einer geschlossene Fragen stellen, die sie bzw. er in einem Plan schriftlich zu
beantworten und anschließend vom Trainingsraumpersonal und dem
Erziehungsberechtigten zu unterzeichnen lassen hat:
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
Was habe ich gemacht?
Gegen welche Regel/n habe ich verstoßen?
Was wollte ich mit meiner Störung erreichen?
Was genau passierte durch meine Störung mit dem Unterricht?
Ich will mich bemühen, mein Verhalten zu ändern. Ja □ Nein □
Wie kann ich mein Verhalten ändern? Was nehme ich mir vor?
Wen frage ich nach dem versäumten Unterrichtsstoff und den Hausaufgaben?
Wem zeige ich meinen Plan? Wann?
Was unterscheidet einen Schulversager von einem Schulverweigerer?
Ein Schulversager ist wenigstens noch erreichbar, weil er physisch am Unterricht
teilnimmt. Wie das Wort schon sagt, versagt eine Schülerin bzw. ein Schüler im
genauen Wortsinn immer dann im Unterricht, wenn er oder sie sich der aktiven
Teilhabe und Teilnahme entziehen. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich
dem Unterricht entziehen, in dem sie völlig still und unauffällig sind oder den
Unterricht latent sabotieren und offen boykottieren. Gerade für die unruhige
Schülerklientel ist das Trainingsraumsprojekt geschaffen, weil sie durch Widerstand
versagen, der wiederum in letzter Konsequenz der laute oder stille „Schrei“ nach
Anerkennung ist. Diese Anerkennung erfahren sie im eben beschriebenen
Trainingsraumprojekt. Ich möchte mit den Strategien und Methoden des
Trainingsraums einen Schritt weiter gehen dürfen und massiv störende, sowie extrem
zurückhaltende Schulversager ein Neues Medium unter fachkundiger Aufsicht
anbieten, das sie mit ihren Stärken und Schwächen anerkennt bzw. herausfordert.
Schulverweigerer hingegen sind schon über die Ebene des Schulversagens hinweg
und „glänzen“ wie man so schön sagt durch dauerhafte Abwesenheit. Wären solche
Drouts entlaufende Haustiere, so ließen die sich mit Käschern körbeweise wieder
einfangen, denn meistens sammeln sie sich in oder um Internetcafés oder Hot Spots
in Kaufhäusern (vgl. Kapitel 2). Konsequenterweise läge deren Trainingsraum, um
sie überhaupt noch bildungsmäßig zu erreichen, außerhalb des Schulgeländes.
Was ist ein Drout?
All jene unter den schulpflichtigen Jugendlichen, die die Schule gelegentlich,
regelmäßig oder gar auf Dauer fortwährend schwänzen, nenne ich Drouts.
Drout ist die Kurzform des englischen Ausdrucks eines "Blaumachers" eines
dropouts.
Begabungsförderung durch die Einrichtung von Droutcafés
Wie bereits schon im zweiten Kapitel dieser Arbeit dargelegt wurde, finden sich zur
Schulzeit reichlich Jugendliche in Internetcafés. Ob sie dort spielen, chatten oder
surfen kann keiner wissen, der nie Zeuge verschiedener Gruppierungen von
Schulschwänzern an diversen Vormittagen in Internetcafés unterschiedlichster
Coleur gewesen ist. Ich habe während meiner Studien gelegentlich ganze Vormittage
157
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
in Internetcafés verbracht, und konnte dementsprechend einen kleinen Eindruck
gewinnen, dass die Funktion des Kiosks, der zu meiner Schulzeit in den siebziger
Jahren Treffpunkt zum Schulschwänzen gewesen war, zwar nicht ausgedient, jedoch
mancher Kiosk sich zum Treffpunkt mit installierten Internetzugang gewandelt hat.
Dem Phänomen des Schule-Schwänzens lässt sich nicht dadurch begegnen, dass
Ordnungs- und Aufsichtsbehörden Treffpunkte von Schulschwänzern zu räumen
suchen. Notorische Schulschwänzer finden auch mithilfe von Ordnungskräften den
Weg in die Schule nicht so ohne weiteres wieder. Doch so manches kioskhafte
Internetcafé könnte nützlich sein, dass auch notorische Schulverweigerer den Weg
zurück zur Bildung finden. So manchem vertraulichen Gesprächen mit notorischen
Schulschwänzern lässt sich entnehmen, dass – wenn auch latent – Schulschwänzen
nicht vor Bildungshunger schützt oder weniger bildlich ausgedrückt, Bildungsaspiration und dadurch Bildung an sich mit gesellschaftlicher Anerkennung
verbunden ist.. Und um Anerkennung ringen auch notorische Schwänzerinnen und
Schwänzer.
Basierend auf das Trainingsraumprojekt ließen sich Droutcafés für Schulversager
innerhalb der Schule und für Schulverweigerer außerhalb der Schule eröffnen.
Warum ein Droutcafé?
Schule allein kann heutzutage nicht mehr ihren Aufgaben gerecht werden, wenn die
Schulunlust unter den Jugendlichen drastische Züge annimmt, denn „als ein Feld der
perfekten Organisation des Leistungsprinzips, der methodischen Ausbildung des
Nachwuchses und dessen Allokation zu beruflichen Laufbahnen ist die Schule in ein
Spannungsverhältnis zu modernen pädagogischen Zielen wie Förderung von
Autonomie, Solidarität, Selbstentfaltung und Personalität geraten. Es kann nicht
erstaunen, dass unter diesen Bedingungen die Schulunlust steigt.“ 397 Der
Schulunlust wird gern auch die Lernunlust untergeschoben. Dem ist bei weitem nicht
so, wie meine Erfahrungen durch Chats belegen können 398 , wenn davon
ausgegangen wird, dass Jugendliche während der eigentlichen Unterrichtszeit
chatten, statt lernen. Denn was hilft eine Erziehung zur Autonomie, wenn diese
letztlich doch nicht während oder außerhalb des Unterrichts ausgelebt werden kann,
es sei denn „man macht blau“. Den Schulalltag erschwerend kommt hinzu, dass das
Kompetenz-gerangel unter den Ländern in der Bildungspolitik zu unterschiedlichen
Lehrinhalten führt. Und „die Anschaulichkeit (des Lehrstoffes an den Schulen)
verblasst mehr und mehr, und die persönlichen Beziehungen ordnen sich
professionellen Zielen und Systemimperativen unter. Kindheit, Jugend und Schule
verschmelzen zu einem eigenen System, das als Subkultur seine eigenen Wege
geht.“399 Der hier geforderte Wandel inner- und außerhalb der Schule zu flexiblem
Handeln und zur Berufung auf sein individuelles System der Subkultur, soll durch die
Konfiguration Virtueller und Realer Droutcafés400 unterstützt werden.
397
Grob, Alexander (Hrsg.) verweist in „Kinder und Jugendliche heute: belastet – überbelastet?“ auf Seite 33f
auf Allerbeck, K. / Hoag, W.: „Jugend ohne Zukunft“ – Einstellungen, Umwelt, Lebensperspektive, 1985, a. a.
O.
398
Anfragen zur Einsicht bitte per Email mit Angabe von Personalien und Telefonnr. an:
[email protected]
399
Grundmann, Matthias / Huinink, Johannes / Krappmann: : „Kindliche Lebenswelten, Bildung und
innerfamiliale Beziehungen“ – Familie und Bildung, Empirische Ergebnisse und Überlegungen zur Frage der
Beziehung von Bildungsbeteiligung, Familienentwicklung und Sozialisation, a. a. O., S.91
400
virtuell meint den komplexen Internetauftritt zur Begabungsförderung, real meint die Eröffnung von
trainingsraumprgramm-basierten Internetcafés innerhalb wie außerhalb des Schulgeländes
158
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Wovor die Etablierung von Droutcafés meiner Überzeugung nach schützen könnte,
da sei an den Gymnasiasten Robert Steinhäuser aus Erfurt erinnert, der am
ortsansässigen Gutenberg-Gymnasium im April 2002 ein blutiges Massaker
anrichtete, wo er neun Menschen und sich selbst mit Feuerwaffen in einem Amoklauf
tötete. Hätte Robert Steinhäuser nicht vom Oktober 2001 bis zum Tag des
Massakers stundenlang allein die Schulvormittage in einem anonymen Stadtcafé,
sondern in einem Droutcafé verbracht, wäre es meiner Überzeugung nach nicht zu
einem Massaker gekommen. Ich bin überzeugt davon, dass während dieser
einsamen Vormittage – die er ja nicht freiwillig dort verbracht in einem Café verbracht
hatte, sondern weil die Schule ihn gekündigt und er nicht den Mut hatte mit seinen
Eltern offen darüber zu reden – sein blutiger Plan für dieses Massaker bis ins Detail
ausgebrütet worden ist. Hätte Steinhäuser seine Zeit stattdessen in einem
trainingsraumprogramm-basierten Internetcafé (Droutcafé) verbringen können, hätte
Schlimmeres durch vorsichtiges Intervenieren einer sozialpädgogischen versierten
Café-Aufsicht verhindert werden können. Doch Gewalt-Prävention soll nicht die
einzige Aufgabe einer solchen Einrichtung sein müssen.
Vielmehr soll es Heranwachsenden die Möglichkeit geben, ihre schulischen
Leistungen aufzubessern und nachzuarbeiten. Dazu soll ihnen das Internet sowie ein
kompetenter Ansprechpartner bzw. Ansprechpartnerin frei, diskret und dennoch offen
zur Verfügung stehen. In der Einrichtung soll der Schul- bzw. Nachhilfeunterricht
nicht ersetzt werden, sondern es soll als eine Ergänzung und Anregung zur
Bildungsaspiration genutzt werden können, die sich aus dem Gebrauch Neuer
Technologien wie von selbst generieren lernt. Die Einrichtung soll allerdings auch ein
erster Zufluchtsort für Schulverweigerer sein können, die den Mut finden, den ersten
Schritt aus der schulischen Isolation heraus zu wagen. Aus diesem Grunde soll ein
Droutcafé in den Vor- und Nachmittagsstunden kostenlos und anonym für Heranwachsende nutzbar sein, die sich offensichtlich oder nachweislich in der Erstausbildung befinden.
Droutcafés und andere interaktive Fördermöglichkeiten für Drouts
Schulverweigerer - aus welchen Gründen auch immer - sollen eine approximative
Chance der Bildung bekommen. Anstatt dass sie wertvolle Schulzeit mittel- und
langfristig mit Spielen und Chatten vergeuden und dabei viel Geld ausgeben, sollten
sie dort erreicht werden, wo sie sich bestimmt aufhalten: am Computer. Genauso
wie Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit zum kostenlosen @-Learning über
eine Schulplattform zur Nutzung bereits offen steht, ließe sich somit auch eine
interaktive Brücke zu Schulverweigerern schlagen. Doch um solch eine Brücke
schlagen zu können, sind Wirtschaft und Gesellschaft als Ganzes zur Kooperation
aufgerufen. Allein die Idee, den einen oder anderen Internetkiosk so zu konfigurieren,
dass dort Droutcafés entstehen könnten, braucht einen Anreiz für Kioskbesitzer,
diese Konfiguration auch zu unterstützen. Diese Anreize können sowohl aus der
Wirtschaft als auch aus der Gesellschaft selbst stammen. Gleiches in größerem
Ausmaß gälte dann auch für große Internetcafés und Kaufhaus-Hotspots. Den
Erstanlauf in der Anreizpolitik solche Internetcafés flächendeckend zu konfigurieren,
könnte aus den Vorschlägen der Bildungskommission Nordrhein-Westfalens selbst
159
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
kommen, der da lautet: „Die Kooperation mit anderen einschlägigen Einrichtungen
und mit Förderern, zum Beispiel aus der Wirtschaft, soll gestützt werden.“401
Auch das interne Droutcafé, welches wünschenswerterweise in jeder Schule
konfiguriert sein sollte, ist eine Brücke. Sie jedoch setzt auf das bewährte und oben
beschriebene Trainingsraumprogramm von Ed. Ford auf. Denn eine solche
schulische Einrichtung, die sich explizit an akute oder chronische Schulversager
richtet, sorgt mit gesteuerten Anreizen auf Dauer für eine Verhaltensänderung
auffälliger Schülerinnen und Schüler. Durch die Einrichtung schulischer Droutcafés
und die exklusive Verbindung zu Droutcafés außerhalb des Schulgeländes entstünde
eine neue Art des Austausches zwischen Schulversagern und Schulverweigerern,
pädagogisch moderiert von einer @-Learning-Platform sowie einer anwesenden
pädagogisch geschulten Aufsicht. Durch die Konfiguration innerschulischer Droutcafés würde Schule auch der vom Bildungsministerium NRW’s aus dem Jahr 1995
formulierten Forderung nach flexiblen Handeln gerecht werden, die da lautet:
„Veränderungen im Bildungswesen können notwendigerweise nur in einem
mittelbaren Verhältnis zu Veränderungen im Beschäftigungssystem stehen. Während
in der Wirtschaft pragmatische, zum Teil kurzfristige Qualifizierungsmaßnahmen
notwendig sind, bedarf das Bildungswesen längerfristiger Orientierungen, zumal zum
Bildungsbedarf der Gesellschaft auch der außerberufliche Bereich gehört, der
angesichts des Stellenwertes der Nichterwerbszeit an Bedeutung gewinnen wird.
Wenn Schule dennoch ihre Funktion in der Vorbereitung auf das individuelle
Berufsleben und in der Weiterentwicklung des Industriestandortes Bundesrepublik
bzw. Nordrhein-Westfalen erfüllen soll, dann kann dies nur über die Befähigung zu
flexiblem Handeln geschehen.“402
Die Einrichtung eines Droutcafés
Ein Droutcafé, ob nun innerhalb des Schulgebäudes oder außerhalb sollte eine
Fläche von 150 m² nicht überschreiten. Eine gewisse Übersichtlichkeit ist für die
Aufsicht eines solchen Cafés unerlässlich. Externe Droutcafés sollten Montags bis
Freitags von 7 bis 24 Uhr, Samstags von 9 bis 3 Uhr und Sonntags von 10 bis 24 Uhr
geöffnet sein (auch während der Schulferien), denn Schulverweigerer zu erkennen ist
eine Sache, Zugang zu ihnen zu finden eine andere. Die Architektur eines
Droutcafés sollte sich hinsichtlich ihrer Einrichtung in einem Bereich mit internetfähigen Computerarbeitsplätzen (BAP der Benutzerarbeitsplatz oder auch WS für
Workstation) und einen Bereich mit Bestuhlung ohne WS teilen lassen, so dass
Gespräche fern des BAP möglich sind. Der BAP-Bereich sollte auch nicht unmittelbar
begehbar sein, sondern Drouts müssen dafür einen Counter an der Aufsichtsperson
vorbei passieren, wo sie vom Personal einen Benutzernamen und ein Passwort
erhalten. Die Einrichtung sollte Gruppenarbeit und Workshops fördern können.
Als Counter wäre eine Art Glaskabine denkbar. Dort sitzt die Aufsicht und vergibt
Benutzerkennungen mit Passwort. Ohne Benutzerkennungen dürfen die BAPBereiche weder genutzt noch betreten werden.
Die 12 Workstations eines Droutcafés
401
Bildungskommission NRW: „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“ – Empfehlungen, 1995, a. a. O., S.
139
402
Bildungskommission NRW: „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“ – Aufgaben für die Schule, 1995, a.
a. O., S. 53
160
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Auf jedem WS, ob in einem internen oder externen Droutcafé, sind Messenger
installiert und so voreingestellt, dass die Startseite die Onlearn-Schule ist. Die
Voreinstellung ist die Onlearn-Schule des Rasanthauses (Lehrer AG) und kann durch
den Anwender in seiner Struktur und seinem Ablauf nicht verändert werden. Dort
finden sich zurzeit folgende Schulfächer:
Biologie, Chemie, Deutsch, Englisch, Ethik, Fremdsprachen, Geographie,
Geschichte,
Informatik,
Informationstechnologie,
Interdisziplinäres
Lernen,
Kommunikation, Kunst, Latein, Mathematik, Musik, Pädagogik, Philosophie, Physik,
Politik, Psychologie, Rechtschreibreform, Soziologie, Sport, Wirtschaftslehre und
WiSo (vgl. URL: www.rasanthaus.de/lehrer/main/subjects.html)
Außerdem können über die Startseite Emaildienste und Messenger frei benutzt
werden; Messenger allerdings nur mit der gegebenen Benutzerkennung. Wird die
Startseite gerade während der eigentlichen Schulzeit verlassen und die
Aufsichtsperson nicht per Messenger angesprochen, so wird ein Drout nach einer
halben Stunde von der Aufsichtsperson selbst angesprochen und dabei beiläufig an
den Schulbesuch erinnert.
Des Weiteren sollte jede WS mit einem Beamer verbunden sein. Durchaus wäre es
dann möglich, dass die Aufsichtsperson den einen oder anderen Benutzer auf den
Beamer schaltet, so dass auf einem großflächigen Monitor die Benutzerseitenaufrufe
öffentlich im Café sichtbar sind. Diese Maßnahme dient der Prävention gegen
Missbrauch der WS.
Der Benutzerarbeitsplatz (BAP) des Droutcafés
Ausgestattet werden sollten die BAP mit handelsüblichen PC's, Eingabegeräten
(Tastatur, Mouse und Scanner), Monitoren, Webcams und Headsets. Am Benutzerarbeitsplatz darf nicht gegessen oder getrunken werden, denn dafür gibt es den
Bestuhlungsbereich.
Die Benutzung des BAP sollte für Heranwachsende bis 18 Jahre oder nachweislich
noch in der Erstausbildung befindlichen Personen von 7 bis 20 Uhr kostenlos genutzt
werden dürfen. Benutzungen nach 20 Uhr sollten jedermann offen stehen und es
würden dann die handelsüblichen Preise eines Internetcafés gelten. Personen über
18 bzw. Personen, die sich nicht mehr nachweislich in der Erstausbildung befinden,
sollten über die Benutzerarbeitsplätze zwischen 7 und 20 Uhr nur entgeltlich
verfügen dürfen und zwar auch nur dann, wenn die BAPs nicht von Drouts besetzt
sind.
Jede WS sollte einem Benutzer während der tariffreien Zeit nicht länger als
anderthalb Stunden zur Verfügung gestellt werden dürfen; diese Zeit sollte eine
Ermessenssache der Aufsichtsperson sein. Während der tariffreien Zeit sollte der
Benutzer keinen generell verfügbaren Anspruch auf eine WS haben, sondern sich
unter Umständen mit weiteren Anwendern eine WS teilen müssen.
Aufsichtspersonal des Droutcafés
Aufsichtspersonen der Einrichtung sollten grundsätzlich Spaß an der Arbeit mit
Heranwachsenden mitbringen. Sie sollten im Umgang mit dem Internet und dem
161
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Rechner geschult sein. Außerdem sollten sie in Sachen Schule und Schulbildung auf
dem Laufenden sein. Das Abitur oder eine abgeschlossene Berufsausbildung (gern
in handwerklichen Berufen) sollte die Mindestvoraussetzung zur Einstellung von
aufsichtsführenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eines Droutcafés sein.
Das Personal sollte in erster Linie empathisch, integer und diskret sein. Sie sollen zu
wichtigen Vertrauenspersonen der Drouts werden dürfen.
Im innerschulischen Droutcafé gelten hinsichtlich des Aufsichtspersonals die Regeln
des Trainingsraumprogramms, die von den mitwirkenden Schulen selbst umrahmt
werden.
Die 10 Droutcafé-Regeln
Dafür gilt, dass in den externen Droutcafés Lehrer so ohne weiteres keinen Zugang
während der tariffreien Zeit haben, da sie eh nicht der Zielgruppenvoraussetzung
angehen, die nöitg ist, um die Tariffreiheit zu genießen. Davon abgesehen sind
Lehrer aber auch explizit unerwünscht, welches sich aus der Natur der Sache
herleitet: hartnäckige Schulverweigerer sind nun mal schwer auf Lehrkörper zu
sprechen. Und da Heranwachsende Orientierung brauchen, die wiederum ohne
Regeln nicht auskommt, so gilt auch bei den externen Droutcafés eine
Verständigung auf Rahmenbedingungen, die zur tariffreien Nutzungszeit von allen
Beteiligten befolgt werden müssen.
1. Fördern ohne Fordern
2. Lehrer, Erzieher, Eltern, Ausbilder oder Polizisten haben ohne Vorankündigung
keinen Zutritt ins Droutcafé
3. Das Droutcafé ist keine Insel für Blaumacher
4. Das Droutcafé ist in erster Linie eine Lehreinrichtung
5. Das Droutcafé ist weder Kontaktmarkt noch Freizeitpark
6. Niemand hat einen Anspruch auf einen Rechner
7. Jeder Drout bekommt für seine Sitzung eine Benutzerkennung mit Passwort
8. Ein Drout hat zu reagieren, wenn er im Messenger vom Aufsichtspersonal
angesprochen wird
9. Den Weisungen der Aufsicht ist Folge zu leisten
10. Rauchen und der Verzehr von alkoholischen Getränken ist im Droutcafé
prinzipiell verboten
Die Finanzierung und das Marketing eines Droutcafés
Rund gerechnet kostet der Unterhalt eines Droutcafés im ersten Jahr maximal
110.000 Euro. Einberechnet ist hier bereits die komplette Erstaustattung.
Im erfolgreichen Verlauf der Jahre werden sich die Kosten amortisieren und sich
nachhaltig selbst tragen können. Dazu beitragen könnte die lokale, regionale und
überregionale Industrie, sowie die Öffentliche Hand. Wird das Droutcafé zu einem
erfolgreichen Konzept auf der lokalen Ebene, dann ließen sich weitere Filialen an
anderen jugendsozialen Brennpunkten im gesamten Bundesgebiet eröffnen.
Bestreben des Marketings sollte es auch sein zum führenden Anbieter in der
kostenlosen Begabungsförderung Heranwachsender im Internet zu werden und eine
optimale Schnittstelle zwischen Schule und Bildungsgesellschaft einzurichten.
162
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Frenchise-Lösungen mit Kioskbesitzern, die bereits Internetcafés anbieten, würden
nachhaltig die Droutcafés eigenwirtschaftlich arbeit lassen können.
Einnahmen könnte ein Droutcafé insbesondere nach 20 Uhr und an den
Wochenenden erwirtschaften. Das Café sollte allerdings auch an den Wochenenden
für Drouts kostenlos zu bestimmten Zeiten genutzt werden dürfen. Denkbar wäre
samstags von 9 bis 17 Uhr und sonntags von 10 bis 18 Uhr. In den übrigen Zeiten
sollte das Droutcafé auch als mietbarer Ort für LAN-Parties und ähnliche
Veranstaltungen zur Verfügung stehen dürfen.
Foren, Chats und Webspace als zentrale Plattformen der Lernhilfe per Internet – OnlineSchool: Wer
blaumacht geht ins Netz
In einer virtuellen Schule gibt es den Schulhof genauso wie das Klassenzimmer. Es
gibt Lehrer und Ausbilder wie Schüler und Klassensprecher. Es gibt Freizeit und
Unterricht. Nachhilfe, Referats- und Projektplanungen.
Und wie es normal auf jeder Schule ist, gibt es ein Lehrerzimmer, es gibt einen
Erwachsenenbereich, wo nur Erwachsene Mitglieder Zutritt haben (hier geht es vor
allem um Eltern- und Lehrerprobleme mit einzelnen Schülern), genauso wie es das
Zimmer gibt, für das nur jugendliche Mitglieder Zugang haben. Dort sollte es auch
noch einen Bereich geben, der ausschließlich den Jungen und ausschließlich den
Mädchen vorbehalten ist.
Die Forumsadministration soll alle Bereiche rund-um-die-Uhr im Auge behalten, um
Missbrauch gemäß der Satzung und den Boardregeln im Keim zu ersticken.
Der wesentliche Unterschied zur herkömmlichen Schule ist, dass die virtuelle Schule
kein Ersatz zum traditionellen Unterricht bietet, sondern deren Ergänzung sein soll,
und, dass der virtuelle Unterricht mit all seinen Inhalten zwar vollkommen zwanglos
und freiwillig verläuft, aber deswegen nicht verpflichtungslos verfolgt wird.
Im Chat „Blaumacher“ aufspüren
Wenn MitarbeiterInnen und ehrenamtliche HelferInnen als auch Drouts im Chat einen
Avatar benutzten, dürfen sie den im Forum auch benutzen, so lange dieser nicht
gegen geltendes Recht und die guten Sitten verstößt. Andernfalls darf aufgefordert
werden, einen alternierenden Nickname nutzen zu müssen. Grundsätzlich ist die
Zahl der eigenen alternierenden Nicks uneingeschränkt.
Sollte irgendwann einmal aus Platzgründen die Löschung von Avataren anstehen,
dann nur solche, deren Beitragszahl in keinem Maße mehr in Relation zur
Gesamtbeitragszahl stehen (1 : 10 000).
Ansonsten gelten die gleichen Empfehlungen wie im Chat mit einer wichtigen
Besonderheit: Es sollte das Archivierungsverhalten berücksichtigt werden. Einen
Beitrag aus Lust und Laune zu schreiben, sollte stets gepaart sein mit der
erfrischenden Erkenntnis, dass die Beiträge hohe Halbwertzeiten haben und unter
Umständen den Autor bzw. die Autorin überleben.
163
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Akquisiteure dürfen sich auf das Lerninstitut beim Chatten nur dann berufen, wenn
sie für einen der beiden für den entsprechenden Chat ausgedachten alternierenden
Nicks stehen.
Bsp: in einigen Chats soll gewährleistet bleiben, dass im wechselnden
Wochenrhythmus mindestens ein, maximal 2 Avatare (alternierende Nicks z. B.
indiana-jens und dampfbuegeleisen) jeden Schulvormittag zwischen 9 Uhr und 14
Uhr für mindestens 20 Minuten und empfohlenen maximalen 60 Minuten - alles, was
darüber hinausgeht, sollte dann persönlich engagiert und verantwortbar sein Azubis, Schülerinnen und Schülern ausschließlich in den Jugendkanälen an den
Schulunterricht bzw. die Ausbildung zu erinnern.
Die Herangehensweise ist relativ frei gestaltbar, doch die Themen sollen sich
ausschließlich am Thema Ausbildung und Schule entzünden. Ein berufsverpflichteter
oder ehrenamtlicher Avatar darf nicht sich so ohne weiteres in ein Separeé einladen
lassen und darf auch nicht ohne Grund flüstern. Ein Avatar sollte die bereits
angewendeten und erfolgreichen Ansprechmethoden403 benutzen.
Bei persönlichen Nachfragen bezüglich des Alters, des Berufes und des
Geschlechtes gibt es ein strenges Verfahren, das unbedingt eingehalten werden
muss:
o a) das Alter
Der Avatar hat ohne Beiwerk und Ausschweife direkt auf diese Frage sein wahres
Alter in Zahlen anzugeben und darf sich nicht im Gegenzug nach dem Alter des
Nachfragers erkundigen. Es gibt einen guten Grund für dieses verbindliche
Verhalten. Wer das nicht eingehalten hat, dessen Engagement wird auch nicht als
Maßnahme i. S. d. Lerninstituts anerkannt.
o b) der Beruf
Auch hier gilt die gleiche Grundsätzlichkeit wie bei a. Nur hier hängt die Antwort nicht
vom persönlichen Background des Avatars ab, sondern von den Beweggründen
seiner Aufgabe. Zum Beruf gibt es deshalb nur eine Antwort und die heißt: LEHRER.
Wer sich als etwas anderes bezeichnet als ein Lehrer, der ist nicht i. S. d. Instituts
tätig.
o c) das Geschlecht
Wer will, der darf sein wahres Geschlecht nennen. Wer nicht, der hat deutlich
hervorzuheben, dass die Kenntnis über das Geschlecht unerheblich ist, sondern die
Kenntnis, dass der Avatar im Sinne einer Gemeinschaft, also im Sinne des Instituts
operiert und von daher 'geschlechtsneutral' ist. Oder einfacher ausgedrückt: wenn
heute dampfbuegeleisen von einer Frau gesprochen worden ist, dann kann es
morgen auch ein Mann sein. Das ändert nichts an der Intention und der Berechtigung
in diesen Channels tätig zu sein.
Ein Avatar darf sich nicht provozieren lassen und hat sich strikt an die Netiquette zu
halten. Kraftausdrücke und Fäkalsprache wie "Arsch" oder "Scheiße" sind zu meiden.
403
näheres unter „bistro-bingo.de/bhi“
164
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Ein Avatar sollte sich auf diejenigen konzentrieren können, die auf ihn reagieren. Er
sollte fragen, warum denn der Reagierende nicht im Schulunterricht bzw. bei der
Ausbildungsarbeit ist oder zumindest daran nicht teilnimmt. Achtung: Viele (ca. 40 %
nach vagen Schätzungen) sind in der Schule, im Unterricht oder in der
Ausbildungszeit, während sie chatten. Keine Unterstellungen. Keine Drohungen.
Keine Beleidigung. Dafür aber stets Anmahnen und Erinnern, möglichst mit
scherzhafter Leichtigkeit, damit ein Avatar sich nicht von selbst abnutzt. Bedenke:
Leichtigkeit wird gern gesehen. Schwerfälligkeit macht unbeliebt. Auch, wenn
Mahnungen vom "harten Kern" als unbeliebt nicht gern gesehen werden, verliert es
aber dennoch nicht an Wirkung.
Bei Konflikten bitte umgehend den Chatbot benachrichtigen.
Das Chat sollte am Ende gespeichert und archiviert werden. Jedoch darf es nicht
weitergereicht werden und dadurch gegen das Datenschutzgesetz verstoßen. Die
archivierte Aufzeichnung soll dem eigenen Schutz und der eigenen Methodik dienen.
Ein Chatauszug eines Montag morgens, den Frauentag im Jahr 2004 um 10 Uhr morgens oder was ist ein Studientag?
ussigirl: woher
indiana-jens: hallo bussigirl, keine schule heute?
bussigirl: ich aus dortmund
indiana-jens: sieh an, meine stadt, einstein-gymi?
bussigirl: 12 und du bestimmt älter
indiana-jens: und ob
bussigirl: 18 oder so
indiana-jens: warum bist du nicht in der schule, bussigirl?
indiana-jens: oder bist du?
frank_69 verläßt diesen Channel.
bussigirl: ich habe heute frei
indiana-jens: wieso das denn?
indiana-jens: lehrermangel?
bussigirl: studien tag
indiana-jens: was ist ein studientag?
bussigirl: für uns
bussigirl: da beckommen wir aufgaben auf die wir heute machen sollen
indiana-jens: einen ganzen tag lang? was habt ihr für aufgaben aufbekommen?
bussigirl: nein ein paar aufgaben nur
Diabolis18 verläßt den Chat.
bussigirl: matha deutsch chemie undsoweiter
indiana-jens: und das alles ohne lehrer?
bussigirl: ja
indiana-jens: aber du bist doch erst 12
bussigirl: wie alt biste
indiana-jens: 39
indiana-jens: und lehrer
bussigirl: ja und glaub ich nicht
indiana-jens: da gibt es nichts zu glauben
indiana-jens: mir fällt auch schwer zu glauben, dass du ein studientag hast
165
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
indiana-jens: aber mittlerweile bin ich schon viel gewöhnt
indiana-jens: frage mich ja fast schon wofür überhaupt noch schule
bussigirl: du kannst ja an meiner schule anrufen
indiana-jens: brauche ich nicht. ich glaube dir einfach. ist ja leider auch nicht
abwegig
bussigirl: dann ist niemand da dann kannst du ja sehen
indiana-jens: nur, was die studientag nennen, nenne ich einfach mal lehrermangel
bussigirl: bei uns sind ihrgend was mit 35 lehrer
indiana-jens: 35 lehrer für 1000 schüler
bussigirl: das sind doch immer klassen. da sin auch immer 32 schüler drinn. finde
ich nicht
indiana-jens: warum
bussigirl: was unterichtest du denn
indiana-jens: deutsch, englisch, computer, internet und berufsfindung. habe
erwachsene unterrichtet
bussigirl: aha
indiana-jens: und da waren auch fast 30 leute in einer klasse
indiana-jens: und das ist zuviel zum lernen
gast1953m kommt in diesen Channel.
gast1953m verläßt diesen Channel.
indiana-jens: ein drittel geht dabei unter
gast1953m kommt in diesen Channel.
bussigirl: warum bist du heut nicht in der schule
gast1953m verläßt diesen Channel.
indiana-jens: weil ich nicht mehr unterrichten kann
indiana-jens: bin krank
indiana-jens: kann nicht laufen
bussigirl: warum
indiana-jens: habe aufgrund meiner krankheit meine arbeit verloren
bussigirl: was haste gemacht
indiana-jens: weil ich freiberuflicher lehrer war
indiana-jens: ich habe eine knochenmarkentzündung
bussigirl: wat ist dat den
indiana-jens: jetzt arbeite ich als lehrer im internet
indiana-jens: meine knochenmarkentzündung ist am fuß
bussigirl: ja dann bring mir mal etwas bei
Groupie2630_(m) verläßt diesen Channel.
indiana-jens: was hast du für hausaufgaben auf?
bussigirl: die mach ich nicht erst nacher
Anni betritt den Chat.
indiana-jens: ich habe bereits alle schulfächer im internet
indiana-jens: und aufgaben auf einem board
bussigirl: ich mein so deutsch wir schreiben morgen ne arbeit
Anni verläßt den Chat.
indiana-jens: ein diktat?
bussigirl: über rechtschreibung
indiana-jens: sag mir mal den unterschied zwischen seit und seid
bussigirl: weis ich nicht. ich bin in der 6
indiana-jens: was ist der unterschied zwischen das und dass?
bussigirl: weiß nicht bin aber gut in der schule
indiana-jens: was hast du in mathe aufm zeugnis?
166
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
bussigirl: ich hatte auf meinem zeugniss alles dreien auser kunst da hatte ich ne 2
indiana-jens: alle endungen mit nis werden mit einem s geschrieben: zeugnis,
bedürfnis, usw. nur in der mehrzahl wird es mit doppel-s geschrieben
bussigirl: ja ich habe dass es zu lang auf meiner tastertur gedrückt
indiana-jens: zeugnisse, bedürfnisse, usw
indiana-jens: ja ich habe das (jenes) es zu lang auf meiner tastatur gedrückt
bussigirl:
DANKE
indiana-jens: nix zu danken, fern geschehen
bussigirl: GERN GESCHEHEN
indiana-jens: also falls du üben willst dann guck mal auf die lehrer ag
bussigirl: ok und nochmal danke
indiana-jens: bitte
bussigirl: bye mein name ist katha. kannst mich ruig katha nenen
indiana-jens: bye mein name ist jürgen
indiana-jens: gehst du aufs gymnasium
bussigirl: ne auf real. und du auf gym oder besser gesagt warstä
indiana-jens: ich war auf hauptschule, handelsschule, höhere handelsschule,
gymnasium, lehre als radio- und fernsehtechniker und dann uni in bochum
bussigirl: aha
boy-nrw verläßt diesen Channel.
bussigirl: ich gehe jetzt bye
indiana-jens: oki bye
indiana-jens: und glück auf
Literaturverzeichnis
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• Statisches Bundesamt Deutschland
http://www.destatis.de/
Tabellen:
170
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
1.2.1.1.3.: Reibungspunkte oder Chancenausgleichung im Generationenkonflikt?.............................. 22
2.3.1.2.a: Stichprobeergebnisse 10- bis 15jährige in Chat.de, 1. Halbjahr 2004……………..………. 59
3.2.a: Familien mit und ohne Kinder Anfang der 90er Jahre………………………………………… 70
3.2.b: Zugang der Heranwachsenden 2002 zum Internet (privat, in der Ausbildung oder im Beruf)
und Umfang der Nutzung des Internets nach relevanten und persönlichen Merkmalen………….….. 81
3.6.b.: Besuchte Schulform und soziale Herkunft………………………………………………….… 93
3.6.a.: Besuchte Schulform nach Alter und Geschlecht…………………………………………….... 92
Tab. 4.1.1.7a: Leistungsvergleich der 15jährigen HauptschülerInnen der Dortmunder Landwehr in
den Naturwissenschaften…………………………………………………………………………… 138
Tab. 4.1.1.7b: Leistungsvergleich der 15jährigen Hauptschülerinnen der Dortmunder Landwehr in
den Naturwissenschaften………………………………………………………………………...….. 139
Tab. 4.1.1.7c: Leistungsvergleich der 15jährigen Hauptschüler der Dortmunder Landwehr in den
Naturwissenschaften……………………………………………………………………………….... 139
Tab. 4.1.1.7d: Leistungsvergleich der 15jährigen HauptschülerInnen der Dortmunder Landwehr 9.
Klasse in den Naturwissenschaften…………………………………………………………..…….... 140
Tab. 4.1.1.7e: Leistungsvergleich der 15jährigen HauptschülerInnen der Dortmunder Landwehr 8.
Klasse in den Naturwissenschaften………………………………………………………………..… 140
Tab. 4.1.1.7f: Leistungsvergleich der 15jährigen HauptschülerInnen der Dortmunder Landwehr 7.
Klasse in den Naturwissenschaften………………………………………………………………….. 140
5.1. Namensregister
A
ABU GRAIBH
AEBLI, HANS
ALDI
ALSAKER, FRANCOISE D.
AOL
ungefähre Seitenangaben
68
16, 128
84
42
57
B
BANDURA, ALBERT
BECK, ULRICH
BELL, GRAHAM
BERGMANN
BERTELSMANN-STIFTUNG
BILDUNGSMINISTERIUM NORDRHEIN-W ESTFALEN
BRAVO
BRONFENBRENNER
BÜCHNER, PETER
BUSCHMEYER, HERMANN
102, 113, 122, 123, 126, 129, 130,
133, 136, 138, 152, 153, 157
32
126
16, 73
136
83f, 147
120
12, 14
15, 73
149
C
CHARMIDES
COMENIUS
CRUSOE, ROBINSON
11
150
56
171
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
D
DAGERMAN, STIG
DANZER, GEORG
DEFOE, DANIEL
DEUTSCHE PHYSIKALISCHE GESELLSCHAFT
DEUTSCHE SHELL
DEUTSCHEN TELEKOM STIFTUNG
DREWES, DETLEF
DUFFY, BERNADETTE
53
23
56
135
11, 14, 20, 21, 24, 28, 48, 49, 67,
90, 91, 132, 144, 156
136
114, 115
137
E
EBAY
EDISON, THOMAS
ENGELMAYER
57
126
35
F
FEIBEL, THOMAS
FLAMMER, AUGUGST
FLUCK, ROBERT
FOCUS VERLAGS GMBH
FORD
FRÖBEL, AUGUST
23, 73, 75, 104, 106, 119, 120,
42
127
58, 59
141
136
G
GALILEI, GALILEO
GATES, BILL
GAUSS, CARL FRIEDRICH
GÖBEL, UWE
GOETHE VON, JOHANN W OLFGANG
GOOGLE
GOOGLE-EARTH
GOTTSCHALDT
GOTTSCHALK, THOMAS
GRIN VERLAG MÜNCHEN
GROB, ALEXANDER
GRUNDMANN
GUTENBERG, JOHANNES
126
25
135, 145
50, 51, 135
48
56, 57, 68, 83, 152
56
35, 36,
7
153
19, 29, 42, 50
15, 47, 75, 77
150
H
HABERMAS, JÜRGEN
HÄFFT VERLAG MÜNCHEN
HAGEDORN, FRIEDRICH
HARTH, THILO
HELLERHOFSCHULE
HERAKLIT
HERTIE- STIFTUNG
HUMBOLDT
HURRELMANN, KLAUS
148
154
149
84, 96, 146, 148
17
125
18
51
24, 156
J
JARMUSCH, JIM
JÜLICH
126
48
K
KAUF
KOERBER, BERNHARD
KRAJEWSKI, MARKUS
KRITOBULOS
48
152
66
10
L
LARSON, GARY
38
172
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
LEVEN
LINSSEN
LUHMANN, NIKLAS
24
24
66, 136, 150
M
MATZERAT, OSKAR
MICROSOFT CORPORATION
MONTESSORI, MARIA
MÜHLE, GÜNTHER
MÜNCHOW , RALF
10
25, 56, 57
150, 153
36, 37
55
N
NAUCK, BERNHARD
NESTMANN, F.
NIETHAMMER
17
63
51
O
OELKERS, JÜRGEN
OPEN-SOURCE-BEWEGUNG
OSER, FRITZ
96, 97, 98
25
96, 97, 98
P
PARSONS, TALCOTT
PESTALOZZI
PHILLIPS, GARY
PLATON
PROTAGORAS
69, 73, 74, 136
150
129
11, 24, 125
125
R
REICH, ROBERT
REUTLINGER, CHRISTIAN THOMAS
RÉVÈSZ
RICHARD, RAINER
RIESENHUBER
RÖSSLER, MATTHIAS
ROTH, HEINRICH
ROWLINGS, JOANNE K.
RUBNER, JEANNE
RUHNKEHL, JENS
68, 123
26, 32, 33
35
112
134
156
99
130
17
66
S
SCHENK-DANZIGER
SCHLAFFKE, W INFRIED
SCHMERL, CHR.
SCHORB, BERND
SCHREIER, JÜRGEN
SCHRÖDER-KÖPF, DORIS
SIMPSONS, THE
SOKRATES
STEINHÄUSER, ROBERT
STRUCK, PETER
STRUNZ
SÜDDEUTSCHE ZEITUNG
SYDOW
35, 36
152
63
8
155
130
146
25, 26, 38
9
76, 77
35
77, 87
48
T
THOMAE
THOMAS CORAM CHILDREN’S CENTRE
THORVALD, LINUS
T-ONLINE
35, 36
137
25
57
W
W AGNER, ULRIKE
48
173
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
W ASHINGTONER ECONOMIC POLICY INSTITUTE
W EBER, MAX
W EIZENBAUM
W ENZEL
W IKIPEDIA
W INDOWS
W ITTE, KARL
WP W ISSENSPORTAL GMBH
137
134
130
36
57, 154
25
155
54
Y
YAHOO!
57, 58
5.2. Sachwortregister*
A
abgehängtes Prekariat
Aggression
Alleinerziehende
Allokationsfunktion
Angst, Ängste
Anstand
anthropologische Grundlage
Arbeitgeber
Arbeitslosigkeit
Arbeitsmarkt
Ausbildung
Aussicht~
Autorität~
ungefähre Seitenangaben
132
24, 28, 31, 110
8, 15, 70, 71, 72, 76
49
34, 38, 76, 88, 113, 122, 124, 154
106, 119, 156
49
152
22, 33, 111
20, 34, 48, 82, 101
8, 10, 11, 33, 44, 45, 47, 48, 49, 50, 51, 81, 82, 85, 90, 91,
102, 124, 128, 134, 137, 148, 156
28, 34, 50, 96
24, 73, 87, 88, 155, 156
B
Basiskompetenz
Bedingung
Begabung
Begabungsförderprojekt
Begabungsförderung
Belastung
Belastungsstörung
Beruf~, beruflich
Beschäftigung
Bevölkerung
Bewältigung~
Beziehung
Beziehungspflege
Bildung
Bildungsangebot
Bildungsaspirant
bildungsfern
bildungsnah
Bildungsniveau
Bildungsqualifikation
Bildungsserver
Bildungssystem
Bildungsverhalten
Biografie, Biographie
136, 137
12, 17, 18, 29, 54, 56, 61, 67, 70, 84, 87, 88, 89, 94, 95, 100,
136, 149, 155
12, 35, 36, 37, 48, 51, 82, 118, 132, 138, 145, 151, 153
10, 38, 88
7, 11, 12, 14, 15, 38, 39, 44, 47, 48, 49, 51, 54, 76, 77, 82, 84,
85, 96, 119, 141, 157
14, 20, 28, 29, 33, 50, 76, 78
20
7, 8, 11, 12, 14, 19, 21, 22, 24, 30, 32, 36, 37, 38, 44, 45, 48,
49, 50, 52, 55, 62, 63, 77, 81, 82, 83, 85, 96, 97, 98, 99, 109,
110, 124, 129, 131, 138, 144, 146, 147, 155, 156
82, 91, 155, 156, 157
17, 33, 67, 70, 72, 89, 92
14, 30, 31, 32, 34, 35, 82
12, 15, 79, 95, 102
19
12, 14, 19, 51, 82, 83, 84, 95, 124, 127, 128, 132, 136, 137,
147, 151
51, 82, 83
18, 95
8, 27, 47, 75
8, 26, 75
20
20
43, 52, 82
47, 51, 96, 98, 99, 100, 102
17
14, 32, 54
174
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Biologie
Buch~, Bücher~
53, 100, 138, 139, 140, 143, 147, 148
7, 18, 20, 22, 38, 59, 79, 89, 90, 101, 102, 106, 115, 130, 131,
132, 143, 147, 148, 150, 152, 153
C
Chance
Chat
Chatroom
chatten
Chemie
Coaching
Computer
Cyberspace
20, 21, 22, 32, 33, 35, 55, 59, 66, 72, 73, 94, 96, 101, 103,
111, 112, 119, 129, 130, 131, 137, 150
58, 59, 60, 61, 62, 64, 70, 79, 80, 102, 107, 115, 118, 119
58, 59, 60, 61, 62, 63, 64, 107
27, 57, 59, 61, 107, 114
53, 112, 135, 138, 139, 140, 142, 143
38
13, 43, 44, 52, 55, 66, 67, 68, 75, 84, 87, 88, 91, 103, 104,
105, 106, 108, 126, 133, 150, 154
31, 66, 106
D
Defizit
Depression
Deutschkenntnisse
Dialog
Didakt~
Dienstleistung~
distant learning
Distanz~
Dynam~
Egoshooter
17, 21, 72, 95, 124, 130, 155
20
18
55, 64, 115, 126
39, 84, 85, 94, 98, 99, 139, 140, 141, 144,148, 150, 151, 152,
154
126
95
23, 24, 43, 95, 114, 119
8, 36, 66, 67, 69, 70, 87, 97, 98, 119, 125, 133
103
E
Ehrgeiz
Eigenverantwort~
Eltern~, Großeltern
Englisch~
Entfremdungstheorie
Enttraditionalisierung
Entwicklung~
epistemisches Verhalten
Erfahrung~
Erkenntnis~
Erstausbildung
Erwachsene
Erwerbsbiographie
Erziehung(s)~
Exoebene
Experiment
Extremismus
26
9, 23, 27, 116
8, 10, 11, 13, 15, 16, 22, 23, 24, 27, 30, 31, 38, 42, 43, 47, 69,
70, 72, 73, 74, 75, 76, 77, 78, 79, 80, 84, 88, 90, 91, 92, 93,
94, 100, 101, 102, 103, 104, 109, 112, 117, 119, 120, 128,
133, 155
52, 53, 77, 132, 137, 147
29
15, 16
7, 8, 9, 11, 14, 19, 22, 26, 29, 30, 32, 33, 34, 42, 48, 51, 66,
67, 71, 72, 76, 78, 101, 102, 134, 147, 149, 150, 152, 154, 156
128
12, 13, 23, 36, 39, 47, 51, 59, 61, 62, 72, 86, 94, 95, 97, 98,
104, 107, 113, 114, 122, 125, 127, 128, 131, 132, 133, 146,
151, 153, 154, 157
15, 24, 38, 63, 66, 67, 68, 124, 125, 134, 138, 147, 143
8, 10, 11, 44, 45, 48, 84, 87, 98, 100
7, 10, 16, 19, 22, 23, 27, 29, 30, 39, 42, 43, 61, 62, 70, 72, 75,
78, 82, 87, 91, 94, 102, 103, 112, 113, 115, 116, 119, 133,
154, 156, 157
14
8, 11, 14, 15, 16, 18, 19, 21, 24, 27, 33, 36, 43, 46, 50, 51, 47,
70, 72, 74, 75, 76, 77, 79, 83, 96, 98, 109, 112, 116, 119, 128,
129, 130, 133, 136, 137, 147, 156
13, 15
135
28
F
Familie(n)~
8, 12, 13, 14, 15, 18, 21, 22, 24, 27, 30, 32, 33, 36, 43, 47, 48,
52, 56, 59, 60, 62, 67, 69, 70, 71, 72, 73, 74, 75, 76, 77, 78,
175
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Fernseh~
Festplatteninhalt
Flexibilität
Förder~
Forum
Frauen
Frustrationstoleranz
79, 81, 88, 89, 96, 100, 102, 104, 109, 115, 136, 155
23, 28, 59, 62, 77, 79, 88, 89, 90, 103, 104, 106, 110, 146, 157
147
87, 99, 123, 146
11, 13, 14, 17, 21, 35, 38, 39, 48, 50, 51, 53, 73, 75, 82, 84,
94, 95, 96, 118, 122, 124, 128, 146, 150, 153, 155, 157
39, 54, 63, 68, 80, 154
8, 10, 14, 15, 19, 20, 21, 22, 54, 55, 62, 63, 64, 73, 79, 81,
107, 114, 119, 129, 130, 131
10, 73
G
Gefahr
Generation~
Gesamtschule
Gesellschaft
Gesetz
Gewalt~
Globalisierung~
Grundlagen~
Gruppe~
Gymnasium
18, 27, 43, 49, 66, 67, 93, 94, 101, 103, 104, 111, 114, 115,
148
11, 14, 15, 16, 17, 18, 22, 23, 24, 32, 42, 47, 67, 69, 70, 73,
87, 98, 104, 120, 136, 156
13, 47, 92, 93, 133
8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 16, 54, 55, 56, 66, 67, 68, 70, 73, 74,
88, 106, 108, 109, 112, 123, 126, 127, 128, 130, 131, 132,
134, 135, 146, 147
109, 139
10, 28, 49, 66, 103, 104, 105
7, 11, 32, 75, 127, 156
17, 50, 84, 99, 101, 102, 111, 135
7, 8, 10, 13, 15, 17, 21, 38, 42, 44, 53, 56, 59, 60, 63, 69, 84,
86, 87, 91, 94, 95, 98, 101, 103, 108, 109, 110, 112, 113, 114,
117, 118, 120, 129, 133, 157
10, 46, 47, 92, 93, 117, 133
H
Habitationsthese
Handy
Hauptschule, ~schülerin, ~schüler
Hausaufgaben
Haushalt
Heimnetzwerk
Herausforderung
Hyperlink
104
57, 67, 93, 94, 120
9, 13, 20,22, 45, 46, 47, 81, 89, 91, 92, 93, 128, 132, 133, 137,
138, 139, 140, 141, 142
53, 54, 154
67, 70, 71, 72, 74, 88, 89, 130
12
10, 15, 20, 32, 42, 51, 55, 78, 84, 87, 96, 100, 147, 148, 149,
150, 152, 153
57
I
Identität
Identitätsbildung
Imitationsthese
Information~
Inhibitionsthese
Institution
Integrität
Interaktion
interaktiv
interdisziplinär
Internet~
16, 23, 30, 105, 106
30
104
7, 12, 13, 15, 23, 27, 50, 52, 54, 55, 56, 57, 59, 64, 66, 68, 78,
83, 84, 85, 86, 87, 90, 94,. 96, 98, 104, 107, 109, 114, 120,
123, 124, 130, 131, 133, 146, 147, 149, 150, 151, 153
103
13, 15, 16, 31, 32, 33, 39, 43, 42, 48, 52, 53, 69, 70, 84, 95,
97, 101, 146, 147, 152,
105, 106
29, 30, 53, 56, 59, 72, 94, 101, 105, 119, 148
12, 47, 48, 56, 57, 62, 70, 83, 84, 108, 146, 148, 154
13, 51, 145
7, 11, 12, 13, 16, 18, 19, 20, 21, 22, 24, 25, 26, 27, 28, 29, 36,
38, 39, 42, 43, 44, 45, 47, 48, 49, 50, 51, 52, 53, 54, 55, 56,
57, 58, 59, 61, 62, 63, 64, 66, 67, 68, 69, 70, 73, 74, 75, 77,
78, 79, 81, 82, 83, 84, 85, 86, 88, 89, 90, 91, 92, 94, 96, 98,
100, 102, 103, 104, 105, 106, 107, 108, 109, 110, 111, 112,
113, 114, 115, 116, 117, 118, 119, 120, 122, 123, 124, 132,
176
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
146, 147, 148, 149, 150, 152, 153, 154, 155, 157
J
Jugend~
7, 8, 10, 11, 13, 14, 16, 19, 20, 21, 22, 23, 24, 25, 26, 27, 28,
29, 30, 31, 32, 33, 34, 35, 38, 43, 44, 45, 46, 48, 49, 50, 51,
52, 57, 59, 67, 74, 75, 78, 79, 81, 87, 89, 90, 92, 92, 93, 95,
103, 104, 107, 108, 109, 110, 111, 112, 113, 114, 116, 117,
118, 119, 120, 130, 131, 133, 136, 142, 144, 155
K
Katharsisthese
Kenntnis, ~se
Kinder~
Kirche
Klasse
Kogniti~
kognitives Verhalten
Kommunikation~
Kompetenz
Konflikt~
Konsum~
Kontakt
kontingentes Lernen
Kontrolle~
Konvertierungsproblem
Konzept~
Kulturtechnik
103
18, 38, 54, 58, 62, 63, 68, 84, 100, 101, 105, 112, 124, 125
8, 10, 11, 13, 14, 15, 16, 17, 18, 19, 21, 24, 27, 29, 31, 32, 34,
43, 44, 47, 48, 59, 61, 64, 69, 70, 71, 72, 73, 74, 75, 76, 77,
78, 79, 87, 87, 88, 97, 97, 100, 102, 103, 104, 105, 108, 109,
112, 115, 116, 117, 118, 119, 120, 130, 132, 133, 136, 137,
146, 155, 156, 157
112
9, 12, 17, 18, 20, 22, 27, 31, 51, 52, 53, 78, 86, 87, 88, 93, 94,
97, 99, 101, 114, 129, 132, 137, 139, 140, 141, 142, 145, 150,
151, 152, 155
14, 22, 68, 72, 75, 122, 124, 128, 129, 130, 133, 155
128
7, 12, 13, 21, 22, 38, 52, 55, 56, 57, 58, 62, 63, 97, 106 107,
120, 123, 126, 132, 133, 147, 148, 149
12, 21, 28, 42, 44, 78, 94, 96, 97, 101, 102, 116, 131, 146,
147, 148, 149, 156
12, 15, 22, 23, 73, 76, 79, 104
28, 59, 68, 88, 89, 90, 91, 102, 103, 104, 105, 106, 107, 108,
113, 114, 115, 116, 119, 120
19, 26, 38, 52, 53, 63, 70, 75, 81, 106, 107, 109, 114, 115,
116, 118, 156, 157
144
14, 15, 20, 21, 22, 33, 68, 97, 103, 106, 109, 110, 114, 118,
119, 150, 155
86
7, 8, 84, 99, 134, 148, 150
44, 45, 122, 124
L
Lebensgestaltung
lebenslanges Lernen
Lebenswelt
Lehrangebot
lehren~
Lehrer~, ~in(nen)
Lehrinhalt(e)
Lehrplan~
Leistung~
Leistungseffizienz~
lernen
Lernenergie
81
44
8, 32, 48, 55, 70, 97
99, 100
54, 84, 86, 87, 88, 96, 98, 125, 128, 129, 134, 145, 147, 148,
149, 150, 151, 152, 155
9, 12, 13, 16, 20, 22, 27, 38, 43, 47, 54, 55, 74, 78, 79, 80, 81,
82, 83, 84, 85, 86, 87, 94, 95, 96, 97, 98, 99, 100, 101, 102,
109, 127, 128, 129, 132, 134, 141, 145, 151, 152, 155
84, 150, 152
51, 100, 101, 102, 128, 140, 144, 147, 149, 152
20, 22, 34, 35, 36, 37, 45, 58, 59, 77, 86, 87, 95, 100, 101,
122, 126, 129, 138, 139, 140, 141, 142, 143, 144, 148, 151,
152, 157
122, 152
12, 13, 15, 17, 19, 24, 44, 45, 47, 51, 53, 55, 57, 72, 75, 77,
80, 82, 83, 84, 85, 86, 87, 88, 94, 95, 98, 99, 100, 102, 104,
109, 113, 119, 125, 127, 129, 130, 136, 137, 138, 139, 140,
142, 144, 145, 146, 147, 148, 149, 150, 151, 152, 153, 154,
155
8
177
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Lernfähigkeit
Lerninhalt~
Lernprogramm
Lerntheorie
Lesekompetenz
lifelong-learning
Logik~
logisch~
Logos
75
45, 56, 83, 86, 147, 150, 153, 154
154, 155
102, 122
45, 122, 130, 133
55
29, 30
110, 125
125
M
Makroebene
Männer
Massenmedium
Mathematik~
Medienangebot
Mediendiskussion
Medienkompetenz
Medienpädagogik
Messenger
MigrantInnen
Migrationshintergrund
Migrationsmotivation
Mikroebene
Milieu
Mittelfeld
Mittelmaß
Modellprojekt „Deutsch und PC“
multikulturell~
Mutter~, Mütter
13, 15
14, 19, 20, 21, 22, 23, 62, 63, 64, 73, 79, 81, 116, 129, 130
66
9, 54, 130, 133, 134, 137, 138, 139, 140, 141, 142, 143, 144,
145, 154
82, 102
74, 153
7, 12, 13, 28, 55, 73, 98, 116, 124, 130, 146, 148, 149, 150,
151
38, 75, 101
57, 59, 88, 112
17
26, 27, 132
17
12
21, 27, 30, 31, 47, 75, 109
36, 143
139
17
26, 127
8, 11, 14, 15, 18, 62, 69, 70, 72, 74, 73, 76, 77, 105, 115, 117,
119, 137
N
Nachhilfe~
Nähe
Naturwissenschaft~
Netz
Netzwerk
Netzwerkpioniere
Neue Medien
54, 94, 95, 96
43, 53, 100
50, 96, 99, 134, 135, 136, 138, 139, 140, 141, 142, 152
30, 43, 52, 54, 55, 58, 61, 108, 112, 116, 117, 118, 123
16, 12, 13, 14, 15, 19, 20, 27, 42, 43, 52, 59, 63, 66, 96, 105,
107, 116, 148, 151, 152
42
153
O
Organisation
Orientierung
13, 32, 42, 94, 99, 106, 111, 112, 138, 146, 150
9, 20, 28, 32, 34, 46, 62, 72, 73, 88, 102, 115, 116, 119, 126,
128, 149, 156
P
Pädagogik
panta rhei
Perspektiv~
Phänomen
Physik~
Plebiszität
Portal
Präferenz
Prägung
Produktion
24, 32, 33, 85
125
49, 53, 56, 66, 72, 81, 83, 95, 113, 120, 125, 152
62, 63, 71, 77, 82, 86, 87, 95, 103, 104, 126, 130, 134, 139,
146
53, 86, 99, 134, 135, 138, 139, 140, 143, 144, 147
66
52, 54, 154
74
50, 105, 113
51, 69, 127, 155
178
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
psychische
~Belastung
~Fehlentwicklung
Pubertät
78
48
8, 19, 42, 63, 76, 78, 104, 144
R
Rapport
Ratio~
Raum, Räume
Reaktion~
Reale Welt, Reale Wirklichkeit (RW)
Realschule
Reformdiskussion
Reifeprozess
Ressource
Risiko
role-making
role-taking
Rollenkompetenz
Rollenvorstellung
Ruhe~
96
68, 134
12, 30, 31, 32, 33, 36, 43, 57, 58, 59, 60, 62, 65, 75, 89, 105,
107, 116, 146
20, 28, 136, 155
42, 43, 44, 61, 62, 63, 70, 83, 102, 105, 106, 108, 109, 112,
117, 118
10, 13, 46, 47, 92, 93, 123
15
7, 8, 9
13, 29, 30, 31, 33, 34, 72, 94, 95, 97, 127
32, 79, 95, 130
8, 9
8, 9
12
21, 74
48, 98, 146
S
Schlüsselqualifikation
Schulalltag
Schule
Schulen-ans-Netz
Schulnetzwerk
Schulsystem
Schulversagen
Schulversager
Schulverweigerer
Schulverweigerung
Sektenschule
Selbstlernphase
Selbstreflexion
SMS
Social Loafing
sozial~
45, 81, 122
13, 19, 55, 60, 132, 147, 154
8, 11, 12, 13, 15, 16, 26, 27, 47, 48, 49, 51, 52, 54, 55, 61, 64,
72, 73, 78, 79, 81, 82, 83, 84, 85, 88, 90, 91, 92, 93, 94, 95,
96, 97, 98, 99, 100, 101, 129, 131, 133, 136, 138, 144, 148,
149, 151, 152, 154, 155, 156
43, 54, 55
13
98
46
146
46
27, 46
91
82
21
68, 78, 93, 94
86
7, 9, 11, 12, 14, 15, 16, 19, 20, 21, 24, 26, 28, 29, 31, 32, 33,
34, 35, 36, 38, 39, 47, 52, 52, 56, 59, 60, 62, 63, 69, 70, 72,
73, 75, 79, 81, 84, 85, 86, 88, 94, 95, 96, 101, 105, 106, 107,
109, 110, 111, 114, 117, 118, 119, 122, 128, 129, 131, 132,
134, 136, 137, 138, 146, 147, 148, 149, 155, 156
179
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
sozial-kognitiv
sozialer, (soziokultureller) Kontext
Sozialisation~
Sozialstruktur
Sozialverhalten
Soziologie
soziologisch~
Spielraum, ~räume
Spieltheorie
Spieltrieb
Sport~
Standard~
Stiftung
Stimulationsthese
Struktur~
Sucht~, Süchte
Symbol~
24, 102, 113, 122, 123, 130, 136,138, 152, 153, 155, 157
9, 15, 42
14, 21, 42, 44, 52, 54, 56, 58, 59, 61, 62, 63, 69, 72, 74, 75,
76, 77, 81, 82, 151, 155
19, 21, 26, 28
16, 17, 56, 93, 94, 157
69, 99
7, 9, 10, 59, 62, 63, 64, 66, 67, 69, 70, 72, 76, 88, 89, 92, 109,
113, 114, 122, 150
31, 83, 96, 109, 145, 147
146
22
13, 90, 101, 110, 112, 147
56, 120, 137
18, 52, 67, 91, 130, 136, 144
104
15, 19, 21, 22, 26, 27, 28, 30, 31, 32, 35, 36, 66, 67, 82, 83,
99, 115, 147, 153, 155
104, 107
38, 68, 73, 111, 123,124, 126, 137
T
Team~
Techno~
Telekommunikation~
Tradition
Training~
Trittbrettfahren
Tutorensystem
52, 86, 101, 152, 156
7, 13, 27, 50, 55, 66, 84, 85, 88, 94, 105, 120, 123, 124, 146,
147, 149, 150
13, 63, 85, 87, 93, 94
15, 16, 22, 32, 69, 73, 82, 97, 151
31, 42, 78, 141, 157
86
95, 98, 100
U
Überforderung
Umwelt
Universität
Unterricht~
Unterschicht
Unterstützung
Untersuchung
Urteil~
USA
US-amerikanisch
20, 28, 88
16, 30, 33, 56, 63, 122, 130, 138,
107, 116, 137
9, 18, 19, 27, 28, 44, 48, 54, 55, 60, 61, 78, 82, 83, 85, 86, 87,
88, 92, 94, 95, 96, 97, 98, 99, 100, 112, 127, 132, 133, 134,
138, 139, 140, 147, 150, 151, 152, 155, 156
46, 81, 92, 93, 95, 109, 132
15, 63, 75
36, 47, 56, 59, 60, 61, 62, 89, 107, 118, 130, 157
11, 37, 68, 86, 87, 95, 97, 125, 133, 147, 148, 149
43, 61, 99, 110, 117, 149
118, 146, 149
V
Vater, Väter~
Verantwortung~
11, 14, 15, 32, 73, 115, 119
16, 19, 34, 59, 79, 83, 91, 100, 109, 116, 119, 151
180
Jürgen Arndt: „Entwicklung statt Erziehung“ – Begabungsförderung Heranwachsender im Internet
Verhalten
Verhaltensmuster
Verhaltensweise
Vernetzung
Verständnis
Virtuelle Realität bzw. Welt (VR)
Vision
16, 19, 21, 28, 31, 35, 47, 56, 64, 79, 80, 87, 93, 94, 97,
102, 104, 114, 115, 122, 128, 153, 155
21, 120
16, 28, 130
55
24, 73, 102, 111
42, 62, 106, 108, 112, 117, 118
66, 100
W
Wahrnehmung
Web~
Wertorientierung
Wirtschaft~
Wissen
Wissensgesellschaft
66, 68, 136, 149,
27, 52, 55, 56, 57, 63, 94, 110, 111, 112, 113, 115, 116,
117, 118, 119
9
36, 51, 70, 73, 83, 95, 99, 108, 114, 119, 127, 131, 148,
155, 156
24, 44, 75, 86, 97, 98, 99, 124, 125, 126, 127, 129, 147
130, 131, 132
Z
Zukunft~
9, 11, 20, 21, 24, 48, 49, 63, 66, 67, 82, 84, 96, 111, 124,
125, 146, 150, 156
52, 55, 58, 83, 84, 86, 136, 137
Zusammenarbeit
*die Tilden sind der Einfachheit halber immer hinter den Wortstamm gestellt und dienen als Platzhalter für
weitere Wortanhängsel vor wie hinter dem Wortstamm.
Dortmund, den 18. Januar 2007
181