2005 - Hans Werner Richter

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2005 - Hans Werner Richter
HANS WERNER RICHTER-STIFTUNG
Hans Werner Richter-Stiftung, Bansin
Am Römerhof 38
D-53424 Remagen
Telefon 02642/21312
JUNGE LITERATUR IN EUROPA 2005
Internationale Autorentagung
3. bis 5. November 2005
Internationales Begegnungszentrum der Universität
Greifswald
Zur Webveröffentlichung zusammengestellter Auszug!
Copyright der Photos und Textauszüge
wie jeweils gekennzeichnet, ansonsten:
Gefördert durch den Beauftragten der Bundesregierung
für Kultur und Medien, Berlin / Bonn,
und die Haniel Stiftung, Duisburg
© 2006 by Hans Werner Richter-Stiftung, Bansin
Redaktion und Layout Dr. Marko Pantermöller, Greifswald
Druck: Druckhaus Panzig, D-17462 Greifswald
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Inhalt
Carl Amery
Abschied von Toni Richter
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Verena Auffermann
Flucht ins Autobiographische – oder die Angst vor der Fiktion
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Textauszüge:
Julia Schoch
Verabredungen mit Mattock
20
Ismail Kalayci
Großvaters Olivenhain
27
Vladimir Vertlib
Mein erster Mörder
46
Zafer enocak
Wohin geht die Reise?
59
Inka Parei
Was Dunkelheit war
69
Riikka Ala-Harja
Unter dem Meer liegen
86
Ervin Õunapuu
Golf
96
Maria Peura
Am Rand des Lichts
104
Gernot Wolfram
Samuels Reise
116
Catalin Dorian Florescu
Der kurze Weg nach Hause
122
Die Autoren
134
Veranstalter und Moderatoren
139
Toni Richter, 1918 – 2004, Stifterin der Hans Werner Richter-Stiftung
(© 2003 Edmund v. Pechmann)
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Am 2. Januar 2004 starb Toni Richter, die Ehefrau Hans Werner Richters und
Stifterin der Hans Werner Richter-Stiftung. Auf der Trauerfeier am 10. Januar
2004 in München sprach Carl Amery.
Carl Amery
Abschied von Toni Richter
Wir, Verwandte und Freunde, haben uns hier in Stille versammelt, um unseren
Abschied von Toni Richter zu nehmen.
Es ist wohl nach wie vor das Jahrtausendlos der Frauen, grundsätzlich
nach Rang und Namen des Gemahls, des Eheherrn, definiert zu werden. Und
Toni Richter, so glaube ich, hätte es auch nicht anders erwartet. Stark und entschlossen, wie sie war, hat sie ihren Auftrag darin gesehen, an einer Unternehmung mitzuwirken, die zumindest im öffentlichen Bewußtsein mit dem Leben
ihres Mannes nahezu identisch wurde. Und vielleicht ist es wirklich der kürzeste Weg, zu ihr selbst zu gelangen, wenn man kurz über die Literaturgeschichte eines halben Jahrhunderts redet.
Diese Geschichte schuldet ihr viel. Es ist müßig zu spekulieren, was aus
dieser Gruppe 47 ohne ihre manchmal kaum bemerkbare Präsenz, ihre angestrengte und anstrengende Wachsamkeit geworden wäre. So aber hat sie
durchaus, wenn auch nicht allen sicht- und spürbar, das Profil, ja wahrscheinlich die Funktionsfähigkeit dieses stets schwindenden und stets wiederkehrenden Clubs, dieser einmaligen Clique ohne Statuten und Vereinseintrag ermöglicht – vom ersten gemeinsamen Bad im Bannwaldsee bei Füssen bis zum
glorreichen Finale im böhmischen Schloß Dobriš 1990. Und um das zu können,
durfte sie auf keinen Fall eine Literatin sein – was sie ja auch nie war und nie
geworden ist. Vielmehr waren die Tugenden und Talente einer Gastgeberin,
einer Terminsekretärin, einer Spezialistin für Gruppendynamik gefordert; kurz,
die Talente, die Liebenswürdigkeit und die Kraft der Frau, wie sie schon das
Alte Testament als mulier fortis preist, wie sie als Schlüsselwahrerin in antiken
Haushalten und, vielleicht, als zupackende Äbtissin im deutschen Mittelalter
figuriert. Als Chefin eines Reiterhofs für Kinder am äußersten Deich der Nordsee, den sie jahrelang tüchtig managte, war sie davon nicht allzuweit entfernt.
Diese Kraft wirkte nicht an der Oberfläche, hatte nichts von männischer
Verbissenheit. Toni lachte gern, sie liebte elegante Dinge, und sie war eine
ausgezeichnete Tänzerin. Sie konnte haushalten in der feudalen Grunewald5
villa, wo Hans Werner eine Zeitlang ein eigenes Hörfunk- und Fernsehprogramm organisierte. Sie assistierte ihm in seiner Existenz als Schriftsteller, sah
seine Manuskripte durch und achtete aufs Budget. In München gehörte sie mit
ihm in eine eigene und geistreiche Société, die nur in geringer Schnittmenge
mit der Gruppe 47 zu tun hatte – eine Gesellschaft, deren Wert zum Glück an
keiner der medialen Münchner Klatschbörsen notiert wurde.
Hans Werner Richter war schon 1990, bei dem Treffen in Dobriš, von
schwerer Krankheit gezeichnet, und er hat wenig später Abschied genommen.
Es kamen für Toni einsame Jahre; aber sie hat ihren Auftrag nicht vergessen,
ist ihm weiterhin mit Energie und Geschick nachgegangen. Nachgegangen ist
sie den Spuren im Sand, über die Hans Werner eines seiner hübschesten
Bücher schrieb; nachgegangen bis unter den hellen Himmel der Ostsee bei
Bansin, woher er kam und wo er immer noch, durch alle die Jahre der deutschen Trennung, seine Familie wußte und besuchte. Bansin, einst ein schicker
wilhelminischer Badeort, aber auch eine alte Fischersiedlung, hatte unter der
realsozialistischen Dunstglocke schweren Identitätsverlust erlebt; die Aussicht
auf eine Ehrung des Andenkens von Hans Werner Richter, des Sohnes, der
seinen Weg gemacht hatte, konnte nur willkommen sein. So entstand das Gedächtnishaus im Bansiner Sand, so entstand die Stiftung, die sich das gute Ziel
gesetzt hat, junge polnische und deutsche Autoren auf gegenseitige Augenhöhe zu bringen, um an der manchmal qualvollen, manchmal großartigen gemeinsamen Geschichte der beiden Nationen zu arbeiten. Wer vermag heute zu
sagen, ob dies nicht die größte selbständige Leistung von Toni Richter war, ist,
werden wird? Eine Frage ihrer und unserer Zukunft. Es liegt jedenfalls ein
Jahrbuch der Stiftung vor, das zur Hoffnung berechtigt.
Nun haben wir wirklich eine Epoche der Literaturgeschichte durchschritten, und unversehens hat sie uns Toni Richter als Mitmenschen, als Person
von Fleisch und Blut nähergebracht. Dieses ihr Leben war, unter allem Brokat
des Erfolges, ein Leben von großer Einfachheit. Es war, letzten Endes, auch
ein Leben des Verzichts. Aber dieser Verzicht war die Frucht einer Einsicht. Ob
diese Einsicht bewußt oder unbewußt war – das spielt kaum eine Rolle. Toni
Richter lebte und wirkte aus der altmodischen Überzeugung, daß Glück ein
Nebenprodukt ist. Ihm als Lebenssinn nachzujagen, ergibt, letzten Endes,
keinen. Was zählt, ist der erfüllte Auftrag, die ausgefüllte Rolle im himmlischirdischen Spiel.
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Den Zeitgenossen der Spaßgesellschaft mag dergleichen merkwürdig erscheinen, und sie werden fragen, ob Toni Richter nicht selber wußte, was sie sich
damit antat. Oh, sie wußte es.
In dem Dokumentationsband über die Gruppe 47, den sie herausgebracht
hat, sind nicht allzu viele Bilder von ihr selbst zu finden. Das schönste ist wohl
das auf Seite 110, in einem Bericht über das Treffen von 1963 in Saulgau. Es
zeigt Toni mit einem Siegerkranz, der ihrem Mann geflochten worden war, und
der auf seinem Haupt wohl nur halb so hübsch ausgesehen hätte. Toni steht er
blendend; und sie lächelt fast ungläubig, "überstürzt vom Gewinn", wie Rilke so
schön formulierte. Unter ihrem Lächeln steht Melancholie – keine schleierhaft
angewehte, sondern eine Melancholie, die sie als Gewürz in ihrem ganzen
Lebensentwurf verspürt hat. Einem Entwurf, auf den sie auf keinen Fall verzichtet hätte – denn er erst erbrachte, was sie unter Glück verstand.
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Verena Auffermann
Flucht ins Autobiographische – oder die Angst vor der Fiktion
Es gibt Fragen, die kehren wieder wie Ebbe und Flut. Eine davon heißt: Wo ist der
Roman, der die Ängste unserer Zeit beschreibt? Die Naturkatastrophen, Epidemien, das Flüchtlingschaos an Europas Rändern, ein Buch, das Politik und privates Leben in sich bündelt - oder ein Buch über eine mögliche Zukunft. Weshalb, fragen wir in jeder Saison, scheuen sich deutschsprachige Autoren vor den
großen welthaltigen, politisch dringenden Fragen? Weshalb verharren sie in der
Beschreibung des Privaten, beschwören die Familie, die kleinste Einheit der
Gesellschaft? Weshalb schauen sie, nachdem Krieg, Schuld, Nachkriegswirren
beschrieben sind, nicht weiter als in ihr eigenes Bett, in die Augen der eigenen
Freundin?
Vor gut fünfzig Jahren klang der Rückzug, klang die Beschreibung von
Angst und Sehnsucht so: „Ich werde meine Haarbürste neben deine legen. Deine
Bücher aufstellen. Deine Jacke aufhängen neben meinen Röcken. ... und ich
möchte ein Buch haben, aus dem ich erfahre, was in dir vorkommt, Klima, Vegetation und Fauna, die Erreger deiner Krankheiten und ihre stummen verbissenen
Gegner in deinem Blut, und die Lebewesen, die allerkleinsten, die ich mir herüberhole mit meinen Küssen...“
Was haben diese Sätze aus Ingeborg Bachmanns Hörstück „Der gute Gott
von Manhattan“ mit den Ängsten der Nachkriegszeit zu tun. Haben sie einen
Realitätsgehalt – oder anders gefragt: Wie viel Autobiographie steckt in der Fiktion? Genauer: Wie viel Autobiographisches verbirgt sich in Jennifers und Jans
Liebesgemurmel? Doch das ist eigentlich uninteressant. Interessant ist das Allgemeingültige im Privaten. Ingeborg Bachmanns großartiges Stück spricht in
poetischen Schreckensbildern von der Angst und der Sehnsucht des in der großen Stadt allein auf sich gestellten Menschen.
Bei Ingeborg Bachmann liegt keine posthume Klage irgendeines Oberlandesgerichts, kein Urteil eines Bundesgerichtshofs, wie im Fall „Esra“ vor. Maxim
Biller hatte in „Esra“, Sie erinnern sich – eine, seine eigene Liebesgeschichte
beschrieben. Seine Ex-Freundin und ihre Mutter klagten und ließen nicht locker.
Alle Argumente zu Gunsten der künstlerischen Freiheit wiesen die Juristen nach
langem Streit zurück. Ingeborg Bachmanns Hörstück „Der gute Gott von Manhattan“ und Maxim Billers „Esra“ trennen etwas weniger als fünfzig Jahre. „Ich
möchte ein Buch haben, aus dem ich erfahren kann, was in dir vorkommt“,
wünscht sich Jennifer in Bachmanns Stück. In seinem Roman „Esra“ beschreibt
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Maxim Biller das Leben mit seiner türkischen Freundin, er tut es so, dass die
Freundin und deren Mutter glauben, wiedererkennbar, denunziert worden zu
sein. „Esra“ brachte dem Autor erst geschwärzte Seiten, dann ein vom Markt
gezogenes Buch ein.
Zu privat für die Literatur? Oder wie privat darf Literatur sein ? Und hier
muss die Frage folgen: Ist alles Persönliche „nur“ Privatangelegenheit?
Nein, das Ich ist nie eine Insel. „Jedes Ich, das erzählt“, sagte Max Frisch
1961 in einem Radiointerview, „ist eine Rolle“. In seinem Roman „Mein Name sei
Gantenbein“ spielte Frisch die unterschiedlichen Identitätsentwürfe eines Mannes durch: Identität als kalkulierte Mischung aus Provokation und Kompromiss.
„Ich probiere Geschichten an wie Kleider“, sagt Gantenbein. Für ihn ist der Konflikt zwischen Exhibitionismus und Scham das produktive Lebensdrama. Ein
Mann steht bei Frisch vor einem Spiegel und sammelt Eindrücke für ein Selbstportrait, er probiert Wahrheiten an wie Masken, eine vorsichtige Mutprobe. Das
sei, befindet der Kollege Uwe Johnson, die Beschreibung eines auto-biographischen Schreibprozesses, meisterlich kontrolliert. Frisch, sagt Johnson, habe sein
Leben mit den Mitteln der Literatur in ein Kunstwerk verwandelt.
Peter Weiss sagt ähnliches anders. Er spricht in den drei zwischen 1975
und 1981 erschienenen Bänden seiner „Ästhetik des Widerstands“ von der
„Wunschautobiographie“, von der Aufhebung der eigenen Lebensgeschichte in
Fiktion. Das Leben wünscht sich Weiss als „Wahrtraum“, die eigene Lebensgeschichte soll in Fiktion übergehen.
Während sich Weiss über die Realitäten wegzuheben versucht, beklagt
sich Frisch, seine Romane und Geschichten hätten sein Leben nicht mitgeteilt,
sondern „verraten“. Er befände sich, gibt Frisch zu Protokoll, „wie unter Beichtzwang“. Und Ingeborg Bachmann fürchtet in ihrer „Frankfurter Poetik Vorlesung“
1959/60, das Ich des Autors werde „formal und rhetorisch“, sobald es sich öffentlich äußere. In „Malina“ heißt es: „Sie suchte ein Ich ohne Gewähr“. Ingeborg
Bachmann gelang durchaus, von sich selbst zu sprechen, zugleich jedoch im
Unklaren zu lassen, „wer das selbst denn wäre“. Denn es gibt Wahrnehmungen
und Ausdrucksweisen, die nicht jederzeit an jeden weiterzugeben sind. Durchaus von sich selbst zu sprechen, aber zugleich im Unklaren zu lassen, das ist die
poetische Lizenz, die die Gesellschaft der Kunst erteilt. Natürlich formulierte das
der Bundesgerichtshof nüchterner.
Immer wenn man beginnt, so richtig schön auf die Gegenwart, den Subjektivismus, die Ich-Fixierung und die dürftigen Hervorbringungen unserer Autoren
zu schimpfen, ist es hilfreich, zurückzublicken, dahin, wo sich der Blick schon
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verklärt oder verhärtet und die objektivierende Literaturgeschichte ihre Fußnoten
nachgeschickt hat. Da sieht man, dass Themen und Auseinandersetzungen eine
wiederkehrende Geschichte haben.
„Der Text, das bin ich!“, wir erinnern uns, ruft Max Frischs „Stiller“, und eröffnet gleich im ersten Satz des gleichnamigen Romans, mit einer Negation: „Ich
bin nicht Stiller!“. Solche Zurechtweisungen an den immer dem gleichen Fehler
aufsitzenden Leser gibt es in der Literaturgeschichte viele. Er wäre nicht „Werther“ beteuert Goethe. Nur Flaubert liefert mit der Behauptung „Madame Bovary
– das bin ich“ die irritierend epochale Ausnahme. All diese Versicherungen sind
halbwahr, sie betonen die „Differenz in der Identität“ zwischen dem schreibenden
und dem geschriebenen Ich. In dieses Angebot aus Halbwahrheiten, Fiktion und
realem Leben passt Thomas Manns scheinheiliges Statement: „Man kann alles
erzählen, nur nicht sein wirkliches Leben“.
In der Literatur ist es durchaus so, wie in der Mode. Auf Anzug und Krawatte
folgen Jeans und lange Haare. Auf die hautengen Jeans die Schlabberhosen, auf
die langen Haare die Glatze, auf die Dauerwellen der glatt zurückgekämmte
Pferdeschwanz. Aber bevor wir zu einer meisterhaft hin und her gewendeten
Biographie kommen, beschrieben in einem der interessantesten Bücher dieses
Herbstes, die ein Beispiel ist, sowohl für die Flucht ins Autobiographische, als
auch für die Angst vor der Fiktion - noch einmal ein Blick zurück in die jüngste
Geschichte.
Für die Generation derer, die den Krieg noch miterlebt hatten, sprachen
Wellershoff, Böll, Walser, Grass. Sie erkannten in der Literatur einen Ort, an dem
das verdrängte Private doch noch zur Sprache kommen konnte. Dabei sollte
nichts dem Verdikt „zu privat“ unterliegen. Sexualität, Aggressivität, Sentimentalität, alles was in den gutbürgerlichen Kreisen als unfein verdrängt wurde, sollte
als Ausdruck einer „neuen Sensibilität“ ernst genommen werden. Das waren
Suchbewegungen, die erst zum Stillstand kommen sollten, wenn ein wahres „Ich“
jenseits gesellschaftlicher Zwänge gefunden wäre. Ausdruck dieser Suchbewegung war eine Fülle von Texten autobiographischen Charakters. Diese Texte
waren in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts große Mode. Das Jahr
1972 ging sogar als Jahr der „Biographen“ in die Literaturgeschichte ein. HansChristoph Buch sprach vom „Hervortreten des Ichs aus den Wörtern“.
Die 70er waren aber auch das Jahrzehnt der Vaterbücher. Vespers „Die
Reise“, Peter Heinischs „Die kleine Figur meines Vaters“, Christoph Meckels
„Suchbild“, Härtlings „Nachgetragene Liebe“. Die Väter waren meist tot, man
bewegte sich besserwisserisch in einer unverbesserlichen Welt. Die Väter be10
kamen posthum ihr falsches Leben zugewiesen. Sie hatten autoritäre Charaktere, waren unterdrückte Unterdrücker, potentiell oder tatsächlich Nazis.
Karl Heinz Bohrer beklagte sich über diese denunziatorischen Söhne, ihm
waren die Bücher zu betulich, ihm ging die Abrechung nicht weit genug. „Diese
Autoren“, schrieb Bohrer, „begannen eine hässliche Bekenntnis- und Beschreibungsliteratur zu schreiben, ohne die Gabe der Provokation, Analyse oder Imagination. Sie begannen gründlich langweilig zu werden. Zu ihrem Opportunismus
begann ein Mangel an Intensität zu treten. Wo alles beredet werden kann, formlos und unsensibel, wird schließlich alles dunkel. „Der Zug ins Gemurmel“, so
Bohrer „in ein gemütliches, bald tröstliches Verdämmern der Sprache lässt sich
an vielen Verständnisbüchern beobachten“.
Neben den Vater- oder „Verständnisbüchern“, wie Bohrer abschätzig sagt,
entstanden Romane, die von persönlichem Leid erzählen, vom Zerbrechen des
Liebesglücks. Traurige Männer reisen einsam durch die Welt. Peter Handke
verfasst 1972 seinen „Kurzen Brief zum langen Abschied“, Gerhard Roth 1978
seine „Winterreise“. Andere bezogen ihre Authentizität aus einer Sucht: Alkohol,
Drogen oder beidem. Je tiefer die Verzweiflung, desto höher das Niveau, das galt
und gilt noch immer ungefragt als Regel. Michael Schneider hielt dagegen Anfang der 80er Jahre das Interesse an der eigenen Person für ein Symptom des
„Kulturzerfalls“. Und richtig, die Zeit der radikalen Abwendung von der Innerlichkeit begann, aber ganz anders als Schneider sich das vorgestellt hatte, und die
Welt der Oberflächenreize hielt Einzug. Das Innenleben wurde durch Bodybuilding ersetzt, die Adepten der Pop Literatur richteten ihre Punktstrahler auf die
Marken, „Branding“ war die neue Metapher, Kino, Musik, bildende Kunst und
Literatur wurden zum Warenlager, aus dem man sich großzügig und beliebig
bediente. Von Nutella bis zur Designerdroge. Und was fehlte? Die Kommunikation in einer von der Kommunikation inflationär durchzogenen Gegenwart. Also
schon wieder Langeweile. Doch das ist das Aufregende an der Literatur. Jeder
Roman kann die Wende bedeuten.
Kein Roman seit den Romantikern beschreibt die Flucht ins Autobiographische, die Angst vor der Fiktion und die Verdeckung der Spuren, sowohl der Spuren der Flucht als der Angst geschickter, gewitzter, spielerischer. Kein Buch
beschreibt diese Hypothese genialer als Ingo Schulzes opus magnum, sein Roman: „Neue Leben“. Siebeneinhalb Jahre, 792 bedruckte Seiten, wie viel hundert
Seiten verworfen, wie viele Seiten gelöscht? Wie lange, und nach was hat der
Autor Ingo Schulze eigentlich gesucht? Eine uneindeutige Ostfigur, ein Kerl mit
Schwächen, Marotten, Mut und Glück. Gesucht hat er nach einem entfernten
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Verwandten, so nah, dass sich der Autor in ihm auskennt wie in seinem Bett, so
fern, dass er ihn bei der ersten kritischen Gelegenheit zur Hölle schicken kann.
Herausgekommen ist Heinrich Türmer, der sich in Enrico Türmer umbenennt. Ein
verlogenes Früchtchen, der die Dinge mal so oder auch mal ganz anders erzählt.
Diesen tollkühn schillernden Phantasten schickt Ingo Schulze in den Wendedschungel. Mit dieser Gestalt taucht er ab in viele Geschichten, in das Buch hinter dem Buch, in die Wahrheit hinter der Wendewahrheit, in die Weisheit hinter
der Klugheit.
Niemand blickt ungestraft zurück in die Provinz des Daseins, egal, ob sie im
Westerwald oder, wie im Fall Ingo Schulzes, im ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaat liegt. Schuld sind die immer größer werdenden Entfernungen zu jenem
Damals, in dem Lüge und Wahrheit verwickelt waren. Es ist schwer, den schärfer
und zugleich weicher werdenden Blick einzufangen und für ihn passende Worte
zu finden. Keine Haute Couture, bei Ingo Schulze gibt es keinen Chic, mit Moden
ist da nichts, und Kleider spielen in diesem verschmitzten Werk kaum eine Rolle,
nur einmal kommen sie vor, und nur, weil die Stoffe im Gegenlicht plötzlich
durchsichtig sind.
So! Mit einem „so!“ beginnt nach einem klärenden Vorwort das dicke Buch
über das „Neue Leben“. „Neue Leben“, das ist seit „Simple Storys“ ein für Ingo
Schulze typischer Stolperstein, der dem verborgenen Lehrerlein in uns sofort den
Zeigefinger anhebt: „Neue Leben“ ! Das ist die knappst mögliche Aussage für
eine Existenz nach der Wende. So ist es! Oder ist es „so“ vielleicht niemals gewesen? Ist Ingo Schulze ein Spieler, einer, wie der tragisch-komische Enrico
Türmer: Rein in Monte Carlos Spielbank, schauen, wie es die anderen machen
und los, Vabanque und Glück.
Ingo Schulze erweist sich im „Neuen Leben“ als Meister des Mehrdeutigen.
Das Böse und das Naive, an einem solchen Zusammenprall ist er interessiert.
Von Anfang an lenkte er in seinen Büchern das Spiel nach der komplexen Regel:
Der Autor ist nicht der Autor, denn es existiert immer ein weiterer Autor hinter
dem Autor. Das Schreiben ist ein fiktives Spiel. Dieses Spiel war zur Zeit der
bürgerlichen Aufklärung ein gängiger Kunstgriff. Über die Erfindung des „Herausgebers“, über diese Hilfskonstruktion zur Herausbildung des einzelnen,
konnte sich das bürgerliche Ich herausbilden.
Mittlerweile, nach der Epoche des Ich-Kultes, scheint der Kreis geschlossen, und das Ich verschwindet wieder da, wo es hingehört, im Text. Oder in der
Behauptung: Das beschriebene Leben ist nicht das Leben des Autors. Fast alles
oder auch gar nicht so viel sind erfunden!
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In den „33 Augenblicken des Glücks“, oder den „33 Moments of Happiness“,
wie der amerikanische Titel heißt, gehen die Regeln des Spiels verdeckter Autorenschaft so: Herr Hofmann lädt im Zugabteil nach Petersburg den mitreisenden
jungen I.S. zum Essen in den Speisewagen ein. Alkohol fließt, der Schlaf und das
Kopfweh kommen, beim Aufwachen ist Hofmanns Matratze zusammengerollt,
der Fremde selbst verschwunden. In einer zurückgelassenen Mappe liegen
Manuskriptseiten und ein Brief mit der Bitte: „leihen sie diesen Phantasien Ihren
Namen, denn kein Verlag nimmt ein Buch ohne Autor. Die Leute brauchen Fotos,
Interviews, sie sind hungrig nach Gesichtern und wirklichen Geschichten“.
Im „Neuen Leben“ ist es wieder ein Herausgeber, diesmal ein vehementer
Zweifler und Besserwisser, der Enrico Türmers 1990 zurückgelassene Briefe
ediert. Der Herausgeber kommentiert in einigen ziemlich perfiden Fußnoten Enrico Türmers Briefe. Er deckt Enricos Unwahrheiten auf, weist auf Fragwürdiges
hin und korrigiert die Aussagen in diesem „Versuch über die Vergangenheit“.
Die drei Briefpartner Türmers sind seine leibliche und nach Sitte und Recht
viel zu heftig geliebte Schwester Vera, sein Schulfreund Johann Ziehlke, auch Jo
oder Geronimo genannt, und sein Gegenüber für homoerotisches Flattern. Die
schönsten und aufschlussreichsten Briefe bekommt die Journalistin und Fotografin Nicoletta. Keine Liebesbriefe, aber lupenreine Selbstauskunftspost. Die
West-Nicoletta bekommt die „ganze Beichte“ ab, wobei Türmer nicht Türmer
wäre, würde er das Beichtverfahren nicht nach dem Prinzip, wer beichtet, behält
das Interessanteste für sich, auf die Spitze treiben. Wir erinnern uns an das Leiden des Max Frisch, der sich beim Schreiben wie „unter Beichtzwang“ fühlte. Die
Scheinbeichte im „Neuen Leben“ beinhaltet Zweifel, Genugtuung und das pure
Erstaunen über die schnelle Karriere Türmers, der das Altenburger Theater im
Wendejahr 89/90 verlässt, um in Altenburg eine Anzeigenzeitung zu gründen und
nach halbkriminellen, laienhaften Kungeleien und einer beinah Totalhavarie in
finanzielle Strudel gerät. Nicoletta vor Augen, begreift Enrico Türmer, was passiert ist. Aber ihr Bild ist nicht unbedingt ihr Bild, sondern das jener Nicoletta, an
die er, behauptet jedenfalls Türmer, „beim Schreiben denke“.
Niemand ist vor dem Türmerschen Vexierspiel sicher, weil ein Autor, der
seine Hauptperson Türmer nennt und an dieser Figur zeigt, wie es um einen
steht, der nicht beizeiten getürmt ist, auch andere Analogien setzt. Türmer stolpert aus der Kunstwelt des Theaters direkt ins kapitalistische Haifischbecken und
türmt dann doch, diesmal nicht vor der Stasi, sondern vor den Steuerfahndern.
Ingo Schulze spricht von der „Diesseits- und Jenseitssehnsucht“.
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Enrico Türmer ist die erste kompakte Ingo Schulze-Figur. Sie ist das eine
und immer auch das Gegenteil. Mutig und feig, faul und fleißig, offen und verlogen, zuverlässig und ein Hallodri. All diese, mit Durchschlag, also mit Blick auf
eine Veröffentlichung geschriebene Post, entstand in der kurzen Zeitspanne
zwischen dem 6. Januar und 11. Juni 1990. Türmer, der eigentlich Schriftsteller
werden wollte, bekennt: „mein Leben war das Erzählen. Und zum Erzählen
braucht es Distanz und einen kalten Blick“. Der manische Briefschreiber, der
ähnliche Beschreibungen über sich und sein Leben tückisch variiert, beschreibt
die Zeit der Leipziger „Wir-sind-ein-Volk Demonstrationen“ und seinen eigenen
Eintritt in den westlichen Kapitalismus. In Türmers Versuch über die Vergangenheit fließt viel Wahrheit und verwunderte Einsicht. Schulze hintertreibt in seinem
Schelmenroman das Eindeutige.
Ingo Schulze führt die Leser zurück zu den Schauplätzen der „Simple Storys“: Altenburg in Thüringen, ins dortige Theater, in dem er als Dramaturg tätig
war, ins vortreffliche Lindenaumuseum, zur Zeitung, die Ingo Schulze selbst in
Altenburg mitbegründet hat. Es steckt also in Enrico Türmer viel mehr Ingo
Schulze, als Ingo Schulze selbst in seinen Träumen zugeben wird.
Wie Türmer, bleibt auch Ingo Schulze in vorsichtiger Distanz zu sich selbst.
Obwohl wahrscheinlich in dem Roman alles drin steht, was Ingo Schulze jemals
über sich selbst durch den Kopf gegangen ist. Seine Hauptperson ist die Summe
aller Identitätszweifel von Ingeborg Bachmann zu Max Frisch. Türmer entspricht
voll und ganz dem Wunsch von Peter Weiss nach dem „Wahrtraum“, dem Verschmelzen des eigenen Lebens mit der Fiktion. Enrico Türmer ist ein Meistersimulant. Und somit eine Urfigur der Literatur.
Ingo Schulzes subtiles Spiel, Kunst gegen Geld, Theater gegen Anzeigenzeitung, Sozialismus gegen Kapitalismus, „Ummauerung“ gegen Freiheit, beginnt und endet in einer eiskalten Gegend. Das klingt wie ein Märchen, und ein
wenig ist es das auch, denn viele Märchen haben in den Briefen Spuren hinterlassen. Und in jedem Märchen, das wissen wir, steckt Wahrheit. Aber im Gegensatz zu den russisch grundierten „33 Augenblicken des Glücks“ oder den „Simple
Storys“, die von Schulzes Raymond Carver- und Ernest Hemingway- Faszination
durchzogen sind, fehlte ihm fürs „Neue Leben“ das literarische Vorbild, der „Tongeber“.
Die Briefform, ist das nicht reinster Anachronismus, romantische Rückblende? Die Briefe sind der Ausweg des Schriftstellers Türmer, der kein Schriftsteller mehr ist und dennoch unter Schreibzwang steht. Die Briefe sind sein Äquivalent für die russische Puppe in der Puppe. Die Puppen ähneln sich, aber sie
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werden kleiner und kleiner. „Neue Leben“ ist ein Palimpsest, das von einer Frage
dominiert wird: „Wie kam der Westen in den Kopf?“ Viele Varianten wurden
durchgespielt, noch mehr verworfen.
Ingo Schulze hat eine komplexe Figur erfunden, und sie nur ein paar Monate vor seinem eigenen Geburtstag auf der Welt abgesetzt. Im Dickicht aller
Unglaubwürdigkeiten, findet Ingo Schulze, ist es übersichtlicher, wenn es zwischen Autor und Figur biographische Übereinstimmungen gibt. Auch hier verfolgt
der Autor seine Strategie, nah dran, doch niemals zu nah. Erkenntnis, Neugier
und Ambivalenz treiben den Autor und sein Geschöpf voran. Geschichten und
die „Novelle“, die der gescheiterte Enrico Türmer, als er noch ein hoffnungsvoller
Schriftsteller war, einmal geschrieben hat, finden sich im Anhang wieder, geschrieben auf die Rückseiten von den Briefen an Nicoletta. Jede Realität hat
mindestens zwei Seiten, die Behauptete und die, die das Behauptete in Frage
stellt.
Literatur ist – das wissen wir alle - kein Bestellkatalog. Literatur lässt sich
die Themen nicht vorschreiben, auch wenn mögliche Stoffe täglich in den Medien
angeboten werden. Fiktion und Erfahrung sind nicht zu trennen, kein Oberlandesgericht kann dieses Paar bei Höchststrafe auseinanderbringen. Ingo Schulze
hat mit Heinrich oder Enrico Türmer das Doppelgesichtige auf den Punkt gebracht und damit nicht nur einer Figur, sondern auch einem Staat das aus den
Märchen wohlbekannte Spiegelein vorgehalten. Ihn trieb nicht die Angst vor der
Fiktion in das Autobiographische, sondern der Grad an Erfahrung, der für die
Glaubwürdigkeit des Unglaubwürdigen notwendig ist. Außerdem erscheint uns
schon jetzt vieles aus dem Alltag der Deutschen Demokratischen Republik wie
eine reine Erfindung.
Ingeborg Bachmanns Jennifer wünscht sich ein Buch, um zu erfahren was
in Jan „los ist“, die Autorin feuert sich selbst an, das Buch zu schreiben, an dem
sie schreibt. Ingo Schulzes Enrico Türmer kommentiert lakonisch: „War schon
mein Lebensgefühl nicht tragisch, so musste es wenigstens die Literatur sein.“
Verena Auffermann
Julia Schoch im Gespräch mit Dr. Hartmut Rahn
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Antje Rávic Strubel und Prof. Dr. Hans Dieter Zimmermann
(in der Weste Hans Werner Richters)
Ismail Kalayci
Ismail Kalayci im Gespräch
v.l. im Uhrzeigersinn: Osman Engin, Ismail Kalayci, Zafer enocak und Prof.
Dr. Hans Dieter Zimmermann
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Vladimir Vertlib
Studierende, literaturinteressierte Greifswalder und Autoren ...
.... im Lesesaal des Internationalen Begegnungszentrums
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Vladimir Vertlib im Gespräch mit Verena Auffermann
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Zafer enocak und Ismail Kalayci
Anne Zielke
Daniela Braun und Dr. Marko Pantermöller
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Dr. Hartmut Rahn
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Während der Autorenlesungen ...
Maria Peura
Artur Becker
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... im Internationalen Begegnungszentrum
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Zafer enocak beim Lesen ...
... und im anschließenden Gespräch mit Prof. Dr. Hans Dieter Zimmermann
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Inka Parei im Gespräch mit Antje Rávic Strubel
Inka Parei und Verena Auffermann
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In einer Lesungspause
Während des Empfangs im Internationalen Begegnungszentrum
v.l.n.r. Gernot Wolfram, Antje Rávic Strubel, Artur Becker, Julia Schoch
Finnische Gesprächsrunde
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Riikka Ala-Harja und Dr. Marko Pantermöller
Irja Grönholm und Ervin Õunapuu während der Lesung...
Riikka Ala-Harja im Gespräch mit Prof. Dr. Sirkka-Liisa Hahmo
... und im Braugasthaus Zum alten Fritz
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Maria Peura und Dr. Marko Pantermöller
Gernot Wolfram
Maria Peura im Autorengespräch
Anne Zielke im Gespräch mit Dr. Hartmut Rahn
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Dr. Hartmut Rahn stellt Osman Engin vor
Øivind Hånes stellt sein Buch vor, in dem es auch um Greifswald geht
Osman Engin
Øivind Hånes im abendlichen Gespräch
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Irja Grönholm und Artur Becker
Catalin D. Florescu (l.) im Gespräch mit Dr. Hans-Gerd Koch
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