Das Amulett

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Das Amulett
Roland Enders
Die Magier
Teil 3: Die Dämonen
© 2003
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Im Land der Xinghi
Der Dschungel war düster, modrig und feucht. Armdicke Schlingpflanzen
hingen von den Bäumen herab und wanden sich wie Schlangen über den
Boden, mannshohe Wurzeln und dichtes Unterholz machten ihn fast undurchdringlich. Die einzige Möglichkeit, den Urwald mit den Pferden zu
durchqueren, boten die Wildwechsel. Manche von ihnen waren breit wie
Karrenwege. Sie gingen kreuz und quer durch den Wald wie ein Netz von
Straßen. Die Pflanzen in diesen Schneisen waren niedergetrampelt wie von
Riesen, Äste bis in zwölf Fuß Höhe abgebrochen, das Laub bis hinauf zur
doppelten Mannshöhe abgeerntet, die Rinde von den angrenzenden Stämmen geschält. Auf diesen Wanderwegen begegneten sie ein ums andere
Mal den seltsamen und Respekt einflößenden Tieren, die sie ausgetreten
hatten. Die Geschöpfe erreichten fast die Höhe der mittelgroßen Pflanzenfresser im Drachenland, besaßen lange, schlauchartige Nasen, riesige Stoßzähne, die wie nach oben gekrümmte Hauer hervorragten, Ohren, so groß
wie das Fell einer Basstrommel und haarlose, dicke, graue Schwarten.
Gormen hatte solche Tiere einmal in einem illustrierten Buch gesehen. Sie
würden Alafanten genannt und hätten ihren Lebensraum in den Südlanden,
hieß es da. Die vier Reiter begegneten einmal einer ganzen Herde von dreizehn Tieren – Jungtiere, Kälber und ihre Mütter – und ein anderes Mal
einem gewaltigen Einzelgänger, der sie wütend anstarrte, einen trompetenartigen Ruf ausstieß und mit den fächerartigen Ohren wedelte. Beide Male
verdrückten sie sich schnell durch schmale Seitenpfade oder brachen sich
einen Weg ins Unterholz, um den dickhäutigen Alafanten den Weg frei zu
machen.
Cora fragte sich, ob es eine gute Idee sei, die Pfade der großen Tiere zu
benutzen. Was wäre, wenn die Reiter ihnen einmal nicht rechtzeitig ausweichen könnten? Dann würden sie wohl überrannt und in den aufgeweichten Boden gestampft werden! Aber es gab offenbar keine andere Möglichkeit, durch den dichten Dschungel nach Südwesten voranzukommen. Wie
konnte sich Spin überhaupt so sicher über die Richtung sein? Das Firmament war von dichtem Blätterdach verborgen. Weder der Sonnenstand am
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Tag noch die Sternzeichen in der Nacht konnten ihm Anhaltspunkte zur
Himmelsrichtung geben. Aber der Waldläufer führte sie unbeirrt durch das
Labyrinth der Wildwechsel.
Den großen Strom, der die Ostlande von Süden nach Norden durchquert
und dabei weiter nördlich über die Klippe in die Große Kluft stürzt, hatten
sie weit hinter sich gelassen, aber den Weg, den sie auf der Hinreise beschritten hatten, und der durch den lichteren Wald führte, in dem das inzwischen wohl verlassene Dorf der Frauen um Horlu stand, hatten sie nicht
gefunden, und so hatte Spin vorgeschlagen, nach Südwesten zu reiten, wo
sie durch das Land der Xinghi kommen mussten.
Und nun ritten sie seit Tagen durch diesen Urwald, den sie zu hassen gelernt hatten. Auch in dieser Region war Winterzeit. Das Wetter war jedoch
ganz anders als westlich der Berge oder im hohen Norden. Die Temperaturen glichen denen in Koridrea im Herbst. Es schneite nicht, aber regnete
unablässig. Der Regen war kalt und durchnässte ihre Kleidung. Eine dicke,
feuchte Nebelschicht lag auf der Erde, begrenzte ihre Sicht auf zehn bis
zwanzig Schritte, manchmal weniger, und die hohe Feuchtigkeit der Luft
machte das Atmen schwer. Boc hatte sich einen Schnupfen geholt und fing
jetzt auch noch an zu husten. Er hatte ein wenig Fieber. Cora kochte ihm
dreimal täglich einen heißen, furchtbar schmeckenden Sud aus getrockneten Heilpflanzen, die sie in ihrer umfangreichen Apotheke bei sich führte.
Der Regen wurde zwar von den Baumkronen weitgehend abgehalten,
aber das stetige Tropfen von oben, das von dem im Laubdach gesammelten
Nass stammte, war viel unangenehmer als ein kurzer, frischer Regenguss.
Und nicht jeder Tropfen bestand aus Wasser. Eine andere Plage waren die
Zecken, die sich auf sie herabfallen ließen und sich im stetigen Tröpfeln
geschickt verbargen. Die Menschen suchten ihre Körper und die ihrer Reittiere mehrmals täglich nach den Plagegeistern ab. Cora hatte sie schon an
den unmöglichsten Stellen entdeckt. Sie fragte sich, wie die ekelhaften
Tiere immer einen Weg durch ihre dicke Kleidung fanden. Das einzig Gute
war, dass es um diese Jahreszeit keine Stechmücken gab. Mit denen hatten
sie ja auf der Hinreise, als sie einen anderen Dschungel – (oder war es derselbe an einer anderen Stelle gewesen?) – durchquert hatten.
Heute lagerten sie in einer kleinen Lichtung, die den Menschen und ihren Pferden gerade genug Platz zum Ausruhen bot. Müde und abgespannt
saßen sie um das dampfende und qualmende Feuer, das sie immerhin ein
wenig wärmte. Mit Feuerstein und Zunder wäre es ihnen nie gelungen, die
feuchten Äste und Zweige, die sie im Unterholz gesammelt hatten, zu entzünden, aber Dank der magischen Fähigkeiten Gormens prasselten jetzt die
Flammen. Cora zog sich bis auf ihr Lendentuch aus, dann zündete sie einen
kleinen Zweig an, den sie vorher zum Trocknen dicht an das Feuer gelegt
hatte, und wartete, bis er ein Stück abgebrannt war. Sie blies die Flamme
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aus und strich mit der noch glühenden, verkohlten Spitze über die kugelförmig aufgeblähten Leiber dreier voll gesogener Blutsauger an ihrem Körper, bis diese abfielen. Eine Zecke hatte sie in der Achselhöhle gefunden,
eine weitere am Bein und eine dritte unter ihrer linken Brust. Sie und die
Männer hatten längst jede Scham abgelegt und sich daran gewöhnt, sich
vor den anderen zu entblößen, um die Schmarotzer zu finden und loszuwerden. Spin, der seine Bisse gerade behandelt hatte, reichte ihr den Salbentopf weiter. Cora strich etwas von der grüngrauen Paste auf die roten
Stellen.
Viel schwieriger war es, Zecken loszuwerden, die sich in die Kopfhaut
gebohrt hatten. Hier konnten sie natürlich keine heiße Flamme oder glühende Holzkohle benutzen, ohne sich dabei die Haare zu versengen. Nachdem sie es zuerst mit Lampenöl mehr oder weniger erfolglos versucht hatten, banden sie sich mit Lappen fest sitzende Turbane um den Kopf.
Cora zog sich wieder an und hüllte sich zusätzlich in eine noch halbwegs
trockene Decke. Die anderen taten es ihr nach. Dann aßen sie ein karges
Mahl. Viel war von ihrem Proviant nicht mehr übrig. Brot und Dörrobst
waren verschimmelt und ungenießbar geworden, der Reis kalt aufgequollen, der Käse von Maden befallen. Spin hatte vor zwei Tagen eine kleine
Gazelle geschossen. Ihr Fleisch bot die einzige Abwechslung von der Kost
aus Pilzen und Beeren, die überall wuchsen. Schweigend kauten sie an dem
gesalzenen Fleisch herum. Cora fand es zäh, aber sie war dankbar, dass sie
überhaupt Fleisch essen konnte. Nach dem Essen unterhielten sich die vier
Gefährten, wandten sich wieder dem Thema zu, das ihre Gedanken am
meisten beherrschte.
„Wie weit ist es noch?“, fragte Gormen den Waldläufer.
„Wenn du damit meinst, wie weit wir noch vom Pass entfernt sind, dann
weiß ich es nicht“, antwortete der. „Ich kann nur raten, dass wir noch zwei
bis dreihundert Meilen nördlich davon sind. Im Dschungel schaffen wir
höchstens zehn Meilen am Tag, das heißt wir werden wahrscheinlich noch
einen Monat unterwegs sein, bis wir ihn erreichen. Wenn du allerdings
fragst, wie weit es noch bis zum Land der Xinghi ist, dann sage ich: wir
sind längst da.“
„Aber wie sollen wir sie jemals finden?“ Coras Stimme klang hoffnungslos.
„Sie werden uns finden“, meinte Boc und hustete röchelnd. Dann
schnäuzte er sich zwischen den Fingern. Spin nickte.
„Boc hat nicht ganz Unrecht. Allerdings glaube ich, dass sie uns schon
gefunden haben. Wir müssen sie nur dazu bringen, sich zu zeigen.“
„Du meinst, sie beobachten uns jetzt gerade?“, fragte Gormen.
„Ich denke, einer ihrer Späher begleitet uns, seit wir über den Fluss gekommen sind. Draußen, in der weiten Ebene, in der es nur wenige Bäume
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und Büsche gibt, hat er uns wohl aus der Ferne im Auge behalten. Jetzt
dürfte er so nahe sein, dass er unsere Unterhaltung hört.“
„Dann rufe ihn doch einfach“, meinte Boc.
„Was soll ich denn rufen? Wenn er unsere Sprache spräche, wüsste er
längst, dass wir mit seinem Volk Kontakt aufnehmen wollen. Dass er sich
nicht zeigt, bedeutet wohl, dass das Waldvolk nichts mit uns zu tun haben
will. Wahrscheinlicher ist aber, dass er kein Wort von dem versteht, was
wir sagen. Die Xinghi-Späher sprechen unsere Sprache nicht. Zpixs ist eine
Ausnahme. Er wurde nach Koridrea geschickt, um die Menschen dort zu
beobachten und beherrscht deshalb Koridreanisch.“ Spin zuckte resignierend die Schultern. Aber Gormen schien plötzlich eine Erleuchtung zu
haben.
„Ist denn nicht anzunehmen, dass der Späher, der für diese Region zuständig ist, sich in der Sprache der Ostländer, der Menschen, die ihre
Nachbarn sind, verständigen kann? Vielleicht versteht er mich dann auch.
Mit meinem Krandoranisch, der Sprache des Alten Königreichs, konnte ich
mich ganz leidlich mit Tera, dem Bildhauer, unterhalten.“
Spin schlug sich vor den Kopf. „Ich bin ein Narr, dass ich nicht darauf
gekommen bin. Du hast sicher Recht, Gormen. Die Xinghi beobachten die
Südländer seit langer Zeit. Um zu wissen, was ihre menschlichen Nachbarn
im Schilde führen, müssen sie natürlich deren Sprache beherrschen. Ja,
mein Freund, versuche dein Glück.“
Der Schwarze Mönch stand auf, wandte sich dem Wald zu und sagte mit
lauter Stimme auf Krandoranisch:
„Späher der Xinghi. Wir wissen, dass du in der Nähe bist. Wir kommen
in Frieden. Meine Begleiter hier kennen einen der Euren ganz gut. Seinen
Namen können wir in eurer Sprache nicht aussprechen, er klingt in unseren
Ohren wie Zpixs. Wir haben eine weite und gefahrvolle Reise gemacht, um
ihn zu finden und zu sprechen. Die Angelegenheit ist äußerst wichtig, nicht
nur für uns Menschen, sondern auch für euch. Auch ihr seid in großer Gefahr. Wir sind gekommen, um die Xinghi vor einem heraufziehenden Unheil zu warnen und um Hilfe zu bitten.“
Sie warteten, doch nichts geschah. Nach einer Weile setzte sich Gormen
wieder ans Feuer und seufzte.
„Immerhin war es einen Versuch wert. Versucht nun, ein bisschen zu
schlafen. Ich werde die erste Wache halten.“
Sie wickelten sich in ihre Decken und rollten sich zusammen, bis auf den
Schwarzen Mönch, der sitzen blieb und ins herunterbrennende Feuer starrte. Nach einer Weile hörte er die regelmäßigen Atemzüge von Cora und
Spin und das röchelnde Schnarchen von Boc, der durch seine verstopfte
Nase keine Luft bekam und deshalb mit offenem Mund atmete.
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Mittlerweile gab das Lagerfeuer kaum noch Rauch ab, da das brennende
Holz durch die Hitze getrocknet war. Die Flammen tanzten ihren feurigen
Tanz, und durch die aufsteigenden heißen Gase sah Gormen den Waldesrand dahinter in rötlichem Licht flimmern und wabern, als bestünde er aus
kochendem Wachs oder heißer Lava. Inmitten dieses gespenstischen Hintergrunds materialisierte plötzlich eine Gestalt, ein kleines, menschenähnliches Wesen.
„Ich bin Zpixs. Du hast mich gerufen“, sagte es.
Cora freute sich sehr, das kleine, freundliche Waldwesen wieder zu sehen.
Sie drückte dem Xinghi einen Kuss auf die Stirn. Dessen Minenspiel war
keine Emotion anzusehen, aber die Bewegung seiner Ohren verriet seine
Freude.
Spin stellte ihm Gormen Helath vor. Als der Waldläufer sagte, Gormen
gehöre dem Schwarzen Orden aus Vulcor an, legte Zpixs die Ohren eng an
den Kopf, ein Zeichen der Verwirrung, wie Cora vermutete.
„Das verstehe ich nicht“, sagte der Waldbewohner. „Ist nicht der
Schwarze Abt, der Führer dieses Ordens, euer Feind, der wiedergeborene
Semanius? Seid ihr nicht aufgebrochen, ihn zu besiegen? Jetzt ist einer
seiner Brüder euer Gefährte. Was ist geschehen? Warum sind Trygar,
Gother, Winger und die beiden Soldaten nicht bei euch? Sind sie umgekommen? Konntet ihr diesen Nunoc Baryth nicht bezwingen?“
Gormen antwortete ihm:
„Nunoc, mein Bruder und väterlicher Freund, ist leider tot. Trygar und
Gother haben ihn getötet, wie es ihr Plan war. Aber manchmal trügt der
Schein, Zpixs. Trygar und seine Freunde wurden von Gother und dessen
Herrn getäuscht. Die Wahrheit ist: Nicht Nunoc Baryth war Semanius,
sondern der Lord von Shoala, Athlan Gadennyn, ist der wiedergeborene
Lordmagier.“
Die langen Ohren des Xinghi schwirrten wie die Flügel einer Libelle.
Für einen kurzen Augenblick flimmerte die Luft, dann war er verschwunden, doch einen Lidschlag später tauchte er fast an derselben Stelle wieder
auf.
„Verzeiht, meine Freunde, dass ich euch verlassen habe. Ich bin eine
Weile durch den Wald gestreift, um der Verwirrung meiner Gefühle Herr
zu werden.“
‚Eine Weile?’, dachte Gormen, aber dann fiel ihm ein, dass dieses Wesen ja die Zeit beherrschte. Es mochte nach seinem eigenen Zeitempfinden
stundenlang umhergeirrt sein.
„Erzählt mir alles, was geschehen ist, seit wir uns vor vielen Monaten
getrennt haben“, bat Zpixs.
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Cora gab einen groben Abriss der Geschehnisse. Sie berichtete nur kurz
von ihrer Begegnung mit den Krim, ihrer Gefangennahme und Zaphirs
Tod. Dann erzählte sie in knappen Worten von ihrer Ankunft in Vulcor,
dem Attentat auf Nunoc Baryth, und wie sie vom Verrat Gadennyns und
Gothers erfuhren. Dennoch dauerte ihr Bericht mehr als eine Stunde. Zum
Schluss erzählte sie von dem Plan, den die Gefährten und die Schwarzen
Mönche gemeinsam gefasst hatten, um Semanius zu besiegen: Trygar und
Duna sollten mit den Schwarzen Kämpfern des Ordens ein Heer aufstellen
und nach Süden ziehen; dies sei aber nur als Ablenkungsmanöver gedacht,
um Semanius’ Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie – Cora und ihre
Begleiter – seien gemäß dem gefassten Plan wieder in die Ostlande zurückgekehrt, um Zpixs um Hilfe zu bitten.
„Hilfe wobei?“, fragte das kleine Wesen.
Diesmal meldete sich Boc zu Wort:
„Die Schwarzen Mönche haben herausgefunden, was Gadennyn – oder
Semanius – diese unvorstellbare magische Macht verleiht. Es ist ein Amulett mit einem schwarzen Stein. Wir müssen es ihm wegnehmen. Nur so
können wir ihn besiegen. Aber wir Menschen sind nicht in der Lage dazu.
Wir würden niemals auch nur in die Nähe von Semanius gelangen, ohne
von ihm vernichtet zu werden. Der Einzige, der das kann, bist du, Zpixs.
Wir werden ihn ablenken, so gut wir können, aber du – und darum bitten
wir dich – musst ihm das Amulett abnehmen.“
Zpixs’ Ohren spielten wieder wie wild.
„Das ist unmöglich.“
„Aber du kannst doch die Zeit einfrieren! Es wäre ganz einfach für dich,
ihm…“
„Darum geht es nicht, Boc. Selbstverständlich wäre ich in der Lage, ihm
diesen Talisman der Macht zu stehlen. Aber ich darf es nicht.“
Cora fragte mit einem scharfen Unterton in der Stimme:
„Du darfst es nicht? Wer sollte es dir verbieten, uns zu helfen?“
„Mein Volk und unsere Gesetze“, antwortete der Xinghi.
Die Heilerin erinnerte sich. Zpixs hatte ihnen bei ihrer ersten Begegnung
erzählt, dass es den Xinghi verboten war, sich in die inneren Angelegenheiten anderer Völker zu mischen oder gar Partei für eine Seite zu ergreifen.
Nach kurzem Überlegen sagte sie:
„Angenommen, Semanius wäre ein Xinghi. Dürftest du dann etwas gegen ihn unternehmen?“
„Selbstverständlich. Wenn er mein Volk bedrohte, dann…“
„Ach, dann liegt es gar nicht daran, dass er ein Mensch ist, sondern ausschlaggebend ist nur, ob er euch bedroht oder nicht?“
Zpixs zögerte etwas.
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„Du hast Recht. Ich dürfte eingreifen, wenn er unser Feind wäre“, erwiderte er dann. „Doch Semanius bedroht uns nicht. Ich bedaure, dass er die
Menschen jenseits des Gebirges unterjochen will, aber das rechtfertigt nach
unserem Gesetz keine Parteinahme zu euren Gunsten.“
Jetzt erhob Gormen die Stimme. Er sprach eindringlich:
„Du irrst dich, Zpixs, wenn du glaubst, Semanius sei nicht euer Feind. Er
ist der Feind aller Lebewesen dieser Welt! Sobald er das Alte Reich wieder
errichtet und unter seine Herrschaft gezwungen hat, wird er seinen Blick
nach Süden und Osten richten. Die Menschen in diesen Ländern mögen in
der Übermacht sein, aber gegen seine magischen Kräfte haben sie nichts zu
bestellen. Er wird sie unterwerfen. Und schließlich wird er von den unterjochten Ostländern von der Existenz der Xinghi erfahren, jenen Wesen, die
ihnen so Angst einflößend, dämonenhaft und mächtig erscheinen. Er wird
eine Bedrohung in euch sehen und danach trachten, euch zu vernichten!“
Das Ohrenspiel des kleinen Wesens wurde noch heftiger. Lange schwieg
er und schaute die Gefährten nacheinander an. Endlich stieß er einen Laut
aus, der einem menschlichen Seufzer glich.
„Ich muss das dem Rat vortragen. Nur er kann entscheiden, ob unsere
Gesetze verletzt werden, wenn ich euch helfe.“
„Dann kommen wir mit dir“, sagte Spin. „Führe uns zu deiner Stadt,
Zpixs. Wir wollen eurem Rat unsere Argumente selbst vortragen.“
„Es tut mir Leid, das geht nicht. Kein fremdes Wesen darf Khtau n’
Hoghx betreten. Wartet hier. Ich komme morgen wieder.“
Im selben Augenblick war er verschwunden.
Cora träumte.
Zpixs führt sie durch den Wald auf Pfaden, die sie allein nie entdeckt
hätte. Seine kleine, feingliedrige Hand liegt in ihrer wie die eines Kindes in
der seiner Mutter.
Es ist dunkel, aber sie kann ihre Umgebung so gut sehen, als ob der
Vollmond am Himmel stünde. Doch die Farben sind vollständig verblasst.
Blätter, Ranken und Stängel der Pflanzen schimmern schwach bis hellgrau,
ein vorbeihuschendes Tier strahlt in weißem Licht, und der Boden ist dort,
wo blanke Erde hervortritt, fast schwarz. Sie sieht den Xinghi neben sich,
der ebenfalls leuchtet, als sei er von einer Aura umgeben. Sie blickt an
ihrem eigenen Körper hinab und sieht ein fahles Licht von sich ausgehen,
das hell erstrahlt, wo ihre nackte Haut an Händen und Unterarmen zu
sehen ist, und etwas schwächer durch die feinen Maschen des Stoffs ihrer
Kleidung sickert.
Langsam wird der Wald lichter und die Bäume werden größer. An den
mächtigen Stämmen wachsen dicke Ranken, die bis in die Kronen hinaufreichen.
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„Wohin gehen wir?“, fragt sie.
„Nach Khtau n’ Hoghx, der Hauptstadt des Xinghi-Reichs“, antwortet
Zpixs.
„Aber ich dachte, kein fremdes Wesen dürfe es betreten?“
„Deinem Körper ist es verboten, aber deine Seele darf mich begleiten.
Komm.“
Der Waldbewohner ergreift eine Ranke und klettert rasch hinauf.
„Das schaffe ich nicht“, sagt Cora verzagt.
„Du bist leicht wie eine Feder. Versuch es einfach.“
Zweifelnd ergreift die junge Frau die dicke Liane und holt tief Luft.
Dann stemmt sie die Füße gegen den Stamm und macht einen Klimmzug.
Sie ist überrascht, als sie fast schwerelos hinaufgleitet, so als befände sie
sich unter Wasser. Bald hat sie eine Schwindel erregende Höhe erreicht.
Der Waldboden weit unten ist gar nicht mehr sichtbar. Aber sie hat keine
Angst. Kurz über ihr klettert der Xinghi und verschwindet im dichten Blätterdach. Die Kronen der weit auseinander stehenden Baumriesen haben
sich hier zu einer kompakten Masse verwoben, die einer geschlossenen
Wolkendecke gleicht. Sie taucht hinein, klettert weiter durch die Myriaden
von Blättern, Ästen und Zweigen, die ihr durchs Gesicht streifen, im Weg
sind und sie daran hindern wollen, dem verschwunden Xinghi zu folgen,
aber sie lässt sich nicht beirren, bis sie schließlich durch die Laubdecke
bricht. Ein Laut der Überraschung entfährt ihr.
Sie ist jetzt nicht etwa über den Baumkronen, wie sie erwartet hat. Die
Stämme streben noch viel weiter empor, und etwa dreißig bis vierzig Fuß
über ihr bildet ein weiteres Blätterdach eine lichte Decke. Der Raum dazwischen ist völlig entlaubt. Es ist, als ob sie sich in einer gewaltigen Halle
befindet, deren Boden und Decke aus Millionen von Zweigen und Blättern
bestehen. Die Stämme der Riesenbäume wirken wie Säulen, die das Gewölbe stützen. Überall an den dicken Ästen um sich herum erkennt sie frische
Schnittflächen, wo die Zweige entfernt wurden. Diese Halle ist keines natürlichen Ursprungs. Und sie ist bewohnt.
An den dicken, entlaubten Ästen hängen aus Binsen und Zweigen geflochtene nestartige Kugeln, befestigt mit Lianen oder Hanfseilen. Manche
sind so groß wie kleine Hütten, manche messen aber auch nur drei bis vier
Fuß im Durchmesser. Sie besitzen Löcher an den Seiten, die wohl als Eingänge und Fenster dienen. Es müssen Hunderte, wenn nicht mehr als Tausend dieser Behausungen sein. Die meisten sind locker verstreut angeordnet, in verschiedenen Höhen und Abständen, gerade, wie es der Verlauf der
Äste gestattet. Einige bilden Trauben von einem Dutzend und mehr und
erinnern an einen Bienenstock. Und alle sind durch Brücken und Stege
verbunden.
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Vor ihr steht Zpixs, der auf sie gewartet hat, auf einer solchen Hängebrücke, eine von zweien dicht nebeneinander laufenden, die hinüber zu
einer größeren Plattform führen. Die Brücke ist wie die runden Hütten aus
Binsen geflochten und besitzt einen Boden aus dickem Schilfrohr. Sie ist
schmal, geländerlos und schaukelt durch das Gewicht des Xinghi. Über
ihrem konkav geschwungenen Boden hängen zwei Seile, eines in Höhe der
Größe eines durchschnittlichen Xinghi – Zpixs hält sich mit einer seiner
feingliedrigen Hände daran fest – und eines drei Fuß darüber. An diesem
oberen Seil sind in Abständen von einigen Schritten kürbisgroße Lampions
aus einem pergamentähnlichen Material befestigt, die ein weiches, helles
Licht aussenden. Und diese Lampions gibt es überall. Sämtliche Brücken,
Stege und Plattformen erstrahlen in ihrem Glanz. Khtau n’ Hoghx gleicht
einem Lichtermeer.
Cora, die die herrliche Stadt voller Staunen bewundert, sieht, dass sie
vor Leben wimmelt. Auf den Plattformen zwischen den kugeligen Hütten
oder Nestern herrscht geschäftiges Treiben. Kleine, menschenähnliche
Gestalten huschen schwindelfrei und sicher über die schmalen Stege und
Brücken. Ähnlich wie sie selbst und Zpixs scheinen sie von innen zu leuchten. Allerdings ist dieses Körperlicht jetzt deutlich schwächer als vorhin,
als sie noch am Boden des Waldes durch die tiefe Dunkelheit gewandert
sind.
Manche der Xinghi tragen Lasten auf ihren Köpfen: Körbe, gefüllt mit
Brot und Früchten, Amphoren, in Stoff verpackte Bündel. Kinder spielen in
einem Klettergerüst aus Seilen. Sie flitzen über straff gespannte Stricke,
springen ins Leere, drohen abzustürzen und fangen sich dann im letzten
Moment. Cora hält vor Schreck den Atem an, als sie sieht, wie eines den
Griff verfehlt und tatsächlich stürzt. Doch das Kleine landet ein paar Fuß
tiefer in einem engmaschigen Netz, das sie vorher nicht gesehen hat. Der
junge Xinghi benutzt dessen Federkraft, um sich wieder nach oben zu
schnellen.
Zpixs wartet geduldig, bis die Menschenfrau ihn wieder anblickt.
„Komm“, sagt er. „Ich will dir unsere Stadt zeigen.“
Sie folgt ihm ohne Angst über die schwankende Brücke, indem sie sich
am oberen Führungsseil festhält. Sie weiß ja, sie träumt. Ihr kann nichts
geschehen. Sollte sie fallen, so würde sie einfach aufwachen. Aber sie ist
sich sicher, sie wird nicht stürzen. Nicht, wenn Zpixs bei ihr ist.
Sie erkennt jetzt, dass die meisten der Brücken doppelt sind und parallel
nebeneinander herführen. Eine einzelne Hängebrücke wäre zu schmal für
eine Begegnung zweier Passanten. So dient eine dem Hin- und die andere
dem Rückweg.
Cora stößt auf einen der Lampions am oberen Seil und muss um ihn herumgreifen und sich ducken, um unter ihm vorbeizukommen. Durch die
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dünne Pergamentwand schimmert ein einzelner Lichtpunkt, der sich träge
bewegt. Als sie die Kugel versehentlich berührt, springt der Lichtpunkt von
der Innenwand weg und flattert wie eine erschreckte Motte umher. Das
Licht flackert, wird heller und dunkler.
„Was ist das?“, fragt sie ihren Führer, der nur drei Schritte vor ihr geht.
„Ein Glühwürmchen“, sagt er.
„Aber das ist unmöglich. Hundert Glühwürmchen könnten nicht so ein
helles Licht machen!“
„Es ist nicht besonders hell, Cora. Wenn du es mit deinen Augen sähest,
würdest du kaum den Weg über diese Brücke finden, selbst wenn der Mond
durch das Laubdach schimmerte. Aber heute haben wir eine sternenklare
Nacht.“
„Ich sehe… mit deinen Augen?“
„Ja, meine Freundin. Wir Xinghi sind Wesen der Nacht, wie du an der
Geschäftigkeit in dieser Stadt siehst. Wir schlafen, wenn es Tag ist. Ich
weiß nicht, wie es wäre, mit deinen Augen zu sehen, am Tag all diese wunderbaren Farben wahrzunehmen. Ich weiß nur, dass ihr im Dunkeln fast
blind seid.“
Cora ist schon aufgefallen, dass sie keinerlei Farbtöne unterscheiden
kann. Die grünen Blätter unter und über ihr wirken silbern, die Stämme der
Bäume fast schwarz, die Früchte, die ein (eine?) Xinghi trägt, der auf der
Brücke neben ihr vorbeigeht, zeigen alle Schattierungen von Grau.
„Wie kommt es, dass sie“ – sie macht eine weitläufige Handbewegung,
die Zpixs gar nicht sehen kann, da er vor ihr geht und ihr den Rücken zuwendet, aber er versteht trotzdem, dass sie die Bewohner der Stadt meint –
„und wir, ich meine unsere Körper, leuchten?“
„Das ist die Körperwärme. Jedes Wesen strahlt ein für euch Menschen
unsichtbares Licht ab. Ein Affe, Mensch oder Xinghi mehr als eine Eidechse, Schlange oder Pflanze. Die Stämme der Bäume sind recht kühl, deshalb
erscheinen sie dunkel. Auch wir Xinghi nehmen dieses Leuchten nur in der
Nacht wahr, wenn unsere Augen angepasst sind. Es ist viel schwächer als
anderes Licht. Weil unsere Laternen hier den Weg erleuchten und das Licht
der Körperwärme überstrahlen, nimmst du es nicht mehr so hell wahr wie
unten auf dem Boden, wo es sehr dunkel ist.“
Sie wandern weiter durch die hängende Stadt. Cora kommt aus dem
Staunen kaum heraus. Sie hört seltsame, fremdartig klingende Musik, die
von einer Plattform kommt, auf der etwa fünfzig Xinghi in einem Kreis
sitzen. In der Mitte stehen ein Dutzend Musikanten, zupfen an Instrumenten, die aussehen wie kleine Jagdbögen mit fünf bis acht Saiten, die vom
einen Ende des Bogens ausgehen und in einen Resonanzkörper führen, der
aus einem ausgehöhlten Kürbis besteht. Andere Musiker schlagen kleine
Trommeln oder blasen auf Rohrflöten. Ihre Zuhörer lauschen andächtig.
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Cora und Zpixs ordnen sich in eine Schlange ein, die vor einer lange
Brücke warten muss, weil viel Verkehr auf ihr herrscht. Sie ist erstaunt,
dass keiner der Xinghi Notiz von ihr nimmt. Sie müssen doch überrascht
über die Anwesenheit eines Menschen sein! Sie fragt ihren Führer danach.
„Sie sehen dich nicht Cora. Erinnere dich: nur deine Seele ist hier. Dein
Körper schläft, weit von hier, viele Tagesreisen nach menschlicher Zeit, an
einem Lagerfeuer im dichten Dschungel.“
„Ich verstehe nicht, Zpixs. Wenn nur meine Seele hier ist, wieso machen
mir die Xinghi Platz, warum laufen sie nicht durch mich hindurch? Warum
hat der Lampion vorhin gewackelt, als ich ihn berührte, warum hat sich
das Glühwürmchen erschreckt? Warum musste ich Zweige beiseite schieben, als ich an der Ranke hochgeklettert bin? Und warum siehst du mich
dann?“
Sie hört das zwitschernde Geräusch, das Zpixs macht, wenn er etwas
komisch findet. Es ist seine Art zu lachen.
„Ich werde deine letzte Frage zuerst beantworten, Cora. Ich sehe dich,
weil ich dein Seelenführer bin. Du bist jetzt ein Teil von mir. Mit meinen
Augen kann ich dich nicht wahrnehmen, nur mit meiner Vorstellungskraft.
Ich sehe, was du siehst und dir vorstellst. Bedenke, du bist zwar wirklich
hier, in meiner Heimatstadt, aber du träumst auch, meine Freundin. Du
hast den Lampion nicht wirklich berührt, die Zweige nicht beiseite geschoben, sondern dies nur so empfunden, weil du dir vorstellst, mit deinem
Körper hier zu sein. Deshalb hast du auch deine Haut leuchten gesehen.
Die Bewohner der Stadt gehen nicht durch dich hindurch, weil sie nicht
durch mich hindurchgehen.“
Cora schüttelt verwirrt den Kopf.
„Dann sehen die Xinghi also nur einen der ihren, der Selbstgespräche
führend und kichernd durch die Stadt spaziert?“
„Sie nehmen mich wahr, denn ich bin wirklich hier, aber sie sehen und
hören nicht, wie ich mit dir spreche, denn es ist mein Geist, der sich mit dir
unterhält. Du hörst nicht meine körperliche Stimme, sondern meine Gedanken, Cora.“
Sie sind mittlerweile an einem der bienenstockartigen Nesttrauben angelangt. Ein Gewirr von Kletternetzen und Strickleitern verbindet die Eingänge der einzelnen Wohnkugeln mit der Plattform, auf dem die Hängebrücke endet, über die sie gekommen sind. Zpixs klettert voran, Cora folgt
ihm zu einer größeren Hütte. Sie betreten sie durch ein kreisrundes Loch,
so hoch wie der Xinghi selbst. An der hohen Decke, fast fünfzehn Fuß über
ihr, hängen wieder einige der Leuchtkäfer-Lampions. Die eine Hälfte des
Fußbodens nimmt eine mit Tüchern und Decken gepolsterte Schlafstätte für
ein Dutzend oder mehr Bewohner ein, darüber schaukeln im schwachen
Luftzug mehrere an Hanfseilen befestigte Plattformen und Hängematten in
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verschiedenen Ebenen, teils neben, teils übereinander, die höchsten zehn
Fuß über dem Boden. Klettergerüste aus Stricken verbinden sie miteinander und mit dem Boden der Hütte. Dieser vielschichtige Wohnraum wirkt
wie ein verkleinertes Abbild der Stadt draußen. Die andere Hälfte der Hütte ist voll gestopft mit Krimskrams. Cora erkennt mehrere Lesemaschinen
und Körbe voll mit Schriftrollen, die in die Maschinen eingespannt und
aufgerollt werden können. Zpixs hat seinen menschlichen Freunden bei
ihrer ersten Begegnung einmal eine solche Maschine gezeigt und ihnen
damit aus der Sage von Khtho, der ersten Xinghi, vorgelesen. In einer Ecke
stapeln sich Tontöpfe und Amphoren, Bastkörbe und Leinensäckchen unbekannten Inhalts. Daneben stehen Körbe mit getrocknetem und frischem
Obst, ausgehöhlte Kürbishälften, gefüllt mit Körnern, Nüssen und Pflanzenknollen – sie erkennt Knoblauch, wilde Süßkartoffeln und Zuckerrüben,
– und an einer anderen Stelle hängen Schnüre von der Decke herab, auf
der dicke, fleischige Pflanzenblätter zum Trocknen aufgereiht sind. Cora
vermutet, dass es sich um Gewürze oder eine Art Tabak handelt. Eine gewisse Ordnung herrscht in einer anderen Ecke: ein Aufbewahrungsmöbel,
das an ein Regal erinnert, hängt an vier Schnüren von der Decke, die durch
die durchbohrten Ränder von sechs übereinander hängenden, flachen Weidenkörben führen, die als Regalbretter dienen. Auf ihnen liegen zahlreiche,
für kleine Hände bestimmte Werkzeuge: Schnitzmesser, kleine Hämmer,
Stechbeitel, Meißel und andere Spanwerkzeuge zum Aushöhlen und Bearbeiten von Holz, aber auch Geräte, deren Funktion Cora nicht versteht:
seltsame Glasröhren, kaum dicker als ein Finger, Glaskolben und kegelartige Gefäße, filigrane Drahtgebilde, spiralig gebogene Eisenstangen und
noch vieles mehr.
„Hier wohne ich“, stellt Zpixs lakonisch fest.
„Aber offensichtlich nicht allein. Wer sind deine Mitbewohner?“
„Meine Familie: Mein Bruder Zpoxs mit seinen drei Partnern, meine eigenen Lebensgefährtinnen Khtoko und M’xith, mein Frauenbruder L’minh,
meine Leibesmutter, meine Schwestermutter, deren Leibesmutter, unsere
sechzehn Kinder und vier Enkelkinder.“
„Meine Güte“, entfährt es Cora. „Und wo sind sie alle?“
„Die Erwachsenen und die älteren Kinder gehen ihren Pflichten nach,
arbeiten und lernen, und die Kleinkinder und Alten genießen das Leben. Sie
werden alle vor Morgenanbruch zurück sein. Dann essen wir zusammen,
erzählen uns, was wir erlebt haben und gehen schlafen.“
„Dass du mit zwei Xinghi-Frauen zusammenlebst, habe ich verstanden,
Zpixs, auch denke ich, dass deine Leibesmutter deine leibliche Mutter ist,
aber wer sind dein Frauenbruder und deine Schwestermutter?“
„Er ist der andere Lebensgefährte meiner Frauen. Wir Xinghi heiraten
meist zu viert, manchmal auch zu sechst. Die Schwestermutter ist die Le-
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bensgefährtin meiner Leibesmutter und mir ebenso lieb. Ihre beiden Männer sind leider verstorben und zu den Wurzeln zurückgekehrt.“
„Zu den Wurzeln?“
„Ja, des Baumes, der unserer Sippe gehört. Dort haben wir sie begraben. Sie sind von ihm wieder aufgenommen worden und leben, wie alle
Ahnen unserer Sippe, in ihm weiter. Wenn du ein Flüstern im Wind hörst,
dann sind es vielleicht die Blätter des Baums, vielleicht auch ihre Seelen.
Wir können ihre Worte verstehen.“
Sie verlassen das Haus. Cora betrachtet den Stamm des Baumes, von
dem der mächtige Ast ausgeht, an dem die Wohntraube von Zpixs’ Sippe
hängt. Er ist hier oben immer noch dicker als der Stamm der uralten Dorfeiche in Brenton, die auf dem Platz vor dem Gasthof steht, und unter deren
Krone sich das ganze Dorf versammeln kann. Ein Kletternetz, dessen Maschen mit kurzen Bambusrohrstücken verbunden sind, die als Tritte dienen,
führt hinauf und verschwindet im Laubgewölbe.
„Wohin geht es da?“, will sie wissen.
„Zum Dach des Waldes. Du hast den höchsten Baum der Ostlande vor
dir. Ich bezweifle, dass es irgendwo auf der Welt einen größeren gibt. Und
er gehört unserer Sippe.“
Da Cora nicht die Worte selbst, sondern die Gedanken ihres nichtmenschlichen Freundes hört, kann sie den Stolz wahrnehmen, der in ihnen
schwingt.
„Möchtest du einen Blick von dort über die Länder des Ostens werfen?“
Das lässt sie sich nicht zweimal sagen und folgt dem Xinghi hinauf. Sie
durchbrechen zum zweiten Mal ein Blätterdach und stehen auf einer Plattform hoch über dem Dschungel, die auf dem letzten, waagerecht verlaufenden Ast des Baumriesen errichtet ist, dessen Stamm hier immer noch so
dick ist, dass ihn drei Menschen zusammen nicht mit den Armen umfassen
könnten und der hinter ihnen noch weitere achtzig Fuß in die Höhe ragt.
Eigentlich ist Cora hierher gekommen, um einen Blick auf die Landschaft unter sich zu werfen, auf das Dschungelmeer, dass sich weit in die
Ferne erstreckt, und dessen Wogen denen eines stürmischen und in der Zeit
erstarrten Ozeans gleichen, oder auf die Berge, diese stummen Zeugen der
Geschichte der gesamten Menschheit bis zurück zum Hammer Gottes, auf
die weite Ebene, die Sümpfe und den breiten Strom bis hin zur Großen
Kluft, aber ihr Blick verweilt nur kurz und wird dann von etwas anderem
gefangen, weitaus beeindruckender als alles, was Cora bisher gesehen hat:
vom Sternenhimmel.
Das samtartige Himmelszelt ist durchsetzt von Tausend mal Tausend
und mehr glitzernden Diamanten, keiner von schwächerer Leuchtkraft als
der hellste Stern, den die junge Frau zuvor mit ihren eigenen Augen erblickt hat. Sie erkennt kaum ein Sternbild wieder. Dort, wo vorher einige
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wenige die charakteristische Form gebildet haben, strahlen nun Dutzende,
ja Hunderte mehr. Über dem Zenit glänzt die Milchstraße viele Male heller
als in der sternenklarsten Nacht im Hochgebirge. Zarte, Filamente schimmern in ihr, fadenartige Strukturen werden sichtbar. Dunklere Wolken,
eine sieht aus wie der Kopf eines Pferdes, verdecken an einigen Stellen ihr
silbriges Schimmern. Funkelnde Sternhaufen, leuchtende Kugeln und Ringe, bizarre, zerfaserte Wolken, spiralige Nebel mit einem helleren Kern und
langen aufgewickelten Armen, manche größer als die Sonnescheibe, sind
über das Himmelsgewölbe verteilt. Wandelsterne in ihrem ruhigen, weichen Licht, ein Komet mit einem langen Schweif, der wie der Zeigefinger
eines Gottes nach Westen zeigt, aufblitzende und verlöschende Sternschnuppen, die nachleuchtende Striche über die schwarze Leinwand ziehen, sind die langsamen und schnellen Wanderer zwischen den unverrückbaren Edelsteinen der Sterne, die so hell strahlen, dass Cora ohne Probleme ein Buch lesen könnte. Ihr Großvater hat ihr erzählt, dass die Seelen
der Verstorbenen, die Gnade vor den Augen Wathan-Bejhis gefunden haben, dort wohnen, und dass die Astronomen siebentausend von ihnen gezählt haben. Sie hat sich immer gefragt, warum so wenige vor dem göttlichen Gericht frei gesprochen worden sind. Sollte die übergroße Mehrzahl
der Seelen in der Unterwelt bei Wathan-Kha Buße tun müssen? Jetzt blickt
sie zur Vergangenheit der Menschheit hinauf, auf unzählige Generationen,
auf Millionen und Abermillionen Erlöster, und sie dankt Wathan für seine
Gnade.
Lange Zeit steht sie ehrfürchtig schweigend da und genießt das Wunder
mit den Nachtaugen des Xinghi. Dann haucht sie:
„Danke, Zpixs.“
Ihr Begleiter sagt:
„Wir müssen jetzt gehen, Cora. Ich muss den Rat anrufen und ihm euer
Anliegen um meine Hilfe vortragen. Du kannst leider nicht dabei sein. Du
musst zurück. Es ist nicht gut, wenn ein Körper zu lange von seiner Seele
getrennt ist. Komm jetzt.“
Sie klettern hinab.
Spin erwachte mit einem unguten Gefühl in der Magengegend. Etwas
stimmte nicht, das spürte er mit seinen Waldläuferinstinkten. Es war noch
fast dunkel, aber der schwache Schimmer der Morgendämmerung suchte
sich bereits seinen beschwerlichen Weg durch die Lücken im Dschungeldach, hinab zu der kleinen Lichtung.
Er setzte sich auf und blickte sich um. Ein trockenes Rascheln war es
gewesen, das ihn geweckt hatte. Er kannte das Geräusch, wenn Schuppen
über Schuppen glitten. Dann sah er sie. Die sich häutende Schlange lag auf
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der Brust der schlafenden Cora. Es war eine nur einen Fuß lange Giftnatter,
eines der tödlichsten Tiere überhaupt, besonders, wenn sie sich häutete.
Die kleine Schlange war erregt. Die alte, zu enge Haut abzustreifen war
anstrengend und beschwerlich. Es bereitete ihr Unbehagen. Sie könnte
einem Feind nicht entfliehen, der sie jetzt angriffe, und war daher äußerst
reizbar. Jede plötzliche Bewegung von Cora würde sofort zum tödlichen
Biss führen. Zum Glück schlief die junge Frau tief und fest. Ihre Brust hob
und senkte sich fast unmerklich. Es schien, als habe gerade dieses sanfte
Schaukeln die Schlange ein wenig beruhigt.
Spin versuchte ebenfalls, sich zu beruhigen. Er konnte nicht hinübergehen und die Schlange kurz hinter dem Kopf am Hals packen. Sie würde ihn
in ihrem erregten Zustand bemerken. Er überlegte, ob er sie mit einem Pfeil
erschießen könnte, aber das war unmöglich, ohne Cora schwer zu verletzen. Er blickte zu den anderen, die um das erloschene Feuer in ihre Decken
gewickelt lagen, und war ein wenig beruhigt, als er Bocs leises Schnarchen
hörte. Wenn der Schmied aufwachte und sähe, in welcher Gefahr seine
Frau schwebte, würde er zu ihr hinstürzen und versuchen, die Schlange mit
bloßen Händen wegzureißen. Es wäre ihr oder sein Tod.
Neben ihm lag Gormen. Vorsichtig berührte er seinen Arm. Der Schwarze Mönch erwachte augenblicklich. Der Waldläufer legte einen Finger über
die Lippen, dann erklärte er leise die Situation. Der Magier handelte augenblicklich. Spin sah, wie die Schlange kurz zuckte und dann mitten in
der Häutungsbewegung erstarrte. Gormen ging hinüber, fasste sie am
Schwanz und hob sie hoch. Sie war steif wie ein Ast. Er holte aus und warf
sie mit weitem Schwung ins Gebüsch.
„Was hast du gemacht?“, fragte Spin.
„Ich habe ihre Muskeln erstarren lassen. Sie konnte sich nicht mehr bewegen.“
„Ist sie tot?“
„Nein. Warum sollte ich sie töten? Sie stellt keine Gefahr mehr dar.“
Der Waldläufer war da anderer Meinung, aber er lies es auf sich beruhen. Boc war durch ihr Gespräch auch erwacht. Er setzte sich auf, gähnte
und rieb sich die Augen.
„Frühstückszeit?“, fragte er. Zum Glück hatte er nichts mitbekommen.
Spin blickte wieder zu Gormen. Der starrte nachdenklich auf die immer
noch schlafende Cora.
„Da stimmt etwas nicht.“
Spin ging zu ihm hinüber und sah, was der Mönch meinte: Cora lag starr,
aber mit offenen Augen da. Ein Schreck durchzuckte ihn. War sie doch
gebissen worden? Rasch beugte er sich zu ihr hinab und fühlte ihren Puls.
Er schlug gleichmäßig. Sie atmete immer noch flach wie eine Schlafende.
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Ab und zu blinzelte sie, aber ihre Pupillen waren blicklos wie die einer
Toten.
„Cora!“ Spin schüttelte sie am Arm, doch sie zeigte keine Reaktion. Boc,
der sich aus seinen Decken geschält hatte, stieß ihn beiseite. Dann riss er
sie in seine Arme.
„Cora, Cora! Was ist mit dir?“
Gormen legte eine Hand auf seine Schulter.
„Sie schläft, Boc. Es geht ihr gut.“
„Aber warum hat sie dann die Augen offen? Wieso wacht sie nicht auf?“
„Ich weiß es nicht. Lass mich sie untersuchen.“
Der verängstigte Schmied wiegte seine Frau in den Armen.
„Ich verstehe das nicht. Was ist bloß geschehen?“
Tränen kullerten über seine Wangen.
Spin und Gormen sahen sich ratlos an. Sie waren ebenso verwirrt wie
Boc und wussten keinen Trost für ihn.
Plötzlich bewegte sich die junge Frau und hustete leise. Boc schrie:
„Cora! Meine Liebste. Wo bist du gewesen?“
Die Angesprochene schien verwirrt.
„Warum weinst du, Boc? Ich bin doch hier. Ich habe geschlafen und einen Traum gehabt. Jetzt bin ich wieder bei euch.“
Cora wollte nicht über ihren Traum reden. Sie spielte die Tatsache, dass sie
mit offenen Augen wie tot dagelegen hatte, ein wenig herunter. Sie sei
übermüdet und die Reise sehr anstrengend gewesen. So etwas käme vor. Es
sei alles in Ordnung mit ihr, und sie fühle sich gesund.
Die Besorgnis von Boc, der sich nicht damit zufrieden geben wollte, und
die ruhigen und besonnen, aber gleichwohl hartnäckigen Fragen von Gormen und Spin begannen ihr auf die Nerven zu gehen. Doch bevor es zum
Streit kommen konnte, erschien Zpixs wie ein Geist. Gormen zuckte zusammen. Selbst die Koridreaner erschraken, obwohl sie die Manifestation
schon oft erlebt hatten.
Der Xinghi blickte sie an. Auf Cora, die allmählich Übung darin bekam,
das minimale Mienenspiel und die umso auffälligeren Bewegungen der
Ohren zu deuten, machte er einen nachdenklichen Eindruck. Sie fragte ihn
ohne Umschweife:
„Hat der Rat der Xinghi eine Entscheidung getroffen, Zpixs? Wirst du
uns helfen?“
„Der Rat hat entschieden, dass der König von Koridrea wohl keine Bedrohung für unser Volk ist.“
Spin runzelte die Stirn.
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„Der König von Koridrea? Du meinst Bredos, den alten Silberhelm? Natürlich ist er keine Bedrohung für euch. Aber was hat der denn damit zu
tun?
„König Bredos ist tot. Athlan Gadennyn trägt jetzt die Herrscherkrone.“
Cora keuchte.
„Semanius ist – König von Koridrea? Du musst dich irren, Zpixs.“
Der kleine Waldbewohner antwortete nicht. Allmählich ging ihnen auf,
dass es stimmen musste: Die Xinghi beobachteten die Menschen jenseits
der Berge genau und wussten fast alles über sie. Eine zeitlang waren Cora
und ihre Gefährten so geschockt, dass niemand ein Wort sprach. Schließlich war es Boc, der als Erster seine Stimme wieder fand.
„Wenn die Xinghi keine Bedrohung in Gadennyn sehen, dann wirst du
uns also auch nicht helfen. Ohne dich haben wir keine Chance gegen diesen
mächtigen Magier, Zpixs. Es ist vorbei. Unsere Mission ist zu Ende.“
Cora sagte scharf:
„Aber ihr müsst doch einsehen, dass er erst uns und dann euch vernichten wird. Wie könnt ihr nur so verbohrt sein!“
„Der Rat glaubt zwar nicht, dass sich Gadennyn mit einem Heer in die
Ostlande traut, gesteht aber auch ein, dass ihr vielleicht doch Recht haben
könntet. Er hat mir deshalb den Auftrag gegeben, euch zu begleiten und bei
eurem Kampf gegen den Lordmagier zu beobachten. Sollte ich zu dem
Schluss kommen, dass Gadennyn eines Tages zur Gefahr für unser Volk
werden könnte, dann habe ich freie Hand zu tun, was immer ich für das
Beste für unser Volk halte.“
Gormen begriff als Erster.
„Dann wirst du uns vielleicht doch helfen?“
„Ich habe einen Eid geschworen, dem Rat zu gehorchen. Und das werde
ich auch tun. Aber ich bin der einzige unseres Volkes, der Gadennyn schon
einmal begegnet ist und weiß, welch furchtbare Bedrohung er darstellt. Da
man mir freie Hand gegeben hat, selbst zu entscheiden, werde ich euch
helfen.“
Cora nahm das kleine Geschöpf in die Arme und drückte es an sich.
„Du bist ein echter Freund. Wir danken dir, lieber Zpixs.“
Die anderen brachten ebenfalls ihre Freude über die Entscheidung des
Waldbewohners zum Ausdruck, aber Spin beendete es mit den Worten:
„Lasst uns so bald wie möglich aufbrechen. Wir haben zwar noch genug
Zeit, um rechtzeitig am Treffpunkt mit Trygar, Duna und den Schwarzen
Kämpfern zu sein, aber es ist auch noch ein beschwerlicher Weg über den
Pass.“
„Der Pass ist jetzt für euch Menschen unpassierbar. Ich war vor kurzem
dort. Hätte ich die Zeit nicht verändert, wäre ich bald erfroren. Als ihr über
die Berge gekommen seid, war es Sommer. Jetzt bedeckt der Schnee den
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Passweg so hoch, dass ihr einen Tunnel graben müsstet. Es wehen eiskalte
Winde dort oben. Ihr würdet keine Nacht überstehen.“
„Aber was machen wir dann?“
„Wir müssen die Vas-Thet-Berge südlich umgehen.“
Spin schüttelte den Kopf.
„Das würden wir nie rechtzeitig schaffen. Der Umweg beträgt sicher
mehr als tausend Meilen!“
„Weit mehr als tausend Meilen, Spin“, erklärte Zpixs. „Aber die Südländer haben euch ausdauernde und schnelle Rösser geschenkt. Ich weiß einen
Weg, auf dem wir rasch vorankommen Wir könnten fünfzig Meilen am
Tag schaffen und in etwa drei Wochen die Küste der Südlande erreichen.
Es gibt dort einen Seehafen, von dem Handelsschiffe nach Shoal segeln.
Die Reise über das Meer dauert etwa eine Woche. Mit etwas Glück könnten wir schon in einem Monat in Shoala sein.“
Die Hyäne
Das Wesen, das einmal eine Hyäne gewesen war, wanderte im dunklen
Nadelwald, der die Hänge des Wolfszahngebirges säumte, nach Norden,
getrieben von dem Verlangen, die schwarz gekleideten Menschen zu finden, die seine Gedanken und Tagträume beherrschten, und sie zu töten,
damit es endlich wieder es selbst sein konnte. Die Kreatur versuchte, diese
unaufhörlich vor ihrem inneren Auge vorbeiziehenden Bilder, die der
Meister ihr eingegeben hatte, zu unterdrücken, indem sie sich an vage Erinnerungen aus einer fernen Vergangenheit klammerte.
Sie sieht sich wieder mit ihrer Sippe jagen. Das Rudel rennt durch das
hohe Gras der südländischen Steppe. Hyänen können nicht so schnell laufen wie Antilopen, sind aber ausdauernd und unerbittlich. Sie suchen sich
meist ein altes oder krankes Tier aus und hetzen ihr Opfer so lange, bis es
nicht mehr weiter kann. Gemeinsam fallen sie dann über es her und reißen
es in Stücke.
Wenn die Jagd vergeblich ist – und das geschieht sehr oft – fressen sie
die Kadaver verendeter Tiere, angezogen von kreisenden Aasvögeln. Dabei
schlagen sie auch oft deren Jäger in die Flucht, seien es Wildhunde, Wölfe
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oder große Laufkatzen. Mit ihren Kiefern, ausgestattet mit sehr starken
Muskeln, kann eine Hyäne Knochen wie dürre Äste brechen. Die Anführerin des Rudels hat sogar einmal eine einzelne Löwin angegriffen, um ihr
die geschlagene Beute abzujagen, und ihr eine Pranke halb abgebissen,
bevor sie selbst tödlich von ihr verletzt worden ist. Aber der Rest des Rudels hat der Katze, fast doppelt so groß wie eine Hyäne, den Garaus gemacht.
Jetzt ist das Rudel ohne Leittier, und es beginnt ein Kampf um seine Führung. Drei weibliche Hyänen streiten darum, und sie selbst ist in ihrem
Tagtraum wieder eine von ihnen. Sie versucht es, aber sie ist die jüngste
und schwächste und unterliegt den anderen. Schwer verletzt bleibt sie zurück, als ihre Sippe weiterzieht. Tagelang verkriecht sie sich im Gebüsch,
frisst nichts als eine Maus, die sich unvorsichtig in ihre Nähe gewagt hat.
Als die Bisswunden geschlossen und verschorft sind, hinkt sie ihrem Rudel
hinterher. Es nähme sie wieder auf, wenn sie sich der neuen Rudelführerin
unterwürfe. Aber dann gerät sie eines Nachts in eine Falle. Sie stößt auf ein
frisches, totes Kaninchen und macht sich gierig und unvorsichtig über es
her. Doch der Boden gibt unter ihr nach, und sie stürzt in eine tiefe Grube,
aus der sie sich nicht selbst befreien kann.
Die verhassten Zweibeiner erscheinen nach Sonnenaufgang und werfen
ein Netz über sie. Bevor sie es zerfetzen kann, sind drei Männer in die Grube gesprungen und haben sie trotz heftiger Gegenwehr zusammengeschnürt, bis sie sich nicht mehr bewegen kann. Dann bindet man ihr einen
Sack über den Kopf.
An die Tage und Wochen danach erinnert sie sich kaum noch. Vage Bilder einer stinkenden Hafenstadt, eines engen, vergitterten Käfigs auf
schwankenden Planken, einer Wüste aus Wasser, dann wieder einer Stadt
der Menschen und schließlich eines weiteren Käfigs, etwas größer als der
erste, erscheinen vor ihrem inneren Auge.
Sie ist nicht allein. Rings um ihr Gefängnis sieht sie andere, ebenfalls
eingesperrte Tiere. Manche kennt sie, etwa die gewaltigen Alafanten mit
ihren Stoßzähnen und langen Rüsseln, die baumhohen, langhalsigen, gescheckten Tiere, die in der Steppe die Blätter der Akazien mit ihren schlangenartigen Zungen von den dornigen Zweigen pflücken, und einige Gazellenarten. Diese Herdentiere sind in einem großen, von einem tiefen Graben
umgebenen Gehege gefangen. Ebenso erkennt sie den Leoparden, ihren
Fresskonkurrenten, der in einem engen Verhau hinter einem Gitter auf und
ab läuft und sie manchmal anfaucht. Andere Wesen hat sie noch nie gesehen, wie die riesige, gestreifte Raubkatze im Nachbarkäfig oder das große
Tier mit den kurzen Hörnern und dem zotteligen Fell, das in seinem Pferch
vor sich hin stiert. Und überall wimmelt es von den abscheulichen Men-
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schen, diesen lärmenden Zweibeinern, die sie anstarren und dabei Laute
ausstoßen, die denen ihres eigenen Rudels nicht unähnlich sind.
Und dann, eines Tages, holt sie der Meister zu sich, und sie erfährt, was
Schmerz ist.
Ihre Flanken waren eingefallen, die Rippen traten hervor. Seit Tagen schon
hatte sie nichts gefressen. In dieser bitterkalten Winternacht wagte sie sich
wieder einmal hinunter in die Ebene, um zu jagen, aber das Wild verbarg
sich, und die Bauern hatten ihre Rinder, Schafe und Ziegen in die Ställe
gebracht.
Ein Geruch nach Dung und Mist lockte sie zu einer menschlichen Ansiedlung. Sie umkreiste das stille und dunkle Dorf, dessen Häuser fast unter
dem Schnee begraben waren. Eines stand etwas abseits. Die Läden waren
geschlossen, aber ein wenig Licht fiel durch ihre Ritzen und warf helle
Streifen auf die drei Fuß hohe Schneedecke. Vorsichtig schlich sie näher.
Ein leises Muhen drang aus dem Stall herüber, der in der Nähe des Hauses
stand. Die Stalltür stand einen Spalt offen. Sie zwängte sie auf und glitt
geräuschlos ins dunkle Innere. Die einzige Kuh im Stall roch die Hyäne,
bevor sie sie sah. Sie konnte nur noch einen lauten Angstruf ausstoßen,
dann zerfetzten scharfe Reißzähne ihre Kehle.
Kaum hatte die dämonische Kreatur zu fressen begonnen, stürzten drei
Zweibeiner in den Stall. Sie mussten den Todesschrei der Kuh gehört haben. Einer von ihnen trug eine brennende Fackel, die beiden anderen hielten lange Stangen in den Händen, an deren Enden gekrümmte, wie Reißzähne aussehende und gefährlich wirkende Klingen befestigt waren. Der
kleinere Mensch mit der Fackel schrie erschrocken auf, als er die hyänenartige Kreatur sah, fast ebenso groß wie ihre Beute, die Kuh. Die beiden anderen kamen mit nach vorne gereckten Stangen vorsichtig auf sie zu.
Diese Zweibeiner waren lästig. Sie störten sie beim Fressen, wollten ihr
vielleicht sogar die Beute streitig machen. Aber sie dachte nicht daran, sie
preiszugeben. Doch sie empfand die kleinen, schwachen Zweibeiner nicht
als echte Bedrohung. Gier und bohrender Hunger waren im Augenblick
noch stärker als der Wunsch, sie zu töten, und so fraß sie hastig weiter, die
Menschen dabei nicht aus ihrem Blick lassend. Sie würde sich später um
sie kümmern.
Die scharfe Klinge der Sense fuhr in ihre Flanke und schlug eine klaffende, tiefe Wunde. Sie stieß ein Heulen aus und sprang auf. Bevor der
Mann zu einem erneuten Hieb ausholen konnte, hatte sie ihm den Arm, mit
der er die Waffe schwang, abgebissen. Er sank mit kreidebleichem Gesicht
zu Boden, während ein Strahl von Blut aus dem Stumpf spritzte. Der andere drehte sich um und wollte fliehen, aber er kam nicht weit. Sie packte ihn
am Bein und spürte den Oberschenkelknochen splittern. Er schrie wie ein
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Schwein, als sie seine Bauchdecke öffnete und die Gedärme herausriss.
Dann wurde es dunkel im Stall. Die Fackel war erloschen und die dritte
Person verschwunden.
Draußen fand sie ihre Spur, die zur Hütte führte. Die Frau, die sich ins
Innere des Hauses geflüchtet hatte, konnte ihr Schluchzen und Winseln
nicht unterdrücken, und die Hyäne hörte es. Aber Tür und Fensterläden
waren fest verschlossen. Und so kehrte sie zurück zum Stall und fraß sich
den Bauch voll.
Sie konnte nicht weiter. Die Verletzung machte ihr arg zu schaffen. Sie
hatte viel Blut verloren und war geschwächt. Instinktiv hatte sie die Wunde
ausgeleckt und gesäubert, trotz der Schmerzen, die ihre raue Zunge dem
wunden Fleisch bereiteten. Nun musste sie abwarten, bis sie heilte. Aber
sie war als Tier der Savanne die Kälte dieses Landstrichs nicht gewohnt.
Der eisige Wind biss in ihre Wunde und quälte sie. Der Wundschorf gefror
in dem tiefen Schnitt und verhinderte das Zusammenwachsen der Wundränder. Hier draußen würde sie nicht lange überleben.
Zwei Tage, nachdem sie die Menschen getötet hatte, fand sie endlich einen Unterschlupf. Es war ein schmaler Höhleneingang in der Flanke einer
steilen Felswand. Sie zwängte sich hindurch und kroch auf dem Bauch
immer tiefer hinein, bis sich der steil hinabführende Gang etwas erweiterte.
Die Hyäne war ein Nachttier und konnte im Dunkeln gut sehen. Diese Fähigkeit hatte ihr Meister noch erheblich verbessert, und so reichte ihr die
schwache Spur von Licht, das von weit her zu kommen schien. Hier war es
nicht so kalt wie draußen, und es schien umso wärmer zu werden, je weiter
sie vordrang. Also kroch sie immer tiefer in den Tunnel, auf das ferne Licht
an seinem Ende zu. Der Lichtschein wurde heller und heller.
Schließlich erreichte sie eine riesige Felsenhalle, deren Boden von einem
großen unterirdischen See bedeckt war. Und dieser See war die Ursache
des Lichts. Sein Wasser leuchtete in fahlem Grün. Er war glatt wie ein
Spiegel. Vorsichtig kroch sie zum Rand. Das Leuchten ging von Myriaden
winziger, lebender Punkte aus, die sich zittrig durcheinander bewegten.
Inmitten der kleinen leuchtenden Tierchen sah sie große, längliche Schatten, die mit trägen Flossenschlägen den See durchpflügten. Manche von
ihnen waren größer als ein Mensch. Hier gab es also Nahrung und Wasser,
und sie würde bleiben und sich ausruhen können, bis ihre Wunde verheilt
war.
Sie hatte lange Zeit geschlafen und erwachte nun, weil sie Hunger und
Durst hatte. Den löschte sie zuerst, indem sie ihre Zunge wie einen Löffel
in die grüne Brühe tauchte und eine Lache am Uferrand mitsamt dem was
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in ihm lebte, aufschleckte. Ihre weiten Pupillen leuchteten grüngelb. Das
Licht des Sees wurde von den Netzhäuten ihrer Nachtaugen hell reflektiert.
Fressen. Es schwamm nicht weit vor ihr. Große, fette Fische. Aber sie
scheute das Wasser, und die Beute schien unerreichbar fern. Sie watete ein
kleines Stück hinaus im seichten Uferwasser, verharrte jedoch unschlüssig,
als ihr Bauchfell nass wurde. Schon wollte sie wieder umkehren, dann aber
sah sie, wie ein riesiger dunkler Schatten unter dem Wasserspiegel sich ihr
näherte.
Der Herr des Sees war uralt. Seine schuppige Haut war vernarbt von den
Kämpfen längst vergangener Jahre, als er noch jung gewesen war. Heute
kannte er keine natürlichen Feinde mehr. Die anderen Fische, auch die
stärksten, machten einen großen Bogen um ihn. Dennoch war er schnell
genug, um sich unter ihnen seine Opfer zu suchen. Mit kleinen Beutefischen gab er sich nicht mehr ab. Und dank der Auslese, die er unter den
Raubfischen traf, konnte sich der Bestand der Schwarmfische, die sich vom
Plankton ernährten, und der kleinen Räuber und Aasfresser immer wieder
erholen. Er stand an der Spitze der Nahrungskette, regulierte die Zahl der
großen Räuber und sorgte damit dafür, dass der See reich an Leben war.
Er hatte Hunger. Seine Schwanzflosse bewegte das Wasser so sachte,
dass er nur langsam dahin glitt. Aber so bemerkte sein Opfer nicht, dass er
sich näherte. Bis zum letzten Augenblick würde er warten, dann nach vorne
schnellen. Allerdings hatte er noch keine sich lohnende Beute gefunden. Er
wusste aus Erfahrung, dass sich viele der größeren Fische ins flache Uferwasser zurückzogen, in der Hoffnung, er würde ihnen nicht bis dahin folgen. Er steuerte gerade die Untiefe an, als er zwei Lichtpunkte einige Körperlängen vor sich sah. Neugierig schwamm er näher. Die Lichtpunkte
wurden zu kleinen, leuchtenden Scheiben, die über dem Wasserspiegel
schwebten. Von diesen Lichtern wurde er magisch angezogen. Sein Instinkt
sagte ihm, dass es sich um Beute handelte. Es war nicht das erste Mal, dass
er außerhalb des Wassers jagte. Er hatte schon das eine und andere Mal
Landtiere in die Tiefe gezogen, die sich unvorsichtig dem Ufer seines
Reichs, des leuchtenden Sees, genähert hatten. Sie waren langsam und
unvorsichtig, sagte ihm seine Erinnerung. Mit einem schnellen Flossenschlag, der ein platschendes Geräusch verursachte und den vorher glatten
See kräuselte, tauchte er auf den Grund. Eng am felsigen Boden des Sees
schwamm er auf das Ufer zu. Die Lichter wurden größer. Unter ihnen erkannte er vier bis auf den Grund ragende Pfähle. Als er diese fast erreicht
hatte, schoss er in einem flachen Winkel aus dem Wasser und riss das mit
dichten Reihen kegelförmiger, nadelspitzer Zähne bewehrte Maul auf.
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Der große Schatten näherte sich schnell. Alle Muskeln der Hyäne waren in
Erwartung des Kampfes angespannt. Hätte sie denken können, wäre sie
sicher darüber verwundert gewesen, dass ein Fisch es wagte, sie anzugreifen.
Das Wasser spritzte hoch auf, als der uralte, zwölf Fuß lange Riesenbarsch und die Dämonenkreatur aufeinander prallten. Die Kiefer des Fisches schnappten zu, ohne etwas zu fassen zu bekommen. Die Zähne der
Hyäne schlugen tief in den harten Schädel des Barschs, knackten ihn wie
eine Nuss. Seine Schwanzflosse peitschte noch das Wasser und wühlte es
auf, als er längst tot war.
Ihre Beute reichte aus, um ihren Hunger über viele Tage zu stillen. Sie
hatte gefressen, getrunken und sich ausgeruht. Ihre Wunde war geschlossen, und sie hatte kaum noch Schmerzen. Es war an der Zeit, den unterirdischen See zu verlassen und weiterzuziehen, um ihre Bestimmung als
Werkzeug des Meisters zu erfüllen. Aber dann geschah etwas, dass sie
veranlasste, nicht den engen Gang nach draußen, durch den sie in die Höhle
gekommen war, sondern einen anderen Weg zu wählen.
Ein Gegenstand schwamm auf dem Wasser.
Er trieb nicht weit von ihrer Lagerstätte ans Ufer, und sie tappte hinüber,
um ihn neugierig zu beschnüffeln. Er roch nach Mensch! Es war ein Schuh,
auch wenn sie sich dessen natürlich nicht bewusst war. Aber eines war
ihrem tierischem Verstand dennoch klar: Dort wo er herkam, musste es
Menschen geben.
Sie hasste Menschen. Ja, auch Tiere können hassen, wenn sie der Freiheit beraubt und gequält werden, so wie es ihr geschehen war. Seltsamerweise galt dieser überwältigende Hass nicht ihrem Meister, der ihren Körper – unter furchtbaren Qualen für sie – verändert hatte. Instinktiv sah sie
diese Person nicht als Menschen, sondern als Leittier ihrer eigenen Art an,
das sie – wie früher ihre Rudelführerin – wegen des Rangunterschieds beißen und erniedrigen durfte. Aber ihr Meister hatte ihr auch die Fähigkeit
gegeben, Menschen zu töten. Sie hatte schon einige Male davon Gebrauch
gemacht und würde es bei jeder sich bietenden Gelegenheit wieder tun. Der
Drang, diese verhassten Zweibeiner umzubringen, war größer als jedes
andere Bedürfnis. Es bereitete ihr überwältigendes Vergnügen.
Sie folgte dem Seeufer in der Richtung, aus der der Schuh angetrieben
worden war, und fand an seinem Ende einen Zufluss, einen kleinen plätschernden Bach, der durch einen engen Tunnel geflossen kam. Sie zwängte
sich hinein und folgte dem Gang, der ihrem Körper gerade genug Platz bot.
Sie kroch, tief an den Boden geduckt und mit dem Rücken fast die Decke
streifend, immer weiter das Bachbett hinauf, so lange, bis selbst ihre ausgezeichneten Nachtaugen nicht mehr den geringsten Lichtschimmer entde-
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cken konnten. In völliger Dunkelheit schob sie sich vorwärts, getrieben von
Hass und der Gier nach menschlichem Blut. Ihr Fell war durchnässt, und
die Kälte drang in ihre Knochen. Die Wunde schmerzte wieder stark. Wenn
der Durchlass zu schmal für sie würde, gäbe es keine Chance zur Umkehr.
Sie würde dann in diesem Gang verenden. Aber der Tunnel erweiterte sich
schließlich, sodass sie wieder aufrecht laufen konnte.
Und dann hörte sie leise Stimmen. Sehr weit entfernte Stimmen und ein
klopfendes Geräusch. Töne hallen in Höhlen und Tunneln extrem weit, und
so musste sie noch anderthalb Tage lang weiterlaufen, bis sie schließlich
einen schwachen Lichtschimmer vernahm. In diesem Schein erkannte sie,
dass sich die Höhlenwände verändert hatten. Sie waren nicht mehr unregelmäßig, sondern glatt und gerade. Der Bach floss noch immer am Fuß
des Gangs, jedoch in einem ausgehauenen Graben am Rand. Sie hatte keine
Vorstellung, dass sie sich in einem verlassenen Stollen eines weit verzweigten Bergwerks befand, einer Silbermine. Die Stimmen und die Geräusche der Spitzhacken und Schaufeln der Minenarbeiter wurden lauter.
Sie hörte ein Poltern und Fluchen. Dann verstummten die Arbeitsgeräusche. Die Menschen waren nun ganz nahe. Wenig später vernahm sie die
sich nähernden Schritte eines einzelnen Zweibeiners. Das Licht wurde
heller. Von ihm magisch angezogen, lief sie mit gesträubtem Fell und gefletschten Zähnen weiter.
Ein großer Erzbrocken löste sich von der Wand, polterte auf den Boden des
Stollens und traf beinahe den Fuß eines der vier Männer, die im Licht der
Grubenöllampen arbeiteten. Der Vorarbeiter schimpfte:
„Passt doch auf! Wie oft habe ich euch gesagt, ihr sollt zurücktreten, bevor einer verletzt wird.“
Mit ihren Spitzhacken zertrümmerten zwei von ihnen das Erzstück, während ein Dritter das zerkleinerte Material in einen zweiachsigen Karren lud,
vor den ein Esel gespannt war. Der Wagen war fast voll.
„Das reicht. Bring die Ladung jetzt raus, Idu. Ihr anderen könnt eine
Pause machen. Ich schau mich mal dort drüben ein wenig um.“
Er deutete hinter sich ins Dunkel.
Idu setzte sich auf den kleinen Kutschbock, nahm die Zügel und gab damit dem Esel, der mit hängendem Haupt schlief, einen aufmunternden
Klaps auf das Hinterteil. Der stellte die Ohren hoch, schüttelte den Kopf
und zog an. Das kleine, vierrädrige Fuhrwerk setzte sich auf dem glatt behauenen Felsboden des Stollens ächzend in Bewegung. Der Gang verlief
leicht abschüssig, sodass das Tier nicht viel zu ziehen hatte. Bald war der
Karren hinter der nächsten Biegung verschwunden.
Der Vorarbeiter verließ seine Leute, die es sich auf dem Boden gemütlich machten und ihre Vesper auspackten, und ging zu einem Seitenstollen,
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dessen Eingang ein paar Schritte abseits lag. Er hob die Lampe und leuchtete in den dunklen Gang hinein. Weit reichte der Lichtschein nicht. Er trat
ein und folgte dem Stollen. Mit fachmännischem Blick begutachtete er die
grau glänzenden Streifen in den Wänden. Die Silberader wurde umso unergiebiger, je weiter er vordrang. Dieser Stollen verband zwei Teile des
Bergwerks – die tiefer gelegene alte und die neue Grube, in der sie jetzt
arbeiteten. Die alte Grube, die fast nichts mehr hergegeben hatte, war still
gelegt worden, nachdem es dort einen Wassereinbruch gegeben hatte. Sie
hatten einen unterirdischen Fluss angebohrt, wodurch die meisten Stollen
voll gelaufen waren. Diese alten Schächte und Gänge waren zur fixen Idee
des Vorarbeiters geworden. Er hatte die Theorie, dass es dort noch Unmengen an Silber gab, das nur darauf wartete, abgebaut zu werden. Die Minenleitung wollte davon nichts wissen, und deshalb stellte er Ermittlungen auf
eigene Faust an. Er hoffte, im verlassenen Teil auf eine ergiebige Ader zu
stoßen und reich zu werden. Der größte Teil des Wassers war wieder abgeflossen, sodass seine Erkundungsgänge, die er – zur Belustigung seiner
Leute, die ihn hinter vorgehaltener Hand als Narren bezeichneten – in den
Arbeitspausen machte, einigermaßen ungefährlich waren.
Er hielt die schwere Grubenlampe wie einen Eimer an ihrem Henkel in
der Rechten, sodass sie in Kniehöhe hing und den Boden vor ihm ausreichend beleuchtete. Es wäre zu kraftraubend gewesen, sie wie eine Fackel
ständig hochzuhalten. Ihr Licht warf einen zwei Schritte weiten Hof. Außerhalb dieses Kreises herrschte tiefes Dunkel. Nach einigen Minuten erreichte er einen steilen Quergang, durch den Wasser in einer Rinne floss.
Diesem folgte er weiter abwärts. Er bog um eine Ecke und hielt erschrocken an.
Vor ihm bewegte sich etwas. Ein großer Schatten kroch auf ihn zu. Er
hob die Lampe über den Kopf, sodass ihr Lichtschein darauf fiel. Als er die
Alptraumkreatur sah, ließ er die Laterne fallen, drehte sich schreiend um
und rannte um sein Leben. Er kam gerade mal zehn Schritte weit, bevor es
sein Verfolger mit brutaler Gewalt beendete.
Blut färbte das Wasser des Rinnsaals im Schein der zerborstenen aber noch
flackernden Grubenlampe rosarot. Die Hyäne hielt sich nicht lange mit
Fressen auf und ließ die zerfleischten Überreste des Vorarbeiters zurück.
Sie wollte töten, und, nicht weit entfernt, hörte sie die Stimmen weiterer
Menschen. Sie betrat einen Gang, an dessen Ende Licht schimmerte. Sie
schlich näher. Dort, im Schein heller Lampen, saßen zwei Zweibeiner mit
dem Rücken zur Wand auf dem Boden. Sie fraßen etwas. Die Hyäne hielt
sich außerhalb des Lichtkreises und beobachtete die Männer. Ihre Spitzhacken, in den Augen der Kreatur gestielte Zähne ähnlich der Sense des Bauern, der sie verletzt hatte, lagen ein Stück entfernt auf dem Boden. Die
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Menschen waren also schutzlos und ungefährlich. Sie konnte sich Zeit
lassen und das Töten genießen. Mit gierig aufgerissenem Rachen, aus dem
schleimiger Sabber tropfte, trat sie in den Lichtkreis und blickte in die
schreckensgeweiteten Augen der Männer.
Als Idu mit dem leeren Karren um die Biegung kam, scheute sein Esel. Das
Tier witterte den warmen, süßlichen Geruch zuerst. Als auch Idu ihn wahrnahm, erblickte er einen bläulich-grauen Darm, der sich wie eine sterbende
Schlange in einer Blutlache ringelte und noch schwach bewegte, als die
gärenden Gase aus ihm entwichen. Der Ekel würgte Idu, und er übergab
sich vor seine Füße. Sein Verstand erfasste die Szene, die sich seinen Augen bot, nur langsam. Die Wände des Stollens waren mit Blut voll gespritzt. Überall lagen Leichenteile herum. Der Leichnam von Besia war
vom Hals bis zum Schambein aufgerissen und entleert worden. Nur ein
halber Lungenflügel ragte aus dem Brustkorb. Der Rest war verschwunden.
Der Torso eines anderen Mannes saß noch mit dem Rücken zur Wand,
ohne Arme, Beine und Haupt. Der Kopf von Merkath, seinem Freund, lag
ein Stück weit entfernt auf dem Boden, das zertrümmerte Schädeldach
zuunterst, aus dem Halsstumpf ragte ein Stück der Wirbelsäule heraus. Den
Gesichtsausdruck des Toten sollte Idu sein Lebtag nicht mehr vergessen.
Sie fanden die Leiche des Vorarbeiters einen Tag danach in der alten Grube. Drei weitere Männer wurden vermisst. Der schwer bewaffnete Suchtrupp durchkämmte alle bekannten Stollen und Gänge, aber sie blieben
spurlos verschwunden. Stattdessen fand man Fußspuren einer seltsamen
Kreatur, Eindrücke an sandigen Stellen, ähnlich den Abdrücken eines
Wolfs, nur viel größer, deren Tiefe auf ein Gewicht schließen ließ, das dem
eines ausgewachsenen Ochsen gleichkam. Die Silbermine blieb drei Tage
lang geschlossen, dann befahl ihr Leiter, dass die Männer wieder an die
Arbeit gehen sollten. Jedem Schürftrupp wurden zwei bewaffnete Wachleute zur Seite gestellt. Viel zu wenige, wie sich herausstellte, denn in den
nächsten Tagen verschwanden zwei Trupps einschließlich der Soldaten, die
sie schützen sollten. Die Minenleitung sandte einen berittenen Boten mit
einem Hilferuf zur nächsten Stadt.
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Das Gasthaus
Das Gebäude, das etwas abseits der Ortschaft an der Reisestraße zwischen
dem Rabengebirgspass und der Stadt Rhynian stand, erschien – zumindest
in dieser Region Orinokavos – außergewöhnlich, denn es war im südländischen Stil der Eroberer gebaut. Das hatte seinen Grund: der Besitzer des
Gasthauses (um ein solches handelte es sich nämlich) hatte südländische
Vorfahren. Genau genommen war er sogar ein entfernter – sehr entfernter –
Verwandter des Kaisers, ohne allerdings davon zu wissen. Und er war ein
Patriot, stolz auf die großartige Kultur seiner Vorfahren.
Vor mehr als einhundertdreißig Jahren waren die Südländer unter der
Führung des Feldherrn Orino Kavo mit einer großen Flotte gekommen und
hatten die Mitte und den Norden des zerfallenen Alten Königreichs nach
kurzem Krieg eingenommen. Lediglich an Koridrea bissen sie sich die
Zähne aus. Aus den unwirtlichen Ländern Pheldae und Vulcor zogen sie
sich aber bald wieder zurück, da ihr Heer zu klein war, um die weiten
Landstriche auf Dauer zu besetzen und gegen die ständigen Überfälle der
Aufständischen zu verteidigen. Orino Kavo, der seinem Bruder im Streit
um die Thronfolge im südlichen Reich unterlegen war, war vorläufig zufrieden mit seiner Eroberung und ließ sich zum Kaiser des neuen Staates,
dem er seinen Namen gab, krönen. Er war zwar machtgierig, aber auch
klug, und wusste, dass er sich nur halten konnte, wenn er die einheimische
Bevölkerung für sich einnahm. Die klügsten Köpfe unter ihnen holte er
sich als Berater an den Hof. Jeder seiner neuen Untertanen erhielt einen
erheblichen Geldbetrag oder ein Stück Land. Mit den Eroberern kam neue
Freiheit und Aufklärung, die das dunkle Zeitalter ablöste. Die Gesetzgebung wurde revolutioniert. Alle Bürger besaßen nun gleiche Rechte. Die
Privilegien der Adeligen (mit Ausnahme der Mitglieder der kaiserlichen
Familie) wurden weitgehend abgeschafft.
Allerdings gab es auch Repressionen. So führte Orino Kavo die südländische Sprache als neue Landessprache ein. In allen Ämtern wurde sie
gesprochen; in den Schulen durfte nicht mehr in der Alten Sprache unterrichtet werden. Die Verbreitung von Schriften in der Sprache der Einheimischen wurde unter Strafe gestellt. So kam es, dass sie in wenigen Generationen fast ausstarb.
Der Versuch, die Vielgötterreligion der Südländer zu implementieren,
scheiterte allerdings. Die Einheimischen verteidigten ihren Glauben an
Wathan mit Inbrunst, und der Widerstand gegen die neuen Götter war so
stark, dass der Sohn des ersten Kaisers, Orino Seka, ebenfalls weise wie
sein Vater, gleich am Anfang seiner Herrschaft die Freiheit der Religion in
Orinokavo verkündete. Seka erkannte schnell die Vorteile des Monotheismus und konvertierte schon bald zum Wathanismus.
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Die Eroberer brachten neben fortschrittlichen Wissenschaften auch ihre
großartige Kultur mit. Und so entstanden überall Häuser, Paläste und
Wathan-Tempel im südländischen Stil, von dem der Pridemus so angetan
war, dass er seinen Amtssitz nach Lankoma verlegte, als der Kaiser ihm
dort einen prachtvollen Großtempel errichten ließ.
Nach wenigen Generationen hatte sich die Bevölkerung durchmischt,
nachdem die Soldaten der Eroberer einheimische Frauen und Mädchen
geheiratet hatten. Fast jeder Bürger Orinokavos hatte nun ein wenig südländisches Blut in den Adern. Alles in allem nahm das Land eine gute Entwicklung bis zu dem prekären Augenblick, als sich der letzte Kaiser, Orino
Toko, entschloss, sein Reich zu vergrößern und Koridrea anzugreifen.
Kommen wir zurück zu dem auffälligen Gebäude, das an der Reisestraße,
unweit eines Dorfes, lag. Es fiel dem vom Pass kommenden Reisenden
gleich deshalb ins Auge, weil es einem kleinen Palast im südländischen Stil
glich. Es besaß weiß gekalkte Mauern aus dicken, quaderförmigen Steinen,
die durchbrochen waren von bogenförmigen Fenstern und Durchgängen.
Um das Haus zog sich eine Arkade, deren Stützsäulen sich nach oben verbreiterten und in Spitzbögen zusammenliefen. Der Grundriss war der eines
offenen Rechtecks mit einem baumbestandenen, schattigen Innenhof, in
dem im Sommer Tische und Stühle zur Bewirtung aufgestellt waren. Der
rechte Seitenflügel beherbergte Vorratsräume und Stallungen, der linke die
Wohnräume der Familie des Wirts. Der Hauptflügel enthielt Küche und
Gastraum. Im oberen Stockwerk lagen die Gästezimmer. Das Gasthaus war
durch zahlreich Erker und Zinnen geschmückt und durch ein kleines Türmchen über dem Hauptflügel gekrönt.
Haseth, der Wirt des Gasthofs Zum Sonnenuntergang, war ein großer,
dünner Mann. Er hatte die dunkle Hautfarbe und schwarzen Mandelaugen
des Südländers und einen langen, krausen Bart in der Farbe von Pfeffer und
Salz. Haseth trug einen lehmfarbenen Kaftan, der ihm bis zu den Füßen
reichte, und hatte einen gelben Turban um den Kopf gebunden.
Er stand in der leeren Gaststube, in deren Kamin ein wärmendes Feuer
prasselte, und schaute durch das Fenster in den Innenhof, in dem kahle
Bäume standen. Die Bodenplatten des Hofs hatte er erst gestern gefegt,
doch sie waren schon wieder von einer Handbreit Schnee bedeckt. Sein
Blick fiel auf die Landschaft vor dem Gasthof, eine grauweiße Einöde, in
der die Straße, die Lebensader seiner Familie, unter der weißen Decke verschwunden war. Selbst Spuren von Rädern und Pferden waren längst zugeschneit, denn die letzte Kutsche war vor mehr als einer Woche durchgekommen.
Haseth hasste den Winter. Nur sehr wenige Gäste verirrten sich in dieser
trostlosen Zeit hierher. Er hatte alle seine Bediensteten entlassen müssen,
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um wenigstens seine Familie und sich selbst mit dem Geld, das sie im
Sommer verdient hatten, durchzubringen. So lief es jedes Jahr: Im Frühjahr, wenn die ersten Kaufleute und Handelsreisenden aus Koridrea kamen,
stellte er Leute ein: Köchinnen und Küchenhilfen, Dienstmägde für die
Gäste und Pferdeknechte. Im Sommer liefen die Geschäfte gut. Vor etwa
zehn Jahren hatte der Handel mit dem Land der Sieger wieder begonnen.
Die ersten Kaufleute der verfeindeten Länder wagten sich wieder über die
Grenze. Bis heute waren sie neben den Priestern die einzigen, deren Anwesenheit in Orinokavo geduldet wurde. Ansonsten begegnete man den Koridreanern nach wie vor misstrauisch bis feindselig, weshalb sie meist in
Konvois und Karawanen mit Begleitschutz reisten. Haseth hatte keine
Probleme mit Reisenden aus Koridrea. Er behandelte sie höflich und gastfreundlich. Schließlich lebte er von ihnen. Außerdem war ihm – und vielen
gebildeten Bürgern Orinokavos – bewusst, dass es ihr Kaiser gewesen war,
der das Nachbarland überfallen hatte.
Mit Beginn der Herbststürme kamen dann immer weniger Gäste, und
beim ersten Schnee entließ der Wirt die Belegschaft des Gasthofs, die sich
über Winter neue Arbeit suchen musste, um sie dann im nächsten Frühjahr
wieder einzustellen. Und so schloss sich der Kreislauf jedes Jahr.
Im Winter blieben dann seine Frau, seine Tochter und er allein in dem
großen Haus zurück. Auch sein Sohn, der ebenfalls Frau und Kinder hatte,
musste den Gasthof verlassen, um seine Familie durchzubringen. Er arbeitete in einem anderen Dorf bei einem Tischler.
Haseth kniff die Augen zusammen, um in dem flirrenden Weiß der fallenden Flocken die dunklen Punkte besser zu erkennen, die plötzlich in der
Ferne auf der Straße erschienen waren und sich näherten. Ein freudiges
Lächeln erschien auf seinem Gesicht und seine Trübsal war wie weggeblasen.
„Frau“, rief er und klatschte in die Hände. „Setze den Kessel auf. Wir
bekommen Gäste!“
Wenig später war er allerdings äußerst beunruhigt. Es waren sechs Reiter, die auf seinen Gasthof zuritten, abgerissene und zerlumpte Gestalten,
bewaffnet mit langen Schwertern und Streitäxten, ganz offensichtlich arbeitslose Söldner. Jeder wusste, dass diese Menschen brutal, gewissen- und
gesetzlos waren. Es würde Ärger geben. Haseth war ein friedliebender
Mann und kein Held. Er besaß zwar einen Säbel, hatte ihn aber noch nie
benutzt. Dennoch holte er ihn aus einer Truhe hervor, wickelte ihn aus dem
Öltuch und prüfte, ob er noch scharf war. Dann versteckte er ihn unter dem
Tresen der Theke. Er überlegte, ob er im Dorf um Hilfe bitten sollte, doch
jetzt war es zu spät. Er konnte seine Familie nicht schutzlos zurücklassen,
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und seine Tochter würde er auch nicht mehr losschicken. Die Reiter waren
schon zu nahe und würden sie bemerken, wenn sie das Haus verließe.
Das Mädchen mit Namen Sutana war sechzehn Jahre alt, eine dunkelhäutige, glutäugige und schwarzhaarige Schönheit. Er rief sie zu sich.
„Wir bekommen ein paar unangenehme Besucher, Sutana. Ich glaube, es
sind böse Menschen. Du bleibst auf deinem Zimmer, bis sie wieder weg
sind. Hast du verstanden?“
Sutana war eingeschnappt. Wie alle Mädchen ihres Alters war sie sehr
neugierig, besonders was Männer betraf. Sie hätte gerne einen Blick auf die
Ankömmlinge geworfen. Ihr Vater war ja grundsätzlich nervös und misstrauisch, wenn sie sich einem männlichen Gast näherte. Sie nahm seine
jetzige Besorgnis also nicht allzu ernst. Dennoch wagte sie nicht, ihm zu
widersprechen. Sie zog sich schmollend zurück.
Inzwischen waren die Reiter am Gasthof eingetroffen. Wie es die Höflichkeit erforderte, trat Haseth hinaus, um sie Willkommen zu heißen. Sie
würdigten ihn kaum eines Blickes, ließen ihn mit ihren Pferden stehen und
betraten die Gaststube. Nachdem Haseth die Reittiere in den Stall gebracht
und versorgt hatte, beeilte er sich ins Haus zu kommen. Erleichtert sah er,
dass die Männer an einem Tisch saßen und ihre Bierhumpen stemmten, mit
denen sie seine Frau Hanah versorgt hatte. Sie bestellten Braten, Brot und
Käse und noch mehr Bier. Während Hanah sich um das Essen kümmerte,
zapfte Haseth das Bier und beobachtete die Söldner aus den Augenwinkeln.
Sie waren alle noch recht jung, aber ihre Gesichter waren von der Brutalität
ihres Berufs gezeichnet. Die Männer trugen Ketten mit menschlichen Backenzähnen um den Hals, Trophäen, die davon kündeten, wie viele Menschen sie umgebracht hatten.
Söldner waren früher einmal als Berufssoldaten geachtet, heutzutage waren sie jedoch gedungene Mörder. Der Arm und das Gesetz des durch die
Niederlage im Krieg geschwächten Kaisers reichte nicht bis hierher, und so
nahmen sie es selbst in die Hand, das Gesetz des Stärkeren, das sie zu hohem Preis an diejenigen verkauften, die es sich leisten konnten. Doch in
dieser abgelegenen Gegend des Kaiserreichs war Reichtum rar, und so gab
es auch nur wenige Aufträge für die Söldner, die ihre Kasse deshalb oft mit
Raub und Plünderung aufbesserten. Haseth hoffte, dass sie es diesmal bei
Zechprellerei bewenden ließen.
Eine Stunde später waren die Männer satt und halb betrunken. Sie räkelten sich auf den Bänken, hatten gerade einen Rülpswettbewerb beendet und
grölten jetzt zotige Lieder. Der Wirt füllte sie weiter mit Bier ab, ohne dass
sie es bestellt hätten. Er hoffte, dass sie bald müde wurden und einschliefen, dann konnte er Sutana losschicken, um ein paar kräftige Burschen aus
dem Dorf zu holen. Noch wagte er es nicht, denn er musste feststellen, dass
ihn der Anführer der Bande, ein hübscher Bursche, nicht aus den Augen
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ließ. Der Mann sprach ihn an, als er sechs frisch gefüllte Humpen zu ihrem
Tisch brachte.
„Sag mal, Wirt, wo ist eigentlich dein Töchterchen? Wir haben gehört,
sie sei eine südländische Prinzessin mit hübschen, kleinen Äpfelchen, so
knackig und fest, dass man hineinbeißen möchte. Sollte sie uns nicht bedienen? Hol sie, aber ein bisschen plötzlich!“
„Sie… äh, sie ist nicht hier“, log Haseth erschrocken. „Sie muss der
Schwester meiner Frau im Dorf helfen. Sie, also meine Schwägerin, ist
schwanger und steht kurz vor der Geburt. Sutana und ein paar andere Frauen stehen ihr in dieser schweren Zeit bei und…“
Der Söldner machte verärgert eine unwirsche Handbewegung.
„Wenn ich Einzelheiten über deine Familie wissen will, sage ich dir Bescheid. Schade, dass das Mädchen nicht hier ist. Du hast Glück, dass deine
Frau so hässlich ist. Und nun troll dich wieder hinter deinen Tresen.“
Haseths Frau war bei weitem nicht so hässlich, wie der Widerling behauptete. Im Gegenteil. Für ihren Mann, der sie sehr liebte, war Hanah eine
Schönheit. Zum Glück war sie viel älter als diese Unholde und traf deshalb
nicht deren Geschmack. Der Wirt war erleichtert. Sie hatten ihm die Geschichte mit Hanahs schwangerer Schwester abgekauft. Das meiste davon
stimmte sogar, nur würde es noch ein paar Tage bis zur Niederkunft dauern. Er würde Sutana erst übermorgen zu ihr schicken.
In diesem Moment öffnete sich die Tür zum Seitenflügel, und seine
Tochter trat in die Gaststube ein.
Das Mädchen hatte die Männer durch ein Schlüsselloch beobachtet. Die
meisten von ihnen sahen hässlich und brutal aus, aber ihr Anführer war ein
prachtvoller Bursche. Er war hellhäutig und aschblond. Seine blauen Augen strahlten wie Saphire. Ein so schöner Mann konnte nicht böse sein. Er
würde sie vor den anderen beschützen. Sutana hatte gehört, dass er nach ihr
gefragt hatte. Das meiste von dem, was er gesagt hatte, hatte sie nicht verstehen können, wohl aber, dass er sie als südländische Prinzessin bezeichnete. Das gab den Ausschlag, den Befehl ihres Vaters zu ignorieren. Sie
spürte ihr Herz klopfen, hörte das Blut in ihren Adern rauschen und fühlte
die Röte im Gesicht aufsteigen, als sie die Türklinke niederdrückte.
Auf der Straße näherte sich ein weiterer Reiter, ein Mann wie ein Berg, auf
einem riesigen Pferd. Der Reiter, der einmal Orec geheißen hatte und ein
zorniger, junger Heißsporn gewesen war, erinnerte sich nicht an seinen
Namen. Er erinnerte sich an gar nichts mehr, außer an die Schmerzen und
deren Verursacher. Doch der Peiniger war nicht sein Widersacher. Mit ihm
war er einen Bund eingegangen. Sein Feind war ein anderer, ein junger
Mann in Schwarz, dessen Bild als Fratze vor seinem inneren Auge schweb-
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te. All die Schmerzen und die Pein hatte er nur seinetwegen erleiden müssen. Der Hass auf diesen Menschen war das allbeherrschende Gefühl in
ihm. Aber es war nicht das einzige. Es gab da noch andere Gefühle. Tiefe
Traurigkeit etwa und grenzenloses Sehnen nach etwas, was er nie haben
würde: Liebe, Geborgenheit und Freundschaft. Doch im Augenblick machte ihm ein profanes Gefühl zu schaffen: Hunger. Er hatte seit Tagen nichts
gegessen. Und er roch den Bratenduft, der aus dem Kamin des seltsamen
Gebäudes, nicht weit vor ihm, herüberwehte. Er ließ den Klepper einfach
im Schnee stehen und trat in den Vorraum des Gasthofs ein. Die gut geölte
Tür der Wirtsstube öffnete sich geräuschlos.
Wäre er ein anderer gewesen, wäre noch ein Rest von Menschlichkeit
und Mitgefühl in ihm übrig geblieben, so wäre er bei diesem Anblick zutiefst erschrocken. Zwei Männer rissen gerade dem Wirt einen Säbel aus
der Hand und packten ihn. Einer von ihnen hielt dem dunkelhäutigen Mann
mit den erschrocken aufgerissenen Augen ein Messer an die Kehle, sodass
er nicht wagte sich zu rühren. Auf dem Boden lag eine Frau im mittleren
Alter, schrie und schlug mit den Fäusten auf einen Mann ein, der rittlings
auf ihr saß und höhnisch lachte. Schließlich kriegte er ihre Handgelenke zu
packen und drückte sie auf den Boden. Er rief:
„Ich nehme mir erstmal die Alte vor. Lasst mir aber noch was übrig von
dem Mädchen!“
Die junge Frau, von der er sprach, lag halb entblößt auf einem Tisch, gepackt und festgehalten von zwei weiteren Männern, die versuchten, die
Beine des strampelnden Mädchens mit Gewalt zu spreizen. Ihr Gesicht
drückte entsetzliche Angst aus. Ein sechster Mann stand zu ihren Füßen am
Tisch und nestelte an seinem Hosenschlitz.
„Schiebt sie ein bisschen näher zu mir“, befahl er den zwei anderen.
Jeder der Menschen in der Gaststube war so beschäftigt mit sich selbst,
dass keiner den neuen Besucher bewusst zur Kenntnis nahm. Der ignorierte
alles, was in diesem Raum geschah, trat auf den Tresen zu und sagte zu
dem festgehaltenen und vor Todesangst schwitzenden Wirt: „Ich habe Hunger!“
Stille trat ein. Alle Blicke wandten sich dem Ankömmling zu. Haseth
blickte den merkwürdigen Riesen, der geistig behindert zu sein schien,
fassungslos an, dann sagte er: „Bitte helft mir. Ich…“
Bevor er weiterreden konnte, fiel ihm der Anführer der Söldner, der es
noch nicht geschafft hatte, seinen Hosenschlitz zu öffnen, ins Wort:
„Siehst du nicht, dass du störst? Hau ab, bevor ich deine Zähne an meine
Kette hänge.“ In diesem Augenblick fiel ihm aber ein, dass es nicht so gut
wäre, den neuen Gast entkommen zu lassen, damit er womöglich Hilfe
holte.
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„Nein, warte. Bleibe hier und genieße es. Weißt du überhaupt, was ich
meine? Du siehst ein bisschen verblödet aus. Pass auf: schau am besten
einfach zu. Vielleicht lassen wir dich hinterher auch ran. Doch das Vergnügen, eine Jungfernschaft zu beenden, steht mir zu. Dann kommen meine
Männer dran, und das, was übrig bleibt, überlassen wir dir. Bin mal gespannt, ob das arme Mädchen das überlebt, hihi.“
Der Namenlose würdigte die Söldner keines Blickes. Er sah immer noch
den Wirt an und wiederholte:
„Ich habe Hunger.“ Seine Stimme klang drohend.
„Aber seht Ihr nicht, was hier los ist? Ich kann Euch nichts zu essen geben, solange diese Verbrecher…“
Einer der Männer, die Haseth festhielten, schrie:
„Halt die Klappe, sonst schneide ich dir die Kehle durch!“ und drückte
sein Messer ein wenig fester an den Hals des Wirts, sodass es die Haut
ritzte und ein Blutstropfen an der Schneide entlang perlte.
Der Hüne mit dem Gesicht eines zurückgebliebenen Kindes runzelte die
Stirn und schien angestrengt nachzudenken. Dann drehte er sich um und
verließ die Schankstube.
„He!“, rief der Anführer. „Haltet ihn auf!“
Die Söldner, die Haseth bewachten, ließen ihre Opfer los, zückten ihre
Streitäxte und wollten gerade zur Tür stürmen, als diese sich öffnete. Der
Mann, der wie ein Troll aus alten Sagen aussah, trat wieder ein, in der
Hand ein riesiges Schwert. Der erste Söldner, der auf ihn einstürmte, war
der Mann, der auf Hanah gekniet hatte. Er verlor seinen Kopf, der bis vor
die Füße der am Boden sitzenden und schreienden Wirtin kullerte. Der
Riese packte mit einer Hand einen schweren Eichentisch und schleuderte
ihn gegen zwei weitere Angreifer, die unter der Wucht des Aufpralls zu
Boden gingen. Er sprang hinterher, traf mit seinem vollen Gewicht die
Tischplatte, und man hörte das hässliche Knacken brechender Brustkörbe.
Mit unglaublicher Geschwindigkeit sprang er auf den Tisch, auf dem das
weinende Mädchen lag und stelle sich schützend über sie. Die Unmenschen, die sie festhielten, ließen sofort los und zogen ebenfalls ihre Waffen.
Gemeinsam hackten sie auf die säulenartigen Beine ihres Gegners ein.
Doch der parierte ihre Streiche mühelos mit seinem gewaltigen Schwert.
Danach schlug er einem den Arm ab. Der Mann blieb entgeistert stehen
und starrte auf seinen am Boden liegenden Schwertarm, dessen Hand noch
fest den Griff umklammerte, dann auf den Stumpf, aus dem das Blut
schoss. Der andere Söldner wollte davonrennen. Die scharfe Klinge des
Kolosses durchbohrte ihn von hinten und trat durch die Bauchdecke aus,
und als es der Hüne wieder herauszog, fielen die Eingeweide durch die
klaffende Wunde auf den Boden. Der Mann sank auf die Knie und versuchte, sie mit den Händen wieder hineinzustopfen.
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Jetzt war nur noch der Anführer übrig. Der war leichenblass. Aus seinem
Hosenschlitz hing der Zipfel seines Hemdes. Er hatte sein Schwert gezogen, ließ es aber jetzt aus der Hand fallen.
„Bitte verschone mich“, stammelte er, zitternd vor Angst. Der riesenhafte Berserker legte sein Schwert zu Füßen des Mädchens auf den Tisch,
stieg mit einem Schritt herunter, nahm den Kopf des Söldners in die Hände,
als wolle er ihn trösten und drehte dann mit einem Knacken dessen Hals
um. Dann ging er hinüber zu dem immer noch dastehenden Amputierten
und tat mit ihm dasselbe, und schließlich erlöste er auch den Mann, der
seine Eingeweide in den Händen hielt, auf die gleiche, gnadenvolle Weise.
Von den beiden, mit gebrochenen Knochen unter dem Tisch liegenden
Söldner war nur noch einer am Leben. Dem anderen war eine zersplitterte
Rippe ins Herz gedrungen. Der lebende Mann schaute mit schmerz- und
angstverzerrtem Gesicht zu dem furchtbaren Gegner auf. Er fand einen
schnellen und schmerzlosen Tod.
Dann setzte er sich der neue Gast an einen Tisch und sagte.
„Bekomme ich jetzt endlich etwas zu essen?“
Codae
Die Schwarze Armee wälzte sich wie eine Schlammlawine durch die verschneite Ebene von Pheldae und hinterließ eine graubraune Spur der Verwüstung: achtlos weggeworfene Abfälle und der Kot Hunderter Reitpferde,
Zugochsen, Schafe und Ziegen verwandelten den jungfräulichen Schnee in
stinkenden, tiefen Matsch, durch den sich die Nachzügler kämpften. Der
Zug kam nur langsam voran. Die schwer beladenen Wagen blieben nicht
selten im Schlamm stecken, die Zugtiere fanden kaum Halt im aufgeweichten Boden. Die nasse Kälte ließ eine Erkältungsepidemie ausbrechen. Fast
ein Viertel der Soldaten litt an Schnupfen und Husten. Manche wurden
ernsthaft krank und bekamen hohes Fieber. Die Arzte und Heilerinnen des
Trosses taten ihr Bestes, aber die Anzahl der Kranken wurde immer größer.
Die Lebensmittel gingen zuneige, ebenso wie die Futtervorräte für die Tiere. Die Männer und Frauen murrten und verlangten eine Marschpause. Als
das Heer an diesem Abend sein Lager aufschlug, versammelten sich seine
Führer.
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„So kann es nicht weitergehen“, sagte Methor. „Wir müssen den Kranken Zeit geben zu genesen und verhindern, dass noch viel mehr erkranken.
Die Ärzte sagen, wir brauchen mehr Heilkräuter – ihr Vorrat sei bald aufgebraucht – und Obst und Gemüse, um die Widerstandskraft zu stärken.“
Toroth vom Stamm der Yauqui, der die Nomaden befehligte, sagte:
„Unser Schamane befürchtet, dass viele der Kranken den Marsch nicht
überleben werden. Durch die Epidemie werden wir wohl an die tausend
Mann zurücklassen müssen. Diese müssen wir dringend ersetzen. Noch ist
unser Heer nicht stark genug, um dem Feind aus dem Süden die Stirn zu
bieten. Doch diese Landstriche sind fast menschenleer. Hier können wir
weder unsere Kranken zurücklassen noch neue Soldaten rekrutieren.“
„Toroth hat Recht“, meinte Osiris, der Säbelmeister und Anführer der
Söldner. „Wir müssen zu einer Stadt ziehen, um die Kranken dort zur Behandlung zu geben und unsere Vorräte zu ergänzen. Die Handelsstädte in
Pheldae sind stark befestigt und werden von Hunderten gut ausgebildeter
Stadtsoldaten gegen die Banditen geschützt. Jetzt, da wir die Mehrzahl der
Gesetzlosen in unserer Armee aufgenommen haben, können die Städte
vielleicht einige ihrer Soldaten entbehren.“
Trygar schnäuzte in sein Taschentuch. Auch ihn hatte es erwischt. Er
wünschte, Cora wäre jetzt hier, denn er traute den drei Ärzten, die sich
inzwischen dem Tross angeschlossen hatten, nicht viel zu. Auch die Heilerinnen verfügten nicht über das Wissen seiner Freundin und Gefährtin.
Gegenüber dem Schamanen der Pferdeleute hegte er Misstrauen, obwohl es
noch nicht so lange her war, dass ein anderer Schamane des Stammes seinem Freund Winger das Leben gerettet hatte. Dieser aber veranstaltete an
jedem Krankenlager eine Menge Hokuspokus, um die krank machenden
Geister zu vertreiben und hatte damit genauso wenig Erfolg wie die Ärzte.
„Wissen wir eigentlich, wo wir sind?“, fragte er. Methor antwortete:
„Wir können nicht allzu weit von Codae entfernt sein. Zwar kann man
wegen des Schnees nicht erkennen, wo die Straße verläuft, aber wir ziehen
jetzt schon seit einer Woche am großen Strom entlang Richtung Osten, um
eine Furt zu finden, an der wir ihn überqueren können. Codae liegt an diesem Fluss. Wir brauchen dem Strom nur weiter zu folgen, dann werden wir
die Stadt finden.“
„Toquaiquata, der Führer der Senai, berichtete mir, dass unsere Posten
viele Späher bemerkt haben, die aus dem Osten gekommen sind und unser
Heer beobachten. Man weiß in Codae also schon über uns Bescheid“, erklärte Toroth.
„Dann lasst uns so schnell wie möglich weiterziehen und hoffen, dass
wir die Stadt bald erreichen“, sagte Methor.
„Und lasst uns auch hoffen, dass wir dort freundlich empfangen werden“, ergänzte Osiris.
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Trygar erlitt einen Hustenanfall, als er noch etwas bemerken wollte, und
so endete die Versammlung ohne sein (allerdings unbedeutendes) Schlusswort.
Drei Tage später erreichte das Heer die Stadt und schlug ein Stück weit vor
ihren Toren das Lager auf. Diese waren allerdings verschlossen und verriegelt. Keine Delegation kam ihnen entgegen, um sie zu begrüßen. Die dicken, hohen Mauern wirkten abweisend und waren mit zahlreichen Soldaten bemannt, als ob Codae belagert würde. Methor runzelte die Stirn, als er
das sah.
„Sie haben Angst vor uns. Wir müssen sie von unserer Friedfertigkeit
überzeugen. Wir werden eine Abordnung schicken, um mit ihnen zu verhandeln.“
Der Anführer der Schwarzen Kämpfer setzte sich selbst an die Spitze der
Delegation, die wenig später auf das verschlossene Tor zuritt. Mit ihm
kamen die Zwillinge Seyn und Legis, dann Lorth und Baldures, die sich
schon früher als taktisch geschickte Verhandlungsführer erwiesen hatten,
Osiris, Toroth, Trygar und Duna.
Dreißig Schritte vor dem eisenbeschlagenen Tor hielten sie an. Es war
vereinbart, dass Baldures, der erfahrene Diplomat, das Wort führen sollte.
Der stieg von seinem Pferd und ging noch ein Stück weiter. Dann hob er
die Hand zum Friedensgruß und rief mit lauter Stimme:
„Guten Tag ihr Wachleute vom Tor. Es freut mich, dass ihr so pflichtbewusst seid und es geschlossen haltet, bis ihr mehr über uns und unser
Begehren wisst. In der heutigen Zeit ist Sorglosigkeit und Nachlässigkeit
etwas, dass sich kein Soldat leisten darf. Wie ich sehe, seid ihr gute Soldaten. Euer Hauptmann kann stolz auf euch sein.“
„Der steht hier oben“, sagte eine scharfe Stimme. „Ihr redet nicht mit einem Einfaltspinsel, der auf Eure Schmeicheleien hereinfällt. Haltet also
keine Volksreden, sondern sagt, was Ihr mit einem Heer aus Abtrünnigen,
Dieben, Mördern und Wilden vor unseren Toren zu suchen habt.“
Der Schwarze Mönch fuhr unbeeindruckt und unvermindert freundlich
fort:
„Ich grüße Euch, Hauptmann. Möge Wathan seine schützende Hand über
Euch, Eure Familie und die Bürger dieser Stadt halten. Mein Name ist Baldures. Ich bin ein Diener Wathans, wie Ihr an meinem Gewand unschwer
erkennen könnt. Dürfte ich auch Euren Namen erfahren?“
„Wollt Ihr ihn verfluchen im Namen Eures Schwarzen Gottes? Wie ich
heiße, werdet Ihr nicht erfahren.“
„Ganz wie Ihr wollt, Hauptmann. Ihr wollt wissen, warum wir hier sind?
Dieses Heer muss in den Krieg ziehen, aber nicht gegen Euch, sondern
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gegen einen mächtigen Feind aus dem Süden, der bald vor Euren Toren
stehen wird, wenn wir ihm nicht entgegentreten.“
„Davon habe ich allerdings gehört. Es sind ja nicht wenige aus Eurer
Armee desertiert und haben uns berichtet, dass Ihr gegen den König von
Koridrea zu Felde ziehen wollt. Der hält seine schützende Hand über uns
und ist der wichtigste Handelspartner der Städte Pheldaes. Ihr glaubt doch
nicht im Ernst, wir würden uns mit euch gegen ihn verbünden? Ich weiß,
was ihr wirklich wollt: ihr habt kaum noch Vorräte. Die Banditen, die ihr
aufgenommen habt, haben euch von unserem Reichtum erzählt und überredet die Stadt zu plündern.“
Selbst Baldures besaß nur einen begrenzten Vorrat an Geduld. Seine
Stimme verlor ihren freundlichen Ton.
„Langsam zweifele ich an Eurem Urteilsvermögen, Hauptmann. Es ist
vielleicht besser, wenn Ihr die zu treffenden Entscheidungen einem anderen
überlasst. Holt Euren Bürgermeister, den Vorsitzenden des Stadtrates oder
wer immer in Codae das Sagen hat.“
„Jetzt wird der Bursche auch noch unverschämt!“, klang es hasserfüllt
von oben. „Schickt diesem Pack eine Salve.“
Einen Wimpernschlag danach ging ein Regen von Pfeilen auf die Heeresabordnung nieder. Baldures wurde am Hals getroffen. Der Pfeil bohrte
sich durch seine Kehle, und er sank röchelnd in die Knie. Mehrere der
Pferde wurden verletzt, schrieen auf und warfen ihre Reiter ab. Osiris hatte
einen blutenden Riss am Arm, der von einem Streifschuss stammte. Duna
lag im Schnee und blickte mit leblosen, offenen Augen in den bleiernen
Himmel, der voller grauer, schwerer Wolken hing. Trygar, der unverletzt
auf seinem Pferd saß, sah auf sie hinab und konnte es nicht fassen. Sie
musste tot sein, genauso wie Baldures, um dessen Körper sich der Schnee
rot färbte. Er hörte nicht, dass Methor den sofortigen Rückzug befahl, er
sah nicht, wie die Bogenschützen hinter den Zinnen neue Pfeile auflegten,
er fühlte nur noch grenzenlose Angst um Duna und heiß glühende Wut.
Dann hieb er seinem Pferd die Hacken in die Flanken und lenkte es auf die
Stadtmauer zu, wendete es und ritt an der Mauer entlang. Während das Tier
wie rasend zum Tor galoppierte, zog er die Beine an, stellte die Füße auf
den Sattel und hockte sich darauf, mit den Händen am Sattelknauf festhaltend. Den Trick hatte er zu seinen Zirkuszeiten gelernt. Weder er noch die
ihn atemlos beobachtenden Menschen waren sich allerdings bewusst, dass
er seine Magie einsetzte, um nicht herunterzufallen. Die Bogenschützen
vergaßen, ihre Sehnen zu spannen, die Schwarzen Kämpfer und ihre Bundesgenossen vergaßen zu fliehen. Duna, die unverletzt geblieben und – von
Trygar unbemerkt – wieder aufgestanden war, fand keine Zeit, sich von
ihrem Schock zu erholen. Ihre weit aufgerissenen Augen und die aller anderen blickten auf Trygar und sahen, wie dieser blitzschnell Beine und
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Körper streckte und sprang. Die Mauerkrone war weit über seinem Kopf,
die Distanz viel zu groß, um sie überwinden zu können, aber er flog und
flog, in hohem Bogen über die Zinnen hinweg und landete auf dem Wehrgang, mitten zwischen den Soldaten. Einer von ihnen erzählte später, Trygars Körper sei von einer flimmernden Aura umgeben gewesen und sein
Blick habe grenzenlose Wut und ungezügelte Macht gezeigt. Er hatte große
Angst vor dem schwarzgekleideten Mann, dessen Gesicht von unheimlichen, dämonischen Zeichen bedeckt war, und so tat der Soldat das, was die
meisten seiner Kameraden auch taten. Er warf seinen Bogen weg und floh.
Aber einige stellten sich Trygar entgegen. Ein Pfeil schnellte von der Sehne
und musste aus dieser kurzen Distanz einfach treffen, aber er flog in einem
unerklärlichen Bogen und krachte wirkungslos gegen einen Mauerstein.
Zwei der Soldaten gingen mit Schwertern auf den Eindringling los. Augenblicke später lagen sie besinnungslos auf dem Boden des Wehrgangs, niedergestreckt von einem wirbelnden Stab mit zwei Kugeln an den Enden.
Da flohen auch die übrigen Stadtwachen vor dem unheimlichen Angreifer.
Nur einer blieb zurück, mit totenblassem Gesicht. Tapfer hielt er sein
Schwert in der Hand, aber er ahnte, dass er gleich sterben würde. Es war
der Hauptmann, der Befehlshaber der Torwache. Trygar betrachtete ihn mit
Abscheu. Seine glühende Wut war jedoch verraucht.
„Lass deine Waffe fallen, wenn dir dein Leben lieb ist! Ich werde dir
nichts tun. Aber glaube nicht, dass du ungeschoren davonkommst. Ich sorge schon dafür, dass du für diesen ruchlosen Mord vor Gericht gestellt
wirst.“
Der Hauptmann legte sein Schwert auf den Boden. Er war sehr erleichtert, mit dem Leben davon gekommen zu sein. Wieder ein wenig trotzig
geworden, sagte er:
„Ich habe nur meine Pflicht getan.“
„Darüber werden andere entscheiden. Nun lass die Tore öffnen, und
zwar rasch!“
Drei Stunden später war die Stadt besetzt. Der Oberbefehlshaber hatte vor
der Übermacht, die durch die geöffneten Tore eingedrungen war, kapituliert. Die Stadtwachen waren entwaffnet worden. Der Hauptmann, der den
Befehl zu der verheerenden Pfeilsalve gegeben hatte, saß in einer Gefängniszelle. Die Bürger der Stadt waren überaus verängstigt und hatten sich in
ihre Häuser verkrochen.
Nach der ersten Verwirrung nach dem Angriff auf die Delegation hatte
Tegres, den Methor als seinen Stellvertreter eingesetzt hatte, rasch gehandelt. Er hatte das Geschehen aus sicherer Entfernung beobachtet und sofort
einen Trupp seiner eigenen Bogenschützen mit Schanzschilden geschickt.
Diese gingen hinter den in den Boden gestemmten Schilden in Deckung.
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Sie hatten Befehl, auf alles, was sich auf der Mauer regte, zu schießen.
Doch dort ließ sich kein Soldat der Stadt mehr blicken. Als nächste schickte er Reiter, um die Verwundeten und Toten zu holen und die Teilnehmer
der Abordnung, von denen viele ihre Pferde verloren hatten, in die Sicherheit des Heerlagers zurückzugeleiten. Nur einer war im Pfeilhagel umgekommen, der arme Baldures, aber viele waren verletzt, teils schwer. Auch
Methor war verwundet, zum Glück nur leicht, und übernahm gleich wieder
das Kommando. Trygar – wenn er überhaupt noch lebte – war in der Hand
der Städter, und so schien dem General gar nichts anderes übrig zu bleiben,
als Codae anzugreifen und zu stürmen. Weitere Verhandlungen, so glaubte
er, waren jedenfalls zwecklos. Umso erstaunter war er, als sich die Tore der
Stadt plötzlich öffneten und Trygar heraustrat. Kurz darauf hatten sie Codae ohne Blutvergießen eingenommen.
Jetzt, drei Stunden später, machte sich eine dezimierte Delegation der
Schwarzen Kämpfer, bestehend aus Methor, Seyn, Legis, Duna und Trygar,
der unglaublich erleichtert war, die junge Frau lebend und unverletzt wieder zu sehen, auf den Weg zum Bürgerpalast, wo der Stadtrat tagte. Methor
hatte dessen Mitgliedern die Botschaft überbringen lassen, sie sollten die
Delegation dort erwarten. Wer nicht käme, den würde er von seinen Leuten
herbeischleifen lassen.
Der Stadtrat war vollzählig, als sie im Bürgerpalast eintrafen. Es waren
die mächtigen Kaufmannsdynastien, die in ihm das Sagen hatten. Jetzt
blickten die reichen Kaufleute aber ängstlich und sorgenvoll auf die
schwarz gekleideten, finster blickenden Eroberer. Sie befürchteten das
Schlimmste.
Methor herrschte sie an:
„Wir sind in Frieden gekommen, und ihr habt einen der unseren, einen
guten und wertvollen Menschen, ermorden lassen. Viele von uns wurden
verwundet, als sie als Unterhändler wehrlos vor eurem Tor standen. Was
habt ihr zu eurer Verteidigung zu sagen?“
Einer der Kaufleute trat vor, ein kleiner, schmächtiger Mann um die
Fünfzig, mit schütterem, grauem Haar. Er trug eine dunkelgrüne Toga. Der
Mann war blass, und seine Unterlippe zitterte ein wenig, als er leise sprach:
„Mein Name ist Ecthar. Ich bin der Präsident der freien Republik Codae.
Ich war es, der den Befehl gegeben hat, die Tore zu verschließen und Euch
abzuweisen. Dass jemand verletzt oder gar getötet wird, habe ich allerdings
nicht gewollt. Dennoch trage ich allein die Verantwortung. Gebt nicht den
Bürgern von Codae die Schuld dafür und verschont sie bitte. Wenn Ihr die
Stadt plündert, werden viele nicht über den Winter kommen.“
„Wir hatten nie die Absicht, Eure Stadt einzunehmen oder gar zu plündern, Ecthar. Wie kommt Ihr auf diesen Gedanken?“
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„Unsere Späher beobachten Euer Heer schon eine ganze Weile. Sie haben uns gemeldet, dass viele Banditen, die unsere Karawanen überfallen
haben, in Eurem Dienst stehen. Es lag nahe, dass Ihr Codae überfallen
wolltet.“
„Nun, dann habt Ihr Euch eben geirrt. Dass Ihr einem solchen Fehlschluss zum Opfer gefallen seid, ist allerdings nachvollziehbar. Dennoch:
Wir kamen in Frieden und werden auch wieder friedlich abziehen. Und
alles, was wir von Euch erbitten, werden wir bezahlen, wenn Ihr es uns
gebt, entweder mit Geld oder auf andere Weise. Aber wir müssen darauf
bestehen, dass die Verantwortlichen für den feigen Mord bestraft werden.“
Der Präsident von Codae schluckte und bekam weiche Knie. Dennoch
sagte er mit fester Stimme:
„Dann bestraft mich also.“
„Habt Ihr den Befehl zum Schießen gegeben?“
„Nein.“
„Dann seid Ihr auch nicht verantwortlich. Der Hauptmann am Tor hat
seine Kompetenz überschritten und das Gesetz des Alten Königreichs
gebrochen, das besagt, dass man Unterhändler nicht angreifen darf. Wir
haben einen sehr schweren Verlust erlitten. Ein guter Freund ist von uns
gegangen. Einige meiner Männer fordern Rache von mir, aber Wathan lehrt
uns, seine Gebote zu achten. Und eines besagt, dass man nur töten darf, um
sich selbst und andere zu schützen. Liefert mir den Mann aus.“
„Das kann ich nicht. Er steht unter meiner Obhut als Bürger der Stadt.
Ich kann Euch nur anbieten, ihn vor ein hiesiges Gericht zu stellen. Ich bin
überzeugt, es wird gerecht in Eurem Sinne urteilen.“
„Gut, auch das genügt mir“, lenkte Methor ein. „Dann lasst uns den vergangenen Zwist vergessen. Wir werden morgen weiter verhandeln. Heute
bitte ich Euch darum, unsere Kranken und Verwundeten im Heilerhaus der
Stadt aufzunehmen und durch Eure Ärzte behandeln zu lassen.“
„So soll es sein.“
Der unendlich erleichterte Ecthar griff Methors Hand und schüttelte sie.
Ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht.
„Ich danke Euch, dass Ihr die Hand zur Versöhnung ausgestreckt habt
und ergreife sie voller Freude. Wählt vierzig Eurer Leute aus, es ist mir
gleich ob einfache Soldaten oder Offiziere, und kommt heute Abend mit
Ihnen hierher. Wir wollen zusammen ein Friedensfest feiern!“
Trygar hielt Dunas Hand, als sie nebeneinander ziellos durch die Straßen
von Codae bummelten. Eigentlich hatten sie sich die Stadt ansehen wollen,
deren anfangs verschreckte Bewohner nun wieder ihrem normalen Tagesablauf nachgingen, erleichtert, dass der Konflikt friedlich gelöst worden
war. Geschäftig eilten Menschen durch die Gassen und warfen neugierige
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Blicke auf die Fremden in den schwarzen Gewändern, die als Eroberer
gekommen waren und als Gäste blieben. Die beiden jungen Menschen
wanderten also Hand in Hand durch die Stadt, die nicht gerade viel Sehenswertes bot. Die Häuser waren niedrig, schmucklos und schwer wie
kleine Zwingburgen gebaut, die Plätze und Straßen eng und dunkel. Codae
war zwar recht reich, aber man sah es ihm nicht an. Trygar hatte auch keinen Blick für die Stadt. Seine Gedanken weilten bei Duna, die ihm gerade
erzählte, was an der Mauer mit ihr geschehen war:
„Als die Pfeile um mich schwirrten, stieg mein Pferd hoch, und etwas
schlug mir heftig gegen die Brust, dass es mir den Atem nahm. Ich stürzte
und fiel auf den Rücken. Für einen Augenblick dachte ich, ein Pfeil habe
mich getroffen und ich würde sterben. Doch dann merkte ich, dass mir
nichts weiter fehlte. Ich hatte bloß einen Schock. Der Sattelknauf war es
und kein Pfeil, der mir den Schlag versetzt hatte, als mein Pferd durchging.
Ich stand auf und sah dich kurz danach über die Mauer fliegen. Das war
nicht gerade dazu angetan, den Schock zu überwinden. Ich dachte, die Bogenschützen auf dem Wehrgang würden dich erschießen und hatte schreckliche Angst um dich!“
„Mir ging es ebenso. Als ich dich mit offenen Augen leblos daliegen sah,
dachte ich, du wärest tot. An das, was danach geschehen ist, kann ich mich
kaum noch erinnern. Mein Denken setzte erst wieder ein, als dieser zu verdammende Hauptmann vor Angst schlotternd vor mir stand. Ich hätte ihn
am liebsten niedergestreckt, aber ich konnte ihm nichts tun. Er hatte zwar
ein Schwert in der Hand, war aber nicht in der Lage sich damit zu verteidigen. Dieser Mann ist schuld am Tod Baldures’. Ich hasse ihn!“
„Er wird seine gerechte Strafe erhalten. Der arme Baldures! Ich habe ihn
sehr gemocht. Lorth und Osiris sind ebenfalls verletzt worden. Lorth geht
es gar nicht gut. Er wird im Heilerhaus in der Stadt behandelt. Die Ärzte
meinen, er würde wieder gesund, aber er kann wohl nicht weiter mit uns
reisen.“
„Und was ist mit Methor? Seine Verletzung scheint gering zu sein, denn
er hat ja gleich wieder das Heft in die Hand genommen.“
„Er ist hart und lässt sich nichts anmerken. Die Wunde ist nicht tief, aber
sie muss sehr schmerzhaft sein.“
„Jedenfalls bin ich unendlich froh, dass dir nichts geschehen ist Duna.
Als ich dachte, du wärest tot, da…“
„Ja?“
„Ich hätte dir nicht mehr sagen können, dass… du mir sehr viel bedeutest, mehr als alles andere, Duna. Weißt du, während der vergangenen Monate glaubte ich jeden Tag, es sei jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, es dir zu
sagen. Es gäbe Wichtigeres im Augenblick. Ich redete mir ein, unser Auftrag sei bedeutender als alles andere, und dass unsere Gefühle zurückstehen
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müssten, bis er erfüllt ist. Aber das stimmt nicht! Die Aufgabe, Gadennyn
aufzuhalten, ist mehr als wichtig, sie ist von überragender Bedeutung für
unser Land, für alle Völker dies- und jenseits des Gebirges. Aber das, was
uns verbindet, ist ebenso wichtig. Wenn ich dich verloren hätte, dann hätte
ich aufgegeben. Semanius hätte meinetwegen die Weltherrschaft erringen
können.“
Die junge Frau sah ihn an. Sie wartete. Dann sagte es Trygar endlich:
„Ich liebe dich, Duna.“
Am Nachmittag fand die Beisetzung Baldures’ statt. Er wurde auf dem
Friedhof vor den Toren der Stadt in einem steinernen Sarg begraben. Ein
schlichtes Holzschild zeigte seinen Namen. Der Steinmetz Codaes würde
es später durch einen Grabstein ersetzen. Alle Offiziere des Heeres und
natürlich die Mitglieder des Schwarzen Ordens (selbst der schwer verletzte
Lorth) waren zu seinem letzten Geleit gekommen, ebenso wie die Honoratioren der Stadt, angeführt vom Präsidenten. Die Trauerfeier verlief in stiller Besinnung. Niemand brauche eine Rede zu halten, um das Leben des
Toten zu würdigen. Diejenigen, die ihn als Mitstreiter, Freund und Gefährten kannten, wussten um die wichtige Rolle, die er in ihrer Gemeinschaft
gespielt hatte, um seine Taten, um seine vielen guten und wenigen schlechten Seiten. Die anderen, die ihn nicht kannten, hätten die Lobpreisung seines Lebens flüchtig aufgenommen und rasch wieder vergessen. Und deshalb verzichtete Methor auf eine Grabesrede. Nur Lorth, den man auf einer
Bahre herbeigetragen hatte, gab seinem toten Freund ein paar sehr persönliche letzte Worte mit auf den Weg zu seiner Vereinigung mit Wathan.
Trygar, der stumm um Baldures trauerte, fiel ein Mann auf, der etwas abseits, an einem verwitterten Grabstein, kniete, und dem Tränen in Sturzbächen über das Gesicht strömten. Er wunderte sich. Der Mann trauerte offensichtlich um jemand anderen.
Methor machte sich gerade Gedanken, wen er zur Einladung des Stadtrates
mitnehmen sollte, als ein Mann um Einlass in das Zelt des Heerführers bat.
Methor kannte ihn flüchtig. Er war einer der Banditen, die sich der
Schwarzen Armee auf deren Marsch durch Pheldae angeschlossen hatten.
Er wies die Wachen an, ihn einzulassen.
Ich heiße Selban“, stellte sich der Mann vor.
„Codae war vor langer Zeit meine Heimatstadt. Ich war einmal ein
Kürschner, einer von zweien. Aber es gab genug Kundschaft in Codae für
uns beide. Wir wurden nicht reich, doch es ging uns nicht schlecht. Ich
hatte jedenfalls genug, um meine Familie zu ernähren und zu kleiden. Mein
Sohn ging bei mir in die Lehre. Doch eines Tages kam er zu mir und erklärte, dass er zu meinem Konkurrenten gehen würde, der ihm einen guten
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Lohn bezahlen wollte. Ich verfluchte den undankbaren Bengel, aber es kam
noch schlimmer: Der andere Kürschner unterbot meine Preise erheblich.
Meine Kunden liefen weg und kauften ihre Fellwaren bei ihm. Ich ging zu
ihm, um vernünftig mit ihm zu reden, aber er eröffnete mir, er habe jetzt
die Geldmittel, um mein Geschäft zu ruinieren. Er würde erst Ruhe geben,
wenn er der einzige Kürschner in Codae sei, dann würde er die Preise verdoppeln und verdreifachen und reich werden.
Ich fragte mich, woher er das Geld hatte, um eine solche Preisschlacht
durchzustehen und fand heraus, dass einer der Stadträte, ein sehr reicher
Kaufmann, der seine Geschäfte mit Silber machte, ihn unterstütze. Wahrscheinlich wurde er von meinem Konkurrenten erpresst. Ich tat alles, was
ich tun konnte, um meinen Ruin zu verhindern: sprach erfolglos beim
Stadtrat vor, zog vor Gericht, aber der Mann hatte kein Gesetz gebrochen,
und so wurde meine Klage abgewiesen. Meine Verwandtschaft war arm
und konnte mir nur wenig helfen. Ich musste daher viel Geld bei einem
Geldverleiher aufnehmen, um wenigstens eine Weile bei den Preisen mithalten zu können und um den unfähigen Advokaten zu bezahlen, den ich
zur Unterstützung meiner Eingaben angeworben hatte. Aber ich konnte das
Geld nicht zurückzahlen und wurde schließlich in den Schuldenturm geworfen. Meine Frau starb, während ich im Gefängnis saß, und ich durfte
noch nicht einmal an ihrer Beerdigung teilnehmen. Mein Sohn verließ seinen Meister. Einmal durfte er mich im Turm besuchen, ein einziges Mal. Er
war voller Scham und bat mich um Verzeihung. Er wolle alles versuchen,
um mich herauszuholen, schwor er, aber er fand nun keine Arbeit mehr in
der Stadt. Er erzählte mir, er wolle in die Silberminen gehen, und wenn er
dort genug verdient hätte, würde er meine Schulden bezahlen und mich
auslösen. Ich habe ihn nie wieder gesehen. Zwei Jahre später begnadigte
mich der damalige Präsident, in der Einsicht, dass ich nie imstande sein
würde, das Geld zurückzuzahlen, wenn ich nicht arbeiten konnte. Mein
Konkurrent hatte sich inzwischen mein Geschäft angeeignet. Ich wurde
gezwungen, die Stadt zu verlassen. Ich beschloss, mich zu den Silberminen
durchzuschlagen, um meinen Sohn zu suchen. Aber auf dem Weg dorthin
fiel ich einer Schar von Gesetzlosen in die Hände und schloss mich ihnen
an. Wir überfielen die Silbertrecks, die von den Minen nach Codae zogen,
und so konnte ich mich an der Stadt rächen.
Aber mein Groll ist nun gestorben, ich habe einen Teil meiner inneren
Ruhe wieder gefunden, denn ich konnte heute endlich am Grab meiner
Frau trauern. Doch ich würde auch gerne meine Heimatstadt besuchen,
mein Haus noch einmal sehen und erkunden, was aus meinen Verwandten
und meinen Eltern geworden ist.“
„Und was hindert dich daran?“, fragte Methor, der der Erzählung des
Mannes aufmerksam gefolgt war und Mitleid mit ihm hatte.
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„Die Wachen lassen mich nicht ein. Einer der Wachsoldaten hat mich
erkannt, und Gesetzlose dürfen sich in der Stadt nicht aufhalten.“
„Dann kommst du mit mir. Wir brechen zwei Stunden nach Sonnenuntergang auf und gehen dann als Gäste in die Stadt. Im Volkspalast findet
eine Feier zu unseren Ehren statt. Niemand wird es wagen, einen geladenen
Gast des Präsidenten am Tor den Einlass zu verwehren.“
Ectar leitete die Friedensfeier durch eine kurze Begrüßungsrede ein. Der
Präsident der freien Republik Codae sagte, heute sei kein Abend der Politik, heute gehe es nicht um Verhandlungen und Gespräche über Krieg,
Feinde und Verbündete, sondern einzig um Essen, Trinken, Lachen und
Vergnügen. Die Arbeit wolle man sich für den nächsten Tag aufheben, so
denn die Beteiligten nach durchzechter und hoffentlich schlafarmer Nacht
dazu fähig wären.
Die vierzig Gäste und ihre Gastgeber, die Ratsherren, saßen an der Außenseite einer riesigen, hufeisenförmigen Tafel. Durch die Öffnung am
Ende des Hufeisens gingen die Bediensteten ein und aus, um die Feiernden
zu bewirten. Auf dem großen Platz im Innern der Tafel zeigten Gaukler,
Artisten und Tänzerinnen ihre Künste.
Methor hatte nicht nur Offiziere und Ordensmitglieder zum Fest mitgebracht. Viele aus dem Führungszirkel des Heeres hatte er sogar zurückgelassen, um unter den Tausenden Männern und Frauen einige auszusuchen,
die sich auf dem langen Marsch besonders verdient gemacht hatten. Unter
seinen Begleitern war sogar eine der Lagerhuren, die einen Soldaten, der
unvorsichtigerweise einen gefrorenen Teich betreten hatte, durch das Eis
gebrochen und darunter verschwunden war, vor dem sicheren Tod bewahrt
hatte. Einige Menschen hatten das Unglück gesehen und waren zu Hilfe
geeilt, darunter auch die Frau. Doch während die anderen unschlüssig berieten, was zu tun sei, band sie sich schnell einen Strick um die Taille,
drückte das andere Ende einem Mann in die Hand und sprang in das eisige
Wasser, tauchte und fand den auf den Grund gesunkenen Soldaten. Sie
packte ihn, ruckte kurz am Seil und ließ sich zurückziehen. Drei Tage danach wachte der Soldat aus seinem Kältekoma auf. Die beiden heirateten
zwei Wochen später. Jetzt waren nicht nur das frisch vermählte Paar unter
den Gästen, sondern auch viele einfache Soldaten, eine Marketenderin, ein
Koch, dessen Kochkünste bei den Soldaten sehr beliebt waren, und ein
Schmied, dem es hauptsächlich zu verdanken war, dass gebrochene Räder
und Achsen so schnell repariert wurden, dass das Heer selten länger als
einen Tag aufgehalten wurde.
Duna und Trygar saßen auf der linken Seite Methors. Zu dessen Rechten
saß der Mann, den Trygar bei Baldures’ Beerdigung an dem anderen Grab
hatte weinen sehen. Der Heermeister redete ihn mit Selban an, wenn sie
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gelegentlich Worte wechselten. Dieser Mann machte Trygar neugierig.
Während des Mahls sah er dessen Blick immer wieder hinüberhuschen zu
den Ratsherren auf der anderen Seite der Tafel. Er schien sich besonders
auf eine Person zu heften. Die Augen Selbans glitzerten vor Wut. Seine
Kiefermuskeln mahlten, auch wenn er gerade nicht an seinem Essen kaute,
dem er sowieso wenig Beachtung schenkte. Kein Zweifel, Selban kannte
diesen Ratsherrn und mochte ihn überhaupt nicht. Der andere fühlte, dass
er beobacht wurde und blickte ratlos und ohne Erkennen zurück, aber es
war offensichtlich, dass er sein Gehirn zermarterte, wer der Gast war, der
ihn so böse anblickte.
Die Feier dauerte bis spät in die Nacht. Es wurde reichlich gegessen und
viel Wein getrunken. Trygar und Duna hielten sich dabei zurück, und sie
sahen, dass auch Methor sein erstes Glas noch nicht geleert hatte und jeden
Mundschenk abwies, der ihm nachgießen wollte. Aber einige hatten dem
Alkohol schon stark zugesprochen. Die Gespräche wurden lauter, belangloser und alberner. Die ersten zotigen Lieder wurden gesungen, und die frisch
verheiratete Lagerhure wusste die besten. Die meisten Männer grölten.
Auch der Ratsherr, den Selban so böse angeblickt hatte, war betrunken.
Aber er hatte die ganze Zeit still dagesessen und sich nicht an den
ausgelassen Gesängen und haarsträubenden Geschichten beteiligt, die von
so manch gelöster Zunge geträllert oder mit undeutlicher Stimme erzählt
wurden. Plötzlich sah ihn Trygar, der ihm eine Weile keine Beachtung
geschenkt hatte und gerade einem Lied lauschte, aufspringen. Der Mann
war puterrot im Gesicht und schrie mit überschnappender Stimme, auf
Selban zeigend:
„Jetzt fällt mir ein, wo ich dich gesehen habe. Du bist ein Dieb und Gesetzloser, ein verurteilter Verbrecher! Was hast du hier zu suchen? Verschwinde aus der Stadt, bevor ich dich ins Gefängnis werfen lasse!“
Die ausgelassenen Lieder und Gespräche verstummten unmittelbar. Alle
Blicke folgten dem ausgestreckten, zitternden Zeigefinger des Ratsherrn
und fielen auf den Mann, der neben Methor saß. Der stand jetzt auf. Er war
erstaunlich gelassen, und seine Stimme klang kühl.
„Auch ich habe dich wieder erkannt, Polgar. Zum reichen Kaufmann und
Ratsherrn hast du es also inzwischen gebracht. Damals warst du noch ein
kleiner Kürschner. Wie viele Leben hast du denn auf dem Weg zu Macht
und Reichtum noch zerstört, außer dem meiner Frau, meines Sohnes und
meines eigenen?“
Nun erhob sich Ecthar.
„Was hat das zu bedeuten? Wenn ihr einen alten Streit habt, dann tragt
ihn nicht hier, auf dem Fest des Friedens, aus.“
„Es geht um das Gesetz!“, brüllte Polgar. „Der Mann wurde verbannt. Er
hat kein Recht, sich in der Stadt aufzuhalten. Er ist ein Gesetzloser.“
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Methor blieb sitzen, als er mit ruhiger Stimme sprach:
„Selban ist mein Gast und damit Gast des Stadtrates. Er hat ein Recht
hier zu sein. Und Ihr, Polgar, solltet Eure Gäste nicht beleidigen. Ihr habt
diesem Mann bereits genug angetan.“
Ecthar, der Präsident, sah sich erneut genötigt, einzugreifen.
„Natürlich gilt das Gastrecht. Niemand der Anwesenden wird von der
Tafel verwiesen. Ich sehe, dass wir dieses Fest nicht mehr stimmungsvoll
zu Ende bringen können, wenn wir diesen Streit nicht gleich ausräumen.
Bringt also Eure Vorwürfe und Vorbehalte vor. Ihr zuerst, Ratsherr Polgar.“
Der Angesprochene hatte sich etwas beruhigt. Mit schneidender Stimme
klagte er an:
„Ich sage es noch einmal: dieser Mann ist ein Verbrecher. Vor vielen
Jahren waren wir beide Kürschner und Konkurrenten in dieser Stadt. Aber
seine Arbeit war minderwertig, und seine Preise waren zu hoch. Die Kunden liefen ihm in Scharen davon und kamen zu mir. Er aber lebte weiter auf
großem Fuß und machte deshalb Schulden. Bald landete er im Schuldenturm. Als er schließlich frei kam, ohne eine einzige Münze zurückgezahlt
zu haben, verließ er die Stadt und schloss sich den Dieben und Mördern an,
die unsere Karawanen überfallen, unser Silber stehlen und die Bauern erpressen. Ich sage: nehmt ihn fest und werft ihn in den Kerker!“
Polgar schien mit sich zufrieden. Mit einem grimmigen Lächeln setzte er
sich.
„Was habt Ihr dazu zu sagen, Selban?“, fragte Ecthar.
„Polgar sagt zum Teil die Wahrheit. Ja, wir waren Konkurrenten. Ja, ich
musste mich hoch verschulden und bin zur Beugehaft verurteilt worden. Ja,
ich habe mich den Gesetzlosen angeschlossen. Ich will Euch erzählen, wie
es dazu gekommen ist:
Diese Stadt ist groß genug, um zwei Kürschnern ein gutes Auskommen
zu bieten. Polgar bediente hauptsächlich die Oberschicht von Codae, die
reichen Kaufleute und ihre Familien. Ich verkaufte meine Mäntel, Mützen
und Kleidungsstücke an die Handwerker, die Händler und an die Soldaten
der Stadtgarnison. Die Stücke waren einfacher gearbeitet, nicht aus Zobel
und Nerz, sondern aus preiswerteren Fellen, aber dennoch von guter Qualität. Ihr könnt Euch ohne weiteres davon überzeugen, indem Ihr meinen
Mantel prüft, den ich vor mehr als fünfzehn Jahren gefertigt habe.
Eines Tages kam ein reicher Mann zu mir, ein Kunde Polgars. Er hatte
sich mit ihm überworfen und beklagte dessen schlechte Arbeit. Ich Tölpel
nahm seinen Auftrag an und stellte ihm einen Ledermantel mit Silberfuchskragen und Futter aus schwarzem Lammfell her. Er war sehr zufrieden und zeigte ihn Polgar. Zu meinem Leidwesen, muss ich sagen, denn
seitdem hasst er mich. Mit der Unterstützung eines reichen Geldgebers
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trieb er mich in den Ruin, indem er einfache Mäntel und Kleidungsstücke
für das Volk herstellte und zu einem Drittel des Preises verkaufte, den ich
mindestens nehmen musste, um meine Familie zu ernähren. Zudem warb er
noch meinen Sohn ab und kam damit an einige Geheimnisse meiner
Kürschnerkunst. Ich musste mir bei einem Geldverleiher eine große Summe borgen, weil ich kaum noch etwas verdiente. Ich wollte mein Glück bei
seinem Kundenstamm, den Reichen und Mächtigen, versuchen und brauchte das Geld, um genügend teure Pelze einzukaufen. Ich bekam tatsächlich
eine Reihe von Aufträgen, aber der Geldverleiher brach sein Wort, mir die
Summe zu stunden, bis mein Geschäft wieder liefe und verlangte sein Geld
mit horrenden Zinsen sofort zurück. Ich nahm an, er steckte mit Polgar
unter einer Decke, aber ich konnte es nicht nachweisen, obwohl ich einen
Advokat beauftragte, Eingaben und Beweisanträge zu verfassen. Ich konnte
auch diesen nicht bezahlen und wurde schließlich verurteilt. Die nächsten
zwei Jahre verbrachte ich im Turm. Polgar übernahm mein Geschäft. Mein
Warenlager, gefüllt mit den wertvollsten Pelzen, fiel ihm seltsamerweise
auch in die Hände, obwohl es eigentlich denen zustand, denen ich Geld
schuldete, also dem Wucherer und dem Advokaten. Für mich war das ein
Beweis, dass Polgar sie gekauft hatte.
Eines Tages wurde meine Frau Edda krank. Ich erfuhr erst nach meiner
Entlassung davon. Eine Heilerin berichtete mir später im Vertrauen, sie
wäre wohl nicht gestorben, wenn sie das Geld gehabt hätte, die Behandlung
und die Medizin zu bezahlen. Meine Schwester ging zu Polgar und bat ihn
im Namen Wathans, ihr etwas Geld zu leihen, um Edda zu retten. Doch der
wies sie kaltherzig ab. Meine Frau starb in Armut und Elend. Mein Sohn
kam, wie ich später erfuhr, in den Silberminen um. Er war dorthin gegangen, um das Geld aufzutreiben, mich freizukaufen. So hatte Polgar sein
Ziel erreicht und meine Familie und mich zerstört. Aber das war ihm noch
nicht genug.
Als ich das Gefängnis verließ, wartete schon eine Abordnung der Stadtwache auf mich. Sie zeigten mir einen Gerichtsbeschluss, den mein Feind
erwirkt hatte. Ich sei verbannt und habe die Stadt sofort zu verlassen, stand
darin. Ohne Essen, Wasser und meine ärmlichen Habseligkeiten brachten
sie mich gefesselt vor das Tor, setzten mich auf einen Esel, und ein Mann
der Wache geleitete mich auf seinem Pferd fünf Wegstunden nach Osten,
dann schnitt er mir die Fesseln durch, nahm den Esel und ließ mich in der
Wildnis zurück. Zwei Tage später, ich war halb verhungert, fiel ich den
Banditen in die Hände. Ich erwartete, dass sie mich töten würden, stattdessen gaben sie mir zu essen und zu trinken und nahmen mich auf. Das ist
meine Geschichte.“
Während seiner Erzählung hatte man weder Messer noch Gabel klirren
hören, kein Weinglas war nachgefüllt worden. Alle Anwesenden waren ihr
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gebannt gefolgt. Die Stille wurde von Polgar harsch unterbrochen, dessen
Gesicht nun nicht mehr rot, sondern bleich und grau war. Er sprang auf und
schrie:
„Er lügt! Er verdreht die Wahrheit. Glaubt dem Verbrecher kein Wort.“
Ecthar hob die Hand und gebot ihm Schweigen.
„Setzt Euch, Ratsherr.“
Dann wandte er sich an Selban.
„Selbst, wenn Eure Geschichte stimmte, und ich bin geneigt, ihr Glauben
zu schenken, da ich Polgars Weg in den letzten Jahren beobachtet habe und
weiß, dass er nicht zimperlich vorgeht, wenn es darum geht, Konkurrenten
aus dem Weg zu schaffen, ändert es nichts daran, dass er das Gesetz nicht
gebrochen hat, jedenfalls nicht nachweislich. Man mag seine Taten moralisch verurteilen, und ich tue es, aber ich habe keine Handhabe gegen ihn.
Ihr, Selban, habt aber zugegeben, dass Ihr Euch den Gesetzlosen angeschlossen habt. Ihr müsst die Stadt also wieder verlassen. Ich gebe Euch
den morgigen Tag, um Eure Familie (oder das, was davon übrig ist) zu
besuchen und Eure Angelegenheiten in Codae zu regeln, ab übermorgen
gilt der Bann wieder.
Was Euch anbetrifft, Polgar, so enthebe ich Euch Kraft meines Amtes
von Eurem politischen Mandat. Eure Zeit als Ratsmitglied ist hiermit beendet. Heute Abend seid Ihr noch als Gast hier geduldet, denn das Gastrecht
ist heilig. In Eurem eigenen Interesse rate ich Euch aber: geht jetzt besser.
Ich kann mir kaum vorstellen, dass irgendjemand in diesem Raum über
Eure Anwesenheit froh ist.“
Am nächsten Tag begannen die Verhandlungen zwischen den Vertretern
des Heeres und denen der Stadt. Sie versammelten sich in der Amtsstube
des Präsidenten im Bürgerpalast. Ecthar, dem zwei Berater zur Seite standen, begrüßte die Abordnung der Gäste, unter denen auch Osiris und Lorth
waren. Der Säbelmeister war durch den Streifschuss kaum behindert, aber
der ehemalige Kaufmann und jetzige Ordensbruder litt immer noch unter
erheblichen Schmerzen. Er war auf einer Bahre gebracht worden, und der
Präsident hatte ihm seinen eigenen Sessel, den bequemsten im ganzen
Raum, zur Verfügung gestellt.
„Ich muss zugeben, General Methor, die Zusammensetzung Eurer Delegation überrascht mich etwas. Nicht die Anwesenheit Eures klugen Beraters Lorth, der es sich trotz seiner Verwundung nicht nehmen lässt, den
Verhandlungen beizuwohnen, sondern die der jungen Leute.“ Er meinte
Duna und Trygar. „Verzeiht meine Einfalt, aber sind sie nicht noch zu jung
und unerfahren, um an den Beratungen teilzunehmen?“
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Methor lächelte. „Da mögt Ihr wohl Recht haben, Präsident. Die beiden
sind zum einen hier, um zu lernen, zum anderen aber, weil sie unsere Führer sind.“
Die Augen Ecthars wurden groß. „Eure Führer?“
Trygar machte eine abwehrende Handbewegung, und Duna blickte verlegen drein.
„Sie sind der Schlüssel zu unserem Erfolg“, fuhr Methor fort. „Ich habe
Euch ja gestern schon gesagt, worum es geht, und Ihr scheint mir nicht
ganz geglaubt zu haben, dass Semanius wieder erwacht ist. Nun, es spielt
keine Rolle, ob Ihr Zweifel habt oder nicht, denn Ihr werdet in dieser Angelegenheit nur wenig tun können. Es sind die Magier, die Semanius aufhalten müssen. Ja es gibt sie noch, diese Menschen, die in der Lage sind, die
Macht der Magie zu kontrollieren und zu entfesseln, und Semanius ist leider der größte und mächtigste unter ihnen. Armeen werden gegen ihn
nichts ausrichten. Die Soldaten brauchen wir allerdings, um die Magier bis
zu ihm zu bringen. Wahrscheinlich müssen wir uns den Weg freikämpfen,
denn seine Truppen werden uns ganz bestimmt nicht kampflos nach Inay
lassen. Deshalb benötigen wir jeden Mann und jede Frau. Den letzten
Kampf gegen den Lordmagier, der im Körper König Gadennyns wiedergeboren wurde, werden Duna und Trygar bestreiten müssen.“
„Sie sind… Eure Magier? Ich hätte es mir denken können, als mir die
Soldaten berichteten, wie der Junge die Mauer überwunden hat. Ich glaubte
bis jetzt, sie hätten maßlos übertrieben. Ich muss mich bei euch entschuldigen, Duna und Trygar, dass ich euch für Kinder gehalten habe, die am
Tisch von Erwachsenen nichts zu suchen haben.“ Er schüttelte den Kopf,
dann fuhr er fort:
„Ihr habt Recht, General, dass ich die Geschichte der Reinkarnation des
Lordmagiers nur schwer glauben kann. Was ich inzwischen allerdings
weiß, ist, dass König Gadennyn seine Heere an der Grenze zu Orinokavo
aufmarschieren lässt. Kaiser Orino Toko ist sehr beunruhigt. Er fürchtet
den baldigen Einmarsch der Truppen und hat die freien Städte von Pheldae
um Hilfe gebeten. Natürlich können wir sie ihm nicht bewilligen. Wir haben selbst zu wenige Männer. Außerdem ist Koridrea der Hauptabnehmer
für unser Silber, wo hingegen das Kaiserhaus nur noch wenig bei uns kauft,
seit es nach dem Krieg die hohen Reparationszahlungen zu leisten hat.
Vom kaufmännischen Standpunkt wäre es also für uns ratsam, den König
von Koridrea in der bevorstehenden Auseinandersetzung zu unterstützen.
Deshalb wollte ich Eure Leute auch nicht in die Stadt lassen. Ich hatte
Angst, dass uns Gadennyn der Konspiration mit Euch bezichtigt. Ich sehe
aber seit Eurer Anwesenheit in Codae die Sache in einem neuen Licht. Der
alte König Bredos, den sie Silberhelm nannten, war recht milde gegenüber
Orinokavo. Er besetzte das Land nicht nach dem gewonnen Krieg, ließ ihm
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genügend Luft zum Atmen und beschränkte sich darauf, es nicht wieder zu
alter Größe und Macht aufsteigen zu lassen. Bredos war uns gegenüber
immer freundlich gesinnt. Er hätte uns unser Silber nehmen können, statt es
zu kaufen, denn unsere Soldaten hätten seiner Armee kaum Widerstand
leisten können. Die Absichten Gadennyns aber kann ich nicht durchschauen. Gut möglich, dass er Orinokavo einnimmt und dann gleich weiter nach
Pheldae marschiert, um sich die Silberminen anzueignen. Wir müssten
Euch eigentlich unterstützen, General, wagen aber nicht, es öffentlich zu
tun.“
„Nun, Ihr könnt uns helfen, ohne öffentlich Partei zu ergreifen, Präsident. Was wir zunächst brauchen, sind Vorräte aller Art: Tierfutter, Lebensmittel, Feuerholz, sofern ihr genügend entbehren könnt. Natürlich
bezahlen wir dafür. Und dann bitten wir Euch, zwei Wochen vor der Stadt
lagern zu dürfen. Unsere Soldaten sind weit marschiert, müde, und viele
sind krank. Wir müssen warten, bis sie wieder bei Kräften sind, bevor wir
weiterziehen. Gadennyn kann meinetwegen glauben, wir hätten die Stadt
geplündert und uns genommen, was wir brauchen. Selbst wenn er erführe,
dass wir unsere Ausrüstung bei euch gekauft haben, wird er das kaum als
Verrat ansehen. Schließlich seid ihr Kaufleute und habt kaum eine andere
Wahl, wenn eine Armee vor euren Toren steht.“
„Ihr habt Recht. Eure Wünsche sollen erfüllt werden.“
„Dennoch hatte ich gehofft, Ihr würdet mir einige Männer Eurer gut ausgebildeten Stadtwache abtreten. Schließlich hat unsere Armee die meisten
der Banditen, die Pheldae unsicher machten, aufgenommen. Eure Straßen
sind niemals so sicher gewesen wie heute. Man hat mir berichtet, Ihr hättet
an die tausend Mann. Umso überraschter war ich, dass wir nur etwa hundert Soldaten auf den Wehrgängen antrafen, als wir gezwungen waren, die
Stadt vorübergehend einzunehmen. Wo sind denn all die anderen geblieben?“
„Leider haben wir ein großes Problem in einer der Silberminen“, erklärte
Ecthar. „Dutzende der Bergleute sind spurlos verschwunden, und einige
von ihnen wurden ermordet aufgefunden. Ihre Leichen waren grausam
verstümmelt. Die Minenarbeiter haben große Angst und laufen in Scharen
davon, sodass das Bergwerk beinahe seinen Betrieb einstellen musste. Ich
habe fast achthundert Soldaten in die Silbermine geschickt, teils, um die
geflohenen Bergleute zu ersetzen, teils um die dagebliebenen zu beschützen und die Mörder zu finden. Ich denke, dass es sich um Banditen handelt,
die auf diesem Weg die Mine sabotieren wollen. Noch haben wir leider
keinen von ihnen gefasst. Die abergläubischen Arbeiter denken, es seien
Dämonen aus der Unterwelt, die ihre Reihen dezimieren.“
Duna erinnerte sich an das dämonische Tigerwesen, das bei seinem
nächtlichen Überfall auf das Heerlager mehrere Menschen umgebracht
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hatte. Es war Trygar zu verdanken, dass es nicht noch mehr Opfer gegeben
hatte.
„Vielleicht stimmt es ja, was die Arbeiter sagen“, meinte sie. „Semanius
hat schon einmal ein dämonisches Wesen ausgesandt, das uns vor einigen
Wochen angegriffen hat. Wir dachten, er habe es geschickt, um uns aufzuhalten, aber möglicherweise will er auch Angst und Schrecken unter den
Völkern des Alten Königreichs verbreiten, damit seine Truppen später
leichtes Spiel haben. Und vielleicht hat er ja mehr als eine dieser monströsen Kreaturen erschaffen.“
Methor nickte nachdenklich.
„Duna könnte Recht haben. Wenn die Banditen für diese Morde verantwortlich wären, wie Ihr vermutet, Präsident Ecthar, dann wüssten die Gesetzlosen, die jetzt in unserem Heer dienen, vermutlich davon. Und dann
hätte ich es wahrscheinlich auch längst erfahren, denn die meisten von
ihnen stehen loyal zu uns. Das sieht mir eher nach einer Bosheit Gadennyns
aus.“
Die junge Magierin meldete sich wieder zu Wort:
„In diesem Fall haben Eure Soldaten in der Mine keine Chance, mögen
sie noch so zahlreich sein. Selbst unsere Schwarzen Kämpfer, die besten
der Welt, können gegen Semanius’ magische Geschöpfe wenig ausrichten.
Ich möchte Euch ein Angebot machen, Präsident: Ich selbst werde mit
einigen der Schwarzen Kämpfer zur Mine reisen und den oder die Dämonen töten. Dafür tretet Ihr uns, sagen wir, fünfhundert Eurer besten Stadtsoldaten ab.“
Ecthar runzelte die Stirn, doch bevor er antworten konnte, sagte Trygar
entschieden:
„Nein, Duna. Wenn einer von uns geht, dann ich!“
„Es ist mein Vorschlag, Trygar! Du hast dich schon genügend in Gefahr
begeben. Du hast den Dämonentiger besiegt und die Stadtmauer überwunden. Aber ich bin die gleichberechtigte Führerin unserer Gemeinschaft,
gesandt von Gormen Helath, um unsere Mission zum Erfolg zu bringen,
doch ebenso, um dir beizustehen und dich zu beschützen. Auch ich bin eine
Magierin. Ich werde mit diesen Kreaturen schon fertig. Ich nehme Seyn
und Legis, die besten unserer Schwarzen Kämpfer, mit. Das ist mein letztes
Wort.“
Trygar protestierte energisch, aber Methor schnitt ihm das Wort ab.
„Sie hat Recht, Junge. Du kannst nicht alles allein machen. Ihr könnt
auch nicht zusammen in die Mine einsteigen. Einer von Euch muss hier
bleiben, damit das Heer nicht führerlos wird. Überlasse es diesmal Duna.
Sie wird es schaffen.“
„Einen Augenblick!“ Ecthar hob die Hand und verschaffte sich damit
Aufmerksamkeit.
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„Ich habe diesem Handel nicht zugestimmt. Wir können euch keine
fünfhundert Soldaten abtreten. Wir brauchen sie, um die Stadt und die Silbertransporte der Mine zu schützen.“
„Gegen wen?“, wandte Methor ein. „Wie ich Euch schon sagte, haben
wir die meisten der Gesetzlosen im Heer aufgenommen. Sie stellen keine
Gefahr mehr für Euch dar.“
„Und wenn der Krieg vorbei ist? Sie werden zurückkommen.“
„Nur wenn wir ihn gewinnen. Und ich gebe Euch mein Wort, dass wir
alles versuchen werden, Semanius ohne Blutvergießen zu besiegen. Ich
hoffe, es kommt nicht zur Schlacht. Dann würdet Ihr Eure Leute unversehrt
zurückerhalten. Wenn wir allerdings verlören, so kehrten weder die Banditen noch Eure Soldaten zurück. Stattdessen stünde der Lordmagier mit
seinem Heer bald vor Euren Toren. In diesem Fall wäre es völlig gleichgültig, ob Ihr fünfhundert Mann mehr hättet. Es bliebe Euch nur die Kapitulation.“
Ecthar beriet sich kurz mit den beiden Ratsherren, die zur Delegation der
Stadt gehörten. Die Entscheidung fiel nicht zu Gunsten von Dunas Vorschlag aus.
„Nein. Es tut mit Leid, General, aber wir kämpfen seit vielen Jahrzehnten gegen die Banditen. Sie sind grausam und verschlagen. Wir können uns
nicht darauf verlassen, dass sie loyal zu Euch stehen. Ich vermute vielmehr,
dass sie in Scharen desertieren werden, noch bevor Ihr nur in die Nähe
Koridreas kommt. Sie werden zurückkehren und unsere Schwäche ausnutzen.“
Zum ersten Mal meldete sich der schwer verletzte Lorth zu Wort. Er saß
zusammengesunken auf Ecthars bequemem Sessel. Sein graues Gesicht
verriet die Schmerzen, die er litt.
„Präsident, bitte hört mich einen Augenblick an.“
Ecthar schaute ihn an und sagte.
„Natürlich, Bruder Lorth. Ihr nehmt trotz Eurer Verwundung an dieser
Versammlung teil. Dass Ihr dies auf Euch genommen habt, gibt Euch jedes
Recht zu sprechen. Bitte fahrt fort.“
„Ich habe zusammen mit meinem verstorbenen Freund Baldures die Verhandlungen mit den Banditen geführt, die zu uns gestoßen sind. Natürlich
können wir uns Illoyalität und Desertationen in größerer Zahl nicht leisten.
Deshalb haben wir mit Hunderten der Rekrutierten gesprochen, die Motive
derer, die sich uns anschließen wollten, zu ergründen versucht, und viele
der Bewerber wieder weggeschickt, weil wir ihnen misstrauten. Ich kann
Euch versichern, dass die allermeisten derer, die in unserem Dienst stehen,
ebenso loyal wie Eure Soldaten sind. Sie werden nicht desertieren, wenn es
hart auf hart kommt. Und sie haben ihr altes Leben aufgegeben. Viele wollen gar nicht zurück nach Pheldae. Manche hoffen, sich in Koridrea oder
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Orinokavo niederlassen zu können und dort Arbeit zu finden. Andere wollen nach dem Krieg bei der Armee bleiben. Ich habe bei diesen Gesprächen
zahlreiche Einzelschicksale kennen gelernt, und die meisten gleichen verblüffend dem von Selban, von dem ihr gestern gehört habt. Die Menschen
hatten entweder einfach Pech, verloren ihr Hab und Gut und mussten die
Städte verlassen, um nicht zu verhungern, oder sie wurden ungerecht behandelt, manche verjagt, andere wegen kleiner Vergehen zu Frondiensten
in den Minen verurteilt, aus denen sie schließlich entkamen. Die wenigsten
sind Verbrecher aus Überzeugung.
Ich kann Euch sagen: Ihr habt es bei der Mehrzahl dieser Leute nicht mit
Gesetzlosen zu tun. Sie handeln nach einem Gesetz, nämlich ihrem eigenen. Es stellt Verbrechen aller Art ebenso unter Strafe wie Eures, mit einer
Ausnahme: Überfälle auf Minentrecks oder Handelskarawanen der Städte
sind erlaubt. Und warum? Weil sie es nicht als Verbrechen betrachten, sich
einiges von dem zurückzuholen, was man ihnen einst genommen hat. Hier
geht es nicht um gesetzestreue Bürger gegen Banditen, sondern um reich
gegen arm, um Macht gegen Ohnmacht. Euer Land wird von einem Bürgerkrieg erschüttert, Präsident Ecthar, an dem Eure Städte und ihre Repräsentanten eine erhebliche Mitschuld tragen.“
Ecthar und seine beiden Berater waren blass geworden. Der Präsident
sagte:
„Ich hätte Euch besser nicht das Wort erteilt, damit Ihr Eure unbegründete Anklage und diese Lügen und Halbwahrheiten vorbringen könnt.“
Trygar erhob sich.
„Wenn Ihr Euch die Zeit nehmt darüber nachzudenken, Präsident, werdet
Ihr erkennen, dass es die Wahrheit ist, die Lorth gesagt hat. Im Grunde
wisst Ihr es doch jetzt schon, oder nicht? Die Frage ist doch vielmehr, wie
Ihr diese Situation ändern könnt.“
„Und dazu braucht Ihr unsere Hilfe“, fuhr der verwundete Schwarze
Kämpfer ungerührt vom scharfen Tonfall des Präsidenten fort.
„Dieser Bürgerkrieg wird noch Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte dauern, wenn nicht alle den Willen zum Frieden aufbringen. Einen Ausweg aus
der verfahrenen Lage zu finden, wird nur möglich sein, wenn alle Gruppen
des Landes miteinander verhandeln und ihre Interessen ausgleichen: ihr,
die Bürger der Städte, welche gewissermaßen als selbständige Kleinstaaten
existieren, die mächtigen Minengesellschaften, mit denen ihr verbündet
seid, die Bergleute – viele von ihnen rechtlose Zwangsarbeiter –, die in die
Städte geflüchteten verarmten Leute vom Land, die damals von diesem
verrückten Banditenanführer vertrieben worden sind, die Bauern, welche
sich mit den Banditen arrangiert haben, und schließlich die so genannten
Gesetzlosen selbst: aus den Städten verjagte oder verbannte Menschen, die
nicht selten schuldlos in ihre ausweglose Lage geraten sind. Euch, den
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Kaufmannsgilden, die ihr die Städte beherrscht, und den Besitzer der Minen geht es zwar gut, aber ihr lebt ständig in der Angst, dass man euch
bestehlen, entmachten, verjagen oder gar töten könnte. Die meisten anderen
Bürgern Pheldaes, Tausende, die in den Armenvierteln der Städte dahinsiechen, die Minenarbeiter, die bei schlechtem Lohn ihr Leben riskieren, die
Bauern, denen von der Ernte kaum genug bleibt, um selbst zu überleben,
haben dagegen nichts zu verlieren. Wundert es Euch nicht, dass die Banden
solchen Zulauf haben? Mittlerweile gehört mehr als die Hälfte eures Volkes zu den Gesetzlosen. Und denen geht es auch nicht gut. Sie haben
schlechte Waffen und Rüstungen und sind euren Soldaten nicht gewachsen.
Nirgendwo auf der Welt gibt es vermutlich so viele Witwen und Waisen
wie in den Lagern der Gesetzlosen. Aber mittlerweile sitzen die Witwen
und Waisen ebenfalls im Sattel, um gegen euch zu kämpfen. Auch der
Missmut unter den Bauern und Minenarbeitern wächst Stunde um Stunde.
Eines Tages wird euch ein Aufstand wie ein Flächenbrand hinwegfegen,
wenn ihr die Bedürfnisse dieser Leute nicht anerkennt und einen Neuanfang macht.
Ihr habt jetzt eine große Chance dazu, Präsident. Verpasst diesen einmaligen Augenblick nicht, es könnte der einzige sein. Unser Heer wird noch
eine Weile vor der Stadt lagern, wenn Ihr unser Angebot annehmt. Wir
haben großen Einfluss auf die Führer der Gesetzlosen, die in der Armee
dienen. Handelt unter unserer Vermittlung ein Abkommen mit ihnen aus.
Gewährt ihnen Amnestie und eine neue Chance, ihren Lebensunterhalt auf
ehrliche Weise zu verdienen. Im Gegenzug werden sie Euch Sicherheit
anbieten. Ein solcher Vertrag könnte die anderen Städte und die Minengesellschaften dazu veranlassen, Eurem Beispiel zu folgen. Es wäre nur ein
kleiner Anfang, aber vielleicht der Beginn eines Prozesses, an dessen Ende
Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit für alle Bürger Pheldaes stehen könnten.“
Es war nicht einfach, den Stadtrat vom Sinn der Friedensverhandlungen zu
überzeugen. Ecthar stimmt immerhin Dunas Plan zu. Sollte sie eine Dämonenbestie in der Mine finden und töten, wäre damit bewiesen, dass die
Gesetzlosen nichts mit den Morden und der Verschleppung der Minenarbeiter zu tun hätten.
Duna brach schon am nächsten Tag mit ihren Begleitern auf. Sie hatte
ein Schreiben Ecthars an den Kommandierenden der Minensoldaten dabei,
welches ihnen zusicherte, dass sie im Erfolgsfall fünfhundert der dort stationierten und von der Stadt bezahlten Soldaten für den Feldzug rekrutieren
dürften.
Trygar nahm sie in die Arme.
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„Musst du wirklich gehen? Kannst du die Bestie nicht den Schwarzen
Kämpfern überlassen?“ Es war eine Frage, deren Antwort er von vornherein wusste. Duna schüttelte den Kopf. „Sie hätten allein keine Chance,
Trygar, mein Liebster. Du weißt es doch, also mach es uns nicht noch
schwerer. Ich werde zurückkommen, das verspreche ich dir.“
„Bitte sei vorsichtig.“
Duna nickte, dann stieg sie auf ihr Pferd Flink. Seyn und Legis warteten
schon. Trygar winkte ihnen zum Abschied zu, als sie ihre Reittiere wendeten. „Passt auf sie auf, und auf euch natürlich auch. Geht kein zu großes
Risiko ein. Steigt nicht allein in die Minenstollen. Nehmt Soldaten mit“,
rief er den Schwarzen Kämpfern nach.
Die Verhandlungen mit dem Stadtrat verliefen zäh. Es war schwer, die
Kaufleute davon zu überzeugen, überhaupt mit den Gesetzlosen zu sprechen. Methor war in seiner Rolle als Unterhändler nicht glücklich, er war
kein Diplomat, aber er musste Lorth die zur Genesung notwendige Ruhe
gönnen. Endlich stimmten die Unterhändler der Stadt widerwillig zu, eine
Delegation der Banditen zu treffen.
Die Atmosphäre war angespannt, als die Verhandlungsführer sich begegneten. Zu Beginn waren die Gespräche von gegenseitigen Vorwürfen
überschattet. Erst Lorths Rückkehr an den Verhandlungstisch nach drei
Tagen brachte Bewegung ins Spiel. Einen Tag, nachdem er die Aufgabe
des Vermittlers von Methor übernommen hatte, verzeichnete der ehemalige
Kaufmann einen ersten Erfolg. Man sprach jetzt zumindest über die Möglichkeit eines Straferlasses für die Gesetzlosen.
Der Stadtrat stimmte zwar einer Amnestie grundsätzlich zu, doch es gab
viele Streitpunkte, um die erbittert gerungen wurde. Ecthar wollte alle
Banditen, die gemordet hatten, vom Straferlass ausschließen. Die Gesetzlosen, die sich nach ihrer Meinung im Krieg befanden, ließen das Töten von
Soldaten aber nicht als Mord gelten. Sie führten ihrerseits an, dass ihre
Lager von städtischen Milizen angegriffen und dabei auch Frauen und Kinder getötet worden seien. Die Soldaten seien jedoch für diese Verbrechen
nicht bestraft worden.
Weiter wollten die Städter Entschädigung für die Beute, die die Gesetzlosen bei den Überfällen auf die Konvois gemacht hatten. Die Banditen
beanspruchten ihrerseits Wiedergutmachung für ungerechte Behandlung
durch Justiz und korrupte Beamte.
So ginge es nicht weiter, sagte Methor. So berechtigt die Forderungen
beider Seiten auch seien: bei solchen Vorbedingungen käme nie ein Vertrag zustande. Die Verhandlungsgegner müssten stärker auf einander zugehen. Er schlug vor, dass die Gesetzlosen die frühere Beute als Ausgleich
für ungerechte Behandlung behalten sollten, dass der Stadtrat eine General-
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amnestie erlassen, der Straferlass aber bei neuen Gesetzesübertritten sofort
wieder entfallen sollte. Die Banditen stünden damit unter Bewährung. Im
Gegenzug müssten sie die Sicherheit der Städte, Karawanen, Trecks und
Silberminen garantieren.
Schließlich einigten sich beide Seiten auf Lorths Empfehlung. Der ging
darauf noch einen Schritt weiter und schlug vor, dass die wohlhabenden
Kaufleute der Stadt und diejenigen unter den Banditen, welche durch die
Überfälle reich geworden waren (und das waren nur wenige) den Bauern,
die in die Stadt geflüchtet waren, Mittel zum Wiederaufbau ihrer verbrannten und geschleiften Höfe bereitstellen sollten. Damit würden zwei Fliegen
mit einem Schlag erlegt, meinte Lorth. Erstens: Die neuen und alten Bauern
würden mit ihren zusätzlichen Ernten Unterversorgung und Hunger der
Menschen lindern. Zweitens: In der Stadt gäbe es dann mehr Platz und
Arbeit, sodass auch ein Teil der Gesetzlosen wieder als Bürger aufgenommen werden könnten. Der neue Vorschlag Lorths stieß wie erwartet bei
beiden Seiten auf erbitterten Widerstand. Natürlich wiesen sowohl die
Städter als auch die Gesetzlosen die Schuld an dem Elend der in Codae
gestrandeten Bauern weit von sich, aber Lorth ließ sich dadurch nicht beirren, und seine klugen Argumente konnte man nur schwer widerlegen. Eindringlich und mit großer Leidenschaft sagte er:
„Natürlich trägt keiner der hier Anwesenden persönlich Schuld an ihrem
Schicksal, aber ihr Kaufleute lebt wie die Maden im Speck in dem System,
dass diese Ungerechtigkeit ermöglicht. Eure Schuld besteht darin, es nicht
durch ein besseres, gerechteres ersetzt zu haben. Kein Bürger Codaes, der
nicht reich ist, hat eine Chance, in dieser Stadt etwas zu bewirken. Es ist
von korrupten Beamten und Richtern durchsetzt, die ihre Entscheidungen
zugunsten derjenigen treffen, die die höheren Bestechungsgelder bezahlen
können. Man kommt schnell hinter dieses System, selbst, wenn man noch
nicht lange in der Stadt ist. Ich habe mehrere Tage in eurem Heilerhaus
verbracht, welches ein Spiegel eurer Gesellschaft ist. Ich habe erlebt, wie
Arme, und waren sie noch so krank, abgewiesen wurden. Ein Mann, der als
Koch in einem Gasthaus arbeitet, also einer, der wenigstens noch Arbeit
und Auskommen hat, musste bei einem Wucherer ruinöse Schulden machen, um sein krankes Kind behandeln zu lassen. Sein Schicksal ist vorgezeichnet. Er wird seine Schulden bei diesem unanständigen Zinssatz niemals zurückzahlen können.
Und ihr Gesetzlosen seid auch nicht besser. Einer von euch war für das
Schicksal der vertriebenen Bauern verantwortlich. Er hat Höfe niedergebrannt und viele unschuldige Menschen getötet. Ihr habt ihn dafür bestraft
und wascht jetzt eure Hände in Unschuld. Aber denkt mal über eure Motive
nach! Es ging euch nicht um Gerechtigkeit, als ihr diesen Irren hingerichtet
habt, sondern darum, dass ihr danach nichts mehr zu essen hattet, weil die
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Ernten ausblieben. Ihr musstet den verbliebenen Bauern Sicherheit garantieren, um nicht zu verhungern, und habt auch noch die Frechheit, sie dafür
bezahlen zu lassen.
Die meisten von euch sind fast ebenso arm wie die Menschen der Unterschicht in den Städten, weil ihr wenig erfolgreich wart mit euren Überfällen
auf die gut bewachten Trecks. Aber ein paar der Banden sind besser bewaffnet und erfolgreicher. Sie haben eine Menge Silber erbeutet. Selban
hat mir berichtet, dass es einige von euren Bandenchefs an Reichtum mit
den Kaufleuten und Minenbesitzern aufnehmen können. Es gibt also auf
beiden Seiten Geld genug, um den Bauern zu helfen, ihre Höfe wieder
aufzubauen. Und dort, wo es an Geld fehlt, könnt ihr eure Arbeitskraft
einsetzen. Gerade für euch Gesetzlosen bietet sich dabei eine Chance. Die
Bauern werden Arbeitskräfte brauchen, Knechte und Viehtreiber. Und
wenn die ersten Ernten eingefahren sind, dann werden sie euch auch bezahlen können.“
Lorths engagierte Verhandlungsführung hatte viel bewirkt. Stück für Stück
bildete sich ein Vertragswerk heraus, aber immer noch wurde um jeden
Punkt zäh gerungen. Es würde noch Wochen, wenn nicht Monate dauern,
bis alles geregelt wäre. Methor hatte sich von Lorth dazu überreden lassen,
das Heerlager winterfest zu machen. Er hielt den Erfolg der Verhandlungen
für ebenso wichtig wie die Mission, Semanius unschädlich zu machen.
Seinen überzeugenden Worten war nur schwer zu widerstehen. Trygar, der
zuerst darauf bestanden hatte, bald wieder aufzubrechen, um Gadennyns
Armee noch in Koridrea stellen zu können, änderte seine Meinung. Er
wollte auf einmal noch warten. Der Grund dafür war natürlich sonnenklar,
denn Duna und ihre Begleiter waren nach einer Woche noch nicht von der
Mine zurückgekehrt. Dass die beiden ein Paar geworden waren, war ja für
jeden augenscheinlich.
Zur selben Stunde, als in Codae hart verhandelt wurde, stand in Inay Retho
Nasser, der Leiter des königlichen Geheimdienstes, vor seinem König und
erstattete Bericht.
„Und weiter?“, fragte Gadennyn ungeduldig. Retho war unbehaglich
zumute, als er den stechenden Blick des Herrschers auf sich fühlte.
„Es sieht ganz so aus, als wäre Harold Kobenius, der Magier, verschwunden. Wir wissen nur, dass er aus Eurer Burg bei Shoal aufgebrochen
ist, Majestät. Ein Bote brachte gestern das Schreiben eines Mönches. Es ist
an Bürgermeister Rowbart adressiert. Darin steht, dass Harold schwer erkrankt sei und von ihm gepflegt werde. Leider steht darin nicht, in welchem Kloster sich Euer Hofmagier jetzt befindet. Sollen wir sie alle absuchen?“
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Gadennyn überlegte laut:
„Da stimmt etwas nicht, Retho. Wieso schreibt mir Harold nicht persönlich? Wenn er dem Mönch mitteilen konnte, dass er in Inay erwartet wird,
ist er wohl kaum zu krank, um ihm einen Brief an mich zu diktieren. Vielleicht wurde er entführt. Haben deine Leute nach dem Kutscher gesucht,
der Harold hierher bringen sollte?“
„Bisher noch nicht, denn der Brief kam ja erst gestern.“
„Dann schafft den Burschen her und durchsucht alle Klöster zwischen
Shoal und Inay.“ Damit entließ er Retho.
Der König war beunruhigt über das Verschwinden Harolds. Nicht, dass
er ihn wirklich bei Hofe brauchte, aber der alte Mann war ein Magier,
wenngleich kein sehr mächtiger, und er wollte alle Magier unter Kontrolle
behalten. Immerhin war es ihm bei seinen mächtigeren Widersachern bisher gelungen. Er wusste, wo sie sich befanden, und das war weit weg. Heute hatte er wieder durch die Augen des Adlers geblickt. Das Heer der
Schwarzen Mönche hatte vor den Toren der Stadt Codae sein Lager aufgeschlagen und schien diese unblutig eingenommen zu haben. Ganz offensichtlich beabsichtigten die Heerführer, dort zu überwintern, denn viele der
Zelte wurden durch feste Gebäude ersetzt. Gerade baute man Ställe für die
Reitpferde, die Ziegen und Rinder. Die Soldaten hoben außerdem Gräben
aus, um das Wasser der bevorstehenden Schneeschmelze abzuleiten. Alles
deutete darauf hin, dass der Vormarsch der feindlichen Armee fürs erste
gestoppt war.
Gadennyn war beruhigt, die Zeit lief für ihn, und die Dinge standen nicht
schlecht. Die Mobilmachung verlief erfolgreich. Ein riesiges Heer war
entstanden, etwa vier bis fünfmal so groß wie das seiner Feinde. Er beabsichtigte es loszuschicken, sobald der Schnee geschmolzen war. Es würde
wie ein Reisigbesen jeden Widerstand in Orinokavo hinwegfegen und Trygars kümmerlichen Haufen überrennen. Gadennyn hatte sich entschlossen,
alle Kräfte zu vereinen, also auch die Heimatwehr mit nach Norden zu
schicken. Ein Widerstand aus dem Innern schien nun ausgeschlossen. Den
Rabenbund, das erfundene Gespenst, mit dem er den Aufbau der Heimatwehr begründet hatte, gab es ja nicht, und die Fürsten standen alle auf seiner Seite. Er war als Herrscher zwar nicht so beliebt wie der alte Bredos,
aber inzwischen hatte der Funke des Patriotismus’ ein Feuer des Nationalstolzes und des Willens zur Eroberung der nördlichen Länder entfacht. Es
war einfach gewesen. Er hatte die besten Redner und Demagogen in die
Städte und Dörfer Koridreas geschickt, um die Menschen von der großen
Vision der Wiedervereinigung des Alten Königreichs zu überzeugen. Inzwischen stand fast die gesamte Bevölkerung hinter ihm. Er besaß nun
einen Freibrief für den Krieg. Jetzt musste nur noch der Nachschub organisiert werden. Etwa die Hälfte der notwendigen Waffen, Pferde und Rüstun-
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gen fehlte noch, aber spätestens zum Beginn des Frühjahrs konnten die
Truppen aufbrechen. Sie würden Trygar und seine jämmerliche Armee
vermutlich an der Nordgrenze Orinokavos stellen und besiegen.
In den letzten Tagen waren Methor erhebliche Zweifel gekommen, ob es
richtig war, dass er Lorths Wunsch, bis zum erfolgreichen Ende der Verhandlungen zu bleiben, entsprochen hatte. Er erinnerte sich daran, dass ihm
Ecthar berichtet hatte, Gadennyns Truppen stünden schon an der Grenze zu
Orinokavo. Wie sollte er Trygar und Duna an diesem Heer vorbeibringen?
Es würde mit jedem Tag, den sie warteten, schwieriger. Wusste Gadennyn
gar schon davon, dass sich im Norden eine Armee formiert hatte? Würde
der König seine Truppen bald losschicken, um ihr entgegen zu treten? Das
könnte durchaus sein, dachte er. Wir dürfen nicht Wochen und Monate
vergeuden, um das Land Pheldae zu befrieden. Das Heer muss bald weiter
ziehen, dem Feind entgegen, bevor der seine ganze Stärke erreicht.
Am nächsten Tag kam Ecthar zu ihm und teilte Methor mit, dass der
Botschafter vom Hof des Kaisers von Orinokavo, der die freien Städte um
Hilfe gegen Gadennyn gebeten hatte, um ein Treffen mit dem General ersuche. Methor willigte sofort ein. Er ärgerte sich, dass er nicht selbst auf
die Idee gekommen war, mit dem Mann zu sprechen, der eine Menge über
Gadennyns Truppen, die vor der Südgrenze des Kaiserreichs standen, wissen musste. Zwei Stunden später saßen er und Trygar dem Mann aus Orinokavo gegenüber, und Methor sprach ihn in dessen Landessprache an. Der
Botschafter schien überrascht:
„Ihr sprecht meine Sprache akzentfrei, General. Darf ich fragen, ob Ihr
aus meinem Land kommt?“
„Ja, ich bin in Orinokavo geboren, aufgewachsen und habe bis zum Ende
des Krieges dort gelebt. Früher trug ich einen anderen Namen.“
„So habt Ihr Euren Dienstgrad beim kaiserlichen Heer erworben? Dann
müsste ich Euren damaligen Namen eigentlich kennen. Darf ich ihn erfahren?“
Methor sah sich ein wenig bedrängt. Er hatte seine Identität eigentlich
nicht preisgeben wollen, aber er sah ein, dass der Botschafter ihm nur vertrauen würde, wenn er die Wahrheit sagte.
„Ich bin – war – General Barana Togo.“
Sein Gegenüber zuckte zusammen, fing sich aber gleich wieder.
„Dann seid Ihr ja berühmt, ein Volksheld, General Togo. Ihr habt die
einzige Schlacht in diesem Krieg für unser Land gewonnen!“
„Nennt mich bitte weder General noch bei meinem alten Namen. Sagt
einfach Methor zu mir. Ja, ich habe eine Schlacht gewonnen und einen
Krieg verloren. Obwohl ich diesen Krieg niemals gewollt hatte. Verzeiht
mir, wenn ich ehrlich bin, aber ich hielt den Angriff auf Koridrea für töricht
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und unmoralisch und habe dies dem Kaiser auch gesagt. Aber er hatte da
eine andere Ansicht und verlangte meine Loyalität und meinen Gehorsam.“
„Ihr werdet Euch vielleicht wundern, aber ich pflichte Euch voll und
ganz bei. Selbst der Kaiser hat eingesehen, dass er einen Fehler gemacht
hat. Doch aus seiner damaligen Sicht war der Krieg gerechtfertigt. Drei
Dürrejahre haben Orinokavo fast an eine Hungersnot gebracht. Seine Majestät, Orino Toko, musste für viel Geld Lebensmittel aus dem Land unserer verhassten Nachbarn einführen. Die Staatsmittel hätten nicht mehr lange dafür gereicht. Er musste handeln.“
„Ja, das waren die Argumente, die er auch mir damals vortrug, Botschafter. Aber die Wahrheit ist: die Staatskasse war schon lange leer. Die Kaiserfamilie hatte sie seit Generationen geplündert, um damit ihren protzigen
Lebensstil zu finanzieren. Kaiser Toko war ungeheuer reich, dennoch ließ
er seine Untertanen für seine Paläste, Gärten und Jagden aufkommen. Und
nun musste er die Lebensmitteleinfuhren aus seiner eigenen Tasche bezahlen, da die Steuereinnahmen nicht mehr reichten. Das hat ihm nicht geschmeckt. Natürlich waren die Preise, die die Händler aus Koridrea verlangten, gesalzen, aber dennoch kein Wucher. Das war also kein Grund, der
einen Krieg, welcher mit dem Tod Tausender endete, gerechtfertigt hätte.“
„Ihr habt ja Recht, Gen…, äh, Methor. Aber seine Majestät hat für diesen Fehler auch teuer bezahlt. Der Kaiser hat durch Reparationszahlungen
fast neun Zehntel seines Vermögens verloren.“
Methor überlegte, ob er seinen Gesprächspartner darauf hinweisen sollte,
dass Orino Toko immer noch mit Abstand der reichste Mensch in Orinokavo war, aber er verzichtete darauf. Alles, was er bisher schon gesagt hatte,
war im höchsten Maße undiplomatisch gewesen. Er konnte von Glück
sagen, dass der Botschafter nicht empört aufgestanden war und den Raum
verlassen hatte. Er musste den Mann als Verbündeten gewinnen und fortan
konzilianter auftreten.
„Wir sollten besser die Vergangenheit ruhen lassen und uns den gegenwärtigen Problemen zuwenden, Botschafter. Tatsache ist, dass diesmal die
Bedrohung von Koridrea ausgeht und ein Krieg unvermeidlich scheint. Der
Kaiser verfügt nicht mehr über die militärische Stärke, um König Gadennyn und seine Truppen aufzuhalten und ist auf uns angewiesen. Wir strecken die Hand zum Bündnis aus.“
Trygar, der bisher geschwiegen hatte, sagte:
„Wir wollen aber keinen falschen Eindruck vermitteln, Botschafter. Methor meint, dass der Krieg unvermeidlich erscheint, aber dennoch wollen
wir mit allen Mitteln versuchen, einen Waffengang zu verhindern. Deshalb
brauchen wir alle Informationen, die Ihr uns über Gadennyns Truppen und
ihre Stellungen geben könnt.“
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„Wie Ihr wisst, bin ich hergekommen, um die Hilfe der freien Städte
Pheldaes gegen das Heer von Koridrea zu erbitten“, antwortete der Mann
aus Orinokavo. „Leider ohne Erfolg. Umso überraschter war ich, als plötzlich Eure Armee hier auftauchte. Ihr könntet die Rettung für unser Kaiserreich sein, und deshalb will ich Euch Informationen geben, die über Sieg
oder Niederlage entscheiden können“, erklärte der Botschafter und berichtete ausführlich über Stärke und Bewaffnung der feindlichen Armeen. Sie
erfuhren eine Menge Nützliches und Beunruhigendes. Der Feind war stärker als erwartet.
„Lasst uns einen Blick auf die Karte werfen“, schlug Methor vor, rollte
eine große Landkarte auf dem Tisch aus und beschwerte die Enden mit
zwei Kerzenleuchtern.
„Orinokavo wird durch das Rabengebirge geteilt, das in ost-westlicher
Richtung verläuft. Die Region südlich davon liegt ganz im Einflussbereich
unseres gemeinsamen Feindes. Er hat sie zwar nicht besetzt, aber der verstorbene König Bredos hat nach dem letzten Krieg verlangt, dass der Kaiser seine verbliebenen militärischen Kräfte aus dem Süden zurückzieht,
und wir mussten diese Kapitulationsbedingung erfüllen. De facto haben wir
das südliche Orinokavo damit aufgegeben.
Durch das Gebirge verläuft ein einziger Pass, der Rabenpass.“
Er zeigte mit dem Finger auf eine Stelle der Karte.
„Jede Armee, die nicht Monate damit verlieren will, das Rabengebirge
westlich zu umgehen, muss diesen Pass benutzen. Eine kleine Gruppe von
guten Kämpfern, die ihn besetzt hält, ist selbst für ein starkes Heer ein
unüberwindliches Hindernis. Wie Ihr uns berichtet habt, stehen die Truppen Gadennyns noch an der Grenze, weit südlich des Rabengebirges.“
„Aber das heißt ja, dass wir sein Heer dort stoppen können, wenn wir
früher am Rabenpass sind!“, meine Trygar aufgeregt. „Das ist unsere Chance. Wir müssen sofort aufbrechen!“
Methor runzelte die Stirn.
„Genau darauf läuft meine Frage hinaus: Da der Rabenpass von solch
großer strategischer Bedeutung ist, sollte er durch Soldaten des Kaisers
besetzt sein, Botschafter?“
Der schüttelte bedauernd den Kopf.
„Leider ist das nicht der Fall. Eine der Kapitulationsbedingungen war,
dass auch das Rabengebirge demilitarisiert wird. Der Kaiser wagte es nicht,
den Pass zu besetzen, um Koridrea keinen Angriffsgrund zu bieten.“
„Dann hat Trygar Recht: wir müssen sofort aufbrechen, solange der Pass
noch frei ist“, sagte Methor.
„Ich muss Eure Hoffnung leider zunichte machen, Methor. Gadennyn hat
einen Trupp seiner Elitesoldaten dorthin geschickt. Sie kontrollieren den
Rabenpass jetzt. Dennoch: solange ihn seine Armeen nicht überquert ha-
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ben, besteht noch Hoffnung. Ihr müsst vor seiner Hauptmacht dort eintreffen und den Pass zurückerobern.“
Trygars Gesicht waren große Zweifel anzusehen. Er sprach Methor an:
„Aber du sagtest doch, eine kleine Gruppe von Männern auf dem Pass
könne eine ganze Armee aufhalten. Wie sollen wir ihn dann einnehmen?“
Der Führer der Schwarzen Kämpfer runzelte die Stirn. Er wirkte nachdenklich. Dann aber entspannten sich seine Züge, und ein Hauch von Zuversicht erschien auf ihnen.
„Es gibt von der nördlichen Seite aus einen schmalen Pfad, der oberhalb
des eigentlichen Passes verläuft und zur Ruine eines alten Wachturms
führt. Er ist nur schwer begehbar. Am Ende kommt er an einer Steilwand
über einem Talkessel heraus. Dort, in dem Kessel, lagern vermutlich Gadennyns Leute. Dennoch: mit Soldaten werden wir den Trupp, der den Pass
bewacht, nicht überwältigen können. Man kann sich dort nur einzeln abseilen, und bevor wir genügend Leute hingebracht hättet, würden wir entdeckt
werden. Aber“ – er blickte Trygar sinnend an – „schließlich haben wir zwei
Magier in unseren Reihen. Mit deiner und Dunas Hilfe könnten wir es mit
einem Überraschungsangriff schaffen, die Passwachen zu überwältigen.
Doch wir müssen uns beeilen, um den Pass vor Gadennyns Heer zu erreichen.“
Einer der Späher kam ins Zelt Toquaiquatas, des Anführers der SenaiNomaden und berichtete ihm:
„Es macht mir Sorgen, dass seit vielen Tagen ein Adler über unserem
Lager kreist. Er hat keines unserer Tiere geschlagen, ja, er beachtet die
Ziegen und Schafe nicht einmal. Er zieht seine Kreise über unseren Zelten,
als scheine er uns zu beobachten. Das ist ein schlechtes Zeichen, Bruder.
Der Schamane glaubt, ein böser Geist wohne in ihm.“
Toquaiquata überlegte einen Augenblick. Dann fasste er einen Entschluss:
„Sage den besten Bogenschützen unseres Volkes, dass der, der den Adler
erlegt, zehn Ziegen von mir bekommt.“
Hätte der Vogel über die geistigen Fähigkeiten eines Menschen verfügt,
hätte er sich wahrscheinlich gewundert über die vielen Stöcke, die schon
seit Stunden in einiger Entfernung an ihm vorbei flogen. Gadennyn, der im
Augenblick mit anderen Dingen beschäftigt war, als durch die Augen seines tierischen Spions zu blicken, hätte natürlich sofort bemerkt, dass der
Adler beschossen wurde, aber das Tier erkannte die Bedrohung nicht. Nun
ist es ungeheuer schwierig, einen Vogel im Flug, dazu noch in so großer
Höhe, zu treffen, aber bekanntlich sind viele Hunde des Hasen Tod, und
auch in diesem Fall fand nach zahlreichen vergeblichen Versuchen ein
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Pfeil glücklich sein Ziel, und ein stolzer Senai würde später mit zehn Ziegen belohnt. Der Adler spürte nur einen kurzen, heftigen Schmerz, dann
brachen seine Augen und er stürzte wie ein Stein zu Boden.
Als Gadennyn drei Stunden später mit seinem Geist nach ihm suchte,
wunderte er sich. Der Vogel hatte sich ihm entzogen. Aber er war nicht
wirklich beunruhigt. Es war nicht das erste Mal, dass das geschah. Früher
oder später würde er ihn wieder finden, hoffte der König. Für eine Weile
konnte er auf seinen Spion verzichten, jetzt, da er wusste, dass sich der
Feind für den Rest des Winters eingegraben hatte. Und so sah er nicht, wie
die Arbeiten an den Häusern und Ställen eingestellt, wie eilig die Zelte
abgebrochen wurden, und wie sich die Schwarze Armee auf den Aufbruch
vorbereitete.
Einen Tag später setzte sie sich in Marsch. Methor ließ den immer noch
nicht genesenen Lorth und zwei Unterhändler der Banditen zurück, damit
die Verhandlungen nicht ausgesetzt werden mussten. Sie sollten mit Duna,
Seyn und Legis sowie den fünfhundert Soldaten aus der Mine nachkommen, sobald (und falls) diese zurückkehrten. Er machte sich große Sorgen,
dass er immer noch nichts von ihnen gehört hatte. Trygar tat ihm aufrichtig
Leid. Der Junge war blass und übernächtigt, hatte wohl seit Tagen nicht
geschlafen. Natürlich wollte er lieber hier bleiben und auf Duna warten,
aber er nahm seine Verantwortung für die Mission ernst und stieg mit verzweifeltem Gesichtsausdruck auf sein Pferd. Methor hatte selten ein solches Opfer gesehen. Als sie losritten, blickte der Junge ständig nach Osten,
in der Hoffnung, Duna möge dort wie durch ein Wunder auftauchen.
In der Höhle
Seit drei Tagen waren die sieben Reiter jetzt unterwegs, deren Pferde sich
mühsam durch den hohen Schnee kämpften. Duna, die Zwillinge Seyn und
Legis und ihre kleine Eskorte, die aus vier Mann der Stadtwache bestand,
ritten im Gänsemarsch hintereinander. Dicke, weiße Flocken fielen auf sie
herab und bepuderten Mensch und Tier. Die flache Ebene lag schon ein
paar Stunden hinter ihnen. Das waldige Gelände, durch das der Weg jetzt
führte, wurde umso steiler, je näher sie den Bergen kamen. Die Straße, die
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die Stadt Codae mit der Silbermine verband, war nur an einer Schneise
zwischen den Bäumen zu erkennen. Dieses unterholzfreie Band wand sich
jetzt durch die flachen Hügel des Vorgebirges. Die knorrigen Nadelbäume
wurden niedriger und gaben den Blick auf eine massive, graue, steil ansteigende Felswand frei. Darüber erhoben sich mächtige Eisriesen: die schneebedeckten Gipfel des Wolfszahngebirges.
Der Weg wurde immer steiler und schlängelte sich nun in Serpentinen an
dem schrägen Hang entlang, auf dem die Felswand thronte. Nach der
nächsten Biegung führte er in einen tiefen Einschnitt, ein schmales Tal, das
direkt zum Fuß der Klippe führte. Der Anblick, der sich Duna nun bot, war
mehr als erstaunlich. Vor ihnen lag die Mine.
Duna hatte ein Loch in der Erde erwartet, mit einer Winde darüber,
durch die die Arbeiter in Körben hinunter und das Erz hinaufbefördert
wurden. Solche Schachtbergwerke gab es natürlich auch, aber die Silbermine hatte keine Ähnlichkeit mit ihnen. Das erste, was Duna erkannte, war
eine wehrhafte, zwanzig Fuß hohe Mauer aus Bruchsteinen, die sich quer
durch die Schlucht bis zu deren steil aufragenden Wänden zog, gekrönt von
einem klobigen Wachturm. In der linken Seite der Mauer befand sich ein
niedriger, mit senkrechten Stäben vergitterter Durchlass, durch den ein
reißender Gebirgsbach strömte. Das schwere hölzerne Tor in der Mitte war
geschlossen. Hinter der Mauer erhoben sich eine Abraumhalde und hohe
Schornsteine, aus denen sich dunkle Rauchwolken kräuselten. Am auffälligsten war aber eine Plattform mit einem zweistöckigen Gebäude darauf,
getragen von einem mächtigen und stark verstrebten Gerüst aus dicken,
hölzernen Bohlen und Stämmen. Aus dem oberen Stockwerk des Gebäudes
führten auf der von Duna abgewandten Seite vier armdicke Trossen heraus
und zogen in parallelen Strängen zur Felswand hinüber und an ihr hinauf.
Einige hundert Fuß höher sah Duna ein Gerüst, das vier senkrecht gelagerte
Räder trug, über die die Seile liefen. Dieser Träger war jeder Schwerkraft
zum Trotz irgendwie an der steilen Wand verankert. Die Trossen stiegen
weiter an der Klippe auf und endeten – mit bloßem Auge kaum zu sehen –
an einer Bergstation, die der Talstation glich. Etwa im unteren und oberen
Drittel der Strecke hingen an den dickeren, unteren Trossen zwei gewaltige
Körbe, groß wie Kähne, die sich gegeneinander bewegten, der fernere hinauf, der nähere hinab. Duna erkannte, dass der Korb, der sich auf die Talstation zu bewegte, an einem henkelartigen Träger hing, der oben in einem
Schlitten mit vier hintereinander liegenden Rollen abschloss, die über das
untere Tau liefen, welches gleichzeitig als Tragseil und Führung diente,
während die obere, etwas dünnere Trosse fest mit dem Rollenschlitten
verbunden war und ihn bewegte. Dieses Zugseil wurde offenbar von der
Talstation aus gespult, denn sie sah, dass von unten ein dicker, geglätteter
und geschälter Baumstamm in das Gebäude ragte, der sich langsam drehte
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und als Antriebswelle für dieses höchst beeindruckende Transportsystem
diente.
Der Anführer der Soldaten, die sie zur Mine begleitet hatten, erklärte ihnen, es handele sich um eine Seilbahn. Die Körbe, man nenne sie Gondeln,
dienten zum Transport der Bergarbeiter und des Silbererzes. Der Hauptstollen der Mine würde weit oben hinter der Bergstation in den Fels hineinführen. Die Achse des Seilantriebs bewege sich mittels eines komplizierten
Zahnräderwerks, dessen letztes Glied ein großes Schaufelrad sei, welches
durch die Kraft eines Wasserfalls angetrieben würde.
Die drei Mitglieder des Schwarzen Ordens staunten noch mehr, als sich
das Tor öffnete und sie hindurchritten. Hinter der Mauer drängte sich eine
Stadt mit hunderten Gebäuden in den engen Talkessel. Manche waren nur
primitive Blockhütten, andere gediegene Steinhäuser. Außerdem gab es
Verhüttungsgebäude, Ställe, eine kleine Hauptstraße mit Läden und einem
Gasthaus, einen Tempel sowie ein prächtiges, palastartiges Gebäude, dessen Fassade den einzigen weitläufigen Platz am Ende der Hauptstraße
schmückte. Es besaß einen Vorbau mit zwei Seitenflügeln. Dahinter erhob
sich der höhere runde Hauptbau, der von einer mit Kupfer gedeckten Kuppel gekrönt wurde. Dorthin führte sie der Anführer ihrer Eskorte jetzt zu
Fuß, nachdem sie ihre Reittiere in einem Stall untergebracht hatten und gut
versorgt wussten. Seine Leute ließ er am Eingang des Gasthauses zurück.
Auf dem Weg zu dem großen Gebäude erzählte er, stolz auf sein Wissen:
„Ich habe vor einigen Jahren hier in der Silberhütte gelebt und gearbeitet. Fast tausend Bergleute wohnen in der Minenstadt, dazu kommen noch
die Arbeiter in der Verhüttung und in den Schmieden und die vielen Menschen, die die Stadt am Leben erhalten: Werkzeughersteller, Schneider,
Steinmetze und Händler, Wirte, Köche, Küchenhilfen, Stallburschen und
viele andere. Und dann sind da natürlich noch die Soldaten, die die Trecks
begleiten und die Mine schützen. Wie ihr wisst, wurde die Garnison wegen
der ungeklärten Vorfälle in der Mine erheblich aufgestockt. Zurzeit wohnen fast zweieinhalbtausend Menschen hier.
Das Silbererz wird oben im Bergwerk abgebaut, dann mit der Seilbahn
hinuntergeschafft. Sehr selten findet man gediegenes Silber, also reines
Metall. Es braucht bloß geschmolzen und gereinigt zu werden. Viel häufiger kommt Silberglanz vor. Durch Erhitzen wird das Silber vom Schwefel
getrennt. Schwieriger ist die Verarbeitung von Bleiglanz, indem auch ein
geringer Anteil Silberglanz enthalten ist. Dieses Mischerz findet man am
häufigsten, das Silber ist aber nur sehr aufwändig aus ihm abzuscheiden.
Das gewonnene Edelmetall wird dann hier in der Hütte geschmolzen und in
Barren gegossen.“
Inzwischen waren sie an dem Hauptgebäude der Minengesellschaft angekommen, und der unermüdliche Redestrom des Mannes versiegte, denn
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er musste einige lebende Hindernisse in Form von emsigen und sich selbst
überaus wichtig nehmenden Bediensteten des Minendirektors, angefangen
vom Pförtner bis zum Schreiber des persönlichen Sekretärs, umschiffen.
Das tat er denn auch mit etlichen Papieren, Siegeln und Vollmachten, die
von den Befrackten eifrig und misstrauisch studiert wurden. Endlich wurden sie zum Heiligtum der Minengesellschaft vorgelassen. Ihr Führer aus
Codae verabschiedete sich von ihnen und eilte von dannen, zweifellos mit
dem Ziel Wirtshaus, um den Vorsprung seiner Leute beim Biertrinken noch
aufholen zu können.
Ein Lakai geleitete sie durch eine zweiflügelige Tür aus geschnitztem
Eichenholz. Sie standen nun in einem Rundgang, dessen Außenwand von
hohen, schmalen Buntglasfenstern durchbrochen war, die ihn kaleidoskopartig erleuchteten. Die Innenwand des kreisförmigen Gangs bestand aus
marmornen, im farbigen Licht glänzenden Säulen. Die bogenförmigen
Durchlässe gaben den Blick in den Innenraum frei. Ein luxuriöser, dicker
Läufer wies ihnen den Weg hinein. Die Pracht des Saales verschlug den
Besuchern aus Vulcor den Atem. Er war kreisrund und wirkte durch den
ihn umgebenden Säulengang wie das Innere eines Tempels. Der Eindruck
wurde noch verstärkt durch die Kuppel, die sich über ihm wölbte. Ein kolossales Gemälde, das das Himmelszelt bei Abenddämmerung darstellte,
schmückte sie. Den unteren Rand des Gewölbes bildete ein Horizont mit
der Silhouette von Bergen, einem Panorama von Wäldern und einer märchenhaften Stadt mit Palästen, Türmen und hohen Mauern. Im Westen ging
eine blutrote Sonne über einem metallisch glänzenden Meer unter. Ihr Feuer ließ kompakte Wolken aufglühen, die vereinzelt am Himmel schwebten.
Dieser wurde im Zenit, wo schon die ersten Gestirne glitzerten, purpurfarben und nach Osten hin samtschwarz. Dort beherrschten die Sternbilder des
großen Jägers, des Ochsen und des Fuchses das Gewölbe. Diese Sterne
waren keine mit heller Farbe aufgemalten Punkte, sondern sie glänzten
wirklich. Es waren offenbar kleine Silberplättchen, die das Licht – ja, welches Licht eigentlich? – widerspiegelten. Jetzt erkannte es Duna. Über dem
Säulengang und unter dem Sockel der Kuppel gab es noch eine Reihe von
schachtartigen Durchbrüchen in der Wand. Vor ihnen befanden sich beweglich gelagerte, polierte Silberspiegel, die das durch die Schächte eintretende Tageslicht auf die bemalte Kuppel umlenkten und sie so farbenprächtig erstrahlen ließen.
Der Lakai, der sie hineingeführt hatte, ließ ihnen die Zeit, dieses Wunder
menschlicher Kunst zu bestaunen. Das Verharren und der lange Blick nach
oben der Besucher, die den Saal zum ersten Mal betraten, waren ihm vertraut. Nach einer Weile aber räusperte er sich vernehmlich. Duna und die
Zwillinge senkten den Blick und nahmen wahr, was sich im unteren Teil
dieses Raums befand. Silber, wohin das Auge blickte: lebensgroße Statuen
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von schönen, halbnackten Menschen, bekränzt mit Lorbeer, von mächtigen
Herrschern in Gewändern, deren Falten sich zu bewegen schienen, so echt
wirkten sie, von seltsamen und Angst einflößenden Fabeltieren, zahlreiche
kleine Kostbarkeiten auf Podesten und in Vitrinen: Statuetten, Schalen, mit
Edelsteinen besetzte Kelche, Münzen und Medaillen in allen Größen, Kandelaber, sogar in Silberdeckel gebundene Bücher.
Der Lakai räusperte sich ein zweites Mal, und endlich setzten sie sich in
Bewegung, folgten dem roten Läufer, der mit Silberfäden durchwirkt
schien, und der zu einem Podest in der Mitte des Saales führte. Vor diesem
Podest stand eine niedrige Bank und rechts neben ihm das verwaiste Stehpult eines Sekretärs oder Schreibers. Auf der Plattform, zu der drei Stufen
führten, befand sich linker Hand ein Kohleofen aus Gusseisen, der mit
Einlegearbeiten aus Silber verziert war, rechter Hand ein Tisch aus glänzend poliertem Wurzelholz, beladen mit den Überresten eines Mahls, und
zwischen Ofen und Tisch stand ein breiter, mit Samt bezogener Polsterstuhl, dessen Holzteile dicht an dicht mit Silbernägeln beschlagen waren,
die glänzende Reihen bildeten. Auf diesem thronartigen Sitzmöbel saß der
fetteste Mann, den Duna in ihrem Leben gesehen hatte. Er war prächtig
gekleidet und über und über mit Silber behängt: Ringe glänzten an all seinen Fingern, Broschen an seinem Gewand, und Ketten wanden sich um
seinen dicken Hals. Zur Krönung trug er eine polierte Silberplatte auf seinem kahlen Kopf, in der sich das Licht spiegelte. Der Diener ergriff, dem
Protokoll entsprechend, das Wort:
„Herr, dies sind die Abgesandten aus Codae, die Präsident Ecthar geschickt hat, um unser – äh – Problem zu lösen.“ Er trat auf die unterste
Stufe, senkte den Blick und übergab seinem Herrn das Empfehlungsschreiben des Stadtrats, dann wandte er sich an die Besucher.
„Ich habe die Ehre, euch Lord Ronno vorzustellen, Direktor der Silbermine und Bürgermeister unser Stadt.“
Ronno hob eine feiste Hand und winkte den Lakaien fort. Dann wies er
auf die niedrige Bank zu seinen Füßen, doch die Besucher zogen es vor zu
stehen. Der Direktor der Mine las mit gerunzelter Stirn den vom Präsidenten der Freien Stadt Codae unterzeichneten Brief. Als er damit fertig war,
betrachtete er die Besucher, als wären es nicht willkommene Helfer, sondern unerwünschte Störenfriede.
„Ecthar scheint langsam zu verblöden. Zuerst schickt er mir einen Haufen unfähiger Soldaten und jetzt ein unbedarftes Mädchen, das noch grün
hinter den Ohren ist, und zwei harmlose Bettelbrüder. Was habt ihr eigentlich vor? Wollt ihr für unsere Erlösung von dem Übel beten oder das Mädchen dem Monster als Opfer darbringen?“
Duna fühlte heiße Wut in sich aufsteigen. Ihr Gesicht rötete sich. Sie
würde diesem Fettkloß eine Lektion erteilen.
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Ronno hielt noch immer den Brief in der Hand, als dieser plötzlich in
Flammen aufging und ihm fast die Finger verbrannte. Kreischend ließ er
den Bogen fallen, sprang auf, griff nach einem silbernen Glöckchen, das
neben ihm auf dem Tisch stand, schüttelte es wie rasend und schrie: „Wachen, Wachen, herbei!“
Mehrere Soldaten stürmten herein. Duna dachte schon, sie sei zu weit
gegangen und wappnete sich, von den bewaffneten Männern gepackt zu
werden, aber der Direktor zeigte nur in panischer Angst auf das verkohlte
Stück Papier, auf dem die letzten kleinen, bläulichen Flämmchen züngelten
und schon erstarben, und schrie:
„Feuer! Zu Hilfe. Löscht das Feuer!“
Einer der Männer trat die Glut mit dem Absatz aus. Die Wachen schienen verlegen, dass ihr Herr wegen eines kleinen Feuerchens in einem Saal,
indem es fast nichts Brennbares gab, so ein Aufheben machte. Der, zwar
immer noch hochrot im Gesicht, hatte sich inzwischen wieder in der Gewalt und schickte die Soldaten weg. Dann ließ er sich in seinen Sessel fallen. Schweiß glänzte auf seiner Stirn.
„Was, in Wathans Namen, war das?“
Duna sagte spitz:
„Nur eine kleine Demonstration meiner Unbedarftheit, Lord Ronno.
Möchtet Ihr, dass meine Begleiter Euch auch ihre Harmlosigkeit beweisen?“
Der Direktor musterte sie fasziniert.
„Magie? Ja, es muss Magie sein. Es gibt euch also noch. Ihr seid keine
Gestalten aus fast vergessenen Erzählungen. Ihr Magier seid – wirklich. Ich
habe nie an Magie geglaubt, weißt du? Du hast mich eines Besseren belehrt, Mädchen. Mir scheint, Ecthar ist doch gar nicht dumm.“
„Ihr vergesst Eure Höflichkeit, Lord. Sagt nicht dauernd Mädchen zu
mir. Mein Name ist Duna. Ja, Ihr habt Recht. Ich bin eine Magierin. Und
Ihr dürft mir glauben: normalerweise übe ich meine Macht in größerem
Maßstab aus als bei dieser kleinen Demonstration, bei der niemand zu
Schaden kommen sollte.“
Einer der Männer in den schwarzen Umhängen, die für Ronno nicht zu
unterscheiden waren, so ähnlich sahen sie sich, ergriff das Wort:
„Mein Name ist Legis, und das ist mein Bruder Seyn. Ja, wir sind Ordensbrüder, aber wir sind auch gleichzeitig die besten Kämpfer, die Ihr
finden könnt. Gebt uns Gelegenheit, es zu beweisen und lasst Eure besten
Männer im Duell gegen uns antreten.“
Der Direktor der Minengesellschaft hatte genug von Demonstrationen.
„Nein, vielen Dank, ich kann kein Blut sehen und glaube euch auch so.
Ihr drei wollt also der Bestie gegenübertreten?“
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„Bestie?“, fragte Seyn, der bis jetzt geschwiegen hatte. „In Codae denkt
man, dass Banditen, die in die Mine eingedrungen sind, Eure Leute getötet
haben, um das Silber zu stehlen.“
„Unsinn. Natürlich ist das früher vorgekommen. Der Berg ist löchrig wie
ein Ameisenhaufen. Wir haben zwar die meisten Zugänge entdeckt und
verschlossen, aber eine Gewähr, dass wir alle gefunden haben, gibt es
nicht. Seit Jahrzehnten versuchen die Gesetzlosen, uns zu bestehlen, und
manches Mal ist es ihnen auch gelungen, sogar in der Mine. Meist haben
sie aber dabei ihr Leben lassen müssen, denn sie kennen sich in den Stollen
nicht so gut aus wie meine Leute und sind schlechter bewaffnet. Nur wenige gehen das Risiko ein, in eine Mausefalle zu schlüpfen, aus der sie vielleicht nicht wieder herauskommen. Und die es tun, gehen ganz anders vor,
als es jetzt geschieht. Sie schlagen schnell zu, hinterlassen vielleicht ein
paar Tote und Verletzte, aber sie werden gesehen, denn es gibt immer Überlebende. Danach sammeln sie das gediegene Silber an der Abbaustelle
ein und verschwinden wieder. Meist kriegen wir sie dann draußen, wenn
sie sich irgendwo von der Wand abseilen.
Aber die Vorfälle, die sich in den letzten Wochen abgespielt haben, sind
ganz anderer Art, viel erschreckender. Es gibt nie Überlebende. Wer oder
was auch immer für diese Überfälle verantwortlich ist, begeht Massaker.
Die Förderkörbe bleiben voll, kein Silber wird gestohlen. Dafür finden wir
zerstreute Leichenteile am Tatort und blutige Schleifspuren, die schließlich
in der Dunkelheit auf nacktem Fels versiegen. Viele Opfer werden verschleppt, wir vermuten als Vorrat für schlechtere Tage. Wir finden an sandigen Stellen auch Spuren eines großen Tieres, ähnlich denen eines Hundes, aber mehr als dreimal so groß.
Natürlich haben wir – das heißt meine Leute; schließlich habe ich anderes zu tun – alles abgesucht, aber niemand, der das Wesen zu Gesicht bekam, überlebte diese Begegnung. Nachdem die Truppen aus Codae eingetroffen sind und jeder Bergmannszug seitdem durch ein bis zwei Dutzend
Soldaten geschützt wird, wurde es für eine Weile besser. Es verschwanden
nur noch vereinzelt Menschen, die die Dummheit besaßen, allein durch die
Gänge und Stollen zu gehen, und sei es nur, um ungestört zu pinkeln. Bis
gestern dachte ich, dass die Schürftrupps mit dem Schutz der Soldaten
sicher seien, aber dann schlug die Kreatur wieder zu, grausamer als je zuvor. Der Hunger hat sie anscheinend tollkühn gemacht. Sie griff einen
Trupp an, der aus zehn Bergleuten und zwölf gut bewaffneten Soldaten
bestand. Sie sind alle tot oder verschwunden!“
Seyn fragte:
„Habt Ihr Karten von der Mine?“
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Der Direktor nickte und klingelte wieder mit seinem Silberglöckchen,
diesmal zweimal kurz und einmal lang. Wenig später trat ein alter Mann
ein und schlurfte über den Läufer langsam auf das Podest zu.
Ronno rief ihm zu:
„Du brauchst dich nicht bis hierher bemühen, Victor. Wenn du eine
Schnecke wärest, würde ich das Wagnis eingehen zu warten, bis du hier
angekommen bist, in der Hoffnung, dass du meinen Auftrag heute noch
entgegen nehmen könntest. Weil du aber langsamer als ein Faultier im
Winterschlaf bist, verzichte ich darauf, und ich hoffe, du bist wenigstens
nicht so schwerhörig, um meine Befehle noch aus zehn Schritten Entfernung zu verstehen.“
Der Alte drückte das Kreuz durch und nahm eine würdevolle Haltung
ein.
„Ihr wisst doch, Herr, dass es die Gicht ist, die mir das Gehen schwer
fallen lässt. Mein Gehör ist aber ohne Fehl und Tadel.“
„Ach, ich kann deine Ausrede, dass du an Gelenkschmerzen leidest,
schon nicht mehr hören, Victor. Ich leide an Fettleibigkeit und kann mich
dennoch zehn mal schneller bewegen als du. Nun aber höre meine Anordnungen: Die Diener sollen den Tisch abräumen, und zwar schleunigst. Außerdem sollen sie meinen verehrten Gästen drei bequeme Stühle und je
einen Pokal von meinem besten Wein bringen. Du gehst in die Bibliothek
und bringst mir alle Karten der Mine, die du finden kannst. Beeile dich und
versuche, möglichst bis zur Abenddämmerung wieder hier zu sein.“ Seine
Stimme troff vor Ironie.
Es dauerte allerdings gar nicht lange, bis Victor mit Bündeln von Pergamentrollen erschien. Der Tisch war inzwischen frei geräumt worden, sodass er sie darauf ausrollen konnte. Lord Ronno fuhr mit seinem dicken
Finger über eine Querschnittszeichnung des Berges und erläuterte:
„Der Abbau von Silber begann hier vor mehr als dreihundert Jahren. Ein
Bergbach hatte damals Silberkörner ausgeschwemmt. Man grub zunächst
am Fuß der Wand und arbeitete sich dann an den Erzgängen entlang in den
Berg vor, bis sie schließlich versiegten. Dann versuchte man es weiter oben
und stieß dort auf noch reichere Vorkommen. Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt
erfolgte der Abbau in einer höheren Schicht. Ein Netzwerk von Stollen und
Schächten durchzieht deshalb den Fels. Von dem alten Bergwerk unterhalb
der Mine, in der jetzt abgebaut wird, existieren nur unvollständige Pläne.
Eine Vielzahl der Stollen ist wahrscheinlich eingestürzt, aber es mag dort
unten noch Hunderte von Gängen geben, die mit der oberen Mine verbunden sind. Dazu kommt: In den Tiefen des Berges gibt es ein riesiges, natürliches Höhlensystem, viel größer als alle Schichten des Bergwerks zusammen. Wir kennen zahlreiche Durchbrüche zu dieser gewaltigen Höhle, aber
es gibt wahrscheinlich in den alten Bergwerksstollen noch viele mehr, von
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denen wir keine Ahnung haben. Es ist unmöglich, alle zu finden und zu
verschließen. Inzwischen wissen wir, dass die Kreatur irgendwo in diesem
Höhlensystem einen Unterschlupf haben muss. Meine Leute sind ihren
Spuren einmal bis zu einem unterirdischen See gefolgt, dessen Wasser
leuchtet. Dort haben sie sie aber verloren. Hunderte von Gängen zweigen
da ab, manche müssen viele Tagesmärsche lang sein. Wie wollt ihr dieses
Geschöpf da jemals finden?“
Legis meinte:
„Das wäre tatsächlich vergebliche Mühe. Wir müssen dafür sorgen, dass
es uns findet. Es wird uns – vier wehrlose Menschen ohne Geleitschutz –
bestimmt angreifen, vor allem, wenn wir in sein Revier vordringen.“
Ronno blickte fragend.
„Vier Menschen?“
„Ja, wir brauchen einen Freiwilligen, der sich sehr gut in der Mine und
der Höhle auskennt und uns zu diesem See führen kann.“
„Hm, ich glaube, da weiß ich jemanden. Auf seine Freiwilligkeit würde
ich aber nicht bauen. Ich werde wohl ein paar Barren Silber springen lassen
müssen, um ihn zu überreden, in den sicheren Tod zu gehen. Er ist ein
geldgieriger kleiner Mann, aber der beste Kenner des Berges. Wann wollt
ihr einsteigen?“
„Morgen in der Frühe“, sagte Duna. „Wir müssen die Dämonenkreatur
schnell zur Strecke bringen, denn wir haben keine Zeit zu verlieren.“
Der König war müde. Die Aufgabe, ein Land nach innen und außen auf
einen Krieg vorzubereiten, forderte seine ganze Kraft. Das war in keiner
Weise vergleichbar mit der Herrschaft über eine Provinz. Als Lord von
Shoala hatte er viel Zeit für Müßiggang gehabt, aber auch Zeit nachzudenken und Pläne zu schmieden. Doch als Herrscher eines Reiches kamen
zahlreiche Aufgaben auf ihn zu. Der alte König Bredos hatte in seinen
letzten Jahren nicht mehr selbst regiert. Seine Berater hatten die Macht
unter sich aufgeteilt, sich bereichert und Vorteile verschafft. Dennoch war
das Land nicht ärmer geworden, keiner hatte Hunger leiden müssen. Aber
jetzt herrschten andere Zeiten, und Gadennyn war aus einem anderen Holz
geschnitzt als Bredos. Er hatte ehrgeizige Ziele und das Verlangen, die
Kontrolle über die Entwicklung allein zu behalten. Alles musste sich seiner
Vision von der Wiedervereinigung des Alten Königreiches unter seiner
Herrschaft unterordnen. Und das sollte erst der Anfang sein.
Aber er konnte sich nicht um alles kümmern und hatte sich dazu entschlossen, die Kriegsplanung mit Vorrang zu behandeln. Gadennyn beabsichtigte, die größte und am besten ausgerüstete Streitmacht aufzustellen,
die die Welt je gesehen hatte: größer als die, mit der Bredos im letzten
Krieg Orinokavo besiegt hatte, größer als die der Südländer, die dieses
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Land erobert hatten, ja, selbst größer als die des glorreichen Alten Königreiches zu seinen besten Zeiten. Diese Armee würde den von Trygar und
dem Schwarzen Orden befehligten erbärmlichen Haufen aus Wilden und
Herumtreibern hinwegfegen. In den letzten Wochen hatte der König täglich
mit General Winsten und dem Heeresstab konferiert, Boten zu den Fürsten
der Provinzen und Befehle an die Bürgermeister der Städte, an die kleinen
Ladadeligen und die Ritter mit eigenen Lehen geschickt. Jeder von ihnen
musste ihm Bewaffnete zur Verfügung stellen. Zusätzlich sandte er Rekrutierungsoffiziere aus, die durch das Land zogen und Freiwillige warben
oder Unwillige zum Dienst an der Waffe pressten. Diese zigtausend Menschen sammelten sich im Aufmarschgebiet an der Grenze zum nördlichen
Nachbarn und mussten eingekleidet, bewaffnet, gerüstet, versorgt und zum
größten Teil noch ausgebildet werden. Eine Eroberungsstrategie musste
entworfen, der Feldzug bis in die letzte Einzelheit geplant werden. Die
ersten Widerstände im Land bauten sich auf. Die, die den letzten Krieg
erlebt hatten, der auch von Koridrea viele Opfer gefordert hatte, waren
kriegsmüde. Menschen, die sich zuerst vom patriotischen Gedanken der
Wiedervereinigung und der Welle der Befürwortung des Krieges hatten
anstecken lassen, weigerten sich nun, da sie selbst betroffen waren, Haus,
Hof und Land zu verlassen. Manche Städte und kleine Landfürsten wollten
nicht das vom König befohlene Kontingent von Stadt- oder Burgsoldaten
abgeben, zumal sie deren Sold weiter bezahlen sollten, und gewisse einflussreiche Kräfte erhoben mahnend den Finger und stellten die Frage, ob
sich die Vereinigung des Reiches denn nicht auch durch friedliche Mittel
und Verhandlungen erreichen ließe. Retho Nassers Geheimdienstleute waren überall im Land unterwegs, um die Uneinsichtigen mit Geld oder Drohungen zur Raison zu bringen. Täglich berichtete er dem König über die
Stimmungen und Widerstände im Landesinnern, und gemeinsam berieten
sie, wie dagegen vorzugehen sei.
Trotz aller Schwierigkeiten lief es überraschend gut, und Gadennyn war
klar, dass es jetzt auch nicht viel schlechter stünde, wenn er die Zügel lockerer gelassen und die Planung, Strategien, teilweise auch die Entscheidungen fähigen Leuten wie Pratt, Winston und Nasser überlassen hätte.
Dann hätte er andere Dinge nicht so vernachlässigen müssen.
Der König fragte sich gerade, ob er in den letzten Wochen wirklich die
richtigen Prioritäten gesetzt hatte. Er musste in Ruhe darüber nachdenken,
deshalb befahl er den Wachen an seiner Tür, dafür zu sorgen, dass ihn für
eine Weile niemand störte.
Er legte sich auf seinen Diwan und schloss die Augen, lauschte in sich
hinein, lauschte den Stimmen in seinem Innern. Den früheren, den jungen
Athlan Gadennyn, die Person, die er war, bevor er das Amulett gefunden
hatte, gab es entweder nicht mehr, oder sie war so klein, so schwach und so
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tief begraben, dass er ihre Stimme nicht mehr hören konnte. Manchmal
träumte er von diesem früheren Selbst und fühlte für kurze Zeit nach dem
Aufwachen einen tiefen Verlust, doch dann übernahm die neue Persönlichkeit das Kommando, der König, der mächtige Herrscher mit seiner ehrgeizigen Vision, das Alte Reich in neuer Pracht und Blüte auferstehen zu lassen. Dieser Teil von ihm glaubte nicht, dass er das nur zu seinem eigenen
Nutzen, der Vergrößerung von Macht und Ruhm, anstrebte, sondern dass es
auch den Menschen des Westens zugute käme. Für dieses hehre Ziel war er
auch bereit, über Leichen zu gehen, notfalls über die von Tausenden. Dieser Teil seiner Persönlichkeit hatte in den letzten Tagen und Wochen sein
Handeln bestimmt, aber das dritte, das rätselhafte Selbst, das er von Semanius geerbt hatte, meldete sich nun mit Macht zurück. Dieses unbegreifliche Etwas, das einerseits ein Teil seiner Persönlichkeit geworden, andererseits etwas völlig Fremdes geblieben war, hatte eine zeitlang geschwiegen,
doch nun stellte es bohrende Fragen: Hatte Gadennyn etwa vergessen, was
das eigentliche Ziel war? Hatte diese dritte Persönlichkeit ihm nicht mit
aller Dringlichkeit klar gemacht, dass es um Magie, und nur darum ging,
um die alleinige Kontrolle über die magische Kraftquelle? Hatte er denn
nicht verstanden, dass die größte Gefahr von anderen Magiern ausging?
Wie viele von ihnen hatte er bis jetzt gefunden und vernichtet? Einen einzigen, den Schwarzen Abt! Er hatte die Kontrolle über die anderen verloren, ja genau genommen, wusste er noch nicht einmal, wo sie sich befanden! Harold war verschwunden. Zugegeben, er war der unwichtigste und
kein würdiger Gegner. Aber da waren noch Trygar und das geheimnisvolle
Mädchen und die anderen Mitgliedern des Schwarzen Ordens. Wie viele
der Schwarzen Brüder waren ebenfalls Magier?
Er hatte den Adler verloren, das war inzwischen gewiss. Und er würde
nicht die Zeit finden, noch einmal ein solches Tier zu schaffen. Und was
war mit den anderen Geschöpfen, die er ausgesandt hatte, um Trygar und
seine Gefährten umzubringen? Der Tiger hatte wahrscheinlich einige Männer mit in den Tod genommen, aber Trygar, das Mädchen und die meisten
der Schwarzen Brüder, die sie begleiteten, lebten noch, das hatte er mit den
Augen des Adlers gesehen. Der Bär und der Wolf hatten versagt. Sie waren
in Orinokavo getötet worden. Der Bericht hatte Gadennyn schon vor Tagen
erreicht, aber er hatte nicht über die Konsequenz nachgedacht. Es waren
nur noch zwei seiner Kreaturen übrig: die Hyäne und der Mann Orec. Er
setzte alle seine Hoffnungen auf sie. Wenn sie versagten, dann gab es nur
noch eines: er musste seinen Gegnern persönlich gegenübertreten. Gadennyn in der Person des Königs hatte keinen Zweifel daran, dass er seine
Feinde mit Leichtigkeit besiegen würde. Die Macht seiner Magie übertraf
die ihre um ein Vielfaches, aber der dritte, rätselhafte Teil seiner Persön-
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lichkeit, den er Semanius nannte, schien Angst vor dieser Konfrontation zu
haben, große Angst.
Gadennyn vertraute darauf, dass seine Kreaturen ihren Auftrag erfüllen
würden, denn sie waren weitaus stärker als die, die versagt hatten. Orec war
einzigartig, der beste und tödlichste Kämpfer, den die Welt je gesehen
hatte. Trygars Magie würde dem Jungen nichts nützen, denn er hatte Orec
einen besonderen Schutzschild gegen sie mitgegeben. Wenn Orec Trygar
erreichte, würde der Junge die Begegnung nicht überleben, das stand fest.
Die Hyäne verfügte nicht über einen solchen Schutz, aber sie hatte andere
Vorzüge. Sie war zwar nicht unsterblich, doch nur sehr schwer zu töten.
Gadennyn hatte ihr einen winzigen Teil seiner magischen Kraft eingepflanzt, eine Magie der Heilung. Wenn ihr Wunden beigebracht würden,
die nicht sofort zu ihrem Tod führten, dann würde sie selbst von den
schwersten Verletzungen genesen, wenn sie eine noch lebende Beute fraß.
Das Leben, das ihr Opfer verließ, strömte dann in sie ein und beschleunigte
die Heilung auf magische Weise. Innerhalb weniger Stunden könnte sie
sich so von den schlimmsten Verletzungen erholen. Als er sie in der Grotte
‚behandelt’ und umgeformt hatte, hatte er ihr auch den Instinkt eingegeben,
sich wie ein Eichhörnchen, das sich auf den Winterschlaf vorbereitete,
Vorräte anzulegen. Vorräte lebenden Fleisches.
Nur, wo war sie? War sie überhaupt noch am Leben? Wo war Orec?
Würde er Trygar finden? Fragen, die sein drittes Ich immer lauter und fordernder stellte. Der König konnte sie nicht beantworten, und so verlangte
der, den er Semanius nannte, dass er für den Fall des Versagens seiner
Kreaturen einen alternativen Plan ersinnen sollte.
Lange überlegte Gadennyn, und dann kam ihm endlich eine Idee. Sollten
alle anderen Pläne versagen, so würde er Trygar und seine Gefährten in
eine Falle locken. Diese Falle würde er in der Felsenkammer seiner Burg in
der Nähe von Shoal aufstellen. Sie würde tödlich für seine Feinde sein und
für ihn selbst nicht das geringste Risiko bedeuten. Er hielt mit der beunruhigten Stimme von Semanius in seiner Persönlichkeit Zwiesprache und
erläuterte ihm den Plan. Und danach schlief er beruhigt ein. Sein letzter
Gedanke, bevor ihn der Schlaf übermannte, war, dass er jetzt die Bedrohung durch Trygar und die anderen Magier für eine Weile vergessen und
sich wieder der Kriegsplanung widmen konnte.
Ihr Führer Ezan, ein drahtiger, kleiner Mann unbestimmbaren Alters mit
sanften Rehaugen, grinste. Seyn und Legis, die sonst einander glichen wie
ein Ei dem anderen, waren heute gut zu unterscheiden: der eine war blass
wie ein Leichentuch, das Gesicht des anderen besaß die rosige Farbe der
Schwarte eines Hausschweins. Beide fühlten sich ganz offensichtlich nicht
wohl in ihrer Haut, genau so wie Duna, die sich an dem Rand des Trans-
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portkorbes festkrallte, als ginge es um ihr Leben, was in gewisser Weise ja
auch richtig war, denn sie dachte, jeden Moment müsse die Trosse reißen,
der Schlitten aus dem Führungsseil springen oder sonst etwas Schlimmes
geschehen. Die Gondel hatte gerade den Zwischenträger passiert und war
dabei über dessen Rolle gelaufen. Seitdem schwankte sie wie eine Nussschale von Kahn bei hoher See, zusätzlich aufgeschaukelt durch einen beißenden, böigen Wind, der dicke Schneeflocken wie Geschosse in ihre Gesichter peitschte. Duna war nur froh, dass der Nebel so dicht war, dass sie
nicht weit nach unten schauen konnte, in diesen klaffenden Abgrund, der
sich dort auftat.
Die Gondel war kein Korb, wie man aus der Ferne hatte vermuten können, sondern eine verschalte Holzkonstruktion von fünfzehn Fuß Länge
und sechs Fuß Breite mit zwei Abteilungen. Die hintere war sieben bis acht
Fuß tief, diente als Ladebehälter für das Erz, besaß an ihrer tiefsten Stelle
eine nach außen zu öffnende Klappe, durch die sie in der Talstation entleert
werden konnte. Der Abraum fiel dann auf eine Rutsche, die direkt in die
Schmelzhütte führte. Der Laderaum war jetzt natürlich leer, denn sie fuhren
ja hinauf. Die vordere Abteilung der Gondel besaß einen viel höher gelegenen Boden. Sie war für den Personentransport gedacht und bot acht bis
zehn Bergleuten Platz. Jetzt waren sie nur zu viert.
Langsam nahmen die Pendelbewegungen ab, und die Gesichtsfarben der
Zwillinge glichen sich in gleichem Maß aneinander an. Duna lockerte ihre
verkrampften Finger und atmete tief die kalte Bergluft ein. Ezan hatte ihnen erzählt, dass es erst drei Jahre her war, seit sich der letzte, tödliche
Unfall mit der Seilbahn ereignet hatte: Das vereiste Zugseil war aus der
Führungsrolle gesprungen, und die Seilbahn war angehalten worden. Um
die Passagiere zu retten, beschloss die Bergwerksleitung, den Antrieb wieder einzukoppeln, aber das Zugseil hielt der Belastung nicht stand und riss,
wonach die Gondel, der Schwerkraft folgend, am Tragseil zu Tal raste und
an der Innenwand des Stationsgebäudes zerschellte. Dennoch, so meinte er,
sei die Seilbahn relativ sicher. Seit ihrem Bestehen seien erst vierzehn
Menschen durch sie zu Tode gekommen. Im gleichen Zeitraum hätten über
siebzig Bergleute in der Mine den Tod gefunden, durch einstürzende Stollen, Wassereinbrüche und andere Unfälle, ganz zu schweigen von den
Hunderten, die an Erschöpfung, Kälte und Krankheiten umgekommen seien.
Duna und ihre Begleiter waren froh, als sie endlich die Bergstation erreichten und die Mine betreten konnten. Dort standen schon die Loren mit
Abraumgut, mit dem die Gondel gleich gefüllt werden würde. Ezan führte
sie in den Hauptstollen. In einem von dort abgehenden Ausrüstungsmagazin gab er jedem eine Grubenlampe, ein aufgerolltes Seil, ein Deckenbün-
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del für die Nacht, einen Wasserschlauch und einen Rucksack. Sie packten
die Säcke mit Lebensmitteln, Lampenöl und anderen Utensilien voll.
„Es kann sein, dass wir Tage unterwegs sind. Hier oben in der Mine
werden wir nichts finden. Die Wachen wurden verdoppelt. Niemand darf
sich mehr allein durch die Stollen bewegen. Ich wage zu bezweifeln, dass
das Monster sobald noch einmal angreifen wird. Wenn es Hunger hatte,
dann dürfte der für die nächsten Tage gestillt sein, so viel Beute hat es bei
seinem letzten Überfall gemacht. Wir steigen hinab in die alten Teile des
Bergwerks, und von dort aus gehen wir in das natürliche Höhlensystem, wo
die Kreatur irgendwo hausen muss. Ich hoffe wirklich sehr, dass ihr diesem
Wesen gewachsen seid, denn ich möchte noch nicht sterben.“
Stundenlang ging es abwärts, immer tiefer in das alte Minensystem hinein. Auch wenn Ezan vermutlich Recht damit hatte, dass der Dämon sie
erst angreifen würde, wenn sie sich seinem Versteck näherten, waren sie
auf der Hut. Die Schwarzen Kämpfer hielten ihre Grubenlampen in der
einen, die Kampfstäbe in der anderen Hand. Ihr Führer, der wortkarg vorausging, trug einen gewaltigen Speer mit einer messerscharf geschliffenen,
fußlangen Spitze vor sich her, an dessen Schaft seine Lampe baumelte.
Irgendwann hatten Duna, Seyn und Legis jedes Zeitgefühl verloren. Sie
wussten nicht, ob es Tag oder Nacht war. Schließlich gab Ezan das Zeichen, das Lager aufzuschlagen. Sie zogen sich in einen kleinen Höhlenraum zurück, der nur einen engen Zugang besaß, der zum Stollen führte.
Auf diese Weise hatten sie den Rücken frei und brauchten nur eine Wache
aufzustellen, die den Eingang absicherte. Sie aßen etwas und tranken Wasser aus ihren Schläuchen. Danach schien niemand Lust zu haben, sich in
seine Decken zu rollen und zu schlafen. Die Nervosität hielt sie wach. Seyn
versuchte, Ezan auszufragen. Warum kannte er sich in der Mine so gut aus?
Warum hatte er diese gefährliche Aufgabe übernommen? Wie viel hatte
ihm der dicke Lord Ronno bezahlt? Was wusste er über die Überfälle? Ihr
Führer wich den bohrenden Fragen eine zeitlang aus, aber der Schwarze
Kämpfer konnte stur sein. Legis unterstützte seinen Bruder dabei. Schließlich seufzte Ezan und sagte:
„Ihr werdet wohl keine Ruhe geben, bis ich eure Fragen beantwortet habe. Also schön. Ich werde euch von mir erzählen, wenn ihr mir im Gegenzug sagt, wer ihr eigentlich seid und was ihr wirklich wollt. Ich glaube
kaum, dass Ecthar euch Geld dafür bezahlt, die Kreatur zu töten. Es geht
um einen anderen Handel, nicht wahr?“
Also erzählte ihm Duna vom Lordmagier Semanius, der im Körper des
Königs von Koridrea wiedergeboren war, von dessen Absicht, die Welt
unter seine Herrschaft zu bringen, davon, dass das Geschöpf in der Mine
eines von denen war, die er ausgesandt hatte, um Angst und Schrecken zu
verbreiten, vom bevorstehenden Krieg und der Schwarzen Armee, die dem
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Heer Gadennyns entgegentreten wollte. Sie berichtete Ezan von dem Handel, den sie mit Ecthar abgeschlossen hatten: den Tod des Monsters gegen
fünfhundert Soldaten für ihre Armee.
Ihr Führer konnte kaum glauben, was er eben gehörte hatte. Er stellte
viele Fragen, die ihm die anderen geduldig und ausführlich beantworteten.
Dann war seine Neugier für erste befriedigt, und er begann mit seiner Erzählung:
„Schon mein Großvater und mein Vater haben in der Mine gearbeitet.
Von klein auf wurden mein Bruder und ich auf dieses Leben vorbereitet.
Wir hatten nie die Wahl, etwas anderes daraus zu machen. Und wir hassen
es beide. Mein Vater starb, als er fünfunddreißig war, das ist für Bergleute
ein normales Alter zum Sterben. Nur wenige erleben ihren vierzigsten oder
gar fünfzigsten Geburtstag. Die Arbeit hart zu nennen, wäre mehr als untertrieben, sie ist Knochenschinderei und wird sehr schlecht bezahlt. Viele der
jüngeren Bergleute hoffen, dass sie eines Tages hier herauskommen und
ein normales Leben führen können. Die älteren, das sind die, die sich zehn
Jahre und mehr geschunden haben, sind inzwischen abgestumpft und leer.
Sie haben keine Ziele und Wünsche, keine Pläne und Hoffnungen mehr,
mit Ausnahme der einen: den nächsten Tag zu überleben. Hosan, mein
Bruder, er ist zwei Jahre jünger als ich, wollte sich nicht mit diesem
Schicksal abfinden. Er wollte weg von hier. Doch wohin? In der Silberstadt
unten gibt es keine Arbeit. Die Minengesellschaft verschließt uns Bergleuten alle Möglichkeiten, denn wenn es welche für uns gäbe, würden wir in
Scharen davonlaufen. Zu den Gesetzlosen? Mein Bruder strebte kein dauerhaftes Leben unter Banditen und Mördern an. Zu einer der Städte? Ihr
kommt gerade aus Codae und wisst, dass die, die mittellos dort stranden,
keine Aussicht auf Arbeit haben und zu Obdachlosen und Bettlern werden.
Deshalb beging Hosan ein Verbrechen, das schlimmste von allen in den
Augen ‚König’ Ronnos und seiner korrupten Gesellschafter. Er stahl Silber,
um ein neues Leben beginnen zu können. Sie fassten ihn, warfen ihn ins
Gefängnis und verurteilten ihn anschließend zu lebenslänglicher Zwangsarbeit. Er muss – wie Hunderte anderer Fronarbeiter – an sieben Tagen in
der Woche zwei Schichten statt einer arbeiten, oft an den gefährlichsten
Stellen im Bergwerk. Die Opfer der Bestie, die Toten und Verschleppten,
waren überwiegend Zwangsarbeiter, schlecht geschützt und natürlich unbewaffnet. Und sie müssen jetzt noch härter arbeiten, seit viele der bezahlten Bergleute die Mine trotz der ungewissen Zukunft aus Angst vor dem
Monster verlassen haben. Sie werden vermutlich alle zurückkehren, sobald
sie hören, dass wieder Sicherheit eingekehrt ist, aber die Sträflinge unter
den Bergleuten haben diese Wahl nicht. Ihr Leben würde auch kaum besser, wenn die Kreatur besiegt wäre. Für sie gibt es nur zwei Auswege: den
Tod oder den Freikauf. Als Leibeigene der Minengesellschaft können sie
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nämlich ausgelöst werden, aber die Summe ist so hoch, dass ihre Familie
sie normalerweise nicht aufbringen kann. Und das ist auch der Grund, warum ich mit euch gehe und mein Leben riskiere: ich habe von Ronno einen
Betrag verlangt, mit dem ich meinen Bruder frei kaufen kann.“
Die drei Mitglieder des Ordens waren betroffen vom harten Schicksal
der Bergleute, insbesondere der Zwangsarbeiter unter ihnen, und sie wollten Ezan versprechen, mit Ronno über eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu reden, aber ihr Führer winke ab. „Ihr werdet nichts erreichen“, sagte er. „Es war schon vor hundert Jahren so und wird auch in hundert Jahren noch so sein. Es hat Aufstände und Streiks gegeben, doch
nichts hat sich geändert. Der Gemeinschaftsgeist unter den Arbeitern ist
seit langem gestorben. Jeder ist jetzt nur noch sich selbst der Nächste. Nur
Familienmitglieder versuchen sich noch zu helfen, so wie ich meinem Bruder. Alle anderen sind mir gleichgültig. Lasst sie doch vor die Hunde gehen.“
Seine Bitterkeit machte Duna traurig, aber sie konnte sie verstehen. Es
gab mehr Ungerechtigkeit auf der Welt, als sich ein einzelner Mensch vorstellen konnte. Sie hätte gerne dagegen gekämpft, aber es war einfach zuviel. Methor und Lorth versuchten gerade in Codae, Frieden zwischen der
Stadt und den Gesetzlosen zu stiften, sie und die Zwillinge jagten eine
Dämonenkreatur, um das Morden in der Mine zu beenden, wo doch die
wichtigste Aufgabe von allen, nämlich Semanius unschädlich zu machen,
noch vor ihnen lag. Konnten sie dann auch noch für die Rechte der Minenarbeiter kämpfen? Nein, beschloss sie, dass geht über unsere Kräfte. Mit
diesem Problem müsst ihr selbst fertig werden.
Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem kleinen Mann mit den
sanften Augen zu. Der erzählte gerade, wieso er sich unter Tage so viel
besser auskannte als viele andere, die hier arbeiteten.
„Ich hasse die Mine, diese hässlichen Stollen und Gänge, die der Mensch
in den Berg getrieben hat, das wisst ihr ja. Aber es gibt einen anderen Teil
in seinem Innern, den ich liebe: die Höhlen. Mein Vater führte mich vor
vielen Jahren dorthin, weit hinab unter die Bergwerke, zeigte mir ihre ganze Pracht und Schönheit, genauso wie sie ihm einst sein Vater gezeigt hatte. Mein Großvater hatte die Höhlen entdeckt. Er fand dort wunderschöne
Steine, keine Schätze wie Rubine, Smaragde und Diamanten, sondern nur
Bergkristalle und Halbedelsteine, aber von auserlesener Schönheit und
Größe. Und das Beste war: sie gehörten nicht der Minengesellschaft. Es
war kein Verbrechen, sie zu finden und zu verkaufen. Natürlich gaben sie
ihm nicht viel dafür, aber immerhin soviel, dass er ein gutes Auskommen
für sich und seine Familie hatte. Mein Vater versuchte es ihm nachzutun,
aber er hatte weniger Finderglück, ebenso wie mein Bruder und ich. Dennoch streiften wir oft in den Höhlen herum, immer auf der Suche nach
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einem außergewöhnlichen Edelstein, bisher vergeblich. Es hat uns nicht
viel eingebracht, außer vielleicht die Liebe zur Natur, denn wir waren an
Orten, deren Schönheit man nicht beschreiben kann: Tropfsteinhöhlen wie
Tempelkammern mit Säulengängen, Balustraden, Behängen aus papierdünnem Stein, die mit ihren fließenden Falten wie Vorhänge aus Samt oder
Seide aussehen, gefrorene Wasserfälle mit weiß schäumender, erstarrter
Gischt, spiegelglatte Seen, in denen sich die hängenden Tropfsteine wie
aufgestellte Palisaden spiegeln. Und überall glitzern Kristalle im Licht
deiner Lampe. Die meisten sind wertlos, doch in ihren Facetten brechen
sich die Strahlen zu funkelnden Regenbogenfarben. Aber ihr werdet es ja
selbst sehen, falls wir lebend dorthin kommen.“
Mit diesen letzten Worten veränderte sich seine Miene. Seine Mundwinkel sanken herab, der Blick senkte sich, als würde er sich in ein unvermeidliches Schicksal fügen, das ihnen bevorstand.
„Du glaubst nicht, dass wir es schaffen, oder?“, fragte ihn Legis, der Ezans Gesichtsausdruck als Fatalismus deutete.
„Nein, und wenn ihr dieses Wesen gesehen hättet...“
„Du hast es gesehen?“ Duna war aufgesprungen. „Lord Ronno hat uns
gesagt, dass keiner die Begegnung mit dem Monster überlebt hätte!“
„Er weiß nichts davon. Ich habe bisher niemandem außer euch davon erzählt. Es war bei dem letzen Überfall vor zwei Tagen. Ein Minenarbeiter,
ein Freund von mir, wurde krank. Es ist hier nicht einfach für jemanden,
der erkrankt. Wenn er zu einer Schicht nicht antritt, zieht man ihm den
Lohn ab, bis ihm ein Arzt bestätigt, dass er arbeitsunfähig ist. Aber die
Ärzte in der Silberstadt sind überlastet. Es kann Tage dauern, bis das geschieht. Mein Freund hat mich deshalb gebeten, seine Schicht inoffiziell zu
übernehmen. Er hoffte, es würde ihm am nächsten Tag wieder besser gehen. Die Minengesellschaft weiß nichts davon. Mein Name steht nicht auf
der Liste des Schürftrupps, der an diesem Tag von dem Dämonenwesen
überfallen wurde.
Ein Dutzend Soldaten beschützte uns, und wir fühlten uns deshalb sicher, obwohl wir in einem abgelegenen Stollen arbeiteten, weit vom Mineneingang entfernt. Der Alptraum von einer Kreatur fiel so plötzlich über
uns her, dass die Soldaten kaum Zeit hatten, zu den Waffen zu greifen. Die
meisten von uns versuchten zu fliehen, und einige wenige traten der Bestie
entgegen. Ich tat das einzig Vernünftige: Ich versteckte mich in einem
dunklen, engen Felsspalt, hielt den Atem an und versuchte mich unsichtbar
zu machen. Aus meinem Versteck konnte ich das Grauenvolle beobachten.
Sie ignorierte die Schwerter und Speere, stürzte sich mitten hinein in die
kleine Gruppe der Todesmutigen und zeigte ihnen schnell, dass ihr verrückter Mut tatsächlich zum Tode führte. Sie wurde dabei selbst schwer verletzt. Ich sah mehrere klaffende Wunden, aus denen sie heftig blutete.
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Nachdem sie die fünf Soldaten, die sich ihr entgegen gestellt hatten, umgebracht hatte, wandte sie sich den anderen zu, die in panischer Angst zu
fliehen versucht und dabei ihren Verstand ausgeschaltet hatten. Sie waren
vom Ort des Kampfgeschehens weg in das tote Ende des Stollens gerannt,
dort wo sich die Bergleute zusammengerottet hatten und wie gelähmt auf
ihr Schicksal harrten. Einige der Soldaten, die zu fliehen versucht hatten,
warfen ihre Waffen fort, krochen in den Schatten und schrieen wie am
Spieß. Sie waren verrückt geworden. Der Dämon sammelte ihre Leben
eines nach dem anderen ein. Die übrigen Soldaten scharten sich noch einmal um ihren Offizier und versuchten einen Gegenangriff, den alle mit dem
Leben bezahlten. Wieder erlitt die Bestie Verletzungen, die ich für tödlich
hielt. Ein Schwerthieb hatte ihr ein Vorderbein halb abgetrennt, ein Speerstoß war ihr tief in die Eingeweide gefahren. Aber sie humpelte auf drei
Beinen zu den zusammengekauerten Bergleuten und töte die meisten, andere jedoch verwundete sie nur schwer. Sie biss ihnen einen Arm oder ein
Bein ab. Vier Männer lagen schreiend auf dem Boden des Stollens und
wanden sich in unsäglichen Schmerzen. Mitten zwischen diesem Elend
legte sich die Kreatur nieder und schloss die Augen. Jetzt stirbt sie, dachte
ich. Aber kurz darauf erhob sie sich und wankte zu einem ihrer Opfer.
Dann begann sie den Mann bei lebendigem Leib aufzufressen. Dieses grauenvolle Erlebnis werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Ich zog meinen Dolch und schwor mir, ihn in mein Herz zu stoßen, sollte sie mich
entdecken. Aber sie sah mich nicht.“
„Wie sah diese Kreatur aus?“, unterbrach ihn Seyn.
„Wie ein riesiger Wolf oder Hund, und doch ganz anders. Ihre Vorderbeine sind viel länger als die Hinterläufe. Sie hat tückische gelbe Augen,
ein gewaltiges, grinsendes Gebiss und ist so groß wie ein Schlachtross.“
„Hm, das erinnert mich an eine Abbildung, die ich in einem Buch im
Kloster gesehen habe: ein Raubtier und Aasfresser aus den Südlanden. Ich
glaube, man nennt es Hyäne.“
Auch Duna hatte von dem Tier gehört. Ezan berichtete weiter:
„Gut, nennen wir die Kreatur so. Ich blieb also in meinem Versteck, darauf gefasst, mich selbst zu töten, und beobachtete die Hyäne, wie sie einen
Mann, den ich gut kannte, bei lebendigem Leib auffraß. Ich will euch die
Einzelheiten ersparen. Es war grauenvoll. In gewisser Weise noch schlimmer war aber, was dabei geschah: Die klaffenden Wunden der Dämonenhyäne hörten auf zu bluten und begannen, sich zu schließen. Es schien, als
genese sie beim Fressen von ihren Verletzungen. Als ihr Opfer tot war, ließ
sie von ihm ab und wandte sich einem anderen zu. Der Mann lebte ebenfalls noch, hatte aber das Glück, ohnmächtig zu sein. Sie fraß ihn auch,
jedoch nur solange, bis sein Brustkorb sich nicht mehr hob und senkte.
Sobald er tot war, ließ sie von ihm ab. Zwei Verletzte waren noch übrig.
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Ich konnte das Grauen nicht mehr ertragen und schloss die Augen, als sie
sich dem nächsten zuwandte. Dessen Schreie wurden leiser, so als ob das
Opfer wegkröche. Ich öffnete die Augen wieder und sah, dass die Hyäne
den verletzten Mann am Bein gepackt hielt und davonschleifte. Nach einer
Weile hörte ich nichts mehr. Doch ich traute mich nicht, aus meinem Versteck herauszukommen. Der einzige Fluchtweg war der Weg, den die Hyäne genommen hatte. Ich konnte ihr direkt in die Fänge laufen, falls sie zurückkehrte. Nach etwa einer Stunde verließ ich dann doch den engen Felsspalt, in dem ich mich verborgen hatte und ging zu dem letzten Schwerverletzten hinüber, aber der war inzwischen gestorben. Da rannte ich los.
Nun, wie ihr seht, bin ich noch am Leben. Sie ist also nicht zurückgekommen. Statt meines Namens steht jetzt der meines Freundes auf der
Vermisstenliste. Doch er ahnt nichts davon. Er liegt immer noch zu Hause
in seinem Bett, ist wohl schwerer erkrankt, als er dachte. Er wundert sich
wahrscheinlich, warum ich noch nicht bei ihm aufgetaucht bin. Ich verstehe
es selbst nicht, aber ich wollte einfach niemandem erzählen, dass ich die
Begegnung mit der Bestie überlebt habe. Irgendwann werden sie es herauskriegen, spätestens, wenn mein Freund wieder zum Dienst erscheint. Dann
werden mich Ronnos Leute ins Verhör nehmen. Sie sind misstrauisch.
Ronno glaubt ständig an Verschwörungen und böse Mächte. Er beherrscht
mindestens sechs Zaubergesten gegen den bösen Blick, obwohl er angeblich nicht an Magie glaubt. Natürlich wird er denken, dass ich mit der Kreatur im Bunde stehe, besonders deshalb, weil ich die Begegnung mit ihr
verschwiegen habe.“
Duna sah ihn ungläubig an.
„Ich kann nicht verstehen, dass du uns begleitest, nach allem, was du erlebt hast. Das zeugt von großem Mut. Warum tust du das, Ezan?“
„Nun, ich sagte euch ja, dass ich meinen Bruder freikaufen will. Aber
natürlich gibt es auch andere Gründe. Einer davon ist, dass ich dieses Wesen hasse wie nichts auf der Welt. Es ist so abgrundtief böse! Ich will es tot
sehen. Ein anderer Grund ist, dass ihr Magier seid und deshalb vielleicht
eine kleine Chance gegen diese Ausgeburt der Unterwelt haben mögt. Aber
ohne mich würdet ihr sie nicht finden, jedenfalls nicht, wenn sie es nicht
will. Und ohne meine Kenntnisse über sie wäret ihr stark im Nachteil. Jetzt
wisst ihr eines: Die Bestie hat offenbar magische Kräfte. Sie ist vielleicht
nicht unsterblich und auch nicht unverwundbar, aber sie genest von tödlichen Verletzungen, indem sie lebendiges Fleisch frisst. Viele Menschen
sind nach ihren Überfällen spurlos verschwunden. Ihr wisst jetzt warum.
Sie hat sie verschleppt, um einen Vorrat anzulegen, von dem sie zehren
kann, wenn sie verwundet wird. Einige von ihnen sind vielleicht noch am
Leben.“
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In dieser Nacht schlief Duna kaum. Einmal, als sie in einen unruhigen
Schlummer gefallen war, erwachte sie wieder von einem leisen Stöhnen
und Wimmern. Es war Ezan, der sich in einem furchtbaren Alptraum wand.
Voll Mitleid blickte sie ihn an. Wie kann ein Mensch nur soviel ertragen,
fragte sie sich.
Am Mittag des nächsten Tages (jedenfalls behauptete Ezan es sei Mittag;
für die anderen hätte es genauso gut Abend sein können, sie hatten jegliches Zeitgefühl verloren), stiegen sie durch einen uralten Entwässerungsschacht des ersten Bergwerks, der seit Jahrhunderten nicht mehr genutzt
worden war, an zwei zusammengebundenen Seilen hinab in die Tiefe und
erreichten eine Felsengrotte, einen Teil des natürlichen Höhlensystems. Sie
folgten einem Kriechgang, den sie auf dem Bauch liegend überwanden,
und betraten eine weitere Kammer. Ezan hatte Recht. Die Höhlen waren
wunderschön. Doch sie zu bewundern, blieb keine Zeit. Ihr Führer sagte
etwas von einer Abkürzung zu dem Teil, in dem er die Bestie vermutete.
Der andere Weg sei zwar weniger beschwerlich, ohne Kletterpartie an Seilen und ohne Kriechen zu bewältigen, aber auch erheblich weiter. Sie würden sich die bequeme Route für den Rückweg aufsparen. Jetzt aber sollten
sie sich beeilen, um einen taktischen Vorsprung zu gewinnen. Er wollte sie
an eine Stelle führen, wo sie einen Hinterhalt legen konnten. Aber die vier
Menschen ahnten nicht, dass sie längst entdeckt waren.
Die Hyäne spürte die fremde Präsenz, und dieses Gefühl weckte Erinnerungen in ihr, Bilder, die sie fast vergessen hatte. Plötzlich tauchten sie
wieder auf: Eindrücke von Zweibeinern in langen, dunklen Gewändern, die
Gesichter durch Kapuzen verhüllt, in den Händen bedrohlich wirkende
Stangen mit Kugeln an den Enden: die schwarzen Feinde. Einer von ihnen
war noch ein Junge, aber gleichwohl der gefährlichste, die Beute, die ihr
der Meister befohlen hatte zu jagen. Doch die Zeit unter der Erde hatte die
Bilder verblassen lassen. Sie war ein Wesen der Finsternis, und es störte sie
nicht, dass es hier unten so dunkel war, dass selbst ihre Nachtaugen versagten. Sie konnte sich auf ihren unglaublichen Orientierungssinn, auf ihre
Nase und ihr Gehör verlassen. Sie fand immer wieder zu ihrer Höhle am
See zurück, wo sie es sich zwischen den Gebeinen und dem verwesenden
Fleisch ihrer Opfer behaglich eingerichtet hatte. Aber jetzt nagte die Unruhe in ihr, ein unterbewusstes, bohrendes Gefühl. Wenn sie über einen
menschlichen Verstand verfügt hätte, wäre dieses Gefühl ins Bewusstsein
emporgestiegen, um sich als schlechtes Gewissen auszudrücken: Sie hatte
den Befehl des Herrn missachtet und ihre Pflicht vergessen. Hatte er die
Feinde zu ihr gesandt, um sie zu bestrafen, oder um ihr eine letzte Frist zu
gewähren? Einerlei, sie musste sich ihnen stellen.
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Doch obwohl diese Kreatur auf tierische Weise schlau und verschlagen
war, verfügte sie nicht über die Fähigkeit zu denken. Gleichwohl trieb sie
die Unruhe vorwärts. Instinktiv machte sie sich auf, um den schwarzen
Feinden gegenüberzutreten.
Ein leichter, feuchter Höhlenwind wehte ihnen aus der Tiefe entgegen und
ließ sie frösteln. Ezan führte sie durch ein Labyrinth von krummen und
gewundenen Gängen, die sich verzweigten wie ein Geflecht von Adern. Er
erklärte Duna und den Zwillingen gerade, dass sie den leuchtenden unterirdischen See bald erreichen würden, als er plötzlich inne hielt.
„Riecht ihr das?“
Duna schnupperte und nahm schwach einen strengen Tiergeruch wahr.
Auch Seyn und Legis spürten ihn.
„Diesen Gestank werde ich mein Lebtag nicht vergessen, er kommt direkt aus der Unterwelt. Die Hyäne! Sie ist irgendwo vor uns.“
Sehr vorsichtig gingen sie weiter. Der Wind trug ihnen die tierische Ausdünstung entgegen, die von Augenblick zu Augenblick stärker wurde.
„Verdammt, sie kommt auf uns zu!“ Seyns Stimme klang gepresst, und
sein Atem ging schwer, als er leise flüsterte. „Hier sind wir ihr hilflos ausgeliefert. Es ist zu eng, um mit den Stäben zu kämpfen, und Duna kann ihre
Feuermagie in diesem gewundenen Gang, wo es bis zur nächsten Biegung
höchstens drei Schritte weit ist, auch nicht einsetzen, ohne uns alle zu
verbrennen. Wir brauchen Platz und freie Sicht, wenn wir dem Dämon
entgegentreten müssen!“
„Rasch, folgt mir“, sagte Ezan und drehte sich um, um in die Richtung
zurückzulaufen, aus der sie gerade gekommen waren. Kurze Zeit darauf
standen sie in einem der merkwürdigen Knoten, in denen die gewundenen
Gänge von Zeit zu Zeit zusammentrafen. Hier gab es eine Abzweigung, die
steil nach oben führte. Sie folgten ihr. Die Decke wurde allmählich niedriger, und bald konnten sie nur noch gebückt gehen. Der Gang wurde immer
breiter und flacher, erweiterte sich schließlich zu einer waagerechten Spalte, die kaum einen Fuß hoch war. Auf dem Bauch krochen sie hinein. Etwa
sechzig Fuß weiter erweiterte sich die flache Spalte zu einer niedrigen Höhlenkammer. Sie konnten wieder aufrecht stehen.
„Jetzt seid leise und löscht die Lichter“, flüsterte Ezan. Sie taten es und
lauschten in die Stille. Nach einer Weile glaubte Duna, ein entferntes
Schnüffeln zu hören. Die Hyäne hatte den Eingang des Spalts erreicht und
konnte nicht weiter. Sie war viel zu groß, um hindurchzuschlüpfen. Ein
bösartiges Grollen voll unterdrückter Wut erklang, und der Gestank nach
Raubtier, Aas und Fäulnis verschlug ihnen den Atem. Dann Stille. Der
Geruch verschwand wieder.
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„Sie ist weg“, sagte Ezan leise. „Aber wir können nicht zurück. Sie wird
diesen Weg bewachen. Ich werde euch auf einem anderen Weg zum See
führen. Aber zuerst warten wir noch eine Weile und lassen das Licht gelöscht. Seid weiterhin still. Wir wollen sie nicht zurücklocken. Ruht euch
jetzt ein wenig aus.“
Sie legten sich auf den sandigen Boden. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Duna konnte die anderen nicht sehen, aber ihre ruhigen Atemzüge hören. Sie drehte sich zur Seite, um eine bequeme Lage zu finden
und schaute dabei tiefer in die flache Kammer hinein. In der schwarzen
Finsternis tauchten schwach farbige Fäden, Punkte und Flecke auf, diese
seltsamen Erscheinungen, die einem das Auge bei absoluter Dunkelheit
vortäuscht. Dass sie nicht real sind, kann man ohne weiteres daran erkennen, dass sie sich mitbewegen, wenn man die Blickrichtung ändert. Aber
Duna stellte überrascht fest, dass einer der Flecke an Ort und Stelle blieb,
als sie den Kopf ein wenig bewegte. Sie schaute genauer hin. Ihre Augen
hatten sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt, und sie erkannte einen
schwachen, grünlichen Lichtschimmer. Er schien direkt aus der Erde zu
kommen. Sollte sie es den anderen sagen? Vielleicht spielten ihre Augen
ihr aber auch einen Streich. Nein, sie würde erst nachsehen. Sie stand auf
und ging auf das Licht zu. Der weiche Sand dämmte das Geräusch ihrer
Schritte, sodass ihre Gefährten nicht bemerkten, dass sie sie verließ.
Die tiefe Stille und absolute Dunkelheit hatten Seyn für einen Augenblick eindösen lassen, doch jetzt schreckte er hoch. Er hatte ein kurzes
Beben gefühlt, so als ob sich der Boden verschoben hätte.
„Habt ihr das auch gespürt?“, flüsterte er leise. Legis und Ezan antworteten fast gleichzeitig mit Ja.
„Und du, Duna?“
Stille.
„Duna?“, fragte Legis ein wenig lauter.
Ihre Stimme kam aus ein paar Schritten Entfernung.
„Ich bin hier. Seht mal, da ist ein Loch im Boden, aus dem Licht scheint.
Ich will nur kurz hineinschauen. He, ich glaube…“
Ein berstendes Krachen, ein Schrei und kurz darauf ein lautes Platschen.
Plötzlich sahen die drei Männer deutlich einen hellen Lichtschein aus dem
Boden kommen.
„DUNA!“, schrie Seyn, stand auf und wollte zu der leuchtenden Öffnung
rennen, die sich nur ein paar Schritte entfernt im Höhlenboden aufgetan
hatte.
„Bleib stehen!“, brüllte Ezan und packte sein Bein, sodass der Schwarze
Kämpfer der Länge nach in den Sand stürzte.
„Rührt euch nicht von der Stelle, verdammt, sonst stürzt das ganze Gewölbe ein!“
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Legis zündete eine Lampe an. Duna war verschwunden. In der Mitte der
Höhle klaffte ein Loch, das vorher nicht da gewesen war.
„Oh Wathan, sie ist abgestürzt!“, sagte er betroffen.
„Wir müssen ihr nach.“ Seyn wollte sich erheben, aber Ezan hing immer
noch wie eine Klette an seinem Bein.
„Nun hört mir erst einmal zu!“ Seine Stimme war eindringlich.
„Wir befinden uns hier über dem leuchtenden See, auf der Decke der
großen Höhle. Es hat eben einen kurzen Erdstoß gegeben. Ihr habt es ja
selbst gespürt. Die Höhlendecke ist an dieser Stelle nur schwach, und offenbar wurde ihre Festigkeit durch die Erschütterung beeinträchtigt, sodass
sie Dunas Gewicht nicht tragen konnte. Wir sind erheblich schwerer als sie.
Wenn wir uns dem Loch nähern, kann es sein, dass wir ihr alle folgen, und
mit uns ein paar Wagenladungen Felsbrocken und schwerer Steine, die
Duna, falls sie den Sturz überlebt hat, unter sich begraben würden. Wenn
wir ihr helfen wollen, müssen wir vorsichtig dieses Loch umrunden, uns
dabei ganz eng an der Höhlenwand halten, wo die Felsdecke dicker ist, und
dem Weg folgen, der uns am schnellsten hinab zum See führt.“
„Kann sie denn überlebt haben?“
„Durchaus möglich, wenn sie schwimmen kann. Der See unter uns ist an
dieser Stelle tief genug. Sie kann höchstens zwanzig bis dreißig Fuß weit
gefallen sein. Wenn sie nicht von einem Felsbrocken getroffen wurde, dürften das Schlimmste, was ihr geschehen ist, der Schock und die Kälte sein.
Und nun lasst uns gehen. Seid vorsichtig.“
Duna hatte den Sturz tatsächlich wie durch ein Wunder unverletzt überlebt.
Rings um sie war kaltes, leuchtendes Wasser, in dem sie Schnüre kleiner
Luftblasen nach oben trudeln sah. Sie sank hinab, wie gelähmt und unfähig,
sich zu bewegen. Erst, nachdem ihre Füße festen Grund berührten, erwachten ihre Lebensgeister. Sie stieß sich kräftig ab und tauchte kurz darauf
prustend auf. Die Kälte ließ ihre Muskeln verkrampfen. Lange würde sie
sich nicht wassertretend an der Oberfläche halten können. Sie musste
schnell aus dem Wasser heraus. Doch staunend hielt sie noch für einen
Augenblick inne und sah sich um. Der See, in den sie gefallen war, leuchtete in fahlem Grün, und seine sonst spiegelglatte Fläche wurde von Wellen
gekräuselt, die kreisförmig von ihr ausgingen. Sie sah grünliche Ringe über
die Höhlendecke huschen, in deren Mitte Lichtflecken wallten und pulsierten, huschende, aufgeschreckte Geister, Widerspiegelungen des bewegten
Sees. Die ganze Höhle schien in Aufruhr über den Eindringling zu sein, der
Frieden und Stille verletzt hatte. Das Licht war schwach, aber immerhin so
hell, dass Duna erkennen konnte, dass vor ihr ein flaches, sandiges Ufer
lag. Sie schwamm mit kräftigen Stößen darauf zu. Wenig später kletterte
sie aus dem Wasser. Fröstelnd entkleidete sie sich und breitete ihre Sachen
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auf einen flachen Stein zum Trocknen aus. Wenn sie die nassen Kleidungsstücke anbehielte, würde sie erfrieren. Duna hatte Vertrauen in die Zwillinge und Ezan. Sie würden sie bestimmt bald finden, aber hoffentlich nicht so
bald, dass sie sie unbekleidet sahen. Sie entzündete eine magische Flamme,
an der sie zuerst sich selbst, dann ihre Kleidung wärmte. Während sie wartete, dass die Sachen trocken wurden, fand sie Zeit zum Nachdenken. Sie
hatte zunächst so reagiert, wie sie von ihrer ungeliebten Pflegemutter erzogen worden war: Plane nicht weit voraus (das ist Sache der Männer), mache einen Schritt nach dem anderen, denke nur an den, der vor dir liegt und
handele praktisch. Das hatte sie getan: Sie hatte sich zuerst in Sicherheit
gebracht und dann etwas gegen die Unterkühlung ihres Körpers unternommen. Jetzt trocknete sie ihre Kleider, um sie wieder am Leibe tragen zu
können, wenn ihre Freunde kämen. Aber Nunoc Baryth, ihr geistiger Ziehvater, hatte sie anderes gelehrt, etwas, was sie beinahe vergessen hätte:
Blicke voraus, wäge Chancen und Gefahren ab, bevor du deine Schritte
planst. Bedenke die Konsequenzen deiner Handlungen. Wäge deine Entscheidungen sorgfältig ab, trenne das Wichtige vom Unwichtigen. Und nun
fiel ihr ein, dass sie die größte Bedrohung übersehen hatte: die Hyäne.
Vermutete Ezan nicht, dass sie ihren Unterschlupf in der Nähe des Sees
hatte? Diese Kreatur musste die Geräusche gehört haben, die Dunas Sturz
in den See verursacht hatte. Vielleicht war sie schon auf dem Weg hierher?
Die Gänsehaut, die sie jetzt bekam, rührte nicht von der Kälte her.
Die junge Frau sprang auf, drehte sich schnell um und suchte mit ihren
Augen die Schatten und Nischen der Höhlenwände ab. Die tanzenden Lichter, die vom immer noch bewegten Seespiegel ausgingen, gaukelten ihr
Schemen vor, die ein ums andere Mal dämonischen Fratzen oder Tiergestalten glichen. Aber Duna schaute in die falsche Richtung. Sie ahnte nicht,
dass sich die Gefahr vom Wasser her näherte. Die Hyäne schwamm fast
geräuschlos auf das Mädchen zu, das mit dem Rücken zum Ufer stand. Als
sie mit klatschnassem Fell aus dem Wasser stieg, verbarg dieses auch ihren
strengen Tiergeruch. Erst im letzten Augenblick hörte Duna ein leises Platschen. Sie drehte sich um. Vor ihr stand das Alptraumgeschöpf. Riesig
ragte es empor. Die gelben Augen leuchteten voll Bosheit, der Rachen war
zu einem wölfischen Grinsen geöffnet und entblößte die schrecklichen
Zähne. Duna schrie, dann sandte sie einen Feuerstrahl aus, der die Hyäne
an der Brust traf, aber an dem nassen Fell scheinbar ohne Wirkung blieb.
Der Dämon sprang vor und packte sie. Duna fühlte einen furchtbaren
Schmerz und ein Reißen und Bersten im linken Arm, dann schenkte ihr
Wathan eine gnädige Ohnmacht.
Die Hyäne hatte ihr Opfer instinktiv am Leben gelassen, wie viele andere
davor ebenfalls, und schleppte Duna in ihren Unterschlupf. Dort ließ sie sie
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achtlos fallen. Um sie würde sie sich später kümmern. Aber zuerst musste
sie herausfinden, ob ihr von den anderen Zweibeinern Gefahr drohte. Sie
verließ ihre dunkle Behausung wieder.
Duna erwachte orientierungslos. Ihr linker Arm tat fürchterlich weh. Sie
stöhnte leise. Als sie versuchte, sich aufzusetzen, schoss ihr der Schmerz
wie ein feuriger Blitz in den Arm, und sie schrie auf. Sie wurde fast wieder
ohnmächtig und war unfähig zu denken und ihre Sinne zu benutzen. Nachdem die schlimme Welle der Pein zu einer dumpfen, aber erträgliche Qual
abgeklungen war, kam die Erinnerung an den furchtbaren Augenblick zurück, als die Hyäne ihre Fänge in ihren Oberarm geschlagen und Duna
gespürt hatte, wie der Knochen brach, als sie von der Kreatur emporgerissen worden war. Ihre nächste Erinnerung handelte von ihren Füßen, die
über den Boden schleiften, vom Schmerz, als ihre Schulter auskugelte,
während sie durch die Finsternis geschleppt wurde, von dem Atem der
Fäulnis, der aus dem Rachen der Hyäne strömte. Danach war sie wieder in
tiefe Bewusstlosigkeit gesunken.
Jetzt schien sie allein zu sein, oder doch nicht? Sie konnte nichts sehen,
es herrschte absolute Dunkelheit. Ein süßlicher, Übelkeit erregender Gestank von Verwesung drängte sich in ihr Bewusstsein. Das war nicht der
Geruch der Bestie. Sie schärfte ihre Sinne und konzentrierte sich auf die
Umgebung. War da nicht ein leises Wimmern? Gerade wollte sie eine
Flamme entzünden, um sich umzusehen, da kroch ihr der abscheuliche
Gestank des Tieres in die Nase. Die Hyäne war fort gewesen, kehrte aber
nun zurück!
Gadennyns Geschöpf hatte die Umgebung des Sees sorgfältig abgesucht
und von den schwarzen Feinden nichts gesehen und gehört. Vielleicht waren sie geflohen. Es machte sich wieder zu seinem Unterschlupf auf.
Ihr jüngster Fang verwirrte die Hyäne. Statt eines schwarzen Wesens mit
einem Stab in der Hand, hatte sie die bleiche, haarlose Frau vorgefunden.
Die Beute war schwach und kein Gegner für sie gewesen, aber dann war da
plötzlich ein Feuer aufgetaucht. Wo war es hergekommen? Hatte einer der
schwarzen Feinde eine Fackel auf sie geworfen, so wie eines ihrer früheren
Opfer? Aber wohin war er dann so schnell verschwunden?
Sie wusste aus Erfahrung, dass diese Feuerstäbe beißen konnten. Außerdem blendeten sie ihre empfindlichen Augen, und daher ging sie Feuer,
wenn möglich, aus dem Weg. Sie hatte den Angriff nicht kommen sehen
und war überrascht worden. Trotz ihres nassen Fells hatten sie die Flammen verletzt. Sie fühlte Schmerzen, wo das Wasser durch die Hitze verdampft war und sie verbrüht hatte, und deshalb wollte sie jetzt lebendes
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Fleisch fressen, um bald wieder zu genesen. Aber nicht diese Beute. Nicht
das nackte, bleiche Wesen. Noch nicht.
Die Hyäne ging ganz dicht an Duna vorbei, die den Atem anhielt und sich
nicht rührte. Vielleicht hatte sie sie ja vergessen? Dann nahm sie das
furchtbarste Geräusch wahr, das man sich nur vorstellen kann: Ein Schrei
unsäglicher Qual überlagerte ein ekelhaftes Schmatzen. Sie hörte, wie
Knochen geknackt wurden und das Reißen von Fleisch. Ein Mensch wurde
bei lebendigem Leibe gefressen! Duna schrie auf vor Entsetzen.
Die Erkenntnis, dass sie dem Opfer nicht mehr helfen konnte, verwandelte ihre Abscheu in rasende Wut. Eines konnte sie wenigstens tun: den
Peiniger töten und dem Opfer den Gnadentod geben. Sie sammelte all ihre
Kraft und schickte dann eine brodelnde Flammenwand in die Richtung los,
aus der die grauenhaften Geräusche ertönten. Die Dämonenkreatur verwandelte sich in einen lodernden Feuerball, und das Licht der Flammen
erleuchtete die Höhle. Für einen kurzen Augenblick sah Duna alles: Gerippe, Knochen, Leichenteile, verrottete Gedärme, die wie Spinnweben an
Felsnasen herunterhingen, die verkohlten Überreste des letzten Opfers, das
Dunas Feuer von seinen Qualen erlöst hatte, und die Kreatur, die brennend
auf sie zu kroch. Die Flammen ließen die Augäpfel des Dämonenwesens
schrumpeln und schwarz werden, aus seinem geöffneten Rachen trat
Dampf aus, und die herabhängende Zunge warf Blasen. Die Hyäne, blind
und taub, musste eigentlich längst tot sein, aber sie kroch unablässig weiter
auf Duna zu. An ein Entkommen war nicht zu denken. Das Mädchen lag
dicht an der Höhlenwand, und zwischen ihr und dem Ausgang befand sich
ihre Feindin, kaum noch drei Schritte entfernt. Duna, die eine Flammenwelle nach der nächsten aussandte, spürte bereits die versengende Hitze.
Sie konnte sich vor dem Verbrennen schützen, konnte dafür sorgen, dass
die Flammen nicht ihre Haut berührten, aber sie würde ersticken, wenn die
Hyäne noch näher kam. Das entsetzliche Wesen schien wie magisch von
ihr angezogen zu werden. Vielleicht war sein letzter Wille, sein Opfer unter
seinem brennenden und sterbenden Körper zu begraben.
Duna sah sich verzweifelt um. Ihr Blick fiel an die Decke der Höhle.
Von dort hingen mehrere dünne Stalaktiten herab, spitz und scharf wie
Speere. Sie war eine Feuermagierin und besaß nicht das gleiche Talent wie
Trygar, aber natürlich konnte auch sie Dinge bewegen. Sie nahm einen der
Tropfsteine in den Blick und konzentrierte ihre ganze Kraft auf ihn. Er
erzitterte. Kleine Steinchen lösten sich von der Decke und fielen herab, ein
erster Riss bildete sich. Dann brach der Stalaktit endlich ab und stürzte wie
ein Speer herab. Er durchbohrte die Hyäne mit dem Geräusch reißenden
Stoffes und nagelte sie am Boden fest. Vergeblich versuchte sie weiterzukriechen. Die Bewegungen wurden schwächer und schwächer. Schließlich
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sank ihr Kopf langsam herab. Das Feuer erstarb und ließ einen verkohlten
Kadaver zurück. Dunas Feindin war endlich tot. Die junge Frau schloss
erschöpft die Augen.
Sie fanden sie nur wenig später. Sie lag nackt und blutüberströmt an diesem
Ort des Grauens. Als die drei Männer am See eingetroffen waren und dort
ihre Kleider und Spuren des Kampfes gefunden hatten, folgten sie zuerst
der deutlichen Schleifspur, dann den beißenden Rauchwolken, die aus einem dunklen Gang quollen. Duna war fast erstickt und besinnungslos, dem
Tod näher als dem Leben. Sie legten sie auf eine der Schlafdecken und
trugen sie, so behutsam wie es nur ging, zum Seeufer. Dort wuschen sie die
Bisswunden aus, nachdem sie Salz hineingestreut hatten, und verbanden
sie. Legis wusste von dieser Behandlung aus dem Kräuter- und Arzneibuch
der Bibliothek des Klosters. Ezan kannte sich hingegen bestens mit Knochenbrüchen aus, mit denen er als Bergmann öfter zu tun hatte als ihm lieb
war. Er schnitt vom Schaft seines Speeres drei gleiche Stücke ab und
schiente damit Dunas Arm. Anschließend zogen sie ihr vorsichtig ihre
Kleider an. Aus einer Decke, den Resten des Speerschafts und einem Stück
Seil fertigten sie eine hängemattenartige Trage an und legten die Frau hinein. Seyn und Legis trugen sie zuerst, als sie sich aufmachten, zurück zum
Tageslicht. Sie gingen so schnell sie konnten, schliefen nicht, aßen im Gehen und machten nur kurze Pausen, um sich beim Tragen abzuwechseln.
Den Himmel sahen sie zwei Tage nach ihrem Aufbruch wieder. Duna
war noch am Leben, aber vom Fieber geschwächt. Sie hatte oft im Fiebertraum geredet und war von Wahnbildern heimgesucht worden. Nur selten
war sie wach und ansprechbar gewesen. Sie gaben sie in die Obhut eines
Arztes, des besten in ganz Pheldae, wie Lord Ronno schwor. Er war sein
persönlicher Leibarzt, dem er viel Geld bezahlte, damit er in der Minenstadt blieb.
Die drei Männer waren selbst so erschöpft, dass sie fast einen ganzen
Tag schliefen. Am nächsten Morgen suchten sie den Arzt auf, voll böser
Vorahnungen, und der Mann bestätigte sie zu ihrem Leidwesen:
„Es steht schlimm um sie. Ich habe alles getan, was in meiner Macht
stand. Nun müssen wir abwarten. Der Bruch des Oberarmknochens macht
mir keine Sorgen. Dank eurer sorgfältigen Schienung wird der Knochen
wieder glatt zusammenwachsen. Ich lasse gerade eine eigens angepasste
Armschale für sie anfertigen. Die Fleischwunden sind schon schlimmer.
Sie hat viel Blut verloren. Ich habe die durchtrennten und gerissenen Muskeln mit ausgekochtem Darm wieder zusammengenäht. Ich denke, sie wird
den Arm nach einer Weile wieder ganz gut bewegen können. Möglicherweise wird eine leichte Steifheit zurückbleiben. Am meisten Sorgen macht
mir das Wundfieber. Sie hat eine Blutvergiftung. Einige meiner Kollegen
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raten dazu, sie zur Ader zu lassen, aber das würde sie noch mehr schwächen. Ich habe ihr stärkende und Fieber senkende Medizin gegeben, die
wirkungsvollste, die es gibt. Wenn die Vergiftung weiter voran schreitet,
muss ich ihr den Arm abnehmen, um wenigstens ihr Leben zu retten. Die
nächsten beiden Tage sind jetzt entscheidend.“
Sie saßen gemeinsam oder abwechselnd an ihrem Bett, kühlten ihr die
heiß brennende Stirn mit nassen Tüchern und sprachen ihr Mut zu, wenn
sie aufwachte. Die meiste Zeit über war sie nicht ansprechbar. Der Arzt sah
stündlich nach ihr, fühlte Temperatur und Puls und betrachtete mit nachdenklichem Gesicht die roten Linien, die sich von der Wunde aus am Arm
entlang ausbreiteten. Nachdem sie ihn hundertmal gefragt hatten, wie es
um Duna stünde, und er hundertmal die Achseln gezuckt oder den Kopf
geschüttelt hatte, stahl sich beim hundertersten Mal ein Lächeln auf sein
Gesicht.
„Es ist mehr als ein Wunder. Ich glaube, sie schafft es. Das Fieber geht
zurück, und die Blutvergiftungsmale verblassen. Was für eine Frau! Ihr
Lebenswille ist unbeschreiblich. Aber euch hat sie auch viel zu verdanken.
Ihr habt dort unten das Beste für sie getan, was möglich war. Das Salz hat
den vergiftenden Speichel der Kreatur zum großen Teil aus der Wunde
gesogen.“
An diesem Abend gingen Seyn, Legis und Ezan in das Wirtshaus und
soffen sich gegenseitig unter den Tisch.
Alte Freunde
Die Sterne funkelten in der klirrenden Nachtluft. Es war noch sehr früh,
lange vor Anbruch der Dämmerung. Trygar hatte das gemeinsame Zelt der
Schwarzen Kämpfer verlassen und stand allein draußen in der Kälte. Sein
Atem schwebte in weißen Wölkchen davon und wurde vom Wind zerstoben. Es ging ihm nicht gut.
Er hatte in den letzten Nächten kaum geschlafen. Die Sorge um Duna
hielt ihn wach und ließ ihn unermüdlich grübeln. Tag und Nacht kreisten
seine Gedanken um sie. Ging es ihr gut? Wo war sie? Warum war sie nicht
zu ihm zurückgekehrt?
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Den Gedanken, sie könne tot sein, ließ er nicht zu. Sobald die vage Ahnung einer leblos daliegenden jungen Frau in seinem Geist auftauchte,
bekämpfte er sie mit dem Mut des Verzweifelten. Nein, er ließ sich nicht
der Hoffnung berauben, sie bald wieder zu sehen.
Duna und ihre Begleiter Seyn und Legis waren jetzt seit mehr als einer
Woche überfällig. Sie hätten von Codae höchstens drei Tage bis zur Silbermine brauchen dürfen. Trygar konnte es sich auch nicht vorstellen, dass
es sehr lange dauern könnte, dort etwas oder jemanden aufzuspüren. Er
ahnte natürlich nichts von den zahlreichen Stollen der alten Minenteile,
ganz zu schweigen von dem riesigen, natürlichen Höhlensystem, aber
selbst wenn er davon gewusst hätte, hätte er Duna und ihren Gefährten
zugetraut, das von Gadennyn geschaffene Monster innerhalb einiger Tage
zu finden und zu vernichten. Doch auch, wenn es eine Woche gedauert
hätte, müssten sie inzwischen zurückgekehrt sein. Es war also etwas geschehen, das sie aufgehalten hatte. Trygar unterdrückte mit aller Macht den
furchtbaren Gedanken, dass der Feind (oder konnten es gar mehrere sein?),
den die drei bekämpfen wollten, die Oberhand behalten haben könnte.
Vor einigen Tagen, nachdem die Gefährten nicht innerhalb des erwarteten Zeitraums zurückgekehrt waren, hatte Methor zwei berittene Boten
losgeschickt, beide schnelle Reiter vom Stamm der Pferdeleute. Sie waren
nach Codae aufgebrochen, um festzustellen, ob Duna, Seyn und Legis inzwischen dort eingetroffen waren oder man wenigstens Nachricht von ihnen hatte. Falls dies nicht der Fall wäre, würde der eine Mann weiter zur
Mine reiten, der andere zum Heer zurückkehren, um die ungeduldig wartenden Schwarzen Brüder darüber zu informieren. Keiner der Boten war
bisher zurückgekehrt.
Im schwachen Licht der Sterne sah Trygar die Umrisse zweier Gestalten,
die auf ihn zukamen. Die eine war sehr groß und hager, die andere einen
Kopf kleiner. Vermutlich die ersten Frühaufsteher. Die Schwarze Armee
würde auch heute aufbrechen und weiterziehen, und da die Tage im Winter
kurz waren, würden sie bereits bei Sonnenaufgang abmarschieren. Die
Schlafenszeit endete für alle drei Stunden vorher.
Die Gestalten kamen näher und lenkten Trygars Aufmerksamkeit auf
sich. Sie wollten offensichtlich zu ihm. Er spannte seinen Körper leicht an.
Methor hatte ihn gewarnt, dass jeder von ihnen zum Ziel von Anschlägen
werden könnte. Ob nun Gadennyns Kreaturen oder gedungene Attentäter,
sie mussten auf jede Bedrohung gefasst sein. Er griff nach seinem Kampfstab.
„Halt, bleibt stehen!“, sagte er scharf. „Wer seid ihr?“
„Ein forscher Ton für einen Grünschnabel, meinst du nicht auch?“, ließ
sich eine Stimme vernehmen, deren Klang Trygar bekannt vorkam.
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„Na, ja“, ertönte der Bass des Größeren. „Schließlich ist er jetzt eine bedeutende Persönlichkeit und nicht mehr das unbedarfte Knäblein, dem Elsa
Masuris die Leviten gelesen und Harold Respekt eingebläut hat.“
Jetzt dämmerte es Trygar, wen er da vor sich hatte.
„Winger, Dremion!“, schrie er.
Augenblicke später umarmte er die beiden Männer. Der Baumeister
schlug ihm mit seiner Riesenpranke auf den Rücken, dass ihm die Luft
wegblieb, und der Soldat, den sie Spaltschädel nannten, verzog sein Gesicht zu dem vertrauten, anzüglichen Grinsen.
Trygar nahm seine alten Freunde mit in das Zelt der Schwarzen Kämpfer
und weckte diese. Die Wiedersehensfreude war groß. Kurz darauf saßen sie
zusammen beim Frühstück und lauschten Dremion, der über die Abenteuer,
die er und Winger erlebt hatten, berichtete. Während seiner Erzählung musterte Trygar die beiden Männer. Sie waren dünn geworden, sahen fast ausgemergelt aus. Und das Schicksal hatte ihren auffälligen Narben – der
Baumeister hatte eine tiefe, diagonale Furche im Gesicht, die sich über die
leere Höhle seines Auges zog, der Soldat trug seine auf dem Schädel wie
einen Scheitel – weitere, wenn auch zum Glück kleinere Schnitte hinzugefügt, die bereits verheilt waren: der große Mann besaß jetzt eine neue, rote
Furche in der rechten Wange und der kleinere eine gespaltenen Lippe, die
durch einen krausen Bart verborgen war.
„Natürlich wollten wir euch so bald wie möglich nach“, sagte Dremion
gerade, nachdem er von der Genesung Wingers berichtet hatte, und fuhr
dann fort:
„Aber es schien unmöglich. Das Grasmeer war unter einer dicken
Schneedecke begraben, die vom Wind zu hohen, erstarrten Wellen aufgetürmt wurde. Mit Pferden da durchkommen zu wollen, war undenkbar.
Winger hatte sich auch noch nicht soweit erholt, um reiten zu können. Aber
unser Baumeister hatte einen genialen Einfall. Als er mir davon erzählte,
habe ich ihn zuerst ausgelacht. Ich hielt es für unmöglich. Doch er belehrte
mich eines Besseren.“
Während er davon berichtete, wie Winger einen Windschlitten konstruiert und gebaut hatte, und seinen Freund in höchsten Tönen lobte,
schwieg der größere Mann verlegen.
„Ohne diesen Schlitten hätten wir es nie geschafft, euch einzuholen. In
den ersten beiden Wochen blies der Wind stetig und kräftig. An manchen
Tagen legten wir mehr als zweihundert Meilen zurück! Aber ganz ohne
Probleme ging unsere Schlittenfahrt natürlich nicht ab. Dreimal blieben wir
in einer Schneewehe stecken, zweimal kippten wir bei voller Fahrt um,
wobei sich unsere Ausrüstung über eine Strecke von fast einer viertel Meile
verteilte. Wir mussten sie mühsam wieder zu Fuß einsammeln. Bei einer
dieser Kenterungen brach der Mast ab, und wir brauchten einen vollen Tag,
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um ihn zu reparieren. Zweimal zerschellte eine Kufe an einem Felsen, der
unter der Schneedecke verborgen war, aber Winger hatte daran gedacht,
Ersatz mitzunehmen. Doch alles in allem kamen wir viel schneller voran
als es mit Pferden, selbst ohne dass Schnee gelegen hätte, möglich gewesen
wäre.
Die erste große Hürde, auf die wir stießen, war ein breiter Fluss. Sein
Ufersaum war bewaldet. Wir fällten einige Bäume und benutzten deren
Stämme, um unseren Windschlitten zu einem behelfsmäßigen Floß umzubauen. Mit Stangen aus langen Ästen stakten wir uns hinüber. Es war eine
schweißtreibende Arbeit, den Schlitten auf der anderen Seite wieder an
Land und durch das Unterholz bis hinaus auf die Steppe zu ziehen, aber wir
schafften es. Dann aber begannen die Probleme wirklich. Am folgenden
Tag, als wir in rasender Fahrt die scheinbar endlose Ebene durchquerten,
entdeckte Winger ein Rudel Wölfe, das uns folgte. Ich konnte nichts sehen,
denn ich war durch die gleißende Helle schneeblind geworden. Ich hatte
meine Augen verbunden, um sie zu schonen. Ich maß Wingers Beobachtung keine Bedeutung bei, denn wir waren viel schneller als die Wölfe, die
sich in Bocksprüngen durch den hohen Schnee kämpften, wie mir mein
Freund erzählte. Wir ließen das Rudel bald hinter uns zurück.
Es wurde immer kälter, und das Brennholz ging uns aus. Um nicht zu erfrieren, gruben wir uns nachts in den Schnee ein. Als wir am nächsten morgen aufbrachen, hörten wir das Heulen der Wölfe ganz in der Nähe. Sie
hatten uns beinahe eingeholt. Am Mittag dieses Tages kam eine Flaute. Wir
konnten nicht weiter und mussten schon früh unser Lager aufschlagen.
Winger sah in der Ferne ein paar kleine Büsche, und es gelang ihm, ein
wenig Feuerholz zu schlagen, das wir für die Nacht aufbewahren wollten.
Die Dämmerung kam, und ich konnte endlich meine Augenbinde abnehmen. Das schwache Licht tat meinen Augen immer noch weh, aber es war
erträglich, und ich konnte auch wieder ein wenig besser sehen. Der Schall
trägt weit über die flache Ebene, deshalb hörten wir sie, bevor wir sie sahen. Wir vernahmen kein Heulen, sondern das Japsen und Keuchen einer
rennenden Meute. Die Wölfe mussten großen Hunger haben, dass sie uns
über eine so lange Strecke verfolgt hatten, und Tag und Nacht gerannt sein,
um uns einzuholen.
Ich habe einige Erfahrung mit Wölfen und wusste, was uns bevorstand.
Sie würden uns von allen Seiten gleichzeitig angreifen, versuchen uns zu
Boden zu ziehen und uns dann den Garaus zu machen. Rasch entzündeten
wir ein Feuer. Danach zogen wir alle Kleidungsstücke an, die wir tragen
konnten. So waren wir in dickes Fell und Leder wie in eine Rüstung gehüllt. Wir stellten uns an den Mast des Schlittens, Rücken an Rücken. Er
sollte uns als Stütze dienen, wenn uns die Wölfe ansprangen, denn wir
durften auf keinen Fall stürzen. Wir nahmen unsere Waffen, Winger seine
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Axt, ich mein Schwert, in die eine Hand und in die andere einen brennenden Ast.
Es waren knapp zwei dutzend Wölfe. Sie waren vermutlich mager und
ausgehungert, aber das konnte man wegen ihres dicken Winterfells nicht
erkennen. Sie wirkten riesig, fast so groß wie Kälber. Sechs auf einmal
stürzten sich auf mich, für mehr Angreifer reichte der Platz nicht. Drei von
ihnen bissen sich im dicken Leder und Pelz meiner vier Hosen, die ich
übereinander trug, fest, ohne sie mit ihren Zähnen durchdringen zu können.
Sie rissen und zerrten an meinen Beinen. Zwei andere sprangen mich von
der Seite an, versuchten mich an den Schultern zu packen, aber ihre Zähne
rutschten am glatten Leder ab, und sie fielen herunter. Ein weiterer, ein
riesiger Wolf stand mit gefletschten Zähnen zwei Schritte vor mir. Er
schien zu grinsen und zu sagen: ich werde dir gleich an die Gurgel springen. Ich hieb mit Schwert und brennendem Ast auf die Bestien ein, tötete
zwei von ihnen und vertrieb die anderen Angreifer, die aber nur Platz
machten für die nächste Welle. Während ich auf die Wölfe einschlug und
mich bemühte, auf den Beinen zu bleiben, hatte ich den großen Rudelführer, den mit dem wölfischen Grinsen, der hinter den anderen stand, aus den
Augen verloren. Er sprang. Ich sah ihn mit geöffnetem Fang auf mich zufliegen und hob erschrocken das Schwert. Es fuhr ihm zwischen zwei Rippen in den Brustkorb, aber, obwohl aufgespießt, legte er seine beiden Vorderpfoten auf meine Schultern, als ob er einen alten Freund begrüßen wollte, seine Hinterpfoten krallten sich in meine schwere Jacke. Sein Gewicht
riss mich beinahe zu Boden. Dann schnappte er nach meinem Gesicht. Ich
riss den Kopf zurück, aber einer seiner langen Eckzähne erwischte mich
und spaltete mir die Lippe. Auf diese Weise bin ich noch schöner geworden. Die Frauen werden mir mehr als bisher nachlaufen. Wie auch immer.
Der große Wolf konnte sich nicht länger halten und fiel auf die anderen
Wölfe, die sich in meinen Beinen festgebissen hatten. Das Schwert, das in
ihm steckte, wurde mir aus der Hand gerissen, sodass mir als einzige Waffe
der brennende Ast blieb. Wie rasend schlug ich damit um mich, denn ich
dachte, mein letzter Augenblick sei nun gekommen. Aber die Wölfe ließen
von mir ab, zogen sich winselnd zurück und verschwanden in der Dunkelheit. Der Leitwolf lag tot vor meinen Füßen, und ohne ihren Führer verließ
sie der Mut. Ich drehte mich um und sah Winger inmitten eines halben
Dutzends getöteter Wölfe stehen. Auch er blutete im Gesicht.
In dieser Nacht taten wir kein Auge zu, aber die Hälfte des Rudels, die
überlebt hatte, griff nicht mehr an. Neben unseren blutenden Wunden hatten wir am ganzen Körper Prellungen und Blutergüsse davongetragen.
Zwar hatten unsere ‚Rüstungen’ den Zähnen der Bestien standgehalten,
aber ihre starken Kiefer hatten wie Zangen und Schraubstöcke gewirkt und
uns das Fleisch gequetscht.
98
Die Flaute ließ auch an den kommenden Tagen kaum nach, und wir kamen nur langsam voran. Die Lebensmittel gingen uns aus, und die Kälte
machte uns zu schaffen. Schon lange besaßen wir kein Brennholz mehr,
und, um nicht zu erfrieren, verbrannten wir nach und nach die Teile des
Windschlittens, die für seine Funktion nicht unbedingt erforderlich waren.
Dann sahen wir in weiter Ferne den Wald. Er bedeutete Wärme und
jagdbares Wild, aber er schien unerreichbar für uns, denn es herrschte immer noch absolute Windstille. Wir warteten einen Tag, dann noch einen,
aber es kam keine leichte Brise, die uns wenigstens bis zum Rand des etwa
zehn Meilen entfernten Waldes bringen konnte. Schließlich entschlossen
wir uns schweren Herzens, den Windschlitten zurückzulassen und zu Fuß
weiterzugehen. Wir nahmen die wenigen Habseligkeiten, die uns noch
verblieben waren, und machten uns auf den Weg. Winger drehte sich immer wieder um, um noch einen letzten, allerletzten und endgültig letzten
Blick auf das Gefährt zu werfen, dessen geistiger Vater er war und das uns
so gute Dienste geleistet hatte. Es war schwer für ihn, von ihm Abschied zu
nehmen.
Bei Beginn der Dämmerung erreichten wir den Saum des Waldes, sammelten Holz und machten ein wärmendes Feuer an. Es gelang uns sogar,
ein Kaninchen zu fangen, und an diesem Abend ging es uns gut.
Am nächsten Tag suchten wir uns einen Weg durch das dichte Gehölz
und stapften durch den nun nicht mehr so hohen Schnee nach Süden. Bald
war vom hinter uns liegenden Grasmeer nichts mehr zu sehen. An dessen
Rand war das Gehölz noch ein kahler, lichter Laubwald gewesen. Nun
wandelte es sich allmählich in einen dichten, finsteren Nadelwald, und wir
konnten den Himmel bald nicht mehr sehen. Irgendwann hatten wir uns
verlaufen, ohne jegliche Ahnung, in welcher Richtung Süden lag. Ich habe
zwar gehört, dass das Moos an der Nordseite der Stämme wächst, aber an
diesen Bäumen fanden wir das Gewächs nicht. Wir verbrachten unsere
erste Nacht im Wald und aßen, was vom Kaninchen noch übrig geblieben
war. Am nächsten Morgen stießen wir auf eine weite Lichtung, und zu
unserem Erstaunen und unserer großen Freude stand darauf ein Haus. Hinter dem Haus war ein Teil des Waldes gerodet, und dort sahen wir schneebedeckte Felder, deren parallele Pflugfurchen sich unter der Schneedecke
abzeichneten, und einen Gemüsegarten, jetzt natürlich ohne Frucht, aber
deutlich an den Beeten, dem zugedeckten Komposthaufen und den Bohnenstangen zu erkennen, die im Boden steckten. Neben dem Haus gab es
auch einen Stall mit angrenzender Koppel. Wir hörten das Schnauben von
Pferden und das Muhen einer Kuh. Es war noch früh am Morgen, aber die
Bewohner des Hauses schienen schon wach zu sein, denn aus dem Schornstein rauchte es. Wir klopften an die Tür.
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Ein großer, dicker Mann öffnete uns. In der Hand hielt er eine schwere,
eisenbeschlagene Keule. Er wirkte freundlich, obwohl er natürlich misstrauisch war und in dieser einsamen Gegend wohl auch sein musste. Seinen
Dialekt verstanden wir am Anfang nicht gut. Später gewöhnten wir uns
daran, denn er war eng mit der Sprache von Vulcor verwandt, die wir inzwischen leidlich beherrschten. Uns wurde rasch klar, dass wir einen Bürger Pheldaes vor uns hatten und wir uns jetzt in diesem Land befanden. Wir
hatten, ohne es zu ahnen, die Grenze überquert.
Nachdem wir ihn von unserer Harmlosigkeit und guten Absicht überzeugt hatten, ließ er uns ein. Seinen Namen habe ich vergessen, deshalb
nenne ich ihn einfach ‚den Mann’, denn die restlichen Bewohner des Hauses waren allesamt Frauen: sieben an der Zahl, vier von ihnen stellte er uns
als seine Töchter vor, die anderen als seine Ehefrauen.
Wir wurden zum Frühstück eingeladen und freundlich bewirtet, aber ich
hatte von Anfang an ein seltsames Gefühl. Winger und ich schauten uns
vielsagend an. Hier stimmte etwas nicht. Der Geruch von Gewalt, Unterdrückung und Furcht lag förmlich in der Luft. In diesem Haus lebte keine
glückliche Familie.
Der Mann erzählte uns, dass er mit seinen Frauen, Töchtern und seinem
Bruder, der vor zwei Jahren gestorben war, hierher gekommen sei, um der
Drangsalierung durch die Gesetzlosen und den von ihnen geforderten
‚Schutzgeldzahlungen’ zu entgehen. Der Boden sei zwar nicht so fruchtbar
wie draußen in der Steppe, reiche aber aus, um ihn und die Seinen gut zu
ernähren. Er fragte uns, woher wir kämen und wohin wir wollten, und ich
erzählte eine erfundene Geschichte. Wir wären durch ein Unwetter von
unserer Handelskarawane getrennt worden, log ich. Ich weiß selbst nicht
warum, aber ich war sehr argwöhnisch, deshalb wollte ich dem Mann nicht
unsere wahren Absichten enthüllen. Dann berichtete ich wahrheitsgemäß,
dass wir alle unsere Vorräte aufgebraucht hätten und von einem Wolfsrudel
angegriffen worden seien. Winger sagte, die Strapazen hätten uns sehr
mitgenommen, und bat den Mann, ob er uns eine Nacht beherbergen und
uns ein paar Lebensmittel und Vorräte verkaufen könne. Morgen wollten
wir dann weiterziehen. Der Mann willigte ein. Winger hatte Recht. Wir
waren wirklich müde und ausgekühlt, und ein Tag in einer warmen Hütte
konnte uns nur gut tun. Irgendwie war mir aber nicht wohl in der Haut.
Eine leise Stimme in meinem Unterbewusstsein riet mir, sofort zu verschwinden. Ich hörte aber nicht auf sie.
Ich muss euch vielleicht erzählen, warum wir so misstrauisch waren:
Zunächst waren es die Frauen, mit denen etwas nicht zu stimmen schien.
Seine jüngste Tochter war vielleicht zwölf, die älteste mochte siebzehn
oder achtzehn sein, aber seine Ehefrauen waren kaum älter. Offensichtlich
war keine von ihnen die Mutter seiner Kinder. Die Blicke der Mädchen und
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Frauen waren scheu, ja ängstlich, sie schlichen geduckt und in einer Art
Demutshaltung umher, und sie redeten kein Wort. Den ganzen Tag lang
nicht! Es war klar, wer der unumschränkte Herrscher dieser Kleingesellschaft war und wer die Sklaven waren. Der Mann saß in seinem großen
Lehnstuhl, rauchte Pfeife, trank Tee oder Bier und kümmerte sich um
nichts, ließ die Frauen die ganze Arbeit tun. Sie räumten den Tisch ab,
spülten das Tongeschirr, versorgten das Vieh, führten die Pferde an der
Leine durch die Koppel, um ihnen Bewegung zu verschaffen, wuschen
Kleider, stopften seine löchrigen Socken, hackten Holz, beheizten den großen Eisenofen, der mitten im einzigen Raum des Hauses stand, und kochten
das Mittagessen. Nach dem frühen Mahl, für unsere geschrumpften Mägen
viel zu früh nach dem ausgiebigen Frühstück, scheuchte der Mann alle
Frauen und Mädchen aus dem Haus, hinaus in die bittere Kälte. Sie sollten
sich draußen nützlich machen, den Zaun reparieren oder noch mehr Holz
hacken, befahl er. Dann tischte er einen billigen, sauren Wein auf und versuchte, uns unter den Tisch zu trinken, aber wir spielten das Spiel nicht mit.
Winger trinkt ja nicht mehr, und ich, der ansonsten einem zünftigen Wettsaufen nicht abgeneigt ist, hielt mich zurück. Der Mann aber stürzte einen
Becher nach dem anderen hinunter. Selbst nach dem zehnten Glas schien er
nicht betrunken. Ich sah Wingers wissenden Blick und ahnte, dass der
Mann unter demselben Fluch litt, den mein Freund unter Aufbietung all
seiner Kräfte abgeschüttelt hatte. Er war süchtig nach dem benebelnden
Getränk und brauchte Unmengen davon, um diesen heiteren, lustvollen und
unbeschwerten Zustand zu erreichen, den wir, die wir selten und mit Maßen trinken (na ja, nicht immer, muss ich zugeben), nach zwei oder drei
Gläsern verspüren. Er begann nun, deftige Zoten zu erzählen und prahlte
damit, wie er es seinen Weibern besorgte. Seine Zunge wurde immer lockerer, und zu unserem Entsetzen berichtete er, dass er nicht nur der Hengst
seiner Stuten, sondern auch seiner Fohlen sei. Erst kürzlich habe er die
jüngste entjungfert. Währenddessen waren die Frauen, zitternd und blau
gefroren, nach und nach wieder in die Stube gekommen, das zwölfjährige
Mädchen zuerst. Sie schienen genau zu wissen, nach welcher Zeitspanne
ihn der Wein so umgänglich und milde machte, dass er sie nicht wieder
hinausschickte. Sie setzten sich nicht mit uns vor den Kamin, sondern verkrochen sich in eine dunkle Ecke, wo sich ein großes, mit Fellen bedecktes
Bettlager auf dem Boden erstreckte. Ich sah genauer hin und entdeckte
Eisenringe in der Wand, durch die Stricke gezogen waren. Band er etwa
einige von ihnen des Nachts fest? Der Mann kümmerte sich nicht um die
Anwesenheit der Frauen, die für ihn nur Gegenstände zu sein schienen, die
zur Einrichtung des Hauses gehörten. Er erzählte weiter von der Defloration seiner Tochter und stellte mit anzüglichem Grinsen fest, dass sie beide
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geschrieen hätten, er vor Lust, als sich sein Samen in sie ergoss, und sie vor
Schmerzen, als er ihr Jungfernhäutchen durchstieß.
Der Mann begann, mich anzuekeln. Es war noch früh, aber die Sonne
war bereits untergegangen, ein willkommener Grund, um unserem Gastgeber zu sagen, wir seien sehr müde, und ob es ihm Recht wäre, wenn wir uns
schon jetzt für die Nachtruhe zurückzögen. Es war ihm Recht. Er wies
seine älteste Ehefrau, die kaum Ende zwanzig war, an, uns in den Stall zu
führen, wo wir im Stroh schlafen könnten. Dankbar, von seiner Gegenwart
befreit zu werden, folgten wir ihr. Die junge Frau ging mit einer Laterne
voran. Wir versuchten ein paar Worte mit ihr zu wechseln, aber sie legte
nur den Finger auf die Lippen. Im Stall standen eine Milchkuh, zwei magere Schweine und zwei Pferde – schwere Arbeitstiere zum Ziehen von Pflug
und Egge. In einem unbenutzten Winkel warf die Frau ein paar Heuballen
übereinander, dann gab sie jedem von uns eine Decke und ließ uns wortlos
in der Dunkelheit zurück.
Wir unterhielten uns eine Weile, ratlos und verstört von den Eindrücken,
die in dem Haus, in dem wir zu Gast waren, auf uns eingestürzt waren.
Dann beschlossen wir, dies sei nicht unsere Angelegenheit, und dass wir in
aller Frühe aufbrechen würden. Die Vorratskammer befand sich neben dem
Haus. Wir würden uns einfach nehmen, was wir bräuchten, eine angemessene Geldsumme hinterlassen und dann verschwinden.
Irgendwann viel später schlief ich ein. Ich erinnere mich noch, dass ich
einen Albtraum gehabt habe. Aus dem erwachte ich durch ein seltsames,
klatschendes Geräusch. Ich dachte, eines der Pferde habe im Schlaf ausgekeilt, und öffnete die Augen. Zu meinem Erstaunen war der Stall in einen
schwachen Lichtschein getaucht. Eine Öllaterne, deren Docht stark gekürzt
war, sodass sie nur wenig Licht spendete, stand am geöffneten Eingang. Ich
lag auf der Seite. Plötzlich hatte ich das Gefühl, jemand stünde hinter mir.
Ich wandte mich um und sah für einen Wimpernschlag den Umriss eines
Menschen in den Schatten der Trennwand des Stalles getaucht, die zwischen der Lampe und der Person stand. Dann sah ich etwas auf mich herabsausen und spürte einen heftigen, kurzen Schmerz in der Stirn.
Als ich das nächste Mal aufwachte, hatte ich schlimmes Kopfweh, und
mir war übel. Ich wollte mich vorsichtig aufsetzen, aber ich konnte mich
kaum bewegen. Zu meinem Entsetzen fand ich, dass ich mit einem Seil
zusammengeschnürt war wie ein gefüllter Gänsebraten. Mühsam und unter
Stöhnen rollte ich mich herum und blickte in das ungläubige Gesicht von
Winger, ebenso gefesselt wie ich, der eine dicke Beule an der Schläfe hatte.
„Der Hund hat uns mit seiner Keule besinnungslos geschlagen, als wir
schliefen“, sagte er wütend.
Dann hörten wir auf einmal Schreie, die grauenhaftesten Schreie, die ihr
euch vorstellen könnt. Mich packte eine schreckliche Angst. Ich habe mich
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schon oft gefürchtet, etwa, als wir in Amarans Gefangenschaft um unser
Leben kämpfen mussten und es so aussichtslos erschien, ein anderes Mal,
als uns die Krim angriffen und Zaphir starb, oder als wir den Riesenechsen
begegneten, aber noch nie habe ich eine solche Furcht gespürt wie in diesem Augenblick. Sie ergriff mein Herz wie eine kalte Faust und presste es
zusammen. Das Schlimme war zu wissen, das etwas Entsetzliches geschah,
aber nicht was, und die Ahnung, dass es bald zu uns kommen würde.
Die Schreie, die eines Mannes und vieler Frauen, verstummten nach und
nach. Wir warteten mit klopfenden Herzen. Es dauerte nicht lange, da öffnete sich die Tür des Stalles. Die älteste Ehefrau des Mannes kam herein.
Ihr Gesicht war leichenblass. Ihre Kleider waren voller Blut. In der Hand
hielt sie ein riesiges Fleischmesser. Sie kam auf mich zu, und ich benässte
mich fast. Bitte tu uns nichts, flehte ich. Aber sie schnitt nur meine Fesseln
durch, danach die von Winger. Dann sagte sie mit tonloser Stimme:
„Ihr müsst uns helfen.“
Wir gingen mit ihr hinüber zum Haus. Der Anblick, der sich uns in der
Stube bot, war schrecklich. Der Leichnam des Mannes lag mit klaffenden
Wunden übersäht vor dem Kamin. In seinem Schädel steckte noch die Axt.
Sein Hals war halb abgetrennt, und eine riesige Lache von Blut bedeckte
fast den ganzen Boden. Der süßliche Geruch des Blutes war Ekel erregend.
In der Lache lagen mehrere Messer und ein Beil. Die anderen Frauen
drängten sich in der Schlafecke zusammen, hielten sich gegenseitig fest.
Ihre Gesichter drückten bodenloses Entsetzen, aber auch grimmige Genugtun und Befreiung aus. Die Augen der Jüngsten leuchteten von einem inneren Licht, so als ob ihr sehnlichster Wunsch in Erfüllung gegangen wäre
„Wir mussten es tun“, sagte die älteste der Frauen, die uns befreit hatte.
„Er hätte euch sonst getötet. Genauso wie seine Frau, seinen Bruder und
einen Knecht. Er war verrückt, besessen von dem Wahn, dass alle Männer
ihm seine ‚Stuten und Fohlen’ wie er uns nannte, wegnehmen wollten. Ein
Hengst müsse sein Revier verteidigen, waren seine Worte. Niemand dürfe
ungestraft in sein Reich eindringen. Er hat euch niedergeschlagen, aber
nicht gleich getötet, denn er hat auch gespürt, dass ihr ihn belogen habt, als
ihr von euch erzähltet. Er wollte die Wahrheit aus euch herauspressen und
erst danach eure Kehlen durchschneiden. Wir wollten das nicht zulassen,
deshalb…“
Sie verstummte. Eine der anderen Ehefrauen – oder Sklavinnen sollte ich
besser sagen – stand auf.
„Wir wollen ihn verbrennen und müssen ihn zuvor in Stücke schneiden.
Das ist eine schwere Arbeit. Wir schaffen es nicht allein. Bitte helft uns!“
„Aber warum vergrabt ihr seine Leiche nicht einfach?“, wollte Winger
wissen.
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„Nein! Er sagte uns immer, wenn wir versuchten ihn zu töten, würde er
als Wiedergänger zurückkommen. Wir müssen seinen Körper vernichten,
dann kann er nicht wieder auferstehen.“
Wir sahen ein, dass es zwecklos war, die abergläubischen Frauen davon
zu überzeugen, dass es keine Wiedergänger oder lebenden Toten gab. Sie
würden es tun, ob mit oder ohne unsere Hilfe, und wir schuldeten ihnen
unsere Leben, also machten wir uns an die fürchterliche Arbeit, nachdem
wir uns aufgeschlitzte Kartoffelsäcke über die Kleider gezogen hatten, um
sie vor dem Blut zu schützen. Es dauerte bis zum Morgengrauen, die Leiche zu zerstückeln und die Teile in den glühenden Eisenofen zu werfen.
Der grauenhafte Gestank verbrannten Fleisches erfüllte die Hütte. Am
Morgen, nachdem sie den Boden aufgewischt hatten, baten uns die Frauen,
in den Stall zu gehen und dort zu warten. Sie wollten sich waschen und ihre
Kleider reinigen. Sie brachten uns später einen Zuber mit heißem Wasser,
und auch wir reinigten uns.
Später kam die Älteste zu uns, brachte uns Milch, Brot und Käse. Sie bat
uns, nicht mehr in die Hütte zu kommen. Die anderen Frauen und Mädchen
seien bis an ihre Grenzen erschöpft und im Augenblick nicht in der Lage,
die Anwesenheit von Fremden zu ertragen. Sie bat uns um Nachsicht dafür
und dankte für unsere Hilfe. Dann setzte sie sich nieder ins Stroh und erzählte:
Keine der Frauen war mit dem Mann verheiratet gewesen. Zwei von seinen so genannten ‚Ehefrauen’ waren in Wirklichkeit Mägde, die früher auf
dem Bauernhof der Familie des Mannes gearbeitet hatten. Sie selbst, die
dritte, war die Witwe seines jüngeren Bruders, also seine Schwägerin. Die
vier jüngeren Mädchen waren seine Töchter.
Die Familie hatte vor acht Jahren noch aus vielen Mitgliedern bestanden
und einen großen Bauernhof in der Nähe von Codae bewirtschaftet. Als der
alte Bauer, der den Hof und die Familie regiert hatte wie ein Patriarch,
starb, übernahm der älteste Sohn, also der Mann, die Herrschaft. Aber er
verfiel fast unmerklich dem Wahnsinn. Als eine kleine Bande von Gesetzlosen eines Tages seine Lieblingskuh als Abgabe forderte, brachte er sie
alle um. Dann verließ er den Hof mit seiner Familie, Sack und Pack,
Knechten, Mägden und Tieren. Sie fanden eine neue Heimat in diesem
Wald, weitab vom Einflussbereich der Banditen, die sie hier nicht finden
und so keine Rache für den Tod ihrer Spießgesellen nehmen konnten. Sie
bauten mehrere Häuser für die Familien des Mannes, seines Bruders und
für die Bediensteten, rodeten eine große Fläche Wald und legten Felder an.
Zuerst schien alles gut zu gehen, aber der Wahnsinn des Mannes nahm zu.
Ein Knecht bat ihn um die Erlaubnis, eine der Mägde heiraten zu dürfen.
Der Mann bekam einen Wutanfall und schlug ihn nieder. Später jagte er ihn
vom Hof. Seine Herrschaft wurde immer gewalttätiger und grausamer. Bei
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Verstößen gegen die von ihm erlassenen ‚Gesetze’ urteilte er als Richter
und vollstreckte auch die Strafe selbst, die meist aus Hieben mit der Bullenpeitsche bestand. Seine Frau prügelte er eines Tages zu Tode, nach seiner Darstellung war es ein tragischer Unfall. Dann verkündete er ein neues
Gesetz: Als ‚Hengst’ der Herde stünde es nur ihm zu, mit den Frauen, die
unter seinem Schutz standen, zu schlafen. Die Frau, die uns das alles erzählte, war ja mit dem jüngeren Bruder des Despoten verheiratet. Ihr Ehemann hatte schon immer vor ihm Angst gehabt und sich ihm stets schweigend gefügt. Aber sie hatte jetzt genug. Sie redete auf ihren Mann ein und
beschwor ihn, Mut zu zeigen und der Gewaltherrschaft auf dem Hof ein
Ende zu machen. Am nächsten Tag sprach er unter vier Augen mit allen
Familienmitgliedern und Bediensteten, um sich ihre Unterstützung einzuholen, bevor er, begleitet vom einzig noch verbliebenen Knecht, einem
kräftigen Burschen, zu seinem älteren Bruder ging. Er sagte ihm mit zitternder Stimme, dass er krank im Kopf sei und darum nicht mehr fähig, den
Hof zu führen. Deshalb würde er, der Jüngere, das Erbe ihres Vaters jetzt
für sich beanspruchen. Sein Bruder könne gehen oder bleiben, ganz wie er
wolle, aber niemand würde mehr seine Anweisungen befolgen.
Der Mann schwieg. Es war seltsam, erzählte die Frau, wie kalt er blieb,
er, der sonst immer mit Wut und Gewaltausbrüchen reagierte.
In der Nacht wurde sie von den Geräuschen prasselnden Feuers geweckt.
Ihr Haus stand in Flammen! Das Bett neben ihr war leer. Sie rannte die
Treppe hinunter und fand ihren Mann blutüberströmt am Boden. Er war
erschlagen worden. Sie konnte gerade noch sich selbst retten, bevor das
Gebäude zusammenbrach. Das Haus der Bediensteten und die Ställe brannten ebenfalls. Die Mägde befreiten zuerst die Tiere und versuchten dann
vergeblich, die Flammen zu löschen. Sie hatten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen können und den Leichnam des Knechtes, den sie mit durchgeschnittener Kehle in seinem Bett gefunden hatten, nach draußen getragen.
Der Mann stand mit grimmigem Grinsen und verschränkten Armen vor der
Tür seines Hauses, aus dessen Dach ebenfalls Flammen schlugen, und sah
ihnen bei ihrem vergeblichen Bemühen, den Hof zu retten, zu.
Alles brannte nun lichterloh. Die Frauen gaben ihre Löschversuche auf
und rotteten sich wütend zusammen, dann bewaffneten sie sich mit Mistgabeln und Knüppeln und gingen im Schein der auflodernden Flammen auf
den Mann zu, drohend ihre Waffen schwenkend. Doch der schien gelassen
und furchtlos.
„Schrecklich“, meinte er. „Das müssen die Banditen gewesen sein. Ihr
hättet heute Nacht eine starke Hand und einen klugen Kopf gebrauchen
können, aber ihr habt es ja vorgezogen, auf meinen armen Bruder zu hören.
Er war ein guter Junge, aber schwach und dumm. Die Gesetzlosen werden
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wiederkommen und euch Gewalt antun wollen. Aber keine Angst, ihr seid
jetzt wieder meine Herde, und ich werde euch beschützen.“
Am nächsten Tag packten sie das Wenige, das das Feuer verschont hatte,
zusammen und zogen einige Tagesmärsche weiter, tiefer in den Wald hinein, bis sie hierher kamen. Der Mann errichtete ein neues, viel kleineres
Haus, einen Stall, rodete den Wald, um Platz für die Felder zu schaffen,
arbeitet hart und brachte sie durch die zwei nächsten schweren Winter.
Ohne seine Kraft, sein Wissen und seine Fertigkeiten hätten sie es nicht
geschafft. Dann, eines Tages, als sie genug von ihm gelernt hatten, hörte er
auf zu arbeiten. Er machte sie nun endgültig zu seiner Stutenherde und
sagte ihnen, dass er jeden Mann töten würde, der ihnen zu nahe kam. Sie
schufteten für ihn, und er misshandelte und missbrauchte sie. Sie durften
nicht mehr sprechen, es sei denn, er erlaubte es ihnen. Er verbot ihnen,
schwanger zu werden. Als es eine von ihnen dennoch wurde, trat er sie so
oft in den Bauch, bis sie eine Fehlgeburt erlitt. Von da an gingen die Geschwängerten, bevor er ihren Zustand bemerkte, in den Wald, und eine der
Mägde, die es von einer Unberührbaren gelernt hatte, half ihnen mit giftigen Kräutern, manchmal auch mit langen Holznadeln, die gezeugten Föten
abzutreiben. Eine seiner „Töchter“, so nannte er die Mädchen, die jünger
als achtzehn waren, verblutete bei einem erzwungen Abort.
Die Frauen hassten ihn abgrundtief, aber sie fanden weder den Mut zu
fliehen noch ihn umzubringen. Eine Flucht zu Fuß durch hunderte Meilen
Wildnis wäre ihr sicherer Tod gewesen. Und die Gelegenheit ihn zu töten
schien unwiderruflich verpasst zu sein. In jener Nacht, als der Hof in Flammen stand und sie die Leichen der ermordeten Männer gefunden hatten, da
hätten sie den Mut noch aufbringen können, ihn umzubringen, dann aber
hatte er Zweifel in ihnen gesät, gerade genug, um sie von ihrem Vorhaben,
ihn zu lynchen, abzubringen. Erst später war ihnen klar geworden, dass er
ihnen Sand in die Augen gestreut hatte. Die Gesetzlosen hätten nicht alles
niedergebrannt, ohne Beute zu machen. Er ahnte nicht, wie knapp er an
diesem Tag dem Tod entgangen war.
Aber dann waren Winger und Dremion gekommen, und mit ihnen eine
neue Gelegenheit. Die Frauen hatten zuerst nicht geglaubt, dass der Mann
seine Drohung, alle Männer zu ermorden, die ihm seine ‚Stuten’ und ‚Fohlen’ wegnehmen könnten, wahr machen würde. Aber nachdem er seine
beiden Gäste niedergeschlagen hatte, war ihnen nichts anderes übrig
geblieben. Sie taten das, was sie schon längst hatten tun sollen. Und nun
waren sie endlich frei. Wenigstens hatte er ihnen alles beigebracht, was sie
zum Überleben wissen mussten. Der kleine Hof würde sie gut ernähren. Ja,
sie würden hier bleiben, beantwortete die Frau meine Frage.
Es war mir und Winger klar, dass sie diesen Unmenschen nicht nur umgebracht hatten, um uns zu retten. Dass unser Leben durch ihn bedroht
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worden war, war nur ein willkommener Anlass gewesen. Die Art und Weise, wie sie ihn abschlachteten, und das triumphierende Leuchten in den
Augen der Kleinen, die er entjungfert hatte, zeigten uns, dass sie in gewisser Weise ebenso verroht waren wie der Mann selbst. Hass war ihre Antriebsfeder. Was ihnen noch zu der Tat fehlte, war der Mut, und der kam,
als wir in ihr Leben traten.
Winger und ich waren uns einig: wir wollten so schnell wie möglich weg
von hier. Die Frau erwies sich als dankbar. Sie gab uns eines ihrer Pferde,
einen starken Wallach, kräftig genug, uns beide zu tragen, außerdem Lebensmittel, Decken, Lampenöl und Pech. Dann ritten wir davon. Sie winkte
uns nicht nach. Die anderen Frauen und Mädchen haben wir nicht mehr zu
Gesicht bekommen. Der Wallach trug uns problemlos durch den verschneiten Wald. Er war an den Schnee gewöhnt.
Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Die Frau hatte uns einen
Weg gezeigt, der aus dem Wald hinaus auf eine Straße führte. Dieser folgten wir, bis wir an einer Kreuzung auf die Spur eurer Armee stießen. Obwohl es dort seit ihrem Durchkommen viele Male geschneit haben musste,
war sie unübersehbar. Ihr ahnt gar nicht, wie viel Abfall, zerbrochene Gerätschaften, zerrissene Zeltplanen und Erdhaufen von ausgehobenen und
nicht wieder zugeschütteten Latrinengräben euren Weg säumen. Noch die
Kinder und Enkel der Bürger dieses Landes werden euch dafür verfluchen.“
Er lachte, aber dieses Lachen wirkte verkrampft und bitter, als ob die geschilderten Erlebnisse in dem Haus im Wald sich wie hartnäckiger, modernder Schimmel über seinen sonst so natürlichen Humor gelegt hätten.
„Drei Wochen lang folgten wir dieser Spur der Verwüstung, bis wir euch
schließlich letzte Nacht eingeholt haben“, endete seine Erzählung.
Für eine Weile herrschte Stille. Dann ergriff Tegres, der Schwarze
Kämpfer, der dem Stamm der Yauqui angehörte, das Wort:
„Ihr habt sie allein gelassen“, stellte er mit gedämpfter Stimme, in der
ein Vorwurf mitschwang, fest.
„Was sollten wir denn noch für sie tun?“, fragte Winger. „Der Mann
kann sie nicht länger quälen. Sie sind endlich frei. Sie können sich selbst
versorgen, haben es ja in der Vergangenheit auch getan. Es geht ihnen doch
jetzt gut.“
„Ihr habt nichts verstanden“, antwortete der hoch gewachsene, dunkelhäutige Mann. „Aber wie solltet ihr auch. Ihr könnt keine Ahnung davon
haben, was mit den Frauen geschehen ist. Die Wunden ihrer Seelen werden
nie verheilen. Ihr einziger Ausweg ist der Tod.“ In seinen Worten schwang
ein tiefes Mitgefühl.
Dremion und Winger starrten Tegres erstaunt an. Aber auch die anderen
waren verwundert. Trygar kannte seinen Gefährten als schweigsamen, in
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sich gekehrten Mann, der nie Gefühle zeigte. Jetzt fand er eine neue Facette
an ihm.
„Wir Pferdeleute sind ein ungebildetes Volk. Wir haben keine Lehrer
und Schulen. Unsere Kinder lernen weder Lesen noch Schreiben. Ich selbst
habe das erst gelernt, nachdem ich Nunoc Baryth begegnet bin, und er mir
einen neuen Weg gewiesen hat. Die meisten von uns verfügen zwar nicht
über euer Wissen, aber dennoch sind die Yauqui nicht dumm. Die Kinder
unseres Volkes gehen auch durch eine Lehrzeit. Sie lernen von allen, durch
Zusehen und Fragen. Es gilt ein Stammesgesetz, das besagt: vor Kindern
darfst du keine Geheimnisse haben. Sie dürfen überall dabei sein, sie dürfen auf jede Frage eine Antwort verlangen. Sie machen das nach, was sie
bei den Erwachsenen beobachten und werden von denen angeleitet. So
erfahren sie, wie man in dieser rauen Welt überlebt, und sie lernen unser
Gemeinwesen kennen.
Mein Vater war ein Tigunya, einer, der über die Einhaltung der Stammesgesetze wacht, ihr würdet sagen: ein Richter. Als ich noch ein Junge
war, einige Jahre jünger als Trygar heute, sagte er eines Tages zu mir:
‚Komm mit, mein Sohn. Heute kannst du etwas sehr Wichtiges lernen’. Ich
wusste, dass er an diesem Tag Recht sprechen würde über eine Frau, die
ihren Mann getötet hatte. Ich kannte den Ausgang des Verfahrens schon
vorher: sie würde entweder hingerichtet oder aus dem Stamm ausgestoßen
werden. Die Verbannung unterschied sich von der Hinrichtung eigentlich
nur durch den Zeitpunkt des Todes. Keiner konnte in der Wildnis allein
überleben. Beide Urteile waren Todesurteile. Was konnte ich also Neues
lernen, fragte ich mich. Hinrichtungen hatte ich schon einige gesehen, und
ich verabscheute den Gedanken, auch dieses Mal zusehen zu müssen.
Aber der Prozess verlief ganz anders, als ich erwartet hatte. Mein Vater
ließ die Angeklagte reden. Er gab ihr die Freiheit, die Vorgeschichte der
Tat aus ihrer Sicht darzulegen. Und so erfuhr ich zum ersten Mal, was im
Kopf einer Frau vorging.
Ihr müsst wissen, dass Frauen in unserem Stamm eine untergeordnete
Stellung besitzen. Sie haben ihren Ehemännern zu gehorchen und können
von diesen bestraft werden, bis hin zur körperlichen Züchtigung. Damals
erschien mir das ganz normal. Erst später, nachdem ich in den Orden eingetreten war und mein Leben, meine Ansichten und meinen Glauben völlig
umgekrempelt hatte, wusste ich, dass alle Menschen vor Wathan gleich
sind und der Mann sich nicht über die Frau stellen darf.
Dennoch: die Yauqui sind keine Barbaren. Nach ihren Gesetzen muss
der Mann seine Frau gerecht und mit Respekt behandeln. Er darf sie nur
aus Liebe schlagen, um sie zu erziehen und auf den rechten Weg zu bringen, wenn sie fehl geht. Was diese Frau, die damals vor meinem Vater
stand, unter ihrem Mann erlitten hat, war aber so grauenvoll, dass mir die
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Tränen über die Wangen liefen, als ich ihre Erzählung hörte. Und ich fand
all das heute wieder in euren Erlebnissen mit den Frauen im Wald, Dremion und Winger. Sie, die Angeklagte, hatte nur diesen letzen Ausweg aus
einem Leben unsäglicher Qualen und Erniedrigungen gesehen: ihren Mann
zu töten. Mein Vater sprach sie frei. Sie trug keine Schuld. Aber das war
keine Erleichterung für sie. Die Verletzungen ihrer Seele waren tödlich,
und sie hatte auf einen kurzen, schmerzlosen Tod durch eine Hinrichtung
gehofft. Nun aber musste sie mit ihren Erinnerungen weiterleben. Drei
Tage später ging sie in den Freitod.
Für die Frauen, die ihr zurückgelassen habt, wird es ebenfalls keinen anderen Ausweg geben. Sie sind verdammt. Ein paar Monate, vielleicht ein
paar Jahre lang werden sie sich gegenseitig die Kraft geben zu überleben,
doch dann wird die schwächste von ihnen zuerst diesen Ausweg suchen.
Wir müssen ihnen helfen.“
Die Männer im Zelt waren bestürzt und murmelten miteinander. Methor
ergriff das Wort:
„Das Elend und Unheil in dieser Welt sind so groß, dass man verzweifeln möchte, Tegres. Deine Worte rühren mich tief, und ich würde viel
darum geben, diesen Frauen helfen zu können. Aber es steht nicht in unserer Macht. Wir haben eine andere Aufgabe zu erfüllen.“
„Auch ich fühle mich sehr schlecht dabei“, meinte Winger. „denn ich
gehörte vor nicht allzu langer Zeit zu den Männern, die ihre Frau als Besitztum ansahen, über das sie nach Belieben verfügen können. Meine geliebte Neta hat das mit dem Leben bezahlt, und mein eigenes Leben habe
ich mit dieser Überheblichkeit ebenfalls fast ruiniert. Ich wäre der Erste,
der das wieder gut machen wollte. Aber wir können den Frauen nicht helfen, selbst wenn wir es wollten.“
„Wir nicht“, sagte Trygar. „Aber ich weiß jemanden, der das kann.“
Alle sahen ihn erstaunt an.
„Es ist noch nicht lange her, da habe ich eine Frau kennen gelernt, die
über die Gabe verfügt, die Krankheiten und Verletzungen der Seele zu
heilen. Sie ist die Äbtissin eines Ordens, dessen Kloster am Fluss Thes
steht, und ihr Name ist Sankima.“
Methor nickte zustimmend.
„Ja, Sankima könnte ihnen tatsächlich helfen. Doch sie ist hunderte Meilen entfernt. Selbst wenn wir ihr eine Nachricht schicken, wie soll sie sie
finden?“
Für einen Augenblick waren alle ratlos. Dann sagte Dremion mit einem
verzweifelten Blick zu Winger:
„Verlangt bitte nicht von uns, dass wir den ganzen Weg nach Vulcor zurück reiten und sie zu den Frauen führen, jetzt, nachdem wir euch endlich
wieder gefunden haben.“
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Aber Winger widersprach ihm.
„Ich gehe, wenn es keinen anderen Weg gibt, ihnen zu helfen.“
„Ich glaube nicht, dass das nötig ist“, meinte Methor. „Du und Dremion
sollt uns nicht mehr verlassen. Beschreibt den Ort, wo ihr die Frauen gefunden habt, und den Weg dorthin so genau wie möglich und legt das
schriftlich fest. Wir werden bestimmt jemanden im Heer finden, der sich in
Pheldae gut auskennt und durch eure Beschreibung herausfindet, wo sich
der Wald befindet. Ich werde Lankoma einen Brief schreiben und sie um
Hilfe bitten. Den Mann mit den Ortskenntnissen schicke ich als ihren Führer mit. Sie wird die Frauen schon finden. Schließlich ist sie eine Geistmagierin.“
Sie waren alle erleichtert, dass Trygar und Methor einen Weg gefunden
hatten, den Frauen zu helfen, und nach einer Weile wandte sich das Gespräch anderen Dingen zu. Winger sagte:
„Oh ich Narr! Mir fällt gerade ein, dass ich euch schon längst etwas erzählen hätte sollen. Ihr wartet doch sicher schon voller Ungeduld auf Nachricht von Duna, Seyn und Legis?“
Trygar sprang auf, als hätte ihn ein Skorpion gestochen.
„Was ist mit Duna? Ist sie am Leben? Geht es ihr gut? Woher weißt
du…“
Winger klopfte dem jungen Mann beruhigend auf die Schulter.
„Eines nach dem anderen, Trygar. Wir bringen gute und schlechte Nachrichten. Ja, sie lebt, aber sie ist bei ihrem Kampf mit der Bestie schwer
verletzt worden. Wir wissen leider nicht allzu viel, nur, dass sie mit dem
Tod gekämpft hat, sich einer der besten Ärzte Pheldaes um sie kümmert, es
ihr schon viel besser geht und sie wieder gesund wird. Als wir, eurer Spur
folgend, die Stadt Codae erreichten, fanden wir dort Lorth, der ja in eurem
Auftrag Friedensverhandlungen führt, die übrigens große Fortschritte machen, möchte ich am Rande bemerken. Lorth hatte gerade erst eine Nachricht aus der Mine mit dem besagten Inhalt erhalten. Duna hat dem Boten
einen Brief an dich mitgegeben, Trygar. Lorth gab ihn mir, und ich übergebe ihn dir jetzt.“
Er wühlte eine Weile in seinem Rucksack herum und zog endlich ein
zerknittertes Pergament heraus, das er dem ungeduldigen Trygar aushändigte. Der las den Brief mit zitternden Lippen. Seine Augen wurden feucht,
und ein rötlicher Hauch färbte seine Ohren. Schließlich faltete er das Pergament und steckte es unter sein Gewand.
„Ja, es geht ihr wieder gut, schreibt sie. Sie hat Gadennyns Kreatur vernichtet. Unsere drei Gefährten werden, wie von Ecthar versprochen, fünfhundert Mann der Stadtwache Codaes zur Verstärkung unseres Heeres
mitbringen. Aber Duna kann noch nicht reisen. Sie wird noch ein paar Tage
in der Mine bleiben müssen. Sie bittet uns, auf jeden Fall weiterzureisen
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und verspricht uns einzuholen, bevor wir die Grenze nach Orinokavo überschreiten.“
„Es muss mindestens zwei Wochen her sein, dass sie den Brief geschrieben hat“, meinte Methor. „Vielleicht sind sie ja schon aufgebrochen.“
Er behielt Recht. Drei Tage, nachdem sie dem Boten ihren Brief an Trygar
übergeben hatte, hielt es Duna nicht mehr aus, tatenlos im Bett zu liegen.
Sie wollte die Minenstadt gegen den Rat des Arztes bald verlassen, konnte
aber noch nicht reiten und kaufte deshalb eine zweispännige Kutsche. Die
Bänke im Innern ließ sie herausreißen und stattdessen ein weiches Lager
aus Fellen und Decken hineinlegen. Während alles für den Aufbruch vorbereitet wurde, verabschiedeten sie und die Zwillinge sich von Ezan, ihrem
Führer in der Höhle. Seyn und Legis hatten von Lord Ronno eine Verdopplung der Silberprämie für den Minenarbeiter abgetrotzt. Damit konnte er
nicht nur seinen Bruder freikaufen, sondern auch sich selbst eine neue Existenz aufbauen.
„Du bist ein tapferer Mann, den wir gut gebrauchen könnten“, sagte Duna. „Warum kommst du nicht einfach mit uns?“
Ezan schüttelte den Kopf. „Meine Frau und meine drei Kinder würden es
nicht begrüßen, ihren Ernährer zu verlieren.“
„Du hast eine Familie? Davon hast du uns gar nichts erzählt.“
„Ja, und ich liebe sie über alles. Ich könnte sie niemals allein zurücklassen.“
„Was wirst du jetzt tun?“
„Nun, mein Bruder und ich werden wieder in die Höhlen zurückkehren.
Wisst ihr, ich bin jetzt ein berühmter Mann, der Mann, der euch zum Versteck der Bestie geführt hat. Die ganze Silberstadt redet darüber, von der
Dämonenkreatur und von den Höhlen und deren Schönheit. Viele Leute
wollen gerne die Stätte deines heroischen Kampfes mit dem Monster sehen,
seinen verbrannten Körper, von dem bald nur noch das Skelett übrig sein
wird, die Tropfsteinhöhlen, die Kristallgrotten mit ihrer glitzernden Pracht,
den leuchtenden See und vieles mehr. Aber nur ich kenne den Weg dorthin.
Ich werde sie zusammen mit meinem Bruder hinführen, auf verschlungenen Pfaden, die sich niemand merken kann, und sie werden dafür einen
angemessenen Preis bezahlen. Ronno und zwei andere ranghohe Gesellschafter der Mine sind die ersten. Morgen geht es schon los. Mein Bruder
und ich werden in den nächsten Wochen genug Geld verdienen, um irgendwo anders neu anfangen zu können.“
Zwei Tage später brachen sie auf. Duna hatte es in ihrem Wagen auf
dem dicken Felllager recht bequem, dennoch spürte sie jede Unebenheit
des Weges in ihrem gebrochenen Arm, der sorgfältig geschient war. Ihre
Kutsche, begleitet von den berittenen Zwillingen, fuhr an der Spitze des
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Zuges, gefolgt von zwei weiteren Fuhrwerken, die mit Proviant und Ausrüstung beladen waren. Dahinter marschierten die fünfhundert Soldaten der
Stadtwache in Zweierreihen, ein kleines Heer, das sich schneller bewegen
konnte als die große Armee, die es einholen wollte. Dennoch würde es
noch einige Wochen dauern, bis Trygar und Duna wieder vereint sein würden.
Südlande
Die Dämmerung kroch wie eine sich ausbreitende Lache verdünnter Tinte
über die Landschaft und färbte sie blaugrau. Die Schatten der Berge zu
ihrer Rechten waren für menschliche Augen bereits undurchdringlich. Lediglich die felsigen Gipfel des rotbraunen, schneelosen Gebirges, das sich
im Süden quer zu ihrer Marschrichtung erstreckte, wurden von den letzten
Strahlen der untergehenden Sonne in ein purpurfarbenes Glühen getaucht.
Die ersten Sterne erschienen wie Nadellöcher in einem samtenen Tuch am
Himmelsgewölbe.
Sie ritten auf einem kahlen, felsigen Plateau, das sich wie eine für Riesen
gehauene Stufe am Vas-Thet-Gebirge entlang zog. Es war etwa eine halbe
Meile breit und fiel an seiner östlichen Kante steil zu der Tiefebene hinab,
die von undurchdringlichem Dschungel überwuchert war, der im Licht der
Dämmerung von hier oben wie Schimmelbewuchs aussah: blassblau und
samtig. Der Xinghi hatte sie hinaufgeführt. Auf dem Plateau kamen sie viel
schneller voran als im Unterholz des feuchten, nach Moder und Verfall
riechenden Urwaldes, den sie erleichtert hinter sich gelassen hatten. Die
Luft war mild und roch bereits nach dem kommenden Frühling. Zpixs saß
vor Cora auf der Schulter ihres Pferdes, das, obwohl zwei Reiter, dennoch
weniger Last als die anderen Tiere zu tragen hatte. Die Frau und der kleine
Waldbewohner ritten voran, und ihre Gefährten Boc, Spin und Gormen
folgten in ihrer Spur. Der Xinghi streckte seinen Arm aus und zeigte auf
die verlöschenden Gipfel voraus.
„Dort, hinter diesem südlichen Ausläufer der Vas-Thet-Berge liegen die
Südlande. In wenigen Tagen werden wir dort sein.“
„Und wie kommen wir hinüber?“
„Es gibt einen Pass, der viel einfacher zu bewältigen ist, als der Pass im
Rabengebirge. Die Berge dort sind niedriger und um diese Jahreszeit, weil
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viel weiter im Süden liegend, schon schneefrei. Wir brauchen nicht einmal
die Pferde zurückzulassen.“
„Und wie geht es dann weiter?“, fragte Cora.
„Wir werden zur nächsten Hafenstadt reiten – sie liegt nur noch etwa
hundert Meilen von hier – und eine Schiffspassage nach Shoal buchen.“
„Aber keiner von uns spricht die Sprache der Südländer, und in welcher
Währung sollen wir sie bezahlen?“
„Keine Angst. Ich beherrsche die Landessprache. Nur sollte ich mich
nicht vor den Bewohnern des Landes blicken lassen. Die Xinghi wünschen
nicht, dass die Südländer von ihrer Existenz erfahren. Vielleicht werde ich
mich vorübergehend von euch trennen müssen. Aber vorher werde ich euch
noch einige wichtige Wendungen der südländischen Sprache lehren. Sie hat
übrigens Ähnlichkeit mit der eures nördlichen Nachbarn Orinokavo. Kein
Wunder, denn eines der südlichen Reiche – nicht dieses, das wir aufsuchen
– hat Orinokavo erobert und dort seine Kultur und Sprache eingeführt. Und
seid ihr erst in der Hafenstadt, dann ist die Verständigung kein Problem
mehr. Die meisten der Schiffseigner und Kapitäne sprechen sehr gut Koridreanisch. Schließlich treiben sie seit langer Zeit Handel mit eurem Heimatland, Cora. Sie akzeptieren auch euer Geld als Zahlungsmittel, denn
damit können sie in Shoal Waren erwerben, die sie dann wieder ihren
Landsleuten verkaufen.“
„Und du, Zpixs? Du wirst uns doch nicht im Stich lassen. Wirst du mit
uns nach Shoala kommen?“
Ihr kleiner Gefährte schwieg lange. Schließlich antwortete er mit einem
vorausgehenden Geräusch, das, wie Cora gelernt hatte, dem menschlichen
Seufzen entsprach:
„Ich habe es euch ja versprochen, und ich werde mein Versprechen auch
halten. Aber mit jedem Schritt, den wir unserem Ziel näher kommen,
wachsen meine Angst und meine Sorge.“
„Du hast Angst? Aber vor was oder wem denn? Du bist doch im Vergleich zu uns mächtig und beinahe unverwundbar. Kein Xinghi-Späher
braucht Furcht vor den Menschen zu haben. Selbst Gadennyn kann dir
nichts antun, kleiner Freund.“
„Wenn du dich da nur nicht täuschst, Cora. Ich bin eurem jetzigen König
bereits einmal zu nahe gekommen, und die Erinnerung daran erfüllt mich
mit Schrecken.“
„Du bist Gadennyn begegnet?“
„Nicht von Angesicht zu Angesicht, aber dennoch war ich ihm näher als
dir jetzt, Cora.“
„Lass dir doch dich nicht die Würmer aus der Nase ziehen, Zpixs! Erzähl
mir alles.“
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Die junge Frau, die einen Arm um den vor ihr sitzenden Xinghi gelegt
hatte, fühlte auf der bloßen Haut ihres Unterarms, wie ihn ein Schauer
durchlief und sich das Fell des Waldbewohners sträubte.
„Bei meiner Tätigkeit als Kundschafter für unser Volk sah ich zunächst
keinen Anlass, Gadennyn in seiner Burg auszuspionieren. Er schien mir
keine Gefahr für die Xinghi darzustellen, aber nachdem Gother aus dem
Norden zurückgekehrt war, belauschte ich ein Gespräch der engsten Berater des Lords, hörte von einer Bedrohung aus dem Norden in Gestalt eines
mächtigen Magiers, den sie den Schwarzen Abt nannten, und dass der Lord
seine Vertrauten zu einer Versammlung und Beratung in die Felsenhalle
gebeten hatte. Deshalb folgte ich ihnen. Ich verzerrte die Zeit, spazierte
zwischen den Beinen des wie eingefroren dastehenden Burgverwalters
Denis Ryche in die Felsenhalle und versteckte mich zuerst tief in der Höhle. Ich hörte ihre Begrüßungsfloskeln und wartete ab, bis sie an der Tafel
Platz genommen hatten, dann fror ich wieder die Zeit ein und suchte mir in
der Nähe der Runde eine schattige Nische in der Felswand, wo mich keiner
sehen, ich aber ihr Gespräch belauschen konnte. Als ich die Zeit wieder in
ihren normalen Fluss entließ, spürte ich unmittelbar eine bedrohliche Präsenz, die nach mir suchte und tastete, etwas nicht Menschliches!
Gadennyn schien irgendwie alarmiert, unterbrach sofort die Unterredung, stand auf und schaute in die Dunkelheit meiner Nische, direkt in
meine Augen, wie es schien. Ich spürte zum ersten Mal in meinem Leben
ein bedrohliches Gefühl, das ich nicht einordnen konnte. Später wurde mir
klar, dass es nackte Angst war.
Schnell verzerrte ich wieder die Zeit und verschwand. Danach versuchte
ich nie wieder, mich dem Lord zu nähern. Ich belauschte nur seine Untergebenen, unter anderem auch euch, als ihr diese Reise in die Ostlande plantet, um Nunoc Baryth, von dem ihr dachtet, er sei Semanius, unschädlich
zu machen.
Seitdem ich aber von euch erfahren habe, dass Gadennyn der wiedergeborene Lordmagier ist, bringe ich dieses Angst einflößende Gefühl eines
nach mir suchenden, fremdartigen Wesens damit in Verbindung. Die nahe
liegende Erklärung wäre natürlich, dass es der Geist von Semanius war, der
in der Felsenhalle nach mir getastet hat. Dann aber wäre er nicht einfach
nur ein in Gadennyn wiedergeborener Mensch mit magischen Fähigkeiten,
der historische Lordmagier in neuer Gestalt, sondern mehr als das, ein weit
mächtigeres Wesen als damals. Doch das erklärt nicht die Fremdartigkeit,
die ich gespürt habe. Es war nichts Böses, sondern etwas Großes und sehr
Mächtiges, das selbst Furcht zu verspüren schien. Wenn ich einen Vergleich wagen soll, dann mit einem Kind, das zum ersten Mal eine Spinne
sieht, ein Geschöpf, vor dem ihm seine Mutter immer Angst gemacht hat.
Das Kind ist viel größer, stärker und mächtiger als die Spinne und fürchtet
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sie dennoch, weil sie fremdartig und bedrohlich aussieht. Es scheint ihm
keine böse Tat, sie zu zertreten. Nur seine kindliche Neugier hält es noch
zurück. Ja, so habe ich mich damals gefühlt, wie die kleine Spinne vor dem
riesigen, überlegenen Kind, das bereit ist, sie zu zerquetschen. Ich rätsele
seitdem, wie es sein kann, dass der Geist des abgebrühten, berechnenden
und bösen Magiers Semanius solch ein Gefühl in mir hervorrufen konnte.
Ich glaube heute, dass dieses Geistwesen, das mir in der Felsenhalle begegnet ist und das den Körper von Gadennyn beherrscht, nicht die wiedergeborene Seele des Lordmagiers war.“
Cora war mehr als erstaunt.
„Du musst dich täuschen, Zpixs. Denke doch an das Amulett, das Gadennyn in jungen Jahren gefunden hat. Es war früher im Besitz von Semanius.“
„Genau darüber grübele ich ja fortwährend. Ihr habt mir von Semanius’
Tagebuch erzählt. Hat nicht der Lordmagier seine große Macht erst erlangt,
nachdem er diesen schwarzen Stein fand, der jetzt im Amulett eingefasst
ist? Was wäre, wenn die fremdartige Präsenz, die ich gespürt habe, nicht in
Gadennyns Körper, sondern in dem Edelstein steckte?“
Cora musste darüber nachdenken.
„Ein Dämon in einem Stein? Das klingt ja fast nach einem der Naturgeister und Götter der Nomaden von Vulcor, die in jedem Baum, in jedem
Felsen und jeder Quelle eine mächtige Seele vermuten. Glaubst du daran?“
„Ich glaube nicht an eine solche Göttervielfalt, aber es gibt vielleicht
Wesen in dieser Welt, die Wathan – wie ihr das eine, göttliche Wesen
nennt – erschaffen hat, welche uns völlig fremdartig sind, und deren Fähigkeiten unser Vorstellungsvermögen überschreiten. Ihr Menschen glaubt in
der Mehrzahl, ihr seiet das auserwählte Volk, aber das ist mit Verlaub eine
vermessene Vorstellung. Es mag Kreaturen geben, gegen die ihr und wir so
unbedeutend sind wie kleine Spinnen.“
Cora ließ sich alles durch den Kopf gehen und schwieg lange. Schließlich sagte sie:
„Dann wäre es also nicht zu Ende, wenn es dir gelänge, Gadennyn das
Amulett abzunehmen. Vielleicht wäre der Versuch sogar völlig sinnlos.
Diese Macht in dem Stein, sie könnte uns nach wie vor vernichten und die
Menschheit unterjochen.“
„Vielleicht hast du Recht, vielleicht aber auch nicht. Bisher hat sich der
Stein zweimal einen Träger gesucht, der über magische Fähigkeiten verfügt. Möglicherweise ist seine Macht gebrochen, wenn wir ihn Gadennyn
abnehmen, vorausgesetzt, kein anderer legt sich das Amulett dann an. Wir
müssen es rasch vernichten, wenn wir es haben. Aber ich bezweifle, dass
wir es dem König überhaupt entreißen können. Selbst wenn er durch Trygar und die andere Magierin, von der ihr mir erzählt habt, abgelenkt wird,
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wird der Geist im Stein mich bemerken. Für ihn scheint es die Fessel der
Zeit nicht zu geben.“
„Das stimmt nicht ganz, Zpixs. Du erzähltest mir, du habest dich ohne
Schwierigkeiten in die Felsenhalle einschleichen und dort verstecken können, während du die Zeit verzerrt hast. Mag sein, dass dich Semanius –
oder wie du vermutest: das fremdartige Wesen – dabei bemerkt hat, aber
offenbar konnte es erst etwas unternehmen, nachdem sie wieder ihren normalen Lauf hatte.“
Der Xinghi machte eine zustimmende Handbewegung.
„Du hast Recht, Cora. Vielleicht haben wir ja eine kleine Chance. Wir
sollten versuchen, sie zu nutzen, auch wenn ich große Furcht vor der Begegnung mit dem Geist habe, der das Amulett beseelt.“
Inzwischen war es fast dunkel. Cora konnte nur noch die Silhouetten der
Berge erkennen, wo sie das Licht der Sterne verdunkelten.
„Wir schlagen jetzt besser unser Nachtlager auf“, schlug Zpixs vor.
„Dann sollten wir uns mit den anderen über meine Befürchtungen und
Vermutungen beraten.“
Lord Rhome stoppte den kleinen Zug mit einem kurzen Befehl. Harold
schaute verwundert aus dem Fenster der Kutsche. Draußen saßen Rhome
und seine sechs Leibgardisten zu Pferde. Der alte Magier war zu gebrechlich zum Reiten, und der Fürst von Sandaba hatte ihn deshalb für die Reise
in einer zweispännigen Kutsche untergebracht, deren Sitze gut gepolstert
waren. Gelegentlich fuhr er ein Stück in dem überdachten Wagen mit und
unterhielt sich mit seinem greisen Reisebegleiter, meist ritt er jedoch mit
seinen Leuten. Sie befanden sich auf einer Nebenstraße, die nach Norden
führte und sich durch ein hügeliges Gelände schlängelte. Bis zur Grenze
von Orinokavo war es nicht mehr weit.
Der Lord zeigte zu einem Hügel hinauf. Oben stand ein verwitterter, aber
noch nicht zerfallender, kleiner Wachturm.
„Das ist einer der alten Grenztürme“, erklärte er Harold. „Früher war er
mit Wachposten besetzt. Ich steige mal hinauf und schau mich ein wenig
um.“
Nachdem er auf dem Hügel angekommen war, verschwand er im Turm
und tauchte kurz darauf auf einem mit einer Außengalerie versehenen
Rundgang unterhalb der Turmspitze wieder auf. Rhome klatschte als Zeichen der Verwunderung in die Hände.
„Das müsst Ihr Euch ansehen, Harold. Kommt hinauf. Bjorn –“, rief er
einem seiner Leute zu – „Hilf ihm.“
Wenig später stand der Magier, gestützt von Bjorn, keuchend und hochrot im Gesicht neben dem Lord auf der Ausguckplattform, doch als sein
Blick in die nördliche Ebene fiel, wurde er schlagartig blass. Dort unten
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wimmelte es von Menschen, Tieren, Zelten und Gerätschaften, soweit das
Auge reichte. Die Streitmacht war nicht nur groß, sie war gewaltig, ungeheuer, unvorstellbar riesig. Ihr Aufmarschgebiet zog sich als meilenbreites
Band vom Westen nach Osten an der Grenze entlang, von Horizont zu
Horizont. Und auf der von Inay kommenden Hauptstraße zogen weitere
Truppen heran.
„Wie viele Soldaten mögen das sein?“, fragte der Alte mit brüchiger
Stimme.
Grimmig antwortet der Lord:
„Ich habe schon große Armeen gesehen, Harold. Das könnt Ihr mir glauben. Aber dieses Heer übertrifft die Gesamtstärke alle Truppen, die mir im
vergangenen Krieg unter die Augen gekommen sind. Es müssen achtzigbis hunderttausend sein. Der König hat wahrlich Großes vor.“
„Nichts weniger als die Eroberung der Welt! Wie sollen wir da hindurchkommen, wenn wir nach Orinokavo wollen?“
„Lasst das ruhig meine Sorge sein. Kommt, wir wollen weiter.“
Ein paar Stunden später hatte der kleine Zug die Hügelkette hinter sich
gelassen. Die schmale Straße stieß jetzt auf die Hauptstraße, auf der immer
noch Truppen unterwegs waren. Sie warteten eine größere Lücke ab und
reihten sich dann ein. Wenig später stießen sie auf einen Kontrollposten
und wurden angehalten.
„Die Straße ist für Zivilisten gesperrt. Kehrt um“, fauchte sie ein Soldat
in barschem Ton an.
Rhome lenkte seinen Hengst dicht an den Posten heran. Dieser wich eingeschüchtert zurück. Dann donnerte ihn die mächtige Stimme des löwenmähnigen Fürsten an:
„Du überschreitest deine Grenzen, Bursche! Sei froh, dass ich gut gelaunt bin angesichts der militärischen Stärke unseres geliebten Landes. Ich
bin Lord Rhome, Fürst von Sandaba, und im Auftrag des Königs unterwegs. Hier ist sein Siegel.“
Er zog einen versiegelten Brief aus seiner Satteltasche und hob ihn hoch,
sodass der Posten ihn sehen konnte, übergab ihn aber nicht. Der Soldat,
kleinlaut geworden, gab sich aber noch nicht geschlagen:
„Verzeiht, Mylord. Ich habe Euch nicht erkannt. Darf ich fragen, in welcher Mission Ihr unterwegs seid? Darf ich die königliche Verfügung bitte
lesen?“
„Zu deiner ersten Frage: ja, du darfst. Wir sind Unterhändler Seiner Majestät und reisen in Ihrem Auftrag nach Rhynian zum Palast des Kaisers
von Orinokavo. Wir unterbreiten ihm die Kapitulationsbedingungen. Zu
deiner zweiten Frage: nein, du darfst nicht. Das ist keine Verfügung, son-
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dern eine Depesche des Königs an den Kaiser, die wir ihm überbringen
sollen. Nur der Empfänger darf das Siegel brechen.“
Der Posten war immer noch nicht zufrieden gestellt.
„Wer ist in der Kutsche, Mylord?“
„Ein hochrangiger Geheimdiplomat Seiner Majestät, unseres Königs.
Und nun stelle uns einen Passierschein aus, und zwar rasch, bevor ich die
Geduld verliere!“
Der Mann besaß dafür keine Befugnis, und so holte er seinen Vorgesetzten herbei, einen schleimigen Unteroffizier, der vor Rhome katzbuckelte,
einen Blick auf den Umschlag mit dem Siegel des Königs warf, wobei er
laut vorlas: An die Kaiserliche Hoheit Orino Toko von Orinokavo, und
dann schleunigst die Vollmacht ausstellte.
Kurz darauf durchquerten sie das riesige Heerlager. Es herrschte hektische Betriebsamkeit, aber auch militärische Ordnung. Sie kamen vorbei an
Zeltlagern, Exerzierplätzen, Werkstätten und Schmieden, offenen Küchenwagen, in denen gerade gekocht wurde, und einer großen Mannschaftsunterkunft mit Tischen und Bänken aus roh gehauenen Holzplanken, welche
voll besetzt waren mit Soldaten, die aus dampfenden Zinntellern aßen.
Rhome sah, dass die Männer für einen langen Marsch ausstaffiert waren.
Sie trugen nur leichte Rüstungen und Waffen, damit sie schnell und ausdauernd marschieren konnten.
Die kleine Kolonne Rhomes passierte Pferdekoppeln mit Hunderten von
Tieren, deren vom Schnee durchweichter Boden zu breiigem, grauem
Schlamm zertreten war, und kam vorbei an mit Zeltplanen überdachten
Abstellplätzen, wo leichte und wendige Fuhrwerke standen, beladen mit
zerlegten Kriegsgeräten, Katapulten, Speerschleudern und Material für den
Bau von Belagerungstürmen (wie der Lord mit kundigem Blick erkannte).
Die meisten der Wagen waren einachsig und ihre Deichseln kurz, nur für
ein Gespann von zwei bis vier Zugtieren ausgelegt, ein Zeichen, dass es
durch die Berge gehen sollte. Gadennyn hatte also tatsächlich vor, diese
riesige Armee durch das Nadelöhr des Rabenpasses zu schleusen. Das würde den Vormarsch sehr verkürzen und den Nachschub erleichtern. Das
Heer könnte bereits sechs Wochen nach seinem Aufbruch vor Rhynian
stehen.
„Wann denkt Ihr, werden sie losmarschieren?“, fragte Harold den Lord
durch das Fenster der Kutsche, neben der Rhome ritt.
„Sobald der Rabenpass schneefrei ist. Das kann bereits in zwei bis drei
Wochen der Fall sein. Wollen wir hoffen, dass der Winter noch einmal
zurückkommt und sie aufhält.“
„Und wie sollen wir über den Pass kommen?“
„Die Schneedecke ist zum großen Teil abgeschmolzen. Dennoch wird es
mit den Pferden um diese Jahreszeit nicht einfach sein. Wir können nicht
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reiten, sondern müssen sie hinüberführen. Die Kutsche werden wir zurücklassen müssen. Meine Männer werden eine Sänfte für Euch anfertigen und
Euch tragen, Harold. Ihr werdet es bequem haben. Auf der anderen Seite
des Passes finden wir sicher ein neues Gefährt für Euch.“
„Ihr habt wohl auf alles eine Antwort, Mylord. Auch darauf, woher Ihr
einen an den Kaiser von Orinokavo adressierten Brief mit einem Siegel des
Königs habt? Eine Fälschung kommt ja wohl nicht in Frage, denn darauf
steht die Todesstrafe. Ein solches Risiko würdet Ihr nicht eingehen. Dafür
seid Ihr viel zu klug.“
„Ihr habt Recht. Das ist keine Fälschung. Der Brief ist an mich gerichtet,
aber ich habe ihn nicht geöffnet, denn ich weiß natürlich, was drinsteht: ich
möge mich sofort nach Inay begeben. Gadennyn ist misstrauisch geworden,
weil er lange Zeit nichts mehr von mir gehört hat. Er zählt mich ja zu seinen treuesten Unterstützern. Schade, dass ich nicht sein langes Gesicht
sehen kann, wenn er erfährt, dass ich mich auf den Weg zu seinen Feinden
gemacht habe. Der König hat sich nicht die Mühe gemacht, meinen Namen
auf den Umschlag zu schreiben, denn er gab ihn einem Boten, der den Auftrag hatte, ihn nur mir persönlich auszuhändigen. So war der Umschlag so
unschuldig und rein wie die Zofe meiner Schwester, bevor ich sie mit vierzehn Jahren schwängerte. Ich ließ ihn einfach von meinem Kunstschreiber
an Orino Toko adressieren. Das ist ja kein Verbrechen.“
„Wer war vierzehn, Lord Rhome, Ihr oder die holde Jungfrau?“
„Wo denkt Ihr hin? Ich vergreife mich doch nicht an Minderjährigen! Im
Gegenteil: die ältliche Jungfrau hat mich verführt, aber sie hat mir einen
hübschen Sohn geboren. Ich bin ihr dankbar dafür. Und sie war mir auch
dankbar, denn sie hat zum ersten Mal die Wonnen der fleischlichen Lust
genossen.“
Cora, Zpixs, Boc, Spin und Gormen hatten inzwischen den Pass über den
Höhenzug, der die Ost- von den Südlanden trennte, hinter sich gelassen und
ritten nun auf der Südseite des Gebirges hinab in eine Landschaft voller
saftiger Wiesen, Olivenhaine, Felder und blühender Kirschbäume. Es
herrschte bereits eine frühsommerliche Wärme. Der Himmel leuchtete
azurblau, und die Sonne schien auf die Reisenden herab. Die Luft war von
Blütenduft erfüllt, und Insekten summten. Sie blickten von ihrem erhöhten
Standpunkt hinab auf ein fremdartig aussehendes, aber hübsches Dorf. Die
weiß glänzenden Häuser bestanden aus glatt behauenen Kalksteinquadern.
Sie waren ebenerdig und gedrungen, besaßen kleine, unverglaste Fensterlöcher mit hölzernen und in grellen Farben gestrichenen Läden, die jetzt offen standen. Die bemalten Haustüren leuchteten ebenfalls in saftigen Grün-,
Gelb- oder Blautönen. Die flachen Dächer der Häuser dienten als Terrassen. Auf ihnen warfen bunte Sonnensegel, unter denen Kinder spielten,
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ebenso bunte Schatten. Die Wege zwischen den Häusern waren mit farbigen Steinen gepflastert. Es schien, als ob dieses Volk hungrig nach Farbenpracht war. Dies zeigte sich auch an der Kleidung. Die wenigen Menschen,
die sie in den Gassen sahen, waren in lange, fließende und bunte Gewänder
gehüllt.
Noch hatte niemand im Dorf die Ankömmlinge entdeckt. Zpixs bewegte
die Reiter zum Anhalten.
„Ihr müsst das Dorf durchqueren, doch mich sollte man besser nicht sehen. Ich werde mich ein wenig in der Siedlung umsehen und euch warnen,
falls euch Gefahr droht. Wartet hier einen Augenblick. Wenn ihr nichts von
mir hört, so reitet los. Ich habe euch die wichtigsten Redewendungen der
südländischen Sprache beigebracht. Versucht, von den Bewohnern Neuigkeiten in Erfahrung zu bringen und ein paar Lebensmittel einzutauschen.
Unsere Vorräte dürften nicht mehr bis nach Torgu, der Hafenstadt, reichen.
Ich warte auf euch in dem Olivenhain auf der anderen Seite des Dorfes.“
Er sprang von Coras Pferd und landete mit einem leisen Plumps auf dem
Boden. Dann löste er sich in Luft auf.
Sie ließen dem Xinghi etwas Zeit, dann ritten sie hinab in den Ort. Ein
paar alte Weiber, die auf einer Bank am Dorfweiher saßen und schwatzten,
bemerkten sie zuerst, sprangen schnatternd auf und eilten vom Dorfplatz in
die Schatten der Gassen. Kurz darauf waren die Ankömmlinge umringt von
drei Dutzend aufgeregter Menschen, in der Hauptsache Frauen und Kinder,
aber es waren auch ein paar alte Männer darunter. Die Frauen, hochgewachsen und meist schlank, von sehr dunkler Hautfarbe im Ton von Ebenholz, waren barhäuptig und besaßen schwarzes Haar, das in kurzen, krausen Locken von ihren Köpfen abstand. Wenn auch eine gewisse Ähnlichkeit mit den Frauen der Ostländer bestand, so wiesen ihre Gesichter doch
Merkmale auf, die sie von diesen unterschieden: die Hautfarbe war noch
dunkler, die Wangenknochen nicht so hoch, die Nasen breiter und die Lippen voller. Sie trugen mehrere Lagen bunter Umhänge und Kleidungsstücke übereinander, jedes in einem anderen Schnitt, die oberste Lage am
kürzesten, die unteren Gewänder immer länger, sodass Ärmel unter Ärmel
unter Ärmel hervorlugte, und die Säume von Umhängen, Röcken, Oberteilen und Westen immer knapp übereinander endeten und – da alle verschiedenfarbig – eine Art Regenbogenmuster bildeten. Die alten Männer waren
hingegen in einfache, graue Wollumhänge gekleidet und trugen weiße Turbane auf den Köpfen. Sie waren barfuß, und ihre blau lackierten Zehennägel waren das einzig Bunte an ihnen.
Eine grauhaarige Greisin, deren Unterarme aussahen, als ob sie grün und
blau geschlagen worden seien – bei genauerem Hinsehen erkannte Cora,
dass die Haut von nicht mehr abzuscheuernden Farbschichten bedeckt war
– gab einem etwa zwölfjährigen Jungen eine scharfe Anweisung; der flitzte
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los und rannte die Straße entlang aus dem Dorf. Die Alte, nach dem Aussehen ihrer Arme offenbar eine Färberin, trat vor und sprach die Fremden auf
den Pferden barsch an. Gormen verstand wie seine Gefährten kein Wort,
aber er war durch seine Belesenheit der Sprachbegabteste von ihnen und
sagte die fremdsprachigen Worte, die ihm Zpixs beigebracht hatte, und die
übersetzt lauteten:
„Wir sind aus dem Westen und kommen in Frieden. Wir wollen zur Hafenstadt Torgu, um dort eine Schiffspassage nach Koridrea zu buchen.
Leider verstehen wir eure Sprache kaum. Gibt es denn jemanden unter
euch, der Koridreanisch spricht?“
Die Greisin nickte und redete auf sie ein, aber keiner der Ankömmlinge
verstand ihren offenbar wütenden Wortschwall. Gormen waren ratlos, und
Spin fing an, mit den Händen zu gestikulieren. Er deutete auf seinen Mund
und seinen Magen, rieb ihn und stöhnte. Dann zeigte er ihnen ein paar koridreanische Münzen. Die Alte machte eine abwehrende Handbewegung
und redete weiter. Die Kinder und Frauen schnatterten aufgeregt durcheinander, miteinander und auf die Fremden ein. Nur die Greise mit den Turbanen grinsten zahnlos und schwiegen. Aber ihre Augen waren zu Schlitzen
zusammengekniffen und ihr Grinsen grimmig.
Plötzlich tauchte der halbwüchsige Junge wieder auf und in seinem Gefolge eine ganze Rotte mit Feldwerkzeugen, Äxten und Speeren bewaffneter Männer. Sie trugen Hemd und Hosen aus hellem Leinen unter erdfarbenen Umhängen, und ihre Köpfe waren mit weißen Turbanen bedeckt. Die
Kleidung war verschmutzt, offenbar von der Feldarbeit, und ihre blanken,
hornigen Füße waren staubig. Sie scheuchten die Frauen beiseite und umringten die Gefährten, die immer noch auf ihren Pferden saßen, mit drohend erhobenen Waffen.
Die Alte redete auf einen der Männer in ihrem keifenden Tonfall ein.
Der hob seinen Speer und fuchtelte damit unter der Nase von Boc herum.
Beinahe hätte er ihm einen üblen Schnitt beigebracht, aber der Schmied
wich geistesgegenwärtig aus, packte den Speer und riss ihn dem Mann aus
der Hand. Die Situation geriet außer Kontrolle, als Spins Pferd, das sich
von den Dorfbewohnern bedrängt fühlte, vorn hochstieg und mit den Vorderhufen durch die Luft wirbelte. Die Menge wich aus, um nicht getroffen
zu werden. Gormen rief: „Wir ziehen uns zurück!“, wendete sein Reittier,
drängte sich durch die Dorfbewohner, die, um nicht von seinem Pferd niedergetrampelt zu werden, eine Gasse öffneten, und galoppierte den Weg
zum Pass hinauf. Die anderen folgten dem Schwarzen Mönch.
Aus einem Sicherheitsabstand blickten sie hinunter zum Dorf. Niemand
war ihnen gefolgt. Der Dorfplatz war voller Menschen. Alle Einwohner
schienen sich dort versammelt zu haben. Gormen wollte gerade vorschla-
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gen, die Straße zu verlassen und die Ansiedlung weiträumig zu umreiten,
da löste sich eine einzelne Gestalt aus der Menge und kam den Weg hinauf
auf sie zu, unbewaffnet wie es schien. Wenig später erkannten sie, dass der
Mann ganz offensichtlich kein Südländer war. Er war zwar wie ein solcher
gekleidet, mit erdfarbenen, fußlangen Gewändern und einem Turban, aber
er war hellhäutig und trug einen blonden Bart. Spin stieg von seinem Pferd,
und die anderen folgten dem Beispiel des Waldläufers. Als der Fremde sie
fast erreicht hatte, sprach er sie auf Koridreanisch in freundlichem Ton an:
„Mein Name ist Legath, und ich bin ein Landsmann von euch. Ihr habt
als Unkundige unglücklicherweise ein paar hiesige Regeln gebrochen und
deshalb das Misstrauen der Dorfbewohner auf euch gezogen. Sie haben
mich gerufen, aber ich bin leider nicht rechtzeitig eingetroffen, um das
Missverständnis zu verhindern. Ich habe ihnen inzwischen erklärt, dass ihr
es nicht mit Absicht getan habt. Sie heißen euch nun Willkommen und
bieten ihre Gastfreundschaft an.“
Gormen antwortete: „Dank dir, Legath. Aber sag uns doch bitte, was wir
falsch gemacht haben.“
„Regel Nummer eins: Wartet außerhalb des Ortes, bis man euch jemanden entgegen sendet, der nach eurem Begehr fragt. Kommt nur auf seine
Einladung ins Dorf. Regel Nummer zwei: Reitet nie in ein Dorf, sondern
steigt ab und führt eure Pferde am Zügel. Nur Eroberer und Räuber kommen im Sattel. Regel Nummer drei: Tragt niemals Schwarz, denn das ist
die Farbe des Bösen.“
Gormen, der seine schwarze Mönchskutte anhatte, sagte:
„Es tut mir Leid, dass wir die Dorfbewohner geängstigt haben. Die ersten beiden Regeln wollen wir in Zukunft befolgen, aber die dritte Regel…
Nun, ich habe leider keine anderen Kleider.“
Der Mann lachte. „Dem kann abgeholfen werden. Nun kommt erst einmal mit. Wir machen heute bezüglich der Kleiderordnung eine Ausnahme.“
Cora war immer noch beunruhigt.
„Bist du sicher, dass man uns willkommen heißt?“
„Darauf gebe ich euch mein Wort. Schließlich bin ich kein Fremder. Ich
lebe seit mehr als zehn Jahren hier, und meine Nachbarn und Freunde
schenken mir ihr Vertrauen.“
„Du bist also aus Koridrea?“, fragte Boc.
„Ja. Ich war ein Seemann und bin im Hafen von Torgu gestrandet. Mein
Schiff war weg, als ich eines Morgens nach durchzechter Nacht mit einem
Brummschädel aufwachte. Ich war ganz schön in Panik, wie ihr euch vorstellen könnt. Aber ich habe recht schnell neue Arbeit in der Stadt gefunden. Ein halbes Jahr später traf ich auf dem Markt eine junge Frau. Sie war
dunkel wie die Nacht und schön wie die Sünde, und ich verliebte mich in
sie. Sie stammte aus diesem Dorf. Es dauerte eine Weile und kostete mei-
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nen ganzen Charme, sie zu gewinnen. Aber sie musste bald wieder in ihr
Dorf zurück. Ich begleitete sie und hielt bei ihren Eltern um ihre Hand an.
Ihr könnt mir glauben: sie hätten mich beinahe geteert und gefedert! Aber
schließlich gelang es mir, sie davon zu überzeugen, dass ich ihre Tochter
glücklich machen konnte und brachte den geforderten Brautpreis auf. Sie
gaben sie mir unter der Bedingung, dass ich mich im Dorf niederließ und
einem ehrbaren Beruf nachging. Auf unserem Segler war ich der Schiffszimmermann, und so wurde ich hier zum Schreiner und Möbelbauer. Wir
haben also geheiratet und inzwischen haben wir vier Kinder.“
Der Empfang im Dorf war nach Aufklärung der Missverständnisse nun
freundlich, und die Einwohner der Siedlung begannen sofort mit den Vorbereitungen zu einem Willkommensfest. Legath führte sie zu zwei leer
stehenden Häusern.
„Hier könnt ihr heute Nacht schlafen, falls ihr überhaupt dazu kommt.
Ich hoffe, ihr bleibt für eine Weile, denn ich würde gerne alle Neuigkeiten
aus meiner Heimat erfahren, in der ich jahrelang nicht mehr gewesen bin.
Heute Abend, während des Festes, könnt ihr den Anfang mit einem hoffentlich langen und interessanten Bericht machen. Ich werde euch sicher
Löcher in den Bauch fragen.“
Gormen antwortete:
„Leider müssen wir morgen schon weiter. Aber wir freuen uns auf das
Fest und danken dir und den anderen Dorfbewohnern für eure Gastfreundschaft.“
„Ein verfrühter Dank, denn noch habt ihr sie ja nicht genossen. Deshalb
lasst mich wissen, was wir für euch tun können. Mögt ihr etwas zu essen?
Oder vielleicht ein heißes Bad? Ihr seht aus, als könntet ihr eines gebrauchen.“
Legath hatte natürlich Recht. Nach wochenlangem Ritt durch die Wildnis waren sie mehr als nur schmutzig. Flöhe und Zecken hatten sie befallen,
ihre Haare waren verklebt und verfilzt, ihre Körper rochen animalisch, trotz
der gelegentlichen Wäsche in eiskalten Bergbächen oder mit Schnee, und
ihre Kleider starrten vor Dreck. Sie nahmen das Angebot dankbar an.
Die Dorfbewohner schleppten zwei große, mit Teer gedichtete Holzzuber herbei und stellten sie in den Hütten der Gäste auf. Dann brachten sie
eimerweise heißes Wasser und gossen es hinein. Cora hatte einen Zuber für
sich allein. Die Männer mussten sich den anderen teilen.
Die Frau aus Koridrea wartete nun darauf, dass die hilfreichen Dörfler
den Raum verließen, damit sie ungestört baden könnte, aber zwei ebenholzfarbene Frauen, kaum jünger als sie, blieben bei ihr zurück, als die anderen
Südländer die Tür hinter sich schlossen. Bevor Cora sich versah, waren die
beiden an sie herangetreten und begannen, sie auszukleiden. Es war ihr
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etwas peinlich, nicht weil sie prüde, sondern weil sie so schmutzig war und
stank wie eine Straßenhure. Aber sie konnte die Hilfe schlecht ablehnen.
Nackt glitt sie in das heiße Wasser des Bottichs. Eines der Mädchen wusch
sogleich ihre Haare, fuhr mit den Fingern durch die verfilzten Locken, um
sie zu entwirren. Das andere seifte ihren Körper ein, wobei ihre Finger zart
über Coras Haut strichen. Beinahe ehrfürchtig starrten die Südländerinnen
die roten Haare und den winterweißen Körper an, so als ob sie Cora darum
beneideten.
Die Heilerin ließ sich zurücksinken, schloss die Augen und genoss die
sanften, liebkosenden Hände. Ein wohliges, beinahe erotisches Gefühl kam
auf und verstärkte sich zu einer inneren Hitze, als sich die Hände zu Stellen
ihres Körpers vortasteten, die – außer Boc – niemand berühren durfte. Sie
errötete vor Scham, dass sie solche Gefühle aufkommen ließ, ließ es aber
geschehen. Manchmal öffnete sie die Lider und sah die lächelnden Gesichter der beiden Mädchen, die ganz offensichtlich wussten, was sie mit ihr
anstellten.
Sie fühlte sich danach nicht nur sauber, sondern auch entspannt und ausgeruht. Nachdem sie die neuen Kleidungsstücke, die bereitgelegt waren,
angezogen hatte, setzte sie sich auf ein Bänkchen vor der Tür und wartete
auf die Männer. Boc kam als erster aus der anderen Hütte. Er sah gut aus:
Sein vorher verfilzter und zottiger Bart war sauber gestutzt, seine Haare
gewaschen und geschnitten, und er hatte eine rosige Gesichtsfarbe. Cora
fragte sich, ob diese nur von dem heißen Wasser stammte.
„Hattest du etwa Hilfe beim Baden?“, fragte sie scharf.
Der Schmied verzog das Gesicht.
„Ja, von einer zahnlosen Alten, die ständig kicherte. Wenigstens durfte
ich als Erster in die Wanne. Danach sah das Wasser wie ein Teertümpel
aus. Spin hat sich geweigert, hineinzusteigen.“
Wie es sich herausstellte, war der Bottich aber jedes Mal mit frischem,
heißem Wasser gefüllt worden. Spin und Gormen, die sich bald zu ihnen
gesellten, sahen ebenfalls wie neue Menschen aus. Die Gäste waren nun in
der Landestracht gekleidet. Die Männer trugen elfenbeinfarbene Hosen und
Hemden aus Leinen, Wollumhänge und weiße Turbane. Coras Gewänder
waren hingegen bunt wie das Federkleid eines Paradiesvogels.
Inzwischen war es Abend geworden. Auf dem Platz brannte ein großes
Feuer, über dem ein ganzes, aufgespießtes Schwein brutzelte. Ringsherum
erhellten farbige Laternen aus Stoff den Dorfplatz. In die Erde waren Fackeln gesteckt, deren Teer irgendetwas zugesetzt sein musste, denn ihre
Flammen brannten blau, grün oder violett. Auf dem Dorfweiher schwammen Hunderte kleiner Holzschiffchen mit brennenden Kerzen darauf. Überall auf dem Anger standen lange Holzbänke und Tische, die nach und nach
von den eintreffenden Dorfbewohnern besetzt wurden. Die Gäste aus Ko-
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ridrea bekamen Ehrenplätze am Tisch der wichtigsten und einflussreichsten
Bürger: Hier saßen die Dorfältesten, der Schamane, der reichste Bauer des
Ortes und auch Legath mit seiner Frau. Die Mahlzeit begann, und sie mundete den Reisegefährten gut, abgesehen von einigen exotischen Köstlichkeiten, wie in Eischaum gebackenen Maden und kross gerösteten, kleinen
Spinnen. Auf diese Kerbtiergänge verzichteten sie lieber.
Das einzige Getränk, das neben Wasser gereicht wurde, war ein süßliches, dunkles Bier. Es war sehr stark, sodass die meisten Festgäste bald in
eine fröhliche Stimmung gerieten. Legath quetschte die Koridreaner aus
wie Zitronen. Er wollte alles über seine Heimat wissen und war bestürzt
über die Entwicklung dort und den drohenden Krieg.
„Lord Gadennyn ein böser Magier? Das kann ich kaum glauben. Ich habe ihn immer für einen vernünftigen Mann gehalten. Er hat Shoala zu meiner Zeit gut regiert. Aber es ist schon viele Jahre her, dass ich das letzte
Mal in meiner Heimat war. Die Dinge ändern sich offenbar zum Schlechten.“
Er schien nicht ganz überzeugt von der Darstellung der Geschehnisse.
Aber die Heimat war weit weg, und was immer dort geschah, bereitete ihm
nur wenig Sorgen, auch wenn Gormen andeutete, dass die Südlande in
nicht mehr so ferner Zukunft auch betroffen sein könnten, wenn Gadennyn
seine Pläne verwirklichen würde.
Nach dem Essen traten die Tänzerinnen auf den Plan. Etwa ein Dutzend
Frauen und Mädchen bewegten sich zu mitreißender Trommelbegleitung
mit solcher Anmut und Freude, dass in Cora der Wunsch aufkam, es ihnen
gleich zu tun. Ihre Schritte und Bewegungen wurden immer wilder und
extatischer, blieben aber dabei voller Grazie und Eleganz. Die komplexen
Rhythmen schienen ihnen im Blut zu liegen. Cora wusste, dass sie neben
ihnen wie ein Bauerntrampel erscheinen musste und zügelte ihr Verlangen,
mit ihnen zu tanzen. Die dunkelhäutigen Schönheiten riefen eine Erinnerung in ihr wach, und sie wandte sich an Legath:
„Sag, sind vor einiger Zeit irgendwelche Frauen aus den Ostlanden über
den Pass gekommen?“
Der Mann zeigte sich verwundert.
„Woher weißt du das? Seid ihr ihnen begegnet? Ja, vor einigen Monaten
kamen sie zu unserem Dorf, einige dutzend Frauen aus dem Osten. Sie
hatten nur wenig Habe außer einer großen Ziegenherde bei sich. Keine
beherrschte unsere Sprache. Sie waren ziemlich erschöpft und abgezehrt,
einige gar krank. Wir haben sie für eine Weile bei uns aufgenommen, bis
sie wieder zu Kräften gekommen sind. Seltsam. Wir haben nie genau erfahren, was mit ihnen geschehen ist. Wo sind ihre Männer abgeblieben? Wieso
waren die jüngeren von ihnen alle im gleichen Alter und die älteren eben-
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so? Einige der jungen Frauen waren hoch schwanger, alle etwa im selben
Monat!“
„Wir haben sie vor langer Zeit einmal getroffen“, erzählte Spin. „Sie hatten es wahrlich nicht einfach, lebten allein im Dschungel. Sie waren aus
ihrer Heimat geflohen, weil dort die Frauen wie Sklaven – oder schlimmer:
wie Tiere – behandelt wurden.“
„Hm, das erklärt zumindest, warum keine Männer bei ihnen waren. Aber
es muss doch welche vor einigen Monaten in ihrem Leben gegeben haben.
Inzwischen sind nämlich Kinder geboren worden.“
Spin ging nicht näher darauf ein. Es war klar, dass sie diesen Menschen
nicht erzählen konnten, wer die Väter dieser Kinder waren. Zum ersten Mal
ging ihm auf, dass er selbst möglicherweise Vater geworden war. Er beschloss, sich später mit dem Gedanken auseinanderzusetzen.
„Wohin sind sie gegangen, nachdem sie euer Dorf verlassen haben?“,
fragte er Legath.
„Wir konnten sie nicht auf Dauer ernähren und versorgen, auch wenn sie
sich nützlich gemacht hätten. Soviel geben unsere Felder nicht her. Die
Bevölkerungszahl unseres Ortes hätte sich auf einen Schlag um ein Drittel
erhöht. Aber sie wollten gar nicht bleiben, sondern sich woanders niederlassen. Wir zeigten ihnen ein Tal, etwa zwanzig Meilen von hier entfernt,
ebenso grün und fruchtbar wie unseres. Am Talausgang im Süden liegen
zwei Dörfer, aber die nördliche Seite am Hang der höheren Berge ist unbesiedelt. Dort sind sie hingezogen. Und mit ihnen gleich fünf Männer unseres Dorfes, drei Jünglinge, die ihren ersten Bart tragen, und zwei Witwer.
Sie wollten den Frauen beim Bau ihrer Häuser helfen, denn die Zeit drängte: Der Winter stand ja schon vor der Tür. Sie blieben gleich dort und haben die Ostländerinnen geheiratet. Inzwischen wurden auch ledige Männer
aus anderen Orten angezogen wie die Bären vom Honig. Na ja, mir ist es ja
ebenso ergangen mit meiner Frau. Jedenfalls bauten sie mit vereinten Kräften Häuser und Ställe, gründeten Familien, und mit unserer Hilfe und der
der Nachbardörfer schafften sie es über den Winter. Inzwischen haben sie
schon die Felder bestellt und das Korn ausgesät.“
„Kannst du dich denn an eine bestimmte Frau erinnern? Sie heißt Horlu“, fragte Cora.
„Nein, beim besten Willen nicht. Ich war noch nicht drüben in der neuen
Siedlung. Im Winter ist es schwer, die Bergrücken zwischen den Tälern zu
überqueren. Vor zwei Wochen kamen einige Frauen und zwei der Männer
von dort in unser Dorf und kauften Vorräte ein. Von ihnen erfuhren wir,
dass es den Siedlern und ihren Kindern gut geht. Lediglich zwei Ziegen
mussten mit ihrem Leben dem Winter Tribut zollen.“
Legath entschuldigte sich für eine Weile, da er zusammen mit seiner
Frau die Kinder, die irgendwo auf dem Festplatz mit anderen ihres Alters
126
herumtollten, ins Bett bringen müsse. Er ließ sie mit den Honoratioren des
Dorfes, deren Sprache sie nicht sprachen, zurück. So warfen sie ihren
Gastgebern von Zeit zu Zeit ein freundliches Lächeln zu, hoben ihre Becher, tranken auf sie und machten sich gelegentlich mit Gesten verständlich. Die meiste Zeit von Legaths Abwesenheit unterhielten sie sich aber
leise miteinander über die Ostländerinnen. Cora war überhaupt nicht davon
angetan, dass Boc eine der Frauen geschwängert haben könnte. Der wurde
ganz kleinlaut.
„Aber Cora, darüber haben wir doch schon so oft geredet. Ich kann es
schließlich nicht mehr ändern. Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass es
nicht geklappt hat.“
„Wahrscheinlich sehen die meisten der Kinder Zaphir und Dremion ähnlich. Die haben sich schließlich nicht zweimal einladen lassen“, meinte
Spin.
„Du solltest am besten schweigen, Waldläufer“, fuhr ihn die rothaarige
Heilerin an. „Du warst ja auch kein Kostverächter. Glaubst du nicht, dass
einige der Kinder als Erwachsene hager und sehnig wie du aussehen werden?“
Spin ließ sich nicht einschüchtern.
„Na und? Darüber würde ich mich freuen! Schließlich liegt es im Wesen
des Mannes, seine Blutlinie zu vererben. Und lass den armen Boc in Ruhe.
Das war vor eurer Heirat, und du hast in den vergangenen Jahren öfter über
die Stränge geschlagen als er. Erinnere dich nur an Trygar.“
Coras Gesicht nahm die Farbe ihres Haarschopfs an, und sie schwieg
verstockt. Gormen versuchte, seine Freunde von dem heiklen Thema abzulenken.
„Wir müssen irgendwie Zpixs benachrichtigen. Er wird beunruhigt sein.
Schließlich wollten wir in diesem Dorf nur mal nach dem Weg fragen. Jetzt
sind wir schon viele Stunden hier, und er wartet auf uns.“
„Du kennst Zpixs noch nicht so gut wie wir, Gormen“, beruhigte ihn
Spin. „Er weiß längst Bescheid. Wahrscheinlich hat er dir sogar beim Baden zugesehen. Er kommt und geht wie ein Geist.“
Die ersten Lichtflecken der Morgendämmerung erschienen bereits am Osthimmel, als das Fest endlich endete. Cora und Boc bezogen das eine, Gormen und Spin das andere Gästehaus. Während die beiden Männer müde ins
Bett fielen und gleich einschliefen, verwehrte die junge Frau dem Schmied,
sein Schlafbedürfnis zu erfüllen.
„Warte, mein Liebling“, sagte sie und küsste ihn. „Es tut mir Leid, was
ich vorhin gesagt habe.“
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„Schon vergessen“, murmelte Boc müde und sank auf die Strohmatratze.
Doch sie zog ihn wieder hoch und schaute ihm in die Augen, deren Lider
schwer heruntersanken.
„Wir sind beide zum ersten Mal seit Wochen wieder sauber und wohlriechend. Wir haben es schon lange nicht mehr getan. Was meinst du?“
Boc wurde schlagartig wieder wach. Cora hatte Recht. Sie duftete nach
Rosenwasser und war schöner als jede Hofdame am Palast des Königs. Er
kramte in seiner Satteltasche, die er ins Haus mitgenommen hatte.
„Wo sind sie bloß?“
Seine Frau wusste, wonach er suchte.
„Lass das. Wir brauchen sie nicht mehr.“
Bocs Augen weiteten sich. Er sah sie sprachlos an.
„Wollen mal sehen, ob du wirklich Kinder zeugen kannst“, sagte sie und
leckte sich wollüstig über die Lippen.
Spin erwachte, als Zpixs plötzlich in ihrer Hütte auftauchte und sich bemerkbar machte. Der erste Griff des Waldläufers war der nach seinem
Dolch, bis er bemerkte, dass es sich um den Xinghi handelte, der wieder
einmal wie ein Geist erschienen war. Er steckte die Waffe weg, rieb sich
die Augen und setzte sich auf. Auch Gormen war aufgewacht.
„Es tut uns Leid, Zpixs, dass wir dich haben warten lassen“, entschuldigte sich der Magier.
„Mir tut es Leid, dass ich euch nicht auf die Gebräuche der Südländer
vorbereiten konnte. Ihr seid dadurch in eine unangenehme Situation geraten. Aber ich kannte ihre Sitten nicht. Ich weiß leider nur wenig über dieses
Land. Zum Glück ist euch euer Landsmann Legath beigesprungen.“
„Das Schlimmste, was hätte geschehen können, ist, dass wir die Ortschaft hätten umgehen müssen. Dann aber hätten wir nichts über die Ostländerinnen erfahren. Wir sollten nach ihnen sehen“, meinte Spin und berichtete Zpixs in knappen Worten, was ihnen Legath über die Frauen aus
dem Dschungel erzählt hatte, die jetzt in einem Nachbartal wohnten.
Gormen schüttelte den Kopf.
„Ihr Dorf aufzusuchen, halte ich für keine gute Idee. Unsere Zeit wird
immer knapper. Ich bin dafür, dass wir weiterreiten. Aber das sollten wir
alle gemeinsam besprechen. Ich hole Cora und Boc.“
Der Mönch stand auf.
„Warte.“ Der kleine Waldbewohner hielt ihn am Arm fest. „Mit den Gebräuchen der Menschen aus Koridrea kenne ich mich besser aus als mit den
hiesigen. Und ich weiß, dass sie sich ungern bei der Paarung stören lassen.“
Gormen fiel die Kinnlade herunter, und selbst im schwachen Licht der
angezündeten Kerze sah man ihn rot werden. Spin prustete. Er konnte sich
das Lachen kaum verkneifen.
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„Warst du etwa dort und hast ihnen zugesehen?“
„Nur für einen kurzen Augenblick. Ich habe sie nicht gestört.“
„Das kann ich mir denken, denn sie haben dich mit Sicherheit nicht bemerkt. Was muss das für ein Bild sein, wenn man zwei Liebende eingefroren in der Zeit sieht, erstarrt zu Statuen, mit aufgerissenen Augen und
Mündern. Ich kann mir vorstellen, dass…“
„Spin!“, sagte Gormen tadelnd.
„Schon gut, schon gut. Aber ihr habt beide Recht. Einerseits sollten wir
unser Liebespaar nicht stören, andererseits können wir uns nicht leisten, die
Ostländerinnen zu besuchen, um zu sehen, wie es ihnen geht, und mit wem
von uns ihre Säuglinge Ähnlichkeiten aufweisen. Wir können da nicht
einfach hereinschneien, um mal kurz Guten Tag zu sagen. Schließlich haben die Frauen andere Männer geheiratet. Die wären bestimmt nicht erbaut
darüber, wenn plötzlich die Kindsväter auftauchten. Aber zumindest um
Trygars Willen müssen wir erfahren, wie es Horlu geht. Sie bedeutete ihm
etwas.“
Der Xinghi ließ sich die Ostländerin von Spin genau beschreiben.
„Ich werde zur neuen Siedlung gehen und nachschauen“, bot er an. „Ihr
solltet noch ein paar Stunden schlafen, danach aber bald aufbrechen. Wir
treffen uns, wenn die Sonne am höchsten steht, in dem Hain hinter dem
Dorf.“ Dann verschwand er wie eine ausgeblasene Zunderflamme.
Drei Stunden nach Sonnenaufgang erwachte Gormen und weckte die anderen. Die Mehrzahl der Dorfbewohner war längst auf. Die Gäste aus dem
Westen fanden ihre frisch gewaschene Kleidung neben ihrem Bettlager und
zogen sie an. Dann kauften sie Lebensmittel, Lampenöl und einige andere
Dinge für die Weiterreise, sattelten die Pferde, verabschiedeten sich von
Legath, seiner Frau und der Dorfvorsteherin und brachen auf, begleitet von
einer mitwandernden Menschenmenge, die sie erst loswurden, als sie ihre
Pferde zum Galopp anspornten. Sie hörten noch Abschiedsrufe, dann erreichten sie den Waldesrand und entzogen sich den Blicken ihrer freundlichen Gastgeber, die – etwas enttäuscht über den plötzlichen Aufbruch der
Fremden – zu ihren Häusern und Feldern zurückkehrten.
Zpixs erschien unvermittelt vor Coras Sattel auf dem Pferderücken, mit
seinem kleinen Gesicht zu ihr gewandt, und ihr blieb beinahe das Herz
stehen.
„Eines Tages bekomme ich noch den Schlag! Kannst du nicht etwas weniger plötzlich auftauchen?“
Der Xinghi berichtete, was er erfahren hatte. Horlu ging es gut. Sie hatte
einen jungen Mann aus einem der südlichen Dörfer geheiratet. Ihre Tochter
hieß Nami und besaß die hellgrauen Augen von Trygar. Ansonsten war sie
dunkel wie ihre Mutter. Cora freute sich.
129
„Das ist endlich eine gute Nachricht. Ich sehe jetzt schon sein Gesicht
vor mir, wenn ich sie ihm überbringe. Haltet bloß den Mund. Das ist ganz
allein meine Aufgabe.“
Der Kampf
Die Tage wurden länger, und der Schnee war bis auf ein paar Reste auf den
Nordseiten der noch mit dem Gras des Vorjahres bestandenen Hügel verschwunden. Die Schwarze Armee hatte ihr Lager für die Nacht aufgeschlagen, wenige hundert Schritt vor einem dichten Wald aus Krähenfichten und
Silbertannen. Eigentlich gab es noch für gut zwei Stunden Licht zum Marschieren, aber der Wald hatte dem Marschplan für heute ein Ende bereitet.
Trygar spazierte an der Seite des kleinen Säbelmeisters Osiris Egeth
durch den dichten Forst. Die beiden waren im Laufe der vergangenen Monate gute Freunde geworden.
„Wir haben Orinokavos Grenze bereits überschritten. Wohin führt uns
unser Weg jetzt?“, fragte Osiris.
„Zum Rabenpass. Wir müssen ihn erobern und besetzen, bevor Gadennyns Armeen in den Norden einfallen. Aber zuvor müssen wir nach Lankoma, das glücklicherweise nicht weit ab vom Weg liegt. Wir wollen den
Segen des Pridemus’ erbitten.“
„Was kann uns schon ein Priester, und sei er der oberste, im Krieg helfen? Jedenfalls weniger als Kaiser Orino Toko, der auf unserer Seite steht.“
„Die Macht des Kaisers ist nur noch gering. Er konnte uns gerade mal
zweitausend Soldaten zur Verfügung stellen. Damit sind wir Gadennyns
Truppen zahlenmäßig immer noch stark unterlegen. Und diese werden
darüber hinaus besser ausgebildet sein, auch wenn du, deine Söldner und
die Schwarzen Kämpfer das Beste getan haben, um aus unserem Haufen
von Bauern, Banditen und Herumtreibern eine kampfkräftige Armee zu
machen. Im Kampf Mann gegen Mann würden wir untergehen. Ich will
eine Schlacht in jedem Fall vermeiden. Und deshalb brauchen wir moralische Unterstützung. Was geschähe, wenn der Pridemus eindeutig unsere
Partei ergriffe und Gadennyn als gottlosen und machthungrigen Eroberer
darstellte, der unter dem Schutz von Wathan-Kha das Gleichgewicht der
Welt auszuhebeln versuchte? Und wenn die Schwarze Armee von WathanBejhi ausgesandt wäre, dies zu verhindern? Wenn der Pridemus über den
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König und die Männer an seiner Seite den Bann ausspräche? Jeder gläubige
Soldat Gadennyns, dem dies zu Ohren käme, würde an den Zielen seines
Herrschers zweifeln. Die Kampfmoral würde erheblich geschwächt. Wer
weiß, vielleicht würden die Soldaten in Scharen desertieren, aus Angst vor
einer ewigen Verbannung ihrer Seele in die Unterwelt.“
„Wenn man dich mit geschlossenen Augen hörte, könnte man annehmen,
man habe einen Weisen mit langem Silberbart vor sich und keinen jungen
Hüpfer, der gerade seine ersten Schritte im richtigen Leben lernt.“
Trygar lachte. „Keine Angst, Osiris. Diese Weisheiten stammen nicht
von mir, sondern von Methor, der nicht nur klug und ein erfahrener Feldherr ist, sondern auch den Pridemus kennt.“
„Dann ist es sicher eine gute Idee, den Oberpriester um Beistand zu bitten.“
Der kleine Mann spuckte aus.
„Du hörst dich nicht gerade wie ein glühender Bewunderer des Pridemus
an“, zweifelte Trygar.
„Die ganze Priesterschaft ist mir ein Gräuel: aufgeblasene Wichte, welche meinen, sie könnten einem ihre verlogene Moral aufzwingen.“
Trygar hatte offenbar an einem wunden Punkt gerührt. Osiris war ein
Söldner und hatte nach seinen eigenen Angaben schon viele Menschen
getötet. Das belastete sein Gewissen, und in seinem inneren Kampf gegen
sich selbst nahm er gelegentlich die Partei seines aggressiven Ichs ein, das
sich nur seinen eigenen Wertvorstellungen unterordnete und die Dogmen
des Watanismus verachtete. Doch die meiste Zeit über war er ein anderer,
neuer Osiris. Der Einfluss der Schwarzen Mönche und ihres Kodex’, Gewalt nur als letztes Mittel und zur Verteidigung ihrer selbst und unschuldiger Opfer einzusetzen, hatte auf ihn abgefärbt. Das hinderte ihn jedoch
nicht, den Klerus des Großtempels zu verabscheuen.
Sie spazierten weiter in den Wald hinein und erreichten eine Lichtung.
Hier musste eine heftige Windhose gewütet haben, denn einige Bäume
waren abgebrochen, und ihre Stämme lagen kreuz und quer über dem Boden. Die beiden Männer setzten sich auf einen der umgestürzten Stämme.
„Ich habe gehört, du seiest ein guter Kämpfer, Trygar. Wer war dein
Lehrer?“
„Sein Name ist Traneyn. Er ist der Schwertmeister auf Gadennyns Burg.
Aber täusche dich nicht. Ich war ein schlechter Schüler. Ohne diesen“ – er
nahm den Kampfstab vom Rücken und legte ihn auf die Knie – „wäre ich
verloren.“
„Man munkelt, es habe etwas mit Magie zu tun.“
„In gewisser Weise“, sagte Trygar ausweichend.
„Und dennoch, so gut ihr auch kämpft: die Magie, die in euren Stäben
wohnt, wird kaum ausreichen gegen einen richtig guten Mann mit scharfer
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Klinge. Ich habe bisher jeden Schwarzen Kämpfer, der mit mir geübt hat,
besiegt!“
Trygar hob ungläubig die Augenbrauen.
„Sie haben dich gewinnen lassen“, vermutete er.
„Ha, dass ich nicht lache. Ich habe nur gegen einen Mann im Duell verloren, gegen Gother, den ich selbst ausgebildet habe. Aber nur weil ich
müde und unkonzentriert war. Wäre es um mein Leben gegangen, hätte
selbst Gother, der beste Kämpfer, den ich außer mir kenne, keine Chance
gehabt. Ich sollte dir vielleicht noch ein paar Tricks beibringen. Was meinst
du?“
„Gerne. Lass uns ein paar Runden fechten. Das ewige Marschieren ist
nicht gerade eine vielseitige Körperertüchtigung.“
Trygar wusste, dass der kleine Säbelmeister ein guter Fechter war, aber
dass er so gut war, hatte er nicht im Traum erwartet. Gegen ihn war sein
früherer Lehrer Traneyn – immerhin der beste Fechter in Gadennyns Gefolge (abgesehen von dem Verräter Gother) – ein blutiger Anfänger. Osiris
zelebrierte seinen Fechtstil wie ein begnadeter Künstler. Er war wieselflink,
bewegte sich tänzelnd auf den Fußballen, stieß zu wie eine Schlange, um
dann blitzschnell wieder zurückzuspringen, und bot kaum Trefferfläche für
Angriffe seines Gegners. Sein Säbel wirbelte wie ein Libellenflügel, nur als
flirrendes Etwas zu erkennen.
Und dennoch wehrte Trygar seine Angriffe spielend ab. Wo auch immer
die Waffe des kleinen Mannes hinstach, der Kampfstab des jungen Magiers
war schon da und fing den Stich oder Hieb ab. Er hüpfte nicht wie der Säbelmeister herum, sondern blieb einfach breitbeinig stehen und vertraute
auf die Magie seines Stabes, der wie von allein agierte. Das Einzige, was
Trygar zu tun hatte, war, sich immer dem Angreifer zuzuwenden, der ihn
umkreiste und versuchte, ihn mit seitlichen Ausfallschritten zu verwirren.
Osiris begann zu keuchen und wurde hochrot im Gesicht. Bald war er
schweißüberströmt, und dennoch verdoppelte er seine Anstrengungen,
versuchte, die Deckung des Jüngeren mit allen Tricks, die er kannte, zu
durchbrechen. Es gelang ihm nicht. Schließlich gab er, nach Luft ringend,
auf.
„Oh Junge, ich leiste dir Abbitte: du bist den anderen Schwarzen Kämpfern weit überlegen. Wie ist das möglich? Ich sehe dich kaum üben, du hast
nur eine kurze, und wie du sagst, nicht sehr erfolgreiche Fechtausbildung
hinter dir. Was also ist dein Geheimnis? Es muss deine überlegene Magie
sein. In dir steckt viel mehr davon, als in den anderen Schwarzen Kämpfern. Gegen Hexerei kann ich nichts ausrichten. Das war kein fairer Wettkampf! Aber dennoch: Du bist alles andere als perfekt und musst noch viel
lernen. Genau genommen, bist du ein Anfänger.“
132
Trygar traute seinen Ohren nicht: Der beste Fechter, den er kannte, konnte ihn nicht besiegen, und dennoch hielt er ihn für einen Lehrling? Die
Verblüffung stand ihm ins Gesicht geschrieben, und Osiris musste lachen.
„Es gibt eine ganze Menge an deinem Kampfstil auszusetzen. Fangen
wir einmal mit deiner Beinarbeit an. Sie ist schlicht und einfach gar nicht
vorhanden. Du stehst wie ein Baum, fest verwurzelt in der Erde. Was willst
du machen, wenn dich in der Schlacht mehrere Gegner von verschiedenen
Seiten angreifen? Dann hilft dir auch dein magischer Stab nichts, denn er
braucht deine Augen, um die Angriffe zu erkennen und abzuwehren. Und
du musst auch Willens sein, dich nicht nur zu verteidigen, sondern selbst
anzugreifen und deinen Gegner zu töten, oder doch zumindest kampfunfähig zu machen. Du hast mich genauso wenig besiegt wie ich dich, denn du
hast mir keinen einzigen Treffer beigebracht. Und schließlich hilft dir deine
Kampftechnik nur gegen leichte Waffen wie meinen Säbel. Stell dir einmal
vor, ein riesiger Kerl mit einer doppelhändigen, schweren Streitaxt greift
dich an. Selbst wenn dein Stab nicht zerbricht, wird er dir doch aus den
Händen geprellt, oder du selbst wirst zurückgeschleudert und stürzest. Gegen rohe Kraft und Masse gibt es nur einen Kampfstil: Ausweichen und
schneller sein!“
Bis die Dämmerung hereinbrach, übte er mit Trygar Beinarbeit und Angriffstechniken. Der junge Magier erinnerte sich schnell wieder an die Lektionen des bärbeißigen Waffenmeisters auf Gadennyns Burg, der ihm die
Anfangsgründe des Fechtens beigebracht hatte. Osiris baute darauf auf und
zeigte ihm, wie er sich Kraft sparend bewegen konnte. Er schulte sein
Gleichgewicht, indem er ihn über die auf der Lichtung liegenden, umgestürzten Stämme tänzeln ließ. Trygar lernte, wie er seinen Stab dabei als
Balancehilfe einsetzen konnte. Er lernte auch, Hieben und Stichen auszuweichen, ohne seinen Stab zur Abwehr einzusetzen.
„Selbst deine Magie kann nicht zwei zur gleichen Zeit aus verschiedenen
Richtungen kommende Angriffe abwehren. Lass den Kampfstab die Arbeit
gegen den gefährlicheren Angreifer tun und setze ihn möglichst schnell
außer Gefecht. Wenn du von mehreren Seiten gleichzeitig attackiert wirst,
musst du behände und flink auf den Füßen sein. Dein Körper muss ein
schwer zu treffendes Ziel sein. Leg nun deinen Stab weg, nimm meine
Waffe und versuche, mich damit zu treffen.“
Trygar weigerte sich, Osiris’ Säbel zu nehmen. Er hatte Angst, ihn zu
verletzen. Stattdessen hob er einen abgebrochenen Ast auf und griff den
unbewaffneten Söldner damit an. Er hätte sich seine Sorge sparen können.
Es gelang ihm nicht, auch nur einen Treffer anzubringen. Sein Lehrer bewegte sich meist außerhalb seiner Reichweite, und wenn es Trygar selten
einmal gelang, in Schlagdistanz zu kommen, wich Osiris seinen Angriffen
quecksilbrig aus. Es war, als ob er versuchte, Wasser mit einem Messer zu
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schneiden. Bald kam sich der Junge lächerlich vor. Er war jetzt ebenso
außer Atem wie der Säbelmeister vorhin. Osiris nahm nun den Ast und
machte seinerseits ein paar plumpe Angriffe, denen Trygar auszuweichen
hatte. Er lernte rasch. Diese Art von Fechten machte ihm Spaß. Er besaß
eine angeborene Geschmeidigkeit, die er in seinen Jahren als Artist und
Gaukler beim Wanderzirkus noch verbessert hatte. Sein Lehrer lobte ihn,
nicht ohne ihm ab und zu zu zeigen, dass er ihn jederzeit treffen konnte,
wenn er nur wollte.
Nach zwei Stunden, als es zu dunkel geworden war, um weiterzufechten,
waren beide müde, aber zufrieden.
„Du bist ein viel besserer Schüler, als du selbst von dir gedacht hast,
Trygar. Es muss an deinem Lehrer gelegen haben, dass du bei ihm so wenig gelernt hast. Ich weiß, du willst die Schlacht zwischen den Heeren unbedingt verhindern, aber möglicherweise ist sie unvermeidbar. Dann stehen
wir gegen eine riesige Übermacht. Magie allein kann dich nicht beschützen. Wir werden die Fechtstunden nun jeden Tag fortsetzen, und du wirst
deinen Stab dabei nicht benutzen! Ich will, dass du auch ohne ihn ein guter
Kämpfer wirst, dann bist du eines Tages mit ihm wirklich unbesiegbar,
auch gegen eine Schar von Feinden.“
Sechs Tage später hatten sie das riesige Waldgebiet immer noch nicht
durchquert. Immerhin war die Straße durch den Forst breit genug, dass sich
die Armee wie ein Schwall Schmelzwasser in einem zu schmalen Bachbett
durch den Wald ergießen konnte, gefangen zwischen den Säumen des
Hohlwegs. Abends, wenn sie das Lager aufschlugen, verzichteten sie darauf, Zelte aufzustellen, denn das wäre in der engen Schlucht zwischen den
Bäumen gar nicht gegangen. Das Heerlager war dann eine meilenlange
Schlange von Menschen, Tieren und Wagen, die nach Osiris Worten dem
Inhalt eines verstopften Dickdarms glich.
Trygar und er übten jeden Abend, solange es das Licht zuließ. Stets
suchten sie sich eine Lichtung, abseits von der Straße. Der Schüler hatte
erhebliche Fortschritte gemacht, war aber immer noch weit davon entfernt,
seinem Lehrer einen Treffer beibringen oder selbst einem von Osiris ernsthaft geführten Angriff ausweichen oder ihn abwehren zu können. Dennoch
war der Säbelmeister hoch zufrieden.
„Du könntest jetzt gegen fast jeden in unserem Heer antreten und ihn besiegen, Junge, auch ohne deinen Kampfstab. Komm, für heute soll es genug
sein. Lass uns zurückgehen. Ich habe Hunger wie ein Bär nach dem Winterschlaf.“
„Gehe du nur schon, Osiris. Ich möchte noch für eine Weile die Ruhe
genießen.“
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Der Schwertmeister verabschiedete sich und verließ die Lichtung. Er war
es schon gewohnt, dass sein Schüler gerne noch für sich allein blieb, um zu
meditieren. Trygar hatte es ihm erklärt: Er fände dabei eine tiefe Ruhe in
sich selbst und schöpfe daraus Kraft. Jedem das seine, dachte Osiris. Für
ihn, das Energiebündel, war das nichts. Er konnte keine Minute leben, ohne
bewusst zu agieren, ohne ‚Funken zu sprühen’, wie er von sich sagte. Was
er nicht wusste, war, dass Trygars rasche Fortschritte beim Kampf auch
etwas mit seiner Fähigkeit zur Selbstversenkung zu tun hatten. Seine Meditationsübungen halfen ihm dabei, das Erlernte zu verinnerlichen, ebenso
wie seine Magie zu kontrollieren, die sich vor nicht zu langer Zeit noch in
wilden Ausbrüchen, hervorgerufen durch Angst oder Hass, manifestiert
hatte. Durch die Lektionen von Sankima, der Geistmagierin, hatte er den
Baum seines Lebens und damit seine Wurzeln gefunden. Er fühlte sich so
ausgeglichen wie noch nie. Zum ersten Mal in seinem Leben herrschten
Zuversicht und Selbstvertrauen über Zweifel und Angst. Er konnte an die
bevorstehenden Aufgaben mit der Hoffnung auf ein gutes Gelingen denken, so schwer sie auch waren. Es war ihm lange Zeit nicht mehr so gut
gegangen, auch wenn ihm seine Freunde Cora, Boc, Spin und Gormen, vor
allem aber Duna, die das Heer immer noch nicht eingeholt hatte, sehr fehlten.
Osiris folgte dem schmalen Pfad, einem Wildwechsel, zurück zur Straße,
wo das Heer lagerte. Bis dahin war es vielleicht noch eine halbe Meile.
Plötzlich hörte er ein leises Knacken im Unterholz. Etwas kam den Wildwechsel herauf auf ihn zu. Es konnte ein Reh sein, aber vielleicht auch ein
Eber oder gar ein Raubtier. An ein Ausweichen war nicht zu denken, das
Gestrüpp ringsherum war zu dicht. Der kleine Mann spannte die Muskeln
an und zog den Säbel. Dann tauchte der Verursacher der Geräusche vor
ihm auf.
Es war ein grotesk verunstalteter Mensch. Oder zumindest sah das Wesen einem Menschen entfernt ähnlich. Osiris fühlte das Blut heiß in seinen
Adern pochen, und die Haare auf seinen Unterarmen richteten sich auf.
Der Mann war einen Kopf größer und mindestens dreimal so schwer und
breit wie der Säbelmeister, dabei aber nicht fett, sondern ein wandelnder
Muskelberg. Osiris hatte vorher noch nie einen so kräftigen Körperbau
gesehen. Der fassartige Brustkorb ging beinahe halslos in den Kopf über,
der, normal proportioniert, damit bizarr winzig wirkte. Ein Gewirr ehemals
blonder, jetzt aber verdreckter und verfilzter Locken hing ihm wie Fangarme eines Kopffüßlers ins Gesicht, das von einem zotteligen Bart überwuchert war, sodass gerade einmal die blauen Augen mit ihrem leeren Blick
frei blieben. Der Riese – Osiris nannte ihn in Gedanken so, obwohl seine
Körperlänge kaum über dem Durchschnitt lag – trug ein gewaltiges dop-
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pelhändiges Breitschwert auf dem Rücken, dessen Griff hinter seinem Kopf
hervorlugte und dessen Spitze fast über den Boden schleifte. Am Gürtel des
Mannes hing dazu noch eine große Streitaxt.
Die Monstrosität musterte Osiris kurz. Dann öffnete sich ihr Mund, entblößte ein gelbes, raubtierhaftes Gebiss mit langen Eckzähnen und stieß ein
paar gegrunzte Worte aus, die wie Erbrochenes hervorquollen:
„Whooou iz Trygaahr?“
Osiris erschrak bis ins Mark. Das Wesen suchte Trygar! Es musste eine
der von Gadennyn mit böser Magie erschaffenen Missgeburten sein.
„Den kannst du suchen, bis du verfaulst, Fettwanst. Aber so weit wird es
gar nicht kommen, denn vorher werde ich dich töten!“
Das seltsame, bellende Geräusch, das aus der Kehle des Ungeheuers
kam, war wohl ein höhnisches Lachen. Der Mann zog mit einer Hand sein
gewaltiges Schwert in einer federnden Bewegung, die andere löste die Axt
vom Gürtel. Dann wippte er auf den Zehenspitzen und kam näher, geschmeidig wie ein Raubtier. Osiris erkannte sofort, dass er einen ausgezeichneten Kämpfer vor sich hatte. Auch ohne zu ahnen, dass diese Person,
die sich früher Orec genannt, aber ihren Namen längst vergessen hatte,
Hauptmann Gother und viele andere hervorragende Turnierkämpfer im
Zweikampf getötet hatte, wusste er, dass ihm womöglich der letzte Kampf
seines Lebens bevorstand.
Trygar hatte seinen Baum, das Bild, mit dem er seine Reise ins Innere stets
einleitete, hinter sich gelassen. Das Symbol seines Ichs schrumpfte zu einem Punkt im Nebel. Er wandte sich um. Vor sich sah er verschwommen
ein breites, glühendes Band, einen gewaltigen Strom magischer Macht,
irgendwo in der Leere. Auch wenn er Tausende von Meilen entfernt schien,
war er doch zum Greifen nah. Trygar brauchte bloß noch einen Schritt zu
tun, dann würde sich sein Ich auflösen, und er wäre ein Teil der Leere.
Aber er fürchtete sich vor diesem letzten Schritt. Sich selbst aufzugeben
war eine Art Tod. Vielleicht gäbe es keine Rückkehr? Wäre Duna jetzt bei
ihm gewesen, hätte er es in dem Bewusstsein gewagt, dass es eine Verbindung zwischen ihm und ihr, zwischen der Leere und der Existenz im Hier
und Jetzt gab, dünn wie ein Spinnfaden und kaum zu sehen, aber stark, ein
Rettungsseil, das ihn zurückziehen konnte. Aber sie war nicht hier. Er
konnte die Leere ohne sie nicht betreten. Dennoch war er so weit gekommen wie noch nie. Auch hier war überall Magie. Er spürte ihre Kraft in sich
einströmen, gewaltig, mächtig, aber dennoch beherrschbar und von ihm
kontrolliert. In seiner Nähe war sie wie ein feuchter Nebel, verglichen mit
der Quelle, die dort in der Leere sprudelte. Er war nicht weit davon entfernt, nach Etwas zu greifen, das ihn vielleicht ebenso mächtig wie Sema-
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nius machen konnte. Aber das machte ihm Angst. Behutsam zog er sich
zurück.
Plötzlich veränderte sich etwas. Der See der magischen Energie um ihn
herum schien zu versiegen! Er spürte, wie sich die Kraft immer mehr verdünnte. Ein Vakuum breitete sich aus, bewegte sich auf ihn zu. Und in
seinem Zentrum nahm er einen Geist wahr, voller Hass und Bosheit, aber
auch voller Qual. Er vernahm einen Laut, grässlich und Angst einflößend:
Trygaahrrr! Er schlug die Augen auf.
Orec stand wenige Schritte vor ihm, in der einen Hand das blutbesudelte
Breitschwert, in der anderen den abgeschlagenen Kopf von Osiris, der in
seiner riesigen Pranke klein wie einen Apfel wirkte. Der junge Magier
sprang in Panik auf. Seine Angst und seine Wut über den Tod seines
Freundes brandeten wie alles zerschmetternde Wogen eines Orkans in ihm,
und mit einem einzigen inneren Aufschrei entfesselte er sie und ließ sie
frei, um das Ungeheuer zu zerschmettern.
Aber nichts geschah.
Plötzlich wurde er gewahr, dass er keine Verbindung mehr zur Magie
besaß, nicht die geringste Spur der sonst für ihn allgegenwärtig spürbaren
Kraft war mehr vorhanden. Was er in seiner zuletzt erschreckenden Phase
der Meditation gefühlt hatte, war Wirklichkeit! Dieses Wesen hatte ihm die
magischen Kräfte genommen, wie ein Schwamm, der über eine Wasserpfütze fährt und sie aufsaugt.
Die Kreatur, die einst Orec gewesen war, warf ihm den Kopf Osiris’ vor
die Füße. Erschrocken wich der Junge dem heranrollenden, blutigen Ball
aus. Mit einem Brüllen, neben dem das eines Löwen wie das Schnurren
eines Kätzchens erschien, griff sein Feind an, doppelt so schnell wie Osiris
zu seinen Lebzeiten. Trygar konnte gerade noch nach dem Stab greifen, der
neben ihm auf einem abgebrochenen Baumstamm lag. Aber was konnte der
ihm ohne Magie schon nutzen? Das Schwert sauste direkt auf ihn herab,
gezielt auf seinen Scheitel, um ihn der Länge nach zu spalten, wie ein
Holzscheit vor seinem letzten Gang zum brennenden Kamin. Der Kampfstab fuhr nach oben und fing den Hieb ab. Der Aufprall war so heftig, dass
Trygar dachte, er müsse zerbersten, aber das Schwert wurde abgelenkt, glitt
an dem Schaft des Stabes entlang und berührte eine der Kugeln an seinen
Enden. Trygar fühlte ein schwaches Erzittern des Stabes, kaum zu spüren
nach der heftigen Erschütterung vorher. Mit einem Schlag (im wahrsten
Sinne des Wortes) wurde ihm klar, was hier geschah: Sein Angreifer saugte
die Magie ringsherum auf und beraubte Trygar der Möglichkeit, sich ihr zu
bedienen, aber die Magie, die in seinem Kampfstab gefangen war, schien
immun gegen diese dämonische Zauberei zu sein, jedenfalls bis zu einer
gewissen Grenze. Sobald aber sein Gegner mit den Kugeln in Berührung
kam, verloren diese einen kleinen Teil ihrer Energie. Trygar war also noch
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nicht verloren, solange sein Kampfstab ihn noch schützen konnte. Aber wie
lange noch?
Im Gegensatz zu Osiris hatte er das Glück, auf einer Lichtung kämpfen
zu können. Der kleine Säbelmeister hatte in dem engen Hohlweg trotz seiner Schnelligkeit und Behändigkeit keine Chance gehabt, dem Angreifer
auszuweichen.
Der Riese hatte seine Axt verloren und kämpfte jetzt nur noch mit seinem monströsen Schwert, dass er beidhändig führte. Das Gewicht der Waffe gewährte Trygar einen winzigen Vorteil. Ein Schlag mit solch einem
massigen Schwert konnte einen Mann der Länge nach spalten, aber einmal
geschwungen und beschleunigt, war es unmöglich, die Richtung des
Schwungs zu verändern oder die Geschwindigkeit abzubremsen, auch nicht
mit den übermenschlichen Kräften, über die der Riese verfügte. Das war
kein Florett, mit dem er focht, keine Waffe, mit der man blitzschnelle Finten ausführen konnte, es war eine Hiebwaffe für die brachiale Gewalt. Ihr
tödlicher Schwung wurde erst durch den Aufprall abgebremst.
Trygar lief um sein Leben. Er rannte rückwärts, hechtete beiseite, rollte
sich ab und sprang wieder auf die Füße, ständig den unglaublich schnellen
und präzise gezielten Hieben ausweichend. Das Schwert fuhr wie eine
Pflugscheide in die Erde, an der Stelle, wo er einen Wimpernschlag vorher
noch gestanden hatte. Doch sein Angreifer riss es mit Leichtigkeit wieder
heraus und schlug erneut zu, bevor der junge Magier auch nur an einen
Gegenangriff denken konnte. Der Kampfstab lenkte den Schlag im letzten
Moment ab, sonst hätte er Trygars linken Arm abgetrennt. Seine Schultermuskeln brannten, seine Hände verkrampften von der Anstrengung, den
Stab festzuhalten. Der nächste Schlag, den er abwehrte, schleuderte Trygar
zu Boden. Er hatte das Gefühl, ein Stier habe ihn umgerammt. Seine
Schmerzen ignorierend, rollte er sich fort, richtete sich in die Hocke auf
und sprang wie ein Frosch über einen umgestürzten, halb vermoderten
Baumstamm. Im letzen Augenblick. Er spürte noch den Luftzug der herabrasenden Schwertspitze in seinem Nacken. Der Schwertstreich spaltete den
Stamm, der so dick war wie ein menschlicher Körper, in zwei Teile, deren
Enden durch die Wucht des Schlages ein paar Zoll in die Höhe sprangen.
Kurz darauf, er hatte sich gerade wieder am Stamm einer Fichte auf die
Beine gezogen, schwang die Klinger seitlich, in Höhe seines Halses auf ihn
zu. Er ließ sich nach hinten fallen. Das Schwert sauste an ihm vorbei, fuhr
in den Baum, der im vollen Saft des neuen Frühlings stand, und blieb dort
stecken. Das war kein morsches Holz, und so hatte sein Gegner diesmal
Mühe, es herauszuziehen. Das gab Trygar eine kurze Atempause, die er
nicht nutzen konnte, um seinen Feind anzugreifen, denn er lag noch auf
dem Boden, und der Baum war zwischen ihnen. Und so benutzte er die
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wenigen Augenblicke, während er wieder auf die Beine kam, um nachzudenken und nach einer Lösung für seine verzweifelte Lage zu suchen.
Er hatte keinen Zweifel: Falls er seinem Gegner den Rücken zuwendete
und versuchte zu fliehen, würde der ihn einholen und töten. Also musste er
weiterkämpfen. Aber er würde diesen Kampf verlieren, wenn er keine Magie einsetzen konnte. Bei jedem Aufprall der monströsen Waffe seines
unmenschlichen Feindes verlor der Kampfstab an magischer Energie. Doch
was konnte er tun? Da erinnerte er sich an seine Meditation, die ihn an den
Rand der Leere geführt hatte. Bevor das magische Vakuum, das von dieser
Kreatur Gadennyns ausging, ihn eingehüllt hatte, war sein Blick auf eine
ferne Quelle magischer Macht irgendwo in der Leere gefallen, eine Quelle
von solcher Kraft, wie er sie vorher noch nie gespürt hatte.
Er machte etwas, was er nie für möglich gehalten hätte: er versenkte sich
während des Kampfes in die Meditation und überließ es seinem Körper und
dem Stab, ihn zu verteidigen. Sein Geist blieb wach und kontrollierte seine
Bewegungen, aber seine Seele versank in dem inneren Raum, den er geschaffen hatte. Das Bild seines Lebensbaumes erschien ihm. Er war verdorrt, seine Blätter welk. Die bunten Paradiesvögel, die ihn bevölkert und
sich von ihm genährt hatten, lagen tot auf der unfruchtbaren Erde. Ihr Gefieder war verblasst. Trygar wollte seine Baumhütte aufsuchen, aber er
spürte eine fremde Präsenz darin. Von ihr ging eine tödliche Kälte aus, die
den Baum wie eine Eiswolke einhüllte. Er war vom Fluss der Magie abgeschnitten. Da verließ Trygar das Symbol seines Lebens und wandte sich der
grauen Leere zu. Er tat den letzten Schritt.
Angst. Schreckliche Angst.
Verlassen. Zersetzt. Aufgelöst. Verdünnt bis zur Unendlichkeit.
Wo, wer?
Alles verdeckender Nebel aus Hoffnungslosigkeit, Sinnlosigkeit, Ziellosigkeit, Einsamkeit.
Klirrende, knochenzermürbende Kälte.
Qual.
Duuunaaa!
Da, ein feuriges Band, schleifenartig, wie ein sich windender Wasserlauf. Etwas fließt durch den Nebel. Mit Macht.
Eintauchen.
Brennende Glückseligkeit!
Das Band zerreißt. Fortgeschleudert!
Ich bin.
Ich bin… Trygar.
Ich spüre die Kraft, die ich aufgenommen habe.
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Ich muss zurück. Mein Körper ist überfordert. Mein Herz scheint zu zerspringen, meine Lungen brennen. Der Schweiß strömt aus allen Poren.
Gleich werde ich zusammenbrechen, unfähig sein, noch einmal auszuweichen, noch einmal den Stab zur Abwehr zu heben.
Ich bin… wieder im Hier und jetzt.
Trygar sah den Hieb, der ihn zerschmettern musste, verlangsamt, als würden sein Gegner und er in einem Bad aus zähem Sirup kämpfen. Er sah das
kalte, triumphierende Lächeln auf dem jugendlichen Gesicht seines Feindes, der nur ein paar Jahre älter schien als er. Ein Augenblick gerann zu
einer kleinen Ewigkeit.
Er konzentrierte sich, lenkte die Kraft in den Stab, ließ ihn auf das
Schwert zuschnellen. Die beiden Waffen trafen aufeinander. Die Klinge
zerbarst in einer Wolke winziger Metallsplitter, die im Mondlicht wie Sterne glitzerten. Die Augen des anderen weiteten sich überrascht. Dann formte
Trygar die Luft hinter dem Kopf des Feindes zu einem harten Ball, härter
als Stahl, und ließ sie mit der Wucht eines Schmiedehammers auf den Nacken seines Gegners sausen.
Er lag auf dem Rücken und blickte mit offenen Augen in den dämmernden
Himmel. Vor einem großen Halbmond, der von einem silbrig scheinenden
Halo umgeben war, zog eine Wolke vorbei und färbte ihn rot. War es wirklich eine Wolke oder das Blut, das aus seinen Augen trat? Er spürte keinen
Schmerz und konnte sich nicht bewegen. Sein Genick war gebrochen, er
hatte das Knacken gehört, als der Schlag ihn traf. Aber das bereitete ihm
keine Sorgen. Er fühlte sich leicht, heiter und unbeschwert. Denn er wusste
jetzt, wer er war. Endlich hatte er seine Vergangenheit wieder, die Erinnerung an sein Leben vor der Begegnung mit Gadennyn. Es war kein schönes
Leben gewesen, bei all dem Hass, der es vergiftet hatte, aber es hatte seine
guten und lebenswerten Momente gehabt.
Jetzt war der Bann von ihm gefallen, mit dem der Magier ihn belegt hatte, um ein Tötungswerkzeug aus ihm zu machen. Die Zeit, in der er verwandelt durch die Welt gezogen war, auf der Suche nach dem Jungen namens Trygar, war unendlich qualvoll gewesen: eine Zeit tiefster Einsamkeit, in der sein Geist in diesem monströsen Körper gefangen war und sich
nach Licht und Wärme, nach Menschen und Zuneigung, vor allem nach
Erinnerung gesehnt hatte. Nicht zu wissen wer er war, war für ihn eine
schlimmere Folter gewesen als die unsäglichen Qualen während seiner
Verwandlung durch Gadennyn.
Wie war es dazu gekommen? Seit dem Tag, als der Sohn eines Burgherrn ihn unschuldig ins Gefängnis gebracht hatte, und noch mehr von
jenem Augenblick an, als er vom Tod seiner Mutter erfuhr, hasste er die
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Menschen, und sein Hass war nicht einmal erloschen, nachdem er den
Burgherrn und dessen Sohn getötet hatte. Dieses Feuer, das ihn stets getrieben hatte, fachte Gadennyn noch stärker an und richtete es infam gegen
Trygar, um diesen zu vernichten. Dem Lord gelang es, die von ihm geschaffene Kreatur für sich einzunehmen, sie als ihren Herrn anzuerkennen.
Die Verbrüderung des Sklaven, des Geknechteten und Gequälten mit seinem Peiniger machten ihn, Orec, blind und ließen ihn in seinem dumpfen
Wahn nicht erkennen, wer wirklich an seinem Leiden schuld war. Und so
verfolgte er Trygar, um ihn zu töten und um damit von seinen Qualen erlöst
zu werden.
Aber er hatte als Mörder versagt und dadurch letztlich über den Lord triumphiert, denn seine Leidenszeit war nun vorbei. Die magische Fessel, die
ihn an Gadennyn gebunden hatte, war zerrissen. Seit er wusste, wer er war,
waren Hass und Wut auf den Jungen von ihm abgefallen.
Der Sterbende erkannte, dass er Trygar geholfen hatte, eine neue Stufe
der magischen Macht zu erklimmen. Eines Tages, so hoffte er, würde der
Junge mit Hilfe dieser Macht, die er ohne den Kampf mit ihm nicht errungen hätte, Gadennyn besiegen.
Sein Augenlicht wurde schwächer. Nebelhaft tauchte ein jugendliches
Gesicht über ihm auf, das Antlitz seines Bezwingers und Retters, der sich
über den besiegten Gegner beugte.
„Wer bist du?“, hörte er Trygar fragen.
„Ich bin Orec“, antwortete er mit einem glücklichen Lächeln auf den
Lippen. Dann hörte sein Herz auf zu schlagen.
Gadennyn beugte sich über den Tisch, auf dem die strategischen Karten
lagen. Er hatte die Generäle, die ihm den Schlachtplan erklärt hatten, vor
wenigen Augenblicken hinausgeschickt. Jetzt ließ er sich ihren Vortrag
noch einmal durch den Kopf gehen.
Ein unglaublicher Schmerz zerriss ihn fast und schleuderte ihn zu Boden.
Er vernahm einen tonlosen, unmenschlichen Schrei voller Wut und Qual,
der ihn vor Angst erstarren ließ. Dann war es vorbei. Benommen versuchte
er, auf die Beine zu kommen und ließ sich schwer in seinen Sessel fallen.
Plötzlich wurde ihm schwindlig. Ein Rauschen erfüllte seine Ohren, seine
Augen sahen nur noch unscharf, dann versank er in Bewusstlosigkeit.
Vor ihm stand Semanius. Aber der Lordmagier schien eher eine leblose
Puppe zu sein, denn ein Mensch. Seine Augen waren starr und blickten ins
Leere. Im gleichen Augenblick erkannte der König, dass Semanius nie wiedergeboren worden war. Die zweite Persönlichkeit, die neben seiner ursprünglichen in Gadennyn lebte und die den größten Teil der Kontrolle
über sein Leben ausübte, war jemand anderes, jemand, der viel älter und
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mächtiger als der Lordmagier war. Und ihm wurde klar, dass diese Persönlichkeit auch Semanius beherrscht haben musste. Was Gadennyn und
der tote Lordmagier gemeinsam hatten, war, dass sie beide Träger des
Amuletts mit dem schwarzen Stein waren, dem geheimnisvollen Artefakt,
das ihnen ihre gewaltige magische Macht verlieh. Ein fremdartiger Geist
wohnte darin. Gadennyn bräuchte das Amulett nur abzulegen, dann wäre
er wieder er selbst!
Die Puppe in der Gestalt Semanius’ öffnete den Mund und sprach:
„Versuche es doch. Nimm das Amulett ab. Jetzt!“
Gadennyn wusste, dass er es nicht konnte.
„Wer bist du?“, fragte er.
„Ein Wesen, das sich von Magie ernährt, Athlan. Am Anbeginn der
menschlichen Zeitrechnung verlor ich meinen Körper und damit meine
Sinne und alle meine Handlungsmöglichkeiten durch ein Ereignis, das ihr
den ‚Hammer Gottes’ nennt. Ich vegetierte am Rande der Nichtexistenz in
einer qualvollen Leere, aber der gnadenvolle Tod ist Wesen wie uns nicht
vergönnt. Tausend Jahre sind für mich nur eine kurze Zeitspanne, Athlan,
aber sie wird unendlich lang in diesem Zustand. Ich habe meine Pein herausgeschrieen, und endlich hat mich jemand gehört. Es war Semanius, der
mich entdeckte. Durch ihn fand ich wieder Zugang zu der Quelle der Magie. Für ihn war es unvorstellbare Macht, aber für mich nur ein Rinnsal,
gerade genug, um ein schwaches Bewusstsein am Rande des Träumens zu
erreichen. Um wieder vollständig zu erwachen, brauche ich mehr, viel
mehr. Ich gab dem Lordmagier die Macht. Dafür sollte er alle anderen
Magier von der Quelle verdrängen. Er versagte, und da er glaubte, sich im
Tod mit mir vereinigen und damit die Unsterblichkeit erringen zu können,
nahm er sich selbst das Leben. Dann fandest du mich. Jetzt sind wir beide
eins und verfolgen gemeinsame Ziele. Du möchtest die Welt erobern und
ihr deinen Stempel aufdrücken, möchtest in die Geschichte eingehen als der
größte Herrscher aller Zeiten, und ich will die magische Quelle, von der
ich nach wie vor fast abgeschnitten bin. Das Wenige an magischer Energie,
das mir zufließt, macht dich bereits jetzt zum mächtigsten Magier unter der
Sonne. Kannst du dir vorstellen, über welche Macht du verfügen wirst,
wenn wir die Quelle erreicht haben? Doch dazu musst du alle Magier von
ihr abschneiden, und das gelingt nur, wenn du sie tötest. Aber du hast bei
Trygar versagt. Er wird immer stärker und hat deine Kreatur Orec, die bis
jetzt beste Waffe, die du gegen ihn geschmiedet hast, getötet. Für einen
kurzen Augenblick besaß er Zugang zur Quelle. Er hat mich überrascht
und mich von dem schwachen Rinnsal magischer Energie, der mich ernährt, abgeschnitten. Beinahe wäre ich wieder in den Zustand der Bewusstlosigkeit zurückgefallen. Ich wäre nicht länger imstande gewesen, dir zu
helfen, deine Ziele zu erreichen. Gerade noch rechtzeitig gelang es mir, ihn
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wegzustoßen. Ich werde jetzt besser Acht geben. Er wird die Quelle nicht
mehr erreichen. Ein Wächter wird dort auf ihn warten, ein Wesen aus einer
anderen Welt, dem selbst er nicht widerstehen kann: ein Seelenjäger. Aber
selbst, wenn er die Quelle nicht mehr direkt berührt, so nährt er sich von
ihr, denn sie bewässert die ganze Welt, und alle, die die Energie wahrnehmen können, verbrauchen sie, Unmengen davon, sodass für mich nicht
genug übrig bleibt.
Trygar und die anderen Magier müssen getötet werden, Athlan, sonst
sind wir beide am Ende! Dein Plan, in die Felsenhalle zurückzukehren, ist
gut. Wir werden ihn dort erwarten. Und nun erwache.“
Der König unterschrieb das Dekret, das er seinem Schreiber diktiert hatte,
und versah es mit dem königlichen Siegel.
„Lass die Herolde ausschwärmen und dies überall verkünden“, befahl er.
„Und wenn die Armeen losmarschieren und die nördlichen Länder einnehmen, sollen die Ausrufer ihnen folgen und dafür sorgen, dass der Erlass
auch in den eroberten Gebieten ausgeführt wird. Und jetzt schicke die Generäle zu mir. Es wird Zeit, dass der Krieg endlich beginnt.“
„Hört, ihr Einwohner von Brenton, hört den königlichen Willen:
Der in der Gestalt Trygar Tathes wiedergeborene Lordmagier Semanius
wirkt schon seit langem im Stillen und hat überall in unser Land, in jede
Stadt, in jedes Dorf, seine Magier eingeschleust, die unentdeckt unter uns
leben und auf seine Ankunft und die seiner Schwarzen Armee warten, um
uns dann mit ihrer bösen Magie zu vernichten. Unser weiser König konnte
diesen frevlerischen Plan aufdecken und hat deshalb erlassen:
Magie ist ein Verbrechen, das ab sofort mit dem Tode bestraft wird. In
jeden Ort wird ein vom Hofe eingesetzter königlicher Untersuchungsrichter
gesandt. Jeder brave Bürger, der einen anderen der Magie verdächtigt, hat
dies dem Richter oder seinen Beamten anzuzeigen, auch wenn die Verdachtsmomente nur vage sind. Die Beschuldigten werden zu ihrem eigenen
Schutz festgenommen. Der Untersuchungsrichter stellt ihre Schuld oder
Unschuld fest und spricht das Urteil. Wer ein gutes Gewissen hat, braucht
im Falle einer Festnahme nichts zu befürchten. Die Untersuchung erfolgt
mit einem unbestechlichen, aber geheimen Verfahren, das nicht irren kann.
Bürger, tut eure Pflicht. Zögert nicht, bei geringstem Verdacht auch
Nachbarn und Familienmitglieder anzuzeigen. Sind sie unschuldig, so werden sie großzügig entschädigt und frei gelassen.“
Das unbestechliche, geheime Verfahren war die Folter. Gefoltert wurde
solange, bis der Verdächtige seine Schuld zugab. Zwei Wochen nach dem
ersten Verlesen des Dekrets hatten bereits zweihundertneununddreißig
143
Menschen in Koridrea, Frauen wie Männer, Alte wie Junge, selbst Kinder,
den Tod durch das Henkersbeil gefunden. Unter ihnen waren drei, die tatsächlich magische Fähigkeiten besessen hatten.
Die Schwarze Armee brach am nächsten Tag nicht auf, denn am Abend
sollte Osiris bestattet werden. Die besten Handwerker errichteten ihm eine
würdige Grabstätte, ein Blockhaus auf der Lichtung, auf der Trygar Orec
besiegt hatte. Es war ein fensterloses Haus von drei Schritt im Quadrat, so
niedrig, dass ein Mann nicht aufrecht darin stehen konnte. Das Innere möblierten sie mit einem Tisch, einem Stuhl und einem Bett mit einer strohgefüllten Matratze darauf, die mit Fellen bedeckt war. An der Außenseite der
Tür befestigten sie ein großes Schild, in das sie mit einem glühenden Eisen
eine Inschrift brannten:
Dies ist das Heim und Grab des irdischen Leibes von Osiris Egeth, dem
besten Fechter, den die Welt gesehen hat. Seine Seele wohnt jetzt im Hause
Wathan-Bejhis.
Er starb im Kampf mit einem vom Lordmagier Semanius ausgesandten
und mit menschlichen Kräften unbesiegbaren Dämonen. Osiris’ Tod wird
gerächt werden an dem, der den Meuchelmörder schickte, und von dem,
der seine dämonische Kreatur tötete. Wir, die Führer der Schwarzen Armee, seine Freunde und seine ihm treu ergebenen Männer, trauern um ihn.
Frühling, 1693
Osiris’ Körper wurde gewaschen und gesalbt. Ein Arzt nähte den Kopf
wieder an den Rumpf, dann kleidete man die Leiche in edle Gewänder und
brachte sie in das Grabhaus, wo man sie auf die Bettstatt legte, zusammen
mit Osiris’ Waffen und seinen wenigen Habseligkeiten. Neben den Söldnern, die einen neuen Anführer aus ihrer Mitte gewählt hatten, nahmen die
Schwarzen Kämpfer unter Methors Führung, der immer noch verstörte
Trygar sowie Dremion und Winger an der Bestattungszeremonie teil. Jeder
brachte Grabbeigaben mit, die sich auf dem Tisch und auf dem Boden der
kleinen Hütte häuften. In der Mehrzahl waren es Lebensmittel als Wegzehr
für die Reise des Toten zu Wathan, aber auch einige persönliche Dinge
seiner Freunde waren darunter. Trygar gab das Goldstück, das er beim Fest
der Gaukler als bester Jongleur gewonnen hatte. Es bedeutete ihm viel. Die
Münze war durchbohrt, sodass er sie an einem Lederriemen um den Hals
tragen konnte. Vorsichtig streifte er den Anhänger dem Toten über den
Kopf und vermied dabei, die grässliche Wunde zu berühren, die notdürftig
und mit groben Stichen zusammengenäht war.
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Winger hatte eine Figur aus Edelholz geschnitzt, die den Säbelmeister
beim Kampf in einem Ausfallschritt darstellte: ein Bein vorgebeugt, das
Gewicht auf den Fußballen verlagert, das andere nach hinten gestreckt. Der
Waffenarm war in einer schnellenden Schlagbewegung eingefangen, die
Konturen von Unterarm und Säbel verschwommen und verzerrt, wodurch
die schnelle Bewegung täuschend echt eingefangen war. Die Statuette war
ein Meisterstück der Bildhauerei. Winger hatte die ganze Nacht daran gearbeitet. Er und Dremion hatten Osiris am kürzesten gekannt, aber dennoch
waren sie Freunde geworden.
Nacheinander betraten die Trauernden die Hütte, um von dem Toten Abschied zu nehmen. Dann vernagelten die Zimmerleute die Tür mit dicken
Eisennägeln. Methor sagte die letzten Worte:
„Ein guter Freund und Gefährte ist von uns gegangen, und das Herz ist
mir schwer. Ich gebe zu, am Anfang mochte ich Osiris nicht, weil er mir
selbst so sehr ähnelte. Wie ich war er ein Kämpfer und Krieger, wie ich
tötete er Männer im Krieg, aber auch im Frieden. Ich habe vor langer Zeit,
als ich Nunoc Baryth begegnete, der Gewalt abgeschworen und Gottes
Weg eingeschlagen, aber dann zwangen mich die Umstände, wieder ein
Heerführer zu werden, und vielleicht werden sie mich auch abermals dazu
zwingen, eine Schlacht zu schlagen und Menschen zu töten. Wathan-Bejhi
möge es verhindern.
Osiris war mir wie ein Spiegel, in dem ich mein Ebenbild – das des gewaltbereiten Mannes – entdeckte, der ich einmal gewesen bin. Dafür verachtete ich ihn. Aber bald bemerkte ich seine innere Zerrissenheit. Einmal
suchte er mich auf, um zu reden. Er sorgte sich um seine unsterbliche Seele
angesichts seiner Taten. Ich habe versucht, ihm das zu sein, was Nunoc für
mich war. Osiris hat sich geändert, obgleich er niemals ein schlechter
Mensch gewesen ist. Als Söldner wählte er immer die aus seiner Sicht
richtige Seite, nie die, die ihm mehr Geld bot. Er verteidigte fahrende Kaufleute gegen Räuber, aber auch unterdrückte Bauern gegen plündernde und
schändende Banditen, einmal kämpfte er für eine versprengte Gruppe von
Nomaden, die zu Unrecht von Soldaten verfolgt wurden. Aber er tat es für
Geld und nicht aus Menschenfreundlichkeit. Als er sich uns anschloss,
machte er die Erfahrung, wie befriedigend es sein kann, für eine gute Sache
zu kämpfen. Da begann er, über sein Leben nachzudenken und es zu ändern. Ich hatte Hoffnung, dass er dem Orden beitreten würde. Er wäre ein
guter Kämpfer für Barmherzigkeit, Nächstenliebe und Toleranz geworden.
Leider ist es nicht mehr dazu gekommen. Lasst uns seiner immer gedenken.“
Nachdem alles getan und gesagt war, brachen die meisten Trauernden
auf. Trygar und seine Freunde blieben noch ein wenig länger. Als sie
schließlich auch die Lichtung verlassen wollten, fiel der Blick des jungen
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Magiers auf die Leiche von Gadennyns Geschöpf und Osiris’ Mörder, die
mit gebrochenen Augen am Rande der Lichtung lag, besudelt mit Exkrementen, Urin und Speichel. Er wusste nicht, wer es gewesen war, der seinen Hass und seine Verachtung auf diese Weise zum Ausdruck gebracht
hatte. Am ehesten war es den Söldnern zuzutrauen, die ihren toten Anführer vergöttert hatten. Trygar konnte sie verstehen. Er wandte sich an Winger, Dremion und Methor, die noch mit ihm geblieben waren:
„Eigentlich sollte ich ihn hassen, diesen Mann, der sich Orec nannte, aber mir ist klar geworden, dass nicht er, sondern Semanius der Mörder
Osiris’ ist. Kurz vor seinem Tod fiel der Bann, mit dem ihn der Lordmagier
belegt hatte, ab, und zum Vorschein kam ein gequälter Mensch, der endlich
seine Freiheit wiedererlangt hat, und sei es nur im Tod. Niemand wird um
ihn trauern, und ob Wathan ihm vergeben wird, wissen wir nicht, aber wir
wollen ihn wenigstens nicht den Würmern überlassen.“
Sie schichteten Reisig auf den großen Körper, schütteten Lampenöl darüber und steckten es an. Als die Flammen hochschlugen und ein kalter
Regen einsetzte, dessen Tropfen zischend ins Feuer fielen und es dampfen
ließen, verließen sie die Lichtung.
Nach einer Woche im Wald waren die Soldaten, die Menschen vom Tross
und die Tiere beinahe apathisch. Das anfangs wohlgeordnete Heerlager
glich nun einem Chaos. Da es nicht genügend Platz gab, die großen Mannschaftszelte und die Pferche für die Pferde und Zugochsen aufzubauen,
hatte man rechts und links der Straße und auch quer darüber Seile zwischen
den Bäumen gespannt und Zeltplanen darüber gehängt. Die Ochsen waren
mit Stricken an die Deichseln ihrer Wagen gebunden und standen mit hängenden Köpfen im Regen. Die Pferde suchten sich Platz zwischen den eng
beieinander stehenden Bäumen, an den wenigen lichteren Stellen, wo das
Unterholz ihnen nicht jeglichen Bewegungsspielraum nahm. Es stank. Die
Waldstraße war übersät mit Abfall, Pferdeäpfeln und Ochsendung. Wenigstens konnten die Menschen ihre Notdurft abseits des Lagers verrichten. Die
Versorgung von Mensch und Tier war in diesem meilenlangen, verstopften
Schlauch zu einer fast aussichtslosen Aufgabe geworden. In langen
Schlangen standen die Soldaten stundenlang an den Küchenwagen an, aber
nicht jeder bekam jeden Tag ein warmes Essen, denn sonst hätten die Köche und Gehilfen Tag und Nacht arbeiten müssen. Die Pferdeknechte bemühten sich redlich, die Reit- und Zugtiere zu versorgen. Sie schleppten
Wasser in hölzernen Eimern aus einem nahe gelegenen Bach zu ihnen, weil
sie die Tiere wegen des dichten Gestrüpps um den Wasserlauf nicht dort
tränken konnten. Für die Pferde gab es wenigstens mageres Waldgras,
Kräuter und das Laub der Büsche zu fressen, doch mancher Ochse blieb
durstig und hungrig. Methor bemühte sich so gut es ging, ein Mindestmaß
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an Ordnung aufrecht zu erhalten, aber seine Befehle und Anordnungen
erreichten viele Soldaten gar nicht. So wurden jeden Abend zahlreiche
Feuer angezündet, um die sich die Menschen sammelten, um im klammen,
dunklen Wald etwas Wärme und Licht zu ergattern, obwohl der General
offene Feuer untersagt hatte. Zwar stand der Wald im Frühlingssaft, aber
ein einziger Funke, der vom Wind unter die dichten Bäume geweht würde,
dorthin, wo geschützt vom Regen, die trockenen Nadeln des Vorjahres
lagen, könnte einen Waldbrand und damit eine unvorstellbare Katastrophe
auslösen.
Ein heftiger Sturzregen, der wenigstens diese Sorge vertrieb, prasselte
auf die Zeltplane, unter der General Methor, Trygar, die Führungsoffiziere
des Heeres, die Anführer der Nomaden, Toroth, Noci und Toquaiquata, der
neue Führer der Söldner, die Gefährten Trygars, Winger und Dremion, und
die Schwarzen Kämpfer saßen und die Lage berieten. Ein Spähtrupp war
vor einer Stunde zurückgekommen und hatte gute Nachricht gebracht: Die
Strapazen seien bald zu Ende. Morgen würde die Schwarze Armee endlich
die Grenze des Waldes erreichen, und dann sei es nicht mehr weit bis zur
Stadt Lankoma, wo die Residenz seiner Heiligkeit Pridemus’ Macellanus
lag. Der Offizier des Vorauskommandos beschrieb die Lage rund um die
Stadt als ruhig. Natürlich wusste man dort von der großen Streitmacht, die
sich Lankoma näherte. Der Pridemus und der Stadtrat schienen ihr gelassen, sogar freudig entgegenzusehen. Man wusste, dass der Kaiser sich mit
der Schwarzen Armee verbündet hatte und dass die Soldaten kamen, um
Orinokavo und die anderen Länder des Alten Königreichs gegen den Usurpator aus dem Süden zu verteidigen. Als der Mann gerade die Vorbereitungen beschrieb, die getroffen wurden, um das Heer zu empfangen und zu
versorgen, wurde Trygars Aufmerksamkeit abgelenkt: ein Stück die Straße
hinauf entstand Unruhe im Lager. Man hörte Rufe. Ein Zug von Fackeln
näherte sich. Die Versammlung unter dem Zelt verstummte, und alle blickten nach Norden, den dunklen Weg entlang, auf die flackernden Punkte.
Aus der Dunkelheit schälten sich mehrere Gestalten. Überall, wo sie an den
lagernden Soldaten vorbeigingen, wurden sie mit freudigen Hallos begrüßt.
Der erste, den Trygar erkannte, war Selban, der ehemalige Bandit, der mit
Lorth in Codae geblieben war, um bei den Friedensverhandlungen zwischen der Stadt und den Gesetzlosen zu vermitteln, dann folgte Lorth
selbst. Zwei große, schwarz gekleidete Männer kamen als nächste in den
Lichtkreis der unter der Zeltplane aufgestellten Öllampen: Seyn und Legis,
die Zwillinge. Und zwischen ihnen ging eine kleine Gestalt, die einen Arm
in der Schlinge trug. Trygars Herz setzte für einen Augenblick aus. Er
sprang auf die Füße, stürzte ihr entgegen und umschlang Duna mit den
Armen. Dann weinte er vor Freude.
147
Der Pridemus
Die Zeltstadt vor den Toren Lankomas war fast so ausgedehnt wie die Stadt
selbst. Vierzehntausend Soldaten und siebenhundert Helfer hausten darin.
Nachdem das Heerlager aufgeschlagen war und seine Versorgung mit Hilfe
hochmütiger und mürrischer Beamter aus Lankoma halbwegs sichergestellt
schien, machte sich eine Abordnung der Schwarzen Armee auf den Weg in
die Stadt, darunter Methor, Lorth, einige Offiziere sowie Trygar und Duna.
Die Pracht Lankomas offenbarte sich schon von weitem, noch bevor sie
eines seiner Tore erreicht hatten. Die Mauer war mehr als dreißig Fuß hoch
und aus mächtigen, glatt behauenen Sandsteinquadern fast fugenlos errichtet. Sie endete in einem überdachten Wehrgang, dessen Außenwand von
Schießscharten und Pechnasen durchbrochen war. Rechts und links neben
dem Stadttor, auf das sie zuritten, standen zwei mächtige Türme, noch
einmal fünfzehn Fuß höher als die Mauer. Sie glänzten im Licht der Mittagssonne, denn sie waren mit Mosaiken aus handtellergroßen Keramikplättchen in den buntesten Farben belegt. Die Mosaike zeigten das Stadtwappen, das kaiserliche Wappen und, am größten und prächtigsten von
allen, das heilige Amtszeichen des Pridemus, ein Fischernetz in Form eines
aus Silber gewobenen Käschers, in dem ein goldener Fisch gefangen war,
darüber eine Hand, bereit, den Fisch herauszunehmen: das Symbol für den
Menschen, eingekerkert in seiner stofflichen Welt, der die Freiheit erst
durch Wathan erlangen kann.
Die gewaltigen Torflügel waren weit geöffnet. Sie bestanden aus mehreren Schichten baumdicker Bohlen und waren mit Eisenbändern beschlagen.
Der Wehrgang zog sich in einem brückenartigen Bogen über das Tor hinweg. Ein nach oben gezogenes Fallgitter aus Eisen hing dahinter. Durch
das offene Tor konnte Trygar eine gepflasterte Straße erkennen, die steil
wie eine Rampe nach oben führte.
Die Stadt war auf einem Hügel errichtet, der sich hinter der Mauer erhob. Das nach oben wachsende Häusermeer schien von hier unten so dicht,
das es wie ein einziges zerklüftetes Gebäude mit Türmchen, Erkern, vorspringenden Dächern und Zinnen wirkte. All dies überragte ein strahlender
Palast auf dem Gipfel des Hügels: der Großtempel und Wohnsitz des Pridemus.
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Sie ritten durch das offene Tor, unbeachtet von den Wachen. Der General wandte sich im Sattel um und sagte zu seinem Gefolge:
„Lorth, Oberst Thek und Hauptmann Sihis, ihr kommt mit mir. Wir müssen zuerst mit dem Stadtrat über den Nachschub und die Rekrutierung weiterer Soldaten verhandeln, danach mit den Kaufleuten der Handelsgesellschaft und den Vertretern der Handwerksgilden. Wir brauchen zahlreiche
Dinge, und manches muss repariert und angefertigt werden. Zum Glück
unterstützt uns Orino Toko mit reichlichen Mitteln aus seiner privaten
Schatulle. Er hat uns einen kaiserlichen Freibrief geschickt: Alles, was wir
für unser Heer kaufen, bezahlt er. Er hat ja auch am meisten davon, wenn
wir Gadennyns Truppen von Orinokavo fernhalten und ihm auf diese Weise eine weitere, demütigende Niederlage ersparen.
Die Audienz bei Seiner Heiligkeit Pridemus Macellanus ist erst nach
Sonnenuntergang, wenn die Tempelglocke zum Abendgebet schlägt. Euch
andere brauche bis dahin nicht. Geht, und seht euch die Stadt an.“
Duna und Trygar ließen sich das nicht zweimal sagen. Das Paar trennte
sich von der Gruppe und ritt durch die schmalen Gassen, die sich wie ein
Spinnennetz durch Lankoma zogen, in dessen Zentrum der Palast lag. Steile, durch Treppen unterbrochene und von zahlreichen Fußgängern bevölkerte Wege, die zum Tempelplatz hinaufführten, bildeten die Speichen des
Netzes, eine breite Straße wand sich in einer enger werdenden Spirale um
die Stadt in die Höhe. Sie wurde von Fuhrwerken und Reitern benutzt.
Trygar und Duna folgten ihr und ließen ihre Blicke schweifen. Die Häuser
in den tieferen Stadtvierteln waren durchweg niedrige und verkommene
Holzgebäude, die Wohnstätten der Armen. Je höher die Reiter kamen, desto massiver und größer wurden die Gebäude. Zuerst kamen die zweistöckigen Fachwerkhäuser aus Ziegel, Lehm und Holz. Ihre unteren Stockwerke
beherbergten Läden und Werkstätten, Schankräume und Ställe. Im ersten
Stock, meist durch eine Außentreppe oder steile Stiege erreichbar, wohnten
die Menschen. Dann kamen die Sandsteingebäude, manche von ihnen drei
Stockwerke hoch, einige mit Mosaiken verziert, die allerdings in den meisten Fällen abblätterten. Die Farben der gebrannten Keramik- oder der bemalten Holzplättchen waren stumpf und blass geworden. Die Mehrzahl der
Steinbauten schien sehr alt zu sein und befand sich im Zustand zunehmender Verwitterung. Inschriften über einigen Haustüren nannten in der südländischen Sprache der Besatzer Jahreszahlen kurz nach der Eroberung des
Landes durch den ersten Kaiser Orino Kavo. Von innen betrachtet, wirkte
Lankoma bei weitem nicht so prächtig wie aus der Entfernung.
Trygar wandte sich an Duna:
„Lass uns wieder ein Stück hinunterreiten zu dem schönen Gasthof, an
dem wir vorbeigekommen sind. Ich habe Hunger und Durst, und vor allem
möchte ich mich mit dir unterhalten. Jetzt sind wir schon anderthalb Tage
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zusammen, und dennoch haben wir kaum Zeit gefunden zu reden. Ich
möchte endlich wissen, wie es dir ergangen ist.“
Um diese Zeit war die Gaststube fast leer. Sie saßen an einem Tisch unter
einem runden, verglasten Fenster, das fast wie das Bullauge eines großen
Seeschiffes aussah, das Trygar im Hafen von Shoal gesehen hatte. Das
Fenster war von Rauch und Fett verdreckt und ließ nur wenig Licht herein.
Auf dem klobigen Tisch stand eine brennende Kerze, die die Schummrigkeit nur unwesentlich verringerte. Sie tropfte, und ihr Wachs floss in einem
langsam erstarrenden Strom über die Platte. Vor Trygar standen ein Bierkrug und ein Teller mit einem saftigen Bratenstück in brauner Soße, aber er
rührte es nicht an. Seine Hände lagen auf denen Dunas, die ihm gegenüber
saß. Er ließ seine Finger über ihre gleiten und spürte dem lange vermissten
Gefühl der Berührung mit ihrer Haut nach.
„Dein armer Arm. Er war gebrochen, sagte mir Seyn?“
„Jetzt ist er wieder fast heil. Ich trage die Schiene nur noch beim Reiten.
Schlimmer als der Bruch war der Wundbrand.“
„Erzähl mir alles.“
Und so berichtete Duna von ihren Tagen in der Mine und der Höhle, ihrem Kampf mit der schrecklichen Hyäne und ihrer fast tödlichen Verwundung. Trygar war so mitgenommen davon, dass er sich neben sie auf die
Bank setzte und sie in die Arme nahm. Als er ihre Wange an seiner spürte
und ihre Haare sein Gesicht kitzelten, dankte er Wathan-Bejhi insgeheim
dafür, dass er sie hatte überleben und genesen lassen. Dann wollte Duna
hören, was Trygar erlebt hatte. Doch bevor er berichten konnte, kam der
Wirt an ihren Tisch und fragte, ob ihnen das Essen nicht schmeckte. Sie
hatten es fast vergessen, und es war kalt geworden. Wenig später brachte er
es aufgewärmt zurück, und sie ließen es sich munden. Dann erzählte Trygar
der jungen Frau von Orec, vom Tod Osiris’ und von etwas, was ihn beinahe
noch mehr erschreckt hatte:
„Ich verdanke Osiris mein Leben. Ohne seine Fechtlektionen hätte ich
Orec nicht standhalten können, denn er raubte mir meine Magie, Duna! Ich
spüre sie sonst überall, kann mich jederzeit der Kraft bedienen, die wie die
Luft ist, die alles umgibt. Sie verschwand wie Wasser, das man aus einem
Badetrog ablässt, als er erschien. Zum Glück war noch ein wenig der magischen Kraft in meinem Kampfstab eingeschlossen, und so konnte ich mich
eine Weile verteidigen. Aber die Kraft schwand, und nur durch die Übungen mit dem kleinen Säbelmeister konnte ich den Angriffen Orecs ausweichen. Die Fähigkeiten, die mir Osiris beigebracht hat, verschafften mir
gerade genug Zeit, um die Quelle der Magie wieder zu finden. Ich fand sie
in der Leere, Duna!“
„In der Leere? Was meinst du damit?“
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„In der Versenkung, der Meditation. Ich habe den letzten Schritt getan,
den, vor dem ich mich gefürchtet habe. Ich habe mein Ich aufgegeben. Es
war schrecklich.“
„Du hast während des Kampfes mit diesem Ungeheuer meditiert?“
„Ich begreife heute noch nicht, wie mir das gelungen ist. Wathan-Bejhi
muss mir beigestanden haben. Jedenfalls fand ich die Magie in der Leere
wieder und griff nach ihr, das heißt, etwas, das seinen Namen nicht kannte,
das sich so einsam fühlte wie noch nie in seinem Leben, so verloren, so
verlassen – das, was von meinem Selbst übrig war, griff danach. Aber dann
stieß mich etwas zurück. Ich spürte für einen Lidschlag lang eine unvorstellbare Macht und hörte einen tonlosen Schrei voller Wut und Angst. Ich
glaube, es war der Geist Semanius’, der mich wegstieß. Dann war ich wieder ich selbst, durchdrängt von magischer Kraft, und ich konnte Orec töten.
An seiner Leiche fand Tegres einen Beutel, gefüllt mit schwarzem Staub.
Als er ihn mir zeigte, verlor ich wiederum jeden Kontakt mit der magischen
Kraft. Der Staub ist sicher ein Werk Semanius’. Er saugt die magische
Energie ringsherum wie ein Schwamm auf und macht jeden Magier handlungsunfähig. Es ist erschreckend, Duna. Verstehst du, was das bedeutet?
Wenn wir Semanius eines Tages begegnen, falls wir überhaupt so weit
kommen, werden uns unsere vereinten magischen Kräfte nichts nutzen.
Selbst Zpixs wäre hilflos. Was sollen wir tun?“
Duna brauchte eine Weile, um das zu verdauen.
„Aber du bist doch an die Kraftquelle in der Leere herangekommen,
Trygar. Kannst du das nicht wieder schaffen?“
„Ich glaube nicht. Ich weiß nicht, ob ich noch einmal den Mut dazu finde. Die Leere ist so schrecklich, du kannst es dir nicht vorstellen. Und
selbst wenn ich mich überwinden könnte: Semanius ist jetzt gewarnt. Beim
ersten Mal hat er mich nur überrascht weggestoßen, beim zweiten Mal wird
er mich vernichten.“
„Nunoc Baryth hat mir erzählt, was es bedeutet, in die Leere einzudringen. Aber er sagte, es gebe etwas dahinter, eine neue Stufe des Bewusstseins, wenn man das tote Land überwindet.“
„Das mag sein, aber ich hätte niemals die Kraft und den Mut dazu.“
Duna schwieg. Dann fiel ihr noch etwas ein:
„Wo ist der Beutel mit dem schwarzen Staub jetzt?“
„Zuerst wollte ich ihn vernichten oder zurücklassen, dann aber gab ich
ihn Selban, dem ehemaligen Gesetzlosen, zur Verwahrung. Er reitet meist
bei seinen Leuten am Ende des Zugs, weit von dir und mir entfernt, sodass
wir das Machtvakuum, das er verursacht, nicht spüren.“
„Gut, lass uns jetzt nicht weiter über die Magie reden, die man nicht
mehr spüren kann, sondern lieber über eine andere Art von Magie, eine, die
wir beide immer fühlen.“
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Ihre großen, braunen Augen blickten geheimnisvoll. Sie lächelte ganz
leicht, fast unmerklich. Trygar erschienen ihre Worte rätselhaft.
„Was meinst du damit?“
„Hast du diese Magie nicht gerade gefühlt, als du neben mir saßest und
mich in deinen Armen gehalten hast?“
Seine Ohren begannen zu glühen und sicher auch zu leuchten, wie er an
ihrem zunehmenden Lächeln bemerkte.
„Oh, natürlich. Ich liebe dich Duna. Gemeinsam werden wir alles durchstehen, denn du gibst mir die Kraft dazu.“
„Ich liebe dich auch, mehr als alles andere auf der Welt. Und heute
Nacht werde ich es dir beweisen, wenn du in mein Zelt kommst.“
„Duna!“
Die letzten Töne der Gebetsglocke verklangen. Sie betraten die riesige,
prunkvolle Gebetshalle des Tempels, die nur zu einem Viertel gefüllt war,
meist mit Bürgern aus der Oberstadt, wie man an ihrer teuren Kleidung
erkennen konnte. Methor und Lorth knieten schon auf den bereit gelegten
Gebetskissen in einer der hinteren Reihen. Duna und Trygar gesellten sich
zu ihnen. Die junge Frau schaute sich staunend um.
Wenn der Saal im Hauptgebäude der Minengesellschaft in der Silberstadt schon prachtvoll war, so wirkte er gegen diese Halle wie ein Vorzimmer. Cora konnte sich gut vorstellen, dass ihr ganzes Heer hineinpassen
würde, wenn man die Plätze auf den umlaufenden Emporen in drei Etagen
dazuzählte. Die Säulen, die das himmelhohe Gewölbe trugen, waren dicker
als die dicksten Bäume und über und über mit vergoldetem Stuck verziert.
Die Kuppel bestand – unvorstellbar – aus bleigefasstem, bleichem Glas. Es
war nicht klar und durchsichtig, aber man konnte das Abendrot sehen und
die vorbeiziehenden weißen Wolken erahnen. In der Mitte der Halle stand
erhöht ein wuchtiger Altar aus Marmor und Gold.
Der Tempel besaß die Form eines sechszackigen Sterns. Vom Hauptraum zweigten sechs Flügel ab, jeder größer als der große Tempel oder
Palast in Shoal. Einer dieser Flügel endete auf halber Länge in einer Stirnwand mit einem prunkvollen, verschlossenen Portal. Dahinter, so hatte ihr
Methor erklärt, befänden sich die privaten Gemächer des Pridemus. Sie
erwartete, dass er jeden Augenblick aus diesem Portal treten und zum Altar
schreiten würde, doch statt seiner erschien ein Kardenus, ein Oberpriester,
vielleicht sogar ein Tademus, also ein Hochpriester im Tempelrat. Jedenfalls trug er die prächtige Amtsrobe eines hohen Würdenträgers. Zu Coras
Bedauern leitete er, und nicht der Pridemus, die Zeremonie.
Nach dem Gebet und den heiligen Handlungen gingen die vier Abgesandten nicht mit der Menge hinaus, sondern steuerten auf das Portal zu
den privaten Gemächern von Pridemus Macellanus zu. Als sie sich näher-
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ten, traten zwei Soldaten seiner Leibgarde vor. Ihre zeremoniellen Rüstungen bestanden aus purem Gold, das allerdings zu einem dünnen Blech ausgewalzt worden war, so dünn, dass man es mit einem Dolch leicht durchstoßen konnte. Man sah es deutlich an den zahlreichen Kratzern und Dellen, wie schwach das Metall war. Eine Rüstung von normaler Stärke aus
Gold wäre auch viel zu schwer gewesen, um sie tragen zu können. Die
Schwerter, die an ihren Gürteln hingen, waren allerdings aus scharfem
Stahl.
Nachdem die Besucher ihre Namen genannt hatten, ließen die Wachen
sie ein. Sie betraten einen kleinen Saal.
Der Mann, der auf dem prunkvollen Thron saß, war alt und sehr fett, aber
keine Falte zerknitterte sein pausbäckiges Gesicht. Die Jahre zeigten sich
nur an seiner fleckigen, gelblichen Haut. Auf dem kahlen Kopf saß der
spitze Priesterhut aus blauem, goldbesticktem Brokat. Die kohlschwarzen
Augen waren zwischen den Tränensäcken und Speckwülsten fast verborgen. Der kleine Mund war vorgewölbt, und die Lippen waren leicht gespitzt wie bei einem vorwitzigen Kind. Dicke Hamsterbacken hingen herab
und schwabbelten bei jeder Bewegung des Kopfes. Ein dreifaches Kinn
ging halslos direkt in seinen birnenförmigen Rumpf über, der in eine prächtige, blaugoldene Robe gekleidet war. Aus den weiten Ärmeln quollen
aufgedunsene Hände mit Fingern wie Würste, die das Buch hielten, in dem
er gerade las. Er legte es beiseite, als er die gedämpften Schritte hörte.
Als die Besucher das Ende des Läufers vor den Stufen zum Thron erreicht hatten, machten sie Anstalten niederzuknien, doch Macellanus, der
höchste Priester und Stellvertreter Wathans bei den Menschen, hob protestierend die Hand.
„Man nennt mich Eure Heiligkeit, und vielleicht ist mein Amt auch heilig, ich aber bin es nicht. Ich furze und rülpse wie ihr, vielleicht noch etwas
lauter und öfter, denn meine Verdauung ist nicht die beste, ich liebe den
Wein und die Frauen, ich fluche gerne in Gesellschaft, und ich weiß, dass
mich mein Mundschenk insgeheim einen Rüpel nennt. Soll ich ihn deshalb
tadeln? Er hat ja Recht. Die Distanz zwischen mir und Wathan, unserem
Schöpfer, ist ebenso groß wie bei jedem Sünder: Gott ist auch für mich wie
für alle Menschen in unerreichbarer Ferne. Er gibt mir keine Worte ein,
keine göttlichen Weisheiten, die ich verkünden kann. Was ich als sein
Mund von mir gebe, ist allein in meinem kleinen, menschlichen Geist entstanden, und ich kann nur hoffen, dass er weiß, was er tut, wenn er mich in
seinem Namen entscheiden lässt. Wie ihr seht, habe ich einige offensichtliche Laster: Ich schlemme und rede gerne. Dabei fällt mir ein: Ich habe
Hunger wie ein Wolf im Winter. Tut mir also den Gefallen und lasst all den
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protokollarischen Schnickschnack sein, damit wir möglichst bald an der
Tafel Platz nehmen können, die bereits auf uns wartet.“
Nach dieser ungewöhnlichen Begrüßungsrede stand er keuchend auf und
stieg mit kleinen Trippelschritten die Stufe der Empore herab. Dann nahm
er den staunenden Methor am Arm und zog ihn auf die in der Tat bereits
gedeckte Tafel zu, die ein Stück neben dem Thron in der Halle stand.
Das Mahl und der Wein waren köstlich und ihr Gastgeber ein guter Unterhalter. Er redete fast ununterbrochen und verstand es dabei doch, Unmengen zu vertilgen und zu trinken. Er aß manierlich und badete seine Finger
nach jedem Gang in Zitronenwasser. Methor versuchte zweimal vergeblich,
ihr Anliegen vorzubringen, aber Macellanus sagte:
„Politik ist langweilig und ermüdend. Wenn man sich mit ihr abgibt,
kann man nur Fehler machen. Ich weiß, ich kann dem nicht ewig ausweichen, aber lasst uns später darüber reden. Kennt ihr eigentlich schon die
Geschichte von der Ziegenhirtin, die ihren Mann wegen des Bocks ihrer
Herde verließ? Nein? Dann hört zu…“
Er war ein amüsanter und geistreicher Erzähler, und obwohl seine Geschichten oft zotig und schlüpfrig waren, wirkten sie niemals ordinär, weil
er sie mit Humor und einem Augenzwinkern vortrug. Trygar, der es eigentlich nicht mochte, wenn man über die Liebe und ihre fleischliche Form
derb herzog, schämte sich nur einmal roter Ohren. In Macellanus’ Geschichten bekam jeder sein Fett weg, Frauen wie Männer, Untertanen wie
Herrscher, Priester wie Nonnen. Duna lachte mehrfach schallend, und ihre
Begleiter stimmten angesteckt ein. Dann endlich wischte sich der Pridemus
den Mund mit seinem Leibtuch ab, ließ das Geschirr abräumen und sah
seine Gäste mit ernsterer Miene an.
„Ich kenne euch und weiß, warum ihr hier seid. General Barana Togo,
wie Euer früherer Name lautete, den ihr jetzt verleugnet, Ihr wart ein
Kriegsheld und ein Abtrünniger zugleich. Jetzt nennt Ihr Euch Methor und
gehört einem obskuren Orden an, der vom wahren Glauben abgefallen ist
und sich nicht der Autorität des Tempels fügt. Auch ihr anderen seid Brüder – und eine Schwester – dieses indoktrinativen und blasphemischen
Ordens. Zudem gehören noch zwei Magier zu euch. Vielleicht wisst ihr es
nicht, Trygar und Duna, aber ich halte die Magie für eine dunkle Kraft, die
Wathan-Kha in die Welt gebracht hat, um die Menschen mit ihrer Macht zu
verlocken und Böses zu tun. All das ist nicht gerade eine gute Referenz,
mich um Hilfe zu bitten.“
Seine Gäste wurden blass. Methor stand auf:
„Eure Heiligkeit, lasst mich erklären…“
„Nein, Methor. Alles, was Ihr vorbringen wollt, weiß ich bereits. Mein
Geheimdienst steht dem von König Gadennyn in nichts nach und schlägt
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den des Kaisers um Längen. Ich weiß, dass ihr glaubt, Gadennyn sei der
wiedergeborene Semanius, dass der König von Koridrea die Länder des
Alten Königreichs und die ganze Welt erobern und unterjochen will. Vielleicht habt ihr auch Recht, vermutlich sogar. Ich weiß auch, dass ihr hehre
Ziele verfolgt, dass ihr glaubt, auf der Seite des Guten zu stehen. Ich kenne
das Glaubensbekenntnis eures Ordens, weiß, dass eure moralischen Grundsätze, gestützt auf Toleranz und Nächstenliebe, und eure Abkehr von der
klerikalen Obrigkeit sich in vielen Ohren besser anhören, als die archaischen Regeln und die starren Doktrinen des Tempels, und ich habe als
Mensch sogar Sympathien dafür, als Oberhaupt des Tempels steht es mir
aber nicht an, meine eigenen ethischen Grundsätze zum Maßstab zu machen. Was wir zu tun und zu lassen haben, hat uns allein Wathan vorgegeben, und ich habe mich dem unterzuordnen und es mit Nachdruck zu vertreten, auch gegen die eindrucksvollen und einleuchtenden Gedankenmodelle der Aufklärung. Bei allem Verständnis für euch und eure Sache: ich
kann euch nicht helfen. Ich kann nicht wieder Partei ergreifen. Diesen
schrecklichen Fehler habe ich schon einmal begangen. Damals war ich
noch jung. Der Kaiser redete auf mich ein. Er erflehte meinen Segen und
damit den Segen Gottes für eine gute Sache, einen gerechten Krieg. Weil
ich ihm seinen Willen erfüllte, starben Tausende, wurden Frauen geschändet, Dörfer dem Erdboden gleich gemacht, Hunderttausende obdachlos.
Seitdem quälen mich Nacht für die Nacht die schlimmsten Träume. Keiner
von euch kann verstehen, wie das ist…“
Sein Blick war auf Trygar gefallen, und er zögerte. Dann sagte er.
„Das kann nicht sein. Du bist noch viel zu jung, aber ich sehe an deinem
Blick, dass du weißt wovon ich spreche. Vielleicht erzählst du mir später,
wie es dazu kam, dass dich diese Träume bedrücken. Ich hoffe für dich,
dass sie vergehen. Ich aber habe keinen frohen Augenblick mehr in meinem Leben. Ich bin schon viel zu alt. Ich saufe und völle, obwohl mich
meine Ärzte bedrängen, endlich damit aufzuhören. Schon vor zehn Jahren
haben sie meinen baldigen Tod vorhergesagt, aber ich lebe immer noch. Ich
hure herum, manchmal mit dreien gleichzeitig, bis mein Herz rast, meine
Lungen pumpen, und ich mich vor Anstrengung übergeben muss, aber
dieser blutgefüllte Sack will einfach nicht stehen bleiben. Wathan-Kha
bestraft mich mit meinem langen Leben und meinen Träumen dafür, dass
ich den Krieg nicht verhindert habe. Wisst ihr überhaupt, was das Wort
eines Pridemus’ bedeutet? Es ist schon eine Schande, wenn die Heerführer,
Kaiser und Könige Gott für jeden unseligen Krieg vereinnahmen, der fast
immer ein heiliger sein soll. Doch ihnen glaubt man zum Glück nicht. Aber
wenn ich mich für eine Seite ausspreche, hat das fatale Folgen: Die Soldaten, die meinen Segen haben, stürzen sich in den Tod mit der trügerischen
Gewissheit, dadurch von allen Sünden befreit und mit Gott vereinigt zu
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werden. Wie viele von ihnen werden mit Grausen in der furchtbaren Kälte
der Unterwelt erwachen? Und die Soldaten der anderen Seite werden sich
von Wathan-Bejhi verlassen fühlen, obwohl sie keine Schuld an allem
tragen. Sie werden verbittert in die Schlacht ziehen und wüten, morden und
schänden, denn die Unterwelt scheint ihnen ja ohnehin gewiss. Nein, dies
wird nicht noch einmal geschehen. Der Tempel wird diesmal neutral bleiben. Wathan muss selbst entscheiden, wer der Sieger dieser Schlacht sein
wird.“
Der Pridemus war, bei aller Sympathie und allem Verständnis, die er für
seine Gäste hegte, nicht umzustimmen. Sie waren aber nicht enttäuscht.
Irgendwie war ihnen klar, dass er auf seine Weise Recht hatte. Es war auch
als halber Sieg zu betrachten, dass er sich nicht auf die Seite des Königs
von Koridrea schlug, obwohl, so erzählte er ihnen, er den Vater Athlan
Gadennyns gut gekannt und als aufrechten und gerechten Mann sehr geschätzt hatte.
Als sie gingen, bat Macellanus Methor, ihn zu besuchen, solange das
Heer seine Zelte bei Lankoma aufgeschlagen habe. Er wolle mit ihm gerne
über theologische Fragen diskutieren. Dem Anführer der Schwarzen Kämpfer war klar, dass der Pridemus versuchen würde, ihn und die Mitglieder
des Ordens zur Rückkehr in den Schoß des Tempels zu bewegen, und er
selbst sah die Gelegenheit, Macellanus die Standpunkte des Ordens zu
erklären. Er versprach, der Einladung am nächsten Tag Folge zu leisten.
Der Abschied vom Oberhaupt aller Wathanisten war herzlich. Der Pridemus entließ sie mit den besten Wünschen und seinem Segen als Mensch,
nicht jedoch als Stellvertreter Gottes, wie er betonte.
Trygar lag mit offenen Augen auf dem Lager und lauschte den gleichmäßigen Atemzügen der neben ihm schlafenden Duna. Er konnte es immer noch
nicht glauben. Sie hatten sich geliebt. Gleich dreimal! Er war glücklicher
als je zuvor in seinem Leben. Dabei war es nicht lustvoller und befriedigender gewesen als die Male mit Horlu und Cora, aber dafür tiefer und
inniger. Er hatte niemals wieder loslassen wollen. Und dieses Gefühl blieb,
dieses Band zwischen ihnen, die tiefe Sehnsucht, nie von ihr getrennt zu
werden. Es verklang nicht allmählich, wie die Zärtlichkeit, die er für Horlu
und Cora gespürt hatte, sondern es schien immer stärker zu werden. Trygar
fragte sich, ob er Kraft genug haben würde, die Liebe auszuhalten. In den
nächsten Tagen und Wochen würde ihm jeder Augenblick, den sie nicht
zusammen verbringen konnten, zur Qual werden. Natürlich wusste er von
anderen, die das vor ihm erlebt hatten, dass sich die Art und Weise, Liebe
zu empfinden, im Laufe der Zeit ändern würde. Selbst Cora, die Boc sehr
liebte, konnte es ganz gut eine Weile ohne ihn aushalten. Er seufzte. Dann
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setzte er sich auf und zündete die Kerze an, die neben dem schmalen Feldlager auf einem Holzbock stand. In ihrem warmen Lichtschein betrachtete
er Duna. Ihr Gesicht sah friedlich und entspannt aus, wie das eines jungen
Mädchens, dabei war sie schon lange eine Frau. Die Decke war ein wenig
heruntergerutscht und entblößte ihre Schulter und ihre kleine Brust. Von
seinem Unterleib stieg wieder diese angenehm ziehende Wärme empor. Er
beugte sich herab und küsste sie zärtlich. Duna öffnete die Augen. Sie lächelte:
„Bist du denn immer noch nicht müde, Trygar? Deine magische Quelle
scheint ja unerschöpflich. Dann gib mir noch etwas von ihr ab. Schenke
mir noch ein wenig Liebe.“
„Ein wenig? Ich werde nie wieder von dir ablassen!“
„Gnade!“, kicherte Duna.
Am dritten Tag in Lankoma, das Heer war immer noch nicht zum Abmarsch bereit, kam die alarmierende Nachricht, dass Gadennyns Truppen
die Grenze überschritten hatten und Richtung Rabengebirge zogen. Jetzt
zählte jede Stunde. Die Führer der Schwarzen Armee versammelten sich,
um zu beraten.
„Wir müssen den Rabenpass noch vor den Truppen des Königs erreichen, ihn erobern und halten. Sonst überrennt seine Streitmacht Orinokavo“, erklärte Methor.
„Das ist nicht mehr zu schaffen“, wand einer der Offiziere aus Orinokavo ein, die der Kaiser gesandt hatte. „Selbst wenn unsere Armee heute
aufbräche, und wir den Soldaten einen Gewaltmarsch ohne Schlaf zumuteten, können wir das Rabengebirge nicht rechtzeitig erreichen.“ Methor
nickte.
„Ihr habt Recht, Oberst. Dazu kommt noch, dass wir den Pass mit militärischen Mitteln nicht erobern können. Jetzt ist die Stunde der Magier gekommen, Trygar und Duna. Nur ihr könnt Gadennyns Wächter am Pass
überrumpeln. Ich gehe mit euch, denn ich kenne den Rabenpass und weiß
einen geheimen Weg dorthin. Seyn und Legis, ihr beide kommt ebenfalls
mit. Wir brauchen auch ein paar sehr gute Bogenschützen und Kundschafter. Toroth, suche uns drei gute Männer unter den Yauqui, Heret oder Senai
aus. Lorth, du übernimmst das Kommando über die Armee. Ihr kommt uns
nach, sobald ihr könnt, aber hetze die Männer nicht. Sie müssen ausgeruht
und kampffähig am Rabenpass eintreffen. Seid darauf gefasst, dass es uns
vielleicht nicht gelingt, ihn zu erobern. In diesem Fall könntet ihr direkt in
Gadennyns Truppen hineinrennen. Aber selbst dann gibt es eine Chance:
Der Pass ist schmal, und er wird kaum mehr als drei- bis viertausend Männer am Tag durchschleusen können. Wenn ihr Glück habt, werdet ihr noch
in der Überzahl sein. Haltet sie unbedingt auf!“
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„Halt“, unterbrach ihn Trygar. „Wir waren uns doch einig, dass wir eine
Schlacht vermeiden wollen!“
„Wir müssen auf alles vorbereitet sein, Trygar. Mit Wathan-Bejhis Hilfe
werden wir den Pass ohne Kampf erobern und halten, sodass Gadennyns
Truppen einen riesigen Umweg machen müssen. Das schenkt uns eine
Galgenfrist von ein paar Wochen, vielleicht auch Monaten. Aber irgendwann werden sie vor Lankoma stehen. Wenn wir Orinokavo nicht Preis
geben wollen, müssen wir kämpfen.“
Duna unterstützte Trygar. Entschieden sagte sie:
„Generäle denken immer strategisch und wollen selbst ihre voraussehbare Niederlage planen. Die Schwarze Armee stünde doch von vornherein auf
verlorenem Posten. Gadennyns Übermacht würde unsere Männer abschlachten! Nein, soweit darf es nicht kommen. Lasst uns bei unserem Plan
bleiben: Wir müssen Gadennyn unschädlich machen, bevor seine Truppen
die Länder des Alten Königreichs überrennen, seine Menschen töten, die
Dörfer und Städte brandschatzen und plündern. Ist erst einmal ihr Führer
besiegt, werden die koridreanischen Truppen ihren Vormarsch bestimmt
nicht fortsetzen.“
„Es hängt alles davon ab, ob wir rechtzeitig den Pass erreichen und irgendwie dafür sorgen können, dass ihn Gadennyns Armee nicht passieren
kann“, fasste Methor zusammen. „Lasst uns nicht länger debattieren, sondern so schnell wie möglich aufbrechen. Hauptmann“, wandte er sich an
einen der Offiziere, „lasst die besten und schnellsten Pferde satteln. Wir
brauchen außerdem ein Packpferd mit Proviant für zehn Tage. In drei
Stunden reiten wir los.“
„He, und was ist mit uns?“, wollte Winger wissen und zeigte auf Dremion und sich. „Wir wollen auch mitkommen!“
„Nein“, entschied Methor, und seine befehlsgewohnte Stimme duldete
keinen Widerspruch. „Ihr seid gute Gefährten und Freunde, aber für euch
gibt es bei dieser Mission nichts zu tun. Jetzt ist keine Zeit für Eitelkeiten
und Eifersüchteleien. Es geht um alles, und wir brauchen die, die dafür am
besten geeignet sind. Wir sehen uns bald wieder, Winger und Dremion.“
158
Die Entführung
Vor einer Stunde waren sie in der Hafenstadt Torgu eingetroffen. Jetzt
saßen sie zusammen in einer stillen Nische der Gaststube einer Herberge,
in der sie zwei Zimmer gemietet hatten. Der Schankraum war am späten
Nachmittag nur mäßig gefüllt. Cora, Boc, Spin und Gormen, ja selbst
Zpixs, fielen in dieser brodelnden Stadt kaum auf, denn Torgu wimmelte
von Menschen aller Hautfarben und Sprachen. Der Xinghi hätte als nichtmenschliches Wesen allerdings große Aufmerksamkeit erregt, hätte man
ihn als solches erkannt. Aber sie hatten ihn in weite Kinderkleidung gesteckt, die sie unterwegs gekauft hatten. Sein Gesicht war bis auf die Augen und einen schmalen Schlitz vor dem Mund mit Leinenstreifen verbunden und zudem durch eine tiefe Kapuze weitgehend verborgen. Er achtete
darauf, seine zierlichen und feingliedrigen, aber keineswegs menschlich
wirkenden Hände unter seinem weiten Umhang zu verbergen. Die Füße
waren mit Lederstreifen umwickelt. Cora behandelte ihn in der Öffentlichkeit wie ein krankes und unter grässlichem Ausschlag leidendes Kind. Die
kleine Gestalt löste entweder Mitleid oder Furcht vor Ansteckung aus und
sorgte auf diese Weise dafür, dass die fünf Gefährten nicht belästigt wurden.
Während sie ein frühes Abendmahl einnahmen, planten sie ihr weiteres
Vorgehen. Spin sagte:
„Wir müssen die Pferde und die Sättel verkaufen. Boc und ich werden
uns gleich darum kümmern.“
„Aber warum können wir sie denn nicht mitnehmen?“, fragte Cora, die
ihre treue Stute ins Herz geschlossen hatte.
„Weil es Steppenpferde sind und keine kaltblütigen und dickfelligen
Kutschgäule. Wir würden sie schwerlich an Bord eines Schiffes bekommen. Und selbst, wenn es uns gelänge, sie über den Steg zu treiben: Sie
würden auf der Überfahrt durchdrehen oder vor Angst sterben.“
Das sah die junge Frau ein.
„Gut. Während ihr beide euch um die Pferde kümmert, werde ich den
Kräuterhändler aufsuchen, an dessen Laden wir vorhin vorbei geritten sind.
Ihr wollt sicher nicht während der ganzen Reise über der Reling hängen
und euer Innerstes nach außen kehren. Ich kenne ein Rezept gegen die See-
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krankheit und werde die Zutaten dafür besorgen. Zpixs, du bleibst besser
solange oben in der Schlafstube.“
„Und ich werde inzwischen zum Hafen gehen und versuchen, ein Schiff
ausfindig zu machen, das nach Koridrea ausläuft“, schlug Gormen vor.
„Wir müssen so schnell wie möglich aufbrechen.“
Kurz darauf trennten sie sich, um ihre Aufgaben zu erledigen.
Cora wanderte durch die engen Gassen der Handelsmetropole. Die übliche
südländische Buntheit und Unbeschwertheit mischte sich hier mit Dreck
und Elend zu einem merkwürdigen Gebräu. Wie überall in den Südlanden
trugen die einheimischen Frauen farbenfrohe Gewänder, die Häuserwände
waren ebenfalls bunt, aber die Farbe war größtenteils verblasst und blätterte
ab. Der Unrat lag überall, und dazwischen lebten die Armen und Bettler,
die sich aus verwitterten und verkohlten Holzbalken, morschen Brettern
und zerrissenen Planen Unterstände und Hütten gebaut hatten, die windschief an den Mauern der Häuser lehnten. Sie teilten ihr Heim mit Ratten,
streunenden Hunden und Katzen. Um Almosen bettelnde, magere und zerlumpte Kinder liefen hinter Cora her, zupften an ihren Kleidern und redeten
in einer unverständlichen Sprache auf sie ein. Sie hielt am Verkaufsstand
eines fahrenden Bäckers, erstand drei Laibe Brot und gab sie ihnen. Als sie
weiterging, sah sie, wie die Kleinen übereinander herfielen und sich schreiend um die Brotbrocken stritten. Sie schauderte.
Ein Mann stand im Schatten eines Hauseingangs und beobachtete sie.
Seine Augen leuchteten begehrlich. Als Cora ihren Weg fortsetzte, schlug
er dreimal gegen die dicke Holztür, zog sein Halstuch bis hoch unter die
Augen und folgte ihr. Kurz darauf traten zwei andere Männer aus der Tür,
blickten sich suchend um, erkannten den Verfolger der jungen Frau in der
Menge der Passanten und beeilten sich, ihn einzuholen.
Cora betrat den Laden des Kräuterhändlers. Es war eng, dunkel und roch
exotisch. Überall auf dem Boden standen mit Gewürzen und Kräutern gefüllte Körbe, auf durchgebogenen und überladenen Regalbrettern türmten
sich Tontöpfe und Glasflaschen. Ein kleiner Mann trat vor und sprach sie
freundlich an. Sie zeigte ihm eine Liste, auf der die von Zpixs in die Sprache der Südländer übersetzten Zutaten standen, die sie für ihr Rezept benötigte. Der Kräuterhändler brachte ihr verschiedene Töpfe, und sie öffnete
sie, nahm aus jedem ein wenig heraus, zerrieb es zwischen den Fingerspitzen und roch daran. Als sie mit der Qualität zufrieden war, ließ sie den
Mann die Kräuter und Mineralien im Mörser zerstoßen und im richtigen
Verhältnis zusammenmischen. Er verstand ihre Handzeichen und Gesten.
Auf ihr Geheiß tat er die Mischung in einen Lederbeutel, den sie, nachdem
sie bezahlt hatte, an ihren Gürtel band. Gerade, als sie den Lederriemen
verknotete, öffnete sich hinter ihr die Tür. Sie blickte in das erschrockene
160
Gesicht des Händlers, der sah, wer seinen Laden betrat. Cora wollte sich
umwenden, da packten zwei Hände ihre Unterarme wie Schraubstöcke und
drehten sie auf den Rücken. Sie keuchte vor Schmerz. Jemand presste ihr
ein schmutziges, süßlich riechendes, mit einer Flüssigkeit getränktes Tuch
ins Gesicht. Als Heilerin erkannte sie den Übelkeit erregenden Geruch
sofort: Äther! Sie versuchte, den Atem anzuhalten, aber es gelang ihr nicht
lange. Als sie keuchend nach Luft schnappte, inhalierte sie den Dampf des
Betäubungsmittels, und ihre Sinne schwanden.
Die Männer waren schon vor Stunden in das Gasthaus zurückgekehrt, aber
Cora fehlte immer noch. Boc sorgte sich sehr um sie. Also machten sie sich
auf, sie zu suchen. Zpixs kam ebenfalls mit; sie benötigten ihn als Dolmetscher.
Wenn der Kräuterhändler verblüfft war über den in Verbände gehüllten
und offenbar kranken Jungen, der die Fragen der drei bedrohlich wirkenden
Fremden übersetzte, so wurde das von der Angst überdeckt, die er offensichtlich empfand. Mit bebender Stimme berichtete er:
„Ja, die junge Frau, die ihr sucht, war hier. Sie besitzt große Kenntnis
über Kräuter und Arzneien und hat bei mir eingekauft. Dann betraten drei
vermummte Männer meinen Laden, ein kleiner, dürrer und zwei große
kräftige. Sie trugen Kaftane und Turbane aus braunem Stoff, und ihre Gesichter waren zum großen Teil durch schwarze Tücher verborgen. Ich
konnte nur ihre Augen und etwas von der Stirn sehen. Ihre Haut hatte den
Ton von Bronze, die Brauen waren buschig und schwarz und die Augen
sehr dunkel.“
„Es waren also Südländer?“, fragte Spin.
„Ja, aber keine von hier, vielleicht welche aus unserem östlichen Nachbarland.“
„Was geschah dann?“
„Sie packten die junge Frau, pressten ihr einen Lumpen auf das Gesicht,
und sie erschlaffte. Dann schleppten sie sie hinaus.“
„Haben sie miteinander oder mit dir gesprochen?“
„Kein Wort.“
„Du hast also keine Ahnung, wer sie waren?“
„Oh, doch. Sie gehören zur Yim-Shet-Bande, über die in Torgu viele Gerüchte umgehen. Die Yim-Shets und ihre gedungenen Handlanger beherrschen die Stadt. Sie rauben Sklaven, Frauen und Kinder und verkaufen sie
in anderen Städten, vorzugsweise im Osten. Gegen sie wagt niemand ein
lautes Wort oder gar Widerstand.“
„Du hast doch sicher die Stadtwache über die Entführung informiert?“
„Was hätte das denn für einen Sinn? Die Soldaten werden doch von ihnen bezahlt und drücken die Augen zu.“
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„Verdammt! Was für eine Stadt ist das denn?“, brauste Boc auf, und
Gormen schlug vor: „Kommt, lasst uns den Kommandanten der Stadtwache aufsuchen.“
Wenig später standen sie vor dem Schreibpult eines in farbenfrohe Gewänder gekleideten Beamten mit einem viereckigen, hohen Hut auf dem Kopf,
der – jedenfalls nach Auskunft eines Schildes an seiner Tür – für Frieden
und Ordnung in Torgu zuständig war. Er sprach ein halbwegs verständliches Koridreanisch, sodass sich Zpixs im Hintergrund halten konnte.
„Was wollt ihr?“, herrschte er sie ungnädig an, nachdem sie ihn höflich
begrüßt hatten. Gormen, der diplomatischste unter ihnen, erklärte ihr Anliegen:
„Die Frau dieses Mannes“ – er deutet auf Boc – „und die Mutter dieses
kranken Jungen“ – er nickte hinüber zu dem Xinghi – „ist am helllichten
Tag mitten in Eurer Stadt entführt worden. Wie man uns sagte, ist die YimShet-Bande dafür verantwortlich. Wir wollen Anzeige erstatten und bitten
Euch, die junge Frau zu suchen und zu befreien.“
„Und wie stellt ihr euch das vor? Sollen meine Soldaten jedes Haus
durchsuchen?“
„Das ist bestimmt nicht nötig, Euer Exzellenz. Eure fähigen Agenten
wissen doch sicher, wo der Unterschlupf der Bande ist.“
„Was denkt ihr euch eigentlich? Ich habe zu wenige und unterbezahlte
Männer, die sich jeden Tag um Hunderte von Verbrechen kümmern müssen: Die Bettler stehlen dreist wie die Elstern, die Huren nehmen unbescholtene und honorige Bürger aus, es gibt so viele faule und neidische
Nichtsnutze, die sich bei jeder Gelegenheit an unseren Kaufleuten und
Adeligen bereichern. Wenn ihr eure Frauen und Kinder unbewacht herumlaufen lasst, seid ihr selber Schuld, wenn man sie einfängt wie streunende
Hunde. Auf diese Weise lernen sie wenigstens zu arbeiten oder einem
Mann, der es verdient, zu Nutzen zu sein.“
Gormen und Spin hielten Boc mit Mühe zurück, der sich auf den unverschämten Stadtdiener stürzen wollte. Aber auch die Geduld des Mönchs
war überstrapaziert. Ein magischer Griff packte den Beamten an der Gurgel, sodass seine Augen aus den Höhlen quollen und hob ihn ein Stück vom
Boden hoch. Eine Zornesader pulste an der Schläfe Gormens, und mit
mühsam beherrschter Stimme sagte er:
„Ich frage dich kein zweites Mal, du stinkender Eiterbeutel: Wo ist das
Quartier der Bande, die dich und deine Leute schmiert, damit ihr still haltet
und ihre Verbrechen deckt?“
„Der Mann keuchte vor Angst und Luftnot. Sein Gesicht war puterrot.
Mühsam stieß er hervor:
162
„Bitte tut mir nichts! Sie sind in einer Lagerhalle am Hafen, Salzgasse,
ein großes, grünes Haus.“
Gormen ließ ihn los. Er plumpste zu Boden und brach zusammen, ein
kümmerliches Häuflein purer Angst.
„Wenn du sie warnst, uns deine Leute hinterherschickst oder uns auf andere Weise in die Quere kommst, komme ich zurück, und dann…“
Er beendete den Satz nicht.
Cora erwachte. Ihr Kopf schmerzte, und ihr war übel. Sie öffnete die Augen und sah sich um. Sie befand sich in einem großen Raum, dessen Wände, Boden und Decke aus Holzplanken bestanden. Es war nahezu dunkel;
ein silbriger, schräger Lichtbalken fiel durch ein rechteckiges Loch in der
Decke. Mondlicht, erkannte sie. Es war fast Vollmond, und die Mondscheibe stand noch nicht hoch am Himmel. Das hieß, es musste noch Stunden bis Mitternacht sein. Sie setzte sich auf und horchte in ihren Körper
hinein. Sie war unverletzt, nur ein wenig benommen vom Äther, und weder
gefesselt noch geknebelt. Nach und nach gewöhnten sich ihre Augen an das
schwache Licht. An den Wänden des Raums standen zahlreiche Kisten und
Fässer, alle mit Stricken an Pollern und Ösen, die aus den Planken herausragten, festgebunden. Das mittlere Drittel des Fußbodens war freigeblieben.
Dort – um Cora herum, die mit dem Rücken an einer Kiste lehnte – lagen
Gestalten am Boden. Sie hörte gleichmäßige Atemgeräusche. Schlafende
Frauen, die meisten noch sehr jung. Auch ein paar halbwüchsige Mädchen
waren dabei. Die jüngste schätzte sie auf vielleicht zwölf Jahre. Sie zählte
sechzehn Schlafende. Nein, fünfzehn, denn die Frau rechts neben ihr war
wach. Sie sprach sie in Coras Sprache an:
„Woher kommst du, aus Koridrea?“
Cora stellte sich vor und erfuhr, dass alle Frauen wie sie selbst Gefangene und entführt worden waren. Einige waren aus anderen Städten hierher
geschafft worden und schon seit mehreren Tagen im Bauch des Schiffes.
Des Schiffes?
Erst jetzt nahm sie die glucksenden Geräusche und das fast unmerkliche
Schaukeln wahr.
Ihre Mitgefangene hieß Dane und stammte aus Shoal. Vor langer Zeit
waren sie und Cora also fast Nachbarinnen gewesen. Dane hatte einen südländischen Händler geheiratet und war mit ihm nach Torgu gezogen. Vor
zwei Tagen hatten sie zwei Männer in einer dunklen Straße überfallen und
verschleppt.
„Was haben sie mit uns vor, Dane?“
„Sie werden uns als Liebessklavinnen auf dem Sklavenmarkt von Inthys
verkaufen.“
„Diese Bestien! Wollt ihr euch nicht wehren?“
163
„Aber wie denn? Sie sind bewaffnet und wir hier unten eingeschlossen.“
„Aber sie müssen doch ab und zu in den Frachtraum herunterkommen.
Was geschieht dann genau?“
„Jeden morgen nach dem ersten Schlag der Schiffsglocke öffnet sich
dreimal die Tür, und immer erscheint derselbe Mann. Er bleibt in der Türöffnung stehen, bereit, sie schnell zuzuschlagen und zu verriegeln. Wir
müssen alle nach hinten treten. Beim ersten Mal nimmt er die beiden Notdurfteimer mit hinaus, die wir vorher neben der Tür abstellen mussten.
Beim zweiten Mal kehrt er mit den geleerten Bottichen zurück. Beim dritten Mal bringt er mit seinen ungewaschenen Händen ein paar stinkende
rohe Fische, einen harten Brotlaib und einen Eimer Wasser. Das ist alles.“
Der Lagerraum war leer. Enttäuscht und wütend hieb Boc seine Faust gegen einen Stützbalken, der heftig vibrierte.
„Er hat uns belogen!“
„Das glaube ich nicht“, sagte Spin, der in der Halle herumging und den
Boden untersuchte. „Bis vor kurzem waren Menschen hier, wenigstens ein
Dutzend, schätze ich. Hier haben Kisten und Säcke gestanden. Offenbar ist
die Bande aufgebrochen.“
„Aber wie sollen wir sie jemals finden?“, jammerte der starke Schmied,
der vor Sorge um seine geliebte Cora zu einem Häufchen Elend geschrumpft schien.
„Still!“, zischte der hellhörige Zpixs. „Da kommt jemand!“
Schnell versteckten sie sich hinter einer Zwischenwand. Das Tor öffnete
sich knarrend, und jemand trat ein. Er schien guter Dinge zu sein und
summte wohltönend ein Lied. Dann hörten sie eine zweite Stimme, die auf
Koridreanisch fragte.
„Wann kommen sie wieder?“
„Frühestens in zwei Monaten“, antwortete der Gutgelaunte. „Bis dahin
können wir die Halle wieder vermieten. Endlich!“
„Ich bin auch froh, dass sie weg sind, Bruder. Die Burschen machen mir
Angst. Außerdem zahlen sie schlecht. Jetzt können wir wenigstens wieder
ordentliches Geld für die Halle verlangen. Gestern hat ein Segler angelegt,
randvoll mit Ladung, die er nicht löschen konnte, weil alle Lager voll sind.
Ich habe mit dem Kapitän, gesprochen…“
Boc trat vor.
„Wisst ihr, euer Gewäsch ums Geld interessiert mich herzlich wenig. Ich
will nur eines wissen: wo sind sie hin?“
Die beiden Brüder, „ausgewandert“ aus Koridrea (wahrscheinlich weil sie
dort von den Gesetzeshütern gesucht wurden), jetzt Besitzer einer Lagerhalle in Torgu und „gepresste“ Helfer der Bande (das beschworen sie je-
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denfalls), erzählten ihnen darüber hinaus bereitwillig, dass die Yim-Shets
ihren ganzen Besitz, hauptsächlich Beute aus Raubzügen, auf ein Schiff
verladen hatten und heute in See stechen wollten.
„Wie viel Mann sind an Bord?“
„Sieben.“
„Was, bloß sieben? Wie in Wathans Namen können sieben Banditen eine
ganze Stadt terrorisieren und beherrschen?“
„Sie haben natürlich zahlreiche Helfer, manche – wie wir – gepresst, andere aus freien Stücken.“
„Haben sie auch eine Gefangene an Bord des Schiffes gebracht?“
„Eine? Wenigstens ein Dutzend Frauen werden im Frachtraum gefangen
gehalten.“
„Wann wollen sie ablegen?“
Die Brüder sahen sich unbehaglich an, dann sagte der musikalische von
beiden:
„Ich fürchte…“
Kaum hatten sie den Namen des Schiffes erfahren, stürzten die drei Männer
und der Xinghi aus der Lagerhalle und rannten zum Kai, wo der Segler
liegen sollte. Die Anliegstelle war leer! Ihre Augen folgten der im Mondlicht immer noch sichtbaren Kielwasserspur bis zu einem Dreimaster unter
vollen Segeln, der kaum eine viertel Meile entfernt nach Osten fuhr.
„Kommt mit!“, rief Gormen und rannte am Kai entlang bis zu einem anderen Schiff, das dort festgemacht hatte. Boc, Spin und Zpixs folgten ihm
an Bord. Gormen rief laut nach dem Kapitän. Ein müder Matrose erschien,
sich die Augen reibend.
Wenig später standen sie vor dem aus dem Schlaf gerissenen Schiffsführer, dessen Segler, so erklärte Gormen seinen Freunden kurz, morgen nach
Shoal aufbrechen sollte. Der Mönch hatte für sie und sich eine Überfahrt
gebucht.
„Kapitän, bitte stecht sofort in See. Wir müssen nach Osten segeln, diesem Schiff nach.“ Er deutete auf die im Mondlicht immer kleiner und
schwächer werdende Silhouette des entschwindenden Dreimasters.
Der Kapitän antwortete ungerührt:
„Ihr verlangt viel, Mönch. Wenn ich zu spät nach Shoal komme, wird
der Schiffseigner meine Heuer kürzen. Wie wollt ihr mich belohnen, damit
ich dieses Risiko eingehe?“
Gormen zögerte. Bevor ihm eine überzeugende Antwort einfallen konnte, sagte Spin:
„Wie wär’s mit einem eigenen Schiff?“
Dem Mann fiel die Kinnlade herunter.
„Ein eigenes…“
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„Der Dreimaster dort ist ein Sklavenhändlerschiff. Ich kenne zwar die
hiesigen Gesetze nicht, aber in Koridrea wird dem, der einen Sklavenhändler aufbringt, das Schiff übereignet. Ihr könnt die Eignerpapiere vom Gericht in Shoal ausstellen lassen. Wir werden Eure Zeugen sein, Kapitän.“
Der Morgen graute, und trübes Licht fiel durch die Ladeluke an der Decke.
Natürlich waren alle Frauen erwacht, als sie mitten in der Nacht die ungewohnten Geräusche gehört hatten: die Kommandorufe, das Tappen vieler
Stiefel über das Deck, das peitschende Schnalzen, als die Reeps vom Schiff
zum Kai hinübergeworfen wurden, das Knarren, als sich die Segel mit
Wind füllten und das Schlagen der Wellen gegen die Bordwand. Das Schiff
hatte abgelegt. Voller Angst und über ein ungewisses Schicksal jammernd,
rückten sie enger zusammen, hielten einander fest und spendeten sich
Trost. Aber nicht alle. Cora, Dane und drei andere Frauen, ihrer Ähnlichkeit nach Geschwister, waren nicht gewillt, sich in ihr Schicksal zu ergeben. Sie beschlossen zu kämpfen. Dane übersetzte den anderen den Plan
der Heilerin. Es war ein verwegenes Stück, das sie aufführen wollten.
Nach dem Schlag der Schiffsglocke ging Cora mit heftig pochendem
Herzen hinüber zu einer Nische zwischen den Kisten, die als Abort diente
und der Tür gegenüber lag. Sie hob ihren Rock, zog ihr leinenes Unterhöschen bis auf die Knöchel herunter und setzte sich auf den halb mit der
beißend riechenden, gelben Flüssigkeit gefüllten Eimer. Neben ihr stand
der zweite Bottich, der für die festeren Bestandteile menschlicher Ausscheidung. Cora öffnete die Schnüre ihres Oberteils und zog den Ausschnitt
weit auseinander, sodass mehr als nur der Ansatz ihrer weißen Brüste
sichtbar wurde. Als sie hörte, wie der Schlüssel im Schloss knirschte, zog
sie ihr Kleid hoch, bis hinauf zu ihren wohlgeformten Oberschenkeln.
Der Mann trat ein und runzelte unwillig die Stirn, als er nicht, wie gewohnt, die beiden Eimer neben der Tür stehen sah. Dann erfasste sein Blick
Cora, die ihn schüchtern und um Verständnis heischend anlächelte und eine
entschuldigende Geste machte, weil sie sich gerade jetzt, wo er kam, entleeren musste. Die halb entblößte junge Frau mit der weißen Haut und dem
feurigen Haar erregte seine Phantasie ebenso wie sein Geschlecht, als sie
den Fuß hob und das Höschen ganz abstreifte, damit sie die Beine noch ein
wenig mehr spreizen konnte. Der Mann leckte sich über die trockenen Lippen. Seine Hose spannte. Lauernd blickte er sich um. Die anderen Frauen
saßen zusammengekauert und ängstlich in der Ecke. Von ihnen schien
keine Gefahr zu drohen. Da hielt ihn nichts mehr. Mit großen Schritten
durchquerte er den Laderaum. Vor Cora kniete er nieder. Die junge Frau
lächelte verführerisch. Seine Hand strich über ihren glatten, weißen Schenkel und glitt an ihm hinauf, bis unter den Rock.
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Cora wartete bis zum letzten Augenblick, bis sie glaubte, seine schmierige Berührung keinen Lidschlag länger ertragen zu können. Dann entleerte
sie ihre Blase. Die warme Flüssigkeit plätscherte über seine Hand. Mit
einem Grunzen des Ekels zog er sie weg und blickte ungläubig darauf. Da
nahm Cora den Eimer mit den Exkrementen, der neben ihr stand, und stülpte ihn dem Sklavenhändler über den Kopf. Mit einem dumpfen Stöhnen
fuhr er hoch und versuchte, den Kübel abzustreifen. Aber für den Augenblick war er blind und hilflos. Gemeinsam fielen Dane und die drei
Schwestern, die sich hinter seinem Rücken angeschlichen hatten, über ihn
her. Mit Knüppeln aus den Verstrebungsbalken einer zerbrochenen Kiste
schlugen sie auf ihn ein, bis er sich nicht mehr rührte. Die widerwärtige
aber notwendige Tat verursachte kaum Lärm. Man hörte nur die dumpfen
Geräusche der auf den Körper treffenden Knüppel, aber keinen Laut des
Opfers. Cora wunderte sich nicht darüber, angesichts des Inhalts des über
den Kopf des Mannes gestülpten Kübels, der ihm wahrscheinlich in den
zum Schrei aufgerissen Mund gedrungen war.
„Ist er tot?“, fragte Dane keuchend.
Cora legte zwei Finger an die Halsschlagader des leblos daliegenden
Mannes und nickte.
„Das wäre nicht nötig gewesen.“
Der Sklavenhändler trug einen Säbel und einen Dolch am Gürtel. Sie gab
die Stichwaffe der Frau aus Shoal und nahm selbst das Messer.
„Wir gehen jetzt rauf. Folgt mir und seid leise.“
Keine der Frauen widersprach, nachdem Dane übersetzt hatte. Sie schienen die energische Rothaarige als Anführerin zu akzeptieren.
Cora öffnete die Tür und sah eine schmale Stiege vor sich. Prüfend setzte
sie einen Fuß auf die erste Stufe und belastete ihn. Die Diele knarrte nicht.
Langsam stieg sie die Treppe hinauf. Dana und die mit Latten bewaffneten
Schwestern, die ihr geholfen hatten, ihren Wächter zu überrumpeln, folgten. Dann kamen die anderen, ängstlich, eine leise wimmernd. Jemand
zischte die Jammernde an, und sie verstummte.
Cora erreichte den Treppenabsatz. Hier war ein kleiner Flur, von dem zu
beiden Seiten eine Tür abging. Die Treppe führte am Ende des Flurs weiter
nach oben, wahrscheinlich zum Deck. Sie lauschte. Links war alles ruhig.
Aus der Kammer hinter der rechten Tür drang leises Schnarchen. Ganz
vorsichtig drückte sie die Klinke hinab und öffnete die Tür einen Spalt.
Drei Männer lagen auf schmalen Pritschen und schliefen. Cora zog sie ganz
auf und trat ein. Mit Handzeichen wies sie die Schwestern zu einem der
Männer an der linken Längsseite der Kajüte und Dane zu dem zweiten auf
der rechten Pritsche. Sie selbst schlich auf Zehenspitzen zum dritten Schlafenden an der gegenüberliegenden Stirnseite der Kammer. Dann gab sie ein
Handzeichen, setzte dem Mann den Dolch an die Kehle und zischte leise:
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„Keinen Laut, sonst bist du tot.“
Er riss die Augen auf, blieb aber still. Hinter sich vernahm sie ein dumpfes Stöhnen und heftiges Rumpeln. Dann hörte sie Dane in der südländischen Sprache fluchen. Sie wagte nicht, sich umzudrehen. „Was ist los,
Dane?“
„Diese mordsüchtigen Schwestern bringen schon wieder einen um. Sie
haben ihm einfach ein Kissen aufs Gesicht geworfen und sich zu dritt
draufgelegt. Er zappelt noch, aber sie wollen nicht von ihm herunter.“
„Verdammt, sag ihnen…“
„Vergiss es, Cora. Die drei sind von uns allen am längsten in Gefangenschaft und am schlimmsten misshandelt worden. Sie hören nicht auf mich.“
Die Geräusche verstummten. Der Mann, der das Messer von Cora am
Hals spürte, begann vor Angst zu schwitzen. Sein Schweiß roch penetrant.
„Verstehst du meine Sprache?“
Der Sklavenhändler nickte fast unmerklich, weil ihm das Messer bereits
die Haut am Hals ritzte.
„So wie dem kann es dir auch ergehen“, spielte sie auf den Tod seines
Kumpans an, „wenn du nicht mit uns zusammenarbeitest. Wie viele Männer sind an Bord?“
„Sieben wir sind“, keuchte er zwischen zusammengebissenen Zähnen
hervor.
„Nur sieben? Wenn du mich anlügst, schneide ich dir die Kehle durch.
Wo sind die anderen?“
Mit deutlichem Südländerakzent antwortete er gebrochen auf Koridreanisch:
„Tagwache an Deck ist. Wir drei Schiff letzte Nacht gesegelt haben und
jetzt Freiwache zum Ausruhen.“
„Sind alle übrigen an Deck?“
„Nein, nur drei oben. Vierter Mann Koch ist. Vielleicht nebenan in
Kombüse und Frühstück macht. Vorher bei euch gewesen, um… Oh, verdammt. Er auch tot ist, oder?“
Cora nickte. Dann fragte sie:
„Wo sind eure Waffen?“
„Mein Messer in mein Spind ist“, er verrollte die Augen und richtete sie
auf eine Klappe in der Wand am Kopfteil der Pritsche. „Dolche von anderen auch in Spinden.“
„Säbel, Schwerter, Entermesser?“
„In Waffenkammer hinter Kombüse auf andere Seite von Gang.“
„Gut. Ich hoffe für dich, du hast die Wahrheit gesagt. Jetzt dreh dich
langsam auf den Bauch und strecke die Arme auf den Rücken.“
Als der Mann sich umgedreht hatte, wagte sie, sich umzublicken. Dane
saß rittlings und vorn übergebeugt auf dem Bauch ihres Opfers. Den Säbel
168
hielt sie mit beiden Händen, rechts am Griff und links an der Klinge. Die
scharfe Schneide lag quer über dem Hals des Sklavenhändlers. Sie bräuchte
bloß ihr Gewicht nach vorne zu verlagern, und der Mann würde geköpft.
Auf der linken Pritsche lagen die drei Schwestern mit aufgerissenen Augen auf dem erschlafften Körper des Toten.
Cora winkte zwei andere Frauen herein.
„Dane, sag ihnen, sie sollen Stricke suchen und die beiden fesseln und
knebeln.“
Auf einem Schiff gibt es praktisch überall Taue und Stricke, damit man
bei hohem Seegang Gegenstände sichern kann. Wenig später waren die
Männer gebunden und mit Fetzen ihrer zerrissenen Hemden geknebelt.
In der Waffenkammer fanden sie genügend Hieb- und Stichwaffen, um
alle Frauen zu bewaffnen. Sie öffneten ein Bullauge und warfen die restlichen Säbel und Entermesser ins Meer. Danach stiegen sie die nächste
Treppe hinauf.
Vor der Tür blieb Cora stehen und wies die Frauen an:
„Wir gehen jetzt raus. Wenn die Männer an einem Ort zusammen sind,
bilden wir einen Kreis um sie. Sind sie getrennt, so geht ihr mit mir“ – sie
deutete auf vier Frauen, „und ihr“ – wieder wählte sie vier Frauen aus –
„folgt Dane. Die Übrigen nehmen sich den Dritten vor. „Keine schlägt oder
sticht zu, solange die Verbrecher nicht zur Waffe greifen. Habt ihr alles
verstanden?“
Nachdem Dane übersetzt hatte, nickten die meisten Frauen.
Es ging ganz schnell. Die drei Sklavenhändler standen zusammen auf der
Brücke, einer etwas erhöhten Plattform, zu der vier Stufen führten. Einer
bediente das Ruder, die anderen saßen auf einer Bank. Die Männer sprangen auf und wollten ihre Dolche ziehen, aber die befreiten Gefangenen
hatten sie schnell umzingelt und entwaffnet. Der Kapitän und Anführer
kapitulierte vor der Übermacht. Sie fesselten die Männer und ließen sie auf
Deck liegen. Dane sah Cora fragend an.
„Und was jetzt? Wir können das Schiff ja nicht segeln.“
„Wir müssen diese Banditen dazu zwingen, uns nach Torgu zurückzubringen.“
„Aber dazu müssten wir sie wieder freilassen. Ist das nicht zu gefährlich?“
„Nicht alle. Drei genügen offensichtlich, um den Kahn zu steuern. Wir
nehmen den Steuermann und die beiden, die in der Kajüte liegen. Sie sind
übermüdet und verängstigt. Wenn wir sie scharf bewachen…“
Eine der Frauen rief etwas und deutete zum Horizont. Ein Schiff war
dort aufgetaucht und schien ihnen zu folgen. Es stand unter vollen Segeln
und holte rasch auf.
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Es dauerte nicht länger als eine Stunde, bis der Segler längsseits kam. Vier
Matrosen enterten das Schiff der Frauenräuber, refften die Segel und vertäuten die beiden Schiffe aneinander. Dann errichteten sie mit Planken
einen behelfsmäßigen Übergang. Die ganze Zeit war Boc auf dem Deck
des anderen Schiffes ungeduldig auf- und abgelaufen, hatte zu Cora herübergerufen und gewinkt. Ihre anderen Freunde nahmen die Wartezeit
geduldiger hin. Auf den Gesichtern von Gormen und Spin konnte sie große
Erleichterung ablesen. Das vermummte Antlitz des Xinghi war natürlich
nicht zu deuten. Sie wusste aber gleichwohl, dass sich Zpixs ebenso wie die
anderen freute.
Endlich war die erste Planke zwischen den Relingen befestigt. Todesmutig stürmte der Schmied hinüber und schloss Cora in die Arme. Tränen
liefen ihm über die Wangen. Bald konnte sie auch die drei anderen umarmen.
Die Frauen blieben auf dem Sklavenhändlerschiff. Cora untersuchte jede
einzelne. Ein paar hatten Geschwüre an Knien und Ellebogen vom langen
Liegen auf dem rauen Holzboden. Andere waren misshandelt worden, aber
ihre Verletzungen waren nicht schwerwiegend. Alle hatten zu wenig getrunken und gegessen. Sie sorgte dafür, dass die befreiten Gefangenen Decken, Wasser und reichlich Lebensmittel erhielten.
Der Kapitän wollte die verbliebenen fünf Entführer über die Planke gehen lassen, was ihr sicherer Tod gewesen wäre, aber Spin beschwor ihn:
„Ich weiß, dass Ihr auf See das Recht habt, Recht zu sprechen, und ich
zweifele nicht daran, dass Euer Urteil gerecht wäre, aber es wäre auch unklug. Wenn Ihr wollt, dass man Euch in Shoal das Schiff übereignet, so
müsst Ihr beweisen, dass die Männer wirklich Sklavenhändler sind. Die
Aussage der Opfer würde natürlich genügen, aber ich glaube kaum, dass
auch nur eine der Frauen mit uns nach Koridrea fahren würde. Sie wollen
natürlich schnellstmöglich zurück zu ihren Familien. Unser Zeugnis allein
wird Euch nicht viel helfen. Schon oft haben Piraten fremde Schiffe gekapert und versucht, sich diese auch offiziell durch Überschreibung anzueignen. Dazu haben sie sich Zeugen gekauft oder gepresst, die bestätigen sollten, dass die Besatzung des gekaperten Schiffes aus Sklavenhändlern oder
angeblichen Seeräubern bestand. Natürlich glauben dem die königlichen
Richter nicht mehr. Deshalb ist es am sichersten, Ihr nehmt die geständigen
Entführer mit nach Shoal und bringt sie vor Gericht. Dann wird man Eurem
Anspruch ohne lange Prüfung entsprechen.“
Der Kapitän gab dem Waldläufer Recht und sperrte die Mitglieder der
Yim-Shet-Bande in seinen Laderaum. Dann segelten die beiden Schiffe
zurück nach Torgu, wo man die entführten Frauen an Land brachte. Einige,
wie Dane, konnten zu ihren Familien in der Stadt zurück. Andere, die in
der Fremde lebten, gab man in die Obhut einer stadtbekannten, reichen
170
Frau, die ein Armenheim leitete. Sie versprach, sich darum zu kümmern,
dass die Opfer der Sklavenhändler wieder in ihre Heimat zurückkehren
konnten. Dann stachen die beiden Schiffe in See auf ihre lange Reise nach
Shoal.
Am Rabenpass
Es waren acht Reiter, die nach Süden galoppierten. Fünf von ihnen trugen
die Tracht der Schwarzen Kämpfer: Methor, Seyn, Legis, Duna und Trygar. Die drei anderen waren in ihre Stammestracht gekleidet. Toroth vom
Volk der Yauqui, Anführer der fünfzehnhundert Nomaden, die zur Armee
von Vulcor gehörten, hatte es sich nicht nehmen lassen, bei einer solch
wichtigen Mission wie der Eroberung des Passes selbst dabei zu sein. Er
ritt neben seinen Unterführern, Noci vom Stamm der Heret und Toquaiquata vom Volk der Senai. Sie ritten so schnell, wie sie es ihren Pferden zumuten konnten. Das Rabengebirge schien schon zum Greifen nah. Die Gipfel
waren immer noch verschneit, aber der Pass lag tiefer und war wohl schon
schneefrei. Heute Nacht würden sie ihn erreichen, hoffentlich noch vor den
Truppen des Königs von Koridrea.
Der scharfäugige Toquaiquata brachte mit einem Ruf den Trupp zum
Anhalten. Er wies mit ausgestrecktem Arm die Straße entlang.
„Da kommt jemand.“
Wenig später konnten auch die anderen einige winzige Punkte erkennen.
Nach den Worten des Senai handelte es sich um einige Reiter und einen
Ochsenkarren.
„Ist das bereits die Vorhut von Gadennyns Soldaten?“, sorgte sich Legis.
„Warten wir ab. Es sind nicht so viele, als dass wir nicht mit ihnen fertig
werden könnten“, meinte Methor.
Langsam ritten sie weiter, den Fremden entgegen.
Es waren tatsächlich Soldaten in Uniformen, wie Trygar unbehaglich
feststellte. Ihm war nicht nach Kämpfen und Blutvergießen zumute, und er
machte sich bereit, die Feinde mit magischen Kräften außer Gefecht zu
setzen. Aber Methor zweifelte.
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„Das sind keine Uniformen der königlichen Armee, was aber nichts zu
sagen hat, denn Gadennyns Truppen dürften ebenso zusammengewürfelt
sein wie unsere. Bleibt weiter achtsam.“
Die beiden Reitertrupps näherten sich einander vorsichtig und abwartend. Die Soldaten, die aus dem Süden kamen, waren jedenfalls gut bewaffnet und gerüstet. Einer, offenbar der Anführer, mit ergrautem Haar,
das wie eine Löwenmähne um seinen Kopf wallte, rief:
„Ho, kommt ihr von der Schwarzen Armee Vulcors? Wenn dem so ist,
dann betrachtet uns als eure Freunde.“
Die Angerufenen waren unschlüssig und antworteten nicht.
Auf dem Ochsenkarren saß ein alter Mann gebeugt auf einem Strohsack.
Er kam Trygar bekannt vor. Auf einmal dämmerte es ihm, und er gab seinem Pferd die Sporen.
„Harold! Welch eine Freude, dich wieder zu sehen.“
Bei dem Wagen angekommen sprang er aus dem Sattel und wollte hinaufklettern. Doch der Alte musterte ihn misstrauisch und wich zurück.
Plötzlich flackerte Erkennen in seinen Augen auf. Sein Gesicht verzog sich
zu einem breiten Lächeln, und er rief:
„Trygar! Du lebst! Als Junge hast du mich verlassen, und nun sehe ich
dich als Mann wieder.“
Der so Begrüßte sprang auf den Karren und umarmte den alten Magier,
seinen geliebten Lehrer. Inzwischen waren seine Gefährten herangekommen. Methor schien immer noch misstrauisch.
„Woher kennst du den Mann, Trygar?“
„Das ist mein Freund und Lehrer Harold, ein wichtiger Berater Lord Gadennyns. Er ist Magier wie ich und…“
Methors Kampfstab flog in seine Hände, und auch die übrigen Schwarzen Kämpfer griffen zu ihren Waffen. Auf Nocis Sehne lag plötzlich ein
Pfeil, der direkt auf Harolds Auge zielte.
„Bist du verrückt, Junge?“, fauchte Methor. „Du traust einem Berater
Gadennyns?“
„Halt!“ Die mächtige Stimme des großen Ritters donnerte so laut, dass
seine Soldaten, die gerade ihre Schwerter ziehen wollten, erschrocken zusammenfuhren.
„Lasst eure Waffen stecken, Männer.“
Er wandte sich an Methor.
„Ich sagte euch doch, dass wir eure Verbündeten sind. Wir haben die
Schwarze Armee und Trygar gesucht. Ist nicht auch eine Magierin bei
euch?“
„Und wer will das wissen?“, fragte der General kühl zurück.
172
„Lord Rhome von Sandaba will das wissen, der Mann, der herausgefunden hat, dass Gadennyn ein falsches Spiel mit uns spielt und die böse Magie beherrscht.“
Duna, die sich in der zweiten Reihe hinter Seyn und Legis gehalten hatte, wurde blass.
„Vater?“, stöhnte sie.
Sie mussten weiter. Jetzt war keine Zeit für eine Wiedersehensfeier mit
Harold oder gar für eine Bereinigung der verkorksten Beziehung zwischen
Vater und Tochter. Trygar konnte Methor zwar davon überzeugen, dass
Harold zu trauen sei, aber insgeheim fragte er sich, ob er nicht einen
schweren Fehler beging. Er hatte sich durch sein Vertrauen in Gadennyn
und Gother nicht gerade als großer Menschenkenner hervorgetan. Deren
Verrat hatte ihn schwer getroffen. Was, wenn auch sein alter Lehrer ein
Komplize Semanius’ wäre? Harold wirkte seinem früheren Schüler gegenüber ebenfalls misstrauisch. Seine Gefühle zu Trygar schienen zwischen
Herzlichkeit und kühler Zurückhaltung zu schwanken. Von Lord Rhome
erfuhr er, warum: Der Fürst und sein greiser Begleiter hielten Gadennyn
zwar für einen Lügner und Betrüger, der sich das Amt des Monarchen mit
Intrigen erschlichen hatte, sie waren aber keineswegs davon überzeugt,
dass der König dem Lordmagier Semanius neue Gestalt gegeben hatte.
Die beiden Gruppen hielten gemeinsam auf das Rabengebirge zu. Die
Schwarzen Kämpfer und die Nomaden ritten voraus. Der Lord von Sandaba hatte sein Pferd zwischen das General Methors und Trygars gelenkt.
Dann folgten die Männer Rhomes, und den Schluss des Zuges bildete der
von einem sandabalesischen Soldaten gelenkte Ochsenkarren, in dem Harold saß. Duna ritt neben ihm und unterhielt sich mit dem greisen Magier.
Sie wollte einen möglichst großen Abstand zwischen sich und ihrem Vater
wissen.
Sie kamen wegen des Ochsenkarrens nur langsam voran, zu langsam
nach Methors Geschmack. Aber die Verzögerung hatte auch ein Gutes.
Trygar und er erzählten dem Lord, was sich zugetragen hatte, seit der junge
Magier und seine Gefährten aus Koridrea aufgebrochen waren, und sie
gewannen ihn auf diese Weise als Verbündeten.
„Das waren alle Beweise, die wir Euch vorlegen können, Mylord“, beendete Methor einen fast einstündigen Bericht.
„Und sie sind sehr einleuchtend, General: Semanius Tagebuch, die Übereinstimmung, dass sowohl Gadennyn als auch der Lordmagier dieses geheimnisvolle Amulett trugen, und die dämonischen Bestien, die Trygar und
meine Tochter angegriffen haben. Letzteres passt genau zu den ‚Experimenten’ an Mensch und Tier, die Gadennyn in seiner Gruft durchgeführt
hat. Ich bin von der Wahrheit Eures Berichts überzeugt und werde mich
173
Euch anschließen. Sobald Harold diese Geschichte hört, wird er ebenfalls
Gadennyn die Gefolgschaft kündigen. Ich werde gleich mit ihm sprechen,
vorher aber sagt mir, was ihr jetzt vorhabt.“
„Wie ist die Lage am Rabenpass, Mylord?“
„Als wir ihn passierten, lag weit oben noch Schnee. Dennoch war es
leichter als gedacht, ihn zu überqueren. Wir konnten sogar die meiste Zeit
im Sattel bleiben. Lediglich die Kutsche, mit der Harold gefahren ist, mussten wir zurücklassen. Auf der Nordseite des Gebirges haben wir in einem
Dorf diesen Ochsenwagen gekauft. Aber Ihr zielt mit Eurer Frage wohl
kaum darauf ab, wie strapaziös unsere Reise gewesen ist, sondern, ob Gadennyns Truppen das Rabengebirge überschreiten können. Dann könnt Ihr
davon ausgehen, dass das inzwischen sicher möglich ist. Die letzten
Schneereste dürften geschmolzen sein und…“
„Methor meint wohl eher, wie viel Mann den Pass bewachen, und wie
gut sie bewaffnet sind. Wir wollen ihn nämlich einnehmen“, präzisierte
Trygar.
„Schlagt euch das aus dem Kopf, das ist unmöglich. Dort oben ist eine
Hundertschaft stationiert. Hauptmann Llevlin führt sie an, ein sehr fähiger
und mutiger Mann. Ihr könnt mit den wenigen Männern gegen seine Leute
nichts ausrichten. Er könnte den Pass ohne Schwierigkeiten selbst gegen
eure ganze Schwarze Armee halten.“ Er sah sich um und suchte den Horizont im Norden ab. „Wo ist sie überhaupt?“
„Sie liegt einige Tagesmärsche zurück und folgt uns. Wir mussten voraus, um den Pass zu erreichen, bevor Gadennyns Truppen, die vor einigen
Tagen die Grenze überschritten haben, dort eintreffen.“
„Aber wie wollt ihr den Pass erobern?“
Trygar antwortete:
„Das wird hauptsächlich die Aufgabe von mir und Eurer Tochter Duna
sein. Der General muss uns nur ungesehen über einen geheimen Pfad dort
hinbringen.“
„Duna.“ Rhome sprach den Namen mit einem Seufzen aus. „Das ist bestimmt gefährlich. Ich will meine Tochter nicht wieder verlieren, kaum,
dass ich sie gefunden habe.“
„Alles, was wir unternehmen mussten und müssen, um Gadennyn aufzuhalten, ist gefährlich, Mylord. Aber habt Vertrauen in die Fähigkeiten Eurer
Tochter, sie ist eine bemerkenswerte Frau.“
„Du scheinst sie gut zu kennen. Hat sie dir etwas über… über mich und
sie erzählt?“
„Ihr habt sie tief verletzt, Lord Rhome, indem Ihr sie für den Tod Eurer
Geliebten Ela verantwortlich machtet.“
Der große Mann sackte im Sattel zusammen und ließ Schultern und Kopf
sinken.
174
„Ich weiß, das war einer der vielen Fehler, die ich in meinem Leben gemacht habe. Könnte ich von allen nur einen einzigen rückgängig machen,
so würde ich diesen wählen. Wie dumm und verblendet ich war.“
„Dann redet mit ihr, Mylord.“
„Du hast Recht, entschuldigt mich.“
Er wendete sein Pferd und ritt zurück zum Ende des Zugs.
Die Sonne war untergegangen und die Berge waren kaum näher gekommen. Der Vollmond beleuchtete das von Rad- und Hufspuren zerfurchte
Band der Straße vor ihnen. Trygar fand endlich Gelegenheit, mit Harold zu
sprechen.
„Wie geht es dir?“, fragte er den greisen Magier.
„Ich spüre mein Alter, Trygar. Ich weiß, ich halte euch auf. Könnte ich
doch wieder im Sattel eines Pferdes sitzen! Aber meine arthritischen Knochen würden so durchgeschüttelt, dass sie vermutlich auseinander fielen.
Aber sag mir doch, wie es dir ergangen ist.“
Trygar berichtete ein zweites Mal von seinen Erlebnissen. Harold war
erschüttert.
„Dann ist es also wahr, was Rhome vermutete. Bei Wathan, es ist schwer
zu glauben, dass der Mann, dem ich Jahrzehnte lang diente, unser aller
Vertrauen missbraucht hat. Weißt du, er überzeugte mich durch das wohl
inszenierte Drama, in dem das Dämonenwesen die Hauptrolle spielte, das
ihn in der Felsenhalle angriff.“
„Ja, ein riskanter Plan, sein eigenes Geschöpf gegen sich selbst zu hetzen.“
„Und wenn es schief gegangen wäre? Es hätte ihn töten können.“
„Du vergisst, er ist der mächtigste Magier, der je gelebt hat. Die Bestie
hätte ihm nichts antun können. Er wollte meine Macht und Loyalität testen.
Hätte ich die Kreatur nicht getötet, wäre ich nutzlos für ihn gewesen. Dann
hätten du und ich, Harold, diese Nacht wohl nicht überlebt.“
„Ich verstehe. Er brauchte jemanden, der in der Lage sein würde, seinen
größten Widersacher, Nunoc Baryth, auszuschalten. Und du hast gezeigt,
dass du dieser Jemand sein konntest. Aber tauschte er damit nicht eine
mögliche Gefahr gegen eine andere ein? Immerhin hast du bewiesen, dass
deine magischen Fähigkeiten denen Nunoc Baryths nicht nachstanden. Du
bist ja schließlich zu einer größeren Bedrohung für Gadennyn geworden,
als es der Schwarze Abt jemals war. Hat er diese Möglichkeit nicht vorausgesehen?“
„Ich glaube schon. Sein Plan war, einen feindlichen Magier gegen einen
anderen einzutauschen, der ihm loyal zur Seite stand, und den er kontrollieren konnte. Natürlich hat er damit gerechnet, dass ich seine Lüge vielleicht
durchschauen würde und mir deshalb Gother als Gefährten mitgegeben. In
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diesem Fall hätte mich der Hauptmann beseitigen sollen. Bis zu Nunocs
Tod durch meine Hand ging sein Plan ja auch auf. Aber danach ist alles
anders gekommen.“
„Zum Glück.“
„Und Dank der Weisheit von Nunocs Nachfolger Gormen Helath, mein
Leben zu verschonen.“
„Er sei gepriesen. Du sagtest, er, Spin, Cora und Boc hätten sich jenseits
des großen Gebirges ebenfalls auf den Weg nach Koridrea gemacht?“
„Sie sollten Zpixs suchen und haben ihn hoffentlich gefunden. Er ist unsere größte Hoffnung im Kampf gegen Semanius – ich sollte besser sagen:
war unsere größte Hoffnung, bis ich feststellen musste, dass Semanius in
der Lage ist, mich und jeden anderen Magier von der Magie abzuschneiden. Zpixs’ Fähigkeiten, die Zeit zu verzerren, sind auch magischer Art. Ich
fürchte, wir haben nun keine Waffe mehr gegen den Lordmagier.“
„Hm, erzähle mir noch einmal die Geschichte deines Kampfes mit dem
Wesen Orec.“
Methor erläuterte seinen Plan:
„Meine Männer, Duna, Trygar und ich verlassen jetzt die Straße und
werden nach Südosten weiter reiten. Euch, Lord Rhome, bitte ich, mit Euren Leuten und Harold der Straße bis zum Pass zu folgen. Gadennyns Soldaten haben selbstverständlich eine Wache aufgestellt, die nach Norden
blickt und Euch in Euren schimmernden Kettenhemden und Helmen im
Mondlicht bald entdecken wird. Das lenkt sie von uns ab. Lasst einen Eurer
Männer die Standarte Eures Fürstentums vor Euch hertragen. Ich denke, sie
werden Euch erkennen, lange bevor Ihr die Passhöhe erreicht habt, sich
vielleicht wundern, dass Ihr so bald zurückkehrt, aber kein Misstrauen
gegen einen Gesandten des Königs und seine Eskorte hegen. Reitet langsam, sodass sie nicht auf die Idee kommen, Ihr könntet auf Feinde gestoßen
sein, die Euch verfolgen.“
„Und was macht Ihr inzwischen?“
„Wir werden zum Fuß des Rabengebirges reiten, als wäre der Dämonenlord hinter uns her. Wegen unserer dunklen Kleidung werden sie uns nicht
sehen können. Duna muss allerdings ihren Schimmel gegen einen Eurer
braunen Hengste tauschen. Östlich der Passstraße gibt es einen schmalen
Fußpfad, einen Aufstieg, der zu einem uralten Wachturm oberhalb des
Passes führt, von dem allerdings nur noch die Grundmauern stehen. Ich
hoffe, die Koridreaner wissen nichts von ihm. Dorthin werden wir gehen
und uns von da abseilen, etwa zu dem Zeitpunkt, wenn Ihr dort mit Euren
Leuten eintrefft und die Leute Hauptmann Llevlins ablenkt. Dann werden
unsere Magier in Aktion treten.“
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Sie erreichten den geheimen Pfad erst vier Stunden vor Morgengrauen,
ließen die Pferde unter der Obhut von Toquaiquata zurück und begannen
mit dem steilen Aufstieg.
„Seid vorsichtig!“, beschwor sie Methor. „Am helllichten Tag geht sich der
Weg recht leicht, aber der Mond geht bald unter, und dann müsst ihr sehr
aufpassen, um nicht fehl zu treten. Binden wir uns lieber mit einem Seil
aneinander.“
Der Aufstieg war mühsam. Duna ging direkt hinter Trygar, der ihr an einigen besonders steilen Stellen helfen musste.
„Was ist mit dir und deinem Vater?“, keuchte er einmal. „Hast du mit
ihm gesprochen?“
„Ja, er hat mich um Verzeihung gebeten. Ich glaube, er meint es auch
aufrichtig. Aber das ändert nichts an seiner Schuld, Trygar. Er war mir,
allen seinen Bastarden und auch seinen ehelichen Söhnen und Töchtern ein
schlechter Vater. Er gibt freimütig zu, dass ihn die meisten seiner Kinder
hassen oder verabscheuen, und er ist sehr traurig darüber. Aber er hat es
sich selbst zuzuschreiben. Tief in meinem Herzen ist noch Liebe für ihn,
aber ich kann sie ihm nicht zeigen. Er hat es nicht verdient. Es mag die Zeit
kommen, da wir uns versöhnen, aber nicht jetzt und auch nicht morgen.
Vielleicht, wenn alles vorbei ist und wir dann noch leben.“
„Ich wünsche es euch. Ich wünsche uns allen, dass bessere Zeiten
kommen, in denen wir wieder mit den Menschen zusammen sein können,
die uns viel bedeuten. Ich hoffe, ich sehe meinen Vater noch einmal, und
Cora, Boc und Spin, Winger, Dremion, den Küchenjungen Eric auf
Gadennyns Burg – er war der Erste, mit dem ich dort Freundschaft schloss
– und Bolder, den Wirt der „Gespaltenen Tanne“ in Shoal, seine Frau
Myra, und Fitz, den Sohn der beiden. Dabei fällt mir auf, wie viele Freunde
ich in den letzten beiden Jahren gewonnen habe. Zum Glück ist die
wichtigste Person von allen bei mir. Habe ich dir heute schon gesagt, wie
sehr ich dich liebe, Duna?“
Es war mittlerweile so dunkel, dass er ihr Lächeln nur erahnen konnte.
Der Lichtschein, den Methors Öllampe warf, war so schwach, dass sie
kaum die natürlichen Stufen des Aufstiegs unter ihren Füßen erkennen
konnten.
„Du bedeutest mir ebenso viel, Trygar, das weißt du. Und ich möchte
mein Leben in Zukunft mit dir teilen. Deshalb sollten wir alles daran setzen, dass wir auch eine Zukunft haben. In wenigen Stunden stehen uns
einhundert Soldaten als Gegner gegenüber. Wenn wir sie besiegen wollen,
müssen wir uns einen Plan ausdenken.“
„Wir könnten sie mit unseren magischen Kräften alle töten, Duna, aber
das ist das Letzte, was ich will, und ich weiß, dass du ebenso denkst. Wir
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werden den Pass erobern, ohne dass einem von ihnen oder uns ein Leid
geschieht.“
„Und wie soll das geschehen?“
„Mit der Hilfe Wathan-Khas, des Dämonenfürsten und Herrn der Unterwelt!“
Die noch unter dem Horizont stehende Sonne färbte im Osten den Himmel
bereits violett, als sie das Plateau erreichten, wo die Ruine des alten Wachturms stand. Sie ließen sich schweißgebadet auf dessen Mauerresten nieder,
um erst einmal Atem zu schöpfen. Dann erläuterte Trygar den anderen die
Einzelheiten seines Plans, der ihnen bisher nur in groben Zügen bekannt
gewesen war. Toroth und Noci, die in Vulcor heimischen Nomaden, traten
nun in Aktion. Sie packten Töpfe und Beutel mit Pflanzenfarbstoffen und
mineralischen Farbpulvern aus und mischten sie mit Wasser und Öl. Aus
feinem Kreidestaub rührten sie eine weiße Paste an und schminkten damit
die Gesichter und Hände der fünf Schwarzen Kämpfer. Dann trugen sie
weitere Farben auf, Braun und Schwarz rund um die Augen, blutrot um den
Mund, dazu blaue und gelbe Streifen auf den Wangen, die wie faulige Narben wirkten. Am Ende sahen die Gesichter von Trygar, Duna, Methor,
Seyn und Legis wie die verwesenden Totenschädel dämonischer Krieger
aus. Aus einer gewissen Entfernung, verhüllt durch lange, schwarze Umhänge und große, tief ins Gesicht hängende Kapuzen, wirkten die „Dämonen“ wahrhaft Furcht erregend.
Als der rote Feuerball der Sonne über den felsigen Kämmen aufging, erhob sich Methor.
„Kommt, wir haben nicht mehr viel Zeit. In ein bis zwei Stunden fällt
Licht in die Schlucht, und dann ist die Gefahr, frühzeitig entdeckt zu werden, zu groß.“
Er führte sie zum Rand des Plateaus und wies sie an, sich auf den Bauch
zu legen und vorsichtig nach unten zu spähen. Ihre Augen mussten sich
eine Weile an das schwache Licht gewöhnen, bis sie einen Talkessel ausmachten, die bauchförmige Erweiterung des engen Einschnitts, durch den
der Passweg lief. Auf dem felsigen Grund in der Mitte des Kessels waren
zwei Dutzend Mannschaftszelte errichtet worden. In einem Pferch standen
etwa dreißig Pferde, die meisten schliefen noch im Stehen mit hängenden
Köpfen. Menschen waren nicht zu sehen. Alles war ruhig. Dann kam ein
Soldat vom nördlichen Eingang des Talkessels, der zur Rechten der heimlichen Beobachter und etwa dreißig Fuß unter ihnen lag. Er trat vor eines der
Zelte und rief ein paar Worte hinein, die sie nicht verstehen konnten. Ein
Mann trat heraus. Er trug keine Rüstung und reckte sich ein wenig. Offenbar hatte er noch geschlafen. Nach dem Verhalten der beiden Männer
schien er der Ranghöhere zu sein. Vielleicht handelte es sich ja um Haupt-
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mann Llevlin, den Anführer der Hundertschaft. Der Soldat machte Rapport
und zeigte mit dem Arm nach Norden, wo er anscheinend etwas entdeckt
hatte. Er schien nicht besonders aufgeregt, also konnte es sich nicht um die
Schwarze Armee handeln, mit deren Eintreffen Methor auch erst in zwei
bis drei Tagen rechnete. Offenbar war Lord Rhomes kleine Kolonne endlich bemerkt worden. Der Offizier folgte seinem Mann, und beide verschwanden in der Schlucht.
Methor und die anderen folgten ihnen oben auf dem Plateau. Von dessen
nördlicher Bruchkante hatten sie einen weiten Blick über die Ebene Orinokavos. Jetzt erkannten sie, warum der Lord und seine Mannen erst so spät
entdeckt worden waren: Frühnebel war aufgekommen und lag wie gezupfte
Baumwolle über dem Land. Die Straße wand sich daraus hervor und in
Schlingen und Windungen an der Flanke des Gebirges hoch. Sie konnten
ganz deutlich die Pferde, winzig wie Ameisen, und den Ochsenkarren erkennen. Einer der Reiter trug eine Standarte in den leuchtenden Farben
Sandabas.
Direkt unter den versteckten Beobachtern, dort, wo der Fahrweg in die
Schlucht zur Passhöhe hineinführte, war ein zehn Fuß hoher Erdwall aufgeschüttet, mit einer Kerbe, gerade so breit, dass ein einzelner Reiter passieren konnte. Ein weiterer Posten bewachte das Bollwerk. Auf der breiten
Krone des Walls stapelten sich Fässer in drei Reihen übereinander. Jedes
mochte wohl hundert Pinths fassen. Diese Wand aus Fässern diente gleichzeitig als Schanzwehr, denn es waren schießschartengroße Lücken in ihr
ausgespart. Auf dem Wehrgang dahinter konnten sicher dreißig bis vierzig
Bogenschützen postiert werden, und deren Handwerkszeug war auch schon
vorbereitet: Hinter dem Wall, an einem langen Holzgerüst, das als Ständer
diente, hingen mehrere Dutzend Bögen und prall gefüllte Pfeilköcher. Etwa
zehn Schritte weiter zurück waren zwei Katapulte von dreifacher Mannshöhe errichtet worden, neben denen melonengroße Steine zu Haufen gestapelt waren. Die Straße weiter unten war übersäht von solchen Brocken.
Offenbar hatte man schon einige Schießübungen mit den Katapulten veranstaltet. Schließlich lag noch vor dem Bollwerk ein Dutzend großer, runder
Felsbrocken, mit Holzkeilen gesichert, die man leicht wegschlagen konnte.
„Sie sind auf das Kommen der Schwarzen Armee gut vorbereitet. Das
Öl, das sie aus den Fässern abließen, würde unseren Truppen schwer zu
schaffen machen. Die steile Straße wäre dann schmierig und glatt, und die
Soldaten hätten Mühe, sich auf den Füßen zu halten, von den Pferden und
Zugtieren ganz zu Schweigen. Das ganze Heer würde sich stauen, und dann
ließen sie die Felsen hinunterrollen.“
„Und danach zündeten sie das Öl an“, ergänzte Seyn.
„Um unsere Leute zu guter Letzt mit Katapultgeschoßen und einem
Pfeilregen zu beharken. Aber das sind gewiss nur die offensichtlichen Ver-
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teidigungsmaßnahmen. Ich bin sicher, sie haben noch mehr Überraschungen und Fallen vorbereitet“, meinte sein Zwillingsbruder Legis.
„Wie haben sie das alles bloß im Winter hier hinauf geschafft?“, fragte
sich Duna.
„Wer weiß, wie lange sie diese Stellung schon halten, möglicherweise
schon seit Bredos’ Zeiten. Schließlich war euer alter König auch nicht auf
den Kopf gefallen“, antwortete Methor.
Der Mann, den sie für Hauptmann Llevlin hielten, schien nicht beunruhigt über das Nahen des kleinen Reiterzugs und verließ die beiden Posten,
um zum Lager zurückzugehen.
„Es wird Zeit. Bald werden alle wach sein, und da unten wird es von
Soldaten wimmeln. Wir seilen uns jetzt hinter der nächsten Schluchtbiegung ab“, befahl Methor. „Dort gibt es ein paar schattige Einschnitte in der
Felswand, die weder vom Wall noch dem Zeltlager aus einsehbar sind.
Niemand wird uns bemerken. Während wir fünf“ – er meinte die maskierten Schwarzen Kämpfer – „in den Kessel hineingehen, schleicht ihr, Toroth
und Noci, euch an die Posten auf dem Wall an und macht sie lautlos
kampfunfähig. Tötet nur im äußersten Notfall.“
Das Lager war erwacht. Die ersten Lichtsprengsel der Morgendämmerung
sickerten in den Felsenkessel. Es war frostig-kalt. Die Soldaten stießen
kleine Wolken dampfenden Atems aus und hielten Becher mit heißem Met
in den Händen, um sie damit zu wärmen. Drei Köche waren damit beschäftigt, Getreidebrei in einem Kessel zu erhitzen und Brot zu backen. Die
ersten Männer standen schon mit Zinnschüssel und Holzlöffel an, um sich
ihre Frühstücksration abzuholen. Ein weiterer, müßiger Tag stand ihnen
bevor, ausgefüllt mit Routinearbeiten, Würfelspiel und Langeweile. Doch
bald würden die Truppen König Gadennyns mit der lang ersehnten Ablösung kommen, und dann durften sie zusammen mit Tausenden anderer
endlich in den Krieg ziehen.
Hauptmann Llevlin hasste den unterfordernden Wachdienst am Pass
noch mehr als seine Männer. Er wünschte sich, die Schwarze Armee aus
dem Norden würde am Horizont auftauchen. Dann könnten er und seine
Leute sich endlich beweisen. Aber er glaubte nicht daran. Natürlich wussten die Feinde, dass der Pass bewacht war und verteidigt werden würde. An
Stelle des gegnerischen Generals hätte er entweder die Route um das Rabengebirge herum gewählt oder würde einfach in Orinokavo auf die Truppen des Königs warten, sie vielleicht dort auf unbekanntem Gelände in
einen Hinterhalt locken. Nie und nimmer würde er aber den Pass angreifen.
Missmutig löffelte er den heißen, geschmacklosen Brei.
180
Plötzlich vernahm er erschrockene Rufe. Er stellte die Schüssel beiseite
und stand auf, als einer der Unterführer, ein Mann namens Crobe, auf ihn
zustürmte.
„Jemand kommt aus der Schlucht, Hauptmann! Mehrere Personen.“
„Das weiß ich längst, Crobe. Es ist dieser Lord aus Sandaba, der im Auftrag des Königs nach Rhynian unterwegs war und nun zurückkehrt. Wahrscheinlich ist er auf feindliche Truppen gestoßen und hat Reißaus genommen.“
„Nein, Hauptmann. Den meine ich nicht. Es kommen andere. Sie sind
schon fast hier.“
Llevlin fluchte.
„Und die Posten haben sie durchgelassen? Bei Wathan, Crobe, lass dir
doch nicht alles aus der Nase ziehen! Verdammt, ich sehe selbst nach. Zeig
sie mir.“
Einige der Männer, an denen er vorbeilief, hatten bereits ihre Schwerter
gezogen und wirkten ängstlich. Bald sah er, warum. Etwa hundert Schritt
vor dem Zeltlager kamen fünf Gestalten den Passweg entlang, direkt auf
den Hauptmann und seine Leute zu, drei große, eine von mittlerer Größe
und eine kleine. Es war noch zu dämmrig, um viel mehr als ihre Umrisse
zu erkennen. Sie trugen dunkle Gewänder mit tief ins Gesicht hängenden
Kapuzen und in den Händen lange Stäbe. Nach und nach entpuppten sich
mehr Einzelheiten. Als er die bleichen Dämonenfratzen mit den schrecklichen Augenhöhlen und den blutenden Mündern erkannte, wusste er, dass
dieser Tag ausnahmsweise nicht langweilig werden würde.
„Zu den Waffen!“, rief er.
„HALT!“
Die Stimme erschallte mit der Lautstärke und Tiefe eines grollenden
Gewitterdonners. Niemals könnte ein Mensch solche Laute ausstoßen. Die
fünf Dämonen hatten sich aufgefächert und standen in einem Abstand von
vielleicht sechs Schritten nebeneinander. Der mittlere von ihnen wirkte
seltsam verzerrt und schien zu wallen, als ob vor ihm heiße Luft aufstieg.
Der Hauptmann sah mit Entsetzen, dass sich die Gestalt vom Boden erhob,
bis sie wenigstens zehn Fuß über ihm schwebte, dann schien sie zu wachsen. Ihre Konturen wurden immer unschärfer und waberten wie eine Nebelwolke.
Mutig trat Llevlin vor, in der Hand das blank gezogene Schwert, und
rief:
„Wer, beim Herrn der Unterwelt, seid ihr?“
Wieder ertönte die unmenschliche Stimme und hallte von den Wänden
des Kessels wieder. Der Sprecher war der schwebende Dämon.
„Du hast es richtig erkannt, Llevlin“ – der Hauptmann zuckte zusammen, als er seinen Namen vernahm – „Der Dämonenlord hat uns aus sei-
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nem Reich entsandt. Nichts geschieht gegen seinen Willen. Dieser Pass
darf von keiner Armee mehr besudelt werden, denn er gehört ihm. Wir
werden ihn ab jetzt bewachen, gegen die bemitleidenswerten Truppen aus
dem Norden, die zu schwach sind, um eurer Armee Widerstand zu leisten,
aber auch gegen die Soldaten eures anmaßenden Erobererkönigs, der es
gewagt hat, den Pakt mit unserem Herrn zu brechen. Richtet ihm aus, die
nördlichen Länder seien sein, er mag sie unterjochen, aber wird die heilige
Stätte am Rabenpass nicht mehr entweihen! Nie wieder wird ein Mensch
einen Fuß auf diesen Boden setzen. Wir werden die Wände der Schlucht
zerstören und zum Einsturz bringen. Und nun geht, bevor ihr unseren Zorn
zu spüren bekommt!“
Die ersten Männer flohen bereits, und Llevlin schrie: „Haltet Stand, ihr
Feiglinge!“, aber sein scharfer Befehl konnte die kopflose Flucht nicht
aufhalten. Viele der Soldaten warfen ihre Waffen weg und rannten zum
südlichen Ausgang des Talkessels, dorthin, wo der Weg in ihre Heimat
führte. Aber es blieben noch etwa dreißig mutige Männer bei ihrem
Hauptmann, die es selbst mit Abgesandten der Unterwelt aufnehmen wollten.
Plötzlich war die kleine Gestalt neben dem schwebenden Dämon in einen Ball aus Feuer gehüllt. Flammenzungen stießen aus ihr hervor, feurige
Geschosse flogen in Bögen auf die Soldaten zu, fielen vor ihre Füße und
zerbarsten mit einem Knall. Die Schluchtwände erzitterten, und die ersten
Gesteinsbrocken fielen herab. Da wandten sich die restlichen Leute des
Hauptmanns zur Flucht und liefen schreiend aus dem Kessel hinaus. Eine
Stichflamme schoss auf Llevlin zu und hüllte sein erhobenes Schwert in
Feuer. Binnen weniger Augenblicke war es so heiß geworden, dass er es
fallenlassen musste. Die Gerölllawine wurde immer heftiger, die ersten
Brocken rollten schon vor seine Füße.
„GEH ENDLICH!“, donnerte die Stimme des schwebenden Dämons, da
verließ auch ihn der Mut, und er drehte sich um und rannte um sein Leben.
Kaum hatte er den südlichen Einschnitt erreicht, stürzte der Eingang des
Talkessels hinter ihm ein. Der Steinschlag schien kein Ende zu nehmen,
denn es donnerte und rumpelte ohne Unterlass, und der Boden unter seinen
Füßen, die darüber hinweg flogen, fast ohne ihn zu berühren, zitterte noch
lange. Endlich, als er schon halb den Passweg hinunter war und seine Männer bald eingeholt hatte, hörte das Stoßen und Stampfen der fallenden Felsen auf. Er wandte im Laufen den Kopf, um zu schauen, ob hinter ihm
nicht ein paar schwere Brocken die Straße herunterrollten, um ihn unter
sich zu begraben, aber er sah nur eine Staubwolke, die über dem Eingang
des Hohlwegs schwebte. Keuchend verlangsamte er seine Schritte. Als er
wieder voraus, hinab in die südliche Ebene blickte, sah er eine weitere
riesige Staubwolke, aufgewühlt von Abertausenden von Stiefeln und Hu-
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fen. Die Truppen des Königs kamen. Aber sie kamen zu spät. Sie würden
den Rabenpass nicht mehr überqueren.
Sturzbäche von Schweiß hatten die Farbe in Dunas Gesicht teilweise fortgeschwemmt, und die zum Vorschein kommende Haut war gerötet, aber
unverletzt. Sie hatte die Hitze des von ihr selbst erzeugten Flammenballs
mit Magie daran gehindert, sie zu verbrennen.
Jetzt kniete sie neben Trygar, der wimmernd am Boden lag. Er war zusammengebrochen, kaum dass der Felssturz, den er erzeugt hatte, zu Ende
war. Sie sah sofort, dass er große Schmerzen litt. Aus seinem rechten Ohr
lief ein dünner Blutfaden.
„Was ist mit dir, Trygar? Bitte sprich doch mit mir“, rief sie verzweifelt
und versuchte, ihn in die Arme zu nehmen, aber er schrie auf und wehrte
sie ab.
Methor trat heran.
„Seyn, Legis, schnell! Wir bringen ihn in eines der Zelte.“
Kurz darauf lag der junge Magier auf einer Pritsche, zugedeckt mit einigen Wolldecken, die ihn warm hielten. Er hatte die Besinnung verloren.
Duna saß neben ihm und hielt seine Hand. Der Anführer der Schwarzen
Kämpfer trat hinaus. In diesem Augenblick kamen Toroth und Noci in den
Talkessel. Sie hätten die Wachen überwältigt und gefesselt, erzählten sie.
Methor berichtete ihnen, was geschehen war, dann gab er ihnen einen neuen Auftrag.
„Niemand von uns weiß, was mit Trygar los ist und wie man ihm helfen
kann. Lord Rhome und seine Leute müssten bald hier eintreffen. Eilt ihnen
entgegen und schafft diesen alten Magier Harold so schnell es geht hierher.
Vielleicht weiß er Rat.“
Dann wandte er sich an Legis.
„Du musst noch einmal hinauf zum Wachturm. Schau nach Süden, wohin Llevlin und seine Leute geflohen sind, und berichte mir, was dort vor
sich geht.“
Rhome und seine Männer ritten ins Lager ein. Sie hatten das Rumpeln
gehört, die Staubwolke gesehen und sich gewundert. Noch mehr aber waren sie darüber erstaunt, keine Soldaten des Königs am Pass vorzufinden.
Harold, begleitet von den beiden Nomaden, kam zu Fuß, denn der Ochsenkarren hatte nicht durch den Einschnitt im Wall gepasst. Sein Schritt war
langsam und schlurfend, und er stützte sich schwer auf seinen Stock. Methor erklärte den Ankömmlingen rasch, was geschehen war.
„Lasst mich mit ihm allein“, bat der alte Magier und betrat das Zelt.
Trygar war immer noch bewusstlos. Seine Stirn war schweißbedeckt, aber die Blutung aus dem Ohr war zum Stillstand gekommen. Harold fühlte
183
seinen Puls. Er schlug stark und gleichmäßig. Dann taste er seinen Körper
ab und schüttelte ratlos den Kopf. Unvermittelt schlug Trygar die Augen
auf und blickte ihn an.
„Mein Junge, wie fühlst du dich? Hast du noch Schmerzen?“
„Ja, mein ganzer Körper tut weh, aber längst nicht mehr so schlimm wie
vorhin.“
„Erzähle mir genau, was geschehen ist.“
„Schade, dass du nicht dabei warst, Harold. Wenn man die Reaktion des
Publikums zum Maßstab macht, gab ich wohl eine überzeugende Darstellung als Dämon. Aber ich muss meine Kräfte überschätzt haben. Dabei
schien es gar nicht so schwer zu sein. Zuerst habe ich meine Stimme verändert und verstärkt, indem ich einen Trichter aus verdichteter Luft vor
meinem Mund formte. Das habe ich als Kind schon öfter gemacht, um
meine Freunde zu erschrecken, weißt du. Die Stimme klingt dann fremdartig, tief und laut. Dann habe ich mich vom Boden erhoben. Das Schweben
bedarf großer Konzentration, denn die Kräfte müssen im Gleichgewicht
sein, sonst stürzt man zur Erde oder schießt in den Himmel. Und um noch
unheimlicher zu erscheinen, habe ich die Luft kugelförmig um mich herum
verdichtet, sodass sie wie eine Glaslinse wirkte, meine Gestalt vergrößerte
und unscharf erscheinen ließ. Zu guter Letzt ließ ich ein paar Felsen herabstürzen und eine Menge Staub aufwirbeln, um den Eindruck zu erwecken,
der ganze Talkessel stürzte ein. Bis zu diesem Augenblick glaubte ich, ich
hätte alles unter Kontrolle, aber als ich dann den Fluss der Magie abstellte,
nachdem ich wieder festen Boden unter den Füßen hatte, traf es mich wie
ein Blitz. Ich dachte, mein Trommelfell müsse zerspringen und mein Kopf
platzen. Mein Blut schien zu kochen und die Schmerzen wurden unerträglich. Ich kann es mir nicht erklären.“
Harold schüttelte den Kopf.
„Aber ich. Du hast großes Glück, dass du noch am Leben bist, Trygar.
Als du die Luft verdichtet hast, ist sie in dich eingedrungen, in deine Lungen, durch deine Gehörgänge in den Kopf, in den ganzen Körper. Und
dann, als der Druck schlagartig weg war, wärest du beinahe geplatzt, mein
Junge. Du weißt vielleicht mehr über die Gesetze der Magie als ich, aber zu
wenig über die Gesetze der Natur. Sei das nächste Mal vorsichtiger und
bedenke, was geschehen könnte, wenn du einen Zauber plötzlich aufhebst.
Hättest du den Druck der Luft um dich herum langsam gesenkt, ginge es
dir jetzt besser.“
Trygar stöhnte. „Daran habe ich nicht gedacht. Was bin ich für ein
Narr.“
Harold trat aus dem Zelt und berichtete den anderen, dass es Trygar besser
ginge.
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„Er wird sich erholen, aber er braucht ein paar Tage Ruhe.“
Die Nachricht wurde mit großer Freude aufgenommen. Duna wollte
sogleich ins Zelt, aber Harold hielt sie zurück.
„Lass ihn erst einmal ein paar Stunden schlafen. Er ist sehr erschöpft.“
In diesem Moment kam Legis vom alten Wachturm zurück und berichtete.
„Wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, würde ich es nicht
glauben: Die ganze Ebene nach Süden, soweit der Blick reicht, wimmelt
wie ein riesiger Ameisenhaufen. Es sind Aber- und Abertausende von
Menschen und Pferden und Hunderte von Wagen. Gadennyns Truppen
stehen unmittelbar vor dem Rabengebirge. Die Hundertschaft von Hauptmann Llevlin hat sich am Fuß des Passes versammelt und lagert dort. Dann
traf eine berittene Vorausabteilung des Heeres bei ihnen ein. Sie berieten
sich mit den Soldaten, die eigentlich den Pass bewachen sollten. Wenn ich
die Gesten richtig deutete, ging es recht heftig zu. Offenbar fand man Llevlins Bericht nicht sehr erbauend. Danach kamen sechs der Reiter den Passweg hinauf und stiegen vor dem verschütteten Eingang der Schlucht ab.
Einer versuchte hinüberzusteigen, aber er gab bald unverrichteter Dinge
auf. Sie ritten wieder hinab zu Llevlin und seinen Leuten. Anschließend
schickten sie einen Kurier zum Heer. Das ist der Stand der Dinge.“
„Gut. Ich will dich nicht noch einmal zum Turm schicken, denn die Kletterei ist bestimmt anstrengend. Seyn, du wirst ihn ablösen. Berichte mir
alles, was du siehst. Du kannst zu uns herab rufen, wenn sich etwas Neues
ergibt. Gadennyns Männer sind viele Meilen entfernt. Sie können dich
nicht hören.“
Der Bruder Legis’ machte sich auf zur Schlucht, um an einem der dort
hängenden Seile den Kraft raubenden Aufstieg zum Wachturm anzugehen.
Llevlin war mehr als unwohl zumute, als er vor General Derec Winsten,
dem Oberbefehlshaber der königlichen Truppen stand und berichtete. Er
erwartete, exekutiert zu werden, weil er seinen Posten verlassen hatte, und
er schmückte seine Erzählung entsprechend aus, schilderte, mit wie viel
Mut er und seine Männer den Dämonen bis zuletzt standgehalten hätten.
Dann wäre ihm jedoch klar geworden, dass es wichtiger sei, die anrückenden Truppen zu warnen, anstatt heldenhaft, aber sinnlos zu sterben.
Winsten kannte Llevlin und wusste um seine soldatischen Fähigkeiten
und seinen Mut. Er hatte ihn selbst beauftragt, den Pass zu halten und zweifelte nicht an der Wahrheit der Worte seines Untergebenen, wenn ihm auch
klar war, dass sich Llevlin in ein gutes Licht zu stellen versuchte. Eines war
dem General allerdings völlig rätselhaft: Von einer heiligen Stätte WathanKhas auf dem Rabenpass hatten weder er noch sein Stab je gehört. Aber er
war auch kein Kenner religiöser Geschichte. Der König musste davon ge-
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wusst haben, was ihn aber nicht daran gehindert hatte, seine Truppen dorthin zu schicken. Das passte zum Charakter Gadennyns. Er würde seine
eigene Mutter verraten, um seine Ziele zu erreichen, wieso dann nicht auch
den Dämonenlord? Trotz dieser nicht sehr schmeichelhaften geheimen
Einschätzung stand er loyal zu seinem König und war nach wie vor gewillt,
dem Gebieter von Koridrea zur Herrschaft über das Alte Königreich zu
verhelfen. Es würde nun allerdings ein paar Wochen oder Monate länger
dauern.
Als die Schatten am kürzesten waren, und die Sonnenstrahlen fast den ganzen Boden des Talkessels tränkten, konnten sie aufatmen. Trygars List
hatte offenbar gewirkt. Gadennyns Leute schienen tatsächlich anzunehmen,
der Pass sei unpassierbar und würde zudem von Dämonen Wathan-Khas
bewacht. Die Truppen zogen nach Westen ab. Augenscheinlich wollten sie
das Rabengebirge bei der westlichen Landenge umgehen, um dann in den
nördlichen Teil Orinokavos einzufallen. Als die Sonne am Horizont versank, verriet nur noch die zerwühlte und zerfurchte Erde, dass auf der Ebene vor kurzem die größte Streitmacht der Geschichte gelagert hatte.
Trygar ging es wieder besser. Er war aus dem Zelt gekommen und setzte
sich zu den anderen, die um ein Feuer herumsaßen und sich zum ersten Mal
seit vielen Tagen ein warmes Mahl schmecken ließen.
„Wie sehen Eure weiteren Pläne aus, General?“, fragte Lord Rhome und
löffelte mit Genuss seine Suppe, in der Kartoffelstücke und Dörrfleischbrocken schwammen.
„Wir warten hier auf unsere Armee. Derweil beobachten wir die südliche
Ebene. Vielleicht kommen ja noch weitere Truppen des Königs. Wenn das
hoffentlich nicht geschieht, werden wir mit unseren Soldaten den Pass
überschreiten und nach Inay zum Königspalast ziehen.“
„Aber Trygar hat ihn doch verschüttet?“, wandte einer der Männer Rhomes ein.
„Keine Angst“, antwortete der junge Magier. „Die Schutthalde sieht dicker aus, als sie ist. Hätten sie die Männer Gadennyns genauer untersucht,
so hätten sie festgestellt, dass man sie mit einer Hundertschaft Soldaten und
ein paar Pferden zum Wegziehen der größten Brocken in zwei Tagen hätte
abräumen können. Aber Llevlin und seine Leute trauten wohl eher ihren
Augen und Ohren. Sie sind einer Illusion aufgesessen und glauben, die
ganze Schlucht sei eingestürzt. Weit über das Ende des Felssturzes hinaus
erklangen die Geräusche fallender Steine und zitterte die Erde, und die
Staubwolke war größer und dichter, als es dem tatsächlichen Ausmaß des
Erdrutsches entsprach. Zum Glück konnten die von ‚Dämonen’ vertriebenen Wächter des Passes die Heerführer von ihrem Irrglauben überzeugen.
Wenn ich wieder zu Kräften gekommen bin, werde ich die größten Bro-
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cken mit Magie beiseite rollen. Innerhalb eines Tages ist der Pass dann
wieder offen.“
„Damit warten wir, bis unsere Truppen eingetroffen sind“, ergänzte Methor.
Rhome war skeptisch:
„Ich hoffe, die Truppen des Königs kommen nicht auf die Idee, unserem
Heer zu folgen, sobald sie auf der anderen Seite des Rabengebirges stehen
und erfahren haben, dass die Schwarze Armee in Koridrea einmarschiert
ist. Wenn unsere Soldaten den Pass benutzen können, können die anderen
es auch, es sei denn, Trygar bringt die Felswände der Schlucht wirklich
zum Einsturz.“
„Das wäre nicht ratsam, Mylord. Irgendwann wird wieder Frieden herrschen, dann braucht Orinokavo den Pass zur Versorgung seiner südlichen
Landesteile und zum Handel mit Koridrea. Nein, wir werden die Verteidigungsstellungen am nördlichen Eingang zur Schlucht noch weiter ausbauen
und verstärken und ein paar hundert Soldaten zur Bewachung zurücklassen.
Die koridreanischen Truppen werden sich daran die Zähne ausbeißen.
Wenn sie unsere List bemerken und uns verfolgen wollen, müssen sie ein
zweites Mal den weiten Weg um das Rabengebirge herum nehmen.“
Es kamen keine weiteren Truppen des Königs mehr. Zwei Wochen nach
dem Abzug des großen Heeres aus der südlichen Ebene überquerte die
Armee der nördlichen Länder den Rabenpass und brach nach Süden Richtung Koridrea auf. Gadennyn erfuhr es, kurz nachdem die feindlichen
Truppen, ohne auf Widerstand zu stoßen, die Grenze überquert hatten. Die
wenigen königlichen Soldaten, die noch in Koridrea stationiert waren, flohen vor der Schwarzen Armee nach Inay und in die anderen befestigten
Städte.
Koridrea
Der König war außer sich vor Wut. Sofort beraumte er eine Sitzung mit
seinen wichtigsten Beratern ein. Major Botho Landon, Befehlshaber der
Palastwache, erschien als Erster in der Beratungshalle. Stumm salutierte er,
aber Gadennyn würdigte ihn keines Blickes. Mit auf dem Rücken ver-
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schränkten Armen sah er aus dem Fenster, über die Mauern des Palastes
hinweg auf die Häuser von Inay, die in der warmen Frühlingssonne badeten. Nach einer Ewigkeit vernahm der Major die leise Stimme des Königs,
der sich nicht zu ihm umwandte:
„Sind deine Leute bereit?“
„Ja, Euer Majestät. Sie werden den Saal betreten, sobald die anderen da
sind.“
Retho Nasser, Leiter des königlichen Geheimdienstes, trat wenig später
mit hochrotem Gesicht ein und zupfte seine Kleidung zurecht. Der Bote des
Königs hatte an seine Tür geklopft, als gerade seine Lieblingshure, eine
feurige Brünette, auf ihm saß und ihn ritt. Fluchend hatte er sich angekleidet, denn der harsche Wortlaut des Befehls, sich sofort im Beratungssaal
einzufinden, hatte ihm klargemacht, dass der König kein Verständnis dafür
aufbringen würde, wenn er den Akt noch bis zum Koitus fortführte.
General Holan, der die Heimattruppen befehligte, welche aber zum überwiegenden Teil für das Invasionsheer rekrutiert worden waren, war in
Abwesenheit General Winstens der höchste militärische Befehlshaber. Ein
eitler Geck, herausgeputzt in seiner besten Paradeuniform, salutierte er
zackig vor den Wachen am Eingang des Saals, die seinen Gruß gelassen
und mit weniger Ehrerbietung als erwartet erwiderten. Hochmütig trat er
ein. Der König hatte nach ihm geschickt, um seine herausragenden Fähigkeiten nun endlich mit einer wichtigen und ehrenvollen Aufgabe zu würdigen, davon war er überzeugt.
Duncan Broadway, Befehlshaber der Stadtwache, hatte einen weiteren
Weg als die anderen. Er traf auf dem Weg zum Palast Leif Rowbart, den
Bürgermeister. Beide fragten sich, was den König wohl so aufgebracht
hatte, denn seine Depesche war wie Gift und Galle formuliert. Vor der Tür
wartete Aturo Pratt, der Premierminister auf sie.
Zu dritt traten sie ein. Die drei anderen standen unschlüssig herum und
musterten den Rücken ihres erzürnten Herrschers. Dann endlich drehte sich
der König um. Sein Gesicht war kreideweiß, aber er hatte sich unter Kontrolle. Sein Ton war kalt und schneidend, als er sagte:
„General Winsten, dieser alte Narr, ist auf eine List des Feindes hereingefallen. Die Schwarze Armee hat unsere Landesgrenze überschritten und
wird in wenigen Tagen vor den Toren Inays stehen, während unsere Truppen Hunderte von Meilen entfernt sind. Und ihr Versager“ – seine Arme
schossen wie Giftschlangen vor und zeigten auf Nasser und General Holan
– „wisst von nichts! Der Leiter des Geheimdienstes ist ebenso ahnungslos
wie der Kommandant der Bürgerwehr, die unser Land verteidigen soll.
Statt herumzuhuren oder sich wie ein Pfau zu putzen, hättet ihr eure Pflicht
tun sollen!“
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Über ihre Schulter wandte er sich an die Palastwachen, die unbemerkt
von den Gemaßregelten eingetreten waren.
„Nehmt sie fest und werft sie ins Verließ.“
Der General wurde grau wie Asche, und Nasser sank auf die Knie.
„Gnade, mein König, ich bitte Euch…“
„Winsele mir nicht die Ohren voll, sonst lasse ich dir gleich hier die
Zunge herausschneiden!“
Nachdem die beiden abgeführt worden waren, wandte sich Gadennyn an
die anderen.
„Hört nun meine Befehle:
Bürgermeister, du wirst dafür sorgen, dass die Stadt einer langen Belagerung standhalten kann. Schicke deine Leute zu allen umliegenden Dörfern
und Höfen, lass die Getreidespeicher leeren, das Vieh beschlagnahmen,
alles requirieren, was sie an Lebensmitteln, Öl, Pech und Waffen finden.
Ich erwarte, dass die Lager Inays binnen zwei Tagen bis zum Rand gefüllt
sind.
Duncan, du wirst die Verteidigung der Stadt organisieren. Ab sofort untersteht die Bürgerwehr dir. Alle Soldaten, die in einem fünfzig Meilen
weiten Umkreis stationiert sind, jeden Bauern, der eine Mistgabel halten
kann und alle halbwegs brauchbaren männlichen Dörfler zwischen zehn
und achtzig Jahren beorderst du in die Stadtmauern. Jeder Bürger von Inay,
der wenigstens einen Arm hat und laufen kann, wird bewaffnet. Dein Auftrag ist, die Stadt um jeden Preis zu halten.“
„Und was ist mit den anderen Städten und den Provinzen?“
„Das schert mich im Augenblick einen Dreck, die sollen sich um sich
selbst kümmern. Sende außerdem berittene Boten zu unseren Truppen nach
Orinokavo. Sie sollen sofort umkehren und auf dem schnellsten Weg hierher eilen. Der Eroberungsfeldzug ist fürs Erste beendet, bevor er überhaupt
angefangen hat. Jetzt gilt es, unser Land zu verteidigen.“
Der König wandte sich dann an Landon.
„Botho, für dich habe ich eine besondere Aufgabe. Wenn die Schwarze
Armee vor den Toren Inays erscheint, wirst du mein Unterhändler sein.
Mach meinen Feinden klar, dass sie die Stadt nur durch ein furchtbares
Blutvergießen erobern können, dass ihr bereit seit, mit allen Mitteln und bis
zum letzten Blutstropfen zu kämpfen. Dann sage ihnen, ich hätte den Königspalast verlassen und sei in meine Burg in der Nähe von Shoal zurückgekehrt. Schwöre es ihnen bei deinem Seelenheil. Du bist ein Mann von
Ehre, sie werden dir glauben.“
Botho Landons Miene wirkte unsicher. Er fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Als seine Zustimmung ausblieb, fragte der König:
„Hast du ein Problem damit, dich in die Höhle des Löwen zu wagen?“
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„Nein, Euer Majestät. Selbstverständlich werde ich Euer Unterhändler
sein, aber…“
„Du würdest auch für mich keinen Meineid schwören, nicht wahr?
Nicht, wenn es um deine Seele geht.“
Der Offizier war blass geworden. Er nickte stumm.
„Du bist wirklich ein ehrenwerter Mann, Botho. Das verlange ich auch
gar nicht von dir. Du wirst guten Gewissens die Wahrheit sagen können,
denn ich werde wirklich nach Shoal gehen, und ich will, dass es der Feind
erfährt und mir folgt.“
„Aber Majestät, Ihr begebt Euch in große Gefahr!“
„Lass das meine Sorge sein. Sie wollen mich, und sie sollen mich auch
bekommen. Dafür werden sie das Land in Ruhe lassen. Ich nehme fünfzig
deiner besten Männer als Eskorte mit. Diese und meine Leute in Shoal
genügen vollkommen, meine Burg zu verteidigen.
Aturo, du wirst mein Stellvertreter sein und an meiner Statt regieren. Wir
werden uns wieder sehen, und ich hoffe für euch, dass ihr eure Pflicht besser erfüllt als die beiden Toren.“
Duna und Trygar ritten zusammen mit den anderen den Schwarzen Kämpfern an der Spitze des Heers. Die junge Frau merkte, dass etwas in dem
schweigsamen Mann vorging und fragte ihn:
„Du bist heute so still und nachdenklich, Trygar. Was ist mit dir?“
Er sah sie eine Weile an. Seine angespannten Gesichtszüge wurden
weich.
„Ach Duna, du bist an meiner Seite, und ich sollte mich wirklich nicht
sorgen. Im Gegenteil, ich sollte über alle Maßen glücklich sein, denn zwei
große Wünsche wurden mir erfüllt: Wir lieben uns, und wir konnten eine
blutige Schlacht vermeiden, in der Tausende Soldaten auf beiden Seiten ihr
Leben gelassen hätten. Aber ich habe Zweifel, dass es so gut weitergeht
wie bisher. Gadennyns gewaltige Streitmacht wird vielleicht in wenigen
Wochen vor den Toren Lankomas und Rhynians stehen. Und auf dem Weg
dorthin werden sie Dörfer plündern, niederbrennen und zahlreiche Menschen töten, körperlich und seelisch verstümmeln oder wenigstens vertreiben. Oder die Armee wird umkehren, uns verfolgen und uns doch noch
eine furchtbare Schlacht liefern. In jedem Fall werden viele sterben – es sei
denn, uns gelingt es, Semanius zu vernichten. Aber was können wir gegen
ihn schon ausrichten? Wir wissen jetzt, dass er imstande ist, uns unsere
magische Kraft zu nehmen. Unser Plan ist zum Scheitern verurteilt, Duna:
Selbst wenn Gormen, Cora, Spin und Boc Zpixs gefunden hätten und ihn
rechtzeitig nach Koridrea brächten, selbst wenn wir Gadennyn stellten
könnten, so wären wir doch machtlos gegenüber dem Geist von Semanius,
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von dem der König besessen ist. Ich grübele und grübele, aber ich weiß
nicht, was wir tun sollen.“
„Dann müssen wir einen Weg finden, an die magische Quelle zu gelangen, so, wie es dir ja auch im Kampf gegen Orec gelungen ist.“
„Ich zweifele sehr, dass das noch einmal gelingt. Semanius weiß jetzt
Bescheid und wird wachsam sein. Außerdem war es das schlimmste Erlebnis meines Lebens, als sich mein Ich in der Leere auflöste.“
„Und was ist mit Harold? Hat ihm nicht Selban den Beutel Orecs gegeben, damit er den schwarzen Staub untersucht?“
„Ja, das habe ich beinahe vergessen. Komm, lass uns meinen alten Lehrer fragen, ob er etwas herausgefunden hat.“
Sie fanden Harold in einem bequemen Mehrspänner sitzend, im Gefolge
Lord Rhomes, dessen kleine Gruppe hinter den Schwarzen Kämpfern ritt.
Der greise Magier war erfreut, Trygar und Duna zu sehen. Er berichtete:
„Ich habe den Staub untersucht. Es scheint mir eine ganz normale irdische Substanz zu sein, gemahlener Basaltstaub oder etwas in der Art, vermutlich mit einigen Beimischungen. Aber seine Wirkung ist beachtlich. Im
Umkreis von beinahe hundert Schritt verhindert er jegliche Magie.“
„Bedeutet das nicht, dass Semanius, falls er uns mit diesem Staub von
der Kraft abschneiden wollte, ebenfalls davon betroffen wäre?“, fragte
Duna.
„Das glaube ich nicht. Er dürfte ja gegen seine eigene Waffe gewappnet
sein. Nachdem, was Trygar erzählt hat, besitzt er einen unmittelbaren Zugang zur Quelle der magischen Energie an diesem Geisterort, den ihr die
Leere nennt (wo immer das sein soll) und ist nicht auf die verdünnte Kraft
angewiesen, die unsichtbar überall um uns herum ist. Aber dennoch gibt es
Hoffnung: Trygar, du hast ja bei deinem Kampf mit Orec herausgefunden,
dass ein gewisser Rest von Magie in den Kugeln deines Kampfstabs gefangen blieb. Das können wir uns vielleicht zunutze machen. Der Staub hilft
uns jedenfalls nicht weiter, ich habe ihn Selban zurückgegeben. Besorge
mir einen der Kampfstäbe. Vielleicht kann ich seinem Geheimnis auf die
Spur kommen und herausfinden, wie die Magie in ihm gespeichert wird.
Nunoc Baryth kannte es sicher, womöglich weiß auch Gormen darüber
Bescheid, aber das nützt uns jetzt und hier nichts. Ich muss selbst versuchen, es zu lüften. Möglicherweise können wir daraus lernen, eine gewisse
Menge magischer Kraft in unseren Körpern einzukapseln.“
„Du meinst, wir könnten einen Vorrat davon in uns tragen und wären
nicht auf die äußere Energie angewiesen?“
„Ja, Trygar. Das wäre so, als ob du vor dem Tauchen einmal tief einatmetest und dann die Luft anhieltest.“
„Du gibst mir wieder Hoffnung, Harold! Denkst du, du kannst uns das
lehren?“
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„Nicht so schnell, mein Junge. Ich habe ja noch nicht einmal herausgefunden, wie es geht. Selbst wenn das Geheimnis der Kugeln gelüftet wird,
ist keineswegs sicher, dass sich das Prinzip auf unsere Körper übertragen
lässt. Aber ich werde alles daran setzen, das Rätsel zu lösen.“
Die Schwarze Armee erreichte Inay und zog einen Belagerungsring um die
Stadt. Es war ein schöner, warmer Frühlingstag, und die weißen Stadtmauern leuchteten in der Sonne. Die bunten Banner des Königs wehten auf den
Zinnen, und überall auf den Wehrgängen sah man das Gleißen und Aufblitzen glänzend polierter Rüstungen. Wäre dieses Bild in einem Gemälde oder
Wandteppich eingefangen worden, hätte man meinen können, es zeige eine
Stadt, in der ein bedeutendes Fest oder ein großes Turnier stattfindet. Doch
dies war für die Bürger, für die in die schützenden Mauern geflüchtete
Landbevölkerung aus dem Umkreis der Stadt und für Tausende von Flüchtlingen, die aus dem entvölkerten Norden Koridreas stammten, kein Tag der
Freude. Die, die ein Schwert halten konnten, gleich ob Mann oder Frau,
jung oder alt, waren bewaffnet mit allem, was auch nur Ähnlichkeit mit
einer Hieb- und Stichwaffe hatte. Selbst Halbwüchsige und Kinder waren
unter ihnen, die Küchenmesser im Gürtel oder Zimmermannsbeile in den
Händen trugen. Die Menschen standen ängstlich in Gruppen auf den Straßen und Plätzen herum und erzählten sich gegenseitig die neuesten Gerüchte: Die Schwarze Armee sei unvorstellbar groß, ihre Soldaten trügen rabenschwarze Rüstungen, es seien Riesen, die Keulen so groß wie Bäume
schwängen, Feuer speiende Drachen und andere, noch furchtbarere Dämonengeschöpfe unter ihnen. Gewaltige Belagerungstürme rollten bereits
auf die Stadt zu, Katapulte von unbeschreiblichen Ausmaßen würden in
Stellung gebracht. Der König und seine engsten Berater seien geflohen, die
Streitmacht Koridreas habe eine schwere Niederlage erlitten und sei von
der Schwarzen Armee aufgerieben worden.
Die regulären Soldaten der Stadtwache und der Bürgerwehr, die auf den
Zinnen standen, sahen zwar, dass die feindlichen Truppen keineswegs so
zahlreich waren, wie die Gerüchte besagten, und dass ihre Soldaten ganz
normale Menschen und keine Ungetüme waren, dennoch wurde auch ihnen
mulmig, denn die Übermacht war groß. Es schien nur eine Frage der Zeit,
bis die Erstürmung Inays begann. Man wappnete sich für das Unvermeidliche.
Wie von Methor erwartet, zeigte sich die weiße Unterhändlerfahne schon
bald. Der General und seine Eskorte, in der sich auch Lord Rhome, Trygar,
Duna und Harold befanden, kamen der kleinen Abordnung, die aus dem
Stadttor geritten kam, entgegen. Auf dem freien Feld zwischen der Stadtmauer und dem Feldlager trafen sich die beiden Gruppen.
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Der Anführer der Städter, ein noch junger Mann von weniger als dreißig
Jahren, der sich als Botho Landon vorstellte, begrüßte Methor und die Repräsentanten der Schwarzen Armee mit höflichen Worten. Nachdem sie von
den Pferden und Wagen gestiegen waren, setzten sich die Unterhändler
einander gegenüber auf den Boden ins frische grüne Gras. Methor eröffnete
die Verhandlung.
„Major, Ihr seht Euch einer Übermacht gegenüber, gegen die jede Verteidigung zwecklos ist. Uns ist aber keineswegs daran gelegen, die Stadt zu
stürmen. Ich gebe Euch mein Wort: Wenn Ihr kapituliert und uns die Tore
öffnet, werden meine Soldaten in Frieden einziehen. Eure Männer müssen
lediglich ihre Waffen abgeben, dann geschieht ihnen nichts. Es wird weder
geplündert noch gebrandschatzt. Die Flüchtlinge, die in der Stadt Zuflucht
gefunden haben, dürfen sofort unbehelligt in ihre Heimat zurückkehren.
Alles, was wir wollen, ist der König.“
„Diese Bedingungen sind inakzeptabel, General. Notfalls werden wir die
Stadt bis zum letzten Blutstropfen verteidigen. Es wird eine Schlacht, die
auch Tausende Eurer Männer nicht überleben werden. Niemals werden wir
zulassen, dass unser Land unterjocht und von einer fremden Macht beherrscht wird. Glaubt nicht, Ihr hättet schon gewonnen. Unser Heer ist
bereits auf dem Rückweg. Sobald es eintrifft, werdet Ihr zwischen ihm und
den Stadtmauern zerrieben werden. Unser Sieg wird grandios sein, und
man wird ihn noch in tausend Jahren preisen.“
Methor sah den Jüngeren einen Augenblick unverwandt an, dann sagte
er:
„Warum seid Ihr eigentlich aus Euren Mauern herausgekommen, Botho
Landon? Wohl kaum, um zu verhandeln. Eure Großspurigkeit ist lächerlich
und Eure Überheblichkeit dumm. Ihr wisst genau, dass es Wochen dauern
wird, bis der Kurier, den Ihr ausgesandt habt, Eure Truppen erreicht. Diese
werden noch Monate brauchen, um hierher zurückzukehren, denn der Rabenpass ist nicht länger passierbar. Wir wollen nicht Euer Land erobern
und unterjochen, sondern lediglich die Schreckensherrschaft Eures Königs
beenden, der genau das, was Ihr für Koridrea befürchtet, für die nördlichen
Länder plant.“
„König Gadennyn ist kein Tyrann. Er versucht lediglich, das Böse, das
in Gestalt des wiedergeborenen Lordmagiers Semanius die Weltherrschaft
zu erringen versucht, und dessen Steigbügel Ihr haltet, zu besiegen. Und
das wird ihm auch gelingen.“
Da stand Trygar auf und funkelte den jungen Major an.
„Ihr sprecht wohl von mir?“
Botho Landon erschrak.
„Bist du der Magier Trygar?“
193
„Ja, der bin ich. Und glaube mir, ich könnte diese Stadt dem Erdboden
gleichmachen, ohne die Hilfe eines einzigen unserer Soldaten. Ich könnte
ihre Mauern einstürzen, ihre Häuser in Flammen aufgehen, Blitze auf euch
niedergehen lassen, euch in einem unvorstellbaren Unwetter in Regenfluten
ersäufen, eure Straßen im Schlamm versinken, eure Lebensmittel verfaulen
lassen und euer Wasser vergiften; ich könnte schreckliche Dämonen gegen
euch aussenden, deren Anblick euch das Blut in den Adern gefrieren ließe.
Ja, all das könnte ich – wäre ich Semanius.“
Trygar hatte mit eiskalter leiser Stimme gesprochen und mit seiner
Schilderung von der Vernichtung Inays den meisten der Anwesenden einen
kalten Schauer über den Rücken gejagt. Landon schüttelte verwirrt den
Kopf.
„Ich verstehe nicht.“
Diesmal antwortet Duna.
„Trygar will Euch eines klar machen: Wenn er die Macht hätte, die ihr
Semanius zuschreibt, wenn er das alles wirklich könnte, warum tut er es
dann nicht? Warum verhandeln wir überhaupt mit Euch?“
„Weil ich nicht Semanius bin“, fuhr der junge Magier fort. „Gadennyn
hat Euch und sein ganzes Volk belogen. Er selbst ist Semanius!“
„Das ist eine Lüge!“
Rhome nahm das Wort.
„Kennst du mich nicht, mein Junge?“
Landon blinzelte und betrachtete den alten Mann mit der Löwenmähne
genauer.
„Ihr seid Lord Rhome, der Fürst von Sandaba. Dann seid Ihr also ein
Verräter!“
„Bevor du solche schweren Anschuldigungen erhebst, die dich den Kopf
kosten könnten, solltest du erst einmal zuhören.“
Dann berichtete er, was er über die Intrigen Gadennyns herausgefunden
hatte.
„Ich fasse es noch einmal zusammen: Des Königs Statthalter Aturo Pratt
ist ein überführter Mörder. Aber statt ihn zu bestrafen, schickte ihn Gadennyn nach Inay, um das Vertrauen des alten Königs Bredos zu erschleichen
und seinem Herrn den Weg an die Macht zu ebnen. Nachdem Lord Mulder
dies herausgefunden und mir davon erzählt hatte, wurde er vor den Augen
des gesamten Hauses der Lords ermordet. Des Weiteren gibt es Beweise
dafür, dass der König böse Magie ausübt und furchtbare Kreaturen erschaffen hat, die er nach Norden schickte, um seinen Gegenspieler Trygar zu
töten.“
„Das ist Wahnsinn. Ich glaube Euch kein Wort.“
„Ich bezeuge es aber, jedenfalls den Teil mit Aturo Pratt, denn ich war
dabei, als er überführt wurde“, erklärte Harold.
194
„Und wer seid Ihr?“
„Ich heiße Harold Kobenius und war Magier in Lord Gadennyns Diensten auf seiner Burg nahe Shoal.“
„Leider habt Ihr jetzt keine Möglichkeit, weitere Zeugen zu hören“, ergriff Methor wieder das Wort, „aber ihr werdet uns vielleicht glauben,
wenn Ihr die ganze Geschichte gehört habt. Bitte, Trygar.“
Und so erzählte der Aufgeforderte ein weiteres Mal seine Erlebnisse, seit
er von Gadennyn auf dessen Burg aufgenommen worden war. Er berichtete, wie ihn Gadennyn hinters Licht geführt hatte, und dass er im Auftrag
des Lords dessen Gegenspieler Nunoc Baryth, der angeblich Semanius
gewesen sei, getötet hatte, erzählte von dem Fund des Tagebuchs des Lord
Magiers und davon, dass Gadennyn in den Besitz des Amuletts gelangt
war, welches Semanius einst getragen hatte und das die Quelle seiner erstaunlichen Macht gewesen war. Weiter berichtete er, wie sie aus Vulcor
aufgebrochen waren, um sich dem wahren Semanius entgegenzustellen,
und von den Monstern, die der neue König in seinen Kellern erschaffen
und den Schwarzen Kämpfern geschickt hatte, um sie zu vernichten.
Botho Landon war blass geworden.
„Ich weiß nicht, was ich glauben soll. Da gab es schon einige seltsame
Begebenheiten, Gespräche des Königs mit Premierminister Pratt oder
Retho Nasser, die ich eigentlich nicht hören sollte. Ich habe nicht genau
verstanden, worum es da ging, aber was ich hörte, erschien mir sehr befremdlich. Es gingen auch Gerüchte um, der König sei ein Magier. Aber
selbst, wenn ich Euch glauben würde, kann ich meinen König nicht verraten. Ich bin ein Soldat und habe einen Eid geschworen. Ich werde ihn nicht
brechen. Macht was Ihr wollt, aber die Stadttore werde ich Euch nicht öffnen.“
Er zögerte einen Augenblick.
„Außerdem“, fuhr er fort, „würde das Euch kaum helfen, denn der König
ist nicht in der Stadt. Er bat mich, Euch auszurichten, er warte auf seiner
Burg bei Shoal auf Euch.“
„Was?“
Trygar fuhr hoch.
„Es ist die Wahrheit. Ich schwöre es bei meinem Seelenheil. Was werdet
Ihr jetzt machen, General? Wollt Ihr Inay angreifen?“
Diesmal war es an Methor zu zögern, dann aber entschied er:
„Nein, wir gehen nach Shoala. Unsere Truppen werden aber vor Euren
Mauern bleiben, bis wir zurück sind. Ihr könnt die Tore ruhig öffnen und
die Flüchtlinge abziehen lassen, die Euch andernfalls die Butter vom Brot
essen werden. Ich gebe Euch mein Wort, dass – bis auf einen – keiner meiner Leute die Stadt betritt, bis eine Entscheidung darüber gefallen ist, wer
Gadennyn auf den Thron nachfolgt.“
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„Bis auf einen? Wen meint Ihr?“
„Mich“, sagte Lord Rhome. „Ich bin der Älteste des Hauses der Lords
und habe das Recht, eine Versammlung der Fürsten einzuberufen, was ich
auch sofort tun werde. Die Mitglieder des Hauses sollen alles erfahren, und
sie sollen die Beweise sehen, die ich vorlegen werde. Dann sollen sie entscheiden, ob König Gadennyn entmachtet und ein Nachfolger gewählt
werden soll. Dies muss nach dem Gesetz Koridreas so geschehen, und das
kannst du nicht verwehren.“
Die gelbgrünen Segel des Dreimasters bauschten sich im frisch brisenden
Wind, die Takellage knarrte und ächzte. Das Schiff schnitt wie ein Messer
durch die blaue See und erzeugte sich kräuselnde Gischtflocken auf der
keilförmigen Bugwelle, die aus der Perspektive eines unter den Wolken
dahinfliegenden Möwenschwarms wie die Spitze eines Pfeils wirkte, hinter
der die gerade Spur des Kielwassers den Pfeilschaft bildete. Fast gleichauf
lag das gekaperte Schiff der Sklavenhändler. Beide Segler schienen sich ein
Rennen zu liefern. Das hässliche Krächzen der Seemöwen begleitete die
kleine Flotte, die die Gunst von Wind und Wetter nutzte, um die Strecke
von Torgu bis Shoal in einer Rekordzeit zurückzulegen.
Cora, Spin und Boc standen an der Reling und hielten sich fest, denn die
von der steifen Brise aufgetürmten Wogen ließen das Schiff um mehrere
Fuß auf und ab tanzen. Angestrengt hielten sie Ausschau und beschirmten
die Augen, um am nördlichen Horizont mehr als nur einen verschwommenen, blaugrauen Küstenstreifen zu entdecken. Endlich sagte Spin, der den
schärfsten Blick hatte:
„Ich sehe es!“
Tatsächlich schälte sich vor dem dunklen Hintergrund einer Klippe ein
hellerer Fleck heraus, der sich nach und nach in Einzelheiten auflöste. Sie
erkannten bald Kaimauern und Schiffe, dahinter Häuser und höhere Gebäude, schließlich die Kuppe des Tempels und den Turm des Palastes.
Cora bekam feuchte Augen.
„Endlich wieder zu Hause, nach einem Jahr.“
Nur eine und eine halbe Stunde nach diesem ersten Blick auf Shoal
machten die Schiffe am Pier fest. Gormen und die Reisegefährten aus Koridrea begleiteten den Kapitän zum Hafenamt und machten dort ihre Aussagen. Einige Zeit später führten Soldaten der Stadtwache die Verbrecher
ab. Der Kapitän erhielt wie versprochen deren Schiff. Sie begleiteten ihn
zurück zum Hafen, holten Zpixs, den sie dort zurückgelassen hatten, und
ihre Sachen vom Segler und verabschiedeten sich vom Schiffsführer und
seiner Mannschaft. Dann gingen sie in die Stadt und betraten das Gasthaus
zur Gespaltenen Tanne. Myra, die Wirtin, machte große Augen und ließ
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beinahe die sechs Bierkrüge fallen, die sie auf einmal trug. Sie stellte sie
auf dem nächstbesten Tisch ab und schrie:
„Bolder, Bolder, komm her! Du glaubst es nicht. Cora und Boc sind zurück.“
Sie bekamen erst einmal ein ordentliches Essen und einen Humpen Bier.
Während sie es sich schmecken ließen, setzten sich Bolder und Myra zu
ihnen an den Tisch und warfen neugierige Blicke auf den schwarz gekleideten Mönch mit den Furcht einflößenden Tätowierungen im Gesicht und
noch mehr auf das schweigsame und in Verbände gehüllte Kind. Seine
Haut war an den Fingern und um die brauenlosen, seltsamen Augen herum,
die einzigen bloßen Stellen, braun und ledrig. Myra hatte Mitleid mit ihm.
Es musste unter einer furchtbaren Krankheit leiden, aber ansteckend war
sie offenbar nicht, sonst hätte die kundige Heilerin Cora seinen Kontakt mit
anderen Menschen verhindert. Als sie es vor Neugier kaum noch aushielt
und gerade den Mund zu einer Frage öffnen wollte, kam ihr Boc zuvor.
„Wo ist denn eigentlich euer Sohn Fitz?“
Ein Schatten huschte über Bolders Gesicht.
„Sie haben ihn rekrutiert. Ich weiß nicht, wo er ist. Wahrscheinlich im
Norden des Landes, wo die Schwarze Armee eingefallen ist.“
„Die Schwarze Armee ist in Koridrea?“
„König Gadennyn hat ihr seine ganzen Truppen entgegen gesandt. Wir
wissen nicht einmal, ob die Schlacht schon stattgefunden hat und ob Fitz
noch am Leben ist.“
Spin legte seine Hand auf den Arm des Wirts und drückte ihn.
„Hoffen wir, dass Trygar eine Schlacht vermeiden kann. Er wird alles
daran setzen, es unblutig zu beenden.“
„Trygar? Wer ist das?“, fragte Myra, deren Augen beim Gedanken an
das ungewisse Schicksal ihres Sohnes feucht schimmerten.
„Erinnert ihr euch nicht mehr an ihn? Der Junge, den ihr während des
Gauklerfests aufgenommen habt.“
„Ach ja, ein lieber Junge. Kaum älter als Fitz. Aber was hat er denn mit
dem Krieg zu tun?“
Cora antwortete, bevor sie ihre Begleiter daran hindern konnten:
„Er ist einer der Anführer der Streitmacht aus dem Norden.“
„Was?“
Bolder war sprachlos. Myra schaute sie verständnislos an.
„Aber der Führer der Schwarzen Armee soll doch ein böser Magier sein,
in dessen Körper der schreckliche Semanius wieder zum Leben erwacht
ist.“
Spin wiegelte rasch ab.
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„Nun, die Zusammenhänge sind ziemlich kompliziert. Wir erzählen sie
euch ein anderes Mal. Jetzt müsst ihr bitte uns ein paar Fragen beantworten. Zuerst: Wo ist die Schwarze Armee jetzt?“
„Man sagt, sie belagere Inay. Aber den König werden sie nicht kriegen.“
„Ihr glaubt also, Inay wird nicht fallen?“
„Vom Kriegshandwerk verstehe ich nichts“, antwortete Bolder. „Ob sie
die Stadtmauern schleifen oder nicht, ist jedoch gleichgültig, denn König
Gadennyn ist auf dem Weg hierher, und mit ihm kommt der Krieg nach
Shoala.“
„Woher wisst ihr das?“
„Die Spatzen pfeifen es von den Dächern. Gadennyns Burg in der Nähe
eures Dorfes Brenton wird befestigt und bemannt. Die Stadtwache selbst
bereitet sich auf die Verteidigung von Shoal vor. Man spricht davon, dass
der König vielleicht schon morgen eintreffen wird.“
Cora spürte, wie jemand unterhalb der Tischkante an ihrem Kleid zupfte.
Es war Zpixs. Er schien alarmiert. Sie wandte sich an die Wirtsleute.
„Wir müssen unbedingt nach Brenton. Ich habe meinen Vater lange nicht
mehr gesehen, und Boc vermisst seine Söhne. Wenn es tatsächlich zum
Krieg kommt, müssen wir unsere Verwandten und Freunde in Sicherheit
bringen. Habt Dank für das leckere Mahl, aber wir sollten nun aufbrechen.“
Myra war enttäuscht, dass das Paar aus Brenton und ihre Freunde sie
schon wieder verlassen mussten. Sie hätte gerne mehr über ihre abenteuerliche Reise und ihre Gefährten gehört, aber sie sah ein, dass das kein günstiger Zeitpunkt zum Erzählen langer Geschichten war. Sie verabschiedete
sich mit innigen Umarmungen von Cora und Boc und schüttelte auch Spin,
den sie weniger gut kannte, die Hand. Das scheue Kind aber und den seltsamen Betbruder, der diesen merkwürdigen Stab auf dem Rücken trug,
rührte sie nicht an, sondern nickte ihnen nur freundlich zu.
„Kommt bald wieder“, rief ihnen Bolder nach, als sie hinausgingen.
Bei einem Pferdehändler, drei Gassen weiter, kauften sie vier kräftige
und robuste Tiere samt Zaumzeug und Sattel, und noch vor Sonnenuntergang befanden sie sich auf dem Weg nach Brenton. Da endlich machte der
Xinghi, der vor Cora auf dem Rücken ihres Pferdes saß, den Mund auf.
„Ich muss unbedingt vor dem König in der Burg sein!“
„Aber wir müssen uns doch mit Trygar, Duna und den Schwarzen
Kämpfern treffen“, wandte Gormen ein.
„Das hat Zeit. Zuerst muss ich den geheimen Eingang finden.“
„Welchen Eingang?“
„Den zur Felsenhalle in dem Berg hinter Gadennyns Burgfried.“
Gormen machte ein verdutztes Gesicht, dann dämmerte es ihm, und auch
den anderen wurde klar, was Zpixs im Sinn hatte.
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„Du meinst das Loch, durch das damals diese Kreatur aus der Unterwelt
gekommen ist?“, vermutete Cora. „Aber es wurde doch verschlossen.“
Spin zügelte plötzlich sein Pferd. „Mir geht ein Licht auf! Zpixs, du bist
ein ganz Schlauer. Erinnert ihr euch denn nicht, wie Winger uns von dem
natürlichen Höhlensystem erzählt hat?“, fragte er Cora und Boc. „Er hat es
erforscht, so gut es ging, denn er sollte ja im Auftrag Gadennyns darin eine
neue Festung bauen. Es gibt dort unzählige Kammern und Gänge, schmale
Risse, durch die nur Ratten kommen, aber auch weit verzweigte Tunnel
und Schächte. Die Bestie ist von außen gekommen. Es muss also wirklich
einen geheimen Eingang zur Felsenkammer geben. Und natürlich wurde
nur jenes große Loch zugemauert, durch das die Kreatur in Gadennyns
Halle eingedrungen ist. Es soll noch zahllose andere Löcher dort geben, die
wer weiß wohin führen.“
Der Schmied war skeptisch.
„Aber wie willst du denn diesen geheimen Eingang von außen finden,
Zpixs. Er könnte irgendwo in den Bergen hinter dem Tal, unter einem
Busch oder in einer unerreichbaren Schlucht verborgen sein.“
„Nicht von außen, Boc, sondern von innen“, erklärte der Xinghi. „Jemand muss mich hineinbringen. Ich bin klein und behände und kann gut
klettern. Ich kann Stellen erreichen, wohin kein Mensch gelangen kann. Ich
werde den Eingang finden.“
„Aber das kann ewig dauern. Soviel Zeit haben wir nicht. Ich glaube…“
Da schlug er sich die Hand vor die Stirn.
„Ich Narr! Natürlich, du hast ja alle Zeit der Welt, denn du kannst sie
anhalten!“
Spin sagte:
„Ich sehe ein anderes Problem. Wie sollen wir Zpixs hineinbringen? Die
Burgwachen kennen Cora, Boc und mich. Gadennyn wird ihnen natürlich
gesagt haben, dass sie uns als Feinde und Verräter zu betrachten haben.
Gormen ist ein Fremder. Sie würden misstrauisch sein und ihn, so kurz vor
der Ankunft des Königs, nicht hineinlassen.“
„Ich kenne jemanden, der uns helfen wird“, überraschte Cora die anderen.
Sie trafen in der Nacht heimlich und im Verborgenen bei Brenton ein, denn
alles, was sie jetzt nicht gebrauchen konnten, war ein rauschendes Freudenfest, von dem innerhalb weniger Stunden die ganze Umgebung, einschließlich der Besatzung der Burg, erfahren würde. Während die anderen außerhalb des Dorfes warteten, huschte Cora zu Fuß zwischen die Häuser und
verschwand in einem davon. Drinnen hörte man einen unterdrückten Freudenschrei, dann war es wieder still. Eine Stunde später war sie wieder bei
ihren Gefährten.
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„Es ist alles geregelt. Morgen in aller Frühe bricht er mit seinem Wagen
auf. Hier, seht her. Er hat mir frisches Brot, Käse und Dauerwurst mitgegeben.“
„Hast du ihn gefragt, wie es meinen Söhnen geht?“, erkundigte sich ein
trauriger Boc, der die beiden zu gerne selbst in die Arme geschlossen hätte,
aber er sah ein, dass sie jetzt jedes Aufsehen vermeiden mussten.
„Sie sind wohlauf. Keiner von ihnen wurde zum Militärdienst eingezogen, denn Schmiede werden zu diesen Zeiten gebraucht. Seit Monaten
fertigen sie nur noch Schwerter, Pfeilspitzen und Dolche an.“
Spin sagte: „Kommt, lasst uns einen Lagerplatz suchen und uns ausruhen. Morgen ist ein wichtiger Tag.“
Ben, der Kürschner, lenkte seinen Eselskarren auf den Wall zu, der das Tal
zur Burg hin verschloss. Hinter ihm, auf der Ladeplattform, lagerte ein
Stapel Felldecken, und darunter hatte sich der seltsame Kleine versteckt,
den er auf Wunsch seiner Tochter in die Burg schaffen sollte. Sein Herz
schlug immer noch wild, wenn er an sie dachte. Gestern Nacht hätte es
beinahe für immer stillgestanden, nach dem Schrecken, den ihm Cora mit
ihrem plötzlichen Auftauchen eingejagt hatte. Aber zum Glück war der alte
Muskelbeutel wieder auf Trab gekommen.
Was war das für eine Freude gewesen, als sie plötzlich in der Tür stand!
Schade, dass sie ihn so bald wieder verlassen hatte. Sie hatte ihm nur wenig
sagen können, bloß soviel, dass sie ihm bald mehr erzählen würde, als ihm
lieb wäre. Ihr Bericht würde Tage dauern, hatte sie scherzhaft gedroht, und
von großen Heldentaten seiner Tochter und ihrer Freunde handeln. Aber
jetzt müsse sie ihn um einen wichtigen Gefallen bitten, eine Tat, die auch
ihm einen Platz in der Geschichte verschaffen und sie zu einem guten Ende
bringen würde. Dann hatte sie ihm den Plan erzählt. Als sie schon in der
Tür stand, um ihn wieder zu verlassen (nur für kurze Zeit, wie sie ihm versicherte) fiel ihr noch beiläufig ein, ihn wissen zu lassen, dass sie Boc geheiratet hatte und beabsichtige, mit ihm viele Kinder zu haben.
Die barsche Stimme der Torwache riss ihn aus seinen Gedanken.
„Was willst du, Alter?“
„Was ich will?“, schnappte er in seinem grantigsten Ton zurück. „Wonach sieht es denn aus? Meinst du, ich fahre mit meinem mit Waren randvoll beladenen Karren spazieren, um meinen Esel zu ertüchtigen? Oder
komme ich, mit dir ein Schwätzchen über deinen außergewöhnlichen
Scharfsinn zu halten? Was ich will, fragt er! Hinein natürlich! Ich habe eine
lange bestellte Lieferung für Harold, den Magier.“
„Dann kannst du dich wieder trollen, der ist nicht da.“
„Aber er kommt bald im Gefolge des Königs, oder weißt du selbst das
nicht, mein armer Junge?“
200
Der Mann wurde rot.
„Natürlich erwarten wir den König. Er muss heute oder morgen eintreffen.“
„Und Harold wird dann nicht sehr erbaut sein, dass seine Felle nicht da
sind, denn er leidet unter Arthritis und will damit die Ritzen in den Wänden
seines zugigen Wohnturms bedecken. Wenn er erfährt, dass du mich abgewiesen hast, wird er dich in ein Grautier verwandeln, dann kannst du mit
den Ohren wackeln und meinem Esel im Stall Gesellschaft leisten.“
Das Gesicht des Soldaten war nun bis zu den Ohren hochrot. Er hatte der
spitzen Zunge Bens nichts entgegenzusetzen. Der Alte trat mit soviel
Selbstvertrauen auf, dass er nicht auf den Gedanken kam, es könne sich um
eine List handeln. Verlegen und schweigend öffnete er das Tor. Seine Kameraden grinsten unverschämt.
Hinter einem Schuppen in der Nähe von Harolds Wohnturm hielt Ben
den Karren an und blickte sich vorsichtig um. Er hörte entferntes Gelächter
und das Wiehern eines Pferdes, aber weit und breit war niemand zu sehen.
„Du kannst herauskommen“, flüsterte er. Nichts rührte sich. Dann fiel
ihm ein, dass der seltsame Fremde (ganz offensichtlich kein Mensch, wie er
wohl erkannt hatte), ihn unter dem Stapel von Fellen wahrscheinlich nicht
hören konnte. Also blickte er sich noch einmal prüfend um, stieg vom
Kutschbock auf die Ladefläche und hob ein paar Lagen der Tierhäute an.
Zu seiner großen Verwunderung war das kleine Wesen aber schon verschwunden. Es musste vom fahrenden Wagen abgesprungen sein und sich
irgendwo versteckt haben. Auch gut. Damit war sein Auftrag fast erledigt.
Jetzt brauchte er nur die Felle bei Harolds Faktotum Roger abzuliefern.
Wenn der Magier wirklich mit dem König zurückkäme, würde er sich über
die unerbetene Lieferung zwar wundern und sie nicht bezahlen, aber wahrscheinlich keinen großen Aufstand deswegen machen.
Zpixs war schon vom Wagen gehüpft, nachdem der das Tor passiert hatte.
Nun lief er seelenruhig zwischen den Häusern der Burg umher. Er kannte
sich aus, denn er war als heimlicher Beobachter schon oft hier gewesen. Er
warf einen Blick zurück. Bens Karren war ein Stück hinter ihm. Die Zügel
seines Esels schwebten wellenförmig in der Luft, denn der Kürschner
schnalzte gerade damit, um das Zugtier zu einer schnelleren Gangart anzutreiben. Der Xinghi ging weiter. Niemand konnte ihn wahrnehmen, denn
die Zeit stand fast still. Hätte er die in der Luft stehende Fliege, die gerade
zum Landeanflug auf die Nase eines Pferdeknechtes ansetzte, eine Weile
genauer beobachtet, so hätte er vielleicht festgestellt, dass ihre Flügel, deren rasendes Schwirren man sonst nicht wahrnehmen konnte, sich fast unmerklich bewegten, als säße sie in Sirup fest. Er passierte zwei Frauen,
deren Körper in heftigem Streit erstarrt waren. Die eine hatte ein zornesro-
201
tes Gesicht, einen weit aufgerissenen Mund, aus dem ein Speicheltropfen
geflogen kam, der nun dem Gesetz der Schwerkraft trotzte und eine Handbreit vor dem Mund verharrte. Die andere Frau war bleich, ihre Lippen
bildeten einen schmalen Strich, und ihre Augen blitzten wütend. Zpixs
fragte sich nur einen Augenblick lang, worum es bei der heftigen Auseinandersetzung ging, dann huschte er zwischen ihnen hindurch und auch an
dem gerüsteten Reiter vorbei, dessen Ross gerade einen Apfel hatte fallen
lassen, der als brauner Klumpen in der Luft schwebte. Er erreichte den
Eingang des Burgfrieds. Die Tür war zwar geschlossen, aber trotz seiner
geringen Größe hatte er kein Problem sie zu öffnen. Rasch stieg er die
Treppen bis ins oberste Stockwerk hinauf. Hier waren Pagen und Mägde
emsig beschäftigt, die Gemächer des Königs auf dessen Ankunft vorzubereiten. Eine pausbäckige junge Frau schüttelte die Betten auf und stand da
mit fliegendem Daunenkissen in eine Staubwolke gehüllt. Zum Glück war
die Tür zur Brücke offen. Er brauchte also den Schlüssel nicht zu suchen.
Er überquerte den schmalen, geländerlosen Übergang und betrat die Felsenhalle. Auch hier waren Bedienstete, die alles für die Heimkehr ihres
Herrn vorbereiteten. Neue Fackeln wurden in die Halterungen gesteckt, die
Öllampen frisch befüllt, Gadennyns Polsterstuhl abgestaubt und die große
Tafel gewischt. Der Xinghi ging in den Hintergrund der Halle. Er hatte eine
kleine Fackel bei sich. Als er sich der letzten Öllampe näherte, bevor die
Höhle ins Dunkle überging, begann sich deren Flamme langsam zu bewegen, zunächst wie schmelzendes Wachs, dann wie fließendes Öl, schließlich flackerte sie ganz normal. Er nahm die Glasröhre ab, die sie gegen
Zugluft schützte und hielt die pechgetränkte Spitze des Holzscheits hinein.
Zpixs hatte die unsichtbare Zone um ihn herum, in der seine eigene Zeit
herrschte, ein wenig ausgedehnt, denn sonst hätte er die Fackel nicht an
einer erstarrten und damit steinharten Flamme entzünden können.
Er fand die Stelle, die ihm Trygar beschrieben hatte: eine recht große
Felsspalte, die mit Geröll verschlossen worden war. Hier war das Untier
also eingedrungen. Nur wenige Schritte entfernt war ein anderes Loch in
der Höhlenwand, viel zu klein für einen Menschen, aber gerade groß genug
für den Xinghi. Er schlüpfte hinein. Dahinter fand er eine zerklüftete
Kammer, die in einen Gang überging. Er passierte die verstopfte Spalte von
der anderen Seite und folgte dem Stollen. Eine Weile verlief dieser waagerecht und begann dann anzusteigen. Die Wände waren aus demselben hellen Kalkstein wie die der Felsenhalle. Dann stieß er auf einen Abzweig, der
nach unten führte, während der Hauptgang weiter ansteigend verlief. Der
Xinghi nahm den dunklen Wachsstift, den ihm Coras Vater mitgegeben
hatte und zeichnete einen Pfeil an die Wand, der in die Richtung zeigte, aus
der er gekommen war, dann folgte er der Abzweigung nach unten. Nach
nur wenigen Schritten kehrte er wieder um, denn der Gang wurde so eng,
202
dass die große Bestie niemals hindurchgepasst hätte. Also stieg er den Stollen weiter hinauf. Dieser endete an der Innenwand einer weiteren Höhle,
viel größer als die Felsenhalle, auf einem schmalen Sims. Zpixs hielt die
Fackel in den Durchbruch und leuchtete hinein, aber der Lichtschein verlor
sich in dem großen Hohlraum. Er betrat den Sims. Die Felswand ging nur
zwei Schritt entfernt in einen tiefen Abgrund über. Unter sich hörte er Wasser rauschen. Hier konnte die Kreatur niemals herauf gekommen sein. Also
rechts oder links, den Sims entlang. Wieder machte er ein Zeichen an der
Wand und entschied sich dann für eine Richtung. Doch bald musste er sich
eng an die Höhlenwand pressen, um nicht in die schwarze Tiefe hinabzustürzen. War der schmale Überhang noch breit genug für eine Kreatur der
von Trygar geschilderten Größe? Der Xinghi konnte es sich nicht vorstellen, also kehrte er um und folgte dem Sims in die andere Richtung.
So ging es Stunde um Stunde nach seiner Zeit weiter. Er folgte immer
noch dem vermutlichen Weg des Dämonenwesens, wobei er dessen Größe,
Sprungkraft und Kletterfähigkeit schätzte und in seine Vermutungen einbezog. Nach zahlreichen Sackgassen hatten ihn die übrig gebliebenen Möglichkeiten immer höher hinauf geführt. Er begann, müde zu werden. Draußen war die Fliege inzwischen wohl auf der Nase des Pferdeknechts gelandet, und Bens Zügel mochten auf das Hinterteil des Esels geklatscht sein.
Der Speichel der streitenden Frau war eine Handbreit weiter geflogen und
der Pferdeapfel hatte vermutlich den Boden erreicht. Zpixs’ Fackel war fast
abgebrannt und sein Wachsstift, nach hundertmaligem Anspitzen mit Hilfe
seines Messers nur noch ein kurzer Stummel. Dann sah er endlich einen
schwachen Lichtschein am Ende des Ganges, dem er gerade folgte: Tageslicht. Da entließ er die Zeit in ihren normalen Fluss.
Nicht viel später stand er auf einer felsigen, windumtosten Höhe und
schaute hinab auf ein vom ersten Frühlingsgrün verschönertes Tal. Ein
gewundener, steiniger Pfad führte den Berg hinunter. Die Senke erwies
sich als Seitental des anderen Tals, an dessen Ende die Burg lag. Zpixs
durchquerte einen Wald, und als er durch die Büsche am Waldesrand spähte, sah er die Straße vor sich, auf der sich ein Eselskarren näherte. Als Ben
an ihm vorbeifuhr, trat er hervor und sprang auf dessen Fuhrwerk.
Der alte Kürschner rieb sich staunend die Augen.
„Was, bist du etwa hier schon vom Wagen gefallen? Dann war ja alles
umsonst! Jetzt finde ich keinen Vorwand mehr, um noch einmal in die
Burg zu gelangen. Und außerdem habe ich nichts mehr, um dich darunter
zu verstecken. Da wird Cora aber wütend sein!“
„Keine Angst, Ben. Du hast mich sicher in die Burg gebracht, und ich
habe den geheimen Eingang zur Felsenhalle gefunden.“
„Aber wie ist das möglich? Es ist doch kaum eine Stunde her, dass man
uns die Tore geöffnet hat.“
203
Der Xinghi verzog das Gesicht zu einer Grimasse und versuchte, ein
menschliches Lächeln nachzuahmen, was ihm aber gründlich misslang,
sodass Ben nervös dachte, er habe den seltsamen Fremden verärgert. Aber
die Worte des kleinen Wesens beruhigten ihn sogleich wieder:
„Wir brauchen ja noch zwei bis drei Stunden, bis wir wieder in Brenton
sind. Zeit genug, dir alles zu erzählen. Ich bin sicher, du ‚platzt vor Neugier’, wie ihr Menschen zu sagen pflegt.“
Die Schwarzen Reiter waren bereit zum Aufbruch nach Shoal. Winger und
Dremion waren sehr enttäuscht, als Methor ihnen befahl, im Feldlager zu
bleiben. Sie könnten bei dem Plan der Magier nicht helfen, sagte er, und
würden vielleicht zu einer Belastung werden. Sie akzeptierten die Erklärung des Generals nur widerwillig. Auch Harold blieb bei der Schwarzen
Armee zurück. Kurz vor seinem Aufbruch verabschiedete sich Trygar von
ihm. Sie standen einander in seinem Schlafzelt gegenüber.
„Es wird ein harter, schneller Ritt werden, zu anstrengend für dich, mein
lieber, alter Freund. Wir können dich nicht mitnehmen.“
„Aber ich habe das Geheimnis der Kampfstäbe noch nicht herausgefunden. Wartet doch noch ein oder zwei Tage. Ich stehe unmittelbar vor der
Lösung.“
„Wir können nicht länger warten. Ehrlich gesagt, glaube ich auch nicht,
dass du es lüften kannst, Harold. Du bist ein weiser und gelehrsamer Mann,
aber Nunoc Baryth hat die Stäbe ersonnen, jemand, der vielmehr von Magie versteht, als jeder andere, du und ich eingeschlossen. Er war der einzige
Magier, den Semanius fürchtete. Doch sein Schüler Gormen Helath könnte
das Geheimnis kennen, und ich hoffe, ihn bald mit Zpixs, Cora, Boc und
Spin zu treffen.“
Harold nahm seinen Schüler in die Arme und drückte ihn an sich, da
spürte er, wie der Junge zitterte.
„Was ist mit dir, Trygar?“
„Nichts. Ich muss jetzt gehen. Leb wohl.“
„Leb wohl? Ich dachte, wir sagen uns auf Wiedersehen?“
Trygar blieb stumm. Er legte die Hände auf Harolds magere Brust und
drückte ihn weg. Der Alte musterte das Gesicht des jüngeren Mannes aufmerksam. Es war blass, die Haut wirkte fast durchscheinend. Die Augen
glänzten wie im Fieber. Etwas stimmte ganz und gar nicht.
„Bitte Trygar, sage es mir!“
Da sackte der junge Magier zusammen, sank auf das Feldbett. Seine
Haut wurde aschfahl. Er zitterte am ganzen Körper und schien kurz davor,
die Besinnung zu verlieren. Die Augenblicke verrannen. Dann endlich sah
er auf, und es sprudelte aus ihm heraus:
204
„Harold, ich habe solch entsetzliche Angst“, stammelte er. „Noch nie in
meinem Leben habe ich solche Furcht verspürt, nicht einmal während des
kurzen Moments, als ich in der Leere war. Ich habe die Ahnung, dass viel
Schlimmeres auf uns zukommt, als ihr euch in euren schlimmsten Träumen
ausmalen könnt. Was immer uns in Gadennyns Burg erwartet, ist viel
mächtiger als wir. Wir werden niemals gegen es bestehen können. Die
dunkelste Zeit der Geschichte zieht herauf, vielleicht das Ende der
Menschheit. Ich fühle mich entsetzlich klein, schwach und hilflos angesichts der Macht, die in jenem kurzen Augenblick in der Leere aufflackerte.
Ich träume von ihr, und sie wird immer größer und schrecklicher, aber
nicht nur in meinem Traum, Harold. Während meines Kampfers mit Orec
war ich kaum in der Lage zu verstehen, was ich dort sah, oder besser: fühlte. Nach und nach wird es mir klar: Das war kein menschliches Wesen, das
da lauerte, Vielleicht war das der Herr der Unterwelt, Wathan-Kha, selbst.“
Harold war erschüttert. Trygar war vielleicht nicht besonders mutig, kein
strahlender Held, aber sonst ein selbstsicherer Mann, sich seines großen
Talents durchaus bewusst. Wenn er nicht an sich glaubte, wenn er so verzagte, dann war das Unternehmen tatsächlich zum Scheitern verurteilt. Er
musste den Jungen wieder aufrichten.
„Hast du denn alles vergessen, was du bei mir und deinen anderen Lehrern in der Burg gelernt hast? Wathan-Kha ist nicht das Böse, er ist die
dunkle, die andere Seite Gottes, stets im Gleichgewicht mit Wathan-Bejhi.
Die Unterwelt ist vielleicht sein Reich, aber er ist nicht der Fürst der Dämonen, nicht der Feind der Menschen. Was immer du gesehen hast, war
nicht er. Vielleicht ist es Semanius gelungen, dich zu blenden. Wie man
hört, war er in seinem ersten Leben ein großer Illusionist und ist es vielleicht immer noch. Er hat die Angst in dein Herz gepflanzt, um dich
schwach zu machen. Du musst ihr widerstehen, Trygar! Ihr drei, Zpixs,
Duna und du, könnt ihn besiegen. Der Plan ist gut. Ihr müsst nur noch einen Weg finden zu verhindern, dass er euch von der magischen Macht
abschneidet. Mit Gormens Hilfe wird euch das gelingen, davon bin ich –
sind wir alle – überzeugt.“
Trygar stand auf, seine Gesichtsfarbe sah nicht mehr so ungesund aus,
wie noch vor einem Augenblick. Er atmete tief durch.
„Die Angst werde ich nicht überwinden können, Harold. Es ist das tiefste
und stärkste Gefühl, dass ich erlebt habe, stärker als die Träume, die ich
mit meinem Vater teilte, stärker als die Wut, die ich empfand, als ich den
Tyrannen Amaran tötete, ja, stärker noch als meine Liebe zu Duna. Ich
weiß, was ich gesehen habe. Aber ich werde nicht wie ein Schaf vor dem
Wolf erstarren. Wenn es nur die geringste Chance gibt, den Feind zu besiegen, werde ich sie wahrnehmen. Das verspreche ich. Und nun, leb wohl…
ich meine: auf Wiedersehen, so Wathan will.“
205
Lord Rhome trat unsicher auf seine Tochter zu, die neben ihrem Pferd
stand und gerade aufsitzen wollte.
„Duna, ich…“
Die junge Frau sah ihn kalt an, aber in Wahrheit war sie aufgewühlt und
fühlte sich zerrissen.
„Was willst du, Vater?“
„Nun, ich…ach Duna! Kaum habe ich dich gefunden, verlässt du mich
schon wieder. Es tut mir Leid, dass ich nicht mit euch zu Gadennyns Burg
reiten kann, aber du weißt ja warum. Ich kann euch dort nicht helfen. Ich
muss hier meine Pflicht erfüllen. Das Land darf nach Gadennyns Sturz
nicht in ein Machtvakuum fallen, ein geordneter Übergang muss vorbereitet werden, denn sonst stehen wir bald vor einem Bürgerkrieg. Wenn die
Truppen unter der Führung General Winstens nach Koridrea zurückkehren,
muss schon ein neuer, rechtmäßig gewählter König auf dem Thron sitzen,
der den Soldaten dann befiehlt, die Waffen niederzulegen und nach Hause
zu ihren Frauen und Kindern zurückzukehren.“
„Ich bin sicher, Vater, du wirst einen bedeutenden Beitrag zur Gewinnung des Friedens leisten.“
„Warum bist du so abweisend? Ach, was für eine dumme Frage. Ich
kann mir die Antwort darauf ja selbst geben: Du hasst mich, wie alle meine
Kinder!“ Die sonst dröhnende Löwenstimme des großen Mannes klang
jetzt weinerlich und leise.
Duna schluckte.
„Ich hasse dich nicht, Vater. Ich bin nur sehr enttäuscht von dir. Du
warst ein Zuchtstier, der seine Kühe besamte, aber nicht der Vater, den sich
ein Kind wünscht. Ich habe dich oft gebraucht, und du warst nicht da. Ich
wollte dir soviel erzählen, aber du hast nicht zugehört. Meine zahlreichen
Halbbrüder und Halbschwestern würden dir wahrscheinlich dasselbe sagen.“
Lord Rhome senkte die Augen, seine Lippen zuckten.
„Ich weiß, Duna. Und ich versuche, es wieder gutzumachen. Bitte verzeih mir.“
„Das kann ich nicht, noch nicht. Denn im Augenblick fehlt mir der Sinn
dafür. Trygar und ich müssen bald Semanius gegenübertreten, dem mächtigsten Magier aller Zeiten. Unsere Aussichten, gegen ihn zu bestehen, sind
gering. Ich muss all meine Gedanken darauf richten, all meine Aufmerksamkeit unserem Plan widmen. Nichts darf schief gehen, sonst überleben
wir diese Begegnung nicht. Ich kann jetzt keine Zeit darauf verschwenden,
unsere Beziehung zu überdenken.“
„Und wenn du…“. Er zögerte.
206
„Und wenn ich dabei umkäme, meinst du? Dann stürbe ich, ohne meinen
Frieden mit dir gemacht zu haben. Und darunter würdest du leiden, nicht
wahr? Du denkst schon wieder nur an dich, Vater!“
Sie setzte den Fuß in den Steigbügel und schwang sich in den Sattel.
Dann gab sie ihrer Stute die Hacken und galoppierte davon, Trygar und den
Schwarzen Reitern nach, die schon ein Stück voraus waren.
Sie hatten sich oben auf dem Höhenkamm, der die beiden Täler voneinander trennte, in denen Gadennyns Burg und das Dörfchen Brenton lagen,
hinter ein paar Felsen verborgen, nur wenige Schritte neben dem Fußpfad,
der hinunter in den Ort führte. Sie beobachteten die Straße zur Burg. Gerade waren vier bewaffnete und gerüstete Reiter aus dem Wald gekommen.
Die Männer hatten die Speere eingelegt und ließen ihre Blicke aufmerksam
umherschweifen. Einer ritt zu einem Busch nahe der Straße und stieß seine
Lanze hinein.
„Was machen die da?“, fragte Cora leise.
„Das ist die Vorhut des Königs. Sie stellen sicher, dass er nicht in einen
Hinterhalt gerät“, erklärte Spin.
„Dann fürchtet er also um sein Leben?“
„Er ist nur vorsichtig. Jeder Herrscher muss das sein, denn er hat immer
Feinde, die ihn um seine Macht beneiden. Es gab wohl keinen König, dem
nicht nach dem Leben getrachtet wurde.“
„Da kommen sie.“
Eine Reiterschar von etwa fünfzig Bewaffneten in Stahlharnischen und
Kettenhemden kam auf der Straße aus dem Wald. Unter den Helmen mit
heruntergeklappten Visieren konnte man ihre Gesichter nicht sehen.
„Schlau“, meinte Boc. „Der Wolf verbirgt sich unter Schafen.“
„Wenn wir wüssten, wer von ihnen er ist…“ Spin seufzte. „Ein wohl gezielter Pfeil, und alles wäre vorbei.“
„Dazu müsstest du erst einmal nahe genug herankommen. Seine Vorhut
hat ja alle Verstecke in Schussweite abgesucht.“
„Ob wohl auch eine Frau unter ihnen ist?“, fragte Gormen.
„Eine Frau?“ Cora schaute den Schwarzen Mönch erstaunt an. „Wer
sollte das denn sein?“
„Nun, seine Gemahlin, die Königin, denke ich. Oder ist sie in Inay zurück geblieben?“
„Gadennyn hat keine Gemahlin.“
„Ein König ohne Königin? Davon habe ich noch nie gehört. Ist es nicht
die Pflicht eines Herrschers, einen Erben zu zeugen, der ihm auf den Thron
nachfolgt?“
Spin schüttelte verwundert den Kopf. Daran hatte er noch nicht gedacht.
207
„Du hast Recht. So ist es in Koridrea schon seit Beginn der Monarchie
Sitte. Aber Gadennyn hat nie geheiratet, obwohl er schon auf die vierzig
zugeht. Sicher, das ist noch kein Alter für einen Mann, aber…“
„Gadennyn wird sich keine Frau nehmen, da bin ich mir sicher“, meinte
Cora. „Er hat noch nie Interesse an Frauen gezeigt. Ich bin ja nur ein paar
Meilen von der Burg entfernt aufgewachsen und habe so einiges gehört. Er
hat noch nicht einmal Mätressen gehabt, sagt man. Einige munkeln, er habe
eine Neigung zu Männern.“
„Aber an wen will er dann sein Reich vererben?“
„Vielleicht an niemanden“, sinnte Boc. „Vermutlich glaubt er, dass er
dank Semanius, mit dem er seinen Körper teilt, ewig leben wird.“
Boc würde es nie erfahren, aber er hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Der König glaubte zwar nicht, dass er unsterblich war, aber sein zweites Ich hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass er sehr alt werden würde,
älter als jeder Mensch vor ihm. Wenn er nicht einem Unfall oder Attentat
zum Opfer fiele, so hatte der Fremde in ihm gesagt, würde er tausend Jahre
oder länger über das erneuerte Alte Königreich und alle Länder des bis
dahin eroberten Kontinents herrschen. Und deshalb war Gadennyn so vorsichtig. Er hatte noch nichts erreicht, stand erst ganz am Anfang seiner
Mission. Vor ihm lagen große, ruhmreiche Aufgaben. Er hatte keine Angst
vor dem Tod, aber bevor er sein Ziel nicht erreichte und als größter Herrscher der Geschichte unsterblich würde, sollte der Schnitter keine Chance
bekommen.
„Sobald er in der Burg ist, wird es nicht mehr so einfach werden, hineinzukommen wie gestern, dank der Hilfe deines Vaters.“ Die anderen stimmten Zpixs zu.
„Dann werden wir eben mit dir durch die Höhle gehen“, schlug Gormen
vor.
„Das ist keine kluge Idee. Ihr könnt euch – vielleicht mit Ausnahme von
Spin – nicht so leise bewegen wie ich. Das Geräusch eines losgetretenen
Steines, der in den Abgrund fällt und auf einen Felsen aufschlägt, hallt
meilenweit durch die Gänge und Kammern. In der Felsenhalle würde man
es hören und auf uns aufmerksam werden. Nein, ich gehe allein. Aber vorher müssen wir Trygar treffen. Die Einzelheiten des Plans müssen bis ins
Kleinste abgeglichen werden, damit er gelingen kann.“
„Aber wo finden wir ihn, Duna und die anderen?“, fragte sich Cora.
„Das dürfte nicht allzu schwer sein“, erklärte Spin. „Die Schwarze Armee ist schon im Lande, und vermutlich wissen sie inzwischen, dass Gadennyn zu seiner Burg unterwegs ist und werden ihm so schnell es geht
folgen. Wir fangen sie an der Straße zwischen Inay und Shoal ab. Kommt
jetzt. Wir müssen uns beeilen. Vielleicht sind sie sie dem König schon
dicht auf den Fersen.“
208
Mehr als ein halbes Jahr nach ihrer Trennung trafen sich die Gefährten und
Verbündeten wieder, wie es der Zufall wollte, gerade an dem Ort, wo für
Trygar alles begonnen hatte: dem zur Talsenke erweiterten Hohlweg, wo
Hauptmann Gother und sein Verfolger, ein Kämpfer des Schwarzen Ordens, ihren Kampf auf Leben und Tod ausgetragen hatten und Trygar in
seiner Naivität Partei für den Falschen ergriffen hatte.
Die Wiedersehensfreude war groß. Sie nahmen sich in die Arme, und
Duna und Cora ließen ihren Tränen freien Lauf. Die Männer wischten sich
verstohlen die Augen, verbargen ihre Rührung hinter einem breiten Grinsen
und klopften sich gegenseitig auf Schultern und Rücken.
Die Dämmerung brach gerade an. Die Stelle war aber zu exponiert, um
hier ein Nachtlager aufzuschlagen, denn es war möglich, das noch weitere
Soldaten ihrem Herrn folgten, um die Besatzung der Burg zu verstärken,
deshalb ritten sie aus dem Hohlweg hinaus und suchten sich eine versteckte
Lichtung im Wald abseits der Straße.
Sie hatten sich viel zu erzählen. Cora und ihre Begleiter waren froh zu
hören, dass auch Winger, den sie ja schwer verletzt im Kloster des Schwarzen Ordens zurückgelassen hatten, und sein Freund Dremion wohlauf und
bei der Schwarzen Armee geblieben waren, die die Hauptstadt Inay sicherte, wo die Provinzfürsten zu einer Dringlichkeitssitzung des Hauses der
Lords einberufen werden sollten.
Nachdem sie sich gegenseitig von ihren Abenteuern berichtet hatten, war
es an der Zeit, ihr weiteres Vorgehen zu planen. Zpixs schilderte, wie er
den geheimen Weg in die Felsenhalle gefunden hatte.
„Ihr müsst durch das Tor in die Burg“, sagte er. „Es wird nicht leicht,
denn die Festung ist gut gesichert, und die Wachen wurden erheblich verstärkt. Wenn ihr es schafft, wird sich Gadennyn vermutlich in die Felsenhalle zurückziehen. Dort warte ich auf ihn, um ihm das Amulett zu entreißen.“
„Ich habe das Gefühl“, meinte Methor, „dass uns der König keine erheblichen Hindernisse in den Weg stellen wird, denn er lockt uns ja förmlich
zur Burg. Gewiss will er uns dort eine Falle stellen, und dazu muss er uns
erst einmal hineinlassen.“
„Etwas anderes bereitet mir viel größeres Kopfzerbrechen.“ Trygars
Stimme klang gepresst und voller Zweifel.
„Wir werden unsere magischen Kräfte nicht einsetzen können, auch du
nicht, Zpixs. Du wirst die Zeit nicht anhalten können, um Gadennyn das
Amulett zu entreißen.“
Und dann berichtete er von seinem Kampf gegen Orec und dem Beutel
mit dem schwarzen Pulver, den die Kreatur bei sich trug und das die Magie
um ihn herum aufgesogen hatte wie ein Schwamm.
209
„Gadennyn besitzt die Macht, uns völlig von der Magie abzuschneiden
und wird es auch tun. Es gibt vielleicht eine kleine Chance: Die Kugeln
unserer Kampfstäbe können eine geringe Menge magischer Energie speichern. Aber ich konnte sie während des Kampfes gegen diese von Semanius geschaffene Kreatur nicht einsetzen. Harold hoffte, dass wir lernen können, die Magie in unserem Körper auf ähnliche Weise anzusammeln, wie
sie in den Kugeln festgehalten wird, und hat versucht, hinter deren Geheimnis zu kommen, aber er ist gescheitert.“
„Aber du hast diesen Dämon Orec doch besiegt?“, wandte Methor ein.
„Ja. Der Stab hat mich ohne mein Zutun verteidigt. Bei jeder Berührung
mit Orec wurde aber ein Teil der in ihm gespeicherten Kraft abgesaugt. Ich
habe versucht, die gefangene Magie des Stabes zu nutzen, um meinen Gegner damit zu besiegen, aber es gelang mir nicht. Ich musste mich einer
anderen Quelle bedienen, doch darüber spreche ich nicht gern. Sie ist nun
unerreichbar für mich.“
Duna wusste, dass das nicht stimmte. Trygar war schon einmal in der
Leere gewesen, und er konnte es wieder tun. Aber ihr war klar, dass seine
Angst zu groß war, um erneut diese Quelle der Macht zu benutzen. Deshalb
schwieg sie.
„Gormen“, fuhr Trygar fort. „Vielleicht weißt du als Schüler und Vertrauter Nunoc Baryths etwas über das Geheimnis der Kampfstäbe.“
Der Schwarze Mönch nickte nachdenklich.
„Natürlich. Du willst wissen, wie du die Kraft in den Stäben in deinen
Körper leiten und benutzen kannst? Die Antwort ist ganz einfach: Berühre
nur eine der Kugeln.“
„Was? Aber wenn es so einfach ist, warum hat Harold das nicht herausgefunden?“
„Vielleicht gerade deshalb. Er hat zuerst den Staub untersucht und danach einen Kampfstab. Er hätte beides gleichzeitig tun müssen. Solange
magische Energie in Hülle und Fülle um ihn herum war, hatte das Berühren
der Kugeln keinen Effekt, denn die Kraft fließt nur von der Kugel in den
Körper, wenn dieser leer ist.“
„Aber dann hätte ich doch die Magie nutzen können müssen, als ich mit
Orec kämpfte!“
„Hast du denn eine der Kugeln selbst berührt, oder nur die Stange in den
Händen gehalten?“
Jetzt wurde Trygar klar, wie nahe er einem leichten Sieg gewesen war.
Er hätte nicht in die Leere gehen und die magische Quelle anzapfen, sondern lediglich eine der Kugeln anfassen müssen, um deren Kraft aufzunehmen. Sein Opfer war ganz umsonst gewesen. Er war zu geschockt, um
zu erkennen, was das bedeutete. Duna sagte es ihm:
210
„Trygar, wir können unseren Plan doch durchführen! Zpixs, du und ich
werden einfach eine Kugel mit uns tragen, wenn wir Gadennyn gegenübertreten!“
Felsenhalle
Gadennyn trat durch die Tür, überquerte die Brücke und folgte dem Stollen
bis in die Höhle. Endlich war er wieder zu Hause. Er betrachtete die Felsenhalle, deren weiße Kalkwände im Licht zahlreicher Öllampen leuchteten, den kleinen Teich mit seinem dampfend heißen Wasser, die blubbernde Springquelle in seiner Mitte und den Bach, der sich aus dem Wasserbecken schlängelte. Das war immer sein Lieblingsort gewesen. Dort stand
sein Polsterstuhl, nicht so prunkvoll wie der Thron im Königspalast in Inay,
aber dafür viel bequemer. Stunden hatte er allein in ihm gesessen und nur
nachgedacht, Pläne geschmiedet und sich an ihnen berauscht. Er war beides: ein Realist und ein Träumer. Wenn man große Ziele erreichen wollte,
musste man Visionen entwickeln und diese mit aller Macht und Härte in
die Tat umsetzen können. Er würde seinen Traum erfüllen, mit der Hilfe
jenes Fremden, der ihm jetzt schon mehr Macht verlieh, als sie je ein
Mensch besessen hatte, und noch unvorstellbar viel mehr schenken würde,
sobald die anderen Magier tot wären. Dieser gewaltige Strom der Macht
verrann nämlich wie Blut, das aus tausend offenen Wunden sickerte. Und
daran trugen die Blutsauger Schuld, die immer noch zahlreichen Menschen
und anderen Wesen, die Magie beherrschten. Manche von ihnen waren wie
Flöhe und Zecken, unbedeutend und klein, manche wie Blutegel, einige
wenige wie große Vampirfledermäuse. Und der größte Vampir von allen
war Trygar. Die Wunde, die er geschlagen hatte, war viel schlimmer als die
Verletzung, die der jetzt tote Nunoc Baryth verursacht hatte. Des Königs
seltsamer Freund, dessen Geist in dem Amulett gefangen war – ja, er betrachtete ihn inzwischen als den einzigen Freund, den er hatte und je haben
würde – konnte ohne die ganze Kraft der Magie nicht seine volle Macht
entfalten. Jetzt war er erst halb erwacht, gerade fähig, den König unüberwindbar zu machen, aber noch weit davon entfernt, ihm den Sieg über die
gesamte Welt zu schenken. Sein Freund litt, das spürte er. Er war wie ein in
der Wüste Verdurstender, der jeden Morgen die Tautropfen, die die nächtliche Kühle hinterlassen hatte, von den Steinen leckte. Er konnte damit
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gerade überleben, aber nicht mehr. Die Quelle in der Leere, die Trygar so
ergiebig erschien, war für seinen schrecklichen Durst nicht mehr als ein
dünnes Rinnsal. Aber wenn Gadennyn die anderen Magier fand und tötete,
einen nach dem anderen, dann würde sein Freund sich endlich satt trinken
können, und dann gäbe es niemanden mehr, der ihn aufhalten könnte.
Der König schaute zweifelnd auf die Schale, die am Ende der Tafel
stand. Sie war mit einem groben, schwarzen Pulver gefüllt. Wird es reichen? dachte er, aber die Stimme seines Freundes, die er in seinem Geist
vernahm – eher als sicheres Gefühl denn als gesprochene Worte – sagte
ihm, es komme nicht auf die Menge an. Im Umkreis von einigen hundert
Schritt würde niemand außer ihm selbst Magie wirken können. Gadennyn
war beruhigt. Er setzte sich in seinen Sessel und schloss die Augen.
Trygar, Duna und Gormen spürten es schon, als der Wall in Sichtweite
kam: Die magische Energie verdünnte sich! Als sie das Tor erreichten, war
nichts mehr davon übrig. Es war ihnen mehr als mulmig zumute, als sie die
vielen Soldaten auf der Wallkrone sahen. Dutzende von Pfeilen zielten auf
sie. Ohne Magie waren sie der Übermacht nicht gewachsen.
Methor ritt ein Stück nach vorne und rief:
„Wir sind gekommen, um mit König Gadennyn zu verhandeln.“
Seine Stimme klang sicher und selbstbewusst, auch wenn er es nicht war.
„Seine Majestät hat euch schon erwartet“, antwortete ein großer Mann,
der auf dem gemauerten Wehrgang über dem geschlossenen Tor stand und
durch eine Schießscharte blickte.
„Er heißt euch als seine Gäste willkommen, allerdings nur die Magier
unter euch. Alle anderen müssen draußen bleiben. Stellt euch also vor.“
Er hat keine Namen genannt, dachte Duna. Gadennyn wusste also vielleicht nicht, wie viele Magier sie bei sich hatten. Zweifellos erwartete er
aber sie und Trygar. Und wenn sie nun alle behaupteten, Magier zu sein?
Trygar wollte das Risiko offenbar nicht eingehen und sagte:
„Wir sind zu dritt: Duna, der Mönch Gormen Helath und ich, Trygar
Tathe. Du müsstest mich noch kennen, Herth. Schließlich haben wir manches Bier zusammen geleert.“
„Allerdings, Trygar. Unter normalen Umständen würde ich mich freuen,
dich wieder zu sehen, aber ich nehme an, der Junge, der uns mit seinen
Gauklerkunststückchen verzaubert und zum Lachen gebracht hat, ist längst
tot. Warum nennst du nicht deinen richtigen Namen, Semanius?“
Trygar schwieg. Es wäre zwecklos, Herth davon überzeugen zu wollen,
dass sein Herr, der König, sich diese Lüge ausgedacht hatte. Auch der
Wachsoldat ging nicht mehr darauf ein, sondern ließ das Tor öffnen. Trygar, Duna und Gormen ritten hinein, dann wurde es wieder geschlossen.
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Cora, Boc, Spin und die Schwarzen Kämpfer schauten entgeistert auf die
sich schließenden Torflügel. Duna, Trygar und Gormen konnten sie doch
nicht einfach hier stehen lassen, nach all den Gefahren und Strapazen, die
sie auf sich genommen hatten! Aber sie konnten offenbar.
Die drei Eingelassenen stiegen drinnen von den Pferden und wurden auf
Waffen durchsucht. Natürlich nahm man ihnen die Kampfstäbe ab, und
auch die Dolche, die in ihren Gürteln steckten.
„Was habt ihr in euren Beuteln? Öffnet sie“, befall Herth.
Es war nur Reiseproviant, ein Brot und etwas Käse in Dunas Beutel, eine
kleine Melone und einige andere Früchte trug Methor bei sich, und in Trygars Tasche waren einige mit Erde verkrustete Kartoffeln. Der Wachsoldat
warf nur einen flüchtigen Blick hinein. Dann geleitete er und ein Dutzend
seiner Leute, alle bewaffnet und mit gezogenen Schwertern, die Magier
zum Turm. Als sie die Brücke zur Felsenhalle erreicht hatten, sagte der
Anführer der Garde:
„Geht nun. Der König erwartet euch.“
„Ihr lasst uns mit ihm allein?“, fragte Gormen. „Habt ihr denn keine
Angst, wir könnten ihm etwas antun?“
Herth lächelte grimmig.
„Seine Majestät hat mir versichert, dass ihr keine Gefahr für ihn darstellt.
Und solltet ihr dennoch auf den Gedanken kommen, euch an ihm zu vergreifen, kommt ihr nicht mehr lebendig heraus. Meine Männer und ich
bleiben vor der Tür!“
Duna, Trygar und Gormen folgten dem kurzen Gang durch den Kreidefelsen, und dann weitete der Stollen sich zu der Halle des Königs. Gadennyn hatte sich verändert, seit ihn Trygar zum letzten Mal gesehen hatte. Er
war blasser und dünner geworden. Tiefe Schatten lagen um seine Augen.
Er saß am Kopfende der Tafel, die für einige Personen gedeckt war. Ein
einfaches Mahl war aufgetragen worden: kaltes, gebratenes Geflügel, Käse,
frisches Brot, ein Korb mit Früchten, Wasser und Wein. Der König lächelte
und machte eine einladende Handbewegung.
„Duna, Trygar, wie schön euch zu sehen! Es ist sehr lange her, dass wir
das letzte Mal an diesem Tisch saßen, nicht wahr, mein Junge? Und ihr
habt noch einen Gast mitgebracht, wie ich sehe, einen Schwarzen Bruder.
Dann bist du wohl der Nachfolger von Nunoc Baryth? Setzt euch doch
bitte.“
Die drei blieben vier Schritt vor dem Tisch stehen und schwiegen. Trygar hätte am liebsten alles sofort hinter sich gebracht. Seine Hand steckte,
verborgen hinter seinem Rücken, in der Öffnung des Beutels und schwebte
ein Stück über der Kugel, die zwischen den Kartoffeln lag. Beruhigt fühlte
er die Vibrationen der magischen Energie, die von ihr ausgingen. Er
brauchte sie nur zu berühren. Aber er durfte im Augenblick nichts tun. Sie
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mussten auf Zpixs warten. Der war vor mehr als vier Stunden aufgebrochen. Inzwischen musste er irgendwo in der Felsenhalle verborgen sein,
hoffte er. Sie hatten ausgemacht, dass die Magier erst eingreifen sollten,
wenn der Xinghi in Aktion trat.
Gadennyn lächelte immer noch verbindlich.
„Oh, ihr braucht mir keine Ehrbezeugungen zu erweisen, wie sie einem
König zustehen. Schließlich sind wir ja Feinde, nicht wahr? Aber können
wir das nicht für eine Weile vergessen, wenigstens, bis wir uns gestärkt
haben? Also bitte ich euch noch einmal an meine Tafel, auch wenn ihr euer
Essen ja offenbar schon mitgebracht habt. Als Gastgeber obliegt es jedoch
mir, für euer Wohl zu sorgen. Beleidigt also bitte nicht meine Gastfreundschaft.“
In diesem Augenblick spürte Trygar einen gewaltigen Ruck, der ihn fast
umwarf. Der Riemen des Beutels an seinem Gürtel riss, die Tasche mit den
Kartoffeln flog davon. Seine Hand griff ins Leere. Polternd fiel der Inhalt
auf den Boden, aber die mit Magie gefüllte Kugel flog durch die Luft und
landete in Gadennyns Hand. Er hörte Dunas wütenden Aufschrei, dann lag
ein Brot vor dem König, und einen Wimpernschlag später flog eine Melone
zu ihm herüber, platzte auf der steinernen Tafel auf, und eine zweite Kugel
rollte in des Königs Schoß.
„Hoppla“, sagte er. „Was haben wir denn da?“
Trygar und seine beiden Gefährten standen da wie versteinert. Der König
hob die Kugel hoch, dann lachte er.
„Ein bisschen Magie im Ärmel verstecken, wie? Aber wir spielen hier
nicht mit falschen Karten.“
Er legte die beiden Kugeln auf den Tisch, dann brach er Dunas Brot entzwei und holte die dritte Kugel heraus.
„So, nun sind sie leer. Wenn ihr wollt, könnt ihr sie wiederhaben.“ Niemand antwortete. „Nun, meinetwegen auch nicht.“
Er warf die jetzt nicht mehr magischen und nutzlos gewordenen Bälle
über die Schulter, und sie rollten über den Höhlenboden irgendwo ins
Dunkle.
Duna war vor Entsetzen erstarrt und kaum eines Gedankens fähig. Allmählich begann sie das Ausmaß der Katastrophe zu begreifen. Ihr schöner
Plan war hinfällig. Sie waren in der Gewalt dieses Unmenschen und völlig
wehrlos. Wahrscheinlich hatte er Zpixs auch schon gefunden und getötet.
„Nun muss ich euch aber wirklich zu Tisch bitten.“ Gadennyns Stimme
klang leicht ungeduldig. Drei Stühle wurden wie von Geisterhand von der
Tafel weggerückt. Duna fühlte, wie sich ihre Füße ohne ihren Willen von
selbst bewegten und langsam und schwerfällig einen Schritt nach dem anderen taten. Sie sträubte sich mit allen Mitteln dagegen, aber erfolglos. Den
anderen ging es auch nicht besser. Trygar verrenkte sich wie eine Mario-
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nette. Es schien, als rissen unsichtbare Fäden an seinen Gliedern. Gormen
leistete nur kurz Widerstand, dann fügte er sich ins Unvermeidliche. Bald
darauf saßen sie an der Tafel.
„Warum nicht gleich so?“, sagte ihr schrecklicher Gastgeber. „Und nun
greift zu und lasst es euch schmecken. Ihr wollt nicht? Nun gut, dann leistet
mir einfach Gesellschaft, während ich esse.“
Er bediente sich von den Platten und belud seinen Teller. Dann aß er genießerisch eine Hühnerkeule. Er warf den Knochen auf den Boden und hob
seinen Weinbecher.
„Und nun trinken wir auf mein Wohl.“
Die Hände der Marionetten ruckten zu ihren Bechern und hoben sie zackig hoch, sodass ein Teil des Weines über die Tischplatte spritzte.
„Lasst uns die Becher auf meinen Triumph heben. Ja, es ist wahrlich eine Genugtuung, meine mächtigsten Gegner auf einmal zu besiegen. Ihr seid
mir brav in die Falle gegangen.“
Er trank. Die Hände der anderen sanken herab, ohne dass ihre Lippen
den Rand des Trinkgefäßes berührt hätten.
„Ihr redet wohl nicht gerne? Ich kann es verstehen. Wer spricht schon
mit Vergnügen über eine Niederlage. Also spreche ich. Bevor ihr sterbt,
habt ihr das Recht, einiges zu erfahren. Ihr seid doch gewiss neugierig?“
Zum ersten Mal, seit sie die Felsenhalle betreten hatten, öffnete einer der
nun machtlosen Magier den Mund. Es war Gormen.
„Wer bist du?“
„Endlich! Ihr ahnt gar nicht, wie erleichtert ich bin, diese Frage zu hören.
Ich dachte schon, ich hätte es mit geistlosen Narren zu tun. Ihr habt also
erkannt, dass Semanius bei diesem Spiel keine Rolle spielt. Ich will es euch
erklären. Ich bin ein Wesen aus einer anderen Welt, einer Welt, in der das,
was ihr Magie nennt, im Überfluss vorhanden ist. Wir trinken sie, wir essen
sie, wir atmen sie, wir können ohne sie nicht existieren. Ein furchtbares
Unglück hat mich in eure Welt geschleudert, und ich starb – beinahe wenigstens. Der Zustand, in dem ich mich befand, glich dem, was für euch
eine tiefe Ohnmacht ist, ein Zustand ohne Bewusstsein, ja sogar ohne
Träume, todesgleich. Meine Seele war seit Anbeginn eurer Zeitrechnung in
einem Stein gefangen, den nach einer Ewigkeit schließlich ein begabter
junger Magier namens Semanius fand. Durch ihn bekam ich wieder Zugang
zur Magie, aber so schwach, dass ich in einem Dämmerzustand blieb. Semanius fand heraus, dass seine Macht durch mich zunahm, und er nutzte
das aus. Ich hatte keinen Einfluss darauf, zu weit war ich noch von einem
bewussten Sein entfernt. Er missbrauchte die Macht, um seinen Traum von
der Beherrschung der Welt zu verwirklichen, aber er scheiterte. Schließlich
begann sich sein Geist zu verwirren. Er glaubte, er könne als Unsterblicher
wieder von den Toten auferstehen und tötete sich selbst. Und wieder fiel
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ich zurück in die Dunkelheit. Dann fand mich Athlan Gadennyn, und ich
erwachte. Das Rinnsal der Magie, die mir durch seinen Körper zufloss, war
immer noch schwach, aber viel stärker als zu Semanius’ Zeiten, und ich
fand bald heraus, woran das lag: Als der Lordmagier noch lebte, gab es
Tausende, vielleicht Zehntausende von Magiern allein im Alten Königreich. Sie alle labten sich an dem flachen Tümpel der Magie, der eure Welt
benetzt. Für mich blieb wenig mehr als ein Nichts übrig. Heute gibt es viel
weniger Magier als damals, vielleicht noch einige Hundert. Sie trocknen
den Tümpel nicht völlig aus, und so konnte ich erwachen. Im Vergleich zu
der Zeit, als ich noch in meiner eigenen Welt lebte, bin ich immer noch
unsäglich schwach, aber jetzt schon stärker als alle magiebegabten Wesen
dieser Welt zusammen. Und ich werde noch viel stärker werden, jedes Mal
stärker, wenn einer von euch stirbt.
Glaubt aber nicht, dass es mir Freude macht, euch umzubringen. Es ist
reine Notwendigkeit. Solange ich es nicht tue, lebe ich nicht, sondern leide.
Und ich habe genug gelitten in all den Jahrhunderten.“
Diesmal stellte Trygar eine Frage:
„Was ist mit Gadennyn?“
„Denkt nicht, er sei nach euren moralischen Maßstäben ein schlechter
Mensch“, antwortete die Stimme aus des Königs Körper.
„Seine Ziele sind ehrgeizig und egoistisch, und seine Mittel grausam.
Aber er glaubt wirklich, dass die Herrschaft, die er ersehnt, letztendlich der
Menschheit von Nutzen sein würde. Dafür geht er über Leichen, so wie es
wenigstens die Hälfte der Menschen tun würde, hätte sie die Gelegenheit
dazu. Athlan Gadennyn hat Verstand bewiesen, denn er fand mich nicht mit
purem Glück. Er hat mich verdient. Und jetzt nutzt er diese Gelegenheit,
um seine Ziele zu verwirklichen. Wir sind ein Bündnis eingegangen, denn
durch ihn habe ich die Gelegenheit, euch einen nach dem anderen aufzuspüren und zu vernichten. Die vier mächtigsten Magier sind mir bereits ins
Netz gegangen: Nunoc Baryth, der mir große Sorgen bereitete, da er kurz
davor stand, meine Quelle in der Region, die ihr die Leere nennt, zu erreichen, du Trygar, der, wie du gezeigt hast, ebenfalls dazu fähig bist, und ihr
anderen, vielleicht nicht ganz so begabt, aber dennoch gefährlich für mich.
Es bleibt mir gar nichts anderes übrig, als euch zu töten, will ich mich
selbst retten.“
In diesem Augenblick geschah etwas mit dem König. Seine Umrisse
schienen zu verschwimmen, als ob man durch einen dünnen Vorhang aus
herabstürzendem Wasser auf ihn blickte. Sie verzerrten sich noch mehr,
schienen zu zerfließen. Für einen Wimpernschlag wurden die Konturen
wieder scharf, und Trygar sah eine kleine Gestalt an der Kehle Gadennyns,
die heftig an der Kette des Amuletts riss, die er um den Hals trug, dann
verschwammen beide Körper wieder. Während dieses wahnwitzigen Er-
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eignisses zitterte der Boden, ein tiefer, summender Klang, der sein Zwerchfell vibrieren ließ, ertönte, die Flammen der Öllampen und Kerzen flackerten und erloschen bis auf wenige. Es wurde fast dunkel in der Felsenhalle.
Trygar sah schemenhaft eine kindsgroße Gestalt durch die Luft fliegen und
gegen die Höhlenwand krachen. Sie blieb dort regungslos wie angenagelt
hängen. Dann war es vorbei. Die Dochte der Lampen entzündeten sich wie
von selbst.
Der König war aschgrau. In seiner Hand hielt er die letzte der magischen
Kugeln. Seine andere war in die Kette verkrallt, die schief um seinen Hals
hing. Der Xinghi schien noch zu leben. Seine Augen standen offen und
blinzelten. Er hing an der Felswand wie eine Trophäe.
„Welch hinterhältiger Trick!“, brüllte Gadennyn. „Was ist das für ein
Wesen? Welche dämonische Bosheit habt ihr euch da ausgedacht?“
Er atmete tief durch und beruhigte sich ein wenig, dann richtete er seinen
Blick auf den regungslosen Zpixs.
„Oh, jetzt erinnere ich mich: Du warst schon einmal hier. Ich habe deine
Präsenz gespürt. Die Zeit ist es also, die du beherrschst. Du hättest mich
fast überrumpelt.“
Er wandte sich, immer noch totenblass, den anderen zu:
„Begreift doch endlich: Ihr könnt mich nicht besiegen! Ihr dachtet, ihr
hättet es mit Semanius, einem Menschen zu tun, aber ich bin kein Mensch.
Ich bin euch unendlich überlegen, stehe so weit über euch, wie ihr über den
Ameisen steht. Und gemessen an meinem sind eure Leben auch ebenso
wenig wert wie das dieser Insekten.“
Gadennyns Mund redete weiter, verkündete die Gedanken und Rechtfertigungen jenes fremdartigen Wesens, das im Amulett hauste. Bald würde
der Strom der Worte versiegen. Dann wären sie verloren. Es gab nur noch
eine Möglichkeit, wurde Trygar klar, eine winzige Chance: die Leere. Er
musste es tun. Jetzt gleich. Er versuchte, die Wahrnehmung auszublenden,
die Gedanken abzustellen, aber das gerade Geschehene brannte wie ein
helles Licht im seinem Bewusstsein, ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Es
war ihm doch schon einmal in einer ähnlichen Situation gelungen, sich in
die Meditation zu versenken. Er hatte so oft geübt, war ein Meister darin
geworden, aber gerade jetzt, wo er diesen Zustand dringend erreichen wollte, schien es zu misslingen. Da erinnerte er sich an Sankima, die Äbtissin
des Ordens am Fluss Thes, die ihm alles darüber beigebracht hatte. Er sah
ihr Gesicht vor sich, hörte ihre sanfte Stimme, verstand die Worte, nahm
sie auf, als hörte er sie zum ersten Mal, und ließ sich von ihnen leiten. Seine Augen verloren den Fokus. Die Felsenhalle verschwamm. Er richtete
den Blick nach innen. Trygars Atem wurde ruhig und gleichmäßig. Er erstarrte.
217
Sein Lebensbaum erscheint vor seinem inneren Auge. Wieder fast verdorrt.
Seine Wurzeln finden keine Nahrung. Die Blätter rieseln in einer kalten
Brise zu Boden und häufen sich um den Stamm. Die bunten Vögel fliegen
davon. Ihr wohlklingender Gesang ist einem angstvollen Krächzen und
schrillen Schreien gewichen. Trygar sucht die kalte, zugige Hütte auf, sonst
ein anheimelnder Platz, jetzt bedrückend und einsam. Schnell verlässt er
sie wieder. Dann strebt er der Leere zu, jenem zersetzenden Ort, der ihn so
furchtbar erschreckt. Warum hat er bloß solche Angst davor? Er versucht,
sich Mut zu machen, indem er sich an Nunoc Baryths Worte an Duna erinnert. Der Abt hatte zu ihr gesagt:
‚Die Leere in dir selbst ist das Ziel, das du suchen musst, Duna. Zieh
dich dorthin zurück, auch wenn es dir Angst macht. Ziehe dich ganz tief
zurück in die Leere, denn dort ist deine Seele, dein Selbst. Aber dieses
Selbst ist Teil eines größeren Ganzen. Erst dann, wenn du das Wort Ich
nicht mehr denkst, wenn du nicht mehr unterscheidest zwischen dir und der
Welt um dich herum, wenn du dich als Teil von Allem empfindest, dann
erkennst du den dünnen Faden, der dich mit Wathan verbindet, den Teil
von ihm, der in dir wohnt.’
Darin liegt etwas Tröstliches, findet Trygar. Er betet die Worte wie ein
Mantra, als er die Grenze überschreitet.
Wieder löst sich sein Ich auf und macht einer schrecklichen Verlorenheit
Platz, aber nur für einen Augenblick. Dann empfindet er die Leere plötzlich
nicht mehr als leer. Er ist nicht mehr länger Trygar, die einsame kleine
Seele, sondern er fühlt eine innige Verbindung mit der Welt. Er ist ein Kieselstein im Bachbett, schwebt als Nebeltröpfchen über den Sümpfen, er ist
eins mit einer Schneeflocke auf dem Gipfel der Welt, er ist ein nektartrunkener Schmetterling und taumelt von Blüte zu Blüte, er ist das Lachen eines
Kindes, der Liebesakt zwischen Mann und Frau, er fühlt alle Empfindungen auf einmal. Er ist auch der Tod, schwebt lautlos durch die Schattenwelt, fühlt das Leid ebenso stark wie die Freude. Aber darin ist nichts Erschreckendes. Er ist eins mit allem, er befindet sich im Gleichgewicht.
Dann sieht er das glühende Band magischer Macht unmittelbar vor sich.
Die Quelle, an der er sich gelabt, von der ihn etwas Mächtiges weggestoßen hat, als er mit Orec kämpfte. Damals kam das Band aus einer Art Nebel und verschwand wieder darin, eine pulsierende Schlaufe voll strömender Energie. Doch diesmal verdeckt kein Nebel die Sicht, und so kann Trygar seinen Lauf verfolgen. Es kommt von sehr weit her und wird gespeist
von einem Strom, gewaltig, unvorstellbar in seinen Ausmaßen, fern wie der
Sternenhimmel. Dieser Megastrom verästelt sich in hundert und mehr
Flüsse, in tausend und mehr Bäche, in abertausend Rinnsale, von denen
eines das leuchtende Band ist, das an ihm vorbei fließt. Jetzt versteht er das
Wesen, das sich Gadennyns bemächtigt hat, in gewisser Weise. Das leuch-
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tende Band ist zwar in den Augen eines menschlichen Magiers eine mächtige Quelle, verglichen mit dem fernen Strom, der sich in unzählige Bänder
dieser Art verzweigt, aber ein Nichts. Und das Wesen will alles.
Da fällt ihm ein, dass der Dämon – oder was immer es ist – sich gerade
von diesem Rinnsal nährt, und deshalb muss sich etwas von ihm hier in der
Leere befinden. Sein Blick folgt dem Band in die andere Richtung, weg von
dem gewaltigen Strom, aus dem es gespeist wird. Und da sieht er es: eine
große, dunkle Wolke, in der das magische Band verschwindet. Hier in der
Leere gibt es keine Maße wie Fuß, Ellen, Schritt oder Meilen, und dennoch
versucht er zu schätzen, wie lange er – oder welcher Teil von ihm auch
immer hier ist, seine Seele oder sein Geist? – bis zu der dunklen Wolke
bräuchte. Vielleicht ein paar Minuten?
Ist das dort die Seele des Fremden, fragt er sich. Wenn ja, hat er mich
entdeckt? Und dann schießt etwas aus der Wolke wie ein Pfeil, etwas Lebendiges, etwas Grauenhaftes. Es rast auf ihn zu, folgt dem leuchtenden
Band, ein schrecklicher Jäger, und er, Trygar, ist die Beute.
Es ist nicht so, dass Trygar wahrhaftig etwas in der Leere sehen könnte.
Seine Seele hat keine Augen, aber sie nimmt eine entsetzliche Präsenz
wahr, ein gieriges Geschöpf im Blutrausch, und da ein Mensch Bilder
braucht, um sich etwas vorstellen zu können, formt sich vor ihm eine Gestalt, die das verkörpert, was er empfindet: lähmendes Entsetzen. Diese
überwältigende Angst manifestiert sich in einem schlangenartigen Wesen
mit glitzernder, gelbgrüner Schuppenhaut. Die Kiefer sind lippenlos und
starren vor Zähnen, langen, gebogenen Dolchen, in einander verschränkt
wie die Finger betender Hände. Die Augen sprühen Dämonenfeuer. Der
riesige Rachen öffnet sich und erscheint groß wie ein Scheunentor, ein
irrsinniger, hoher Schrei, wie das Knirschen von brechendem Eis, bereitet
Trygars imaginären Ohren Schmerzen. In wenigen Augenblicken wird ihn
die Bestie verschlingen. Seine Gedanken sind vor Angst blockiert. Er vergisst, weshalb er hergekommen ist, vergisst, in das Band einzutauchen, um
sich mit Magie zu füllen. Er denkt nur noch an Flucht.
Seine Panik treibt ihn vorwärts. Er braucht sich nicht umzuschauen, um
zu wissen, dass die Kreatur näher kommt. Dort, die Grenze der Leere! Er
durchbricht sie und jubiliert. Aber hinter sich spürt er eine gewaltige Erschütterung des Gefüges der Welt, deren Schockwellen ihn durchrütteln.
Der Alptraum von einem Wesen ist ihm ins Hier und Jetzt gefolgt!
Sein Puls rast, als er erwacht und in die eisgrauen Augen Gadennyns
blickt, der ihn gepackt hat und anschreit. Er versteht die Worte nicht. Dann
trifft es ihn plötzlich wie ein Blitzschlag von innen heraus. Unvorstellbare
Kräfte durchpulsen ihn. Seine Muskeln krampfen so stark, dass seine Sehnen von den Knochen zu reißen drohen. Er will schreien, aber keine Luft
strömt aus seinen Lungen. Die gewaltige Eruption schießt durch alle Fa-
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sern seines Körpers, durch die Hände des anderen, die ihn gepackt halten,
sucht sich einen Weg in den Körper des Königs. Dessen Augen werden
starr und leblos. Dann sinkt er vor Trygar auf die Knie, seine verkrallten
Finger lösen sich, und er stürzt seitlich auf den Boden.
Gadennyn hörte plötzlich auf zu reden. Etwas beunruhigte ihn, aber was,
fragte er sich. Irritiert musterte er seine „Gäste“. Dann sah er es: Trygars
Blick war starr und leer geworden. Der Junge blinzelte nicht, als er ihm in
die Augen blickte. Ein Speichelfaden lief aus seinem Mundwinkel. Er war
nicht mehr bei Sinnen. Was geschah mit ihm? Unbewusst war der König
aufgestanden und lief nun hinüber zur anderen Seite der Tafel, wo der Junge saß. Die anderen ignorierte er, denn Duna, Gormen und das kleine Wesen waren durch seinen magischen Bann bewegungsunfähig. Sie konnten
atmen und die Augäpfel rollen, mehr nicht.
Er packte und schüttelte Trygar. Wach auf, brüllte er. In diesem Augenblick wurde ihm alles klar. Der Junge versuchte, die Quelle zu erreichen.
Zuerst geriet Gadennyn in Panik, dann fiel ihm der Wächter ein, der Seelenjäger, das Wesen aus der Geisterwelt, das sein Freund gerufen hatte, um
die Quelle zu bewachen. Trygar würde sterben.
Plötzlich war wieder Leben in den Augen des anderen. Er war zurückgekommen, jedoch konnte Gadennyn keine Spur von Magie in ihm spüren. Er
hatte die Quelle also nicht erreicht, war offenbar gerade noch rechtzeitig
geflohen. Irgendwie war der König erleichtert. Er wollte Trygar zwar töten,
ihm aber nicht die unsterbliche Seele nehmen. Gerade, als er ihn loslassen
wollte, fühlte er etwas wie einen Blitz durch seinen Körper schießen. Als
der Seelenjäger ihn mitnahm, zurück in seine schreckliche Geisterwelt, sah
er noch für einen Wimpernschlag seinen umstürzenden Körper. Erst da
wurde ihm bewusst, was geschehen war, und seine tonlosen Schreie verloren sich ungehört in der Leere.
Zpixs löste sich von der Wand und fiel zu Boden. Die erstarrten Körper
von Duna und Gormen bewegten sich. Der Schwarze Mönch spürte
sogleich, dass er wieder magische Macht besaß. Ohne nachzudenken, riss
er mit seiner Fernkraft das Amulett vom Hals des leblosen Königs und
schleuderte es weit von sich. Duna lief zu Trygar, der am ganzen Körper
zitterte, sich von ihr abwandte und auf den Boden erbrach. Sie schloss ihn
in die Arme, und er schmiegte sich an sie. Sein Gesicht wies eine Totenblässe auf.
„Was ist geschehen?“, fragte er. „Ist er tot?“
Gormen untersuchte Gadennyn. „Ja, du hast ihn vernichtet, Trygar. Wie
hast du das nur geschafft?“
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„Ich? Das war ich nicht! Etwas Schreckliches war hinter mir her. Was
immer es gewesen ist, es muss den König getötet haben.“
„Vielleicht das Wesen im Amulett?“, fragte sich Duna.
„Gewiss nicht“, meinte Gormen. „Es würde doch nicht seinen Wirt umbringen, den, der es am Leben erhält.“
Zpixs kam, ein wenig humpelnd, herüber zu Trygar und fasste seine
Hand.
„Es ist vorbei. Ich spüre es.“
„So weit würde ich nicht gehen.“ Gormen war vorsichtig. „Ich glaube,
der Fremde ist immer noch in dem Stein. Keiner darf das Amulett anrühren!“
Dann betrachtete er die Schale mit dem schwarzen Pulver, die auf dem
Tisch stand.
„Wisst ihr, was das ist?“
„Dieselbe Substanz wie die, welche Orec bei sich hatte“, meinte Duna.
„Seltsam, sie scheint keine Wirkung mehr zu besitzen.“
„Vielleicht deshalb, weil Gadennyn tot ist“, vermutete Trygar, der sich
langsam von dem Schock erholte und wieder klar zu denken begann.
Gormen hatte eine Idee: „Es kann auch etwas anderes bedeuten: Orec
war weit von Inay weg, als er auf Trygar stieß. Ich glaube nicht, dass der
König über eine solch große Entfernung magische Verbindung zu dem
schwarzen Pulver hatte. Aber das Aufsaugen der Magie um uns herum hat
schlagartig aufgehört, als er tot war.“
Zpixs ahnte, worauf der Schwarze Mönch hinauswollte:
„Du denkst, das Wesen im Amulett hielt die Wirkung des Stoffes aufrecht?“
„Aber dann muss es auch tot sein!“ Dunas Stimme wies einen triumphierenden Klang auf.
„Es wäre möglich, aber genauso gut kann es seine Verbindung zum Hier
und Jetzt verloren haben und befindet sich wieder in demselben todesähnlichen Zustand, wie zu der Zeit, bevor Semanius und Gadennyn das Amulett
fanden.“
„Und das fänden wir nur dann heraus, wenn es einer von uns anlegte.“
Trygar klang alarmiert.
Zpixs meinte:
„Ihr solltet es sofort vernichten!“
Gormen war es gewöhnt, taktisch zu denken: „Das werden wir tun, sobald wir vordringlichere Probleme gelöst haben. Zunächst kann es mal
dahinten liegen bleiben. Aber jetzt müssen wir ein mögliches Blutbad verhindern. Der König ist tot, und wir stehen als seine Mörder da. Wenn wir
die Felsenhalle über die Brücke verlassen, warten Herth und seine Männer
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auf uns. Natürlich können wir uns gegen sie mit Magie erwehren, aber es
könnte Tote und Verletzte geben.“
„Dann soll uns Zpixs auf seinem geheimen Weg hinaus führen“, schlug
Duna vor. Doch der Xinghi wehrte ab:
„Das geht nicht. Das Loch ist für euch zu schmal. Wir müssten es erweitern. Aber das dauert zu lange. Die Wachen würden misstrauisch werden.
Außerdem könnten wir das Amulett ja nicht hier liegen lassen, und mitnehmen könnten wir es auch nicht, denn dazu müsste es einer von uns anfassen.“
„Zpixs hat Recht“, sagte Gormen. „Ich habe eine vage Idee: Semanius
hatte ein Tagebuch geführt, wahrscheinlich aus Eitelkeit: Er wollte wohl
Geschichte schreiben und seine Gedanken und Taten der Nachwelt hinterlassen. Gadennyn war ihm charakterlich sehr ähnlich. Auch er war von
Größenwahn befallen. Dies“ – er machte eine ausholende Bewegung und
meinte damit die Felsenhalle – „ist sein Refugium. Vielleicht finden hier
wir etwas.“
Es war Zpixs, der auf die in die Wand gehauene Nische stieß. Darin
stand eine kleine, verschlossene Truhe, die Gormen auf den Tisch stellte.
Rasch durchsuchten sie die Leiche des Königs und fanden einen Schlüsselbund. Ein kupferner Schlüssel passte in das Schloss. Es waren mit Wachs
versiegelte Schriftrollen darin.
„Das Siegel des Königs“, stelle Trygar fest und brach eines der Siegel.
Mit gerunzelter Stirn las er.
„Was ist das für eine Merkwürdigkeit? Ein Brief des Königs an ihn
selbst gerichtet! ‚Lieber Athlan’, beginnt er und ist unterzeichnet mit ‚Der
König des Westlichen Großreiches’. Er schreibt darin, wie er… oh,
Wathan, das ist ja entsetzlich!“
Dann las er vor. Der König beschrieb in allen grausamen Einzelheiten
die Erschaffung der Kreatur, die er aus Orec, dem Turnierkämpfer, geformt
hatte.
Duna öffnete den nächsten Brief, der viel älter war. Er handelte davon,
wie der junge Novize Athlan das Skelett Semanius’ findet und das Amulett
in Besitz nimmt. Zuerst spürt er gar nichts. Erst Tage, ja Wochen später
bemerkt er, dass seine magische Kraft gewachsen ist. Noch später fühlt er,
dass er in seinen Gedanken nicht mehr allein ist. Da legt er das Amulett
erschrocken wieder ab. Aber irgendwann siegen seine Neugier und die Gier
nach Macht, und er benutzt es wieder. Es dauert noch viele Jahre, bis ihm
bewusst wird, dass er es nicht mehr abnehmen kann.
Gadennyns Briefe waren nicht chronologisch wie ein Tagebuch. Manche
beschrieben Entwicklungen über viele Jahre hinweg, manche behandelten
nur einzelne Ereignisse. Aber es war ihnen alles zu entnehmen: das Ziel,
sich die Welt untertan zu machen, seine Intrigen zur Durchsetzung seiner
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Pläne, und immer wieder der Versuch, sich zu rechtfertigen. Nicht selten
diktierte sein brennendes Gewissen die Worte, und der König erklärt dann
seinem jungen Ich, dem Novizen Athlan, den er wie einen Sohn behandelt,
warum er nicht anders handeln kann, dass es zum Besten der Menschheit
sei und dass das Schicksal und Leid Einzelner, die er aus dem Weg geräumt hat, ihn wohl berühren, dass sie aber bedeutungslos gegenüber seinen großen Zielen seien. Einer dieser Absätze handelte von Trygar:
Der Junge besitzt ein großes Talent, und ich mag ihn. Ich habe manche
schlaflose Nacht verbracht, nachdem ich beschloss, ihn zu opfern. Aber
Nunoc Baryth ist ein mächtiger Gegenspieler. Mein Freund glaubt, dass
der Schwarze Abt bald soweit sein könnte, den Tod zu überwinden. Deshalb
muss er vorher getötet werden. Trygar ist in der Lage dazu. Armer Junge.
Ich habe Gother beauftragt, ihn nach der Tat zu ermorden. Er hat keine
Gewissensbisse, im Gegensatz zu mir.
Das Wesen hatte Recht gehabt. Der Lord und spätere König war kein
durch und durch skrupelloser und böser Mensch gewesen.
„Das dürfte Beweis genug sein“, sagte Gormen. „Ich gehe jetzt hinaus
und spreche mit dem Hauptmann.“
„Warte“, sagte Zpixs. „Ich habe versucht, euch zu helfen, auch wenn
mein Einsatz nicht von Erfolg gekrönt war. Das Wesen im Amulett war
mächtiger als ich. Es gelang mir nicht, die Zeit soweit zu verlangsamen, um
den König zu überrumpeln. Aber ihr habt trotz allem gesiegt. Doch nun ist
meine Zeit gekommen. Ich muss zu meinem Volk zurück.“
Gormen, der einen langen Weg mit dem Xinghi gegangen war, war berührt. Er versuchte Zpixs zu überreden, noch ein paar Tage länger zu bleiben, aber der kleine Waldbewohner ließ sich nicht erweichen. Sie verabschiedeten sich von ihm und versprachen, ihn eines Tages zu besuchen,
aber er schüttelte den Kopf, und sein Gesicht verzog sich zu einer gequält
wirkenden Grimasse, die ein menschliches Lächeln imitieren sollte.
„Nein, ich werde zu euch zurückkommen, vielleicht schon bald, denn ihr
wisst ja: ich bin ein Spion und muss meinem Volk berichten, wie die weitere Entwicklung in Koridrea verläuft.“
Nachdem sie sich verabschiedet hatten, verließ der Xinghi die Felsenhalle über den geheimen Weg.
Wenig später schritt Gormen allein durch den Tunnel zur Brücke. Auf
der anderen Seite standen Herth und einige seiner Männer. Unten am Boden, zu beiden Seiten des Übergangs, waren Bogenschützen postiert, die
Pfeile aufgelegt, aber ihre Bögen noch nicht gespannt hatten.
„Hauptmann Herth, wollt Ihr so gut sein, mich in die Felsenhalle zu begleiten? Der König braucht Euch zur Bezeugung eines Vertrages, den er
uns diktiert hat.“
„Ein Vertrag?“
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Gormen wirkte niedergeschlagen.
„Wir konnten ihn nicht davon überzeugen, sein Amt niederzulegen. Seine Argumente waren – wie soll ich es ausdrücken – schlagkräftiger. Immerhin ist er bereit, Duna und mich zu begnadigen, wenn wir dafür sorgen,
dass die Schwarze Armee kapituliert.“
„Und was ist mit Trygar? Soll er nicht begnadigt werden?“
Gormen senkte den Kopf.
„Der Junge ist tot, er hat sich leider gegen Seine Majestät aufgelehnt.
Der König befiehlt, Ihr sollt erst die Vertragsunterzeichnung bezeugen,
bevor Eure Leute die Leiche wegschaffen.“
Der Hauptmann der Wache war offenbar betroffen. Er hatte Trygar gekannt und ihn früher für einen netten Jungen gehalten. Gormens List, eine
verheerende Niederlage einzugestehen und vom König als dessen gedemütigter Lakai nach draußen geschickt worden zu sein, um seine Befehle zu
übermitteln, war hinterhältig, aber funktionierte. Herth ging nichts ahnend
mit ihm. Als er drinnen den lebendigen Trygar und die Leiche seines Königs erblickte, schrie er voller Wut auf und stürzte sich mit seinem Schwert
auf Gormen, aber im selben Augenblick lag er entwaffnet auf dem Boden
und konnte sich nicht rühren.
Gormen beugte sich zu ihm herab.
„Es tut mir Leid, Hauptmann. Das war niederträchtig von mir. Aber Ihr
werdet es verstehen, wenn Ihr diese Schriftrollen gelesen habt. Ihr kennt
doch die Schrift des Königs?“
Zu Anfang wollte sich Herth weigern, aber Gormen hielt sie ihm direkt
vor die Augen. Der erste Brief schilderte, wie Gadennyn die Legende vom
Rabenbund ersinnt, wie er Intrigen spinnt, wie sein Gehilfe und Mittäter,
Premierminister Aturo Pratt, den Meuchelmörder, der als ‚die Spinne’ bekannt ist, beauftragt, den alten König Bredos zu ermorden, wie Gadennyn
Beweise fälscht, um die Lords Frye, Cunston und Getherdyle zu belasten,
und wie er schließlich an die Macht gelangt.
Der Hauptmann las alle Briefe, einen nach dem anderen. Längst hatte ihn
Gormen aus seinem magischen Griff losgelassen, doch das Schwert lag
achtlos neben Herth. Sein Gesicht war aschgrau. Schließlich reichte er den
letzten Brief zurück und fragte:
„Was soll ich tun?“
Trygar war es, der ihm antwortete.
„Verfügst du über irgendwelche magischen Talente, Herth?“ Der Hauptmann verneinte. „Dann nimm jetzt dein Schwert, hebe damit vorsichtig das
Amulett auf, tu es in die Truhe auf dem Tisch und schließt sie ab.“
Der Wachoffizier tat, wie geheißen. Alle atmeten erleichtert auf, nachdem es geschehen war. Gormen gab ihm weitere Anweisungen:
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„Und nun lasst bitte unsere Freunde am Tor ein. Schickt sie her. Dann
versammelt Eure Unterführer und unterbreitet ihnen die Wahrheit. Die
Briefe könnt Ihr mitnehmen. Ich werde Euch begleiten. Das ist kein Misstrauen Euch gegenüber, aber es wäre möglich, dass einer Eurer Leute ein
fanatischer Anhänger Gadennyns ist und die Schriftrollen gegen jeden
Verstand ins Feuer wirft, bevor Ihr reagieren könnt. Sie sind unsere wichtigsten Beweise.“
Danach
Am nächsten Tag brachen Methor und die Schwarzen Reiter nach Inay auf.
Sie nahmen Gadennyns Schriftrollen mit sich, um dem Haus der Lords
unwiderlegbare Beweise für die Intrigen des Königs vorzulegen. Sie hatten
eine schwierige Mission vor sich. Sobald ein neuer König gewählt wäre,
sollten sie die Schwarze Armee auflösen. Natürlich konnten die mehr als
Vierzehntausend Menschen nicht alle in ihre Heimatländer zurückgeschickt
werden. Ein Teil von ihnen, die Nomaden etwa, würde sich auf den langen
Weg machen, den anderen musste in Koridrea eine Perspektive geboten
werden. Das Land war reich und sollte wohl noch einige Tausend Münder
zusätzlich ernähren können. Aber das musste alles diplomatisch ausgehandelt werden, denn es war nicht zu erwarten, dass der neue Herrscher, wer
immer es sein würde, sehr angetan von den vielen Fremden in seinem
Reich sein würde.
Die anderen blieben in Gadennyns Burg zurück. Es dauerte zwei Tage,
bis sie wirklich Freude über ihren Sieg empfinden konnten. Zunächst waren
sie wie betäubt. Gormen hatte das Gefühl, es sei noch nicht zu Ende, solange sie das Amulett nicht vernichtet hätten, also warfen sie es in das heißeste
Schmiedefeuer, aber lediglich das Edelmetall der Kette und der Fassung
schmolz. Der Stein blieb unversehrt. Dann versuchten sie, ihn mit Hämmern zu zerschlagen. Boc, der kräftigste Mann in der Burg, zertrümmerte
zwei Schmiedehämmer auf dem Amboss, bevor er aufgab. Auch durch
magische Kräfte ließ sich der Stein nicht zerstören. Trygar verschwieg den
anderen, dass er irgendwie erleichtert war. Cora schlug vor, den Stein auf
hoher See zu versenken, aber das schien ihnen zu riskant. Ein Fisch könnte
den niedersinkenden Brocken für Beute halten und verschlucken, und dieser Fisch einem Fischer ins Netz geraten. Das schien zwar weit hergeholt,
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aber nicht ausgeschlossen. Also verschoben sie die Lösung des Problems
und ließen den Stein zuerst einmal in der Truhe. Gormen wirkte einen Fesselungszauber, der es jedem Nichtmagier unmöglich machte, die Truhe zu
öffnen oder zu stehlen. Er würde nicht ewig halten, aber für eine Weile war
der Stein vor einem gierigen Zugriff sicher.
Am zweiten Tag ritten Boc, Cora, Spin, Trygar und Duna nach Brenton.
Das Dorf geriet in helle Aufregung, als die lange Verschollenen zurückkehrten. Boc konnte endlich seine Söhne in die Arme schließen, und Ben,
der Kürschner, lachte sich ins Fäustchen, als er seinen Nachbarn erzählte,
dass er schon seit ein paar Tagen von den Heimkehrern wusste und sogar
einen Anteil an der ‚Heldentat’ hatte, wobei die meisten Dörfler gar nicht
begriffen, warum es eine Heldentat gewesen war, den König zu töten. Aber
hohe Politik war ihnen recht gleichgültig; sie feierten lieber, und das taten
sie ausgiebig bis zum nächsten Morgen. In dieser Nacht flossen in Brentons
Gasthaus Unmengen von Bier durch die Kehlen, und so manche Zunge
wurde leichtsinnig, auch die von Cora. Sie saß zusammen mit ihren Freunden an einem Tisch und war schon ein wenig betrunken. Da erzählte sie
Trygar mit vor Vergnügen funkelnden Augen, dass er Vater einer Tochter
namens Nami sei. Im ersten Augenblick durchrieselte ihn pure Freude. Das
Glücksgefühl war beinahe überwältigend. Doch dann bemerkte er Dunas
Gesichtsausdruck. Auch Cora sah ihn und wurde bleich. Boc blickte seine
Angetraute böse an. Ihre lockere Zunge konnte manchmal tiefe Wunden
reißen, auch wenn sie es gar nicht beabsichtigte.
„Duna, hör zu“, begann Trygar. Aber Duna unterbrach ihn unwirsch.
„Komme mir jetzt nicht mit der Lieblingsausrede der Männer, es sei alles ganz anders als wonach es aussähe!“
„Dann lass es mich erzählen, Duna.“ Boc sah ihr offen in die Augen.
„Diese Episode der Reise durch die Ostlande war kein Ruhmesblatt für uns,
aber Trygar trägt keine Schuld.“
Nachdem der Schmied alles von ihrer Gefangennahme durch die flüchtigen ostländischen Frauen und die Geschehnisse in ihrem Dorf berichtet
hatte, war Duna ein bisschen besänftigt, auch deshalb, weil Trygars Begegnung mit Horlu stattgefunden hatte, bevor er und sie sich kennen gelernt
hatten.
Boc flüsterte Cora ins Ohr: „Untersteh dich, jene Nacht zu erwähnen, als
du und Trygar…“
Nach weiteren fünf Tagen verabschiedete sich Gormen.
„Ich möchte wieder zu meinem Orden zurück. Meine Brüder und
Schwestern dort und auch meine Arbeit fehlen mir.“
„Du wirst uns auch fehlen.“ Dunas Augen waren feucht. „Grüße sie alle
von mir. Ich kann nicht mit dir kommen, Gormen. Mein Platz ist hier.“
226
Der Mönch nickte. Er hatte es nicht anders erwartet. Dann stieg er auf
sein Pferd und winkte ihnen zum Abschied zu. Trygar, Duna, Spin, Cora
und Boc standen auf dem Wall und sahen ihm nach, bis er schließlich im
Wald verschwand.
Einige Wochen später trafen Harold, Winger und Dremion ein. Die Wiedersehensfreude war groß. Der alte Magier berichtete, was sich inzwischen
in Inay getan hatte:
„Der neue König heißt Sagris.“
„Schade, ich hatte gehofft, dass es dein Vater sein würde, Duna“, meinte
Trygar enttäuscht.
„Rhome wurde auch zuerst gewählt, aber er hat die Wahl nicht angenommen. Er sei zu alt, sagt er, und sein ehelicher Erstgeborener und Erbe
sei als Herrscher völlig ungeeignet. Aber Sagris ist nicht nur nach meiner
Auffassung die beste Wahl nach Rhome. Ich glaube, er wird uns ein guter
König sein. Seine ersten Anordnungen waren jedenfalls ganz in unserem
Sinne. Er hat den Krieg mit den nördlichen Ländern mit sofortiger Wirkung
für beendet erklärt und die Truppen aufgelöst. Sämtliche Erlasse Gadennyns wurden außer Kraft gesetzt. Aturo Pratt und die ganze Regierung hat
er abgesetzt. Dem Premierminister macht man gerade den Prozess, wegen
des Mordes an König Bredos und an Wingers Frau. Er wird wohl bis zu
seinem Lebensende im Kerker schmoren. Euch, Duna und Trygar, hat König Sagris in den Fürstenstand erhoben und die Provinz Shoala zum Lehen
gegeben. Natürlich geht er davon aus, dass ihr bald heiraten werdet.“
„Was?“
„Er hat euch darüber hinaus als Wächter des schwarzen Steins eingesetzt. Niemand außer euch darf sich ihm nähern. Wenn schon eine Vernichtung unmöglich ist, so bittet er euch, ihn gut zu verwahren und gegen fremden Zugriff zu schützen. Außerdem lädt er euch zum Sommerturnier an
seinen Hof ein.“
Sieben Jahre waren seit Gadennyns Tod vergangen.
Trygar saß über den Büchern. Er hatte mit der Hilfe seiner Berater ein
neues Steuer- und Abgabensystem eingeführt, das gerechter sein und zu
einem stetigen Fluss der Mittel führen sollte. Schließlich hatte er ein Drittel
des Aufkommens an den König abzuführen, und der sah es nicht gern,
wenn die Zahlungen ausblieben. Allerdings steckte der Dämon im Detail:
Seine Steuereintreiber wurden nicht gerade willkommen geheißen und oft
über die wahren Einkommensverhältnisse belogen. Die Einnahmen waren
trotz der guten Lage in der Provinz jedenfalls nicht zufrieden stellend, und
Trygar zerbrach sich den Kopf, wie er das ändern könnte, ohne die willkürlichen und harten Regeln von früher wieder in Kraft treten zu lassen.
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„Kannst du denn nicht auch mal für ein paar Stunden auf deinen Sohn
aufpassen?“
Duna war eingetreten und führte den kleinen Roald an der Hand. „Er hat
nur Unsinn im Kopf, aber ich muss meine Arbeit auch tun, Trygar. Wir
haben uns geeinigt, dass du dich um die Provinz kümmerst und ich mich
um die Burg. Es ist gewiss nicht ganz einfach, einen so großen Haushalt zu
führen und auch noch die Wachen zu befehligen. Sie lassen sich nicht gern
von einer Frau kommandieren, vor allem nicht, wenn sie ständig einen
rotznasigen Balg am Rockzipfel hat.“
Trygar seufzte. Dieses Gespräch hatten sie schon oft gehabt. Duna wollte
die Erziehung ihres Sohnes nicht einer Amme überlassen, und er stimmte
ihr darin durchaus zu. Sie hatte wirklich ebenso viel zu tun wie er selbst.
Elga Masuris war zu alt geworden, um Duna zu unterstützen, und deshalb
teilten sich er und seine Frau die Aufgabe, sich um Roald zu kümmern.
Aber manchmal vergaß er seine Pflichten. Er schlug das Steuerbuch zu.
„Es tut mir Leid, Duna. Ich hatte es vergessen. Komm, mein Sohn, was
hältst du davon, wenn wir nach Brenton fahren und Nerla besuchen?“ Nerla
war die zweitälteste Tochter von Boc und Cora, nur ein halbes Jahr älter als
der fünfjährige Roald. Der Schmied und die Heilerin hatten noch zwei
weitere Kinder, alles Mädchen. Roald war begeistert, nach Brenton zu
kommen und machte seiner Freude lauthals Luft. Hier in der Burg gab es
keine gleichaltrigen Spielkameraden, in Brenton aber gleich mehrere. Auch
Trygar freute sich, seine Freunde wieder einmal besuchen zu können.
Der sonnige Tag war in einen schönen Frühsommerabend übergegangen,
als Trygar wieder aufbrach. Roald hatte den ganzen Tag mit den anderen
Kindern herumgetobt und war müde und erschöpft, deshalb fuhr er nicht
vorne auf dem Kutschbock des Einspänners mit, sondern schlief hinten auf
der Ladefläche auf einigen Felldecken, die sein Vater in weiser Voraussicht
mitgenommen hatte. Die Fahrt zurück zur Burg würde ein paar Stunden
dauern, denn mit dem Fuhrwerk konnte er natürlich nicht den Fußweg über
den Kamm benutzen, der die beiden Täler trennte, sondern musste den
längeren Weg über die Straße nehmen. Trygar vertrieb sich die Zeit, indem
er die Gedanken zurück in die Vergangenheit schweifen ließ, auf jene sieben Jahre, die seit dem Sieg über Gadennyn vergangen waren.
Die wichtigsten waren natürlich die persönlichen Erinnerungen, etwa die
an seine Heirat mit Duna. Trygar hatte den König um die Erlaubnis gebeten, die Zeremonie im kleinen Kreis durchführen zu dürfen, was eigentlich
ein Affront gegen ihn und die Fürsten darstellte, denn standesgemäß hätte
die Trauung durch den Kardenus von Shoal im Tempel der Stadt durchgeführt werden sollen, und natürlich hätte das Paar den König und das Haus
der Lords dazu einladen müssen. Aber Sagris war gönnerhaft. Er wollte
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dem jungen Paar eine kostspielige Hochzeit ersparen und stimmte Trygars
Wunsch zu. So fand die Trauung in dem kleinen Tempel der Burg statt, und
Kardenus Sigis segnete ihren Bund im Namen Wathans. Trygar und Duna
hatten nur Freunde aus Brenton, Shoal und der Burg sowie ihre Väter eingeladen. Rhome war schon zwei Wochen vor der Hochzeit eingetroffen,
und Trygar hatte eine Eskorte nach Stonewall, seinem Heimatdorf am Fuß
des Vas-Thet-Gebirges, geschickt, um Daedor Tathe die Einladung zu überbringen und ihn hierher zu begleiten. Zu seiner großen Freude war Trygars Vater am Vorabend der Trauung eingetroffen. Beinahe einen Monat
blieb er, länger als Rhome, der sich wieder um die Angelegenheit seiner
Provinz kümmern musste. Leider schlug er das Angebot seines Sohnes aus,
für immer bei ihm zu wohnen. Daedor glaubte, seine Schuld gegenüber
Stonewall noch nicht abgetragen zu haben. Aber in ihrer gemeinsamen Zeit
führten sie gute Gespräche. Sein Vater hieß Trygars Rolle in der Geschichte, die zum Tod Gadennyns geführt hatte, nicht nur gut, er dankte ihm sogar dafür, dass er das einzig Richtige getan und damit einen Krieg verhindert habe. Allerdings konnte er sich weiterhin nicht mit der Magie anfreunden und hoffte, dass sie sein Sohn eines Tages würde aufgeben können.
Das nächste Mal sah ihn Trygar am Tag des glücklichsten Ereignisses
seines Lebens, der Geburt Roalds. Wieder waren beide Väter herbeigeeilt,
um ihn und Duna zu unterstützen. Dank der kundigen Hilfe von Cora, inzwischen selbst Mutter, war es eine unkomplizierte Geburt. Die ausgelassenen Feierlichkeiten dauerten beinahe eine Woche und gingen in das Geschichtsbuch von Brenton ein. Selbst der König kam, um dem Fürstensohn
seine Aufwartung zu machen.
Als Roald ein Jahr geworden war, fand Trygar endlich den Mut, mit Duna über seine Tochter Nami zu sprechen. Er wollte sie sehen. Duna ließ ihn
widerwillig ziehen, und so fuhr er mit dem Schiff von Shoal nach Torgu,
kaufte sich dort ein Pferd und ritt in das südländische Dorf nahe des Passes,
in dem Cora, Boc, Spin und Gormen so herzlich aufgenommen worden
waren. Dort traf er auf Legath, den ehemaligen Seemann aus Shoala, der
ihn zu dem Ort führte, wo Horlu mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter
wohnte. Es war ein seltsames Wiedersehen, schwankend zwischen Freude
und Misstrauen. Natürlich wurde Trygar von Horlus Mann nicht willkommen geheißen. Der dunkelhäutige Südländer machte durch seine Körpersprache und seine Blicke deutlich, dass er wünschte, der hellhäutige Kindsvater, von dem Nami die grauen Augen hatte, möge bald wieder verschwinden. Horlu freute sich wirklich über den unerwarteten Besuch, aber
sie war auch unruhig, weil sie nicht wusste, ob Trygar Rechte an dem Kind
beanspruchen wollte, und blieb freundlich, aber reserviert. Doch seine kleine Tochter war die Reise Wert gewesen. Sie war ein niedliches Kind mit
olivfarbener Haut und rabenschwarzen Locken. Ihre wasserhellen Augen
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funkelten und strahlten, als er ihr sein Geschenk überbrachte, ein Pferdchen
aus Holz und Leder, auf Eisenrädern montiert, mit einem kleinen Sattel, in
den das Mädchen auch noch in zwei bis drei Jahren passen würde. Er wurde nicht müde, sie darauf durch die ausgedehnten Felder und Obsthaine zu
ziehen, bis ihr das kleine Hinterteil wehtat und sie ein bisschen weinte.
Voriges Jahr war er noch einmal da gewesen, diesmal zusammen mit
Duna und Roald. Sie hatten seine zweite Familie mit Geschenken und Geld
überhäuft und auch den Stiefvater Namis freundlich gestimmt. Duna liebte
das kluge, hübsche Mädchen sofort. Das Eis war nun gebrochen, und Trygar hoffte, dass sie sich jetzt öfters sehen würden.
Trygar konnte mit der Entwicklung seines Privatlebens zufrieden sein:
Er hatte einen Sohn und eine Tochter, die er beide abgöttisch liebte, seine
Ehe mit Duna war sehr glücklich, und sie erwartete endlich das zweite
Kind. Er hatte einige gute Freunde, die ihm neben seiner Familie das Leben
zur Freude machten. Selbst Zpixs tauchte von Zeit zu Zeit wie ein Geist
auf, verbrachte einige Tage mit seinen ehemaligen Weggefährten, um danach ebenso schnell wieder zu verschwinden.
Nicht so angetan war er von seinen neuen Aufgaben als Provinzfürst.
Genau genommen, hielt er sich als Politiker für ungeeignet, und er dankte
Wathan-Bejhi dafür, dass er ihm so umsichtige und kluge Berater wie Denis Ryche, Elsa Masuris und vor allem Harold geschenkt hatte. Duna, die
ihm als Fürstin von Shoala gleichgestellt war, half ihm trotz der festgelegten Arbeitsteilung ebenfalls, wobei er ihrer Intuition manchmal mehr traute
als den Ratschlägen seiner Beamten aus Shoal. Das Wichtigste war aber:
sein Schwiegervater Lord Rhome, ein erfahrener Politiker, stand ihm mit
Rat und Tat zur Seite. An ihn konnte er sich immer wenden, wenn eine zu
treffende Entscheidung seine Fähigkeiten überschritt, was nicht selten der
Fall war. Und so waren ständig Boten mit Depeschen von Shoala nach
Sandaba und zurück unterwegs. Es war gut, dass der König nicht wusste,
dass Shoala halb von Rhome regiert wurde. Trygar wollte nicht als schwacher Fürst dastehen und benötigte Zeit zum Lernen, aber er lernte gut, und
Rhome brauchte ihn heute kaum noch zu unterstützen. Auch das Problem
der zurückgehenden Steuereinnahmen würde er in den Griff bekommen,
dachte er zuversichtlich.
Seine Gedanken wandten sich den politischen Entwicklungen zu, die sie
auf ihrer langen Reise durch die Länder des Alten Königreichs angestoßen
hatten. Es gab erfreuliche und enttäuschende:
Vulcor war in der Zeit stehen geblieben, wie ihm Gormen, der ihn einmal in den sieben Jahren besucht hatte, berichtete. Die Nomaden lebten
noch immer ihr eigenes Leben und wanderten mit den Jahreszeiten zwischen dem Norden und dem Süden des Landes hin und her.
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In Pheldae hatte es beinahe zwei Jahre gebraucht, bis die von Lorth eingeleiteten Verhandlungen zu einem dauerhaften Frieden geführt hatten.
Jetzt regierte eine Volksversammlung das Land, in der Vertreter der Minengesellschaften, der Städter und der ehemaligen Gesetzlosen, die sich
jetzt die ‚Freien’ nannten, miteinander debattierten, um Mehrheiten rangen
und abstimmten. Zwar war keiner dieser ‚Vertreter des Volkes’ von diesem
gewählt, sondern die einflussreichsten und mächtigsten Männer der drei
Interessensgruppen stellten die Listen auf. Auch waren weder die Bauern,
das Proletariat der Städte noch die Minenarbeiter durch eigene Abgesandte
vertreten, doch immerhin reklamierten die ‚Freien’ für sich, diese Minderheiten mit zu vertreten, und sie taten es sogar gar nicht schlecht. Das Ergebnis war ein kompliziertes Geflecht von Interessen und Beziehungen, das
letztendlich zu einem gewissen Ausgleich führte. Die Armut der Unterprivilegierten war nun nicht mehr so groß, der Wohlstand breiter verteilt, und
auch die Bauern und Minenarbeiter wurden fairer behandelt.
In Orinokavo starb der alte Kaiser und machte seinem Sohn Platz. Der
neue Herrscher war viel klüger als sein Vater und erkannte seine Chance,
mit dem erstarkenden und jetzt politisch stabilen Pheldae ein Handelsbündnis einzugehen. Er schickte seine hervorragenden Baumeister und sehr gut
ausgebildeten Handwerker nach Pheldae, um beim Aufbau des Landes
mitzuhelfen. Im Gegenzug erhielt er Silber und andere Erze zum Vorzugspreis, und da die Erze über den kurzen Landweg auf nun sicheren Straßen
transportiert werden konnten, war Orinokavo bei diesem Geschäft im Vorteil gegenüber Koridrea. Wirtschaftlich erstarkt, baute der Kaiser einen
neuen Handelshafen südlich des Rabengebirges und ermöglichte es so seinen Bauern in diesem fruchtbarsten aber schwer erreichbaren Gebiet des
Landes, ihre Produkte zu guten Preisen ins Heimatland zu verkaufen. Endlich begann den Wiederaufstieg aus dem tiefen Tal des Kriegsverlierers.
Diese Entwicklung sah König Sagris mit Missmut und Misstrauen. Koridrea verlor seinen Einfluss auf den ehemaligen Kriegsgegner. Auch im
Haus der Lords brodelte es. Einige dachten über Sanktionen gegen Orinokavo oder gar eine militärische Intervention nach. Bisher hatten Lord Rhome und einige andere Fürsten, unter ihnen auch Trygar und Duna, den König von diesem Schritt abhalten können, aber es war nur noch eine Frage
der Zeit, bis der Konflikt ausbrechen würde. Trygar war äußerst beunruhigt
darüber.
Inzwischen war es dunkel geworden. Ponty, die Stute, fand im milden
Mondlicht ohne Probleme ihren Heimweg, während ihr Lenker die Gedanken kreisen ließ und sein Sohn immer noch fest schlief. So näherten sie
sich dem Burgwall. Das Tor wurde geöffnet und ein Stallbusche eilte herbei, um Ponty abzuschirren. Trygar nahm den schlafenden Roald von der
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Ladepritsche und wollte gerade auf den Wohnturm zugehen, als sich der
Stalljunge räusperte.
„Äh, Mylord?“
„Was gibt’s, Jon?“
„Ich weiß nicht, wo ich Ponty unterbringen soll.“
„So, weißt du nicht. Was hältst du vom Stall? Stell sie einfach in die
Box, wo sie immer steht.“
„Die ist besetzt.“
Jon war ein bisschen schwer von Begriff, aber Trygar schien es, als sei
es heute umgekehrt, und seine eigene Auffassungsgabe habe gelitten.
„Besetzt? Wieso? Ach egal. Stell sie einfach in eine leere Box.“
„Äh, Mylord, dadadas ist nämlich so:“ – der Junge stotterte immer, wenn
er nervös wurde – „es gigigigibt keine leere Box.“
Trygar seufzte.
„Lieber Jon. Wir haben einhundertzwanzig Stallplätze, aber nur achtzig
Pferde. Ich bin sicher, wenn du dich anstrengst, wirst du noch ein Plätzchen
für Ponty finden, meinst du nicht?“
Dabei fiel sein Blick unwillkürlich hinüber zu den Ställen, und er war erstaunt, als er etliche Pferde sah, die draußen im Arbeitspferch standen.
„Was machen die den dort?“, wollte er wissen.
„Die papapassten nicht mehr hinein.“
Jetzt reichte es Trygar. Er legte den immer noch schlafenden Roald wieder auf sein Felllager auf der Ladepritsche und ging hinüber zu den Stallungen. Die Tiere im Pferch waren abgesattelt, aber sie gehörten eindeutig
nicht seinen Leuten. Er betrat den größten Stall und sah eine Menge Sättel
mit dem Zeichen des Königs in einer Ecke aufgestapelt.
„Wer ist gekommen, Jon?“, fragte er sanft den Stalljungen, der ihm gefolgt war.
Der runzelte die Stirn und versuchte sich zu erinnern. Dann erhellte sich
seine Miene:
„Major Landon und fünfzig Ritter, Mylord.“
Trygar war überrascht: Botho Landon, Befehlshaber der Palastwache,
mit fünfzig seiner Männer! Rasch eilte er ins Haus und wies eine Magd an,
Roald zu holen und ins Bett zu bringen, dann ging er in die Turmhalle, um
seine unerwarteten Gäste willkommen zu heißen. Doch dort fand er nur
Duna, die beunruhigt wirkte.
„Wo sind sie?“, fragte er.
„Sie schlafen vermutlich. Sie sind weit geritten und waren sehr müde.
Ich habe sie begrüßt, bewirtet und ihnen gesagt, dass du sie erst morgen
empfangen kannst. Dann habe ich ihnen die Wachbaracke der Nachtwache
zum Schlafen zugewiesen.“
„Und was wollten sie?“
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„Einen Befehl des Königs überbringen.“
Duna holte eine Schriftrolle mit gebrochenem Siegel hervor und gab sie
ihrem Mann.
„Wenn du das gelesen hast, wirst du mit mir der Meinung sein, dass uns
schwierige Zeiten bevorstehen, Trygar.“
Lady und Lord Tathe.
Ich schicke Euch meine Grüße und wohlmeinenden Wünsche und hoffe,
Ihr seid wohlauf. Wie weit ist Eure Schwangerschaft gediehen, Lady Duna?
Was macht Euer reizender Sohn? Ich wünsche mir, er gerät nach Euch.
Ihr habt mir als Hüter des Steines treu gedient, doch nun entlasse ich
Euch aus dieser Verantwortung. Bei aller Wertschätzung für Euch ist mir
doch ein wenig unwohl, ihn so weit von mir entfernt zu wissen. Ich habe
entschieden, dass er in meinem Palast aufbewahrt werden soll, in einem
eigens erbauten Raum, der ihn vor unbefugtem Zugriff schützt. Bitte übergebt ihn bald Major Landon und seinen Männern, damit ihn diese sicher
nach Inay geleiten können.
Ich danke Euch für Eure Treue und die guten Dienste bei der Verwaltung des Euch gegebenen Lehens.
Stir Sagris, König von Koridrea
„Wir müssen die anderen zusammenholen und beraten, noch heute Nacht“,
schlug Trygar vor. Duna hatte Recht. Dieser königliche Befehl war brisant.
„Dann hast du meinen Boten also nicht getroffen? Ich hatte ihn über den
kleinen Bergpfad direkt nach Brenton geschickt. Er sollte dich benachrichtigen und, falls du nicht mehr da sein solltest, Boc, Cora und Spin holen. Ist
Spin überhaupt im Dorf? Um diese Zeit ist er doch meist auf Jagdtour.“
„Er ist vorgestern mit einigen wertvollen Pelzen zurückgekehrt, die sofort gegerbt werden müssen. Morgen wollte er wieder aufbrechen. Wir
haben Glück, dass er noch hier ist.“
„Harold, Dremion und Winger wissen Bescheid. Sie werden in einer
Stunde in der Felsenhalle sein.“
Tatsächlich fanden sich die übrig gebliebenen Mitglieder der Gemeinschaft, die vor mehr als acht Jahren in die Ostlande aufgebrochen war, zur
angegebenen Zeit ein. Harold, inzwischen sehr alt und schwach, aber immer noch mit messerscharfem Verstand, wurde von seinem Diener Roger
auf dem Rücken in die Felsenhalle geschleppt. Das Faktotum lud seinen
greisen Herrn auf einen Stuhl ab und verschwand wieder. Winger, der
Baumeister, der in den letzten Jahren schwer und rund geworden war,
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keuchte noch ein wenig vom Treppensteigen, als er die Felsenhalle betrat,
in seinem Schlepptau Dremion, den knorrigen Soldaten. Die beiden waren
ein unzertrennliches Paar. Die Gefährten aus Brenton trafen zuletzt ein.
Sie saßen zusammen um die Tafel in der Felsenhalle. In der Mitte zwischen ihnen stand die verschlossene Truhe mit dem Stein, Wohnort und
Welt eines fremdartigen magischen Wesens.
„Das bedeutet vielleicht nichts“, meinte Boc, nachdem Duna den Brief
des Königs vorgelesen hatte.
„Du bist zu leichtgläubig, mein süßer Stier“, widersprach seine Frau.
„Wir wissen alle, dass der König darüber beunruhigt ist, dass sich im Norden eine starke Allianz bildet. Ich glaube, er will den Stein wieder als
Machtmittel einsetzen. Vielleicht nur, um dem jungen Kaiser damit zu
drohen.“
„Was meinst du, Spin?“, fragte Winger.
„Ich verstehe nichts von Politik. König Sagris war uns bisher ein guter
Herrscher. Ich kenne ihn zwar nicht so gut wie Trygar und Duna, aber ich
glaube, er ist nicht machtgierig. Sein Interesse gilt allein dem Wohl seines
Volkes.“
„Aber gerade das könnte er in Gefahr sehen“, wandte Harold ein. „Orinokavo hat ja in der Vergangenheit oft Anlass zu Misstrauen gegeben. Das
ist ein Volk von Eroberern. Es liegt ihnen wohl im Blut. Der König darf
unseren nördlichen Nachbarn nicht zu stark werden lassen. Ihm bleiben
drei Möglichkeiten, die zunehmende Stärke Orinokavos einzudämmen.
Erstens, die Diplomatie. Zweitens, Demonstration militärischer Überlegenheit bis hin zur Kriegsdrohung, und drittens: die geheimnisvolle, gefährliche Macht in dem Stein. Natürlich ist die Geschichte des Wesens, das darin
haust, in allen Ländern des Alten Königreichs bekannt, die Hüter des Steins
sind jedem Menschen ein Begriff. Der Stein ist ein uneinschätzbares Risiko
für Orinokavo. Als weiser König wird sich Sagris alle drei Optionen offen
lassen. Zunächst wird er es mit Diplomatie versuchen, kommt er damit
nicht weiter, wird er mit der Macht des Steines drohen, denn das ist weitaus
billiger als erneut eine gewaltige Eroberungsarmee aufzustellen. Außerdem
ist er nicht kriegslüstern. Wie ich ihn einschätze, will er mit friedlichen
Mitteln ans Ziel kommen, aber dazu braucht er den Stein.“
Dremion runzelte verwirrt die Stirn.
„Ich verstehe nicht, wo das Problem liegt. Des Königs Befehl ist doch
klar und eindeutig. Außerdem geht es um unser Land. Harold hat Recht.
Orinokavo darf nicht wieder erstarken und uns noch einmal überfallen.
Übergeben wir also morgen den Stein an die königliche Eskorte. Schließlich kann der König ja nur damit drohen, ihn aber nicht benutzen, denn er
ist kein Magier, oder?“
Trygar ergriff zum ersten Mal das Wort.
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„Wir wissen weder, wie viele Magier unerkannt unter uns leben – es
mögen Hunderte sein, auch der König oder jemand aus seiner engeren Umgebung könnte einer von ihnen sein –, noch wissen wir, ob überhaupt magische Fähigkeiten notwendig sind, um das Wesen zu erwecken, das im
Stein wohnt. Wir wissen überhaupt nichts über es! Wenn der König versuchte, den Stein einzusetzen, könnte eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes geschehen. Wir müssen das verhindern!“
„Aber wie?“, fragte Duna. „Wir können nicht den königlichen Befehl
verweigern.“
Bevor jemand eine Antwort gefunden hatte, stellte Winger eine neue
Frage.
„Ist es denn überhaupt sicher, dass die Geisterkreatur noch lebt? Ich habe
nie genau verstanden, was damals geschehen ist, aber Gadennyn soll doch
von einem anderen Dämonen getötet worden sein, nicht von diesem, oder?
Wäre es nicht möglich, dass dieser Wächter der magischen Quelle auch das
Wesen im Stein verschlungen hat?“
Harold nickte. „Das ist ein Aspekt, den wir genauer betrachten müssen.
Der Stein könnte tatsächlich unbelebt und damit völlig harmlos sein.“
„Und wenn er belebt ist, könnte das Wesen darin geschwächt sein. Vielleicht lässt es sich vertreiben oder töten“, ergänzte Duna und fuhr fort: „Es
ist klar, was wir tun müssen: Trygar und ich werden den Stein bei Wahrung
größter Vorsicht untersuchen. Wir müssen einfach mehr wissen, bevor wir
ihn an Major Landon übergeben.“
„Aber das ist viel zu gefährlich!“, protestierte Cora. „Denkt doch daran,
was mit Semanius und Gadennyn geschehen ist: sie waren von ihm besessen und wurden gelenkt. Das könnte mit euch auch passieren.“
Trygar schüttelte den Kopf.
„Nicht so bald. Es dauerte lange, bis der Stein Macht über sie erlangte.
Es konnte auch nur deshalb geschehen, weil sie von der Gefahr nichts ahnten, bis es zu spät war. Wir aber wissen darum. Wir werden den Kontakt
nicht so lange aufrechterhalten, dass er Besitz von uns ergreifen kann. Das
Wesen war jetzt – wenn es überhaupt noch lebt – sieben Jahre im Tiefschlaf. Es braucht bestimmt, wie schon in der Vergangenheit, einige Zeit,
um vollständig zu erwachen.“
„Und was geschieht, wenn es doch Kontrolle über euch erlangt? Das wäre schlimmer, als wenn es der König einzusetzen versuchte. Ihr seid immerhin die mächtigsten Magier im Land“, fragte Dremion.
„Dann müsst ihr uns töten“, sagte Duna.
Es herrschte ein langes, betroffenes Schweigen, das sie schließlich unterbrach.
„Keine Angst, das wird nicht passieren. Ich setzte nicht Trygars Leben
und das unseres ungeborenen Kindes aufs Spiel, wenn ich nicht davon
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überzeugt wäre, dass ihnen keine Gefahr droht. Dennoch: als letzte Sicherheit müssen wir unseren Tod in Kauf nehmen.“
„Aber wie sollte euch jemand töten können, wenn ihr über unvorstellbare
magische Macht verfügt?“
Trygar erklärte es:
„Ich überlasse es dir, Spin, die besten Armbrustschützen der Burg an den
günstigsten Stellen rund um den Ausgang der Felsenhalle und in dem Seitental, wo der geheime Ausgang mündet, zu positionieren. Die Waffen
sollten mit den stärksten Sehnen bespannt und schussbereit sein. Stelle an
beiden Ausgängen der Höhle gut verborgen wenigstens acht Mann auf.
Vieren davon nennst du als Ziel meinen Namen, die anderen sind für Duna
zuständig. Sie und ich werden uns mit dem Stein in der Felsenhalle einschließen und ihn erforschen. Wenn möglich, werden wir versuchen, das
Wesen in seine Dämonenwelt zurückzutreiben oder zu töten. Es kann einige Stunden dauern oder Tage. Dann kommen wir heraus, nackt. Sollte einer
von uns den Stein am Körper tragen, so ist er besessen. Die Männer sollen
den Befehl erhalten, dann einen tödlichen Schuss anzubringen. Sie dürfen
keine Skrupel haben.“
„Und wenn ihr nicht herauskommt?“
„Dann hungert uns aus.“
Trygar und Duna empfingen Major Landon am nächsten Morgen in der
Halle des Turms.
„Ich hoffe Ihr fühlt Euch wohl bei uns, Major. Leider können wir Euch
und Euren Leuten wenig Zerstreuung bieten. Aber vielleicht solltet Ihr
Euch Shoal einmal ansehen, eine bemerkenswerte Stadt. Es gibt da zahlreiche hübsche Mädchen, und die großen Segelschiffe im Hafen sind wirklich
sehenswert“, plauderte Duna.
„Das wird nicht möglich sein, Lady Tathe, denn wir müssen so schnell
wie möglich wieder aufbrechen.“
„Ihr werdet leider noch einige Tage unsere Gäste bleiben müssen, Major,
bis wir Euch den Stein übergeben können“, sagte Trygar.
„Aber Lord Tathe, der König wies mich an, ihn sofort an mich zu nehmen und ihn unverzüglich nach Inay zu bringen!“
Trygar runzelte die Stirn und senkte den Blick auf die Schriftrolle mit
dem königlichen Siegel.
„Nun, davon steht hier nichts. Ich lese stattdessen: Bitte übergebt ihn
bald Major Landon und seinen Männern, damit ihn diese sicher nach Inay
geleiten können. Und bald bedeutet nicht sofort. Seht, Hauptmann, der
Stein ist sehr, sehr gefährlich. Wir haben ihn durch ein Gespinst von Magie
fest mit dem Fels verbunden, damit ihn niemand stehlen kann. Wir müssen
diese Magie nun vorsichtig Schicht um Schicht lösen und dürfen keinen
236
Fehler dabei machen, denn sonst kommt der eingeschlossene Dämon frei,
das versteht ihr doch, nicht wahr?“ Trygar fühlte sich nicht wohl dabei,
Landon, den er für ehrenwert hielt und sympathisch fand, so zu belügen,
aber es war notwendig.
„Oh, ich dachte, der Stein sei einfach nur in einer Truhe eingeschlossen.“
„Es ist nicht Euer Fehler, dass Ihr das nicht wusstet. Nicht einmal der
König weiß es, denn wir sind die Hüter des Steines. Seine Majestät weiß
auch nicht, wie gefährlich es ist, den Stein zu transportieren. Wir können
ihn Euch nicht einfach übergeben. Der Dämon könnte sich befreien und
Euch und Eure Männer zu seinen Sklaven machen. Wir müssen die stärkste
Bannmagie aufbringen, um Eure Reise nach Inay sicher zu machen. Auch
das wird ein paar Tage dauern. Erst wenn wir überzeugt sind, dass Euch
und vor allem dem König keine Gefahr durch den Stein droht, überlassen
wir Euch dieses Artefakt.“
Landon war blass geworden.
„Wäre es nicht sicherer, Ihr würdet uns begleiten, Mylord?“
„Das wäre es zweifellos, aber das steht nicht im königlichen Befehl.
Keine Angst. Wenn wir Euch den Stein geben, wird der Transport sicher
sein. Habt nur ein wenig Geduld.“
„Selbstverständlich. Verzeiht, dass ich gedrängt habe. Mylady, Mylord.“
Er verbeugte sich und ging.
Razhal
Alle Vorbereitungen waren getroffen. Duna und Trygar waren allein in der
Felsenhalle. Sie saßen einander an der langen Tafel gegenüber, zwischen
sich den Stein, der auf ein Kissen gebettet war. Sein Schwarz schien das
helle Licht der Öllampen aufzusaugen wie ein Schwamm.
„Lass uns an einen Ort gehen, wo wir uns sicher fühlen, bevor wir dieses
Ding berühren.“
Duna, wusste, was Trygar meinte. In den letzten sieben Jahren hatten sie
fast täglich gemeinsam meditiert und waren tiefer und tiefer in die Versenkung gegangen. Wie schon er zuvor, hatte auch sie das entsetzliche Gefühl
der Auflösung des Ichs erlebt, die Angst zu schwinden und für immer zu
vergehen; wie schon er, hatte sie diese Stufe überwunden und ein neues
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Selbst gefunden, in der sie eins mit ihm, eins mit der ganzen Welt war. An
diesem Ort quälten sie niemals Fragen. Hier suchten sie nicht nach Ziel und
Sinn, denn hier zu sein, war der einzige Sinn. Trygar und sie nannten diese
Ebene des Seins nicht länger die Leere, denn sie war das genaue Gegenteil
davon. Sie war voll Wissen und Erkenntnis, voll Schönheit, voll Leben.
Auch der Tod war hier, aber er war weder furchtbar noch hässlich. Und
über allem spürten sie die Anwesenheit Wathans wie nirgendwo in der
körperlichen Welt.
Sie schlossen die Augen, berührten sich an den Händen und traten ein.
Träge erwachte es und spürte, dass jemand forschend seinen Geist berührte.
Die Berührung war wie eine Frage: Wer bist du?
Nur langsam kam es zu sich, fühlte die Wohltat des Stroms der Urkraft
und labte sich daran. Immer gieriger trank es und wurde wacher und stärker, doch dann regulierte jemand den Strom, verringerte ihn zu einem dünnen Rinnsal, gerade genug, um seine Kraft in Grenzen zu halten. Lass
mich, ich brauche das, schrie es auf, und wieder fühlte es den forschenden
Geist. Wer bist du, fragte er erneut. Da begriff es, dass jemand, der stärker
war als es, den Stein in Besitz genommen hatte.
Und wer bist du, fragte es trotzig zurück.
Hier sind wir alle und eins, mit dir und der Welt, kam die Antwort, aber
dort, wo wir herkommen, sind wir Duna und Trygar.
Es war verblüfft. Es spürte nur einen Geist, mächtig und groß, ganz verschieden von Semanius und Gadennyn, aber dennoch menschlich. Gleichwohl wandte es seine alte Taktik an.
Ich kann euch Macht geben, mehr Macht, als ihr euch in euren kühnsten
Träumen vorstellen könnt. Ich kann euch eure größten Wünsche erfüllen,
wenn ihr mich nährt.
Wir wollen keine Macht. Wir haben keine Wünsche, die du erfüllen könntest, außer einem. Verlasse unsere Welt und kehre nie wieder.
Allmählich begann es zu begreifen, dass dieser menschliche Geist, der
aus zwei Individuen zu bestehen schien, einen Zustand des Seins erreicht
hatte, den es selbst schon vor langer Zeit verloren hatte. Wie war das möglich? Die Menschen, die es gekannt, beobachtet und teilweise kontrolliert
hatte, hatten so tief unter ihm gestanden, dass es kein Mitgefühl für sie
aufbringen konnte. Doch diese beiden waren ihm gleichgestellte Wesen. Es
erinnerte sich an ihre Namen: Trygar und Duna, die jungen Magier und
Gegenspieler Gadennyns. Es hatte sie mit allen Mitteln töten wollen, sie
waren ja nur Schmarotzer, die ihm den Lebenssaft aussaugten. Aber nun?
Würde es Seinesgleichen töten? Niemals! Allein der Gedanke war unvorstellbar.
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Wer bist du? Die Frage wurde drängender. Und es sah keinen Grund, sie
nicht zu beantworten.
Wesen wie ich haben keine Namen, aber Semanius gab mir einen, er
nannte mich Razhal, was in der ganz alten Sprache Dämon bedeutet. Er
dachte, ich sei ein Dämon aus uralter Zeit. Er irrte sich. Ich bin nicht von
eurer Welt. Das Schicksal, der Zufall, oder vielleicht meine Überheblichkeit haben mich auf ihr stranden lassen, verloren in Raum und Zeit, abgeschnitten von der Quelle des Lebens.
Du meinst die Magie?
Unser Volk nennt sie die Urkraft. Sie erfüllt das ganze Universum. Man
kann sie nicht mit Apparaten nachweisen, und die allermeisten Wesen wissen nichts von ihrer Existenz. Sie werden geboren, leben und sterben, ohne
sich an ihr zu laben, aber ihre Seelen kehren nach ihrem Tod zur Urkraft
zurück, lösen sich in ihr auf und bereichern sie. Meine Spezies ist uralt, fast
so alt wie die Welt selbst. In der Jugend des Universums waren auch wir
sterbliche Wesen, doch dann entdeckten wir die Urkraft, nährten uns von
ihr und veränderten uns. Wir wurden eins mit ihr, so wie ihr es jetzt seid.
Wir waren nicht länger Individuen, unsere Geister vereinigten sich zu einem Allwesen. Wir besiegten den Tod, indem wir auf unsere sterblichen
Hüllen verzichteten und uns neue, widerstandsfähige aus Stahl und noch
besseren Werkstoffen bauten. Wir wurden ein Volk von Reisenden und
Forschern, verbunden durch einen Geist, und wir erforschten die Sterne
und die unglaubliche Vielfalt des Lebens, fanden viele vernunftbegabte
Völker, die meisten ungleich primitiver als wir, einige, die uns gleich stehen, und sehr wenige, die vollkommen anders sind als ihr und wir und die
eure Vorstellungskraft sprengen würden. Manche dieser Wesen besitzen
nichts Materielles mehr, sind Geister, die nicht an Raum und Zeit gebunden
sind. Eines habt ihr kennen gelernt: den Seelenjäger, ein Raubtier, das sich
in seiner Geisterwelt von Seelen nährt. Ich habe ihn hergerufen, um dich zu
töten, Trygar, aber er nahm die Seele Gadennyns mit sich, weil sie eine
fette Beute war, getränkt mit der Urkraft, während du ein vergleichsweise
magerer Happen warst.
Ihr Menschen steht tief unten auf der Skala der vernunftbegabten Wesen,
gerade auf der Stufe der Rationalität angelangt, noch Tausende, wenn
nicht Millionen Jahre von der Stufe der Transpersonalität entfernt. Bemerkenswert an euch ist lediglich, dass einige wenige einen ungesteuerten
Zugang zur Urkraft besitzen, die ihr Magie nennt. Doch gemessen an uns
seid ihr nicht mehr als Amöben. Jedenfalls glaubte ich das bis jetzt.
Der menschliche Zwittergeist, beseelt von den Wesen Duna und Trygar,
schien Razhal zu verstehen, obwohl es nicht in Begriffen und Worten, sondern in Bildern ‚sprach’. Aber nicht nur das war der Grund für das Verständnis zwischen diesen beiden so fremden Lebensformen, sondern es war
239
dieser Ort, an dem sie sich befanden, ein Ort, der es an früher erinnerte, an
eine Zeit, als es noch in der Gemeinschaft seines Volkes verwurzelt war.
Razhal fühlte, dass ihn der fremde Geist durchdrang und mit ihm verschmolz. Er erinnerte sich an die starke Empathie seiner Geschwister, die
jede Empfindung eines anderen zur eigenen machte. Menschliche Zwillinge erlebten manchmal eine ganz schwache Form davon.
Wie bist du in unsere Welt gekommen, wollte das Menschenwesen mit
den zwei Seelen wissen.
Das habe ich lange Zeit selbst nicht verstanden, doch jetzt beginne ich zu
begreifen:
Um in der materiellen Welt zu reisen und zu forschen, haben wir unsere
fleischlichen Körper durch halb mechanische, halb organische und
teilselbständige Wesen mit einem eigenen Ich ersetzt. Diese dienen uns als
Körper mit Augen, Ohren und anderen Sinnen, die um ein Vieltausendfaches schärfer sind als die euren, sie sind uns Häuser und Wohnungen, die
uns alles bieten was wir brauchen und wünschen. Wir reisen mit diesen
intelligenten, künstlichen Hüllen durch die Weite des Weltenraums, ganz
wie ihr Menschen in euren Schiffen durch die Ozeane pflügt. Wir leben in
den Bäuchen unserer Sternenschiffe und versorgen sie mit der Urkraft,
damit sie uns überall hin bringen können.
Ich habe euch ja schon erzählt, dass unser Volk die Stufe der Transpersonalität erreicht hat. Hier ist alles erfüllt von reinem Sein – der Urkraft.
Ihr Menschen würdet sie vielleicht als göttliche Substanz oder gar Gott
bezeichnen. Die Wesen meiner Art besitzen keine Individualität mehr und
sind aufgegangen in der Ganzheit der Welt. Doch auch wir sind nicht gegen Rückfälle gefeit. Sehr selten geschieht es, dass eines von uns einfach
verschwindet, und da wir vor langer Zeit die biologische Reproduktion
aufgegeben haben, weil wir unsterblich sind, werden wir langsam immer
weniger. Jetzt weiß ich, was dieses Verschwinden bedeutet, denn ich bin
selbst aus meiner Welt und der Gemeinschaft verschwunden, und zwar aus
eigener Schuld: Vor langer Zeit begann ich, unzufrieden zu werden. Das
ständige Mitfühlen mit allen meines Volkes ermüdete und langweilte mich.
Ich wusste alles, was es zu wissen gab und fühlte alles, was es zu fühlen
gab. Ich sehnte mich nach Fragen, auf die ich selbst die Antwort suchen
konnte, ich wollte wieder neugierig sein, wollte Gefühle neu entdecken. Vor
allem aber wollte ich wieder ICH sein. Ich setzte alles daran, eine eigene
Identität zu entwickeln, und es gelang mir auch. Irgendwann wurden die
Gedanken der anderen blasser und leiser, irgendwann verschwanden ihre
Gefühle. Auf einmal war ich mit mir allein, und ich genoss es. Nicht, dass
ihr denkt, dass ich mich einsam fühlte. Ich hatte noch einen Freund, nämlich mein Schiff. Es war ja vernunftbegabt, und ich konnte immer mit ihm
reden. Wir reisten gemeinsam durch die Leere zwischen den Sternen, zu
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Planeten, auf denen das Leben gerade neu entstand, besuchten andere, auf
denen schon hoch technisierte, aber immer noch auf der Stufe der Rationalität und Egozentriertheit verhaftete Zivilisationen wohnten, wir fanden
Wesen aus reinem Geist in immateriellen Welten, die unsere stoffliche Welt
durchweben, ohne sie zu berühren, manche gefährlich und grausam wie die
Seelenjäger, manche freundlich und weise. Ich vergaß das alte Wissen
meines Volkes und freute mich, den Kosmos wieder neu für mich zu entdecken. Mit der Zeit änderte sich meine Sichtweise der Welt. Die Urkraft
hatte für mich nichts Göttliches, nichts Absolutes mehr, sondern war nur
ein Kraftfeld, beschrieben durch mathematische Formeln. Irgendwann
glaubte ich sogar, mein Schiff – und nicht ich – würde die Urkraft bei seiner Reise durch das Universum aufsammeln, als Energie nutzen und mich
davon speisen. Ich vergaß, dass es gerade umgekehrt ist, dass nur ein höheres Wesen, welches eine Seele besitzt, die Urkraft, die rein geistig ist, in
sich aufnehmen und benutzen kann. Nicht das Schiff war es, das mir Nahrung gab, sondern ich war es, der es mit Energie versorgte.
Tausende von Jahren eurer Zeit vergingen, dann geschah das Unerklärliche und Schreckliche: Binnen eines winzigen Splitters der Zeit verschwand die Urkraft, und damit mein Lebensborn und die Energie meines
Schiffes. Ich will euch die letzten Augenblicke mit mir erleben lassen. Seid
Gast in meiner Erinnerung und auf meinem Schiff, das gerade auf eure
Welt zufliegt:
Trygar und Duna sind in einem metallischen Zylinder. Sie sehen ihn
gleichzeitig von innen und außen. Das Raumschiff ist gewaltig. Hundertmal größer als der größte Segler, der je den Ozean durchkreuzt hat. Es
durchquert behäbig und ohne Ziel den fast sternenleeren Raum. Wie bei
einem Fisch im Ozean ist seine einzige Bestimmung, sich in diesem Meer
der Leere zu bewegen. Und so liegt – mehr durch Zufall denn durch Absicht – weit voraus ein kleiner, gelber Stern auf seiner Route.
Im Innern des Sternenschiffs steht ein Tank, verbunden mit Röhren und
Glasfaserkabeln, gefüllt mit Wasser, das mit Nährstoffen, Proteinen und
Sauerstoff angereichert ist. Darin schwebt eine monströse, schwammartige
Masse, aufgehängt in einem Gespinst weißer Fäden. Durch seine Neuronen
feuern hektische Impulse. Das Ding schreit, tonlos und dennoch laut.
Es ist ein denkendes Wesen, oder das, was von der ursprünglichen Art
nach zehn Milliarden Jahre währender Evolution übrig geblieben ist: bloß
ein Gehirn ohne biologischen Körper. Auch seine technobiotische Hülle,
das Sternenschiff, verfügt über ein Bewusstsein. Beide – Wesen und
Raumschiff – sind aufeinander angewiesen, sind Symbionten, die ohne
einander nicht existieren können.
Das Geschöpf in dem metallenen Tank ist Razhal.
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Bilder überfluten die bioelektronische Prozesseinheit des Schiffs. Empfindungen der Panik und Ratlosigkeit. Die Synapsen seines einzigen Passagiers und Freundes Razhal sind unmittelbar mit seiner Zentraleinheit verbunden. Ein Gehirn hat keine Schmerzsensoren, und dennoch spürt das
Schiff die unerträgliche Qual Razhals. Dafür verantwortlich ist ein Ereignis, das vor wenigen Sekunden stattgefunden hat:
Die Urkraft ist verschwunden!
Das scheint eigentlich unmöglich. Die Urkraft füllt das ganze Universum
aus. Sie ist Grundlage jeglicher Form von Materie und Energie. Ihre Quantenfluktuationen gewähren die Existenz von Zeit, Raum und allem darin.
Das Leben der Spezies des Reisenden hängt ebenso wie die gesamte Technologie des Schiffs von ihr ab. Ohne Urkraft kann nichts sein. So dachte
das Schiff bisher jedenfalls.
Es hat einen geringen Vorrat dieses Quantenfeldes in seiner Energiematrix gespeichert und ist so konditioniert, dass das Wohl seines Passagiers
über seinem eigenen zu stehen hat, und deshalb ergreift es sofort die einzige Maßnahme, die die Qualen Razhals lindern kann: Es leitet einen Teil der
verbliebenen Urkraft aus der Matrix in den Tank.
In diesem Augenblick endet der Anfall von Panik und psychischem
Schmerz, und die in der Nährlösung schwebende Masse biologischer Neuronen sendet wieder normale Impulse an die Prozessoreinheit des Schiffs.
Razhal kann wieder klar denken. Das sich dann entwickelnde „Gespräch“
spielt sich in zentralnervösen Empfindungen ab, umgewandelt in digitale
Informationen, hin- und hergeleitet zwischen dem organischen und dem
technobiotischen Komplex, nicht verbalisierbar, und dennoch verstehen
Duna und Trygar:
Razhal: „Was ist geschehen?“
Schiff: „Etwas Außergewöhnliches und – statistisch betrachtet – sehr
Unwahrscheinliches: Entweder ist die ganze Urkraft des Universums verschwunden, oder wir durchqueren ein lokales Urkraft-Vakuum.“
Razhal: „Das ist unmöglich!“
Schiff: „Es widerspricht jedenfalls allen bisherigen Erkenntnissen. Aber
dennoch ist es so.“
Razhal: „Wenn die Urkraft wirklich verschwunden ist, dann ist das das
Ende allen Seins. In Kürze wird das Universum Vergangenheit sein!“
Schiff: „Warum erst in Kürze? Eigentlich sollte schon jetzt nichts mehr
existieren. Meine Sensoren erfassen aber immer noch Materie und Energie
ringsherum. Doch vielleicht ist das nur eine Illusion? Schließlich erreichen
mich die Informationen mit Lichtgeschwindigkeit, und ich blicke daher
immer in die Vergangenheit. Womöglich gibt es in der Gegenwart schon
nichts mehr außer uns.“
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Razhal: „Das wäre aber sehr seltsam. Warum sollten gerade wir als Letzte übrig bleiben?“
Schiff: „Du hast Recht. Vielleicht ist es nur eine lokale Blase in der Urkraft, die wir durchqueren.“
Razhal: „Wenn wir erst vor kurzem in die Blase eingetreten sind, dann
kehre doch einfach um.“
Schiff: „Ich kann nicht. Wir können im Urkraft-leeren Raum nur passiv
treiben. Der kleine Rest in meiner Matrix reicht gerade, um dich eine Weile
am Leben zu erhalten. Bald werden meine Systeme ganz versagen, und wir
werden sterben. Es tut mir Leid.“
Razhal: „Sterben. Ich habe davon gehört. Unsere Ahnen aus grauer Vorzeit sollen einst gestorben sein. Der Tod sei das Ende aller biologischen
Funktionen, sagt man. Aber was kommt danach?“
Schiff: „Das Seltsame ist, dass die Bereiche meiner Hülle, die bereits ohne Urkraft sind, immer noch bestehen. Materie kann anscheinend – entgegen allen bisherigen Theorien – in einem Urkraft-Vakuum existieren. Ein
schwacher Trost: Unser Bewusstsein wird zwar vergehen, aber unsere Hülle wird noch eine Weile überleben. Doch nicht mehr lange: Vor uns liegt
ein Sternensystem, dessen Gravitationsfeld uns in ein paar Zeitzyklen einfangen wird. Wir werden mit hoher Wahrscheinlichkeit einen der inneren
Planeten treffen. Danach wird auch unsere stoffliche Struktur zerstört sein.“
Razhal: „Gibt es denn gar keinen Ausweg?“
Schiff: „Doch, und du kennst ihn!“
Razhal: „Du meinst den Transfer? Damit habe ich mich noch nie auseinandergesetzt, ebenso wenig wie mit dem Sterben.“
Schiff: „Das kann ich verstehen. Der Transfer ist nur wenig besser als der
Tod. Aber du kannst durch ihn überleben, auch wenn ich vernichtet werde.
Ich werde dein Bewusstsein in die unzerstörbare Spore transferieren. Es
wird dann schlafen, bis es wieder Zugang zur Urkraft hat.“
Razhal: „Und was geschieht dann?“
Schiff: „Du kannst dich nicht selbst aus der Spore befreien und wirst in
einem Zustand minderer Existenz verharren, bis der unwahrscheinliche Fall
eintritt, dass ein anderer deiner Art dich findet. Ich werde dir nicht mehr
helfen können.“
Razhal: „Ich kann ohne dich nicht sein!“
Schiff: „Doch, das kannst du. Aber du wirst fast völlig von jeder Empfindung abgeschnitten und unendlich einsam sein.“
Razhal: „Dann will ich lieber sterben. Ich ziehe die Nichtexistenz einem
solchen Dasein vor.“
Schiff: „Nein. Es tut mir Leid. Aber ich kann dich nicht sterben lassen.
Du weißt, dass mir das vollkommen unmöglich ist. Ich werde aufhören zu
sein, aber du musst weiterleben.“
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Der Einschlag erfolgt drei Tage später und wird unter dem Namen „Hammer Gottes“ in die Geschichte eingehen.
Das also sind die letzten Momente gewesen, an die ich mich erinnere. Mein
Schiff ist auf eurer Welt zerschellt und hat eine gewaltige Katastrophe
ausgelöst, mit der eure Zeitrechnung neu begann. Der Stein aber ist unzerstörbar. Mein Geist überlebte schlafend in ihm, bis schließlich Semanius
die Spore fand.
Ich verstehe jetzt, was wirklich geschehen ist: Es hat nie eine UrkraftBlase gegeben, nur ich war auf einmal nicht mehr imstande, die Kraft zu
fühlen, weil ich mich selbst in meiner Entwicklung weit zurückgeworfen
habe, auf eine Stufe mit euch Menschen, nein, sogar noch darunter.
Als ich erwachte, spürte ich die Anwesenheit der Magier, und ich fühlte
auch, wie sie sich an der Urkraft labten. Ich will versuchen, euch zu erklären, was in mir vorging. Stellt euch vor, ihr wandelt durch eine fast lichtlose Höhle und leidet furchtbaren Hunger. Ihr seht eine Ratte und folgt ihr.
Sie führt euch in eine Halle, und ihr nehmt den köstlichen Geruch von Käse
war, doch die Halle wimmelt von Ratten, die den Käse in vielen Schichten
bedecken, über ihn hinwegwuseln, ihn mit Exkrementen verdrecken und
fressen, fressen, fressen. Was tätet ihr? Ihr würdet natürlich die Ratten
töten, eine nach der anderen, bis der Käse euch gehört und ihr euren Hunger stillen könnt.
Das Bild stimmt nicht ganz, denn eine Ratte – nämlich die, die mich zum
Käse führte – musste ich am Leben lassen. Ich war in dieser schrecklichen
Welt unfähig, etwas selbst zu tun, und so sollte diese Ratte – Semanius – für
mich töten. Und manchmal ging die Ratte, die mich trug, auch selbst zum
Käse, und so konnte ich überleben, durch die Krümel, die ich abbekam.
Mein Gewissen schlug nicht, denn wen kümmern schon Ratten. Aber die
Ziele meiner Ratte und meine eigenen waren nicht dieselben. Sie wollte die
anderen Ratten beherrschen, nicht töten, denn ohne Volk wäre sie kein
Herrscher. Letztendlich wählte sie den Freitod, als ich versuchte, sie zu
zwingen.
Bei Gadennyn ging ich subtiler zu Werke, denn inzwischen hatte ich
schon einiges über das Rattenvolk – euch Menschen – gelernt. Und ich
schien auch Erfolg zu haben, bis einige der Ratten die Gefahr erkannten
und sich gegen mich wandten.
Ihr und eure Freunde habt letztendlich gesiegt, Trygar und Duna. Und
ich habe erkannt, dass zwischen uns kein Unterschied im Wert besteht. Ihr
beide habt etwas erreicht, das ich verloren habe, die Transpersonalität, der
Schlüssel zum wahren Leben.
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Razhal hatte seine Geschichte erzählt. Hätten sie sich nicht an diesem Ort
befunden, hätten Trygar und Duna wohl kaum etwas davon verstanden,
aber hier blieben keine Fragen offen.
Danke, dass ihr mich hierher gebracht habt. Zum ersten Mal seit einer
Ewigkeit fühle ich wieder Leben in mir, sagte der Bewohner des Steins.
Aber du warst doch schon einmal hier, fragte der Menschengeist Trygar/Duna.
Nein, niemals.
Wir sahen dich, als wir in der Leere waren. Du hast versucht, uns von
der Quelle wegzustoßen.
Das war hier? Dann war ich blind und taub. Ich habe nichts von dem,
was ich jetzt fühle, gespürt.
Etwas war noch zu klären:
Was wirst du nun tun, fragten sie ihn.
Ich beschwöre euch: Gebt mir nur für einen Augenblick den vollen Zugang zur Urkraft. Dann werde ich versuchen, meine Geschwister zu rufen.
Vielleicht hören sie mich und nehmen mich wieder auf.
Es war kein Falsch in dieser Bitte. Hier konnte niemand lügen. Sie gewährten ihm den Zugang zur Macht.
Zweihundert Meilen entfernt in einem Dorf in Koridrea wurde ein Pferd
Zeuge einer scheinbaren Selbstverbrennung. Der Pferdeknecht, der es
striegelte, begann auf einmal zu leuchten. Seine Haare stellten sich auf und
sprühten Funken. Flammen züngelten an seinem Körper, und bläuliche
Blitze wanden sich seine Arme und Beine entlang. Das arme Tier geriet in
Panik, brach durch die Stalltür und rannte auf und davon. Eine Magd, die
den Gaul wie von Sinnen fortgaloppieren sah, trat durch die zersplitterte
Tür und erblickte den Pferdeknecht, der, zwar weiß wie eine Wand und mit
zerzaustem Haar, aber dennoch unversehrt war. Er stand da, blickte an sich
herab, sah auf seine erhobenen Hände und schüttelte unaufhörlich den
Kopf. Der Mann war ein Magier.
In dem Hafenbordell von Shoal bediente eine Hure ihren Freier, während
der keuchende, pumpende und stoßende Mann dachte, er bediene sie. Sie
spielte wie immer ihre Rolle, stöhnte und tat so, als ob sie es genösse, in
Wirklichkeit aber fühlte sie gar nichts. Doch dann, von einem Augenblick
zum anderen, kam eine ungeahnte Wonne in ihr auf, ein süßer Schmerz,
eine Erregung, wie sie sie seit Jahren nicht mehr gespürt hatte. Es kam in
heftigen Wellen über sie, schüttelte sie durch, und ihr Entzückensschrei
war nicht gespielt. Der Höhepunkt war überwältigend und wollte nicht
verebben. Ihr Freier hörte mit seinen heftigen Bewegungen auf und blickte
erstaunt auf die Frau herab. Sie war eine Magierin.
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Wie die beiden spürten es Hunderte magiebegabter Menschen im selben
Augenblick. Manche von ihnen wirkten Wunder, ohne es zu wollen und
wurden für lange Zeit zum Gesprächsstoff für die, die es gesehen hatten
und die, die später davon hörten. Selbst Gormen fühlte in seinem Kloster
hoch im Norden und mehr als zweitausend Meilen entfernt die Erschütterung des magischen Gefüges und war mehr als beunruhigt. Die Xinghi
schickten den gerade heimgekehrten Zpixs zurück nach Koridrea, um herauszufinden, was da geschehen war.
Auch Harold wurde von der Woge erfasst. Ihm blieb fast die Luft weg, als
er die ungeheure Energie durch sich fließen spürte. Die anderen, die zusammen mit ihm in der Halle des Turms auf die Rückkehr von Trygar und
Duna warteten, sahen ihn erschrocken an. Er war in ein strahlend helles
Licht getaucht, das in Bündeln aus seinen Augen gleißte, und schwebte für
einige Momente drei Fuß über seinem Stuhl.
Trygar und Duna blickten einander an. Sie waren wieder im Hier und Jetzt
und hielten immer noch den nun leblosen Stein in ihren Händen.
„Ich spüre es nicht mehr“, sagte Duna. Er stimmte ihr zu: „Du hast
Recht, das Wesen Razhal ist zurück zu seinem Volk gegangen. Lass uns
hinausgehen und es ihnen sagen.“
Gut eine Stunde später übergaben Lord und Lady Tathe Botho Landon eine
kleine Truhe.
„Ihr könnt den Stein nun zum König bringen, Major. Es ist absolut sicher.“
Als der Befehlshaber der königlichen Palastwache mit seinen Männern
die Halle verlassen hatte, wandte sich Trygar zu seinen Freunden.
„Es ist vorbei. Für alle Zeit. Jetzt ist mir endlich nach Feiern zumute.
Dieses Fest soll niemand in der Burg je vergessen.“
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