Man muss auch Mut haben

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Man muss auch Mut haben
“Man muss auch Mut haben”
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by Daniel George
Juli 23, 2013
Frank Buschmann. // Foto: www.sportsfreude.com
Im August startet er noch mal ganz neu durch: Dreimal pro Woche will Frank Buschmann – immer wieder
gern die Stimme des Deutschen Basketballs genannt – im Internet sein neues
Format „BuschiTV“ präsentieren. Im Internet, denn das ist für den mittlerweile 48-Jährigen „das neue
Fernsehen“. Auch Basketball soll dort eine große Rolle spielen. Mehr aber verrät Buschmann momentan
noch nicht über sein neuestes Projekt. Dafür aber rauscht er gemeinsam mit Viermalzehn einmal quer
durch die deutsche Medienlandschaft und sagt, wie er sich die Zukunft von Basketball im TV, aber eben
auch auf dem PC Monitor vorstellen kann. Daniel George hat eine Stunde Audienz mit Mister „Ratatatata“
zu Papier gebracht.
H
err Buschmann, vor kurzem hat sich Sport 1 dazu entschlossen, in der kommenden Saison den
festen Handball-Sendeplatz am Dienstagabend für viertklassige Fußball-Übertragungen zu opfern. Ihr
erster Gedanke dazu?
Buschmann: Das ist für mich natürlich eine erschreckende Geschichte. Da ich nicht mehr bei Sport 1 tätig
bin, kenne ich allerdings die Hintergründe nicht. Ich vermute ganz stark, dass die Handball-Bundesliga
weiter ihren fixen Sendeplatz haben wird. Ich denke, Handball wird auf den Mittwoch gehen, aber das ist
reine Spekulation. Wenn man es schafft, die Spiele so zu terminieren, dass sie vor eventuell anstehenden
Fußball Champions League Spielen auf anderen Sendern beendet sind, wäre das keine so schlechte Lösung.
Generell allerdings ist mir das zu viel Fußball. Und im Grunde gibt man für viertklassigen Fußball einen
etablierten Sendeplatz der Handballer – und das ist für mich ganz entscheidend beim Fernsehsport. Denn
hier sind die Konsumenten einfach Gewohnheitstiere und die haben eben den Dienstagabend als
Handballsendeplatz gelernt. Man gibt da jetzt eine Gewohnheit und Regelmäßigkeit auf, für die der
Zuschauer angelernt ist. Das sehe ich skeptisch.
Bleibt bei all dem Fußball überhaupt noch Platz für vermeintliche Randsportarten wie Basketball? Sie
haben in einem Interview einmal gesagt, dass Fußball alles platt machen würde. Wie schwer ist es denn, da
überhaupt eine Nische zu finden?
Buschmann: Es ist extrem schwierig. Die Fußballer wissen, dass ich selbst ein großer Liebhaber dieser
Sportart bin. Es ist aber schon erstaunlich, und da ist Deutschland übrigens fast einzigartig in Europa, dass
es eine solche Monopolisierung des Fernsehsports gibt. Momentan wird ja wirklich nahezu jedes
Trainingsspiel übertragen. Ich rede da jetzt nicht von Spielen, die für einen guten Zweck stattfinden. Das ist
dann kein Sportfernsehen, das ist Unterhaltungsfernsehen. Aber dass jetzt jedes Spiel von Borussia
Dortmund oder den “Wie kann es sein, dass die Fußball-Regionalliga übertragen wird, sich
aber kein Free-TV-Sender findet, der die Basketball-Euroleague zeigt? “Bayern im
Trainingslager gesendet wird, halte ich für schwierig. Ich habe früher gedacht, dass das irgendwann zu
einer Übersättigung führt, aber offensichtlich ist es so, dass die Sportfans in Deutschland das so wollen und
mögen. Ich tue mich extrem schwer damit, das zu glauben, aber es scheint so zu sein. Wie kann es sein,
dass die Fußball-Regionalliga übertragen wird, sich aber kein Free-TV-Sender findet, der die BasketballEuroleague zeigt. Dass mehr Leute ein Spiel wie Rheda-Wiedenbrück gegen Rot-Weiß Essen sehen wollen
als beispielsweise Bamberg gegen Maccabi Tel Aviv. Aber da sind wir wieder beim Punkt: Man muss die
Zuschauer erziehen, was wiederum nur über regelmäßige Sendeplätze funktioniert. Schön wären dann hin
und wieder Erfolge deutscher Mannschaften auf internationaler Ebene. Wobei man sich im Handball
darüber ja auch nicht beschweren kann. Hamburg hat die Champions League gewonnen.
Privatsender finanzieren sich hauptsächlich über Werbeeinnahmen. Es geht um Einschaltquoten. Es geht
um das Geschäft. Durchaus verständlich. Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten haben allerdings auch
einen gesellschaftlichen Auftrag, sollen eine Grundversorgung mit relevanten Sportarten gewährleisten. Ist
das angesichts der Fußball-Dominanz überhaupt der Fall?
Buschmann: Zunächst einmal: Es gibt nicht nur Sportfans in Deutschland. Und manche Leute fragen sich
deshalb auch, was es mit Grundversorgung zu tun hat, wenn man ein Tennisturnier auf Rasen aus England
überträgt. Bei all meinen Vorwürfen gegenüber den öffentlich-rechtlichen Sendern tue ich mich mit der
Grundversorgung als Begründung immer ein bisschen schwer. Es gibt schon einige Menschen in
Deutschland, die es nicht interessiert, wie Frau Lisicki in Wimbledon spielt oder wie sich Herr Schaffartzik
bei der Europameisterschaft in Slowenien präsentiert. Da muss man ein bisschen vorsichtig sein. Aber ich
erwarte bei den Öffentlich-Rechtlichen trotzdem mehr Abbildung anderer Sportarten, und sei es in den
normalen Wochenendsportformaten. Da unterliegen auch sie offensichtlich genauso dem Quotendruck wie
die Privaten – und da hört dann eben tatsächlich mein Verständnis auf, das finde ich einfach nicht mehr gut.
Die Öffentlich-Rechtlichen gehen teilweise mit einer Arroganz in die Verhandlungen, weil sie eben als
Zwangs-Pay-TV über Gelder verfügen, mit denen kein privater Sender mithalten kann. Und dann lassen sie
sich immer noch als Don Quichote feiern. Ich bin kein Feind des dualen Rundfunkrechts und der öffentlichrechtlichen Sender, aber so richtig werden sie ihrer Aufgabe meiner Meinung nach nicht gerecht.
Die ARD hat sich kürzlich die Rechte für die Übertragung der Basketball-EM gesichert. Eine umfassende
Berichterstattung ist geplant.
Buschmann: Spannend wird es in dem Moment, wenn es wirklich um etwas geht. Beispielsweise in der
Zwischenrunde, wenn ein Spiel nicht nach Wunsch der ARD in den frühen Nachmittag gelegt werden
kann, sondern zur Primetime stattfindet. Da kann ich jetzt schon die Gewissheit abliefern, dass das
natürlich nicht die Tagesschau und auch nicht „Um Himmels Willen“ oder sonst was verdrängen wird.
Eigentlich müsste man im Sinne der Fans dann sagen: „So ein Spiel geht an einen anderen Partner, der für
möglichst viele Zuschauer frei empfangbar ist, so dass die Leute das Ding live sehen können.“ Da habe ich
schon Sachen erlebt, wo ich mal im Urlaub war und wichtige Spiele sehen wollte, das Spiel dann aber
einfach nicht übertragen wurde.
Zum Beispiel?
Buschmann: Zum Beispiel gab es da die Europameisterschaft 2003 in Schweden, als das entscheidende
Spiel gegen Italien nicht übertragen wurde. Ich erinnere mich auch an das Halbfinale der BasketballWeltmeisterschaft 2002, wo man aufgrund von ewig langen Interviews nach einem Fußballspiel fast die
ganze erste Halbzeit eines, das muss man sich mal überlegen, WM-Halbfinals der deutschen
Nationalmannschaft gegen Argentinien, nicht gezeigt hat. Dann sollen sie es doch einfach abgeben und
nicht den anderen wegkaufen.
Herr Buschmann, die Spielzeit 2012/2013 ist sowohl in der BBL als auch in der NBA gelaufen. Zeit für ein
Resümee: Welche positiven Entwicklungen haben Sie bezüglich der Basketball-TV-Präsenz beobachten
können? Was hat ihnen in dieser Hinsicht Sorgen bereitet?
Buschmann: Die Quotenentwicklung der Basketball-Bundesliga ist auf jeden Fall positiv zu bewerten –
zumindest was die Play-offs betrifft. Da ist schlicht und einfach ein Kausalzusammenhang mit der Zugkraft
des FC Bayern München zu sehen. Jetzt werden“Jetzt werden einige Leute wieder aufschreien,
aber ich finde das gut, weil ich denke: Je mehr Aufmerksamkeit, desto besser.”einige
Leute wieder aufschreien, aber ich finde das gut, weil ich denke: Je mehr Aufmerksamkeit, desto besser.
Auch für Sport 1 gilt, dass das Hin- und Hergeschiebe von Partien und Sendezeiten während der Saison
absolutes Gift ist. Das finde ich katastrophal. In den Play-offs nahm das aber wirklich eine extrem gute
Entwicklung. Die Frage ist halt immer, wie nachhaltig so etwas ist. Was wäre, wenn die Bayern mal nicht
so eine große Rolle spielen?
Der FC Bayern München sollte auch auf Kabel 1 als Zugpferd dienen. Der Privatsender wollte
ursprünglich zehn Partien übertragen. Wie fällt ihr Fazit dieses Experiments aus?
Buschmann: Positiv war, dass man sich überhaupt an so ein Projekt ran getraut hat. Negativ: Wie Kai aus
der Kiste zu kommen und zu denken, dass man an einem Sonntagmittag um 13 Uhr einfach mal ein Beko
BBL-Spiel überträgt und sich da ruhig mal eine Quotendoktrin auferlegen kann. Wir reden immerhin über
ein Vollprogramm, das nicht im Verdacht steht, am Sonntagmittag ein Basketballspiel zu übertragen. Da
hätte ich mir mehr strategische Weitsicht gewünscht. Ich hätte mir auch gewünscht, dass man, wenn man
diesen Zehn-Spiele-Vertrag macht, erst im Rennen um die Play-off-Plätze, am liebsten sogar erst in den
Play-offs, einsteigt. Dann hätte es der Sportart eine Menge gebracht. Dann wären es statt 400.000
wahrscheinlich 600.000 bis 700.000 Zuschauer und hilfreich gewesen. Schade, dass da so schnell, und da
sind wir wieder beim Quotendruck, die Waffen gestreckt wurden. Das hat mich aber nicht sonderlich
überrascht. Mich hat mehr überrascht, dass man überhaupt den Mut hatte, so etwas zu probieren. Die Frage
ist nur, ob man dann nicht einen längeren Atem braucht.
In der abgelaufenen Saison haben Sie einige NBA-Partien für SPOX.com im Live-Stream kommentiert und
ihren Vertrag bei dem Internetportal nun verlängert. Wie bewerten Sie die Übertragungen im Nachhinein?
Buschmann wird auch in Zukunft bei spox.com die NBA kommentieren. // Foto: www.sportsfreude.com
Buschmann: Die Überraschung, dass man so etwas im Stream wagt, der im wahrsten Sinne des Wortes
wackelig war, ist auch hier positiv zu bewerten. Und dann auch noch zur besten Sendezeit, was für mich
übrigens der Grund war, warum ich das gemacht habe. Inhaltlich und technisch muss sich natürlich noch
was tun, aber da wird dran gearbeitet, sonst hätte ich nicht um ein weiteres Jahr verlängert. Da wird sich
ohnehin viel tun in naher Zukunft. Sportarten wie Basketball werden ganz, ganz viel im Netz stattfinden.
Das muss dann aber schon die gewohnte Fernsehqualität haben, so sind wir Deutschen eben, irgendwo auch
nachvollziehbar. Dass das technisch möglich ist, beweisen die League-Pässe von der NFL oder der NBA.
Ich bin ganz guter Dinge, dass sich da eine Menge entwickeln wird und finde es einfach extrem positiv,
dass wir die spektakuläre NBA wieder zur besten Sendezeit in Deutschland anbieten können, was im FreeTV aufgrund der hohen Kosten gar nicht möglich wäre. Das ist also eine Sache, der ich durchaus Zukunft
gebe. Ich denke generell, dass viele Sportarten ins Netz wandern werden, man da allerdings zusehen muss,
dass man mutiger wird und sich das traut, was im Fernsehen nicht zu machen ist.
Sport im Internet – ein großes Thema. Wo liegen denn Vor- und Nachteile von Sport im Internet? Wo sehen
Sie Möglichkeiten im Zusammenspiel von Internet und Fernsehen?
Buschmann: Ich glaube fest daran, dass kleinere Sportarten es in Zukunft immer schwerer haben werden,
bei Vollprogrammen unterzukommen. Wenn sich die Sportspartensender auch nur noch darauf besinnen,
dem Mainstream nachzurennen und nur noch Fußball und Trash zeigen, dann wird es schwierig. Da halte
ich Live-Streams im Internet für zukunftsweisend – wenn sie gut gemacht sind und wenn Vereine und
Verbände begreifen, dass man da auch Geld in die Hand nehmen muss. Es gibt da zum Beispiel die
Möglichkeit des sogenannten Second-Streaming: Das heißt, große Sportevents zu begleiten, ohne LiveBilder zu zeigen. Die Live-Berichterstattung wird immer ein gesellschaftliches Erlebnis bleiben und
Massen in Wohnzimmern oder Kneipen vor die Bildschirme ziehen. Da sehe ich überhaupt keine Gefahr
durch das Internet. Es stellt sich aber die Frage: Was kann man drumherum machen? Während der
Basketball-Europameisterschaft etwa, die ja bei den Öffentlich-Rechtlichen gezeigt wird, werde ich nach
Slowenien reisen und Hintergrundgeschichten liefern, die es beim übertragenden Sender so nicht gibt, weil
der ganz einfach keine Zeit hat, um sich mit dem Physiotherapeuten und Schaffartzik auf die Liege zu
legen. Die können einfach nicht das Frühstück mit der Truppe zeigen. Das sind Dinge, die werden über das
Netz laufen. Das wird ein entscheidender Weg sein. Erstaunlich ist nur, wie schwer sich alle damit tun.
Woran liegt das?
Buschmann: Ich glaube, dass Fernsehsender, weil sie ja alle auch Internetplattformen haben, vernetzen
wollen – aber genau das tun sie nicht, sondern sie machen im Internet nur Fernsehen für Arme. Und das
wollen die Leute da draußen nicht. Da gibt es noch unheimlich viel Potenzial. Dass alle Sportarten nach
großen Fernsehpartnern streben, weil das mehr Geld und mehr Wahrnehmung bedeutet, verstehe ich
natürlich. Man sollte nur nicht verkennen, dass wir uns in einer extrem schnellen Entwicklung befinden.
Niemand will in drei bis fünf Jahren wach werden und sagen müssen: „Mist, wir haben was verpennt.“
Die Rezipienten suchen im Internet gezielt nach Übertragungen. Neue Zuschauergruppen werden damit
nicht angesprochen. Muss das aber nicht eigentlich das Ziel sein, um dem Sport populärer zu machen?
Buschmann: Ja, aber das kann man nur durch Learning by doing erfahren, ob es funktioniert und wie es
funktioniert. Da wird es sehr interessant sein zu sehen, wie Buschi-Fans und Hardcore Fußball-Fans
reagieren, wenn ich beispielsweise einen ehemaligen Kanu-Olympiasieger vorstelle. Kein Schwein wird
seinen Namen noch kennen, aber ich bringe den Leuten diesen Sportler dann wieder näher und er darf sich
mal ausheulen und erzählen, dass er nur alle vier Jahre aus seinem Kellerloch kommt und wie hart er jeden
Tag trainiert. Ich will damit nicht zwölf Millionen Menschen erreichen, aber wenn ich 150.000 Menschen
erreiche, dann ist das für den Kanu-Sport doch viel besser, als medial überhaupt nicht stattzufinden. Da
folge ich aber unserer Kanzlerin und muss zugeben, dass ich in dem Fall im Neuland unterwegs sein werde.
Ich werde da Dinge einfach versuchen und nicht nur Interviews mit Dirk Nowitzki oder Bastian
Schweinsteiger führen. Dass das funktioniert, da bin ich mir hundertprozentig sicher. Das ist keine große
Kunst. Was ist aber mit diesen breit gefächerten Sportthemen? Ganz viele Leute sagen mir: „Hör doch auf
mit dem Mist, es interessiert sowieso nur der Live-Sport.“ Das werden wir sehen.
Sie scheinen in den vergangenen Monaten soziale Netzwerke für sich entdeckt zu haben. Was sagen Sie zur
bisherigen Einbindung von Social Media in die Basketball-Übertragungen bei Sport 1? (Spieler des Spiels
wählen, das Spiel in einem Tweet beschreiben, usw.)
Buschmann: Generell denke ich, die Fernsehsender haben noch nicht begriffen, was es bedeutet zu
vernetzen und zu verbinden. Diese großartige Idee zu sagen, man solle das Spiel in einem Tweet
beschreiben – ganz ehrlich, da schlafen mir die Füße ein. Ich finde es tatsächlich nahezu erbärmlich, was da
passiert. Gleiches gilt auch für das ZDF Sportstudio, wenn Einbindung von Social Media bedeutet, zwei
Tweets vorzulesen. Da wird so viel verpennt. Es ist schon erstaunlich, wie wenig Kreativität da vorhanden
ist. Die Einbindung von sozialen Medien ins Fernsehen ist am Ende des Tages kein Teufelswerk, kein
Neuland “Social Media ist im Endeffekt das Vermitteln dessen, was für den Menschen
dahintersteckt.”und auch kein Heilsbringer. Social Media ist im Endeffekt das Vermitteln dessen, was
für den Menschen dahintersteckt. Verblase ich nur irgendwelche Werbebotschaften oder irgendwelche
Botschaften meines Senders, dann findet das die Netzgemeinde relativ schnell bescheuert – langweilig,
Mainstream, auf Wiedersehen! Man muss auch Mut haben. Wenn Sport 1 beispielsweise beim Basketball
scheinbar aus einem Ufo in Oldenburg sendet und ich denke, dass mein Fernseher kaputt ist, weil alles
bläulich ist, dann muss man den Mut haben und via Social Media sagen: „Wir senden heute übrigens zum
ersten Mal aus dem Raumschiff Enterprise. Ist wohl nach hinten losgegangen. Sorry, technisches Problem.“
Dann sagen die Leute: „Geil, die können über sich selbst lachen, gehen damit korrekt um und
entschuldigen sich bei uns.“ Zu so etwas kommt aber kein Wort. Es kommt nur: Beschreibt das Spiel in
einem Tweet! Wer ist euer MVP? Gähn, gähn, gähn!
Also soll die Sportberichterstattung ihrer Meinung nach auch noch ein bisschen unterhaltsamer werden?
Buschmann: Ich bin da immer ein bisschen vorsichtig und will nicht als Unterhaltungs-Clown der
deutschen Sportmedien gelten, aber ich finde tatsächlich, wir könnten insgesamt den Sport, ohne ihn zu
veralbern, unterhaltsamer präsentieren. Da bin ich fest von überzeugt. Ich treffe ja schon viele Leute und
das Feedback ist tatsächlich so, dass die Leute sagen: „Es wäre ganz schön, wenn wir mal ein bisschen
mehr Spaß hätten.“ Ein Kasper-Kopf, der nur lustig ist, aber keine Ahnung hat, wäre aber auch nicht das,
was ich mir für die Sportberichterstattung wünsche.
Stichwort Unterhaltung: Bei der Übertragung der Partie ALBA Berlin gegen Bayern München auf Kabel 1
fungierte Bastian Schweinsteiger als ihr Co-Kommentator. Zwischenzeitlich lasen Sie eine SMS von Lukas
Podolski an Schweinsteiger vor. Bezüglich der Einschaltquoten war es ein Erfolg. Wie bewerten Sie diese
Übertragung im Nachhinein?
Buschmann: Erst einmal gehöre ich nicht zu den Menschen, die davon ausgehen, dass die Übertragung gut
war, wenn auch die Quote gut war. Ich habe da ein zwiespältiges Gefühl und verstehe den Einwand vieler
Basketballer, die sagen, dass das Spiel irgendwann im Hintergrund stand. Diesen Vorwurf müssen wir uns
gefallen lassen, zum Teil waren wir zu weit weg vom Spiel. Auf der anderen Seite ist es uns gelungen, mit
dieser Übertragung Menschen für den Basketball zu begeistern, die eigentlich Basti und Poldi geil finden.
Damit ist schon einmal ein kleiner Schritt getan. Ich würde so etwas niemals in einem Play-off-Halbfinale
oder gar Finale tun, sich aber generell solchen Dingen zu verschließen, wäre ein Fehler. Man braucht
Fingerspitzengefühl und muss wissen, wann und wo man so etwas macht. Dass einige gleich vom
Untergang des Abendlandes gesprochen haben, ist absoluter Quatsch. Es war immer noch die beste
Basketball-Quote in der gesamten vergangenen Saison. Aber nochmal: Nur um die Quote hochzudrücken
und auch Fußball-Fans zu begeistern, darf man nicht das sportliche Interesse in einem entscheidenden Spiel
vernachlässigen.
Das ist ja gerade dieser heikle Spagat. Neue Zuschauergruppen sollen gewonnen, gleichzeitig
eingefleischte Zuschauer aber nicht vergrault werden. Kann das überhaupt gelingen?
Buschmann: Natürlich kann das gelingen. Du kannst es nur nicht immer allen recht machen. Aber wer
kann das schon? Und in meinem Fall muss ich auch sagen: Wer will das schon? Man bekommt diesen
Spagat hin. Dann müssen halt die Experten schlucken, dass ich zwei- oder dreimal erkläre, dass man
innerhalb von acht Sekunden über die Mittellinie gedribbelt sein muss. Wenn ich pures Expertenfernsehen
mache, verabschiede ich mich von allen anderen. Das kann nicht Sinn der Sache sein. Je länger, je
konstanter und je intensiver eine Sportart präsentiert wird, desto weniger muss ich diese Dinge einfließen
lassen.“Natürlich gibt es Leute, die mich aufgrund meiner extrovertierten Art wie die
Pest hassen.”Irgendwann, das ist ja mein großer Traum, muss ich dann beim Basketball oder beim Super
Bowl nichts mehr erklären. Da sind wir aber noch nicht angekommen. Klar muss man da den Spagat
hinbekommen, man darf es nicht wie für einen Erstklässler gestalten. In Bezug auf meine Person wird oft
geschrieben, dass ich polarisiere. Das ist gar nicht so. Natürlich gibt es Leute, die mich aufgrund meiner
extrovertierten Art wie die Pest hassen. Manchmal finde ich es auch doof, wenn ich da rumbrülle, aber so
extrem polarisiere ich gar nicht. Ich glaube, dass der Spagat funktionieren kann, aber immer auf Kosten
einiger Zuschauer, die sagen werden: „Das ist mir zu viel. Das halte ich nicht aus.“ Am liebsten würde ich
alle begeistern, alle fesseln, aber danach kann ich meine Arbeit nicht richten. Das ist schlicht und einfach
unmöglich.
Als Moderator des Basketballmagazins „Inside NBA“ (wurde von 1995 bis 2003 auf dem Spartensender
DSF ausgestrahlt und im Jahr 2003 aus Kostengründen eingestellt) waren Sie lange Zeit das Gesicht von
NBA-Basketball im deutschen Fernsehen. Warum hat diese Sendung so viele Jahre lang erfolgreich
funktioniert?
Buschmann: Gute Frage. Keine Ahnung. Die NBA war in Deutschland damals einfach deutlich populärer
als heute – und das trotz Dirk Nowitzki. Die Rechte waren damals sogar für einen Sender wie das DSF
erschwinglich. Es gab nachts die Finals live, zweimal pro Woche Spielzusammenfassungen und dann eben
noch dieses „Inside NBA“-Magazin.
Das war einfach anders als das, was man aus dem Fernsehen gewohnt war. Wir sind von den Granden der
TV-Berichterstattung jahrelang dafür belächelt worden – SAT 1, ARD, ZDF. Alle haben uns belächelt und
gesagt: „Da kommt wieder die Videogruppe aus Ismaning.“ Heutzutage würde ich mir von denen
wünschen, dass sie den Mut hätten, so etwas zu wagen. Durchaus etwas professioneller, als wir das damals
gemacht haben, aber wir haben uns Dinge getraut. Mir war egal, ob meine Haare sitzen, wie ich figürlich
rüberkam oder ob mir gerade ein Fisch am Kopf vorbei geflogen ist. Es ging immer darum, Spaß zu
vermitteln und dabei auch Spaß zu haben. Eine andere Erklärung ist der Mythos Michael Jordan und die
Zirkustruppe aus Chicago. Das hat natürlich extrem dabei geholfen, diese Sportart und diese Liga in
Deutschland zu platzieren. Ich würde mir auch heute wünschen, dass ein Sender sich so etwas traut, aber
ehrlich gesagt, glaube ich da überhaupt nicht mehr dran. Die ticken alle anders. Da machen sie lieber so
etwas wie das Laufband-Quiz.
Spielt es eine Rolle, dass Basketball-Highlight-Filme und Spielzusammenfassungen relativ schwer zu
produzieren sind, weil es letztendlich nur eine Aneinanderreihung von Körben ist? Im Fußball ist das
einfacher.
Buschmann: Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Die Sportart Basketball eignet sich für einen
Zusammenschnitt von vier bis fünf Minuten nämlich überhaupt nicht. Und selbst in einem
Zusammenschnitt von 45 Minuten ist es schwierig. Ich habe mich irgendwann dazu entschieden, dass ich
kaum Sequenzen aus der ersten Halbzeit gezeigt habe, dafür aber fast die komplette zweite Hälfte. Das
bringt natürlich das Problem mit sich, dass man auf einige Highlight-Sequenzen verzichtet. Ich habe mich
immer dazu entschieden, die Geschichte des Spiels so ein bisschen nachzuerzählen. Ich kenne den
Königsweg aber nicht. Basketball ist eben keine Zirkusveranstaltung, wo nur Menschen durch die Luft
fliegen. Solche Highlights sollte man schon eher in einer Top 10 darstellen.
Halten Sie es denn für möglich, dass die NBA noch einmal ins deutsche Free-TV zurückkehrt?
Buschmann: Darüber zerbreche ich mir nicht mehr den Kopf, weil ich schlicht und ergreifend glaube, dass
NBA-Basketball über die TV-Stationen nicht mehr stattfinden wird. Da werden solche Sachen wie das
SPOX-Engagement eine große Rolle spielen, über Live-Streams, sicherlich auch mit eingebundenen Top
10-Videos. Dann muss man es sich irgendwann auch auf die Fahnen schreiben, über das Internet nicht
basketballaffine Leute zu begeistern. Und das ist ja wirklich die spannende Aufgabe: Wie hole ich
jemanden am Sonntag um 21 Uhr zum Spiel Dallas gegen L.A., der sich eigentlich nicht für Basketball
interessiert? Im Endeffekt durch die Qualität und Besonderheit meiner Arbeit. Das spricht sich rum und
dann funktioniert es vielleicht. Die Leute würden sich wundern und die Fernsehmacher würden mit den
Augen kreisen, wenn sie wüssten, wie viele Menschen sich das am Sonntagabend reinziehen, wenn Dirk
Nowitzki mit den Dallas Mavericks gegen Kobe Bryant und die L.A. Lakers spielt.
Der Stream ist damals ja nicht ohne Grund abgestürzt.
Buschmann: Genau. Das ist ein sicheres Indiz dafür, dass es gescheppert hat bis zum Geht Nicht Mehr. Ich
hoffe, dass so etwas nicht wieder passiert, also dass der Stream abstürzt.
Wie lief das damals eigentlich bei Sportdigital? Was haben Sie da für Erinnerungen dran? (2007-2009
sollten mindestens zwei BBL-Spiele pro Woche im Netz übertragen werden)
Buschmann: Soll ich die Wahrheit sagen? Gar keine. Ich habe nicht eine Sekunde der Übertragungen von
Sportdigital gesehen. Basketball-Bundesliga in elektronischen Medien war für mich viele Jahre lang nicht
existent. Ich habe das damals nicht empfangen können und ich glaube, zu der Zeit auch nicht empfangen
wollen. Ich kann nur sagen, dass es sich mittlerweile gedreht hat. Heute würde ich mir Spiele im Netz
anschauen, auch, wenn ich nicht daran beteiligt wäre, wenn es gut gemacht ist. Das ist immer entscheidend.
Irgendwelche Amateure, die sich für die größten halten, aber keine zwei Sätze fließend in einer
vernünftigen Tonalisierung rausbringen, die werde ich mir nicht anhören. Wenn das gut gemacht ist, gucke
ich mir das aber an.
Wagen Sie bitte einmal einen Blick in die Glaskugel: Wie sieht die Zukunft des Basketballs im deutschen
Fernsehen aus?
Buschmann: Wenn ich das wüsste, dann wäre ich der Messias im deutschen Basketball. Ich wage aber mal
einen Versuch: Wir werden nicht die Seligsprechung bekommen und bei großen Sendern mit Live-Spielen
vorhanden sein. Eine Ausnahme sehe ich allerdings: Sollte der FC Bayern München innerhalb der nächsten
zwei bis drei Jahre in der Lage sein, in Europa unter die besten vier bis acht Mannschaften zu kommen,
dann halte ich es theoretisch für möglich, dass ein großer Sender versuchen wird, die Spiele der Bayern
in“Ich sehe keine Alternative für die Liga bei einem anderen bundesweit empfangbaren
Sender unterzukommen.”Europa zu zeigen. Großer Sender heißt nicht ARD, ZDF, RTL oder Sat.1.
Das kann ich mir nur bedingt vorstellen, aber warum sollte das nicht mal einer aus der zweiten Reihe
machen? Das würde ich für wichtig erachten. Ich würde mir schon einen größeren Sender mit ein bisschen
mehr Power und ein bisschen mehr Finanzkraft wünschen. Das halte ich unter diesen Voraussetzungen in
Bezug auf Bayern München für möglich. Ansonsten wird es so sein, dass die Basketball-Bundesliga ihre
Heimat bei Sport 1 finden wird, solange der Sender das noch will. Ich sehe keine Alternative für die Liga
bei einem anderen bundesweit empfangbaren Sender unterzukommen. Ich würde allen Beteiligten
empfehlen, sich zu überlegen, wie es mit einer flächendeckenden Abdeckung mit Streams aussieht. Die
Euroleague konnte auch im Netz oder im Pay-TV ihre Zukunft finden. Warum sollte Sky oder Sport 1+ da
nicht rangehen? Das Problem ist nur, dass das die Sportart nicht entscheidend voranbringt. Da picken sich
die Leute dann wieder raus, was sie sehen wollen.
Wie sieht es ihrer Meinung nach künftig mit NBA-Basketball aus?
Buschmann: Die NBA wird ihren Status Quo halten und hoffentlich noch lange am Sonntagabend bei
SPOX zu sehen sein, was für mich wichtig ist, weil man nicht mitten in der Nacht aufstehen muss. Die
Sport 1+ Verträge kenne ich nicht. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass es ein gut gemachtes und
aufwendig produziertes Highlight-Magazin auf einem Fernsehsender geben wird, hoffe allerdings, dass ich
mich mit dieser Einschätzung komplett irre.
Wie hoch ist das Zuschauerpotenzial denn eigentlich noch?
Buschmann: Ich gehe von 100.000 bis 200.000 Hardcore-Fans aus, die bereit sind, sich häufiger ganze
Basketballspiele anzuschauen. Da verstehe ich die Sender schon, das muss natürlich alles refinanzierbar
sein. Aber es geht darum, wie ich etwas verändern kann. Dass das mit unternehmerischem Pioniertum
einhergeht, ist mir hundertprozentig klar. Die Zuschauerschaft ist eben überschaubar und wirtschaftlicher
Erfolg nicht garantiert. Hilfreicher als jeder Internetstream wäre die Übertragung der deutschen
Euroleague-Mannschaften im europäischen Wettbewerb und zwar an jedem Donnerstag, beispielsweise auf
RTL 2 oder Kabel 1. Jeden Donnerstag sehe ich Bamberg oder Bayern, dann haben wir auch noch das
Glück und die gewinnen mal knapp gegen Piräus oder Panathinaikos. Die Bude brennt. Die Leute sagen
sich: „Was ist da denn los? Ich guck mir das nächsten Donnerstag wieder an.“ Gehen wir von 600.000 bis
700.000 Zuschauern aus, davon sind 500.000 keine Hardcore-Fans, von diesen bleiben wiederum vielleicht
200.000 hängen. So könnte man die Quote und das Interesse sukzessive steigern.
Bei Spartensender kann das so nicht funktionieren, oder?
Buschmann: Bei kleineren Sendern habe ich überhaupt keine Verlässlichkeit, das ist ein Vorwurf, den ich
auch Sport 1 mache. Da sichert man sich die Rechte an der Euroleague und sagt nach dem zweiten
verlorenen Spiel: „Weg damit.“ So kille ich eine Sportart. Aber nochmal: Der Buschmann muss es ja auch
nicht bezahlen. Das ist dann immer das Argument. Es sind aber auch schon Entwicklungen verschlafen
worden, wo man hinterher gesagt hat: „Hätten wir doch mal.“ Ich muss das immer ein wenig relativieren,
wenn ich so“Offensichtlich ist unser Land für diese Sportart nicht so geeignet.”rumtobe. Ich
bin jetzt seit 1993 in den Medien mit dieser Sportart aktiv. Das heißt: Ich habe den ersten, letzten und
wahrscheinlich einzigen Basketball-Europameisterschafts-Titel einer deutschen Nationalmannschaft erlebt.
Ich habe den aufgehenden Stern von Dirk Nowitzki im Nationalmannschaftstrikot erlebt. Ich habe eine
WM-Bronzemedaille erlebt. Ich habe eine großartige Leistung der Mannschaft mit EM-Silber erlebt. Ich
habe Nowitzki insgesamt 15 Jahre lang begleitet und immer gesagt, dass er unter den besten fünf deutschen
Sportlern aller Zeiten anzusiedeln ist. Ich habe immer gedacht, dass das eine Lokomotive für diese Sportart
sein muss – und ich habe mich jedes Mal geirrt. Offensichtlich ist unser Land für diese Sportart nicht so
geeignet. Ganz klar ist aber auch, dass nie ein Sender genug Geduld und Spucke hatte und das konsequent
durchgezogen hat.
Woran denken Sie?
Buschmann: Es gab Momente, wo man zumindest den Ansatz erkennen konnte, dass sich
etwas bewegt. Da war nicht 1993 der Schlüsselmoment. Verpennt haben wir alle miteinander
das EM-Halbfinale 2001, als Deutschland gegen die Türkei spielte. Wirte wurden genötigt,
Fußball aus- und Basketball einzuschalten, weil die langen Löten um den Einzug ins EMFinale gespielt haben. So etwas hat es danach nie wieder gegeben. Unter anderem auch, weil
die Fernsehsender das nicht mit der nötigen Akribie, Liebe, Geduld und dem nötigen KnowHow betrieben haben.