Neue Zürcher Zeitung Synthetischer Kubismus

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Neue Zürcher Zeitung Synthetischer Kubismus
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'Möbius-Haus'
Het Gooi, Niederlande
© nicht bekannt
Synthetischer Kubismus
Ben van Berkels programmatische Villa - das «Möbius-Haus»
SAMMLUNG
Neue Zürcher Zeitung
ARCHITEKTIN
Das neuste Wohnhaus von Ben van Berkel besitzt programmatischen Charakter. Der UNStudio
LANDSCHAFTSPLANUNG
heute 41jährige Amsterdamer Architekt hat sich von der Idee des Möbius-Bandes
anregen lassen. Obwohl das Gebäude zunächst labyrinthisch wirkt, weist es eine in West 8
sich geschlossene Struktur auf, die zu einer neuen Harmonie führt.
FUNKTION
Einfamilienhaus
von Hubertus Adam
Mathematischen Definitionen gemäss ist ein Möbius-Band - jener Streifen, dessen Enden,
um 180 Grad verdreht, miteinander verbunden werden - eine Fläche, die nur eine
Randkurve und eine Seite besitzt. Als Charakteristikum des Möbius-Bandes gilt die
Nichtorientierbarkeit: Wo oben, wo unten, wo rechts, wo links, wo hinten, wo vorne ist: all
das lässt sich nicht entscheiden. Das Prinzip des Möbius-Bandes in die Architektur zu
übertragen bereitet Schwierigkeiten. Weil sie den Gesetzen der Schwerkraft unterliegen,
können irdische Wesen sich in einer derartigen Figur nur schwer bewegen. Gleichwohl
stellt sich die Frage, ob konventionelle Wohnungen mit ihrer mehr oder weniger
stereotypen Reihung rechteckiger Räume tatsächlich den menschlichen Bedürfnissen
entsprechen?
Das Ehepaar, das den Amsterdamer Architekten Ben van Berkel mit dem Entwurf für ein
Wohnhaus beauftragte, hatte zumindest andere Vorstellungen. Da beide Partner ihrer
beruflichen Tätigkeit zu Hause nachgehen, bedeutet das Leben in den eigenen vier
Wänden in diesem Fall nicht nur schlafen und entspannen, sondern auch arbeiten. So
wünschten sie sich ein Haus, das genügend Freiraum für all diese Bedürfnisse böte; ein
Haus, das die Vielgestaltigkeit und Wandelbarkeit des Lebens repräsentiere; ein Haus
schliesslich, das den Rhythmus der Natur auch im Inneren spürbar werden lasse - befindet
sich das Grundstück doch unweit von Amsterdam in einer waldigen Gegend.
Streifen von grauem Sichtbeton und grünlichem Glas schimmern - zumindest im Winter durch das Astwerk der Bäume hindurch, wenn man sich dem Grundstück nähert. Die
Aussenansichten des expressiv anmutenden Baukörpers - von Fassaden im engeren
Sinne lässt sich kaum sprechen - geben allerdings wenig Aufschluss über das dem
Gebäude zugrunde liegende Konzept, das auf den Prinzipien des Möbius-Bandes basiert:
Endlosigkeit und Nichtorientierbarkeit. Van Berkel fügte zwei Raumfluchten so zusammen,
dass sich im Inneren eine schleifenförmige Promenade ergibt, die sämtliche Räume
berührt und die beiden Ebenen miteinander verbindet.
Falls man nicht mit dem Auto die im Zentrum des Hauptgeschosses gelegene Garage
ansteuert, bietet sich ein unscheinbarer Zugangsweg an. Vom Tor aus führt der
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PLANUNGSBEGINN
1993
BAUENDE
1998
MITARBEIT PLANUNG
Aad Krom (Projektleitung), Jen
Alkema, Casper le Fèvre, Rob
Hootsmans, Matthias Blass, Marc
Dijkman, Remco Bruggink, Tycho
Soffree, Harm Wassink, Giovanni
Tedesco.
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'Möbius-Haus'
geschotterte, von zwei Plattenreihen eingefasste Pfad die Senke entlang einem Bachlauf
hinunter zum versteckten Eingang, der sich unter den markanten kanzelartigen
Vorsprüngen der Raumfluchten des Hauptgeschosses befindet. Eine schmale Treppe leitet
vom Vestibül hinauf zur Wohnebene. Dort angekommen, gilt es, sich zu entscheiden. Nach
hinten in das Arbeits- oder Schlafzimmer, geradeaus in den Wohnbereich oder seitlich die
neuerliche Treppe hinauf in das obere Geschoss? Die Orthogonalität scheint ausgehebelt:
Wände fliehen, knicken, hier aus Beton, dort aus Glas, Innen und Aussen scheinen zu
verschmelzen.
Doch so labyrinthisch, wie das Raumgeflecht zunächst anmutet, ist es letztlich nicht, im
Gegenteil: Schlaufenähnlich zieht sich die innere Promenade, zu der es keine Alternative
gibt, durch das Haus, der Weg der Bewohner, ihre tägliche Laufbahn. Ein Diagramm van
Berkels zeigt die Struktur des Hauses, projiziert auf das Zifferblatt einer Uhr, die man
zugleich als Kompass verstehen kann. Wie anhand der Beischriften erkenntlich, fliessen
die Nutzungen ineinander; keiner der Bereiche wurde seitens des Architekten eindeutig
definiert, Ambiguität ist Programm, alles verändert sich unmerklich. Die Waschbecken
wirken, als seien sie aus dem Bad in das Schlafzimmer verrutscht, Arbeitszonen besitzen
wohnliche Qualität, und der Wohnbereich erweitert sich nahtlos zum Konferenzraum.
Von den beiden Arbeitszimmern, die wie die beiden Brennpunkte einer Ellipse das Kraftfeld
des Hauses zusammenhalten, dem Schlafbereich sowie den Kinderzimmern abgesehen,
gibt es im «Möbius-Haus» kaum distinkte, abgetrennte Räume. Verkehrsflächen nehmen
den grössten Teil der Grundfläche ein; wer das Haus besucht, wird unweigerlich einer
Dynamik unterworfen, die Stillstand nahezu verbietet. Alles ist miteinander verknüpft,
Raum wird um die vierte Dimension der Zeit erweitert. Nur konsequent, dass die ebenfalls
von van Berkel entworfenen Schichtholzmöbel durchgängig auf Rollen gelagert sind. In
Kontrast dazu treten statische Tische aus Beton, die unmittelbar mit dem konstruktiven
Gerüst des Hauses verbunden sind, aus diesem hervorwachsen oder in dieses
einmünden.
Es ist eine seltsame promenade architecturale, die das Haus durchzieht. Es ergeben sich
optische Beziehungen zwischen den einzelnen Teilen des Gebäudes und Ausblicke auf
den von Adriaan Geuze vom Team West 8 gestalteten Garten. Doch all das wirkt eher
beiläufig; die Fenster fungieren als Öffnungen, nicht als Rahmen. Ben van Berkel
inszeniert keine Perspektiven, durch die sich Welt erschliesst, er bedient sich auch keiner
Dramaturgie, die den Parcours in eine Abfolge von Stationen verwandelte. Die hybride
Struktur des Hauses generiert ihre eigene Raumlogik und erweist sich als selbstreferentiell.
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'Möbius-Haus'
Mit seinen Bauten, die in den achtziger Jahren zunächst vor allem in Amersfoort
entstanden, konnte sich der 1957 in Utrecht geborene Ben van Berkel als einer der
bedeutendsten Exponenten der zeitgenössischen niederländischen Architektur etablieren.
Anders als Rem Koolhaas, der in seinen Werken vielfach Elemente collagiert, die dem
funktionalistisch-konstruktivistischen Erbe der Moderne entstammen, steht van Berkel eher
in einer expressiven Tradition. Schon in der Vergangenheit verwahrte er sich indes davor,
als dekonstruktivistischer Architekt verstanden zu werden.
Auch wenn die polygonal gebrochenen Flächen seiner Fassaden, die pfeilartig
vorstossenden Betonelemente zunächst an Projekte von Zaha Hadid erinnern, geht es
dem Niederländer nicht um Zersplitterung oder Fragmentierung. Am ehesten erinnert van
Berkels Konzept an den synthetischen Kubismus, bei dem die ausserbildlichen Verweise,
welche die Bilder der analytischen Phase geprägt hatten, zugunsten einer bildimmanenten
Harmonie heterogener Formen suspendiert worden waren. In diesem Sinne sucht Ben van
Berkel nicht nach der Fragmentierung des Bestehenden, zerlegt nicht die Wirklichkeit in
ihre Bestandteile, sondern forscht nach einer neuen Struktur, die Vielheit in Einheit
überführt - nach einer neuen Harmonie. Keines seiner Gebäude zeigt das so deutlich und
überzeugend wie das «Möbius-Haus». Man kann es als ein architektonisches Manifest
verstehen.
Neue Zürcher Zeitung, 05.02.1999
WEITERE TEXTE
Wohnen in der Endlosschleife, Franziska Leeb, Der Standard, 08.05.1999
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