Zwischen Krieg und Frieden: Die Rolle der Kirchen in

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Zwischen Krieg und Frieden: Die Rolle der Kirchen in
HEKS GRunDlaGEn
Dokumentation der Fachkonferenz vom
21. September 2006 in Bern
Zwischen Krieg und Frieden:
Die Rolle der Kirchen
in Versöhnungsprozessen
Dokumentation der Fachkonferenz
vom Donnerstag, 21. September 2006, Bern
Zwischen Krieg und Frieden:
Die Rolle der Kirchen in Versöhnungsprozessen
Impressum
Herausgeberin
HEKS Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz
Stampfenbachstrasse 123, 8035 Zürich
www.heks.ch
Redaktion
Sabina Handschin, Maya Krell; HEKS Grundlagen Projektstelle Friedensarbeit
AutorInnen
Mô Bleeker, Dieter Brandes, Arne Engeli, Gret Haller, Tildy Hanhart,
Robert Layson, Tatjana Peric, Marina Peter, Franz Schüle
Korrektorat
Erika Reist, Erlenbach
Gestaltung
Toni Bernet
Druck
OK Haller, Zürich
Auflage
300 Exemplare
Januar 2007
Inhalt
Inhalt
I
Einleitung
4
II
TagesprogrammFachkonferenz
8
III Referate
Franz Schüle: 60 Jahre HEKS – 60 Jahre Engagement für Wahrheit,
Gerechtigkeit und Versöhnung.
11
12
Mô Bleeker: Zwischen Frieden und Krieg. Die Rolle der Kirchen im Versöhnungsprozess. 17
Gret Haller: Verantwortung der Religionsgemeinschaften für den Frieden.
IV VersöhnungsarbeitinfünfverschiedenenKontexten
27
Mexiko
Eckdaten
Input Tildy Hanhart: Die zapatistische Befreiungsbewegung und die Diözese
San Cristóbal stärken das indigene Selbstbewusstsein in Chiapas.
Einführung Workshop: Beobachtungen im Auftrag des Friedens.
Das ökumenische und offizielle Engagement der Schweiz in Chiapas.
33
Philippinen
Eckdaten
Input Priester Robert Layson: Die Geschichte der Kirche in Pikit.
Einführung Workshop: Friedensarbeit als Voraussetzung für Versöhnung.
37
38
41
Rumänien
Eckdaten
Input Pfarrer Dieter Brandes: Versöhnung der Konfessionen in Europa –
das Heilen der Erinnerungen in Rumänien.
Einführung Workshop: Healing of Memories in Rumänien –
ein Versöhnungsprojekt der europäischen Kirchen.
Serbien
Eckdaten
Input Tatjana Peric: Facing the Past: Religious Communities, Truth and
Reconciliation in Post-Milosevic Serbia.
Einführung Workshop: Die Versuche von HEKS 1992 bis 1998, die Religionsgemeinschaften im ehemaligen Jugoslawien dafür zu gewinnen, sich gegen
den Krieg und für die Wahrung der Menschenrechte einzusetzen.
V
21
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29
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44
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51
52
62
Sudan
Eckdaten
Input Marina Peter: Friedenspotenziale.
Einführung Workshop: Bewährungsprobe nach dem Friedensabkommen.
67
69
72
Biografien
75
Dank
79
Anhang
HEKS -Projekte
Links
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81
82
4
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
I Einleitung
HEKS lud am 21. September 2006 zur Fachtagung mit dem Titel «Zwischen Krieg und Frieden:
Die Rolle der Kirchen in Versöhnungsprozessen» ein. Ziel der Veranstaltung war es, kirchliche
Aktionsmöglichkeiten in verschiedenen Versöhnungsprozessen auszuloten und zu diskutieren.
Dazu wurde den folgenden drei Kernfragen nachgegangen: der spezifischen Rolle der Kirchen
bzw. kirchlichen Organisationen in Versöhnungsprozessen, der Legitimierung der Kirchen als
«Brückenbauerin» in Versöhnungsprozessen und der Rolle der Kirche in der Vergangenheitsbearbeitung.
Eine Reflexion und theoretische Auseinandersetzung mit diesen Fragen erfolgte am Morgen in
Form von Referaten und eines moderierten Expertengesprächs mit den Gästen aus fünf verschiedenen Ländern. Die Workshops am Nachmittag schafften einen praktischen Bezug. Fachleute, die sich für Frieden und Versöhnung in Mexiko, den Philippinen, Serbien, dem Sudan
und Rumänien aktiv einsetzen, zeigten auf anschauliche Weise die Vielfalt konkreter kirchlicher
Versöhnungsarbeit auf und machten die Rollen, welche Kirchen oder kirchliche Exponenten in
Versöhnungsprozessen einnehmen können – oder eben nicht –, deutlich.
Wichtig war auch der Blick von aussen. Deshalb wurden drei Beobachter und Beobachterinnen gebeten, die Tagung zu begleiten: Die Eindrücke des Cartoonisten Max Spring sind in
diesem Heft abgebildet. Cécile Bühlmann, ehemalige Schweizer Nationalrätin und heutige
Geschäftsleiterin des Christlichen Friedensdienstes cfd, und Kirstin Rossier-Buri, Ratsmitglied
des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds SEK, fassten ihre Gedanken und Fragen am
Abend zusammen. Sie gaben den Auftakt zur Podiumsdiskussion in der französischen Kirche in
Bern, an der sich Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wissenschaft und der Kirche nochmals auf andere Weise mit den Kernfragen der Tagung auseinandersetzten.
Die vorliegende Dokumentation behandelt die Themen der Konferenz vertief und ist ein
Zusammenzug der Tagungsbeiträge sowie ergänzender Referenzdokumente.
ReflexionenzuKirchenundVersöhnung
Kirchen sind nach Franz Schüle, HEKS-Zentralsekretär, gerade wegen ihres internationalen
Beziehungsnetzes und ihrem Glaubwürdigkeitskapital dafür geeignet, Versöhnungsprozesse
zu unterstützen. Wichtig dabei ist, dass sie ihre eigene Rolle nicht überschätzen und ihre Aufgaben mit Geduld und Bescheidenheit angehen. Obwohl Versöhnung zum christlichen Kerngut gehört, so dürfen Kirchen dennoch nicht als Expertinnen der Versöhnungsarbeit angesehen werden. Denn nicht selten sind sie selbst in Konflikte involviert, wenn nicht gar zu Tätern
geworden.
Diesen Aspekt nimmt auch Mô Bleeker auf. Kirchliche Institutionen sind vorab menschliche
Institutionen. Und Menschen haben oder wollen Macht. Entscheidende Determinanten der
Versöhnung sind für sie der (Wieder-)Aufbau von Beziehungen, die auf Vertrauen basieren
– das Flechten eines sozialen Gewebes. Und zu lernen, die Einzigartigkeit eines jeden Men-
Einleitung
schen anzuerkennen – seine unantastbare Würde. Sich in den Dienst dieses zentralsten Wertes
menschlichen Lebens zu stellen, ist die essenzielle Aufgabe kirchlicher Institutionen.
Die Kirchen können in Versöhnungsprozessen ein Schutzraum für Opfer, ein Ort des Dialogs
mit Tätern sein oder als Mediatorinnen zwischen den verfeindeten Parteien fungieren, und sie
können und sollen moralische Urteile äussern. Kirchen – Religionsgemeinschaften –, so Gret
Haller in ihrem Referat, dürfen und sollen gerade heute wieder politische Stellung beziehen,
dies aber nicht mit dem Anspruch der Auserwähltheit. Welche Rollen Kirchen oder Religionsgemeinschaften in Bezug auf Politik einnehmen, hängt massgeblich von deren Selbstverständnis ab. So zeigt etwa der Vergleich zwischen der Beziehung von Staat und Religion in Amerika
und in Europa, dass Säkularität zwar beiderorts die im Westfälischen Frieden 1648 begründete
Trennung von Kirche und Staat bedeutete, dass das Verständnis davon dies- und jenseits des
Atlantiks jedoch diametral verschieden war. Während im damaligen Frankreich durch die
strikte Trennung der Staat vom Einfluss der Religion geschützt werden sollte, sollte in Amerika
die Religion vom Einfluss des Staates bewahrt werden – um schliesslich ungehindert in die
Politik einfliessen zu können. Die Haltung und Rhetorik der heutigen Bush-Regierung etwa, die
mit Ausdrücken wie «Achse des Bösen» sich auf einem Kreuzzug gegen das Böse sieht, lassen
nach wie vor diese Grundhaltung spüren. Um ihre friedenspolitische Verantwortung wahrzunehmen und auf friedensgefährdende Auswirkungen hinzuweisen, sollte sich das Selbstverständnis der Religionsgemeinschaften wieder an den Werten des Westfälischen Friedens orientieren: dem Prinzip der Gleichheit und somit der Abkehr von Auserwähltheit.
WieKirchenundkirchlicheWürdenträgerVersöhnungsarbeitleistenkönn(t)en
Mexiko, die Philippinen, Serbien, der Sudan, oder Rumänien – vereinendes Element dieser
Auswahl von fünf Ländern ist, dass ein Konflikt oder Konflikte Versöhnung zum Thema machten. Gemeinsam ist ihnen auch, dass die Kirche oder Exponenten der Kirche einen Beitrag zur
Versöhnungsarbeit leisten oder diesen leisten könnten. Und nicht zuletzt macht ein Vergleich
zwischen den so verschiedenen Kontexten, die in unterschiedlichen Phasen sowohl des
Konflikts/Nachkonflikts wie auch der Versöhnungsarbeit stecken, deutlich, dass Versöhnung
auf verschiedenen Ebenen stattfinden kann/muss und dass es sich bei ihr um einen Prozess
handelt.
Auf der philippinischen Insel Mindanao wurde die Kirche durch die missliche humanitäre Lage,
in der sich aufgrund des Konfliktes zwischen muslimischen Rebellen und Regierungskräften
Menschen christlichen und muslimischen Glaubens befinden, aufgerüttelt. Seinen Hass Muslimen gegenüber, der wegen der Ermordung seines Bischofs durch Rebellen entstanden war,
konnte der katholische Priester Robert Layson überwinden. «Wenn man Mütter und Babies
weinen hört», sagt er, «fragt niemand mehr, ob es sich um Muslime oder Christen handelt.»
Robert Layson wurde klar, dass Helfen nicht eine Frage der Wahl, sondern ein christlicher
Leitsatz ist. Zusammen mit anderen schafft er unter anderem Gefässe, wo christliche und
muslimische Bewohnerinnen und Bewohner Mindanaos wieder lernen, miteinander statt
gegeneinander zu leben.
Auch die pastoralen Tätigkeiten der Diözese San Cristóbal de las Casas im mexikanischen
Bundesstaat Chiapas haben sich anhand der Bedürfnisse der Bevölkerung geformt. Bischof
Samuel Ruíz und Priester Gonzalo Ituarte haben sich in den Dienst der Verteidigung der Rechte der indigenen Bevölkerung Chiapas gestellt. Sie sind zu Übersetzern der indigenen Denkweise gegenüber Regierungsbehörden geworden und haben dazu beigetragen, dass sich die
indigenen Frauen und Männer Chiapas von ihrem eigenen Bild der unterdrückten Minderheit
5
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
lösen konnten. Die Diözese hat sie dazu ermutigt, Selbstvertrauen zu gewinnen, stolz zu sein
auf die Geschichte und Hinterlassenschaft ihrer Vorfahren – sich sozusagen mit der Vergangenheit zu versöhnen und Kraft aus ihr zu schöpfen. Die Kirche hat die Indigenen dabei unterstützt, ihrer Würde als Menschen gewahr zu werden und für die Umsetzung der Rechte, die
eben der universellen Anerkennung der menschlichen Würde entspringen, einzustehen.
Die Schilderungen von Tatjana Peric zeigen hingegen, in welch dualer Rolle sich in Serbien die
serbisch-orthodoxe Kirche heute befindet: Einerseits nimmt sie zwar die Rolle als konstruktive Kraft für die Gestaltung einer gemeinsamen Zukunft bis zu einem gewissen Grad wahr,
andererseits tut sie sich schwer damit, ihre Mittäterschaft während des Krieges öffentlich
anzuerkennen und Stellung zu beziehen. Auch in der Bevölkerung ist der Diskurs um Wahrheit und Versöhnung kontrovers. Eine Tendenz der Verneinung und des Wegsehens von der
Wahrheit weicht nur langsam. Die serbisch-orthodoxe Kirche hätte aufgrund des grossen
Vertrauens, das ihr Serbinnen und Serben entgegenbringen, aber die moralische und symbolische Macht und Kraft zu helfen, der Vergangenheit ins Auge zu blicken und somit der
Versöhnung Platz zu machen.
Das Projekt «Heilendes Erinnern christlicher Kirchen in Rumänien» (Healing of Memories)
unter der Leitung von Pfarrer Dieter Brandes hat eben dies im Sinn. Divergenzen zwischen
Minderheits- und Mehrheitskirchen in Rumänien greifen auf über Jahrhunderte zurückliegende
Ereignisse zurück. Das «lange Gedächtnis» verhindert ein spannungsfreies Zusammenleben.
Das Projekt Healing of Memories hat zum Ziel, sich mit Erinnerungen aus der Vergangenheit
zu versöhnen, die jeweilig andere Sichtweise der Geschichte akzeptieren zu lernen, um anschliessend an einer gemeinsamen Zukunft schreiben zu können. Rumänien als Vielvölkerstaat
kann zu einem Bild für Toleranz und gegenseitige Akzeptanz der Kulturen, Religionen und
Völker in einem vereinten Europa werden.
Ein vereinter Sudan ist angesichts der verheerenden Zustände in Darfur und dem fragilen
Frieden im Süden schwer vorstellbar. Dennoch ist Frieden nicht unmöglich und die Potenziale
hierfür sind vielfältig, wie es Marina Peter in ihrem Artikel beschreibt. Die Kirchen im Südsudan
waren während der Jahrzehnte des Konflikts nicht nur Zufluchtsstätten von Hungernden und
Verwundeten, sie hatten auch die Rolle der Vermittlerin zwischen den verfeindeten Parteien
inne. Erst seit dem Friedensabkommen 2005 scheinen sie – ähnlich wie Teile der Bevölkerung
– von einer gewissen Desorientierung befallen zu sein, die sich in Spannungen äussert. Die
Wunden des eben beendeten dreissigjährigen Bürgerkriegs sind womöglich auch noch zu
wenig verheilt, um sich mit Wahrheit, Gerechtigkeit und Versöhnung auseinandersetzen zu
können.
InputfürdieWeiterarbeitundVernetzung
Nach der öffentlichen Fachtagung vom 21. September hat HEKS-intern eine vertiefte
Auseinandersetzung mit den aufgeworfenen Fragen und Themen stattgefunden. Die Gäste
tauschten ihre Erfahrungen aus und diskutierten mit den HEKS-Mitarbeitenden Möglichkeiten,
Grenzen, Chancen und Rollen von kirchlichen – und nichtkirchlichen – Organisationen in Versöhnungsprozessen. Sie wünschen sich, auch in Zukunft über ihre Arbeit und ihre Erfahrungen
in Kontakt zu bleiben.
Wenn man bedenkt, dass in fast 50 Prozent der «befriedeten» Ländern nach wenigen Jahren
gewaltsame Konflikte wieder aufbrechen, dass die Situation für die Menschen in Krisen und
Einleitung
Kriegsgebieten gerade nach einem Friedensschluss in der ersten Zeit noch unsicherer und
gefährlicher wird und dass Wiederaufbau und Versöhnung lang andauernde Prozesse sind,
so wird klar, wie wichtig diese Arbeit ist und dass es dazu alle vorhandenen und denkbaren
Anstrengungen braucht – auch der Kirchen und der kirchlichen Organisationen.
Im Vorfeld der Konferenz wurde oft die Frage gestellt, weshalb wir christliche Organisationen
und Kirchen bei dieser Tagung in den Vordergrund rücken und die Arbeit anderer Religionsgemeinschaften nicht einbeziehen würden. Wir sind davon ausgegangen, dass eine kritische
Reflexion über die Chancen und Risiken kirchlicher Versöhnungsarbeit bei uns selbst als christlich verankerter Organisation beginnen muss, geleitet von einer offenen und integrativen
Haltung gegenüber anderen.
Die Fachkonferenz und die nun vorliegende schriftliche Aufarbeitung der Erfahrungen wollen
hierzu einen Beitrag leisten.
Maya Krell, Sabina Handschin
HEKS Grundlagen Projektstelle Friedensarbeit
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8
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
II Tagesprogramm Fachkonferenz
09.00
Begrüssung durch Tagesmoderatorin Corinne Henchoz Pignani,
Secrétaire romande HEKS
09.15
Referate:
ErfahrungenfürdieZukunft:0JahreHEKS–0JahreEngagementfür
Wahrheit,GerechtigkeitundVersöhnung
Franz Schüle, Zentralsekretär HEKS
Vergangenheitsarbeit–EinführungundGrundlagen
Mô Bleeker, Expertin für Vergangenheitsarbeit, EDA Politische Abteilung
für Menschliche Sicherheit
VerantwortungderReligionsgemeinschaftenfürdenFrieden
Gret Haller, Publizistin und ehemalige Ombudsfrau für Menschenrechte in Bosnien
10.45
RolleundAufgabenvonKirchenundkirchlichenOrganisationen
inVersöhnungsprozessen
ModeriertesPanelgesprächmitdenGastreferentInnen:
Dieter Brandes, Projektleiter Healing of Memories,
Gemeinschaft Evang. Kirchen in Europa
Gonzalo Ituarte, OP, Provinzial der Dominikaner in Mexiko
Robert Layson, Priester, OMI, in Pikit, Philippinen
John Nduna, Direktor von ACT, Action by Churches Together, Sudan/Sambia
Tatjana Peric,Menschenrechtsexpertin und frühere Mitarbeiterin des Hilfswerks EHO,
Serbien
13.45
Workshops
16.20
PräsentationderWorkshop-Erkenntnisse
Workshops
Mexiko:VonVermittlungzuVergangenheitsarbeit
Gastreferent: GonzaloItuarte,OP, Provinzial der Dominikaner in Mexiko
Moderation: BeatDietschy, Brot für alle
Am 1. Januar 1994, am Tag, als das nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA in Kraft
trat, besetzte die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) fünf Bezirkshauptstädte
in Chiapas und erklärte der mexikanischen Regierung den Krieg. Kirchliche Akteure vermittelten in Chiapas erfolgreich zwischen den Parteien und konnten zu einer Entschärfung des
Konflikts beitragen, obwohl es wiederholt zu Übergriffen von Paramilitärs gekommen war.
Weshalb gelang ihnen dies? Wie gingen sie vor? Wie hat sich die Rolle der kirchlichen Akteure
in den vergangene 15 Jahre verändert? Vor welchen Herausforderungen stehen sie heute?
Sprache: Spanisch (mit Flüsterübersetzung nach Bedarf)
Tagesprogramm
Philippinen:FriedensarbeitalsVoraussetzungfürVersöhnung
Gastreferent: RobertLayson, Priester, OMI, in Pikit, Philippinen
Moderation: ReinhildTraitler,HEKS-Projektprüfungskommission Asien
Die Philippinen sind (neben Osttimor) das einzige christliche Land Asiens. Auf der Insel Mindanao leben aber auch viele Muslime. Deren Streben nach Unabhängigkeit führt seit 30 Jahren
immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen, in die verschiedene Parteien involviert
sind. Die letzten grossen Gewaltwellen waren 1997, 2000 und 2003. Friedensbemühungen
fruchteten bisher wenig. Doch jetzt gibt es neue Hoffnungen: Nicht nur Rebellen und Regierung sitzen an einem Tisch, sondern auch auf der Ebene der Zivilgesellschaft werden Friedensinitiativen realisiert. Der katholische Priester Robert Layson hat erheblich zu dieser Entwicklung
beigetragen. Was konnte er in seiner spezifischen Funktion als Priester bewirken? Wo waren
ihm als Priester Grenzen gesetzt? Wie nützlich und wirksam sind öffentliche Statements der
Kirchen in diesem Konflikt? Wie verhalten sich andere muslimische und christliche GlaubensvertreterInnen?
Sprache: Englisch
Sudan:BewährungsprobenachdemFriedensabkommen
Gastreferent: JohnNduna, Direktor von ACT, Action by Churches Together
Moderation: MarinaPeter, Sudan Focal Point
Im Juni 2002 wurden im Sudan Friedensverhandlungen zwischen der Regierung im Norden
und der im Süden verwurzelten Sudanese People’s Liberation Army aufgenommen, die 2005
Teilerfolge erzielten. So einigte man sich unter anderem darauf, dem Süden für die Dauer von
sechs Jahren ein weit gehen-des Selbstbestimmungsrecht und Regierungsbeteiligung einzuräumen. Zentrale Bestandteile des Konflikts sind die Teilung von politischer Macht und von
Gewinnen aus den natürlichen Rohstoffen Sudans (inkl. Öl). Nach der Übergangsphase soll
2011 in einem Referendum über Unabhängigkeit oder Zusammenschluss von Nord- und Südsudan entschieden werden. Die Kirchen haben wesentlich zum Gelingen des Abkommens
beigetragen. Welche Rolle übernehmen sie bei dessen Umsetzung? Wie können sie zur
Stabilisierung von Friedensregelungen im Südsudan, aber beispielsweise auch in Darfur
beitragen? Welche Aufgaben kommen auf die Religionsgemeinschaften und die humanitären
Organisationen zu?
Sprache: Englisch
Westbalkan/Serbien:Frieden:FruchtderGerechtigkeit?
Gastreferentin: TatjanaPeric, Menschenrechtsexpertin und ehemalige Mitarbeiterin von
EHO, Serbien und
ArneEngeli,HEKS-Programmbeauftragter für Serbien bis 2001
Moderation: JonathanSisson, Kompetenzzentrum für Friedensförderung KOFF
Seit dem Tod Milosevics im Gefängnis des Kriegsverbrechertribunals in Den Haag und dem
Unterbruch des serbischen Annäherungsprozesses an die EU hat der «Opferrollen-Ritus» im
Westbalkan erneut an Dynamik gewonnen. Welche Rolle spielen Kirchen und kirchennahe
Organisationen im Prozess der Wahrheitsfindung im ehemaligen Jugoslawien? Wie können sie
sich einbringen? Wo übernehmen sie Verantwortung? Welche Risiken bestehen? Wie
interagieren sie im lokalen politischen Kontext? Welche Rolle übernehmen international tätige
Organisationen aus dem Kirchenumfeld in diesem Prozess? HEKS hat in den vergangenen
14 Jahren auf dem Balkan aktiv im interkirchlichen Dialog mitgewirkt.
Sprache: Englisch
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10
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
Mittelosteuropa/Rumänien:HealingofMemories,einVersöhnungsprojektder
EuropäischenKirchen
Gastreferent: DieterBrandes, Projektleiter, Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa
Moderation: AndreasHess, Teamleiter Asien und Europa HEKS
Die Vollversammlung der Konferenz Europäischer Kirchen KEK forderte 2003 in Trondheim in
ihrer Schlussbotschaft dazu auf, «dass Kirchen sich um Heilung der Erinnerungen bemühen
und sich einsetzen für eine Bewältigung von Gewalt, Terror und Angst, statt selber Teil des
Problems zu sein». Teil des Problems sind die Kirchen dort, wo sie Abgrenzungen und
Vorurteile zwischen Menschen unterschiedlicher Kultur, Sprache und ethnischer Herkunft als
konfessionell-religiöse Hürden für das Zusammenleben verfestigen und sanktionieren. Welche
Probleme und Herausforderungen stellen sich dem interdisziplinären Heilungsprozess?
Rumänien in seinen heutigen Grenzen als Vielvölkerstaat bietet in seinem ethnischen und konfessionellen Reichtum Anschauung für Gelingen und Scheitern eines friedlichen Miteinanders
und einer versöhnten Vielfalt.
Sprache: Deutsch
Öffentliches Abendprogramm Kirchen zwischen Krieg und Frieden: Teil der Konflikte. Teil der Lösung?
18.15
Präsentation der Erkenntnisse und Eindrücke aus der Fachkonferenz in Wort und Bild
CécileBühlmann, Geschäftsleiterin Christlicher Friedensdienst cfd
KristinRossier-Buri, Ratsmitglied des Schweizerischen Evangelischen
Kirchenbunds SEK
MaxSpring,Cartoonist
18.45
Podium mit
CécileBühlmann,Geschäftsleiterin cfd
ThomasGreminger,Chef der Politischen Abteilung für Menschliche Sicherheit
im EDA
ThaniaPaffenholz,Universitätsdozentin und friedenspolitische Beraterin
FranzSchüle,Zentralsekretär HEKS
ThomasWipf,Präsident SEK und Vorsitzender Schweizerischer Rat der Religionen
Moderation: MichaelGleich,Publizist und Projektleiter Peace Counts
Referate
III Referate
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Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
Erfahrungen für die Zukunft
60 Jahre HEKS – 60 Jahre Engagement für Wahrheit, Gerechtigkeit und Versöhnung
Von Franz Schüle, Zentralsekretär HEKS
Sehr geehrte Damen und Herren
Liebe Freundinnen und Freunde
Franz Schüle
HEKS ist zwischen
Krieg und Frieden
entstanden, und so
gehörte und gehört
das Suchen nach
Frieden, gehören
Wege zur Versöhnung
zu unseren zentralen
Aufgaben.
Der Ökumenische Rat der Kirchen hat im Rahmen der «Dekade gegen die Gewalt» den
21. September zum Internationalen Gebetstag für den Frieden ausgerufen. Der Tag fällt zusammen mit dem Internationalen Tag des Friedens der Vereinten Nationen. Heute ist der
21. September; es ist gut zu wissen, dass heute an vielen Orten auf ganz verschiedene Arten
Frieden – und mithin auch Krieg und Gewalt, Versöhnung und halt auch Hass und Aggression – thematisiert wird. Wir sind mit unserem Thema nicht allein, im Gegenteil. Die Kirchen
Lateinamerikas haben folgendes Thema für den diesjährigen Friedenstag ausgewählt:
«… und noch immer sind wir auf der Suche nach dem Frieden». Das passt gut für heute:
Wir sind auf der Suche, auf dem Weg; nicht angekommen, aber jedenfalls aufgebrochen.
Ich kann mir kaum eine treffendere Formulierung vorstellen, die besser zu unserer heutigen
Tagung passen würde.
HEKS, das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz, ist vor gut sechzig Jahren als Antwort
der Schweizer Kirchen auf Krieg, Zerstörung und Hass in Europa gegründet worden. Damals
war nicht mehr Krieg, aber noch längst kein Frieden. HEKS ist zwischen Krieg und Frieden
entstanden, und so gehörte und gehört das Suchen nach Frieden, gehören Wege zur Versöhnung zu unseren zentralen Aufgaben. Darüber wollen wir mit Ihnen zusammen nachdenken;
Referentinnen und Referenten mit ihren besonderen Erfahrungen helfen uns dabei. Für HEKS
ist das eine Gelegenheit zur Standortbestimmung. Und ich hoffe, dies gelte auch für Sie.
In diesem Sinn begrüsse ich Sie alle – Referentinnen und Referenten und alle Teilnehmenden
– ganz herzlich zur Tagung «Zwischen Krieg und Frieden – Die Rolle der Kirchen in Versöhnungsprozessen».
Ich beginne mit einer merkwürdigen Erfahrung, die über zwanzig Jahre zurück liegt. Wir
waren in Feketic, einem kleinen Ort in der Woiwodina im Norden von Jugoslawien. Die jugoslawischen Partner stellten ihr Land vor. Sie zeigten hunderte von Dias, stundenlang, bemüht,
uns ein vollständiges Bild ihres Landes zu vermitteln. Ich verstand den Sinn dieser Vorstellung
nicht, aber alle JugoslawInnen erkannten sich darin sofort. Erst im Laufe eines Gesprächs
durch die ganze Nacht wurden mir die Zusammenhänge entschlüsselt. Unter der Oberfläche
Referat Franz Schüle
der leichtfüssigen Befindlichkeiten im damaligen Jugoslawien trugen offenbar viele Menschen
eine tief eingegrabene Angst in sich herum, es könnte alles wieder aufbrechen: UstaschaFaschismus, serbische Tschetniks, albanische Nazisympathisanten, titoistischer Stalinismus, was
weiss ich. Denn im modernen Jugoslawien gab es nur eine Interpretation der Geschichte, diejenige des aufgeklärten Titoismus, und nur eine Denkrichtung: Die blendende Zukunft und die
glorreiche Wahrheit des Partisanenkrieges, denen alles untergeordnet war. Aber eben, unter
dieser Firnis staatlich verordneter Einheit und Vision trug mehr oder weniger jede und jeder
seine Geschichte, seine Wahrheit über sich und die andern mit sich herum. Darüber wurde
kaum geredet. Nach dem banalen Ereignis des überlangen Diavortrages schrieb ich 1983
in meinem Reisebericht an die HEKS-Leitung: Der europäische Frieden sei wohl am stärksten
in Jugoslawien gefährdet.
Natürlich würde ich das nicht erzählen, wenn meine düsteren Ahnungen sich nicht erfüllt hätten. Grund für die Ahnungen war die Erkenntnis, dass Wahrheiten unter einer Flut von Bildern
verdeckt wurden. Wahrheiten kamen nicht an den Tag, Versöhnung wurde nie möglich.
HEKS-Mitarbeitende haben viele solche Erfahrungen im Laufe der Jahrzehnte gemacht:
Vorahnungen über die Gefährdung von Frieden, offene Kriege oder kriegsähnliche Konflikte
und, vielleicht am häufigsten, Erfahrungen in den Nachkriegszeiten mit unserer Not- und
Wiederaufbauhilfe. Das hat uns bewogen, im Rahmen unserer dezentralisierten Anlässe zum
sechzigjährigen Bestehen von HEKS auch unsere Erfahrungen zwischen Krieg und Frieden
an dieser Fachkonferenz zu thematisieren. Dabei haben wir das Thema bewusst in zwei
Richtungen eingegrenzt:
HEKS ist das Werk der Evangelischen Kirchen, HEKS ist handelnder Teil der Kirchen. Wenn
diese Aufgabe schon bei HEKS liegt, dann müsste es von besonderer Relevanz sein, unsere
Aufmerksamkeit auf die Kirchen zu lenken, die eben auch ihren Weg zwischen Krieg und
Frieden zu suchen haben. Damit will ich nicht einer Volksmeinung nach dem Munde reden,
die hinter allen Konflikten und Kriegen gleich Religionen mit Mullahs oder Kreuzrittern wittert.
Aber: Kirchen prägen Menschen und Gesellschaften; sie sind oft Teil der Konflikte. Und sie
müssen deshalb auch Teil der Konfliktlösung sein. Die Frage nach der Rolle von Kirchen in
Konflikten, Kriegen und Versöhnung ist – ich wiederhole mich – für ein christliches Hilfswerk
besonders relevant.
Wir stellen an dieser Tagung die Frage nach der Rolle von Kirchen in Versöhnungsprozessen. Zu den Grundwerten von HEKS, und auch der ökumenischen Bewegung, gehört neben
Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung auch Frieden. Zu unserer Vision gehört es,
dass alle Menschen ein Leben in Würde und Sicherheit haben können. Das heisst, ein Leben
ohne Kriegsbedrohung, in dem Konflikte zwar ihren Platz haben, haben müssen – aber nicht
das letzte Wort haben dürfen. Und vor allem dürfen Konflikte nicht mit gewaltsamen Mitteln ausgetragen werden. Unseren Werten und Möglichkeiten entsprechend werden wir uns
immer wieder für Versöhnung einsetzen. Vielleicht auch ganz nüchtern: Wenn wir schon
Kriege nicht verhindern können, wie eben in Jugoslawien oder in Libanon, Palästina, Israel,
dann setzen wir uns wenigstens für die Versöhnung ein und verhindern so vielleicht künftige
Kriege.
Der Untertitel meiner Ausführungen lautet: 60 Jahre HEKS – 60 Jahre Engagement für Wahrheit, Gerechtigkeit und Versöhnung:
1
14
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
Engagement für Wahrheit heisst für uns: Nicht zulassen, dass Wichtiges unter den Tisch
gewischt wird, genau hinschauen, was passiert ist, vor allem den Opfern von Gewalt
das Recht geben, ihre Wahrheit zu sagen – und in diesem Sagen, Erzählen oder Anklagen
auch gehört und verstanden zu werden. Denn mit vertuschten und verborgenen Wahrheiten
gibt es keine Versöhnungsprozesse.
Engagement für Gerechtigkeit: Diese Welt ist himmelschreiend ungerecht. Entrechtete und
Unterdrückte haben das Recht, für Gerechtigkeit zu kämpfen; sie haben Anrecht auf Land,
Nahrung, Gleichbehandlung. Sie haben ein Recht, dafür zu streiten. Frieden muss Gerechtigkeit und auch die Auseinandersetzungen für Gerechtigkeit einschliessen. Es ist entscheidend
für die Zielerreichung, dass es nachhaltigere Methoden und Strategien als Gewaltanwendung
gibt.
Engagement für Versöhnung: Ich brauche hier wohl ein paar Worte mehr. Denn Versöhnung
ist ein schwieriger Begriff, er fordert Deutungen und Erklärungen:
Kirchen sind oft Teil
der Konflikte und mit­
hin Teil der Konflikt­
lösung. Versöhnung
ist nicht Aufgabe der
andern, sie beginnt
bei den eigenen, ge­
machten Schritten.
–
Versöhnung ist ein Prozess, der eine Fülle von sinnvollen, auf die Situation und die
Konfliktparteien angepassten Schritte und Massnahmen umfasst. Diese reichen von
einzelnen Gesten über konkreten Waffenstillstand, die Lösung praktischer Fragen des
Nebeneinanders (Organisation des Alltags) bis zu komplexen Entscheidungsfindungsmechanismen. Zu ihnen gehören zwingend die Fragen nach Gerechtigkeit und Wahrheit.
Es ist nicht möglich, im Versöhnungsprozess Schritte einfach zu überspringen oder links
liegen zu lassen. Ich habe versucht am Beispiel von Jugoslawien zu zeigen, was eine
scheinbare Versöhnung, eine von oben verordnete, vertuscht und vielleicht im Laufe
der Jahrzehnte auch verhindert hat. Vorschnelle Versöhnung verhindert Versöhnung als
Prozess.
–
Ich habe den Eindruck, dass die christliche Kirchen und kirchliche Werke da ein spezifisches Problem vermeiden müssen. Weil Frieden zu unseren Grundwerten gehört, weil
Versöhnung gleichsam christliches Kerngut ist, stehen wir in Gefahr des Überspringens.
Die Kirche tut gut daran, sich aber nicht zur Expertin von Versöhnung zu erklären. Versöhnung braucht in den Kirchen Geduld und die Bescheidenheit von kleinen konkreten
Schritten.
–
Und: Kirchen sind oft Teil der Konflikte und mithin Teil der Konfliktlösung. Versöhnung ist
nicht Aufgabe der andern, sie beginnt bei den eigenen, gemachten Schritten.
Lassen Sie mich das Gesagte an drei Beispielen aus den HEKS-Erfahrungen etwas näher
bringen.
Südafrika–dieSuchenachWahrheit
HEKS hat früh und dezidiert die Apartheidpolitik ohne Wenn und Aber abgelehnt. Das
Programm zur Bekämpfung des Rassismus wurde, nicht zuletzt unter Druck der Basis,
unterstützt. Die Beziehungen zur Schweizerischen Bankgesellschaft, die mit dem Apartheidstaat geschäftete, wurden von HEKS in den achtziger Jahren abgebrochen; und das wurde
öffentlich kommuniziert. Für uns war entscheidend, dass wir all die Jahre hindurch
Beziehungen zu südafrikanischen Kirchen hatten, auch zahlreiche Projekte zugunsten der
schwarzen Bevölkerung unterstützten, und dass diese Haltung auch in unsere Policy einfloss.
Seit dem Sturz des Apartheidregimes stand und steht die Wahrheitsfrage im Vordergrund.
Südafrika ist einen eindrücklichen Weg gegangen, HEKS hat diesen im Rahmen seiner
Referat Franz Schüle
15
Möglichkeiten unterstützt. Und Südafrika hat damit westliche Staaten und Kirchen herausgefordert, sich den eigenen Verwicklungen mit dem Apartheidstaat zu stellen, der Wahrheit
nachzufragen. Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund hat das nach einer in manchen
Belangen herausfordernden Reise nach Südafrika gemacht. Chapeau!
Zentralamerika–DasEngagementfürGerechtigkeit
Wir werden heute von Gonzalo Ituarte darüber informiert, wie eng die Suche nach Gerechtigkeit mit Friedensarbeit in Südmexiko verbunden ist; ein Beispiel für viele in Zentralamerika.
Versöhnung–AusdenAnfängenvonHEKS
In Zusammenarbeit mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen hat HEKS seit Beginn bis vor
wenigen Jahren in Locarno ein Begegnungs- und Erholungshaus, die Casa Locarno, geführt.
Gästegruppen aus verschiedenen europäischen Ländern weilten für vier Wochen in diesem
Haus. Es brauchte in den ersten Jahren oft Wochen, bis Holländer mit den Deutschen nur
schon sprachen – kleinste Schritte, selbst zwischen französischen Pfarrfamilien und Deutschen,
die eigentlich zur Bekennenden Kirche gehörten. Aber es funktionierte. In den ersten Jahren
gelang es den Gruppen wenigstens, tägliche Abläufe zu klären; Monate oder Jahre später
konnten andere weiter gehen. Irgendwann gab es auch zaghafte Schritte zu Versöhnung,
Schuld wurde benannt und Schuld bekannt, Beziehungen entstanden, zuweilen Freundschaften. Das Haus wurde zum Projekt eines Versöhnungsprozesses zwischen Holländern und
Deutschen, später dann zwischen Ungaren und Rumänen usw. Es war – finanziell – das mit
Abstand grösste HEKS-Projekt und unerkannt vielleicht auch eines der erfolgreichsten. Diese
Erfahrung wollen wir nutzen.
Das sind drei Beispiele aus der HEKS-Arbeit. Was schliessen wir daraus für die Zukunft? Lassen
Sie mich ein paar wenige Stichworte sagen, mehr nicht, weil ich ja nicht die Resultate des
heutigen Tages vorwegnehmen kann:
Kirchen sind für die Unterstützung von Versöhnungsprozessen sehr gut positioniert, auch
der Schweizerische Evangelische Kirchenbund. Kirchen und kirchliche Hilfswerke haben
ein Glaubwürdigkeitskapital und vor allem haben wir ein sehr, sehr reiches internationales
Beziehungsnetz. Setzen wir es ein als eine Art Globalisierung für Versöhnung.
Wichtig ist dabei sicher der Ökumenische Rat der Kirchen mit seinen Organisationen und Aktionen; zurzeit ganz besonders die «Dekade gegen die Gewalt». In der Vergangenheit haben die
Kirchen unbequeme ökumenische Vorstösse für das Publikum im eigenen Land zuweilen abgefedert, z. B. das Antirassismusprogramm. Es geht ums Zuhören, wenn von Ungerechtigkeit
und schwelenden Konflikten erzählt wird. Und es geht ums Auf- und Ernstnehmen der Stimmen, die unsere Unterstützung, sei sie finanziell, durch Präsenz oder Mediation, einfordern.
Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund, die Kantonalkirchen und Gemeinden haben ein
Hilfswerk, ihr Werk, HEKS. Wir haben unsererseits ein grosses, engagiertes Netz, gerade auch
für Frieden und Versöhnung. Brauchen Sie uns. Zuweilen denke ich, dass wir wie Briefträger
sind, wir tragen Botschaften, Angebote usw. hin und her. Das kann benutzt werden: Wir können informieren, wir können Prozesse anstossen, Fragen stellen und herausfordern.
Und: HEKS muss und will seine Anstrengungen in konkreten Versöhnungsprozessen, in der
Friedensarbeit intensivieren. Und noch verstärkt in aller Projektarbeit auf die Beachtung der
Grundregeln achten: Wir müssen die kleinen Schritte zur Versöhnung, auch zur Gewaltverhin-
Wir sind wie Brief­
träger, wir tragen
Botschaften, Angebote
usw. hin und her. Das
kann benutzt werden:
Wir können infor­
mieren, wir können
Prozesse anstossen,
Fragen stellen und
herausfordern.
1
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
derung, nutzen – und in aller Sorgfalt prüfen, dass wir nicht wohlmeinend oder übereifrig die
andern kleinen Schritte zur Eskalation unterstützen.
Zwischen Krieg und Frieden – HEKS ist bereit, seine Rolle in Versöhnungsprozessen zu
übernehmen, Initiativen zu ergreifen und zu unterstützen. Wir haben die notwendigen Netze
und das Know-how. Und den langen Atem, auch dann weiter zu arbeiten, wenn längst alles
wieder vergessen oder verdrängt ist.
Wir müssen die klei­
nen Schritte zur Ver­
söhnung, auch zur
Gewaltverhinderung,
nutzen – und in aller
Sorgfalt prüfen, dass
wir nicht wohlmei­
nend oder übereifrig
die andern kleinen
Schritte zur Eskalation
unterstützen.
17
Referat Mô Bleeker
Zwischen Frieden und Krieg: Die Rolle der Kirchen im Versöhnungsprozess
Von Mô Bleeker, Expertin für Vergangenheitsarbeit, EDA, Politische Abteilung
für Menschliche Sicherheit
(Referat aus dem Englischen übersetzt)
Sehr geehrte Damen und Herren, Freunde und Kollegen.
Ich bin HEKS sehr dankbar, dass es diese Tagung organisiert hat. Ich bin angesichts dieses
komplexen Themas aber auch etwas besorgt, als eine der Ersten zu sprechen.
Mô Bleeker
Gerade vor zwei Tagen bin ich aus Kolumbien zurückgekommen, wo ich an einem Seminar zu
«Non-official and official truth commissions» (Nichtoffizielle und offizielle Wahrheitskommissionen) teilgenommen habe.
Am ersten Tag des Seminars waren mehr als 500 Opfer anwesend. Ich sass neben ihnen und
fragte mich, was die Worte Versöhnung und Wahrheit für sie, die meisten von ihnen Frauen,
bedeuteten, währenddem der Konflikt, die Gewalt weitergehen, währenddem es keine Sicherheit und keine Anerkennung ihres Leidens gibt? Obwohl paradoxerweise das Gesetz «Justicia
y Paz» (Gerechtigkeit und Frieden) in Kolumbien viele problematische Aspekte hat, hat es
auch eine öffentliche Debatte ausgelöst, die der Kontrolle der Initiatoren des Gesetzes entwichen ist.
Millionen Kolumbianer haben begonnen, Wahrheit, Gerechtigkeit, Wiedergutmachung und
Frieden zu verlangen. Diese Leute, die in der sehr schwierigen Situation des Ausgeschlossenseins und mit dem Mangel an Sicherheit leben, fangen an, sich zu diesen Themen auszutauschen, zusammen darüber nachzudenken. Sie schlagen ihre Definitionen vor, analysieren,
unter welchen Bedingungen sie die Wahrheit erzählen könnten, reden mit der nationalen
Kommission für Wiedergutmachung und Versöhnung und sagen dort, was für sie «Wahrheit,
Versöhnung und Gerechtigkeit» wären und welche Garantien sie bräuchten, um Teil dieses
Prozesses werden zu können.
Wenn man ihnen zuhört, sind ihre Schlüsselwörter das Recht, die Wahrheit zu wissen: Was
geschah, wer bestimmte, wieso? Die Anerkennung der Verantwortung: desjenigen, der Entscheidungen fällte und desjenigen, der die Entscheidungen ausführte. Weitere Schlagworte
sind das Recht auf eine faire Justiz: Eine, die das den Opfern zugefügte Leid anerkennt, die
eine Erklärung von den Tätern, die Anerkennung der Staatsverantwortung und die Durchsetzung angemessener Sanktionen verlangt. Und Wiedergutmachung: Die den Menschen die
Würde wieder zurückgibt, ihre Rechte wieder herstellt – ihre produktiven Fähigkeiten und ihre
Wissen wir wirklich,
verstehen wir wirk­
lich, wie sehr Krieg
entmenschlicht?
18
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
sozialen, politischen und ökonomischen Rechte als Bürger. Schlüsselwörter sind auch kein
Krieg und keine Morde mehr: die Garantie der Nicht-Wiederholung. – Und dann, sagen sie,
können wir beginnen, über Versöhnung zu sprechen.
Wissen wir wirklich, verstehen wir wirklich, wie sehr Krieg entmenschlicht? Dass Krieg in seinem Wesen menschlichen Werten grundlegend entgegengestellt ist, dass Krieg die Absage an
Demokratie, an Staatsbürgerschaft ist, dass Krieg die minimale ethische Bezugnahme zerstört,
die Menschen haben mögen? Dass Krieg Einsamkeit produziert, inneres Exil im eigenen Land,
Machtlosigkeit und Zerstörung nicht nur von Leben, sondern auch des Lebensunterhaltes in
jeglicher Hinsicht, dass Krieg Vertrauen und Identität zerstört?
Angesichts des tief greifenden Schadens und Leids, was könnte diese Versöhnung sein, über
die wir sprechen? Können wir es überhaupt wagen, über sie zu sprechen? Persönlich fühle
ich mich sehr demütig und nicht wohl dabei, irgendetwas darüber zu sagen. Beruflich gehört
es zu meiner Funktion, das Thema des Umgangs mit der Vergangenheit zu bearbeiten, einschliesslich dem Thema der «transitional justice» und der Versöhnung. Basierend darauf, werde
ich versuchen, Ihnen einige unserer Leitsätze zu vermitteln.
Versöhnung handelt
vom Flechten eines
sozialen Gewebes,
vom Aufbauen von
Beziehungen, die auf
Vertrauen basieren.
Vielleicht ist es sinnvoll, mein Verständnis von «transitional justice» zuerst zu verdeutlichen.
Ich verwende den Ausdruck «transitional justice» als ein Set von Massnahmen, die in dem
Moment ergriffen werden, in dem eine Gesellschaft sich entschlossen hat, in einen Prozess der
Transition zwischen Krieg und Frieden, zwischen Diktatur und Demokratie oder nach einem
Genozid einzusteigen. Diese Gesellschaften müssen die Rechtsstaatlichkeit wiederherstellen,
den Respekt vor den Menschenrechten, «accountability» garantieren und Straflosigkeit verhindern. Die heute generell anerkannten Elemente dieser Massnahmen der «transitional justice»
sind: Feststellung der Fakten, Gerechtigkeit, Wiedergutmachungsentschädigungen und institutionelle Reformen. Die Formen der Umsetzung sind vielfältig. Das gemeinsame Ziel dieser
vier separaten und doch komplementären Elemente muss es sein, zu gewährleisten, dass sich
Ereignisse, die zum Konflikt geführt haben, nicht wiederholen, dass Straflosigkeit vermieden
und zu einem nachhaltigen Frieden beigetragen wird.
Zugegebenermassen wird «transitional justice» nicht unbedingt zu Versöhnung führen und
Versöhnung kann nie ein «Nebenprodukt» der «transitional justice» sein. Mein Verständnis
von Versöhnung in einer Nachkriegsgesellschaft ist das eines Prozesses, der dazu bestimmt ist,
dem Flechten eines neuen sozialen Gewebes, dem Entstehen eines neuen Verständnisses von
Gemeinwohl, einer neuen Idee von Staatsbürgerschaft, einer neuen Definition der Rolle
öffentlicher Institutionen und neuer Wege bezüglich Zugang zu Ressourcen beizustehen.
Meine Annahme ist, dass nur wenn die Strategien der «transitional justice» sich mit dieser
Vision von Versöhnung paaren, sie einen dauerhaften Einfluss haben und zur Garantie der
«Nicht-Wiederholung» beitragen können. Falls sie das tun, können sie auch zum Übergang
von einem gewaltsamen zu einem gewaltfreien Konfliktmanagement beitragen.
In meiner Arbeit zur Versöhnung insistiere ich oft auf der Wichtigkeit des sozialen Gewebes.
Versöhnung handelt vom Flechten eines sozialen Gewebes, vom Aufbauen von Beziehungen,
die auf Vertrauen basieren.
Ich möchte auch einen zwischenmenschlichen Aspekt anfügen. Lassen Sie mich Ihnen Folgendes erzählen: Als ich verschiedenen Gesprächen zwischen Tätern und Opfern beiwohnte,
war ich sehr beeindruckt vom Umstand, dass generell «dieses Andere», getötet, gefoltert
Referat Mô Bleeker
19
durch den Täter, für den Täter selbst keine Person war. «Dieses Andere» war für ihn kein
einzelnes menschliches Wesen; das Opfer bedeutete ihm nichts, es war nur «jemand von der
verfeindeten Gruppe», ohne Namen, ohne Seele, ohne Wert. In diesem Sinne sind beide Seiten entmenschlicht. Diesem Beispiel zufolge impliziert Versöhnung auch die Wiederherstellung
der Kapazität jedes Protagonisten, die Einzigartigkeit der Person anzuerkennen und zu erkennen – ihre unantastbare Würde als Mensch. Dies ist auch ein essenzieller Teil der Versöhnung.
Wenn wir dies auf eine gesellschaftliche Ebene übertragen wollen, würde ich sagen, dass
beim Übergang von Krieg zu Frieden es das endgültige Ziel des Prozesses der gesellschaftlichen Versöhnung ist, die Vision des «Gemeinwohls» wiederherzustellen, gemeinsame gesellschaftliche Ziele zu identifizieren und Vereinbarungen zu strukturellen Massnahmen zu treffen,
die allen Bürgern Zugang zu materiellen und immateriellen Ressourcen garantieren.
Versöhnung so definiert impliziert, dass das «Wie» der Herstellung des sozialen Gefüges
grundlegend wird und bei der Frage der Versöhnung zentral ist. Indem wir es bei ihrer
Anwendung an die Instrumente der «transitional justice» ankoppeln, müssen wir uns viele
Fragen stellen:
Wer entscheidet über die Übergangsmassnahmen, wer definiert die Regeln, wer nimmt
an diesem Prozess teil, haben die Opfer eine zentrale Rolle? Was geschieht mit den Tätern, wie
können sie an ihre Menschlichkeit anknüpfen, welche Arten von Sanktionen sind sinnvoll für
jede Gesellschaft und Kultur?
Wichtig ist, dass Dialoge, Gespräche und Mediation zwischen den Akteuren, früheren
Feinden, die treibende Kraft und gleichzeitig Gegenstand der Versöhnungsbemühungen sind.
Nun erlauben Sie mir noch einige Gedanken zu externen und im Speziellen zu religiösen
Akteuren anzufügen.
Zuerst möchte ich erwähnen, dass die internationale Gemeinschaft eine gewisse Beziehung
mit jedem der heutigen Konflikte hat – ob durch Handlungen oder durch Unterlassungen.
Dementsprechend sollte die «Verantwortung zu schützen» als eine sich abzeichnende Norm
auch entsprechende Mechanismen internationaler Verantwortlichkeit kreieren. Ausserdem
müssen wir uns als externe Akteure klar über unsere Beziehung zu diesen Gesellschaften und
ihrer Situation sein: Waren wir in den Konflikt involviert? Taten wir das Mögliche, um den
Konflikt zu verhindern? Können wir als externer Akteur gesehen werden? Was ist unsere
Agenda? Ist sie bezogen auf Friedensbildung, Demokratie und Gerechtigkeit und dem Respekt
der Menschenrechte? Ist es so oder müssen wir dies überdenken? Können wir die Rolle der
dritten Partei spielen? Werden wir als neutral betrachtet?
Zweitens: Wenn es um Kriegsbeendigung und nachhaltigen Frieden geht, wer sind die
glaubwürdigen Akteure? Erinnern wir uns, wir haben darüber gesprochen, den Respekt ihrer
Einzigartigkeit jeder Person zurückzugeben und wiederherzustellen; ihre Würde, ihr Menschsein. Wie werden die internationalen und lokalen Akteure als Depositäre dieser Vision wahrgenommen?
Religiöse Institutionen sind vorab menschliche Institutionen. Hauptsächlich sind sie von
Männern geführt. Religiöse Institutionen haben ihre Beziehungen zur Macht. Wir haben
religiöse Führer gesehen, die vor Militäroperationen die Waffen segneten, andere haben die
«Dieses Andere» war
für ihn kein einzelnes
menschliches Wesen;
das Opfer bedeutete
ihm nichts, es war
nur «jemand von der
verfeindeten Gruppe»,
ohne Namen, ohne
Seele, ohne Wert.
In diesem Sinne
sind beide Seiten
entmenschlicht.
20
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
Überlegenheit einer Religion gegenüber der anderen beansprucht und jener dadurch den
Respekt abgesprochen; wir haben auch religiöse Führer wie Don Samuel Ruiz gesehen, die zur
Stimme der Menschen ohne Stimme geworden sind, wir haben Priester gesehen, die sich im
Namen des Kampfes gegen ein ungerechtes und kriminelles Regime – denken wir an Camillo
Torres – der Guerilla angeschlossen haben. Eben traf ich in Kolumbien einen Priester, der in
Dialogen mit Tätern involviert ist und der dafür kämpft, den Respekt fürs Leben wiederherzustellen. Das ist sein Hauptthema mit jedem, mit dem er spricht.
Wann wird eine religiöse Institution als «Depositärin des Rechts auf Leben» angesehen, als
Beschützerin des Rechts auf Gerechtigkeit, Frieden und Würde, und wann wird sie zu einem
weiteren Akteur oder Teil des Konflikts? Ich würde argumentieren, dass, solange religiöse oder
ethische Institutionen oder Personen als Depositäre dieses absoluten Respekts für Leben und
Würde des Menschen wahrgenommen werden, sie eine sehr wichtige Rolle spielen können.
Sie können und sollten moralische Urteile äussern, Schutzräume für Opfer schaffen, wenn
möglich Dialogräume für Widersacher kreieren, sie können auch im Namen dieser unantastbaren menschlichen Werte als Mediatoren agieren.
Wenn wir uns darauf einigen können, dann heisst das, dass es die Aufgabe religiöser Institutionen ist, als Diener dieses unantastbaren Wertes menschlichen Lebens zu agieren. Ich meine,
dass diese Aufgabe das Herzstück ihrer Agenda als Institutionen sein sollte. Ich vermute, dass
dies die wirklich ontologische Herausforderung religiöser Institutionen ist. Und ich vermute
auch, dass wir als Staatsmitarbeitende und im Versöhnungsprozess engagierte Bürger dieselben Aufgaben haben.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
Wann wird eine
religiöse Institution
als «Depositärin des
Rechts auf Leben»
angesehen, als Be­
schützerin des Rechts
auf Gerechtigkeit,
Frieden und Würde,
und wann wird sie
zu einem weiteren
Akteur oder Teil des
Konflikts?
21
Referat Gret Haller
Verantwortung der Religionsgemeinschaften für den Frieden
Von Dr. Gret Haller, Publizistin und ehemaliger Ombudsfrau für Menschenrechte in Bosnien
Sehr geehrte Damen und Herren
Wenn ich über die Verantwortung der Religionsgemeinschaften für den Frieden spreche,
möchte ich eine Vorbemerkung machen. Meine Ausführungen betreffen alle Religionsgemeinschaften, ob es sich nun um kleine oder grosse handelt, ob es weltumspannende
sind wie die katholische Kirche, ob es eigentliche Staatskirchen sind oder grosse Kirchen,
die sich nicht staatskirchlich verstehen, oder ob es schliesslich Religionsgemeinschaften sind,
die eben gerade grossen Wert legen auf ihre «Freikirchlichkeit», wobei «frei» in diesem Zusammenhang in der Regel gleichbedeutend ist mit frei von jeglichem Einfluss der öffentlichen
Hand im Sinne der Res publica.
Im Rahmen des Gesamtthemas dieser Tagung «Zwischen Krieg und Frieden: Die Rolle der
Kirchen in Versöhnungsprozessen» werde ich mich nun aber auf die Frage beschränken, welche Formen des Selbstverständnisses von Religionsgemeinschaften deren friedenspolitische
Verantwortung tendenziell fördern, und welche diese Verantwortung tendenziell verunmöglichen. In diesem Zusammenhang sind auch geschichtliche Entwicklungen wichtig. Ich werde
mich bei deren Darstellung aber ausschliesslich auf Beispiele und Vorgänge aus jenem Bereich
der Welt abstützen, welcher dem sogenannten «Westen» zugerechnet wird. Dabei bin ich
sicher, dass sich in der Geschichte anderer Weltgegenden und der dort vor allem beheimateten Religionen auch viele Beispiele finden lassen.
Nun zur Sache selber. Beispiele für friedenspolitisch verantwortungsloses Handeln von Religionsgemeinschaften gibt es in der Geschichte noch und noch, ich erwähne hier nur einige
wenige. Seit der Erfindung der Schrift, also seit der schriftlichen Geschichtsüberlieferung, lesen
wir – z. B. im Alten Testament – noch und noch von Kriegen, die religiös begründet worden
sind. In späteren Zeiten sind die Kreuzzüge zu erwähnen, durch die christliche Könige und
Päpste in Europa das «Heilige Land» wieder unter ihre Kontrolle bringen wollten. Vorangegangen war eine rasche, ebenfalls religiös begründete geografische Ausdehnung des Islam, die
sich durchaus kriegerischer Mittel bediente und sich in Europa bis zu den Pyrenäen und später
bis vor Wien bewegte. Die iberische Halbinsel wurde durch die Christen zurückerobert, was
notabene religiös begründet wurde, Jahrhunderte dauerte und erst im 15. Jahrhundert seinen
Abschluss fand.
Die erste erfolgreiche Bemühung in umgekehrter Richtung, die ich erwähnen will, beginnt
in Europa im 16. Jahhrundert kurz nach dem Ausbrechen der Reformation. Im Augsburger
Gret Haller
22
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
Religionsfrieden von 1555 wurde das Staatskirchenrecht in Deutschland dahingehend weiterentwickelt, dass man ihm den prägnanten Satz «cuius regio – eius religio» einverleibte. Dies
bedeutete, dass der Landesfürst die Religion bestimmen sollte und – mit gewissen Ausnahmen
– die Sekten verboten wurden. Wer sich der Landesreligion nicht anschliessen wollte, musste
in eine Gegend auswandern, in welcher landesweit seine Religion für gültig erklärt worden
war. Mit dieser Regelung sollten religiöse Konflikte vermieden werden. Es handelte sich
gleichsam um eine Teilsäkularisierung. Wie wir wissen, hat diese Regelung Gewaltanwendung
dann doch nicht verhindern können. Von Mitte des 16. bis Mitte des 17. Jahrhunderts wurde
Europa von Religionskriegen erschüttert, kulminierend im Dreissigjährigen Krieg von 1618 bis
1648. Hundert Jahre Krieg führten in Europa dazu, dass praktisch ein Drittel der gesamten
Bevölkerung eines gewaltsamen Todes starb. Aufgrund dieser Erfahrung vereinbarten die
damaligen Könige und Fürsten 1648 im Westfälischen Frieden, es dürfe in Europa nie wieder
aus religiösen Gründen Krieg geführt werden. Die Einbindung der Religion in die staatlichen
Ordnungen – also die definitive Säkularisierung – wurde nun europaweit festgeschrieben, die
Staaten verpflichteten sich gegenseitig dazu.
Der längst gegebene
Dualismus zwischen
Religion und Politik
hatte zur Folge, dass
die Konfessionali­
sierung der Religion
selber wieder einen
Säkularisierungsschub
auslöste.
Interessant ist aber für das hier zur Diskussion stehende Thema, dass diese definitive Säkularisierung der Religion das Resultat einer langen Vorgeschichte war. Schon während des
Mittelalters hatten Politik und Religion keine Einheit gebildet, sondern Kirche und Staat hatten immer gegeneinander gekämpft. Und Staaten gab es viele, grosse Reiche haben sich nie
lange halten können. Die politische Ordnung war somit immer auf Differenzierung angelegt.
Aufgrund dieses Dualismus zwischen Religion und Staat hatte Europa die Zeit der Absolutheitsansprüche bereits im 16. Jahrhundert längst hinter sich gelassen, sowohl religiös als auch politisch. Die Konfessionalisierung der Religion, die mit der Reformation einsetzte, hatte aber dazu
eine Gegenbewegung eingeleitet. Die Konfession, auf Deutsch übersetzt das «Bekenntnis»,
welches Absolutheit und Universalität beanspruchte, bemächtigte sich auch der Politik. Weil
die politische Ordnung in Europa bereits differenziert war, weil also eine Vielfalt von Mächten
und Staaten vorhanden war, deren sich die verschiedenen Konfessionen bemächtigen konnten, entstand die ungeheure Gewaltbereitschaft. Genau dieselbe Ausgangslage – und das ist
hier das Interessante – hat nun aber schon bald und logischerweise auch den Friedensschluss
ermöglicht, indem dieselben Politiker, welche den Krieg herbeigeführt hatten, in einem
bestimmten Zeitpunkt den Frieden erreichen wollten. Ein fundamentalistischer Monismus, in
welchem die Religion die einzige und letzte Norm ist, hat bei diesen Leuten gar nicht Fuss
fassen können. So unterschieden sie weiterhin zwischen der kirchlich-religiösen und der staatlich-politischen Fürsorge für die Untertanen. Deshalb konnten sie umdenken, als es sich zeigte,
dass der Krieg sowohl Staat und Gesellschaft als auch die Kirchen ins Verderben stürzen
könnte. Der längst gegebene Dualismus zwischen Religion und Politik hatte zur Folge, dass die
Konfessionalisierung der Religion selber wieder einen Säkularisierungsschub auslöste.
Der Historiker Heinz Schilling nennt diese Vorbedingung, die aus dem Mittelalter herrührte,
die «alteuropäische Säkularisation». Sie habe dazu geführt, dass die weltlichen Friedensbemühungen auch eine sakrale Dimension erhalten hätten.1 Mit anderen Worten: Die Architekten
des Friedensschlusses waren sich dessen bewusst, dass die religiöse Dimension in die staatlichpolitische Dimension einbezogen werden musste. So gelang es damals, aufgrund des alten
europäischen Dualismus das religiöse Engagement in den Frieden zu kanalisieren. Der West1
Heinz Schilling: «Der Westfälische Friede und das neuzeitliche Profil Europas» in Heinz Duchhardt
(Hg.), «Der Westfälische Friede. Diplomatie – politische Zäsur – kulturelles Umfeld – Rezeptionsgeschichte», München 1998, S. 18
Referat Gret Haller
2
fälische Frieden bildet deshalb eine Art Epochenschwelle, er beinhaltet eine neue Philosophie
und weist dadurch auch über seine konkreten Regelungen hinaus.2 Für unser Thema hier
– Verantwortung der Religionsgemeinschaften für den Frieden – ist dieser Aspekt von einiger
Bedeutung. Der Westfälische Frieden wird meistens unter dem Oberthema «Säkularisierung»
abgehandelt. Dass er auch sakrale Elemente beinhaltet, wird selten erwähnt.
Nun möchte ich aber zur Gegenwart kommen. Es wird wohl nicht bestritten werden können,
dass in vielen gegenwärtigen Kriegen religiöse Elemente leider eine grosse Rolle spielen. Dazu
kommt vielen von uns wohl als erstes der militante Islamismus in den Sinn. Aber jede Gewalteskalation hat zwei Seiten, und so muss im gleichen Zuge das religiöse Gegenstück erwähnt
werden: Was der US-amerikanische Präsident leider – und fälschlicherweise – mit der Bezeichnung «Krieg gegen den Terrorismus» versehen hat, wird von ihm selber und in seinem Land
von einem Teil der Bevölkerung auch religiös begründet. Durch Begriffe wir «Achse des Bösen»
und ähnlichen Umschreibungen sowie durch Angriffe technologisch höchstgerüsteter Truppen
auf Staaten islamischen Glaubens fühlt sich die islamische Welt so gedemütigt. Der ägyptische
Autor Alaa al-Aswany hat die Lage so umschrieben: «Gedemütigte Menschen sind wunderbares Rohmaterial für Terrorismus.»3 Oder kürzlich sagte das religiöse Oberhaupt im Iran, Ali
Khamenei, zum Libanonkrieg 2006 das Folgende: «Der Hizbullah hat den arabischen Völkern
die Würde, die jahrzehntelang verletzt wurde, zurückgegeben.»4 In Europa wird zurzeit immer
deutlicher wahrgenommen, dass hier das Verhältnis zwischen Religion und Politik ein anderes
ist als in den Vereinigten Staaten. Da dieses Verhältnis friedenspolitisch relevant ist, möchte ich
in einem kurzen Exkurs die historischen Hintergründe erwähnen.
In der Französischen Revolution 1789 wurden König und Adel zugunsten des Volkes entmachtet, aber auch den Geistlichen wurde der politische Einfluss aberkannt. Es wurde eine
ganz strikte Trennung von Kirche und Staat eingeführt, die noch heute unter dem Begriff der
«Laicitée» bekannt und wirksam ist. Damit wollte man sicherstellen, dass die Geistlichen auf
die Politik keinen Einfluss mehr nehmen konnten. In diametral umgekehrter Richtung ging die
Entwicklung in Amerika. Als im 17. Jahrhundert die grosse Auswanderung über den Atlantik
begann, spielten die Puritaner eine wichtige Rolle. Sie gingen davon aus, dass ihre Religionsgemeinschaften die öffentliche Ordnung schlechthin darstellten. Deshalb brauchten sie gar
keinen Staat, lehnten diesen kategorisch ab und befürworteten stattdessen die Theokratie im
Sinne eines Gottesstaates. Weil sie in England scheiterten, beschlossen sie, ihre Pläne in Amerika umzusetzen. Ihnen folgten schon bald andere Religionsgemeinschaften, die sich – was
die öffentliche Ordnung anbelangte – ebenfalls an den Vorstellungen der Puritaner orientieren. Von Anfang an gab es in vielen der in Amerika entstandenen Kommunen eine Art von
Demokratie. Die demokratische Mitwirkung war aber gebunden an die Mitgliedschaft in einer
Religionsgemeinschaft.
Dass in Amerika diese Entwicklung einsetzte, nachdem Europa durch den Westfälischen Frieden die Religion ein für allemal der Staatlichkeit untergeordnet hatte, ist kein Zufall. Es war
nämlich diese Rangfolge zwischen Staat und Religion, welche viele Auswanderer nach Amerika nicht akzeptieren wollten, jedenfalls jene, welche aus religiös-weltanschaulichen Gründen
2
Heinhard Steiger: «Der Westfälische Frieden – Grundgesetz für Europa?» in Heinz Duchhardt (Hg.),
«Der Westfälische Friede. Diplomatie – politische Zäsur – kulturelles Umfeld – Rezeptionsgeschichte»,
München 1998, S. 65/80
3
«du» – Zeitschrift für Kultur, Nr. 769, September 2006, S. 14
4
«NZZ am Sonntag» vom 3.9.2006, S .3
«Trennung von Kirche
und Staat» ist nicht
gleichbedeutend mit
«Trennung von Reli­
gion und Politik». In
Frankreich wurden
Kirche und Staat in
der Absicht getrennt,
Religion und Politik
auseinanderzuhalten.
In den Vereinigten
Staaten werden Kir­
che und Staat in der
Absicht getrennt,
Religion ungehindert
in die Politik einflies­
sen zu lassen.
24
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
emigrierten. Sie wollten eine Antithese schaffen zu dem als gottlos empfundenen Europa.
Religion durfte keiner wie immer gearteten Staatlichkeit unterworfen werden. Dem Schutz
der Religion vor staatlicher Bevormundung dient in den Vereinigten Staaten eine strikte Trennung von Kirche und Staat. Während in Frankreich durch diese Trennung der Staat vor dem
Einfluss der Religion bewahrt werden soll, dient die Trennung jenseits des Atlantiks umgekehrt
dazu, die Religion vor jeglichem Einfluss des Staates zu beschützen. «Trennung von Kirche und
Staat» ist somit nicht gleichbedeutend mit «Trennung von Religion und Politik». In Frankreich
wurden Kirche und Staat in der Absicht getrennt, Religion und Politik auseinanderzuhalten. In
den Vereinigten Staaten werden Kirche und Staat in der Absicht getrennt, Religion ungehindert in die Politik einfliessen zu lassen.
Als 1789 die Französische Revolution begann, war die amerikanische Revolution bereits mit
der Gründung der Vereinigten Staaten 1778 beendet. Dabei ging es um etwas ganz anderes als in Europa. In Amerika musste ein Staat erst geschaffen werden, und dies ohne ein
Staatsvolk mit gemeinsamer Herkunft, denn die Bewohner des Landes waren individuell aus
verschiedenen Herkunftsländern eingewandert. Um eine gemeinsame Identität zu schaffen,
wurde auf die allen Einwanderern gemeinsame Suprematie des Religiösen zurückgegriffen und
die US-Nation religiös untermauert. Diese Ausgangslage führte dazu, dass sich die US-amerikanische Nation anders definiert als die Nationen in Europa, obschon es sich formal beidseits
des Atlantiks um Nationalstaaten handelt. Bei der Begründung von Nationalstaaten in Europa
stand den Nationen eine religiöse Untermauerung nicht offen, nachdem die Einbindung der
Religion in die Staatlichkeit schon mehr als ein Jahrhundert früher stattgefunden hatte.
Völkerrecht – also
Recht zwischen den
Staaten – wurde
1648 mit dem West­
fälischen Frieden
erfunden, und damit
die Vorstellung von
der Staatengleichheit,
welche jeglicher Aus­
erwähltheitsvorstel­
lung entgegensteht.
Diese religiöse Begründung kommt unter anderem darin zur Geltung, dass sich die Vereinigten
Staaten als eine von Gott auserwählte Nation betrachten. Heute äussert sich dies vor allem
auch in moralischen Kategorien, indem diese Nation gleichsam für «das Gute» in der Welt
steht und dieses auch in die Welt hinaustragen muss. Das muss nicht ein Auftrag von Gott
sein, wie es offenbar der gegenwärtige US-Präsident ab und zu formuliert. Auch viele nicht
besonders religiöse – also durchaus liberale – Amerikaner gehen davon aus, dass ihr Land eine
Mission in der Welt habe, weil das Gute auf ihrer Seite liege, also aufgrund einer Art moralischer Überlegenheit. Dass wir analoge Erscheinungen – und zwar noch viel ausgeprägter!
– im islamistischen Selbstverständnis finden, darf uns nicht erstaunen. Nicht umsonst sind
diese beiden Pole die Hauptgegenspieler in dem Geschehen, das vor mehr als zehn Jahren
vorausschauend als «clash of civilisations» bezeichnet worden ist.
Und damit komme ich nun auf die beiden Begriffe, die mir zur Beantwortung der eingangs
gestellten Frage zentral scheinen, nämlich Gleichheit und Recht. Völkerrecht – also Recht
zwischen den Staaten – wurde 1648 mit dem Westfälischen Frieden erfunden, und damit die
Vorstellung von der Staatengleichheit, welche jeglicher Auserwähltheitsvorstellung entgegensteht. Diese Gleichheit wurde aber in späteren Jahrhunderten in Frage gestellt. Je mehr die
Nation im 19. Jahrhundert zur Ersatzreligion wurde, desto unpopulärer wurde vor allem der
Gedanke der Gleichheit der Staaten. Im 19. Jahrhundert hielt man den Westfälischen Frieden
für überholt. Jetzt waren die Nationen wieder im eigentlichen Sinne «auserwählt», es entstand
der Nationalismus, der wieder zu entsetzlichen Kriegen führte. Die Rituale waren ähnlich wie
jene der Religionen einige Jahrhunderte zuvor: Früher waren es religiöse Hymnen, die gesungen wurden, jetzt waren es nationale Hymnen. Früher waren es religiöse Prozessionen, jetzt
waren es nationale Aufmärsche. Die mitgetragenen Fahnen präsentierten nun nicht mehr
religiöse Symbole, sondern nationale oder sogar nationalistische. Kurz, mit dem übersteigerten
Nationalgefühl konnte dasselbe erreicht werden, wie früher mit der übersteigerten Religiosi-
Referat Gret Haller
25
tät, wenn diese Dinge einmal absolut gesetzt worden waren. Die neuen Kriege waren nicht
weniger verheerend als die früheren Religionskriege, und ihren Höhepunkt erreichten sie in
den beiden Weltkriegen.
Wie sehr diese Phänomene geschichtlich zusammenhängen, zeigt zum Beispiel der Umstand,
dass Hitler im Sinn hatte, nach einem Sieg über Frankreich den diesem Land diktierten Frieden
in Münster unterzeichnen zu lassen. Dazu findet sich in Goebbels Tagebuch der Hinweis, der
Führer denke an eine «restlose Liquidation des Westfälischen Friedens, der in Münster abgeschlossen worden ist und den er in Münster beseitigen will ...».5 Der Auserwähltheits- und
Absolutheitsanspruch, der in diesem Ansinnen zum Ausdruck kommt, steht vor allem der
Gleichheit entgegen, er erträgt die Gleichheit nicht, weder eine Gleichheit der Staaten noch
eine Gleichheit der Menschen, geschweige denn die gleiche Würde aller Menschen. Nach
1945 hat Europa deshalb einen neuen Paradigmenwechsel eingeleitet, welcher dem Muster
des Paradigmenwechsels von 1648 gefolgt ist. Was im Massstab eins zu eins aus dem Westfälischen Frieden übernommen wurde – auch wenn dies vielen Akteuren der europäischen
Integration womöglich nicht bewusst war –, ist die Grundlage der rechtlichen Gleichstellung
aller Staaten, welche die Voraussetzung bildet für den Abschluss völkerrechtlicher Verträge,
selbst wenn sich in den politischen Aushandlungsprozessen grosse Staaten leichter einbringen
können als kleine. Grundvoraussetzung dafür bildet die Überwindung von Auserwähltheitsvorstellungen der Nationen. Wer auserwählt ist, kann sich nicht rechtlich einbinden lassen,
insbesondere nicht durch andere Nationen, welche man als nicht auserwählt betrachtet.
Die Zusammenarbeit mit allen Staaten ist für jene Nationen problematisch, welche von der
eigenen moralischen Überlegenheit ausgehen.
Damit komme ich zu meinen Schlussfolgerungen: So anachronistisch Ihnen dies scheinen
mag: Ich bin überzeugt, dass wir uns hinsichtlich des Selbstverständnisses von Religionsgemeinschaften noch heute – oder heute wieder mehr denn je – an den Errungenschaften
des Westfälischen Friedens orientieren dürfen, wenn es darum geht, die friedenspolitische
Verantwortung dieser Gemeinschaften zu stärken. Ich nenne hier nur drei Punkte, die mir als
die wichtigsten erscheinen, und die alle das Verhältnis von Religion und Politik bzw. Staatlichkeit oder Res publica betreffen:
1)
Religionsgemeinschaften sollten ihre eigene Einbindung ins Recht – und zwar nicht nur
ins Kirchenrecht, sondern ins staatliche Recht – befürworten, das bedeutet auch die
Einbindung ins Völkerrecht und in dessen Standards der Menschenrechte.
2)
Sie sollten nationalen Auserwähltheitsideologien aktiv entgegenwirken und auf deren
friedensgefährdende Auswirkungen hinweisen.
3)
Religionsgemeinschaften dürfen und sollen politisch Stellung beziehen. Aber sie können
sich nicht auf den eigenen Gott, die eigenen Götter oder die Religion direkt berufen und
sie können keinen absoluten Wahrheitsanspruch geltend machen. Sie müssen einen Akt
der Übersetzung leisten und eine gleichsam religionsneutrale gesellschaftliche Forderung
formulieren. Dieser Akt der Übersetzung bringt die Forderung in den öffentlichen Bereich
der Res publica, wo sich diese Forderung dann mit andern Forderungen religiöser und
nichtreligiöser Akteure trifft, um öffentlich diskutiert zu werden.
5
Konrad Repgen: «Der Westfälische Friede. Ereignis, Fest und Erinnerung», Opladen/Wiesbaden 1999,
S. 35
Religionsgemein­
schaften dürfen und
sollen politisch Stel­
lung beziehen. Aber
sie können sich nicht
auf den eigenen Gott,
die eigenen Götter
oder die Religion
direkt berufen und
sie können keinen
absoluten Wahrheits­
anspruch geltend
machen.
2
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
Dies die drei Punkte zu Religion und Politik. Aber das wohl Schwierigste betrifft die Religionsgemeinschaften selber. Sie sollten nämlich absehen von Auserwähltheitsvorstellungen hinsichtlich ihrer eigenen Religion. Dass dies möglich ist, zeigt die Ökumene, der es gelingt, mit
immer weiteren dieser Religionsgemeinschaften ins Gespräch zu kommen.
Wir dürfen uns hin­
sichtlich des Selbst­
verständnisses von
Religionsgemein­
schaften noch heute
– oder heute wieder
mehr denn je – an
den Errungenschaften
des Westfälischen
Friedens orientieren,
wenn es darum geht,
die friedenspolitische
Verantwortung dieser
Gemeinschaften zu
stärken.
Workshops
IV Versöhnungsarbeit in fünf verschiedenen Kontexten
27
28
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
Eckdaten Mexiko / Chiapas
DerKrieginChiapas
Gonzalo Ituarte
Der südmexikanische Bundesstaat Chiapas gehört zu den am meisten benachteiligten
Regionen in Mexiko. Die Mehrheit der Bevölkerung lebt in Armut. Starke soziale, wirtschaftliche und kulturelle Gegensätze sind Ursachen für gesellschaftliche Spannungen und Konflikte.
Am 1. Januar 1994 trat das nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA in Kraft. Am selben Tag besetzte die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) fünf Bezirkshauptstädte im südwestlichen Chiapas und erklärte der mexikanischen Regierung den Krieg. Dank
der Intervention von Kirchen und zivilgesellschaftlich organisierten Gruppen kam es schon kurz
nach Kriegsausbruch zu Verhandlungen. Trotz militärischer Besetzung und paramilitärischen
Übergriffen – mehr als 20 000 Menschen mussten flüchten – wurde 1996 ein erstes Abkommen zur Anerkennung der Kultur und Rechte der indigenen Völker unterzeichnet. Im April
2001 verabschiedete der Kongress ein Gesetz, aus dem alle wichtigen Anliegen des Abkommens von 1996 entfernt worden waren: Autonomie, Anerkennung der Völker, Recht auf
eigene Medien und Verfügung über natürliche Ressourcen. 320 Gemeinden und Gruppen
erhoben in der Folge beim Obersten Gerichtshof Einsprache gegen das Gesetz. Dieser wies die
Einsprachen am 6. September 2002 zurück, indem er sich für nicht zuständig erklärte.
AktuelleSituationinChiapas
Aus Protest gegen diesen Gerichtsentscheid zog sich die EZLN lange Zeit aus der Öffentlichkeit
zurück. Die sogenannten autonomen zapatistischen Gemeinden leisteten weiterhin zivilen
Widerstand und erprobten alternative Formen der lokalen Selbstverwaltung. Sie akzeptieren
weder staatliche Investitionen noch Lehr- und Medizinalpersonal. Im August 2003 eröffneten
sie offiziell fünf zapatistische Verwaltungszentren (Caracoles), die in den zapatistischen Regionen Verwaltungs-, Entscheidungs- und Schlichtungsfunktionen wahrnehmen. Im Oktober
2005 hat ein Hurrikan die Region verwüstet. Der schleppende Wiederaufbau der sozialen
Infrastruktur (Strassen, Brücken, Kliniken, Schulen) und die ungleichmässige Verteilung staatlicher Unterstützung (Wohnungen, Kredite, Wiederaufbau der Kaffeeplantagen) haben die
sozialen Spannungen in Chiapas wieder verschärft.
Mexiko
Input
Die zapatistische Befreiungsbewegung und die Diözese San Cristóbal stärken das indigene Selbstbewusstsein in Chiapas
Von Tildy Hanhart, PROPAZ-Advocacy Beauftragte
DerKonfliktinChiapasimÜberblick
Am 1. Januar 1994 trat der Freihandelsvertrag USA-Kanada-Mexiko (North American Free
Trade Agreement, NAFTA) in Kraft. Zum selben Zeitpunkt besetzte die Zapatistische Armee der
Nationalen Befreiung (Ejercito Zapatista de Liberación Nacional, EZLN), eine bewaffnete indigene Bewegung, mehrere Hauptorte im Bundesstaat Chiapas. Chiapas befindet sich im Südosten Mexikos und gilt als eine der ärmsten Regionen des Landes. Die mexikanische Regierung
schickte Truppen zur Niederschlagung des Aufstandes. Bischof Samuel Ruíz der Diözese San
Cristóbal de las Casas in Chiapas schaltete sich vermittelnd ein. Nach wenigen Tagen gelang
ein Waffenstillstand.
Als Präsident der Nationalen Vermittlungskommission (Comisión Nacional de Intermediación,
CONAI) erfüllte Bischof Ruíz eine wichtige Funktion. Es ist seiner Akzeptanz bei den Indigenen
und seinem politischen Geschick zu verdanken, dass im Februar 1996 nach mehreren Verhandlungsrunden zwischen den Zapatisten und der Regierung das Abkommen von San Andrés zur
Kultur und zu den Rechten der Indigenen unterzeichnet wurde. Weitere Themen hätten verhandelt werden sollen, doch dazu kam es nicht mehr, weil das Abkommen von San Andrés nie
rechtskräftig wurde. Deshalb zogen sich die Zapatisten vom Verhandlungstisch zurück. Auch
die CONAI löste sich auf.
Mexiko hatte zwar bereits 1990 als eines der ersten Länder das einzige internationale Rechtsinstrument der Indigenen und tribalen Völker, die Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation mit Sitz in Genf (ILO-Konvention 169), ratifiziert. Somit war Mexiko verpflichtet,
die Indigenen anzuhören und sie bei indigenen Angelegenheiten demokratisch einzubeziehen.
Das ist bei der Behandlung des Abkommens im Verfassungsreformprozess nicht erfolgt.
Als Vicente Fox als Vertreter der PAN (Partido Acción Nacional) nach siebzig Jahren Herrschaft
der PRI (Partido Revolucionario Institucional) im Jahr 2000 die Präsidentschaft gewann, nannte
er als Priorität seiner Regierung die Regelung des Chiapas-Konfliktes und die Wahrung der
Menschenrechte. So überwies er als Erstes das Abkommen von San Andrés dem mexikanischen Parlament zur Behandlung und zur Aufnahme in die Staatsverfassung. Angenommen
wurde dann nur eine abgeschwächte Form des Abkommens, nämlich eine ohne die für die
Indigenen zentralen Kollektivrechte wie etwa die Anerkennung als Ethnie, gemeinsame Landnutzung, Mitsprache bei der Nutzung von Bodenschätzen ihres Siedlungsraumes etc.
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Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
Die Indigenen und die Zapatisten lehnten die Verfassungsreform ab. Über 300 Verfassungsbeschwerden wurden am Obersten Gerichtshof eingereicht. In der Folge erklärte sich der
Gerichtshof für «nicht zuständig». Auch an die Internationale Arbeitsorganisation wurden
Beschwerden bezüglich Verletzung der ILO-Konvention 169 eingereicht.
2003 begannen die Zapatisten ihre Vorstellung von «guter Regierung und Verwaltung» in den
autonomen Gebieten real aufzubauen. 2005 lancierten sie eine neue Initiative und starteten
den Aufbau eines nationalen demokratischen Aufbruchs auf Basisebene.
Nach den Präsidentschaftswahlen von 2006 liess sich der knapp unterlegene Kandidat der
Partido de la Revolución Democratica, Andrés Manuel López Obrador, von seinen Unterstützern öffentlich als «legitimer Präsident» ins Amt einsetzen. Auch López Obrador engagiert
sich nun an einem demokratischen Aufbruch von unten.
Elpuebloestáenmarcha:DiecharismatischeTriebfederderZapatisten
Mit dem NAFTA-Vertrag hat sich Mexiko für die neoliberale wirtschaftliche Entwicklung entschieden. Die Zapatisten wollen hingegen eine Entwicklung, die auf die Bedürfnisse der Mehrheit der Bevölkerung zugeschnitten ist. Sie verstehen sich u. a. als die Vorboten des späteren
Sozialforums («Un otro mundo es posíble»). Der Konflikt zwischen den Zapatisten und der
Regierung ist komplex, er betrifft nebst der wirtschaftlichen Differenz mangelnde Rechte der
Indigenen und fehlende Demokratie. Die Zapatisten und Indigenen stützen sich bei ihren
Aktionen auf das Abkommen von San Andrés und auf die ILO-Konvention 169 und werfen der
Regierung vor, diese von ihr unterzeichneten Vereinbarungen zu verletzen.
Die zapatistische
Revolution vereint
Indigenas, soziale
Bewegungen, NGOs,
Künstler, Intellektuelle.
Sie ist nicht mehr «nur»
eine ethnische Revo­
lution, sie ist zu einer
mexikanischen Bewe­
gung geworden.
Die Zapatisten haben die Lebensweise, Kultur, Sprache und die Rechte der Indigenen auf
nationaler Ebene sichtbar gemacht. Dank der EZLN kam das indigene Denken in Mexiko und
in vielen anderen Ländern zum Ausdruck. Sie förderten das indigene Selbstbewusstsein, das
seit dem 15. Jahrhundert unterdrückt war. Die indigene Bevölkerung begann sich zu organisieren, ihre Rechte zu erkennen und sich dafür zu wehren. «El pueblo está en marcha» – das Volk
ist in Bewegung. Mit Kampagnen und Märschen macht es politischen Einfluss geltend.
Die EZLN konnte Tausende von Menschen mobilisieren, wie dies der Marsch von Chiapas nach
Mexiko-City im Jahr 2001 zeigte. Die Zapatisten übten nicht nur auf die sozialen Bewegungen
innerhalb sondern weit über Mexiko hinaus eine grosse Faszination aus. Die zapatistische
Revolution vereint Indigenas, soziale Bewegungen, NGOs, Künstler, Intellektuelle. Sie ist nicht
mehr «nur» eine ethnische Revolution, sie ist zu einer mexikanischen Bewegung geworden.
Die Zapatisten haben die Menschen aufgerüttelt. Heute gibt es in Mexiko nicht nur den Konflikt in Chiapas, sondern auch an anderen Orten wie Oaxaca oder Guerrero.
Ein nicht zu unterschätzendes Instrument für den Erfolg der Mobilisierung der EZLN sind die
Medien und im Speziellen das Internet. Denn bei der zapatistischen Revolution steht die Vermittlung der Inhalte im Vordergrund und nicht die Erzwingung durch Gewalt. Das Internet ist
ein ideales Instrument für die einfache Multiplizierung von Anliegen.
Die Zapatisten führten neue Modelle des Protestes und der politischen Einflussnahme ein.
Das jüngste Beispiel dafür war nach den letzten Präsidentschaftswahlen 2006, als der Verlierer López Obrador Millionen von Menschen mobilisieren konnte. Diese Stärke der politischen
Einflussnahme durch die mexikanische Bevölkerung wird auch weiterhin sehr wichtig sein.
Denn die Zukunft mit Präsident Calderón, der voll die neoliberale Wirtschaft unterstützt und
Mexiko
1
beispielsweise bereits jetzt die Aufhebung der Subventionen für Wasser angekündigt hat, wird
besonders für die armen Bevölkerungsschichten sehr schwierig werden.
Der Konflikt in Chiapas ist aber nicht einfach eine Auseinandersetzung zwischen der zapatistischen Befreiungsbewegung und der mexikanischen Armee. Der Kampf für die Rechte und
Menschenwürde der Indigenen umschliesst mehrere Akteure: neben der mexikanischen Regierung, der EZLN und weiten Teilen der Bevölkerung auch die Kirchen und insbesondere die
Diözese von San Cristóbal.
DieDiözeseSanCristóbalstärktdieindigeneBevölkerung:
DieIndigenensindzurKirchegeworden
Die Diözese San Cristóbal de las Casas unter ihrem vormaligen Bischof Samuel Ruíz hat über
all die Jahre des Konflikts hinweg mehrere wichtige Funktionen ausgeübt. Die Diözese spielte
eine grundlegende Rolle bei der Entwicklung des «Zapatismus» – des indigenen Bewusstseins
– und bei der Mediation zwischen der Regierung und den Zapatisten. Don Samuel Ruíz war
insbesondere als Übersetzer der indigenen Denkweise eine wichtige Figur. Auch hatte die
Diözese die internationale Gemeinschaft eingeladen, in der Region einen Beobachterstatus
einzunehmen.
Eine weitere Aufgabe der Kirche ist die Pflege der Ökumene. 1992 wurde der «Consejo Interreligioso de Paz» (Interreligiöser Rat des Friedens) gegründet, der in San Cristóbal eine positive
Rolle spielt. Dieser hilft, Beziehungen zwischen katholischen und protestantischen Kirchen
sowie weiteren Glaubensgemeinschaften aufrecht zu erhalten.
Obwohl der Prozess stark durch Don Samuel als charismatische Figur gezeichnet ist, besteht
auch nach seiner Pensionierung und dem Wechsel zum konservativeren Bischof Felipe Arizmendi nicht die Gefahr, dass die indigenen Gemeinden aufhören zu funktionieren. Mittlerweile verstehen sie sich nicht nur als «Kirche», sondern sind heute die Kirche. Denn der religiöse,
mystische Faktor ist im Leben der Indigenas zentral. Dank dem stärkenden Einfluss der Diözese
fühlt sich heute etwa die diözesane Frauenbewegung CODIMUJ stark genug, um auch ohne
bischöfliche Unterstützung weiterzumachen. Und eine der Organisationen, CORECO, hat sich
auf neue Methoden der Konfliktbearbeitung spezialisiert.
Sichtbar wird, dass in Lateinamerika nicht so sehr die Hierarchie der katholischen Kirche eine
Rolle spielt, sondern die Volkskirche – die Menschen an der Basis. In Chiapas hat die Diözese
San Cristóbal ihre pastorale Tätigkeit den Bedürfnissen der indigenen Bevölkerung angepasst
und neue Modelle entwickelt, was für eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Bevölkerung
sehr wichtig war.
Zusammenfassende Eckpunkte der kirchlichen Rolle im Friedensprozess in Chiapas:
•
Es ist das Verdienst von Bischof Ruíz, dass schnell ein Waffenstillstand erreicht wurde
und dass es zu Verhandlungen zwischen den Zapatisten und der Regierung kam.
•
Bischof Ruíz wurde Präsident der Nationalen Versöhnungskommission (CONAI).
•
CONAI erarbeitete ein Verhandlungsmodell, das von beiden Seiten akzeptiert wurde.
•
Ruíz und seine Equipe waren präsent bei den Verhandlungen, leisteten Support
(Sekretariat und Diplomatie) und kümmerten sich um die Einhaltung der Spielregeln.
Die Diözese spielte
eine grundlegende
Rolle bei der Entwick­
lung des «Zapatis­
mus» – des indigenen
Bewusstseins – und
bei der Mediation
zwischen der Regie­
rung und den Zapa­
tisten.
2
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
•
Ruíz holte zur Stärkung des Friedensprozesses internationale Unterstützung. Dabei
konnte er bei internationalen Kontakten anknüpfen, die seine Diözese aufgrund der Hilfe
zugunsten der Flüchtlinge aus Guatemala aufgebaut hatte.
•
Nationale und internationale Beobachtungsdelegationen und freiwillige Beobachtergruppen wurden nach Chiapas eingeladen.
•
In Chiapas und in Mexiko entstanden NGO im Bereich Menschenrechte, Konfliktbearbeitung und Friedensförderung sowie der Congreso Nacional Indígena (CNI).
ÖkumenischeZusammenarbeitüberdenAtlantik
Wie in Chiapas koordinierten sich auch in der Schweiz die Hilfswerke und gaben eine ökumenische Antwort auf den Konflikt. Ein interessantes Modell im Bereich der ökumenischen
Zusammenarbeit ist dabei die Plattform der kirchlichen Hilfswerke der Schweiz zusammen mit
den beiden Landeskirchen. PROPAZ ist eine Trägerschaft bestehend aus den Werken HEKS,
Caritas, Fastenopfer, Brot für alle sowie den Leitungen der katholischen und reformierten
Kirche (letzere drei bilden seit 2005 das Patronat) . HEKS koordiniert das Programm und arbeitet eng mit der kleinen PROPAZ-Fachstelle in Chiapas zusammen. Beispielsweise wurden bis
heute rund 200 Beobachterpersonen aus der Schweiz für zwei bis drei Monate nach Chiapas
gesendet. Diese Leute sind eine solide Basis für politische Einflussnahme. Aus dem zwanzigjährigen Engagement in Chiapas hat sich die folgende Erfahrung ergeben: Man muss auf
verschiedenen Ebenen mittels verschiedener Gruppierungen arbeiten. Auch das ist Kirche.
Sichtbar wird, dass in
Lateinamerika nicht so
sehr die Hierarchie der
katholischen Kirche
eine Rolle spielt, son­
dern die Volkskirche
– die Menschen an
der Basis. In Chia­
pas hat die Diözese
San Cristóbal ihre
pastorale Tätigkeit
den Bedürfnissen der
indigenen Bevölkerung
angepasst.
Mexiko
Workshop
Einführung: Beobachtungen im Auftrag des Friedens: Das ökumenische und offizielle Engagement der Schweiz in Chiapas. Ein Rückblick. Eine persönliche Schilderung von Tildy Hanhart, PROPAZ-Advocacy-Beauftragte
DieerstenBeobachtungsdelegationen
HEKS reagierte rasch auf die Ereignisse in Chiapas. Schon im Januar 1994 reiste eine erste
ökumenische Beobachtungsdelegation auf Initiative von HEKS und im Auftrag der vier NGO
Brot für alle, Caritas, Fastenopfer, HEKS sowie der Kirchenleitungen (Rat SEK und Schweizer
Bischofskonferenz) nach Chiapas. 1995 organisierte HEKS eine europäische Beobachtungsdelegation. Die Aufgabe beider Delegationen war es, die aktuelle Situation in Chiapas zu
beobachten und die Friedensbemühungen der Diözese San Cristóbal de las Casas zu unterstützen.
DieGründungvonCORSAM/PeaceWatchSwitzerlandzurEntsendung
vonfreiwilligenBeobachtungspersonen
Als weiterer Schritt internationaler Begleitung und Menschenrechtsbeobachtung wurde der
Versuch mit freiwilligen Beobachtungspersonen gemacht. Die kirchlichen Hilfswerke stellten
CORSAM auf die Beine, die Vorläuferorganisation von Peace Watch Switzerland. Freiwillige
wurden für Beobachtungseinsätze auf Dorfebene ausgebildet. In Chiapas übernahm das
Menschenrechtszentrum Fray Bartolomé de las Casas (Frayba) die lokale Koordination.
DieoffizielleSchweizkannfürChiapasgewonnenwerden
Nach dem Abkommen von San Andrés kamen die Verhandlungen ins Stocken. Bischof Ruíz
wurde von den Hilfswerken in die Schweiz eingeladen. Er war Gast der Brot-für-alle-/Fastenopfer-Aktion. Zugleich wurde ein Treffen mit Aussenminister Cotti veranlasst. Ruíz bat die
Schweizer Regierung, den Friedensprozess in Mexiko zu unterstützen. Bundesrat Cotti
anerbot dem mexikanischen Präsidenten Zedillo die Guten Dienste der Schweiz bei einem
Treffen am WEF in Davos. Dieser lehnte ab. Für Mexiko handle es sich um eine interne
Angelegenheit, welche die Regierung selber regeln wolle. Bischof Ruíz insistierte auf der
Unterstützung des Friedensprozesses durch die Schweiz. Ebenfalls erfolgten Eingaben von
Parlamentsmitgliedern. Das führte schliesslich dazu, dass das Eidgenössische Departement für
auswärtige Angelegenheiten (EDA) Unterstützungsbereitschaft signalisierte und sowohl
dem in der Schweiz basierten freiwilligen BeobachterInnen-Programm CORSAM als auch der
Nationalen Vermittlungskommission CONAI, der Bischof Ruíz vorstand, je einen finanziellen
Beitrag leistete. Schliesslich erklärte sich das EDA auch dazu bereit, ein Projekt zur Unterstützung des Friedensprozesses zu finanzieren, wenn die Schweizer Hilfswerke und Kirchen ein
solches vorschlugen.
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Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
Kirchlich-parlamentarischeBeobachtungsdelegationengehennachChiapas
Nach Auflösung der CONAI verschärfte sich die Situation in Chiapas. Internationale Beobachtung wurde dringend benötigt, um den Friedensprozess zu stärken. Die Trägerschaft
(Hilfswerke und Landeskirchen) entwarf deshalb ein Pilotprogramm gemischter kirchlich-parlamentarischer Beobachtungsmissionen, welches vom EDA finanziert wurde. HEKS war mit der
Führung beauftragt und entsandte ab 1999 insgesamt sechs kirchlich-parlamentarische
Beobachtungsdelegationen nach Chiapas und Mexiko-Stadt. Diese wurden in Chiapas als
wertvolle Unterstützung des Friedensprozesses gewertet. Besonders geschätzt wurde die insistierende Kontinuität. Jede Mission verfasste einen ausführlichen Bericht mit Empfehlungen,
adressiert an die für die Friedensbemühung relevanten Stellen.
Eine Abklärung im Jahr 2000 ergab, dass die Absicht begrüsst wird, nebst Entsendung von
Beobachtungsmissionen eine Zweigstelle in Chiapas einzurichten und friedensfördernde
Projekte zu unterstützen.
GründungvonPROPAZ–dasSchweizerProgramm
zurUnterstützungdesFriedensprozessesinMexiko
Präsident Fox hob mit Amtsantritt im Jahr 2000 eine Reihe von Restriktionen der internationalen Beobachtung auf. Das EDA und die Trägerschaft vereinbarten, nach Möglichkeit die
Beobachtungsarbeit durch eine permanente Präsenz aufzuwerten. Das schien mit der neuen
Regierung möglich. Und in der Schweiz wuchs generell das Interesse an Friedensprojekten.
Das neue Programm PROPAZ startete im zweiten Halbjahr 2001. Die Trägerschaft wählte die
Sozialanthropologin Patricia Miller Pisón zur Koordinatorin und eröffnete ein Programmbüro
in Chiapas. Auftrag der Koordinatorin ist es, in Kooperation mit lokalen NGO und mit der
Schweizer Trägerschaft den Ist-Zustand der Konfliktsituation in Chiapas festzuhalten und
Aktionsmöglichkeiten in der Konfliktbearbeitung zu identifizieren.
Seither werden Promotorinnen und Promotoren lokaler Organisationen unterstützt, beraten
und ausgebildet. Sie erwerben Rechtskenntnisse zur Wahrung und Verteidigung der Menschenrechte, Rechte der Frauen und Kollektivrechte. Sie lernen verhandeln und vermitteln
(Mediation) mittels der Techniken der gewaltlosen Konfliktbearbeitung. Auf politischer Ebene
werden die Friedensbemühungen unterstützt durch die parlamentarisch-kirchlichen Beobachtungsdelegationen. Ausserdem verstärken die Programmstellen in der Schweiz und in
Südmexiko diese Anstrengungen durch fachliche Hilfe, Vernetzung und Lobbyarbeit. Bis Ende
2004 wurden gut dreissig Projekte diverser lokaler Organisationen finanziell und fachlich
unterstützt. Seither arbeitet PROPAZ nur noch mit zwei strategischen Partnern zusammen im
Bereich positive Konfliktbearbeitung.
Als besonderer Erfolg ist zu werten, dass eine Partnerorganisation einen umfassenden Lehrgang mit Diplomabschluss in Konfliktbearbeitung entwickelte. Ebenso ist es ein Verdienst, dass
die Methodik der positiven Konflikttransformation stark an Akzeptanz gewann und der «Do no
harm»-Ansatz eingeführt werden konnte.
Die Advocacy-Arbeit, die namentlich von der Schweiz aus wahrgenommen wird, bearbeitet
folgende Bereiche:
•
Entwicklung und Beratung eines Beobachtungsprogramms ziviler und politischer Rechte
in Zusammenarbeit mit Peace Watch Switzerland.
5
Mexiko
•
Schweizer Ratifikationsprozess der ILO-Konvention 169. Aktive Mitwirkung beim Aufbau
der Koalition «swisspro-ILO169» und bei der Durchführung von Interventionen.
•
Vorbereitung einer weiteren parlamentarisch-kirchlichen Beobachtungsdelegation.
•
Punktuelle Interventionen bei Menschenrechtsverletzungen.
DieArbeitderBeobachtungspersonenvonPeaceWatch
Die Einsätze erfolgen in Konfliktregionen. In den Comunidades werden Campamentos de
Paz (Friedenshäuser) eingerichtet, wo die Freiwilligen wohnen. Um emotionale Bindungen zu
vermeiden und um den neutralen Status zu erhalten, werden sie nach ca. einer Woche ausgewechselt und in eine andere Comunidad geschickt. Sie erstatten Frayba schriftlich Bericht
über ihre Beobachtungen. Gesamthaft leisten die Freiwilligen einen Einsatz zwischen einem bis
drei Monaten. Sie bezahlen die Vorbereitungskurse in der Schweiz, die Reise nach Mexiko und
ihren Aufenthalt aus eigener Tasche. Jährlich nehmen rund dreissig Personen aus der Schweiz
an diesen Einsätzen teil, insgesamt haben sich bis heute rund zweihundert Personen an dem
Programm beteiligt.
Erkenntnisse während des Workshops:
>
DasVerbotdesVatikans,neueindigeneDiakoninnenundDiakonezuweihen,
istbeunruhigend
Indigene Diakoninnen und Diakone sind für die indigenen Gemeinden zentral. Das Beispiel
zeigt, dass das Engagement von Exponenten einer Kirche nicht unbedingt mit der offiziellen
Haltung der kirchlichen Institution einhergeht. Erinnern wir uns an den Satz, den Fray Gonzalo
Ituarte Verduzco in der Diskussion gesagt hat: «There are many catholic churches.»
>
DasModellderBeobachtungseinsätzeistfürdieEinhaltung
derMenschenrechteunddeshumanitärenVölkerrechtssehrwirkungsvoll
Als einzigartig wird auch gewertet, dass die Beobachtungsarbeit der Freiwilligen durch regelmässige Beobachtungsmissionen mit Parlamentariern und Kirchendelegierten ergänzt werden.
Es ist äusserst wichtig, mit den internationalen Beobachtungseinsätzen fortzufahren und auf
gemachten Erfahrungen weiter aufzubauen. Ebenso ist es wichtig, die für Chiapas engagierten Personen in der Schweiz zu valorisieren. Sie bilden ein Potenzial für die weitere Zusammenarbeit, Solidarität und Einflussnahme.
>
«Desapereciólaestrella,dóndevaareaperecer?»–DerSternist
verschwunden,wowirderwiederauftauchen?
Bischof Samuel Ruíz war für die indigene Bevölkerung sowie für die nationale und internationale Solidarität wie ein weisender Stern am Himmel. Aber auch wenn die zapatistische
Bewegung heute etwas an internationaler Popularität verloren hat, müssen die Bemühungen
für eine kontinuierliche Solidarität und Unterstützung weitergehen. Denn die indigene Bevölkerung hat ihre Rechte noch nicht erhalten. Es haben sich aber auch bereits neue Formen des
Widerstands und der Bemühung um Demokratisierung gebildet. Diese gilt es zu stärken und
die Leute an der Basis weiterhin in «Konflikttransformation» auszubilden.
«There are many
catholic churches.»
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
HerausforderungenfürdieZukunftinStichworten
•
Indigene Fragen sollen weiterhin sichtbar gemacht werden.
•
Die ökumenische Sensibilität bei der protestantischen und katholischen Kirche Mexikos
sollte verstärkt werden.
•
Vermehrt sollten zivile Konfliktbearbeiterinnen und -bearbeiter ausgebildet werden.
•
Kirchen sollten sich nach den Bedürfnissen des Volkes richten (nicht nach kanonischem
Recht).
Philippinen
Eckdaten Philippinen / Mindanao
UngelösteKonfliktezwischenChristenundMuslimen
Die Philippinen sind (neben Osttimor) das einzige Land in Asien, in dem die christliche Religion
überwiegt. Die Muslime stellen eine Minderheit von etwa fünf Prozent. Auf der südphilippinischen Insel Mindanao lebt landesweit der grösste Anteil islamischer Gläubiger. Während
Muslime aber im Jahr 1913 76% der Bevölkerung Mindanaos ausmachten, sind es heute nur
noch rund 20% im Vergleich zu rund 80% Christen. Dies ist zurückzuführen auf eine gezielte
Siedlungspolitik seitens der Regierung, die Christen aus dem Norden dazu ermutigte, nach
Mindanao umzusiedeln. Die zunehmende Marginalisierung muslimischer Bevölkerungsteile
führte schliesslich 1970 zum bewaffneten Aufstand muslimischer Separatisten, die nach einem
unabhängigen islamischen Staat in Mindanao streben. In den seit über 30 Jahren andauernden bewaffneten Auseinandersetzungen sind verschiedene Parteien involviert. Die letzten
grossen Gewaltausbrüche ereigneten sich in den Jahren 1997, 2000 und 2003. Der Konflikt
hat bis heute 120 000 Todesopfer gefordert und rund eine Million Menschen vertrieben.
ProblemeimFriedensprozess
Trotz Friedensgesprächen sind die bewaffneten Konfrontationen noch nicht beendet. Das
liegt unter anderem daran, dass die Unabhängigkeitsbewegungen in mehrere Gruppierungen
zersplittert sind. Die MILF und die Moro National Liberation Front (MNLF) sind die beiden
grössten Gruppen, aber daneben verfolgen Abu Sayyaf Group, Pentagon Group oder Jemaah
Islamiah ihre eigenen Interessen. Mit ihren Anschlägen und Entführungen gefährden sie den
Friedensprozess erheblich. Die Regierung wirft der MILF Verbindungen zu den radikaleren
Gruppierungen vor. Auch auf Seiten des philippinischen Militärs und lokaler Eliten Mindanaos bestehen Interessen am Andauern des Konfliktes: Sie befürchten Machteinbussen beim
Zustandekommen eines Friedensabkommens. Die jüngsten gewaltsamen Zusammenstösse
zwischen der Regierung und der MILF vom Juni 2006 müssen auch im Zusammenhang mit
diesen unterschiedlichen Machtinteressen gesehen werden.
FriedenszonendurchkirchlicheInitiative
Zur Zeit besteht wieder vermehrt Hoffnung auf Frieden: Zum einen verhandeln die Moro
Islamic Liberation Front (MILF) und die Regierung wieder, zum anderen werden auch auf
der Ebene der Zivilgesellschaft Friedensinitiativen realisiert. Der katholische Priester Robert
Layson hat erheblich zu dieser Entwicklung beigetragen. Zusammen mit den «Mindanao Peace
Weavers», einem Zusammenschluss von Friedensorganisationen im Süden der Philippinen,
hat er Initiativen und Friedensforen organisiert. Unter dieser Obhut haben sich sieben Dörfer
zu «Friedenszonen» deklariert, die von Armee und Rebellenbewegungen respektiert werden.
Insgesamt gibt es über sechzig solche Friedenszonen.
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Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
Input
Die Rolle der Kirchen im Versöhnungsprozess: Die Geschichte der Kirche in Pikit
Von Priester Bert Layson, OMI, Mindanao, Philippinen (Referat aus dem Englischen übersetzt)
EineKirchegefangeninmitteneinesbewaffnetenKonflikts
Robert Layson
Ich war Gemeindepriester der Mt. Cathedral des Vikariats von Jolo auf Mindanao, als Bischof
Benjamin de Jesus durch Extremisten am 4. Februar 1997 brutal ermordet wurde. Ich verliess
die Insel im Sommer desselben Jahres, weil ich das Gefühl hatte, dass ich als Missionar nicht
mehr leistungsfähig war. Ich nahm den Tod des Bischofs persönlich und begann, einen tiefen
Hass gegen Muslime zu entwickeln.
Ich wurde in die Stadt Pikit transferiert. Die Pfarrei Pikit liegt im Herzen einer bewaffneten
Rebellion, die durch muslimische Separatisten geführt wird.
StändigerKrieg,sporadischerFrieden
In diesem Krieg be­
ziehen sogar Zivilisten
Stellung – die Christen
mit dem Militär und
die Muslime mit den
Rebellen. Auch wenn
der Krieg mit Waffen
vorbei ist, geht der
stille Krieg im Herzen
der Leute von Minda­
nao weiter.
Seit 1970 führt die muslimische Unabhängigkeitsbewegung gegen die Regierung einen Kampf
für ein eigenes Heimatland in Mindanao. 1913 machten Muslime 76% der Bevölkerung
Mindanaos aus. Heute sind es nur noch 20%. Aufgrund der Siedlungsspolitik der Regierung
migrierten Christen vom Norden und Zentrum des Landes nach Mindanao und marginalisierten die einheimischen Muslime.
Von 1997 bis 2003 erlebten die Bewohner der Stadt Pikit vier grosse bewaffnete Auseinandersetzung zwischen Regierungstruppen und der muslimischen Einheiten (MILF), die zu massiven
Evakuierungen von Zivilisten führten, bei denen es sich vorwiegend um Muslime handelte.
Aber nicht nur das. Krieg hat schon immer eine spaltende Wirkung gehabt. Seine zerstörerische Auswirkung auf die Beziehungen zwischen Menschen ist schlimmer als die physische
Verwüstung. In diesem Krieg beziehen sogar Zivilisten Stellung – die Christen mit dem Militär
und die Muslime mit den Rebellen. Auch wenn der Krieg mit Waffen vorbei ist, geht der stille
Krieg im Herzen der Leute von Mindanao weiter.
DasErwachenderKirche
Der kompromisslose Krieg im Jahr 2000, der über eine Million Zivilisten in Mindanao vertrieb,
bewirkte bei der Kirche von Pikit einen schmerzvollen Transformationsprozess. Die Pfarrei, die
zu jener Zeit eine sehr ausschliessende Haltung innehatte, war gespalten in der Frage, ob den
muslimischen Vertriebenen humanitäre Hilfe geleistet werden sollte oder nicht. Handelte es
sich doch bei den meistens von ihnen um Familienangehörige der Rebellen, die die Christen
als ihre Feinde betrachteten. Erst nach einer hitzigen Debatte und Gewissenskämpfen der
Philippinen
9
Mitglieder des Konzils entschied die Pfarrei, die Mauern der Apathie und Gleichgültigkeit zu
durchbrechen.
DenArmenzuhelfenistnichteineSachederWahl
Die Pfarrei organisierte darauf das Disaster Response Team (DRT), welches hauptsächlich aus
jungen muslimischen und christlichen Freiwilligen bestand. Inmitten des Kugelhagels, bei
sengender Sonne und strömendem Regen verteilten sie an Tausende von Hungernden in den
Evakuationszentren Nahrungsmittel. Sie entkräfteten das Vorurteil, dass es sich beim Krieg in
Mindanao um einen Religionskrieg handelte.
Wir assen zusammen am selben Tisch, wir beteten zusammen und wir weinten sogar zusammen, wenn wir hörten, dass wieder ein Baby im Evakuationszentrum gestorben war.
Denn wenn man das Weinen von Müttern und Kindern in der Nacht hört, dann fragt man
sich nicht mehr, ob sie Muslime oder Christen sind. Die Pfarrei realisierte bald, dass Armen
zu helfen nicht eine Sache der Wahl ist. Für uns Christen ist es eine Pflicht und eine soziale
Verantwortung.
EineneueSituationverlangtnacheinerneuenVision–einereinschliessenden
Eine neue Situation war entstanden. Dementsprechend war eine neue Vision gefragt. Eine, die
den Herausforderungen und Anforderungen der Zeit entsprach. Um ein Bild dieser Vision zu
erlangen, initiierte die Kirche eine Serie von Konsultationen in den Basic Ecclesial Communities
(BEC), um die missionarische Sichtweise der Pfarrei zu ändern. Das Resultat war eine neue
und einschliessende Vision, die, basierend auf den sich verändernden Realitäten in Mindanao
und der Welt, zwei sehr wichtige Elemente integrierte. Eines war der interreligiöse Dialog,
das andere Friedensbildung. Die Pfarrei gründete ein spezielles Ministerium mit zwölf muslimischen und christlichen Vollzeitangestellten, welche Dialog- und Friedensbildungsaktivitäten
auf Diözese, Pfarrei und Basisebene veranstalten.
BesserBrückenalsMauernbauen
Seither organisiert die Pfarrei Seminare zur Kultur von Frieden und Dialog. An diesen dreitägigen Seminaren nehmen Muslime, Christen und Indigene teil. Die Seminarmodule behandeln Themen wie die Geschichte Mindanaos, Konfliktanalyse, Mediation und Verhandlungsgeschick, kulturelle Wertschätzung, interreligiöser Dialog und Befreiung von Vorurteilen und
Befangenheit. Das Hauptziel der Seminare ist es, die zerstörte Beziehung zwischen Leuten wiederherzustellen und die Teilnehmenden realisieren zu lassen, dass es möglich ist, dass Christen,
Muslime und Indigene gemeinsam für Frieden und Versöhnung einstehen, obwohl viele Leute
in Mindanao das nicht glauben. Wir führen dieses Seminar auch für Mitglieder des Militärs, für
paramilitärische Truppen und für ehemalige muslimische Rebellen durch.
DasBildenvonöffentlichenRäumen
Als Teil der Gemeinschaftsbildung kriegsbetroffener Gemeinschaften hat die Pfarrei mitgeholfen, Dörfer zu Friedenszonen zu organisieren, die von Muslimen, Christen und Indigenen
bewohnt sind. Vertreter der Pfarrei zusammen mit lokalen muslimischen Friedensvertretern
verhandelten mit den Militärs und MILF-Rebellen, damit diese auf bewaffnete Handlungen
in diesen Dörfern verzichteten. Dies war ein langer Prozess, der mit der Verpflichtung beider
Seiten endete, diese Dörfer als Friedenszonen zu behandeln. Dann wurden mithilfe von verschiedenen Leistungsträgern einschliesslich HEKS und der Stiftung IRENE verschiedene sozioökonomische Projekte und friedensbildende Aktivitäten in diesen Dörfern durchgeführt. Diese
Denn wenn man das
Weinen von Müttern
und Kindern in der
Nacht hört, dann
fragt man sich nicht
mehr, ob sie Muslime
oder Christen sind.
Die Pfarrei realisierte
bald, dass Armen
zu helfen nicht eine
Sache der Wahl ist.
Für uns Christen ist es
eine Pflicht und eine
soziale Verantwor­
tung.
40
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
Gemeinschaften heissen nun «Space for Peace and Children as Zones of Peace» (Raum für
Frieden und Kinder als Zonen des Friedens), wo die Einwohner versuchen, in Harmonie
miteinander zu leben.
«EsgibtkeinenFriedeninderWelt,solangeeskeinenFrieden
zwischendenReligionengibt»
Religionskonflikte haben einen grausamen und brutalen Charakter. Sie müssen nicht
unbedingt in den effektiven Lehren der Religionen wurzeln, jedoch ist es unbestreitbar, dass
Religionen einige der schlimmsten Konflikte in der Welt bewirkt, geprägt oder inspiriert
haben.
Hans Küng sagte: «Es gibt keinen Frieden in der Welt, solange es keinen Frieden zwischen
Religionen gibt. Und es gibt keinen Frieden zwischen Religionen, solange es keinen aufrichtigen Dialog zwischen Gläubigen gibt.» Die Herausforderung der Kirchen ist es, nicht unbedingt ihr eigenes Königreich aufzubauen, sondern dasjenige Gottes. Um dies zu verwirklichen,
müssen Kirchen sich wieder dem Evangelium verpflichten und bereit sein, Instrumente von
Gottes Güte zu werden, die jedes menschliche Wesen ungeachtet seiner Herkunft einschliesst.
In Pikit fahren wir fort, die Saat der Barmherzigkeit zu pflanzen, auch wenn wir nicht wissen,
ob und wann sie zu wachsen beginnt. Aber wir glauben an Gottes Fürsorge, dass, welche
Barmherzigkeit auch immer wir gepflanzt haben, sie nur in der Güte aufblühen, dass alleine
sie am Ende bleiben wird.
Das Hauptziel der
Seminare ist es, die
zerstörte Beziehung
zwischen Leuten
wiederherzustellen
und die Teilneh­
menden realisieren
zu lassen, dass es
möglich ist, gemein­
sam für Frieden und
Versöhnung einzu­
stehen, obwohl viele
Leute in Mindanao
das nicht glauben.
Philippinen
41
Workshop
Einführung: Friedensarbeit als Voraussetzung für Versöhnung Priester Bert Layson ist überzeugt, dass ein Friedensprozess in Mindanao nicht nur eine Frage
von Verhandlungen zwischen der Regierung und der MILF ist. Neben diesen High-LevelGesprächen müssen solche zwischen einfachen Leuten auf Gemeinschaftsebene stattfinden.
Parallel zu einem vertikalen Friedensdialog, der Regierung und Rebellen einschliesst, muss
darum auch auf horizontaler Ebene der Dialog gefördert werden. Dieser soll muslimische und
christliche Bewohnerinnen und Bewohner Mindanaos gleichermassen involvieren. Es sei ihr
Recht und ihre Pflicht, sagt Priester Bert, dass sie in den Friedensprozess einbezogen seien und
darin aktiv mitarbeiteten.
Verschiedene Bestrebungen haben heute in Mindanao zum Ziel, auf lokaler Ebene einen
«Teppich des Friedens» zu weben. Diese Initiativen sollen den Hass, die Vorurteile und Verdächtigungen, die sich noch in den Herzen vieler Menschen finden, überwinden helfen und
der Versöhnung als Basis für einen nachhaltigen Frieden Platz machen:
PeaceWeavers–einNetzwerkvonzivilenundkirchlichenAkteuren
Die Mindanao Peace Weavers ist die grösste Koalition von insgesamt acht Friedensnetzwerken. Es ist ein Zusammenschluss von Kirchen, Nichtregierungsorganisationen, akademischen
Kreisen, Menschenrechtsgruppen und Basisorganisationen, die für eine friedliche Lösung des
Konflikts in Mindanao einstehen. Die Koalition versucht, die Regierung und Rebellen für Friedensgespräche zu gewinnen, organisiert zivile Waffenstillstandsbeobachtungen und versucht
die Friedensdistrikte auszuweiten. Eines der acht Friedensnetzwerke ist die Mindanao People’s
Caucus (MPC).
MindanaoPeople’sCaucus(MPC)–einZusammenschlussvonNGOs
MPC besteht aus zwölf NGO, die in der Region arbeiten, wo sich die wichtigsten Camps der
MILF befinden. Balay, eine lokale Partnerorganisation von HEKS, gehört dem Zusammenschluss an und betreibt Projekte zur Einkommenssicherung in der Friedenszone von Pikit. Das
Hauptziel der MPC ist die Verhandlung zwischen Regierung, Militär und der MILF. Andere
Bereiche beinhalten die Betreuung von Vertriebenen oder die Überwachung des Waffenstillstands durch lokale Teams wie dem Disaster Response Team (DRT).
DisasterResponseTeam(DRT)–eineinterreligiöseFreiwilligenorganisation
Priester Bert leitet das Disaster Response Team, dem hauptsächlich junge muslimische und
christliche Freiwillige angehören. Bert Layson verteilte der Bevölkerung Mobiltelefone, weil
das Senden von SMS ein effektives Instrument sein kann, um Vorfälle zu verhindern beziehungsweise das Gefühl von Sicherheit bei der Bevölkerung zu erhöhen. Wenn beispielsweise
ein Bauer eine Rauchschwade bemerkt, die ihm ungewöhnlich erscheint und ihn ängstigt,
Parallel zu einem ver­
tikalen Friedensdialog,
der Regierung und
Rebellen einschliesst,
muss darum auch auf
horizontaler Ebene
der Dialog gefördert
werden.
42
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
schickt er dem DRT oder Priester Bert eine Meldung. Dieser wiederum versucht den Grund des
Geschehens herauszufinden, indem er den Militärs oder den Rebellen telefoniert. Oft handelt
es sich um eine unbedeutende Rauchfahne. Das Wissen darum beruhigt den vom Konflikt
traumatisierten Bauern.
PeaceZones–Friedensdörfer,woMuslimeundChristenzusammenleben
Mit Unterstützung der Peace Weavers und NGOs erklärten die Bewohner der am stärksten
vom Konflikt betroffenen Orte ihre Dörfer zu «Friedensdörfern». Nach langen und schwierigen Verhandlungen akzeptierten das Militär und die Rebellen die «Friedensdeklaration» der
Bewohnerinnen und Bewohner. Heute werden diese Orte «Raum für Frieden und Kinder als
Zonen des Friedens» genannt. Muslime, Christen und Indigene verpflichten sich, in Harmonie
miteinander zu leben. Nicht selten feiern sie gemeinsam religiöse Feste wie Ramadan oder
Weihnachten.
Erkenntnisse während des Workshops
>
Frieden ist zu wichtig,
um ihn einzig
der Regierung und
den Rebellen zu
überlassen – und
den Kirchen!
Friedenistzuwichtig,umihneinzigderRegierungunddenRebellen
zuüberlassen–unddenKirchen!
Neben den Friedensbemühungen auf Ebene der Regierung und der Rebellen müssen auch
Friedensgespräche zwischen einfachen Menschen stattfinden. Denn solange ein unsichtbarer
Krieg in den Herzen der Bewohnerinnen und Bewohner Mindanaos weitergeht, wird es keinen
dauerhaften Frieden geben. Die Rolle der Kirche ist dabei limitiert. Denn auch sie ist in ihren
eigenen Strukturen gefangen, verfolgt eigene Interessen und ist oft langsam in der Entscheidungsfindung und im Handeln. Die zentrale Aufgabe der Friedensarbeit hat die Zivilgesellschaft inne. Als Verbündete mit ihr kann die Kirche effektive Friedensarbeit leisten. Aus diesem
Grund arbeitet Priester Bert Layson hauptsächlich mit Nichtregierungs- und Basisorganisationen zusammen.
>
EsbrauchtZeit,denFriedenzuweben
Konflikte nehmen sich ihre Zeit. Und Friedensbildung braucht ihre Zeit. Zeit, um nachhaltige
Resultate zu erlangen, auch wenn es oft schwer fällt zu warten. Frieden muss mit Geduld
angegangen werden, es dauert, bis die friedensstiftende Saat wächst, um schliesslich erblühen
zu können.
>
NichtnurKonflikteeskalieren–auchFriedeneskaliert
Mit dem ersten Schritt Richtung friedlicher Koexistenz kann Frieden eskalieren. Schritt für
Schritt können bescheiden begonnene Initiativen von Männern und Frauen, die ungeachtet
ausweglos erscheinender Verhältnisse beginnen, Brücken statt Mauern zu bauen, ihre eigene
Dynamik entwickeln. Nicht nur Konflikte, auch Frieden kann eskalieren. Das Beispiel der über
sechzig Friedenszonen, die heute bereits in Mindanao bestehen, ist ein Zeichen dafür.
>
KindersinddasHerzstückunsererArbeitunddieSeeledesFriedens
Eine wichtige Rolle in einem Friedensprozess können Kinder einnehmen. Sichtbar wird die
Wichtigkeit ihrer friedensstiftenden Aufgabe im Namen der Friedenszonen «Space for Peace
and Children as Zones for Peace». In diesen Dörfern gehen muslimische mit christlichen
Kindern in die Schule, spielen zusammen und wachsen gemeinsam auf.
Rumänien
Eckdaten Rumänien
SpannungenimVielvölkerstaat
Rumänien ist in seiner Geschichte reich an Kulturen und Ethnien. Die über Jahrhunderte
durch Einwanderung wie etwa der Roma, durch Ansiedlungspolitik (Siebenbürger Sachsen
und die ungarischen Szekler) oder wegen kriegerischer, ethnischer und religiöser Auseinandersetzungen beispielsweise der Armenier und Lipovaner ansässig gewordenen Kulturen und
Ethnien bilden eine in dieser Form in Europa einmalige in einem Staat zusammenlebende
Gemeinschaft. Während der letzten Jahre sind die Spannungen zwischen den verschiedenen
Kulturen und Konfessionen im Vielvölkerstaat Rumänien jedoch gewachsen. Dies geht auf
Konflikte in der Vergangenheit zurück, die bis heute schwelen. Interkulturelle und interkonfessionelle Versöhnung sind deshalb wichtiger denn je.
Die Vollversammlung der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) in Trondheim 2003 forderte in
ihrer Schlussbotschaft dazu auf, dass Kirchen sich um die Heilung der Erinnerungen bemühen
und sich für eine Bewältigung von Gewalt, Terror und Angst einsetzen sollten, statt selber
Teil des Problems zu sein. Teil des Problems sind die Kirchen dort, wo sie Ausgrenzungen und
Vorurteile zwischen Menschen unterschiedlicher Kultur, Sprache und ethnischer Herkunft als
konfessionell-religiöse Hürden für das Zusammenleben verfestigen und sanktionieren. Den
Kirchen im Vielvölkerstaat Rumänien kommen mehr und mehr Bedeutung beim Aufbau einer
Zivilgesellschaft zu, die sich an Demokratie und Rechtssicherheit orientiert.
HealingofMemories–VersöhnungsprojektdereuropäischenKirchen
Im Oktober 2004 starteten die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) und
die KEK das Projekt «Healing of Memories Christlicher Kirchen in Rumänien». Das Gemeinschaftsprojekt soll einen Beitrag leisten zur Aufarbeitung und Überwindung von Verletzungen
und Missverständnissen zwischen Kulturen, Religionen und Kirchen in Rumänien. Rund zwei
Dutzend Institute und Fakultäten der Fachbereiche Theologie, Geschichte, Soziologie und
Psychologie arbeiten am Projekt mit. Beteiligt sind zudem zwölf Kirchen sowie muslimische
und jüdische Gemeinschaften und Vertreter verschiedener Volksgruppen, insbesondere ethnischer Minderheiten wie Roma, Slowaken, Türken und Tataren.
Die erste Projektphase, der synoptische Vergleich der Kirchengeschichte unter besonderer
Berücksichtigung gegenseitiger Verletzungen in der Geschichte, wurde im Auftrag der GEKE
von Projektleiter Pfarrer Dieter Brandes koordiniert und wird im kommenden Jahr abgeschlossen. In einer zweiten Projektphase geht es darum, die Konsequenzen dieser gegenseitigen
Verletzungen mit besonderer seelsorgerlicher Sensibilität in interkonfessionellen Seminaren
aufzuarbeiten und zu verarbeiten.
4
44
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
Input
Versöhnung der Konfessionen in Europa – das Heilen der Erinnerungen in Rumänien
Von Pfarrer Dieter Brandes, Projekleiter Healing of Memories
DieGemeinschaftderGlaubendenistdieversöhnteGemeinschaft
Dieter Brandes
Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts im christlichen Europa war geprägt von Kriegen in einem
nie gekannten schrecklichen Ausmass. Es waren teilweise «alte historisch aufgestaute Rechnungen», die zwischen Menschen unterschiedlicher Kultur, Ethnie, Sprache, Konfession aufgerechnet wurden und zu millionenfachem Mord, zu Schändung, Folter und Vertreibung führten
– und neue Gräben des Hasses zogen. Von der Aussage, dass Christus «unter uns aufgerichtet
hat das Wort von der Versöhnung» (2. Kor. 5,19), war im christlichen Europa wenig zu spüren
und schon gar nicht vom «Amt der Versöhnung» nach 2. Kor. 2,18: «Gott hat durch Christus
uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt.»
Doch auch die «Geschichte der christlichen Kirchen» ist geprägt «durch viele gute Erfahrungen, aber auch durch Spaltungen, Verfeindungen und sogar kriegerische Auseinandersetzungen» (Charta Oecumenica 3). Und leider muss die kirchliche Gemeinschaft auch bekennen,
dass sie selbst in der Geschichte oft schlechte Zeuginnen und Zeugen der christlichen Botschaft von der Versöhnung hervorbrachte. Im Gegenteil: «Religionen und Kirchen (wurden)
selbst zum Teil des Problems.»1 Michael Lapslay, Direktor des Institutes Healing of Memories
in Kapstadt, formuliert es so: «Wo es zählt, haben wir vieles gemeinsam… wir, die wir danach
trachten, Jüngerinnen und Jünger Jesu zu sein, haben eine Geschichte, in der Wunderbares,
aber auch Komplizenschaft mit dem Bösen und dem Hässlichen miteinander vermischt sind.»2
DasGeheimnisderVersöhnungheisstErinnerung
Der Ausschuss «Faith and Order» des Weltkirchenrats hat seine jahrzehntelangen Erfahrungen
mit Wegen der Versöhnung veröffentlicht. In der Zusammenfassung der Erfahrungen
beginnt der Absatz «Die Versöhnung von Erinnerungen» mit dem Satz «Menschliche Entwicklung und alles erworbene Wissen basiert auf den weitreichenden Möglichkeiten eines Systems
von Erinnerungen. Ohne Erinnerungen kann der Mensch das Erlernte und Erfahrene nicht
nutzen… Erinnerung ermöglicht dem Menschen, sein Leben effektiv zu gestalten.»3
1
Schlussdokument 3 der Zweiten Ökumenischen Versammlung in Graz
2
Michael Lapslay SSM: «Healing Memories – Gewalt überwinden als Teil der Mission der Kirche»,
Vortrag 22.06.2002, www.healingofmemories.co.za
3
«Participation in God’s Mission of Reconciliation – A Resource for Churches in Situations of Conflict».
Faith and Order Paper 201, World Council of Churches, Geneva 2006, Nr. 147
Rumänien
45
Nach dem vermutlich ältesten Bekenntnis zu Gott im Alten Testament preist Mirjam ihren
Gott, indem sie an die Geschichte ihres Volkes mit eben diesem Gott am «Schilfmeer» erinnert: «Rosse und Wagen warf er ins Meer» (Exodus 15,21). Diese und viele andere Ereignisse
gemeinsamer Geschichte (mit Gott) verbinden bis heute die Menschen des Volkes Israel miteinander über nun mehr als 3000 Jahre. Und «Faith and Order» erinnert daran, dass auch
Christen in der Eucharistie das Brot brechen und den Wein ausgiessen «in Erinnerung an Jesus
Christus» (Faith and Order Nr. 148).
So haben die Verfasser der Evangelien und Briefe auch des Neuen Testamentes sehr viel
Wert darauf gelegt, dass die Geschichten von der Erlösung der Menschheit durch Jesus
Christus als Grundlage des Glaubens festgehalten wurden. Später war es dann den Kirchenvätern ebenso wichtig, dass auch die vielen späteren Erfahrungen von Menschen und Völkern
mit dem Heiligen Geist Gottes in der Geschichte aufgeschrieben wurden.
Jede menschliche Gesellschaft stützt ihre Identität auf Erinnerungen in Geschichtsschreibung
und Kulturgeschichte. Erinnerung verbindet mit den Lebenden wie mit den Vorgenerationen.
Denn «das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen».4 So lebt auch die «Vielfalt
der nationalen, kulturellen und religiösen Traditionen» aus der Erinnerung und wir betrachten
sie als «Reichtum Europas» (Charta Oecumenica 3) und wir nehmen «dankbar die eigenen
Traditionen wahr …».5 Erinnerungen bestimmen auch das Verhältnis von Kirche, Volk, Staat
und Nation. Das «spannungsvolle Verhältnis» aufzuarbeiten, «aber auch andere Ambivalenzen
dieser Tradition kritisch zu bearbeiten», dazu haben wir uns selbst verpflichtet in unserer Studie
«Kirche–Volk–Staat–Nation» (ebenda).
Als eine Delegation der Evangelischen Kirche in Deutschland EKD das Vernichtungslager des
Nationalsozialismus in Theresienstadt in Tschechien besuchte, wurde sie von dem Juden Juri
empfangen mit den Worten: «Das Geheimnis der Versöhnung ist Erinnerung».6 Deshalb müssen wir «im Geiste des Evangeliums … gemeinsam die Geschichte der christlichen Kirchen
aufarbeiten, die durch viele gute Erfahrungen, aber auch durch Spaltungen, Verfeindungen
und sogar durch kriegerische Auseinandersetzungen geprägt ist» (Charta Oecumenica 3).
VersöhnungsnetzwerkderKircheninEuropa
In der Leuenberg-Studie «Kirche–Volk–Staat–Nation» wird ein «Netzwerk der Kirchen in
Europa» gefordert, das dafür «hilfreiche Verbindungen schafft», und es wird ausdrücklich dazu
aufgefordert, dass «auf der Basis der Charta Oecumenica» die gemeinsame Verantwortung
für Europa wahrgenommen wird.7 Ein solches Netzwerk sollte Erfahrungen der Versöhnungsarbeit in Nordirland, im Baltikum, zwischen Tschechen und Deutschen, im Balkan und anderswo – die guten und die enttäuschenden Erfahrungen – aufnehmen und weiterentwickeln im
Geiste des Evangeliums.
Dort treffen wir uns mit der KEK, die «zusammen ... mit den Mitgliedskirchen die Diskussion
über Konzepte der Identität – der geografischen wie der ethnischen, der weltlichen sowie der
konfessionellen – auf regionaler, nationaler und europäischer Ebene beginnen» will und «auf
4
Christa Wolf: «Kindheitsmuster», Darmstadt-Neuwied 1977, S. 9
5
Leuenberger Texte 7 : «Kirche–Volk–Staat–Nation», 6.3.5.
6
«Der trennende Zaun ist gebrochen», Hrsg. von der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder
und der EKD 1998
7
Leuenberger Texte 7, 6.3.5.
Als eine Delegation
der Evangelischen
Kirche in Deutsch­
land EKD das Ver­
nichtungslager des
Nationalsozialismus
in Theresienstadt in
Tschechien besuchte,
wurde sie von dem
Juden Juri empfangen
mit den Worten: «Das
Geheimnis der Versöh­
nung ist Erinnerung».
4
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
europäischer Ebene positive Erfahrungen und Beispiele von Versöhnung in den verschiedenen
Gesellschaften sammeln und verbreiten und sich aktiv an Versöhnungsprozessen beteiligen»
(KEK und Europa Nr. 18).8
WegederVersöhnung
Grundlage für Versöhnung ist die Bereitschaft zur Schuldvergebung mit der Fähigkeit zur
Annahme von Vergebung. Voraussetzung dafür ist die sorgfältige sensible Aufarbeitung von
«geschichtlichen Tiefenströmen», aus denen sich Einstellungen und Wertungen ergeben.
Solche «geschichtlichen Tiefenströme» prägen die Identität von Kirchen, Völkern und Familien.
So ist umgekehrt auch historische Identität von Christen (wie bei allen Menschen) wesentlich
bestimmt durch die «drei Identitätsebenen»: Konfession, Volk/Kultur und Familie. Natürlich
gibt es noch die anderen Faktoren wie den «sozialen Status» etc.
Wenn nun Kirchen in ihrer (ökumenischen) Verantwortung das Amt der Versöhnung verantwortungsvoll wahrnehmen wollen, so sind «Erinnerungen zu heilen» auf allen drei historischen
Identitätsebenen: Konfession, Volk/Kultur und Familie Das bedingt, die «Heilung von Erinnerungen» dort anzusetzen, wo sie in der Auseinandersetzung zwischen Christen «trennende
Priorität» besitzt.
Auf der Kulturgrenze zwischen Ost- und Westeuropa setzt die «trennende Geschichte» jedoch
nach den bisherigen Erfahrungen «häufig bis weitgehend» zunächst an der Identität durch
Volk/Kultur an. Deshalb verpflichten wir uns in der Charta Oecumenica darauf, «den Dienst der
Versöhnung auch für Völker und Kulturen wahrzunehmen». Und «wir wissen, dass der Friede
zwischen den Kirchen dafür eine ebenso wichtige Voraussetzung ist» (Charta Oecumenica 8).
Grundlage für Ver­
söhnung ist die Be­
reitschaft zur Schuld­
vergebung mit der
Fähigkeit zur Annah­
me von Vergebung.
Voraussetzung dafür
ist die sorgfältige
sensible Aufarbeitung
von «geschichtlichen
Tiefenströmen», aus
denen sich Einstellun­
gen und Wertungen
ergeben.
Schmerzliche und gute Erfahrungen der Völker und Kulturen wie der Konfessionen miteinander prägen entscheidend ihr Verhältnis zueinander in der Gegenwart. Das zeigen die Erfahrungen der Versöhnungsarbeit in Serbien, Rumänien, der Ukraine und auch erste Erfahrungen
in der Slowakei. Das zeigt aber auch der von den kirchlichen Geschwistern in Nordirland unter
schwierigen Voraussetzungen geführte Versöhnungsprozess. Deshalb ist der kirchliche Prozess
Healing of Memories auch ein «Prozess der Generationen», der den gemeinsamen Gang durch
die Geschichte, ein Anteilnehmen am Schmerz der anderen und «die gemeinsame Vorbereitung der Zukunft» einschliesst.
Am Prozess «Healing of Memories in Rumänien» sind bisher zehn historische Kirchen beteiligt
und Fakultäten an acht rumänischen Universitäten. Interesse an eigenen Prozessen ist signalisiert worden von Kirchen aus anderen Ländern. «Gemeinsam durch die Geschichte gehen»
bedeutet nicht Streit um die «richtige Erinnerung», sondern beginnt mit der Akzeptanz der
«individuellen Geschichtssicht – d. h. «kollektiven Erinnerung» der anderen.
FolgerungenfürdieÖkumene
>
8
Von Spannungen, Spaltungen und Konflikten auf dem Hintergrund ethnischer und kultureller historischer Belastungen sind auch die Beziehungen zwischen protestantischen
Kirchen untereinander natürlich nicht ausgenommen. Das zeigen ausreichend Beispiele
insbesondere in eben diesem Donau- und Karpatenraum. Dass das auch im Verhältnis zu
den anderen Schwesterkirchen gilt, ist hinreichend bekannt.
Trondheim, 12. Vollversammlung, Zweiter Bericht des Weisungsausschusses für Grundsatzfragen
– KEK und Europa Nr. 15
Rumänien
>
Wenn uns deutlich geworden ist, dass auch wir Christen der «Heilung der Erinnerungen»
bedürfen, dann liegt die Frage nahe, wo diese Form der Ausübung des «Amtes der
Versöhnung» zukünftig ihren Platz findet in der Leuenberger Kirchengemeinschaft und
im gesamtökumenischen Geschehen.
47
48
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
Workshop
Einführung: Healing of Memories (HoM) in Rumänien – ein Versöhnungsprojekt der europäischen Kirchen
«Healing of Memories zwischen christlichen Kirchen in Rumänien» ist ein gemeinsames Projekt
der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa/Leuenberger Kirchengemeinschaft (GEKE)
und der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) in Kooperation mit ihren Mitgliedskirchen, den
römisch-katholischen Erzbistümern und der griechisch-katholischen Metropolie in Rumänien.
Seit Januar 2006 beteiligen sich auch die Föderation Jüdischer Gemeinden in Rumänien und
der Muslimischen Muftiatur Rumänien.
HoMsollüberJahrhundertetradierteMissverständnisseüberwindenhelfen
Mit Healing of Memories (HoM) soll die vom Rat der Europäischen (katholischen) Bischofskonferenz CCEE und der Konferenz Europäischer Kirchen KEK in der «Charta Oecumenica
– Leitlinien für die wachsende Zusammenarbeit der Kirchen» 1998 formulierte «Verpflichtung»
zur Ausweitung des interkonfessionellen Dialogs aufgenommen werden. Dies mit dem Ziel,
in einem der «Grenzländer» europäischer Kultur- und Religionsgeschichte über Jahrhunderte
entstandene und tradierte Verletzungen und Missverständnisse zwischen Mehrheits- und
Minderheitskirchen aufzunehmen und zu überwinden.
HoM ist ein erstmalig in Südafrika in kirchlicher Verantwortung gestalteter Prozess zur kreativen Aufarbeitung von Verletzungen zwischen Völkern, Kulturen, Religionen und Individuen.
Nach einem ersten europäischen Prozess in Nordirland findet HoM nun seine Fortführung in
Rumänien als einem Grenzland zwischen historisch-oströmischer und -weströmischer Konfessions- und Kulturgeschichte sowie südosteuropäischer christlicher, jüdischer und türkischislamischer Prägung. Neu an diesem «zweiten europäischen Versuch» ist ein vorgeschalteter
erster Teilprozess A mit der interdisziplinären wissenschaftlichen Erarbeitung einer Synopse der
jeweils spezifischen Sichtweise der Geschichte der Konfessionen/Religionen. In einem zweiten
Teilprozess B sind mit verantwortlicher seelsorgerlicher Begleitung aus den beteiligten Kirchen
dann regionale interkonfessionelle Seminare geplant nach dem Vorbild der Healing-of-Memories-Prozesse in Südafrika und Nordirland.
RumänienkannzueinemeuropäischenVorbildpunktoToleranzund
gegenseitigerAkzeptanzwerden
«Heilendes Erinnern» von Christinnen und Christen ist ein Prozess, der in dieser Form wohl erst
im 21. Jahrhundert in europäischen Dimensionen seinen vermutlich langen Weg gehen kann.
Dass mit Rumänien ein Land auf der Grenze zwischen den 25 (bis auf Zypern und Griechenland) weitgehend westeuropäisch geprägten EU-Staaten und den verbliebenen 11 ost- und
südosteuropäischen Nicht-EU-Staaten ausgewählt wurde, entspricht der gesamteuropäischen
Ausrichtung von GEKE und KEK.
Rumänien
Als Vielvölkerstaat kann Rumänien ein Brückenland sein und zu einem Bild werden für Toleranz
und gegenseitige Akzeptanz der Kulturen, Religionen und Völker in einem in der Zukunft vereinten Gesamteuropa. Das Schlussdokument der Zweiten Europäischen Ökumenischen Versammlung in Graz 1997 spricht von der «Freude über den Reichtum unserer unterschiedlichen
Kulturen und Überlieferungen», denn so «gewinnen wir (allmählich) wieder ein lebendigeres
Bild von der Weite und Vielfalt dieses Kontinents». Doch bildet Rumänien als ein Grenzland
zwischen den Kulturräumen auch viele konfessionelle und kulturelle Spannungsfelder ab,
deren Überwindung zukunfts- und richtungsweisende Formen kreativen Zusammenlebens
eröffnen kann für Gesamteuropa.
(Quelle: gekürzter und adaptierter Auszug aus der Informationsbroschüre zum HoM-Projekt)
Erkenntnisse während des Workshops
>
DieÖkumenealsFriedensfaktor?–DieKirchensindTäterundOpfer
Ausgehend von der Fragestellung der Ökumene als Friedensfaktor wird deutlich, dass Kirchen
sowohl Opfer als auch Täter sein können. Derzeit bewegt Rumänien etwa die Frage der Rolle heutiger hoher geistlicher Würdenträger, die Mitglied bei der vormaligen Securitate, dem
früheren rumänischen Staatssicherheitsdienst, waren. Nicht ihre eigentliche Mitgliedschaft
wird als Skandal angesehen, denn diese wurde schon immer vermutet, doch der Umstand,
dass kirchliche Amtsinhaber Inhalte von Beichten an die Securitate weitergegeben hatten. Vor
allem die orthodoxe Kirche trifft diese Anschuldigung. Das bedeutet aber nicht, dass andere
Kirchen von Schuldfragen verschont bleiben. Im Gegenteil sieht sich die Ökumene stark mit
diesen Fragen konfrontiert, wenn auch das Bewusstsein darüber unterschiedlich ist. Inwieweit
die Ökumene ein Friedensfaktor ist oder werden kann, hängt massgeblich davon ab, inwiefern
sich die christlichen Kirchen ihrer eigenen Verwantwortung der Komplizen- und Täterschaft
stellen.
>
IdentitätbautsichausErinnerungendreierverschiedenerFelderzusammen
Welche Erinnerungen sollen geheilt werden? Die Identität eines Menschen ist ausgehend von
den Feldern i) Familie/Gruppe, ii) Kultur/Sippe/Nation und iii) Metaphysik/Religion zusammengebaut. Durchlebt er in einem dieser Felder schlimme Ereignisse, hat dies eine nachhaltige
Wirkung: Die Erinnerung daran prägt das individuelle und kollektive Identiätsbewusstsein
langfristig.
>
DasChristentumalsgemeinsameIdentitätspielteineuntergeordneteRolle
Bei einer allfälligen Hierarchisierung von Identität steht die ethnische an erster Stelle, gefolgt
von der konfessionellen und zuletzt der christlichen. Diese Stufung ist auf dem Hintergrund
der orthodoxen Sichtweise zu verstehen, wonach es keine Trennung von Kultur und Konfession gibt.
>
«HeilenvonErinnerungen»alsAnsatzfüreinfriedlichesZusammenleben
ineinermultikulturellenSchweiz
In multikulturellen Gesellschaften haben viele Menschen keine Möglichkeit, ihre Geschichte
so zu erzählen, wie sie sie erlebt haben. Das Unwissen vom anderen führt zu Verunsicherung,
49
50
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
Vorurteilen und einer noch grösseren Abschottung. Der HoM-Prozess könnte demnach in der
Schweiz ein Denkanstoss bei der Suche nach Lösungen für ein spannungsfreies Zusammenleben mit Migrantinnen und Migranten sein. Die drei Stufen des «heilenden Erinnerns» – der
«gemeinsame Gang durch die Geschichte», das «Anteilnehmen am Schmerz des anderen» und
zuletzt der Anspruch des «gemeinsamen Vorbereitens der Zukunft» – könnten darum auch
Wege sein, die individuelle Sichtweise des Anderen kennen, verstehen und akzeptieren zu
lernen.
Serbien
Eckdaten Westbalkan / Serbien
DieÄranachMilosevic
Nach dem Kosovokrieg 1999 wurde bei den Präsidentschaftswahlen am 24. September 2000
Vojislav Kostunica zum serbischen Präsidenten gewählt, was das Ende der Ära Milosevic
einleitete. Am 29. Juni 2001 wurde Milosevic an den 1993 gegründeten Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) in Den Haag ausgeliefert, wo er am 11. März
2006 starb. Nach dem Sturz Milosevics im Oktober 2000 begab sich Serbien auf den Weg der
Transition. Es befreite sich aus der internationalen Isolation, trat den wichtigen internationalen
Organisationen und Finanzinstitutionen bei (u. a. Stabilitätspakt für Südosteuropa, UNO, OSZE,
UNIDO, IWF und Weltbank) und erreichte im April 2003 die Aufnahme in den Europarat. Mit
der NATO (Partnership for Peace) und der EU (Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen)
laufen zurzeit Verhandlungen, wobei die EU insbesondere Wert auf eine angemessene
Kooperation – Auslieferung der mutmasslichen Kriegsverbrecher Ratko Mladic und Radovan
Karadzic – mit dem ICTY legt. Die von Präsident Kostunica 2001 initiierte «Commission for
Truth and Reconciliation» hat bis jetzt keine nennenswerten gesellschaftlichen Prozesse auslösen können. Anders agierte der seit März 2003 amtierende Präsident Svetozar Marovic. Er
entschuldigte sich 2004 bei Kroatien, Bosnien und Herzegowina sowie bei Montenegro für
das verursachte Leid und sorgte damit für viel Aufsehen. Auch die Schuldeingeständnisse in
Den Haag von Biljana Plavsic (2002), der früheren Präsidentin der Republik Srpska, und Milan
Babic (2004), dem Präsidenten der selbsternannten serbischen Provinz in Kroatien, lösten
Diskussionen über den richtigen Umgang mit der Vergangenheit aus.
Dieserbisch-orthodoxeKirchealswichtigerAkteur
Gemäss der Volkszählung im Jahr 2002 gehören 85 Prozent der Bevölkerung der serbischorthodoxen Kirche an. Sie ist für viele die glaubwürdigste Institution im Land – gefolgt von
der Armee. Serbisch-orthodoxe Kirchenverantwortliche machen zwar mit rechtskonservativen,
nationalistischen Aussagen immer wieder Schlagzeilen und nehmen gelegentlich Kriegsverbrecher in Schutz, die Kirche arbeitet aber auch an einer gemeinsamen Zukunft auf dem
Balkan mit. Zahlreiche ökumenische Initiativen wie etwa Ausstellungen, ein ökumenisches
Zentrum und ein gemeinsames Hilfswerk zeugen davon.
51
52
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
Input
Facing the Past: Religious Communities, Truth and Reconciliation in Post-Milošević Serbia
By Tatjana Perić, expert in Human Rights and former member of EHO1. This paper was first
presented at: John F. Kennedy School of Government, Harvard University, 2004
Tatjana Perić
October 5, 2000, was a turning point in recent Serbian history: the results of national elections and subsequent massive protests organized by political opposition finally forced Slobodan Milošević, then President of Federal Republic of Yugoslavia, to leave his post. The rule
of Milošević, more than a decade of oppression, death and destruction which left trace over
most of the region of the former Yugoslavia, was over. Vojislav Koštunica, representative of
the then Democratic Opposition of Serbia (DOS), became the first president of a new, democratic Yugoslavia.2 This event marked the end of the days when hatred toward the other
was an official philosophy. At least nominally, the change of government allowed for free
space for public debate on the issues banned from the agenda during the Milošević regime:
the responsibility for war crimes committed in armed conflicts in neighboring countries and in
Kosovo. The change of heart, however, has been evidently slow to come, and the discourse
of truth and reconciliation is still perceived as highly controversial by the majority of Serbian
people. This article will make an attempt at describing recent developments in this respect and
in particular the roles played in this process by the representatives of religious communities in
Serbia.
TheLegacyofWar:Tribunals,TruthCommissionandApologies
In order to ensure that war crimes in the former Yugoslavia are acknowledged and investigated, and the perpetrators adequately punished, the United Nations’ Security Council established the International Criminal Tribunal for Former Yugoslavia (ICTY) in 1993. As of January
2004, the list of accused persons held at the Tribunal’s Detention Unit in The Hague also included two high-ranking Serbian politicians: Slobodan Milošević and Vojislav Šešelj, leader of the
right-wing nationalist Serbian Radical Party. Back in Serbia, their trials are closely monitored
but mostly with feelings of bitterness and resentment, as the court is considered «unjust» and
«anti-Serb» by large parts of the population. The reforms had some but limited effect on the
cooperation of the Serbian government and the Tribunal: while the government was quick to
arrest some of its enemies, such as Milošević, it openly confronted the Chief Prosecutor Carla
del Ponte in October 2003, when she asked for the arrest of four Serbian generals accused of
war crimes in Kosovo, some of whom were still active in service.3 Some politicians have also
argued that the pressure exercised by the Tribunal on Serbian government contributed to the
shift in popular mood resulting in massive support to nationalist parties in the most recent Serbian parliamentary elections, held in December 2003.4 Two of the most important indictees
– Bosnian Serb leader Radovan Karadžić and General Ratko Mladić – are still at large, and the
former is rumored as enjoying the protection of the Serbian Orthodox Church in Montenegro.
When Del Ponte made this accusation public, Metropolitan Bishop Amfilohije of Montenegro
Serbien
5
denied this; when asked if he knew where Karadži´c was, Amfilohije replied that, «Karadžić
is hiding in [his] prayer, like any other human being whom I wish that they find rescue and
eternal salvation.»5 In a similar vein, the Serbian Orthodox Church not only provided pastoral
care to the detainees in The Hague,6 but some of its clergy openly expressed their feeling of
honor at being able to meet and «kiss the hands of men who fought for the Serbian people
and their fatherland.»7
While both the authorities and the public in Serbia defy justice as imposed by the international
community, trials on war crimes before domestic courts did not prove an acceptable alternative.8 The only non-judicial formal response in Serbia to the calls for accountability for crimes
committed was the establishment of the governmental Commission for Truth and Reconciliation. Instituted by a decree of the then president Koštunica in March 2001, this was the
first such body to be founded in a European state. Initially, two members of the 19-members
strong Commission were selected from the ranks of the Serbian Orthodox Church: Radovan
Bigović, Dean of the Theological Faculty in Belgrade, and Bishop Sava of Šumadija, who
passed away soon after he was elected.
The introduction of the Commission immediately met very different responses. Some claimed
that the Commission was only founded because of strong pressure from the West, and because ongoing foreign aid had been made conditional on progress in this field; some expressed
concern that the formation of the Commission might be perceived as an attempt to avoid
responsibility for war crimes.9 Two prominent members left the Commission soon after it was
founded, due to a lack of belief that the Commission would achieve any significant results.
There was also public criticism of the decree-like manner whereby president Koštunica formed
the Commission. Additionally, the Commission was mandated to address situations outside
Serbia that were the results of actions of the Serbian people, but it did not have members
from outside Serbia; it also had no members from the ranks of human rights activists or nonSerb ethnic or religious minorities.10 The limited three-year mandate given to the Commission
was also deemed by some of its members as an obstacle to fruitful work.11
A conference on the issue, «In Search of Truth and Responsibility: Towards a Democratic Future», organized by radio station B92 in Belgrade, May 2001, gathered an impressive group of
participants, including the presidents of Serbia and Yugoslavia.12 It ended with a set of recommendations for the Commission for Truth and Reconciliation, including a call for the extension
of the Commission to involve a higher number of representatives of minorities and religious
communities.13 Only in October 2002, the membership of the Commission was indeed extended to a total of 24 members, now including representatives of the Muslim community and
the Roman Catholic Church in Serbia.14
After a long period of inactivity, the Commission eventually began operating in February
2002.15 In May 2002, a conference was held to discuss the previous activities of the Commission and future developments of its operation. Some information available on the work
of the Commission in June 2002 indicated that the Commission planned to initiate several
research projects, including one on the role of religious factors in the conflicts in the former
Yugoslavia.16 The beginning of public hearings, a trade mark of all other truth commissions
worldwide, was slated for September 2002, starting off with a hearing on the Srebrenica
massacre. The hearing, however, never took place, and with the exception of a plan of action
for the Commission posted on its website in May 2003, no other information was available to
the public on any activities actually taking place in this respect to date.17
The Serbian Orthodox
Church not only pro­
vided pastoral care
to the detainees in
The Hague, but some
of its clergy openly
expressed their feeling
of honor at being
able to meet and
«kiss the hands of
men who fought for
the Serbian people
and their fatherland».
54
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
Despite the failure of the Serbian truth commission, there have been some developments
in the process of facing the recent past that are certainly worth mention. In September last
year, the President of the new federation of Serbia and Montenegro, Svetozar Marović, used
a meeting with the President of Croatia, Stipe Mesić, as an opportunity to apologize to the
people of Croatia for the crimes committed by persons from Serbia and Montenegro. This
unexpected move prompted Mesić, who was on a visit to Belgrade, to express his own apology «to all those who have suffered pain or damage at any time from citizens of Croatia who
misused or acted against the law.»18 Two months later and in a similar manner, Marović made
an apology to the authorities of Bosnia and Herzegovina for «any evil or disaster that anyone
from Serbia and Montenegro caused to any one in Bosnia and Herzegovina,» and added that
peoples should not bear the guilt for the crimes committed by individuals.19 In a step further,
several days afterwards, Marović extended his apologies to the people of Montenegro who
were against war and who were in any way victimized in the war; he also admitted that in the
past he was himself prejudiced and a victim of his own emotions which made him believe
that going to war was one’s duty in order to protect one’s homeland.20 Domestic responses
to these statements varied: while praised for his goodwill gestures by some of the Montenegrin political parties, Marović was also mocked for apologizing too much and to too many
people.21
The most important changes, however, took place in the Hague courtroom, where some of
the key ethnic Serb defendants admitted guilt. In October 2002, Biljana Plavšić, the former
President of the Republika Srpska, the predominantly Serb entity of Bosnia and Herzegovina,
pleaded guilty before the Tribunal. By admitting culpability for persecution based on political,
racial and religious grounds, Plavšić was the first person to take individual responsibility for crimes committed in the former Yugoslavia.22 Alex Boraine, President of the International Center
for Transitional Justice and the former deputy chairman of the South African Truth and Reconciliation Commission, who served as witness on behalf of both defense and prosecution at
this trial, emphasized the importance of this landmark confession and apology. He expressed
hope that other leaders in the former Yugoslavia would follow her example, as the acceptance
of responsibility could have beneficial consequences on other perpetrators of crimes, victims
themselves, and the society as a whole. By pleading guilty, according to Boraine, Plavšić gave
a new chance to herself, but also to the peoples of the former Yugoslavia on their way
towards a more tolerant future.23 Only one more politician indicted by the Tribunal followed
her footsteps and admitted personal guilt: on January 27, 2004, Milan Babić, former president
of the self-proclaimed Serb province in Croatia, stated that he came before the court «with a
deep sense of shame and remorse» for having allowed himself participation in «the worst kind
of persecution of people simply because they were Croats and not Serbs.» Babić added that
his regret was «the pain I have to live the rest of my life» and asked Croats for forgiveness.24
Nevertheless, the effects of all attempts to bring the crimes from recent past to the limelight
among the general public are arguable. A recent media research showed an increase in media
coverage of issues related to reconciliation but a decline in news dealing with guilt and ethnic
cleansing.25 According to the same source, the Hague Tribunal was by far the most widely
covered press topic in 2003.26 Despite media interest, concrete attempts at reconciliation
cause heated debate, often accompanied by denial of responsibility and sometimes denial
of any wrongs committed at all. When the Mayor of Belgrade, Radmila Hrustanović, recently
suggested that a donation be made for the reconstruction of a villa in Sarajevo damaged in
the recent war, which would later become home to the Museum of the City of Sarajevo, her
proposal met fierce opposition from some of the main political parties in Serbia.27 Addition-
Serbien
55
ally, an association of concentration camp survivors from Republika Srpska publicly expressed
their indignation over the Mayor’s proposal, and suggested that the City of Belgrade instead
financially support the reconstruction of Serb religious and cultural institutions in Sarajevo.28
As noted by some authors, most of the current discourse on guilt and responsibility in Serbian
society is marked by high levels of misunderstanding and superficiality.29
ReligiousCommunities:ResponsibilityandReaction
When it comes to the major religious communities and the manner in which they face the
recent past in Serbia, accusations on the account of negative role of religion in the recent
conflict are numerous and quick to follow. Church-related press is seen as having spread hate
speech before and during the war.30 This trend has continued after the conflicts: for instance,
in an open letter in November 2002, a group of Serbian intellectuals warned of a growing
wave of reviving nationalism, and a lack of progress in facing war crimes committed in recent
conflicts, blaming, among others, the Serbian Orthodox Church.31 Similar claims saw an additional increase in March 2003, after the assassination of the Serbian Prime Minister Zoran
Djindjić. At the Orthodox religious ceremony that was part of the Prime Minister’s funeral, the
Metropolitan Bishop Amfilohije of Montenegro gave a controversial speech, rife with ambiguous political connotations, which caused an outcry throughout the country.32 His contribution to the worship was later characterized by human rights activists as a «dark voice from the
past» testifying that the Serbian Orthodox Church «remains firmly entrenched in the positions
of the [Milošević] regime.»33 One organization reflected on the Bishop’s speech in following
terms:
«Metropolitan Amfilohije Radović’s speech at the memorial service ominously indicates that
the Serbian Orthodox Church cannot or would not make a break with past anachronisms and
extremist policy, and distance itself from some of its dignitaries. The words uttered by Metropolitan Amfilohije are in reverse proportion to Serbia’s interest to get its relations with neighbors in the region harmonized, begin to meet its obligations to the international community
without hesitation and be integrated into Europe, and thus in reverse proportion to interests
of any of its citizens.»34
The Government of Serbia also reacted to the Metropolitan Bishop’s speech in a public
statement, in which it inter alia described the speech as an «insult to Djindjić’s family and
friends.»35 The church replied with a similarly charged letter, in which it alleged that the government was against religion;36 Radović himself denied that his speech was politically motivated.37 In the past as well, the churches have often tried to refute any charges of relation
with or incitement to nationalism. The leader of the Serbian Orthodox Church, Patriarch Pavle,
often claimed that religion had little, if any influence on the conflicts in the former Yugoslavia,38 and that during the recent conflict the representatives of religious communities «advocated a peaceful and just solution of all disagreements.»39
As mentioned in some aforementioned examples and also widely discussed in literature
devoted to the role of religion in the former Yugoslav conflict, there is ample evidence that
could easily fortify arguments opposing the Patriarch’s claims.40 However any balanced and
objective account would need to take into account the often neglected fact that there have
also been positive recent examples where local religious communities, including the Serbian
Orthodox Church, have played a constructive role. In the first place, the religious communities
in Serbia have offered a commendable example through instances of their own cooperation.
A particularly unified front among major communities was formed in dialogue with the state
When it comes to
the major religious
communities and the
manner in which they
face the recent past
in Serbia, accusations
on the account of
negative role of re­
ligion in the recent
conflict are numerous
and quick to follow.
Church­related press
is seen as having
spread hate speech
before and during the
war.
5
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
authorities. When the contents of the future Constitutional Charter of Serbia and Montenegro
was discussed in September 2002, religious communities submitted a joint proposal where
they made suggestions on the work of state organs that would be in charge of religious issues
in the new state.41
Similarly, the churches showed an impressive level of togetherness in discussing the issue of
religious education in state schools,42 or the draft law on religious freedom.43 Religious representatives also took part in conferences on various issues convened by nongovernmental
organizations and foundations.44 The year 2003 witnessed formation of a new ecumenical
charity, while existing organizations successfully continued with their mission; an inter-religious cultural center was opened in Odžaci, northern Serbia, in December 2002, while an
ecumenical exhibition opened its door to visitors in Belgrade in June 2003. Religious representatives also regularly exchanged congratulatory public messages on the occasion of major
religious holidays.45 As mentioned earlier, religious representatives also joined the state Commission on Truth and Reconciliation.
The year 2003 was also marked by a notable increase in high-level meetings between the
representatives of the Holy See and the Serbian Orthodox Church, including a visit by a distinguished Serbian delegation to the Vatican in February 2003, and a meeting of several
Orthodox dignitaries with the Pope John Paul II during his visit to Croatia in June 2003.46 The
majority of these gatherings resulted in messages of peace and mutual respect but not necessarily direct calls for reconciliation among the peoples of the former Yugoslavia. Exceptionally,
in his letter welcoming the delegation of the Serbian Orthodox Church in Vatican, John Paul II
reiterated the important role played by churches in establishing peace and justice, and ensuring the respect for the rights of all individuals.47 Several months later, on the occasion of his
visit to Croatia, the Holy Father again called the Croatian people to reconciliation.48 In comparison, in his most recent Christmas Epistle, Patriarch Pavle called for repentance, however in
very general terms and without indication if this call was relevant to repentance related to war
crimes or any other context.49
Regrettably, the Serbian Orthodox Church had other opportunities to show solidarity with
sister communities when condemning attacks on minority groups by majority population.
The number of incidents directed against minorities remained on a high level characteristic
for previous post-war years. In one instance, a group of around fifty young men prevented
the Anglican Christmas religious service from being held at the Patriarch’s Chapel in Belgrade
in December 2002. Anglican Christmas services held at this particular chapel are a decadeslong tradition extended as a sign of goodwill on behalf of the Serbian Orthodox Church, in
remembrance of the Church of England offering its churches for the religious services for
Serbs who were refugees in Great Britain in World Wars I and II. Immediately afterwards, the
Serbian Orthodox Church issued a public statement expressing their regret over the incident.50
When the Roman Catholic cemetery in Novi Sad, Vojvodina, was vandalized in September
2003, Bishop Irinej of the Serbian Orthodox Church issued a strong condemnation of this
act.51 It must be noted, though, that the number of public reactions of the Serbian Orthodox
Church is by far surpassed by the number of attacks against minorities, which has reached
particularly alarming proportions in the Vojvodina province in northern Serbia since summer
2003. Some analysts saw this trend as a natural consequence of the rise of nationalism, culminating in the arguably surprising election results in support of the Serbian Radical Party.52
Serbien
57
It is also notable that, whereas any statement by a Serbian Orthodox Church leader related to
political issues is granted to be given headlines in all major press, statements from the same
sources with messages of peace and tolerance will be given minimum attention, if any. This
trend is to be regretted, particularly with regards to the possible influence of religions among
their congregations and the trust that the respective communities have in their religious leadership. In support of this claim, for instance, the results of the most recent population census
of 2002 revealed that 85 per cent of citizens of Serbia declared themselves members of the
Serbian Orthodox Church. Additionally, a poll conducted in late 2003 showed that the Serbian
Orthodox Church was the most trusted institution in Serbia, followed by the Army of Serbia
and Montenegro.53 Though it can certainly be argued that political parties exercise significantly more power in everyday affairs, some authors have emphasized the importance of
the church as a moral and symbolic power, whose role in the society should be by no means
underestimated.54
It appears that it is precisely this point that deserves more lime light. There is no doubt that
the scriptures of all major religious communities in Serbia unfailingly view being agents of
peace on Earth as one of the important roles for both their clergy and congregation. Despite
differences between the attitudes and agendas of certain currents within the same religious
community, at least nominally the official stance is always one of tolerance and respect for
other groups. These are important resources in popularizing the message of truth and reconciliation. Religious communities, and particularly the majority Serbian Orthodox Church, should
be more outspoken on issues of justice and truth with regards to the crimes committed in the
wars in recent past. They should raise their voices in protest more often when condemning
attacks against other communities. Finally, they should use their undisputable moral, symbolic and historical leverage in order to make their positive messages reach wider audiences in
Serbia, and should include truth and reconciliation issues into their evident dialogue with state
authorities.
Conclusions
Three years after the end of the rule of Milošević, issues of truth and reconciliation still invoke
defensive and bitter reactions amongst the majority of Serbian people. The Hague Tribunal is
widely perceived as a politically motivated anti-Serb process. Serbian authorities attempted to
address the overwhelming sense of denial through creating a formal mechanism, the Commission on Truth and Reconciliation, in early 2001. From its commencement, the Commission was
faced with grave concerns raised regarding its tasks, membership and operation; in 2004, there was no evidence of any activities undertaken by the Commission. Nevertheless, remarkable
steps have been made with public apologies made by some political leaders from Serbia and
Montenegro, and the admissions of guilt by ethnic Serb defendants at the Hague Tribunal.
Inter-religious relations in Serbia have witnessed significant improvement on formal level since
the ousting of the nationalist regime, however there is numerous evidence of intolerance of
and violence against non-Serb religious communities. Furthermore, the role of religious communities in the truth and reconciliation process in Serbia remains deeply questionable. Most
commonly, religious communities – and primarily the Serbian Orthodox Church – suffer from
accusations for supporting nationalist forces and thus bearing responsibility for some of the
wrongdoings in the past wars. Statements of some religious leaders offer support to this argument. However, there are numerous instances of inter-religious cooperation and dialogue,
A poll conducted in
late 2003 showed
that the Serbian
Orthodox Church
was the most trusted
institution in Ser­
bia, followed by the
Army of Serbia and
Montenegro.
58
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
including condemnations of intolerance, most of which unfortunately do not reach a wider
audience.
Despite slow developments and accompanying difficulties, it is undeniable that both the
Serbian society as a whole and its religious communities have made some progress with
regards to the truth and reconciliation process. Though groundbreaking initiatives on behalf
of religious communities remain to be seen, the churches have shown some indication that
they will take part in this process, and this window of opportunity should not be neglected.
Through their own improved co-operation, the religious communities could serve as a
co-existence model to the rest of the society, especially given their apparently respected role.
The process of truth and reconciliation must be continued and completed if the people of
Serbia are to continue their progress on the path of spiritual renewal and political stability.
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Bieber, Florian and Daskalovski, Zidas S. (eds.), Understanding the War in Kosovo, London: Frank
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witnessed significant
improvement on
formal level since the
ousting of the natio­
nalist regime, howe­
ver there is numerous
evidence of intole­
rance of and violence
against non­Serb
religious communities.
Furthermore, the role
of religious communi­
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in Serbia remains
deeply questionable.
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and Eurasia, London: Lynne Rienner Publishers, 2002.
Serbien
59
Endnotes
1
Tatjana Perić is a post-graduate student in Theory and Practice of Human Rights at the University of
Essex. The author would like to extend her sincere gratitude to the following persons and institutions
for their kind assistance during her research: Professor Kevin Boyle at the University of Essex,
Dr J. Paul Martin at Columbia University, Danielle Celermajer, the Novi Sad-based Ecumenical Humanitarian Organization, Novi Sad School of Journalism, and Women’s Studies and Research, and the
Belgrade-based Vreme weekly magazine.
2
The country changed its name to «Serbia and Montenegro» on February 5, 2003, when the Federal
Parliament adopted the new Constitutional Charter of Serbia and Montenegro.
3
In her later address to the Security Council, Carla del Ponte accused Belgrade of obstruction: «There
is no true commitment for cooperation or readiness to take difficult steps, badly needed not only
from the point of view of the Tribunal. The authorities are unanimous in stressing the necessity to
cooperate with the Tribunal, however, when it comes to tough decisions or need to provide sensitive
documents we face obstruction and negative attitude.» (Address by Ms Carla del Ponte, Chief Prosecutor of the International Criminal Tribunal for the Former Yugoslavia to the United Nations Security
Council, October 9, 2003, available at:
http://www.pict-pcti.org/news_archive/03/03Oct/ICTY_101003c.htm)
4
Radio B92, «Koštunica: Hag gurnuo Srbiju udesno, i Djindjić kriv za uspon radikala,» Belgrade,
January 8, 2004. (All B92 news information is available at the radio station’s internet website, at:
http://www.b92.net.) In the elections held on December 28, 2003, Vojislav Šešelj’s Serbian Radical
Party won 82 of 250 parliamentary seats, becoming the single most successful party according to
popular vote; the Socialist Party of Serbia, formerly led by Slobodan Milošević, won 22 seats. (Zeljko
Cvijanović, «Serbia: New Regime Faces Instability from the Start,» Institute for War and Peace
Reporting, London, January 8, 2004. All Institute for War and Peace Reporting news information is
available at the Institute’s internet website, at: http://www.iwpr.net.)
5
Radio B92, «Amfilohije poziva Del Ponte da obidje manastire,» Belgrade, December 31, 2003.
6
Radio B92, «Delegacija SPC u Hagu,» Belgrade, January 23, 2003.
7
«I am proud to go to the Hague, I can hardly wait to see honest Serbs, to kiss the hands of men who
fought for the Serbian people and their fatherland – Vojislav Šešelj and Momčilo Krajišnik.» –
Bishop Filaret of Mileševa, as quoted in weekly Vreme, No. 671, Belgrade, November 13, 2003.
8
For example, only two cases were completed before Serbian courts as of October 2003: on September 29, 2003, the Belgrade County Court sentenced five Serbian men for the abduction and murder
of 16 Bosniaks committed in October 2002 in Sjeverin, Serbia and Montenegro. A year earlier, in
September 2002, a Serbian man was sentenced by a Montenegrin court for abduction and murder
of 20 non-Serb passengers of a train in Štrpci, Bosnia and Herzegovina. The key person involved in
both cases was, however, tried in absentia and is still at large. (Amnesty International Public Statement, AI Index: EUR 70/023/2003, October 1, 2003)
9
Stanić, Jelena, «Istina, odgovornost i krivica», Republika, No. 262, Belgrade, 2001. (All Republika
issues are available at their internet website, at: http://www.republika.co.yu.)
10 «The Koštunica state commission is composed for the most part of people whose books furnished
the arguments in favour of starting the war.» – Sonja Biserko, «Can the Balkans (Ever) Be Reconciled?
Challenges, Approaches, Projects, New Designs,» Helsinki Committee for Human Rights in Serbia,
Belgrade, March 17, 2003.
11 Radio B92, «Tri godine prekratko za rad Komisije za istinu,» Belgrade, November 20, 2002.
12 Stanić, Jelena, «Istina, odgovornost i krivica», Republika No. 262, Belgrade, 2001.
13 The full text of recommendations in Serbian can be accessed at:
http://www.b92.net/trr/2001/preporuke.html.
14 These are Hadži Mustafa Jusufspahić, the imam of Belgrade, and Andrija Kopilović of the Theological
Catechetical Institute in Subotica.
15 Radio B92, «Počela sa radom Komisija za istinu i pomirenje», Belgrade, February 22, 2002.
16 Radio B92, «Istraživački projekti Komisije za istinu i pomirenje», Belgrade, June 21, 2002.
17 The official website of the Commission is: http://www.komisija.org.
Though groundbrea­
king initiatives on
behalf of religious
communities remain
to be seen, the
churches have shown
some indication that
they will take part in
this process. Through
their own improved
co­operation, the
religious communities
could serve as a
co­existence model to
the rest of the society,
especially given their
apparently respected
role.
0
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
18 BBC, «Presidents apologise over Croatian war,» September 10, 2003.
19 BBC, «Belgrade apology for Bosnia war,» November 13, 2003.
20 Radio B92, «Marović: Bio sam žrtva predrasuda i emocija,» Belgrade, November 16, 2003.
21 Radio B92, «Partije u CG pozdravile Marovićevo izvinjenje u Sarajevu,» Belgrade, November 13, 2003;
Ljuba Zivkov, «Lisica i ždral: Beskrvna osveta,» weekly Vreme, Beograd, No. 672, November 23, 2003.
Before Marović, there was only one statement by a Serbia and Montenegro official that constituted
a full apology: in June 2000, the President of Montenegro, Milo Djukanović, apologised for «all the
pain, all the suffering and all material damage» caused in Croatia by any Montenegrins who were
part of the Yugoslav People’s Army during the conflict. (International Center for Transitional Justice,
«A Casualty of Politics: Overview of Acts and Projects of Reparation on the territory of the Former
Yugoslavia,» New York, June 2002, pp.5-6, available at:
http://www.ictj.org/downloads/CasualtyofPolitics.pdf) However, Vojislav Koštunica, the predecessor
of Marović, recently stated that making an apology to Croatia would not make sense, as war crimes
had been committed by all sides in the conflict. (Radio B92, «Koštunica: Hag gurnuo Srbiju udesno,
i Djindjić kriv za uspon radikala,» Belgrade, January 8, 2004)
22 Plavšić was consequently acquitted on the remaining counts of her indictment, and later sentenced
to eleven years of imprisonment. The Tribunal’s judgment was condemned by many Bosnian
Muslims, who claimed that the sentence was too lenient regarding the severity of accusations.
(BBC, «Mixed emotions in Bosnia over verdict,» February 28, 2003)
23 Radio B92, «Borejn: Plavšić je sebi dala novu šansu, ali ne samo sebi,» Belgrade, December 17, 2002.
24 BBC, «Babic admits persecuting Croats,» January 27, 2004. The Court found Babić guilty for persecutions on political, racial and religious grounds as a crime against humanity; his sentence is due in
April 2004.
25 According to the Belgrade-based Ebart Consulting Media Documentation research in 2002 and
2003, that monitors issues related to facing the past in printed press in Serbia, there were 59 articles
on the topic of guilt in 2002 and 17 in 2003, 132 on ethnic cleansing in 2002 and 79 in 2003, but
283 articles on reconciliation printed in 2002 were compared with 408 articles in 2003. (Research
available at: http://www.arhiv.co.yu)
26 The media monitoring conducted from January to the end of November 2003 registered 8418 articles related to the Tribunal, while, for example, 2178 articles covered the topics related to the Serbian
Orthodox Church.
27 Radio B92, «Beograd poveo inicijativu za pomoč Sarajevu,» Belgrade, January 16, 2004.
28 Radio B92, «Pismo Saveza logoraša RS Radmili Hrustanović,» Belgrade, January 20, 2004.
29 Zigmanov, Tomislav, «Jaspersovo razumijevanje krivice i odgovornosti,» Republika, Nos. 316-317,
Belgrade, September 2003.
30 Martinov, Zlatoje, «Religija i nacija u vihoru rata,» Republika, Nos. 314-315, Belgrade, August 2003.
31 Radio B92, «Da li crkva i civilno društvo mogu zajedno?» Belgrade, November 20, 2002. It is not the
intention of this paper to focus entirely on the Serbian Orthodox Church in either positive or
negative context, however as it is the major religious community in Serbia it has to be duly accorded
considerably more attention in comparison with other religious groups.
32 The complete text of the speech is available in English at:
http://www.spc.yu/Vesti-2003/03/15-3-03_e1.html.
33 Humanitarian Law Center, «Protest against Orthodox Church Dignitary’s Speech at Djindjić Funeral,»
Belgrade, March 20, 2003.
34 Helsinki Committee on Human Rights in Serbia, Public Statement, March 18, 2003.
35 Radio B92, «Govor mitropolita Amfilohija uvredio Djindjićevu porodicu,» Belgrade, March 19, 2003.
36 Information Service of the Serbian Orthodox Church, «Saopštenje za javnost,» Belgrade, March 24,
2003.
37 Information Service of the Serbian Orthodox Church, «Pilat je tu!» Belgrade, April 30, 2003.
38 Radio B92, «Patrijarh Pavle: Poseta Vatikanu ne bi bila konstruktivna,» Belgrade, January 8, 2003.
39 The statement made at the meeting of Patriarch Pavle with the representatives of the Inter-religious
Center, including the Roman Catholic Archbishop of Belgrade, the Belgrade Mufti, and a represen-
Serbien
tative of the Jewish Community. Information Service of the Serbian Orthodox Church, «Predstavnici
Medjureligijskog centra kod Patrijarha», Belgrade, December 16, 2000. (Author’s translation)
40 See the reference section for recommendations on relevant literature.
41 The statement was signed by the representatives of the Serbian Orthodox Church, Roman Catholic
Church, Islamic Community in Serbia, Mesihat of the Islamic Community in Sandžak, Jewish
Community, Slovak Evangelical Church, Evangelical Christian Church and the Reformed Christian
Church. (Communiqué of the Federal Secretariat for Religious Affairs, as quoted by the Information
Service of the Serbian Orthodox Church, Belgrade, September 6, 2002)
42 One such instance of undisputed unity was a round table held in Novi Pazar on the introduction of
religious instructions in Serbian schools – otherwise, a highly controversial issue – where very
prominent figures of all the major religions in Serbia signed a joint statement congratulating the
Government on its «just and responsible decision.» This statement was signed by the Serbian Orthodox Church, Islamic Community, Roman Catholic Church, Reformed Christian Church, Evangelical
Christian (Lutheran) Church, and the Jewish Community. The communities also stated that the
teachings of traditional churches «guarantee the tolerance between the citizens of different religious
communities.» (Information Service of the Serbian Orthodox Church, «Saopštenje za javnost crkava
i verskih zajednica učesnika Okruglog stola‘Tolerancija u svjetlu vraćanja vjerske nastave u škole’,
u organizaciji Mešihata Islamske zajednice Sandžaka», Belgrade, July 31, 2002) In another example
from March 2003, the Ministry of Education and Sport of the Republic of Serbia organised a seminar
on implementing religious education in state schools that was attended by 145 religious education
teachers and representatives of all traditional religious communities.
43 The existing draft law on religious freedom on federal level is considered discriminatory by small
religious communities, as the preamble of the draft law lists – and thus grants special status only to
– the Serbian Orthodox Church, Roman Catholic Church, Islamic Community, Jewish Community,
Lutheran Church and the Reformed Church as «traditional» religious communities in Serbia. (Forum
18 News Service, «Serbia/Montenegro: Will Controversial Religion Law Come Back?» Oslo, March 14,
2003)
44 Some of these conferences touched upon issues such as churches and identity, Christianity and European integration, or the role of religious communities in the eradication of poverty in Serbia.
45 For instance, Patriarch Pavle and the Roman Catholic Archbishop of Belgrade, Stanislav Hočevar
exchanged public Christmas greetings in December 2003. (Radio B92, «Božićne čestitke patrijarha
Pavla i nadbiskupa Hočevara,» Belgrade, December 22, 2003)
46 For detailed chronology and accounts of various meeting between the representatives of the
churches, see the archives of the Information Service of the Serbian Orthodox Church, available at:
http://www.spc.yu, and the internet edition of the Zvonik monthly magazine of the Roman Catholic
Bishopric of Subotica, available at: http://www.zvonik.co.yu.
47 Information Service of the Serbian Orthodox Church, «Pozdravni govor njegove svetosti pape Jovana
Pavla II delegaciji Svetog arhijerejskog sinoda Srpske pravoslavne crkve,» Belgrade, February 8, 2003.
When it comes to the protection of human rights, and according to its official statements, the Serbian Orthodox Church appears to invoke human rights obligations only when the rights of its own
believers are at stake, such as the rights of Serbian people of Kosovo, followers of the Serbian Orthodox Church in Montenegro, or the freedom of religious belief in the army of Serbia and Montenegro.
48 Pfeifer, Jakob, «Pomirenje, ekumenizam i odgovornost laika u središtu trećeg Papina pohoda Hrvatskoj i BiH,» Zvonik, No. 6(104), Subotica, June 2003.
49 The 2003 Christmas Epistle of Patriarch Pavle, available on the website of the Serbian Orthodox
Church, at: http://www.spc.yu.
50 Information Service of the Serbian Orthodox Church, «Saopštenje povodom sinoćnjih dogadjaja,»
Belgrade, December 25, 2002.
51 Information Service of the Serbian Orthodox Church, «Osuda skrnavljenja katoličkog groblja u
Novom Sadu,» Belgrade, September 29, 2003.
52 For an account on numerous recent incidents against minorities in Vojvodina, see Briza, Jan, «Fear Ripples Through Vojvodina Minorities,» Institute for War and Peace Reporting, London, January 23, 2004.
53 Radio B92, «Hadžić: Najviše poverenja u SPC i VSCG,» Belgrade, November 11, 2003.
54 Radio B92, «Da li crkva i civilno društvo mogu zajedno?» Belgrade, November 20, 2002.
1
2
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
Workshop
Einführung: Die Versuche von HEKS 1992 bis 1998, die Religionsgemeinschaften im ehemaligen Jugoslawien dafür zu gewinnen, sich gegen den Krieg und für die Wahrung der Menschenrechte einzusetzen
Eine persönliche Schilderung von Arne Engeli, HEKS-Programmbeauftragtem für Westbalkan/
Serbien von 1993 bis 2001.
1992:DasersteOpferdesKriegesistimmerdieWahrheit
Auf Initiative des Europäischen Bürgerforums suchte ich 1992 als Mitglied einer internationalen ökumenischen Delegation das Gespräch mit Kirchenführern verschiedener Religionsgemeinschaften in Slowenien, Kroatien und Serbien. Wir mussten deprimiert feststellen: Die
Kirchen waren Teil des Problems, das zum Bürgerkrieg führte. Sie trugen auch den Bazillus
des Nationalismus in sich. Das erste Opfer des Krieges ist immer die Wahrheit. Die Kirchen
sahen sich als Abel, der sich mit Recht gegen Kain verteidigte. Sie würden darum den kriegstreibenden Generälen, Politikern, Medien nicht in den Arm fallen, wie wir gehofft hatten. Die
1989 an der 1. Europäischen Ökumenischen Versammlung in Basel verabschiedeten Regeln für
das Haus Europa waren hier vergessen – mit Ausnahme von einigen Einzelpersonen, wie etwa
Prof. Puhovski in Zagreb oder Franziskanerpater Marko Orsolic in Sarajewo (vgl. den Bericht
«Wir suchen Kain und Abel», Basel 1992).
199:MittenimKriegwächsteinökumenischerBaum:EHOinderVojvodina
Mit Unterstützung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Genf und dem HEKS gründeten im
Februar 1993 in der multikulturellen Vojvodina die reformierte, die evangelisch-slowakische,
die methodistische und die serbisch-orthodoxe Kirche das ökumenische Hilfswerk EHS (Ecumenical Humanitarian Service, später EHO). Später kamen auch die griechisch-katholische
Kirche u. a. dazu. Bis heute arbeiten hier die verschiedenen Bevölkerungsgruppen im diakonischen Bereich zusammen: Ungarn, Kroaten, Donauschwaben, Serben, Roma und weitere
Minderheiten. Während zweier Jahre organisierte EHO wöchentlich mit allen Religionsgemeinschaften, also auch mit der muslimischen und der jüdischen Gemeinde, reihum in den
Gotteshäusern der Grossstadt Novi Sad ein Friedensgebet. EHO nahm sich sowohl der zu
Zehntausenden einströmenden Flüchtlinge aus Kroatien, Bosnien und dem Kosovo wie auch
der zunehmend verarmenden einheimischen Bevölkerung an. Ein mobiler medizinischer Dienst
und ein provinzweites diakonisches Netz wurden aufgebaut, ein Beratungsdienst, ein Saatgutprojekt, ein Begegnungs- und Ausbildungszentrum mit Seminaren für freiwillige HelferInnen,
für Jugendliche verschiedener Herkunft. Im Regenbogenprojekt verpflichteten sich arbeitslose
Jugendliche zu einem Betreuungsdienst für alte Leute. EHO war und ist für HEKS der wichtigste Partner im ehemaligen Jugoslawien. Über ihn konnten wir auch Hilfe im muslimischen
Sandzak und in Bosnien leisten. Wir schmiedeten Pläne für ein Rückkehrerprojekt in der Krajna
zusammen mit Katholiken und einem serbisch-orthodoxen Bischof in Kroatien und mit
Serbien
Pfr. Todorovic in Zürich. Es scheiterte leider an der mangelnden Unterstützung der DEZA
(Bundesrat Cotti stoppte alle finanzielle Hilfe an Kroatien, weil es seine Kriegsverbrecher nicht
ausliefern wollte). Ich denke mit grosser Hochachtung und tiefen freundschaftlichen Gefühlen
an die EHO-ProjektpartnerInnen, die seit nun 14 Jahren mit Hingabe diesen Dienst an den
Kriegsopfern leisten. Eine davon, Ana Bu, war denn auch eine der 1000 Frauen, die 2005 für
den Friedensnobelpreis nominiert worden sind.
199:HEKSverweigertdieZusammenarbeitmitderserbisch-orthodoxenKirche
HEKS hatte schon seit Jahren nicht nur mit der reformierten Kirche, sondern auch mit der
serbisch-orthodoxen Kirche (SOK) Kontakt gepflegt. Beispielsweise durch den Ausbau der
theologischen Fakultät oder mittels Stipendiaten. Jetzt ging es um die Zusammenarbeit in der
Nothilfe. Als Koordinator dafür war der spätere Bischof Father Filaret vorgeschlagen. Zuvor
war er in der Presse als Waffensegner abgebildet. Darauf hat HEKS die Hilfeleistung über die
Zentrale der orthodoxen Kirche sistiert.
199/94:WischtihrimWestenzuerstvordereigenenTüre
Im Herbst 1993 wurden Muslime aus der mehrheitlich von Serben bevölkerten Stadt Bijelijna
mit Gewalt vertrieben. Ich kannte den dortigen Bischof Vasilije von einem kurzen Besuch und
stellte ihm und dem Patriarchat mehrmals die Frage, was sie zum Schutz und in Solidarität mit
den Vertriebenen unternommen hätten. Zusammen mit einer HEKS-Delegation besuchte ich ihn
1994 wieder. Diesmal im Militärspital (!) in Belgrad, wo er als Patient lag. Ich wollte endlich eine
Antwort bekommen. Das Einzige, was er zu sagen hatte, war: (1) «Die Kroaten sind schlimmer,
warum stellt ihr nicht ihnen solche Fragen? (2) Wischt ihr im Westen zuerst vor der eigenen
Türe, was haben die USA nicht alles in Vietnam verbrochen, die Engländer, die Franzosen.»
1994:EinSeminarmitdemZielzuerkennen,dassderSchutzderMenschenrechte
undMenschenwürdeeineAufgabederKirchenist
Gastgeber an diesem Wochenende in Feketic waren das ökumenische Hilfswerk EHS und HEKS.
Eingeladen waren die Kirchenleitungen aller Religionsgemeinschaften der Vojvodina und drei
Friedens- und Menschenrechtsgruppen. Als Referenten kamen Prof. Lukas Vischer aus Genf
und die beiden lokalen orthodoxen Bischöfe Irinej und Novi Sad sowie der katholische Marko
Vukov, Subotica. Rund achtzig Teilnehmende waren anwesend, darunter auch zehn Besucher
aus der Schweiz, der serbische Minister für religiöse Angelegenheiten und zwei JournalistInnen.
Das Ziel des Seminars war zu erkennen, dass der Schutz der Menschenrechte und Menschenwürde, auch von Minderheiten, eine Aufgabe der Kirchen ist. Mögliche konkrete Massnahmen
sollten diskutiert werden. Das Seminar nahm aber einen unterwarteten Verlauf: Bischof Irinej
erklärte: (1) Kirchen bräuchten keine Menschenrechte. Diese seien Ersatz dort, wo die christliche Liebe fehle. (2) In der Vojvodina lebten alle ohne Probleme in guter Nachbarschaft. (3) Der
Westen würde durch das verhängte Embargo die Menschenrechte eines ganzen Volkes mit
Füssen treten. Das sei schlimmer, als was unter Hitler geschehen sei. Diese Aussagen ernteten
darauf Protest von Frauen und Männern der Versammlung.
Ein Ergebnis war ein gekränkter Bischof, der keine Widerrede ertrug – schon gar nicht von
Frauen. Ein zweites die Schlagzeilen in der Borba und in der internationalen Presse mit dem
Zitat von Irinej betreffend des Vergleichs mit Hitler.
Als am nächsten Tag die Basis ohne Vertreter der Kirchenleitung unter sich war, gab es gute
Gespräche.
4
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
Lernplätze des Seminars waren, dass Medienleute nicht hätten zugelassen werden dürfen,
um ein vertrauliches Gesprächsklima zu sichern. Auch hätten Ausländer nur die Rolle von
Beobachtenden einnehmen sollen. Es waren sonst schon viele Konfliktebenen vorhanden:
Minderheiten/Mehrheit, Basis/Kirchenleitungen, kirchliche/weltliche Gruppen, unterschiedliche
Nähe/Distanz zu nationalistischer Gesinnung. Im Nachhinein wurde auch bewusst, dass sich
Bischof Irinej durch die vielschichtige Zusammensetzung des Seminars derart in die Enge getrieben fühlte, dass seine unglückliche Wortwahl weniger die Position der Kirche ausdrückte
als vielmehr die Wut eines blossgestellten Bischofs.
1995:Dieserbisch-orthodoxeKircheverweigertdieHilfe
Die serbisch-orthodoxe Kirche wollte keine Hilfe mehr von HEKS. War das ein Nachspiel des
Seminars? Es wurden andere Begründungen laut: Bischof Irinej behauptete zum Beispiel, dass
HEKS vergiftetes Salz geliefert hätte. EHS wurde beschuldigt, in einer Nothilfesendung aus
Deutschland Waffen ins Land geschmuggelt zu haben, worauf die Mitarbeit mit EHS gekündigt wurde. Auch ein Gespräch mit Patriarch Pavle brachte keine Meinungsänderung.
1995:ErfolgreicheBefreiungvonzweiSchweizernausdenHändendesserbischen
Militärs
Die beiden Schweizer, Simon Gerber und Marija Wernle-Matic, wurden festgenommen, als sie
nach ihrem Besuch in Sarajewo auf bosnisch-serbisches Territorium gerieten. Nachdem es der
offiziellen Schweiz nicht gelungen war, die beiden frei zu bekommen, bat ich im Auftrag von
HEKS den mit HEKS befreundeten serbisch-orthodoxen Pfarrer Drasko Todorovic, sich beim
Patriarchen Pavle für die Freilassung der beiden einzusetzen. In einer halsbrecherischen Fahrt
im Wagen des Patriarchen gelang es dann Todorovic, die beiden herauszuholen.
August1995:HEKSdistanziertsichvonderLeitungderserbisch-orthodoxenKirche
Auch nach dem Massaker von Srebrenica distanzierte sich die SOK nicht von den Kriegsverbrechern Karadzic und Mladic und von der grossserbischen Idee und wandte sich gegen den
Friedensplan der internationalen Kontaktgruppe. Sie bezeichnete das serbische Volk als «leidenden Gottesknecht», das jetzt sein «Golgatha» erlebe. Solche Aussagen schockierten. HEKS
wurde in der Folge z. B. von der Glückskette und von der Gesellschaft bedrohter Völker auf
seine Beziehungen zur SOK befragt. In Absprache mit SEK und EHO sowie unterstützt von der
serbisch-orthodoxen Gemeinde in Zürich verfasste HEKS zuhanden der Presse eine Erklärung,
in der es u. a. hiess: «Wir müssen heute offen sagen: Den Hirten der serbisch-orthodoxen
Kirche vertrauen wir nicht. In ihren Erklärungen mystifizieren sie das serbische Leiden und
Sterben ... Sie führen ihr Volk in die Irre. Wir wissen, dass viele in Serbien unter den Folgen des
Krieges leiden. Wir werden weiterhin, gewissermassen mit der Herde, zusammenarbeiten und
durch sie den Notleidenden unsere Hilfe zukommen lassen.»
HEKS zeigte im gleichen Monat aber auch seine solidarische Anteilnahme an der Not der
300 000 vertriebenen Serben aus der Krajna und Ostslowenien durch die kroatische Armee.
1998:DasandereSerbiengibtesauch
1998 besuchte ich im kosovarischen Kloster Decani den Bischofsvikar Father Sava. Er hatte
Not leidende Kosovo-Albaner mit humanitärer Hilfe versorgt und im Kloster aufgenommen. Er
versuchte leider erfolglos in der Konferenz von Rambouillet eine Friedenslösung zu erreichen.
Öffentlich klagte er zusammen mit seinem Bischof Artemije Milosevic als Volksverführer an
– «Mögen andere von der Schande der anderen reden, ich rede von der unsrigen» (Bertolt
Brecht).
Serbien
GelungeneFriedensprojektemitmeistnichtkirchlichenOrganisationen
Einige Bespiele von Projekten, die HEKS finanziell unterstützte und freundschaftlich begleitete:
•
Die Nansengruppe im Kosovo, die 1998/99 Seminare für Albaner und Serben durchführte.
•
«Sezam» in Zenica/Bosnien, das sich kriegstraumatisierter Kinder annahm.
•
«Abraham-Ibrahim» in Sarajewo, Brückenbauer zwischen den Religionsgemeinschaften.
•
Das Friedenszentrum in Osijek/Kroatien, das z. B. Serben vor der Ausweisung schützte.
•
Das «Center for Antiwar-Action» in Belgrad mit der Bürgerrechtlerin Vesna Pesic.
Wichtig war auch die internationale Zusammenarbeit mit anderen Hilfswerken im Rahmen
des Ökumenischen Rates und der Konferenz Europäischer Kirchen, aber auch im Rahmen des
jugoslawischen Netzwerkes von Hilfswerken in der Schweiz.
Erkenntnisse während des Workshops
>
DerTodMilosevicszeigt,wiepolarisiertdieserbischeGesellschaft
nochimmerist
Die Angeklagten in Den Haag geniessen bei Teilen der serbischen Bevölkerung immer noch
grosse Unterstützung. Die Wahrnehmung vieler Menschen in Serbien ist, dass die Angeklagten
nicht wegen der Kriegsverbrechen in Den Haag sind, sondern weil Serbien den Krieg verloren
hat.
>
EinkaumexistierenderVersöhnungsprozessinSerbienberuhtu.a.auchauf
derVerneinungderTatsachen
In Serbien sprach niemand über Srebrenica. Der einzige Hinweis in den lokalen Medien zum
Massaker war damals die kurze Notiz, dass ein muslimischer Ort eingenommen worden sei.
Das restliche Europa war weit besser über Srebrenica informiert als die Serbinnen und Serben selbst. Ein Aufschrei ging durch die serbische Gesellschaft, als am 10. Jahrestag des Gedenkens an Srebrenica das serbische Fernsehen eine kürzlich entdeckte Videoaufnahme der
Gräueltaten zeigte. Denn bis anhin waren es immer die «Ausländer», die sagten, was damals
in Srebrenica geschehen war. In Serbien herrschte eine komplette Verneinung der Tatsachen.
>
MansolltenichtnurüberBischöfenachdenken,sonderndieGläubigen
einschliessen
Wenn jeweils über die Rolle der Kirchen gesprochen wird, ist effektiv die Kirchenelite gemeint.
Die Gemeinschaft der Gläubigen wird hingegen vernachlässigt. Wichtig wäre es, nicht nur
über die Rolle der Bischöfe, sondern auch diejenige der Gläubigen nachzudenken. Im Balkan
gibt es viele Orthodoxe, Muslime, Katholiken, doch es gibt wenig «Gläubige» im Sinne jener
Menschen, die sich wirklich mit der Religion auseinandersetzen.
>
AussageeinesserbischenPriesters:«Theyarenotguilty,buttheyareresponsible»–«Sie[dieKirchen]sindnichtschuldig,abersiesindverantwortlich»
Nur wenn es in ihre Agenda passt, kooperiert die serbisch-orthodoxe Kirche bei der Wahrheitssuche. Religiöse Institutionen verleugnen gerne die Rolle der Kirche im Konflikt. Generell
5
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
existiert in Serbien keine wirkliche Debatte zur Wahrheitssuche und Versöhnung, weil die
Leute einerseits denken, dass noch nicht alles vorbei ist (vgl. Status Montenegros und Kosovos), andererseits angeblich immer wichtigere Dinge auf dem aktuellen Programm stehen.
Wahrheitssuche und Versöhnung sind aber nicht nur in Serbien kein wirkliches Thema, auch
auf internationaler Ebene sind sie unpopulär.
Sudan
Eckdaten Sudan
BürgerkriegimSüdsudan
Der Sudan war der erste afrikanische Staat, der 1956 seine Unabhängigkeit von Grossbritannien erhielt, er war aber auch das Land mit dem längsten Bürgerkrieg Afrikas: Der erste Sezessionskrieg des Südens dauerte von 1955 bis zum Waffenstillstandsabkommen in Addis Abeba
1972. Die Regierung im Norden gewährte in den nächsten elf Jahren dem Süden weitgehend
Autonomie. Anfang der 1980er Jahre kam es jedoch unter der Regierung Numeiris zu Besitzansprüchen über die neu entdeckten Ölvorkommen im Süden und zu einer zunehmenden
Islamisierung. Die Scharia war fortan auch im weitgehend christlichen Süden die massgebende
Rechtssprechung. Diese Entwicklungen führten zum Ausbruch des zweiten Krieges zwischen
Nord- und Südsudan, der in den nächsten zwei Jahrzehnten rund zwei Millionen Menschen
das Leben kostete und um die vier Millionen in die Flucht trieb.
Im Januar 2005 unterzeichneten die sudanesische Regierung und die Sudan People’s Liberation Movement/Army (SPLM/A) schliesslich einen Friedensvertrag. Das Comprehensive Peace
Agreement (CPA) sieht bereits jetzt für den Südsudan eine weitreichende Autonomie vor. Für
die Rechtssprechung bleibt hingegen die Scharia massgeblich, darf allerdings nur noch auf
Muslime angewandt werden. Diese Regelung ist angesichts des historisch belasteten
Verhältnisses nicht unproblematisch. Nach einer sechsjährigen Übergangszeit soll 2011 ein
Referendum im Südsudan entscheiden, ob dieser unabhängig wird oder Teil des Sudan bleibt.
Das Friedensabkommen ist auch aufgrund internationalen Drucks wegen der Darfur-Krise
zustande gekommen. Das Einlenken der Regierung in Khartum zum Frieden im Süden sowie
die Aufnahme von ehemaligen SPLM/A-Rebellen in die Regierung half ihr zur Verbesserung
des international angekratzten Images. Gleichzeitig hat der Frieden im Süden die Konflikte im
Osten und insbesondere in Darfur verschärft und die Rebellen in ihren eigenen Autonomiebestrebungen ermutigt.
DieRollederKirchen
Auch knapp zwei Jahre nach Unterzeichnung des CPA ist die Lage im Südsudan prekär: Eine
weitgehend zerstörte Infrastruktur, das Ausbleiben von Rohstoffeinnahmen, mangelnde
Bildung – nicht zuletzt der lokalen Beamten, die oft ehemalige Rebellen sind –, die Belastung
tausender rückkehrender Flüchtlinge, von politischen Interessengruppen angeheizte Spannungen etc., bilden unter anderen Herausforderungen, die das Land meistern muss.
Die Ökumene und kirchliche Hilfswerke könnten dabei in ihrer bereits früher eingenommenen
Rolle als Vermittler und Brückenbauer einen wichtigen Beitrag zur Friedenskonsolidierung
bilden. So trugen etwa die All Africa Conference of Churches (AACC) sowie der Ökumenische
Rat der Kirchen in ihrer Funktion als Mediatoren bei den Verhandlungen 1972 in Addis Abeba
zum Waffenstillstandsabkommen bei. Auch im Vorfeld des CPA von 2005 waren Kirchenvertreter an Friedensgesprächen beteiligt. Auf der humanitären Ebene war beispielsweise als
7
8
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
internationales ökumenisches Netzwerk Action by Churches Together (ACT), dem HEKS auch
angehört, über Jahre hinweg im Südsudan tätig. Und die sudanesischen Kirchen waren während des Konfliktes teilweise die einzigen Institutionen, die im Chaos des Krieges noch funktionierten, und somit Rettung und Zuflucht für Hungernde und Verwundete bedeuteten.
9
Sudan
Input
Friedenspotenziale
Von Marina Peter, Sudan Focal Point
Der folgende Text ist ein Auszug aus einer von Marina Peter im Juni 2004 veröffentlichten
Studie im Auftrag des Deutschen Entwicklungsdienstes und der Friedrich-Ebert-Stiftung.1
Angesichts der langen Liste von Konfliktpotenzialen könnte man schnell in Resignation verfallen. Ein Pessimismus ist besonders weit bei ausländischen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen
von (internationalen) Nichtregierungsorganisationen ([I]NGO) verbreitet. Aber auch politische
Analysten sind häufig nicht ganz frei davon. Soll man deshalb besser aufhören und die Menschen sich selbst überlassen? Wenn der eigene Pessimismus zu tief reicht, vielleicht schon in
Zynismus übergegangen ist und den Blick für positive Entwicklungen verstellt, wie bei einigen
Gesprächspartnern der Fall, sollte immer überlegt werden, eventuell an anderer Stelle tätig
zu werden. Ansonsten sollte man aber mit denen im Land zusammenarbeiten, die weiter fest
daran glauben und sich dafür einsetzen, dass die Zukunft des Sudan eine bessere wird, auch
wenn es vielleicht noch einige Zeit dauert. Ein solches Friedenspotenzial lässt sich durchaus im
Sudan ausmachen.
DieMassedersudanesischenBevölkerung,insbesondereimSüden,
istseitLangemkriegsmüde
Die wichtigsten Garanten für Frieden im Sudan sind weder (I)NGOs noch ausländische Regierungen oder UN-Friedenstruppen, sondern die Sudanesen und Sudanesinnen selbst, auch
wenn es an einigen Stellen noch gilt, ihr aufgrund des langen Krieges und der politischen
Verhältnisse verloren gegangenes Vertrauen in die eigene Kraft zu stärken. Die Masse der
sudanesischen Bevölkerung, insbesondere im Süden, ist seit Langem kriegsmüde, und hat das
in den letzten Jahren zunehmend lautstark zum Ausdruck gebracht. Dazu beigetragen haben
nicht zuletzt alle Versuche der Aussöhnung lokaler Gruppen und des Aufbaus von zivilgesellschaftlichen Kräften und Organisationen. Es sollte nicht vergessen werden, dass bei allem
internationalen Druck auf die Konfliktparteien im IGAD-Prozess (Inter-Governmental Authority
on Development) nicht zuletzt die sudanesischen zivilgesellschaftlichen Stimmen – wie etwa
Chiefs, Frauen- und Jugendgruppen, Kirchen(-führer) und Muslime, sogenannte unabhängige
Intellektuelle, aber auch einzelne Militärs – mit ihrem internen Druck und ihren Ideen dazu
beigetragen haben, dass es im Gegensatz zu früher zumindest eine gewisse Öffnung der
regierenden Eliten und politischen Verhältnisse gibt. Somit stehen wir heute vor der Unterzeichnung eines Friedensabkommens zwischen der sudanesischen Regierung und der SPLM,
das bei allen Schwierigkeiten auch die Chance für einen umfassenden Umbau der Gesellschaft
1
Marina Peter, «Sudan. Studien zur länderbezogenen Konfliktanalyse», im Auftrag von Deutscher
Entwicklungsdienst & Friedrich Ebert Stiftung, S. 35–37.
Marina Peter
Die wichtigsten Ga­
ranten für Frieden im
Sudan sind weder
(I)NGOs noch auslän­
dische Regierungen
oder UN­Friedenstrup­
pen, sondern die Su­
danesen und Sudane­
sinnen selbst, auch
wenn es an einigen
Stellen noch gilt, ihr
aufgrund des langen
Krieges und der po­
litischen Verhältnisse
verloren gegangenes
Vertrauen in die eige­
ne Kraft zu stärken.
70
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
in Richtung dauerhafter Friede, Gerechtigkeit und Demokratie bietet. Diese Chance gilt es zu
ergreifen, zudem derzeit keine wirkliche Alternative in Sicht ist.
StarkerFriedenswillevonFrauenundJugendlichen
Wie in vielen Ländern ist der Friedenswille bei sudanesischen Frauen und Jugendlichen besonders stark ausgeprägt. Die Frauen haben schon vor Jahren, unterstützt auch durch niederländische Projektmittel, damit begonnen, über die religiösen, politischen und ethnischen Grenzen
hinweg miteinander zu sprechen und sich zu vernetzen, zunächst getrennt für die nicht von
der Regierung und die regierungskontrollierten Gebiete, zunehmend aber auch über diese
«Grenze» hinweg, und haben sich neben der Versöhnungs- und Friedensarbeit zunehmend
auch in politische Debatten eingemischt. Jugendliche und junge Erwachsene haben z. B.
Musik- und Theatergruppen gegründet, in denen sie ihren Friedenswillen und ihre Unzufriedenheit mit den bestehenden politischen Verhältnissen zum Ausdruck bringen. Während des
Feldaufenthaltes in nicht von der Regierung kontrollierten Gebieten wurden Interviews mit Jugendgruppen geführt, die Treffpunkte für Jugendliche gegründet haben oder z. B. in Schulen
mit unterrichten. Die Wahlen an den Universitäten im April 2004 haben den politischen Organisationsgrad der Studenten sowie ihren Wunsch nach Veränderung der bestehenden Verhältnisse deutlich gemacht. Sowohl Frauengruppen wie die der Jugendlichen/jungen Erwachsenen
sind eindeutig als Friedenspotenzial zu bewerten. Wie bei allen anderen Gruppen gilt auch
hier, ihre Kapazitäten zu stärken und ihnen weitere Ausbildungsmöglichkeiten zu verschaffen.
Insgesamt ist die Zivilgesellschaft im Sudan zwar derzeit wegen der politischen Verhältnisse
relativ schwach entwickelt, es bilden sich aber zunehmend SINGOs (Sudanese Indigenous
NGOs).2 Ihr möglicherweise erheblich veränderndes Potenzial wurde allerdings bereits sowohl
von der sudanesischen Regierung wie der SPLM erkannt, die beide bestrebt sind, ihnen nahe
stehende GNGOs (Government related NGOs) zu etablieren oder unabhängige zu unterlaufen.
DasfriedensschaffendePotenzialreligiöserFührersolltegenutztwerden
Die Frauen haben
schon vor Jahren
damit begonnen,
über die religiösen,
politischen und eth­
nischen Grenzen hin­
weg miteinander zu
sprechen und sich zu
vernetzen, zunächst
getrennt für die nicht
von der Regierung
und die regierungs­
kontrollierten Gebiete,
zunehmend aber auch
über diese «Grenze»
hinweg.
Religiöse Gruppen und «faith based communities» bieten immer sowohl ein mögliches Friedens- wie ein Konfliktpotenzial, ganz besonders in einem Land wie Sudan, in dem die Religion
bzw. die Ausnutzung von Religion zur Durchsetzung politischer Ziele eine so zentrale Rolle
spielt. Neben den «fundamentalen» Gruppen sowohl auf muslimischer wie auf christlicher
Seite, die häufig wenig konstruktive, friedensstärkende Dialogbereitschaft zeigen, gibt es
Kirchengruppen, -organisationen und -führer und Mitglieder der Anzar, Khatmiya, Sufi-Orden
und republikanischen Brüder auf der muslimischen Seite, die ein grosses Friedens- und Versöhnungspotenzial darstellen. Die Kirchen und Kirchenräte z. B. engagieren sich seit Jahren
sowohl in der lokalen wie der IGAD-Ebene und ermöglichten es auch anderen zivilgesellschaftlichen Gruppen, z. B. in den sogenannten Entebbe-Konferenzen und in jüngster Zeit durch das
neu gegründete Institut «Reconcile» sich unter ihrem Dach zu treffen und an ihren Vorstellungen für einen demokratischen Sudan zu arbeiten. In Interviews mit den Führern der Anzar und
Khatmiya z. B. äusserten diese massiv den Wunsch nach Ausbildungsmöglichkeiten in Friedensarbeit für ihre Mitglieder, um weiter an einer friedlichen Zukunft mitwirken zu können. Ein
gelungenes Beispiel für interreligiöse Zusammenarbeit ist ein Projekt in Juba, in dem Muslime
und Christen gemeinsam an einem AIDS/HIV-Aufklärungsprogramm arbeiten. Da die meisten
Menschen im Sudan, egal welcher ethnischen Zugehörigkeit, tief religiös sind, und religiöse
Führer traditionell eine anerkannte Autorität darstellen, sollte ihr friedensschaffendes Potenzial
auf jeden Fall genutzt und gestärkt werden.
2
Zivilgesellschaftlich organisierte Gruppen haben eigentlich eine lange und politisch wichtige
Tradition im Sudan, sind aber nach 1989 in weiten Teilen zerschlagen worden.
Sudan
TraditionelleFriedens-undVersöhnungsmechanismenkönnenrevitalisiertwerden
Traditionelle Mechanismen und Strukturen der diversen Ethnien im Bereich der Friedens- und
Versöhnungsarbeit sind in einigen Gebieten kriegsbedingt oder durch gezielte politische
Massnahmen geschwächt oder sogar zerstört worden. Traditionelle Führer wurden an manchen Stellen durch regierungs- oder SPLM-freundliche Kader ersetzt. Gleichwohl gibt es noch
genügend traditionelles Wissen und Praxis in diesem Bereich, die revitalisierbar sind und auch
weiter genutzt werden. Insbesondere angesichts des gravierenden Mangels an anderen zivilen
«Institutionen» könnten traditionelle Entscheidungsmechanismen und Führungsstrukturen bei
entsprechender Förderung und Einbeziehung eine wesentliche Rolle in Richtung friedlicher
Entwicklung spielen.
PersönlichkeitenderEliteundGeschäftsleutealspotenzielleFriedensvermittler
Auch das mittlere Level der SPLM Kader z. B. kann bei entsprechender Ausbildung und Förderung durchaus ein Friedenspotenzial darstellen. Während des Feldaufenthaltes in Gesprächen
mit Verantwortlichen war im Gegensatz zu früher ein stärkeres Bewusstsein für eigene Verantwortlichkeiten, aber auch Beschränkungen und Gefahren, spürbar.
Auf beiden Seiten kommen auch sogenannte «committed personalities» als Friedenspotenzial
hinzu, sowohl aus den Reihen der Intellektuellen wie der traditionellen Chiefs und religiösen
Führer. Auch einige hochrangige Militärs sollte man dabei durchaus im Auge behalten, wie
insgesamt auch bei der SPLM und Regierungsführung stärker bei den einzelnen Personen zu
differenzieren.
Schliesslich sind noch Geschäftsleute als mögliche Garanten für Frieden und Versöhnung zu
nennen. Ein entsprechender Gesprächspartner im Süden drückte es so aus: «Business is
business, and we are not like bad politicians. Only if we mix business with politics, we have
a problem. Let everybody come and work or invest here – disregarding whether he is from
North or South, East or West of Sudan.»
InternationaleGemeinschaftalsGarantinfürdenFrieden?
Viele Sudanesen setzen aber – trotz aller Vorbehalte ihr gegenüber – auch und ganz besonders auf die «international community» als Garantin für den Frieden im Sudan. An erster Stelle
werden dabei UN-Friedenstruppen genannt, die von den meisten begrüsst werden. Die mögliche Zusammensetzung dieser Truppen wird von einigen als Problem benannt: Die meisten
Südsudanesen z. B. wollen auf keinen Fall ägyptische oder arabische UN-Angehörige in ihrem
Gebiet.
Internationale NGO können deutlich zu Frieden und Versöhnung im Sudan beitragen, unter
der Voraussetzung, dass sie dabei eng mit sudanesischen zivilgesellschaftlichen Gruppen und
einheimischen NGO zusammenarbeiten. Die internationale Staatengemeinschaft schliesslich
darf nicht, wie in anderen Fällen, nach einem Friedensschluss sich dem nächsten Konflikt
zuwenden, sondern muss in umfassendem Mass, unter möglichst grosser Zurückstellung von
Eigeninteressen, zu ihren Verpflichtungen stehen und den Sudan auf dem Weg zu dauerhaftem Frieden und Versöhnung begleiten.
71
72
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
Workshop
Einführung: Bewährungsprobe nach dem Friedensabkommen Trotz des unterzeichneten Friedensvertrages ist der Frieden im Südsudan fragil. Am Anfang
des Comprehensive Peace Agreements (CPA) steht «… gib der Einheit eine Chance». Den an
eine Einheit appellierende Satz interessiert heute niemanden mehr. Man wartet auf die Unabhängigkeit. Die Herausforderungen, mit denen der Frieden konfrontiert ist, sind indessen
zahlreich.
AllgegenwärtigesMisstrauenundaufkeimender«Tribalismus»
auchzwischendenKirchen
Hat früher ein
Chaos des Krieges
geherrscht, ist es
heute das Chaos
des Friedens. Auch
die Kirchen sind von
diesem Chaos erfasst
und nicht gefeit vor
dem aufkeimenden
Tribalismus.
Ein grosses Problem ist das allgegenwärtige Misstrauen der Menschen. Untereinander, gegenüber dem Norden, innerhalb des Südens, zwischen Norden und Süden, gegenüber der
Regierung in Khartum und gegenüber den eigenen Autoritäten. Nur wenige der Machthaber
interessieren sich wirklich für die Anliegen der Bevölkerung. Hat früher ein Chaos des Krieges
geherrscht, ist es heute das Chaos des Friedens. Auch die Kirchen sind von diesem Chaos
erfasst und nicht gefeit vor dem aufkeimenden Tribalismus. Es herrscht eine zunehmende
Konkurrenz unter den verschiedenen Kirchen. Nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages
ist bei ihnen das Bewusstsein verblasst, dass sie gemeinsam vorgehen müssten, um «das zarte
Pflänzchen Frieden zu einem kräftigen Baum wachsen zu lassen». Alte Risse, während des
Krieges verkittet, brechen wieder auf.1
DerKomplexitätdesLandeswirdbeiderSuchenachFriedenkaumRechnung
getragen
Ebenfalls problematisch ist, dass beim Suchen nach Lösungen für den Sudan immer nur auf
eine Region fokussiert wird und die anderen ausgeblendet werden. Welcher Einfluss haben die
Konflikte in Darfur oder im Osten auf die Geschehnisse im Süden und umgekehrt? Die Komplexität des Landes muss bei der Ausarbeitung von Lösungsvorschlägen für einen friedlichen
Sudan berücksichtigt werden. Während des Inclusiveness-Verfahrens etwa, dessen Vorgehensweise wohl ein wichtiger Beitrag zum Zustandekommen des CPA war, wurden Vertreter aus
Darfur und dem Osten des Landes nicht einbezogen, weil deren Einbezug als zu langwierig
und zu kompliziert eingestuft wurde. Der Ansatz des Inclusiveness-Vorgehens ist es, eine möglichst heterogene Repräsentanz der sudanesischen Gesellschaft einschliesslich Vertretern der
Rebellen und Militärs in Friedensgepräche mit einzubeziehen und sie aktiv an der Erarbeitung
einer einschliessenden Vision eines Nachkriegssudans teilhaben zu lassen.
1
Der Artikel «Brüchiger Friede. Sudan 2006 und die Rolle der Kirchen» von Nikolaus Schneider in der
Zeitschrift «eins – Entwicklungspolitik. Information Nord-Süd» beschreibt die heutige Situation der
Kirche im Sudan gut (7/8 2006), S. 60–62.
Sudan
DerZustrominternationalerHilfsorganisationenlösteinen«Goldrausch»aus
Eine weitere Herausforderung sind die vielen Hilfsorganisationen, die seit dem Friedensabkommen in die Region eindringen. Einerseits werden die lokalen Kirchen überhäuft mit Anfragen
internationaler NGO, was leicht zu Überforderungen führen kann, andererseits treibt die Präsenz und Kaufkraft der ausländischen Organisationen Preise vor Ort in astronomische Höhen.
Das humanitäre Engagement bringt Geld, vom «Goldrausch» im Südsudan will jeder profitieren. Die Kirchen sind davon nicht ausgenommen.
DasChristentumalsverbindendesElement,einFriedenspotenzial
Wichtig für einen dauernden Frieden im Südsudan ist es zu verhindern, dass der vormalige
ökumenische Geist nicht ganz verblasst. Die Kirchen könnten wie schon zu Kriegszeiten eine
wichtige Rolle in der Versöhnungsarbeit und Friedenskonsolidierung einnehmen. Schliesslich
bildet das Christentum häufig das einzige verbindende Element zwischen den verschiedenen
Parteien und ethnischen Gruppierungen im Südsudan.
Erkenntnisse während des Workshops:
Die Kirchen haben in der Konfliktgeschichte des Südsudans unterschiedliche Rollen eingenommen:
>
DieRollederKonfliktpartei
Der Nord-Süd-Konflikt wurde oft als Religionskrieg zwischen dem islamischen Norden und
dem christlichen Süden dargestellt. Effektiv handelte es sich aber um eine Instrumentalisierung
von Religion. Die südsudanesischen Kirchen standen unter Beobachtung der Regierung im
Norden. Dies hatte zur Folge, dass wer mit den südsudanesischen Kirchen zusammenarbeitete, automatisch als Teil der SPLM/A angesehen wurde.
>
DieRollederDiplomatin
Als die südsudanesische Befreiungsbewegung entlang ethnischer Linien gespalten wurde,
wurde dies auch für die Kirchen zu einem Problem. Fortan sahen sie ihre Rolle auf der
diplomatischen Ebene. Erfolglos versuchten die Kirchen, die verfeindeten Leader der Rebellenbewegung zu versöhnen.
>
DieRollederVersöhnerinaufBasisebene
Schliesslich begann die Kirche, sich Gedanken über ihre wahre Rolle zu machen: Wie sie auf
Basisebene wirken könnte. Denn die Kämpfe zwischen den verfeindeten Parteien innerhalb
des Südens forderten mehr Opfer als diejenigen zwischen dem Norden und Süden. Die
Kirchen starteten einen «people to people»-Prozess. Es ging darum, verfeindete Gemeinden
mit traditionellen und modernen Methoden miteinander zu versöhnen.
>
DieRollederVermittlerinbeidenoffiziellenFriedensgesprächen
In ihrer Rolle als Vermittlerin bei den Friedensgesprächen in Nairobi brachten die Kirchen
Vertreter vom Süden und dem Norden an den Verhandlungstisch. Diese wichtige Rolle wird
häufig unterschätzt.
>
Heute:ProzessderNeudefinierungihrerRolle
Heute befinden sich die Kirchen im Südsudan in der schwierigen Position der Neudefinie-
7
74
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
rung ihrer Rolle. Die Rolle als Herausfordererin der Mächtigen haben sie verloren, auch als
Vertreterinnen der Armen werden sie nicht mehr unbedingt wahrgenommen. Nach wie vor
besteht aber bei den Leuten die Erwartung, dass Kirchen die «moralische Stimme» sein sollen.
Sie seien in der Position, die Wahrheit zu erzählen, und sollten damit auch fortfahren. Die
Wahrheit ist unweigerlich mit der Frage nach Gerechtigkeit verbunden. Und diese umgehen
die südsudanesichen Kirchen derzeit noch. Denn Teile ihrer Mitglieder waren selbst in Ungerechtigkeiten involviert. Die Zeit ist noch nicht reif, um über Gerechtigkeit und Versöhnung zu
reden.
>
DieKirchensindheutemitzweigrossenThemenkonfrontiert:
StellungbeziehenunddieFragedesrichtigenZeitpunkts
Zwei grosse Fragen, die sich die Kirchen im Südsudan heute stellen müssen, sind die des
Lobbying und des richtigen Zeitpunktes: Bei der ersten geht es darum, Stellung zu beziehen
und sich mit einer guten Öffentlichkeitsarbeit dafür einzusetzen, dass das CPA nicht durch
Fehlinformationen untergraben wird. Die zweite bezieht sich auf den sinnvollen Zeitpunkt, um
sich mit Gerechtigkeit und Versöhung auseinanderzusetzen. Obwohl auf Basisebene kleinere
Schritte unternommen worden sind, ist die Grundlage für Versöhnungsarbeit noch nicht geschaffen. Fragen nach Gerechtigkeit und Versöhnung sind (noch) zu gefährlich.
Biografien
V Biografien
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Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
MôBleeker
Mô Bleeker (geb. 1958) ist Programmbeauftragte für Vergangenheitsarbeit im Eidgenössischen
Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA, Abteilung IV, Menschliche Sicherheit). Seit
1984 ist sie als Beraterin und Programmbeauftragte in der Entwicklungszusammenarbeit tätig
und arbeitete auf dem Balkan, in Asien, Afrika, Zentralamerika und im Nahen Osten. Sie gilt
heute als ausgewiesene Expertin in den Bereichen Konflikttransformation, Vergangenheitsarbeit, Transitional Justice, Mediation und Versöhnung. 2003 und 2004 beriet sie die Schweizer
Botschaft in Guatemala bei der Förderung des angelaufenen Friedensprozesses.
Aktuelle Publikationen sind: Exils et résistances du peuple salvadorien (L’Harmattan, 1995);
Colombia: Conflict Analysis and Options for Peace Building Assessing Possibilities for Further
Swiss Contributions (Koff report, 2003); Dealing with the past, critical issues, lessons learned
and challenges for future Swiss policy (Koff working paper, August 2004); Dealing with the
past and transitional justice: creating conditions for peace, human rights and the rule of law
(Conference paper 1/2006, EDA).
DieterBrandes
Pfarrer Dieter Brandes leitet seit August 2004 das Projekt «Healing of Memories». Er arbeitet
ausserdem am Aufbau eines europäischen Netzwerks kirchlich-ökumenischer Versöhnungsprojekte zur Dritten Europäischen Ökumenischen Versammlung, die 2007 in Sibiu, Rumänien
stattfinden wird. Brandes studierte Theologie und Wirtschaftswissenschaften. Er lehrte mehrere Jahre Betriebswirtschaft in Ravensburg. Von 1977 bis 1991 war er als Pfarrer in zwei württembergischen Gemeinden tätig. Von 1991 bis 1999 hatte er Leitungsfunktionen in verschiedenen Organisationen in Diakonie und Ökumene inne. Brandes beteiligte sich massgeblich
an der Neuordnung der ökumenischen Beziehungen des Diakonischen Werks in der Region
Südosteuropa.
ArneEngeli
Arne Engeli hat Politologie studiert und war zwanzig Jahre Leiter des evangelischen Tagungszentrums Schloss Wartensee, Rorschacherberg. Von 1993 bis 2001 arbeitete er bei HEKS als
Programmbeauftragter für das ehemalige Jugoslawien und verfasste das HEKS-Konzept für
Friedensarbeit mit. 1992 war er Mitbegründer von «Gemeinden und Gemeinsam Schweiz»
sowie des Regionalkomitees Bodensee-Rhein mit der Partnerstadt Sombor in der Vojvodina,
für das er noch heute, vor allem bezüglich Austauschprogrammen für Jugendliche, ehrenamtlich als Programmkoordinator tätig ist. Er ist Geschäftsführer der von ihm mitbegründeten
Stiftung «Kriegstrauma-Therapie» und ist Mitglied des Stiftungsausschusses «Kinderdorf Pestalozzi» in Trogen.
GretHaller
Gret Haller (geb. 1947) ist Juristin. Sie war vor allem als Politikerin und später auch als Diplomatin tätig. Sie gehörte der Berner Stadtregierung an (1985 – 1988), später dem Schweizerischen Parlament (Nationalrat), das sie 1993/1994 auch präsidierte. Gleichzeitig wirkte sie
in den Parlamentarischen Versammlungen des Europarates und der OSZE mit. Bis 1996 war
sie als Schweizer Botschafterin beim Europarat in Strassburg tätig, um dann für fünf Jahre als
Biografien
Menschenrechtsbeauftragte der OSZE in Sarajevo zu wirken. Seit 2000 ist Gret Haller ausschliesslich publizistisch tätig und hat vor allem ihre Erfahrung aus Bosnien in zwei Büchern
ausgewertet: «Die Grenzen der Solidarität. Europa und die USA im Umgang mit Staat, Nation
und Religion» ist 2002 erschienen, 2004 in italienischer Übersetzung, und eine englische
sowie eine bosnische Übersetzung werden 2006 erscheinen. «Politik der Götter. Europa und
der neue Fundamentalismus» ist eine 2005 erschienene Ergänzung dazu, die 2006 auch in
französischer Sprache erscheinen wird.
TildyHanhart
Tildy Hanhart war von 1977 bis 1998 Medienbeauftragte von HEKS und während vieler Jahre
Leiterin des Bereichs Kommunikation. Danach war sie teilzeitlich kantonale OeME-Beauftragte
Schaffhausen (Ökumene, Mission, Entwicklung) sowie Beauftragte des Schweizerischen Programms zur Unterstützung des Friedensprozesses in Südmexiko, PROPAZ Suiza-Chiapas. Heute
ist sie zuständig für die Lobby- und Advocacy-Arbeit von PROPAZ im Auftrag der Trägerschaft
(Caritas-Schweiz, Fastenopfer, HEKS) und des Patronats (Brot für alle, Bischofskonferenz, Kirchenbund), in Zusammenarbeit mit dem Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA.
FrayGonzaloItuarteVerduzco
Gonzalo Ituarte ist seit 2005 Provinzial der Dominikaner in Mexiko. 1970 trat er dem Dominikanerorden bei. 1978 wurde er Priester der grossen Pfarrei Ocosingo in der Diözese von San
Cristóbal de las Casas in Chiapas. Er gehörte 1989 zu den Mitbegründern des Menschenrechtszentrums «Centro de Derechos Humanos Fray Bartolomé de las Casas», wo er bis heute
im Vorstand mitarbeitet. 1994 wurde Ituarte Sekretär der Nationalen Versöhnungskommission
– «Comisión Nacional de Intermediación (CONAI) para el Diálogo y la Negociación por la Paz
en Chiapas y México». Bischof Samuel Ruiz, Mediator der Friedensverhandlungen zwischen
der EZLN und der Regierung, präsidierte sie. Seit 1995 arbeitet Ituarte im «Patronato del
Consejo Internacional Interreligioso de Paz». 2003 wurde er zum bischöflichen Vikar der
Diözese San Cristóbal ernannt.
RobertLayson
Robert Layson ist seit 1997 als katholischer Priester in Pikit (Provinz Cotabato) tätig und leitet
das «Disaster Response Team», das in Notsituationen Hilfeleistungen zwischen NGOs und der
Regierung koordiniert. Er ist zudem Mitglied des Mindanao Peoples Caucus (MPC), einem
Zusammenschluss von über 50 Leitern von Basisorganisationen in Mindanao. Im Jahr 2002
wurde Layson mit dem «Pax Christi International Prize for Peace» ausgezeichnet. Für nationales Aufsehen sorgte er 2003 mit seinem Einsatz für Hunderttausende von intern Vertriebenen auf Mindanao. Kürzlich wurde er zum Koordinator für interreligiösen Dialog im Ministry
of Archdiocese von Cotabato berufen.
JohnNduna
John Nduna, geboren in Sambia, engagiert sich seit über zwanzig Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit. Zwischen 1987 und 1999 war er als Mitarbeiter des UN-Flüchtlingshochkommissariats und des Lutherischen Weltbundes (LWB) für die Erarbeitung und Koordination
von Flüchtlings- und Rückkehrprogrammen in Sambia, Moçambique und Tansania zuständig.
Später leitete er die Church Ecumenical Action im Sudan (CEAS), die eine wichtige Rolle in den
sudanesischen Friedensverhandlungen spielte. Seit April 2006 ist Nduna Direktor von «Action
by Churches Together» (ACT) International. ACT ist eine internationale ökumenische Vereini-
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78
Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
gung von Kirchen und Partnerorganisationen, die sich weltweit für Menschen und Gemeinschaften in humanitären Notsituationen einsetzt. Gegründet wurde die in Genf ansässige ACT
vom LWB und dem Ökumenischen Rat der Kirchen.
TatjanaPeric
Tatjana Peric beschäftigt sich seit 1998 wissenschaftlich mit der Menschenrechtslage der
Roma in Südosteuropa. Zuvor absolvierte sie das «Religion, Human Rights and Religious
Freedom Program» der Columbia University in New York, in ihrem Lizenziat (MA), das sie an
der University von Essex (GB) ablegte, befasste sie sich mit dem Thema «Theorie und Praxis der
Menschenrechte». Als Wissenschaftlerin des European Roma Rights Center (ERRC) betrieb sie
in den meisten südosteuropäischen Ländern Feldforschung. Zurzeit arbeitet Tatjana Peric als
Beraterin beim «UNDP Program on economic and social rights of Roma, refugees and internally displaced persons in southeast Europe». In diesem Sommer wurde sie zur Direktorin des
Büros für Roma-Integration der Provinz Vojvodina gewählt.
MarinaPeter
Marina Peter studierte Germanistik, Geschichte und Soziologie und hat ein Diplom in Interkulturelle Beziehungen. Sie arbeitete unter anderem viele Jahre als leitende Referentin für
Mitarbeiterfortbildung in der Erwachsenenbildung im Bereich politische Bildung, interkulturelles und entwicklungsbezogenes Lernen. Seit Langem beschäftigt sie sich mit der politischen
und sozialen Situation im Sudan und bereist das Land regelmässig. Seit 1997 leitet sie das
europäische Büro des Sudan Focal Point/Sudan Ecumenical Forum – ein weltweites ökumenisches Netzwerk aus NGOs und Kirchen(räten) unter dem Dach des Weltkirchenrates. In
enger Zusammenarbeit mit den sudanesischen Kirchen sind die Hauptaufgaben des Focal
Point politische Analyse und Informationsarbeit sowie Lobbying und Advocacy zu Friedensund Menschenrechtsfragen.
FranzSchüle
Franz Schüle (geb. 1942) ist seit 1998 Zentralsekretär beim HEKS, wo er zwischen 1982 und
1997 bereits den Europadienst leitete. Zuvor war er Gemeindepfarrer in Uster und Mitbegründer der Bewegung der Dritte-Welt-Läden in der Schweiz. Er studierte Ökonomie und Theologie in Zürich in den 1960er Jahren und absolvierte im Anschluss ein Nachdiplomstudium am
United Theological College in Bangalore (Indien), wo er zu neokolonialistischen Elementen in
den Beziehungen der Schweiz zu Indien forschte.
Dank
Dank
Die HEKS-Fachkonferenz «Zwischen Krieg und Frieden: Die Rolle der Kirchen in Versöhnungsprozessen» war mit rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Kreisen der Hilfswerke,
Kirchen, Universitäten sowie anderen Interessierten für HEKS ein wichtiger Zwischenhalt in
seiner Arbeit. Dank der Anwesenheit von Fachleuten wie den Rednerinnen und dem Redner
am Morgen Mô Bleeker, Gret Haller und Franz Schüle sowie den Gastreferenten und
-referentinnen in den Workshops am Nachmittag wurde die Breite möglicher Aktionsfelder
kirchlicher Versöhnungsarbeit aufgezeigt und reflektiert. Dem aus den Philippinen angereisten
Priester Robert Layson, Fray Gonzalo Ituarte aus Chiapas, Tatjana Peric aus Serbien, Marina
Peter, die den erkrankten John Nduna im Workshop zum Sudan ersetzte, und Pfarrer Dieter Brandes, beide aus Deutschland, danken wir ganz herzlich, dass sie uns Einblick in ihre
Friedens- und Versöhnungsarbeit gegeben und uns gezeigt haben, dass die Hoffnung auf
Frieden und Gerechtigkeit eine treibende Kraft ist, die auch bei widrig erscheinenden Umständen nicht versiegt. Ebenfalls ein grosses Dankeschön geht an Beat Dietschy, Arne Engeli,
Andreas Hess, Jonathan Sisson und an Reinhild Traitler, die die Workshops dank ihrem umfassenden Wissen kompetent moderiert haben, an die beiden Tagungsbeobachterinnen Cécile
Bühlmann und Kristin Rossier-Buri für ihre zusammenfassenden Worte und Fragen sowie an
den Cartoonisten Max Spring für seine prägnante Feder, mit der er seine Eindrücke des Tages
festgehalten hat. Dank gilt auch den Teilnehmenden des Abendpodiums: Michael Gleich,
Thomas Greminger, Thania Paffenholz und Thomas Wipf.
Die Politische Abteilung IV Menschliche Sicherheit des Eidgenössischen Departements für
auswärtige Angelegenheiten EDA trug die Tagung finanziell mit. Einen konzeptionellen Beitrag
zum Programm und den Workshops leistete das Kompetenzzentrum für Friedensförderung
KOFF. Für diese Partnerschaft danken wir den beiden Stellen bestens.
Zuletzt gebührt ein herzlicher Dank dem Organisationskomitee der Fachkonferenz – im Speziellen Lukas Zürcher sowie den aktiv beteiligten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von HEKS.
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Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
Anhang
Links
HEKS-Projekte
HEKS engagiert sich in den in der Fachtagung diskutierten Regionen Mexikos, der Philippinen,
Rumäniens, Serbiens und des Südsudans mit konkreten Projekten:
Mexiko, Chiapas
«PeaceWatchSüdmexiko»–FreiwilligeneinsatzinSüdmexiko
Aus der Schweiz nehmen im Rahmen des Projekts «Peace Watch Südmexiko» rund 20 Freiwillige an einem Einsatz in den südmexikanischen Friedenscamps teil. Eine gute Vorbereitung ist
wichtig für den Einsatz vor Ort. HEKS unterstützt mit einem jährlichen Beitrag diese Vorbereitung.
CodimujisteinNetzwerklokalerFrauengruppenzurStärkungihrerRechte
HEKS finanziert einen Teil der Bildungsaktivitäten in der Region Tzotzil. Zudem unterstützt
das Hilfswerk 2006 bis 2007 den Erweiterungsbau des Kurs- und Begegnungszentrums von
Codimuj in San Cristóbal. Dieses Zentrum wird für die Frauen ein wichtiger Ort der Begegnung
werden.
FriedensprogrammPROPAZ–Friedensförderungdurch
gewaltfreieKonfliktbearbeitung
HEKS koordiniert das Programm der drei Schweizer Hilfswerke Fastenopfer, Caritas und HEKS.
Es beinhaltet die Förderung der Kompetenz von lokalen Akteuren in der Konfliktbearbeitung.
Die drei Hilfswerke engagieren sich im Rahmen des Propaz-Programms zusätzlich und auf
internationaler Ebene für die Reduktion des Konfliktpotenzials in Südmexiko. Das Programm
wird von der Schweizer Regierung (EDA/PAIV) zu rund 80 Prozent kofinanziert.
Philippinen, Mindanao
NeueExistenzfürFlüchtlinge
Wenn die vom Konflikt vertriebenen Familien wieder nach Hause zurückkehren, finden sie oft
nur Zerstörung vor und niemanden, der ihnen beisteht. Hier setzt das HEKS-Projekt ein. Mit
Unterstützung von HEKS können die zurückgekehrten Bauernfamilien nun ihre Landwirtschaft
wieder aufbauen und gleichzeitig verbessern, so dass sie ein höheres Einkommen erzielen.
MitBildungdieEntwicklungfördern
HEKS unterstützt auf der philippinischen Insel Mindanao Jugendliche aus armen Familien mit
einem Stipendium, das ihnen erlaubt, sich eine Fachausbildung anzueignen.
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Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
Rumänien
EinSpitexdienstfürältereMenschen
Ältere Menschen in Rumänien haben es schwer. Die Inflation hat ihre Renten praktisch wertlos
gemacht, die frühere staatliche Krankenpflege ist zusammengebrochen, ein Ersatz fehlt. HEKS
hilft: In der Stadt Sf. Gheorghe und ihrer Umgebung hat die lokale HEKS-Partnerorganisation
DIAKONIA einen Hauspflegedienst (Spitex) für betagte Menschen aufgebaut.
WeiterbildunginGemeindearbeit
Die ungarisch-reformierte Kirche in Rumänien ist in einer schwierigen Lage. Die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen im Land sind schlecht. Das Erbe der kommunistischen Zeit
ist vor allem im kirchlichen Umfeld immer noch überall zu spüren. Der Bildungsbereich war
während der Zeit des Diktators Ceausescu streng überwacht, und das entstandene Vakuum
zeigt bis heute Nachwirkungen. Die pastoralpsychologische Ausbildung ist eine Weiterbildung,
welche bis vor kurzem nur an ausländischen Universitäten angeboten wurde. Die Stiftung
für Jugend und Diakonie (KIDA) hat sich nun im Auftrag der ungarisch-reformierten Kirche in
Siebenbürgen darum bemüht, sie nach Rumänien zu bringen.
IntegrationshilfefürbehinderteKinder
Die gegenwärtige soziale und wirtschaftliche Situation Rumäniens auf dem beschwerlichen
Weg vom Kommunismus zur freien Marktwirtschaft hat dazu geführt, dass sich die Lebensqualität für die Mehrheit der Bevölkerung verschlechtert hat. Besonders betroffen sind Familien mit behinderten Kindern. Sie erhalten kaum staatliche Unterstützung, ihre Integration ist
äusserst schwierig. Der langjährige HEKS-Projektpartner «Pro Educatione» versucht mit einem
heilpädagogischen Ambulatorium hier anzusetzen.
Serbien
BildungmachtRoma-Kinderstark
Roma werden in Serbien ausgegrenzt und benachteiligt; seit dem Krieg sind sie immer wieder
leichte Opfer von Übergriffen nationalistischer Extremisten. Zwei Drittel der Roma-Bevölkerung
sind jünger als 25 Jahre, die wenigsten von ihnen haben eine Schule besucht. Das ökumenische Hilfswerk EHO (Ecumenical Humanitarian Organisation) fördert als lokaler HEKS-Partner
die Einschulung und Integration der Roma.
BetagtenbetreuungdurcharbeitsloseFreiwillige,Vojvodina
Die nordserbische Provinz Vojvodina leidet seit dem Krieg unter hoher Arbeitslosigkeit, alarmierender Verarmung und starker Überalterung der Bevölkerung; junge Menschen wandern
in die Städte und ins Ausland ab, weil ihnen Zukunftsperspektiven fehlen. Das ökumenische
Hilfswerk EHO versucht auf innovative Art, dieser Entwicklung entgegenzusteuern.
ZwischenkirchlicheHilfeinderVojvodina
Die reformierte Kirche in der Vojvodina ist eine Minderheitenkirche; zu ihr gehört die seit
Jahrhunderten ansässige ungarischstämmige Bevölkerung, soweit sie nicht katholisch ist. Die
Minderheiten sind seit 1989 durch die nationalistische Zentralisierungspolitik des serbischen
Staates und durch die 300 000 serbischen Flüchtlinge aus Bosnien, Kroatien und dem Kosovo
HEKS Projekte
unter Druck geraten. Mit einem jährlichen Beitrag unterstützt HEKS die kirchliche Jugend- und
Altenarbeit und ermöglicht Beiträge für Pfarrstellen.
Südsudan UnterstützungdesSudanFocalPoint
HEKS unterstützt den Sudan Focal Point als wichtiges Instrument zur Informationsbeschaffung
und Lobbyarbeit zu Sudan-relevanten Themen.
UnterstützungvonInitiativenderZivilgesellschaft
HEKS unterstützt Initiativen der lokalen Zivilgesellschaft als wichtiger Stütze zur Konsolidierung
der Nachkriegsgesellschaft. Friedensförderungs- und Versöhnungsarbeit gehören dabei genauso zum Programm wie konkrete Investitionen in die wiederzubelebende Land- und Viehwirtschaft sowie die Wasserinfrastruktur.
Detaillierte Angaben zu diesen und weiteren HEKS-Projekten sind auf der Homepage von
HEKS zu finden: www.heks.ch Links
Sudan
Action by Churches Together (ACT) International: www.act-intl.org
Sudan Forum: www.sudan-forum.de/main.html
Mexiko
Gruppe direkte Solidarität mit Chiapas: www.chiapas.ch
OeME – Oekumene Mission Entwicklung, Reformierte Kirchen der Schweiz: www.oeme.ch
Peacewatch: www.peacewatch.ch
PROPAZ Suiza: www.propazsuiza.org
Swiss Pro_ILO 169: www.swissproilo169.ch
Rumänien
Die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa – Leuenberger Kirchengemeinschaft
– (GEKE): http://lkg.jalb.de/lkg/jsp/lkg.jsp?side_id=3&lang=de
Institute for Healing of Memories South Africa: www.healingofmemories.co.za
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Fachtagung Zwischen Krieg und Frieden
Philippinen
Peace Counts Project: www.peace-counts.org/eng/practice_148_start.html
Mindandao Peace Weavers:
http://zamboangajournal.blogspot.com/search/label/Mindanao%20Peace%20Weavers
Serbien
Ecumenical Humanitarian Organization – EHO: www.ehons.org/eng/onama.php
Bleeker Mô, Expertin für Vergangenheitsarbeit, Politische Abteilung für Menschliche Sicherheit
EDA: www.eda.admin.ch/eda/en/home/topics/peasec/peac/confre/depast.html
Bühlmann Cécile, Geschäftsleiterin cfd: www.cfd-ch.org und www.cecile-buehlmann.ch
Dietschy Beat, Zentralsekretär Brot für alle: www.bfa-ppp.ch
Gleich Michael, Publizist und Projektleiter Peace Counts: www.peace-counts.org
Greminger Thomas, Chef der Politischen Abteilung für Menschliche Sicherheit EDA:
www.eda.admin.ch/eda/de/home/dfa/orgcha/sectio/pad/pad4.html
Haller Gret, Publizistin und ehemalige Ombudsfrau für Menschenrechte in Bosnien:
www.grethaller.ch
Paffenholz Thania, friedenspolitische Beraterin und Universitätsdozentin: www.iued.unige.ch
und www.berghof-center.org
Peric Tatjana, Menschenrechtsexpertin und ehemalige Mitarbeiterin EHO:
www.policy.hu/peric/
Rossier­Buri Kristin: Ratsmitglied Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund SEK:
www.sek.ch
Sisson Jonathan, Mitarbeiter Kompetenzzentrum für Friedensförderung KOFF:
www.swisspeace.org
Spring Max, Cartoonist: www.maxspring.ch
Traitler Reinhild, European Project for Interreligious Learning – EPIL: www.epil.ch
Wipf Thomas, Vorsitzender Schweizerischer Rat der Religionen und Präsident SEK:
www.sek.ch
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