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MALLORCA
AKTUELL
10 Palma soll auch sonntags
Shoppingstadt werden
8 Ummelden oder nicht? Neues
zum Kennzeichen D
„Ich hoffe, dass sie jetzt aufhorchen”
Fritz Seikowsky,
dessen Haus in
Llucalcari nach
einem höchstinstanzlichen
Urteil abgerissen
wird, hat seine
Drohung
wahrgemacht: Er
mobilisiert die
deutschen
Medien. „Bild”
schreibt bereits
vom „Häuserkrieg
auf Mallorca”.
Jetzt will der
wütende
Hausbesitzer auch
noch eine
Sammelklage
gegen Besitzer
von Häusern mit
ähnlicher
Rechtslage
anstreben
VO N
ANJA MARKS
F
ritz Seikowsky steht
vor den Trümmerteilen seines Hauses,
im Hintergrund weht ein
großes Laken mit den
Worten „GOB y Fiol – pare esta injusticia!“ – stop-
„Die kriegen mich so nicht klein”: Fritz Seikowsky auf der Terrasse seines halb zerstörten Hauses bei Deià. Fotos: privat
pen Sie diese Ungerechtigkeit! Kameraleute des
Fernsehsenders Sat1 laufen über das Gelände und
filmen, Bildreporter waren schon dort, RTL Exklusiv und das ZDF haben sich angekündigt,
Spiegel Online ist interessiert. „Die kriegen mich
so nicht klein“, sagt Seikowsky kampfbereit.
Jetzt ist er richtig wütend und hat seine erste
Ankündigung
schon
wahr gemacht: Falls es
hier tatsächlich zum Abriss kommen sollte, dann
werde es einen richtigen
Medienrummel
geben.
„Häuserkrieg auf Mallorca” titelte „Bild” in der
Ausgabe vom Dienstag
und fügte – in sehr freier
Auslegung der Tatsachen
– hinzu: „Spanier wollen
900 deutsche Immobilien
abreißen.”
„Ich hoffe natürlich,
dass nun auch die spani-
schen
Medien aufhorchen und die Umweltgruppe GOB, Richter Fiol
und die Inselregierung
endlich aus ihren Schneckenhäusern herauskommen müssen.“
Und noch eine zweite
Drohung will Seikowsky
wahrmachen, und darauf
bezieht sich der Zusatz in
der Bildzeitung. Rund 800
bis 1000 Häuser, die unter
den selben Bedingungen
gebaut wurden wie die
Llucalcari-Villen, gebe es
seines Wissens alleine im
Tramuntana-Gebirge. Zu
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Mallorca Magazin 5/2012
„Stoppen Sie diese Ungerechtigkeit” hat Fritz Seikowsky auf ein
Laken gepinselt. Die Nachricht ist an die Umweltgruppe GOB und
den zuständigen Richter in Palma adressiert. Unterdessen gehen
die Abrissarbeiten weiter.
mindest gegen einen Teil
werde er eine Sammelklage anstreben. „Das könnte für uns der Weg zum
Ziel sein. Wenn auch nur
einer dieser Hausbesitzer
angezeigt und auf Abriss
verklagt wird, ist sein Besitz ab dann zumindest
unverkäuflich.” Außerdem: „So viele Abrisse
kann Mallorca nicht finanzieren. Dann müssen
diese Häuser endlich legalisiert werden. Und in
der Folge auch unsere.
Selbst wenn wir sie dann
nochmal aufbauen müssen.“
Allerdings gebe es unter den besagten Hausbesitzern wohl auch Mitglieder des GOB und der
Inselparteien.
„Kein
Wunder, dass die das
nicht anfassen.”
Dabei ist es Seikowsky
wichtig zu betonen, dass
es hier nicht um den Auf-
schrei eines deutschen
Villenbesitzers geht, der
laut rechtmäßigem Urteil
sein Haus verliert und
nun auf die mallorquinischen
Behörden
eindrischt. Vielmehr ist er
verzweifelt über ein Kapitel „absurder Rechtsgeschichte” auf Mallorca,
das nun schon seit mehr
als 20 Jahren andauert
(siehe auch MM 03/11). Bereits vor Monaten habe er
auf Anraten seiner Anwälte offiziell Klage gegen den Abrissplan für
sein
Haus
eingelegt.
„Nachdem wir die Abrisspläne und das Ergebnis der Zerstörung der
beiden anderen Häuser
gesehen haben, war klar:
Diese Arbeiten erfüllen in
keiner Weise das Urteil,
welches eine vollständige
Renaturierung verlangt.
Wir haben umfangreiche
Gutachten darüber vorge-
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MALLORCA AKTUELL
legt, wie dieser ökologische Rückbau erfolgen
müsste. Da diese Renaturierung mehrere Millionen Euro kosten würde –
Geld, das die Gemeinde
nicht hat – ist es natürlich
unsere Hoffnung, dass
der verantwortliche Richter Fiol und der Kläger
GOB endlich zur Besinnung kommen und sich
für eine konstruktive Lösung öffnen.“
Eine Antwort auf die
Klage gab es bis heute
nicht, statt dessen begann
die Abrissfirma unter
Aufsicht von Deiàs Bürgermeisters Jaume Crespi
vergangene Woche mit
den Abrissarbeiten.
Und sie haben es
scheinbar sehr eilig: „Das
muss man sich mal vorstellen, die haben sogar
am Samstag und Sonntag
gearbeitet, so, als müsse
alles ganz schnell gehen,
bevor am Ende doch noch
ein Einspruch des Richters kommt.“
Ob das trotz Urteils in
letzter Instanz tatsächlich
rechtens ist, will Seikowsky noch mehrfach prüfen lassen. Der GOB hatte
Ende der 80er Jahre gegen den Bau der Häuser
geklagt, weil der für die
Baugenehmigung
notwendige
Flächennutzungsplan nicht vorlag.
Dieser „Plan de Protección Territorial“ wurde allerdings 1999 von der Gemeinde Deià genehmigt,
woraufhin der damalige
Bürgermeister im Namen
der Hausbesitzer Einspruch gegen das 1992 erteilte Abrissurteil einlegte.
Ein Skandal sei es,
dass bis heute die Genehmigungen nicht nachträglich wieder erteilt wurden. „Unter diesen Umständen ist Spanien – ein
Kernland der EU – für
mich kein Rechtsstaat
und kein Land, in dem
man sich als Deutscher in
seinen Eigentums- und
Bürgerrechten geschützt
fühlen kann”, meint Sei
kowsky.
Viele Artikel auf dem Samstags-Flohmarkt in Palma stammen aus dem Müll. Foto: J. Aguirre
Armut wird zur
„Volkskrankheit”
Studie: Ein Viertel der Inselbevölkerung ist von Armut
und sozialer Ausgrenzung bedroht
J
eder vierte Balearen-Bewohner ist von Armut
und sozialer Ausgrenzung
bedroht.
Zu
diesem
Schluss kommt eine Studie
des Europäischen Netzwerks
gegen
Armut
(EAPN), die am Montag in
Madrid vorgestellt wurde.
Die Daten stammen aus
dem Jahr 2010.
Gegenüber dem Jahr
2009 ist der genannte Personenkreis um 2,2 Prozent
auf insgesamt 271.148 angewachsen. Der prozentuale Anstieg entspricht
dem nationalen Durchschnitt.
Allerdings gibt es nach
wie vor deutliche regionale
Unterschiede: Die meisten
von Armut Bedrohten gab
es 2010 in der Extremadura
(41,5 Prozent der Bevölkerung), die wenigsten in
Aragón (15,9 Prozent). Insgesamt sind laut EAPN
11,5 Millionen Spanier von
Armut betroffen oder bedroht, 25,5 Prozent der Gesamtbevölkerung und eine
Million mehr als im Jahr
2009.
Die Balearen liegen im
Negativ-Ranking der Regionen an siebter Stelle.
Dem Netzwerk zufolge leiden 50.000 der genannten
271.148 Inselbewohner unter starken Entbehrungen.
Die Studie kommt zu
dem Schluss, dass der
„Zuwachs der von Armut
bedrohten um eine Million
ein Indikator dafür ist, welche verheerenden Konsequenzen die Krise auf den
Wohlstand der Spanier
hat”. Die Autoren betonen
daher die Dringlichkeit
von Reformen zum Schutz
der Bürger.
Dass es auf Mallorca vielen Menschen schlecht
geht, sieht man auch auf
dem Samstags-Flohmarkt
im Industriegebiet Son
Fuster. Eine Reportage in
der MM-Schwesterzeitung
„Ultima Hora” machte
deutlich, dass der „Rastro”
eine Art Gradmesser der
Armut ist.
Immer mehr Menschen
versuchen, ihre klamme
Haushaltskasse
wenigstens um ein paar Euro aufzubessern. Etwa die arbeitslose
Versicherungskauffrau Pilar, die sich bei
den Marktständen für die
„Neuen” eingereiht hat,
um abgetragene Kleidungsstücke zu verkaufen,
die ihr Familienangehörige
oder Freunde hinterlassen.
Auch das Angebot des
Flohmarkts zeugt vom sozialen Wandel. Antiquitäten sind seltener geworden, dafür wird mehr
Krimskrams zum Kauf angeboten; nicht wenigen Artikeln sieht man an, dass
sie aus dem Müllcontainer
gefischt wurden.