Vollständigen Artikel als PDF aus der April

Transcription

Vollständigen Artikel als PDF aus der April
Schöner
Erfolg
VON MICHAEL KALLINGER
Fotomodell Heidi Klum lächelt uns
von Titelseiten und Bildschirmen in
aller Welt an. Hinter der schönen
Fassade verbirgt sich jedoch
eine findige Geschäftsfrau
mit viel Familiensinn
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FOTO : © JU RG E N F RA N K /CORB IS OUTL INE
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ei 1,90 und sieh nackt
umwerfend aus!“ So lautet die erste von neun Regeln, die Heidi Klum in
ihrem Buch Natürlich erfolgreich (erschienen im
Krüger Verlag) für alle
Männer niedergeschrieben hat, die
gerne einmal ein Fotomodell treffen
wollen. Was also tun, wenn man sich
mit dem rheinischen „Supermodel“
verabreden möchte, aber nur 1,78
Meter misst und nicht ohne Grund lässig geschnittene Kleidung bevorzugt?
Man fragt – ganz alte Schule – beim
Herrn Papa an.
Im Fall des deutschen Weltstars ist
das ohnehin kaum zu vermeiden: Vater
Günther führt nicht nur die Heidi Klum
GmbH in Bergisch Gladbach, er dient
auch als eine Art Wellenbrecher für
die Flut von Interview-Wünschen, die
tagtäglich an die Wahl-New-Yorkerin
herangetragen werden. Der ehemalige
Kosmetikmanager ziert sich dementsprechend gebührend, bevor er sagt:
„Können Sie sich denn auch vorstellen, im Zug mit Heidi zu sprechen?“
Köln Hauptbahnhof, zwei Wochen
später. Die Bahnhofsuhren zeigen kurz
nach acht Uhr, als sich der Intercity
nach Hamburg in Bewegung setzt. Im
fast voll besetzten Wagen zwölf warten auf den Plätzen 43 und 45 Vater
und Tochter Klum. Letztere ist ungeschminkt, hat das Haar nach hinten
gesteckt, schlürft Kaffee aus einem
Pappbecher und bearbeitet mit beeindruckendem Tempo die Tastatur eines
Mini-Computers. Mit der Statur von
Journalisten nimmt es die leger in
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Jeans und Turnschuhe gekleidete
Schöne glücklicherweise nicht ganz
so genau – und ihre eigenen Worte
nicht allzu ernst. „Vieles in dem Buch
ist natürlich auch augenzwinkernd formuliert“, sagt sie freundlich lachend.
„Das mit den Regeln für den Umgang
mit Models habe ich aufgenommen,
weil mich andauernd irgendwelche
Männer fragen: Wie kann ich denn
deine Freundinnen – also, meine
Kolleginnen – kennen lernen? Und
natürlich wollte ich solche typischen
Sachen dann auch aufgreifen und
humorvoll abhandeln.“
Dass ihr Humor wichtig ist, hat die
31-Jährige während ihrer schon mehr
als ein Jahrzehnt andauernden Karriere mehrfach bewiesen: In der Sendung von TV-Ikone David Letterman
jodelte sie sich mit der bayerischen
Volkstanzweise Hirtenmadl in die Herzen des US-amerikanischen Publikums, Talkmaster Jay Leno enthaarte
sie vor laufender Kamera die Beine
mit Heißwachs, und dem Boxer Evander Holyfield biss sie bei einer Fotoproduktion ins Ohr – wohlgemerkt
nachdem Schwergewicht Mike Tyson
sich bereits ein Stück davon geholt
hatte. „Ich habe einfach Spaß“, erklärt
Heidi Klum den immensen Erfolg, den
sie als modernes „Frolleinwunder“ in
den Staaten erzielt. Dort sorgt sie vor
allem auf der Mattscheibe für frischen
Wind. „Die meisten weiblichen Gäste in
den TV-Sendungen geben sich schon
sehr damenhaft“, meint die Frohnatur,
„die machen keine lustigen Sachen.“
Nichts für Heidi Klum, das Fotomodell, deren Halloween-Partys in New
Zwei Gesichter: Heidi Klum
ungeschminkt beim „Reader’s Digest“Interview im Zug nach Hamburg (oben)
und als Model auf dem Laufsteg
FOTOS: © MICHAEL KALLINGER; DPA
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York inzwischen zu den wichtigen gesellschaftlichen Ereignissen zählen.
Und nichts für Heidi, den Privatmenschen. Auch mit dem Mann an ihrer
Seite will die einfallsreiche Blondine
herzhaft lachen: „Mein Partner muss
Charme haben, treu sein und lustig.“
So wie der hünenhafte britische
Pop-Sänger Seal, der sich beim Karnevalsumzug in ihrer Heimatstadt Bergisch Gladbach als Krokodil verkleidet mit ihr auf einen Festwagen stellte
und tags darauf auch in Köln mit seiner deutschen Verlobten kiloweise
„Kamelle“ ins Volk warf – natürlich
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fettfreie Fruchtgummis, die sie auch
bewirbt und die in den USA unter der
Marke „Heidi’s“ verkauft werden.
Das Naschwerk ist nicht das Einzige, was Klum unter ihrem Namen
vertreibt; beispielsweise zählen eine
Parfümlinie und modisch verzierte
Gesundheitsschuhe zu ihrem Portfolio. Überhaupt beweist sie mit viel Geschäftssinn, dass ein Fotomodell nicht
nur ein menschlicher Kleiderständer
sein muss. Obwohl die Mutter einer
knapp einjährigen Tochter noch immer
mit ihrer blendenden Optik für Bekleidungshersteller, Versandhäuser
oder Schnellrestaurants wirbt, ist
„Heidi Klum“ inzwischen auch selbst
eine eingetragene Marke.
Im Moment hat die findige Selbstvermarkterin das Fernsehen im Visier.
Nein, eine Schauspielkarriere schwebt
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ihr nicht vor, obwohl Gastspiele in
US-Serien wie Sex and the City beim
Publikum bestens ankamen. „Richtige
Schauspieler hängen oft vier oder fünf
Monate an einem Drehort herum, da
würde ich einen Anfall kriegen“, erklärt Klum. „Ich mache lieber viele
unterschiedliche Sachen. Außerdem
müsste ich ja noch eine Schauspielschule besuchen.“
Schließlich hat sie in ihren bisherigen
Rollen meist sich selbst gespielt – und
dennoch für ihren Part als Freundin von
Michael J. Fox in der TV-Serie Chaos
City sechs Wochen Unterricht genommen. „Ich habe gedacht: Bevor ich da
etwas Blödes mache, gehe ich lieber
abends noch zu einem Lehrer.“ Was
Frau Klum macht, macht sie richtig.
So darf man auch auf ihr neues
Fernsehformat gespannt sein. „Das Re-
FOTO: © DPA
Traumpaar: Klum und der britische Pop-Sänger Seal beim Kölner
Rosenmontagsumzug im Februar 2005
ality-TV wird sich ändern, da muss
demnächst die nächste Stufe kommen
– und ich habe mir da was Gutes überlegt.“ Was, darüber will Heidi Klum
erst einmal mit ihrem Anwalt reden,
der das Konzept markenrechtlich sichern soll. Sie schlägt die in Millionenhöhe versicherten Beine übereinander, und hinter ihrem Lächeln lässt
sich erahnen, dass die Dame ein harter Verhandlungspartner sein kann.
„Auch wenn ich einen Werbejob zugesagt habe, rede ich mit, bis die Anzeigen gedruckt sind oder die Spots
ausgestrahlt werden – egal, wie bedeutend der Auftraggeber ist“, erklärt
sie nur wenig später. Für manche Produkte möchte sie übrigens einfach
überhaupt nicht werben, „beispielsweise für Zigaretten“.
Rückhalt findet Heidi Klum vor
allem in der Familie: Vater Günther
ist ihr Manager, und auch Mutter Erna
begleitet ihre Tochter oft. Sie ist es
auch, die während der Zugreise nach
Hamburg zu Hause in Bergisch Gladbach auf ihre im Mai 2004 geborene
Enkelin Leni aufpasst – zusammen mit
Seal, ihrem Schwiegersohn in spe, den
Heidi Klum nach eigenem Bekunden
noch in diesem Jahr heiraten will. Wie
schon die Verlobungszeremonie auf
einem kanadischen Gletscher soll
auch die Hochzeit an einem exotischen Ort stattfinden – unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
In dem fast zwei Meter großen Engländer mit der sanften Stimme scheint
Heidi Klum den perfekten Vater für
ihre Tochter gefunden zu haben, die
aus ihrer früheren Beziehung mit dem
OMA LENIS
SAUERKRAUTSUPPE
Heidi Klums Lieblingsspeise nach dem
Rezept ihrer Großmutter – wie von Mutter
Erna Klum kurzerhand telefonisch an die
Redaktion durchgegeben (12 Portionen!):
• 1,5 Kilo gemischtes Hackfleisch
von Rind und Schwein
• 5 große weiße Zwiebeln, fein gehackt
• 3 große Dosen Sauerkraut
• 2 kleine Dosen Champignons
• 5 große saure Gurken, grob gehackt
• 1 Flasche Schaschliksauce (ca. 375 ml)
• 500 ml Gemüsebrühe (4 Brühwürfel)
• Salz und Pfeffer zum Abschmecken
• Olivenöl zum Anbraten
• 2 Becher Sahne
Das Hackfleisch und die Zwiebeln anbraten, Sauerkraut, Pilze und saure Gurken
hinzufügen; Schaschliksauce und Brühe
dazugeben. Die Suppe 45 Minuten köcheln lassen und gelegentlich umrühren.
Mit Salz und Pfeffer abschmecken, Sahne
einrühren, eine weitere Minute kochen
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lassen und dann servieren.
Formel-Eins-Manager Flavio Briatore
stammt.
Genau wie ihre Eltern war der Sänger schon bei der Geburt des Babys
dabei – und hat sich dabei offenbar
wacker geschlagen. „Er ist ein starker
Mann, der hält was aus“, meint seine
Verlobte bestimmt. Die Zeit im Kreißsaal wollte sie ganz bewusst mit ihren
Lieben teilen. „Also, für mich ist das
nichts Ungewöhnliches, dass auch die
Großeltern dabei sind“, meint Heidi
Klum. „Ich hätte gern auch noch
meine beste Freundin dabeigehabt.
Eine Geburt ist ein tolles Erlebnis, das
ich gerne mit den Menschen teile, die
ich liebe.“
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Vielleicht wird Freundin Karin ja
beim nächsten Mal dabei sein, denn
weitere Kinder will das Fotomodell
auf jeden Fall, auch wenn es sich auf
die Zahl nicht festlegen lässt: „Ich sage
immer: eines nach dem anderen.“ Derzeit sei jedenfalls – den zahlreichen
Spekulationen der Boulevardpresse
zum Trotz – kein Nachwuchs in Sicht.
„Nein, ich bin nicht schwanger“, gibt
sie an diesem Morgen zu Protokoll.
So bleibt es wohl vorerst bei der
deutsch-britischen Kleinfamilie, in der
die Eltern gemeinsam für die Erziehung ihrer Tochter Sorge tragen. „Wir
haben jetzt noch nicht detailliert besprochen, ob sie später einmal Cola
trinken darf, aber wir haben die gleichen Werte“, erklärt die Mama. „Wir
wollen, dass sie ein vernünftiges und
liebevolles Kind ist und gutes Beneh122
men zeigt. Ich sehe viele Kinder, die
das nicht tun. Und das liegt nicht am
Kind, sondern an den Eltern.“
Sie habe als Kind ebenfalls gute
Umgangsformen vermittelt bekommen, und zudem viel Vertrauen – von
Eltern, die ihre 19-jährige Tochter in
die USA ziehen ließen, um dort den
Traum einer Model-Karriere zu verfolgen. Und zu verwirklichen. „Meine
Eltern haben wahrscheinlich auch
nicht gedacht, dass ich so lange wegbleibe“, meint Klum verschmitzt. „Zunächst wollte ich ja nur für ein paar
Monate in die Staaten.“
Dort will die Kosmopolitin aus beruflichen Gründen auch weiterhin
ihren Hauptwohnsitz haben, aber:
„Meine Heimat ist schon Deutschland,
Bergisch Gladbach.“ Dort trifft sie
noch immer Freundinnen aus Schul-
FOTOS: © KEVIN WINTER/GETTY IMAGES
Aufsehen erregend: Als Klum in der
TV-Show von US-Entertainer Jay
Leno (oben rechts im Bild) einen BH
aus Edelsteinen präsentiert, reißt
das 12,5 Millionen Dollar teure Stück
zeiten wie Karin, die fürs deutsche
Fernsehen Beiträge schneidet und mit
der sie sich dann über ganz andere
Dinge austauscht als mit Model-Kolleginnen wie Tyra Banks oder Gisele
Bündchen. „Wir kennen uns schon,
seit wir sechs waren, das sind dann
eben andere Gespräche als mit Kolleginnen. Karin hat meinen Eltern und
mir beispielsweise zu Weihnachten
alte Filmaufnahmen auf Video zusammengeschnitten, auf denen ich
teilweise erst ein Jahr alt bin.“
Vielleicht sind es gerade diese Wurzeln, aus denen Heidi Klum die Energie bezieht, so erfrischend normal zu
sein. Wenn sie erzählt, dass sie auf
Flugreisen stets ihre Milchzähne als
Talisman bei sich trägt, immer noch
so gern Sauerkrautsuppe nach Oma
Lenis Rezept isst (siehe Seite 121) oder
ihr Bruder als Busfahrer im Rheinland
arbeitet, dann hat das etwas Bodenständiges, das so gar nicht mit dem
Bild des internationalen Jetsets zusammenpasst.
Die Klum’sche Mischung aus Geschäftstüchtigkeit und Familiensinn
illustriert vielleicht auch dies: Vor der
Geburt ihrer Tochter schlug Heidi
Klum die zahllosen lukrativen Angebote der Klatschpresse für das erste
Bild der Neugeborenen aus. Stattdessen stellte sie lediglich ein privates
Bild von Leni auf ihre Homepage –
und verkaufte fünf weitere an eine
Bildagentur. Den Erlös des Exklusivgeschäftes spendete sie, etwa dem Bethanien Kinderdorf Bergisch Gladbach.
„Ich mache viel für die“, erzählt Klum.
„Dort leben rund 100 Kinder, manche
sind Waisen, andere haben Eltern mit
Drogenproblemen oder solche, die einfach überfordert sind, und die Betreuer
machen das einfach toll dort.“
Auch bei der US-Version des TVQuiz Wer wird Millionär erspielte sie
kurz nach den Terroranschlägen vom
11. September 2001 für wohltätige Zwecke 250 000 Dollar. Ob in New York
oder in Bergisch Gladbach: „Viele
Leute brauchen Hilfe, und die muss
nicht immer in der Öffentlichkeit stehen“, meint Heidi Klum. „Ich informiere auch nicht jedes Mal die Presse,
wenn ich irgendwo helfe.“
Die Medien begleiten sie auch so
auf Schritt und Tritt. Ihr neues Domizil in Los Angeles wurde bereits vor
ihrem Einzug vom Hubschrauber aus
abgelichtet, und selbst im Flugzeug
fliegen ab und an Paparazzi mit, die auf
ein exklusives Foto von Mama Heidi
und Töchterchen Leni spekulieren.
Da ist es fast schon erstaunlich, dass
die Blondine im Großraumabteil nach
Hamburg so gar kein Aufsehen erregt.
Nein, sie benötigt kein Separee, und
nach dem Gespräch wird sie mit Vater
Günther erst einmal ins Bordbistro
gehen. „Bei uns war es heute Morgen
sehr hektisch“, erklärt sie entschuldigend. Dabei sind Fotomodelle es
durchaus gewohnt, sich sehr früh am
Morgen ablichten zu lassen, bei Sonnenaufgang, wenn das Licht besonders
günstig ist. „Aber das heißt ja nicht,
dass uns das Aufstehen deshalb leichter fällt“, meint Heidi Klum augenzwinkernd zum Abschied, bevor sie
sich auf den Weg zu Kaffee und Bröt■
chen macht.
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