Aufbruch in Bonn - Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus

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Aufbruch in Bonn - Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus
Schritte auf dem Weg zum Parlamentarischen Rat (1)
M1
Wichtige Etappen bis zur Bildung des Parlamentarischen Rates
07./08.05.1945
Kapitulation der deutschen Wehrmacht
17.07.-02.08.1945 Potsdamer Konferenz: Einigung der Vier Mächte (SU, GB, F, USA) auf politische
Grundsätze zur Behandlung Deutschlands (Entmilitarisierung, Entnazifizierung,
Dezentralisierung, Dekartellisierung, Demokratisierung)
06.11.1946
Stuttgarter Rede des US-amerikanischen Außenministers Byrnes: Forderung nach
wirtschaftlicher Einheit Deutschlands
10.03.-24.04.1947 Moskauer Viermächtekonferenz über einen Friedensvertrag mit Deutschland scheitert
12.03.1947
Der US-amerikanische Präsident Truman führt in einer Botschaft an den Kongress aus:
Die USA wollen den in ihrer Freiheit bedrohten Völkern beistehen
06.06.1947
Ein großes ökonomisches Hilfsprogramm für Europa wird von dem US-amerikanischen
Außenminister Marshall angekündigt
22.06.1947
Der sowjetische Außenminister Molotow lehnt eine Teilnahme am Marshallplan ab; die
Osteuropäischen Staaten haben sich dieser Entscheidung anzuschließen
25.11.-15.12.1947 Londoner Außenministerkonferenz der vier Großmächte u.a. über die Themen
deutsche Zentralverwaltung, deutsche Wirtschaftseinheit und Reparationen bleibt
ergebnislos
23.02.-06.03.1948 Londoner Sechs-Mächte-Konferenz (1. Teil)
20.03.1948
Ende der alliierten Zusammenarbeit im Kontrollrat
20.04.-02.06.1948 Londoner Sechs-Mächte-Konferenz (2. Teil): Beschluss über Schaffung einer
verfassunggebenden Nationalversammlung für die drei westlichen Besatzungszonen
07.06.1948
Londoner Konferenz beschließt deutschlandpolitische Empfehlung
20./21.06.1948
Währungsreform in den westlichen Besatzungszonen; zwei Tage später folgende
Währungsreform in der sowjetischen Zone
24.06.1948
Sowjetunion reagiert auf die Währungsreform der westlichen Alliierten mit der Blockade
Berlins (Unterbrechung aller Land- und Wasserverbindungen); zur Versorgung der 2,1
Millionen West-Berliner organisiert der US-Militärgouverneur, Lucius D. Clay, eine Luftbrücke
01.07.1948
Die westlichen Militärgouverneure übergeben den Ministerpräsidenten der elf westdeutschen
Länder drei Dokumente zur künftigen politischen Entwicklung Deutschlands („Frankfurter
Dokumente“)
08.-10.07.1948
Konferenz der Ministerpräsidenten in Koblenz (Rittersturz) über die Frankfurter
Dokumente (Stellungnahme: Koblenzer Beschlüsse)
14.07.1948
Besprechung der Ministerpräsidenten der amerikanischen Zone mit General Clay in
Frankfurt
15./16.07.1948
Konferenz der Ministerpräsidenten in Rüdesheim (Jagdschloss Niederwald) über die
Reaktion der Alliierten auf die Koblenzer Beschlüsse
20.07.1948
Konferenz der Militärgouverneure mit den Ministerpräsidenten der Westzonen in
Frankfurt
21.-22.07.1948
Erneute Konferenz der Ministerpräsidenten in Rüdesheim; Beratung der Frankfurter
Dokumente
26.08.1948
Ministerpräsidenten und Militärgouverneure einigen sich auf die Errichtung eines
Parlamentarischen Rates
10.-23.08.1948
Beauftragte der Ministerpräsidenten beraten und erstellen auf der bayerischen Insel
Herrenchiemsee einen ersten Grundgesetzentwurf
15.-30.08.1948
Die einzelnen Landtage wählen die Abgeordneten des zukünftigen Parlamentarischen
Rates
01.09.1948
Der Parlamentarische Rat nimmt in Bonn seine Arbeit auf
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Fundament unserer Demokratie – der Parlamentarische Rat und das Grundgesetz
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Schritte auf dem Weg zum Parlamentarischen Rat (2)
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Pläne der Militärgouverneure der drei westlichen Besatzungszonen über die zukünftige politische Entwicklung in
Westdeutschland (Frankfurter Dokumente)
Dokument Nr. 1 [Verfassungsrechtliche Bestimmungen]
In Übereinstimmung mit den Beschlüssen ihrer Regierungen autorisieren die Militärgouverneure der
amerikanischen, britischen und französischen Besatzungszone in Deutschland die Ministerpräsidenten der Länder
ihrer Zonen, eine Verfassungsgebende Versammlung einzuberufen, die spätestens am 1. September 1948
zusammentreten sollte. Die Abgeordneten zu dieser Versammlung werden in jedem der bestehenden Länder nach
den Verfahren und Richtlinien ausgewählt, die durch die gesetzgebende Körperschaft in jedem dieser Länder
angenommen werden. […] Die Verfassungsgebenden Versammlung wird eine demokratische Verfassung
ausarbeiten, die für die beteiligten Länder eine Regierungsform föderalistischen Typs schafft, die am besten
geeignet ist, die gegenwärtig zerrissene deutsche Einheit schließlich wieder herzustellen, und die Rechte der
beteiligten Länder schützt, eine angemessene Zentralinstanz schafft und die Garantien der individuellen Rechte und
Freiheiten enthält.
Wenn die Verfassung in der von der Verfassungsgebenden Versammlung ausgearbeiteten Form mit diesen
allgemeinen Grundsätzen nicht in Widerspruch steht, werden die Militärgouverneure ihre Vorlage zur Ratifizierung
genehmigen. Die Verfassungsgebende Versammlung wird daraufhin aufgelöst. […]
Dokument Nr. 2 [Länderneugliederung]
Die Ministerpräsidenten sind ersucht, die Grenzen der einzelnen Länder zu überprüfen, um zu bestimmen, welche
Änderungen sie etwa vorzuschlagen wünschen. Solche Änderungen sollten den überlieferten Formen Rechnung
tragen und möglichst die Schaffung von Ländern vermeiden, die im Vergleich mit den anderen Ländern zu groß oder
zu klein sind. […]
Dokument Nr. III [Grundzüge eines Besatzungsstatuts]
Die Schaffung einer verfassungsmäßigen deutschen Regierung macht eine sorgfältige Definition der Beziehungen
zwischen dieser Regierung und den Alliierten Behörden notwendig. Nach Ansicht der Militärgouverneure sollten
diese Beziehungen auf den folgenden Grundsätzen beruhen:
A. Die Militärgouverneure werden den deutschen Regierungen Befugnisse der Gesetzgebung, der Verwaltung und
der Rechtsprechung gewähren und sich solche Zuständigkeiten vorbehalten, die nötig sind, um die Erfüllung des
grundsätzlichen Zwecks der Besatzung sicherzustellen. […]
Bundesarchiv, Der Parlamentarische Rat Bd. 1, S. 30ff.
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Beratungen auf Herrenchiemsee:
„Koblenzer Beschlüsse“ v. 10.07.1948:
Antwort der Ministerpräsidenten der elf westdeutschen Länder
auf die „Frankfurter Dokumente“
Auf der bayerischen Insel Herrenchiemsee
kamen am 10. August 1948 auf Anregung
des bayerischen Ministerpräsidenten Ehard
(CSU) und nach Zustimmung seiner zehn
Länderkollegen
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Experten
für
Verfassungsrecht
zusammen.
Sie
erarbeiteten innerhalb von nur dreizehn
Tagen einen kompletten Entwurf für das in
Bonn zu beratende Grundgesetz. Unter
Leitung des Chefs der bayerischen
Staatskanzlei Anton Pfeiffer entstand ein
Werk mit 95 Seiten und 149 Artikeln. Im Falle
abweichender Meinungen der Experten
wurden
diese
schriftlich
als
Alternativformulierungen in der Vorlage
aufgenommen.
Pfeiffer
war
ein
entschiedener Verfechter des Föderalismus:
Für ihn und die bayerische Staatsregierung
war es besonders wichtig, die Länder
gegenüber der gesamtstaatlichen Ebene
stark zu halten.
[…] Die Ministerpräsidenten sind davon überzeugt, dass die
Notstände, unter denen Deutschland heute leidet, nur
bezwungen werden können, wenn das deutsche Volk in die
Lage versetzt wird, seine Angelegenheiten auf der jeweils
höchsten möglichen Stufe selbst zu verwalten. Sie begrüßen es
daher, dass die [westlichen] Besatzungsmächte entschlossen
sind, die ihrer Jurisdiktion [=Rechtsgewalt] unterstehenden
Gebietsteile Deutschlands zu einem einheitlichen Gebiet
zusammenzufassen, dem von der Bevölkerung selbst eine
kraftvolle Organisation gegeben werden soll, die es ermöglicht,
die Interessen des Ganzen zu wahren, ohne die Rechte der
Länder zu gewähren. Die Ministerpräsidenten glauben jedoch,
dass […] alles vermieden werden müsste, was dem zu
schaffenden Gebilde den Charakter eines Staates verleihen
würde:; sie sind darum der Ansicht, dass auch das auch durch
das hierfür einzuschlagende Verfahren zum Ausdruck kommen
müsste, dass es sich lediglich um ein Provisorium handelt […].
Bundesarchiv, Der Parlamentarische Rat, Bd. 1, S. 143ff.
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Schritte auf dem Weg zum Parlamentarischen Rat (3)
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erschienen in: Der Spiegel Nr. 25
v. 19.06.1948, S. 2.
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Der Karikaturist zeichnet die
Außenminister der vier Siegermächte
in die Karte ein.
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Begriffsklärung:
Der Parlamentarische Rat soll
„(einen) Staat machen“: Zu
den
Kennzeichen
eines
Staates gehört 1) ein gemeinsames Staatsgebiet, 2) ein
Staatsvolk
und
die
entsprechende 3) Machtausübung über dasselbe.
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Schritte auf dem Weg zum Parlamentarischen Rat (4)
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Karl-Heinz Janßen schreibt in der Wochenzeitung „Die Zeit“ anlässlich der 25jährigen Jubiläums der
Verabschiedung des Grundgesetzes über dessen Vorgeschichte:
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[…] Die Etappen auf dem Weg vom Reich zur Bundesrepublik und zur Integration des Teilstaates in die westliche
Gemeinschaft wurden von den fremden Mächten vorgezeichnet: 1945 Potsdamer Konferenz (Reparationszonen
West und Ost); 1946 Zusammenschluss der amerikanischen und britischen Zone zur Bizone; 1947 Marshallplan
(Europäisches Wiederaufbauprogramm); 1948 Währungsreform. […] Aus sicherheitspolitischen Gründen
bevorzugten die Alliierten, insbesondere die Franzosen, eine föderative Ordnung; entweder knüpften sie an
historische Traditionen an (Bayern, Württemberg, Hamburg) oder sie schufen neue Länder, vornehmlich aus der
Erbmasse Preußens. Der politische Willen der Westdeutschen formte sich in den wiedererstandenen Parteien,
deren Führer 1933 hatten abtreten oder auswandern müssen oder in die Konzentrationslager gesperrt worden
waren. Auch die Gründer der einzig neuen Partei – der Christlich Demokratischen Union – entstammten ehemaligen
bürgerlichen oder christlichen Parteien. Innerhalb der Parteien und im Umkreis der Länderregierungen wurden
schon 1947/48 Entwürfe für eine neue Verfassung ausgearbeitet, am detailliertesten von der CDU und CSU.
[…] Der Kalte Krieg in Europa beschleunigte den Klärungsprozess: Februar 1948: kommunistischer Putsch in Prag,
März: Brüsseler Verteidigungspakt (England, Frankreich, Benelux), Auszug der Russen aus dem Kontrollrat, April:
Gründung der europäischen Wirtschaftsbehörde OEEC, dem auch die Westzonen angehören. Juni: die Londoner
Sechs-Mächte-Konferenz beschließt, unverzüglich die Gründung des westdeutschen Staates einzuleiten. Am
Monatsende sperren die Russen alle Land- und Wasserwege nach Westberlin. General Clay inszeniert die
Luftbrücke, Präsident Truman verlegt seine Atombomber nach England – es riecht nach heißem Krieg.
Vor diesem dramatischen Hintergrund trafen sich am 1. Juli 1948 im Frankfurter Hochhaus des ehemaligen
Chemiekonzerns IG Farben zum ersten Mal alle drei Militärgouverneure mit den Ministerpräsidenten und
Bürgermeistern der elf westdeutschen Länder. Ihnen, den höchsten gewählten Repräsentanten des Volkes, wurde
in frostig-steifer Atmosphäre drei Dokumente übergeben. In der ersten „Empfehlung“ (ein anderes Wort für Befehl)
wurden sie ermächtigt, bis spätestens 1. September eine verfassungsgebende Versammlung einzuberufen. Die
Verfassung sollte dem Volk zur Abstimmung vorgelegt werden. In Dokument zwei wurden ihnen nahegelegt, die
Grenzen ihrer Länder zu ändern, im dritten wurde ein Besatzungsstatut angekündigt, das die Beziehungen zwischen
Okkupanten und Okkupierten auf rechtliche Grundlagen stellen sollte. Die Länderchefs ließen sich Zeit mit ihrer
Antwort. Allen war klar, was die Annahme des ersten Dokuments bedeuten konnte: Sollten sie bei der Spaltung des
Vaterlandes mit Hand anlegen? Ehe sie sich auf dem „Rittersturz“, einem inzwischen abgerissenen Hotel bei
Koblenz, auf eine Antwort festlegten, verhandelten sie mit den Spitzenpolitikern der großen Parteien, Adenauer und
Ollenhauer. Sie wollten sich absichern.
Die SPD plädierte dafür, doch alles so provisorisch wie möglich zu lassen: um Himmels willen keine Verfassung,
lieber ein Verwaltungsstatut; statt einer Regierung genüge ein Direktorat, statt einer Konstituante
[=verfassungsgebende Versammlung] ein kleiner Ausschuss, statt eines Plebiszits [=Volksabstimmung] eine
Ratifizierung durch die Landtage. Der Hamburger Bürgermeister Brauer erfand das Wort „Grundgesetz“ (basic law),
die vermeintliche Zauberformel, die das deutsche Dilemma zu lösen schien. Doch General Clay, der amerikanische
Militärgouverneur, war empört über so viel Laschheit. Er wollte die Weisung der Londoner Konferenz fristgerecht
ausführen und musste nun befürchten, dass der französische Militärgouverneur, General König, die Gelegenheit
benutzen würde, die ganze Sache zu verzögern (ohnehin waren die Londoner Beschlüsse nur mit knapper Mehrheit
von der Nationalversammlung in Paris angenommen worden). Clay sprach von Verantwortungsscheu und Sabotage
und setzte die Ministerpräsidenten unter Druck: Diskret ließen seine Leute in Gesprächen einfließen, sie könnten
nun nicht mehr garantieren, dass Berlin gegen den kommunistischen Duck gehalten werde.
Am 22. Juli setzten sich die bedrückten Länderchefs noch einmal zusammen, diesmal im Jagdschloss Niederwald,
unweit des Nationaldenkmals, auf dem die Reichseinigung von 1871 verherrlicht wird. „Lieb Vaterland, magst ruhig
sein“, steht dort in großen Lettern zu Füßen der Germania. Beruhigen ließen sich die Politiker in der Tat, als der
designierte, aber von den Russen nicht anerkannte Berliner Bürgermeister Ernst Reuter seinen zaudernden
Kollegen den Rücken steifte. Reuter hatte sich inzwischen für eine harte Auseinandersetzung mit dem Osten
entschieden, Seite an Seite mit Amerika wollte er die Blockade durchstehen: „Wir können eines in Berlin und im
Osten nicht ertragen – das Verbleiben des Westens in seinem bisherigen unentschiedenen Status. Wir sind der
Meinung, dass die Konsolidierung des Westens eine elementare Voraussetzung für die Gesundung auch unserer
Verhältnisse und für die Rückkehr des Ostens zum gemeinsamen Mutterland ist.“ Das war die Geburtsstunde der
Kernstaatsidee. Ein freiheitlich organisiertes, wirtschaftlich aufblühendes Westdeutschland sollte wie ein Magnet die
östlichen Gebiete an sich ziehen. Diesen offensiven Antikommunismus praktizierte Reuter auch als Abgeordneter im
Parlamentarischen Rat […].
Nachdem die gesamtdeutschen Skrupel zerstreut waren, stand nichts mehr im Wege, den alliierten Fahrplan
einzuhalten. Die Militärgouverneure hatten nichts gegen die Bezeichnungen „Parlamentarischer Rat“ und
„Grundgesetz“ einzuwenden, und sie zeigten sich geneigt, statt einer Volksabstimmung auch eine Annahme durch
die Landtage als Prozedur zuzulassen. Mit deutscher Gründlichkeit und Pünktlichkeit gingen die Länderregierungen
ans Werk. Bayern nutzte die Chance, um seine eigenen föderalistischen Pläne ins Spiel zu bringen.
Ministerpräsident Ehard lud aus jedem Land Verfassungsexperten zu einem Konvent auf der Insel Herrenchiemsee.
Nach knapp vierzehn Tagen lag ein Entwurf für das Grundgesetz mit 149 Artikeln fertig vor, ausführlich erläutert und
unterteilt nach Mehrheits- und Minderheitenmeinungen. […]
aus: Die Zeit Nr. 22 v. 24.5.1974.
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Schritte auf dem Weg zum Parlamentarischen Rat
Anregungen für die Arbeit mit den Materialien
A1.
Arbeite die Voraussetzungen für den Beginn der Tätigkeit des Parlamentarischen Rates und seine
Aufgabenstellungen heraus.
[M1,2,3,6]
A2.
Erkläre, warum die Begriffe Grundgesetz statt Verfassung und Parlamentarischer Rat statt
Verfassungsgebende Versammlung gebraucht worden sind.
[M7]
A3.
Entschlüssele die vorliegende Karikatur, indem Du den ersten Eindruck festhälst, die Einzelheiten
beschreibst, die Bedeutung der Bildelemente klärst und ihre Aussage formulierst. Nimm kritisch
hierzu Stellung.
[M4]
A4.
Die Frankfurter Dokumente werden von Historikern als „Geburtsurkunden für die Bundesrepublik“
bezeichnet. Stimmst Du dieser Einschätzung zu?
[M1,2,3,6,7]
Weiterführende Impulse
I1.
Recherchiere in Lexika oder im Internet nach den Begriffen „Staat“ und „Verfassung“. Vergleiche
die gefundenen Definitionen mit der Situation in Deutschland in den Jahren 1948/49. Konnte der
Parlamentarische Rat „(einen) Staat machen“?
I2.
Erstelle eine illustrierte Zeitleiste bezüglich der wesentlichen Weichenstellungen alliierter und
deutscher Stellen zur Einrichtung eines Parlamentarischen Rates.
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Auftakt in Bonn: Der Parlamentarische Rat nimmt seine Arbeit auf (1)
M1
M2
Der „Spiegel“ berichtet über die Auftaktsitzungen des
Parlamentarischen Rates unter der Überschrift „Zur
Geschäftsordnung: Rotes Tuch für Russen-Bären“:
[…] Der Tagungssaal in der Pädagogischen Akademie
gibt ein Äußerstes an Licht, Klarheit und Zweckmäßigkeit
her. Die rechte Seitenwand ist ein einziges großes,
Fenster mit Blick zum Rhein. In der Akademie, im nahezu
unzerstörten Bonn selbst, das ehedem als Deutschlands
vornehmste Universität galt, ist alles mustergültig und
unauffällig organisiert, von lückenloser blau-weißer
Wegbeschilderung bis zu den 20 Telephonzellen der
Zeitungsleute. […] Die vornehme und freizügige
Atmosphäre des Hauses, die „kühlere nördlichere
Atmosphäre“ der Stadt (Menzel) scheinen auf die
Abgeordneten überzugehen. […] Den festlichen Worten
[…] hörten außer den Parlamentariern und ihren Gästen
auch Perlhühner und ausgestopfte Flamingos zu, letztere
sämtlich auf einem Bein. Die Museumsschaukästen auf
der Galerie hatte man stehengelassen. Die russischen
Bären im Erdgeschoss hatte man mit roten Tüchern
zugehängt, ebenso die Wölfe […]. Sogar den langen
Giraffenhals hatte man rot drapiert und die wilden
Leoparden, so dass nichts an einen Tiergarten erinnerte.
Das Tiermuseum war die Idee des seligen Alexander
König, der es für unmenschlich hielt, Tiere im Zoo zu
zeigen, und für menschlicher, sie auszustopfen. […]
Feierliche Eröffnung des Parlamentarischen Rates am 1.9.48,
Vorfahrt vor dem Bonner Museum König.
Bestand: StBKAH; © Erna Wagner-Hehmke/Hehmke-Winterer,
Düsseldorf; Haus der Geschichte, Bonn.
aus: Der Spiegel Nr. 36 v. 04.09.1948, S. 3f.
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M4
Eröffnung
des Parlamentarischen Rats am 1.9.1948
Zeitfolge
13 Uhr
Festakt Museum König in Bonn
15 Uhr
Eröffnungssitzung des
Parlamentarischen Rats in der
Pädagogischen Akademie
19 Uhr
Empfang, gegeben von
Ministerpräsident Arnold
in der Redoute in Godesberg
Bestand: StBKAH I/09.03, Bl. 040.
Feierliche Eröffnung des Parlamentarischen Rates im Lichthof des
Museum König am 1.9.48, Rede des gastgebenden
NRW-Ministerpräsidenten Arnold.
Bestand: StBKAH; © Erna Wagner-Hehmke/Hehmke-Winterer,
Düsseldorf; Haus der Geschichte, Bonn.
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Auftakt in Bonn: Der Parlamentarische Rat nimmt seine Arbeit auf (2)
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Der in der ersten Sitzung des Rates zum Vorsitzenden des Hauptausschusses gewählte SPD-Politiker
Carlo Schmid schreibt über die Eröffnungsfeier:
Am 1. September 1948 versammelten sich die Abgeordneten [des Parlamentarischen Rates] mit den
Ministerpräsidenten der Länder und Vertretern der alliierten Militärregierungen, Gästen und Journalisten
zur Eröffnung der Arbeiten des Parlamentarischen Rates im Museum König zu Bonn. Wohl kaum hat je
ein Staatsakt, der eine neue Phase der Geschichte eines großen Volkes einleiten sollte, in so skurriler
Umgebung stattgefunden. In der Halle dieses in mächtigen Quadern hochgeführten Gebäudes standen
wir unter den Länderfahnen – rings umgeben von ausgestopftem Getier aus aller Welt. Unter den Bären,
Schimpansen, Gorillas und anderen Exemplaren exotischer Tierwelt kamen wir uns ein wenig verloren
vor. Die bizarre Umgebung ließ trotz der Beethovenschen Musik, mit der die Feier eröffnet und
beschlossen wurde, keine rechte Feierlichkeit aufkommen, gleichgültig jedoch war keinem von uns
zumute.
Karl Arnold, als Ministerpräsident des Gastgeberlandes, hielt die Festrede; nach ihm sprach Christian
Stock,
der
Ministerpräsident
Hessens,
in
seiner
Eigenschaft
als
Vorsitzender
der
Ministerpräsidentenkonferenz. So war zwischen den größten Parteien der Proporz gewahrt.
Schmid, Carlo: Erinnerungen, Bern/München/Wien 1979, S. 357.
M6
Antonius John, der als junger Journalist die
Eröffnungsfeier des Parlamentarischen Rates
besuchte, erinnert sich:
Ich sah mich damals in der Pädagogischen
Akademie um, wo das erlauchte Gremium des
Parlamentarischen Rates tagen würde.
Journalisten traf ich noch keine an. Nur der
NWDR hatte sich in einer Ecke ein primitives
Studio eingerichtet. Nun waren die Dinge in
Gang gekommen. Das, was bereits am 1.
September da unten tagte, war also der
Parlamentarische Rat, die Verfassungsgebende Versammlung.
Es war nur ein ganz kurzer Augenblick, der
mich innerhalb etwas erregte: Da sitzen sie,
die unser Land wieder zu einem Staat machen
sollen. Ein kurzes etwas voreiliges Aufflackern
eines Restes von Nationalstolz. Nein, das
konnten sie gar nicht, zuviel war in den
vergangenen Jahren geschehen. Waren das
die wichtigen Männer und Frauen?
Die Erregung legte sich. Aber dann nochmals
eine
Gemütsbewegung:
Das
Bonner
Orchester erinnerte daran, was unser Land an
Klassik hervorgebracht hatte. Es war lange
her, dass ich eine solche Leistung gehört
hatte. Vielen der Herren in Schwarz wird es
ähnlich ergangen sein.
M7
Abgeordnetenausweis Adenauer, unterzeichnet von dem hessischen
Ministerpräsidenten Stock
Bestand: StBKAH.
aus: John, Antonius: Wege und Holzwege zum Grundgesetz,
Bonn 1999, S. 17.
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Bestand: StBKAH.
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Konrad Adenauer kurz vor seiner Wahl zum
Präsidenten des Parlamentarischen Rates
Bestand: StBKAH; © Erna Wagner-Hehmke/HehmkeWinterer, Düsseldorf; Haus der Geschichte, Bonn.
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Konrad Adenauer betont nach seiner Wahl zum Präsidenten des Parlamentarischen Rates:
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[…] Und nun lassen Sie mich einige Worte über Wirken und Aufgabe des Parlamentarischen
Rates sagen. Er ist ins Leben gerufen durch einen Akt der Militär-Gouverneure der drei
Westzonen, durch einen Akt, wie in den Dokument niedergelegt ist, das den Ministerpräsidenten
der drei Westzonen am 1. Juli dieses Jahres übergeben wurde. Nachdem er aber nunmehr sich
konstituiert hat, ist er im Rahmen der ihm gestellten Aufgaben völlig frei und völlig selbstständig.
Es wird meines Erachtens die vornehmste Pflicht des Rates, aber auch des Präsidenten und
seiner Stellvertreter sein, diese völlige Freiheit und Unabhängigkeit ständig zu wahren und
sicherzustellen. Der Parlamentarische Rat beginnt seine Tätigkeit – wir haben es heute morgen
bei der Feier im Museum König gehört und wir wissen es ja alle – in einer Zeit der völligen
Ungewissheit über Deutschlands Zukunft. Ja, auch die Zukunft Europas und der Welt ist dunkel
und unsicher, und Deutschland selbst ist politisch ohnmächtig. Es ist in zwei Teile geteilt. Wir
Vertreter des Parlamentarischen Rates hier in diesem Saale […] vertreten 46 Millionen Deutsche.
Meine Damen und Herren! Das Dasein des Parlamentarischen Rates selbst ist, wie ich eingangs
sagte, zurückzuführen auf einen Entschluss eines Teiles der Siegermächte. Für jeden von uns war
es eine schwere Entscheidung, ob er sich bei dem heutigen Zustand Deutschlands, bei der
mangelnden Souveränität auch dieses Teiles Deutschlands zur Mitarbeit zur Verfügung stellen
dürfe und solle. Ich glaube, verehrte Anwesende, eine richtige Entscheidung auf diese Frage kann
man nur dann finden, wenn man sich klar macht, was denn sein würde, welche Folgen für
Deutschland und für das deutsche Volk eintreten würden, wenn dieser Rat nicht ins Leben träte.
Die drei Mächte, die sich entschlossen haben, diesen Rat ins Leben zu rufen, ließen sich dabei
von der Absicht leiten, dass dem politisch völlig auseinandergebrochenen deutschen Volke eine
neue politische Struktur gegeben werde, in seinem Interesse, aber auch im Interesse Europas und
der gesamten Welt. Das muss auch unser Ziel sein, und darum müssen wir die uns gebotene
Möglichkeit nutzen, um den jetzigen unmöglichen politischen Zuständen in Deutschland ein Ende
zu bereiten. Wir müssen das tun, auch wenn unsere Arbeit vorerst nur einem Teil Deutschlands
zugute kommt. Denn, meine Damen und Herren, einmal muss ein Anfang gemacht werden, und
einmal muss Schluss sein, mit dem ewigen Weiterwursteln und Auseinanderfallen. Wir gehen an
unsere Arbeit in der festen und unerschütterlichen Absicht, auf diesem Wege wieder zur Einheit
von ganz Deutschland, der Einheit, die unser Ziel ist und unser Ziel bleibt, zu gelangen.
Parlamentarischer Rat, Stenographischer Bericht v. 1.9.1948, S. 4f., Bestand: StBKAH I 09.12-1, Bl. 002f.
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Auftakt in Bonn: Der Parlamentarische Rat nimmt seine Arbeit auf
Anregungen für die Arbeit mit den Materialien
A1.
Spüre anhand der vorliegenden Materialien der Atmosphäre und Stimmung unter den
Teilnehmern und Beobachtern der Eröffnungsfeier und der ersten Sitzung des
Parlamentarischen Rates nach. Halte die Erwartungen und Hoffnungen, die anklingenden
Probleme und Herausforderungen fest.
[M1-3,5-7]
A2.
Ziehe den Auszug der Titelseite der „Westdeutschen Rundschau“ heran: Notiere, welche
Besonderheiten Dir im Vergleich zu heutigen Ersten Seiten einer Tageszeitung auffallen. Erkläre
diese Unterschiede. Fasse die wesentlichen Informationen der Artikel zusammen.
[M8]
A3.
Schreibe heraus,
- welche Aufgaben Adenauer dem Parlamentarischen Rat zuschreibt,
- wie er das Verhältnis von Parlamentarischem Rat und den Besatzungsmächten einschätzt,
- welche Gründe er den Zusammentritt des Parlamentarischen Rates anführt.
[M9,10]
A4.
Du bist ein Radio-Reporter des Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR): Du hast den Auftrag
einen dreiminütigen Beitrag für die abendliche Nachrichtensendung zu „produzieren“. Schreibe
Deine Ansagen und versehe Sie mit aussagekräftigen Auszügen der vorliegenden Reden.
Alternativ: Verfasse einen Radio-Kommentar: Beurteile den Beginn und die Chancen der Arbeit
des Parlamentarischen Rates. Nutze ggf. entsprechende technische Geräte.
[M1-10]
Weiterführende Impulse
I1.
In den Tageszeitungen Deiner Heimatstadt/Region (Anfang September 1948) werden sich
sicherlich ebenfalls Berichte und Kommentare über den Beginn der Arbeiten des
Parlamentarischen Rates finden lassen. Mach´ Dich auf und recherchiere im örtlichen Zeitungs-/
Stadtarchiv.
I2.
Befrage mögliche Zeitzeugen wie Deine Großeltern etc. über ihre Wahrnehmung des Auftakts
der Arbeiten des Parlamentarischen Rates: Womit waren sie beschäftigt? Welche Rolle spielten
die Vorgänge in Bonn etc.?
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Parlamentarische Köpfe (1)
M1
Jedes dritte Mitglied des Parlamentarischen Rates ist älter als sechzig Jahre und hat das Kaiserreich in
Friedenszeiten bewusst erlebt. Über die Hälfte der Abgeordneten gehört der Altersgruppe der 40- bis
60jährigen an. Diese Abgeordneten sind vor allem durch den Ersten Weltkrieg geprägt worden; 8 % der
Abgeordneten sind jünger als 40 Jahre und verlebten Kindheit und Jugend in der Weimarer Republik.
Zwei Drittel der Mitglieder des Rates waren Akademiker.
Fast die Hälfte der Ratsmitglieder hat vor 1933 als Mitglied der 1919 eingerichteten verfassungsgebenden
Nationalversammlung in Weimar, des Reichstages oder eines Landtages parlamentarische Erfahrungen
sammeln können. Insgesamt 57 Mitglieder des Parlamentarischen Rates arbeiteten in den Landtagen, die
zwischen 1945 und der Einberufung des Parlamentarischen Rates ernannt oder gewählt wurden.
zusammengestellt nach: Bundesarchiv: Der Parlamentarische Rat, Katalog, Koblenz 1988, S. 19f.
M2
M3
„Von den Mitgliedern der sozialdemokratischen Fraktion hatten
nur wenige bisher Gelegenheit gefunden, sich in gemeinsamer
Arbeit
zu
erproben.
Unter
ihnen
befanden
sich
Landtagsabgeordnete und Landesminister, Rechtsanwälte,
Professoren, Richter und Bürgermeister, Landräte und
Gewerkschafter. Von Berufs wegen hatten bisher nur wenige mit
Verfassungsrecht
zu
tun
gehabt;
aber
alle
waren
lebenserfahrene und ihrer Verantwortung bewusste Frauen und
Männer ohne persönlichen Ehrgeiz und immer ihrer
vaterländischen Pflicht eingedenk. Sie waren von den Prinzipien
des demokratischen Rechtsstaates durchdrungen und hatten den
festen Glauben, dass für ein Leben in Freiheit und Würde die
Regierung des Volkes, durch das Volk und für das Volk, die
günstigsten Voraussetzungen biete.“
Der Parlamentarische Rat war
eine Versammlung überwiegend
von Großvätern: Das Durchschnittsalter lag bei knapp über
55 Jahren. Die meisten seiner
Mitglieder
hatten
politische
Erfahrungen in der Weimarer
Republik gesammelt; viele waren
von
den
Nationalsozialisten
drangsaliert worden.
Hans Schüler: Die erste Republik von Dauer,
aus: Die Zeit Nr. 21 v. 19.5.1989.
Schmid, Carlo: Erinnerungen, Bern/München/Wien 1979, S. 356f.
M4
M5
Stärke der Parteien
Wie soll man mit den Vertretern Berlins
umgehen?
Zwischen dem 5. und 30. August wählten
die elf westdeutschen Landtage die
insgesamt
65
Abgeordneten
des
Parlamentarischen Rates. Die Aufteilung
erfolgte jeweils nach dem Ergebnis der
letzten Landtagswahl oder nach der
Anzahl der Landtagsmandate der
einzelnen Parteien. Auf CDU/CSU und
SPD entfielen so jeweils 27, auf FDP 5,
auf KPD, DP und Zentrum jeweils 2
Abgeordnete. Die drei vertretenen
liberalen Parteien FDP, LDP und DVP
schlossen sich zu einer Fraktion
zusammen.
Für die fünf Berliner Vertreter musste vor dem
Hintergrund des alliierten Sonderstatus´ für die
vormalige Reichshauptstadt eine Lösung
gefunden werden. Jakob Kaiser (CDU), Paul
Löbe (SPD), Ernst Reuter (SPD), Hans Reif
(FDP) und Otto Suhr (SPD) wurden nicht als
Mitglieder des Parlamentarischen Rates (aller
Länder der drei westlichen Besatzungszonen)
bezeichnet und erhielten auch kein Stimmrecht.
Während
seiner
Eröffnungssitzung
am
1. September 1948 beschloss der Rat aber, die
Berliner Vertreter mit beratender Stimme
teilnehmen zu lassen. Der zum Präsidenten
gewählte Konrad Adenauer bat diese zudem,
auf den Plätzen der regulären Abgeordneten
einzunehmen. Die anwesenden westlichen
Alliierten zeigten sich darüber sehr verstimmt.
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Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus Bad Honnef-Rhöndorf, Idee und Konzeption: Jan Hendrik Winter
17
Parlamentarische Köpfe (2)
M6
M7
Biographie: Prof. Dr. Theodor Heuss
*31.1.1884 in Brackenheim, †12.12.1963 in
Stuttgart, Studium u.a. der Nationalökonomie
und Geschichte, Promotion, Tätigkeiten als
Journalist und Politikwissenschaftler; aktives
Mitglied
aufeinanderfolgender
liberaler
Parteien, Mitglied des Reichstages von 19241928 und 1930-1933 für die Deutsche
Demokratische Partei bzw. die Deutsche
Staatspartei;
Aberkennung
seines
Reichstagsmandats durch die Nationalsozialisten, Publikations- und Lehrverbot; 1945
Mitbegründer
der
Rhein-Neckar-Zeitung,
Kultusminister in Land Württemberg-Baden;
am 17. März 1948 zum Vorsitzenden der
Demokratischen Partei, am 12.12.1948 zum
Vorsitzenden der Freien Demokratischen
Partei
(FDP)
gewählt;
Mitglied
des
Parlamentarischen Rates; am 12.09.1949 Wahl
zum
ersten
Bundespräsidenten
der
Bundesrepublik
Deutschland;
Wiederwahl
1953.
M8
Theodor Heuss am Rednerpult in der Pädagogischen Akademie
Bestand: StBKAH; © Erna Wagner-Hehmke/Hehmke-Winterer, Düsseldorf;
Haus der Geschichte, Bonn.
M9
Biographie: Prof. Dr. Carlo Schmid
*3.12.1896 in Perpignan/F, †11.12.1979 in Bad
Honnef; absolvierte nach Teilnahme am 1. Weltkrieg
ein juristisches Studium, Promotion, Tätigkeit als
Rechtsanwalt, Richter, Privatdozent, Einberufung zur
Wehrmacht, nach Kriegsende politische Ämter im
Land Württemberg-Hohenzollern, seit 1946 Mitglied
der SPD, verschiedene hohe Parteifunktionen,
Mitglied im Parlamentarischen Rat und dort
Vorsitzender
der
SPD-Fraktion
und
des
Hauptausschusses; 1949-1972 Abgeordneter des
Deutschen Bundestages und zeitweise dessen
Vizepräsident, 1966-69 Bundesminister.
M10
Biographie: Karl Arnold
von links nach rechts: NRW-Ministerpräsident Arnold (CDU),
Adenauer (CDU) und Schmid (SPD)
*21.3.1901 in Herrlishöfen, †29.6.1958 in Düsseldorf;
Schuhmacher-Geselle und später Studium in
München, seit 1920 hauptamtlicher Funktionär der
christlichen Gewerkschaften, Mitglied in der
Zentrumspartei, Verfolgung und 1944 Verhaftung
durch die Gestapo (im Zusammenhang mit dem
Attentat
vom
20.
Juli),
Mitgründung
der
Einheitsgewerkschaften im Rheinland 1945 und der
Düsseldorfer Christlich Demokratische Partei (CDP,
später CDU), 1946 Oberbürgermeister von
Düsseldorf, 1947-1956 Ministerpräsident von NRW.
Bestand: StBKAH; © Bundesbildstelle.
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18
Parlamentarische Köpfe (3)
M11
von links nach rechts.: H. Wessel,
H. Weber, F. Nadig, E. Selbert
Bestand: StBKAH; © Erna WagnerHehmke/Hehmke-Winterer,
Düsseldorf; Haus der Geschichte,
Bonn.
M12
Biographien der weiblichen Mitglieder des Parlamentarischen Rates
Friederike Nadig: *11.12.1897, †14.8.1970; 1922 Examen als Wohlfahrtspflegerin, 1913 Mitglied der
Sozialistischen Arbeiterjugend, 1916 Eintritt in die SPD, 1930-33 Abgeordnete im Westfälischen
Provinziallandtag, 1933 Berufsverbot durch die Nationalsozialisten, 1947-1950 Mitglied des NRWLandtages, 1948 in den Parlamentarischen Rat berufen, Streiterin für die Gleichberechtigung von Mann
und Frau sowie für die Gleichstellung unehelicher Kinder, 1949-61 Abgeordnete des Deutschen
Bundestages.
Elisabeth Selbert: *22.9.1896, †9.06.1986; Mitarbeiterin einer Handelsfirma, dann im Reichspostdienst,
1918 Eintritt in die SPD, setzte sich für aktive Beteiligung von Frauen in der Politik und die Durchsetzung
der Gleichberechtigung von Mann und Frau ein, 1925 nachgeholtes Abitur, juristisches Studium in
Kassel, Promotion 1930, 1934 gegen den Widerstand zahlreicher (NS-)Stellen Zulassung als
Rechtsanwältin, ernährte ihre Familie, 1946 für die SPD Wahl in die Verfassungsberatende
Landesversammlung des Landes Hessen, Mitglied des Hessischen Landtages, im Parlamentarischen
Rat forderte sie die grundrechtliche Formulierung „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“.
Helene Weber: *17.3.1881, †25.7.1962; Studienrätin am Lyzeum in Bochum, später Leiterin der
Sozialen Frauenschule Aachen und Ministerialrätin im Preußischen Wohlfahrtsministerium, Mitgliedschaft
im Katholischen Deutschen Frauenbund, Mitglied der Weimarer Nationalversammlung und damit
Beteiligung an der Entwicklung der Weimarer Reichsverfassung, 1924-33 Reichstagsabgeordnete des
Zentrums, Entlassung durch die Nationalsozialisten, nach dem Krieg Beteiligung am Aufbau der CDU
Mitglied der NRW-Landtages, Wahl in den Parlamentarischen Rat durch den Landtag, 1949-1962
Mitglied des Deutschen Bundestages, 1951-1958 Vorsitzende der Frauenvereinigung von CDU und
CSU.
Helene Wessel: *6.7.1898, †13.10.1969; 1915-1928 Parteisekretärin der katholischen Zentrumspartei,
1933-1945 Tätigkeit als Sozialarbeiterin der katholischen Kirche in Dortmund, Beteiligung an der
Wiedergründung des Zentrums, 1946-1950 Mitglied des NRW-Landtages, 1948/49 Mitglied im
Parlamentarischen Rat, 1949-1952 Bundesvorsitzende des Zentrums, 1952 Austritt aus dem Zentrum
und Mitgründung der Gesamtdeutschen Volkspartei, die 1953 bei der Bundestagswahl an der FünfProzent-Hürde scheitert, 1956 mit Gustav Heinemann und anderen Übertritt in die SPD,
sozialdemokratische Bundestagsabgeordnete 1957-1969.
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Parlamentarische Köpfe (4)
M13a
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Parlamentarische Räte (5)
M14
Zweiter Teil einer Gesamtabdruckes aller 65 Abgeordneten des Parlamentarischen Rates aus: Neue Zeitung v. 25.9.1948, S. 8.
Bestand: StBKAH.
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Parlamentarische Köpfe
Anregungen für die Arbeit mit den Materialien
A1.
Verschaffe Dir einen Überblick über die wichtigen Kennzeichen der Abgeordneten des
Parlamentarischen Rates (Alter, Geschlecht, (soziale) Herkunft, Ausbildung/Qualifikation etc.)
und halte Deine Ergebnisse schriftlich fest.
[M1-3,6,9,10,12]
A2.
Überlege, welchen Einfluss die Lebenserfahrungen und Prägungen der Abgeordneten auf
deren Herangehensweise bei der Erarbeitung einer Verfassung haben konnten. Beziehe ihre
Äußerungen aus der „Neuen Zeitung“ mit ein.
Spekuliere, warum relativ wenige jüngere Abgeordnete im Rat vertreten waren.
[M1-14]
A3.
Nimm Stellung zu der Überschrift des Artikels aus der Neuen Zeitung: „Väter der Verfassung“.
[M13]
A4.
„Im Parlamentarischen Rat haben zu viele „Großväter“ über das Schicksal des Landes
entschieden! Junges Blut hätte der Verfassung gut getan.“ Kommentiere diese Aussage.
Weiterführende Impulse
I1.
Achte darauf, aus welchen Regionen/Ländern die Abgeordneten jeweils stammen. Untersuche
beispielsweise bei den nordrhein-westfälischen Vertretern, ob er/sie aus Deinem Ort/Deiner
Region stammt. Forsche nach biographischen Hintergründen (Internet etc.).
I2.
Erstelle ein Lern-Plakat zu dem Thema: „Antriebskräfte und Ziele der Abgeordneten des
Parlamentarischen Rates“.
22
Streitfrage: Grundgesetz oder Einheit?
In der Auftaktsitzung des Parlamentarischen Rates am 1. September 1948 bringt der kommunistische Abgeordnete
Reimann (KPD) einen Antrag zur direkten Auflösung des Parlamentarischen Rates ein. Der CSU-Abgeordnete Pfeiffer
antwortet auf ihn in der Debatte:
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Max Reimann (KPD): Der Parlamentarische Rat ist
auf
Grund
der
Londoner
Empfehlungen
zusammengesetzt worden, um einen westdeutschen
Staat zu schaffen und diesem westdeutschen Staat
eine Verfassung zu geben. Somit wird Deutschland
gespalten. […] Es hat keinen Zweck, wenn wir als
Deutsche die sich anbahnenden Verhandlungen der
alliierten Großmächte durch einen solchen Akt
stören. Die Uneinigkeit der alliierten Großmächte wird
letzten Endes auf dem Rücken des deutschen Volkes
ausgetragen, und wir haben als Deutsche allen
Grund, jedes Moment der Störung zu beseitigen. […]
Ich
stelle
daher
folgenden
Antrag:
Der
Parlamentarische Rat stellt seine Beratungen über
eine separate westdeutsche Verfassung ein. […]
Begründung: 1. Die Bildung des Parlamentarischen
Rates erfolgte auf der Grundlage der Londoner
Empfehlungen. Diese aber verstoßen gegen die
völkerrechtlich bindenden Verträge von Jalta und
Potsdam. […] In diesen Verträgen haben die vier
Großmächte in Ausübung der staatsrechtlichen
Souveränität in Deutschland mit der Verpflichtung
übernommen, für die Errichtung eines einheitlichen
demokratischen Deutschlands zu sorgen und dann
die
Souveränität
an
das
deutsche
Volk
zurückzugeben. Bis zu diesem Zeitpunkt könnten
staatsrechtliche Veränderungen nur durch alle vier
Großmächte gemeinsam vorgenommen werden. 2.
Der Parlamentarische Rat hat kein Mandat vom
deutschen Volk. Er ist sogar gegen den Willen der
Mehrheit aller Deutschen errichtet worden. […] Das
deutsche Volk will eine einheitliche demokratische
Republik mit einer Verfassung, die von einer durch
das ganze deutsche Volk ausgearbeitet und dann
dem Volke zur Abstimmung vorgelegt wird.
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Anton Pfeiffer (CDU/CSU): […] Wir sind zum ersten
Mal eine Volksvertretung, die immerhin 46 Millionen
Menschen vertritt. Wir haben die Aufgabe, ein
Grundgesetz zu schaffen, auf dem in dem Teil
Deutschlands, der durch den Parlamentarischen Rat
vertreten wird, die ganze staatliche, die moralische
Ordnung, die ganze Wirtschaftspolitik und Sozialpolitik
aufbauen muss, einen Boden zu legen, der uns
gestattet, aus eigener Kraft alles zu tun, was wir für den
Wiederaufbau Deutschlands gestalten können, und der
auch für Deutschland wieder den Weg in die große
europäische Völkerfamilie hinein öffnet. In dieser
Stunde uns zuzumuten, gewissenlos genug zu sein,
diese Möglichkeit, die in unsere Hand, die uns aufs
Gewissen gelegt ist, beiseite zu schieben, finde ich
geradezu unerhört. Es liegt auf uns die Pflicht, zu tun,
was uns möglich ist, um unser Volk im Bereich der drei
Westzonen, da wir leider die vierte Zone nicht
einschließen können, voranzubringen, zu stärken und
ihm die Anfänge eines wirklich rechtlichen,
demokratischen staatlichen Lebens zu bauen. […] Ich
glaube, wir sind verpflichtet, hier im Namen des
deutschen Volkes zu sprechen und seine Stimme
durch die ganze Welt erklingen zu lassen. Wir sind
berufen, ein deutsches Staatsgrundgesetz zu schaffen,
und wir sind die Wortführer gesamtdeutscher
Interessen. Nun von der Erfüllung unserer Pflicht
deswegen abzusehen, weil vielleicht im Gefüge der
internationalen Politik da und dort ein Stirnrunzeln
entstehen könnte, dazu halte ich uns nicht für
berechtigt. Als Deutsche müssen wir erst recht zeigen,
dass wir eine deutsche Arbeit für unser Volk leisten
wollen und dass wir nicht schauen nach einem fremden
Gängelband oder nach dem Reflex fremder Interessen
und fremder internationaler Politik auf unser Volk.
aus: Parlamentarischer Rat, Stenographischer Bericht, Erste Sitzung v. 1.9.1948, Bestand: StBKAH I/09.12-1, Bl. 2f.
Biographie: Max Reimann
Biographie: Anton Pfeiffer
*31.10.1898, † 18.1.1977; arbeitete als Nieter, trat 1916 in
den kommunistischen Spartakusbund ein, wurde 1921
hauptamtlicher KPD-Funktionär, 1934 Emigration nach Paris,
Verhaftung durch die Nationalsozialisten 1940, KZ-Haft, 1948
Vorsitzender der westdeutschen KPD (=Kommunistische
Partei Deutschlands), 1946-1954 Abgeordneter im NRWLandtag, Vorsitzender der KPD-Gruppe im Parlamentar. Rat,
1949-1953 Bundestagsabgeordneter, 1954 Übersiedlung in
die DDR, 1974 Rückkehr in die Bundesrepublik
*7.4.1888, † 20.7.1957; Gymnasiallehrer, 1927 Gründung
einer amerikanischen Schule in München, 1928-1933 Mitglied
des bayerischen Landtages, 1933 von den Nationalsozialsten
verhaftet (Schutzhaft), nach 1945 Mitbegründer der CSU,
Staatsminister,
Mitinitiator des Ellwanger Kreises
(Verfassungsentwurf
der
Union),
Vorsitzender
des
Verfassungskonvents auf Herrenchiemsee, Mitglied des
Parlamentarischen Rates und Vorsitzender der CDU/CSUFraktion, später Botschafter in Belgien
Arbeitsanregungen:
A1: Stelle die unterschiedlichen Positionen von Reimann und Pfeiffer vergleichend gegenüber. Notiere, welche
sprachlichen Mittel beide Redner einsetzen. Kläre die jeweiligen Absichten.
A2: Du bist ein Reporter der Ost-Berliner SED-Zeitung „Neues Deutschland“ und befragst Max Reimann zu seiner
Einschätzung der Arbeit des Parlamentarischen Rates. Entwirf ein kurzes Interview.
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