Junge Städte in ihrer Region - Heft 10

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Junge Städte in ihrer Region - Heft 10
Schriftenreihe zur Stadtgeschichte
10
.Stadt
Garbsen
Kultur- und Sportamt
- Stadtarchiv 30803 Garbsen
Tel. (05131)4544 25
Fax (05131)4544 27
E-Mail [email protected]
Junge Städte in ihrer Region
Im Auftrag der Stadt Garbsen und des
Kommunalverbandes Großraum Hannover hg. von
Axel Priebs, Adelheid von Saldern und Rose Scholl
Garbsen 2001
Umschlag:
Abbildungsnachweise und Erläuterungen zur Gestaltung siehe S. 224
Die Deutsche Bibliothek - ClP-Einheitsaufnahme
Priebs, Axel:
Junge Städte in ihrer Region / Axel Priebs ; Adelheid von Saldern ; Rose Scholl. Hrsg.: im Auftr.
der Stadt Garbsen und des Kommunalverbands Großraum Hannover. - Garbsen : Stadt Garbsen,
2001
(Schriftenreihe zur-Stadtgeschichte / Garbsen ; Garbsen ; H. 10)
ISBN 3-9802985-7-4
Grafische Gestaltung und Druck: Kommunalverband Großraum Hannover
Inhalt
Seite
Wolfgang Galler:
Vorwort
7
Siegfried Frohner:
Ansprache beim Empfang der Stadt Garbsen
9
Frank Lehmberg:
Grußwort
11
Erste Arbeitssitzung
Junge Städte am Großstadtrand
Axel Priebs und Adelheid von Saldern:
Junge Städte in ihrer Region - eine Einführung
17
Jürgen Aring:
Suburbia - Postsuburbia - Zwischenstadt: Ältere und n euere Entwicklungstrends
im Umland der Großstädte
27
Manfred von Essen :
Junge Städte am Großstadtrand: Das Fallbeispiel Norderstedt
43
Peter Dohms:
Meerbusch - Stadtgeschichte und Zentrumsplan ung (1970-2000)
57
Jens Holger Göttner:
Junge Städte am Großstadtrand: Das Fallbeispiel Garbsen
85
Zweite Arbeitssitzung
Gegenwärtige Vergangenheit - Gebietsreform, Stadt und Region
Christian Heppner:
Eine n eue Stadt entsteht. Urbanisierung und städtisches Leben in Garbsen 1945-1975
93
Jochen Franzke:
Kommunale Gebietsreformen im Spannungsverhältnis zwischen
Demokratie und Verwaltungseffizienz
129
Detlef Briesen:
Auf der Suche nach der Stadtmitte: Die Zentren junger Städte in N ordrhein-Westfalen
bis zur Mitte der 70er Jahre
147
Axel Priebs:
Großstadt - Umland - Stadtregion
169
Podiumsdiskussion
"Ist das Leben in jungen Städten lebenswert?"
Vorbemerkung zur Podiumsdiskussion
197
Alexander Heuer:
Impulsreferat: Der städtebauliche Wettbewerb "N eue Mitte" Garbsen und seine Ergebnisse
201
Beiträge zur Podiumsdiskussion
Sid Auffarth:
Überfordern wir nicht den Begriff Urbanität!
209
Gisela Fähndrich:
Warum man die Frage nach der Lebensqualität nicht mit Ja oder Nein beantworten kann
213
Barbara ZibelI:
Was macht junge Städte zu Städten?
215
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
221
WOLFGANG GALLER
Saldern betreut wird. Das Projekt hatte bereits
eine Vorlaufphase, die bis 1997 zurückreicht.
Vorwort
Prof. Dr. Jürgen Reulecke (Siegen), Prof. Dr. Ute
"Junge Städte in ihrer Region", so lautete das
(Siegen) waren die wissenschaftlichen Berater in
Daniel (Braunschweig) und Dr. Detlef Briesen
Thema der wissenschaftlichen Tagung vom 10.
dieser Vorbereitungszeit und standen der Stadt
bis 11. November 2000, deren Dokumentation
u.a. bei der Auswahl eines Stipendiaten zur Seite.
Sie hier in Händen halten. Garbsen als Veran­
stalterin der Tagung ist eine solche junge Stadt.
Sie durchlief eine rasante Entwicklung vom
"größten Dorf Niedersachsens" im Jahr 1967 zur
größten Stadt im Landkreis Hannover mit 63.000
Einwohnern zur Jahrtausendwende.
Ein Aspekt, den Christian Heppner nun im
Zum Bild einer Stadt und zur Vorstellung, was
Rahmen eines städtisch geförderten
Disser­
eine Stadt ausmacht, gehören mehr als die
tationsvorhabens untersucht,
kommunalrechtliche Organisationsform und die
Faktoren, die den Prozess der Urbanisierung in
behandelt
die
Einwohnerstärke. V iele Schritte müssen der
Garbsen beeinflussten; sein Beitrag in diesem
Ernennung zur Stadt folgen, damit sich "urbanes
Band
Leben" entwickeln kann und damit sich die
Forschungsvorhaben. Seine wissenschaftliche
Bürgerinnen und Bürger mit ihrer Stadt identifi­
Betreuerin, Frau Prof. Dr. Adelheid von Saldern,
gibt
einen
ersten
Einblick
in
das
zieren. Für uns ist die Erforschung der Stadt­
gab
geschichte dabei ein ganz wesentlicher Faktor,
Tagung. Mit Herrn Prof. Dr. Axel Priebs, den wir
denn ein Stadtprofil entsteht auch durch die
dankenswerterweise außerdem für das Projekt
Kenntnis prägender Ereignisse, Schwerpunkte
gewinnen konnten, übernahm sie die gemeinsa­
und Besonderheiten der Geschichte.
me Leitung derTagung. Als Fachbereichsleiter für
die
entscheidende Anregung
für
diese
Planung und Naherholung beim Kommunal­
Die Tagung "Junge Städte in ihrer Region"
verband Großraum
Hannover
und
Honorar­
fügt einen weiteren Baustein zu unserem Stadt­
professor für Geographie an der Universität Kiel
profil- oder unserer historischen "corporate iden­
gab Prof. Dr. Axel Priebs dem Vorhaben wichtige
tity". Ausgangspunkt war ein Forschungsprojekt,
interdisziplinäre Impulse. Fachübergreifend war
das beim Stadtarchiv angesiedelt ist und das seit
auch die Tagung "Junge Städte in ihrer Region"
1999 von der Historikerin Prof. Dr. Adelheid von
konzipiert: außer Geographen, Planerinnen und
7
Planern, Historikerinnen und Historikern wirkten
danken wir Frau Prof. Dr. von Saldern, Herrn Prof.
ein Volkskundler, ein Volkswirt, ein Politologe,
Dr. Axel Priebs sowie allen Referentinnen und
eine T heologin mit; sie alle sind durch ihre
Referenten ganz ausdrücklich.
Beiträge in diesem Band vertreten.
Doch wie die Besucherstruktur der Tagung
gezeigt hat, beschränkte sich die Veranstaltung
keineswegs auf lokales Publikum. Die Frage nach
den jungen Städten ist offensichtlich von überre­
gionalem und wissenschaftlichem Interesse,
auch wenn die jungen Städte - besonders in der
Geschichtswissenschaft - noch wenig erforscht
worden sind. Dem wissenschaftlich interessier­
ten Kreis ist der Band besonders zugedacht. Wir
hoffen, dass er für weitergehende Forschungen
Die Tagung war für die Stadt Garbsen zweifels­
hinreichend Anregungen bieten wird - und dazu
ohne eine Bereicherung - und zu dem gewählten
beiträgt, das "Fallbeispiel Garbsen" als Exempel
Zeitpunkt ein besonderer Glücksfall, denn zur
für eine junge Stadt am Großstadtrand in der
selben Zeit schloss eine städtebauliche Ent­
Wissenschaft zu etablieren.
wurfswerkstatt zur ,Neuen Mitte' Garbsen ab,
deren
Ergebnispräsentation
aktuell
in
den
Tagungsablauf integriert werden konnte. Der
Garbsen, im März 2001
Tagungsband ist deshalb für die Verwaltung und
den
Rat
der
Stadt
Garbsen
ein
wichtiges
Instrumentarium in einer Phase der Selbst­
reflexion, in der Kommunalpolitikerinnen und
-politiker mit Unterstützung der Verwaltung ent­
scheiden werden, wie sich das Zentrum Garb­
sens in den kommenden Jahren und Jahrzehnten
Wolfgang Galler
entwickeln wird. Sie werden die Meinungs­
Bürgermeister der Stadt Garbsen
äußerungen der Fachleute, die Vergleiche mit
anderen jungen Städten und die historische
Rückschau zu schätzen wissen, die in diesem
Band zu finden sind. Vor diesem Hintergrund
8
S I E G F R I E D F RO H N ER
Ansprache beim Empfang Stadt Garbsen1
Der E rfolg hat viele Väter - dieses alte Sprich­
wort gilt auch für d i e Bildung der Stadt Garbsen
i m heutigen Gebietszuschnitt vor 26 Jahren.
Heute ist Garbsen m it gut 63.000 Einwohnern
größte Stadt des Landkreises Hannover, beliebter
Wohnstandort u n d wichtiges gewerbliches
Zentrum im Nordwesten unserer Region. Wie im
B eitrag von Herrn Heppner i m Einzelnen darge­
stellt, hat der Verban d Großraum Hannover, der
Vorläufer des heutigen Komm u n a lverbandes,
d u rch die Festlegung des so genannten Versor­
gungsbereichs VIII i m ersten Verbandsplan aus
d e m Jahr 1967 den späteren kom m u n a l en
Zusammenschluss der damals selbstä ndigen
U rsprungsgemeinden z u r heutigen Stadt
Ga rbsen wesentlich vorgeprägt.
In diesem Anteil zur Vaterschaft liegt denn
auch ein wesentlicher Grund dafür, dass der
Kommunalverband Großraum Hannover gerne
bereit war, die Stadt Garbsen bei der Durch­
fü h r u n g der Tag u n g "Junge Städte in i h rer
Region" und der vorliegenden Veröffentlichung
zu unterstützen.
Gerade für eine j unge Stadt in der Nach­
barschaft einer Großstadt ist es besonders wich­
tig, die eigene Identität und ihr eigenes Profil zu
gewinnen und zu stärken. Das große Interesse,
a uf das die Tagung auch und gerade bei den
Garbsenerinnen und Garbsenern, gestoßen ist,
bestätigt eindrucksvoll deren Interesse an i h rem
kom m u nalen Gemeinwesen.
Aus der angesprochenen historischen Ver­
bindung zwischen der Stadt Garbsen und dem
Großraumverband resultiert auch unser beson­
deres I nteresse für die jetzt anstehende große
Aufgabe der Stadt Garbsen, nämlich d i e
Schaffung (oder besser d i e Vollendung) eines
urbanen, von den Bürgerinnen und Bürgern aller
Ga rbsener Stadtteile a nerka n nten Zentrums.
Das Rathaus hat bereits viel Lob sowohl wegen
seiner Funktionalität als a uch wegen seiner
überzeugenden Architektur geerntet. Auch die
Einkaufs- u n d Dienstleistungsangebote i n der
Nachbarschaft des Rathauses werden gut ange­
nommen. Und mit dem Kinozentrum entwickelt
1 Gehalten beim Empfang d e r Stadt Garbsen a m
10, November 2000, hier in einer für de n Druck überarbei­
teten Fassung.
9
sich ein Treffpunkt für Jung und Alt aus allen
Stadtteilen. Die Regio n a l p l a n u n g des Kom­
m u nalverbandes hat gerade dieses Kino a l s
wichtigen Baustein für e i n u rbanes Zentrum
gesehen und sich nicht den Bedenken aus der
Nachba rschaft angeschlossen, dieses sei für ein
Mittelzentrum z u groß dimensioniert. Auch für
d i e Ansied l u n g weiteren zentrenstärkenden
Einzelhandels in der Stadtmitte haben wir unse­
re regionalplanerische Unterstützung zugesagt.
Und wir sehen es a uch als Zeichen des guten
Verhältnisses zwischen Stadt und Verband, dass
der für die Plan ung zuständige Fachbereichs­
leiter des Verbandes von der Stadt Garbsen als
Berater in das Werkstattverfa h ren "Ga rbsen
Neue Mitte" einbezogen wurde.
10
Ich wünsche der Stadt Garbsen für die Um­
setzung des nunmehr gefundenen städtebau­
lichen Konzeptes Garbsen-Mitte alles Gute. Mit
dieser E ntscheidung, in zentraler Lage zu allen
Garbsener Stadtteilen einen eigenen urbanen
Akzent z u setzen, ist die Stadt Garbsen gut vor­
bereitet, i n der künftigen Region Hannover den
i h r gebührenden Part zu übernehmen.
Siegfried Frohner
Verbandsdireklor
(Kommunalverband Großraum Hannover)
FRANK LEHMBERG 1
G rußwort
I n der Einladung zur Tagung "Junge Städte i n
i h rer Region" bezeichnet sich d ie Stadt Garbsen
selbst als Kind der Gebietsreform der 70er Jahre.
Diese prosperierende Zeit hat ihr die Möglichkeit
gegeben, sehr schnell zu wachsen. Die u nmittel­
bare Nähe zu Hannover u nd die Lage in einem
verdichteten B a l l u n gsra u m haben e i nerseits
große Vorteile für eine schnelle Wachstums­
entwicklung gebracht, andererseits aber auch
Schwierigkeiten bei einer eigenen Identitäts­
fin d u n g hervorrufe n . Als ju nge Stadt in der
Region ist es der Stadt Garbsen gelungen, i n ihrer
jungen 26-jährigen Geschichte ein eigenständi­
ges und selbstbewusstes Profil zu entwickeln.
Die Woh n u ngsnachfrage zur Zeit der Gebiets­
reform, insbesondere für Fam ilien, war groß.
Ga rbsen hat in den ersten Jahren von den Eng­
pässen und Nachteilen Hannovers profitiert. Das
a l lein hat aber nicht zu i nnerer Stä rke geführt.
Die Chance, sich im Ballungsraum als bevorzug­
ter Wohnstandort zu profilieren, hat Garbsen
a ufgegriffen und attraktiv u mgesetzt. Die kom-
1 Gehalten in Vertretung der Ministerin für Frauen, Arbeit
und Soziales, Heidi Merk, als Schirmherrin der Tagung
"Junge Städte in Ihrer Region", hier in einer für den Druck
überarbeiteten Fassung.
m u nale Baulandpolitik wa r i n d iesen J a h ren
besonders beispielhaft für viele a ndere Städte
und Gemeinden, nicht nur in Niedersachsen. Sie
war sozial ausgewogen und ermöglichte beson­
ders j u n gen Fam i l ien einen u nkomp l izierten
Zugang zu Bauland.
I m mer wieder hat Garbsen das Thema
Wohnen mit neuen Facetten angereichert und
d a m it wertvolle I mpulse für die Region gegeben.
Ich denke besonders an d i e E u ro-Bau-Aus­
stellung. Dass bei einer vor allem in den 70er
J a h ren sehr schnellen Entwicklung n icht alles so
gelaufen ist, wie wir es uns heute wünschen,
werden wir erst im historischen Kontext verste­
hen können. Die Nähe von Garbsen zu Hannover
ist ja nicht n u r eine räumliche Nähe, sondern
auch eine Nähe in den Köpfen ihrer Bewohne­
rinnen und Bewohner. Die persönlichen lebens­
verflechtungen d urch den Arbeitsplatz, d urch
Sport- und Kulturveranstaltungen sind vielfältig
und intensiv.
Die seit einigen Jahren betriebene Ausbildung
einer Mitte, eines Zentrums, mit dem man sich
als Bürger dieser Stadt identifizieren kann, ist
eine Option, die schrittweise konsequent reali11
siert wird. Über d i e Bedeutung von Stadtzentren
und Innenstädten wird wieder viel diskutiert,
nachdem man sie jahrzehntelang hat ausbluten
lassen, etwa d u rch den großflächigen Einzel­
handel auf der so genannten grünen Wiese. Oft
sind es sogar die selben Akteure, die nun die
Folgen beklagen.
U m seinen zentralen Bereich herum hat
Garbsen faktisch eine Struktur geschaffen, die
auch Auswirkungen a uf eine veränderte
Definition eines Zentrums haben könnte oder
sollte. Deshalb kann man sich in Garbsen auch
der Entwicklungen anneh men, die sich bereits in
naher Zukunft a bzeichnen werden, insbesondere
die Veränderungen, die sich d u rch die fortschrei­
tende Entwicklung der Komm u nikations- und
Informationsmöglichkeiten in allen Gesellschafts­
bereichen auswirken wird.
Für d i e anschließenden Diskussionen und
zukünftigen Überlegungen sollen im Folgenden
sechs Bausteine benannt werden, die wesentlich
die Fundamente einer vitalen und funktionieren­
den Stadt bilden:
12
Erster Baustein: "Der öffentliche Raum"
Im Zeitalter virtueller u nd digitaler
Cyberspace-Rä u me, die kei n e r physischen
Räumlichkeit mehr bedürfen, ist es um so wichti­
ger, attraktive öffentliche und private Straßen,
Plätze und Gebäude zu schaffen und zu unter­
halten. Unattraktive Orte werden in Zukunft
noch schneller veröden u nd von Vandalismus
heimgesucht werden. Ein besonderes Augen­
merk soll dabei auf das Verhältnis von öffent­
l ichen und privaten bzw. teilöffentlichen
Räumen gerichtet werden. So schön und anzie­
hend die vielen Passagen und Center in den
Innenstädten sind, so muss man doch darauf
achten, dass es weiterhin genug zugängliche
Räume für alle gibt. Eine nicht zu u nterschätzen­
de historische Stärke der europäischen Stadt war
und wird auch in Zukunft i h re m ultifunktionale
Öffentlichkeit sein.
Die Stadt als Ort des erlebbaren Gemein­
wesens, der unvoreingenom menen Kommuni­
kation, des Austausches von Gedanken, Ideen
und Lebensvorstellungen ist auch in Zukunft
wichtig. Im Bezug auf die Gestaltung der Räume
sollten wir uns nicht einfach der häufig festzu­
stellenden G lobalisierung der E i nfallslosigkeit,
der Monotonie und Langeweile h ingeben.
Spezifische Besonderheiten der Städte sind her­
auszua rbeiten . Dazu gehören a uch Orte, a n
denen wir d i e Dynamik und d i e Auseinander­
setzung m it Erfa h ru ngen u n d Idealen des
modernen gesellschaftlichen Lebens s p ü ren.
Wenngleich dem Einzelhandel d ie bedeutendste
Leitfun ktion z u r Stärku ng der I n nenstädte
zukommt, so m uss a uch für andere Funktionen
genügend Raum verbleiben. Kunst, Kultur u nd
Freizeit, privater und öffentlicher Art gehören
m it in d ie Zentren.
Dritter Baustein: "Erreichbarkeit"
Wenn wir wollen, dass die Ortszentren und
Innen städte lebendige Spiegel gesellschaftlicher
Attraktivitäten sind, müssen wir auch dafür sor­
gen, dass sie auf vielfältige Weise von den ver-
Zweiter Baustein : "Sicherheit"
So u nsicher, wie manchmal in der Öffentlich­
keit diskutiert, sind unsere Städte in Nieder­
sachsen nicht. Subjektiv wird vielfach dieses
Thema anders empfunden als es objektiv ist.
Sicherheitsfragen werden auch eng m it
Sauberkeit und Ordnung verknüpft. E i ne ästheti­
sche U n ordnung des öffentlichen Raumes füh rt
bei vielen Menschen zu einem Gefüh l der
U nsicherheit. Viele Komm unen haben in jüng­
ster Vergangenheit große Erfolge mit Präventiv­
maßnahmen gehabt, die eng i n städtebauliche
Pla nungs- und Gestaltungskonzepte eingebun­
den waren. Die Gestaltung öffentlicher Straßen,
Plätze und Parks, die bauliche Vermeidung von so
genan nten Angsträ u men, wie d u n kle Unter­
fü h rungen, n icht einsehba re Ecken und d i e
Erhaltung von Mischn utzungen verschiedenster
Art, sollten u nbedingt in planerische Überlegun­
gen einbezogen werden. Lösungen h ierzu dienen
n icht n u r besonders gefährdeten Gruppen wie
Frauen und älteren Menschen, sondern tragen
z u m a l lgemeinen "Sich-wohl-fühlen" in der
Stadt bei.
schiedensten Nutzerinnen und Nutzern erreicht
und belebt werden können. Auch für Fam ilien
mit Kindern, Frauen und Männer ohne Zugang
zu einem Pkw, Jugendliche, ältere Menschen und
auch für Behinderte muss die Innenstadt leicht
erreichbar sein. Den unterschiedlichen Anforde­
rungen a n Fortbewegungsgewoh n heiten muss
Rechnung getragen werden. Meiner Erfahrung
nach haben die Verkeh rskonzepte den größten
Erfolg, die möglichst alle Fortbewegungs­
möglichkeiten miteinander sinnvoll verknüpfen.
Vierter Baustein : "Kunst, Kultur, Freizeit"
Kunst, Kultur und Freizeit, privater und öffent­
licher Art gehören i n die Zentren; aber eben nicht
n u r für Erwachsene, sondern auch und gerade
für die heranwachsende Generation unserer
Kinder und Jugendlichen. Darüber hinaus muss
13
es auch Spiel räu me für spontane, auch kurzlebige
Entwicklungen geben. Gerade weil heute gesell­
schaftliche Entwicklungen relativ schnell von­
statten gehen, muss ein Tei l der räu m l ichen
Strukturen der I nnenstädte d a ra uf reagieren
können.
Fünfter Baustein: "Wohnen und Leben in
I n nenstädten"
Belebte I n n e n städte sind vor allem a uch
bewohnte I n nenstädte. Das Wohnen in der
Innenstadt muss wieder attraktiver werden, ins­
besondere für Familien bzw. Mütter und Väter
mit kleinen Kindern. Wir brauchen in unseren
Städten also vermehrt familiengerechte Wohn­
verhältnisse und familiengeeignete Woh n ungs­
bestände. Nirgends besser als in der Stadt aber
lassen sich Beruf und Fa milie wirkungsvoll ver­
einbaren. Hier fehlt es nicht an Versorgungs­
möglich keiten und Infrastruktureinrichtungen
im Nahraum.
Stadtentwickl u n g gefördert, die eine hohe
Mobilität verlangt und damit viel Autoverkehr
erzeugt. Das sich in der Diskussion um eine nach­
haltige Stadtentwicklung n un mehr eine "Stadt
der kurzen Wege" als neues Leitbild heraus kris­
tallisiert, kommt dem Anliegen unseres Minis­
teriums für eine frauen- und fam iliengerechte
Stadtentwicklung sehr entgegen. Die propagier­
te Nutzungsm isch ung als engmasch ige Ver­
netzung von Wohnen, Arbeiten, Versorgen und
Freizeit ka nn wesentlich zur Revitalisierung der
Innenstädte beitragen. Dadurch wird der öffent­
liche Raum belebt und Sicherheit d u rch soziale
Kontrolle gewährleistet.
Zu fa mil ienfre u nd lichem Woh nen gehört
auch eine stärkere Beachtung der öffentlichen
Freiräume, die im Alltagsleben eine oft unter­
schätzte Rolle spielen. Gerade in den verdichte­
ten Innenstädten, die weite Wege zur freien
Natur an den Stadträndern aufweisen, sind die
Bewohner in besonderer Weise auf Freiräume für
E rholung, kleine Entspa n n u ngspausen und
Freizeitaktivitäten angewiesen. U m die I nnen­
städte wieder zu beleben brauchen wir nicht nur
Konsumenten, sondern vielmehr Menschen, die
dort tatsächlich leben und so ihr Quartier sicht­
bar in Besitz nehmen.
Sechster Baustein : "Handel"
Das ehemals gültige Leitbild der Funktions­
trennung von Wohnen, Arbeiten, Versorgen und
Erholung der C h a rta von Athen hat eine
14
Wir wissen, dass dem Einzelhandel bei der
Stä rkung der I n nenstädte die bedeutendste
Leitfunktion zukommt, Um so wichtiger ist die
Frage, welche Rahmenbedingungen dem Handel
und Einzelhandel geboten werden, u m auch für
die zukünftigen Aufgaben gewachsen zu sein,
Deshalb m uss gerade diesem Bereich ein beson­
deres Augenmerk gegeben werden, Sicherlich
sind wir uns darin e i nig, dass große Märkte nicht
vollends aufzuhalten sind, Es muss gelingen,
eine Misch ung zu erreichen, die der Einzelhandel
verkraftet und die Stadt dennoch lebenswert
erhält Engagement und Investitionen in zentrale
Bereiche einer Stadt sind Zukunftsinvestitionen,
die sich lohnen werden,
15
AXEL PRIEBS U N D ADELHE l D VON SALDERN
Junge Städte in ihrer Region­
eine Einführung
Die "Europäische Stadt" als Leitbild für Politik
u n d Planung ist in j üngerer Zeit in erfreulicher
Deutlichkeit bekräftigt u nd bestätigt worden.
Vor dem Hintergrund dramatischer gesellschaft­
licher Veränderungen (Arbeitszeiten, Lebensstile,
Mobilitäts m u ster etc.) und ökonomischer
Herausforderu ngen (Global isieru ng, Desindus­
trialisierung, Enträ u mlich u ng etc.) ist es wichtig,
ü ber d i e künftige G estaltung u n seres R a umes
einen gesellschaftlichen Diskurs zu füh ren mit
dem Ziel, auch unter veränderten Rahmenbedin­
gungen konsensfähige Leitbilder zu suchen. Dass
für die Stadtregionen durchaus u nterschiedliche
Zu kü nfte denkbar s i nd, hat vor einigen J a h ren
der frühere Präsident der deutschen Akademie
fü r Städtebau und La ndesplanung und Stadtbau­
rat von Hannover, Hanns Adrian, 1 in eindrucks­
voller Weise visualisiert (s. Abb. 1).
1 Adrian, Hanns, Gibt es eine europäische Alternative zur
Amerikanisierung des Umlandes? Statement auf dem Kon­
gress "Die Zukunft der Stadtregionentl, in: Bundesministe­
rium
für
Bauwesen, Raumordnung und Städtebau sowie
von empirie. (Hg.), Die Zukunft der 5tadtregionen, Bonn
1998, 5. 59-62.
Nach u n serer Ü berzeugung ist es Aufgabe
aller Fachdisziplinen, die sich mit Stadtentwick­
lung, Stadtplanung und Stadtgestaltung befas­
sen, d u rch offensive Bewusstseinsbildung einen
Konsens d a rüber herbeizufüh ren, dass die von
Ha nns Adrian a ufgezeigten Szenarien "Auslau­
gung der Stadt" und "Stadt der künstlichen WeI­
ten" nicht anzustreben sind. Ohne Zweifel sind
jedoch Versuche, die Raumentwickl ung in diese
Richtu ngen zu beeinflussen, u n ü bersehbar.
Allerdings gehen d iese weitgehend von den
Interessen derjenigen aus, die sich m it der Auflö­
sung traditioneller Stadtstruktu ren ökonomische
Vorteile erhoffen, wä h rend die unterschied­
lichen Aspekte des Gemeinwohls bei d iesen
Bestrebungen 5 0 gut wie keine Rolle spielen.
Die beiden anderen von Hanns Adrian aufge­
zeigten Szenarien, die "bewahrte Stadt" und d ie
"Stadt der kooperierenden Zentren", stellen hin­
gegen d i e Verkörperung des a ngesprochenen
Leitbildes der europäischen Stadt dar. Allerdings
ist wohl davon auszugehen, dass in einer groß17
Abb. 1
on .�WAHIITI ST"or
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Oll STADT o�n KONSTLICIUN WHU
Iß
Szenarien der Stadtentwicklung (Hanns Adrian 1998)
städtischen Agglomeration das a uf Polyzentra­
lität a ufbauende Szenario 2 die einzige realisti­
sche Variante darstellt. Glücklicherweise hat sich
in der Stadt- und Regiona lplanung die Erkenntnis
18
d u rchgesetzt, dass die heutige u n d künftige
G roßstadt n u r noch in i h re r Gesamtheit a l s
Stadtregion zu verstehen u n d z u gestalten ist ­
erkennbar etwa an dem Motto der von den bei-
den Plan ungsakademien ausgerichteten Tagung
"Die Region ist die Stadt" im Jahr 1998.2
Dieses Motto drückt unmissverständlich aus,
dass die Stadtregion mehr ist als die klassische
Kernstadt, sondern d ie Summe der unterschied­
lichen stadtregionalen Siedlungselemente. Aller­
d i ngs scheint die emotiohale Aufmerksamkeit
vorrangig der " h i storischen" Stadt zu gelten,
n icht aber dem s u b u rbanen Raum m it seinen
vielfältigen Siedl u ngsformen. So ist der suburba­
ne Rau m bzw. der Siedlungsra u m a ußerhalb der
Verdichtungskerne vor allem m it negativen Attri­
buten belegt. So spricht Gerhard Henkel3 ableh­
nend von einem städtisch/ländlichen Raum und
einer G rauzone d e r Stadtentwicklung. Für i h n
besitzt d ieser Raumtyp weder d i e Vorteile des
Dorfes noch der G roßstadt, sondern vere inigt
dafür deren Nachteile auf sich. Auch wenn man
diese negative Sichtweise nicht teilt, fällt es nicht
i m mer leicht, Henkel zu widersprechen, weil die
G estalt u n g des suburba nen R a u m s in der Tat
erhebliche Defizite aufweist u n d vielerorts
gekennzeichnet ist d u rch eine auffä llige lieblo­
sigkeit. A ußerdem fä l lt es gerade den j u ngen
2 Akademie für Raumforschung und Landesplanung/
Städten am Rande der G roßstadt nicht leicht, aus
dem Schatten der dominierenden Kernstadt zu
treten u nd selbstbewusst als städtisches Indivi­
duum aufzutreten. 4 I n diesem Zusammenhang
kommt den neuen Stadtmitten der jungen Städ­
te a m Rande der Großstadt eine besondere funk­
tionale und a uch psychologische Bedeutung zu.
Sie sollen i ntegrierend wirken, da mit sich die
Menschen auch am Rande der Großstadt nicht
nur mit der Region, sondern auch mit i h rer jewei­
ligen Kommune identifizieren können.
Zu den Besonderheiten des suburba nen Rau­
mes gehört es, dass hier a uch ein großer Teil der
"sperrigen I nfrastruktur" lokalisiert ist, die eine
moderne Stadtgesellschaft braucht oder auf die
sie nicht verzichten zu können glaubt. Die Rede
ist von Flughäfen, Kongresszentren, Abfalldepo­
nien, Recycl inganlagen, Güterverkehrszentren,
Gro ßkinos, Shopping-Ma lls, Spaßbädern, Golf­
plätzen, Vol lzugsa nstalten, Postfrachtzentren,
Ra ngierba h n höfen und vielem a nderen mehr.
Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung
(Hg.), Die Region ist die Stadt. Hannover 1999 (Forschungs­
und Sitzungsberichte 206).
3
Gerhard Henkel, Der Ländliche Raum. Stuttgart 1993,
S.45.
4
Axel Priebs, Die jungen Städte im nördlichen Hambur­
ger Umland - Vorstädte oder eigenständige Stadtpersön­
lichkeiten? In: Geographische Rundschau 1990, S. 265-270.
19
Hier ist die von Adrian angesprochene Auflösung
der Stadt bzw. der Stadt region i n eine Vielzahl
künstlicher Welten teilweise schon Realität
geworden - o h ne nach unserer Auffassung
jedoch schon zu einer generellen "Auflösung der
Stadt" geführt zu h a ben.
Gerade d ieses Thema ist jedoch in den Wis­
senschaften, d i e sich m it der Stadt bzw. der
Urbanistik befassen, in den 90er Jahren intensiv
diskutiert worden. Im Mittelpunkt standen dabei
die "Amerikanisierung" unserer StädteS und die
Perspektive der Auflösung bzw. des Verschwin­
dens der europäischen Städte. 6 Gleichzeitig
S
7
So die Titel von Tagungen und Publikationen; vgl.
Zukunft Stadt 2000, Bericht der Ko mmission Zukunft
Stadt 2000, Bonn 1993.
Michael Bose (Hg.), Die unaufhaltsame Auflösung der Stadt
8 I nstitut für landes· und Stadtentwicklungsforschung
in die Region? Hamburg 1997 (Harburger Berichte zur
des landes Nordrhein-Westfalen (Hg.), Am Rand der Stadt,
Stadtplanung, 9); und Thomas Krämer-Badoni/Werner
Dortmund 1997 (llS·Schriften 106).
Petrowsky (Hg.), Das Verschwinden der Städte; Universität
9 Thomas Sieverts, Zwischen stadt: zwischen Ort und
1997
Welt, Raum und Zeit, Stadt und Land, Braunschweig / Wies·
Bremen, ZWE Arbeit und Region (Hg.), Bremen
(Forschungsberichte, 8).
20
Insbesondere aber hat der Begriff der "Zwi­
schenstadt" a l s neue begriffliche Klammer für
den weitgehend zersiedelten Raum i m engeren
und weiteren Umfeld der klassischen Kernstädte
für erhebliche Aufmerksamkeit gesorgt. Für Tho­
mas Sieverts, der diesen .Term inus 1997 in die
Fachdiskussion eingeführt hat, ist die Zwischen­
stadt "weder Stadt noch Land, sondern hat
Eigenschaften von beidem";9 er spricht von der
"verstädterten Landschaft" oder der "verland-
vgl. Walter Prigge (Hg.). Peripherie ist überall. Edition
Bauhaus, Bd. 1, Fra n kfurt/New York 1998.
6
wurde die Gestaltung bzw. die Urbanisierung der
Stadtränder thematisiert. Beispielsweise forder­
te d i e Kom mission "Zukunft Stadt 2000" i n
i h rem 1993 vorgelegten Abschlussbericht eine
"Urbanisierung des Umlandes" und die Schaf­
fung attraktiver Kernbereiche i n den Umlandge­
meinden. 7 Unter dem Titel "Am Rand der Stadt"
veranstaltete das I nstitut fü r Landes- und Stadt­
entwicklungsforschung des Landes Nordrhein­
Westfa len im J a h r 1995 eine Tagung ü ber die
"Ballungsrau m peripherie als Planungsschwer­
punkt kommunaler Stadtentwicklungspolitik". 8
baden 1997.
schafteten Stadt". Allerdings versteht auch
Sieverts selbst d i e "Zwischenstadt" eher a l s
Z u standsbeschreibung d e n n a l s Leitbild. Viel­
mehr kritisiert Sieverts, dass die Kernstadtfixie­
rung der Stadtplanung den Blick auf die Realität
i n den Verdichtungsrä u m e n verstellt habe;
o bwohl ein großer Teil der Bevölkerung in den
su burbanen Räumen lebt, sei d ie politische und
pla nerische Gestaltungsa ufgabe, die i n der Zwi­
schenstadt liegt, bislang unterschätzt worden.
Während der Begriff der Zwischenstadt von
Tom Sieverts vor d e m H i ntergrund der realen
Ra umentwicklung und Fachdi s kussion i n
Deutschland geprägt worden ist, haben sich die
räumlichen Muster in den nordamerikanischen
Städten bereits i n einer a n deren Weise weiter­
e ntwickelt. Als nachfolgender Sch ritt d e r dort
freilich i n ganz anderen Dimensionen und weit­
gehend ohne planerische Restriktionen ablau­
fenden S u b u rbanisierung m it e i n h e rgehender
Verödung der Kernstädte haben sich dort an der
Peripherie der Ballungsräume städtische Struk­
turen herausgebildet ("edge eities"), d ie sich aus
dem Kontext der alten Kernstadt verabschieden
u n d eigene, "postsuburbane" Strukturen heraus­
bilden. J ü rgen Aring stellt diese Entwicklungen i n
seinem Beitrag über "Suburbia - Postsuburbia ­
Zwischenstadt" im Zusammenhang d a r und
g e ht der Frage nach, ob und inwieweit d iese
n o rdamerika nischen Tendenzen a uch schon für
die deutschen Stadtregionen Realität oder realis­
tische Perspektive darstellen.lO
I n dem von Hanns Adrian vorgestellten Szena­
rio der "Stadt der kooperierenden Zentren" rich­
tet sich die Aufmerksamkeit nicht ausschließlich
a uf d i e klassische Kernstadt, die wir vorrangig
vor Augen haben, wenn wir an die "Europäische
Stadt" denken. Sie umfasst vielmehr eine ganze
Reihe weiterer stadtregionaler Siedlungselemen­
te, d ie in unterschiedlichen Epochen der Urbani­
sierung i n den fu n ktionalen Verflechtungsbe­
reich der Kernstadt einbezogen oder sogar von
dieser - funktional und administrativ- integriert
wurde. Bekanntlich hat ein großer Teil der kern­
städtischen S ubzentren wie auch der Zentren
benach barter Komm u nen seine h istorischen
Wurzeln in einem Dorf, i n einer Kleinstadt oder
sogar - betrachtet man etwa Linden im heutigen
Hannover oder Altona im heutigen Hamburg - in
einer einstmals eigenständigen G roßstadt.
1 0 vgl. auch ausführlicher: Jürgen Aring, Suburbia - Post­
suburbia - Zwischenstadt, Hannover 1999 (ARL-Arbeitsma­
teriaI 262).
21
Ebenfalls bekannt ist das Phänomen, dass die
pol itisch-administrativen G renzen n i rgendwo
mit dem Wachstum d e r funktionalen Stadtre­
gion mitgewachsen sind. E ingemeindungen und
kommunale Zusammenschlüsse konnten zwar
jeweils besonders d rängende Nachba rschafts­
probleme lösen, als statische Elemente konnten
die kommunalen G renzen jedoch nicht d ie Ent­
wicklungsdynamik der Stadtregionen a ufneh­
men oder einfach nachvollziehen. Bis heute bil­
den sich die funktionalen Stadtregionen fast nie
a uch als administrative Ein heiten ab. Wie Axel
Priebs in seinem Beitrag in diesem Band d a r­
stellt, stellen sich die administrativen Strukturen
vielmehr in der Regel als kleinteilig und zersplit­
tert d a r. Die negativen Wirkungen werden
besonders dadurch verstärkt, dass die adminis­
trativen Strukturen, etwa das Nebeneina nder
oder Gegeneinander von Kernstädten und
benachbarten La nd kreisen im Alltag u n d im
Bewusstsein der Bevölkerung und der Wirtschaft
längst überholte Stadt-Land-Gegensätze perpe­
tuieren.
dass sich das Wachstum von Woh nsiedlu ngen
(und damit Bevö l keru ngsza h len) u n d später
a uch d e r Gewerbeflächen vor allem a ußerhal b
der administrativen Grenzen der Kernstädte voll­
zog. Es verwundert deswegen nicht, dass die
kommuna len Gebiets- u n d Verwa ltungsrefor­
men, d i e in allen "alten" Bundesländern i n den
60er und 70er Jahren mit hohem argumentati­
ven und administrativen Krafta ufwa nd vorberei­
tet und d u rchgefü hrt wurden, in der Ordnung
d e r Stadtregionen ein besonders d rängendes
Betätigungsfeld fa nden. Dabei w u rde parallel
(und i n h a ltl ich eng verzahnt) die Neuordn u ng
der kommunalen G renzen (d.h. der Kernstadt als
a uch der Nachbarkommunen) und die Neuord­
nung der Stadtregion als Planungs- und Verwal­
tungseinheit diskutiert. Dieter Schimanke und
Kla us-Achim Boesler kommen jedoch in i h ren
Bewertungen der Gebietsreform zu dem ernüch­
ternden Ergebnis, dass trotz der i ntensiven
Diskussion die Stadt-Umland-Probleme n u r sehr
verhalten angegangen wurden bzw. kaum gelöst
wurden.11 Auf der einen Seite waren großzügige
territoriale Arrondieru ngen d e r Kernstädte bis
hin z u r Bildung von Regionalstädten nicht mehr
d u rchfü h rbar, andererseits blieb die Bildung
neuartiger überörtlicher Verwaltungsstrukturen
11 Dieter Schimanke, Die Verwaltung von Verdichtungs�
Die im Zeitalter des Wirtschaftswunders nach
dem Zweiten Weltkrieg mit hoher Dynamik ein­
setzende S u b u rbanisierung hat dazu geführt,
22
räumen in der Bundesrepublik Deutschland, in : Die Öffent�
liehe Verwaltung 1983, 5.704, und Klaus-Achim Boesler,
Politische Geographie, 5tuttgart 1985, 5. 80.
bestenfa l l s im Sta d i u m d e r B i l d u n g von
P l a n u ngsverbänden stecken - ein Phä nomen,
das nicht nur i n den Regionen Frankfurt und Kiel
zu beobachten war, sondern auch im Großraum
Hannover.
Wäh rend die Kernstädte - oft mit G rollen meist nur bescheidene oder gar keine territoriale
Erweiterungen erfuhren, entstanden am Rande
der Großstädte n e u e kom m u n a l e E i n h eiten.
Diese bildeten sich entweder um eine gewachse­
ne Kleinstadt herum (im Großraum Hannover sei
a l s Beispiel die neue Stadt Neustadt am Rüben­
b erge m it 33 Ortsteilen außerhal b der Kernstadt
erwähnt) oder solche, die aufgrund funktionaler
Ü berlegu n gen a l s "Kunstgeb i lde" entstanden
(im Großra u m H a n nover waren d a bei die so
genannten Versorg u n gsbereiche, d i e der Ver­
band Großra um H a nnover ermittelt hatte, von
besonderer Bedeutung). Diese j ungen Städte, die
in den 60er und 70er Jahre im Zuge der Gebiets­
und Verwa ltungsreformen gebildet wurden, ste­
h e n i m Mitte l p u n kt d e r hier doku mentierten
Tagung, d i e d i e Stadt Ga rbsen mit Unterstüt­
zung des Kommunalverbandes Großra u m Han­
nover im November 2000 durchgeführt hat. Der
Aufbau der Tagung und dieserTagungsdokumen­
tation verfolgt dabei die Konzeption, in einem
ersten Schritt d re i besonders chara kteristische
Neubildungen der damaligen Reformphase a l s
Individuen vorzustellen, bevor i n einem zweiten
Schritt vertieft auf übergreifende Frageste l l u n ­
g e n eingegangen wird.
Manfred von Essen stellt in seinem Beitrag die
Stadt Norderstedt dar, die 1970 am nördlichen
Stadtrand H a m burgs entstanden ist und m i t
e i n e m Schlag die fünftgrößte Stadt Schleswig­
Holsteins mit heute ca. 72.000 Einwohnerinnen
und E i nwohnern wurde. Peter Dohms stellt
anschließend das Beispiele der Stadt Meerbusch
am Rande von Düsseldorf vor, die im selben Jahr
gebildet wurde und heute ca. 56.000 Einwohne­
rin nen und Einwohner zählt. Während die beiden
e rsten Beispiele a u s der S icht von H i storikern
aufbereitet und bewertet werden, wird das Bei­
spiel der Stadt Garbsen im G roßraum Hannover
von einem der Akteure, dem langjährigen Bau­
dezernenten Jens-Holger Göttner vorgestellt. Die
Stadt Garbsen in i h rer heutigen Abgrenzung ent­
stand im Ja h r 1974, wobei dieser Zusammen­
sch l u ss bereits d urch a ndere kom m u n a le
Zusammenschlüsse vorbereitet wurde. Heute ist
Ga rbsen mit ca. 63.000 Menschen die größte
Stadt im Landkreis H a n nover u n d ni mmt den
13. Rang im Land Niedersachsen ein.
Die E ntste h u n g der Stadt G a rbsen wird
anschließend noch einmal ausführlicher und his­
torisch zurückgreifend bis zur Zeit nach dem
Zweiten Weltkrieg a us dem B l ickwi nkel des
23
Historikers aufgearbeitet durch Christian Hepp­
ner. Wie auch schon im Vorwort von Bü rgermeis­
ter Wolfgang G a l ler zum Ausdruck gebra cht
wurde, bildete d a s Dissertationsvorhaben von
Christian Heppner den Nukleus der hier doku­
mentierten Tagung, die nicht zuletzt der Frage
nachgehen will, ob die von Heppner für Garbsen
nachgezeichneten und herausgearbeiteten Ent­
wicklungslinie n s inguläre Erscheinu ngen sind
oder inwieweit diese ggfs. auch in den jüngeren
Stadtbildu ngen a nderer deutscher Stadtregio­
nen aufscheinen.
Die folgenden Beiträge beleuchten dann eine
Reihe ü bergreifender Aspekte der j ü ngeren
stadtregiona len Entwicklungen. Jochen Franzke,
der kom m unale Gebietsreformen im Span­
nungsfeld von Demokratie und Verwa ltungseffi­
zienz analysiert, baut in seinem Beitrag auf den
Ergebnissen der kom munalen Gebietsreformen
der 60er und 70er Jahre auf u n d richtet sein
Augenmerk schwerpunktmäßig auf die Gebiets­
reformen der 90er Jahre in den ostdeutschen
Ländern. Detlef Briesen setzt den Akzent seiner
Darstellungen auf die Frage der Zentrenbildungen
24
in den j ungen Städte und ana lysiert u nter die­
sem Aspekt d ie Entwicklung j u nger Städte in
Nordrhein-Westfalen bis zur Mitte der 70er
Jah re. Axel Priebs schließlich greift d ie schon
angesprochene Frage der stadtregionalen Orga­
nisation auf. In seinem Beitrag arbeitet er die
wesentlichen E ntwicklungsstufen in den bun­
desdeutschen Stadtregionen heraus, setzt aber
auch einen regionalen Schwerpunkt bezüglich
der Entwicklung im Großraum Hannover.
Der letzte Teil des Bandes doku mentiert die
Kernaussagen der im Rahmen der Tagung veran­
stalteten Pod i u m sdiskussion, in der regionale
Akteure mit unterschiedlichem Erfahrungshin­
tergrund aus ihrer Sicht die Frage beantworten,
ob das Leben i n j ungen Städten lebenswert ist.
Nach einem Impulsreferat des Garbsener Baude­
zernenten Alexander Heuer, der d ie Ergebnisse
des städtebaulichen Wettbewerbs zur "Neuen
Mitte" für Garbsen vorstellt, folgen Beiträge des
Bauhistorikers Sid Auffarth, der Superintenden­
tin Gisela Fähndrich und der Stadtplanerin Bar­
bara Zibell.
Ziel der hier vorgelegten Dokumentation ist
es, der wissenschaftlichen und planerischen Dis­
kussion zum so gena nnten subu rbanen Raum
und zu den Potenzialen und Perspektiven der
jungen Städte neue I mpulse zu geben. Dieser
Band ist ein Bekenntnis zur europäischen Stadt­
verstanden a ls polyzentrische Stadtregion und
als Gemeinschaft größerer u n d kleinerer selb-
ständiger, jedoch funktional eng verflochtener
kommunaler E in heiten. Diese polyzentrische
Stadtregion - d ie Stadt der kooperierenden Zen­
tren - verstehen wir dabei bewusst als Gegen­
modell zur Auslaugung oder gar z u r Auflösung
der Stadt. Diesen letztgenannten Szenarien, die
H a n n s Ad rian so eindrucksvoll da rgestellt hat,
wollen wir mit diesem Band eine Absage ertei­
len. Gleichzeitig wollen wir gerade d i e j ungen
Städte am Rand der G roßstädte aufrufen, sich
selbstbewusst als Glieder dieser stadtregionalen
Gemeinschaft i h re u rbanen Mitten zu schaffen
u n d dem Wildwuchs von Handel und Dienstleis­
tu ngen in "künstl ichen Welten" am Stadtra nd
E i n halt zu gebieten. Die j üngeren Aktivitäten der
Stadt Garbsen, insbesondere der soeben abge­
schlossenen Wettbewerb z u r Neuen Mitte,
stellen ein ermutigendes Beispiel für selbstbe­
wusstes und solidarisches Handeln in der Stadt­
region gleichermaßen dar.
25
liegt nur in der gedruckten Fassung
von "Junge Städte in ihrer Region" vor.
J E N S HOLG E R G ÖTTNER
Junge Städte am Großstadtrand:
Das Fallbeispiel Garbsen
1. Ausgangssituation
Die Betrachtung und Bewertung der Entwick­
l u ng d e r Stadt Garbsen bezieht sich auf den
Zeitraum von 1974, dem Jahr der Gebietsreform,
bis zum Ende der 90er Jahre. Die Verä nderungen
vollzogen sich geradezu rasant, wobei sich der
enorme Bevölkerungszuwachs i m Wesentlichen
a uf d i e Gemeinden Berenbostel u n d Garbsen
konzentrierte. Damit waren die G rundstrukturen
d e r Sied l u ngsentwicklung und der z u kü nftigen
Stadtentwicklung vorgegeben. Durch die Ge­
bietsreform wurden völlig heterogene Gemein­
d e n, nämlich hier ländliche und dort verstädterte
O rte, die n u r die räu mliche Nähe untereinander
und z u m Oberzentrum Hannover miteinander
verband, zu einer e i n heitlichen Gemeinde, die
d a mals schon Stadtrechte hatte, aber i m tradi­
t i onellen S i n n e keine Stadt wa r, zusammen
gefasst. So entstand im Jahr 1974 als eine Art
Retortenschöpfung d ie einwohnermäßig größte
Stadt im Landkreis Hannover. 1
1
Damit verbunden waren erhebliche Proble­
me, aber zugleich auch riesige Chancen, die die
Entwicklung der Stadt bis heute prägen. Der
Dual i s m us der einerseits d u rch die forcierte
Woh n ungsbauentwicklung und a nd ererseits
d u rch d i e begrenzte Infrastrukturentwicklung,
Abb.l
Zur Entwicklung vor 1974, insbesondere zum
Zusammenschluss der Gemeinden Garbsen u nd Havelse
zur Großgemeinde (19671 und zur Stadt (1968) vgl. den aus­
führlichen Beitrag von Christian Heppner in diesem Band.
Umgebungsplan der Stadt Garbsen (Entwurf: Gutsehe, ca.
1 998)
85
d i e beständig Ja h re h interher h in kte, geprägt
war, verschä rfte d i e Herausforderungen und
Ansprüche an d i e Entscheidungsträger. Aber
welche Alternative bestand tatsächl ich fü r die
damals Verantwortlichen? Die Beseitigung der
Kriegsfolgeschäden in Hannover, die Verände­
rung der Aufgabenverteilung in den Landkreisen
Abb. 2
um Hannover waren die Vorgaben für d i e sich
dann vollziehenden Entwicklungen und Anforde­
rungen an den Raum Garbsen.
"Konsum"-laden in provisorischem Gebäude, März 1965 (Foto: R.
Garbsen-Auf der Horst: Typische Wohnzeile. Im Vordergrund
Die Lösung der Wohnungsnot, die Beseitigung
der zum Teil erbärmlichen sozialen Verhältnisse
hatten nur eine Priorität, den Wohnungsba u .
Kennzeichnend f ü r d iese Entwicklung ist d e r
Stadttei l "Auf der Horst". Auf der G rundlage
eines interkom m unalen Vertrags der Gemeinden
Garbsen und Havelse, des Landkreises Neustadt
a. Rbge. und der Landeshauptstadt ist er eine
planerische Schöpfung der Stadt Hannover,
errichtet in Garbsen und gebaut in Plattenbau­
weise - also einer industriel len Fertigungs­
methode, d i e in kurzer Zeit neben einer ange­
messenen q ua litativen Ausstattung eine hohe
quantitative Leistung hervorbringen sollte - was
auch i m Ergebnis gelang.
86
Guthmann, Stadtarchiv Garbsen)
Dabei blieb weder Zeit noch Kraft, zudem war
a uch d i e erforderliche Finanzausstattung nicht
gegeben, um weitere Infrastru kt u rvorhaben
umzusetzen. Dies blieb zukünftigen Entschei­
d ungen vorbehalten, mit der Konsequenz, d i e
entstandenen Puzzletei l e z u e i n e m Ganzen,
wenn möglich zu einer Ein heit, zusam men zu
fügen.
Historisch gesehen war d ies mit der Gebiets­
reform sogar in einem gewissen Maße erfolgt.
Ohne, dass sich der Gesetzgeber darüber
bewusst gewesen ist, wa r m it Besch luss des
Landtages zur Bildu ng der Stadt Ga rbsen das alte
Amt Ricklingen, das bis 1852 existiert hatte, in
seinen Abgrenzungen im Wesentlichen wieder
entstanden.2
2.
Strukturelle Probleme
Die Lage der Stadt Garbsen im G roßra u m
H a nnover u n d i n direkter Nachbarschaft z u r Lan­
desh a u ptstadt ist als gut zu bewerten. D i e
u n m ittelbare Ä.nbi n d u n g a n d i e Autobah n A 2
u n d ü ber d i e Eckverbindung A 3 52 a n d i e A 7
sowie die. B 6 sind Standortvorteile, die n u r noch
die Stadt Langenhagen gleichermaßen a ufweist.
Auch die Nähe zum Flughafen und der zwischen­
zeitlich erfolgte Stadtbahna nschluss begünsti­
gen die Lage in der Region. Der fehlende Bahnan­
sc.h luss wird h ingegen - a uch h insichtlich der
G rößenord n u ng der Stadt - als d a uerhafter
N achtei l sein e Wirkungen haben. Trotz dieser
Lagevorteile, d ie d i e Stadt insgesamt a ufweist,
hat sie n i e eine vergleich bare wirtschaftliche
E ntwicklung wie beispielsweise die Städte Lan­
genhagen, Lehrte, Laatzen oder a uc h Neustadt
gehabt. Vielmehr war d i e Arbeitsplatzausstat­
tung von der Größe her dörfl ich, so dass lange
Zeit Garbsen nur als Vorort von Hannover galt
oder wie N D R-Reporter - herablassend aus Lan­
deshauptstadtsicht - n u r von der Sch lafstadt
sprachen: Als wenn Garbsen n u r das kalte Schlaf­
z i m me r der schönen u n d warmen Woh n u ng
H a n novers wäre. Das Vorurteil stimmte schon
damals nicht. Das Bewusstsein, den Lagevorteil
z u nutzen, erfolgte erst zu Beginn der 80er Jahre,
2
Der heutige Stadtteil HeitJingen gehörte zum Amt
la ngen hagen und bis 1974 zum landkreis Hannover.
nachdem die d r i n gendsten P robleme, die i m
Zusammenhang mit dem rasanten Woh n ungs­
a n stieg a n standen, im Wesentlichen gelöst
waren. Von da an war eine kontinu ierliche u n d
ü berproportionale Zunahme von Arbeitsplätzen
zu verzeichnen, d ie sich ü ber viele Jahre verfes­
tigte.
Auch diese Entwicklung beförderte die Stadt­
werd u ng, n icht n u r der Woh nra um, sondern
auch die Arbeitsstätten wurden Teil d e r Sied­
l u n gsstruktur. Die I nfrastrukturausstattu ng im
privaten u nd öffentlichen Bereich war n u r
bedingt oder gar nicht entwickelt. Das galt u.a.
für Kindergärten, Schu len, Einzelhandel, Gesund­
heitsversorgung, Gastronomie, Dienstleistungen
ete. Alles, was an herkömm licher Ausstattung für
d i e G röße d ieser Stadt n icht vorhanden war,
wurde überwiegend in Hannover oder der vor­
m aligen Kreisstadt Neustadt a . R bge. nachge­
fragt. Damit war ein Kaufkraftverlust verbunden,
der eine eigene wirtschaftliche Entwicklung der
Stadt verhinderte.
Trotz aller Vorgaben u n d ra umord nerischer
Steuerungsinstrumente konnte d i e Stadt im
Wettbewerb m it den a nderen Kom m u ne n im
87
Raum nur bed i n gt bestehen, s o dass zunächst
die Vervollständigung und Ausdifferenzierung
der öffentlichen sowie privaten Infrastruktur
Vorrang hatten. Dabei wurden sowoh l die länd­
lichen wie. die verstädterten Stadtteile gleicher­
ma ßen gefördert, um sowohl intern, a l s auch
extern die Wachstumspotentiale zu stärken.
Letztl ich hat diese Entwicklung dazu beigetra­
gen, dass trotz der schwierigen Ausgangslage, in
der sich Garbsen Mitte der 70er J a h re befand, die
Finanzäusstattung verbessert und damit not­
wendige, a ber i mmer wieder zurückgestellte
Maßnahmen zur Verbesserung der Stadtstruktur
umgesetzt werden konnten.
Die sozialen Probleme, mit denen die Stadt
seit ihrer Gründung zu tun hat, sind nicht in i h rer
Ausprägung, aber in i h rer Dimension einzigartig.
Im Wesentlichen waren dies über die Wohnungs·
bauentwicklung durch die Stadt Han nover
exportierte Soz i a l p robleme. Dass das schon
damals ein gravierendes Problem war, zeigen die
dazu getroffenen Regelungen in dem damaligen
interkommunalen Vertrag, in dem die Stadt Han­
nover s ich verpflichtete, bei der Ausübung der
Belegungsrechte für die Wohnungen für einen
B8
sozialen Ausgleich zu sorgen. Was d ies letztlich
auch immer sein mochte, die Zah l der Sozialhilfe­
empfänger stieg von J a h r zu Jahr und ein Aus­
gleich war nicht mehr erreichbar. Ein Problem für
Garbsen, das für lange Zeit gar das Image prägte,
auch wen n es nur in Teilen der Realität ent­
sprach.
Mit der steigenden Arbeitslosigkeit seit Ende
der 7Der Jahre, der Abhängigkeit von der Auto­
mobilindustrie und der damals unterproportio­
nalen Arbeitsplatzausstattung wurde die Stadt
mit einem weiteren sozialen Problem ü berpro­
portional belastet. Die Zuwan derung von Aus­
siedlern, Asylbewerbern und der durch die inner­
deutsche G renzöffnung bedingte Zuzug Ende der
8Der Jahre verschärfte die soziale Lage. Sie führte
nicht nur im Bund, sondern auch in der Stadt zu
hitzigen D i s kussionen, wie ma n den Zuzug
steuern könne.
Auch wenn Mitte der 8Der J a h re noch Überle­
gungen angestellt worden waren, ob man einige
Hochhäuser abreißen sollte, wurde d a n n kurz­
fristig der soziale Wohnungsbau auf neue
Rekordhöhen wieder hochgefa h ren. Innerha l b
von vier Ja hren nahm die Bevölkerung der Stadt
um rund zehn Prozent auf 63.000 Einwohner zu.
Alle Prognosen, d i e bis dahin a l s seriös galten,
waren nun zu Makulatur geworden - und damit
auch ein Teil der so genannten behutsamen und
langfristig angelegten Stadtentwicklung.
3. Stadtgefüge
Das Gefüge der Stadt ist geprägt d u rch eine
b i polare Stru ktu r einerseits der ehemaligen
Gemeinde Berenbostel und andererseits der ehe­
m aligen Stadt Garbsen, die räu mlich durch das
D reieck zwischen A 2 und B 6 getren nt waren
und auf das keine der beiden Kommunen beson­
deren Anspruch erhob oder gar m it Entwick­
l u ngskonzepten belegte. Um d iese Sied l u n gs­
struktur herum bilden die ländlichen Stadtteile
einen Ring, der nur mit zwei Ausnahmen baulich
verknüpft ist. Damit ist klar und eindeutig vorge­
geben, dass d ie Stadt als einheitliches Siedlungs­
gefüge n icht existiert und auch dem historischen
Beispiel einer konzentrischen E ntwickl u ng um
eine Altstadt, bestehend aus Rathaus, Kirche,
Markt und B ü rger h ä u sern, n icht folgen ka n n .
Ohne diese Leistung wäre die Vermittlung der
Idee "Stadt Garbsen" gegenüber der Bevölkerung
n icht möglich gewesen. Natürlich ist dies a u ch
ein Prozess über jetzt eine Generation h inweg,
der a ber noch l ä n gst n icht beendet ist. Inzwi­
schen hat die Stadt Garbsen im Bewusstsein der
eigenen Bevölkerung, aber a uch unter den
Akteu ren im Großra u m, einen N a men - und
gewiss nicht mehr den schlechtesten.
3
Die Stadtwerdu n g ist trotz ma ncher Kritik
u nd Zurückhaltung d u rch die politisch Vera nt­
wortlichen konstruktiv begleitet u nd entschie­
den worden. Die Einrichtung der Orts räte, die das
Abbild der Kommu nalstruktur vor der Gebietsre­
form sind,3 sowie deren gleichberechtigte Einbe­
ziehung in die Arbeit der Stadtratsfraktionen hat
d a s notwendige Vertrauen und d ie erforderliche
Akzeptanz geschaffen, die für die Stadtwerdung,
a ber auch für die Identifikation m it der Stadt
erforderlich waren.
1968 kam es zu mehreren kommunalen Zusammen­
schlüssen im heutigen Stadtgebiet Garbsen und Havelse.
seit 1967 zur Großgemeinde vereint, erhielten die Bezeich­
n u ng "Stadt"; für diesen Bereich ist heute der Ortsrat Garb·
sen zuständig. Horst, Meyenfeld, Frielingen und Schloss
Ricklingen wurden zur Samtgemeinde Horst zusammenge­
schlossen, der Bereich fällt in die Zuständigkeit des Ortsrats
Horst. Osterwald Oberende und Osterwald Unterende ver­
einigten sich ebenfalls 1968 zur Samtgemeinde; der heutige
Ortsratsbereich umfasst außerdem Heitlingen. Berenbostel
und Stelingen beabsichtigten die Bildung einer Ein heitsge­
meinde und leiteten erste Schritte dazu ein, jedoch kam es
nicht zu einer kommunal rechtlich gültigen Vereinbarung.
Für die beiden heutigen Stadtteile ist der Ortsrat Berenbos-­
tel zuständig.
89
4. Stadt als soziale Veranstaltung
Die Betrachtung u n d Bewertung einer Stadt
erfolgt jeweils aus dem Blickwinkel des Be­
trachters. Das gilt insbesondere für diejenigen,
die sich beruflich damit beschäftigen, wie z.B.
Stadtplaner oder Architekten. Orientiert a n Ent-
Abb. 3
Die Stadtteile Garbsens (Entwurf: Gutsehe, ca.19g8)
90
wü rfen, Plä nen oder gar Weltansch a u u ngen
werden Quartiere, Stadträume oder sogar ganze
Städte entworfen. I n der Architekturgeschichte
gibt es dafür positive und damit auch nachhalti­
ge Beispiele, die geradezu durch die Bewohner in
Besitz genommen worden sind, a ber ebenso
auch negative. Selten ist der Betrachter a uch der
N utzer, und deswegen wird häufig a uch überse­
hen, dass - jenseits der eigenen Vorstellungen die Stadt ein sozia les und kei n städteba u lich­
abstraktes Gefüge ist.
Ginge es nach den Vorstell ungen der Mehr­
heit unserer Bevölkerung, hätten wir vornehm­
l ich das E i nfami lienhaus im Quad rat. Selbst
architektonisch hervorragende Beispiele begei­
stern n u r eine Minderheit. Auch die Ansprüche
an Gru ndriss und Ausstattung werden n u r
bedingt.den Beifall der hier Anwesenden finden.
Und trotzdem müssen wir u n s bewusst sein,
dass die Menschen i h re Wohn ungen, i h r Wohn­
umfeld, i h re Stadt a nnehmen müssen, das heißt,
i h re Vorstell ungen in den sozialen Prozess von
Stadtwerd ung einbri ngen. Allein der Bevölke­
rungsdruck, der auf dieser Stadt gelastet hat, hat
Lösungen geradezu erzwungen. Wären sie ver­
weigert worden, wäre es zu einem Dammbruch
gekommen.
Auch d ie Wi rtschaft hat i h re Betrachtungs­
weise, nämlich die der Effektivität und der Renta­
bilität. Diese Ziele sind nicht immer gleich den
städtebau l ichen Zielen. I nsoweit bedarf es eines
Abgleiches, einer Ord n ung, um Schaden zu ver­
meiden. Jedoch werden überhöhte Grundstücks­
preise und u n kalkulierbare Auflagen Investitio­
nen verhindern und damit neben den negativen
Wirtschafts- und Arbeitsplatzeffekten a uch die
Ordnung des städtischen Rau mes u nmöglich
machen. Die These, im innerstädtischen Bereich
Räume u ndefiniert freizuhalten für zukünftige
Entwicklungen, hat bisher n icht funktioniert.
Der Herausforderung, der die Stadt Garbsen
siCh bis heute stellen muss, ist, wie sie konkret
i h r Siedlungsgefüge ordnen will und wie sie auch
im Bewusstsein d e r Bewohner als ein heitl iche
Stadt wahrgenommen wird. Die klassische, his­
torische Stadtstruktur, die im Hinterkopf als per­
manente Vorlage vorhanden ist, war nicht reali­
sierbar, so d ass a ndere Lösu ngen gefu nden
werden m ussten.
Das u n beplante Dreieck zwischen A 2 und B 6
war hinsichtlich d e r Raum- und Naturausstat­
t u n g d i e Initi a l z ü n d u n g für d i e "Grüne Mitte
Ga rbsen", um so a uch Identifikationen über den
n e u en Stadtteil Garbsen-Mitte hinaus zu
entwickeln. Zudem ist d ieser Bereich a uch d ie
geographische Mitte, so dass sich die Zentrums­
entwicklu n g hier geradezu a nbot. Auch die
U ntersuchungen zum Rathausstandort h a be n
dies deutlich bestätigt. Die Entscheidung, Grün­
stru kturen, G rünord nungselemente, Teiche und
Wasserlä ufe z u vernetzen u n d d a m it die Zentrumsbildung ZU befördern, scheint zunächst im
Widerspruch z u m Anspruch einer städteba u­
lichen Ord n u ng zu stehen. Z u m i ndest in der
j ü n gsten Tra d ition der Bundes- und Landesgar­
tenscha u e n sind d ie G rü ndord n u ngsmaßnah­
men z u struktu rbildenden Maßnahmen der
Stadtentwickl ung geworden. Und von daher hat
sich d i e Stadt Ga rbsen damals auch nicht
umsonst um die Ausrichtung der Landesgarten­
schau in N iedersachsen beworben, die d a n n
d u rch d a s La nd a b e r nicht m e h r d u rchgeführt
wurde.
Abb. 4
Erste Anlagen im entstehenden Stadtpark Garbsen, Teich und
Baumlehrpfad, 1995 (Foto, Bruno Austen)
91
Die Entwicklung der Stadt als räumliche Ein­
heit ist noch l ä ngst nicht abgeschlossen. Aber
durch die Entwicklung, die seit den 60er Jahren
erfolgte, wird deutlich, dass die Struktur in ihren
Grundzügen l ä ngst vorgegeben ist und dass die
noch zu beplanenden Bereiche die Scharn ier­
fu n ktion zwischen den Stadtteilen so wahrge­
nommen werden muss, dass daraus tatsächlich
eine auch im Bewusstsein der Bevölkerung ein­
heitliche Stadt in ihrer Vielfältigkeit wird, zumin­
dest was den Kernbereich anbetrifft.
92
C H R ISTIAN H E P P N E R
Eine neue Stadt entsteht.
Urbanisierung und städtisches Leben
i n Garbsen 1945-19751
Die E ntstehung dieser Stadt ordnet sich ein in
den starken Suburbanisierungsschu b der deut­
schen Nachkriegszeit. Angetrieben durch Bevöl­
kerungsvermehrung, Wirtschaftswachstum und
'
Automobilisierung, brachte er nicht nur ein wei-
1. Einleitung
Die Stadt Garbsen am Rande der niedersäch­
sischen Landeshauptstadt Hannover entstand in
den J a h ren um 1970 d u rch den Zusammen­
'
s c h luss von ursprünglich elf selbständigen
Gemeinden. Die Errichtung einer Großsiedlung
durch die Stadt Hannover - heute der Garbsener
Stadtteil ,Auf der H orst' - gab 1967/68 den
An lass, die a ngrenzenden Orte Ga rbsen und
Havelse mit dem Neubaukomplex zu einer Dop­
pelgemeinde zu vereinen und zur Stadt zu erhe­
ben. Die n iedersächsische Verwa ltungs- und
Gebietsreform brachte 1974 den Zusammen­
schluss mit den übrigen, bis auf d ie Gemeinde
Berenbostel ländlich geprägten Orten zur heuti­
gen Stadt.2
teres Vordringen städtischer Verhältnisse "in die
Fläche", sondern auch ein völlig neues Bild von
Stadt hervor. Es hat sich inzwischen a l s
,Zwischenstadt' oder ,Post-S u bu rbia' eine feste
d u rc h verschiedene Bezeichnungen kenntlich gemacht.
Dabei steht
, (Alt-) Garbsen für die bis 1966 bestehende, alte Dorfge­
meinde "Garhsen",
1
Grundlage des Textes ist ein vom Autor seit 1999 unter
gleichem Titel d urchgeführtes, zeitgeschichtliches Disserta·
, (Havelse-) Garbsen für die 1967 gebildete, 1968 zur Stadt
erhobene Großgemeinde "Garbsen", und
tionsprojekt. Betreuung: Prof. Dr. Adelheid v. Saldern, Uni­
, Garbsen für die 1974 gebildete, heutige Stadt "Garbsen".
versität H a nnover, Historisches Seminar und Dr. Sid Auf�
Die ehemaligen Ga rbsener Teilgemeinden haben ihre
farth, Universität Hannover, Fachbereich Architektur,
Namen als Ortstei lbezeichnung beibehalten. Neu einge·
Institut für Bau- und Kunstgeschichte.
führt wurde lediglich die Bezeich nung "Altgarbsen" für den
2
Zum besseren Verstä ndnis werden d i e unterschied·
lichen Stufen der kom mu n a l e n Entwicklung Garbsens
Bereich des früheren Dorfs (Alt-) Garbsen im heutigen
Stadtgebiet.
93
Abb. l
OtiernlJagen
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Entwicklung der Ortsteile :
... bis 1900
Die Stadt Garbsen seit 1974. Eingerahmt: d i e GroßsiedJung Garbs<en·
(Karte, W. Kaemllng)
94
_
bis 1977
,Auf der Horst', .im Südosten die Landeshauptstadt Hannol{er
Position in der stadtplanerischen Diskussion
erobert.3
Garbsen wa r - und ist - e i n Musterbeispiel
d i e ser Entwicklung: ein schwer zu erfassendes
Durchei nander aus dörflichen und städtischen
Siedlungskernen, geschützten Landschaftsstrei­
fen und pulsierenden Hauptverke h rsadern,
Wohn- und Gewerbegebieten, eine Kommune
oh ne Zentrum und klar erkennbare G renze zur
benachbarten Großstadt, aber mit vielen Anlauf­
punkten und "versteckten" Qual itäten. Ökono­
misch u n d sozial vielfältig auf die Landeshaupt­
stadt bezogen, wird d ie über 60.000 Einwohner
große Stadt bis heute von einer überaus hetero­
genen Bevölkerung aus alteingesessenen Dorf­
bewohnern, ehemaligen Weltkriegsflüchtlingen,
h a n noverschen Industriearbeitern, woh lhaben­
den G roßstadtemigranten, ausquartierten Sozi­
a lfä llen sowie deren Nachkommen bewohnt.
Konnte es überhaupt gelingen, hieraus ein ein­
h e itliches städtisches Gemeinwesen entstehen
zu lassen? Und was bedeutete ferner eine solche
Stadtwerdung unter Verhältnissen, in denen die
"U rbanität" selbst i n die Krise geraten schien?4
Ga rbsen entstand zu einer Zeit, als vorstädtische
E i n kaufszonen n icht m e h r als öffentliche
Geschäftsstraßen, sondern als private E i nkauf­
zentren rea lisiert wurden, als pla nerische AII­
ma chtspha ntasien und -möglichkeiten ganze
Stadteile " a u s einem G uss" entstehen ließen,
neue Massenmedien und Konsumangebote die
kulturellen Unterschiede zwischen Stadt u n d
Lan d weiter einebneten u nd, in d e n J a h ren u m
1968, d i e Insignien klassischer, bürgerlich-städti­
scher Bildung und Kultur in Frage gestellt wur­
den.5
4
Vgl. Edgar Salin, Urbanität, i n : Deutscher Städtetag
(Hg.), Erneuerung unserer Städte, Köln 1960 (Neue Schriften
des Deutschen . Städtetags, Heft 6), ferner etwa die
Kritik von Jane Jacobs, Tod u nd Lehen amerikanischer
Städte, Gütersloh 1963: Alexander Mitscherlieh, Die
Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden,
Frankfurt 1965; oder Edith Pfeil, Großstadtforschung,
3 Vgl. Thomas Sieverts, Zwischenstadt, 1997 (Bauwelt
Hannover 1972.
Fundamente 118), und J ü rgen Aring, Suburbia - Postsubur­
5 Vgl. dazu im Ü berblick Axel Schildt, DetlefSiegfried, Karl
bia - Zwischenstadt, 1999. Siehe dazu auch den Beitrag von
C. lammers (Hg.), Dynamische Zeiten. Die sechziger Jahre in
Jü rgen Aring in diesem Band.
den beiden deutschen Gesellschaften, H a mburg 2000.
95
Eine Untersuchung der urbanen Entwicklung
dieser Stadt, das lassen die eben gen a nnten
Stichworte erkennen, kann sich nicht auf Bevöl­
kerungszahl, städteba u l ichen Ausd ruck, Wirt­
schaftskraft u n d Zentralität in der öffentlichen
Versorgung beschrä nken. Sie m u s s a u c h a uf
Aspekte von Bi l d u n g, von städtischen Freizeit­
und Kulturformen, eben von "städtischem Leben"
bezogen werden. Die Geschichtswissensch aft ist
allerdings n ach der vorsichtigen Erfassung der
SOer Jahre gerade erst dabei, den Zeitrau m der
60er u nd frühen 70er Jahre mit ihren Mitteln z u
erschließen.6 Auch die Stadtgeschichtsforschung
hat sich hi nsichtlich dieser Epoche bislang a uf
die Erforsc h u n g einzelner Phänomene v.a. i m
Bereich des Woh n ungs-, Siedlungs- u n d Städte­
baues beschränkt und dabei vornehmlich Groß­
und Mittelstädte im Blick gehabU J u nge Städte,
noch d a z u i m s u bu rbanen Rau m, haben s ich
dagegen n u r einer geringen Aufmerksamkeit
erfreut, galt doch die Urbanisierung - verstan­
den als Wandel von einer überwiegend a uf dem
Land zu einer überwiegend in Städten lebenden
Bevölkerung und als D u rchsetzu n g einer städ­
tisch orientierten Lebensweise a uch a uf dem
Dorf - ohnehin eher als e i n Phänomen des
19. J a h r h underts.8 Ähnliches lässt sich, was das
historische Forschungsinteresse angeht, schließ­
lich auch für die Gebietsreform sagen, obwohl
diese sowohl für die Praxis kommunaler Verwal­
tung u n d Polit i k als auch für die Entste h u ng
neuer Städte i n der bu ndesdeutschen Nach-
7
Vgl. z.B. Klaus v. Beyme u.a. (Hg.), Neue Städte a u s Rui­
nen. Deutscher Städtebau der Nach kriegszeit, München
1992; Ulfert Herlyn, Adelheid v. Saldern, Wulf Tessin (Hg.),
Neubausiedlungen der 20er und 60er Jahre, Frankfurt a.M.
1987; Adelheid v. Saldern (Hg.I, Bauen und Wohnen in
Niedersachsen während der fünfziger J a h re, Hannover
1999; sowie im Ü berblick Horst Matzerath, Stand und
Leistung der modernen Stadtgeschichtsforschung, in: J. J.
Hesse (Hg.), Kommunalwissenschaften in der BRD, Baden­
Baden 1989.
8 1n den bereits älteren, aber noch immer grundlegenden
Ü bersichtsdarstellungen von J. Reulecke, W. R. Krabbe und
H. J . Teuteberg wird die (Sub-I Urbanisierungsphase der
Nachkriegszeit nur a m Rande erwähnt. Vgl. Wolfgang R.
Krabbe, Die deutsche Stadt im 19. und 20. Jh. Eine Einfüh­
rung, Göttingen 1989; J ü rgen Reulecke, Geschichte der
6
96
Vgl. z.B. Ebd., sowie Axel Schildt: Moderne Zeiten. Frei­
Urbanisierung in Deutschland, Frankfurt 1985; Hans Jürgen
zeit, Massenkultur und Zeitgeist in der BRD der fünfziger
Teuteberg (Hg.), Urbanisierung im 19. und 20. Jahrhundert.
Jahre, Hamburg 1995.
Historische und geographische Aspekte, Köln 1983.
kriegsgeschichte eine entscheidende Rolle
gespielt hat.9
I m folgenden Beitrag soll exemplarisch nach­
gezeichnet werden, wie die Urbanisierung eines
stadtnahen Raums i n der Nachkriegsära abge­
la ufen ist, welche Faktoren zu der eigentlich eher
ü berraschenden komm u n a l rechtJichen Formie­
ru n g und Stadtwerdung Garbsens beigetragen
h a ben u n d mit welchen Startvoraussetzungen
d iese Stadt in ihre weitere Entwicklung eingetre­
ten ist. Dabei soll gezeigt werden, dass d i e
niedersächsische Verwaltungs- u n d Gebietsre­
for m nicht erst bei i h rem Abschluss 1974, son­
dern schon während des ganzen davor liegenden
u n d fü r d ie Garbsener Stadtbildung zentralen
Jahrzehnts einen erheblichen Einfluss auf diesen
Prozess ausgeübt hat. Ferner soll - insbesondere
a m Beispiel der Großsiedlung ,Auf der Horst' ­
der Frage nachgegangen werden, welche Bedeu­
tung die E i nlösung des mit der Stadtwerdung auf
sich genommenen Anspruchs auf "Urban ität" für
die Entwicklung einer gemeinsamen und städti­
schen Identität in Garbsen gewonnen hat. Unge­
achtet der Tatsache, dass auch der länd liche
Raum durch die Suburbanisierung einschneiden­
den Verä nderu ngen unterworfen ist, 10 werden
d a h e r d i e am meisten verstädterten Ortsteile
Altgarbsen, Havelse u n d ,Auf der Horst' i m
Mittelpunkt dieses Beitrags stehen. Zeitlich kon­
zentriert er sich auf die Jahre von 1945 bis 1975.
Dass die Urbanisierung im Raum Garbsen aller­
dings einen viel längeren zeitlichen Vorlauf
besitzt, soll im Folgenden kurz erläutert sein.
10 In diesem Sinne ist auch auf der Garbsener Tagung
,Junge Städte i n ihrer Region' z u Recht darauf verwiesen
worden, dass jene Prozesse, die die Entwicklung einer
9 Die Verwa ltungs- u n d Gebietsreform ist bislang v.a.
gemeinsamen und städtischen Garbsener Identität voran
Thema politik- und verwaltungswissenschaftlicher Arbeiten
trieben, mit dem Verlust einer ländlichen und ortsbezoge­
gewesen. Vgl. dazu einführend Eberhard Laux, Erfahrungen
nen Identität verbunden waren. Auf der Ebene von menta­
und Perspektiven der kommunalen Gebiets- und Funktio­
len Strukturen und kulturellen Traditionen ist Urbanisie­
nal reform, i n: Roland Roth, H. Woll mann (Hg.), Kommunal­
rungsgeschichte somit stets auch als eine Verlustgeschichte
politik, Bonn 1999.
zu
begreifen.
97
2. Kontinuitätslinien der Suburbanisierung d i e ,klassische' U rb a n isierungsphase im
Raum Garbsen
Das G a rbsener Beispiel zeigt exe m p l a risch,
dass die nach dem Zweiten Weltkrieg beschleu­
nigte U rbanisierung stadtnaher Räume u nm it-
tel b a r an frü here Veränderungen a n k n ü pfen
konnte. Die Stadtwerdung G arbsens baute auf
einem Urbanisierungsprozess a uf, der i n den drei
südöstlichen, H a nnover zugewandten Ortsteilen
Berenbostel, Havelse und (Alt-) Garbsen schon in
den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts eingeleitet
worden war. Agrarisch-dörfliche Elemente waren
d a bei um gewerblich-industrielle ergänzt wor­
den. Dazu hatten Ziegeleien und später a uch
Ka lksteinwerke beigetragen, die für den hanno­
verschen Markt produzierten; ferner Siedlungen
von Arbeitern, d ie hier und in Nachbargemein­
den entlang der B a h n l i n ie H a n nover-Seelze
Beschäftigung gefu nden h atten.ll Diese Ent-
wicklung wurde noch verstärkt, als sich nach der
Errichtung von Mittelland ka n a l (1916) und
Reichsautobah n (1938) am Kreuzungspunkt
d i eser Verkehrswege m it der heutigen B u ndes­
straße 6 u n m ittel b a r südöstlich G a rbsens
weitere Industriebetriebe ansiedelten, etwa der
G u m m i- und Reifenhersteller Continental AG
oder das Batteriewerk der heutigen Varta AG.
Der Ga rbsener Südosten profitierte somit in
seiner Entwicklung von topogra phischen Gege­
benheiten und natürlichen Ressourcen ebenso
wie von einer industriellen Randwanderung h a n­
noverscher Betriebe, die durch innerstädtischen
Platzma ngel und neue Verkehrsei n richtungen
a ngeregt wurde,12 Das mit der Industrialisierung
einsetzende Bevölkerungswachstum entwickelte
in Beren bostel, Havelse und (Alt-) Garbsen d i e
größte Dynamik: fast drei Viertel (71 Prozent) des
Gesa mtgarbsener Bevö l kerungszuwachses von
1821 bis 1939 entfielen auf diese drei Orte. 1939
beherbergten sie bereit s knapp die Hälfte aller
12
Von den genannten G roßbetrieben hatten die Conti­
nental AG, die Firma Riedel de Häen, das Eisenbahnausbes­
serungswerk leinhausen und der Rangierbahnhof Seelze/
letter vor herige i n n e nstadtnahe Standorte aufgegeben
11 Hierzu sind d a s 1878 eingerichtete Eisenbahnausbes­
serungswerk in leinhausen, das
1902
eröffnete Chemie­
werk Riedel d e Häen in Seelze sowie der seit
1909
beste­
hende Rangierbahnhof bei Seelze und letter zu zählen.
98
oder ergänzt. Für die Führung von Autobahn und MitteI­
landkanal durch den Raum Garbsen waren u,a. die hier ver­
laufende leineniederung un d die Geestkante mit ihren
weitgehend ebenen Geländekonturen entscheidend.
Ga rbsener Einwohner. 1 3 Arbeiter, auch Ortsfrem­
de ( Saisonarbeiter) waren in diesen sonst noch
i m mer landwirtschaftlich bestimmten Ortschaf­
ten zu einem festen Bestandteil der Sozialord­
nung geworden - eine Tatsache, die die tiefgrei­
fende Veränderung der dörflichen Sozialstruktur
in der Nachkriegszeit erleichtert haben wird. Da
d i e drei Dörfer d u rch die Eingemeind ung von
Nachba rorten nach Hannover inzwischen a uch
sel bst un mittelbare oder mittelbare Stadtrand­
gemeinden geworden waren, 1 4 wurden sie i n
d e n 30er J a h ren bereits z u m han noverschen
"Großsied lungsra u m " gezählt und in eine ü ber
das Stadtgebiet h i n a u sgreifende Siedlungspla­
nung einbezogen. 1s
Die Entwicklung im Südosten stand in merkli­
chem Gegensatz zu der in den übrigen Garbsener
Dörfern: Sie hatten einen geringeren Wandel der
dörflichen Sozialstruktur u nd einen schwächeren
Bevölkerungsanstieg zu verzeichnen. Besonders
d e utlich zeigte sich die Gewichtsverschiebung
innerhalb des Ga rbsener Sied l u ngsgebiets im
Bedeutungsverl u st der ehemals zweitgrößten
Gemeinde Ga rbsens, Schloss Ricklingen. Der Ver­
waltungsmittelpunkt des früheren ( und mit dem
1 3 Der Anteil dieser drei Orte an der damaligen Garbsener
Gesamtbevölkerung betrug 48 Prozent, vgl. Statistischer
überwiegend auswärts und nicht-agrarisch arbeitender
Viertelj ahresbericht Hannover, Sonderband 1988, S. 26 f.
Bevölkerung zuzuordnen. Mit Rücksicht auf die Expansions­
1 4 Eingemeindet wurden die an Berenbostel grenzende
pläne der Großstadt wurden 1934 neben den Gemeinden
Gemeinde Stöcken 1907 sowie der Berenbostel und Havelse
des Land kreises Hannover offenbar auch die im Landkreis
benachbarte Gutsbezirk Marienwerder 1928. I h n trennten
Neustadt gelegenen Gemeinden Stelingen, Berenbostel,
auch von der Gemeinde (Alt-) Garbsen n u r wenige hundert
Garbsen und Havelse zu "Wohnsiedlungsgebieten" erklärt
Meter. Vgl. Heinrich Knibbe, Die Großsiedlung Hannover,
und in einem vier Jahre darauf aufgestellten "Wirtschafts­
H a nnover 1934, S. 14 ff.
plan für das Wohnsiedlungsgebiet Han nover" als Flächen
1 S Ebd. Knibbe definierte den Großsied l u ngsraum in
für künftige Siedlungsprojekte a usgewiesen. Bis 1948 sah
seiner 1932 abgeschlossenen Untersuchung vornehmlich
der Plan in den genannten Gemeinden Möglich keiten für
als wirtschaftlichen Verflechtungsraum und kam z u dem
den Bau von bis zu 530 neuen Wohnungen. Vgl. Wirt­
S c h l uss, Garbsen, Havelse, Beren bostel, Stelingen u nd
schafts plan für das Wohnsiedlu ngsgebiet Hannover, Stadt­
Meyenfeld seien diesem als "Wohnortgemeinden" mit
archiv Hannover, Sammlung ,Auf der Horst' Nr. l04.
99
heutigen Stadtgebiet fast identischen) Amts
Ricklingen verlor nach dessen Auflösung im Jahre
1855 sämtliche übergeordneten Verwaltu ngs­
und Gerichtsfun ktionen und verfiel einer langan­
haltenden Stagnation in der Bevö l kerungsent­
wicklung.16
3 . Der (Sub-) Urbanisierungsschub der Nach­
kriegszeit
I m Wirtschaftsa ufschwu ng der Nachkriegs­
zeit konnten die drei südöstlichen Ortsteile (Alt-)
. Garbsen, Havelse und Berenbostel a n die vorhan­
denen ökonomischen Strukturen anknüpfen u n d
von der günstigen Verkehrslage, d e m Wiederauf­
bau Hannovers sowie vom Boom der Automobil­
industrie profitieren. Diese war im benachbarten
Hannover-Stöcken mit Werken von ,Continental',
,Varta' und - seit 1955 - der Volkswagen AG stark
vertreten . Die dort geschaffenen Arbeitsplätze
bewirkten, dass d ie genannten Orte im Gegen­
satz zu vielen a nderen n iedersächsischen
Gemeinden nach der Währungsreform nicht von
einer Wiederabwa nderung der zuvor aufgenom­
menen Kriegsfl üchtl i n ge u n d Vertriebenen
erfasst wurden. Die Einwohnerzahl, die sich in
a llen Garbsener Ortschaften d urch die Flücht­
l ingsaufn a h m e gegenüber der Vorkriegszeit
ohnehin schon verdoppelt hatte, nahm in (Alt-)
Garbsen, Havelse und Berenbostel von 1950 bis
1960 nochmals u m die Hä lfte z u.17 Dagegen
sank sie in den anderen Orten wieder um durch­
schnittlich 10 bis 15 Prozent ab. Erst mit einiger
Verzögerung schlug die Abwanderung auch dort
in ein moderates Wachstum u m, so dass diese
Gemeinden oft erst Mitte der 60er Jahre wieder
den Bevölkerungsstand von 1950 erreichten, in
einem Fa ll - Heitlingen - erst 1972.
Im Garbsener Südosten konnte der d urch die
Flüchtlingsaufnahme bewirkte Aufbruch bisheri­
ger dörflicher Verhä ltn isse bereits in den SOer
Jahren in eine dauerhafte Veränderung von Sied­
l ungsbild, gewerblicher u n d sozialer Struktur
überführt werden. Der 1948 einsetzende Woh­
n u ngsbau besta nd dort zwar wie ü bera l l i m
l ä n d l ichen R a u m vorneh mlich aus kleinen, z.T.
genossenschaftlich errichteten Siedlu ngshäu-
17 Die Bevölkerungszu nahme l a g im Schnitt d e r drei
Dörfer bei 54 Prozent, war aber a m deutlichsten in Havelse
16 Heimatchro n i k des Kreises Neustadt a. Rbge., Köln
spürba r. Dieser Ort konnte seine Einwohnerzahl in den Jah·
S. 105 ff. Bis 1939 konnte das Dorf gerade 16 neue
ren 1950·60 verdoppeln. Statistischer Vierteljahresbericht
1974,
Einwohner hinzu gewinnen.
100
Hannover (wie Anm. 13).
sern, aber er füllte n icht einzelne Straßen, son­
dern große Areale a uf. Au ßerdem fa nd er fast
d urchweg als städtische "Kleinsiedlung" und n u r
selten a l s l a ndwirtschaftliche Nebenerwerbs­
steIle statt. Die Siedlungsgebiete wurden ferner
schon früh von mehrstöckigen Reihen- und Miet­
wohnungshäusern d u rchsetzt, die i n diesem
U mfeld a l s verdichtete, städtische Ba uformen
wirkten.1a Der für Ga rbsen zuständige Kreisna­
tu rschutzbeauftragte stellte 1959 in diesem
Sinne fest, die Gemeinde Havelse sei auf eine
Weise gewachsen, dass "der noch vor zwei Jah­
ren geplante ländliche Siedlungscharakter durch
eine Vorstadtbe b a u u n g vernichtet" sei.19
N a mentliche Zusch rei b ungen wie "VW-Sied­
l u n g" zeigten dabei, dass die neuen Bauten z.T.
u nter dem sozialen Einfluss der nahen Industrie­
betriebe ( ent) standen.20
18 Bis Ende der SOer J a h re wurden in Altgarbsen sieben,
in Berenbostel acht, in Havelse fünf ortsnahe Gebiete durch
Verabschied ung von ,Äufba u p länen' für die Beba u u ng
erschlossen. Die seit Mitte der SOer J a hre a ufgestellten
Flächennutzungspläne dieser Gemeinden sahen Wohnbau·
flächen von jeweils mindestens 20 ha vor. Vgl. Stadtverwal­
t u n g Garbsen (im Folgenden: StVG), Archiv Stadt­
planu ngsamt.
19 Ste l l u n gnah m e d e s Naturschutzbeauftragten des
Landkreises Neustadt, Sagatz S ehr
,
.
v.
18.10.1959; in: StVG,
Archiv Stadtplanungsamt, Nr. 58.
20
"
leinezeitung, 27.1.1959, ähnlich auch die spätere
Gummisiedlung in Altgarbsen, leinezeitung, 20.7.1974.
"
Landwirtschaft hatte i n d iesen Orten schon
vor dem Krieg eine a bnehmende Rolle bei der
Erwerbsarbeit gespielt. Ihr Stellenwert sank n u n
weiter, j e mehr LandarbeitersteIlen u n d Neben­
erwerbsbetriebe in den 50er J a h re n im Tausch
gegen einen festen gewerblichen oder i n du s­
triellen Arbeitsplatz a ufgegeben wurden. Den
Flüchtlingen und Vertriebenen erlau bten insbe­
sondere die seit 1952 i m Rahmen des Lastenaus­
gleichs vom Staat a usgezahlten Mittel, sich m it
Handwerks- oder Gewerbebetrieben selbständig
zu machen und damit die Erwerbsstruktur in den
Ortschaften weiter zu verändern.
Bevö l kerungswachstum und Sied l u ngsver­
dichtu ng ermöglichten den südöstlichen Orten
ferner einen Ausbau der kom m u n a len Versor­
gungsein richtungen. Bereits in den 50er Jahren
w u rde dadurch eine Angleichung a n städtische
Standards begonnen. In elektrischer Straßen be­
leuchtung, Gasanschluss, Kanalisation, komm u ­
n a l e r Müllabfuhr u n d Asphaltstraßen m it B ü r­
gersteigen manifestierte sich die Urbanisierung
im Garbsener Südosten als ein augenfälliger, z.T.
allerd i n gs n u r kurzfristig wah rnehmbarer
Modernisierungsvorsprung vor den ü brigen
Garbsener Ortschaften. Wenige J a h re später
101
waren diese ehemals städtischen Ausstattungs­
privilegien z u m sel bstverstän d l ichen Sta ndard
auch der ländlichen Siedlungen geworden.
Manche dieser Maßnahmen können zugleich
als Ausdruck der sozialen Veränderungen i m Dorf
Wohnen im Vorort: Siedlungshäuser der 50eT (links) und deo, frü­
verstanden werden. Elektrische Ortsbeleuchtung
oder die um 1950 begonnene Vergabe von festen
Straßennamen waren nicht n u r modern, sie deu­
teten auch a uf vermehrten Verkeh r und auf
Orientierungsprobleme von Ortsfremden hin. Es
ka n nte nicht mehr selbstverständlich "jeder
jeden" im Ort; dörfl iche Vertra utheit wurde z u m i ndest tendenziell - d u rch Anonymität
ersetzt. Zugleich nahm auch die kulturelle Viel­
falt der Ortsbevölkerung zu. Dies machte sich z.B.
durch die Gründung katholischer Kircheneinrich­
tu ngen als bevorzugten Anla ufsteilen von
Flüchtlingen und Vertriebenen bemerkbar, oder
d u rch das Entstehen neuer Vereine, in denen sich
- nach vorsichtiger I nterpretation - n U ll vor
allem die verbreiterten proletarisch-kleinbürger­
lichen Bevölkerungsgruppen organisierten.2 1
hen 60er jahre (rechts) in Havelse, 1963 (foto: R. Guthmann, Stadt­
archiv Garbsen)
Die genannten Beispiele dokumentieren Ver­
änderu ngen der d rei südöstlichen Ga rbsener
Ortschaften, die als " E ntdörflic h u ng" und als
Tei lsch ritte auf dem Weg z u r Stadt gewertet
21 Bis Mitte der 50er Jahre entstanden in (Alt-) Garbsen
und Havelse ein Kleingarten-, ein Kaninchenzucht- und ein
Taubenzuchtverein sowie Ortsgruppen von Reichsbund,
Rotem Kreuz und Arbeiterwohlfahrt. Ferner wurden in den
vormals rein evangelischen Orten seit den 50�r Jahren
.
katholische Gottesdienste organisiert. Der Anteil der Katho­
liken betrug seit Kriegsende ca. 20 Prozent, v�1. Niedersäch­
sisches landesverwaltungsamt, Gemeindestatistik Nieder­
sachsen 1950, 1970.
102
werden können. Auch zeitgenössische Quellen
n a h men diese Entwicklung wahr und bezeichne­
ten die Orte Mitte der 50er J a h re a ls "Arbeiter­
wohngemeinden" oder sch licht a l s "Vorortge­
meinden" Hannovers.22
brachten sie d u rch Aufstockung a uf drei bis vier
Stockwerke und eine bis zu 40%ige Überbau u n g
der Grundstücke eine erhebliche b a u l iche Ver­
d ichtung.23 Neu waren ferner Gebäude mit
Flachdach, Hochhäuser mit bis zu elf Stockwer­
ken u n d die d u rchgängige Anord n u n g der
4. Die 60er Jahre: ein ,Qu a ntenspru ng' der
städtischen Entwicklung
Der eigentliche "Quantensprung" in der städ­
tischen E ntwickl u ng Garbsens fand indes in den
60er J a h ren statt. H ierzu trugen v.a. mehrere
große Woh n u ngsbau projekte in den drei südöst­
lichen Gemeinden bei. Durch ihren Umfang von
z.T. mehreren h u ndert Woh n ungen entfalteten
sie städtebau lich u n d sozial ein erhebliches, orts­
prägendes Gewicht. Insbesondere die Siedlung
,Auf der Horst' zwischen Havelse und (Alt-) Garb­
sen sowie die Sied l u n g auf dem Berenbosteler
,Kronsberg' nahmen dabei m it rund 3000 bzw.
8 5 0 Woh n u ngen e i n e hera u s ragende Ste l l u ng
ein. Mit d iesen und a nderen, vereinzelt schon ab
Ende der 50er Jahre realisierten Neubauten zog
n u n endgültig die städtebauliche und architek­
tonische Moderne in diese Orte ein. Hatte sich
die bisherige Beba u u n g noch d u rchweg an tradi­
tionelle Ba uformen u n d -höhen geha lten, so
Gebä ude i n Zeilen oder Win keln. Von 1960 bis
1970, d . h . innerhalb von nur zehn J a h re n ver­
vierfachte sich die Einwohnerzahl in diesen drei
Ortschaften d urch derartige B a u m a ßnah men
23 Erreicht wurden Geschossflächenzahlen von bis zu 1,0,
vgl. Bebauungspläne (Alt-) Garbsen, Havelse und Berenbos­
tel i n : StVG, Archiv Stadtplanu ngsamt. Die Geschoss­
flächenzahl (GFZ) beschreibt die bauliche Dichte eines Sied­
l u n gsgebiets als Verhältnis von Grundstücksgröße u n d
S u m m e der Flächen aller darauf errichteten Stockwerke. E i n
einzelnes Hochhaus auf großem Grundstück erreicht somit
u.U. eine ä hnliche Dichte wie ein großflächiger Flachbau.
Die tatsächliche Ü berbauung eines Grundstücks bzw. der
Anteil der verbliebenen Freiflächen wird a u s der Grund�
flächenzahl (GRZ) ersichtlich, dem Quotienten aus Grund­
22 Erläuterungsberichte zu den Flächennutzungsplänen
Ga rbsen und Havelse, 1954/55, in: stvG, Archiv Stadtpla­
stücksgröße und überbauter Fläche, Die hier angegebene
Ü berbauung von max. 40% entspricht somit einer GRZ von
nungsamt.
0,4.
103
na hezu.24 Geteilt in die Sied l ungsgebiete (Alt-)
Garbsen/Havelse/.Auf der Horst' einerseits und
Berenbostel a ndererseits, wurde der Hannover
zugewandte Südosten n u n endgültig zum Garb­
sener Siedlungsschwe r p u n kt. H ier wohnten
1970 fast 77 Prozent a l ler Garbsener Einwohner.
In den anderen Ortsteilen hatte sich die Bevölke-
Eine mit dem weiteren Ausbau des öffent­
l ichen Nahverkehrs, v.a. a ber mit der allge­
meinen Automotorisierung wachsende Mobi­
lität der Bevölkerung, die ein Berufspendeln
in die zentrale Großstadt möglich machte.26
E i n fortgesetzter Bevölkeru ngsz u l a uf in d i e
städtischen Verdichtungsräume in Folge einer
boomenden gewerblichen Wirtschaft u n d
einer Ausweitung des Dienstleistungssektors
bei gleichzeitigem Arbeitskräfteabbau in der
Landwirtschaft.
rung dagegen von 1960 bis 1970 nicht einmal
verdoppelt.
E i n Baulandmangel i n den Großstädten nach
Abschluss des Wiederaufbaus, insbesondere,
wen n dieser im Zuge des Leitbildes von der
.. gegliederten u n d a ufgelockerten Stadt" m it
einem erhöhten Flächenverbrauch einherge­
gangen war. Die fü r Ga rbsen maßgebliche
und d iesem Leitbild verpflichtete Landes­
hauptstadt Hannover hatte bereits 19S6 den
Vorkriegsstand an Einwohnern und Wohnun­
gen überschritten u n d wies bald eine der
höchsten Bevölkerungsdichten u nter den
bundesdeutschen Großstädten auf - mit der
Folge e i nes entsprechenden Expansions­
drucks.
Das Entstehen solcher Großsiedlungen a m
Stadtrand wurde seit Ende der SOer Jahre d u rch
mehrere Faktoren gefördert:
Ein generellerWohnungsmangel als Spätfolge
von Krieg, Fl üchtlingszuwa nderung und einer
bis z u m .. Pillenkn ick" Ende der 60er J a h re
ansteigenden Kinderzahl.25
24 Der Anstieg betrug in den drei erstgenannten Orten
i. D. 267 Prozent, in den übrigen i. D. 75 Prozent. Vgl. Statisti­
scherVierteljahresbericht Hannover (wie Anm. 13).
2S Bundesweit fehlten Mitte der SOer Jahre ca. fünf
•
Eine Verdrängung von Wohnbevölkerung a us
den I n nenstadtquartieren i n Folge des dort
Millionen Wohnungen. Vgl. Adelheid v. Saldern, Häuser­
leben. Zur Geschichte des städtischen Arbeiterwohnens
vom Kaiserreich bis heute, Bonn 21997, S. 267.
104
26 Vgl. Axel Schildt ... (wie Anm. 5), S. 28.
stark expa n d i e renden D ienstleistungsbe­
reichs.
Eine Verbreiterung der Palette günstig finan­
zierbarer Woh n u ngstypen, da die staatliche
Woh n ungsbauförder u n g im Rahmen des
sozialen Woh n ungsbaues seit Beginn der
60er J a h re auch höherwertige Woh n u ngen
einschloss und eine Vermietung dieser Woh­
n u ngen d u rch steigende E in kommen u n d
wachsende Woh n bed ü rfnisse gesichert er­
schienP
Die E rwartung von Kosteneinsparungen beim
Bau von G roßsie d l u n gen d u rch hohe Woh­
n ungsstückzahlen, i n d ustrielle Fertigu ngs­
methoden (Platten bau), optim a l e Aus­
n utzung von B a u l a n d und techn ischer
Infrastruktur sowie rasche und reibungslose
Projekta bwickl u n g in der Hand einzelner
Unternehmer.
E i n e wirtschaftliche Konzentration i m B a u ­
sektor.
Die Erwartung besserer Planbarkeit der Sied­
l ungsentwickl u n g, v.a. hinsichtlich der nöti­
gen Versorgungseinrichtungen wie Sch u len,
27 Diese Änderungen und Erwartungen beruhten v,a. auf
dem 1960 beschlossenen,
50
genannten ,Lücke·Plan',
vgl. v. Saldern (wie Anm. 25), S. 3S1.
Ä rzten und Einka ufsmöglichkeiten. Diese i m
Nachhinein a l s "Planungseuphorie" kritisierte
H a ltung wa r in einen a l lgemeinen zeittypi­
schen Optimismus h insichtlich der Steuerbar­
keit gesellschaftlicher Prozesse eingebettet.
E i ne grundsätzliche Bej a h u n g des Massen­
wohnu ngsbaues als Eckpfeiler v.a. der sozial­
d e m o kratischen Sozialpolitik, u n d a l s Ant­
wort a u f d i e "Krise der Stadt", m it d e r z u m indest auf der Ebene der Leitbilder - der
i n der Nachkriegszeit bevorzugten "geglieder­
ten und a ufgelockerten Stadt" wieder mehr
"U rbanität d u rch Dichte" entgegen gesetzt
werden sollte.
Als Paradebeispiel einer solchen Politik kann
die von 1964 bis 1966 grenzü bergreifend zwi­
schen H a n nover-Ma rienwerder, (Alt-) G a rbsen
u n d Havelse erba ute Großsied l u n g ,Auf d e r
Horst' gelten. D a s seit 1960 geplante Projekt war
- n ach der "Gartenstadt Loh nde" u n d der
"Neuen Stadt Heitlingen" - der d ritte Versuch
hannoverscher Planer, nördlich der Landeshaupt105
stadt eine Großsiedl ung zu errichten.28 Wichtige
Vorbed i ngungen fü r die Verlegun g des Vorha­
bens nach Garbsen waren der gegenüber Lohnde
u n d Heitlingen vergrößerte Abstand z u m
Flughafen La ngenhagen, d i e N ä h e z u den
Arbeitsplätzen der nord h a nnoverschen I nd us­
triebetriebe u n d die Verfügung der Stadt Hanno-
Unterbringung h a nnoverscher Woh n u ngs­
suchender.29 Die meisten Gebä ude wurden als
freistehende, dreigeschossige Mietwohn ungs­
blocks mit Flachdach errichtet. Daneben ent­
standen 439 Einfa m ilien-Reihenhä user und ein
achtgeschossiges Hochhaus. Grundprinzip aller
Bauten war die industrielle Fertigung im PlattenAbb. 3
ver über das benachbarte Klostergut Marienwer­
der. Der Klosterbesitz ermöglichte es der Stadt,
den bäuerlichen Grundeigentümern des Bauge­
biets Ausgleichsflächen fü r den Erhalt i h rer
Betriebe anzubieten. Die neue Siedlung war mit
über 100 ha Fläche und rund 10.000 Bewohnern
etwa so groß wie die beiden benachbarten
Gemeinden (Alt-) Garbsen u n d Havelse zusam­
men. Sie wurde komplett mit zwei Volksschulen,
zwei Ladenzentren und Erschließungsflächen für
weitere öffentliche Gebäude von der Stadt
Hannover geplant u nd z.T. auch erbaut. Sinn u nd
Zweck dieser erheblichen Investitionen war die
Plan und erste Bauten ,Auf der Horst'
dem Weg zur Stadt,
- ein Maßstabssprung auf
1965 (Foto: R. Guthmann, Stadtarchiv Garbsen)
29 Die Stadt hatte sich die Belegungsrechte an den Woh­
nungen durch Besitz oder Bauzuschüsse gesichert. Zu
Finanzierung, Konzeption und Errichtung vgl. die umfassen·
2 8 Vgl. S i d Auffarth, Trabantenstadtplanung in d e n fünf­
106
de Darstellung bei: Ernst Kratzsch, Ü ber das E ntstehen einer
ziger Jahren: Die neue Stadt Heitlingen, in: Ha ns-Dieter
großstädtischen Wohnsiedlung, Städtische Planung und
Schmid (Hg.), H a nnover - Am Rande der Stadt, Bielefeld
organisatorische Einflüsse beim Gründen und 'A ufbauen
1992 (Hannoversche Schriften zur Regional- und Lokalge­
eines Stadtteiles für 10,000 Einwohner in den Jahren 1955-
schichte, 5).
1965. Diss. Arch., Hannover 1987.
bauverfa h ren, damals etwas vornehmer "Groß­
tafelbauweise" genannt. Dies und der große Pro­
jekt u mfa ng bewirkten, dass der Siedlungsbau
als "Demonstrativma ßnahme" vom Bundesbau­
m i n i ster i u m gefördert u n d wissenschaftl ich
begleitet wurde.3D
Die Großsiedl u n g ,Auf der Horst' trug auf ver­
sch iedene Weise z u r U rbanisierung in Havelse
u n d (Alt-) Ga rbsen bei. Der a bsehbare Zuzug
z a h l reicher neuer Einwo h ner intensivierte die
Zusammenarbeit zwischen den beiden Gemein­
den in Fragen der Versorgung mit Kindergarten­
plätzen, Unterricht, S port- u n d Freizeitan lagen
soweit, dass ein Z u s a m mensch luss i n s Auge
gefasst w u rde. Zwar ka m eine 1962 gepla nte
Sa mtgemeinde "Garvelse" a u s Sorge u m den
Erhalt der örtlichen Demokratie nicht zustande,
sondern wurde auf ei nen , i nterkomm unalen Ver­
trag' zwischen den a m Bau beteiligten Kommu­
nen reduziert,31 doch dann sorgte die Fertigstel­
l u n g der Sied l u n g fü r eine Ü berwi n d u ng der
Bedenken. Zum J a h resbegi n n 1967 wu rde der
Zusammenschluss von (Alt-) Garbsen und Havelse
zu r Ein heitsgemeinde (Havelse-) Ga rbsen rea li­
siert. Die urbane städtebauliche Anlage und das
demographische Gewicht der Sied l u ng ,Auf der
Horst' bewirkten ferner, dass der neuen Kom m u ­
ne nach anfänglichem Zögern im Folgejahr auch
die Stadtrechte erteilt wu rden.32 Mit m e h r a l s
Hannover, Havelse und (Alt-) Garbsen sowie dem Landkreis
Neustadt a ls zuständiger u nterer Planungsbehörde. Es
schrieb ferner die Modalitäten der Woh n u ngsbelegung
sowie die von der Stadt Hannover z u erstellenden öffent­
lichen Einrichtungen der Siedlung fest. Auf weitere not­
wendige I nvestitionen jenseits der vereinbarten "Erstaus­
statt ung" sowie auf deren weiteren Betrieb ging der
Vertrag allerdings n u r a m Rande ein. Er genoss wegen zahl­
reicher ä h nlich gelagerter Fälle dennoch überregionale
30 Vergleichsbauten. Versuchs- u n d Vergleichsbauten
und Demonstrativma ß na hmen des Bundesministeriums
Beachtung. Vgl. die zusam menfassende Darstellung i n :
Vergleichsbauten (wie Anm. 30), S. 22 ff.
für Städtebau und Wohnungswesen. lnformationen aus der
32 Dies wird aus den Stadtrechtsanträgen deutlich, in
Praxis - für die Praxis, Nr, 29, Hannover-Garbsen, Hannover
denen mehrfach auf die Bevölkerungszahl und - implizit ­
1971.
31 Das 1964 beschlossene Vertragswerk regelte die für
den "urbanen" Charakter der Siedlung ,Auf der Horst' hin­
gewiesen wurde. Kreisarchiv H a nnover (im Folgenden:
die Baumaßnah men erforderliche planu ngstechnische
KrAH), Landkreis Hannover N r. 3838, Antrag v. 8.6.1966, und
Zusammenarbeit zwischen den drei beteiligten Kommunen
Gemeinderat Garbsen, 26.4.1967.
107
2 5.000 Personen hatte d i e E i nwoh nerzahl des
Ortes 1968 fast schlagartig städtische Dimen­
sionen erreicht. Das Bevölkerungs- und Kauf­
kraftpotenzial der Sied l u n g ermöglichte ferner
die P l a n u n g und E rrichtun g von zentralen
städtischen E i n richtungen wie höheren Schulen,
einem E i n ka u fzentrum oder einem H a l le n bad,
die erfolgreich i n den Stadtrechtsantrag einge­
bracht werden konnten.33 Schließlich verbreiter­
ten die a u s H a n nover stammenden Bewohner
der Großsiedlung a uch die (Havelse-) Garbsener
Sozialstruktur sowohl u m sozial schwache Perso­
nengruppen a l s auch u m Angehörige der unte­
ren u n d gehobenen Mittelschicht. Sie trugen so
trotz Ansätzen zu einer sozialdemokratischen
Milieubildung zum Entstehen einer eher unspe­
zifisch-städtischen Gesellschaft i m Ort bei. Dies
machte sich auch in einer erneuten Erweiterung
'
de s kult u rellen Lebens bemerkbar, a ngezeigt
d u rch weitere Vereinsgründungen, Ansätze eines
gehobenen Kulturbetriebs u n d das E ntstehen
einer städtisch geprägten, "alternativen" Jugend­
kultur im k u l t u rellen U mbruch der 68er J a h re
33 KrAH, landkreis Hannover Nr.
v. 5.10.1967 u nd Antrag v. 26.4.1968.
108
3838, Schreiben
(s.u.). Gestärkt d u rch die sozialdemokratische
Wä hlerschaft der Siedlung ,Auf der Horst', erhielt
(Havelse-) Garbsen mit Projekten wie einer Inte­
grierten Gesamtschule (IGS), einem Freizeitheim
oder einem (nicht verwirklichten) unabhängigen
J u ge ndzentrum a uch auf fachlicher E bene
Anschl uss an damals aktuelle und vornehmlich
im städtischen Umfeld verankerte gesellschaftli­
·che Reformdiskussionen.
Die Siedlung ,Auf der Horst' trug somit maß­
geblich z u r städtebau l ichen, kom m u n a l recht­
lichen u n d soziokulture l len Stadtwerdu n g
(Havelse-) Garbsens bei. S i e kan n a l s Initialzün­
d ung für diese Entwicklung betrachtet werden
u n d stellt dabei den u ngewöhnl ichen Fall einer
u n m ittelbar d u rch das Oberzentrum Hannover
vorangetriebenen Urbanisierung dar.
I m zweiten städtischen Siedlungsschwer­
p u n kt Garbsens, dem Ort Berenbostel, kann der
um 1965 errichteten ,Kronsbergssied l ung' eine
ä h n liche Rolle zugesprochen werden. Sie wies i n
Konzeption, a rchitektonischer Gestalt u n g u n d
E ntste h u ngszusa mmenhang einige Pa ra llelen
z u r Sied l u n g ,Auf der Horst' a uf, entfaltete aber
wegen ihrer geringeren Größe und einem insge­
samt a nderen Siedl u ngsgefüge des Ortes eine
weniger d u rchsch lagende Wirkung. Den noch
entwickelte auch Berenbostel u nter dem E i n ­
druck dieser und anderer Neubausiedlungen in
d e n 60er Jahren e i n a nsatzweise städtisches
Gepräge, a n gezeigt d u rch moderne Bauformen,
e i nen Anstieg der E i nwohnerza h l a u f rund
1 3.000 Personen ( 1968 ) , eine Verdichtung des
Ei nzelha ndels im Ortskern und eine Vermehrung
des Kultur- und Bildungsangebotes.
Demgege n ü ber beh ielten die übrigen heute
zu Garbsen gehörenden Ortschaften ihren dörf­
lichen Chara kter weitgehend bei. Unter dem Ein­
d ruck des e insetzenden landwirtschaftlichen
Struktu rwa ndels, d e m Zuzug städtischer Neu­
b ü rger u nd einer d a m it verbundenen Einfa m ili­
e n ha usbeba u u n g trat das la ndwirtschaftliche
E l e ment a l lerdi ngs auch hier weiter z urück, so
dass diese Orte sich i n d ie Richtung von länd­
lichen Wohnsiedlungen wandelten.
5. Die Gebietsreform a l s Motor städtischer
Identitätsbildung
Einen weiteren wesentlichen I m p u ls erhielt
d i e städtische Entwicklung Garbsens d u rch d i e
s e it Anfang der 60er J a h re i n a l l e n westdeut­
schen B u n desländern diskutierte Verwaltungs­
u nd Gebietsreform. ln den Gemeinden Berenbos­
tel, Havelse u n d (Alt- ) Ga rbsen bzw. ( Havelse- )
G a rbsen wurde sie - wie fast übera l l i m Raum
H a nnover - vornehmlich u nter dem Aspekt einer
d rohenden Eingemeindung in die Landeshaupt­
stadt betrachtet und daher abgelehnt. Diese Ein­
schätzung beruhte z u m einen auf einem histori­
schen Erfa h rungshintergru nd, denn die Stadt
Hannover hatte sich seit Beginn ihrer Expansion
im 19. J a h rh u ndert bereits um 39 Kom m u nen
u n d G utsbezirke erweitert.34 Zwar waren nach
dem Zweiten Weltkrieg keine Eingemeindungen
mehr vorgenommen worden, aber verschiedene
I n itiativen der Stadt belegten, dass sie h ieran
weiterhin Interesse hatte. 35 Zum zweiten ließen
die erheblichen Investitionen Hannovers in d i e
Ve rkehrsanbindung u n d d i e öffentliche Versor­
gung der Siedlungen ,Auf der Horst' und auf dem
Kronsberg erahnen, dass die südöstlichen Garb­
sener Orte sichere Kandidaten für solche Ambi­
tionen waren. Zum d ritten schließlich l i e ß die
3 4 Knibbe (wie Anm. 14), S. 28.
35
1945 hatte der Bürgermeister der Stadt eine liste mit
zwölf neuen Eingemeindungswünschen vorgelegt, vgl.
Klaus Mlynek, Waldemar R. Röhrbein (Hg.), Hannover-Chro­
nik.Von den Anfängen bis z u r Gegenwart, S. 194 f. 19S5
waren in den Garbsener Raum gerichtete Eingemeindungs�
wünsche im Zusammenhang mit der Errichtung des VW�
Werks in Hannover-Stöcken laut geworden. Han noversche
Allgemeine Zeitung, 23.2.1955, Bericht z u r Schuleinwei­
hung Havelse.
109
1965 von der niedersächsischen Landesregierung
mit einem Gutachten zur Gebietsreform beauf­
tragte Sachverständigen kommission, d i e so
genannte "Weber-Kommission" schon bald eine
positive E instell ung gege n ü ber Eingemeindun­
gen erkennen.3 6 Die dadurch a usgelösten Ä ngste
wurden auch d u rch d i e Existenz des heutigen
Komm u nalverba nds Großra u m Hannover n icht
verm indert. Dieser war zwar 1962 gera d e als
I n strument z u r Verbesserung der Stadt-Umland­
Kooperation o h n e E i ngemein d u ng ins Leben
gerufen worden, doch d i e vom Verband 1964
begonnenen Zentralitätsuntersuch ungen zeig­
ten die vielfältigen Verbindungen der südlichen
Garbsener Orte nach Hannover deutlich auf. Sie
gaben somit Angliederungsbefürwortern schlag­
kräftige Argumente an die Hand (s.u.).
Abgelehnt wurde eine E i ngemeindung nach
H a n nover in den d rei südöstlichen G a rbsener
Orten nicht n u r, um die gewachsene kom m unale
Identität zu erhalten. Befürchtet wurd e a uch,
dass sich die Versorg u n g m it kom m u nalen
Dienstleistungen vor Ort verschlechtern oder
z u m indest nicht verbessern würde. Die Stadt, so
wurde a rg u mentiert, sei vornehmlich an einer
Auslast u n g i h re r vorhandenen E i nrichtungen
interessiert und würde weitere Investitionen v.a.
i n d e r weit entfernten City konzentrieren. Als
Beispiel für ein solches Schicksal galt in Ga rbsen
der benachbarte Stadtteil H a n nover-Stöcken.
D u rc h die schwierigen Zeitu m stände belastet,
hatte dessen I nfrastru kt u ra usstatt u n g i n den
fünf auf d i e E i ngeme i n d u n g im J a h re 1907
folgenden J a h rzehnten trotz gewerbesteuer­
trächtiger I n d u strieansiedel u n g n u r geringe
Fortsch ritte gemacht. Derartige E ntwicklungen
waren d u rchaus nicht singulär und wurden auf
dem Deutschen Städtetag 1960 als maß­
geblicher G r u n d für die generell eingemein­
d ungsfe i n d l iche Stim m u ng i n den städtischen
Umland kom munen identifiziert,37
Mit dem kom munalen Zusammenschluss und
den B e m ü h u n gen um die Erhebung z u r Stadt
verfolgten die Verantwortlichen in (Alt-) Garbsen
u n d Havelse daher auch das Ziel, eine solche Ein­
geme i n d u n g z u ver h i ndern. I nsbesondere das
Stadtrecht war nach Ansicht der beiden damali­
gen Gemeindedi rektoren Wulf u n d Hööt m a n n
geeignet, " d i e Selbstä ndigkeit ( ... ) Han nover
36 50 in ihrem Zwischenbericht 1967, vgl. Verwaltungs­
und Gebietsreform in Niedersachsen, Bd. l, S. 67.
110
37 Vgl. Deutscher 5tädtetag (wie Anm. 4), 5. 83.
gegen ü ber besser z u demonstri.eren".38 Die
h a rten (aber erfolglosen) Auseinandersetzun­
gen, d i e d i e Gemeinde Havelse sel bst bei dem
" kleinen" Zusam menschluss u m den Erhalt i h res
Namens als Teil eines Doppelnamens "Garbsen­
Havelse" führte, zeigten deutlich, wie hoch der
Wert einer klar erken nbaren, orts bezogenen
I dentität in den Dörfern eingeschätzt wurde.39
Die politisch Verantwortlichen, insbesondere
d e r damalige Havelser B ü rgermeister E kkehard
Wagler, gingen bei den Vereinigungsverhandlun­
gen im Ü brigen d u rchaus offensiv vor und son­
d ierten Möglichkeiten, in das neue Gebilde auch
den hannoverschen Stadtteil Marienwerder ein­
z u beziehen. Mit diesem war die Ortschaft Havel­
se kirchlich, baulich40 und d u rch Kooperationen
i m Schu l bereich verbunden, während eine ent­
s p rechende Verbindung zwischen Marienwerder
u n d H a n nover n icht besta nd. Das Vor h a ben
scheiterte jedoch.
3 8 Stadtarchiv Garbsen (im Folgenden: StAG), Verwal­
tu ngsvorlage z u r Verwaltungsausschusssitzung Havelse
Im Zuge derVereinigung beschloss der Rat der
neuen Doppelgemeinde ferner zahlreiche Inves­
titionen in die öffentliche Infrastruktu r. Sie soil­
ten zwar vor allem die Versorgung der Einwohner
verbessern, ordneten sich a ber ebenfa l l s in die
Bemühungen u m den Erhalt der Selbständigkeit
ein.
Ziel der Verwaltungs- u n d Gebietsreform a uf
kom munaler Ebene war es, Städte u nd Gemein­
den z u schaffen, die d u rch i h re G röße eine ange­
messene Versorgung ihrer Einwohner mit öffent­
lichen Dienstleistungen gewährleisten konnten.
Während es auf dem platten Land darum ging,
entsprechende E i n richtungen in akzeptabler Ent­
fer n u n g überha u pt erst zu schaffen, standen
Orte i m U mkreis großer Städte vor der Aufgabe,
d u rch eigene Angebote die großstädtischen Ein­
richtungen zu entlasten.
v. 29.12.1965. Diese Begründung wurde von bei den Verwal·
tungsausschüssen übernommen, vgl. StAG, gemeinsame
Verwa Itu ngsa ussch usss itzung Ga rbsen-Havel se, 12.1.1966.
39 Vgl. die diesbezüglichen Schriftsätze in: KrAH, land­
kreis Hannover N r. 3837.
40 Die bauliche Verbindung wurde durch die grenzüber­
schreitenden Siedlungen ,Auf der Höchte' und ,Auf der
Horst' hergestellt.
In Havelse, (Alt-) Garbsen u n d Beren bostel
wa r dies angesichts der explosionsartig anwach­
senden Bevölkerung zunächst a ber ka u m mög­
lich. Hier fehlten Mitte der 60er Ja hre nicht n u r
höhere Schulen, sondern hier gab e s selbst in den
Volksschulen große Raumnot und daher biswei­
len Schichtunterricht an Vor- und Nachmittagen.
111
Gemeindebüchereien waren zwar vorhanden,
wurden aber ehrenamtlich betreut und entspre­
chend selten geöffnet. Vereine hatten ernste
Schwierigkeiten, Sportplätze, Turn hallen oder
Versa m m l ungsrä um e z u fin d e n ; ein Frei- oder
Hallenbad für Schwim msport und - unterricht
fehlte ganz. Wollten die drei Kom m u nen beste­
hen bleiben, d a n n m u sste'n sie i h re Fähigkeit
beweisen, solche Mängel auch ohne han nover­
sche Unterstützu n g z u beheben.
(Alt-) Garbsen u nd Havelse beschlossen daher
bei ihrer Vereinigu ng' einen umfangreichen Kata­
log von öffentlichen Einrichtungen, deren Reali­
sierung in den nächsten Jahren Ziel des kommu­
n a l politischen Handeins sein sollte.4 1 Mit
Gymnasium, Hallenbad und Freizeitheim waren
dabei v.a. solche I n stitutionen vorgesehen, d i e
wegen i h res ü berörtlichen E i n z ugskreises den
städtischen C h a ra kter der neuen Gemeinde
betonten.42 I h re P l a n u n g floss daher - wie
erwäh nt - in den Stadtrechtsantrag ein. I nsbe­
sondere d ie Schulbauprojekte wurden sogleich
i n Angriff genommen. 1966 u n d 1968 wurden
Realschul- und Gym nasial klassen eingerichtet
u n d Vorbereitungen für entsprechende Bauten
eingeleitet. Schon 1965 war eine Sonderschul­
klasse ei ngerichtet worden, d i e ebenfa l l s z u
'
einer eigenständigen Schule m i t Gebä ude ausge­
baut werden sollte. An den Volksschulen wurde
d i e Unterrichtssituation d ur.ch Turnhal len, ein
lehrschwimmbecken u n d eine Au la verbessert,
nahe der Großsiedlung ,Auf der Horst' ein Sport­
zentrum errichtet. Damit wurde die Fäh igkeit der
Gemeinde zur angemessenen kom m unalen Ver­
sorgung i h re r E i nwohner und E i nwohnerinnen i n
absehbarer Zukunft deutlich demonstriert.
42 Im Grundsatzbeschluss zur kommunalen Vereinigung
(siehe vorherige Anmerkung) erklä rten die Mitglieder
beider Räte die Errichtung von Realschule, Sonderschule,
Gymnasium, Hallen-/Freibad, Freizeitheim, Krankenhaus,
41 Vgl. StAG, Gemeinderäte Garbsen/Havelse, 25.5.1966,
112
Altenheim, Kindergärten sowie Spiel- u nd Sportplätzen
Grundsatzbesch luss zur kommunalen Vereinigung. Der
zum Ziel. Das 1967 beschlossene Investitionsprogramm
Beschluss wurde schon bald darauf durch ein verbindliches
enthielt Freizeitheim, Zentralbücherei, Hallenbad, Gymna­
Investitionsprogramm konkretisiert, vgl. StAG, Gemeinde­
sium, Sportzentrum. Kindergärten sowie verschiedene
rat Garbsen, 27.9.1967.
$chulerweiterungen.
Das Investitionsprogra m m sol lte al lerdi ngs
a uch dazu d ienen, diesen Versorgungsstandard
für den Fall eines Scheiterns der Selbstbehaup­
t ungspläne zu sichern. "Sollte es zu einer Einge­
m eind u n g kommen", so rechtfertigte e i n Rats­
herr d i e Ausgaben, m üsste ein "Stadtteil
G a rbsen (... ) ewig darauf warten, mit solchen Ein­
richtu ngen ausgestattet z u werden".43 Was
d agegen bereits vorhanden wa r, würd e auch
u nter anderen kom m u na len Verhä ltnissen sei­
n en Nutzen behalten.
Schließlich korrespondierten die Investitions­
a bsichten i n (Havelse-) Garbsen a uch m it d e r
Planungstätigkeit d e s Kom m u nalverbands Groß­
raum Hannover. Der Verband bereitete seit 1963
ein landesplanerisches Entwicklungskonzept für
den Großra u m vor, in dem verbindliche Vorgaben
' fü r die H e rausbild u ng regionaler Zentren u n d
i h rer jeweiligen Versorgungsbereiche enthalten
sein sollten. Dass die Planvorgaben auch Einfluss
a uf die kom m u na l e Neuord n u n g im Ra u m
Hannover haben würden, war absehbar.
Im Gegensatz z u den benachbarten Städten
Neustadt, Wunstorf und Langenhagen gelang es
( Havelse-) G a rbsen z u n ä chst n icht, in d iesem
E ntwicklungskonzept als regionales Zent r u m
e ingestuft zu werden. Z u s a m m e n mit Beren­
bostel wurde der Doppelkom mune i n der 1967
vorgelegten Planfassung lediglich ein gemeinsa­
mer Versorgungsbereich z u geord net, der aber
außer den beiden Gemeinden nur das Dorf Ste­
lingen u mfasste.44 Außerdem wurde er der Han­
nover-nahen , Ke r n ra n dzone' des G roßra u m s
zugeord net, d a i n den d rei Orten nach Ansicht
der Planer "die meisten zentralen Aufgaben in
kaum zu beeinflussender Weise von der Landes­
h a uptstadt wah rgenommen" w ü rden.4 s Z u r
Versorgung d e r ü brigen Garbsener Gemeinden
s o l lte dagegen die Ortschaft Osterwa ld z u r
Mittelpunktgemeinde entwickelt werden. 46 Den
Dörfern Heitlingen und Schloss Ricklingen wurde
eine Versorgu n g d u rch Langenhagen u nd Wuns­
torf empfohlen. 47
44 Es handelte sich um den sog. ,Versorgungsbereich VIII\
vgL Großraumverband Hannover, Verbandsplan 1967, S, 16.
45
Ebd., S. 9 f.
46
Ebd., S. 33.
47
Ebd., S. 8, 5. 42.
43 Leinezeitung, 29.9.1967.
113
Nachdem die Gemeinden auf die in (Havelse-)
Garbsen und Berenbostel neu geplanten Versor­
gu ngseinrichtungen aufmerksam gemacht hat­
ten, wurde der Raum Garbsen z unächst von der
Festste l l u ng der Verba n d s p l a n u n g a usgenom­
men u n d sch ließlich der Versorgungsbereich
114
6. I n nere Konsolidierung und städtisches
Leben als Garanten künftiger kom m u naler
E igenständigkeit
(Havelse-) Garbsen(Berenbostel(Stelingen u m
d i e nördlichen Garbsener Orte vergrößert. Damit
hatten d i e d rei Gemeinden einen wichtigen
Erfolg errungen, denn die so geschaffene planeri­
sche E i n heit w u rde i n der Gebietsreform z u r
u n m ittelbaren Vorlage für die neue Stadt Garb­
sen (s.u.).
Die von der Kom m une (Havelse-) Garbsen auf
den Weg gebrachten Einrichtungen dienten a uch
dazu, d i e kom m u n a l rechtliche Vereinigung
d u rch eine i nnere Konsolidierung abzustützen.
Die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung
erkan nten zu Recht, dass die Probleme der rapide
wachsenden j u n gen Stadt n u r d u rch die a ktive
E i n b i n d u n g der ganzen Bevölkerung bewältigt
werden konnten u n d dass sich auch n u r d a n n
eine Mehrheit der Einwohner für die Weiterexis­
tenz dieser Stadt einsetzen würde. Kom m u nal­
politisches Ziel m usste es also sein, die Identifi­
kation aller Beteiligten mit der neuen Komm une
zu stärken, die Integration von Neu- und Altbür­
gern zu fördern und das m it der Stadtwerd u n g
gegebene Versprechen eines urbanen öffent­
lichen Lebens zu erfüllen.
Gebietsrefo r mdebatte u n d P l a n u ngsarbeit
des Großraumverban d s forcierten somit i n
Havelse u nd (Alt-) Garbsen bzw. i n der Großge­
meinde (Havelse-) Garbsen Aktivitäten, durch die
bereits einige Jahre vor der Gründunc; der heuti­
gen Stadt wesentliche weitere Züge ihres städti­
schen Chara kters geschaffen wurden. Wie i m
nächsten Abschnitt gezeigt wird, ging e s bei die­
sen Maßnahmen allerdings um mehr als n u r u m
die Bereitste l l u n g a u s reichender u n d "städti­
scher" Dienstleistungen.
Dass d ies kein einfacher Prozess war, zeigte
sich n icht n u r in Anfa n gsschwierigkeiten,
Neubürger ü berh a u pt fü r örtliche Vereine u n d
I nstitutionen zu interessieren. Auch Vereinsneu­
gründu ngen, in denen die Bewohner der Neu­
bausiedlungen zwar aktiv wurden, aber weitge­
hend unter sich blieben, waren dem Ziel einer
I ntegration nur bedingt dienlich. Ferner sollten
sich auch Altbürger im radikal vergrößerten Ort
noch wiederfinden. Deren Probleme waren etwa
a uf der lokalen politischen Ebene zu beobachten.
Hier wa r nicht n u r d u rch den Zuzug vieler Arbei­
ter eine deutliche Machtverschiebung zugunsten
der SPD zu verzeichnen. Auch i n nerhalb dieser
Pa rtei gab es Querelen, als 1967 im Ortsvorstand
ein kompletter Führungswechsel zugunsten der
n eu gegründeten, m itgliederstärksten Abteilung
,Auf der Horst' drohte.
Die Gemeinde bzw. Stadt bemü hte sich,
Aneign u n gsprozesse trotz solcher Probleme
d u rch ein umfassendes Programm zu fördern. Sie
bot Informationsgespräche und Ortsrundgänge
für N e u b ü rger an, ba ute die neue Vol kshoch­
schule a us, veranstaltete J ugend-Diskussionen
m it zeittypisch-kontroversen Themen wie Dritte
Welt, Militarismus oder Hochsch u l reform,
o rganisierte volkstüm liche und klassische Kon­
zertabende, Opernauffüh rungen, Kunstausstel­
l ungen, ja sogar i nternationale Gemeinde­
partnerschaften und leistete sich, für eine Stadt
d ieser G röße u n gewöhn lich, einen h a u ptamt­
l ichen J ugendpfleger und ,Kulturreferenten'. Eini­
g e der genannten I nitiativen hatten schon vor
d er Doppelgemeindebildung eingesetzt u n d
wiesen noch Mischformen zwischen städtisch­
moderner Liberalität und traditioneller dörflicher
Vertrautheit auf. So sollte in einer 1965 durchge­
f ü h rten J ugendveranstaltung öffentlich und i n
großer Runde über "Liebe, Mädchen, junge Män­
n e r" diskutiert werden, während d ie Einladung
n och d u rch persönliche Briefe der Gemeindever­
walt u n g a n sämtliche ortsansässigen J ugend­
l i chen erfolgt war.48
Sichtbar bemühten sich Rat u n d Verwaltung
m it i h ren Initiativen daru m, im Ort ein moder­
nes, städtisch orientiertes Kulturleben zu eta­
b l i eren. H i e rm it sollten z u n ächst v.a. die neu
zugezogenen bürgerlichen Schichten eingebun­
den werden. U nterstützt wurden d iese Bemü­
h ungen d u rch die zeitgleich durchgeführte Bil-
d u n gsreform, d ie die E i n richtu ng höherer
Schu len in (Havelse-) Garbsen erleichterte. Das
Programm war dennoch nicht a uf die bürgerliche
Zielgruppe beschränkt, sondern sollte, von dort
a usgehend, weitere Bevölkeru ngskreise e rrei­
chen. Es war, wie am bereits erwähnten Freizeit­
heim oder an der 1968 beantragten Integrierten
Gesa mtschu l e (IGS) d e utlich w u rde, Ausd ruck
e i n e r a n sozialdemokratischen Reformvorstel­
l ungen orientierten Kommunalpolitik, der es u m
e i n e positive Ausdeutung d e s Gesamtprojekts
,Auf der Horst' bzw. "Stadt (Havelse-) Garbsen"
ging.
Tatsächlich gelang es m it diesen Mitteln i n
den Ja hren u m 1968, so etwas wie e i n e Auf-
48 Vgl. StAG, Ace. 32/92 Nr. 168, Havelser Helferkreissit­
zu
ng v. 28.11.1965.
115
bruchstimmung in der Stadt zu erzeugen. Zahl­
reiche in den Neu baugebieten a u ftretende
Probleme konnten n u n m it I m p rovisation
gemeistert und in positive Aneig n ungsleistun­
gen verwandelt werden. Es gelang, Neubürger
z u r Beteiligung am örtlichen Vereinsleben, a n
Abb. 5
lIeauchen Sie die
GARBSER WIRTSCHAFTS -SCHAU
Au• •taUung und V.,..k..u ••rn..... vom 2115. M G... 1972 bis 3 . Ap..11 U)72
TSglloh von 10 blatS Uhr _ Q..r-b •• n _ Aul dor Ho..
"t
• KubSchraube�Ruo�lIlloa - SUOOlaoS ffilhlCbOoDln-!ODlerl
• mOIlCn zwei MOnenSCnauen - TauSenns TOomoeo
'PM i�eiqui� Ijj� bie <1M�e 'flillliliel
Mit einer Verkaufs messe präsentierte sich (Havelse-) Garbsen 1972
auch als ökonomisches Zentrum (Stadtarchiv Garbsen)
Abb. 4
Schulelternbeiräten, Kirchenvorst änden und der
Kommunalpolitik zu bewegen.49 Mit seinen Kul­
turveranstaltungen, seinen großen Schützenfes­
ten und Schlagerfestivals entfaltete die Stadt i n
d iesen Jahren auch nach a u ßen die Wirkung
eines a ufstrebenden städtischen Zentrums.
Reichte dies aber aus, um in der Gebietsreform
die kom munale Eigenständigkeit zu verteidigen?
49 Von
1964 bis 1967 war die Kommunalwahlbeteiligung
in (Havelse-) Garbsen von 78 Prozent auf 60 Prozent abge­
sun ken; insbesondere in der Siedlung ,Auf der Horst' wählte
1967 nicht einmal jeder zweite Wahlberechtigte. 1968 stieg
116
Vereinskultur in der jungen Stadt - vielleicht nicht urban. aber
die Beteiligung wieder auf 70 Prozent an. Vgl. Vergleichs­
integrativ: Garbsen-,Auf der Horst', 1972 (Foto: Sig. Strehlke)
bauten (wie Anm. 30), S, 77.
7. Ablauf und Ergebnisse der Gebietsreform
in Garbsen
Der Abschlussbericht der Sachverständigen­
kommission für die niedersächsische Verwa l­
t u ngs- u n d Gebietsreform, das so genannte
,Webergutachten', em pfa h l 1969 erwartungsge­
mäß die Eingemeindung von (Havelse-) Garbsen,
Beren bostel und Stel i n gen nach H a n n over.so
Offen blieb dagegen die Situation für die nörd­
l i chen Ga rbsener Gemeinden. Hier hatten sich
1968 zwei Samtgemeinden um die Dörfer Horst
und Osterwald gebildet, die a ber mit rund 4000
b zw. 6000 E i nwohnern beide n icht "leitbildge­
recht" i m S i n n e der Reformvorgaben waren .S 1
Auch nach einem Zusammenschl uss hätten sie
n u r knapp die im Agglomerationsraum Hanno­
ver a n gestrebte Mi ndestgröße a ufgewiesen,
zumal einer Teilgemeinde - Schloss Ricklingen n a he gelegt wurde, sich a n Wunstorf anzuglie­
dern.s2 Eine mögliche Lösung dieses Problems
bot die Vereinigung der beiden Samtgemeinden
m it Stelingen und Berenbostel, ü ber deren
Angliederung an H a n nover ein Ver h a n d l ungs-
spielra u m bestand. Anders a l s in Garbsen-,Auf
der Horst' hatte die Großstadt in der Berenboste­
ler Kronsbergsied l u ng keine I nvestitionen i n
öffentliche E i n richtungen getätigt, deren Aus­
maß eine Eingemeindung unabdingbar erschei­
n e n l ieß. Allerd ings konnten die beiden Oster­
waider Gemeinden diesem Modell n u r wenig
a bgewinnen, und auch die Stadt (Havelse-) Garb­
sen wollte sich mit ihrem Schicksal nicht abfin­
den.
Neue Wege in der Zuordnungsfrage zeichneten
sich a b, als der Schloss Ricklinger Gemeinderat
u m 1970 entschied, die Kinder der a ufgelösten
Dorfsch u le nicht nach Wu nstorf, sondern nach
52
Im
hannoverschen Umland wurde die Bildung mög­
lichst kräftiger Kommunen a ngestrebt,
um
der Hauptstadt
h i n reichend starke Verhandlungspartner für
50 Verwaltungs- und Gebietsreform ... (wie Anm. 36), S . 83.
5 1 Es handelte sich u m die Samtgemeinde Osterwald,
bestehend
aus
den selbständigen Gemeinden Osterwald­
eine ausge­
glichene Gestaltung der Gesamtregion gegenüber zu
ste lle n.
In
größerung
die gleiche Richtung wies die a ngestrebte Ver­
des
landkreises Han nover; er sollte gegenüber
Oberende und -Unterende, sowie um die Samtgemeinde
der Großstadt ebenfa l ls genügend demograph isches
Horst mit Horst, Frielingen, Meyenfeld un d Schloss Ricklin­
,Gewicht' aufweisen, in der Anzahl seiner Mitgliedsgemein­
gen. Zielvorga be für
die
Bildung
neuer
Gemeinden
Einwohnerzahlen von mindestens 7-8000 Personen.
ware n
den aber überschaubarer- und das hieß: nicht zu kleinteilig
- werden.
117
(Havelse-) Garbsen einzuschulen. Alltagsschwie­
rigkeiten wie d i e hä ufige Sperrung d e r alten,
ü berschwem m u ngsgefä h rdeten Verbi ndu ngs­
brücke nach Wunstorf spielten dabei eine
ebenso wichtige Rol l e wie die Aussicht a uf
d u rchgehende Schullaufbahnen der Dorfjugend
im inzwischen s c h u lisch voll a u s gestatteten
(Havelse-) Garbsen.53 Die Schloss Ricklinger Ent­
scheid ung bewirkte a u c h bei den ü b rigen von
Schulschließungen und -einschränkungen betrof­
fenen, bislang nach Berenbostel orientierten Ort­
schaften d e r Samtgemeinde Horst e i n e
Umorientierung i n Richtung (Havelse-) Garbsen.
Die von staatlicher Seite seit Anfang der 60er
Jahre voran getriebene Auflösung der dörflichen
Zwergsc h u l en 54 trug so im Ver b u n d m it d e m
Ausbau d e s weiterfü h renden Schulwesens z u
e i n e r I ntensivierung d e r in t erko m m u nalen
Zusammenarbeit in Garbsen bei und unterstütze
auch d i e E i n i g ungsprozesse im Rahmen der
Gebietsreform. Schon die B i l d u ng der Samtge­
meinden Horst und Osterwald wie a uch die Ver­
einigung von (Alt-) Garbsen u n d Havelse waren
u.a. d u rch d i e E in richt u n g von höheren bzw.
,Mitte l p u n ktschulen' a ngeregt worden. Jetzt
füh rte d i e Sch u l kooperation erneut zu Ü berle­
gungen, diese zu einem festen kom m u nalen
Zusammenschluss auszuba uen.
Die Investitionen (Havelse-) Garbsens in den
Bildungssektor wurden damit zum entscheiden­
den Faktor, d e r die Stadt in die Lage versetzte,
den E i ngemeindu ngsforderu ngen Hannovers
praktika ble Gege n modelle e i n e r kom m u nalen
Einigung entgegen zu setzen. Zwei Alternativen
kristallisierten sich hierbei heraus: entweder Bil­
d u n g von zwei Kom m u nen, bestehend a u s
(Havelse-) Garbsen und d e r Samtgemeinde Horst
einerseits sowie Berenbostel, Stelingen u (ld der
Samtgemeinde Osterwald andererseits, oder Bil­
d u n g einer G roßkom m u n e a us a l len diesen
54 In Garbsen begann die Auflösung der Zwergschulen
53 D i e 1966 un d 1968 eingerichteten Realschul- u n d
118
1962 mit der Unterrichtung der neu eingeführten 9. Jahr­
Gym nasialklassen waren 1969 u n d 1971 d u rch Errichtung
gänge in gemeinsamen Mitte lpu nktschulen. Bis 1970
eigener Gebäude zu vollwertigen Schulen geworden, 1972
führte sie zur Konzentration fast aller Jahrgänge ab Klas­
auch die seit 1965 bestehende Sonderschulklasse. Vgl. Gerd
senstufe 5 an diesen Standorten. Fünf der dadurch a u f reine
Pehl, Viel Schüler gab es und wenig Raum. Das Garbsener
Grundschulen reduzier�en Dorfschulen wurden bis 1976
Schulleben nach 1965, Garbsen 1998 (Schriftenreihe z u r
ganz geschlossen oder in reduzierte Grundschulen (Jg. 1
Stadtgeschichte, 9).
und 2) verwandelt. Vgl. Pehl (wie Anm. S3).
Orten. Ergänzt u m die kleine Ortschaft Heitlin­
gen, setzte sich die letztere schließlich d u rch.
Damit wurde nicht nur den bereits bestehenden
Gemeindekontakten im ,Versorgungsbereich
V I I I ' der G roßrau mverba ndsplanung Rechnung
getragen, sondern auch der besseren politischen
Ü berlebensfä h i gkeit eines möglichst großen
komm u nalen Gebildes. Der Entwurf zu einem
entsprechenden Grenzänderungsvertrag wurde
bereits im Sommer 1971 von der Mehrheit der
Gemeinden und wen ig später von a l len zehn
Komm u nen gebilligt. Dieser Absichtserklärung
vermochte sich der Gesetzgeber bei der komm u ­
n alen Neuord nung d e s R a u m s Hannover 1974
n i cht m e h r zu widersetzen. Die heutige Stadt
G arbsen war entstanden.
8. (Havelse-) Garbsen - ein Zentrum für die
neue Stadt?
Mit c;ier gefu ndenen Lösung war das Kal kül
des (Havelse-) Garbsener Stadtrats aufgegangen,
dem Ort d u rch den Aufbau zentralörtlicher Ein­
r i chtungen die notwendige Bedeutung fü r ein
kommunales Überleben im größeren Rahmen zu
verschaffen. Auch für Berenbostel und die übri­
gen Garbsener Ortschaften war h iermit eine gut
ü berschaubare Verwaltungseinheit geschaffen
worden, die mit dem nahezu deckungsgleichen
Amt Ricklingen sogar einen historischen Vorläu­
fer besaß.5s Konnte a ber die n u r wenige J a h re
a lte Stadt (Havelse-) Garbsen ein identitätsstif-
tender Mittelpunkt dieser neuen Stadt werden?
Reichte ihr u rbanes Gewicht a u s, u m i h r einen
insgesamt "städtischen" Charakter zu verleihen?
Die Chancen h ierfür standen nicht sonderlich
gut. Die neue Stadt Garbsen war d u rch die E i n­
bindung einer Korona dörflich strukt u r ierter
Gemeinden nicht n u r sehr heterogen z u s a m ­
mengesetzt, sondern s i e verfügte m it Berenbos­
tel auch über einen zweiten, wenn a uch weniger
ausgeprägten städtischen Schwerpu n kt. Ferner
war sie d u rch die zwischen den Ortsteilen liegen­
den, offenen Landsch aftsräume sowie die d rei
Hauptverkehrsadern Autobahn, Mittellandkanal
und Bundesstraße stark segmentiert. Insgesamt
entsp rach die Stadt so ka u m dem Leitbild der
klassischen eu ropäischen Stadt, das trotz a l ler
faktischen Auflösungserscheinu ngen bei La ien
wie Fachleuten weiterhin a l s Maßsta b für die
Bewertung der ,Urbanität' einer Stadt wirksam
war.
55 Ihm hatten bis auf Heitlingen alle Orte der heutigen
Stadt Garbsen angehört. Vg l Heimatchronik . (wie Anm.
16), S. 105 ff
.
..
119
Vor a l lem aber brachte die ehema lige Stadt
(Havelse-) Ga rbsen selbst keine optimalen Vor­
aussetzungen m it, u m der Aufgabe als Zentrum
gerecht zu werden. Dies hatte mehrere Gründe:
Zum einen wa r d ie Konzeption eines eigenen
identitätsstiftenden Stadtzentru ms i n Anknüp-
fun g a n die Siedlung ,Auf der Horst' mangelhaft
geblieben. Sie war als Wohnstadtteil geplant
worden und verfügte daher n u r über einen klei­
nen, nach i n n e n gekehrten Sied l u n gs mittel­
p u n kt.56 Der Versuch, dieses Siedlungszentrum
d u rch den Bau von Freizeitheim, Hallenbad und
höheren Schulen zu einer "kulturellen Mitte" der
Stadt aufzuwerten, erwies sich als unzureichend.
Das an zentra ler Stelle geplante Freizeitheim
konnte die ihm zugedachten kulturellen Aufga­
ben nicht wa h rneh men, da es a u s fi nanziellen
G ründen n u r zur H ä lfte fertiggestel lt wurde.
H i e rd u rch entfiel u.a. d i e Stadtha l le, die eine
wichtige Voraussetzung für einen urbanen Kul­
turbetrieb gewesen wäre. Die ü brigen R ä u m e
mussten dagegen fast gänzlich d e r J ugendarbeit
vorbehalten bleiben. Ferner war das für den Auf­
bau einer Stadtidentität bedeutsame neue Rat­
haus i n einer übereilten Aktion noch 1965/66
von der alten Gemeinde Havelse und abseits des
potenziellen Stadtmittelpunkts errichtet worden
- vermutlich eine Folge der zu dieser Zeit geheg­
ten Hoffn ungen, a uch den Stadtteil Hannover­
Marienwerder in die neue Kom m u n e einbinden
zu können.57 Ein 1973 neben der Sied l u n g ,Auf
der Horst' e röffnetes E i nkaufszentrum konnte
die mangelnde Zentrumsfunktion des Neubau­
gebietes zwar etwas a usgleichen, schmälerte
aber seinerseits das Gedeihen der beiden sied­
lungsinternen Ladengruppen. Außerdem zeigten
sich schon bald die Grenzen dieses Versuchs, i m
halböffentlichen R a u m eines Privat u nterneh­
mens einen City-Ersatz zu schaffen. Außerhalb
des Gebäudes war von dem geschäftigen I nnen­
leben der E i n ka ufspromenade n u r wenig spür­
bar, und ab 18.30 U h r stand sie der Öffentlichkeit
ohnehin nicht mehr zur Verfügu ng.
Zum zweiten hatte das wichtigste urbane Ele­
ment (Havelse-) Garbsens, die Siedlung ,Auf der
56 Gemeint ist der ,Herouville Saint�Clair*Platz', an dem
sich zunächst ein kleiner Ladenkomplex, zwei Kirchen mit
Gemeinderäumen sowie ein Postamt versammelten. 1972
120
57 Hierauf deutet v,a. die Lage d'es Gebäudes im Ortsteil
wurde das Freizeitheim der Stadt hinzugefügt, das auch ein
Havelse hin. Sie wäre in einer Stadt G a rbsen-Havelse­
Hallenbad enthält.
Marienwerder zentral gewesen.
H orst', ihre anfangs d u rchaus positive Besetzung
nach einiger Zeit eingebüßt. Ab etwa 1970
wurde ein "Abkippen" der Bewohnerstruktur in
Richtung einer als problematisch wahrgenom­
menen sozialen Zusammensetzu ng festgestellt.
D ieser a us anderen G roßsied lu n gen bekannte
Vorgan g beruhte z u m Tei l a uf der natürlichen
Bewohnerfl u ktuation, wenn etwa Mieter der
E rstbeziehergeneration die Siedlung nach einer
beruflichen Verbesserung verließen, um anders­
wo eine größere Wohn ung oder ein Häuschen im
G rünen zu beziehen. Frei werdende Wohnungen
wurden ,Auf der Horst' wegen der bestehenden
Sozialbindung a ber vornehmlich erneut mit ein­
kommensschwachen Mietparteien a u s Hanno­
ver besetzt, so dass die Siedlung mit der positi­
ven ökonomischen Entwicklung ihrer Umgebung
n icht Schritt ha lten konnte.
Dieser Trend verstärkte sich d u rch Fä l le, i n
d enen - i n s besondere b e i H a u s ha ltsneugrün­
d ungen - finanziell u ngenügend a bgesicherte
M ietparteien den U m z u g in die N e u ba uwoh­
n ung ökonomisch n icht verkraften konnten.
Höhere Mieten, E i n kommensei n b u ßen bei
einem oder gar beiden Ehepartnern, hervorgeru­
fen d u rch den Mangel an ortsnahen Arbeitsstel­
l e n oder den j a h rzeh ntelang a ufgeschobenen
Bau der Garbsener Straßenbahnanbindung, die
Geburt von Kindern und schließlich der Ausfall
von Unterstützungsleist ungen Bekannter u n d
Verwandter i m neuen sozialen Umfeld waren die
A uslöser für vielfältige Schwierigkeiten. Die in
den Ja hren um 1970 ,Auf der Horst' hä ufigen
Zwangsräu m ungen ließen die Probleme solcher
Familien d u rch das Auftreten von Gerichtsvollzie­
her oder Polizei auch ins Licht der Öffentlichkeit
treten und verstärkten so den schlechten Ruf der
Siedlung. Die große F l u ktuation der Mieter
erschwerte zudem den Aufbau stabiler nachbar­
schaftlicher Beziehu ngen innerh a l b der Sied­
l u ng. Bewohner wie Stadtverwaltung waren
hierd u rch stets a u fs Neue vor die Aufgabe
gestellt, N e u b ü rger zu i ntegrieren. Techn isch­
organisatorische Mängel wie schlechte Schall iso­
lierung u n d ä u ßere Reizlosigkeit der H ä user,
u ngenügende Versorg u n gsmöglichkeiten u n d
eine chronische Überbelegung der Sch ul klassen
trugen schließlich ein Ü b riges dazu bei, sol­
ventere Mieter a us dem Neuba u komplex zu ver­
treiben. Der Gleichklang i n der generativen
Entwicklung der Siedlu ngsbewohner stellte die
Stadtverwa ltung vor große Probleme bei der
Beschaffu ng von Sch u l rä u men, Ki ndergarten­
plätzen und Freizeiteinrichtungen, denn auf den
Einzug vieler j unger Paare und Familien a ls dem
mobilsten und am stärksten von Woh n ungsnot
betroffenen Bevölkerungsteil folgte schnell das
121
Anwachsen eines , Kinderbergs', der später in
eine entsprechend große Zahl von Jugendlichen
überging.
Bemü h ungen der Stadt Garbsen, Einfluss a uf
die ungünstige Belegungspraxis der Stadt Han­
nover zu erhalten, blieben weitgehend erfolglos.
Die E i gentumsverhältnisse und der 1964 a bge­
schlossene ,interkommu nale Vertrag' erlaubten
es der Hauptstadt, den Sozialwohnungsbestand
der Siedlung ohne Rücksicht auf (Havelse-) Garb­
sener I nteressen fü r die Lösung der eigenen,
drängenden Probleme bei der Wohnungsversor­
gung zu nutzen.
Zum d ritten waren die Versuche, in (Havelse-)
Garbsen ein an städtisch-bürgerlichen Kulturvor­
stellungen orientiertes, urbanes Kulturleben zu
etablieren, das a uch in den umliegenden Orten
Beachtung gefunden hätte, letztlich nur mäßig
erfolgreich geblieben. Hierfü r waren u.a. d i e
u n z u reichenden Rahmen bedingu ngen verant­
wortlich: Kammermusikabende in Sch u l a u len
mit schlechter Akustik, die wegen eines ver­
sti mmten Klaviers stu ndenlang nicht begin nen
konnten und schließlich d u rch ein Akkordeon aus
122
dem Besucherkreis gerettet werden mussten,
waren zwar ei nzigartig, trugen aber nicht zum
Ruf Garbsens als ,Kulturstadt' bei.58 Autobesitzer
besuchten solche Vera nsta ltungen bald nicht
mehr, da sie in einer halben Stunde ein Theater
oder das Opernhaus in Hannover erreichen konn­
ten. Neben ungestörtem Kunstgenuss fanden sie
dort auch einen angemessenen Rahmen für die
Pflege gesellschaftlicher Kontakte - ein für die
zah l reichen i n Han nover tätigen Garbsener
ohneh i n interessanter Nebenaspekt. I m Ver­
gleich zum modernen hannoverschen Kulturge­
schehen boten die G a rbsener Veranstaltungen
a u ßerdem n u r einen begrenzten Neuigkeitswert.
Schließlich litt der örtliche Kultu rbetrieb auch
unter einer allgemeinen Zunahme der familiären
Häuslichkeit. I h r wurde in den Jahren um 1970
durch die Verbreitung von Fernsehern und neuen
Audiogeräten m it H i Fi-Qual ität u n d Stereo­
Sound neuer Vorsch u b geleistet. Lifeveranstal­
tungen m ussten mit diesen Medien in Konkur­
renz treten, und a uch in (Havelse-) Ga rbsen
begannen Veransta ltungshinweise der Lokal­
presse nun bisweilen mit der Aufforderung, doch
einmal "das Fernsehgerät ausgescha ltet zu las­
sen" und auszugehen. Die städtischen Kulturini­
tiativen blieben dennoch stets Zuschussvera n­
staltu ngen, die oft n u r einen kleinen Kreis
kulturell Interessierter erreichten.
58 Vgl. den Bericht in der Leinezeitung v. 3.6.1970.
Die Stadtgründung (Havelse-) Garbsens u n d
d er Versuch, dort e i n städtisches Leben entste­
hen zu lassen, fielen somit in e i n e kulturelle
U m b r uchzeit, i n der die I nsignien klassischer
b ü rgerlicher U rbanität unter dem E indruck von
Haushaltsverkna p p u n gen, wachsender Mobi­
l ität, neuen medialen Angeboten u n d neuen
Ausdrucksformen vor Ort nicht mehr finanzier­
b a r waren, nicht genügend nachgefragt oder
sogar in Frage gestellt wurden. Dies wurde insbe­
sondere im Bereich der Jugendarbeit und -kultur
deutlich. Jugendliche forderten - wenn a uch n u r
i n Teilgruppen - i n d e n Jahren u m 1970 von der
Stadt Unterstützung bei der Veranstaltung von
Beatkonzerten u n d D iskoabenden, sowie weite
Freirä u m e in der Organisation u n d Gesta ltung
der von der Stadt geschaffenen Jugendtreffpunk­
te. Ihre ,alternativen' Vorstell u n gen können zwar
im Nachhinein als wichtiges Element einer kultu­
rellen Modernisierung und als Tei l e ines u rbanen
(Havelse-) Garbsener Stadtlebens identifiziert
werden, stießen d a m a l s a ber weitgehend auf
Ablehnung. Der Betrieb des von ihnen gehutzten
Freizeitheims im Stadtteil ,Auf der Horst' wurde
wegen Konflikten um j ugend liche Mitverwa l­
t u ng, Alkoholausschank u n d Disko-Öffn ungszei­
ten zeitweilig zum öffentlichen Streitpunkt. Die
u rbanen j ugendkulturellen Ausdrucksformen
w u rden weder i n ne r h a l b (Havelse-) Ga rbsens
noch in den U m landdörfern "verstanden", son­
dern waren eher geeignet, die Vorbehalte gegen­
über der Siedlung ,Auf der Horst' zu verstärken.
Die überwiegende Mehrheit der Einwohner ­
u n d a uch ein großer Tei l der J ugendlichen begeisterte sich dagegen eher für die erwähnten
Schützenfeste oder die von der Stadt organisier­
ten Sch lagerfestiva ls. Sie konnten mit der Ver­
pfl ichtung von bekannten TV- und Radiostars
erfolgreich an neue, massenmedial vermittelte
Trends anknüpfen und zogen bisweilen mehrere
Ta usend Besucher a uch a u s den Nachbarorten
an. Für den kommunalen E inigungsprozess mit
den u mliegenden Dörfern mochte dies günstig
sein, da es eine kulturelle Gleichheit signalisierte
und bestehende Kontakte vertiefte. "Städtische"
Qualitäten bewies Ga rbsen-Havelse a l lerd ings
weniger d u rch qualitativ andere, sondern allen­
fa lls d u rch größere und häufigere Veranstaltun­
gen, als sie in der ländlichen Umgebung zu fin­
den waren. Außerdem m usste sich d i e Stadt
Anfang der 70er Jahre a uch aus diesen Projekten
wieder zurückziehen, da ihr fina nzieller und per­
soneller Spielra u m d urch Maßnahmen z u r
Bewä ltigung der sozialen Probleme, d u rch
unvorhergesehene Kostensteigerungen bei den
S c h u l ba uten und d u rch einen wirtschaftlichen
123
Abb. 6
Das Zentrum der neuen Stadt Garbsen? Die Stadtteile Havelse (unten), Altgarbsen (links) und ,Auf der Horst' (oben) mit den Schneidelinien
Autobahn und Mittellandkanal, um 1972. Erst mit der Bebauung der Freiflächen zwischen Autobahn und Berenbostel (ganz oben) fand
Garbsen seinen Mittelpunkt (Foto: Sig. Strehlke)
Strukturwa ndel e ingeschränkt wurde. Ihm fielen
die verbliebenen Ziegeleien und Ha rtsteinwerke
124
z u m Opfer, wä h rend d i e Ansiede l u ng neuer
Betriebe nur langsam voransch ritt.s9
Vor dem Hintergrund dieser Probleme war das
Ziel einer in neren Konsolidierung in (Havelse-)
Garbsen somit nur teilweise erreicht worden. I n
d e n wenigen J a h ren i h rer Existenz hatte d i e
Kom m u ne daher a u c h n icht genügend städti­
sche Identität u n d Ausstra h l u ngskraft entwi­
ckeln kön nen, um in der 1974 neu gebildeten
Stadt unangefochten a ls Mittelpunkt zu fungie­
ren. Zu groß war h ierfür das Eigengewicht des
zweiten Garbsener Siedlungsschwerp u n kts
Berenbostel, und zu stark die räu mliche und sozi­
a l e Trennung zwischen den verschiedenen Orts­
teilen. Die Altei n gesessenen der neu hinzu
gekommenen Dörfer waren noch stärker ländlich
geprägt als die (Havelse-) Garbsener Altbürger es
waren, und auch die städtischen Neubürger die­
ser Orte hatten i h ren Wohnort bewusst gerade
a uf dem land gewählt. Oftmals d u rch eine geho­
bene E i n kommenslage unterstützt, u nterhielten
s i e zwar viele berufliche u n d private Kontakte
nach Hannover, zeigten a ber a n der nahen, mit
sozialen Problemen belasteten Klei nstadt
(Havelse-) Garben wenig Interesse.
Die neue Stadt Garbsen blieb a u s d i esen
Gründen vorerst ein verwaltungstechnisch zwar
erfolgrei.c hes, in der sozialen Alltagswirklichkeit
Sg Stadt
Garbsen (Hg.), Garbsen, eine j unge Stadt, Garb­
sen .1971, S. 31 f., S. 161. Die Ausweisung von Gewerbege­
bieten war wegen Planungsvorbehalten und Erschließungs­
problemen auf Flächen südlich der Autobah n besch ränkt.
aber wenig präsentes Gebilde, das nur allmäh­
lich in der lage war, die orts- und dorfbezogenen
Identitäten u m e i n e neue, Gesamtgarbenser
Identität z u ergä nzen. Die Frage nach einem
Mittelpunkt, einem identitätsstiftenden Garbse­
ner Stadtzentrum wurde unter diesen Umstän-
den zunächst nicht gestellt bzw. im Sinne dezen­
traler Einrichtungen beantwortet. Garbsen war,
mehr noch als das bisherige (Havelse-) Garbsen,
eine Vorstadt, die städtische mit ländlichen Ele­
menten verband, ohne einen eindeutig urbanen
Charakter auszustrahlen.
Dass die Diskrepanz zwischen realem Stadt­
verba nd u n d fragmentarischer Stadtidentität,
zwischen urbanem Anspruch und vorstädtischer
Al ltagswirkl ichkeit dennoch als unbefriedigend
e m pfunden wurde, zeigen die einige Jahre nach
1974 eingeleiteten Bem ü h ungen, die beiden
Siedlungsschwerpunkte Berenbostel und (Havel­
se-) Garbsen zu einem vergrößerten städtischen
Siedlu n gs bereich zu vereinen. Mit der Erschlie­
ßung des trennenden Geländestreifens zwischen
beiden Ortsteilen d u rch den neuen Stadtteil
,Garbsen-Mitte' konnte allerdings erst ab 1980
125
begonnen werden, denn an weiterem Massen­
woh nungsbau bestand in Garbsen weder Inte­
resse noch Bedarf, und die Errichtung von Eigen­
heimen schritt in der wirtschaftlichen Rezession
der 70er und 80er J a h re nur langsam voran. Die
a l lmähliche Schließung der großen Baulücke bot
zugleich den Ansatzpu n kt fü r die Planung eines
neuen, gesamt-Garbsener Stadtzentrums. Diese
,Neue Mitte' Garbsens nahm zwar angesichts der
gerade erst geschaffenen, umfangreichen öffent­
lichen E i n richtungen ebenfalls nur langsam Kon­
t u ren an, bietet a ber inzwischen - ein Viertel­
j a h r h u ndert nach dem Entstehen der neuen
Stadt - vielversprechende Ansätze zur Herausbil­
d un g eines identifikatorischen städtischen
Mittelpunkts. 60
60 Vgl. Stadt Garbsen (Hg.), Garbsen ,Neue Mitte', Werk­
stattverfahren 2000. Projektinformation, Dortmund/Ga rb­
sen 2000, S. 8 ff.
126
9. Resümee
Die Stadt Garbsen, so lässt sich zusammen­
fassen, stellt sich z u nächst a l s M u sterbeispiel
einer d u rch das regionale Oberzentrum bewusst
vora ngetriebenen Suburbanisierung dar. Dessen
Einfluss beschrän kte sich nicht auf wirtschaftli­
che u n d i nfrast r u kturelle Verflechtu ngen, son­
dern wu rde d u rch stadteigene B a u p rojekte
d i rekt und für die Garbsener Stadtentwicklung
entscheidend wirksam. Die Gebietsreformdebat­
te u n d die damit e i n h e rgehende Befürchtung
einer Eingemeindung stadtnaher Gemeinden in
die La ndeshauptstadt H a nnover forcierten seit
Mitte der 60er Ja hre kom m u na l e Aktivitäten,
d u rch die in Berenbostel und v.a. in Havelse und
(Alt-) Ga rbsen wesentliche weitere, städtische
Chara kterzüge geschaffen wurden. Sie konnten
1967/68 du rch die Vereinigung u n d Stadtwer­
dung (Havelse-) Garbsens ,gekrönt' werden. Die
in der Folge neu errichteten, zentra lörtlichen
Institutionen ermöglichten es der j u ngen Stadt
ferner, u nter dem Druck der Verwaltu ngs- und
Gebietsreform Partner für einen weiteren kom­
munalen Zusammenschluss zu finden. Mit der
Bildung der heutigen Stadt Ga rbsen gelang es
den Garbsener Gemeinden 1974, die komm u na­
le Eigenständigkeit im vergrößerten Rah men zu
bewahren. Die zunächst von Hannover i n itiierte
u rbane Entwicklung wurde somit i n einer zwei­
ten Phase u m einen gegen die Landeshauptstadt
gerichteten I m p u l s ergänzt, in dem sich Sorgen
um die kom munale Identität m it pragmatischen
Z ielen h i n sichtlich einer a u s reichenden u n d
a ngemessenen öffentlichen I nfrastrukturaus­
stattung verbanden.
Die Verwaltungs- und Gebietsreform hatte
i ndes e i n e sozial u n d siedl ungsgeographisc h
stark segmentierte, heterogene Stadt entstehen
lassen, d i e nicht m e h r dem Leitbild der klassi. schen europäischen Stadt entsprach, sondern neben einer Korona von ländlichen Siedlungen ­
ü ber zwei städtische Schwerpunkte verfügte. Die
F u nktion eines Stadtzentrums konnte von der
b isherigen Stadt ( Havelse -) Garbsen nicht ausge­
f ü l lt werden, da d a s d u rch die Gebietsreform
bestimmte Entwicklungstempo einer i n neren
Konsolidierung d ieser Kommune wenig Zeit
gelassen hatte. Die Stadtgründung fiel zudem in
e ine Zeit, in der einerseits d ie negativen Aspekte
e iner städtischen Gesellschaft stärker zum Vor­
schein traten, u n d a ndererseits die I nsignien
klassischer bürgerlicher Urbanität vor einer Kon­
k urrenz aus höherwertigen Angeboten i n Han­
n over, medial vermittelter Massen ku l t u r u n d
neuen kulturellen Vorstellungen z u rückweichen
m ussten. Das den noch bestehende Bedürfn is
n ach einem gemeinsamen, identifikatorischen
M ittelpunkt der Stadt konnte u nter veränderten
ökonom ischen Bedingunge n erst nach einer
mehrjährigen Atempause i n eine entsprechende
Zentrumsplanung u mgesetzt werden . Dessen
i nzwischen weit fortgeschrittene Umsetzung a ngezeigt d u rc h die Schließung der B a u l ücke
zwischen Berenbostel u n d (Havelse-) Ga rbsen,
die Errichtung mehrerer Geschäftszentren, eines
Kinos u n d eines neuen Rathauses im zentralen
Bereich - verdeutlicht sowohl die lange Dauer
städtischer Entwicklungsvorgänge als auch d ie
anhaltende Wirkungskraft des ,klassischen' urba­
nen Vorbilds bei der Gestaltung von Stadt.
127
Tagungsband "Junge Städte In Ihrer Region":
MItarbeiterinnen und Mitarbeiter
Arlng, J ü rgen, Dr. rer. nat., Dip!.-Geograph,
geb. 1961. - 1987-89 wiss. Mitarbeiter an der
U niv. Münster, 1989-90 wiss. Mitarbeiter bei
e m pirica Kom m u ni kations- u n d Tech nologie­
forschu ng G mbH in Bonn, seit 1991 Projektleiter
bei empirica Strukt u r- und Stadtforschung
G mbH; ergänzend Leh ra ufträge an der Univer­
sität sowie Publikation zah l reicher Fachaufsätze.
- Adresse: empirica Gm bH, Kaiserstraße 29,
53113 Bonn.
Auffarth, Sid, Dr.-Ing., geb. 1938. - Nach Mau­
rerlehre und Architekturstudium als Bauhistori­
ker, Hannoverkenner und B ü rgeranwalt aktiv:
h a u ptberufl ich an der U niversität H a nnover,
d a neben Bürgerbüro Stadtentwicklung Hanno­
ver. - Arbeitsschwerpunkt : Stadtbaugeschichte
u nd Stadtbaugeschichten des 19. und 20. Jahr­
h u nderts. - Adresse: Institut für Bau- und Kunst­
geschichte, Schlosswender Straße 1, 30159 Han­
nover.
Briesen, Detlef, Dr. ph i!., Privatdozent, geb.
1957. - Oberassistent im Fach Geschichte an der
U niversit�t Siegen, Leiter eines Forsch ungspro­
jekts der Volkswagen-Stiftung zur Geschichte der
Jugendkriminalität in BRD und USA nach 1945.
Veröffentlichungen zur Stadt-, Regional- und Kul­
t u rgeschichte. - Adresse: Universität Siegen,
Fach bereich 1, Adolf-Reichwein-Straße, 57068
Siegen.
Dohms, Peter, Dr. p h i l, geb. 1941. Historiker,
Staatsarchivdirektor a m Nord rhein-Westfä l i ­
schen Hauptstaatsarchiv Düsseldorf. - Seit 1990
Schriftleitung "Der Archivar". Lehrbeauftragter
an der Universität Düsseldorf. - Arbeitsschwer­
punkte: Stadtgeschichte, Frömmigkeitsge­
schichte, Drittes Reich, Studentenbewegung. Adresse: Nordrhein-Westf. H a u ptstaatsarch iv,
Zweigarchiv Schloss Kalkum, 40489 Düsseldorf.
Essen, Ma nfred von, Dr. phil, geb. 1952. Vol kskundler, Leiter des Stadtarch ivs und des
Stadtmuseums Norderstedt . - Adresse: Stadtar­
chiv Norderstedt, Rathausallee 38, 22846 Nor­
derstedt.
Fäh ndrich, Gisela, geb. 1943. - Su perinten­
dentin im evangelisch-lutherischen Kirchenkreis
Garbsen-Seelze (seit 2001: Stadtkirchenverband,
Amtsbereich Garbsen-Seelze), seit August 1993
Bürgerin der jungen Stadt Garbsen. - Adresse:
Auf dem Kronsberg 36, 30827 Garbsen.
221
Franzke, Jochen, D r. rer. pol. habil., geb. 1954.
- Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrst u h l
Verwaltung und Organisation, Wirtschafts- und
sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität
Potsdam. - Lehre und Forschung zur Kommunal­
und Regionalpolitik in Deutschland u nd E uropa
sowie zur Transformation des politischen Sys­
tems postsozialistischer Staaten. - Adresse: Uni­
versität Potsdam, Postfach 900 327, 14439 Pots­
dam.
Göttner, Jens Holger, Dr. rer. pol., geb. 1944. Seit 2000 Regierungspräsident in Ha lle. E r war
bis 1998 als Dezernent fü r Stadtentwickl u ng,
Bauen und Wi rtschaft und Allgemeiner Vertreter
des Stadtdirektors in Ga rbsen tätig. - Adresse:
Regierungspräsidium, Postfach 200 256, 06003
Ha lIe.
Heppner, Christian, M.A., geb. 1964. - Histori­
ker. Arbeitet Z.Zt. an einer Dissertation z u m
Thema "Eine n e u e Stadt entsteht. Urbanisierung
und städtisches Leben in Garbsen 1945-1975",
gefördert d u rch ein Forschungsstipendium der
Stadt Garbsen. - Veröffentlichungen z u Stadt222
und Regionalgeschichte. - Adresse: c/o Stadtar­
chiv Garbsen, Lehmstraße 1, 30826 Garbsen.
Heuer, Alexander, geb. 1954. - Diplom-Inge­
nieur der Fachrichtung Raumplanung, Bauasses­
sor, Stadtbaurat der Stadt Garbsen seit 1999. Adresse: Rathausplatz 1, 30823 Garbsen.
Lehmberg, Frank, geb. 1939. - Zum Zeitpunkt
der Tagung Referatsleiter für den Städtebau im
Ministerium für Frauen, Arbeit und Soziales; seit
der Kabi nettsumbildung ab 1. J a n u a r 2001 i m
I n n e n m i nisteriu m i n gleicher F u n ktion tätig.
Referierte in Vertretung der N iedersächsischen
Ministerin für Frauen, Arbeit und Soziales, Heidi
Merk (Schirmherrin der Tagung) . - Adresse:
Niedersächsisches Innenministerium, Lavesallee
6, 30169 Hannover.
Priebs, Axel, Prof. Dr. rer. nat., geb. 1956. - Wis­
senschaftliche Leitung der Tagung. - Fachbe­
reichsleiter beim Kommunalverband Großraum
Hannover und Honorarprofessor am Geographi­
schen Institut der U niversität Kiel. Er ist Mitglied
der Akademie für Raumforsch ung und Landes­
p l a n u ng sowie der Deutschen Akademie für
Städtebau und Landesplanung. - Adresse: Kom­
mu nalverband Großraum Han nover, Arnswaldt­
straße 19, 30159 Hannover.
Saldern, Adelheid von, Prof. Dr. p hil, geb. 1938.
- Wissenschaftliche Leitung der Tagung und
Betreuung des Promotionsvorhaben zur Garbse-
ner Stadtgeschichte (s.o.). - Professorin für Neue­
re Geschichte am Historischen Seminar der Uni­
versität Hannover. Sie ist Vorsitzende des Wis­
senschaftlichen Beirats der Forschungsstelle für
Zeitgeschichte in H a m burg u n d Mitglied des
Kuratoriums, stellv. Vorsitzende der Gesellschaft
für Stadtgesch ichte u n d U rbanisierungsfor­
schung und stellv. 5precherin des Arbeitskreises
für Sozial- u n d Wirtschaftsgeschichte der H isto­
rischen Kommission für Geschichte Niedersach­
sens und Bremen. - Adresse: H i storisches Semi­
n a r der U niversität H a n riover, Im Moore 21,
30167 Hannover.
Scholl, Rose, geb. 1957. - Orga n i?ation der
'
Tagung. - Leiterin des Stadtarchivs Garbsen.
Schriftleitung der "Schriftenreihe zur Stadtge­
schichte" u n d redaktionelle Betreuung des vor­
l i egenden Ba nds. - Adresse: stadtarchiv Garb­
sen, Lehmstraße 1, 30826 Garbsen.
ZibelI, Ba rbara, Prof. Dr. sc. techn., geb. 1955.
- Stadt- und Regiona l planerin. Professorin am
I nstitut für Architektur- und Planungstheorie der
U n iversität Hannover (Fachgebiet: Architektur­
soziologie u nd Frauenforschung); zahlreiche Ver­
öffentlichu ngen, Projekte und Beratu ngsman­
date, u.a. zur Stadtentwicklung Hannovers. Sie ist
korrespondierendes Mitglied der Akademie für
Raumforschung u n d Landesplanung. - Adresse:
I n stitut fü r Architektur- und Planu ngstheorie,
Schlosswender Straße 1, 30159 Hannover.
223
U msch laga bbi Id ungen:
Alle Abbildungen zeigen Garbsen, den Vera nstaltungsort der Tagung "Junge Städte
in i h rer Region", a l s Beispiel fü r d i e Entwi c k l u n g e i n e r j u n gen Stadt. D i e
I l lustrationen symbolisieren Vergangenheit, Gegenwart und Zuku nft und greifen in
ihrer Anordnung die Dyn a m i k des Stadt logos - einen sich entrollenden Pfeil - a uf.
c..Stadt
Garbsen
I m Einzelnen in Pfei lrichtung, beginnend im Feld oben rechts:
"Vergangenheit"
1. Auf der Horst, Wohnhäuser, August 1965
2.
Auf der Horst, Alte Mühle, August 1965
3 . Auf der Horst, Panorama, Mai 1965
4. Auf der Horst, Woh n häuser, August
1965
(alle Fotos: Rudolph Guthmann, Stadtarchiv Garbsen)
"Gegenwa rf'
1. Rathaus Garbsen, Südeingang,
2.
2000 (Foto: Carla
Schmidt)
Luftbild des P l a n u ngsgebietes "Neue Mitte Garbsen", Mai 1998 (Foto: Aerowest
Photogrammetrie G m b H / Landesvermessung und Geobasisinformation Niedersachsen)
3. Teich und B a u m l e h rpfad im Stadtpark Ga rbsen, 1995 (Foto: Bruno Austen, Stadtarchiv G arbsen)
4. Rathaus Garbsen, Westa usgang mit Blick auf das Planungsgebiet "Neue Mitte G arbsen",
2000
(Foto: Carla Schmidt)
JJZukunftli
224
2000 (s. s. 202)
2, 2000 (s. S. 203)
1.
Entwurfswerkstatt Neue Mitte Garbsen: Städteba ulicher Masterp l a n von Tea m 4,
2.
Entwurfswerkstatt Neue Mitte Garbsen: Städteba u l icher Entwurfvon Tea m
Junge Städte - "Kinder" von Gebietsreformen - gibt es viele. Mit Garbsen, Norderstedt und Meerbusch werden
in diesem Band drei besonders charakteristische Stadtgründungen der Reformphase um 1970 im historischen
Rückblick vorgestellt. Dabei stehen Fragen zur Bildung eigener Stadtzentren und zur Entwicklung "urbanen
Lebens" im Schatten angrenzender Großstädte im Mittelpunkt und fordern zum Vergleich auf. - Weitere
Beiträge beleuchten eine Reihe übergreifender As pekte aus planerischer, historischer und politischer
Perspektive; auch die Lebensqualität in jungen Städten wird diskutiert. Als aktuelles Beispiel für die Planung
einer "Neuen Mitte" in der Region Hannover werden die Ergebnisse der "Städtebaulichen Entwurfswerkstatt
Garbsen" vorgestellt.
Der vorliegende Band dokumentiert die Tagung "Junge' Städte in ihrer Region", eine Veranstaltung der Stadt
Garbsen mit Unterstützung des Kommunalverbandes Großraum Hannover vom 10. bis 11. November 2000.
" Dieser Band ist ein Bekenntnis zur europäischen Stadt - verstanden als polyzentrische Stadtregion
und als Gemeinschaft größerer und kleinerer selbständiger, jedoch funktional eng verflochtener kom­
munaler Einheiten. "
Axel Priebs und Adelheid von Saldern
(W issenschaftliche Leitung der Tagung), S. 24
Schriftenreihe zur Stadtgeschichte, 10
ISBN 3-9802985-7-4
ISSN 0940-0974
.Stadt
H!N NOVER
REGieN
Garbsen
KO M M U NALV E R BA N D
GROSSRAUM HANNOVER