1832 bis 2007 - Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul

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1832 bis 2007 - Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul
1832 bis 2007
175 Jahre
Barmherzige Schwestern
in Bayern 1832 bis 2007
Inhalt
Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
Kapitel I
Barmherzige Schwestern für Bayern –
eine politische Entscheidung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
K a p i t e l 2 Einführung der Barmherzigen Schwestern am
Allgemeinen Krankenhaus in München . . . . . . . . . . . . . . 28
K a p i t e l 3 Gründungsjahre der Kongregation in München . . . . . . 48
K a p i t e l 4 Erfolgreiche Entwicklung des Ordens
unter Schwester Ignatia Jorth . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
K a p i t e l 5 Krise nach dem Tod von Schwester Ignatia . . . . . . . . . . . 92
K a p i t e l 6 40 Jahre Kontinuität
unter Schwester M. Regina Hurler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96
K a p i t e l 7 Die Barmherzigen Schwestern und die Entwicklung
der modernen Krankenpflege . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104
K a p i t e l 8 Weitere Tätigkeitsbereiche
der Barmherzigen Schwestern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120
K a p i t e l 9 Sondereinsätze in Zeiten von Seuchen und Kriegen . . 136
K a p i t e l 10 Blütezeit des Ordens zu Beginn des 20. Jahrhunderts . 154
K a p i t e l 11 Die Barmherzigen Schwestern unter dem
Nationalsozialismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183
K a p i t e l 12 Wiederaufbau und neue Wege . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214
K a p i t e l 13 Neue Herausforderungen für den Orden
in einer säkularisierten Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . 245
K a p i t e l 14 Die Kongregation heute . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267
Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Bildnachweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Archivalienverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Abkürzungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Impressum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Vorwort
„Ein gutes, von Herzen kommendes, verständnisvolles Wort kann den Menschen zu Gott
führen, ihm zu Geduld verhelfen, zu einem
guten Sterben oder zu einem guten Leben
nützlich sein.“ (Vinzenz von Paul)
Mit großer Dankbarkeit und Freude feiern wir 175 Jahre Barmherzige Schwestern
in Bayern. Wir feiern das Fest, an dem Gott
die Gründung der Gemeinschaft gewollt
hat. Miteinander lesen wir diese 175-jährige
Geschichte, die eine leuchtende Spur hinterlassen hat. Gott hat sich in seinem Großmut
nicht übertreffen lassen, sein Segen begleitet die Kongregation und das Wirken der Schwestern. So dürfen wir der Vergangenheit eine Zukunft geben.
Dieses Jubiläum gibt uns Anlass, aus dem Jetzt zurückzublicken, um
gemeinsam in eine neue Zukunft zu gehen.
Schauen wir auf den Anfang, wie alles begonnnen hat.
Am 10. März 1832, nachmittags um 16.00 Uhr, kamen Schwester Ignatia
Jorth und ihre Begleiterin, Schwester Apollonia Schmitt, mit der „Extrapost“
von Straßburg an den Stadtrand Münchens in das Allgemeine Krankenhaus
in der heutigen Ziemssenstraße vor dem Sendlinger Tor. Für König Ludwig
I. war es eine Sternstunde der Geschichte Bayerns, als die beiden Schwestern auf sein fürsorgliches Bemühen hin den hingebenden Dienst an den
Kranken im Geist des hl.Vinzenz in München einführten. Der Durchbruch
für den neuen Beginn war geleistet. Ein Aufblühen, eine hoffnungsvolle
Zukunft war geweckt und ein sichtbares Zeichen eines weltanschaulichen
Wandels war markiert.
Wie vielen Kranken in dieser langen Geschichte durch unsere Schwestern Hilfe geleistet worden ist, weiß nur Gott allein. Alles war ein Liebesdienst, ein Dienst der Barmherzigkeit, zu dem die Schwestern zu jeder
Tages- und Nachtzeit bereit waren und sich von Gott Kraft erbaten. Der
ungeheure Schatz an Barmherzigkeit, der in 175 Jahren gesammelt worden
ist, bleibt ein Schatz der Kirche und der Menschheit und ist bei Gott nicht
verloren.
Papst Benedikt schreibt in seiner Enzyklika „Deus Caritas est“: „Wer
zu Gott geht, geht nicht weg von den Menschen, sondern wird ihnen erst
wirklich nahe.“
Vater Vinzenz rief den Schwestern immer wieder zu und sagt es uns
auch heute: „Unsere Aufgabe ist das Handeln.“ Wir sollen Menschen dort
abholen, wo ihr Lebensinhalt ist. Die barmherzige Liebe ist das Geheimnis der Erfolgsgeschichte der Gemeinschaft gewesen. Unser vinzentinisches
Charisma gibt uns Kraft und den Mut, in die Zukunft zu gehen. Der Bau
unseres neuen Mutterhauses trägt dazu bei, dass „Kloster“ und „Welt“ sich
begegnen. Mit vielen Menschen und Mitarbeitern sind wir unterwegs. Entscheidend ist dabei, dass wir Gott in unserem Leben und in unsere Aufgaben
einlassen – das heißt glauben. Im Glauben dürfen wir die Erfahrung seiner
Gegenwart machen. Der Münchner Jesuitenpater Alfred Delp hat dies in
dem bekannten Wort ausgedrückt: „Lasst uns dem Leben trauen, weil Gott
es mit uns lebt.“ Gott lebt das Leben von uns Schwestern mit. Darum dürfen wir dem Leben trauen; mögen unser Alltag und der Zustand der Welt
noch so düster und leidvoll sein. Die Kirche lebt, die Kongregation lebt, sie
lebt, weil Christus lebt, weil er die Geschichte der Barmherzigen Schwestern unaufhaltsam belebt und fortsetzt. Jede Gemeinschaft ist ein Steinchen
im Mosaik des Ganzen, ein lebendiger Stein am Haus Gottes.
Der hl. Vinzenz sagt in einer Konferenz am 22. September 1647 über
den Auftrag seiner Töchter der Christlichen Liebe: „Der Beruf einer Barmherzigen Schwester ist eine Einladung Gottes; ihre Berufung eine Erwählung. Sie soll Gott dienen in den Armen, Kranken, Notleidenden und Hilfesuchenden und so die barmherzige Liebe den Menschen erfahrbar werden
lassen.“
Unser Auftrag ist nicht altmodisch, nicht überholt, nicht verstaubt, er ist
heute so aktuell, so not-wendig wie damals.
Mit den vielen Schwestern, die in den vergangenen 175 Jahren dem
Mutterhaus München angehörten, danken wir Gott, dass er immer am Ufer
ihres Lebens stand und sie mit großer Herzlichkeit und Güte Gottes Licht
zu den Menschen gebracht haben. Vertrauend auf die göttliche Vorsehung,
die sie nicht verlässt in Dingen, die sie auf ihre Führung hin unternehmen,
haben sie den Menschen gedient. Jetzt stehen sie an Gottes Seite und sind
uns große Fürsprecher.
Großen Dank schulden wir den Schwestern unserer Tage, die sich mit
ihrer Kraft und ihrer Liebe den ihnen Anvertrauten hingeben.Vater Vinzenz
und Mutter Louise sind wahre Lichtträger der Geschichte, weil sie Menschen des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe sind. In ihren Fußstapfen
gehen und arbeiten wir.
Wir dürfen, wie es uns Jesus selber sagt, zur Quelle werden, von der Ströme lebendigen Wassers kommen. Aber damit wir eine solche Quelle werden,
müssen wir selbst immer wieder aus der ursprünglichen Quelle bei Jesus
Christus, aus dessen geöffnetem Herzen die Liebe Gottes selbst entströmt,
schöpfen, um der Bedürftigkeit unserer Zeit, dem Hunger nach Geborgenheit, der Sehnsucht nach einem erfüllten Leben und der Suche nach Gott,
eine Antwort zu geben.
Gemeinsam schauen wir in die Zukunft, gemeinsam gehen wir in die
Zukunft.
Diese Kraft schöpfen wir aus dem lebendigen Glauben an Jesus und aus
einer unverbrüchlichen Hoffnung.
Der hl. Vinzenz sagt: „Barmherzige Liebe erobert die Welt.“ Wann
be­ginnt die wahre Veränderung der Welt? Das Evangelium sagt es: wenn sie
die Werke der Liebe verkündet zum Tun.
Heute, 175 Jahre nach der Gründung, zählen der Glaube der Schwestern
und die Niederlassungen, in denen wir unseren vinzentinischen Auftrag
erfüllen. Der Gedanke an das viele Gute, Wertvolle und Kostbare, das durch
unsere Schwestern getan wurde, erfüllt uns mit großem Dank. Wie viele
Segensspuren zogen unsere Schwestern in der Erfüllung des Auftrags, den
ewigen Plan des göttlichen Lebens zu erfüllen, wie Vinzenz sagt:
die Verherrlichung des Vaters,
die Nachahmungen der Handlungen Jesu Christi,
die Ausbreitung seiner Liebe auf Erden.
Darum haben sie die Welt verändert. Gott hat alles gut gemacht und uns
gesegnet. Heute an dem Meilenstein der langen Straße der Barmherzigkeit
lassen wir uns neu von der Liebe Christi berühren, um den Weg der erbarmenden Liebe gehen zu können.
Mein Dank gilt beim 175-jährigen Jubiläum allen Schwestern, allen
Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die das Werk unseres Vaters Vinzenz
mittragen und mitgestalten.
Schwester M. Theodolinde Mehltretter
Generaloberin der Kongregation der Barmherzigen Schwestern
vom hl.Vinzenz von Paul, Mutterhaus München
„Wir danken Gott für die reiche Frucht
der Barmherzigkeit“
Im Jahre 1832 rief König Ludwig I. die Barmherzigen Schwestern nach München. Seit 175
Jahren steht die Kongregation in unserem
Erzbistum im Dienst der Kranken und Armen.
Unzählige Menschen haben durch sie Gottes
Liebe und Erbarmen erfahren, am Krankenbett, im Altenheim, in der Suppenküche oder
im Kinderheim.
Im Geist ihres Stifters wollen sie Jesu
Gebot erfüllen: Liebet einander! Wie ich euch
geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben“
(Joh 13,34).
In seiner Enzyklika „Gott ist Liebe“ schreibt der Heilige Vater: „Der
Glaube, das Innewerden der Liebe Gottes, die sich im durchbohrten Herzen
Jesu am Kreuz offenbart hat, erzeugt seinerseits die Liebe. Sie ist das Licht
– letztlich das einzige -, das eine dunkle Welt immer wieder erhellt und Mut
zum Leben und zum Handeln gibt“ (Nr. 39). Diese Worte machen deutlich,
worum es den Barmherzigen Schwestern in ihrem täglichen Arbeiten geht:
die ihnen im Glauben innegewordene Liebe Gottes weiterzuschenken. Gott
allein weiß, wieviel Licht durch den selbstlosen Dienst der Schwestern die
Herzen der Kranken und Armen erhellt und ihnen neuen Mut zum Leben
geschenkt hat.
Das Jubiläum ist ein Fest des Dankes. Wir danken Gott für die reiche
Frucht der Barmherzigkeit, die das Wirken der Schwestern in den 175 Jahren bei uns getragen hat. Unser aufrichtiger Dank gilt allen Mitgliedern der
Kongregation, den lebenden wie den verstorbenen, für all das, was sie aus
dem Glauben und christlicher Hoffnung heraus in dienender Liebe getan
haben.
Im Vertrauen auf den Herrn mögen die Schwestern auch weiterhin hochherzig ihren Dienst tun. Der Herr begleite sie täglich mit seinem Segen und
führe sie in eine gute Zukunft.
Erzbischof Friedrich Kardinal Wetter
Apostolischer Administrator von München und Freising
„An vorderster Linie gegen Armut,
Krankheit und Verlassenheit“
Meinen herzlichen Gruß an die Barmherzigen Schwestern vom hl.Vinzenz von Paul!
Zweihundertsiebzig Jahre nach der Kanonisierung des hl. Vinzenz von Paul begehen
die Barmherzigen Schwestern, die sich der
Fortsetzung seines Dienstes widmen, ein Jubiläum, das gefeiert zu werden verdient: Seit
1832 ist die Kongregation in München ansässig und wirkt von dort aus als eine unermüdliche Kraft der Nächstenliebe.
Die Lebensgeschichte des hl. Vinzenz von
Paul liest sich wie eine Abenteuergeschichte. Sein Werdegang vom südfranzösischen Bauernjungen zum Priester, sein Erleben von Gefangenschaft und
Not in der Fremde, seine Rückkehr nach Frankreich und sein Neubeginn
als ebenso leidenschaftlicher wie selbstloser Anwalt der bedingungslosen
Nächstenliebe sind bis auf den heutigen Tag Inspiration und Ermutigung.
Dabei stehen die Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul
in der vordersten Linie im Kampf gegen Armut, Krankheit und Verlassenheit. In München gehören inzwischen drei Krankenhäuser sowie fünf Altenund Pflegeheime zur Ordensgemeinschaft.
Gern möchte ich meinen Gruß an die Ordensgemeinschaft mit dem
Ausdruck meines tiefen Respekts und herzlichen Dankes verbinden. Gottes
reichen Segen für die Fortsetzung ihres Dienstes!
Dr. Edmund Stoiber
Bayerischer Ministerpräsident
„Ein Aushängeschild
katholischer Caritas“
Antworten zu finden auf die Nöte unserer
Zeit und dabei kein zurückgezogenes Leben
hinter Klostermauern zu führen, sondern dort
tätig zu sein, wo das Bedürfnis nach Hilfe und
Zuwendung besonders groß ist: Das haben
sich die Barmherzigen Schwestern vom hl.
Vinzenz von Paul zur Aufgabe gemacht. Und
damit geben sie gerade in München seit nunmehr 175 Jahren ein leuchtendes Beispiel und
Vorbild.
Am 10. März 1832 kamen auf ausdrücklichen Wunsch König Ludwigs I. und nach langwierigen Verhandlungen
zwischen dem Münchner Magistrat und dem Mutterhaus der „Filles de
la Charité“ in Straßburg Schwester Ignatia Jorth und Schwester Apollonia
Schmitt in unsere Stadt und gründeten hier die Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul, deren Wirkungskreis bald
schon das ganze Königreich Bayern umfasste. Das Zentrum des Ordens aber
war und blieb München, besonders hier hat sich die Arbeit der Ordensgemeinschaft als wahrer Segen erwiesen. Der Übernahme und Reformierung
der Krankenpflege im damaligen städtischen allgemeinen Krankenhaus an
der heutigen Ziemssenstraße folgte 1836 zunächst der Altenpflegedienst im
Heiliggeistspital, das damals noch an der Mathildenstraße beheimatet war,
und nach und nach dann auch die Leitung und der Pflegedienst in allen
städtischen Altenheimen.
155 Jahre lang haben sich die Ordensschwestern um die städtische Altenpflege außerordentliche Verdienste erworben, ehe der Nachwuchsmangel
sie zwang, sich von den elf städtischen Altenheimen, die sie einst betreuten,
Zug um Zug wieder zu verabschieden.
1991 war dieser für die Stadt sehr schmerzliche „Exodus“ mit der Aufgabe des Münchner Bürgerheims an der Dall‘ Armistraße beendet.
Das segensreiche Wirken der Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul aber ging zumindest an den ordenseigenen Einrichtungen
gottlob weiter. Auch heute betreibt die Ordensgemeinschaft eine Reihe
von Krankenhäusern und Altenpflegeheimen. Dazu zählen auch das Krankenhaus Neuwittelsbach, die Maria-Theresia-Klinik und das Altenheim St.
Michael in München. Und dazu zählt noch vieles andere mehr, wie z. B.
auch die Adelholzener Alpenquellen GmbH, das wirtschaftliche Standbein
des Ordens, der sich so auch zu einem respektablen Arbeitgeber entwickelt
hat, mit über 1500 Beschäftigten.
Dabei laufen die Fäden der Ordensarbeit nach wie vor am Mutterhaus in
München zusammen, das sich seit 1839 an der Nußbaumstraße befand und
das nun in Berg am Laim eine neue Bleibe gefunden hat. Am 10. März 2007,
auf den Tag genau 175 Jahre nach der Gründung des Ordens, wurde dort,
wo der Orden zuvor bereits das Altenheim St. Michael sowie Wohnungen
für Bedienstete und ihre Familien errichtet hat, das neue Mutterhaus feierlich eingeweiht. Damit hat die Kongregation der Barmherzigen Schwestern
vom hl.Vinzenz von Paul ein neues Kapitel ihrer bewegten Geschichte aufgeschlagen – an einem Ort, der dafür wie geschaffen erscheint, zumal hier
schon die Straße den Namen ihres Ordensgründers trägt.
Und damit bleibt mir nur noch, zum stolzen 175-jährigen Jubiläum von
Herzen zu gratulieren, den Schwestern und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für ihr aufopferungsvolles Wirken ausdrücklich zu danken und
dem Orden zu wünschen, dass er auch weiterhin bleibt, was er immer war:
eine Stütze des sozialen Lebens und solidarischen Miteinanders in unserer
Stadt, ein Aushängeschild katholischer Caritas!
Christian Ude
Oberbürgermeister der Stadt München
„Kräftiger Spross am Baum der
weltweiten Vinzentinischen Familie“
Die Zeit war notvoll und schwer, als 1633
Vinzenz von Paul und Louise von Marillac
in Paris die „Töchter der christlichen Liebe“
gründeten.
Die Zeit war notvoll und schwer, als 1832
zwei Barmherzige Schwestern aus dem Mutterhaus Straßburg nach München kamen, um
hier im Geist des hl. Vinzenz im allgemeinen
Krankenhaus die Lage zu verbessern.
Seitdem stehen die Schwestern in Bayern im Dienst an den Menschen und geben
Kunde von der erbarmenden Liebe Gottes, die den Kindern, den kranken
und alten Menschen, den Armen und Einsamen, kurz allen Hilfsbedürftigen,
besonders nahe ist.
Diese Liebe, so sagt Vinzenz von Paul, erobert die Welt.
Das hat sich buchstäblich erfüllt. Die Kongregation der Barmherzigen
Schwestern vom Mutterhaus München hat sich zu einem kräftigen Spross
am Baum der weltweiten Vinzentinischen Familie entwickelt, der wiederum andere Gemeinschaften ins Leben rief. Auch wir vom Mutterhaus Augs­
burg sind ein „Ableger“ von München.
Damit auch die Verbindung zu den Wurzeln erhalten bleibt, bilden 12
Kongregationen, die unmittelbar oder mittelbar vom Mutterhaus Straßburg
ihren Ausgang nahmen, eine Vinzentinische Föderation.
Mehr als 3000 Schwestern stehen hinter mir, wenn ich der Münchner
Kongregation zum 175. Bestehen sehr herzlich gratuliere.
175 Jahre! Das bedeutet ebenso viele Jahre pulsierendes Leben, tätige
Nächstenliebe und Hingabe an Gott nach dem Vorbild des hl.Vinzenz und
der hl. Louise.
Wie viele Lebensschicksale wurden den Schwestern in dieser Zeit anvertraut, wie viele Menschen haben sie liebevoll begleitet. Unzählige Male
durften sie dem Leben dienen, dem irdischen und dem ewigen.
175 Jahre! Es war eine bewegte Zeit, mit Höhen und Tiefen, Kriegen
und Frieden, Wechselfällen und Wandlungen.
Richtschnur bleibt – auch in die Zukunft hinein – die Spiritualität des
hl.Vinzenz von Paul.
Sie ist gekennzeichnet durch Offenheit für den Anruf der Zeit, verankert
im Glauben an Jesus Christus und bereit zur helfenden Tat. Dabei geht es
stets um den ganzen Menschen mit Leib und Seele und mit der Würde, die
ihm von Gott her zukommt.
Diese Spiritualität wird nie altmodisch, „verstaubt“ oder überholt. Sie
bleibt unverbraucht und wertvoll und gibt eine sinnvolle Antwort auf die
Bedürftigkeit unserer Zeit, auf den Hunger nach Geborgenheit, die Sehnsucht nach erfülltem Leben und die oft unbewusste Suche nach Gott.
Deshalb schulden wir den Schwestern der Münchner Kongregation
unermesslichen Dank für ihr Leben nach dieser inneren Ausrichtung für
Güte, Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft für alle, die ihnen anvertraut waren
und sind.
So wünsche ich jeder Schwester, dass sie ihr Leben in der Nachfolge
Christi weiterhin mit Freude und Zuversicht leben kann.
Der Segen und die Gnade Gottes mögen auf der ganzen Gemeinschaft
ruhen und der Schutz der Gottesmutter Maria möge sie begleiten.
Gemeinsam wollen wir uns der göttlichen Vorsehung anvertrauen, die
stets das herbei zu führen weiß, was wir brauchen.
Schwester M. Michaela Lechner
Generaloberin, Mutterhaus Augsburg
Vorsitzende der Föderation Vinzentinischer Gemeinschaften
Einleitung
I
m Jahr 2007 begeht die Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom
hl.Vinzenz von Paul, Mutterhaus München, ihr 175-jähriges Jubiläum.
Vor 175 Jahren, im März 1832, kamen zwei Barmherzige Schwestern aus
dem Mutterhaus Straßburg nach München, um hier ein neues Mutterhaus
des Ordens zu gründen. Da sich die Gründungsphase jedoch über fast ein
Jahrzehnt ausdehnte, wäre auch denkbar, ein anderes Datum als Gründungsdatum zu sehen und zu feiern. So wäre das Jahr 1827, in dem der bayerische
König die Gründung des Ordens in Bayern beschlossen hatte, denkbar, oder
das Jahr 1830, in dem eine Novizin des Ordens zusammen mit einigen
Kandidatinnen einen ersten Anfang am Allgemeinen Krankenhaus wagte.
Andererseits könnte man die eigentliche Ordensgründung auch erst in der
offiziellen kirchlichen oder staatlichen Anerkennung in den Jahren 1834
bzw. 1835 sehen. Es hat jedoch bei den Schwestern in München schon eine
sehr lange Tradition, das Jahr 1832 als eigentliches Gründungsjahr der Kongregation in Bayern zu betrachten. Von Anfang an wurde die Ankunft der
zukünftigen Generaloberin und ihrer Novizenmeisterin am 10. März 1832
als das entscheidende Gründungsmoment gesehen und gefeiert.
Dieses Jubiläum bietet den Anlass für einen Rückblick auf die interessante, aber auch wechselvolle Geschichte der Barmherzigen Schwestern in
Bayern.
Von König Ludwig I. aus dem Elsass nach Bayern geholt, trug dieser
vinzentinische Pflegeorden entscheidend zur Entwicklung des Kranken­
hauswesens im 19. und 20. Jahrhundert in Bayern und in ganz besonderer
Weise in München bei.
Unleugbar ist seine führende Rolle bei der Entwicklung der modernen
Krankenpflege. So standen die Barmherzigen Schwestern mit ihren markanten Flügelhauben, die sie bis in die 1960er Jahre trugen, für das Bild
der Krankenschwester schlechthin und waren aus den Krankenhäusern und
Pflegeeinrichtungen viele Jahrzehnte lang in Bayern nicht weg zu denken.
Doch wie viele andere Ordensgemeinschaften leiden die Barmherzigen
Schwestern seit Jahrzehnten an Nachwuchsmangel, der zur Folge hatte, dass
sie sich nach und nach aus den städtischen und staatlichen Krankenhäusern in Bayern zurückziehen mussten. Heute sind die noch arbeitsfähigen
Schwestern fast ausschließlich in den ordenseigenen Häusern beschäftigt
und werden dabei von zahlreichen weltlichen Mitarbeitern unterstützt.
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Angebracht scheint ein Rückblick auf die Geschichte des Mutterhauses
umso mehr, als mit der Verlegung des Mutterhauses aus dem Klinikviertel
in der Münchner Innenstadt nach Berg am Laim im Münchner Osten eine
Ära zu Ende geht. Am Jahresanfang 2007 bezogen die Schwestern ihr neu
gebautes, modernes Mutterhaus in Berg am Laim. Mit diesem Schritt wollen die Schwestern ein Zeichen setzen, dass sie, trotz aller Nachwuchssorgen,
im Vertrauen auf Gott Zukunft wagen wollen.
Die vorliegende Festschrift möchte anhand verschiedener Themenstellungen einen kleinen Einblick geben in die Geschichte der Barmherzigen
Schwestern in Bayern. Ausgehend von der spannenden Gründungsgeschichte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts soll über die dann folgende fast
unglaubliche Erfolgsgeschichte bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts ein
Bogen geschlagen werden hin zu den Aktivitäten der Kongregation heute,
im noch jungen 21. Jahrhundert.
Erfolge, Schwierigkeiten und Wandel der Kongregation sollen auf dem
jeweiligen Zeithintergrund beleuchtet und verständlich gemacht werden.
Die Autorin hofft dabei aber auch, deutlich machen zu können, dass das
segensvolle Wirken der Kongregation für die Menschen in Bayern getragen
wurde und wird von den vielen Frauen, die im Geist ihres Gründervaters
Vinzenz von Paul ihr Leben ganz in den Dienst ihrer hilfsbedürftigen Mitmenschen gestellt haben. Dabei mag, geprägt vom jeweiligen Zeitgeist, der
eine oder andere Aspekt der Motivation mehr im Vordergrund gestanden
haben, aber die Grundmotivation blieb immer die gleiche: die Christusnachfolge ohne Wenn und Aber durch die von Vinzenz von Paul vorgelebte
Hingabe für den Nächsten.
Stützen konnte sich die Autorin der Festschrift auf die seit der Gründung
gemachten Aufzeichnungen des Ordens. Diese wurden zuletzt von Schwester
M. Caritas Gebhardt, der erst kürzlich verstorbenen Chronistin des Mutterhauses, bearbeitet und ergänzt. Diese Fassung, die im Mutterhaus als Typo­
skript vorliegt, wird hier kurz als Mutterhauschronik bezeichnet. Zur Gründungsgeschichte des Ordens hat Scherer in seinem Buch zum 100-jährigen
Jubiläum von 1932 wichtige Vorarbeit geleistet. Für die Münchner Krankenhausgeschichte war das Buch von Kerschensteiner sehr aufschlussreich.
Ausgewertet wurden zudem zahlreiche Originaldokumente aus dem
hauseigenen Archiv. Aus den Anfangsjahren sind leider viele Unterlagen nur
in Kopie vorhanden, da die Originale von der ersten Generaloberin ins
Mutterhaus Straßburg geschickt worden sind. Ergänzend wurden Archivalien aus dem Hauptstaatsarchiv, Stadtarchiv und Erzbischöflichen Diözesanarchiv gesichtet. Als interessant erwiesen sich die Akten des ehemaligen
Allgemeinen Krankenhauses im Institut für Geschichte der Medizin, die
Akten des Staatsarchivs dagegen als wenig ergiebig.
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Kapitel I
Barmherzige Schwestern
für Bayern – eine politische
Entscheidung
1.1. Krankenhaussituation in München
vor Einführung des Ordens
Um die Bedeutung der Einführung der Barmherzigen Schwestern richtig
einschätzen zu können, ist es unvermeidlich, die Krankenhaussituation in
München vor der Einführung dieses Pflegeordens kurz zu beleuchten.
Noch Ende des 18. Jahrhunderts bestand in München eine Reihe von
Spitälern, die meist schon im Mittelalter als Pest- und Leprosenhäuser außerhalb der damaligen Stadtmauern entstanden waren. Die Bestimmung dieser
Häuser ging schon bald über ihren ursprünglichen Zweck hinaus. Längst
nahmen sie auch Kranke mit anderen, meist infektiösen Krankheiten auf,
dienten teilweise als Gebäranstalten, Waisen- und Findelhäuser und bekamen vor allem große Bedeutung als so genannte Pfründneranstalten zur
Versorgung alter Menschen.
Das Älteste dieser Spitäler war das Heilig-Geist-Spital am heutigen Viktualienmarkt. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte kamen das Gasteigspital, das Sondersiechenhaus in Schwabing, das Stadtbruderhaus am Kreuz,
das Brechhaus und das Stadtkrankenhaus am Anger hinzu. Ergänzt wurden
diese städtischen Einrichtungen im 17. und 18. Jahrhundert durch drei Stiftungen des kurfürstlichen Hofes, das Herzogspital, das Josephspital und das
Hofkrankenhaus in Giesing.
Aus heutiger Sicht würden wir die Zustände in diesen Spitälern in Bezug
auf medizinische und pflegerische Versorgung der Kranken sicher als kata­
strophal bezeichnen. Damals mag man dies nicht ganz so kritisch gesehen
haben, aber wie Berichte von Zeitgenossen zeigen, empfanden auch diese
schon die Situation als wenig zufrieden stellend.
17
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Erschwerend kam hinzu, dass mit diesen Spitälern die Krankenversorgung der Stadt München immer weniger gewährleistet werden konnte.
Problem war weniger eine zu geringe Bettenzahl für die im 18. Jahrhundert
noch relativ kleine Stadt, sondern vielmehr, dass alle diese Anstalten nur
für privilegierte Bevölkerungsteile zugänglich waren. Begünstigt waren nur
Menschen, die in irgendeiner Beziehung zur Stadt oder zum Hof standen,
stiftungsberechtigt waren oder selbst zahlen konnten. So war es dringend
notwendig, Krankenanstalten für Arme zu schaffen, die nicht stiftungsberechtigt waren, das heißt, keinen Anspruch auf ein aus irgendeinem Stiftungsfonds bezahltes Krankenbett hatten.
Diese Mangelsituation erkennend, wurden Mitte des 18. Jahrhunderts
der damalige Kurfürst Maximilian III. Joseph und seine Mutter Amalia aktiv.
Sich im europäischen Umfeld umsehend, in dem schon längst gute Erfahrungen mit Krankenpflegeorden gemacht worden waren, entschlossen sie
sich, ebenfalls Ordensleute für die Krankenpflege nach München zu holen.
Dass sich in dem an Orden so reichen München bisher noch kein Orden für
die Krankenpflege etabliert hatte, war ohnehin mehr als erstaunlich.
Für die weibliche Krankenpflege fiel die Wahl auf die Elisabethinerinnen,
die im Volksmund meist die „barmherzigen Schwestern“ genannt wurden, jedoch nicht mit den Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von
Paul zu verwechseln sind. Der Orden der Elisabethinerinnen führt seine
Gründung auf die hl. Elisabeth von Thüringen zurück und gehört zu den
Gemeinschaften des III. Ordens vom hl. Franziskus.
Für die männliche Krankenpflege wurde der Orden des hl. Johannes von
Gott, kurz die Barmherzigen Brüder genannt, nach Bayern geholt.
Mit Unterstützung des Kurfürsten und seiner Mutter entstanden so um
1750 zwei neue Spitäler unter Ordensführung in München: das Maxspital
der Barmherzigen Brüder für männliche Kranke vor dem Sendlinger Tor
und in seiner nächsten Umgebung, in der heutigen Mathildenstraße, das
Elisabethspital der Elisabethinerinnen für weibliche Kranke.
Diese beiden neu gegründeten Spitäler stellten eine wichtige Bereicherung der Krankenhauslandschaft Münchens dar. Den Münchnern stand
damit nicht nur eine deutlich höhere Zahl an Betten zur Verfügung, sondern einige Bevölkerungsschichten erhielten erst jetzt Zugang zu einer
Krankenversorgung. Denn die beiden Spitäler nahmen nun auch die nicht
stiftungsberechtigten Armen auf. Zudem wurden im Spital der Barmherzigen Brüder auch Menschen mit jüdischem und protestantischem Glauben
versorgt.
Zweifellos war mit diesen beiden Anstalten auch eine deutliche qualitative Verbesserung der Krankenpflege in München verbunden. An das
in den städtischen Spitälern beschäftigte Pflegepersonal wurden keine
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Barmherzige Schwestern für Bayern – eine politische Entscheidung
hohen Ansprüche in Bezug auf Charakter und Ausbildung gestellt. Man
musste froh sein, für die geringe Entlohnung überhaupt jemanden für den
schweren Dienst zu finden. Bei den Angehörigen der beiden Krankenpflegeorden dagegen konnte man davon ausgehen, dass der Orden schon bei der
Aufnahme gewisse Mindestvoraussetzungen an die charakterliche Eignung
stellte. Zudem hatte ein durch einen Orden geführtes Spital den großen
Vorteil, dass es auf jahrhundertelange Erfahrungen in der Krankenpflege
und Organisation einer Krankenanstalt aufbauen und dieses Wissen an seine
neuen Mitglieder weitergeben konnte.
In zeitgenössischen Berichten über die Münchner Spitäler wird das
Elisabethspital stets wegen seiner Reinlichkeit und der liebevollen Pflege
durch die Schwestern lobend erwähnt. Das Maxspital trug entscheidend
zur Entwicklung der Ärzteausbildung bei. So wurde dort bereits Ende des
18. Jahrhunderts anatomischer und chirurgischer Unterricht erteilt und
angehende Ärzte konnten dort ein für ihre Zulassung nötiges Zertifikat
erwerben. Man kann somit zu Recht behaupten, dass die Einrichtung der
beiden Klosterspitäler ein Meilenstein in der neuzeitlichen Entwicklung der
Krankenpflege in München war.
Trotz ihrer unbestreitbaren Verdienste fielen die beiden Krankenpflegeorden jedoch schon nach einem halben Jahrhundert ihres Bestehens der großen Umwälzung in Bayern Anfang des 19. Jahrhunderts, der Säkularisation,
zum Opfer. Bis zu ihrer endgültigen Aufhebung am 16. März 1809 hatten
sie noch vergeblich gehofft, von der Säkularisation verschont zu bleiben,
was aber dem neuen Staatsverständnis des gerade entstandenen bayerischen
Königreichs widersprochen hätte.
Im neuen Bayern unter Max I. Joseph und seinem Minister Montgelas,
in dem möglichst alle Bereiche der Gesellschaft staatlich kontrolliert werden
sollten, konnte ein so wichtiger Teilbereich wie die Gesundheitsversorgung
nicht außerstaatlichen, schon gar nicht kirchlichen Organisationen wie den
Barmherzigen Brüdern und den Elisabethinerinnen überlassen werden: „Es
kann ein so wichtiger Zweig der öffentlichen Polizeyverwaltung einem religiösen,
nach ganz anderen Absichten handelnden Orden nicht willkührlich überlassen bleiben. Der Genius unseres Zeitalters scheint sich mit religiösen, aus der Vorwelt auf
uns übergegangenen Instituten nicht zu vertragen.“ 1
Ein Mann in München, der schon lange die Verstaatlichung des Krankenhauswesens gefordert hatte, sah sich nun mit der Aufhebung der beiden
Klosterspitäler der Erfüllung seiner Ziele ein großes Stück näher gekommen: Franz Xaver Häberl, der langjährige Oberarzt am Maxspital. Häberl
hatte sich, inspiriert durch seine positiven Erfahrungen am Allgemeinen
Krankenhaus in Wien, schon lange mit Plänen für ein neues, in seinen
Augen ideales Krankenhaus für München befasst. Er war davon überzeugt,
19
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
dass München ein großes neues Krankenhaus brauchte, das nach neuesten
wissenschaftlichen Erkenntnissen geplant und ausgeführt, für die allgemeine
Bevölkerung zugänglich und unter der Aufsicht und Leitung des Staates
stehen sollte. Häberl stieß bei der neuen Regierung auf offene Ohren.
So erließ König Max I. Joseph bereits am 7. März 1808, also noch ein
Jahr vor Aufhebung des Ordens der Barmherzigen Brüder, die Anordnung,
an der Stelle des alten Maxspitals vor dem Sendlinger Tor ein neues, für alle
Kranken unabhängig von Geschlecht und sozialem Status offenes, also allgemeines Krankenhaus zu errichten. Unmittelbar nach der Aufhebung des
Maxspitals im Frühjahr 1809 wurde mit dem Bau des neuen Krankenhauses
begonnen. Es handelte sich dabei nicht um einen völligen Neubau, wohl
aber um einen sehr großzügigen Um- und Erweiterungsbau des alten Maxspitals. Der zweistöckige monumentale Bau im klassizistischen Stil erregte
allgemeines Aufsehen in ganz Europa. Noch mehr als die Monumentalität
des Baus sorgte die für die damalige Zeit sehr fortschrittliche Infrastruktur
für allgemeine Bewunderung. Das vom kgl. Ingenieur von Reichenbach
geschaffene Wasserleitungssystem und die von Franz Xaver Häberl kon­
struierte neue Belüftungs- und Heizungsvorrichtung galten als sensationell
und zukunftsweisend. Das Allgemeine Krankenhaus in München, das nach
4 Jahren Bauzeit 1813 eröffnet werden konnte, wurde lange Zeit als das
ideale Krankenhaus betrachtet und diente beim Bau anderer Krankenhäuser
in Deutschland als Vorbild.
Durch ein königliches Reskript vom August 1813 wurden alle alten Spitäler Münchens mit Ausnahme des Gasteigspitals geschlossen und anderen
Zwecken, in erster Linie der reinen Pfründnerversorgung, zugeführt. Das
Das Allgemeine
Krankenhaus in
München um 1830
(Lithographie
von Carl August
Lebschée)
20
Barmherzige Schwestern für Bayern – eine politische Entscheidung
Stiftungsvermögen der alten Spitäler ging auf die neu geschaffene Krankenhausstiftung über, die die Grundlage für die Finanzierung des neuen Krankenhauses bilden sollte. Diese Finanzierungsgrundlage erwies sich jedoch
schnell als unzureichend, woran die Entwicklung des Krankenhauses über
Jahrzehnte litt. Als im Jahr 1818, aufgrund der Wiederbelebung der Gemeindeverfassung, der bayerische Staat das Krankenhaus der Stadt München
übergab, war deshalb schon längst die Euphorie über das neue Krankenhaus
einer starken Ernüchterung gewichen. Der Münchner Magistrat war alles
andere als begeistert, die Zuständigkeit für diese Einrichtung zu übernehmen, von der die dafür eigens eingerichtete Krankenhauskommission nach
der Inspektion nur Verheerendes zu berichten wusste.
Bald schon erkannte man, dass das neue Krankenhaus nicht nur an Geldmangel litt, sondern noch weit mehr am Mangel an geeignetem Pflegepersonal. So konstatierte Simon von Häberl, immerhin neben seinem nicht
verwandten Namensvetter F.X. Häberl einer der Hauptverantwortlichen für
die Verstaatlichung des Krankenwesens: „Offenbar die meisten Schwierigkeiten
in der öffentlichen Krankenpflege ergaben sich bisher allenthalben mit dem Wärterpersonale: Man war in die traurige Notwendigkeit versetzt, … Subjekte zum
Krankendienste zu suchen und anzunehmen, wie sie der Zufall darbot und wie
sich Individuen dazu, gewöhnlich nur aus Mangel anderer Erwerbsquellen, geneigt
finden ließen.“ 2
Im königlichen Reskript vom 27.08.1813 war die Einrichtung eines
staatlichen Instituts für Krankenpflege in Aussicht gestellt, jedoch nie verwirklicht worden. Der neue Krankenhausdirektor Koch, der von der Stadt
als magistratischer Direktor neben dem offiziell noch bis 1828 amtierenden
königlichen Direktor F.X. Häberl am Krankenhaus installiert worden war,
plante deshalb eine grundlegende Neuorganisation der Pflege. Er dachte
daran, eine Art weltlichen Orden für die Krankenwärterinnen einzuführen.
Diese Pläne wurden in der Krankenhauskommission einige Jahre lang diskutiert, um dann doch wieder ad acta gelegt zu werden.
1.2. Wende der bayerischen Kirchenpolitik
unter König Ludwig I.
Ihre Unzufriedenheit mit dem weltlichen Pflegepersonal führte bei nicht
wenigen Ärzten und Verantwortlichen im Gesundheitsbereich zu der Erkenntnis, dass die Abschaffung der Krankenpflegeorden ein Fehler gewesen war.
Der Nährboden für eine Wiedereinführung war somit vorhanden. Allerdings
war unter der Regierung Max I. Joseph und seines Ministers Montgelas die
Wiederherstellung von geistlichen Orden zunächst noch undenkbar.
21
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
König
Ludwig I.
von Bayern,
1786 – 1868
(Gemälde
von Joseph
Stieler)
22
Bewegung in die bayerische Kirchenpolitik kam erst wieder nach Ausschaltung des Einflusses von Montgelas. Max I. Joseph schlug weniger aus
Überzeugung denn aus staatspolitischen Erwägungen einen etwas kirchenfreundlicheren Kurs ein und schloss mit dem Heiligen Stuhl im Jahr 1817
ein Konkordat, in dem die Wiedererrichtung von Klöstern in Bayern zugesichert wurde. Allerdings ließ der König von Anfang an keinen Zweifel daran,
dass das Konkordat der im Jahr 1818 erlassenen Verfassung unterzuordnen
sei. Diese widersprach aber in entscheidenden Passagen dem Konkordat.
Zu einer wirklichen Wende in der Kirchenpolitik kam es erst, als nach
dem überraschenden Tod des ersten bayerischen Königs am 25. Oktober
1825 dessen Sohn Ludwig I. die Macht übernahm. Die Berufung des eifrigen Konvertiten Eduard von Schenk, eines guten Freundes von Bischof
Sailer, zum Leiter der Abteilung für kirchliche Angelegenheiten und des
Unterrichtes im Innenministerium war ein deutliches Zeichen für diesen
Kurswechsel. Konsequent nahm der neue König schon in seinem ersten
Regierungsjahr die Wiedereinführung der aufgelösten Klöster in Angriff.
Während sein Vater Max I. Joseph, geprägt von den antiklerikalen Ideen
der Aufklärung, die Säkularisation in Bayern rücksichtslos durchgesetzt
hatte, besaß Ludwig eine völlig andere Einstellung gegenüber Religion und
Kirche. Er war stark beeinflusst durch seinen Erzieher, den katholischen
Priester Joseph Anton Sambuga. Im Rahmen seines „studium generale“ bewegte sich
Ludwig im Landshuter Kreis,
der sich an der Landshuter
Universität rund um den ehemaligen Jesuiten Sailer gebildet
hatte. Sailer, von dessen religiös-romantischen Ideen er sich
stark angezogen fühlte, wurde
für ihn zu einem wichtigen
Berater. Ludwig stand allen
katholischen Orden, mit Ausnahme der Jesuiten, sehr positiv
gegenüber und hatte die Zerstörung der bayerischen Klosterkultur durch die Säkularisation sehr bedauert. Nun selbst
an der Macht, förderte er die
Wiedererrichtung der Orden.
Dabei bevorzugte er vor allem
Barmherzige Schwestern für Bayern – eine politische Entscheidung
solche Orden, die ihre Aufgaben in den gesellschaftlich wichtigen Bereichen der Erziehung, Seelsorge und der Krankenpflege sahen.
So mag es Prof. Johann Nepomuk von Ringseis, Leibarzt und seit der
gemeinsamen Italienreise guter Freund Ludwigs, nicht schwer gefallen sein,
diesen von den Vorteilen der Wiedereinführung eines Krankenpflegeordens
zu überzeugen. In der medizinischen Fachwelt der damaligen Zeit hatte sich
inzwischen, geprägt von dem Frauenbild der Romantik, immer mehr die
Auffassung durchgesetzt, dass Frauen für die Krankenpflege grundsätzlich besser geeignet seien als männliche Pfleger. So meinte Simon von Häberl, man
sei „… darüber längst einig, dass die Besorgung der Kranken, also auch der männlichen Kranken, durch das weibliche Geschlecht einen bedeutenden Vorzug habe“.3
Kerschensteiner behauptet sogar, „dass die Krankenpflege eine ausschließliche Domäne der Frauen ist, darüber war man sich längst einig“.4 Deshalb wurde
vom König auch nur die Einführung eines weiblichen Krankenpflegeordens,
nicht auch eines männlichen Pendants in Erwägung gezogen.
Die Frage war nun, für welchen Frauenorden man sich entscheiden sollte. Nahe liegend wäre die Wiederherstellung des Elisabethinerinnenordens
gewesen, was auch nicht wenige Münchner gerne gesehen hätten. Dass die
Entscheidung schließlich zugunsten der Barmherzigen Schwestern fiel, lag
an einer Reihe von Faktoren.
Eine wichtige Rolle spielte dabei Prof. von Ringseis, der im Frankreichfeldzug 1815 bei seinem Einsatz als Arzt in einem Feldlazarett die Arbeit
der Barmherzigen Schwestern beobachten konnte. Stark beeindruckt vom
Wirken dieser Schwestern kam er, seit 1817 als Leiter der II. Medizinischen
Abteilung mit der miserablen Pflegesituation am Allgemeinen Krankenhaus
konfrontiert, schon früh zu der Überzeugung, dass dieses Problem nur durch
die Einführung des Ordens der Barmherzigen Schwestern adäquat zu lösen
wäre. Doch bei der damaligen politischen Lage sah er keine Chance, dieses
Ziel durchsetzen zu können.
Jetzt, da sich die politischen Rahmenbedingungen grundlegend geändert
hatten, hielt er die Stunde gekommen, diese Vision zu verwirklichen. Mit
seiner ganzen Überzeugungskraft trat er nun bei Ludwig I. für die Einführung der Barmherzigen Schwestern ein.
Ludwig selbst dürfte vinzentinisches Gedankengut geläufig gewesen sein,
da sein Erzieher Sambuga ein Buch über Vinzenz von Paul veröffentlicht
hatte, das Ludwig mit Sicherheit kannte. Zudem war gerade ein Buch von
Clemens Brentano erschienen, das das Wirken der Barmherzigen Schwestern von Nancy und Koblenz anschaulich schilderte und das deutschlandweit eine große Werbewirksamkeit für die Barmherzigen Schwestern
erzielte. Dieses Buch war dem König von Joseph Görres, einem damals sehr
bekannten katholischen Publizisten, wärmstens empfohlen worden. Görres
23
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
selbst hatte während seines Exils in Frankreich die Barmherzigen Schwestern vom hl.Vinzenz von Paul in Straßburg und die Barmherzigen Schwestern vom hl. Karl Borromäus in Nancy kennen- und schätzen gelernt.
Beide Kongregationen waren zwar keine vinzentinischen Gründungen
im historischen Sinne, beriefen sich jedoch auf Vinzenz von Paul als ihren
geistigen Gründer und folgten seinen Ideen und seiner Regel. Bei der
Entscheidung für die Berufung des Ordens der Barmherzigen Schwestern
nach Bayern dürfte eine nicht unerhebliche Rolle gespielt haben, dass dieser Orden als vinzentinische Kongregation kein Orden im herkömmlichen
Sinne war. Ludwig hoffte damit, den Gegnern der Wiedererrichtung von
Klöstern etwas Wind aus den Segeln nehmen zu können und die Einrichtung eines Ordens mit weniger strengen Regeln leichter gegen die zu
erwartenden Widerstände durchsetzen zu können.
Bereits im Jahr 1826 ließ der König über den bayerischen Gesandten in
Paris Informationen über den Orden der Barmherzigen Schwestern, die
Soeurs de Charité, einholen und beim Münchener Stadtmagistrat anfragen, ob die neuen Schwestern im ehemaligen Elisabethspital untergebracht
werden könnten. Der Magistrat lehnte dies strikt ab, da dort seit 1823 das
Heilig-Geist-Spital untergebracht war, nachdem dessen altes Gebäude der
Umgestaltung des Viktualienmarktes zum Opfer gefallen war. Als Alternative
brachte die Stadt zunächst das Gebäude der ehemaligen chirurgischen oder
landärztlichen Schule ins Gespräch, das nach dem Umzug dieser Schule
nach Landshut freigeworden war. Vorübergehend könnten die Schwestern
Der hl. Vinzenz von Paul (1581 – 1660)
Der am 24. April 1581 in Pouy, dem heutigen
Saint-Vincent-de-Paul in Südwestfrankreich, geborene Vinzenz von Paul wuchs
in einer armen und kinderreichen Familie
auf. Die Eltern brachten erhebliche Opfer,
um dem begabten Sohn ein Theologiestudium und den damit angestrebten
sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg
zu ermöglichen. Auch Vinzenz hoffte, sich nach dem Studium eine reiche
Pfarrpfründe sichern zu können, mit der
er finanziell sorgenfrei hätte leben und
seine Familie unterstützen können. Mit
dieser Motivation für den Priesterberuf
zeigte sich Vinzenz durchaus als Kind
seiner Zeit. Das von politischen Unruhen
stark erschütterte Frankreich hatte auch
24
moralisch einen Tiefpunkt erreicht. Viele
Geistliche sahen eine Pfarrei nur noch als
Mittel zur Finanzierung ihres Lebensstandards und kümmerten sich meist wenig
um die Seelsorge. Nicht selten lebten
sie in Paris und überließen die Sorge um
ihre Pfarrkinder gegen eine geringe Entlohnung irgendwelchen theologisch und
sittlich oft wenig qualifizierten Stellvertretern. Vinzenz von Paul blieb nach seiner Priesterweihe mit 19 Jahren zunächst
die erhoffte reiche Pfarrpfründe versagt.
Als er schließlich doch noch eine Pfarrei
und die lukrative Stelle als Hauslehrer bei
der einflussreichen adligen Familie de
Gondi erhielt, stand für ihn bereits seine
eigene materielle Sicherheit nicht mehr
Barmherzige Schwestern für Bayern – eine politische Entscheidung
dieses nutzen. Als Dauerlösung
allerdings wurde vorgeschlagen,
für den neuen Orden den schon
lange geplanten Nordflügel am
Elisabethspital anzubauen.
Über diesen Vorverhandlungen
verging noch ein weiteres Jahr.
Erst bei seinem alljährlichen Kuraufenthalt in Bad Brückenau traf
König Ludwig mit dem königlichen Reskript vom 29. Juli 1827
die endgültige Entscheidung für
Hl. Vinzenz
die Einführung der Barmherzigen
von Paul
Schwestern.
(Gemälde im
Mutterhaus)
Nach dieser „allerhöchsten
Entschließung“ sollte der Orden
der Barmherzigen Schwestern in Bayern gegründet werden, um die Pflege
am Allgemeinen Krankenhaus zu übernehmen: „Die wesentlichste Bestimmung der in dieses Kloster aufzunehmenden Nonnen soll in der Pflege der im
Allgemeinen Krankenhaus zu München befindlichen männlichen und weiblichen
Kranken bestehen.“ 5
Deshalb müsse das Allgemeine Krankenhaus die Unterhaltskosten für
die Nonnen übernehmen, bis sie sich selbst versorgen könnten. Das Kranim Vordergrund. Es hatte sich ein grundlegender innerer Wandel in Vinzenz vollzogen. Nach einer Zeit der Gottessuche,
die nicht frei war von Glaubenszweifeln,
hatte er zu einem tiefen Glauben gefunden. Die starke Verbundenheit mit Christus ließ ihn den Auftrag Christi, in jedem
seiner Mitmenschen Christus selbst zu
sehen, ernst nehmen.
Mit dieser gewandelten Einstellung
konnte er die große Not der französischen Bevölkerung nicht länger ignorieren. Der Königliche Hof in Paris und
der Adel lebten auf Kosten der bis aufs
Blut ausgebeuteten unteren Bevölkerungsschichten. War die Landbevölkerung schon völlig verarmt, so war die
Notlage vieler Menschen in Paris noch
größer. Hier waren ganze Heere von Bett-
lern, Kranken und Waisenkindern ohne
jegliche Hilfe ihrem Schicksal überlassen.
Vinzenz von Paul konnte sich nicht mehr
an seinem persönlichen Glück und Wohlstand erfreuen, ja er wurde zunehmend
unzufrieden mit sich selbst und dem von
ihm eingeschlagenen Lebensweg. Da
entschloss er sich, eine Kehrtwende vorzunehmen. Er wollte dem Leiden seiner
Mitmenschen nicht länger tatenlos zusehen, sondern seine ganze Energie darauf
verwenden, deren Not zu mildern. So gab
er schließlich seine gute und lukrative
Stelle als Hauslehrer auf, um sein Leben
aus Liebe zu Christus ganz in den Dienst
der Armen zu stellen.
Um ihnen zu helfen, startete er in den
folgenden Jahren eine Reihe von Initiativen. Zunächst organisierte er 1617 anläss-
>>>
25
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
kenhaus könne ja dafür auf längere Sicht gesehen die weltlichen Wärterinnen einsparen. Untergebracht werden sollten die Schwestern bis zum
geplanten Bau des Nordflügels des Elisabethspitals in der ehemaligen chi­
rurgischen Schule. Die Elisabethkirche sollte dem Orden zur Verfügung
gestellt werden.
Da sich die Ordensregeln von denen der Elisabethinerinnen unterschieden und keine Ordensangehörigen in München waren, die die Regeln
kannten, müssten „zu diesem Behufe drei Schwestern des in Frankreich bestehenden Krankenordens aus dem ehemaligen Elsaß oder Deutsch-Lothringen nach
München berufen werden“.6
Auf wenig Begeisterung stieß das königliche Reskript beim Magistrat
der Stadt München.
Einen Monat nach seinem Erlass, am 29. August 1827, trat die Krankenhauskommission zusammen, der u. a. auf Magistratsseite Bürgermeister Jakob
Klar und Krankenhausreferent Josef Christlmüller sowie als Vertreter des
Krankenhauses Prof. von Ringseis und Krankenhausinspektor Thorr angehörten, um über die Umsetzung des königlichen Beschlusses zu beraten.
Bei dieser Beratung ging es vor allem um die Unterbringungsmöglichkeit und die Unterhaltssicherung der neuen Schwestern. Die Sorge des
Magistrats war groß, der Stadt- bzw. Krankenhausetat könnte durch die
Einführung des Ordens zu sehr belastet werden. Die Kommission pochte
deshalb auf finanzielle Absicherung und Vorleistung durch den Staat. Eine
Unterbringung in der ehemaligen landärztlichen Schule wurde inzwischen
lich der offensichtlichen Not einer Familie in seiner kleinen Landpfarrei, die er
vor kurzem übernommen hatte, spontan
eine Gemeinschaft von Laienschwestern
für die Armenfürsorge, die „Confrérie
de la Charité“. 1620 folgte eine entsprechende Organisation für männliche Helfer, die „Serviteurs des pauvers“. Doch
nicht nur die Armenfürsorge war ihm
ein Anliegen, sondern auch die Verbesserung der Seelsorge, wozu er 1625 die
„Congregatio missionis“, einen Zusammenschluss von Weltpriestern, gründete.
Deren Mitglieder, die auch als Lazaristen
bezeichnet werden und sich selbst Vinzentiner nennen, sollten sich vor allem
der Volksmission und der Fortbildung der
Geistlichen annehmen. Als französischer
Generalalmosenpfleger kümmerte sich
26
Vinzenz auch um Galeerensträflinge, versuchte ihr Schicksal zu mildern und half
ihnen bei der Resozialisierung. Als besonders fruchtbar erwies sich seine Zusammenarbeit mit der Witwe Louise de Gras,
geborene Marillac, mit der er im Jahr 1633
die „Filles de la Charité“ gründete. (Zu
Luise von Marillac siehe auch Kap. 10)
Diese Gemeinschaft von jungen Frauen
sollte in allen Bereichen tätig werden, in
denen Hilfe benötigt wurde. So betreuten
sie Arme, Alte, Waisenkinder, Gefangene
und Kranke, sowohl in deren Zuhause,
als auch in den Spitälern. Vinzenz legte
viel Wert darauf, dass sich die von ihm
gegründete religiöse Frauengemeinschaft
deutlich von den herkömmlichen Orden
unterscheiden sollte. Besonders für die
Frauenorden sah das Kirchenrecht traditi-
Barmherzige Schwestern für Bayern – eine politische Entscheidung
nach erfolgter Ortsbesichtigung ausgeschlossen. Die Renovierungskosten
wären zu hoch gewesen. Die Kommission schlug ein Tauschgeschäft vor: der
Staat sollte den Nordflügel bauen und der Stadt, als neuem Bestandteil des
alten städtischen Elisabethspitals, unentgeltlich überlassen. Dafür würde die
Stadt die landärztliche Schule samt Garten dem Staat übereignen.
Das neue Kloster wäre somit weiterhin Eigentum der Stadt, würde den
Schwestern aber unter der Auflage der Pflege im Allgemeinen Krankenhaus
mietfrei zur Benutzung zur Verfügung gestellt.
Die königliche Regierung hatte inzwischen wegen der geplanten Berufung von drei Barmherzigen Schwestern aus Frankreich diplomatische Verhandlungen mit den zuständigen französischen Stellen aufgenommen, die
sich sehr entgegenkommend zeigten. Auch die Ordinariate in München
und Straßburg waren von Anfang an mit in die Verhandlungen eingebunden
und sehr an dem Gelingen des Vorhabens interessiert. Das Mutterhaus in
Straßburg sah sich jedoch zum Zeitpunkt der Anfrage außerstande, Schwestern für Bayern freizustellen. Es bot allerdings alternativ an, bayerische
Kandidatinnen in Straßburg auszubilden. Nach zwei Jahren könnten diese
zusammen mit einer erfahrenen französischen Schwester nach München
zurückkehren, um dort den Orden zu gründen.
*
onell sehr strenge Klausurvorschriften vor.
So waren die Forderungen Vinzenz’, seine
neuen Frauengemeinschaften sollten sich
nicht hinter die Klostermauern zurückziehen, sondern mitten im Leben wirken,
für die damalige Zeit geradezu revolutionär. Er wurde nicht müde zu betonen:
„Euer Kloster sind die Häuser der Kranken,
euer Kreuzgang die Straßen der Stadt, eure
Zellen die Mietwohnung…“. Statt einer
Ordenstracht sollten die neuen Schwestern die schlichte Alltagskleidung der
einfachen Bevölkerung tragen. Vinzenz
wollte ursprünglich ganz auf Gelübde verzichten. Ab 1640 begannen die „Töchter
der christlichen Liebe“ jedoch, Gelübde
abzulegen, allerdings nicht lebenslang
bindende, sondern zeitlich begrenzte, die
jährlich erneuert werden konnten.
Obwohl die Statuten für die vinzentinische Gründung ganz anders waren
als die der herkömmlichen Frauenorden,
erreichte Vinzenz von Paul ihre Anerkennung durch den Pariser Erzbischof im
Jahr 1646. Die Bestätigung durch Rom, die
päpstliche Approbation dieser neuen Art
von Orden, korrekterweise nach Kirchenrecht Kongregation genannt, erfolgte
1668, acht Jahre nach dem Tod des Gründers (27. September 1660).
Aus der Keimzelle der „Filles de la Charite“ bzw. nach dem Vorbild dieser Vereinigung entwickelten sich im folgenden
Jahrhundert verschiedene vinzentinische
Frauengemeinschaften, die heute als
„Barmherzige Schwestern“ bzw. als „Vinzentinerinnen“ in vielen europäischen
und außereuropäischen Ländern wirken.
27
Kapitel 2
Einführung der Barmherzigen
Schwestern am Allgemeinen
Krankenhaus in München
2.1. Ausbildung bayerischer Kandidatinnen
in Straßburg
Im November 1827 erklärte sich der Münchner Magistrat mit dem Straßburger Vorschlag einverstanden und signalisierte seine Bereitschaft, die
Kosten für Reise und Unterhalt der Kandidatinnen zu übernehmen. Das
Münchner Ordinariat sollte für die Kandidatinnenauswahl zuständig sein.
Es entschied sich auf Empfehlung des Spitalkaplans von Landshut für die
Die Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul
vom Mutterhaus Strassburg
Die Straßburger Barmherzigen Schwestern gehen nicht auf eine direkte Gründung des hl. Vinzenz zurück. Sie verdanken
die Entstehung ihrer Kongregation einer
Initiative des damaligen Bischofs von
Straßburg, Armand Gaston von Rohan.
Dieser hatte in seiner zusätzlichen Funktion als königlicher Generalalmosenpfleger einen guten Einblick in die Zustände
an den französischen Krankenhäusern.
Angetan vom Wirken der Barmherzigen
Schwestern in vielen der Häuser, wünschte
er sie auch für die Spitäler seines Bistums.
Da er deutschsprachige Schwestern für
das Elsass brauchte, konnte er nicht einfach französische Schwestern aus den
28
bestehenden Kongregationen in sein Bistum holen. So schickte Bischof von Rohan
1732 fünf Elsässerinnen zur Ausbildung zu
den „Töchtern des hl. Paulus“ nach Chartres. Nach zwei Jahren kehrten vier von
ihnen zurück und übernahmen die Pflege
im Spital in Zabern, der Residenzstadt des
Straßburger Bischofs. Zunächst lebten sie
nach der von Chartres übernommenen
Regel. Durch ihren Superior Jean-Jean
beeinflusst, begeisterten sich die Schwestern so für Werk und Idee des 1737 heilig
gesprochenen Vinzenz von Paul, dass sie
beschlossen, ihn als eigentlichen Gründer ihrer Kongregation zu betrachten. Die
vom Superior ausgearbeitete neue vin-
Einführung der Barmherzigen Schwestern am Krankenhaus in München
32-jährige Anna Sager und die 29-jährige Therese Frisch, die beide schon
etwas Erfahrung als Krankenhausmägde vorweisen konnten. Nachdem sich
auch Prof. von Ringseis als Vertreter des Krankenhauses mit dieser Wahl
einverstanden erklärt und die Königliche Regierung Anfang März 1828 die
Reisegenehmigung ausgestellt hatte, vereinbarte der Münchner Weihbischof
Ignaz von Streber mit Generalvikar Bruno Liebermann, seinem Ansprechpartner im Straßburger Ordinariat, die genauen Reisemodalitäten.
Ende März 1828 war es endlich soweit. Die beiden Kandidatinnen
machten sich auf den im damaligen Postkutschenzeitalter sehr langen und
beschwerlichen Weg von München nach Straßburg. Für die beiden jungen
Frauen vom Land war diese Reise ins Ausland ein großes Wagnis, das viel
Mut erforderte. Sie wussten nicht, was sie in dem fremden Land, dessen
Sprache sie nicht einmal beherrschten, erwarten würde. Niemand konnte ihnen garantieren, ob sie im Orden Aufnahme finden würden und die
Gründung des Ordens in ihrem Heimatland gelingen würde.
Dennoch wagten sie diesen Schritt und fuhren am Sonntag, 30. März
1828, um 6.00 Uhr in der Früh von München ab. Da sie mit einem Eilwagen unterwegs waren, einer Postkutsche, die auch die Nächte durchfuhr, gelangten sie schon am Dienstag, 1. April, an ihr Ziel. Der Straßburger Generalvikar Liebermann bestätigte in einem Schreiben an Dompropst
von Streber vom 5. April die Ankunft der bayerischen Kandidatinnen und
brachte seine Zuversicht zum Ausdruck, dass das Projekt gelingen würde:
„Ich zweifle nicht, die frommen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paulo werden
zentinische Regel erhielt 1760 die bischöfliche Approbation. Die Schwestern nannten sich fortan nach ihrem spirituellen
Vater „Barmherzige Schwestern vom hl.
Vinzenz von Paul“.
Von Zabern breitete sich die Kongregation zunächst nur langsam im Elsass aus.
So übernahm sie die Pflege in den Spitälern in Hagenau und Schlettstadt. Die
französische Revolution brachte eine sehr
schwere Zeit für sie. Einige Schwestern
kamen ums Leben oder wurden deportiert. Andere gingen wieder nach Hause
und warteten ab. Ein Teil aber entschloss
sich, mit dem Straßburger Bischof in seine
rechtsrheinischen Besitzungen ins Exil
zu gehen. Dort wurden sie in den Spitälern von Mannheim, Ettenheim und Freiburg tätig. Nachdem Napoleon 1801 ein
Konkordat mit der katholischen Kirche
geschlossen hatte, wendete sich das Blatt.
Napoleon hatte erkannt, dass er die Barmherzigen Schwestern für die Pflege in den
französischen Spitälern brauchte, da er keinen gleichwertigen Ersatz zur Verfügung
hatte. 1808 erließ der französische Kaiser
ein Statut, mit dem er den Schwestern in
den Spitälern die staatliche Genehmigung
erteilte. Schon 1804 hatten die Straßburger Schwestern den Neuanfang in Zabern
gewagt, wobei sie sich über einen großen
Andrang an Kandidatinnen freuen konnten. Als nun mit der staatlichen Genehmigung Rechtssicherheit gegeben war,
übernahm die Kongregation auch die Spitäler in Hagenau und Straßburg. Die Wahl
der jungen Schwester Vinzenz Sultzer im
Jahr 1813 zur Generaloberin erwies sich
>>>
29
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
sich alle Mühe geben, die beyden Zöglinge zu bilden, und sie mit dem Wesen dieses
vortrefflichen Institutes bekannt zu machen und dadurch den frommen Absichten
Ihrer Majestät ihres liebenswürdigen Königs zu entsprechen.“ 7
Auch die Generaloberin der Barmherzigen Schwestern von Straßburg,
Schwester Vinzenz Sultzer, schrieb am 18. April 1828 an den städtischen
Magistrat, die beiden seien wohlbehalten angekommen und seien guter
Dinge, allerdings auch etwas ängstlich im Hinblick auf die große Aufgabe,
die sie erfüllen sollten. Schwester Vinzenz stellte in diesem Brief richtig,
dass die Straßburger Schwestern nicht Schwestern vom hl. Karl Borromäus
seien, sondern Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul. Der Magistrat und
die Regierung hatten die Straßburger Schwestern mit den Schwestern in
Nancy verwechselt und mehrfach falsch tituliert. Eine Kostenaufstellung für
die beiden Kandidatinnen legte sie bei.
Auf dieses Schreiben antwortete der Magistrat monatelang nicht. Dabei
hatte die Generaloberin ursprünglich gehofft, dass ein Vertreter des Magistrats nach Straßburg kommen würde, um vor Ort das weitere Vorgehen zur
Einführung der Barmherzigen Schwestern mündlich zu besprechen. Erst im
August kam eine kurze Bestätigung des Magistrats, dass er die Kosten übernehmen werde. Die Zahlung selbst ließ allerdings weiter auf sich warten.
Trotz dieser Ignoranz vonseiten des Münchner Magistrats erfüllten die
Straßburger Barmherzigen Schwestern ihren Teil der Vereinbarung. Sie nahmen die beiden Kandidatinnen zunächst in ihrem neuen Mutterhaus St.
Barbara auf, um sie in das geistliche Ordensleben einzuführen. Nach einials großer Glücksfall für die weitere Entwicklung der Ordensgemeinschaft. Schon
in ihrem ersten Amtsjahr verlegte sie die
Zentrale nach Straßburg, vorübergehend
in das dortige Bürgerspital. Nur die Postulantinnen blieben zunächst noch im
Spital in Hagenau, unter der Aufsicht der
neuen Oberin, Schwester Ignatia Jorth. In
den kommenden Jahrzehnten wechselten die Straßburger Schwestern dreimal
das Mutterhaus. Als sie ihr erstes Straßburger Mutterhaus St. Johann verlassen
mussten, zogen sie in das alte Kloster St.
Barbara um, wo sie 1838 ein neues Haus
bauten. Ab 1854 nutzten sie dieses Haus
als Waisenhaus und bezogen ihre neue
Zentrale „Allerheiligen“.
Unter der Generaloberin Schwester Vinzenz Sultzer (1813 – 1868) gründete die
30
Kongregation zahlreiche ausländische
Niederlassungen. Die Straßburger Or­dens­
oberen – die Generaloberin wurde während ihrer langen Amtszeit von den Superioren Thomas (1825 – 1844) und Spitz
(1844 – 1880) unterstützt – ließen den
Neugründungen meist viel Unabhängigkeit. Zunächst fassten die Straßburger
Schwestern in Österreich mit der Gründung von Zams Fuß, der 1832 eine Niederlassung in Wien folgte.
Ebenfalls im Jahr 1832 wurde mit der
Gründung des Mutterhauses in München der Anfang der Ausbreitung im
Nachbarland Deutschland gemacht. Es
folgten 1834 Fulda, 1841 Paderborn (von
dort aus 1857 Hildesheim), 1846 Freiburg
und 1858 Schwäbisch Gmünd (seit 1891
Sitz in Untermarchtal).
Einführung der Barmherzigen Schwestern am Krankenhaus in München
gen Wochen wurden sie in
das Straßburger Bürgerspital gegeben, das Schwester
Ignatia Jorth leitete. Unter
Die Straßihrer Obhut sollten sie in
burger
der praktischen KrankenGeneralobepflege ausgebildet werden.
rin SchwesSchwester Ignatia, die gleichter Vinzenz
Sultzer,
zeitig die Novizenmeisterin
in deren
des Ordens war, wird sicher
Amtszeit
auch die Fortführung der
(1813 – 1868)
geistlichen Bildung nicht
die meisten
außer Acht gelassen haben.
der von
Straßburg
In diesen Probemonaten
ausgeversuchten die Ordensobehenden
ren in Straßburg, GeneralMutterhäuoberin Schwester Vinzenz
ser gegrünSultzer und Ordenssuperior
det wurden
Thomas, sich ein Bild von
der Eignung und den Fähigkeiten der beiden Kandidatinnen aus Bayern zu
machen. Das sehr ernüchternde Ergebnis fasste die Ordensleitung in einem
ausführlichen Bericht an den Magistrat am 12. September 1828 zusammen. Zunächst bestärkten die Straßburger Oberen den Magistrat in seiner
Absicht, den Orden der Barmherzigen Schwestern zur Pflege am Allgemeinen Krankenhaus einzuführen, indem sie die Effizienz einer solchen
Einrichtung betonten: „Das Institut ist ganz genügend, um alles zu leisten, was
die Pflege der Kranken, der Armen, oder was sie Ihnen an der leidenden Menschheit
anvertrauen wollten und fordern könnten, wie auch was zu einer guten Hauswirtschaft gehört.“ Allerdings zogen sie dann bedauernd folgendes Fazit: „Dass
aber dieses große Werk durch die zwei Jungfrauen, die Sie uns geschickt haben, auch
nach ihrer Bildung könne ausgeführt werden, müssen wir sagen, dass es ohnmöglich ist.“ Die ältere Kandidatin Anna Sager sei nicht gesund und talentiert
genug, um Barmherzige Schwester zu werden. Die jüngere Therese Frisch
habe zwar die nötigen Voraussetzungen, um eine gute Schwester zu werden,
sei aber für Leitungsaufgaben nicht geeignet. Sie „könnte unter der Leitung
einer Anderen gute Dienste leisten. Aber ein Haus einzurichten, jeden Theil, …
die Haushaltung, Krankenpflege … für dies ist sie zu schwach. Für dies braucht es
Personen von längerer Übung, Erfahrenheit und reicheren Talenten.“ 8
Die Ordensoberen rieten dem Magistrat deshalb, Anna Sager zurückzuholen und drei bis vier neue Kandidatinnen mit mehr Bildung und Eignung
zu suchen und zur Ausbildung nach Straßburg zu schicken. Sie schlugen vor,
31
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
diese gezielt für spezielle Funktionen auszubilden, z. B. für die Versorgung
der Krankensäle, die Wäsche oder für das Verbinden.
Man sollte nun annehmen, der Magistrat hätte, um das Projekt nicht
zu gefährden, das Angebot des Mutterhauses sofort dankend angenommen.
Zwar leitete er den Brief an die königliche Regierung weiter und veranlasste endlich die Zahlung des Unterhalts der beiden Kandidatinnen, hielt es
aber nicht für nötig, auf den Brief des Superiors zu antworten und zu dem
Straßburger Angebot Stellung zu nehmen.
Was steckte dahinter? Auch wenn das weitere Vorgehen sicher von oben,
das heißt, der Regierung, ja dem König selbst entschieden werden musste
und der Magistrat von sich aus nicht tätig werden konnte, so hätte er doch
grundsätzliches Interesse nach Straßburg signalisieren müssen. Hatten die
Magistratsmitglieder so wenig Gespür dafür, dass sie mit ihrem Schweigen die Straßburger brüskieren würden, ja das ganze Unternehmen damit
gefährdeten? Oder ist doch eher anzunehmen, dass dieses Vorgehen Absicht
war? Gab es im Magistrat und am Krankenhaus doch noch zu viele Gegner
der Ordenseinführung, die bewusst die Sache verzögerten?
Wie auch immer, Tatsache war, dass die Straßburger Schwestern und die
zwei Kandidatinnen aus Bayern nicht wussten, wie es weitergehen sollte.
Die einzige für sie sichtbare Reaktion aus München auf ihr Schreiben vom
September war die Zahlungsanweisung. Die Kongregation in Straßburg
war verunsichert. War in Bayern überhaupt noch jemand ernsthaft daran
interessiert, ihren Orden einzuführen? In besonderem Maße litten die beiden Kandidatinnen selbst unter der Unsicherheit, wie es weitergehen sollte.
Therese Frisch bat deshalb ihre Vorgesetzten um die Erlaubnis, persönlich
nach München reisen zu dürfen, um dort vor Ort die Lage zu klären.
Nichts ahnend von dieser Situation, erkundigte sich Mitte November das
Münchner Ordinariat beim Ordinariat in Straßburg nach den Fortschritten
der Kandidatinnen. Jetzt wurde in Straßburg offensichtlich, dass die bayerischen Behörden es unterlassen hatten, das Ordinariat über den Vorschlag
von Generaloberin und Superior zu unterrichten. Den Verantwortlichen in
Straßburg wurde klar, dass sie die Initiative ergreifen mussten, sollte nicht
das ganze Unternehmen scheitern. So gaben sie schließlich dem Drängen
Thereses nach und erteilten ihr die Erlaubnis, nach München zu reisen.
Therese kehrte zwischen dem 12. und 16. Dezember 1828 nach München zurück. Dort angekommen, sprach sie sofort beim Ordinariat vor und
überbrachte dem Weihbischof von Streber einen Brief des Generalvikars
Liebermann. In diesem setzte er von Streber in Kenntnis von dem Brief des
Mutterhauses an den Magistrat im September und verwies auf die Bedeutung des Projekts, das nun durch die Verzögerungstaktik des Magistrats
ernsthaft gefährdet wäre: „Es ist außer Zweifel, dass die Einführung eines für die
32
Einführung der Barmherzigen Schwestern am Krankenhaus in München
Menschheit so wohltätigen Instituts einen reichen Segen über das Königreich Bayern
verbreiten würde, sowohl in religiöser als auch in ökonomischer Hinsicht, wenn nur
die Sache nicht nur die Hälfte geschieht, und den edeln Absichten von Ihro Majestät
… durch eigennützigen Plan … entgegen gearbeitet wird.“ 9
Über dieVorgehensweise des Magistrats äußerst empört, schickte das Ordinariat diesem am 16. Dezember einen geharnischten Brief. Darin drückte es
sein Unverständnis darüber aus, dass man die beiden Kandidatinnen so lange
in einem fremden Land in Unklarheit über ihr weiteres Schicksal gelassen
habe. Der Magistrat habe die Durchführung der königlichen Beschlüsse verzögert und die Ehre Bayerns auf das Spiel gesetzt. Das Ordinariat machte
deutlich, dass man das Angebot des Mutterhauses unbedingt annehmen und
neue Kandidatinnen nach Straßburg schicken sollte. Da aber eine einjährige
Ausbildung nicht ausreiche, aus den Kandidatinnen Barmherzige Schwestern zu machen, denn die richtige geistliche Haltung müsse im Noviziat
eingeübt werden, sei es wichtig, dass bei Rückkehr der Kandidatinnen auch
erfahrene Schwestern aus Frankreich mitkommen würden.
Der Magistrat hatte inzwischen den Beschluss der Königlichen Regierung, Anna Sager aus Straßburg zurückzurufen, mit über einmonatiger Verspätung an die Generaloberin weitergeleitet, aber zu dem im September
gemachten Vorschlag, neue Kandidatinnen auszubilden, immer noch keinerlei Stellung genommen. Obwohl Prof. von Ringseis Therese geraten hatte,
gleich direkt beim König vorzusprechen, entschied sie sich, mit den unteren
Behörden zu verhandeln. Im Nachhinein erwies sich diese Vorgehensweise
als durchaus klug. Hätte sich der Magistrat übergangen gefühlt, hätte er
eventuell die Sache weiter verschleppt.Thereses Offenheit und Engagement
beeindruckten den Bürgermeister und die Magistratsherren offensichtlich
so sehr, dass es ihr gelang, die Verhandlungen in ihrem Sinne abzuschließen:
Der Magistrat erklärte sich bereit, weitere Kandidatinnen nach Straßburg
zu entsenden.
Laut Mutterhauschronik wählten der Bürgermeister und der Magis­trats­
rat Radlkofer aus einer Reihe von Interessentinnen sechs Kandidatinnen
aus. Allerdings seien, als die Abreise näher gerückt sei, nur noch zwei von
ihnen bereit gewesen, sich auf dieses Wagnis einzulassen.
So fuhr Therese Frisch nach dem erfolgreichen Abschluss ihrer Mission am Morgen des 9. Januar 1829 wieder Richtung Straßburg. Begleitet
wurde sie von den beiden neuen Kandidatinnen, der 20-jährigen Marianna Messerschmitt, einer Wirtstochter aus Metten im Landkreis Deggendorf,
und der 24-jährigen Susanna Balghuber aus Endorf im Landkreis Mühldorf.
Der Magistrat gab Therese neben Geld für Reise und Unterhalt auch einen
Brief an ihre Generaloberin Vinzenz Sultzer mit. Darin lobte er das Engagement Thereses, bat um gute Ausbildung der neuen Kandidatinnen, speziell
33
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
im Bereich der Erhaltung der Wäsche, und bekräftigte noch einmal, dass
es der ausdrückliche Wunsch des bayerischen Königs sei, den Orden der
Barmherzigen Schwestern in Bayern einzuführen.
In ihrem Antwortschreiben erläuterte die Generaloberin dem Magist­rat,
welche Bedingungen an eine Kandidatin für eine Aufnahme in ihrem Orden
gestellt werden. Der Magistrat solle sich nach weiteren entsprechenden
Kandidatinnen in München umsehen.
So schien ein sehr Erfolg versprechender Neuanfang in den Beziehungen
zwischen Magistrat und Mutterhaus in Straßburg gemacht worden zu sein.
Die Sache schien endlich voranzugehen. Dies galt umso mehr, als Therese
Frisch, nicht zuletzt wegen ihrer Bewährung bei der München-Reise, am
29. April 1829 das Ordenskleid erhielt. Die überglückliche Therese wurde
als Schwester Mechtildis ins Noviziat aufgenommen.
Mit den neuen Kandidatinnen schien man in Straßburg grundsätzlich
zufrieden zu sein. Allerdings machte sich die Generaloberin Sorgen um ihre
Gesundheit. Marianna Messerschmitt war seit ihrer Ankunft in Straßburg
ständig kränkelnd, Susanna Balghuber hatte Augenprobleme. Die Generaloberin befürchtete, die beiden Kandidatinnen würden das Straßburger Klima
nicht vertragen. Deshalb entschloss sie sich, dem Magistrat in einem Brief
vom 10. Mai 1829 einen neuen Vorschlag zu machen. Die Novizin Mechtildis sollte zusammen mit den beiden Kandidatinnen und in Begleitung zweier erfahrener Schwestern aus Straßburg nach München zurückkehren. Sie
sollten am Allgemeinen Krankenhaus einen Anfang machen. Sicher würden
sich dann bald weitere Kandidatinnen finden, die man direkt am Münchner Krankenhaus ausbilden könnte. In ihrem Schreiben baten sowohl die
Generaloberin als auch die Novizin Mechtildis den Magistrat um einen
möglichst schnellen Entschluss.
Doch der Magistrat antwortete nicht auf dieses großzügige Angebot der
Generaloberin, zwei Schwestern aus Straßburg für München freizustellen.
Wie schon im Vorjahr kam keinerlei Reaktion aus München. Was war der
Grund? Aus der Korrespondenz wird ersichtlich, dass der Münchner Magist­
rat vor allem Bedenken hatte, dass über die Schwestern, die aus Straßburg
mitgeschickt werden sollten, ein ausländisches Kloster Einfluss auf ihre
Krankenhauspolitik nehmen könnte. Es war dem Magistrat und auch Teilen
der Regierung suspekt, dass die Gründung der Barmherzigen Schwestern
eine Filiale des Straßburger Mutterhauses werden sollte. Man wollte in Bayern lieber ein eigenes, unabhängiges Mutterhaus.
Die Situation 1829 unterschied sich von der im Jahr davor jedoch in
einem wichtigen Punkt.
Die beiden Ordinariate hatten aus ihren Erfahrungen gelernt, wie wichtig es war, ständigen Kontakt zu halten, um die Ordensgründung trotz der
34
Einführung der Barmherzigen Schwestern am Krankenhaus in München
ablehnenden Haltung des Magistrats voranzutreiben. Wohl wissend, wo
„der Schuh drückte“, versuchte das Münchner Ordinariat die Bedenken bei
Magistrat und Regierung zu zerstreuen. Eine Abhängigkeit von Straßburg
würde sicher nur für die Anfangszeit gelten, dann wäre es schon wegen der
weiten Entfernung sinnvoll, das neue Kloster unter die Oberaufsicht des
Bischofs zu stellen.
In der Korrespondenz mit dem Münchner Ordinariat wurde der Vorschlag der Generaloberin bereits so weit konkretisiert, dass die Schwestern
im Frühjahr 1830 geschickt werden sollten. Die Kandidatinnen und die
Novizin wären bis dahin schon besser ausgebildet und zudem wäre ein
Neuanfang im Frühjahr leichter als zu einer kälteren Jahreszeit.
Sowohl das Ordinariat als auch die Regierung forderten im Juni 1829
den Magistrat auf, sich um die Unterbringung der Schwestern zu kümmern. Gedacht wurde jetzt an eine Unterbringung im Krankenhaus selbst,
da weder Staat noch Stadt etwas unternommen hatten, eine anderweitige
Unterbringungsmöglichkeit zu schaffen.
Aber der Magistrat reagierte nach wie vor nicht. Im September hatte die
Generaloberin immer noch keine Stellungnahme des Magistrats zu ihrem
Vorschlag vom Mai. Da entschloss sie sich, am 28. September die Novizin Mechtildis zum zweiten Mal nach München zu schicken. Wieder hatte
Schwester Mechtildis, die darauf brannte, endlich in ihrer Heimatstadt als
Barmherzige Schwester arbeiten zu dürfen, die Generaloberin dazu gedrängt.
Sie wollte versuchen, wie schon im Jahr zuvor, die Sache durch persönliche
Verhandlungen vor Ort voranzutreiben. Dafür nahm sie schweren Herzens
auch in Kauf, ihr Noviziat unterbrechen zu müssen.
2.2. Umstrittener Anfang am Allgemeinen
Krankenhaus durch Schwester Mechtildis Frisch
Am 1. Oktober 1829 kam Schwester Mechtildis Frisch in München an,
wo sie sofort beim Magistrat vorstellig wurde. Als die Magistratsherren
die Novizin in ihrem Ordenskleid erblickten, sahen sie wohl ihre Chance
gekommen, den Pflegeorden ohne Mitwirkung des Straßburger Mutterhauses zu gründen. Sie verboten Schwester Mechtildis die Rückkehr und
wiesen ihr eine Wohnung in der Damenstiftgasse 12, früher auch Annagasse
genannt, zu. Diese Wohnung in der Münchner Innenstadt, die dem jeweiligen Inhaber des Kraus’schen Benefiziats zustand, war zu dieser Zeit gerade
frei, weil die Benefiziatenstelle vakant war. Hier sollte die Novizin die weiteren Entscheidungen des Magistrats abwarten.
35
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Schwester Mechtildis war nun völlig auf sich selbst gestellt. Als Novizin,
die selbst noch am Anfang ihrer geistlichen Bildung zur Ordensfrau stand
und mit der Ordensregel kaum vertraut war, fühlte sie sich zunächst völlig
überfordert. Ihr wichtigstes Anliegen war, ihrer Berufung treu zu bleiben
und eine dementsprechende Lebensführung einzuhalten. Deshalb erstellte
sie sich selbst eine am Klosterleben orientierte feste Tagesordnung, die sie
sich durch den Straßburger Superior Thomas genehmigen ließ. Der Briefwechsel mit ihren Straßburger Vorgesetzten, dem Superior, der Generaloberin und der Novizenmeisterin, gaben ihr in dieser schweren Zeit Halt
und Trost. Wie dankbar war sie, als Schwester Ignatia ihr die vom Orden
benutzten Andachts- und Betrachtungsbücher nach München schickte.
Nach einigen Wochen wurden ihr vom Magistrat vier Kandidatinnen
zugewiesen, die sie in der Krankenpflege unterrichten sollte. Für die Kandidatinnen bekam sie vom Magistrat Stoff zum Nähen von Kandidatinnenkleidern zugeteilt. Die Magistratsherren waren anscheinend der irrigen
Auffassung, dass die Kleider allein schon Ordensfrauen aus ihnen machten.
Schwester Mechtildis wusste, dass weit mehr dazu gehörte, und versuchte,
die vier ersten Kandidatinnen und die weiteren, die sich nach und nach bei
ihr einfanden, in die Grundzüge des Ordenslebens einzuführen.
Materiell hatten sie vonseiten des Magistrats keinerlei Unterstützung. Sie
mussten selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen. So lebten sie in unvorstellbarer Armut. Laufend berichtete Schwester Mechtildis an ihre Ordensleitung in Straßburg über den Stand der Verhandlungen mit dem Magistrat.
Unablässig bat sie in diesen Briefen, die Ordensoberen möchten ihr möglichst bald Unterstützung aus Straßburg nach München schicken. Sie hatte
sich die Zustände im Allgemeinen Krankenhaus angesehen und brannte
darauf, die Not der dortigen Patienten durch qualifizierte Pflege, wie sie sie
am Straßburger Bürgerspital kennen gelernt hatte, zu lindern.
Die Generaloberin musste ihre Bitten immer wieder mit dem Hinweis
ablehnen, dass sie ihre Schwestern nur nach München schicken könne, wenn
der Magistrat sie in einem förmlichen Schreiben darum bitten würde. Doch
Schwester Mechtildis Tagesablauf
„Ich stehe täglich um 5 Uhr auf, verrichte
mein Morgengebet und vereinige mich
im Geiste mit Ihrem und aller Schwestern Beten und Arbeiten. Um 6 Uhr gehe
ich in die Herzogspitalkirche und bleibe
dort bis 7 oder V 8 Uhr. Dann frühstücke ich und nehme eine Handarbeit vor,
deren ich genug habe. Um die Mittags-
36
zeit mache ich eine Lesung aus der Hl.
Schrift, aus dem Leben der hl. Theresia
oder aus den Betrachtungen von Sailer.
Am Abend lese ich die Heiligenlegende
von Buchfellner oder ein Kapitel der
Nachfolge Christ. Um 9 oder 10 Uhr gehe
ich zur Ruhe. Jeden Samstag beichte ich
in der Herzogspitalkirche.“ 10
Einführung der Barmherzigen Schwestern am Krankenhaus in München
der Magistrat dachte nicht daran. So entschloss sich die Generaloberin, den
nächsten Schritt zu tun, um endlich eine Reaktion des Magistrats zu provozieren. In einem Brief an den Münchner Magistrat im Februar 1830 nahm
die Straßburger Generaloberin ihr Angebot vom Mai des vergangenen Jahres wieder zurück. Da keine Reaktion auf ihre Offerte, zwei Schwestern
nach München zu schicken, erfolgt sei, nehme sie an, der Magistrat bedürfe
ihrer Hilfe nicht mehr. Sie bat nur noch um eine Nachricht, was mit den
beiden Kandidatinnen, Susanna Balghuber und Marianna Messerschmitt,
die ja noch immer in Straßburg eine Entscheidung des Magistrats abwarteten, geschehen sollte.11
Auch jetzt hielt der Magistrat der Stadt München es nicht für nötig zu
antworten. Er ließ die beiden Kandidatinnen, die im fernen Straßburg auf
ihre baldige Rückkehr nach München hofften, weiterhin im Ungewissen
über ihre Zukunft.
Dafür zeichnete sich langsam ab, welche Zukunftspläne der Magistrat für
Schwester Mechtildis und ihre Kandidatinnen hatte. Am 18. März 1830 trat
der Magistrat zu einer Sitzung zusammen, bei der auch Schwester Mechtildis und Krankenhausdirektor Loe angehört wurden. Beide sprachen von
den Vorteilen, die eine Krankenpflege durch Ordensschwestern bieten würden. Voll Begeisterung berichtete Schwester Mechtildis von der vorzüglichen Organisation von Krankenpflege und Hauswirtschaft im Straßburger
Bürgerspital durch die dortigen Barmherzigen Schwestern.
Bei der nächsten Sitzung des Magistrats am 20. April erging der folgenschwere Beschluss, dass Schwester Mechtildis mit ihren Kandidatinnen
im Allgemeinen Krankenhaus ein Saal als Wohnung zur Verfügung gestellt
werden sollte. Dafür sollten sie dort die Versorgung einiger Krankensäle
übernehmen. Schwester Mechtildis wurde zur Stellungnahme aufgefordert.
Ihre Einwände wurden aber zurückgewiesen. Die Entscheidung brachte sie
in große Gewissensnot. Die Bedenkzeit, die ihr zugestanden worden war,
reichte nicht aus, um sich mit ihren Vorgesetzten in Straßburg in Verbindung
zu setzen. Sollte sie diesen Schritt eigenmächtig unternehmen? Andererseits
musste sie demnächst die Wohnung des Benfiziaten räumen und, was noch
schwerer gewogen haben mag, sowohl Schwester Vinzenz als auch Schwester Ignatia hatten ihr in ihren Briefen mehrmals geraten, selbst die Pflege zu
übernehmen, falls der Magistrat dies wünschen sollte.
Schwester Mechtildis holte für ihre schwere Entscheidung den Rat beim
Ordinariat ein. Dort riet ihr der Kanonikus Franz Xaver Schwäbl, der spätere Bischof von Regensburg und zeitlebens ein großer Freund der Barmherzigen Schwestern, von einem so eigenmächtigen Vorgehen ab. Weihbischof von Streber dagegen befürchtete bei Ablehnung des Wunsches des
Magistrates ein endgültiges Scheitern der Einführung der Schwestern und
37
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
ermunterte die Novizin, diesen Schritt zu wagen.
Wie schwer ihr diese Entscheidung ohne Genehmigung ihrer Vorgesetzten fiel,
zeigt ein Brief, den sie an ihre
Novizenmeisterin Schwester Ignatia nach Straßburg
schrieb:
„Ich kann Ihnen nicht
Professor
Johann
beschreiben, wie schwer es mir
Nepomuk
ums Herz ist. Aber ist mein
von Ringseis,
Unternehmen zur Ehre Got1785 – 1880
tes, so wird es gelingen. Nur
(Gemälde
um eines bitte ich Sie, legen Sie
von Joseph
Stieler)
beim hochwürdigen Herrn Superior wie auch bei unserer lieben
ehrwürdigen Frau Mutter ein Wort für mich ein. Es tut mir in der Seele leid, diesen
Schritt zu tun ohne ihre ausdrückliche Erlaubnis, aber es geschieht ohne meine
Schuld. Ich bitte nur, daß sie mich nicht verstoßen.“ 12
Auf den Rat von Strebers hörend, erklärte sich Schwester Mechtildis bei
der nächsten Magistratssitzung am 24. April bereit, mit ihren Kandidatinnen
einen Teil der Pflege im Krankenhaus zu übernehmen. Allerdings unter dem
Vorbehalt, dass sie ihre Vorgesetzten in Straßburg nicht hätte fragen können.
Vor eventuellen Vorwürfen aus Straßburg sollte der Magistrat sie in Schutz
nehmen. Keinesfalls wollte sie ihren Stand als Barmherzige Schwester aufgeben müssen.
Beim Aushandeln der konkreten Bedingungen bewies sie wiederum ihr
kluges Verhandlungsgeschick. Sie ließ sich geistliche Unterweisung durch
die beiden Krankenhausgeistlichen für ihre kleine Gemeinschaft garantieren. Die Kandidatinnen sollten nur in den ihnen zugewiesenen Sälen zum
Einsatz kommen und der Direktion direkt unterstehen.
Drei Tage später, am 27. April 1830, bezog Schwester Mechtildis mit
ihren Kandidatinnen das Allgemeine Krankenhaus. In der Münchner Stadtchronik ist dazu vermerkt: „Dienstag, 27. April. Am heutigen Tage wurden die
meisten Novizinnen des Ordens der barmherzigen Schwestern durch eine magistratische Commißion und durch den königl. Direktor des allgemeinen Krankenhauses
Obermedizinalrath Dr. von Loe in das hiesige allgemeine Krankenhaus eingewiesen.
Es wurden denselben infolge eines magistratischen Beschlußes ein eigener Saal mit
12 Betten vorläufig zur Wohnung eingeräumt und zwei weibliche Krankensäle zur
Ausübung des Krankendienstes übergeben.“ Die Chronik betont die Bedeutung
38
Einführung der Barmherzigen Schwestern am Krankenhaus in München
dieses Ereignisses für die Zukunft: „… diese sieben Jungfrauen wurden nun
heute in das Krankenhaus eingewiesen und bildeten den Grund des sich in kurzer
Zeit so ausgebreiteten Ordens der barmherzigen Schwestern in Bayern“. 13
Schwester Mechtildis und ihre Gefährtinnen wohnten in einem für sie als
Wohnung hergerichteten Krankensaal und betreuten zunächst die Kranken
der beiden anstoßenden Krankensäle. Nach der entbehrungsreichen, unsicheren Zeit in der Damenstiftgasse wurde es für Schwester Mechtildis und
ihre Kandidatinnen nun keineswegs leichter. Mehr als der schwere Krankendienst belasteten sie die Anfeindungen vonseiten der Ärzte.Vor allem die
jungen Assistenzärzte machten ihnen das Leben schwer. Aber auch Oberarzt
Dr. Walther stand dem Einsatz von Ordensschwestern zunächst sehr reserviert gegenüber. Nur Direktor Loe und Oberarzt Prof. von Ringseis waren
von Anfang an auf ihrer Seite. Sogar durchaus kirchenfreundliche Kreise
beobachteten den Einsatz von Schwester Mechtildis und ihren Kandidatinnen zunächst mit Skepsis. Ging den Gegnern des Ordens der Einsatz der
Novizin und ihrer Kandidatinnen schon zu weit, so bedauerten Befürworter
der Einführung eines Krankenpflegeordens, dass es nur zu dieser Minimallösung gekommen war. Dies bringt ein Artikel in der Zeitung „Bayerischer
Volksfreund“ vom 29. April 1830 deutlich zum Ausdruck: „Parturiunt montes,
nascitur ridiculus mus! Die großen Bemühungen, die barmherzigen Schwestern in
München wieder einzuführen, haben mit den Vorverfügungen allem Anschein nach
auch schon ihr Ende erreicht, indem nur eine hier anwesende graue Schwester und
einige Laiinnen von hier in dem Krankenhause unter der übrigen Menge schon
vorhandener Weibsbilder als Krankenwärterinnen untergebracht wurden, wo der
herrschende laue und zuchtlose weltliche Sinn jede geistliche und fromme Gesinnung bald überwältigen wird. Es war nichts anderes zu erwarten, denn in unserem
Zeitalter, welches so viele religiöse Institute mit wahrem Vergnügen zerstört hat, fehlt
es den einen an ernster Kraft und den anderen an gutem Willen, um ein so großes
Werk der Barmherzigkeit wieder ins Leben zu rufen… Ohne daß nicht die ganze
Krankenhausanstalt dem Orden eingeräumt wird, bleibt das alte Uebel fest.“ 14
Trotz dieser Widerstände von allen Seiten bewährten sich Schwester
Mechtildis und ihre Helferinnen derart, dass ihnen schon bald weitere Krankensäle anvertraut wurden. Auch wenn die Zahl der Kandidatinnen stetig
anstieg, hätte man nun doch auch die Hilfe der beiden noch in Straßburg
auf ihren Abruf wartenden Kandidatinnen gut brauchen können. Mehrfach,
aber vergeblich bat Schwester Mechtildis den Magistrat, jene nach München zurückzuholen. Die Straßburger Generaloberin gab schließlich im
Sommer 1830 dem Drängen der Kandidatin Marianna Messerschmitt nach
und ließ sie auch ohne offiziellen Rückruf durch den Magistrat nach Bayern zurückreisen. Wenig später, im September 1830, kehrte auch Susanna
Balghuber zurück. Nach der Julirevolution hatte auch sie um ihre Rückreise
39
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
gebeten, da sie sich als Ausländerin in Frankreich nicht mehr sicher fühlte.
Beide traten den Dienst im Allgemeinen Krankenhaus an und unterstützten
Schwester Mechtildis in der Küche bzw. bei der Versorgung der Wäsche.
2.3. Neue Verhandlungen nach dem
Tod Schwester Mechtildis
Während das Ordinariat und die Regierung nach wie vor daran interessiert
waren, erfahrene Barmherzige Schwestern aus Straßburg für die endgültige
Einführung des Ordens zu gewinnen, war der Magistrat mit der Entwicklung durchaus zufrieden. Die ständig steigende Zahl der Kandidatinnen, die
nach und nach weitere Säle im Krankenhaus übernommen hatten, ließ für
die Zukunft nur das Beste hoffen. Der Magistrat sah nicht ein, warum er
nicht alles so weiterlaufen lassen sollte wie bisher.
Da durchkreuzte der Tod die Pläne der Stadtvertretung. Am 3. April 1831
starb Schwester Mechtildis mit nur 34 Jahren. Sie hatte schon seit der Zeit
im Benefiziatenhaus an einer schmerzhaften Augenfistel gelitten. Nach einer
Augenoperation im Herbst 1830 erholte sie sich nicht mehr vollständig und
erkrankte im Frühjahr schwer an Nervenfieber, dem sie am Osterfest 1831
erlag.
Als Anerkennung ihrer Verdienste bereitete ihr der Magistrat eine sehr
feierliche Beerdigung, an der die Bevölkerung regen Anteil nahm. Manch
einem, auch im Magistrat, mag erst jetzt bewusst geworden sein, was diese
junge Novizin geleistet hatte. Ihr früher Tod war nicht zuletzt das Ergebnis
einer ständigen Überforderung, der sie sich durch ihren Einsatz ausgesetzt
gesehen und aus Pflichtgefühl nicht entzogen hatte.
Zum Anteil, den die junge Novizin an der Einführung der Barmherzigen Schwestern in Bayern hatte, bemerkte Scherer treffend: „Fast möchte
man von einem Wunderwerk der göttlichen Vorsehung sprechen, die sich einer einfachen, im Ordensleben noch wenig erfahrenen Novizin bediente, um den Grundstein
der Kongregation der Barmherzigen Schwestern in Bayern zu legen.“ 15
Viele dachten, mit dem Tod Schwester Mechtildis sei das Unternehmen
endgültig gescheitert. Sie hatten jedoch den Durchhaltewillen der ver­wais­
ten Kandidatinnen unterschätzt. Diese wurden, trotz ihrer großen Trauer
über den Verlust Schwester Mechtildis, sehr schnell aktiv. So baten sie den
Magistrat bereits am 14. April in einem ergreifenden Bittbrief, er möge die
Verhandlungen mit Straßburg wieder aufnehmen, um von dort Unterstützung für sie zu bekommen.
Der Magistrat erkannte, dass er handeln musste, sollte das Werk, das
Schwester Mechtildis hinterlassen hatte, nicht gefährdet werden. Und dieses
40
Einführung der Barmherzigen Schwestern am Krankenhaus in München
Das Gräberfeld
der Barmherzigen
Schwestern auf
dem Alten Südfriedhof, das ihnen
der Magistrat 1836
unentgeltlich zur
Verfügung stellte.
An welcher Stelle
des Alten Südfriedhofs Schwester
Mechtildis beigesetzt wurde, ist
heute nicht mehr
feststellbar.
Werk war durchaus beachtlich. Inzwischen war die Zahl der Kandidatinnen, die jetzt immer häufiger auch als Aspirantinnen oder Postulantinnen
bezeichnet wurden, auf 26 angewachsen. Diese 26 jungen Frauen betreuten
bereits 12 Säle im Allgemeinen Krankenhaus. Der Magistrat sah ein, dass
diese Gemeinschaft eine neue Leitung und gewisse Organisationsstrukturen brauchte. Er ernannte deshalb Marianna Messerschmitt zur neuen Vorsteherin der Gemeinschaft und Anna Maria Stanglmaier zur Leiterin der
Krankenpflege. Zudem entschloss er sich, die Verantwortung für die Küche
ganz den Aspirantinnen anzuvertrauen. Dazu wurden ausgewählten Kandidatinnen verschiedene Aufgabenbereiche in der Küche zugeteilt.
Nicht nur die Kandidatinnen, sondern auch das Ordinariat drängten
jedoch auf eine grundlegendere Entscheidung des Magistrats. Er sollte dazu
bewegt werden, die Verhandlungen mit Straßburg wieder aufzunehmen.
Eine Magistratssitzung vom 19. Mai 1831, bei der der Magistratsrat Siedler in seinem Bericht über die Lage am Krankenhaus sich voll Lob über die
dort arbeitenden Aspirantinnen äußerte und der Kanonikus Franz Xaver
Schwäbl die Position des Ordinariats deutlich machen konnte, brachte die
entscheidende Wende in der Politik des Magistrats. Er erklärte sich bereit,
über das Ordinariat in Straßburg nachfragen zu lassen, ob die Barmherzigen
Schwestern noch bereit wären, zwei ihrer Schwestern nach München zu
schicken.
Das Münchner Ordinariat übernahm diese Aufgabe nur allzu gern und
fragte am 25. Mai 1831 über das Straßburger Ordinariat bei den Barmherzigen Schwestern an. Das Ordinariat machte dabei noch einmal sehr
deutlich, dass es nach wie vor der entschiedene Wille des Königs sei, ihren
Orden in Bayern einzuführen.
41
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Der Generaloberin war klar, welchen großen Wert die beiden Ordinariate auf ihre Unterstützung bei der Einführung der Barmherzigen Schwestern in Bayern legten. Gerne wollte sie ihnen entgegenkommen. Zudem
hatte sie in der Zwischenzeit schon mehrere zu Herzen gehende Briefe von
den verwaisten Münchner Kandidatinnen erhalten, in denen diese sie verzweifelt um Hilfe angefleht hatten: „Wohlehrwürdige Mutter, wir alle insgesamt
werfen uns Ihnen zu Füßen und bitten, flehen und beschwören Sie mit weinenden
Augen und zum Himmel gefalteten Händen, dass Sie sich unser mütterlich erbarmen und als Ihre wirklichen geistlichen Töchter erkennen … und dass Sie uns bald
Hilfe senden, damit das Werk, zu dem wir uns verbunden … zur stufenweisen
Vollendung gebracht werde.“ 16
In einem weiteren Brief hatten sie die Generaloberin beschworen: „Die
selige Mechtildis hat auf dem schmalen Dornenweg des Kreuzes mühsam die Steine
zum Bau unseres Ordens gesammelt und herbei geschleppt. An Ihnen ist es nun,
den Gottesbau zu vollenden.“ 17 Mit Sicherheit war es ihr schwer gefallen, diesen Bitten nicht entsprechen zu können, aber ohne offizielle Anforderung
aus München war es ihr unmöglich gewesen.
Als diese nun kam, stellte sie alle Verärgerung, die sie wegen des mehr als
unhöflichen Verhaltens des Magistrats rund um ihr erstes Angebot empfunden haben mag, um der Sache und der Kandidatinnen willen zurück. Sie
erneuerte in ihrer Antwort vom 22. Juni 1831 ihr Angebot, das sie zwei
Jahre vorher schon einmal gemacht hatte. Sie wollte zwei erfahrene Schwestern nach Bayern schicken. Sie bedauerte allerdings, sie nicht sofort, sondern
erst im kommenden Frühjahr schicken zu können. Derzeit sei es ihr nicht
möglich, Schwestern freizustellen, da erst vor kurzem mehrere französische
Krankenhäuser Schwestern angefordert hätten.
Die Ordinariate zeigten sich sehr zufrieden mit der Antwort und nutzten
in den Folgemonaten ihre Verbindungen, um mit dem Mutterhaus und dem
Magistrat zu klären, welche Bedingungen für den Einsatz des Ordens im
Allgemeinen Krankenhaus gelten sollten.
Die verwaisten Kandidatinnen hatten inzwischen einen schweren Stand.
Nur die Hoffnung auf Hilfe aus Straßburg hielt die Kandidatinnen aufrecht. Sie klammerten sich an die Zusage der Generaloberin vom Juni, im
nächsten März zwei Schwestern schicken zu wollen. Allerdings machten
sich immer wieder Zweifel bei den Aspirantinnen breit.Wie würde sich der
Magistrat entscheiden, würde er dieses Mal das Angebot des Mutterhauses
in Straßburg annehmen?
Erstaunlicherweise wuchs trotz dieser Unsicherheit die Zahl der Kandidatinnen weiter stetig an. Im Juli 1831 waren es bereits 34, im Januar
1832 sogar schon 46. Die junge Gemeinschaft lebte noch nicht nach der
Regel der Barmherzigen Schwestern in Straßburg zusammen, sondern nach
42
Einführung der Barmherzigen Schwestern am Krankenhaus in München
Regeln, die ihnen Schwester Mechtildis, auf der Grundlage ihrer Erinnerung an ihre Zeit in Straßburg, gegeben hatte.
Inzwischen lag zwar ein Exemplar der Ordensregel im Ordinariat vor
und auch der Magistrat hatte eine Abschrift bekommen, um sich ein Bild
über die neue Kongregation machen zu können, den unerfahrenen Kandidatinnen aber wollte man sie nicht an die Hand geben.
Die Kandidatinnen litten darunter, dass ihnen der Dienst an den Kranken wenig Zeit für geistliche Übungen ließ. Manche konnten nicht einmal
täglich den Gottesdienst besuchen. Dabei hatten sie spirituelle Erbauung
dringend nötig, um den anstrengenden Krankendienst und die unsichere
Situation bezüglich ihrer Zukunftsaussichten zu meistern. In dieser Not
erhielten sie Unterstützung durch den Beichtvater der Servitinnen, H.H.
Schön, der, so oft es ihm möglich war, zu ihnen kam, um sie geistlich aufzubauen. Da er gesehen hatte, dass sie außer der Essenszeit kaum zur Ruhe
kamen, nutzte er diese Zeit, um ihnen Texte vorzulesen oder kleine Vorträge
zu halten. Auch ihre beiden Gönner aus dem Ordinariat, Weihbischof von
Streber und Domkapitular Schwäbl, besuchten die Aspirantinnen regelmäßig und sprachen ihnen Mut zu.
Den hatten sie auch dringend nötig, um alle Anfeindungen vonseiten
der Ordensgegner ertragen zu können. Sogar in Kirchenkreisen war manchem diese Gemeinschaft von Aspirantinnen ohne jegliche Leitung und
Ordensregel suspekt. So machte sich auch der Altöttinger Wallfahrtspriester
Josef Anton Leiß, später Abt in Scheyern, Sorgen um einige seiner Beichtkinder, die der Gemeinschaft beigetreten waren. Nachdem er sich bei einem
längeren Besuch jedoch selbst ein Bild von den Zuständen am Allgemeinen Krankenhaus gemacht hatte, war er mehr als begeistert von dem unter
den Kandidatinnen herrschenden Geist: „Ich fand bei ihnen eine solche Demut,
Arbeitsamkeit, Frömmigkeit, einen solchen Glauben Gottes, eine solche Liebe zu
den Kranken, dass ich vielleicht sagen darf, wir haben in ganz Bayern kein Priesterhaus, worin die Gnade Gottes so allgemein wirken kann oder mag.“ 18
Unterdessen zeichnete sich bei den Verhandlungen zwischen dem
Magistrat und dem Mutterhaus in Straßburg ein erfolgreiches Ende ab. Die
Straßburger Ordensoberen hatten in Zusammenarbeit mit dem Generalvikariat des Straßburger Ordinariats einen Vertragsentwurf für den Einsatz der
Bayerisches Allheilmittel für die verwaisten Kandidatinnen
Am 10. Februar 1832 wies der Magistrat
die Krankenhausverwaltung an, den
Aspirantinnen künftig statt 1 Maß Bier
täglich 1,5 Maß Bier zuzuteilen. Sollte
mit dem bayerischen Allheilmittel der
Durchhaltewillen der Aspirantinnen
gestärkt werden? 19
43
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Barmherzigen Schwestern im Münchener Allgemeinen Krankenhaus ausgearbeitet. Orientiert hatten sie sich dabei an den in den französischen Krankenhäusern für die Barmherzigen Schwestern geltenden Bestimmungen.
Bis auf einige Modifikationen, die die spezifische Situation am Münchner Krankenhaus berücksichtigten, nahm der Magistrat den vorgelegten
Vertragsentwurf am 10. Januar 1832 an. Nachdem sich auch die Straßburger
mit dem modifizierten Vertrag einverstanden erklärt hatten, bildete diese
Übereinkunft die rechtliche Grundlage für die Einführung des Ordens in
Bayern.
Das Mutterhaus in Straßburg erklärte sich darin bereit, im März 1832
zwei erfahrene Barmherzige Schwestern für einen Zeitraum von drei Jahren
nach München zu schicken. Diese sollten als Oberin bzw. Novizenmeisterin die Kandidatinnen in ihren Regeln unterweisen und die Grundlage für den Orden legen. Die gesamte Krankenpflege, die innere Krankenhausverwaltung und die Aufsicht über alles Personal im Haus, außer den
Ärzten und der Krankenhausdirektion, sollten dem neuen Orden übertragen werden. Die Schwestern sollten in allen dienstlichen Angelegenheiten
der Krankenhausdirektion, in allen ordensinternen und geistlichen Angelegenheiten der Oberaufsicht des Erzbischofs unterstellt werden. Im Krankendienst hätten die Schwestern den Anordnungen der Oberärzte Folge
zu leisten. Auswahl und Ausbildung der Kandidatinnen wären allein Sache
der Schwestern. Die Generaloberin behielt sich außerdem vor, ihre beiden Schwestern noch vor Ablauf der Frist zurückzuholen, falls der neuen
Ordensgemeinschaft Schwierigkeiten gemacht werden sollten, nach den
Regeln der Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul zu leben.
Der Magistrat erklärte sich bereit, die Anreise- und Rückreisekosten für
die beiden Schwestern zu übernehmen. Für die Ordenskleidung sollten sie
selbst aufkommen, bekämen allerdings einen Zuschuss. Für die Besorgung
der Hausverwaltung war ein Festbetrag geplant, über den die zuständige
Schwester monatlich Rechenschaft ablegen sollte. Genauere Regelungen
zur Vergütung für den Dienst der Schwestern wollte man erst nach Ankunft
der Schwestern aushandeln.
Nachdem der Vertrag von beiden Seiten unterschrieben worden war,
begannen die Münchner Vorbereitungen für die Ankunft der beiden
Schwestern aus Frankreich zu treffen. Im Krankenhaus wurde für die künftige Oberin ein Einzelzimmer notdürftig möbliert, wobei die Kranken­
hausverwaltung, wie sie in einem Schreiben an den Magistrat betonte, nur
das Billigste und Notwendigste anschaffte: „1 Kommodkasten, 1 Schreibkasten,
4 Stühle, 1 Tisch, 1 Bettlade, 1 Spuckkastl, 1 Bett Couvertdecke, …, 1 Kruzifix,
2 Leuchter, 1 Weihwassergefäß.“ 20
44
Einführung der Barmherzigen Schwestern am Krankenhaus in München
2.4. Zwei Straßburger Schwestern
für die bayerische Mission
Dass die Straßburger Generaloberin, Schwester Vinzenz Sultzer, bei der nun
in greifbare Nähe gerückten Verwirklichung des Projekts der Ordensgründung in Bayern keinerlei Risiko mehr eingehen wollte, zeigt die Auswahl
der beiden Kandidatinnen für diese Mission. Mit Schwester Ignatia Jorth
stellte sie ihre beste Kraft zur Verfügung.
Schwester Ignatia Jorth, 1780 als Tochter eines Schiffers geboren und
auf den Namen Katharina getauft, hatte schon in ihrer Kindheit in ihrer
Heimatstadt, dem elsässischen Schlettstadt, die Tätigkeit der Barmherzigen
Schwestern im dortigen Bürgerspital beobachten können. Sobald die Barmherzigen Schwestern nach den Wirren der Revolution, in denen sie aus
dem Elsass vertrieben worden waren, zurückkehrten, bat Katharina Jorth
um Aufnahme ins Postulat. 1807 erfolgte ihre Einkleidung, 1809 ihre Profess. Schnell hatte die Ordensleitung das Potential dieser Schwester erkannt
und ernannte sie schon 1811 zur Oberin am Spital in Hagenau, wo sie sich
in einer äußerst schweren Zeit bewährte.
Nach derVerlegung des Mutterhauses von Zabern nach Straßburg im Jahr
1823 wurde Schwester Ignatia Nachfolgerin von Schwester Vinzenz Sultzer als Oberin des Straßburger Bürgerspitals. Auch hier bewies sie sogleich
ihre Tatkraft, indem sie zahlreiche sinnvolle Neuerungen zum Wohl der ihr
anvertrauten Kranken, Pfründner und Waisen durchsetzte.
Wie sehr die Generaloberin Schwester Ignatia schätzte, zeigte sie durch
deren Ernennung zur Generalassistentin und Novizenmeisterin. Damit war
sie, wie oben erwähnt, für die Ausbildung der bayerischen Kandidatinnen
zuständig gewesen.Wie der Briefwechsel mit Schwester Mechtildis deutlich
macht, zeigte sie regen Anteil an den Anfängen in München. Die Münchner
Aspirantinnen hatten gewünscht, aber nicht zu hoffen gewagt, dass ihnen
gerade diese Schwester zur Unterstützung geschickt würde.
Als Begleiterin für Schwester Ignatia wählte die Generaloberin Schwester Apollonia Schmitt aus, eine jüngere Schwester, die aus Mainz stammte
und 1824 ins Postulat am Straßburger Bürgerspital eingetreten war. Sie sollte in München die Funktion der Novizenmeisterin übernehmen und die
Oberin Ignatia Jorth unterstützen.
Am 5. März nahmen Schwester Ignatia und Schwester Apollonia
Abschied von ihren Mitschwestern und machten sich zur Erfüllung ihrer
bedeutenden Mission auf die sechstägige Reise von Straßburg nach München. Aus Sorge um die Gesundheit der schon fast 52-jährigen Schwester
Ignatia schickte die Straßburger Generaloberin die Schwestern statt mit der
schnelleren Eilpost mit der bequemeren Extrapost auf die Reise, so dass sie
45
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Schwester
Ignatia Jorth,
Gründerin
und erste
Generaloberin
der Barmherzigen
Schwestern
in Bayern
(Ölgemälde im
Mutterhaus)
46
nicht auch noch die Nächte in der
Postkutsche verbringen mussten.
Den Verlauf dieser Reise
schilderte Schwester Ignatia unmittelbar nach ihrer Ankunft in
München in einem ausführlichen
Brief an die Generaloberin und
den Superior in Straßburg.
Da die Bevölkerung von der
Presse über das Vorhaben der Barmherzigen Schwestern unterrichtet
gewesen sei, seien sie überall mit
Freuden aufgenommen worden.
Besonders herzlich sei der Empfang in Augsburg gewesen, wo sie
nicht nur von den dort etablierten
weiblichen Ordensgemeinschaften
aufs Herzlichste aufgenommen und bewirtet, sondern auch vom Bischof
persönlich empfangen worden seien.
Nachdem sie bei den Ursulinen in Augsburg noch eine Nacht verbracht
hatten, machten sich die beiden Schwestern am Morgen des 10. März 1832
auf die letzte Etappe ihrer langen beschwerlichen Reise. Selbst die 60 km
von Augsburg nach München bedeuteten mit der Postkutsche damals noch
eine Tagesreise. Nach dem Reisebericht Schwester Ignatias wurden sie
bereits kurz vor ihrer letzten Raststation in Fürstenfeldbruck von einem
Empfangskomitee des Münchener Magistrats begrüßt: „… dann ganz nahe
an Fürstenfeldbruck sind uns Herr Magistrats Rath Siedler und Herr Gallinger,
Krankencurator des Krankenhauses, im Namen des ganzen Magistrat mit der Post
uns entgegenkommen, haben uns herzlich bewillkommt“. 21 Nach dem Mittag­
essen und der Besichtigung der Kirche des säkularisierten Klosters Fürstenfeld ging die Reise weiter nach München, wo sie gegen 4 Uhr nachmittags
ankamen. Wie die Berichte in der Presse zeigen, nahm die Öffentlichkeit
durchaus Kenntnis von der Ankunft der beiden Straßburger Schwestern in
der Stadt. Auch in der Stadtchronik wird dieses Ereignis als denkwürdig festgehalten: „Samstag, 10. März. Heute Nachmittag vier Uhr ist die als Oberin der
barmherzigen Schwestern in Bayern ernannte Schwester Ignatia und die Novizenmeisterin Schwester Apollonia von Straßburg dahier angekommen und … in dem
allgemeinen Krankenhause, woselbst sie von sämtlichen Aspirantinnen des nun neu
zu errichtenden Ordens auf das feierlichste bewillkommt wurden, abgestiegen. Die
Pforte des Krankenhauses sowie die Stiegen bis zu den für die Angekommenen hergerichteten Zellen waren mit lebendigen Girlanden auf das Schönste geziert.“ 22 Vor
Einführung der Barmherzigen Schwestern am Krankenhaus in München
allem die hauseigene Überlieferung macht deutlich,
wie bewegend die Ankunft
für alle Beteiligten gewesen
sein muss.Voll Dankbarkeit
Eine
und Hoffnung erwarteten
Fahrkarte
die 46 Kandidatinnen, in
der letzten
einheitlichen Gewändern
Etappe der
Schwestern
vor dem imposanten Kranmit der
kenhausgebäude stehend,
Postkutsche
die beiden Straßburger
von AugsSchwestern, deren Unterburg nach
stützung sie schon so lange
München
herbeigesehnt hatten. Was
mögen Schwester Ignatia und Schwester Apollonia gefühlt haben, als sie
endlich am Ziel ihrer langen Reise angelangt, in der fremden Stadt mit den
hochgesteckten Erwartungen einer Schar junger Postulantinnen und der
Vertreter von Stadt und Krankenhaus konfrontiert wurden? Der Empfang
im mit Blumen und Girlanden geschmückten Krankenhaus verlief sehr feier­
lich mit Ansprachen und einer Andacht in der Krankenhauskapelle. Die
Kandidatinnen trugen einen eigens für diesen Anlass von Domkapitular von
Schwäbl verfassten Willkommensgruß vor.
Am folgenden Tag kamen Bürgermeister von Mittermeier und Weih­
bischof von Streber zu Besuch, um die Schwestern willkommen zu heißen.
Einige Tage später wurden sie von Erzbischof Lothar Anselm von Gebsattel
(1821–1846), von Innenminister Ludwig von Oettingen-Wallerstein und
von der Witwe Max I. Joseph, Caroline von Baden, empfangen. In Caro­
line, der protestantischen Stiefmutter Ludwigs I., sollten die Barmherzigen
Schwestern eine ihrer wichtigsten Gönnerinnen finden.
König Ludwig I. allerdings war, als sich endlich sein Wunsch nach Gründung des Ordens in Bayern erfüllte, auf einer seiner vielen und ausgiebigen
Italienreisen, von der er erst im Juni zurückkehrte. Nachdem er den Sommer wie jedes Jahr in Bad Brückenau verbracht hatte, wurde es Herbst, bis
er Schwester Ignatia eine Audienz gewährte. Allerdings empfing er sie mit
ausgesprochener Herzlichkeit. Beim huldvollen Empfang begrüßte er als
gebürtiger Straßburger die Oberin aus dem Elsass als „liebe Landsmännin“,
eine Anrede, die er im Umgang mit ihr immer beibehalten sollte.
*
47
Kapitel 3
Gründungsjahre der
Kongregation in München
3.1. Reformen Schwester Ignatias
am Allgemeinen Krankenhaus
Voll Tatkraft nahm Schwester Ignatia bereits unmittelbar nach ihrer Ankunft
ihre Tätigkeit auf. Nach dem Vertrag vom Januar war sie als Oberin zuständig für die gesamte innere Verwaltung des Krankenhauses: „die Krankenpflege
in allen Abteilungen, die Aufsicht über alle im Hause befindlichen Personen mit
Ausnahme des ärztlichen Personals, ferner die Besorgung der Küche, der Vorratsräume und der Wäscherei“. 23
Nach einer sehr gründlichen Inventur übergab der Magistrat am 19. Mai
der neuen Oberin das gesamte Inventar des Hauses. Mit ihrem sehr ausgeprägten Sinn für das Praktische hatte sich diese inzwischen Überblick
verschafft, wo Veränderungen nötig waren und bereits am 19. März dem
Magistrat ihre ersten Verbesserungsvorschläge vorgelegt. In den folgenden
Wochen und Monaten setzte Schwester Ignatia Jorth nun mit einer außerordentlichen Zielstrebigkeit zahlreiche Reformen in ihren verschiedenen
Zuständigkeitsbereichen durch.
So sorgte sie durch die Anschaffung von mehr Geschirr dafür, dass alle
Säle gleichzeitig mit Essen versorgt werden konnten. Damit beseitigte
sie den bisherigen Missstand, dass viele Patienten nur noch kaltes Essen
bekamen. Gegen den Widerstand vieler Ärzte setzte sie durch, dass der so
genannte Erste Tisch abgeschafft wurde. Ärzte und Hausgeistliche hatten
ihr Essen vor den Patienten erhalten. Das hatte für viel Neid vonseiten der
Patienten gesorgt, die nicht zu Unrecht den Eindruck hatten, dass beim
Ersten Tisch besseres Essen serviert wurde. Mit dem gleichen Essen für alle
erreichte die Oberin, dass dieses Ärgernis beseitigt und zudem noch Geld
gespart wurde. In allem legte Schwester Ignatia großen Wert auf eine sparsame Haushaltsführung, beispielsweise durch einen rationelleren Lebens48
Gründungsjahre der Kongregation in München
mittelkauf als bisher. In den nächsten
beiden Jahren erreichte sie zudem
durch die Anschaffung eines neuartigen Ökonomieherdes Einsparungen
im Bereich der Heizkosten und Verbesserungen in der Warmwasserbereitung. Der neue Herd erleichterte
den Schwestern die Zubereitung
des Essens und auch die Sauberkeit
der Speisen konnte im Gegensatz zu
Werke der
dem vorher üblichen offenen HerdBarmherfeuer besser gewährleistet werden.
zigkeit, „Die
Kranken
Auch in einem anderen wichtigen
besuchen“
Aufgabenbereich, der Versorgung der
(Teil einer
Wäsche, sorgte die Oberin für VerGemäldebesserungen. Da sehr viel Wäsche
Serie im
gestohlen wurde, ließ sie die Wäsche
Mutterhaus)
des Krankenhauses kennzeichnen
und regelmäßig den Bestand kontrollieren. Wie im Straßburger Spital sollten die Schwestern neue Wäsche selbst herstellen. Matratzen und Polster
sollten unter ihrer Aufsicht und Mithilfe im Krankenhaus angefertigt und
ausgebessert werden. Eine Renovierung des Waschhauses im Garten des
Krankenhauses wurde für die nächsten Jahre geplant.
Da der Oberin nicht nur die Sauberkeit der Wäsche, sondern auch die
Hygiene der Patienten am Herzen lag, wurde die Badeanstalt durch den
Einbau weiterer Bäder und Duschen und die Installation von Warmwasserkesseln erweitert und modernisiert.
Um für ein größeres Wohlbefinden der Kranken zu sorgen, setzte sie
beim Magistrat die Umgestaltung der Krankensäle nach dem Vorbild des
Straßburger Bürgerspitals durch. Die kalten Steinfußböden ließ sie durch
wohnlichere Holzfußböden ersetzen. Da sie möglichst helle und freundliche Räume wollte, bestand sie auf der Entfernung der von F.X. Häberl
eingeführten Alkoven, den niedrigen Trennmauern zwischen je zwei Betten. Schon 1826 bei Einzug der Universität im Krankenhaus waren diese
Alkoven aus den klinischen Sälen, den für den Lehrbetrieb genutzten Sälen,
entfernt worden, da sie verhinderten, dass die Studenten an den Betten der
Patienten Platz hatten. Schwester Ignatia erreichte die Entfernung aus fast
allen weiteren Sälen. Nur in zwei Sälen verblieben sie noch länger.
Die Alkoven waren Schwester Ignatia auch aus Gründen der Hygiene
ein Dorn im Auge. Sie betrachtete sie als Brutstätte für Ungeziefer, wie die
in Krankenhäusern damals weit verbreiteten Wanzen. Diesem Ungeziefer
49
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
sagte sie regelrecht den Kampf an. Durch die verschiedenen Hygienemaßnahmen wie sorgfältige Reinigung der Wäsche und der Säle erreichte sie in
kürzester Zeit, dass das Krankenhaus wanzenfrei wurde. Schon bald konnte
sie es wagen, für jede noch gefundene Wanze einen Preis von 1 Gulden
auszusetzen.
Ihren Sinn fürs Praktische bewies Schwester Ignatia auch, als sie den
Grundstein für einen zunächst noch sehr kleinen landwirtschaftlichen
Betrieb des Ordens im Krankenhausgarten legte. Sie hatte auf eigene Kosten einen kleinen Holzstall für zwei Schweine bauen lassen, die mit den
Küchenabfällen des Krankenhauses gefüttert wurden. Mit dem Erlös aus
dem Verkauf der beiden Schweine bezahlte sie den Stall und schaffte eine
Kuh an. In einem Schreiben vom Oktober 1834 beantragte sie beim Magist­
rat, ihr für die Kuh im kommenden Jahr ein kleines Stück Wiese zur Verfügung zu stellen. Der Nutzen einer Kuh läge ja auf der Hand: „Düngen für
den Garten, Milch für das Haus“. 24 Nach und nach baute sie die Landwirtschaft weiter aus. So bestand die kleine Ökonomie bereits im Jahr 1837 aus
einem Kuhstall für 8 Kühe und drei Schweineställen für ca. 20 Schweine.
Um auch die Versorgung mit eigenem frischem Obst zu sichern, bat sie den
König persönlich um unentgeltliche Überlassung von Obstbäumen aus der
königlichen Baumschule für den Krankenhausgarten.
Im Bezug auf die Besucherregelung müssen am Krankenhaus für uns
heute kaum noch nachvollziehbare Zustände geherrscht haben. So sollen
täglich bis zu 500 Besucher ins Haus gekommen sein, von denen die wenigsten Angehörige besuchen wollten. Die meisten sollen aus reiner Neugier
und zum Zeitvertreib gekommen sein. So klagte Schwester Ignatia, „dass
man allgemein das Krankenhaus, das eine Wohltätigkeitsanstalt für die leidende
Menschheit sein soll, als einen Belustigungsort betrachtet, in den alles hineinstürmt,
um aus langer Weile sich die Zeit zu vertreiben“.25 Da sie diese Verhältnisse
als sehr belastend für die Patienten und die junge Schwesterngemeinschaft
empfand, sorgte Schwester Ignatia für den Erlass einer strengen Besucherregelung und achtete auf deren Einhaltung. Grundsätzlich bekamen nun auch
nur noch Angehörige von Patienten Zutritt zum Haus.
Auch in der Krankenpflege, dem wichtigsten Aufgabenbereich der
Schwestern, führte die neue Oberin gleich zu Beginn ihrer Tätigkeit wichtige Neuerungen ein, die die jungen Schwestern vor unnötiger Überbelastung schützen sollten. Dazu erließ sie eine neue Regelung für den Nachtdienst und setzte eine neue Dienstordnung für die Verordnungspraxis durch.
So sollten die Ärzte nicht mehr wie bisher zu allen Tages- und Nachtzeiten
ihre Verordnungen erlassen dürfen, sondern außer in begründeten Ausnahmefällen nur noch zu ganz bestimmten Tageszeiten. Eine weitere Maßnahme
im Pflegebereich wurde zum Schutz der Patienten vor Hausinfektionen vor50
Gründungsjahre der Kongregation in München
genommen. Patienten mit ansteckenden Krankheiten wurden von jenen der
medizinischen und chirurgischen Abteilung räumlich getrennt.
Erstaunlich schnell zeigten die Reformen der Oberin Schwester Ignatia
Jorth erste Erfolge, die durchaus von Magistrat und Öffentlichkeit erkannt
und anerkannt wurden. Mehr als offensichtlich waren die Verbesserungen in
Bezug auf Organisation, Pflege, Reinlichkeit und Versorgung der Patienten.
Durch kluge Haushaltung und weniger Ausgaben für das weltliche Personal
hatte die Oberin zudem Einsparungen in nicht unerheblicher Höhe erzielt,
was den Magistrat verständlicherweise besonders freute. Höchst erfreut stellte die Krankenhauskommission in ihrem Bericht vom 5. April 1833 fest,
dass die Schwestern für weniger Geld einen höheren Standard als das früher
eingesetzte weltliche Personal boten: „Die Schwestern haben die Besorgung der
Küche und des Kellers übernommen, ferner die Aufsicht über die Wäsche, und gehen
dabei mit der größtmöglichen Sparsamkeit zu Werke. Hierdurch wurde erreicht, dass
mit möglichst geringen Kosten die Kranken mit den bestmöglichen Speisen, die sie
genießen dürfen, versehen werden, dass keine Lebensmittel mehr aus dem Hause
geschleppt werden oder auf unzweckmäßige Weise verwendet werden. Auf die Erhaltung der Wäsche und des Leinenzeugs verwenden die Barmherzigen Schwestern die
größte Sorgfalt.“ 26
So ist es nicht verwunderlich, dass der Magistrat liebend gern das Angebot Schwester Ignatias annahm, ab dem 1. Oktober 1835 die Ökonomie
des Krankenhauses vollständig in Eigenregie zu führen. Statt der bisherigen monatlichen Abrechnung mit dem städtischen Magistrat sollten die
Schwestern nun gegen einen bestimmten jährlichen Festbetrag die gesamte
Ökonomie des Krankenhauses auf eigene Rechnung übernehmen, wie es
üblicherweise auch die Straßburger Schwestern in den von ihnen geführten Krankenhäusern handhabten. Der Vertrag zwischen Stadt und Orden
vom 4. September 1835 sah eine Kopfpauschale von 12 Kreuzern und
2 Pfennigen täglich für die Verpflegung der Kranken und des Personals vor.
Zum Personal wurden dabei nicht nur die Schwestern selbst, sondern auch
das sonstige weltliche Pflege- und Hauspersonal und die Hausgeistlichen
gerechnet. Im Etatjahr der Ökonomieübernahme waren dies fast 80 Personen, darunter bereits 42 Professschwestern und 10 Kandidatinnen der
Barmherzigen Schwestern. Bei der Verköstigung sollten sich die Schwestern
an die vom Magistrat vorgegebene Kostordnung halten. Eventuelle höhere
Kosten durch Abweichung von dieser Kostordnung hätte der Orden selbst
zu tragen. Für die Besorgung der Wäsche handelten die Schwestern eine
jährliche Vergütung von 900 Gulden, für die Reinigung des Hauses 250
Gulden und für die Beleuchtung des Hauses 1700 Gulden im Jahr aus. Der
Krankenhausgarten wurde den Schwestern unentgeltlich zur Benutzung
überlassen, wofür sie allerdings für die dort entstehenden Kosten, z. B. für
51
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
das benötigte Gartenpersonal, selbst aufkommen mussten. Über die Gartenerzeugnisse sollten die Schwestern frei verfügen können. Der Garten war
bisher für die Stadt immer ein Minusposten gewesen. Die Kosten für das
Gartenpersonal hatten den Ertrag aus den Gartenerzeugnissen immer überstiegen. Der Magistrat überließ deshalb den Schwestern liebend gern den
Garten zur Benutzung auf eigene Kosten. Die Oberin wiederum sah die
Vorteile, die die Gartenbenutzung bot. So konnte sie die bereits begonnene
kleine Landwirtschaft weiter ausbauen. Die Gartenerzeugnisse konnten für
die Küche des Krankenhauses sinnvoll verwendet werden.
Beide Vertragsparteien versprachen sich Vorteile von der neuen Regelung. Die Stadt sparte sich die monatliche Abrechnung und Kontrolle und
konnte nun mit den Ausgaben für das Krankenhaus als feste Größe im städtischen Haushalt leichter planen. Der Orden versprach sich noch weitere
Einsparungsmöglichkeiten durch die eigenverantwortliche Wirtschaftsführung. Schwester Ignatia listete in den Etatberichten der folgenden Jahre
genau auf, was der Magistrat durch das sparsame und effektive Haushalten
des Ordens an Ausgaben für das Krankenhaus sparte. Stadtmagistrat und
Krankenhausverwaltung zeigten sich sehr zufrieden mit dieser Entwicklung
und äußerten sich in der Folgezeit häufig öffentlich sehr anerkennend darüber, dass die Übernahme der Ökonomie durch die Barmherzigen Schwestern zu einer wesentlichen Verbesserung der früher immer sehr prekären
finanziellen Situation am Allgemeinen Krankenhaus geführt habe.
3.2. Geistliche Konsolidierung der jungen
Ordensgemeinschaft
Mindestens ebenso viel Aufmerksamkeit wie auf die Neuorganisation von
Hauswirtschaft und Pflege im Krankenhaus verwendete Schwester Ignatia
auf den Aufbau der neuen Ordensgemeinschaft. Nicht zuletzt war ja diese
die Voraussetzung für das Gelingen der Neuorganisation des Krankenhauses.
Zunächst kümmerte sich die neue Oberin um die äußeren Rahmenbedingungen. Da die Barmherzigen Schwestern noch kein eigenes Klostergebäude hatten, wollte die Oberin ihre Unterkunft im Krankenhaus zumindest etwas klösterlicher gestalten. Sie setzte durch, dass den Schwestern ein
zusammenhängender Komplex an Räumen zur Verfügung gestellt wurde.
Diesen Bereich ließ Schwester Ignatia zudem mit einem Gitter vom übrigen
Krankenhaus abtrennen und schuf somit eine Art klösterlicher Klausur.
Grundlage für das Zusammenleben der neuen Ordensgemeinschaft sollte die Regel der Straßburger Barmherzigen Schwestern sein. Unmittelbar
nach ihrer Ankunft hatte das Erzbischöfliche Ordinariat das bei ihm hinter52
Gründungsjahre der Kongregation in München
legte Exemplar der Straßburger
Regel der neuen Oberin übergeben. Gemäß dieser Regel
bat Schwester Ignatia Jorth den
Erzbischof, einen Superior für
den neuen Orden zu bestimmen. Dieser sollte die Oberin
in allen geschäftlichen und
geistlichen
Entscheidungen
beraten. Der Erzbischof kam
der Bitte nach und ernannte
am 25. April 1832 den Priester
Titelblatt des
Michael Rädlinger zum ersten
Exemplars
der StraßSuperior der Barmherzigen
burger Regel,
Schwestern in Bayern. Als diedie die
ser jedoch überraschend früh
Schwestern
im Alter von 46 Jahren im Juni
in München
1833 verstarb, trat der Hoferhielten
prediger Michael Hauber im
August 1833 seine Nachfolge an.
Bereits in den ersten Tagen nach ihrer Ankunft hatte Schwester Ignatia
mit der Prüfung der Kandidatinnen begonnen. Ihren strengen Auswahlkriterien hielt nur ein kleiner Teil der 46 Kandidatinnen stand. Viele wurden
entlassen, weil sie entweder schon zu alt waren oder den sonstigen Anforderungen nicht entsprachen. Von den noch verbliebenen Kandidatinnen
wählte Schwester Ignatia die 14 tüchtigsten, unter ihnen auch die beiden in
Straßburg ausgebildeten Kandidatinnen Susanna Balghuber und Marianna
Messerschmitt, für die erste Einkleidung aus.
Diese erste Einkleidung der Barmherzigen Schwestern in München
fand am 30. Mai 1832 in der Elisabethkirche des ehemaligen Elisabethspitals
statt. Diese Kirche wurde auch für die Einkleidungen der folgenden Jahre
gewählt, da die Hauskapelle des Krankenhauses wegen des regen Interesses, das die Öffentlichkeit an diesen Feierlichkeiten des Ordens nahm, viel
zu klein gewesen wäre. So kamen neben den Verwandten der Novizinnen
viele Neugierige, aber auch offizielle Vertreter von Stadt und Staat. Aus dem
Königshaus wohnte Prinzessin Mathilde, die älteste Tochter König Ludwigs
I., mit ihrem Hofstaat der Zeremonie bei.
Den Festgottesdienst zelebrierte der große Förderer der Barmherzigen
Schwestern, Weihbischof von Streber. Die Festpredigt hielt der berühmte
Prof. Dr. Ignaz Döllinger, damals noch Stiftspropst von St. Kajetan: „Große
Hoffnungen, werden auf euch, meine Schwestern, gesetzt! Ihr werdet, ihr dürfet diese
53
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
unsere Hoffnungen nicht täuschen! … Ganz Bayern blickt mit sehnsuchtsvoller
Erwartung auf euch. Schon hat sich in mehreren Städten der Wunsch ausgesprochen,
Filialen eures wohltätigen Ordens zu besitzen, und mit Gottes Hilfe wird er sich
denn auch über das ganze Königreich ausbreiten.“ 27
Die erste Einkleidung verlief sehr feierlich und viele der Anwesenden
waren sich sicher der Tatsache bewusst, dass sie einem historischen Moment
beiwohnten: der Grundsteinlegung des Ordens der Barmherzigen Schwestern vom hl.Vinzenz von Paul in Bayern.
Der Strom neuer Kandidatinnen, die in den Orden aufgenommen werden wollten, riss nicht ab. Bereits am Ende des Jahres bestand die Gemeinschaft wieder aus über 30 Kandidatinnen, von denen am 3. Februar 1833
12 eingekleidet wurden. Diese zweite Einkleidungsfeier fand noch mehr
Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Beim Volk war das Interesse derart
groß, dass Eintrittskarten ausgegeben werden mussten. Auch das Königshaus
zeigte durch die Anwesenheit von Königin Therese, der früheren Königin
Caroline und zweier Prinzessinnen große Anteilnahme am neuen Orden.
Bereits im Sommer 1833 durften die Novizinnen der ersten Einkleidung
die zeitlichen Gelübde ablegen. Wegen des langen und erschwerten Postulats wurde die Noviziatszeit abgekürzt. Allerdings waren es nur noch 12
Novizinnen. Zwei waren im Februar 1833 entlassen worden. Bei einer von
ihnen handelte es sich um Marianne Messerschmitt, seit ihrer Einkleidung
Schwester M. Theresia. Auf sie, die schon als Kandidatin in Straßburg war
und sich danach als Leiterin der Kandidatinnen am Krankenhaus schon sehr
bewährt hatte, hatten die Ordensoberen große Hoffnung gesetzt. Anscheinend war es Schwester Theresia jedoch sehr schwer gefallen, sich der strenListe der ersten 14 Novizinnen
Die Namen der für die erste Einkleidung ausgewählten Jungfrauen waren:
Jungfrau Susanne Balghuber – Schwester M. Vinzentia
Jungfrau Marianne Messerschmitt – Schwester M. Theresia
Jungfrau Anna Maria Stanglmeier – Schwester M. Benonia
Jungfrau Margaretha Gröber – Schwester M. Anselma
Jungfrau Ursula Stelzer – Schwester M. Corbiniana
Jungfrau Barbara Praßer – Schwester M. Johanna
Jungfrau Katharina Sprengel – Schwester M. Ludovika
Jungfrau Anna Maria Messerschmidt – Schwester M. Martha
Jungfrau Gertraud Sturm – Schwester M. Xaveria
Jungfrau Katharina Aman – Schwester M. Magdalena
Jungfrau Theresia Klingseisen – Schwester M. Josepha
Jungfrau Maria Berger – Schwester M. Mechtild
Jungfrau Elisabeth Niedermaier – Schwester M. Michaela
Jungfrau Genoveva Huber – Schwester M. Mathilde
54
Gründungsjahre der Kongregation in München
Die Einkleidungen
fanden 1832
bis 1839 in
der Elisabethkirche
statt (Holzschnitt aus
der Leipziger
Illustrierten
von 1846).
gen Disziplin Schwester Ignatias unterzuordnen. Sie, die sich schon Hoffnungen gemacht haben mag, selbst Oberin zu werden, hatte offensichtlich
Schwierigkeiten, in die zweite Reihe zurückzutreten.
Obwohl Schwester Ignatia viele Kandidatinnen ablehnte und nach Hause
schickte, gab es keine Nachwuchsprobleme, was die Zahl der Kandidatinnen
anging. Allerdings machte sich Schwester Ignatia, wie einem Brief an ihre
Generaloberin im Juni 1832 zu entnehmen ist, Sorgen wegen der Qualität
der Kandidatinnen. Eine der üblichen Voraussetzungen, bei den Barmherzigen Schwestern aufgenommen zu werden, war ein gewisses Maß an Bildung. Dies war anscheinend in Frankreich kein Problem gewesen. Anders
sah es hier in Bayern aus, wo die meisten Kandidatinnen, die um Aufnahme
„Waschhausprobe“ für Kandidatinnen aus Liebeskummer
Schwester Ignatia achtete sehr genau
auf die Auswahl der Kandidatinnen.
Dass sie dabei sehr erfolgreich war,
zeigt die Tatsache, dass von den 189
Kandidatinnen, die von ihr ins Noviziat
aufgenommen wurden, nur eine einzige als Novizin und drei nach Ablegung
der Profess entlassen werden mussten.
Zur Auswahl der Kandidatinnen gehörte
für Schwester Ignatia auch, dass sie
ihnen von Anfang an nichts vormachte
und die Härten, die das Ordensleben
und der Krankendienst mit sich bringen, nicht beschönigte. Um denjeni-
gen, die sich aus falschen Motiven um
die Aufnahme bemühten, möglichst
schnell klar zu machen, dass sie nicht
aus wahrer Berufung handelten, hatte
sie sich einen besonderen Härtetest
ausgedacht: „Da kommen viele, die
eine unglückliche Liebe gehabt haben
und meinen, nun wollen sie Barmherzige Schwester werden. Aber da schicke
ich sie nur ins Waschhaus, um die ekelhafte Wäsche der Kranken zu waschen.
Die meisten wollen noch am ersten Tage
wieder fort; aber wenn eine das aushält,
bei der ist es echt!“ 28
55
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
baten, vom Land kamen. Der Großteil der Landbevölkerung Bayerns kam
damals jedoch noch nicht in den Genuss einer ausreichenden Schulbildung.
Ignatia erkannte, dass sie im rückständigen Bayern ihre Ansprüche etwas
reduzieren musste: „Diese bayrischen Mädchen, die vom Lande kommen, haben
viele Mühe, etwas zu begreifen. Aber wir sind zufrieden, wenn sie ihre tiefreligiöse
Gesinnung behalten und als Schwestern dem nachkommen, was die heilige Regel
von ihnen fordert. Der liebe Gott gibt dann schon seinen Segen dazu.“ 29
Dennoch war sie um jede Kandidatin froh, die etwas lesen, schreiben
und rechnen konnte. Die Ausbildung der Postulantinnen und Novizinnen
umfasste deshalb neben der spirituellen Unterweisung und der Anleitung
in der Krankenpflege auch Lese-, Schreib- und Rechenunterricht. Die
Unterweisung des Ordensnachwuchses sollten die Novizenmeisterin und
der Beichtvater der Schwestern übernehmen.
Schwester Ignatia bemühte sich deshalb darum, für ihren Orden einen
eigenen Beichtvater zu erhalten. Als Beichtväter waren den Schwestern
zunächst die beiden Krankenhauskapläne zugeteilt worden, die jedoch schon
mit den Krankenhauspatienten ausgelastet waren. Groß war deshalb die
Freude der Schwestern, als ihnen im Juli 1833 Dr. Anton Holzschneller als
eigener Beichtvater zugeteilt wurde. Als dieser schon im April 1835 überraschend starb, empfahl ihr großer Gönner Schwäbl, inzwischen Bischof von
Regensburg, den Schwestern den Präses der Marianischen Kongregation,
Michael Sintzel, als Nachfolger. Sintzel war mit seinen knapp 30 Jahren
noch sehr jung, galt aber als sehr fromm. Er hatte sich mit der Veröffentlichung zahlreicher Andachts- und Gebetsbücher einen Namen gemacht.
Die Nachfrage nach dieser Art von religiöser Literatur war damals in Bayern
sehr groß, da seit der Zeit der Säkularisation Gebets- und Andachtsübungen
ganz ungewohnt waren. So hatte Schwester Ignatia noch 1835 größte Mühe
gehabt, einen Priester für die Exerzitien der Schwestern zu finden: „Nicht
einmal der Beichtvater der Servitinnen weiß, wie man Exerzitien hält. Wir richten
die Exerzitien stets auf acht bis zehn Tage ein. Aber denken Sie, wir müssen den
Herren meist sagen, wie es gemacht und gehalten werden muß, da ihnen das alles
fremd ist.“ 30
In dieser Situation sahen die Schwestern es als großes Glück an, einen
Beichtvater wie Sintzel zu erhalten, der nicht nur die nötigen Kenntnisse
und Erfahrungen mit geistlichen Übungen hatte, sondern sogar als ausgesprochener Fachmann auf diesem Gebiet galt. Allerdings erwies sich Sintzel
bald als nicht ganz unproblematisch. Wegen seiner Tätigkeit als Schriftsteller
scheint er zeitweise seine Arbeit bei den Schwestern vernachlässigt zu haben,
so dass er vom Ordinariat ermahnt werden musste, den Kandidatinnen mindestens 4 Stunden Unterricht in der Woche zu erteilen. Zudem hatte Sintzel mit seinem Hang zur Mystik immer mehr und längere außerordent56
Gründungsjahre der Kongregation in München
liche Andachten eingeführt, die schließlich zu einer übermäßigen Belastung
für die durch den anstrengenden Krankendienst ohnehin stark geforderten
Schwestern wurden. Auch hier mussten Ordinariat und Oberin gegensteuern. Die Neigung Sintzels zu übertriebener Mystik und Askese widersprach
der Auffassung Schwester Ignatias von gesunder Frömmigkeit. Sie verstand
es jedoch, ihren Beichtvater, den sie trotz allem sehr schätzte, immer wieder
zu „erden“.
Bei der Gestaltung des geistlichen Lebens der Gemeinschaft orientierte
sich Schwester Ignatia ganz bewusst an der bewährten, im Mutterhaus in
Straßburg gepflegten Tradition. Stets achtete sie darauf, dass die im Mutterhaus üblichen geistlichen Übungen und Gebete auch in der neuen Gemeinschaft in München gewissenhaft praktiziert wurden. Superior Hauber ließ
deshalb für die Münchner Schwestern die Gebets- und Betrachtungsbücher
drucken, die auch im Straßburger Mutterhaus in Gebrauch waren. Auch
die traditionelle Verehrung des hl. Vinzenz von Paul durch die Straßburger
Barmherzigen Schwestern führte Schwester Ignatia für den neuen Orden in
München ein. So hatte Schwester Ignatia bald nach ihrer Ankunft 13 Bilder
vom Leben des Heiligen von Straßburg nach München kommen und schön
gerahmt im Refektorium aufhängen lassen. Auch die Tradition des alljährlichen Vinzenzfestes übernahmen die Münchner Schwestern.
Die Grundlagen für die neue Ordensgemeinschaft waren gelegt, aber es
war mehr als fraglich, ob der ursprünglich im Vertrag von 1832 vorgesehene
dreijährige Aufenthalt der beiden Straßburger Schwestern ausreichen würde,
den Orden in Bayern so weit zu festigen, dass sie beruhigt nach Straßburg
zurückkehren könnten. Die Befürchtung, die positive Weiterentwicklung, ja
der Bestand des Ordens könne bei der vorzeitigen Rückkehr der Straßburger Schwestern gefährdet sein, veranlasste den damaligen Beichtvater der
Schwestern, Holzschneller, den Magistrat bereits im Juni 1834 zu drängen,
sich um eine Aufenthaltsverlängerung für Schwester Ignatia und Schwester Apollonia zu kümmern. Umgehend beantragte der Magistrat daraufhin in Straßburg die Verlängerung des Vertrags. Die erstaunlich schnelle
Reaktion des Magistrats zeigt, wie sehr man in München inzwischen den
neuen Orden zu schätzen gelernt hat. Die Straßburger Generaloberin, die
ihre Schwestern nur allzu gern wieder in Straßburg gesehen hätte, holte
zunächst die Meinung der Münchner Oberin ein. Schwester Ignatia bestätigte ihrer Generaloberin, dass das ganze Unternehmen durch ihre und
Schwester Apollonias vorzeitige Rückkehr gefährdet sein könnte, da noch
keine der Kandidatinnen reif sei für die Nachfolge als Oberin. Derart von
der Notwendigkeit überzeugt, stimmte Generaloberin Schwester Vinzenz
Sultzer der Aufenthaltsverlängerung zu. Von ihrer Entscheidung verständigte das Münchner Ordinariat den Magistrat in einem Brief vom 5. August
57
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
1834: „Die Achtung und huldvolle Gewogenheit, mit denen man die von hier aus
geschickten Schwestern aufgenommen und seither behandelt hat, macht, dass die
Frau Oberin von Straßburg mit Freude diese Gelegenheit benützt, den Freunden
und Gönnern des Institutes in München dadurch ihre Dankbarkeit zu bezeigen.
Die beiden Schwestern können also … noch bleiben und an dem guten Werke, welches sie angefangen, fortarbeiten.“ 31
3.3. Kampf um die Genehmigung der Statuten
Superior
Michael
Hauber
(Gemälde im
Mutterhaus)
58
Schwester Ignatia wusste, dass es für die endgültige Etablierung ihres Ordens
in Bayern unabdingbar sein würde, eine offizielle kirchliche und staatliche
Genehmigung der Ordensstatuten zu erhalten. Der neue Superior Michael
Hauber sah dies ebenso und machte sich schon kurz nach seinem Amtsantritt daran, Statuten zu entwerfen. Sie sollten sich weitgehend auf die
Straßburger Regel stützen, gleichzeitig aber die besondere Lage in Bayern
und München berücksichtigen. In Zusammenarbeit mit dem Straßburger
Superior Thomas arbeitete Superior Hauber einen Entwurf aus, den er am
1. Juni 1834 dem Münchner Ordinariat zur Genehmigung vorlegte. Die
Bestätigung der Statuten durch das Ordinariat erfolgte bereits am 10. Juni
1834, womit der neue Orden seine offizielle kirchenrechtliche Anerkennung erhielt.
Das staatliche Genehmigungsverfahren sollte sich als weitaus schwieriger
erweisen. Die Regierung nahm sich viel Zeit, die Statuten dahingehend zu
überprüfen, ob sie mit der bayerischen Klostergesetzgebung übereinstimmten. Diese war jedoch
sehr restriktiv und darauf ausgelegt, die staatliche Oberaufsicht
über alle Orden zu garantieren.
Dementsprechend abgeändert und
ergänzt, wurden die Statuten dem
Orden am 10. April 1835 zurückgeschickt. Schwester Ignatia und
der Superior waren entsetzt. Die
abgeänderte Fassung hätte dem
Staat das Recht zugebilligt, massiv
in die internen Angelegenheiten
einzugreifen. So bestand der Staat
auf einem Mitspracherecht bei der
Auswahl der Kandidatinnen und
Gründungsjahre der Kongregation in München
der endgültigen Aufnahme in den Orden. Außerdem beanspruchte er die
Oberaufsicht über das gesamte Vermögen des Ordens.
Aus Sicht der Regierung waren die Änderungen durchaus berechtigt,
da sie der geltenden Klostergesetzgebung entsprachen. Schwester Ignatia dagegen empfand sie als ungeheuren Affront. War doch dem Mutterhaus in Straßburg in den Verträgen mehrfach zugesichert worden, dass die
Schwestern in München nach den Regeln der Barmherzigen Schwestern in
Straßburg leben könnten. Nachdem der Regierungspräsident ihren Protest
lapidar mit dem Hinweis auf die geltende Gesetzgebung abgewiesen hatte,
entschloss sich Schwester Ignatia, sich mit einer Eingabe an den König persönlich zu wenden.
Die Eingabe vom 24. April 1835 zeugt von einer sehr klugen Argumentationsführung. Gegen die Oberaufsicht des Staates führte sie an, die
Schwestern seien schon durch die Krankenhauskommission des Magistrats
und die Krankenhausdirektion von staatlicher Seite genügend kontrolliert.
Die kirchliche Kontrolle sei durch den Superior und die Oberaufsicht des
Bischofs gewährleistet. Voll Entrüstung über das bayerische Vorgehen wies
sie daraufhin, dass in Frankreich die Unabhängigkeit des Ordens von den
Regierenden zu allen Zeiten respektiert worden sei, selbst während der
Revolution und unter Napoleon. Sollte diese Unabhängigkeit in Bayern
nicht garantiert werden, wolle sie lieber wieder nach Frankreich zurückkehren. Das stichhaltigste Argument, das Schwester Ignatia anbrachte, war
jedoch der Hinweis darauf, dass der Orden der Barmherzigen Schwestern
als vinzentinische Gemeinschaft kein Orden im herkömmlichen Sinne sei,
demnach also auch nicht unter die Klostergesetzgebung falle: „Obige allerhöchste Verordnung, die durchaus für Nonnenklöster berechtigt, kann auf das Institut der barmherzigen Schwestern nicht angewendet werden, da dieser Orden keine
klösterliche Verfassung hat, sondern ein Verein katholischer Jungfrauen ist, die sich
aus höheren Beweggründen dazu verstehen, nach gewissen Satzungen in Gemeinschaft unter einer Oberin zu leben, um sich aus Liebe zu Jesus dem Dienste der
Armen und Kranken zu widmen, mit dem Vorbehalte, dass sie jederzeit frei und
ungehindert austreten, und dass sie ebenso von den Oberen, wenn diese wichtige
Gründe haben, entlassen werden können… Der Orden fordert zur Entwicklung
seiner Tätigkeit möglichst freie Bewegung.“ 32
Durch die Eingabe erst auf die kritische Situation aufmerksam geworden,
machte der über das Vorgehen seiner Ministerialbürokratie empörte König
seinen Räten klar, wie viel ihm am Fortbestehen des Ordens in Bayern
lag: „Das will ich nicht, das will ich nicht, man soll die Schwestern machen lassen,
wie sie es in Frankreich gewohnt waren, sonst gehen sie mir fort, und das ist doch
mein liebster Orden in ganz Bayern. Quälen Sie sie nicht, sonst verlieren sie den
Mut!“ 33
59
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Um zu verhindern, dass die Schwestern mit ihrer Drohung, nach Frankreich zurückzukehren, ernst machten, setzte er sich in seiner bekannt autokratischen Regierungsweise mit einem Federstrich über die Gesetzgebung
hinweg. Als Ausweg diente ihm dabei das Argument Schwester Ignatias, der
Orden sei kein Orden im herkömmlichen Sinne, stünde somit außerhalb
der Klostergesetzgebung. So genehmigte der König in einem Reskript vom
30. Mai 1835 die Statuten der Barmherzigen Schwestern in der von ihnen
gewünschten Form und begründete die Umgehung der geltenden Klostergesetzgebung mit der Sonderstellung dieses Ordens: „1) Der Orden der
barmherzigen Schwestern nach der Regel des heiligen Vinzenz von Paul soll in
Bayern als eine zunächst für die Krankenpflege in öffentlichen Kranken-Anstalten bestimmte religiöse Genossenschaft, jedoch ohne klösterliche Verfassung bestehen.
2) Die Mitglieder desselben legen daher nur einfache, jährlich zu erneuernde Gelübde ab, und können, wenn sie diese nicht erneuern wollen, aus dem Orden freiwillig
und ungehindert wieder austreten, oder von den Ordensobern aus hinreichenden
Ursachen entlassen werden.“ 34
Die genehmigten Statuten bestimmten die Münchner Niederlassung
zum Mutterhaus für Bayern und berechtigten dieses zur Gründung von
Filialen in weiteren bayerischen Städten. Der König behielt sich allerdings
vor, ein weiteres Mutterhaus, angedacht war Würzburg, in Bayern zuzulassen. Als Oberin des Münchner Mutterhauses wurde Schwester Ignatia als
Generaloberin für ganz Bayern betrachtet. Zwei Assistenzschwestern sollten die Generaloberin unterstützen. Dazu wurden die Novizenmeisterin
Schwester Apollonia und Schwester Xaveria Sturm bestimmt.
Mit dem königlichen Reskript vom 30. Mai 1835 bekamen die Barmherzigen Schwestern die landesherrliche Zulassung als geistliche Gemeinschaft in Bayern und wurden zu einer Körperschaft des öffentlichen Rechts.
Somit war ein entscheidender Schritt getan: die rechtliche Existenzgrundlage der neuen Ordensgemeinschaft war gesichert.
3.4. Erste grosse Bewährungsprobe:
Choleraepidemie 1836/37
Schwester Ignatia führte die Ordensgemeinschaft streng, aber liebevoll. Stets
war sie um Wohlergehen und Gesundheit ihrer Schwestern besorgt. So hielt
sie sie immer dazu an, ausreichend zu essen. Nichts unterließ sie, von dem sie
hoffte, es würde der Gesundheit der Schwestern förderlich sein. So schaffte
sie beispielsweise eine eigene Ziege für den Orden an, weil sie beobachtet
hatte, dass Ziegenmilch der hustenden Schwester Apollonia Erleichterung
verschafft hatte.
60
Gründungsjahre der Kongregation in München
Umso mehr litt Schwester Ignatia darunter, dass trotz all ihrer Fürsorge immer wieder Schwestern erkrankten und nicht wenige davon starben:
„Der liebe Gott prüft uns recht hart. Allezeit haben wir Kranke. Kaum dass eine das
Krankenzimmer verlässt oder stirbt, so kommt wieder eine andere, die schwer krank
wird.“ 35 Als die Münchner Generaloberin dies im Mai 1835 an die Straßburger Generaloberin schrieb, wusste sie noch nicht, dass bald noch eine
weit härtere Bewährungsprobe auf die junge Ordensgemeinschaft zukommen sollte.
Cholera, eine Brechdurchfallerkrankung, die schon seit Jahrhunderten
in Indien bekannt war, begann sich von dort aus seit 1817 epidemieartig zu
verbreiten. Europa erreichte die Seuche erstmals 1830/31. Die erste Choleraepidemie in Deutschland im Jahr 1831 verschonte Bayern. Nun aber, im
Jahr 1836, ergriff die Seuche, wahrscheinlich von Oberitalien ausgehend,
auch Bayern. Die ersten Fälle gab es in Mittenwald und Altötting. Schon
kurze Zeit später, am 11. August, wurde im Allgemeinen Krankenhaus in
München der erste Cholerapatient eingeliefert. Die Münchner Bevölkerung nahm die vereinzelten Cholerafälle der nächsten Monate recht gelassen zur Kenntnis und feierte wie immer ausgelassen das Oktoberfest. Unruhe breitete sich erst aus, als ab Ende Oktober die Cholera epidemieartige
Züge annahm. Das besonnene Handeln der Regierung jedoch trug dazu
bei, Panik zu verhindern. Um das Volk zu beruhigen, blieb Ludwig I. ganz
bewusst mit seinem Hof in München und erließ effiziente Maßnahmen
zur Bekämpfung der Seuche. So sorgten über die Stadt verteilte Suppenküchen für eine ausreichende Ernährung der Armen, eine Maßnahme, die
als Vorbeugung gegen die Krankheit dienen sollte. Zur schnelleren und
besseren medizinischen Versorgung wurden ambulante Krankenstationen
in den einzelnen Stadtvierteln aufgebaut und zwei Notkrankenhäuser in
der Max- und der Annavorstadt eingerichtet. Die Hauptlast der medizinischen Versorgung lag dennoch beim Allgemeinen Krankenhaus und somit
zu einem guten Teil bei den dort pflegenden Barmherzigen Schwestern. In
den Monaten zwischen Oktober 1836 und Januar 1837, als die Cholera
ihren Höhepunkt erreichte, wurden im Krankenhaus bis zu 53 statt der
sonst etwa 14 Patienten täglich eingeliefert. Hinzu kam, dass es innerhalb
des Krankenhauses zu Hausinfektionen kam. Patienten, die sich von anderen Krankheiten erholen mussten, waren besonders anfällig und steckten
sich reihenweise an. Die Barmherzigen Schwestern waren Tag und Nacht
im Einsatz und bemühten sich um die Kranken, teilweise bis zur völligen
Erschöpfung. Trotzdem konnten sie nicht verhindern, dass sehr viele ihrer
Patienten starben. Im Krankenhaus wurden nach dem offiziellen Cholerabericht des Münchner Polizeiarztes Kopp insgesamt 320 Cholerakranke
behandelt, wovon 149 starben.36
61
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Eine jung verstorbene
Barmherzige Schwester (Lithographie „So
stirbt die Unschuld und
Liebe“, vermutlich von
Leopold Völlinger, eventuell aus der Zeit der
ersten Choleraepidemie
in München, EAM)
Nicht nur die sehr hohe Zahl der Erkrankten, sondern vor allem auch
die bei dieser Krankheit erforderliche intensive Pflege belastete die Barmherzigen Schwestern sehr. Sie waren fast rund um die Uhr im Einsatz und
gönnten sich kaum Ruhe. Es war nicht verwunderlich, dass sie bei dem
engen Kontakt mit den Cholerakranken und ihrer körperlichen Erschöpfung ebenfalls Opfer der Seuche wurden. Ein großer Teil der Schwestern
erkrankte. Zeitweise waren zehn Schwestern gleichzeitig krank, was eine
dementsprechend höhere Belastung für die übrigen Schwestern bedeutete.
Die Seuche forderte von der Ordensgemeinschaft einen furchtbaren Tribut:
Innerhalb von nur fünf Wochen starben fünf der jungen Schwestern. Das
erste Opfer war Schwester Xaveria Sturm, die Assistenzschwester der Generaloberin, eine der Novizinnen der ersten Einkleidung 1832. Dieser Verlust
schmerzte Schwester Ignatia in besonderem Maße, hatte sie doch gerade
in diese Schwester größte Hoffnungen gesetzt. Durch ihre liebevolle und
geduldige Art war sie sehr beliebt gewesen.Weitere fünf Schwestern blieben
nach ihrer Infizierung chronisch krank. Eine davon, Schwester Corbiniana
Stelzer, ebenfalls eine der ersten Novizinnen von 1832, starb im April 1837
an den Folgen der Cholera.
Im Januar 1837 war die Cholera endlich abgeflaut, im Februar schon fast
überstanden, offizielles Ende aber war erst der 1. März. Bevor die Schwestern
jedoch aufatmen und sich etwas erholen konnten, schlug die nächste Epidemie zu. Im eiskalten und schneereichen März 1837 breitete sich eine Grippewelle in München aus. In ihrem ohnehin schon geschwächten Zustand
erkrankten alle Schwestern. Die Generaloberin erlitt, da sie sich keine Schonung gönnte, zweimal einen Rückfall. Zur großen Erleichterung aller forderte die Grippe jedoch kein Todesopfer unter der Schwesternschaft.
Während der Choleraepidemie war die Zahl junger Frauen, die um Aufnahme baten, nicht zurückgegangen. Ganz im Gegenteil, gerade in dieser
schweren Zeit der ersten großen Bewährungsprobe, als offensichtlich wurde,
wie hart, ja lebensgefährlich der Beruf einer Barmherzigen Schwester war,
stieg die Zahl der Kandidatinnen weiter an. Der Heldenmut der Schwestern
scheint eine unvorstellbar große Faszination auf gläubige junge Frauen aus62
Gründungsjahre der Kongregation in München
geübt zu haben, ihrem Beispiel zu folgen, ihr ganzes Leben aus christlicher
Nächstenliebe in den Dienst kranker Menschen zu stellen, bis hin zu der
Konsequenz des eigenen sehr frühen Todes.
Der Andrang neuer Kandidatinnen war so groß, dass in kurzer Zeit der
Verlust der durch die Cholera gestorbenen Schwestern zahlenmäßig ausgeglichen war. Ja, Schwester Ignatia musste weitere Kandidatinnen schweren
Herzens abweisen, da in der beengten Klosterklausur im Krankenhaus kein
Platz mehr war. So wurde es unumgänglich, die während der Seuchenmonate auf Eis gelegten Pläne für einen Klosterbau wieder aufzugreifen.
3.5. Ein eigenes Mutterhaus für die Schwestern
Schon von Anfang an war allen Beteiligten klar, dass die Unterbringung
der Schwestern im Krankenhaus nur eine Notlösung sein konnte. Für
die wachsende Ordensgemeinschaft wurden die zur Verfügung gestellten
Räume bald zu klein. Zudem benötigte das Krankenhaus die von den
Schwestern belegten Krankensäle für seine Patienten. Schon im Juni 1833
schrieb Schwester Ignatia nach Straßburg: „Man spricht viel davon, ein Kloster
zu bauen samt einer schönen Kirche, und man hofft, der König werde etwas dazu
beitragen.“ 37
Gerade dieVertreter des Krankenhauses erkannten, dass es im Interesse des
Krankenhauses war, die Zukunft des Ordens durch den Bau eines eigenen
Mutterhauses und durch die Regelung des Unterhalts für die Schwestern
zu sichern. So bedauert der Oberarzt von Walther, inzwischen überzeugt
von der Qualität der Pflege durch die Schwestern, in seiner Abhandlung
über die Situation am Allgemeinen Krankenhaus im Jahr 1835: „Leider aber
fehlt es diesem wohltätigen Orden an einem Kloster … an einer Klosterkirche, an
einem eigenen Fonds zur Kleidung, Beköstigung und anderweitigen Versorgung
der Schwestern und ihrer geistlichen Oberin.“ 38 Außerdem befürchtete er eine
Gesundheitsgefährdung: Die teilweise noch sehr jungen Schwestern würden sich leicht anstecken, manche seien sogar noch anfällig für Kinderkrankheiten und die Sterblichkeit sei erschreckend hoch. Bei der Cholera­
epidemie sollte sich zeigen, wie Recht von Walther mit seiner Einschätzung
der Gesundheitsgefährdung der Schwestern gehabt hatte.
Nachdem für den Orden durch die staatliche Anerkennung und die
Übernahme der gesamten Ökonomie am Münchner Krankenhaus die
Weichen Richtung Zukunft gestellt worden waren, beantragte Superior
Michael Hauber offiziell beim König den Bau eines eigenen Mutterhauses
zur Unterbringung von 100 Schwestern.39 Bei Ludwig I. stieß er mit dieser Eingabe auf offene Ohren. Ludwigs Ziel war nach wie vor, möglichst
63
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
viele bayerische Krankenhäuser mit Barmherzigen Schwestern zu versorgen.
Auch dem König war klar, dass der Orden dafür ein geräumiges Mutterhaus
benötigte, in dem mehr Kandidatinnen aufgenommen und ausgebildet werden könnten, als für den Bedarf im Allgemeinen Krankenhaus nötig waren.
Im Krankenhaus hatte man mit Mühe und Not bisher nur die 50 Schwestern unterbringen können, die man im Haus selbst brauchte.
Ohne zu zögern bewilligte der König deshalb den Antrag des Superiors.
Allerdings war damit der Bau noch nicht gesichert, da der Antrag nun erst
durch die Mühlen der bayerischen Bürokratie musste. Wie immer ging es
vor allem um die Frage der Finanzierung. Nach dem Willen des Königs
sollten sich sowohl die Stadt als auch der Staat an den Baukosten beteiligen.
Einig waren sich alle Beteiligten nur darüber, dass der Neubau in unmittelbarer Nähe des Allgemeinen Krankenhauses entstehen sollte. Nach einer
Idee des Königs sollte er aus Rücksicht auf die dort eingesetzten Schwestern
mit dem Krankenhaus durch einen überdachten Verbindungsgang verbunden werden. Das Bewilligungsverfahren zog sich lange hin, sodass Schwester Ignatia am 5. August nach Straßburg meldete, man habe mit dem Bau
immer noch nicht beginnen können: „In Bayern geht halt alles langsam. Gut’
Ding will eben Weile haben.“ 40
Endlich, am 17. August 1836, erfolgte die endgültige Bewilligung durch
den König. Zur Finanzierung des Baus, dessen Kosten von den Behörden auf etwa 106.000 bis 110.000 Gulden veranschlagt waren, stellte der
König einen Zuschuss von 20.000 Gulden vonseiten der Stadt München
und 50.000 Gulden vonseiten der Regierung in Aussicht. Aus seiner eigenen Privatschatulle versprach er, 10.000 Gulden zuzuschießen. Den Rest
müsse der Orden selbst aufbringen. Allerdings genehmigte er dem Orden
die Durchführung einer öffentlichen Sammlung.
Der am 6. Oktober 1836 von Generaloberin und Superior veröffentlichte Spendenaufruf fand große Resonanz. So kamen über 16.000 Gulden
an Spenden zusammen. Davon stammte der größte Teil, nämlich ungefähr
12.000 Gulden, von hochgestellten Persönlichkeiten, größtenteils aus dem
bayerischen Königshaus. Aber auch das einfache Volk beteiligte sich rege im
Rahmen seiner Möglichkeiten an der Spendenaktion. Mit diesen Spendengeldern und den vom König in Aussicht gestellten Zuschüssen von Stadt
und Staat schien die Finanzierung weitgehend gesichert. Da der Stadtma­
gistrat die Bewilligung des städtischen Zuschusses davon abhängig gemacht
hatte, dass der Orden selbst als Bauherr auftrat, übernahm Superior Hauber
als Vertreter des Ordens diese Funktion.
Er handelte mit dem Stadtmaurermeister Höchl aus, dass dieser für eine
Pauschalsumme von 100.000 Gulden den Bau erstellen sollte, die der Orden
in neun Raten abzuzahlen hätte. Acht Raten zu je 10.000 fl. waren nach
64
Gründungsjahre der Kongregation in München
Mutterhaus und
Medizinische Klinik
(früher Allgemeines
Krankenhaus), Luftbild ca. 1970
jeweils bestimmten Bauabschnitten zu bezahlen. Die neunte und letzte Rate
sollte bei Fertigstellung in Höhe von 20.000 fl. fällig werden.
Der König entschied sich Ende Oktober 1836, dass der Bau nach den
Plänen des Hofarchitekten Friedrich von Gärtner ausgeführt werden sollte.
Ziel Gärtners war es vor allem, dass sich das neue Kloster harmonisch an den
Bau des Allgemeinen Krankenhauses anfügte, dessen Architekt sein Lehrer
von Fischer war. Der Abstand des Klosters zum Krankenhaus musste so groß
sein, dass den Krankensälen kein Licht durch das neue Gebäude genommen
wurde. Der rechteckige Baublock des Mutterhauses sollte in Verlängerung
der Südachse des Krankenhauses entstehen. Geplant war ein dreigeschossiger Bau, dessen vier Flügel einen Innenhof umschließen sollten. An der
Westseite sollte die Mutterhauskirche als einschiffige Saalkirche mit einer
gerundeten Apsis nach Westen entstehen. Eine zweigeschossige Empore
an der Rückwand sollte Platz für die wachsende Schwestern­gemeinschaft
bieten.
Als die Choleraepidemie endlich am Abklingen war, erfolgte Mitte Februar 1837 der erste Spatenstich und die Grabarbeiten für die Fundamente
begannen. Schon am 13. Mai 1837 konnte die Grundsteinlegung gefeiert
werden. Auf Wunsch des Königs erfolgte sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit, was aber der Feierlichkeit keinen Abbruch tat. In Anwesenheit von
Vertretern der Stadt, der Geistlichkeit und des Krankenhauses legten Superior und Generaloberin nach den vorgeschriebenen Gebeten den vom Architekten und königlichen Oberbaurat Prof. Friedrich von Gärtner gespendeten Grundstein.
Der Bau wurde zügig vorangetrieben, obwohl seine Finanzierung, wie
sich bald herausstellte, noch nicht endgültig gesichert war. Die Landstände
hatten den vom König in Aussicht gestellten staatlichen Bauzuschuss von
65
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
50.000 Gulden noch nicht genehmigt. Dies war auch der Grund, warum
der König bei der Grundsteinlegung möglichst wenig öffentliche Aufmerksamkeit gewünscht hatte. Die Bedingungen für eine Bewilligung des staatlichen Finanzierungsbeitrags schienen alles andere als günstig zu sein. In
der Abgeordnetenkammer hatte sich im Frühjahr 1837 massiver Widerstand
gegen die Klosterpolitik Ludwig I. formiert.
Seit seinem Regierungsantritt hatte der König die Wiedereinführung
von Orden in Bayern in großzügigster Weise gefördert. Nicht weniger als
75 Ordensniederlassungen waren in diesen vergangenen zwölf Jahren entstanden. Ludwig konnte sich auf die Rechtsgrundlage des Konkordats von
1817 berufen, in dem der bayerische König dem Heiligen Stuhl in Artikel 7
zugestand, für den Unterricht und die Seelsorge wieder Orden zuzulassen.
Die Ordensgegner in Bayern waren jedoch der Meinung, dass der König
diesen Artikel des Konkordats inzwischen mehr als erfüllt hätte. Deshalb
brachten sie im Juni 1837 einen Antrag in der Abgeordnetenkammer ein,
dass mit staatlicher Hilfe kein Kloster mehr errichtet werden solle. Sollte
ein Kloster aus privaten Mitteln eingerichtet werden, müsste es selbst über
genügend Finanzmittel verfügen, um seinen Unterhalt zu sichern.
In der Sitzung vom 28. Juni 1837 führte die Gesetzesvorlage zu einer
heftigen Debatte zwischen Ordensgegnern und Ordensfreunden. Prof. von
Ringseis, nicht nur Oberarzt am Allgemeinen Krankenhaus, sondern auch
Abgeordneter, war einer der Fürsprecher der Klöster. Sein Hauptanliegen
war, für die Barmherzigen Schwestern eine Sonderregelung zu erwirken.
Nicht zuletzt wegen der offensichtlichen Verdienste, die sich die Schwestern
während der Choleraepidemie erworben hatten, gelang es Ringseis, auch
Abgeordnete, die alles andere als ordensfreundlich gesinnt waren, für eine
Ausnahmeregelung für Krankenpflegeorden zu gewinnen. Daraufhin brachte die königliche Regierung einen Antrag in der Kammer ein, den Mutterhausbau mit einer einmaligen Zahlung von 50.000 fl. zu unterstützen und
dem Orden für seinen Unterhalt in den nächsten sechs Jahren je 10.000 fl.
jährlich zuzubilligen. Während sich die Abgeordneten relativ schnell bereit
erklärten, dem einmaligen Bauzuschuss zuzustimmen, stieß die jährliche
Unterhaltszahlung zunächst auf starke Bedenken und konnte erst bei der
3. Vorlage am 2. November 1837 endgültig durchgesetzt werden. Dies war
wiederum hauptsächlich das Verdienst von Rngseis mit seinen Argumenten,
der bayerische Staat sei laut Reichsdeputationsschluss von 1803 verpflichtet, das durch die Säkularisation eingenommene Vermögen zumindest teilweise wieder wohltätigen Zwecken zuzuführen. Außerdem berief er sich
auf das Konkordat von 1817, in dem zugesagt wurde, in Bayern wieder
Klöster einzurichten und mit einer entsprechenden Dotation zu versehen.
Die Barmherzigen Schwestern hätten deshalb einen Rechtsanspruch auf
66
Gründungsjahre der Kongregation in München
einen Unterhaltszuschuss durch
den Staat.
Schließlich einigten sich
die Abgeordneten darauf, dass
die 50 im Krankenhaus tätigen
Schwestern von der Stadt finanziert werden sollten, für die
darüber hinausgehende Zahl
an Schwestern sollte der Staat
die Kosten übernehmen. Dafür
sollte der Orden vom Staat eine
Das alte
jährliche Unterhaltsleistung von
Altarbild
der Mutter10.000 Gulden für die nächsten
hauskirche
sechs Jahre erhalten. Nach Ausvon 1839
bildung dieser Schwestern und
(Gemälde
ihrem Einsatz in anderen Kranvon Robert
kenhäusern sollten diese für
von Langer)
ihren Unterhalt aufkommen.
Ausschlaggebend für das letztlich positive Ergebnis war sicher neben der
Überzeugungsarbeit von Ringseis, dass selbst überzeugte Ordensgegner die
Verdienste der Barmherzigen Schwestern am Allgemeinen Krankenhaus für
die Krankenpflege allgemein und insbesondere während der Cholerazeit
anerkennen mussten. Sie ließen sich, nachdem sie sich näher über den Orden
informiert hatten, von seinem segensreichen Wirken überzeugen und sprachen voll Anerkennung und Lob von ihm. Ein protestantischer Abgeordneter meinte sogar, der Orden der Barmherzigen Schwestern sei die einzige
Einrichtung, um die er als Protestant die katholische Kirche beneide.
Zur großen Beruhigung der Ordensoberen hatte der Mutterhausbau
nun endlich eine solide Finanzierungsgrundlage. Der Rohbau des neuen
Klosters stand bereits bei Einbruch des Winters 1837/38. Allerdings nahm
der Innenausbau noch fast zwei weitere Jahre in Anspruch.
Groß war die Freude der Schwestern, als am 29. September 1839 die
Einweihung gefeiert werden konnte. Schon Tage vorher hatten sie begonnen, Kloster und Kirche mit Blumen und Kränzen zu schmücken. Erzbischof Lothar Anselm von Gebsattel ließ es sich trotz seines hohen Alters
nicht nehmen, die Einweihungszeremonie persönlich zu leiten. Unter der
Assistenz zahlreicher Geistlicher weihte der greise Erzbischof den Hauptaltar zu Ehren des hl.Vinzenz von Paul und die Seitenaltäre zu Ehren des hl.
Josef und der hl. Elisabeth. Bei der anschließenden Pontifikalmesse war auch
die Öffentlichkeit zugelassen. Aus Dankbarkeit gegenüber ihrem großen
Wohltäter Ludwig I. wurde das Messopfer der Einweihungsfeier und der
67
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Der Garten des Mutterhauses (aus dem
Leporello „Ansichten
von dem Kloster
der barmherzigen
Schwestern in München“, C. Heindel’s
Kunstanstalt München, ca. 1840)
jährlichen Gedächtnistage für ihn aufgeopfert. Ganze 8 Tage lang feierten
die Schwestern mit täglichem Hochamt und nachmittäglicher Litanei die
Einweihung ihres neuen Hauses, wobei auch der übrigen Wohltäter des
Baus und der 36 bereits verstorbenen Schwestern gedacht wurde.
Wie glücklich war die junge Ordensgemeinschaft, als sie am 30. September ihr neues Kloster beziehen konnte, das laut Pressemeldung „ein seinem
Zwecke entsprechendes, einfaches und prunkloses, aber doch großartiges Gebäude mit
freundlichen, hohen und geräumigen Sälen, Zimmern und Gängen“ 41 war.
Größere Sorgfalt als auf die innere Einrichtung des Hauses verwendete
der Orden auf die Ausschmückung der Kirche, die der Mittelpunkt des
Hauses werden sollte. Für ihre Kirche mit dem leicht ovalen Grundriss
erwarben die Schwestern künstlerisch gestaltete Glasfenster zum Herstellerpreis bei der Nymphenburger Porzellanmanufaktur. Auf Wunsch Schwester Ignatias schuf der königliche Akademieprofessor von Langer ein großes
Altarbild, das den Ordensstifter Vinzenz von Paul umgeben von Barmherzigen Schwestern, Missionspriestern und Kranken und Waisen zeigte. Von
Langer schuf auch die Altarbilder der beiden Seitenaltäre.
Die Innenausstattung ließ die Baukosten auf 135.000 bis 150.000 Gulden ansteigen. Ohne zahlreiche weitere Spenden hätte der Orden diese
Kosten nicht tragen können. Insbesondere Angehörige des Königshauses
trugen zudem mit Sachspenden zur Ausstattung der Kirche bei. So spendete König Ludwig I. die ehemalige Orgel des protestantischen Betsaals der
Residenz.
Damit sich die Schwestern ungestört vom Publikumsverkehr des Allgemeinen Krankenhauses und geschützt vor Regen und Hitze erholen
konnten, genehmigte die königliche Regierung den Bau eines überdachten
Arkadenganges im Krankenhausgarten. Ausgeschmückt wurde dieser Gang
von den Schwestern mit Kreuzwegstationen und mit Bildern aus der könig68
Gründungsjahre der Kongregation in München
Mutterhaus und Allgemeines Krankenhaus mit
dem überdachten Verbindungsgang (ebenfalls aus
dem Leporello von 1840)
lichen Gemäldegalerie, die ihnen der König, begeistert von den schönen
Arkaden, als Leihgabe angeboten hatte.
Die junge Ordensgemeinschaft hatte nun endlich ihr lang ersehntes
eigenes Haus, wie auch die Presse zur Eröffnung zufrieden feststellte: „Das
Mutterhaus der wackern Barmherzigen Schwestern steht nun herrlich und bequem
ausgebaut in dem schön angelegten Garten hinter dem Hauptgebäude da. So ist
das städtische Allgemeine Krankenhaus in München jetzt eine Musteranstalt der
Menschlichkeit und Wohltätigkeit, in allen einzelnen Einrichtungen in jeder Hinsicht vortrefflich.“ 42
Mutterhaus und Allgemeines Krankenhaus gingen in den folgenden
anderthalb Jahrhunderten eine einzigartige Symbiose ein. Eine Symbiose,
die die Entwicklung des Krankenhauswesens in München entscheidend
beeinflussen sollte. Als Symbol für diese Symbiose stand der von Generationen von Assistenzärzten scherzhaft als „Aquaeductus Sylvii“ bezeichnete
Verbindungsgang zwischen Krankenhaus und Mutterhaus. Dieser Fachbegriff aus der Medizin steht für einen Verbindungsgang im menschlichen
Gehirn, dessen Unterbrechung schwerwiegende, ja lebensbedrohende Folgen haben würde. So wurde demnach auch die Zusammenarbeit zwischen
Mutterhaus und Krankenhaus als existentiell für ein gutes Funktionieren
der Klinik gesehen.
Doch dieses neue Haus war nicht nur für die weitere Entwicklung des
Allgemeinen Krankenhauses von größter Bedeutung. Mit dem Mutterhaus
hatten die Schwestern nun eine Zentrale, von der aus die Ausbreitung des
Ordens in ganz Bayern geleitet und gesichert werden konnte.
*
69
Kapitel 4
Erfolgreiche Entwicklung
des Ordens unter
Schwester Ignatia Jorth
4.1. Gründung der ersten Filialen in Bayern
Schon bei der Einführung des Instituts der Barmherzigen Schwestern in
Bayern war es das erklärte Ziel von König Ludwig I, die Schwestern nicht
nur am Allgemeinen Krankenhaus in München, sondern in möglichst vielen, ja am liebsten in allen Krankenhäusern in Bayern einzusetzen. Diesen
Wunsch hatte er bereits bei der ersten Audienz, die er Schwester Ignatia im
Herbst 1832 gewährte, sehr deutlich zum Ausdruck gebracht. In den Statuten des Ordens ließ er in § 3 ausdrücklich festlegen, dass das Mutterhaus
berechtigt ist, Filialen zu gründen. Er hatte zudem darauf bestanden, dass ein
weiteres Mutterhaus in Bayern eingerichtet werden sollte, nach Möglichkeit
in Würzburg.
Der König stand mit diesem Wunsch keineswegs allein. Kaum hatte
sich die Einführung des neuen Instituts herumgesprochen, gingen zahlreiche Anfragen beim Magistrat in München ein, in denen Städte aus ganz
Bayern Interesse bekundeten, ebenfalls Barmherzige Schwestern an ihren
Krankenhäusern einzuführen. Anfragen kamen aus vielen Städten, wie
Augsburg, Nürnberg, Regensburg, Ansbach, Bamberg, Kempten, Dillingen,
Straubing, Landsberg und Passau. In diesen Briefen wurde die Stadt München meist auch um eine Beurteilung der Arbeit des Ordens am Krankenhaus gebeten. Die Antwortschreiben zeugen davon, wie überaus zufrieden
der Magistrat mit der Arbeit der Schwestern in Bezug auf Krankenpflege und Hauswirtschaft war. Dieses hervorragende Zeugnis bestärkte die
interessierten Städte, ihr Ansinnen noch nachdrücklicher zu vertreten und
die Generaloberin zu bestürmen, Schwestern für ihre Krankenhäuser zu
schicken.
70
Erfolgreiche Entwicklung des Ordens unter Schwester Ignatia Jorth
Generaloberin Schwester Ignatia war darüber zunächst alles andere als
glücklich. Mit ihrem ausgeprägten Sinn für das Machbare war ihr klar, dass
die junge Kongregation noch nicht reif war für eine bayernweite Ausbreitung. Von den ihr anvertrauten jungen Schwestern hielt sie noch keine für
fähig, als Oberin eine Filiale eigenständig zu führen. So schrieb sie am 4.
August 1833 nach Straßburg: „Mehr als sechs Städte arbeiten zurzeit daran,
Schwestern zu erhalten. Mir wird es Angst dabei. Die Zeit ist noch nicht gekommen,
da unsere jungen Schwestern doch noch nicht erfahren genug sind, um neben der
Krankenpflege auch die Verwaltung von Häusern zu übernehmen.“ 43 Schwester
Ignatia befürchtete durch die Übernahme eines Projektes, dem sie noch
nicht gewachsen wären, eine Überforderung der jungen Schwestern und
eine Schädigung des Ansehens des gesamten Ordens. Aus diesen Gründen
lehnte sie zunächst alle Anfragen ab.
Der König hatte die Absicht, im Würzburger Julius-Spital ein zweites
bayerisches Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern einzurichten. Als der
Würzburger Bischof deshalb im Sommer 1833 genauere Informationen einholte, schrieb Schwester Ignatia wieder voll Sorge an die Straßburger Generaloberin: „Beten Sie doch, liebe Frau Mutter, dass nichts aus dem Plane wird, bis
wir geeignete Leute haben, um ein so bedeutendes Spital zu übernehmen.“ 44
Im Gegensatz zu Schwester Ignatia sah Superior Hauber die Übernahme
von weiteren Krankenhäusern in diesem frühen Stadium als weit weniger
problematisch an. Dass Hauber die Münchner Oberin drängte, den Willen des Königs nach Übernahme
von weiteren Häusern möglichst
bald zu erfüllen, kommt deutlich
in einem Brief Schwester Ignatias an die Generaloberin in Straßburg zum Ausdruck: „Niemand ist
geschwinder bei der Hand, wenn es
neue Häuser zu übernehmen heißt, als
der Superior. Noch letzthin habe ich
ihm gesagt, die Herren sollten doch
noch ein paar Jahre warten. Er antwortete aber, der liebe Gott werde schon
helfen!“ 45
Im Jahr 1835 musste Schwester
Altes städIgnatia endgültig ihren Widerstand
tisches
Kranaufgeben, als der König ausdrückkenhaus in
lich wünschte, dass der Orden das
Landshut,
städtische Krankenhaus in Landshut
An der
übernähme.Verhandlungen mit der
Lände
71
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
dortigen Stadtverwaltung liefen schon seit 1833 und fanden im April 1835
ihren Abschluss, als Schwester Ignatia mit ihrer Novizenmeisterin Schwester
Apollonia persönlich nach Landshut reiste und sich vor Ort ein Bild von
der Lage machte. Als Oberin für die neue Niederlassung wählte sie Schwester M. Benonia Stanglmeier aus. Diese war eine der Schwestern der ersten
Einkleidung und hatte sich schon unter Schwester Mechtildis am Münchner Krankenhaus bewährt. Trotzdem hatte die Generaloberin Bedenken,
ob sie der Aufgabe gewachsen wäre. Nach Straßburg schrieb sie, Schwester
Benonia könne zwar schön schreiben, rechnen und nähen, aber vom Haushalt verstehe sie nichts. Deshalb habe sie ihr zwei Schwestern mitgegeben,
die von der Hauswirtschaft mehr verstünden. Allerdings sei die Auswahl an
geeigneten Schwestern noch sehr gering. An das Landshuter Krankenhaus
sollten insgesamt 6 Schwestern aus München abgegeben werden. Diese 6
reisten am 21. Juli 1835 zusammen mit der Generaloberin und dem Superior in zwei vom Landshuter Magistrat zur Verfügung gestellten Wagen zu
ihrem neuen Einsatzort. Obwohl sie schon um 6.00 Uhr früh abgereist
waren, kamen die Schwestern erst am Abend im Landshuter Spital an, wo
für sie schon Zimmer vorbereitet waren. Abgesehen von den Zimmern für
die Schwestern, die in einen ordentlichen Zustand gebracht worden waren,
waren die Zustände im übrigen Haus anscheinend alles andere als erfreulich.
So fehlten Einrichtungsgegenstände, Wäsche für die Kranken und Geschirr.
Auch die Reinlichkeit ließ viel zu wünschen übrig. Eine Hauskapelle war
vorhanden, musste aber erst noch benediziert werden und für den Gottesdienst mussten die Gewänder und Geräte beim Ursulinenkloster entliehen
werden. Am 25. Juli war alles soweit geordnet, dass die feierliche Einführung
der Schwestern erfolgen konnte. Nach dem Gottesdienst stellte der Superior
dem Ärztepersonal und dem Magistrat im Refektorium die Schwestern vor.
Auf Initiative Schwester Ignatias ließ der Landshuter Magistrat am 9. August
einen Spendenaufruf für das finanziell völlig unzureichend ausgestattete
Krankenhaus im „Landshuter Morgenblatt“ abdrucken. Die Bevölkerung,
die der Ankunft der Schwestern sehr wohlwollend gegenüber stand, zeigte
sich äußerst spendabel, so dass schnell eine Verbesserung der finanziellen
Lage erzielt werden konnte. Mit diesem Geld und städtischen Zuschüssen
konnten nun die nötigsten Anschaffungen getätigt werden, so vor allem
neue Wäsche, Betten und Matratzen und weiteres Geschirr.
Die Entwicklung der ersten auswärtigen Niederlassung der Münchner
Kongregation wurde von der Öffentlichkeit sehr genau beobachtet. Vertreter kirchlicher und staatlicher Behörden inspizierten die Einrichtung, um
sich ein Bild zu machen. Da sich die Veränderung zum Positiven schon sehr
schnell und deutlich zeigte, fand das Wirken der Barmherzigen Schwestern
auch die entsprechende Anerkennung in der Öffentlichkeit. So schrieb das
72
Erfolgreiche Entwicklung des Ordens unter Schwester Ignatia Jorth
„Landshuter Wochenblatt“ am 4. September 1836, also gerade mal ein Jahr
nach der Übernahme: „Allein so groß auch die Kosten waren, welche der Stadtmagistrat auf Restauration des Krankenhauses verwendete, so ist es gewiß, daß der
edle und gute Zweck nur zur Hälfte würde erreicht worden sein, wenn nicht die
Barmherzigen Schwestern an diesem Werke den tätigsten Anteil genommen hätten…
Dem stillen, harmonischen Zusammenwirken der sechs Barmherzigen Schwestern
wurde jedoch der schönste Lohn: nach einem Jahr sieht der Menschenfreund eine
Krankenanstalt vor sich, welche hinsichtlich ihrer neueren Einrichtung fast mit allen
Krankenhäusern des Vaterlandes auf gleicher Stufe steht, ja mehrere und zwar größere Städte weit hinter sich lässt.“ 46
Nachdem sich die erste Filialgründung als so erfolgreich erwiesen hatte,
wagte Schwester Ignatia den nächsten Schritt. Schon seit dem Tod der
Frau des Verwalters des Heilig-Geist-Spitals im Frühjahr 1836 versuchte
der Münchner Magistrat, die Barmherzigen Schwestern zur Übernahme
dieses alten und bedeutenden Spitals zu bewegen. Wie schon erwähnt, war
es seit 1823 im ehemaligen Elisabethspital in der heutigen Mathildenstraße untergebracht und inzwischen eine reine Pfründneranstalt geworden.
Wegen der günstigen Lage des Hauses nahe beim Allgemeinen Krankenhaus hielt Schwester Ignatia die Übernahme für zumutbar für ihre junge
Schwesterngemeinschaft.
Ein schwerer Schlag für die Kongregation war, als unmittelbar nach der
Übernahme die Cholera im Spital zahlreiche Opfer forderte. Die durchwegs schon älteren Insassen, die teilweise ihre Gesundheit durch ungesunden Lebenswandel stark geschwächt hatten, konnten der Seuche nicht
genügend Widerstand entgegensetzen.
Der Schritt über die Bistumsgrenzen: Regensburg und Neumarkt
Trotz der ungeheuren Belastung durch die Choleraepidemie und des Baubeginns für das Mutterhaus wurde gerade das Jahr 1837 besonders fruchtbar, was die Gründung weiterer Filialen anbetraf. Jetzt wagte man sogar
den Schritt über die Grenzen des Erzbistums München und Freising hinaus. Schon Anfang April 1837 reisten die Schwestern Ignatia und Apollonia zusammen mit Superior Hauber nach Regensburg, um wegen der
Übernahme des dortigen katholischen Krankenhauses, das dem Domkapitel
unterstand, mit dem Regensburger Bischof Schwäbl zu verhandeln. Der
Superior reiste von dort nach Neumarkt in der Oberpfalz weiter, wo ein
Wohltäter dem Krankenhaus 4000 Gulden spenden wollte, falls die Barmherzigen Schwestern es übernehmen sollten. Es kam sowohl mit Regensburg als auch mit Neumarkt zu einer Einigung.
73
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Am 14. Oktober 1837 erfolgte die feierliche Einführung von fünf Barmherzigen Schwestern am Regensburger Krankenhaus. Schwester Ignatia, die
wie immer ihre Schwestern zu ihrem neuen Einsatzort begleitete, musste
gleich nach dem Gottesdienst weiter in Richtung Neumarkt reisen, wohin
Beichtvater Sintzel mit den für das Neumarkter Krankenhaus vorgesehenen
Schwestern schon vorausgereist war. Die Generaloberin schonte sich nicht
bei der zweitägigen Reise von Regensburg nach Neumarkt. Um 4 Uhr früh
fuhr sie schon weiter, um rechtzeitig zur Einführungsfeier in Neumarkt zu
sein. Im Gegensatz zu dem Aufwand, der für die Einführungsfeierlichkeiten
betrieben worden war, war das Neumarkter Krankenhaus äußerst ärmlich.
Die Schwestern mussten dort noch jahrelang unter großem Mangel leiden,
da das Krankenhaus wie viele Einrichtungen damals sehr dürftig eingerichtet und finanziell unzureichend abgesichert war.
Auf der Rückreise von Neumarkt besuchte die Generaloberin ihre
Schwestern in Landshut. Der dortige Magistrat sprach ihr seine Zufriedenheit mit der Entwicklung am Krankenhaus aus und stellte ihr in Aussicht,
der Orden könne auch das Pfründner- und Waisenhaus übernehmen. Zu
der Verwirklichung dieser Absicht kam es jedoch erst im Jahr 1843.
Aufbruch nach Franken: Aschaffenburg und Orb
Im Jahr 1837 stand eine weitere Übernahme an, die sich aber schwieriger
gestaltete. Auf ausdrücklichen Wunsch des Königs sollten die Schwestern
das Krankenhaus in Aschaffenburg übernehmen. Ludwig I. wollte unbedingt die Ausbreitung des Ordens nach Franken.
Die mehrjährigen Verhandlungen mit Würzburg waren aus mehreren
Gründen erfolglos geblieben. Schwester Ignatia hatte sich lange dagegen
gesträubt, mit ihren jungen, unerfahrenen Schwestern ein so renommiertes Spital wie das Juliusspital zu übernehmen. Aber auch die Würzburger
selbst hatten gezögert, Schwestern aus Altbayern nach Würzburg zu holen,
da in der fränkischen Bevölkerung eine feindliche Haltung gegenüber allem
Altbayerischem stark verbreitet war. Viele Franken nahmen den Altbayern
die Vereinnahmung Frankens im neuen bayerischen Königreich übel. So
hätten die Würzburger lieber Schwestern aus Straßburg geholt. Die Verhandlungen mit Straßburg scheiterten jedoch ebenfalls, da die Würzburger
mehr Schwestern benötigten als Straßburg hätte abgeben können. Zudem
wussten die Straßburger Oberen um die Bedenken Schwester Ignatias, sollte
in Würzburg ein zweites bayerisches Mutterhaus entstehen.
Als nun die Anfrage wegen Aschaffenburg kam, zögerte Schwester Ignatia ebenfalls, ihre Schwestern in das „feindliche“ Franken zu schicken. Auch
74
Erfolgreiche Entwicklung des Ordens unter Schwester Ignatia Jorth
Krankensaal des
Städtischen
Krankenhauses
Aschaffenburg
erschien ihr die Entfernung Aschaffenburgs vom Mutterhaus in München als problematisch. Man benötigte damals immerhin 80 Stunden in
der Postkutsche für diese Strecke. Doch alles Sträuben nutzte nichts, da
König und Regierung diesem Projekt große Bedeutung zumaßen und die
General­oberin dementsprechend unter Druck setzten. Dort übernahmen
vier Barmherzige Schwestern am Elisabethtag, dem 19. November 1837, die
Einrichtung für Kranke, Waisen und Pfründner.
Die Befürchtungen der Generaloberin bestätigten sich. Die Schwestern
stießen in Aschaffenburg zunächst auf viel Feindseligkeit bei den Ärzten,
Behörden und der Bevölkerung. So schrieb Schwester Ignatia nach Straßburg: „Mit den Aschaffenburgern haben wir viel Unangenehmes.Wir haben uns ja
lange geweigert, ins Frankenland zu gehen. Die Franken wollen nämlich nichts mit
den Altbayern zu tun haben, weil sie glauben, gescheiter zu sein als diese. Jetzt sind
sie aber auch noch grob mit den Schwestern, sodaß ich dem Bürgermeister mit der
Zurückziehung der Schwestern drohen mußte. Das wollen sie nun aber doch nicht;
der König würde ihnen auch etwas erzählen!“ 47
Nein, der König wollte dieses Unternehmen keineswegs gefährdet sehen.
Er forderte schon im Jahr darauf, also 1838, eine weitere Schwester für
Aschaffenburg an. Schwester Ignatia begleitete diese Schwester und nutzte
diese Gelegenheit, um nach dem Rechten zu sehen. Auch ihr war daran
gelegen, dass das nun schon einmal begonnene Projekt nicht scheiterte.Wie
viel der Regierung am Gelingen lag, sieht man unter anderem daran, dass sie
der Generaloberin für die Fahrt von zwei Tagen und zwei Nächten einen
eigenen Postwagen zur Verfügung stellte.
Der König, der sich gerade in seiner Residenz in Aschaffenburg aufhielt, als Schwester Ignatia dort eintraf, empfing sie zu einer langen Audienz. Er ließ sich von ihr über die Entwicklung der Kongregation allgemein
75
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
informieren und speziell über die Probleme in Aschaffenburg. Er sprach
dem Orden sein vollstes Vertrauen aus und bat die Generaloberin, ihr Werk
weiter so zielstrebig fortzusetzen. So groß die Freude Schwester Ignatias
war über das Wohlwollen des Königs, so wenig erfreut war sie über seinen
Wunsch, der Orden solle zusätzlich noch das Krankenhaus in der Stadt Orb
übernehmen. Orb, heute Bad Orb in Hessen, war 1814 mit dem ehemaligen
Fürstentum Aschaffenburg an Bayern gefallen. Das Städtchen im Spessart
war bis dahin durch Salzhandel relativ wohlhabend gewesen. Die neue bayerische Regierung verbot Orb den Handel mit Salz, um diese Konkurrenz
für Reichenhall auszuschalten. Der Wegfall seiner Haupteinnahmequelle
hatte für Orb verheerende Folgen: Stadt und Umland verarmten völlig.
Die bayerische Regierung, die für die katastrophalen Zustände dort
unmittelbar verantwortlich war, sah sich gezwungen, der Stadt etwas unter
die Arme zu greifen. Eine Maßnahme war die Gründung eines Krankenhauses im Jahr 1834. Für diese Einrichtung, die neben Kranken auch Waisen und Pfründner versorgen sollte, wünschte Ludwig I. die Barmherzigen
Schwestern. Erst nachdem ihr der König in der Audienz die Not der Bevölkerung und auch die damit einhergehende große sittliche Verwahrlosung
anschaulich geschildert hatte, erklärte sich Schwester Ignatia bereit, diese
Aufgabe für ihre ohnehin schon bis an die Grenzen der Belastbarkeit geforderte Ordensgemeinschaft zu übernehmen. Mit der ihr eigenen Tatkraft
reiste sie sofort von Aschaffenburg nach Orb, um die dortigen Verhältnisse
und das sich noch im Bau befindliche Krankenhaus in Augenschein zu nehmen. Sie erreichte, dass beim Bau alles berücksichtigt wurde, was später für
den Betrieb im Sinne des Ordens nötig sein würde. Außerdem machte sie
in ihrem Bericht an die Regierung deutlich, dass es unumgänglich sei, dass
das Krankenhaus auf eine gesunde finanzielle Basis gestellt werde. Die endgültige Übernahme des Hauses in Orb erfolgte im Jahr 1840.
Im selben Jahr übernahm die Kongregation auch das Kranken- und
Armenhaus in Haidhausen, aus dem später das Klinikum Rechts der Isar
hervorging. 1841 folgte die Übernahme des alten Stadtkrankenhauses am
Anger in München, das seit der Eröffnung des Allgemeinen Krankenhauses
nur noch als Armenhaus diente. Da die finanzielle Absicherung dieses
Hauses nicht ausreichte, entschloss sich Schwester Ignatia, die Verpflegung
von 12 Frauen und 12 Männern auf Kosten des Ordens zu übernehmen.
Nachdem im Jahr darauf auch das finanziell wesentlich besser gestellte
Josephspital unter die Leitung des Ordens gestellt wurde, waren alle damals
in München bestehenden Armenanstalten in der Hand der Barmherzigen
Schwestern.
Auch außerhalb Münchens ging die Filialgründung voran. 1841 übernahmen die Schwestern das Spital in Eichstätt und 1842 das städtische Spital
76
Erfolgreiche Entwicklung des Ordens unter Schwester Ignatia Jorth
von Neunburg vorm Wald. Im Jahr darauf ging zusätzlich zum dortigen
Spital auch das Waisenhaus in Landshut in die Obhut der Schwestern über.
Im selben Jahr übernahmen sie auch das Krankenhaus in Bad Tölz, im Jahr
darauf das Krankenhaus in Ingolstadt.
Besonderes Sorgenkind der Generaloberin war und blieb das Spital in
Orb. Die Generaloberin reiste zur Einführung der Schwestern am 19.3.1840
dorthin. Trotz der langen und anstrengenden Fahrt von immerhin 90 Stunden besuchte sie Orb im September desselben Jahres noch einmal, um dort
die Errichtung einer Kinderbewahranstalt für 200 Kinder im Alter von 2 bis
5 Jahren in die Wege zu leiten. Aufgrund ihrer anschaulichen Schilderung
der dortigen Not in ihren Berichten an Regierung und König bewilligten
diese mehrfach Zuschüsse.Während dem König in erster Linie daran lag, die
Not der am Spital in sehr armseligen Verhältnissen lebenden Schwestern zu
lindern („Die Schwestern sollen es besser haben!“ 48), betonte Schwester Ignatia
immer wieder, es gehe ihr nicht um eine Besserstellung ihrer Schwestern,
sondern um Hilfe für die Armen: „Wir wollen es nicht besser haben, wenn wir
nur den Armen helfen können; dafür sind wir da!“ 49
In diesen Jahren der Filialgründungen nahm die nicht mehr junge Generaloberin unglaublich viele, lange und strapaziöse Reisen auf sich. Stets
begleitete sie ihre Schwestern zu ihren neuen Einsatzorten. Hinzu kamen
noch die regelmäßigen Visitationsreisen zu den Neugründungen, um sie
in den schwierigen Anfangsjahren zu unterstützen und ihre positive Entwicklung sicher zu stellen. Um die Generaloberin bei ihrer ausgedehnten
Reisetätigkeit etwas zu unterstützen, gewährte ihr der König freie Fahrt auf
allen Linien der Königlichen Post.
Es wären durchaus noch mehr bayerische Städte an den Barmherzigen
Schwestern interessiert gewesen. Wenn die Stadtverwaltungen nicht bereit
waren, auf ihre Rahmenbedingungen für den Einsatz ihrer Schwestern
einzugehen, nahm die Generaloberin das Scheitern der Verhandlungen in
Kauf. So kam es zu keiner Einigung mit Würzburg, Straubing, Dillingen
und Bamberg. Auch die sich schon so lange hinziehenden Verhandlungen
mit Augsburg führten vorerst nicht zum Erfolg. Die vom König gewünschte
und forcierte Einführung der Schwestern in der bayerischen Pfalz scheiterte am Widerstand der dort großteils protestantischen Bevölkerung, die
befürchtete, die katholischen Schwestern würden versuchen, die Kranken
und Sterbenden in den Spitälern zu missionieren.
Im Jahr 1844 waren die Barmherzigen Schwestern bereits in 16 Einrichtungen in ganz Bayern tätig. Die schnelle Ausbreitung des Ordens in diesen
Jahren war nur deshalb möglich, weil auch die absolute Zahl der Schwestern
kontinuierlich stieg, auf immerhin schon 186 Mitglieder im Jahr 1845.50
Doch die erste Generaloberin des neuen Mutterhauses in München sorgte
77
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
in ihrer Amtszeit nicht nur für eine erstaunlich schnelle Ausbreitung ihres
Ordens im Königreich Bayern, sondern parallel dazu auch im Nachbarland
Österreich.
4.2. „Geburtshilfe“ für Niederlassungen in Österreich
In Österreich gab es bereits einige Klöster der Barmherzigen Schwestern,
die alle die Straßburger Regel befolgten, ja teilweise von Straßburg aus
gegründet worden waren. So gingen die Niederlassungen in Wien und
Zams auf Katharina Lins zurück, die in Straßburg ausgebildet worden war
und als Schwester Josepha Nikolina nach Österreich zurückgekehrt war.
Nach dem Vorbild von Zams waren in Tirol weitere ähnliche Einrichtungen
in Imst und Ried entstanden. Um diese innerlich und äußerlich noch nicht
recht gefestigten Niederlassungen zu unterstützen, nahm Schwester Ignatia
im Mai 1836 zwei Schwestern aus Ried und eine aus Imst zur Ausbildung
in München auf.
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Ausbreitung der
Barmherzigen
Schwestern vom
Mutterhaus
Straßburg aus
Erfolgreiche Entwicklung des Ordens unter Schwester Ignatia Jorth
Innsbruck
Doch der Fürstbischof Bernhard Galura von Brixen wollte mehr. Sein Ziel
war ein neues Krankenhaus in der Tiroler Hauptstadt Innsbruck, das die
Barmherzigen Schwestern übernehmen sollten. Unter der Leitung dieses
neuen Mutterhauses sollten zudem Zams, Imst und Ried vereinigt werden. Der gute Ruf, den die Münchner Kongregation inzwischen in Bayern
genoss, hatte sich bis nach Österreich ausgebreitet. So war es nicht weiter verwunderlich, dass sich der Bischof an das Münchner Mutterhaus um
Unterstützung bei der Verwirklichung seiner Pläne wandte. Einer Anfrage
aus Innsbruck im Jahr 1835, Schwestern zum Aufbau des neuen Mutterhauses zu entsenden, konnte Schwester Ignatia zu ihrem großen Bedauern
nicht entsprechen, da sie in Bayern selbst jede Schwester benötigte. Als
Alternative bot sie an, österreichische Kandidatinnen in München auszubilden. So trafen im Mai 1837 vier Kandidatinnen, denen später noch zwei
weitere folgen sollten, im Münchner Mutterhaus ein. In Innsbruck hatte
inzwischen Stadtpfarrer Duille mit Unterstützung des Bischofs einen eigenen „Verein zur Gründung eines Instituts der Barmherzigen Schwestern
in Innsbruck“ gegründet, der Spenden für den Bau eines neuen Krankenhauses und eines künftigen Mutterhauses sammelte. Krankenhaus und
Kloster, das Platz für 60 Schwestern bot, wurden bereits im April 1839 fertig. Für den 1. Mai 1839 war die feierliche Übernahme durch den Orden
geplant. Vier von den sechs Tiroler Kandidatinnen waren inzwischen so
weit, dass sie nach Innsbruck zurückkehren sollten. Allerdings wären sie
noch nicht imstande gewesen, ein Haus allein zu führen. Deshalb wurden
ihnen auf Wunsch des Innsbrucker Stadtpfarrers zwei erfahrene Münchner Schwestern mitgegeben. Schwester M. Vinzentia Balghuber wurde
zur Oberin bestimmt, Schwester M. Aloisia Aigner zur Novizenmeisterin.
Am 16. April reisten sie in Begleitung von Generaloberin und Superior
in München ab. Nach einer Kutschenfahrt von 36 Stunden kamen sie am
17. April in Innsbruck an, wo sie sehr herzlich empfangen wurden. Da zwar
die Gebäude fertig gestellt waren, aber die innere Einrichtung noch fast
völlig fehlte, blieb die Generaloberin für drei Wochen in Innsbruck und
kümmerte sich darum, dass die Schwestern mit dem Nötigsten versorgt
wurden. Dabei wurde sie kräftig von der Bevölkerung unterstützt, die den
Schwestern Sachspenden wie Hausgeräte und Wäsche, aber auch Lebensmittel zukommen ließ.
Als Schwester M. Vinzentia Balghuber im Jahr 1841 in Graz gebraucht
wurde, löste sie Schwester M. Aloisia Aichner als Oberin ab. Bald jedoch
hatte sich die neue Niederlassung in Innsbruck schon so weit konsolidiert,
dass auch Schwester M. Aloisia nach München zurückgerufen werden und
79
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
eine der in München ausgebildeten Schwestern selbst die Aufgabe der Oberin übernehmen konnte.
Innsbruck sollte sich als äußerst fruchtbar erweisen. Aus der frommen
katholischen Bevölkerung Tirols fanden sich viele Kandidatinnen. Eine
Reihe von weiteren Niederlassungen wurde von Innsbruck aus gegründet.
Bereits 5 Jahre nach Gründung des neuen Mutterhauses gehörten zu ihm
6 Niederlassungen mit insgesamt 70 Schwestern. Zams, dem vorher Imst und
Ried angegliedert worden waren, wurde 1844 mit Innsbruck vereinigt.
Von Zams aus wurde später die Niederlassung in Zagreb (=Agram)
gegründet. Zagreb wiederum war entscheidend für die Ausbreitung des
Ordens in Ost- und Südosteuropa, also in Bosnien, Istrien, Dalmatien,
Serbien, Bulgarien und sogar der Türkei.
Graz
Auch der Grazer Fürstbischof Roman Sebastian Zängerle von Seckau war
stark daran interessiert, Barmherzige Schwestern in seinem Bistum einzuführen. Nachdem er vergeblich bei den Vinzentinerinnen in Lemberg,
Paris und Zams angefragt hatte, wandte er sich auf den Rat des Brixener
Bischofs Galura an das Münchner Mutterhaus. Schwester Ignatia erklärte
sich wiederum bereit, Kandidatinnen auszubilden. So wurden im Verlauf
von zwei Jahren insgesamt 8 Kandidatinnen aus der Steiermark nach Bayern
geschickt. Unter den ersten 5 Kandidatinnen, die 1837 in München eintrafen, war die Gräfin Maria Josefa von Brandis, eine Persönlichkeit, die sich
durch Bildung, aber auch Frömmigkeit auszeichnete. In sie wurden große
Hoffnungen gesetzt. Bereits Ende 1838 wurden 4 Kandidatinnen aus Graz
eingekleidet, weitere 4 in den Jahren 1839 und 1840. 1840 konnten die
ersten 5 bereits Profess feiern.
In Graz schien es zunächst einige Schwierigkeiten zu geben. Während der Bischof für die Schwestern ein eigenes Spital bauen lassen wollte,
bestand die Stadtverwaltung darauf, dass der Orden das schon bestehende
Allgemeine Krankenhaus der Stadt übernehmen sollte. Auch der Bau eines
eigenen Hauses für die Schwestern erwies sich zunächst als problematisch.
Im Februar 1841 wurde schließlich die Baugenehmigung für das Schwesternhaus erteilt. Bis zur Einweihung des Hauses am 19. Juli 1842 mussten
die Schwestern im Krankenhaus selbst untergebracht werden.
Nach langen und schwierigen Verhandlungen mit der Grazer Stadtverwaltung machte sich die Generaloberin am 15. April 1841 auf den Weg nach
Graz. Begleitet wurde sie von den nun schon seit einigen Jahren in München ausgebildeten Schwestern und Novizinnen aus der Steiermark und
80
Erfolgreiche Entwicklung des Ordens unter Schwester Ignatia Jorth
der aus Innsbruck abgerufenen Schwester M. Vinzentia Balghuber. Schwester Vinzentia sollte auch in
Graz vorläufig als Oberin
fungieren. Als Novizenmeisterin war Maria Josepha von Brandis vorgesehen,
die seit ihrer Einkleidung
den Namen Schwester M.
Leopoldine trug. Auf ihrer
langen Reise quer durch
Österreich wurden die
Schwestern, wie eine GraSchwester M.
Leopoldine
zer Zeitung berichtet, von
von Brandis
der Bevölkerung sehr freu(1815 – 1900)
dig willkommen geheißen:
leitete das
„Ihre Reise durch die SteierMutterhaus
mark glich einem Triumphzuge.
in Graz.
An allen Orten hatte sich eine
unzählige Menge von Menschen versammelt, um jene heldenmütigen Jungfrauen
zu sehen und zu bewillkommnen, die ihr ganzes Leben dem Dienste der armen
Kranken gewidmet haben.“ 51
Entsprechend herzlich war auch der Empfang bei ihrer Ankunft in Graz
am 22. April 1841, wo man über die erfolgreiche Einführung des Instituts der Barmherzigen Schwestern nach den schwierigen Verhandlungen
sehr froh war. An der sehr feierlichen offiziellen Einführung des Ordens
am 24. April nahm die Bevölkerung regen Anteil. Der Münchner Generaloberin verlieh der Grazer Magistrat als besondere Anerkennung für ihre
Verdienste um die Einführung der Barmherzigen Schwestern in Graz das
Ehrenbürgerrecht.
Auch die neue Niederlassung in der Steiermark entwickelte sich gut.
Schon in den ersten Wochen baten 12 Kandidatinnen um die Aufnahme.
Nach der feierlichen Grundsteinlegung in Gegenwart des österreichischen
Kaiserpaars am 27. August 1841 konnten die Schwestern im Juli 1842 ihr
neues Mutterhaus beziehen. Bereits im Jahr darauf war die Kongregation
schon soweit konsolidiert, dass die in den ersten beiden Jahren als Oberin in
Graz fungierende Schwester M.Vinzentia Balghuber wieder nach München
zurückkehren konnte. In Schwester M. Leopoldine hatte sie eine fähige
und würdige Nachfolgerin, die die Kongregation in Graz fast 60 Jahre lang
leiten sollte.
81
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Salzburg
Salzburg wollte hinter Innsbruck und Graz nicht zurückstehen und ebenfalls die Barmherzigen Schwestern einführen. Hatte es doch gerade hier
schon früher Versuche gegeben, diesen Orden zu gründen. So hatte sich die
Wiener Gräfin Lesniowska zusammen mit drei Gefährtinnen im Straßburger Mutterhaus von November 1829 bis März 1830 ausbilden lassen. Nach
ihrer Rückkehr hatte sie versucht, das Institut in Salzburg zu gründen, war
aber am Widerstand der österreichischen Regierung gescheitert.
Erzbischof Friedrich Fürst von Schwarzenberg gab diesen Plan jedoch
nicht auf und ergriff nun die neue Chance, mit Hilfe des Münchner Mutterhauses nach dem Vorbild der anderen österreichischen Neugründungen
den Orden in Salzburg zu etablieren. Dazu schickte er 1840 zwei Kandidatinnen zur Ausbildung nach München, denen später noch drei folgten. Es
zog sich jedoch noch weitere vier Jahre hin, bis die Einführung des Instituts
auch im Salzburger Land glückte. Inzwischen hatten die 5 Schwestern in
den Jahren 1843 und 1844 bereits ihre Gelübde abgelegt.
Im August 1844 konnten die 5 Salzburger Schwestern in Begleitung
ihrer Novizenmeisterin Apollonia Schmitt und des erzbischöflichen Sekretärs Augustin Embacher, der zum ersten Superior der neuen Gemeinschaft
bestimmt worden war, nach
Österreich
zurückkehren.
Schweren Herzens verzichtete die Generaloberin dieses
Mal auf die Begleitung der
Der komjungen Schwestern, da in
missarische
München der lang ersehnDirektor des
te Besuch der StraßburAllgemeinen
ger Generaloberin erwartet
Krankenwurde,
die in diesen Tagen
hauses, Prof.
von Ringseis,
zum ersten und einzigen
bestätigt,
Mal das neue Mutterhaus in
dass die
München besuchte.
genannten
Der Erzbischof hatte für
Schwesden
jungen Orden ein altes
tern nach
Schwarzach
Kloster in Schwarzach herbei Salzburg
richten lassen. Schwester M.
reisen, um
Aloisia Aigner, die nach der
dort das
Abberufung Schwester M.
KrankenVinzentias
für drei Jahre Obehaus zu
übernehmen.
rin in Innsbruck gewesen war,
82
Erfolgreiche Entwicklung des Ordens unter Schwester Ignatia Jorth
wurde nun nach Schwarzach versetzt. Sie sollte auch hier die Neugründung
als Oberin leiten, bis sie sich soweit gefestigt hatte, dass eine der Salzburger
Schwestern selbst das Amt übernehmen konnte. Dies war bereits im März
1845 der Fall. Die vorher schon als Novizenmeisterin fungierende Schwester M. Ambrosia Preisinger wurde zur ersten Generaloberin gewählt. Als sie
15 Jahre später das Mutterhaus nach Salzburg verlegte, hatte die Kongregation bereits 18 Filialen. Über drei Jahrzehnte leiteten Generaloberin Schwester Ambrosia und Superior Embacher das Salzburger Mutterhaus.
Noch in zwei weiteren Städten des österreichischen Kaiserreiches gab
es Bestrebungen, die Barmherzigen Schwestern mit Hilfe der Münchner
Schwestern einzuführen, nämlich in Linz und in Laibach. Auch diese Städte
schickten Kandidatinnen zunächst nach München, dann jedoch zur weiteren Ausbildung ins Wiener Mutterhaus.
Dem Münchner Mutterhaus war innerhalb kürzester Zeit und unmittelbar nach der Gründung der eigenen Kongregation Erstaunliches gelungen: Neben der zügigen Ausbreitung im Königreich Bayern gründete es in
Österreich drei neue Kongregationen. Während die bayerischen Niederlassungen Filialen des Mutterhauses waren, die diesem untergeordnet waren,
wollte Schwester Ignatia, dass die österreichischen Gründungen möglichst
schnell ihre Unabhängigkeit erreichten. Schon nach wenigen Jahren waren
Innsbruck, Graz und Salzburg völlig unabhängige Mutterhäuser. Allerdings
gaben Graz und Salzburg später diese Autonomie aus freien Stücken auf
und schlossen sich dem Pariser Mutterhaus an.
4.3. Ein Erholungsheim für die Schwestern
in Berg am Laim
Die schnelle Ausbreitung des Ordens in Bayern und in Österreich hatte leider auch eine Schattenseite. Wie von Schwester Ignatia befürchtet, bedeutete diese Expansion eine ungeheure Belastung für die selbst noch so junge
Münchner Ordensgemeinschaft. Laufend mussten die fähigsten Schwestern
an die zahlreichen Filialen abgegeben werden. Sowohl in diesen Filialen als
auch im Mutterhaus selbst kamen die Schwestern durch die großen Anforderungen, denen sie sich ausgesetzt sahen, häufig an den Rand ihrer Kräfte.
Das führte dazu, dass trotz aller Fürsorge der Generaloberin die Sterblichkeit
der jungen Schwestern nicht nur aufgrund der Choleraepidemie erschreckend hoch war. Auch die Zahl kränkelnder Schwestern wuchs kontinuierlich an. Diese Entwicklung beobachteten nicht nur die Ordensoberen,
sondern auch der König voll Sorge. Ludwig I. kam zu der Überzeugung,
dass die Schwestern dringend ein Erholungsheim auf dem Land bräuch83
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Historische
Ansicht der
Josephsburg
in Berg am
Laim
ten, in dem sich kranke und erschöpfte Schwestern in aller Ruhe erholen
könnten.
So beauftragte er Ordenssuperior Hauber, sich nach einem geeigneten
Haus umzuschauen. Der Superior wurde in Berg am Laim fündig. Der heutige Stadtteil im Osten von München war damals noch ein Dorf auf dem
Land, ungefähr eine Stunde zu Fuß von München entfernt. Hauber schien
die dortige Josephsburg geeignet, die nach der Säkularisation aus dem Besitz
des Kölner Erzbistums und Kurfürstentums in den Besitz des bayerischen
Staates übergegangen war. Diese Burg hatte der jüngste Bruder des Kurfürsten Max Emanuel, Joseph Clemens von Bayern, gleichzeitig Bischof von
Freising, Regensburg und Köln, im Jahr 1692 errichten lassen. Sein Neffe
und Nachfolger, Clemens August von Bayern, hatte im 18. Jahrhundert die
bisherige Michaelskapelle durch die großartige Rokokokirche von Johann
Michael Fischer ersetzen lassen, die auch heute noch den Stadtteil Berg
am Laim dominiert. Die Kirche diente der von Bischof Joseph Clemens
gegründeten Erzbruderschaft vom hl. Michael als Heiligtum und war Hofkirche des Kölner Erzbischofs. Betreut wurde sie bis zur Säkularisation im
Jahr 1802 von den Franziskanern.
Als sich der Superior für die Josephsburg zu interessieren begann, war die
Kirche bereits seit Jahrzehnten völlig vernachlässigt worden und in einem
dementsprechend desolaten Zustand. Von der Josephsburg selbst wurde
nur der Südflügel genutzt. Hier war seit 1807 die Dorfschule samt Lehrerwohnung untergebracht. Der Superior beantragte, die Schule in den ungenutzten Nordflügel zu verlegen und den Südflügel mit Garten dem Orden
für 2000 Gulden zu überlassen, damit dort ein Erholungs- und Rekon84
Erfolgreiche Entwicklung des Ordens unter Schwester Ignatia Jorth
valeszentenheim für die Schwestern eingerichtet werden könnte.
König und Behörden genehmigten
den Antrag, so dass am 17. August
1840 der Kaufvertrag abgeschlossen werden konnte. Zur Leiterin
wurde Schwester M. Franziska Ernst
bestimmt. Eine der ersten Aufgaben
der Schwestern war, die Kirche wieder in einen würdigen Zustand zu
Königin
Caroline
versetzen, was angesichts der fortvon Bayern,
geschrittenen Verwahrlosung kein
1776 – 1841
einfaches Unternehmen gewesen
(Gemälde
sein dürfte. Kirche und Haus waren
von Joseph
Ende 1840 so weit hergerichtet, dass
Stieler)
die ersten erholungsbedürftigen
Schwestern dort versorgt werden konnten.
Zu den 2000 Gulden für den Kauf wurden für die nötige Renovierung und die Einrichtung weitere 6000 Gulden benötigt. Königin Caroline,
bereits mehrfach als Gönnerin des Ordens in Erscheinung getreten, hatte
nach der Besichtigung des neuen Heimes den Schwestern zugesagt, die
gesamten Renovierungskosten zu übernehmen. Bevor sie ihr Versprechen
einlösen konnte, starb sie am 13. November 1841. Eine ihrer Töchter, Sophie,
die Erzherzogin von Österreich, die sie bei der Besichtigung begleitet hatte,
machte daraufhin an Stelle ihrer toten Mutter eine größere Spende, sodass
die Finanzierung gesichert war.
Als die Zahl der Schwestern im kommenden Jahrzehnt weiterhin stark
anstieg, erwarb der Orden im Jahr 1853 auch den Nordflügel der Burg, um
Die Barmherzigen Schwestern halten Königin Caroline die
Treue
Am 13. November 1841 verstarb die erste
bayerische Königin Caroline. Als sie an der
Seite ihres Mannes, König Max I. Joseph,
in der Theatinerkirche bestattet werden
sollte, kam es zum Eklat. Der Erzbischof
von München und Freising, von Gebsattel, hatte jegliche Feierlichkeit anlässlich
der Bestattung der protestantischen
Caroline verboten, was zur Folge hatte,
dass diese in einer sehr unwürdigen
Form verlief. Der Trauerzug mit den adeligen Verwandten musste mit dem Sarg
eine Viertelstunde vor dem Kirchenportal
warten. Den evangelischen Geistlichen
wurde der Zutritt in die Kirche verwehrt.
Die katholischen Geistlichen holten den
Sarg schließlich am Eingang ab und
begleiteten ihn ohne jegliche Zeremonie
zur Gruft. Zwar hielt der Geistliche Rat
Hauber, neben seinem Amt als Superior
>>>
85
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
dort die Novizinnen unterzubringen. Berg am Laim sollte bis auf einige
Unterbrechungen im 20. Jahrhundert bis Ende der 60er Jahre der Sitz des
Noviziats bleiben.
4.4. Akzeptanz des Ordens in der Öffentlichkeit
Zahlreiche Briefe von Patienten oder deren Angehörigen zeugen von der
Dankbarkeit für die gute Pflege durch die Schwestern. Hin und wieder gab
es jedoch auch Patienten, die an der Behandlung durch das Pflegepersonal
im Krankenhaus etwas auszusetzen hatten. Obwohl sich die Kläger häufig
als notorische Querulanten herausstellten, nahmen die zuständigen Behörden die Beschwerden immer sehr ernst und versuchten zu klären, inwieweit
sie berechtigt waren. Meist konnten die Vorwürfe schnell durch gegenteilige
Aussagen anderer Patienten und der Ärzteschaft ausgeräumt werden. Wurden einmal tatsächlich Versäumnisse nachgewiesen, sorgte die Generaloberin für rasche Abhilfe.
In manchen Gegenden und Städten Bayerns versuchten Gegner der
katholischen Orden, die Einführung der Barmherzigen Schwestern zu
verhindern, und scheuten dabei mitunter auch nicht vor Verleumdungen
zurück. Gerade in Regionen mit konfessionell gemischter Bevölkerung
wurden die Schwestern sehr aufmerksam beobachtet, ob sie andersgläubige Patienten zu missionieren versuchten. Kamen den Behörden derartige
Vorwürfe zu Ohren, forderten sie die Generaloberin auf, ihren Schwestern
derartige Missionierungsversuche unverzüglich zu untersagen.
Allerdings gibt es auch Belege, dass sich andersgläubige Patienten bei den
Schwestern sehr gut versorgt fühlten. So überreichte die israelitische Kultusgemeinde von München der Generaloberin im Jahr 1839 eine Standuhr
als Dank für die gute Pflege der jüdischen Kranken am Allgemeinen Krankenhaus. Auch protestantische Patienten fühlten sich bei den Schwestern
der Barmherzigen Schwestern auch Hofprediger der Theatinerkirche St. Kajetan,
eine ergreifende Ansprache für die von
ihm sehr geschätzte ehemalige Königin.
Er musste dabei jedoch auf das Priestergewand verzichten, um nicht den Eindruck zu erwecken, es handele sich um
eine Predigt.
In dieser angespannten Situation – König
Ludwig I. fühlte sich von der katholischen
Kirche durch diese unwürdige Behand-
86
lung seiner Stiefmutter vor den Kopf
gestoßen – stellten sich die Barmherzigen Schwestern vom Mutterhaus München auf die Seite der Wittelsbacher. Sie
ließen es sich trotz des Verbots des Erzbischofs nicht nehmen, für ihre geliebte
und verehrte Gönnerin ein Seelenamt in
ihrer Mutterhauskirche zu feiern, in der
Kirche, deren Bau sie zu einem Teil auch
der Großzügigkeit Carolines verdankten.
Erfolgreiche Entwicklung des Ordens unter Schwester Ignatia Jorth
Das Titelblatt
des Buches
von Bartholmä,
gestaltet von
der jungen
Gräfin Maria
Josefa von
Brandis, der
späteren
Schwester M.
Leopoldine
wohl. So zeigte sich der evangelische Theologe Johann Georg Bartholmä
von der aufopferungsvollen Pflege durch die Barmherzigen Schwestern
derart angetan, dass er 1838 ein begeistertes Buch über sie verfasste.
Auch von offizieller Seite erhielten die Schwestern viel Anerkennung
für ihre Arbeit. Selbst der Magistrat hatte bald erkannt, welcher Segen dieses
neue Institut für München und seine Krankenversorgung bedeutete. Auf
Anfragen aus anderen Städten, die Interesse an der Einführung der Schwestern signalisierten und deshalb um eine Beurteilung von deren Arbeit baten,
stellte die Stadt München stets ein überaus positives Zeugnis aus.
Im Jahr 1836 drückte der Münchner Magistrat den Schwestern offiziell
seinen Dank für ihre Arbeit aus, indem er Schwester Ignatia Jorth am 24.
Mai das Ehrenkreuz der Stadt München überreichte. Im dazugehörigen
Schreiben sprach der Magistrat der Generaloberin und ihren Schwestern
vollste Anerkennung aus: „Sie haben dem Rufe unseres allergnädigsten Königs
folgend Ihr Vaterland verlassen, um auch in unserer Mitte ein Kloster der barmherzigen Schwestern zu gründen. Das gottgefällige Werk ist über alle Erwartung schnell
gediehen. Aus allen Gegenden Bayerns traten Schwestern in Ihren heiligen Orden,
und unter Ihre Leitung. Durch Sie erhalten jetzt die Kranken jene menschenfreundliche, von einem höheren Geiste durchdrungene Pflege… Die Gemeinde, und jeder
vorurteilsfreie Menschenfreund erkennt mit Dank die wohltätigen Bemühungen und
Leistungen der um Sie versammelten frommen Schwestern, die ihr ganzes Leben der
Krankenpflege weihen, und … schon so viele frühzeitige Opfer ihres schweren und
gefährlichen Berufes geworden sind.“ 52
Eine weitere Ehrung erfuhr die Kongregation fast zeitgleich durch eine
großzügige Schenkung des greisen Erzbischofs von München und Freising,
Lothar Anselm von Gebsattel. Er übereignete dem Orden am 2. Juni 1836
ein Legat in Höhe von 6.000 Gulden mit der Bestimmung, dieses Kapital
dürfe nie angegriffen werden, die Zinsen aber sollten zur Unterstützung
87
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
kranker, alter und dienstunfähiger Schwestern oder für sonstige notwendige
Anschaffungen des Ordens verwendet werden.
Auch zu vielen anderen bayerischen und österreichischen Bischöfen
pflegte die Generaloberin beste Beziehungen. Ebenso wurde sie von vielen
Angehörigen des Königshauses sehr geschätzt, allen voran von König Ludwig I. persönlich, der einen recht vertrauten Umgang mit seiner „Landsmännin“ pflegte.
Trotz ihres selbstbewussten Auftretens beim Verkehr mit hochgestellten
und einflussreichen Persönlichkeiten bewahrte sich die Generaloberin stets
die demütige Haltung einer Barmherzigen Schwester. Die öffentlichen
Ehrungen sah sie nicht als persönliches Verdienst an, sondern nahm sie als
Auszeichnung für den gesamten Orden entgegen, hielt sie im Grunde aber
für nicht angebracht: „Wir haben doch nur unsere Schuldigkeit getan, und es ist
noch die Frage, ob der liebe Gott mit uns zufrieden ist… Wir sind nur der Pinsel,
dessen die Künstlerhand Gottes sich bedient, und wenn der Maler gut malt, so
gebührt dem Werkzeug kein Verdienst.“ 53
Schwester Ignatias Demut kommt in besonderer Weise in ihrer Beziehung zu ihren ehemaligen Oberen in Straßburg zum Ausdruck. Obwohl
das Münchner Mutterhaus offiziell völlig eigenständig war, tauschte sie sich
über alle wichtigen Angelegenheiten mit ihrem ehemaligen Mutterhaus in
Straßburg aus.Von sehr großer Achtung, aber auch von treuer Anhänglichkeit,
ja Liebe zu ihrer Generaloberin und ihrem Superior in Straßburg zeugen
die vielen Briefe, die sie ihnen aus München schrieb. Sicher wird Schwester
Ignatia während ihres langen Aufenthaltes in München, der ursprünglich
nur für drei Jahre geplant gewesen war, manchmal mit Sehnsucht an das
Elsässer Mutterhaus gedacht haben. Sehr glücklich war sie, im Juli 1837 zum
goldenen Priesterjubiläum von Superior Thomas nach Straßburg reisen zu
können. Noch ein weiteres Mal, im Frühjahr 1842, reiste die Generaloberin, wiederum in Begleitung ihrer Novizenmeisterin, zur Einweihung der
Kapelle des neuen Mutterhauses St. Barbara nach Straßburg.
4.5. Krankheit und Tod der ersten Generaloberin
Schwer erschüttert vom Zusammenbruch ihres langjährigen Ordenssuperiors Michael Hauber, der in der Osternacht des Jahres 1843 einen Blutsturz
hatte, erlitt die Generaloberin kaum eine Woche später einen Schlaganfall.
Jetzt folgten schwere Wochen für die Ordensgemeinschaft. Beide
Ordensoberen rangen mit dem Tod. Während die Krankenhausärzte den
beiden Kranken zu helfen versuchten, hielt Beichtvater Sintzel den Kontakt mit Straßburg. Als die Straßburger Oberin voll Sorge nach München
88
Erfolgreiche Entwicklung des Ordens unter Schwester Ignatia Jorth
reisen wollte, bat Schwester Ignatia sie inständig darum, aus Rücksicht auf
ihre eigene Gesundheit auf die anstrengende Reise zu dieser Jahreszeit zu
verzichten. Der königliche Hof ließ sich täglich über den Gesundheitszustand der Kranken informieren, Minister Abel, der Regierungspräsident von
Hörmann und der Erzbischof besuchten die Generaloberin an ihrem Krankenbett. Auch die Anteilnahme der Öffentlichkeit war groß. Die Zeitungen
berichteten regelmäßig über das Befinden der Patienten.
Der Zustand des Superiors verschlechterte sich zusehends und fünf
Wochen nach seinem Blutsturz starb er am Abend des 20. Mai 1843. Für
die Schwestern war der Tod Haubers ein großer Verlust, war er doch für
sie zum wichtigsten Berater in allen geistlichen und weltlichen Angelegenheiten geworden. Die fast zehnjährige vertrauensvolle Zusammenarbeit
mit Schwester Ignatia war äußerst fruchtbar gewesen. Zusammen hatten
sie die neue Ordensgemeinschaft innerlich und äußerlich konsolidiert und
zahlreiche Filialen in Bayern gegründet. Auch an der Gründung der österreichischen Niederlassungen war er maßgeblich beteiligt gewesen.
Ihrer schwerkranken Generaloberin hatten die Schwestern zunächst den
Tod des Superiors verschwiegen, da sie befürchteten, die Trauer über den
Verlust könnte ihren Zustand noch verschlimmern. Es stand immer noch
so schlecht um sie, dass in der Presse Ende Mai fälschlich die Nachricht
von ihrem Tod verbreitet wurde. Aber diesen falschen Todesmeldungen zum
Trotz erholte sie sich in der wärmeren Jahreszeit zur großen Freude und
zum Erstaunen aller und konnte im Sommer wieder ihrem Amt nachgehen.
Am 11. September 1843 stellte ihr der Erzbischof den Hofprediger und
Ehrenkanonikus bei St. Kajetan, Joseph Riedl, als neuen Superior zur Seite.
Gesundheitlich angeschlagen, aber immer noch voll Tatendrang, schonte
sich die Generaloberin bei der Ausübung ihres Amtes auch jetzt nicht. Sie
ließ es sich nicht nehmen, die beiden im Herbst 1843 übernommenen Filialen, das Krankenhaus in Bad Tölz und das Waisenhaus in Landshut, persönlich zu besuchen. Mitten im Winter, gleich zu Beginn des Jahres 1844,
begleitete sie zwei ihrer Schwestern nach Ingolstadt, um sie am dortigen
Krankenhaus einzuführen. Für die geplante Erweiterung des Heilig-GeistSpitals durch den schon lange geplanten Anbau des Nordflügels waren häufige Besprechungen mit den Magistratsvertretern nötig. Und für das Jahr
1844 standen auch noch die Planungen für Amberg an, wo die Schwestern
auf dringenden Wunsch des Königs erstmals eine Gefangenenanstalt übernehmen sollten. Schwester Ignatia war nicht abgeneigt, da sie in Hagenau,
wo die Straßburger Schwestern seit 1839 eine solche Einrichtung führten,
den heilsamen Einfluss der Ordensschwestern auf die weiblichen Gefängnisinsassen hatte beobachten können. Anlässlich seines Besuches des hl.
Grabes in der Mutterhauskirche am Karfreitag 1844 besprach der König mit
89
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
der Generaloberin seine Pläne für Amberg. Er zeigte sich sehr erfreut über
ihre Genesung: „Sie haben mir bange gemacht mit Ihrer Krankheit. Sogar das
hl. Öl haben Sie schon erhalten. Gottlob, daß Sie wieder so gut aussehen!“ 54 Auf
seinen ausdrücklichen Wunsch machte sich die Generaloberin Ende Mai in
Begleitung des neuen Superiors Riedl und zwei Schwestern auf den langen
Weg nach Amberg. Um für die gesundheitlich angeschlagene Generaloberin
die immerhin 55 Stunden lange Fahrt nach Amberg etwas angenehmer und
schonender zu gestalten, stellte ihr der König einen seiner Reisewagen zur
Verfügung und ordnete an, sie dürfe nur am Tag fahren.
Einen weiteren herben Verlust für Schwester Ignatia und ihre Ordensschwestern bedeutete der Tod des Straßburger Superiors Lorenz Thomas am
29. März 1844. Er hatte nicht nur maßgeblichen Anteil an der Einführung
der Barmherzigen Schwestern in Bayern gehabt, sondern hatte auch all die
Jahre zusammen mit Generaloberin Schwester Vinzenz Sultzer dem neuen
Mutterhaus in München als väterlicher Ratgeber zur Seite gestanden.
Doch nicht nur Arbeit und Trauer brachte dieses Jahr der kranken
Schwester Ignatia, sondern auch eine große Freude. Kurz nach ihrem
65. Geburtstag durfte Schwester Ignatia Jorth noch erleben, was sie all die
Jahre in München ersehnt hatte: den Besuch der Straßburger Generaloberin. Schwester Vinzenz Sultzer kam zusammen mit dem neuen Straßburger
Superior Franz Karl Spitz am 18. August 1844 in München an, wo sie für
5 Tage blieben. In dieser Zeit kamen aus vielen Filialen die Oberinnen nach
München, um die Straßburger Oberen zu begrüßen. Selbst aus dem von
Straßburg aus gegründeten Mutterhaus in Fulda reisten die Oberin und
der Superior an. Als die Gäste aus Straßburg wieder abreisten, nahmen sie
Schwester Dominika mit ins Elsass, um sie in der Strafanstalt Hagenau für
den Einsatz in der Strafanstalt Amberg auszubilden.
Im Herbst erlitt Schwester Ignatia erneut einige kleinere Schlaganfälle.
Sie erholte sich zwar wieder etwas, aber es zeichnete sich eine allgemeine Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes ab. Gegen Ende des Jahres konnte sie sich oft nicht mehr ohne fremde Hilfe vom Stuhl erheben.
Die Schwestern und der neue Superior sahen voll Sorge, wie ihre Kräfte
immer mehr schwanden. Auch König Ludwig, sein Minister von Abel und
die beiden Erzbischöfe von München und Salzburg machten sich Sorgen
um Schwester Ignatia und besuchten sie am Krankenbett.
Am 21. Januar 1845 erlitt die Generaloberin erneut einen schweren
Schlaganfall, von dem sie sich nicht mehr erholen sollte. Gelähmt und
nicht mehr fähig zu sprechen, lag die ihr Leben lang so energievolle und
tatkräftige Schwester Ignatia drei Tage und drei Nächte völlig hilflos auf
ihrem Bett. Alle Bemühungen der Oberärzte des Allgemeinen Krankenhauses waren vergebens. Am Morgen des 25. Januars 1845 verstarb die erste
90
Erfolgreiche Entwicklung des Ordens unter Schwester Ignatia Jorth
General­oberin der Barmherzigen Schwestern in Bayern, Schwester Ignatia
Jorth, im Alter von 65 Jahren. Unfassbar groß war die Trauer ihrer Mitschwestern. In einem mit vielen Blumen und Kerzen geschmückten Raum
neben der Klosterpforte bahrten sie ihre geistliche Mutter auf. Dort sollte
auch das Volk von der beliebten Oberin Abschied nehmen können. Der
Strom der Trauernden, die Schwester Ignatia die letzte Ehre erweisen wollten, riss drei Tage lang nicht ab. Die Schwestern selbst beteten abwechselnd
Tag und Nacht an ihrem Sarg. In der Mutterhauskirche und in allen Kirchen der Stadt fanden Trauergottesdienste statt. Am Nachmittag des dritten
Tages begleitete ein langer Trauerzug den Sarg zur Beerdigung auf den allgemeinen Friedhof, den heutigen alten Südfriedhof. Der Magistrat übernahm die Beerdigungskosten aus dem Etat des Krankenhauses und bot den
Schwestern für ihre verstorbene Oberin eine Ehrengruft unter den Arkaden
des Südfriedhofes an. Die Schwestern wünschten jedoch, ihre Ehrwürdige
Mutter inmitten der vielen in den Anfangsjahren schon verstorbenen Mitschwestern auf dem gemeinsamen Begräbnisplatz auf dem Südfriedhof zu
beerdigen. Diesen Platz hatte die Stadt dem Orden zusammen mit einem
einfachen gemeinsamen Gedenkstein im Jahr 1836 geschenkt.
In den bayerischen Zeitungen erschienen zahlreiche Nachrufe auf die
allseits geachtete und verehrte Generaloberin, die alle einen ähnlichen Tenor
hatten wie das folgende Zitat aus der „Augsburger Postzeitung“: „Sie war
eine Frau mit männlichem Verstande und praktischem, durchgreifendem Blick, von
einer Entschlossenheit und Wohlberatenheit in ihrem ganzen Wesen, daß sie durch
nichts in ihrer Zuversicht auf Gottes Hilfe erschüttert werden konnte und, durch
kein Hindernis beirrt, ihr großartiges Ziel zu verfolgen wußte. So ist diese Elsässerin auf Jahrhunderte hinaus zu einer wahren Wohltäterin Bayerns geworden.“ 55
Geradezu grotesk erscheint aus heutiger Sicht, dass fast in jedem Nachruf
vom „männlichen Verstand“ der Generaloberin die Rede ist. In der damaligen Zeit war es anscheinend schwer vorstellbar, dass eine Frau ein solches
Lebenswerk geschafft haben könnte. Und dabei hatte diese Frau aus dem
Elsass zusammen mit all den anderen Frauen aus Bayern, die sich in den
Dienst ihrer Gemeinschaft stellten, doch gerade das Gegenteil bewiesen. Die
Leistungen dieses neuen bayerischen Ordens basierten nicht nur auf der den
Frauen auch im 19. Jahrhundert zugestandenen Opferbereitschaft, sondern
auch zu einem Großteil auf Mut, Energie und Verstand dieser Frauen.
*
91
Kapitel 5
Krise nach dem Tod von
Schwester Ignatia
5.1. Geplanter Richtungswechsel?
Bei ihrem Tod hinterließ Schwester Ignatia Jorth eine gefestigte Ordensgemeinschaft mit insgesamt 156 Schwestern und bereits 16 funktionierenden
Niederlassungen in ganz Bayern.
Dennoch stürzte der Tod der ersten Generaloberin die Kongregation in
eine schwere Krise, von der sie sich längere Zeit nicht erholen sollte. Als
sehr schwierig stellte sich heraus, eine geeignete und von allen akzeptierte
Nachfolgerin für eine derart starke Führungspersönlichkeit zu finden. Parteienbildung und Intrigen innerhalb der Ordensgemeinschaft gefährdeten
das von Schwester Ignatia hinterlassene blühende Werk. Als „natürliche“
Nachfolgerin wurde von vielen zunächst die zweite Straßburger Schwester,
Schwester Apollonia Schmitt, angesehen. Allerdings kamen bald Gerüchte
auf, die langjährige Novizenmeisterin, die sich in ihrem bisherigen Amt
ausschließlich um die geistliche Entwicklung der Schwestern gesorgt hatte
und bekanntermaßen stark unter dem Einfluss des zu übertriebener Askese
neigenden Beichtvaters Sintzel stand, werde als neue Generaloberin einen
Richtungswechsel des Ordens vornehmen. Vor allem Magistrat und Krankenhausdirektion befürchteten, der Orden werde in Zukunft die religiösen
Pflichten der Schwestern zulasten des Krankendienstes mehr in den Vordergrund rücken. Inwieweit diese Befürchtungen berechtigt waren, lässt sich
nicht mehr nachvollziehen. Auf jeden Fall alarmierten die Bedenken vonseiten des Magistrats das Ordinariat, das daraufhin Domdechant von Oettl
zur Visitation ins Mutterhaus schickte. Die bei der Visitation festgestellte
Uneinigkeit der Schwestern veranlasste den Erzbischof bei der Straßburger Ordensleitung die Rückberufung Schwester Apollonias zu erwirken.
So kehrte sie zum Bedauern des Großteils der Schwestern nach 13 Jahren
Aufbauarbeit in München am 1. März 1845 nach Straßburg zurück. Fast
92
Krise nach dem Tod von Schwester Ignatia
gleichzeitig mit ihr wurde auch
Beichtvater Sintzel von seinem
Amt enthoben. An seine Stelle
trat zunächst Franz Xaver Stiller und nach dessen Tod einige Monate später, ab Oktober
1845, Johann Jakob Lenz, bisher
Benefiziat und Beichtvater der
Schwestern in Berg am Laim.
5.2. Unruhige Zeiten
Nach der Abreise Schwester
Apollonias drängte das Ordinariat darauf, möglichst schnell
die Wahl einer neuen Generaloberin durchzuführen. Am
12. März 1845 wählten die Oberinnen der Filialen Schwester M.Vinzentia
Balghuber zur zweiten Generaloberin. Leider sollte sich diese Lösung als
nicht tragfähig erweisen. Trotz ihrer Erfahrung als Oberin an verschiedenen
Einsatzorten gelang es ihr nicht, den Frieden innerhalb der Schwesternschaft wieder herzustellen. Nach drei Jahren Amtszeit bat sie deshalb den
Erzbischof im März 1848 um ihre Amtsenthebung und ihre Versetzung als
Oberin in die 1846 übernommene Strafanstalt in Amberg. Der Bischof
ernannte daraufhin am 13. März 1848 Schwester M. Benonia Stanglmaier,
bisher Assistenzschwester und erste Hausoberin im Allgemeinen Krankenhaus, zur Generaloberin. Auf eine ordnungsgemäße Wahl durch die auswärtigen Oberinnen verzichtete das Ordinariat, da es wegen der herrschenden
politischen Unruhe deren Anreise für nicht ratsam hielt.
Denn nicht nur ordensintern herrschten unruhige Zeiten, sondern auch
auf der politischen Ebene. Die Affäre des Königs mit Lola Montez weitete
sich von einer zunächst rein persönlichen Angelegenheit zu einer ernsten
Staatskrise aus. Mit seinem Verhalten hatte der König nach und nach alle
politischen Kräfte gegen sich aufgebracht. Das eigentliche Hauptproblem
des Widerspruchs zwischen bayerischer Verfassung und autokratischem
Führungsanspruch des Königs trat nun offen zu Tage. Die Absetzung des
konservativ-katholischen Innenministers von Abel im Februar 1847 ließ
auch für die katholischen Orden das Klima in Bayern rauer werden. Im
März 1847 räumte die neue liberale Regierung dem Staat das Recht ein,
sich in die Ablegung der Gelübde einzumischen. Jede Novizin sollte vor
Michael
Sintzel,
Beichtvater
der Barmherzigen
Schwestern
von 1836 bis
1845
93
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Ablegung der Profess einem staatlichen Vertreter Rechenschaft über ihre
Berufung ablegen. Auf Anordnung des Erzbischofs verzichteten daraufhin
alle Ordensgemeinschaften, auch die Barmherzigen Schwestern, auf Einkleidungs- und Professfeiern im gesamten Jahr 1847. Der Superior erreichte
schließlich durch eine persönliche Eingabe beim König, dass die Barmherzigen Schwestern im August 1847 von diesem Regierungsbeschluss ausgenommen wurden.
Als die politischen Ereignisse im Februar und März 1848 eskalierten,
waren laut Mutterhauschronik die Schwestern direkt betroffen. Die Rebellen,
die sich durch die Erstürmung des Zeughauses mit Waffen versorgt hatten,
seien schon im Begriff gewesen, das Kloster zu stürmen. Sie hätten jedoch
davon abgelassen, als einer ihrer Anführer durch einen Schuss verletzt und
zur Behandlung ins Krankenhaus eingeliefert worden sei. Die Erleichterung
der Schwestern war sicher groß, als durch das Einlenken des Königs und
die Besonnenheit der meisten Revolutionäre ein Bürgerkrieg verhindert
werden konnte. Groß war jedoch sicher auch das Bedauern der Schwestern
über die Abdankung ihres verehrten Königs am 20. März 1848 zugunsten
seines Sohnes Maximilian.
Die Schwestern sahen sich in dieser politischen Umbruchsituation
schweren Angriffen in der Presse ausgesetzt. Vor allem ein Arzt, der selbst
keinerlei persönliche Erfahrungen mit dem Orden hatte, führte über
Monate eine Verleumdungskampagne gegen den Pflegeorden. Wie schon
so oft hatten die Schwestern in Prof. von Ringseis einen treuen Verteidiger
ihres Rufes. Er widerlegte in einer Reihe von Presseartikeln die ungerechtfertigten Vorwürfe und veröffentlichte seine Argumente zusätzlich in einem
Buch.
Intern kam die Kongregation auch während der Amtszeit von Schwester
M. Benonia nicht zur Ruhe. Auch sie sah sich mit vielerlei Widerständen
und Parteienbildung konfrontiert. Nicht unwesentlich mag dazu beigetragen haben, dass die Generaloberin gesundheitlich schon sehr angeschlagen war und somit nur selten Inspektionsreisen in die auswärtigen Filialen
unternehmen konnte. Verschärft wurde diese Situation durch den neuen
Beichtvater Lenz, der anscheinend durch Parteinahme die Uneinigkeit unter
den Schwestern noch weiter vertiefte. 1849 wurde er deshalb auf Betreiben
des Superiors Gradler vom Erzbischof durch den Priester Matthäus Kroner
ersetzt.
Auch im Amt des Superiors herrschte in dieser Zeit keine Kontinuität.
Superior Riedl legte bereits 1846 sein Amt wieder nieder, da er ins Ordinariat berufen worden war. Sein Nachfolger Herenäus Haid resignierte nach
der Abdankung der zweiten Generaloberin Schwester M. Vinzentia ebenfalls. Erst sein Nachfolger, der Domkapitular Peter Paul Gradler, brachte
94
Krise nach dem Tod von Schwester Ignatia
nicht zuletzt durch die Ausschaltung des negativen Einflusses des Beichtvaters Lenz wieder etwas Stabilität und Einigkeit in die Gemeinschaft. Leider
musste Gradler jedoch bereits 1853 aus gesundheitlichen Gründen sein Amt
an Carl von Prentner abgeben.
*
95
Kapitel 6
40 Jahre Kontinuität unter
Schwester M. Regina Hurler
6.1. Auswirkungen des Kulturkampfes
Antworttelegramm
von Schwester M. Regina Hurler,
in dem sie
sich bereit
erklärt,
die Wahl
zur Generaloberin
anzunehmen
96
Nach dem Tod der dritten Generaloberin Schwester M. Benonia Stanglmaier am 8. Januar 1855 waren zwei Wahlgänge nötig, um eine Zweidrittelmehrheit für eine neue Generaloberin zu erreichen. Die auswärtigen Oberinnen hatten dieses Mal per Briefwahl teilgenommen. Am 12. März 1855
wurde Schwester M. Regina Hurler zur vierten Generaloberin gewählt.
Schwester M. Regina Hurler war von 1845 bis 1853 Novizenmeisterin gewesen, dann aber zum Bedauern vieler Schwestern als Oberin nach
Kempten versetzt worden. Die neue, zunächst für drei Jahre gewählte Generaloberin wurde nach Ablauf dieser ersten Amtszeit vom Erzbischof im Amt
bestätigt. In der Folgezeit amtierte sie mit dem stillschweigenden Einverständnis des Ordinariats bis 1895,
also ganze 40 Jahre lang.
Nachdem Superior Karl von
Prentner 1857 sein Amt niedergelegt hatte, folgte ihm Anton
Etzinger, der es bis zu seinem
Tod im Jahr 1884 innehatte und
somit auch in diesem Amt endlich wieder für Kontinuität sorgte.
Die gute Zusammenarbeit zwischen der Generaloberin und
dem Superior stabilisierte den in
Unruhe geratenen Orden – eine
Stabilisierung, die angesichts
der Herausforderungen, die auf
die Kongregation in dieser Zeit
zukamen, auch unbedingt nötig
war.
40 Jahre Kontinuität unter Schwester M. Regina Hurler
Durch die rasante Entwicklung
des Münchner Krankenhauswesens
stieg die Nachfrage nach Schwestern ständig an und eine einige
Ordensleitung war als zuverlässiger
Verhandlungspartner für Stadt, Universität und Krankenhausleitung
von größter Bedeutung. Erschwerend kam hinzu, dass mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871
politisch ein rauerer Wind für alle
katholischen Einrichtungen wehte.
GeneralReichskanzler Bismarck versuchte,
oberin
den Einfluss der katholischen OppoSchwester
sition durch gesetzliche Regelungen
M. Regina
zu beschneiden. Anlass bot ihm dazu
Hurler
das Unfehlbarkeitsdogma des durch
die Einigung Italiens politisch entmachteten Papstes und die daraus entstandenen Streitigkeiten um die Abspaltung der Altkatholiken.
Auch wenn der so genannte Kulturkampf in anderen Teilen des Reiches,
vor allem in Preußen, wesentlich härter geführt wurde als in Bayern, so war
er doch auch hier spürbar. Die liberale bayerische Regierung unter dem
mächtigen Minister Lutz begrüßte die Bismarckschen Gesetze, konnte aber
in Bayern, wo die konservativen katholischen Kräfte in der Abgeordnetenkammer die Mehrheit hatten und auch das Königshaus der katholischen
Kirche wohlwollend gegenüberstand, die harten preußischen Gesetze gegen
katholische Einrichtungen nicht in voller Härte durchsetzen. Aber in abgemilderter Form und auf dem Weg der Reichsgesetzgebung machte sich
auch hier die Kampfansage des Staates an die katholische Kirche bemerkbar.
Da die Jesuiten und Redemptoristen bereits 1872 verboten worden waren,
waren die Barmherzigen Schwestern sehr beunruhigt, als das bayerische
Innenministerium im August 1873 von der Ordensleitung ihre Statuten
zur Prüfung verlangte. Die Schwestern befürchteten ein Verbot auch ihrer
Ordensgemeinschaft. Angesichts des 1875 in Preußen erfolgten Verbots aller
katholischen Orden war diese Furcht nicht ganz unbegründet. Allerdings
zeigte sich, dass selbst der preußische Gesetzgeber die Krankenpflegeorden
von dieser Regelung ausnahm. Der Grund war ganz offensichtlich, dass man
es sich bei dem hohen Bedarf an Pflegepersonal nicht leisten konnte, auf die
Ordenskrankenschwestern zu verzichten. Auch militärische Erwägungen
mögen dabei eine Rolle gespielt haben. Im Krieg 1870/71 war man auf
den Einsatz der Ordensschwestern in den Lazaretten dringend angewie97
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Hugo von
Ziemssen,
Direktor des
Krankenhauses links
der Isar von
1874 bis 1902
(Gemälde in
der Medizinischen
Klinik)
98
sen gewesen. So hatte schließlich auch die Überprüfung der Barmherzigen
Schwestern durch die bayerischen Behörden kein Verbot der Kongregation zur Folge. Auch wenn das Schlimmste abgewendet war, wurden den
Schwestern in den kommenden Jahren von amtlicher Seite immer wieder
Probleme gemacht. Schon 1871 war der Magistrat auf Distanz zum Orden
gegangen, indem er die alte Tradition abschaffte, dass an jeder Einkleidungsfeier ein Magistratsrat teilnahm und eine Sammlung für den Orden organisierte. Die eigene Spende des Magistrats zu diesem Anlass, die so genannte
Ehrengabe von 25 fl., wurde zunächst noch bis 1880 gewährt, ab 1881
aber ganz eingestellt. Als Affront empfanden die Schwestern die Ernennung des Protestanten von Ziemssen zum neuen Krankenhausdirektor im
Jahr 1874. Und tatsächlich ging der neue Direktor zusammen mit dem
Magistrat zunächst auf Konfrontationskurs zum Orden. Für die dringend
notwendig gewordene Erweiterung des Krankenhauses planten sie, den
Schwestern das Mutterhaus wegzunehmen. In dieser Situation zeigte sich
zum ersten Mal die Problematik der unklaren Eigentumsregelung beim
Bau des Mutterhauses. Der Magistrat ging davon aus, das Mutterhaus für
Krankenhauszwecke zurückfordern zu können. Für den Orden waren die
angebotenen Unterbringungsalternativen unannehmbar und er vertrat die
Ansicht, er könne nicht gezwungen werden, das Mutterhaus zu räumen, da
er das Recht auf das Haus habe, so lange der Orden in Bayern bestünde. Als
die Schwestern signalisierten, die Sache vor Gericht klären lassen zu wollen, machte der Magistrat einen Rückzieher. Anscheinend war auch ihm
klar geworden, dass bei der vorliegenden Rechtslage eine Entscheidung zu
seinen Gunsten nicht zu erwarten
gewesen wäre.
Glücklich darüber, die Enteignung abgewendet zu haben,
mussten die Schwestern allerdings
in den kommenden Jahren und
Jahrzehnten im Zuge der ständigen Erweiterung des Krankenhauses eine stetige Verkleinerung
des ihnen zur Verfügung gestellten
Mutter­haus­gartens hinnehmen. So
konnten sie beispielsweise nicht
verhindern, dass im Jahr 1876 die
alte Einfahrt zum Mutterhaus auf
die gegenüber gelegene Seite des
Gartens an die spätere Nußbaumstraße verlegt wurde. Dem dafür
40 Jahre Kontinuität unter Schwester M. Regina Hurler
nötigen neuen Zufahrtsweg fiel wieder
ein Teil des Gartens zum Opfer.
Im Großen und Ganzen überstand die
Kongregation die Zeit des Kulturkampfes
unbeschadet. Trotz der Hetze in manchen
Zeitungen gegenüber den katholischen
Orden und der Schwierigkeiten vonseiten
der Behörden verringerte sich die Zahl
der Kandidatinnen nur geringfügig. So
sank die Zahl der Einkleidungen von 34
im Jahr 1871 auf 20 in den Jahren 1876/77,
stieg dann aber wieder an und pendelte sich bis Mitte der 80er Jahre bei rund
Geschenk
56
der Stadt
30 ein. Allerdings ging der Zuwachs an
München
neuen Niederlassungen gravierend zurück.
zur 50-JahrWar vorher jedes Jahr die Übernahme
Feier der
meist mehrerer neuer Einrichtungen die
Kongrega­
Regel, gab es in den 70er und 80er Jahtion 1882
ren des 19. Jahrhunderts einige Jahre ohne
eine einzige neue Übernahme.57
Die Ordensleitung schaffte es mit diplomatischem Geschick, die Interessen gegenüber Magistrat und Krankenhausleitung zu wahren. Das Verhältnis
zum Krankenhausdirektor von Ziemssen wurde immer besser, zumal dieser
die Barmherzigen Schwestern und ihre Arbeit am Krankenhaus bald sehr
zu schätzen gelernt hatte.
6.2. Eine ganz besondere Beziehung
zu Königin-Mutter Marie
Während dem Orden von politischer Seite, von der Regierung und ihren
untergeordneten Stellen, immer wieder Schwierigkeiten gemacht wurden,
hatte er gleichzeitig im Königshaus der Wittelsbacher stets verlässliche und
einflussreiche Fürsprecher. Eine ganz besondere Beziehung verband die
Barmherzigen Schwestern mit Königin-Mutter Marie, der Witwe Maximilian II. und Mutter Ludwig II. Schon als Königin hatte sich Marie zusammen mit ihrem Mann für soziale Belange engagiert. Mit der gerade unter
Maximilian II. voran getriebenen Industrialisierung zeigten sich bald auch
die Schattenseiten dieser Entwicklung in einer Verschärfung der sozialen
Probleme. Diese suchte das Königspaar durch Mildtätigkeit zu lindern.
Marie unterstützte alle Bemühungen zur Verbesserung der Krankenver99
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Königin
Marie von
Bayern,
1825 – 1889.
Das
Ölporträt
schenkte
die KöniginMutter den
Schwestern
1866 für die
Pflege der
Verwundeten in ihrem
Spital in
Fürstenried.
Geschenk
von Königin-Mutter
Marie im
Jahr 1868
als Dank für
die Pflege
durch drei
Barmherzige
­Schwestern,
als sie
an einer
schweren
Gichterkrankung litt
100
sorgung und war so schon früh zu
einer Gönnerin der Barmherzigen
Schwestern geworden. Seit dem Einsatz der Schwestern in dem von ihr
eingerichteten Lazarett im deutschdeutschen Krieg 1866 intensivierte
sich der Kontakt zu den Schwestern.
Regelmäßig besuchte sie das Mutterhaus, nahm häufig an verschiedenen Feiern teil und machte den
Schwestern zu Weihnachten und
Ostern nette Geschenke wie Osterlämmer aus Wachs, Schokoladeneier
und Weihnachtsgebäck. Groß war
die Freude der Ordensschwestern,
als die Königin-Mutter 1874 zum
katholischen Glauben konvertierte.
Eine geradezu freundschaftlich-herzliche Beziehung verband die Königin-Mutter mit Schwester M. Regina Hurler. Zum Namenstag schickte
Marie der Generaloberin stets ein Glückwunschtelegramm von ihrem
Sommeraufenthalt in Hohenschwangau. Auch Schwester M. Regina vergaß keinen Namenstag der Königin-Mutter und zum tragischen Tod ihres
Sohnes Ludwigs II. schickte sie ihr ein bewegendes Beileidsschreiben.
Die Pflegedienste der Barmherzigen Schwestern wusste die Königin-Mutter auch persönlich sehr
zu schätzen. Als sie 1868 an Gicht
erkrankte, erbat sie erstmals auf
Anraten ihres Leibarztes von Gietl,
der gleichzeitig der Hausarzt des
Ordens war, drei Schwestern zur
Pflege. In der Folge ließ sie sich bei
jeder schwereren Erkrankung von
Barmherzigen Schwestern pflegen,
so auch bei einem erneuten Anfall
von akutem Gelenkrheumatismus
unmittelbar nach dem Tod ihres
Sohnes Ludwig II. Die Schwestern
begleiteten die Königin-Mutter zur
Pflege auch zu ihrem Sommeraufenthalt nach Hohenschwangau.
40 Jahre Kontinuität unter Schwester M. Regina Hurler
Als der schwer erkrankten Marie im Februar 1889 von den Ärzten ein
Aufenthalt in Lugano verordnet wurde, reisten ebenfalls zwei Barmherzige
Schwestern mit ihr. Im Anschluss an die Reise zog sich die unheilbar an
Magenkrebs erkrankte Königin-Mutter Ende März nach Hohenschwangau
zurück, wo ihr die Schwestern bei ihrem qualvollen Sterben bis zu ihrem
Tod am 17. Mai 1889 beistanden.
6.3. Sonderentwicklung des Mutterhauses Augsburg
In die Amtszeit der vierten Generaloberin Schwester M. Regina Hurler
fiel auch die Etablierung des Mutterhauses Augsburg. Die Stadt Augsburg
hatte schon im Jahr 1833 unter dem damaligen katholischen Bürgermeister
reges Interesse angemeldet, Barmherzige Schwestern für die Krankenpflege
zu gewinnen. Allerdings sollte sich deren Einführung angesichts der besonderen Augsburger Verhältnisse als schwierig erweisen. In der konfessionsgeteilten Stadt wurde seit 1649 streng auf paritätische Gleichheit der beiden
großen Konfessionen Katholizismus und Protestantismus in allen öffentlichen Bereichen, so auch in der Krankenpflege, geachtet. Am Krankenhaus
gab es dementsprechend eine katholische und eine protestantische Abteilung. Auch auf die für die Krankenpflege in Augsburg bedeutende Bachsche
Seelhausstiftung, eine Stiftung der Augsburger Familie Bach an die Stadt aus
dem 15. Jahrhundert, also aus vorreformatorischer Zeit, erhoben Protestanten und Katholiken gleichermaßen Anspruch. Mit dieser Stiftung wurde die
ambulante Krankenpflege durch
die so genannten Bach­schen Seelnonnen finanziert, Krankenpflegerinnen, die die Kranken in ihren
Häusern aufsuchten. Nach jahrelangen schwierigen Verhandlungen
übernahmen die Barmherzigen
Schwestern Anfang 1847 von einer
sehr bescheidenen Unterkunft aus,
dem Barbarahof, die ambulante
Stadtkrankenpflege der Bachschen
Seelhausstiftung. Doch die kathoSuperior
lischen Bürger Augsburgs wollten
Anton
mehr. Sie strebten die ÜbernahEtzinger
me der katholischen Abteilung des
(Ölgegeplanten neuen Stadtkrankenmälde im
hauses durch die Schwestern an.
Mutterhaus)
101
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Dieses Ziel rückte deutlich näher, als der ehemalige Gerbermeister Johann
Georg Henle im Jahr 1852 kurz vor seinem Tod eine Stiftung von 100.000
Gulden machte. Die Stiftungsbestimmungen sahen vor, dass innerhalb der
nächsten zehn Jahre dem Orden der Barmherzigen Schwestern die Pflege
der katholischen Kranken in Augsburg übergeben und ein Mutterhaus nach
Münchner Vorbild gebaut werden sollte. Die Verhandlungen zwischen dem
Mutterhaus und dem Augsburger Magistrat zogen sich dennoch weitere
sechs Jahre hin. Erst 1858 gelang der Vertragsabschluss, wonach 22 Barmherzige Schwestern und sechs Kandidatinnen bei der Eröffnung des städtischen Krankenhauses 1859 die Hauswirtschaft und Krankenpflege in der
katholischen Abteilung übernehmen sollten. Ganz im Sinne des Paritätsgrundsatzes wurde die protestantische Abteilung des Hauses den Diakonissen übertragen. Mit der Übernahme des Krankenhauses war der erste Teil
der Stiftungsbestimmung erfüllt, aber noch stand der Bau eines neuen Mutterhauses aus. Da der Magistrat nichts in dieser Angelegenheit unternahm,
obwohl die Zehn-Jahres-Frist schon fast abgelaufen war und die Schwestern
sich zudem in der Presse verleumderischer Kritik ausgesetzt sahen, dachte
die Münchner Ordensleitung bereits daran, ihre Schwestern aus Augsburg
zurückzuziehen. In dieser Situation brachte erst die Schenkung eines katholischen Augsburger Bürgers die Wende hin zur endgültigen Etablierung des
Ordens in Augsburg. Der Magistratsrat Franz Xaver Stadler schenkte den
Schwestern ein in der Nähe des Krankenhauses gelegenes Haus mit Garten.
Der Orden verzichtete daraufhin, die Verpflichtung des Magistrats einzufordern, ihm ein Mutterhaus zu bauen. So erfolgte mit Zustimmung des
Das alte
Mutterhaus
in Augsburg
102
40 Jahre Kontinuität unter Schwester M. Regina Hurler
Augsburger Bischofs Ende 1862 die endgültige Gründung des Augsburger
Mutterhauses.
Das Verhältnis der neuen Niederlassung in Augsburg zum Mutterhaus
in München war von Anfang an etwas anderer Art als bei den sonstigen
Niederlassungen üblich. Der Hauptgrund dafür war die Bestimmung der
Stiftung Henles, „dass … ein Mutterhaus wie in München mit den verfassungsmäßigen Rechten etabliert werde“.58 Das Mutterhaus hatte deshalb, um die
Etablierung des Ordens in Augsburg nicht zu gefährden, in den Gründungsverhandlungen weitgehende Zugeständnisse machen müssen. So hatte man
sich darauf geeinigt, dass Augsburg ein Ordensmutterhaus mit eigenem Vermögen sein sollte. Allerdings hatte sich das Mutterhaus in München die
geistliche Oberaufsicht über das Augsburger Mutterhaus vorbehalten. Diese
aber machte ihm das Augsburger Ordinariat von Anfang an streitig. Der
Augsburger Bischof erreichte, dass ihm das Mutterhaus in München 1862
die Ernennung des Augsburger Superiors überließ. Außerdem bestand er
darauf, dass die Augsburger Filialen nur dem Mutterhaus in Augsburg unterstehen sollten.Wurde zunächst noch vereinbart, dass die Augsburger Oberin
gewählt werden sollte und von München und dem Augsburger Ordinariat zu bestätigen sei, setzte der Augsburger Bischof gegen den Willen der
Münchner Ordensleitung im Laufe der Jahre schließlich durch, dass nur
noch die Ernennung durch ihn nötig war. So wurde de facto die Augsburger Niederlassung immer mehr von einer Filiale zu einem selbstständigen
Mutterhaus. 1892 stellte der Augsburger Bischof schließlich eigenmächtig
eine Generaloberin auf. Um den Tatsachen endlich Rechnung zu tragen,
bat der Augsburger Superior im Jahr 1895 die Münchner Ordensleitung um
die „Anerkennung völliger Selbständigkeit des Mutterhauses Augsburg auf Grund
der Generalstatuten und auf Grund der historischen Entwicklung der Dinge“ und
machte den Vorschlag, „dass beide Schifflein nebeneinander friedlich fahren
und den Fischfang der Barmherzigkeit betreiben“.59 Der Münchner Superior
erkannte in seinem Antwortschreiben im September 1895 die Selbstständigkeit des Mutterhauses Augsburg endgültig an: „… und es fahren die beiden
Schifflein nun nebeneinander!“ 60
*
103
Kapitel 7
Die Barmherzigen Schwestern
und die Entwicklung der
modernen Krankenpflege
7.1. Bedeutender Beitrag zum Aufbau des
Krankenhauswesens in München
Schwester
M. Constantia Mahler
war 40
Jahre lang
(1856 – 1896)
Oberin am
Krankenhaus links
der Isar.
104
Die Stabilität der Ordensleitung unter Schwester M. Regina erwies sich
als Glücksfall für den Orden, zumal er sich in der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts mit ständig steigenden Anforderungen konfrontiert sah. So
hatten die Barmherzigen Schwestern an der zur Mitte des 19. Jahrhunderts
einsetzenden rasanten Entwicklung des Krankenhauswesens in München
maßgeblichen Anteil. Ihre erste Wirkungsstätte in Bayern, das Allgemeine
Krankenhaus in München, sollte die
Keimzelle für die sich im ausgehenden
19. und beginnenden 20. Jahrhundert
entwickelnden neuen Spezialkliniken
in München werden.
Das seit 1818 städtische Krankenhaus
hatte mit der Verlegung der Universität
von Landshut nach München zusätzlich
die Funktion einer staatlichen Universitätsklinik übernommen. Im Krankenhaus gab es nun einige klinische
Säle, die der staatlichen Universität zur
Verfügung gestellt wurden. Diese Doppelfunktion sollte im Laufe der Jahrzehnte immer wieder zu Streitigkeiten
um Kompetenzen und Finanzierung
zwischen Staat und Stadt führen, unter
Die Barmherzigen Schwestern und die Entwicklung der modernen Krankenpflege
denen auch die Schwestern zu leiden hatten. Zwar wurden in der Vergleichs­
urkunde von 1872 etwas tragfähigere Regelungen geschaffen, aber erst mit
der vollständigen Übernahme im Jahr 1953 durch den Freistaat Bayern
wurden diese Probleme endgültig ad acta gelegt.
Ludwig I. hatte mit der Verlegung der Universität angestrebt, seine Residenzstadt nicht nur zum Zentrum der politischen Macht, sondern auch
zum Zentrum von Kultur und Wissenschaft zu machen. Zunächst hatte die
medizinische Fakultät in München gute Aussichten, eine führende Rolle in
Deutschland zu übernehmen.Aufklärer wie die beiden von Häberl, die in den
Anfangsjahren das Sagen am Krankenhaus hatten, waren offen für alle neuen
naturwissenschaftlichen Erkenntnisse in der Medizin. Ausgerechnet der von
Ludwig I. geschätzte und protegierte Prof. von Ringseis, unter dessen Einfluss
das Krankenhaus die nächsten Jahrzehnte hauptsächlich stand, verhinderte
jedoch den weiteren Ausbau der Vormachtstellung der Münchner Fakultät.
Stark von der mystischen Naturphilosophie Schellings beeinflusst, versuchte
Ringseis diese Philosophie auf die Medizin zu übertragen. Die Vertreter
dieser ganzheitlich angelegten naturphilosophischen Ausrichtung lehnten
den therapeutischen Aktionismus der Schulmedizin ab und setzten bei den
Therapien auf Reiz steigernde und Reiz hemmende Methoden. Was heute
im Zuge des Aufschwungs der Homöopathie und anderer Naturheilverfahren durchaus wieder modern klingt, sorgte damals dafür, dass die medizinische Fakultät in München im Vergleich zu anderen Medizinfakultäten in
Deutschland ins Hintertreffen geriet, was die Entwicklung der empirischen
medizinischen Wissenschaft betraf. Dabei muss jedoch zur Ehrenrettung
Ringseis gesagt werden, dass, auch wenn seine Theorien oft sehr wirklichkeitsfremd und dogmatisch waren, er in seiner ärztlichen Praxis pragmatisch
vorging und als Therapeut auch neue Entwicklungen in der Medizin zu
nutzen wusste. Doch die Entwicklung des Allgemeinen Krankenhauses zu
einer modernen, nach wissenschaftlichen Erkenntnissen geführten Klinik
erfolgte erst, als Mitte
des 19. Jahrhunderts
der Einfluss von Prof.
Ringseis
zurückgedrängt wurde.
Der seit 1848 regierende neue König
Maximilian II., der die
Entwicklung der Wissenschaften in allen
Bereichen in Bayern
förderte, tat dies auch
Hörsaal im
Krankenhaus links
der Isar
105
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
im medizinischen Bereich. So verstand er es, vor allem durch Berufung
fähiger Mediziner, seiner Residenzstadt München auch auf diesem Feld
eine Führungsposition in Deutschland zu verschaffen. Wie sehr die junge
Ärztegeneration diesen Umschwung am Krankenhaus herbeigesehnt hatte,
zeigt folgender Kommentar des Pathologen Thiersch zur Berufung von Dr.
Carl von Pfeufer nach München: „Ein seliges Gefühl der Erlösung kam über
mich und alle jungen strebsamen Ärzte in München, als mit Pfeufer die rationelle
Medizin einzog… Statt dogmatischer, spekulativer Systeme der Krankheitslehre
nun die Anwendung naturwissenschaftlich objektivierender Methoden bei der detaillierten Untersuchung krankhafter Organveränderungen.“ 61
In den folgenden Jahrzehnten schaffte es die medizinische Fakultät in
München mit Unterstützung von politischer Seite, die Koryphäen der deutschen Medizin nach München zu holen und hier zu halten. In München
arbeiteten und lehrten unter anderem so bekannte Mediziner wie Nußbaum
und Lindwurm und begründeten den Weltruf der Münchner Fakultät.
Die Mitte des 19. Jahrhunderts auch in Bayern mit voller Kraft einsetzende Industrialisierung, die sich besonders anschaulich im rasanten Ausbau
des Eisenbahnnetzes zeigte, hatte Auswirkungen auf viele Bereiche, so auch
auf die Medizin. Hier führte der wissenschaftliche und technische Fortschritt zu geradezu revolutionären Veränderungen.
Die junge, fähige und fortschrittsgläubige Ärztegeneration an der
Münchner Universität wusste die neuesten technischen Errungenschaften
und naturwissenschaftlichen Erkenntnisse für den medizinischen Alltag
nutzbar zu machen. Am folgenreichsten war diese Entwicklung zunächst
auf dem Gebiet der Chirurgie. Die Entdeckung der neuen Betäubungsmethoden mit Äther und wenig später mit Chloroform bot völlig neue Möglichkeiten. Mussten vorher Operationen möglichst schnell durchgeführt
werden, wobei Hilfskräfte den vor Schmerz schreienden Patienten festhielten, waren nun unter Narkose erstmals längere und komplizierte Eingriffe
möglich. Als auch noch die Zahl der Wundinfektionen durch Einführung
der so genannten Listerschen Methode der Antiseptik mit Karbolsäure stark
zurückgedrängt werden konnte, führte dies zu einer großen Aufwertung der
Chirurgie. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts waren die aus den Badern hervorgegangenen Wundärzte als Ärzte anerkannt worden. Aber auch danach
hatten sie unter den Ärzten den schlechtesten Ruf – aufgrund ihres blutigen Handwerks, das meist nicht von Erfolg gekrönt war. Jetzt allerdings
entwickelte sich das Bild des Chirurgen vom „Metzger“ zum „Halbgott in
Weiß“, der Leben verlängern konnte.
In München, wo Dr. von Rothmund schon 1847 die erste Operation
unter Äthernarkose durchführte und Nußbaum 1874 die Listersche Methode einführte, ist diese Entwicklung deutlich zu beobachten. Ursprünglich
106
Die Barmherzigen Schwestern und die Entwicklung der modernen Krankenpflege
Die Chirurgische Klinik in
der Nußbaumstraße
hatten die beiden medizinischen Abteilungen am Krankenhaus ein wesentlich größeres Gewicht als die chirurgische Abteilung. Dies begann sich nun
zu ändern. Seit 1860 wurden Forderungen laut, der Chirurgie ein eigenes
Krankenhaus zur Verfügung zu stellen. 1866 wurde die chirurgische Abteilung schließlich in das in der heutigen Nußbaumstraße gebaute Ausweichkrankenhaus verlegt. Dort entwickelte sich daraus nach und nach durch Umund Neubauten die eigenständige Chirurgische Klinik. Im Jahr 1891 begann
diese erste Spezialklinik, die aus dem ehemaligen Allgemeinen Krankenhaus
entstanden war, ihren Betrieb. Die neue Chirurgische Universitätsklinik war
ausgestattet mit modernsten Sterilisationseinrichtungen, Stromversorgung
und den Einrichtungen für die kurz vorher erst entwickelte Technik der
Röntgenuntersuchungen.
Schon 1866 übernahmen die Barmherzigen Schwestern auch bei den
Chirurgen Pflege und Hauswirtschaft und hatten schon 1865 im damaligen
Aushilfskrankenhaus eine eigene Hausoberin eingesetzt. In den kommenden Jahrzehnten entwickelten sich mit der zunehmenden Spezifizierung in
der Medizin weitere Spezialkliniken aus der alten Universitätsklinik in der
heutigen Ziemssenstraße. Bis auf eine einzige Ausnahme, der Augenklinik,
sorgten in allen diesen neuen Universitätskliniken Barmherzige Schwestern
für Hauswirtschaft und Pflege. So übernahmen sie 1904 die Psychiatrische
Universitätsklinik in der Nußbaumstraße, 1908 die I. Frauenklinik in der
Maistraße, 1913 die Orthopädische Klinik in der Harlachinger Straße, 1917
die II. Frauenklinik in der Lindwurmstraße und 1928 die Dermatologische
Klinik in der Thalkirchner Straße.
Daneben übernahmen sie 1853 die Pflege in dem von Dr. Hauner 1846
privat gegründeten ersten Kinderspital, aus dem 1886 ebenfalls eine Universitätsklinik wurde.
107
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Auch in den neuen städtischen Krankenhäusern stellten die Schwestern
das Personal für Pflege und Wirtschaftsführung. Schon 1840 hatten sie das
Krankenhaus in Haidhausen übernommen, das nach der Eingemeindung
Haidhausens im Jahr 1855 zum zweiten großen Krankenhaus in München
mit der Bezeichnung Krankenhaus rechts der Isar werden sollte. Das Allgemeine Krankenhaus trug seither die Bezeichnung Krankenhaus links der
Isar. Als nach der Eingemeindung Schwabings das dritte große Krankenhaus
der Stadt, das Schwabinger Krankenhaus, gebaut wurde, um den dringenden
Bedarf der stark gewachsenen Stadt zu decken, waren wieder die Schwestern
gefragt. Sie übernahmen 1910 auch dieses Haus, wie schon 1899 das städtische Sanatorium in Harlaching. Als nach dem 2. Weltkrieg die städtische
Krankenhauslandschaft weiter ausgebaut wurde, arbeiteten die Schwestern
in einer Reihe weiterer städtischer Häuser.
Der Orden war auch in einigen Münchner Privatkliniken tätig, beispielsweise seit 1930 in der Maria-Theresia-Klinik von Prof. Lebsche.
Es ist fast nicht vorstellbar, wie es der Orden schaffte, die enorme Nachfrage nach Pflegekräften für das boomende Münchner Krankenhauswesen
zu befriedigen. Und nicht zu vergessen: auch im übrigen Bayern entstand
zu derselben Zeit eine Niederlassung nach der anderen. Zu schaffen war
dies nur, weil auch die Zahl der Eintritte mit dieser Entwicklung Schritt
hielt. Dieser Boom fiel zeitlich zusammen mit der Blütezeit des Ordens.
Aber nicht nur die hohe Anzahl der Schwestern, die benötigt wurde,
sondern auch die gestiegenen Anforderungen an die Pflegekräfte stellten
eine große Herausforderung dar.
In der Anfangszeit der Schwestern am Allgemeinen Krankenhaus waren
die therapeutischen Mittel noch sehr bescheiden gewesen. Als wichtige
Medikamente galten damals noch stärkende Lebensmittel wie Milch, Wein
und Bier und gegen fast alles wurden in dieser Zeit, die Kerschensteiner als
„Zeit des Vampirismus“ bezeichnet hat, Aderlass und Blutegel eingesetzt. Das
Krankenhaus hatte sogar, nachdem einmal innerhalb von drei Tagen 12.000
Blutegel in der Krankenhausapotheke verendet waren, ein eigenes Blutegelbassin im Stadtgraben am Sendlinger Tor eingerichtet. In größeren Spitälern
wurden jährlich Millionen von Blutegeln verbraucht. In dieser Zeit bestand
die Pflege aus wenigen, sich wiederholenden Handreichungen und war im
Großen und Ganzen auf eine Grundpflege beschränkt.
Die Entwicklung der empirisch-wissenschaftlichen Medizin brachte nun
aber auch für die Schwestern viele neue Aufgaben mit sich. Die Medikamentenverabreichung gestaltete sich immer differenzierter, die Einführung
täglicher Temperaturmessungen kostete viel Zeit.
Mit der Entstehung unterschiedlicher klinischer Disziplinen waren die
Schwestern zudem gezwungen, sich in viele neue Fachbereiche einzuarbei108
Die Barmherzigen Schwestern und die Entwicklung der modernen Krankenpflege
ten und spezielles Fachwissen zu erwerben. Sie mussten nun genauso bei
Operationen kompetent assistieren wie die vielfältigen neuen Aufgaben in
den neuen Laboratorien oder bei der diagnostischen und therapeutischen
Anwendung der neu entwickelten Radiologie bewältigen. Ob als Kinderkrankenschwester oder als Schwester in der Psychiatrie oder in der Frauenklinik, überall mussten sie einsetzbar sein und „ihre Frau stehen“. Mit den
neuen Erkenntnissen in der Infektiologie stieg im Krankenhaus auch der
Aufwand für Sterilisation immens an.
Der Aufschwung der Medizin im 19. Jahrhundert in München hätte
trotz der technischen und wissenschaftlichen Entwicklung und trotz der
fähigsten Ärzte nicht in diesem Maße stattfinden können, wenn nicht ein
qualifiziertes Pflegepersonal daran mitgewirkt hätte. So bewahrheitete sich,
was der Thorrbericht schon Anfang der 1830er Jahre festgestellt hatte: „wenn
nicht auch von Seite der Pflege den Anordnungen des Arztes und den Bedürfnissen
der Kranken entsprochen wird; so kann bei der allerbesten Einrichtung eines öffentlichen Krankenhauses; bei aller Geschicklichkeit des Arztes, und bei allem, was zu
diesem Zwecke verwendet wird, ein glücklicher Erfolg nicht werden“. 62
Mit dem Allgemeinen Krankenhaus war unzweifelhaft die Grundlage
für die Entwicklung eines modernen Krankenhauswesens in München
geschaffen worden. In seiner Festschrift aus dem Jahr 1988 anlässlich des
175-jährigen Bestehens dieses Krankenhauses, das inzwischen nach einigen Namensänderungen als Medizinische Klinik der Innenstadt bezeichnet
wird, sah Prof. Buchborn diese Anstalt als „Übergang vom Sozialasyl des alten
Hospitalgedankens, für den geistliche Fürsorge und karitative Pflege der Siechen im
Vordergrund stand, zu einem neuartigen Krankenhaus, in dem alsbald die naturwissenschaftliche Medizin mit ihren Fortschritten Einzug hielt“. 63
Schwester M.
Rithberta Karpf
im Operationssaal im Indersdorfer Krankenhaus (1962)
109
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Eine wichtige Voraussetzung dafür, dass das Allgemeine Krankenhaus
diese herausragende Bedeutung für München erlangen konnte, dass es zur
Keimzelle für alle weiteren Spezialkliniken, die im Laufe des 19. Jahrhunderts und des beginnenden 20. Jahrhunderts in München entstanden, werden konnte, war ein qualifiziertes und engagiertes Pflegepersonal.
Dieses bekam es aber erst, als es die Barmherzigen Schwestern für die
Pflege gewinnen konnte. Auch Professor Kerschensteiner setzte zu Beginn
des 20. Jahrhunderts die Bedeutung der Einführung dieses Pflegeordens für
die weitere Entwicklung des Krankenhauses entsprechend hoch an: „Weitaus die wichtigste Neuerung, … der nächst der Verlegung der Universität die größte
Bedeutung für das Krankenhaus zuzumessen ist, war die Einführung des Ordens
der Barmherzigen Schwestern.“ 64
7.2. Vorbildfunktion für die Gründung neuer
Pflegegemeinschaften im 19. Jahrhundert
Im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert verarmten weite Teile
der Gesellschaft. Mit dem Wegfall des alten Feudalsystems verschwanden
nicht nur viele Abhängigkeiten, sondern auch die alten Sicherungssysteme,
ohne dass ein Ersatz geschaffen worden wäre. Der Staat begann erst im
ausgehenden 19. Jahrhundert mit der Bismarckschen Sozialgesetzgebung,
dieser Entwicklung Rechnung zu tragen.Vorher hatten jedoch bereits zahlreiche Privatinitiativen, vor allem aus dem kirchlichen Umfeld, versucht,
die schlimmste Not zu lindern. Schwerpunkte dieser Initiativen lagen im
Bereich der Erziehung, Armenpflege und der Verbesserung der Krankenversorgung. Für das Gebiet der Krankenpflege übernahmen die vinzentinischen
Gemeinschaften allgemein, gerade aber auch das Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern in München eine Vorreiterrolle und Vorbildfunktion.
Wegen des hohen Bekanntheitsgrades des Münchner Krankenhauses
hatte sich schnell herumgesprochen, wie positiv sich hier die Verhältnisse
seit der Übernahme durch die Barmherzigen Schwestern entwickelt hatten.
Nicht nur Katholiken, die mit der langen Tradition der alten Pflegeorden
vertraut waren, zeigten sich davon angetan, sondern auch Protestanten.
Der evangelische Theologe Johann Georg Bartholmä legte seinen evangelischen Glaubensgenossen nahe, Barmherzige Schwestern an ihren Krankenhäusern einzuführen oder eine ähnliche Einrichtung auch bei den Protestanten zu gründen.
Einflussreiche Persönlichkeiten aus den protestantischen Ländern kamen
nach München, um sich vor Ort ein genaueres Bild über den Orden und
seiner Arbeit zu machen.
110
Die Barmherzigen Schwestern und die Entwicklung der modernen Krankenpflege
Um im protestantischen Bereich
etwas den katholischen Pflegeorden
Vergleichbares zu schaffen, gründete der evangelische Pastor Theodor
Fliedner in Kaiserswerth bei Düsseldorf im Jahr 1836 die erste Diakonissenanstalt. In Bezug auf ethische
Anforderungen und Organisation
orientierte sich Fliedner dabei eindeutig amVorbild der Barmherzigen
Auch die
Schwestern. Die Diakonissen sollten
Arbeit
strengen Lebensregeln unterworfen
im Labor
gehörte
werden, eine einheitliche Kleidung
zu den
tragen und nach dem Prinzip der
Tätigkeiten
Mutterhäuser organisiert sein. In
der Barmden Krankenhäusern, in denen sie
herzigen
die Pflege übernahmen, sollten sie
Schwestern.
gleichzeitig, wie auch beim Vorbild
der Barmherzigen Schwestern meist praktiziert, die gesamte Hauswirtschaft
und Verwaltung übernehmen. Der Gründung der ersten Diakonissenanstalt
von Kaiserswerth folgte bald die Gründung weiterer Anstalten. Mit großer
Geschwindigkeit breitete sich die Diakoniebewegung im protestantischen
Teil Deutschlands aus.
Im katholischen Bereich entstanden in dieser Zeit ebenfalls weitere
Pflegeorden. Auch sie orientierten sich an der Arbeitsweise und Organisationsform der Barmherzigen Schwestern. Eine der bedeutendsten dieser
Gemeinschaften sollte der vom inzwischen selig gesprochenen Priester Paul
Josef Nardini im Jahr 1855 in der pfälzischen Diaspora gegründete Orden
der „Armen Franziskanerinnen von der hl. Familie“ werden. Diese Schwesterngemeinschaft, die seit Verlegung ihres Mutterhauses in die ehemalige
Benediktinerabtei von Mallersdorf in Niederbayern auch als Mallersdorfer
Schwestern bezeichnet wird, erlebte einen ähnlich großen Aufschwung im
19. und beginnenden 20. Jahrhundert wie die Barmherzigen Schwestern.
So prägend für die Krankenpflege des 19. Jahrhunderts scheint die Organisationsform der Barmherzigen Schwestern gewesen zu sein, dass selbst die
ab den 1860er Jahren entstehenden Gemeinschaften der Rotkreuzschwestern in Deutschland nach dem Mutterhausprinzip aufgebaut wurden.
Es gab nun im 19. Jahrhundert drei Säulen der Krankenpflege in Deutschland: die katholischen Pflegeorden, die protestantische Diakonie und die
weltlichen Mutterhausverbände. Alle aber waren nach dem Mutterhausprinzip der Barmherzigen Schwestern organisiert.
111
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Kandidatin Maria
Spatzl und
Schwester M.
Engelmara
Koch, Ende
der 1950er
Jahre. Auch
der richtige
Umgang mit
Medikamenten gehörte
zu den Aufgaben der
Schwestern.
Mit einigem Recht kann man
Kerschensteiner zustimmen, wenn er
die Bedeutung der ersten Generaloberin des Münchner Mutterhauses
für die Entwicklung des modernen
Krankenpflegewesens in Deutschland sehr hoch ansetzte: „Schwester
Ignatia Jorth …, die bedeutende Frau,
deren Name nicht bloß in der Geschichte der Münchener Krankenanstalten,
sondern in der Geschichte der Krankenpflege überhaupt nicht vergessen werden
darf. Denn von ihr ging die große Reorganisation des Krankenpflegewesens
in Süddeutschland aus, sie machte die
Münchener Anstalt zum Vorbild auch
für die protestantischen Länder.“ 65
7.3. Entwicklung der Krankenpflegeausbildung
Die Krankenpflegeorden des 19. Jahrhunderts erfuhren vor allem deshalb so
große Akzeptanz, weil vor ihrer Einführung die Qualität der Pflege durch
weltliche Kräfte auf niedrigstem Niveau gewesen war. Dies hatte sicher verschiedene Gründe, die sich gegenseitig bedingten. Das weltliche Pflegepersonal hatte keinerlei Ausbildung. Initiativen zur Behebung dieses Missstandes, wie die Gründung der ersten deutschen Krankenwärterschule in
Heidelberg durch Professor Mai im Jahr 1782, blieben vereinzelt und ohne
größere Tragweite. Die Krankenpfleger und -pflegerinnen bekamen einen
sehr niedrigen Lohn und hatten bei Krankheit und im Alter keinerlei Absicherung. Unter diesen Bedingungen konnte der Arbeitgeber keine großen Voraussetzungen an die Eignung der Bewerber stellen und keine große
Motivation im Dienst erwarten. Das soziale Prestige, das schon aufgrund der
schlechten Arbeitsbedingungen und der Schwere der Arbeit nicht sehr hoch
war, wurde noch geringer durch die häufig völlig ungeeigneten und moralisch oft sehr zweifelhaften Pflegekräfte, auf die man unter diesen Umständen notgedrungen zurückgreifen musste. Simon von Häberl beschrieb die
vorherrschenden Zustände folgendermaßen: „Ohne Unterricht, ohne Interesse
für die Institute, denen sie dienten, ohne Mitleid und Gefühl mit dem Kranken, dessen Zustand sie erträglicher zu machen beitragen sollten, roh und ungeschickt, mit
andern Fehlern des Charakters nur zu häufig versehen, verrichteten sie die ihnen
112
Die Barmherzigen Schwestern und die Entwicklung der modernen Krankenpflege
übertragenen Geschäfte nach Laune und
Willkür.“ 66
Die Einführung der Barmherzigen Schwestern in Bayern und
anderen Teilen Deutschlands bedeutete einen großen Fortschritt in der
Schwester M.
Krankenpflege. Wie schon dargeSigmunda
stellt, kann man die Barmherzigen
­Stanglmaier,
Schwestern mit einigem Recht als
Leiterin
die Begründerinnen der modernen
der Mutter­
Krankenpflege bezeichnen. Aber
hausschule,
auch ihr Anteil an der Entwicklung
erklärt jungen Schweseiner qualitativen Krankenpflegetern anhand
ausbildung in Deutschland ist nicht
eines Schau67
zu unterschätzen.
Der Orden
objekts die
stellte schon bei der Aufnahme der
Funktion der
Schwestern hohe Anforderungen an
Organe.
ihre charakterliche Eignung und ihre
Einstellung zum Beruf. Auch wenn bei der Ausbildung der neu aufgenommenen Schwestern zunächst weniger die theoretische Unterweisung als
vielmehr das Lernen in der Praxis durch Anleitung durch erfahrene ältere
Schwestern und die Anweisungen der Ärzte im Vordergrund standen, wurden hier bereits die Grundlagen für eine systematische und qualitative Ausbildung gelegt. Die Ausbildung der Schwestern war möglichst breit angelegt,
um sie flexibel in allen Bereichen einsetzen zu können. Großer Wert wurde
auf die genaue Beobachtung des Patienten gelegt, um dem Arzt Bericht
geben zu können. Dafür war die genaue Führung von so genannten Jourbüchern, einer Art Tagebücher über die Patienten, sehr wichtig. Dr. Gietl
hatte zudem als Krankenhausdirektor einen Aufgabenkatalog für die Barmherzigen Schwestern am Krankenhaus links der Isar erstellt, in dem die verschiedenen Aufgaben der Schwestern genauestens geregelt waren.
Die Diakonissenanstalten orientierten sich bei der Gestaltung ihrer Ausbildung an den Barmherzigen Schwestern, legten aber bereits mehr Wert
auf den theoretischen Unterricht, der immer von einem Arzt erteilt werden
musste.
Da die drei oben erwähnten tragenden Säulen der Pflege im 19. Jahrhundert ihre Pflegekräfte selbst ausbildeten und bereits einen gewissen
Qualitätsstandard gewährleisteten, sah der Staat anscheinend keine Notwendigkeit, die Pflege staatlich zu regeln. Nur so ist erklärbar, dass es für die
Ausbildung von Ärzten, Hebammen und Apothekern schon längst staatlich
festgelegte Ausbildungsordnungen und Prüfungen gab, für die Krankenpfle113
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
geausbildung aber erst am Anfang des 20. Jahrhunderts gesetzliche Regelungen erlassen wurden.
Dass schließlich staatliche Regelungen nötig wurden, lag vor allem
daran, dass immer mehr Frauen wünschten, die Krankenpflege außerhalb
der Mutterhausorganisationen als anerkannten Beruf auszuüben. Wichtigstes Vorbild war für sie die britische Krankenschwester Florence Nightingale, die die Neuorganisation der britischen Krankenpflege initiiert hatte.
Interessanterweise hatte sich diese vorher in Paris und Kaiserswerth sehr
genau über die Vinzentinerinnen und die Diakonissen informiert und vieles
von ihnen übernommen, was die Inhalte des Unterrichts und die Art der
Pflege betrifft. Allerdings hatte sie sich ganz bewusst gegen das Organisationsprinzip der Mutterhäuser entschieden. Ihr Ziel war es, die Tätigkeit der
Krankenschwester auch außerhalb der religiösen und weltlichen Gemeinschaften zu ermöglichen. Als in Deutschland die Frauenemanzipationsbewegung Ende des 19. Jahrhunderts stärker wurde, wurde auch hier die Forderung laut, diese Tätigkeit als anerkannten Ausbildungsberuf für Frauen zu
etablieren. Im Jahr 1903 gründete die der Frauenbewegung nahe stehende
ehemalige Rotkreuzschwester Agnes Karll zusammen mit engagierten Mitstreiterinnen die erste Berufsorganisation für freiberufliche Pflegerinnen,
den heutigen Agnes-Karll-Verband. Hauptziel dieses Interessenverbandes
war es, dass Frauen in Zukunft die Tätigkeit einer Krankenschwester als
anerkannten, konfessionell ungebundenen Beruf außerhalb der Mutter­
hausverbände ausüben können sollten. Deshalb forderten sie eine staatliche
Regelung und Anerkennung der Ausbildung und die soziale Absicherung
der freien Krankenschwestern durch eine angemessene Entlohnung und
durch die Aufnahme in die Sozialversicherungen.
Die Mutterhausverbände waren zunächst über die erstarkende Konkurrenz der freien Schwestern nicht erfreut. Sie und kirchennahe Kreise
befürchteten eine Entweihung der Krankenpflege, die sie selbst nicht als
irgendeinen Beruf, sondern als Berufung verstanden. Beunruhigt waren sie
auch durch die zu Beginn des 20. Jahrhunderts immer vehementer werdenden Forderungen nach einer einheitlichen Regelung der Krankenpflegeausbildung und nach Einführung einer verpflichtenden staatlichen Prüfung für das Krankenpflegepersonal.
Die Barmherzigen Schwestern befürchteten eine Einmischung des
Staates in die bisher von ihnen selbst vorgenommene Ausbildung ihres
Nachwuchses.
Grundsätzlich waren sie zwar nicht abgeneigt, dass die Ausbildung
gewissen staatlich vorgegebenen Qualitätsstandards unterliegen sollte, allerdings war es ihnen sehr wichtig, die Ausbildung nach wie vor ordensintern
durchzuführen. Schließlich sollte die fachliche Ausbildung mit der religi114
Die Barmherzigen Schwestern und die Entwicklung der modernen Krankenpflege
ösen Ausbildung und der Vermittlung des speziellen vinzentinischen Geistes
und Berufsethos verbunden bleiben.
Während in einigen Ländern Deutschlands, beispielsweise in Preußen,
bereits erste Versuche einer staatlichen Regelung der Pflege unternommen wurden, unterblieb in Bayern zunächst eine verbindliche Regelung.
Im Zuge dieser Diskussion erließ jedoch der Magistrat der Stadt München
im Jahr 1904 eine neue Krankenhaussatzung, nach der eine theoretische
Ausbildung für die Barmherzigen Schwestern am Krankenhaus links der
Isar vorgeschrieben wurde. Auch bisher schon hatten die Schwestern durch
ihre Tätigkeit an den Universitätskliniken die Möglichkeit, sich einiges an
theoretischem Fachwissen anzueignen, da sie bei der Ausbildung der jungen Ärzte am Krankenbett mit anwesend waren. Mancher Professor hatte
zudem darauf bestanden, dass Schwestern an Vorlesungen teilnahmen, oder
hielt spezielle Fachvorträge für sie. Nun sollte dieser Unterricht verbindlich
und institutionalisiert werden. Der Assistenzarzt Dr. Hermann Kerschensteiner wurde vom Krankenhaus damit beauftragt, dem Schwesternnachwuchs
in mehrwöchigen Kursen theoretische Grundlagen zu vermitteln.
Nach dem Wechsel Kerschensteiners an das Schwabinger Krankenhaus,
wo er ebenfalls diesen Theorieunterricht einführte, stellte das Krankenhaus
links der Isar den Schwestern für den Unterricht keinen Arzt mehr zur
Verfügung. Wie Kerschensteiner in seinem Buch durchblicken lässt, gab es
Bestrebungen innerhalb der Ärzteschaft, den Schwerpunkt der Schwesternausbildung ins neue Schwabinger Krankenhaus zu verlegen, um diese von
der Ausbildung des medizinischen Nachwuchses im Krankenhaus links der
Isar stärker zu trennen.
Um die theoretische Ausbildung der Schwestern auch am Krankenhaus
links der Isar weiterhin zu gewährleisten, engagierte der Orden den Arzt
Dr. Schöner als Lehrer und verlegte den Unterricht in das neue Postulatsgebäude in der Blumenstraße. Die dortige Oberin und Novizenmeisterin
des Ordens, Schwester M. Alma Mack, hatte schon 1910 begonnen, Einführungskurse für die neu eingetretenen Kandidatinnen zu geben. Aber auch
junge Professschwestern zeigten Interesse, sich weiterzubilden, um für eine
eventuelle staatliche Prüfung in der Zukunft gewappnet zu sein. Zudem
versprachen sie sich durch den Erwerb von Fachwissen mehr Sicherheit in
ihrem immer anspruchsvoller werdenden Berufsalltag. Schließlich mussten
die Schwestern, die meist nur eine Volkschulbildung vorzuweisen hatten,
neben den kompetentesten Universitätsprofessoren am Krankenbett bestehen, die ihrerseits meist viel von den Schwestern an Können und Wissen
voraussetzten. Oft mussten auch schon sehr junge Schwestern selbstständig
eine Station leiten. Mit mehr fachlichem Wissen erhofften sie sich, der Last
der Verantwortung besser gewachsen zu sein. Deshalb stieß Dr. Brunner, der
115
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Direktor des Schwabinger Krankenhauses, auf große Resonanz bei den jungen Professschwestern, als er im Mutterhaus Fortbildungsvorträge anbot.
Erst nach dem 1. Weltkrieg unternahm der Staat erneut einen Versuch,
eine einheitliche Ausbildungsregelung für den Pflegeberuf in Deutschland
zu schaffen. Das Ergebnis dieser Bemühungen war der Erlass des Innenministeriums vom Juli 1921. Die katholische Kirche hatte im Vorfeld bereits
interveniert. Die deutschen Bischöfe und der 1897 gegründete Caritasverband vertraten die Interessen der katholischen Pflegeorden gegenüber dem
Staat und erreichten weitgehende Zugeständnisse. Angesichts der damaligen
Bedeutung der Ordenspflege als eine der wichtigsten Stützen der Krankenpflege in Deutschland musste der Staat selbst ja auch daran interessiert
sein, den Orden weiterhin ihre Arbeit zu ermöglichen. So gestand man
den Pflegeorden zu, die Ausbildung ihres Nachwuchses in ordenseigenen
Pflegeschulen durchzuführen. Allerdings mussten sich diese Schulen an die
staatliche Ausbildungsordnung halten und bedurften der Genehmigung
durch die Behörden.
Die Barmherzigen Schwestern reagierten auf Anraten ihres Superiors
und des Erzbischofs von München und Freising, Kardinal von Faulhaber,
rasch und flexibel auf die neueste Entwicklung. Schon vor dem Erlass von
1921 bauten sie ihre schon bestehende Pflegeschule im Postulat aus und
passten sie den neuen Erfordernissen an. Sie beantragten die staatliche
Genehmigung ihrer Schule und begannen im November 1920 mit dem
ersten einjährigen Theoriekurs. Als Schulleiter stellte sich Dr. Brunner, der
inzwischen sein Amt im Schwabinger Krankenhaus niedergelegt hatte, zur
Verfügung. Das Amt der Lehrschwester wurde Schwester M. Clementia
Schaetz übertragen, die es die kommenden drei Jahrzehnte ausüben sollte.
Neben der theoretischen Ausbildung leisteten die jungen Schwestern täglich ihren praktischen Krankendienst, einschließlich der vorgeschriebenen
Nachtwachen. Nur für die letzten sechs Wochen wurden sie vom Dienst
freigestellt, um sich auf die Prüfung vorbereiten zu können. Im November
1921 legten die ersten 27 Münchner Barmherzigen Schwestern die staatliche Prüfung erfolgreich ab. Parallel zum Kurs im Postulat lief auch ein erster
Kurs mit 27 Absolventinnen am Schwabinger Krankenhaus. Geleitet wurde
dieser Kurs von Professor Dr. Hermann Kerschensteiner, der seit 1920 der
Direktor des Hauses war. Auch hier etablierte sich eine weitere Krankenpflegeschule, die zwar vom Orden geleitet wurde, aber wie das Krankenhaus
städtisch war. Auch am Bamberger Krankenhaus wurden einige Jahre von
einem dortigen Arzt Kurse angeboten, die der Orden aber 1925 wegen
mangelnder Qualität wieder einstellte.
Für ihr Praktikum hatten die Auszubildenden der Barmherzigen Schwestern den großen Vorteil, dass sie in allen Spezialkliniken der Universität,
116
Die Barmherzigen Schwestern und die Entwicklung der modernen Krankenpflege
die vom Orden geführt wurden, eingesetzt werden konnten. So hatten sie
die Möglichkeit, in noch mehr als den
Schwester M.
vorgeschriebenen Bereichen Einblick
Sigmunda
zu erhalten.
Stanglmaier
(ganz rechts)
Während in Schwabing seit 1925
unterauch spezielle Säuglings- und Kinderweist die
pflegekurse angeboten wurden, gab es
Schwestern
im Postulat seit 1927 die Möglichkeit,
M. Ariadne
neue Spezialausbildungen zu erwerben,
Maier und
M. Vinzentia
beispielsweise Fortbildungen zur KinMoll (von
dergärtnerin oder Handarbeitslehrerin.
links) in der
1930 kam auch noch die Ausbildung
Handhazur Diätassistentin hinzu.
bung von
Da das Postulatsgebäude im 2. WeltInfusionen.
krieg durch Bomben vollständig zerstört worden war, wurde die Ausbildung der Schwestern nach dem Krieg
ins Mutterhaus verlegt. Zudem wurde statt im Schwabinger Krankenhaus,
das die Amerikaner requiriert hatten, im Krankenhaus rechts der Isar ausgebildet, bis der Orden 1959 seine neue Pflegeschule „Maria Regina“ in
der Thalkirchner Straße eröffnete. Die Schule im Mutterhaus, ausschließlich für den Ordensnachwuchs gedacht, ruht seit ca. 1970 aus Mangel an
Nachwuchs.
Die Pflegeschulen der Barmherzigen Schwestern waren ursprünglich
fast ausschließlich für den eigenen Ordensnachwuchs gedacht. Auf Drängen
des Caritasverbandes wurden zwar auch einige freie katholische Schwestern
von den Barmherzigen Schwestern an den Münchener Krankenhäusern
ausgebildet, blieben aber zahlenmäßig eher eine Randerscheinung. Dies
änderte sich nach dem 2. Weltkrieg, als der Ordensnachwuchs immer weniger wurde. Der Orden öffnete seine neue Schule Maria Regina zunächst
für katholische freie Schwestern, später auch für alle anderen angehenden
Krankenschwestern.
Neben den ordenseigenen Schulen leiteten die Barmherzigen Schwestern in der Nachkriegszeit eine Reihe von städtischen Krankenpflegeschulen.
Hier sorgten sie angesichts des Rückgangs der Ordensschwestern und des
weiter steigenden Bedarfs für die Ausbildung der immer dringender benötig­
ten weltlichen Krankenschwestern. Mit dem Rückzug aus den jeweiligen
Krankenhäusern in den letzten Jahrzehnten war auch der Rückzug aus den
dortigen Pflegeschulen verbunden.
Heute bilden die Schwestern für die Krankenpflege nur noch in ihrer
ordenseigenen Berufsfachschule für Krankenpflege Maria Regina aus.
117
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
7.4. Ambulante Krankenpflege
Die Barmherzigen Schwestern sahen ihren Tätigkeitsschwerpunkt immer
in der Krankenpflege und zwar in der institutionalisierten, stationären Krankenpflege in den Krankenhäusern. Im Gegensatz zu anderen in der Krankenpflege tätigen Orden, auch anderen Vinzentinerinnen, waren sie in der
Übernahme von ambulanter Krankenpflege sehr zurückhaltend. Zum einen
waren sie bei der ständig steigenden Nachfrage nach Schwestern für die
Krankenhäuser schon genug ausgelastet. Zum anderen sahen auch ihre Statuten die stationäre Krankenpflege als ihr wichtigstes Betätigungsfeld vor:
„Die wesentliche Bestimmung der barmherzigen Schwestern in Bayern besteht in der
Pflege der in den Krankenhäusern befindlichen Kranken beiderlei Geschlechts.“ 68
Die erste Ausnahme bildete die Übernahme des Bachschen Seelhauses
in Augsburg, was seinen Grund in der schon geschilderten spezifischen Ausgangssituation hatte. Eine weitere Ausnahme machten die Barmherzigen
Schwestern, als sie 1857 bzw. 1864 die ambulanten Pflegestationen der drei
Münchner Pfarreien St. Bonifaz, St. Ludwig und St. Peter übernahmen. Hier
wollten sie sich der Zusammenarbeit mit dem in München neu gegründeten Vinzenzverein nicht entziehen. Obwohl noch im Jahr 1870 der damalige
Superior Etzinger eine Anfrage aus Bamberg nach Schwestern für die ambulante Pflege kategorisch ablehnte, machte das Mutterhaus in den nächsten
drei Jahrzehnten neun weitere Ausnahmen. Aber erst beim 2. Generalkapitel
1899 wurden die Bedenken endgültig ad acta gelegt. Allein im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts übernahmen die Schwestern neun weitere Stationen. Ein weiterer größerer Anstieg war in den Jahren von 1929 bis 1935
mit fünf neuen Niederlassungen zu verzeichnen. In den Nachkriegszeiten
ging die Zahl der von den Schwestern geführten ambulanten Stationen
wieder zurück. Die alten Münchner Stationen wurden nach ihrer Ausbombung im Jahr 1944 aufgegeben. Dass sich die Schwestern in den 60er Jahren
aus weiteren Niederlassungen der ambulanten Pflege zurückzogen, ist wohl
aus dem allgemeinen Rückgang des Schwesternnachwuchses zu erklären.
In den 70er Jahren ist jedoch ein neuer Aufschwung zu erkennen. Dies
hängt mit Sicherheit damit zusammen, dass in diesen Jahren der Aufbau von
ambulanten Stationen, nun Sozialstationen genannt und im katholischen
Bereich meist von der Caritas getragen, allgemein eine neue Renaissance
erfahren hat. Die Gründe für diesen erneuten Aufschwung sind komplex.Auf
der einen Seite steht der Umbruch der Familienstrukturen. Immer seltener
gibt es die Großfamilie, die in den verschiedenen Notsituationen helfend
einspringen könnte. Immer seltener geworden sind funktionierende Nachbarschaftsgemeinschaften, immer häufiger Isolation und Anonymität. Dem
häufig fehlenden sozialen Netz stehen auf der anderen Seite eine Reihe
118
Die Barmherzigen Schwestern und die Entwicklung der modernen Krankenpflege
neuer Aufgaben gegenüber. So sind
immer mehr Menschen durch den
durch Kostendruck ausgelösten
Trend, die stationäre Verweildauer
im Krankenhaus zu verkürzen oder
zu vermeiden, auf ambulante Krankenpflege angewiesen. Auch in der
ambulanten Altenpflege ist in den
vergangenen Jahrzehnten der Bedarf
weiter gestiegen, da immer mehr
Schwester
ältere Menschen die Unterbringung
M. Cyrina
im Heim so lange wie möglich verKandler auf
der Säugmeiden wollen, damit aber immer
lingsstation
häufiger auf Hilfe zu Hause angedes Kranwiesen sind. Aufgaben in diesem
kenhauses
Bereich gäbe es für die Schwestern
in Indersdorf
auch in Zukunft ausreichend, aber
(1962)
leider mussten sie sich daraus in den
letzten beiden Jahrzehnten, gezwungen durch den immer eklatanter werdenden Schwesternmangel, wieder weitgehend zurückziehen.
In diesen ambulanten Stationen fungierte der Orden bis auf zwei Ausnahmen nicht selbst als Träger. Träger waren Gemeinden, Pfarreien oder soziale
Vereine wie der Vinzenzverein und später überwiegend der Caritasverband.
Heute sind nur noch in einer ambulanten Station Schwestern vom Mutterhaus München tätig, nämlich in Oberstdorf. Weitere Einsatzorte waren
bis vor kurzem Sonthofen und Bayreuth, die Ende 2006 bzw. im Juni 2007
aufgegeben werden mussten. In diesen beiden Orten wirkten Barmherzige
Schwestern rund ein Jahrhundert lang in der ambulanten Krankenpflege.
*
119
Kapitel 8
Weitere Tätigkeitsbereiche der
Barmherzigen Schwestern
8.1. Altenpflege – von den Pfründneranstalten zu
modernen Seniorenheimen
Der zweitwichtigste Tätigkeitsschwerpunkt der Münchner Barmherzigen
Schwestern war traditionell die Altenpflege. Dies ergab sich schon aus der
früher sehr engen Verknüpfung von Kranken- und Altenpflege. Vor Entstehung der modernen Krankenhäuser im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden
in den Spitälern immer Kranke und Alte zusammen versorgt.Viele der nach
und nach von den Schwestern übernommenen Krankenanstalten waren
noch Spitäler in diesem traditionellen Sinne, hatten also zur Krankenversorgung auch die Alten- und Armenpflege zu leisten. Nach und nach erst
wurden die Bereiche Kranken- und Altenpflege getrennt. Manches alte Spital wurde zu einem reinen Krankenhaus ausgebaut. Häufiger war jedoch
die Entwicklung der alten Spitäler zu reinen Altenheimen, während für
die Krankenversorgung neue Krankenhäuser entstanden. In München war
diese Entwicklung schon früher erfolgt. Hier waren bereit 1813 mit der
Eröffnung des Allgemeinen Krankenhauses aus den alten Spitälern reine
Pfründneranstalten geworden. Schon bald nach ihrer Ankunft hatten die
Barmherzigen Schwestern alle diese Einrichtungen der Münchner Altenpflege übernommen.
Einen kleinen Einblick in die damals an Pfründneranstalten herrschenden
Zustände gibt uns der Bericht von Schwester Ignatia Jorth an die Straßburger
Generaloberin anlässlich der Übernahme des Heilig-Geist-Spitals. Diese für
München sehr bedeutende Pfründneranstalt, die inzwischen im ehemaligen
Elisabethspital untergebracht war, hatte der Orden als erste Einrichtung dieser Art in Bayern am 1. Oktober 1836 mit zehn Schwestern übernommen.
Die dort von den Schwestern vorgefundenen Verhältnisse wurden schon
von ihnen als sehr übel empfunden, nach heutigen Maßstäben würden wir
sie als katastrophal bezeichnen. So schrieb Schwester Ignatia am 5. August
1836 nach Straßburg: „In der Anstalt sind alles verhauste und versoffene Leute,
120
Weitere Tätigkeitsbereiche der Barmherzigen Schwestern
die den ganzen Tag in der Stadt herumbetteln. So wie sie jetzt gehalten werden,
sind sie aber dazu gezwungen, denn sie erhalten in der Anstalt an Nahrung mittags
nur Suppe, Fleisch und ein wenig Gemüse, abends nur ein wenig Suppe. Für Brot,
Bier, Kleider und Wäsche dagegen sollen sie selbst aufkommen und empfangen dafür
wöchentlich 48 Kreuzer. Ich werde aber den Herren vom Magistrat sagen, dass das
nicht so weitergehen kann; man muss den Leuten die ganze Kost und auch die
Kleidung geben statt des Wohngeldes.“ 69 Die Münchner Generaloberin erklärte sich zur Übernahme des Spitals erst bereit, nachdem der Magistrat auf
ihre Veränderungsvorschläge eingegangen war.
Nach der Übernahme machte sie sich daran, das Spital nach dem Vorbild
des Bürgerspitals in Straßburg umzugestalten. Vordringlich waren zunächst
Hygienemaßnahmen für die Pfründner und die Reinigung des Hauses, der
Wäsche und der Betten. Mit den Barmherzigen Schwestern zog allerdings
neben der Reinlichkeit auch eine strengere Ordnung in das Haus ein. Dies
mag den einen oder anderen Pfründner gestört haben. Die meisten jedoch
waren froh, dass sie nun besser versorgt wurden und mehr Ruhe im Haus
einkehrte. Sie lernten schnell die Schwestern schätzen, die sich liebevoll um
ihr leibliches Wohl und durch das Gebet in der Gemeinschaft auch um ihr
seelisches Wohl kümmerten.
Wenn schon in einer der bedeutendsten Pfründneranstalten der Residenzstadt München derartige Verhältnisse geherrscht haben, wie mag es
dann an den meist weit ärmeren Spitälern der kleineren bayerischen Städte ausgesehen haben, die die
Schwestern im Laufe der Zeit
übernahmen?
Wie die Krankenpflege war
auch die Altenpflege in den letzten 175 Jahren umwälzenden
Veränderungen unterworfen. Allerdings lagen hier die Gründe
Die Altenfür die Veränderungen weniger
pflege war
immer
ein
in der wissenschaftlichen und
wichtiger
technischen als vor allem in der
Aufgabengesellschaftspolitischen Entwickbereich. Die
lung. Die Einstellung zur GestalAufnahme
tung des Alters hat sich weitgeentstand
vermutlich
hend verändert. Die heutigen
Anfang der
Senioren sind meist noch aktiver,
1960er Jahre
gesünder und häufig auch wohlin einem
habender als die alten Menschen
Münchner
früher. Meist möchten sie heute
Altenheim.
121
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
so lange wie möglich selbstständig bleiben und eine Betreuung erst in Anspruch nehmen, wenn sie unumgänglich geworden ist.
Es war ein langer, auch von den Barmherzigen Schwestern nicht unwesentlich mitgeprägter Weg von den alten Pfründneranstalten über die
schon weit moderneren Alten- und Pflegeheime zu den heutigen vielfältigen Angeboten an Seniorenanlagen mit unterschiedlichen Stufen an
Betreuungsangeboten.
Wegen des gravierenden Nachwuchsmangels haben sich die Barmherzigen Schwestern in den vergangenen Jahrzehnten aus allen ordensfremden Einrichtungen der Altenpflege zurückgezogen. Heute konzentrieren
sie ihre Kräfte auf die sechs ordenseigenen Einrichtungen. Während die
Altenheime in Teisendorf und Ruhpolding von Anfang an für die Allgemeinheit bestimmt waren, wurden in den übrigen Häusern nur die eigenen
betagten Ordensschwestern betreut. Heute ist nur noch das Schwesternheim St. Hildegard in Alzing ausschließlich Ordensangehörigen vorbehalten. Die übrigen Altenheime in München-Berg am Laim, Unterhaching
und bei Planegg wurden in den letzten Jahren ebenfalls der Allgemeinheit
zugänglich gemacht.
8.2. Kinder- und Jugendfürsorge
Der Bereich Kinder- und Jugendfürsorge erlangte rein zahlenmäßig bei der
Kongregation nie auch nur annähernd eine vergleichbare Bedeutung wie
die Kranken- und Altenpflege, lag den Schwestern jedoch immer sehr am
Herzen.
Ähnliches, was bereits in Bezug auf die Altenpflege gesagt wurde, gilt,
wenn auch in bescheidenerem Ausmaß, für die Kinderpflege. In den alten
Spitälern wurden neben Kranken, Armen und Alten teilweise auch ver­
waiste und vernachlässigte Kinder untergebracht. So hatten die Barmherzigen Schwestern beispielsweise im von ihnen 1849 übernommenen ­HeiligGeist-Spital in Landsberg im Jahr 1888 neben den 75 Pfründnern und
einigen Hausarmen auch 23 Waisenknaben zu versorgen.70
Durch diese Aufgabenverknüpfung an den Spitälern waren die Schwestern zunächst an vielen Orten in geringem Umfang mit der Kinderpflege
betraut. Mit zunehmender Spezialisierung wurden im Laufe der Zeit diese
Kinderabteilungen an den Spitälern in der Regel zugunsten der Altenpflege
geschlossen. In Landsberg erfolgte diese Schließung erst recht spät, nämlich 1970. Größere Bedeutung für die Arbeit der Schwestern in der Kinder- und Jugendhilfe erlangten neben Landsberg die Niederlassungen in
Amberg, Eichstätt, Regensburg und Fuchsmühl. Zu den beiden wichtigsten
122
Weitere Tätigkeitsbereiche der Barmherzigen Schwestern
Zentren in diesem Aufgabenbereich
sollten sich jedoch im Laufe der Zeit
Landshut und Indersdorf entwickeln. In Landshut hatte der Orden
bereits im Jahr 1843, noch unter der
ersten Generaloberin Ignatia Jorth,
sein erstes Waisenhaus in Bayern
übernommen.
Waren die übernommenen Kinderheime zunächst Waisen- und FinSchwester
delhäuser, wurden sie ab Mitte des 19.
M. Adrama
Jahrhunderts zunehmend zu ErzieKuchler mit
Kindern
hungsanstalten ausgebaut, in denen
des Kindernicht nur Waisen, sondern auch vergartens in
nachlässigte Kinder aufgenommen
Indersdorf
wurden. Mit der Industrialisierung
(1950er
und den vielfach damit verbundeJahre).
nen sozialen und wirtschaftlichen
Problemen wuchs auch der Bedarf an derartigen Einrichtungen. Getragen
wurden diese Institutionen häufig von Vereinen, die meist von sozial engagierten und vermögenden Frauen aus dem Bürgertum oder Adel für diesen
Zweck ins Leben gerufen worden waren. Dies war auch in Indersdorf und
Landshut der Fall.
So gründete ein solcher Frauenverein 1847 in Landshut eine Kinderbewahranstalt, die bis zum Anfang der 1920er Jahre von den Barmherzigen
Schwestern zusammen mit dem Waisenhaus betreut wurde.Waisenhaus und
Kinderbewahranstalt waren an das ebenfalls von den Schwestern geführte
städtische Krankenhaus Landshut angegliedert.
Im Jahr 1857 eröffnete dieselbe Fraueninitiative, die sich inzwischen zum
„Marienverein“ zusammengeschlossen hatte, eine weitere derartige Einrichtung in Landshut. Allerdings sollten in dieser Kinderbewahranstalt die Kinder nicht nur tagsüber, sondern rund um die Uhr versorgt werden, also im
Haus wohnen können. Auch für die Betreuung dieser neuen „Marienanstalt“ in der Landshuter Marienstraße konnten die Münchner Barmherzigen Schwestern gewonnen werden. Dieses neue, heute noch bestehende
Heim sollte eine noch größere Bedeutung für die Kongregation erlangen
als die erste Einrichtung.
Ursprünglicher Zweck der Marienanstalt waren die Betreuung und religiöse Erziehung verwaister und vernachlässigter Mädchen. Zunächst wurden nur Mädchen ab 4 Jahren aufgenommen, später auch Säuglinge beiderlei Geschlechts. Buben konnten allerdings vorerst nur bis zum Beginn der
123
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Schule im Haus bleiben, Mädchen bis zu ihrem 18. Lebensjahr. Sie wurden
bei der Suche nach einer Lehrstelle unterstützt oder konnten in der hauseigenen Schneiderei eine Lehre machen.
Nach und nach wurde die Anstalt durch den Ankauf von Nachbargrundstücken erweitert und eine kleine Landwirtschaft ermöglichte die Selbstversorgung. Da man trotz vieler Umbauten der ständig steigenden Nachfrage
nicht mehr gerecht werden konnte, war die Freude groß, als die Marienanstalt im Jahr 1900 in einen großzügigen Neubau umziehen konnte.
Besonders hoch war die Zahl der zu versorgenden Kinder in den Jahren des 2. Weltkrieges und den ersten Nachkriegsjahren. Statt der vor dem
Krieg untergebrachten rund 50 Kinder mussten in dieser Zeit bis zu 90
Kinder betreut werden. In den 50er Jahren war auch der repräsentative Bau
von 1900 längst nicht mehr zeitgemäß. Da der Marienverein die nötigen
Sanierungsarbeiten nicht schultern konnte, übertrug er die Marienanstalt
der Kongregation, die für den Ausbau und die Modernisierung sorgte. Unter
anderem bauten die Schwestern 1966 ein neues Säuglingsheim, errichteten
nach Aufgabe der Landwirtschaft an der Stelle der Ökonomiegebäude einen
neuen Kindergarten und erweiterten das Kinderheim.
Im Jahr 2002 schenkte die Kongregation das 1973 in Kinderheim St.
Vinzenz umbenannte Heim dem Caritasverband Landshut, um die Zukunft
dieser Einrichtung zu garantieren, die den Barmherzigen Schwestern nun
schon seit 150 Jahren am Herzen liegt. Welchen Stellenwert diese heilpädagogische Arbeit in Landshut nach wie vor für das Mutterhaus in München hat, zeigt sich auch darin, dass die fünf dort arbeitenden Barmherzigen
Schwestern auch nach dem Trägerwechsel ihre Arbeit fortsetzen konnten.
Und dies in einer Zeit, in der der Orden gezwungen ist, seine Schwestern
aus immer mehr Niederlassungen zurückzuziehen.
Wie in Landshut ging auch die Kinderbewahranstalt in Indersdorf auf
eine Privatinitiative zurück. Die sehr vermögende und gleichzeitig sozial
sehr engagierte Gräfin Viktorine von Butler-Haimhausen hatte schon 1854
eine solche Einrichtung für zunächst 30 Kinder in Haimhausen gegründet.
Nachdem sie in den ersten Monaten zusammen mit ihren Töchtern die
Betreuung der Kinder selbst übernommen hatte, bat sie das Mutterhaus
München um Unterstützung ihres Projektes. Im Juli 1854 nahmen die ersten beiden Barmherzigen Schwestern ihre Arbeit in Haimhausen auf. Da
das Haus in Haimhausen wegen der großen Nachfrage bald zu klein geworden war, sah sich die Gräfin nach einer anderen Unterkunft um.
Das seit 1831 leer stehende Kloster Indersdorf schien ihr dafür geeignet.
Nach Aufhebung des ehemaligen Augustiner-Chorherrnstifts durch Kurfürst
Karl Theodor im Jahr 1784 hatte das Klostergebäude einige Jahrzehnte den
Salesianerinnen aus München als Erziehungsinstitut für Mädchen gedient.
124
Weitere Tätigkeitsbereiche der Barmherzigen Schwestern
Eine alte
Ansicht des
Klosters
Indersdorf
Die Gräfin selbst war dort zur Schule gegangen. Sie erreichte nun beim
König Maximilian II., dass er ihr die Gebäude für die Kinderbewahranstalt
in Pacht überließ. Im Mai 1856 konnten die Schwestern mit inzwischen
bereits 76 Kindern in Indersdorf einziehen. Der Anfang dort war alles andere als einfach. Die Räume mussten erst nach und nach wieder bewohnbar
gemacht werden und das von der Gräfin zugestandene Kostgeld für die
Kinder war zu gering, um sie ausreichend versorgen zu können. Um die
Finanzierung zu sichern, rief ein Komitee aus engagierten Bürgern, dem
die Gräfin vorstand, zur Gründung eines Marienvereins auf. Dieser Verein
schloss mit der Kongregation 1858 einen Vertrag, wonach sie die nun Marienanstalt genannte Einrichtung in Indersdorf in Eigenregie übernehmen
sollte. Der Verein, der ursprünglich für die Finanzierung sorgen sollte, zog
sich in den kommenden Jahren, ebenso wie seine Vorsitzende, die Gräfin,
immer mehr zurück und überließ die Sorge um die Anstalt der Kongregation allein.Viktorine von Butler-Haimhausen plante bereits ein neues Projekt,
nämlich die Anstalt in Schönbrunn. Die engagierte Adelige, auf deren Initiative zahlreiche soziale Projekte zurückgehen, wovon die bekanntesten das
Franziskuswerk in Schönbrunn und das Kreszentiastift sein dürften, scheint
meist bald wieder das Interesse an ihren Gründungen verloren und sich lieber neuen Unternehmungen zugewandt zu haben. Die Kongregation fand
allerdings großzügige Unterstützung für ihre Kinderbewahranstalt, sowohl
vonseiten des Königshauses durch Königin Marie und den abgedankten
König Ludwig I. als auch vonseiten vermögender Bürger.
Gegen den Willen der Gräfin öffnete die Kongregation die Anstalt auch
für Buben. Auf Druck der Regierung erklärte sie sich zudem bereit, regel125
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Kinderwaschraum
der Marienanstalt in
Indersdorf,
vermutlich
Anfang
des 20.
Jahrhunderts
mäßig eine kleine Zahl straffällig gewordener Jugendlicher aufzunehmen.
Ab 1863 arbeitete die Kongregation außerdem mit dem „Maria-Hilf-Verein für die Erziehung armer Kinder zu braven Dienstboten“ zusammen.
Dies entsprach ganz der Zielsetzung, die auch die Gräfin bei der Gründung der Anstalt vor Augen hatte. Auch sie wollte die Kinder vorrangig zu
guten und brauchbaren Dienstboten erziehen. Was uns heute bitter aufstoßen mag, lässt sich nur aus dem alten, noch ganz der Ständegesellschaft
verhafteten Denken erklären.
Auch der sehr streng reglementierte Tagesablauf, der nicht nur in der
Marienanstalt in Indersdorf üblich war und den Kindern vom Aufstehen
um 5.45 Uhr bis zur frühen Abendruhe nach der Abendandacht kaum
eigenen Freiraum ließ, widerspräche unseren heutigen Grundsätzen der
Kindererziehung. Aber diese Erziehung galt damals als völlig normal und
wurde auch in Erziehungsanstalten für privilegierte Schichten nicht anders
gehandhabt. Die strenge religiöse Erziehung wurde damals nicht als außergewöhnlich angesehen und gerade auch in den Familien auf dem Land
ähnlich praktiziert.
Die Marienanstalt galt als vorbildliche Einrichtung ihrer Zeit und auch
die Zöglinge selbst scheinen zum Großteil zufrieden gewesen zu sein. Dies
lässt sich daran erkennen, dass viele noch lange nach ihrer Zeit im Heim
in Verbindung mit den Schwestern geblieben sind. Von ihrer Dankbarkeit
zeugen Briefe und auch Spenden, die teilweise sogar bis aus Amerika kamen,
wohin damals auch einige ausgewandert waren.
Die Arbeit in den Erziehungseinrichtungen war in den über 150 Jahren, in denen die Barmherzigen Schwestern tätig waren und teilweise
126
Weitere Tätigkeitsbereiche der Barmherzigen Schwestern
Kinderschlafsaal
der Marienanstalt in
Indersdorf,
vermutlich
Anfang
des 20.
Jahrhunderts
noch sind, einem starken Wandel unterworfen. Die früher als normal und
selbstverständlich empfundene strenge Disziplinierung, die uns heute entsetzt, gehörte auch in den Einrichtungen der Schwestern schon lange der
Geschichte an. Längst hatten auch in den von den Schwestern geführten
Heimen die neuesten pädagogischen Erkenntnisse Einzug gehalten. In möglichst kleinen Gruppen sollte den Kindern durch eine familiäre Atmosphäre
Geborgenheit gegeben werden. Soweit wie möglich wurden die Eltern in
die Erziehung miteinbezogen. Zwar war es nach wie vor notwendig, den
Kindern und Jugendlichen Struktur und Halt für ihr Leben durch das Einhalten von Regeln zu geben. Aber statt der Erziehung zu absolutem Gehorsam stand nun die Erziehung zu selbstverantwortlichen Persönlichkeiten im
Mittelpunkt.
Neben den Heimen für Waisen und vernachlässigte Kinder übernahmen
die Schwestern auch andere Einrichtungen der kurzzeitigen Kinderbetreuung, die sich im 19. und 20. Jahrhundert entwickelten. Zunächst waren dies
die Kinderkrippen, die in München wie in anderen wachsenden Großstädten mit zunehmender Industrialisierung notwendig wurden. Immer
schwieriger war es für Mütter geworden, Erwerbsarbeit mit der Betreuung
ihrer Kinder zu vereinbaren. Während dies im Bürgertum dazu führte, dass
die Frau auf die Rolle der Hausfrau und Mutter festgelegt wurde, waren die
weniger begüterten Schichten auf Erwerbsarbeit beider Elternteile finanziell
angewiesen. Für die dadurch notwendig gewordene Kinderbetreuung fehlte
in den neuen anonymen Großstädten die familiäre oder nachbarschaftliche
Unterstützung. Da sich der Staat wie bei den vielen anderen sozialen Problemfeldern im 19. Jahrhundert zunächst nicht zuständig fühlte, sprangen
127
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Kinderkrippe St. Peter
in München
(Zeichnung
von Felix
Schwarmstädt, 1917)
hier häufig kirchliche Initiativen ein. So wurden die ersten Krippenanstalten in München von Pfarreien eingerichtet und von den Barmherzigen
Schwestern geführt. Schon 1855 übernahmen sie die Krippenanstalt von
St. Anna, 1865 die beiden Krippenanstalten St. Bonifaz und St. Josef und im
Jahr 1871 folgte noch die Krippenanstalt von St. Peter.
Die Krippe St. Bonifaz gaben die Schwestern bereits 1922 auf. Im Jahr
1943 kündigte die Stadt München aus politischen Gründen den Vertrag mit
dem Orden zur Betreuung der Krippen St. Josef und St. Peter. Die älteste
Münchner Krippenanstalt St. Anna führten die Schwestern noch bis 1958.
Als nach dem 2. Weltkrieg, vor allem ab den 60er Jahren, der flächendeckende Ausbau von Kindergärten in Bayern begann, waren auch die
Barmherzigen Schwestern daran beteiligt. In den Orten, in denen sie schon
vorher Kinderheime geführt hatten, richteten sie nun selbst diese zusätzliche Betreuungseinrichtung ein, so in Landshut und in Indersdorf. Zudem
übernahmen sie in Kindergärten anderer Träger die Betreuung der Kinder,
beispielsweise im Pfarreikindergarten in München-Berg am Laim.
Aus der Kinder- und Jugendarbeit erwuchs mit der Zeit noch ein anderes Betätigungsfeld der Schwestern. Da ihnen viel daran gelegen war, ihre
Schützlinge durch Vermittlung praktischer Kenntnisse lebenstüchtig zu
machen, boten sie den ihnen anvertrauten Mädchen häufig Kurse im Nähen
und in der Hauswirtschaft an.
8.3. Hauswirtschaft, Verwaltung und Landwirtschaft
Wie schon erwähnt, übernahmen die Barmherzigen Schwestern in den
ihnen anvertrauten Niederlassungen neben der Kranken-, Alten- oder Kin128
Weitere Tätigkeitsbereiche der Barmherzigen Schwestern
„Knödelproduktion“ in
der Küche
des HeiligGeist-Spitals
am DomPedro-Platz,
ca. 1910
derpflege auch die gesamte Hauswirtschaft und Verwaltung. Obwohl die
Kongregation somit immer eine Reihe von Schwestern zur Verfügung hatte,
die im Bereich der Hauswirtschaft bestens ausgebildet waren, begann sich
im Vergleich zu anderen Frauenorden erst relativ spät die Tradition herauszubilden, bei Bischöfen oder in Priesterseminaren die Haushaltsführung zu
übernehmen. Einen ersten Anfang in diesem Aufgabenbereich machten die
Schwestern 1912 mit der Übernahme der Hauswirtschaft im Herzoglichen
Georgianum in München. Aber erst unter dem seit 1917 amtierenden Erzbischof von Faulhaber weiteten die Schwestern ihre Tätigkeit in diesem
Aufgabenfeld weiter aus.
Die Barmherzigen Schwestern hatten seit ihrem Bestehen immer eine
besonders enge Beziehung zum Erzbischof von München und Freising, da
er laut Statuten die geistliche Leitung der Kongregation innehatte. Über den
jeweils eingesetzten Superior nahm der Erzbischof direkten Einfluss auf die
Geschicke des Ordens. Unter Kardinal von Faulhaber wurde die Verbindung
zwischen Bischofshof und Mutterhaus besonders intensiv, zumal dieser dem
seit 1914 amtierenden Superior Pfaffenbüchler freundschaftlich verbunden
war. Faulhaber nahm größten Anteil an der Entwicklung der Kongregation
und hielt viel von dem karitativen Wirken dieses Frauenordens.
Nachdem er bei seinen Kuraufenthalten in Adelholzen und bei seinen
Besuchen im Mutterhaus die Betreuung durch die Barmherzigen Schwestern persönlich schätzen gelernt hatte, wünschte er sich diese Schwestern auch für die Führung seines Haushaltes im Bischofshof. So zogen am
13. August 1925 mit Schwester M. Ethelreda Groß und Schwester M. Ottmara Bubendorfer die ersten beiden Barmherzigen Schwestern im Münchner Bischofspalais ein, wo sie die Führung der Hauswirtschaft und der
Küche übernahmen.
129
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Studienseminar in
Traunstein
Nach dem Münchner Vorbild holte sich im Jahr 1932 ein weiterer bedeutender deutscher Bischof, Konrad von Preysing, Barmherzige Schwestern
aus München für seinen bischöflichen Haushalt in Eichstätt. Schwester M.
Dagila Dotzler und Schwester M. Elina Beck folgten Bischof von Preysing
1935 auch nach Berlin, als er zum dortigen Oberhirten ernannt worden
war. 1938 löste Schwester M. Margaritha Müller Schwester M. Elina ab.
Von Preysing war bekannt als ein entschiedener und kompromissloser Gegner des NS-Regimes, der auch Kontakte zu Widerstandsgruppen wie dem
Kreisauer Kreis und den Akteuren des 20. Juli geknüpft hatte. Solange die
Nationalsozialisten an der Macht waren, war die Zeit mit diesem Bischof in
Berlin, dem Zentrum der Macht seiner politischen Gegner, auch für die beiden Barmherzigen Schwestern, die seinen Haushalt leiteten, eine Zeit voller
Anspannung und Angst. Sie kehrten erst Anfang 1951 wieder ins Münchner
Mutterhaus zurück, nachdem der nach dem Krieg zum Kardinal ernannte
Bischof im Dezember 1950 überraschend gestorben war.
Auf Wunsch von Kardinal von Faulhaber übernahm der Orden auch die
Haushaltsführung im neuen Erzbischöflichen Studienseminar, das er 1929
in Traunstein gründete. Sieben Schwestern wurden für diese Aufgabe zur
Verfügung gestellt.
Mit dieser Übernahme war endgültig der Schritt in dieses Aufgabenfeld
vollzogen. Auch in anderen Diözesen leiteten die Schwestern in der Folgezeit Haushalte von Priesterseminaren, so in den 30er Jahren in Eichstätt und
ab 1967 für 20 Jahre in Regensburg. Noch 1987 übernahmen sie das Spätberufenenseminar St. Matthias in Waldram bei Wolfratshausen, nachdem die
Niederbronner Schwestern diese Tätigkeit wegen des Schwesternmangels
hatten aufgeben müssen. Heute arbeiten dort immer noch zwei Barmher130
Weitere Tätigkeitsbereiche der Barmherzigen Schwestern
Eine Barmherzige
Schwester
auf einem
Hühnerhof,
vermutlich
in Bamberg
Anfang der
1930er Jahre
zige Schwestern. Auch im Herzoglichen Georgianum, dessen Hauswirtschaft die Schwestern bis auf einige Unterbrechungen seit 1912 fast durchgängig geführt hatten, sind heute noch zwei Schwestern im Einsatz. Aus
dem Studienseminar in Traunstein zog sich die Kongregation im Jahr 2003
schweren Herzens zurück.
Im Münchner Bischofshof blieben die Schwestern zunächst bis zum Tod
von Kardinal von Faulhaber im Jahr 1952. 1942 war Schwester M. Ethelreda
Groß durch Schwester M. Albuina Hubauer abgelöst worden.
Die Nachfolger, Kardinal Wendel und Kardinal Döpfner, verzichteten
auf den Dienst der Schwestern im Haushalt. Sie brachten dafür Ordensschwestern aus ihren bisherigen Wirkungsstätten mit. Ganz jedoch wollten
anscheinend auch sie nicht auf Barmherzige Schwestern verzichten. So war
seit 1953 Schwester M. Eufreda Heidner für fast 40 Jahre als Sekretärin im
Erzbischöflichen Sekretariat tätig. 1990 wurde sie von Schwester M. Solemnis Simmelbauer abgelöst, die noch heute dort arbeitet.
Im Jahr 1977 kehrten die Schwestern wieder in den Haushalt des
Bischofspalais zurück. Erzbischof Joseph Ratzinger griff bei seinem Amtsantritt auf diese Schwestern zurück, die ihm schon aus Traunstein und seinem
Aufenthalt im Georgianum bestens vertraut waren. Sein Nachfolger im Amt,
Friedrich Kardinal Wetter, übernahm die Schwestern. Schwester M. Guda
Süß führte die dortige Niederlassung 1977 – 1989. Schwester M. Agapita
Schuhbeck, eine der Schwestern, die in der Zeit Kardinal Ratzingers im
Bischofshof tätig gewesen waren, durfte beim Papstbesuch im September
eine besondere Ehre erfahren. Sie gehörte zu den Ehrengästen Papst Benedikts XVI. Auch heute arbeitet mit Schwester M. Adelberga Öttl noch eine
Schwester der Kongregation im Bischofshaushalt von Kardinal Wetter.
131
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Neben der Hauswirtschaft gewann auch der Bereich der Verwaltung in
allen Niederlassungen zunehmend an Bedeutung. Auch hier entstanden
neue Aufgabenfelder, für die geeignete Schwestern gefunden und ausgebildet werden mussten. Besonders die Funktion der so genannten Schreibschwester wurde mit steigender Komplexität der Verwaltung immer wichtiger. Nicht nur in den einzelnen Einrichtungen verlangte dieses Amt große
Kompetenz, sondern auch im Mutterhaus selbst. Die Schreibschwestern im
Mutterhaus, deren Nachfolgerin die heutige Generalsekretärin Schwester
Anna Maria Burgauer ist, kümmerten sich nicht nur um das laufende Alltagsgeschäft, sondern machten sich auch um die Überlieferung der Geschichte
der Barmherzigen Schwestern sehr verdient. Sie erstellten Statistiken und
sorgten für die Fortschreibung der Mutterhauschronik. Besondere Verdienste erwarb sich dabei die über 40 Jahre als Schreibschwester im Mutterhaus
tätige Schwester M. Emma Mayer.
Da früher bei sehr vielen Niederlassungen eine kleine Landwirtschaft
angebunden war, mussten immer wieder einige der Schwestern Aufgaben in
diesem Bereich übernehmen. Diese Betriebe waren, auch wenn sie noch so
klein waren, für die Versorgung der Schwestern und der ihnen anvertrauten
Kranken, Alten oder Kinder von größtem Wert. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden allerdings diese kleinen Landwirtschaften nach und nach aufgegeben. Häufig wurde das Land für Erweiterungsbauten der Einrichtungen
benötigt und mit zunehmender Verstädterung wurde es vielerorts schwierig, die Landwirtschaft weiter zu betreiben. Um einen Ersatz zu schaffen,
erwarben die Schwestern eigene größere Höfe, denn ganz wollte man auf
diese Selbstversorgungsmöglichkeit nicht verzichten. Hatte sich doch diese
in Notzeiten mehrfach als bedeutende Überlebenshilfe gezeigt.
8.4. Hilfe für gesellschaftliche Randgruppen
Hilfe für Arme, eines der zentralen Anliegen des hl. Vinzenz, war für die
Barmherzigen Schwestern zu allen Zeiten eine Selbstverständlichkeit. Wie
viele andere Klöster in München hatte auch die Kongregation schon seit
ihrer Gründung eine so genannte Pfortenspeisung für Bedürftige angeboten.
In großen Notzeiten wie unmittelbar nach den beiden Weltkriegen und in
der Zeit der Weltwirtschaftskrise am Anfang der 1930er Jahre wurde diese
Armenspeisung nicht nur für die sonst übliche Zahl Armer und Bettler, sondern für sehr viele Münchner zu einer wichtigen Überlebenshilfe.
In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurde für eine wachsende Zahl von Nichtsesshaften die Mutterhauspforte eine wichtige Anlaufstelle. Die Leitungen der umliegenden Kliniken sahen die wachsende
132
Weitere Tätigkeitsbereiche der Barmherzigen Schwestern
Pfortenspeisung an
der Mutterhauspforte
Anfang der
1930er Jahre
Schlange von Obdachlosen als unhaltbaren Zustand. Ende 1983 sahen sich
die Schwestern deshalb gezwungen, ihre Pfortenspeisung am Mutterhaus
einzustellen. Allerdings sorgten sie vorher dafür, dass andere Anlaufstellen für
Obdachlose in der näheren Umgebung wie das St. Antonkloster der Kapuziner und der III. Orden in der Maistraße ihre Klientel mitversorgten. Ganz
gab das Mutterhaus in der Nußbaumstraße die Tradition der Armenspeisung
jedoch nicht auf. So wurden bis zum Umzug ins neue Mutterhaus einige „Stammkunden“ weiter mit einem kostenlosen Mittagessen versorgt. In
Berg am Laim gibt es ebenfalls schon eine lange Tradition der Pfortenspeisung am dortigen Altersheim. Als der Andrang an der Pforte immer größer
wurde, wurde dort 1999 ein eigener Raum für die Essens­ausgabe
eingerichtet. In dieser „Vinzenzstube“ werden werktäglich bis
zu 40 kostenlose Essen ausgegeben. Auch im Keller des ordenseigenen Hauses Mechtild in der
Augsburger Straße werden am
Wochenende zwischen 90 und
110 Personen versorgt.71
Eine BarmDoch das Engagement für
herzige
Schwester
die Obdachlosen geht über die
gibt an
Pfortenspeisungen hinaus. So
der Pforte
unterstützt die Kongregation IniSuppe aus
tiativen für Nichtsesshafte finan(Anfang
ziell, materiell und teilweise auch
der 1930er
Jahre).
personell.
133
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
!UFGABENBEREICHE
+RANKENPFLEGE
+RANKENPFLEGE
AMBULANT
+INDERUND
*UGENDPFLEGE
3ONSTIGE
Tätigkeitsfelder der
Kongrega­
tion 1882
%RHOLUNGSHEIM
!LTENPFLEGE
Kurz nachdem Walter Lorenz, ein ehemaliger Lokführer, zusammen mit
der von ihm gegründeten Gemeinschaft der Schwestern vom hl. Benedikt
Labré e.V. ein Haus für Obdachlose in der Pommernstraße in München
eröffnet hatte, zogen dort auch vier Barmherzige Schwestern mit ein, um
dort zusammen mit den Nichtsesshaften zu leben und für sie zu arbeiten.
Nachdem zwei der dort tätigen Schwestern 1990 und 1995 die Kongregation verlassen hatten, hielt man es für besser, die Schwestern lebten in der
Gemeinschaft eines ihrer Schwesternkonvente. Heute arbeitet dort noch
eine Barmherzige Schwester, Schwester M. Timothea Heitzer. Dem Verein hat der Orden zudem ein Haus in Unterhaching als Obdachlosenherberge zur Verfügung gestellt. Auch dort arbeiteten von 1986 bis 1992 zwei
Schwestern mit.
Die Arbeit des Katholischen Männerfürsorgevereins München unterstützt die Kongregation ebenfalls. Seit der Verein im Jahr 1996 das Haus St.
Benno in Oberschleißheim für alte und kranke Obdachlose eröffnet hat,
arbeiten dort Barmherzige Schwestern.
Die Arbeit in der Psychiatrie blieb bei den Münchner Schwestern eher
eine Randerscheinung. So wurden sie nur in zwei Nervenklinken tätig, ab
1869 in der städtischen Heil- und Pflegeanstalt St. Getreu in Bamberg und
ab 1904 in der Universitätsklinik für Psychiatrie in München. Allerdings
initiierte eine der früher in der Münchner Nervenklinik tätigen Schwestern
in den 90er Jahren das Projekt „Jakobsbrunnen“ für die ambulante Betreuung von psychisch kranken Menschen.
134
Weitere Tätigkeitsbereiche der Barmherzigen Schwestern
!UFGABENBEREICHE
+INDERUND
*UGENDPFLEGE
+RANKENPFLEGE
AMBULANT
,ANDWIRTSCHAFT
3CHULE
3ONSTIGE
!LTENPFLEGE
%RHOLUNGSHEIM
+RANKENPFLEGE
(AUSHALT
Tätigkeitsfelder der
Kongrega­
tion 1932
Absolute Ausnahme für die Münchner Kongregation blieb der Einsatz in
der Gefangenenfürsorge, der 1846 mit der Übernahme der Gefangenenanstalt in Amberg begann und 1909 mit der Auflassung des inzwischen nach
Wasserburg verlegten Gefängnisses endete. Weitere Anfragen nach Übernahmen derartiger Einrichtungen beantwortete die Ordensleitung stets
negativ.
Auf eine weitere Ausdifferenzierung der Einsatzfelder verzichtete der
Orden weitgehend und entschied sich bewusst für die Konzentration seiner
Kräfte auf seine eigentlichen Tätigkeitsschwerpunkte der Kranken-, Altenund Kinderpflege.
*
135
Kapitel 9
Sondereinsätze in Zeiten von
Seuchen und Kriegen
9.1. Besondere Herausforderungen durch Epidemien
Waren die in der Krankenpflege tätigen Schwestern schon in ihrem normalen Arbeitsalltag in heute kaum vorstellbarem Ausmaß gefordert, so bedeutete der Ausbruch einer Epidemie eine Herausforderung, die sie an den Rand
ihrer Kräfte bringen konnte. Und solche Epidemien waren im 19. Jahrhundert vor den Erkenntnissen von Robert Koch auf bakteriologischem Gebiet
nicht selten. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts schien es zunächst gelungen
zu sein, eine der am weitesten verbreiteten Seuchen der vorhergehenden
Jahrhunderte, die Pocken bzw. Blattern, durch die Entdeckung der Pockenschutzimpfung besiegt zu haben. Die Pflicht zur Impfung war 1807 in Bayern als dem ersten Land weltweit auf Betreiben von Franz Xaver Häberl
eingeführt worden. In der Mitte des 19. Jahrhunderts stieg allerdings die
Zahl der Infektionen wieder an. Auch am Münchner Krankenhaus wurde
es wieder zunehmend ein Thema, wo die Blatternkranken isoliert von den
übrigen Patienten untergebracht wurden. Erst durch die Einführung der
Auffrischungsimpfung im Erwachsenenalter konnte diese Krankheit entscheidend eingedämmt werden. Die Zahl der Blatternkranken ging bis zum
Ende des Jahrhunderts so weit zurück, dass ab 1897 für diese Patienten ein
kleiner Isolierpavillon im Garten des Krankenhauses l. d. I. ausreichte.
Noch weit mehr als die Pocken war damals Typhus verbreitet. Kerschensteiner schreibt, dass diese Krankheit noch in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts die zweithäufigste Todesursache am Krankenhaus l. d. I.
gewesen sei. Zudem vermutet er, dass die häufigste Todesursache, der so
genannte Magenkatarrh oder das gastrische Fieber, ebenfalls eine Form
des Typhus war. Dass mit dem Rückgang des Typhus auch diese Krankheit
immer seltener auftrat, spricht für diese These. Mehrere schwere Typhus­
epidemien hatten die Schwestern an diesem Krankenhaus zu bewältigen.
136
Sondereinsätze in Zeiten von Seuchen und Kriegen
So starben beispielsweise 1839/40 von 806 Typhuspatienten 90, was im Vergleich zu der in anderen Krankenhäusern üblichen Mortalität von bis zu
50 % einen relativ niedrigen Prozentsatz an Sterbefällen bedeutete. Im Jahr
1860 grassierte die Seuche im Mutterhaus. Durch Hausinfektion erkrankten
33 Schwestern, die wegen Renovierungsarbeiten Wasser aus einem Pumpbrunnen im Klosterhof entnommen hatten, der durch die nahen Versitzgruben verunreinigt war.72 Erst die Erkenntnis der starken Infektionsgefahr
und der Bedeutung von sauberem Wasser führte durch Maßnahmen der
Isolierung der Kranken und Verbesserung der Wasserversorgung zu einer
starken Abschwächung der Krankheit Ende des 19. Jahrhunderts. Nur noch
in ausgesprochenen Notzeiten rund um die beiden Weltkriege flammte sie
sporadisch wieder auf.
Besondere Angst verbreitete im 19. Jahrhundert in Bayern eine bis dahin
in Europa unbekannte Krankheit, die Cholera.Wie schon beschrieben, wurden die Barmherzigen Schwestern in ihren Anfangsjahren in München mit
der ersten Choleraepidemie in Bayern konfrontiert.
Ende Juli 1854 brach die Cholera erneut aus und klang erst im Januar des
folgenden Jahres wieder ab. Die Bevölkerung reagierte panischer als beim
ersten Ausbruch 1836. Jeder, der es sich leisten konnte, allen voran der Adel,
verließ die Stadt. Als im September vorübergehend die Zahl der Erkrankten deutlich sank, wurde fälschlicherweise angenommen, die Seuche wäre
schon überstanden. Dies wurde auch der ehemaligen bayerischen Königin
Therese zum Verhängnis, die mit
ihrem Mann Ludwig I. zu früh
nach München zurückkehrte,
an Cholera erkrankte und Ende
Oktober starb.
Am immer noch wichtigsten
städtischen Krankenhaus l.d.I.
wurden damals insgesamt 867
Cholerapatienten behandelt. Es
kam zu deutlich weniger Hausinfektionen als 1836, vor allem
in der Abteilung von Dr. Gietl,
der
Desinfektionsmaßnahmen
durchführen ließ.73 Die BarmKönigin
Therese
herzigen Schwestern erhielten
von Bayern,
vom Magistrat aufgrund der
1792 – 1854
ungeheuren Mehrbelastung zwar
(Gemälde
sechs Schwestern mehr bewilligt,
von Joseph
waren aber dennoch bis an ihre
Stieler)
137
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Grenzen belastet. Auch dieses Mal erkrankten wieder mehrere Schwestern.
Zwei davon mussten ihren Dienst mit dem Leben bezahlen.74
Die Choleraepidemie von 1873/74 sollte noch einmal verheerende Ausmaße annehmen.
Von über 3000 Erkrankten starben von Juni 1873 bis April 1874 1466
Menschen.75 Am Krankenhaus l.d.I. wurden 673 Cholerakranke behandelt,
wovon 287 starben.Von den Schwestern infizierten sich nur drei und genasen glücklicherweise alle wieder.76 Es ist anzunehmen, dass sie bereits mehr
Vorsichtsmaßnahmen beachteten, um sich selbst vor Ansteckung zu schützen.
Trug eventuell auch die folgende Maßnahme des Magistrats zur Stärkung
ihrer Abwehrkräfte bei? „Die Anstrengungen der Schwestern im Krankenhaus
waren unglaublich groß. Da bald mehrere Cholerafälle vorkamen, wurden einige Säle
zu ebener Erde eigens für diese Kranken eingerichtet, deren Zahl 40 – 50 täglich
belief. Die Pflege der Kranken erforderte die größte Aufmerksamkeit und Sorgfalt.
Der Magistrat wollte die Anstrengungen der Schwestern wenigstens dadurch würdigen, dass er für jede Schwester, die Wärter etc. täglich ½ Liter Rotwein bewilligte,
was auch auf die Herren im Büro, die Ärzte, Hauskapläne und Portiers ausgedehnt
wurde.“77
Das große Problem bei der Bekämpfung der Cholera war die Unwissenheit und Uneinigkeit der Ärzte untereinander über die Ursachen und
Verbreitungswege dieser Seuche. Der grundsätzliche Streit zwischen Befürwortern und Gegnern der Theorie, die Cholera sei kontagiös (ansteckend),
konzentrierte sich in den Personen der beiden Gegenspieler von Petten­
kofer und von Gietl.
Man kann sich gut vorstellen, dass der Streit um die Ursachen der Cholera die in der Pflege tätigen Barmherzigen Schwestern stark verunsicherte
und ihren Dienst noch zusätzlich erschwerte.
Wohl bekomm’s!
Der Hausarzt der Schwestern und zeitweilige Klinikdirektor des Krankenhauses
l.d.I., Dr. von Gietl, war als einer der
wenigen Ärzte davon überzeugt, dass
die Cholerapatienten und ihre Ausscheidungsprodukte ansteckend seien. Tragischerweise hatte der Arzt und Hygieniker
Max von Pettenkofer, der weit größeres
Ansehen und Popularität genoss, eine
gegenteilige Meinung. Er entwickelte
seine so genannte Bodentheorie, wonach
Miasmen, nicht genau zu bestimmende
138
Teilchen, aus dem Boden dringen und die
Luft verseuchen würden, die bei Menschen mit geeigneter Disposition die
Krankheit auslösen könnten. Die Kranken selbst und ihre Krankheitsprodukte
hielt er nicht für infektiös. Pettenkofer
und andere berühmte Ärzte wie Lindwurm und Pfeufer, die sich seiner Meinung angeschlossen hatten, zogen die
Ansichten Gietls, die erst später durch die
Entdeckung des Choleraerregers durch
Robert Koch bestätigt werden sollten, ins
Sondereinsätze in Zeiten von Seuchen und Kriegen
Dr. Franz X. von Gietl,
königlicher Leibarzt und
fast 50 Jahre (1838 – 1886)
als Arzt am Krankenhaus links der Isar tätig,
war jahrzehntelang der
Hausarzt der Schwestern
(Grabstein auf dem Alten
Südfriedhof).
Erst als die Erkenntnisse Pettenkofers ergänzt wurden durch die Erkenntnisse von Gietls und Kochs konnte eine erfolgreiche Bekämpfung der Cholera erfolgen. Als endlich die Infektiösität der Cholera ernst genommen
wurde, erfolgten entsprechende Isolier- und Desinfektionsmaßnahmen.
Ergänzend waren aber auch die von Pettenkofer initiierten Maßnahmen,
wie der Aufbau der zentralen Wasserversorgung und der Ausbau der Abwasserkanalisation, wichtige Voraussetzungen dafür, der Cholera und anderen
Seuchen die Grundlage zu entziehen. So hatte Pettenkofer unbestreitbar
einen großen Anteil daran, dass die Choleraepidemie von 1873/74 in München die letzte bleiben sollte.
Auch die im Abstand von drei bis vier Jahrzehnten auftretenden gefährlichen Mutationen des Grippevirus, die Grippeepidemien mit ungewöhnLächerliche. Obwohl die Hausinfektionen
auf Gietls Abteilung durch seine Desinfektionsmaßnahmen deutlich niedriger
als in den anderen Abteilungen des
Krankenhauses l.d.I. waren, wurde seine
Theorie nicht ernst genommen und schadete seinem Ruf als Arzt. Es sprach auch
einiges gegen die Ansteckungstheorie
Gietls. So berichtet Kopp von uns heute
sehr eklig anmutenden Selbstversuchen
einiger Ärzte während der ersten Choleraepidemie 1836: „Selbst die innigste
Berührung mit den Ausleerungsstoffen,
(einige Ärzte überzeugten sich nicht nur
von dem Geruche, sondern auch von dem
Geschmacke derselben), … blieben auf den
moralisch und physisch starken, nicht prädisponierten Menschen ohne den geringsten Einfluss.“ 78 Pettenkofer unternahm
später unter großer öffentlicher Anteilnahme einen ähnlichen Versuch, um
nachzuweisen, dass Cholera nicht allein
durch die von Robert Koch entdeckten
Cholera-Bazillen entsteht. Pettenkofer
trank deshalb ein Glas mit einer frischen
Kultur von 1 cm3 Cholerabazillen aus,
ohne Schaden zu nehmen.79
139
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Krankenhaus links
der Isar,
ca. 1910
lich hohem Krankenstand und hoher Sterblichkeit zur Folge hatten, führten
zu Spitzenbelastungen für die Barmherzigen Schwestern, vor allem auch in
ihrem größten damaligen Einsatzort, dem Krankenhaus links der Isar. Derartige Grippewellen werden in der Mutterhauschronik 1864, 1889/90 und
1918 erwähnt: „Die 1890 allgemein herrschende Influenza-Epidemie hat den
Schwestern im Mutterhaus, wie in den Krankenhäusern und Spitälern, eine schwere
Zeit gebracht… Der höchste Stand Influenzakranker an einem Tag waren 1000.“ 80
Da die Kapazität der bestehenden Krankenhäuser für die vielen zusätzlichen
Patienten nicht ausreichte, wurden Aushilfsspitäler eingerichtet, in denen
auch Barmherzige Schwestern im Einsatz waren. Ein Teil der Schwestern,
unter ihnen auch Generaloberin Schwester M. Regina, erkrankte. Bei einer
Schwester verlief die Krankheit tödlich.
Noch weit aggressiver scheint der Verlauf der Grippe von 1918 gewesen
zu sein. Wie man heute weiß, starben daran weltweit mindestens 20 Millionen Menschen. Manche Forscher nehmen sogar an, dass die Zahl der Toten
noch weit höher lag. Auf jeden Fall soll die Zahl der Grippetoten die Zahl
der Toten des 1.Weltkriegs überstiegen haben. Dafür, dass die Auswirkung
der so genannten Spanischen Grippe so verheerend war, hat sie in den zeitgenössischen Quellen verhältnismäßig wenig Niederschlag gefunden. Auch
im kollektiven Bewusstsein in Deutschland war das Wissen darüber wenig
verankert. Erst seit die medizinische Forschung in den 1990er Jahren das
damals grassierende Virus als Mutation eines Vogelgrippevirus identifiziert
und vor erneutem Auftreten eines ähnlich tödlich wirkenden Erregers in
absehbarer Zukunft gewarnt hat, beschäftigt sich eine breitere Öffentlichkeit mit diesem Phänomen. Zu erklären ist diese Ignoranz wohl aus den
140
Sondereinsätze in Zeiten von Seuchen und Kriegen
besonderen historischen Begleitumständen. Als die Grippe noch während
des Krieges ausbrach, wurde zunächst die Berichterstattung darüber zensiert,
da der Gegner nicht erfahren sollte, wie die Truppen durch die Krankheit
geschwächt worden waren. Dabei hatte der Erreger ohne Rücksicht auf
Freund oder Feind beide Seiten ähnlich getroffen. Als die Grippe sich nach
Kriegsende im Herbst 1918 mit den heimkehrenden Soldaten bis in den
letzten Winkel Deutschlands ausbreitete, bedeutete sie nur eine Bedrohung
von vielen, denen sich die Menschen in den Revolutionswirren und in den
folgenden, durch wirtschaftliche Not geprägten Zeiten in ihrem Überlebenskampf ausgesetzt sahen. Der damalige Direktor des Krankenhauses l.d.I.,
Friedrich von Müller, notierte zum Verlauf der Spanischen Grippe lediglich:
„Die Rückkehrer aus dem Felde brachten eine schwere Krankheit aus den Schützengräben mit in die Heimat, eine bösartige Epidemie von Grippe, welche schon zu
Kriegsende in den kämpfenden Heeren unsäglich viele Opfer gefordert hatte, nun
aber auch in der Heimat namentlich bei schwangeren Frauen und alten Leuten verheerende Verbreitung fand.“ 81 Die Mutterhauschronik erwähnt die Grippe nur
im Zusammenhang mit der in den Kriegs- und ersten Nachkriegsjahren
auch sonst erschreckend hohen Sterblichkeit der Schwestern aufgrund ihrer
völligen Überlastung und wohl auch schlechten Ernährungslage. 1918 sei
mit 56 Kandidatinnen zwar eine erfreulich hohe Zahl an Neuzugängen zu
verzeichnen gewesen, „doch 38 davon erkrankten an schwerer Grippe, 6 starben,
8 mussten in die Heimat zurückgeschickt werden“.82
Auch in einem Bericht einer Schwester, die im Krieg als Begleiterin im
Lazarettzug eingesetzt war, über eine der letzten Fahrten von der Westfront
nach Deutschland im Oktober 1918 wird die Problematik der Grippe kurz
angesprochen: „Ungefähr 60 Schwerverwundete, die übrigen Grippe-krank, meistens sehr schwer. 1 Mann starb gleich nach dem Einladen./Grippe./“ 83
Im Gegensatz zu der nur sporadisch in so gefährlicher Form wie 1918
auftretenden Grippe mussten sich die Schwestern kontinuierlich einer im 19.
Jahrhundert und noch weit bis ins 20. Jahrhundert weit verbreiteten Krankheit stellen, der Lungentuberkulose. Die Pflege der Tbc-Kranken ruhte in
München und weiten Teilen Bayerns vielfach auf den Schultern der Barmherzigen Schwestern. Nicht verwunderlich ist deshalb, dass die Schwestern
im Vergleich zu der übrigen Bevölkerung ein überdurchschnittlich hohes
Risiko hatten, selbst an dieser Krankheit zu erkranken. Ihre bedeutendsten
Einsatzorte waren das ursprünglich als Erholungskrankenhaus für leichtere
chronische Fälle vom Krankenhausdirektor Ziemssen geplante, dann aber
wegen des hohen Bedarfs als Lungensanatorium verwendete Sanatorium in
Harlaching und das Waldsanatorium in Planegg.
Die typische Armutskrankheit Tuberkolose konnte erst in der zweiten
Hälfte des 20. Jahrhunderts durch die Verbesserung der Wohnverhältnisse
141
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
und der Ernährung eingedämmt werden. Durch die besseren Lebensverhältnisse konnten die Abwehrkräfte der Menschen so weit gestärkt werden,
dass sie die Erreger in Schach halten konnten. So hatte die Krankheit bereits
vor der Entdeckung von wirksamen Medikamenten an Schrecken verloren.
In den 1980er Jahren konnten die Schwestern ihr ordenseigenes Lungensanatorium, das Waldsanatorium bei Planegg, endgültig schließen und zu
einem Altenheim ausbauen.
9.2. Einsatz der Barmherzigen Schwestern in den
Kriegen 1859, 1866 und 1870/71
War von der Mehrbelastung durch Seuchen eine große Zahl von Barmherzigen Schwestern in den Krankenhäusern betroffen, betraf der Einsatz
in den Kriegen des 19. Jahrhunderts zunächst nur eine relativ kleine Zahl
an Schwestern.84 Der erste Kriegseinsatz von Barmherzigen Schwestern
erfolgte auf Bitte der damaligen bayerischen Königin Marie im Jahr 1859.
Sie hatte aus Mitleid mit den vielen verwundeten österreichischen Soldaten,
die nach der Niederlage Österreichs gegen Italien und Frankreich in ihre
Heimat zurückkehrten, in Rotholz in Tirol ein Lazarett eingerichtet und
von der Münchner Generaloberin Schwestern für die dortige Pflege erbeten. Die Ordensoberen kamen der Bitte nach und schickten 15 Schwestern nach Österreich. Die notdürftig in einem Raum des Lazaretts untergebrachten Schwestern hatten von Ende Juli bis Ende Oktober 1859 alle
Hände voll zu tun, die insgesamt rund 500 Verwundeten zu versorgen. Der
österreichische Kaiser bedankte sich bei den Schwestern im November mit
einem goldenen Ehrenkreuz.
Diesem ersten Einsatz in Österreich sollte bald ein Einsatz in der Heimat
folgen, als im Jahr 1866 mit dem Überfall Preußens auf Hannover, Sachsen
und auch Bayern der blutige deutsch-deutsche Krieg um die Vormachtstellung in Deutschland zwischen Österreich und Preußen begann. Die königliche Stadtkommandatur von München ließ Anfang Juli 1866 über das
Ordinariat beim Superior anfragen, wie viele Barmherzige Schwestern für
den Einsatz in Lazaretten freigestellt werden könnten. Obwohl die Schwes­
tern wie immer in den Krankenhäusern voll ausgelastet waren, erklärte sich
die Ordensleitung bereit, 20 Schwestern zur Verfügung zu stellen.Vereinbart
wurde, dass pro Lazarett nur zwei bis drei Schwestern und diese ausschließlich für die Krankenpflege eingesetzt werden sollten. Für die übrigen Arbeiten sollten weltliche Kräfte angestellt werden. Die Pflege sollte außer Kost,
Logis und Reisekostenerstattung unentgeltlich von den Schwestern geleistet werden. Von Juli bis September, teilweise sogar bis November, waren
142
Sondereinsätze in Zeiten von Seuchen und Kriegen
Spital im Paradiesgarten (1871): Königin-Mutter Marie, die
Schwestern M. Magrina
Gramerl und M. Luitpolda Ziegerer, Gräfin
Fugger, Schwester M.
Pionia Leidl, Gräfin
Pocci, Schwester M.
Waltrudis Späth, Graf
von Pappenheim und
Schwester M. Jakobina
Berger (von links)
diese Schwestern nun in verschiedenen Lazaretten tätig. So versorgten sie
beispielsweise die Militärspitäler in Lichtenfels, Bamberg und Aschaffenburg,
aber auch die auf Privatinitiative des Königs und der Königin-Mutter in
München im späteren Maximilianeum bzw. im Schloss Fürstenried eingerichteten Lazarette. Auch Graf Arco-Valley ließ Barmherzige Schwestern
zur Pflege Verwundeter in sein Schloss Valley bei Holzkirchen kommen.
Neben den 20 speziell für den Lazarettdienst abgestellten Schwestern
waren zusätzlich noch weitere Barmherzige Schwestern mit der Pflege von
verwundeten Soldaten beschäftigt, da ein Teil der Soldaten, meist leichter
verwundete und somit transportable Patienten, auch in einige der von den
Schwestern geführten regulären Krankenhäuser verlegt wurden.
Kaum vier Jahre nach dem deutsch-deutschen Krieg zog Bayern im Juli
1870 an der Seite seines früheren Gegners Preußen in den Krieg gegen Frank­
reich. Die Mutterhauschronik spricht von dem Widerwillen der Schwestern
gegen diesen den Bayern von Preußen aufgezwungenen Krieg. Die Stimmung im Mutterhaus war symptomatisch für einen großen, zumindest den
konservativen Teil der bayerischen Bevölkerung, der sich keinerlei Vorteile
von diesem Krieg versprach. Nicht ganz zu Unrecht, wie sich zeigen sollte,
da der Ausgang des Krieges schließlich zur Reichsbildung und zum weitgehenden Verlust der Souveränität für das Königreich Bayern führte. Auch
diesmal trat der Staat schon früh an den Orden heran, Schwestern für die
Versorgung der verwundeten Soldaten zur Verfügung zu stellen. Wie schon
im vorausgegangenen Krieg versorgten die Barmherzigen Schwestern
in einer Reihe ihrer regulären Niederlassungen Verwundete und stellten
zudem wieder Schwestern für eigens dafür eingerichtete Spitäler. So übernahmen sie wieder die Pflege im königlichen Spital in Neuberghausen, das
sich der König und der Georg-Ritter-Orden als Träger teilten. Auch die
143
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Verwundeten im von der Königin-Mutter im so genannten Paradiesgarten
am Englischen Garten eingerichteten Lazarett wurden von Barmherzigen
Schwestern gepflegt. Für einige Wochen richtete die Kongregation selbst
ein kleines Lazarett in ihrem Noviziatshaus in Berg am Laim ein, bis die
Räume wieder für Novizinnen gebraucht wurden.
Da durch die militärische Überlegenheit der Deutschen die Kriegshandlungen bald nur noch auf französischem Boden stattfanden, mussten die
Verwundeten mit der Eisenbahn in die deutschen Lazarette transportiert
werden. Für die Begleitung dieser Spitalzüge wurden ebenfalls Barmherzige Schwestern angefordert. Die Ordensleitung stellte bis zu 8 Schwestern für diese Aufgabe frei. Von Mitte August bis Mitte September wurden
von Bayern insgesamt 36 derartige Fahrten organisiert. An 12 der Fahrten
waren jeweils dieselben 6 bis 8 Schwestern beteiligt. Dabei hatten sie insgesamt 2590 Verletzte zu betreuen und waren insgesamt 135 Tage im Einsatz. Man kann sich vorstellen, welche Anforderungen die meist sehr jungen Schwestern meistern mussten. War sicher schon die lange Anreise quer
durch Deutschland und teilweise weit in feindliches Gebiet anstrengend
und aufregend, wie mag erst die Heimreise mit den vielen Verwundeten,
die nur notdürftig versorgt und auch gegen Kälte nur notdürftig geschützt
werden konnten, physisch und psychisch belastend gewesen sein? Schwer
erschüttert waren sie, als sie bei einer ihrer Fahrten einen Aufenthalt in
Straßburg dazu nutzten, ihre Mitschwestern im Stammmutterhaus in Straßburg zu besuchen und dort die Verwüstungen sahen, die die deutsche Belagerung Straßburgs hinterlassen hatte. Zu dieser Situation ist auch ein bewegender Brief der Straßburger Generaloberin Schwester Marie Angélique
Arth (1868 – 1881) vom Oktober 1870 an die Münchner Generaloberin
Operationswagen eines
Königlich
Bayerischen
Lazarettzuges
144
Sondereinsätze in Zeiten von Seuchen und Kriegen
erhalten: „Der gütige Gott vergelte Ihnen die warme Teilnahme, welche Sie für Ihre
bedrängten Mitschwestern in Straßburg haben… Wir haben Vieles gelitten, vielgeliebte Mitschwester, aber das Vertrauen auf den Herrn hat uns, Ihm sei Dank keinen
Augenblick verlassen. Unser Mutterhaus, Allerheiligen, ist zum Dritteil eine Ruine
durch den beständigen Regen von Granaten und Bomben, der unser unglückliches
Stadtviertel getroffen, die schöne Kapelle ist für lange Zeit unbrauchbar geworden…
Doch wurden wir durch Gottes besonderen Schutz und die Wachsamkeit unserer
Leute vom Feuer bewahrt, welches die ganze umliegende Vorstadt verwüstet. Zwei
und vierzig Tage und Nächte kamen wir nicht aus den Kleidern und verrichteten
unsere Schuldigkeiten in beständiger Todesgefahr. Aus ganzer Seele, mit vereinten
Kräften wollen wir um den ersehnten Frieden beten, damit so vielem Blutvergießen
und herzbrechendem Unglücke der Familien und Länder, endlich Einhalt geschehe.“ 85 Die Straßburger Schwestern hatten während der Belagerung und
Bombardierung Kranke, Pfründner und Flüchtlinge aus der Stadt in ihrem
Keller untergebracht und zu versorgen. Groß war die Angst, bei Feuer nicht
alle retten zu können.Vier Schwestern wurden verletzt, zwei davon tödlich.
Angesichts der Leiden der Straßburger Mitschwestern und der Gefahren,
denen die Schwestern bei der Begleitung der Spitalzüge ausgesetzt waren,
war die Erleichterung im Mutterhaus groß, dass alle Münchner Schwestern
den Krieg heil überstanden. Für ihren Einsatz in der Soldatenpflege lehnte
die Ordensleitung auch dieses Mal strikt jegliche Entlohnung ab. Die bayerische und die neue deutsche Reichsregierung ließen es sich jedoch nicht
nehmen, den Schwestern ihre Anerkennung auszusprechen. So erhielten
die Barmherzigen Schwestern nach Kriegsende sowohl das Bayerische Verdienstkreuz als auch das „Verdienstkreuz für Frauen und Jungfrauen wegen
hervorragender Dienste in den Kriegsjahren 1870/71“, das ihnen Kaiserin
Augusta, die Frau des ersten deutschen Kaisers des neuen deutschen Reiches,
zu dem nun auch Bayern gehörte, zukommen ließ. Königin-Mutter Marie
dankte den Schwestern für ihren Einsatz im Lazarett Paradiesgarten mit
einem Porträt ihres verstorbenen Mannes König Maximilian II. Dieses
Ölbild mit einem wertvollen Goldrahmen erhielt zusammen mit dem Porträt der Königinmutter, das sie den Schwestern bereits 1866 für ihren Dienst
im Fürstenrieder Spital geschenkt hatte, einen Ehrenplatz im Mutterhaus.
9.3. Die Schwestern im Ersten Weltkrieg (1914 – 1918)
Auch im 1.Weltkrieg war der Einsatz der Schwestern gefragt.Wieder hatten
sie Verwundete in ihren regulären Krankenhäusern und in eigens dafür eingerichteten Lazaretten zu pflegen. Insgesamt waren dabei über 300 Schwestern in der Heimat im Einsatz. Auch für die Begleitung von Lazarettzügen
145
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Holzkoffer
der Barmherzigen
Schwestern
bei ihrem
Kriegseinsatz im
Ersten
Weltkrieg
wurden wieder Schwestern zur Verfügung gestellt. Neu hinzu kam in diesem Krieg, dass neben den Heimatlazaretten auch Lazarette direkt hinter der
Front errichtet wurden. In diesen Etappenlazaretten, überwiegend an der
Westfront in Belgien und Frankreich, in den Jahren 1915 und 1916 auch an
der Ostfront in Ungarn und Serbien, waren während des gesamten Krieges
bis zu 70 Münchner Barmherzige Schwestern tätig.86 Die im Mutterhausarchiv verwahrten Kriegstagebücher einiger dieser Schwestern geben einen
aufschlussreichen Einblick in ihren strapaziösen Kriegsalltag. Sie zeigen aber
auch, wie sich im Verlauf des Krieges die Einstellung der Schwestern zu
diesem Krieg grundlegend gewandelt hat.
Ganz anders als im Krieg von 1870/71 war bei Kriegsbeginn 1914 auch
in Bayern die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung von geradezu
enthusiastischer Kriegsbegeisterung. Dieses Phänomen hatte mehrere Ursachen. Zum einen wussten nach über 40 Jahren Frieden in Deutschland viele
junge Menschen nicht mehr aus eigener Anschauung, was ein Krieg in der
Realität bedeutete. Zum anderen beruhte das Selbstbewusstsein des neuen
deutschen Reiches zu einem nicht geringen Teil auf dem Gefühl der militärischen Überlegenheit gegenüber seinen Nachbarstaaten. Der seit Jahrzehnten vorherrschende Militarismus mit der Überhöhung und übertriebenen Hochschätzung alles Militärischen, vor allem unter dem amtierenden
deutschen Kaiser Wilhelm II., trug seine Früchte 1914 in der weitgehenden
Akzeptanz des Krieges. Auch die Schwestern hatten sich als Kinder ihrer
Zeit davon anstecken lassen. So notierte die Novizenmeisterin des Ordens,
Schwester M. Alma Mack, die während des gesamten Krieges in Etappenlazaretten unmittelbar hinter der Front eingesetzt war, zu dem Aufbruch
der Schwestern in Richtung Dieuze in Frankreich am 1. September 1914:
146
Sondereinsätze in Zeiten von Seuchen und Kriegen
Ein Reserve­
lazarett
im Ersten
Weltkrieg
„Freudigen Herzens, voll Begeisterung verließen wir 27 Schwestern in Begleitung
der lb. Ehrw. Vorgesetzten das lb. Mutterhaus und begaben uns zum Bahnhof…
Unser Zug ist ein Extrazug für Sanitätspersonal, Ärzte, Schwestern verschiedener
Orden und Sanitäter… Die Türen der Wagen schließen sich und fort geht es in
raschem Tempo unter fortwährenden Abschiedsgrüßen und Tücherschwung.“ 87
Konfrontiert mit der grausamen Realität änderte sich bald der Tenor der
Berichte. Die anfängliche Begeisterung wich der Ernüchterung und immer
mehr der Überzeugung, dass der Krieg sinnlos war. Besonders bedrückend
sind die Eintragungen Schwester M. Almas aus dem letzten Kriegsjahr. Im
Juni 1918 wurde ein Teil der Schwestern unter ihrer Leitung in das ehemalige französische Barackenlazarett in Vasseny bei Soissons verlegt. Die von
Schwester M. Alma auf dem Weg zum neuen Einsatzort auf einem verlassenen Schlachtfeld gemachten Beobachtungen sind kaum wiederzugeben:
„Es war schrecklich anzusehen diese Granatlöcher. Teile von Menschen, halbvermoderte Füße in den Strümpfen und Schuhen lagen umher, Helme, in denen die
Kopfhaut mit dem Haar halbverwest hing.“
Als die tief erschütterten Schwestern endlich in Vasseny ankamen, wurden sie in einer Baracke ohne Fußboden untergebracht, in Betten, die
noch voller Blut und Schmutz von den vorher dort untergebrachten französischen Verwundeten waren. „Für wie viele sterbende Franzosen werden sie
schon benützt worden sein?“ Trotz ihrer Erschöpfung war wegen der feindlichen Flieger und der vielen Ratten in der Baracke kaum an Schlaf zu
denken. Doch auf ihre eigenen Bedürfnisse und Befindlichkeiten durften
die Barmherzigen Schwestern keine Rücksicht nehmen. Auch unter diesen
widrigen Umständen mussten sie ihre Arbeit machen und die Verwundeten versorgen, die schon auf ihre Hilfe warteten. Und das wurden immer
147
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
mehr: „Der Krieg wird immer grausamer… So viel und so schwer Verwundete
hatten wir noch nie wie hier.“ Nicht nur physisch gelangten die Schwestern
bei der Soldatenpflege an ihre Grenzen, sondern auch psychisch. Schwester
Alma beschreibt, wie schwer es den mitfühlenden Schwestern fiel, wenn sie
aus medizinischen Gründen Verwundeten mit schweren Bauchverletzungen
den so sehr ersehnten Schluck Wasser verweigern mussten.
Wie erschütterte sie das Sterben der vielen „Familienväter, wenn sie immer
nach Frau und Kindern rufen“, die den Schwestern klagten, sie müssten ihre
kleinen Kinder unversorgt zurücklassen. Wie sehr empfanden sie die Sinnlosigkeit des Sterbens der vielen „jungen 17 oder 18 jährigen noch fast Kinder“, die sich sterbend nur nach der Mutter sehnten. Die Barmherzigen
Schwestern versuchten den Sterbenden beizustehen, ihnen etwas Trost und
Geborgenheit zu geben. Erleichtert wurde den Schwestern ihre Arbeit nur
durch die Tatsache, dass die Soldaten sehr dankbar waren für ihre Anteilnahme und Hilfe.
Von den Münchner Barmherzigen Schwestern waren sicher die rund
70 Schwestern, die in den Etappenlazaretten und bei der Zugbegleitung
eingesetzt waren, in ganz besonderem Maße gefordert. Aber weit mehr als
in den vorhergegangenen Kriegen war die gesamte Kongregation in Mitleidenschaft gezogen. Mit 300 Schwestern war die Zahl der Schwestern, die in
den Heimatlazaretten für die Verwundetenpflege abgestellt werden mussten,
erheblich höher als früher.Wie die übrige Zivilbevölkerung hatten auch die
Schwestern unter der schlechten Versorgungslage zu leiden.
Ein Badezimmer als Notkapelle
Wie an allen ihren Einsatzorten legten
die Schwestern selbst in dieser Hölle
der Etappenlazarette Wert darauf, dass
ihnen Zeit und Raum für Gebet und
Gottesdienst blieb. Dabei erwiesen sie
sich als äußerst einfallsreich: „Wir fanden aber keinen anderen Raum, als einen
Baderaum, den haben wir sauber hergerichtet, die Badewanne konnte man
nicht hinaustun, weils angeschmiedet
war. Wir taten einen Tisch hinein mit
weißem Tuch, und so richtete H.H. Kanonikus seinen Feldaltar, und so hatten
wir dann täglich hl. Messe und auch hl.
Kommunion.“ 88
Die Ordensoberen sorgten sich ebenfalls um das leibliche und geistliche
148
Wohl ihrer Schwestern an der Front. Als
der Ordenssuperior, Prälat Pfaffenbüchler, die Schwestern in Cambrai besuchte,
wo die Schwestern von Oktober 1914 bis
September 1915 im Einsatz waren, sorgte
er dafür, dass sie Bettgestelle bekamen
und somit nicht länger nur auf Matratzen am Boden liegen mussten. Für die
Kapelle organisierte er Sitzbänke, um
ihnen das Knien auf dem Boden zu
ersparen. Bei einem weiteren Besuch
war er voll Mitleid und zugleich Bewunderung für die Schwestern, die den
feindlichen Dauerbeschuss gelassen
hinnahmen. Er selbst gestand, es nicht
länger ertragen zu können und reiste
bereits nach zwei Tagen wieder ab.
Sondereinsätze in Zeiten von Seuchen und Kriegen
Ordens­
lazarett in
Adelholzen
im Ersten
Weltkrieg
Der lange dauernde Krieg hatte für die Kongregation auch negative
wirtschaftliche Folgen. Schon kurz nach Kriegsbeginn war in dem seit 1907
im Besitz des Ordens befindlichen Kurbad Adelholzen ein Lazarett eingerichtet worden. Im Verlauf des Krieges verlagerte sich der Schwerpunkt in
Adelholzen immer mehr vom Kur- zum Lazarettbetrieb. Mit den Kurgästen
blieben aber auch die Einnahmen aus. Zudem wurde durch den Krieg der
Vertrieb des Heilwassers erschwert, was zusätzliche Einnahmeverluste bedeutete. Während die Schwestern dem Mangel an Petroleum und Kerzen noch
mit der zukunftsweisenden Einrichtung der Elektrizität im Mutterhaus im
Jahr 1915 begegnet waren, konnten sie dem Opfer ihrer Kirchenglocken
für die Metallsammlungen nichts Positives abgewinnen. Im November 1917
kam das Kriegsgeschehen bis nach München, als ein feindliches Flugzeug
7 Bomben über München abwarf. Dieser Luftangriff, nur ein kleiner Vorbote des nächsten Weltkrieges, richtete glücklicherweise keine größeren Schäden an, trug aber zur weiteren Demoralisierung der Zivilbevölkerung bei.
Nach all dem Leid, das dieser Krieg gebracht hatte, überwog die Erleichterung bei den Schwestern, als er endlich im November 1918 zu Ende ging,
auch wenn die Niederlage dem Frieden einen etwas bitteren Beigeschmack
gab und die Revolution die Schwestern beunruhigte. Endlich konnten die
Schwestern aus der Etappe zurückkehren. Schwester M. Magdalena Barnickel berichtet von dieser Heimfahrt: „Im Zug war kein einziges Fenster
ganz, alle durchgeschossen. Links und rechts vom Zug waren rote Fähnchen hingesteckt zum Zeichen, dass der Krieg verloren ist und Revolution ist … Ganzer
Zug überfüllt mit Soldaten, man durfte nicht einmal aussteigen, sehr kalt, sie haben
mit Papier die Fenster zugehängt, weil es so gezogen hat … Mehrere Barmherzige
Schwestern fingen an zu kränkeln.“ 89
149
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Als sie nach tagelanger, strapaziöser Fahrt endlich am 18. November am
Münchner Hauptbahnhof ankamen, stand ihnen noch eine letzte Aufregung
bevor. Die müden, hungrigen und durstigen Schwestern, die sich nur noch
nach ihren Mitschwestern im nahen Mutterhaus sehnten, durften zu ihrem
Entsetzen den Zug nicht verlassen. Stundenlang warteten sie im Bahnhof,
ohne zu erfahren, was mit ihnen geschehen sollte. Auch als der Zug am
Nachmittag Richtung Starnberger See weiterfuhr, wurden die Schwestern
immer noch im Unklaren über ihr weiteres Schicksal gelassen. In Bernried
am Starnberger See wurden sie endlich zusammen mit den mitreisenden
Soldaten offiziell aus dem Wehrdienst entlassen. Mit dem nächsten Zug
durften sie nach München zurückkehren, wo ihre Mitschwestern sie bereits
voll Sorge erwarteten.
9.4. Revolution und Inflation
Die Erleichterung der Schwestern über die Beendigung des sinnlosen Blutvergießens des 1. Weltkrieges wurde bald von den revolutionären Begleitumständen des Kriegsendes überschattet. Die Revolution in Bayern vom 7.
November 1918 erschütterte die Welt der Schwestern in ihren Grundfesten.
Seit ihrer Gründung hatten die Münchner Barmherzigen Schwestern die
Loyalität zum Königshaus immer äußerst hoch gehalten. Nun mussten sie
mit ansehen, wie der letzte bayerische König, Ludwig III., mit seiner schwerkranken Frau, Königin Maria-Theresia, fliehen musste. Der Untergang der
bayerischen Monarchie bedeutete für die Schwestern auch den Verlust ihrer
alten Welt. Doch auch in dieser Situation hielten die Schwestern den Wittelsbachern die Treue. So übernahm eine Barmherzige Schwester die Pflege
der schwerkranken Königin an ihrem Zufluchtsort Schloss Wildenwarth bis
zu deren Tod am 3. Februar 1919.90
Zu dem großen Bedauern, das die Schwestern über das Ende der
Königsherrschaft empfanden, kam die Sorge, wie es weitergehen würde.
Würde der Orden auch unter den neuen Machtverhältnissen weiter existieren können? Für die neu gegründete Bayerische Volkspartei empfanden die
Ordensschwestern gewisse Sympathien, aber noch war nicht klar, welche
politischen Kräfte sich durchsetzen würden. Ihre größten Befürchtungen
schienen sich zu bestätigen, als nach der Ermordung Kurt Eisners eine weitere Radikalisierung einsetzte und am 7. April 1919 die USPD die Münchner Räterepublik ausrief, woraufhin die im Januar neu gewählte gemäßigte
SPD-Regierung unter Hofmann nach Bamberg floh. Die Spartakisten
machten den Schwestern das Leben schwer. Zweimal durchsuchten sie das
Postulatsgebäude nach Lebensmitteln, Geld und verbotenen Schriften, die
150
Sondereinsätze in Zeiten von Seuchen und Kriegen
Ludwig III. von
Bayern, 1845 – 1921
(Ölgemälde im
Mutterhaus)
die Schwestern angeblich an die Bevölkerung verteilt hätten. Als die Weißen
Garden der Regierung Hofmann am 1. Mai in München einmarschierten
und sich tagelang mit der Roten Armee der Räteregierung Straßenkämpfe
lieferten, blieben auch die Schwestern nicht unbehelligt. Schüsse schlugen
im Postulatsgebäude in der Blumenstraße ein. Im Martinsspital in Giesing
wurde sogar der Ärmel einer der Schwestern von einem Geschoss durchlöchert, glücklicherweise ohne sie zu verletzen. Besonders schlimm war der
Beschuss des Nußbaumpavillons: „Der Korridor des Nußbaumpavillons ist
gegen die Nußbaumstraße gerichtet und in den bösen Wochen der kommunistischen
Revolution wurden die Krankenzimmer unter heftiges Feuer gelegt durch ein in der
Schillerstraße aufgestelltes Maschinengewehr, dessen Geschosse durch die Gangfenster und Zimmertüren durchschlugen. Die Schwestern konnten tagelang nur gebückt
oder kniend ihre Kranken betreuen.“ 91
Bei dem Kampf um München kamen mehr als 600 Menschen ums Leben,
darunter etwa 150 Angehörige der regierungstreuen Truppen.Von den weiteren ca. 450 Toten waren bei weitem nicht alle Angehörige der Roten
Armee, sondern sehr viele unbeteiligte Zivilisten.92 Die siegreichen Weißen
Garden nahmen blutige Rache an ihren Gegnern. Durch standrechtliche
Erschießungen ermordeten sie in den ersten Tagen 252 Menschen, Revolutionäre und solche, die sie irrtümlich dafür hielten.93
Die Begeisterung der Schwestern über die zunächst als Befreier begrüßten
Weißen Garden hielt sich in Grenzen.Viele Wochen mussten sie Einquartierungen von Soldaten in Kauf nehmen.
Die Revolutionswirren brachten auch Einschränkungen für das klösterliche Leben mit sich. Oft mussten Konvente tagelang auf die Messfeier verzichten. Kandidatinnen konnten wegen der Einstellung des Bahnverkehrs
151
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
erst Ende Mai in die Kongregation eintreten. In München konnte die große
Fronleichnamsprozession im Revolutionsjahr 1919 nicht stattfinden. Allerdings erhielten die Barmherzigen Schwestern vom Ordinariat die Erlaubnis, als Ersatz eine eigene Prozession im Bereich ihrer Mutterhaus-Arkaden
abzuhalten.
Nicht nur die politischen Unruhen, sondern auch die große wirtschaftliche Not erschwerte das Leben der ersten Nachkriegsjahre. Die Lebensmittelknappheit war durch Revolution und schlechte Ernten fast noch größer
als zu Kriegszeiten. Von der schlechten Ernährungslage waren die Barmherzigen Schwestern nicht nur direkt, sondern auch indirekt betroffen, da
sich die Mangelernährung der Bevölkerung an der steigenden Zahl von
Kranken in den Krankenhäusern bemerkbar machte.Vor allem die Zahl der
Tuberkulosekranken und deren Sterblichkeit stiegen stark an.
In dieser Zeit erwies es sich als Segen, nicht nur für die Schwestern selbst,
sondern vor allem auch für die Krankenhäuser in den Städten, dass die Kongregation an zahlreichen Niederlassungen eigene kleine Landwirtschaften
betrieb. So berichtete Krankenhausdirektor Müller vom Krankenhaus l.d.I.
aus dieser Zeit: „Die Einrichtung, dass die Küche den Ordensschwestern anvertraut war, hat sich namentlich während der Hungersnot der Kriegsjahre und Revolution sehr bewährt. Durch ihre Verbindungen mit ländlichen Kreisen konnten die
Ordensschwestern immer wieder die notwendigen Nahrungsmittel für die Patienten
herbeischaffen.“ 94
Die Inflation der Jahre 1922/23 machte auch den Barmherzigen Schwestern große Probleme. Die Gehälter, die für die Schwestern von den Krankenhäusern an das Mutterhaus bezahlt wurden, verloren, bis sie im Mutterhaus eintrafen, so an Wert, dass kaum noch etwas dafür gekauft werden
konnte.
Trotz aller Sparsamkeit waren aber manche Ausgaben unumgänglich, z. B.
für die Kleidung der Novizinnen oder die Flaschen für die Füllerei des
Brunnenbetriebs in Adelholzen. So berichtet die Mutterhauschronik aus
dem Jahr 1922: „Die Teuerung brachte im Mutterhaus, das ständig mit doppeltem
Noviziat bevölkert war, sorgenschwere Tage. Allmählich gingen Stoff und Leinwand
Galgenhumor in der Inflationszeit
„In der versprochnen Zeit
sind wir gekommen allzu weit.
Ein jeder ist jetzt Millionär.
Wenn’s nur nicht lauter Schwindel wär!“
Notiz auf einer Banknote zu 500.000 Mark
im August 1923/Mutterhauschronik S. 123
152
Sondereinsätze in Zeiten von Seuchen und Kriegen
aus: 1 m Tuch 900 Mark, 1 m Leinwand 200 Mark. Da war eine Einkleidung
eine große Ausgabe… Im Dezember 1922 kostete 1 m Halbleinen 2.400 Mark,
eine leere Adelholzener Flasche 100 Mark!“ 95
Für manches der von den Schwestern geleiteten Krankenhäuser war die
Inflation auch deswegen ein großes Problem, weil früher zu ihren Gunsten
gemachte Stiftungen wertlos wurden. Besonders betroffen davon war das
Krankenhaus links der Isar mit seiner Krankenhausstiftung. Die Mutterhauschronik berichtet, dass auf dem Höhepunkt der Inflation im Herbst
1923 Einkaufen mit Geld unmöglich war, da es niemand mehr annehmen
wollte. Stattdessen wurde sogar in den Krankenhäusern mit Naturalien wie
Butter, Eiern und Fleisch abgerechnet.
Buchstäblich über Nacht kam am 21. November 1923 mit der Einführung der Rentenmark endlich das Ende dieser irrwitzigen Zeit. Der Wert
einer Rentenmark entsprach 1 Billion des Inflationsgeldes. Nun ging es
wieder aufwärts und auch für die Barmherzigen Schwestern brachen die
„goldenen Zwanziger Jahre“ an.
*
153
K a p i t e l 10
Blütezeit des Ordens zu
Beginn des 20. Jahrhunderts
10.1. Großer Aufschwung um die Jahrhundertwende
Trotz all der Widrigkeiten, die der 1. Weltkrieg, die Revolutionszeiten und
die Not der Nachkriegs- und Inflationsjahre mit sich brachten, befand sich
der Orden in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts auf dem
Höhepunkt seiner Entwicklung. Seit der Gründung im Jahr 1832 waren bis
1870 sowohl die Zahl der Niederlassungen als auch die Zahl der Mitglieder
kontinuierlich angewachsen. Von 1870 bis 1895 trat eine gewisse Stagnation ein, was die Übernahme von weiteren Einrichtungen anbelangte.96
Eine denkbare Ursache für diese Verzögerung des weiteren Aufschwungs
könnte der rauere politische Gegenwind gewesen sein, den die Kongregation während des Kulturkampfes zu spüren bekam. Der spätere Superior Hiller machte in seinen Chronikaufzeichnungen am Beginn des 20. Jahrhunderts allerdings noch eine weitere Ursache aus, nämlich die in seinen Augen
allzu lange Amtszeit der Generaloberin Schwester M. Regina Hurler.97 Das
Urteil Hillers ist jedoch mit Vorsicht zu genießen. Er scheint eine schwierige Persönlichkeit gewesen zu sein, die überall aneckte, was schließlich das
Ordinariat 1914 dazu veranlasste, ihn zur Resignation zu bewegen. Auch
scheint er von den Führungsqualitäten von Frauen grundsätzlich nicht viel
gehalten zu haben. Dennoch ist die Tatsache nicht von der Hand zu weisen,
dass einem Zuwachs von fast 60 Niederlassungen in den ersten beiden Jahrzehnten der Amtszeit der Generaloberin Schwester M. Regina, nur sechs
Übernahmen in den letzten beiden Jahrzehnten gegenüberstehen. Denkbar
wäre also schon, dass zur Stagnation in dieser Zeit möglicherweise auch eine
gewisse Tendenz der älter gewordenen Generaloberin beigetragen hat, die
Kongregation nicht weiter wachsen zu lassen, sondern lieber zu konsolidieren. Ist mit zunehmendem Alter der Generaloberin eventuell der Schwung
und Mut der Anfangsjahre dem Streben nach Sicherung des Bestehenden
154
Blütezeit des Ordens zu Beginn des 20. Jahrhunderts
gewichen? Auch das bischöfliche Ordinariat scheint die extrem lange Amtszeit der Generaloberin als etwas problematisch eingestuft zu haben, wie die
1895 erfolgten Modifikationen der Statuten zur zeitlichen Beschränkung
der Amtszeit zeigen.
Der Vorwurf Hillers, die Ordensleitung hätte den Aufschwung zunächst
verschlafen, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Schon in den 1880er
Jahren setzte ein Boom in der Krankenhauslandschaft ein, von dem allerdings zunächst Mallersdorfer Schwestern und Rotkreuzschwestern weit
mehr profitierten. Bei den Barmherzigen Schwestern ist der Aufschwung in
Bezug auf den Zuwachs an Niederlassungen erst ab 1895, nach der Resignation der langjährigen Generaloberin, festzustellen. Gerechtigkeitshalber sei
jedoch erwähnt, dass der höhere Mitgliederzuwachs schon vorher einsetzte.
Dass sich dieser nicht zugleich in der Übernahme neuer Filialen widerspiegelte, mag auch daran gelegen haben, dass die Kongregation in München
mit den beiden Krankenhäusern links und rechts der Isar und der neuen
chirurgischen Klinik sehr große Krankenhäuser zu versorgen hatte, die
wegen der anhaltenden Ausdifferenzierung von Spezialabteilungen einen
stetig steigenden Bedarf an Pflegekräften hatten, dem das Mutterhaus nachzukommen hatte.
Mehrere Faktoren spielten zusammen bei der fast explosionsartigen Entwicklung des Krankenhauswesens um die Jahrhundertwende. Da war einmal der schon näher beschriebene wissenschaftliche und technische Fortschritt auf dem Gebiet der Medizin. Die Einstellung der Menschen zu den
Krankenhäusern wandelte sich durch die verbesserten Aussichten auf Heilung ins Positive, wodurch der Andrang höher wurde.Verstärkt wurde diese
Tendenz durch die längst überfällige staatliche Sozialgesetzgebung, durch
die es sich nun erst die ärmeren Bevölkerungsschichten leisten konnten,
die Behandlung in den Krankenhäusern in Anspruch zu nehmen. Durch
die zunehmende Verstädterung in Folge der Industrialisierung stieg in den
Städten die Notwendigkeit des Baus neuer, größerer Krankenanstalten. Dies
galt in erster Linie für München, das sich in der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts mit der Verfünffachung seiner Einwohnerzahl zur Großstadt
entwickelt hatte, aber auch für zahlreiche kleinere bayerische Städte.
Diese Entwicklung im Krankenhauswesen bedeutete aber auch, dass die
Nachfrage nach geeignetem Pflegepersonal enorm anstieg. Da der Staat zwar
in zunehmendem Maße den Bereich der Gesundheitsversorgung an sich
zog, aber kein geeignetes Personal zur Verfügung hatte und sich auch nicht
um die Ausbildung eines solchen kümmerte, waren die Mutterhausverbände gefragt, dieses zu beschaffen. Für die katholischen Gemeinden in Bayern
waren dies neben den Mallersdorfer Schwestern in erster Linie nach wie vor
die Barmherzigen Schwestern vom Mutterhaus München und Augsburg.
155
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
.IEDERLASSUNGENBIS
*AHR
Entwicklung
der Zahl der
Niederlassungen der
Kongregation von 1832
bis 2007.
1UELLE"3-~!-ITGLIEDERVERZEICHNISSE
0ERSONALSTAND
*AHR
Entwicklung
der Zahl der
Mitglieder
der Kongregation von
1832 – 2007
1UELLE"3-~!-ITGLIEDERVERZEICHNISSE
Erstaunlicherweise konnten die Ordensgemeinschaften mit der damaligen
rasanten Entwicklung Schritt halten. Auch die Zahl der Eintritte bei den
Pflegeorden stieg entsprechend stark an. Im Jahr 1901 hatte erstmals die
Gesamtzahl der Barmherzigen Schwestern vom Mutterhaus München die
Zahl 1000 überschritten, gerade mal ein knappes Vierteljahrhundert später
im Jahr 1924 bereits die Zahl 2000.98
156
Blütezeit des Ordens zu Beginn des 20. Jahrhunderts
10.2. Was bewegte so viele junge Frauen,
Barmherzige Schwestern zu werden?
Gerade angesichts des heutigen Nachwuchsproblems fragt man sich, was
früher so viele junge Frauen bewogen haben mag, diesen Schritt in eine
Ordensgemeinschaft zu tun. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte
hierbei sicher das damalige gesellschaftliche und familiäre Umfeld. Diese
Mädchen wuchsen noch in einer stark vom katholischen Glauben geprägten
Umgebung auf, in der die Entscheidung für das Ordensleben nicht außerhalb der Vorstellungswelt war, sondern als ein denkbares und durchaus wünschenswertes Lebensmodell angesehen wurde. Wer sich für den geistlichen
Lebensweg entschied, konnte sich in der Regel der gesellschaftlichen Hochachtung und der familiären Unterstützung sicher sein.
Die Hauptmotivation für diese doch sehr einschneidende Lebensentscheidung war wie zu allen Zeiten der Glaube und der Wunsch, sein
irdisches Leben ganz in den Dienst Gottes zu stellen, um das himmlische
Seelenheil zu gewinnen. Nach der damals herrschenden theologischen Einschätzung galt die Wahl der geistlichen Lebensform als der sicherste Weg zur
Selbstheiligung, als die beste Möglichkeit, dem Himmel einen deutlichen
Schritt näher zu kommen, näher, als es in jeder anderen Lebensform je
möglich wäre.
Warum aber war gerade der Zulauf bei den sozial tätigen Orden in dieser
Zeit so groß? Nachdem die katholische Kirche durch die Säkularisierung
und den damit verbundenen Verlust an politischer und gesellschaftlicher
Macht am Anfang des 19. Jahrhunderts in Bayern stark geschwächt worden
war, nutzte sie diese Umbruchsituation, um sich auf ihre ureigensten christlichen Werte wie die Nächstenliebe zu besinnen. Verstärkt wandte sie sich
sozialen Aufgaben zu, um die mit der industriellen Revolution einhergehende Not vieler Menschen zu lindern. Hauptträger dieser neu erstarkten
Rolle der Kirche waren die weiblichen karitativen Ordensgemeinschaften,
somit nicht zuletzt die Barmherzigen Schwestern. Diese Ordensschwestern trugen in der Bevölkerung wesentlich zu einem neuen positiven Bild
von Kirche bei. An vielen Orten konnte man diese Vorbilder christlicher
Nächstenliebe aus nächster Nähe als Helferinnen in den verschiedensten
Notlagen erleben, wodurch manches Mädchen inspiriert worden sein mag,
selbst diesen Weg einzuschlagen. Welche Rolle die Vorbildfunktion spielte,
zeigte sich auch daran, dass die von den Schwestern geführten Schulen, die
Hauswirtschaftsschulen und die eigene Realschule in Indersdorf, zu bedeutenden Zentren für die Nachwuchsgewinnung wurden.
Warum ließen sich die Mädchen nicht von dem für uns heute teilweise
unvorstellbar schweren, ja auch häufig lebensgefährlichen Dienst abschre157
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
cken? Sieht man sich die Angaben zur sozialen Herkunft in den
Personalbüchern des Ordensarchivs an, stellt man fest, dass sich
die Barmherzigen Schwestern fast
ausschließlich aus der ländlichen
Bevölkerung Bayerns rekrutierten. Sie stammten in der überwiegenden Mehrheit aus kleinen bis
mittleren Landwirtschaften oder
aus kleinen Handwerksbetrieben.
Hier war die oben schon angesproSchwestern
und Kandichene tiefe und selbstverständlidatinnen
che Frömmigkeit der Nährboden
ziehen in
für die künftigen Ordensschwesdie Muttertern. Hier waren aber auch hartes
hauskirche
Arbeiten
und schwere Entbehein (1950er
Jahre)
rungen das Gewohnte. Dass dies
eine gute Ausgangslage war, den
Anforderungen des Lebens als Barmherzige Schwester gewachsen zu sein,
hatten auch die Ordensoberen erkannt. So verfügten sie schon in den Statuten von 1835: „Bei gleichen geistigen und körperlichen Eigenschaften sollen arme
Jungfrauen den vermöglichern vorgezogen werden; denn sie treten in den Orden der
armen barmherzigen Schwestern und geloben Armuth.“ 99
Die alternativen Lebensmodelle als Bäuerin und Mutter oder als ledige Magd wären ebenfalls häufig geprägt gewesen von Armut und Arbeit.
Auch die Lebenserwartung wäre angesichts der damals auf dem Land herrschenden hohen Frauensterblichkeit nicht unbedingt höher gewesen.
Und man darf nicht übersehen, dass es neben der religiösen Motivation
noch andere Faktoren gab, die den Beruf der Barmherzigen Schwester für
so viele Mädchen erstrebenswert machte. Die kinderreichen Familien auf
dem Land hatten oft Mühe, die Zukunft aller Kinder zu sichern. Ein möglicher Weg war schon immer der Weg ins Kloster gewesen, wodurch die
Versorgung auf Lebenszeit gesichert war.
Nicht zu unterschätzen ist auch die Tatsache, dass lange Zeit für Angehörige der ländlichen Unterschicht die Wahl eines geistlichen Berufes der
einzige Weg war, aus dem ansonsten schon vorgezeichneten Leben auszu­
brechen und einen sozialen Aufstieg zu schaffen. Buben wurde ein Studium
meist nur dann ermöglicht, wenn sie sich für den Priesterberuf entschieden.
Für Mädchen war in der Regel der Klostereintritt die einzige Möglichkeit,
einen höheren sozialen Status zu erlangen.
158
Blütezeit des Ordens zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Die Kongregation der Barmherzigen Schwestern übte wie die vergleichbaren Orden auf die jungen Frauen noch aus einem weiteren Grund eine
sehr große Anziehungskraft aus. Hier konnten sie ihre Talente über den von
der Herkunft vorgegebenen Weg hinaus einbringen und weiterentwickeln.
Hier bot sich ihnen eine der wenigen Möglichkeiten, einen anerkannten
Beruf zu erlernen und auszuüben, noch dazu in einem sozial abgesicherten
und gesellschaftlich hoch angesehenen Rahmen. Zunächst wurden ihnen
damit die Berufe der Krankenschwester, Köchin und Hauswirtschafterin
zugänglich gemacht, später durch zunehmende Spezialisierung der Aufgabenbereiche auch weitere Berufe wie Diätassistentin, Sekretärin, Kinderkrankenschwester, Kindergärtnerin oder Lehrerin in den Krankenpflegeschulen oder in den Hauswirtschafts- und Nähschulen. Und das Erstaunliche
war, sie schafften es trotz der minimalen Bildung, die sie durch ihre ländliche Volksschulbildung mitbrachten, diese Berufe zu erlernen und auszufüllen. Die besonders Begabten unter ihnen übernahmen das Amt einer
Oberin oder sogar der Generaloberin, Ämter, in denen auch damals schon
Managerfähigkeiten gefordert waren. Dass die Schwestern diesen Aufgaben
gewachsen waren, macht einerseits deutlich, wie viele Talente in der ländlichen Bevölkerung ungenutzt brachlagen. Andererseits zeigt es auch, wie
gekonnt die Kongregation es verstand, diese Fähigkeiten zu wecken und
weiterzuentwickeln.
Bei den Barmherzigen Schwestern waren Berufung und Beruf immer
eng verbunden, standen aber immer auch in einem gewissen Spannungsverhältnis. Immer galt es, die richtige Balance zwischen beiden Polen zu
halten. Einerseits beanspruchte der berufliche Dienst die ganze Kraft und
einen Großteil der Zeit der Schwester, andererseits musste ihr auch immer
an ihrer eigenen, geistlichen Vervollkommnung gelegen sein. Aber lag nicht
gerade in diesem Spannungsverhältnis der Reiz dieser besonderen Art von
Ordensleben?
10.3. Wer konnte Barmherzige Schwester werden?
Es wurden keineswegs alle jungen Frauen, die einen Aufnahmeantrag stellten, als Kandidatinnen angenommen. Die in den Statuten von 1835 festgelegten Aufnahmebedingungen wurden in den ersten 100 Jahren weitgehend unverändert beibehalten: „Die Ordens-Obern werden jede, die sich zur
Aufnahme melden, mit großer Sorgfalt ausforschen, ob sie von rechtschaffenen Eltern
geboren, untadelhaft in ihrer Aufführung und fest entschlossen seyen, dem Geiste
und den Sitten der Welt zu entsagen, um in frommer Zurückgezogenheit und in der
genauen Beobachtung der Satzungen des Ordens zu verharren; ferner, ob sie gründ159
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
liche Religionskenntnisse besitzen, im Lesen und Schreiben wohl unterrichtet seyen
und Gesundheit und Kraft haben zur Pflege der Kranken.“ 100 Das Aufnahmealter war in der Regel zwischen 18 und 24 Jahren. Nur in Ausnahmefällen
wurden ältere Kandidatinnen angenommen. Neben der für den schweren
Dienst als Barmherzige Schwester notwendigen körperlichen Eignung
wurden auch gewisse Schulkenntnisse vorausgesetzt. Allerdings hatte schon
die erste Generaloberin Schwester Ignatia Jorth erkennen müssen, dass man
den Anspruch diesbezüglich in Bayern etwas reduzieren musste, wo lange
Zeit die Volksschulbildung auf dem Land noch viel zu wünschen übrig ließ.
Fehlende Kenntnisse brachte der Orden seinen Kandidatinnen selbst bei
oder nahm die Hilfe der Englischen Fräulein in Anspruch. Auch noch nach
dem 2. Weltkrieg absolvierte eine Reihe von Schwestern die Realschule
dieses Ordens in Berg am Laim.
Für uns ist heute schwer nachvollziehbar, dass nicht nur an die Kandidatin selbst ein hoher moralischer Anspruch gestellt wurde, sondern auch an
ihr familiäres Umfeld, das die Anwärterin selbst ja nicht beeinflussen konnte
und nicht zu verantworten hatte. So waren lange Zeit unehelich geborene
Mädchen von der Aufnahme ausgeschlossen. Hier vollzog sich allerdings
Anfang des 20. Jahrhunderts eine Wende. Zunächst wurde es vom Superior in einem inoffiziellen Schreiben festgelegt, solche Bewerberinnen nicht
grundsätzlich auszuschließen, sondern nur auf den persönlichen Leumund
zu sehen. Allerdings sollte vorerst noch nicht öffentlich über diese freiere
Handhabung gesprochen werden. Erst bei der Änderung der Statuten im
Jahr 1942 wurde auch offiziell festgelegt, Ausnahmen seien nach Prüfung
des Einzelfalles möglich.
Die Bewerberinnen hatten durch Zeugnisse zu belegen, dass sie die
vorgeschriebenen Zulassungsvoraussetzungen mitbrachten. Neben Schul-,
Gesundheits-, Impf- und Sittenzeugnissen hatten die Kandidatinnen bei
ihrem Eintritt eine Mitgift in geringer Höhe und eine Mindestausstattung an
Wäsche mitzubringen. Nach ca. einem Monat Probezeit wurden die neuen
Kandidatinnen offiziell als Aspirantinnen bzw. unter der bald üblicheren
Bezeichnung Postulantinnen in den Orden aufgenommen. In dieser Zeit
trugen sie ursprünglich ihre weltliche Kleidung, bald aber wurde dafür eine
einheitliche, einfache Kleidung eingeführt. Die Zeit des Postulats war eine
Art Lehrzeit, in der die Kandidatinnen mit den verschiedenen Alltagsaufgaben einer Schwester vertraut gemacht wurden. In der Regel erfolgte
nach einem Jahr Postulat bei Eignung die Einkleidung. Bei dieser erhielt
die neue Schwester ihren Ordensnamen und ihr Ordenskleid und begann
mit dem Noviziat. Dieses dauerte im Normalfall etwa zwei Jahre und war
eine weitere Phase der Ausbildung, sowohl in geistlichen Dingen als auch
im Beruf. Nach diesen zwei Jahren entschieden die Ordensoberen, ob die
160
Blütezeit des Ordens zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Novizin zur Ablegung der Gelübde zugelassen wurde. Sprach nichts dagegen, legte die Novizin vor dem Bischof und ihren Ordensoberen in einer
feierlichen Zeremonie erstmals ihre Gelübde ab. Als vinzentinische Vereinigung waren die Gelübde bei den Barmherzigen Schwestern ursprünglich
einfache Gelübde, die jährlich wiederholt wurden: „Die Gelübde der barmherzigen Schwestern sind keine auf Lebenszeit verbindlichen, sondern einfache, die
jährlich erneuert werden, und bestehen in Angelobung der Armut, Keuschheit und
des Gehorsams.“ 101
10.4.Überlegungen, das Mutterhaus zu verlegen
Das Wachstum Ende des 19. Jahrhunderts führte dazu, dass es im Mutterhaus
sehr eng wurde. Das Problem verschärfte sich noch, als die Kongregation
im Krankenhaus links der Isar, wo ebenfalls großer Raummangel herrschte,
Säle räumen musste, in denen bisher Schwestern untergebracht gewesen
waren. Der daraufhin im Jahr 1901 erfolgte Dachausbau im Mutterhaus
sorgte nur für eine kleine Entspannung der Situation, am grundlegenden
Problem änderte es nichts. Dieses bestand darin, dass einerseits die Kongregation für ihre Schwestern mehr Raum benötigt hätte, andererseits auch
das Krankenhaus l.d.I. und die aus ihm sich entwickelnden Kliniken immer
mehr Platz beanspruchten. Wegen der besonderen, schon erwähnten Eigentumsverhältnisse, wonach das Mutterhaus auf städtischem Grund stand, hatten die Schwestern die schlechteren Karten. Sie mussten es hinnehmen, dass
ein Bauvorhaben nach dem anderen zu Lasten ihres Mutterhausgartens ausgeführt wurde. So 1891, als wegen des Baus des Nußbaumpavillons erneut
eine neue Einfahrt für das Mutterhaus angelegt werden musste. So auch
1893, als ein neues Direktorhaus errichtet wurde. Da es weiter zurückversetzt wurde als das alte Haus und Direktor Ziemssen einen größeren Garten
wünschte, musste die Kongregation wieder einen Teil des von ihr genutzten
Gartens abgeben. Auch eine Erweiterung der Lindwurmstraße und der Bau
eines neuen Waschhauses für das Krankenhaus gingen zu Lasten des Ordens.
Im Jahr 1900 zwang der Magistrat die Schwestern, ihre Landwirtschaft auf
dem Mutterhausareal aufzugeben. Alle Ökonomiegebäude mussten, obwohl
sie erst 1896 nach einem verheerenden Brand wieder aufgebaut worden
waren, entfernt werden, da der Platz für den Bau der Psychiatrischen Klinik
benötigt wurde. Daraufhin verlegte die Kongregation die Landwirtschaft
nach Berg am Laim. Statt der Ökonomie betrieb der Orden nun beim Mutterhaus nur noch eine Gärtnerei mit Treibhaus und Gemüsegarten. Auch
das Treibhaus hatte neu aufgebaut werden müssen, da das alte hatte weichen
müssen. Als Ersatz für die ebenfalls abgerissene Gärtnerwohnung wurde
161
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
dem Orden genehmigt, einen Teil der
Arkaden als Wohnung
auszubauen.
Durch die 1904
eröffnete
Psychiatri­
sche Klinik und die
1917
in Betrieb genomDas Klinik­
areal rund
mene Frauenklinik an
um das
der Lindwurmstraße
Mutterhaus
war das Mutterhaus
(Ausschnitt
endgültig von allen
aus StadtSeiten
eingekreist. Wie
karte
schon in der Zeit des
1950 – 1960)
Kulturkampfes in den
1870er Jahren wurden auch jetzt wieder Forderungen laut, die Barmherzigen Schwestern hätten das Krankenhausgelände zu räumen, damit sich die
Kliniken ungehindert entfalten könnten. Im Unterschied zu früher war die
Ordensleitung nicht ganz abgeneigt, das Mutterhaus aufzugeben. Die Qualitätsminderungen aufgrund der Krankenhausexpansion waren inzwischen
belastend geworden und man wünschte sich für die Ordensentwicklung
bessere Bedingungen.Allerdings konnte an eine Rückgabe des Mutterhauses
nur gedacht werden, wenn für einen erschwinglichen und gleichwertigen
Ersatz gesorgt werden würde. In den folgenden Jahren führten die Ordensleitung auf der einen Seite und Klinikdirektion, Vertreter von Stadt und
Staat auf der anderen Seite Verhandlungen, die sich eine Zeit lang Erfolg
versprechend anließen. Es gab bereits sehr konkrete Planungen, das neue
Mutterhaus in der Nähe des neuen Schwabinger Krankenhauses zu bauen.
Der Staat war bereit, den Bau finanziell zu unterstützen. Die Stadt sollte der
Kongregation den Bauplatz schenken. Am umstrittensten war die staatliche
Forderung nach stärkerer finanzieller Beteiligung der Stadt, zumal sehr viele
städtische Anstalten von den Schwestern versorgt würden. Der 1. Weltkrieg
führte zunächst zu einem Stillstand der Verhandlungen. Allerdings schien
sich 1917 eine Lösung abzuzeichnen, da sich der Orden mit dem von der
Stadt angebotenen Bauplatz trotz einiger Bedenken einverstanden erklärte
und bereit war, die Kosten für das neue Haus selbst zu übernehmen. Durch
Kriegsende, Revolution und Inflation traten die Pläne zur Mutterhausverlegung völlig in den Hintergrund. Die Zusage der Kostenübernahme
durch den Orden wurde gegenstandslos, weil das ersparte Vermögen in der
Infla­tion wertlos geworden war. Gegen Ende der 20er Jahre wurden die
Verhandlungen wieder aufgenommen. Beide Seiten verfolgten jedoch die
162
Blütezeit des Ordens zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Angelegenheit wegen der sich bereits wieder abzeichnenden Verschlechterung der Wirtschaftslage mit wenig Nachdruck.102 So berichtet die Mutterhauschronik 1930: „Für den geplanten Mutterhausbau gingen in diesem Jahr
die Pläne ganz und gar zurück. Man hatte bei der Stadt kein Geld. Dies war
kein Geheimnis. In der Chirurgischen Klinik war solcher Platzmangel, dass unsere
Schwestern nicht einmal die notwendigen Betten hatten. 6 Schwestern mussten mit
3 Betten zurecht kommen, die Wächterinnen benützten sie bei Tag, die Tagschwestern bei Nacht. Einmalig in der Ordensgeschichte! Die göttliche Vorsehung wird
dafür sorgen, dass die Frage des Mutterhausbaus zur rechten Zeit gelöst wird.“ 103
10.5. Erwerb wichtiger neuer Niederlassungen
Ein eigenes Postulatsgebäude
1896 ließ die Kongregation in der Blumenstraße in München ein stattliches
neues Gebäude erstellen. Der Orden hatte dafür zwei ältere Häuser, die
schon seit Mitte des Jahrhunderts in seinem Besitz waren, abreißen lassen.
Zur Arrondierung des Grundstückes kaufte er der Stadt einen Teil des Areals
des Nockher’schen Armenhauses am Oberanger ab, das 1895 aufgelöst und
abgerissen worden war. Der Neubau sollte als Altenheim für die steigende
Zahl alter Schwestern und als Exerzitienhaus dienen. Als sich jedoch das
Problem der Unterbringung der neuen Kandidatinnen Anfang des 20. Jahrhunderts trotz des Ausbaus der Mansarden im Mutterhaus weiter verschärfte,
entschied sich die Kongregation, das neue Gebäude für das Postulat zu nutzen. So gab es nun neben dem Noviziat, das schon seit 1853 im Nordflügel
der Josephsburg in Berg am Laim untergebracht war, auch ein eigenes PosDas Postulatsgebäude in der
Münchner
Blumenstraße war
bis zu seiner
Zerstörung
(1944) fast
50 Jahre
lang ein
wichtiges
Zentrum der
Kongregation.
163
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
tulatsgebäude. Ab 1910 wurden in diesem Gebäude an der Blumenstraße
erste Krankenpflegekurse abgehalten, 1920 offiziell die erste ordenseigene
Krankenpflegeschule installiert.
Bad Adelholzen – mehr als ein Erholungsheim für die Schwestern
Die bedeutendste Neuerwerbung dieser Jahre war zweifellos der Kauf des
Wildbads Adelholzen im Jahr 1907.104 Schon seit längerer Zeit hatte sich die
Ordensleitung nach einem dringend benötigten Erholungsheim für kranke
und erholungsbedürftige Schwestern umgesehen. Längst war die einst zu
diesem Zweck erworbene Josephsburg in Berg am Laim für diesen Zweck
nicht mehr zu verwenden, da es für die vielen, inzwischen alt und gebrechlich gewordenen Barmherzigen Schwestern als Ruhesitz diente und zudem
das Noviziat beherbergte.
Bei zwei gemeinnützigen Lotterien zur Förderung des Baus einer Kirche
in Nürnberg bzw. in Tutzing, an denen der Orden im Jahr 1901 ausnahmsweise teilgenommen hatte, hatte er den 1. bzw. den 2. Preis mit 30.000 bzw.
10.000 Mark gewonnen. Dieses Geld wollte man nun für ein neues Erholungshaus für die inzwischen 1400 Schwestern verwenden.
Da nun der nötige Grundstock für die Finanzierung gelegt war, sah sich
die Ordensleitung auf Drängen des Münchner Erzbischofs von Stein nach
einem geeigneten Objekt um. Bald ging eine Reihe von Angeboten ein.
So standen u. a. das Kloster Schlehdorf, das ehemalige Kurbad der Amalie
Hohenester in Mariabrunn bei Röhrmoos und das Wemdinger Wildbad
zum Verkauf. Im Jahr 1907 schließlich griff die Ordensleitung zu, als ihr
Das Wildbad
Adelholzen,
Ansicht von
1629
164
Blütezeit des Ordens zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Adelholzen bei Siegsdorf günstig angeboten wurde. Der Kauf des wunderschön gelegenen, aber etwas heruntergekommenen Bades wurde am
1. April 1907 abgeschlossen.
Das Wildbad in Adelholzen gilt mit seiner über 1700-jährigen Geschichte als ältestes Heilbad Bayerns. Nach einer Legende sollen die Heilquellen
bereits im 3. Jahrhundert n. Chr. vom hl. Primus „im Holze des Andlo“
entdeckt und als Heilwasser genutzt worden sein. Primus, der als römischer
Legionär in den Chiemgau gekommen sei, habe hier als Einsiedler den
Menschen der Umgebung den christlichen Glauben gelehrt und sie mit dem
Quellwasser geheilt. Historisch belegt ist, dass Primus nach seiner Heimkehr
nach Rom Opfer der Christenverfolgung durch Diokletian wurde und im
Jahr 286 als Märtyrer starb.
Wenn auch der Wahrheitsgehalt der Legende der Entdeckung der Quellen durch den Heiligen nicht mehr feststellbar ist, so ist doch die Berufung
auf einen frühchristlichen Heiligen als Entdecker ein Hinweis darauf, dass
die Geschichte der Heilquellen sehr weit zurückreichen muss. Namentlich
belegbar sind die Besitzer von Adelholzen seit dem Jahr 959. Mehrere Jahrhunderte gehörte das Gut Adelholzen zum Besitz des Erzbistums Salzburg,
das es der Familie von Schaumburg als Lehen überließ. Schon zu dieser Zeit
scheint es ein Bad gewesen zu sein, allerdings nicht mit dem besten Ruf,
wie sich aus einem Mahnschreiben des Herzogs Wilhelm V. an den damaligen Besitzer Hanns Christoph von Schaumburg im Jahr 1584 entnehmen
lässt. Der Herzog beanstandete den allzu freizügigen, moralisch Anstoß erregenden Badebetrieb. Die Klientel des Badeortes scheint in dieser Zeit aus
der einfacheren Bevölkerung der Umgebung bestanden zu haben. Dies sollte sich ab dem 17. Jahrhundert mit der Übernahme des Besitzes durch Otto
Heinrich Lindl gründlich ändern. Lindl ließ das alte Bad von Grund auf
renovieren und ein neues, schlossähnliches Kurhaus bauen. Zudem beauftragte er einen Arzt, den Medikus Bopp, mit einer Badbeschreibung und der
Untersuchung der drei Heilquellen. Mit diesen Maßnahmen gelang es Lindl,
aus Adelholzen einen Kurort mit bestem Ruf zu machen, der nun von vielen Gästen aus vornehmsten Kreisen besucht wurde. Wie sehr das Bad in
dieser Zeit an Ansehen gewann, zeigt die Erhebung Adelholzens zu einer
Hofmark mit eigener Gerichtsbarkeit durch den Kurfürsten Maximilian I.
im Jahr 1629. Unter seinen neuen Besitzern, der Salzburger Architektenfamilie Zuccalli, wurden Schloss und Kapelle im 18. Jahrhundert vergrößert
und noch prächtiger ausgebaut. Als Indiz für den damaligen Stellenwert des
Kurortes gilt der wochenlange Aufenthalt der Kurfürstin Amalie mit einem
großen Teil ihres Hofstaates im Jahr 1736.
Als der Badeort Ende des 18. Jahrhunderts in den Besitz des Juristen Peter
Sailer überging, entwickelte sich der Badeort zunächst weiterhin positiv.
165
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Dessen Sohn Franz Sailer allerdings scheint den Badebetrieb vernachlässigt
zu haben. 1840 kam er bei einem Brand, bei dem das Schloss völlig zerstört
wurde, ums Leben. Da er kurz vor dem Konkurs stand, wurde angenommen,
dass er den Brand legte und Selbstmord beging.
Nach dieser menschlichen Tragödie kaufte Georg Mayr den Besitz. Dieser betrieb bereits die Kaltwasserheilanstalt in Brunntal bei München. Er
ließ das Kurhaus nicht an der Stelle des abgebrannten Schlosses, sondern in
der heutigen freieren Lage erbauen. Trotz der Konkurrenz durch die inzwischen entstandenen Bäder in Traunstein, Reichenhall und Aibling verstand
es Mayr, aus Adelholzen wieder ein florierendes Unternehmen zu machen.
Dies blieb auch so, als Mayr den Besitz 1863 an den Münchner Magistrats­
rat Sauer verkaufte. Mit dem neuen Badearzt Dr. Liegl gewann das Bad
ab 1878 sogar zusätzlich an Ansehen. Trotzdem mussten die Erben Sauers
1888 erneut Konkurs anmelden. Nun kaufte der Sohn Georg Mayrs den
ehemaligen Familienbesitz wieder zurück. Aber auch er scheint kein unternehmerisches Glück gehabt zu haben. Als sein größtes Problem erwies sich
die Konkurrenz durch den angesehenen ehemaligen Badearzt von Adelholzen, Dr. Liegl, der im Jahr 1900 in unmittelbarer Nähe des Kurhauses das
„Ludwigsbad“ eröffnet hatte. So musste auch Mayr im Jahr 1906 Konkurs
anmelden.
Nach dieser wechselvollen Geschichte begann in Adelholzen im April
1907 mit der Übernahme des Besitzes durch die Barmherzigen Schwestern eine neue, inzwischen schon 100-jährige Ära der Stabilität und Blüte.
Obwohl der alte Kurort bei der Übernahme einen stark vernachlässigten
und heruntergekommenen Eindruck machte, erkannten die Schwestern
sofort, welchen Schatz sie erworben hatten. Zunächst galt es aber, das Bad
wieder in einen guten Zustand zu bringen. So entwickelten sie schon bald
eine rege Bautätigkeit. Eines der ersten Bauvorhaben war die Renovierung
der alten Primuskapelle, um die Feier des Gottesdienstes zu ermöglichen.
Eine Reihe von Wirtschaftsgebäuden wurde neu erstellt. Am Kurhaus selbst
musste der Dachstuhl erneuert werden. Die Seitenflügel bekamen ein drittes Stockwerk, und im Haus wurde eine zusätzliche Kapelle eingerichtet.
Durch den Anbau einer Veranda im Jahr 1910, von der aus die Kurgäste
einen herrlichen Blick auf die Berge hatten, gewann das Kurhaus zusätzlich
an Attraktivität. Damit auch für eine gute medizinische Versorgung gesorgt
war, stellte die Kongregation Dr. Otto Prey aus Siegsdorf als Badearzt an.
Dieser sollte mehrmals in der Woche zur Betreuung der Kurgäste nach
Adelholzen kommen.
Schnell sprach sich herum, welchen Aufschwung Adelholzen mit der
Übernahme durch die Schwestern erlebte, und so trafen bald wieder die
ersten Kurgäste ein. Häufig waren es ehemalige Kurgäste, die sich über die
166
Blütezeit des Ordens zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Wiedereröffnung freuten, aber auch
neue Gäste konnten gewonnen
werden.
So entwickelte sich erstaunlich
rasch wieder ein reger Kurbetrieb.
Häufig fuhren nun Fuhrwerke zu
den Bahnstationen in Bergen oder
Siegsdorf, um Gäste für das idyllisch
gelegene Adelholzen abzuholen.
Da nun aber das Kurhaus auch
Barmherzige
weiterhin in erster Linie für den
Schwestern
öffentlichen Kurbetrieb genutzt
vor dem
werden sollte, kaufte der Orden
Mitte des
1912 das ehemalige „Ludwigsbad“
19. Jahrdes früheren Badearztes Dr. Liegl,
hunderts
erbauten
um hier das dringend benötigte
Kurhaus in
Erholungsheim für die eigenen
Adelholzen
Schwestern einzurichten. 1914
(Postkarte
erwarb er zudem die ebenfalls nahe
ca. 1920er
gelegene Villa Hardt mit ihrem
Jahre)
schönen Park. Nach der Renovierung der Villa wohnten hier in erster Linie hohe kirchliche Würdenträger
während ihres Kuraufenthalts in Adelholzen.
Der Münchner Erzbischof von Stein hatte den Kauf von Adelholzen
auch deshalb sehr begrüßt, weil er sich in seiner Diözese ein von Ordensschwestern geführtes Kurhaus für seinen Klerus wünschte. Sein Nachfolger,
Kardinal von Faulhaber, nutzte in seiner Amtszeit häufig diese Möglichkeit zur Erholung. Durch seine zahlreichen Aufenthalte in Adelholzen, bei
denen er viele der Schwestern schätzen lernte, wurde seine Beziehung zu
den Barmherzigen Schwestern noch enger, als sie es ohnehin schon durch
sein Amt als ihr oberster geistlicher Vorgesetzter gewesen wäre. Mit dem seit
1914 amtierenden Superior des Ordens, Prälat Pfaffenbüchler, verband ihn
zudem eine enge Freundschaft. So lag dem Erzbischof diese Kongregation
ganz besonders am Herzen, was sich auch darin zeigte, dass er auf seinen
Firmungsreisen quer durch die Diözese stets Nachwuchswerbung für sie
machte.
Mit Adelholzen, das zum beliebten Kurort des Klerus wurde, bekamen
die Schwestern Kontakt zu vielen Priestern in leitenden Funktionen der
Kirche. Besonders bemerkenswert war die enge Beziehung, die sich zum
päpstlichen Nuntius Eugenio Pacelli, dem späteren Papst Pius XII., entwickelte. Auch er, befreundet mit Kardinal von Faulhaber und Prälat Pfaf167
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Der päpstliche Nuntius
Eugenio
Pacelli vor
der Villa
Hardt in
Adelholzen
(sitzend,
rechts hinter
ihm stehend
Superior
Pfaffenbüchler)
fenbüchler, genoss die Erholungsmöglichkeit im Chiemgau. Der
Nuntius trug sich am 22. August
1922 in das Adelholzener Kurbuch ein: „In dankbarer Erinnerung
an die unvergesslichen Tage in Adelholzen wünsche ich allen, die das
Glück haben hierher zu kommen, die
gleiche Erholung, welche ich da gefunden habe.“ 105
War beim Kauf von Adelholzen ursprünglich an den Erwerb
eines
Schwesternerholungshei­
mes gedacht worden, hatten
die Schwestern sehr schnell die
Bedeutung des Kurbetriebs als
wichtige Einnahmequelle erkannt.
Dem seit 1911 amtierenden Kuraten Alfons Haslberger, der sich
nicht nur der geistlichen Belange der Schwestern annahm, sondern auch die
gesamte Ökonomie verwaltete, gelang es durch geschicktes Marketing, viele
neue Gäste zu gewinnen, darunter so prominente wie die letzte bayerische
Königin Maria-Theresia. Haslberger erstellte 1913 einen kleinen Führer, in
dem sich die Kurgäste über die Geschichte Adelholzens, die Wirkung der
Primusquelle und Ausflugsmöglichkeiten in die Umgebung informieren
konnten. Zudem legte er ein Kurbuch aus, in dem sich die Gäste verewigen
sollten. Er hoffte nicht zu Unrecht darauf, dass viele darin ihre Zufriedenheit über ihren Kuraufenthalt ausdrücken würden.
Ein besonders geschätzter Gast: Nuntius Eugenio Pacelli,
der spätere Papst Pius XII.
Nicht nur in Adelholzen, sondern auch
im Postulat und im Mutterhaus war der
päpstliche Nuntius häufig Gast. Mehrere
Male feierte er bei den Schwestern den
Heiligen Abend. Die besondere Freundschaft des Nuntius zu den Barmherzigen
Schwestern entwickelte sich nicht zuletzt
aus den familiären Beziehungen seiner
Haushälterin, Schwester Pascalina Lehnert, einer Kreuzschwester aus Altötting.
168
Zwei leibliche Schwestern von Schwester
Pascalina waren bei den Barmherzigen
Schwestern eingetreten. Eine der Schwestern erkrankte schon kurz nach der Einkleidung und starb 1921 sehr jung. Der
Nuntius besuchte die Kranke häufig im
Mutterhaus und nahm Anteil an ihrem
Schicksal. Die zweite Schwester bekam
bei ihrer Einkleidung im Jahr 1922 wieder
deren Ordensnamen Gradulpha. Schwes-
Blütezeit des Ordens zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Nach einem vorübergehenden Einbruch
des Kurbetriebs während des 1. Weltkriegs
florierte er in den folgenden zwei Jahrzehnten, bis er Anfang der 1940er Jahre
wegen kriegsbedingter Nutzung eingestellt
werden musste.
Während der Kurbetrieb von Anfang an
Der Geistliche Rat
ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor war und
Alfons Haslauch der landwirtschaftlichen Nutzung des
berger, Kurat
großen Gutes immer eine große Bedeutung
in Adelholzukam, spielte der Vertrieb des Heilwassers
zen von 1911
zunächst nur eine untergeordnete Rolle.
bis 1969
Der Primusquelle wird seit Jahrhunderten
eine heilende Wirkung nachgesagt. Eigentlich
handelt es sich nicht um eine einzige Quelle, sondern um drei Quellen, die
wegen ihrer identischen Zusammensetzung als Mischquelle genutzt werden.
Zahlreiche Votivtafeln und Berichte von Ärzten und Patienten dokumentieren Heilungen von Patienten nach dem Genuss des Wassers. Die Heilkraft
wird in erster Linie bei Krankheiten im Bereich von Stoffwechselstörungen
gesehen.Vor allem bei Blasen-, Nieren- und Gallensteinen soll es seine heilsame Wirkung entfalten.
Die Primusquelle war der Grund, weshalb Menschen seit vielen Jahrhunderten nach Adelholzen kamen. Allerdings war das Wasser früher immer nur
zur Behandlung direkt vor Ort genutzt worden. Erst 1895 begann Vorbesitzer Georg Mayer mit dem Vertrieb des Wassers. Er war damit so erfolgreich,
dass er sogar bis nach Übersee lieferte. Auch die Barmherzigen Schwestern
nahmen den Versand wieder auf, allerdings zunächst nur in bescheidenem
Umfang, da ihnen nur ein kleiner Handfüllapparat zur Verfügung stand.
ter Pascalina, die dem Nuntius nach Berlin
und später nach Rom folgte, blieb schon
allein wegen dieser leiblichen Schwester,
aber auch durch ihre Freundschaft mit
der Schreibschwester des Mutterhauses,
Schwester M. Berthilia Hidringer, zeitlebens eng mit dem Mutterhaus verbunden. Auch Eugenio Pacelli hielt mit dem
Superior der Schwestern, Prälat Pfaffenbüchler, von Rom aus Kontakt.
Damit der päpstliche Staatssekretär
auch in Rom die von ihm geliebte deutsche Weihnacht feiern konnte, schick-
ten ihm die Barmherzigen Schwestern
vom Mutterhaus München regelmäßig zu Weihnachten einen Christbaum.
Anfang Januar 1932 bedankte er sich für
den Christbaum und die Weihnachtsgeschenke vom Mutterhaus: „Auch ich
denke mit einem Gefühl wehmütiger
Freude an die Heiligen Nächte zurück, an
denen ich im Mutterhause und in Ihrer
Mitte das hl. Opfer darbringen durfte.“ 106
169
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Lager- und
Versand­
raum der
Primusquelle in den
Anfangsjahren des
Brunnenbetriebs
Kurat Haslberger erkannte schnell das Potential, das im Vertrieb des
Wassers steckte. Schon kurz nach seinem Amtsantritt setzte er sich für die
Anschaffung einer neuen, wenn auch noch sehr einfachen Füllanlage ein.
Er ließ das Wasser mit den neuesten wissenschaftlichen Methoden untersuchen, um die Heilwirkung werbewirksam wissenschaftlich belegen zu können. Den Kurgästen wurde nach Beendigung der Kur die Fortsetzung der
Trinkkur zu Hause nahe gelegt. Als der Kurbetrieb im 1. Weltkrieg Verluste
schrieb, beschloss der Kurat, den Sektor des Wasservertriebs als zusätzliches
Standbein in Adelholzen auszubauen. Die Pläne zur weiteren Modernisierung der Füllerei konnten jedoch erst 1920 realisiert werden, nachdem
die dafür erforderliche Elektrifizierung erfolgt war. Die neuen Maschinen
übernahmen nun die Flaschenreinigung, die Abfüllung des Wassers und das
Verschließen der Flaschen, Arbeitsgänge, die früher von den Schwestern per
Hand erledigt werden mussten. Mit der neuen Anlage konnten die Füllmengen bereits erheblich gesteigert werden. Damit war der Grundstock
gelegt für die zunehmende Bedeutung dieses Wirtschaftsektors in Adelholzen. Doch noch konnte keiner ahnen, welche ökonomische Bedeutung der
Brunnenbetrieb in Zukunft für die gesamte Kongregation erhalten würde.
Waldsanatorium bei Planegg
Im Mai 1921 erwarb der Orden das Waldsanatorium bei Planegg. Um die
stark verbreitete Krankheit Tuberkulose zu bekämpfen, hatte der damalige
Direktor des Krankenhauses links der Isar, Dr. Hugo von Ziemssen, 1894
einen „Verein für Volksheilstätten“ initiiert. Dieser ließ 1896 die erste bayerische Volksheilstätte mitten im Kreuzlinger Forst bei Planegg errichten.
170
Blütezeit des Ordens zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Das Waldsanatorium
bei Planegg,
Ansicht
von der
­Gartenseite
um 1900
Ende 1898 wurde dieses Sanatorium mit über 100 Betten für Tuberkulosepatienten eröffnet. Die Pflege der Kranken und die Wirtschaftsführung
des Sanatoriums und der angeschlossenen Landwirtschaft übernahmen die
Barmherzigen Schwestern. Im 1.Weltkrieg musste dem Militär fast die Hälfte der Volksheilstätte als Militärkrankenhaus für tuberkulosekranke Soldaten
zur Verfügung gestellt werden.
Die Niederlassung in Planegg befindet sich heute noch im Besitz der
Barmherzigen Schwestern. Allerdings wurde das Lungensanatorium wegen
des starken Rückgangs von Tbc-Patienten im Jahr 1984 geschlossen. Seit
1986 dient es als Altenheim, zunächst für die eigenen Schwestern. Nach
einer Generalsanierung wurde es 1997 als allgemeines Alten- und Pflegeheim ausgewiesen, das sowohl vollstationäre Pflege als auch Kurzzeitpflege anbietet. Immer weniger Heimbewohner sind Ordensangehörige. Auch
beim Personal ersetzen immer mehr weltliche Mitarbeiter die Schwestern.
Die Landwirtschaft ist für heutige Maßstäbe zu klein. Deshalb wird ein
kleiner Teil der Flächen seit 2003 vom ordenseigenen Marxhof in Unterhaching bewirtschaftet, der größere Teil der Flächen und die Ökonomiegebäude wurden zur Stadtranderholung und für den Betrieb des Bauhofes
an die Gemeinde Krailling verpachtet. Auch ein Kindergarten befindet sich
neuerdings auf dem weiträumigen Gelände des Waldsanatoriums.
Das Gut Marxhof
Das Gut Marxhof in Unterhaching kauften die Schwestern 1924. In der
unmittelbaren Nachkriegszeit und der folgenden Inflation hatten die
Schwestern Schwierigkeiten, ausreichend Lebensmittel für ihre Nieder171
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Der Marxhof
in Unterhaching
(Postkarte
ca. 1930er
Jahre)
lassungen zu besorgen. Mit den – trotz der Inflation gleich gebliebenen
und somit lächerlich geringen – Zahlungen der Stadt für die Verköstigung
der Pfründner in den städtischen Anstalten von 89 Pfennigen pro Tag und
Heim­insasse konnten die Schwestern die Lebensmittelversorgung nicht
mehr garantieren. Sie hatten deshalb zunächst einen Hof in Perlach gepachtet. Als dessen Pachtvertrag nicht verlängert wurde, entschlossen sie sich,
den gerade zum Verkauf stehenden Marxhof in Unterhaching zu erwerben.
In den folgenden Jahren mussten an den Gebäuden des Hofes zahlreiche
Renovierungsarbeiten durchgeführt werden. Das Gut bot sich wegen seiner
ländlichen und dennoch stadtnahen Lage für die Errichtung eines weiteren
Erholungsheims für die Schwestern an. Dessen Bau wurde 1926 geneh­
migt. 1927 wurde zudem ein Nachbargrundstück zu einem günstigen Preis
angekauft. Für den Bau der 1932 eingeweihten St. Altokirche stellte der
Orden mit Genehmigung des Erzbischofs der Pfarrei das Baugrundstück
zur Verfügung.
10.6.Veränderungen der Statuten und Einführung der
Ewigen Gelübde
Das enorme Wachstum der Kongregation in den Jahren zwischen 1895 und
1940 brachte nicht nur zahlreiche äußere Veränderungen mit sich, sondern
wurde auch von bedeutenden internen Veränderungen begleitet.107
Bei der seit 40 Jahren amtierenden Generaloberin Schwester M. Regina
Hurler machten sich zunehmend Anzeichen von Altersschwäche bemerkbar. Als sie dies selbst als Problem erkannt hatte, bot sie 1895 dem Erz­bischof
ihren Rücktritt an. Die freiwillige Resignation der Generaloberin nahm
172
Blütezeit des Ordens zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Superior Wendl mit Unterstützung des Erzbischofs Antonius von Thoma
zum Anlass, einige organisatorische Veränderungen durchzusetzen. Der
Superior entwarf eine Beilage zu den Statuten, die der Erzbischof 1895
genehmigte. 103 Im Vorwort begründete von Thoma die Ergänzung damit,
dass für die stark angewachsene Kongregation die wenigen und einfachen
Bestimmungen zur inneren Organisation die Statuten von 1835 nicht mehr
ausreichend seien. Zudem wünschte er, dass die in den letzten Jahren vom
apostolischen Stuhl erlassenen neuenVerordnungen für die religiösen Frauen­
gemeinschaften auch für die Barmherzigen Schwestern gelten sollten.
Die Statutenbeilage von 1895 traf sehr konkrete und detaillierte Regelungen zu Bestellung und Aufgabenverteilung der Ordensleitung. Zunächst
wurde die Stellung des Superiors explizit gestärkt: „Der Superior führt die
Oberaufsicht über das ganze Institut.“ Bestellung einer neuen Oberin und
Versetzungen von Schwestern sollten nur mit ausdrücklicher Genehmigung
des Superiors möglich sein, falls sie nicht sogar von ihm vorgenommen
würden.
Noch ausführlicher befasste sich die Statutenergänzung mit dem Amt
der Generaloberin.Vor allem der Wahlmodus wurde ganz genau geregelt. In
der Vergangenheit hatte es im Ermessen des Erzbischofs gelegen, entweder
eine Wahl vornehmen zu lassen oder die Generaloberin selbst zu ernennen. Erst zweimal in der Ordensgeschichte war die Generaloberin durch
Wahl bestimmt worden, nämlich 1845 die zweite Generaloberin Schwester
M. Vinzentia Balghuber und 1855 die vierte Generaloberin Schwester M.
Regina Hurler. In der langen Zeit ihrer Amtsführung wurde Schwester M.
Regina immer nur vom Bischof in ihrem Amt bestätigt.
In Zukunft sollten Delegierte der
gesamten Schwesternschaft, das so
genannte Generalkapitel, alle 6 Jahre
die Generaloberin in einer geheimen
Wahl unter Leitung des Erzbischofs
oder des Superiors wählen. Wählbar
sollten alle Schwestern über 40 sein,
die seit mindestens 8 Jahren Professschwestern sind. Eine Wiederwahl
sollte grundsätzlich möglich sein,
außer es liegt ein Verbot der WiederGeneralobewahl vor. Für den Fall, dass auch nach
rin Schwesdem dritten Wahlgang nicht die erforter M. Avila
derliche absolute Mehrheit für eine
Dorn (ÖlgeSchwester zustande kommen sollte,
mälde im
behielt sich der Erzbischof die ErnenMutterhaus)
173
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
nung der Generaloberin vor. Die Macht der Generaloberin wurde beschnitten, indem ausdrücklich festgelegt wurde, sie müsse sich bei allen wichtigen
Entscheidungen mit ihrem ständigen Rat beraten. Dieser ständige Rat sollte
aus vier gewählten Schwestern bestehen. Zwei dieser Ratsschwestern sollte
die Generaloberin zu ihren Assistentinnen bestimmen, wovon eine das Amt
der Stellvertreterin, die andere das Amt der Novizenmeisterin erhalten sollte.
Alle drei Jahre sollte die Generaloberin zudem ein Generalkapitel einberufen, um über den Stand der Kongregation und die Vermögensverhältnisse
Rechenschaft abzulegen. Mit Genehmigung des Erzbischofs könnte die
Generaloberin auch ein außerordentliches Generalkapitel einberufen, falls
besondere Ereignisse dies erforderten.
Auch zur Wahl der Kapitelschwestern, der Wahlschwestern, wurden
genaue Regelungen und eine Einteilung in Wahlbezirke vorgenommen.
Das aktive Wahlrecht wurde jeder Schwester, deren Profess mindestens vier
Jahre zurückliegt, zugestanden. Als Delegierte wählbar sollten jedoch nur
Oberinnen sein.
Zur Anwendung kamen diese Neuregelungen erstmals im Jahr 1896. Die
vom Erzbischof nach dem Rücktritt von Schwester M. Regina Hurler zur
neuen Generaloberin ernannte ehemalige Oberin am Passauer Krankenhaus, Schwester M. Avila Dorn, wurde bei der Wahl durch das Generalkapitel bestätigt. Sie wurde 1902 und 1908 wiedergewählt, trat jedoch in der
Mitte ihrer 3. Amtszeit zurück. Ihre Nachfolgerin Schwester M. Seraphina
Sellmayr blieb aus gesundheitlichen Gründen nur ein Jahr im Amt. 1912
und 1918 wurde Schwester M. Osmunda Rummel gewählt. Da sie 1924
noch während ihrer zweiten Amtszeit verstarb, stellte sich die Frage nach
einer 3. Wahl nicht mehr. Denn eine Wiederwahl nach 12 Jahren Amtszeit
wurde inzwischen von Rom als bedenklich eingestuft. So hatte die Religiosenkongregation in Rom 1920 ein Schreiben herausgegeben, wonach
die Wiederwahl nach 12 Jahren grundsätzlich abgelehnt werden sollte. Nur
in begründeten Fällen sollte der Bischof Dispens bei der Religiosenkongregation einholen können, um eine erneute Wiederwahl zu ermöglichen.
Von dieser Möglichkeit wurde bei den folgenden beiden Generaloberinnen
Schwester M. Desideria Weihmayer und Schwester M. Castella Blöckl
Gebrauch gemacht. Schwester M. Desideria war somit insgesamt 17 Jahre
bis zu ihrem Tod im Amt. Schwester M. Castella wurde zwar 1953 eine
3. Wahl ermöglicht, allerdings nur noch für drei Jahre Amtzeit. Seither wurden keine Ausnahmen mehr gemacht. Alle folgenden Generaloberinnen
legten ihr Amt nach 12 Jahren nieder.
Beim 10. Generalkapitel im Mai 1925 wurde für die Oberinnen der
Niederlassungen festgelegt, dass sie nach 6 Jahren Amtszeit abgelöst bzw.
ausgetauscht werden müssten.
174
Blütezeit des Ordens zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Von noch einschneidenderer
Bedeutung war die Einführung der
Ewigen Gelübde im Jahr 1934. Die
Barmherzigen Schwestern hatten,
wie schon erwähnt, als vinzentinische Gemeinschaft bisher zeitliche
Gelübde abgelegt. Was bewegte die
Kongregation nun, diesen Grundsatz
fallen zu lassen? Die Initiative ging
Generalnicht von den Schwestern selbst aus,
oberin
Schwester
sondern vom Erzbischof von MünM. Osmunda
chen und Freising, Michael KardiRummel
nal Faulhaber. In einem Schreiben
(Ölgedes Mutterhauses an alle Filialen im
mälde im
Oktober 1933 wurde den SchwesMutterhaus)
tern mitgeteilt, die Ordensleitung
plane die Einführung der Ewigen Gelübde. Die Schwestern wurden aufgefordert, ein Formular auszufüllen, ob sie bereit seien, diese abzulegen. Das
Ergebnis der Umfrage war mehr als eindeutig. Nur zwei Schwestern lehnten die Ewigen Gelübde rundweg ab und wollten sie auf keinen Fall selbst
ablegen. Zwei weitere lehnten sie grundsätzlich ebenfalls ab, erklärten sich
aber bereit, sie abzulegen, falls die Ordensleitung sie einführen sollte. Beim
folgenden Generalkapitel im Januar 1934 wurde die Einführung beschlossen. Bei der dreitägigen Feier anlässlich der Heiligsprechung der Ordensheiligen Luise von Marillac legten die ersten Barmherzigen Schwestern im
Mutterhaus vor dem Erzbischof die Ewigen Gelübde ab. Den Schwestern,
die vor der Einführung der Ewigen Gelübde eingetreten waren, wurde frei
gestellt, ob sie diese ablegen wollten. Wer nach 1934 eintrat, musste jedoch
nach 6 Jahren die Ewige Profess ablegen oder andernfalls den Orden wieder
verlassen. Trotz der Freiwilligkeit legten fast alle Schwestern in den kommenden Jahren die Ewigen Gelübde ab. Die Mutterhauschronik berichtet
1935: „Die Ablegung der Ewigen Gelübde geht in schöner Ordnung weiter. Die
wenigen, die sich nicht entschließen konnten, die „Ewigen Gelübde“ abzulegen,
dürfen gemäß den Konstitutionen, wie bisher weiter machen. Sie werden nicht auffallen, da ja alle Schwestern am Schmerzhaften Freitag wie üblich ihre Gelübde
erneuern.“ 108 Nach wie vor wurde die Tradition beibehalten, die Gelübde
jährlich zu erneuern. War es früher jedoch eine jährliche Wiederholung des
Gelübdes gewesen, hatte es nun für einen Großteil der Schwestern nur noch
eine rein zustimmende Bedeutung.
Im Grunde änderte sich für das alltägliche Ordensleben der Schwestern konkret nichts durch die Ersetzung der zeitlichen Gelübde durch
175
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Professfeier in der
Mutterhauskirche mit
Kardinal von
Faulhaber
1939
die Ewigen. Auch vorher war es nicht so leicht gewesen die Kongregation zu verlassen. Dreimal musste die Schwester ihre Vorgesetzten ernsthaft
um Entlassung bitten, bevor der Bischof Dispens erteilte. Diese Regelung
wurde auch für die Dispens von den Ewigen Gelübden übernommen.
Allerdings waren nun die vor der Ewigen Profess abgelegten zeitlichen
Gelübde nicht mehr so bindend wie früher. Das Verlassen der Gemeinschaft, aber auch die Entlassung durch die Vorgesetzten war nun leichter.
Hat sich das Selbstverständnis der Schwestern durch die Einführung der
Ewigen Gelübde geändert? Das ist schwer zu sagen, aber es ist anzunehmen,
dass die meisten Schwestern schon die zeitlichen Gelübde mit der Absicht
abgelegt hatten, sich für ihr ganzes Leben an die Kongregation zu binden.
Mit der Einführung der Ewigen Gelübde hatten sie nun zudem die Möglichkeit, nach außen deutlicher zu machen, dass sie „vollwertige“ Ordensfrauen waren. Die Chronistin notierte 1934: „Mit wenigen Ausnahmen hat die
Einführung der Ewigen Gelübde die Schwestern tief beglückt.“ 109
Dass diejenigen, die es bedauerten, dass eine der wichtigsten Forderungen des hl.Vinzenz für seine Gründungen nun nicht mehr erfüllt wurde,
die absolute Minderheit waren, zeigt, dass sich die Kongregation schon länger zu einem Orden im herkömmlichen Sinne entwickelt hatte.
Welche Beweggründe hatte Kardinal von Faulhaber, die Einführung
der Ewigen Gelübde bei den Barmherzigen Schwestern durchzusetzen? Er
selbst nennt seine Gründe in einem Schreiben an die bayerischen Bischöfe
vom 12. Juli 1934. Ein Grund sei gewesen, dass er „die stille Sehnsucht vieler Vinzenzschwestern nach Ewigen Gelübden kannte“. Außerdem wünschte er,
die Schwestern den anderen Orden rechtlich gleichzustellen. So erläutert
er: „da … das Kirchenrecht von 1918 zum ersten Mal im Ordensrecht Klarheit
176
Blütezeit des Ordens zu Beginn des 20. Jahrhunderts
schuf, habe ich mich entschlossen, die Kongregation der Barmherzigen Schwestern,
die im Sinne von can. 488,3 diözesanrechtlichen Charakter hat, die vota perpetua
simplicia ablegen zu lassen, um auf diese Weise der Schwesternschaft die Privilegien
einer wirklichen Kongregation von Religiosen unter Verpflichtung auf das kirchliche Ordensrecht, im besondern auf can. 538 – 631 und auf can. 669 – 672 zu
verschaffen“. 110 Das neue kirchliche Gesetzbuch von 1918 hatte zum ersten
Mal die vielen verschiedenen Ordensregeln zu einem klaren Ordensrecht
zusammengefasst. Danach waren Ordenspersonen im eigentlichen Sinn nur
diejenigen, die Ewige Gelübde abgelegt hatten. Nur diese sollten alle Rechte und Gnadenprivilegien dieses Standes genießen.
Während andere vinzentinische Gemeinschaften wie das Pariser Mutterhaus oder auch das Straßburger Mutterhaus seit den 1880er Jahren päpstlich approbiert waren, war das Mutterhaus München nach wie vor keine
Ordensgemeinschaft nach päpstlichem, sondern nach bischöflichem Recht.
Ordensgemeinschaften, deren Mitglieder keine Gelübde auf Lebenszeit
ablegen, werden nach dem Kirchenrecht nicht als Orden, sondern als Kongregationen bezeichnet. Allerdings hat auch eine Kongregation die Möglichkeit, beim Papst einen Antrag zu stellen, als eine Kongregation päpstlichen Rechts anerkannt zu werden.
Als das Mutterhaus in Straßburg, zusammen mit einer Reihe weiterer von
dort aus gegründeten Mutterhäusern, in den 1850er Jahren einen solchen
Antrag auf päpstliche Approbation stellte, war zunächst auch das Münchner
Mutterhaus dabei. Es dauerte allerdings bis 1872, bis die Straßburger Statuten approbiert wurden, und dies zunächst nur probeweise für 10 Jahre. Erst
1884 erfolgte die eigentliche Approbation. Das Münchner Mutterhaus war
aber nun anscheinend nicht mehr besonders daran interessiert, die päpstliche Approbation zu erhalten. Was steckte dahinter? Eventuell befürchtete
man in diesen Zeiten des Kulturkampfs, den politischen Gegnern damit
Rückenwind zu verschaffen. Man wollte sich wohl keine Steuerung durch
Rom vorwerfen lassen.
Schon Ludwig I. hatte bei der Einführung der Barmherzigen Schwestern sehr viel Wert darauf gelegt, dass die neue Kongregation vom Ausland
unabhängig war, sowohl vom Straßburger Mutterhaus als auch vom Papst
in Rom. Während der Monarchie war es für die Münchner Kongregation
eher von Vorteil als von Nachteil, eine Ordensgemeinschaft bischöflichen
Rechts zu sein. So konnte man den Schwestern keinen Mangel an Loyalität gegenüber dem Staat vorwerfen und gleichzeitig hatten sie den Schutz
aus Rom gegenüber den ihnen immer wohl gesonnenen Monarchen nicht
nötig. Diese Voraussetzung hatte sich nun allerdings mit dem Ende der
Monarchie 1918 geändert. Schon gegenüber den neuen republikanischen,
erst recht aber gegenüber den nationalsozialistischen Machthabern mag der
177
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Kardinal es für sicherer gehalten haben, der Münchner Kongregation durch
Anpassung der Statuten an das von Rom vorgegebene Ordensrecht auch
den Schutz des Vatikans zu sichern. Zwar erfolgte auch jetzt nicht die päpstliche Approbation der Kongregation. Bis heute ist sie eine Kongregation
bischöflichen Rechts. Durch die Einführung der Ewigen Gelübde wurde
sie jedoch als Orden im eigentlichen Sinne anerkannt und erwarb die damit
verbundenen, von Rom gesicherten Rechte.
10.7. Höhepunkte in der Ordensgeschichte:
Hundertjahrfeier und Heilig-/Seligsprechung der
Ordensheiligen Luise und Katharina
Das für die
Hundertjahrfeier
der Kongregation
am 10. März
1932 festlich
geschmückte Mutter­haus
178
Als das Mutterhaus München im Jahr 1932 sein 100-jähriges Bestehen
begehen konnte, hatte es allen Grund zum Feiern. Aus der von der Elsässer
Schwester Ignatia Jorth gegründeten kleinen vinzentinischen Ordensgemeinschaft war inzwischen eine Kongregation mit 2638 Mitgliedern und
159 Niederlassungen geworden. Auch die Zahl der Kandidatinnen lag mit
164 erfreulich hoch.111
Schon 1930 hatte man mit Renovierungsarbeiten am Mutterhaus begonnen, um zumindest das Nötigste vor dem Jubiläum instand zu setzen. Auf
eine gründlichere Renovierung wurde allerdings verzichtet, da immer noch
eine Verlegung des Mutterhauses im Raum stand.
Als Kardinal von Faulhaber 1930 ein Buch über das Mutterhaus der
Barmherzigen Schwestern in Fulda
geschenkt bekommen hatte, regte
er die Ordensoberen in München
an, anlässlich ihres Jubiläums ebenfalls ein Buch über ihr Mutterhaus
schreiben zu lassen.112 So beauftragen
die Ordensoberen den Theologen Dr.
Scherer, der auch schon ein Buch
über die Geschichte des Straßburger Mutterhauses veröffentlicht hatte,
eine Biographie der ersten Generaloberin in Bayern, Schwester Ignatia
Jorth, zu verfassen. Prälat Pfaffenbüchler hatte statt einer Darstellung
der geschichtlichen Entwicklung der
Kongregation die Darstellung der
Blütezeit des Ordens zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Lebensgeschichte der
Gründerin gewünscht,
allerdings nutzte Scherer diese, um die Gründungsgeschichte
des
Ordens
anschaulich
darzustellen. Der Superior selbst schrieb in
seinem Festbrief zur
Feier: „Große Ereignisse
und weltbewegende Taten
hat die Geschichte des
Ordens nicht zu verzeichnen; wohl aber ein ständiges stilles Heldentum Stunde für Stunde, Tag für Tag, Tag
und Nacht, werktags und feiertags, dem von vielen Seiten höchste Anerkennung und
wärmstes Lob gespendet wurde und wird.“ 113
Am 10. März 1932 feierte die Kongregation ihr 100-jähriges Bestehen
mit Freunden und Gönnern in ihrem festlich geschmückten Mutterhaus.
Auch aus den auswärtigen Filialen kamen viele Barmherzige Schwestern
zur Feier ins tief verschneite München. Schneefall in der Nacht hatte die
Stadt mit einem halben Meter Neuschnee bedeckt. Der Erzbischof von
Seligsprechung von
Katharina
Labouré im
Petersdom
Hl. Schwester Katharina Labouré (1806 – 1876)
Katharina Labouré wurde als einfaches
Bauernmädchen am 2. Mai 1806 in
einem kleinen Dorf in Burgund geboren. Früh schon mutterlos und an
hartes Arbeiten gewöhnt, entschloss
sie sich mit 24 Jahren, bei den Barmherzigen Schwestern in der Rue du Bac in
Paris um Aufnahme zu bitten. Als Novizin hatte sie im Juli 1830 in der dortigen
Kapelle eine Marienerscheinung. Bei
einer weiteren Erscheinung Marias im
November des gleichen Jahres erhielt
Katharina den Auftrag, eine Muttergottesmedaille prägen und verbreiten
zu lassen. Auf ihr inständiges Bitten
hin führte ihr Beichtvater, dem sie sich
anvertraute, den Auftrag schließlich aus.
Die kleine Medaille fand eine unwahrscheinlich schnelle Verbreitung nicht
nur in Frank­reich, sondern weltweit. Da
immer wieder von Wundern im Zusammenhang mit der Medaille berichtet
wurde, nannte sie das Volk bald „wundertätige Medaille“. Zu Katharinas
Lebzeiten wusste die Öffentlichkeit
nicht, wem die Muttergottes erschienen war und auf wen die Verbreitung
der Medaille zurückging. Katharina
führte über 40 Jahre das Leben einer
einfachen und bescheidenen Barmherzigen Schwester. Die meiste Zeit davon
arbeitete sie in einem Altenheim im
Norden von Paris. Erst nach ihrem Tod
am 31.12.1876 erfuhr die Öffentlichkeit
von ihr. Schwester Katharina Labouré
wurde 1933 selig und 1947 heilig gesprochen. Sie gilt neben dem hl. Vinzenz und
der hl. Luise als bedeutendste Heilige
der vinzentinischen Gemeinschaften.
179
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Links:
Hl. Katharina Labouré
(Gemälde im
Mutterhaus)
Rechts:
Hl. Luise
von ­Marillac
(Ölgemälde im
Mutterhaus)
München und Freising, Michael Kardinal Faulhaber, leitete das feierliche
Hochamt. Die Festpredigt am Nachmittag hielt Monsignore Konrad von
Preysing, ein großer Freund des Ordens. Gegen Mittag war Oberbürgermeister Scharnagl in Begleitung zweier Stadträte ins Haus gekommen, um
die Glückwünsche der Stadt zu überbringen. Als Dank und Anerkennung
für die von den Barmherzigen Schwestern seit 100 Jahren in den städtischen
Einrichtungen geleisteten Dienste übereignete die Stadt München der Kongregation ein drei Tagwerk großes Stück Land in Berg am Laim.Von einem
vorher geplanten Geldgeschenk hatte die Stadt Abstand genommen, weil
die Ordensleitung signalisiert hatte, sie könne und wolle dieses wegen der
allgemein schlechten wirtschaftlichen Lage und der angespannten finanziellen Lage der Stadt nicht annehmen.
Hl. Luise von Marillac (1591 – 1660)
Luise von Marillac wurde am 12. August
1591 als uneheliche Tochter eines französischen Adeligen geboren, der als hoher
königlicher Beamter eine einflussreiche
Stellung am Pariser Hof innehatte. Es
ist anzunehmen, dass die Mutter Luises
von bürgerlicher Herkunft war und eine
Heirat deshalb aus gesellschaftlichen
Gründen nicht in Frage kam. Der Vater
erkannte Luise dennoch als Tochter an
und nahm sie zu sich, was jedoch für das
Mädchen bedeutete, ohne Mutter aufzuwachsen. Während ihr Vater sie sehr
180
liebte, scheint sie der Rest der adeligen
Familie nie richtig akzeptiert zu haben.
Umso größer war ihr Verlust, als sie den
Vater schon als 13-Jährige verlor. Doch er
hatte dafür gesorgt, dass seine Tochter
eine standesgemäße Ausbildung erhielt.
Zunächst wurde Luise von ihrer Tante im
Kloster Poissy erzogen, später in einem
Pariser Mädchenpensionat in der Haushaltsführung unterrichtet. Früh schon
hatte sie den Wunsch, in einen Orden
einzutreten, wurde aber wegen ihrer
schwachen Gesundheit nicht aufgenom-
Blütezeit des Ordens zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Die Romreisenden (von links):
die Schwestern M. Clementia
Schätz, M. Gradulpha Lehnert,
M. Berthilia Hidringer, M.
Pascalina Lehnert, Superior
Pfaffenbüchler und Domkapitular Martin Grassl
Besondere Freude bereitete den Schwestern das Glückwunschschreiben
des Heiligen Vaters Pius XI. und die Geschenke ihres besonderen Gönners
in Rom, Kardinal Pacelli. Er schickte ihnen zu ihrem Jubiläum zwei große
Kerzen und ein Foto mit seinem Porträt und eigenhändiger Widmung.
In den beiden dem Jubiläumsjahr folgenden Jahren sollte Rom den
Münchner Barmherzigen Schwestern, zusammen mit allen vinzentinischen
Gemeinschaften, eine noch weit größere Freude machen: im Mai 1933
wurde mit Schwester Katharina Labouré eine Barmherzige Schwester selig
gesprochen und im März 1934 folgte die Heiligsprechung der Mitbegründerin der Vinzentinerinnen, Luise von Marillac. Zur Seligsprechung Katharinas durften den Superior drei Barmherzige Schwestern nach Rom begleiten: Schwester M. Berthilia Hidringer, Schwester M. Clementia Schätz
und Schwester M. Gradulpha Lehnert. Besonders freudig wurden sie dort
von der Haushälterin Pacellis, Schwester M. Pascalina Lehnert, der leiblichen Schwester von Schwester M. Gradulpha, empfangen. Zum Abschied
men. Die Familie bestand schließlich auf
der Heirat mit Antoine Le Gras, der als
Geheimsekretär der Königin Maria de
Medici großen politischen Einfluss hatte.
Doch in dieser Ehe, aus der ein Sohn hervorging, um den sie sich ihr Leben lang
große Sorgen machte, scheint sie keine
Erfüllung gefunden zu haben. Getrieben
von der Sehnsucht, ihr Leben in den Dienst
Gottes zu stellen, kämpfte sie immer
wieder gegen ihre innere Unruhe und
Unzufriedenheit an. In dieser Situation
fand sie in Vinzenz von Paul einen geistlichen Begleiter, der ihr den gesuchten
seelischen Halt gab. Schon zu Lebzeiten
ihres Mannes hatte Luise begonnen, karitativ zu wirken. Als ihr Mann nach zwölfjähriger Ehe verstarb, stellte sie ihr Leben
ganz in den Dienst der Nächstenliebe.
Ihr Seelsorger Vinzenz von Paul verstand
es in den kommenden Jahren hervorragend, die Energie und Begeisterung
Luises zu bündeln, indem er sie in sein
im Aufbau befindliches Hilfswerk der
christlichen Caritas mit einband. Zusammen mit Luise verwirklichte Vinzenz die
Idee, Mädchen vom Land, die sich um
die Armen, Kranken und anderen Notleidenden der französischen Hauptstadt
annehmen sollten, in kleinen Gemein-
>>>
181
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
überreichte Kardinal Pacelli den Schwestern ein Reliquiar der seligen
Katharina.
Zur Heiligsprechung von Luise von Marillac reisten nur Prälat Pfaffenbüchler und Kardinal von Faulhaber, aber im Juni feierte das Mutterhaus
ein dreitägiges Fest, ein Triduum, zu Ehren der hl. Luise. Bei diesem Anlass
wurden die ersten Ewigen Gelübde abgelegt.
Die berechtigte Freude der Barmherzigen Schwestern, nun neben dem
hl. Vinzenz von Paul mit der hl. Luise eine weitere Heilige als Ordensgründerin verehren zu können, wurde durch die inzwischen erfolgte Macht­
übernahme der Nationalsozialisten in Deutschland überschattet. Schon im
Jubiläumsjahr 1932 waren Jubel und Dankbarkeit über das in den vergangenen 100 Jahren geschaffene Werk getrübt gewesen angesichts der drohenden politischen Veränderungen.
Auch Kardinal Pacelli äußerte sich bereits im August gegenüber Superior
Pfaffenbüchler äußerst besorgt über die politische Entwicklung in Deutschland: „Auch nach hierher dringt die Kunde von den Geschehnissen in Deutschland! „Der gerade Weg“ wird mir seit einiger Zeit zugesandt.Wir hoffen und beten,
dass der liebe Gott Ihr schwergeprüftes Vaterland aus diesem Chaos heraus und einer
glücklicheren Zeit entgegenführen möge.“ 114 Doch leider sollte erst noch eine
sehr schwere Zeit anbrechen, als es der NSDAP 1933 gelang, die Macht zu
übernehmen und alle anderen politischen Kräfte auszuschalten.
*
schaften in Pariser Mietswohnungen
unterzubringen. Vinzenz übertrug Luise
die Leitung und Koordination dieser Helferinnen, die sich „Filles de la Charite –
Töchter der christlichen Liebe“ nannten.
Die päpstliche Approbation dieser neuen
Kongregation im Jahr 1668 erlebten
weder Vinzenz noch Luise, die beide 1660
starben. Wie sehr diese neue Art von
„Orden“ einem Bedürfnis der Zeit entsprach, zeigt die schnelle Ausbreitung. So
entstanden aus den „Töchtern der Liebe“
bzw. nach ihrem Vorbild zahlreiche vinzentinische Gemeinschaften, die sich von
Frankreich ausgehend zunächst europaweit, dann auch weltweit um Notlei-
182
dende aller Art annahmen und bis heute
annehmen. (Siehe Beitrag zu Vinzenz von
Paul, Kap.1)
Das Leitmotiv, das sich Luise für ihr Leben
gewählt hatte, das Pauluswort, „die
Liebe Christi, des Gekreuzigten, drängt
uns“, ist als „Caritas Christi urget nos“,
der Wahlspruch ihrer geistlichen Töchter
geblieben.
Die von allen diesen vinzentinischen Frauenkongregationen als Ordensgründerin
verehrte Luise von Marillac wurde 1920
zunächst selig und 1934 heilig gesprochen. Papst Johannes XXIII. ernannte sie
zur Patronin aller im sozial-karitativen
Bereich Tätigen.
K a p i t e l 11
Die Barmherzigen
Schwestern unter dem
Nationalsozialismus
11.1. Verdrängung aus der Kinder- und Jugendarbeit
Nach ihrer Machtergreifung schienen die Nationalsozialisten die katholische
Kirche im Gegensatz zu ihren anderen Gegnern zunächst noch zu schonen.
Mit Ausnahme von sehr exponierten Katholiken wie beispielsweise dem
Publizisten Fritz Gerlich, der mit seinem „Geraden Weg“ vehement vor der
drohenden Gefahr durch die NSDAP gewarnt hatte, wurden Katholiken
vorerst nicht behelligt.
Schon im Juli 1933 schloss die neue Reichsregierung das Konkordat mit
dem Vatikan, das unter den Regierungen der Weimarer Republik trotz langer Verhandlungen mit dem päpstlichen Nuntius nicht zustande gekommen
war. Ziel der Nationalsozialisten war, die einflussreiche katholische Kirche,
die sich schon in den letzten Jahren der Weimarer Republik als Gegner der
Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) profiliert hatte,
erst einmal ruhig zu stellen. Erst wollten sie sich auf die Ausschaltung ihrer
anderen politischen Feinde wie der Kommunisten und Sozialdemokraten
konzentrieren. Mit dem Vertragsabschluss mit dem Vatikan erhielt die neue
Regierung zudem eine nicht unbeachtliche außenpolitische Anerkennung.
Der Vatikan wiederum erhoffte sich durch das Konkordat, die katholische
Kirche zu schützen und sie vor der Gleichschaltung zu bewahren.
Doch trotz des Konkordats trauten viele deutsche Katholiken den neuen
Machthabern nicht. So sorgten sich auch die Barmherzigen Schwestern um
ihre Zukunft, obwohl den Orden im Konkordat freie Entfaltung zugesichert
worden war. Ein Chronikeintrag von 1933 zeigt dies deutlich: „Die Regierung der nationalen Revolution tat sich immer mehr hervor. Unbeugsam nahmen
sie unter dem Schein der Freundlichkeit allen die Macht aus der Hand… Jeden Tag
183
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
wurde die Sorge größer, jeden Tag auch die Vorsicht und Zurückhaltung, zu der die
Schwestern nicht genug ermahnt werden konnten.“ 115
Die Ordensoberen gaben den Schwestern strikte Anweisung, sich zu
politischen Dingen nicht zu äußern, selbst untereinander sollten sie vorsichtig sein. Schriftlich sollte politisch Brisantes möglichst gar nicht festgehalten werden, was zur Folge hatte, dass im Archiv zur NS-Zeit nicht viel
an derartigem Material zu finden ist. Anzunehmen ist, dass vieles nur noch
im kleinen Kreis der Ordensoberen besprochen worden ist, ohne es schriftlich festzuhalten. Schon bald sollte sich zeigen, dass die Nationalsozialisten
nicht daran dachten, das Konkordat wirklich einzuhalten. In den kommenden Jahren zeigten die Nationalsozialisten immer offener ihre grundsätzliche Gegnerschaft zur katholischen Kirche und verstießen gegen zahlreiche
Bestimmungen des Konkordats. Auch Papst Pius XI. (1857 – 1939), der 1937
mit der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ gegen die Konkordatsbrüche
protestierte, konnte die katholische Kirche in Deutschland nicht vor der
Willkür der nationalsozialistischen Machthaber schützen.
Eine geheime Anweisung des Reichssicherheitsdienstes vom 15. Februar
1938 macht mehr als deutlich, was die Nationalsozialisten mit den katholischen Orden vorhatten: „Die Orden sind der militante Arm der katholischen
Kirche. Sie müssen daher von ihren Einflussgebieten zurückgedrängt, eingeengt und
schließlich vernichtet werden.“ 116
Eines der ersten Angriffsziele der Nationalsozialisten waren die in der
Erziehung tätigen Orden. Der NSDAP war sehr viel daran gelegen, den
Erziehungsbereich ganz in die eigene Hand zu bekommen, um die Kinder in ihrem Sinne erziehen zu können. Einem Schreiben des Bayerischen
Jugend so oder so?
Sportliche junge Mädchen werden betenden
Barmherzigen Schwestern gegenübergestellt
(Ausschnitt aus der Zeitschrift „Der SA-Mann“
vom 8. Mai 1937).
184
Die Barmherzigen Schwestern unter dem Nationalsozialismus
Kultusministeriums ist zu entnehmen,
was die Regierung von der Erziehung
durch Ordensangehörige hielt: „Bei
der Eigenart des klösterlichen Erziehungsbetriebes ist eine Nationalsozialistische
Gemeinschaftserziehung in klösterlichen
Schülerheimen nicht durchführbar.“ 117
Noch weit deutlicher wird in der
Zeitschrift „Der SA-Mann“ vom
8. Mai 1937 gegen die klösterliche
Erziehung polemisiert: „… muß man
Eine Barmuntersuchen, wie weit die Produkte einer
herzige
Schwessolchen welt- und lebensfremden, ja
ter beim
direkt naturwidrigen Erziehung für die
Spielen mit
Volksgemeinschaft überhaupt noch tragbar
einem Kind,
sind. Das auf einen engen Lebensraum
Indersdorf
zusammengedrängte deutsche Volk kann
1950er Jahre
es sich einfach nicht mehr leisten, einen
Teil seiner Jugend durch eine falsche lebensfremde Erziehung für die Erfüllung harter
Gegenwartsaufgaben untüchtig machen zu lassen.“ 118
Der nationalsozialistischen Regierung gelang es, die Orden in den Jahren
1936/37 weitgehend aus dem Erziehungsbereich zu verdrängen. Auch die
Barmherzigen Schwestern waren von dieser politischen Offensive betroffen:
Zum einen indirekt durch die Schließung der Schülerheime der Salesianer
bzw. Benediktiner in Amberg und Eichstätt, in denen die Schwestern die
Hauswirtschaft geführt hatten, zum anderen in ihren eigenen Einrichtungen
der Kinder- und Jugendpflege. In Strullendorf, einem dem städtischen Krankenhaus Bamberg angegliederten Walderholungsheim für schwächliche,
unternährte und rachitische Kinder und Kinder mit geschlossener Tuberkulose, waren die Münchner Barmherzigen Schwestern seit der Eröffnung des
Heims im Jahr 1920 für Hauswirtschaft und Betreuung der Kinder zuständig
gewesen. Das Singen eines Adventslieds „Komm doch Emmanuel! Komm
und erlös dein Israel!“ sorgte bei den eingeladenen Vertretern der Stadt und
Partei für einen Eklat. Folge war, dass zur Unterstützung der Barmherzigen
Schwester, die als Kindergärtnerin arbeitete, eine NS-Kindergärtnerin eingestellt wurde. Obwohl das Mutterhaus daraufhin noch eine weitere eigene
Kindergartenschwester nach Strullendorf schickte, erklärte der Bamberger
Oberbürgermeister im Mai 1935, die Barmherzigen Schwestern hätten
sich ganz aus der Erziehungsarbeit zurückzuziehen und seien nur noch für
die Hauswirtschaft zuständig. Diese wurde ihnen schließlich im März 1937
ebenfalls gekündigt. Zusammen mit einer Barmherzigen Schwester, die in
185
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
der ambulanten Pflege gearbeitet hatte, wurden die Schwestern aus Strullendorf abgezogen.
Auch das Bezirkskinderheim Bogen, das die Schwestern 1915 als ärmliche Kleinkinderbewahranstalt übernommen und zu einem angesehenen
Kinderheim entwickelt hatten, wurde ihnen 1937 überraschend gekündigt.
Nach einer Protestaktion der Bevölkerung wurde die Kündigung vorübergehend wieder aufgehoben, wenig später aber erneut ausgesprochen. Da
ihnen zunächst signalisiert worden war, auch die zweite Kündigung sei nicht
ernst zu nehmen, waren die Schwestern umso härter betroffen, als ihnen am
1. März 1938 schriftlich mitgeteilt wurde, sie hätten das Haus umgehend
zu verlassen. Nachdem sie noch einen kleinen Aufschub erreichen konnten,
verließen sie am 10. März endgültig das Kinderheim in Bogen, das daraufhin
wie schon Strullendorf von der NSV, der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, übernommen wurde.
Auch die Marienanstalt im Kloster Indersdorf blieb nicht unbehelligt.
Schon seit 1933 machte den Schwestern dort einer der weltlichen Lehrer zu
schaffen, der offen nationalsozialistisches Gedankengut vertrat, ja sogar eine
Hitlerjugend innerhalb der Klostermauern organisierte. Die Schwestern
mussten hilflos mit ansehen, wie er nach eigenem Gutdünken schaltete und
waltete. Spätestens seit 1936 war eine zunehmend feindselige Haltung der
staatlichen Behörden gegenüber den Schwestern in Indersdorf festzustellen. Bei einer Visitation der Schulbehörde am 26.11.1936 hatte der Schulrat
einiges zu beanstanden.119 In der Bücherei sei kein nationalsozialistisches
Schriftgut zu finden, die Bildnisse des Führers seien zwar vorhanden, aber
gegenüber dem sonstigen Wandschmuck zu sehr im Hintergrund, statt mit
dem Hitlergruß sei er von den Schwestern und den Kindern mit „Gelobt
sei Jesus Christus“ oder „Grüß Gott“ begrüßt worden. Den Deutschen
Gruß hätte bis auf eine Gruppe von Knaben keiner verwendet. Diesen
negativen Visitationsbericht nahm das Bayerische Finanzministerium zum
Anlass, den Schwestern völlig widerrechtlich den langfristig geschlossenen
Vertrag am 30.12.1937 zu kündigen. So mussten die Barmherzigen Schwestern am 15. Juli 1938 die Anstalt schweren Herzens verlassen. Die Marienanstalt wurde daraufhin eine N.S.-Kinderheimstätte.
Im Jahr 1943 wurde den Schwestern von der Stadt München die Kündigung für die Kinderkrippen St. Josef und St. Peter ausgesprochen. Nur die
St. Annakrippe wurde ihnen noch belassen.
Warum die Nationalsozialisten nicht auch versuchten, das Kinderheim
in Landshut an sich zu bringen, ist nicht ganz zu klären. Wahrscheinlich
wäre es in diesem Fall nicht ganz so einfach gewesen, da es dem Marienverein gehörte und nicht wie Indersdorf dem Staat bzw. wie Strullendorf der
Stadt Bamberg. Auf staatliche und städtische Behörden war sicher leichter
186
Die Barmherzigen Schwestern unter dem Nationalsozialismus
Einfluss zu nehmen als auf diesen Verein. Und hier hatten die Schwestern
auch keine eigene allgemeinbildende Schule, so dass der Staat immer noch
die Möglichkeit hatte, über die Schulen die Kinder ideologisch in seinem
Sinne zu formen.
11.2. Die Braunen Schwestern – eine Bedrohung für
Barmherzige Schwestern?
Traditionell hatten die Barmherzigen Schwestern in den von ihnen übernommenen Einrichtungen die so genannte Kostregie. Das heißt, sie waren
eigenverantwortlich für Einkauf und Vorratshaltung zuständig. In München
begannen die städtischen Behörden schon bald nach der Machtergreifung,
den Schwestern durch schikanöse Kontrollen ihrer Wirtschaftsführung das
Leben schwer zu machen. Diese Entwicklung gipfelte darin, dass den Barmherzigen Schwestern ab 1. Oktober 1936 die Kostregie in allen städtischen
Altenheimen und Spitälern entzogen wurde. Mit einem neuen Vertrag zwischen der Stadt und dem Orden 120, der zum 1. April 1937 in Kraft trat und
alle alten Verträge außer Kraft setzte, wurde die eigenständige Kostregie der
Schwestern auch in den städtischen Krankenhäusern und einigen Münchner Privatkliniken eingeschränkt.
Während die Nationalsozialisten keinerlei Interesse daran hatten, den
Ordensschwestern die Pflege in den vielen Altenheimen und Spitälern streitig zu machen, verfolgten sie ab 1935 mit Vehemenz das Ziel, die katholischen Orden und die Diakonissen aus den Krankenhäusern zu verdrängen.
Doch um dieses Ziel zu erreichen, mussten sie erst für einen geeigneten
Ersatz sorgen. Dafür sollten eigene nationalsozialistische Krankenschwestern
ausgebildet werden. Deshalb starteten sie ab 1935 eine große Werbekampagne, um junge Frauen für die Ausbildung zu gewinnen. Ganz gezielt dienten
in dieser Propaganda die Krankenschwestern der beiden christlichen Kirchen als negatives Gegenmodell für den neuen Typus von Krankenschwester.
Die Werbung für die so genannten Braunen Schwestern ging deshalb oft
einher mit einer Diffamierung der katholischen Ordensschwestern und der
Diakonissen: „An Stelle der weltabgewandten Diakonisse und Ordensschwester
tritt die lebensbejahende neue Deutsche Schwester, wie wir sie in der NS-Schwesternschaft, im Deutschen Roten Kreuz und im Reichsbund der freien Schwestern
und Pflegerinnen sehen. Für sie ist der Schwesternberuf nicht Flucht aus dem Leben,
sondern Lebensbejahung, Arbeit für das Leben unseres Volkes.“ 121
Die Werbekampagne hatte in Südbayern weit weniger Erfolg als in Nordbayern. Hier wurde auch die erste bayerische NS-Schwesternschule am
19.01.1936 in Bamberg eröffnet. Die erste Übernahme eines bayerischen
187
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Krankenhaus
Schwabing
(ca. 1960)
Stadtkrankenhauses durch die NSV erfolgte ebenfalls im bekanntermaßen
sehr „braunen“ Franken, nämlich in Ansbach.
Trotz der Einrichtung der NS-Schwesternschule am Krankenhaus in
Bamberg blieben die Barmherzigen Schwestern weiterhin dort tätig. Der
Chefarzt des Krankenhauses hatte nach der langen Zusammenarbeit mit
den Ordensschwestern an deren Weiterbeschäftigung festgehalten. Nach
Berichten älterer Schwestern gestaltete sich das Nebeneinander der Ordensschwestern und der jungen Braunen Schwestern nicht nur in Bamberg,
sondern auch an anderen Krankenhäusern meist nicht problematisch. Die
unerfahrenen Braunen Schwestern suchten häufig den Rat der erfahrenen
Barmherzigen Schwestern.
Für die Ordensschwestern waren weniger die einzelne Braune Schwester
und die Zusammenarbeit mit ihr in der Praxis das Problem als vielmehr die
politische Zielsetzung, die hinter der gezielten Förderung der NS-Schwesternschaft stand. Das Ziel war nun einmal, die Ordensschwestern ganz aus
den Krankenhäusern zu drängen und durch die Braunen Schwestern zu
ersetzen. Gerade in München, wo alle städtischen Krankenhäuser in der
Hand der Barmherzigen Schwestern waren, arbeitete die NSV hinter den
Kulissen schon lange daran, für die Braunen Schwestern Terrain zu gewinnen. Immer wieder stellte die Gauleitung der NSDAP Anträge bei der
Münchner Stadtverwaltung, so viele städtische Krankenhäuser wie möglich
mit Braunen Schwestern zu besetzen.122 Die Nationalsozialisten erreichten
schließlich, dass Braune Schwestern im Krankenhaus rechts der Isar und im
Schwabinger Krankenhaus ausgebildet wurden. Die Direktion des Krankenhauses Schwabing hatte zunächst generell den Antrag, dort auch Braune
188
Die Barmherzigen Schwestern unter dem Nationalsozialismus
Schwestern einzusetzen, mit dem Hinweis abgelehnt, diese seien überflüssig,
schließlich aber eine Einsatzmöglichkeit in der Kinderabteilung angeboten.
Gerade daran war die NSV besonders interessiert, da sie damit eine Möglichkeit für die Ausbildung von Kinderkrankenschwestern bekam. Doch die
Gauleitung gab sich damit noch nicht zufrieden. Sie wollte weit mehr und
machte Druck mit dem Hinweis auf das Gesetz zur Ordnung der Krankenpflege vom 28.09.1938, dessen Ziel vor allem sei, „die Krankenhäuser
so weit wie möglich mit Schwestern zu besetzen, die neben einer sorgfältigen und
gründlichen Ausbildung auch weltanschaulich die Voraussetzungen, die der Nationalsozialismus an sie stellt, erfüllen“.123 Immer wieder wurde angemahnt, dass
dies doch gerade in der „Hauptstadt der Bewegung“ möglich sein sollte.
Das Krankenhaus rechts der Isar sollte nach den Vorstellungen der NSDAP
vollständig übernommen werden und als Gaumutterhaus dienen. Der
Gauleiter hatte bereits einen vorgefertigten Vertrag zur Übernahme zum
1. April 1940 vorbereitet und dem Oberbürgermeister zum Unterschreiben vorgelegt. So unter Druck geraten forderte die Stadtverwaltung eine
Stellungnahme der Verwaltung des Krankenhauses rechts der Isar an. Diese
stellte in einem detaillierten Plan die Kosten, die die Stadt bisher für die
Barmherzigen Schwestern aufbringen musste, den Kosten, die für die neuen
weltlichen Schwestern veranschlagt wurden, gegenüber. Dabei kam sie zu
dem Ergebnis, dass mit der Einführung der neuen Schwestern erheblich
höhere Kosten verbunden wären. Da die Barmherzigen Schwestern nicht
nur die Pflege innehätten, sondern auch die Hauswirtschaft und Verwaltung, müssten auch dafür neue Kräfte eingestellt werden. Die Schwestern,
denen „eine denkbar sparsame Wirtschaft im Interesse des Hauses“124 attestiert
wurde, kämen im Durchschnitt auf eine Arbeitszeit von 122 Stunden in der
Woche. Für die neuen Schwestern könnte man nur die 60-Stundenwoche
ansetzen. Bei Urlaub und Krankheit würde der Orden ohne Mehrkosten
einen Ersatz stellen. Für die Ordensschwestern müssten zudem keine Sozialabgaben bezahlt werden. Hinzu käme, dass man für das weltliche Personal
neue Personalwohnungen zur Verfügung stellen müsste, da ihm eine Unterbringung wie den Barmherzigen Schwestern in einem Gemeinschaftszimmer von 8-10 Personen nicht zuzumuten wäre. Alles in allem kämen die
jährlichen Personalkosten auf 457.000 RM, statt der bisherigen Kosten von
knapp über 74.000 RM. Angesichts dieser Zahlen gab sich nicht nur die
Stadtverwaltung, sondern auch der Sachbearbeiter der NSV geschlagen.
Allerdings unternahm der Gauleiter ein Jahr später einen erneuten Vorstoß.
In der Antwort des Oberbürgermeisters wird in Aussicht gestellt, dass die
Braunen Schwestern in Zukunft einzelne Abteilungen in den städtischen
Krankenhäusern übernehmen könnten. Konkrete Verhandlungen darüber
wollte die Stadt jedoch erst nach Kriegsende führen.
189
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Das Mutterhaus um das
Jahr 1930
Der Versuch der Nationalsozialisten, die Barmherzigen Schwestern aus
den Münchner Krankenhäusern zu verdrängen, war also zum einen daran
gescheitert, dass die Krankenhausdirektoren kein Interesse daran hatten, ihr
qualifiziertes Personal gegen die neuen Braunen Schwestern einzutauschen.
Zum anderen wollte auch die Stadtverwaltung nicht riskieren, aus rein ideologischen Gründen die Stadtkasse mit erheblichen Mehrkosten zu belasten und eine funktionierende Gesundheitsversorgung zu gefährden. Nach
Kriegsbeginn mit der zusätzlichen Belastung durch die Heimatlazarette war
daran schon gar nicht mehr zu denken. Denn so sehr die Nationalsozialisten die Werbetrommel für die Braunen Schwestern rührten, schafften sie es
doch nicht, genügend Schwestern zu rekrutieren, um die Ordensschwestern
auch nur rein zahlenmäßig ersetzen zu können.
An dieser Tatsache, dass es der NSV nicht gelang, den Bedarf an Pflegekräften mit ihren Braunen Schwestern zu decken, scheiterte auch der
Versuch der Nationalsozialisten, die Barmherzigen Schwestern aus ihrem
Mutterhaus zu verteiben.125 Ab 1936 gab es wieder sehr konkrete und
großzügige Neubaupläne für das Krankenhaus links der Isar. Obwohl eine
Bebauung denkbar gewesen wäre, der das Mutterhaus nicht hätte weichen
müssen, planten Kultusministerium und Oberbürgermeister, die neue Überbauung des Geländes zum Anlass zu nehmen, das Mutterhaus endgültig zu
beseitigen. Der Oberbürgermeister ließ zu diesem Zweck vom städtischen
Fiskalreferat ein Rechtsgutachten ausarbeiten, das die Eigentumsfrage des
Mutterhauses klären sollte. Das Gutachten vom 2.10.1937 126 kam zu dem
Ergebnis, die Krankenhausstiftung habe dem Orden den Platz nur leihweise überlassen. Da die Eigentümerin diesen jetzt selbst dringend benötige,
könne man dem Orden das auf dem Platz stehende Mutterhaus jederzeit
190
Die Barmherzigen Schwestern unter dem Nationalsozialismus
und ohne Entschädigung wegnehmen. Der Oberbürgermeister war mit diesem Rechtsgutachten im Rücken bereit, die Räumung des Hauses notfalls
auch auf dem Rechtsweg durchzusetzen. Konkret wurde schon überlegt,
welche Kündigungsfrist man dem Orden kulanterweise einräumen wolle.
Die einzigen Bedenken, die der Oberbürgermeister hatte, entsprangen nicht
der Rücksicht gegenüber den Schwestern, sondern der Angst, der Orden
könnte seinerseits den erst am 2.3.1937 geschlossenen Vertrag mit der Stadt,
die Pflege in den städtischen Krankenhäusern betreffend, kündigen, bevor
die Barmherzigen Schwestern durch genügend andere Pflegekräfte ersetzt
werden könnten. Es ging schließlich um nicht weniger als den Ersatz von
über 700 Schwestern und 7 Oberinnen. Der Oberbürgermeister hatte
berechtigte Zweifel, ob dies gelingen würde, zumal ein vertrauliches Rundschreiben des Reichs- und Preußischen Innenministeriums vom 30. Juli
1937 gewarnt hatte, dass „der Ersatz der Ordensangehörigen durch andere Pflegepersonen augenblicklich auf größte Schwierigkeiten“ stoße und deshalb „die
örtlichen Stellen an der Einleitung übereilter und wegen ihrer Auswirkungen unerwünschter Maßnahmen verhindert werden sollen“.127
Auf direkte Anfrage bei NSV-Hauptamtsleiter Hilgenfeldt erhielt der
Oberbürgermeister Ende Dezember 1937 Folgendes mitgeteilt: „Aus den
mir unterstellten Schwesternschaften bin ich nicht in der Lage, Ersatz für die bei
Ihnen tätigen Ordensschwestern zu stellen. Ich habe mich jedoch sofort an den
Herrn Reichs- und Preußischen Minister des Innern gewandt, um durch diesen zu
erreichen, dass einer Vertragskündigung durch den Orden vorgebeugt wird. Der Herr
Reichs- und Preußische Minister des Innern hat mir mit Schreiben vom 23. ds. Mts.
mitgeteilt, dass eine grundsätzliche Regelung in den Fragen der freien Wohlfahrtspflege in Kürze zu erwarten sei.“ 128
Da der Orden im Stadtrat noch einige Freunde hatte, erfuhr die Ordensleitung bereits frühzeitig durch eine vertrauliche Mitteilung von der
geplanten Enteignung. Die Beunruhigung war groß. Offizielle Verhandlungen mit dem Superior wurden erst Ende 1937 aufgenommen. In der
entscheidenden Frage, wie sich der Orden im Falle einer Räumung des
Mutterhauses verhalten werde, verhielt sich Prälat Pfaffenbüchler äußerst
zurückhaltend und abwartend. Stadt und Kultusministerium ließen schließlich von dem riskanten Plan ab, der die städtische Gesundheitsversorgung
hätte gefährden können. Sie wandten sich lieber neuen, noch attraktiveren
Plänen zu. Diese sahen vor, in Nymphenburg ein neues Universitätsviertel
mit verschiedenen Universitätskliniken zu errichten, Pläne, die letztlich aber
am Kriegsausbruch scheiterten.
Auch wenn die drohende Enteignung des Mutterhauses noch einmal
abgewendet werden konnte, war deutlich geworden, dass die Stadt München und das Kultusministerium sofort bereit gewesen wären, die Barmher191
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
zigen Schwestern aus ihrem Mutterhaus zu vertreiben, wenn die Nationalsozialistische Schwesternschaft einen Ersatz hätte stellen können.
Den Barmherzigen Schwestern war damit klar geworden, dass sie, sobald
es ausreichend Braune Schwestern geben würde, umgehend aus dem Krankendienst verdrängt würden. Klar war ihnen aber auch geworden, dass ihr
Orden nur so lange einen gewissen Schutz vor der Willkür der NS-Machthaber haben würde, so lange diese auf ihn angewiesen waren und er die benötigte hohe Zahl an Pflegekräften bereitstellen konnte. Umso beunruhigter
waren die Ordensoberen über den deutlich spürbaren Rückgang der eigenen Kandidatinnenzahlen seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten.
11.3. Beschränkung des Ordensnachwuchses
Es war kein Wunder, dass in dem von den Nationalsozialisten geschaffenen
Klima der Verachtung alles Kirchlichen und insbesondere alles Klösterlichen
die Kandidatinnenzahl rückläufig war. Das Bild der Braunen Schwester
dagegen war in der öffentlichen Darstellung äußerst positiv besetzt. Auch
der Krankendienst wurde in den NS-Werbekampagnen als weit weniger
beschwerlich und gefährlich dargestellt, als ihn die Barmherzigen Schwestern ihren Anwärterinnen ehrlicherweise beschrieben. Manche an der
Krankenpflege interessierte Bewerberin mag nun leichter den Weg in die
Nationalsozialistische Schwesternschaft gefunden haben. 1936 schrieb die
Mutterhauschronistin dazu: „Mit wachsender Sorge sah man den Nachwuchs
sich verringern. Diese Zeit ist nicht angetan, Ordensberufe hervorzubringen.“ 129
In diesem Jahr traten außerdem 7 Professschwestern und 5 Novizinnen aus.
Über den Austritt einer der Schwestern war man mehr erleichtert als traurig,
da sie offen mit dem Nationalsozialismus sympathisiert hatte.
Die Nationalsozialisten starteten ganz gezielte Abwerbeversuche. So
luden sie junge Schwestern vor, in erster Linie Kinderkrankenschwestern,
um sie anhand eines Fragebogens zu verhören. Mit Fragen wie: „Wünschen
Sie eine bessere Stellung? Haben Sie früher einer Partei angehört? Haben
Sie etwas einzuwenden gegen die jetzige Regierung? Sind Ihre Geschwister bei BDM oder HJ?“ 130 sollten die Schwestern teils unter Druck gesetzt,
teils gelockt werden, von den Barmherzigen Schwestern zu den Braunen
Schwestern zu wechseln. Diese Versuche wurden wieder eingestellt, nachdem das Ordinariat die Schwestern darauf hingewiesen hatte, sie müssten
auf diese Fragen nicht antworten.
Der NS-Staat griff schließlich zu wirksameren Mitteln, den Ordensnachwuchs zu beschränken. Am 29. September 1940 wies der Arbeitsminister
per Erlass alle Landesarbeitsämter an, den Eintritt von arbeitsfähigen Deut192
Die Barmherzigen Schwestern unter dem Nationalsozialismus
schen in einen Orden zu unterbinden.131 Die Maßnahme wurde begründet
mit dem hohen Bedarf an Arbeitskräften für kriegsbedingte Aufgaben und
der Tatsache, dass in den kommenden Jahren geburtenschwache Jahrgänge
ins Berufsleben eintreten würden. Die Ortsgruppen der NSDAP wurden
angewiesen, jeden Fall von einem geplanten Ordenseintritt unverzüglich
an das Arbeitsamt zu melden. Dieses sollte auf jeden Fall den Eintritt verhindern, indem es den potentiellen Ordenskandidaten strikt untersagte, ein
schon bestehendes Arbeitsverhältnis zu lösen. Auch wenn es sich um mithelfende Familienangehörige handelte, wurde dies als nicht zu lösendes
Dienstverhältnis betrachtet. Für den Fall, dass sich der Arbeitgeber selbst mit
der Auflösung des Arbeitsverhältnisses einverstanden erklären sollte, war das
Arbeitsamt angewiesen, sofort ein neues Dienstverhältnis zuzuweisen. Wer
aber keine Arbeitsstelle hätte, wäre sofort zum Arbeitsdienst heranzuziehen.
Die Bischöfe hofften vergeblich, der Erlass käme wegen des eklatanten
Mangels an Krankenpflegekräften wenigstens bei den Krankenpflegeorden
nicht zur Anwendung. Resigniert mussten sie schließlich feststellen: „Der
Kampf gegen die Orden scheint notwendiger als eine ausreichende und fachgemäße
Pflege unserer Kranken und auch unserer Soldaten.“ 132 Die Bischöfe rieten den
Orden daraufhin, die einzige Lücke zu nützen, die dieser Erlass bot: Sie
sollten mit ihren Kandidaten bzw. Kandidatinnen ein Ausbildungsverhältnis eingehen. Nur für den Fall, dass ein Ausbildungsverhältnis eingegangen
wurde, konnte nämlich ein bestehender Dienstvertrag gelöst werden. Gerade für einen karitativ tätigen Orden wie die Barmherzigen Schwestern bot
sich hier eine kleine Möglichkeit, den Erlass zu unterlaufen, indem er mit
Kandidatinnen einen Ausbildungsvertrag abschloss. Allerdings traf die Kongregation, die die meisten ihrer Kandidatinnen traditionell aus ländlichen
Gebieten rekrutierte, der kriegsbedingte Mangel an männlichen Arbeitskräften auf den Bauernhöfen besonders hart. Viele junge Frauen mussten
zu Hause ihre Väter oder Brüder ersetzen, die als Soldaten eingezogen worden waren. Manche potentielle Ordensbewerberin musste erst das Ende
des Krieges und die Rückkehr der männlichen Arbeitskräfte auf den Hof
abwarten, bevor sie an einen Klostereintritt denken konnte.
11.4. Übergriffe auf das Ordensvermögen
Noch bevor sie Ordenseintritte zu unterbinden versuchten, hatten die
Nationalsozialisten schon einige Jahre daran gearbeitet, an das Vermögen
der Orden zu kommen. Durch neue Steuergesetzgebung und schikanöse
Überprüfung der Bücher machten sie kirchlichen Einrichtungen das Leben
schwer.
193
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Generaloberin M.
Desideria
Weihmayr
(vorn)
mit den
Schwestern
M. Emma
Mayer, M.
Timothea
Ridinger und
M. Berthilia
Hidringer
(von links)
vor dem
Mutterhaus
vermutlich
1938
194
In den Jahren 1935 – 37 führte der NS-Staat eine gezielte Kampagne
durch, indem er katholischen Geistlichen groß aufgemachte Sittlichkeitsprozesse und Devisenprozesse anhängte. Beinahe wären die Barmherzigen
Schwestern vom Mutterhaus München in einen solchen Devisenprozess
geraten. Sie hatten nämlich gerade in diesen kritischen Jahren ein Projekt
im Ausland gestartet. Der Papst hatte Anfang der 1930er Jahre die Münchner
Ordensoberen angeregt, neue Niederlassungen im Ausland zu gründen. Das
Mutterhaus München beschloss, in Zusammenarbeit mit dem St. Bonifatiuswerk und dessen Generalsekretär Scherer, dem Autor der Jubiläumsschrift
zur Hundertjahrfeier, in Bukarest ein Krankenhaus zu bauen. Dieses Projekt
sollte sich von Anfang an als sehr schwierig erweisen. Waren schon die Verhandlungen mit den rumänischen Behörden nicht einfach, hätten ihnen die
deutschen Behörden beinahe größte Probleme wegen der Devisen gemacht.
Sie mussten sehr vorsichtig vorgehen, um nicht in den Verdacht zu geraten,
gegen das Auslandsdevisengesetz zu verstoßen. Das Erzbischöfliche Ordinariat nahm sich der Sache an, um Schlimmeres zu verhindern. Der Domkapitular und spätere Weihbischof Johannes Neuhäusler verhandelte mit den
Behörden und sorgte für einen formal unangreifbaren Ablauf der Finanzierung des neuen Projekts.133
Im Februar 1938 wurden die Schwestern erneut sehr beunruhigt, als zwei
Männer, die sich als Gestapobeamte auswiesen, im Mutterhaus auftauchten,
sich die Kassenschränke aufsperren und die Bücher vorlegen ließen. Da kurz
vorher die Aktion der Nationalsozialisten zur Beschlagnahmung von Vereinsvermögen stattgefunden hatte, befürchteten die Schwestern das Schlimmste.
Nach dem Abzug der beiden Beamten fehlte Geld. Das vom Mutterhaus
eingeschaltete Ordinariat versuchte in
den kommenden Tagen, bei der Gestapo mehr über die Hintergründe des
Besuchs in Erfahrung zu bringen. Dort
stellte man sich unwissend, so dass nie
ganz geklärt werden konnte, wer diese
Gestapobeamten geschickt hatte bzw.
ob es sich wirklich um Leute von der
Gestapo handelte. Der Vorfall hatte
keine weiteren Folgen, außer dass das
Ordinariat die Orden der Diözese aufforderte, sich in einem derartigen Fall
die Ausweisplakette der Gestapobeamten genau anzusehen und dem Ordinariat sofort Bescheid zu geben.134
Die Barmherzigen Schwestern unter dem Nationalsozialismus
Kaum war die ursprünglich geplante Enteignung des Mutterhauses ad
acta gelegt worden, sah sich der Orden schon wieder mit der Gefahr konfrontiert, Staat oder NSDAP könnten ordenseigene Häuser für ihre Zwecke
in Anspruch nehmen oder gar enteignen. Seit Kriegsbeginn wurden zahlreiche kirchliche Einrichtungen, mit Vorliebe auch Klöster, durch nationalsozialistische Organisationen, die Wehrmacht oder staatliche Behörden
konfisziert und zweckentfremdet. Um nur zwei Beispiele zu nennen, die
auch die Barmherzigen Schwestern nicht unberührt ließen: Im Jahr 1941
wurden sowohl das Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern von Untermarchtal als auch das Kloster der Missionsbenediktinerinnen von Tutzing
beschlagnahmt. Als die Tutzinger Schwestern quasi von heute auf morgen
ihr Kloster verlassen mussten, fanden sie liebevolle Aufnahme zunächst im
Mutterhaus in der Nußbaumstraße, bevor sie auf die verschiedenen Niederlassungen der Kongregation der Barmherzigen Schwestern verteilt wurden.
Das Schicksal der Missionsbenediktinerinnen so hautnah mit zu erleben, hat
sicher zur Angst der Schwestern vor demselben Schicksal beigetragen. Und
diese Angst war durchaus berechtigt, gerade angesichts der doch sehr attraktiven Häuser der Barmherzigen Schwestern, die durchaus Begehrlichkeiten
von Staat und Partei wecken konnten.
Sofort bei Kriegsbeginn wurde das Kurhaus von Adelholzen als Lazarett
beschlagnahmt. Nach einigen Monaten konnte für kurze Zeit noch einmal
der Kurbetrieb aufleben, um dann endgültig eingestellt zu werden, zugunsten einer Nutzung, die der Staat gerade als notwendig erachtete. Neben
der Verwendung als Lazarett diente Adelholzen 1940 für einige Monate als
Übergangsheim für bessarabische Familien, Rumäniendeutsche, die auf ihre
Umsiedlung in die besetzten polnischen Gebiete warteten. Als der Staat
für die groß angelegte Aktion der Kinderlandverschickung Häuser suchte,
geriet Adelholzen wieder ins Visier. Beinahe wäre es jetzt zu einer vollständigen Beschlagnahmung des Kurorts gekommen. Die Schwestern waren
bereit, einen Teil der Gebäude für 260 Kinder zur Verfügung zu stellen. Dem
Beauftragten für die Kinderlandverschickung im Gau München-Oberbayern der NSDAP, Oberstaller, war dies nicht genug. Er forderte die Aufnahme von 400 Kindern und die Bereitstellung aller Räumlichkeiten. Als
sich die Schwestern dazu wegen ihres eigenen Bedarfs außer Stande sahen
und sich weigerten, teilte ihnen Oberstaller unverzüglich am 31. März 1941
schriftlich die Beschlagnahmung des gesamten Anwesens mit. Sie wurden
aufgefordert, die Niederlassung bis zum 10. April zu räumen.135 Der Brief
versetzte die Schwestern in große Aufregung, die noch gesteigert wurde,
als am gleichen Abend ein Herr Leonhardt aus Alzing sich als Lagerleiter
für die Kinderlandverschickung ausgab und zusammen mit anderen, den
Schwestern nicht bekannten Personen alles im Haus bis hin zum Weinkeller
195
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Seit 1919 haben die Barmherzigen Schwestern eine
Begräbnisstätte auf dem
Waldfriedhof. 1924 wurden die weit über 500 auf
dem Alten Südfriedhof
beerdigten Schwestern
hierher überführt.
inspizierte. Inwieweit Leonhardt überhaupt offiziell befugt war, ist unklar.
Als er gegenüber der Oberin in unverschämter Weise auftrat und mit der
Beschlagnahmung von Wertgegenständen und Lebensmitteln drohte, verwies sie ihn, um Zeit zu gewinnen, an das Mutterhaus in München.
Als sich das unverschämte Vorgehen von Oberstaller und Leonhardt
gegenüber den Adelholzener Schwestern herumgesprochen hatte, reagierte
die Bevölkerung der Umgebung empört. Zusammen mit Josef Zett, dem
langjährigen Leiter der Adelholzener Ökonomie, legte der Siegsdorfer Bürgermeister beim Traunsteiner Landrat Widerspruch gegen die Enteignung
Adelholzens ein. So unter Druck geraten, machte Oberstaller einen Rückzieher. Als er am 3. April wieder nach Adelholzen kam, war die drei Tage
vorher angekündigte Beschlagnahmung kein Thema mehr und er akzeptierte den Vorschlag der Schwestern, 250 Kinder aufzunehmen.
Auch der Versuch des Luftgaukommandos, das Postulatsgebäude in
München zu konfiszieren, konnte im Februar 1942 erfolgreich abgewendet
Ein herber Verlust – der Tod der Generaloberin
Gerade in dieser Zeit der drohenden
Beschlagnahmungen und der Angst vor
einem beginnenden Luftkrieg hatte der
Orden einen herben Verlust zu verkraften. Die seit 1924 amtierende Generaloberin Schwester M. Desideria Weihmayr, die sich trotz ihrer 77 Jahre nach
wie vor umsichtig und tatkräftig um
die Belange der Kongregation gekümmert hatte, starb am 10. Oktober 1941
196
nach einer verschleppten Erkältung an
Lungenentzündung. So trat die vom
Generalkapitel am 16. November 1941
gewählte Schwester M. Castella Blöckl
ihr Amt als Generaloberin an. Sie sollte
sich als würdige Nachfolgerin erweisen,
die den Orden sicher durch die gefahrvollen und beschwerlichen Kriegs- und
Nachkriegsjahre führte.
Die Barmherzigen Schwestern unter dem Nationalsozialismus
werden. Superior Pfaffenbüchler machte dringenden Eigenbedarf geltend.
Schließlich sei im Gebäude in der Blumenstraße die staatlich anerkannte ordenseigene Krankenpflegeschule untergebracht, die für den dringend
benötigten Nachschub an Pflegekräften sorge.136
Auch das Erholungsheim der Schwestern in Unterhaching war gefährdet.
Doch in diesem Fall setzte sich sogar der Münchner Oberbürgermeister
Fiehler dafür ein, dieses Haus den im anstrengenden Krankendienst stehenden Schwestern für ihre dringend benötigte Erholung zu belassen, um ihre
Arbeitskraft zu erhalten. 137
Eine andere Konfiszierungsmaßnahme konnte dagegen nicht verhindert
werden. Die nach dem Mutterhaus älteste ordenseigene Niederlassung in
Berg am Laim geriet ins Visier der Nationalsozialisten. Der Orden hatte
dort in den 1920er Jahren umfangreiche Renovierungsarbeiten durchführen und 1936 einen zusätzlichen, stattlichen Neubau errichten lassen. Ihr
neues Haus konnten die Schwestern nicht lange nutzen, da ihnen der Leiter
der Münchner „Arisierungsstelle“ am 25.10.1941 einen Vertrag aufzwang,
nach dem ein großer Teil des Gebäudes für eine so genannte „Heimanlage
für Juden“ zur Verfügung gestellt werden musste.
11.5. Konfrontation der Schwestern mit NS-Verbrechen
Judenlager in Berg am Laim
Anlässlich der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 notierte die
Mutterhauschronistin: „Eine schlimme Judenverfolgung begann. Es war grausam,
als bestimmte Leute nachts durch die Sendlingerstraße fuhren, mit großen Ziegelsteinen die Schaufenster demolierten und die Läden ausraubten, wie sie unbescholtene
Geschäftsleute festnahmen, die Stoffe herauswarfen und mitnahmen. Dazu musste
man schweigen, wenn man nicht nach Dachau kommen wollte. Wie es in Dachau
aussah? Man konnte es ahnen, weil doch manches durchdrang; aber man kann sich
wohl kaum die Wirklichkeit vorstellen.“ 138
Durch die Errichtung der „Heimanlage für Juden in Berg am Laim“, die
vom 21. Juli 1941 bis zum 1. März 1943 bestand und nichts anderes war als
ein Sammellager für Juden vor ihrer Deportation in die Vernichtungslager,
wurden die Barmherzigen Schwestern nun in ihrem eigenen Kloster hautnah mit dem größten Verbrechen der Nationalsozialisten, dem Holocaust
an den Juden, konfrontiert. Den Schwestern war von der Gestapo strikte
Geheimhaltung auferlegt worden. Nicht zuletzt hatten die Nationalsozialisten das Kloster wegen seiner abgeschiedenen Lage ausgesucht. Die Öffentlichkeit sollte davon nicht allzu viel mitbekommen.
197
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Das Noviziatsgebäude
in Berg am
Laim in
den 1960er
Jahren. Hier
befand sich
von 1941
bis 1943 die
Heimanlage
für Juden.
Sicher, die Situation in Berg am Laim war nicht mit Dachau oder den
zukünftigen Bestimmungsorten der Lagerinsassen vergleichbar. Es war um
einiges humaner als das große Münchner Sammellager in Milbertshofen
und noch ein einigermaßen erträglicher „Vorhof“ zur Hölle. Allerdings
waren statt der im Vertrag vereinbarten 170 Personen zeitweise bis zu 320
Menschen in der „Heimanlage“ einquartiert. Durch diese Überbelegung
wurde es auch im ursprünglich sehr geräumigen neuen Schwesternhaus
schnell bedrückend eng. Wie in Milbertshofen verlangte die Gestapo, dass
die Jüdische Gemeinde selbst für die Finanzierung des Heims und die Verwaltung des Lagers sorgte. Die Leitung übernahmen formal der Bankkaufmann Curt Metzger und die als Wirtschafterin eingesetzte Else BehrendRosenfeld, eine promovierte Historikerin, die in der jüdischen Fürsorge
arbeitete. Doch die eigentliche Kontrolle des Lagers hatte die gefürchtete Gestapo. Die klösterliche Idylle wurde zudem von der Angst der Heim­
insassen vor ihrer ungewissen Zukunft überschattet. Mancher Bewohner
war so verzweifelt, dass er Selbstmord beging.
Wie verhielten sich die Schwestern in dieser auch für sie bedrückenden
Situation? Else Behrend-Rosenfeld, der kurz vor ihrer eigenen Deportation
die Flucht in die Schweiz gelang, stellte den Barmherzigen Schwestern in
ihrem Buch, in dem sie auch über die Zeit in Berg am Laim berichtete, ein
hervorragendes Zeugnis der Menschlichkeit aus: „Die stets gleich freundlichen Gesichter der Nonnen, die nie ohne lächelnden Gruß an uns vorübergehen,
und das wohltuende Bewusstsein, von ihnen nicht gehasst oder verachtet, sondern
mit schwesterlicher Zuneigung betrachtet zu werden, bedeutete eine große Entlastung.“ 139 Obwohl den Schwestern strikt verboten war, mehr als den für
den organisatorischen Ablauf nötigen Umgang mit den Heimbewohnern
198
Die Barmherzigen Schwestern unter dem Nationalsozialismus
zu pflegen, und sie sich einer ständigen Beobachtung ausgesetzt sahen, ließen sie es sich nicht nehmen, ihren jüdischen Mitbewohnern menschliche
Anteilnahme zu zeigen. Wo es ihnen möglich war, im Verborgenen etwas
für sie zu tun, geschah es. So erlaubten sie ihnen beispielsweise, den Garten
zur Erholung und die Kirche für ihren jüdischen Gottesdienst zu benützen.
Heimlich ließen sie ihnen zusätzliche Lebensmittel zukommen. Ein weiterer Heiminsasse, der als orthodoxer Jude zunächst große Vorbehalte gegen
die Einlieferung in ein katholisches Kloster hatte, war beeindruckt von den
Ordensschwestern: „Ich sah, mit welcher schlichten und selbstverständlichen Hingabe sie ihre Arbeit machten, ich fühlte ihre Sympathie für uns, ihr Mitfühlen bei
allem, was wir erduldeten, und ihre Hilfsbereitschaft.“ 140
Doch die Schwestern konnten nichts gegen die Schikanen machen,
denen sich die Einquartierten ausgesetzt sahen. Diese mussten nun als Juden
in der Öffentlichkeit den Judenstern tragen und durften, trotz ihrer häufig sehr langen Arbeitswege, keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr benutzen. Es stand auch nicht in der Macht der Schwestern, die seit November
1941 einsetzenden regelmäßigen Deportationen zu verhindern. Else Behrend-Rosenfeld schreibt, wie groß die Betroffenheit der Mitbewohner war,
als die ersten Juden aus dem Lager in Berg am Laim nach Milbertshofen
gebracht wurden, um von dort aus nach Osteuropa deportiert zu werden.
Auch die Schwestern hätten große Anteilnahme gezeigt und zwei Säcke
mit Kakao und Zucker zur Verfügung gestellt. Bei der ersten Deportation
Münchner Juden am 20. November 1941 wurden 1000 Menschen, davon
etwa 85 aus dem Heim in Berg am Laim, in Züge gepfercht, und Rich-
Seit 1987 erinnert als Mahnmal ein
großer Stein, der das erhalten gebliebene Eingangsportal des in den 1970ern
abgerissenen Gebäudes versperrt, an
die NS-Vergangenheit. Die Inschrift des
Steins ist ein Zitat aus dem Buch von
Else Behrend-Rosenfeld: „Wieviel leichter
ist es, unter denen zu sein, die Unrecht
erleiden, als unter denen, die Unrecht
tun.“ Als Mahnung und Erinnerung an das
­Sammellager für jüdische Bürger in den
Jahren 1941 – 1943.
199
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
tung Riga transportiert. Wie man heute weiß, wurde der Zug, da Riga auf
so viele Deportierte nicht vorbereitet war, stattdessen ins litauische Kaunas
umgeleitet. Hier hatten deutsche Spezialeinheiten bereits seit Sommer 1941
Tausende litauischer Juden erschossen. Auch die 1000 Münchner Juden
wurden schon zwei Tage nach ihrer Ankunft von einem deutschen SS-Einsatzkommando erschossen.
Zwar wussten die Schwestern in Berg am Laim damals nichts Genaueres
über das weitere Schicksal der Deportierten, aber sie befürchteten und
ahnten sicher Schlimmstes. Wie hilflos mögen sie sich gefühlt haben, diesen
Menschen nicht mehr helfen zu können? Doch ihre jüdischen Mitbewohner wussten um die beschränkten Möglichkeiten der Schwestern. Umso
dankbarer waren sie, dass sie diese wenigen Möglichkeiten zur Hilfe auch
wirklich nutzten. Noch Anfang der 1990er Jahre nahm Helmut Lisberger,
einer der wenigen Überlebenden der Deportationen, wieder Kontakt mit
den Barmherzigen Schwestern auf und drückte seine Dankbarkeit aus „für
die Hilfe und Tröstung, die wir Insassen des Lagers damals durch die Schwestern im
Kloster erhielten“.141
Zwangsabtreibungen in Hutthurm
Mit einem weiteren NS-Verbrechen konfrontiert, gerieten einige Schwestern im Krankenhaus Hutthurm in der Nähe von Passau in schwerste
Gewissensnöte.142 Ein Arzt hatte sich dort für Zwangsabtreibungen bei
Fremdarbeiterinnen zur Verfügung gestellt. Die zunächst praktizierte Verfahrensweise, schwangere Fremdarbeiterinnen wieder in ihre Heimat
Maria-Theresia-Klinik – ein Hort der Humanität
Auch bei der Unterstützung von Prof. Dr.
Max Lebsche bewiesen die Barmherzigen
Schwestern Zivilcourage. Prof. Lebsche,
ein Chirurg von Weltformat, hatte auf
eine glänzende Karriere verzichtet, weil er
aus seiner katholisch-konservativen Weltsicht und aus seiner Gegnerschaft zur
nationalsozialistischen Ideologie nie ein
Hehl machte. Nach seiner erzwungenen
Emeritierung als Professor für Chirurgie
in der Poliklinik in der Pettenkoferstraße
im Jahr 1936 konnte er nur noch in seiner
kleinen Privatklinik, die er 1930 in einer
Villa am Bavariaring eingerichtet hatte,
200
unter erschwerten Bedingungen praktizieren. Ohne Rücksicht auf seine eigene
Gefährdung leistete er dem nahe gelegenen Israelitischen Krankenhaus Hilfsdienste und behandelte jeden Patienten,
unabhängig von Rasse- und Religionszugehörigkeit. So verarztete er beispielsweise in der Reichspogromnacht 1938 Juden,
die sich vor den NS-Schlägern in seine
Klinik geflüchtet hatten. Regelmäßig traf
sich bei ihm ein Kreis von Freunden, die
seine politische und religiöse Weltanschauung teilten und dezidierte Gegner
des NS-Regimes waren, unter ihnen auch
Die Barmherzigen Schwestern unter dem Nationalsozialismus
zu schicken, hatte zur Folge, dass die
Zahl der Schwangerschaften unter den
Zwangsarbeiterinnen ab 1943 deutlich
anstieg. Daraufhin erfolgte eine andere
Handhabung dieses „Problems“. Statt
die Schwangeren heimreisen zu lassen,
gab es einen Erlass, Abtreibungen, die
ansonsten grundsätzlich verboten waren,
für diese Frauen straffrei durchzuführen.
Obwohl die Frauen dafür eine Einverständniserklärung unterschreiben mussten, kann man kaum von einer wirklich
freien Entscheidung ausgehen. Wurde
Druck auf sie ausgeübt zu unterschreiben oder reichte schon der Druck, unter
den gegebenen Umständen ein Kind zu
bekommen? Der Hutthurmer Arzt soll zwischen Ende 1943 und April 1945
mindestens 220 Schwangerschaftsabbrüche an Fremdarbeiterinnen vorgenommen haben.Aus weitem Umkreis wurden Schwangere zu ihm geschickt,
weil sich andere Ärzte geweigert hatten, die Abtreibungen durchzuführen.
In Hutthurm sollen Embryos noch im 7. und 8. Monat, also schon lebensfähige Kinder, abgetrieben worden sein. Die Barmherzigen Schwestern, die
am Krankenhaus in der Hauptsache das Pflegepersonal stellten, wollten sich
an diesen Morden nicht beteiligen. Mehr oder weniger überrumpelt von
der neuen Praxis an ihrem Krankenhaus, hatten zwei der Schwestern bei
drei Abtreibungen assistiert bzw. die Narkose gegeben. Eine der Schwestern
der später im Konzentrationslager inhaftierte Domkapitular Johannes Neuhäusler. Dass Prof. Lebsche, der aufgrund seiner Haltung und seiner Aktivitäten immer
wieder ins Visier der Nationalsozialisten
geriet, ein solches Schicksal erspart blieb,
scheint er seinen außerordentlichen chirurgischen Fähigkeiten verdankt zu haben,
auf die auch die Nationalsozialisten nicht
verzichten wollten.
Die Barmherzigen Schwestern setzten
sich durch die Zusammenarbeit mit Prof.
Lebsche einer gewissen Gefahr aus. So
galt ja auch für Krankenschwestern das
strikte Verbot, nichtarische Patienten zu
versorgen. Doch die Schwestern ließen
Professor Dr.
Max Lebsche
(1886 – 1957)
sich nicht einschüchtern und hielten
immer, auch bei Verhören, treu zu ihm.
Der Orden war aber auch in anderer Hinsicht für den Professor und seine Klinik
eine wichtige Stütze. Da die Maria-Theresia-Klinik keine Lebensmittelkarten
zugeteilt bekam, war die Versorgung
mit Nahrungsmitteln aus den ordenseigenen landwirtschaftlichen Betrieben
eine wichtige Überlebenshilfe. Dabei
bewiesen die Schwestern durchaus Einfallsreichtum: Um hinter dem Rücken
des Staates ein Schwein zur verbotenen
Schwarzschlachtung ins Krankenhaus zu
schmuggeln, wurde es als Neuzugang
getarnt im Krankenwagen angeliefert.146
201
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
war daraufhin weinend zusammengebrochen. In ihrer Not wandten sich
die Ordensschwestern an ihre Vorgesetzten im Münchner Mutterhaus und
an das Passauer Ordinariat. Von beiden Seiten bekamen die Hutthurmer
Schwestern die klare Anweisung, in Zukunft die Assistenz bei derartigen
Operationen zu verweigern. Als sie dies so handhabten, mussten sie sich
nicht nur vom Arzt übelste Beschimpfungen wie „Mistviecher“, „christliche
Hauben“ und „wenn ich euch nur draußen hätte“ 143 anhören, sondern wurden
auch vom Landratsamt mit der Drohung, die Gestapo werde sich schon
darum kümmern, unter Druck gesetzt. Generaloberin Schwester M. Castella Blöckl legte daraufhin dem Passauer Ordinariat eine schriftliche Stellungnahme vor, die ihr der Erzbischof von München und Freising ausgearbeitet
hatte. Aus der Zusicherung des Reichskirchenministeriums gegenüber der
Bischofskonferenz am 18.10.1943, dass kein Arzt gezwungen werde, eine
Abtreibung durchzuführen, leitete Kardinal von Faulhaber ab: „Dann darf
auch auf die Schwestern in der Krankenpflege ein Gewissensdruck nicht ausgeübt
werden. Für das Gewissen der Schwester … gelten die gleichen Grundsätze wie
früher für die Mitwirkung bei der … Euthanasie und für die … Sterilisation.“
Schließlich wurde vereinbart, dass die Barmherzigen Schwestern zwar
„entfernte Vorbereitungen zu derartigen Operationen und auch die Pflege der Operierten … übernehmen, dass sie aber … eine unmittelbare Mitwirkung im Gewissen ablehnen müssen.“ 144
Die als durchaus kirchenkritisch bekannte Autorin Anna Rosmus, die
ihre Recherchen zu den Zwangsabtreibungen in Hutthurm 1993 veröffentlichte, sagt zur Rolle der katholischen Kirche in dieser Sache: „Die haben
genügend Dreck am Stecken, aber in diesem Fall sind sie ein Musterbeispiel an
Zivilcourage und Konsequenz.“ 145
Beschäftigung von Fremdarbeitern
In der gesamten deutschen Wirtschaft herrschte bald nach Beginn des
2. Weltkriegs ein eklatanter Arbeitskräftemangel. Zunächst wurden deshalb
im Ausland so genannte Fremdarbeiter angeworben, wobei jedoch bald in
den besetzten Gebieten zum Instrument der Zwangsrekrutierung gegriffen
wurde. Diese heute deshalb meist als Zwangsarbeiter bezeichneten Arbeitskräfte wurden von den deutschen Arbeitsämtern auf Antrag der Arbeitgeber
den verschiedenen Betrieben zugeteilt. Auch kirchliche Einrichtungen, in
denen der Arbeitskräftemangel durch staatliche Beschränkung des Nachwuchses und vielfach vom Staat auferlegten zusätzlichen Aufgaben besonders hoch war, machten von dieser Möglichkeit Gebrauch. So beschäftigten
auch die Barmherzigen Schwestern in Bad Adelholzen und in Planegg
202
Die Barmherzigen Schwestern unter dem Nationalsozialismus
Zwangsarbeiter, die überwiegend in der Landwirtschaft, vereinzelt auch in
der Hauswirtschaft, eingesetzt wurden. Im Mutterhaus arbeiteten zwei Russinnen im Garten und zwei Kroatinnen im Haus.147
Während die in großen industriellen Betrieben eingesetzten Zwangsarbeiter meist unter sehr unmenschlichen Bedingungen zu leiden hatten,
ging es den in der Landwirtschaft eingesetzten Arbeitern in der Regel etwas
besser, was Verpflegung und Unterkunft anbelangte. Die Behandlung war
jedoch sehr unterschiedlich und hing ganz von den jeweiligen Arbeitgebern ab. Die enge Zusammenarbeit mit den Arbeitgebern barg einerseits die
Gefahr, deren Willkür noch stärker ausgesetzt zu sein, andererseits aber auch
die Chance der menschlicheren, ja teilweise familiären Behandlung. Man
kann wohl mit Recht annehmen, dass die Barmherzigen Schwestern ihre
Fremdarbeiter nicht unmenschlich behandelt haben. Wie auch die anderen kirchlichen Arbeitgeber nahmen die Schwestern darauf Rücksicht, dass
Familien nicht getrennt, sondern gemeinsam beschäftigt wurden. Für eine
gute Behandlung durch die Schwestern spricht auch die Tatsache, dass die
im Mutterhaus eingesetzten Frauen nach Kriegsende freiwillig noch mehrere Monate, teilweise sogar Jahre dort blieben.
Allerdings konnten die Schwestern das tragische Schicksal eines ihrer
Zwangsarbeiter in Adelholzen nicht verhindern. Ein Pole nahm im September 1942 Anstoß daran, dass seine Frau vom Verwalter bei einem Streit ins
Gesicht geschlagen worden war. Auf die deutsche Rechtsprechung vertrauend, erstattete er Anzeige gegen den Verwalter. Statt gegen diesen ging die
Justiz gegen den polnischen Zwangsarbeiter vor. Obwohl der Verwalter sich
vor Gericht ausdrücklich für ihn einsetzte, wurde der polnische Familienvater zu zwei Jahren Straflager verurteilt und starb kurz vor Kriegsende in
einem Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg.
11.6. Einsatz in Lazaretten und
Ausweichkrankenhäusern
Schon in den Jahren 1936 und 1937 gab es Hinweise auf einen drohenden Krieg. 1936 wurden die Barmherzigen Schwestern von den Behörden aufgefordert, eine Luftschutzausbildung zu machen.148 Dazu die Chronik: „Laufend wurden von Hofrat Dr. Schöner im Mutterhaus und in den größeren
Häusern Gas- und Sanitätskurse für alle Münchener Schwestern abgehalten. Von
Luftschutzwarten und vom Wehrkreis selbst wurden Gaskurse anberaumt, bei denen
die Schwestern im Feuerwehranzug mitmachen mussten.“ 149 Bereits 1937 musste der Orden Listen für das Rote Kreuz erstellen, wie viele Schwestern
im Kriegsfall für den Lazarettdienst freigestellt werden könnten. Im Sep203
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
tember 1938 ging ein Schreiben an die in Frage kommenden Schwestern,
wie sie sich im Falle einer Mobilmachung zu verhalten hätten.150 Denn
auch die Nationalsozialisten konnten und wollten nicht auf die Hilfe der
Ordenskrankenschwestern in den Lazaretten verzichten. Allerdings wurden
sie im 2. Weltkrieg nur hinter der Front in den Heimatlazaretten eingesetzt. Schließlich hätten sie nicht zum nationalsozialistischen Erscheinungsbild gepasst. Die Schwestern waren alles andere als traurig darüber, nicht
auch noch in den Frontlazaretten eingesetzt zu werden. Sie hatten in den
Heimatlazaretten mehr als genug zu tun. Da diese Lazarette häufig in den
bestehenden Krankenhäusern eingerichtet wurden, mussten für die Zivilbevölkerung so genannte Ausweichkrankenhäuser geschaffen werden. Da
für diese die Stammkrankenhäuser zuständig waren, in denen die Barmherzigen Schwestern die Pflege hatten, waren sie automatisch auch für die
Pflege in diesen häufig aufs Land ausgelagerten Hilfskrankenhäusern zuständig, was eine ungeheure Mehrbelastung für die Pflegeschwestern und die
Verwaltung bedeutete. Hatten die Barmherzigen Schwestern schon in Friedenszeiten die Hauptlast der Krankenversorgung in München getragen, so
trugen sie jetzt auch die Hauptlast der zusätzlichen Belastung durch die
Lazarette und Hilfskrankenhäuser. Der Chefarzt einer Münchner Klinik, der
dringend um weitere Schwestern bat, die ihm aber das Mutterhaus nicht
stellen konnte, warnte: „Die Arbeitsbelastung der Schwestern in den Ausweichkrankenhäusern und im Stammkrankenhaus ist so außerordentlich groß, daß ich
um ihre Gesundheit in Sorge bin.“ 151 Wenigstens konnte die Ordensleitung
1940 mit einer Eingabe beim Oberkommando der Wehrmacht – unterstützt
durch Schreiben von einer Reihe von Krankenhausdirektoren – erreichen,
dass Kandidatinnen und Novizinnen nicht mehr wie bisher zum Reichs­
arbeitsdienst herangezogen wurden.152
Kardinal von Faulhaber versuchte, den Barmherzigen Schwestern ihren
schweren Arbeitseinsatz etwas zu erleichtern, indem er für sie, die er als
„Handlanger der göttliche Liebe“ sah, eine Reihe von Dispensen aussprach.
So wurden sie vom regelmäßigen Empfang der Beichte, dem Nüchternheitsgebot vor der Kommunion, Pflichtgebeten und in besonderen Fällen
sogar vom Tragen der Ordenskleidung befreit.153
Bereits kurz nach Kriegsbeginn hatten die karitativen Orden auf Anraten des Kardinals weibliche Lehr-, Klausur- und Missionsorden um Unterstützung gebeten. Im November 1939 schrieb Domkapitular Dr. Johannes
Neuhäusler einige Orden an, von denen er annahm, dass sie – beispielsweise durch ihre von den Nationalsozialisten erzwungene Freistellung aus der
Lehrtätigkeit – Kapazitäten frei hätten. Zunächst blieb die Resonanz jedoch
sehr gering. Als der Mangel an Pflegeschwestern noch größer geworden
war, wandte sich das Mutterhaus im Jahr 1941 erneut an zahlreiche Klöster
204
Die Barmherzigen Schwestern unter dem Nationalsozialismus
mit der dringenden Bitte,
ihnen Hilfsschwestern zur
Verfügung zu stellen.154
Dieser Aufruf zeigte endlich eine größere Wirkung.
Nicht nur aus Bayern, sondern aus ganz Deutschland
kamen den Barmherzigen
Schwestern nun andere Ordensschwestern zu
Hilfe. Neben den schon
erwähnten Tutzinger Missionsschwestern, die nach ihrer Vertreibung aus Tutzing im April 1941 in
verschiedenen Niederlassungen der Barmherzigen Schwestern mitarbeiteten, zeigte sich eine Reihe von Orden zur Hilfe bereit. So unterstützten in
den kommenden Jahren zeitweise über 200 Hilfsschwestern anderer Orden
die Münchner Barmherzigen Schwestern im Krankendienst. 155 Allein die
Tutzinger Schwestern stellten eine Zeit lang 60 Hilfsschwestern und ein
Mutterhaus aus dem Rheinland 40 Schwestern. Besonders freuten sich die
Münchner Schwestern auch, als sich das gesamte 13-köpfige Noviziat eines
Dominikanerinnenklosters für ein Aushilfskrankenhaus zur Verfügung stellte. Nicht wenige dieser Hilfsschwestern nutzten diese Zeit, um sich in der
Krankenpflege ausbilden zu lassen.
Auch wenn diese Helferinnen erst noch angeleitet und ausgebildet werden mussten, bedeuteten sie dennoch eine Entlastung der Barmherzigen
Schwestern, die diesen und ihren Ordensleitungen sehr dankbar für diese
Unterstützung waren.
Der Luftkrieg hinterließ in der
Münchner
Innenstadt
nur noch
Ruinen.
Am 31.12.1944 waren noch 159 Hilfsschwestern
von folgenden Orden registriert
Arme Schulschwestern (10)
Augustinerinnen aus dem Rheinland (5),
Benediktinerinnen von Tutzing (9) und Frauenchiemsee (12)
Birgittinnen von Altomünster (4)
Dominikanerinnen von Donauwörth (6), Schlehdorf (12), Strahlfeld (12) und
Volkersberg (8), Elisabethinerinnen aus dem Rheinland (3)
Franziskanerinnen von Mallersdorf (8), der Mutter Schervier (46) und Reutberg (3),
Kapuziner-Klarissinnen (6)
Klaraschwestern von Aiterhofen (3)
Salesianerinnen von Dietramszell (2) und Zangberg (1)
Servitinnen vom Herzogspital (6)
Solanusschwestern (3)
205
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Allerdings sorgten schon bald die feindlichen Fliegerangriffe dafür, dass
die Arbeit der Schwestern, insbesondere in den Münchner Niederlassungen,
in einem unvorstellbaren Ausmaß erschwert wurde: „In Kellern und Bunkern halbzerstörter Krankenhäuser und Kliniken Münchens – und anderer Städte
– versorgten Barmherzige Schwestern Tag und Nacht unter unsäglichen Mühen die
Kranken.“ 156 Für die Münchner Krankenhäuser entstand wegen des Luftkrieges noch eine Reihe weiterer Ausweichkrankenhäuser auf dem Land,
die alle mitversorgt werden mussten.
11.7. Verluste des Ordens durch die Luftangriffe
Wegen der vielen Luftschutzübungen war die Angst vor Luftangriffen bei
den Schwestern schon lange präsent.157 Dennoch waren sie nicht auf das
Ausmaß der Gefahr vorbereitet. Erst nach den ersten Angriffen im Jahr 1940
wurde im Mutterhaus ein Luftschutzkeller eingerichtet. So war man, als nach
einer längeren Pause die Alliierten die Angriffe auf München ab Sommer
1942 wieder aufnahmen, im Mutterhaus etwas besser gerüstet. Bei jedem
Alarm suchten nun alle Schwestern, die nicht als Brandwachen eingeteilt
waren, den Keller auf. Kardinal von Faulhaber hatte den Frauenorden eine
Genehmigung erteilt, dass bei Fliegeralarm, sofern kein Priester im Haus
war, die Oberin oder eine andere Schwester das Allerheiligste mit in den
Luftschutzkeller tragen durfte. Die Chronistin erinnert sich, „wie tröstlich
diese Prozessionen waren, da wir den Herrn bei uns wussten.“ 158 Der Kardinal
bestimmte zudem, dass zehn Minuten nach jedem Fliegerangriff eine Generalabsolution durch alle Priester der Stadt erfolgen sollte.159
Beim ersten größeren Angriff auf die Münchner Innenstadt im September 1942 kam das Mutterhaus mit einem Schaden von 67 Fensterscheiben
noch glimpflich davon. Am 7. September 1943 wurde das Mutterhaus zum
ersten Mal getroffen. Eine Hausecke war von oben bis unten gesprengt. Zum
Glück war niemand verletzt worden. Nach und nach trafen Meldungen
aus den vielen Münchner Niederlassungen ein.Vor allem die Innenstadtkliniken waren zum Teil schwer beschädigt worden. Großes Glück hatten die
in der Maria-Theresia-Klinik von Prof. Lebsche eingesetzten Barmherzigen
Schwestern. Eine Phosphorbombe hatte in einem Gartenhäuschen in die
dort gelagerten 300 Flaschen Adelholzener Wasser eingeschlagen, woraufhin
das Mineralwasser das Feuer löschte, bevor es Schaden anrichten konnte.
Nicht auszudenken, wenn die Bombe statt dessen die nur einige Meter entfernten Ätherbehälter getroffen hätte.
Nach dem Schock dieses Angriffes beschlossen die Ordensoberen, nur
noch die unteren Stockwerke des Mutterhauses zu benützen. Es wurde
206
Die Barmherzigen Schwestern unter dem Nationalsozialismus
außerdem damit begonnen, wertvolle Bilder, Statuen, Bücher, Nähmaschinen, nicht benötigte Wäsche etc. in andere Häuser auszulagern, vor allem
in das als besonders sicher geltende Adelholzen. 1944 wurde die Schreibschwester M. Berthilia Hidringer mit der gesamten Buchhaltung der
Kongregation ebenfalls dorthin evakuiert. Um dem Mutterhaus dennoch
schnellen Zugriff auf die Personaldaten zu ermöglichen, wurden die Daten
aus den alten Personalbüchern auf Dateikarten übertragen, die vor Ort bleiben sollten.
Wegen ihrer zentralen Lage waren vom 1944 noch forcierten Bombenkrieg zunächst in erster Linie das Mutterhaus in der Nußbaumstraße und
das Postulat in der Blumenstraße betroffen. Das Postulatsgebäude wurde
bei fünf Angriffen schwer getroffen und erlitt schließlich am 27.11.1944
einen Totalschaden. Das Mutterhaus wurde siebenmal bombardiert, wobei
am 17.12.1944 die Mutterhauskirche völlig zerstört wurde und das übrige
Mutterhaus so schwer beschädigt wurde, dass nach dem Angriff vom
17.1.1945 kaum noch Räume bewohnbar waren. Glücklicherweise waren
keine Todesopfer zu beklagen.
Ausgerechnet im Erholungsheim Unterhaching, das wegen seiner Randlage als relativ sicher galt, musste die Kongregation die ersten Kriegsopfer
beklagen. Da man dort nicht mit Luftangriffen gerechnet hatte, war auch
der Luftschutzbunker nicht ganz vorschriftsmäßig. In diesem Schutzraum
saßen am Vormittag des 13. Juni 1944 insgesamt 30 Barmherzige Schwestern, darunter 26 Schwestern, die zur Erholung auf den Marxhof gekommen
waren, betend zusammen und hofften, dass der schon seit fast zwei Stunden
anhaltende Angriff auf München bald zu Ende gehen würde. Die Angst der
Schwestern war groß, da sie die Flieger immer in der Nähe hörten. Als sie
schon mit einem baldigen Ende des Angriffs rechneten, schlug eine Bombe
direkt neben dem Bunker ein, so dass die Schwestern verschüttet wurden.
Obwohl die nur leicht verletzte Oberin Schwester M. Amarantha Saxinger
sich schnell befreien und Helfer für die Bergung holen konnte, kam für
einen Teil der Schwestern jede Hilfe zu spät. Elf Schwestern konnten nur
noch tot geborgen werden, eine verstarb kurze Zeit nach der Bergung. 16
zum Teil schwer Verletzte konnten trotz des herrschenden Bettenmangels in
der Münchner Chirurgischen Klinik untergebracht werden. Generaloberin
Schwester M. Castella Blöckl, die unmittelbar nach dem Angriff telefonisch
von dem Unglück verständigt worden war, hatte sich sofort vom Ökonomieleiter von Berg am Laim mit dessen Lastwagen nach Unterhaching bringen
lassen. Dieser transportierte die ersten Verletzten in die Klinik in der Nußbaumstraße, bevor mit dem Sanitätsauto die weiteren Opfer folgten. Noch
am gleichen Abend verstarb dort Schwester M. Polyxena Prager, die als
ambulante Krankenschwester in Unterhaching sehr beliebt war. Zwei wei207
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Gedenkstätte auf dem
Waldfriedhof für die
durch Fliegerangriffe
getöteten
Schwestern.
208
tere Schwestern erlagen ihren Verletzungen
am 23. Juni und am
5. Juli. So waren insgesamt 15 Tote bei diesem Angriff zu beklagen.Von den verletzten
Schwestern waren viele
noch lange leidend.
Nur drei Schwestern,
unter ihnen die Oberin, waren so gut wie
unverletzt geblieben.
Trauer und Betroffenheit waren groß: „Die Anteilnahme von nah und fern
war groß und rührend: Von der Durchgabe der telegrafischen Meldungen an die verschiedenen Angehörigen – die Beamten im Telegrafenamt waren erschüttert – von
den Einwohnern Unterhachings, den Ärzten, Behörden, geistlichen und weltlichen
Stellen, bis zu den Bekannten und Unbekannten – eine allgemeine Trauer.“ 160 Die
Schwestern schmückten ihre toten Mitschwestern mit weißen Schleiern
und Myrtenkränzen. Jede bekam einen Rosenkranz in die Hand, die Jüngste, „unsere lebensfrohe Schwester M. Ingolda“ 161, einen roten. Erschütternd
war auch die Beerdigung von den inzwischen 13 verstorbenen Schwestern
am 17. Juni 1944 auf dem Waldfriedhof. Domkapitular Grassl hielt eine
ergreifende Grabrede: „Der Orden der Barmherzigen Schwestern steht heute
mit seiner Generaloberin vor einem ausgeschaufelten Grab, so groß, so weit, so weheund schmerzvoll, wie noch nie ein Grab sich geöffnet in den 112 Jahren seines
Bestehens in Bayern.“ 162 Als besonders tragisch wurde empfunden, dass bei
diesem Angriff Schwestern ums Leben kamen, die an wesentlich gefährlicheren Orten gearbeitet hatten und zur Erholung in das als sicher geltende
Unterhaching kamen. Drei Schwestern wollten zudem schon am Morgen
ihre Heimreise antreten, mussten aber wegen des Fliegeralarms wieder vom
Bahnhof auf den Marxhof zurückkehren.
Die Luftangriffe nahmen in den folgenden Wochen und Monaten an
Zahl und Intensität weiter zu. Waren in den Jahren 1942 und 1943 je drei
Angriffe auf München geflogen worden, wurden im Jahr 1944 insgesamt 29
Bombardements registriert. Die Tragödie in Unterhaching hatte Angst und
Sorge um das Leben der Mitschwestern noch erhöht. So war es allen Niederlassungen ein besonderes Anliegen, über das Mutterhaus miteinander Kontakt zu halten. Das Mutterhaus verschickte unmittelbar nach jedem Angriff
knapp gefasste „Lebenszeichen“-Karten mit bis zu zehn erlaubten Worten
an die auswärtigen Niederlassungen, um sie über den Zustand der Münch-
Die Barmherzigen Schwestern unter dem Nationalsozialismus
ner Niederlassungen
auf dem Laufenden zu
halten. Später folgten
ausführlichere Berichte.
Als Post- und BahnLebenszeiverkehr in München
chenkarte
immer mehr zum
des Mutterhauses
Erliegen kamen, mussan Superior
ten diese Karten zu
PfaffenFuß weit außerhalb
büchler vom
Münchens transportiert
17. Dezember
werden, bis sie von der
1944
Bahn an ihre Zielorte
mitgenommen werden konnten. Auch die Verbindung nach Adelholzen, wo
der gesundheitlich angeschlagene Ordenssuperior Pfaffenbüchler fast die
gesamte Kriegszeit zubrachte, wurde immer mehr erschwert. Dabei machten sich der Prälat und die Schwestern im Chiemgau große Sorgen um die
Münchner Schwestern, wenn sie die feindlichen Flugzeuge im Anflug auf
München beobachteten. So schrieb der Superior im Juli 1944 an Herrn
Hirschmann, den äußerst zuverlässigen Ökonomieverwalter von Berg am
Laim, der ihm regelmäßig Bericht erstattete: „Sie können sich denken, dass
meine Gedanken oft und oft in München und in Berg am Laim weilen, besonders dann, wenn ich von einer Gefahr höre oder gar voraussehe wie es der Fall ist,
wenn die Flieger hoch über Adelholzen gehen nach Norden und dann nach Westen
schwenken, worauf ich dann die Detonationen der Geschosse zu Gehör bekomme;
die Erholungsschwestern, welche solche Angriffe erlebt haben, sind dann, je nach
ihren Nerven, mehr oder weniger aufgeregt.“ 163
Selbst zwischen den Münchner Niederlassungen wurde es mit zunehmender Intensität des Kriegsgeschehens immer schwieriger, Verbindung
zu halten. Schon der kurze Weg vom Postulat zum Mutterhaus durch die
nach einem Bombardement brennende Stadt konnte lebensgefährlich sein.
In einem Bericht an die auswärtigen Filialen beschreibt die Generaloberin
diese Ausnahmesituation: „Soweit, meine lieben Schwestern, sind uns Nachrichten zugegangen. Es konnte nur durch Boten geschehen, die mühsam durch die
zerstörten Stadtteile kommen; denn München ist ohne Telefon, ohne Licht, ohne
Gas, ohne Sirene, ohne Wasser… Ich weiß nicht, ob Ihr ermessen könnt, in welcher
Bedrängnis unsere Schwestern waren, namentlich der betroffenen Anstalten; diese
Not und Angst und Sorge um die Anvertrauten; dann die viele Arbeit nach den
Angriffen.“ 164
Die Schwestern in den Niederlassungen mussten sich trotz ihrer eigenen
Angst erst um die ihnen anvertrauten Kranken, Kinder und alten Leute
209
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Das Mutterhaus
nach dem
schweren
Luftangriff vom
17. Dezember
1944
kümmern: „Wenn auch die Kranken zum Teil in den Kellern blieben, so war es
doch eine übergroße Belastung, die Operierten, die Schwerkranken, die Kinder alle
zu bergen.“ 165
Und nach dem Angriff mussten die Schwestern die Brände löschen, wobei
häufig die Erschwernis hinzukam, dass das Löschwasser ausging. Sehr dankbar waren die Schwestern im Mutterhaus und im Postulat, als ihnen immer
wieder Soldaten aus der Kaserne in der Blumenstraße zu Hilfe kamen. Bei
dem durch Phosphorbomben ausgelösten verheerenden Brand der Mutterhauskirche, der auch das Mutterhaus selbst zu zerstören drohte, standen die
Schwestern zunächst jedoch ganz ohne Hilfe. Die Löschtrupps mussten verständlicherweise zunächst versuchen, die in Brand stehenden umliegenden
Kliniken zu retten. Erst als ein Löschtrupp, der für die Chirurgische Klinik
anrückte, gesehen hatte, dass dort jede Hilfe zu spät kam, konnte mit seiner
Hilfe ein Teil des Mutterhauses gerettet werden. Aber wie sah es nach den
Bränden aus? Die Häuser mussten notdürftig wieder abgedichtet werden.
Häufig blieben offene Stellen im Dach, so dass bei jedem Regen trotz Fliegergefahr Wasser geschöpft werden musste. Und wie war bei diesem Chaos
noch der Alltag zu bewältigen? Es gab kaum noch Möglichkeiten, die viele
Wäsche der Krankenhäuser zu waschen. Zum Kochen kamen viele Bewohner der umliegenden Häuser ins Mutterhaus, da sie nach dem Ausfall der
Gasversorgung zu Hause nicht mehr kochen konnten. Zum Schlafen hatte
man im Mutterhaus nur noch einige Gemeinschaftsräume notdürftig hergerichtet. Gegen Ende des Krieges zog man ganz in den Keller. An Schlaf
war wegen der vielen nächtlichen Angriffe sowieso häufig nicht mehr zu
denken. Obwohl ihre Schwestern sie immer wieder darum baten, lehnte es
die Generaloberin ab, sich außerhalb Münchens, gedacht wurde in erster
210
Die Barmherzigen Schwestern unter dem Nationalsozialismus
Die Ruinen der
Münchner
Frauenkirche
Linie an Planegg, in Sicherheit zu bringen. Sie wollte mit ihren Mitschwestern im Mutterhaus ausharren.
Besonders eindrucksvoll ist der Bericht des Mutterhauses über die letzten Kriegsmonate. Den Heiligen Abend 1944, einige Tage nach dem Verlust
der Mutterhauskirche und eines Teils des Hauses, begingen die Schwestern
wegen eines mehrstündigen Angriffs im Keller. Auch am Weihnachtstag
mussten sie dort Schutz suchen.Trotz der Gefahr kamen an diesem Tag viele
Besucher, unter ihnen auch Kardinal von Faulhaber, um die Schwestern zu
trösten. Bis zum Dreikönigstag herrschte Ruhe, die die Schwestern nutzten,
einige Räume notdürftig wieder herzurichten. Doch schon am Abend des
6. Januars entbrannte der Luftterror erneut mit größter Vehemenz. Wieder
brannte das Mutterhaus.
In den kommenden Wochen verstärkte sich die Sorge um die auswärtigen Niederlassungen, denn nun wurden von den alliierten Bombern auch
kleinere Orte angegriffen. Und bei diesen Angriffen in den letzten Kriegsmonaten sollten die Schwestern weitere Todesopfer zu beklagen haben. Am
22. Januar 1945 warfen die feindlichen Flieger über Sonthofen, das sie vorher immer nur überflogen hatten, Bomben ab. Die Zerstörung des dortigen
Heilig-Geist-Spitals kostete drei der fünf in dieser Niederlassung tätigen
Barmherzigen Schwestern und einigen der ihnen anvertrauten alten Menschen das Leben. Nur drei Tage später kamen bei der Bombardierung des
Münchner Ostens drei weitere Barmherzige Schwestern in Berg am Laim
ums Leben. Zwei Schwestern hatte man nur noch tot unter einer eingestürzten Treppe bergen können. Eine ältere Schwester erlitt durch die Aufregung einen Herzstillstand. Am 9. April 1945 traf es das als sicher geltende
Planegg. Trotz des großen materiellen Schadens war man dankbar, dass dieser Angriff kein Menschenleben forderte. In Aschaffenburg, das bereits seit
211
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
1942 Angriffsziel gewesen war, war im November 1944 das Krankenhaus
zerstört worden. Immer mehr auswärtige Niederlassungen wie beispielsweise Bamberg, Passau, Erding, Landshut, Regensburg und Ingolstadt waren
nun von Luftangriffen betroffen. Bei dem Bombardement von Donauwörth
am 19. April 1945, bei dem sowohl das Spital als auch das Krankenhaus vernichtet wurden, wurden zwei Barmherzige Schwestern verletzt. Die Oberin
der ambulanten Station, Schwester M. Ismeria Rosenbaum, galt als vermisst
und konnte erst nach Wochen, als der Krieg bereits zu Ende war, tot unter
den Trümmern geborgen werden.
Am 29. April, als die Amerikaner bereits vor München standen, geriet die
Niederlassung in Berg am Laim noch einmal in höchste Gefahr. Die erzwungene Unterbringung des Flak-Überprüfungskommandos in einem Teil des
Klosters hatte sich während des Krieges als sehr günstig erwiesen, da die
Soldaten nach den Angriffen immer schnelle Hilfe beim Löschen der Brände und der Bergung Verschütteter leisteten. Am Kriegsende hätte diese Einquartierung beinahe fatale Folgen gehabt. Ein großer Teil der Soldaten hatte
den Krieg bereits verloren gegeben und sich Zivilkleidung besorgt, um sich
vor dem Einmarsch der Amerikaner abzusetzen. Allerdings war kurz vorher
ein neuer Befehlshaber eingesetzt worden, der darauf bestand, zusammen mit
den Luftwaffenhelfern, 16- und 17-jährigen Jugendlichen, die Stellung bis
zum letzten Mann zu verteidigen. Durch das heftige Flakfeuer direkt hinter
dem Kloster wurde dieses zum Angriffsziel für die Amerikaner. Bei dem
schweren Beschuss wurde die St. Michaelskirche getroffen und das Altarbild
stark beschädigt. Die Schwestern waren erschüttert über diese sinnlose Zerstörung. Glücklicherweise setzten sich die Offiziere und erwachsenen Soldaten schließlich doch ab und so konnten die amerikanischen Soldaten das
Kloster widerstandslos einnehmen. Als sie in dem „Widerstandsnest“ nur
noch die Schwestern und Flakjungen entdeckten, entspannte sich die Lage.
Ein Fall von „Selbsterhöhung“
Dass die Schwestern selbst unter widrigsten Umständen im Luftschutzkeller
nie ganz ihren Humor verloren, zeigt
folgende Anekdote: Die Schwestern
mussten sich im Mutterhauskeller notdürftige Schlafstätten einrichten, wobei
sie sich als recht einfallsreich erwiesen.
Schwester M. Tertulliana Berghofer,
Mesnerin und Nähschwester, stapelte mehrere Kisten mit Nähutensilien
212
übereinander und legte ihre Matratzen
obenauf. Die Schwester, von recht kleiner Statur, konnte ihr so hochgelegenes
Bett nur noch mit Hilfe einer Staffelei
erreichen, fühlte sich aber offensichtlich
dort oben recht wohl. Allerdings sorgte
sie mit dieser ausgefallenen Bettstatt
für Aufsehen und wurde nun ausgiebig wegen ihrer „Selbster­höhung“
geneckt.167
Die Barmherzigen Schwestern unter dem Nationalsozialismus
Nach kurzem Misstrauen zeigten sich die Amerikaner schnell sehr freundlich gegenüber den Schwestern und den „Children“.
Ähnliche Erfahrungen machten auch die in den letzten Wochen im
Mutterhauskeller ausharrenden Schwestern. Hin und Her gerissen zwischen
dem Hoffen auf ein baldiges Kriegsende und dem Bangen, wie die einmarschierenden Amerikaner sich verhalten würden, hatten sie dort betend
abgewartet, was passieren würde. Wie froh waren sie, als sie bald nach dem
Einmarsch der Amerikaner erfahren durften, dass diese ihnen grundsätzlich freundlich gesinnt waren. Und vor allen Dingen war die Erleichterung
unendlich groß, dass endlich der lang ersehnte Friede herrschte: „Wenn auch
alles Schutt und Asche war und München eine einzige Ruine zu sein schien: es war
Friede, das war genug. Man hatte ruhiges Arbeiten, man hatte ungestörte Nächte,
man hatte den Frieden.“ 166
Traurig war die Bilanz des Mutterhauses am Ende dieses schrecklichen
Krieges: 21 Barmherzigen Schwestern brachte er durch die Bombenangriffe den Tod. Zudem starben viele Schwestern aufgrund der übermenschlichen Belastung in diesen Jahren frühzeitig. So sank die durchschnittliche
Lebenserwartung von 57,2 Jahren (1938) auf 52,5 Jahre (1945), die Zahl der
verstorbenen Schwestern stieg von 26 (1938) auf 62 (1945).168
Der Gesamtschaden an den ordenseigenen Gebäuden betrug grob
geschätzt 1,6 Millionen Reichsmark. Das Postulatsgebäude war zu 100 %
zerstört, das Mutterhaus zu zwei Dritteln beschädigt. In München waren
fast alle Niederlassungen nur noch Ruinen. Die einzige Münchner Niederlassung, die den Bombenkrieg fast unbeschädigt überstanden hatte, war
die Maria-Theresia Klinik von Prof. Lebsche am Bavariaring. Viele gläubige Katholiken sahen in der Verschonung dieser Klinik inmitten der um
sie herum entstandenen Trümmerwüste das Wirken der Muttergottes. Prof.
Lebsche, ein glühender Marienverehrer, hatte dem Gnadenbild der Schmerzhaften Muttergottes der zerstörten Herzogspitalkirche, von der eine wundersame Augenwende überliefert ist, in seinem Krankenhaus Asyl gewährt.
Die Maria-Theresia-Klinik wurde in den letzten Kriegsmonaten ein Ort
intensivsten Gebetes.Viele gläubige Münchner kamen wegen der seit Januar
1945 aus der zerbombten Fronleichnamskapelle hierher verlegten Ewigen
Anbetung und wegen der Madonna in die Klinik.
*
213
K a p i t e l 12
Wiederaufbau und neue Wege
12.1. Beseitigung der Trümmer
Die Generaloberin beschloss, am 8. Mai 1945 mit der Beseitigung der
Trümmer zu beginnen. Sie hatte dieses wahrhaft historische Datum gewählt,
ohne vorher zu ahnen, dass an diesem Tag der Krieg in Deutschland offiziell zu Ende gehen sollte. Als erstes sollte der Schutt aus der zerstörten
Mutterhauskirche entfernt werden. Mit einer kaum vorstellbaren Energie
machten sich die Schwestern an die Arbeit, um ihr Ziel zu erreichen, das
Fest Christi-Himmelfahrt am 10. Mai in der Ruine der Mutterhauskirche
feiern zu können. Angespornt durch die Generaloberin, die es sich nicht
nehmen ließ, mit anzupacken und den ersten Schubkarren mit Schutt belud
und wegfuhr, überboten sich die Schwestern gegenseitig in ihrem Arbeitseifer. Schnell fanden sich auch noch Krankenhausangestellte und Geistliche
als Helfer ein. Mit diesem ungeheuren Arbeitseinsatz gelang es tatsächlich,
in zwei Tagen die Mutterhauskirche so
weit von Trümmern zu befreien, dass
das hochgesteckte Ziel erreicht wurde:
am 10. Mai 1945 feierten die Barmherzigen Schwestern voll DankbarGeneralobekeit und Freude den Himmelfahrtstag
rin Schwesunter freiem Himmel in den Ruinen
ter M. Casihrer Mutterhauskirche. Glücklichertella Blöckl
weise war schönes Wetter. Die ameführte die
rikanischen Flugzeuge am Himmel
Kongregation in den
stellten glücklicherweise keine Bedroschweren
hung mehr dar.
Zeiten des
Nach diesem Fest ging das
Krieges und
Schutträumen
unvermindert weiter.
der ersten
Bis
Pfingsten
sollte
auch der Schutt
Nachkriegszeit.
im Mutterhaus und im Lichthof besei­
214
Wiederaufbau und neue Wege
Prozession in der
zerstörten
Stadt
tigt werden. Während auch das Pfingstfest bei schönem Wetter am 20. Mai
festlich begangen werden konnte, mussten die Prozessionen am Fronleichnamstag, dem 31. Mai 1945, um einige Tage verschoben werden. Am Tag
davor hatte ein schwerer Hagel gewütet und unter anderem das Getreidefeld in Berg am Laim und den Gemüsegarten im Mutterhaus schwer
geschädigt. Nach dem Unwetter setzte starker Dauerregen ein, so dass die
Schwestern, deren Mutterhaus auf der Nordseite immer noch kein Dach
hatte, mit dem Wasserschöpfen kaum mehr nachkamen. Umso erleichterter
war man, als am 1. Juni das Wetter wieder schön wurde. Zwei Tage später,
am 3. Juni, fand mit rund 20.000 Teilnehmern in aller Feierlichkeit die
Fronleichnamsprozession in München statt. Sie wurde von den Katholiken
als wahrer Triumphzug erlebt. Unendlich groß war die Freude, den Glauben
nach all den dunklen Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft wieder in
der Öffentlichkeit zeigen zu können.
Wie schon in den letzten Kriegswochen war in den ersten Nachkriegswochen eine der größten Sorgen des Mutterhauses der Kontakt mit den
auswärtigen Filialen. Besondere Freude herrschte deshalb, als die Generaloberin am 1. Juni endlich die Schwestern und Superior Pfaffenbüchler in
Adelholzen besuchen konnte. Die amerikanische Militärregierung hatte ihr
die Sondergenehmigung erteilt, für notwendige Fahrten das Auto von Berg
am Laim zu benützen.Vorher hatte Prof. Lebsche, der als einer der wenigen
sehr schnell sein Auto wieder benützen durfte, für wichtige Fahrten den
Chauffeur gemacht.
Da der Bahn- und Postverkehr immer noch unterbrochen war, konnte die Verbindung zu den meisten Niederlassungen nur über Boten hergestellt werden. So dauerte es lange, bis endlich auch zu den weiter entfernten Niederlassungen wie Bayreuth und Regensburg wieder Kontakt
hergestellt werden konnte. Die größten Sorgen machte man sich um die
215
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
beiden Schwestern, die Bischof von Preysing in Berlin den Haushalt führten. Im Krieg waren sie ausgebombt worden und hatten mehrmals ihre
Notunterkünfte wechseln müssen. Schon damals hatte man in München
oft wochenlang nichts mehr von ihnen gehört. Jetzt, nach Kriegsende, blieb
das Mutterhaus mehrere Monate im Ungewissen über ihr Schicksal. Erst im
September kamen beruhigende Nachrichten aus Berlin.
12.2. Sondereinsätze in der unmittelbaren
Nachkriegszeit
Trotz der eigenen Sorgen kümmerten sich die Schwestern um die vielen
Mitmenschen, die gerade in diesen ersten Nachkriegswochen ihre Hilfe
brauchten. Da in München die Nahrungsmittelversorgung sehr mangelhaft
war, herrschte großer Andrang an der Mutterhauspforte, wo die Barmherzigen Schwestern Tee und Suppe für die Hungrigen ausgaben. Diese Notversorgung nahmen nicht nur Arme in Anspruch, sondern auch Reisende, die
sonst keine Möglichkeit sahen, in München an etwas Essbares zu kommen:
„In der Großstadt war die Beschaffung von Lebensmitteln fast unmöglich, besonders
der Produkte, die täglich frisch vom Lande kamen. In keinem Gasthaus der Stadt
gab es Suppe, Brot etc. Nur bei den Barmherzigen Schwestern in der Nußbaumstraße gab es warme Suppe, das sprach sich herum. Unsere Pfortenspeisung dehnte sich
nicht nur auf die Armen aus. Es kamen Handwerker und Geschäftsleute und manch
besserer Herr war froh, wenn er eingeladen wurde, an der Pforte Mittag zu machen.
Leute, die am Bahnhof ankamen, fragten gleich nach der Nußbaumstraße, weil sie
in Würzburg oder Nürnberg gehört hatten, dort gäbe es Suppe.“ 169
Auch viele ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager in Dachau
kamen an die Pforte und berichteten den erschütterten Schwestern von
ihren Erlebnissen. Keiner konnte am Kriegsende mehr die Augen davor
verschließen, wohin die NS-Ideologie geführt hatte: „Aus den Konzentrationslagern strömten die Gefangenen heraus, furchtbare Dinge wurden offenbar.“ 170
Kaum einem jedoch wurde das Ausmaß der Grausamkeit in den Lagern
so deutlich vor Augen geführt, wie einigen Barmherzigen Schwestern, die
von den amerikanische Behörden zu Sondereinsätzen bei der Pflege von
ehemaligen KZ-Häftlingen herangezogen wurden.
So mussten die Schwestern der ambulanten Pflegestation in Landsberg auf
Befehl der amerikanischen Behörden die Pflege der schwerkranken Juden
des befreiten KZ Kaufering-Landsberg übernehmen. Der Bürgermeister
war angewiesen worden, für die Pflege der Lagerinsassen Ordensschwestern ins Lager zu schicken. So machten sich am 29. April 1945 Schwester
M. Betha Blöchl und Schwester M. Reinlinde Rast in Begleitung eines
216
Wiederaufbau und neue Wege
Arztes, zweier Sanitäter und der Schwester des Bürgermeisters zum Lager
auf. Schon der Weg dorthin war sehr beschwerlich, da wegen der Sprengung der Brücken durch die Deutschen große Umwege gemacht werden
mussten. Schwester M. Betha berichtete später ans Mutterhaus: „Schwester
M. Reinlinde und ich beteten im Stillen ohne Unterlass auf dem Weg dorthin. Wir
fühlten, dass wir vor eine große Aufgabe gestellt wurden. Aber, wie konnten wir
auch nur ahnen, was Schreckliches auf uns wartete.“ 171 Im Lager befanden sich
885 Menschen, darunter an die 300 Schwerkranke. Schwester M. Betha
beschreibt das Krankenrevier, in dem etwa 50 Kranke lagen: „Unvergesslich
bleibt uns der grauenvolle Anblick, unbeschreiblich der Jammer und das Elend, das
uns hier empfing, das Heulen und Schreien der Kranken. Wir fanden hier etwa 50
Kranke, total verkommen und verwahrlost, starr von Schmutz und Läusen, zum
Skelett abgemagert, in Lumpen gehüllt… Großes Entsetzen befiel uns, als wir
die Kranken in solch menschenunwürdigen Unterkünften antrafen.“ Obwohl die
Amerikaner sie eindringlich vor dem im Lager grassierenden Fleckfieber
gewarnt hatten, dachten sie nicht mehr an ihre eigene Gefährdung: „Beim
Anblick all dieses Elends hatten wir all die Gefahren der Ansteckung vergessen. Aber
was waren hier auf diesen ausgedehnten Arbeitsfeldern zwei armselige Schwestern?
Im ganzen Lager kein Tropfen Wasser, kein Licht – Verbandmaterial hatten wir mitgebracht.“ Strömender Regen, der in Schnee überging, erschwerte die Lage
zusätzlich. Einige Tage arbeiteten die beiden Schwestern, im Wechsel mit
zwei weiteren Barmherzigen Schwestern, Schwester M. Jolenta Beyer und
Schwester M. Ursinella Fleischmann, unter unvorstellbar schweren Bedingungen, um den Kranken und Sterbenden nach ihren Kräften beizustehen.
„Tief beschämte uns die wiederholte Anklage, dass es Deutsche waren, die diese Verhältnisse zugelassen und geduldet haben. Nun hatten wir Gelegenheit ein wenig gut
zu machen, was andere verbrochen hatten.“ Da auch die Amerikaner einsahen,
dass im Lager keine ordentliche Krankenpflege möglich war, transportierten
sie die Kranken nach und nach in die Landsberger Kaserne. Allerdings war
auch diese völlig überbelegt und in einem jämmerlichen Zustand. Zunächst
fehlten auch hier Strom und Wasser, aber immerhin hatten nun alle ein
Dach über dem Kopf. Die Barmherzigen Schwestern blieben hier weiterhin für die Pflege der Kranken zuständig, unter denen viele an Typhus und
Fleckfieber litten. Während die Schwestern M. Betha und M. Reinlinde
nach einigen Wochen wieder in ihre ambulante Pflegestation zurückkehren
durften, mussten die beiden anderen Schwestern noch bis Anfang August in
der Kaserne durchhalten.
Auch im Krankenhaus Eggenfelden pflegten die Barmherzigen Schwestern viele ehemalige KZ-Häftlinge, die dort von den Amerikanern eingewiesen worden waren. Die meisten von ihnen waren typhuskrank und
befanden sich in einem grauenvollen Allgemeinzustand.
217
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Sterbezimmer des
seliggesprochenen
Priesters
Karl Leisner
im Wald­
sanatorium
bei Planegg
Da die Amerikaner
schnell Vertrauen zu den
Barmherzigen Schwestern gefasst hat­ten, übertrugen sie ihnen in vielen
Krankenhäusern
die Pflege der ausländischen Patienten. Auch
im Münchner Ausländerkrankenhaus in der
Schwabinger Rümannstraße waren die Schwestern tätig. Dieses Haus
war ursprünglich als städtisches Altenheim gebaut, aber nach Fertigstellung
als Lazarett genutzt worden.Von Juni 1945 bis März 1951 diente es als Krankenhaus der UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration), einer Organisation der Vereinten Nationen (UNO), die für die so
genannten „displaced persons“ zuständig war. Diese entwurzelten und heimatlos gewordenen Menschen waren in erster Linie ehemalige KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter, die nicht mehr in ihre Heimat zurück konnten
oder wollten. Auch der Strom der Flüchtlinge und Vertriebenen aus den
deutschen Ostgebieten stellte für die Schwestern eine große Herausforderung dar.
Bei der Pflege der vielen typhuskranken KZ-Häftlinge und Flüchtlinge war es nicht verwunderlich, dass zwischen 1945 und 1947 auch zwölf
Barmherzige Schwestern an Typhus starben.172 Darunter war auch die schon
mehrfach erwähnte Schwester M. Gradulpha Lehnert, die leibliche SchwesDie Rettung kam zu spät:
Der selig gesprochene Priester Karl Leisner
Im Waldsanatorium der Barmherzigen
Schwestern in Planegg starb am 12.
August 1945 der 1996 selig gesprochene
Priester Karl Leisner (1915-1945). Auch er
war ein Opfer der Nationalsozialisten,
die ihn als jungen Diakon wegen systemfeindlicher Äußerungen im November 1939 verhaftet hatten. Ab Dezember 1940 war er im Konzentrationslager
Dachau inhaftiert, wo er im Dezember
1944 geheim und unter schwierigsten
218
Umständen durch einen inhaftierten
französischen Bischof zum Priester
geweiht wurde. Während der Haft verschlechterte sich sein Gesundheitszustand zunehmend. Bei der Befreiung
aus dem Konzentrationslager war seine
Tuberkulose schon so weit fortgeschritten, dass es keine Rettung mehr gab.
Freunde brachten ihn zu den Barmherzigen Schwestern in Planegg, die ihn bis
zu seinem Tod liebevoll pflegten.
Wiederaufbau und neue Wege
ter von Schwester Pascalina, der Haushälterin von Papst Pius XII. Schwester
M. Gradulpha hatte am Städtischen Krankenhaus in Traunstein die Isolierstation geleitet, bis sie selbst an Typhus erkrankte und im November 1946
verstarb.173
Auch ohne diese sehr belastenden Sonderaufgaben wären die Schwestern ausgelastet gewesen. Weiterhin mussten sie, teilweise noch Jahre lang,
die vielen Ausweichkrankenhäuser aufrechterhalten, bis die Kliniken in
München wieder aufgebaut waren. Die Hilfsschwestern der anderen Orden
aber waren für Aufgaben ihrer eigenen Gemeinschaften abgezogen worden.
Auch in München selbst gab es viel zu tun. So arbeiteten die Barmherzigen
Schwestern weiterhin im Schwabinger Krankenhaus, das die Amerikaner
beschlagnahmt und zum Amerikanischen Hospital umfunktioniert hatten. Hier waren ein gewisses Maß an Englischkenntnissen und Flexibilität
gefordert.
Die Maria-Theresia-Klinik wurde in der unmittelbaren Nachkriegszeit
zum Zentrum der Gesundheitsversorgung in München. Die Amerikaner
hatten dem politisch unbelasteten Chirurgen Prof. Lebsche eine zentrale
Rolle bei der Neuorganisation der Münchner Gesundheitsversorgung eingeräumt. Seine kleine Privatklinik hatte zudem als einziges Krankenhaus
weit und breit die Bombenangriffe unbeschädigt überstanden, wodurch
sie ein wichtiges Auffangbecken für Patienten aus weitem Umkreis wurde.
Viele Operationen wurden hier durchgeführt, die sonst nur in den Universitätskliniken üblich waren. Für die Barmherzigen Schwestern an der ­Klinik
bedeutete diese Sonderstellung der Klinik und ihres Chefs eine große
Mehrbelastung in der Pflege und Verwaltung.
12.3. Wiederaufbau des Mutterhauses
Die Barmherzigen Schwestern gingen mit viel Elan den Wiederaufbau ihres
Mutterhauses an. Im Februar 1946 erhielten sie die Baugenehmigung. Allerdings erwies sich das Unternehmen wegen der großen Materialknappheit
als sehr schwierig. Für alles benötigte man Bezugsscheine. Wegen des großen Mangels an Nägeln mussten die Schwestern in allen ihren Filialen eine
Nagelsammelaktion durchführen. Hatte man endlich die dringend benötigten Materialien, musste man sie gut bewachen, damit sie nicht über Nacht
wieder verschwanden.
Dementsprechend groß war die Freude, als nach all den Schwierigkeiten
die wieder aufgebaute Mutterhauskirche eingeweiht werden konnte: „Der
Weiße Sonntag (24. April) 1949 wird zum Meilenstein in der Geschichte unseres
Ordens und er wird davon zeugen, dass auch die furchtbaren Erschütterungen der
219
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Einweihung
der wiederaufgebauten
Mutterhauskirche 1949:
Kardinal
von Faulhaber zieht
mit den
Schwestern
und Superior
Nißl in die
Kirche ein.
vergangenen Jahre das Werk des hl. Vinzenz in unserem Vaterlande nicht zerstören
konnten, sondern dass aus den Ruinen neues Leben blüht.“ 174
1950 wurden auch die Bauarbeiten am Mutterhaus abgeschlossen.
Der seit 1914 amtierende Superior Prälat Pfaffenbüchler durfte den
Abschluss des Wiederaufbaus der Ordenszentrale nicht mehr erleben. Er
verstarb am 3. Februar 1947 in Adelholzen. Zum neuen Superior wurde im
Juli 1947 der Stadtpfarrer von St. Ludwig in München, Karl Nißl, ernannt.
Zusammen mit der beim Generalkapitel im November 1947 wiedergewählten Generaloberin Schwester M. Castella Blöckl stellte dieser nun die
Weichen für die Zukunft, die zunächst sehr hoffnungsvoll aussah. In den
ersten drei Nachkriegsjahren war die Zahl der Neueintritte erfreulich hoch.
Im Jahr 1947 stieg die absolute Zahl der Ordensschwestern mit dem Eintritt
von 55 Kandidatinnen noch ein letztes Mal auf insgesamt 2645 an. Seit dem
Höchststand von 1938 mit 2837 Mitgliedern war die Zahl kontinuierlich
zurückgegangen.175 Die Zunahme der Neueintritte unmittelbar nach dem
Krieg lässt sich mit einem gewissen Überhang aus den letzten Kriegsjahren
erklären. Viele junge Frauen hatten ihren Ordenseintritt bis nach Kriegsende zurückgestellt, meist aus Rücksicht auf ihre Familien, die ihre Mithilfe beispielsweise in ihrem landwirtschaftlichen Betrieb benötigten. Schon
unmittelbar nach dem Krieg kamen die ersten Anmeldungen. Die Chronik
berichtet von einer Bewerberin aus Aschaffenburg, die sich zu Fuß bzw. per
Anhalter auf den Weg nach München machte. In diesen ersten Nachkriegsjahren wurden die Einkleidungs- und Professfeiern in St. Michael in Berg
am Laim gefeiert. Groß war die Freude, als 1949 diese Feiern in die wieder aufgebaute Mutterhauskirche zurückverlegt werden konnten. Die erste
Einkleidungsfeier darin fand schon zwei Wochen nach der Einweihung statt.
220
Wiederaufbau und neue Wege
Das wiederaufgebaute
Mutterhaus
1950. Der
Chor der
Mutterhauskirche
wurde beim
Wiederaufbau
verlängert.
Die neu eingekleideten Novizinnen erhielten die Namen der 21 im Krieg
getöteten Schwestern.
1946 kehrte nach 34 Jahren das Noviziat nach Berg am Laim zurück.
1912 war es von dort für drei Jahre nach Adelholzen verlegt worden. Von
1915 bis 1944 befand es sich im Mutterhaus, wurde aber 1944 wegen der
Fliegerangriffe nach Planegg ausgelagert. Da das Postulatsgebäude zerstört
worden war, wurde auch das Postulat in Berg am Laim untergebracht.
Nach dem „Boom“ von 1947 ging die Zahl der Kandidatinnen allerdings
kontinuierlich zurück. Der Nachwuchsmangel und der damit verbundene
Rückgang der Schwesternzahl machten sich in den folgenden Jahren bereits
bemerkbar und nahm immer größeren Einfluss auf die Entscheidungen der
Ordensleitung.
Pilgerreisen nach Rom im Heiligen Jahr 1950
Im Mai 1950 reiste die Ordensleitung
nach Rom. Schwester M. Berthilia Hidringer durfte sie begleiten. Schwester
Pascalina Lehnert, die schon mehrmals
erwähnte Haushälterin des früheren
Nuntius Pacelli, des nun seit 1939 amtierenden Papstes Pius XII., hatte alles für
einen angenehmen Aufenthalt vorbereitet. Kardinal von Faulhaber, ebenfalls
gerade in der Ewigen Stadt, empfing
die Delegation und ernannte bei die-
sem Anlass den neuen Superior Karl
Nißl zum Prälaten. Höhepunkt des Aufenthalts war die Audienz beim Heiligen
Vater, der nach wie vor großen Anteil
an der Münchner Kongregation nahm.
Nicht nur die Ordensleitung pilgerte im
Heiligen Jahr nach Rom, sondern auch
eine große Anzahl der Schwestern,
nämlich insgesamt 120, durfte diese
besondere Freude erleben.
221
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
12.4. Neue Entwicklungen in Indersdorf und Landshut
Schon kurz nach Kriegsende nahm Superior Pfaffenbüchler Verbindung mit
dem Ordinariat auf, um die Möglichkeit einer Rückkehr der Barmherzigen
Schwestern nach Indersdorf zu besprechen. Und tatsächlich sollte diese
bald erfolgen, allerdings unter anderen Bedingungen, als die Schwestern sie
erhofft hatten. Anfang Juli wurde die Ordensleitung von der amerikanischen
Besatzungsmacht verständigt, dass das Kloster Indersdorf von der UNRRA
beschlagnahmt worden sei. Es sollten dort ca. 300 Kinder betreut werden,
deren Eltern in den Konzentrationslagern getötet worden waren oder als
vermisst galten. In Indersdorf sollten sie bleiben, bis sich entweder doch
noch die Eltern meldeten oder eine Adoption zustande kam. Die Amerikaner ordneten an, das Mutterhaus solle für diese Aufgabe Schwestern zur
Verfügung stellen. So machten sich am 11. Juli 1945 fünf Schwestern auf den
Weg nach Indersdorf. Fünf weitere sollten in Kürze folgen. Die Schwestern
wurden von der Indersdorfer Bevölkerung freudig begrüßt. Immer wieder
hörten sie: „Mei Schwestern, weil’s no wieder da seid’s.“ 176 Die Ordensfrauen
kamen zwar mit ihren amerikanischen Vorgesetzten gut zurecht, konnten
sich aber mit dem Mangel an Ordnung und Erziehung, der in dem Heim
herrschte, nur schwer identifizieren. Als die UNRRA im Sommer 1946 mit
den Kindern nach Prien am Chiemsee umzog, konnten die Barmherzigen
Schwestern wieder ins Mutterhaus zurückkehren. Nach dem Abzug der
UNRRA nutzte eine andere Flüchtlingsorganisation der UNO, die IRO
(International Refugee Organization), das Kloster für die Unterbringung
von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, im Alter von 16-26 Jahren.
Diese jungen Menschen waren Vollwaisen, meist jüdischer Abstammung,
die unter der nationalsozialistischen Herrschaft Furchtbares erlebt hatten.
Nicht wenige hatten die Ermordung ihrer Eltern mit ansehen müssen und
selbst nur überlebt, weil ihre Arbeitskraft noch ausgebeutet werden sollte.
Ihren Hass und ihre Zerstörungswut ließen sie am Inventar des Klosters aus,
wohl in der irrigen Annahme, es handle sich um NS-Eigentum. Nach ihrem
Abzug im August 1948 ließen sie das Haus völlig verwüstet zurück.
Die Ordensleitung hatte seit Jahren mit dem Eigentümer des Klosters,
dem Freistaat Bayern, Verhandlungen wegen einer erneuten Übernahme
geführt. Allerdings bestand sie darauf, die Niederlassung käuflich zu erwerben.Auf einen Pachtvertrag wollte man sich nach den Erfahrungen von 1938
nicht mehr einlassen. Gerade angesichts des heruntergekommenen Zustands
und der damit nötigen Investitionen an Geld und Arbeit wollte man nicht
riskieren, bald wieder vor die Tür gesetzt zu werden. Auch der neue Superior Karl Nißl war als gebürtiger Indersdorfer sehr an dem Kauf des Klosters
interessiert. Am 1. August 1949 ging das Kloster schließlich in den Besitz des
222
Wiederaufbau und neue Wege
Ordens über. Schon
im November 1948
hatten Schwester M.
Schwester
M. AdelgunAdo Ehrensberger und
de Flier mit
Schwester M. Sentiaukrainischen,
na Kundler die mühekroatischen
volle Arbeit übernomund franmen, das Haus wieder
zösischen
Kleinkinbewohnbar zu machen.
dern beim
Bald wurden sie dabei
UNRRAvon der neuen Oberin
Einsatz in
Schwester M. Adrama
Indersdorf
Kuchler unterstützt.
1946
Nun stand die
Frage im Raum, wie man das Kloster in Zukunft nutzen sollte. Als Erstes
knüpften die Schwestern an die Tradition der Kinderbetreuung an, indem
sie bereits im November 1949 einen Kindergarten eröffneten. Dafür wurden
die Schwestern M. Edhilda Hillenmeyer und M. Humilitas Käsbauer, beide
ausgebildete Kindergärtnerinnen, nach Indersdorf geschickt. Sie beschäftigten 60 Kinder in einem einzigen 90 m² großen Raum unter zunächst
sehr primitiven Bedingungen mit den wenigen zur Verfügung stehenden
Spielsachen und Materialien wie Papier- und Schreinerabfällen.
Auch mit dem Angebot eines Winterkurses für Landfrauen, der ebenfalls im November 1949 begann, nahm der Orden eine seit Ende 1922
in Indersdorf gepflegte Tradition wieder auf. Bis zu ihrem unfreiwilligen
Abzug 1938 hatten die Schwestern jeweils von November bis April Winterkurse, bei entsprechender Nachfrage zusätzlich auch noch dreimonatige
Sommerkurse angeboten.
Auch in Adelholzen hatte der Orden 1930 mit solchen Kursen begonnen, zunächst nur für den eigenen Ordensnachwuchs, dann auch für Nichtordensangehörige. Diese Kurse wurden schon 1933 wieder eingestellt, nach
dem Krieg noch einmal von 1946 – 1949 aufgenommen.
Zweck dieser Kurse, die auch bereits als Haushaltungsschule bezeichnet wurden, war laut einem Prospekt aus Indersdorf, „katholische Mädchen
aus bäuerlichen Familien … zu pflichtgetreuen christlichen Hausfrauen und sachverständigen Landwirtinnen heranzubilden“.177 Auch wenn dies für heutige
Ohren recht antiquiert klingen mag, so waren doch bei genauerem Hinsehen die Unterrichtsinhalte, besonders was den Ernährungs- und Gesundheitsbereich anbelangte, schon erstaunlich fortschrittlich. Neben den Barmherzigen Schwestern übernahmen auch weltliche Fachlehrkräfte einen Teil
des Unterrichts.
223
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Vorübergehend stellte der Orden in seinem Indersdorfer Kloster ab Januar
1951 Räume für die katholische Landvolkshochschule für Frauen zur Verfügung. Diese Initiative zur Erwachsenenbildung der ländlichen Bevölkerung
ging von Weihbischof Johannes Neuhäusler aus und wurde von Organisationen wie dem Frauenbund und dem Bauernbund, aber auch von staatlicher
Seite unterstützt. 1953 wurde diese erste katholische Volkshochschule in
Oberbayern in das neu gebaute Haus auf dem Petersberg verlegt.
Nach Abzug der Volkshochschule baute der Orden den Bereich der
Hauswirtschaftsschule weiter aus. Ende 1952 richtete er eine einjährige
Hauswirtschaftliche Berufsschule in Indersdorf ein. Gedacht war diese für
14- bis 17-jährige Mädchen, die unmittelbar nach ihrer Schulentlassung mit
dem einen Jahr in der Hauswirtschaftsschule ihre Berufsschulpflicht ableisten und die Zugangsberechtigung zu verschiedenen Ausbildungsberufen
wie Kinderpflegerin, Krankenschwester oder Säuglingsschwester erwerben
konnten. Die zunächst noch parallel dazu fortbestehenden Landfrauenkurse,
die sich an 18- bis 25-jährige Frauen richteten, wurden nach einiger Zeit
wegen mangelnder Nachfrage wieder eingestellt. Die einjährige Hauswirtschaftsschule dagegen erfreute sich über mehrere Jahrzehnte einer großen
Resonanz. Erst 1984 gab der Orden seine Indersdorfer Hauswirtschaftsschule endgültig auf, da seit Beginn der 1980er Jahre die Anmeldungen stark
zurückgingen.
Als noch zukunftsweisender als die Einrichtung der Berufsfachschule für
Hauswirtschaft sollte sich ein anderer Weg erweisen, den die Schwestern
auf Anraten des Erzbischöflichen Ordinariats von München und Freising
bei ihrem Neubeginn in Indersdorf beschritten. Während die Schwestern
noch darüber nachdachten, ob man in der Tradition der alten Marienanstalt ein Heim für die vielen Kriegs- und Flüchtlingswaisen einrichten oder
Schwester M. Amanda Padberg beim
Kochunterricht in der
Haushaltungsschule
Indersdorf in den
1950er Jahren. Eine
der Schülerinnen
(3. von links) wurde
später selbst Barmherzige Schwester:
Schwester M. Felana
Stichlmair arbeitet
heute in der ambulanten Station in
Oberstdorf.
224
Wiederaufbau und neue Wege
das Kloster lieber als Erholungs- und
Exerzitienhaus nutzen sollte, trat das
Schulreferat des Ordinariats mit dem
Vorschlag an die Kongregation heran,
eine im Landkreis Dachau dringend
benötigte Mittelschule zu eröffnen.
Eine allgemeinbildende weiter­
führende Schule stellte für den Orden
trotz seiner Erfahrungen mit Landfrauen-, Näh- und KrankenpflegeErdkundeunkursen völliges Neuland und somit
terricht bei
Schwester
eine große Herausforderung dar. Da
M. Borromäa
die Kongregation nach Möglichkeit
Raabe an der
mit ihren eigenen Schwestern als
Realschule
Lehrpersonal arbeiten wollte, mussIndersdorf
ten zunächst geeignete Schwestern
(1962)
gefunden und zu Lehrerinnen ausgebildet werden. Die Entscheidung für die Realschule in Indersdorf erforderte
viel Mut, einen hohen Einsatz an finanziellen Mitteln und vor allem viel
Engagement der dort eingesetzten Barmherzigen Schwestern. Doch es sollte sich lohnen: Indersdorf wurde zu einem wichtigen Bildungszentrum im
Dachauer Land.
Die lange Zeit an der Realschule als Lehrerin und Direktorin tätige
Schwester M. Borromäa Raabe, eine profunde Kennerin der Geschichte des
Klosters Indersdorf, beschreibt den anstrengenden Alltag der Lehrschwestern: „30 Wochenstunden und mehr bei Klassenstärken von oft über 40 Schülerinnen – dazu Mithilfe im Internat und während der Ferien auch kräftig in Haus und
Garten. Da mussten die Holzfußböden abgespänt, eingelassen, gebohnert werden,
ohne Maschinen versteht sich! … Außer Klassenstöbern, Schränke auswischen und
Möbeltragen gab es für uns noch andere „Ferienjobs“: Caritasverband und Kreisjugendring haben viele Jahre dafür gesorgt, dass wir den Umgang mit Kindern nicht
verlernten.“ 178 Erst Anfang der 1980er Jahre gaben die Schwestern diese
zusätzlichen Betreuungsangebote während der Ferien auf, da die Schwestern
nicht mehr die Jüngsten waren und die Schulferien zur Erholung brauchten.
Doch als sie 1987 das Internat endgültig aufgaben, stellten sie die Internatsräume drei weitere Jahre verschiedenen Gruppen preiswert zur Verfügung.
Auch nach 1990 blieb das Kloster Indersdorf ein offenes Haus. Bis zu ihrem
Abzug 1995 gewährten die Schwestern hier Menschen in Ausnahmesituationen Unterkunft. So nahmen sie zwei Jahre lang 25 Asylbewerber auf. Auch
bei besonderen Anlässen wie dem Kirchentag und dem Taizé-Treffen in
München stellten sie Räume zur Verfügung.
225
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Das Engagement des Ordens in Indersdorf trug reiche Früchte. Die Mädchenrealschule erlangte schnell einen hervorragenden Ruf. Durch die staatliche Bildungsoffensive in den 70er Jahren wuchs die Zahl der Schülerinnen
stetig an. Die Realschule nahm immer mehr Raum ein. So waren die nach der
Schließung der Berufsfachschule und des Internats frei gewordenen Räume
schnell wieder belegt. Eine Erweiterung und Modernisierung der Schule
war unabdingbar. Zudem drängte die Öffentlichkeit schon längst darauf, die
Schule auch für Buben zu öffnen. Angesichts des fortgeschrittenen Alters
der in Inderdorf tätigen Schwestern und des allgemeinen Nachwuchsmangels in der Kongregation entschloss sich die Ordensleitung im Interesse
der Zukunftssicherung der Einrichtung, die Trägerschaft zum 1. September
1987 an das Katholische Schulwerk der Erzdiözese abzugeben.
Ende der 80er Jahre kaufte der Landkreis für die Schule den ehemaligen
Klostermeierhof an. In den folgenden Jahren folgten Sanierung und Ausbau
des denkmalgeschützten Anwesens. Nach dieser Erweiterung konnte im
Herbst 1992 die Öffnung der Mädchenrealschule für Buben realisiert werden. Die Schwestern halfen auch nach Abgabe der Trägerschaft weiterhin
nach Kräften mit. Im August 1995 jedoch ging die Geschichte der Barmherzigen Schwestern im Kloster Indersdorf endgültig zu Ende. Schweren
Herzens verließen sie diesen Ort, an dem sie seit 1856 gewirkt hatten. Sie
hinterließen eine gut funktionierende, allgemein anerkannte Realschule, die
wesentlich zur Bereicherung der Bildungslandschaft des Dachauer Landkreises beiträgt.
Den Kindergarten in Indersdorf, der aus den bescheidenen Anfängen
von 1949 längst zu einer modernen Vorzeigeeinrichtung geworden ist, führte die Kongregation noch einige Jahre weiter. Zum 1. Januar 2003 übergab
sie ihn an das Franziskuswerk in Schönbrunn.
Marienanstalt in Landshut
Auch in der Marienanstalt in Landshut übernahm der Orden in der Nachkriegszeit selbst die Trägerschaft.179 Der Grund dafür war die miserable
finanzielle Lage der Anstalt. In der Kriegs- und Besatzungszeit herrschte
große Not im Kinderheim. Das alte Modell der Finanzierung durch den
Marienverein erwies sich als nicht mehr tragfähig. Mit den zur Verfügung
stehenden Mitteln konnte kaum noch der Betrieb, geschweige denn die
dringend anstehende Sanierung finanziert werden. Um die Zukunft des
Kinderheims zu sichern, entschloss sich die Kongregation, die Trägerschaft selbst zu übernehmen. Nachdem der Marienverein dem Orden die
Anstalt per Schenkung zum 1. Januar 1953 übertragen hatte, machte sich
226
Wiederaufbau und neue Wege
Links: Die
alte Marienanstalt in
Landshut
Rechts: Das
Kinderheim
in Landshut in den
1960er
Jahren
dieser an die notwendigen Um- und Ausbauten. Auch in den 1960er Jahren wurde kräftig weitergebaut. So entstand 1966 ein neues Säuglingsheim
für Kinder bis sechs Jahren und nach der Auflösung der Landwirtschaft an
der Stelle der Ökonomiegebäude u. a. ein neuer Kindergarten. Waren im
Heim vor dem Krieg 50 Kinder und während des Krieges an die 90 Kinder
untergebracht worden, konnten nun nach den Umbauten ca. 140 Kinder
betreut werden. Um die Einrichtung trotz Schwesternmangels weiterhin zu
erhalten, schenkten die Barmherzigen Schwestern ihr 1973 in St. Vinzenz
umbenanntes Kinderheim zum 1. Januar 2002 dem Caritasverband Landshut. Die Schwestern blieben allerdings auch unter dem neuen Träger dort
tätig. Heute sind noch fünf Barmherzige Schwestern in der Einrichtung im
Einsatz.
12.5. Krankenhäuser und Altenheime
in eigener Trägerschaft
„Notkrankenhaus“ Adelholzen
Nicht nur die wichtigsten Einsatzorte der Kinder- und Jugendpflege der
Barmherzigen Schwestern, die Einrichtungen in Indersdorf und Landshut,
übernahm der Orden in eigener Trägerschaft, auch im Bereich der Krankenpflege ist eine ähnliche Entwicklung zu beobachten. Das erste ordenseigene
Krankenhaus eröffnete das Mutterhaus im Jahr 1946 in dem im selben Jahr
als Bad anerkannten Adelholzen.180 Die Idee der Ordensleitung, im Kurhaus
ein Krankenhaus für Innere Medizin einzurichten, bedeutete jedoch noch
227
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
keine bewusste Weichenstellung, in Zukunft eigene Krankenhäuser zu führen, sondern war aus der Not der unmittelbaren Nachkriegszeit entstanden.
So konnten die Ordensleitung und Kardinal von Faulhaber die Beschlagnahmung des Kurhauses durch die Amerikaner nur dadurch verhindern,
dass das in der Kriegszeit eingerichtete Lazarett als Krankenhaus weitergeführt wurde. Nach Schließung des Lazaretts Ende August 1945 begannen die nötigen Umbau- und Renovierungsarbeiten, in einer Zeit knapper
Baumaterialien kein leichtes Unterfangen. Schon im Juni 1946 konnten die
ersten Patienten aufgenommen werden. Da das Wasser der Primusquelle
für seine Heilkraft bei Stoffwechselkrankheiten bekannt war, setzte man
den entsprechenden Schwerpunkt und ließ das Krankenhaus 1947 unter
der Bezeichnung „Stoffwechselkrankenhaus Bad Adelholzen“ ins Handelsregister eintragen. Obwohl sich das Kurhaus trotz der Umbauten für ein
modernes Krankenhauses wenig eignete, blieb das Notkrankenhaus wegen
seiner Beliebtheit bei Patienten und einweisenden Ärzten, aber auch wegen
des großen Bettenmangels in der Nachkriegszeit bis zum 1. April 1969 in
Betrieb. Lange Zeit war das Krankenhaus nicht einmal an die öffentliche
Wasserversorgung angeschlossen, sondern deckte seinen Bedarf mit dem
Wasser der Primusquelle. Nachdem in Traunstein und Trostberg zwei große
neue Krankenhäuser entstanden waren und der Orden in Ruhpolding selbst
einen Krankenhausbau plante, entschloss sich die Ordensleitung zur Schließung des Adelholzener Krankenhauses, zumal dort schon längst eine Sanierung anstand. Nach der Renovierung wurde Adelholzen 1970 als Fortbildungs- und Exerzitienhaus wiedereröffnet.
Maria-Theresia-Klinik
Auch die Entscheidung, mit dem Kauf der Maria-Theresia-Klinik die Trägerschaft für ein weiteres Krankenhaus zu übernehmen, traf die Ordensleitung weniger aus dem Wunsch nach mehr ordenseigenen Krankenhäusern
als vielmehr aus dem Bestreben, die Zukunft der Klinik zu sichern.181 Der
Orden wollte mit dem Kauf der chirurgischen Privatklinik am Bavariaring
im Jahr 1952 das Lebenswerk des kinderlosen Prof. Lebsche erhalten. Um die
Klinik zukunftsfähig zu machen, ließ die Kongregation in den Jahren 1952
und 1953 die notwendig gewordenen umfangreichen Sanierungsarbeiten
durchführen. Durch einen großzügigen Anbau wurde die Kapazität des
Hauses verdoppelt. Auch unter dem neuen Träger leitete Prof. Lebsche die
Klinik weiterhin wie gewohnt. Erst nach seinem Tod im Jahr 1957 ging die
Verwaltung des Hauses in die Hände des Mutterhauses über. Für die ärztliche
Leitung konnten die Barmherzigen Schwestern Prof. Dr. Karl Tauber als
228
Wiederaufbau und neue Wege
neuen Chefarzt gewinnen. Auch unter Prof.
Tauber blieb der Ruf der
Klinik
ausgezeichnet.
Nach seinem Tod im Jahr
1974 entschloss sich das
Mutterhaus, die bereits
Die MariaTheresiawieder fällige ModerKlinik
nisierung der Klinik in
nach dem
Angriff zu nehmen. Um
Umbau in
den gestiegenen Komden 1970er
fortbedürfnissen
der
Jahren
Patienten, aber auch dem
technischen Fortschritt in Haus- und Medizintechnik gerecht zu werden,
musste eine umfassende Renovierung vorgenommen werden. Ein für die
Klinikerweiterung angekauftes Nachbarhaus in der Güllstraße wurde durch
einen kostenintensiven unterirdischen Tunnel unter der Straße mit dem
Stammhaus verbunden. Da ein Klinikbetrieb unter diesen Umständen nicht
mehr möglich gewesen wäre, musste das Haus 1975 für eineinhalb Jahre
geschlossen werden. Eine solche Klinikschließung war ein großes Risiko,
aber bei der Wiedereröffnung des Hauses 1977 zeigte sich, dass sowohl die
Patienten als auch die einweisenden Ärzte der Klinik treu geblieben waren.
Auch unter dem neuen Chefarzt Prof. Dr. Alfred Schaudig, einem Spezialisten für Herzschrittmacherimplantationen, florierte die Klinik weiter. Nach
seinem Abschied übertrug die Kongregation die Leitung zwei Chefärzten.
Seit 1995 bzw. seit 1997 bestimmen Dr. Michael Zimmermann und Prof.
Dr. Dr. Tomas F. Hoffmann die Geschicke der Klinik maßgeblich mit.
In den Jahren 2001-2003 erfolgte erneut eine Sanierung des Hauses.
Weil eine Schließung nicht möglich war, musste der Umbau bei laufendem
Klinikbetrieb weiterlaufen, eine sehr strapaziöse Zeit, die dank des Einsatzes
der Mitarbeiter gemeistert werden konnte.
Krankenhaus Vinzentinum
Mitte der 1960er Jahre suchte die Gemeinde Ruhpolding einen neuen Träger für ihr völlig veraltetes Gemeindekrankenhaus.182 Dem neuen Träger
sollte das alte Gebäude unentgeltlich überlassen werden unter der Auflage,
innerhalb der nächsten fünf Jahre ein neues Krankenhaus zu errichten.Verhandlungen der Gemeinde mit anderen potentiellen Trägern wie dem Roten
Kreuz, Caritas und auch den am alten Krankenhaus tätigen Mallers­dorfer
229
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Das Krankenhaus
Vinzentinum in
Ruhpolding
Schwestern waren an der
mit dem Geschenk verbundenen hohen finanziellen Belastung für den
Neubau gescheitert. Die
Barmherzigen Schwestern nahmen schließlich die Schenkung des
Gemeindekrankenhauses
samt eines Grundstückes
von 11.000 m² zum 1.
Januar 1966 an. Da der
neue Bau mit Rücksicht
auf Landschafts- und Ortsbild nicht hoch werden durfte, war ein großer
Baugrund nötig. Deshalb kaufte der Orden Nachbargrundstücke auf, so
dass ein Grund von 20.000 m² für den Neubau zur Verfügung stand. Nach
Abriss des alten Krankenhauses ließ die Kongregation einen Neubau in
Atriumbauweise errichten. Das „Vinzentinum“ der Barmherzigen Schwestern konnte am 1. Februar 1971 bezogen werden.
Das neue Ruhpoldinger Krankenhaus wurde wie das kurz vorher aufgelassene Adelholzener Krankenhaus ein Krankenhaus für Innere Medizin.
Hinter den Kreiskliniken in Traunstein und Trostberg ist es das drittgrößte
Krankenhaus im Landkreis Traunstein. Nach einer Überflutungskatastrophe
im August 1991 wurde es gründlich saniert und den modernen Erfordernissen angepasst.
Krankenhaus Neuwittelsbach
1885 hatte der Geheimrat Dr. Rudolf von Hößlin eine Kuranstalt eröffnet,
die 1914 in die Stiftung „Kuranstalt Neuwittelsbach R. von Hößlin’sche
Stiftung“ umgewandelt und ab 1932 als „Klinik für Innere Krankheiten“
geführt wurde.183 Bei Luftangriffen wurde die Klinik Anfang Januar 1945
zerstört. Von 1948 bis 1951 betrieb die Stiftung als Ersatz das „Kurhaus
Brendel“ in Tutzing, um sich schließlich 1957 aufzulösen. Das Stiftungsvermögen ging an die Rotkreuzschwestern in München.
Das Ruinengrundstück an der Renatastraße im Stadtbezirk NeuhausenNymphenburg hatte die Stiftung bereits im März 1947 an die Kongregation der Barmherzigen Schwestern verkauft. Zur Arrondierung kauften die
Schwestern noch weitere Nachbargrundstücke in der Romanstraße und
begannen im November 1970 mit dem Bau einer weiteren ordenseigenen
230
Wiederaufbau und neue Wege
Fachklinik für Innere
Medizin. Im Mai 1973
wurde das neue Krankenhaus Neuwittelsbach an
der Ecke Romanstraße/
Renatastraße von KardiDas Krannal Döpfner eingeweiht.
kenhaus
Einzigartige BesonderNeuwittelsheiten im Raum Münbach nach
chen sind heute die
der letzten
Rheuma-Tagklinik des
Sanierung
Krankenhauses und eine
2005
Ganzkörper-Kältekammer zur Schmerzlinderung.
Auch das Krankenhaus Neuwittelsbach wurde durch Sanierungsmaßnahmen immer wieder auf den modernsten Stand gebracht. So fanden
Umbaumaßnahmen von 1994 bis 1998 statt. 2005 konnte der Abschluss
einer weiteren Sanierung, bei der unter anderem die Fenster und die Fassade erneuert wurden, gefeiert werden.
Den Bau der neuen ordenseigenen Krankenhäuser in Ruhpolding und
München kann man als Teil einer neuen Ordensstrategie ab den 1960er
Jahren sehen. Zu einer Zeit, als ein sich verschärfender Nachwuchsmangel
bereits dazu geführt hatte, dass sich die Schwestern aus Niederlassungen
zurückziehen mussten, entschied sich die Ordensleitung dafür, eigene Häuser zu bauen, in denen in der Zukunft die Kräfte konzentriert werden sollten. Eine weitere Folge dieser Richtungsentscheidung war der Bau von
Altenheimen.
Altenheime in Teisendorf und Ruhpolding
Das erste öffentliche Altenheim der Kongregation entstand in Teisendorf.184
Schon seit der Eröffnung des Teisendorfer Krankenhauses im Jahr 1905
waren dort Barmherzige Schwestern tätig. In den 60er Jahren entsprach das
alte Haus längst nicht mehr den Anforderungen moderner Krankenpflege.
Staatliche Zuschüsse für einen Krankenhausneubau wurden der Gemeinde
verweigert, da die Regierung von Oberbayern keinen Bedarf mehr für ein
Krankenhaus in der Region sah. Wie Ruhpolding machte nun auch die
Gemeinde Teisendorf den Barmherzigen Schwestern das Angebot, ihnen das
alte Gemeindekrankenhaus samt Grundstück unentgeltlich zu überlassen.
Anders als in Ruhpolding sollte der Orden aber als Gegenleistung ein moder231
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Das Altenund Pflegeheim St.
Adelheid in
Ruhpolding
nes Altenheim errichten. Die Ordensleitung
erklärte sich einverstanden und so kam
im November 1966
der Schenkungsvertrag
zustande. Nach dem
Abriss des Krankenhauses begannen schon
bald die Arbeiten und
im August 1968 konnte das neue Alten- und
Pflegeheim St. Elisabeth
eingeweiht werden.
Da sich in den letzten Jahrzehnten die Anforderungen an ein Altenheim
stark gewandelt haben, entschloss sich die Kongregation, das Haus im Jahr
2000 nach gerade mal 30 Jahren abzureißen und einen Neubau zu errichten,
der die zeitgemäße Seniorenbetreuung ermöglicht. Während der Bauzeit
wurden die Bewohner vorübergehend in Wohncontainern beim Schwesternheim St. Vinzenz in Inzell untergebracht. Groß war die Freude, als die
Bewohner am 1. Juli 2001 zurückkehren und die neue Seniorenwohnanlage mit Pflegeheim St. Elisabeth beziehen konnten. Im neuen Gebäude
sind sowohl Betreutes Wohnen als auch stationäre Voll- und Kurzzeitpflege
sowie Tagespflege möglich.
Als der Orden in Ruhpolding das Krankenhaus Vinzentinum baute,
errichtete er gleichzeitig auch das Alten- und Pflegeheim St. Adelheid.185
Der Orden hatte dem Ruhpoldinger Verkehrsverein das Altenheim Dr.
Barth abgekauft und Nachbargrundstücke erworben, um das neue Haus
zu bauen. Als das Vinzentinum in den 1990er Jahren saniert wurde, wurde
auch die notwendig gewordene Modernisierung des Alten- und Pflegeheim
durchgeführt.
Altenheime in Berg am Laim, Unterhaching, Planegg und Alzing
In Berg am Laim hatte das Mutterhaus schon im 19. Jahrhundert, als die erste
Generation der Barmherzigen Schwestern alt geworden war, ein Altenheim
für die eigenen Schwestern. In den 1950er Jahren zeichnete sich ab, dass die
dortigen Räumlichkeiten nicht ausreichen würden, wenn die vielen zur Blütezeit zwischen 1895 und 1930 eingetretenen Schwestern das Ruhestandsalter erreichen würden. Die Ordensleitung fasste deshalb 1963 den Beschluss,
232
Wiederaufbau und neue Wege
in Unterhaching ein
neues Schwesternaltenheim zu bauen.186 Nach
dem Abriss einiger baufällig gewordener Ökonomiegebäude entstand
dort eine großzügige
Anlage für 150 SchwesDas Schwestern. Das neue Heim,
ternheim St.
das nach der OrdensheiKatharina
ligen Katharina Labouré
Labouré in
benannt wurde, konnte
Unterha1967 bezogen werden.
ching
Da damit der wachsende Bedarf noch nicht gedeckt war und die Räumlichkeiten in Berg
am Laim den Anforderungen nicht mehr entsprachen, wurde an diesem
wichtigen Ordensstandort in den Jahren zwischen 1977 und 1982 ebenfalls
ein neues Altenheim errichtet. 1970 war der landwirtschaftliche Betrieb in
Berg am Laim aufgegeben worden, so dass alle Ökonomiegebäude abgerissen und an ihrer Stelle der Neubau des Alten- und Pflegeheims St. Michael gebaut werden konnte. Das große moderne Gebäude wurde zwar mit
einem Architekturpreis ausgezeichnet, erregte aber bei der Bevölkerung
wegen der unmittelbaren Nähe zur Michaelskirche, eines prächtigen Rokoko-Bauwerks, zunächst etwas Unmut.
Als in Planegg der Sanatoriumsbetrieb eingestellt wurde, wurde auch
dieses Haus im Jahr 1985 zu einem Altenheim für die Schwestern umgebaut.187 Zusätzlich wurde 1989 noch das Schwesternheim St. Hildegard in
Alzing, Gemeinde Siegsdorf, nahe bei Adelholzen, für die Ruhestandsschwestern eröffnet.188
Nun hatte man
genügend Platz für die
Ruhestandsschwestern
Das
geschaffen, ja es zeichAlten- und
nete sich schon in den
Pflegeheim
St. Michael
90er Jahren ab, dass
in Berg am
bald wieder Kapazitäten
Laim (Luftin den ordenseigenen
bild Anfang
Altenheimen frei würder 1980er
den. Inzwischen waren
Jahre)
233
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
bereits viele Barmherzige Schwestern, die in den Boomzeiten der Kongregation beigetreten waren, verstorben. Der Rückgang seit den 1940er Jahren
begann sich nun auch bei der Zahl der in den Ruhestand kommenden
Schwestern auszuwirken. Deshalb beschloss die Ordensleitung, die Häuser
in Berg am Laim, Unterhaching und Planegg als öffentliche Alten- und
Pflegeheime ausweisen zu lassen. In den letzten Jahren nutzen vermehrt
zivile Bewohner die Möglichkeit, in diesen Heimen ihren Lebensabend zu
verbringen. Eine Besonderheit der Häuser in Berg am Laim und Unterhaching ist, dass hier alt gewordenen Mitgliedern fremder Orden, die über
keine eigenen Altenheime verfügen, die Möglichkeit eröffnet wurde, ein
gemeinschaftliches Leben zu führen.
Von den ordenseigenen Altenheimen ist heute nur noch das Schwesternheim St. Hildegard in Alzing den eigenen Schwestern vorbehalten.
12.6. Eigene Berufsfachschulen für Pflegeberufe
Wie schon erwähnt, hatte die Kongregation bereits seit den 1920er Jahren eine staatlich anerkannte ordenseigene Schule für Krankenpflege, in der
sie ihren eigenen Schwesternnachwuchs ausbildete.189 Da das Postulatsgebäude in der Blumenstraße, in der die Schule untergebracht war, bei den
Luftangriffen im 2. Weltkrieg zerstört worden war, wurde die Schule ab
1948 in das Mutterhaus verlegt. Seit 1970 ruht diese Schule aus Mangel an
Nachwuchs.
Schon ab 1910 hatten die Barmherzigen Schwestern zudem die städtische Krankenpflegeschule am Schwabinger Krankenhaus bzw. nach deren
Verlegung ab 1946 bis 1959 am Krankenhaus rechts der Isar geleitet, an der
sowohl eigene Schwestern als auch freie Schwestern ausgebildet wurden.
In der Nachkriegszeit wurde bald deutlich, dass die Barmherzigen
Schwestern den großen Bedarf an Pflegekräften nicht mehr allein würden decken können. Beim Jahresschluss 1957 arbeiteten in den immerhin
noch 150 Niederlassungen der Barmherzigen Schwestern neben den 2295
Ordensschwestern bereits 846 weltliche Schwestern.190 Ihr Anteil betrug
demnach bereits 36%. Auf Anregung des Ordens wurden an einigen der
kommunalen Krankenhäuser, in denen die Ordensschwestern tätig waren,
Krankenpflegeschulen für die Ausbildung von freien Schwestern eröffnet.
Lehrschwestern der Kongregation übernahmen den Unterricht und meist
auch die Leitung an diesen Schulen.
Zudem entschloss sich die Ordensleitung, selbst eine Krankenpflegeschule für katholische freie Schwestern zu gründen. Als Bauplatz wählte der
Orden wegen seiner günstigen Lage zu den Innenstadtkliniken das Rui234
Wiederaufbau und neue Wege
nengrundstück in der Thalkirchner Straße, auf dem bis
zu seiner Zerstörung durch
Bomben im Januar 1945 das
„Maria-Regina-Stift“ gestanDie Schwestern M.
den hatte. Nach dem Ankauf
Jonilla
weiterer benachbarter RuiPühringer
nengrundstücke
begannen
und M. Vindie Bauarbeiten. Anfang 1959
zentia Moll
konnte der Neubau bezogen
(von links)
werden und im März begann
begrüßen
neue Schülebereits der erste Kurs. Die
rinnen der
praktische Ausbildung sollte
Berufsfachin den Innenstadtkliniken und
schule Maria
in der ordenseigenen MariaRegina
Theresia-Klinik durchgeführt
(1966)
werden. Da viele weltliche
Schwestern eine Unterkunft in München suchten, bauten die Schwestern
auch noch ein Schwesternwohnheim, das 1962 eingeweiht werden konnte.
Wurden zunächst nur katholische Schwesternschülerinnen aufgenommen, ist die Zulassung inzwischen unabhängig von der Konfession. In der
seit 1980 als Berufsfachschule für Krankenpflege Maria Regina bezeichneten Schule hatte zunächst der Orden die Leitung und den Großteil der
Lehrschwestern gestellt. Heute sind an der Schule ausschließlich weltliche
Lehrkräfte tätig.
Zusammen mit dem Krankenhausbetrieb eröffneten die Barmherzigen
Schwestern im Jahr 1971 in Ruhpolding auch eine Berufsfachschule für
Krankenpflegehilfe. Diese einjährige Ausbildung ermöglicht Hauptschülern, ausgebildete Krankenpflegehelfer/innen zu werden und zugleich
Kommunale Krankenpflegeschulen, an denen Barmherzige
Schwestern unterrichteten191
Aschaffenburg (1954 – 1969)
Bamberg (1957 – 1980)
Altötting (1957 – 1987)
Landshut (1953 – 1975)
Neumarkt Opf. (1960 – 1981)
Schongau (1958 – 1980)
Traunstein (1960 – 1981)
Donauwörth (1964 – 1967)
Krankenhaus Schwabing (1910 – 1964)
Krankenhaus Mü. r.d.I. (1946 – 1959)
Kreiskrankenhaus Eggenfelden
(1972 – 1973)
Auch an der Krankenpflegeschule der
Barmherzigen Brüder in Regensburg
unterrichteten Barmherzige Schwestern
1959 – 1976.
235
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
die Zugangsvoraussetzungen zur Ausbildung als Krankenschwester oder
Krankenpfleger zu erwerben. Nachdem der Orden 1979 den Schulbetrieb
für mehr als ein Jahrzehnt eingestellt hatte, eröffnete er 1991 die Schule
wieder.
1995 gründeten die Schwestern eine weitere Schule in Ruhpolding, die
Berufsfachschule für Altenpflege. Beide Schulen befinden sich in einem
Nebengebäude des Alten- und Pflegeheims St. Adelheid.
12.7. Adelholzener Alpenquellen – Ausbau des Betriebs
Barmherzige
Schwestern
an der Primusquelle
in Adelholzen in
den 1950er
Jahren
236
In der Zeit nach dem 2. Weltkrieg vollzog sich eine bemerkenswerte Entwicklung in dem einzigen rein gewerblichen Betrieb der Barmherzigen
Schwestern, dem Adelholzener Brunnenbetrieb.192 Durch die Bereitschaft
der Ordensleitung, immer wieder die nötigen, oft sehr hohen Investitionen zu tätigen, um die Füllanlagen auf den neuesten Stand der Technik
zu bringen, und durch die Anpassung der Produktpalette an die sich verändernden Kundenwünsche blieb das Unternehmen nicht nur konkurrenzfähig, sondern erlangte eine führende Position unter den deutschen
Brunnenbetrieben.
In der unmittelbaren Nachkriegszeit hatte der Betrieb zunächst ebenso
wie die Konkurrenzbetriebe Probleme, genügend Glasflaschen zu bekommen. Millionen Glasflaschen waren während des Krieges zu Bruch gegangen oder zweckentfremdet worden. Es dauerte, bis die Glasproduktion den
Bedarf wieder decken konnte. Die
Produktion von Limonade wurde
erschwert, weil es an Zucker und
Essenzen dafür fehlte. Treibstoffmangel erschwerte den Vertrieb. Dennoch
gelang es den Schwestern, 1945 und
1946 Produktion und Vertrieb sowohl
von Wasser als auch von Brause aufrecht zu erhalten. In den folgenden
von Not geprägten Nachkriegsjahren
ging der Absatz durch den weitgehenden Wegfall der Limonadenproduktion zurück. Die Vorräte an Zucker
und Essenzen für die Brauseproduktion waren inzwischen weitgehend
aufgebraucht. Erst 1950, als die Limonadenproduktion wieder in groß-
Wiederaufbau und neue Wege
em Umfang einsetzte, begann der
Aufschwung. Der Adelholzener
Brunnenbetrieb wurde Mitglied in
dem bayerischen Verband „Brunnengebiet Bayern“, dem noch 14
andere Betriebe angehörten, und
beteiligte sich an der GenossenSchwester
schaft Deutscher Brunnen. Die
M. Iphigedeutschen Betriebe hofften, durch
nia Insam,
Zusammenarbeit, vor allem durch
General­
gemeinsame Werbekampagnen, der
ökonomin
übermächtigen
amerikanischen
1966 – 1987
Konkurrenz besser gewachsen zu
sein. Gemeinsam vertrieben sie vor allem die neu entwickelte Orangenlimonade „Raspa“, die intensiv beworben wurde. Obwohl die Schwestern
über die Werbekampagne nicht immer glücklich waren, entschlossen sie
sich schließlich zur Produktion. Während der Vertrieb dieser Limonade in
Deutschland insgesamt nicht besonders erfolgreich lief, konnte Adelholzen
den Vertrieb von „Raspa“ bis 1964 ständig steigern. In den 60er Jahren
entwickelte Adelholzen mit „Primella“ eine eigene Limonade. Ein Erfolg
wurde auch die erste kalorienreduzierte Limonade „bleib in form“, die
Adelholzen bis heute im Sortiment hat. Der Brunnenbetrieb profitierte vom
Wirtschaftswunder der Nachkriegsjahrzehnte, aber auch von dem Geschick
einer fähigen Geschäftsführung. Kurat Haslberger, der sich viele Jahrzehnte
äußerst umsichtig und vorausschauend um die ökonomischen Belange kümmerte, hatte rechtzeitig die fähige Schwester M. Iphigenia Insam, die in den
60er Jahren die Geschäftsführung übernahm, als Nachfolgerin aufgebaut.
Die Geschäftsleitung erkannte früh, dass die Zukunft weniger im Bereich
des Tafel- und Heilwassers als vielmehr im Bereich der gesüßten Getränke
liegen würde. Außerdem sah sie, dass die Produktionsbedingungen ständig
den neuesten technischen Möglichkeiten angepasst werden mussten. So war
1960, immerhin 30 Jahre nach der letzten Modernisierung der Füllerei, die
Investition in eine neue Anlage dringend geboten. Nachdem der Einbau der
damaligen neuesten Technik erfolgt war, konnte die Produktion verdoppelt
werden. Mit dem sich in den kommenden Jahrzehnten immer schneller
vollziehenden technischen Fortschritt sollten die Abstände bis zur nächsten
Modernisierung immer kürzer werden.
Ein entscheidender Schritt erfolgte 1970, als sich der Orden entschloss,
eine großzügige neue Produktionsanlage im Tal unterhalb des Kurhauses
zu errichten. Mit der neuen Anlage, mit der wiederum eine Verdopplung
der Produktion möglich war, wurde endgültig die Industrialisierung des
237
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Die Produktionsstätte
des Brunnenbetriebs
vor 1970
Die Füllerei in den
1960er
Jahren
238
Betriebs vollzogen. Auch
in der Verwaltung fand
eine Umstrukturierung
statt. Zur Unterstützung
von Schwester M. Iphigenia, die in ihrer Funktion
als Generalökonomin der
Kongregation auch noch
zahlreiche andere Aufgaben hatte, wurde als
weltlicher Betriebsleiter
Vero Kriesche eingestellt.
Die Großzügigkeit der neuen Anlage war auf weiteren Zuwachs in der
Zukunft angelegt und durchaus nicht risikofrei. Doch die Verkaufszahlen
stiegen weiter, obwohl inzwischen das Wirtschaftswachstum in Deutschland
seit der Ölkrise 1973 gebremst worden war und die Zahl der Arbeitslosen
anstieg. Schon 1973 war mit der Füllung von 30 Millionen Flaschen im
Jahr die Kapazität der Anlage voll ausgeschöpft. Gerade rechtzeitig vor dem
Jahrhundertsommer von 1976 mit Hitzerekorden wurde die bereits beim
Bau der neuen Produktionsstätte geplante zweite Abfüllanlage eingerichtet.
Nun waren weitere 40.000 Füllungen pro Stunde möglich.
Der steigende Wasserbedarf konnte mit den bisher genutzten Quellen
nicht mehr gedeckt werden, deshalb musste eine 5 km entfernte Quelle
im Bergener Moos erschlossen und über eine Leitung mit dem Betrieb
verbunden werden.
Und laufend gingen die Anpassungen an die modernste Technik weiter.
1986 wurde zur 1700-Jahr-Feier von Adelholzen eine weitere Füllanlage in
Betrieb genommen. Die inzwischen drei Füllanlagen erreichten nun schon
eine Kapazität von über 100.000 Flaschen in der Stunde. Kaum war die
neue Anlage installiert,
kam es im Jahr 1987 zu
einer großen Krise der
Mineralwasserwirtschaft.
Ausgelöst worden war
diese durch einen Artikel
in der Zeitschrift „natur“,
in dem davor gewarnt
wurde, Mineralwasser zu
trinken, da die Werte
für Natrium und Nitrat
in vielen Fällen teils
Wiederaufbau und neue Wege
weit über den Grenzwerten lägen und somit
ein
Gesundheitsrisiko
darstellten. Eine große
Verunsicherung bei den
Verbrauchern und erhebliche Umsatzeinbrüche
bei vielen Brunnenbetrieben waren die Folgen.
Der Adelholzener Primusquelle schadete diese
Diskussion jedoch nicht,
sondern führte im Gegenteil zu einer enormen Umsatzsteigerung, weil das
Adelholzener Wasser als eines der natriumärmsten Wasser in den Testberichten ausdrücklich als besonders empfehlenswert bezeichnet wurde. So konnte die Füllmenge von 144 Millionen Flaschen im Jahr 1986 auf über 200
Millionen im Jahr 1988 gesteigert werden. Damit stieß die Primusquelle
schon wieder an ihre Kapazitätsgrenzen und eine erneute Erweiterung war
unumgänglich. Die Installation weiterer Anlagen oder Maschinen reichte
dieses Mal nicht aus, es musste wie 1971 ein Neubau, das Werk II, in Angriff
genommen werden.
Das Jahr 1989 markiert den Beginn einer neuen Ära der Adelholzener Primusquelle. Schwester M. Iphigenia, maßgeblich an der Entwicklung
der Primusquelle von einer kleinen Füllerei zu einem großen, modernen
Brunnenbetrieb beteiligt, schied im Alter von 80 Jahren endgültig aus der
Geschäftsleitung aus. Ihre Nachfolge trat Schwester M. Theodolinde Mehltretter an. Zudem wurden mit dem Bau des Werks II, den Schwester M.
Iphigenia noch auf den Weg gebracht hatte, die Weichen für das kommende
Jahrzehnt gestellt. Die neue computergestützte Anlage war zusammen mit
den Technikern des Betriebes entwickelt und somit die Steuerungs- und
Prozessüberwachung den besonderen Firmenbedürfnissen angepasst worden. Im Dezember 1989 wurde das neue Werk von Erzbischof Friedrich
Kardinal Wetter feierlich eingeweiht. Mit zwei unabhängigen Füllanlagen
war die Flexibilität des Betriebs entscheidend erhöht worden.
Mit dem kostenintensiven Neubau war der Orden durchaus ein hohes
Risiko eingegangen. Nur wenn es gelingen würde, den Umsatz zu steigern oder zumindest auf dem erreichten Stand zu halten, wäre das neue
Werk rentabel. Die letzten Jahrzehnte hatte man sich daran gewöhnt, dass
die Füllmengen von Jahr zu Jahr stetig anstiegen. Dementsprechend groß
war der Schock, als die Primusquelle 1993, erstmals seit 30 Jahren, einen
leichten Rückgang der Füllmengen zu verzeichnen hatte. Die Stagnation
Betriebsgebäude der
Adelholzener Alpenquellen
GmbH
239
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
traf nicht nur den Adelholzener Betrieb, sondern die gesamte Mineralwasserbranche, da eine weitgehende Sättigung des Marktes erreicht war. Die
kleine Krise von 1993 hatte der Ordensleitung das Risiko der bisherigen
Rechtsform der Firma bewusst gemacht. Zum 1. Januar 1994 wurde deshalb
der Brunnenbetrieb Adelholzener Primusquelle in eine GmbH umgewandelt, in die Adelholzener Alpenquellen GmbH mit Sitz in München und
Zweigniederlassung in Siegsdorf. Ein Aufsichtsrat, in dem Schwestern aus
der Ordensleitung und Fachleute aus der Wirtschaft vertreten sind, übt die
Kontrolle aus. Infolge der GmbH-Gründung haftet nun der Orden nicht
mehr unbeschränkt mit seinem gesamten Vermögen, sondern nur noch
mit dem dafür angelegten Stammkapital. Den Vorsitz der Geschäftsführung
übernahm Schwester M. Theodolinde Mehltretter, die auch für die Personalabteilung zuständig war. Vero Kriesche übernahm die Geschäftsführung
für den Bereich Produktion und Technik, Franz Demmelmair für das Ressort Finanzen und Verwaltung. Die Firmenverwaltung, die immer noch im
Kurhaus untergebracht war, zog nun in das neue Firmengebäude um.
1994 erfolgte die Zertifizierung des Qualitätsmanagements des Betriebes
nach DIN ISO 9001.
Doch, um auf dem gesättigten und hart umkämpften deutschen Getränkemarkt weiterhin konkurrenzfähig zu bleiben, mussten Ordensleitung und
Geschäftsführung des Betriebs in den nächsten Jahren neue Ideen entwickeln und sehr flexibel auf veränderte Verbraucherwünsche reagieren.
Als Erstes setzte die Firmenleitung auf die Entwicklung neuer Produkte.
Es zeigte sich ein neuer Trend in der Branche, Mineralwasser mit Fruchtsäften zu mischen. Auch in Adelholzen schloss man sich diesem Trend mit der
Reihe „Adelholzener PLUS“ an und brachte 1995 eine Apfelschorle auf
den Markt. Als sich diese als großer Erfolg erwies, erweiterte der Betrieb
diese Reihe durch rote Schorlen, die ebenfalls großen Anklang fanden.
Aber nicht nur bei der Erweiterung des Produktsortiments musste die
Firmenleitung flexibel auf neueste Entwicklungen reagieren, sondern auch
bei den Verpackungen. Mitte der 90er Jahre kamen neue PET-Kunststoffflaschen auf den Markt. Die in den 70er und 80er Jahren in der deutschen
Mineralwasserwirtschaft fast ausschließlich benutzte, genormte 0,7-LiterPerlen-Einheitsglasflasche wurde immer mehr verdrängt. Die Ordensleitung
stand den Kunststoffflaschen zunächst äußerst skeptisch gegenüber. Auf keinen Fall wollte man damit die gute Umweltbilanz des Unternehmens oder
das Image der Adelholzener Getränke als hochwertige und gesundheitsfördernde Getränke gefährden. Aus Verantwortung für den Betrieb und seine
Mitarbeiter musste jedoch auch an die Konkurrenzfähigkeit gedacht werden
und so konnte man den Trend zur PET-Flasche nicht einfach ignorieren.
Allerdings war zunächst noch nicht absehbar, ob sich die Kunststoffflasche
240
Wiederaufbau und neue Wege
wirklich würde durchsetzen können. Deshalb entschlossen sich Ordensund Betriebsleitung mit der Installation einer kleinen PET-Füllanlage mit
einer stündlichen Füllkapazität von 16.000 Liter im Jahr 1997 zu einem
„sanften“ Einstieg. Der Trend zu Kunststoffflasche hielt nicht nur an, sondern
es kam in den folgenden Jahren zu einem wahren Boom. Die Adelholzener Alpenquellen zogen aus dieser Entwicklung Konsequenzen und ließen
2002 und 2004 neue PET-Mehrweganlagen installieren. Dabei gingen sie
einen neuen, zukunftsweisenden Weg. Als einer der ersten Brunnenbetriebe
arbeiteten sie bei der Abfüllung mit der Reinraumtechnik, durch die ein
aseptisches Klima im Füllraum geschaffen wird, das den Bedingungen in
einem OP-Saal vergleichbar ist und die Abfüllung von Fruchtsaftgetränken
ohne Konservierungsmittel ermöglicht. Auch in Bezug auf die Flaschengrößen zeigten sich die Adelholzener einfallsreich. So erschlossen sie sich
mit den 0,5-l-PET-Flaschen unter dem Label „Die Leichten für unterwegs“
einen neuen Markt. Eine Idee der Brauereien aufgreifend, führten sie teilbare Getränkekästen für einen Teil ihrer Produkte ein.
Schwer tat sich die Ordensleitung zunächst mit ihrer Zustimmung zu
dem Einstieg in das PET-Einwegsystem. Die großen Discounter, die die
Logistikprobleme bei der Rücknahme der Pfandflaschen vermeiden wollten,
übten zunehmend Druck auf die Getränkehersteller aus, auch Einwegsysteme anzubieten. Nach langen Diskussionen befürwortete die Ordensleitung
die Installierung einer ersten Einweganlage im Jahr 2000. Allerdings sollte
in den Einwegflaschen keines der traditionellen Getränke der Adelholzener
angeboten werden. Da sowohl der Markt für Mineralwasser als auch für
Schorlen stark durch jeweilige regionale Anbieter besetzt und nahezu gesättigt war, sollte für die Einwegflasche, die auf dem ganzen deutschen Markt
vertrieben werden sollte, ein neues Produkt entwickelt werden. In den USA
war die Idee entwickelt worden, Wasser mit zusätzlichem Sauerstoff anzureichern. Die Geschäftsführung gab ein wissenschaftliches Gutachten in Auftrag, das klären sollte, ob durch diese Sauerstoffanreicherung tatsächlich eine
gesundheitsfördernde Wirkung nachgewiesen werden könne. Erst nachdem
die Wissenschaftler dies bestätigt hatten, genehmigte die Ordensleitung den
Einstieg in die Produktion von sauerstoffangereicherten Erfrischungsgetränken, die unter dem Namen ACTIVE 02 zunächst als sauerstoffangereichertes Wasser, nach dessen Erfolg auch in verschiedenen Geschmacksrichtungen auf den Markt kamen. Als besonders pfiffig erwies sich für diese
neuartigen Getränke, die mit dem Image von Sportlichkeit und Jugendlichkeit beworben werden, der so genannte Sportslock-Verschluss, ein neuer,
nur mit einer Hand zu öffnender Trinkverschluss.
Diese so genannte „Sport Linie“ wurde 2003 durch die „Fitness Linie“
(kohlensäurefreie und kalorienarme Getränke) ergänzt. Inzwischen gehören
241
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Inbetriebnahme einer
neuen PET-Einweganlage im Jahr 2005:
Schwester M. Theodolinde Mehltretter mit
Pater Leopold Mader
OFMConv (rechts) und
Volker Kronseder vom
Anlagenbauer Krones
zu der Produktpalette von ACTIVE 02 auch die Reihen „Active Fresh“
und „Active Live“. Diese kohlensäurefreien und diätetischen Getränke sind
von der 2003 per Gesetz eingeführten Pfandpflicht ausgenommen.
Auch wenn die Bedeutung der klassischen Perlenglasflasche durch die
neuen Kunststoffflaschen erheblich eingeschränkt wurde, wurde sie in Adelholzen doch nicht ganz verdrängt. Neben den PET-Einwegflaschen mit
einem Anteil von 17,7% und den PET-Mehrwegflaschen mit einem Anteil
von 33,6% im Jahr 2005 spielt die klassische Glasflasche nach wie vor eine
große Rolle.
Früher war der Betrieb äußerst zurückhaltend mit Werbung umgegangen. Um konkurrenzfähig zu bleiben, hielt die Unternehmensleitung Mitte
der 90er Jahre den Ausbau der Werbemaßnahmen für unumgänglich. Die
Unternehmensleitung mit Geschäftsführerin Schwester M. Theodolinde
Mehltretter ging dabei mutig neue Wege. Da die Werbung im Fernsehen
von Fachleuten als besonders effektiv angesehen wird, entschied man sich für
Werbespots im Bayerischen Fernsehen. Schwester M. Theodolinde scheute
sich nicht, sich selbst dafür zur Verfügung zu stellen.Welchen Stellenwert die
Werbung inzwischen einnimmt, zeigt das neu geschaffene Ressort Marketing und Vertrieb unter der Leitung eines weiteren Geschäftsführers, Stefan
Hoechter. Früher beschränkte sich die Werbung weitgehend auf das Absatzgebiet Südbayern mit Schwerpunkt München. Dort fahren schon seit Anfang
der 70er Jahre die städtischen Busse und Straßenbahnen mit Adelholzener
Werbung. Nachdem Ende der 90er Jahre die fränkischen Brunnenvertriebe,
entgegen früherer Gepflogenheit, auch auf den südbayerischen Absatzmarkt
drängten, beschloss die Unternehmensleitung, nun ebenfalls die Werbung
auf ganz Bayern auszudehnen. Besonders wichtig war es in den letzten Jahren geworden, sich von der Konkurrenz durch ganz individuelle Produkte
242
Wiederaufbau und neue Wege
und Flaschenformen abzuheben und ein einheitliches Erkennungszeichen
für alle Firmenprodukte mit hohem Wiedererkennungswert zu entwickeln.
Dies ist den Adelholzener Alpenquellen sehr gut gelungen mit dem Bild der
Berge, die die Reinheit des Wassers assoziieren sollen.
Die neuen Unternehmensstrategien erwiesen sich als äußerst erfolgreich:
Inzwischen ist Adelholzen der Marktführer in Bayern für Mineralwasser, Heilwasser, Schorle und kalorienarme Erfrischungsgetränke. Deutschlandweit zählt der Betrieb zu den führenden Anbietern für „Wasser mit
Geschmack“ und im Segment Schorle. Ja, mit den neuen, voll im Trend
der Zeit liegenden Produkten in der Einwegflasche gelang den Adelholzener Alpenquellen sogar die Erschließung internationaler Absatzmärkte. Seit
2002 exportiert das Unternehmen nicht nur in europäische Länder wie
die Schweiz, Österreich, Italien, Irland und Luxemburg, sondern auch nach
Japan, Südkorea und in die Vereinigten Arabischen Emirate. Mit der neuen,
2005 installierten vollaseptischen PET-Einweganlage mit einer Füllleistung
von stündlich 30.000 Flaschen betreiben die Adelholzener Alpenquellen die
weltweit größte Abfüllanlage für sauerstoffangereicherte Getränke. Zuletzt
wurde im Juni 2007 eine neue PET-Einweganlage eröffnet.
Für die Barmherzigen Schwestern stellte sich mit wachsendem Erfolg
ihres Brunnenbetriebs immer mehr die Frage, wie ein auf Gewinnmaximierung angelegtes Wirtschaftsunternehmen zum Selbstverständnis ihres
Ordens passt. Die Ordensleitung entwickelte im Rahmen dieser Diskussionen eine Unternehmensphilosophie, die bei allen Entscheidungen zum
Tragen kommen soll.
Die Ordensleitung muss Sorge dafür tragen, dass das Unternehmen,
das schon längst zu der wichtigsten Einnahmequelle des Ordens und zu
einem der wichtigsten Arbeitgeber im Chiemgau geworden ist, wirtschaftlich „gesund“ bleibt. Deshalb werden von den Gewinnen der Adelholzener
Alpenquellen zuallererst die für die Zukunft des Betriebs nötigen Investitionen getätigt. Die Entscheidungen der Unternehmensleitung müssen aus
Verantwortung gegenüber den rund 420 Mitarbeitern immer auch unter
dem unternehmerischen Aspekt getroffen werden. Die für neue Investitionen nicht benötigten Gewinne aber verwendet der Orden nicht nur zur
Finanzierung der eigenen karitativen Werke, sondern fördert damit auch
ordensfremde soziale Einrichtungen und Projekte. Zur Unternehmensphilosophie gehört außerdem, dass neben Kundenzufriedenheit und Gewährleistung von Qualitätsprodukten auch die Zufriedenheit der Mitarbeiter ein
zentrales Anliegen bleiben muss. Während in vielen anderen Firmen schon
längst alle Zusatzleistungen gestrichen worden sind, zeugen in Adelholzen
weiterhin freiwillige soziale Leistungen, beispielsweise die kostengünstige
Versorgung in der Betriebskantine mit biologischem Essen aus den eige243
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
nen Landwirtschaften, von einem sozial verantwortlichen Umgang mit den
eigenen Mitarbeitern.
Nicht nur mit den Mitarbeitern, auch mit der Umwelt will man verantwortungsvoll umgehen. Der Umweltschutz hat in Adelholzen bereits
eine lange Tradition. Schon Anfang der 70er Jahre wurde eine eigene Kläranlage für den Betrieb gebaut. Bei der Expansion des Werks in den 90er
Jahren gelang es durch eine eigene Umweltstrategie, den Verbrauch von
Wasser und Energie zu senken, Müll zu reduzieren und Reinigungsmittel
möglichst sparsam zu verwenden. Ein großer Teil des Mülls wird recycelt,
durch Kraft-Wärme-Kopplung wird Energie besonders effizient genutzt.
Schon 1997 legte das Unternehmen als eines der ersten in der Branche eine
Umwelterklärung nach dem EG-Öko-Audit ab, verbunden mit regelmäßigen Validierungen in den folgenden Jahren. Für ihr besonderes umweltpolitisches Engagement erhielt der Betrieb im Jahr 2004 die „Staatsmedaille
für Umwelt und Gesundheit“ des Bayerischen Umweltministeriums.
*
244
K a p i t e l 13
Neue Herausforderungen
für den Orden in einer
säkularisierten Gesellschaft
13.1. Nachwuchsmangel: Ursachen und Folgen
Die Geschichte der Barmherzigen Schwestern nach dem 2. Weltkrieg kann
man durchaus als eine Erfolgsgeschichte sehen. Der Orden hatte durch hohe
Eintrittszahlen viele arbeitsfähige Schwestern, die in zahlreichen kommunalen und staatlichen sozialen Einrichtungen Dienst leisteten. Die Anzahl
der ordenseigenen Häuser erhöhte sich stark und deren Entwicklung verlief
sehr positiv. Der einzige rein gewerbliche Betrieb, die Adelholzener Alpenquellen GmbH, entwickelte sich von einem kleinen Brunnenbetrieb mit
Handfüllapparaten zu einem international agierenden Getränkehersteller
mit Produktionsanlagen, in denen modernste Technik eingesetzt wird.
Karte von den
Niederlassungen
der Kongregation zu
Beginn der 1950er
Jahre
245
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
+ANDIDATINNEN
*AHR
Entwicklung
der Zahl
der Kandidatinnen
von 1828 bis
2007
1UELLE"3-~!-ITGLIEDERVERZEICHNISSE
In der Gesellschaft genießen die Barmherzigen Schwestern Respekt
und Ansehen. Der Staat honorierte das hohe soziale Engagement der Kongregation mehrfach durch die Verleihung von Verdienstorden an die jeweiligen Generaloberinnen. Und dennoch sah sich der Orden schon seit den
Anfangsjahren der Bundesrepublik Deutschland mit einem Problem konfrontiert, das alle Erfolge überschattete und die Zukunft des Ordens immer
mehr in Frage stellen sollte: der Nachwuchs blieb zunehmend aus.
Schon in der ersten Hälfte der 50er Jahre fielen die jährlichen Eintritte
unter 30, in der zweiten Hälfte unter 20. Das Problem des Nachwuchsmangels wurde immer deutlicher. Ab Mitte der 60er Jahre erfolgte ein noch
größerer Einbruch. Jetzt traten nur noch ein bis zwei junge Frauen jährlich
ein. In den 70er Jahren gab es erstmals Jahre, in denen kein Eintritt zu verzeichnen war. In den 80er Jahren waren Eintritte nur noch die Ausnahme
und seit 1988 gab es überhaupt keinen Neuzugang mehr.193
Was waren die Ursachen für den Rückgang des Nachwuchses?
Einige der oben genannten gesellschaftlich bedingten Faktoren, die früher
einen Ordenseintritt für eine junge Frau attraktiv gemacht hatten, fielen
im Nachkriegsdeutschland weg, da sich seit den 60er Jahren die Rahmenbedingungen grundlegend änderten. Als Frauenkongregation waren die
Barmherzigen Schwestern insbesondere von der Veränderung des Rollenbildes der Frau betroffen. Auch Frauen wurde nun das Recht auf eine gute
Ausbildung und die Ausübung eines Berufes zugestanden. Durch die Bildungsreform in den 70er Jahren wurde dieses Recht auch für Mädchen aus
246
Neue Herausforderungen für den Orden in einer säkularisierten Gesellschaft
unteren Schichten in reale Chancen umgesetzt. Nun standen Frauen immer
mehr Berufe offen, mit denen sie ihren Lebensunterhalt sichern konnten
und durch die sozialen Sicherungssysteme auch für den Fall von Krankheit
und Alter versorgt waren.
Mit dem Wandel der äußeren Rahmenbedingungen ging gleichzeitig
ein grundlegender Wertewandel in der Gesellschaft einher. Alte Tugenden
wie Pflichterfüllung und Gehorsam wurden auf dem Hintergrund, welche
verheerende Rolle sie beim Funktionieren des NS-Staates gespielt hatten,
immer mehr hinterfragt. Auch christliche Werte wie Demut und Nächstenliebe schienen nicht mehr in eine Zeit zu passen, in der die Selbstverwirklichung des Individuums als oberstes Ziel propagiert wurde.
Und wie waren die traditionellen Ordensgelübde von Gehorsam, Armut
und Keuschheit mit den neuen Wertvorstellungen zu vereinbaren? Immer
mehr Bürger forderten die demokratischen Prinzipien nicht nur in der
Politik, sondern auch in der Gesellschaft ein. Die in vielen Gesellschaftsbereichen, beispielsweise in den Schulen und in den Kirchen, noch vielfach
vorhandenen autoritären Strukturen wurden zunehmend in Frage gestellt.
Gehorsam als Wert an sich erschien fragwürdig und nicht vereinbar mit der
Selbstbestimmung des Menschen. In der Wohlstandsgesellschaft aufgewachsene Menschen, die an ein bestimmtes Konsumverhalten gewöhnt waren,
konnten auch das Gelübde der Armut immer schwerer nachvollziehen. Erst
recht galt dies für das Gelübde der Keuschheit. Seit der sexuellen Revolution der 60er Jahre konnten mit diesem Begriff viele überhaupt nichts mehr
anfangen. An die Stelle einer früheren Leibfeindlichkeit und Verteufelung
der Sexualität trat nun das andere
Extrem einer völligen Enttabuisierung und einer starken Überbetonung der Bedeutung der Sexualität.
Der bewusste Verzicht auf das Ausleben der Sexualität, den es in der
Geschichte in allen Kulturen gegeEwige
ben hat und der meist mit Respekt
Profess von
honoriert wurde, wurde nun vielfach
Schwester
als geradezu naturwidrig angesehen.
M. Katharina
Der Einfluss der Kirchen auf
Blümlhuber,
Politik und Gesellschaft wurde in
dem jüngsten Mitglied
den letzten Jahrzehnten zurückgeder Kongredrängt. Die Gesellschaft entwickelte
gation, vor
sich immer mehr zu einer säkulariSuperior
sierten Gesellschaft. Immer weniger
König im
junge Menschen wachsen heute in
Jahr 1992
247
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
einer christlich geprägten Umgebung auf. Falls sich heutzutage jemand für
den Ordensberuf entscheidet, erfährt er statt der früheren Anerkennung und
Unterstützung meist völliges Unverständnis oder sogar Ablehnung. Ein solcher Lebensentwurf ist den meisten Menschen absolut fremd geworden.
Folgen des Nachwuchsmangels
Die Folgen des Nachwuchsmangels waren für das Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern gravierend. Gerade in den Wiederaufbaujahren in den
50er Jahren war eine große Zahl an Krankenschwestern gefragt. So vermerkte die Ordenschronik im Jahr 1955: „Im Hinblick auf den großen Baueifer vieler
Gemeinden bzw. Träger der Anstalten wäre es notwendig, zahlreichen Nachwuchs
zu haben; denn unaufhörlich kommen Bitten um Vermehrung der Schwestern… Es
ist ein Schmerz für das Mutterhaus, die Bitten um Ordensschwestern nicht erfüllen
zu können. Wir müssen gemeinsam dieses Kreuz unserer Zeit tragen… „Herr,
sende Arbeiter in deinen Weinberg!“ – mit dieser innigen Bitte beschließen wir das
alte Jahr.“ Und 1956 heißt es dort: „Die größte Sorge ist die Nachwuchssorge. Es
können nicht einmal die durch Sterbefälle erledigten Posten besetzt werden.“ 194
Der Schwesternmangel zwang die Barmherzigen Schwestern, sich aus
immer mehr Niederlassungen zurückzuziehen. Der Rückzug begann Ende
der 50er Jahre mit der Kündigung des Krankenhauses in Burghausen und
erfasste in den kommenden Jahrzehnten praktisch alle ordensfremden Krankenhäuser und Altenheime. Hatte der Orden 1960 noch 154 Niederlassungen, sank die Zahl im Jahr 1970 auf 140 und im Jahr 1980 auf 105.195 In
den 80er Jahren beschleunigte sich diese Entwicklung und erreichte mit 40
Abgaben den Höhepunkt der Kündigungswelle. In den 90er Jahren wurden
weitere 30 Niederlassungen aufgegeben. Heute, im Jahr 2007, ist die Zahl
der Niederlassungen auf 28 geschrumpft.
Auch in München, wo die Alten- und Krankenpflege lange Zeit fast
ausschließlich in der Hand der Barmherzigen Schwestern war, blieb ihnen
die Aufgabe von immer mehr Häusern nicht erspart. Zunächst trennten
sie sich von den städtischen Krankenhäusern. So erfolgte bereits 1960 die
Kündigung des Sanatoriums in Harlaching und 1964 des Schwabinger
Krankenhauses. In den 70er Jahren gaben sie das Krankenhaus rechts der
Isar und das Krankenhaus am Biederstein ab. In den 80er Jahren zogen
sich die Barmherzigen Schwestern aus den Altenheimen der Stadt München zurück, in denen sie teilweise – wie im Heilig-Geist-Spital – schon
seit den Gründungsjahren ihrer Kongregation tätig gewesen waren. Auch
der Rückzug aus den Münchner Universitätskliniken, den die Schwestern
möglichst lange hinausgezögert hatten, ließ sich schließlich nicht vermeiden.
248
Neue Herausforderungen für den Orden in einer säkularisierten Gesellschaft
Von der Chirurgischen Klinik trennte
sich die Kongregation bereits 1974.
1979 gab sie die Gynäkologische Klinik auf, 1981 die Haunersche Kinderklinik, 1985 und 1986 zog sie sich
Tafel im
Eingangsaus der Frauenklinik und der Orthobereich
pädischen Klinik zurück. In den 90er
der MediJahren erfolgte noch die Aufgabe der
zinischen
Psychiatrischen und der DermatoloKlinik, die
gischen Klinik. Als letzte Münchner
an das lange
Universitätsklinik verließen die BarmWirken
der Barmherzigen Schwestern im Juni 2000 die
herzigen
Medizinische Klinik der Innenstadt, das
Schwestern
ehemalige Allgemeine Krankenhaus,
in dieihre erste Wirkungsstätte in Bayern bei
sem Haus
ihrer Gründung 1832. Schon in den
erinnert
60er Jahren hatte die Kongregation die
Verantwortung für die Hauswirtschaft in der Medizinischen Klinik abgegeben. Seit Ende der 1970er Jahre hatten sich die Schwestern sukzessive auch
aus der Pflege zurückgezogen, indem sie eine Station nach der anderen in
die Hände weltlicher Pflegekräfte gaben. Zum 30. Juni 2000 schieden nun
endgültig die letzten sieben Barmherzigen Schwestern aus dieser Klinik aus,
die so eng wie kein anderes Haus mit dem Wirken der Schwestern in Bayern verbunden ist. Dieser Abschied war besonders schmerzvoll, machte er
doch mehr als deutlich, dass endgültig eine Ära zu Ende ging. Eine Ära, in
der die Barmherzigen Schwestern lange Zeit fast ausschließlich das gesamte
nichtärztliche Personal an den Münchner Universitätskliniken gestellt und
zu deren Erfolgsgeschichte wesentlich beigetragen hatten.
Jeder einzelne Abschied aus den vielen Niederlassungen in ganz Bayern
war stets mit Trauer verbunden. Der Ordensleitung fiel jede einzelne Entscheidung schwer, da die Niederlassungen oft schon mehr als hundert Jahre
von den Barmherzigen Schwestern betreut worden waren. Aber sie sah, dass
die immer weniger und immer älter werdenden Schwestern ihre Kräfte auf
weniger Niederlassungen, vorwiegend die eigenen, konzentrieren mussten.
Und wie hart kam erst mancher Schwester der Rückzug aus einem Haus
an, das ihr oft jahrzehntelang Heimat gewesen war? Groß war auch meist
das Bedauern der örtlichen Bevölkerung, die sich an die lange Präsenz der
Schwestern gewöhnt hatte und sich nicht vorstellen konnte, auf sie verzichten zu müssen.
Für die Träger der Einrichtungen bedeutete der Weggang der Schwestern ebenfalls einen großen Verlust. Zwar war es im Gegensatz zu früher
249
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
kein Problem mehr, geeignetes und qualifiziertes weltliches Personal zu finden, aber die Umstellung bedeutete auf jeden Fall eine nicht unerhebliche
Erhöhung der Personalkosten. Da die Ordensschwestern nicht an tarifliche Arbeitszeiten gebunden waren und Belastungen durch Urlaubszeiten,
Krankheit und Alter von der Kongregation selbst getragen wurden, waren
sie für den Träger relativ kostengünstige Mitarbeiter. Diesen Aspekt hatten
schon die Klinikdirektoren der Münchner Krankenhäuser den Nationalsozialisten entgegengehalten, die an Stelle der Ordensschwestern Braune
Schwestern hatten einführen wollen. Auch in den 50er und 60er Jahren, als
wegen des Mangels an Ordensschwestern immer mehr weltliche Krankenschwestern angestellt werden mussten, hatten die Direktionen immer wieder darauf hingewiesen, dass ein 1:1-Ersatz einer Barmherzigen Schwester
durch eine weltliche Schwester nicht ausreiche und schon deshalb höhere
Personalkosten unumgänglich seien. So schrieb der Direktor der Frauenklinik im Oktober 1966 an die Universitätsverwaltung: „Ohne die Qualität
der freien Schwestern in Frage stellen zu wollen, muss jedoch gesagt werden, dass
sie keinen vollen Ersatz für die ausgeschiedenen Ordensschwestern darstellen: Die
Ordensschwestern haben sich im Gegensatz zu den freien Schwestern nicht an die
47-Stundenwoche gehalten, sondern darüber hinaus so lange gearbeitet, als ihre
Anwesenheit notwendig war. Außerdem waren in Notfällen die Ordensschwestern
durch ihre Unterbringung im Klinikgebäude auch außerhalb ihrer Arbeitszeit ständig einsatzbereit.“ 196 Die Universitätsverwaltung bestätigte diese Sichtweise
in einem Schreiben an das Kultusministerium im November 1966: „Die
Universität kann die Richtigkeit der Behauptung bestätigen, dass der Ersatz einer
Ordensschwester durch eine geprüfte weltliche Schwester im Verhältnis 1:1 unzureichend ist. Eine Verhältniszahl von 1:1,5 entspricht den praktischen Notwendigkeiten eher.“197
Dieses Problem wurde mit weiteren gesetzlichen Arbeitszeitverkürzungen noch verschärft. So beantragte die Universitätsverwaltung beim
Kultusministerium im Februar 1970, dass bei dem ab Juli 1970 angekündigten sukzessiven Rückzug des Ordens die in der Frauenklinik tätigen 38
Barmherzigen Schwestern nicht nur durch 38 weltliche Schwestern, sondern durch weitere 32 ersetzt werden sollten.198
13.2. Nachkonziliare Umbruchsituation
Die gesellschaftlichen Veränderungen führten nicht nur zu einem Rückgang
des Ordensnachwuchses mit allen seinen Folgen für das Wirken des Ordens
nach außen, sondern auch zu Veränderungen innerhalb des Ordens. Nach
und nach setzten sich Lockerungen bei den vorher noch recht strengen
250
Neue Herausforderungen für den Orden in einer säkularisierten Gesellschaft
Regelungen des Alltagslebens durch. Schon Anfang der 50er Jahre stellte
die damalige Ordenschronistin Schwester M. Emma Mayer bedauernd fest,
dass die formal noch bestehende, sehr restriktive Regelung für den Heimaturlaub in der Praxis durch immer mehr Ausnahmen unterlaufen wurde. So
häuften sich Fälle, in denen Geistliche die Ordensleitung um die Genehmigung baten, dass eine Barmherzige Schwester an Primizfeiern oder Priesterjubiläen in ihrem Heimatort teilnehmen durfte. Immer mehr geriet die
Leitung durch derartige Anfragen unter Druck und wünschte deshalb eine
Klärung der Regelung beim Generalkapitel von 1953.199 Kardinal von Faulhaber riet dem Orden zu äußerster Zurückhaltung, was die Heimfahrten
betraf. So bestätigte das Generalkapitel die alte strenge Regelung, wonach
eine Schwester zu Lebzeiten der Eltern nur ein einziges Mal in die Heimat reisen durfte und nach dem Tod der Eltern noch ein einmaliger Grabbesuch gestattet war. Auch für Primizfeiern und Priesterjubiläen sollte es
keine Ausnahmen mehr geben, außer es handelte sich um einen Bruder der
Barmherzigen Schwester.
Aber die neue Zeit war nicht aufzuhalten. So wurde schon beim Generalkapitel 1959 eine wesentlich liberalere Heimfahrtsregelung erlassen. Nun
durften die Schwestern bei Lebzeiten der Eltern alle drei Jahre, nach dem
Tod der Eltern alle fünf Jahre zu den Geschwistern in die Heimat reisen und
dort bis zu fünf Tage Urlaub verbringen. Schwerkranke Eltern sollten jederzeit besucht werden dürfen und die Teilnahme an ihrer Beerdigung sollte
auf jeden Fall ermöglicht werden. 200 Außerdem bürgerte es sich ein, dass
an Einkleidungs-, Profess- und Jubiläumsfeiern, zu denen früher nur eine
kleine Zahl nächster Verwandter zugelassen worden war, ein größerer Kreis
Angehöriger teilnehmen durfte.
Vergleichbar mit der gesamtgesellschaftlichen Tendenz wurde beim
Ordensnachwuchs mehr Wert auf einen mittleren und höheren Bildungsabschluss gelegt. So besuchten immer mehr junge Schwestern die Mittelschule, zunächst die der Englischen Fräulein in Berg am Laim und ab 1955
auch die ordenseigene Mittelschule in Indersdorf. Einige absolvierten das
Gymnasium bei den Armen Schulschwestern. Da für die Realschule in
Indersdorf dringend eigenes Lehrpersonal benötigt wurde, wurden einige
Schwestern für das Lehramt ausgebildet. So nutzte beispielsweise Schwester M. Borromäa Raabe die vom Kloster Seligenthal in Landshut angebotene Möglichkeit, in einer zweijährigen Ausbildung die Lehrbefähigung
zu erlangen. Als externe Schülerin wohnte die junge Schwester im nahe
gelegenen Heilig-Geist-Spital, das von den eigenen Mitschwestern geleitet
wurde. Der weiteren Ausdifferenzierung der Berufswelt wurde durch die
Ausbildung von Schwestern für neue Berufe und durch berufliche Weiterbildung Rechnung getragen.
251
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Änderung der Ordenstracht
Bereits in den frühen 50er Jahren setzte die Diskussion über eine Änderung der Ordenskleidung ein. Anlass dazu waren Äußerungen von Papst
Pius XII., wonach er die Einführung schlichterer Trachten begrüßen würde.
Die Münchner Ordensleitung, die wie der Großteil ihrer Schwestern an
der traditionellen Flügelhaube festhalten wollte, wandte sich beunruhigt an
ihre langjährige Kontaktperson in Rom, Schwester Pascalina Lehnert. Diese
konnte die Münchner Schwestern vorläufig beruhigen. Für den Fall, dass
eine Ordensgemeinschaft eine Änderung ihrer Tracht wünschte, würde der
Papst seine Zustimmung geben. Er denke aber nicht an eine verbindliche
Auflage für alle Orden, ihre Kleidung zeitgemäßer zu gestalten.201 Doch das
Thema blieb aktuell, zumal das Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern
in Untermarchtal 1954 eine neue Tracht einführte, wenn auch zunächst nur
für neu Eingekleidete.
Das Mutterhaus München ersetzte 1959 die doch recht altertümlich wirkende Tracht der Postulantinnen durch eine einfachere Kandidatinnentracht.
Nach dieser zaghaften kleinen Veränderung brach mit den 60er Jahren eine
Zeit von großen, grundlegenden Reformen an. Der Anstoß ging jedoch
nicht von den Schwestern selbst aus, sondern von der obersten Kirchenleitung, dem neuen Papst Johannes XXIII. Der Nachfolger des 1958 verstorbenen Papst Pius XII. nahm wider Erwarten trotz seines fortgeschrittenen
Alters schon unmittelbar nach seinem Amtsantritt eine grundlegende Erneuerung der katholischen Kirche in Angriff. Er forderte, die Kirche müsse sich
der neuen Zeit stellen und in der Gegenwart ankommen, wofür er den
Begriff „Aggiornamento“ („Heutigwerden“) prägte. Im Januar 1959 gab
er seine Absicht kund, ein neues Konzil
einzuberufen. Nach den notwendigen
Vorbereitungen eröffnete Johannes
XXIII. im November 1962 das Zweite
Vatikanische Konzil, das sich ohne Vorgaben, in möglichst freiem Diskurs, zu
den unterschiedlichsten Fragenkomplexen Gedanken machen und neue, auch
für die Zukunft tragfähige Antworten
finden sollte. Wie von Papst Johannes
KandidaXXIII. erhofft, entwickelte das Konzil
tinnentracht
bis 1959
eine große reformerische Eigendynamik,
(Puppe aus
die auch durch den Tod des Papstes im
dem SchauJuni
1963 nicht gestoppt werden konnkasten im
te. Sein Nachfolger Papst Paul VI. führte
Mutterhaus)
252
Neue Herausforderungen für den Orden in einer säkularisierten Gesellschaft
das Konzil in diesem Sinne bis zu dessen
Abschluss im Dezember 1965 weiter.
In dieser Zeit des Aufbruchs der Kirche in die Moderne konnte sich die
Ordensleitung der Barmherzigen Schwestern nicht länger gegen die schon lange
diskutierte und von vielen Schwestern
befürchtete Änderung der Tracht stellen.
Die ersten
Der neue Erzbischof von München und
KandidaFreising, Julius Kardinal Döpfner, drängte
tinnen in
der neuen
die Barmherzigen Schwestern zur ÄndeTracht im
rung ihrer Ordenskleidung, noch bevor
Treppenhaus
das 1965 erlassene Dekret des Zweiten
des MutterVatikanischen Konzils dies ausdrücklich
hauses im
forderte: „17. Das Ordensgewand als ZeiJahr 1959
chen der Weihe sei einfach und schlicht, arm
und zugleich schicklich, dazu den gesundheitlichen Erfordernissen, den Umständen
von Zeit und Ort sowie den Erfordernissen des Dienstes angepasst. Ein Gewand,
das diesen Richtlinien nicht entspricht, muss geändert werden. Das gilt sowohl für
Männer wie für Frauen.“ 202
Im Jahr 1963 bekamen zunächst nur die neu eingekleideten Novizinnen
ein neues Ordenskleid. Die Mutterhauschronistin, die den Bruch mit der
alten Tradition sehr bedauerte, notierte dazu: „1963 brachte dem Orden das,
vor dem schon lange gebangt wurde: den Verlust der Flügelhaube.“ Ab 1964 folgte
die Umkleidung aller Schwestern: „Wir vollzogen den Akt der Umkleidung
im Gehorsam gegen die Kirche, von deren Oberhaupt sie empfohlen und gegenüber
dem Erzbischof unserer Diözese, Julius Kardinal Döpfner, von dem sie strengstens
verlangt wurde.“ 203 Die alte Flügelhaube wurde durch einen einfachen wei-
Generaloberin Schwester M. Mildgitha
Bachleitner bei einer
Audienz bei Papst
Johannes XXIII. (1961)
253
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
ßen Schleier ersetzt, der nur das Gesicht frei ließ. Nach 1972 konnten sich
die Schwestern wahlweise zwischen diesem Schleier und dem neu eingeführten Schleier entscheiden, der auch den Haaransatz sichtbar machte. Das
weiße Schultertuch der alten Tracht wurde durch einen kleinen weißen
Kragen ersetzt.
Nicht alle Schwestern waren gegen die Einführung des schlichteren
Schleiers an Stelle der alten Flügelhaube: „Der Verlust und das Verschwinden
der Flügelhaube wurde von vielen bedauert und betrauert, von manchen begrüßt.“ 204
Manche Schwester mag die Abschaffung der alten Kopftracht auch als
Erleichterung angesehen haben. Waren die Flügelhauben doch alles andere
als pflegeleicht gewesen. Aufwändig mussten sie gestärkt werden, und das
Feststecken der Haube war eine Kunst, die junge Schwestern erst erlernen mussten. Allerdings verloren die Barmherzigen Schwestern mit ihren
Flügelhauben auch ihr „Markenzeichen“, das sie vorher unverwechselbar
gemacht hatte. Die neue Tracht konnte nun leicht mit der Ordenskleidung
anderer Gemeinschaften verwechselt werden. Das Ordenskleid, das „heilige
Kleid“, blieb auch weiterhin ein einfaches schwarzes Gewand. Dieses wird
nach wie vor in der Kirche getragen. Für den Arbeitsalltag wurde das weiße
Arbeitsgewand der Schwestern beibehalten. Neu hinzu kamen in den kommenden Jahren das pflegeleichte, aber dennoch festliche dunkelblaue Kleid
und das graue Kleid für Urlaub und Freizeit.
Neue Lebensordnung für die Schwestern
Neue
Ordenstracht ab
1964 (Puppe
aus dem
Schaukasten im
Mutterhaus)
254
Das Zweite Vatikanische Konzil sollte noch weiter reichende Folgen für die
Kongregation haben. Neben thematischen Schwerpunkten wie der Erneuerung der Liturgie, dem Selbstverständnis der
Kirche allgemein, der christlichen Ökumene
und dem Umgang der Kirche mit nichtchristlichen Religionen befasste sich das Konzil
auch mit der Frage nach einer Reform des
Ordenslebens. Von dem dazu im Oktober
1965 veröffentlichten Dekret über die zeitgemäße Erneuerung des Ordenslebens „Perfectae Caritatis“ waren auch die Barmherzigen
Schwestern betroffen. Alle Ordensgemeinschaften wurden aufgefordert, in den nächsten
Jahren ein Generalkapitel einzuberufen, das
die Ordensregeln und -statuten darauf überprüfen sollte, ob sie noch zeitgemäß wären.
Neue Herausforderungen für den Orden in einer säkularisierten Gesellschaft
In den folgenden Jahren setzten
sich die Barmherzigen Schwestern in
mehreren außerordentlichen Reformkapiteln mit der Erneuerung ihrer
Gemeinschaft auseinander. Ein erstes Ergebnis dieser Beratungen war
die 1970 vom Erzbischof approbierte
neue Lebensordnung. Sie ist in erster
Linie eine Überarbeitung der alten
Einkleidung
Ordensregeln, die rechtlichen Bestimund Profess
in der neuen
mungen wurden nur in den Anhang
Ordensaufgenommen und in den folgenden
tracht im
Jahren weiter überarbeitet. Die heute
Mai 1965 mit
gültige Lebensordnung von 1985 ist
Julius Kardidas Ergebnis dieses langen Prozesses.
nal Döpfner
Viele der neuen Regelungen betrafen das alltägliche Leben der Schwestern.207 War früher der Alltag einer
Barmherzigen Schwester stark reglementiert, sollte nun der einzelnen
Schwester mehr persönliche Freiheit eingeräumt werden. An die Stelle der
früher üblichen starken Kontrolle, die bis zur Zensur der Post gereicht hatte,
sollte nun die weitgehende Eigenverantwortlichkeit der Schwester treten. So
fielen die früher sehr strengen Beschränkungen von Fernseh- und Radiokonsum. Die Urlaubs- und Taschengeldregelungen wurden weiter gelockert.
Ab 1973 durften die Schwestern, wenn sie es wünschten, ihren gesamten
Urlaub in ihrer Heimat verbringen. Zunehmend wurde ihnen auch gestattet an Freizeitaktivitäten wie Bergwandern teilzunehmen, wofür das Tragen von Freizeitkleidung erlaubt wurde. Seit 1969 war es den Schwestern
freigestellt, ihren Taufnamen beizubehalten, selbst einen Ordensnamen zu
Kandidatinnen beim
Federballspiel im
Mutterhausgarten
(ca. 1960)
255
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Ordenstracht bis
1964 (Puppe
aus dem
Schaukasten
des Mutterhauses)
wählen oder sich für einen
Doppelnamen zu entscheiden. 1971 wurde die Kandidatinnentracht abgeschafft.
Bis zur Einkleidung trugen
die Kandidatinnen nun ihre
eigene zivile Kleidung. Für
die Zeit zwischen der ersten
zeitlichen Profess und der
Profess auf Lebenszeit wurde
die Bezeichnung „Juniorat“
eingeführt. Während dieses
Juniorats sollten die jungen
Schwestern nicht nur fachlich,
sondern auch spirituell unter Anleitung einer dazu bestimmten Junioratsleiterin weitergebildet werden.
Die Lebensordnung von 1970 beschränkte die Arbeitszeit auf höchstens
54 Wochenstunden. Damit lag die Höchstarbeitsdauer zwar noch um einiges
über der tariflichen Arbeitszeit, aber die Regelung sicherte den Schwestern
erheblich mehr Zeit für Erholung als früher.
Das Radfahren, das den Augsburger Barmherzigen Schwestern bereits
1954 genehmigt worden war, wurde nun auch den Münchner Schwestern
erlaubt. Diese Neuerung war für die Schwestern nicht nur ein weiteres Freizeitvergnügen, sondern für manche Schwester – beispielsweise in der ambulanten Pflege – auch eine sehr große Erleichterung. Ein Teil der Schwestern,
in erster Linie die älteren, sah die vielen neuen Freiheiten mit Besorgnis.
Die Flügelhaube der Barmherzigen Schwestern
Vinzenz von Paul hatte für die von
ihm gegründeten neuen Ordensgemeinschaften gefordert, sie sollten auf
Ordenskleidung verzichten und stattdessen Alltagskleidung tragen. So beruht die
Kleidung der vinzentinischen Gemeinschaften auf der damals in den unteren
Schichten üblichen Bekleidung. Während
diese Kleidung jedoch der Mode unterworfen war und sich im Laufe der Jahrhunderte änderte, blieben die Ordensleute bei der alten Kleidung. Mädchen und
Frauen hatten früher alle eine Kopfbede-
256
ckung zu tragen. So geht die Flügelhaube der Barmherzigen Schwestern auf die
Kopfhaube der bretonischen Landmädchen zurück, erfuhr allerdings im Laufe
der Zeit einige Abänderungen.
Die auffällige Haube wurde schnell zum
Erkennungs- und Markenzeichen der
Barmherzigen Schwestern. Allerdings
erregte sie bei manchem auch Anstoß.
Der Hildesheimer Bischof hatte deshalb
bei der Gründung des dortigen Mutterhauses auf einer Änderung der Ordenstracht bestanden. Aus Rücksicht auf die
Neue Herausforderungen für den Orden in einer säkularisierten Gesellschaft
Doch ein Großteil, vorwiegend die jüngeren, freute sich
über die neuen Bestimmungen und traute sich einen
verantwortlichen Umgang
mit den neuen Freiheiten zu.
Auch sie waren Kinder ihrer
Zeit und hätten die alten
restriktiven Regelungen, die
die älteren Generationen
noch als selbstverständlich
akzeptiert hatten, immer
weniger verstanden und als
Schikanen empfunden.
Die ehemalige
Generaloberin
Schwester M.
Gundebalda
Engelhart bei
ihrer Diamantenen Profess
im Jahr 1990.
Neben ihr steht
ihre Nachfolgerin, die damals
amtierende
Generaloberin Schwester
Maria Siglinde
Reichart.
Wandel des Superiorenamtes
Auch in der Ordensleitung waren die Schwestern gewillt, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen. So begannen sie, die Notwendigkeit des Superiors als einer Art männlichen Geschäftsführers des Ordens zu hinterfragen.
Der tatsächliche Einfluss des Superiors war auch früher schon abhängig gewesen von den jeweiligen Persönlichkeiten des Amtsinhabers und der
Generaloberin. Das Amt an sich war jedoch nie in Frage gestellt worden.
Immer war die Notwendigkeit anerkannt worden, dass die Barmherzigen
Schwestern als Frauenkongregation einen vom Bischof eingesetzten PriesDiasporasituation der katholischen Kirche in der überwiegend protestantischen
Umgebung mussten die Schwestern auf
die Aufsehen erregende Haube verzichten und stattdessen schwarze Schleier
tragen.205
Auch mancher Arzt beanstandete die Flügelhaube. In erster Linie hielten die Chi­
rurgen die ausladende Haube beim Einsatz im Operationssaal für unpraktisch
und unhygienisch. So berichtet die Mutterhauschronik, dass Prof. Dr. Lexer, der
Nachfolger Prof. Sauerbruchs an der Chi­
rurgischen Klinik, bei seinem Amtsantritt
1928 darauf bestanden habe, die Schwes-
tern müssten sich von ihrer Haube trennen: „Die müsst ihr weg tun!“ 206 General­
oberin Schwester M. Desideria Weihmayer
besprach das Problem mit Kardinal von
Faulhaber, der ihr riet, der Forderung des
Professors zu entsprechen. Nur dem Einfallsreichtum der erfahrenen Schwester
M. Potamiena Maier war es zu verdanken,
dass sich die Operationsschwestern nicht
damals schon von ihrer Flügelhaube trennen mussten. Sie ließ einen Überzug aus
einem feinen, waschbaren Stoff anfertigen, den die OP-Schwestern über ihre
Haube ziehen konnten. Mit dem Ergebnis
gab sich auch der Professor zufrieden.
257
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Verabschiedung von
Superior Prälat Joseph
König im Juli 2001
durch Schwester M.
Adelinde Schwaiberger und Schwester M.
Hiltrudis Zehetmaier in
ihren damaligen Funktionen als Generaloberin bzw. Generalvikarin
ter benötigten, der ihre Interessen nach außen vertrat und die Ordensgeschäfte beaufsichtigte. Noch bei der Änderung der Statuten im Jahr 1942
war unter dem sehr einflussreichen Superior Pfaffenbüchler und dem stark
in die Geschicke des Ordens eingreifenden Kardinal von Faulhaber das Amt
des Superiors gestärkt worden. In der Nachkriegszeit emanzipierten sich
die Schwestern nach und nach von diesem männlichen Führungsanspruch.
Das Generalkapitel im Februar 1966 stellte die Weichen für die Zukunft,
indem es das Amt der Generalökonomin mit umfassenden Kompetenzen
für die Leitung der gesamten Ökonomie der Kongregation einrichtete. In
Schwester M. Iphigenia Insam hatte der Orden eine sehr fähige Schwester
für dieses Amt gefunden, die von Bad Adelholzen aus über zwei Jahrzehnte
kompetent und selbstständig die wirtschaftlichen Geschicke leitete. Als sie
1987 in den Ruhestand ging, übernahm Schwester M. Theodora Werner
dieses verantwortungsvolle Amt vom Mutterhaus aus, in dessen Verwaltung
sie schon seit 1981 tätig war.
Das Amt des Superiors hatte immer aus zwei unterschiedlichen Aufgabenbereichen bestanden, der Beratung der Schwestern in wirtschaftlichen
und geistlichen Fragen. Mit der Einführung des Amts der Generalökonomin nahm der Einfluss des seit 1947 amtierenden Superior Karl Nißl auf
die Geschäftsführung des Ordens ab. Somit trat seine Funktion als geistlicher Begleiter der Schwestern mehr in den Vordergrund. Auf Wunsch der
Schwestern genehmigte Kardinal Döpfner 1965 zudem das Amt eines Spirituals für die Kongregation. So erhielten sie in dem Priester Dr. Peter Kern
einen weiteren spirituellen Begleiter. Als jedoch im Jahr 1972 sowohl Superior Nißl als auch Spiritual Dr. Peter Kern ihr Amt niederlegten, fasste Kardinal Döpfner beide Ämter wieder unter der Bezeichnung Superior zusammen. Doch im Grunde wurde nur noch die alte Bezeichnung übernommen.
Der Aufgabenbereich des neu ernannten Superiors Joseph König entsprach
258
Neue Herausforderungen für den Orden in einer säkularisierten Gesellschaft
weit mehr dem eines Spirituals als dem des Superiors im herkömmlichen
Sinne. Er sollte in erster Linie geistlicher Begleiter der Ordensschwestern
sein. Der Superior wurde in der neuen Lebensordnung von 1970 nicht
mehr als Teil der Ordensleitung aufgeführt. Im Ordensrat hatte er nur noch
eine beratende Stimme. Bis zu seinem Ruhestand im Jahr 2001, also ganze
29 Jahre lang, begleitete Prälat König die Kongregation als Superior „der
neuen Art“ durch eine Zeit, die mit vielen Veränderungen und Umwälzungen für die Schwestern verbunden war. Er sollte der letzte Superior sein.
Sein Nachfolger Pater Prof. Dr. Robert Lachenschmid SJ steht den Schwestern seit dem 1. September 2001 als Spiritual zur Seite.
Demokratische Gestaltung der Ordensleitung
Das Generalkapitel von 1966 führte nicht nur das Amt der Generalökonomin ein, sondern gestaltete die Ordensleitung gemäß der Vorgaben des Konzils demokratischer.208 Die oberste Autorität des Ordens sollte nicht mehr
die Generaloberin sein, sondern das Generalkapitel. Dieses wird alle sechs
Jahre von allen Professschwestern gewählt. Wählbar sind alle Schwestern,
die bereits die Profess auf Lebenszeit abgelegt haben. Dem Generalkapitel
gehören neben den gewählten Schwestern kraft ihres Amtes die amtierende
Generalleitung und die ehemaligen Generaloberinnen an. Wie viele Delegierte in das Generalkapitel zu wählen sind, kann der Generalrat festlegen,
allerdings sollen die gewählten Delegierten imVerhältnis zu der amtierenden
Generalleitung mindestens zwei Drittel des Generalkapitels ausmachen. In
der Regel sitzen etwa 30 Schwestern im Generalkapitel. Dieses Gremium
berät und entscheidet alle wichtigen Ordensangelegenheiten und legt für alle
Schwestern verbindliche Richtlinien fest.Wenn besonders schwerwiegende
Die seit 2004 amtierende
Ordensleitung. Von links: Generalsekretärin Schw. Anna Maria
Burgauer, Schw. M. Vinzentia
Moll, Generalökonomin Schw.
M. Theodora Werner, Generaloberin Schw. M. Theodolinde
Mehltretter, Schw. M. Adelinde
Schwaiberger, Schw. M. Epiphania Böhm, Schw. M. Evelina
Franzl und Generalvikarin Schw.
M. Veneranda Sachsenhauser;
nicht auf dem Bild: Schw. Rosa
Maria Dick, Beauftragte für Fortund Weiterbildung
259
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Entscheidungen
anstehen, kann die General­
oberin auch ein außeror3CHWESTERNSCHAFT
WAHLBERECHTIGTALLE0ROFESSSCHWESTERN
dentliches Generalkapitel
WiHLBARALLE3CHWESTERNMIT%WIGER0ROFESS
einberufen, das allerdings
WiHLTALLE*AHRE
dann wieder neu gewählt
werden muss.
Eine der wichtigsten
'ENERALKAPITEL
BESTEHTAUSDENGEWiHLTEN$ELEGIERTENMINDESTENS
Aufgaben des GeneralUNDDERAMTIERENDEN'ENERALLEITUNG
kapitels ist die Wahl des
WiHLTALLE*AHRE
neuen Generalrats. Dieser
besteht aus der General­
oberin und fünf Gene'ENERALRAT
ralrätinnen. Die Gene'ENERALOBERIN'ENERALRiTINNEN
raloberin war zwar auch
'ENERALOBERINERNENNTEINEDER'ENERALRiTINNENZUR
'ENERALVIKARIN
früher schon von den
3TELLVERTRETERINDER'ENERALOBERIN
Schwestern des OrdensUND/BERINDES-UTTERHAUSKONVENTS
rates unterstützt und
'ENERALOBERINERNENNT3CHWESTERN
beraten worden, seit 1966
F~RDIEFOLGENDEN_MTER
wurden die Ratsschwes'ENERALyKONOMINDARFKEINE'ENERALRiTINSEIN
tern jedoch stärker mit in
die Verantwortung einge'ENERALSEKRETiRIN
bunden. Der in Generalrat umbenannte Ordens"EAUFTRAGTEF~RDIE&ORTUND7EITERBILDUNG
rat wurde von einem rein
beratenden Gremium zu
einem beschlussfähigen
Gremium mit echter Mitbestimmung. 1966 wurde auch das neue Amt der
Generalvikarin eingeführt. Die Generaloberin ernennt eine ihrer Generalrätinnen zur Vikarin, die sie als ihre Stellvertreterin und Hausoberin des
Mutterhauskonvents entlasten soll.
Die Generaloberin ernennt mit Zustimmung des Generalrats Schwestern
für die Ämter der Generalökonomin, der Generalsekretärin und der Beauftragten für die Fort- und Weiterbildung. Als weitere Ämter sind vorgesehen
die Leiterinnen des Postulats, des Noviziats und des Juniorats. Diese Ämter
sind wegen des fehlenden Nachwuchses derzeit jedoch nicht besetzt.
Die in die Ämter berufenen Schwestern können dem Generalrat angehören, müssen es aber nicht. Eine Ausnahme stellt die Generalökonomin dar.
Sie darf nicht gleichzeitig dem Generalrat angehören. Der Generalrat tagt
in der Regel einmal monatlich. Die Inhaberinnen der Ämter nehmen, falls
sie keine Generalrätinnen sind, an diesen Beratungen nur teil, wenn es um
'ENERALLEITUNG
$IE/RDENSLEITUNG
Aufbau
der Ordens­
leitung
260
KyNNEN'ENERALRiTINNENSEIN
1UELLE%IGENER%NTWURFDER!UTORINAUFDER'RUNDLAGEDER,EBENSORDNUNGDER+ONGREGATION
DER"ARMHERZIGEN3CHWESTERNVOMHL6INZENZVON0AUL-UTTERHAUS-~NCHENVON
Neue Herausforderungen für den Orden in einer säkularisierten Gesellschaft
Belange geht, die ihr Amt betreffen. Eine Ausnahme bildet die Generalsekretärin, die zur Unterstützung des Generalrats bei allen Sitzungen zugegen
ist.
Die Generalleitung wird gebildet aus dem Generalrat mit der Generaloberin und den Inhaberinnen der genannten Ämter. Der aktuellen, im Jahr
2004 gewählten Generalleitung gehören neun Schwestern an.
Die nach den Veränderungen in der Ordensleitung ins Amt gewählten Generaloberinnen wollten die gewandelte Stellung der Generaloberin
auch in ihrer Anrede deutlich machen. Die ab 1968 amtierende Generaloberin Schwester M. Gundebalda Engelhart ließ sich nicht mehr mit der
früher üblichen Bezeichnung „Ehrwürdige Mutter“ ansprechen, sondern
wünschte nur noch „Mutter Gundebalda“ genannt zu werden. Ihre Nachfolgerin Schwester M. Siglinde Reichart bat ihre Mitschwestern, weiterhin
bei der Anrede „Schwester“ zu bleiben. Da es mancher Schwester schwer
fiel, die Generaloberin wie jede andere Mitschwester anzusprechen, entsprach die neue Generaloberin schließlich dem Wunsch vieler Schwestern,
auch den ersten Teil ihres Ordensnamen „Maria“ auszusprechen und ließ
sich Schwester Maria Siglinde nennen. Bei ihren beiden Nachfolgerinnen
im Amt, Schwester M. Adelinde Schwaiberger und Schwester M. Theodolinde Mehltretter, war die Beibehaltung der Anrede „Schwester“ schon kein
Thema mehr.
Schwierige Phase nach dem Konzil
Nicht wenige Katholiken bedauerten, dass mit dem Zweiten Vatikanischen
Konzil, das viele Neuerungen und Änderungen nach sich zog, manche alte
Traditionen aufgegeben wurden. Außerdem befürchteten etliche Gläubige
eine mit dem Glauben nicht zu vereinbarende Anpassung an den Zeitgeist.
Kritik gab es auch aus den Reihen der Barmherzigen Schwestern. Zeitweise war sogar die Einigkeit der Schwesternschaft gefährdet. Viele, vorwiegend ältere Schwestern standen den Veränderungen skeptisch gegenüber. Besorgt und verunsichert beobachteten sie die Entwicklung. Auf der
anderen Seite standen Schwestern, die voll Hoffnung und Aufbruchstimmung in die Zukunft blickten und denen teilweise die Reformen noch
zu wenig waren. Hinzu kam, dass sich alle Ordensangehörigen gezwungen
sahen, sich mit ihrem bisherigen Selbstverständnis auseinanderzusetzen. Das
Zweite Vatikanische Konzil sieht jeden getauften Christen in gleicher Weise
zur Heiligkeit berufen. Dadurch wurde das bisherige Selbstverständnis von
Ordensangehörigen von ihrer besonderen Berufung in Frage gestellt. Nach
früherer Auffassung gab es grundsätzlich zwei Wege, das Heil zu erlangen:
261
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Links: Mutterhauskirche nach der
Neugestaltung im Jahr
1971
Rechts:
Madonna in
der Mutterhauskirche
(1978)
Den Weg eines gewöhnlichen Christen, der durch die Befolgung der Gebote
das ewige Heil erlangen konnte, und den besonderen Weg der Ordensleute, die durch die Einhaltung der drei Evangelischen Räte, der Ehelosigkeit,
der Armut und des Gehorsams, ihre Heiligung erreichten. Dieser zweite
Weg galt als der höherwertige. Der Stand der Ordensleute wurde bereits im
Diesseits als ein Stand der Vollkommenheit angesehen. Das Konzil räumte
mit diesen Vorstellungen auf und sah das Leben als Mönch oder Nonne als
eine mögliche Form von vielen gleichwertigen Lebensformen, in denen ein
Christ sich vervollkommnen könne.
Dieses gewandelte Bild von Berufung mag mit dazu beigetragen haben,
dass die Lockerung der früheren strengen Regeln für das Alltagsleben der
Schwestern nicht den erhofften Anstieg von Eintritten zur Folge hatte. Im
Gegenteil, die Zahl der Kandidatinnen ging weiter drastisch zurück. Waren
1967 noch acht Kandidatinnen eingetreten, waren es 1968 nur noch drei,
1969 zwei und 1970 eine Kandidatin. Noch deutlicher zeigt die ungewöhnlich hohe Zahl an Austritten in den Jahren 1969 mit acht und 1970 mit
neun, wie groß die Verunsicherung der Barmherzigen Schwestern in dieser
Zeit des Umbruchs war.209
Aber wie jede Krise barg auch diese die Chance eines Neuanfangs. Die
Barmherzigen Schwestern nutzten diese zur Entwicklung eines neuen
Selbstverständnisses und zur spirituellen Erneuerung. Sie besannen sich
in zunehmendem Maße auf ihre vinzentinischen Wurzeln. Einerseits versuchten sie, neu zu definieren, wie das vinzentinische Apostolat der tätigen
262
Neue Herausforderungen für den Orden in einer säkularisierten Gesellschaft
Nächstenliebe in einer veränderten Zeit mit immer weniger Barmherzigen
Schwestern zu erfüllen sei. Andererseits setzten sie sich verstärkt mit der
besonderen Spiritualität des Ordensgründers auseinander.Vinzenz von Paul
hatte das Gebet und das Leben mit dem Evangelium, das heißt, seine enge
Verbindung zu Gott, immer als Basis seiner Arbeit für den Nächsten gesehen: „Je mehr wir an der eigenen Vervollkommnung arbeiten, um so besser sind wir
fähig, dem Nächsten gut zu sein.“ 210 Die spirituelle Weiterentwicklung der
Schwestern trat nun mehr in den Mittelpunkt und neben der fachlichen
Weiterbildung wurden nun auch die spirituellen Angebote weiter ausgebaut.
Eine weitere Folge dieser Rückbesinnung auf die vinzentinischen Wurzeln
war die verstärkte Zusammenarbeit mit den anderen von Straßburg ausgegangenen Mutterhäusern ab Mitte der 1960er Jahre. In der Bündelung ihrer
Kräfte sahen die Barmherzigen Schwestern einen wichtigen Lösungsansatz,
ihre Gemeinschaften zukunftsfähig zu machen.
13.3. Zusammenarbeit in der Vinzentinischen
Föderation
Der Kontakt zwischen den von Straßburg aus gegründeten Mutterhäusern
mit ihrem Stammmutterhaus in Straßburg und auch untereinander war
nie ganz abgerissen. In der Amtszeit von Schwester Marie Ange Vogel als
Straßburger Generaloberin (1946 – 1964) intensivierten sich diese Beziehungen. So notierte die Ordenschronistin 1956: „In Straßburg knüpft man
seit der Ernennung von Sr. Marie Ange zur Generaloberin immer mehr Verbindung mit den von Straßburg ausgegangenen Mutterhäusern, so auch mit München. Am 28. Juni kamen abends per Wagen
die Mutter Ange mit 2 Begleitschwestern
an… Der Eindruck der Besucherinnen war
denkbar gut. Sie besitzen spürbar den Geist,
den man aus dem Buch von Mutter Ignatia
lesen kann.“ Die Münchner trugen auch
ihren Teil zur weiteren Verbesserung der
Beziehungen bei, wobei man auf ein
bewährtes bayerisches Mittel zurückgriff:
„Vor der Abreise von Mutter Ange sandte
Hängende
man gutes Münchener Bier (Export) nach
Statue
des
Straßburg, das am Vinzenztag ankam und
hl. ­
V
inzenz
große Freude machte.“ 211
in der
In der nachkonziliaren UmbruchsiMutterhaus­
tuation entschlossen sich die Straßburger
kirche
263
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Gründungen, noch enger zusammenzuarbeiten, um gemeinsam den
Konzilsauftrag der Erneuerung des
Ordenslebens umzusetzen. Im Mai
1966 hatte auf Anregung des Konzils
ein Treffen aller Generaloberinnen
der Bundesrepublik Deutschland
stattgefunden. Neben dem offiziellen Tagungsgeschehen kam es
dabei zu einer vorsichtigen Annäherung der Angehörigen der vinzentinischen Gemeinschaften. Die Idee
eines Zusammenschlusses wurde hier
bereits geboren. In der Folge trafen
sich die von Straßburg aus gegrünDas Föderationskreuz
deten Gemeinschaften zu regelmäßigen Tagungen, auf denen sie die
anstehenden Reformen diskutierten und ab 1968 begannen, eine gemeinsame Lebensordnung auszuarbeiten. Ergebnis war die Lebensordnung von
1970.
Im November 1970 schlossen sich zunächst zehn von Straßburg mittelbar oder unmittelbar gegründete Mutterhäuser an historischem Ort,
im Mutterhaus Straßburg, zur Vinzentinischen Föderation zusammen.212
Inzwischen gehören der Föderation zwölf Mutterhäuser an. Zu den zehn
Gründungsmitgliedern (Straßburg, Augsburg, Freiburg, Fulda, Heppenheim,
München, Paderborn, Hildesheim, Untermarchtal und Innsbruck mit den
Provinzen Meran und Treviso) kamen die Mutterhäuser Mananthavady/
Indien und Dong-Suwon/Südkorea hinzu. Als Zeichen ihrer Zusammengehörigkeit tragen die Schwestern eine kleine Silberplakette als Anhänger.
Ein Kreuz ruht auf einem Anker, dem Symbol für Halt und Hoffnung. Der
Anker verweist mit seiner V-Form auch gleichzeitig auf den Ordensgründer
Vinzenz von Paul. Rund um das Kreuz, das symbolhaft die Mitte bildet, sind
viele Menschen zu erkennen, womit die vinzentinische Idee der Gottesliebe
durch praktizierte Nächstenliebe versinnbildlicht ist.
Ziel der Föderation war und ist, die Unabhängigkeit der einzelnen Mutterhäuser in ihren unterschiedlichen Ausprägungen beizubehalten und dennoch die Zusammenarbeit auszubauen. Die Kooperation reicht von gemeinsamen Noviziatsschulungen, Fort- und Weiterbildungen, Begegnungstagen
bis zur Veröffentlichung der gemeinsamen Zeitschrift „heute“. Ab 1979
überarbeitete die Föderation die Lebensordnung von 1970. Ergebnis war
die gemeinsame Lebensordnung von 1984, deren Approbation je nach
264
Neue Herausforderungen für den Orden in einer säkularisierten Gesellschaft
&ULDA
%RFURT
)NDIEN
&REIBURG
3TRA†BURG
(EPPENHEIM
+AMERUN
:AMS
0ADERBORN
+OREA
(ILDESHEIM
0ERU
5NTERMARCHTAL
-~NCHEN
)NNSBRUCK
4ANSANIA
-ERAN
7IEN
'RAZ
0ROVINZVON)NNSBRUCK
4REVISO
3ZATHMAR
3ALZBURG
:AGREB
!UGSBURG
0ROVINZVON)NNSBRUCK
1UELLE6ORLAGEAUS"3-~!VON!UTORINUMGESTALTET
Alle direkt
oder indirekt
von Straßburg aus
gegründeten Gemeinschaften
Zuständigkeit durch den Bischof bzw. durch Rom in den Jahren zwischen
1984 und 1986 erfolgte. Die Lebensordnung der Münchner Kongregation
wurde 1985 vom Erzbischof von München und Freising approbiert.
Auf jährlichen Tagungen pflegen die Mitglieder der Föderation einen
regen Gedankenaustausch. Sie arbeitet auch mit den übrigen vinzentinischen Gemeinschaften zusammen, beispielsweise durch die Mitarbeit bei
MEGVIS, der Mittel-Europäischen Gruppe für Vinzentinische Studien, die
ihren Sitz in Köln hat. MEGVIS veröffentlicht Studienberichte rund um
den hl.Vinzenz und seine Spiritualität. Jede Vinzentinerin, jeder Vinzentiner
kann dafür Beiträge liefern.
Seit 1994 gehören alle Mitglieder der Föderation offiziell auch zu der
großen Vinzentinischen Familie der „Töchter der Liebe“ und der Lazaristen,
die auf die direkte Gründung durch den hl.Vinzenz von Paul zurückgehen.
In Rom wurde 1994 die Affiliation der vinzentinischen Gemeinschaften
mit einer Urkunde besiegelt, wodurch nun alle Gemeinschaften gegenseitig Anteil an den geistigen Gütern haben: „Affiliation ist die gegenseitige
265
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Teilnahme an allen geistlichen
Verdiensten durch Gebete und
Augsburg
187
–
–
gute Werke und die Teilnahme
Freiburg
240
–
–
an den Früchten der EuchaFulda
180
–
–
ristiefeiern, die die Mitglieder
Heppenheim
  66
–
–
der beteiligten Gemeinschaften
Hildesheim
155
 1
–
vollbringen.“ 213
Perú
  40
 6
 3
Einige Mutterhäuser der
Innsbruck
158
–
–
Meran
102
–
–
Föderation hatten versucht,
Treviso
  26
 1
–
ihr
Nachwuchsproblem
Tansania
  83
12
15
durch
den
Einstieg in die
Dong-Suwon/
217
 4
10
Mission zu beheben. Auch
Südkorea
im Münchner Mutterhaus
Mananthavady
227
 4
15
München
453
–
–
wurde eine Zeitlang diese
Paderborn
399
–
–
Idee diskutiert, aber wieder
Straßburg
149
–
–
fallen gelassen, da die betrefUntermarchtal
463
 3
 3
fenden Mutterhäuser inzwiTansania
183
17
10
schen erkannt hatten, dass die
Quelle: „heute“ 1/2007
Mission kein zukunftsträchtiger Weg war, um Nachwuchs für Deutschland zu gewinnen. Schnell hatten sie einsehen müssen,
dass es mehr Sinn machte, die Schwestern in ihrer Heimat zu belassen und
vor Ort wirken zu lassen. Bald entwickelten sich Missionen zu selbstständigen Mutterhäusern.
In München gab es Anfang der 1970er Jahre Versuche, kleine Schwesterngemeinschaften in den herkömmlichen Aufgabenbereichen in den
­Niederlassungen neben dem mehrheitlich weltlichen Personal zu belassen.
Dieser Ansatz wurde wegen verschiedener damit verbundener Probleme
wieder aufgegeben.214
ProfessSchwestern
Schwesternzahl
der Föderation bei der
Föderationstagung
im Oktober
2006 in
Hildesheim
Novizinnen Postulantinnen
*
266
K a p i t e l 14
Die Kongregation heute
Das Nachwuchsproblem wurde in den letzten 20 Jahren immer gravierender. 1988 war zum letzten Mal eine Kandidatin eingetreten, verließ aber
einige Jahre später den Orden wieder. Somit ist die 1960 geborene und
1983 eingetretene Schwester M. Katharina Blümlhuber heute die jüngste
Schwester. Das Gros der Schwestern ist bereits älter als 65 Jahre.
Aufgrund des fehlenden Nachwuchses waren der Mitgliederschwund
und die starke Überalterung schon seit den 60er Jahren absehbar. Die erste
und wichtigste Konsequenz, die die Ordensleitung aus dieser Entwicklung
zog, war die Konzentration der Kräfte auf die ordenseigenen Häuser. Der
Rückzug aus den nichtordenseigenen Niederlassungen der Kranken- und
Altenpflege ist heute beinahe abgeschlossen. Von den im Jahr 2007 verbliebenen 28 Niederlassungen sind 15 ordenseigen. Von den 13 nichtordenseigenen Niederlassungen sind nur noch 6 aus dem traditionellen Aufga!UFGABENBEREICHE
3ONSTIGE
.EUE0ROJEKTE
%RHOLUNGSHEIM
3CHULE
,ANDWIRTSCHAFT
+INDERUND
*UGENDPFLEGE
!LTENPFLEGE
(AUSHALT
+RANKENPFLEGE
AMBULANT
+RANKENPFLEGE
Tätigkeitsfelder der
Kongregation im Jahr
2007
267
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
bengebiet der Barmherzigen Schwestern und nur noch mit sehr kleinen
Konventen besetzt.
Neben der Konzentration auf die eigenen Häuser schlug die Ordensleitung noch einen zweiten Weg für die Zukunft ein. So erschloss sich der
Orden in den letzten zwei Jahrzehnten neue Tätigkeitsfelder, einerseits den
Bereich der Seelsorge und der spirituellen Lebenshilfe, andererseits den
Bereich sozialer und psychologischer Hilfe für verschiedene Randgruppen
der Gesellschaft. Für diese Aufgaben stellte der Orden einzelne Schwestern
oder kleine Gruppen ab. Zum überwiegenden Teil sind andere Organisa­
tionen die Träger dieser Initiativen. So sind die weiteren sieben nichtordenseigenen Einrichtungen, für die die Kongregation heute noch Schwestern
stellt, im Bereich neuer Projekte zu finden.215
14.1. Rückzug aus den traditionellen Einsatzbereichen
in nichtordenseigenen Niederlassungen
Nur wenige Schwestern sind heute noch in ordensfremden Einrichtungen
in den traditionellen Aufgabengebieten tätig. Heute arbeiten noch zwei
Schwestern in der ambulanten Sozialstation in Oberstdorf. Auch in den
Haushalten des Spätberufenenseminars St. Matthias in Waldram und im
Herzoglichen Georgianum in München sind ebenfalls je zwei Schwestern
beschäftigt. Im Münchner Bischofshof arbeiten nach wie vor Schwester M.
Adelberga Öttl im Haushalt und Schwester M. Solemnis Simmelbauer als
Sekretärin. Als einzige in der Krankenpflege in einer Münchner Universitätsklinik verbliebene Schwester ist Schwester M. Belanda Schneider an der
Psychiatrischen Klinik tätig.
Nur im inzwischen von der Caritas geführten Kinderheim St. Vinzenz
in Landshut besteht in einem ordensfremden Haus und in einem traditionellen Aufgabengebiet noch ein größerer Konvent von fünf Barmherzigen
Schwestern. Im Kinderheim werden heute an die 60 Kinder betreut, für
die das Jugendamt aufgrund problematischer Familienverhältnisse zumindest vorübergehend eine Heimunterbringung für die bessere Lösung hält.
Daneben wurden in den letzten Jahren Betreuungsangebote wie Krippe
und Hort weiter ausgebaut, da diese wegen der häufigeren Berufstätigkeit
beider Elternteile immer mehr nachgefragt werden. Das neueste Hilfsangebot richtet sich an jugendliche allein erziehende Frauen, denen durch
die Betreuung ihrer Kleinkinder die Möglichkeit gegeben wird, die eigene Ausbildung abzuschließen. Damit soll jungen Frauen bei einer ungewollten Schwangerschaft die Entscheidung für das Kind erleichtert werden.
Zwei der Barmherzigen Schwestern in Landshut leisten noch pädagogische
268
Die Kongregation heute
Schwester M. Irene
Reidinger mit Kindern ihrer Gruppe
im Landshuter Kinderheim St. Vinzenz
(2006)
Arbeit in den Kindergruppen. Die anderen drei Schwestern arbeiten in der
Verwaltung bzw. kümmern sich um alles, was in Haus und Garten anfällt.
Auch die bereits weit im Rentenalter stehende Oberin Schwester M. Tyella
Eichstetter, die bis zur Übernahme durch die Caritas die Heilpädagogische
Einrichtung geleitet hatte, lässt es sich nicht nehmen, überall mit anzupa­
cken, wo es nötig ist.216
14.2. Ordenseigene Häuser
Nach wie vor liegt der Tätigkeitsschwerpunkt der Barmherzigen Schwestern
in ihren eigenen Häusern in den Bereichen Krankenpflege und Altenpflege.
In ihren drei Kliniken sowie sechs Alten- und Pflegeheimen ist neben den
inzwischen unverzichtbaren weltlichen Mitarbeitern auch noch eine größere Zahl an Schwestern tätig. Zufriedene Patienten der Kliniken betonen
in ihren Dankesbriefen häufig, wie wohltuend sie neben der kompetenten
medizinischen Versorgung die besondere, durch die Barmherzigen Schwestern geprägte Atmosphäre empfunden hätten.
Zum 1. Januar 1990 wurde die Zentralverwaltung der ordenseigenen Kliniken und derjenigen Altenheime, in denen ausschließlich weltliche Bewohner leben, zur Krankenhaus- und Altenheimdirektion zusammengelegt.
Krankenhäuser
In den letzten Jahren intensivierte sich die Zusammenarbeit der beiden
Münchner Kliniken. Sie erstreckt sich unter anderem auf die Bereiche
Küche, Labor und EDV. Kooperationen gibt es aber auch mit Kliniken
269
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Maria-Theresia-Klinik
am Bavariaring in München nach
Abschluss
der Sanierung 2003
anderer kirchlicher Träger.
So betreiben das Krankenhaus Neuwittelsbach und
die Maria-Theresia-Klinik zusammen mit dem
Klinikum Dritter Orden
das Zentrum für Radiologie und Nuklearmedizin Nymphenburg, um bei
der Anschaffung und beim
Betrieb teurer Spezialgeräte Kosten zu sparen.
Maria-Theresia-Klinik
In der chirurgischen Fachklinik an der Theresienwiese sind noch 22 der
rund 100 Beschäftigten Barmherzige Schwestern. Kurz vor der Feier ihres
75-jährigen Bestehens erfuhr die 68-Betten-Klinik eine besondere Auszeichnung. Seit 1. April 2005 ist sie offizielles Akademisches Lehrkrankenhaus der Ludwig-Maximilian-Universität, in dem Medizinstudenten den
chirurgischen Teil ihres Praktischen Jahres ableisten können.
Krankenhaus Neuwittelsbach
In der Fachklinik für Innere Medizin im Münchner Stadtbezirk Neuhausen-Nymphenburg ist der Anteil der Ordensschwestern mit 15 von ca. 180
Beschäftigten geringer als in der Maria-Theresia-Klinik. Das Krankenhaus
hat neben den 132 Betten für die stationäre Behandlung 10 teilstationäre
Plätze in der angeschlossenen Rheuma-Tagklinik. Neuwittelsbach ist die
einzige Rheumaklinik im Großraum München, die über eine Kältekammer
verfügt. Sie wird zur Schmerzlinderung eingesetzt. Seit Beginn des Jahres
2007 ist das Krankenhaus als erste nicht-universitäre Klinik Münchens mit
einem PET/CT (Positronen-Emissions-Tomographie/Computertomographie) zur Untersuchung von Tumorpatienten ausgestattet.
Krankenhaus Vinzentinum
In der 82-Betten-Klinik für Innere Medizin in Ruhpolding sind noch acht
Barmherzige Schwestern im Einsatz. Als Besonderheit verfügt das Krankenhaus Vinzentinum seit Oktober 2005 über ein Schlafmedizinisches Zentrum,
in dem in einem mit 4 Messplätzen ausgestatteten Schlaflabor Schlafstörungen diagnostiziert werden.
270
Die Kongregation heute
Alten- und Pflegeheime
Ein Großteil der Schwestern
befindet sich inzwischen
im Ruhestand. Ungefähr
die Hälfte der Ruhestandsschwestern verbringt ihren
Lebensabend in dem größBetreutes
ten ordenseigenen AltenWohnen in
und Pflegeheim St. MichaSt. Elisabeth
el in Berg am Laim. Die
in Teisendorf
übrigen leben in den Altenund Pflegeheimen in Unterhaching, Planegg und Alzing. In diesen Häusern bilden die Ruhestandsschwestern etwa zwei Drittel der dort lebenden
Ordensschwestern. Das andere Drittel besteht aus arbeitsfähigen Schwestern,
die sich zusammen mit dem weltlichen Personal um ihre Mitschwestern
und die übrigen Heimbewohner kümmern.
In den beiden Alten- und Pflegeheimen in Ruhpolding und Teisendorf
leben keine Ruhestandsschwestern, aber zehn bzw. sechs berufstätige
Schwestern arbeiten dort bzw. sind in der Leitung tätig.
Alle Alten- und Pflegeheime wurden in den letzten Jahren gründlich
saniert und den neuesten Erfordernissen angepasst. Kurzzeitpflege ist in
allen Häusern möglich. An den Standorten Berg am Laim und Teisendorf
wurden zudem Wohneinheiten für Betreutes Wohnen geschaffen.
Eine Besonderheit unter den Altenheimen stellt das Schwesternheim
St. Hildegard im Siegsdorfer Ortsteil Alzing dar. Das ordensinterne Altenheim dient nicht nur als Alterssitz für über 50 Schwestern, sondern zudem
als Erholungshaus für die eigenen Schwestern und für Angehörige anderer
Ordensgemeinschaften.
Schulen
Die Barmherzigen Schwestern betreiben drei Berufsfachschulen: die Berufsfachschule für Krankenpflege Maria Regina in München sowie die Berufsfachschulen für Altenpflege und Krankenpflegehilfe in Ruhpolding. Darin
wurde und wird ein großer Teil der später in den eigenen Krankenhäusern
und Alteneinrichtungen eingesetzten weltlichen Pflegekräfte ausgebildet.
Und die Schwestern legen Wert darauf, dass ihre Schulen weiterhin eine
besondere christliche Prägung haben. Dafür wurde ihre Berufsfachschule
für Krankenpflege Maria Regina im Jahr 2005 mit dem ersten Preis eines
271
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Praktische
Ausbildung
zur Krankenpflege
(2002)
gemeinsamen Wettbewerbs des LandesCaritasverbandes und
der Liga Bank ausgezeichnet. Bei diesem
Wettbewerb konnten
katholische Fachschulen für Pflegeberufe
ihr christliches Profil
und ihre religiösen
Angebote präsentieren. Die Münchner
Schule der Barmherzigen Schwestern
stellte sich mit ihrem Kursprojekt „Ethik ohne Grenzen“ vor. Dieses einwöchige Seminar bietet die Schule im Rahmen des alljährlichen vierwöchigen Austauschs mit den Schülerinnen und Schülern der Krankenpflegeschulen der Barmherzigen Schwestern in Linz und in Wien an. Das Seminar
soll christlich sozialisierten Schülern ihren Glauben neu erfahrbar machen
und nichtgläubigen Schülern die Chance geben, den christlichen Glauben
kennen zu lernen.
Das im Gebäude der Berufsfachschule Maria Regina befindliche Schwesternheim hat einen eigenen Konvent mit elf Barmherzigen Schwestern.
Ein Teil davon kümmert sich um das Schwesternheim, dessen Zimmer zu
etwa einem Drittel von Schülerinnen der Berufsfachschule belegt sind, die
hier wohnen können und verpflegt werden. Der Rest der Zimmer wird an
andere junge Auszubildende und Studierende vermietet.
Landwirtschaft
Die Kongregation betreibt nach wie vor drei landwirtschaftliche Betriebe,
die mit ihren Produkten die ordenseigenen Häuser versorgen. So liefert der
Primushof Fleisch und Wurstwaren aus der eigenen Metzgerei. Der reine
Grünlandbetrieb mit ca. 100 Hektar Weiden und 60 Hektar Wald betreibt in
erster Linie Rinderaufzucht und -mast, hält aber auch Schweine und Schafe.
Den Sommer verbringen die Jungrinder auf der Bäckeralm. Der Primushof
arbeitet eng mit dem Katharinenhof zusammen, der über 140 Hektar Grünund Ackerland und 27 Hektar Wald bewirtschaftet. Beide Betriebe sind zertifizierte Naturland-Betriebe. Der Katharinenhof im Ortsteil Fachendorf der
Gemeinde Pittenhart wurde von der Kongregation 1992 nach ökologischen
272
Die Kongregation heute
Gesichtspunkten neu
aufgebaut. Der Milch­
erzeugungsbetrieb
überlässt die auf dem
Katharinenhof geborenen Kälber dem
Primushof zur Aufzucht. Die trächtigen
Jungkalbinnen kehren
wieder auf den Katharinenhof zurück.
Der Primus­
Auch der 130
hof in
Hektar große MarxAdelholzen
hof in Unterhaching
spielt für die Kongregation als Kartoffellieferant für die ordenseigenen
Häuser eine große Rolle. Zwar musste die historische Hofanlage in den
1960er Jahren dem Bau des Alten- und Pflegeheimes St. Katharina Labouré
weichen, aber dem reinen Anbaubetrieb stehen Wirtschaftsgebäude neben
dem Altenheim und seit einigen Jahren zusätzlich eine große Halle auf den
Feldern zur Verfügung. Der Marxhof betreibt integrierten Landbau, d.h.,
durch Berücksichtigung der Boden- und Klimaverhältnisse und entsprechende Wahl der Kulturen und Sorten kann die Verwendung von Düngemitteln und Pflanzenschutzmitteln so gering wie möglich gehalten werden.
Vom Marxhof aus werden auch die landwirtschaftlichen Flächen des Waldsanatoriums bei Planegg mitbewirtschaftet. Durch eine Betriebskooperation mit dem Weise-Hof in Unterhaching seit 2002 kann der Betrieb noch
effizienter arbeiten.
In den ordenseigenen landwirtschaftlichen Betrieben arbeitet heute
keine Barmherzige Schwester mehr mit.
Adelholzener Alpenquellen GmbH
Auch im ordenseigenen Brunnenbetrieb ist heute keine Schwester mehr
tätig, seit sich Schwester M. Theodolinde Mehltretter nach ihrer Wahl zur
Generaloberin aus der Geschäftsführung zurückgezogen hat.
Der Orden weiß sehr zu schätzen, welche Möglichkeiten der erfolgreiche Betrieb ihm bietet, Menschen in Not zu helfen. In großzügiger
Weise unterstützen die Barmherzigen Schwestern mit den erwirtschafteten
Gewinnen, die nicht für Investitionen benötigt werden, soziale Einrichtungen und Hilfsinitiativen verschiedenster Art. Als ein Beispiel von vie273
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Den ersten Preis des
Vinzenz-von-PaulFörderpreises in der
Region Süd belegte
das Projekt „PROFI“,
das in Niederbergkirchen die Familien der Gemeinde
unterstützt. Ausgezeichnet wurden
die Vertreter des
Projekts von Weihbischof Dr. Franz Dietl
(2.v.r.), Caritasdirektor Hans Lindenberger (l.) und Schwester M. Theodolinde
Mehltretter.
len sei der „Vinzenz-von-Paul-Förderpreis“ 217 genannt, den die Kongrega­
tion zusammen mit der Adelholzener Alpenquellen GmbH gestiftet hat. In
Zusammenarbeit mit dem Caritasverband der Erzdiözese München und
Freising wird mit dem Preis herausragendes soziales Engagement Ehrenamtlicher honoriert, z. B. in Nachbarschaftshilfen, Besuchsdiensten, Hospizkreisen oder in Flüchtlingshilfen. Bei der erstmaligen Preisvergabe im
Jahr 2005 wurden insgesamt 15 Initiativen gefördert. Auch am Ende des
Jubiläumsjahres 2007 soll wieder der „Vinzenz-von-Paul-Förderpreis“ im
Gesamtumfang von 25.000 € vergeben werden.
Innerbetriebliche Fortbildung
Die Kongregation beschäftigt in ihren ordenseigenen Häusern und Einrichtungen inzwischen insgesamt etwa 1500 weltliche Mitarbeiter. Auf diese ist
sie wegen ihres fehlenden Nachwuchses und ihrer immer älter werdenden
Schwestern in steigendem Maße angewiesen. Der Orden zeigt die Wertschätzung für seine Mitarbeiter durch die Gewährung von freiwilligen Sozialleistungen, aber auch die preisgünstige Versorgung in den Kantinen, u. a.
mit Bioprodukten aus den eigenen Landwirtschaften und Getränken aus
Adelholzen. Doch das ist nicht alles. Die Schwestern bemühen sich, ihre
Mitarbeiter an ihrem geistlichen Leben teilhaben zu lassen, in dem sie diese
beispielsweise zu besonderen festlichen Anlässen einladen, gemeinsam mit
ihnen Gottesdienst zu feiern. Viel liegt den Schwestern daran, den besonderen vinzentinischen Geist ihrer Einrichtungen zu erhalten. Ihr Ziel ist
274
Die Kongregation heute
es, auch ihren zivilen Mitarbeitern den vinzentinischen Auftrag näher zu
bringen. Großen Wert legt die Kongregation deshalb auf die innerbetriebliche Fortbildung, wofür sie ein eigenes Bildungsreferat eingerichtet hat.
Neben dem thematisch sehr breit gefächerten Kursangebot zur fachlichen
Fortbildung nutzen die Mitarbeiter gerne auch spirituelle Angebote wie
Kurzexerzitien und Besinnungswochenenden.
Spirituelle Angebote
Spirituelle Angebote, nicht nur für die eigenen Schwestern und Mitarbeiter,
sondern für jeden Interessierten, sind in den letzten Jahren ein wichtiger
Tätigkeitsbereich der Kongregation geworden. Bevorzugte Veranstaltungsorte für diese Veranstaltungen sind das Haus Mechtild in der Augsburger
Straße in München und das Exerzitien- und Bildungshaus in Bad Adelholzen. Aber auch die anderen Erholungsheime der Schwestern, St.Vinzenz in
Inzell, Haus Luise in Unterwössen und St. Hildegard in Alzing stehen für
Exerzitien und Besinnungswochenenden zur Verfügung. Wie weit gefächert
das von Schwester Rosa Maria Dick konzipierte und geleitete spirituelle
Angebot des Ordens inzwischen ist, zeigt ein Blick in das Programm. So
reicht das Angebot von regelmäßig stattfindenden Treffen wie „Rast und
Besinnung am Abend“ im Haus Mechtild über ein Besinnungswochenende
in Inzell, das sich mit dem Ostergeheimnis befasst, bis zu Schweigeexerzitien
in Bad Adelholzen. Fußwallfahrten bereichern das Programm. Wählen kann
man beispielsweise zwischen einer Fußwallfahrt von München nach Andechs
oder einer zweitägigen Wallfahrt von Bad Adelholzen nach Altötting.
Seit September 2006 bieten die vier Schwestern des neuen Konvents im
Haus Mechtild sowohl Menschen, die aus welchen Gründen auch immer
Der Konvent des
Hauses Mechtild (von
links) Schwester M.
Andrea Leyrer,
Schwester M. Adelgundis Semmler, Schwester
M. Belanda Schneider
und Schwester Rosa
Maria Dick
275
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
eine Auszeit benötigen, als auch Menschen, die sich für das Leben in einer
geistlichen Gemeinschaft interessieren, die Möglichkeit, eine Zeit lang mit
ihnen zu wohnen und ihr Leben zu teilen. Solche Auszeiten bzw. Einzel­
exerzitien unter dem Motto „Komm und sieh!“ sind das ganze Jahr über
möglich.
14.3. Neue Projekte – Schwestern in Einzelaufgaben
Das neue Angebot im Haus Mechtild kann man als Teil eines Weges sehen,
den die Kongregation in den letzten beiden Jahrzehnten eingeschlagen
hat: Einzelne Schwestern oder kleine Schwesterngemeinschaften übernehmen innerhalb eines neuen Projekts Aufgaben jenseits der herkömmlichen
Tätigkeitsfelder der Kongregation.218 Teils entwickeln die Schwestern selbst
die Idee für eine Initiative, teils lassen sie sich von Ideen anderer begeistern.
Gemeinsam ist diesen neuen Projekten, dass es sich meist um eine Einzelaufgabe für eine Schwester handelt und dass damit Defizite des staatlichen
sozialen Netzes ausgeglichen werden sollen. Die Hilfe richtet sich häufig an
vernachlässigte gesellschaftliche Randgruppen oder Menschen in besonderen Notsituationen, für die sich sonst niemand zuständig fühlt. Der Orden
unterstützt diese Initiativen, in dem er dafür seine engagierten Schwestern
zur Verfügung stellt. In vielen Fällen leistet er zudem noch organisatorische
und finanzielle Hilfen.
Der Ordensleitung ist wichtig, dass die Schwestern trotz ihres Einzeleinsatzes einer Schwesterngemeinschaft, einem Konvent, angehören. So sind
alle Schwestern, die in München in Einzelaufgaben der neuen Projekte
eingesetzt sind, Teil des Konvents Maria Regina. Auch wenn diese Schwestern während ihres Dienstes teilweise an ihren Einsatzorten wohnen, haben
sie dennoch ein zusätzliches Zimmer im Haus Maria Regina, wo sie sich
an ihren freien Tagen zurückziehen und am gemeinschaftlichen Leben ihrer
Mitschwestern teilnehmen können.
Haus Benedikt Labré e.V.
Walter Lorenz, ein ehemaliger Lokführer, hatte nach einem einschneidenden persönlichen Erlebnis mit Obdachlosen, in denen er Christus zu
sehen meinte, Anfang der 1980er Jahre begonnen, sein Leben in den Dienst
dieser Randgruppe zu stellen. Er gründete den Verein Benedikt Labré e.V.,
benannt nach einem französischen Heiligen, der im 18. Jahrhundert mit
Armen und Bettlern gelebt hatte. Lorenz wollte Obdachlosen in München
276
Die Kongregation heute
nicht nur ein Heim bieten, sondern mit ihnen unter einem Dach leben.
Früh schon hatten die Barmherzigen Schwestern die Initiative sowohl
finanziell als auch personell unterstützt. Heute arbeitet mit Schwester M.
Timothea Heitzer noch eine Barmherzige Schwester im Haus des Vereins
in der Pommernstraße.
Haus St. Benno in Oberschleißheim
1996 eröffnete die Erzdiözese München und Freising das Haus St. Benno
in Oberschleißheim in der Trägerschaft des Katholischen Männerfürsorgevereins e.V.219 Dieses Haus dient als Alten- und Pflegeheim für ehemalige
Obdachlose. Hier sollen sie in Würde ihren Lebensabend verbringen können. Häufig sind diese Menschen, die teilweise jahrzehntelang auf der Straße
gelebt haben, frühzeitig gealtert und gesundheitlich stark angegriffen. Auch
psychische Krankheiten sind keine Seltenheit. Von Anfang an unterstützte
das Mutterhaus dieses Projekt personell. Heute kümmert sich Schwester M.
Dagmar Raab, eine gelernte Krankenschwester, hauptsächlich im Nachtdienst um die kranken und alten Heimbewohner. Da sie während ihres
Dienstes im Haus lebt, absolviert sie dort nicht nur Nachtdienste, sondern
übernimmt auch weitere Aufgaben wie Besuche im Krankenhaus. Auch
eine liebevolle und würdige Sterbebegleitung ist Teil ihrer Aufgaben. Sehr
liegt ihr das seelische Wohl der ihr Anvertrauten am Herzen. So organisiert
sie Andachten und versucht, durch ihren gelebten Glauben ansteckendes
Vorbild zu sein.
Zum Engagement der Barmherzigen Schwestern für die Obdachlosen
gehören auch heute noch die schon erwähnten „Pfortenspeisungen“, vor
allem die „Vinzenzstube“ in Berg am Laim und die Suppenstube im Haus
Mechtild.
Schwester M. Dagmar Raab mit einem
Bewohner des Hauses
St. Benno
277
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Der Jakobsbrunnen – Gemeinde für Menschen in seelischer Not e.V.
Initiatoren des Projekts „Jakobsbrunnen“ waren die Barmherzige Schwester M. Clementine Rodler und der Jesuitenpater Arnold Brychcy.220 Beide
hatten in ihrer beruflichen Tätigkeit als Stationsschwester in der psychiatrischen Universitätsklinik bzw. als Seelsorger in einem Reha-Zentrum
für psychisch Kranke die Erfahrung gemacht, dass es ein großes Defizit in
der ambulanten Nachsorge für Psychiatriepatienten gab. In ihren 14 Jahren
an der Klinik hatte Schwester M. Clementine häufig erleben müssen, dass
sich Psychiatriepatienten nach ihrer Entlassung in ihrem Alltag allein nicht
zurechtfanden. Der Weg zurück in die stationäre Behandlung, nicht selten
aber auch Selbstmorde, waren die Folgen. Mitte der 80er Jahre entwickelte
Schwester M. Clementine zusammen mit Pater Brychcy die Idee, selbst
etwas gegen diesen Missstand zu unternehmen. Sie orientierten sich dabei
am amerikanischen Fountain House Modell. Chronische Psychiatriepatienten können sich dort einem Club anschließen, in dem sie durch gemeinsame Aktivitäten und den Austausch mit anderen Patienten stabilisiert werden. Zudem erhalten sie dort Hilfe bei ihrer Wiedereingliederung in den
normalen Alltag.
Allerdings wollten Schwester M. Clementine und Pater Brychcy einen
anderen Schwerpunkt setzen als das amerikanische Vorbild. Selbst vom
Glauben getragen, sahen sie in der seelsorgerischen Begleitung der Kranken
einen wichtigen Ansatzpunkt, den Patienten Kraft und Halt zu geben. Am
1. März 1988 eröffneten sie in einem Haus im Münchner Stadtteil Laim das
„Religiöse Zentrum für Psychisch Kranke“. Ende desselben Jahres zogen sie
in das ordenseigene Haus Mechtild in der Augsburger Straße um, wo ihnen
das Mutterhaus unentgeltlich Räume zur Verfügung stellte. Von Anfang an
stießen die Initiatoren bei der damaligen Generaloberin Schwester Maria
Ein Ort der Begegnung für Menschen in
seelischer Not ist der
Jakobsbrunnen.
Schwester M. Clementine Rodler mit einigen
engagierten ehrenamtlichen Mitarbeitern
des Vereins im Garten
seines Hauses (rechts:
Pater Arnold Brychcy)
278
Die Kongregation heute
Siglinde Reichart auf offene Ohren. Als 1990 schließlich die Gründung des
Vereins „Der Jakobsbrunnen – Gemeinde für Menschen in seelischer Not“
unter dem Dach des Caritasverbandes erfolgte, gehörte auch die Kongregation zu den Gründungsmitgliedern. Bis heute unterstützt sie den Verein,
dessen Aufgabe laut Satzung „die seelsorgliche Begleitung und die Betreuung von psychisch kranken Menschen in Krisen und in seelischer Not“ ist.
Nicht zuletzt dank eines finanziellen Beitrags der Kongregation konnte der
Verein 1997 ein Haus im Münchner Vorort Lochham erwerben, das nun als
Begegnungs- und Beratungsstätte dient.
Das Hilfsangebot richtet sich nicht nur an die Patienten selbst, sondern
auch an ihre Angehörigen. Es reicht von individueller Einzelberatung bis hin
zu Gruppenangeboten wie Gebetskreisen, Bibelkreisen, Seminaren, Exerzitien, Wallfahrten und gemeinsamen Gottesdiensten. Bei allem Vertrauen auf
die heilende Liebe Gottes versprechen Pater Brychcy und Schwester M.
Clementine den Patienten keine schnelle und wundersame Heilung und
betonen die Notwendigkeit begleitender therapeutischer und medizinischer
Maßnahmen. Sie sehen den Jakobsbrunnen als Teil eines sozialen Netzes für
die Patienten. So halten sie Verbindung zu Ärzten und Kliniken, vermitteln
den Patienten Kontakt zu sozialen Diensten und leisten pragmatische Hilfe
bei der Wiedereingliederung in den Alltag.
Projekt Omnibus
Seit 1. März 2002 arbeitet Schwester Daniela Maria Holzner beim Projekt
„Omnibus“ der Franziskaner an der Hauner’schen Kinderklinik mit.221 Die
Kinderklinik hat ein weites Einzugsgebiet. So kommen Patienten nicht nur
aus ganz Deutschland, sondern auch aus anderen Staaten, in denen die medizinische Versorgung nicht
so gut ist, beispielsweise
aus Russland und Arabien.
Für Eltern, die ihrem Kind
während des Klinikaufenthalts möglichst nahe sein
wollten, gab es in der bereits
Schwester
1886 gebauten Kinderklinik
Daniela
kaum UnterbringungsmögMaria
Holzner mit
lichkeiten. Zu der Sorge
Gästen des
um das schwerkranke Kind
Hauses am
kam für die Eltern deshalb
Frühstückshäufig der Stress, vorübertisch
279
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
gehend eine kostengünstige Unterkunft in Kliniknähe zu finden. Als Krankenhausseelsorger sah der Franziskanerpater Michael Först diese Not und
wollte etwas dagegen unternehmen. So rief er 1985 die Initiative „Omnibus“ ins Leben. Mit Hilfe von Spendengeldern mietete er Wohnungen an,
wo Eltern und Geschwister der kleinen Patienten nicht nur umsonst wohnen konnten, sondern auch betreut wurden. Pater Michael erlebte nicht
mehr, dass 1999 in einem Neubau an der Lindwurmstraße zwei Stockwerke
erworben werden konnten. Dort stehen nun 25 Zimmer zur Verfügung für
Eltern und Geschwister von Kindern, die in der Hauner’schen Kinderklinik
oder auch in einer anderen Klinik in stationärer Behandlung sind.
Bei „Omnibus“, inzwischen eine Stiftung des bürgerlichen Rechts, ging
es nie ausschließlich um eine günstige Übernachtungsmöglichkeit, sondern
um seelischen Beistand für Menschen in einer extrem belastenden Situation. Die Eltern können sich, wenn sie es wünschen, zurückziehen, haben
aber auch die Möglichkeit, sich mit anderen betroffenen Eltern auszutauschen. Die Betreuer bieten ihnen unaufdringlich seelsorgerische Begleitung an. Die Verstärkung des Betreuerteams, neben den Franziskanern auch
ehrenamtliche Helfer, durch Schwester Daniela wird als Bereicherung für
„Omnibus“ empfunden. Die gelernte Kinderkrankenschwester und Heilpädagogische Erzieherin kümmert sich kompetent und liebevoll um die
Geschwisterkinder. Auch die betreuten Erwachsenen wissen die Möglichkeit zu schätzen, je nach Wunsch und Situation zwischen einem männlichen
oder weiblichen Ansprechpartner wählen zu können.
Krankenhausseelsorge – Schwester Mirjam im Herzzentrum
Schwester
Mirjam
Riesbeck
bereitet den
Gottesdienst in der
Kapelle des
Deutschen
Herzzentrums vor.
280
Schwester Mirjam Riesbeck, ausgebildete Gemeindereferentin, ist als
Klinikseelsorgerin am Deutschen
Herzzentrum in München tätig. Als
solche hat die Barmherzige Schwester
die Aufgabe, Gottesdienste vorzubereiten und durchzuführen. Patienten,
die nicht an Gottesdiensten teilnehmen können, bringt sie die Heilige
Kommunion ans Krankenbett. Liebevoll schmückt sie den Andachtsraum
der Klinik entsprechend dem Verlauf
des Kirchenjahres und hält ihn als
Ort der Stille Tag und Nacht offen.
Die Kongregation heute
Ihre Hauptaufgabe aber besteht darin, den Patienten und ihren Angehörigen als Seelsorgerin beizustehen. Das kann die Organisation der Taufe
eines Kindes vor einer Operation sein, aber auch Sterbe- und Trauerbegleitung. Manchmal geht es aber auch nur darum, Menschen Aufmerksamkeit
zu schenken, ihnen durch Gespräche die Möglichkeit zu geben, ihr Herz
zu erleichtern.
„Oase“ in der Pfarrgemeinde St. Margaret München-Sendling
Schwester M. Werrica Rauch, vorher in der Krankenpflege und in der Ausbildung von Krankenschwestern an der Krankenpflegeschule Maria Regina
eingesetzt, gründete im Januar 1991 zusammen mit Pfarrer Valentin Königbauer die „Oase“ in der Sendlinger Pfarrei St. Margaret. Mit der Oase wollte sie einen Ort der Besinnung, des Gebetes und der Glaubensorientierung
schaffen, eine geistliche Oase mitten in dem Getriebe der Großstadt München. Ziel der Initiative ist es u. a., Menschen in schwierigen Lebenssitua­
tionen sowohl seelsorgerische Begleitung als auch praktische Unterstützung
im Alltag anzubieten. So unterschiedlich der angesprochene Personenkreis,
so vielfältig ist auch das Angebot der „Oase“. Für Kontaktangebote wie
„Mutter-Kind Tea Time“ oder „Frauen treffen Frauen“ bis hin zu Gebetsabenden und Bibelgesprächskreisen bietet die „Oase“ Raum. Den Mittelpunkt der „Oase“ bildet die seelsorgerische Betreuung durch Schwester
Werrica, die stets für persönliche Glaubensgespräche zur Verfügung steht.
Zusammen mit einem festen Team aus ehrenamtlichen Helfern, die nach und
nach Mitglied der „Oase“ geworden sind, bereitet sie die Themen für das
spirituelle Angebot
vor. Der Schwerpunkt liegt dabei
auf den so genannten „Alpha-Kursen“,
einer Art Einführungskurs in den
Glauben. Ist es doch
erklärtes Ziel des
Schwester
Projekts, Menschen,
M. Werrica
Rauch im
die Gott suchen und
Gespräch
der Kirche entfremmit Teilnehdet wurden, wieder
mern eines
an den Glauben
Glaubensheranzuführen.
kurses
281
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Die Kongregation unterstützte die Initiative von Anfang an, nicht nur
durch die Freistellung von Schwester Werrica, sondern durch finanzielle
Hilfe beispielsweise bei der Anmietung und Renovierung der Räumlichkeiten. Der Dienst Schwester M. Werricas beschränkt sich nicht mehr nur
auf die Sendlinger Pfarrei. Sie betreut neu in die Kirche aufgenommene
Menschen im gesamten Stadtgebiet. Zudem stellt sie die Alphakurse auch
in anderen Pfarreien vor und bietet Starthilfe für die Kurse an.
Unterstützung der Hospizbewegung
Auch bei der Gründung des ersten Hospizes in Bayern, dem 1991 eröffneten Hospiz Johannes von Gott im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder
im Münchner Stadtteil Nymphenburg, waren die Barmherzigen Schwestern beteiligt. In den ersten Jahren bemühten sich dort zwei, zeitweise auch
drei Barmherzige Schwestern darum, schwerstkranke Menschen im letzten
Stadium ihrer unheilbaren Krankheit ein würdiges und möglichst schmerzfreies Sterben zu ermöglichen. Schweren Herzens musste sich die Kongregation zum Jahresende 1995 aus dem aktiven Einsatz im Johanneshospiz
wieder zurückziehen. Allerdings unterstützt die Kongregation als Mitglied
des Fördervereins nach wie vor diese für viele Schwerstkranke und ihre
Angehörigen so wichtige Einrichtung.
Projekt Tschechien
Schwester M. Tabitha Götschl, langjährige Oberin an der Psychiatrischen
Universitätsklinik in München, hatte bei einer Reise nach Tschechien
Der neue Konvent von Kajov,
kurz nach der Ankunft im
Juli 1999: die Schwestern
M. Tabitha Götschl (links), M.
Raphaela Schreml (2. v. l.), M.
Bonavita Wolf (3. v. r.) und M.
Leonarda Seitz (2. v. r.). Mit
auf dem Foto: Generaloberin Schwester M. Adelinde
Schwaiberger (3. v. l.) und
Generalökonomin Schwester M.
Theodora Werner (rechts), die
die Schwestern zu ihrer neuen
Wirkungsstätte begleiteten,
und der Pfarrer von Krumlov.
282
Die Kongregation heute
den früher sehr bekannten MarienWallfahrtsort Gojau, tschechisch Kajov,
gesehen. Erschüttert über die Vernachlässigung des Ortes in vierzig Jahren
kommunistischer Herrschaft entstand
bei ihr der Wunsch, hier eine Gemeinschaft der Barmherzigen Schwestern zu
gründen und den Ort wieder zu einem
Zentrum geistlichen Lebens zu machen.
Sie fand mit ihrer Idee sowohl bei ihren
Der InnenOrdensoberen als auch beim Bischof von
hof des
Budweis Gehör. Man einigte sich darauf,
Pfarrhofs
dass dem neuen Schwesternkonvent das
von Kajov
stark renovierungsbedürftige Pfarrhaus
vor der
des Wallfahrtortes zur Verfügung gestellt
Renovierung
werden sollte. Die Münchner Ordensleitung erklärte sich einverstanden, vier Schwestern nach Tschechien zu schicken. Ende Juli 1999 machten sich Schwester M. Tabitha Götschl, Schwester M. Raphaela Schreml, Schwester M. Leonarda Seitz und Schwester M.
Bonavita Wolf zu ihrem neuen Einsatzort auf.
Der Anfang in Kajov erforderte einiges an Pioniergeist und erinnerte
an die Anfänge der Kongregation in Bayern. Während die Kirche bereits
renoviert war, war der Pfarrhof in einem so schlechten Zustand, dass sich
die vier Schwestern zwei Jahre lang ein einziges, unbeheiztes Zimmer teilen mussten. Erschwerend kamen die Verständigungsprobleme hinzu. Alle
Schwestern mussten erst einmal Tschechisch lernen. Als Erstes wurde die
Renovierung des Pfarrhofes in Angriff
genommen. Finanziert wurde diese aus
Spendenmitteln und aus Mitteln der
Kongregation. Auch die Ausstattung
mit Möbeln übernahm zu einem Teil
das Mutterhaus. Nach und nach konnten sich die Schwestern in Kajov ihren
eigentlichen Aufgaben, der Pfarrseelsorge und der Gemeindecaritas, widmen.
In Zusammenarbeit mit der inzwischen in Tschechien aufgebauten Caritas
kümmern sich die Schwestern um die
Die Kirche
ambulante Versorgung von kranken und
des Marienalten Bürgern des Ortes. Gleichzeitig
wallfahrtsliegt ihnen die Arbeit mit den Kindern
ortes Kajov
283
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
der Gemeinde am Herzen. Durch Beschäftigungsangebote wie Basteln und
die Übernahme des Patronats für den Jugendchor halten sie Kontakt zu den
Kindern und Jugendlichen des Ortes. Der Elterngeneration, die im Kommunismus aufwuchs und sich nun in der neuen demokratischen Gesellschaftsordnung mehr und mehr am westlichen Materialismus orientiert, liegt meist
wenig an einer religiösen Erziehung ihrer Kinder, selbst wenn diese getauft
sind. Die Schwestern versuchen, ihnen die Grundlagen des Glaubens zu
vermitteln. Ihr Pfarrhaus soll ein offenes Haus sein, nicht nur für tschechische Priester, sondern auch für Obdachlose und Hilfe suchende Straßenprostituierte von der nahe gelegenen deutsch-tschechischen Grenze.
Die Schwestern schafften es innerhalb kurzer Zeit, den Wallfahrtsort
Kajov nicht nur äußerlich wieder in alter Schönheit erstehen zu lassen, sondern ihn auch geistlich neu zu beleben. Heute ist Kajov nicht nur für tschechische Wallfahrer, sondern auch für Pilger aus Österreich und Deutschland
ein neuer Anziehungspunkt. Vor allem Jugendliche aus den drei Ländern
kommen im Sommer mit Zelten und Schlafsäcken auf der Suche nach
einem Sinn für ihr Leben, der über die atheistische oder materialistische
Einstellung ihrer Umgebung hinausgeht.
14.4.Neues Mutterhaus
Im Jahr 2003 berief Generaloberin Schwester M. Adelinde Schwaiberger
ein außerordentliches Generalkapitel ein, das über die Zukunft des Mutterhauses in der Nußbaumstraße entscheiden sollte.222 Konkreter Anlass war ein
Schreiben der Universität vom August 2002, in dem vom Orden die Abtre-
Generaloberin
Schwester M. Theodolinde Mehltretter,
Generalökonomin
Schwester M. Theodora Werner und
Friedrich Kardinal
Wetter bei der
Grundsteinlegung
des neuen Mutterhauses im Juli 2005.
Links Architekt
Anton Zeller
284
Die Kongregation heute
Das neue Mutterhaus in MünchenBerg am Laim,
Vinzenz-von-PaulStraße 1
tung des restlichen Mutterhausgartens für einen geplanten Spielplatz der
jugendpsychiatrischen Abteilung der ans Mutterhaus angrenzenden Psychiatrischen Klinik gefordert wurde. Dieses Schreiben führte den Schwestern
wie schon so oft in der Vergangenheit die rechtlich unsicheren Eigentumsverhältnisse deutlich vor Augen. Auch wenn das Grundstück, auf dem das
Gebäude steht, früher Eigentum der städtischen Krankenhausstiftung war
und heute Eigentum des bayerischen Staates ist, war bisher zumindest das
Nutzungsrecht der Schwestern unstrittig gewesen. Dieses Nutzungsrecht
war jedoch von Anfang an mit der Bedingung verknüpft gewesen, dass die
Schwestern im damaligen Allgemeinen Krankenhaus, der heutigen Medizinischen Klinik, den Krankenpflegedienst leisteten. Mit dem endgültigen
Rückzug aus dieser Klinik im Juni 2000 hätte nun auch das Nutzungsrecht
in Frage gestellt werden können.
Bei den Überlegungen des Generalkapitels musste auch die Tatsache
berücksichtigt werden, dass das alte Mutterhaus aus dem Jahr 1839 in den
kommenden Jahren gründlich hätte saniert werden müssen, um auch in
Zukunft als Zentrale der Kongregation fungieren zu können. Wegen der
ungeklärten rechtlichen Situation wäre jedoch eine solche kostenintensive
Investition mit unwägbaren Risiken verbunden gewesen.
Angesichts dieser Lage war es nicht weiter verwunderlich, dass das Generalkapitel in geheimer Abstimmung einstimmig für den Bau eines neuen
Mutterhauses in Berg am Laim votierte.
Bei der seit über 100 Jahren immer wieder diskutierten Frage nach Verlegung des Mutterhauses war seit den 1960er Jahren der Standort Berg am
Laim favorisiert worden. Für den östlichen Stadtteil Münchens sprach einiges:
Immerhin befindet sich dort die zweitälteste Ordensniederlassung, die in der
285
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Geschichte der Kongregation immer
eine besondere Rolle gespielt hat. Mit
der Aufgabe der Ökonomie stand auch
der nötige Baugrund zur Verfügung.
Inzwischen war auch die Verkehrsanbindung durch zwei U-Bahnlinien
äußerst günstig.
Im Mai 2005 begannen die Bauarbeiten auf einem ca. 11.000 Quadratmeter großen Grundstück in der
Nähe des ordenseigenen Altenheimes
Die Kapelle
St. Michael. Die feierliche Grundsteindes neuen
Mutterlegung für das mit 7000 Quadratmeter
hauses
Wohn- und Nutzfläche sehr großzüwurde dem
gig geplante neue Mutterhaus erfolgte
hl. Vinzenz
am 13. Juli 2005. Nach fast 170 Jahren
von Paul
nahmen die Schwestern Anfang 2007
geweiht.
Abschied von ihrem angestammten
Mutterhaus und zogen in ihre neue Zentrale um.
Das vom Architekturbüro Zeller & Romstätter konzipierte neue Mutterhaus ist ein architektonisch interessanter Bau. Für den Grundriss verwendeten die Architekten die griechischen Buchstaben Alpha und Omega,
die aus der Offenbarung des Johannes entnommene Symbolik für Gott als
Anfang und Ende allen Seins. Den unteren Querbalken des Omega bildet
das Eingangsgebäude, in dessen Mitte sich der Eingangsbereich mit Foyer
befindet. Von hier gewährt eine Sichtachse den Blick auf die gegenüberliegende Mutterhauskapelle, die das Alpha darstellt.
Das neue Mutterhaus bietet mehr Platz als das alte. So konnten hier
neben den Schwesternwohnungen, der Ordensverwaltung und der Schneiderei auch die bisher wegen Platzmangels ausgelagerten Bereiche der Innerbetrieblichen Fortbildung und der Krankenhaus- und Altenheimdirektion
untergebracht werden. Gästezimmer und Gruppenräume für größere Veranstaltungen ergänzen das Raumangebot.
Den Mittelpunkt des Gebäudes bildet die neue Mutterhauskapelle St.
Vinzenz, die – wesentlich kleiner als die alte Mutterhauskirche – den Anforderungen des ebenfalls kleiner gewordenen Mutterhauskonvents besser entspricht. Frei im würfelförmigen Raum schwebend, hängt das große Kreuz
der alten Kirche in der neuen Kapelle und kontrastiert mit dem bunten
Glasfenster der Altarwand, das die Auferstehung symbolisieren soll. Auch
Altar, Ambo und Tabernakel der alten Mutterhauskirche haben wieder ihren
Platz gefunden.
286
Die Kongregation heute
Mehrere hundert Gäste
begrüßte Schwester M.
Theodolinde Mehltretter am 10. März 2007
zur Einweihung des
neuen Mutterhauses,
u. a. Friedrich Kardinal Wetter, Christa
Stewens, die Bayerische
Staatsministerin für
Arbeit und Sozialordnung, Familie und
Frauen, sowie Abt Dr.
Johannes Eckert.
Am 10. März 2007, auf den Tag genau 175 Jahre nach Ankunft der ersten
beiden Barmherzigen Schwestern aus Straßburg, feierte die Kongregation
die Einweihung ihres neuen Mutterhauses. An die 400 Gäste nahmen an
der feierlichen Segnung des Hauses durch Friedrich Kardinal Wetter teil.
Benediktinerabt Dr. Johannes Eckert aus der Münchner Abtei St. Bonifaz
konnte für die Festansprache gewonnen werden, die er unter das Motto
„Der Barmherzigkeit Raum geben“ stellte.
Mit dem Umzug in ihre neue Ordenszentrale zu Beginn des Jubiläumsjahres 2007 setzten die Barmherzigen Schwestern ein Zeichen der
Hoffnung. Sie demonstrierten mit diesem Neubeginn in Berg am Laim,
dass sie an die Zukunft ihrer Gemeinschaft glauben.
14.5. Wie wird die Zukunft aussehen?
Der früher das Leben der Kongregation beherrschende Dienst in städtischen
und staatlichen Krankenhäusern und Altenheimen wird inzwischen von
einem ebenso gut ausgebildeten weltlichen Pflegepersonal geleistet. Abgesehen davon, dass die Barmherzigen Schwestern in diesem Bereich ersetzbar
geworden sind, könnten sie diese Aufgabe mit ihrem stark zurückgegangenen Personalstand heute nicht mehr leisten.
Das vinzentinische Apostolat ist jedoch nach wie vor höchst aktuell. Der
hl. Vinzenz von Paul fasste seinen Auftrag sehr weit: Den Mitmenschen in
Not zu helfen. Diese Not kann sehr viele und zu verschiedenen Zeiten sehr
287
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
unterschiedliche Ausprägungen erfahren. Hier gilt es, aufmerksam zu sein,
um die Nöte der Zeit zu erkennen.
Schon der Heilige hatte gesehen, dass Menschen nicht nur Hilfe zur
Erhaltung ihrer physischen Gesundheit, sondern auch ihrer seelischen
und geistlichen Gesundheit benötigen: „Weder Gott noch die Menschen sind
damit zufrieden, wenn wir armen Kranken nur Nahrung und Heilmittel bringen. Wir haben nach Gottes Willen auch eine seelsorgliche Aufgabe an ihnen zu
erfüllen.“ 223
Sogar in unserer reichen Gesellschaft mit ihrem gut ausgebauten sozialen Netz gibt es viele Mitmenschen in Not. Psychische Probleme und
Orientierungslosigkeit können durch materielle Absicherung nicht beseitigt
werden. Zudem ist absehbar, dass auch die Zahl der materiell Notleidenden
in Zukunft mit einem Abbau des sozialen Netzes und hoher Arbeitslosigkeit weiter ansteigen kann. So wird es für Menschen, die sich für ihre Mitmenschen engagieren möchten, auch in Zukunft viel zu tun geben. Dabei
wird Offenheit gefragt sein, nicht nur um die Not zu erkennen, sondern
auch für neue Formen der Hilfe. Doch was kann dabei die Kongregation noch leisten mit ihren immer mehr abnehmenden personellen Kräften?
Sie kann weiterhin in der schon praktizierten Weise Projektarbeit betreiben: Not erkennen, darauf aufmerksam machen und Initiativen zur Abhilfe starten. Über die personelle Hilfe hinaus unterstützt die Kongregation
Hilfsprojekte bereits heute durch Bereitstellung von Geldmitteln, Räumen,
Material etc. Auch dies wird ein Weg für die Zukunft darstellen, wenn die
Zahl der arbeitsfähigen Ordensschwestern weiter zurückgeht.
Als weitere wichtige Aufgabe, auch in der Zukunft, sehen die Barmherzigen Schwestern die Erfüllung des vinzentinischen Auftrags, Seelsorger für
ihre Mitmenschen zu sein. So möchten sie Menschen, die orientierungslos
geworden sind und den Sinn ihres Lebens hinterfragen, dabei helfen, Gott
zu finden. Dabei kommt ihnen als Ordensleuten, die ihr ganzes Leben in
den Dienst Gottes gestellt haben, eine ganz besondere Rolle als Zeugen
eines gelebten Glaubens zu, im Sinne des Vinzenzwortes: „Nichts entspricht
dem Evangelium mehr, als auf der einen Seite Erleuchtung und Kräfte für die
eigene Seele zu sammeln, dann aber den Menschen von dieser geistigen Nahrung
mitzuteilen.“ 224
In den ordenseigenen Einrichtungen der Alten- und Krankenpflege sehen die Schwestern ihren Auftrag darin, den gewachsenen Anforderungen in diesen Bereichen auch in Zukunft gerecht zu werden und ihren
weltlichen Mitarbeitern den vinzentinischen Geist zu vermitteln, damit die
Einrichtungen trotz des allmählichen Rückzugs der Barmherzigen Schwestern in diesem Sinne weitergeführt werden. Auch den nicht mehr arbeitsfähigen Schwestern kommt innerhalb der Kongregation mit dem Apostolat
288
Die Kongregation heute
des Gebets und des Opfers noch
eine wichtige Aufgabe zu.
Die Kongregation versucht,
den bei ihrer Gründung vor 175
Jahren eingeschlagenen Weg in
Treue weiter zu gehen, dabei aber
offen zu bleiben für neue Herausforderungen. Schwer überschattet das Fehlen des Nachwuchses
die Zukunft der Kongregation.
Auf dem letzten Generalkapitel
im November 2004 bekannte die
damalige Generaloberin Schwester M. Adelinde Schwaiberger:
Hl. Vinzenz
„Das Ausbleiben von neuen Beruvon Paul
fungen in dieser Zeit ist für unsere
(WandKongregation eine Grenzerfahrung,
teppich im
die ich persönlich und, ich glaube, die
Mutterhaus)
gesamte Gemeinschaft als die größte
spürbare Armut erleben, die es zu tragen gibt.“ 225
Aber es war dieselbe Generaloberin, die den Bau des neuen Mutterhauses in Angriff genommen und damit ihren Glauben an die Zukunft
bekundet hat. Denn trotz aller Unsicherheit vertrauen die Barmherzigen
Schwestern darauf, dass Gott auch in Zukunft Menschen berufen wird, die
ihr Leben ganz in seinen Dienst stellen wollen. Sie glauben fest daran, dass
sich ein Teil dieser berufenen Menschen auch von dem zeitlos modernen
Auftrag des hl. Vinzenz ansprechen lassen wird, den Dienst an Gott durch
den Dienst an den Mitmenschen, durch tätige Nächstenliebe zu verwirklichen. Ihre Zuversicht stützt sich auf den festen Glauben daran, dass Gott
für alles sorgen wird. Den Menschen kommt dabei nur die Aufgabe zu, mit
den eigenen, beschränkten Möglichkeiten zu versuchen, den Willen Gottes
zu erkennen und umzusetzen. Denn wie ihr geistiger Gründervater Vinzenz
von Paul sind die Barmherzigen Schwestern vom Mutterhaus München
überzeugt:
„Gottes Dinge geschehen von selbst. Die wahre Weisheit besteht darin, der Vorsehung Schritt für Schritt zu folgen.“ 226
*
289
Anhang
Generaloberinnen des Mutterhauses München
1. Schwester Ignatia Jorth
2. Schwester M.Vinzentia Balghuber
3. Schwester M. Benonia Stanglmaier
4. Schwester M. Regina Hurler 5. Schwester M. Avila Dorn 6. Schwester M. Seraphina Sellmayer
7. Schwester M. Osmunda Rummel 8. Schwester M. Desideria Weihmayr 9. Schwester M. Castella Blöckl 10. Schwester M. Mildgitha Bachleitner 11. Schwester M. Gundebalda Engelhart 12. Schwester Maria Siglinde Reichart 13. Schwester M. Adelinde Schwaiberger 14. Schwester M. Theodolinde Mehltretter Amtszeit
1832 – 1845
1845 – 1848
1848 – 1855
1855 – 1895
1895 – 1911
1911 – 1912
1912 – 1924
1924 – 1941
1941 – 1956
1956 – 1968
1968 – 1980
1980 – 1992
1992 – 2004
seit 2004
Oberin des Allgemeinen Krankenhauses (bzw. des Krankenhauses l.d.I. bzw. der
Medizinischen Klinik in der Innenstadt) waren, bevor sie Generaloberin wurden:
Sr. Ignatia (gleichzeitig beide Ämter) und die 3.,4.,7.,12. Generaloberin
Superioren des Mutterhauses München
1. Superior J. Michael Rädlinger
2. Superior Michael Hauber
3. Superior Josef Riedl
4. Superior Herenäus Haid
5. Superior Peter Paul Gradler
6. Superior Karl von Prentner
7. Superior Anton Etzinger
8. Superior Johann Paul Wendl
9. Superior Konrad Hiller
10. Superior Prälat Johann Pfaffenbüchler
11. Superior Prälat Karl Nißl
12. Superior Prälat Joseph König
290
Amtszeit
1832 – 1833
1833 – 1843
1843 – 1846
1846 – 1848
1848 – 1853
1853 – 1857
1857 – 1884
1884 – 1900
1900 – 1914
1914 – 1947
1947 – 1972
1972 – 2001
Anhang
Spirituale des Mutterhauses München
1. Spiritual Dr. Peter Kern
2. Spiritual Pater Prof. Dr. Robert Lachenschmid SJ
Amtszeit
1965 – 1972
seit 01.09.2001
Personalstand
Jahr
1832
1835
1840
1845
1850
1855
1860
1865
1870
1875
1880
1885
1890
1895
1900
1905
1910
1915
1920
1925
1930
1932
1935
1940
1945
1950
1955
1960
1965
1970
1975
Schw.
2
30
65
121
183
260
368
447
487
543
548
587
592
660
767
927
1120
1433
1590
1757
2099
2246
2324
2672
2526
2509
2501
2432
2283
2062
1797
Nov.
14
22
39
35
25
77
63
41
62
50
57
54
78
93
141
130
186
208
146
202
211
246
229
91
25
95
78
40
31
5
2
Kand.
33
15
39
30
30
33
36
34
44
27
36
42
60
67
76
95
132
113
109
119
146
139
129
39
40
24
28
18
7
1
0
Gesamt
49
67
143
186
238
370
467
522
593
620
641
683
730
820
984
1152
1438
1754
1845
2078
2456
2631
2682
2802
2591
2628
2607
2490
2321
2068
1799
291
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Jahr
1980
1985
1990
1995
2000
2005
2006
Schw.
1555
1273
1056
828
627
474
449
Nov.
1
1
1
0
0
0
0
Kand.
2
0
0
0
0
0
0
Gesamt
1558
1274
1057
828
627
474
449
Schw. = Professschwestern; Nov. = Novizinnen; Kand. = Kandidatinnen
Quelle: BSMüA 30 und statistische Angaben der Mutterhausverwaltung
Stand jeweils 31.12. des Jahres
Verzeichnis der Niederlassungen
Über- Ort
nahme
1832
München
1835
1836
1837
1837
1839
1840
1840
1841
1841
1842
1842
1842
1843
1843
1844
292
Name der Einrichtung
Allgemeines Krankenhaus, Städt. Krankenhaus
links der Isar, Uniklinik Medizinische Klinik der
Innenstadt, Ziemssenstraße
Landshut
Städt. Krankenhaus An der Lände, Neubau 1965
München
Heilig-Geist-Spital in Mathildenstr., ab 1907 am
Dom-Pedro-Platz
Aschaffenburg
Städt. Krankenhaus
Neumarkt/Opf. Städt. Krankenhaus
München
Mutterhaus (Nußbaumstraße), ordenseigen
München
Krankenhaus Haidhausen, Städt. Krankenhaus
rechts der Isar
Orb
Krankenhaus (1875 Übernahme durch Mutterhaus Fulda)
Eichstätt
Städt. Krankenhaus/Kreis-Krankenhaus
München
Nockher’sche Armenanstalt in der Blumenstraße
München
Erholungsheim in Berg a. Laim, Alters- u.
Rekonvaleszenten-Heim, Neubau 1980 Altenund Pflegeheim St. Michael, ordenseigen
München
Städt. St. Josef-Spital
Neunburg v. W. Armen- u. Krankenhaus
Bad Tölz
Städt. Krankenhaus
Landshut
Waisenhaus, mit Krankenhaus verwaltet
Ingolstadt
Krankenhaus
Ab-
gabe
2000
1984
1984
1969
1986
2007
1977
1875
1994
1895
1934
1872
1983
1922
1917
Anhang
Über- Ort
nahme
1845
Ingolstadt
1846
Amberg
1846
1846
1847
Donauwörth
Donauwörth
Augsburg
1847
Erding
1847
1847
1848
1849
Landshut
Sünching
Lichtenfels
Landsberg
1850
1850
1850
1851
Amberg
Landsberg
Ottobeuren
Vilsbiburg
1853
1853
Amberg
Amberg
1853
1853
1853
1853
1853
Deggendorf
Dinkelscherben
Kempten
Kempten
München
1853
1854
1854
1854
1854
1854
Regensburg
Bamberg
Deggendorf
Eggenfelden
Eichstätt
Haimhausen
1855
1855
1855
Landshut
München
München
Name der Einrichtung
Städt. Heilig-Geist-Spital
Gefangenen-Strafanstalt (1862 nach Wasserburg
verlegt)
Städt. Krankenhaus
Lungenspital/Städt. Bürgerspital
Ambul. Pflege Bachsches Seelhaus (Anfänge
Mtths. Augsburg)
Städt. Krankenhaus, seit 1888 zusätzlich städtische Josefsanstalt
Kinderbewahranstalt, mit Krankenhaus verwaltet
Bezirks-Krankenhaus/Altenpflegeheim
Städt. Krankenhaus
Städt. Heilig-Geist-Spital, Kinderabteilung 1970
aufgegeben
Marienspital/Städt. Marien-Krankenhaus
Städt. Krankenhaus
Spital/Gemeindl. Josefs-Pensionat
Bezirks-Krankenhaus, seit 1860 zusätzlich
Heilig-Geist-Spital
Rettungsanstalt St. Maximilian/Säuglingsheim
Waisenhaus, Neubau 1966 Kinderheim
Joh.-Heinrich-Werner-Haus
Städt. Krankenhaus
Heilig-Geist-Spital
Kreis-Krankenhaus
und Bezirks-/Kreis-Spital-Stiftung
Hauner’sches Kinderspital/
Universitäts-Kinderklinik
Kindheit Jesu Anstalt, 1967 Neubau
Städt. Krankenhaus
Städt. Waisenhaus/Kinderheim
Bezirks-Krankenhaus
Kindererziehungsanstalt, Rettungsanstalt
Kinder-Erziehungsanstalt
(nach Indersdorf verlegt)
Magdalenenheim, Armenbeschäftigungs-Anstalt
Krippenanstalt St. Anna
Armenversorgungsanstalt
Ab-
gabe
1995
1862
1967
1983
1862
1973
1921
1979
1973
1994
1974
1983
1987
1988
1937
1998
1967
1980
1980
1983
1981
1976
1980
1978
1974
1857
1856
1988
1958
1973
293
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Über- Ort
nahme
1855
Regensburg
294
1855
1855
1855
1856
1856
1856
1857
1857
Sonthofen
Tirschenreuth
Tirschenreuth
Dillingen
Indersdorf
Passau
Passau
Landshut
1857
1857
1857
1858
1858
München
München
Traunstein
Burghausen
Immenstadt
1858
1859
1859
1859
1859
Landshut
München
Augsburg
Landau/Isar
München
1860
1860
1860
1861
1861
1861
1862
Wasserburg
Dingolfing
Regensburg
Griesbach
Hengersberg
Schongau
Altötting
1862
Wasserburg
1862
1863
Wasserburg
Palling
1863
Weilheim
Name der Einrichtung
Domkapitel’sches Waisenhaus/Katholisches
Kinderheim
Heilig-Geist-Spital
Bezirks-/Kreis-Krankenhaus
Invalidenheim
Heilig-Geist-Spital/Hospital-Stiftung
Kloster/Marienanstalt
Städt. Krankenhaus
Armenlazarett, 1907 in Maierhof aufgegangen
Marienanstalt, 1973 in Kinderheim St.Vinzenz
umbenannt, von 1952 – 2001 ordenseigen, 2002
Schenkung an Caritasverband
Städt. amb. Pflegestation bei St. Ludwig
Ambulante Pflegestation St. Bonifaz
Städt. Krankenhaus
Städt. Krankenhaus
Bezirks-Spital, Pfründner-/Waisenanstalt,
1874 – 1971 auch Kinderbewahranstalt
Heilig-Geist-Spital
Armenhaus/Städt. Altenheim an der Kreuzkirche
Katholisches Krankenhaus (Mtths. Augsburg)
Bezirks-Krankenhaus
Versorgungs-Anstalt für Unheilbare St. Nikolai
am Gasteig
Städt./Kreis-Krankenhaus
Distr.-/Bezirks-/Kreis-Krankenhaus
Katharinenspital
Bezirks-/Kreis-Krankenhaus
Bezirks-Krankenhaus
Bezirks-/Kreis-Krankenhaus
Städt. Krankenhaus, Neubau 1985, Zusammen­
legung mit Neuötting
Städt. Heilig-Geist-Spital, seit 1971 CaritasAltenheim St. Konrad
Gefangenenanstalt
Distriktarmenhaus u. Gemeinde-Krankenhaus,
Pflegeheim
Krankenhaus
Ab-
gabe
1976
1991
1982
1988
1984
1938
1972
1907
1945
1922
1989
1957
1987
1981
1944
1862
1979
1941
1985
1982
1980
1971
1969
1980
1997
1992
1909
1994
1887
Anhang
Über- Ort
nahme
1863
Frontenhausen
1863
Passau
1864
1864
1864
1865
1865
1865
1865
1865
1865
München
Plattling
Regensburg
Frontenhausen
Bamberg
Miesbach
Regensburg
Schongau
Trostberg
1865
1865
1865
1866
1866
München
München
Schongau
Moosburg
München
1866
1868
1868
1868
1868
1868
Velden
Burghausen
Dillingen
Dorfen
Haag/Obb.
Neuötting
1869
1869
1869
1869
1869
1870
1871
1871
Bamberg
Indersdorf
Wegscheid
Wasserburg
Wegscheid
Holzkirchen
München
Gundelfingen
1872
Lauingen
1874
München
Name der Einrichtung
Gemeinde-Spital/Kreis-Krankenhaus, ab 1981
Mechtildisheim (Altenheim)
Josefspital in der Heilig-Geist-Gasse, seit 1907
Josefspensionat Maierhof in der Innstraße
Ambulante Pflegestation i. d. Pfarrei St. Peter
Bezirks-/Kreis-Krankenhaus
Bischof W
ittmanns Erziehungs-Anstalt
Bürgerheim
Städt. Antonistift für Unheilbare
Distriktskrankenhaus/Städt. Krankenhaus
Domkapitel’sches Krankenhaus
Städt. Heilig-Geist-Spital
Bezirks-Krankenhaus, von 1870 bis 1942 auch
Bruderhaus
Krippenanstalt St. Josef
Krippenanstalt St. Bonifaz
ambulante Pflegestation
Bezirks-Krankenhaus
Chirurgische Klinik, Beginn als Aushilfskrankenhaus von l. d. Isar
Bezirks-Krankenhaus, ab 1977 Pflegeheim
Heilig-Geist-Spital
Städt. Krankenhaus
Gemeinde-Krankenhaus
Bezirks-Krankenhaus
Städt. Krankenhaus, 1985 zusammenlegt mit
Altötting
Irrenanstalt, Nervenklinik St. Getreu
Bezirks-Krankenhaus
Bezirks-Krankenhaus
Bruder- und Armenhaus
ambulante Pflegestation
Distrikts-/Gemeinde-Krankenhaus
Krippenanstalt St. Peter
Städt. Spital u. Krankenhaus mit ambul. Pflegestation (bis 1976)
Städt. Spital, ambul. Pflegestation, ab 1989
Caritas-Sozialstation
St. Georgiritter Krankenhaus Nymphenburg
Ab-
gabe
1982
1985
1944
1987
1976
2000
1981
1973
1930
1987
1967
1943
1922
1970
1982
1974
1978
1979
1958
1989
1986
1985
1997
1992
1988
1970
1966
1983
1943
1991
2000
1912
295
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
296
Über-
nahme
1875
1876
1883
1884
1888
1890
1895
1896
Ort
Name der Einrichtung
Hutthurm
Rotthalmünster
München
München
Altötting
Landsberg
München
Haag/Obb.
1896
1898
München
Dorfen
1898
Planegg
1899
1899
1901
Immenstadt
München
Bogen
1901
1901
1901
1901
1902
Erding
Grafenau
Oberstdorf
Oberstdorf
Erding
1902
1903
1904
1905
Peiting
Plattling
München
Landau/Isar
1905
1905
Landshut/Achdorf
Teisendorf
Bezirks-Krankenhaus
Bezirks-Krankenhaus
Johannis-Spital, Sendlingerstraße
Städt. Mathilden-Pensionat
Städt. Marienstift
Ambulante Pflegestation Marienheim
Städt. Altersheim St. Martin
Gemeindl. Pfründner-Anstalt, 1960 CaritasAltenheim St. Kunigund
Postulat, ordenseigen
Gemeindl. Marienstift mit ambulanter Pflege­
station (bis 1967)
Waldsanatorium, Lungenheilstätte bis 1984,
seit 1986 Alten- und Pflegeheim, seit 1921
ordenseigen
Städt. ambulante Krankenpflegestation
Städt. Sanatorium Harlaching
Bezirks-Krankenhaus mit ambulanter Pflege­
station (bis 1967)
Fischersche Bezirks-Armenanstalt
Bezirks-Krankenhaus
Gemeindliches Krankenhaus
Ambulante Pflegestation, ab 1953 Vinzenz Haus
Städt. Heiliggeist-Spital mit ambulanter Pflegestation (bis 1967)
Gemeindliches Krankenhaus
Städt. Josefsheim (angebunden ans Krankenhaus)
Universitätsklinik für Psychiatrie
Städt. Heilig-Geist-Spital mit ambulanter Pflegestation (bis 1967)
Bezirks-/Kreis-Krankenhaus
1906
Altötting
1906
Bärnau
1906
Donauwörth
Gemeindl. Krankenhaus mit ambulanter
Pflegestation
Städt. Bruderhaus (1973 mit Marienstift
zusammengelegt)
Städt. Krankenhaus mit ambulanter
Krankenpflegestation
Ambulante Pflegestation
Ab-
gabe
1980
1984
1895
1980
1989
1970
1983
1996
1944
1983
1986
1960
1973
1986
1989
1977
1990
1972
1981
1991
1986
1992
1967
1973
1969
1991
Anhang
Über- Ort
nahme
1906
München
1906
Sonthofen
1907
1907
1908
1908
1908
1908
1909
1909
1909
1910
1910
1910
1910
1911
1911
1912
1912
1912
1913
1913
1913
1915
1916
1917
1919
1919
Name der Einrichtung
Chirurgische Klinik an der Mandlstraße
Ambul. Pflegestation, seit 1993 Caritas-Sozialzentrum St. Hildegard
Bad Adelholzen Kurhaus, Lazarett, Krankenhaus 1946 – 1969, seit
1970 Bildungs- und Exerzitienhaus, Primusquelle bzw. seit 1994 Adelholzener Alpenquellen
GmbH, Landwirtschaft (Primushof), ordenseigen
Waldkirchen
Bezirks-Krankenhaus
Passau
Städt. Josefs-Pensionat/Bürgerliche
Heilig-Geist-Stift
Immenstadt
Bezirks-/Kreis-Krankenhaus
Ingolstadt
Garnison-Lazarett
München
I. Univ. Frauenklinik
Lauingen
Bezirk-Krankenhaus
Marienhöhe
Erholungsheim
Velden
Gemeindliche Johannesanstalt
Bad Tölz
Städt. Josefs-Pensionat
München
Städt. Krankenhaus Schwabing
München
Kinder-Krankenhaus Schwabing
Siegenburg
Gemeindliches Krankenhaus
Alzing
Genesungsheim der LVA, seit 1967 ordenseigen
Schwesternheim St. Ludovika, seit 1989 Schwesternheim St. Hildegard
München
Städt. Bürgerheim
Bayreuth
Kinderheim, -garten, ambul. Pflegestation,
Caritas-Sozialstation
München
Herzogliches Georgianum (1912 – 1939;
1950 – 1973; seit 1983)
Peiting
Marienheim
Hausstein
Sanatorium am Hausstein bei Deggendorf
München
Orthopädische Klinik
Reit im Winkl
Gemeindliches Krankenhaus
Bogen
Bezirks-Kinderheim/Bewahranstalt
Scheidegg i. Allg. Kinderheilstätte, Prinz-Luitpold-Kinderklinik
München
Gynäkologische Klinik
Dietfurt
Städt. Krankenhaus mit ambul. Krankenpflegestation (bis 1987)
München
Gilmer’sche Klinik und Schlösser’sche
Augenklinik
Ab-
gabe
1907
2006
1992
1978
1991
1921
1985
1977
1909
1978
1989
1964
1969
1977
1991
2007
1971
1975
1986
1970
1938
1982
1979
1974
1943
297
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Über-
nahme
1919
1919
1920
1920
1920
1922
1922
1923
1923
1925
1926
1927
1928
1928
1928
1929
1929
1929
1929
1930
1930
1931
1931
1932
1933
1934
1934
1934
298
Ort
Ströging
Traunstein
Regensburg
Sonthofen
Strullendorf
Amberg
Bamberg
Name der Einrichtung
Altersheim Maria-Theresia-Anstalt
Städt. Bürgerheim
Städt. Krankenhaus an der Greflingerstraße
Gemeindl. Krankenhaus
Wald-Erholungsstätte
Säuglingsheim
Entbindungsanstalt u. Hebammenschule, Staatl.
Frauenklinik
Schongau
Städt. Altersheim/Bürgerheim
Unterhaching
Marxhof, Erholungsheim, 1967 Neubau Schwesternheim St. Katharina Labouré, ordenseigen
München
Bischöfliches Palais, Haushalt
(1925 – 1952; seit 1977)
Partenkirchen
Sanatorium Haus St. Hildegard
Emmering
Kinder-Erholungsheim „Walburga-Heim“
Grafenau
Marienanstalt, Kinderbewahranstalt,
Kindergarten
München
Städt. Altersheim St. Josef am
Luise-Kiesselbach-Platz
Schrobenhausen Pensionat St. Georgstift
Fuchsmühl
Marienheim, Kinderbewahranstalt, ambul. Pflegestation, ab 1953 auch Altenpflege
München
Krankenhaus l.d.I., Dermatologische Abteilung,
Thalkirchner Straße
Regensburg
Krankenhaus der Barmherzigen Brüder,
Frauenabeilung
Traunstein
Erzbischöfliches Studienseminar, Haushalt
München
Maria-Theresia-Klinik, Chirurgische Privatklinik
Prof. Lebsche, seit 1952 ordenseigen
Regensburg
Domkapitel’sches Josefsheim/Pensionat
Amberg
Don Bosco Heim, Schülerheim
München
Ambul. Pflege beim Altenheim in Berg a. L.,
ab 1971 Sozialstation
Eichstätt
Bischöfliches Palais, Haushalt
München
Reginastift
Neumarkt/Rott Gut und Stift St.Veit
München
Kuranstalt/Chirurgische Privatklinik Dr.
Rinecker
München
Kuranstalt/Medizinische Privatklinik Dr. Müller
Ab-
gabe
1921
1970
1929
1970
1937
1936
1971
1991
1975
1956
1977
1979
1994
1994
1995
1995
2003
1978
1937
1985
1935
1945
2004
1971
1985
Anhang
Über- Ort
nahme
1934
München
1934
1935
1935
1935
1936
1936
Siegenburg
Berlin
München
München
Eichstätt
München
1937
1939
1939
1940
1940
1942
München
München
München
Landshut
München
München
1943
1944
1945
1945
1946
1946
1947
München
Burgellern
Indersdorf
München
Bogen
München
Achatswies
1947
1948
1949
Bad Tölz
Ohlstadt
Indersdorf
1950
München
1955
1959
München
München
Name der Einrichtung
Albertus-Stift (Leopoldstraße bzw.
Werneckstraße)
Kinderheim u. -garten
Bischöfliches Palais
Schwesternheim Sollner Straße, ordenseigen
Kinderheim St.Vinzenz
Studienseminar St. Benedikt
Ambul. Krankenpflegestation St. Georg in
Bogenhausen
Villa Rosipal
Hilfs-Krankenhaus Max-Josef-Stift
Hilfs-Krankenhaus Pullach, Berchmanskolleg
Hilfs-Krankenhaus Adelmannschloss
Hilfs-Krankenhaus Nymphenburg
Städt. Altersheim Schwabing, 1942 Lazarett,
1945 Ausländerkrankenhaus der UNRRA, IRO,
ab 1951 Altenheim
Hilfs-Krankenhaus Waldtrudering
Ausweich-Krankenhaus*
Marienheim im Auftrag der UNRRA
Krankenhaus am Biederstein
Kinderheim, ab 1972 Pfarr-Kindergarten
Privatklinik Krecke-Klinik
Kinder-Krankenhaus bei Fischbachau (zu
Schwabing gehörend)
Darlappheim, Altenheim
Ausweich-Krankenhaus der Kinderklinik
Kloster Indersdorf (Marienanstalt), Landfrauenschule, 1952-1984 Haushaltungsschule, seit 1952
Realschule (1989 an Erzdiözese abgegeben), seit
1949 Kindergarten St.Vinzenz (2003 an Franziskuswerk Schönbrunn abgegeben), ordenseigen
von 1949 bis 1989 bzw. Kindergarten bis 2002
Röntgen-Institut (zur Chirurgischen Klinik
gehörend)
Kindergarten in Berg am Laim
Schwesternheim Maria Regina,
Schwesternwohnheim
Ab-
gabe
1977
1977
1951
1967
1945
1941
1952
1944
1948
1943
1965
1950
1977
1948
1965
1946
1973
1992
1958
1970
1968
1966
1995
1959
1986
299
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Über- Ort
nahme
1959
München
300
1961
1964
1964
Deggendorf
Hengersberg
Inzell
1965
1966
Unterwössen
Ruhpolding
1967
1968
Regensburg
Teisendorf
1971
1971
Ruhpolding
Ruhpolding
1972
München
1972
München
1972
1973
1973
München
Lichtenfels
München
1973
1974
1974
München
Dietfurt
Trostberg
1975
1976
Indersdorf
Regensburg
1977
1977
1979
1981
1982
1983
1986
1986
Gräfelfing
Inzell
München
Plattling
Frontenhausen
München
München
München
Name der Einrichtung
Krankenpflegeschule Maria Regina für freie
katholische Schwestern, seit 1980 BFS für
Krankenpflege
Pfarrkindergarten St. Martin
Altersheim
Schwesternerholungsheim St.Vinzenz,
ordenseigen
Schwesternerholungsheim Bichlhof, ordenseigen
Altenheim St. Anna, 1971 Neubau Altenheim St.
Adelheid, ordenseigen
Bischöfliches Studienseminar, Haushalt
Seniorenwohnanlage mit Pflegeheim St.
Elisabeth
Krankenhaus Vinzentinum
Krankenpflegehilfe-Schule, ab 1991 BFS für
Krankenpflegehilfe
Städt. Krankenhaus Neuperlach, Onkologische
Abteilung
Berchmanskolleg, Altenpflege
(nach Unterhaching verlegt)
Ambulante Krankenpflege St. Gertrud
Städt. Altersheim/Mayacher Stiftung
Internes Krankenhaus Neuwittelsbach,
ordenseigen
Städt. Altenheim
Caritas-Altenheim
Kreis-Krankenhaus (kleine Gruppe von
Schwestern)
Sozialstation Dachau
Kinder-Zentrum St.Vinzenz, Heilpädagogisches
Kinderheim
Caritas-Altenheim St. Gisela
Gemeinde-Krankenhaus
Caritas-Sozialstation Sendling
Caritas-Sozialstation St.Vinzenz
Mechtildisheim
Deutsches Herzzentrum (Krankenhausseelsorge)
Caritas-Sozialstation Haidhausen
Haus Benedikt Labré, Obdachlosen-Betreuung
Ab-
gabe
1986
1969
1989
1984
1997
1974
1994
1987
1997
1976
1978
1997
1996
1998
1987
2004
2001
1987
Anhang
Über- Ort
nahme
1987
Unterwössen
1987
1988
1988
1988
1990
1991
1995
1995
1996
1997
1999
2002
2007
Name der Einrichtung
Ab-
gabe
Schwesternerholungsheim Haus Luise,
ordenseigen
Wolfratshausen
Erzbischöfliches Spätberufenen-Seminar St.
Matthias in Waldram
München
Passionisten-Kloster St. Gabriel (Haushalt)
2001
München
Haus Mechtild/Noviziat, seit 2007 Haus der
Stille, ordenseigen
München
Der Jakobsbrunnen, erst Laim, dann Haus
Mechtild, seit 1997 in Lochham
München
Johannes-Hospiz der Barmherzigen Brüder
1995
München
„Oase“ Pfarrgemeinde St. Margret
Ruhpolding
BFS für Altenpflege, ordenseigen
Fachendorf
Katharinenhof in Pittenhart, ordenseigen
Oberschleißheim Alten- und Pflegeheim für Obdachlose, Haus St.
Benno
München
Caritas-Sozialstation in Berg am Laim
1999
Kajov
Projekt Tschechien, Pfarrseelsorge,
Gemeindecaritas
München
Projekt OMNIBUS
München
Neues Mutterhaus in Berg am Laim, ordenseigen
ambul. = ambulante; städt. = städtisch; staatl. = staatlich; Mtths. = Mutterhaus
* Auf die Auflistung der zahlreichen Ausweichkrankenhäuser der Münchner Kliniken,
in denen die Schwestern tätig waren, wurde hier aus Platzgründen verzichtet.
Quelle: BSMüA 017, Niederlassungsverzeichnisse
301
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Die Barmherzigen Schwestern
Gedicht König Ludwig I.
Gedruckt 1844 in der Zeitschrift „Sion“
Engel, die im irdischen Gefilde
nur allein dem Wohl der Menschen leben,
Güte sind sie, sie sind Liebe, Milde,
haben sich den Leidenden gegeben.
Gott anbeten und die Kranken pflegen,
ein ununterbrochenes Selbstverleugnen
ist ihr Daseyn, keinen Wunsch sie hegen,
sind sich gleich, was sich auch mag ereignen.
Nicht die Körper, die allein genesen,
auch die Seelen ihr Bemühen rettet,
sie verändern ganz des Menschen Wesen,
lösen, was ihn an die Sünde kettet.
Endelos ihr gänzliches Entsagen,
geh‘n dem Tode immerfort entgegen,
unaufhörlich sie das Leben wagen,
überall verbreitend Ruh‘ und Segen.
Heil‘ge Jungfrau‘n, Gottes muth‘ge Schaaren,
heldenhafter als des Krieges Helden;
denn kein Ruhm, wie groß auch die Gefahren,
ihre Todsverachtung wird vergelten.
Ihnen wird kein Lohn jemals auf Erden,
was auch wären ihnen ird‘sche Kronen!
Jenseits nur kann Lohn denselben werden,
Himmlisches sich bloß im Himmel lohnen.
Christus, Du nur kannst die Willen lenken,
Du nur kannst die Herzen so entzünden,
dass, sich selbst vergessend, sie sich senken
ganz in Liebe, die nicht zu ergründen.
302
Literaturverzeichnis
Adelholzener Alpenquellen GmbH, Manuskript der Festschrift zum 100-jährigen
Jubiläum der Übernahme des Betriebs durch die Barmherzigen Schwestern (2007)
Bartholmä, Friedrich, Die Barmherzigen Schwestern in München in bezug auf Krankenpflege. Eine Stimme an unsere Zeit, V
erlag M. S. Kreuzer, Augsburg 1838.
Behrend-Rosenfeld, Else R., Ich stand nicht allein, Leben einer Jüdin in Deutschland
1933-1944, Verlag C.H.Beck, München 1988, Tagebuchaufzeichnungen, erstmals
erschienen 1945.
Brentano, Clemens von, Die Barmherzigen Schwestern, 2. Auflage, Mainz 1852.
Buchberger, Michael (Hg.), Die Kulturarbeit der katholischen Kirche in Bayern,
München 1920.
Buchborn, Eberhard (Hg.), V
om Allgemeinen Krankenhaus zur Medizinischen Klinik
Innenstadt der Ludwig-Maximilians-Universität, München 1988.
300 Jahre Barmherzige Schwestern vom Heiligen Vinzenz von Paul 16331933, 100 Jahre Welt-Vinzenz-Verein 1833-1933, Hanns Eder-Verlag, München 1933.
Eder, Manfred, Helfen macht nicht ärmer, Von der kirchlichen Armenfürsorge zur
modernen Caritas in Bayern, Altötting 1997.
Förg, Gabriele (Hg.), Bayern – Land mit Löwenspuren, Geschichten aus der bayerischen Geschichte, Allitera Verlag, München 2005.
Frings, Bernhard, Mit ganzem Herzen, Hundert Jahre Missionsschwestern vom Heiligen Herzen Jesu von Hiltrup, Laumann-Verlag, 2000.
Gebhardt, M. Caritas Schwester, Die Barmherzigen Schwestern in der NS-Zeit, in:
Das Erzbistum München und Freising in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft, hrsg.Von Georg Schwaiger, Sonderdruck,Verlag Schnell & Steiner, München,
Zürich 1984.
Dies., Geschichte der barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul,
Mutterhaus München, Typoskript, kurz Mutterhauschronik genannt, Fortführung (bis 1974) und Überarbeitung einer im Jahr 1953 handgeschriebenen
Chronik von Sr. M. Emma Mayer (starb 1978). Diese Barmherzige Schwester war
von 1925 – 1967 im Schreibzimmer des Mutterhauses beschäftigt, hatte also engen
Kontakt mit der Ordensleitung. Diese Chronik basiert auf der Briefchronik und
schöpft aus persönlichen Erinnerungen von Schwester Emma ohne Anspruch auf
Vollständigkeit. Da der Autorin nur die digitale Form der Mutterhauschronik vorlag,
bezeichnen alle Seitenangaben die jeweiligen Bildschirmseiten.
Glowatzki, Herbert CM (gesammelt), Gedrängt vom Erbarmen, Worte des heiligen
Vinzenz von Paul, Salzkotten 1959.
303
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Häberl, Franz Xaver, Abhandlung über öffentliche Armen- und Krankenpflege, München 1813
Hauber, Michael, Allgemeine Statuten des Ordens der Barmherzigen Schwestern des
hl.Vinzenz von Paul im Königreich, München 1835.
Ders., Zwölf gottselige Betrachtungen über die Vorzüge und Pflichten des Ordens der
BS als Armen- und Krankenpflegerinnen in den Spitälern, Sulzbach 1835.
Hausberger, Karl / Hubensteiner, Benno, Bayerische Kirchengeschichte, Süddeutscher Verlag GmbH, München 1985.
Hubensteiner, Benno, Bayerische Geschichte, Staat und Volk, Kunst und Kultur, München 1980
Kasberger, Erich / Knauer-Nothaft, Christl, Berg am Laim. Von den Siedlungsanfängen zum modernen Stadtteil Münchens,Volk Verlag, 2006.
Kerschensteiner, Hermann, Geschichte der Münchner Krankenanstalten, Verlag J.F.
Lehmann, München, Berlin 1939.
Kobell, Luise von , Luise von Kobell und die Könige von Bayern, Historien und Anekdoten anno 1790 – 1890, Hg. Kurt Wilhelm, Ehrenwirtverlag, München 1980.
Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom hl.Vinzenz von Paul, Mutterhaus München (Hg.), Alten- und Pflegeheim Waldsanatorium Planegg, Festschrift zur Einweihung am 19.02.2003, anlässlich des Abschlusses der Generalsanierung, München 2003.
Dies. (Hg.), Alten- und Pflegeheim St. Michael Berg a. Laim, Festschrift zur Einweihung am 22.07.2004, anlässlich des Abschlusses der Generalsanierung, München
2004.
Dies. (Hg.), Gedenkfeier anlässlich des 150jährigen Wirkens der Barmherzigen
Schwestern in Bayern am 10.März 1982, Seitz-Verlag, München 1982.
Dies. (Hg.), Lebensordnung der Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom
hl.Vinzenz von Paul Mutterhaus München, München 1985.
Dies. / St. Vinzentius Zentralverein München (Hg.), 400 Jahre Vinzenz von Paul
1581-1981, Predigten und Ansprachen, München 1981.
Kopp, Franz Xaver, Generalbericht über die Choleraepidemie 1836-1837 in München,
München 1837.
Kunz, Irene, Grundausbildung und Spezialisierung in der Krankenpflege. Zwischen
1800 und 1960. Med. Diss. Freiburg 1984.
Laube, Volker, Fremdarbeiter in kirchlichen Einrichtungen im Erzbistum München
und Freising, 1939 – 1945, Eine Dokumentation, Schriften des Archivs des Erzbistums München und Freising, Bd. 7, Regensburg 2005.
Locher, Wolfgang Prof. Dr., 100 Jahre Chirurgische Universitätsklinik München an
der Nußbaumstraße, München 1991.
Ders., 150 Jahre Dr. von Haunersches Kinderspital 1846 – 1996, München 1996.
Ders. / Scriba, Peter C., Prof. Dr. Dr. hc. (Hg.), Zum Abschied der Barmherzigen
Schwestern, Feierstunde zur Verabschiedung der Barmherzigen Schwestern vom Hl.
304
Literaturverzeichnis
Vinzenz von Paul aus der Medizinischen Klinik Innenstadt in München am 8.Juni
2000, München 2000.
Martin, Anselm, Geschichtliche Darstellung der Kranken- und Versorgungsanstalten
zu München mit medizinisch-administrativen Bemerkungen aus dem Gebiet der
Nosokomialpflege, Georg Franz Verlag, München 1834.
Nicolai, Frauke, 650 Jahre Fürsorge und Pflege, Ein Bericht zum Jubiläum der HeiligGeist-Spital-Stiftung der Stadt Landsberg, Landsberg/Augsburg 1999.
Riehl, Hans, Märchenkönig und Bürgerkönige, Wittelsbacher Geschichte(n)
1808 – 1918,Verlag W. Ludwig, Pfaffenhofen 1979.
Rosmus, Anna, Wintergrün,Verdrängte Morde, Konstanz 1993.
Sauer, Sr. M. Sigram O.S.B. (zusammengestellt), Das Mutterhaus der Missionsbenediktinerinnen von Tutzing in schwerer Zeit, Tutzing 2003.
Schad, Martha, Bayerns Königinnen, Piper-Verlag, München/Zürich 2005.
Scherer, Emil Clemens, Die Kongregation der Barmherzigen Schwestern von Straßburg. Ein Bild ihres Werdens und Wirkens von 1734 bis zur Gegenwart. (Forschungen
zur Kirchengeschichte des Elsaß Bd. 2), Butzon & Bercker, Kevelaer 1930.
Ders., Schwester Ignatia Jorth und die Einführung der Barmherzigen Schwestern in
Bayern, Gilde-Verlag, Köln 1932.
Seidler, Eduard, Geschichte der Pflege des kranken Menschen, 3. Aufl., Stuttgart
1966.
Sintzel, Michael, Erinnerungen an die wohlerwürdige Frau Ignatia Jorth, Gründerin
und erste General-Oberin des Ordens der Barmherzigen Schwestern in Bayern,
München 1845.
Ders., Geschichte der Entstehung,Verbreitung und Wirksamkeit des Ordens der Barmherzigen Schwestern, Regensburg 1847.
Sporer, Irmgard, Das Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Vinzenz von Paul von München, Med. Diss. TU München 1988.
Sterner, Lieselotte, Die Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom hl.Vinzenz
von Paul in Hildesheim von 1852 bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil, Untersuchung einer karitativen Ordensgemeinschaft vor dem Hintergrund der sozialen
und politischen Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert, Hannover 1999.
Thorr, Joseph, Darstellung der baulichen und inneren Einrichtungen eines Krankenhauses durch die Organisationsverhältnisse des städtischen allgemeinen Krankenhauses in München erläutert. Nebst einer Übersicht der Leistungen dieser Anstalt
vom Jahre 1820-1846, München 1847.
Ders., Die Leistungen des allgemeinen Krankenhauses in München von der Eröffnung
bis zum Jahre 1854, München 1854.
Walther, Philipp Franz Dr. von, Über den finanziellen Zustand des allgemeinen Krankenhauses in München im Jahre 1835.
305
Bildnachweis
Allgemeines Krankenhaus in München, Lithographie von Carl August Lebschée
(1800 – 1877) um 1830, S. 20, Ausschnitt aus Stadtkarte München, S. 162, Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Stadtarchivs München.
König Ludwig I., S. 22, Königin Caroline, S. 85 und Königin Therese, S. 137, Gemälde
von Joseph Stieler (1781 – 1858), Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des
Wittelsbacher Ausgleichsfonds, München.
Professor Johann Nepomuk von Ringseis, S. 38, Gemälde von Joseph Stieler, Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Bayerischen Nationalmuseums.
Grafiken S. 78, 134, 135, 156, 246, 260, 265, 267 von der Autorin erstellt.
Fahrkarte, S. 47, Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung von Frau Therese Weiß,
der ehemaligen Besitzerin des Hotelgasthofs zur Post in Fürstenfeldbruck (früher
Postkutschenstation).
Alle weiteren Abbildungen sind dem Fotobestand des Mutterhauses München
entnommen.
306
Archivalienverzeichnis
Archiv des Instituts für Geschichte der Medizin der Universität
München
Bestand Krankenhaus links der Isar
340/III Übereinkunft des Magistrats mit dem Orden der Barmherzigen Schwestern
über die Verpflegung und das Dienstpersonal.
734/1 Wiederherstellung des Ordens der Barmherzigen Schwestern. I. Epoche
1826/1831.
734/2 Wiederherstellung des Ordens der Barmherzigen Schwestern. II. Epoche ab
1832.
734/3 Die Einführung des Instituts der Barmherzigen Schwestern in auswärtigen
Krankenhäusern.
740 Geldbezüge der Barmherzigen Schwestern im Krankenhause links der Isar.
1846 – 1853.
Archiv des Mutterhauses der Barmherzigen Schwestern in München
Gesamtbestand gesichtet.
Wichtiger Hinweis: Mit der Verlegung des Archivs ins neue Mutterhaus wird
eine Neuordnung der Bestände vorgenommen. Die hier gemachten Angaben
beziehen sich noch auf die alte Ordnung des Archivs.
Bayerisches Hauptstaatsarchiv
MK 49353 Barmherzige Schwestern v. Hl. Vinzenz von Paul. Bestätigung der
Körperschaftsrechte.
MK 69469 Gesamtverwaltung der Universitätskliniken links der Isar.Verwendung des
Mutterhauses der Barmherzigen Schwestern 1959 – 1972.
MInn 89195 Rechtsstatus des Ordens der Barmherzigen Schwestern vom Hl.Vinzenz
von Paul in München 1946.
307
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Archiv des Erzbistums München und Freising
AEM, NL-Pfaffenbüchler Nr.1.
Erzbischöfliches Archiv der Diözese München und Freising
EAM, Erzbischöfe 1821 – 1917, Karton 3 und 15a.
EAM, NL Faulhaber, 5501, 5660-66, 8182, 8183, 8186, 8187, 8189.
Staatsarchiv München
Mü LRA 58779, Kloster- und Ordensangelegenheiten, 1828.
LRA 59135, Maßregeln gegen die Cholera.
RA 2529, 51019, Barmherzige Schwestern in München, Aufstellung eines Superiors,
1884.
RA 3675 Das Krankenhaus in der Stadt München, 1839 1863.
RA 3675, 57251, Das Krankenhaus in München l. d. Isar, 1864 – 1905.
Stadtarchiv München
Krankenanstalten, Nr. 42, Krankenpflege durch Barmherzige Schwestern und Diakonissen, 1819 – 1868.
Ebd., Nr. 43, Öffentlicher Bericht von Krankenhausinspektor Thorr 1854.
Ebd., Nr. 72, Superioren, 1832 – 1914.
Ebd., Nr. 76, Weltliche Krankenpflegerinnen, 1919 – 1939.
Ebd., Nr. 77, NS-Schwestern, weltliche Schwestern, 1939 – 1941.
Ebd., Nr. 217, Städtisches Sanatorium Harlaching.
Stadtchronik.
308
Abkürzungsverzeichnis
AEM
BSMüA
Archiv der Erzdiözese München und Freising
Archiv des Mutterhauses der Barmherzigen Schwestern in
München
GeschMedMüA
Archiv des Instituts für Geschichte der Medizin der Universität
München
BayHStA
Bayerisches Hauptstaatsarchiv München
EAM
Erzbischöfliches Archiv der Erzdiözese München und Freising
Jhg.
Jahrgang
Krankenhaus l.d.I. Krankenhaus links der Isar, früher Allgemeines Krankenhaus, jetzt
Medizinische Klink der Innenstadt in der Ziemssenstraße
Mutterhauschronik Schwester M. Caritas Gebhardt, Die Geschichte der Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul, Mutterhaus München, Typoskript
NL
Nachlass
StAM
Staatsarchiv München
StadtAM
Stadtarchiv München
SZ
Süddeutsche Zeitung
309
Anmerkungen
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21
22
23
24
310
Martin, 1834, , S.73, aus Bericht des Innenministeriums zur Aufhebung des
Elisabethspitals.
Ebd., S. 87.
Ebd. S. 87.
Kerschensteiner, 1939, S. 186.
BSMüA, Königliches Reskript v. 29.07.1827, IV.
Ebd., VII.
GeschMedMüA, 734/1, Straßburger Generalvikar Liebermann an Dompropst
von Streber, 05.04.1828, Abschrift vom 9.04.1828.
Ebd., Brief der Straßburger Generaloberin, Sr. Vinzenz Sultzer, an den Magistrat
vom 14.09.1828.
Ebd., Brief des Straßburger Generalvikars an das Münchner Ordinariat vom
12.12.1828, Abschrift.
Zitiert nach Scherer, Schwester Ignatia Jorth, S. 28.
GeschMedMüA 734/1, Straßburger Generaloberin an Magistrat, 26.02.1830.
Zitiert nach Scherer, S. 32, Brief von Sr. Mechtildis an Straßburger
Generaloberin.
StadtAM, Stadtchronik.
Bayerischer Volksfreund vom 29.04.1830, BayHStA, M Inn Nr. 61673.
Zitiert nach Scherer, S. 35.
BSMüA,01 Mappe 2.
Ebd.
Zitiert nach Scherer, S. 38, Brief von Pater Rupert Leiß an Superior Thomas.
Aus GeschMedMüA 734/2.
GeschMedMüA, 734/1.
BSMüA, 01 Mappe 7, Schwester Ignatia Jorth, Presseberichte und Stadtchronik
behaupten, die beiden Straßburger Schwestern seien in Dachau von der Magistratsdelegation empfangen worden. Sie gingen demnach davon aus, dass die Schwestern die Route
über Dachau, nicht über FFB genommen hätten. Anzunehmen ist, dass sich dieser Irrtum
aufgrund mangelnder Recherche vonseiten der Presse eingeschlichen hat und unbesehen übernommen wurde.
StadtAM, Stadtchronik.
GeschMedMüA, 734/2, Übereinkunft vom Januar 1832 und BSMüA, 01
Mappe 2.
BSMüA, 02 Mappe 8, 1834 - 1847, Schreiben der Oberin an Magistrat vom
4.10.1834.
Anmerkungen
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Zitiert nach Scherer, S. 54/55.
Ebd. S. 55/56, Bericht der Krankenhauskommission vom 5. April 1833.
Ebd., S. 59/60, Festpredigt von Döllinger.
Ebd., S. 173.
Ebd.
Ebd., S. 161/162.
BSMüA 20 Generaloberinnen, Sr. Ignatia Jorth, Brief des Münchner Ordinariats an Magistrat wg. Aufenthaltsverlängerung 5.8.1834.
BSMüA, 01 Mappe 2, auch in 01 Mappe 1 und 03 Mappe 3, Eingabe Ignatias
vom 24. April 1835.
Zitiert nach Scherer, S. 73, Brief Sr. Ignatias an Straßburger Generaloberin.
BSMüA, 03 Mappe 8, Königliches Reskript vom 30. Mai 1835.
BSMüA, 03 Mappe 3, Brief Sr. Ignatias an das Mutterhaus in Straßburg am
25.06.1836.
Kopp, Franz Xaver, 1837, S. 173.
BSMüA, 03 Mappe 3, Brief Sr. Ignatias an Mutterhaus Straßburg am 25.06.1833.
Walther, 18, S. 8.
Vgl. zum Mutterhausbau BSMüA, 02, auch zu den folgenden Kostenangaben;
zu der Debatte bei den Landständen hier auch Exemplare der Münchner Politischen Zeitung vom 06.11.1837.
BSMüA, 03 Mappe 3, Brief Sr. Ignatias an Mutterhaus Straßburg am 05.08.1836.
Zitiert nach Scherer, S. 96.
Ebd.
Ebd., S. 103/104, Brief Sr. Ignatias an Sr.Vinzenz Sultzer am 4.8.1833.
Ebd., S. 104, Brief Sr. Ignatias an Sr. Vinzenz Sultzer, einige Wochen später als
4.8.1833.
Ebd.
Ebd., S. 107.
Ebd., S. 119.
Ebd., S. 124.
Ebd.
BSMüA 30, Personalbücher 1832-1879.
Scherer, S. 143.
GeschMedMüA, 734/2 und BSMüA 01 Mappe 2, Schreiben des Magistrats an
Generaloberin Sr. Ignatia Jorth, anlässlich der Überreichung eines Silberkreuzes am
24. Mai 1836.
Zitiert nach Scherer, S.199 Brief Sr. Ignatias an Straßburger Ordensleitung ca.
Ende Mai 1836.
Ebd., S. 217.
Ebd., S. 224.
Vgl. BSMüA 30, Personalbücher 1832 – 1879, 1880 – 1901.
311
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
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312
Vgl. BSMüA, 017 Niederlassungen.
BSMüA, 1026, Henlesche Stiftung.
Ebd., Brief des Augsburger Superiors an den Münchner Superior vom
11.09.1895.
Ebd., Antwortschreiben des Münchner Superiors an den Augsburger Superior
vom 17.09.1895.
Buchborn, S. 9.
GeschMedMüA, 734/1, Thorrbericht.
Buchborn, S. 3.
Kerschensteiner, S. 185/186.
Ebd., S. 187.
GeschMedMüA, 734/1, Thorrbericht.
Statuten von 1835, § 2.
Vgl. zu allen folgenden Angaben zu Pflegeausbildung BSMüA 50, 3300, 3301,
3305 und Mutterhauschronik.
BSMüA, 03 Mappe 3, Brief Sr. Ignatias an Sr.Vinzenz Sultzer am 5.8.1836.
Nicolai, Frauke, 1999, S. 13.
Angaben aus dem Generalsekretariat des Mutterhauses, Sr. Anna Maria
Burgauer, Dezember 2006.
Kerschensteiner, S. 241.
Ebd.
Gebhardt, Mutterhauschronik, S. 46.
Kobell, S. 317.
Kerschensteiner, S. 258.
Gebhardt, Mutterhauschronik, S. 74.
Kopp, S. 74/75.
Vgl. Kerschensteiner und Kobell.
Gebhardt, Mutterhauschronik, S. 96.
Kerschensteiner, S. 293, Direktor Friedrich von Müller über Spanische Grippe.
Gebhardt, Mutterhauschronik, S. 118.
BSMüA, 60 Lazarettpflege.
Alle folgenden Angaben aus BSMüA, 60 Lazarettpflege.
BSMüA, 03 Mappe 3, Brief der Straßburger Generaloberin an Münchner Generaloberin, 23. 10.1870.
Alle folgenden Angaben aus BSMüA, 60 Lazarettpflege.
Ebd., Kriegstagebuch von Sr. M. Alma Mack.
Ebd., Bericht von Sr. M. Magdalena Barnickel.
Ebd.
Vgl. zu Revolution und Inflation Gebhardt, Mutterhauschronik, S. 122 – 124.
Kerschensteiner, S. 289.
Anmerkungen
aus Internet: http://www.dhm.de/lemo/html/weimar/revolution/raeterepublik/
index.html.
93 aus
Internet: http://www.br-online.de/wissen-bildung/collegeradio/medien/
geschichte/revolution3. V
gl. Neue Schriftenreihe des Stadtarchivs München, Bd.
Nr. 29, Revolution und Räteherrschaft in München.
94 Kerschensteiner, ebd.
95 Gebhardt, Mutterhauschronik, S. 123.
96 Diese und die folgenden Angaben zur Statistik zu Niederlassungen aus BSMüA
017.
97 BSMüA 03 Mappe 8, Hillerchronik.
98 BSMüA 30 Mitgliederverzeichnisse.
99 Hauber, Allgemeine Statuten, 1835, auch in BSMüA, 03 Mappe 8, Statuten
von 1835, Königliches Reskript vom 30. Mai 1835.
100 Ebd.
101 Ebd.
102 Zur geplanten Mutterhausverlegung vgl. BSMüA 05,06,07 und BayHStA, MK
39646, Mutterhaus der BS,Verlegung des Mutterhauses, 1927 – 1939.
103 Gebhardt, Mutterhauschronik, S. 121.
104 Zu Adelholzen vgl. Gebhardt, Mutterhauschronik und BSMüA 020, darin u. a.
Haslberger, Alfons (Kurat), Wildbad Adelholzen, Einst und jetzt, Ein Führer zu seinen Heilquellen, in seiner Geschichte und Umgebung, 1913 und
Neuauflage 1925.
105 zitiert nach Manuskript der Festschrift zum 100-jährigen Jubiläum der Übernahme
der Adelholzener Alpenquellen durch die Barmherzigen Schwestern (2007)
106 AEM, NL Pfaffenbüchler Nr. 1, Pacelli an Pfaffenbüchler 5.1.1932.
107 Vgl. zu den folgenden Angaben und Zitaten BSMüA 208, Ordensregel-Statuten,
Beilage zur Ordensregel der Barmherzigen Schwestern des Mutterhauses
München, Innere Verfassung und Verwaltung, 05.11.1895.
108 Gebhardt, Mutterhauschronik, S. 141.
109 Ebd.
110 EAM-NL Faulhaber, V 5662, Barmherzige Schwestern 1933 – 1945, Schreiben
an die bayerischen Bischöfe vom 12.07.1934.
111 Gebhardt, Mutterhauschronik, S. 132, Stand vom 10.03.1932; die abweichende
Angabe von 143 Kandidatinnen im Jahr 1932 in BSMüA 30 Status des Ordens ab
1828, alte Liste, erklärt sich daraus, dass dort der Stand vom 31.12.1932 genannt
wird, inzwischen waren einige dieser Kandidatinnen eingekleidet worden und wurden somit zu den Novizinnen gerechnet. Allerdings gibt es für die Mitgliederzahlen
ab 1932 eine neue Liste, bei der es zu der alten Liste geringfügige Abweichungen
gibt. Da aber Schwester M. Emma Mayer die neue Liste mit den Polizeianmelde-,
Profess- und Totenbüchern abgeglichen hat, stützt sich die Autorin mit ihren Statistiken ab 1932 auf die neue Liste. Für 1932 nennt die neue Liste eine Gesamtzahl der
92
313
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
Mitglieder von 2631 und eine Kandidatinnenzahl von 139. Die Zahlen der neuen
Liste weichen also geringfügig nach unten ab. Scherer spricht im Jubiläumsjahr
sogar von 194 Kandidatinnen, eine Zahl, die zwar von späteren Autoren übernommen wurde, aber nicht verifizierbar ist.
112 EAM NL Faulhaber V 5660, Mutterhaus der BS 1919 – 1933.
113 BSMüA 10, Festbrief von Superior Pfaffenbüchler zur 100-Jahrfeier.
114 AEM, NL Pfaffenbüchler Nr. 1, Pacelli an Pfaffenbüchler,Vatikan 20.8.1932.
115 Gebhardt, Mutterhauschronik, S. 133.
116 Zitiert nach Eder, Manfred, Helfen macht nicht ärmer, S. 480, Geheimanweisung
des Reichssicherheitsdienstes vom 15.2.1938.
117 Gebhardt, Die Barmherzigen Schwestern in der NS-Zeit, S. 693/694.
118 BSMüA 801, Zeitungsausschnitte, SA-Mann vom 8.5.1937.
119 BSMüA 803, Widerstand gegen das Nazi-Regime und Verfolgte, Bericht
vom Stadtjugendamt an Superior Pfaffenbüchler vom 18.2.1937.
120 BayHSTA MK 39646, Mutterhaus der BS, Verlegung des Mutterhauses,
1927 – 1939, Vertrag vom 2.3.1937 zwischen Stadt und Orden.
121 Völkischer Beobachter vom 1.1.1938, zitiert nach Gebhardt, Die Barmherzigen
Schwestern in der NS-Zeit, S. 700/701.
122 Siehe zu Folgendem StAM, Krankenanstalten Nr. 77, NS-Schwestern, weltliche Schwestern 1939 – 41.
123 Ebd., Schreiben der Gauleitung der NSDAP, Gau München-Oberbayern an
Münchner Oberbürgermeister, 18.12.1939.
124 Ebd., Bericht der Krankenhausverwaltung vom Krankenhaus r.d.I. vom
12.1.1940.
125 Siehe zu folgendem Vorgang BayHSTA MK 39646, Mutterhaus der BS, Verlegung des Mutterhauses, 1927 – 1939.
126 Ebd., Rechtsgutachten vom 28.10.1937 von Fiskalreferent Mayr im Auftrag des
OB Fiehler erstellt.
127 Ebd., OB an Kultusministerium in einem geheimen Schreiben vom 25.11.1937.
128 Ebd., OB zitiert in Schreiben an Kultusministerium vom 16.5.1938 aus dem
Schreiben Hilgenfeldts an OB vom 29.12.1937.
129 Gebhardt, Mutterhauschronik, S. 142, hier auch die Angaben zu den Austritten
entnommen.
130 Gebhardt, Die Barmherzigen Schwestern in der NS-Zeit, S. 702.
131 EAM NL Faulhaber, 8186 Besteuerung der Orden, Beschränkung des Nachwuchses, Erlass des Arbeitsministers vom 29.9.1940 an die Präsidenten der
Landesarbeitsämter.
132 Ebd., Aktenvermerk, Konferenz München 1942 zum Ordensnachwuchs.
133 Siehe dazu BSMüA024 Bukarest; EAM NL Faulhaber, 5666 Barmherzige
Schwestern in Bukarest.
134 Gebhardt, Mutterhauschronik, S. 136.
314
Anmerkungen
135
BSMüA 80, Brief des Beauftragten für KLV im Gau München-Oberbayern der
NSDAP i.A. Oberstaller am 31.März 1941 an das Kurhaus Adelholzen.
136 BSMüA 601 Lazarettpflege im II. Weltkrieg, Mappe 2.
137 Gebhardt, Mutterhauschronik, S. 139.
138 Ebd.
139 Behrend-Rosenfeld, Else, Ich stand nicht allein, 1988, S. 114, siehe auch S. 113,
128/129.
140 Ebd., S. 129.
141 BSMüA 802 III. Reich-Judenverfolgung, Schreiben von Helmut Lisberger vom
17.2.1991, zu der Heimanlage in Berg am Laim siehe auch Kasberger, Erich/
Knauer-Nothaft Christl, Berg am Laim, 2006, Beitrag von Erich Kasberger zu der
„Heimanlage für Juden in Berg am Laim“.
142 Zu folgenden Vorgängen siehe: Rosmus, Anna, Wintergrün, 1993.
143 Zitiert nach Rosmus, S. 15.
144 Ebd., S. 14.
145 Zitiert nach SZ vom 28./29.8.1993.
146 Siehe dazu BSMüA 031 Maria-Theresia-Klinik.
147 Diese und folgende Angaben aus Laube, Volker, Fremdarbeiter in kirchlichen Einrichtungen, 2005.
148 BSMüA 80.
149 Gebhardt, Mutterhauschronik, S. 137.
150 BSMüA 601, Lazarettpflege im II. Weltkrieg, Mappe 1.
151 Zitiert nach Gebhardt, Die Barmherzigen Schwestern in der NS-Zeit, S. 708.
152 Ebd., S. 699/700, Schreiben der Ordensleitung an Oberkommando der Wehrmacht vom 8.2.1940, Unterstützungsschreiben verschiedener Klinikdirektoren und
des Gesundheitsamts.
153 Ebd., S. 713.
154 Ebd., S. 708 ff.; Dies., Mutterhauschronik, S. 151/152; BSMüA 602 II. Weltkrieg, Situation Krankenhäuser u. Ausweich-Krankenhäuser, Pflegepersonal und
Hilfsschwestern.
155 BSMüA 602, Listen der Hilfsschwestern, Rundschreiben der Generaloberin
Schwester M. Castella Blöckl vom 31.3.1942, Listen über Hilfsschwestern.
156 Gebhardt, Die Barmherzigen Schwestern in der NS-Zeit, S. 708.
157 Zu den Luftangriffen vgl. BSMüA 801 II. Weltkrieg-Luftangriffe; Gebhardt, Mutterhauschronik S.153 f., Dies., Die Barmherzigen Schwestern in der NS-Zeit,
S. 711 f.
158 Gebhardt, Mutterhauschronik, S. 154.
159 BSMüA 80, Anweisung des Kardinals zum religiösen Verhalten bei Fliegerangriffen vom 28.9.1942 und 5.10.1942.
160 Gebhardt, Mutterhauschronik, S. 157.
315
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
161
BSMüA 801 II. Weltkrieg-Luftangriffe, Bericht der Generaloberin an die Schwestern vom 17.6.1944.
162 Ebd., Grabrede von Domkapitular Grassl am 17.6.1944.
163 BSMüA 018 Berg am Laim, Brief von Superior Pfaffenbüchler an Herrn Hirschmann, vom 29. Juli 1944, aus Bad Adelholzen.
164 BSMüA 801, Bericht der GO an auswärtige Filialen vom 14.7.1944.
165 Gebhardt, Mutterhauschronik S. 161.
166 Ebd., S. 177.
167 BSMüA 09 Zerstörung des Mutterhauses durch Bomben, Einiges aus dem
Mutterhaus 1945, S. 9.
168 Gebhardt, Die Barmherzigen Schwestern in der NS-Zeit, Tabelle 2b, S. 691.
169 Gebhardt, Mutterhauschronik, S. 178.
170 Ebd., S. 172.
171 BSMüA Häuserakte Landsberg, Zitate aus Blöchl, Sr. M. Betha, Bericht
der Ambulanten Krankenpflegestation über die Pflege der Juden vom 29.
April bis 1. August 1945.
172 Gebhardt, Die Barmherzigen Schwestern in der NS-Zeit, S. 716.
173 EAM NL-Faulhaber, V 5661, Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern 1933-1952, Benachrichtigung an Domvikar Grassl durch die Familie
Lehnert-Kinzhofer.
174 Gebhardt, Mutterhauschronik, S. 202.
175 BSMüA 30, Mitgliederverzeichnisse.
176 Siehe dazu BSMüA 030 Marienheim Kloster Indersdorf, darin vor allem:
Raabe, Sr. M. Borromäa, Die Geschichte der Barmherzigen Schwestern
in Indersdorf 1856-1995, Vortrag von 1997, Zitat S.10.
177 Ebd., Werbeprospekt für Landfrauen-Schule Indersdorf.
178 Ebd., Raabe, S. 13.
179 Siehe dazu BSMüA 033, Landshut Marienheim.
180 Siehe dazu BSMüA 020, Bad Adelholzen.
181 Siehe dazu BSMüA 031, Maria-Theresia-Klinik.
182 Siehe dazu BSMüA 037 Ruhpolding, Krankenhaus Vinzentinum.
183 Siehe dazu BSMüA 028 Krankenhaus Neuwittelsbach.
184 Siehe dazu BSMüA 038 Teisendorf, Altenheim St. Elisabeth.
185 Siehe dazu BSMüA 036 Ruhpolding, Altenheim St. Adelheid.
186 Siehe dazu BSMüA 022 Unterhaching.
187 Siehe dazu BSMüA 021 Waldsanatorium Planegg.
188 Siehe dazu BSMüA 026 Schwesternheim St. Hildegard.
189 Siehe dazu BSMüA 019 Postulat und BSMüA 3300 Ordenseigene
Krankenpflegeschulen.
190 Gebhardt, Mutterhauschronik, S. 273.
191 Siehe dazu BSMüA 3301 Kommunale Krankenpflegeschulen.
316
Anmerkungen
192 Siehe
dazu BSMüA 020 Bad Adelholzen und Manuskript der Festschrift zum
100-jährigen Jubiläum der Übernahme der Adelholzener Alpenquellen durch die
Barmherzigen Schwestern.
193 BSMüA 30, Mitgliederverzeichnisse.
194 Gebhardt, Mutterhauschronik, S. 264/65.
195 BSMüA 017, Verzeichnisse der Niederlassungen.
196 BayHSTA, MK 69532 Hebammen und Schwestern der I. Frauenklinik,
Direktor der Frauenklinik an Universitätsverwaltung, 25.10.1966.
197 Ebd., Universität an Kultusministerium, 4.11.1966.
198 Ebd., Universität an Kultusministerium, Februar 1970.
199 Gebhardt, Mutterhauschronik, S. 252 f.
200BSMüA 20 Leitung, 204 Informationsberichte Generalkapitel 1953 – 1975.
201Gebhardt, Mutterhauschronik, S. 259.
202BSMüA 20 Leitung, 207 Änderung der Ordenstracht, Dekret über die zeitgemäße Erneuerung des Ordenslebens vom II. Vatikanischen Konzil im Oktober
1965, Erzbischöfliches Ordinariat München und Freising (Hg.), S. 19.
203Gebhardt, Mutterhauschronik, S. 293/294.
204Ebd. S. 294.
205300 Jahre Barmherzige Schwestern, 1933, Domkapitular Seeland zu Mutterhaus Hildesheim, S. 79 ff.
206Gebhardt, Mutterhauschronik, S. 130/131.
207Siehe dazu BSMüA 20 Leitung, 204 Informationsberichte Generalkapitel
1953-1975.
208Siehe die heute gültigen Regelungen in Lebensordnung der Kongregation von
1985.
209BSMüA 20 Leitung, Generaloberinnen, Bericht der GO Sr. Gundebalda zum
Generalkapitel 1980.
210Glowatzki, Herbert CM (gesammelt), Gedrängt vom Erbarmen, Worte des heiligen Vinzenz von Paul, Salzkotten 1959, S. 54.
211Gebhardt, Mutterhauschronik S. 266/267.
212 Siehe dazu BSMüA 1026 Vinzentinische Föderation.
213BSMüA 1029 Affiliation, Affiliationsurkunde.
214BSMüA 2011 Kleine Gemeinschaften, Schwestern in Einzelaufgaben.
215Die aktuellen statistischen Daten beruhen auf Angaben aus der Mutterhausverwaltung. Bei den Angaben zur Zahl der Niederlassungen und der jeweiligen
Besetzung mit Schwestern wurden die Zahlen von 7/2007 verwendet. Die Zahlen
zum Personalstand der Schwestern sind der Jahresabschlussstatistik zum 31.12.2006
entnommen. Weitere Quellen zum aktuellen Stand der Kongregation: http://
www.barmherzige-schwestern-muenchen.de und Rechenschaftsbericht
des Generalkapitels vom November 2004.
216Gespräch mit Schwester M. Tyella Eichstetter am 10.3.07.
317
Festschrift der Barmherzigen Schwestern
auch heute 4/2005.
2011 Kleine Gemeinschaften, Schwestern in Einzelaufgaben und
Mappe zu neuen Projekten aus Generalsekretariat.
219Siehe auch heute, Zeitschrift der Föderation Vinzentinischer Frauengemeinschaften 4/2002, Sr. M. Ingela Hofmann, Sr. M. Dagmar Raab, Haus St.
Benno, S. 5 f.
220 Ebd., Sr. M. Clementine Rodler, „Der Jakobsbrunnen“, S. 3 f.
221 Ebd., Sr. Daniela Maria Holzner, Projekt Omnibus, S. 30 f.
222BSMüA 20 Leitung, Außerordentliches Generalkapitel am 11./12.1.2003, Rundschreiben der Generaloberin vom 16.1.2003, Schreiben der Ludwig-MaximilianUniversität an Ordensleitung vom 9.8.2002.
223Glowatzki, S. 106.
224 Ebd., S. 96.
225Rechenschaftsbericht des Generalkapitels vom November 2004, S. 2.
226Glowatzki, S. 13.
217Siehe
218BSMüA
318
Impressum
175 Jahre Barmherzige Schwestern in Bayern, 1832 – 2007
Herausgegeben im Jubiläumsjahr 2007 von der
Kongregation der Barmherzigen Schwestern
vom heiligen Vinzenz von Paul
Mutterhaus München
Vinzenz-von-Paul-Straße 1
81671 München
www.barmherzige-schwestern-muenchen.de
Verantwortlich:
Verfasserin: Redaktion:
Produktion:
Grafik:
Satz:
Litho:
Druck:
Schwester M. Theodolinde Mehltretter, Generaloberin
Hildegard Zellinger-Kratzl
Wolfgang Dausch
Don Bosco Kommunikation
Margret Russer
undercover
Camscan
Don Bosco Druck & Design
319
Das Logo der Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul, Mutterhaus München, lässt mehrere Einzelteile erkennen:
ein Dach, das über allem steht, ein stilisiertes Haus, das sich aus mehreren Bausteinen zusammensetzt, und ein weißes Kreuz in der Mitte des
Hauses. Das dunkle Blau des Daches lässt an Schutz und Geborgenheit
denken. Es könnte die Hand Gottes über der Kongregation sein, vielleicht auch die schützende, segnende Hand des hl. Vinzenz von Paul.
Auch das Mutterhaus kann darunter verstanden werden, in dem alle
Einrichtungen und Hilfswerke der Kongregation ihren Ursprung und ihre
Heimat haben. Die Bausteine, die das weiße Kreuz aussparen, verdeut­
lichen die Krankenhäuser, Altenheime und die vielen weiteren Wirkungsstätten, in denen Schwestern und Mitarbeiter im Geist des hl. Vinzenz
wirken. Die drei violetten Bausteine weisen auf das Sakrale hin. Im Sinne
der Kongregation bedeuten sie Glaube, Hoffnung und Liebe, vinzentinisch „Dienen in der Einfachheit der Liebe“. Das Kreuz steht für Heil und
Erlösung. Die Kongregation der Barmherzigen Schwestern will unter
dem Schutz Gottes dazu beitragen, den Menschen das Heil zu bringen.